Successfully reported this slideshow.
We use your LinkedIn profile and activity data to personalize ads and to show you more relevant ads. You can change your ad preferences anytime.

Pressemitteilung des WIdO vom 29. Dezember 2020: Mandeloperation: Viele Patienten werden vermutlich weiterhin nicht leitliniengerecht behandelt

15 views

Published on

In Deutschland wird im Falle einer chronischen Mandelentzündung offensichtlich immer noch zu früh operiert. Das legt eine aktuelle Datenanalyse des Wissenschaftlichen Instituts der AOK (WIdO) nahe. Die Auswertung zeige, dass eine konservative Therapie mit Antibiotika nach wie vor nicht ausgeschöpft werde, obwohl die Leitlinie zur Behandlung der Tonsillitis dies seit 2015 so vorsehe, kritisiert Christian Günster, Leiter des Bereichs Qualitäts- und Versorgungsforschung im WIdO. Das sei bei etwa der Hälfte der AOK-Versicherten der Fall, denen zwischen 2012 bis 2018 die Gaumenmandeln entfernt worden seien.

Published in: Healthcare
  • Be the first to comment

  • Be the first to like this

Pressemitteilung des WIdO vom 29. Dezember 2020: Mandeloperation: Viele Patienten werden vermutlich weiterhin nicht leitliniengerecht behandelt

  1. 1. # Pressemitteilung Berlin, 29. Dezember 2020 HAUSANSCHRIFT POSTANSCHRIFT TELEFON FAX INTERNET E-MAIL Rosenthaler Str. 31 · 10178 Berlin Postfach 11 02 46 · 10832 Berlin +49 30 34646 – 2393 +49 30 34646 – 2144 www.wido.de wido@wido.bv.aok.de Mandeloperation: Viele Patienten werden vermutlich weiterhin nicht leitliniengerecht behandelt Leitlinie ohne nennenswerten Effekt Berlin. Bei etwa der Hälfte der AOK-Versicherten, denen in den Jahren 2012 bis 2018 die Gau- menmandeln wegen einer „chronischen Tonsillitis“ operativ entfernt wurden, ließ sich keine adäquate ambulante Vorbehandlung mit Antibiotika nachweisen. Das hat eine jetzt veröffent- lichte Auswertung der anonymisierten Daten von knapp 110.000 Mandelentfernungen (Tonsil- lektomien) ergeben, die das Wissenschaftliche Institut der AOK (WIdO) mit Daten aus der am- bulanten ärztlichen Versorgung und mit Arzneiverordnungsdaten der betreffenden Patienten verknüpft hat. „Unsere Auswertung zeigt, dass die konservative Therapie mit Antibiotika bei vielen Patientinnen und Patienten nach wie vor nicht ausgeschöpft wird, obwohl die 2015 veröffentlichte Leitlinie zur Behandlung der Tonsillitis dies ausdrücklich vorsieht“, sagt Christian Günster, Leiter des Bereichs Qualitäts- und Versorgungsforschung im WIdO. So habe sich der Anteil der Patientinnen und Patienten, die im Vorfeld der Operation gar nicht oder nur in einem Quartal mit Antibiotika behandelt worden sind, im Beobachtungszeitraum nur leicht von 50,4 Prozent im Jahr 2012 auf 44,9 Prozent im Jahr 2018 reduziert (Abbildung 1). Ein hoher Anteil der Betroffenen sei zudem vor der OP gar nicht oder nur in einem Quartal wegen Halsschmerzen ambulant behandelt worden. Dies betraf im Jahr 2012 etwa ein Viertel (26,6 Prozent) und 2018 immerhin noch ein Fünftel (21,0 Prozent) der Patientinnen und Patienten (Abbildung 2). Insgesamt deutlicher Fallzahl-Rückgang bei Mandelentfernungen Insgesamt ist im Beobachtungszeitraum von 2012 bis 2018 zwar ein deutlicher Fallzahl-Rückgang bei den Man- delentfernungen um 50,3 Prozent festzustellen. Nach der Veröffentlichung der Tonsillitis-Leitlinie im Au- gust 2015 hat sich diese Entwicklung etwas verstärkt (Abbildung 3). Junge Patienten unter zehn Jahren waren am stärksten vom Rückgang der Fallzahlen betroffen. „Das deutet darauf hin, dass die Leitlinie unter quantitati- ven Aspekten einen bereits vorbestehenden Trend etwas beschleunigt hat. Allerdings ließ sich in unserer Aus- wertung kein relevanter Einfluss der Leitlinie auf die ärztlichen Behandlungsmuster nachweisen“, so Prof. Dr. Jo- chen Windfuhr, Studienautor und Chefarzt der HNO-Klinik Mönchengladbach. So habe eine Auswertung zum zeitlichen Abstand zwischen der Antibiotika-Therapie wegen Halsschmerzen und dem Operationstermin erge- ben, dass sich die Versorgung zwischen 2014 und 2018 kaum verändert habe. „Die Daten der ambulanten Vor- behandlung der Tonsillektomierten standen häufig im Widerspruch zu der Diagnose einer ‚chronischen‘ Mandel- entzündung“, so Windfuhr. Laut Leitlinienempfehlung spielt der Eingriff als Therapieoption erst eine Rolle, wenn sich mindestens drei antibiotikumpflichtige Mandelentzündungen in zwölf Monaten ereignet hatten.
  2. 2. Pressemitteilung vom 29.12.2020 Seite 2 von 5 Auswertung der Vorbehandlung von 109.895 Krankenhausfällen Basis der Datenauswertung waren 115.839 Krankenhausfälle von AOK-Versicherten, bei denen von 2012 bis 2018 eine Mandelentfernung wegen chronischer Tonsillitis (ICD-10 J35.0) durchgeführt wurde. Davon konnten 109.895 Fälle über den Zeitraum vom Quartal, in dem die OP stattfand, bis zum vierten Quartal vor der Operation ausgewertet werden. Diese fünf Quartale wurden im Hinblick auf die Behandlung wegen Halsschmerzen bezie- hungsweise mit Antibiotika therapierten Halsschmerzen betrachtet. Die Ergebnisse der Auswertung sind in der Fachzeitschrift „HNO“ veröffentlicht worden: Windfuhr JP, Schmu- ker C, Günster C. Halsschmerzen als Operationsindikation vor und nach Publikation der Tonsillitis-Leitlinie: Lon- gitudinalstudie mit 115.839 Tonsillektomiefällen. HNO 2020. Epub ahead of print. PMID: 32945897. Link zur Studie: https://doi.org/10.1007/s00106-020-00944-8 Pressekontakt: Wissenschaftliches Institut der AOK Dr. Kai Behrens Telefon +49 30 34646 – 2309 Mobil 01520 / 1563042 E-Mail presse@wido.bv.aok.de
  3. 3. Pressemitteilung vom 29.12.2020 Seite 3 von 5 Bei etwa der Hälfte der AOK-Versicherten, denen in den Jahren 2012 bis 2018 die Gaumenmandeln wegen einer „chronischen Tonsillitis“ operativ entfernt wurden, ließ sich keine adäquate ambulante Vorbehandlung mit Antibiotika nachweisen. Abbildung 1: Patientenanteil mit höchstens einer antibiotisch therapierten Halsschmerzepisode im Jahr vor Tonsillektomie Quelle: AOK-Abrechnungsdaten 2012 bis 2018. Anteil der Tonsillektomierten (OPS-Code 5-281.0 oder 5-282.0) mit Hauptdiagnose J35.0 je Anzahl präoperativer Quartale mit ambulanter Behandlung wegen einer J35.0 (chronische Tonsillitis), J02 (akute Pharyngitis) oder J03 (akute Tonsillitis) und mindestens einmaliger Verordnung aus der ATC-Gruppe J01 (Antibiotika zur systemischen Anwendung) im Quartal der Diagnosestellung oder im Folgequartal © WIdO 2020 20,0 19,7 19,0 19,6 18,4 18,3 17,9 30,4 29,8 29,7 28,9 28,8 28,4 27,0 0,0 10,0 20,0 30,0 40,0 50,0 60,0 2012 2013 2014 2015 2016 2017 2018 AnteilinProzent 0 Quartale 1 Quartal 50,4 49,5 48,7 48,5 44,9 47,2 46,7
  4. 4. Pressemitteilung vom 29.12.2020 Seite 4 von 5 Mindestens jeder fünfte AOK-Versicherte wurde vor der Mandeloperation wegen einer chronischen Tonsillitis gar nicht oder nur in einem Quartal wegen Halsschmer- zen ambulant behandelt. Abbildung 2: Patientenanteil mit höchstens einer Halsschmerzepisode im Jahr vor Tonsillektomie Quelle: AOK-Abrechnungsdaten 2012 bis 2018. Anteil der Tonsillektomierten (OPS-Code 5-281.0 oder 5-282.0) mit Hauptdiagnose J35.0 je Anzahl präoperativer Quartale mit ambulanter Behandlung wegen einer J35.0 (chronische Tonsillitis), J02 (akute Pharyngitis) oder J03 (akute Tonsillitis) © WIdO 2020 3,7 3,4 3,2 3,4 3,0 3,6 2,9 22,9 22,3 20,9 20,6 20,0 18,5 18,1 0,0 5,0 10,0 15,0 20,0 25,0 30,0 2012 2013 2014 2015 2016 2017 2018 AnteilinProzent 0 Quartale 1 Quartal 21,0 26,6 25,7 24,1 24,0 23,0 22,1
  5. 5. Pressemitteilung vom 29.12.2020 Seite 5 von 5 Die Anzahl Mandeloperationen wegen chronischer Tonsillitis hat sich bei AOK-Ver- sicherten zwischen 2012 und 2018 halbiert. Abbildung 3: Anzahl Fälle mit Tonsillektomie wegen chronischer Tonsillitis Quelle: AOK-Abrechnungsdaten 2012 bis 2018. Stationäre Fälle mit Tonsillektomie (OPS-Code 5-281.0 oder 5-282.0) und Hauptdiagnose J35.0 zwischen 2012 und 2018. Ausgeschlossen sind Versicherte mit vorheriger Tonsillotomie oder Tonsillektomie sowie Versicherte, die über die Studiendauer nicht permanent bei der AOK-versichert waren (inkl. Kinder unter 15 Monaten) © WIdO 20020 20.688 19.276 18.791 16.708 13.171 10.978 10.283 5.000 10.000 15.000 20.000 25.000 2012 2013 2014 2015 2016 2017 2018 AnzahlFälle

×