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Reporter, die die Welt erklären

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Der Weserkurier berichtet über Weltreporter.net und stellt vier unserer Korrespondenten vor: Wie berichtet es sich aus Mexiko, Kanada, Äthiopien oder der Türkei?

Published in: News & Politics
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Reporter, die die Welt erklären

  1. 1. MONTAG20. FEBRUAR 2012 Thema 3 WELTREPORTER: DEUTSCHE JOURNALISTEN BERICHTEN VON DEN WICHTIGSTEN PUNKTEN DER ERDE Reporter, die die Welt erklärenFür Zeitungen und Zeitschriften, für On- Großereignissen für Telefonschalten auflineportale, Radio- und Fernsehsender ist die Kollegen zurück, auch Enzyklopädiendie Korrespondentenvereinigung „Weltre- wie der Brockhaus bestellen Beiträge beiporter.net“ zu einem Segen geworden. den Weltreportern. Zudem sind einige derWas einst als Idee von Journalistenschü- Korrespondenten Buchautoren, liefern Hin-lern begann, hat sich zu einem hochkaräti- tergrundberichte für deutsche und interna-gen Netzwerk entwickelt, das die Welt um- tionale Magazine. „Nur mit seinem eige-spannt. Außerhalb von Deutschland kann nen Namen in den Redaktionen bekanntheute nur noch wenig passieren, ohne zu sein, ist schwierig. Das Netzwerk hilftdass ein kompetenter, landeskundiger enorm, die Wahrnehmung zu erweitern“,Journalist vor Ort wäre. sagt Jürgen Stryjak, Weltreporter in Kairo. Mittlerweile stehe Weltreporter.net für VON K LAUS E HRINGFELD höchste Qualität in der Auslandsberichter- stattung. Doch die Bedingungen dafür wer- hilipp Hedemann saß gerade mit ei- den zunehmend schwieriger, weil die Me-P nem Kollegen in einem Restaurant, als der Anruf kam. „Fünf Touristen in der Danakil-Wüste im Nordosten Äthiopiens erschossen. VielleichtDeutsche unter den Opfern“, teilte eine auf-geregte Informantin mit. Der gemütlicheAbend Mitte Januar in der äthiopischen Klaus Ehringfeld Gerd Braune Susanne Güsten Philipp Hedemann dien kaum noch bereit sind, für gute Arbeit angemessenes Geld zu zahlen. Im Gegen- teil: Während die Honorare klein bleiben, werden die Ansprüche immer größer. „Konflikte fallen nicht vom Himmel“ Die Stärke der Reporter ist es, vor Ort zuHauptstadt Addis Abeba endete, bevor er sein, wenn irgendwo etwas passiert. So wierichtig begonnen hatte. Und es folgten die Hedemann in Äthiopien oder die fünf Welt-arbeitsreichsten 24 Stunden im Leben des reporter, die den arabischen Frühling er-Afrika-Korrespon- lebt und darüber berich-denten Hedemann. tet haben. „Konflikte fal- Die Entführung len nicht vom Himmel“,bedeutete für den sagt Karim El-Gawhary,Journalisten und einer der wenigensein Berichtsgebiet, Stockholm deutschsprachigen Jour-einen kurzen Augen- Oslo nalisten, die aus Tunis,blick der Zeitge- Kopenhagen Moskau Kairo, Bengasi und Tri-schichte im Zentrum London Warschau polis von den Aufstän-der medialen Auf- Paris Prag den gegen die Autokra- Ottawamerksamkeit zu stehen. Trotz gekentertem Belgrad ten berichtet haben. Doch Auslandsbericht- AlmatyKreuzfahrtschiff, Euro-Krise und Theater Barcelona Istanbul erstattung sei zunehmend Feuerwehrar-um den Bundespräsidenten wollten die Los New York beit – Medien sendeten ihre Leute erst, Pekingdeutschen Medien Hintergründe der Ver- Angeles Washington DC wenn es brenne. „Die Weltreporter hinge-schleppung wissen, Ursachen und Auswir- Tel Aviv Bagdad gen kennen sich in ihren Berichtsgebietenkungen erklärt haben. Hedemann rief Kairo Shanghai gut aus, sprechen die Landessprache, ha-noch nachts den äthiopischen Regierungs- Taipei ben Kontakte und kennen die Hinter-sprecher an, setzte erste Meldungen ab, gründe. Daher können sie die Ereignisse Mexiko-und das große Nachrichtenrad begann sich einordnen“, betont El-Gawhary. Stadtzu drehen. Bangkok Manila In den vergangenen Jahren war fast im- „Am nächsten Morgen meldeten sich un- Addis Abeba mer einer von ihnen dort, wohin gerade dieter anderem ARD, Phoenix, ORF, Funk- Welt schaute: 2004 beim Tod von Jassir Ara-haus Europa und N24 bei mir und wollten ÄQUATOR fat, beim großen Tsunami im IndischenLive-Schalten zu den Hintergründen des Nairobi Ozean im gleichen Jahr, 2007 in Kenia beiAnschlags“, sagt Hedemann. Neben Ra- Recife den Unruhen nach den Wahlen, beim Erd-dio- und Fernsehsendern bestellten auch Jakarta beben in Haiti und der Rettung der chileni-zahlreiche Zeitungen und Onlineportale schen Minenarbeiter 2010, beim Erdbebenwie „Welt“, „Spiegel Online“ und der „We- in Neuseeland und dem Tsunami in Japanser-Kurier“ Texte bei ihm. Der 32-Jährige 2011, bei den Moskauer Massendemonstra-ist einer der wenigen deutschsprachigen Weltstädte, Wirtschafts- tionen im vergangenen Dezember.Korrespondenten im Osten Afrikas. Die zentren, Krisenherde – Johannesburg Die Korrespondenten stehen auch für dieDeutsche Presse-Agentur (dpa) hat eine zusammen decken Durban Kollegen ein: Marcus Bensmann, Weltre-Mitarbeiterin in Äthiopien, aber die großen 40 Weltreporter die Buenos Aires porter in Zentralasien,elektronischen und Printmedien sitzen in wichtigsten Orte der Sydney wurde vor vier Jahren inSüdafrika, Uganda oder Kenia. Weit weg Erde ab. Christ- der kasachischen Haupt-also. church stadt Astana bei den Vor- FOTOS: FR, PRIVAT Wie die meisten freien Journalisten war bereitungen zu Drehar-auch Hedemann Einzelkämpfer, bis er vor © WESER-KURIER · JUNG beiten für den „Weltspie-zehn Monaten beim Korrespondentennetz- gel“ der ARD überfal-werk „Weltreporter.net“ Mitglied wurde. len, bewusstlos geschla-In den Stunden und Tagen der Entführung gen und ohne Schuhe,hat er erfahren, wie hilfreich ein Netzwerk sind – so wie Philipp Hedemann in Äthio- portervereinigung dann offiziell. In den fol- net statt. Einmal im Jahr gibt es ein Treffen Handschuhe und Jacke bei minus 25 Gradsein kann: „Nachdem ich die ersten Mel- pien oder die Kollegen im kanadischen Ot- genden Wochen und Monaten berichteten in Deutschland. Wer Mitglied werden ausgesetzt. Seine Hände und Füße warendungen geschrieben hatte, habe ich unsere tawa, im kasachischen Almaty oder mitten zahlreiche Medien über das erste Netz möchte, muss sich bewerben. Genommen schwarz gefroren, das Gesicht zerschmet-Geschäftsstelle in Hamburg kontaktiert. in Bagdad. Eines haben alle 40 gemeinsam: freier Auslandskorrespondenten deutscher werden aber längst nicht alle, die Aufnah- tert, der Körper mit Trittwunden übersät.Obwohl es bereits mitten in der Nacht war, Sie arbeiten freiberuflich. Das heißt: im We- Sprache. In den ersten acht Wochen bewar- mekriterien sind streng: Ist der Bewerber Der WDR half dabei, dass er unverzüglichverschickte unsere Geschäftsführerin ei- sentlichen ohne festes Einkommen. Sie le- ben sich 60 freie Korrespondenten. „Trotz ein guter Schreiber? Wie lange ist er schon in ein Spezialkrankenhaus nach Deutsch-nen aktuellen Newsletter an die deutschen ben von den Aufträgen, die sie bekommen. Globalisierung und Internationalisierung vor Ort? All das fließt in die Entscheidung land geflogen wurde. Finger und ZehenRedaktionen.“ So wussten Zeitungen, Ma- Die Mitglieder unterstützen sich zwar, ar- schlossen damals immer mehr Medien ihre ein. Am Ende stimmen alle 40 ab. konnten gerettet werden. „Die Weltrepor-gazine, Radio- und Fernsehsender in beiten aber unabhängig. Jeder legt seine Auslandsbüros. Wir waren uns deshalb si- Das Netzwerk ist dynamisch. Jedes Jahr ter haben mir ein festes Solidaritätsnetz ge-Deutschland, Österreich, Luxemburg und Konditionen individuell fest. cher, dass unsere Dienste gefragt sein wür- kommen mehrere neue Reporter dazu, an- sponnen, das mir erlaubte, mich auf meineder Schweiz, wie sie auch ohne einen eige- Die Idee zu dem Netzwerk hatten vor den. Vernetzt und mit einer gemeinsamen dere verlassen den Verbund, mal aus per- Genesung zu konzentrieren, ohne Angstnen Korrespondenten an zuverlässige Infor- acht Jahren vier Absolventen der Deut- Plattform kommt man einfach weiter denn sönlichen Gründen, mal aus beruflichen. vor dem wirtschaftlichen Ruin zu haben“,mationen kommen konnten. schen Journalistenschule in München, die als Einzelkämpfer“, sagt Silvia Feist. Ein Weltreporter ging vor Kurzem als Re- sagt Bensmann. Im Herbst 2009 kehrte er als Freie Reporter in Südafrika, Russland, An den Start gingen die Weltreporter zu- dakteur zur „Zeit“. Andere arbeiten heute wieder nach Zentralasien zurück. Dort sein, wo andere nicht sind El Salvador und wie Janis Vougioukas in nächst mit knapp 20 Mitgliedern. Seither für Stiftungen oder Forschungseinrichtun- Sein Fall zeigt, wie wichtig es ist, sich zuFast überall sitzt ein Korrespondent des Shanghai, China, saßen. Von dort schrieb wächst der Zusammenschluss ständig. Neu- gen. Auch von den Gründern sind manche organisieren. „Wenn sich die RedaktionenNetzwerks. Weltreporter, das sind 40 freie Vougioukas auf der Suche nach Mitstrei- linge im Korrespondentengeschäft sind nur noch Ehemalige. Silvia Feist ist heute immer weniger feste Korrespondenten leis-Journalisten, die von Los Angeles bis tern E-Mails in die Welt, rief Korresponden- ebenso dabei wie Arrivierte, Aussteiger stellvertretende Chefredakteurin beim ten, lagern sie damit auch Risiken an dieChristchurch und von Buenos Aires bis ten in Ägypten und New York an. Silvia aus Festverträgen, ehemalige ARD-Korres- Frauenmagazin „emotion“ in Hamburg. Ja- Freien aus“, sagt Marc Engelhardt, Vor-Stockholm aus der ganzen Welt berichten. Feist, damals Autorin in den USA, erinnert pondenten, Ex-Zeitungs- und Magazinre- nis Vougioukas ist noch immer in China, ar- standschef des Netzwerks. Und gerade dieJeder Kontinent ist abgedeckt, jedes Me- sich: „Ich bekam im Frühjahr 2004 eine dakteure sowie Journalisten, die ihr Glück beitet aber seit drei Jahren fest als Ost- Weltreporter arbeiten auch in Ländern, diedium wird bedient. Dabei sind nicht nur die E-Mail von Janis. An dem Tag gingen fast im Ausland probieren wollen. Viele sind asien-Korrespondent für den „stern“. wie Mexiko und Irak zu den gefährlichstenklassischen Korrespondentenplätze wie 30 E-Mails zwischen New York und Shang- von allem ein bisschen was. Das Netz funk- In den acht Jahren ihres Bestehens ha- für Medienschaffende zählen. „Sie garan-Washington, Paris oder Moskau besetzt. hai hin und her. Mitten in der Nacht haben tioniert im Wesentlichen virtuell. Längst ben sich die Weltreporter in den Redaktio- tieren auch unter schwierigsten Bedingun-Die Stärke der Weltreporter besteht gerade wir dann erstmals miteinander telefoniert.“ nicht alle kennen sich persönlich, fast die nen einen Namen erarbeitet. Viele Fernseh- gen verlässlichen und guten Inhalt ausdarin, auch dort zu sein, wo andere nicht Im September 2004 gründete sich die Re- gesamte Kommunikation findet übers Inter- sender greifen bei Naturkatastrophen oder dem Ausland.“ Hier fehlen Werder Im weiten Ein Land mit Von Oyten auf den und Currywurst Eisbärenland Widersprüchen schwarzen Kontinent Mexiko-Stadt. Für den „Weser-Kurier“ und an- Ottawa. Ich wollte noch einmal etwas ganz ande- Istanbul. Ich habe in Westafrika, den USA, Bonn Addis Abeba. „Geschichten aus Afrika verkaufen dere Zeitungen berichte ich seit gut zehn Jahren res machen, nachdem ich Lokalredakteur, und Berlin gelebt – und nun seit 15 Jahren in Istan- sich nicht. Was willst Du da?“ Als ich im März über die Vorkommnisse in Lateinamerika. Von A AP–Korrespondent für Hessen und Rheinland- bul. In diesen Jahren habe ich die Türkei kreuz 2010 als freier Korrespondent nach Äthiopien wie Argentinien bis V wie Venezuela betreue ich Pfalz und Nachrichtenredakteur bei der „Frank- und quer durchstreift auf meinen Recherchen: zog, waren die meisten meiner Kollegen skep- dabei gut 20 Staaten und schreibe über alles Be- furter Rundschau“ war. Ich wollte den Traum vie- von Knidos bis Kars, von Antakya bis Edirne und tisch. Auch ich wusste nicht, ob es funktioniert. richtenswerte: über den Drogenkrieg in Mexiko, ler Journalisten verwirklichen und als Auslands- von Bozcaada bis Van. Ich habe Katastrophen mit- Nach fast zwei Jahren kann ich sagen: Es funktio- das Erdbeben in Haiti, das Ölfieber der kubani- korrespondent arbeiten. Infrage kam nur eine frei- erlebt wie das Erdbeben 1999, den Kurdenkon- niert. Mit dem Arabischen Frühling im Norden, schen Regierung und die chilenischen Studenten- berufliche Tätigkeit in einem Land, wo sich Kor- flikt von den härtesten Kriegsjahren über die Er- der Fußballweltmeisterschaft im Süden, der proteste. Dabei bediene ich nicht nur die klassi- respondenten nicht auf die Füße treten: Kanada. greifung von PKK-Chef Öcalan und die Reform- schlimmsten Dürre seit 60 Jahren im Osten und schen Korrespondenten-Ressorts Politik, Ver- Meine persönliche Bindung an Kanada will ich phase bis zur erneuten Eskalation. Und ich habe politischen Unruhen im Westen bin ich zudem mischtes und Wirtschaft, sondern schreibe auch nicht verschweigen: Meine Eltern lebten in den den Kulturkampf zwischen den alten kemalisti- auch in einer spannenden Zeit gekommen. Aller- für die Kultur über Drogenliteratur und für den 50er-Jahren in Toronto. Dort wurde ich 1954 gebo- schen Eliten und der neuen fromm-konservativen dings bietet der Kontinent auch sonst spannende Sport über die WM-Qualifikation in Südamerika. ren und habe daher die deutsche und die kanadi- Mittelschicht von Anfang an begleitet. Geschichten. Ich ging mit der somalischen Küsten- Ich bin zum Teil in Bremen aufgewachsen, sche Staatsangehörigkeit. 1997 zog ich mit mei- Dabei rede ich mit allen Menschen in der Tür- wache auf Piratenjagd und machte Urlaub an den habe dort Abitur gemacht und Jura studiert. ner Frau und unseren damals 17 und 14 Jahre al- kei – von kurdischen Milizionären in Südostanato- Stränden der international nicht anerkannten Re- Heute lebe ich mit 22 Millionen anderen in Me- ten Kindern nach Ottawa. Seitdem berichte ich lien und konservativen Ministern in Ankara bis zu publik. Ich diskutierte mit einem Philosophen, der xiko-Stadt und vermisse dort eigentlich nur eine für den „Weser-Kurier“ aus dem zweitgrößten armenischen Erstklässlern und arabischen Zweit- weder lesen noch schreiben kann, aber eine Philo- gute Currywurst und ab und zu, ein Spiel von Wer- Land der Erde – über Politik, Wirtschaft, Umwelt frauen. Heute erlebe ich stärker denn je, wie sehr sophie erfand, auf die Karl Marx stolz gewesen der live zu sehen. und Buntes. Kanada stellt mit 35 Millionen Ein- die Türkei mit ihrem EU-Streben die Gemüter in wäre. Das somalische Supermodel Waris Dirie be- Das journalistische Handwerkzeug habe ich als wohnern zwar nur 0,5 Prozent der Weltbevölke- Deutschland und in anderen europäischen Län- gleitete ich auf der Flucht vor ihrer eigenen Ver- Volontär beim Kölner Stadt-Anzeiger erlernt und rung, aber etwa zwei Drittel der weltweit rund dern erhitzt – und wie wichtig es ist, dieses Land gangenheit und spielte Fußball mit Albinos, die später bei der französischen Nachrichtenagentur 25 000 Eisbären leben hier. Auch daher hat mich zwischen Ost und West in all seinen Widersprü- von Mörderbanden verfolgt werden. AFP. Mit Lateinamerika beschäftige ich mich seit ein Thema in den vergangenen Jahren immer stär- chen zu verstehen. SUSANNE GÜSTEN Ich komme aus Oyten und habe vor 16 Jahren gut 20 Jahren. KLAUS EHRINGFELD ker beschäftigt: die Arktis. Durch Klimawandel mein erstes Praktikum beim „Achimer Kurier“ ge- und Rohstoff-Nachfrage ist sie zu einem politisch macht. Daher freue ich mich, dass meine Ge- und wirtschaftlich interessanten Raum gewor- schichten heute unter anderem im „Weser-Ku- den. GERD BRAUNE rier“ erscheinen. PHILIPP HEDEMANN

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