Netzwoche: Testmanagement: agil oder klassisch?

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Computerworld vom, Dezember 2012 mit Silvio Moser und Stephan Wiesner

Die vorgegebenen Strukturen eines klassischen Wasserfallmodells passen auf den ersten Blick so gar nicht zu den flexiblen Verfahren agiler Methoden. Dieser Beitrag zeigt, wie die Gegensätze zusammenwirken können.

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Netzwoche: Testmanagement: agil oder klassisch?

  1. 1. Klassisches Testmanagement legt denFokus auf Führung und Steuerung. DerProzess ist zudem sehr dokumentenlas-tig: Testkonzepte und Testpläne müssenerstellt, Testspezifikationen in Auftrag gegeben,Testprotokolle ausgewertet und Testberichteangefertigt werden. Der ganze Vorgang hört sichwie das völlige Gegenteil von agil an. Muss die-ser Ablauf in agilen Projekten also komplettüber Bord geworfen werden? Ein Blick auf beideWelten – aus der Sicht des jeweiligen Testmana-gers – hilft bei der Antwort. Ähnlichkeiten mitbekannten Personen sind rein zufällig.Der klassische WegDer erste fiktive Testmanager – nennen wir ihnSilvio – ist mit der klassischen Software-Ent-wicklung gross geworden und hat die Zertifizie-rung zum Testmanager mit dem ISTQB Advan-ced Level schon vor Jahren erlangt. Er siehtTestmanagement:agil oder klassisch?Die vorgegebenen Strukturen eines klassischen Wasser-fallmodells passen auf den ersten Blick so gar nicht zuden flexiblen Verfahren agiler Methoden. Dieser Beitragzeigt, wie die Gegensätze zusammenwirken können.Fokus: testingBild:istockphoto.com/SLOBOSilvio Moser ist Co-Gründer und CTO der SwissQConsulting AG. Er ist seit 1997 in der Software-Quali-tätssicherung tätig und nebst seinen Aufgaben inder Geschäftsleitung auch als Management-Beraterund als Referent unterwegs.Stephan Wiesner ist Head of Testing bei SwissQ undvielfach in agilen Projekten als Testmanager unter-wegs. Er veröffentlicht regelmässig Fachbücher bzw.Fachartikel und tritt als Sprecher auf Fachkonferen-zen wie dem Swiss Testing Day aufwww.swissq.ch«Der agile Testmanagermuss als Teil des Teamsder Vermittler zwischenEntwickler und Kunden-vertreter sein»Stephan Wiesnerseine Aufgabe vor allem darin, die Testaktivi­täten zu planen und zu steuern.Sobald Silvio in ein Projekt berufen wird,durchforstet er das Projektlaufwerk und stu-diert Projektplan, Architekturskizzen und An-forderungsdokumente. Darauf basierend ent-wirft er das Testkonzept. Da das Release nochnicht fertig geschnürt ist, bleibt insbesonderedie Testplanung noch etwas vage. Das Projektwird im Testmanagement-Tool eingerichtet, derTestdesigner beginnt, die Testfälle zu schrei-ben. Dies ist eine arbeitsintensive Phase, da esfür etliche Anforderungen noch unklar ist, wiesie genau funktionieren sollen. Man behilftsich, indem man Abläufe modelliert und Ent-scheidungstabellen erstellt.Nach langer Vorbereitungsphase und einpaar Wochen verspätet wird die Software in dieTestumgebung ausgeliefert. Silvio legt nun seinAugenmerk auf die Koordination der Tester, dieAuswertung der durchgeführten Tests und aufdie gemeldeten Fehler. Während die Tester an-fangs nur wenige Fehler finden, da die Softwarenoch recht instabil ist, sind es später fast zuviele. Im Projektteam wird ständig darüber dis-kutiert, ob nun die Software, der Testfall oderdie Anforderung falsch ist. Silvio macht eineAuswertung nach der anderen und rennt vonSitzung zu Sitzung. Mit der Zeit flacht die Feh-lerfindungskurve jedoch wieder ab und einGrossteil der Fehler kann behoben werden. DerGo-Live wird mit einem Apéro gefeiert, an denman sich noch lange erinnern wird.Das beschriebene Testmanagement nachdem Wasserfallprinzip zeichnet sich dadurchaus, dass die Aktivitäten mehr oder weniger se-quenziell ablaufen. Das heisst, man hat genü-gend Zeit für die Vorbereitung – vorausgesetzt,der Testmanager wird früh genug ins ProjektVon Silvio Moser und Stephan Wiesner26 strategie & praxis Testmethoden
  2. 2. eingebunden. Gegen Projektende wird es jedochmeist sehr hektisch, da Design und Entwicklungoft länger dauern als geplant und der Einfüh-rungstermin nicht verschoben werden kann.Dadurch verkürzt sich die Testphase, aber dieArbeit wird nicht weniger.Der agile AnsatzUnser zweiter Testmanager – nennen wir ihnStephan – hat Informatik studiert und schreibtgerne auch noch selbst Code. Er ist seit Langemzertifizierter Scrum-Master, sieht sich als voll-wertiges Mitglied des Entwicklerteams undkann sich mit diesem problemlos über techni-sche Details unterhalten.Die kurzen Iterationen in agilen Projektenmit einem «potentially shippable Release» alle3 bis 4 Wochen stellen Stephan vor andere He-rausforderungen als Silvio. Statt monatelangerVorbereitungsphasen werden viele notwendigeAktivitäten parallel zur Entwicklung durchge-führt. Zwar erstellt auch der agile Testmanageranfangs ein Testkonzept, die Anforderungenerhält er aber gleichzeitig mit den Entwicklern– und wenige Tage später meist schon eineerste Version der Software zum Testen.Ein typischer Tag beginnt für Stephan mitdem morgendlichen Team-Meeting (Stand up).Kurz wird besprochen, wer an diesem Tag wasmacht, wo die aktuellen Probleme liegen undwelche Bereiche für einen Test parat sind. DieTestfälle werden parallel zur Entwicklung er-stellt. Stephan ist dafür verantwortlich, dabeiauftretende Fragen direkt mit dem Kunden­vertreter zu klären und zu dokumentieren.Der agile Testmanager muss als Teil desTeams der Vermittler zwischen Entwicklungund Kundenvertreter sein. Er trägt beide Hüteund vertritt beide Seiten. Der Vorteil liegt aufder Hand: Offene Fragen und kleine Änderun-gen können zu dem Zeitpunkt erledigt werden,an dem der Entwickler noch das jeweilige Mo-dul programmiert. Es gibt keine langen Frei-gabe-Meetings und keine sperrigen Prozesse.Im Vordergrund steht die Zielorientierung – undzwar (hoffentlich) ohne im Chaos zu versinken.Erst wenn die Software getestet ist undkeine kritischen Fehler mehr offen sind, gilt dasArbeitspaket als fertig (Definition of Done) undwird dem Kunden für die Durchführung derAbnahmetests und zur finalen Freigabe in dieHand gegeben. Dabei handelt es sich typischer-weise um kleine Tests mit wenigen Kundenver-tretern, die sich an einem Tag erledigen lassen,dies jedoch mehrfach im Projekt. Stephan hathier wie Silvio die Aufgabe, den Test optimalvorzubereiten und die beteiligten Kunden­vertreter zu begleiten. Dafür werden die fertig-gestellten Funktionalitäten mittels möglichstnah am Alltagsgeschehen der Anwender ange-lehnter Szenarien getestet.Das Ergebnis dieser Tests ist weniger eineformale, vertragsrelevante Liste mit Fehlern alsvielmehr eine Liste mit potenziellen Optimie-rungen, sogenannten Issues. Der Kunde ent-scheidet, ob der Preis für deren Umsetzung denpotenziellen Nutzen wert ist. Die Herausforde-rung für den Testmanager liegt hier weniger imtechnischen Bereich als vielmehr darin, mit vielFingerspitzengefühl die (Kunden-)Erwartungenzu steuern und den Fortschritt des Projekts zusichern.Fazit: Systematisch und flexibelWir haben nun beide Welten gesehen. Ein guterTestmanager in Wasserfallprojekten ist immerauch ein guter Organisator. Er muss systema-tisch arbeiten und sich in starren Strukturenwohlfühlen. Der agile Testmanager hingegenmuss flexibel sein. Er darf sich nicht als reinerKoordinator sehen und ist für alle Testaufgabenzuständig: managen, vorbereiten, durchführenund berichten. Geplant wird trotzdem, aber mit-tels Backlog statt Projektplan. Umso wichtigerist, dass die Testaspekte laufend eingebrachtund korrekt eingeschätzt werden. Auch wennmeist ohne detaillierte Testfälle getestet wird,muss eine ausreichende Testabdeckung sicher-gestellt werden und es sind entsprechendeRegressionstestfälle aufzubauen. Nicht zuletztmuss auch in agilen Projekten transparent überden Testfortschritt berichtet werden können. Esliegt auf der Hand, dass in der Hektik des All-tags die eher systematischen Aspekte des Test-managements Gefahr laufen, über Bord gewor-fen zu werden. Genau hier liegt die Kunst desagilen Testmanagements, die althergebrachtenTechniken schlank und rank einzusetzen und soin die agile Welt zu überführen.«Ein guter Testmanager inWasserfallprojekten istimmer auch ein guterOrganisator. Er musssystematisch arbeiten»Silvio Moser27Computerworld 20/23. November 2012www.computerworld.ch

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