Successfully reported this slideshow.
We use your LinkedIn profile and activity data to personalize ads and to show you more relevant ads. You can change your ad preferences anytime.
 
An attention­whore’s economy 
       ­ Aufmerksamkeit als Leitwährung digitaler Ökosysteme ­ 
         © Jean Maurice Po...
 
bzw. Entscheidungsbeeinflussung. Die öffentliche Wahrnehmung ist auch abseits der Politik ein kritischer Visibilitäts­ 
...
 
nicht was ​draufsteht. ​Alles, was wir auf dieser Welt sehen, tun und erfahren besteht aus Systemen. Wir können 
Systeme...
 
wurde. Oder eben gewisse Hirnareale der eigenen Belegschaft, wenn gleich ganze Unternehmen im Zuge einer 
“​Enterprise G...
Höflichkeit​, dem ​nervigen Fullscreen­Popup­Layer ​und dem jedes menschliche Gespür von ​Ästhetik 
beleidigenden Werbeban...
Nutzung "kostenlos" zurück zu erhalten. Ihr Marketingbudget ist in weiten Teilen vergleichbar mit ​einer Wette​ auf die 
R...
Aufmerksamkeit als leitwährung digitaler ökosysteme (1)
Aufmerksamkeit als leitwährung digitaler ökosysteme (1)
Aufmerksamkeit als leitwährung digitaler ökosysteme (1)
Aufmerksamkeit als leitwährung digitaler ökosysteme (1)
Aufmerksamkeit als leitwährung digitaler ökosysteme (1)
Aufmerksamkeit als leitwährung digitaler ökosysteme (1)
Upcoming SlideShare
Loading in …5
×

Aufmerksamkeit als leitwährung digitaler ökosysteme (1)

445 views

Published on

Streuverluste entstehen nicht nur durch die Ansprache der falschen Zielgruppe. Auch die richtige Zielgruppe im falschen Moment, mit der falschen Message oder dem falschen Produkt zu konfrontieren, wird zu keinem wünschenswerten Ergebnis führen1. Ohne den User im richtigen situativen Kontext zu erreichen ­ also bei möglichst hoher Aufmerksamkeit, Resonanzfähigkeit und während er einer konkret definierbaren Bedarfsgruppe zugerechnet werden kann­ handelt es sich bei jedem in Werbung investierten Euro um nichts weiter als reine Geldverschwendung.

Published in: Marketing
  • Be the first to comment

Aufmerksamkeit als leitwährung digitaler ökosysteme (1)

  1. 1.   An attention­whore’s economy         ­ Aufmerksamkeit als Leitwährung digitaler Ökosysteme ­           © Jean Maurice Port       Streuverluste​ entstehen nicht nur durch die Ansprache der falschen Zielgruppe. Auch die richtige Zielgruppe im  falschen Moment, mit der falschen Message oder dem falschen Produkt zu konfrontieren, wird zu keinem  wünschenswerten Ergebnis führen . Ohne den User im richtigen ​situativen Kontext ​zu erreichen ­ also bei möglichst 1 hoher Aufmerksamkeit, Resonanzfähigkeit und während er einer konkret definierbaren Bedarfsgruppe zugerechnet  werden kann­ handelt es sich bei jedem in Werbung investierten Euro um nichts weiter als reine Geldverschwendung.  Trotz der wissenschaftlichen Fortschritte im Neuromarketing und dem u.a. durch Rand Fishkin popularisierten Topic  “​User Engagement als Rankingfaktor​” hat sich die SEO / Digital Marketing Szene Deutschlands für meinen  Geschmack bislang viel zu wenig mit verhaltenspsychologischen Erklärungsansätzen beschäftigt, die ​essentieller  Bestandteil jeder UX­Optimierung​ sind bzw. seit Franck’s “Ökonomie der Aufmerksamkeit”  grundsätzlich bei der 2 Konzeption von Werbekampagnen berücksichtigt werden sollten. Und weil sich im Marketing mittlerweile auch  hierzulande herum gesprochen hat, dass selbst die gute alte SEO  durch ihre Transformation zur ​Search Experience 3 Optimization  ​(kurz: “​SXO”​) den Kinderschuhen entwachsen ist, handelt es sich beim Thema “Neuro­SXO” (Hurra, 4 endlich ein abgedrehtes Buzzword erfunden!) gerade für unerfahrene Digital Marketer mit Interesse an  (Verhaltens­)Psychologie um eine hervorragende Möglichkeit, skill­technisch ein paar Claims zu beanspruchen, bevor  Daniel Kahneman  und Dan Ariely demnächst für Search Engine Land und MOZ schreiben .  Selbst gestandene Marketer5 6 können hier Einiges lernen, denn mit dem technischen Fortschritt haben sich auch geräteübergreifende  Trackingtechnologien entwickelt, wodurch das Verhalten des Users über die gesamte Customer Journey hinweg  gemessen und interpretiert werden kann.  Aufmerksamkeit ist, wofür Werbetreibende in gutes Storytelling investieren. Aufmerksamkeit ist auch, wofür sich  ansonsten talentfreie Wannabe­Clickbaits vor laufender Kamera mit einer scharfen ​Faustfeuerwaffe​ in den Mund  schießen. Aufmerksamkeit ist “​knappe Ressource​, begehrtes Einkommen, ökonomisches Kapital und soziale Währung  zugleich.” (Wikipedia). ​Und Aufmerksamkeit ist letztendlich kritischer Faktor etwaiger Resonanzfähigkeit, denn je  bewusster ein Stimulus vom Rezipienten wahrgenommen wird, desto höher die Wahrscheinlichkeit einer Verhaltens­  1  Heinrich, Jürgen. "Funktion und Struktur der Medienunternehmung." ​Medienökonomie​  (2001): 159­188.  2  Franck, Georg. ​Ökonomie der Aufmerksamkeit​ . na, 1998.  3  ​Deren zugrundeliegende Algorithmen erst seit verhältnismäßig kurzer Zeit überhaupt in der Lage sind, mit  ökonomisch vertretbarem Rechenaufwand Verhaltenssignale in Echtzeit auszuwerten  4  "SEO Has Evolved To Search 'Experience' Optimization ­ Forbes." 2016. 8 Sep. 2016  <​http://www.forbes.com/sites/miketempleman/2016/02/16/seo­has­evolved­to­search­experience­optimization/​>  5  "How To Use Psychological Principles To Boost Conversions ­ Crazy Egg." 2016. 8 Sep. 2016  <​https://blog.crazyegg.com/2014/08/12/psychological­cro­principles/​>  6  ​Kahneman, Daniel u.a. 
  2. 2.   bzw. Entscheidungsbeeinflussung. Die öffentliche Wahrnehmung ist auch abseits der Politik ein kritischer Visibilitäts­  und damit Erfolgsfaktor für Unternehmen und UnternehmerInnen geworden, deren ​ökonomisches Überleben​ ​von  der Aufmerksamkeit bestimmter Personengruppen abhängt​ ­ was auf den ersten Blick für alle Geschäftsmodelle  der Fall zu sein scheint, aber zukünftig mehr und mehr durch vollautomatische Modelle an Gültigkeit verlieren wird.   Allerdings ist Aufmerksamkeit nicht grundsätzlich bspw. zu jeder Tages­ und Nachtzeit erstrebenswert. Die  Aufmerksamkeit der richtigen Person zum falschen Zeitpunkt zu erhaschen, kann schnell nach hinten losgehen. Somit  ist die ​Resonanzfähigkeit einer Bedarfsgruppe ​stets in ihrem situativen Kontext zu beurteilen. Herauszufinden,  welche ​Trigger​ dafür verantwortlich sind, dass beim Rezipienten bestimmte Verhaltensmuster zutage treten bzw.  Handlungsabläufe automatisch stattfinden, und wie sich diese Auslösereize modellieren lassen, gehört zu den  spannendsten Aufgaben digitaler Strategieberatung​ und lässt thematische Überschneidungsbereiche mit vielen  interessanten Disziplinen wie der Psychologie, Datenanalyse oder klassischer Medienwissenschaft bzw. (deren  Werbewirkungsmodellen) ableiten.   Spannende Fragen, die es für transformationsfähige Marketer zu klären gilt, beinhalten u.a.:  1.) Wie funktioniert das Internet eigentlich aus ​systemischer Perspektive?​ Welche Erklärungsmodelle aus  Soziologie und Kommunikationswissenschaft stehen uns zur Verfügung? Wie kann ich das Internet als  Metabolismus verstehen und innerhalb welcher ​Frameworks​ lassen sich elementare Besonderheiten und  Zusammenhänge klar und strukturiert modellieren?     2.) Was ​ist​ ​Aufmerksamkeit​ und wie lässt sie sich ​beim Rezipienten erzeugen und aufrechterhalten​?    3.) Welche biologischen ​Vorgänge ​spielen sich eigentlich im Gehirn des Menschen ab, wenn Erfahrungen zu  re­kapitulierbaren ​Erinnerungen​ werden? Welche Möglichkeiten gibt es, den ​individuellen Lernprozess  durch verbesserte Nahrungsmittelzufuhr, mentales sowie physisches Training etc. (kurz: mittels Biohacking!) ​zu  optimieren​? (Den Teil habe ich bewusst eingebracht, um die Verbindung zu meinem heiß geliebten Biohacking  herzustellen!)     4.) Welche ​Manipulationsmöglichkeiten​ bieten sich angesichts der Eigenheiten und ​strukturellen  Schwachpunkte ​des menschlichen Gehirns geradezu an, um von skrupellosen Werbetreibenden ausgenutzt zu  werden? Welchen Trugschlüssen (“Bias”) geht unser Gehirn regelmäßig auf den Leim und wie können wir solche Bias gezielt in der Werbepsychologie nutzen bzw. uns davor schützen?    5.) Was sind ​Heuristiken, Nudging, Emotionalisierung und all die anderen Fachwörter​, die uns bei einem  Brainstorming zum Thema “Verhaltenssteuerung” zu Kopf steigen? Spätestens an der Stelle wird es hochgradig  spannend & wem nicht jetzt bereits das Wasser im Mund zusammenläuft, der kann an dieser Stelle das Lesen  einstellen und sich wieder Meffert und Co. widmen.    Was ist ein "System"?    “A system of morality which is based on relative emotional values is a mere illusion, a thoroughly vulgar conception which  has nothing sound in it and nothing true” ­ Socrates  Ein System ist eine Gruppe von Elementen, verbunden durch Beziehungen und vereint zu einem gemeinsamen Zweck,  wobei der ​Zweck​ dieses Systems stets das ​beobachtbare​ Verhalten und nicht die ​angegebenen Ziele​ sind. Es wird  nur als relevant erachtet, was sich messen und in Relation zueinander setzen lässt. Kurz: Wichtig ist, was ​drin steckt​; 
  3. 3.   nicht was ​draufsteht. ​Alles, was wir auf dieser Welt sehen, tun und erfahren besteht aus Systemen. Wir können  Systeme zwar nie ganz verstehen, ihr Verhalten prognostizieren oder volle Kontrolle über sie ausüben, aber wir können ihre Verhaltensweisen studieren und aus den Erkenntnissen (die uns Big Data im Zusammenspiel mit modernen  Analytics­Systemen ermöglicht) heraus Hypothesen ableiten, die wiederum mithilfe klassischer Marketingmethoden  am Markt validiert und je nach Erfolgslage verworfen oder skaliert werden. Betrachten wir weite Teile des  (Kampagnen­)Marketings als Blackbox­Modelle, bedarf es keiner tiefergreifenden systemtheoretischen Analyse um  festzustellen, dass der Faktor “Aufmerksamkeit” ​irgendwo zwischen Input​ (Werbekosten) ​und Output ​(Umsatz) eine  tragende Rolle spielen muss . 7 Ohne eine unternehmensstrategisch forcierte ​Kommerzialisierung medialer Kommunikation​ funktioniert kein  digitales Geschäftsmodell ­ was im Umkehrschluss jedoch nicht bedeutet, dass jeder Kundenkontakt direkt ​als Anlass  zum individualisierten Real­Time Sales Pitch​ missverstanden werden soll. Erfolgt die Werbekommunikation  allerdings ohne echten Mehrwert für den Rezipienten, wird sie als störend empfunden und wirkt mitunter  geschäftsschädigend. Bevor Unternehmen nicht sorgfältig abgewägt haben, ob und inwiefern ein gewisser Trash­Faktor  im medialen Leitbild des Unternehmens Platz hat, sollte die Konzeption des nächsten Imagefilms also nicht voreilig in  Richtung Praktikantenecke delegiert werden.  Und im System "Internet" gilt: Aufmerksamkeit ist die Währung der Zukunft  Werbung ist nervig.​  Mittlerweile zahlen Nutzer dafür, von Werbung verschont zu bleiben . ​Niemand​ will Ihre 8 Werbung sehen. Deswegen explodiert die Anzahl ​installierter AdBlocker​, ​selbstzerstörender Cookies , 9 Do­not­Track Aufforderungen, Scriptbuster​ und und und. Deswegen reißt es gegenwärtig in Hochfrequenz etlichen  Publisher­Geschäftsmodellen die ​ökonomische Grundlage​ weg. In dem Sinne entwickelt sich das Internet zurück zum  Schaufenster, hinter dem nur wenige, aber dafür qualitativ hochwertige Waren platziert werden, für die User bereit  sind, nach großzügig bemessener "Eingewöhnungszeit" (Erstes Jahr kostenlos, um das Produkt zur Gewohnheit ­ um  nicht zu sagen "Sucht" ­ werden zu lassen) ​irrsinnig hohe Preise​ zu zahlen und entsprechend hoch ist die Bereitschaft  pöser pöser globaler Konzerne, sich die Schwächen des menschlichen Gehirns für Marketingzwecke nutzbar zu machen , während am anderen Ende der Leitung über die Notwendigkeit einer Neuroethik  Diskurs geführt wird. 10 11 Und diesen Umstand sollte man sich ​auf der Zunge zergehen​ lassen. Ganz langsam und aufmerksam, zum  Mitschreiben:   Die Leute​ ​zahlen​ ​mittlerweile Geld dafür, von etwaiger Werbung (allen voran der als störend empfundenen  Outbound­Variante) ​verschont zu bleiben​.    Unsere Gehirne sind Gegenstand ​konstanter mentaler Zerstreuung ​, die in Zeiten allerorts propagierter 12 menschlicher Mehrprozessfähigkeit namens “Multi Tasking” keine Anzeichen erkennen lässt, uns ohne urbane  Werbeverbote oder einen erstarkenden internationalen Kommunismus in absehbarer Zeit wieder zu verlassen, um  jenem Fokus Platz zu machen, der uns Menschen früher (als wir noch jung waren, in einem Land vor unserer Zeit oder  “Pre­Google”) beispielsweise stundenlange Buchlektüre ermöglichte, wo heute mangels Konzentration selbst die  Punchline eines vierseitigen Donald Duck Comics unentdeckt .  Wer glaubt, sich auf mehr als eine Sache ​gleichzeitig  fokussieren zu können, hat noch eine lange Reise vor sich.  Zückt schon Mal die Meditationskissen, Freunde!  Und warum man bei Spieleschmieden wie PopCap (“Plants vs. Zombies”­Reihe) hauptberuflich mittlerweile ​die  Korken knallen​ lässt? Manchmal, weil man sich den​ IKEA­Effekt ​zum Vorteil gemacht hat, denn sobald man  dem User das Gefühl gibt, selbst an der Entwicklung des Produktes beteiligt (gewesen) zu sein, wird das Produkt  als höherwertig erachtet . Ein anderes Mal, weil durch ​Gamifizierung ​ ("Gamification" auf Deutsch, haha!) die 13 14 Areale im Gehirn des Users zum Neuronenfeuern konditioniert wurden , jedes Mal, wenn die App benutzt 15 7  Luhmann, Niklas. "Moderne Systemtheorien als Form gesamtgesellschaftlicher Analyse." ​Spätkapitalismus oder Industriegesellschaft (1969):  253­266.  8  Steinbach, Jan, Michael Krisch, and Horst Harguth. "Sand im Marketing Getriebe: Das klassische Push­Marketing stößt an seine Grenzen."  Helpvertising (2015): 1­7.  9  Ziegler, Manuel. "Privatsphäre im Internet Handout zur Vorbereitung." (2016).  10  Schubert, Bernd. "Die Effekte der Verhaltensökonomie und ihre Nutzbarkeit für das Marketing." (2014).  11  Wolf, Julia. "Brauchen wir eine Neuroethik? Die modernen Neurowissenschaften und ihre ethischen Implikationen." ​Jahrbuch für Recht und  Ethik/Annual Review of Law and Ethics (2007): 223­247.  12  Vollbrecht, Ralf. "Mentale Beeinflussung durch Massenmedien und Computerspiele?." ​Fremdkontrolle: Ängste­Mythen­Praktiken (2015): 213­227.  13  Kleinaltenkamp, Michael. "Wertschöpfung und Kundenmitwirkung." ​Always Ahead im Marketing, Wiesbaden (2015): 247­262.  14  Deterding, Sebastian et al. "Gamification. using game­design elements in non­gaming contexts." ​CHI'11 Extended Abstracts on Human Factors in  Computing Systems 7 May. 2011: 2425­2428.  15  Zichermann, Gabe, and Christopher Cunningham. ​Gamification by design: Implementing game mechanics in web and mobile apps. " O'Reilly Media,  Inc." 2011. 
  4. 4.   wurde. Oder eben gewisse Hirnareale der eigenen Belegschaft, wenn gleich ganze Unternehmen im Zuge einer  “​Enterprise Gamification​” zu einer einzigen großen Spielwiese verstanden werden . 16   Um sicherzustellen, dass beim Endnutzer ​die richtigen Suchtareale​ im MRT aufleuchten, zahlen  Entwicklerstudios mittlerweile horrende Summen an dieselben Suchtexperten, die bereits im Permission  Marketing mit diversen Launch­Formulas über Jahre in dieselbe Kerbe  geschlagen haben ­ soviel zum Thema 17 Vereinbarkeit von data­driven Marketing und Moral . “Produktdesign 4.0” kommt ohne leere Versprechen 18 und manipulative Sprache aus, weil gerade jüngere User anfällig sind für ins Produkt integrierte  Belohnungsmechanismen, die durch konstante multivariate Tests und ​datengestützte Feedback­Systeme  vonseiten des Anbieters quasi in Echtzeit optimiert werden. Bis sich Heuristiken im Unterbewusstsein  eingebrannt haben, die einer handvoll Konzernen morgen schon die nötige (Daten­)Macht verleihen werden,  uns vom Silicon Valley aus ​wie grenzenlos verblödete Konsumroboter ​fern zu steuern.       Von dort aus diktiert man seit Jahren dem User, wie er sich zu verhalten hat. Die Optimierung der User  Experience (kurz: UX) bedeutet regelmäßig ​bilateralen Datenverkehr​. Das Gehirn der User reagiert auf  Impulse, die Sie verursachen. ​Nicht immer positiv​. Welche Erkenntnisse sich Deep Learning Algorithmen  demnächst dann vollkommen autonom aus den Unmengen an Cloud­gehosteten Nutzerdaten zu ziehen  vermögen, kann man auch ohne als Jugendlicher Science­Fiction Lektüren gewälzt zu haben mit ein wenig  Fantasie bereits erahnen. ​Data Science ist attraktiver denn je​. Kluge Köpfe lernen direkt Python anstelle  trockener Statistik und datengetriebene Attribution statt Kostenrechnung. Es darf nicht angehen, dass heute  auch nur ein Hochschulabsolvent den Campus mit einem BWL­Diplom verlässt, ohne die ​Grundlagen  verschiedener Attributionsverfahren​ zu verstehen. "Digital" kann unmöglich nur ein oder zwei Kapitel in  ganzen Lehrbüchern ausmachen, wenn 90% der Wertschöpfung ​genau dort​ stattfindet . 19   Aufmerksamkeit ist der (mentale) Preis, den der Nutzer für den Konsum unserer Werbung zahlt  Je weniger Aufmerksamkeit ich dem User abverlange, desto höher seine Bereitschaft, mir bzw. meiner Werbeansprache  (Native Advertising als vorgekaukelter redaktioneller Inhalt erklärt die terminologische Unterscheidbarkeit) einen  Augenblick seiner knappen und daher wertvollen Zeit zu widmen.    Dabei gilt die Faustregel:​ Je einfallsloser meine Werbung, desto kürzer ihre Dauer!  Tatsächlich können Sie mit überaus profanen Mitteln ​herausragende Werbeerfolge erzielen​, solange Sie die  Tatsache nicht aus den Augen lassen, unschuldigen Dritten unter Umständen gerade enorm auf den Sack zu  gehen mit Ihrem ​schleimigen Verkäufergrinsen​, der von ökonomischer Gier getriebenen ​affektierten  16  Rauch, Marta. "Best practices for using enterprise gamification to engage employees and customers." ​International Conference on  Human­Computer Interaction 21 Jul. 2013: 276­283.  17  Schwarz, Torsten. "Permission Marketing." ​Schwarz, Torsten (2007, Hrsg.): Leitfaden Online Marketing. Waghäusel (2007): 423­429.  18  Bereits lange vor der Marktfähigkeit heutiger Suchmaschinen Thema bei Tisch, siehe u.a. Williams, Oliver F, and Patrick E Murphy. "The ethics of  virtue: A moral theory for marketing." ​Journal of Macromarketing 10.1 (1990): 19­29.  19  ​Ich könnte jedes Mal heulen, wenn ich Bilder von Konsumgütern in Lehrbüchern entdecke, die mich eher an die  Wirren der Nachkriegszeit erinnern als an Produkte, die ​zu meiner Lebenszeit je aktuell​ waren 
  5. 5. Höflichkeit​, dem ​nervigen Fullscreen­Popup­Layer ​und dem jedes menschliche Gespür von ​Ästhetik  beleidigenden Werbebanner​. Nicht zuletzt deshalb sollte penibel darauf geachtet werden, standardisierte  08/15­Werbung auf die Einblendung eines Logos und ggf. das Abspielen eines Jingles von maximal fünf  Sekunden zu reduzieren. Die Zeitspanne an Aufmerksamkeit ist lange genug, um eine erinnerungswürdige  Message im Gehirn des Rezipienten zu platzieren. Und immer noch zu kurz, als dass es sich für den Empfänger  rentieren würde, zum Rechner zu laufen und ​Ihren Werbeclip zu skippen​.   Wenn Sie keine richtig gute Geschichte auf Lager haben, geben Sie das ​am Besten offen zu ​(Klischees rund um das  eigene Produktportfolio bzw. die jeweilige Branche laden zu sympathisch nach außen getragener Selbstironie ein) und  reduzieren sich aufs Wesentliche: Ihr bestes Produkt zum besten Preis. ​Andere Hebel bleiben Ihnen nicht​, wenn Sie  an Content und damit sparen möchten. Für etablierte Marktführer zieht Reminder­Werbung vielleicht noch, aber bei  neuen Brands sieht die Sache anders aus. ​Kein Mensch braucht hundert verschiedene Taxi­Apps ​auf seinem  Homescreen. Und so pragmatisch wie Ihre Werbung sollte in dem Fall auch Ihre Produktgestaltung ausfallen: Praktisch,  schön anzusehen und intuitiv bedienbar. ​Nehmen Sie dem User ​Entscheidungen​ ab, wo es nur geht​!!  Schenken Sie Ihm Aufmerksamkeitskapazitäten​, die die Nutzung Ihres Produktes durch die enorme Zeitersparnis  erst frei schafft. In Abhängigkeit der Höhe der täglichen Zeitersparnis für den User, dürfen Sie ihm mehr oder weniger  regelmäßig auch mit Push­Nachrichten und ähnlichen Aufmerksamkeitsvampiren Gründe geben, möglichst intensiv mit  Ihrem Produkt zu interagieren ­ eine der wohl relevantesten KPIs ist und bleibt die ​Intensität der Nutzung ​, denn 20 mehr tägliche Sichtkontakte und Interaktionen innerhalb einer App beispielsweise bedeuten mehr Berührungspunkte  in allen möglichen ​situativen Kontexten​. Gestalten Sie Ihren Service so einfach und bequem wie möglich. ​Im  Optimalfall verfügen Sie über ausreichend granulierte Daten, um die Schwangerschaft bei Frauen und den  Haarausfall bei Männern zu prognostizieren . Und all die Suchanfragen, Informationsbedürfnisse, zukünftig 21 wahrscheinlich auftretenden Bedarfsäußerungen erst, Jesus!   Wer als Unternehmen stets präsent im Kopf der Nutzer sein möchte, kommt an ​gewohnheitsbildendem  Produktdesign ​nicht vorbei. Und das wiederum sollte dringlichst in der Werbekommunikation berücksichtigt werden,  um die nötigen ​Trigger im Kopf der Rezipienten​ durch klassische Konditionierung zu etablieren. Untersuchen Sie alle  digitalen wie analogen Touchpoints stets auf Möglichkeiten zur ​kognitiven Gewohnheitsbildung ​­ wenn Sie schon in  den intimsten Gehirnregionen der Menschen ihr Unwesen treiben müssen, um den Kapitalismus tapfer bis zur letzten  überzogenen Kreditkarte zu feiern, dann entschädigen Sie die Opfer Ihrer ​Psychowerbepropaganda ​wenigstens mit  personalisierter Unterhaltung​. Ein Social Login und Sie haben das halbe Leben des Users in Echtzeit mit Ihrer  Datenbank synchronisiert. Theoretisch, zumindest. Noch.   Erklärungsbedürftige Produkte​ müssen Nutzern ​Belohnungen und Gegenleistungen für die zusätzliche  Einarbeitungszeit​ anbieten. Diese Belohnungen können aus gamifizierten Elementen bspw. in Formularen oder ganz  klassisch aus Rabatten und Sonderaktionen bestehen, die für erfolgreich absolviertes "Produkttraining" freigeschaltet  werden. Jedenfalls müssen Werbetreibende Ihre Audienz ​mit​ ​Werbung zunächst ​für​ ​deren Aufmerksamkeit bezahlen.  Das tollste Produkt wird als nervig empfunden, wenn die Website auf dem Handy nicht zwischen zwei Auflösungen  entscheiden kann und pseudo­responsiv umherspackt, bis sich der Browser aufhängt und das Endgerät vom Nutzer in  Flammen aufgeht. Toll gemacht, werbetreibendes Unternehmen!   Wie wäre es mit einer ​springenden Katze als GIF­Animation ​für die Verlinkung der E­Mail im Impressum, huh? Um  diese durch treue Nutzer und Kunden im späteren Verlauf der Kundenbeziehung durch die gewohnheitsmäßige  20  Astonkar, Monika R, and Amar Buchade. "Exploring mobile analytics for business intelligence." ​Int J Comput Sci Mob Comput 3.12 (2014):  603­611.  21  Leisenberg, Manfred. "Strategies and Tools for Marketing Based on Mobile Services and Devices–An Overview." ​International Business Research  9.4 (2016): 66. 
  6. 6. Nutzung "kostenlos" zurück zu erhalten. Ihr Marketingbudget ist in weiten Teilen vergleichbar mit ​einer Wette​ auf die  Resonanzfähigkeit Ihrer Werbebotschaft​.     Zum Abschluss noch ein paar Lesetipps zum Thema:  Ansorge, Ulrich und Leder, Helmut (2017):​ Wahrnehmung und Aufmerksamkeit. ​Wahrnehmung und Aufmerksamkeit, 2017,  S. 1–17, ISBN: 9783658129118.  Kahneman, Daniel u.a.​ Subjective probability: A judgment of representativeness. ​Heuristics and biases, S. 32–47.  Rickinson, Mark u.a. (2011):​ Improving Research Through User Engagement, 2011, ISBN: 9781136828393.  Priddat, B. P. (2016):​ Medien, Aufmerksamkeit, Werbung, Wettbewerb in Ökonomie und Politik​ In: Journalismus jenseits von  Markt und Staat, 2016,  http://www.nomos­elibrary.de/10.5771/9783845272290­247/medien­aufmerksamkeit­werbung­wettbewerb­in­oekon omie­und­politik.         © Jean Maurice Port           ​jeanport.de 

×