Süddeutsche Zeitung: meine Geschichte

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Der Spanier Alfonso Gadea hat zwei Master-Abschlüsse und war Marketingdirektor. Als die Immobilienblase in seinem Land platzte,
wurde der zweifache Vater arbeitslos. Nun lernt er Deutsch – doch dass Firmen in der Bundesrepublik ihn wirklich anstellen, glaubt Gadea nicht

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Süddeutsche Zeitung: meine Geschichte

  1. 1. Süddeutsche Zeitung GELD Samstag, 5. Januar 2013 München Seite 26 Bettler im spanischen Valencia: Durch die Krise stieg die Arbeitslosigkeit, selbst gut ausgebildete Entlassene finden nun keine neue Stelle mehr und fürchten das Abrutschen in die Armut. FOTO: JUAN CARLOS CARDENAS/DPA Geplatzte Träume Der Spanier Alfonso Gadea hat zwei Master-Abschlüsse und war Marketingdirektor. Als die Immobilienblase in seinem Land platzte, wurde der zweifache Vater arbeitslos. Nun lernt er Deutsch – doch dass Firmen in der Bundesrepublik ihn wirklich anstellen, glaubt Gadea nicht VON THOMAS URBAN kommen würde, hätte er damals nach der Der Lubasa-Konzern stieß Abteilung dann verloren immer mehr Mitarbeiter ih- Kopfzerbrechen. „Chancen auf einen Job Universität für völlig ausgeschlossen gehal- um Abteilung ab, anfangs wurden jede Wo- re Stelle, bis es auch ihn traf. in Deutschland habe ich nicht“, sagt er.Madrid – Als Alfonso Gadea vor 17 Jahren ten. Zwar war der Start ins Berufsleben Mit- che ein paar Mitarbeiter entlassen, später Doch dieses Mal hatte er nichts in der „Die Deutschen suchen Ingenieure, keinemit einigen Kommilitonen den Abschluss te der neunziger Jahre nicht einfach, Spani- waren es jede Woche Dutzende, insgesamt Hinterhand. Es war ein tiefer Fall. Die Ober- Marketingleute.“ Aber er möchte mit deut-des Studiums feierte, kam das Gespräch en erlebte eine Wirtschaftskrise. Darum waren es 3000, die im Verlauf von zwei Jah- grenze für Arbeitslosenhilfe liegt in Spani- schen Bekannten eine Firma gründen, diedarauf, was sie mit 40 alles erreicht haben bildete er sich weiter: Er perfektionierte ren ihren Job verloren. Ziemlich am en bei 1100 Euro im Monat. Für Gadea und spanische Fachleute an mittelständischewollten: einen gut bezahlten Führungsjob, sein Englisch an der Oklahoma University Schluss war auch seine Abteilung an der seine Frau hatte das einschneidende Kon- Industriefirmen in der Bundesrepublikein Haus, ein schickes, teures Auto und na- und machte einen Deutschkurs an einer Reihe. Gadea hatte damit gerechnet. Also sequenzen: Der Wagen wurde durch ein vermittelt, wo es an Technikern und Com-türlich eine Familie. Er war damals 24, hat- Sprachenschule in Hamburg. hatte er sich anderweitig umgesehen und kleineres Modell ersetzt, und sie zogen in puterexperten fehlt. Zumindest schreibt Dann begannen die Boomjahre in Spani- konnte gleich bei einer Consultingfirma an- eine kleinere Wohnung um. Restaurant- das die Presse, und so hat es auch Bundes- en, gestützt von der Bau- und Immobilien- fangen. Doch nach anderthalb Jahren hol- und Theaterbesuche – gestrichen, ebenso kanzlerin Angela Merkel bei ihren letzten GESICHTER branche. Gadea bekam eine Stelle in der te ihn auch hier die Krise ein. Alles wieder- der zweisprachige private Kindergarten beiden Besuchen in Madrid verkündet. Marketingabteilung eines weltbekannten holte sich: Erst gab es Gehaltskürzungen, für den vierjährigen Sohn und die Familien- DER KRISE Konzerns: Coca-Cola. Er durchlief verschie- ferien. Seine Frau hat versucht, in ihren frü- „Ja, das ist brotlose dene Stationen, jedes Mal wurde nicht nur heren Beruf als Direktionsassistentin zu- der Verantwortungsbereich größer, son- rückzukehren. Doch auf die wenigen Stel- Kunst“, sagt er über dern auch das Gehalt. len melden sich Dutzende von Bewerberin- sein Internet-Blog Als er im zehnten Jahr für Coca-Cola ar- nen. Und die Gehälter, die angeboten wer- beitete, bekam er das Angebot, im spani- den, sind so miserabel, dass sie bestenfalls Also liest er viel über den deutschen Ar- schen Immobilien-Konzern Lubasa die Lei- die Kosten für ein Kindermädchen decken beitsmarkt, über deutsches Arbeitsrecht tung der Marketing-Abteilung zu überneh- würden, das ja dann gesucht werden müss- und über Unterschiede zwischen den Ar- men. Eine Herausforderung: Das Werbe- te. Der zweite Sohn wurde vor einem Jahr beitskulturen beider Länder. Immer wie- budget lag bei 20 Millionen Euro, er hatte geboren, als der Vater noch Arbeit hatte, der steht er lange vor der Deutschlandkar- sechs festangestellte und einige freie Mit- aber schon das Schlimmste fürchtete. te in seinem Unterrichtsraum im Goethe- Geschichten aus dem arbeiter. Es war das Jahr 2007, es wurde so „Man fühlt sich auf einmal so überflüs- Institut. Eurodrama, Teil 24 viel gebaut wie nie zuvor, man feierte ei- sig“, sagt Gadea. „Und auch die Unsicher- Nebenbei führt er seinen Internet-Blog nen Umsatzrekord nach dem anderen, und heit, ob es nicht noch schlimmer kommt, www.alfonsogadea.es – über Marketing. seine Prämien stiegen: „Wir haben hart ge- macht mir sehr zu schaffen.“ Er arbeitet Er hat pro Monat etwa 1000 Leser. „Ja, daste einen doppelten Master der Madrider arbeitet und gut gelebt.“ derzeit auf freier Basis für Ernst & Young, ist brotlose Kunst“, sagt er. „Aber ich mussUniversität mit sehr guten Noten in den Fä- Doch er war nicht einmal zwölf Monate aber er weiß, dass dies auf wenige Wochen etwas tun, sonst fällt mir die Decke auf denchern Marketing und Kommunikation. Die auf seinem neuen Posten, als die Immobi- begrenzt ist. Wie Dutzende anderer Exper- Kopf.“ Auf keinen Fall wolle er sich hängenWelt schien nur auf ihn und seine Studien- lienblase platzte und die Fiesta-Stimmung ten, die ihre gut dotierten Jobs verloren ha- lassen. Im Gegenteil: Diszipliniert hält derkollegen zu warten. in der Branche beendete. „Es ist müßig, ben, besucht er nun Fortgeschrittenenkur- frühere Marketingdirektor einen tägli- Ein paar Monate nach seinem 40. Ge- heute darüber nachzudenken, ob ich nicht se im Madrider Goethe-Institut. chen Zeitplan ein.burtstag ist im März 2012 seine Welt zu- bei Coca-Cola hätte bleiben sollen“, sagt er Das grammatische Geschlecht, wo man Und in dem Blog weicht er keineswegssammengebrochen – er wurde arbeitslos. nun. Dort wäre sein Job vermutlich sicher bei jedem Substantiv den Artikel mitler- dem Thema Arbeitslosigkeit gerade in sei-Und er hat die ersten grauen Haare deswe- gewesen, er hatte von seinen Vorgesetzten Alfonso Gadea vor der Deutschlandkarte nen muss, und die Adjektivendungen berei- ner Branche aus: „Meine Erfahrungen kön-gen bekommen. Dass es einmal so weit sehr gute Beurteilungen bekommen. im Goethe-Institut. FOTO: PRIVAT ten ihm zu den Alltagssorgen zusätzlich nen anderen helfen.“DIZdigital: Alle Rechte vorbehalten – Süddeutsche Zeitung GmbH, München A53731118Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über www.sz-content.de svra059

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