Entwicklungszusammenarbeit - Technologieeinsatz beim Lernen und Lehren

1,149 views

Published on

Kapitel des L3T Lehrbuch (http://l3t.eu)

Published in: Education, Health & Medicine
0 Comments
0 Likes
Statistics
Notes
  • Be the first to comment

  • Be the first to like this

No Downloads
Views
Total views
1,149
On SlideShare
0
From Embeds
0
Number of Embeds
2
Actions
Shares
0
Downloads
17
Comments
0
Likes
0
Embeds 0
No embeds

No notes for slide

Entwicklungszusammenarbeit - Technologieeinsatz beim Lernen und Lehren

  1. 1. Thorsten  Trede,  Günter  Podlacha  und  Volker  LichtenthälerEntwicklungszusammenarbeitTechnologieeinsatz beim Lernen und LehrenIn  diesem  Beitrag  wird  der  Einsatz  von  neuen  Lerntechnologien  als  Instrument  des  sogenannten  „CapacityBuilding“   in   der   Entwicklungszusammenarbeit   erörtert.   AuXauend   auf   der   Darstellung   der   Besonder-­‐heiten   dieses   spezifischen   Kontexts   wird   auf   technische   und   interkulturelle   Herausforderungen   einge-­‐gangen,  wobei  besondere  Chancen  wie  auch  Grenzen  des  Einsatzes  von  Lerntechnologien  in  der  interna-­‐Donalen  Zusammenarbeit  schnell  deutlich  werden.  Lerntechnologien  werden  hier  in  aller  Regel  für  Lern-­‐szenarien  des  Fernunterrichts  eingesetzt.  Für  den  Einsatz  von  neuen  Lerntechnologien  in  Programmen  derEntwicklungszusammenarbeit   sind   dabei   flexible   Konzepte   erforderlich,   um   technische,   infrastrukturelle,sprachliche   und   interkulturelle   Hürden   zu   nehmen.   GleichzeiDg   bieten   sich   Chancen   für   Teilnehmer/innenund   Partner/innen   in   den   Entwicklungsländern   wie   auch   den   Industrieländern.   Anhand   von   prakDschenBeispielen   und   Projektbeschreibungen   aus   Afrika,   dem   Kaukasus   und   einigen   anderen   Regionen   werdenim   Folgenden   entsprechende   Probleme   und   Lösungen,   Chancen   und   Grenzen   verdeutlicht   und   Erfah-­‐rungen  reflekDert.  Quelle:  VolkerLichtenthäler,  InWEnt  2010 #entwicklungszusammenarbeit #spezial   #fachgegenstand Version  vom  1.  Februar  2011 Für  dieses  Kapitel  wird  noch  ein  Pate  gesucht, Jetzt Pate werden! mehr  InformaDonen  unter:  hFp://l3t.eu/patenschaI
  2. 2. 2  —  Lehrbuch  für  Lernen  und  Lehren  mit  Technologien  (L3T)1. Lernen  und  Lehren  in  der  Entwicklungszusammen-­‐ 2. Warum  technologiegestütztes  Lernen  in  der  Entwick-­‐arbeit:  Capacity  Building lungszusammenarbeit?  Zunächst stellen sich bei diesem Thema die Frage: Auch Entwicklungszusammenarbeit entwickelt sich,Was ist Entwicklungszusammenarbeit bzw. Entwick- im wahrsten Sinne des Wortes. Die Frage, warum nunlungshilfe? Der Begriff der „Entwicklungszusam- auch technologiegestütztes Lernen Einzug in Ca-menarbeit“ betont, im Gegensatz zum veralteten pacity-Building-Maßnahmen der Entwicklungszusam-Konzept der „Entwicklungshilfe“, den partnerschaft- menarbeit findet, lässt sich sowohl aus der Sicht derlichen Charakter der Beziehungen zwischen Entwick- Geberländer als auch der Empfänger/innen beant-lungs- und Industrieländern. In der Entwicklungszu- worten.sammenarbeit heute steht das gemeinsame Bemühenvon Industrieländern und Entwicklungsländern im Wo   sehen   Sie   die   größten   Vorteile   von   technologiege-­‐Vordergrund weltweite Unterschiede in der sozio-ökonomischen Entwicklung und in den allgemeinen ? stützten  Lernangeboten  im  Rahmen  der  Entwicklungs-­‐ zusammenarbeit?   Warum   kann   es   beispielsweiseLebensbedingungen dauerhaft und nachhaltig abzu- sinnvoll   sein,   dass   eine   EntwicklungsorganisaDon   fürbauen. Ein zentraler Begriff ist hier das „Capacity Teilnehmer/innen   aus   Namibia   eine   Schulung   zumBuilding“, dessen Verständnis wichtig für die später Thema   HIV/AIDS-­‐PrävenDon   als   E-­‐Learning   anbietet? Warum   kann   das   für   die   Teilnehmer/innen   aus   Na-­‐beschriebenen Ausführungen zum Einsatz von tech- mibia  vorteilhaIer  sein,  als  an  einer  Präsenzschulungnologiegestützten Lernszenarien ist. teilzunehmen?   Capacity Building (engl. für „Aufbau von Kapa-zität“) ist eine der Methoden, die sich in den letztenJahren als erfolgversprechend (und oftmals auch er- Im Folgenden werden wir von den Vorteilen techno-folgreich) für die Entwicklungszusammenarbeit ge- logisch gestütztem Lernen berichten, wie sie sich inzeigt hat. Es gibt zahlreiche Definitionen für Capacity bisherigen Projekten darstellten.Building. Eine davon deutet Capacity Building als die Vorteile  aus  Sicht  der  Geber/innen  und  Anbieter/innenVermittlung von Handlungskompetenzen undWissen, frei nach dem Montessori-Grundsatz: „Hilf Aus der Sicht der Geber/innen bzw. der Anbieter/in-mir, es selbst zu tun“. Capacity Building bedeutet in nen der Bildungsangebote ist technologiegestütztesdiesem Sinne, die Handlungskompetenzen des Ein- Lehren nur eine von vielen Möglichkeiten, Infor-zelnen zu stärken und ihn zu befähigen, sein Wissen mation und Wissen zu transferieren und damit zurweiterzugeben. Teilnehmende an Capacity-Building- Entwicklung von Staaten beizutragen. Es macht nichtProgrammen tragen ihre neuen Kompetenzen und in jedem Fall Sinn und sollte nicht zum reinen Selbst-Erfahrungen in ihre Behörden, Verbände, Kammern zweck werden. Technologiegestütztes Lernen kannund Unternehmen, in regionale und überregionale folgende Vorteile haben: Reisekosten für Exper-Institutionen. Sie tragen ihr Wissen an jene Stellen, an tinnen und Experten entfallen, Inhalte könnendenen Veränderungsprozesse angestoßen werden leichter adaptiert und angepasst werden; darüberkönnen. hinaus stehen die Lerninhalte den Teilnehmern je- Strukturelle Veränderungen können sich aber nur derzeit, auch nach Beendigung des Programms zurdann langfristig durchsetzen, wenn die entspre- Verfügung. Weitere Vorteile sind, dass Fachwissenchenden Rahmenbedingungen stimmen. Das be- von Expertinnen und Experten vermittelt werdendeutet letztlich, dass Veränderungsprozesse vertikal kann, die ansonsten vielleicht nicht zur Verfügungauf allen Ebenen greifen und horizontal alle Sektoren stehen würden: Wer reist schon gerne in ein vonumfassen sollten, also politische Akteure ebenso wie Krieg, Unruhen und Krisen geschütteltes Land wieVertreter/innen aus der Wirtschaft sowie der Zivilge- Afghanistan oder den Irak? Zudem können Lernin-sellschaft. halte vergleichsweise einfach an verschiedenste Ziel- gruppen, unterschiedliche individuelle Bedarfe und Was  bedeuten  „Veränderungsprozesse“  und  „Verände-­‐ unterschiedliche kulturelle Umgebungen angepasst ? rungsmanagement“?   Recherchieren   Sie   dazu.   In welcher   Weise   kann   technologiegestütztes   Lernen   in werden. der   Entwicklungszusammenarbeit   solche   Verände-­‐ rungsprozesse   unterstützen?   Entwerfen   und   disku-­‐ Deren   Sie,   am   besten   im   Gespräch   mit   einer   Partnerin oder  einem  Partner,  ein  mögliches  Szenario.  
  3. 3. Entwicklungszusammenarbeit.  Technologieeinsatz  beim  Lernen  und  Lehren  —  3 lungsländer in die Entwicklungszusammenarbeit ein-Vorteile  für  die  Teilnehmer/innen bringt. Dieses wäre auf „konventionellem Weg“ fastMit E-Learning-Angeboten können Zielgruppen an- unbezahlbar.gesprochen werden, die geographisch nicht ohne wei- 3. Besonderheiten  des  technologiegestützten  Lernensteres erreichbar sind. Entscheidungsträger/innen, in  der  internaKonalen  Entwicklungszusammenarbeit  beispielsweise in der Mongolei, haben so nicht immerZeit und Lust, für ein Seminar eine Anreise von einer Die möglichen Vorteile des technologiegestütztenWoche auf sich zu nehmen. An einem webbasierten Lernens können nur dann wirken, wenn sie für dieTraining würden sie eher teilnehmen und somit Ver- Zielgruppe erreichbar sind. Zentral sind dabei dieänderungsprozesse mittragen können. Es ist auch Fragen nach der Infrastruktur sowie Vorrausset-immer noch schwierig, Männer für Kindererzie- zungen für den Umgang mit der Technologie und fürhungskurse in Aserbaidschan zu begeistern, obwohl das verteilte Lernen, also die entsprechend notwen-sich auch dort die Rollenverteilung drastisch ändert. digen Kompetenzen der jeweils angesprochenenAber an E-Learning-Kursen, bei denen sie nicht per- Partner/innen und Teilnehmer/innen?sönlich teilnehmen müssen, sich also nicht „outen“müssen, nehmen sie rege teil, zeigten Evaluierungser-gebnisse der Universität in Baku (Selbstauskunft der Technologiegestützte   Lernangebote   können,   sofernUniversität Baku). ! sie   die   Zielgruppe   erreichen,   Lernseings   ermög-­‐ lichen,  die  im  Präzenzunterricht  unter  Umständen  gar Ein weiterer Vorteil liegt in der möglichen Einbe- nicht  realisierbar  sind.  ziehung von benachteiligten Gruppen durch dieNutzung von Technologien. So haben Frauen Technische  Infrastrukturmachmal keine Möglichkeit an Präsenztrainings teil-zunehmen, erhalten aber durch E-Learning Zugang Der Zugang der Teilnehmer/innen zu Technologienzu einzelnen Fortbildungen, sogar Bachelor- und ist beschränkt und die Telekommunikationsinfra-Master-Programmen. Besonders eindringlich lässt strukturen sind häufig noch ziemlich schlecht undsich dieses an einem Beispiel aus Afghanistan ver- teuer. Während man in den USA beispielsweise fürdeutlichen: So können dort Frauen, selbst wenn sie in einen Computer statistisch gesehen circa ein Monats-hohen Positionen in Ministerien sitzen, nur an Prä- gehalt aufwenden muss, kostet dieser einen Ein-senztrainings teilnehmen, wenn ein männlicher Ver- wohner von Bangladesch acht Jahresgehälterwandter sie zumindest begleitet. Es ist dem Seminar- (Afemann, 2003). Ähnlich verhält es sich mit den In-verlauf oft nicht dienlich, wenn hinter jeder Teilneh- ternetkosten. Computer mögen vorhanden sein, diemerin ein Bruder oder Onkel sitzt. E-Learning ist Bandbreite des Internets aber ist sehr beschränkt;hier eine mögliche Lösung für alle Beteiligten. Wie neue Software fehlt. Insgesamt besitzen wesentlichzahlreiche weitere Beispiele aus Ländern des Nahen weniger Einwohner/innen der EntwicklungsländerOstens zeigen, trägt der Austausch mit Angehörigen einen Zugang zum Internet als in den Industriena-anderer Kulturen in Foren und Chats weiter zur tionen (vgl. Abbildung 1).Selbstbestimmung teilnehmender Frauen bei. Es gelten also die gleichen Argumente, wie sie inder europäischen Diskussion zum E-Learning ange-bracht werden, also beispielsweise die Zeitersparnis,Flexibilität und Kosteneffizienz. Hinzu kommen aberauch weitere, spezifische Vorteile, beispielsweise dieAnonymität der Teilnahme. Wird in multikulturellenLerngruppen gelernt, das heisst zum Beispiel in einerinternationalen Gruppe, können LerntechnologienWege eröffnen, die auf konventionellem Weg fast un-bezahlbar und unrealistisch sind. Teilnehmer/innenaus den verschiedensten Regionen der Welt könnensich austauschen, vernetzen und gemeinsam Lö-sungen erarbeiten. Es kommt vor allem auch zu Abbildung  1:  Internetnutzer/innen  je  100einem Dialog, der das „Geber-Nehmer“-Schema der Einwohner/innen.  Quelle:  ITU  World  Telecommunica-­‐Entwicklungs„hilfe“ durchbricht und insofern in be- tions,  URL:  http://www.itu.int/ITU-­‐sonderem Maße die andere Perspektive der Entwick- D/ict/statistics/index.html  [2010-­‐12-­‐12]
  4. 4. 4  —  Lehrbuch  für  Lernen  und  Lehren  mit  Technologien  (L3T) In der Praxis: Das Bandbreitenproblem 9600   bit/s   entspricht   der   mobilen   GSM-­‐Datenrate   und   be-­‐ raten   die   etwa   Hundert   Mal   höher   sind,   also   bei   bis   zu   1 nennt   die   Übertragungsgeschwindigkeit   in   "bit   per   second". Mbit/s  liegen,  als  unerträglich  langsam  und  würden  frustriert Nutzer/innen   in   MiFeleuropa   erleben   heute   Übertragungs-­‐ den  Web-­‐Browser  schließen.   Eine große Hürde ist bei webbasierten Lern- der besondere Nutzen und teilweise sogar das Zielangeboten das „Bandbreitenproblem“: Zahlreiche der begründet, nehmen Teilnehmer/innen aus den unter-heute genutzten und hoch gelobten, interaktiven und schiedlichsten Kontinenten, Regionen, Ländern, Reli-lernmotivierenden Angebote im Internet beruhen auf gionen, Ethnien teil, die verschiedenste SprachenTechniken, die einen enormen Datentransfer in sprechen und verschiedenste Lernerfahrungen ge-kurzer Zeit erfordern. Als Beispiel seien hier nur macht haben.Videos, Audiowiedergabe oder gar bandbreitenin- Die neuen Lerntechnologien, das Internet, Mobil-tensive Angebote wie Videokonferenzen, genannt. telefone, Computer und Kommunikationstechnik be-Wenn Teilnehmer/innen aus Mali oder aus dem wegen sich besonders in den Entwicklungsländern inmongolischen Gobi-Altai an einem Kurs teilnehmen einem dynamischen Spannungsfeld zwischen traditio-möchte, so stellen diese Techniken bei einer 9.600 nellen, erprobten Lernmethoden und technologiege-bit/s Modem-Anbindung eine unüberwindbare stützten innovativen Lernformen.Hürde dar und stellen die Zielerreichung des Pro- All dieses spiegelt sich in der Aufbereitung undgramms der Entwicklungszusammenarbeit mehr als Durchführung der Kurse wider: die Didaktik, dasnur in Frage (siehe Box „In der Praxis“ oben). Ein Layout, die Bebilderung und die Sprache stellen be-Alternative ist in manchen Fällen, zumindest in sondere Herausforderungen dar. Praktiker/innen be-Ländern in denen die entsprechende Infrastruktur richten dabei auch, dass die Begeisterung für tech-vorhanden ist, die Nutzung von Mobiltelefonen nische Innovationen und neue Medien in Entwick-(siehe Box „In der Praxis“ unten). Freilich ergeben lungsländern oftmals besonders hoch ist.sich in M-Learning-Szenarien wiederum besondereProbleme für die Aufbereitung des zu vermittelndenWissens.Weitere  Herausforderungen Welche  Technologien  kommen  in  Kursen  zum  Einsatz,Andererseits sind aber natürlich auch sprachliche ? die   Sie   kennen?   Recherchieren   Sie,   wie   viel   Band-­‐ breite  diese  benöDgen.  Würden  Sie  diese  TechnologieFragen zu beachten. Dabei gibt es besondere kultu- noch   nutzen,   wenn   Sie   eine   sehr   langsame   Internet-­‐relle und interkulturelle Aspekte zu berücksichtigen. verbindung  häFen? Die Gegebenheiten des täglichen Lebens unddes Arbeitsalltags, beispielsweise die Zeit des islami-schen Fastenmonats Ramadan sind teilweise gänzlich Wählen   Sie   eine   Ihrer   Lehrveranstaltungen   aus:   Wieanders als bei uns. Eine Herausforderung stellen auch interkultu- ? könnte  der  Inhalt,  möglichst  textbasiert  und  leicht  ver-­‐ ständlich,  auXereitet  werden?relle Aspekte dar. An Programmen der Entwick-lungszusammenarbeit, und darin liegt ja oftmals auch In der Praxis: Mobile HIV/Aids-Prävention in Südafrika In   keinem   anderen   Land   gibt   es   mehr   Menschen,   die   an daher   Kurznachrichten   verschickt:   Mit   Hilfe   solcher   SMS HIV/Aids  erkrankt  sind  als  in  der  Republik  Südafrika,  die  von sollen   Jugendliche   sensibilisiert   werden,   auf   AkDonen   und der  Europäischen  Union  nicht  eindeuDg  als  Entwicklungsland Unterstützung  aufmerksam  gemacht  werden,  beispielsweise zugeordnet   wird.   Um   möglichst   viele   gefährdete   Menschen, auf  Kondomausgabestellen. also   vor   allem   Jugendliche   und   junge   Erwachsene   zu   er-­‐ reichen,   wird   das   Mobiltelefon   eingesetzt,   das   die   meisten Quelle:  hFp://www.cell-­‐life.org/cellphones-­‐4-­‐hiv   von   ihnen   besitzen.   Im   Projekt   „Cellphones   4   HIV“   werden [2010-­‐12-­‐12];  Schneider  et  al.,  2010,  88f
  5. 5. Entwicklungszusammenarbeit.  Technologieeinsatz  beim  Lernen  und  Lehren  —  54. PragmaKscher  Umgang  mit  der  Technik einem Kasachen. Auch gibt es nationale politischeEs gilt also Lösungen zu finden, sich technisch zu be- Freund- und Feindschaften sowie entsprechende Ste-schränken und eine spezielle Methodik und Didaktik reotypen und Vorurteile.zu entwickeln, die diesen Umständen Rechnung trägt. Nehmen wir als Beispiel nur die grafische Ge-Dieses stellt eine große Herausforderung für alle Be- staltung des Kurses: Im besten Falle sollte bei jedemteiligten dar, gleich ob Autor/in, Didaktiker/in, tech- Bild ein Mensch aus jeder Bevölkerungsgruppe,nische Entwickler/in, Grafiker/in oder Tutor/in. beider Geschlechter, jedes Landes in jeder Rolle, also▸ Lernmaterialien auf CD-ROM sind vielfach eine beispielsweise als Ärztin oder Patientin, zu sehen hilfreiche Option, wenn keine ausreichende Inter- sein. Wird eine die Diversität einer solchen Dar- netanbindung vorhanden ist. stellung, sofern sie überhaupt gelingt, als positiv emp-▸ Häufig sind Mobiltelefone weit verbreitet und funden? Oder schafft dies erst Raum für Fremden- stellen damit eine Option in Sachen Erreichbarkeit feindlichkeit, Vorbehalte und entsprechende Refle- der Teilnehmer/innen dar. xionen der Teilnehmer/innen? Neutrale Strich-▸ Bei webbasierten Anwendungen ist ein Verzicht männchen sind eine naheliegende Lösung. Aber wäre auf statt von bandbreitenintensiven Anwen- das dann förderlicher für das Lernen? dungen, insbesondere Reduktion von Bildern und Es zeigt sich deutlich: Scheinbar simple Fragen Multimedia, häufig notwendig. nach Inhalten und Darstellung müssen von den Be- teiligten je nach entwicklungspolitischer ZielsetzungKursentwickler/innen haben die Erfahrung gemacht, des Capacity Building und je nach regionalem oderdass die eingeschränkten Möglichkeiten oft die Kon- multikulturellem Kontext neu gestellt und beant-zentration auf das, was wirklich wichtig ist, nämlich wortet werden. Das Wissen darüber und ein sensiblereine saubere Konzeption und Umsetzung der Kursin- Umgang mit den kulturellen Besonderheiten der Ziel-halte, forciert. Vielleicht auch, weil sich schlechte In- gruppe ist dabei notwendige Voraussetzung.halte nicht mehr hinter Animationen, Videos oder Si- 6. Technologiegestütztes  Lernen  als  Empowermentmulationen „verstecken“ können. Das Potenzial von technologisch gestütztem Lernen5. Sensibler  Umgang  mit  (inter-­‐)  kulturellen  Vorausset-­‐ und Lehren in der Entwicklungszusammenarbeit liegtzungen vor allem darin, Know-How im Umgang mit den In-Nehmen wir als Beispiel einen Kurs, in dem Teil- formations- und Kommunikationstechnologien auf-nehmer/innen aus Bildungseinrichtungen in Zen- zubauen, also die Fähigkeit, auch in Entwicklungs-tralasien (Usbekistan, Tadschikistan, Kasachstan, Kir- ländern selbstständig weltweit verfügbare Informa-gisistan) erlernen wollen, wie man mit dem Thema tionen und vorhandenes Wissen für sich nutzbar zuHIV/AIDS im Gesundheitswesen umgehen kann machen. Informations- und Kommunikationstechno-und welche Konzepte in diesem Bereich bestehen logien sind für die Entwicklungszusammenarbeit in-und evtl. übernommen werden könnten. sofern vor allem ein Instrument der Steigerung der Die potentiellen Teilnehmer/innen kommen zwar Autonomie oder Selbstbestimmung (engl. „Empo-alle aus einer Region (Zentralasien), sprechen aber werment“). Sie sind ein Werkzeug, um die Bildungs-verschiedene Sprachen (mit Russisch als mögliche ge- chancen der Armen zu erhöhen und um mehr Men-meinsame Sprache, die man in allen Ländern, aller- schen die Teilnahme am gesellschaftlichen und wirt-dings in unterschiedlichem Maße, beherrscht), sie schaftlichen Leben zu ermöglichen. Je schneller diehaben unterschiedliche Religionen in unterschied- Menschen, gerade Frauen und Mädchen, aus mög-lichen Ausprägungen mit unterschiedlichen Einstel- lichst allen sozialen Schichten an die neue Techno-lungen zu Sexualität und der Rolle der Frau in der logie herangeführt werden, umso schneller wird derGesellschaft. Stereotype und historische Empfind- Anschluss an die globale Informations- und Wissens-samkeiten beeinflussen die Wahrnehmung des jeweils gesellschaft gelingen. Und gerade in dieser Hinsichtanderen. Im Kommunikationsverhalten, der Gestik stößt technologiegestütztes Lernen als Instrument fürund Mimik, Ritualen spiegeln sich unterschiedliche Entwicklung und im Einsatz des Capacity BuildingTabus wider, beispielsweise welche Person eine auch an seine Grenzen, nämlich die politisch-wirt-andere zuerst grüßen sollte und wie dies auf keinen schaftlichen Strukturen: Das Angebot darf nichtFall geschehen sollte. Auch unterscheidet sich bei- allein der städtischen Elite, der Schicht der Reichenspielsweise eine Usbekin in ihrem Äußeren deutlich und Mächtigen zu Gute kommen. Damit auch länd-von einer Kirgisin, ein Tschetschene deutlich von liche Regionen und Menschen in Armut davon profi- tieren, bedarf es nationaler, umfassender E-Learning-
  6. 6. 6  —  Lehrbuch  für  Lernen  und  Lehren  mit  Technologien  (L3T) Strategien bzw. einer nationalen E-Policy. Informati- onsfreiheit und Rechtssicherheit müssen gewähr- leistet sein. Mit der „Global Campus 21 E-Academy“, die im Auftrag des deutschen Bundesministeriums für Wirt- schaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung entwi- ckelt wurde, gibt es zudem ein umfassendes Angebot an freien und gebührenpflichtigen Kursen zu fast allen Themen der Entwicklungszusammenarbeit. Nachhaltigkeit spielt dabei eine entscheidende Rolle (siehe Abbildung 2). 7. Förderung  von  E-­‐Learning  als  Empowerment   Abbildung  2:  Überblick  über  das  Kursangebot  bei  der Vor dem Hintergrund, dass Kompetenzen im „GC21  E-­‐Academy“.  Quelle:  http://www.gc21-­‐eacade-­‐ Umgang mit Informationstechnologien und im my.org  [2010-­‐12-­‐12] Lernen mit technologischer Unterstützung die Auto- nomie und Selbstbestimmung unterstützen, gibt es zahlreiche Initiativen der Entwicklungszusammen- arbeit, die sich den Ausbau entsprechender Kompe- tenzen auf die Fahne geschrieben haben. In der Praxis: One Laptop per Child Das   Project   „One   Laptop   per   Child“,   kurz   OLPC,   hat   den Jahren   von   MIT-­‐Professor   Seymour   Papert   angestellt.   In AuIrag,   Bildungschancen   für   die   Ärmsten   der   Welt   zu einem   Forschungsprojekt   brachte   er   Computertechnologie   in schaffen,   indem   sie   jedes   Kind   mit   einem   robusten,   kosten-­‐ ein  afrikanisches  Dorf.  Er  beobachtete,  inwieweit  die  Kinder, günsDgen,   stromsparenden   Laptop   ausstaFet.   Zu   diesem die  vorher  keinen  Kontakt  damit  haFen,  innerhalb  kürzester Zweck  wurden  Hardware,  Inhalte  und  SoIware  für  kollabora-­‐ Zeit   lernten,   den   Computer   anzuwenden   und   sich   so   neues Dves,   spannendes   und   selbstbesDmmtes   Lernen   entwickelt. Wissen  aneigneten.  Bei  weiteren  Überlegungen  kam  am  MIT Mit  dem  Zugang  zu  InformaDonen  und  Technologien  wird  es die  Idee  auf,  ein  100-­‐Dollar-­‐Laptop  speziell  für  Entwicklungs-­‐ gelingen,   Kinder   lernen,   teilen   und   gestalten   zu   lassen.   Sie länder  zu  konzipieren.   werden   miteinander   verbunden,   zur   Schaffung   einer   bes-­‐ Als   sich   abzeichnete,   dass   das   Projekt   den   Rahmen   eines seren  ZukunI.   reinen   Forschungsprojektes   sprengen   würde,   wurde   zu dessen   Umsetzung   in   die   Praxis   die   gemeinnützige   Gesell-­‐ Erste  Überlegungen  bezüglich  eines  Wissenstransfers  in  Ent-­‐ schaI  One  Laptop  per  Child  gegründet. wicklungs-­‐  und  Schwellenländer  wurden  schon  in  den  1970er In der Praxis: „Open Source and more IT for African Business“ „Open   Source   and   more   IT   for   African   Business“   ist   eine Open-­‐Source-­‐SoIware  einzusetzen;  einerseits  direkt  und  an-­‐ Sammlung  von  E-­‐Learning-­‐Kursen  zum  effekDven  Einsatz  von dererseits   indem   sie   andere   Unternehmen   in   der   Nutzung Open-­‐  Source-­‐SoIware  in  kleinen  und  miFelständischen  Un-­‐ dieser  kostenlosen  und  dennoch  legalen  SoIware  schulen.  Es ternehmen.   Alle   Kurse   dieser   Suite   sind   mit   einer   CreaDve-­‐ ist   schon   Erfolg,   das   Verständnis   für   die   Nutzung   „legaler“ Commons-­‐Lizenz   veröffentlich   und   können   damit   auch   für SoIware   entwickelt   wird;   die   Legalisierung   der   SoIwarean-­‐ eigene   Schulungsangebote   eingesetzt   werden.   Es   werden wendung   ist   ein   Erfolg   in   der   Entwicklung   von   ganzen hierdurch   erfolgreich   Unternehmen   in   die   Lage   versetzt, Staaten.
  7. 7. Entwicklungszusammenarbeit.  Technologieeinsatz  beim  Lernen  und  Lehren  —  7 D a s Schaffen von E-Learning-Kapazitäten in entwickelt und sind alle frei zugänglich und nutzbar.Partnerländern, verfolgt einen dreiteiligen Ansatz. Sie verfolgen den Ansatz freier BildungsmaterialienHier geht es (a) um die Fortbildung von Einzelper- (siehe Kapitel #openaccess); Bildungsinstitutionensonen zu E-Learning-Experten, (b) um den Auf- und aus Entwicklungs- und TransformationsländernAusbau von Bildungsinstitutionen zu E-Learning-An- können die Materialien also für ihre eigenen Zweckewendern und -Anbietern, und (c) um die Einleitung oder als Bildungsanbieter in ihrem Land bzw. ihrervon Veränderungsprozessen in Bildungssystemen Region weiter verwenden.mittels neuer Lehr- und Lernmethoden. Die Ein- 8. Fazitführung und Anwendung von E-Learning ist einidealer Ansatzpunkt für weitere Veränderungspro- Technologiegestütztes Lernen und Lehren machtzesse in Bildungssystemen. Durch die Einführung auch vor der Entwicklungszusammenarbeit heutevon E-Learning auf institutioneller Ebene ergeben nicht mehr Halt. Unter der Bedingung angepasstersich früher oder später Auswirkungen auf der politi- Konzepte, der richtigen Nutzung der Technik undschen Ebene, so zum Beispiel zur Akkreditierung mit speziell an die Zielgruppen und ihre Bedürfnisseund Zertifizierung von E-Learning-Institutionen und angepassten Inhalten und didaktischen Methoden ist-Produkten. Damit bewirkt E-Learning mittelbar technologiegestütztes Lernen heute ein wichtiges In-Prozesse, die häufig zum grundlegenden Überdenken strument des Capacity Building und damit der inter-von Bildungssystemen führen. Ein gutes Beispiel nationalen Entwicklungszusammenarbeit. Gleich-hierfür ist Kambodscha, das aktuell eine nationale zeitig können zahlreiche speziell aus den Bedürf-„E-Policy“ erarbeitet, unter anderem auch zum nissen der Entwicklungszusammenarbeit entstandeneEinsatz von technologiegestütztem Lernen im Bil- Konzepte auch in Industrieländern wertvolle Hin-dungssystem. Diese Programme gehen also eine weise und Anregungen für die weitere Nutzung vonStufe weiter: Sie versetzen Institutionen in die Lage, Technologien in verschiedensten Lernszenarien undin Zukunft selbständig E-Learning anzubieten und -situationen geben.den Nutzen daraus nachhaltig zu ziehen. So macht LiteraturEntwicklungszusammenarbeit sich irgendwann selbstüberflüssig, hat also ihr Ziel erreicht. ▸ Afemann, U. (2003). Internet als Entwicklungshelfer? Die Zur Umsetzung des zweiten Ansatzes kommen Dritte Welt und das Internet. In: Franziskaner Mission,zum Beispiel Kurz- und Langzeitprogramme der Dortmund (Hrsg.), Franziskaner Mission, 3.deutschen Entwicklungszusammenarbeit zum ▸ Boas, T.; Dunning, T. & Bussell, J. (2005). Will the digital revo-Einsatz, die durch das deutsche Bundesministerium lution revolutionize development? Drawing together thefür Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Ent- debate. In: Studies in Comparative International Development,wicklung gefördert werden: „eLDI - eLearning Deve- New York: Springer.lopment & Implementation“, „eLiP - eLearning in ▸ Böhm, D. (2010). Lokale Barrieren der globalen Informations-Practice“ und „eAST - eApplication Skills Transfer“. gesellschaft. Zum Stellenwert der Informations- und Kommu-Die Kurse dauern drei Monat bis zu einem Jahr. Sie nikationstechnologien in Entwicklungsländern. Hamburg: Di-bieten Fortbildungen zu allen zentralen Themen in plomica Verlag.technologiegestützter Fernlehre an, beispielsweise zur ▸ Niemann, J. (2007). Wesentlicher Inhalt. In: E+Z EntwicklungCurriculumsentwicklung, zum Management von und Zusammenarbeit, Frankfurt am Main, 48.Online-Gemeinschaften und zur E-Moderation. ▸ Schneider, C., Schön, S. & Wieden-Bischof, D. (2011). MobileDiese Kurse sind als Angebote in der Entwicklungs- Lerngemeinschaften. In: S. Schön, D. Wieden-Bischof, C.zusammenarbeit einzigartig. Seit knapp zehn Jahren Schneider & M. Schumann (Hrsg.), Mobile Gemeinschaften.wurden damit mehr als 1.200 Teilnehmer/innen von Erfolgreiche Beispiele aus den Bereichen Spielen, Lernen undmehr als 100 Institutionen aus Lateinamerika, Süd- Gesundheit. Salzburg: Salzburg Research, 61-80.Ost-Asien, Zentralasien, Sub-Sahara-Afrika und dem ▸ Schönstedt, A. & Sangmeister, H. (2010). Entwicklungszusam-Kaukasus fortgebildet. Diese Länder setzen heute E- menarbeit im 21. Jahrhundert: Ein Überblick. Baden-Baden:Learning als Methode ein und verbreiten eigene Nomos.Lerninhalte auf diesem Wege. Die Inhalte der ge-nannten E-Learning-Programme wurden partner-schaftlich mit Institutionen aus Entwicklungsländern

×