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Der Kosmos der Kreativen

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Auf das ehemalige Kasernengelände zwischen Roß- und Ulmenstraße in Derendorf, den Platz der
Ideen, sind Werbeagenturen und eine Modeakademie gezogen. Mit jedem Tag verändern sie das Viertel darum herum ein bisschen mehr. Besuch an einem Ort, der offen sein soll für alle und an dem die nächsten Poller nur eine Straßenecke entfernt sind. [...]
Quelle: Rheinische Post, 18.06.2011, C6, Serie Düsseldorfer Geschichten

Published in: Design, Business, Spiritual
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Der Kosmos der Kreativen

  1. 1. C6 DÜSSELDORF RHEINISCHE POST SAMSTAG 18. JUNI 2011D-L1 S E R I E D Ü S S E L D O R F E R G E S C H I C H T E N ( 31 ) Der Kosmos der KreativenAuf das ehemaligeKasernengelände zwischenRoß- und Ulmenstraße inDerendorf, den Platz derIdeen, sind Werbeagenturenund eine Modeakademiegezogen. Mit jedem Tagverändern sie das Vierteldarum herum ein bisschenmehr. Besuch an einem Ort,der offen sein soll für alle undan dem die nächsten Pollernur eine Straßenecke entferntsind.VON CHRISTIAN HERRENDORFUND ANDREAS ENDERMANN (FOTOS)Auf dem Platz der Ideen liegen diebeiden am schlechtesten genutztenWege von Düsseldorf. Das gelbePflaster führt einmal von vornenach hinten, einmal von links nachrechts über den Sand, vom Tor zurModeakademie und vom Haus dergroßen Werbefirma zum Haus dervielen kleinen Agenturen. Die Men-schen, die über den Platz gehen, be-achten die gelben Steine nicht, sienehmen irgendeinen Weg über denSand, das Pflaster berühren sie nur,wenn sie es kreuzen. Wer von linksnach rechts oder rechts nach linksüber den Platz läuft, erscheint sel-ten allein. Die Mitarbeiter der Agen-turen kommen immer in Gruppen,immer mindestens zu viert. Wernormal geht, hat Hunger, wer lang- Der Platz der Ideen in Derendorf: Mitarbeiter der Agentur Grey (Hauptgebäude im Hintergrund) laufen zur Kantine – immer mindestens zu viert.sam geht oder steht, raucht. Wernicht zu viert kommt, trägt zwei folgenreichen Besuch nach Deren- sie es entgegen der Pläne stehenlas- Spenden, daneben liegen ein paar Leinwand im Hof auch mit Vuvuze- immer mal wieder Spielplätze auf.Kaffee. dorf. sen und zum Schulungsraum um- Centstücke und zwei Essensgut- las geschmückte Bäume zu sehen. Zwei Schaukeln, zwei Wackelpfer- Vom Tor nach hinten laufen ganz Es ist ein nebliger, hässlicher No- bauen. scheine. Die Nischen auf den Flu- Seit einigen Monaten auch für die de, ein Sandkasten, keine Spur vonüberwiegend ganz junge Frauen. vembertag, als Veigel, der Deutsch- Nach wie vor ist kein Umzugskar- ren und die Besprechungsräume Nachbarn von der Akademie Mode Müll oder Dreck. Am StraßenrandStets in einer zurückhaltenden Far- land-Chef der Grey-Gruppe zur ton gepackt, und dennoch reißen sind mit bunten Sofas gefüllt und und Design. Künftige Modema- stehen zwei Wasserkästen, nach ei-be gekleidet mit einem Ausreißer: Roßstraße fährt. Was er vorfindet, die Strapazen nicht ab. Entlang des gelegentlich auch mal mit einer Kis- cher, Raumgestalter und De- nigen Minuten rollt aus einer derganz offene Stiefel, eine etwas zu passt so gar nicht zu seinen Plänen. Campus führt die „Planstraße B“, te Bier. signmanager studieren dort, in ei- Tiefgaragen ein Auto und hält ne-flächendeckende Sonnenbrille, Er sieht leerstehende, gelb- und rot ein Name, den die Agentur gerne in Niemand weiß, wann die ent- nem Gebäude, das noch radikaler ben den Kästen. Die Fahrerin steigteine sehr blaue Strumpfhose, ein geklinkerte, wilhelminische Kaser- Ideenstraße ändern würde. Die Be- scheidende Idee kommt, sagen die Raum für Inspirationen schafft. Im aus und lädt ihr unangerührtesgroßes Haarknäuel oben auf dem nen. Er sucht einen Ort, an dem die zirksvertretung stimmt dagegen, Werber. Deshalb ist alles so ge- Gebäude sind alle Wände unver- Leergut ein. Ein anderer FahrerKopf. Unter ihnen ist nur ein Mann. überall in Düsseldorf verteilten am Tag vor der Grundsteinlegung schaffen, dass sie zu allen Tages- putzt, die Tische in den Zimmern wirkt weniger ortskundig. Er wen-Er trägt die größte Handtasche von Töchter und Agenturen des welt- stimmt sie für Platz der Ideen. und Nachtzeiten kommen kann, sind weiß, die Wände auch. Alles ist det bereits zum dritten Mal, weil erallen. weit operierenden Werbeunter- „Noch besser“, sagt Uli Veigel, der dass jeder jederzeit in der Agentur leer, alles ist Spielfläche. Auf jeder ebenso oft um eine Ecke gefahren Die beiden Worte, die am häu- nehmens Grey zusammenkommen weiß, dass er sich richtig entschie- sein kann. Einmal pro Woche Etage hängt eine kleine Ausstel- ist, hinter der Poller demonstrieren,figsten auf dem Platz der Ideen zu können. Trotz Herbst und Klinker den hat, als er kurz nach dem Ein- kommt ein Masseur, alle 14 Tage lung, sechs, acht, zwölf Fotos, meist was die Anwohner von Durch-hören sind, heißen Produkt und weiß Veigel nach dem ersten Be- zug überraschenden Besuch erhält. eine Friseurmeisterin. Fußball- schwarz-weiß. Am Schwarzen Brett gangsverkehr halten.Zielgruppe. such, dass er die 17 Mietverträge „Da draußen sind 20 Leute“, sagt Fans können gemeinsam zu Fortu- hängen Kurslisten, Nachschreibe- Hinter den Ex-Kasernen wachsen Vor 118 Jahren belegten noch kündigen kann und nicht in den seine Kommunikationschefin. Die na gehen – mit den Dauerkarten der termine, Anmeldelisten. Mitten weitere Häuser. Die einen sind qua-„Achtung“ und „Jawohl“ diese Spit- Medienhafen ziehen wird. Er ahnt Derendorfer Jonges begrüßen ihre Firma. Für Eltern, deren Kinderbe- drauf pinnt ein Foto, auf dem fei- dratisch und scheinen vorwiegendzenplätze. Die Soldaten des Kaisers aber noch nicht, was auf die Agen- neuen Nachbarn, legen jedem Mit- treuung ausgefallen ist, gibt es ei- ernde Studenten zu sehen sind. Im aus Ecken und Garagen zu beste-waren Ende des 19. Jahrhunderts in tur in Derendorf alles zukommt. arbeiter eine Rose und einen Trau- nen Raum, in dem sie arbeiten und Hof arbeitet eine Gruppe junger hen, die anderen sind unten ausder Nähe der Königsallee statio- benzucker auf dem Tisch. auf ihr Kind aufpassen, ausgestattet Frauen. Eine Studentin fotografiert Backstein gemauert und erinnernniert, besaßen dort aber nicht ge- Aus der Planstraße B wird Bei ihrem Rundgang sehen die mit Wiege, Spielsachen und Com- eine andere, die, die drum herum in den oberen Etagen an Ferien-nügend Platz zum Üben. Deshalb schließlich der Platz der Ideen Jonges Arbeitsplätze, die sie so puter. An die Wand des Raums sind stehen, geben Tipps. „Zehn Minu- wohnanlagen auf spanischen In-baute das Militär im Norden der nicht kannten. In vielen Räumen ist Figuren gemalt, die aussehen wie ten noch, dann haben wir den Rest seln.Stadt Kasernen, in die 1893 Infante- In jeder Etage stellen die Bauar- eine der Wände mit Tafellack gestri- die Teletubbies. Auf ihren Anzügen der Zeit für uns“, sagt eine. Vor den Ex-Kasernen, auf der an-rie-, Kavallerie- und Artillerie-Regi- beiter große Wasserbehälter auf, chen, auf den die Kreativen ihre steht „Grey“. deren Straßenseite steht ein grauesmenter einzogen. Die zackigen gucken, wo in der Etage darunter Ideen mit Kreide schreiben. Einige Der Platz der Ideen selbst ist vor Keine Spur von Müll oder Dreck auf Haus aus der Nachkriegszeit, andeutschen Kommandos schallten sich die Decke biegt und ziehen der Konferenztische besitzen keine allem den Weg zur Kantine, „Pause“ dem Spielplatz dem oben eine etagenhohe Fahnebis zum Ende des Ersten Weltkriegs dort neue Träger ein. Es werden vie- Platten. Auf dem Metallgestell lie- genannt, und gelegentliche Spiel- mit dem blau-weißen Schriftzugüber die Höfe, nach einigen Jahren le Träger. Das zweite Haupthaus ist gen stattdessen hohe und großflä- wiese: Eine Gruppe aus dem einen Der Kosmos der Kreativen reicht „Auf Schalke“ hängt. Unten in dender Ruhe übernahmen die französi- nicht mehr zu retten, dort muss chige Papierblöcke. Jeder, der an ei- Haus hat einer aus dem anderen inzwischen über den Platz der Ide- Erdgeschossen dieser Straßenseiteschen Truppen das Gelände. Den Grey neu bauen lassen. Vom ersten ner Konferenz teilnimmt, kann sei- Haus die St.Pauli-Totenkopffahne en hinaus. Die anderen alten Kaser- gibt es inzwischen einen französi-größten Teil ihrer Geschichte, mehr Haupthaus wird das Dach abgetra- ne Gedanken sofort auf den Tisch geklaut und saftige Forderungen nen haben jetzt Balkone, auf denen schen Weinhandel, zwei Cafés, dieals 70 Jahre, beherbergten die Ka- gen, an seine Stelle kommt ein glä- notieren, nachher abreißen und gestellt. Für 15 Uhr ist die Übergabe ein unausgeschriebener Wettbe- auch selbst gemachte Marmeladesernen die Polizei. Anfang des sernes Obergeschoss. Auch auf der mitnehmen. In einem Büro ist das Fahne gegen Bier und mehr ge- werb des anspruchsvollen Gärt- und italienische Feinkost verkau-21. Jahrhunderts erhielten die Ge- Rückseite entsteht ein neuer Ge- ganze Fenster mit DinA4-Blättern plant. Das jüngste Grillfest hat in ei- nerns zu laufen scheint: Palmen, fen, ein Hutgeschäft und ein „Cen-bäude Denkmalschutz, da waren bäudeteil, Agentur und Architekten beklebt, in einem anderen mit Sil- nem Boxring und an Stapeln von Olivenbäume, Kugelsträucher, trum Schöne Zähne“. Die Kneipesie aber auch schon so marode, nennen ihn Rucksack. Das Latri- berfolie bezogen. Vor dem Zimmer Europlatten stattgefunden, beim Wildkräuter – all das wächst wohl- an der Ecke hat ein Schild über derdass die Polizei auszog. Kurz darauf nengebäude gefällt den neuen des Finanzchefs stehen ein Teller gemeinsamen Fußballgucken un- geordnet neben Teakholzmöbeln. Tür. „Lounge-Restaurant“ steht da-kam Uli Veigel zu seinem ersten, Hausherren dagegen so gut, dass und ein Pappschild mit der Bitte um ter freiem Himmel gab es neben der Zwischen den Häusern tauchen rauf. I N FO Der Anfang in Zahlen Die Grey-Gruppe hat zu ihrem Um- zug an den Platz der Ideen folgen- de Statistik erstellt: 7000 Klinkersteine ausge- tauscht 8000 Kubikmeter Beton einge- setzt 1000 Tonnen Betonstahl benö- tigt 1100 Betonfertigteile verbaut 20 Monate Bauzeit erlebt 75 Bau-Besprechungen absol- viert 10 000 Umzugkartons ein- und ausgepackt 140 Lkw-Ladungen (entspricht 280 Tonnen) 2900 Arbeitsstunden des Um- zugsunternehmensIn der Werbeagentur steht ein Konferenztisch in der Mitte eines Studentinnen der Akademie Mode und Design an den Nähmaschi- Die ehemaligen Kasernen an der Tannenstraße haben nun Balkone, 100 Container Müll entsorgtBoxrings. nen. auf denen besondere Pflanzen wachsen.

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