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Sa 27. 3. | So 28. 3. 2010                                                           Antoine Brumel                              Clemens Goldberg

Radialsystem V                                                                       französischer Sänger, Komponist und         wurde 1959 in Freiburg im Breisgau
Sa 27. März 22.00 Uhr                                                                Kleriker der Renaissance, wurde um          geboren, studierte an der Musikhoch­
So 28. März 11.30 Uhr                                                                1460 geboren und starb nach 1513.           schule Freiburg bei Christoph Henkel
                                                                                     Über seine frühen Lebensjahre ist           Violoncello und in Freiburg, Basel,
SLOW LISTENING                                                                       ebenso wenig bekannt wie über seine         Paris und Heidelberg Musikwissen­
                                                                                     letzten. 1483 wurde er erstmals als         schaft. Er promovierte in Heidelberg
                                                                                     Offiziumsänger an der Kathedrale von        bei Ludwig Finscher, danach wurde er
                                                                                     Chartres erwähnt. Nach Chartres hatte       zum Gastprofessor an der State
Antoine Brumel | Clemens Goldberg                                                    Brumel verschiedene Anstellungen als        University of New York at Stony Brook
Et Ecce Terrae Motus – Es bebte die Erde                                             Sänger, Chormeister oder Kapell­            mit einem Stipendium der Alexander
Utopische Musik im Angesicht des Untergangs (2010) UA 85’                            meister u.a. in Genf, am Hof der            von Humboldt­Stiftung berufen. 1987
                                                                                     Regentin von Savoyen in Chambéry, in        bis 1989 lebte Goldberg mit einem
Eine Raum­Klang­Aufführung von Teilen der Messe von                                  Laon, in Paris (Notre­Dame) und am          Forschungsstipendium der Deutschen
Antoine Brumel (um 1500) nach dem Verfahren des „Slow Listening“                     Hof von Ferrara. 1503 veröffentlichte       Forschungsgemeinschaft in Paris. Dort
                                                                                     Petrucci einen Band Messen von              konzertierte er als Kammermusiker und
Ensemble Musica Universalis                                                          Brumel, eine hohe Ehre, die die inter­      machte Radioaufnahmen für France
Susan Eitrich / Poline Renau / Helen Thompson / Bernd Fröhlich /                     nationale Bekanntheit Brumels belegt.       Musique. 1989 zog Goldberg nach
Olivier Coiffet / Sebastian Mory / Pierre Funck / Grantely McDonald /                Dem Herzog von Ferrara Alfonso I            Berlin, wo er seitdem als Autor und
Xavier Olagne / Peter de Laurentiis / Christophe Sam / Marc Busnel                   d’Este diente er ab 1505 als Kapell­        Moderator für Radio und Fernsehen
                                                                                     meister (in der Nachfolge des verstor­      tätig ist. Seit 18 Jahren moderiert er
Marc Busnel, Leitung                                                                 benen Jacob Obrecht) bis zur Auf­           seine eigene Sendung „Goldberg­
                                                                                     lösung der Kapelle 1510. Danach ging        Variationen“ bei rbb Kulturradio.
                                                                                     er nach Mantua, wo er schwer                Daneben wurde er zum Gastprofessor
                                                                                     erkrankte. Dann verlieren sich seine        an der UdK Berlin berufen. Goldberg
                                                                                     Spuren. Im Jahr 1513 habe Brumel            moderiert mehrere Konzertreihen. Sein
                                                                                     noch, so ist überliefert, an der            cellistisches Spektrum erweiterte er
                                                                                     Krönung Leos X teilgenommen, doch           mit Barockcellostudien bei Phoebe
Eine Produktion der Goldberg Stiftung in Zusammenarbeit mit MaerzMusik |             gibt es dafür keinen sicheren Nach­         Carrai und tritt mit modernem und
Berliner Festspiele und Radialsystem V, gefördert durch Haupstadtkulturfonds         weis. Eine außergewöhnlich hohe Zahl        Barockcello auf. 2003 rief er die
Mitschnitt Kulturradio vom rbb, Sendetermin offen                                    von Trauermotetten erschien nach sei­       Goldberg Stiftung ins Leben, die eine
                                                                                     nem Tod. Er wurde mehrfach von              Internet­Akademie für interdisziplinäre
                                                                                     Theoretikern als Vorbild zitiert.           Geisteswissenschaft unterhält und
                                                                                     Zu seinen Werken gehören Messen,            neuartige Formen der musikalischen
                                                                                     Motetten und weltliche Lieder.              Aufführung fördert.




BRUMEL / GOLDBERG | ET ECCE TERRAE MOTUS                                       326   327                           MaerzMusik 19. 20. 21. 22. 23. 24. 25. 26.   27. 28. 3. 2010
Et Ecce Terrae Motus –                     Daneben sind aber immer noch hoch­        ihre Grundgesetze aus den                   als der Stein weggerollt wird und das
Es bebte die Erde                          gotische Räume mit ihrer völligen         Schwingungen der Natur abgeleitet           leere Grab erscheint. Die Messe spielt
                                           Auflösung der Wände wirksam. Auch         hatten?                                     sich also zwischen Tod und einer zu
Um das Jahr 1500 erreichten die neuen      der christliche Glaube wird in seinen     Die Missa Et Ecce Terrae Motus zu           glaubenden Auferstehung ab, zwei
Darstellungs­ und Wahrnehmungs­            zentralen Aussagen nicht mehr unhin­      zwölf Stimmen ist sicher das faszinie­      erdbebengleiche Erschütterungen.
formen der Renaissance in der bilden­      terfragt übernommen, sondern drückt       rendste Werk Antoine Brumels.               Die 12 Stimmen sind völlig selbständig
den Kunst, der Architektur und der         sich in zeitlichen Symbolverfahren        Vermutlich entstand es um das Jahr          geführt, aber in 4 Chöre geteilt, die
Musik einen ersten Endpunkt. Den           auch jenseits der Messe aus. Dies gilt    1500. Es hat keinerlei Vorbild in sei­      ganz untypisch in 3 Soprane, 3 hohen
Zentralbauten entspricht in einigen        vor allem für das Heilsversprechen der    nem Aufbau und seiner Klangwirkung.         Tenören, 3 normalen Tenören und 3
                                           Auferstehung. Hat der sich selbst ent­    Es handelt sich im historischen Umfeld      Bässen gruppiert sind. Untereinander
                                           deckende Einzelne noch Anteil an die­     um ein absolut einmaliges Experiment.       bewegen sie sich in fast gleichem
                                           sem Heil? Die hochkomplexe 12­stim­       Überliefert ist die Quelle der Messe        Umfang, aber alle Stimmen können
                                           mige Messe Et Ecce Terrae Motus           nur in München, wo sie von Orlando di       sich kreuzen (Kreuzsymbol). Die
                                           bringt die individuellen Stimmen in       Lasso eigenhändig kopiert und nach­         Umfänge sind außergewöhnlich weit
                                           einen faszinierenden Symbolraum ein.      weislich ca. 50 Jahre nach Brumels Tod      und zum Teil nur durch Falsettierung
                                           Die Messe ist der Versuch einer           aufgeführt wurde. Dies ist umso             zu bewältigen. Die Wirkung ist einer­
                                           Antwort in Zeiten der Krise des           bemerkenswerter, als kaum historische       seits eine große Freiheit der Bewe­
                                           Weltbildes. Ihre Kraft wirkt auch         Werke zu dieser Zeit wieder aufgeführt      gung, eine unnatürliche Aufhebung
                                           heute, wo wir uns in einer ähnlich fun­   wurden. Lasso muss also dieses Werk         der Grenzen, andererseits auch eine
                                           damentalen Krise des Weltbildes und       besonders faszinierend gefunden             Unvorhersehbarkeit der Richtung, aus
                                           der Wahrnehmungsformen befinden.          haben.                                      der die Stimmen kommen. Dies hat
                                           Sie ist damit unseren heutigen Frage­     Der Messe liegt der Anfang der              ebenfalls symbolische Bedeutung: Die
                                           stellungen sehr nah.                      Osterantiphon Et ecce terrae motus          Heiligen haben nur geschlafen und
                                           Was wird von der Menschheit in Zeiten     (und also bebte die Erde) zugrunde,         stehen nun zu Jesu Todesstunde wie­
                                           der Bedrohung durch die Ausbeutung        von der aus symbolischen Gründen nur        der auf. Die harmonischen Räume sind
                                           unserer eigenen Ressourcen, der           die ersten sieben Töne verwendet wer­       dabei äußerst statisch, nach einfachen
                                           Bedrohung durch technisch­industriel­     den. Zwei Erdbeben werden mit dieser        Dreiklängen gebaut, auch dies für die
                                           le Gefahren, durch Naturkatastrophen,     Antiphon evoziert, eines indirekt, das      Zeit um 1500 ganz ungewöhnlich. Der
                                           „überleben“? Werden wir eine              andere direkt. Indirekt denken wir an       Effekt ist zumTeil vergleichbar mit zeit­
Clemens Goldberg                           Auferstehung aus der Krise erleben?       das Erdbeben bei Jesu Tod, als der          genössischer Musik (minimal music),
                                           Was bliebe von unserer Geschichte         Vorhang im Tempel zerriss und die           da viele Formeln immer wieder an
monumentalen Kompositionen eine            und Kultur, sollte die ganze Gattung      Leiber der Heiligen auferstanden.           anderer Stelle in Raum und Zeit auftre­
völlig neue, selbständige Führung vie­     Mensch vernichtet werden? Wenn            Direkt ist der Text der Szene am            ten.
ler Stimmen, die sich scheinbar im         Bilder und Bauten zerstört sind, wer­     Ostermorgen entnommen, wo nach              Die teilweise irrationale Wirkung der
Kreis bewegen und ihren Fokus in           den es wenigstens die einmal kompo­       Matthäus ein Engel die drei Frauen          Musik erzeugt ein Flammen wie die
einer gregorianischen Melodie haben.       nierten, immateriellen Klänge sein, die   erwartet und ein Erdbeben entsteht,         Fenster des Stils der Hochgotik




BRUMEL / GOLDBERG | ET ECCE TERRAE MOTUS                                      328    329                           MaerzMusik 19. 20. 21. 22. 23. 24. 25. 26.   27. 28. 3. 2010
(Gothique Flamboyant). Diesem               Teilen des Kyrie setzen sich die          zwei Bildprojektionswände, auf die            Die dritte Station ist ein historisches
scheinbar irrationalen Flackern steht       Stimmen erst nach und nach zusam­         das Publikum schaut. Sie bilden eine          Ereignis von größter Tragweite für die
das rationale Verfahren der Kontra­         men, es werden auch immer neue            Art Hochaltar. Die Sänger nehmen              philosophische Diskussion über den
punkttechnik Kanon entgegen: Oft lau­       Hörperspektiven und Ausschnitte           variable Positionen im Raum ein. Zur          Sinn des Lebens. 1755 zerstörte ein
fen zwei bis drei Stimmen mit dem           gebildet. Drei Mal wird so die            Zwölfstimmigkeit treffen sie sich in der      Erdbeben und ein folgender Tsunami
gregorianischen Ausschnitt im Kanon.        Zwölfstimmigkeit erreicht. Das Qui tol-   Mitte des Raumes im Kreuzungspunkt.           die Stadt Lissabon fast vollständig,
Fast kabbalistisch ist der Kanon im         lis aus dem Gloria (Jesus trägt die       Die Stimmkombinationen kommen                 dazu fast alle Kulturgüter. Texte von
Agnus Dei 1 eingesetzt, das vor der         Sünden der Menschheit) bildet eine        ansonsten unvorhersehbar aus immer            Goethe und Voltaire zeigen, wie tief
Wandlung gesungen wird. Die sieben          Brücke zum Credo. Nach der Idee der       anderen Richtungen.                           der Glaube an eine sinnvolle Existenz
Töne der Antiphon (im Folgenden:            Kreuzsymbolik steht in der Mitte der      Ein wichtiger Teil der Aufführung sind        des Menschen erschüttert wurde.
Cantus firmus) wandern durch mehrere        Messe das Credo mit der zentralen         Texte, die uns von den Katastrophen           Biblische Texte bilden einen wichtigen
Tonstufen, bis sie am Schluss auf der       Aussage über Tod und Auferstehung         der Gegenwart bis zurück ins Jahr             Teil der Aufführung. Neben der bibli­
originalen Höhe angekommen sind             Jesu. Dieser Abschnitt wird nur einmal    1500 führen. Sie bilden einen                 schen Geschichte von Tod und
(Auferstehung). Der Messe sind also         in der komponierten 12­stimmigen          Stationenweg, in dem sich die Musik           Auferstehung Jesu begleiten Texte der
Kreuz und Auferstehung als Symbole          Form gesungen. Von dort ausgehend         spiegelt und bricht.                          Apokalypse des Johannes den Zerfall
einkomponiert, der Gläubige wird die­       kehrt sich das Verfahren um, die          Die erste Station ist der Einsturz des        der Agnus Dei­Sätze der Messe. An
ser Auferstehung durch die Heilige          Agnus Dei­Sätze werden jeweils zuerst     Kölner Stadtarchivs. Beim Bau der             ihrem Schluss erscheint das himmli­
Kommunion und die Musik teilhaftig.         komplett gesungen und lösen sich          U­Bahn wurden große Teile der                 sche Jerusalem.
Neben dem Cantus firmus gibt es zahl­       dann bis zum Cantus firmus auf. Vom       geschichtlichen Objekte des Archivs           Auf den beiden Hochaltären werden
reiche virtuos geführte Kanons, die         dritten Agnus Dei wird überhaupt nur      zerstört. Obwohl viele von ihnen in           als drittes Element Bilder projiziert,
aber scheinbar irrational entstehen         der Friedenswunsch gesungen. Den          kopierter Form erhalten sind, braucht         die mit den Texten korrespondieren.
und vergehen und wesentlich zum             Abschluss bildet der gesamte Cantus       unsere Erinnerungskultur den Fetisch          Diese Bilder sind jeweils in zwölf
Verlust der vertikalen Orientierung         firmus, der in der Messe nie Verwen­      des Objekts. Lebt die Erinnerung auch         Felder unterteilt, die das Bild teilen.
beitragen. Alle Stimmen sind so kon­        dung gefunden hat und den Engel evo­      ohne diese materiellen Zeugnisse wei­         Dem Bildfeld ist ein Kreuz eingearbei­
struiert, dass sie prinzipiell komplett     ziert, der zum leeren Grab Jesu herab­    ter?                                          tet, die Felder verteilen sich in 2x2
vertauschbar sind und damit Oben und        steigt.                                   Die zweite Station beleuchtet die             und 2x4 Felder um das Kreuz. Feine
Unten nicht mehr spürbar sind.              Dem musikalischen Verfahren ent­          Allmachthybris des Menschen im                Ränder suggerieren mittelalterliche
Die besondere Komposition der Messe         spricht eine räumliche Regie der          Reaktorunfall von Chernobyl. Die              Fenster. Wenn die Musik einstimmig
nach Raum­ und Zeitparametern, aber         Stimmen. Das Publikum wird in             gegenwärtige Diskussion um einen              ist, sind dem die Bildfelder frei kombi­
auch ihr Symbolgehalt werden in die­        Kreuzform gesetzt, d.h. es gibt einen     erneuten Ausbau der Kernenergie               niert zugeordnet. In aufsteigender
ser Aufführungsart erfahrbar gemacht        vertikalen und einen horizontalen         zeigt, dass diese Lektion nicht gelernt       Komplexität der Musik vereinfacht sich
und intensiviert. Zur Aufführung kom­       Gang, die Zuschauer sitzen mit dem        wurde. Nach dem Unfall kann zwar              das Bild, bei voller Zwölfstimmigkeit
men lediglich das Kyrie, ein Ausschnitt     Rücken zum mittleren horizontalen         kein Mensch mehr im weiten Umkreis            erscheint das Bild in einfacher Form.
des Gloria, das Credo und Agnus Dei         Gang. Die so entstehenden vier            leben, die Natur gedeiht aber präch­          Auch hier entsteht also eine Kreuzung
der Messe, all jene Teile, die mit Bitten   Publikumsfelder entsprechen den vier      tig. Ist der Mensch ein Betriebsunfall        zwischen Vervielfältigung und Verein­
und Glauben zu tun haben. In den drei       Gruppen der zwölf Stimmen. Es gibt        der Natur?                                    fachung. Fünf Variationen führen in




BRUMEL / GOLDBERG | ET ECCE TERRAE MOTUS                                       330    331                             MaerzMusik 19. 20. 21. 22. 23. 24. 25. 26.   27. 28. 3. 2010
den Kyrie­Sätzen zum kompletten Bild       ist zum Teil so sinnentleert wie die frü­   Halt, lass sehen, ob Elia komme und              Grab mit Hütern und versiegelten den
als sechste Variation (6 als Hälfte von    here lateinische Messe. So wird der         ihm helfe. Aber Jesus schrie abermals            Stein.
12). Während des Credos wird ein           Hörer von der Gegenwart in die histo­       laut und verschied. Und siehe da, der                                 Evangelium nach Matthäus,
historisches Bild projiziert, eine         rische Kreuzessituation geführt. Er         Vorhang im Tempel zerriss in zwei                       Übersetzung nach Luther, Kap. 27, 62–66
Kreuzigung von Matthias Grünewald          kann sich aber nicht im Schein der          Stücke von obenan bis unten. Und die
(genau zeitgenössisch mit der Messe).      Perfektion der Zwölfstimmigkeit und         Erde erbebte, und die Felsen zerrissen,          In den Sekunden, als das Stadtarchiv
Jesus erscheint nicht als Gott, sondern    der Gesamtheit der Messe der eigenen        die Gräber taten sich auf, und standen           in der Kölner Severinstraße einstürzt,
nur als verlassene, gemarterte Kreatur.    Frage nach Leben und Tod entziehen.         auf viele Leiber der Heiligen, die da            sitzt Kemal Caner am Schreibtisch im
Dieses Bild erscheint, wie die Musik,      Diese elementare Frage wird von jeder       schliefen, und gingen aus den Gräbern            Bürogebäude auf der anderen
sofort unfragmentiert. Während des         großen Kunst gestellt und allzu häufig      nach seiner Auferstehung und kamen               Straßenseite. Zuerst fängt sein Tisch
sich dekomponierenden Agnus Dei            durch die Rezeption zugedeckt. Diese        in die heilige Stadt und erschienen vie­         an zu wackeln, dann vibriert der
wird Grünewalds Kreuzigung von den         Aufführung ist eine Herausforderung.        len. Aber der Hauptmann und die bei              Computer. Schließlich das ganze Haus.
drei vorangegangenen Bildern durch­        Sie wird dann gelungen sein, wenn           ihm waren und bewahrten Jesus, da                Er denkt, es brettert ein Schwer­
setzt, und zwar im Rhythmus 3, 2, 1.       mancher Besucher eine bohrende              sie sahen das Erdbeben und was da                transporter vor der Tür vorbei.
Am Schluss sind alle vier Bilder gleich­   Frage und die Erkenntnis mitnimmt,          geschah, erschraken siesehr und spra­            Plötzlich hört er Schreie aus dem
zeitig sichtbar. Das Schlussbild steht     dass ihre Beantwortung nicht möglich,       chen: Wahrlich dieser ist Gottes Sohn            Stadtarchiv. Und die Schreie werden
so sinnbildlich für die Erinnerungs­       vielleicht nicht einmal erstrebenswert      gewesen.                                         immer lauter.
prozesse der Kultur und der Auf­           ist.                                                         Evangelium nach Matthäus,                                       Die Zeit, 9. 3. 2009
führung selbst.                                                Clemens Goldberg              Übersetzung nach Luther, Kap. 27,45­54


Es erscheint zunächst rätselhaft,          Et Ecce Terrae Motus                        Des andern Tages, der da folgt nach              Schatz im Schutt
warum Antoine Brumel nur die sieben        Texte der Aufführung                        dem Rüsttage, kamen die Hohen­
Töne der Antiphon benutzt, die vom                                                     priester und Pharisäer sämtlich zu               Die Handschriften von Albertus
Erdbeben künden. Der Engel am Grab         Und von der sechsten Stunde an ward         Pilatus und sprachen: Herr, wir haben            Magnus und von Karl Marx.
bleibt in der Messe ausgespart. Der        eine Finsternis über das ganze Land         gedacht, dass dieser Verführer sprach,           Die seit 1376 vollständig erhaltenen
Mensch wird auf seinen Glauben             bis zu der neunten Stunde. Und um die       da er noch lebte: Ich will nach drei             Ratsprotokolle. Päpstliche Erlasse, kai­
zurückgeworfen, er bleibt mit ihm          neunte Stunde schrie Jesus laut und         Tagen auferstehen. Darum befiehl,                serliche Siegel, Briefe von Hegel.
allein, es gibt keine sichere Jenseitig­   sprach: Eli, Eli, lama asabthani? das       dass man das Grab verwahre bis an                Zunftakten, Rechnungsbücher, Handels­
keit mehr. Und doch gibt es eine           heisst: Mein Gott, mein Gott, warum         den dritten Tag, auf dass nicht seine            urkunden. Die Handschriften des
Hoffnung zwischen dem nur implizier­       hast du mich verlassen? Etliche aber,       Jünger kommen und stehlen ihn und                Klosters St. Barbara, überhaupt die
ten Erdbeben des Todes und jenem des       die da standen, da sie das hörten,          sagen dem Volk: Er ist auferstanden              Sammlungen der bedeutenden Klöster
leeren Grabes. Die Aufführung stellt       sprachen sie: Der ruft den Elia. Und        von den Toten, und werde der letzte              und Stifte rund um Köln.
bewusst alle Parameter unseres heuti­      alsbald lief einer unter ihnen, nahm        Betrug ärger denn der erste. Pilatus             Adenauers Schriften. Heinrich Bölls
gen Kulturkonsums in Frage, beson­         einen Schwamm und füllte ihn mit            sprach zu ihnen: Da habt ihr die Hüter;          Hinterlassenschaft in 380 Kartons, mit
ders deren Wahllosigkeit und Genuss­       Essig und steckte ihn an ein Rohr und       gehet hin und verwahret, wie ihr wis­            Abiturzeugnis, Werkmanuskripten und
Sucht. Die „Liturgie“ unserer Konzerte     tränkte ihn. Die andern aber sprachen:      set. Sie gingen hin und verwahrten das           Briefen von Paul Celan. Das weltgrößte




BRUMEL / GOLDBERG | ET ECCE TERRAE MOTUS                                        332    333                                MaerzMusik 19. 20. 21. 22. 23. 24. 25. 26.   27. 28. 3. 2010
Jacques­Offenbach­Archiv samt                      Wie erstaunlich
Geburtsurkunde und Partituren.                     in meinem dreißigsten Jahr
                                                   nicht zu leben
„Wir hatten sehr viele Unikate, von                stattdessen zu stolpern
denen es keine Abschriften oder                    all die vergangenen Jahre
Sicherheitsverfilmungen gibt und die               glücklich und tödlich zugleich
teilweise noch nie publiziert wurden.“             schwere, nasse Klötze,
Bei 30 Regalkilometern habe man mit                zugeschaufelt die Seele
der Digitalisierung erst am Anfang                 wie ein Grab.
gestanden. Einige Mikrofilme aus Köln
zählen zwar zu den 2000 Tonnen siche­              Die Seele singt nicht
rungsverfilmten Archivguts im                      wird vielmehr stumm,
Oberrieder Stollen im Schwarzwald.                 kränkelt mehr
Aber Kopien ersetzen kein Original.                als dass sie schmerzt...
„Archivgut gibt es oft nur ein einziges            so fällt Atmen schwerer.
Mal. Das Haptische einer Urkunde ist               Ich darf nicht fliegen!
unwiederbringlich dahin, wenn das                  Obwohl die flache Kante des
Unikat zerstört ist. Es ist, wie wenn              Himmels über meine Verandatür reicht.
wir von der Mona Lisa nur noch eine
Reproduktion hätten.“                              Schon haben mich die Wege ermüdet,
                                                   mich so stark gefesselt –
65.000 Urkunden, die älteste von 922.              dass ich mich nicht mehr
8400 Personenstandsbücher seit der                           aufschwingen kann?
Französischen Revolution. 104.000
Karten und Pläne. 50.000 Plakate.                  Wir kamen ans Meer –
Über 600 Nachlässe.                                zum ewigen Heilsbrunnen ...
                                                   Und – wir waren sprachlos.
„Dort lagerte wirklich das Gedächtnis              Das Meer eine riesige Müllgrube.
der Stadt, Wirtschaftsgeschichte, poli­            Was geschah?
tische Geschichte, Sozialgeschichte,               Haben wir versagt?
Geistesgeschichte über eine                        Starb der Tag?
Zeitspanne von mehr als tausend                    Oder ist dies das Ende der Welt?
Jahren.“ „Wir können nicht mit                          Liubov Sirota, Überlebende von Chernobyl,
Schaufelbaggern arbeiten, sondern                                            heute schwer erkrankt.
müssen händisch vorgehen ...“                                         Übersetzung Stefanie Kemper
                           Die Zeit, 9. 3. 2009


Helfer suchen am 23. März 2009 in Köln in den Trümmern des Historischen Satdtarchives nach
Archivgütern. Foto picture­alliance/dpa


335                                  MaerzMusik 19. 20. 21. 22. 23. 24. 25. 26.   27. 28. 3. 2010
Noch lange werden die Opfer von               „Durch ein außerordentliches Welt­           Oh unglückselge Toten! Oh klagenswerte Erde!
Tschernobyl in fürchterlichen Agonien         ereignis wurde jedoch die Gemütsruhe         Oh aller Sterblichen erschreckliche Versammlung!
liegen, da wird sich die eifrige              des Knaben zum erstenmal im Tiefsten         Unnützer Schmerzen ew‘ge Nahrung!
Didaktik wieder melden und sagen:             erschüttert. Am ersten November 1755         Getäuschte Philosophen die Ihr schreit: „Alles ist Gut“;
Auch Tschernobyl war nicht schlimm            ereignete sich das Erdbeben von              Eilt nun herbei, betrachtet jene furchtbaren Ruinen
genug, weil ja die Internationale der         Lissabon, und verbreitete über die in        Die Trümmer, Fetzen, die unglückselge Asche
Weitermacher entschlossener denn je           Frieden und Ruhe schon eingewohnte           Die Frauen und die Kinder, die einen auf den anderen liegend,
zusammenhält. Die unerbittliche               Welt einen ungeheuren Schrecken.             Unter zerbroch‘nem Marmor, die Glieder weit verstreut:
Konsequenz hieraus kann nur sein, daß         Eine große prächtige Residenz,               Hunderttausend Tote, ganz von der Erd verschlungen.
noch mehr passieren muß ­ bis wohin?          zugleich Handels­ und Hafenstadt,
                     Peter Sloterdijk, 1989   wird ungewarnt von dem furchtbarsten         blutend, zerrissen, auch röchelnd noch
                                              Unglück betroffen. Die Erde bebt und         Unter dem eig'nen Dach begraben, so enden ohne Hilfe sie,
Daß man zeigt, wie sehr die Mensch­           schwankt, das Meer braust auf, die           Im Schrecken ihrer Qualen ihr tränenreiches Leben.
heit gegen die Katastrophen kämpft,           Schiffe schlagen zusammen, die               Beim Hören ganz verzerrter letzter Schreie,
indem sie ihnen vorbeugt und ihre             Häuser stürzen ein, Kirchen und Türme        Beim schreckensreichen Anblick ihrer schwelenden Gebeine
Folgen zu mindern sucht, ändert nichts        darüber her, der königliche Palast zum       Könnt ihr da sagen: so wirken ewige Gesetze
an der Tatsache, daß sie sie zu einem         Teil wird vom Meere verschlungen, die        Notwendige Wahl des freien, guten Gottes?
großen Teil selbst herbeiführt. Das ist       geborstene Erde scheint Flammen zu
der „Teufelskreis“, den der Name              speien: denn überall meldet sich Rauch       „Alles ist gut“, sagt ihr, „alles ist notwendig“
„Tschernobyl“ in höchster Ausprägung          und Brand in den Ruinen.                     Wie? Das ganze Universum, ohne jenen Höllenschlund,
symbolisiert.                                 Sechzigtausend Menschen, einen               Ohne Lissabon zu verschlingen, könnt' es denn schlimmer sein?
                        Henri­Pierre Jeudy    Augenblick zuvor noch ruhig und              Seid ihr versichert, dass der Ewige Beweger
               Im Spiegel der Katastrophen    behaglich, gehen mit einander zugrun­        Der alles macht und alles weiß, der alles für sich selber schuf,
                                              de, und der glücklichste darunter ist        Uns nicht in diese triste Welt hätt‘ stürzen können
                                              der zu nennen, dem keine Empfindung,         ohne nicht auch noch unter unsren Schritten Vulkane zu entzünden?
                                              keine Besinnung über das Unglück             Wollt ihr also die höchste Macht begrenzen?
                                              mehr gestattet ist. Und so behauptet         Würdet ihr untersagen, dass sie auch Milde übte?
                                              von allen Seiten die Natur ihre schran­      Der ewige Baumeister – hat er nicht in den Händen
                                              kenlose Willkür.                             Unendliche Mittel, seinem Willen zu gehorchen?
                                                                 Johann Wolfgang Goethe    Nein, präsentiert meinem aufgewühlten Herzen nimmer,
                                                 Aus meinem Leben. Dichtung und Wahrheit   Solch eherne Gesetze der Notwendigkeit




BRUMEL / GOLDBERG | ET ECCE TERRAE MOTUS                                           336     337                           MaerzMusik 19. 20. 21. 22. 23. 24. 25. 26.   27. 28. 3. 2010
Der kettenlose Gott hält in den Händen uns‘re Ketten,                                    Glaube an einen Gott
Durch seine wohltätige Wahl ist alles vorbestimmt:                                       den allmächtigen Vater
Er ist frei, er ist gerecht, er ist nicht völlig unerbittlich                            den Schöpfer des Himmels und der Erde,
Warum nur leiden wir, unter einem so gerechten Herrn!                                    alles Sichtbaren und Unsichtbaren.
Wie kann man sich den Gott vorstellen, der ist die Güte selbst,                          Glaube an den einen Herrn, Jesus Christus,
Der seinen Kindern, die er liebt, Gaben in Fülle übergeben,                              Gottes eingeborenen Sohn,
und der dann über ihnen, mit vollen Händen Böses ausgeschüttet?                          der aus dem Vater vor aller Zeit geboren wurde.
                                                                                         Gott vom Gott, Licht vom Lichte.
Was also vermag der Geist, und sei er noch so weit gefasst?                              Wahrer Gott vom wahren Gott.
Nichts; des Schicksals Buch ist uns‘rem Aug‘ verschlossen.                               Gezeugt, nicht geschaffen?
Der Mensch, sich selber fremd, vom Menschen nicht erkannt.                               Eines Wesens mit dem Vater
Was bin ich, wo bin ich, wo geh ich hin, woher bin ich gekommen?                         durch ihn ist alles geschaffen.
Gequälte Atome über einem Haufen Schmutz                                                 Für uns Menschen und um unseres Heiles willen
Den der Tod verschlingt und dessen Los geworfen,                                         ist er vom Himmel herabgestiegen.
Und doch – denkende Atome sind es, Atome, deren Augen                                    Er hat Fleisch angenommen durch den Heiligen Geist
Geführt von den Gedanken, vermessen die Gestirne;                                        aus der Jungfrau Maria.
Wir schleudern unser Sein dem Unendlichen in den Schoß,                                  Auch wurde er für uns gekreuzigt
Ohne uns nur einen Augenblick zu sehen noch zu kennen.                                   unter Pontius Pilatus
                                                                                         starb er und wurde begraben.
Einstmals sprach ein Kalif in seiner letzten Stunde                                      Ist er auferstanden am dritten Tage, gemäss der Schrift
zu Gott, den er verehrte, anstelle des Gebets:                                           Ist er aufgefahren in den Himmel
„Ich bringe Dir, oh einz'ger König, oh einziges und unbegrenztes Wesen,                  sitzt er zur Rechten des Vaters?
Alles das, was Du in Deiner Unendlichkeit nicht hast,                                    Von dort wird er wiederkommen in Herrlichkeit,
Die Fehler, die Reue, die Sünden und die Unkenntnis.“                                    zu richten die Lebenden und die Toten,
Hinzu hätt er noch fügen können: die Hoffnung.                                           und seines Reiches wird kein Ende sein.
                                                                              Voltaire   An den Heiligen Geist glauben?
                                               Gedicht über das Erdbeben von Lissabon    Den Herrn und Lebensspender?
                                                       Übersetzung Clemens Goldberg      Der vom Vater und vom Sohn ausgeht
                                                                                         der mit dem Vater und dem Sohn zugleich angebetet und verherrlicht wird.
Der Du die Sünden der Welt getragen und aufgehoben hast: erbarme Dich unser              Der durch die Propheten gesprochen hat.
Der Du die Sünden der Welt getragen und aufgehoben hast: nimm unsere Gebete an           Glaube ich an die eine heilige und apostolische Kirche,
Der Du zur Rechten des Vaters sitzt: erbarme Dich unser                                  bekenne ich die eine Taufe
                                                   Qui tollis aus dem Gloria der Messe   zur Vergebung der Sünden?
                                                                                         Erwarte ich die Auferstehung der Toten
                                                                                         und das Leben der zukünftigen Welt?
                                                                                         Amen!                            Credo der Messe, mit Veränderungen von Clemens Goldberg




BRUMEL / GOLDBERG | ET ECCE TERRAE MOTUS                                         338     339                              MaerzMusik 19. 20. 21. 22. 23. 24. 25. 26.   27. 28. 3. 2010
Und ich sahe, daß das Lamm das sech­             Und da das Lamm das siebente Siegel            Und ich sah das Lamm stehen auf dem            Als aber der Sabbat um war und der
ste Siegel auftet, und siehe, da ward            auftat, ward eine Stille in dem Himmel         Berg Zion und mit ihm hundertvierund­          erste Tag der Woche anbrach, kam
ein großes Erdbeben, und die Sonne               bei einer halben Stunde. Und ich sah           vierzigtausend, die hatten seinen              Maria Magdalena und die andere
ward schwarz wie ein harin Sack, und             die sieben Engel, die da stehen vor            Namen und den Namen seines Vaters              Maria, das Grab zu besehen. Und
der Mond ward wie Blut; und die                  Gott, und ihnen wurden sieben                  geschrieben an ihre Stirn. Und ich             siehe, es geschah ein großes
Sterne des Himmels fielen auf die                Posaunen gegeben. Und ein andrer               hörte eine Stimme vom Himmel wie               Erdbeben. Denn der Engel des HERRN
Erden, gleichwie ein Feigenbaum seine            Engel kam und trat an den Altar und            eines großen Wassers und wie eine              kam vom Himmel herab.
Feigen abwirft, wenn er von großem               hatte ein goldenes Rauchfaß; und ihm           Stimme eines großen Donners; und die                                Evangelium nach Matthäus,
Wind bewegt wird.Und der Himmel                  ward viel Rauchwerk gegeben, daß er            Stimme, die ich hörte, war wie von                     Kap. 28, 1–2, zugleich auch der Text der
entwich wie ein eingewickelt Buch;               es gäbe zum Gebet aller Heiligen auf           Harfenspielern, die auf ihren Harfen             Antiphon, die am Ostermorgen gesungen wird
und alle Berge und Insuln wurden                 den goldenen Altar vor dem Stuhl. Und          spielen. Und sie sangen ein neues Lied          und deren erste sieben Töne die Grundlage der
bewegt aus ihren Örtern. Und die                 der Rauch des Rauchwerks vom Gebet                              Offenbarung, Kap. 14, 1–3                                     Messe Brumels sind
Könige auf Erden und die Obersten                der Heiligen ging auf von der Hand
und die Reichen und die Heubtleute               des Engels vor Gott. Und der Engel             Und ich sah einen neuen Himmel und
und die Gewaltigen und alle Knechte              nahm das Räuchfaß und füllte es mit            eine neue Erde; denn der erste Himmel
und alle Freien verbargen sich in den            Feuer vom Altar und schüttete es auf           und die erste Erde verging, und das
Klüften und Felsen an den Bergen und             die Erde. Und da geschahen Stimmen             Meer ist nicht mehr. Und ich,
sprachen zu den Bergen und Felsen:               und Donner und Blitze und Erdbeben.            Johannes, sah die heilige Stadt, das
Fallt über uns und verbergt uns fur              Und die sieben Engel mit den sieben            neue Jerusalem, von Gott aus dem
dem Angesichte des, der auf dem                  Posaunen hatten sich gerüstet zu               Himmel herabfahren, bereitet als eine
Stuhl sitzt, und fur dem Zorn des                posaunen.                                      geschmückte Braut ihrem Mann.
Lammes! Derin es ist gekommen der                    Offenbarung des Johannes, modernisierte                     Offenbarung, Kap. 21, 1–2
große Tag seines Zorns, und wer kann               Übersetzung nach Luther, Kap. 8, 1–2 und 6
bestehen?                                                                                       Und der auf dem Stuhl saß, sprach:
                    Apokalypse des Johannes,     Und sie hörten eine große Stimme von           Siehe, ich mache alles neu! Und er
erste Übersetzung Martin Luther, Kap. 6, 12–17   Himmel zu ihnen sagen: Steiget her­            spricht zu mir: Schreibe; denn diese
                                                 auf! und sie stiegen auf in den Himmel         Worte sind wahrhaftig und gewiß!
                                                 in einer Wolke, und es sahen sie ihre          Und er sprach zu mir: Es ist gesche­
                                                 Feinde. Und zu derselben Stunde ward           hen. Ich bin das Alpha und das
                                                 ein großes Erdbeben, und der zehnte            Omega, der Anfang und das Ende.
                                                 Teil der Stadt fiel und wurden getötet                            Offenbarung, Kap. 21, 9
                                                 in dem Erdbeben siebentausend
                                                 Namen der Menschen, und die andern
                                                 erschraken und gaben Ehre dem Gott
                                                 des Himmels
                                                                  Offenbarung, Kap. 11, 12–13




BRUMEL / GOLDBERG | ET ECCE TERRAE MOTUS                                                340     341                              MaerzMusik 19. 20. 21. 22. 23. 24. 25. 26.   27. 28. 3. 2010

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Programmbuch MaerzMusik

  • 1. Sa 27. 3. | So 28. 3. 2010 Antoine Brumel Clemens Goldberg Radialsystem V französischer Sänger, Komponist und wurde 1959 in Freiburg im Breisgau Sa 27. März 22.00 Uhr Kleriker der Renaissance, wurde um geboren, studierte an der Musikhoch­ So 28. März 11.30 Uhr 1460 geboren und starb nach 1513. schule Freiburg bei Christoph Henkel Über seine frühen Lebensjahre ist Violoncello und in Freiburg, Basel, SLOW LISTENING ebenso wenig bekannt wie über seine Paris und Heidelberg Musikwissen­ letzten. 1483 wurde er erstmals als schaft. Er promovierte in Heidelberg Offiziumsänger an der Kathedrale von bei Ludwig Finscher, danach wurde er Chartres erwähnt. Nach Chartres hatte zum Gastprofessor an der State Antoine Brumel | Clemens Goldberg Brumel verschiedene Anstellungen als University of New York at Stony Brook Et Ecce Terrae Motus – Es bebte die Erde Sänger, Chormeister oder Kapell­ mit einem Stipendium der Alexander Utopische Musik im Angesicht des Untergangs (2010) UA 85’ meister u.a. in Genf, am Hof der von Humboldt­Stiftung berufen. 1987 Regentin von Savoyen in Chambéry, in bis 1989 lebte Goldberg mit einem Eine Raum­Klang­Aufführung von Teilen der Messe von Laon, in Paris (Notre­Dame) und am Forschungsstipendium der Deutschen Antoine Brumel (um 1500) nach dem Verfahren des „Slow Listening“ Hof von Ferrara. 1503 veröffentlichte Forschungsgemeinschaft in Paris. Dort Petrucci einen Band Messen von konzertierte er als Kammermusiker und Ensemble Musica Universalis Brumel, eine hohe Ehre, die die inter­ machte Radioaufnahmen für France Susan Eitrich / Poline Renau / Helen Thompson / Bernd Fröhlich / nationale Bekanntheit Brumels belegt. Musique. 1989 zog Goldberg nach Olivier Coiffet / Sebastian Mory / Pierre Funck / Grantely McDonald / Dem Herzog von Ferrara Alfonso I Berlin, wo er seitdem als Autor und Xavier Olagne / Peter de Laurentiis / Christophe Sam / Marc Busnel d’Este diente er ab 1505 als Kapell­ Moderator für Radio und Fernsehen meister (in der Nachfolge des verstor­ tätig ist. Seit 18 Jahren moderiert er Marc Busnel, Leitung benen Jacob Obrecht) bis zur Auf­ seine eigene Sendung „Goldberg­ lösung der Kapelle 1510. Danach ging Variationen“ bei rbb Kulturradio. er nach Mantua, wo er schwer Daneben wurde er zum Gastprofessor erkrankte. Dann verlieren sich seine an der UdK Berlin berufen. Goldberg Spuren. Im Jahr 1513 habe Brumel moderiert mehrere Konzertreihen. Sein noch, so ist überliefert, an der cellistisches Spektrum erweiterte er Krönung Leos X teilgenommen, doch mit Barockcellostudien bei Phoebe Eine Produktion der Goldberg Stiftung in Zusammenarbeit mit MaerzMusik | gibt es dafür keinen sicheren Nach­ Carrai und tritt mit modernem und Berliner Festspiele und Radialsystem V, gefördert durch Haupstadtkulturfonds weis. Eine außergewöhnlich hohe Zahl Barockcello auf. 2003 rief er die Mitschnitt Kulturradio vom rbb, Sendetermin offen von Trauermotetten erschien nach sei­ Goldberg Stiftung ins Leben, die eine nem Tod. Er wurde mehrfach von Internet­Akademie für interdisziplinäre Theoretikern als Vorbild zitiert. Geisteswissenschaft unterhält und Zu seinen Werken gehören Messen, neuartige Formen der musikalischen Motetten und weltliche Lieder. Aufführung fördert. BRUMEL / GOLDBERG | ET ECCE TERRAE MOTUS 326 327 MaerzMusik 19. 20. 21. 22. 23. 24. 25. 26. 27. 28. 3. 2010
  • 2. Et Ecce Terrae Motus – Daneben sind aber immer noch hoch­ ihre Grundgesetze aus den als der Stein weggerollt wird und das Es bebte die Erde gotische Räume mit ihrer völligen Schwingungen der Natur abgeleitet leere Grab erscheint. Die Messe spielt Auflösung der Wände wirksam. Auch hatten? sich also zwischen Tod und einer zu Um das Jahr 1500 erreichten die neuen der christliche Glaube wird in seinen Die Missa Et Ecce Terrae Motus zu glaubenden Auferstehung ab, zwei Darstellungs­ und Wahrnehmungs­ zentralen Aussagen nicht mehr unhin­ zwölf Stimmen ist sicher das faszinie­ erdbebengleiche Erschütterungen. formen der Renaissance in der bilden­ terfragt übernommen, sondern drückt rendste Werk Antoine Brumels. Die 12 Stimmen sind völlig selbständig den Kunst, der Architektur und der sich in zeitlichen Symbolverfahren Vermutlich entstand es um das Jahr geführt, aber in 4 Chöre geteilt, die Musik einen ersten Endpunkt. Den auch jenseits der Messe aus. Dies gilt 1500. Es hat keinerlei Vorbild in sei­ ganz untypisch in 3 Soprane, 3 hohen Zentralbauten entspricht in einigen vor allem für das Heilsversprechen der nem Aufbau und seiner Klangwirkung. Tenören, 3 normalen Tenören und 3 Auferstehung. Hat der sich selbst ent­ Es handelt sich im historischen Umfeld Bässen gruppiert sind. Untereinander deckende Einzelne noch Anteil an die­ um ein absolut einmaliges Experiment. bewegen sie sich in fast gleichem sem Heil? Die hochkomplexe 12­stim­ Überliefert ist die Quelle der Messe Umfang, aber alle Stimmen können mige Messe Et Ecce Terrae Motus nur in München, wo sie von Orlando di sich kreuzen (Kreuzsymbol). Die bringt die individuellen Stimmen in Lasso eigenhändig kopiert und nach­ Umfänge sind außergewöhnlich weit einen faszinierenden Symbolraum ein. weislich ca. 50 Jahre nach Brumels Tod und zum Teil nur durch Falsettierung Die Messe ist der Versuch einer aufgeführt wurde. Dies ist umso zu bewältigen. Die Wirkung ist einer­ Antwort in Zeiten der Krise des bemerkenswerter, als kaum historische seits eine große Freiheit der Bewe­ Weltbildes. Ihre Kraft wirkt auch Werke zu dieser Zeit wieder aufgeführt gung, eine unnatürliche Aufhebung heute, wo wir uns in einer ähnlich fun­ wurden. Lasso muss also dieses Werk der Grenzen, andererseits auch eine damentalen Krise des Weltbildes und besonders faszinierend gefunden Unvorhersehbarkeit der Richtung, aus der Wahrnehmungsformen befinden. haben. der die Stimmen kommen. Dies hat Sie ist damit unseren heutigen Frage­ Der Messe liegt der Anfang der ebenfalls symbolische Bedeutung: Die stellungen sehr nah. Osterantiphon Et ecce terrae motus Heiligen haben nur geschlafen und Was wird von der Menschheit in Zeiten (und also bebte die Erde) zugrunde, stehen nun zu Jesu Todesstunde wie­ der Bedrohung durch die Ausbeutung von der aus symbolischen Gründen nur der auf. Die harmonischen Räume sind unserer eigenen Ressourcen, der die ersten sieben Töne verwendet wer­ dabei äußerst statisch, nach einfachen Bedrohung durch technisch­industriel­ den. Zwei Erdbeben werden mit dieser Dreiklängen gebaut, auch dies für die le Gefahren, durch Naturkatastrophen, Antiphon evoziert, eines indirekt, das Zeit um 1500 ganz ungewöhnlich. Der „überleben“? Werden wir eine andere direkt. Indirekt denken wir an Effekt ist zumTeil vergleichbar mit zeit­ Clemens Goldberg Auferstehung aus der Krise erleben? das Erdbeben bei Jesu Tod, als der genössischer Musik (minimal music), Was bliebe von unserer Geschichte Vorhang im Tempel zerriss und die da viele Formeln immer wieder an monumentalen Kompositionen eine und Kultur, sollte die ganze Gattung Leiber der Heiligen auferstanden. anderer Stelle in Raum und Zeit auftre­ völlig neue, selbständige Führung vie­ Mensch vernichtet werden? Wenn Direkt ist der Text der Szene am ten. ler Stimmen, die sich scheinbar im Bilder und Bauten zerstört sind, wer­ Ostermorgen entnommen, wo nach Die teilweise irrationale Wirkung der Kreis bewegen und ihren Fokus in den es wenigstens die einmal kompo­ Matthäus ein Engel die drei Frauen Musik erzeugt ein Flammen wie die einer gregorianischen Melodie haben. nierten, immateriellen Klänge sein, die erwartet und ein Erdbeben entsteht, Fenster des Stils der Hochgotik BRUMEL / GOLDBERG | ET ECCE TERRAE MOTUS 328 329 MaerzMusik 19. 20. 21. 22. 23. 24. 25. 26. 27. 28. 3. 2010
  • 3. (Gothique Flamboyant). Diesem Teilen des Kyrie setzen sich die zwei Bildprojektionswände, auf die Die dritte Station ist ein historisches scheinbar irrationalen Flackern steht Stimmen erst nach und nach zusam­ das Publikum schaut. Sie bilden eine Ereignis von größter Tragweite für die das rationale Verfahren der Kontra­ men, es werden auch immer neue Art Hochaltar. Die Sänger nehmen philosophische Diskussion über den punkttechnik Kanon entgegen: Oft lau­ Hörperspektiven und Ausschnitte variable Positionen im Raum ein. Zur Sinn des Lebens. 1755 zerstörte ein fen zwei bis drei Stimmen mit dem gebildet. Drei Mal wird so die Zwölfstimmigkeit treffen sie sich in der Erdbeben und ein folgender Tsunami gregorianischen Ausschnitt im Kanon. Zwölfstimmigkeit erreicht. Das Qui tol- Mitte des Raumes im Kreuzungspunkt. die Stadt Lissabon fast vollständig, Fast kabbalistisch ist der Kanon im lis aus dem Gloria (Jesus trägt die Die Stimmkombinationen kommen dazu fast alle Kulturgüter. Texte von Agnus Dei 1 eingesetzt, das vor der Sünden der Menschheit) bildet eine ansonsten unvorhersehbar aus immer Goethe und Voltaire zeigen, wie tief Wandlung gesungen wird. Die sieben Brücke zum Credo. Nach der Idee der anderen Richtungen. der Glaube an eine sinnvolle Existenz Töne der Antiphon (im Folgenden: Kreuzsymbolik steht in der Mitte der Ein wichtiger Teil der Aufführung sind des Menschen erschüttert wurde. Cantus firmus) wandern durch mehrere Messe das Credo mit der zentralen Texte, die uns von den Katastrophen Biblische Texte bilden einen wichtigen Tonstufen, bis sie am Schluss auf der Aussage über Tod und Auferstehung der Gegenwart bis zurück ins Jahr Teil der Aufführung. Neben der bibli­ originalen Höhe angekommen sind Jesu. Dieser Abschnitt wird nur einmal 1500 führen. Sie bilden einen schen Geschichte von Tod und (Auferstehung). Der Messe sind also in der komponierten 12­stimmigen Stationenweg, in dem sich die Musik Auferstehung Jesu begleiten Texte der Kreuz und Auferstehung als Symbole Form gesungen. Von dort ausgehend spiegelt und bricht. Apokalypse des Johannes den Zerfall einkomponiert, der Gläubige wird die­ kehrt sich das Verfahren um, die Die erste Station ist der Einsturz des der Agnus Dei­Sätze der Messe. An ser Auferstehung durch die Heilige Agnus Dei­Sätze werden jeweils zuerst Kölner Stadtarchivs. Beim Bau der ihrem Schluss erscheint das himmli­ Kommunion und die Musik teilhaftig. komplett gesungen und lösen sich U­Bahn wurden große Teile der sche Jerusalem. Neben dem Cantus firmus gibt es zahl­ dann bis zum Cantus firmus auf. Vom geschichtlichen Objekte des Archivs Auf den beiden Hochaltären werden reiche virtuos geführte Kanons, die dritten Agnus Dei wird überhaupt nur zerstört. Obwohl viele von ihnen in als drittes Element Bilder projiziert, aber scheinbar irrational entstehen der Friedenswunsch gesungen. Den kopierter Form erhalten sind, braucht die mit den Texten korrespondieren. und vergehen und wesentlich zum Abschluss bildet der gesamte Cantus unsere Erinnerungskultur den Fetisch Diese Bilder sind jeweils in zwölf Verlust der vertikalen Orientierung firmus, der in der Messe nie Verwen­ des Objekts. Lebt die Erinnerung auch Felder unterteilt, die das Bild teilen. beitragen. Alle Stimmen sind so kon­ dung gefunden hat und den Engel evo­ ohne diese materiellen Zeugnisse wei­ Dem Bildfeld ist ein Kreuz eingearbei­ struiert, dass sie prinzipiell komplett ziert, der zum leeren Grab Jesu herab­ ter? tet, die Felder verteilen sich in 2x2 vertauschbar sind und damit Oben und steigt. Die zweite Station beleuchtet die und 2x4 Felder um das Kreuz. Feine Unten nicht mehr spürbar sind. Dem musikalischen Verfahren ent­ Allmachthybris des Menschen im Ränder suggerieren mittelalterliche Die besondere Komposition der Messe spricht eine räumliche Regie der Reaktorunfall von Chernobyl. Die Fenster. Wenn die Musik einstimmig nach Raum­ und Zeitparametern, aber Stimmen. Das Publikum wird in gegenwärtige Diskussion um einen ist, sind dem die Bildfelder frei kombi­ auch ihr Symbolgehalt werden in die­ Kreuzform gesetzt, d.h. es gibt einen erneuten Ausbau der Kernenergie niert zugeordnet. In aufsteigender ser Aufführungsart erfahrbar gemacht vertikalen und einen horizontalen zeigt, dass diese Lektion nicht gelernt Komplexität der Musik vereinfacht sich und intensiviert. Zur Aufführung kom­ Gang, die Zuschauer sitzen mit dem wurde. Nach dem Unfall kann zwar das Bild, bei voller Zwölfstimmigkeit men lediglich das Kyrie, ein Ausschnitt Rücken zum mittleren horizontalen kein Mensch mehr im weiten Umkreis erscheint das Bild in einfacher Form. des Gloria, das Credo und Agnus Dei Gang. Die so entstehenden vier leben, die Natur gedeiht aber präch­ Auch hier entsteht also eine Kreuzung der Messe, all jene Teile, die mit Bitten Publikumsfelder entsprechen den vier tig. Ist der Mensch ein Betriebsunfall zwischen Vervielfältigung und Verein­ und Glauben zu tun haben. In den drei Gruppen der zwölf Stimmen. Es gibt der Natur? fachung. Fünf Variationen führen in BRUMEL / GOLDBERG | ET ECCE TERRAE MOTUS 330 331 MaerzMusik 19. 20. 21. 22. 23. 24. 25. 26. 27. 28. 3. 2010
  • 4. den Kyrie­Sätzen zum kompletten Bild ist zum Teil so sinnentleert wie die frü­ Halt, lass sehen, ob Elia komme und Grab mit Hütern und versiegelten den als sechste Variation (6 als Hälfte von here lateinische Messe. So wird der ihm helfe. Aber Jesus schrie abermals Stein. 12). Während des Credos wird ein Hörer von der Gegenwart in die histo­ laut und verschied. Und siehe da, der Evangelium nach Matthäus, historisches Bild projiziert, eine rische Kreuzessituation geführt. Er Vorhang im Tempel zerriss in zwei Übersetzung nach Luther, Kap. 27, 62–66 Kreuzigung von Matthias Grünewald kann sich aber nicht im Schein der Stücke von obenan bis unten. Und die (genau zeitgenössisch mit der Messe). Perfektion der Zwölfstimmigkeit und Erde erbebte, und die Felsen zerrissen, In den Sekunden, als das Stadtarchiv Jesus erscheint nicht als Gott, sondern der Gesamtheit der Messe der eigenen die Gräber taten sich auf, und standen in der Kölner Severinstraße einstürzt, nur als verlassene, gemarterte Kreatur. Frage nach Leben und Tod entziehen. auf viele Leiber der Heiligen, die da sitzt Kemal Caner am Schreibtisch im Dieses Bild erscheint, wie die Musik, Diese elementare Frage wird von jeder schliefen, und gingen aus den Gräbern Bürogebäude auf der anderen sofort unfragmentiert. Während des großen Kunst gestellt und allzu häufig nach seiner Auferstehung und kamen Straßenseite. Zuerst fängt sein Tisch sich dekomponierenden Agnus Dei durch die Rezeption zugedeckt. Diese in die heilige Stadt und erschienen vie­ an zu wackeln, dann vibriert der wird Grünewalds Kreuzigung von den Aufführung ist eine Herausforderung. len. Aber der Hauptmann und die bei Computer. Schließlich das ganze Haus. drei vorangegangenen Bildern durch­ Sie wird dann gelungen sein, wenn ihm waren und bewahrten Jesus, da Er denkt, es brettert ein Schwer­ setzt, und zwar im Rhythmus 3, 2, 1. mancher Besucher eine bohrende sie sahen das Erdbeben und was da transporter vor der Tür vorbei. Am Schluss sind alle vier Bilder gleich­ Frage und die Erkenntnis mitnimmt, geschah, erschraken siesehr und spra­ Plötzlich hört er Schreie aus dem zeitig sichtbar. Das Schlussbild steht dass ihre Beantwortung nicht möglich, chen: Wahrlich dieser ist Gottes Sohn Stadtarchiv. Und die Schreie werden so sinnbildlich für die Erinnerungs­ vielleicht nicht einmal erstrebenswert gewesen. immer lauter. prozesse der Kultur und der Auf­ ist. Evangelium nach Matthäus, Die Zeit, 9. 3. 2009 führung selbst. Clemens Goldberg Übersetzung nach Luther, Kap. 27,45­54 Es erscheint zunächst rätselhaft, Et Ecce Terrae Motus Des andern Tages, der da folgt nach Schatz im Schutt warum Antoine Brumel nur die sieben Texte der Aufführung dem Rüsttage, kamen die Hohen­ Töne der Antiphon benutzt, die vom priester und Pharisäer sämtlich zu Die Handschriften von Albertus Erdbeben künden. Der Engel am Grab Und von der sechsten Stunde an ward Pilatus und sprachen: Herr, wir haben Magnus und von Karl Marx. bleibt in der Messe ausgespart. Der eine Finsternis über das ganze Land gedacht, dass dieser Verführer sprach, Die seit 1376 vollständig erhaltenen Mensch wird auf seinen Glauben bis zu der neunten Stunde. Und um die da er noch lebte: Ich will nach drei Ratsprotokolle. Päpstliche Erlasse, kai­ zurückgeworfen, er bleibt mit ihm neunte Stunde schrie Jesus laut und Tagen auferstehen. Darum befiehl, serliche Siegel, Briefe von Hegel. allein, es gibt keine sichere Jenseitig­ sprach: Eli, Eli, lama asabthani? das dass man das Grab verwahre bis an Zunftakten, Rechnungsbücher, Handels­ keit mehr. Und doch gibt es eine heisst: Mein Gott, mein Gott, warum den dritten Tag, auf dass nicht seine urkunden. Die Handschriften des Hoffnung zwischen dem nur implizier­ hast du mich verlassen? Etliche aber, Jünger kommen und stehlen ihn und Klosters St. Barbara, überhaupt die ten Erdbeben des Todes und jenem des die da standen, da sie das hörten, sagen dem Volk: Er ist auferstanden Sammlungen der bedeutenden Klöster leeren Grabes. Die Aufführung stellt sprachen sie: Der ruft den Elia. Und von den Toten, und werde der letzte und Stifte rund um Köln. bewusst alle Parameter unseres heuti­ alsbald lief einer unter ihnen, nahm Betrug ärger denn der erste. Pilatus Adenauers Schriften. Heinrich Bölls gen Kulturkonsums in Frage, beson­ einen Schwamm und füllte ihn mit sprach zu ihnen: Da habt ihr die Hüter; Hinterlassenschaft in 380 Kartons, mit ders deren Wahllosigkeit und Genuss­ Essig und steckte ihn an ein Rohr und gehet hin und verwahret, wie ihr wis­ Abiturzeugnis, Werkmanuskripten und Sucht. Die „Liturgie“ unserer Konzerte tränkte ihn. Die andern aber sprachen: set. Sie gingen hin und verwahrten das Briefen von Paul Celan. Das weltgrößte BRUMEL / GOLDBERG | ET ECCE TERRAE MOTUS 332 333 MaerzMusik 19. 20. 21. 22. 23. 24. 25. 26. 27. 28. 3. 2010
  • 5. Jacques­Offenbach­Archiv samt Wie erstaunlich Geburtsurkunde und Partituren. in meinem dreißigsten Jahr nicht zu leben „Wir hatten sehr viele Unikate, von stattdessen zu stolpern denen es keine Abschriften oder all die vergangenen Jahre Sicherheitsverfilmungen gibt und die glücklich und tödlich zugleich teilweise noch nie publiziert wurden.“ schwere, nasse Klötze, Bei 30 Regalkilometern habe man mit zugeschaufelt die Seele der Digitalisierung erst am Anfang wie ein Grab. gestanden. Einige Mikrofilme aus Köln zählen zwar zu den 2000 Tonnen siche­ Die Seele singt nicht rungsverfilmten Archivguts im wird vielmehr stumm, Oberrieder Stollen im Schwarzwald. kränkelt mehr Aber Kopien ersetzen kein Original. als dass sie schmerzt... „Archivgut gibt es oft nur ein einziges so fällt Atmen schwerer. Mal. Das Haptische einer Urkunde ist Ich darf nicht fliegen! unwiederbringlich dahin, wenn das Obwohl die flache Kante des Unikat zerstört ist. Es ist, wie wenn Himmels über meine Verandatür reicht. wir von der Mona Lisa nur noch eine Reproduktion hätten.“ Schon haben mich die Wege ermüdet, mich so stark gefesselt – 65.000 Urkunden, die älteste von 922. dass ich mich nicht mehr 8400 Personenstandsbücher seit der aufschwingen kann? Französischen Revolution. 104.000 Karten und Pläne. 50.000 Plakate. Wir kamen ans Meer – Über 600 Nachlässe. zum ewigen Heilsbrunnen ... Und – wir waren sprachlos. „Dort lagerte wirklich das Gedächtnis Das Meer eine riesige Müllgrube. der Stadt, Wirtschaftsgeschichte, poli­ Was geschah? tische Geschichte, Sozialgeschichte, Haben wir versagt? Geistesgeschichte über eine Starb der Tag? Zeitspanne von mehr als tausend Oder ist dies das Ende der Welt? Jahren.“ „Wir können nicht mit Liubov Sirota, Überlebende von Chernobyl, Schaufelbaggern arbeiten, sondern heute schwer erkrankt. müssen händisch vorgehen ...“ Übersetzung Stefanie Kemper Die Zeit, 9. 3. 2009 Helfer suchen am 23. März 2009 in Köln in den Trümmern des Historischen Satdtarchives nach Archivgütern. Foto picture­alliance/dpa 335 MaerzMusik 19. 20. 21. 22. 23. 24. 25. 26. 27. 28. 3. 2010
  • 6. Noch lange werden die Opfer von „Durch ein außerordentliches Welt­ Oh unglückselge Toten! Oh klagenswerte Erde! Tschernobyl in fürchterlichen Agonien ereignis wurde jedoch die Gemütsruhe Oh aller Sterblichen erschreckliche Versammlung! liegen, da wird sich die eifrige des Knaben zum erstenmal im Tiefsten Unnützer Schmerzen ew‘ge Nahrung! Didaktik wieder melden und sagen: erschüttert. Am ersten November 1755 Getäuschte Philosophen die Ihr schreit: „Alles ist Gut“; Auch Tschernobyl war nicht schlimm ereignete sich das Erdbeben von Eilt nun herbei, betrachtet jene furchtbaren Ruinen genug, weil ja die Internationale der Lissabon, und verbreitete über die in Die Trümmer, Fetzen, die unglückselge Asche Weitermacher entschlossener denn je Frieden und Ruhe schon eingewohnte Die Frauen und die Kinder, die einen auf den anderen liegend, zusammenhält. Die unerbittliche Welt einen ungeheuren Schrecken. Unter zerbroch‘nem Marmor, die Glieder weit verstreut: Konsequenz hieraus kann nur sein, daß Eine große prächtige Residenz, Hunderttausend Tote, ganz von der Erd verschlungen. noch mehr passieren muß ­ bis wohin? zugleich Handels­ und Hafenstadt, Peter Sloterdijk, 1989 wird ungewarnt von dem furchtbarsten blutend, zerrissen, auch röchelnd noch Unglück betroffen. Die Erde bebt und Unter dem eig'nen Dach begraben, so enden ohne Hilfe sie, Daß man zeigt, wie sehr die Mensch­ schwankt, das Meer braust auf, die Im Schrecken ihrer Qualen ihr tränenreiches Leben. heit gegen die Katastrophen kämpft, Schiffe schlagen zusammen, die Beim Hören ganz verzerrter letzter Schreie, indem sie ihnen vorbeugt und ihre Häuser stürzen ein, Kirchen und Türme Beim schreckensreichen Anblick ihrer schwelenden Gebeine Folgen zu mindern sucht, ändert nichts darüber her, der königliche Palast zum Könnt ihr da sagen: so wirken ewige Gesetze an der Tatsache, daß sie sie zu einem Teil wird vom Meere verschlungen, die Notwendige Wahl des freien, guten Gottes? großen Teil selbst herbeiführt. Das ist geborstene Erde scheint Flammen zu der „Teufelskreis“, den der Name speien: denn überall meldet sich Rauch „Alles ist gut“, sagt ihr, „alles ist notwendig“ „Tschernobyl“ in höchster Ausprägung und Brand in den Ruinen. Wie? Das ganze Universum, ohne jenen Höllenschlund, symbolisiert. Sechzigtausend Menschen, einen Ohne Lissabon zu verschlingen, könnt' es denn schlimmer sein? Henri­Pierre Jeudy Augenblick zuvor noch ruhig und Seid ihr versichert, dass der Ewige Beweger Im Spiegel der Katastrophen behaglich, gehen mit einander zugrun­ Der alles macht und alles weiß, der alles für sich selber schuf, de, und der glücklichste darunter ist Uns nicht in diese triste Welt hätt‘ stürzen können der zu nennen, dem keine Empfindung, ohne nicht auch noch unter unsren Schritten Vulkane zu entzünden? keine Besinnung über das Unglück Wollt ihr also die höchste Macht begrenzen? mehr gestattet ist. Und so behauptet Würdet ihr untersagen, dass sie auch Milde übte? von allen Seiten die Natur ihre schran­ Der ewige Baumeister – hat er nicht in den Händen kenlose Willkür. Unendliche Mittel, seinem Willen zu gehorchen? Johann Wolfgang Goethe Nein, präsentiert meinem aufgewühlten Herzen nimmer, Aus meinem Leben. Dichtung und Wahrheit Solch eherne Gesetze der Notwendigkeit BRUMEL / GOLDBERG | ET ECCE TERRAE MOTUS 336 337 MaerzMusik 19. 20. 21. 22. 23. 24. 25. 26. 27. 28. 3. 2010
  • 7. Der kettenlose Gott hält in den Händen uns‘re Ketten, Glaube an einen Gott Durch seine wohltätige Wahl ist alles vorbestimmt: den allmächtigen Vater Er ist frei, er ist gerecht, er ist nicht völlig unerbittlich den Schöpfer des Himmels und der Erde, Warum nur leiden wir, unter einem so gerechten Herrn! alles Sichtbaren und Unsichtbaren. Wie kann man sich den Gott vorstellen, der ist die Güte selbst, Glaube an den einen Herrn, Jesus Christus, Der seinen Kindern, die er liebt, Gaben in Fülle übergeben, Gottes eingeborenen Sohn, und der dann über ihnen, mit vollen Händen Böses ausgeschüttet? der aus dem Vater vor aller Zeit geboren wurde. Gott vom Gott, Licht vom Lichte. Was also vermag der Geist, und sei er noch so weit gefasst? Wahrer Gott vom wahren Gott. Nichts; des Schicksals Buch ist uns‘rem Aug‘ verschlossen. Gezeugt, nicht geschaffen? Der Mensch, sich selber fremd, vom Menschen nicht erkannt. Eines Wesens mit dem Vater Was bin ich, wo bin ich, wo geh ich hin, woher bin ich gekommen? durch ihn ist alles geschaffen. Gequälte Atome über einem Haufen Schmutz Für uns Menschen und um unseres Heiles willen Den der Tod verschlingt und dessen Los geworfen, ist er vom Himmel herabgestiegen. Und doch – denkende Atome sind es, Atome, deren Augen Er hat Fleisch angenommen durch den Heiligen Geist Geführt von den Gedanken, vermessen die Gestirne; aus der Jungfrau Maria. Wir schleudern unser Sein dem Unendlichen in den Schoß, Auch wurde er für uns gekreuzigt Ohne uns nur einen Augenblick zu sehen noch zu kennen. unter Pontius Pilatus starb er und wurde begraben. Einstmals sprach ein Kalif in seiner letzten Stunde Ist er auferstanden am dritten Tage, gemäss der Schrift zu Gott, den er verehrte, anstelle des Gebets: Ist er aufgefahren in den Himmel „Ich bringe Dir, oh einz'ger König, oh einziges und unbegrenztes Wesen, sitzt er zur Rechten des Vaters? Alles das, was Du in Deiner Unendlichkeit nicht hast, Von dort wird er wiederkommen in Herrlichkeit, Die Fehler, die Reue, die Sünden und die Unkenntnis.“ zu richten die Lebenden und die Toten, Hinzu hätt er noch fügen können: die Hoffnung. und seines Reiches wird kein Ende sein. Voltaire An den Heiligen Geist glauben? Gedicht über das Erdbeben von Lissabon Den Herrn und Lebensspender? Übersetzung Clemens Goldberg Der vom Vater und vom Sohn ausgeht der mit dem Vater und dem Sohn zugleich angebetet und verherrlicht wird. Der Du die Sünden der Welt getragen und aufgehoben hast: erbarme Dich unser Der durch die Propheten gesprochen hat. Der Du die Sünden der Welt getragen und aufgehoben hast: nimm unsere Gebete an Glaube ich an die eine heilige und apostolische Kirche, Der Du zur Rechten des Vaters sitzt: erbarme Dich unser bekenne ich die eine Taufe Qui tollis aus dem Gloria der Messe zur Vergebung der Sünden? Erwarte ich die Auferstehung der Toten und das Leben der zukünftigen Welt? Amen! Credo der Messe, mit Veränderungen von Clemens Goldberg BRUMEL / GOLDBERG | ET ECCE TERRAE MOTUS 338 339 MaerzMusik 19. 20. 21. 22. 23. 24. 25. 26. 27. 28. 3. 2010
  • 8. Und ich sahe, daß das Lamm das sech­ Und da das Lamm das siebente Siegel Und ich sah das Lamm stehen auf dem Als aber der Sabbat um war und der ste Siegel auftet, und siehe, da ward auftat, ward eine Stille in dem Himmel Berg Zion und mit ihm hundertvierund­ erste Tag der Woche anbrach, kam ein großes Erdbeben, und die Sonne bei einer halben Stunde. Und ich sah vierzigtausend, die hatten seinen Maria Magdalena und die andere ward schwarz wie ein harin Sack, und die sieben Engel, die da stehen vor Namen und den Namen seines Vaters Maria, das Grab zu besehen. Und der Mond ward wie Blut; und die Gott, und ihnen wurden sieben geschrieben an ihre Stirn. Und ich siehe, es geschah ein großes Sterne des Himmels fielen auf die Posaunen gegeben. Und ein andrer hörte eine Stimme vom Himmel wie Erdbeben. Denn der Engel des HERRN Erden, gleichwie ein Feigenbaum seine Engel kam und trat an den Altar und eines großen Wassers und wie eine kam vom Himmel herab. Feigen abwirft, wenn er von großem hatte ein goldenes Rauchfaß; und ihm Stimme eines großen Donners; und die Evangelium nach Matthäus, Wind bewegt wird.Und der Himmel ward viel Rauchwerk gegeben, daß er Stimme, die ich hörte, war wie von Kap. 28, 1–2, zugleich auch der Text der entwich wie ein eingewickelt Buch; es gäbe zum Gebet aller Heiligen auf Harfenspielern, die auf ihren Harfen Antiphon, die am Ostermorgen gesungen wird und alle Berge und Insuln wurden den goldenen Altar vor dem Stuhl. Und spielen. Und sie sangen ein neues Lied und deren erste sieben Töne die Grundlage der bewegt aus ihren Örtern. Und die der Rauch des Rauchwerks vom Gebet Offenbarung, Kap. 14, 1–3 Messe Brumels sind Könige auf Erden und die Obersten der Heiligen ging auf von der Hand und die Reichen und die Heubtleute des Engels vor Gott. Und der Engel Und ich sah einen neuen Himmel und und die Gewaltigen und alle Knechte nahm das Räuchfaß und füllte es mit eine neue Erde; denn der erste Himmel und alle Freien verbargen sich in den Feuer vom Altar und schüttete es auf und die erste Erde verging, und das Klüften und Felsen an den Bergen und die Erde. Und da geschahen Stimmen Meer ist nicht mehr. Und ich, sprachen zu den Bergen und Felsen: und Donner und Blitze und Erdbeben. Johannes, sah die heilige Stadt, das Fallt über uns und verbergt uns fur Und die sieben Engel mit den sieben neue Jerusalem, von Gott aus dem dem Angesichte des, der auf dem Posaunen hatten sich gerüstet zu Himmel herabfahren, bereitet als eine Stuhl sitzt, und fur dem Zorn des posaunen. geschmückte Braut ihrem Mann. Lammes! Derin es ist gekommen der Offenbarung des Johannes, modernisierte Offenbarung, Kap. 21, 1–2 große Tag seines Zorns, und wer kann Übersetzung nach Luther, Kap. 8, 1–2 und 6 bestehen? Und der auf dem Stuhl saß, sprach: Apokalypse des Johannes, Und sie hörten eine große Stimme von Siehe, ich mache alles neu! Und er erste Übersetzung Martin Luther, Kap. 6, 12–17 Himmel zu ihnen sagen: Steiget her­ spricht zu mir: Schreibe; denn diese auf! und sie stiegen auf in den Himmel Worte sind wahrhaftig und gewiß! in einer Wolke, und es sahen sie ihre Und er sprach zu mir: Es ist gesche­ Feinde. Und zu derselben Stunde ward hen. Ich bin das Alpha und das ein großes Erdbeben, und der zehnte Omega, der Anfang und das Ende. Teil der Stadt fiel und wurden getötet Offenbarung, Kap. 21, 9 in dem Erdbeben siebentausend Namen der Menschen, und die andern erschraken und gaben Ehre dem Gott des Himmels Offenbarung, Kap. 11, 12–13 BRUMEL / GOLDBERG | ET ECCE TERRAE MOTUS 340 341 MaerzMusik 19. 20. 21. 22. 23. 24. 25. 26. 27. 28. 3. 2010