Buch worldwithoutprofit

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Eine Welt ohne Profit

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  • 1. Angelo NigroWorld without Profit
  • 2. Dieses Buch wurde digital nach dem neuen „book on demand“ Ver-fahren gedruckt. Für den Inhalt und die Korrektur zeichnet der Autorverantwortlich.Für die Bücher in der deutschen Sprache© 2009 edition nove, NeckenmarktPrinted in the European UnionISBN 978-3-85251-534-2Gedruckt auf umweltfreundlichem, chlor- und säurefrei gebleichtemPapier. www.editionnove.de
  • 3. 1.AuflageDas Werk ist einschließlich aller seiner Teile urheberechtlich ge-schützt. Jede Verwertung und Vervielfältigung des Werkes ist ohneZustimmung des Autors unzulässig und strafbar. Alle Rechte,auch die des auszugsweisen Nachdrucks und der Übersetzungwie Verfilmung, sind vorbehalten! Ohne ausdrückliche schrift-liche Erlaubnis des Autors darf das Werk, auch nicht Teile daraus,weder reproduziert, übertragen noch kopiert werden, wie zumBeispiel manuell oder mit Hilfe elektronischer und mechani-scher Systeme inklusive Fotokopieren, Bandaufzeichnung undDatenspeicherung. Zuwiderhandlung verpflichtet zu Schaden-ersatz. Alle Personen und Namen sind frei erfunden. Der Romanist reine Fiktion. Alle im Buch enthaltenen Angaben, Ergebnisseusw. wurden vom Autor nach bestem Wissen erstellt. Sie erfolgenohne jegliche Verpflichtung oder Garantie des Autors und Verla-ges. Der Verlag übernimmt deshalb keinerlei Verantwortung undHaftung für etwa vorhandene Unrichtigkeiten. 5
  • 4. Ein herzliches Dankeschön an alle, die an diesemBuch mitgewirkt haben, insbesondere an meine FrauVéronique. 7
  • 5. EinleitungoderDie Entstehung dieses BuchesNach einem Traum der mich lange beschäftigt undvon dem ich nicht wusste was er zu bedeuten hatte,bin ich wie von Geisterhand geleitet zum Schreibengekommen.In dem Traum vor etwa zwei Jahren war immer wie-der die Rede vom „Salz der Erde“. Dieser Satz wurdein meinem Traum mehrmals wiederholt. Ich konntedamals nicht verstehen was es damit auf sich hatte undhabe lange in Büchern, Zeitschriften und im Internetnach Salz, Wasser, Salzkristall, Papst, ägyptische Pyra-miden, Maya und andere Hochkulturen, NA Cl undhalt alles was damit zu tun haben könnte recherchiert.Ich bin vom Himalaja Salz bis in die Weltmeere vor-gedrungen. Von Energie-Erzeugung und Elektrolysebis zur Osmose. Bis vor einigen Tagen… als das Buchpraktisch geschrieben war, mir das Motiv oder derSinn dieses Werkes bewusst wurde und wie Schuppenvon den Augen fiel.Worum es im meinem Traum ging, war schlicht undeinfach die Bedeutung und den Platz des Menschenauf unserem Planeten und im Universum zu verste-hen. Unabhängig von seinem Glauben, seiner Her-kunft und Couleur. Hier steht der Mensch im Mittel-punkt der Diskussion. Er ist „das Salz der Erde“.Dieser Traum hat mir die Möglichkeit gegeben einBuch zu schreiben. Ich habe mal früher darüber 9
  • 6. nachgedacht, dies eines Tages zu tun, aber nie richtigdaran geglaubt.Was mich wundert ist, dass ich dabei ein für die Be-griffe einiger Leser komplett utopisches, unrealis-tisches wie illusionäres Buch geschrieben habe. Diedarin beschriebene VISION kann aber gar nicht soeinfach abgetan werden. Denn mein logisches Den-ken sagt mir und wahrscheinlich vielen von Ihnen, soabwegig ist das Ganze gar nicht, wenn die Menschheitüberhaupt eine Chance haben will in Zukunft diesenPlaneten weiter zu besiedeln.Unser Ziel darf nicht nur stur auf dem Weg des mate-riellen Glücks weiter ausgebaut werden.Dieser Weg müsste mit unserem klaren Menschenver-stand mittlerweile als der falsche Weg verstanden wer-den, egal wo er hinführen mag. Wenn jeder Einzelnesich damit auseinandersetzen würde, kommt er sehrschnell zum Entschluss, wir laufen entweder in eineSackgasse oder in unser Verderben.Wir sollten uns be-sinnen und uns selber eingestehen, so weit und nichtweiter.Wir müssen für unsere Kinder etwas tun, wennes überhaupt noch eine Zukunft für uns Menschengeben soll auf diesem wunderschönen Himmelskör-per.Was wollen wir ihnen und anderen überhaupt hinter-lassen?Lesen Sie selbst. 10
  • 7. VorwortIn diesem Buch möchte ich alle Nationen, Politiker,Religionen, Mediziner, Wirtschaftsbonzen und Ak-tionäre bitten, sich zu mäßigen und zu besinnen, derMenschheit nicht den Weg für eine (bessere) Zukunftzu versperren mit ihren Unersättlichkeiten und Lü-gen.Die Schätze dieser Erde gehören sowohl den Men-schen als auch den Tieren und den Pflanzen. Letz-tere müssen wir wie unsere eigenen Kinder schüt-zen, denn sie können sich nicht wehren. Da unsereAtmosphäre so zerbrechlich ist wie Glas, sollten wirsie mit äußerster Vorsicht behandeln. Alle Menschenhaben das Recht, teilzuhaben am Wohlstand, egal,welchem Land, welcher Farbe oder Gesinnung sieangehören. Unsere Kinder brauchen ein Vorbild undwir müssen sie schützen vor jeglicher Ungerechtig-keit. Daher gilt es, der Armut massiv und konsequententgegenzuwirken. Wir sollten Gott dem Allmächti-gen dienen, damit die Verantwortlichen einsehen, dassdies der einzig richtige Weg ist. Dies sind keine leerenWorte, sondern die Botschaft Gottes, durch Nächs-tenliebe und Toleranz ein besseres Verständnis unterden Menschen auf diesem Planeten zu erreichen.Täglich lernen wir von der Natur oder ahmen sienach. Aber ist es nicht dennoch schön, nach allentechnischen Errungenschaften zurück zur Natur zufinden und nach einem warmen Sommerregen denDuft von Gras einzuatmen? In kalten Wintertagenmorgens beim Aufstehen die eisige klare Luft und denkalten Schnee zu fühlen? An einer Quelle, umringt 11
  • 8. von Frühlingsblumen, unbekümmert den Durst zulöschen?Also lasst uns alle miteinander etwas tun, damit diesalles für unsere Kinder erhalten bleibt und nicht einesTages nur noch eine Gutenachtgeschichte darstellt. 12
  • 9. Unter dem Druck des Klimawandels2013Angesichts der multimedialen Möglichkeiten ließsich der nun besser informierte Mensch nicht mehrso einfach durch die Lügenmatrix der Konzerne ein-wickeln, die sich mit billigen Tricks weiter bereichernwollten. Es kam zu einem Machtkampf mit gewissenskrupellosen Geschäftemachern, die bislang gemeinthatten, mit den Rohstoffen und Bodenschätzen unse-rer Erde alles tun und machen zu können, wie es ih-nen beliebte, weil sie das nötige Kapital besaßen.Im Zuge dieser Auseinandersetzungen war es gelun-gen, zukünftig nicht mehr alles mit Kapital oder Fusio-nen erwerben zu können, da die Regeln und Gesetzesich zum Wohle der Allgemeinheit geändert hatten,zumal eine Umweltkatastrophe, die unwiderruflichauf die Menschheit zurollte, mit allen Konsequenzendrohte. Wir mussten versuchen, sie mit all unserer In-telligenz und unserem Wissen zu verhindern, sei esdurch Fahrzeugreduzierungen, Stromeinsparungenoder Rationalisierung gewisser Rohstoffe und Pro-dukte. Wir mussten lernen, bewusster mit alldem um-zugehen und mit der Gemeinschaft zu teilen.Da die meisten fossilen Brennstoffe und Bodenschät-ze sich ihrem Ende zuneigten oder bereits erschöpftwaren, lohnten sich Kriege – zumindest deswegen– einfach nicht mehr. Die Zukunft musste sich auferneuerbare Energien, einen veränderten Lebenswan-del und neue Strukturen unseres alltäglichen Lebenskonzentrieren und sich daran orientieren. 13
  • 10. Hitze, Dürren, Überschwemmungen und Orkanewaren ein fester Bestandteil unseres Alltags gewor-den, dazu kam das Schmelzen der Gletscher. Fast alleTiere drohten auszusterben, weil das natürliche Um-feld ohne Hemmungen zerstört worden war. Zudemmangelte es zusehends an Wasser, unserem kostbarstenGut, denn die Gletscher waren verschwunden und nurnoch im Winter auf den Nordkappen anzutreffen.Doch das schlimmste Problem stellte die Atmosphäredar, die so verunreinigt war, dass das Kohlendioxid dieOberhand übernommen hatte und der Sauerstoffan-teil in der Luft schwand. Die überforderten Wissen-schaftler wussten keine Lösungen. Vermutet wurde,dass wir das Ozonloch unterschätzt hatten und derSauerstoff ins All entwich, wobei der Sauerstoffan-teil in der Luft zurückging. Die Jagd nach Sauerstoffwar somit eröffnet. An einigen Stellen standen bereitsSauerstoffzapfsäulen, nur für besser Betuchte natür-lich, während die Bevölkerung in den höheren Lagenund in den Städten über Müdigkeit, Kopfschmerzen,Schwindelanfälle und viele andere Gesundheitsschä-den klagte. Ein Rückgang der Belastbarkeit der Men-schen machte sich bemerkbar. Großes Unheil standvor der Tür.Wenn die Politik zuließ, dass sich die Konzerne wei-terhin bereicherten und nichts dagegen unternahm,schien eine universelle Katastrophe unabwendbar zusein. Wiederum andere, die die prekäre Situation ver-harmlosten, mussten ausgeschaltet werden; jetzt galtes, der Forschung alle Mittel zur Verfügung zu stellen,damit schnell eine Lösung gefunden wurde. 14
  • 11. Die ErpresserMittlerweile war es März geworden. Wir, mein Kol-lege Jan, mein Schwager Guiglelmo und ich, hattenunsere Forschungsarbeiten von damals weiter ausge-baut und Erstaunliches herausgefunden.Es klingelte an der Tür. Zwei Männer standen da undwollten wissen, wo die Unterlagen der Forschungs-arbeiten respektive die Untersuchungen gebliebenseien. Sie würden sich für die Organismen in denUntersuchungen interessieren und für eine Firmaarbeiten, die nicht genannt werden wolle, aber bereitsei, viel Geld dafür zu zahlen. Sie machten mir einAngebot. Mir kam das Ganze nach mehr als sechzehnJahren spanisch vor. Dabei hatte ich das Patent an dasPharmaunternehmen Medpharma für noch weiterezwei Jahre abgetreten, in dem ich leitender Laborchefwar seit meinem Abschluss vor acht Jahren.„Die habe ich bei meinem letzten Umzug verloren“,versuchte ich beide abzuwimmeln.„So, und das sollen wir glauben?“ antwortete derSchmächtige mit blonden Haaren und stieß mich zurSeite. „Mal sehen, ob du die Wahrheit sagst.“Während er eintrat, hielt mich der Dickere fest undmeinte mit ruhiger Stimme: „Mach keinen Ärger,Kumpel, ansonsten müssen wir andere Methodenanwenden.“Ich entschied mich, keinen Widerstand zu leisten, dasich ohnehin nichts im Haus befand, was die Unter-lagen betraf. Nur mein Diplom hing an der Wandmeines Büros, das sie, ohne lange zu zaudern, im Nuverwüstet hatten.„Und jetzt zu dem Code vom Safe … Den hast dudoch noch, hoffe ich“, sagte der Dickere drohend. 15
  • 12. „Ja klar, der ist 294 293“, gab ich sofort weiter.„Guter Junge“, kam die Antwort, während er auchschon den Code in die Tastatur vom Safe eintippte,wo vorher der nun runtergeschmissene eingerahm-te Maya-Kalender gehangen hatte. Zum Glück nureine Kopie. Er holte alle Papiere heraus und stöbertesie durch, ohne fündig zu werden. Den Geldscheinenschenkten sie keine Beachtung.Der Dicke drehte sich zu mir um und meinte: „Wirkommen wieder, dann gibst du sie uns schon – frei-willig, wollen wir wetten …? Dagegen war dies nurein höflicher Besuch, mein Herr. – Komm, wir hau-en ab!“, sagte er zu seinem Kumpan und beide ver-schwanden ohne weiteren Kommentar in RichtungTür.So, Brink, jetzt hast du ein Problem am Hals, dachte ich.Du besitzt den Schlüssel zur Produktion von Sauerstoff undEnergie. Das verleiht viel Macht. Das darf niemals in falscheHände geraten.Das hatte ich immer befürchtet. Sie waren jetzt hin-ter mir her. Jemand schien ausgepackt zu haben. Werwohl? Mein Leben stand plötzlich auf dem Kopf, auchwenn es zugegebenermaßen so hatte kommen müs-sen. Eigentlich hatte ich zuerst eine Anlage errichtenwollen, bevor Profitgeier sich über mich und das Pro-jekt stürzten. Doch nun war ich gezwungen, einenanderen Weg zu nehmen. Aber welchen? Mir drehtesich der Kopf.Ich musste handeln, und zwar schnell, so wie damalsauf Spitzbergen. In jenen Tagen hatte das Wissen mei-ne Neugier entfacht, ein Feuer zum Lodern gebrachtund mich unvermittelt losgeschickt, um zu erfahren,was dahintersteckte. Einen Tag später hätte ich viel-leicht anders entschieden. Doch es war nicht mehr 16
  • 13. dasselbe wie damals. Jetzt hatten sie sich an meineFersen geheftet. So machte das keinen Spaß.Ein ungutes Gefühl beschlich mich, als ich mir meinerLage bewusst wurde. Ich war kein Held, sie würdenmich jagen, um zu erfahren, was ich wusste. Ich muss-te etwas unternehmen, aber was? Mit wem konnteich reden, wen ins Vertrauen ziehen? Wer hatte etwasausgeplaudert? Jan, Guiglelmo, León Almeida? MeineFrau Teresa? Möglich wäre auch Fiona, meine Schwä-gerin. Fragen, Fragen und nochmals Fragen.Schließlich war es kein Geheimnis, wie es um unse-ren Planeten und die Atmosphäre stand. Die fossilenBrennstoffe gingen zur Neige, ganz zu schweigen vonden Naturkatastrophen, die uns tagtäglich über dieMedien vor Augen geführt wurden. Man hätte sichfast an die Bilder gewöhnen können, wären sie nichtso brutal. Die Unzufriedenheit führte weltweit zuvielen Unruhen unter den Völkern, und es war keineEinigung in Sicht, wobei die Amerikaner die Terror-anschläge einfach nicht mehr in den Griff bekommenkonnten. Die ungleiche Verteilung griff noch mehrum sich, sodass die Hoffnungen auf eine Besserungvöllig zu schwinden drohten.An diesem Märzabend musste ich an meine jungenJahre denken und wie alles gekommen war. Schon1996 ein Wettlauf in puncto Jobsuche. Das mobileTelefonieren und dann das Medium Internet. Bereitsdamals ein Leben voll Stress und Hektik. Die Men-schen erlebten Diktaturen und Kriege. Der Terroris-mus brach über die ganze Welt herein. Selbstmord-kommandos, die sich und unzählige Unschuldige,Kinder und Erwachsene, mit in den Tod rissen. Diewilde Jagd auf Osama Bin Laden, dem die Tat vom 11.September 2001 zugeschrieben wurde, als das Unfass- 17
  • 14. bare passierte und die Türme des World Trade Centersin Schutt und Asche zerfielen. Bis heute der fünfteNahostkrieg. Israel und die Palästinenser hatten ein-fach keinen gleichnamigen Nenner gefunden, sogardie Sunniten und Schiiten bekriegten einander. DiePolitik war in ihren unermüdlichen Friedensbemü-hungen gescheitert, egal, wer die Macht innehatte.Wie oft hatte man Friedenstruppen gesendet. Allesvergebens. Die Araber wollten Israel als eigenständi-gen Staat nicht anerkennen und waren untereinanderzerstritten, da sich die Völker im eigenen Land zu sehrunterschieden. Die Korruption zu offensichtlich. DerGraben zwischen Arm und Reich klaffte unüberwind-bar auseinander. Jeder noch so kleine (falsche) Schrittder westlichen Welt wurde mit heftigen Demonstra-tionen und Ausschreitungen von der islamischen Weltbekämpft. Obwohl wir dringend Frieden brauchten,ließen uns der Fanatismus und der Stolz beider Seitennicht zueinanderfinden.Das Telefon klingelte. Es war Teresa.„Liebling, wir sind soeben in Köln gelandet. Wobleibst du?“„Ja, ich hab dich nicht vergessen, es ist bloß etwas da-zwischengekommen. Tut mir leid. Nimm dir ein Taxiund fahr zu meiner Mutter.Wo sind die Kinder?“, gabich mit ruhiger Stimme zurück. Ich hatte sie ganz ver-gessen und griff geistesgegenwärtig zur Notlüge. „Ichmuss nur dringend ins Labor, einige Papiere fertigstel-len, da morgen ein neuer Termin anberaumt wurde.Ich hol dich später bei meiner Mutter ab, okay?“ Ichwollte sie nicht beunruhigen. „Ich beeile mich.“„Gut, mach nicht zu spät. Ich bereite etwas bei Mut-ti zu essen vor, die Kinder lassen grüßen. Also bis 18
  • 15. dann.“„Ciao, ciao, bis gleich!“, gab ich zurück und beendetedas Gespräch, bevor ich mich noch verriet.Ach ja, die Kinder, soweit man das so sagen konn-te. Tommaso, mein Sohn, war inzwischen mit seinensechsundzwanzig Jahren genauso erwachsen wie seinezwei Jahre jüngere Schwester Marcella. Meine FrauTeresa war Italienerin und noch sehr hübsch mit ihrensechsundvierzig Jahren. Ich dagegen hatte mit meinenachtundvierzig Jahren bereits graue Haare, und mansah auch schon ein bisschen Bauchspeck, was michjedoch in keiner Weise störte. Meine Forschungen be-deuteten mir viel, und ich war mit mir, meiner Fa-milie und meinem Job als leitender Pharmadesignerbei Medpharma in Köln sehr zufrieden. Der Aufstiegvom Laborassistenten zum Pharmadesigner verschaff-te mir sehr viel Ansehen, wobei es mich sehr stolzmachte, den Menschen mit neuen pharmazeutischeninnovativen Konzepten und Präparaten das Leben er-leichtern zu können. Vielleicht war sogar der Eintrittin den Aufsichtsrat möglich.Dennoch ließ mich das mulmige Gefühl nicht los.„Eine Lösung muss her“, stachelte ich mich selbst an.Doch mit wem konnte ich reden, ohne alles preis-zugeben oder mich zu verraten? Nur wir drei wuss-ten von unserem Geheimnis. Jan, Guiglelmo undich. Ferner hatte unser Freund León Almeida sicher-heitshalber einige Dokumente erhalten, ohne die dieForschungsarbeit nicht enträtselt werden konnte undnicht umsetzbar war.Die Lizenzvergabe an Medpharma umfasste nichtdie Produktion von Sauerstoff und Energie, sondernlediglich Sauerstofftabletten für eine bessere Durch- 19
  • 16. blutung von Lunge und Gehirn. Meine Forschungenbestanden auch darin, den Zusammenhang zwischenAlzheimer und dem jahrelangen Verzehr von Lebens-mitteln und Getränken aus Aluminiumkonservendo-sen zu untersuchen.Ich musste Jan anrufen, um nachzufragen, ob sich je-mand bei ihm gemeldet und nach den Unterlagen ge-fragt hatte. Seit einigen Wochen hatte ich nicht mehrmit ihm gesprochen. Bereits beim Anwählen der Tele-fonnummer legte ich den Hörer wieder auf, weil ichkeinen unnötigen Wirbel auslösen wollte. Unser Ge-heimnis war bei uns sicher, da wir wussten, was pas-sieren würde, geriete es in falsche Hände. Wir trautenuns damals nicht, an die Öffentlichkeit zu gehen; esschien einfach noch zu früh zu sein. Bis zum heu-tigen Tag hatten wir noch Bedenken, ob es wirklichfunktionierte, insbesondere in großen Mengen. Mirfiel ein, dass ich Guiglelmo in Rom mit dem Vorwandanrufen könnte, mich zu erkundigen, ob Teresa unddie Kinder bereits abgereist waren.Ich nahm das Telefon und wählte die Sprechtaste:„Verbinden mit Guiglelmo jetzt.“„Pronto, con chi parlo?“, erklang die Stimme vonFiona, meiner Schwägerin, auf der anderen Seite, alshätte sie auf den Anruf gewartet.„Ich bin’s, Jeff, sono io, tuo cognato. Come va? Tut-to bene? Sind Teresa und die Kinder bereits abgeflo-gen?“„Si, si, bereits vor drei Stunden. Sie müssten in Kölnschon gelandet sein“, gab Fiona zurück. „Guiglelmohat sie zum Flughafen gebracht und ist noch nichtzurück. Ich bin etwas beunruhigt, da er nicht gesagthat, ob er noch etwas erledigen wollte. Er geht auchnicht an sein Handy“, klang Fiona etwas besorgt. „Ist 20
  • 17. nicht seine Art.“Dem musste auch ich zustimmen und versuchte sie zuberuhigen: „Hat bestimmt jemand getroffen, er wirdsicher bald zu Hause sein! Hör mal, wenn er zurückist, soll er mich bitte zurückrufen“, sagte ich schnell,um sie nicht weiter zu nerven. „Alles Gute, Fiona, bisbald mal wieder.“„Ciao, Jeff, ciao, ich sag’s ihm. Ciao.“Ich legte auf. Obwohl ich mich zwang, ruhig zu blei-ben, fingen meine Gedanken an zu rasen. Was ist mitGuiglelmo? Meine Vermutung, dass es da einen Zu-sammenhang gab, ließ mich nicht mehr los.Das Telefon klingelte. Es war Fiona, die sagte: „Jeff,ich wollte dir noch etwas sagen. Vor ein paar Tagenhat er Teresa ein paar Mal gefragt, ob in Deutschlandalles okay sei. Er schien die letzten Tage etwas nervösgewesen zu sein. Das kam mir ehrlich gesagt ein biss-chen komisch vor, da ihr noch vor zwei Tagen mit-einander telefoniert hattet.“Ich musste Fiona die Antwort schuldig bleiben undihr recht geben. Da war irgendetwas im Busch, aberwas? „Warten wir es ab“, gab ich schnell zurück. „Fio-na, wie ist das Wetter bei euch?“„Heute waren es 28 Grad, viel zu warm“, erwidertesie.„Fiona, ich muss auflegen, da ich noch einen Anruferwarte, halt mich auf dem Laufenden, ciao.“Bevor sie noch etwas erwidern konnte, legte ich denHörer auf.Soviel ich wusste, hatte es in Italien seit drei Monatennicht geregnet und das Wasser war bereits seit einigenJahren rationiert. Lediglich in den Wintermonaten fieletwas Regen, sonst herrschte bis in den späten Herbsthinein nur Trockenheit. Ich kannte die Geschichte 21
  • 18. der letzten acht Jahre nur zu gut. Die Lage hatte sichbesorgniserregend zugespitzt. Weihnachten 24 Grad,ab 2.500 Meter einige Schneeflocken. Aber es konnteauch passieren, dass bei einem Wetterumschwung biszu drei Meter Schnee in ein paar Tagen runterkamen,was dann zu Überschwemmungen führte. Dazu ge-sellte sich die schlechte Versorgung mit Heizöl; immerwieder kam es zu Verspätungen und zu Preisen von350 Euro pro Barrel, wenn nicht mehr, je nachdem,wie die Spekulanten an der Börse kauften oder ver-kauften. Die Konzerne scherten sich einen Dreck umkartellartige Verstrickungen und nahmen die langjäh-rigen Gerichtsverhandlungen lächelnd in Kauf, dieden Bußgeldern folgten. Die OPEC war weltweit nurauf Expandierung und den schnellen Dollar fixiert.Wie sollte so eine Politik den Verbrauchern zugute-kommen und wo sollte das hinführen? Man konnteschließlich nicht in der Kälte sitzen bleiben.Wo steckte Guiglelmo bloß? Da ich Fiona nicht wie-der beunruhigen wollte, versuchte ich es ebenfalls aufseinem Handy, wurde aber auf die Mailbox verwiesen.Das stank zum Himmel. 22
  • 19. Die EntführungDie Geschehnisse entwickelten bereits eine eigeneDynamik. Alles lief unausweichlich auf Komplikatio-nen hinaus, was ich jetzt schon spüren konnte undmir große Sorgen bereitete. Was wussten sie, wer warensie?, lauteten meine nächsten Gedanken. Verflucht, dasscheint noch nicht das Ende zu sein, sagte mir mein Ver-stand, sondern bloß die Spitze des Eisbergs. Aber ruhig,ich musste überlegen, wie ich der momentanen Si-tuation Herr werden konnte, ohne Dummheiten zumachen. Als Erstes durfte ich kein eigenes Telefon be-nutzen; vielleicht wurde ich ja abgehört. Weiter muss-te ich unbemerkt das Haus verlassen und Kontakt mitJan oder Guiglelmo aufnehmen. Jan wohnte in Frank-furt, zu weit, um schnell einmal dort hinzufahren. Mitdem Wagen würde ich obendrein nicht unbemerkthier rauskommen. Blieb nur das Hinausschleichen,bevor ich versuchen wollte, mit der Straßenbahn zumeiner Mutter zu gelangen.Was sagte ich Teresa? „Ichbin mit der Straßenbahn hier, um dich abzuholen!“Lächerlich, ich musste bei der Vorstellung selbst lautlachen, wie sie mich alle anschauen würden. Der hateinen Sprung in der Schüssel. Unsere Abwesenheit scheintihm nicht gut bekommen zu sein, würden die denken. Ichsaß in der Falle. Sie würden wiederkommen und michauseinandernehmen. Ich war doch nicht … RAMBO.Nein, die warteten auf einen Fehler von mir.Mir blieb keine Wahl, ich musste handeln, um her-auszufinden, was mit Jan oder Guiglelmo los war. Ichdurfte auch nicht vergessen, Teresa anzurufen. Wennmöglich aus einer Telefonkabine. So, es reichte. Esmusste etwas geschehen.Im selben Augenblick klingelte es an der Tür. Schei- 23
  • 20. ße, sie sind zurückgekommen, ging mir durch den Kopf,während mein Puls unerwartet in die Höhe schnell-te. Ich hatte gesehen, mit welchem Wagen sie vorhinweggefahren waren, und schaute vorsichtig durch dieGardinen. Aber es war nichts zu sehen. Ding dong, dingdong … Leise schlich ich zur Tür und schaute mit ra-sendem Herzschlag durch den Spion. Da stand Jan,nervös mit den Händen fuchtelnd, als wollte er sagen,mach bloß schnell auf. Ich riss die Tür auf und zog ihnam Ärmel zu mir herein.„Jeff, sie sind seit heute Morgen hinter mir her. Ichmuss mit dir reden. Sie überwachen uns und unsereTelefone. Bist du alleine? Was ist passiert, dass die hin-ter uns her sind?“„Eins nach dem anderen und immer ruhig Blut“, ver-suchte ich Jan zu beruhigen, obwohl es mir genausoging wie ihm. „Setz dich erst mal hin. Möchtest duetwas trinken?“ Ich spürte eine gewisse Erleichterung,ihn bei mir zu haben und mit ihm über alles reden zukönnen.Aber er merkte, dass bei mir ebenfalls etwas nichtstimmte, da noch nicht aufgeräumt war. Er sprang auf-geregt auf und rief: „Sie waren hier bei dir, nicht wahr,und du tust, als wäre alles in Butter!“„Beruhige dich erst mal.“ Ich drückte ihn wieder inden Sessel zurück. „Ja, mich haben vor einer gutenStunde zwei Männer aufgesucht. Sie wollten unsereForschungsarbeiten von damals, haben aber nichts ge-funden und drohten damit, wiederzukommen.“„Wie bei mir, ein dicker und ein schmächtiger Typ inAnzügen, als wären es Banker.Wer sind sie, was wollensie und für wen arbeiten sie?“„Jan, du hast eine Menge Fragen, die ich auch gernebeantwortet haben möchte. Also beruhige dich erst 24
  • 21. mal. Wir sind am Leben und gesund. Ich mache mirernsthafte Sorgen um Guiglelmo, der heute Mittag,nachdem er Teresa und die Kinder zum Flughafen ge-fahren hat, nicht mehr nach Hause zurückgekommenist, und Fiona weiß auch nicht, wo er steckt. Er mel-det sich nicht am Telefon, ich hab’s das letzte Mal voreiner Viertelstunde probiert. – Aber was wollten dieTypen von dir?“„Sie fragten, ob ich meine Examenarbeit von damalsverkaufen wolle. Sie würden gut dafür bezahlen. Ichhab ihnen geantwortet, dass ich kein Interesse aneinem Deal hätte, woraufhin sie mir kurzerhand dieBude auseinandergenommen und mir gedroht haben,wiederzukommen.“„Also genauso wie bei mir, wie du siehst.“„Ich bin dann sofort aus dem Haus, ab in den erstbes-ten ICE und weiter mit dem Taxi zu dir. DreihundertMeter von hier entfernt bin ich dann ausgestiegen,bevor ich mich von hinten rangeschlichen habe, damitmich keiner sieht.“„Bist du sicher, dass dich keiner gesehen hat?“„Ganz sicher“, gab er überzeugt zurück.„Ja gut, und was machen wir jetzt?“„Ach ja, noch was, Jeff: Etwa fünfzig Meter von hierum die Ecke steht ein schwarzer Van mit holländi-schem Kennzeichen und zwei Leuten drin. Aber ichkonnte nicht dicht genug rangehen, um zu erkennen,ob das dieselben Typen sind, die bei mir waren. AlsoVorsicht. Ich sehe, du hast alle Gardinen vorgezogenund kein Licht vor dem Haus an.“„Am besten wir bleiben nicht länger hier, Jan.“„Aber wo sollen wir hingehen?“, fragte er.„Wir verschwinden unauffällig und beraten späterunsere nächsten Schritte. Ich hol nur ein paar Sachen 25
  • 22. und meine Jacke.“„Mach schnell! Wenn die zurückkommen und unshier zusammen antreffen, sind wir geliefert!“Jan hatte den Satz noch nicht richtig zu Ende gespro-chen, da klingelte es erneut an der Tür.„Psst“, sagte ich und deutete an, still zu sein, währendich fieberhaft überlegte, was wir tun konnten.Vorsich-tig schlich ich zur Tür und schaute durch den Spion,der allerdings von außen zugehalten wurde.„Wenn wir abhauen, fallen wir auf“, flüsterte ich Janzu. „Vielleicht haben die auch Kanonen. Ich schlagevor, du verschwindest erst mal, ehe ich aufmache. Sohat wenigstens einer von uns die Chance, davonzu-kommen. Versteck dich im Gäste-WC und bleib solange dort, bis sie reingekommen sind. Ich werde hus-ten, wenn du raus auf die Straße kannst, nicht vorher,verstanden?! Dann nimmst du dir ein Taxi, und wirtreffen uns später im Café de Paris, sagen wir mal inein oder spätestens zwei Stunden. Solltest du bis dahinnichts von mir gehört haben, kannst du zur Polizeigehen. Teresa ist bei meiner Mutter in Bonn. Hast duverstanden?“„Alles klar!“„Ich versuche sie abzuwimmeln, ich schaff das schon.Bis dann.“„Viel Glück, Jeff!“ Jan schlug mit seiner Hand in mei-ne Handfläche, die ich ihm aufhielt, wie früher. Erverschwand im Gäste-WC.Draußen wurden die Herren ungeduldig. Sie pochtenlaut gegen das Holz.„Ja, wer ist da?“, tat ich überrascht.„Mach sofort auf oder wir machen Kleinholz ausdir!“Ich meinte die Stimme des Dicklichen wiedererkannt 26
  • 23. zu haben. Wortlos öffnete ich die Tür.„Na also“, blaffte mich der große Blonde an.„Wir hätten noch ein paar Fragen, und versuch janicht, uns zu belügen, verstanden, wenn du nicht alsLeiche deinen schönen Teppich schmücken willst.Also, wo steckt dein Freund Bieberich? Wir möchtenauch deinen Computer checken, wenn du nichts da-gegen hast“, sagte der Dicke. „Mach schon, wir habennicht die ganze Nacht Zeit!“„Keine Bange, wir wollen dir nichts anhaben, wir sindhier, um die Unterlagen von deinem Examen abzu-holen. Allerdings bekommst du keine weitere Chan-ce mehr, bevor ich die Geduld verliere und dir eineKugel in den Kopf jage. Du kannst es dir überlegen.Entscheide du“, meinte der Blonde, als redete er übersWetter.„Ich, ich … kann jetzt nicht ins Werk, das würde auf-fallen. Am Eingang befinden sich immer mindestensdrei Posten seit diesen verdammten Terroranschlägen.Da ist kein Durchkommen.“„Mach dir mal nicht in die Hose, wir bleiben draußen,während du die Unterlagen holst, ansonsten rufen wirRom an, du weißt schon, warum.“Sie schauten mich an und warteten auf eine Reak-tion.„Wieso Rom, was hat das zu bedeuten?“, tat ich un-wissend.Der Dicke ging zur Garderobe neben dem Gäste-WCund holte meinen Mantel. Einen Moment dachteich, er wolle in der Toilette nachsehen. Mir war ganzschlecht bei dem Gedanken.Er warf mir den Mantel zu und sagte: „Die Sache mitdem Computer hat sich erledigt. Wir begleiten dichzum Werk. Keine faulen Tricks, sonst ist dein Schwa- 27
  • 24. ger die längste Zeit dein Schwager gewesen, ist dasklar, Freundchen!“Jan musste alles mitgehört haben und wusste somit,wo ich in den nächsten Stunden sein würde.„Du brauchst die Unterlagen eh nicht mehr, du hastja den Wisch dafür bekommen.“ Er meinte mein Di-plom. „Was willst du mit den Papieren? Wir werdengut auf sie aufpassen.“„Kommt jetzt“, hetzte der Blonde, „wir wollen kei-ne Zeit verlieren.“ Ich wurde zur Tür geleitet, wo erfortfuhr: „Wenn wir die Papiere haben, kann deinSchwager heute Nacht bei seiner Frau schlafen.“In diesem Augenblick musste ich an Fiona denkenund dann an Teresa, die ganz schön böse auf mich seinmusste, dass ich so lange im Werk blieb. Doch im Au-genblick blieb mir keine andere Wahl.Der Blonde zog einen Revolver und versteckte ihnin seiner Manteltasche, bevor er ihn in meine Seitebohrte. „Das ist für den Fall, dass du draußen nichtbrav bist. So, gehen wir!“, befahl er. „Aber vorsichtig,keine übermütigen Bewegungen, ich bin nämlich einbisschen nervös.“Wir gingen auf die andere Straßenseite, wo der Blon-de nach mir in den Fond des Wagens stieg. Der Di-cke fuhr sofort los, ohne nach dem Weg zu fragen. Siewussten Bescheid und wollten ohne Verletzungen dieSache hinter sich bringen, damit beim Eingang zumWerk nichts Auffälliges zu sehen war. Ich hatte es alsomit Profis zu tun, die kein Risiko eingingen und dieSituation im Griff zu haben glaubten. Aber ich sträub-te mich, einfach aufzugeben, und suchte verzweifeltnach einem Ausweg.Ein Geistesblitz ließ mich zum Fahrer sagen: „KönnenSie die Fensterscheibe hier hinten etwas runterlassen, 28
  • 25. mir ist nicht ganz wohl.“Postwendend ging die Scheibe ein Stück runter, nuran der anderen Seite, wo der Blonde saß. „Gut so?“,sagte er daraufhin.Die wenigen Zentimeter mussten reichen, den Schlüs-selbund hinauszuschleudern. Aber wie bekam ich ihnunauffällig aus der Manteltasche, ohne dass sie es so-fort bemerkten? Zum Glück war es dunkel genug.Vorsichtig tastete ich in meiner Manteltasche danach,schloss dann meine Hand, damit der Schlüsselbundmit dem Büroschlüssel dran nicht raschelte, und hieltihn fest umklammert. Jetzt brauchte ich nur noch aufmeine Chance zu warten. Die Straße zog dunkel undmenschenleer an uns vorbei. Ich musste warten, biswir durch die Stadt fuhren, wo mehr Verkehr herrsch-te. Aber wie lange würde er die Fensterscheibe runterlassen? Mir kam das Ganze vor wie eine Lotterie. Mei-ne Nerven waren zum Zerreißen gespannt, als wir dieStadt erreichten. Langsam füllten sich die Straßen mitMenschen und Autos. Ich witterte meine Chance. Inder nächsten Linkskurve ließ ich mich durch die Zen-trifugalkraft auf den Blonden prallen, riss im selbenMoment die linke Hand mit dem Schlüsselbund he-raus und zwängte ihn durch den geöffneten Fenster-spalt nach draußen. Zu meinem Glück kam uns genaurechtzeitig eine Straßenbahn in der Kurve entgegen,sodass der Dicke nicht bremsen konnte und auswei-chen musste. Er fluchte, während mich der Blondemit voller Wucht auf meinen Platz zurückstieß, dassmeine Schulter schmerzte.„Du, Schwein, hast die Schlüssel vom Büro rausge-schmissen. Du willst Ärger und sollst ihn haben“, wü-tete er und schlug mir voll ins Gesicht.Ich heulte vor Schmerz auf, während der Wagen mit 29
  • 26. kreischenden Bremsen etwa fünfzig Meter weiter zumStehen kam.„Ich werde dich zermalmen, wenn wir die Schlüs-sel nicht wiederfinden, du verdammtes Schwein.“Der Dicke stieg aus. „Du kannst was erleben“, schrieer. „Ich verspreche dir, dass deine Familie dich nichtwiedererkennt, du verdammtes Arschloch.“ Er kamzur Autotür und riss sie fast aus den Scharnieren.Als er gerade losschlagen wollte, hielt der Blonde sei-nen Arm fest und meinte: „Jake, ich versprech dir, wirholen das nach, sobald wir alles hinter uns haben. EineTracht Prügel bekommt er für seine Arroganz, abernachher.“Der Dicke riss mich aus dem Wagen und befahl mir,die Schlüssel zu suchen. „Wenn wir die Schlüssel nichtfinden, fahren wir woandershin mit dir, hast du ver-standen, du Idiot. Keine weiteren Tricks, sonst geht’sdir schlecht, Mister.“Ein bisschen erschrocken war ich schon, aber meineIdee hatte funktioniert, bis jetzt zumindest. Ich gingmit dem Fahrer die kurze Strecke zurück und begannzu suchen.Die vorbeigehenden Leute machten Bemerkungenwie: „Haben Sie etwas verloren?“„Ja, meine Hausschlüssel“, erwiderte ich und wittertegleichzeitig meine Chance. „Sie können mir bei derSuche helfen.“Der Blonde kam dazu und bemerkte ganz lakonisch:„Aber gerne.“Da sagte eine Frauenstimme: „Hier sind sie.“Ich griff sofort danach und rief ganz erleichtert: „Gottsei Dank. Sie haben mir das Leben gerettet.“Meine Entführer starrten sich an, doch bevor etwaspassieren konnte, bedankte ich mich bei der Dame: 30
  • 27. „Herzlichen Dank, so kann ich mich jetzt auf denWeg machen. Meine Herren, ebenfalls danke für IhreHilfe. Bis vielleicht ein andermal“, drehte mich umund verschwand in der Menge.Sie würden nicht schießen, mir aber auf den Fersenbleiben. Ich bemerkte, wie sie mich verfolgten, undergriff sofort meine Chance, als ich an einem Lokalvorbeikam, das ich vom Bummeln mit Teresa und denKindern her kannte. Hier genehmigten wir uns öfterein Bier. Ich betrat den ziemlich vollen Raum undging schnurstracks am Tresen vorbei zur Treppe, diezu den Toiletten führte. Anstatt die Männertoiletteaufzusuchen, stiefelte ich zu den Damen rein. Hierbefand sich ein Fenster. Ohne mich um die zwei Da-men zu kümmern, öffnete ich das Fenster und sprangin den Hinterhof. Ich kam so hart auf, dass ich mirbeinahe den Knöchel des rechten Beines verstauchthätte. Humpelnd lief ich weiter zum Lieferantentor,bog sofort in die Seitenstraße ein und tauchte in derMenge unter.Es verfolgte mich niemand. So konnte ich weiter zurFußgängerzone gelangen, wo ich ein Taxi nahm. „ZumCafé de Paris.“ Während der ganzen Fahrt schwiegich und dachte nach, was nun mit Guiglelmo passie-ren würde. Eine knappe Viertelstunde später stieg ichaus und zahlte. Es herrschte rege Betriebsamkeit, derParkplatz vor dem Laden quoll über. Jetzt musste ichzusehen, dass ich Jan erwischte. Er saß am Tresen undunterhielt sich mit zwei Damen. Beim Herumdrehenbemerkte er mich, und ich gab Zeichen, uns etwasabseits zu sprechen.„Wie hast du es geschafft?“, fragte er neugierig.Schnell erzählte ich ihm die ganze Geschichte undendete: „Wie soll es weitergehen, Guiglelmo ist in 31
  • 28. ernster Gefahr.“„Wir müssen herausfinden, mit wem wir es zu tunhaben“, schlug Jan vor.Da konnte ich ihm nur zustimmen. Doch zuallererstmusste ich Fiona anrufen und Teresa warnen. Ich er-kundigte mich beim Kellner nach einem Telefon.„Leider nein, da jeder ein Handy hat“, lautete seineetwas amüsierte Antwort, als ob er sagen wollte, woich in Gottes Namen herkomme.Was jetzt? Ich fragte Jan, ob die beiden Damen unswohl ihr Handy ausleihen würden, woraufhin er sichprompt auf den Weg machte. Jan stellte mich wenigspäter vor, und ich musste zugeben, dass er einen gutenGeschmack hatte. Warum ist er eigentlich nicht ver-heiratet, sinnierte ich kurz. Seit mehr als fünf Jahrenhatte er zwar eine Freundin, aber sie wohnten nichtzusammen. Als Bankkauffrau jagte sie in der Welt di-versen Metallen hinterher. Ob Aluminium oder Stahl,alles konnte man für die Aktionäre gebrauchen, diesich in unermesslichem Reichtum ergötzen wollten.Aber zurück zu den Damen. Jan fragte ohne Um-schweife, ob sie ein Handy dabeihätten.„Wenn es nicht lange dauert, gerne.“Ich nahm dankend und mit einem Lächeln an. „Ichbezahle die Zeche“, sagte ich und tippte die Nummermeiner Mutter ein.Nachdem es zweimal geklingelt hatte, nahm meineMutter den Anruf an. „Hallo, hier bei Brink, wer istam Apparat?“„Mama, ich bin’s. Sind Teresa und die Kinder nochbei dir?“„Ja, aber sie konnten dich nicht erreichen und wartenjetzt auf ein Taxi.Wo steckst du, Junge?“ Ich war nochimmer der Junge. 32
  • 29. „Kannst du mir Teresa bitte ans Telefon rufen? Ich er-klär’s lieber nur einmal. Sie kann dir dann alles sagen.Ich liebe dich, pass gut auf dich auf. Und schließeabends alles gut ab und öffne keinem Fremden dieTür“, musste ich noch loswerden.„Gut, ich ruf sie, bis bald. Ich hätte mich so gefreutund hatte auch ein Abendessen vorbereitet. Was umHimmels willen geht da vor? Ja, dann tschüss, hier, ichgeb sie dir.“„Jeff, wo steckst du?“, kam die aufgeregte Stimme vonTeresa in italienisch-deutschem Akzent, obwohl siesehr gut Deutsch sprach. „Kann man denn überhauptnoch mit dir rechnen? Was ist los? Kannst du mir dasverraten?“„Hör jetzt gut zu“, sagte ich sehr ruhig. „Du kannstnicht nach Hause, ich hatte heute Abend Besuch vonzwei Männern. Sie fragten nach meiner Examenar-beit, bevor sie alles durchwühlt haben. Zu deiner In-formation, unsere Telefone werden abgehört. Ich be-finde mich in Sicherheit. Außerdem ist Jan vor einpaar Stunden bei mir eingetroffen. Den Rest erzähleich dir, wenn ich bei Mama ankomme. Bleib auf jedenFall auf der Hut und lasst keinen bei euch rein. Es han-delt sich um Profis, die wohl genau wissen, wo sie unsfinden können. Somit auch die Adresse von Mama.Es sind sehr gefährliche Leute, die um jeden Preis dasManuskript haben wollen, und sie sind bewaffnet.Nimm dir am besten mit Mama und den Kindernein Hotel, du weißt welches, da kann ich problemlosanrufen oder euch aufsuchen. Also bis dann. Ich habejetzt keine Zeit, dir im Detail zu erzählen, was los ist.Mach schnell. In zwei Stunden ruf ich dich im Hotelwieder an. Also Küsschen, mein Schatz. Ich erkläre diralles, wenn ich da bin. Bis dann. Ciao.“ 33
  • 30. So, nun musste ich noch Fiona in Rom anrufen. Ohnelange zu fragen, wählte ich auch ihre Nummer.Nach langem Klingeln kam eine weinerliche Stimme:„Pronto chi parla?“„Ich bin’s Jeff. Was ist los, Fiona?“„Sie haben die ganze Wohnung durchwühlt und Sa-chen mitgenommen.“„Wer … hat was?“„Zwei Männer. Ich glaube, es waren Holländer.“„Bei uns vor der Tür stand ebenfalls ein Auto mitholländischem Nummernschild, in das ich einsteigenmusste. Mensch, bist du sicher, dass es Holländer wa-ren, und was wollten sie?“„Keine Ahnung, haben sie nicht gesagt. Nur dass Gu-iglelmo zurückkäme, wenn alles wieder in Ordnungsei. Sie haben dich verflucht und gedroht, dich zu er-schießen, wenn sie dich in die Finger kriegen. Jeff,kannst du mir sagen, was los ist? Ich hab ein Rechtdazu.“„Fiona, beruhige dich. Ich kann dir im Augenblickauch nicht mehr sagen. Wir sitzen in der Klemme. Siehaben Guiglelmo entführt und wollen Dokumentevon mir erpressen.“„Welche Dokumente?“„Meine Examenarbeit von damals.“„Ach die! Gib sie ihnen, damit Guiglelmo wiederfreikommt. Ich bitte dich!“„Kann ich nicht, selbst wenn ich wollte, ich besitzesie nicht mehr. Sie ist in sicheren Händen seit Jahrenund wird auch da bleiben. Keiner hat das Recht, siezu besitzen.Wenn Guiglelmo nach Hause will, wird eres ihnen sagen, mehr vermag ich im Augenblick nichtzu unternehmen. Ich kann nur versuchen, herauszu-finden, wo sie ihn versteckt halten. Aber zuerst muss 34
  • 31. ich wissen, mit wem wir es zu tun haben. Tut mir leid,aber ich muss jetzt auflegen, da es nicht mein Handyist und unsere Telefone seit geraumer Zeit abgehörtwerden. Ich melde mich, sobald ich kann. Kopf hochund geh zu deiner Schwester Roberta, da bist du si-cher.Versprich es mir.“Sie antwortete ganz weinerlich. „Jeff, hilf uns bitte,sie sollen ihre verdammten Papiere haben, wenn sieihnen so wichtig sind. Hauptsache, Guiglelmo kommtwieder frei.“„Ich verspreche dir, mein Menschenmöglichstes zuunternehmen, dass er bald frei kommt. Sei vorsichtig,pack dir einige Sachen ein und nimm dir ein Taxi.Also, ich melde mich, sobald es was Neues gibt. Kopfhoch, ciao Fiona. Ich hab dich lieb.“Ich legte auf und war sichtlich betroffen. Das Ganzestimmte mich traurig. Ich konnte fühlen, wie es Fionaging. Aber zuerst musste ich mit Jan überlegen, waswir als Nächstes tun konnten. Es war kurz vor Mitter-nacht, als ich auf meine Armbanduhr schaute.Bald standen wir auf der Straße. Aber wohin solltenwir nun gehen, ohne andere zu gefährden? Es warbitter, sich nicht einmal in seine eigenen vier Wändezurückziehen zu können. Ich wollte meine Frau undmeine Kinder sehen.„So, Jan, wir nehmen uns ein Taxi und fahren zumHotel.“In diesem Moment begann es zu regnen.„Auch das noch“, meinte Jan, „ist es nicht mies ge-nug?!“Etwas weiter die Straße runter warteten bereits einigeTaxis auf Kundschaft. Wir stiegen ein und gaben dasHotel an. „Bitte zum Sheraton.“ Keiner sprach einWort, auch als der Taxifahrer Witze reißen wollte. Er 35
  • 32. bemerkte sofort, dass uns nicht danach zumute war.Eine halbe Stunde später waren wir an der Rezeption,wo ich höflich empfangen wurde.„Ihre Frau ist bereits mit den Kindern oben“, sagteder Portier.„Danke.“„Haben die Herren kein Gepäck dabei?“„Nein“, gab ich kurz zurück, ehe wir uns am Aufzugvorbei um die Ecke zur Bar begaben. Wir musstennoch einiges unter vier Augen besprechen, bevor wirnach oben gingen. „Jan, was hältst du davon, solltenwir nicht die verdammten CDs herausgeben?“„Bist du verrückt! Auf gar keinen Fall. Du weißt, wasdann passieren wird. Niemals in die Hände von Poli-tikern oder Konzernen, haben wir gesagt – und dabeibleibt es.“„Du hast recht. Und Terroristen schon gar nicht“, er-widerte ich.Wir bestellten zwei Whiskys, obwohl wir keine Whis-kytrinker waren und unsere Vorliebe eher einem gu-ten französischen Rotwein galt. Aber in diesem Mo-ment tat es gut, unsere Sorgen zu ersaufen.Ich musste Jan etwas gestehen. „Hör mir mal gut zu:Ich hab mir damals erlaubt, einige Fehler in unsereFormel einzubauen, und hab euch das bis heute ver-schwiegen, aus vielerlei Gründen. Du weißt ja, wie dasist, man weiß nie im Leben … Leonardo da Vinci istähnlich vorgegangen. Er hat bei den Aufzeichnungenseiner Erfindungen immer einen Fehler eingeschleust,damit seine Ideen nicht nachgebaut werden konnten.Ich hab bereits vorgesorgt für den Fall, dass mir etwaszustößt. Das Originalteil der Formel befindet sich insicheren Händen. Sie würden hingegen die Kopienmit den Fehlern bekommen. Sollen sie sich nur die 36
  • 33. Birne zermartern. Die verfügen bestimmt über fähi-ge Leute, die vielleicht in fünfzig Jahren herausfinden,wie es funktioniert. Bis dahin braucht eh keiner mehreine Lösung, wenn wir mit unseren Rohstoffen unddem Klima so weitermachen. Hör mal, ich weiß sogar,wo die beiden von heute Abend abgestiegen sind. Ichhabe vorne im Wagen einen bedruckten Umschlaggesehen mit Novotel. Wir könnten versuchen, heraus-zufinden, ob in der Parkgarage das Auto der beidensteht. Irgendwann müssen die doch auch schlafen.“„Gute Idee!“, stimmte Jan mir zu.Mir ging’s darum, zu erfahren, mit wem wir es zu tunhatten. Jemand musste das Gangsterpärchen doch be-zahlt haben.Jan war sichtlich müde und wollte abschalten, aber dasging jetzt nicht. Da er morgen nach Rom reisen sollte,um dort nach Guiglelmo Ausschau zu halten, brauch-ten wir Informationen, und die bekamen wir nur imNovotel. Nachdem wir einen Plan ausgeheckt hatten,gingen wir auf unsere Zimmer.Teresa wartete bereits ungeduldig. „Ich hab mit Fionatelefoniert. Sie ist außer sich und hat nur geheult. Ihrsolltet diesen Leuten die Informationen geben, damitGuiglelmo wieder freikommt.“„Keiner kommt frei, weder Guiglelmo noch wir, wennwir nicht diese Bande ausschalten oder Hilfe von au-ßen bekommen. Wir haben jedoch keine Wahl, alsowerden wir ihnen die Informationen übergeben.“Fiona und Teresa sollten von den nicht vollständig ge-speicherten Daten noch nicht aufgeklärt werden, dasonst das Risiko bestand, dass sie, bei nicht vorherseh-baren Komplikationen oder Fragen von den Entfüh-rern bezüglich der Vollständigkeit des Materials, sichverquatschten. 37
  • 34. „So bekommen wir zumindest Guiglelmo frei undZeit zu verschwinden. Buch schon mal vier Tickets füruns nach Cancun und für Jan eins nach Rom. Kannstdu das für uns übernehmen? Wir fliegen nach Mexikozu Jackie und León, da werden sie uns am wenigstenvermuten. Ich hab dort noch einiges aufzuklären.“Sie starrte mich an, als wäre ich ein Außerirdischer.Aber ich wusste, wovon ich sprach.„Von Cancun fliegen wir weiter nach Palenque. Ichmöchte mich dort mit León treffen.“Ich sah hierin unsere einzige Chance. León Almeidawar Maya-Experte. Wir hatten uns vor etwa zwan-zig Jahren in Mexiko kennengelernt und waren seit-dem befreundet. Nach einigem Hin und Her hatteich, ohne mich mit Jan und Guiglelmo abzusprechen,León einen wichtigen Teil meiner damaligen Arbeitübergeben und mit ihm vereinbart, dass er den Me-morystick mit den codierten Informationen zur An-lage sehr gut aufbewahren sollte, bis ich ihn brauchte.Ohne diese wichtigen Details konnten die Anlagennicht in Betrieb genommen werden. León ahntenicht, welche Informationen dieser Stick beinhaltete.Aber vielleicht konnte er uns jetzt helfen. Wir muss-ten an die Öffentlichkeit, damit wir das Projekt star-ten konnten. Die anderen brauchten mein Wissen, umnoch mehr Macht und Reichtum anzuhäufen. Denenschien jedes Mittel recht zu sein.„Es tut mir leid, dich, die Kinder und Fiona mit hi-neinziehen zu müssen. Aber was soll ich deiner Mei-nung nach tun? Klein beigeben – dann kannst dumich morgen tot aus der Gosse fischen. Lieber setzich mich zur Wehr und such nach einem Weg, dieAnlagen selbst zu bauen, anstatt es diesen Profithaienund Spekulanten zu überlassen, die doch nur die ge- 38
  • 35. wonnene Energie an der Börse teuer wiederverkau-fen werden.“Teresa unterbrach mich: „Können wir das den Kin-dern nicht ersparen?“In diesem Augenblick kam Tommaso herein, ohne an-zuklopfen. Ich zuckte zusammen.„Pa, das ist eine ziemliche Scheißgeschichte mit On-kel Guiglelmo. Was können wir tun?“ Es überraschtemich, wie locker er ranging. „Ich will euch helfen,wenn du erlaubst, damit dieser Albtraum schnell zuEnde geht. Ich hab mir sofort gedacht, dass es um dei-ne Examenarbeit geht. Wo steckt Jan Bieberich? Ichhab gehört, er ist auch bei dir.“„Er hat ein eigenes Zimmer, wenn du erlaubst. So,und womit willst du mir helfen?“„Man könnte versuchen, ihre Identität herauszufin-den, und mit ihnen verhandeln.“„Daran hätte ich nicht gedacht, mein Junge“, entgeg-nete ich. „Diese Leute machen keine Verträge, son-dern nehmen sich, was ihnen in den Kram passt, aberdie Idee ist nicht schlecht. Doch wie willst du das an-stellen?“ Ich musste grinsen. „Etwa mit einem weißenTuch wedeln und sich ergeben?“„Pa, sei nicht albern! Wie sonst willst du Onkel Gu-iglelmo da rausholen, außer mit einem Lockvogel zuVerhandlungen zu gehen. Sie lassen Onkel Guiglelmofrei, während wir eine gefälschte Examenarbeit ab-geben.“„Das dürfte nicht so einfach sein. Sie werden zuerstsichergehen wollen, dass sie die richtigen Informa-tionen erhalten haben, und Onkel Guiglelmo nichteher freigeben, bis sie sie überprüft haben. Und wennihnen das nicht reicht, knallen sie Onkel Guiglelmoab“, fuhr ich fort. „Aber die Richtung stimmt, Junge. 39
  • 36. Aber zu deiner Information, wir fliegen so bald wiemöglich nach Mexiko.“„Was, Mexiko? Wie? Wieso Mexiko? Was sollen wirin Mexiko?“„Ich treffe mich dort mit jemand.“„Ach so, und wer soll das sein?“„León Almeida“, antwortete ich meinem noch un-wissenden Sohn.Doch ich hatte vor, Tommaso endlich einzuweihen,damit er León warnen konnte, falls etwas passierensollte. Schließlich war er alt genug und die Zeit reif,ihm einige Vorgänge meiner Erfindung zu unterbrei-ten.„Wir haben einen Plan ausgetüftelt. Wenn der hin-haut, gewinnen wir Zeit, und dein Onkel käme viel-leicht frei. Du wirst dich aber noch etwas in Geduldüben müssen und mich in Mexiko begleiten. – Sojetzt brauch ich aber eine Mütze Schlaf. Jan und ichmüssen gegen drei, vier Uhr noch einiges erledigen,wenn diese verdammten Bastarde nicht vorher heraus-gefunden haben, wo wir uns aufhalten. Keine Gesprä-che mit Handys. Sie könnten uns vielleicht dadurchlokalisieren. Und keine Telefonate mit irgendwelchenBekannten und niemals mit Fiona. So können sie unsnicht zurückverfolgen. Schließlich wissen wir nicht,mit wem wir es zu tun haben. Ob Privatiers, Unter-nehmer oder sogar der Geheimdienst und somit dieRegierung, jeder kann dahinterstecken. Und aus wel-chem Land stammen sie?“Diese Fragen mussten geklärt werden, und das Novo-tel könnte uns weiterhelfen.„Wo ist Marcella?“„In ihrem Zimmer“, gab Teresa sofort zurück.„Sie soll mit niemandem telefonieren, kannst du ihr 40
  • 37. das sagen, Teresa!“Das Zimmertelefon klingelte.Teresa hob den Hörer ab. „Ja bitte! – Ach, du bist es,wie geht’s dir? Was? Du willst mit Jeff sprechen? Au-genblick, ich geb ihn dir. Wir sehen uns aber nochbeim Frühstück?“ Sie reichte mir den Hörer. „Es istJan.“„Ja, hallo, was gibt’s?“„Ich glaub, das Beste wäre, sofort zuzuschlagen, Jeff“,meinte Jan.„Und wieso?“, fragte ich. „Ich dachte, du wärstmüde.“„Ich bin nach der Dusche wieder topfit und denke,wir sollten schnellstens herausfinden, mit wem wir eszu tun haben. Bis dahin hab ich ja doch keine Ruhe“,meinte Jan, womit er recht hatte.„Also los, wir treffen uns draußen vor dem Hotel. Ichlass uns ein Taxi kommen. Bis in zehn Minuten.“ Ichlegte wieder auf und wählte die Rezeption. „Bitteein Taxi in zehn Minuten. – Gut, danke“, sagte ichund drehte mich zu Teresa und Tommaso. „Ihr habtes gehört, wir wollen der Sache schon jetzt auf denGrund gehen und fahren zum Novotel. Falls ich inzwei Stunden noch nicht zurück bin, musst du dieseKette zu León bringen.“ Ich zog die Kette über mei-nen Kopf und gab sie meinem Sohn. „Herr Almeidawird dir den Memorystick nur im Austausch gegendieses Aztekenmedaillon aushändigen, so haben wires damals abgemacht, sollte ich ihn nicht persönlichabholen können. Du holst das Paket aber nur, damitOnkel Guiglelmo freikommt, gesetzt den Fall, dass esheute Nacht nicht klappen sollte.“In diesem Augenblick trat Marcella ins Zimmer, kamsofort auf mich zu und umarmte mich. „Oh Papa, ich 41
  • 38. hab dich sehr vermisst.“„Bin auch froh, dich wieder bei mir zu haben, meinKind.“Sie hielt mich noch eine Weile fest und meinte dann:„Was wollen die von uns? Was ist mit Onkel Guiglel-mo, kommt er wieder frei? Papa, versprich mir, dassihr sehr vorsichtig seid. Kann ich vielleicht auch hel-fen?“„Ja, natürlich, du kannst deiner Mutter Gesellschaftleisten.Wir fliegen, sobald ein Flug nach Cancun geht.Es wäre lieb, wenn ihr euch darum kümmert.“Unsere Strategie beruhte jetzt auf gegenseitigem Ver-trauen, und wenn alle Bescheid wussten, waren wirein Team und konnten uns so besser durchsetzen.„Wir müssen uns nur ein Handy besorgen, ein neut-rales, was sich nicht zurückverfolgen lässt.“„Papa, ich hab eins, zwar ein altes, aber es funktioniertnoch.“„Brauchst du sicher, um deine verschiedenen Freun-dinnen anzurufen“, bemerkte ich.Tommaso grinste, ohne sich zu äußern, kramte ausseiner Jackentasche ein Handy hervor und reichte esmir.In diesem Augenblick kam auch Jan ins Zimmer. „So,ich bin so weit.Von mir aus können wir los. Wie weitseid ihr?“„Alles klar“, bestätigte ich und gab noch einige An-weisungen: „Hört mal gut zu, wir gehen die Sachenoch einmal schnell durch. Also, worum es geht: Wirversuchen herauszufinden, ohne viel Wirbel und Auf-sehen, was das für Leute sind und für wen sie arbeiten.Vielleicht finden wir in ihrem Wagen bereits, wonachwir suchen, und ziehen uns sofort zurück. Du, Tom-maso, gibst uns Rückendeckung in der Zeit, wo Jan 42
  • 39. und ich uns an dem Wagen zu schaffen machen. Istdas okay so?“„Kein Problem, geht klar! Ihr könnt euch auf michverlassen. Es kribbelt schon.“„Falls wir durch das Hotel schleichen müssen, wird esnicht einfach, zumal wir sofort auffallen würden. Dasind bestimmt Kameras aufgestellt“, sagte Jan.„Um reinzukommen, müssten wir ein Zimmer reser-vieren. So hätten wir freie Bahn im Hotel“, fiel Tom-maso plötzlich ein.„Ja, das scheint mir das Einfachste zu sein“, gab Janzu.„Denk ich auch, gute Idee, Junge! Also los, ich sag denFrauen Bescheid. Tommaso, nimm zwei Koffer undsteck ein paar Decken rein, damit es echt wirkt – undab geht’s. Ich bin sehr gespannt, wer dahintersteckt“,sagte ich.„Es müssen Holländer sein. Die hatten einen komi-schen englischen Akzent“, bemerkte Jan.„Egal, es nutzt uns nichts, wenn wir herumraten“, er-widerte ich. „Sie scheinen nicht lockerzulassen.“Wir gingen runter, verstauten die Koffer im Koffer-raum und fuhren los Richtung Novotel.Tommaso be-trat als Erster das Hotel. Nach einigen Minuten folg-te ich mit Jan. Obwohl es bereits halb zwei in derNacht war, wurden wir freundlich empfangen. In derBar saßen noch einige Gäste, zum Glück nicht unserebeiden schrägen Vögel. Tommaso war sofort auf seinZimmer gegangen. Auch Jan und ich folgten sofortund gaben ihm Bescheid, dass es losging. Wir nahmenden Aufzug zur Tiefgarage, wo nicht allzu viele Autosparkten. Wir brauchten nicht lange zu suchen, da sahich die schwarze Limousine. 43
  • 40. „Jan, da steht der Van, der mich mitgenommen hat.Aber Vorsicht, dass der Alarm nicht losgeht.“Wir taten so, als wollten wir einsteigen, ich an derFahrerseite und Jan als Beifahrer. Ich fummelte nachdem vermeintlichen Schlüssel, während Jan sich an-schickte, die Beifahrertür zu knacken. Es dauerte eineWeile, bis es so weit war. Sofort ging der Alarm los,als die Fensterscheibe in Stücke zersprang. Er mach-te sofort die Tür auf und lehnte sich in den Wagen,um die Fahrertür zu öffnen. Wir fackelten nicht lan-ge, steckten alles, was im Handschuhfach lag, in einePlastiktüte und fuhren mit dem Aufzug zu TommasosZimmer. Mittlerweile hatte mein Sohn sich schlau ge-macht, wie wir unauffällig aus dem Hotel verschwin-den konnten. Da alle Zimmer im Parterre lagen, wares nicht schwierig, am Ende des Ganges durch denNotausgang nach draußen zu gelangen, wobei derAlarm ausgelöst wurde. Schnell und ohne viele Worteverschwanden wir nach draußen und befanden uns imPark des Hotels. Lichter wurden angeschaltet. OhneZwischenfälle konnten wir entkommen. Als wir ineiner Nebenstraße angelangt waren, hörten wir in derFerne, wie sich Polizeisirenen näherten. Wir musstenuns trennen und zurück zum Hotel Sheraton fahren.Im Zentrum nahm jeder ein Taxi.Im Hotel trafen wir auf etwas nervös wartende Frauen,die sich aber entspannten, als wir meldeten, dass allesgut geklappt hätte. Ohne lange zu fackeln, drehte ichdie Tüte auf den Kopf und betrachtete unsere Beu-te. Autopapiere, eine Mappe, Adresskarten, Anzünder,Kugelschreiber, Brille und ein kleines Notizbuch, dasich neugierig aufschlug.„Ich glaube, wir haben Glück.“Ich blätterte darin herum und schlug das Datum von 44
  • 41. heute auf. Da waren einige Telefonnummern notiert.Mir fielen sofort die 0039-Nummer aus Italien undweitere Nummern aus Holland mit der Vorwahl 0031auf.„Sieh mal einer an“, sagte ich. Zügig blätterte ich wei-ter und fand einen Namen, der mir sehr bekannt vor-kam, und ich wusste auch, für wen er arbeitete. „Dasist nicht möglich, ein Ölkonzern scheint an unserenUnterlagen interessiert zu sein, wenn das stimmensollte. Er selbst ist ein ziemlich bekannter Politikerund verkehrt ganz oben in der Regierung. War frühersehr lange Berater des Konzerns, was nicht heißt, dasser dies nicht mehr ist“, fügte ich hinzu.„Wenn das stimmt, Jeff, haben wir gute Arbeit geleis-tet“, freute sich Jan zurückhaltend.„Teresa, ihr bleibt im Hotel. Keiner weiß, wo wir unsbefinden. Sobald die Flugtickets beim Portier vor-liegen und die Abflugzeit bekannt ist, verschwindenwir. Du, Jan, musst in Rom in einem Hotel ausstei-gen und versuchen, Fiona unauffällig zu kontaktie-ren. Keine Handys bitte, telefonier nur aus dem Hotel.Diese Telefone können sie schwierig zurückverfolgen.Verstanden? Wir werden nur von Hotel zu Hotel inKontakt treten, ist das klar, egal, was passiert?! Oderwir hinterlassen eine Nachricht beim Portier, die duabfragen kannst.“„Ich werde alles Nötige tun. Ich bin doch nicht le-bensmüde.“„Ich werde dir die Dokumente an deine E-Mail-Ad-resse schicken. Du kannst sie dir dann im Hotel inRom auf CD brennen. Das könnte Guiglelmo mitein bisschen Glück das Leben retten. Wir müssen allesversuchen. Tommaso, wir fahren getrennt zum Flug-hafen. Das heißt, du mit deiner Schwester und ich mit 45
  • 42. deiner Mutter“, schloss ich das Gespräch. „Wir neh-men noch eine Mütze voll Schlaf, können wir ehrlichgesagt gebrauchen“, gestand ich. „Wann gehen dieFlüge?“, fragte ich Teresa.„Morgen zum Frühstück wissen wir Bescheid“, gabsie zurück. „Ich bin jetzt auch müde, ich möchte insBett, also gute Nacht allerseits.“ Sie ging rüber zumSchlafzimmer.Marcella hatte kein Wort gesagt, aber die blanke Angststand ihr ins Gesicht geschrieben. „Ich möchte beiMama schlafen“, sagte sie etwas ängstlich.„Papa, du kannst ja in meinem Zimmer schlafen“,sagte Tommaso sofort.„Nein, ich schlafe hier auf der Couch, es geht schon.Muss noch einige Sachen erledigen und über man-ches nachdenken. Wir können uns keine Fehler er-lauben. Ruht euch gut aus. Wer weiß, was noch alleskommt.Wir können keinem trauen. Ich muss morgenfrüh auch noch im Werk anrufen.“Mittlerweile war es halb sechs in der Früh gewordenund die Augen brannten mir im Kopf. Die längsteNacht meines Lebens lag hinter mir, ohne eine Partygefeiert zu haben. 46
  • 43. Mexiko, hola Es schien alles so unheimlich und unwirklich zusein. Ich stand in Cancun mit meiner Familie, ohnedass Ferienfreude aufgekommen wäre. Glühend heißbrannte die Sonne vom Himmel, das kannte ich sonicht vor zehn Jahren. Den Klimawandel spürte manhier sehr deutlich, genauso wie den Golfstrom, dernoch unerträglicher und heißer geworden war. Hierwaren Hurrikans an der Tagesordnung, es vergingenkeine zwei Wochen, und schon fegte der nächste Or-kan erbarmungslos über das Meer und das Land.Im zwölften Stock der Staroil in Rotterdam herrschtedicke Luft, dort verfolgte man eine andere Realität. Siewaren zusammengekommen, um die Situation mit allihren schiefgelaufenen Einzelheiten zu beurteilen. DieGesichter schauten düster drein, während sie auf denAufsichtsratsvorsitzenden des zweitgrößten Ölprodu-zenten des Globus warteten. Aber die Aktien fielenvon Minute zu Minute. Man musste sich entscheiden,ob sie von der Börse genommen werden sollten. Mitt-lerweile nichts Neues auf diesem Gebiet. Schon seitvier Jahren beherrschte das Phänomen des Auf undAb weltweit die Börsenparkette. Der einzige Druck,den die Öl- und Gaslieferanten ausüben konnten, be-stand darin, den Hahn zuzudrehen oder Lieferstoppsauszusprechen, wenn nicht innerhalb kurzer Zeit bargezahlt wurde. Alle Übernahmen hatten nicht dazubeigetragen, die Aktionäre zu sättigen. Hier lautete dasMotto: fressen oder gefressen werden. Es war nichts Neu-es, dass auch an dieser Front die Karten neu gemischtwerden mussten, um einigermaßen die Kontrolle derdurstigen Wirtschaftsbonzen zu löschen. 47
  • 44. Nach einigen Minuten des Wartens kamen der Se-kretär und die Dolmetscherin, um den Vorsitzendenanzumelden. Die außerordentliche Konferenz sollteneue Perspektiven öffnen.„Meine Damen und Herren, sehr verehrte Freundeund Gäste: der Präsident“, wurde er von einer Dameangemeldet.Alle applaudierten und warteten gespannt, was And-reas van der Heuvel zu sagen hatte. Langsam und ziel-bewusst begab er sich ans Rednerpult.„Meine sehr verehrten Damen und Herren! Sie wis-sen, dies ist eine geschlossene Zusammenkunft. Ichmöchte nicht zu lange ihre Geduld strapazieren undgleich zum Wesentlichen kommen. Wir haben zwareinen der drei Protagonisten der Theorie, aber dasnützt uns wenig. Ich bin mir sicher, dass nach den Vor-fällen im Novotel in Köln die anderen beiden Herr-schaften bereits über unser Vorhaben Bescheid wissen.Uns nützt der Tod von Guiglelmo Vaccha wenig, an-dererseits kann er als Druckmittel verwendet werden.Was mit ihm passieren soll, wollen wir erst einmal zu-rückstellen. Da wir die beiden anderen verloren haben,können wir nur Vermutungen über ihren Aufenthalts-ort anstellen. Ich möchte, dass sie alles daransetzen,sie zu finden, andernfalls geraten wir ins Hintertreffenzur Konkurrenz. Schließlich sind wir sehr großzü-gig unseren Zahlungen gegenüber der Staroil nach-gekommen. Wollen Sie, dass wir uns nach fähigerenLeuten umsehen? Ich möchte unverzüglich Resultateund die Pläne unverfälscht auf meinem Schreibtischsehen. Ich mache keinen Hehl daraus oder ihr seid absofort arbeitslos. Möchte jemand noch etwas sagen?“Ein junger Mann namens Alex J. Scott hob die Handund meinte: „Wie sollen wir arbeiten, wenn keiner 48
  • 45. zu Schaden kommen soll. Früher oder später gelangtdie Angelegenheit an die Presse, wenn wir weiter sozögern. Nichtsdestotrotz hatten wir alle drei bereits inunseren Händen. Doch keiner kann jemanden zwin-gen, die Aufzeichnungen herauszugeben, ohne Druckzu machen, außer wir machen ernst, bevor die Presseoder die andere Seite Wind davon bekommt. Schließ-lich sind Sie politisch geschützt und genießen Immu-nität.“„Stimmt nur zum Teil. Sie können nicht zur Polizeigehen, denn sie vertrauen niemandem, außer viel-leicht ein paar Leuten, deren Namen ich nun bekanntgeben werde, damit dies ein schnelles Ende findet.Wirwerden sie sofort aus dem Verkehr ziehen, damit Brinkund Bieberich einsehen, wie brenzlig es wird. Wirkönnen uns keine negative Presse erlauben. Aber einHintertürchen besteht: Schnappt euch León Almeidaund macht ihm klar, dass wir für gar nichts garantieren,wenn er die Brinks aufnimmt. Und Brinks vertrauterMitarbeiter Andreas Gloden bei Medpharma soll so-fort mit der Sprache herausrücken, was sie zurzeit imWerk entwickeln und wie weit sie mit der Forschungsind. Versucht an alle Informationen zu gelangen undnochmals: Ich sage euch, wann Blut vergossen wer-den soll. Denn wenn etwas schiefgeht, können wir dasGanze vergessen. Es ist für uns und unser Land vonenormer Wichtigkeit, die Theorie in unsere Hände zubekommen, ohne Aufsehen zu erregen. So, das wärealles. Ich will, dass übermorgen um dieselbe Zeit alleserledigt ist. Wie, ist mir egal. Ihr seid die Profis. Ichmuss weiter die Aktionäre und den Aufsichtsrat be-ruhigen. Also, achtundvierzig Stunden und keine Mi-nute mehr. Hab ich mich klar ausgedrückt?“Alex J. Scott, ein ziemlich rauer Bursche und gewalt- 49
  • 46. tätig, wollte die Lage mit aller Macht wieder gera-debiegen. Aber das ging nur, wenn ein paar von derMannschaft an seiner Seite und unter seinem Kom-mando stünden. Er veranlasste ein Treffen außerhalb,um das weitere Vorgehen zu planen. Er hatte nichtsGutes, dieser Plan.Im Hotel Holiday Inn auf Cancun waren die paarHabseligkeiten schnell aufs Zimmer gebracht.Wir tra-fen uns anschließend im klimagekühlten Lunchraum.Die Uhr zeigte halb neun. Draußen war es schonstockdunkel und schwül bei 40 Grad.Ich hatte mit Jan telefoniert, der sehr vorsichtig beiFiona aufgekreuzt war, um Genaueres zu erfahren. Siehatte meinen Rat, zu ihrer Schwester zu gehen, nichtbefolgt. Daher musste sie unbedingt von zu Hauseweg und in Sicherheit gebracht werden, damit keineweiteren Familienmitglieder in Gefahr gebracht wur-den. Jan meinte, sie habe sehr mitgenommen ausgese-hen und gewollt, dass wir unser Wissen herausgaben.Er hatte sie beruhigt und ihr erklärt, dass wir alles inunserer Macht Stehende tun würden, um Guiglelmofreizubekommen, aber bis jetzt hatte sich keiner derEntführer gemeldet, um den Transfer vorzubereiten.Wir warteten alle ungeduldig auf Jans Anruf ausRom.Als das Abendessen serviert wurde, kam ein Kellnerund brachte einen Briefumschlag auf einem Tablett.Ich nahm ihn entgegen und schaute mich im Restau-rant nach verdächtigen Personen um. Alles war fried-lich. Gespannt öffnete ich den Brief und las die paarSätze.„Lieber Freund, wenn du diesen Brief in der Handhältst, bin ich entweder tot oder auf Chichen Itza im 50
  • 47. Maya-Land-Hotel. Da mir aufgefallen ist, dass eini-ge Leute mich seit zwei Wochen beobachten, hab ichmich entschieden, nach unserem Telefonat sofort ab-zureisen, ohne auf Palenque eine Nachricht zu hin-terlassen. Bis bald, Junge. León Almeida.“„So“, sagte ich, „sie wissen Bescheid. León wurde of-fenbar bereits seit Wochen beschattet. Er ist abgereistnach Chichen Itza ins Maya-Land-Hotel. Wir fahrenmorgen in der Früh sofort dahin. Tommaso, du gehstmit mir. Die Frauen bleiben hier in einem anderenHotel. Es tut mir leid, aber es ist besser so.“„Jeff, ich werde noch verrückt, wann hört dieses Thea-ter endlich auf“, bemerkte Teresa aufgeregt.„Mama, es ist gut, Papa will ja nur, dass wir nicht auchnoch mit reingezogen werden, und er hat recht mitseiner Vorsicht“, entgegnete Marcella, und zu mir ge-richtet: „Papa, ich möchte auch mit nach ChichenItza, ich bin noch nie dort gewesen.“„Geht leider nicht, mein Kind, ein andermal viel-leicht.“„Ich bin kein Kind mehr. Hör auf damit! Ich werdeauch sehr brav sein.“„Wir brauchen einen Geländewagen, Tommaso“, ver-suchte ich abzulenken.„Eigentlich möchte ich auch dabei sein“, sagte Teresa,„warum sollen wir Frauen immer ins Wartezimmerabgeschoben werden. Jeff, wir fahren auch mit!“Ich musste ihr recht geben. Sie wie rohe Eier zu be-handeln brachte überhaupt nichts.„Also gut, wir fahren alle zusammen.“Unmittelbar nach dem Kaffee gingen wir auf unsereZimmer und gingen früh zu Bett. Da ich nicht schla-fen konnte, rief ich Jan an. Er hatte herausgefunden,dass es sich bei der italienischen Telefonnummer aus 51
  • 48. dem Notizblock um eine Filiale des holländischenÖlkonzerns handelte. Morgen wollte er etwas Lichtin die Sache bringen, indem er ein wenig nachforsch-te. Vielleicht wurde Guiglelmo dort festgehalten. Einbilliger Trick sollte ihm dabei helfen. Wenn sich diebeiden Männer in dieser Filiale befanden, wusstenwir, dass Guiglelmo nicht weit weg sein konnte. Dasließ uns hoffen.Ich traute mich nicht, im Maya-Land-Hotel anzu-rufen und nach León zu fragen, damit niemand vonunserer Ankunft erfuhr. Irgendwann schlief ich ein.Unterwegs nach Chichen Itza überraschte uns einfürchterlicher Platzregen. Es schüttete wie aus Ei-mern, sodass wir anhalten mussten. Durch die hef-tigen Windböen und umgefallenen Bäume verlorenwir viel Zeit. Wieder wurden wir mit den unbere-chenbaren Folgen des Klimawandels konfrontiert. Amspäten Nachmittag erreichten wir eine der schönstenHinterlassenschaften der alten Mayakultur. Die Mayaverschwanden genau auf dem Höhepunkt ihres Da-seins, als hätte sie der Erdboden verschluckt. So wieUxmal, Tulum, Palenque und viele andere Kultstätten.Als Ursache ihres Verschwindens vermuteten die Wis-senschaftler eine jahrzehntelange Trockenheit, den-noch blieb es ein riesiges Geheimnis. Einige Fragenwaren zwar beantwortet worden, aber bei sehr vielenanderen stocherte man noch im Dunkeln.Der Zyklus des Maya-Kalenders endete, wenn allesstimmte, 2012 unserer Zeit, also im vorigen Jahr. DesWeiteren hatten die Pyramiden mit den acht Stufeneine symbolische Bedeutung. León und ich warendavon überzeugt, dass ein gemeinsamer Nenner zwi-schen all diesen Mythen und Hinterlassenschaften der 52
  • 49. prähistorischen Monumentalgeschichte bestand undwir es mit ziemlicher Sicherheit in nicht allzu lan-ger Zeit wissen oder schmerzlich würden erfahrenmüssen. Weil die spanischen Konquistadoren sowohlin Mittel- als auch in Südamerika aus Habgier vielzerstört und geplündert hatten, standen wir vor kei-ner leichten Aufgabe, genaue Abläufe dieser Kulturennachzuvollziehen.Der Tzolkin-Kalender,Teil des Maya-Kalenders, stelltemeiner Theorie nach einen Erdenlauf-Zyklus von etwasechsundzwanzigtausend Jahren dar, wobei jedes derdreizehn Zahlenfelder eine Periode von zweitausendJahren darstellte. Die zwanzig äußeren Unterteilungendes kreisförmigen Kalenders, die Hieroglyphen, reprä-sentierten die bestimmenden, einschneidenden Ereig-nisse oder Merkmale einer Epoche. Nördlich auf derScheibe ist die Hieroglyphe eines Kindgesichts, die alsMenschensohn (Messias) zu verstehen ist, abgebildet.Unterhalb beginnt gleichzeitig mit der Hieroglyphedie letzte Zahl, dreizehn. Zu diesem Zeitpunkt wurdeJesus Christus geboren. Die Hieroglyphe linkerhandwird übergreifend von der Zahl dreizehn in die Zahleins (die neue Erde) dargestellt. Das war genau unse-re jetzige Zeitperiode. Dies bedeutete, dass wir, dieMenschheit, einer gewaltigen Veränderung entgegen-schauten. Wann genau dies sein würde, konnte undsollte keiner bestimmen. Meine neuen Erkenntnissediesbezüglich wollte ich León unterbreiten, der seitmehreren Jahrzehnten Maya-Experte war.Dann schweiften meine Gedanken in die Gegen-wart zurück. Die Tatsache, dass der Sauerstoffanteil inder Luft stetig zurückgegangen war und das Ozon- 53
  • 50. loch immer größer über den Polen klaffte, lag letzt-endlich nicht an irgendwelchen Sonnenaktivitätenoder -winden, sondern an der nicht abnehmendenVerschmutzung und dem Treibhauseffekt durch denCO2-Ausstoß, den die Menschen verursacht hatten.Doch die Menschen hatten ihre Augen verschlossenoder ihnen wurde verschwiegen, dass der immense,seit 1965 ständig steigende Kohlenmonoxid-Ausstoßeines Tages seinen Preis fordern würde, wie viele Ex-perten vorausgesagt hatten, aber die Politik hatte dieAuswirkungen auf Natur und Ernährung systematischverharmlost und vertuscht. Sogar unsere Ozeane wa-ren mittlerweile hochgradig verschmutzt und leer ge-fischt, wobei vollkommen vergessen wurde, dass sieseit Millionen von Jahren ein wertvolles Element fürdas Leben und unser Klima waren. Doch wenn derletzte Wal aus dem Meer gefischt war, was dann? Zu-dem waren unsere Süßwasserreserven, auch Gletschergenannt, weltweit gänzlich verschwunden und keinerwollte etwas ändern.Alle Abläufe, die auf der Erde seit Millionen von Jah-ren als selbstverständlich galten, durften jetzt nichtdurch einige Mächtige aus Habsucht und Profitgiernach Lust und Laune zerstört werden. Jeder Menschsollte an dieser Welt teilhaben. Aber da viele Machtha-ber oder Industriepotentaten sich als alleinige Eigen-tümer der Ressourcen betrachteten, sich das Rechtherausnahmen, diese auszubeuten, und die Politik sieals Wirtschaftselite auf Kosten der Verbraucher oderMittellosen und Unwissenden hochstilisierte, hattenwir keine Zukunft.Jeder Mensch sollte täglich an seine eigene Verantwor-tung erinnert werden. Auf den Werbeplakaten und aufder Verpackung sollte man auf die Schädlichkeit der 54
  • 51. Produkte hinweisen, wie auf den Zigarettenschach-teln. Beispielsweise: Autoreifen töten und verpesten unsereUmwelt. Die Konzerne sollten vom eigenen Personalermahnt werden, auf saubere Energien und Produkteumzurüsten.Das Kyoto-Abkommen hatte überdies kläglich ver-sagt und nicht den Hunger nach mehr Energie derwestlichen Zivilisationen und neuen kapitalistischenLänder, wie China, Indien und Russland, stillen kön-nen. Dadurch waren noch mehr CO2-Emissionen indie Atmosphäre gelangt, aber auch Milliarden vonDollar in die eigenen Taschen der Börsianer geflossen.Von Abstrafen der Industrieländer keine Rede, weilsie nach Belieben Zertifikate kaufen, verkaufen undübertragen konnten. Bis heute hatte sich niemand füreine Alternative eingesetzt. Das Ganze drohte zu kip-pen und niemand schien sich darum zu scheren, auchwenn allerorts viel geredet und dokumentiert wurde.Aber in sehr naher Zukunft sollte das ein Nachspielhaben. Die Armen konnten sich nicht verteidigen,während die Reichen keinen Anlass dazu sahen, zu-mal sie bereits Sauerstofftanks eingebunkert hatten,um eine eventuelle Krise zu überstehen. Von Wis-senschaftlern wurde prognostiziert, dass bis zum Jahr2030 auf der nördlichen Hälfte des Globus kaum nochjemand überleben könnte, während die südliche He-misphäre in Kriege verwickelt sein würde durch Dür-reperioden, Flüchtlings- und Asylprobleme, Hungerund Epidemien und nicht zuletzt wegen der unter-schiedlichen Kulturen und Religionen.Ich persönlich wollte unbedingt die Zusammenhän-ge und die Entstehung von Leben vor Millionen vonJahren verstehen. Die Mythen und Legenden der ver-gangenen Kulturen hatten uns eine Menge Botschaf- 55
  • 52. ten hinterlassen, die uns helfen konnten, die Vorgängeder Zeit zu begreifen und eine Lösung zu finden.Die Beweise erhärteten sich, dass gewisse Leute sichmeines Wissens ermächtigen wollten, um selbst nichteines Tages mit ihren Produkten auf dem Trocknenzu stehen. Wer wollte schon zusehen, wie der anderebejubelt wurde, während man selbst aufgeben musste.Meine Theorie von der WWP, World Without Profit(Welt Ohne Profit), sollte jedem offen gelegt werden,und es sollte gemeinsam weiter geforscht und nichtfür eigene Interessen genutzt werden. Lieber ver-brannte ich meine Erkenntnisse oder nahm sie mitins Grab.Ich bemerkte erst jetzt, dass wir fast angekommenwaren. Der Tourismus schien beinahe erloschen zusein, seit ich zum letzten Mal diese Kultstätten be-sucht hatte. Immer weniger Busse waren uns begeg-net. Mir war es damals schon komisch vorgekommen,dass Menschen und Kulturen solche Bauwerke fürdie Ewigkeit bauten, obwohl sie selbst nach kurzerZeit verschwanden. Ich denke, wenn wir zum Beispiellange Jahre am Petersdom in Rom nichts reparierenwürden, wäre bereits nach zweihundert Jahren vondiesem Prunkbau nicht mehr viel übrig. Die Bausubs-tanz war eben nicht dieselbe und konnte die Jahrtau-sende nicht überdauern.Wir bogen in die Straße, die uns zum Maya-Land-Hotel führte. Das Unwetter hatte sich mittlerweileberuhigt.Marcella sagte: „Ich wäre doch lieber zu Hause ge-blieben, wenn es nicht für Onkel Guiglelmo die Ret-tung bedeuten würde.“„Du wolltest doch unbedingt mit und jetzt redest du 56
  • 53. so. Ich wäre auch lieber zu Hause geblieben“, meinteTeresa.Tommaso dagegen befand sich in seinem Element.In der Hotellobby wurden wir bereits von den hie-sigen Mexikanern sehr freundlich empfangen. „Olàcomo va señoras e señores?“„Mui bien, mui bien“, antwortete ich. „El señor Pro-fessor Almeida està aqui?“, fragte ich sofort an der Re-zeption.„Si, esta un correro por usted señor Brink“, sagte derMann hinter der Theke, er hätte eine Nachricht vonProfessor Almeida.„Muchas gracias señor“, nahm ich den Brief entgegen.Ich drehte mich zu Teresa um und sah ihren besorgtenBlick. Ich öffnete den Brief. Die Spannung stand allenins Gesicht geschrieben.„Hallo, allerseits“, las ich laut vor. „Entschuldigt mich,ich musste mit meiner Familie zu einer Einladungvon Bekannten aus der Nähe. Ich bin so gegen Abendwieder zurück. Ich habe bereits eine Suite im erstenStock reservieren lassen. Entspannt euch inzwischenetwas von der Reise. Bis später. Grüße, León.“Erleichtert atmeten wir auf. Dann gingen wir aufunsere Zimmer, die im Kolonialstil eingerichtet wa-ren. Es handelte sich um ein altes Hotel aus der spani-schen Epoche, sehr nach meinem Geschmack. An derDecke hing ein Ventilator, der langsam seine Rundedrehte, während von draußen tropisches Vogelgeschreiund sehr sanfte mexikanische Gitarrenmusik herein-drangen. Die Sonne schien auch wieder.Marcella und Tommaso wollten im Swimmingpooleine Runde schwimmen und Teresa zog sich zu einerSiesta zurück. Somit hatte ich Zeit, Jan anzurufen undmich nach Neuigkeiten zu erkundigen. 57
  • 54. „Jan, ich bin’s. Ist Fiona bei dir?“, fragte ich sofort.„Ja, ja, alles so weit okay. Möchtest du mit ihr spre-chen?“„Ja später, erzähl du zuerst.“„Ich hab mich heute Morgen so gegen acht Uhr zumBüro der Staroil-Filiale hier in Rom aufgemacht undbeobachtet, wer ein- und ausging. Unser nett geklei-deter Kerl ist drinnen verschwunden und später mitjemandem weggefahren. Allerdings konnte ich ihnnicht weiter verfolgen, weil ich zu einer Verabredungmit Fiona musste. Gestern Abend dagegen schienhier auf den Büroetagen mächtig was los gewesen zusein. Ich muss unbedingt herausfinden, ob Guiglelmohier festgehalten wird, dazu schleiche ich mich heuteAbend nach Feierabend ins Gebäude. Mehr konnteich noch nicht tun, zumal ich immer an die Sicherheitvon Guiglelmo zu denken habe.“„Hast recht, pass auf dich auf! Schreib dir bitte dieNummer von unserem Hotel hier auf. Also sie lau-tet: 0052 3654876823. Bis später. Gib mir Fiona.“ Ichwandte mich um. „Teresa, möchtest du mit ihr reden,es gibt nichts Neues in der Sache, aber du könntest sieetwas trösten.“Sie nahm den Hörer. „Ja gut.“  – “Hallo, Fiona, wiegeht es dir …“Ich machte mir einen Drink und verschwand auf dieVeranda, ein sehr romantischer Ort, der einen Blick aufdie berühmte Pyramide von Chichen Itza mit ihremGott Chak Mol an der anderen Seite des Platzes, einpaar hundert Meter von hier, erlaubte. Ich setzte michauf einen bequemen Sessel und schlief augenblicklichein. Teresa weckte mich zum Abendessen mit einemzärtlichen Kuss auf die Stirn. Mir war nicht sehr wohl,am liebsten hätte ich mich umgedreht und weiter- 58
  • 55. geschlafen.Die Kinder waren schon umgezogen und Teresaschminkte sich gerade. Draußen war es stockdunkel.„León ist mit Frau und Tochter schon eingetroffen.Sie haben vor einer halben Stunde auf dem Zimmerangerufen. Wir treffen uns gegen halb neun im Foyerund essen später zusammen.“„Wie lange hab ich geschlafen?“, fragte ich.„Es ist jetzt halb sieben“, erwiderte Marcella.Tommaso war dabei, mit seinem Handy zu spielen.„Tommaso, du lässt das schön bleiben. Wie bespro-chen, es werden keine Telefone benutzt, die zurück-verfolgt werden könnten, einverstanden?“, gebot ichmit fester Stimme.„Ja, Pa, ich schau mir nur ein paar SMS an. Sie wollenalle wissen, wo ich bin, was soll ich denen antwor-ten?“„Im Moment nichts, da wir keine weiteren Problemegebrauchen können.“Er gab keine Antwort, er verstand auf Anhieb, worumes ging. Ich stand auf und ging ins Bad.Vor dem Abendessen spazierten wir eine Weile durchden Park. Es war als ob hier die Zeit stehen gebliebenwar, es hatte sich wenig geändert. Teresa hielt michganz fest, wobei sie die Erinnerungen von vor mehrals zwanzig Jahren, als wir auch hier abgestiegen wa-ren, ein bisschen melancholisch machten. Ich konntemich noch genau erinnern. Sie war damals schwangermit Marcella. Sehr heiß und schwül war es gewesen.Sie musste oft das Zimmer hüten, weil es dort eineKlimaanlage gab.Teresa und ich schwiegen zumeist und bewunder-ten die exotischen Pflanzen und Bäume, die von denStrahlern hell beleuchtet wurden. 59
  • 56. Zu jener Zeit hatte ich León kennengelernt.Wir spra-chen viel über den Maya-Zeitzyklus und ihr plötzli-ches Verschwinden. Er machte viele Recherchen be-züglich des Maya-Kalenders und der Stelen, in riesigeSteine gehauene Inschriften und Abbildungen. Dazukamen die exakten astronomischen Kenntnisse diesesfür die damalige Zeit hoch entwickelten Volks. Dasshier auch Pyramiden gebaut worden waren, muteteschon merkwürdig an, nicht minder die gemeinsameLegende einer Sintflut, die sich in vielen Kulturen er-zählt wurde. Aber wo lag der Schlüssel zu alledem?Wir gingen langsam den Pfad hinunter und setztenuns auf die Terrasse. Sofort kamen Kellner und einigeMusikanten und bezirzten uns mit ihrer Musik, diealle unangenehmen Gedanken verdrängen konnte.Die Kinder kamen hinzu und hänselten uns.„Dürfen wir die Verliebten stören oder wollt ihr nochvon vergangenen schönen Stunden träumen?“, fragteMarcella lachend. „Tommaso, sag was!“„Ich seh, sie sind verliebt wie damals.“Teresa errötete ein bisschen, während es mich schmei-chelte. Es tat gut, alle zusammen hier an diesem Ortzu sein. Ich gab den Musikern einige Pesos und siezogen mit einem Tusch weiter.In diesem Moment kam León mit seiner Gattin undseiner Tochter an der Hand auf die Terrasse. SeineHaare waren vollends ergraut, aber seine Haut zeigteeine gesunde Farbe, und die sportliche Abendbeklei-dung ließ ihn interessant aussehen. Seine Frau Jackiestammte aus guter Familie und sah mit ihren vierund-fünfzig Jahren blendend aus. Ihre Tochter Serena hätteich nach all der Zeit niemals wiedererkannt. Sie hattedamals mit drei Jahren wochenlang mit Tommaso imPark des Hotels gespielt. León allerdings hatte ich zu- 60
  • 57. letzt vor drei Jahren auf einer Konferenz in Chicagogesehen. Ferner trafen wir uns ohne die andere Hälftefast alle drei bis fünf Jahre. Wir waren Freunde gewor-den und telefonierten fast jeden Monat miteinander.„Wie schön, euch wiederzusehen!“ Ich stand auf, be-grüßte die Gattin mit Handkuss und gab der hüb-schen Tochter die Hand. Dann drehte ich mich umund umarmte León, so wie wir es schon seit Jahrentaten. Die Damen küssten sich auf die Wangen, wäh-rend Tommaso schüchtern allen die Hand gab. Ich sah,dass Marcella und Tommaso sich freuten.„Ich freue mich so, euch wiederzusehen nach all denJahren!“, sagte Jackie frohgemut.„Wir freuen uns auch, Jackie“, entgegnete Teresa lä-chelnd, die sich nun merklich entspannte.„Bist du gewachsen“, meinte León nach einem Blickauf Tommaso, „ein sympathischer junger Mann bistdu geworden. – So ist das, Jeff, und wir werden immerälter.“„Kommt, lasst uns Platz nehmen und uns einen Wie-dersehenstrunk genehmigen“, schlug ich vor. „Wasmöchtet ihr trinken?“ Ich hob die Hand.Sofort war die Bedienung zur Stelle und nahm dieBestellung auf.Die jungen Damen hatten sofort genügend Ge-sprächsstoff, während sich Tommaso merklich zurück-hielt und, wie mir schien, die Augen nicht von Serenalassen konnte, die er scheinbar unauffällig musterte.Es amüsierte mich. Ich hätte in jungen Jahren wahr-scheinlich dasselbe getan.„León, mein Alter“, fuhr ich fort, „gut, dass wir unssehen. Du weißt ja inzwischen, was vorgefallen ist,und wir müssen handeln. Bei meinem Schwager, den 61
  • 58. du ja in Chicago kennengelernt hast, geht es um Le-ben und Tod. Er wurde vor zwei Tagen entführt, undsie werden ihn erst wieder freilassen, wenn sie unsereErfindung in die Hände bekommen, die sie dann pro-fitabel ausschlachten wollen.“„Ja, du hast vollkommen recht, es muss schnellstensetwas geschehen. Wir müssen sie aufhalten und Zeitgewinnen.“„Auf jeden Fall sollten sie nie wissen, wo wir uns auf-halten“, bemerkte ich.„Aus diesem Grunde haben wir auch sofort das Ho-tel gewechselt, ohne anzugeben, wo es hingeht“, gabLeón bestimmt zurück.„Wir schweben alle in Gefahr“, meinte Teresa be-sorgt.„Aber was geschehen ist, kann nicht ungeschehen ge-macht werden“, versuchte Jackie zu beschwichtigen.Sie war eine mutige Frau und hatte ihren Mann all dieJahre seiner Forschung über die Maya unterstützt.Nach dem Abendessen wollten wir noch einmal beieiner Zigarre die weiteren Schritte besprechen. Aberso weit sollte es nicht kommen.Es war so gegen halb elf, da nahm die Misere ihrenLauf – oder war es Schicksal? Vier Männer tauchtenplötzlich in dem bis auf den letzten Platz besetztenSaal auf, wobei einer laut die Musik der Musikantenmit der Frage übertönte: „Wer ist Señor Jeff Brink? Ersoll sofort aufstehen, sonst müssen andere dran glau-ben, die nichts mit der Sache zu tun haben. Keinerrührt sich, verstanden! Das ist ein Befehl und kein gutgemeinter Rat.“Die anderen drei Männer stürmten in die Menge undrissen einige Stühle um.„Alles bleibt sitzen. Keiner rührt sich vom Fleck“, 62
  • 59. schrie der erste. „Wir schießen sofort.“Aus den Augenwinkeln sah ich, wie Tommaso lang-sam in die Knie rutschte und unter dem großen run-den Tisch verschwand. Mich wunderte es, dass kei-ner der vier Männer dies bemerkte. Ich schob seinenTeller beiseite, damit es nicht so aussah, als hätte dortjemand gesessen, und mit dem Fuß rückte ich denStuhl gegen den Tisch.Erst redeten alle durcheinander, dann brüllte der ersteMann: „Still, alle sollen die Klappe halten, hab ich ge-sagt.“Eine Salve aus einer automatischen Pistole riss fünf,sechs Löcher in die Wand. Es staubte, und das zeigteWirkung auf alle Anwesenden im Saal. Es wurde sostill, dass man eine Nadel hätte fallen hören können.„So ist es brav, aber jetzt soll Herr Brink endlich zumir kommen, und ihr könnt in aller Ruhe weiter-machen, meine Damen und Herren.“ Die Worte ausseinem Mund klangen zynisch und hämisch zugleich.Ich musste etwas unternehmen, schaute León an undnickte ihm zu.„Na also, das ging ja flott. Kommen Sie mit erhobe-nen Händen hier rüber – und keine falsche Bewe-gung. Mein Finger juckt.“Obwohl ich mir nicht vorstellen konnte, dass sie ge-schossen hätten, wollte ich niemanden weiter gefähr-den, stand mit erhobenen Händen auf und bewegtemich vorsichtig in seine Richtung.„Was wollt ihr?“, fragte ich, um sie etwas abzulenken.„Du weißt ganz genau, was wir wollen.“ Er trat anmich heran und hielt mir seine Kanone unter dasKinn.Ich musste einen Moment auf Zehenspitzen aushar-ren, bevor mich ein Kinnhaken erwischte. Rücklings 63
  • 60. fiel ich zu Boden. Meine Nase blutete.Etwas benommen hörte ich, wie er schimpfte: „Dubist auch noch arrogant, du deutscher Bastard, ty-pisch für dein Volk.“Ich schwieg, um sie nicht noch weiter zu reizen.„So, und jetzt zu den anderen. Überlegt es euch gut,wenn ihr ihn lebend wiedersehen wollt. Haben wiruns klar ausgedrückt? Also, in genau vierundzwan-zig Stunden liegen die Akten in unseren Händen,und kommt ja nicht auf dumme Gedanken, sonstkönnt ihr ihn begraben.“Teresa sprang auf und wollte mir zu Hilfe eilen. Eineweitere Salve knatterte in die Wand hinter ihr.Sie hielt inne, rief verzweifelt: „Bitte, lasst ihn lau-fen, ihr könnt alles haben“, und fiel weinend auf dieKnie.Marcella lief zu ihr hin und kniete nieder, um siezu trösten. León hielt bewusst inne, während seineFrau wie erstarrt dasaß.Nur Serena wurde blass im Gesicht und verteidigtemich laut: „Ihr sollt Herrn Brink sofort freilassen,ansonsten knalle ich sicher zwei von euch ab.“ Siehielt mit einem Mal eine Pistole in der Hand. Aberwoher? „Mal sehen, wer hier mit wem heil heraus-kommt.“Ich konnte es nicht glauben, als Tommaso unterdem Tisch hervorkam, ebenfalls mit einer Waffe he-rumfuchtelte und drohte: „Und ich übernehme diebeiden anderen.“Der Anführer schien mit einer derart heftigen Re-aktion, geschweige denn von einer jungen Dame,nicht gerechnet zu haben, aber er begriff augen-blicklich den Ernst der Lage, zumal es niemandemnutzte, wenn hier Kugeln herumflogen. 64
  • 61. „Also gut, diesmal habt ihr gewonnen, aber ab jetzthabt ihr keine ruhige Minute mehr.“In diesem Moment vernahmen wir die Sirene einessich schnell nähernden Polizeiwagens. Die Gangsterzogen sich postwendend zurück und verschwandenin der Dunkelheit. Als die Polizei eintraf, war die Ver-wirrung unter den Gästen noch größer.„Alle mal herhören“, meinte der Polizeichef.„Ruhe!“Weitere Polizeibeamte betraten hinter ihm den Saal.„Was ist passiert?“ Der Kommissar schaute mich an,ehe er zu mir kam und mir half, aufzustehen. „Wersind Sie?“„Mein Name ist Brink, deutscher Staatsangehörigerin Urlaub.“„Was war hier los?“, fragte er mich weiter.„Vier bewaffnete Männer wollten mich entführen.“„Warum denn das? Wer sind Sie wirklich?“„Brink, Jeff Brink. Dies sind meine Frau und meineKinder.“Tommaso hatte inzwischen die Waffe auf den Stuhlgelegt, während Serena die ihre in ihre Handtaschegesteckt hatte.Der Kommissar näherte sich dem Tisch und meintemit total veränderter Stimme: „Señor Almeida? Wasfür eine Ehre, Sie bei uns zu haben. Ich versteh zwarnicht, was vorgefallen ist, aber können Sie ein we-nig Licht in die Angelegenheit bringen“, meinte erfreundlich.„Bei den Brinks handelt es sich um Freunde ausDeutschland. Sie sollten entführt werden.“„Und dann sind die Entführer grundlos und ohneBeute abgehauen?“„Nein, meine Tochter ist, wie Sie wissen, in der Si- 65
  • 62. cherheitsbrigade von L.A. und besitzt eine Waffe. Da-mit hat sie gedroht, einige zu erschießen. Das kam fürdie Gangster völlig unerwartet, sodass sie sich zurück-gezogen haben, wie Sie sehen.“„Ist jemand hinter diesen Gangstern her?“, wollte Ja-ckie wissen.„Machen Sie sich keine Sorgen. Die Gegend wirdbereits abgesucht. Uns wurde gemeldet, dass mehrerebewaffnete Leute das Hotel gestürmt hätten. Kanntejemand diese Leute?“ Er schaute sich um, ob jemandsich meldete. Alle schwiegen.Es war mir ein Rätsel, wie sie uns ausfindig gemachthatten, und vor allem so schnell. Nachdem einigeLeute verhört worden waren, zog sich die Polizei nacheiner Stunde ohne nennenswerte Ergebnisse wiederzurück. Wir konnten sie glauben machen, dass sie nurGeld von deutschen Touristen erpressen wollten. Denwahren Grund erfuhren sie nicht.Obwohl der Kommissar kein dummer Junge war,musste er sich einstweilen mit unserer Erklärung zu-friedengeben. Argwöhnisch sagte er, als er ging: „Esmuss noch etwas anderes dahinterstecken. Bei denGangstern hat es sich doch eindeutig um Europäergehandelt, nach verschiedenen Zeugenaussagen zuurteilen. Also mir soll’s recht sein. Ich kann Sie aberso leider nicht hundertprozentig schützen. Es liegt inIhrer Verantwortung. Meine Damen, meine Herren,einen angenehmen Abend noch.“ Dann verschwander mit seinen Leuten nach draußen.Ziemlich fertig gingen wir sofort auf Leóns Zimmer,um uns zu beraten. León bewohnte eine große Suite,somit hatten wir genügend Platz für uns alle. Ich wur-de sofort medizinisch betreut. Ein blauer Fleck wür-de mich wohl oder übel für ein paar Tage begleiten. 66
  • 63. Der Schmerz hatte jedoch weitgehend nachgelassen.Ich durfte gar nicht daran denken, was passiert wäre,wenn die mich verschleppt hätten.Aber eins war uns deutlich geworden: Wir schienennirgendwo mehr sicher zu sein.„Wir haben Glück gehabt. Und wie kommt ihr andie Waffen?“, wollte ich wissen.„Die haben wir in unserer Sommerresidenz in Pa-lenque zu unserer eigenen Sicherheit und Verteidi-gung“, antwortete Serena. „Wir wurden vor Jahrenbereits belästigt, seitdem haben wir sie im Hause.“„Und du hast sie mitgenommen, um uns zu schüt-zen“, bemerkte ich.„Ich kann zwar nicht damit umgehen …“, sagteTommaso.„… aber du hast sie überzeugt“, unterbrach Jackieihn.Teresa saß neben mir und hielt meine Hand. Leónhatte noch kein Wort gesagt. Er schien abwesend zusein und eigene Überlegungen anzustellen.„León, es ist schlimmer, als ich dachte. Wir müssenuns entscheiden, wie wir vorgehen sollen, und vorallem die Frauen und die Kinder in Sicherheit brin-gen“, sagte ich.„Ja, denn sie haben mit dem Ganzen nichts zu tun“,antwortete León.Tommaso zeigte kein Verständnis und meinte: „Undob mich das etwas angeht, wenn man uns bedrohtund nach dem Leben trachtet. Ich schlage vor, dassMama und Jackie mit Serena und Marcella nachPalenque zurückfahren. Ich vermute, da suchen sienicht mehr.“„Das kann gut sein“, stimmte León Tommaso zu.„Ich bleib bei euch und helfe, wo Not am Mann 67
  • 64. ist“, sagte Tommaso.„Ich bleib auch“, meinte Serena, „und beschützeuns.“Wir waren zerstritten in dieser Situation.„Ich bin dafür, dass wir alle nach Palenque abreisenund ihnen die CDs aushändigen, damit das Ganzeendlich ein Ende findet. Sollen sie doch damit ma-chen, was sie wollen“, schlug Teresa vor.„Ich möchte nicht, dass einem von uns etwas pas-siert. Ich könnte mir das nie verzeihen. Da wir mo-mentan aber keine andere Lösung haben, ist es wohldas Beste; obwohl sie uns nie in Ruhe lassen wer-den“, entschied ich.„Gut, dass Jan in Rom ist. Er kann die Übergabeorganisieren“, stellte Tommaso fest.„Ich rufe Jan an, damit er alles vorbereiten kann“,sagte ich zu León.„In Ordnung. Bis die herausgefunden haben, dass esnur bedingt klappt, können wir für unser Problemnach einer Lösung suchen“, sagte León ernst. „Alsoich denke, wir machen Schluss für heute Abend.Morgen fliegen wir mit einem Privatjet nach Pa-lenque und erledigen alles. Du, Jeff, kümmerst dichum Jan, dass alles klappt. Mit der Bande nehmen wirKontakt auf.“„Ich schlage vor, wir übergeben die ersten zwei CDsin Rom, oder wo auch immer sie sie haben wollen,und die dritte, wenn sie Guiglelmo freigelassen ha-ben“, fügte ich hinzu und begab mich zum Telefon.„Es ist jetzt Abend in Rom, ich erwisch Jan jetztsicher bei Fiona oder bei deren Familie.“ Ich tipptedie Nummer ein.„Si pronto, con chi parlo“, antwortete eine nervöseStimme. 68
  • 65. „Ich bin’s, Jeff.“„Gott sei Dank. Drei bewaffnete Männer haben Janvor zwei Stunden mitgenommen. Sie waren sehr ag-gressiv. Mich haben sie nur bedroht. Ich soll euchBescheid geben, aber in Palenque konnte mir keinerverraten, wo ihr hingegangen seid. Ich war sehr beun-ruhigt. Jeff, sag auch Señor León, dass es besser wäre,die CDs auszuhändigen, da nach Guiglelmo jetzt auchJan entführt worden ist“, sagte sie außer Atem.Ich wollte sie nicht beunruhigen und verschwiegdaher unser Vorhaben. „Sie bekommen so bald wiemöglich die CDs“, bemerkte ich.„Ganz einfach, wir verlangen von denen, sie sollenGuiglelmo ans Telefon holen. Ihm sagen wir dann, dasswir alle CDs aushändigen werden und er das Passwortoffenlegen kann. Unsere dritte CD bekommen sieerst, wenn die Sache mit der Befreiung geklärt ist.“„Scheint mir eine gute Idee zu sein“, sagte Serena so-fort.Wir schauten uns alle an und stimmten zu.„Ich wollte schon immer nach Europa“, fuhr Serenafort. „Jemand muss sich doch um die Übergabe küm-mern. Wir überbringen die dritte CD und ihr machteuch einen schönen Urlaub. Wie wäre das?“, wolltesie uns überzeugen.Obwohl mir dabei nicht geheuer war, hielt ich michmit Äußerungen zurück.León dagegen meinte, seiner Tochter vertrauen zukönnen, und sagte etwas zurückhaltend: „Könntefunktionieren. Es sollen ja keine anderen mit rein-gezogen werden. Ich hätte nichts dagegen einzuwen-den.“„Nichts da“, meinte Jackie, „du bleibst hier.“„O ja, ich kann euch und auch Tante Fiona sicher 69
  • 66. behilflich sein“, meldete sich nun auch Marcella zuWort, „damit sie nicht so alleine ist. Wenn alles vorbeiist, zeigen wir Serena ein bisschen Rom und fliegenmit ihr zurück.Tommaso, schon ganz aufgeregt, traute sich nichts zusagen, aber er freute sich offensichtlich auf die Reisemit Serena und Marcella.„Na gut“, meinte Teresa, „ich will, dass ihr alle sehrgut aufpasst und uns immer, ich sage immer, auf derHöhe des Geschehens haltet. Kommunikation hat hierhöchste Priorität – und keine Alleingänge bitte!“Jeder schien damit einverstanden zu sein und ich fügtemich der Mehrheit.León kam zu mir, legte seine Hand auf meine Schul-ter und sagte: „Mach dir nicht allzu viele Sorgen, eswird schon schiefgehen!“„Ich vertrau den jungen Leuten, sie wissen schließ-lich, dass sehr viel auf dem Spiel steht“, schloss ichmich León an.„Ich verspreche, die Ladys unversehrt zurückzubrin-gen. Wir verdanken Serena, dass wir heute Abend soglimpflich davongekommen sind. Sie hat geistesgegen-wärtig die Waffe auf den freien Stuhl gelegt, und ich… ich wusste nicht, was ich damit anfangen sollte“,meinte Tommaso amüsiert und musste lachen.Tommasos Lachen lockerte uns alle ein bisschen auf.„Ich hätte nicht gedacht, dass noch alles gut gehenwürde, nachdem der Gangster meinen Namen im Saalgeschrien hatte“, musste ich zugeben.Am nächsten Tag standen die Koffer zum Abflug nachPalenque bereit. Das Wetter war unbeständig undnicht so angenehm wie gestern Abend. Nach dreiStunden standen wir vor Leóns und Jackies Villa, einsehr ansehnliches Anwesen hinter einer alten Mauer. 70
  • 67. Wir hielten vor der Verandatreppe im Vorgarten. DieKinder waren zusammen in einem Wagen gefahren.Sie hatten sich sofort gut verstanden, und das freuteuns alle. Tommaso und Marcella gefiel Serena, die sichmit Tommaso unauffällig Blicke zuwarf. Sie dachtenwohl, dass wir es nicht bemerken würden.Wir bekamen unsere Zimmer gezeigt, die sehr freund-lich im kolonialen Stil eingerichtet waren. Sogar überein eigenes Bad verfügten wir.Etwas später kam die Haushälterin und entschuldig-te sich. „Señor Almeida, ich wusste nicht, dass Sie soschnell zurückkommen würden. Ich musste meineKinder noch bei meiner Schwester unterbringen“,meinte sie.„Kein Problem, Stefania, ist schon okay. Kümmeredich um unsere Gäste. Und heute Abend bleiben wirzu Hause.“„Si. Señora Almeida, soll ich unser traditionelles Menükochen?“, fragte die Haushälterin stolz.„Ja, gerne“, freute sich Jackie.Ich erkundigte mich nach einem Telefon und wähl-te sofort die römische Nummer aus dem Notizbuch.León stand neben mir, während die Frauen nach obengegangen waren, um die Zimmer des Hauses zu be-sichtigen.„Ja, hallo, hier Brink aus Köln, kann ich den Verant-wortlichen sprechen?“, fragte ich.„Wie war Ihr Name?“, wollte die Sekretärin am an-deren Ende wissen.„Brink, Professor der Chemie von der MedpharmaAG.“„Gut, ich verbinde Sie mit unserem Direktor Marti-nelli.“Ich musste eine ganze Minute warten. 71
  • 68. „Martinelli, yes please“, kam in gebrochenem Englischund etwas zu freundlich. „How can I help you?“„Ich will sofort zur Sache kommen, Herr Martinelli,und auf Ihre Forderungen eingehen. Die beiden ers-ten CDs haben Sie ja bereits, nehme ich an, von HerrnVaccha und Herrn Bieberich. Die dritte wird Ihnenmein Sohn in Rom aushändigen, an einem Ort, denwir in letzter Minute mitteilen werden. Sie kommenmit beiden Herren dort hin und der Tausch kann überdie Bühne gehen.„Wie soll ich wissen, ob die CD echt ist?“, fragte eramüsiert. „Aber eine sehr gute Entscheidung, HerrBrink, wir werden Sie hoch honorieren. Aber wennes die falsche ist oder sie getürkt sein sollte, werdenwir Sie über den ganzen Planeten jagen. Sie und Ihreehrenwerte Sippschaft. Wir werden der Menschheitaus dem Schlamassel helfen, das verspreche ich Ihnen,und Sie werden es nicht bereuen.“Wir besprachen die Details und legten fest, dass dieÜbergabe in zwei Tagen stattfinden sollte. Zudem ver-langte ich, mit Jan und Guiglelmo sprechen zu kön-nen, oder zumindest einen anderen Beweis, der mirbestätigte, dass beide noch am Leben waren. In diesemAugenblick wünschte ich, ich wäre alleine nach Romgeflogen, aber es war anders entschieden worden.León schien mein Unbehagen zu spüren und sagte.„Ich hätte auch lieber gehabt, wir wären nach Romgeflogen, um niemanden zu gefährden.“„León, ich habe gerade dasselbe gedacht.“Wir zogen uns auf die Veranda zurück.Wir hatten es nicht mit Idioten zu tun. Sie verfüg-ten sicherlich über fähige Leute, die peinlich genaudie Untersuchung durchführen würden. Das wussteLeón, und das wusste auch ich. Und natürlich Gu- 72
  • 69. iglelmo und Jan. Nur ich kannte den Inhalt der CDsganz genau, fest eingebrannt in meinem Gedächtnis.Ich war stolz auf meine Freunde, die selbst in Ge-fangenschaft unser Geheimnis, das seit 1998 bestand,nicht ausgeplaudert hatten. Dabei waren wir erst imletzten Jahr mit der Erprobung im Labor fertig ge-worden, die zu unserer Überraschung auf Anhieb ge-klappt hatte – obwohl, und das wusste nur ich, maneinzelne Anlagen nicht einsetzen konnte, da sie nichtdie nötige Veränderung bringen würden.Das Ganze bedurfte einer rigorosen gleichzeitigenÄnderung weltweit, damit es überhaupt funktionie-ren würde. Eine Illusion bei den irdischen Verhältnis-sen. In unserer katastrophalen Lage müsse man erst dieErde retten, damit die Menschheit eine Chance habe,hieß es mittlerweile. Keiner würde mitmachen, undgenau darin lag die Ursache allen Übels. Nichts gegenkontrollierten Konsum, aber wir sollten nicht dieErde zerstören. Unsere Mitstreiter, so möchte ich sieeinmal nennen, wollten die Wunderwaffe nur für ihreZwecke, zum Machtspiel und zur Alleinherrschaft.Das wäre in etwa so gewesen, als hätte man damalsOsama Bin Laden eine Atombombe verkauft. Damitwar nicht zu scherzen. Ich will das Ganze nicht pole-misieren, aber die Verirrung der Sinne zog schwer-wiegende Folgen für unser tägliches Leben nach sich.Die Werbung verbreitete im Namen der Konzerne soviele Lügen und versprach so vieles, ohne es zu hal-ten. Mit der Politik verhielt es sich ähnlich. In denUnternehmen zählte nicht der Mensch, sondern nurwas unter dem Strich herauskam. Die Verfassungenwurden ständig verletzt, sowohl in den Demokra-tien als auch in den Diktaturregimen. Die Umweltwurde rigoros ausgenutzt und verbraucht, Land, Luft 73
  • 70. und Wasser. Ein unversöhnlicher Graben trennte Armund Reich. Unendliche Sozialprobleme waren dieFolge. Seuchen griffen erbarmungslos um sich we-gen mangelnder Hygiene, bedingt durch fehlendessauberes Wasser. Die Religionen befanden sich ineinem Glaubenstief und überzeugten nicht, wäh-rend Extremisten mehr und mehr Zulauf erhielten.Aber die größte Gefahr drohte aus einer ganz an-deren Ecke: das unberechenbare Klima. Sogar ein-fache Leute reagierten aufständisch auf die darausresultierenden Missstände.Wir Menschen hatten, seit den Fünfzigerjahren desvorigen Jahrhunderts, alles Mögliche getan, um dieOrdnung unseres Planeten zu zerstören, ohne dieFolgen für die nächsten Generationen abzuwägen.Selbst als die ersten zerstörerischen Naturgewaltenunseren Planeten heimsuchten und komplett durch-einander wirbelten, wurde uns vorgegaukelt, es wä-ren einzelne harmlose Phänomene, die nichts zubedeuten hätten. Wie schön konnte man doch dasKlimaphänomen El Niño schon allein mit seinemNamen verharmlosen. Dieses Kind zettelte Aufstän-de gegen die Menschheit an. Was wir in Tausendenvon Jahren als standhaft angesehen hatten, änder-te sich von Tag zu Tag. Die Luft ging uns förmlichaus.Dafür hatten wir jahrelang geforscht und waren da-bei auf ein Geheimnis gestoßen.Manchmal konnte es ganz schön schwierig sein, dieRuhe zu bewahren. Ich verließ mich auf Tommaso,dass alles gut gehen würde. Serena war eine enga-gierte junge Dame, die schon jetzt ihre Seite gewählthatte, während Marcella das Ganze als abenteuerlichund ein bisschen überzogen anzusehen schien. 74
  • 71. Meine Gedankenspiele wurden von León unterbro-chen: „Wo sind die Kinder?“„Ich hab sie noch vorhin hinten im Garten gehört“,antwortete Jackie.Teresa und Jackie hatten sich zu uns in die bequemenSessel gesetzt und genossen still den späten Abend.Tommaso saß mit Serena alleine auf der Bank im Gar-ten, wo sie über ihre Hobbys und Freunde plauder-ten.„Was machst du zurzeit?“, fragte Serena.„Ich gehe zur Uni und studiere Rechtswissenschaft.Muss noch zwei Semester in Heidelberg absolvieren,und du?“, fragte Tommaso.„Hab für ein Jahr mein Studium abgebrochen und binbei der Regierung Sicherheitsbeamtin im Parlamentvon Washington D.C.“, entgegnete sie. „Bin sehr nahbei unserem Präsidenten. Möchte in ein, zwei Jahrenaber wieder zur Uni und auch Jura studieren.“„Also wir haben noch viele Probleme zu lösen“, sagteTommaso lachend.Sie besitzt eine charismatische Ausstrahlung, dachteich.Es schien, als hätte sie sich ein wenig in Tommaso ver-knallt, wollte es aber nicht zeigen.Die Jacke, die sie umgelegt hatte, fiel ihr von denSchultern, und als sie sich beide danach bückten, umsie aufzuheben, berührten sich ihre Hände, und es sahaus, als wollten sie sich nicht mehr loslassen.Serena zog die Hand etwas später zurück und sagte:„Danke,Tommaso, du bist echt okay. Deine Schwesterist auch sehr lieb. Ich wusste nicht, dass ihr eine so net-te Familie seid. Papa hat zwar über euch geredet, aberimmer belangloses Zeug. Ich bin sehr traurig über dieUmstände, aber freue mich trotzdem auf Europa.“ 75
  • 72. Besorgte Gedanken machten wir uns alle. Was, wennnicht alles so laufen würde wie besprochen mit denEntführern? Würden sie sich an die Abmachungenhalten? Ich fürchtete schon jetzt, dass es uns nichtganz gelingen würde, sie abzuschütteln. Auch wennwir ein bisschen Zeit gewinnen konnten, bedeutetees nicht das Ende vom Drama; der Höhepunkt schiennoch nicht in Sicht zu sein. Ganz im Gegenteil, es fingerst an. Wie konnten wir uns schützen?„Die Zeit heilt alle Wunden“, sagt man, wenn allesüberstanden ist.Unser Geheimnis konnte nicht für immer eines blei-ben. Aber die Menschheit sträubte sich, der Naturihren geforderten und rechtmäßigen Tribut zu zollen.León und ich zogen uns in die kleine Bibliothekzurück. An Schlaf war ohnehin nicht zu denken. Sophilosophierten wir die nächsten Stunden über dieSauerstoff- und Energieanlagen.„Würdest du uns etwas zu trinken holen“, bat ichLeón.„Ist gut, mach ich. Was möchtest du?“„Etwas, wovon man gut einschlafen kann. Einen gu-ten Whisky on the rocks.“„Alles klar.“ León verschwand Richtung Küche.Als er mit zwei Whiskygläsern zurückkam, fragte ermich: „Was hast du denn abgeändert, wenn ich fragendarf?“„Nur einen Teil der Formel, und zwar an der Stelle,wo das Meerwasser sich kristallisiert und bei einer be-stimmten Temperatur vereist. Sie werden erst nach ei-niger Zeit die Änderungen bemerken und verstehen,dass der Prozess zwar in Gang kommt, die Sauerstoff-produktion jedoch in der Salzlösung nicht stabil bleibtund sich nicht aufrecht hält.“ 76
  • 73. Der Zerfall war somit vorprogrammiert und das Re-sultat nach langer intensiver Arbeit gleich null. Oben-drein wussten sie nicht, dass das Experiment im Laborniemals funktionieren würde. Die Anlagen funktio-nierten nur draußen im natürlichen Umfeld. Dieseletzte Information sollte niemand wissen und war inmeinem Testament für Tommaso an einem sicherenOrt hinterlegt.„So können wir etwas Zeit gewinnen und nach einerAlternative suchen“, sagte León zufrieden.„Es muss klappen, ohne sofort bemerkt zu werden.Alle Verträge, die zu der Zeit vom Konzern mit denAbnehmern geschlossen werden, sind somit nichtswert. Der Konzern gerät unter Druck, verliert jegli-ches Vertrauen und wird seine Position auf den Welt-märkten verlieren. Nur so löst sich das Problem vonselbst. Aber in derselben Zeit müssen wir die UNüberzeugen.“„Eine neue Identität anzunehmen und abzutauchenscheint mir die einzige Lösung in diesem Fall zusein.“„Wir werden mit allen reden müssen, ob sie einver-standen sind“, sagte ich.„Wenn wir nicht unser Leben riskieren wollen, dann…“, äußerte León und hob die Schultern. „Oderbleibt uns etwas anderes?“„Es ist auf jeden Fall unrealistisch, für mehr als zwölfLeute neue Papiere zu erhalten. Wir müssen andersvorgehen und die Finger in der Suppe behalten. Nurso ist das Ganze kontrollierbar“, antwortete ich über-zeugt und bestimmt.„Da hast du wieder recht, mein Freund.“ León sah 77
  • 74. ein, dass es zu diesem Moment keine endgültige Lö-sung aus dem Schlamassel gab.Jackie und Teresa waren zu Bett gegangen und auchMarcella hatte sich zurückgezogen. Serena und Tom-maso saßen noch immer im Garten und unterhiel-ten sich. Ihr Lachen und Kichern drang zu uns insArbeitszimmer.„Wir müssen wohl auf die beiden aufpassen, scheintmir“, sagte León schmunzelnd.„Die beiden müssen demnächst auf uns aufpassen“,gab ich amüsiert zurück.Wir lachten und entspannten uns für einen Moment.Es tat gut, Freunde zu haben, denen man vertrauenkonnte.Draußen im Garten hatte man andere Probleme.„Hast du eine Freundin?“, fragte Serena mit rundenschüchternen Augen.„Aber klar, mehrere sogar“, gab Tommaso zum Spaßzurück.„Das glaub ich dir sogar.“„Was hättest du gedacht?“„Ein Mönch oder vielmehr ein Wolf im Schafspelz.“Tommaso lachte. „Wie du meinst!“, gab er zurück.„Aber“, fuhr er fort, „wie sieht es bei dir aus? Dubrauchst auch nicht auf die Suche zu gehen.“„Zuerst deine Geschichte“, erwiderte sie.„Bei mir gibt es nicht viel zu erzählen. Es gab mal wasErnstes, aber das ist zwei Jahre her. Zurzeit beschäf-tigen mich andere Dinge, wie du siehst“, antworteteTommaso.„Nichts Ernstes auf jeden Fall“, bohrte sie nach.„Ja.“ 78
  • 75. „Ich habe einen Freund“, sagte sie und schaute, wie erreagieren würde.Tommaso musste sich zusammenreißen, damit sienicht bemerkte, wie enttäuscht er dreinschauen muss-te. „Ach ja, schön für dich, bist du sehr verliebt?“, er-kundigte er sich etwas bissig.„Ja sehr, er ist ein toller Mann, acht Jahre älter undsehr liebevoll.“Scheiße, dachte er, was tu ich mir an. Ich versuche dieganze Zeit, sie für mich zu gewinnen, und jetzt so was.Aber besser jetzt, als wenn ich mich daran gewöhnthätte.„So haben wir zumindest klare Verhältnisse geschaf-fen“, sagte er.„Wie meinst du das?“, wollte sie wissen.„So wie ich es sage, jeder weiß, wo sein Platz ist“, be-endete er das Gespräch.„Ich gehe schlafen“, ergab sich Serena.„Soll ich dich bis zur Tür begleiten?“„Ich kann auch alleine den Weg finden, schließlichbin ich hier zu Hause“, meinte sie. Sie stand auf undwollte gehen.Er hielt sie an der Hand fest und sie schreckte auf.„Tommaso, lass mich los! Lass das!“Er ließ los.Sie drehte sich zu ihm und sagte: „Sei mir nicht böse,es war nicht so gemeint, ich wollte dich nicht ärgern,gute Nacht, bis morgen, da haben wir noch eine Men-ge zu erledigen bis zum Abflug“, fügte sie hinzu.„Ich weiß, ich geh auch schlafen. Gute Nacht, Sere-na.“Sie ging mit ihrem geschmeidigen Körper in dem eng 79
  • 76. taillierten Abendkleid zur Tür und verschwand, ohnesich umzudrehen. 80
  • 77. Florenz – RomTags darauf saßen Tommaso und Serena im Flug-zeug nach Rom. Marcella hatte, als es ernst wurde,entschieden, doch bei uns in Mexiko zu bleiben. Siewollte jeglichen Komplikationen aus dem Weg gehen.Beide waren eingeschlafen. Irgendwann wachte Tom-maso auf und bemerkte, dass Serena mit ihrem Kopfund der dunklen Mähne auf seiner Brust lag. Es fühltesich gut an und er schlief wieder ein.Als sie wach wurde, stieß sie ihn weg, da er ungewolltseinen Kopf gegen ihren angelehnt hatte, und bekamsofort die volle Ladung: „Liegst du gut?“„Wie…, wieso?“„Du lagst auf mir“, sagte sie entrüstet.„Ich? Du lagst an meiner Brust über vier Stunden! Istdas vielleicht nichts?“, gab er schroff zurück.„Das glaubst du selbst nicht, das sagst du nur so“, er-widerte sie überrascht.„Nichts da. Aber mir hat’s gefallen, und dabei ist nichtspassiert.“„Und wenn uns jemand fotografiert hat?“„Ach was, wer soll uns denn hier fotografieren wol-len?“„Die Typen da vorne. Wir werden ständig beobach-tet“, meinte sie. „Hast du Scheuklappen auf den Au-gen? Die beiden, zwei Reihen vor uns rechts. Die ha-ben sich ständig nach uns umgedreht.“Er schaute hinüber zu den zwei Männern, von denender eine sich gerade umdrehte und nickte, als wollteer sagen: „Guten Morgen, habt ihr gut geschlafen?“Tommaso musste gestehen, dass er das alles nicht be-merkt hatte.„Siehst du? Wir werden ständig verfolgt, und die wis- 81
  • 78. sen Bescheid. Nur woher?“, fragte Serena wieder.„Woher? Woher? Wie soll ich das wissen?“, entgegne-te Tommaso etwas irritiert. „Die lassen nicht locker.Das wird kein leichtes Spiel.“„Habe ich auch nicht erwartet. Aber woher bekom-men sie ihre Informationen? Sie müssen doch nurnoch abwarten und bekommen die CDs.“„Keine Ahnung“, gab Tommaso ehrlich zurück.„Wir könnten die Herren vielleicht fragen“, dachteSerena laut nach.„Gar keine schlechte Idee. Du bleibst hier und ichgeh hin“, sagte Tommaso und stand auf. Er musste sichfesthalten, wobei er etwas bei der leichten Turbulenztorkelte.„Sorry, may I ask you a question, gentlemen? Könnteich die Herren etwas fragen?“„Maybe …, liegt daran, worum es geht“, gab der Di-cke in gebrochenem Englisch betont desinteressiertzurück.„Also tut nicht so, als wüsstet ihr von nichts. Ihr seiddoch hinter uns her“, blaffte sie Tommaso zornig aufEnglisch an.„Und wenn das so wäre, was wollt ihr tun?“, erwi-derte der Dicke. „Oder habt ihr vor, euch nicht andie Abmachung zu halten, die mit Herrn Martinellivereinbart wurde?“Ziemlich frech, uns so offen zu verfolgen, dachteTommaso. Sie schienen sich ihrer Sache ziemlich si-cher zu sein.Tommaso blieb den Herren keine Antwort schuldigund meinte ruhig: „Wenn meinem Onkel und HerrnBieberich ein Haar gekrümmt wird, könnt ihr euchauf etwas gefasst machen, oder glaubt ihr im Ernst,dass wir alles akzeptieren und uns erpressen lassen, 82
  • 79. ohne auch etwas von euch zu erwarten. Ihr wisst ja,dass euch die dritte CD nur bei voller Gesundheit derEntführten ausgehändigt wird.“Er ging zu Serena zurück, die ihn neugierig ausfrag-te.In Rom angekommen tauchten die beiden Gaunerin der Menge unter. Die Passkontrolle verlief ohneProbleme. Serena und Tommaso nahmen ein Taxi undfuhren Richtung Autobahn A1, dann mit der Bahnweiter nach Florenz, wie es mit mir und León be-sprochen war.Serena äußerte sich ganz begeistert von der Land-schaft und den Menschen. Sie konnte es nicht fassen,in Europa zu sein.Tommaso musste sie an den ernstenund riskanten Hintergrund ihrer Reise wieder erin-nern. Andererseits wollte er ihr aber die Freude nichtnehmen. Als sie in den Hauptbahnhof von Florenzeinfuhren, war es bereits vier Uhr nachmittags. Tom-maso kannte sich einigermaßen gut aus, da er schonmehrmals hier gewesen war, wenn wir in der Toscananahe Greve in Chianti die Ferien verbracht hatten.Ein Fünftausend-Seelen-Dorf, aber sehr gemütlichund romantisch. Sie fuhren mit dem Taxi zum Hotel.Er bat den Taxifahrer, einen kleinen Umweg durchdie Altstadt zu machen, sodass Serena von der Stadtder Medici und der Renaissance-Paläste einen Ein-druck bekam.„Wow, ganz anders als bei uns in Amerika“, sagte sie.„Ich bin erstaunt von der reichen Architektur.“In einer Nebenstraße hielt das Taxi an und ließ sieaussteigen. Sofort kam der Portier aus der Hoteltürgeeilt und nahm die Koffer. Sie wurden erwartet.„Habt ihr eine gute Reise gehabt?“, fragte ein älterer 83
  • 80. Herr hinter dem Portier.Tommaso kannte ihn nicht, hatte aber eine Beschrei-bung von ihm erhalten.„Sie müssen Herr Rodolfo Chiavari sein?“„So ist es“, gab er zurück.„Ich bin Tommaso Brink und dies ist Serena Almei-da.“„Freut mich, eure Bekanntschaft zu machen. Hattetihr eine gute Reise?“„Ja, die Reise war gut, etwas lang, zumal wir unterZeitdruck stehen“, erwiderte Serena.Rodolfo lachte nur kurz. „Wir werden das Kindschon schaukeln. Ihr könnt euch erst mal etwas frischmachen. Gegen halb acht treffen wir uns bei mir inder Suite Nr. 107 im ersten Stock. Ach ja, ihr wohntim dritten Stockwerk, Zimmer 315, nach hinten, ru-hig und mit Blick auf den Arno. Das ist der Fluss, derdurch Florenz fließt“, ergänzte er seine Anleitung.„So, ich muss nur einige Sachen erledigen. Wir se-hen uns später. – Giacomo, übernehmen Sie bitte dieHerrschaften.“„Si, Signore Chiavari, machen Sie sich keine Sor-gen.  –  Sie werden sich sehr wohl bei uns fühlen“,wandte er sich an Tommaso und Serena. „Das Bade-wasser haben wir schon eingelassen.“Er merkte, wie Serena zusammenzuckte und Tom-maso anstieß: „Du, das geht nicht, wir benötigen einzweites Zimmer.“„Herr Rodolfo, wir sind … wir können nicht zusam-men“, erklärte er sofort.Signore Chiavari drehte sich um und meinte ruhig:„Wir können euch aus Sicherheitsgründen nicht al-leine auf verschiedenen Zimmern lassen. Es ist besserso. Sie können nebenan auf dem Sofa schlafen, frische 84
  • 81. Bettwäsche wird selbstverständlich gebracht.  –  Gia-como, du hast es gehört. Die jungen Leute schlafengetrennt.“„Si, Signore Chiavari.“Rodolfo entfernte sich.Er war ein Physiker der ersten Garde, der mit seinensiebzig Jahren sehr viel Erfahrung mitbrachte. Er hat-te mich, Jan und Guiglelmo damals sehr unterstütztund ermutigt sowie viele Untersuchungen geleitetund analysiert. Außerdem hatte er die klimatischenEreignisse der letzten dreißig Jahre genau aufgelistetund gehörte dem Gremium für die Aufsicht und dieEinhaltung des Kyotoprotokolls an. Rodolfo stand mituns stets in Verbindung. Ferner war er für Guiglelmoeiner der wichtigsten Professoren an der Uni gewe-sen. Und weil das Ziel Rodolfo ebenfalls interessierte,hatte er dies bis heute mitgestaltet und uns unterstützt.Ich hatte ihm vorgestern am Telefon von den Ereig-nissen erzählt, und er hatte sich sofort bereiterklärt,uns bei der Befreiung von Guiglelmo und Jan zu hel-fen. Er würde persönlich mit Tommaso und Serenadie dritte CD übergeben.Serena schien noch immer Probleme mit der Zusam-menlegung zu haben und wollte noch einmal protes-tieren. „Ich werde auf keinen Fall mit dir zusammenin einem Zimmer wohnen.“„Du kannst dich ja erst alleine frisch machen, ichwarte unten, bis du fertig bist“, sagte Tommaso be-schwichtigend, aber ein wenig grimmig.„Du musst mitgehen, weil du dich mit ihm auf Italie-nisch verständigen kannst“, deutete sie auf den Zim-merboy.Im Stillen wäre er allzu gern mit ihr eine engere Be-ziehung eingegangen. Er war dabei, sich in sie zu 85
  • 82. verlieben, musste sich aber zusammenreißen, um sienicht zu verletzen oder sie liebevoll an sich zu reißen.Er wusste, sie würde sich wehren, aber nicht lange.„Du hast ja gehört, weswegen es nicht anders möglichist. Ich beiße nicht und schlafe auf dem Sofa“, ver-suchte er Serena zu beruhigen.Giacomo begleitete die beiden auf ihr Zimmer undbrachte Serenas Koffer ins Schlafzimmer, nachdem erTommasos Koffer neben dem Sofa abgestellt hatte. Erzeigte ihnen die schlichten Räumlichkeiten. Tomma-so bedankte sich und steckte ihm etwas zu, bevor erdas Zimmer verließ.Tommaso musste bei dem Gedanken schmunzeln, beiSerena zu wohnen.„Was gibt es da zu grinsen?“, bemerkte sie.„Ich muss gerade an deinen tollen Freund denken.Wenn der davon Wind bekommt …“„Wenn ich mit ihm telefoniere, gehst du aus demZimmer, ist das klar“, gab sie beleidigt zurück.„Ja klar, ich schlafe auf der Matte vor der Tür. Wiedu befiehlst, gnädige Frau“, entgegnete Tommaso hä-misch. Dann ging er hinaus, doch nicht ohne ihr nochzuzurufen: „Liebes, lass mich rufen, wenn du deineKörperpflege beendet hast. Vielleicht darf ich danachdeinen Rücken massieren.“ Schnell verschwand erdaraufhin im Flur.Serena schloss sich ein, zur eigenen Sicherheit und vorTommasos unverhofftem Eindringen.Bei der ganzen verworrenen Geschichte mussten wiralles daransetzen, dass das Material nicht in die fal-schen Hände geriet, da waren wir uns einig, obwohlwir alle unser Leben hierfür aufs Spiel setzten. Außerdem Weltsicherheitsrat durfte niemand die brisanten 86
  • 83. Dokumente in die Hände bekommen, damit sie imInteresse der Menschheit eingesetzt werden konnten.Nur so vermochte man weltweit die Regierungen zuetwas zu bewegen und internationalen Schutz zu ge-währleisten. Es würde einen Mordswind geben, wennsich die Nachricht in allen Ländern verbreitete, vorallem aber bei den Konzernen, die das Material gernean sich reißen würden, um Macht auszuüben und Pro-fit daraus zu schlagen. Ich war noch skeptisch, ob allesgelingen würde, zumal wir dem UN-Generalsekretärschon vor zwei Monaten den Bericht hatten zukom-men lassen. Auf eine konkrete Antwort warteten wirallerdings noch, außer dass uns bestätigt worden war,dass sie sich der Sache annehmen würden.Aber wie lange konnte das noch dauern?Der Weltsicherheitsrat wollte die Katze offenbar nochnicht aus dem Sack lassen. Die Regierungen musstenerst ihre Interessen und vor allem die Konsequenzenfür ihre Wirtschaft prüfen. Da es darum ging, schnell zureagieren, um die Dynamik der Verschlechterung derAtemluft in der Atmosphäre und der Lebensqualitätvon Mensch und Tier zu stoppen, schien das reichlichdumm zu sein. Die Photosynthese der Pflanzenweltreichte bei Weitem nicht mehr aus, den benötigtenSauerstoffgehalt zu produzieren. Zum einen wegender hemmungslosen weltweiten Rodungen, die wirauf Google Earth gezeigt bekamen, und zum anderenangesichts des übermäßigen CO2-Ausstoßes, derenFolgen noch vor sechs Jahren nicht in diesem Aus-maß erwartet worden waren. Befand man sich einmalin diesem Strudel, würde die Katastrophe nicht mehraufzuhalten sein, und der Kollaps war vorprogram-miert.Die gesamte Lebenskette war bedroht, was bedeutete, 87
  • 84. dass mehr als zehn Prozent der Weltbevölkerung, alsofast eine Milliarde Menschen, durch dieses Phänomenzu Tode kommen würden. Es hieß, Hitzewellen wür-den sich über den gesamten Planeten ausbreiten undNaturkatastrophen herbeiführen. Die Erde würde ineinigen hundert Jahren aussehen wie der Mars. Viel-leicht könnte sich Leben in tieferen Gewässern undMeeren noch für weitere Jahrhunderte halten, wäh-rend der Rest zur feindlichen Wüste mutierte.Mir war klar, dass die Politiker diesen Erkenntnissenmeiner Studie skeptisch gegenüberstehen würden,bevor sich nicht zumindest die Konzerne einig waren,so viele Anlagen zu produzieren, bis das Schlimmsteüberstanden war. Es war ein Traum oder ein Albtraum,wie man es nimmt. Ich jedenfalls wollte alles daran-setzen, dass erst einmal auf allen Gebieten ein Anfanggemacht wurde, selbst wenn ich es nicht mehr mit-erleben würde.Der Weltsicherheitsrat beschloss in diesen Minuten,dem Ernst der Lage Folge zu leisten und mich einzu-laden, damit ich vorsprechen konnte.Das Telefon klingelte und Leóns Frau nahm ab.„Ja, hallo, wer spricht da?“, fragte eine Stimme.„Frau Almeida.“León hatte die Sprechanlage eingeschaltet, damit wirmithören konnten, was die andere Seite sagte.„Ich bin der UN-Generalsekretär des Weltsicherheits-rats, Samuel Nimbouto. Könnte ich mit Ihrem Mannsprechen?“„Oh! Einen Augenblick, Herr Generalsekretär“, er-widerte Jackie sofort.Jeder im Raum wusste von der Wichtigkeit dieses An-rufes.„Herr Generalsekretär, León Almeida am Apparat, was 88
  • 85. kann ich für Sie tun?“, beeilte sich León freundlichund ernst zu antworten.„Ist Ihr Freund Professor Brink bei Ihnen?“, erkun-digte sich Nimbouto gleich. „Ich möchte, dass er mit-hört, was wir zu sagen haben.“„Ja, er ist hier und hört mit. Wir haben die Sprech-anlage eingeschaltet und können Sie auch auf demSchirm empfangen, wenn Sie das wünschen.“„Ja bitte“, erfolgte prompt die Antwort. „Worum esgeht, wissen Sie ja“, fuhr er fort, ohne abzuwarten,bis die Satellitenleitung bereitstand. „Ich lass Sie beidesofort abholen, damit Sie persönlich den Mitglieds-staaten Ihre Arbeit vorstellen können. Ich habe mehrals die Hälfte aller Regierungsoberhäupter hier ver-sammelt, die sich gerne über die Funktionstüchtigkeitein Bild machen möchten. In einer Stunde steht einJet zur Verfügung, die Damen und die Kinder könnenselbstverständlich mitkommen. Es ist alles vorbereitetund für alles gesorgt.“„Wir werden da sein, Herr Generalsekretär“, antwor-tete León knapp und deutlich. 89
  • 86. Vorsprechen bei der UNIn der Zwischenzeit in New York im 23. Stock desUN-Hauptquartiers.„Meine Damen und Herren, die Versammlung isteröffnet“, sagte der UN-Generalsekretär des Weltsi-cherheitsrats. „Wir haben heute nicht nur die ständi-gen Mitglieder in unserer Mitte versammelt, sondernauch per Videoschaltung alle Regierungschefs, dienicht direkt teilnehmen können an dieser Konferenz.Diese Zusammenkunft ist zwar nicht üblich, aber vonhöchster Wichtigkeit. Wir sind nach jahrelangem Hinund Her jetzt aufgefordert, der Menschheit und unse-rem Planeten die nötige Schuldigkeit zu erweisen, da-mit es in einigen Jahren wirklich besser geht. Was hierund heute besprochen wird, soll ohne weiteren Auf-schub sofort in Kraft treten. Die UN wird sich dieserAufgabe gewissenhaft widmen und sich angemessenerSanktionen bedienen, sollte dies aus anderen Interes-sen versucht werden zu untergraben.Es wird hier und heute abgestimmt.Ich betone, alle sind aufgefordert, dasselbe Ziel an-zustreben, ganz gleich welchen politischen, religiö-sen oder wirtschaftlichen Hintergrund Sie haben. Ineinigen Stunden, wenn wir die meisten Punkte derheutigen Zusammenkunft abgehakt haben, spricht einMann zu uns, der uns zeigen wird, dass es vielleichtnoch nicht zu spät ist, die Dinge in den Griff zu be-kommen.So, wir kommen zum ersten Punkt: friedlicher Mili-täreinsatz in Polen zur Bekämpfung von organisiertenPlünderungen in den Städten durch geplante Krawal-le der hungernden Bevölkerung.“Sofort kam Bewegung in die Reihen, da solche Ereig- 90
  • 87. nisse auch in anderen Ländern bereits vorgekommenwaren. Die Arbeitslosigkeit trieb die Bevölkerungimmer mehr in die Gesetzlosigkeit, was letztendlichkeinem nutzte. Man benötigte Organisation und Hil-fe für die Bevölkerung. Die einzelnen Regierungenkonnten dieses Problem nicht mehr ohne Blutvergie-ßen am eigenen Volk verhindern und mussten bei derUN um Hilfe ersuchen, da das eigene Militär immerschärfer verurteilt und durch Schützenjäger aus demHintergrund angegriffen wurde. Bürgerkrieg stellte nureines der Probleme dar, die weltweit um sich griffen.Eine Stunde später wurden wir von zwei Wagen ab-geholt, die uns zum Flughafen fuhren, wo ein kleinerPrivatjet auf uns wartete mit Ziel New York.Die Stadt glich einem Schlachtfeld, überall Verfall.Leute, die nichts Gutes erahnen ließen, säumten dieBürgersteige, nur mit Polizei und gepanzerten Autoskonnte man hier einigermaßen durchkommen. Über-all herrschte Chaos. Ein Strom von Menschen ausganz Amerika versuchte hier sein Glück.So fuhren wir zum UN-Hauptquartier, wo alles an-dere als Feiertagsstimmung herrschte, aber man ver-suchte, einen kühlen Kopf zu bewahren und der LageHerr zu bleiben. Doch jede Nation wollte zu ihrenGunsten etwas erreichen oder verhindern, was natür-lich ins Auge gehen konnte. Wir wurden in den Ple-narsaal geleitet, während die Frauen in der Loge Platznehmen konnten. León und ich wurden direkt zurRunde geführt und vom Generalsekretär empfangen.Er stellte uns der Versammlung kurz vor: „Sehr ver-ehrte UN-Mitglieder, sehr verehrte Gäste, die HerrenJeff Brink und León Almeida.“Ein ohrenbetäubender Beifall erklang. Ich war weiß 91
  • 88. Gott kein Angsthase, aber ein bisschen mulmig wurdemir schon, da ich wusste, dass der ganze Planet in einerKonferenzschaltung per Satellit Zeuge dieser Redewar. León machte mir mit einem Zeichen Mut.Nachdem man mir ein Mikrofon gegeben hatte, war-teten alle auf meine Rede. Ohne die nötige Vorberei-tung versuchte ich zunächst, in meinem Kopf Ord-nung zu schaffen. Dann begann ich.„Sehr verehrte Anwesenden und Zuschauer da drau-ßen an den Bildschirmen. Bis vor wenigen Stundenhätte ich nicht geglaubt, jetzt hier vor Ihnen zu stehen,und das macht mich stolz. Aber ich bin kein geübterRedner. Außerdem möchte ich die Zusammenhängenicht weiter kommentieren, die unseren Planeten zer-stören. Stattdessen will ich schildern, was wir dagegenunternehmen können.“Sofort bekam ich aufmunternden Beifall.„Doch zuallererst möchte ich einen Appell an dieje-nigen richten, die unseren Freund Jan Bieberich undmeinen Schwager Guiglelmo Vaccha festhalten.“Sofort ging ein Gemurmel los.„Ja, meine verehrten Damen und Herren, zwei mei-ner Kollegen werden zurzeit unfreiwillig festgehaltenund riskieren, ermordet zu werden, damit skrupelloseGeschäftemacher an die Formel kommen. Ich möchtedenen sagen, dass ein Alleingang völlig nutzlos ist, umder Situation Herr zu werden.Ferner möchte ich keinem zu nahe treten, egal, wel-cher Ideologie er anhängt, und ganz gleich, aus wel-chem geografischen Umfeld er kommt. Sicher ist, dasswir nur zusammen die Lage meistern können.Der Plan sieht folgendermaßen aus: Ab sofort solltejeder die CO2-Emissionen bis zu 90  Prozent redu-zieren. Die fossilen Ressourcen sollten der UN über- 92
  • 89. geben werden, damit alle davon noch etwas habenund ein Plan erarbeitet werden kann, wie wir weitervorgehen. Alle weltweiten Transporte müssen vermie-den beziehungsweise neu koordiniert werden, damitnicht noch mehr Energie sinnlos verschleudert wird.Die Wasserversorgung muss stabilisiert werden, sodassjeder teilhaben kann. Um die steigende Kriminalitäteinzudämmen, sollte die Nahrung registriert werden,damit sie gerechter verteilt werden kann.Unsere geplanten Anlagen können genügend Energiefür mehrere tausend Jahre sichern. Die Unwissenheithat unsere schnelle Konsumwelt bestraft, in der wiruns im vorigen Jahrhundert gewissenlos vom Erdölund anderen fossilen Energien bedient haben. Ganzzu schweigen von der Atomenergie, die als Neben-produkt Radioaktivität erzeugt, und der Atombombe,die alles vernichtet und über Jahrhunderte verseucht.Mit welchem Recht haben die politischen Verant-wortlichen dies zugelassen? Diese Machthaber liebennicht ihre Bevölkerung, sondern nur den Profit.Meine Studie hat bewiesen, dass wir unerschöpflicheEnergievorräte besitzen, die aus den Meeren kom-men. Also könnten wir wieder aus dem Vollen schöp-fen. Aber zuvor müssen wir dafür sorgen, dass unsnicht der Sauerstoff ausgeht, der wiederum aus denAlgen der Meere gewonnen werden soll. Dazu kannaus der Sole des Meerwassers und mit der Elektrolysevon Alessandro Volta die Energiegewinnung für denganzen Planeten über Tausende von Jahren gesichertwerden. Anstatt diese Energie in die Atmosphäre ab-zugeben, wird sie in Strom umgewandelt oder in Rie-senbatterietanks gespeichert und weiter an den Ver-braucher geleitet.“Ich konnte sehen, wie die Zuhörer im Saal die Oh- 93
  • 90. ren spitzten und mehr wissen wollten. Aber da ichin diesem Augenblick keine weiteren Details abgebenkonnte und wollte, entschied ich mich, mit einigenabschließenden Bemerkungen zum Ende zu kom-men.„Wie Sie feststellen können, ist dies der einzige Weg,das Klima nicht weiter zu erwärmen, sondern zuschonen, die Luft zum Atmen zu stabilisieren und denEnergiehunger zu stillen. Ich möchte hinzufügen, dasses nur mit eisernem Willen gelingt, das Programmohne Kompromisse durchzuführen. Die Geschichte,die in den nächsten Jahren geschrieben wird, trägtIhren Namen. Ich bedanke mich, meine Damen undHerren, und wünsche Ihnen viel Erfolg, die Menschenin Ihrem Land zu überzeugen. Ich gebe nun das Wortan meinen guten Freund León Almeida weiter, derhierzu noch einige Anmerkungen machen möchte.“León umklammerte das Rednerpult. „Sehr geehrteAnwesende und Zuschauer an den Bildschirmen, ichmöchte Folgendes sagen: Wenn das Programm Erfolghaben soll, dürfen diesbezügliche Börsengänge undSpekulationen auf den internationalen und nationalenMärkten nicht durchgeführt werden. Man kann etwas,was jedem gehört, nicht für sich selbst beanspruchenoder sichern. Das heißt: Alles, was mit diesem Plane-ten zu tun hat, gehört uns allen und keinem Privi-legierten, ganz gleich, wie geschickt, schlau oder reicher ist. Aus diesem Grunde sollten die Regierungenrasch die erforderlichen gesetzlichen Grundlagen da-für schaffen. Es kann nicht sein, dass alle Länder dieserErde, die nicht an ein Meer münden oder grenzen,keinen Anspruch auf saubere Luft, saubere Energieoder eine menschenwürdige Verfassung beanspruchenkönnen. Ich warne alle, die einen Alleingang planen 94
  • 91. oder ein Hintertürchen gefunden zu haben glauben,dass das Internationale Tribunal scharf gegen dieseStaaten vorgehen wird. Ich werde persönlich alles inmeiner Macht Stehende tun, um dieses Projekt zuunterstützen. Außerdem möchte ich mich hiermit andie Terroristen weltweit sowie die Konzerne und ihreAktionäre wenden, die alles versuchen werden, in denGenuss der neuen Formel zu kommen, um Machtauszuüben und Geld zu machen.Und zum Schluss noch ein Wort an die Staroil AG:Lassen Sie unverzüglich unsere Freunde frei. VielenDank fürs Zuhören.“Der Präsident ergriff wieder das Wort: „Ich wünscheden beiden Herren und allen anderen, die dieses Zielmit uns verfolgen und bereit sind, alles Menschenmög-liche dafür zu tun, dass es gelingt, das Projekt unterder Aufsicht der UN weltweit so schnell wie möglichumzusetzen. Ich bedanke mich fürs Zuhören.“Die Live-Ausstrahlung ging hiermit zu Ende.Aber in der Konferenzrunde qualmten förmlich dieKöpfe. Die ersten Fragen prasselten auf uns ein.„Wer garantiert uns den Erfolg dieser Formel?“, warfder Regierungschef von Kanada auf, dessen ganzesLand schon seit drei Jahren unter einer gewaltigenHitzewelle litt. Die Wälder brannten und die Luftwurde immer dünner. Sogar die Eisbären waren vomAussterben bedroht. Einige wenige konnten noch inZoos bewundert werden. Die Buckelwale waren seitzwei Jahren nicht mehr im nördlichen Polarmeer auf-getaucht, vermutlich weil sie hier nicht mehr genü-gend Nahrung fanden und auf dem Grund der Meereihr Ende gefunden hatten.„Wir sehen uns in Spanien an den Küsten unaufhör-lich Überschwemmungen gegenüber“, äußerte Au- 95
  • 92. ßenminister Gonzalves. „Vom Atlantik rollen immerneue Tiefdruckgebiete an. Unsere Wirtschaft hat we-gen des Klimawandels arg zu leiden, durch die Über-schwemmungen einerseits und die Dürren im Lan-desinneren andererseits. Die modernde Feuchtigkeitmacht uns krank.“So hatte jeder der Anwesenden ernsthafte Inlandpro-bleme. Dazu kamen die ökonomischen und gesund-heitlichen Lasten.Ich wusste, es würde verdammt schwer sein, all dieseSorgen unter einen Hut zu bringen und einen ge-meinsamen Nenner zu finden. Zumal viele nur anihr eigenes Wohlbefinden und Profit dachten, wäh-rend andere völlig machtlos diesen enormen Verän-derungen gegenüberstanden. Das Gleichgewicht waraus den Fugen geraten, und selbst die selbstlose Auf-opferung vieler Völker auf landwirtschaftlichem Ge-biet brachte keine nennenswerten Erträge. Durch dieDürreperioden oder die Niederschläge innerhalb we-niger Tage fielen die Ernten immer magerer aus.Wir mussten dafür sorgen, dass die Anlagen unterstrikter Geheimhaltung, Disziplin und einer genauenPlanung gebaut wurden. Jahrelang hatten wir währendder Forschungszeit darüber debattiert und Pläne er-arbeitet. Es ähnelte der Entwicklung eines neuen Pkw:Es reichte nicht, nur einen Motor zu entwickeln, derWagen musste sich selbstständig ferngesteuert fortbe-wegen und alle Funktionen von vornherein stimmen.In unserem Fall hieß das: Die Infrastruktur benötigteeine grundlegende Erneuerung. Straßen, Regeln, Er-kenntnisse und zuletzt die Sicherheit jedes einzelnenLebens müssten gewährleistet sein. Das Ganze wür-de Jahre in Anspruch nehmen, um die erneuerbarenEnergien und damit neue Lebensqualität jedermann 96
  • 93. zugänglich zu machen. Zum Glück brauchten wirkeine gefährlichen Rohstoffe herbeizuholen oder zuerschaffen. Alles befand sich an Ort und Stelle für vie-le Jahrtausende. Es musste konsequent an der Erfolgs-geschichte gearbeitet werden. Aber wie schon gesagt,das war ja nur die Spitze des Eisbergs.Der Plan musste nur schnell durchgeführt werden. 97
  • 94. Die Zukunft hat heute begonnenWir schrieben heute den 20. März 2013. Es war zwan-zig Uhr dreizehn.Nur ein Zufall oder ging es jetzt richtig zur Sache?León und ich fuhren mit unseren Frauen ins Hilton,wo ein Büfett zu unseren Ehren mit vielen Promi-nenten stattfand. Die US-Präsidentin Hilary Fletchersollte uns auch jeden Augenblick die Ehre erweisen. Esstellte sich rasch heraus, dass sie eine sehr intelligenteFrau war, Jura studiert und viel Sinn für Humor hatte.Das brauchte man aber auch in dieser Zeit. Sie lachtegerne und zeigte viel Verständnis für die Menschen inNot. Auf der anderen Seite konnte sie sehr energischund kompromisslos sein. Wir verbrachten einen sehrnetten Abend mit ihr, ehe sie uns sehr früh wieder ver-lassen musste. Zuvor lud sie uns für die nächsten zweiWochen mit unseren Frauen nach Camp David ein,um die Pläne durchzusprechen. Würde der UN-Ge-neralsekretär auch mit von der Partie sein, fragte ichmich, da ich vermutete, dass die US-Präsidentin nichtan meiner Person, sondern an meiner Formel interes-siert war und mich für ihr Land gewinnen wollte.Aber dies sollte sich in den kommenden Wochen he-rausstellen.Mit diesen Gedanken fuhren wir mit einer EskorteRichtung Hotel zurück.In Florenz hatte man unseren Auftritt bei der UNin den Nachrichten mitbekommen. Tommaso warbei Signore Chiavari in der Suite eingeladen, um dieÜbergabe der ersten zwei CDs zu besprechen, wäh-rend Serena ein ausgiebiges Bad genossen und sicheine Stunde schlafen gelegt hatte. Tommaso fand die 98
  • 95. attraktive Frau schlafend auf dem Bett im Morgen-mantel. Er hätte ihr gerne einen Kuss auf die Stirngegeben, musste sich aber zusammenreißen. Ein Beinschaute sexy aus dem Bademantel hervor. Ihr langesHaar lag ausgebreitet auf dem Kissen. Er bückte sichnach vorne, um ihre hübschen Gesichtszüge aus derNähe zu betrachten, als sie ihre dunklen Augen öffne-te und erschrocken aufschrie.„Aah! Was soll das? Was machst du da?“, schrie sie ihnan.„Ich wollte sehen, ob du noch schläfst, und ich wollteauch noch duschen.“„Ich hab gar nicht gehört, wie du hereingekommenbist“, sagte sie nun wieder etwas ruhiger.„Entschuldige, wenn ich dich erschreckt habe“, er-widerte er freundlich.„Schon gut, Tommaso. Willst du dich nicht etwas aus-ruhen?“„Eine Viertelstunde könnte Wunder wirken, mehrbrauch ich nicht“, antwortete er ehrlich.„Leg dich doch zu mir“, lud sie ihn ein.Er glaubte seinen Ohren nicht und ließ sich wort-los rücklings aufs Bett auf ihren ausgestreckten Armfallen. Sie zog ihn nicht zurück, wie ihm auffiel, den-noch entschuldigte er sich.„Sorry, Serena.“„Ist okay, ruh dich etwas aus“, sagte sie sehr lieb.„Danke, ich leg mich auch aufs Sofa, wenn es dichstört.“„Sei jetzt still und mach deine Siesta“, gab sie zurückund drückte ihn mit der freien Hand ins Kissen.Er ließ das ohne Gegenwehr zu und hätte sie gernezu sich herangezogen. Sie bückte sich und legte ihreWange auf seine. Er spürte ihre zarte Haut, wobei sie 99
  • 96. nach dem Bad sehr angenehm roch. Sie wollte sichgerade zurückziehen, als er ihren Arm festhielt.Sie ließ es geschehen, aber meinte sehr sanft: „Nochnicht, Tommaso, ich bin noch nicht so weit.“„Du hast recht, entschuldige.“ Er ließ sie los unddrehte ihr den Rücken zu.„Du brauchst nicht traurig zu sein, ich mag dich, aberlass uns etwas Zeit, ich muss noch überlegen.Wir ken-nen uns kaum“, erklärte sie und legte ihre Hand aufseinen Arm.Das tut gut, dachte er und ließ die Augen zufallen.„Weck mich in einer halben Stunde.“„Okay.“Tommaso klopfte an die Tür der Suite von SignoreChiavari. Als niemand öffnete, klopfte er etwas hefti-ger. Keine Reaktion. Er drückte gegen die Tür, abersie war verschlossen. Er schaute auf die Uhr und Sere-na fragte: „Wie spät ist es?“„Halb neun.“„Komisch“, sagte sie, „wir sind doch verabredet. Erhätte uns auch Bescheid sagen können.“Tommaso ahnte nichts Gutes und ging den Flur Rich-tung Treppe, die zur Rezeption führte. „Das riechtnach Ärger, ich fühle das.“„Vielleicht ist er nur eingenickt. Der Rezeptionist sollihn anrufen.“Unten angelangt schaute ihnen der graue Herr hinterder Theke fest in die Augen und sagte: „Ihr seid be-stimmt die jungen Leute aus Amerika, die mit SignoreChiavari verabredet waren. Ich habe schlechte Nach-richten. Herr Chiavari hatte einen Unfall vor einerStunde. Ich soll Ihnen ausrichten, dass Sie sich an diePolizei wenden sollen. Commissario Bianchi erwartet 100
  • 97. Sie – zwei Straßen weiter und dann links.“„Ist er tot?“, wollte Tommaso sofort wissen.„Kann ich leider nicht sagen. Weitere Informationenbekommen Sie auf dem Polizeirevier. Es tut mir leidfür ihn, er ist ein sehr guter und hilfsbereiter Mann“,erwiderte er, ehe er zum nächsten Kunden ging.„Das gibt es nicht“, entrüstete sich Tommaso.„Die scheinen nicht aufgeben zu wollen. Bin ge-spannt, was noch kommt.“Sie eilten Richtung Ausgang. Draußen war es schondunkel und etwas frisch. Nach vierhundert MeternFußweg erreichten sie das zuständige Kommissariat.„Commissario Bianchi, per favore.“„Worum geht’s?“„Ich komme wegen Signore Chiavari“, erläuterteTommaso.„Er erwartet Sie“, entgegnete der Carabinieri. „Hierentlang bitte.“Sie folgten ihm und wurden dem Commissario vor-gestellt.„Signore Commissario, Herr Brink und Fräulein Al-meida“, meldete der Carabiniere ihr Eintreten.„Kommen Sie herein“, sagte der Commissario, eheer ihnen die Hand reichte. „Si accomoda, SignorinaAlmeida, Signore Brink. Piacere di fare la sua cono-scenza. – Mi dispiace. Tut mir leid“, fuhr er fort.„Was ist passiert, wo ist Signore Chiavari?“„Er wurde tot aufgefunden, nicht weit von hier ineiner Seitenstraße.“„Was? Wieso? Wer hat das getan? Haben Sie den Täterschon gefasst?“Obwohl der Commissario über sie Bescheid wussteund alle Antworten bereits kannte, wurden Tommasound Serena trotzdem verhört, um ihre Unschuld zu 101
  • 98. beweisen.„Herr Brink, woher kannten Sie Herrn Chiavari?“,fragte er nun misstrauisch.„Mein Vater und Rodolfo sind, äh waren Freunde seitsehr vielen Jahren“, antwortete Tommaso vorsichtig,da ihm bewusst war, dass der Commissario zunächsteinmal alle verdächtigte, sogar Serena und ihn selbst.„Wo haben Sie sich vor einer Stunde aufgehalten?“,fragte der Commissario.„Auf meinem Zimmer.“Serena mischte sich ins Gespräch. „Er war mit mir aufunserem Zimmer. Wir sollten uns um halb neun inHerrn Chiavaris Suite treffen.“„Warum sind Sie hier?“, bohrte der Commissarioweiter.„Das kann ich Ihnen leider nicht sagen, Commissa-rio.“„Warum nicht? Jetzt geht es uns auch etwas an.“„Nun gut. Wir sollten ihm eine Arbeit meines Vatersübergeben, da er nicht selbst kommen konnte“, sag-te Tommaso, um den Commissario auf eine falscheFährte zu führen und damit Zeit zu gewinnen. Docher hatte nicht damit gerechnet, dass der Commissariovor genau einer halben Stunde die UN-Versammlungin den Medien mit angehört hatte und über Guiglel-mos und Jans Entführung Bescheid wusste.„Und wie geht es Ihrem Onkel Signore Vaccha undHerrn Bieberich?“, erkundigte er sich scheinbar bei-läufig. „Wollen Sie und Ihre hübsche Freundin dasalleine erledigen?“Shit, dachte Tommaso, gut, dass ich ihn nicht ganz be-logen habe.Serena, die kein Italienisch verstand, schaute ihn anund wollte wissen, worum es ging. 102
  • 99. „Miss Almeida“, fuhr der Commissario nun in per-fektem Englisch – was Tommaso nicht erwartet hätte– fort. „Könnten Sie mir sagen, welche Aufgabe Sig-nore Chiavari in dieser Entführung zukam?“Sie schaute erst Tommaso an, ehe sie dem Commis-sario sehr überzeugend als Antwort gab: „Soviel ichweiß, sollte er mit den Entführern in Kontakt tretenund versuchen, die Situation zu entschärfen.“„Warum sind Sie nicht zur Polizei gegangen?“„Das Ganze sollte ohne Polizei ablaufen, da sonst dasLeben der beiden gefährdet wäre. So lautete eine derForderungen der Entführer“, rechtfertigte Tommasoihr Vorgehen.„Und wissen Sie, wer sie sind oder mit wem Sie es zutun haben?“, bohrte er weiter.Tommaso musste einsehen, dass er den Commissarionicht so leicht abwimmeln konnte, zumal das Ganzenun bereits ein Leben gefordert hatte.„Ich glaube ja“, gab er etwas genervt zurück.„Und um wen handelt es sich?“, fragte der Commis-sario weiter.„Es sollen Leute von der Staroil sein.“„Sind Sie sicher?“„Ja, wir, das heißt, mein Vater hat es durch Zufall her-ausgefunden“, erwiderte Tommaso. „Genaueres kannich jedoch nicht sagen.Wir sollten mit Rodolfo Chia-varis Hilfe ihren Forderungen nachkommen, um diebeiden freizubekommen“, gab Tommaso zu.„Sie haben doch wohl nicht ernsthaft geglaubt, dassdas geschehen wäre. Sie sehen, wie weit sie gehen,sie morden bereits im Vorfeld, damit Sie Ihnen beider Übergabe keine großen Probleme bereiten. Siescheinen gut vorbereitet zu sein und überhaupt, waswollen die von Ihrem Vater, was fordern die Kidnap- 103
  • 100. per eigentlich?“, forschte der Commissario unbeirrtweiter.Sie mussten irgendwie hinbekommen, dass sich diePolizei heraushielt, um das Leben ihrer Freunde nichtnoch mehr zu gefährden. Die Entführer werden sichsonst zu sehr bedrängt fühlen und beide ermorden,dachte Tommaso.„Herr Brink, ich hab Sie etwas gefragt?“, fuhr derCommissario fort. Er war aufgestanden und legte dieAktentasche von Rodolfo auf den Schreibtisch, ohnedarauf einzugehen, um mehr Informationen aus Tom-maso herauszuholen.„Ja, soviel ich weiß, die Forschungsarbeiten der letztenJahre, die mein Vater gemeinsam mit seinen Freundengetätigt hat.“„Das müssen sehr wichtige Ergebnisse sein, wie esscheint, wenn die UN Ihren Vater zusammen mit denständigen Mitgliedern und anderen wichtigen Län-dern an einem Tisch versammelt.“„Ich glaub schon, aber wenn Sie alles wissen, warumfragen Sie dann noch?“ Tommaso bekam ein schlech-tes Gefühl und schaute Serena an, um ihr anzudeuten,dass sie hier verschwinden mussten, und zwar schnell.Die Frage war nur, wie. Er vertraute dem Commissa-rio nicht ganz, etwas schien im Busch zu sein.„Wo haben Sie die Akte?“, fragte der Commissariowieder ganz beiläufig. „Im Hotel?“„Wir haben nur die Instruktion zu verhandeln, sonstnichts, Herr Commissario“, entgegnete Tommaso undschaute Serena erneut an.Sie merkte, dass etwas nicht stimmte, und fragtescheinheilig: „Tommaso, können wir jetzt gehen?“„Ich denke schon.“ Tommaso wandte sich an denCommissario. „Können wir noch etwas für Sie tun?“ 104
  • 101. „Und ob – Sie bleiben im Hotel, bis ich Sie rufe. ZuIhrer Sicherheit werde ich zwei Leute auf dem Flurvor Ihrem Zimmer postieren.“„Okay“, sagte Tommaso und deutete Serena an, dasssie gehen könnten.„Sie schicken uns zwei Leute, um uns zu bewachenoder zu schützen, ich weiß noch nicht“, flüsterte erihr zu.Serena verstand sofort und schwieg, bis sie draußenwaren.„Wir dürfen nicht ins Hotel zurück“, gab TommasoSerena zu verstehen. „An der nächsten Ecke fangenwir an zu laufen und verschwinden.“An der Ecke angekommen studierte Tommaso mit ei-nigen Blicken, wie sie die beiden Beamten in Zivilloswerden könnten. Geistesgegenwärtig bemerkte er,wie gegenüber auf der anderen Straßenseite eine Fraumit dem Schlüssel in der Hand in ihr Auto steigenwollte, und zog seine Begleiterin rasch am Arm.„Rüber zum Wagen, schnell!“, zischte er.Serena verstand augenblicklich, was er plante, und zö-gerte nicht lange. Sie liefen hin, Tommaso stieß dieFrau weg und entriss ihr gleichzeitig den Schlüssel-bund. Die Frau schrie und versuchte sich zu wehren.Aber Tommaso war bereits eingestiegen und ließ denMotor aufheulen, während Serena neben ihm Platznahm. In letzter Sekunde ließ er die Türsperre ein-rasten, denn die beiden Beamten versuchten nun mitwilden Gebärden, die Tür des Wagens zu öffnen.Die Frau schrie wie am Spieß auf Italienisch: „Ladri,aiuto, mi rubano la mia auto“ (Räuber, Hilfe, sie klauenmeinen Wagen).Tommaso und Serena fuhren mit quietschenden Rei-fen los, wobei die Beamten noch einige Meter hinter- 105
  • 102. herrannten. Aber sie hatten keine Chance.„Wir fahren zum Hotel. Du gehst rein und holst nurden Aktenkoffer, der Rest kann da bleiben, verstan-den! Sonst fällt es dem Portier auf. Schnell, ich parkein der Seitenstraße und du gehst weiter zu Fuß. Wirdürfen keine Zeit verlieren.“„Gut, und wenn bereits Leute im Zimmer sind?“„Geh an unserem Zimmer erst mal vorbei und schau,ob da jemand ist.“Eine Polizeisirene jaulte in einer Nebengasse, dannnoch eine. Sie mussten sich beeilen.„Pass auf dich auf, Serena.“„Mach dir keine Sorgen, ich nehm nur den Inhalt undnicht den Aktenkoffer mit“, sagte sie entschlossen undverschwand in der Dunkelheit.Mehr als besorgt duckte er sich in den Sitz für denFall, dass eine Polizeipatrouille vorbeikam. Kaum hat-te er den Kopf eingezogen, kamen schon mehrerePolizisten die Straße entlanggelaufen und zogen wei-ter Richtung Hauptstraße. Was für ein Glück, dachteTommaso. Fünf Minuten später tauchte jemand nebendem Wagen auf. Er trug einen Hut und einen langenMantel.„Schnell, lass den Motor an, lass uns abhauen, sie sindüberall.“Er erkannte Serena an der Stimme und fühlte sicherleichtert.„Wie siehst du denn aus?“„Hab mich in der Garderobe der Bar bedient, um zumZimmer zu gelangen“, erläuterte sie amüsiert.„Diese Mexikaner sind schlimmer als die Italiener“,bemerkte er spöttisch.„Aber wohin nun?“, wollte Serena noch ganz außerAtem wissen. 106
  • 103. „Am besten nach Rom, aber mit dem Zug, dieser Wa-gen dürfte bereits gesucht werden.“Sie konnten nicht telefonieren. Zum Glück hatte Se-rena das Nötigste aus dem Hotel herausschaffen kön-nen.Tommaso hielt sie einen Moment lang am Arm festund beruhigte sie: „Wir schaffen das schon“, und fuhrlos.„Am besten wir beschaffen uns irgendwie einen an-deren Wagen“, schlug sie vor.„Dachte ich auch gerade“, stimmte Tommaso ihr zu.Sie ließen den Wagen einige hundert Meter vom Ho-tel in einer Hauseinfahrt einfach stehen und gingenzu Fuß weiter, zunächst auf einem Weg, der runterzum Fluss führte. Ab und an waren Polizeisirenen zuhören. Zum Glück vermuteten sie sie nicht so nah amHotel. Aber ein anderer Wagen musste her.„Und was war auf der Polizeiwache los?“, erkundigtesich Serena.„Ich vermute, dass die Polizei in der Sache drinsteckt,zumindest hatte ich den Eindruck. Egal, besser mitniemandem zu kollaborieren, solange wir nicht wis-sen, auf welcher Seite er steht“, sagte Tommaso über-zeugt.Sie liefen am Arno vorbei zum Ponte Vecchio. Alleswar hell erleuchtet. Wahre Menschenmengen tum-melten sich in den Straßen. Etwas weiter die Uferstra-ße entlang trafen sie auf geparkte Autos. Er entschiedsich für einen Audi mit deutschem Nummernschild,ein Auto, das Tommaso gut kannte. Allerdings muss-te es schnell gehen, da bestimmt der Alarm losgehenwürde; aber bei den Italienern machte das wenig Ein-druck, und er konnte im schlimmsten Fall vorgeben,da er Deutsch sprach, dass er die Schlüssel verloren 107
  • 104. habe und sich selbst behelfen müsse. Trotz aller Ange-spanntheit konnte Serena sich ein Lachen nicht ver-kneifen. Wie vermutet, heulte sofort die Alarmanlageauf, sobald er die hintere Seitenscheibe eingerammthatte. Er ging bewusst langsam zu Werke, als wollte erzeigen, dass es sich um seinen Wagen handeln würde,während er unentwegt auf Deutsch fluchte.Der einzige Passant, der vorbeikam, schien seinen Är-ger zu verstehen und sagte: „Schön dumm, wenn manbei sich selbst einbrechen muss. Sind Sie Deutscher?Tedesco?“„Ja, hab die Schlüssel verloren.“„Viel Glück!“, gab er knapp zurück und ging weiter.Das konnte er gut gebrauchen in diesem Moment.In ihrer Nervosität konnte es Serena kaum abwarten,dass der Motor ansprang und sie ohne aufzufallenwegkamen.„Leider kann ich dir heute Abend nicht mehr das ro-mantische Florenz zeigen. Jammerschade!“, versuchteTommaso die Situation etwas aufzulockern. Sie fuhrenlos Richtung Autobahn A1. Sie mussten eine Polizei-patrouille passieren. Serena hatte sich vorsichtshalbergeduckt und gab vor, etwas zu suchen. So sah es aus,als würde sich nur eine Person im Wagen befinden. IhrAugenmerk galt aber zwei Leuten und da die Beamtenan der anderen Seite der zerbrochenen Fensterscheibestanden und das deutsche Kennzeichen registrierten,winkten sie den Wagen durch.Wenig später fuhren diebeiden unbeachtet aus der Stadt hinaus.„Wie soll es jetzt weitergehen?“, fragte Serena einbisschen verloren. Sie schien sich das Ganze wohl et-was anders vorgestellt zu haben, doch leider war dar-aus bitterer Ernst geworden. Sie wussten nicht mehr,wem sie noch vertrauen konnten. 108
  • 105. „Tante Fiona in Rom wird bestimmt rund um dieUhr beobachtet.“„Das glaube ich auch. Ein Glück, dass wir noch insHotel und die Papiere mit den CDs rausholen konn-ten“, sagte Serena etwas erleichtert.„Ja, das hast du sehr gut gemacht; überhaupt, hat dichjemand gesehen?“„Nein, ich bin sofort zur Toilette, von dort zur Gar-derobe und dann zum Aufzug und weiter in unserZimmer. So konnte mich niemand erkennen.“„Sehr schlau“, gab Tommaso zurück und hielt ihreHand.Wortlos zog sie seine Hand an sich.Irgendwann nach Mitternacht fuhr er eine Raststättean, hielt sich aber etwas abseits, damit sie ein wenigverschnaufen konnten. Sie mussten noch heute Nachtnach Rom und den Wagen loswerden.„Hast du Hunger, Serena?“„Ein bisschen“, gab sie ein wenig schlaftrunken zu-rück.„Ich hol uns etwas. Willst du Kaffee oder etwas an-deres?“„Ein Kaffee wäre gut. Danke.“„Bis gleich“, sagte Tommaso und verschwand Rich-tung Bar.Ein Polizeiwagen drehte seine Runde, aber das warnormal hier auf den Raststätten.Tommaso suchte erst die Toilette auf, bevor er in denAutogrill zur Bar ging. Er kaufte ein paar Pizzateil-chen, etwas zu trinken und zwei Kaffee. Als er hi-nausgehen wollte, kamen ihm zwei Carabinieri ent-gegen. Er dachte, jetzt haben sie dich, aber sie gingenauseinander und ließen ihn passieren. Sein Herz raste.Draußen blieb er einen Augenblick stehen, um erst 109
  • 106. einmal tief durchzuatmen. Er schaute sich unbemerktum. Alles war ruhig, außer ein paar jungen Leuten beieinem Minibus, die lauthals diskutierten. Mit schnel-len Schritten erreichte er den Wagen und bemerktesofort, dass Serena nicht im Wagen saß.„Verdammt, auch das noch“, dachte er laut. „Wo stecktsie bloß, kann sie nicht warten, bis ich zurück bin? „„Nein, schließlich muss eine Frau auch mal“, kam vonhinten Serenas Stimme.„Mensch, hast du mich erschreckt. Hier laufen Poli-zisten herum und du machst einen Spaziergang.“„Ich war in dem Busch da hinten, da konnte michniemand sehen“, gab sie etwas verärgert zurück.„Okay, ist ja gut. Entschuldigung. Ich hab keine Lust,noch mehr Ärger zu bekommen. Für den Momentreicht es mir. Wir wandern sofort in die nächste Zelle,wenn die uns erwischen.“Sie stieg in den Wagen und Tommaso hinterher.Schweigend fuhren sie los. Gegen halb sechs erreich-ten sie Rom, es wurde bereits hell. Sie parkten ineiner Seitenstraße und schliefen sofort ein. Als es ander Scheibe klopfte, wurden sie wach.„He“, machte sich eine Männerstimme bemerkbar,„wir wollen auf die Baustelle, wenn ihr nichts da-gegen habt.“Tommaso schaute sich um und sah, dass sie genau vordem Eingang zu einer Baustelle geparkt hatten.„Wir sind in den Schlaf gefallen. Entschuldigung.“Er lachte. „Haben sie euch ausgeraubt?“, fragte er mitBlick auf die kaputte Fensterscheibe.„Ja, ja, gestern Abend. Wo ist die nächste Audi-Gara-ge?“, lenkte Tommaso ab.„Geradeaus etwa vier bis fünf Kilometer auf der lin-ken Strassenseite.“ 110
  • 107. „Ist es noch weit bis ins Zentrum?“„Etwa noch zehn bis fünfzehn Minuten.“„Danke, mein Freund.“Einige Kilometer weiter ließen sie den Wagen irgend-wo auf einem Parkplatz stehen und fuhren mit derStraßenbahn ins Zentrum. Es war gegen neun Uhr.Tommaso wollte gerade nach Amerika anrufen, ummir Bescheid zu sagen, damit ich mit Martinelli Kon-takt aufnehmen sollte, da hatte ich im gleichen Mo-ment aus Mexiko seine Nummer gewählt.„Tommaso, wo steckst du?“, fragte ich.„Mitten in Rom in der Straßenbahn“, antwortete er.„Ist Serena auch bei dir? Geht es euch gut? Was istpassiert?“„Pa, alles okay, wenn man so will. Sie haben gesternAbend Rodolfo umgebracht, man hat ihn mit ein paarKugeln im Kopf tot aufgefunden.“„Ich hab im Hotel angerufen und bereits gehört, dassihr flüchtig seid. Erzähl!“„Pa, als wir bei der Polizei von diesem komischenCommissario verhört wurden, hatte ich das Gefühl,dass er mit von der Partie ist. Wir sind daraufhin ab-gehauen. Die CDs und die Papiere konnten wir Gottsei Dank mitnehmen, dank Serena.“„Hör zu, Martinelli scheint verschwunden zu sein,und von Guiglelmo und Jan fehlt jede Spur. Bleibtbitte im Hintergrund oder versteckt euch, bis icheuch Bescheid gebe. Der Geheimdienst wird sich dar-um kümmern. Seid vorsichtig und geht auch nicht zuTante Fiona, denn das könnte gefährlich werden. Hastdu verstanden? Nehmt den Zug nach Neapel undwartet dort auf mich. Ich werde versuchen so schnellwie möglich bei euch zu sein. Ich melde mich. AllesGute und seid vorsichtig, traut niemandem. Ruft auch 111
  • 108. niemanden an. Ist das klar! Ich melde mich, sobaldich am Flughafen Fiumicino in Rom angekommenbin. Tschüss ihr beiden. – Warte noch, León will mitSerena sprechen.“Das Handy wechselte die Hand und nach dem Ge-spräch mit ihrem Vater hatte Serena Tränen in denAugen.„Was ist geschehen?“, fragte Tommaso etwas besorgt.„Nichts, ich vermisse sie nur.“Wir suchten uns einen Platz auf der Terrasse einesCafé, wo wir nach der stressigen Nacht in Ruhe früh-stücken konnten. Für die Jahreszeit war es bereits amMorgen ganz schön heiß. Wir sahen vielerorts Schil-der, die den Autoverkehr angesichts der hohen Ozon-werte, des Smogs und der Rußpartikelkonzentrationin der Luft untersagten, was inzwischen überall inden dicht bevölkerten Ländern so war. Der Smog lagweltweit wie ein Nebel über den Städten und wollteeinfach nicht weichen. Er gehörte mittlerweile zumnormalen Alltagsbild. Hinzu kam die Rationalisie-rung von Trinkwasser – schon jetzt im Frühjahr, nichtwie sonst in den warmen Sommertagen. Immer mehrTouristen blieben aus einer so schönen Stadt weg, diesonst Millionen von Gästen im Jahr beherbergte, unddies nicht nur wegen des Vatikans.„Ach, wie soll das nur enden?“, seufzte der Oberkell-ner und kassierte eine viel zu hohe Summe für dieKaffees und die focaccia, die in keinem Verhältnis zudem stand, was man dafür bekam.Ich hatte der UN die Pläne ohne die Informationenauf dem Memorystick vorgelegt, und nun wurde da-rüber debattiert, wie es weitergehen sollte. Ich hattebei meinem Vortrag klar und deutlich gemacht, dass 112
  • 109. sie sich nicht untereinander streiten, sondern einesofortige Lösung herbeiführen sollten, denn die Zeitdrängte.Eine ausgelaugte und zutiefst ausgebeutete Erde wür-de als Hinterlassenschaft zurückbleiben, wenn wirnicht agierten. Doch wir waren jetzt so weit, der Erdedie nötige Erholung zu verschaffen, wenn uns da nichtdiejenigen dazwischenfunken würden, die nur ihrenProfit und ihre Interessen im Kopf hatten. Dahermusste die UN diesmal alle Staaten davon überzeugen,dass es auf kurz oder lang keine Zukunft für nieman-den mehr gab, sollten die Beschlüsse wie sonst igno-riert oder abgeblockt werden, sei es durch Veto oderschlappe Sanktionen, die nur halbherzig durchgesetztwurden. Es musste ein rigoroser Plan her, der nichtvon Staatengemeinschaften wie Amerika oder Europadiktiert werden sollte, sondern von unabhängiger Sei-te her. Wenn der eigene Bruder ein Mörder war, saßman ja auch nicht selbst auf der Geschworenenbank.Jeglicher Interessenkonflikt sollte also vermieden wer-den, auch wenn es schwerfiel. Die Verteidigung solltevon einem Weltanwalt durchgeführt werden, wodurcheine neue juristische Dimension entstehen würde. Je-der Bewohner dieser Erde sollte wie ein verlässlicherund verantwortungsvoller Elternteil handeln. Die ge-fällten Entscheidungen mussten zügig umgesetzt wer-den, schließlich ging es um unseren Planeten und dieSicherung der Energie, um ein sauberes Klima undunser wichtigstes Lebensmittel, das Trinkwasser. Ohnediese drei Elemente sah es für die Menschheit schlechtaus. Ich konnte einfach nicht glauben, dass KrokodileMillionen von Jahren überlebt hatten, ohne sich selbstund die Erde zu zerstören, aber wir Menschen selbst- 113
  • 110. zerstörerisch nur wenige Jahrzehnte hierfür benötigthatten.Es ging zu Ende, wenn wir nicht einsahen, dass esGott gibt, der uns mit all seiner Vielfalt jeden Tagbeschenkt, wir jedoch noch immer nach Wundernschrien. Denn 70 Prozent des Planeten Erde bestehenaus Wasser. Ebenso die Menschen, Tiere und Pflanzen.Vom All aus sieht man einen wunderschönen, einzig-artigen blauen Planeten. Dieses gesamte Bild ist einemallmächtigen Schöpfer entsprungen, nämlich Gott, deruns unerschöpfliche Ressourcen schenkte. Nicht nurfür einige Wenige, sondern für die gesamte Mensch-heit, Tier- und Pflanzenwelt, die uns ihrerseits ernährtund mit Sauerstoff versorgt. Also, da musste man blödsein, wenn man seinen Lebenslieferanten killte.Wassergibt es in flüssigem oder gefrorenem Zustand oderals Wasserdampf. Im Wasser liegt der Schlüssel des Le-bens.Somit auch unser Energievorrat. Die Meere boten ge-nügend Platz, um solche Projekte zu realisieren, undverfügten über genug Salz, um die Anlagen zu betrei-ben. Das bedeutete weder Raubbau, welcher Art auchimmer, an Erdöl, Erdgas, Kohle oder anderen fossilenBrennstoffen noch Waldrodung. Keine umweltfeind-liche Verbrennung und Belastung für das Klima unddie so wichtige Luft zum Atmen, kein Ozon, keineRadioaktivität. Letzteres zeugte nur von der Unfä-higkeit des Menschen, auf lange Sicht etwas zu unse-ren Gunsten zu verändern, unsere Erfolge waren nurkurzfristig. Die Genmanipulation beispielsweise wür-de in erster Instanz kräftigere, widerstandsfähigere, inallen Bereichen bessere Produkte hervorbringen, aberin einigen Jahren käme uns das gesundheitlich teu-er zu stehen, zum Vorteil der Pharmaindustrie, da mit 114
  • 111. ziemlicher Sicherheit unsere Körper in Mitleiden-schaft gezogen würden. Ökonomisch mag das alles zubegrüßen sein, aber für den Menschen war es eineweitere Katastrophe.Seit wir Menschen unsere Finger mit im Spiel hat-ten, drohten ganze Arten auszusterben. Wir hattenihre Lebensräume vernichtet, ihre Körper verarbeitet,überzüchtet, sie gequält und sie aus reiner Profitgierfür dubiose Experimente benutzt. Unseren Haus- undNutztieren wurden unnatürliche Lebensgewohnhei-ten aufgezwungen.Stattdessen hätte man alles daransetzen müssen, dieTierwelt in ihrem Umfeld positiv zu erforschen undihnen nur das Nötigste für unsere Lebenserhaltungabzuverlangen. Massentierhaltungen gehörten gänz-lich abgeschafft.Wir Menschen schienen uns gegenseitig nichts mehrzu bedeuten, es war nur ein ständiges Nehmen, nurwenige gaben. Wir beuteten uns selbst auf legale undillegale Weise aus, brachten so unsere Urahnen um dieWerte Verständnis und soziales Miteinander, währenddie Urvölker in den Urwäldern noch vollkommendiesem Idealbild entsprachen. Sie lebten im Einklangmit der Natur und dem Planeten. Wissenschaftlichwaren wir auf der Höhe, konnten wir die Materieund ihre Kräfte erforschen und hätten sie für uns nut-zen können, ohne späteren Generationen das Rechtauf die gleiche Lebensqualität zu verwehren, was wirheutzutage nicht gerade behaupten konnten.Also war ein Umdenken gefragt, erforderlich undüberlebenswichtig für unsere Kinder. Wir musstenlernen, den Tatsachen in die Augen zu schauen, undnicht immer nach monetären Gesichtspunkten zuhandeln. 115
  • 112. Alles, was auf der Welt von selbst entstand, gehörte unsallen. Die Schätze in und auf der Erde wie in der Luft.Wir hatten hierfür nichts erschaffen müssen.Wenn wirKartoffeln pflanzten, versorgten und wachsen ließen,hatten wir etwas Eigenes entstehen lassen, um unserÜberleben zu garantieren. Handel war erlaubt, wennkein Raubbau entstand, zum Beispiel Schuhe, Papier,Technologie, Bausubstanz. Dabei musste man genauabwägen, wie viel wir davon brauchten und wie vielunsere Umwelt ertragen konnte. Die veränderten undzu jeder Jahreszeit erhältlichen Lebensmittel musstenverstärkt einer Kontrolle unterworfen werden, genau-so wie der Pharmaindustrie und den Chemiekonzer-nen nur erlaubt werden durfte, keine genmanipulier-ten und ausnahmslos unbehandelte Lebensmittel zuproduzieren.Die mit verlogener Werbung täglich offerierten Pro-dukte sollten zudem strenger kontrolliert werden,wobei der Sumpf von Lügen und Desinformationentrocken gelegt werden musste.Aber wen interessierte das schon, wenn die Börsensatte Gewinne einfuhren. Hauptsache, sie entließennoch einige tausend Menschen, damit sie noch mehrDividende einstreichen konnten.Die Heilung unserer Umwelt bestand darin, sich be-wusst zu machen, was wir brauchten oder auch nicht.Man musste, wie damals bei den Airlines, eine schwar-ze Liste all jener Konzerne und Politiker anfertigen,die die Menschen belogen, und sie sanktionieren oderbestrafen. Man durfte, wie die Gesetzgeber bei Alko-hol hinter dem Steuer, null Toleranz walten lassen undnur reine – nicht wirtschaftlich interessante – Projektesubventionieren. Man musste alle irreführende Wer-bung verbannen. 116
  • 113. Kurzum: Man musste umdenken und verstehen, wasfür die Erde, Natur und Menschen gut war.Eine Kuh aß vegetarisch und war nie auf Fleisch um-gestiegen, nur weil kein Gras da war. Wir Menschendagegen ließen uns jeden Morgen was aufschwatzen,was uns letztendlich unsere Gesundheit kostete. Aberwir wurden schleichend und irreführend innerhalbvon Jahrzehnten mit dem Argument, wie einfach, zeit-sparend, praktisch und bequem alles war, auf reinenKonsum umgerüstet und süchtig gemacht, damit we-nige sich bereicherten. So zum Beispiel unser Handy,Bankgeschäfte, Kreditkarten oder Internet. Das Inter-net war mit Sicherheit ein bemerkenswertes Medium,aber auch hier wusste man nicht mehr, ob alles mitrechten Dingen zuging. Bei jedem Einschalten mussteman eine neue Software herunterladen die noch opti-maler und sicherer war gegen Eindringlinge. Für denLaien komplett undurchsichtig. Wurden nun Datenherein- oder herausgeschleust, war oft meine Frage.Solange wir zuließen, dass andere an uns verdienten,setzten sie alles daran, uns alles zu verkaufen, wovonwir glaubten, glücklich, schöner oder gesünder zuwerden. Ganze Heere arbeiteten für diese Konzerneim Hintergrund um unsere Angewohnheiten zu stu-dieren und wie sie ihre Produkte am Besten vermark-ten konnten. Es lag also an uns selbst, inwiefern wir eszuließen, wie weit sie gingen.Wasser und Sauerstoff würden die nächsten Jahrtau-sende über unser Leben bestimmen, das nicht vonirgendwelchen fossilen oder chemisch kompliziertenund teuren Abläufen abhängig war. Das Leben basierteauf einfachen chemischen Reaktionen, die bereits inder Natur eingebettet waren und keine gefährlichenAltlasten für nächste Generationen hinterließen. 117
  • 114. Die Erde stand im Einklang mit dem Leben und demkonnte sich keiner entziehen.Ich war besorgt und konnte nicht einschlafen. Teresaschien es ähnlich zu gehen.„Wir hätten die Kinder nicht alleine weglassen sol-len!“, sagte sie, als wir im Bett lagen.„Ich weiß, aber wie hätten wir anders vorgehen sol-len? Wir können uns schlecht in zehn Stücke teilen.Sie sollten ja nur bei Rodolfo die CD abgeben“, ver-suchte ich sie zu beruhigen.„Ja, aber Rodolfo ist tot, die Kinder sind flüchtig, unddiese Gauner haben sogar die italienische Polizei ge-kauft.“„Wir werden so bald wie möglich nach Rom flie-gen und nach dem Rechten sehen. Ich muss nur nochmit der UN gewisse Abläufe abklären, wie wir vor-gehen; den Rest können sie alleine in die Wege leiten.Wenn alles so weit ist, werden wir in Aktion treten.Nach den Tests sind nur noch Kontrollen auszuführen,wobei strenge Vorsichtsmaßnahmen den ungestörtenVerlauf der Sauerstoffproduktion garantieren dürf-ten“, fuhr ich fort.„Das heißt, wir müssen zurück nach Amerika. Oderwo soll die erste Anlage entstehen?“, fragte Teresa.„Wir haben uns noch nicht festgelegt. So, aber jetztversuch ich noch ein paar Stunden zu schlafen, mor-gen müssen wir gegen 6.30 Uhr schon los zur UN.“Teresa kuschelte sich gegen meine Brust und wirschliefen ein.Das Klingeln des Telefons riss uns beide aus demSchlaf.Schlaftrunken hob ich den Hörer ab: „Ja bitte? Ach, dubist es, wir sind in einer halben Stunde unten. Danke 118
  • 115. fürs Wecken, bis gleich.“León und Jackie waren bereits unten beim Früh-stück.Wir gesellten uns zu ihnen und tranken nur schnelleinen starken Kaffee, da bereits eine Eskorte auf unswartete, die uns zum UN-Tower bringen sollte. VierBodyguards begleiteten uns zu den zwei Limousinenmit aus Sicherheitsgründen verdunkelten Scheiben.Ich fuhr mit León, während die Frauen in einem Ab-stand von einer halben Stunde nachkommen sollten.So verlangte es die Sicherheit. Kurz zuvor hatte ichmit Tommaso telefoniert und erfahren, dass sie anstattin Neapel von einer Sicherheitsbrigade der UN nachSorrento bei Neapel untergebracht worden waren.Der Geheimdienst vor Ort versuchte herauszufinden,wo Guiglelmo und Jan versteckt gehalten wurden. Al-lem Anschein nach außerhalb von Rom. Fiona hattemehrmals mit Teresa telefoniert.„Jeff, wie soll es nun weitergehen? Ich meine mit derAnlage. Und wo soll sie aufgebaut werden?“, fragteLeón.„Wenn es nach mir ginge, dort, wo das Ganze ange-fangen hat.“„Du meinst auf Spitzbergen?“„Ja genau, was meinst du? Wir hätten unsere Ruheund die Familie wäre besser aufgehoben, man könntesie effektiver beschützen“, argumentierte ich.„Da hast du recht, nur etwas abgelegen. Wir habenunseren Job, aber was sollen die Frauen sechs Monatelang machen?“„Ich weiß. Hast du eine bessere Idee?“„Warum nicht am Mittelmeer bei Monte Carlo, daunterhalten wir ein Unterwasserlabor wie auf Spitz-bergen und könnten für uns und unsere Familie von 119
  • 116. den Monegassen politische Immunität bekommen.“„Wir reden mit dem Präsidenten, mal sehen, was erdazu sagt“, gab ich zurück.Im UN-Hauptquartier war einiges los. Vor dem Ge-bäude wimmelte es nur so von Journalisten und Pres-seleuten. Wir wurden in das Untergeschoss gefahrenund von dort in die obere Etage geleitet, wo uns derUN-Generalsekretär bereits erwartete.„Guten Morgen, meine Herren, gut geschlafen?“„Herr Generalsekretär, ich hoffe, Sie haben auch gutgeschlafen“, gab ich zurück.„Guten Morgen. Das Frühstück war ausgezeichnet,wir können jetzt drei Tage reden, so viel hab ich zumir genommen.“ León brachte uns zum Lachen.„So, meine Herren, der ganze Globus will von unswissen, wie schlimm es ist und wie wir das Klima-problem in den Griff bekommen wollen. Außerdeminteressiert allerorts, wo die Entführer sind und wo dieGeiseln festgehalten werden. Also eine Menge Fragen,die es zu beantworten gilt. Das Einzige, was nochnicht durchgesickert ist, ist Chiavaris Tod und warumer sterben musste. Das ist auch gut so, denn es würdedie Gemüter nur noch mehr aufheizen.“Ich musste ihm recht geben, obwohl es sehr wehtat.„Es ist eine verdammte Schweinerei, was sich die Sta-roil AG da geleistet hat. Aber die haben sich immereinen Dreck um die Menschheit geschert. Ich erin-nere nur an das Vorkommnis vor zwei Jahren gegenGreenpeace auf der Bohrinsel. Da waren auf einmalzehn Menschen verschwunden, die man Monate spä-ter tot auf einer kleinen Insel gefunden hat. KeineZeugen, keine Beweise, zumal der Konzern nicht ver-haftet und verhört werden kann, während der Chef 120
  • 117. zweitausend Kilometer weit entfernt in einem Bürogehockt hat. Ach, lassen wir das. Sie werden ihre Ze-che am Ende zahlen müssen. Schade nur für die arbei-tenden Menschen, die nicht wichtig sind.“„Wichtig ist denen doch bloß der Börsenkurs“, sag-te der Generalsekretär zu unserer Überraschung. „So,jetzt aber schnell in den Konferenzsaal.“Wir gingen den Flur hinunter zur Halle, wo die meis-ten schon auf uns warteten.„Guten Morgen und willkommen zum zweiten Teilder Versammlung. Heute wollen wir versuchen, denStandort und den Zeitplan der Anlagen per Abstim-mungsdekret kurzfristig zu bestimmen.“Es ging alles sehr schnell und man stimmte sofort inallen Punkten überein. Die Herren konnten sich dies-mal kein unsinniges Tauziehen erlauben, denn kei-ner wollte nach Hause reisen, ohne im Interesse dereigenen Bevölkerung gehandelt zu haben. Schnellesund reibungsloses Handeln angesichts der Naturka-tastrophen und raschen Klimaveränderungen lautetedie Parole. Darüber herrschte absolute Einigkeit. Leónund ich konnten zufrieden den Saal verlassen.Die Außenminister mussten nur noch mit den Finanz-ministern die Ausgaben abstimmen. Das Projekt sollteanfangs mit fünfzehn Anlagen starten, wovon der erstePrototyp im offenen Meer etwa fünf Seemeilen vorMonaco aufgestellt werden sollte.Die Europäische Union plante, in etwa zehn Jahrenmehrere Tausend solcher Sauerstoffaufbereitungsanla-gen in der Nordsee, im Atlantischen Ozean und imMittelmeer zu betreiben. Die Koordinierung blieb inden Händen der UN. Die Energieversorgung wäre zu80 Prozent gedeckt, der Rest würde aus Wind, Sonne 121
  • 118. und anderen sauberen umweltschonenden regenera-tiven Alternativen gewonnen werden. Die Atommei-ler sollten nicht wie geplant 2030 vom Netz gehen,sondern bereits in drei Jahren. Das Ziel der Sauer-stoffaufbereitung bestand darin, mit 2,5 MilliardenKubikmeter pro Anlage und Jahr die Atmosphäre zustabilisieren. Des Weiteren sollte der Auto- und Flug-verkehr reduziert werden, bis Hybridfahrzeuge insämtlichen Transportfragen einsatzbereit waren. Allefossilen Verbrennungsanlagen von privaten Haushal-ten, Heizungs-, Klima- und Industrieanlagen musstenso schnell wie möglich verboten und umgerüstet wer-den. 122
  • 119. Das globale UmdenkenNicht der globale Welthandel sollte blühen, sonderndas globale Umdenken. Das war eine immense Anfor-derung mit positiven Aspekten, nämlich die Erde zuerhalten und der Menschheit eine Zukunft zu geben.Viele Industrie- und Handelsunternehmen wolltenaufgrund der enormen Investitionen hiervon nichtswissen. Aber die UN sollte am Anfang verschärft mitder schwarzen Liste vorgehen, später die betreffen-de Regierung und die Konzerne durch Sanktionenabmahnen bis zur Weigerung des Vertriebs der kom-pletten Produktpalette der Firmen in ihren Ländern.Somit wollte man die Sache friedlich aus der Weltschaffen. Ein neuer Aufbau sollte Beschäftigungsef-fekte und neuen Schwung in die Ökonomie bringen,nicht zulasten der Armen. Sowohl die Medizin- alsauch die Rentenreform mussten im Dienste des Vol-kes progressiv angegangen werden, sodass neue Berufeund Jobs entstehen konnten. Jedes Individuum solltedas Recht haben, ärztlich versorgt zu werden. Der un-kontrollierte Konsum sollte um 90 Prozent reduziertwerden, wodurch Ressourcen eingespart würden beigleichzeitiger umweltfreundlicher Herstellung.Der Hunger nach Strom blieb zwar derselbe, aber mitden Anlagen betrug der Ausstoß von CO2 in die At-mosphäre gleich null. Die bereits im Handel befind-lichen Ressourcen mussten bewusster recycelt unddie Bodenschätze der Erde kontrollierter ausgebeutetwerden.Es würde Jahrzehnte dauern, um gerade mal die Hälf-te der verseuchten und belasteten Gebiete einigerma-ßen wiederherzustellen. Die Lunge unserer Erde, derAmazonas und andere Naturreservate oder National- 123
  • 120. parks, mussten von der UN kontrolliert werden unddie Urbevölkerungen ihre Kultur und Traditionen zu-rückerlangen.Die Autoindustrie musste globalisiert werden. DerKonkurrenzkampf sollte nicht in der Stärke, aber inDesign und Styling vonstatten gehen, ohne jedoch dieRessourcen zu strapazieren. Die Ernährung sollte aufnatürliche Basis zurückgeführt werden, sodass in Zu-kunft nur noch Biologisches von den Menschen kon-sumiert würde. Kleinen Bauernhöfen galt es, Hilfenanzubieten. Die Natur sollte geschont und nicht mitchemischen Düngern überstrapaziert werden.Unnötige Verpackung musste verbannt und negativgelistet werden. Der Handel auf den Wochenmärktensollte wieder in den Mittelpunkt rücken, anstatt inden Supermärkten nach Kisten, Dosen und unleser-lichen Zutaten zu greifen.Aber das wichtigste und dringendste Problem stelltedie Wasserversorgung dar, die unter die Verwaltung derUN zu stellen war, damit zum Beispiel auch Gebieterund um die Sahara oder die von Dürre geplagtenGegenden der Neuzeit problemlos mit Trinkwasserversorgt werden konnten und jeder Zugang hatte.Alle diese Sorgen brächten der Gemeinschaft vieleneue Aufgaben und Arbeit in den verschiedenen neu-en Industriezweigen. Nur wenn wir neue Brückenschlugen, würden wir nicht perfekt, aber gerechterleben.„Tomorrow is another day and we’ll see“, hatten vielegedacht, was sich jetzt fatal auf unseren Planeten aus-wirkte. Sogar in Australien tobten verwüstende Hur-ricans, Dürre herrschte seit Jahren, und Brände voneiner Fläche so groß wie Belgien und Holland zu-sammen waren an der Tagesordnung.Viele Menschen 124
  • 121. befanden sich auf der Flucht. In diesem Fall kam sogarjedes globale Umdenken zu spät, um kommende Ge-nerationen, die Vegetation und Tierwelt zu retten.Meinem Erachten nach musste die UN die Preistrei-berei unterbinden. Ansatzpunkte wären die sofortigeSchließung der Börsen und die Ächtung der Ausbeu-tung der Bodenschätze. Es gab kein logisches Argu-ment, warum wir für Kaffeebohnen immer mehr zah-len mussten, obwohl genug davon vorhanden waren,weil die Klimaforscher uns glauben machen wollten,dass die nächste Ernte ja durch Überflutung zerstörtwerden könnte. Gerade mit solchen Argumentenwurde zurzeit gekauft und verkauft, was uns das Le-ben arg erschwerte.Die Banken, ohne die wir nicht mehr unsere finanziel-len Transaktionen tätigen konnten, hatten es mittler-weile so weit getrieben, sich von einem freundlichenKundendienstanbieter zu regelrechten Lebenspoli-zisten für alle Kontoinhaber entwickelt zu haben.Sie verletzten das Datenschutzgesetz wie andere dieMenschenrechte und versklavten uns mit immermehr Abhängigkeit. Manche hatten Stolz, Ehre undAchtung verloren, mussten mit der Beschämung le-ben, in den Ruin getrieben worden zu sein, wenn siesich aus finanzieller Not heraus nicht selbst das Lebengenommen hatten. Das Geld kannte keine Würde undmenschliches Leiden. Die hohen Zinsen und Schul-den nahmen dem Menschen den letzten Funken anSelbstachtung. Hier musste ebenfalls ein Umdenkenstattfinden.Niemand auf der Welt hatte das Recht, die irdischenRessourcen zu besitzen und auszubeuten. Es mussteein Gesetz erlassen werden, falls man ein solches Erbe 125
  • 122. besaß, dies an das Gemeinwohl zu übergeben, bei-spielsweise an eine , die den Namen des Erben oderder Firma ohne Profit weiterträgt.Meine Augen waren schwer wie Blei und wollten sichgerade schließen, als León mich aus meiner Schlaf-trunkenheit weckte.„Jeff, wir sollten der UN mitteilen, dass wir für dieFreigabe von Jan und Guiglelmo Zugeständnisse ma-chen und die Staroil auf unsere Seite ziehen würden,schließlich arbeiten 350 000 Menschen für den Kon-zern weltweit. Es wäre nicht sinnvoll, diese unschul-digen Menschen für einige Habgierige büßen zu las-sen.“Ich war sofort hellwach. „León, du sprichst mir ausder Seele, deine Idee ist einfach genial.“„Also, wir reden mit dem Generalsekretär, er soll dieSache in die Hand nehmen und die Herren vom Auf-sichtsrat der Staroil zu uns an den Tisch bitten“, sagteLeón leicht geschmeichelt.„Gut, erledige das“, gab ich zurück, „ich muss dafürsorgen, dass den Kindern nichts zustößt, du erledigstdie Sache mit dem Generalsekretär. Ich hoffe, dass esnicht zu spät ist.“„Okay, wir treffen uns in zwei Stunden unten zumBriefing“, sagte León und ging zum Telefon. Er muss-te die Leute überzeugen. Der Treff sollte topgeheimbleiben, nicht einmal Insider sollten erfahren, was wirvorhatten.„Du, wir müssen sehr vorsichtig sein, die Angelegen-heit sollte topsecret bleiben, bis alles über die Bühneist.“„Du meinst für die Sicherheit der beiden und dass dieStaroil unter Führung der UN die Anlagen betreiben 126
  • 123. soll. Du hast recht“, gab León zurück. „Ist das alles?“„Ja.“Ich wusste, dass ich mich auf ihn verlassen konnte.Dabei fiel mir ein, dass irgendwo ein Leck sein muss-te, da die Entführer stets wussten, wo wir uns auf-hielten respektive zu finden waren. Marcella, Jackieund Teresa übernahmen die Arbeit, unsere Sachennach Wanzen oder anderen verräterischen Hinweisenzu durchsuchen. Die minutiöse anstrengende Suche-rei ergab nach zwei Stunden keinerlei Resultat. Erstspät kamen wir auf unser Schuhwerk, und siehe da,wir waren erfolgreich. Bei jedem von uns befand sichin den Absätzen ein nadelkopfgroßer Peilsender, derständig unseren Aufenthalt verriet. Schon seit Mona-ten wurden wir förmlich auf Schritt und Tritt kontrol-liert. Sofort rief ich Tommaso an, Fiona gab ich auchBescheid, alle ihre Schuhe zu kontrollieren.Als Erstes musste nun mit der Staroil neu verhandeltwerden, zusammen mit der UN, natürlich auch, umJan und Guiglelmo freizubekommen. Fiona brauchtemoralische Unterstützung und Serena und Tommasosollten sich nicht wieder in Gefahr begeben. Sie wuss-ten bereits von mir, dass wir eine Zusammenarbeit mitder Staroil anstrebten. Tommaso wollte nicht so rechtan diese Variante glauben, aber dennoch Martinelli,den Chef der Staroil, in Italien kontaktieren, bis sichweitere konkrete Lösungen anbieten würden.Einige Zeit später klingelte das Telefon und Jackieging ran.„Ja, hallo? Hallo, wer ist am Apparat?“, fragte Jackiemehrmals.„Ist da Herr Brink?“, fragte eine Männerstimme amanderen Ende. 127
  • 124. „Hallo, wer ist da?“, äußerte Jackie nochmals.„Bin ich richtig, ich möchte Herrn Brink sprechen“,erkundigte sich die Stimme ein weiteres Mal.„Ja, einen Moment, ich verbinde.“Jackie tat so, als würde sie das Gespräch weiterleiten,und sagte: „Ein Herr möchte dich sprechen, hat einenmerkwürdigen Akzent, scheint Italiener zu sein.“„Gib mir den Hörer bitte.“Sie reichte mir das Telefon.„Brink am Apparat. Mit wem spreche ich?“„Herr Brink, ich bin’s Martinelli. Ich gebe Ihnen nochein letztes Ultimatum, dann werden Sie die beidennur noch mit einer Kugel im Kopf wiedersehen.“„Warten Sie. Sie werden bald von Ihrem Vorgesetzteneine Nachricht bekommen, mehr kann ich jedoch imAugenblick nicht verraten.“„Ich stelle hier die Forderungen“, sagte Martinelliforsch.„Herr Martinelli, ich kann nicht mit Ihnen verhan-deln, da es streng geheim ist. Beruhigen Sie sich undfragen Sie im Hauptquartier nach. Er wird Ihnen alleserklären.“„Ich lass mich nicht verarschen, wenn das nicht so ist,wie Sie sagen … dann … ach … aaah …“ Ein Knallaus einer Pistole war auf der anderen Seite zu verneh-men, dann ein dumpfer Aufprall.Martinelli war bereits tot, als er den Boden berührte.Man hatte ihn mit einer Kugel im Hinterkopf nieder-gestreckt.„Diesen Idioten und Speichellecker sind wir los. Erwusste schon zu viel“, hörte ich jemand sagen.„Komm, wir verschwinden, bevor uns noch einersieht“, erwiderte eine zweite Männerstimme.„Wir müssen den jung verliebten Vögelchen in Sor- 128
  • 125. rento einen Besuch abstatten, und zwar noch heute“,sagte der erste. „Ich hätte gern gewusst, was er meintemit ›ich lass mich nicht verarschen …“ Dann wurdedie Leitung unterbrochen.Shit, dachte ich, die Kinder sind in Gefahr.Ein Missverständnis hatte sich bei der Übergabe derCDs eingeschlichen, konnte ich nur vermuten. DieEntführer dachten, dass Martinelli mit Tommaso ge-sprochen hatte, und nun wollten sie nach Sorrento,um da kurzen Prozess mit Serena und Tommaso zumachen. Martinelli zu töten musste der Auftrag derStaroil gewesen sein. Sie schienen in der Firma alledirekten Zeugen ausschalten zu wollen, die ihnen inden Rücken fallen könnten.Ich hatte Tommaso und Serena zwar bezüglich desSenders in den Schuhsohlen bereits gewarnt, abersie hielten sich noch in Sorrento auf, sodass ich siewarnen musste, damit sie von dort verschwanden. Eskonnte sonst für die Kinder fatal werden. Ich rief so-fort an.Der Portier nahm ab. „Hotel Belvedere, guten Tag.“„Können Sie mich mit Zimmer 405 verbinden, Tom-maso Brink, ich bin sein Vater.“„Einen Augenblick, Herr Brink … Herzlichen Glück-wunsch zu Ihrer Rede, Herr Brink“, sagte er und ver-band mich gleich weiter. Da keiner dranging, wurdedie Verbindung nach zehnmaligem Klingeln zurückzum Portier geleitet.„Herr Brink, es hebt leider keiner ab, kann ich denHerrschaften eine Nachricht hinterlassen?“„Ja bitte, sie sollen mich unverzüglich anrufen, sobaldsie zurück sind. Könnten Sie mich bitte mit dem Di-rektor des Hauses verbinden?.“„Sofort, Herr Brink, guten Tag.“ 129
  • 126. Nach einer Minute: „Silvio Guerra, was kann ich fürSie tun, Herr Brink?“„Hören Sie, Sie dürfen meinen Sohn und Fräulein Al-meida nicht auf ihre Zimmer lassen, wenn sie ins Ho-tel zurückkommen.“ Ich klärte ihn darüber auf, dasseventuell einige Killer unterwegs seien, um die Kin-der zu töten, und gab Anweisung, dass er alles unter-nehmen solle, um das Schlimmste zu verhindern. DieWachen und die Kinder sollten in ein anderes Hoteluntergebracht werden.Er verstand sofort die Lage. „Machen Sie sich keineSorgen, Herr Brink, ich verspreche Ihnen, dass denbeiden jungen Leuten kein Haar gekrümmt wird.Und alles Gute, Herr Brink.“Tommaso und Serena waren mit dem Boot unterwegsnach Capri. Er konnte nicht glauben, dass dieses Juwelirgendwann in naher Zukunft durch tropisches Klimaund Orkane heimgesucht werden sollte, was die Men-schen vertreiben würde. Sie genossen den noch an-genehmen Frühlingstag, alles blühte, es war herrlich.Capri stellte noch ein kleines Paradies in der Hölleund im Golf von Neapel dar. Sie fuhren weiter mitdem Taxi nach oben zum Dörfchen Anacapri, wo siedas Panorama genossen. Auf einigen Metern Abstandwurden sie von zwei Bodyguards begleitet, sodass sienur bedingt ihren Ausflug genießen konnten. Nichts-destotrotz genossen es die beiden, zusammen zu sein.Sie warteten auf weitere Angaben von León und mir.„Du, hättest du Lust, in Europa zu leben? Es gibt hiersehr schöne paradiesische Plätze“, sagte Tommaso undschaute aufs Meer hinaus.„Red nicht so, Tommaso, du weißt ganz genau, dassdas nicht geht, obwohl auch ich es sehr schön hier 130
  • 127. finde. Aber in ein paar Tagen bin ich wieder in Ame-rika“, erwiderte sie, ohne ihn anzuschauen.„Natürlich, vielleicht fragst du deinen Freund, ob erdir mehr von Europa zeigt.“„Ja, das könnte ich, aber ich tu’s nicht.“„Ach ja, warum? Soll er sich nicht auch dafür erwär-men können.“„Hör auf damit“, gab sie verärgert zurück. „Wir sindauch glücklich ohne Europa in unserem Fotoalbum.“„Du, wir haben überhaupt keine Fotos“, sagte Tom-maso etwas zynisch.„Ich brauche keine, ich kann’s mir merken.“Sie gingen weiter zu einer Treppe, die sie in die Fuß-gängerzone führte und weiter zu einem Restaurant.„Es ist schön hier. Sollen wir etwas essen, einen TellerSpaghetti Vongole, willst du?“, fragte Tommaso undhielt ihre Taille.Sie zog sich nicht zurück und ließ ihn merken, dass esihr genehm war. „Ja gerne, ich habe etwas Hunger“,sagte sie ziemlich aufgeheitert.Beim Essen schauten sie sich einen Moment verliebtin die Augen.Es ist ein sehr schöner Ort, um sich zu verlieben, dach-te er. Als auf einmal zwei Männer vor ihrem Tisch auf-tauchten, war die Träumerei mit einem Mal vorbei.„Da sind ja unsere Turteltäubchen“, meinte der Blon-de sarkastisch. „Hat es Ihnen geschmeckt?“Sie rechneten offensichtlich nicht mit den Body-guards, die am Nebentisch saßen und etwas tranken.Einer der Bodyguards zog unter dem Tisch den Re-volver und hielt ihn genau auf die Gürtelhöhe desnett Gekleideten.Tommaso reagierte sofort: „Was wollen Sie?“„Sie wissen, was wir wollen, und wir können nicht 131
  • 128. länger warten.“„Ich habe sie nicht bei mir.“„Nicht nötig“, meinte der Blonde, „dann geben Sieuns nur die Schlüssel vom Zimmer des Belvedere, denRest erledigen wir.“Da stand der Bodyguard mit gezogener Waffe auf undsagte: „So, Jungs, wenn ihr nicht sofort verschwindet,dann bekommt ihr ein paar Kugeln anstatt der Schlüs-sel.“ Er wandte sich zu seinem Kollegen: „Nimm ih-nen die Waffen ab.“„Die Hände schön oben halten, meine Herren, nureine kleine Untersuchung und ihr könnt gehen, aberzu Fuß.“Er nahm ihnen die Waffen und Börsen ab, währendTommaso und Serena aufstanden. Tommaso legteetwas Bargeld auf den Tisch, ehe sie mit den Body-guards nach draußen in der Menge untertauchten.Es war ihnen klar, dass die Sender in den Schuhenihre Position verraten hatten. Sofort gingen sie zumnächsten Schuhgeschäft in der Fußgängerzone, umneue Schuhe zu kaufen. Serena durfte ein bisschenshoppen, während draußen die Bodyguards wie dieLuchse aufpassten.Bei ihrer Rückkehr im Belvedere teilte ihnen dasHotelempfangspersonal mit, dass sie dort nicht mehrverweilen könnten, sondern in ein anderes Hotel um-quartiert worden seien. Mehr schienen sie auch nichtzu wissen. Serena ging auf ihr Zimmer. Tommaso riefmich an und wollte wissen, was vorgefallen sei undwann wir nach Europa zurückkommen würden.„Sobald mit der UN und deren Mitgliedern das wei-tere Vorgehen beschlossen worden ist, und da hab ichein Wörtchen mitzureden, geht es los. Wir wollenversuchen, die erste Anlage in Küstennähe bei Monte 132
  • 129. Carlo zu installieren. Was hältst du davon?“„Eine gute Idee, letztendlich könnten wir unser Stu-dium beenden und dir behilflich sein. Aber womithast du sie so schnell überzeugt?“„Weißt du, die sind auch nicht blöd. Das Ozonlochist beträchtlich gewachsen und die Klimaverände-rung nicht wie noch vor Jahren immer mit denselbenWorten abgetan, solche Phänomene kämen von Zeitzu Zeit vor. Die Politiker geraten immer mehr unterZugzwang und müssen mittlerweile etwas vorweisen,anstatt Versprechungen abzugeben, die ja doch nichteingehalten werden.“„Wird langsam Zeit.“„Ich hoffe, dass wir nicht zu spät damit anfangen“, gabich zurück.„Du, wir hatten Glück auf Capri, dass die Bodyguardsda waren, ansonsten wäre es schön eng geworden.“„Ja, ich hab’s gehört, und das macht mir, deiner Mut-ter und natürlich Serenas Eltern schwer zu schaffen.“„Mach dir keine Sorgen, wir werden ab jetzt allestun, damit sie uns nicht mehr erwischen, das gesamteSchuhwerk ist liquidiert. Es müsste jetzt Ruhe eintre-ten. Aber die haben uns seit Monaten im Visier gehabt.Wie läuft es bei Tante Fiona, können wir sie in dennächsten Tagen besuchen?“, wollte er noch wissen.„Eher nicht, bis wir nicht mit der Staroil zu einemKompromiss gekommen sind und mehr über die Frei-lassung wissen. So, ihr seid jetzt in Sicherheit und ver-haltet euch unauffällig, bis wir da sind … Ich denke inein paar Tagen“, fügte ich hinzu.„Okay, Pa, bis dann! Grüß Mama und Serenas El-tern.“Nachdem die UN intern die Angelegenheit und das 133
  • 130. Programm mit den Vertretern aller Nationen durch-gesprochen hatte, ereignete sich ein weiterer schwe-rer Vorfall. Durch die schwere Trockenheit riskiertenIndien und die ganze Himalajaregion bis hin nachChina, ernsthafte Wasserversorgungsprobleme zu be-kommen, die bis zu 1,5 Milliarden Bewohner aus dergesamten Region betrafen. Die Wasserkonzerne wieder Staat waren machtlos gegen diese Nachfrage ansauberem Trinkwasser. Es hatte schon sieben Monatenicht geregnet, sodass Flüsse wie der Ganges und derRiver Kwai zu Schlammpfützen geschrumpft waren.Die gesamte Bevölkerung Mittelasiens entfaltete sichmehr und mehr zu einer brodelnden, gewalttätigenMasse, zum einen wegen der hohen Wasserpreise,zum anderen traf die schwere Dürre empfindlich dieReisproduktion. Das Gleichgewicht drohte zu kip-pen. Wirtschaftsfachleute hatten vor einem Jahrzehntdieser Region ein Wirtschaftswunder prognostiziert,jedoch hatten sie die Rechnung ohne die klimatischeEntwicklung gemacht. Einerseits die Unruhen derBevölkerung, andererseits der Hunger nach Rohstof-fen, die zu horrenden Preisen an den Börsen gehan-delt wurden, hemmten die Handlungsfähigkeit.Bereits zwei Drittel der Weltbevölkerung befandensich in ernsthaften Schwierigkeiten. Ob Überver-schuldung oder Arbeitslosigkeit, ob Alter oder Krank-heit, sie konnten mit diesem Lebensrhythmus einfachnicht mehr mithalten. Der Mensch musste wiederin den Mittelpunkt rücken und nicht irgendwelcheprofitorientierten Institutionen. Die Globalisierunghatte bereits seit mehreren Jahrzehnten Einzug in allemöglichen Bereiche des Lebens genommen, dennochwar es noch nicht einmal gelungen, zu einer ernst-haften Zusammenarbeit in der Energieversorgung zu 134
  • 131. kommen. Das Kyoto-Abkommen stellte eines diesermittelalterlichen Interessenkonflikte dar. Die Energie-konzerne in gewissen Ländern schienen nicht bereitzu sein, die nötigen Kräfte zu bündeln und politischeinen einheitlichen Konsens zu finden. Das meistewurde noch über Lobbyisten und Schmiergelder ge-regelt. Die EU konnte auf die Dringlichkeit der da-maligen Probleme kaum einwirken, den Energiekon-zernen in den verschiedenen Ländern die Richtungvorzugeben. Jeder versuchte, sein eigenes Süppchenzu kochen, anstatt gemeinsam der Rohstoffknappheitzu begegnen. Diese Arroganz konnte uns in einigenJahren teuer zu stehen kommen.Es war unvernünftig, die knappen Rohstoffe für Hei-zen, Fahren und Wirtschaftswachstum zu verschleu-dern. Aber jeder wollte mit der neuesten Errungen-schaft angeben können, zur Freude der Reichen.Außerdem entbehrte es jeder Vernunft, sogar mit Luftunehrliche Geschäfte zu betreiben, sei es mit saube-rer Atemluft oder CO2-Ausstoß-Zertifikaten, derenKosten wiederum auf die Bürger abgewälzt wurden.Sie gehörte allen lebenden Organismen.Wie sollte dasbloß funktionieren, wenn keine gemeinsamen Richt-linien oder Gesetze das Ganze reglementierten? Dabeiwurde keine Einmischung anderer Staaten geduldet,was und in welcher Menge produziert werden durf-te. Die Mitarbeiter mussten dieses Geschehen ohneMurren mit ansehen, sonst wurden sie kurzerhandentlassen.Uns war 1960 prophezeit worden, das Zeitalter von„Big brother is watching you“ sei sehr nah. Nun hat-ten wir es. Überall wurde der Datenschutz verletzt.Im Internet musste man sich einloggen und sich mitden Geschäftsbedingungen einverstanden erklären, 135
  • 132. sonst konnte man nicht am Spiel teilnehmen. Fernerwaren überall Kameras installiert, und damit nicht ge-nug: Sogar Privat- oder Aktiengesellschaften konntenLausch- und Abhöranlagen benutzen. Wenn das nichtreichte, wurde die Person als nicht kreditwürdig ab-getan. Keine Kredite, kein elektronisches Zahlungs-system, keine Arbeit, nur totale Abhängigkeit. Hatteman die falsche Entscheidung im Leben getroffen,wurde man ohne eigenes Verschulden ins Abseits ge-stellt, ohne dass man sich jemals etwas hatte zuschul-den kommen lassen. Eine Menschenrechtsverletzung,die man nicht akzeptieren konnte und sollte. Aberwer setzte sich für solche Menschen ein? Man war amEnde des Lateins, wie man so schön sagt. 136
  • 133. Die Zeit der WahrheitVon höchster Stelle wurde die Staroil eingeladen, umdie Fronten zu klären. Der Aufsichtsratsvorsitzende,Dr. Joris van der Molen, zeigte sich nicht gerade ko-operativ, nahm aber die Einladung mit einigem Wi-derwillen an.„Mein sehr geschätzter Vorsitzender, ich möchte Sieim Namen aller bitten, unserem Geheimtreffen zuzu-stimmen“, sagte der UN-Generalsekretär.„Ich werde selbstverständlich da sein“, erwiderte derVorsitzende übertrieben freundlich, „darf ich meinenVertrauten und Ratsvorsitzenden Dr. Nijhuis mitneh-men?“„Aber gerne“, gab der UN-Generalsekretär zurück.„Also bis dann. Hinterlassen Sie meiner Sekretärin dieDetails. Es hat mich gefreut.“„Ganz meinerseits.“Dr. van der Molen hatte kaum aufgelegt, da gab erseiner Sekretärin den Befehl: „Ich möchte Herrn Nij-huis sofort zu mir ins Büro bitten, Annie.“„Wird sofort erledigt.“„Danke! Ach, noch etwas, lass für morgen früh unserePrivatmaschine startklar machen. Ich muss nach NewYork.“„In Ordnung. Fliegen Sie alleine?“„Nein, Dr. Nijhuis wird mich begleiten. Und behal-ten Sie alles für sich, außer dem Piloten soll keineretwas erfahren. Hab ich mich klar ausgedrückt?“„Ja, Sir.“„Also, dann lass Dr. Nijhuis zu mir kommen.“Der Flug kostete einige Umwege, da heftige Stürmeüber dem Atlantik tobten, und wurde über den Azo- 137
  • 134. ren Richtung Miami und dann an der Küste entlangnach New York umgeleitet. Immer öfter mussten dieRouten der Fluggesellschaften wie die der Schiffe rie-sige Umwege erdulden, um jedes Risiko zu meiden.Im Hauptquartier der UN wurden der Vorsitzendeund sein Sekretär sofort zum Generalsekretär geführt.„Schön, dass Sie da sind“, ermunterte der General-sekretär seine Gäste. „Wie war der Flug? Ich hoffegut.“„Mit Umwegen gut, danke“, schüttelte Dr. van derMolen dem Generalsekretär die Hand. „Darf ich Siemit Dr. Nijhuis bekanntmachen. Sein Spezialgebiet istdas Bauen von Ölplattformen in der Nordsee.“„Sehr erfreut.“Sie betrieben ein wenig Small Talk, bis León und ichund die Außenminister der ständigen Mitglieder ein-getroffen waren.„Meine Damen und Herren, wir sind vollzählig undkönnen auch die Herren der Staroil in unserer Mittebegrüßen“, sagte der Generalsekretär sehr nüchtern.„Wir wollen sofort zum Punkt kommen und ver-suchen, eine Einigung zu erzielen, sodass die Staroilunseren Auftrag akzeptiert und so übernimmt, wiewir uns das vorstellen.“„Sehr geehrter HerrVorsitzender“, übernahm der Prä-sident der Europäischen Union das Wort, „wir redenvon einem Projekt, das uns sehr weit bringen wird,aber es bedarf sehr großer Sorgfalt und Kenntnisse imBereich der Energiegewinnung auf offenem Meer.Da Sie bereits mit Ölplattformen weltweit erfolg-reich sind und viele Kenntnisse besitzen, haben wirfür künftige Projekte an Sie gedacht, wobei die Ener-gieausbeutung in den Händen der UN verbleibt, diesomit weltweit alleiniger Vertreiber ist. Wir stellen alle 138
  • 135. notwendigen finanziellen Mittel und die Technologiezur Verfügung, während Sie die Logistik übernehmen.Sie erhalten für Ihre Arbeit eine Dividende. Mit an-deren Worten, wir sind der alleinige Aktionär, wennman so will, nur sind es diesmal Nationen und keineAktionäre. Das kann der Staroil doch egal sein.“„Als Erstes danke, dass Sie an uns gedacht haben“, sag-te Dr. van der Molen zurückhaltend. „Aber von wel-cher technologischen Energieneuheit sprechen Sie?“„Es ist praktisch wie eine Ölplattform, nur mit demUnterschied, dass wir nicht mehr zu bohren brauchen.Wir können aus dem Vollen schöpfen, und zwar ausdem Meer. Mit dieser Technologie können wir dieSauerstoffgewinnung und Stromerzeugung weltweitzu 80 Prozent decken und schlagen zwei Fliegen miteiner Klappe. Letztendlich soll das Ganze im Mittel-meer erprobt werden und ins Netz gehen.Völlig um-weltfreundlich und schadstofffrei für die Atmosphäre.Nur bei der Sauerstoffgewinnung besteht das Risiko,dass es bei Nichteinhaltung der Sicherheitsvorkeh-rungen zu explosiven Reaktionen kommen könnte“,erklärte der europäische Präsident.„Wo soll die erste Plattform entstehen?“, fragte Dr.Nijhuis.„Monte Carlo. Rund um das gesamte Mittelmeer unddann weiter in der Nordsee, Ostsee, im Atlantischen,Pazifischen, Indischen Ozean, weltweit an allen Küs-ten“, sagte der chinesische Außenminister Li Yang,ständiges Mitglied bei der UN.Gespannt horchten alle, ob der Aufsichtsratsvorsitzen-de der Staroil annehmen würde.„Was gewinnen wir dabei?“, wollte er wissen.„Na ja, einen Ehrentitel gibt es nicht“, antworte-te León, „aber ein gewisses Prestige als Retter der 139
  • 136. Menschheit und unseres ausgebeuteten Planeten.“Ich wollte mich da raushalten, da ich wusste, es würdeeine emotionale Debatte werden, musste aber grinsen,wie zynisch León an den Vorsitzenden heranging.„Würde das in Ihrem Sinne sein?“, erkundigte sichder Generalsekretär.„Ich denke schon, nur muss ich die Sache noch mitden Aktionären abklären.“„Das wäre auch in unserem Sinn, denn die Rohstof-fe würden um 95 Prozent reduziert werden und nurnoch für die verarbeitende Industrie anfallen. DieAutoindustrie kann dann problemlos auf diese Ener-gie umgestellt werden, was die schädlichen Emissio-nen um den gleichen Prozentsatz verringern würde.Die Kohle- und Gasproduktion käme ganz zum Er-liegen. Nur die regenerativen Energien wären nochvon Nutzen. Also, wie stehen Sie zu dieser neuartigenEnergiegewinnung? – Und dabei wollten Sie oder IhrUnternehmen sie in die Finger bekommen“, fügteLeón erbarmungslos hinzu.Dr. Nijhuis sah man förmlich zusammenzucken, under dachte, jetzt kommt’s, und es kam noch dicker.Der Generalsekretär nahm kein Blatt vor den Mundund sagte sehr ernst: „Wir können auch anders, HerrVorsitzender, denn wenn durchsickert, dass Ihr Kon-zern vor Entführung und Mord nicht zurückschreckt,ist es aus mit der Karriere, und den Auftrag könntenwir bei der Konkurrenz unterbringen.“„Wir warten“, hakte León nach und schaute van derMolen fest in die Augen. „Wir möchten, dass Sie so-fort auf der Stelle die beiden gekidnappten Herrenunversehrt in die Freiheit entlassen. Sie können dieHunde sofort zurückpfeifen, und es werden nur ge-ringfügige Konsequenzen entstehen. Anderenfalls 140
  • 137. übergeben wir Sie der Justiz in Den Haag. Sie habenkeine große Wahl.“Alle im Saal schauten gespannt den Angesprochenenan.Der Vorsitzende wirkte mit einem Mal erregt und sehrnervös. „Dies … äh … ist Erpressung“, stammelte eretwas gequält hervor. „Ich möchte hierzu nichts sagenund den Sitzungssaal sofort verlassen, um mich zu be-raten. Diese Anschuldigungen muss ich nicht hinneh-men, da ich nicht weiß, was Sie mir zur Last legen.“Sie staunten allesamt, wie er versuchte, sich herauszu-mogeln.Der Generalsekretär drängte: „Hören Sie, wir habenfünf Zeugen und vielerlei Beweise, dass Ihr Unter-nehmen dahintersteckt. Wir verhaften Sie nicht, weilwir noch nicht wissen, ob Sie der Drahtzieher sind,ansonsten können wir aber sagen, dass Sie Ihren Hutnehmen werden, egal, wie es hier ausgeht. Also, esliegt an Ihnen. Ihre Aktionäre dürften noch grausamermit Ihnen umgehen als wir, wenn Sie ihnen erzählenmüssen, dass zukünftig keiner mehr Ihr Erdöl habenwill, dann muss Ihr Werk ohnehin schließen und vieleandere, die in dieser Affäre drinhängen.“„Das ist eine offene Verschwörung gegen meine Per-son“, schrie er entrüstet.„Was glauben Sie denn“, fuhr León dazwischen, „esbleibt nicht ohne Konsequenzen für Sie und gewis-se Herren. Die Untersuchungen laufen bereits. Aller-dings werden wir von einer Weiterverfolgung absehen,wenn unsere Leute freikommen und Ihr Konzern füruns tätig wird.“Joris van der Molen musste wohl oder übel klein bei-geben. Die Geiseln sollten sofort freikommen und dieStaroil würde den Auftrag auf Vertragsebene erfüllen. 141
  • 138. Jetzt blieb nur noch eines abzuklären: Wie solltenRussland, Amerika und China auf einen gemeinsa-men Nenner gebracht werden? Erstere wollten zudiesem Zeitpunkt der Verhandlungen keinem konkre-ten Ja zu der neuen Energiegewinnung zustimmen,da sich ihre Gaslieferungen und bestehenden Verträgemit den Abnehmerstaaten erübrigen würden, wenn eseinmal so weit war.Das Ziel war, der UN eine von allen Ländern des Pla-neten legitimierte Vollmacht zu erteilen, ausgestattetmit den notwendigen finanziellen Mitteln, um einengemeinsamen Energievertrieb zu gewähren und einediesbezügliche Versorgung zu garantieren. Ein Um-weltkollaps durch die Erderwärmung musste verhin-dert, das Ozon reduziert und der Sauerstoffrückganggebremst werden. Hier war der Mensch gefordert.Des Weiteren musste das Trinkwasserproblem alsnächstes Ziel in Angriff genommen werden, um, ge-nauso wie bei der Energie, allen Völkern den Zugangzu ermöglichen. Aber davon war die Welt noch weitweg, weil bei vielen Staaten die nationalen Interes-sen noch an erster Stelle standen. Wer Wasser besaß,war nicht oder nur bedingt bereit, es zur Verfügungzu stellen.Aber es ging zumindest in die richtige Richtung.Wenn die Energieversorgung erst einmal geregeltsein würde, wäre auch mehr Vertrauen für anderegemeinsame Projekte vorhanden. Frankreich musstesich auch von seiner Atompolitik verabschieden undseinen Protektionismus aufgeben. Die unsichere End-lagerung von radioaktivem Atommüll, die bis zumheutigen Tag noch nie stattgefunden hatte, sollte sienicht triumphieren lassen, indem argumentiert wurde,dass die Atommeiler kein CO2 in die Atmosphäre ab- 142
  • 139. lassen würden. Nicht einmal die EU konnte in einemvereinten Europa konkrete Studien vorweisen oderOrte angeben, wo das Zeug hinsollte. Kein leichtesErbe, wenn in 5 000 Jahren keiner mehr wusste, wases eigentlich mit dem Müll auf sich hatte.Wie sagt man so schön: Scheiden tut weh, aber ist bitternotwendig.Der Tag der Wahrheit nahte. Und auch die Amerika-ner konnten nicht mehr nur ihre egoistischen Zieleverfolgen und Jagd auf Erdöl machen, es musste einevernünftige gemeinsame Weltenergiepolitik verfolgtund erzielt werden. 143
  • 140. Licht am HorizontDer Tag war gekommen, an dem wir Jan und Guig-lelmo vom Hauptbahnhof in Rom abholen konnten.Wir hatten alles getan, damit es nicht an die großeGlocke gehängt wurde. Aber irgendwie tauchte diePresse und jede Menge Mitverfechter am Bahnhofauf. Ich vermutete, dass irgendjemand im Internet dieE-Mails abgefangen und sich somit die Nachricht ex-plosionsartig verbreitet hatte.Es musste daher ganz schnell gehen, der Minibus standvor dem Bahnhof. Ich war mit meiner Frau Teresa,Tommaso und Serena bereits vor Ort. Der Chauffeurhatte Order, sofort loszufahren, sobald wir eingestie-gen waren. Eine Polizeieskorte sollte dafür sorgen, dassdie Freigelassenen nicht weiter belästigt wurden.Ich konnte es nicht glauben, da standen beide um-ringt von Journalisten und Kameras und die Fragenprasselten auf sie nieder.„Herr Vaccha, können Sie uns sagen, von wem Siefestgehalten wurden? Kennen Sie Ihre Entführer?Worin lag der Grund Ihrer Entführung?“„Guiglelmo, hier sind wir. Jan, schnell weg hier“, riefich und winkte sie herbei.„Kein Kommentar, vielleicht später bei der Presse-konferenz“, antwortete Guiglelmo etwas müde mitnach unten geneigtem Kopf.„Schnell, bitte gehen Sie zur Seite.“ Die Polizei ver-suchte, die Journalisten in Schach zu halten und unseinen freien Weg zum Lieferwagen zu ermöglichen.Dort eingestiegen waren wir froh über die getöntenScheiben. Die übereifrige Presse wollte dennoch nichtweichen. Nichtsdestotrotz fuhr der Chauffeur lang-sam, aber zielbewusst davon. Man konnte die Rufe 144
  • 141. noch nach zwanzig Metern hören.Wir hatten uns viel zu erzählen und freuten uns sehrüber das Wiedersehen. Im Auto umarmten wir unsstürmisch und konnten es nicht fassen, dass die Ereig-nisse doch noch zu einem guten Ende geführt hatten.Uns quälten natürlich eine Menge von Fragen, abermorgen stand zuallererst das Begräbnis von RodolfoChiavari in Lavagna an, wo er seit Langem zurück-gezogen gelebt hatte. Wir konnten seine mutige Tatnicht hoch genug würdigen, dass er uns zur Seite ge-standen und alles versucht hatte, meine beiden bestenFreunde zu befreien.Es war eine traurige Begegnung mit seiner ganzenFamilie. Sogar León war herübergeflogen, um beimletzten Gang dabei zu sein. Auch andere Neugierigeund die Presse hatten sich eingefunden.Etwas abseits beobachteten einige uns unbekannte Fi-guren das Ganze, vermutlich der italienische Geheim-dienst und die beauftragten Hintermänner der Staroil,die auch Direktor Martinelli auf dem Gewissen hat-ten.Der Pfarrer gab dem Toten die letzte Weihung mitden Worten: „Du warst das Salz der Erde, wir werdenuns immer deiner erinnern. Ein gütiger Mann hat denWeg zum Herrn aufgenommen. Wir werden immerstolz auf dich sein. Dein Name wird vielen Familienin der Region und darüber hinaus unvergesslich imGedächtnis bleiben. Der Herr sei dir gnädig und neh-me dich auf in sein Reich. Amen.“Wir versammelten uns um Rodolfos Grab, wobeijeder von uns seiner trauernden Gattin sein Beileidausdrückte. Man konnte die Tränen hinter der Brilleschimmern sehen.Teresa umarmte sie und sagte: „Sobald alles gere- 145
  • 142. gelt ist, kommst du zu uns nach Rom. Fiona und ichmöchten dich gerne bei uns haben. Ruf einfach an.“Aber trotz des schweren Moments mussten wir wei-ter.Schon morgen stand eine Konferenz in Nizza mit derStaroil und Vertretern der verschiedenen Nationenauf der Agenda, wo entschieden werden sollte, wannes losgehen sollte. Die Franzosen und Russen wehrtensich dagegen, während die Araber nur zusehen konn-ten, wie ihnen die Petrodollar wegschwammen. Es ge-hörte viel Diplomatie und Überzeugungskraft dazu,um diese Länder auf einen gemeinsamen Nenner zubringen. Sie mussten endlich begreifen, dass es nuretwas zu gewinnen gab: Saubere Luft und die Roh-stoffe konnten noch über Jahrhunderte für wichtigereProjekte genutzt werden. Auch wenn der Reichtumsich täglich von selbst multiplizierte, war irgendwannalles zu Ende.An dieser Stelle möchte ich Al Gore zitieren, der be-reits damals, 2006, in seinem Dokumentarfilm gesagthatte: „Wenn wir auf der Waage einerseits die Gold-barren und andererseits unseren wunderschönenBlauen Planeten haben, wofür würden Sie sich ent-scheiden?“Sie wussten alle, dass sowohl Erdöl als auch Erdgasund Uran nur noch für wenige Jahrzehnte vorhandenwaren. Schon ab 2030 würde es schwierig werden,an fossile Brennstoffe zu gelangen, zum einen wegendes Preises, den man dafür bezahlen musste, und zumanderen wegen ihrer Umweltfeindlichkeit. 146
  • 143. Die Nizza-KonferenzTommaso und Serena wollten uns nach Monte Car-lo begleiten, wo wir eine Zweizimmerwohnung ge-meinsam mit León hatten reservieren lassen. Teresa,Jackie und Marcella wollten bei Fiona in Rom blei-ben, während Jan und Guiglelmo sich einer ärztlichenKontrolle unterziehen mussten und einen Tag spätermit einer Eskorte nachkommen sollten.1. VerhandlungstagVor der Versammlung herrschte in den Gängen einespürbare Nervosität. Die gekünstelte Freundlichkeitder Franzosen wirkte fast schleimig.„Bonjour Messieurs, können wir Ihnen mit etwas be-hilflich sein?“, fragte ein junger Mann.„Nein, danke!“, erwiderte ich kurz und bestimmt.Daraufhin zuckte der junge Mann mit den Schultern,als wollte er sagen, dann eben nicht! „Pas de problème“,gab er zurück. „Bonjour!“„León, was uns hier zugutekommt, ist das Mikroklima.Auch bei sehr schlechtem Wetter oder Temperatur-schwankungen liegt die Côte d’Azur ziemlich neutralund stabil. Es herrscht immer freundliches Wetter.“„Noch“, gab León zurück. „Was mir aufgefallen ist,sie haben eine sehr schöne Naturlandschaft.“„Ja, wir kommen regelmäßig nach Menton, den Kin-dern gefällt es hier sehr gut“, gab ich zurück.Leute mit den unterschiedlichsten Nationalitätendrängten in den Konferenzraum. Unsere Eskorte zeig-te uns die Sitzplätze und verschwand wieder. Jederkonnte in seiner eigenen Sprache argumentieren undseine Rede halten. León und ich saßen in der ersten 147
  • 144. Reihe an einem riesigen ovalen Tisch. Digitale Schil-der zeigten die Namen und die jeweiligen Länder an;bei uns beiden nur Ersteres, was neutrale Stellung be-deutete, neben dem Titel Projekt-Leader-Manager.Der UN-Generalsekretär, der EU-Präsident und ver-schiedene Wirtschaftsexperten hatten an unserer SeitePlatz genommen. Gegenüber saßen alle UN-Mitglie-der, die Kanzler, Präsidenten und Außenminister, dieOPEC und andere Energiebosse.Es war 9.10 Uhr, schnell ging es zur Tagesordnungüber. Die Konferenz konnte einige Tage dauern.Draußen waren die Sicherheitsvorkehrungen außer-gewöhnlich scharf, wobei nur hinter verschlossenenTüren verhandelt wurde. Selbstverständlich lungertendie Vertreter von Presse und Fernsehen überall herum,ohne allerdings die Ursache dieses Treffens zu kennen.Infolge der strikten Geheimhaltung konnte also nurspekuliert werden.Nizza glich einem Bollwerk. Sowohl Helikopter undStrahljäger als auch Panzer und die Marine der fran-zösischen Flotte und der italienischen Wehrmachtbefanden sich im Einsatz, wobei die Grenzen strengkontrolliert wurden. Monte Carlo konnte man nurper Hubschrauber und mit Spezialpass erreichen, dadie ganze Elite in der Stadt übernachtete. Die Ameri-kaner hatten einen eigenen Marineflugzeugträger vorder Küste liegen. Dabei wollten wir doch nur eineEnergiekonferenz mit neuen Energiegewinnungs-technologien verhandeln. Es war offensichtlich, dasssie gerne wissen wollten, um welchen Energieträgeres sich handelte, der obendrein ohne jegliche Emis-sion daherkam. Auch andere Argumente sollten er-örtert werden, obwohl es in erster Linie nur um dasÜberleben des Planeten ging. 148
  • 145. Uns war bewusst, dass der UN-Generalsekretär bei derletzten Konferenz in New York ganze Arbeit geleistetund alle Mitgliedstaaten inklusive anderer wichtigerLänder sowie die OPEC und Physiker, Spezialistenund Konzernbosse zu dieser Konferenz eingeladenhatte. Er hatte auf die außerordentlich brisante Lageunseres Planeten, die Kyoto-Klimaprotokolle mitein-bezogen, aufmerksam gemacht, damit dieses Treffeneinen Entschluss hervorbringen sollte. Er glaubte anunsere Sache und wollte diesem ernsthaften Problem,mit dem sich die Welt konfrontiert sah und das zueinem Kollaps, ja sogar zu einem Weltkrieg führenkonnte, eine Wendung geben.Somit begann an diesem Morgen des 25. März 2013die heiße Phase der Weltmächte, die in den nächstenStunden oder Tagen eine Entscheidung zum Wohleder Erde und der Menschheit treffen mussten. Dennes brodelte, wohin man schaute.„Meine Damen und Herren, sehr geehrte Gäste,herzlich willkommen zu unserem Energietreffen. Wirkennen mittlerweile unser weltweites Problem. DerSauerstoff auf unserem Planeten und in der Atmo-sphäre ist drastisch zurückgegangen“, eröffnete derUN-Generalsekretär mit fester Stimme die Konfe-renz. „Ich möchte vorab jeden hier im Saal darumbitten, alle persönlichen oder nationalen Interessenabzulegen, damit wir zu einem realistischen und ein-sichtigen gemeinschaftlichen Übereinkommen gelan-gen, bevor wir wieder auseinander gehen.Keiner wird als Verlierer hinausgehen, wenn wir allesdaransetzen, unseren Planeten zu retten, und damitdie Menschheit, die Tierwelt und natürlich die Natur.Oder vermag jemand hier im Saal ohne Sauerstoff nurdrei Minuten zu überleben? Wir brauchen einander in 149
  • 146. dieser Stunde und wollen versuchen, einen Konsenszu finden, um ohne Kriege, Rivalität oder Sanktionenden wertvollsten Besitz zu erhalten, und zwar unserLeben und das unserer Kinder. Ich bitte Sie innigst,genau zuzuhören und nach einem gemeinsamen Wegfür die Zukunft zu suchen. Niemand braucht auf ir-gendwelche Traditionen, seine Kultur und Menschen-würde zu verzichten. Es sollte reichen, jeden Tag mitansehen zu müssen, wie bereits drei Milliarden Men-schen würdelos dahinvegetieren, ohne sauberes Was-ser, ohne genügend Sauerstoff. Heutzutage treffen wirimmer mehr Zapfsäulen an, wo man gegen BezahlungSauerstoff tanken kann. Ist das nicht traurig? Wir soll-ten aufhören, uns etwas vorzumachen, und alles dar-ansetzen, diese ausweglose Situation zu ändern.Aus diesem Grunde habe ich einige Wissenschaftlereingeladen, die uns erläutern werden, was wir zumBesten aller in dieser scheinbar ausweglosen Situationtun können. Lassen Sie uns also hören, was die HerrenBrink und Almeida zu diesem Thema zu sagen haben.Darüber hinaus habe ich weitere Experten eingela-den, die uns darlegen werden, wie mit einigen Kom-promissen, aber ohne direkten wirtschaftlichen Verlusteventuelle nationale Probleme zu lösen sind.Aber eins nach dem anderen, bitte, Herr Brink, Siehaben das Wort“, endete er seine Ansprache.Ich hatte meine Rede zwar mit León vorbereitet, aberich hielt mich nicht immer genau daran, da mir jedesMal etwas Neues einfiel, obwohl das Projekt immerdasselbe war. So zog ich das Mikrofon näher heranund sprach die ersten Worte etwas holprig aus.„Vielen Dank für Ihr Vertrauen“, und schaute hinüberzum UN-Generalsekretär, der mir ein ermunterndesLächeln zusandte, als schien er sagen zu wollen: Du 150
  • 147. schaffst das schon, du wirst mit deinen Freunden dieHorde von Wölfen überzeugen, und sie werden diraus der Hand fressen. Ich wollte, es wäre so.„Wie wir alle wissen, ist der Klimawandel in vollemGange und wartet nicht auf irgendwelche Zeremo-nien, sondern wird sich in einigen Monaten oder Jah-ren unbarmherzig ausdehnen. Die Luft wird zuneh-mend dünner, die Erwärmung uns schwer zu schaffenmachen. Immer mehr Rußpartikel setzen sich in dernördlichen Hemisphäre ab, die wiederum zu erhebli-chen schmutzigen Niederschlägen führen und das Eisnoch schneller zum Schmelzen bringen werden alsvorhergesagt. Dagegen stellt sich eine komplette Dürrein den äquatorialen Ebenen ein.Wir bekommen Kältebis extreme Hitze, Eisschmelze bis neuartige Winter-einbrüche in den gesamten Vereinigten Staaten sowieOrkane über Mittelamerika und Europa. Das Ozon-loch ist um mehr als die Hälfte größer als noch vorzwei Jahren. Diese Spirale wird sich fortsetzen; und sieist schwer einzuschätzen und zu kontrollieren.Meine Freunde und Kameraden sind sich sicher, dasswir, wenn nichts unternommen wird, in fünfzehn Jah-ren massive Probleme bekommen, der Sauerstoffnach-schub verloren gehen und die Vegetation zu 75 Pro-zent zerstört sein wird. Des Weiteren wird die fossileVerbrennung eine beträchtliche Aufwärmung unseresPlaneten herbeiführen.Wenn die Pole schmelzen, sindunsere Süßwasserreserven unwiederbringlich verloren.Daher werden die Völker wegen Wasser- und Sauer-stoffmangel Kriege führen müssen, die keinem nützenund nur Hass und Zerstörung bringen, und das überJahrzehnte, bis der letzte Tropfen geflossen ist.Ich will hier nicht den Teufel an die Wand malen, aberwir haben nur eine Chance – und diese sollten wir 151
  • 148. nutzen. Die augenblickliche Lage ist ernst. Dabei wa-ren die Regierungen bereits vor fünfzehn Jahren überdiese Phänomene informiert, aber die Lobbyisten derKonzerne und die Aktionäre haben bei der Verschleie-rung gründliche Arbeit geleistet.Jetzt sehen wir uns einer unüberwindbaren Mauer vonkomplexen Ereignissen gegenüber, die uns zwar psy-chisch schwer zu schaffen machen, denen wir aber mitviel Vertrauen und Willen entgegensteuern können.Ich sage, wir können es schaffen. Wir, meine Freundeund ich, haben jahrelang in dieser Richtung geforschtund das Ziel nicht aus den Augen verloren. UnsereErrungenschaft soll nicht nur uns gehören, sondernder ganzen Menschheit.Ich rufe alle auf: Lasst uns die Anlagen gemeinsam bau-en.Wir haben von dem weltweit größten Konzern aufdem Gebiet von Bohrplattformen bereits die Zusageerhalten, für uns tätig zu werden. Es geht darum, aufoffener See in der Nähe aller Kontinente oder Inselndieser Erde Sauerstoff- und Energiegewinnungsplatt-formen zu bauen. Zudem werden sie Süßwasser fürdie gesamte Menschheit ohne Einschränkung gewin-nen.Ich werde nach Ihrer Zusage mein Versprechen haltenund dafür sorgen, dass meine Erfindung an zukünftigeGenerationen weitergegeben wird. Natürlich weiß ich,dass es für diejenigen nicht einfach sein wird, die gutan den heutigen Ressourcen verdienen. Aber beden-ken Sie, morgen sind diese versiegt – und was dann?Aber so können alle mitverdienen und unseren Pla-neten retten, indem diese Aufbereitungsanlagen welt-weit eingesetzt werden. Und worauf zielt das ab: keinKohlendioxid-Ausstoß in die Atmosphäre, wenigerMüll, geschützte Wald- oder Naturreservate, bessere 152
  • 149. Bedingungen für die Tierwelt, eingesparte Boden-schätze, keine radioaktiven Abfälle für uns und kom-mende Generationen. Es wird noch nicht das Paradiesauf Erden sein, aber die Rettung der Menschheit.Glauben Sie mir, wir sind einzigartig und sollten allesdaransetzen, unsere Chance nicht zu verpatzen! Hierwill ich zum Ende kommen und das Wort an meinenFreund León weitergeben. Vielen Dank fürs Zuhö-ren.“Riesiger Beifall brandete auf, aber ich machte mirkeine Illusionen. Es war noch nicht so weit.„Sehr gut, Jeff“, flüsterte León. „Klasse!“„Danke, mein Freund“, erwiderte ich.„Meine Damen und Herren, ich unterstütze das Pro-jekt meines Freundes Jeff Brink seit zwanzig Jahren,oder?“ Er schaute mich an.Ich nickte und lächelte.„Es war nicht immer einfach, glauben Sie mir, aberwir haben nie aufgegeben. Mein Thema soll jedochheute ein anderes sein, aber es wird Sie überzeugen,hoffe ich, obwohl es noch viele offene Fragen gibt.Wie wir wissen, besteht unser Planet zu dreiViertel ausWasser, Salzwasser genauer gesagt. Bei Menschen oderTieren sind es 70 Prozent und bei manchen Pflan-zen sogar 99 Prozent. Egal, wo wir also hinschauen,alles, was lebt, besteht aus Wasser. Konklusion: Wasserbedeutet Leben. Dagegen ist Gas, Erdöl oder Radio-aktivität tödlich. Wie kann man so einfältig sein, soetwas freiwillig haben zu wollen und obendrein nochdafür zu bezahlen. Natürlich werden Sie einwenden,hätten wir dadurch bis jetzt unsere Wohlfahrt, unse-re Technologie und unser Leben stark verbessert. Dashängt davon ab, ob die Kraft aus Wind oder aus einemAtomreaktor kommt. 153
  • 150. Aber lassen wir das und kommen zum Wesentlichendieser Konferenz.Ein Salzkristall, 400-fach vergrößert, sieht aus wieeine Pyramide. Handelt es sich bei der Pyramide umeine Nachricht unserer Vorfahren? Die Bevölkerungvon Atlantis wusste womöglich bereits, dass die Ener-gie aus dem Meerwasser gewonnen werden konnte.Oder ist alles nur Zufall? Ich will damit sagen, dass wirbesser daran täten, diesen Nachrichten auf den Grundzu gehen, um zu erfahren, ob wir doch nicht besserdiesem verlorenen Wissen zum Wohle der Mensch-heit und zum besseren Verständnis unseres einzigarti-gen Planeten nachgehen und uns besinnen sollten.Denken Sie ruhig einmal darüber nach, was an einersolchen Theorie dran sein könnte. Vielen Dank fürIhre Aufmerksamkeit.“Bei Leóns Rede wurde deutlich weniger geklatscht,aber dafür mehr gegrübelt.Das Wort ergriff nun der EU-Präsident: „Wenn ichdas richtig verstanden habe, hält Herr Brink eineTechnologie bereit, die uns mit Energie, Sauerstoffund Trinkwasser versorgen würde ohne jegliche Um-weltschadstoffe.“„Genau so ist es“, meinte der UN-Generalsekretärund schaute zu mir herüber.„Richtig“, bestätigte ich.„So, meine Herren, gibt es Fragen zu diesem The-ma?“, fuhr der UN-Generalsekretär fort und blicktesich im Kreis um. „Das Wort hat Frankreich als Gast-geberland.“Der Außenminister Philippe de la Croix sagte: „Mes-dames et messieurs, bienvenus au sommet de l’énergie.Ich möchte Folgendes wissen: Wie soll das Ganze fi-nanziert und die Erträge verteilt werden?“ 154
  • 151. Das Wort übernahm der EU-Vizepräsident: „Wirdenken an einen etwa 90 Prozent geringeren Preisverglichen zum Atomstrom. Das sollte ungefähr diePreisrichtlinie sein. Die Finanzierung sollte aus demjetzigen Haushalt aller Nationen durch Deaktivierender Militärbudgets bestritten werden. Die UN über-nimmt die Verwaltung des gesamten Süß- respektiveTrinkwassers, was weltweit gratis an die Verbrauchergeht.“An dieser Stelle konnte man merken, dass viele nichtganz einverstanden waren, da die UN eine mächti-ge Institution zu werden drohte. Aber sich dem zuentziehen, schien niemand wagen zu wollen, da vielauf dem Spiel stand und jeder für sich über nicht ge-nügend Mittel zur Realisierung verfügte. Dieser Spa-gat von Selbstverwaltung und Nationalinteresse mitAbgabe von gewissen territorialen Besitztümern fielkeinem leicht. Das hieße Einmischung.Ich war gespannt, welche Kompromisse am Ende he-rauskommen würden. Die Verteilung fand ich in Ab-sprache mit der UN gerecht und menschenwürdig.Aber wer wollte schon meine Meinung hören? Jederversuchte, die Macht an sich zu reißen und nicht ir-gendwelchen Herren bei der UN abzutreten, obwohljede Nation durch das Abstimmungsverhalten mit-bestimmen konnte, wobei demokratisch eine Lösunggefunden werden musste.Die Debatte lief regelrecht heiß.„Wie viele Anlagen bräuchte man, um zum Beispielein Land wie unseres mit Energie komplett abzude-cken“, wollte das spanische Staatsoberhaupt wissen.„Was kann eine Anlage an Energie überhaupt ab-geben?“, schob der englische Außenminister sofortnach. 155
  • 152. „Eine Anlage vermag eine Stadt wie Madrid komplettmit Strom abzudecken.“Ein erstauntes Raunen ging durch den Saal.„Und was kostet eine solche Anlage?“, war von russi-scher Seite zu hören.„Wir können nur dann abstimmen, wenn genaueDaten zur Finanzierung und über den Energieertraggenaue Endergebnisse vorliegen“, sagte die chinesi-sche Delegation.„Meine Herren“, mischte ich mich ein, „wir solltenals Erstes dafür sorgen, dass eine Abstimmung erfolgt.Das heißt, sind alle mit dem Gesagten einverstanden,und wenn dem so ist, werden wir natürlich alle In-formationen und Zahlen auf den Tisch legen. Es stelltsich nicht die Frage nach den Kosten der Energie,sondern der Versorgung, und zwar weltweit. Jedersollte innerhalb der nächsten zehn Jahre über dieseEnergie verfügen können. Die Koordinierung obliegtder UN. Die Frage bleibt also, sind Sie einverstanden,auf nationale Interessen zu verzichten, oder will jederim Alleingang weitermachen?„Wollen Sie damit sagen, dass die UN dann alles re-gelt und die Macht erhält?“, fragte der deutsche Bun-deskanzler.„Ja, in gewisser Weise schon, aber zum Wohle allerNationen.“Die Diskussionen wurden immer heftiger und ver-worrener. Zu meinem Erstaunen hatten die Ameri-kaner noch keinen Kommentar abgegeben oder sonstwie Stellung genommen, genauso wie die OPEC, dienur zugehört und abgewartet hatten, wie es weiterge-hen sollte. Die arabischen und andere Öl förderndenLänder wie Venezuela hielten sich ebenfalls zurück.Nach zweistündigen Verhandlungen wurde die Kon- 156
  • 153. ferenz unterbrochen, um sich zu internen Beratungenzurückzuziehen. Man konnte in diesem Augenblicknoch keine Prognose über die Ergebnisse der Kon-ferenz abgeben. Morgen stand die zweite Runde an.Man wollte sich am Abend zu einem Bankett in Mon-te Carlo zusammenfinden. Gegen Nachmittag solltenauch Guiglelmo und Jan eintreffen.Tommaso und Serena holten uns zum Mittagessen ab,nachdem sie bereits eine Spritztour nach Monte Car-lo hinter sich hatten.„Onkel Jeff, es ist zauberhaft hier, und ich freue mich,in Europa zu sein. Am besten hat mir der wunder-schöne Hafen von Monaco gefallen, die Jachten dortsind traumhaft, eine schöner als die andere. Wir habenauch Freunde von Tommaso wiedergesehen und siehaben uns morgen zu einer Bootsfahrt nach Saint-Tropez eingeladen.“ Sie schwärmte nur so von derCôte d’Azur.Es war auch sehr schön hier, aber wie lange noch? Ichgönnte der Jugend die Zeit zusammen.León dagegen äußerte sich vorsichtiger: „Liebling,denk daran, hier gibt es auch genug Kriminalität. Seidvorsichtig. Wir können uns keinen unnötigen Ärgerleisten. Die Presse würde sich sofort auf uns stürzen.Negative Kommentare wären fatal. Tommaso, du ver-sprichst mir, auf sie aufzupassen. – Hat eigentlich Ste-ven angerufen?“, fragte León seine Tochter.„Ich hab vor zwei Stunden mit ihm telefoniert und ermöchte uns vielleicht in zwei Tagen besuchen“, ant-wortete sie.Tommaso schaute sie nicht an und schenkte Weinin unsere Gläser. Es schien ihm nichts auszumachen,denn er sagte beiläufig: „Es freut mich, deinen Freund 157
  • 154. kennenzulernen.“„Er ist Architekt und würde hier bestimmt auf seineKosten kommen“, sagte León.Nach dem Essen zog ich mich zu einem Mittags-schläfchen zurück und León wollte mit den Kindernins ozeanologische Museum nach Monaco fahren.Später gegen fünf Uhr ließ ich mich von unseremFahrer zum Bahnhof chauffieren, um Guiglelmo undJan abzuholen. Bereits nach kurzem Warten auf demBahnsteig wurde der Zug aus Rom angekündigt.Vonvier Bodyguards flankiert stiegen unsere Freunde ausund wir umarmten uns.„Schön, dass ihr da seid. Hier ist die halbe Welt ver-sammelt. Alle sind zur Konferenz gekommen“, sagteich.„Das kann ich mir vorstellen, nachdem was wir ge-hört haben.“Wir fuhren Richtung Hotel und sprachen über denUmweltgipfel des Weltsicherheitsrats und dass esschwer sein würde, alle Nationen unter einen Hut zubringen. Ich war innerlich aufgewühlt, aber auch froh,wieder meine Familie und Kameraden um mich zuhaben. Wir nahmen in der Bar Platz, um uns einenDrink zu genehmigen und anschließend für denAbend frisch zu machen, als die Fernsehstation BNC,der British News Channel, ihr Programm unterbrachund eine wichtige Nachricht ansagte.„Meine Damen und Herren, wir unterbrechen unserProgramm, da wir eine wichtige Nachricht zu ver-melden haben.“Man sah eine sichtlich erregte Reporterin mitten aufder Straße, das Mikrofon in der Hand.„Soeben ist hier in Nizza eine Bombe detoniert. Wirwissen nur, dass der UN-Generalsekretär mit seiner 158
  • 155. Autoeskorte unterwegs war, die in diese Explosion in-volviert zu sein scheint. Wir wissen noch nicht, obes Tote oder Verletzte gegeben hat. Wenn man dieWracks so aus dieser Entfernung sieht, ist das nichtauszuschließen. Wir dürfen leider nicht näher. Ret-tungshelikopter und gepanzerte Fahrzeuge sind be-reits vor Ort sowie alle Ambulanzen der Umgebungund natürlich die Feuerwehr, wie Sie hinter mir sehenkönnen. Wir warten seit mehr als einer Stunde aufDetails des Geschehens und fragen uns, wo sich derUN-Generalsekretär zurzeit befindet. Falls es sich umein Attentat handelt, drängt es uns natürlich auch zuwissen, wer die Täter sind.Wir wissen nur, dass ein ge-heimes Treffen vieler Staatsmänner und der UN überEnergiefragen heute Morgen stattgefunden hat, aberGenaueres wollte man uns nicht sagen.“Bumm!, ertönte ein dumpfes Geräusch und Fenster-scheiben klirrten. Man konnte sehen, wie eine Druck-welle die Pressesprecherin erreichte, die sie fast um-gehauen hätte.„O Gott, weg hier, es hat noch eine Explosion gege-ben! Was ist geschehen?“Man sah die Reporterin und die wackeligen Aufnah-men des Kameramanns.„Wir unterbrechen für einige Minuten und gebenzurück ins Studio.“„So, meine Damen und Herren, Sie konnten geradelive miterleben, dass die Situation noch nicht unterKontrolle ist. Wir vermuten einen weiteren Spreng-satz, der nicht sofort mit der Hauptexplosion hoch-gegangen ist oder noch versteckt war. Bislang wissenwir nur, dass wie gesagt heute Morgen ein Energie-gipfel des Weltsicherheitsrats in Nizza stattgefundenhat, bei dem sowohl eine OPEC-Delegation als auch 159
  • 156. viele Staatsmänner vertreten waren. Wir können lei-der zurzeit keine genauen Angaben machen, wo sichder UN-Generalsekretär befindet und was hinter derExplosion steckt. Fest steht, dass die Börsen in NewYork und Peking heute Morgen nicht eröffnet wur-den, damit keine weiteren exzessiven Spekulationenmehr möglich sind. Bleiben Sie dran, nach einer kur-zen Pause versuchen wir, Ihnen weitere Details deraktuellen Lage zu übermitteln. Wir halten Sie selbst-verständlich ständig auf dem Laufenden.“Ich drehte mich um, um Guiglelmo etwas zu sagen,und sah León aus dem Augenwinkel in der Tür kopf-schüttelnd mit Tommaso sprechen. Sie kamen zu unsherüber und begrüßten Guiglelmo und Jan mit einerherzlichen Umarmung. Die Freude war jedoch ge-trübt.„Habt ihr gesehen, die Sache ist nicht ausgestanden“,meinte León genervt. „Geben die denn niemals auf?Haben die etwa nicht verstanden, worum es geht?“„Komm, beruhig dich, ich sag dir, wir sind hier fehlam Platz“, sagte Jan. „Wir sollten das Ganze fallen las-sen und schleunigst verschwinden.“„Wie soll das gehen?“, fragte ich.„Sollen sie doch sehen, wie sie klarkommen mit derScheiße, haben wir vielleicht darum gebeten?“„Jetzt mal langsam“, sagte Guiglelmo. „Ich hoffe, dasskeiner zu Schaden gekommen ist.“„Die Frage ist bloß, inwieweit können die uns schüt-zen“, wollte ich wissen.„So wie es aussieht gar nicht“, gab León nüchternzurück.Er hatte recht. Es könnte ausgehen wie damals am 11.September 2001 und vor drei Jahren in Abu Dhabi.Druck musste abgelassen werden, egal, aus welcher 160
  • 157. Richtung er kam, terroristisch oder politisch mo-tiviert. Aber diesmal sah es mehr nach einem öko-nomischen Hintergrund aus, das heißt, die Erdölfördernden Länder wie auch die Großaktionäre derverschiedenen Konzerne wollten ihre Macht nichteinfach so abgeben. Also forcierten sie den Druck aufdie Politik. Irgendetwas musste durchgesickert sein.Wer bezweckte den Tod des UN-Generalsekretärs,um eine Krise auszulösen? Ich wollte diese Fragennicht hier und nicht jetzt mit meinen Freunden be-sprechen oder analysieren.„Ich schau mir das Ganze oben im Zimmer noch ein-mal an, bis dahin wissen wir mehr“, sagte León.„Nein, ich glaub, ich ruf sofort seine Sekretärin an,deren Nummer ich heute Morgen erhalten habe“,sagte ich.Sie schauten mich fragend an.„Das wäre gut, um zu wissen, was geschehen ist undwo er sich jetzt befindet“, erwiderte Guiglelmo nüch-tern.Wir bezahlten und gingen alle nach oben in meinZimmer. Die Kinder wollten auch dabei sein.„Tommaso, Serena“, wandte ich mich ihnen zu, „ichmöchte, dass ihr ganz vorsichtig seid. Die spaßen nicht,wer sie auch sein mögen. Die Schurken wollen nicht,dass eine andere Firma oder die UN diese Technolo-gie bekommt. Wir schweben in großer Gefahr.“„Jeff hat recht. Wir müssen unsere Lage als sehr ernstansehen“, meinte Jan.„Ihr geht nicht mehr allein auf die Straße“, sagte Leónund drehte sich zu den Kindern um. „Ich werde allesveranlassen, damit immer Bodyguards an eurer Seitesind, auch wenn es lästig ist.“„So, Ruhe bitte, ich versuche die Sekretärin zu erwi- 161
  • 158. schen“, gebot ich und nahm den Hörer auf. „Verbin-den Sie mich mit der Nummer 55763589. Danke.“Ich wartete, bis sich auf der anderen Seite die Stimmeeiner Dame meldete.„Spreche ich mit der Sekretärin vom Generalsekretär?– Gut. Hier ist Jeff Brink, ich wollte nachfragen, wiees dem Generalsekretär geht.Wir haben in den Nach-richten von dem Anschlag gehört.“Die Sekretärin erzählte kurz die Geschehnisse. Nachein paar Minuten war ich auf dem Laufenden undbeendete das Gespräch. „Ich danke vielmals. Auf Wie-derhören.“ Ich legte auf und schaute in fragende Ge-sichter.„Und?“, drängte Jan. „Wie geht es ihm?“„Er wird im Krankenhaus behandelt, es scheint abernichts Ernstes zu sein, nur Verletzungen von Splitternüberall am Körper, da die Bombe wenige Meter hin-ter ihnen gezündet wurde. Im folgenden Wagen sindzwei Leute schwer verletzt worden“, erklärte ich ru-hig.„Mensch, es hätte ihn wirklich treffen können, dochdie Bombe ist glücklicherweise zu spät gezündetworden“, meinte Jan, der am meisten irritiert schien.Nach dem, was er mitgemacht hatte, war das nichtverwunderlich.„Aber bis jetzt wissen wir noch nicht, um wen es sichbei den Tätern handelt, es können Terroristen, Araber,Amerikaner, Chinesen oder sonst wer sein. Oder willdie Staroil noch immer mit aller Macht verhindern,dass jemand anders die Führung übernimmt oder dassdie Anlagen überhaupt auf den Markt kommen“, füg-te ich hinzu.„Alles ist möglich“, erwiderte Tommaso.„Ich denke, wir sollten ein Signal aussetzen, um mit 162
  • 159. ihnen in Kontakt zu treten und herauszufinden, werdahintersteckt und was sie wollen.“„Verkaufen“, sagte Tommaso geistreich.„Einen Versuch wäre es wert“, sagte Guiglelmo, „sokönnten weitere Entführungen oder Anschläge ver-hindert werden“, fuhr er fort. „Letztendlich wissendie ja, wo und wer wir sind.“„Und wie soll das vor sich gehen?“, fragte ich.Wir besprachen unsere Taktik. Es war gefährlich, aberso konnte es nicht weitergehen. Schon heute Abendbeim Bankett würde sich uns eine Chance bieten.Um 20.30 Uhr wurden wir abgeholt und fuhren beieinem prunkvollen Gebäude vor. Es herrschte viel Be-wegung und überall war die französische Polizei prä-sent. Die Wagentüren wurden abgesichert, sodass wirim Schutz der Agenten aussteigen konnten. Nachdemwir eine breite Treppe hinaufgegangen waren, befan-den wir uns in ziemlicher Sicherheit. Ruhige Musikund Stimmengemurmel drangen an unsere Ohren. DieMäntel wurden uns abgenommen und ein Empfangs-komitee begrüßte uns. Wir erfuhren sogleich, dass derUN-Generalsekretär auch da sei und es ihm gut gehe.Gott sei Dank, dachte ich. Dann betraten wir denSaal. Viele Augen richteten sich auf uns, da jeder dieHüter der neuen Energiequelle kennenlernen wollte.Wir bekamen unerwarteten Applaus und fühlten unsein wenig verloren bei so viel anwesender Prominenz.Ich nickte freundlich und deutete meinen Kameradenmit einem Blick an, gute Miene zu zeigen.„Guten Abend“, versuchte ich mich in dem lautenGetuschel verständlich zu machen.Da kam auch schon der UN-Generalsekretär mit sei-ner Gattin auf uns zu. Er sah erstaunlich gut aus, außereinem Pflaster an der Schläfe und einem Verband an 163
  • 160. der Hand war ihm nichts anzumerken.„Herr Brink, sehr geehrte Herren, wir freuen uns, dassSie da sind. Ich habe eine Überraschung. Ihre Gattin-nen erwarten Sie bereits am Büfett. Würden Sie mirfolgen“, sagte er lächelnd.Ich stand wie angewurzelt da. Teresa würde mir im-mer Bescheid sagen, wieso dieses Mal nicht? Ichwusste aber auch, dass sie Geheimnisse für sich behal-ten konnte. Ich konnte nicht weiterdenken und ginggrüßend an den geladenen Gästen zum Büfett, wo siein ihren langen überteuerten Abendkleidern auf unswarteten, eine schöner als die andere. Wir konntenstolz sein auf unsere Frauen. Sogar Marcella war da.Ich freute mich, es tat einfach gut, zusammen zu sein.Wir umarmten uns.„Schatz, wie findest du mich? Wie gefalle ich dir?“,fragte mich Teresa mit leuchtenden Augen.„Du siehst hinreißend aus.“Sie verlor kein Wort darüber, wie sie hierher gekom-men war. Doch noch ein anderer Gedanke beschäf-tigte mich: Was sollte aus unserem Plan werden, dieFrauen wussten nichts davon. In dem Moment sahich, wie León zu mir herüberschaute, als wollte er sa-gen: Am besten lassen wir das Ganze. Wir mussten unsüber unser weiteres Vorgehen noch absprechen. Nachein paar Begrüßungen und Komplimenten von denGästen konnten wir einige Sätze miteinander spre-chen.„Was sollen wir machen?“, fragte ich.„Wir können nicht riskieren, den Frauen nicht Be-scheid zu sagen, bevor es losgeht“, zischte León inmein Ohr.„Nicht nervös werden. Tommaso macht das schon.Sag deiner Frau, dass es sich um einen Test handelt. Sie 164
  • 161. sollen nicht erschrecken“, flüsterte ich. „Und nochetwas, gib das auch an Jan und Guiglelmo weiter.“ Ichmusste mich noch um Marcella kümmern und gingzu ihr. „Marcella, schön siehst du aus, willst du deinenDaddy nicht begrüßen. Komm her, mein Schatz, dubist die Schönste heute Abend.“„Hallo, Dad“, kam es schüchtern und liebevoll zu-rück.Sie war mein Augapfel, obwohl ich auch Tommasosehr lieb hatte und voll auf ihn zählen konnte. Abereine Vater-Tochter-Beziehung ist doch etwas anderes.Sie umarmte mich. „Das hättest du nicht erwartet.“„Nein, ehrlich gesagt, nicht einen Moment.“Sie drückte sich kurz an mich. „Du, ich kann dichnicht den ganzen Abend so festhalten, auch wenn ichwollte.“„Ich verstehe.“ Ich nahm ihre Hand, und wir schlen-derten zu Teresa, die ganz aufgelöst und glücklichschien. Sie war einfach stolz auf uns.„Ich freue mich so, bei dir zu sein, Jeff.“Ich nahm sie liebevoll beim Arm, bevor wir ein paarSchritte gingen.„Du, hör zu …“ Ich erzählte ihr in aller Kürze unserVorhaben.Sie verstand zwar, zeigte sich aber nicht ganz einver-standen.Uns blieb nicht die Zeit, darüber zu diskutieren, dennder UN-Generalsekretär näherte sich uns.„Haben die Untersuchungen schon etwas ergeben?“,fragte ich ihn.„Nein, aber soviel mir bekannt ist, laufen sie aufHochtouren. Es wurden auf jeden Fall Spuren ent-deckt sowie verdächtige Personen festgenommen.Die hiesige Polizei hat bis morgen Abend eine Nach- 165
  • 162. richtensperre verkündet, damit keine Spuren verlorengehen. Das war knapp, eine Sekunde später und …“,sagte er nachdenklich und ließ schweigend eine Weilevergehen. „Mein lieber Herr Brink, es ist nicht aus-geschlossen, dass wir uns besser absichern und spätersogar eine neue Identität annehmen müssen, damitRuhe eintritt. Sie befinden sich wie wir alle in per-manenter Gefahr.“„Herr Generalsekretär, ich will nicht, dass Menschenzu Schaden kommen. Aber dieses Projekt ist wahr-scheinlich die einzige Chance, die Erde vor demEnergie-, Rohstoff- und Klimakollaps zu retten.“„Ja sicher, aber wie soll sich die Industrie verhalten?Einerseits Wachstum, andererseits keine schädlichenEmissionen. Wir müssen die Regierungen und dieKonzerne mit ihren Aktionären empfindlich treffen,und zwar dort, wo es am meisten schmerzt. Erst dannwerden sie sich kampflos unserem Projekt widmen.Wenn es eine viel bessere Alternative gibt, ist keinermehr bereit, in alte Technologien zu investieren. Nurso erreichen wir eine Wende. Die Konzerne sollen,wie bei der Milchproduktion, bei Abschalten ihrer An-lagen kräftig mit Geldmitteln unterstützt werden undkönnen ihre Milliarden wiederum in unsere Projekteinvestieren. Nur so scheint es möglich, die Situation inden Griff zu bekommen. Ansonsten, glauben Sie mir,haben wir keine Chance. Darum geht es morgen. So,aber jetzt genehmigen wir uns ein Glas Champagner,Herr Brink.“Er hatte recht. Wir blieben bis zum Schluss dort,nachdem alle anderen Gäste sich bereits verabschiedethatten. Er selbst war schon früh gegangen, weil seineWunden schmerzten und er Ruhe brauchte. Wir hat-ten inzwischen unseren Plan wieder verworfen, die 166
  • 163. Plattformen an eine private Aktiengesellschaft zu ver-kaufen und verschiedenen OPEC-Mitgliederstaatenanzubieten. Das hätte wie eine Bombe eingeschlagenund alle Verhandlungen der nächsten Tage zunichte-gemacht. Vielleicht war es gut so. Die OPEC hättemit Sicherheit gezahlt, und die Pläne wären erst nachVersiegen des letzten Tropfen Erdöls aus der Schub-lade geholt worden, was für unsere Zukunft nicht gutgewesen wäre.2. VerhandlungstagBereits in der Eingangshalle herrschte reges Treiben.Heute sollte ein Plan vorgestellt werden, wie die Kos-ten verteilt sowie Produktion und Start der neuenEnergiegewinnung vonstattengehen sollten. Das Zielbestand darin, eine Abstimmung zu erreichen.Die Politiker sollten dazu bewegt werden, die jetzigenRohstoff- und Energielieferanten zum Umdenkenanzuhalten, ihre Energiekapazitäten zu drosseln undin die Produktion der neuen Technologie zu inves-tieren.Allerdings vertrat jeder seine feste Linie, die aufge-weicht werden musste. Mit der Kyoto-Delegationwollte die UN am heutigen Verhandlungstag ein wei-teres kritisches Argument diskutieren und der Politiksowie der Wirtschaft auftischen.In Nizzas Nebenstraßen war derweil die Hölle los.Gruppierungen aller Herren Länder und Couleur, al-len voran die grünen Parteien, Green Peace und AntiGlobal, wollten bei diesem Treffen Luft und Frust ab-lassen. Die französische Polizei hatte alle Hände voll 167
  • 164. zu tun, mit den mehr als achthunderttausend Men-schen fertig zu werden.Zudem tummelte sich die internationale Presse dortherum, um über den Bombenanschlag auf den UN-Generalsekretär zu berichten und hinter das Geheim-nis des Treffens zu gelangen. Es war bereits durchgesi-ckert, dass es um eine neue Energiequelle ging, die dieheutigen Rohstoffe und die bis jetzt bekannten er-neuerbaren Energien in den Schatten stellen würde.Pünktlich ging die zweite Runde in den wortwört-lich heißen Frühlingstag des 26. März 2013. Bereitsum 9.30 Uhr zeigte das Thermometer 28 °C imSchatten.„Meine Damen und Herren“, ertönte eine helle Frau-enstimme durch das Mikrofon, „wir wollen anfangen.Ich begrüße Sie sehr herzlich und danke Ihnen allen,dass Sie anwesend sind, um zu einer besseren Welt bei-zutragen. Wir begrüßen heute die Kyoto-Delegation,die sofort ihren Bericht vorstellen wird. Ich gebe dasWort an Dr. Madeleine Sharp,Vorsitzende des Kyoto-Abkommens.“Applaus erklang und eine gut aussehende Vierzigjäh-rige betrat das Rednerpult.„Sehr geehrter Generalsekretär, sehr geehrte Gäste.Mein Kommentar wird kurz, aber leider sehr schmerz-voll sein“, begann sie und blickte in den Saal, um dieReaktionen abzuwarten. Man konnte eine Fliege hö-ren, die sich im Konferenzraum eingeschlichen undnach Kühlung gesucht hatte. „Eindeutiger können dieResultate des Klimawandels nicht sein. Bereits in denletzten zwei Jahren haben wir mehr als drei MillionenMenschen zu beklagen, die bei Naturkatastrophenumkamen, weitere fünfhundert Millionen leben inerbarmungslosen Zuständen. Den Wetternachrichten 168
  • 165. von 7.00 Uhr zufolge treiben in diesem Augenblickzwölf Orkane ihr Unwesen. Die Zerstörung durchnicht mehr kontrollierbare Naturphänomene ist ander Tagesordnung. Diese Liste könnte endlos lang fort-geführt werden. Die Versicherungen kommen beimAuszahlen nicht mehr mit und die Politik kann nurnoch Not- und Ausnahmezustandsstufen ausrufen.Ich kann an dieser Stelle denjenigen, die noch nichtunterschrieben haben, nur eines sagen: Von interna-tionalen Organisationen ist keine Hilfe zu erwartenund bei Nichteinhalten der Emissionen wird die Lagein fünf bis zehn Jahren noch dramatischer sein. Wirkönnen dieses Spiel nicht gewinnen. Nicht so. Wirkönnen der Natur nicht trotzen. Nicht so. Wir kön-nen die Leute da draußen, die alles verloren haben,nicht im Stich lassen.“Ein kurzer Applaus unterbrach ihre Rede.„Ich wünsche mir, dass dieser Gipfel ein Zeichen setztund gemeinsam eine Strategie ausarbeitet, um zu ret-ten, was noch zu retten ist. Ich möchte jeden daraufhinweisen, dass weniger Verbrauch und Konsum von-nöten sind. Lassen Sie uns hier und heute ein Zeichensetzen und die Zukunft zusammen für jeden bessergestalten. Ich danke sehr. Wir werden über folgendePunkte im Laufe des heutigen Tages abstimmen: 1.Reduzierung der weltweiten Schwertransporte aufden Straßen um die Hälfte; 2. strenge Kontrollen derZulassung von alten und neuen Pkw auf Basis ihrerEmissionswerte; 3. schärfere Kontrollen der Industrieund das Anbieten von Beraterfunktionen, wie und woEnergie eingespart werden kann; 4. Vermittlung vonCO2-armen erneuerbaren Energieauflagen für privateHaushalte; 5. der Aufruf an alle Nationen, die Kont-rolle zur Einhaltung der festgelegten Parameter des 169
  • 166. CO2-Ausstoßes durch Unabhängige zuzulassen; und6. Diskussionsvorlagen weiterer Verordnungen überdie Verschmutzung von Gewässern in den nächstenMonaten. Ich wünsche uns allen ein gutes Gelingender Verhandlung.Vielen Dank fürs Zuhören.“Ein gewaltiges Unterfangen, das musste selbst ich zu-geben, aber es blieb keine andere Wahl. Frau Sharphatte recht, wenn sie die Gewässer- und Bodenver-seuchung durch Chemiefabriken längs der Flüsse derWelt zur Sprache brachte und diese aufforderte, dieVerschmutzung einzudämmen. Ich musste an meineKollegen bei der Medpharma denken. Ob sie michschon vermissten?In diesem Augenblick kam mir eine Vermutung, weruns verraten haben könnte, was Jan und Guiglelmofast mit ihrem Leben bezahlt hätten. Zwei Tote warenbereits zu beklagen, Rodolfo Chiavari und Martinelli,gestern der Anschlag auf den UN-Generalsekretär, derzwei Schwerverletzte forderte, und ein Ende war nochnicht abzusehen. Bei der Suche der Schuldigen tappteman noch im Dunkeln. Die Medpharma AG, die inden letzten Jahren zu einem der größten Pharmakon-zerne der Welt aufgestiegen war, besaß viel Macht. Siehatten fast alles aufgekauft, was irgendwie nach Geldroch, um den Hunger der Aktionäre zu stillen. Zur-zeit liefen einige ganz große Projekte in China undIndien, somit fehlte ihnen nur noch Amerika. Hatteuns vielleicht Dr. Gloden verraten und mit dem halbentwickelten Produkt bei der Staroil angeklopft, uman die Akte zu gelangen? Da mich diese Frage nichtlosließ, wollte ich im Anschluss an die Konferenz so-fort nach Köln reisen, um gewisse Berichte durchzu-checken und eventuelle Beweise auf Aktionen gegenuns und den UN-Generalsekretär ausfindig zu ma- 170
  • 167. chen. Ich musste mit Tommaso reden, der Zugangzum Werk hatte, und in der Pause die Situation mitden anderen besprechen.Der UN-Generalsekretär meldete sich zu Wort: „Mei-ne Damen und Herren, sehr verehrte Gäste, wir be-ginnen jetzt mit den Ansprachen der einzelnen Re-gierungen und Delegationen. Ich bitte Sie erstens, sowie Frau Dr. Sharp, ein Programm vorzulegen, wiedie Emissionen drastisch reduziert werden können,und zweitens, Ihre Meinung zu einer gemeinsamenWeltenergieversorgung darzulegen.Ich überlasse das Wort als Erstes dem GastgeberlandFrankreich, das, wie wir wissen, 85 Prozent seinerEnergie aus Kraftwerksanlagen bezieht. Bitte, das Wortan den Herrn Präsidenten François Soisson.“„Monsieur le Secrétaire, Mesdames et Messieurs, d’ab-ord je vous souhaite un bon séjour dans notre pays età Nice. Bienvenu. Wie ich stehen alle Mitglieder mei-ner Partei und Frankreich wie vorgegeben zu unserenVerträgen gegenüber unserer Bevölkerung und Euro-pa. Wir möchten in keiner Weise jemandem zu nahetreten, aber Sie müssen wissen, die Kernkraft hat unsviele Jahre mit Energie versorgt und das mit saube-ren Emissionswerten. Nur Wasserdampf gelangt in dieAtmosphäre. Die Abfälle sind, verglichen mit anderenRohstoffen, gering. Meine Regierung und ich sindnicht bereit, auf diese Energie zu verzichten. Ich bin,was die Verschmutzung und den CO2-Ausstoß aufden Straßen und in der Schwerindustrie angeht, einerMeinung mit Frau Dr. Sharp. Wir werden alles tun,um einer Eindämmung Folge zu leisten. Weiter sindwir bereit, uns mit einem geringeren Anteil an der In-vestierung der Meerplattformen zu beteiligen. Es sollalles Mögliche getan werden, dass kein weiterer Scha- 171
  • 168. den am Klima entsteht. Ich bedanke mich.“Applaus der verschiedenen Delegationen und Regie-rungen hallte durch den Raum.„Jetzt geht das Wort an unseren Nachbarn Russ-land.“(Auf Russisch die ersten Begrüßungsworte.) „Natür-lich haben wir Interesse an sauberer Energie, aber wirkönnen deswegen nicht die Gashähne zudrehen. Wirtun alles, damit unsere Kunden zufrieden sind, und siesind zufrieden bis auf einige, die immer etwas auszu-setzen haben und sich für eine gerechtere Welt einset-zen. Dann sollen sie eben frieren, von mir aus.“Murmeln und Gelächter gingen durch den Saal.„Ja, meine Damen und Herren, Sie haben die Wahl,und wir zeigen uns aufgeschlossen gegenüber denPlänen der neuen Energiegewinnung – aber erst se-hen, dann glauben. Wir werden unser Bestes tun, umdie Finanzierung in unserem Teil der Erde voranzu-treiben. Im Moment erkenne ich noch nicht so sehrden Bedarf. Was die Klimaveränderung angeht, stehenwir, geografisch gesehen, als Land sehr am Pranger,und wir benötigen sowohl wirtschaftlich als auch so-zial Überlebenspotenzial, damit es unserem Volk annichts fehlt. Ich glaube, man muss differenzieren, woman die Grenze zieht. Wir werden, bis nicht geklärtist, wie es konkret weitergehen soll, auf Herkömm-liches nicht verzichten, und ich denke, Sie werden dasvon anderen Regierungen genauso vernehmen. Vie-len Dank fürs Zuhören.“Der Präsident von Venezuela übernahm das Wort:„Okay, wir machen weiter, bis die Anlagen auch vorunseren Küsten stehen. Aber ob diese dann vor Or-kanen und Stürmen sicher sind, müssen wir nochabwarten. Wir können unsere Abmachungen gegen- 172
  • 169. über der OPEC und unserer Kundschaft nicht ein-fach ignorieren. Die weltweite ökonomische Krisebekommen wir auf jeden Fall nicht unter Kontrolle.Wie soll das funktionieren, komplette Industriezwei-ge schließen? Arbeitslosigkeit und Armut greifen jajetzt schon seit mehr als zwei Jahrzehnten um sich.Das komplette Chaos würde ausbrechen und Bürger-kriege wären vielerorts nicht auszuschließen. Selbstin den reichen Ländern dieser Erde. Ich empfehleden Herren dieser so sauberen Energie, sich einmalGedanken zu machen, wie das Ganze politisch stabildurchgeführt werden soll. Es ist ein unwahrschein-licher Kraftakt der ganzen Menschheit nötig, an denich nicht glaube. Wir werden langsam über alternati-ve Energie nachdenken müssen, aber erst in zwanzig,dreißig oder vierzig Jahren können wir sie dann aucheinsetzen. Mein Volk müsste hierüber abstimmen, obes zu Hause verhungern oder weiter an unseren Erd-schätzen teilhaben will. Ich bedanke mich fürs Zuhö-ren“, beendete er seine Rede.Ich musste zugeben, einfach würde das nicht werden.Weitere Länder, wie China und Amerika, zeigten sichzwar sehr interessiert, aber keiner wollte Opfer brin-gen und schon gar nicht investieren. Es kam mir vorwie ein Mini-Kyoto-Gipfel.Ich musste sofort mit dem Generalsekretär sprechen,um mich zu beraten.„Meine Damen und Herren“, ergriff ich das Wort,„ich habe volles Verständnis für Ihre Argumentatio-nen. Ich möchte aber nicht versäumt haben, dass aufalle in einigen Jahren eine schwere Last zukommenwird, falls wir nicht zumindest zu einem einheitlichenProgramm kommen sollten, wenn auch nur unter Li-zenz und der Kontrolle der Energiebehörden. Sie dür- 173
  • 170. fen somit frei entscheiden, ob es sich lohnt, individu-ell und ohne Einmischung Dritter die reinste Energiedieses Planeten anzunehmen und menschenwürdigzu verteilen. Jedem, unabhängig von Farbe, Herkunft,Religion, Politik und Reichtum, sollte die Teilhabean dieser Energie ermöglicht werden. Es bedarf nurein wenig Mut, den Anfang zu wagen, und schnellwird sich herausstellen, dass es an Arbeit nicht man-geln wird. Eine neue Ära fängt an, für die Konzerne,die Automobilindustrie, das Bauwesen und viele an-dere. Alles muss modernisiert und umgerüstet werden.Erstens wird dies viele neue Arbeitsplätze schaffen.Zweitens werden die Preise für Rohstoffe wieder be-zahlbar sein, und es wird für weitere Hunderte vonJahren Gas, Erdöl, Holz und andere Rohstoffe geben.Drittens gäbe es wieder mehr sauberes Wasser auf die-sem Planeten, das zurzeit noch im Industriebereichverschwendet wird. Eine Umstrukturierung ist bitternotwendig, um dem Planeten und uns Menschen, denTieren und der Pflanzenwelt eine Chance zu geben.Ich rufe Sie alle nochmals auf: Tun Sie es für unsereMutter Erde. Herzlichen Dank für Ihr Ja bei der Ab-stimmung zum neuen Energiezeitalter.“Die Menschen im Saal standen auf und applaudierten.Meine Rede war zudem live über alle Rundfunk- undFernsehanstalten verfolgt worden. Ich hatte zur letztenWaffe gegriffen und den Generalsekretär überzeugt,zumindest einen Teil des Gipfels und meine Rede öf-fentlich auszusenden. Es würde sich bald herausstel-len, was die Bevölkerung aller Staaten und Nationendarüber dachte. Schließlich gab es Oppositionsgrup-pen in den einzelnen Ländern, und ich wollte es nichtversäumen, diesen Menschen die Nachricht zu über-bringen. 174
  • 171. Die angeheizte Stimmung führte dazu, dass die Kon-ferenz auf den darauffolgenden Tag verlegt wurde. Dieunterschiedlichsten Parteien und Gremien sollten be-raten, über welche Vorgehensweise man sich entschei-den würde.Etwas genervt und abgespannt verließen wir den Gip-fel. Ich rief sofort Tommaso an, um ihn auf den Flugnach Köln vorzubereiten. Serena wollte ihn begleiten.León hatte Bedenken, da ihr Verlobter in den nächstenTagen aufkreuzen wollte.„Ich halte es für keine gute Idee“, sagte er zu Jackie.„Was wollen wir ihm sagen? Deine Freundin ver-bringt die Ferien mit dem Sohn meines Freundes inKöln?“Da Jackie die Auffassung ihres Mannes teilte, versuch-te sie, ihrer Tochter das Ganze auszureden. Aber siewolle noch etwas von Europa sehen, verteidigte sichSerena, was ihr jedoch keiner abnahm.„Du musst es wissen. Ruf aber auf jeden Fall an, umihm zu sagen, dass du einige Tage nach Köln musst“,sagte ihre Mutter beschwichtigend.„Mama, ich kann noch nichts sagen, Tommaso ist einsehr lieber Mann“, erwiderte sie zögernd.„Was soll das heißen? Hast du etwa mit ihm geschla-fen?“ Jackie sah sie streng an.„Nein, aber ich muss zugeben, dass ich auf dem bestenWeg bin, mich in ihn zu verlieben.“„Serena, tu nichts, was dir später leid tun würde. Ambesten du rufst ihn sofort an, er soll kommen, unddu bleibst hier bei uns“, forderte Jackie ihre Tochternachdrücklich auf.„Ich bin kein Kind mehr und werde aufpassen, Tom-maso nicht wehzutun. Und dabei hat er mich gefragt,mitzukommen.“ 175
  • 172. „Wir wollen nur dein Bestes. Aber frag deinen Va-ter.“„Er weiß Bescheid und hat nichts dagegen“, schlossSerena das Gespräch und ging runter zu Tommaso,um alles zu besprechen.Bereits am nächsten Morgen ging ein Flug von Niz-za nach Köln. Marcella wollte ihre Freundinnen zuHause wiedersehen, und so beschloss sie, mitzufliegen,was uns nicht gerade erfreute, da im Augenblick dieSicherheit an erster Stelle stand. Leider konnten wirkeinen Bodyguard mitschicken. Sie verstand die miss-liche Lage und versprach, sich dementsprechend zubenehmen.Wir wollten uns heute Abend nach dem Abend-essen noch mit den amerikanischen und arabischenÖllieferanten beraten. Obwohl jeder den Ernst unddie Dringlichkeit der Lage verstand, wollte keiner an-beißen, einen Alleingang zu wagen. Die Regierun-gen und die Politiker, die an der Macht waren, hatteneinfach nicht den Mumm, die Interessekonflikte überBord zu werfen und ein Papier zustande zu bringen.Aber immer mehr Menschen gingen auf die Straße,um für eine gerechtere Welt zu demonstrieren. Siewollten einfach nicht mehr mit ansehen, was gewis-se Kreise mit ihnen machten. Der Terror hatte sei-nen Höhepunkt erreicht, man war völlig hilflos undkonnte mit allen Überwachungskameras und Sicher-heitsmethoden nicht sicher sein, wann alles in die Luftflog.„Wir werden in einer Stunde mit dem Hubschrauberabgeholt“, sagte ich zu Teresa, „sorg dafür, dass du fer-tig bist, Schatz.“„Kein Problem“, kam es aus dem Badezimmer. 176
  • 173. Pünktlich wurden wir auf der Jacht des ÖlscheichsAl Sahim Mohamed Sahid abgesetzt, wo sich auchverschiedene andere wichtige Persönlichkeiten ein-gefunden hatten. Die Jacht war mit allen technischenRaffinessen und komfortablem unbezahlbarem Luxusausgestattet. Hier konnte man Monate verbringen,ohne sich zu langweilen, sogar ein Pool befand sichan Deck.Nach dem herzlichen Empfang wurden wir zu einemAperitif auf die überdachte Terrasse geführt.„Das müssen an die hundert Gäste sein“, raunte ich.Jan konnte es nicht fassen, in welchem Überfluss ge-wisse Menschen lebten. „Ich hab einiges erlebt, aberdies ist der Wahnsinn, Toiletten mit Seide und Bild-schirmen an den Wänden.“„Hast du auch bemerkt, wie viele Wachen auf undum das Boot postiert sind?“, äußerte sich Guiglelmobeeindruckt.„Hier kommt nicht mal ein Fisch näher als eine Meilean das Schiff ran, ohne dass er bemerkt wird“, sagteLeón zu Jan.„Wir sitzen praktisch in der Falle“, erwiderte ich sehrernst.Sie schauten mich verdutzt an, wobei die Frauen vonmeiner Bemerkung nicht erfreut zu sein schienen. Ichmusste lachen und sie entspannten sich etwas. Abereine gewisse Unruhe hatte ich ausgelöst. Wenn dieAmerikaner nicht da gewesen wären, hätte ich derEinladung nicht zugesagt. Aber mir kam es schon selt-sam vor, dass die Amerikaner jede Rede mit den Wor-ten „God bless America“ abschlossen. Nur Amerika?Sie konnten ihr Spiel blendend spielen.Wir wurden zu Tisch gebeten, wo man uns nach allenRegeln der Kunst bewirtete. Der Scheich hatte neben 177
  • 174. meiner Frau Platz genommen und unterhielt sich überEssen und Köche. Ich saß neben dem amerikanischenAußenminister, der den Präsidenten entschuldigte, derbeim französischen Staatspräsidenten dinierte. Aber erversicherte mir, dass der Präsident gerne mit uns insGeschäft kommen wolle, zusammen mit Addis Abeba,den Arabischen Emiraten, Irak und Iran. Jeder hatteseine Vertreter heute Abend losgeschickt. Mir war klar,dass sie unter ihren Bedingungen die Anlagen wirt-schaftlich nutzen wollten und es gefährlich war, in dieHöhle des Löwen einfach so hineinzuspazieren, vorallem mitten auf dem Wasser und noch dazu alle zu-sammen. Außer den Kindern waren wir alle da. EinFehler, dachte ich. Ein ungutes Gefühl beschlich michund wollte mich nicht wieder loslassen. Ich ahnte, dasshier ein Deal stattfinden sollte, bei dem ich Farbe be-kennen musste.Plötzlich tauchten aus dem Nichts in der Abenddäm-merung drei Hubschrauber am Horizont auf, ein gro-ßer und zwei kleinere.Alle schauten sich an, und einer am Tisch meinte:„Werden noch mehr Gäste erwartet?“„Nicht, dass ich wüsste“, erwiderte der amerikanischeAußenminister und blickte rüber zum Scheich.„Nein“, sagte der Scheich nur.Er stand auf, ging zum Fenster und gab den Befehl:„Alle Sicherheitsbeamten auf ihre Posten!“Da hörten wir auch schon eine Stimme durch denLautsprecher des großen Hubschraubers sprechen:„Wir bitten die Herrschaften, sich ruhig zu verhalten,sonst sind wir gezwungen, das Schiff in die Luft zusprengen und zu entern. Die beiden anderen Hub-schrauber sind mit Raketen bestückt und zielen ge-nau in Ihre Richtung.“ 178
  • 175. Die Frauen fingen an zu schreien und zu weinen.„Ruhig bleiben!“, sagte der Scheich beschwörend.„Ich übernehme das.“Er ging hinaus aufs Deck, fuchtelte mit den Händenund schrie irgendetwas, was keiner verstand, währendder große Hubschrauber auf der Landeplattform auf-setzte. Die Türen wurden aufgerissen und zehn, fünf-zehn Männer sprangen mit ihrem Anführer und vor-gehaltenen Waffen heraus. Über uns, in etwa hundertMeter Entfernung, warteten die beiden anderen Hub-schrauber, die Raketen konnte man klar erkennen.Ich drehte mich zu Teresa und meinen Freunden umund zischte: „Wir müssen sehen, dass sie uns nichterwischen. Es wird ernst.“ Mein einziger Gedankebestand darin, so schnell wie möglich vom Schiff zugelangen. „Habt ihr Taucheranzüge an Bord?“, frag-te ich die Besatzung. „Wir müssen, bevor sie herein-kommen, dafür sorgen, dass wir abtauchen können.Wie viele habt ihr?“„Etwa zehn Stück.“„Also los, wo sind sie untergebracht?“ Ich drehte michum. „Euch werden sie nichts tun. Sie wollen nur uns.Schnell in die Umkleidekabine. Helft uns, die Din-ger anzuziehen. Ihr kommt alle mit. Ihr könnt ja alletauchen. Wir machen es so wie auf Spitzbergen, keineAngst, schnell, schnell.“Der amerikanische Außenminister wollte sich uns an-schließen, aber ich gab ihm sofort zu verstehen, dass erdableiben solle, um die Besatzer zu beruhigen. „Wennsie nach uns suchen, sind wir gar nicht hier gewesen,verstanden!“Er schien es einzusehen. Ich musste demnach dieAmerikaner nicht verdächtigen und ebenso wenigdie Araber. Doch wer steckte bloß dahinter? Ich hät- 179
  • 176. te schwören können, einen östlichen, vielleicht russi-schen Akzent bei den ausgestoßenen Drohungen her-ausgehört zu haben. In diesem Augenblick konnte ichmich jedoch nicht darauf konzentrieren.Wir zogen so schnell wie möglich die Taucheranzügean und stiegen durch ein Bugfenster ins Wasser. Ichverließ das Schiff in der Abenddämmerung als Letz-ter, während ich oben Getöse und schreiende Frauen-stimmen hören konnte, und ließ mich ins kalte Nassfallen. Als sie uns bemerkten, ging neben uns augen-blicklich eine gewaltige Explosion im Wasser hoch.Wir wurden von der Druckwelle erfasst und tauchtenetwas tiefer in die immer dunkler werdende See. Nachetwa fünf Minuten, die wir hintereinander schwam-men, tauchte ich langsam auf, um zu sehen, was loswar und wie weit das Ufer entfernt lag. Seitlich vonuns flogen die beiden Hubschrauber und suchten mitScheinwerfern nach uns. Keine hundert Meter rechtsvon mir entfernt befand sich die hell erleuchtete Sky-line von Monte Carlo. Ich tauchte wieder unter undgab Anweisung, mir zu folgen. In einer felsigen Buchterreichten wir etwas später Land. Es war inzwischendunkel geworden, was uns zum Vorteil gereichte. Einernach dem anderen liefen wir zu den Felsen. Wir fro-ren in der Kälte. Wir mussten schnellstens an ein Tele-fon rankommen, um die Polizei zu informieren undTommaso zu bitten, uns Kleidung zu besorgen.Jan wollte sich darum kümmern und lief im Taucher-anzug über die Straße zu einer Bar.„Entschuldigung, könnte ich meine Familie anrufen,ich hatte einen Unfall mit meinem Boot und habmich gerade noch retten können“, gab Jan als halbeNotlüge an.Der Wirt reichte ihm das Telefon und sagte: „Ein 180
  • 177. Glück, dass keine weiteren Menschen zu Schaden ge-kommen sind, oder?“„Nein, nein, ich hatte Glück, das Boot hat einen Fel-sen erwischt, den ich in der Abenddämmerung über-sehen habe.“Er wählte Tommasos Handynummer. „Tommaso, ichbin’s Jan. Hör zu, wir brauchen Kleidung, und zwar füruns alle. Ich befinde mich in der Nähe des Cafés de laRive in Monte Carlo, rue St. Denis. Ich erwarte dichan der Ecke, beeil dich! Wir haben nur Taucheranzügean. Hast du verstanden?“, flüsterte Jan ins Telefon.„Was ist passiert?“, fragte er erschrocken.„Alles okay, wir erklären dir das später, bis gleich,mach schnell, es ist ziemlich kalt und ungemütlich indiesen Dingern.“ Jan legte auf. „Ich werde von derFamilie abgeholt.“ Er bedankte sich und verschwandim Dunkel der Nacht.Die Presse hatte Wind von den Hubschraubern be-kommen, die über der arabischen Jacht vor der Buchtvon Monte Carlo eine Rakete abgefeuert hatten, unddie Meldungen überschlugen sich, da auch bekanntgeworden war, wer sich noch auf dieser Jacht auf-hielt. Man wusste aber nichts von unserer geglücktenFlucht. Spekulationen machten wieder die Runde,vielleicht hatten einige Mitarbeiter der Jacht etwasweitergegeben.Es wurde Zeit, dass Tommaso klare Anweisungen fürseinen Besuch in Köln bekam.„Tommaso, mein Junge, ich hab eine ziemlich heikleAufgabe für dich.“„Und die wäre?“„Ich möchte, dass du zum Werk fährst und in mei-nem Computer die Akten runterlädst und löschst. Das 181
  • 178. dürfte kein Problem sein, ich werde dein Kommenanmelden. Du musst außerdem versuchen, eine Ver-bindung mit dem Zentralcomputer herzustellen unddie Dateien von Dr. Gloden, Adressen und Dokumen-te, auf den Stick zu laden. Damit finde ich möglicher-weise unseren Feind oder denjenigen, dem wir unsereBespitzelung zu verdanken haben.“„Ach so ist das“, folgerte Tommaso blitzschnell, „duvermutest, einer deiner Mitarbeiter könnte in die Sa-che involviert sein.“„Und noch etwas, ich würde Serena nicht da mitreinziehen. Ein gut gemeinter Rat. Ich will nicht, dassUnruhe in unsere Freundschaft mit Jackie und Leónkommt. Sie hat bereits einen Verlobten. Aber ich willdich nicht bevormunden“, sagte ich offen.„Bist du in sie verliebt?“, grinste Marcella. „Wie inte-ressant und geheimnisvoll!“, neckte sie ihn weiter.„Hört auf, ihr beiden!“, schaltete sich Teresa ein. „Ichhab da auch noch ein Wörtchen mitzureden. Dein Papshat recht, das könnte Komplikationen geben. Wennder Urlaub vorbei und sie zurück in den Staaten ist,wird sie dich schnell vergessen haben. Am besten ihrbleibt gute Freunde. Dein Vater war damals auch einbisschen in Jackie verliebt, soviel ich mitbekommenhabe. Aber der Verstand hat gewonnen.“„Ach was, glaub deiner Mutter nicht so einen Blöd-sinn, bloß weil wir einige Male als junge Menschenzusammen getanzt haben, heißt das noch lange nichts“,fügte ich etwas verärgert hinzu.Sie lachten alle drei und ich musste schmunzeln.„Sie ist schließlich eine bildhübsche Frau“, sagte Tere-sa, „und ein Mann kann das ja nicht übersehen.“„Also was soll das Ganze?“, fragte Tommaso. „Ich bitteeuch, mischt euch nicht in meine Angelegenheiten. 182
  • 179. Ich weiß schon, was ich tue. – Papa, ich werde auf-passen, aber ich hab ihr bereits zugesagt, dass sie mit-gehen kann. So, ich muss eine Stunde weg und die Ti-ckets für Köln abholen. Marcella, willst du mitgehen,damit du siehst, dass gar nichts an euren Fantastereienwahr ist?“Keiner glaubte ihm, die Blicke, die sich Tommaso undSerena ständig zuwarfen, und das häufige Zusammen-sein waren verdächtig genug.Etwas später wurden wir von der hiesigen Polizei überden Vorfall verhört, der sich auf dem Schiff ereignethatte.Wir genossen wie alle diplomatische Immunität,weswegen wir nur einige Fragen über uns ergehenlassen mussten.„Herr Brink“, fragte der Kommissar, der mit zwei an-deren Gehilfen die Untersuchung leitete, „ist Ihnenjemand oder etwas Verdächtiges bei dem Überfall aufdem Schiff aufgefallen?“„Nein, nichts“, gab ich kurz zurück.„Wir wollen Sie nicht belästigen, aber jeder Hinweismag von enormer Bedeutung sein.“„Haben Sie denn nichts Konkretes herausgefunden?“,antwortete ich mit einer Gegenfrage.„Wir können leider keine Auskunft darüber geben“,erwiderte der Kommissar sofort.„Leider kann ich Ihnen nicht behilflich sein, es tutmir leid“, schloss ich die Unterhaltung. „Wir müssenzum Gipfel und werden jeden Augenblick abgeholt.“„Ich will Sie nicht weiter aufhalten, aber eine letzteFrage: Warum haben Sie nicht gleich die Polizei ge-rufen, sondern Ihren Sohn?“Verflixt, dachte ich, was soll ich darauf nur antworten?„Wir brauchten dringend Kleider anstatt Fragen, undsomit hatte die Gesundheit Priorität, meinen Sie nicht 183
  • 180. auch?“, äußerte ich etwas verärgert. „Darüber hinaussind Sie ja sofort zur Stelle gewesen, um Beweise si-cherzustellen. Also, was sollten wir auf einer Polizei-wache? Wir waren froh, heil da rausgekommen zusein, sonst hätten wir und Sie mehr Schwierigkeitengehabt, als uns lieb ist“, versuchte ich ihn nochmals zuüberzeugen.Es schien ihn zu überzeugen. „Gut, also dann, wennIhnen etwas Wichtiges einfallen sollte, Sie wissen ja,wo Sie mich erreichen können. Einen weiteren unge-störten Aufenthalt bei uns. Es tut mir leid. Alles Gute.“Er drehte sich um und deutete den beiden anderenPolizeiinspektoren an, dass sie gehen konnten.Ich ließ sie wortlos hinaus.Ein Bodyguard kam auf uns zu und sagte, dass der Wa-gen bereitstand, um uns zum Gipfel zu fahren.Ich verabschiedete mich von Teresa und Marcella.„Meine Lieben, ich melde mich, sobald wie möglich.Versucht in der Zwischenzeit, ruhig zu bleiben, undbleibt im Hotel. Bitte kein weiteres Risiko. Tschüss.“„Pass auf dich auf“, flüsterte Teresa. Sie klang besorgtund traurig. Die ständige Unruhe ging ihr mittler-weile auf die Nerven. Sie würde mit Jackie und Fionazusammen in der Launch einen Kaffee trinken.3. VerhandlungstagDer letzte Tag auf dem Gipfel hatte begonnen. Es soll-te so lange verhandelt werden, bis ein Kompromissgefunden wurde.Es war nicht leicht, die augenblickliche Lage und dieunterschiedlichen Interessen unter einen Hut zu brin-gen. Wir würden hart kämpfen und argumentierenmüssen, die Finanzierung des Projektes und eine Ver- 184
  • 181. teilung der Energie zu sichern. Ich hatte wenig Ver-trauen in die Politik, da in den letzten Jahrzehnten zuviel falsch gemacht worden war, ob bei militärischenAktionen, der Terrorismusbekämpfung oder anderennicht gehaltenen Versprechen. Das ganze Lügenge-spinst hatte zu viel Hass unter den Bevölkerungengeführt. Die Welt war zerstritten. Anstatt am selbenStrang zu ziehen, taten sich die politischen Mächteschwer, eine gemeinsame Lösung zu finden, damit eseines Tages besser würde.Im Konferenzsaal wurde ich wie ein Held begrüßt,was mir schmeichelte; dennoch blieb ich ernst undkühl. Wer steckt dahinter?, dachte ich nur. Der UN-Generalsekretär, der noch immer ziemlich mitgenom-men aussah, empfing mich und fasste mich bei denOberarmen.„Herr Brink, wir sind stolz auf Sie. Ich habe vomamerikanischen Kollegen und seinem Außenministervon Ihrer mutigen Flucht von dem Schiff erfahren.Unglaublich diese Menschen. Wir müssen und wer-den alles daransetzen, um zu erfahren, wer diese Leutesind, die an die Formel wollen. Auf der anderen Seitebin ich der festen Überzeugung, dass wir jetzt eineMenge Nationen zusammenbekommen, da sie nunvon der Wichtigkeit Ihrer Energiegewinnung über-zeugt sein dürften. Wenn ich bitten darf, Sie habenheute das Wort. Alle brennen darauf, die Nachrichtvon Ihnen persönlich zu erfahren.“„Danke, Herr Generalsekretär“, antwortete ich kurz.„Ich möchte alle bitten, sofort abzustimmen, anstattmeine persönliche Kriminalgeschichte zu erzählen.Aber nach der Abstimmung werde ich dazu etwas sa-gen.“ Über diese Angelegenheit ließ man besser Gras 185
  • 182. wachsen und schwieg, bevor noch mehr Unheil her-aufbeschworen wurde.Die Konferenz erreichte einen weiteren Höhepunkt,als die chinesische Delegation Stellung nahm.„Meine verehrten Mitglieder, wir wollen uns an demVorhaben beteiligen und die Finanzierung zu hundertProzent übernehmen. Dafür garantieren wir mit Fest-preisen für die nächsten hundert Jahre. Des Weiterenwollen wir weltweit auch in Drittländern für die Was-serversorgung einstehen, was im dritten Millenniumneben der Energieversorgung das zweite zentrale Pro-blem darstellen dürfte.Wir sind überzeugt davon, diesebeiden Bereiche zusammenzulegen, damit keine wei-teren Kriege geführt werden müssen. Ferner schlagenwir vor, Afrika und Südamerika die Entscheidung inFragen der Abholzung der Wälder zu übertragen. Dierestlichen Themen, wie Sauerstoff und Klimaverände-rung, sollen Europa, die Atomüberwachung den Aus-traliern und dem Nahen Osten die fossilen Brenn-stoffe in die Hände gelegt werden. Amerika erhält dieAufsicht über die weltweite Ernährung, Indien überTechnologien und Hightech wie Computer, und an-dere Ressorts gingen an Mittelamerika und die Phil-ippinen. Russland würde die Menschenrechtsüberwa-chung zugeteilt. Auf diese Weise würden alle Aufgabenweltweit gerechter verteilt, während die Arbeitsweisealle paar Jahre aufs Neue demokratisch unter die Lupegenommen würde, was wiederum keinem die Mög-lichkeit bietet, sie zu seinen Gunsten zu gestalten. Ichmöchte Sie bitten, hierfür eine Resolution zu erlassen.Damit übergebe ich das Wort wieder an die Leitungder Konferenz. Ich bedanke mich fürs Zuhören.“Es herrschte Stille und einige Sekunden später Ge-murmel bis aufgebrachte Stimmen. Ich hatte dieser 186
  • 183. Rede ganz genau zugehört und war zu einer positivenSchlussfolgerung gekommen, auch wenn die vorge-schlagenen hundert Jahre mir zu lange erschienen, dieStabilität, aber auch Abhängigkeit brachten. Die Ver-teilung der Ressorts bei rotierender Führung sprachmich eher an. Ich wollte versuchen, dieser Tatsacheneutral und geradlinig ins Auge zu schauen. Die an-deren Gremien, Organisationen, wirtschaftlichen undpolitischen Gäste hingegen brachten nur Geplänkelhervor, das nicht klar und eindeutig definiert umsetz-bar erschien.Nun also lag ein konkreter Ansatz zu allen Problemenauf dem Tisch, dessen Umsetzung natürlich jahrelangesVerhandeln voraussetzte. Europa, der alte Kontinent,hatte seine Wurzeln, könnte jedoch an Haarspaltereiund am Eigennutz scheitern. Frankreich zum Beispielbesaß außer der Aufbereitung der Brennstäbe nichts,was für Deutschland wichtig wäre.Weder soziale nochpolitische Einsichten oder sagen wir mal so, kein fu-sionstüchtiges Unternehmen. Frankreich beharrte aufAtomenergie und von einem Ausstieg war man weitentfernt. In Deutschland hingegen liefen bereits heißeDebatten, zudem lagen konkrete Pläne zum Stilllegengewisser Nuklearanlagen bereits vor, auch wenn diesnicht der totale Ausstieg bedeutete.Nach zweistündigem Zuhören war ich an der Reihe.Angriffslustig wie selten brauchte ich diesen Druckfür meine Rede. Ich hob die Hände und begrüßte dieAnwesenden im Saal.„Meine Damen und Herren, ich will nur eins: näm-lich diesen Energiegipfel dazu nutzen, alle Völkerdieser Erde an den Reichtümern unseres einmaligenPlaneten teilhaben zu lassen. Lassen Sie uns zusam-men das Beste daraus machen und uns vor schwe- 187
  • 184. ren unwiderruflichen Fehlern bewahren. Meine sehrverehrten Gäste, ich muss eingestehen, solange nochkeine Anlagen gebaut wurden, bleibt meine Theoriereine Theorie, genauso wie der Vortrag der chinesi-schen Delegation, bis konkrete Schritte unternom-men worden sind. Wir sollten uns hier und heute dieFrage stellen, wie man etwas geschichtlich Einmaligeszustande bringen kann. Eine neue Ära muss einge-leitet werden. Die Pole schmelzen. Die Wasservorrä-te schwinden. Die Atmosphäre erhitzt sich stetig. DasOzonloch wird zusehends größer. Die Rohstoffe ge-hen zur Neige. Die Konflikte nehmen zu. Die Kluftzwischen Arm und Reich wird immer tiefer. Das Le-ben immer hektischer und schneller.Wohin gehen wir? Wir rennen geradezu ins Verder-ben. Aber diejenigen interessiert es nicht, die bislangbestimmt haben und in ihrer Villa mit Bodyguards vorden Türen und installierten Kameras auf ihrem Geldsitzen. Sogar für solche Menschen wird’s irgendwannbrenzlig, wenn auch gegen viel Bezahlung nichts mehrzu haben und unsere Lebensgrundlage definitiv zer-stört sein wird. Zum Schluss will ich Ihnen noch einsins Stammbuch schreiben: Sie sind verantwortlich fürdie Katastrophe, wenn keine klare Entscheidung beidiesem Gipfel getroffen wird, denn die Zeit läuft unsdavon. Es wäre dumm, sich mit irgendwelchen Argu-menten davonzuschleichen. Meine Damen und Her-ren, wir alle in diesem Saal sind dazu auserwählt, etwasfür unsere Völker zu unternehmen.Viel Glück.“Applaus brandete auf. Ich konnte zufrieden sein, aberhatten sie alle verstanden und waren sich der Tragwei-te auch bewusst?Der Generalsekretär kam ans Rednerpult, schüttel-te mir die Hand und gratulierte zu dieser Rede. Er 188
  • 185. nahm das Mikrofon. „Meine Damen und Herren,meine Damen und Herren …“, er musste die Stimmeerheben, „wir wollen uns bei Dr. Brink bedanken fürseinen selbstlosen Einsatz für unseren Planeten.“ Erschaute mich an und fuhr fort: „Er sollte nicht nureine Plattform, sondern auch die Führung des Pro-jektes bekommen.“Während ich zu meinem Platz ging, standen viele aufund klopften mir auf die Schulter oder fassten michan als Geste des Einverständnisses.Der UN-Generalsekretär sprach weiter: „Ich möchtejetzt zu unserer Abstimmung kommen, will aber allenAnwesenden die Möglichkeit geben, sich hinter ver-schlossenen Türen ein weiteres Mal zu beraten. Nachdem Mittagessen treffen wir uns hier wieder. VielenDank und allen guten Appetit.“ 189
  • 186. Die AbstimmungDie Stimmung war gut. Jeder sah ein, dass etwas unter-nommen werden musste, aber wie, wenn der einedem anderen misstraute. Die Chinesen und die Rus-sen votierten für einen Alleingang, jeder auf seine Art,der eine monopolistisch, der andere autoritär. Beidekonnten nicht überzeugen. Die Inder sahen in einerliberalen Verwaltung den besten Weg. Die Amerika-ner wollten sich in keine Jacke zwängen lassen undfrei entscheiden, während die Europäer selbstbewusst,aber nicht festgelegt waren. Die Südamerikaner saheneine Chance als fünfter Kontinent voll mitzumischen,da sie viele ihrer Rohstoffe noch nicht einmal ange-tastet hatten. Die arabischen Länder mussten mit US-Dollar alles zurückbezahlen, wollten sie mitmischen.Afrika schaute hoffnungsvoll in die Zukunft, würdedas Projekt angenommen. Es schien mir so, dass einKompromiss gesucht werden musste, auch wenn dieVerhandlungen ein paar Tage länger dauern würden.Wie gesagt, die Stimmung war gut.In den Gängen wurde heftig weiterdebattiert. DenAtommächten war dies alles ein Dorn im Auge, dasie saubere Energie produzierten und an keinerlei di-rekter Luftverschmutzung beteiligt zu sein schienen.Aber wenn es – wie in Tschernobyl und Krümmel,Bugey und Kashiwazaki Kariwa, dem größten Atom-meiler der Welt – zu einem erheblichen Störfall kom-men sollte, waren die Folgen eklatant.Man befand sich in einem Teufelskreis. Die Araberoder Gas und Öl fördernden Länder wollten auf ihreEinnahmen nicht verzichten, die Politiker nicht aufdie Steuereinnahmen und die Großaktionäre nicht aufihren Profit. Erst recht nicht die Konzerne, die sich in 190
  • 187. dieser Branche tummelten oder sie bestimmten. So-gar als Druckmittel für praktische Ziele eignete sichder Rohstoff sehr gut. Ohne Rücksicht auf Verlusteschritt indes die Erderwärmung mit Riesenschrittenvoran. Erst die Sauerstoff- und Energieanlagen konn-ten ein Ende herbeiführen.Zu guter Letzt mussten alle irgendwann mitziehen.Man konnte die Spannung förmlich spüren, als amNachmittag die Delegationen den Konferenzraumbetraten. Eine beklemmende Stille, die die immenseKonzentration und den Erwartungsdruck widerspie-gelte, war eingetreten. Die Ruhe vor dem Sturm.Tommaso, der inzwischen mit Serena abgereist war,wollte sich melden, sobald alles erledigt war. Dr. Glo-den wie die Leitung waren informiert. Sie hatten zwaretwas stutzig und kühl auf meine Bitte reagiert, letzt-endlich aber zugestimmt. Schließlich handelte es sichum mein Wissen, bereits bevor ich bei Medpharmagelandet war. Nur die Lizenz war unter ihrer Obhutangefragt worden, aber unter meinem Namen. Ichwürde also immer der geistige Vater der Erfindung unddieser wunderbaren erneuerbaren Energie bleiben.Obwohl frühere Kulturen dazu beigetragen habenmochten, sie wieder zu erfinden. Ich war mir sicher,dass die alten Ägypter hierüber schon verfügt hattenund viele Geheimnisse noch nicht gelüftet waren. Diemonumentalen Hinterlassenschaften konnten nichteinfach vom Tisch gefegt werden, und auch wenn sienicht direkt etwas bewiesen, dienten sie als Weg, unsrätselhaftes Wissen zu hinterlassen. Ich fragte mich amRande, was in 15.000 Jahren von unserem Symbol-Zeichen radioaktiv übrig bleiben und was geschehenwürde, wenn jemand ungewollt die Fässer öffnete, um 191
  • 188. zu sehen, was drin ist. Wir mussten alles tun, damit soetwas nicht geschah. Das galt auch für Biowaffen undandere gefährliche Stoffe oder verseuchte Gebiete.Die Nachrichten überschlugen sich förmlich seitmeiner Rede. Jeder wollte dabei sein und als Ersterdie neue weltweite Energieordnung verkünden. Siemussten sich allerdings noch etwas in Geduld üben,obwohl sie bereits einige spekulative theoretischeMöglichkeiten von dem Konferenzsprecher der UNerhalten hatten.„Es scheint, dass Bewegung in den Energiebeschlussdieses Gipfels gekommen ist. Leider können wir nochkeine genauen Angaben zur künftigen Leitung undUmsetzung machen. Eine Enthaltung wird von Ame-rika und den Rohstoff fördernden Ländern erwar-tet, unter anderem auch Russland. Sie dürften eineEinmischung in ihre Energiepolitik nicht so einfachhinnehmen. Andererseits wollen sie die Chance nichtverpassen, dabei gewesen zu sein, die Zukunft nichtden anderen überlassen und in fünfzig Jahren mit lee-ren Händen dastehen. Es ist schon ein merkwürdigesHin und Her. Wir werden uns sofort wieder melden,sobald sich etwas tut „, schloss der Reporter der Fern-sehstation National & Global TV (N&G).Alle Nachrichtensender übernahmen jeden noch sokleinen Hinweis, um die Neuigkeit zu verbreiten. Pa-rallel liefen die Wetterprognosen, die den Klimawan-del und die Konsequenzen dokumentierten.Meine Freunde strahlten Zuversicht aus, außer Jan. Ersah schwarz. Ich war doch positiver gestimmt, dass esuns gelingen würde, einen einstweiligen Kompromissherauszupressen. Man musste die einzelnen Staatenauf ihre Schwierigkeiten aufmerksam machen, wenn 192
  • 189. sie versuchten, sich herauszureden oder die Sache zubagatellisieren.Weltweit verursachten Wetterkapriolennicht nur Milliarden an Kosten, sondern mehr undmehr Menschen wurden zunehmend hoffnungsloserund ärmer, da die Hilfen immer später oder gar nichtin vielen Ländern dieser Erde ankamen. Dadurchfehlte es insbesondere an sauberem Trinkwasser, sodasssich neue Epidemien rasend schnell ausbreiten konn-ten, denen auch die Gesundheitswissenschaft macht-los gegenüberstand.Tommaso verließ in diesem Augenblick gerade denFlughafen Köln-Bonn, als er merkte, dass jemand sieverfolgte.„Dreh dich nicht um und gib mir dein Handy. Ichmuss jemand fotografieren“, sagte er beiläufig.„Wo ist er?“, fragte Serena.„Nicht umdrehen, ich mach das schon. – So, damitdu ein Bild vom Flughafen bekommst“, sagte er fröh-lich, fotografierte in Richtung Verfolger und tat so, alswürde er das Gebäude mehrmals aufnehmen.Man konnte sehen, dass der Typ nicht wusste, wie erreagieren sollte. Eilig verschwand er in der Eingangs-tür.„So, jetzt schnell weg hier. Taxi!“ Er nahm Serena ander Hand und zog mit der anderen die Reisetascheins Taxi, während er die Eingangstür im Auge behielt.Der Taxifahrer fuhr los und erkundigte sich nachihrem Ziel.„Zu den Medpharma-Werken“, gab Tommaso kurzzurück.„Wer war das, kennst du ihn?“Er schaute zurück und konnte aus der Entfernung er-kennen, dass der Typ nun telefonierte. 193
  • 190. „Es wird gerade gemeldet, dass wir angekommensind.“Serena schaute mich verdutzt an. „Wer weiß vonunserer Ankunft außer diesem Dr. Gloden, so lautetdoch sein Name, oder?“„Egal, wir werden beobachtet und müssen vorsichtigim Werk sein, damit mein Vater die Liste bekommt.“„Ja klar, aber wie?“, lästerte sie. „Wir können uns nichtunsichtbar machen.“„Das ist kein Witz“, sagte Tommaso verärgert. „Dieführen etwas im Schilde und wir sollten aufpassen,denn es hat bereits Tote gegeben. Ich hab keine Lust,so früh schon ins Gras zu beißen.“„Ach, du denkst bloß an dich“, tat Serena etwas be-leidigt. „Aber ich kann schon selbst auf mich aufpas-sen.“„Serena, mach mal halblang.“Sie lächelte und stieß mit ihrer zierlichen Schultergegen seinen Arm. „Ich wollte dich nicht verärgern“,sagte sie ganz sanft. „Ich freue mich, mit dir zusam-men reisen zu können. Es ist sehr spannend, wie ineinem Spionagefilm!“„Als ob wir uns hier auf einer Urlaubsreise befin-den.“„Ach, du hast keinen Humor, wie unsere Alten. Nurdie Wissenschaft zählt.“Tommaso schwieg und schaute nach draußen.„Bist du beleidigt?“„Nein“, erwiderte Tommaso. „Du benimmst dich nuretwas leichtsinnig.“Sie zuckte mit den Schultern, zog sich auf den Sitzzurück, lehnte sich gegen die andere Fensterseite undschwieg. Jetzt schien sie beleidigt zu sein. Sie fuhrenschweigsam durch die Innenstadt und erreichten nach 194
  • 191. einer halben Stunde das Hauptgebäude des Konzerns.Im obersten Stock erwarteten sie zwei Herren.„Guten Morgen“, begrüßte sie ein dicklicher ältererHerr. „Mein Name ist Piersch, Jacob Piersch, und dasist Dr. Gloden.“ Ein schmächtiger Mann Mitte fünf-zig. „Nehmen Sie Platz.“„Guten Morgen, Herr Piersch“, entgegnete Tommasound reichte ihm die Hand. Ein fester Griff, den Tom-maso erwiderte. „Das ist Fräulein Almeida und ich binBrink, Tommaso Brink.“„Guten Tag“, sagte Serena etwas schüchtern und zu-rückhaltend.„Ach so, Fräulein Almeida, die Tochter von León Al-meida nehm ich an“, sagte Dr. Gloden scheinbar in-teressiert.„Ja, die bin ich in der Tat“, antwortete Serena stolz.„So, kommen wir zur Sache, ich muss das Abendflug-zeug noch erreichen, mein Vater braucht dringend dieUnterlagen“, unterbrach Tommaso geschickt die Vor-stellung.„Wofür braucht Herr Brink die Unterlagen?“, wolltePiersch wissen.„Da bin ich überfragt“, log Tommaso glaubhaft. „Ichsoll sie auf einen Memorystick runterladen. Ich neh-me an, Sie haben so etwas im Hause.“„Ja natürlich“, sagte Dr. Gloden etwas vorsichtig.„Aber Sie können nicht ohne Begleitung an seinenComputer.“„Kein Problem“, gab Tommaso sofort zurück. „Somitwäre alles geklärt, wo finde ich das Büro meines Va-ters?“„Ja, dann wollen wir mal“, meinte Piersch etwas zö-gerlich. Er schien nicht ganz froh darüber zu sein,vertrauliche Informationen herausgeben zu müssen. 195
  • 192. Dabei ging es gar nicht um die Unterlagen, sonderndarum, was Dr. Gloden, der vermutlich die Formel fürdie eigenen Zwecke missbrauchen wollte, mit den In-formationen gemacht haben könnte. Ob diese Spurenzu ihren Feinden führten?Tommaso und Serena standen auf und wollten sichsofort an die Arbeit machen.„Wir sehen uns nachher, wenn Sie wegfahren. Sicher-heitshalber werden wir Sie zum Flughafen begleiten“,verabschiedete sich Herr Piersch.Wenig später schaute sich Tommaso in meinemArbeitszimmer interessiert um. Aber da schien nichtsInteressantes zu sein. Hinter meinem Schreibtisch be-fand sich eine Wand mit geschlossenen Schränken.Neben meinem Computer, traditionsgemäß, ein Fotoder Familie.Wenn es nicht so gut lief, wandte ich michan sie und führte Selbstgespräche. Zwei große Bilder,die an die Entstehung des Werkes erinnerten, ziertendie Wand. Die Stores waren immer runtergelassen, umdie interne Ruhe zu unterstreichen. Hier konnte ichgut nachdenken.Tommaso schaute Dr. Gloden an und sagte: „KönnenSie für mich den Computer starten, das vereinfachtden Zugang.“„Hat Ihnen Ihr Vater denn nicht die Codes gegeben?“,fragte er überrascht.„Ja sicher“, erwiderte Tommaso.„Da fehlt aber noch einer, den kenn ich nicht“, be-merkte Dr. Gloden.„Den hat mir mein Vater mitgeteilt. Sie können unsjetzt ruhig alleine lassen und weiter Ihrer Arbeit nach-gehen, wir möchten Sie nicht aufhalten.“„Kein Problem, aber …“Er wollte noch etwas sagen, aber Tommaso unterbrach 196
  • 193. ihn: „Sie können ohnehin nichts mehr für uns tun,den Rest mach ich alleine. Zudem hab ich eine Ex-pertin dabei, wenn’s nicht klappen sollte. Fräulein Al-meida ist eine hervorragende Computeranalytikerin.Sie wird mit jeder Maschine fertig“, log Tommaso.„Na gut, aber ich darf Sie nicht alleine lassen, wurdefestgelegt.“„Gut, dann lassen Sie uns anfangen“, sagte Tommasogenervt, worauf Dr. Gloden sich hinsetzte und denComputer startete.„Gleich haben wir es.“ Nach etwa zwei Minutenstand der letzte Code zur Eingabe bereit.„Dr. Gloden, würden Sie bitte etwas zur Seite gehen,damit ich den Code meines Vaters eingeben kann.“Ich hatte ihn nirgendwo aufgeschrieben, damit keinerihn entwenden konnte, und vermochte die Dateibe-arbeitung mit einem zweiten Code aufrechtzuerhalten,sonst würde er sich alle 64 Sekunden selbst ausschal-ten. Dr. Gloden, der etwas nervös wirkte, stand etwasabseits und ahnte wohl, dass etwas nicht stimmte.„Ich werde mich beeilen“, beruhigte Tommaso ihnund versuchte, in einem versteckten Fenster in denComputer von Dr. Gloden zu gelangen. Es funktio-nierte zum Glück auf Anhieb. Seine gesamte Korre-spondenz der letzten sechs Monate öffnete sich vorTommaso, die er sofort herunterlud, zeitgleich miteinem Teil der Daten meines Terminkalenders. Sokonnte man nicht sehen, dass dahinter ein anderesProgramm ablief und downgeloadet wurde.Dr. Gloden versuchte herauszufinden, wofür dieDaten waren.„Damit die Konferenz mit dem nötigen Material be-liefert werden kann“, gab Tommaso zurück.„Wie läuft’s denn so in Nizza, kann man mit einem 197
  • 194. guten Ergebnis rechnen?“, fragte Dr. Gloden, um ab-zulenken.„Kann im Moment keiner sagen.“„Ist bestimmt nicht einfach, einen Interessenkonfliktzu umgehen“, fügte Dr. Gloden etwas sarkastisch hin-zu. Als keine Antwort von Tommaso kam, fuhr er fort:„Es würde mich nicht wundern, wenn keine Eini-gung zustande käme.“„Wie lange arbeiten Sie und mein Vater eigentlich zu-sammen?“, konterte Tommaso etwas gereizt.„Nichts für ungut, Ihr Vater und ich haben vieleStunden zusammen verbracht, aber ich glaube ein-fach nicht daran, dass diese Welt es so wünscht, wieIhr Herr Vater es anbietet. Es sollte einer die Leitungund die Verteilung des Gesamten übernehmen. Da-durch wäre man an die Verpflichtungen gebunden,die vom Vertreiber angegeben werden, und die Inves-titionen mit entsprechender Rendite könnten an dieKreditanstalten zurückfließen. Eine Menge Geld undArbeitsplätze …“„… und eine Menge Nichts für denjenigen, der sichdas nicht leisten kann“, fiel Tommaso Dr. Gloden indie Parade.Dr. Gloden schwieg. Er hatte verstanden, dass Tom-maso und ich das Thema ähnlich betrachteten.In diesem Augenblick traten zwei Männer in denRaum und postierten sich neben der Tür. Dahinterkam Herr Piersch.„So, Fräulein Almeida, Herr Brink junior, ich habeAnordnung, Sie ohne das Material gehen zu lassen undHausverbot für Sie und Ihren Vater zu erteilen. Wei-teres kann und will ich hierzu nicht sagen. Also, ichbitte Sie, unser Werk zu verlassen. Ihrem Vater werdennatürlich alle seine Sachen zugeschickt. So, das war’s! 198
  • 195. Kein weiterer Kommentar.“Die beiden anderen Männer bewegten sich auf Tom-maso zu, doch Serena sprang ihnen entgegen, um sieaufzuhalten. Sie blieben stehen, ein Handgemengeentstand. In dieser Situation bediente Tommaso noch-mals eine Taste und zog den Stick heraus. Er sprangnun ebenfalls auf und stemmte sich gegen den Typen,der auf ihn zukam, dieser torkelte und fiel zu Boden.Da ließ der andere Serena los und griff nach Tom-maso. Er duckte sich, griff den Arm von Serena undsie liefen den Gang hinauf zum Aufzug. Tommaso be-tätigte den Knopf und die Tür ging auf. Sie wähltendas Erdgeschoss. Zwischen den Schiebetüren tauchteplötzlich ein Arm auf, und Tommaso musste Gewaltanwenden, indem er den Mann durch den offenenSpalt mit einem Fußtritt in den Magen zurückdrängte.In letzter Sekunde gelang es Tommaso, nochmals aufden Knopf zu drücken, damit die Türen sich schlos-sen. Endlich ging es abwärts.„Das war knapp!“, sagte Serena erleichtert und etwasbleich im Gesicht.„Ja! Ich muss den Aufzug im ersten Stockwerk anhal-ten, wir fliehen dann über die Treppen, das vermutensie nicht“, meinte Tommaso und drückte die Taste.Als der Aufzug anhielt und die Türen sich öffneten,standen zwei Frauen vor ihnen, die hereinwollten.Tommaso hielt Serena am Arm.„Wir fahren in die Tiefgarage, wo wollen Sie hin?“,erkundigte sich eine der Frauen.„Ja, wir auch“, gab Tommaso betont freundlich zu-rück.„Du fährst vor“, sagte sie zu ihrer Kollegin. „Wir tref-fen uns dann hinten, okay?“„Ja, ist gut.“ 199
  • 196. In diesem Augenblick änderte Tommaso seinen ur-sprünglichen Plan, indem er die andere Frau beimHinausgehen aus dem Aufzug verfolgte. Serena ver-stand Tommasos Vorhaben mit kurzer Verzögerung. Ertat so, als müsste er in dieselbe Richtung. Die Fraunahm die Fernsteuerung heraus, um den Wagen start-klar zu machen.Dann sagte sie: „Tür auf und Radio an, Motor startenund ausfahren.“Der Wagen rollte rückwärts aus der Parklücke. In demMoment machte Tommaso einen Satz auf sie zu, hieltihr den Mund zu und nahm ihr den Kommando-schlüssel ab, um im Handbetrieb weiterzufahren. Dader Wagen nur auf die Stimme des Besitzers reagierte,musste Tommaso verhindern, dass sie dem Wagen an-dere Befehle gab. Sie musste mit einsteigen, währendSerena sich hinters Steuer setzte.„Sorgen Sie dafür, dass alles glattgeht und wir heilrauskommen, sonst seh ich mich gezwungen, Ihnenwehzutun“, zischte Tommaso. „Verstanden?!“Die Frau nickte nur. Serena fuhr mit quietschendenReifen Richtung Ausgang.„Tommaso, da ist eine Schranke und einige Männer inUniform, was soll ich machen?“„Fahr drauflos, ohne Rücksicht.“„Aaaah“, schrie Serena.Die vier Männer sprangen zur Seite. Wenig später wa-ren sie draußen auf der Straße. Das Licht blendete alle.Serena riss das Steuer nach rechts und fuhr Vollgas dieStraße hinunter. Ehrlich gesagt, sie wusste nicht, wo-hin.„Wo geht’s zum Bahnhof?“, fragte Tommaso und lösteendlich die Hand vom Mund der Wagenbesitzerin.„Es wurde auch Zeit! Wissen Sie, mit wem Sie es zu 200
  • 197. tun haben? Und was soll das Ganze? Wer sind Sie undwas wollen Sie?“, sträubte sie sich. Sie schrie nun: „Ichwerde überhaupt keine Auskunft geben. Lassen Siemich los, Sie, Sie verdammtes Arschloch. Ich werdeSie anzeigen.“„Tun Sie das. Wenn Sie uns verraten, wo sich derBahnhof befindet, lassen wir Sie frei, hier und jetzt.“Sie gab eine brauchbare Wegbeschreibung.„Darf ich jetzt aussteigen? Was ist mit meinem Wa-gen?“„Den können Sie am Bahnhof abholen“, antworteteTommaso. „Serena, halt drüben hinter dem roten Wa-gen an.“„So, meine Liebe, Sie können hier aussteigen.“ Erstieg als Erster aus und ließ sie aussteigen. „Es tut mirleid für die Unannehmlichkeiten, aber Ihre Kollegenhaben uns keine andere Wahl gelassen.“ Er schaute siean und bemerkte erst jetzt, dass er eine gut aussehendeFrau vor sich hatte.„Wie heißen Sie?“, fragte sie.„Brink. Warum?“„Um eine Anzeige zu machen“, fuhr sie fort, „Sie …Sie  …“ Sie wusste nicht, was sie sagen sollte, undwinkte mit der Hand ab.„Also dann, Sie finden Ihren Wagen vor dem Bahn-hof, wenn nichts dazwischenkommt. Geben Sie mirIhr Handy, damit sie nicht auf dumme Gedankenkommen.“Sie weigerte sich und versicherte, niemanden anzu-rufen zu wollen, bis sie weit genug waren. Irgendwieglaubte er ihr und stieg vorn ein.Er wusste nicht, dass er gerade meiner Lieblings-mitarbeiterin für die laufenden wissenschaftlichenProjekte, Fräulein Antonia, den Wagen geklaut oder 201
  • 198. vielmehr ausgeliehen hatte. Darum hatte sie keinenunnötigen Wirbel gemacht, als sie hörte, dass es sichum meinen Sohn Tommaso handelte. Sie war Mit-te dreißig und schon immer hinter mir her gewesen,aber außer einem Abendessen war nichts dabei her-umgekommen.Tatsächlich rief sie nicht die Polizei an,dafür aber im Werk, um mit Piersch zu sprechen.„Hören Sie, was soll das ganze Theater, mich hat gera-de der junge Brink mit einer jungen Dame mit mei-nem eigenen Auto entführt. Ich steh hier mitten inder Stadt und will von Ihnen wissen, was das soll? Wasist passiert? Wo befindet sich Dr. Brink?“„Also beruhigen Sie sich, ich schicke einen Wagenund werde Ihnen alles erklären.“„Ich brauch keinen Wagen, ich bin verabredet undnehme mir ein Taxi.“ Sie beendete das Gespräch undwar richtig sauer auf Piersch.Serena fuhr Richtung Bahnhof. Tommaso legte dieHand auf ihre Schulter und versuchte, sie zu beru-higen und ihr zu erklären, dass sie nach Frankfurtzum Flughafen fahren sollte. Unterwegs erlebten sieeine weitere Überraschung. Der Winter hatte wiederEinzug in Deutschland gehalten, wobei ein Schnee-sturm mit Schneeverwehungen von über einem Me-ter für Chaos in der Großregion Frankfurt sorgte. Dadie Autobahnen nicht mehr befahrbar waren, saßensie nun in einem 30-Kilometer-Stau fest. Ein Glück,dass sie die Taschen bei sich hatten. So konnten siesich wärmer anziehen, wenn die Brennstoffzelle desHybridfahrzeugs leer war. Sie hatten damit gerechnet,bis Frankfurt zu kommen, aber so würde es in einerStunde vorbei sein mit Fahren und Wärme.„War besser in Mexiko“, sagte Serena. 202
  • 199. „Du wolltest ja unbedingt mit.“„Dies hattest du auch nicht erwartet, so plötzlich.“„Nein, aber so weit ist es schon gekommen mit demKlimawandel.“„Da kannst du sehen, unsere Daddys sind auf der rich-tigen Spur, was die wissenschaftliche Forschung an-geht“, sagte Serena trocken.„Da gibt es keinen Zweifel“, bestätigte er. „Ich schaltealles aus, damit wir die Brennstoffzelle schonen kön-nen. Wer weiß, wie lange wir hier noch ausharrenmüssen.“„Es scheint noch kein Ende in Sicht zu sein“, bestä-tigte Serena.Draußen liefen Menschen hin und her, um sich überden Ernst der Lage zu informieren und zu erfahren,wie lange es noch dauern würde.Tommaso ließ den Sitz in Liegeposition bringen, umetwas zu schlafen, als jemand in Uniform ans Fensterklopfte.„Ihr werdet erfrieren, hier zwei Decken vom RotenKreuz. Sie wurden gerade mit Kleinlastern range-schafft“, sagte ein bärtiger Typ.„Danke.Wie lange wird es noch dauern, bis die Auto-bahn frei ist?“, fragte Tommaso.„Keine Ahnung, gehen Sie davon aus, bis morgenFrüh. Wir bringen später noch heißen Tee. Also dann,ich muss weiter.“ Er verschwand im Schneetreiben.„Keine guten Aussichten. Ich trau mich nicht anzu-rufen“, sagte Tommaso.Was jetzt ziemlich sicher war, die Verfolger hatten ihreSpur verloren. Sie nahmen die Decken und kuschel-ten sich hinein. Serena legte nach einer Weile denArm auf seine Brust und kraulte ihn liebevoll. Tom-maso ließ es geschehen und fühlte eine wohltuende 203
  • 200. Wärme aufsteigen.„Bleib so, Tommaso“, sagte Serena liebevoll, und erverstand sofort, dass sie jetzt nicht mehr wollte. Erstreichelte ihre Hand und bald schliefen sie ein.Die aufgebrachten Russen wollten verhindern, dass eszu einer Ratifizierung kam, zumal China sie bereits iminternationalen Handel mit dem Westen und Amerikaüberholt hatte. China konnte mittlerweile alles liefern,und das hochwertig, egal, was es war. Eine wirtschaft-liche Macht wie China sollte nicht auch noch derEnergieversorger der Erde werden, und das hundertJahre lang. Daher reichten die Russen ihr Veto ein.Der Gipfel drohte zu platzen und wieder vertagt zuwerden. Die Ölstaaten wollten sich dem anschließenund sogar Frankreich war für die Europäische Unionauf einmal ein Querdenker geworden. Das Papier, dasman erarbeitet hatte, war in diesem Moment nichteinmal die Tinte wert. Ich sagte mir, wenn es zu kei-nem Kompromiss käme, wäre das ganze Projekt unddie Zukunft unseres Planeten besiegelt. Ein wilderKonkurrenzkampf seitens der Öl-, Strom- und Was-serlieferanten würde die Folge sein. Der kleine Mannkönnte die schon jetzt horrenden Preise nicht mehrbezahlen. Die Lebenshaltungskosten stiegen in enor-me Höhen. Dazu kamen die Sozial-, Gesundheits- undAltersversorgung, die nur noch private Gesellschaf-ten anboten, wobei die einzelnen Staaten seit Jahrennichts mehr für ihre Bürger zu tun vermochten. Voneinem Sozialstaat konnte schon lange nicht mehr dieRede sein. Jeder musste zusehen, wo er blieb.Doch zurück in den Konferenzraum, wo es bei derAbstimmung eine Zweidrittelmehrheit benötigte, abernur knapp die Hälfte für einen Politikwechsel votie- 204
  • 201. ren würde, wenn nicht noch ein Wunder geschah. Esschien so, als wollten die Amerikaner den Zug nichtverpassen. Sie zogen mit einem Mal eine Alternativeaus dem Hut, was mich wunderte, sich andererseitsaber ziemlich positiv anhörte.„Meine sehr verehrten Damen und Herren, wir hät-ten folgendes Angebot zu machen: Wir stimmen zu,die Ressorts rotieren zu lassen, aber wir wollen auchunsere Bedenken zu der vorgeschlagenen hundert-jährigen Verwaltung der Energieversorgung äußern.Unserer Ansicht nach sollte die Verwaltung unterinternationaler, sprich UN-Kontrolle stehen, wäh-rend China die Finanzierung übernimmt und dieSteuereinnahmen erhält. Somit wäre der Kuchen füralle Beteiligten gleichermaßen aufgeteilt. Die Steuer-einnahmen sichern die Finanzierung, und durch dieinternationale Verteilung und Preiskontrolle wird dasRisiko der Eskalation gebannt. Des Weiteren möchteAmerika die technische Logistik zum Bau der An-lagen übernehmen, wobei diese an verschiedenenStandorten gleichzeitig errichtet werden sollten.“Zustimmendes Murmeln ging durch den Saal. DieLösung schien allen plausibel. Aber wir wussten, derTeufel steckte im Detail.„Hierzu gründen wir“, fuhr er fort, „einen Ausschuss,der den Vertrag mit gesetzlichen Vorgaben ausarbeitensoll. Dieser Vertrag sollte das Fundament der Mensch-heit darstellen und in die Verfassung aufgenommenwerden. Ich hoffe, dass wir uns einig sind und unsbesinnen, dass wir unserer Mutter Erde etwas zurück-geben. In diesem Sinne, vielen Dank“, schloss er seineRede.Ein turbulenter Applaus brach los. Ich glaube, wir habenes geschafft, dachte ich und schaute in die lächelnden 205
  • 202. Gesichter von Guiglelmo und León. Wir konnten mitdieser Lösung leben. Es musste nur alles organisiertwerden.Endlich stand die geheime Abstimmung an. Vor derAuszählung konnten wir im Foyer noch etwas zu unsnehmen und einige Details besprechen.Der UN-Generalsekretär gesellte sich zu uns und sag-te zuversichtlich: „Wenn das nicht klappt, fresse ichein Jahr lang Raps.“Wir mussten lachen.„Wir können Ihnen welchen besorgen, kein Prob-lem“, gab ich erfreut zurück.In Deutschland war Raps einer der wichtigsten Öl-produzenten der letzten fünf Jahre für die Autoindus-trie. Man konnte ihn mittlerweile an jeder Zapfsäuleerhalten.Drinnen wurden indes die Stimmen ausgezählt. Zwei-hundertfünfundneunzig votierten mit Ja, neunund-siebzig mit Nein, bei vierzehn Enthaltungen – eineknappe Dreiviertelmehrheit. Alle applaudierten. Na ja,nicht alle.„Meine Damen und Herren, wir sind am Ziel. Heute,zu dieser Stunde haben wir Geschichte geschrieben.Wir können stolz sein. Es war ein harter Weg bis hier-her, damit bald ein sauberer Kreislauf entstehen kann.Ich empfinde wie damals, als der erste Mensch denMond betrat: ›Ein kleiner Schritt für den Menschen,aber ein großer für die Menschheit.‹An dieser Stelle möchte ich jedem von Ihnen danken.Aber uns bleibt wenig Zeit und wir sollten sofort da-mit anfangen. Herr Brink und seine Mannschaft be-kommen jede erdenkliche Hilfe und die Mittel, umdas Projekt schnell zu realisieren. Sobald alles abge-klärt ist, können die ersten Anlagen entstehen. Alle 206
  • 203. sollen davon profitieren, und das zu einem vernünfti-gen Preis und bis in die abgelegensten Gebiete dieserErde. Die verschiedenen Länder und die dazugehöri-gen Gremien wollen sich zu einer weltumschließen-den Konferenz treffen und Pläne erarbeiten, um einNetz zu schaffen, damit die neue Energie jedem zu-gutekommt. Hierfür benötigen wir eine transparenteEnergieversorgung. Ein jeder sollte hundertprozenti-gen Einsatz und Verantwortung mitbringen. Nur sogelingt es uns, eine saubere Umwelt zu schaffen undalle Krisen und Kriege von uns fernzuhalten. Ich binstolz auf diesen Zusammenschluss und wünsche alleneine bessere Welt. Nun bleibt nur noch, den nächs-ten Termin festzulegen, bevor wir wieder zu unserenFamilien gehen können. Vielen Dank, Gott behüteuns.“Ohrenbetäubender Applaus donnerte durch denKonferenzsaal. Jeder war aufgestanden. Alle Medienkonnten jetzt informiert werden, die die Nachricht inWindeseile unter die Bevölkerung bringen würden.Für uns bedeutete das, in nächster Zeit mit Hoch-druck zu arbeiten.Es sollte jedoch alles anders kommen. Wie schon inder Bibel geschrieben steht: Der Weg war holperig.Es erforderte Mut, Pioniergeist und junges Denken.Das Ganze sollte von der Jugend kommen und nichtvon alten Hasen, die in mancher Hinsicht zu viel zu-rückschauten. Ich wollte diesbezüglich meine Kinderfördern, wenn sie wollten.Ich konnte nicht schlafen und stand noch einmal auf.Tommaso und Serena hatten sich noch nicht gemel-det. Ich machte mir Sorgen. Als plötzlich Teresa neben 207
  • 204. mir stand, erschrak ich fast.„Kannst du auch nicht schlafen?“, fragte sie ermattet.„Sie gehen nicht ans Telefon, es ist ausgeschaltet. Istdas gut oder schlecht?“„Ich weiß es nicht. Vielleicht, um nicht lokalisiert zuwerden. Im Werk haben sie gesagt, sie wären nachzwei Stunden zum Flughafen gefahren. Denen trauich nicht über den Weg.“Gegen drei Uhr morgens wurden sie geweckt. Es wareisig.„Es geht weiter“, informierte sie eine Stimme durchdie Scheibe. „Langsam, aber sicher.“ Der junge Manngab die Nachricht auch an die anderen Wagen weiter.Tommaso ließ den Motor an und fuhr langsam an,während Serena zusammengerollt auf dem Hintersitzschlief. Irgendwann gegen sieben Uhr erreichten sieden Flughafen und buchten zwei Tickets nach Nizza.Bis zum Mittag hatte die Presse bereits mehrere Inter-views mit uns gemacht. Es stellte natürlich eine Sensa-tion dar, dass nach all den World-Economic-Foren dieUN jetzt einen so großen Erfolg verbuchen konnte.Sie hatte an Ansehen und Macht gewonnen. Ich hoff-te nur, dass alles gut gehen würde. Es klopfte und nochein Pressemann wollte ein Interview.„Ich hab genug, es reicht für heute. Sie sollen sichtelefonisch anmelden“, sagte ich zu León und den an-deren.„Find ich auch“, bestätigte Guiglelmo. Die anderennickten.Jemand versucht sich doch noch Eintritt zu verschaffen,dachte ich, bis ich die Stimme erkannte. „Dad, seidihr da drinnen?“ 208
  • 205. „Mensch, das ist Tommaso.“Jackie lief sofort zur Tür und fragte: „Wo ist Serena?“„Hier, Mom.“„Gott sei Dank. Ich hab die ganze Nacht gebetet.“„Warum habt ihr euch nicht gemeldet?“, wollte Leónwissen.„Ist eine lange Geschichte“, gab Tommaso zurück.„Die wollten uns ohne die Daten hinausschmeißen.“„Was ist geschehen?“, fragte Jan. „Diese verdammtenMedpharma-Heuchler“, machte Jan seinem ÄrgerLuft.„Jetzt mal langsam und eins nach dem andern“, sagteich. „Bitte, wo seid ihr gewesen?“„Papa, in letzter Sekunde  …“, erwiderte Tommasound Serena erzählte den ganzen Ablauf.Für mich war wichtig, was sich auf dem Memorystickbefand und welche Kontakte Dr. Gloden hatte. Nach-dem der Computer eingeschaltet worden war, saßenwir alle um den Bildschirm herum. Tommaso führtealle Handlungen durch und gab die Passwörter ein.Die Terminliste der letzten sechs Monate tauchte auf,war aber verschlüsselt.„Scheiße“, sagte León, „und was jetzt?“„Nicht verzweifeln“, sagte Tommaso, „wir knackendas schon.“Er haute in die Tasten und versuchte auf verschiedeneArt und Weise, hinter das Geheimnis der Codierungder Namen zu kommen. Uhrzeit und Datum warenuncodiert, aber wir brauchten die Namen, um unseinen Reim machen zu können.„Ich hab’s, es fängt mit einem ›S‹ an.“Der Computer spuckte Tausende von Buchstaben ausund suchte nach den Silben.„Ich glaub, ich weiß es“, rief ich. „Versuch Spitzber- 209
  • 206. gen.“Sobald Tommaso das Wort eingetippt hatte, stoppteder Computer seine Aktivitäten. Der Schirm verdun-kelte sich.Alle sagten enttäuscht: „Nein!“„Abgestürzt?“, fragte León.„Oder Neustart?“, hoffte ich.„Paps, du hast recht.“Was für eine Hektik, dachte ich.„Wir haben wieder Kontakt“, rief Jan aus.„Ja, sieht gut aus“, ermutigte uns Guiglelmo. Füreinen Italiener war er eher ein stiller Mensch, bedachtund nachdenklich. Er wurde auch immer Dottoregenannt, obwohl er Professor der Physik war. Aberkeiner nahm das in Italien so genau. Mit Titeln wieCavaliere, Commentatore, Dottore oder Don wurdenMenschen gerne angesprochen, um jemandem zuschmeicheln oder als wichtig wirken zu lassen.Der Schirm wechselte einige Male die Farbe und be-gann auf einmal Texte zu laden. Jedes Mal tauchteneben dem Datum auch die Uhrzeit auf sowie diejeweilige Person oder Telefonnummer der dazugehö-rigen Firma.„Das wird nicht leicht“, meinte Jan.Wir gingen die Namen alle durch. Es befanden sichzwei russische und drei chinesische Namen darunter.„Auf diese fünf Namen müssen wir uns konzentrie-ren: Prokow, Milanosk, Li Ning, Zao Chan, Lu Yen,um die weiteren kümmern wir uns später“, bemerkteich. „Mit diesen Namen steht Medpharma nicht di-rekt in Kontakt, sie sind mir völlig unbekannt.Von denanderen kenne ich mehrere.Wir müssen herausfinden,mit wem sie in Verbindung stehen und zu welchenFirmen sie gehören. Das könnte eine Spur sein.“ 210
  • 207. „Wo fangen wir an?“, wollte León wissen. „Mankönnte im Internet recherchieren. Firmen und Na-men von Direktoren, Aufsichtsratsvorsitzenden, Ma-nagern und dergleichen. Ich weiß, das kostet Zeit,aber wir müssen es versuchen.“„Eine andere Lösung wäre, Dr. Gloden selbst zu fra-gen“, lautete Guiglelmos Vorschlag. „Tommaso, dukennst ihn ja bereits und weißt, wie er aussieht. Wirkönnten ihm einen überraschenden Besuch abstatten.So wie sie es mit uns gemacht haben“, fuhr Guiglel-mo etwas aggressiv fort.„Willst du dich rächen?“, fragte ich ihn.„Nein, aber ausquetschen werde ich ihn. Wo habt ihrdie Dokumente?“„Guiglelmo, wir müssen uns beraten. Was meint ihr?“León drehte sich zu den anderen um.„Ich bin dafür, dass Gloden ein paar auf die Nüsse be-kommt“, meinte Jan.„Und ich bin dafür, jetzt Schluss zu machen“, sagteTeresa mit fester Stimme. „Ihr wollt doch nicht kri-minell werden. Es gibt bestimmt einen anderen Weg,um an diese Leute heranzukommen.“„Ich hab’s“, kam mir eine Idee. „Tommaso, du hastdoch den Wagen von meiner engsten MitarbeiterinAntonia Stevenson mitgenommen. Sie könnte unshelfen. Sie steht auf unserer Seite, das weiß ich. Dasist unsere Chance, herauszufinden, wer dahintersteckt.Ich vertraue ihr und werde sie morgen sofort anrufen.So, jetzt gehen wir schlafen.“„Eine gute Nacht allerseits“, sagte Jackie, und alle gin-gen auf ihre Zimmer.Tommaso und Serena wollten noch etwas zusammen-bleiben und verschwanden in seinem Zimmer. Keinermachte eine Bemerkung. 211
  • 208. Tausende von Gedanken schossen mir durch denKopf. Die Gefahr lauerte überall. Nicht, dass ich ner-vös wurde – aber wie sollten wir uns gegen diese Leu-te oder Intrigen schützen? Die Gefahr konnte sowohlvon den Konzernen als auch von politischer Seite aus-gehen. Schlagartig wurde mir bewusst, dass dies nurder Anfang einer Hetzjagd auf meine Technologie zurEnergieversorgung darstellte. Dass die UN sich derSache angenommen hatte, beruhigte mich ein wenig.Irgendwann musste ich dann eingeschlafen sein.Ich wurde vom Telefonläuten geweckt. Tastend griffich mit der linken Hand zum Hörer. „Ja, wer ist dort?“,fragte ich mit verschlafener Stimme.„Gebraucht die Daten von Dr. Gloden nicht, umrumzuschnüffeln, ansonsten geht es euch dreckig, ihrarrogantes Pack“, drohte eine etwas verstellte Män-nerstimme auf der anderen Seite, ehe das Besetztzei-chen erklang.Ich schaute verblüfft den Hörer an. Wie waren sie anunsere Zimmertelefonnummer gekommen, und wo-her wussten sie, dass wir die Namen besaßen? Mirwurde sogleich ein bisschen mulmig.Teresas Stimme holte mich wieder aus meinen Ge-danken zurück. „Wer war das?“ „Falsch verbunden“, log ich, wusste aber nicht, wa-rum. Wollte ich sie damit beschützen? Sie sollte sichkeine Sorgen machen.Am Frühstückstisch erwähnte ich, dass wir etwas be-sprechen mussten, bevor ich Antonia anrufen wollte,und die Bedrohung nicht auf die leichte Schulter neh-men sollten. Es war uns nicht sofort aufgefallen, dassSerena und Tommaso nicht am Frühstückstisch saßen, 212
  • 209. oder alle schienen dasselbe zu denken, bis Marcellameinte: „Unsere Turteltäubchen schlafen noch.“Wir wollten lachen, brachten aber nur ein komischesGrinsen heraus.„Lass sie doch“, sagte Guiglelmo, „sie verstehen sichoffenbar prima.“„Aber wir haben nicht das Gegenteil behauptet“, ver-suchte Jackie ihn zu beruhigen. „Sie müssen wissen,was sie tun. Sie sind jung und wollen sich auch einbisschen amüsieren.“ Es klang abgedroschen.Ich behielt jeden Kommentar für mich.Teresa stand auf und verließ wortlos den SpeiseraumRichtung Aufzug. Ich dachte, o weh, jetzt kriegt Tomma-so etwas zu hören. Ich erwartete, dass er unsere Freund-schaft mit León und seiner Frau respektierte und sichzurückhalten würde. Nicht mehr und nicht weniger.Ich wollte der Liebesgeschichte zu diesem Zeitpunktkeine Beachtung schenken. Die Überraschung trafuns wie ein Blitz, als Teresa mit schnellen Schrittenund verschrecktem Gesicht zurück in den Saal kam.„Was ist los?“, fragte ich und stand auf, um ihr ent-gegenzugehen.Sie hielt sich an mir fest und stammelte: „Das … dasZimmer ist durchwühlt worden und leer.“„Oh Gott“, sagte Jackie.Mittlerweile waren alle aufgestanden und León liefzum Aufzug. Wir folgten ihm.„Jetzt reicht’s“, meinte Jan.Wir liefen den Korridor hinunter zum Zimmer 3605.Teresa hatte die Tür nur angelehnt und betrat auch alsErste wieder das Zimmer.„Schaut, alles durchwühlt!“„Wer hatte den Stick mit den Daten?“, wollte Jackiewissen. 213
  • 210. „Tommaso“, erwiderte ich etwas gereizt.„Scheiße, dann sitzen wir in der Klemme, wenn sieihn gefunden haben“, meinte Guiglelmo.„Schau mal im Computer nach, ob sie gespeichertsind – und wir werden sofort die Polizei informieren“,sagte León mit grimmiger Miene und wurde wütend.„Jan hat recht, mir reicht’s auch, ich steige aus.“Keiner sagte ein Wort, bis Jackie das Wort ergriff: „Dashättest du dir eher überlegen sollen. Wir werden allestun, um die Kinder gesund zurückzuholen. Außerdemwill ich, dass diese Schufte gefasst werden.“Das Telefon klingelte. Sofort nahm ich den Hörer ab.„Schaltet auf keinen Fall die Polizei ein. Verstanden?Ihr Idioten habt wohl geglaubt, dass wir euch dieDaten einfach so überlassen. Außerdem, Dr. Glodenbraucht nur noch wenige Tage, um auch die Formelzu besitzen. Es wird also sehr schwer sein, den Be-weis herzustellen, wem die Formel gehört. Vielleichthabt ihr sie ihm geklaut, heißt es dann. Wenn ihr ver-nünftig seid, sind die beiden Vögelchen in ein paarTagen, wenn Dr. Gloden fertig ist, wieder bei euch.“Das Telefon verstummte abrupt, bevor ich etwas sagenkonnte.„Hallo, hallo, sind Sie noch dran?“Mensch, was für eine Sauerei. Wir saßen fest. Ichmusste versuchen, sofort mit Antonia Kontakt auf-zunehmen. Ich nahm mein Handy und wählte ihrenNamen. Erst jetzt merkte ich, dass jeder mich mit fra-genden Blicken anschaute.„Entschuldigung, ich muss telefonieren. Es waren dieEntführer“, sagte ich und rekapitulierte das Gespräch.„Geht es ihnen gut?“, fragte Fiona.„Das weiß ich nicht.“„Mein Gott, was sollen wir tun?“, rief Jackie bestürzt 214
  • 211. und hielt Leóns Hände.„Beruhige dich, Schatz, wir werden gemeinsam bera-ten, was wir tun können.“ León schaute mich an.„Ja, ich telefoniere erst mal. Bitte etwas Ruhe.“Ich wählte die direkte Nummer vom Büro.„Ja, hier ist Antonia, was kann ich für Sie tun?“„Ich bin’s, Antonia, Jeff. Hör mal, was ist los beieuch?“„Wieso fragst du?“„Sie haben Tommaso und die Tochter meiner Freundeletzte Nacht entführt auf der Suche nach den Kopienvon Dr. Glodens Terminen.“„Ich hab davon gehört. Aber ich muss auflegen, ichruf dich in einer Viertelstunde zurück. Er kann jedenAugenblick hier sein, dein guter Freund Gloden. Ichtrau ihm nicht über den Weg. Seit du weg bist, ist erständig oben beim Aufsichtsrat. Also bis gleich.“„Ja, bis gleich.“ Ich legte den Hörer auf. „Der Tagfängt ja richtig heavy an“, bemerkte ich. „Dieser ver-dammte Heuchler will sich die ganze Arbeit unterden Nagel reißen. Wir müssen das verhindern. Abererst die Kinder wieder gesund zurückholen.“„Wie willst du das anstellen?“, fragte Jan.Serena und Tommaso erwachten auf einer Pritscheverschnürt nebeneinander in völliger Dunkelheit ineinem Kellergewölbe nicht weit von Nizza, aber aufder italienischen Seite der Côte d’Azur. Die Pritschequietschte bei jeder Bewegung. Obendrein hatten dieEntführer ihre Münder mit Pflaster zugeklebt, damitsie nicht miteinander sprechen konnten, nachdem siesie betäubt und hierher gebracht hatten. Sie konntendraußen das Meer vernehmen und ab und zu das Mo-torengeräusch von Autos. Schritte näherten sich der 215
  • 212. Tür, ehe ein Riegel weggeschoben wurde. Unter derTür schien Licht durch, und es waren auch Stimmenzu hören. Eine Laterne blendete sie, als die Tür auf-ging.Eine Männerstimme sagte: „Ich hab euch was zu es-sen mitgebracht, wenn ihr euch anständig benehmt.“Ein zweiter Mann stellte ein Tablett aufs Bett. Dannzog er Serena von der Pritsche, drückte sie bäuchlingsauf die Matratze zurück und machte ihr einen Armfrei. Sie wehrte sich.„Bleib still! Verstanden! Sonst bekommen die Hundedas Essen.“ Er zerrte sie unsanft am Arm und drehtesie auf den Rücken, die Beine blieben gefesselt. Nach-dem er ihr das Pflaster vom Mund gerissen hatte, be-fahl er: „Verhalte dich ruhig, Indianerin, es kann allesgegen dich verwendet werden.“Sie schaute ihn mit verzerrten und schmerzvollen Au-gen an, ohne einen Laut von sich zu geben. „Und erbekommt nichts zu essen?“, sagte sie, wobei sie mitdem Kopf auf Tommaso deutete.„Halt den Rand und iss, solange du Zeit hast!“Sie hatte keinen Hunger, aber dafür Durst, und fühltesich etwas benommen von dem Narkotikum, das manihr verabreicht hatte.„Bist du fertig?“, erkundigte sich der Typ. „Also danndreh dich um – und keine Spielchen!“ Er verknoteteSerenas Arm schmerzvoll auf den Rücken, bevor erihr ein neues Pflaster verpasste. Sie wehrte sich zwar,aber es hatte keinen Zweck. Der andere Mann rührtesich nicht von der Stelle und beobachtete jede Hand-lung mit einer Waffe im Anschlag. Nun kam Tommasoan die Reihe.Er fluchte: „Ihr verdammten Schweine! Sie kriegeneuch schon. Aah!“ 216
  • 213. Er bekam eine Faust voll ins Gesicht und schrie vorSchmerz auf.„So, das war für dein Benehmen, und wenn du nichtdein Maul hältst, kannst du nur noch Suppe schlür-fen.“Er trank auch nur und spuckte ohne einen weiterenKommentar das Wasser wieder aus, da er aus demMund blutete.„So ist es recht“, sagte der Typ an der Tür.Nachdem Tommaso wieder verschnürt worden warund sein Pflaster verpasst bekommen hatte, zogen sieab. Die Tür fiel zu, und es war wieder dunkel. DerSpalt unter der Tür erlaubte es gerade noch, die Ga-bel zu erkennen, bevor das Licht ausgemacht wurde.Tommaso hatte sie mit einem Bein verdeckt, als ebendas Tablett umgefallen war, und versuchte nun, sie indie Finger zu bekommen, indem er sich sitzend, mitden Händen auf dem Rücken, langsam vorwärtsbe-wegte. Wenig später fühlte er das kalte Metall, griffdanach und kroch weiter Richtung Serena. Er picktesie ins Bein, damit sie verstand, dass er etwas hatte,womit sie sich befreien konnten. Nach einiger Zeitkonnte er einen Arm von Serena befreien und hören,wie sie sich das Pflaster vom Mund zog.„Geschafft“, flüsterte sie. „Wo bist du?“ Sie tastetesich an ihn heran, bis sie spürte, wo sein Gesicht warund riss ihm den Klebestreifen vom Mund.„Diese verdammten Schweine“, lautete sein ersterKommentar. „Mach mich los, schnell, bevor sie wie-der auftauchen. Wir müssen versuchen, denen zu ent-kommen.“Als er seine Hände freibekommen hatte, stand er auf,tastete sich zu Serena und hielt sie wenig später inden Armen. Anschließend löste er die Fessel an ihrem 217
  • 214. anderen Arm.„So, jetzt versuchen wir mit der Gabel die Tür aufzu-bekommen.“ Kein leichtes Unterfangen.Tommaso verbog die Gabel, damit er an den Riegelkam, und mit Fingerspitzengefühl konnte er im Dun-keln den Schieberiegel Stück für Stück aufmachen,ohne laute Geräusche zu verursachen. Die Tür warGott sei Dank nicht mit dem Schlüssel abgesperrtworden, was die Sache vereinfachte und sie Zeit ge-winnen ließ. Aber sie wussten nicht, was sich im Dun-keln hinter der Tür befand.„Bleib dicht hinter mir auf den Knien. Lass uns he-rausfinden, wo der Ausgang ist“, flüsterte TommasoSerena zu.„Gut, also los, ich halt mich an dir fest, pass auf, dassdu nichts umstößt! Sei vorsichtig!“Sie tasteten sich vorsichtig vorwärts und merktenbald, dass sie in einem Korridor steckten. Rechts undlinks erspähten sie zwei andere Türen und am Endedes Gangs eine Holztreppe.„Wir versuchen es in den anderen Räumen. Die Trep-pe ist zu gefährlich“, flüsterte Tommaso.„Denke ich auch. Wir sind offensichtlich in einemKeller.“„Ja, scheint mir auch so.“Die erste Tür war verschlossen, aber der Schlüs-sel steckte. Er drehte ihn langsam um, stieß die Türauf und tastete nach dem Lichtschalter, konnte ihnaber nirgends finden. Links von ihm fiel ein kleinerLichtstrahl in den Raum. Die Augen gewöhnten sichschnell an die Finsternis und sie konnten schemen-haft erkennen, dass sie in einer Waschküche waren.Tommaso näherte sich dem Lichtstrahl und bemerk-te ein Kellerfenster. Sofort machte er sich am Hebel 218
  • 215. zu schaffen und öffnete die Fensterläden. Ein grellesTageslicht erhellte den Raum. Sie mussten aber so-fort feststellen, dass ein Grill mit einer Kette an einemSchloss am Boden verankert war, damit man von au-ßen nicht reinkam.„Scheiße, auch das noch“, bemerkte er. „Gibt es nichts,womit wir das Schloss aufbrechen können?“„Es muss schnell gehen, sie können jeden Augenblickzurückkommen“, sagte Serena mit ängstlicher undnervöser Stimme.Nach kurzem Suchen hatte er Glück, dass er auf einemWandregal eine alte Wasserpumpenzange fand. „Naalso, das könnte klappen.“ Er klemmte den Schnabelin den Schlossring und versuchte mit viel Kraft, denEisenring zu sprengen. Nach einigen erfolglosen Be-mühungen machte er sich an der Kette zu schaffen. Esgelang schließlich, die Schweißnaht etwas zu öffnenund den Eisenring so weit aufzumachen, dass er inden Fensterschacht steigen und gegen den Grill drü-cken konnte. Er ließ sich einfach anheben. Vorsichtigschaute er hinaus auf die Gartenanlagen und sah amHorizont das Meer. Nachdem er nach links und rechtsgeblickt hatte, zog er Serena hoch. Auf Knien krochensie bis zur Ecke. Dort entdeckten sie den Swimming-pool mit der wunderschönen Gartenanlage, wo sicheinige männliche wie weibliche Gestalten um denPool tummelten und den warmen Tag genossen.„Hier ist es zu riskant, den Garten zu durchqueren,vielleicht können wir vorne weg“, flüsterte Tomma-so.Sie liefen an der Mauer entlang wieder zurück undschauten vorsichtig über den Hof, wo einige Wagenparkten.„Niemand zu sehen“, stellte Tommaso fest und zog Se- 219
  • 216. rena an der Hand hinter den ersten Wagen RichtungToreinfahrt. Aber da standen zwei rauchende Männeran der Mauer, die in ein Gespräch vertieft waren.„Pst“, sagte Tommaso, „zwei Leute bewachen denAusgang.“„Was jetzt?“, fragte Serena hastig.„Wir müssen durch die Sträucher bis zur Mauer krie-chen. Komm jetzt.“Als er sie etwas grob hinter sich her zerrte, meinte sie:„Tommaso, du tust mir weh!“„Entschuldigung, aber wir müssen schnell verschwin-den.“Sie krochen hinter eine Hecke, die als Zierde die etwaein Meter achtzig hohe Gutsmauer zusätzlich um-säumte, und mussten genau in dem Augenblick hi-nübersteigen, wenn die Typen sich wieder mit demRücken zu ihnen drehten. Sie liefen jetzt auf und ab.„So, erst du, steig auf meine Hände und schnell weghier.“Sie stemmte ihren Fuß in seine Hände, sodass sie mitdem Bauch auf die Mauer gelangte und sich auf dieandere Seite fallen lassen konnte. Tommaso schautesich um, ob die Wache etwas bemerkt hatte. Im selbenAugenblick schlug jemand in der Villa Alarm.„Verdammt, Scheiße, sie sind weg!“, schrie eine Stim-me. „Sie müssen noch auf dem Gelände sein.“Beide Typen liefen zum Haus und drehten sich um,um den Garten zu überschauen. Mit gezogenen Waf-fen behielten sie jede Bewegung im Auge. Tommasosaß fest, während Serena schon auf der anderen Seitewar. Er konnte nicht hier bleiben. So beschloss er, denBaum links von ihm hochzuklettern und sich übereinen Ast, der über die Mauer hing, fallen zu lassen.Als sich der Ast zu weit bog, brach er ab und machte 220
  • 217. einen ziemlich lauten Knacks. Tommaso fiel schmerz-voll auf den harten Boden. Die Männer schossenpostwendend in die Richtung. Mit einem verzweifel-ten Satz übersprang er mit letzter Kraft die Mauer. Ersah, wie Serena mit vor Schreck geweiteten Augen zuihm hinstarrte und wie angewurzelt dastand. Tomma-so stürzte den Grashügel hinunter zum Weg, der zumHaus führte, bevor sie den Hang hinab zum Meerrannten. Dort lagen jede Menge Felsbrocken.In ihrem Rücken vernahmen sie schreiende Stimmen.„Da unten sind sie!“ – “Ich sehe sie!“ – “Bleibt stehen,sonst schießen wir!“Geduckt sprangen sie hinter die Felsen. Dann liefensie weiter zur Hauptstraße, wo Tommaso versuchte,einige Autos anzuhalten. Ein älterer Herr mit einemPick-up nahm sie schließlich mit, während die Verfol-ger ihnen nur wütend nachschauen konnten.Aber wo um alles in der Welt befanden sie sich?Tommaso wandte sich dem Fahrer zu und erkundigtesich in gebrochenem Französisch: „Können Sie unssagen, wo genau wir hier sind?“„Richtung Menton, etwa noch zehn Kilometer.“„Können Sie uns mitnehmen bis dahin?“„Ich fahre zum dortigen Markt“, erwiderte der Alteund zeigte nach hinten zu den Gemüsekisten. „Ihrseht ziemlich ramponiert aus. Hattet ihr Ärger?“, frag-te er Tommaso und zeigte auf das verkrustete Blut inseinem Gesicht.„Ja leider“, gab er zurück, ohne weiter darauf einzu-gehen.Die Sonne brannte vom Himmel und zeigte die Na-tur längs der Côte d’Azur von ihrer schönsten Seite.Aber das Bild trog. Hier kamen die Reichen zusam- 221
  • 218. men und spannen ihre Fäden für die nächsten ge-schäftlichen Strategien, nicht immer zum Wohle derGesellschaft, wobei Normalsterblichen der Zutritt zueinigen Etablissements vielfach untersagt war. Aberdie Bedrohungen der letzten Jahre kamen aus ganzanderer Richtung.Ich fragte mich immer öfter, ob wir es schaffen wür-den, die Erde zu retten. Die Spannungen mit dem Na-hen Osten, Iran, Irak, Nordkorea würden immer diewestliche Welt bedrohen. Dass es dabei keine Gewin-ner geben konnte, schien den Anhängern des Islamnicht klar oder bewusst zu sein. Mit einer Atombombewar es nicht getan. Die Amerikaner würden mit vollerKraft zurückschlagen, und wo das hinführte, wusstenwir alle. Es würde sich zu einer unkontrollierten, eineeigene Dynamik entwickelnden Eskalation von Ge-walt und Tod ausweiten. Zu Hunger, Seuchen, Epi-demien. Zu einem Chaos ohne Gesetze mit Terror,Hass, Lügen, Intrigen auf allen Seiten. Europa würdeals Erstes fallen. Als hätten wir nicht genug mit demKlimawandel und den wirtschaftlichen Problemen zukämpfen, würden Hunger und Armut infolge ver-seuchter und verstrahlter Gebiete dazukommen undganze Regionen für Jahrhunderte unbewohnbar sein.Ja, damals in meiner Jugend, wo wir noch unbeküm-mert aus Quellen getrunken hatten, die aus Felsspal-ten rieselten, war die Weltordnung noch überschaubar.Nun hatten technische Errungenschaften im Alltagzwar alles vereinfacht, aber auch das gesellschaftlicheMiteinanderleben zerstört.Wo aber war die Natur ab-geblieben? Vielfach konnten wir nur noch in Reser-vaten oder Schutzzonen spazieren gehen. Wir littenunter Elektrosmog und Sauerstoffmangel. Die Preisefür die meisten Rohstoffe hatten unerschwingliche 222
  • 219. Höhen erklommen, jene von Benzin und Heizöl sichverzehnfacht. Da immer mehr Menschen dieser Preis-spirale nicht mehr folgen konnten, verarmten sie. DiePolitik sah machtlos auf die Fusionen der hungrigenKonzerne. Die geschwächten Sozialstrukturen brach-ten kaum noch das Geld für Kranke oder Rentnerauf.Würden wir das Ruder nicht umgehend herumrei-ßen, gingen wir im Strudel all dieser Probleme unter.Keine guten Aussichten also. Was tun? Wir sollten einoffenes Ohr und Augen für Mutter Natur haben, wo-bei wir keineswegs an unseren eigenen Erfindungenscheitern mussten; aber diese mussten besser geplantund eingesetzt werden. Und wir durften uns nichtvon medialen Lügen beirren lassen.Eine neue Weltordnung musste her, ohne die traditio-nellen und kulturellen Eigentümlichkeiten der Men-schen außer Acht zu lassen. Dazu gehörten auch einbesseres Verständnis und Respekt für unsere Erde, da-mit der Tier-, Pflanzen- und Unterwasserwelt wiedereine bessere Grundlage geboten wurde. Keiner sollteweichen für irgendwelche ehrgeizigen Projekte oderPrestigepläne, wie zum Beispiel beim Staudamm inChina, niemand den anderen bedrohen für eigeneZiele und Zwecke. Ich war überzeugt, dass die Men-schen, selbst wenn sie ihr Brot bei einem umweltschä-digenden Unternehmen verdienten, sich zur Wehrsetzen und etwas bewirken konnten.Das Salz der Erde waren wir und nicht diejenigen, dieüber uns bestimmen wollten. Wir mussten ein Güte-siegel auf Lebensqualität erlassen, nicht nur auf Pro-dukte und Preise. Nur so konnten wir den Geschäfte-machern und Spekulanten das Handwerk legen. DieMilliardengewinne der Pharmaindustrie etwa mussten 223
  • 220. anders verwendet werden, als sie an Aktionäre zu ver-teilen, ohne auf das Wohl der Patienten und auf effek-tive Arzneimittel zu achten. Die Produktpalette undder Konsumzwang durften nicht so schnelllebig ge-staltet werden, sondern dauerhaft. Dieses Ziel konntenur dann von Erfolg gekrönt sein, wenn den Men-schen bewusst würde, dass die weltweite Energiever-sorgung unser gemeinsames Erbe war, was kostenlosangeboten werden musste, ohne Nebenwirkung, wiein all den letzten Jahrzehnten des fossilen Raubbaus.Meine Theorie der Energiegewinnung war risikolosund obendrein auf Jahrtausende und für jedermanneinsetzbar. Der Raubbau der Wälder würde gestoppt,den Meeren, den Flüssen und der Atmosphäre einvollkommen neues Leben eingehaucht und nicht zu-letzt die drohenden Kriege rund um die letzten Ener-giereserven entschärft. Die Pyramiden in Ägyptenstellten den Schlüssel für die Nachwelt dar, wo mandiese Energie finden konnte, nämlich in den Meeren,die vier Fünftel der Erdoberfläche ausmachten.Ich konnte jedem nur raten, keinen neuen Alleingangzu versuchen und die erneuerbaren Energien für eige-ne Zwecke zu missbrauchen, zumal ich davon über-zeugt war, dass im Salzkristall eine unendliche undunerschöpfliche Kraft steckte.Bis jetzt, 2013, haben wir eher in Disharmonie mitanderen gelebt, wobei die Völker dabei waren, einselbstmörderisches Programm durchzuführen. Trotzdes Wissens, das Falsche zu tun, hielten wir die Fahnehoch für unser Land und die machtgierigen Konzer-ne, Großaktionäre, Politiker und religiösen Fanatiker.Wir produzierten Waffen, die irgendwo auf der Weltverkauft wurden, damit diese morgen gegen uns ver-wendet werden konnten, ganz zu schweigen von den 224
  • 221. Minenfeldern, eine weitere Absurdität unserer Zeit.Unsere Feigheit, nichts dagegen unternommen undandere Ziele und Maßstäbe gesetzt zu haben, würdeuns eines Tages teuer zu stehen kommen. Die Reichenund Mächtigen würden nichts unversucht lassen, ihreZiele durchzusetzen auf Kosten unserer Naivität oderder Ohnmacht des Einzelnen. Ich strebte keine Anar-chie, keine Revolution und keinen Bürgerkrieg oderirgendwelche Auseinandersetzungen mit der Obrig-keit an, die wir mehr oder weniger gewählt hatten.Aber die Politiker sollten etwas Konkretes unterneh-men, damit der eigenen Bevölkerung die Würde zu-rückgegeben wurde, die mit jedem Gesetz zusehendsschwand. Die Wähler sollten sie vor jeder Wahl einerstrengen Kontrolle unterziehen, um weitgehend zuvermeiden, dass nach dem Urnengang ein komplettanderer Politiker aufzutauchen scheint.Die Globalisierung in den Neunzigerjahren stellteeine wirtschaftliche Erfindung dar, der besser eine so-ziale vorangegangen wäre. Aber die Wirtschaft hatteimmer den Vorzug genossen, während die Menschen-rechte warten konnten.Serena und Tommaso sah man an, dass der Tag sie er-schöpft hatte. Dabei waren sie sehr mutig gewesen,nachdem unsere Gegner wieder zugeschlagen hatten.Der liebe Herrgott meinte es gut mit uns. Ich schlugvor, uns an einen geheimen Ort fliegen zu lassen, abererst wollte ich in Nizza persönlich mit Antonia spre-chen, was wir in einem weiteren Telefongespräch ver-einbart hatten. Danach mussten mit der UN die wei-teren Schritte abgeklärt werden.Ich ließ Antonia mit einer Eskorte am Flughafen ab-holen. Als sie vor mir stand, traute ich meinen Augen 225
  • 222. kaum. Sie war wirklich eine bildschöne Frau. Wir be-grüßten uns mit zwei Küssen auf die Wange, was wirnoch nie zuvor gemacht hatten. Unsere Zusammen-arbeit war bislang immer auf Distanz geblieben.„Ich bin froh, dich wiederzusehen“, sagte ich beinaheflüsternd.„Ich bin froh, dass du noch lebst“, antwortete Antoniamit leuchtenden Augen.„Ohne weißen Arbeitskittel siehst du ganz andersaus“, bemerkte ich lächelnd.„Du hast ja in all den Jahren nur deine Arbeit gese-hen“, gab sie sarkastisch zurück.„So, äh … wo fangen wir an?“, wechselte ich das The-ma, um nicht auf glattes Eis zu geraten. „Ich denke,ein Drink wäre jetzt angebracht. Wir genehmigen unsein Glas Champagner und anschließend lade ich dichzum Essen ein. Okay?“„Mir soll’s recht sein, wenn du dich befreien kannstfür einige Stunden“, sagte sie aufgemuntert.„Kein Problem, wir haben ja schließlich einiges zubesprechen“, versicherte ich ihr.In der Bar angekommen bestellte ich zwei GläserChampagner.„Kommt sofort, Monsieur Brink“, kam prompt dieAntwort.Vom Personal kannten mich bereits alle.„Du, Antonia, ich möchte nicht mit der Tür ins Hausfallen, aber es ist lebenswichtig geworden für uns alle.Was ist eigentlich los bei Medpharma und Gloden?Was will er damit erreichen? Das wird doch niemalsklappen. Bei der Lizenz kann man doch nichts än-dern, die gehört mir, und Medpharma darf sie benut-zen, wenn es so weit kommen sollte.“„Ja klar, du magst ja recht haben. Aber wenn die nureine winzige Änderung anbringen – und es gelingt 226
  • 223. denen tatsächlich –, bist du aus dem Rennen. Sie wer-den dir deine Arbeit vor die Füße werfen und eineneue Lizenz besitzen.“„So einfach geht das nicht.“„Ach nein, denkst du?“, erwiderte sie mit fester Stim-me.Ich musste mir demnach ernsthafte Sorgen machen.Sie wollten mit allen Mitteln an die Akte, sie ent-schlüsseln und so abändern, dass die Funktionsfähig-keit nicht beeinträchtigt sein würde. Nur wussten sienoch nicht so genau, wer über den Schlüssel verfügte.Sie hatten bis zu diesem Moment alle entführt oderzumindest zu entführen versucht, um herauszube-kommen, ob jemand die Unterlagen vom dritten Teilbesaß.„Ich glaube zu wissen, was Medpharma von uns willoder derjenige, der dahintersteckt“, sagte ich halblautvor mich hin.„Siehst du das jetzt ein? Sie wollen dich einschüch-tern. Du wirst nervös und schmeißt alles hin odergibst ihnen deine dritte Akte.“„Einen feuchten Dreck bekommen sie von mir. Ichwerde sie bei der UN anzeigen und Beweise vorlegen,um so auch andere Verrückte vom Projekt und vonuns fernzuhalten.“„Ich habe großen Respekt vor dir, Jeff, aber die schei-nen langsam ungeduldig zu werden, und dann knalltes richtig“, gab sie zurück. „Du musst wissen, Dr. Glo-den ist neidisch und habgierig, aber Macht übt je-mand anderes aus.“„Und wer soll das sein?“„Wenn ich es dir verrate, schweben wir alle in Le-bensgefahr.“„Darf ich raten?“, fragte ich scheinheilig. „Ich glaub, 227
  • 224. ich weiß es.“„Oh, und wer ist es deiner Meinung nach?“„Ein Land im Osten Europas.“„Könnte hinhauen.“„Die Russen etwa?“„Exakt, und es handelt sich um die führenden Köpfein der Regierung. Sie sind einige Male sogar im Werkgewesen, angesichts einer anderen geschäftlichen Zu-sammenarbeit natürlich. Sie wollen sogar ein solchesWerk in ihrem Land errichten.“„Was für ein Werk?“, unterbrach ich sie.„Ein wissenschaftliches Untersuchungsinstitut undeine Pharmaproduktionsstätte mit vier- bis fünf-hundert Mann, der Ablenkung wegen. Die komplet-te Investition übernimmt Moskau. Ist das nicht tollfür Medpharma? Dafür werden viele Mitarbeiter inDeutschland entlassen.“„Ja, aber ist das nicht illegal?“, fragte ich sie.„Nein, aber im Werk werden nun keine Pharmapro-dukte mehr hergestellt, sondern die Anlagen geplantund entwickelt.“„Und Medpharma kann nur die Patentlizenz vorzei-gen, aber die Energieerzeugung nicht vollkommenumsetzen, weil ihnen die dritte Akte fehlt.“„Genau“, gab sie kurz zurück.Wir schwiegen beide, um über unser weiteres Vorge-hen gegen diese Widersacher nachzudenken.Erneut war mir klar geworden, dass unsere besten Er-findungen auch Negatives beinhalteten. Ohne Erdöl,Verschmutzer Nummer eins, würden wir auf der Stel-le treten. Die Kernenergie war eine „saubere Sache“,nur Wasserdampf gelangte in die Atmosphäre, aber einGau würde für Hunderte von Jahren ganze Gebie-te radioaktiv verstrahlen. Das Abholzen von großflä- 228
  • 225. chigen Regenwäldern für den Export und für neueWeiden oder Ackerland verursachte große Schädenfür die Umwelt. Es wurde nicht mehr genug Sauer-stoff produziert. Die Industrieproduktion verseuchteunsere Flüsse und nicht zuletzt verdreckte sie unseregesamte Umwelt. Ein verflixter Kreislauf.Das Meer aber gehörte uns allen, so einfach sollte dassein. Ich war überzeugt, wir würden es schaffen, derWelt eine neue Vision vorzuführen. Auf diese Erfin-dung hatte ich hingearbeitet. In jedem Fall bezahlbarfür jedermann.Antonia schaute mich an und meinte: „Jeff, du siehstetwas müde aus.“„Ja, du könntest recht haben. Wie lange kannst dubleiben?“„Höchstens bis morgen, sonst würde es auffallen. FürMedpharma bin ich mit einer Freundin, die sich dortauch aufhält und auf die ich mich verlassen kann, fürein, zwei Tage in einem Wellnessressort. Sie hat meinHandy mit, das mich nach hier weiterschaltet. Es istalles bestens geregelt, wie du siehst. Ich wollte keinRisiko eingehen. Bin von Saarbrücken mit der Lux-Air geflogen, zunächst bis Bergamo und von dort nachNizza. Dabei wollte ich dich wiedersehen. Es ist leerbei uns ohne Professor Brink.“„Du schmeichelst mir, Antonia. Ehrlich gesagt, ichmag dich und hab dich auch lieb wie eine Tochter“,log ich. Oder meinte ich, was ich jetzt gesagt hatte? Ichsah, wie sie den Blick nach unten neigte, überwandmich selbst und fasste sie mit beiden Händen an denOberarmen. „Antonia, sei mir nicht böse, ich mag dichsogar sehr, aber was soll ich machen? Hilf mir, dieseSache zu Ende zu bringen. Bleib in meiner Nähe. Eswürde mich sehr freuen.“ 229
  • 226. Sie lächelte und lehnte sich an mich. „Du hast recht,ich bin ein bisschen beschwipst, aber ich vertrag kei-nen Champagner oder sonst welchen Alkohol. – So,jetzt ist Schluss und wir wollen stark sein. Dein An-gebot überleg ich mir noch bis morgen, einverstan-den?“„Einverstanden.“Ich hielt ihre Hände fest und begleitete Antonia zumAufzug.„Gute Nacht“, sagte sie verführerisch.„Antonia, geht’s oder soll ich nicht besser bis zu dei-nem Zimmer mitkommen?“, fragte ich unsicher.„Wenn es dir nichts ausmacht, nein. Ich will morgenohne Komplikationen aufstehen können.“„Ich verstehe. Dann schlaf gut. Ich lass jemand im Flurpostieren, also hab keine Angst. Es ist bloß zu deinerSicherheit.“„Danke, ist nicht nötig“, gab sie dankbar zurück.„Doch, die sind überall, und ich möchte nicht, dass dirwas zustößt.“Sie drehte sich um und gab mir sanft einen Kuss aufdie Wange. „Ich hoffe auch für dich, dass nichts pas-siert. Gute Nacht, lieber Kollege.“ Sie verschwandhinter der schließenden Aufzugtür. Sie war hinrei-ßend und liebevoll.Was sollte das Ganze eigentlich? Teresa wartete bereitsseit zwei Stunden auf mich. Ich schloss den Jacken-knopf meines Anzugs, ehe ich mich auf den Weg zuihr und den anderen machte.Während der Fahrt zum Hotel in der Limousine, dieauf mich wartete, hatte ich viel Zeit, über die letz-ten Wochen nachzudenken. Der Chauffeur und meinBodyguard ließen mich wortlos einsteigen. Antoniaverwirrte mich ein wenig, andererseits wollte ich 230
  • 227. nicht viel Zeit damit verschwenden, unsere Gefühlezueinander zu analysieren. Natürlich war das Balsamfür die Seele, aber ich liebte meine Teresa und meineKinder sehr.Stattdessen dachte ich darüber nach, wie wir mit derUN eine reibungslose Instandsetzung der Anlagenhinbekämen. Die Verzahnung der alten Systeme mitden neuen innovativen Strukturen bedeutete meinerMeinung nach allerdings nur Flickschusterei. Mankonnte eine Hose auch nicht endlos ausbessern, ir-gendwann musste eine neue bessere, stärkere undnützlichere her.Die Pyramide war nichts anderes als die tausendfa-che Vergrößerung eines Salzkristalls, den man durchein Mikroskop bei vierhundertfacher Vergrößerungsah. Woher besaßen die Ägypter dieses Wissen? Oderandere Zivilisationen weit vor ihnen, wie einige Le-genden erzählen? Es waren überhaupt keine einzigenHieroglyphen und keine Schriften in den Pyramidenzu finden. Einst soll Afrika mit Südamerika verbun-den gewesen sein. Vielleicht hatten die Afrikaner undIndios aus Mittel- und Südamerika gemeinsame Vor-fahren und verfügten über dieses Wissen.Gehen wir von der Betrachtung der Sonnenbarke aus,dazu die mitgeführte Kiste, dann der Schlüssel desLebens und die Pyramiden. Möglicherweise handeltees sich bei der Kiste auf dem Schiff im Meer naheAlexandria um eine Anlage, die Energie produzier-te. Diese Informationen wurden von den Pyramidengeheimnisvoll gehütet und waren von den Archäolo-gen und Wissenschaftlern noch nicht in Augenscheingenommen worden. Die Sphinx, der Schatzmeisterder Anlage, wurde nach heutigem Wissen durch eine 231
  • 228. andere Zivilisation vor den Ägyptern gebaut. DieserSchatz, also die Anlagen zur Stromerzeugung, befan-den sich in den Pyramiden. Ich wusste, das war starkerTobak für die Wissenschaft. Aber warum sonst solltedas gut sein? Seien wir mal objektiv. Man konnte sicheine Burg bauen, um sich vor Gegnern zu schützen.Man konnte ein Schloss wie Versailles erschaffen, umseinen Wohlstand und seine Macht zu demonstrieren.Man konnte einen Tempel für spirituelle Handlungenerbauen, um zu seinem Gott zu beten. Man konn-te auch ein Denkmal zum Gedenken errichten. Undgenau das stellte einen entscheidenden Aspekt mei-ner Theorie dar. Von den uns bekannten ägyptischenDynastien waren genügend überdimensionale Pha-raonenstatuen und andere monumentale Bauten, wieTempel und Anlagen, zu bewundern, dazu Unmas-sen von Hieroglyphen an den Wänden der Gräber imTal der Könige. Aber keine einzige Hieroglyphe odersonstige Inschrift befasste sich mit dem Bau der Pyra-miden. Nur ein Sarkophag befand sich in der Haupt-kammer der Cheopspyramide, in der ich persönlichgestanden hatte, wo mir nach einigen Minuten einKribbeln über den Körper gelaufen war, ein Gefühlwie bei eingeschlafenen Gliedmaßen. War dort einsteine Anlage untergebracht? Wie wir wussten, hattensich die Könige und Pharaonen im Tal der Königebestatten lassen. Also, wie war das zu verstehen? Han-delte es sich bei den Pyramiden um den Ort, an demdie Seelen der Verstorbenen aus dem Körper tretensollten?Für diese offenbar bewusste Irreführung hatte icheine plausible Erklärung. Wie würde man zum Bei-spiel in fünfzehntausend Jahren die Überreste unse-rer Atommeiler mit ihren gigantischen Kühltürmen 232
  • 229. interpretieren? Vielleicht als Kultstätten einstigerGenerationen? Wer weiß! Nur eins schien sicher zusein: Tage später würden sie an der Radioaktivität er-kranken, ohne vermutlich den Grund zu kennen, wasdazu führen würde, dass dieser Ort Kultstatus erlangenwürde.Handelte es sich bei der oft zitierten Sintflut um einewahre Geschichte oder um eine Legende? Bedeu-tete dieses Naturphänomen den Untergang fast jeg-licher Zivilisation? Möglicherweise musste man umdie Pyramiden herum noch tiefer graben und tiefim Schlamm des Nilbetts gründlich nach Hinweisenüber die damalige Bevölkerung suchen, die dort vorTausenden von Jahren verloren gegangen war.Es wurde auch viel spekuliert über Atlantis, aber ir-gendwo musste ein Kern von Wahrheit sein. Hattegar Platon diese Überlieferung falsch verstanden oderseine Vorstellungskraft versagt? Niemand kannte dengenauen Standort. Nach meiner Überzeugung warunsere Erde bereits mehrmals erneuert worden undAtlantis war die dritte Erde, mit dem Wahrzeichen desDreiecks, welche nach Überlieferung untergegangenwar. Dann entstanden auf der vierten Erde, die dasWahrzeichen des Vierecks trug, die Pyramiden, bevoralles Leben wieder durch die Sintflut erneuert wur-de. Das war der Übergang in unsere, die fünfte Erde,welche das Wahrzeichen des Fünfecks oder des Penta-gramms trägt: es gibt fünf Kontinente, fünf Konfessio-nen, es gab seither fünf Weltmächte, davon letztere dieVereinigten Staaten von Amerika mit dem Pentagon.Jeder dieser Zyklen der Erdauflösung und -erneue-rung dauerte jeweils etwa sechsundzwanzigtausendJahre. Den Gegebenheiten dieser Tage zufolge standdie nächste Erdauflösung, bekannt unter dem Namen 233
  • 230. „Apokalypse“, unmittelbar bevor, welche die sechsteErdenperiode mit dem Wahrzeichen des Sechsecks, aufeiner höheren geistigen Ebene einläuten würde. DerMensch würde ein Fenster in die geistige Welt öffnenkönnen, gleich den Jüngern Jesu, die, in der Erkennt-nis des Geistes, ihren Herrn noch nach seinem Todesehen konnten. Die Welt würde noch des öfteren ver-gehen bis die letzte Erdauflösung die Menschheit indie höchste Ebene und zur vollständigen Vergeistigungführen würde, d.h. unsere leibliche Hülle überflüssigsein und wir vollständig im geistigen Reich verweilenwürden. Wie schon in der Schrift der Schriften er-wähnt wurde: „Mein Reich ist nicht von dieser Welt“.Unser Leben auf Erden würde zu einer Scheinwelterblassen und das Reich Gottes würde als die realeWelt erscheinen.Wir waren im Hotel angekommen.Am nächsten Tag trafen wir in Monte Carlo den UN-Generalsekretär im Hotel. Antonia traf kurz nach unsein und ich machte sie mit den anderen bekannt.„Danke für die Einladung, Herr Brink“, begrüßte unsder UN-Generalsekretär. „So können wir inoffizielletwas besprechen.“Nachdem ich ihn mit meinen Kindern und allen an-deren bekanntgemacht hatte, sagte ich: „Darf ich vor-stellen, meine jahrelange Mitarbeiterin, Fräulein Ste-venson.“„Sehr erfreut“, grüßte Antonia etwas schüchtern.„Ganz meinerseits, Fräulein Stevenson. Sie und IhrChef haben wirklich ausgezeichnete Arbeit geleistet“,gab der UN-Generalsekretär freundlich lächelnd zu-rück. 234
  • 231. „Entschuldigen Sie, Herr Generalsekretär, wenn ichmit der Tür ins Haus falle. Aber es geht darum, dassmeine Firma bereits mit dem russischen Geheim-dienst zu Verhandlungen zusammengekommen ist.Die Hintermänner gehören eindeutig dem Staat an,der seine Macht ausbauen will. Dies ist mir von FrauStevenson gemeldet worden“, erklärte ich.„Das wäre sehr schlimm, wenn das stimmte, aber waskönnen wir tun? Außer der Erörterung am Verhand-lungstisch sehe ich keinerlei Alternative. Und solangewir nicht genug Beweismaterial vorweisen können,sind uns die Hände gebunden“, meinte der UN-Ge-neralsekretär.„Ich stimme Ihnen zu“, sagte León und fuhr fort:„Übrigens der gesunde Menschenverstand sagt mir,dass es nicht leicht wird, alle unter einen Hut zu brin-gen. Jetzt sind es die Russen, morgen vielleicht dieEngländer oder Holländer … Ich bin dafür, dass dieUN, sollte ein Staat oder eine Firma bei dem Vertriebder Energie vertragswidrig handeln, diese sanktioniertund bestraft, beispielsweise mit einer Verdoppelungder Grundkosten der Energie für eine festgelegteDauer.“„Die Idee ist nicht verwerflich, aber äußerst brisant,da wir gleichzeitig die Bevölkerung bestrafen wür-den“, meinte Guiglelmo.„Gut, wie dem auch sei, wir müssen Lösungen findenund erörtern“, sagte der UN-Generalsekretär.„Ich schlage vor, das Nötige für diesen Teil der Ener-gieverträge vorzubereiten, damit diese ratifiziert wer-den können, wobei auch das Strafregister Erwähnungfinden soll. Nicht dass aus welchen Gründen auchimmer wieder alles ins Stocken gerät“, schaltete ichmich ein. 235
  • 232. „Da bin ich mit Ihnen einer Meinung, Herr Brink.Ich bedanke mich. Ich muss leider weiter, die Pflichtruft. Also, bis in zwei Wochen in New York.“ Er ver-abschiedete sich freundlich.Uns blieb nichts anderes übrig, als der Bürokratie denVortritt zu lassen, damit in New York in zwei Wochendie Verträge wie besprochen unterzeichnet würden.Doch es lag noch ein weiter und beschwerlicher Wegvor uns.Das Jahr 2013 hatte es in sich.Viele Regierungen undihre Politiker mussten schwere Entscheidungen treffen,zumal die Ölreserven zusehends abnahmen. Nicht dassman technische Probleme oder logistische Engpässegehabt hätte. Die Russen jonglierten auf unkonven-tionelle Art mit ihren Gaslieferungen, drehten ohneHemmungen rücksichtslos und zur Einschüchterungden Hahn zu, wenn nicht der geforderte Preis gezahltwurde. Bedenkenlos stellten sie sich auch gegen dieanderen wirtschaftlichen Großmächte wie Europaund Amerika. Die Chinesen unterstützten klamm-heimlich die Beweggründe der Russen, während diearabischen Länder eher skeptisch zusahen und ihr Ver-halten der letzten dreißig Jahre ändern wollten, da siejetzt als Atommacht mithalten konnten und ihre eige-ne Energieversorgung in der Kernspaltung sahen. Esherrschte ein ziemlicher Druck im Kessel.Wie sollte man Menschen, die stolz auf ihre Her-kunft waren und andere Religionen für die falschehielten, aber zum selben Gott beteten und vollkom-men anders dachten, zu einem Dialog der beidseiti-gen Toleranz bewegen? Vielleicht indem man sie aufgleicher Ebene und nicht von oben herab als DritteWelt behandelte. Man musste nicht nur politische und 236
  • 233. diplomatische Kontakte zueinander pflegen, sondernengere Freundschaften schließen und bessere Verbin-dungen knüpfen. Nicht dass dies alles gutheißen soll-te, aber die Menschen aus der arabischen Welt warenarm geblieben trotz des immensen Reichtums ihrerScheichs. Segen war wie auf anderen Kontinenten nurwenigen beschieden.Es roch nach Ärger, und wir mussten alles tun, um zubeweisen, dass es möglich sein konnte, friedlich mit-einander auszukommen, da wir alle dasselbe Bedürfnishatten. „Auf zu einer besseren Welt!“ Aber der Klima-wandel war sehr weit fortgeschritten. Die Erderwär-mung unumkehrbar. Die Gletscher der Alpen warenbereits seit zehn Jahren verschwunden. Es gab jedeMenge Stürme, siedend heiße Tage und tropische Or-kane über Deutschland und dem Osten. Überschwem-mungen standen auf der Tagesordnung. Fakten, die fürsich sprachen und flächendeckend über den ganzenErdball zu beobachten waren. Die Überfischung derMeere hatte uns in eine verteufelte Lage gebracht,die natürlichen Feinde ausgerottet und die Zahl derungenießbaren Meeresfrüchte und die Quallen ver-zehnfacht. Trinkwasser, inzwischen ein Luxusgut, warteurer als Diesel und Benzin. Wann würden wir denBarrel Wasser an der Börse erleben? Aber leider stelltedies bereits ein Argument zum Führen von Kriegendar. Energiekonzerne kauften schon seit einem Jahr-zehnt Quellen und Marktanteile, wo sie nur konnten.Man hatte wenig Einfluss alleine gegen diese globalenRiesen. Bei Milliardengewinnen entließen sie Men-schen, die bereits zehn bis zwanzig Jahre die Kohlenaus dem Feuer geholt und den Konzern zu dem ge-macht hatten, was er war, und trotzdem konnte einSozialplan nicht die Quittung sein. Die Gewerkschaf- 237
  • 234. ten konnten der Entwicklung nur machtlos zusehen,nur in äußersten Fällen, wie bei der Müllabfuhr oderbei Krankenhäusern, vermochten sie noch erfolgreicheinzugreifen. Obendrein bat der Staat jeden Einzel-nen zur Kasse, um die Arbeitslosen zu unterstützen,während die multinationalen Konzerne hemmungs-los ihre Produktionsstätten in Billigländer verlagerten.An oberster Stelle stand der Aktienkurs und nicht dieeinzelnen Menschenschicksale, die sich bemühten, at-traktive Erzeugnisse zu produzieren, wobei sie täglichder Unsicherheit ihres Jobs ins Auge sahen und derLeistungsdruck enorm war. Der Zweck der Fusionenbestand darin, letztendlich mehr Kapital zu schöpfenund Druck auf den Einzelnen auszuüben, bis alles ineinigen Jahren ganz der einen Macht gehörte, nämlichden Banken. Die Daten wurden bereits gesammelt,um jeden Einzelnen zu erfassen, systematisch zu kon-trollieren und für die eigenen Zwecke zu benutzen.Die Politik konnte nichts mehr für unser Wohl undunseren Schutz tun.Dazu kam die Natur: die Umwelt, die Tiere, die Pflan-zen, das Meer und viele anderen biologischen Abläufeauf unserer Erde. Der Glaube stellte neben der Seeleund der Vernunft die einzige Hoffnung auf ein bes-seres Leben dar. Es war in unser Erbgut eingegebenworden, einen Gott über uns zu haben und nur ihm,dem Allmächtigen, zu dienen, und nicht irgendwel-chen hochgestellten Menschen. Auch die Atheistenkamen nicht drum herum. Nur der Glaube würde alsGewinner hervorgehen, wenn unsere rücksichtslosematerialistische kapitalistische Lebensweise der Erdeden Garaus bereiten würde.Geist, Toleranz, Liebe, Gefühl, Moral, all das ging denBach runter. Wir würden massenhaft Tote und Selbst- 238
  • 235. morde in naher Zukunft erleben, da diese Gesellschaftfür die meisten nicht mehr lebenswert erschien, dennviele saßen in der Falle. Sie trugen das Brandmal derÜberschuldung auf der Stirn und wurden versklavt.Eine andere Wahl hatten sie nicht.Alle Maßnahmen, die der Staat erließ, sollten demGemeinwohl dienen, der Kriminalitäts- und Terroris-musbekämpfung. Aber dass wir hierdurch unsere Frei-heit gänzlich einigen wenigen Politikern und Draht-ziehern übergeben hatten, die dank der Informationenmit uns machen konnten, was sie wollten, hätte keinergedacht. Aber was konnten wir tun?Die Verfassung und der Datenschutz beispielsweise be-stimmten, dass der einzelne Arbeitnehmer nicht durchVideokameras oder sonstige Kontrollen an seinemArbeitsplatz überwacht werden durfte. Einschüch-terungen waren ebenfalls gesetzeswidrig. Aber dieUnternehmen drohten schnell damit, ihre Produk-tionsstätten ins Ausland zu verlagern, was die Frus-tration der Arbeitnehmer noch erhöhte, zumal ihregewählten Politiker keinen Einfluss auf solche Ent-scheidungen der Konzerne nehmen konnten.Die persönlichen Daten der Menschen wurden sowohlbei den Behörden als auch bei den Geldinstituten, imWorld Wide Web, den Ärzten und nicht zuletzt beiden Lebensmittel- und Konsumgüterlieferanten sehrgut aufbewahrt. Unterdrückung und Kontrolle konn-ten bis zur Unerträglichkeit gesteigert werden. KeineBargeldabhebung, kein Kauf, kein Verkauf konntenmehr stattfinden, ohne dass Finanzämter, Bankinsti-tute oder Behörden Bescheid wussten. Das Daten-schutzgesetz glich einer Ziehharmonika. Die Kom-munikation über E-Mails wurde überwacht und fürlängere Zeit gespeichert. Augenirisscan und Finger- 239
  • 236. abdruck jedes einzelnen Mitbürgers lagen vor. Unterdem Deckmantel der Terrorismusbekämpfung schienden Politikern und Konsorten jedes Mittel recht zusein, unbescholtene Bürger präventiv zu überwachenund in zunehmender Unfreiheit zu halten. Mit wel-chem Recht?Ferner ging mir gegen den Strich, wenn Regierun-gen unter der Hand Waffen für Kriege verkauften unddie Unverschämtheit besaßen, dann für die Katastro-phengebiete in medienwirksamer Art und Weise umSpenden zu bitten. Dabei hätten sie mit dem Geldfür besagte Waffen auf einen Schlag dem Hunger einEnde setzen oder Hilfe für den Wiederaufbau bereit-stellen können. Armut war ein gewolltes Übel und einGeschäft. Die Hilfsorganisationen und Unternehmenteilten die Spenden untereinander auf. Schlimmerwurde es, wenn Politiker mit aller Macht in die Ana-len der Geschichte eingehen wollten und gegen alleRegeln der Demokratie verstießen, um ihre Idealedurchzusetzen. Hierfür gab die Geschichte Hundertevon Beispielen.Meine Gedanken jagten wie die Kugeln eines Flip-perautomaten durch meinen Kopf. Ich dachte an dasmarode Gesundheitssystem, das am allerwenigstenden Patienten half und sie geradewegs in die Psychi-atrie schickte. Menschen töteten für Besitztümer undKapital.Jeglicher Sinn für die Realität war verloren gegangen,Respekt, Diskretion und Zurückhaltung auf der Stre-cke geblieben. Was war mit unseren Menschenrech-ten? Was geschah mit der Umwelt?Wenn es mir gelang, eine einzige Anlage in Betriebzu nehmen, könnte ich sehr stolz auf die Mensch-heit sein. Ich war optimistisch und würde alle Hebel 240
  • 237. in Bewegung setzen, die Realisation der Anlage zufördern, damit wir Energie in Hülle und Fülle hätten.Sie würde unser Sauerstofflieferant sein, zumindest solange, bis das Klima sich erholt hätte, und zudem denTrinkwasserkrieg stoppen.Mein Handy meldete sich.„Ja, hallo?“, nahm ich den Anruf entgegen.„Sie sind uns noch nicht los. Ich rate Ihnen, die Plänenicht an die UN zu verscherbeln. Wir können Ihnenviel bieten oder verbieten“, warnte eine männlicheStimme mit deutlich russischem Akzent.„Ich kann mit Menschen, die ich nicht mal kenne,keine Geschäfte machen. Oder wollen Sie mich er-pressen.“„Sie werden es Ihr Leben lang bereuen, wenn Sienicht einverstanden sind!“„Wollen Sie mir drohen?“„Wie Sie wollen! Sie werden selbst zu uns finden,wenn alles vorbei ist“, sagte er noch, ehe er den Hörerauflegte.Ich stand regungslos da und bemerkte Tommaso, derhereingekommen war und das Gespräch mitverfolgthatte.„Wer war das?“„Ach wieder diese verrückten Arschlöcher“, gab ichverärgert zurück.„Anstatt dich zu ärgern, sollten wir mehr herausfin-den und äußerst vorsichtig sein“, riet Tommaso.„Die scheinen langsam die Geduld zu verlieren.Wennich wüsste, dass Antonia nichts zustößt, könnte sie unszu den Leuten führen. Aber ich fürchte, die wissenschon Bescheid, dass sie hier war. Andererseits bleibtmir keine andere Wahl“, versuchte ich mir einzureden. 241
  • 238. Ich musste die Sachlage noch einmal mit ihr durch-gehen, um zumindest die Namen der Hintermännerzu erhalten.In diesem Augenblick klingelte mein Handy erneut.„Ja, wer ist dran?“, fragte ich etwas gereizt.„Jeff, ich bin’s“, krächzte eine heisere Stimme, die ichSekunden später Antonia zuschrieb.„Antonia, was ist los, wo steckst du?“Schweigen.„Die Leitung ist unterbrochen“, sagte ich verdutzt.„Sie klang etwas verstört. Ich probier mal zurückzu-rufen.“Ich drückte die Tasten und wartete vergeblich auf eineVerbindung.„Scheiße! Da ist wieder etwas passiert! Ich rufe imHotel an, es soll jemand in ihrem Zimmer nachschau-en“, sagte ich etwas irritiert und nervös zu Tommaso.„Gut, ich fahr sofort los, sag Mutti und den anderenBescheid!“ Ich zog meine Jacke an.„Papa, ich geh mit. Ich lass dich nicht allein.“„Nein, das muss ich alleine erledigen. Es reicht jetzt.Ich werde die Angelegenheit auf meine Weise re-geln.“„Wie soll ich das verstehen?“„So wie ich es sage.“ Ich duldete keine weiteren Er-klärungen.„Ich weiß nicht, ich sollte dich doch begleiten fürden Fall, dass etwas erledigt werden muss“, drängteTommaso weiter.„Also gut, sag deiner Mutter und den anderen Be-scheid. Inzwischen rufe ich den Dienstwagen.“„Also, bis gleich“, antwortete Tommaso und ging zurTür.Sobald er weg war, folgte ich ihm und fuhr mit dem 242
  • 239. anderen Aufzug nach unten. Draußen nahm ich einTaxi zu Antonias Hotel.„Zum Hotel Mira Mare bitte.“„Gut, steigen Sie ein“, gab der Fahrer freundlich zu-rück.Als er anfuhr, sah ich, wie Tommaso mir nachwinkteund wild gestikulierte. Ich weiß, es war nicht korrekt,aber ich wollte niemanden gefährden. Wenn Antoniaentführt worden war, dann musste ich nach Köln insWerk, um ordentlich mit Gloden und Genossen auf-zuräumen. Was ich übrigens schon längst hätte tunsollen. Aber ich hatte mir erst Gewissheit verschaffenwollen, bevor ich eine Dummheit machte und blöddastand. Ich würde eine Hausdurchsuchung bei derPolizei beantragen und mir von meinem Anwalt mei-ne Akten aushändigen lassen, dann meine Kündigungeinreichen und meine Abfindung einklagen.Draußen wurde es langsam dunkel, es war bereitsnach achtzehn Uhr. Ich musste fortwährend an An-tonia denken. Hoffentlich war ihr nichts Ernsthaftespassiert! Wenn sie sich überhaupt noch im Hotel be-fand.Der Taxifahrer faselte von immer höheren Abgabenund Spritpreisen. Er quatschte weiter, bis er merkte,dass ich abwesend war. Vor dem Hotel angekommensagte er nur noch: „Wir sind da.“Ich reichte ihm einen Geldschein, während ich aufdie Digitaluhr schaute, und sagte: „Ist gut so, danke.“„O vielen Dank. Hier mein Kärtchen mit Telefon-nummer.“Ich winkte ab und stieg aus.Als ich die Hotelhalle betrat, sah ich sofort, dass etwasvorgefallen war. Die Türvorsteher diskutierten drin-nen heftig mit dem Zimmerpersonal. In diesem Mo- 243
  • 240. ment erklang draußen eine Sirene. Es handelte sichsicher um die Polizei, die herbeigerufen worden war.Auf dem Weg zur Rezeption hielt mich eine Zim-merbedienung auf und sagte: „Tout le monde est de-hors dans la cour de l’hôtel, Monsieur, vous ne pouvezpas entrer.“„Was ist passiert?“, erkundigte ich mich.„Es hat wahrscheinlich eine Entführung gegeben,vermutlich eine reiche Dame. Aber Sie dürfen nichtweiter“, fuhr er etwas nervös fort und wollte michnicht zur Rezeption durchlassen.„Hören Sie, die Dame gehört zu mir, verstehen Sie?“„O, Pardon Monsieur, was können wir für Sie tun?“,änderte er seinen Ton.„Welches Zimmer hatte sie?“, fragte ich.„Sie liegt bewusstlos auf Zimmer 505, Monsieur, ichwerde Sie begleiten.“„Nein, danke, ich mach das schon. Wo ist der Aufzug?Ach ja, ich sehe schon.Vielen Dank, mein Freund.“„Einen Augenblick, wer sind Sie genau?“, kam einefeste Stimme von hinten.Ich drehte mich um und sah in die Augen einer älte-ren Dame.„Darf ich Ihren Ausweis sehen, Herr …“„Können wir die Formalitäten nicht nachher erledi-gen? Es handelt sich um meine Sekretärin.“„Ja, aber so geht das nicht. Sie müssen sich leider so-fort ausweisen, dann begleite ich Sie zu ihr“, gab sieentschlossen zurück. „Mein Name ist Marie Delvaux,Inhaberin des Hotels Mira Mare, und Sie sind offen-sichtlich Herr Brink, ich habe Sie in den Nachrichtengesehen. Aber trotzdem brauche ich Ihren Ausweis“,verlangte sie stur.Ich versuchte erst gar nicht dagegen anzugehen und 244
  • 241. zeigte ihr meinen Reisepass.„Zufrieden, Madame Delvaux?“„Gut, gehen wir, sie liegt nicht mehr auf Zimmer 505,sondern in meinem Appartement. Die Polizei müssteauch allmählich da sein.“Wir gingen zum Aufzug, begleitet von zwei jungenZimmerboys. Wir stiegen ein und der Lift wurde miteinem Schlüssel in Bewegung gesetzt.Oben angekommen sagte sie: „Da wären wir. Jungs,ihr bleibt hier, bis wir wiederkommen. So, Herr Brink,helfen Sie mir die paar Stufen hoch, dann wäre ichIhnen sehr dankbar. Das Alter ist nichts Schönes, aberwas können wir schon dagegen unternehmen?“Ich reichte ihr meinen rechten Arm. Sie hakte sichein, bevor wir zu einem riesigen Eisentor am Fuß derTreppen gingen, dann weiter zur Eingangstür, die zurWohnung führte.„Gut, dass Sie da sind. Sie ist gerade aufgewacht undhat sogleich nach einem Herrn gefragt, dessen Namenich aber nicht so genau verstanden habe, Trink oderso“, sagte der Hausangestellte oder Butler.„Das ist gut, Herr Brink ist auch da. Dann wollen wirmal sehen, wie es ihr geht“, sagte sie liebevoll.Das Appartement war sehr geschmackvoll eingerich-tet, alles vom Besten aus der Zeit von Roche Bobois,und strahlte ein liebevolles Ambiente aus. Einfach ge-mütlich. Wir gingen durchs Wohnzimmer zu einemFlur und hielten an der ersten Tür an.Ich konnte es kaum abwarten, Antonia zu sehen undall meine Fragen zu stellen.„Kommen Sie, Herr Brink, Sie werden erwartet, abernicht erschrecken.“„Wieso, was ist mir ihr?“„Nichts, was nicht wieder in Ordnung käme“, erwi- 245
  • 242. derte sie mit ruhiger Stimme. „Kommen Sie!“Ich betrat ein Zimmer, das durch die vorgezogenenGardinen verdunkelt war. Antonia saß fast aufrecht aufeinem komfortablen rustikalen Bett mit einigen Kis-sen im Rücken. Sofort fielen mir die angeschwolleneWange und das Auge auf, obwohl sie sich die Handdavorhielt.„Es sieht schlimmer aus, als es ist“, sagte sie tapfer lä-chelnd.„Wie konnte das nur passieren, wer hat das getan, An-tonia?“, erwiderte ich, meinen Groll nur mühsam ver-bergend, und nahm ihre Hand.Sie ließ zu, dass ich sie die ganze Zeit über hielt.„Ist eine lange Geschichte. Sie wollten mir nur Angsteinjagen und alles aus mir herausquetschen, wie dusiehst.“ Sie musste wieder lächeln und unterdrückteein „Au“.„Antonia, sei mir nicht böse, aber es ist am besten, duhältst dich ab jetzt aus der Sache raus.“„Das meinst du nicht im Ernst, Jeff“, gab sie bestimmtzurück. „Zuerst soll ich alles tun, damit wir heraus-finden, mit wem wir es genau zu tun haben – undwenn’s brenzlig wird, soll ich so tun, als wäre nichtsgeschehen. Das halt ich nicht durch, dazusitzen undabzuwarten. Ich mach weiter. Ich möchte auch wissenwer die Hintermänner sind.“„Was glaubst du denn, mit wem wir es zu tun ha-ben?“„Ich glaube, dass wir weiter bei Medpharma suchenmüssen. Aber andere ziehen die Strippen“, antwortetesie entschlossen.Ich musste ihr recht geben. Aber Medpharma schienebenfalls die Finger mit im Spiel zu haben, denn dietaten auch alles, um ihre Aktionäre zufriedenzustellen. 246
  • 243. Ich wollte Antonia mit zu uns nehmen, aber MadameDelvaux zeigte sich nicht einverstanden und wollteAntonia noch ein, zwei Tage dabehalten, bis sie ganzwiederhergestellt war. Ich hatte nichts dagegen, da sieauf jeden Fall hier gut aufgehoben war. Widerwilliggab Antonia schließlich nach.„Antonia, ich komme morgen im Laufe des Tages, umdich abzuholen, einverstanden?“„Gut, Jeff.“Ich beugte mich über sie und gab ihr ein Küsschenauf die Wange. Sie schaute mir tief in die Augen, wo-bei mir ein warmer Schauer durch den ganzen Körperlief. Im selben Moment dachte ich an Teresa und ver-abschiedete mich. Ich musste nachdenken. Sie konnteauf gar keinen Fall mehr ins Werk zurück. Sie solltebei uns bleiben, in meiner Nähe.Auf der Rückfahrt im Taxi musste ich, wie so oft, andie vielen Missstände auf der Welt denken. 247
  • 244. Meine persönliche MeinungDie Politik war in allem gescheitert. Man fragte sich,ob man sie noch brauchte. Vielleicht genügten Bür-gerinitiativen, die den kleinen Gemeinschaften um dieEcke wohl gesonnen waren und verstanden, worum esging. Die Politik indes verabschiedete nur noch mehrunfreiheitliche Gesetze. Der Mensch steckte zwischenWirtschaftskonsum und Politik völlig fest, wobei jedeindividuelle Handlung als Verstoß vermerkt wurde.Initiative konnte man genauso wenig zeigen, da dieGenehmigungen von vornherein abgewiesen wurdenoder mit Bürokratie nur so gespickt waren.Zentraler Punkt war jedoch das Thema Energie. Siemusste zwei wesentliche Faktoren erfüllen, die wirt-schaftlichen und die ökologischen, und für jedermannerschwingbar sein. Die Natur musste fortan höchstschonend behandelt werden, damit wir nicht eines Ta-ges vor noch größeren Problemen standen. Es konntenicht sein, dass die Politik nichts gegen diesen Raub-bau unternahm, aber die Mehrwertsteuer zum Laufenihres Apparates erhöhte.Regenerative und saubere Energie stellten ein „Muss“für die Zukunft dar, damit wir nicht noch mehr Scha-den an der Natur anrichteten. Die Lösung des Ener-gieproblems hatte ich vorgestellt und ganz nebenbeiauch das des Sauerstoffs gelöst, ohne den wir nichtüberlebten. Die Frage lautete nun: Entschieden wiruns für die Wirtschaft oder die Umwelt.Im ersteren Fall wäre das Schicksal unserer Erde bereitsbesiegelt und würde bedeuten: weitermachen bis zumUntergang. Wenn wir uns aber für die Natur, unse-re Umwelt und das Leben entschieden, könnten wirweiter existieren, kostete es auch ein Zehntel unseres 248
  • 245. Bruttoinlandsprodukts. Es lohnte sich allemal, einenVersuch zu starten und alles wieder in die regulärenBahnen zu bringen. Wir konnten mit sauberer Ener-gie beginnen, den Raubbau der Ressourcen stoppen,den Konsum eindämmen und den Graben zwischenArm und Reich ausgleichen. Des Weiteren sollten wirgenmanipulierte Produkte sofort stoppen, um einerweltweiten Verseuchung entgegenzuwirken und un-absehbar große Risiken für zukünftige Generationenzu vermeiden. Den Hunger auf der Welt konnte manjedenfalls nicht als Argument für diese Lebensmittelvorbringen. Lebensmittel waren zur Genüge vorhan-den, nur musste man sie so verteilen, dass nicht aufeinem Teil der Erde der Überschuss auf Müllhaldenlandete, während der andere Teil hungerte. Die Ver-braucher entschieden schließlich ganz allein, was siein Zukunft essen und welche Hersteller und Anbie-ter sie sanktionieren wollten. „Back to nature“, aufallen Ebenen. Man sollte von vornherein keine Ge-setze für Produkte verabschieden, die der Natur unddem Menschen Schaden zufügten. Diese Produkteund dieser Abfall durften nicht in den Kreislauf derNatur gelangen, zumal sie nachträglich zwangsläufigmit Chemie entfernt oder neutralisiert werden muss-ten. Ähnliches galt für Medikamente, die früher oderspäter nur zur Verschlechterung der Gesundheit führ-ten. „Vorbeugen ist besser als genesen“, sei es bei Aids,Lebensmitteln, Rohstoffausbeutung, Fehlplanungen,Verschmutzung, Chemie oder Waffen.Die Menschheit hatte die Kontrolle verloren undbeugte sich dem Schicksal, wie andere unsere Hei-mat Erde zu ihrem Zwecke beugten. Auch wenn dieheile Welt vielleicht nie existiert hatte, musste unsereIntelligenz uns vor mehr Übel warnen. Oder wollten 249
  • 246. diejenigen, die eines Tages übrig blieben, in Steinzeit-manier wieder von vorne beginnen?Sobald die Sauerstoff- und Energieproduktion auchfür ärmere Länder gesichert war, konnte man zur Ta-gesordnung übergehen. Was brauchte der Mensch?Unsere Erde stellte genügend Nahrungsmittel zurVerfügung, um alle Erdbewohner zu versorgen.Weiterbrauchten wir eine gesicherte Verpflegung und eineGesundheitsreform. Dann eine Arbeit, eine Aufgabe,einen Beruf und zuletzt ein Heim, um uns selbst zuverwirklichen. Demokratische Institutionen, Ministe-rien, Ordnungshüter, eine UN, die alles zum Woh-le der Menschheit regelte. Grenzenlose Freiheit inpuncto Glauben und Traditionen. Auf gar keinen Falldurften wir unsere Wurzeln aufgeben.Die Menschen brauchten nicht auszuwandern, zuflüchten oder in anderen Ländern um Asyl zu bit-ten, sei es aus rassistischen, religiösen oder anderenGründen. Eine Weltsprache musste her, Gesetze ange-glichen und gleiche soziale Bedingungen geschaffenwerden. Ferner: verbesserte Konkurrenzbedingungen,eine Preispolitik, keine Parteien, aber Interessengrup-pen reduziert auf Gemeindeverwaltungen. Naturfor-scher, Geologen, Wissenschaftler, Biologen und vieleandere Berufe zur Erhaltung unseres Planeten. Vieleneue Arbeitsplätze würden entstehen, neue Berufe,die der Menschheit nützten und nicht der Bereiche-rung. Neue Werte wollten entdeckt werden, ein tole-rantes Miteinanderleben und keine medialen Lügen.Eine vernünftige Ausbeutung unserer Boden- undMeeresschätze. Neue Verkehrs- und Transportpolitikfür Land, Luft und Meer. Die Verschmutzung musstedurch innovative und wiederverwendbare Produk-te eingedämmt werden, man denke nur an die alten 250
  • 247. Kühlschränke, Verpackungen oder Einkaufstüten. Wirbenötigten neue Bepflanzungen und Holzverarbei-tung, eine neue Bauweise und Sanierungsorientie-rung, neue Datenbank- und Datenschutzgesetze, eineneue Verbrechensbekämpfung, neue Waffengesetze,neue Gesetze für die Genforschung. Neue Ethik undMoral.Eine neue Weltordnung war das Entscheidende undein Neuanfang für die Spezies Mensch, wobei ichmich fragte, ob sie es überhaupt verdiente. Ich per-sönlich wollte auf jeden Fall nichts unversucht lassenangesichts dieser misslichen Lage.Die Kinder und alle anderen hatten bei Teresa aufmich gewartet. Es war bereits kurz vor Mitternacht,als ich mit dem Erzählen der Vorfälle fertig war. Wirkamen zu dem Entschluss, in zwei Wochen in NewYork bei der UN einen Gesetzentwurf vorzulegen,den der UN-Generalsekretär den angebundenenStaaten vorlegen sollte. Als Vorbild diente das 1958von Robert Schuman ins Leben gerufene Verfahrenfür ein wirtschaftliches Zusammenwachsen der EWG,nur mit dem Unterschied, ein weltweites soziales Mit-einanderleben aller Lebewesen zu erzielen sowie dieNatur mit einzubeziehen, damit unser Planet nicht alsschwer kranker Patient einen Kollaps erlitt.Ich war zuversichtlich an diesem Märztag des Jahres2013. 251
  • 248. Die Vision einer Welt ohne Profit – WWPDie letzten sieben Jahre waren wie im Fluge vergan-gen und die Anlagen zur Energie-, Sauerstoff- undTrinkwasserversorgung immer zahlreicher gewor-den. Das Ganze nahm allmählich Gestalt an. Aber zuunserem Entsetzen waren die Pole in den letzten zweiJahren über die Sommermonate komplett eisfrei ge-worden, bis auf wenige Eisschollen.Wir saßen in einer Sackgasse fest.Die Politiker wie die Konzerne hatten wieder Ober-wasser bekommen, denn sie waren der Meinung, nichtallein schuldig an der weiter fortschreitenden Klima-erwärmung zu sein. Stattdessen wurden die nimmer-satten Verbraucher immer mehr verteufelt.Wir befanden uns im Juni des Jahres 2021. Trocken-heit, Dürre und Sommer bis zu 55 °C waren an derTagesordnung, die Nächte nur 20 Grad kühler. For-scher hatten dieses Szenario Anfang des dritten Mill-enniums vorausgesagt. Die Anzahl der Staubpartikelin der Atmosphäre lag viel zu hoch. Al Gore, der imJahr 2000 beinahe Präsident der USA geworden wäre,hatte damals mit viel Beifall die Abläufe in seinemDokumentarfilm geschildert, aber die maßgeblichenStellen nur gelästert und nichts Konkretes unternom-men. Sogar der UN war nicht mehr zu trauen, seit-dem Lobbyisten zusammen an einem Tisch mit derUN-Behörde arbeiteten. Die Erde hatte schlechteKarten, wobei die Investoren und Bankiers bestimm-ten, wo es lang ging. Die Menschheit spaltete sich inmehrere Gruppen auf. Jeder kämpfte gegen jeden umdas blanke Überleben, dabei taten wir so, als wäre alles 252
  • 249. in Butter.Die Behörden achteten nur noch darauf, dass allesnach Plan lief, sowohl bei der Steuerabgabe als auchbei der Polizeiüberwachung. Ihr Anliegen galt schonseit Jahren verstärkt der Bekämpfung des Terrorismus,die bereits Milliarden verschwendet hatte, ohne dassnennenswerte Erfolge erzielt worden wären. UnsereRechner wurden ständig überwacht.Der einzelne Bürger war zum Arbeitstier und zurNummer abgestempelt worden. Nur die Besten be-kamen die besseren Konditionen, was Wohnen oderNahrung anging. Der Rest wurde ohne Eigentumund irgendwelche Kauf- oder Verkaufsrechte gehal-ten. Die Oberen besaßen zumindest eine Wohnungund durften mittels eines implantierten Chips unterder Haut kontrolliert kaufen und verkaufen, verfügtenüber einen Rechner zu Hause und mussten die gefor-derte Arbeit erledigen. Die Niederen dagegen warenzuständig für die gesamte Produktion und mussten dieganze Logistik der Oberen und der Mächtigen erledi-gen. Sie besaßen keinen Rechner und kein Kommu-nikationssystem. Der implantierte Chip verriet stets,wo sich eine Person aufhielt, was sie tat und sagte.Es gab keine Möglichkeit, je zu den Oberen aufzu-steigen.Gar keine Frage, das Leben war eine Qual für dieOberen und die Hölle für die Niederen.„Du, wann müssen wir wieder zu deinem Sohn? Hastdu es vergessen?“, stichelte Teresa.„Ich hab es nicht vergessen. Ich wollte mit Tommasound den Kindern dieses Wochenende nach Slowenienfliegen zum Angeln. Die prächtigen Forellen wartenauf uns.” 253
  • 250. Patrick und Daniel, meine Enkelkinder, waren sechsund vier Jahre alt. Tommaso und Serena hatten 2014im August geheiratet und waren die Eltern von zweiprächtigen Jungs geworden.Als stolzer Opa genoss ich es, die beiden um michzu haben. Ich wollte in den Bergen am See Bohins-jko, nahe St. Furzina, wo wir vor einigen Jahren eineBerghütte erworben hatten, angeln gehen. Die Luftwar hier noch einigermaßen gut, zumindest besser alsin den Niederungen und Städten.„Aber leider geht das nicht, mein Schatz”, antworteteTeresa etwas zynisch.„Und warum nicht?“, fragte ich irritiert.„Weil wir eingeladen sind bei Tommaso und Serena.Jackie und León fliegen nächste Woche zurück nachKalifornien, sie wollen uns noch mal sehen, bevor sieabfliegen”, erinnerte sie mich.Die Almeidas waren bereits einige Wochen bei ihrerTochter aus den Staaten zu Besuch.„Jetzt weiß ich’s wieder, du hast recht. Könnten wirdenn nicht alle das Wochenende in der Hütte verbrin-gen?”, gab ich sofort als Anstoß.„Das musst du selbst regeln”, erwiderte Teresa keines-falls abgeneigt.„Gut, ich versuch’s.” Ich ergriff die Fernbedienungund drückte die Taste, um per Videoschaltung Ver-bindung aufzunehmen. Die Schaltung wies aber eineStörung auf der anderen Seite auf. „Hallo, ist keinerzu Hause?”, fragte ich, zum Schirm gewandt.„Paps, bist du das?”, kam die rauschende Stimmevon Tommaso verschwommen rüber. Kein Bild, nurSchnee.„Ist was mit der Leitung, Tommaso?”„Paps, hier ist etwas Schreckliches passiert. Sie haben 254
  • 251. die Kinder entführt und die Videoanlage kaputtge-schlagen, grrrrr … ich … gr … grrr … ich hab … siegr… notdürftig repariert. Bleib dran, denn ich kanngr … selber keine … Aufsch… gr … gr … grrrrr …einleiten. Gut, dass du anrufst.”„Was ist los, was ist geschehen?” Teresa hatte das Gan-ze mit angehört.„Warte, lass erst deinen Sohn etwas sagen. – Was istgenau passiert?”, wollte ich inzwischen nervös gewor-den wissen.„Eine Guerillapatrouille war hier … grrrr … hat dieKinder mitgenommen. Ihr müsst die Ordnungshüterrufen … sollen sofort hierher kommen. Mehr kannich nicht sagen.” Die schon sehr schlechte Leitungdrohte nunmehr ganz auszufallen.„Ich werde alles tun, bleibt ruhig. Wir werden auchsofort losfahren, ich erledige alles, bis gleich.” Dannbrach die Verbindung ab.Ich wusste nicht, ob er das noch mitbekommen hat-te.Teresa stand neben mir und hielt die Hände beschwö-rend vor den Mund. „Mein Gott!”, stammelte sie undfing an zu weinen. „Ich hoffe, dass sie den Kindernnichts antun!”„Ich verstehe das nicht. Ich hatte mich doch mit ih-nen verständigt”, versuchte ich sie zu trösten. „Wirmüssen sofort losfahren, sie müssen etwas herausge-funden haben und machen ihrem Ärger nun Luft”,fuhr ich fort.„Einerlei, es ist eine Sauerei und feige dazu, die Kin-der zu entführen”, sagte Teresa verächtlich.„Ja, hast ja recht. Ich werde mit dem Boss reden.” Ichlief zum Schrank und holte meine Jacke. „Pack einpaar Sachen ein. Vielleicht müssen wir ein oder zwei 255
  • 252. Tage dort bleiben.”Unterwegs philosophierten wir darüber, was hinterder Entführung stecken könnte. Da es sich bei denGuerilleros nicht um Terroristen handelte, sonderneher um Regimestreiter, die für eine menschlicheWelt kämpften, hatten sie vor unserer Familie vielRespekt. Auch wenn kein direkter Kontakt zwischenuns bestand, tolerierte ich in gewissem Maße ihr Vor-gehen. Ich hatte ihre Familien mit Nahrung versorgtund ihnen andere kleine Dienste erwiesen, um ihnenaus ihrer aussichtslosen Lage zu helfen. Die Streiterwaren arme Schweine, die manchmal nicht ein nochaus wussten.Andererseits konnte ich jedoch nicht billigen, dass siemordeten. Ich hatte ihnen mehrmals eine diplomati-sche Lösung vorgeschlagen, sie trauten uns aber nicht.Die Zeiten hatten sich zu sehr geändert. Es war nichtleicht, ihnen und ihrer Familie die nötige Würdezu geben. Sie hatten den Technologien unserer Zeitabgeschworen, da sie glaubten, damit der Kontrollezu entkommen und sich freier bewegen zu können.Letzteres war jedoch blanke Illusion, schon bald hät-ten wir Daten und genügend Videobilder, um zu er-fahren, wo sie die Kinder verschleppt hatten. Darummusste ich versuchen, mit meinen Möglichkeiten aufdie Ordnungshüter einzuwirken, damit kein unnöti-ges Blutvergießen entstand. Früher oder später würdeman sie aus ihren Schlupflöchern holen. Sie bestandenauf ihre Freiheit, die sogar wir nicht einmal besaßen.Die so gepriesene freiheitliche Demokratie bekamlangsam den Beigeschmack der Unterdrückung. Wirkonnten uns zwar frei bewegen, aber nur soweit dieSicherheit für die Unversehrtheit unseres Lebens dasvorsah. In meinen Augen war das auch nur eine Un- 256
  • 253. freiheit.Eine Stunde später standen wir vor Tommasos Tür.Wir umarmten uns, wobei die Frauen sofort anfingenzu weinen.„Ich kann das alles nicht verstehen“, schluchzte Sere-na, Teresas Hand haltend.Wir umarmten Jackie und León, ehe ich Tommasofest an mich drückte und ihm auf die Schulter klopfte.„Ich werde versuchen, mit ihnen Kontakt aufzuneh-men, aber das geht nicht per Videoschaltung, da siekeine besitzen. Ich muss leider weg, um ein paar vonihren Leuten aufzutreiben, die mir sagen können, wodie Kinder sind und was sie bezwecken. Überhaupt,haben die Kidnapper noch etwas gesagt, warum dasGanze?“„Ja und nein. Sie hätten ebenfalls Kinder, die krankseien und auf alles verzichten müssten, deutete einervon ihnen an, worauf der Gruppenführer ihm dasWort verboten hat. Mehr weiß ich auch nicht“, er-klärte Tommaso.„Ich denke da an gesundheitliche Probleme in derGruppe.Vielleicht wollen sie Medikamente erpressen.Es muss jemand schwer krank sein, der vermutlicheine medizinische Versorgung oder sogar eine Opera-tion benötigt“, erwog León.„Klingt überzeugend, aber ich muss sie ausfindig ma-chen, damit sie uns die Kinder zurückgeben. Doch eswird nicht leicht sein, sich auf ihrem Terrain zu bewe-gen, ohne erwischt zu werden“, deutete ich an.„Sie können mich stattdessen nehmen, aber bloß ihredreckigen feigen Pfoten von meinen Kindern lassen“,gab Tommaso wütend zurück.Die Frauen standen nur da und sahen sehr mitgenom-men aus. 257
  • 254. „So, ihr bleibt da, ich will sehen, was ich ausrichtenkann. Bitte, alarmiert die Ordnungshüter noch nicht.Ich brauche nur zwei bis drei Stunden, um heraus-zufinden, was Sache ist. Okay?  – Wenn ich in etwafünf bis sechs Stunden nicht zurück bin, ruft ihr Poli-zei und Dr. Stamm von der Uniklinik Bonn. Er kannvielleicht weiterhelfen.“Dr. Stamm war eine intelligente Person und ein guterFreund der Familie, dem ich seit vielen Jahren sehrviel anvertraut hatte. Ich wusste, er würde helfen, fallsdie Guerillastreiter ärztliche Hilfe bräuchten.Gleich darauf ließ ich meinen Fahrer mit dem Wa-gen kommen und fuhr los. Ich kam mir vor wie derHauptdarsteller bei der Verfilmung von SchindlersList, der nun versuchen sollte, die Probleme der Nie-deren zu entschärfen und den Widerstand der Gueril-la zu brechen, damit keine Razzien und Verhaftungender Strukturgegner stattfanden. Die Zeiten waren, wiegesagt, für die Niederen schon schwer genug.Wir bogen in eine der Straßen ein, wo viele von ih-nen hausten. Sie besaßen nichts. In diese Gegend ka-men nur Ordnungshüter mit gepanzerten Fahrzeu-gen, wenn die Niederen sich verschanzten oder nichtzur Arbeit erschienen. Am Ende der Straße wohnteAlonso Marques da Silva, ein ehemaliger leitenderGewerkschaftler in den Jahren 2006 bis 2012, der ausPortugal stammte. Er leitete die Untergrundguerillaund konnte mir vielleicht sagen, wo man meine Enkelhingebracht hatte.Der Wagen hielt vor einer Blechtür mit der Nummer1245. Ich stieg aus und klopfte fest mit der flachenHand gegen die Tür.Nach einer Weile hörte ich eine verärgerte Männer-stimme fluchen: „Ich hoffe, dass du einen triftigen 258
  • 255. Grund hast, mich in meiner Ruhe zu stören, ver-dammtes Arschloch.“ Die Blechtür ging einen Spalt-breit auf und ein unrasierter dicklicher Mann lugtehervor. „Ach, Sie sind es, Herr Brink, entschuldigenSie vielmals. Ich wusste nicht, dass Sie mir so viel Ehreerweisen und mich in meiner bescheidenen Wohnungaufsuchen.“„Alonso, wie geht’s dir? Ich brauch deine Hilfe, kannich reinkommen?“„Aber natürlich.“Ich drehte mich zum Fahrer, der mir auch sogleichzunickte, um mir zu verstehen zu geben, dass ich ru-hig reingehen könne, während er auf mich wartenwürde.„Also, ich hab ein Anliegen. Meine beiden Enkel sindvon deinen Leuten entführt worden, hat man mir er-zählt. Wie soll ich das verstehen? Und wo sind sie?“,fragte ich barsch, hinter Alonso herlaufend.Er stoppte, drehte sich um und schaute mich verdutztan. „Sind Sie sicher, Herr Brink, dass es unsere Leutewaren? Wie sahen sie aus?“„Ich hab die Leute nicht selber gesehen, aber meinSohn kann sie dir beschreiben, wenn nötig. Aber wersoll denn sonst die Frechheit haben, so etwas zu tun?“Doch im selben Augenblick ging mir ein Licht auf.„Kann es sein, dass wir beobachtet wurden und je-mand uns einen Strick daraus drehen will?“Alonso schaute mich noch verdutzter an. „Das wäresehr schlimm, Herr Brink, für Sie und für uns.“„Nicht auszudenken, was passiert, wenn die davonWind bekommen haben“, musste ich feststellen.„Ich werde sofort nachfragen, ob meine Jungs daranbeteiligt sind.“ Er lief zur Treppe und rief: „Nunes,Nunes! Kommt sofort runter, ich muss euch was fra- 259
  • 256. gen.“Ein junger Mann kam ans Fenster. Er schaute michan und erkannte mich sofort, wie ich an seinem auf-leuchtenden Blick sehen konnte. Persönlich kannteich ihn nicht. Eine Minute später standen zwei jungeLeute um die zwanzig vor uns.„Was gibt’s, Papa?“„Das ist Herr Brink, von dem ich euch erzählt habe,und keine Lügen, klar! Wisst ihr, ob die anderen dieKleinen seines Sohnes entführt haben?“„Nichts davon bekannt. Und warum sollten wir?“„Bist du sicher? Könntest du das kontrollieren undbei Mister Ribeiro nachfragen, aber erst heute Abend,nicht jetzt, es darf keiner sehen, dass was im Buschist!“„Gut, Papa, mach ich.“„Wenn du Bescheid weißt, bring eine Nachricht zuHerrn Brinks Sohn Tommaso, aber nicht anklopfen.Nur ein kurzes Gebell, wenn wir nichts damit zu tunhaben, im anderen Fall Katzengeschrei!“„Ist gut, Papa. Kann ich jetzt gehen?“„Okay, gegen neun Uhr wisst ihr Bescheid. Es tut mirleid, dass ihr bis heute Abend warten müsst, aber si-cher ist sicher. – Wir trauen niemandem, zumal wirbereits Ärger mit den Ordnungshütern wegen desSohnes meines Bruders haben“, gab mir Alonso zuverstehen. „Wir müssen höllisch aufpassen“, fuhr erbesorgt fort.Es konnte wirklich zu einem Riesenproblem für unsalle werden.„Ich verlass mich auf dich Alonso“, ermahnte ich ihnnochmals.„Versprochen, wenn was sein sollte, hörst du sofortpersönlich von mir!“ 260
  • 257. Ich konnte mir ehrlich gesagt nicht vorstellen, dasssie die Kinder entführt hatten, nach allem, was ichfür Alonsos Sippe getan hatte. Aber wer sonst stecktedahinter? Wollte uns jemand schaden oder wusste vonmeiner Hilfe für die Niederen? Meine Sorge galt denKindern und natürlich Tommaso und Serena.Als ich in den Dienstwagen stieg, meinte der Fahrersofort: „Wir werden beobachtet, Herr Brink, was sol-len wir tun?“„Wir fahren zurück nach Hause, wohin denn sonst?“,gab ich etwas unfreundlich zurück. „Entschuldigung,es ist nicht persönlich … Ab und zu wird es mir auchein bisschen zu viel.Wir werden, wie alle, überwacht“,musste ich noch loswerden.Der Fahrer blieb stumm und fuhr Richtung Tomma-sos Haus.Die Gedanken und die Bilder rasten nur so durch mei-nen Kopf. Ich musste an die vergangenen Jahre den-ken. Damals waren sie hinter meiner Energieanlageher. Heute verfolgten sie mich, weil ich den Niederenhalf. Meine Sympathie für sie und die Anonymen, aberauch meine durchgesickerten Zukunftspläne schienenvielen ein Dorn im Auge zu sein. Am liebsten würdensie mich mundtot sehen, da ich in den letzten Jahrenweitere Theorien lanciert hatte, zum Beispiel bezüg-lich der Pyramiden. Anscheinend wollte die Obrigkeitnicht, dass das Ganze publik gemacht wurde. Aber diePublikationen konnte keiner zensieren und sie wur-den von den Wissenschaftlern und Archäologen wei-ter mit großem Interesse verfolgt.Ich hatte über die Pyramiden in den letzten paar Jah-ren weitere Hypothesen aufgestellt. Es lag nahe, dass siefrüheren Zivilisationen zu einem bestimmten Zweckgedient hatten. Diese riesigen Bauten mussten eine 261
  • 258. Art Nachricht für kommende Generationen darstel-len. Wie sollten wir hinter dieses Rätsel kommen, wasdoch in all den Jahrtausenden noch niemandem ge-lungen war? Sogar den Ägyptern blieb nichts anderesübrig, als sie zu ehren und als ihre Kultstätten zu be-trachten. Die genaue geometrische Struktur von viergleichen symmetrischen Dreiecken mit einem Seiten-neigungswinkel von 52 Grad entsprach der eines Salz-kristalls. Wollte diese Form uns etwas vermitteln?So viel war klar, dass wir heute mit dem im Salz ent-haltenen Natriumchlorid unsere Energiegewinnungbetreiben konnten, was wir der UN und den dama-ligen Regierungen verdankten, die damals vor sie-ben Jahren die Anlagen befürwortet und genehmigthatten, nachdem eine katastrophale klimatische Erd-erwärmung, die weitere Ausdehnung des Ozonlochsund nicht zuletzt das Schwinden des Sauerstoffgehaltsdrohten.Nichtsdestotrotz hatten sich radikale und soziale Ver-änderungen breitgemacht, der Faktor Mensch war fastganz unter die Kontrolle der Mächtigen geraten. DasDesaster war sogar noch unmenschlicher als in GeorgeOrwells Roman 1984, da jeglicher Wunschgedankebereits im Keim erstickt wurde. Man könne froh sein,dass es sich so verhielt, ansonsten wären wir bereitsohne Wasser und Nahrung, und nicht mehr existent,hieß es. Nur durch die einseitigen Sparmaßnahmenwar es möglich überhaupt noch zu überleben.Man konnte jetzt Freunde und die Familie virtuell zusich einladen, virtuell im Park spazieren gehen, virtu-ell im Supermarkt einkaufen gehen und sich anschlie-ßend die Ware nach Hause liefern lassen und vielesmehr. Man schaute sich nicht, wie damals, ein For-mel-1-Rennen an, sondern durfte sogar mitfahren. Der 262
  • 259. Vorteil bestand darin, dass das Ganze ohne Spritver-brauch über die Runden ging und die Helden nur aufdem Schirm bestanden. Alles war bestens geregelt.Wie roch eigentlich Heu oder welcher Duft kamauf nach einem Gewitter im Sommer auf dem Land?Wusste überhaupt noch jemand, was sich hinter Os-tern und Weihnachten verbarg? Mit den Jahren warenviele Traditionen in Vergessenheit geraten. Stattdessenwurden die Menschen mit Konsummist eingeschlä-fert, das Ziel eines jeden Marketingmanagers undWirtschaftsbonzen. Die Schuld für die ganze Verblö-dung trugen aber auch die Eltern, die Schule und dieMedien, die wiederum von den Produktfabrikantengeleitet wurden. Unsere Industrie vergiftete uns mitallem, was man vermarkten konnte. Dem Trinkwas-ser wurden erdenklich viele Stoffe hinzugefügt, sodasses fast kein Trinkwasser mehr enthielt. Dafür bezahl-ten wir horrende Summen, während die Niederenzusehen mussten, wie sie auf dem Schwarzmarkt ananderes Wasser kamen. Die Lebensmittel enthieltenNitrate, Hormone, Geschmacksverstärker, Konser-vierungs- und Farbstoffe bis hin zu Antibiotika, wassie fast zu Arzneien machte. Sie verfügten über einSüchtigkeitspotenzial wie Nikotin, Koffein, Alkoholund die gefährlichen Nebenwirkungen machten unskränker statt gesünder.Die Zustände des Jahres 2021 waren unübersicht-lich und korrupt. Die Menschen gliederten sich indie Oberen, die Niederen und die Anonymen, wobeiLetztere nicht registriert waren und weit unter jedermenschlichen Würde lebten wie Tiere. Und da gabes noch die Verwalter, die Obrigkeit und die Herr-lichkeit. Eine perfekte Menschenpyramide. Fazit: Eineneue Ordnung musste gefunden werden. 263
  • 260. Der Computer begleitete uns überall hin und machteuns auf alles aufmerksam, was wir aus Vergesslichkeitfalsch machten. Manchmal beschimpfte er uns sogar:„Du sollst dich an die vorgegebenen Ordnungsregeln hal-ten.“ Die Niederen, die einen Modulprozessor besa-ßen, der ihnen den Zugriff auf festgelegte Programmeerlaubte, wurden jeden Tag von diesem genialen Idio-ten geweckt.Die Anonymen, früher ganz einfache Leute, Arbeiter,die mit ihrer Arbeit mehr oder weniger ihren Lebens-unterhalt bestritten, lebten irgendwo verstreut in derUnterwelt am Rande der Gesellschaft. Ohne offiziel-le Papiere wurden sie zu Außenseitern, Kriminellen,Asozialen, zu einer Bedrohung für die Andersdenken-den abgestempelt. Eine Zeit lang hatte man sie gedul-det. Heutzutage wurde Jagd auf diese Regimegegnergemacht – sie gehörten schließlich nirgendwo mehrdazu, konsumierten nicht genug zum Wohle der Bes-sergestellten.Mit der Zeit wurden es immer mehr, und das beunru-higte die Obrigkeit. Ein definitiver Plan zur Jagd be-stand nicht, aber er wurde stillschweigend gefördert.Tagtäglich häuften sich die Meldungen von Toten undzerstörten geplünderten Läden und Supermärkten.Die Niederen und Anonymen waren zu einem Schul-terschluss gekommen, um das verhasste Regime zudestabilisieren. Es ging darum, die Strukturen durchSabotage und dem Einschleusen falscher Nachrich-ten zu durchlöchern, was die Obrigkeit ziemlich ver-unsicherte. Sie mordeten nicht und betrieben keineSelbstmordattentate, arbeiteten aber effektiv, indem siezum Beispiel Strommasten zum Einstürzen brachtenund dadurch ganze Produktionszweige in den Städtenlahmlegten. Falsche Daten wurden eingespeist oder 264
  • 261. falscher Alarm ausgelöst, während an anderen Ortender Widerstand ausgetragen wurde. Ein Nervenkrieg,dem keine Armeen oder Ordnungshüter etwas ent-gegensetzen konnten. Mit Gewalt war da ohnehinnichts zu machen.Nichtsdestotrotz wurden von den Regierenden inihrer Panik horrende Summen bewilligt und absur-de Gesetze erlassen, um die Anonymen in Bedrängniszu bringen. Kleine Gruppen oder Einzelne wurdengezielt eingeschleust und operierten undercover. DieObrigkeit sollte langsam Ergebnisse vorlegen, wieman der aktuellen Lage Herr werden konnte. MehrFreiheit und Selbstständigkeit wurden gefordert, mehrInitiativen zur Verwirklichung des eigenen Lebens.Zwar musste man den Weg nicht gemeinsam gehen,aber zumindest einander akzeptieren und eine Art desMiteinanders ermöglichen. Die Gewalt musste be-endet werden, sei es durch Gesetzgebung oder einentoleranteren Umgang.„Herr Brink, wir sind da“, sagte der Fahrer trocken.„Was? – Ach ja, danke Karl“, kam ich wieder in dieWirklichkeit zurück. Ich brauchte einen Augenblick,um wieder klar zu sehen. „Also, dann halten Sie dieStellung, vielleicht müssen wir noch einiges erledi-gen“, bereitete ich ihn bereits auf weitere Fahrtenvor.„Kein Problem, Herr Brink, ich mach das gerne fürSie.“„Danke.“Der Agent am Hauseingang begrüßte mich. Ich gingmit einem Kopfnicken weiter.„Hallo, wo seid ihr?“, rief ich, als ich im Flur stand.„Hier!“, hörte ich Teresa von oben antworten. Ich 265
  • 262. ging zur Treppe und sah, wie Teresa sich über das Ge-länder beugte und fragte: „Hast du Neuigkeiten vonden Kindern?“„Teresa, beruhige dich, wir kriegen die Kinder gesundzurück“, machte ich ihr Mut.„Weißt du, wo sie sind?“, erkundigten sich Tommasound Serena gleichzeitig.„Noch nicht, aber die Kommunikation ist hergestellt,und es ist nur noch eine Frage der Zeit“, versuchte ichdie gespannte Atmosphäre zu entschärfen. Ich erzählteihnen, ohne Namen zu nennen, dass Freunde sich da-rum kümmern und wir bis spätestens neun Uhr Be-scheid bekommen würden. Das schien sie etwas zuberuhigen.Die Zeit tropfte nur langsam dahin.Es war gegen halb sieben abends, als das Telefon klin-gelte und Tommaso an den Apparat ging.„Hallo, mit wem spreche ich? – Tut mir leid, wir ha-ben seit heute Morgen eine Panne, ich kann sie sehrschlecht verstehen und nur Audio empfangen“, sagteTommaso, während er erfolglos versuchte, die Frei-schaltung am Bildschirm zu aktivieren.„Ich verstehe Sie sehr gut, Herr Brink. Könnte ichmit Ihrem Herrn Vater sprechen?“ Die Stimme derFrau klang ernst.„Wen darf ich ankündigen?“„Ich bin’s, Antonia. Ich habe sehr wichtige Neuigkei-ten!“Tommaso reichte mir sofort den Hörer.„Hallo, wer spricht da? – Mensch, was für eine Über-raschung, wie geht’s dir? Dass ich noch etwas von dirhöre! Wo ist Jan?“„Hier ist alles okay, aber wir haben weit wichtige-re Nachrichten. Wir wissen nämlich, wer die Kinder 266
  • 263. entführt hat und wer dahintersteckt.“„Was?“,  rief ich erregt. „Woher wisst ihr denn, washier vor sich geht?“„Wir haben rein zufällig gerade einen Arbeitsbesuchbei der russischen ProGasPro beendet, bei dem unsund anderen mitgeteilt wurde, dass weiterer Druckauf deine Familie ausgeübt werden soll und endgülti-ge Beweise für dein Doppelspiel in Sache Obrigkeitund Niedere auf den Tisch kommen. Sie wissen vondeiner Hilfe für die Niederen und Anonymen undwollen dich aus der Reserve locken, damit du Fehlermachst und von den Ordnungshütern auf frischer Tatertappt wirst. Sie sind scharf auf deinen Untergangund werden alles tun, um dich auszuschalten.“„So, so, aber warum haben sie die Kinder und nichtmich entführt?“„Ich denke, sie wollen aus dir keinen Märtyrer ma-chen. Sonst wäre alles dahin, sowohl die geheimnis-volle Formel als auch die weiteren Entwicklungenin puncto Sauerstoff- und Energiegewinnung. Siemöchten dich in Hausarrest sehen, damit du für siearbeitest. Die Kinder sind nur ein Vorwand und wer-den umgehend freigelassen, wenn du dich freiwillignach Moskau oder England in die Höhle des Löwenbegibst und dich bedingungslos ergibst. – So, das istalles, was ich in Erfahrung bringen konnte. Ich kom-me morgen früh mit einem Privatjet und hol dichab. Ich muss leider aufhören, weil ich noch einigesbis zu meinem Abflug zu erledigen habe. Wir sehenuns morgen und reden dann weiter“, beendete sie dieVerbindung.Also doch die Russen und nicht Alonsos Leute, stellte ich,einerseits erleichtert, fest. Dennoch musste ich bismorgen eine eigene Strategie entwickeln. Ich erzähl- 267
  • 264. te den anderen die Neuigkeit und erläuterte meinenPlan, der sie allerdings nicht zu überzeugen schien.Aber zumindest bot sich mir eine Alternative, um dieObrigkeit und unsere Widersacher zu täuschen. Aufoffenem Feld vermochten diese nichts zu unterneh-men, aber wir konnten einschreiten.Ich ließ mich zu Alonso fahren. Er hatte mir zwei Män-ner organisiert, die mir als Bodyguards dienen solltenund mit denen ich nun in einem zweiten FahrzeugRichtung Medpharma-Werke fuhr. Ich wollte michdort mit dem Vorstand treffen und versuchen, einenDialog zu knüpfen und einen Kompromiss zu suchen.Karl sollte in der Nähe des Werks, aber ungesehen, inunserem Wagen warten und später auf den Anruf vonAlonsos Männern hin vorfahren.Nachdem wir vor dem Werktor einer Kontrolle unter-zogen worden waren, durften wir hinein. Drinnenwurde ich von der neuen Sekretärin, Glodens Tochter,empfangen.„Hallo, Fräulein Gloden, wir haben vor einer Stun-de miteinander telefoniert. Ich bin Brink, Jeff Brink“,stellte ich mich vor.„Kommen Sie, Herr Brink, Sie werden bereits erwar-tet. Die beiden Herren können im Warteraum Platznehmen, wenn sie möchten“, sagte die junge Frau so-fort.„Gut, danke“, antwortete ich.„Wenn Sie mir bitte folgen möchten.“„Nicht nötig, ich kenne den Weg zu Herrn GlodensBüro. Sie können aber gerne den Herren den Warte-raum zeigen.“Sie schaute beide an und nickte. „Gut, kommen Sie,meine Herren, es ist am Ende des Flurs.“Die beiden folgten ihr, und ich konnte noch sehen, 268
  • 265. wie sie von hinten festgehalten und chloroformiertwurde. Sie wehrte sich nur kurz, ehe sie bewusstlos indie Knie sackte. Sie gingen mit ihr ins Wartezimmer,während ich mich an ihrem Computer zu schaffenmachte. Ich öffnete Dr. Glodens Datei und seinenTerminkalender.Da schau her. Der gute Dr. Gloden hat wichtige Termine mitMoskau und England in den nächsten Tagen. Also weiß erBescheid, wo sich die Kinder befinden, wenn alles stimmt,was Antonia mir erzählt hat. Und darauf kann ich michvollstens verlassen.Ich machte mich auf den Weg zum Aufsichtsrats-Kon-ferenzsaal. Im Aufzug waren Kameras installiert, wieich feststellen musste. Im vierundzwanzigsten Stockstieg ich aus und ging weiter zum Konferenzraum. Essaßen nur vier Leute am Tisch, während Dr. Gloden,mir den Rücken zugewandt, am Fenster stand und aufdie Kölner Altstadt und den Rhein schaute, als hätteer mich nicht bemerkt. Als ich nah genug war, drehteer sich langsam um.„Herr Brink, wie schön Sie wiederzusehen! Es ist lan-ge her, seit Sie im Werk waren. Was verschafft mir dieEhre?“ Seine Worte klangen ironisch und triumphie-rend. Er sah sehr mitgenommen und gealtert aus. „Siewissen, warum ich hier bin. Ich möchte sofort meinebeiden Enkel sehen und sie nach Hause bringen!“,sagte ich mit fester Stimme.Die Herren am Tisch zuckten merklich zusammen.Als einer von ihnen etwas sagen wollte, hob Dr. Glo-den die Hand, um anzudeuten, dass er das überneh-men würde.„Dr. Brink, Sie unterstellen uns Kindesentführung!Erstens wissen wir nichts davon und zweitens wolltenSie sich mit uns doch über etwas ganz anderes unter- 269
  • 266. halten“, gab er ruhig zurück.„Tun Sie nicht so scheinheilig. Sie wissen, wo dieKinder sind! Sie täten gut daran, sie freizulassen, wennSie Ihre Tochter gesund zurückhaben möchten“, ant-wortete ich.„Was hat meine Tochter damit zu tun?  … Wo istSie? … Was haben Sie vor? … Was haben Sie mit ihrgemacht?“, brauste er auf und ging zum Tisch, um zutelefonieren.„Ihre Tochter ist in diesen Minuten mit meinen Bo-dyguards bereits unterwegs zu einem geheimen Ort,bis meine Enkel sicher bei ihren Eltern sind. Ist dasklar, Herr Gloden? Geht das in Ihr verdammtes Hirnoder haben Sie gedacht, ich würde alles hinnehmen,was in all den Jahren von Ihnen an Intrigen gespon-nen wurde? Aber es liegt in Ihrer Hand. Guten Tag.“Ich drehte mich zum Gehen um.„Sie sind verrückt, Brink! Das werden Sie mir büßen.Sie und Ihre ganze Sippe, wenn meiner Tochter etwaszustößt“, stieß er wütend hervor.„Ich höre, Sie lieben Ihre Tochter – ja, und wir liebenunsere Kinder. Also, wo stecken sie?“, fragte ich ihnnoch einmal.Er blieb stumm.„Ich werde nur einen Tag warten und Sie dann bloß-stellen. Ihre ganze Laufbahn bei Medpharma könnenSie dann vergessen. Tun Sie das Richtige“, gab ich imklar zu verstehen.Ich war fest entschlossen, über die UN die Russenund die Medpharma AG zu verklagen; dazu würde ichetliche Beweise auf den Tisch legen. Mit hasserfülltenAugen musste er mit ansehen, wie ich aus dem SaalRichtung Aufzug ging, ohne noch ein weiteres Wortzu verlieren. Er wusste, dass sein Plan gescheitert war 270
  • 267. und er sich keine weiteren Fehler erlauben durfte, wassowohl das Werk als auch die Russen Punkte und An-sehen kostete. Die anderen Herren im Aufsichtsratwürden ebenfalls die Mission für gescheitert erklären.Natürlich ahnte er nicht, dass sein Name bei der UNbereits mehrmals in die Kritik geraten war, da er ver-sucht hatte, die Anlagen als zu schwach zu definieren,und angegeben hatte, dank seiner Modifizierungenein Vielfaches an Energie produzieren und liefern zukönnen. Aber die UN hatte sich entschlossen, welt-weit kleine Anlagen zu betreiben, um die Sauerstoff-vertreibung besser und gleichmäßiger zu verteilen. Indiesem Zusammenhang waren auch nationale Inter-essen in Erwägung gezogen worden. Der Betrieb ei-niger weniger Riesenzentralen wäre zwar billiger undeffizienter gewesen, aber auch gefährlicher angesichtsder befürchteten Monopolstellung, je nachdem, aufwelchen territorialen Standorten sie sich befundenhätten.Die Russen hatten in den letzten Jahren keine Ag-gressionen mehr gegen uns gezeigt, da ihre Öl- undGasvorkommen reichlich Reichtum erwirtschaftethatten. Aber seit die UN-Resolution dem Treibhaus-effekt und dem ungebremsten CO2-Ausstoß mit dras-tischen Sanktionen begegnete, schienen die Russen eswieder auf uns abgesehen zu haben.Amerika musste sich zurzeit mit riesigen Problemenherumschlagen, und zwar mit Industriesmog und Un-ruhen in sämtlichen Bundesstaaten. Es drohte sogar diepolitische und ökonomische Spaltung der „Vereinig-ten Staaten“. Selbst bei der Terrorbekämpfung schienkeine Einigung im Senat in Sicht. Ein Übermaß ankapitalistischer Kraft und die Lobbyisten bedrohtenAmerikas Demokratie, da man dem sozialen Frieden 271
  • 268. einfach nicht gerecht wurde. Nur das Wort Demokratlebte noch weiter, doch dass Menschen unter einer sostrengen Aufsicht leben mussten, war nicht mehr imSinne Roosevelts.Europa war noch einigermaßen in seinen Traditioneneingebunden. Dafür schmückte sich der alte Konti-nent mit mehr oder weniger verschleierten Demo-kratien, die die Grundrechte des Menschen vielerortsmissachteten.Wie dem auch sei, ich hatte im Augenblick andereSorgen. Ich wusste nicht, ob der Plan, Glodens Toch-ter aus dem Werk zu schleusen, geklappt hatte. MeineBodyguards sollten das Werk vorzeitig verlassen mitder Begründung, dass sie anderweitig gebraucht undjemand anders mich abholen würde. Als ich draußenvor dem Tor der Medpharma-Werke stand, war mirwohler. Es hatte sich zu einem nimmersatten, gefrä-ßigen Monstrum entwickelt, das aus Fusionen undüberteuerten Produkten, wie Dünge- und Arzneimit-tel, aufgebaut worden war, sich weiter an der Ener-gie der Welt bereichern wollte und auf Kosten vielerimmer mehr Einfluss, Macht und Gewinn anstrebte.Medpharmas Strategie, ohne Langzeitstudien phar-mazeutische Produkte auf den Markt zu werfen, warmir immer schon ein Dorn im Auge gewesen.Nicht weit vom Tor wartete mein Fahrer auf mich.„Ist alles gelaufen wie am Schnürchen. Alonsos Män-ner sind schon eine Weile weg. Ohne großes Aufsehenhaben sie mit dem jungen Fräulein im Kofferraum dasTor verlassen.“Es tat mir leid um Glodens Tochter, aber was hätteich anders tun können, um meine Enkel zurückzube-kommen? Alonso würde sich schon wie besprochenum ihr Wohlergehen kümmern. Doch das Ganze war 272
  • 269. noch nicht ausgestanden.Ich musste, sobald ich zu Hause war, den UN-Gene-ralsekretär anrufen und Bescheid geben, dass die städ-tische Polizei weitere Schritte gegen diese Verbrecher,gegebenenfalls gegen den Konzern, einleiten konnte.Ich genoss weltweit diplomatische Freiheiten und Im-munität, denn ich hatte vor Jahren, wie die Obrigkeit,einen speziellen Reisepass erhalten, den ich allerdingsnie für private Zwecke und meine Familie eingesetzthatte.Etwas erleichtert fuhren wir nach Hause zu Tomma-so.Was uns in den letzten Jahren am meisten Sorgen be-reitet hatte, war, dass wir die Ursachen und genauenZusammenhänge, die den Klimawandel verursachten,nicht verstanden hatten. Keiner hätte in den Fünfzi-ger-, Sechziger- und Siebzigerjahren gedacht, dass dieSchadstoffe uns in eine derart verzwickte Lage brin-gen würden. Dazu schrillten die Alarmglocken derPolitik viel zu langsam, während es die Wirtschafts-bosse exzellent verstanden, die Situation zu verharm-losen. Daher bestand das Kyoto-Protokoll nur aus Ab-sichtserklärungen und unkonkreten Maßnahmen undauch andere Aktionen hatten nicht zur Reduzierungder Schadstoffe geführt, ganz zu schweigen von denProtagonisten, die das Ganze bewusst als Klimahyste-rie abgetan hatten.Das Ozonloch war größer, die Luft zum Atmen nochdünner geworden, und nur die erneuerbaren Ener-gien nahmen allmählich Form an, da wir keine ande-ren Alternativen kannten. Obwohl es für die Zukunftschlecht aussah, blieb ich optimistisch. Mir taten nurdie Leute leid, die zusehends ärmer wurden.Afrika, wo 273
  • 270. einst die Wiege der Menschheit und das Paradies allerTiere lag, befand sich in einem so miserablen Zustand,dass jetzt der Sensenmann ohne Ausnahme alles weg-raffte. Dem Kontinent drohte der Kollaps, es gab keinsauberes Trinkwasser, Hunger, Dürre, Stürme, Armutund Seuchen. Ein Teufelskreis, den keiner mehr zustoppen vermochte. Wir wussten seit Jahrzehnten vondieser Gefahr und hatten dem geschundenen Konti-nent nur falsches Mitleid entgegengebracht. Mittler-weile war damit begonnen worden, viele Tier- undPflanzenarten nach Europa umzusiedeln, da die Re-genzeiten hier noch einigermaßen das Gleichgewichtder Natur aufrechterhielten, obwohl aufgrund nichtallzu strenger Winter Überschwemmungen an der Ta-gesordnung waren.Sauberes Wasser führte immer mehr zu nationalen undpolitischen Konflikten; die Türkei zum Beispiel setztedurch Staudämme rigoros ihre nationalen Interessendurch. Die Menschen litten an Magen- und Darmin-fektionen, wobei es die Kinder am schwersten traf. Dader menschliche Körper zu siebzig Prozent aus Wasserbesteht, wurde jede Zelle des Organismus angegrif-fen. Es gab kein lebendiges Wasser mehr, nur noch einhochprozentig verseuchtes, in Aufbereitungsanlagenständig mit Chemie aufbereitetes, schmutziges Nass.Dabei besaß Wasser ein ausgeklügeltes Erinnerungs-vermögen und speicherte alle relevanten Informatio-nen. Man konnte es nicht waschen – und vor allemnicht täuschen oder hintergehen. Wir hatten uns zulange im Überfluss des kostbaren Nasses gebadet undes in Zeiten des Wohlstands vergeudet. So wie einstSalz teurer war als Gold, war das Wasser teurer alsDiamanten geworden. Sauberes Trinkwasser gehörtezu den Grundrechten und dem Gemeinwohl, dachte 274
  • 271. ich zumindest, aber in dieser Beziehung kämpfte ichgegen Windmühlenflügel.Zu Hause angekommen freuten sich die Frauen, unswiederzusehen. Uns blieb nun nichts anderes übrig,als abzuwarten, welche Strategie Gloden und dieMedpharma AG mit den Russen verfolgten. Ich legtemich ein bisschen aufs Ohr, ehe ich in einer Stundein unser Haus nach Bonn zurückfahren wollte, weilich dort besser erreichbar war und im Falle weitererEntwicklungen näher bei Alonso wäre.Ich schreckte auf, als ich genau über uns einen Hub-schrauber donnern hörte, der im Garten zu landenschien.Ich hörte, wie León sagte: „Das muss für uns sein, erist hier gelandet.“Ich stand sofort auf und lief zum Fenster. Die Stim-men draußen wurden vom Lärm der Rotorblätterdes Hubschraubers übertönt. Ich lief in den Garten,wo sich alle versammelt hatten und durcheinander-schrien.Der Lautsprecher des Hubschraubers ertönte: „Hallo,wir bringen die Kinder. Bleiben Sie ruhig und ma-chen Sie Platz.“Wer sind diese Leute und was wollen sie?, ging mir durchden Kopf. Aus Vorsicht blieb ich daher etwas im Hin-tergrund.Die Motoren wurden abgestellt. Nach einiger Zeitging die Schiebetür auf und zwei Männer stiegen aus,gefolgt von einem dritten, den ich sofort erkannte. Eshandelte sich um den EU-Präsidenten Juan da Cun-ha. Ich rätselte, was der bei uns wollte. Wir hatten unseinige Male auf Banketts und anderen politischen Er-eignissen gesehen, aber nie direkt miteinander gespro- 275
  • 272. chen. Er kam auf uns zu und wandte sich an mich.„Herr Dr. Brink, es tut mir leid, Sie und Ihre Familieauf diese Art zu belästigen. Könnte ich Sie kurz untervier Augen sprechen, wenn Sie gestatten.“Ich konnte nicht so richtig darauf antworten undstammelte: „Wie … wie soll ich das verstehen? Ent-schuldigen Sie, Herr Präsident, worum geht es?“„Ich wollte die aktuelle Lage bezüglich Ihrer Enkel-kinder erörtern“, sagte er etwas steif.„Was ist mit den Kindern?“, rief Serena und kam aufuns zu.„Alles in bester Ordnung, Frau Brink, Sie brauchensich keine Sorgen zu machen, Ihre Kinder sind bereitsunterwegs hierher. Herr Weimar, der Aufsichtsratsvor-sitzende der Medpharma AG, hat alles in die Wege ge-leitet. Aber jetzt möchte ich Herrn Dr. Brink kurzsprechen“, erwiderte der EU-Präsident sachlich. „So,wo können wir ungestört ein wenig plaudern?“Ich traute ihm nicht so richtig, konnte ihm seine Bitteaber auch nicht verweigern.„Herr Präsident, wir können drinnen im Büro meinesSohnes Platz nehmen, wenn Sie nichts dagegen haben.Mein enger Freund Herr León Almeida, der ja auchGroßvater der Kinder ist, soll mit dabei sein“, äußerteich, entschlossen das Gespräch nicht unter vier Augenzu führen.„Wenn es sein muss“, antwortete er nur kurz.Wir gingen zusammen ins Haus.„So, da wären wir also, worum geht’s?“„Die Sache ist etwas delikat, Sie müssen mich nichtfalsch verstehen und mir das nicht persönlich neh-men. Ich handele im Namen der Europäischen Re-gierung und möchte Sie bitten, vorsichtig zu sein unddie Gesetze der Obrigkeiten zu befolgen. Sie wissen 276
  • 273. nämlich, dass Sie, Herr Brink, eine Schwäche für dieNiederen und Anonymen haben, und man will diesnicht länger dulden. Ein weiterer Kontakt würde siezwingen, Gegenmaßnahmen zu erwägen, bis hin zuIhrer Inhaftierung und Ihnen nahestehender Perso-nen.Verstehen Sie mich nicht falsch, sollte es zu einerKonfrontation kommen, riskieren Sie Kopf und Kra-gen. So, das war meine Nachricht an Sie.Des Weiteren wollte ich Sie auf unsere Jahrestagungeinladen und Sie bitten, eine Rede zum Klimaschutzzu halten mit der Bitte, niemanden zu beleidigen. Da-mit können Sie wieder Terrain und das Vertrauen derObrigkeit zurückgewinnen. Ich werde Ihnen selbst-verständlich die Einladungen, auch für Ihre Begleit-personen, zukommen lassen. Die Konferenz findet am29. Juni statt.Also dann, ich muss weiter meine Herren. Es war mirein Vergnügen, Sie kennengelernt zu haben. Auf einbaldiges Wiedersehen und vor allem unter anderenUmständen.“Mir war bis zu diesem Augenblick nichts eingefallen,was ich hätte sagen können, und ich beließ es dabei.„Ich werde mich bei den Obrigkeiten melden“, sagteich nur und gab ihm die Hand.„Auf Wiedersehen, Herr Präsident.“ León reichte ihmebenfalls die Hand und fuhr fort: „Wenn Sie nichtsdagegen haben, Herr Präsident, bin ich auch mit vonder Partie.“„Kein Problem, ganz im Gegenteil, es würde mir sehrschmeicheln. Tschüss, die Herren.“ Er drehte sich umund verschwand durch die noch offen stehende Tür,bevor jemand ihn begleiten konnte.„Was hältst du von diesem Besuch? Höchst merkwür-dig, nicht wahr?“, fragte ich León. 277
  • 274. „Eins steht fest, sie wissen von deinen Aktivitäten mitden Niederen und Anonymen und haben dir eineGalgenfrist gegeben, da sie kein unnötiges Aufsehenaus der Sache machen wollen. Es scheint eine letzteWarnung zu sein. Auf der anderen Seite wollen sie,dass du dich tiefer in die Forschung des Klimaschutzesund der Erderwärmung einbindest, vermutlich damitdu abgelenkt wirst. Im Gegenzug lassen sie dich dannin Ruhe. Du solltest dir das genau überlegen, ob duden Niederen weiter Hilfe zukommen lassen willstoder ob du der Obrigkeit folgst und dich weiter wis-senschaftlich nützlich machst, was letztendlich deinBeruf ist“, resümierte León.Ich verstand seine Sorge, aber den sozialen Aspektmeiner Lebensphilosophie wollte ich dennoch nichtbegraben. Bei mir stand der Mensch im Mittelpunktund nicht die Interessen der Mächtigen, die mithil-fe der Banken und anderer Einrichtungen über denDatenschutz hinweg seit einigen Jahrzehnten Infor-mationen im großen Stil über ihre Kunden, Mit-glieder, Besucher, Antragssteller, Patienten und der-gleichen gesammelt hatten, obwohl laut Gesetz undder Verfassung für Menschenrechte die persönlichenDaten nur mit Zustimmung der betroffenen Perso-nen verarbeitet, abgespeichert, abgefragt und genutztwerden durften; aber viele Unternehmer fanden im-mer wieder Wege, die Gesetze dreist zu umgehen. DiePolitik unternahm gar nichts und setzte noch einsdrauf. Also blieb dem Einzelnen keine andere Wahl,als sich zu wehren.Bei den ganzen Geschäftsbedingungen, die sich derKunde verpflichtete zu akzeptieren, befand er sichstets im Nachteil. Mit immer neuen Produkten undDienstleistungen, die mit stets derselben Masche ge- 278
  • 275. worben wurden – besseres Produkt, besserer Dienst,der letzte Schrei usw. –, zapften sie immer wieder aufsNeue unser Portemonnaie an. Was geschah eigentlich,wenn beispielsweise keine neuen Automobile mehrgebaut würden, da durch die zunehmende Verarmungkein Geld für solche kostspieligen Anschaffungen vor-handen war? Würden diese Konzerne und Zuliefer-firmen dann schließen müssen? Konnte der Staat die-se fehlenden Steuereinnahmen mit einer zusätzlichenBelastung oder Staatsverschuldung wettmachen? Waspassierte, wenn die Weltwirtschaft noch weiter ge-lähmt würde und die Staatsfinanzierung nicht möglichwar? Die Folgen konnten wir an einer Hand abzählen:Die Reichen bekämen einige Probleme, während dieArmen noch ärmer würden. Die Politik könnte sogarihre Staatsbediensteten nicht mehr bezahlen, was zueinem Bürgerkrieg führen konnte. Mit Konjunktur-paketen von Milliarden Garantieblasen und Schulden,die von den nächsten Generationen mit finanziertwerden sollten, war die Wirtschaft nicht zu stabilisie-ren. Mit einem privaten Darlehen das unsere Enkel-kinder abstottern müssten, waren die Banken dochauch nicht einverstanden. Außerdem waren diese Be-vorzugungskonsumgüterangebote ungerecht gegen-über den anderen Ländern und deren Bürgern.Ein weiterer heikler Punkt war das perfide elektroni-sche Überwachungssystem. Schon seit Jahren konnteman nicht mehr durch London gehen, ohne regist-riert zu werden. Die Möglichkeiten der Videoüber-wachung waren unbegrenzt: an und in öffentlichenGebäuden, auf Marktplätzen und Bahnhöfen, aufSportplätzen und um sie herum, in Bussen und Zü-gen, vor und in Banken, in und im Umkreis von In-stituten, Universitäten, Museen, Tankstellen, Straßen, 279
  • 276. Kreuzungen und Autobahnen, Hotels, Restaurants,Cafés, Discos und dergleichen, auf Parkanlagen, inSchulen, in Einkaufzentren, Supermärkten und Shop-ping-Promenaden – halt überall, wo sich Menschenbefanden und begegneten. Hierbei handelte es sichum ein schwerwiegendesVergehen und um einen Ein-griff in die Privatsphäre der einzelnen Bürger in einerfreiheitlichen Demokratie. Jeder musste das Recht ha-ben, sich in der Öffentlichkeit frei, unbeobachtet undunkontrolliert bewegen zu können. Dazu geselltensich unverschämterweise die versteckten Kameras amArbeitsplatz. Ganz zu schweigen von der Speicherungvon Telefongesprächen, der Arbeitszeitkontrolle, derComputerüberwachung oder der Zensur des Inter-netzugangs. Man konnte zwar Einspruch gegen die-se Überwachung und Datensammlung einlegen, abermeistens ohne Erfolg. Die Leute wurden immer wie-der vertröstet. Das Einzige, was jedem Einzelnen nochübrig blieb, war, sehr vorsichtig mit den persönlichenDaten umzugehen, öffentliche Stellen zu meiden undohne die kommunikativen Mittel zu leben.Wir mussten Sorge dafür tragen, dass mehr Gerechtig-keit herrschte, denn Ungerechtigkeit und Machtlosig-keit heizten die Gemüter und die Gewaltbereitschaftan. Diese Welt war ungerecht, und die Menschen wa-ren es leid, dass gewisse skrupellose Machthaber sicheinen Dreck um unsere Gefühle und Sorgen scher-ten.Ich wollte alle aufrufen, für eine menschlichere Weltzum Wohle allen Lebens auf diesem Planeten zu kämp-fen,Verantwortung für den Nächsten zu übernehmen,ob Mensch,Tier oder Pflanze und nicht zuletzt unsereUmwelt, die dabei war, sich für alle Ungerechtigkei-ten zu rächen, die wir ihr und damit uns antaten. 280
  • 277. Ich kam langsam wieder zu mir und bemerkte, dassLeón mich anstarrte und auf eine Antwort wartete.Ach ja, ich sollte mich wieder als Wissenschaftler prä-sentieren und nicht als Prediger, oder war das nichtdie Frage?„Ich hab nicht zugehört, tut mir leid. Worumgeht’s?“Tommaso kam in diesem Augenblick herein. „Wirbleiben hier, bis die Kinder eingetroffen sind. Die Be-gleiter vom EU-Präsidenten meinten, in ein bis zweiStunden wären die Kinder frei. Die Tochter von Glo-den sollte bis dahin auch wieder zu Hause sein.“„Gut, wir sollten damit das Kapitel abschließen, ob-wohl mir das nicht gefällt, da mich gewisse Dinosau-rier bei der Obrigkeit flügellahm wünschen; aber dieMächtigen in Russland wollen ja schon mehr als achtJahre meine Erfindungen, ohne sich an die Regeln zuhalten. Wie lange noch müssen wir mit der Angst undEntführungen leben? Man sollte endlich etwas unter-nehmen und die Mächtigen aus ihren Höhlen zerren,angefangen bei Gloden, diesem Neider, Verräter undSpeichellecker. Er soll endlich die Hintermänner nen-nen, damit die Obrigkeit sie zur Raison bringt. Odermehr noch, sie ausschaltet!“Tommaso und León nickten nur. Doch es schien fastein Ding der Unmöglichkeit zu sein, an sie heran-zukommen. Ich sollte mich zurückziehen und mei-ne Memoiren schreiben, schließlich hatte ich meinenTeil zur Rettung unseres Planeten beigetragen. Aberwelcher Wissenschaftler, gerechtigkeits- und friedlie-bender Mensch konnte sich von seiner Arbeit zurück-ziehen und zusehen, wie wir untergingen?Wie gesagt, die Politik war nicht mehr imstande, et- 281
  • 278. was zu verändern. Nur die Wirtschaftsbosse und ihreGeldgeber hielten die Zügel in der Hand. Sogar inKriegsgebieten zogen die Mächtigen heimlich ihreStrippen, indem sie mit Waffenlieferungen diese Krie-ge bedienten; wie beispielsweise der Konflikt zwi-schen der arabischen Welt und den Juden im NahenOsten, wo dem Blutvergießen kein Einhalt gebotenwerden konnte.Jeder vernünftige Mensch stellte sich die Frage nachden Hintergründen. Lag es an der Religion, an wieimmer gearteten Doktrinen, am Hass, an der Hoff-nungslosigkeit, wenn sich gewisse Völker gegenseitigüber Jahrzehnte umbrachten? Die Gegend um dasTote Meer hätte längst schon Totes Land heißen müs-sen, bei all den Tränen und dem Blut der letzten Jahr-tausende. Die Palästinenser wollten Frieden, aber eineMinderheit, die durch das Leid zu einer Mehrheit an-gewachsen war und keine gute wirtschaftliche odersoziale Zukunft erwartete, konnte sich nur vom Hassernähren. Und gewisse skrupellose Mächte nutztendies aus. Warum besaßen die Palästinenser überhauptnoch Waffen und vor wem wollten sie sich schützen?Es war nicht glaubhaft, dass Israel Palästina vernichtenoder einnehmen wollte, sondern eher ein friedlichesMiteinander in einem gemischten Volk wünschte.Leider gab es da irgendeine Macht, die die Palästinen-ser, besser gesagt die Hamas, massiv mit Waffen unter-stützte und den Stachel des Hasses immer tiefer in dasjüdische Fleisch einbohren wollte, um sie zu provo-zieren und zu Fehlern zu verleiten. Diese geheimnis-volle Macht würde bald Farbe bekennen müssen. Zuunserem Erstaunen kam sie nicht aus der arabischenWelt. 282
  • 279. Nicht nur in den armen Ländern waren wir nicht im-stande, für sauberes Trinkwasser zu sorgen, dessen Ver-sorgung weltweit zu einem Riesenproblem gewordenwar. Die Weltenwicklungsfonds und Hilfsorganisatio-nen standen dem vollkommen machtlos gegenüber.Die Unternehmen waren korrupt durch die immereinseitigere, profitorientierte Vorgehensweise, unddie Obrigkeit zeigte kein Interesse an Menschen, andenen man nichts verdienen konnte und die zu nichtsnutze waren. Eine Weltorganisation für diese Völkerwäre dringend nötig gewesen, zumal ihre katastropha-len Systeme bestechlich und ohne jegliche Zukunfts-perspektive waren. Es gaben drei Milliarden Niedere,fast ein Drittel der Weltbevölkerung, die sich mittler-weile nur mit Widerwillen den Tatsachen beugten.Weitere fünf Milliarden mussten mit einem Minimumauskommen. Ferner starben zweihundertfünfzig Mil-lionen Menschen jedes Jahr an Hunger und Krank-heit, davon viele an den Folgen verschmutzten Trink-wassers.Von den Tieren und Pflanzen ganz abgesehen.Afrika und Asien schlugen sich mit Seuchen herum.Die Hauptursachen lagen im Wirtschaftsboom und inder unkoordinierten Abfallentsorgung, wobei der Ab-fall überall herumlag oder in die Gewässer abgeleitetwurde. Der Rest der Menschheit sah dieser Entwick-lung tatenlos zu und überließ sie ihrem Schicksal.Die Jugend hatte keinen Glauben, keine Visionen undkeine Vorbilder. Ihr fehlte es an Begleitung, Wissen,Motivation, Pioniergeist, wissenschaftlicher Erzie-hung, Moral und Ethik. Nur die Straße war ihr Zu-hause, wo sie herumlungerte, vom Klauen lebte undUnruhe stiftete.Wo es keine kulturelle Basis sowie so-ziale Bindungen für die Selbstverwirklichung gab, warSelbstbeherrschung und Verantwortung Mangelware. 283
  • 280. Anarchie und Rebellion bestimmten die Tagesord-nung. Solange diese Jugendlichen sich nicht organi-sierten, waren sie harmlos. Doch viele hatten sich zuBanden zusammengeschlossen, in deren Umgebungsich niemand mehr traute. Ihre Eltern hatten sie auf-gegeben. Ganze Metropolen waren seit zwei Jahr-zehnten auf sich selbst gestellt, versanken im Dreckund in der Kriminalität. Schon lange war jeglichemenschliche Ordnung verloren gegangen.Aber wir würden uns noch wundern, wenn nichtgleich auf unserem schönen Planeten etwas geschah.Die Konsequenzen würden uns hart treffen.Viele Menschen liefen mit dem implantierten Chipherum, sodass sie so über den ganzen Planeten ver-netzt waren. Ein Handy besaßen nur noch wenige.Doch diese Menschen verhielten sich egozentrisch,materialistisch, waren nur an sich selbst orientiert. Siefanden Erfüllung nun in dem Motto, man lebt nur ein-mal, und wollten das Leben voll ausschöpfen. Dabeinahmen sie jede Einschränkung in Kauf, Hauptsache,sie konnten bedingungslos dem Konsum frönen. Im-mer das Allerneuste, technisch besser, einfach und be-quem, hieß die Devise.Wir, meine Familie und meine Freunde, hatten bisheute jeglicher Manipulation dieser Art widerstan-den.Nicht wenige hatten solche apokalyptischen Folgenvorhergesagt, womit sie auch Atomschläge, Kriege,Tod, Seuchen und Chaos meinten. Die Veränderun-gen unserer Umwelt und Gesellschaft schritten mitatemberaubendem Tempo voran. Das Ganze hatteeine eigene Dynamik entwickelt.Ich dachte an einen Ausschnitt aus der Bibel, und 284
  • 281. zwar an den zweiten Brief des Paulus an seinen SohnTimotheus. Hier stand:Du musst wissen, dass die Zeit vor dem Ende sehr schlimmsein wird. Die Menschen werden selbstsüchtig sein, geld-gierig, großtuerisch und eingebildet. Sie werden Gott undMenschen beleidigen, ihren Eltern nicht gehorchen und vornichts mehr Ehrfurcht haben. Sie sind undankbar, lieblosund unversöhnlich. Sie werden ihre Mitmenschen verleum-den und hemmungslos ausleben. Sie sind gewalttätig undhassen das Gute. Zu jedem Verrat bereit, sie sind leichtsinnigund werden vom Hochmut verblendet. Sie leben nur für ihrVergnügen und kümmern sich nicht um Gott. Sie geben sichzwar einen frommen Anschein, aber von der Kraft wahrerGottesfurcht wollen sie nichts wissen.In diesem Text, der aus einer Zeit vor mehr als zwei-tausend Jahren stammte, stand schwarz auf weiß, wieunsere aktuelle Zivilisation war und was uns erwartete.Wir würden unvermeidlich geradewegs in unser Ver-derben laufen, zumal wir jegliche moralische Vernunftsowie Gottesehrfurcht und Glauben verloren hatten.Stattdessen folgten wir, ohne mit der Wimper zu zu-cken, einer kapitalistischen Schimäre. Nichts konntemehr darüber hinwegtäuschen, dass es bald zu Endeging, wenn nicht ein Wunder geschah.Die Börsen, Banken und Großbanken fraßen sichinzwischen gegenseitig auf. Wenn zuletzt nur nochein Supergebilde übrig blieb, wie sollte dann nochMarktwirtschaft oder Konkurrenz möglich sein? Wirmussten unverzüglich reagieren, ehe es zu spät war– das betraf auch Klimawandel, Ausbeutung, Armutund die kriegerischen Auseinandersetzungen. Kneifenbedeutete das Aus, egal für wen, insbesondere da alleWeltkonferenzen, Gipfel und Klimaberichte, inklusivedie der UN und IPCC, seit zwei Jahrzehnten keine 285
  • 282. Ergebnisse zeitigten, sondern nur viel Papier und hei-ße Luft.Aber was konnte der Einzelne ausrichten? Die künst-liche Welt und Konsumgesellschaft schien für vieledie einzige Flucht zu sein. Unterhaltung, elektroni-sche Spiele, Fernsehen, schnelle Fahrzeuge und vielesandere mehr. Dabei wollten wir nicht einmal wissen,wohin das führte und was danach auf uns zukam.Stattdessen verleugneten wir die nachteiligen Neben-wirkungen. Aus diesem Grunde konnte ich nicht aneine von Menschen erschaffene Wende glauben, sosehr wir uns auch anstrengten.Als eine Limousine vorfuhr, liefen Serena und Tom-maso zur Tür. Ich hielt mich etwas zurück. Ein ältererMann stieg aus und kam zum Haustor. Serena drück-te auf die Fernsteuerung und das Tor begann sich zuöffnen. Der Mann lief zurück zum Wagen und öffneteden Kindern die Wagentür. Sofort kamen sie ange-laufen, aufgeweckt wie immer. Sie trugen beide gelbeJacken.„Mama, Mama, Papi, wir sind wieder da!“, rief Pat-rick, als kämen sie gerade aus den Ferien zurück.Daniel, der ein Spielflugzeug in den Händen hielt,kam hinterher. Man schien sie gut versorgt zu haben.„Oh, wie schön, dass ihr wieder da seid!“Serena und Tommaso umarmten ihre kleinen Lieblin-ge ganz fest, wobei über Serenas Wangen Freudenträ-nen liefen. Wir standen gerührt daneben. Ich hätte amliebsten alles hingeschmissen und einen Strich unterdas Ganze gezogen.„So, ich hab eine Idee: Wir fahren alle gemeinsam inunser Haus nach Slowenien und erholen uns ein paarTage.“ 286
  • 283. „O ja, Opa!“, rief Patrick.„Ich will auch mit“, schrie Daniel.„Mami, Papi, Opa, Omi, alle, bitte, bitte lass uns sofortfahren. Ich hol meine Gummistiefel, dann gehen wirfischen.“„Opa, ich nehm mein Fahrrad mit“, sagte Daniel.„Gut. Dann los! – Teresa, ruf bitte den Wagen. León,Jackie, kommt, packt ein paar Sachen ein und ab gehtdie Post!“„Gut, wir können dort deine Rede für den Europaratvorbereiten“, meinte León, sichtlich erleichtert.„Hatte ich auch so gedacht“, stimmte ich ihm zu.Die Frauen waren mittlerweile schon mit den Kin-dern nach oben gegangen und packten ihre Sachen. 287
  • 284. Entspannen und Albtraum am BohinsjkomeerIn St. Furzina angekommen ging es mit zwei hybridenOffroadfahrzeugen weiter zur Berghütte am Bohins-jkomeer, wo sich die Frauen gleich daranmachten, dasEssen zuzubereiten. Wir Männer mussten etwas Holzfürs Feuer hacken. Tommaso, der dafür gesorgt hatte,dass Glodens Tochter zurück zu ihrem Vater gebrachtwurde, wollte tags darauf nachkommen, während Se-rena und die Kinder mit uns geflogen waren.„León, weißt du, ich könnte ganz auf alles verzich-ten und mich mit meiner Familie hierher zurückzie-hen.“„Glaub ich dir auf Anhieb, ist genau nach meinem Ge-schmack. Ehrlich gesagt, ich fühl mich auf der Farmin Mexiko auch sehr wohl. Der Geist braucht Abstandvon den Anforderungen und der uns auferlegten Ver-antwortung“, sagte León melancholisch und reichtemir einen Holzscheit.„Wenn Tommaso morgen kommt, werden wir einenPlan aufstellen. Er soll einen Teil der Untersuchungenübernehmen, so kann ich etwas von der Arbeit ab-geben.“„Ehrlich gesagt, es wird mir mittlerweile ebenfalls et-was zu viel“, gab León mir recht.„Tommaso kann die regelmäßige Kontrolle der An-lagen übernehmen.“„Wir müssen nur Jan und Guiglelmo überreden, denBau der neuen Anlagen inklusive der Fördermengenzu übernehmen“, erwiderte León.„Ich hatte denselben Gedanken. Somit bliebe Raumfür unsere neuen Aufgaben.“León war Experte auf diesem Gebiet, sein Leben langhatte er die Stelen der Maya und die Pyramiden stu- 288
  • 285. diert. Das größte Problem bildeten die Plünderungen,wodurch viel Wissen nicht mehr aufgeholt werdenkonnte. Die Grabräuber hatten durch ihre Habgierzwar ihr Einkommen aufgebessert, dafür aber die Ge-schichte für immer unwiderruflich zerstört.„So, genug Holz für den ersten Tag“, sagte ich etwasaußer Atem von der anstrengenden Arbeit.„Mach langsam, wir brauchen dich noch“, necktemich León lächelnd.„Ach, etwas Bewegung tut mir gut, deswegen kommeich so oft es geht hierher. Hier ist weit und breit keineMenschenseele, die Leute scheinen noch kein Inter-esse an diesem Ort zu haben.“„Du darfst hoffen, dass es so bleibt“, bemerkte Leónskeptisch.Wir gingen wieder hinein, jeder mit einem StapelHolzscheite auf dem Arm.„So, meine Damen, wir zünden jetzt den Kamin an,damit wir es schön gemütlich warm haben. Ich be-sorg uns eine Flasche guten Wein.“ Ich wandte michzu León: „León, was möchtest du trinken? Ich hab daeinen alten Médoc aus dem Jahre 2015, was hältst dudavon?“„Klingt gut, ich bin dabei“, antwortete er mit einemGlänzen in den Augen.„Hier finden wir etwas Ruhe“, bemerkte Serena.„Ich freue mich immer auf diesen Ort“, schloss sichJackie an.„Ich nicht“, schaltete sich Teresa ein.„Warum denn?“, fragte Jackie verwundert.„Die viele Arbeit bleibt immer an mir hängen“, lä-chelte sie. „Nein! Es macht mir Freude, selbst denHaushalt zu führen. Hier will ich keine Haushilfemitnehmen. Dies gehört zu unserem kleinen Paradies, 289
  • 286. zumal ich endlich meinen Mann und die Kinder ge-nießen kann. Überhaupt, wo stecken die Kleinen?“„Sie spielen draußen am Bach“, antwortete Serena.„Ich werde mal nach ihnen schauen“, sagte ich. „León,kommst du mit? Wir setzen uns noch ein bisschen aufdie Terrasse und passen auf die Bengel auf.“„Alles klar“, gab León zurück und griff sich die Fla-sche.Ich schnappte mir zwei Gläser: „Möchten die Damenauch ein Gläschen Wein, bevor wir nach draußen ge-hen?“„Nein, danke, lieber erst beim Essen“, antworteten sieeinstimmig.Da es noch schön warm war, setzten wir uns auf dieBank vor dem Haus. Hier schien alles in bester Ord-nung zu sein: reine Luft, Ruhe und eine herrlicheAussicht auf den See.„Man könnte meinen, wir wären im Paradies, zuHause dagegen in einem falschen Film“, meinte Leónnach einer Weile.Ich nickte zustimmend. Schließlich kannte ich dieEcke hier. In manchen Wintern konnte man sogar einbisschen Langlaufen, eine absolute Besonderheit. So-gar Wölfe hatte ich in manchen Nächten gehört. Dassder Tourismus diese Gegend zum größten Teil aus-sparte, lag daran, dass seit bereits zwölf Jahren keineBaugenehmigungen mehr erteilt worden waren. Dasgesamte Gebiet war zum Nationalpark ausgerufenworden und in den Händen eines Milliardärs, der allesfür die Erhaltung der Natur tat.„Die Slowenier möchten ihr kleines Ländchen vomRummel fernhalten“, erklärte ich León.„Ist auch richtig so“, antwortete er.Wir genossen den Wein und den Moment. Drinnen 290
  • 287. hörten wir die Frauen lachen, sie waren sichtlich ent-spannt.„Manchmal wünschte ich, dass ich mit der ganzen Sa-che nichts mehr zu tun hätte.“„Wem sagst du das, aber jemand muss sie wachrüt-teln“, versuchte León mir Mut zu machen.„Ja klar, aber mein Ziel ist ein ganz anderes. Aber ichmuss noch etwas ausharren, bis gewisse Leute denErnst der Lage verstehen.“„Mach dir keine Sorgen, die werden einlenken, wennalles vor die Hunde geht. Dann haben sie keine Wahlund keine Argumente mehr. Sie werden überrollt“,fuhr León fort.Wir wussten, wovon wir redeten. Um die Menschheitzu überzeugen, mussten wir noch einige grundlegen-de Elemente des Lebens erforschen, ehe wir an dieÖffentlichkeit gehen konnten. Wir sahen uns nichtals Retter, sondern als die Überbringer der Botschaft.Zurzeit hätten wir keine Chance, da Exzesse und Er-niedrigungen noch von vielen ertragen wurden. Einpaar kleinere Gruppen versuchten zwar, auf eigeneFaust Druck zu machen, wurden aber kurzerhand ent-larvt und mundtot gemacht. Ein solches Ende wolltenwir nicht teilen.„Essen ist fertig!“, rief Serena durchs Fenster nachdraußen. „Kinder, kommt, Hände waschen, das Essensteht auf dem Tisch, schnell, der Erste bekommt vonOpa nach dem Essen ein Messer geschnitzt.“Daniel kam sofort und drückte sich an mich.„Opa, ich will auch ein Messer.“„Patrick, komm jetzt, deine Mutti hat gerufen“, sagteLeón.„Nein, ich will nicht essen, hab keinen Hunger“, kamseine weinerliche Stimme. 291
  • 288. „Du kommst sofort rein und Hände waschen, hopp,hopp“, warnte Serena und kam zur Tür. „Er isst sehrschlecht und ist faul.“Nach einigem Hin und Her saßen wir schließlich alleam Tisch und genossen das Abendessen bei offenemKaminfeuer. Danach zogen León und ich uns wiederauf die Terrasse zurück. Als die Kinder zu Bett ge-bracht worden waren, gesellten sich die Frauen zu uns.Wir diskutierten über die letzten Ereignisse und dieEntführung der Kinder sowie die Bedrohung unsererFamilie und Freunde.Wir mussten, angesichts der Ver-folgung und dem Risiko, entdeckt zu werden, besserachtgeben und eine neue Strategie entwickeln.Später am Abend nahm ich noch Kontakt mit Tom-maso und Marcella auf, die tags darauf zu uns stoßenwollten. Jan und Antonia hatten auch zugesagt, diesesWochenende vorbeizuschauen.Was die Rede für den EU-Rat betraf, fiel es mirschwer überhaupt noch motiviert Stellung zu neh-men, da ich von diesem Vortrag keine nennenswertenErfolge oder ein Einlenken der Obrigkeit erwartete.Viel lieber war ich bereit, bei der Weltreligionskon-ferenz in New Delhi vorzusprechen, für die ich eineEinladung erhalten hatte. Hier konnte ich sinnvollerauf unsere Weltanschauung eingehen. Der Glaube warunserer Familie sehr wichtig, während die täglichenÜberlebensprobleme einer Vielzahl von Menschenkeinen Platz für Glaubensfragen ließen. Andere be-nutzten ihn, um das Töten im Namen Gottes einfachund bequem zu rechtfertigen. Wiederum andere bas-telten sich eine Art Religion oder einen Glauben zu-sammen. Wir jedoch mussten wissen, dass wir Gottund unseren Nächsten lieben sollten, und dazu ge-hörte nun einmal auch der Feind, hierin lag die Stärke 292
  • 289. des Glaubens. Eine Frömmigkeit, die nur dazu diente,sich abseits des Geschehens aufzuhalten, reichte nichtaus. Man musste ohne Zaudern und Zweifel dazu ste-hen und den Herrn nicht verleumden.Die Gesetze der Menschen waren oft zum Nachteilder Menschheit willkürlich umgeändert worden, wassie nicht gerade glaubwürdig machte. Es konnte nichtsein, dass wegen relativ weniger Extremisten oder Ter-roristen Datenschutzgesetze und Verfassungen ganzerNationen umgestaltet und die Menschenrechte mitFüßen getreten wurden. Die Politiker und unsere Ge-setzeshüter glaubten aber, das ganze Volk unter Kont-rolle zu bekommen, indem sie Gesetze zum Nachteilvon Millionen Bürgern ständig anpassten, die keinVerständnis hierfür zeigten, wobei sie gewisse mili-tante Gruppen regelrecht ins Ungesetzliche trieben.Passkontrollen, Fingerabdrücke, DNA-Proben, Über-wachungskameras, Abhören … – und das wegen ei-niger weniger Kriminellen. Würden sie ihre Arbeitgewissenhafter angehen, wäre dies nicht nötig. Undwer überwachte die Überwacher? Es gab in der Poli-tik genug Kriminelle und Drogenabhängige, wie aufeinzelnen Toiletten der Behörden nachgewiesen wer-den konnte. Hingen hier etwa auch überall Überwa-chungskameras?Sogar die Heilige Schrift wurde so zurechtgestutzt,dass sie diesem oder jenem in den Kram passte. Es gabkeinen Staat auf diesem Globus, der sich nicht in ir-gendeiner Weise schuldig gemacht hatte.Vieles wurdenach parteiischen Ansichten dogmatisch abgeändert.Die letzten Jahrzehnte waren die Nationen nachWachstumserwägungen und wirtschaftlichen Aspek-ten geführt worden. Sogar das kommunistische Chi-na hatte aus ökonomischen Gründen dem Kapitalis- 293
  • 290. mus den Vorzug gegeben, nach jahrelangem Drängender westlichen Welt. Was sich menschenrechtlich alsRiesenerfolg erwies, aber klimatisch negative Konse-quenzen für uns alle hatte, ganz zu schweigen vonden wirtschaftlichen Nachteilen für die Amerikaner,Europäer und für andere wirtschaftlich starke Län-der. Bis zu diesem Zeitpunkt waren die Chinesen ineiner Art Diktatur gefangen gewesen, nun aufgeteiltin Arm und Reich. Wo einst soziale Gerechtigkeit,Gleichheit und Einigkeit gelehrt und gelebt wurde,befand sich nun die Kloake der Menschheit, die sichohne Hemmungen austobte, als müsste sie alles Ver-säumte nachholen. Die Folge: ungebremster Konsumund CO2-Ausstoß, Verschandlung der Landschaften,Verdrecken von ganzen Regionen, Zerstörung vonlebenswichtigen Wasserreserven und der Natur. Invielen Bereichen hatten sie in ihrer materialistischenund kapitalistischen Ideologie sogar die USA über-holt und all ihre Prinzipien über Bord geworfen fürein Stück materielles Glück. Die Weltbörse und dieWeltbank konnten nicht genug davon bekommen.Sogar Europa war in den Schatten dieser Ideologiegeraten. Man kaufte alle Ressourcen weltweit auf,ohne Rücksicht auf irgendwelche irreparablen Schä-den. Wer vermochte sie zu stoppen und wie? Solangedie Mächtigen und die Obrigkeit dahinter weiteresKonsumpotenzial und steigende Aktien und Märk-te rochen, waren sie nicht aufzuhalten. Alle wolltenmit China in Handelsbeziehungen treten, was zu Be-stellungen in astronomischen Größen führte und denDruck auf die westliche Wirtschaft, ihre Börsen undnicht zuletzt auf die westliche Beschäftigungslage er-höhte. Ängste vor dem Verlust des eigenen Arbeits-platzes kamen auf. 294
  • 291. Damals, als es losging, war uns bereits klar, dass uns einAlbtraum ins Haus stand. Aus offenbar unerschöpf-lichen Kapitalressourcen kauften sie alles auf. DieBörsen und Banken gehörten ihnen bereits voll undganz, was auch für den afrikanischen Kontinent galt,den sie scheinbar auf partnerschaftliche Art und Wei-se infiltrierten. Afrika, dieser wunderschöne tier- undtraditionsreiche Kontinent, war seit Jahrtausenden einausgebeuteter Erdteil. Ich hätte mir gewünscht, hiereine Staatengemeinschaft wie Europa zu erschaffen,mit mehr Sozialsinn und Zusammengehörigkeit unterden Völkern. Aber die Ausbeutung der Rohstoffestand an erster Stelle und nur die regierende Elitehatte das Sagen. Angesichts der höchsten Kriminalitätauf unserem Globus und der erschreckenden Armutwaren die Afrikaner dankbar für jede noch so kleineHilfe. Unser Herr, der Allmächtige, musste sich die-sem Volk annehmen, denn die Obrigkeit interessier-te das Volk nicht. Die Wasserversorgung lag in ihrenHänden, die medizinische Versorgung war abhängigvon Spenden, und die Medikamente waren abgelau-fen, falls überhaupt welche zur Verfügung standen. Dasganze Leid würde eines Tages in Gestalt von Seuchenzu uns herüberschwappen, wenn wir nichts dagegenunternahmen.Infolge des ziemlich anstrengenden Tages waren wiran diesem Abend nicht allzu spät zu Bett gegangen.Am Morgen wurde ich vom Motorengeräusch einesherannahenden Helikopters wach. Es war kurz nachsieben in der Früh, als ich auf die Uhr auf dem Nacht-tisch blinzelte. Wer konnte das sein? Jan mit Antonia? Ichrappelte mich aus dem Bett und ging zum Fenster.Ein zweiter Hubschrauber näherte sich ebenfalls. 295
  • 292. Ich traute der Sache nicht und rief Teresa zu, die nochfriedlich im Bett schlummerte: „Teresa, weck all dieanderen und zieht euch was über, schnell! Ich bin hin-ter dem Haus und lass den Motor des Autos anlaufen,beeil dich!“„Was ist denn los?“, murmelte sie halb schlaftrunken.„Ich weiß auch nicht, sondern nur dass da draußenzwei Hubschrauber sind.“Sofort war sie hellwach. „Was bedeutet das?“, sagte sieerschrocken.„Schnell, weck die anderen und zieht euch was an!“,wiederholte ich meine Anweisungen.Ich zog schnell Hose und Hemd an und lief nachunten. Auf der Treppe kam mir León entgegen.„Was ist das für ein Höllenlärm da draußen?“, schauteer mich fragend an.„Weiß auch nicht, wir müssen uns schnell in Sicher-heit bringen – ruf Jackie und Serena. Sie soll die Kin-der anziehen, schnell beeilt euch, ich starte den Mo-tor!“„Verdammte Scheiße!“, fluchte León und verschwandin sein Zimmer. Er war noch im Pyjama, aber er hattedie Gefahr sofort erkannt.Ich lief zum Schrank und holte meinen Karabiner ausfrüheren Tagen, den ich zum Schutz vor gefährlichenTieren hier aufbewahrte. Ich steckte eine SchachtelMunition in meine Jackentasche und lief nach drau-ßen, um zu sehen, wer uns in so früher Stunde ausdem Bett geschmissen hatte. Aus meinem Versteck imGebüsch konnte ich sehen, wie der erste Helikopteretwa zweihundert Meter von der Hütte abdrehte undhinter den Bäumen verschwand, während der zweiteHubschrauber etwa fünfhundert Meter entfernt hin-ter den hohen Fichten runterging. Ich konnte jedoch 296
  • 293. nicht genau sehen, ob er gelandet war. Komisch dachteich. Wer sind sie? Gut, dass ich so einen leichten Schlafhatte. Ich lief zum Wagen und ließ den Motor laufen.Jackie kam mit Serena und den Kindern durch dieHintertür nach draußen.„So, ihr bleibt mit den Kindern im Wagen. León, setzdu dich hinter das Steuer! Ich werde mich näher andie Hubschrauber heranpirschen, um zu sehen, waslos ist. Wo steckt Teresa?“„Kommt sofort, sie wollte noch einiges einpacken“,versicherte mir Serena.„Wenn ich einen Schuss abgebe, fährst du sofort los,León. Runter nach St. Furzina und meldest dich beider Gaststätte, Teresa weiß Bescheid, wo die liegt. Ihrversucht dann, mit Tommaso und Jan Kontakt aufzu-nehmen. Teresa kennt die Abkürzung durch den Wald,der Weg ist zwar etwas holpriger, aber der Hubschrau-ber kann euch nicht so leicht verfolgen und zwischendem Gestrüpp und den hohen Bäumen nicht lan-den.“„Jeff, was willst du tun, komm einfach mit.“„Nein, erst will ich herausfinden, um wen es sich beiden Leuten handelt.“„Spiel nicht den Helden, hörst du“, erwiderte León.Er hatte Verständnis für meine Vorgehensweise.Wir mussten wissen, mit wem wir es zu tun hatten.Geballte Wut stieg in mir auf. Ich hatte noch nie eineWaffe auf einen Menschen gerichtet, aber ich war be-reit, mich zu verteidigen. Es reichte.„Also, bis gleich.“ Ich lief geduckt durch das Dickichtin Richtung Rotorblättergeräusch. Zwischen Laubund Geäst konnte ich den ersten Hubschrauber aufeiner Lichtung ausmachen. Die Motoren liefen noch.In diesem Augenblick sprangen zwei vermummte 297
  • 294. Männer aus dem Helikopter. Sie trugen Waffen in denHänden. Verdammt, was mach ich jetzt, ging mir durchden Kopf. Soll ich sofort einen Schuss abgeben odernoch einen Moment abwarten? Sie schlichen durchdas Dickicht genau auf mich zu. „Scheiße, auch dasnoch“, zischte ich leise.Sie befanden sich noch etwa fünfzig Meter von mirentfernt; langsam musste ich etwas unternehmen. Ichschaute mich um. Ich war etwa zweihundert Metervom Haus entfernt und konnte nur einen Teil davonsehen. Da sah ich auf dem Boden einen Stein liegen.Ich hob ihn auf und dachte nach. Zum einen konnteich versuchen, sie abzulenken, zurücklaufen und mitden andern ins Dorf fahren, um Hilfe zu holen. Zumanderen wollte ich mich nicht immer geschlagen ge-ben und ausweichen. Wut und Ärger hielten mich anOrt und Stelle fest, unfähig, etwas zu tun. Als sie sichbereits auf zwanzig Meter genähert hatten, warf ichden faustgroßen Stein über beide hinweg RichtungHubschrauber, wobei ich einen Baumstamm traf, so-dass es ein dumpfes Geräusch gab. Dann fiel er zwi-schen den Ästen und den Blättern zu Boden. Sofortdrehten sich beide um und hielten die Waffen im An-schlag.„Was war das?“, konnte ich hören.„Es kam vom Hubschrauber“, antwortete einer derbeiden.„Wir müssen zurück, nicht dass jemand sich an demHubschrauber zu schaffen macht“, sagte sein Beglei-ter.Ich nahm den Karabiner in Anschlag und feuertezwei Schüsse hintereinander, damit León nicht los-fuhr. Einer der beiden Schüsse traf den Hubschrauberso unglücklich, dass er in Brand geriet und Sekunden 298
  • 295. später mit einem riesigen Knall in die Luft flog. DerFeuerball schoss über die Bäume empor hoch, wobeidie Explosion eine solch enorme Druckwelle auslöste,dass Bodenspritzer in meinem Gesicht landeten. Ichkonnte in dem ganzen Getöse und der Wucht der he-rumfliegenden Teile das Geschrei der Männer hören.Sie mussten etwas abbekommen haben. Auf dem Bo-den liegend verhielt ich mich ruhig und lauschte. Ichvernahm ein Wimmern inmitten des Getöses, das daslodernde Feuer des Hubschraubers machte.„Sergej, wo steckst du, es hat mich erwischt!“ Als kei-ne Antwort kam, rief er: „Sergej, hörst du? Was ist mitdir? Scheiße, sag doch was?“ Er stöhnte immer mehr,und ich sah, wie er versuchte aufzustehen. Seine Klei-dung war zerfetzt, und er blutete stark, wobei er miteinem Bein über den Boden schleifte. Er hatte dieWaffe fast erreicht, da bewegte ich mich schnell aufihn zu und richtete meinen Karabiner auf ihn.„Ich würde das schön lassen, mein Freund!“Er drehte sich ruckartig um und stammelte: „Mister,nicht schießen.“„Wer seid ihr?“, fragte ich scharf. Ich schaute rüberzu dem anderen, der mit dem Gesicht zur Seite lagund offenbar schwer durch einen Ast getroffen war.Er rührte sich nicht, als ich ihn mit dem Fuß anstieß.„Es scheint ihn ziemlich schlimm erwischt zu haben.Eigene Schuld, was sucht ihr hier, komm, raus mit derSprache.“„Wir hatten einen Auftrag, aber mehr kann ich nichtsagen.“„Das werden wir ja sehen.“In diesem Augenblick flog der zweite Hubschrauberüber unsere Köpfe Richtung Haus. Blitzschnell hobich das Gewehr, um auf den Hubschrauber zu zielen. 299
  • 296. Im selben Augenblick sah ich aus dem Augenwinkel,wie sich der Typ auf die Pistole schmeißen wollte.Reflexartig schoss ich auf ihn und traf seinen Ober-schenkel. Er schrie wie am Spieß. Gleichzeitig hörteich, wie Schüsse beim Haus fielen, und sofort daraufertönte eine Detonation. Ich lief rüber zu dem Typenund verpasste ihm mit dem Kolben des Karabinerseinen Schlag gegen den Schädel. Er fiel ohne einenLaut in sich zusammen. Dann rannte ich zum Haus,ohne mich umzudrehen. Ich konnte noch gerade se-hen, wie der Hubschrauber abdrehte und hinter demGipfel der Bäume verschwand. Ich lief weiter hinterdas Haus und sah, wie León aus dem Wagen stieg undauf mich zulief.„Nur weg hier“, rief ich ihm zu. „Ich komme zu Fußnach – fahrt los, wenn die zurückkommen, sind wirdran, die machen Ernst. Ich habe einen der Hub-schrauber erwischt, und es sind noch zwei Typen da,der eine ist verletzt und der andere bewusstlos, scheintmir. Ich will herausfinden, wer sie sind.“„Jeff, hör auf, den Helden zu spielen“, rief Teresa ausdem Wagen.„Komm mit, wir fahren zusammen ins Dorf und ho-len Hilfe“, mischte sich León ein.„Nein, ich muss den beiden noch einige Fragen stel-len und nach den Verletzungen sehen. Ich hol Ver-bandzeug.“Teresa stieg aus dem Wagen und kam auf mich zu.„Ich lasse nicht zu, dass man dich umbringt, du alterEsel. Siehst du denn nicht, wie egal ihnen das ist. Sieentführen Kinder und ballern auf uns. Seit Jahren sindsie hinter uns her, und da willst du die Schurken nochverpflegen. Also so ein sturer Bock ist mir noch nichtuntergekommen.“ 300
  • 297. „Nein, damit lebst du seit dreißig Jahren zusammen“,erwiderte ich spontan. „Ich will nur herausfinden, werhinter dem Ganzen steckt.“„Dein Kameradenschwein Gloden, wer denn sonst,und die Hintermänner von der Medpharma AG mitProGasPro – was willst du denn noch mehr wissen“,meinte León. „Ich vermute, dass auch die Staroil ihreschmutzigen Finger mit ihm Spiel hat“, fuhr er fort.„Bitte kommt jetzt!“, rief Serena uns beiden zu.Jackie weinte vor Angst und schluchzte: „Wir solltenkein weiteres Risiko eingehen. Bitte, lasst uns schnellwegfahren von hier! Lasst uns wenigstens ins Dorffahren, bis Tommaso und Jan da sind.“„Ihr bleibt im Hotel und wartet dort“, sagte ich be-stimmt. „Ich muss noch nach den beiden Verwunde-ten sehen. Anschließend werde ich die Ordnungshüterrufen, damit sie die Burschen abholen und herausfin-den können, was der Überfall auf uns zu bedeutenhat.“Ohne ein weiteres Wort lief ich vorsichtig zurück zuder Stelle, wo ich die beiden Verwundeten verlassenhatte. Der Mann, den ich niedergestreckt hatte, warverschwunden, und die Waffe auch, die ich vergessenhatte, mitzunehmen. Ich musste vorsichtig sein undsofort handeln. Der andere Mann atmete nicht, wobeiaus der klaffenden Kopfwunde viel Blut geflossen war.Er schien tot zu sein. Ich lief zurück zum Haus.„León, hört mal alle zu! Einer der Männer ist tot, derandere spurlos verschwunden; aber er hat eine Waffedabei. Ich schlage vor, dass ihr jetzt losfahrt, währendich versuchen werde, Tommaso zu erreichen oder Jan,dass sie in St. Furzina im Hotel absteigen. Es tut mirleid, dass es nicht so gelaufen ist, wie wir uns das vor-gestellt haben. Diese Schweinehunde lassen uns ein- 301
  • 298. fach nicht in Ruhe; diesmal gibt es bei der UN einenBericht. Der EU-Präsident soll sich der Sache end-lich annehmen“, redete ich mir die Wut von der See-le. Was konnten wir sonst unternehmen? „Ich werdedenen niemals meine Formel preisgeben – und wennes meinen Kopf kosten sollte.“„Jeff, hör auf, du gehst mit!“, meinte Teresa mit fes-ter Stimme, keine Kompromisse duldend. „Ich werdenicht zulassen, dass du hier allein zurückbleibst. Wirschließen ab und fahren mit beiden Wagen zurücknach Hause. Ich will hier weg. Ruf Tommaso und Janan und sag ihnen, dass wir zurück nach Hause fliegen.In Bonn sind wir etwas sicherer vor diesen Verbre-chern.“Sie hatte recht. Ich durfte uns alle nicht noch weiterin Gefahr begeben.„In Ordnung, also ihr packt, während León und ichaufpassen und alles aufladen“, stimmte ich zu.„So …,“ sagte León sichtlich erleichtert, „endlichwirst du vernünftig, mit Emotionen richten wir hierohnehin nichts aus. Wenn die etwas vorsichtiger ge-wesen wären, wären wir jetzt alle tot. Sie sind zu dichtan das Haus geflogen und der Wind stand günstig füruns. Wir haben Glück gehabt, mein Freund, lass unsdas Schicksal nicht herausfordern und schleunigst zu-rückfliegen.“„Gut, entschuldigt bitte, aber ich hatte mich so aufdieses Wochenende mit euch allen gefreut.“ 302
  • 299. Zwei Wochen später in BonnDie EU-Einladung für die am 29. Juni 2021 statt-findende Klimaschutzkonferenz war mir zugeschicktworden. Ich hatte es mir anders überlegt und wollteteilnehmen, trotz der mir anempfohlenen Einschrän-kung, verschiedene Namen nicht zu erwähnen. Eshandelte sich um ein europäisches Gipfeltreffen, andem auch andere als Beobachter teilhaben durften.Die Meldung, dass die Engländer einen weiterenSchritt zum Selbstschutz gesetzlich durchgeboxt hat-ten, traf Europa schwer. Damit Ruhe herrschte, wollteman von acht Uhr abends bis fünf Uhr morgens einegenerelle Ausgangssperre für die Niederen und An-onymen verhängen. Ein kompletter Überwachungs-staat reichte ihnen nicht aus, jetzt kam auch noch einAusgehverbot hinzu. Dem, der sich widersetzte, droh-ten Haft und weitere Sanktionen. Die Kinder wurdenihnen genommen und die Wohnungen in manchenFällen bis auf einige Dinge ausgeräumt.Eine weitere schlechte Nachricht dieser Tage bestanddarin, dass Russland Druck machte auf alle Abneh-merstaaten, die mit Gas beliefert wurden. Es war einLeichtes, den Hahn zuzudrehen oder mehr Geld oderandere Privilegien einzufordern. Von einem fairenGeschäft konnte schon lange nicht mehr die Redesein. Bereits 2007 hatten die Russen darin die Ge-legenheit gesehen, Macht und Respekt zu ernten. Inden letzten zehn bis fünfzehn Jahren waren sie einkompromissloses Volk geworden mit einer strengenrationalen Politik. Russische Neureiche schmissen inder Welt mit Geld nur so um sich. Da sie intern vieleGegner in den eigenen Reihen hatten, häuften sichdie politischen Unruhen, die erbarmungslos zurück- 303
  • 300. geschlagen wurden, was viele hinter Gitter brachte. Siewollten immer mehr Macht; und wenn nötig würdensie Europa einnehmen, um das zu erreichen. Ein Plan,der sich rächen würde, wenn ein Funke entstand. Daskonnte sogar den Dritten Weltkrieg bedeuten.Dieses Wochenende wollten Guiglelmo und Fiona unsbesuchen, die wir eine Ewigkeit nicht mehr gesehenhatten. Er war mit gleich drei Projekten an der Elfen-beinküste beauftragt worden, zur Beaufsichtigung unddem Ausbau der Anlagen.Der Energievertrag hatte den Bevölkerungen vielFrieden beschert, da ja jeder von der bezahlbarenEnergiequelle profitierte. Auch wenn die klimatischenVerhältnisse den Menschen und Tieren zu schaffenmachten, versuchte man alles, um die Lebensqualitätzu verbessern.Die sozialen und grenzüberschreitenden Streitigkeitenwaren ein Teil der Unsicherheiten. Jeweils entflamm-ten Guerillakämpfe mit vielen Toten. Es herrschteeine große Kriegsbereitschaft unter den Clans, derenStreben nach Eigentum, Reichtum und Macht ge-waltig war. Die Investoren bedienten sich hemmungs-los nach Lust und Laune an den Arbeitskräften undunterdrückten sie, während der soziale Frieden ei-nigermaßen durch falsche Versprechungen aufrecht-erhalten wurde.Letzteres war in der Zwischenzeit jedoch zu einemweltweiten Phänomen geworden. Obwohl sie wuss-ten, dass das nicht länger gut gehen konnte, riskiertendie Oberen alles, um noch mehr Besitz zu ergattern.Das Volk wiederum war sich dessen bewusst, sah sichdem jedoch macht- und mutlos gegenüber. DiesesJoch schien der Einzelne niemals wieder abwerfen zu 304
  • 301. können, was in Gefühllosigkeit und Hass endete.„Kommt rein in die gute Stube“, empfing ich meineSchwägerin und meinen Schwager.Wir hielten uns fest umarmt.„Schön, euch wiederzusehen“, freute sich Guiglelmo.„Wenn der Prophet nicht zum Berg kommt, muss derBerg zum Propheten“, scherzte er.„Fiona, schön dich zu sehen, es ist schon eine Weileher“, entwich ich Guiglelmos Bemerkung.„Genau ein halbes Jahr“, erwiderte sie freudig.Teresa meinte: „Sag, Brüderchen, bist etwas dicker ge-worden.“„Den Bauch hab ich seit meiner Kindheit“, erwiderteer und zeigte auf sein Bäuchlein.„Das Alter ist nichts Schönes“, mischte ich mich ein.„Musst gerade du sagen, hast dir auch einige Pfundezugelegt! Hättest dir besser einen Hund halten sollenzum Spazierengehen“, lachte Guiglelmo und alle an-deren mit ihm.Zum Abendessen kamen Tommaso und Serena mitden Kindern hinzu. Marcella hielt sich im Ausland inDiensten der UNICEF auf. Wir sahen sie immer sel-tener. Fast besessen half sie, wo sie nur konnte um denganzen Globus. Ans Heiraten wollte sie noch nichtdenken, solange ihr Freund noch bei den „Ärztenohne Grenzen“ tätig war.„Du“, wandte sich Guiglelmo an mich, „hättest duLust, mit uns den Suezkanal zu durchfahren?“„Wieso?“„Ich hab ein Mandat von der UN, um Untersuchun-gen an den Süßwasservorräten vorzunehmen. DasGanze dauert etwa drei Wochen, danach reisen wirweiter nach Israel und zurück nach Rom.“„Hört sich gut an“, sagte Tommaso. 305
  • 302. Teresa schaltete sich ins Gespräch. „Also ohne mich.Ich bin es satt, auf der Hut zu sein und ein so hohesRisiko einzugehen. Außerdem kommt noch hinzu,dass Tommaso und Serena verreisen und wir die Kin-der zu uns nehmen, wie sich das für Opa und Omagehört. Auch wenn die Zeiten sich geändert habenund vortreffliche Auffangzentren sich gerne ihrer an-nehmen würden.“„Wir könnten mit Onkel Guiglelmo und Tante Fionamitfahren. Was hältst du davon?“, sagte Tommaso zuSerena.„Weißt du, Liebling, ich wollte unsere Ferien ganz al-leine mit dir verbringen. Entschuldige, liebe Tante, esist nicht persönlich gemeint, aber einmal ohne Kinderund die immer selben Gespräche täte uns gut. Odernicht, Tommaso?“, erwiderte sie spontan und ehrlich.„Also gut, es bleibt dabei. Entschuldige, Schatz“,schloss Tommaso das Gespräch, umarmte Serena undgab ihr einen Kuss.Wir verbrachten einen schönen Abend, bis sich nachMitternacht, als wir gerade zu Bett gehen wollten,eine Schaltung anmeldete.„Jeff, Jeff – hört jemand mich?“, kam die Stimme vonAntonia ins Wohnzimmer.„Was gibt’s, was ist los?“, fragte ich.„Es geht um Jan, er liegt schwer verletzt auf der Inten-sivstation hier in Frankfurt, man hat ihn zusammen-geschlagen.“„Wann, wieso? Wo bist du jetzt?“„Bei ihm im Krankenhaus.“„Was sagen die Ärzte?“„Es sieht schlimm aus, sie wollen ihn in ein künst-liches Koma versetzen, damit er die Schmerzen bessererträgt.“ 306
  • 303. Es war wie verhext, das Ganze. Wir entkamen demBösen einfach nicht.„Antonia, hör mir gut zu! Ich fliege oder komm mitdem Wagen, so schnell ich kann. Du bleibst im Kran-kenhaus und gehst nirgendwohin, verstanden? Ich willnicht noch mehr Ärger.“„Ist gut. Ich warte hier auf dich“, gab sie zurück undstellte die Verbindung ein.„Das kann nicht wahr sein!“, meinte Fiona.„Was können wir tun?“, wollte Teresa wissen.„Jeff, ich fahr natürlich mit!“ Guiglelmo war aufge-standen und ging um den Tisch herum.„Ich weiß nicht. Es ist vielleicht besser, wenn ich al-lein fahre.“„Nein, ihr geht zusammen“, bestimmte Teresa.„Na gut. Wir nehmen den Wagen. So können wir unsbesser bewegen, wenn nötig“, streckte ich die Waffen.„Tommaso, du bleibst hier bei den Frauen und hältstdie Stellung. Wir melden uns, sobald wir da sind!“Guiglelmo und ich packten rasch einige Sachen einund eine Viertelstunde später fuhren wir RichtungFrankfurt.„Du, die Russen sind dabei, ein böses Spiel mit derganzen Welt zu spielen. Sie wollen alles an sich reißen,sogar unser Wissen, und versuchen seit Jahren, Kursauf die Weltherrschaft zu nehmen. Sie haben vieleVerbündete, und es wird gemunkelt, dass sie mit derKirche in Rom angeeckt sind und alle in den ehema-ligen russisch sprechenden Ländern gegen die katho-lische Kirche opponieren. Der Vatikan hat mehrmalsmit Druck auf die Regierung eingewirkt, weil sieChristen gerne quälen oder verfolgen lässt. In letzterZeit werden sie auch bespitzelt. Die Juden haben be-reits seit einigen Jahren Reisaus nach Israel, Deutsch- 307
  • 304. land, Frankreich, England und Italien genommen. Siebefinden sich auf Konfrontationskurs mit der gan-zen westlichen Welt“, erzählte mir Guiglelmo beimFahren. Nach einigen schweigsamen Sekunden fuhrer fort: „Sie scheinen auf jeden Fall überall die Fin-ger mit im Spiel zu haben. Bei den arabischen Län-dern haben sie viel Know-how und Geld investiert.Unterdessen unterdrücken sie halb Europa mit denGas- und Energiezufuhren. Die Lieferungen laufennur gegen Bargeld. Die Milliardäre sitzen alle in derDuma und bilden eine Weltmacht. Deswegen sind siehinter unserem Wissen und unseren Anlagen her.“„Wir sind ernsthaft bedroht“, musste ich Guiglelmozustimmen.Das Bild fing allmählich an, Konturen anzunehmen.Die Russen drängten überall auf die Kapital- und In-vestmentmärkte. Von Unternehmen wie Medpharmaoder Staroil, vom Bankwesen bis zu einer eigenstän-digen Börse. Sie bewegten sich politisch auf der Dik-taturebene. Das Motto lautete: Wer nicht für mich ist,ist gegen mich. Am meisten bedrückte ihre aggressiveHaltung gegenüber Europa und den USA, währendsie die Investitionen und ihre Zuneigung zu den arabi-schen Ländern rund um das ganze Mittelmeer weiterbis nach Indien, Pakistan und Afghanistan ausbauten.Die Chinesen zogen noch nicht so ganz mit, da sievolle Auftragsbücher aufwiesen. Mittlerweile wurdejedes zweite Auto in China entworfen und produziert.Daher waren sie mit sich selbst beschäftigt und hattenkeine Zeit, ihre Energie durch Aggressionen gegenandere zu vergeuden. Nur wenn es um die Rohstoffeging, verhielten sich die Chinesen wie besessen, dennder Hunger war groß, wobei das eigene Volk zumeistauf der Strecke blieb. 308
  • 305. Im ganzen Durcheinander schien eines klar zu sein:Russland wollte auf Teufel komm raus wieder eineWeltmacht sein, wie nach dem Zweiten Weltkrieg.Überall suchten sie nach Verbündeten, indem sie siemit Gas und Technologien beschenkten. Den Iran,Syrien, Ägypten, Algerien, Libyen bis hin zu Marok-ko. Sie hatten es nie verkraftet oder vergessen, dassviele osteuropäische Länder zur EU übergewechseltwaren. Man konnte fast meinen, sie wollten sich welt-weit wieder Respekt verschaffen. Eine sehr gefährli-che und angespannte Situation, zumal viele das nichtwahrhaben wollten.Wir beredeten noch das eine oder andere währendder Fahrt, zum Beispiel wie die Kriege sich wie einLauffeuer ausbreiten konnten; wie der Hass gegen einkleines Volk, das seit jeher außer einem allmächtigenGott nichts vorzuweisen hatte, eine ganze Welt be-drohte; wie dieses von Gott auserwählte Volk bis heu-te alle Angriffe überstanden hatte.In diesem Augenblick erreichten wir das Kranken-haus. Guiglelmo hielt auf dem Parkstreifen.„So, da wären wir“, meinte er trocken.„Ich will nicht wissen, was wir jetzt von Jan vorfinden.Ich hoffe, dass alles gut geht und er schnell wieder aufdie Beine kommt.“Jan bot keinen schönen Anblick. Eine Haube über derDecke registrierte alle physikalischen Veränderungen,während ein Computer, eine der letzten Errungen-schaften im Gesundheitswesen, alle nötigen Schrittesteuerte. Diagnose erstellen, Röntgenbilder anferti-gen, Sauerstoffzufuhr regeln, bis hin zur künstlichenErnährung. Operationen wurden bis auf wenige Ein-griffe nicht mehr von Ärzten oder Chirurgen, sondernvon Maschinen erledigt. Die Daten konnte man an 309
  • 306. den Schirmen ablesen. Zwei Überwachungskameraskommunizierten über einen Schirm nach draußen.Eine Computerstimme ertönte: „Sie können nurnoch fünf Minuten bleiben. Bitte nichts anfassen. Ichwünsche einen guten Aufenthalt.“Neben Jans Bett stand ein weiterer Monitor, der esermöglichte, die Gehirnfunktionen des Komapati-enten einzusehen. Er lag friedlich da, hatte mehrerePlatzwunden im Gesicht, die mit Lichtionen schnellzur Heilung gebracht worden waren. Seine Kopfver-letzungen machten uns mehr Sorgen. Was passierte,wenn er wieder zu sich kam? Würde er uns wieder-erkennen? Welche Schäden blieben? All diese Fragengingen uns durch den Kopf. Wir erfuhren, dass manJan erst in zwei Wochen aus dem künstlichen Komaherausholen würde.Die Indizien und Spuren aus der Wohnung konntenuns vielleicht weiterhelfen, um das Geschehene zu re-kapitulieren.„Antonia muss uns noch einiges berichten“, meinteGuiglelmo.Ich nickte nur fassungslos. „Ich hoffe, er wird wiedergesund, das ist die Hauptsache. Diese miesen Rattenvon Ungeheuern schrecken aber auch vor nichts zu-rück“, machte ich meinem Zorn Luft.Die Tür ging auf und Antonia trat atemlos ins Kran-kenzimmer. „Entschuldigt bitte, ich musste kurz zurWohnung, um ein paar Sachen zu holen.“„Hallo! Es tut mir sehr leid. Kannst du uns verraten,was genau geschehen ist?“, fragte ich sie flüsternd, ob-wohl uns keiner hören konnte. Es war ein Reflex, umJan nicht zu wecken.„Erzähl ich euch später! Der Arzt meinte, es dauertnoch Wochen oder Monate bis Jan wieder auf die 310
  • 307. Beine kommt. Und auch dann würde die weitere Ent-wicklung noch offen bleiben“, sagte sie etwas mutlos.Jan und Antonia waren seit nunmehr fünf Jahren zu-sammen und wollten demnächst heiraten, was ich vonJan als eingefleischtem Junggesellen nie für möglichgehalten hätte. Aber die Liebe war geheimnisvoll undunberechenbar, wenn sie zuschlug. Ich freute mich fürdie beiden. Ohnehin waren wir alle wie eine großeFamilie.„Antonia, wir gehen nach draußen, dann kannst duuns erzählen, was passiert ist“, sagte Guiglelmo nacheinem stillen und nachdenklichen Moment.Wir konnten für Jan wenig oder gar nichts tun, son-dern uns in Geduld üben und darauf vertrauen, dassalles gut gehen mochte.Draußen auf dem Flur sagte Antonia: „Es waren wie-der die Russen. Sie wollen nicht, dass ihr weiter überdie Anlagen bestimmt, denn solange können sie nichtsändern. Außerdem neigen sich ihre Gasreserven lang-sam, aber sicher dem Ende entgegen. Sie können nurDruck machen, wenn sie die Börsen aufmischen. So-wohl die Medpharma AG als auch die Automobil-industrie und die Telekommunikation befinden sichbereits in ihren Händen. Sogar die einstmalige Deut-sche Bank, die so mächtig schien, ist zu fünfundsech-zig Prozent russisch, und die restlichen Anteile teilensich die Chinesen und die Inder.“Das Tier mit den vielen Köpfen, das vor fünfzig Jahrenproklamiert worden war, zeigte vollen Einsatz. Damitmeinte ich die Banken, die ihre Finger überall mit imSpiel hatten. Sie besaßen mittlerweile etwa drei Vier-tel des Erdreichtums. Nur die UN und die EU wa-ren davon verschont geblieben, denn dies hätte einendritten Weltkrieg zur Folge gehabt. 311
  • 308. „Sie haben wie immer aus heiterem Himmel zu-geschlagen“, fuhr sie fort. „Während des Frühstücksklingelte es an der Tür und ein Typ an der Hauska-mera gab sich als Kurier aus. Jan ließ ihn ohne Be-denken herein. Er sagte noch: ‚Das müssen die Befundeder Proben aus den Salzstöcken sein, die ich erwarte für dieEndlagerung der Brennstäbe.’“Jan arbeitete seit einiger Zeit für die Regierung inSache Endlagerung des radioaktiven Abfalls.„Ein fataler Fehler, sie waren zu viert und haben erstzugeschlagen, ehe sie die Fragen stellten. Mich ver-schonten sie mit der Drohung, dass es uns allen so er-gehen würde.“ Sie hielt inne und fing an zu weinen,ich hielt sie fest. Sie legte ihren Kopf gegen meineSchulter.Wir entschlossen uns dazu, sie mit nach Köln zu neh-men. Aber sie wollte bei Jan bleiben, was meiner Mei-nung nach verständlich war.„Ich will bei ihm sein, auch wenn er im Komaliegt.“„Du hast recht, ich werde alle paar Tage nach Frank-furt kommen, Antonia. Oder Teresa mit Serena. Ichversprech es dir. Wir werden an eurer Seite stehen,okay?“, versuchte ich sie zu beruhigen.„Danke, Jeff, danke, Guiglelmo“, schluchzte sie wei-ter.Wir waren praktisch schutzlos diesen machtgierigenVerbrechern ausgeliefert. Ach, nichts schien mehrnormal zu sein, seit wir diese erneuerbare Energiehatten patentieren lassen.Die Menschen trugen die Schuld an dem Ganzen. So-gar unsere Kirche und das Papsttum heuchelten wieimmer. Sie hätten viel Leid aus der Welt schaffen kön-nen, aber zählten auf Almosen und Spenden derjeni- 312
  • 309. gen, die selbst nichts besaßen. Ihr Gewissen wollte ichnicht teilen. Sie äußerten sich vorsichtig und frommhinsichtlich unserer Missstände, unternahmen jedochnichts. Das Ganze stellte für sie auch nur ein Geschäftdar, wo ihre Hilfsorganisationen die Spenden verwal-teten. Dabei taten sie so, als kämen die Gelder ausihrer eigenen Tasche. Eine solche Firma konnte jedereröffnen. Das hatte nichts mit Glauben zu tun. Es gabnichts auf dieser Welt, was „Babylon, die Große“ nuransatzweise in dem Maße repräsentieren konnte wiedie Kirche. Sie wurde überhäuft mit Geld und Besitz-tümern. Jeder wurde empfangen, egal, wie viel Blutan seinen Händen klebte. Die Amtierenden kleidetensich in Purpur und Gold, obwohl Jesus Christus ge-sagt hatte, nichts sei von dieser Welt. Sie beteten Göt-zen und Holzstatuen an, die nicht sehen, reden odergehen konnten. Wie sollten sie uns helfen? Du sollstkeine anderen Götter neben mir haben, so lautete das ersteGebot.Wie konnte der Papst als Heiliger Vater oder Eure Hei-ligkeit betitelt werden, während er sich seinen Ringmit einem Kniefall küssen ließ? Nur Prominenz undKönige ließ er zu einer privaten Audienz vor. AllesLüge und Heuchlerei.Die schwere Anklage Christi: „Ihr Theologen, ihr geist-lichen Pharisäer, ihr habt das Wort Gottes ungültig gemachtum eurer Überlieferung willen.“ Jesaja spricht: „DiesesVolk ehrt mich mit den Lippen, aber ihr Herz ist weit ent-fernt von mir.Vergeblich ehren sie mich, indem sie als LehrenMenschengebote lehren.“ Kirchen predigten unentwegt:„Denkt an die Armen“, aber selbst besaßen sie blutbe-sudelte Reichtümer. Der Papst ließ sich feiern wie einSuperstar an seinem Geburtstag. In seinem Palast unddraußen bei den Menschen schottete er sich ab durch 313
  • 310. ein rigoroses Aufgebot an Polizei, Leibwächtern, Mi-litär und Bodyguards. Er empfing in königlichemPump diejenigen, die mit Geschenken anreisten. Jederbekam seinen Segen, Hauptsache, die Kasse stimmte.Im Gegenzug erhielten seine Gäste eine Bibel. Washatte denn die Kirche mit der Bibel noch gemein?Über Jahrtausende hinweg wurde alles verdreht. Blutvergossen, gemordet in Gottes Namen.Es war an Gott zu richten beim Jüngsten Gericht. Esstimmte, wir waren wie Wölfe im Schaffell.Zu Hause warteten alle angespannt auf unsere Rück-kehr, obwohl es bereits nach Mitternacht war. DasVorgefallene machte alle nervös und traurig, beson-ders Teresa. Mich sorgte die Tatsache, dass irgendwannjemand von uns zu Grabe getragen würde, wenn dasso weiterging, die Wahrheit nie vollends ans Lichtkommen und die Hintermänner nie ihre Strafe be-kommen würden. Wir gingen anschließend müdeund ausgelaugt zu Bett.Ich wollte am folgenden Tag mit dem UN-General-sekretär telefonieren und nachforschen, wie wir ohneSchaden die Russen mit diplomatischen Mitteln vonihrem Vorhaben abhalten konnten, uns und die An-lagen ständig zu bedrohen.„Es scheint aussichtslos zu sein, aber einen Versuch istes dennoch wert“, gab der UN-Generalsekretär mirzu verstehen. „Herr Brink, ich gehe davon aus, dassSie nächste Woche wie vereinbart beim Klimaschutz-gipfel teilnehmen werden und eine Rede halten. Ichwill allerdings nicht, dass mehr als nötig gesagt wird.Wir werden alles veranlassen, damit in naher Zukunftein Treffen stattfindet. So, Sie entschuldigen mich, ichhabe zu tun. Schönen Tag noch.“ 314
  • 311. „Ihnen auch“, konnte ich gerade noch erwidern.Es war für mich nicht leicht, nach allem, was passiertwar, eine Rede zu halten, ohne emotional zu wer-den.Die Presse hatte gestern Abend heimlich unsere An-kunft mit ihren Kameras verfolgt. Es wunderte mich,dass bis jetzt um halb elf Uhr morgens noch keinerangerufen oder ein Interview verlangt hatte. Just indiesem Moment wurde vom Haustor eine Schaltungangekündigt.„Möchten Sie aufmachen?“, fragte die Computerstim-me.„Ja“, gab ich zurück.Es erschien ein junges Paar auf dem Monitor. „Ja bitte,was kann ich für Sie tun?“, fragte ich.„Herr Brink, wir möchten Ihnen einige Fragen stel-len, wenn sie gestatten. Wir sind von der TZ.“„Worum geht’s?“„Wir wollten mit Ihnen über Ihre neuen Erkenntnis-se bezüglich der Pyramiden sprechen.“„Ganz kurz, einverstanden! Ich mach das Tor auf undlass Sie abholen“, gab ich zurück. Als sie dann in mei-nem Arbeitszimmer standen, fackelte die junge Damenicht lange und sagte: „Zuerst zum Fall Bieberich.Wie geht es ihm?“„Nicht sehr gut, die Ärzte können noch nichts sagen“,antwortete ich, ohne in Details abzuschweifen.„Wissen Sie, wer ihm das angetan hat und warum?“„Ich kann hierzu leider keine Stellung nehmen, davon den Ordnungshütern noch geprüft wird, wer da-hintersteckt. Es ist noch zu früh“, log ich einfach.„Wir wissen aus vertraulichen Quellen, dass die Rus-sen seit mehreren Jahren ihre Finger mit im Spiel ha-ben.“ 315
  • 312. „Das kann ich nicht verleugnen, aber bei Herrn Bie-berich müssen noch einige Fakten ausgewertet wer-den, bevor wir Stellung nehmen können. Sonst nochFragen? Sie sagten doch, sie wollten einige Antwortenbezüglich des Pyramidenprojekts haben, reden aberüber etwas ganz anders mit mir“, wollte ich sie ab-wimmeln.„Ja, wir wollten wissen, was es auf sich hat mit ihremgeheimen Projekt. Hat sich da etwas getan, sind neueErkenntnisse zu verzeichnen?“, fragte sie munter wei-ter.„Nichts Nennenswertes, es sind noch andere Spezia-listen dabei, die Theorie auszuwerten, bevor man zuden praktischen physikalischen Experimenten über-geht. Wir gehen davon aus, dass der Zeitraum ihrerEntstehung vor mehr als fünfundzwanzigtausend Jah-ren gewesen sein muss. Für den letztendlichen Nut-zen und die Verwendung der Pyramiden gibt es nochkeine handfesten Beweise. Auf jeden Fall handelt essich um eine clevere Kultur, die bis zu den Dynas-tien der Ägypter wiederum in Vergessenheit geratenist. Wie schon viele andere Kulturen in Syrien, Iran,Irak. Sie werden für immer unter dem Wüstensandverschwunden bleiben. Sei es, dass sie durch Erdbebenverschüttet oder durch Kometeneinschläge vernichtetwurden. Es sind bereits mehrmals ganz neue Konti-nente entstanden, und schon mehrfach wurde allesLeben für lange Zeit zerstört. Wer kann schon sagen,wie oft Gott die Erde neu erschaffen hat?Sicher ist, was in nächster Zukunft auf uns zukommt,wenn… ja wenn nicht etwas Grundneues geschieht.Die Menschen sollten endlich Farbe bekennen undunserem Herrn etwas zurückgeben. Nächstenliebe anerster Stelle. Wir Menschen scheinen nicht imstande 316
  • 313. zu sein, eine gerechte Welt zu leiten.Wir können nichteinfach ungestört all das vernichten, was unser Lebenin dieser Welt lebenswert macht. Keiner wird seinergerechten Strafe entkommen. Aber vor Gott sind allegleich und wir werden nach unseren Taten auf derErde bewertet. Da macht Reichtum, Eitelkeit, Farbeoder Herkunft keinen Unterschied.Ich weiß, Sie wollen wissen, wie und wann alles zuEnde geht. Das kann ich Ihnen nicht sagen. Ich binkein Hellseher. Jesus, der Sohn Gottes, wusste es auchnicht. Nur Gott, der Vater, weiß das. – Okay, das war’s.Ich begleite Sie zur Tür“, schloss ich unsere Unter-redung.„Ja, aber Sie arbeiten doch auch am Projekt“, meintedie junge Dame.„Wer sagt das?“ fragte ich.„Na ja, wir gehen davon aus, da Sie ständig in die-sen Kreisen verkehren“, startete der junge Mann nocheinen Versuch.Ich blieb stumm und lief bereits aus dem Zimmer.„Dürfen wir gelegentlich wiederkommen, HerrBrink?“„Kein Problem, es hat mich gefreut“, gab ich freund-lich zu erkennen.Irgendwann würde eine höhere Macht einschreitenund dies alles zurechtbiegen, da wir nicht imstandewaren, uns vor dieser wunderschönen Vielfalt unseresPlaneten zu verbeugen und für diesen großen Reich-tum dankbar zu sein.Was GOTT von uns wollte, war nur eins: LIEBE fürihn und uns alle. War das vielleicht zu viel verlangt?Gott hatte nur zehn Gebote herausgegeben, die pro-blemlos auf eine DIN-A4-Seite passten. Sie standenfür alles gerade. War das nicht einfach, schön, bequem, 317
  • 314. stressfrei und machte uns dazu frei, froh, glücklichund unabhängig. Er würde, da war ich mir sicher, sichunser aller annehmen. Der Tag war nicht fern, dannwürde Gott über uns richten, und ich glaubte fest andiese einzige Gerechtigkeit.Der UN-Generalsekretär hatte mich gebeten vor derEU-Klimakonferenz bei der UNO vorzusprechen ummeine Vision der WWP auf den Prüfstand zu stellen.Ich wollte für meine Vorträge gut vorbereitet sein undflog unter strenger Geheimhaltung nach Italien, ge-nauer gesagt Cinque Terre. Ein wunderschönes Stück-chen Erde, am Mittelmeer gelegen. Ich wollte Teresaund mir einige Tage Ruhe gönnen und an den Re-den feilen. Wir waren froh, dem ganzen Rummel derletzten Zeit für eine Weile zu entfliehen. Ich konnteohnehin nicht viel für Jan tun. Guiglelmo und Fionawaren zum Roten Meer abgereist, Tommaso und Se-rena wollten nach unserer kleinen Erholung auch ver-reisen. Marcella hielt sich in Afrika auf und León warmit Jackie zurück nach Kalifornien geflogen.Heute war der 19. Juni 2021. Wir saßen auf der Ter-rasse, genossen die Aussicht auf Portovenere und dieleichte, angenehm kühle Brise, die vom Meer herü-berwehte. Ich ließ mich gerne so treiben. Keine Eile,kein Stress. Meiner Rede sah ich gelassen entgegen,da mir viel einfiel. Dagegen beunruhigten mich dieNachrichten der letzten Tage. Es wurden nicht nurständig russische U-Boote in der Ost- und Nordseegesichtet, sondern auch verstärkt im Ärmelkanal. DieBeziehungen zwischen England und Russland warenauf den tiefsten Punkt der letzten sechzig Jahre ange-langt, weil sie beidseitig immer wieder Spionageskan-dale mit tödlichem Ausgang provozierten. Die Ner- 318
  • 315. ven lagen blank. Zurzeit stellte dies ein Pulverfass dar,zumal noch beide Öl ins Feuer gossen. Obwohl sichdie UN jedes Mal eingeschaltet hatte, blieb ein kon-kretes Ergebnis aus. Ein Eingreifen war nicht möglich,da sowohl Amerika als auch die Europäische Unionfür friedliche Lösungen plädierten und beide zur Ver-nunft mahnten. Bis heute war keinem gelungen, dieLage zu entschärfen. 319
  • 316. Der UN-GipfelTommaso begleitete mich nach seinem Urlaub nachNew York.Ich ging ans Rednerpult. Nach der Begrüßung undEinleitung fing ich an: „Wir sind Verlierer im Wettlaufgegen die Armut, wir sind Verlierer gegenüber demKlimawandel, wir sind Verlierer in der globalen Sozial-politik, wir sind Verlierer in der Verbrechensbekämp-fung, wir sind Verlierer in allen Lebensbereichen au-ßer in der Ausbeutung unseres Planeten. Hier nämlichhaben wir mit der Technik wahre Wunder vollbrachtund gezeigt, wie wir unsere Umwelt kurzerhand zer-stören können. Ich erinnere mich, als kleiner Jungein einer Zeitschrift gelesen zu haben, wie die ältereGeneration damals im neunzehnten Jahrhundert überdie Dampflokomotive dachte. Teufelswerk, hieß es da,das Ende der Welt. Die Schnelligkeit könnten die Pas-sagiere gar nicht vertragen, wurde behauptet.Meine Damen und Herren, wie recht hatten dieseLeute! Verstehen Sie mich nicht falsch, denn die Me-daille hat bekanntlich zwei Seiten. Jeder Fortschritthat so manchem viel Reichtum beschert, dem ande-ren nicht einmal die nötige Menschenwürde gebracht.Die Welt steckt in der Sackgasse und in einer tiefenKrise, nicht nur wirtschaftlich, sondern mittlerweileauch existenziell. Immer mehr Autos verdrecken undverstopfen die Straßen, zusehends fehlt es an sauberemWasser und sauberer Luft zum Atmen. Die Bankenund Börsen haben in ihrer Rationalität vortrefflicheGeschäftsjahre hingelegt, aber dem Menschen – mitAusnahme einiger weniger, denen es sowieso egal seindürfte, ob eine Milliarde mehr oder weniger in derKasse ist – nichts gebracht. Sogar bei Hilfsaktionen 320
  • 317. haben sich die Banken nicht zurückgehalten, ihre Ge-schäfte getätigt und Gewinne auf Kosten der Spendereingefahren. Die Hilfsbedürftigen sind weiterhin armund mittellos geblieben. Ich frage Sie: Ist dies viel-leicht der Weg in eine bessere Welt oder Zukunft? Wirsägen an unserem eigenen Ast, liebe Zuhörer, und sinddabei, wie der Dalai Lama sagte, Selbstmord zu be-gehen. Bloß diesmal, muss ich hinzufügen, nehmenwir unseren Planeten gleich mit in den Tod. Nur dieHoffnung, dass es uns nicht jetzt und heute selbst trifft,und das Argument, dass wir eines Tages doch alle ein-mal gehen müssen, sollte uns nicht davon abhalten,konkrete Schritte zu unternehmen.Wer aber wird vorangehen und die Richtung weisen?Also, nach meinem Gefühl tun wir gar nichts, um denKlimawandel zu bremsen, ganz im Gegenteil. Nurwirtschaftliches Wachstum ist in unserer technisiertenWelt das Credo, nicht der Mensch oder die Natur,und schon gar nicht das Klima.Lassen Sie uns daher über mögliche Fortschritte undbessere Konditionen für die Menschheit in den nächs-ten Jahren reden. Mich wundert, dass wir Lösungen beieinem Beinbruch haben, bei den unterschiedlichstenSchmerzen Linderung verschaffen können, aber beiAbfällen, bei Smog, bei verseuchten Gewässern undganzen Landstrichen nicht in der Lage sind, dies zuverhindern oder rückgängig zu machen. Warum?, fragich mich. Liegt es vielleicht daran, dass es uns nichtdirekt betrifft oder dass wir nicht intelligent genugsind, diese Situationen schon von vornherein besser zuübersehen oder zu berechnen und das Risiko zu de-finieren? Wir leben und arbeiten auf demselben Boot,das sich Planet Erde nennt, ohne Ausnahme. Der einehat vielleicht ein schöneres oder größeres Zimmer als 321
  • 318. der andere, aber das Boot ist dasselbe.Mir leuchtet nicht ein, warum wir nichts unter-nehmen, damit der Gestank aufhört. Der moderneMensch müsste längst herausgefunden haben, dasseine Tonne Müll pro Woche und das weltweit bei je-dermann, zum Himmel stinkt. Immer neue Produkte,immer neue „bahnbrechende“ Erzeugnisse. Wozu alldieser Mist und Müll?Ich stelle mich weiß Gott nicht gegen durchdachteraffinierte Technologien, aber würden sie ein Medika-ment schlucken, das nicht einmal getestet worden ist?Ich jedenfalls nicht. Fragen wir doch die Saubermän-ner, die sie zusammengebraut haben und sich nichtscheuen, sie in der Dritten Welt an unschuldigen Kin-dern ohne Genehmigung des Staates zu testen, unddaran auch noch Milliardensummen zu verdienen.Alle neuen Pharmaprodukte sollten gewissenhaftuntersucht werden und nicht vorzeitig ohne Sicher-heitsgarantie auf den Markt gelangen. Eine kompletteTransparenz muss angestrebt werden. Vorteil für denVerbraucher: ein sicheres Produkt und kein unnötigerMüll. Ich fordere bessere Regelungen für den Verbrau-cher, denn damit schützen wir nicht nur den Konsu-menten, sondern auch gleichzeitig die Umwelt.Und aus diesem Grunde stehe ich hier und zählemögliche Lösungen zum Vorteil unseres Planeten auf,denn geht es ihm gut, geht es uns besser.Aber wem wollen wir all die riesigen Berge von Ab-fällen, Waffen, Chemie und vielen anderen Giftensowie Radioaktivität hinterlassen? Unseren Kindernoder vielleicht unseren Enkelkindern? Wir könnenhier und jetzt über alles reden und debattieren, abergeben Sie mir, meine Damen und Herren, nur eineAntwort auf das Ganze, ohne eine neue Frage aufzu- 322
  • 319. werfen. Wir laufen unser Leben lang hinter etwas her,was weder unserem Geist noch unserem Wohlbefin-den dient oder sonst welche Vorteile bringt.Wenn das Wort „Geldsucht“ als ernsthafte Krankheitabgestempelt würde, wie zum Beispiel „Schizophre-nie“, wäre unser Planet eine einzige Psychiatrie. Gäbees dieses Phänomen Geld nicht, würden wir glauben,in einem Vakuum zu leben und nicht mehr denken zukönnen. Das Leben hätte keinen Sinn mehr.Aber ganz im Gegenteil, meine lieben Zuhörer. Wirwürden gerne aufstehen, um den Tag zu genießen, an-deren zu helfen und an der Freude des Lebens teilzu-haben. Denn wir hätten viel mehr Zeit füreinander.Nehmen Sie als Beispiel die verbliebenen Stämmeder Urvölker unserer Erde. Ich will damit nicht sagen,dass wir in die Steinzeit zurückkehren sollten. Aberihr Gemeinschaftssinn und ihre Zusammengehörig-keit sind unübertrefflich und stehen im Einklang mitder Natur. Hieraus können wir wieder lernen, dieheutige Leere zu füllen, unsere Pflichten zu überneh-men und uns an den Sorgen unserer Mitmenschen zubeteiligen. Jeder kann sich eine eigene Aufgabe auf-erlegen, und das im Dienst der Allgemeinheit und derGemeinschaft, damit jeder an allem teilhaben kann.Nehmen wir einmal all die ehrenamtlich Tätigen, han-delt es sich dabei etwa um Unmenschen oder sind dieblöd? Ganz und gar nicht, meine Damen und Herren.Ich bewundere sie, wie sie älteren, kranken, bedürfti-gen Menschen und Kindern beistehen und in vielenanderen karitativen en tätig sind, um den Betroffenendas Leben zu erleichtern. Wäre es nicht wünschens-wert diese Aufgaben hauptberuflich ausführen zukönnen, das heißt, mit ihrer Ausübung seinen Lebens-unterhalt bestreiten zu können? So kann man sein Le- 323
  • 320. ben stressfreier gestalten, es bleibt für jedermann mehrZeit und Raum, um sich manchmal der Muße hinge-ben zu können, vielleicht zu beten oder zu meditie-ren. Das ist Freiheit, das ist sich Gott nahe fühlen, sicherkenntlich zeigen und Ihm huldigen für den Frieden.Wie lange das aufrechterhalten bleibt, liegt an uns undnicht an Gott. Er wird uns dafür belohnen.„Lasst all eure Besitze und Geschäfte liegen und folgt mir,zu meinem Vater, unserem Herrn.“ Ich plädiere für dieseVariante, weil ich weiß, der Endzeit werden wir nichtentkommen. „Wer aber an mich glaubt, geht ein in meinReich“, gab uns Jesus noch als Botschaft mit auf denWeg.Sie sehen, die Wahrheit liegt im Glauben an Gott, nichtin der Brieftasche. Das dürften wir noch früh genugerfahren, wenn wir erst einmal vor Gott stehen.Aber nennen Sie mich ruhig einen Träumer. Ich den-ke,Träume erfüllen unser Glücksgefühl, und wenn daseintrifft, sind wir wie Kinder, und so sollte unsere Zu-kunft sein. Kinder Gottes! Ich muss zugeben, einfachwird das nicht, aber schrittweise und mit einem star-ken Willen können wir es schaffen.So oder so, die Ressourcen gehen zu Ende und gehö-ren bald der Vergangenheit an, und dann werden Siedie Träumer sein. Die Genmanipulationen an Pflanzenmüssen verboten werden. Keiner soll Gott spielen unddie bereits vollkommene Welt in ihrer biologischen,von Gott erschaffenen Perfektion übertreffen wollen.Wir dürfen keine selbst gebastelten Religionen undGötter zulassen. Vielmehr müssen wir der Jugend einLeben in Liebe und Toleranz mit auf den Weg geben,ohne dass sie etwas zurückerwarten, und die Welt res-pektieren, als wäre sie ein Bruder und eine Schwester.Ferner müssen wir die Tierwelt in ihren Paradiesen in 324
  • 321. Frieden leben lassen, denn wir haben uns über Jahr-tausende an ihnen nach Belieben bedient.Ich kann nur wiederholen:Wir sollten alles unterneh-men, um den Planeten zu retten, damit zur Beloh-nung bald der Himmel nicht nur über uns, sondernbereits hier auf Erden ist.„Es gibt viel zu tun, packen wir es an.“ Aber dieser Wer-beslogan gilt nicht mehr für den Raubbau an unsererNatur. Das war damals das Motto der reichen Konzer-ne, deren Mitarbeiter die Kohle aus dem Feuer geholthaben gegen kleines Entgelt. Stattdessen sollten wir esunterlassen, uns weiterhin die Menschen untertan zumachen. Wir müssen ihnen die Würde zurückgeben,die sie verdienen, damit endlich Gerechtigkeit einziehtfür jeden einzelnen von uns auf diesem Planeten.Ich stehe hier vor Ihnen, um einen Teil meiner Krafteinzubringen. Wir haben die Chance friedlich undglücklich miteinander zu leben, doch ein ums andereMal schaffen wir es, uns in Kriege zu verstricken; underst in die Kirche zu laufen und nach Gott und Erlö-sung zu rufen, wenn das Kind im Brunnen liegt oderdie Leiden nicht mehr zu ertragen sind. Die Techno-logie hat sicher große Fortschritte und neue Erkennt-nisse gebracht. Aber die Vernetzung der Bürger gehtschlichtweg zu weit. Die Kontrollmöglichkeiten sindallumfassend, doch zum Glück kann noch niemandunsere Gedanken lesen.Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit und viel Erfolgbei Ihrer Wahl. Ich habe mich für Gott unseren Herrnentschieden.“Im Raum herrschte Stille. O weh, was habe ich gesagt?,dachte ich.Ich schaute in die Menge und sah die Ruhe in den 325
  • 322. Gesichtern, als ob sie fragen wollten, bist du schon fertig?Wir wollen noch mehr von deinem Gott hören. Und dannplötzlich ein Anfang, ein spärliches Händeklatschen– und es wurde immer mehr, immer stärker, immerlauter. Es wollte nicht aufhören. Ich bekam StandingOvations von allen Anwesenden im Kongresssaal. Sieschrien und jubelten mir zu. Ich konnte die Aufre-gung gar nicht verstehen. Dabei hatte ich nur gesagt,was in meinem Herzen brannte.Zu meinem Erstaunen hatte ich keine einzige Zeilemeiner vorbereiteten Rede übernommen.Bis zu dem Zeitpunkt hatte sich niemand getraut, ineinem so wichtigen Vortrag über die Weltordnung beider UN über Gott zu sprechen. Die meisten hattenbis dato nur Zahlen, Profite und Statistiken vorge-bracht, wie noch mehr Raubbau betrieben oder mitVetos das weitere Vorantreiben notwendiger Maß-nahmen ausgebremst werden konnte. So verhielt essich auch damals beim G-8-Gipfel in Heiligendammwo die Inder und Chinesen auf Wachstum und mehrWohlstand beharrten, obwohl alle wussten, dass dieKonsequenzen weltweit in einigen Jahren zu sehensein würden. Aber keiner hatte das Rückgrat, dieseFehlentscheidung einzugestehen, selbst als sich dieKlimakatastrophe 2013 bewahrheitete.Nach dem Abebben des Beifalls fuhr ich mit meinerRede fort, denn ich war noch nicht fertig.„Ich bedanke mich für Ihre Zustimmung, ich dan-ke für Ihr Verständnis, ich danke für Ihre Einsicht, ichdanke für Ihre Hilfe, um dies alles neu zu schaffen.Denn noch ist nicht aller Tage Abend, auch wenn dieNord- und Südpole nur noch ein Schatten ihrer selbstsind. Denn noch vor zwanzig Jahren bildeten sie unse-re unerschöpflichen Trinkwasservorräte. Was heutzu- 326
  • 323. tage immer mehr angezweifelt werden darf.Dennoch, wir können und werden es schaffen. So vielZeit bleibt uns noch, die Erde zu retten und das Le-ben für die gesamte Menschheit und Tierwelt wiedererträglicher zu machen. Es soll keiner mehr dursten,hungern, leiden oder verstoßen werden. Jeder soll inFrieden mit seinem Nachbarn leben dürfen. Denn derMensch wurde nicht geboren, um sich selbst oder an-dere zu vernichten, sondern um nach Geborgenheitund Zusammenhalt in der Gemeinschaft zu suchen.So, nun komme ich zu den wichtigsten Punkten, diewir sofort angehen müssen:Als Erstes müssen wir die Wasserversorgung, woraufjeder ein Recht hat, wiederherstellen und sichern.Dann soll jeder Brot und andere Lebensmittel erhal-ten, die nicht mit irgendwelchen beigefügten chemi-schen Stoffen angereichert oder genmanipuliert sind,denn Untersuchungen haben deutlich die Folgen vongeschädigten Gehirnfunktionen bei älteren Menschennachgewiesen. Des Weiteren bitte ich die Menschenum Mithilfe, die toxische und nicht biologische Er-nährungskette zu sanieren. Alle Konzerne, egal, welcheMonopolstellung sie haben, sollen ferner untersuchtund mit Schadenersatzforderungen bis hin zur Schlie-ßung bestraft werden. Die Energien müssen jedem invernünftigem Maß zugänglich gemacht werden …“Ich schaute zum UN-Generalsekretär, um mich zuvergewissern, wie viel Zeit mir noch für meine Redeblieb. Er nickte nur und deutete an, ich solle weiter-machen.„Sie sehen, meine Damen und Herren, ich bin bereit,das Leben aller zu erleichtern und jedem das zurück-zugeben, worauf er ein Anrecht hat. Jetzt und hierwerden wir die Menschheit vor weiteren Dummhei- 327
  • 324. ten bewahren und ein menschenwürdiges Dasein indie Wege leiten. Ab heute soll jeder seinen Platz in derGemeinschaft erhalten. Ich stelle keine Bedingungen,erteile keine Befehle und will auch niemandem mei-ne Gedanken aufzwingen. Jeder soll selbst entschei-den, wozu er gehören möchte.Die Erde wird sich weiterdrehen, auch wenn wir nichtmehr von dieser Welt sind.Wir sollten unser Vertrauenin Gottes Hände legen und auf die Vernunft setzen.Der Herr schütze uns und unsere Welt.Ich möchte Sie bitten, keine übereilten Entscheidun-gen zu treffen und diese Wahl ruhig anzugehen, biswir einen gemeinsamen Nenner gefunden haben, umunser Leben zu retten und das unseres Planeten. Ichfrage Sie, wo sind die Menschen aus Atlantis, die eineso disziplinierte und intelligente Kultur hatten? Wodie Babylonier, die chinesischen Dynastien, die Ägyp-ter, die Griechen? Wo sind die Maya abgeblieben?Lauter vergängliche Kulturen. Wo sind die Marxistenund viele andere politische wie religiöse Mächte? Wosind sie geblieben? Wenn all diese Kulturen einen Gottgehabt hätten, wären sie noch da.Denn Gott, der einzig Wahre und Allmächtige, liebtsein Volk.Aber jetzt zurück zur Tagesordnung. Nehmen wireinmal an, wir würden die ganze Wirtschaft in eineWWP umwandeln, was so viel wie „World WithoutProfit“ bedeutet. Ähnlich einer oder Treuhandgesell-schaft für die nächsten fünftausend Jahre. Ziel ist dieAbschaffung jeglichen gewinnorientierten Handelns.Die Gesellschaft soll schrittweise in eine gerechteStruktur übergeführt werden. Jeder Erwachsene be-kommt gleich viel und darf nach Belieben, wenn ersich verantwortungsvoll verhält, damit umgehen und 328
  • 325. sich ernähren, kleiden und bescheiden wohnen nachmoderner, aber nicht verschwenderischer Art, ohnedie Natur zu strapazieren. Qualität sollte vor Quanti-tät stehen. Jeder sollte in eine Gemeinschaftsstruktureingegliedert sein. Sei es im Sozialen wie im Wirt-schaftlichen. Alles, was der Umwelt und der Natur,der Tierwelt und den Menschen schadet, muss radi-kal und kompromisslos abgeschafft werden, wobei dieVielfalt natürlich erhalten bleibt, damit unser Lebennicht grau und eintönig wird. Die Menschenrechtesollen weltweit geschützt und respektiert werden. AlleMenschen rufe ich auf, an einer gerechten, mensch-lichen WWP aktiv mitzuwirken. Deswegen brauchenwir nicht weniger Chirurgen, Ingenieure, Lehrperso-nal, Bürokräfte und viele andere mehr. Nur auf Inves-toren, Aktionäre, Spekulanten, Könige oder Macht-haber können wir verzichten. Alle sollen zukünftigmitbestimmen, was getan werden muss.Sie sehen, ich spreche von Aufgaben für die Mensch-heit und nicht von Pflicht oder Arbeit.Alle Waffen werden eingeschmolzen, gespeicherteDaten gelöscht. Keiner soll mehr das Recht haben,irgendwelche Daten einzusehen. Jeder Mensch be-kommt eine neue Chance, sich in unserer Gemein-schaft einzurichten, außer Schwerverbrecher undMörder.Die Gebote Gottes müssen befolgt werden. Wir wol-len Gott dienen und den neuen Aufgaben mit Stolzund Mut entgegentreten.Hier möchte ich nun endgültig zum Schluss kommen.Ich hoffe und bete zu Gott, dass Ihre Wahl zu unseremHerrn führt. Ich möchte mich bei meinen Freundenwie Feinden fürs Zuhören recht herzlich bedanken.“Wiederum herrschte zunächst Stille, bis ein langsa- 329
  • 326. mes, immer stärker werdendes Gemurmel durch dasGebäude zog. Jeder sprach mit jedem und versuchtesich zu artikulieren. Dies ist gewiss ein Schritt zu viel desGuten gewesen, dachte ich und verließ klammheimlichden Saal.Das Ganze sorgte für viel Wirbel und Aufruhr bei denMächtigen. Die Armen standen somit nicht mehr ganzallein da. Die Elite würde nach meinen Vorstellungenzur Verantwortung gezogen werden für ihre illegaleingenommenen Unsummen an Gewinnen, die siedie letzten Jahrzehnte dank ihrer marktbeherrschen-den Stellung und fortwährenden Fusionierungen ein-gestrichen hatten. Die Frage war nun, wie würdenandere Mitglieder der UN und die restliche Welt dazustehen und reagieren?Die WWP würde zudem auch Kapitalverbrechenund andere Arten von Kriminalität unterbinden. Eslag ein langer und steiniger Weg vor uns, bei dem eingewaltiger Kraftakt durchzustehen war. Aber ich warzuversichtlich, da der Mensch nach den beiden Welt-kriegen bewiesen hatte, wozu er mit seiner Wieder-aufbauarbeit imstande war.Viele erinnerten sich nochan die Zeit des Wirtschaftswunders. Leider konntendie Menschen damals nicht vorausahnen, dass dabeidie Erde und das Klima so stark in Mitleidenschaftgezogen würden. Nichtsdestotrotz würden wir dieseFehler mit der VISION der WWP wieder gutmachenkönnen. Man brauchte viel Ausdauer, musste vielÜberzeugungsarbeit leisten und Regeln definieren,bevor eine solche WWP real arbeiten konnte. Aberdarüber machte ich mir weniger Sorgen, denn wennder Mensch dahinterstand und die VISION ihn an-sprach, stellte jede Anstrengung kein Problem dar. So 330
  • 327. ist es seit jeher gewesen: bei den Eroberungen Ale-xanders des Großen, bei der Entdeckung Amerikasbis hin zum Apolloprogramm mit dem Betreten desMondes.Nachdem wir in Brüssel gelandet waren überholteuns auf der Autobahn eine Patrouille Ordnungshüter,die uns aufforderte, an der Seite zu halten. Wir folgtenihrer Aufforderung. Zwei bewaffnete Männer in Zivilstiegen aus ihrem Dienstfahrzeug, von denen einer zuuns ans Seitenfenster kam und seine Marke sehen ließ.Tommaso drehte die Scheibe etwas herunter.Der Agent sagte: „Gehe ich recht in der Annahme,dass Sie Herr Brink sind!“„Ja“, antwortete Tommaso und stieß mich, von denBeamten unbemerkbar, mit seinem Ellenbogen leichtan.„Was gibt’s, hab ich etwas falsch gemacht oder bin ichzu schnell gefahren?“„Nein“, gab er zu verstehen. „Aber ich möchte, dassSie mit uns kommen. Sie werden im Präsidium er-wartet. Es ist dringend.“„Wer sind Sie?“, fragte Tommaso.„Kann ich leider nicht sagen.“Der zweite Mann schaute mich an und schien zuüberlegen, wo er mich schon einmal gesehen hatte.Sofort reagierte Tommaso. „Also gut“, wandte er sichan mich und schaute mich durchdringend an, also ober sagen wollte, halt den Mund, Vater. „Dann musst duleider den Weg alleine zurückfahren.“ „Prima, also wo geht’s hin?“, fragte er den Ordungs-hüter.Ich kochte vor Wut und wollte ihn in einer solchprekären Lage nicht alleine gehen lassen, obwohl er 331
  • 328. natürlich recht hatte, dass sie uns nicht gleich beideeinsacken sollten.„Hören Sie zu, ich bin Jeff Brink, dies ist mein Fah-rer“, gab ich mich zu erkennen.„Du Idiot, was soll das, siehst du denn nicht, dass sievom Geheimdienst sind?“Sofort zogen die beiden Männer ihre Spezial-Pistolenund einer schrie: „Beide raus aus dem Wagen, abervorsichtig, sonst bin ich gezwungen zu schießen. Alsobleiben Sie ruhig und steigen Sie aus, Hände schönbrav oben halten.“Der andere kam langsam auf meine Seite und öffnetedie Autotür. „So, schön langsam und die Hände aufdie Motorhaube.“Der andere folgte seinem Beispiel auf Tommasos Sei-te. Er holte aus seiner Innentasche den Fingerscannerund sagte: „Stecken Sie bitte Ihren rechten Zeigefin-ger in den Scanner.“Das Ganze funktionierte wie ein Handy, sofort wurdendie Daten abgerufen und auf dem Schirm erschienendie Personalien. Dasselbe taten sie mit Tommaso.„Interessant, Vater und Sohn! Guter Fang!“, infor-mierte er seinen Kollegen.Shit, das hört sich nicht gut an, dachte ich. Was jetzt wohlfolgen wird?„Na, dann los die Herrschaften. Sie begleiten uns aufsPräsidium. Den Wagen lassen wir abholen. Flynn, holdie Handschellen.“„Also, das ist nicht nötig, wir kommen auch so mit,meine Herren“, beteuerte ich.Aber sie wollten nicht so recht daran glauben.„Wenn’s Probleme gibt, verpasse ich Ihnen eine Ku-gel, verstanden? So, jetzt aber einsteigen.“Wir wurden beide in den hinteren Teil des Wagens 332
  • 329. verfrachtet, wobei ein Gitter und eine Glasscheibeuns von der Fahrerkabine trennten. „Oh, Gott, hilfuns“, entwischte es mir unbewusst.Wir fuhren zurückRichtung Brüssel. Als wir schließlich in die Stadt ein-fuhren, wurden innen die Scheiben automatisch ver-dunkelt, sodass wir nicht mehr nach draußen sehenkonnten. Nur die Notbeleuchtung gab ein spärlichesLicht von sich. Nach einer halben Stunde Fahrt kreuzund quer durch die Stadt wurden die Fenster wiedererhellt.Wir standen in einem Hof, umringt von hohen Mau-ern, einem Schloss ähnlich. Inmitten des Hofes befandsich ein Springbrunnen wie auf einer italienischenPiazza, der vor sich hin plätscherte. Plötzlich öffnetesich ein Tor und wir fuhren in die Passageneinfahrt.Vier Männer kamen zum Wagen, der neben einer rie-sigen breiten Treppe hielt, die nach oben führte. DieTüren wurden geöffnet und jeder von uns wurdewortlos, von zwei Herren flankiert, am Arm festge-halten und die Treppe hoch nach oben geleitet. Danngingen wir einen breiten Gang hinunter, bis wir voreiner drei Meter hohen Tür ankamen, die von einerdavorstehenden Person sogleich geöffnet wurde. Wirbetraten einen dämmerigen Raum.„Herr Präsident, hier ist Mister Jeff Brink mit seinemSohn“, meinte einer der beiden, die uns verhaftet hat-ten.„Gut, danke! Ihr könnt vor der Tür warten, bis wireuch benötigen“, hörte ich eine mir sehr bekannteStimme sagen.„Mensch“, entwischte es mir. „Sind Sie es, Herr Prä-sident?“„Ja, meine Stimme ist wohl unverkennbar! EU-Präsi-dent Juan da Cunha.“ 333
  • 330. „Warum haben die Leute nicht Bescheid gesagt, dassSie uns erwarten?“, fragte ich ihn etwas misstrauisch.„Ja, mein lieber Jeff, so einfach war das nicht, und dieHerrschaften wussten nichts davon“, gab er etwas un-schuldig zurück.„Worum geht’s denn, Herr Präsident?“, wollte Tom-maso etwas beleidigt wissen.„Wissen Sie, Herr Tommaso, es geht uns darum, kei-nen Bürgerkrieg anzuzetteln, aber Ihr Vater ist auf dembesten Weg dahin. Wie wollen Sie dies nach so einerRede anders erklären? Wir wissen, dass Sie keiner Par-tei angehören. Aber das heißt noch lange nicht, dassman die Bevölkerungen weltweit in Aufruhr versetzensoll. Sie wissen, wir leben auf einem Pulverfass. Vielesind unzufrieden. Die Probleme werden zunehmendunüberwindbarer. Obwohl ich durchaus Verständnisfür Ihre Argumentation habe, kann ich ein solchesVerhalten nicht dulden. Nach Ihrer Rede wurde ichzur Rechenschaft gezogen, weil ich Ihnen den Auf-tritt ermöglicht habe. Und nun fühle ich mich ver-antwortlich für Sie. Dabei sind Sie mir seit Jahren einguter Freund. Diese unnötige Hetzkampagne müssenwir umgehend entschärfen, und ich wünsche nur, dassSie schon morgen in den Medien einen von uns redi-gierten Text vorlesen. Wir müssen einige Änderungeneinbringen, um einige explosive Aussagen bezüglichder Umwelt zu entschärfen. In einigen Wochen, hof-fen wir, ist Gras darüber gewachsen.Sie wissen, was ich meine und worauf es ankommt,oder wollen Sie Ihre Familie gefährden?“„Herr Präsident, das sind wir mittlerweile gewohnt.Ich werde daher nichts dergleichen unternehmen, zu-mal ich den Leuten nur reinen Wein eingeschenkt undnicht nur leere Versprechen gemacht habe wie so viele 334
  • 331. andere. Wollen Sie, dass es so weitergeht? Die Chan-cen liegen nicht etwa in noch mehr Technologien,sondern darin, uns zu mäßigen sowie in der geistigenStärke und im Glauben an unseren Gott. Wir müssenaufhören, unsere Erde unwiderruflich zu plündern.Nein, Herr Präsident, das Theater, das Sie veranstaltenwollen, mach ich nicht mit. Und damit basta“, ließ ichmeiner Wut freien Lauf.„Ich kenne Ihre Philosophie, aber damit kommen Sienicht weit. Die Menschheit ist nicht mehr zu retten.Das ist ein Traum …“„Und Träume können wahr werden“, unterbrach ichihn.„Kann sein, aber nicht in dem Maße. Um die ganzeMenschheit zu diesem Schritt zu bewegen, müssenandere Geschütze aufgefahren werden“, fuhr da Cun-ha fort.„Gott wird sich unserer annehmen, wenn wir Ihn da-rum bitten und Ihm dienen.“Der EU-Präsident hatte ein Problem mit meinerRede und meinem Handeln.„Ich bitte Sie doch nur, Schadensbegrenzung zu be-treiben“, bat er mich noch einmal.„Nein, Herr Präsident, das hilft keinem, da viele mitmir einverstanden sind. Es muss endlich etwas gesche-hen. Die Menschheit hat es satt, nur als Zuschauer zufungieren. So wie die Bessergestellten auf ihr Eigen-tum pochen, sind die Ärmeren bereit, ihr Leben zuopfern für die Zukunft ihrer Kinder. Ist das vielleichtfalsch?“„Nein! Ich verstehe Ihre Handlungsweise, aber ichkann sie nicht billigen, da sie irrational ist. Sie könnennicht erwarten, dass sich etwas ändern wird. Aber dassSie sich in Schwierigkeiten befinden, ist eine Tatsa- 335
  • 332. che“, gab er mir unverhohlen zu verstehen.Ich war mir über die Konsequenzen bewusst. Auchwenn es nur der Tropfen auf dem sprichwörtlichenheißen Stein war, ich wollte nicht mehr mit ansehen,wie manche vor unseren Augen verreckten und an-dere mit ihrer Eitelkeit, ihrem Reichtum und ihrerüberheblichen Art diese Ungerechtigkeit einfach nurso abtaten. Diejenigen, die das Sagen hatten, fürchte-ten sich davor, uns zu vertrauen, und versteckten sichdeshalb hinter Gesetzen und Statutenklauseln, um unszu beeindrucken, einzuschüchtern und, wenn irgend-wie möglich, uns mit Besserwissereien zu schikanie-ren. Wir sollten nicht weiter als zum Schalter gelan-gen und in Reih und Glied warten, während sie sichhinter Panzerglas und nicht transparenten Tätigkeitenverbarrikadierten. Zum Schutz ihrer Bosse und ihrerselbst. Diese Erniedrigung würde in naher Zukunftals gleichberechtigter Mensch keiner mehr erfahrenmüssen.„Die Rede hat viele Gemüter erhitzt und Debattenangefacht“, sagte Juan da Cunha. „Sie müssen dieseberuhigen – oder wollen Sie, dass es in Bürgerkriegund Massenmord ausartet?“„Nein, aber Sie müssen zugeben, dass dies schon längstvon den Verantwortlichen hätte in die richtigen Bah-nen geleitet werden können. Aber man hat die Bürgerbewusst weiter belogen, betrogen, unterjocht und inden Ruin getrieben. Jetzt bekommen sie die geball-te Wut des einfachen Fußvolks zu spüren, vergleich-bar mit der Französischen Revolution damals im 18.Jahrhundert, nur diesmal sind die Ereignisse um einVielfaches schlimmer. Eine Verbesserung der Lebens-bedingungen ist durch die Klimaerwärmung unmög-lich geworden, da sind sich Experten, Wissenschaft- 336
  • 333. ler, Klimaforscher, Mediziner und Politiker einig. Daswissen auch die Niederen und Anonymen. Wenn eszu einer Eskalation kommt, ist mit vielen Toten aufbeiden Seiten zu rechnen. Wieder ein Argument, unszur WWP zu bekennen, damit ein dritter Weltkrieg,wenn nicht sogar das Ende unseres Planeten und derMenschheit, verhindert werden soll.Wie Sie wissen, wurde die symbolische Uhr letzteWoche ein weiteres Mal vorgestellt und steht nun auffünfzehn Sekunden vor zwölf. Dies bedeutet, nichtviele werden überleben. Nur wenige werden nachder Prophezeiung in das Himmelreich eingehen. Werdiese Zeichen ignoriert, ist meinem Erachten nachein Dummkopf oder schert sich einen Dreck um sei-ne Mitmenschen. Wie wollen wir noch weiter mehrals neun Milliarden Menschen besänftigen, sich denwenigen entgegenzustellen, die die Fäden in ihrenHänden halten? Sehen Sie, mein Freund, das ist eineTatsache. Wenn nicht schnellstens etwas passiert, wer-den Sie und all Ihre Enkel, falls Sie welche haben, dienächsten zwei Jahre nicht mehr erleben. Glauben Siemir. Flucht ist aussichtslos, egal wohin.“Der Präsident schwieg und schien sich einen Reimauf meine Predigt zu machen.„Nur wenn wir an einer neuen Weltordnung arbeitenund den Machthabern deutlich machen, dass es aus-sichtslos ist, die Seele im Kapital und in der Unter-drückung ganzer Nationen zu suchen, können wir esschaffen. Das Elend und die Probleme sind einfach zugewaltig“, schloss ich.Er wusste, wovon ich sprach. Seit fünf Jahren hatte derNordpol von seinem ewigen Eis immer mehr einge-büßt. Somit konnte kein Trinkwasser für alle garantiertwerden. Die Meere waren um mehr als einen Me- 337
  • 334. ter angestiegen, sodass viele Städte in der nördlichenHemisphäre mit einem provisorischen Wall gegendie Überflutung geschützt worden waren. Ansons-ten wären Städte wie Antwerpen, Amsterdam, Lon-don, Hamburg, New York, Boston, Bordeaux, Bilbao,Porto, Lissabon, Kapstadt, Hongkong, Shanghai undviele andere Metropolen auf der ganzen Welt in denMeeresfluten versunken. Und jedes Jahr kamen neuehinzu, was natürlich einen enormen bautechnischenund finanziellen Aufwand mit sich brachte. Nur mitFlugzeugen, Booten und Brücken konnte man diesemodernen Venedige noch erreichen.Die Weltmeere mussten immer mehr CO2 verkraften,obwohl in vielen Bereichen versucht wurde, den Aus-stoß zu verringern. Ihr Temperaturanstieg war nichtmehr zu bremsen. Die PH-Werte waren auf unter 6,9gefallen, wobei die Übersäuerung zu einer wahrenKatastrophe für alles Leben in den Tiefen der Seenund Meere führte.„So, und wie soll das Ganze vor sich gehen?“, riss daCunha mich aus meinen Gedanken.„Ganz einfach. Sie sind doch ein Visionär des drit-ten Millenniums. Setzen Sie sich mit dem General-sekretär und den Mitgliedern der UN an einen Tischund überdenken Sie mal meine VISION, die ich beimeiner Rede vorgestellt habe. Die WWP ist die ein-zige Lösung, um aus der Misere zu kommen. Die Zeitdrängt. Wir wollen auch niemanden enteignen, aberwie beim Euro einen vernünftigen Übergang einlei-ten, bevor alles den Bach runtergeht. Nur eine sozial-wirtschaftliche Lösung kann uns aus dieser verflixtenSituation retten. Dazu gehören viel Mut, Fantasie undUmsetzungsvermögen. Gegenschläge müssen wir miteinkalkulieren und versuchen zu bereinigen.“ 338
  • 335. „Sie spinnen, Herr Brink!“Tommaso schaltete sich ein. „Ich würde für mei-ne Kinder alles tun, damit sie eine Zukunft haben“,wandte er sich an da Cunha.„Die machen bei so etwas niemals mit“, gab der EU-Präsident zurück.„Ja klar, wer will auch schon freiwillig alles aufgeben?Aber die Armen besitzen nichts, was sie aufgebenmüssten, und haben obendrein nichts zu verlieren.Die Weltmächte dagegen sind dabei, sich gegenseitigzu erpressen. Die Rohstoffreserven neigen sich demEnde entgegen, und die Abnehmerstaaten sind über-fordert, ihrer Bevölkerung gerecht zu werden. DieseStaaten wären wohl einverstanden, auf einen solchenDialog einzugehen. Das wäre ja ein Anfang oder?“,gab Tommaso zu verstehen.„Ich stimme meinem Sohn zu. – Aber was passierteigentlich mit uns? Können wir jetzt endlich zu unse-ren Familien?Rufen Sie mich an, wenn Sie meine Unterstützungbrauchen. Ich habe alle Pläne und Unterlagen für dieRealisierung. Sie können mich auch wegsperren las-sen, aber nicht die Welt, nicht die Ungerechtigkeit,nicht die Armut, nicht die Menschen, die Sie mit Vor-würfen in den Augen auf Ihre Schuldigkeit hinwei-sen“, sagte ich, ohne auch nur die kleinste Kompro-missbereitschaft anzudeuten.„So, das war’s!“, meinte Tommaso und nahm michbeim Arm, um zu gehen.Das Gespräch hatte zu keinem Ergebnis geführt. Wirwurden zu unserem Wagen begleitet und fuhren nachHause.Tommaso hatte Serena über unsere Verspätung inKenntnis gesetzt. Er blieb noch zum Abendessen bei unsin Bonn und fuhr später nach Köln zu seiner Familie. 339
  • 336. Wir wussten, dass wir dem Wasser alles zu verdan-ken hatten. Als Lebensmittel Nummer eins hat es un-ermessliche Fähigkeiten. Jeder Tropfen enthält vieleSubstanzen. Hier finden alle biophysikalischen undchemischen Reaktionen statt, aus denen das Univer-sum besteht. Es bindet sozusagen physikalische Ma-terie wie Gefühle und ist dazu noch intelligent, da essich, auch wenn es die Substanz nicht mehr in sichträgt, daran erinnert. Es reinigt die Atmosphäre, dieBöden und den Körper, da es sich durch einen per-fekten Kreislauf erneuert. Es gibt der Vegetation, demMenschen und allem Leben die Dynamik. Ein harterFelsen kann dies nicht bewirken.Wasser will immer inBewegung sein. Es trägt die von Gott gewollte Infor-mation vom Leben in sich.Im Wasser können wir alles auflösen, durch Trinkenalle Giftstoffe aus unserem Körper spülen. Wenn Was-ser gefriert, sich also vom flüssigen in den festen Zu-stand wandelt, müsste es sich ja zusammenziehen, abergenau das Gegenteil passiert. Wenn eine Schneeflockeschmilzt und wieder gefriert, nimmt sie wieder ge-nau dieselbe Eiskristallform an wie vorher. Das Was-ser vermag mithin Informationen zu speichern undzu übermitteln. Wasser leitet Energie, jedes Molekülhat seine eigene Identität. Wasser ist fähig zu heilen.Heilige Quellen gibt es an vielen Orten dieser Welt.Nur Wasser, das aus der Erde als Quelle entspringt, istgesund und lebendig. Ohne Wasser können wir nichtfunktionieren, nicht denken, nicht fühlen, nicht emp-finden.Doch die einstmalige Selbstverständlichkeit, schierunendlich über das Element verfügen zu können, ge-hörte der Vergangenheit an. Seine Qualität wurde an- 340
  • 337. gesichts verseuchter Gewässer in den letzten Jahrenimmer mehr zum Problem.Dazu kommt das weiße Gold der Erde, das Salz. Esist genauso lebensnotwendig für unseren Körper wieWasser. Ohne Wasser und Salz ist kein Leben möglich.Kristallsalz enthält sämtliche Mineralien und Spuren-elemente, die unser Körper braucht. Vor Jahrtausen-den wurden seinetwegen Kriege geführt. Die Aschedes Menschen besteht aus reinem Salz. Die Osmo-se in unserem Körper wird durch das Salz gesteuert.Natürliches Salz ist notwendig, um vitale Funktio-nen aufrechtzuerhalten. Im Kristallsalz sind Minera-lien enthalten, mikroskopisch kleine Teilchen, die vonunseren Zellen gut aufgenommen werden können.Ein perfektes Ineinandergreifen vieler biologischerProzesse.Das heutige Kochsalz dagegen, raffiniert und che-misch gereinigt, hat mit dem ursprünglichen Salz daswir zum Leben benötigen, nichts gemein und schadetunseren Zellen. Es besteht im Gegensatz zum Kristall-salz nur aus Natriumchlorid.Es ist jedoch von unvorstellbarem Nutzen für mei-ne Erfindung, die in diesen Tagen für Sauerstoff undEnergie sorgte und sich auf Natrium und Chloridstützte. Bei der Zusammenführung dieser zwei Ele-mente entsteht eine Explosion, die bei meinen An-lagen zur Energieerzeugung genutzt wurde.Ich wollte mich in Zukunft voll und ganz mit meinerFrau, meiner Familie und meinen Freunden für dieIdee einer weltweiten WWP verwenden und alles da-ran setzen, diese zu realisieren. Zu allererst musste denArmen oder Bedürftigen dieser Erde geholfen wer- 341
  • 338. den, indem sich meine VISION wie ein Lauffeuer umdie ganze Erde ausbreiten sollte. Nur so konnten wirin Frieden und Respekt miteinander leben.War es nicht verrückt, dass in diesem Augenblick mehrzerstört als aufgebaut wurde? Unumkehrbar für dieMenschen,Tiere und Pflanzen. Man musste jede nochso kleine Veränderung an der Natur vermeiden undjeglichem verschwenderischen Konsum abschwören,zum Erhalt der Natur.„Tu anderen nicht an, was du selber nicht willst, dass dirangetan wird.“Es war zwecklos auf den anderen zu zeigen und ihmdie Schuld zuzuweisen.„Wer sündenfrei ist, soll den ersten Stein werfen.“Es würde nicht einfach werden, aber „wo ein Wille ist,ist auch ein Weg“.Die WWP sollte zur Entspannung aller Differenzenunter den Menschen genutzt werden, vor allem aber,um der Jagd auf immer mehr wertvolle Ressourcenund Rohstoffe Einhalt zu gebieten, um der Krimina-lität und der Betrügerei vorzubeugen, um die Trans-parenz aller Dienste zu gewährleisten, eine gerechteVerteilung der Lebensgrundlagen durchzusetzen, demNeid und der Missgunst die Nahrung zu entziehen,unnötige Erzeugnisse auf jedem Niveau einzudäm-men.Darüber hinaus sollten sich keine Konzerne oder poli-tischen Parteien daran bereichern können, was vonAnbeginn unterbunden werden musste. Denn kaumwar bekannt, dass die Erderwärmung nicht mehr auf-zuhalten war und die fossilen Energien so weit wiemöglich zurückgedrängt werden mussten, wolltensich skrupellose Banken und Investoren an der Son- 342
  • 339. nenenergie bereichern.Ein Zitat aus einer Werbung aus dem Jahre 2007von einem Konzern, der die Windenergie sein eigennannte, lautete wie folgt: „Wer Wind sät, erntet Energie:Wir haben die Produktion unserer Windparks um das Acht-zigfache erhöht verglichen mit dem Jahr 2000.“ Weiterstand auf dieser Seite: „Wenn ihr beim Umblättern diesesMagazins ein bisschen Wind aufsteigen fühlt, kommt dies,weil wir in den letzten Jahren viel in Windenergie investierthaben und dies weiter tun werden … bla, bla, bla …“ ZumSchluss hieß es da noch: „Die wahre Revolution ist, dieWelt nicht zu verändern.“Es war einfach nicht zu fassen, mit welchen Tricksund welcher Arroganz diese Konzerne arbeiteten, alsgehöre ihnen der Wind und als hätten sie unsere Weltnicht bereits revolutioniert und verändert mit ihrerAtomenergie.Ich war noch nicht am Ende meiner Gedanken an-gelangt, da schreckte ich auf.„Jeff, eine Videoschaltung aus New York für dich“,rief Teresa mir aus dem Obergeschoss zu.„Wer ist dran?“„Der UN-Generalsekretär.“„Gut, schalte durch.“Am Schirm konnte ich den UN-Generalsekretär miteinigen Leuten zusammen an einem Tisch sitzen se-hen.„Schönen guten Abend, Herr Brink!“, kam promptdie Stimme des Generalsekretärs. „Entschuldigen Siedie Störung! Könnte ich Sie kurz etwas fragen, esdauert nicht lange. Ich habe hier ein paar fähige Leuteum mich versammelt, um Ihre Theorie zu studieren.Wir sind zu einem interessanten Ergebnis gekommen. 343
  • 340. Wenn Sie erlauben, hätten wir noch einige Fragen anSie.“„Schießen Sie los!“„Was soll mit den Börsen geschehen?“„Gute Frage! Die sollen ihre Tore schließen. Es handeltsich ja doch nur um Spekulationssummen. Die Aktio-näre haben genug davon, sonst würden sie schließlichnicht solche Risiken eingehen. Heute hier, morgenda. Einen solchen Sport können wir Menschen uns inZukunft nicht mehr leisten. Sie wissen schon, was ichmeine“, lautete meine eindeutige Antwort.„Ja, aber damit wird keiner einverstanden sein“, ver-suchte er mir klarzumachen.„Verstehe ich sehr gut. Aber wenn kein Profit mehrherauskommt, hat sich das Ganze in weniger alseinem Jahr sowieso erledigt. Sie haben in dieser Zeitdie Möglichkeit, die erwirtschafteten Erträge an einezu übergeben für ihren Eigennutz oder anderen zugu-tekommen zu lassen in Form von Spenden. Deswegenmüssen gewerbliche Betriebe oder andere Instanzennicht schließen.“„Ich verstehe. Die Aktionäre gehen nicht ganz leeraus“, erwiderte er.„Genau, sie, ihre Familien und Angestellten gehennicht leer aus und stehen plötzlich keineswegs auf derStraße.Wenn das Projekt sich zukünftig lohnt, werdenwir es weiterführen. Ich will keine armen Aktionäre.“Ich musste lachen.Auf der anderen Seite kam auch Gelächter auf. „Hörtsich gut an, Ihre Theorie, aber wo fangen wir an?“„Da, wo der Profit aufhört!“, erwiderte ich.„Und das wäre?“„Bei den Konzernen. Wenn sie keine hohen Gewin-ne mehr erwirtschaften, ziehen sich die Aktionäre 344
  • 341. zurück, und der ungebremsten Preistreiberei wirdsomit ein Riegel vorgeschoben. Die reellen Gewin-ne werden nach Abstimmung den Gemeinschaftenübertragen, wobei die neue Plattform besser in denpolitischen Gremien mit den Gewerkschaften aus-gearbeitet werden sollte, damit die Verteilung genauabgestimmt werden kann. Wir sollten die Menschenan ihren Standorten belassen. Nur die Kontrolle derRealisierung muss von Professionellen abgesichertund begleitet werden“, erklärte ich ihm.„Wie wollen Sie die Aktionäre mobilisieren, denn sietun jetzt bereits alles Mögliche! Spenden, Sponsoring,en und vieles mehr“, argumentierte der UN-General-sekretär.„Ich glaube, das brauchen wir nicht. In einigen Jahrenwird die Natur ihren Tribut einfordern. Wir werdendann sehen, auf welche Seite sich die Aktionäre schla-gen. – Und noch etwas, soll dass Ihr Ernst sein, taten-los zuzusehen, wie die ganze Menschheit draufgeht… Wohl verstanden alle“, fügte ich schnell hinzu.Er schaute mich kopfschüttelnd an, da er es nichtfassen oder ertragen konnte, wie rabiat ich mit ihmsprach. Dann drehte er sich zu seinen Leuten oderExperten um, und diese bestätigten ihm, dass etwasWahres dran war an meiner Geschichte.„Wenn ich Sie richtig verstehe, Herr Brink, habenwir keine Wahl.“„Nein!“, erwiderte ich kurz und knapp.„Und wenn wir von nun an die Projekte kontrollie-ren, weltweit versteht sich?“, probierte er noch einenanderen Weg aus.„Das wäre nur aufgeschoben und käme einem Selbst-mord gleich. Damit hätten wir aber nicht das Problemgelöst. Also, was wollen Sie tun?“, fragte ich trocken. 345
  • 342. „Wir werden die Lage beraten und möchten Sie bit-ten, sich freizuhalten im Falle, dass wir Sie brauchen.Ich danke vorerst. Auf Wiedersehen.“ Er wartete eineAntwort meinerseits nicht mal ab. Die Verbindungwurde abrupt abgebrochen.Teresa, die das Ganze mitbekommen hatte, meinte:„Jeff, du begibst dich immer mehr in die Höhle desLöwen. Die sind doch nicht ehrlich an deiner Mei-nung und deinen Visionen interessiert!“„Kann sein, aber jemand muss diese Horde von Heuch-lern zumindest ein bisschen in ihre Schranken weisen.Sie wissen doch ganz genau, die Politik wird immermehr von den Konzernen überrollt. Zumindest wirddie UN, wenn sie sich organisiert und alle Kräfte mo-bilisiert, vielleicht erreichen, dass dieses gefräßige Tieruns nicht ganz verschlingt. Gemeinsame Sache mitden Lobbyisten zu machen, hilft den Politikern auflange Sicht auch nicht, da sonst die Demokratie unddie warmen Plätze der Politiker schnell von Revolu-tionären und im schlimmsten Fall von Terrorgruppeneingenommen werden. Da ist ein Machtkampf aufDauer ehe kontraproduktiv. Auf beiden Seiten wür-de es viele Tote geben. Der Staat soll endlich Farbebekennen und seine Bürger schützen. Ganz einfach,durch eine gute Kommunikation. In unserem Kör-per funktioniert es doch auch bei Abermilliarden vonZellen. Jede Zelle hat ihre Funktion, ob Leber-, Nie-ren-, Herz-, Gehirn- oder Hautzelle. Bei Angriff wirdsofort Alarm geschlagen und das Nötige zum Wohledes Körpers, der Seele und des Geistes unternommen.Das alles kann nur dann funktionieren, wenn sich eingesunder Geist in einem gesunden Körper entwickelnkann. Das heißt, wenn der Staat als Körper fungiert,kann der Geist, der die Bevölkerung darstellt, zufrie- 346
  • 343. den sein. Das bedeutet, beide gehören zusammen undsind unzertrennlich.“„Du hast recht, nur bringt es uns viel Ärger ein.“ Sieverschwand wieder nach oben.Typisch Frau, dachte ich. Aber da steckte ein KörnchenWahrheit drin.Ich wollte bei der EU-Klimakonferenz nicht alleineantreten. Guiglelmo und Tommaso sollten mich be-gleiten, während León nicht teilnehmen konnte oderwollte.Ich arbeitete mit Hochdruck an meinem WWP-Pro-jekt.„Jeff, bist du zu Hause?“Ich gab den Befehl, mich per Videoschaltung zu ver-binden: „Schaltung annehmen.“ Sofort konnte ichAntonias Gesicht übergroß am Schirm bewundern.Ich empfand wieder eine tiefe Zuneigung.„Ja, wo brennt’s?“, fragte ich.„Ich komme gerade aus der Reha. Du, er hat seineersten Wörter gesprochen. Er lässt grüßen und will sobald wie möglich eine Aufschaltung mit dir haben.“„Freut mich, grüß ihn herzlich von mir und sag ihm,dass ich mit Teresa am Samstag zu euch komme.“Sie konnte die Freude über diese Nachricht nichtunterdrücken und Tränen liefen über ihre Wangen.„Jeff, ich freu mich so! Es ist nicht einfach für Jan, aberfür mich ist es auch nicht leicht. Ich reserviere einenTisch, vielleicht darf Jan dabei sein! Okay?“„Sehr gerne!“, gab ich zurück.„Aber was ich dich noch fragen wollte: Ich hab vonGuiglelmo gehört, dass du in Brüssel vorsprechenmusst, und wollte nachfragen, ob du eine Sekretärinbrauchst?“ 347
  • 344. Ich war ein bisschen überrascht und wollte ablenken,ließ sie aber weiter sprechen.„Du musst wissen, ich unterstütze dein Projekt. Es isteine Schande, wie die Menschheit auf diesem Plane-ten behandelt und ausgebeutet wird. Ein wahrer Alb-traum.“„Es ist einfacher, jemanden zu betrügen, als ihn vorder Gefahr zu warnen“, erwiderte ich.„Wir werden diese VISION per Schneeballeffekt insRollen bringen. Deswegen will ich dich als Sekretärinunterstützen.“„Gut, was ist denn mit Jan?“„Ich kann ihm bei euch in der Nähe eine Wohnungund einen Therapieplatz suchen. Die Sekretärin mussja nicht überall mitgehen. Ich wollte dir nur die Tele-fongespräche und den Kleinkram vom Halse halten“,versuchte sie mich zu überzeugen.„Also gut, dann aber schnell, sagen wir morgenfrüh!“Sie lachte und freute sich wie ein kleines Kind.„Du, ich hab bereits eine Wohnung in Aussicht, etwazehn Minuten Autofahrt von euch. Ich versuch Jan inKöln unterzubringen oder fahr ihn täglich zur Thera-pie dorthin.“„Ich möchte mich bedanken, du bekommst einenKuss, wenn wir uns wieder sehen. Ich muss Schlussmachen. Melde mich, sobald ich Neuigkeiten habe.“„Ciao, ciao!“„Ciao, Antonia!“ Ich beendete die Schaltung mit denWorten: „Trennen.“ Ich musste an sie denken. Als jun-ges Ding war sie zugeschnürter gewesen. Ich hatte daeine Idee, aber wollte sie erst mit Teresa besprechen.Guiglelmo und Fiona waren auf dem Flughafen Köln/ 348
  • 345. Bonn angekommen. Ich ließ beide von unseren Leu-ten abholen. Wir wollten gut für unsere Rede vor-bereitet sein. Gleichzeitig trafen Tommaso und Serenamit den Kindern bei uns ein. Fast hätte ich vergessen,ihnen die gute Nachricht zu erzählen, dass Jan undAntonia für unbefristete Zeit bei uns wohnen wür-den.Ich hatte unsere Anliegerwohnung einrichten lassen.So bekam Jan die nötige Ruhe und wir waren trotz-dem alle beisammen. Antonia, die vor Freude nicht zubändigen war, hielt sich ständig in meiner Nähe auf,was mir schmeichelte, aber Teresa irritierte. Irgend-wie spürte sie, dass Antonia etwas für mich alten Eselempfand. Ich hatte mir geschworen, ihr nie Avancenzu machen und auch keine zuzulassen, allein schonwegen Teresa und Jan. Antonia und ich wussten, dasswir bei der Arbeit ein gutes Gespann abgaben. Na gut,es wurde allmählich etwas eng bei uns, bei den vielenLeuten, die zurzeit bei uns verweilten. Gut, dass Mar-cella bis auf Weiteres nicht zu Hause war.Abends saßen wir gemeinsam am Tisch und sprachenüber vergangene Zeiten. Jan war mit von der Partie.Man sah ihm an, dass er sich anstrengte, die Lage zuerfassen. Nur langsam kam die Erinnerung zurück.Er wiederholte immer dieselben Fragen, da er sehrschnell vergaß, was wir gerade geredet hatten.Ständig zischte er: „Scheiß Russen! Scheiß Russen!“Tommaso musste ihn fortwährend beruhigen, denner wandte sich immer an ihn. Vieles schien ihm ent-schwunden zu sein. Wir hofften alle, dass er bald wie-der gesund wurde.Fiona begleitete Teresa und half ihr in der Küche. Siewar halt eine Italienerin und achtete immer darauf,dass das Essen nur aus natürlichen Lebensmitteln be- 349
  • 346. stand und keine manipulierten Substanzen enthielt.Gut für uns alle.„Fiona, du denkst nur ans Essen“, bemerkte ich.„Eh, da quando mio marito e invecchiato non o altro.“Was soviel hieß wie: Seit mein Mann ein alter Knackerist, bleibt mir nichts anderes. „Vero, amore?“ Nicht wahr,mein Schatz. Alle lachten und sie verschwand wiederin der Küche.Es war schön, alle wieder beisammen zu haben. Aller-dings hatten wir wenig Zeit, da wir in den nächstenvier Tagen die Planung und Vorgehensweise genau ab-stimmen mussten. Es war nicht leicht.Wir saßen zwölfStunden am Stück im Büro, bis irgendwann die Da-men uns mit dem Ruf aus der Küche „Essen ist fer-tig“ wieder auf den Boden der Tatsachen holten. Undsofort danach ging es weiter.Gerade hatte ich mich verabschiedet, um zu Bett zugehen, als an der Tür jemand die Klingel betätigte.Ich schaute auf den Monitor. Die Kameras waren aufWunsch der Ordnungshüter installiert worden. Ichkonnte drei maskierte Männer erkennen, die versuch-ten, mir etwas zu sagen. Nachdem ich die Audiofunk-tion eingeschaltet hatte, konnte ich einen von ihnenhören.„Wenn du Scheißkerl das Tor nicht aufmachst, lassenwir einen Sprengsatz hochgehen. Lass uns sofort rein,wir wollen mit dir reden, jetzt und ohne Ordnungs-hüter! Erspar dir den Ärger. Wir sind bereit, die Budein Schutt und Asche zu legen, du Arschloch. Aber wirkönnen auch vernünftig miteinander reden. Also, esliegt an dir.“Hinter mir tauchte auf einmal Tommaso auf. Er flüs-terte: „Was ist los?“„Keine Ahnung, da stehen drei Typen und wollen das 350
  • 347. Haus in die Luft jagen, wenn wir sie nicht reinlas-sen.“„Also wird’s bald? Ich zähle bis fünf, dann könnt ihrselber sehen, was passiert. Siehst du, was da hinter unssteht?“Ich lenkte das Zoom der einen Kamera in die Rich-tung, die er anzeigte, und konnte schemenhaft einFahrzeug ausmachen.„Mensch, das ist ja ein Panzer!“, musste ich mit Ent-setzen zur Kenntnis nehmen. Wo kommt der denn aufeinmal her?„Na siehst du, also aufmachen!“, kam die Stimmewieder. „Du brauchst die anderen nicht zu wecken,wenn du nicht aufmachen willst. Dann merken sieauch nicht, wie sie zu deinem Gott kommen, du Voll-idiot. Zum letzten Mal! Ich fang an zu zählen: eins,zwei … du entscheidest … drei …“Wo sind bloß die zwei Bodyguards abgeblieben, die sichbeim Tor abwechselten, ging mir durch den Kopf, und derChauffeur?Ich drückte auf den Knopf und das Tor schob sichlangsam auf.„Guter Junge, mach das Tor ganz auf, damit unserBaby etwas näher rankommen kann.“ Er zeigte in dieRichtung des Panzers.Ich hörte, wie er in ein Handy sprach. Es schien mir,als erteilte er Befehle in russischer Sprache, die ichnicht verstehen konnte. Der Panzer fuhr an. Tomma-so und ich verfolgten das Manöver auf dem Monitor.Das Rohr war exakt auf unser Haus gerichtet. Er bliebgenau zwischen Tor und Straße stehen, sodass das Tornicht wieder geschlossen werden konnte.„Kein Licht, bitte! Das könnte vom Panzer falsch ver-standen werden. Du tust jetzt genau das, was ich dir 351
  • 348. sage, verstanden!“, fuhr die Stimme fort.„Warum schießt ihr nicht, dann haben wir es hinteruns“, versuchte ich ihn etwas aus der Reserve zu lo-cken.„Dein Großmaul stopf ich dir gleich, mein Freund!Mal sehen, ob du dann noch so große Töne spuckstwie bei der UN“, kam die Stimme rüber. „So, jetztmachst du schön die Tür auf! Jede verdächtige Bewe-gung sehe ich als Widerstand an und ich betätige denKnopf zum Schießen. Auch wenn wir drinnen sind,denn unser Leben ist uns einen Scheißdreck wert.Hast du kapiert? Gib Antwort!“„Ja“, war das Einzige, was ich herausbekam.Tommaso ging zur Tür und öffnete sie.„Hände oben!“ Zwei Leute standen im Haus. Wohersie kamen, konnte ich nicht verstehen. Sie haben unsdie ganze Zeit beobachtet und gewartet, bis wir zu Bettwollten, schoss mir durch den Kopf, und draußen ander Hauswand gestanden. Aber was wollten die von unsoder hauptsächlich von mir?Schnell kamen zwei andere Männer herbei, von deneneiner mit seinem Knüppel mit einem unerwartetenRuck auf meinen Arm schlug, den ich reflexartig ver-teidigend angehoben hatte.„Du Scheißkerl, wo sind die anderen?“Die Frauen fingen drinnen an zu schreien.„Jeff … aah, aah, lass mich los, du Widerling“, klangdie durchdringende Stimme von Teresa.„Alle zuhören!“, befahl der Mann mit dem Baseball-schläger. „Hört auf zu schreien!“, donnerte die Stim-me nochmals ermahnend. „So ist es brav.“Es herrschte Totenstille, die Kinder waren glücklicher-weise nicht aufgewacht, aber das konnte sich noch än-dern. Wir standen da in Pyjama und Morgenmantel, 352
  • 349. Tommaso in Shorts und Hemdchen. Schön sahen wirvor diesen Gangstern nicht gerade aus. Die Russen,schoss es mir wieder durch den Kopf. Die Medphar-ma AG hatte noch nicht lockergelassen. Und tatsäch-lich.„Wir haben noch nicht vergessen, wie du im Werkmit uns umgesprungen bist, aber jetzt sind wir an derReihe. Du hast nur eine Chance: hier und jetzt dieAnlagenpapiere zu hinterlegen. Lange haben wir aufdiesen Tag gewartet. Entweder bekommen wir dieUnterlagen oder du kannst mit deiner Sippschaft dasandere Leben antreten. Dies soll ja ewig sein, wie ichhörte… Und die anderen werden denken, ihr wärtwegen deiner wahnsinnigen Idee, die Welt zu verän-dern, von Industriebonzen umgebracht worden. So,genug der Reden. Jetzt will ich nur das, wofür ichgekommen bin, Brink!“„Aber die Unterlagen befinden sich nicht im Haus“,versuchte ich ihnen klarzumachen. Was auch stimm-te.Sofort trat er näher, um noch einmal zuzuschlagen, alsTommaso dazwischenschritt.„Ist gut, du bekommst alles. Hör auf, Wehrlose zuschlagen!“„Der Herr Sohn. Spielt den Helden. Hier – das ist fürdich!“ Er schlug Tommaso voll ins Gesicht. Die Platz-wunde über dem linken Auge blutete stark.„Ihr Feiglinge, das gefällt euch, uns zu schikanieren.Bringt uns um, wenn ihr wollt, so bekommt ihr nichts,gar nichts!“, schrie ich dem maskierten Anführer wü-tend ins Gesicht, woraufhin er mir einen Schlag inden Magen verpasste, dass ich vor Schmerzen in dieKnie ging. „Du Bastard, wer schickt dich, können 353
  • 350. die Herren nicht selber kommen? Du bist ja nur derHandlanger. Sag ihnen, dass sie sich jederzeit bei mirmelden können. Meine Sekretärin gibt ihnen irgend-wann einen Termin, je nachdem, worum es sich han-delt“, zischte ich frech. „Aber sie lassen die Drecks-arbeit lieber von solchen Typen wie euch erledigen.“Ich richtete mich schmerzvoll wieder auf.Dem Anführer war diese Verächtlichkeit gegenüberseiner Person unangenehm und er fauchte seine Leu-te an. „Was glotzt ihr so blöd, durchsucht alles, machtaus allem Kleinholz, und dann brennen wir die Budenieder!“„Damit kannst du aber nicht bei deinem Chef an-kommen: Wir haben alles kurz und klein geschlagen!“,versuchte ich sie zu reizen.Er raste vor Wut. „Leute, macht, was ich euch ge-sagt habe! Um dich kümmere ich mich persönlich“,wandte er sich an mich. „Los, du blöder Hund! Dugehst mit!“ Er packte mich beim Arm und stieß michRichtung Türausgang. „Tjerno, du kommst mit undbehältst ihn im Auge! Eine falsche Bewegung und duknallst ihn ab, verstanden!“Aus dem Augenwinkel konnte ich sehen, wie Tom-maso Tjernos Arm griff und ihm die Waffe entriss.Sie fiel auf den Boden. Tommaso konnte sie als Erstererreichen, hob sie auf und trat seinem überraschtenGegner mit dem rechten Fuß zwischen die Beine. Erkrümmte sich vor Schmerz und rang nach Luft.Tommaso stand da, die Waffe auf den Anführer ge-richtet, und schrie: „Lass den Knüppel fallen, sonstfällst du!“Einen Augenblick schaute er verdutzt in den Lauf derWaffe. „Du Idiot, hab ich nicht gesagt, dass mir mein 354
  • 351. Leben einen Dreck wert ist?“ Er wollte zu irgendet-was in seiner Hosentasche greifen, als ein Schuss ausTommasos Pistole losging und seinen Kopf traf. Er fielum wie ein gefällter Baum.Sofort drehte sich Tommaso zu den anderen um undzögerte nicht, einem der anderen ins Bein zu schie-ßen. „Wer sich rührt, wird erschossen!“Keiner traute sich, etwas zu tun. Guiglelmo, der biszu diesem Augenblick wie erstarrt dagestanden hat-te, kam in Bewegung und nahm den anderen zweiMännern die Waffen aus der Hand, die dies zuließen,ohne sich zu wehren. Ich nahm dem Verletzten eben-falls vorsichtig die Waffe weg, ehe ich mit dem Fußdie Waffe des erschossenen Anführers weit in den Flurhineinstieß.„So, meine Herren, wer sich traut, kann jetzt seinTodesurteil aussprechen. Teresa, ruf die Ordnungshü-ter!“Die Spannung wollte nicht weichen, da der Panzernoch draußen in Position stand. Ich ging zu einemder Männer.„Sag deinem Freund draußen, dass er rückwärts dasTor freimachen soll, sonst knallen wir euch alle ab.“Er sah mir an, dass ich Ernst machen würde, dennochwollte er sich nicht ganz ohne Gegenwehr ergeben.Er sagte etwas auf Russisch, was wir nicht verstan-den. Nur Antonia verstand die Sprache ein wenig. Siestand da wie angewurzelt und stammelte.„Du kannst ihn ja selber darum bitten, hat er ge-sagt.“Ich nahm das Handy aus seiner Hemdtasche, damiter nicht auf dumme Gedanken kam und einen Be-fehl zum Panzer schickte, drehte mich zu Teresa und 355
  • 352. Serena und sagte: „Dann machen wir es anders.“ Ichsprach die nächsten Sätze auf Französisch. Ich wusste,dass Teresa und Guiglelmo mich verstehen würden.„Prenez les enfants, nous allons sortir par la porte dujardin. Teresa, dehors tu téléphones aux gardes de laville! Allez, vite, moi et Tommaso nous nous occuponsdes mecs. Nous vous suivrons dans quelques instants!Attendez-nous derrière, auprès de la rivière.T’as com-pris?“ Ich hatte Anweisung gegeben, die Kinder zuholen und uns durch die Hintertür zum Garten zuentfernen. „Tommaso, va chercher une corde dans ledébarras en dessous de l’escalier. On va en faire desbeaux paquets!“ Ich wollte die Gauner fesseln, damitwir uns davonmachen konnten. Die Ordnungshüterwürden sich schon um sie kümmern. Schlimmsten-falls würde der Panzer einen Schuss abgeben und dieSache wäre somit erledigt. Wir mussten uns beeilen.Als sie alle gefesselt am Boden lagen, taten sie mirleid, aber ich wollte nichts riskieren. Die Ordnungs-hüter würden in einigen Minuten da sein. Ich liefmit Tommaso in den Garten zum Gartenhäuschen,als wir einen ungeheuren Knall hörten und vor demHaus ein riesiger Feuerball emporstieg. Gleichzeitigflog Schutt durch die Luft. Wir schrien alle auf, ließenuns zu Boden fallen oder verschanzten uns unter demGartentisch.Ich konnte nicht glauben, was ich da sah. Die Kinderweinten, die Frauen schrien vor Angst. Wir lagen ge-duckt auf dem Boden.„Nicht bewegen, nicht dass er noch einen Schuss ab-feuert“, rief ich ihnen zu.Alles blieb ruhig. In der Ferne näherten sich mit heu-lenden Sirenen mehrere Fahrzeuge der Ordnungshü-ter und Feuerwehr. Wir hörten auch, wie der Panzer- 356
  • 353. wagen heranrückte. Oh Gott, dachte ich, der will querdurchs Haus zu uns gelangen. Der Typ hatte recht, es warein Selbstmordkommando, was mir erst jetzt bewusstwurde.„Schnell weg hier! Zum Gartentor und nichts wieweg!“, rief ich den anderen zu. „Diese verrückte Ban-de macht vor nichts halt!“„Wir müssen Jan aus dem Nebengebäude holen“, riefAntonia in den Lärm hinein.„Antonia, dazu ist jetzt keine Zeit“, rief ich ihr zu.„Nein, ich lass ihn nicht allein!“„Du gehst nirgendwo hin, schnell, wir müssen weg!“,befahl ich ihr. „Sie vermuten ihn da nicht“, versuchteich Antonia zu erklären.Fiona und Serena griffen sich die beiden Kinder, undTeresa hielt das Gartentor auf, das zum Bach führte.Ein kleiner Weg führte hinter den Häusern entlang.Wir hörten überall Schreie und sahen Lichter ange-hen. Die Explosion hatte mehrere Fensterscheibenin der Nachbarschaft zu Bruch gehen lassen. Überallkamen die Nachbarn aus den Häusern und schriendurcheinander.„Was ist passiert?“„Ich glaube, bei den Brinks ist die Gasleitung explo-diert.“Es konnte ja keiner ahnen, dass ein Panzer im Hauswütete. Dann folgte eine weitere Detonation und dasGartenhaus gab es nicht mehr.Antonia kreischte: „Sie werden das Nebengebäudegenauso in die Luft sprengen!“„Wir lassen ihn nicht im Stich“, sagte Tommaso ru-hig.„Wir warten ab, was noch passiert, und holen ihndann da raus“, versicherte ich Antonia. 357
  • 354. Ich war wütend auf die Medpharma, aber auch aufmich, da ich uns alle in eine gefährliche Situation ge-bracht hatte. Ich hoffte, dass es gut ausgehen würde.Wir mussten in ein Hotel umquartiert werden. DasHaus war komplett verwüstet und viele Erinnerungenmit ihm. Das Vertrauen auf eine bessere Zukunft warwie weggeblasen. Übrig blieben nur Trauer, Entsetzenund eine einzige Frage: „Warum tu ich mir und meinenLieben und Freunden das nur an?“Jan wurde später in dieser Nacht von den Ordnungs-hütern aus dem Nebengebäude befreit und von einemKrankenwagen in unser neues Quartier gebracht. Erhatte, den Umständen entsprechend, alles gut über-standen.Wir hatten in den letzten Tagen viel debattiert undmit einigen Niederen gesprochen. Die meisten woll-ten nicht mehr lange ihre Unterdrückung hinneh-men.„Wir sind doch kein Stück Vieh“, hatte mein FreundAlonso gemeint.Die Alten wurden im Stich gelassen, die jungen Leuteverfolgt und geächtet, weil sie nicht mit einem Chipherumlaufen wollten. Die Welt lebte in Depressionund Verzweiflung. Viele vegetierten ohne Zukunfts-perspektiven und warteten auf ein Licht am Ende desTunnels, das eines Tages kommen würde. Diese Hoff-nung schweißte uns zusammen und gab uns die Kraft,alles zu versuchen. Der Ehrgeiz und der Wille, etwasLinderung in die vermeintlich aussichtslose Situationzu bringen, hielten uns aufrecht.An diesem Morgen sollten wir von unseren Anwältenund vom Innenministerium erfahren, was an diesem 358
  • 355. schicksalhaften Tag passiert war. Wie kam überhauptein Panzer unbemerkt vor meine Haustür und wersteckte dahinter? Was bezweckten sie mit meiner da-maligen Arbeit, da ja bereits über fünftausend Anla-gen gebaut worden waren und von der UN verwaltetwurden? Ich konnte mir keinen Reim darauf machen.War es vielleicht nur Rache, oder steckte ein Interessedahinter, das Projekt auf profitablere Art zu nutzen?In privaten Händen war es gewiss Milliarden wert.Die UN hatte damals klare Verträge mit allen Län-dern abgeschlossen. Es blieb noch viel zu tun, aber imGroßen und Ganzen lief es nach Wunsch, wie wir dasvorgesehen hatten.Wir mussten alles tun, damit die Anlagen uns nichtabhanden kamen und für eigennützige und erpresse-rische Zwecke benutzt wurden. Tommaso wollte denDrahtziehern auf die Spur kommen, während ich michvoll und ganz mit Guiglelmo um die ersten Schritteder WWP-Agenturen kümmern sollte. Da die WWPwissentlich noch in den Kinderschuhen steckte, wa-ren noch viele Gegenschläge bis hin zu Sabotage zuerwarten. Obwohl die Frauen dagegen waren, muss-ten sie einsehen, dass wir helfen mussten, wo wir nurkonnten, auch wenn wir manchmal haarscharf demTod entgangen waren. Auf die Unterstützung vonRegierungsseite für den Schaden an unserem Hauswürden wir gewiss noch Jahre warten. Klar war nur,dass es abgerissen werden musste und ein neues Ob-jekt an seiner Stelle gebaut werden sollte. Ich hattejedoch meine Zweifel, ob wir jemals in dieses neueHaus einziehen würden.Wir mussten nach einer neu-en Bleibe suchen.Trotz aller Nervosität blieb ich standhaft, da ich mor- 359
  • 356. gen in Brüssel vorsprechen sollte. Wir hatten ein an-nehmbares Programm vorzulegen. Es ermöglichte dieersten einschneidenden Schritte in Wirtschaft undIndustrie. Ich konnte natürlich nichts an der Weltre-gierung ändern. Aber wenn es sein musste, wollte ichvon Staat zu Staat reisen und mich anbieten, um dieMenschen und die Völker von unserem Vorhaben zuüberzeugen.Die Konferenz des morgigen Tages fiel auf meinenGeburtstag. Er möge mir Glück bringen, hoffte ich. 360
  • 357. Die EU-KlimakonferenzErster TagWir wurden zum Konferenzsaal geleitet. Auf den Flu-ren herrschte reges und hektisches Durcheinander.Antonia, Tommaso und Guiglelmo begleiteten mich.Teresa, Fiona, Serena und die Kinder wollten späteram Tag anreisen. Wir hatten die uns angebotene Es-korte abgelehnt, da wir nicht wie Privilegierte an-reisen wollten.Als wir den Saal betraten, verstummten die Stimmen,und alles schaute in unsere Richtung. Ich erlaubte mirein freundliches Lächeln mit einem leichten Kopfni-cken.Sofort kam der EU-Präsident da Cunha auf mich zuund rief die Pagen, die uns die Plätze zuweisen soll-ten.„Hallo, Herr Brink, ich freue mich, dass Sie gekom-men sind, meine Dame, meine Herren.“ Er drücktemeine Hand fest. Fast überzeugend. „Ich wünsche mirfür Sie viel Erfolg. Und noch etwas: Es gibt Neuigkei-ten den Überfall in Bonn betreffend. – Wollen Sie mirdie schöne Dame nicht vorstellen?“ lenkte er ab.„Ja, das ist Miss Stevenson, meine Sekretärin. Die Her-ren kennen Sie ja bereits.“„Einen wunderschönen guten Morgen Ihnen allen!So, ich lass Sie zu Ihren Plätzen begleiten“, bemüh-te er sich äußerst freundlich zu wirken. „Ich kommenachher auf einen Sprung vorbei, um einige Dingeabzustimmen.“„Ich hätte auch noch ein paar Fragen zu der chinesi-schen und der russischen Haltung.“„Gut.“ Er verschwand in der Menge. 361
  • 358. Der EU-Präsident eröffnete den Gipfel zum 25. Jah-restag der Klimakonferenz: „Sehr verehrte Damenund Herren Delegierten. Ich möchte mich in dieserAnsprache kurz fassen, da in den nächsten drei Tagenhier bei uns in der europäischen Hauptstadt noch vielArbeit auf uns wartet. Ich heiße jeden willkommenund wünsche einen angenehmen Aufenthalt.“Applaus hallte durch den Saal. Es war schon spannend,denn wir wollten diese drei Tage mit einer realisti-schen Definition der Lage und Handlungsanweisun-gen beenden und nicht mit einem Stück Papier, dasnur Erklärungen und heiße Luft enthielt.„Ich möchte das Wort an unseren UN-Generalsekre-tär weitergeben.“„Danke.“ Er schaute zu mir herüber und fuhr fort.„Meine sehr geschätzten Damen und Herren! Ichwäre untröstlich, wenn wir ohne Erfolg aus diesemGipfel herauskommen würden. Und ich möchte auchnicht drängeln oder eigene Ziele verfolgen. Aber diesist kein normaler Gipfel. Er darf nicht scheitern. Umder Menschheit willen.Wie wir von allen Erdteilen wissen, hat sich die Lagein den letzten fünf Jahren um ein Mehrfaches ver-schlechtert. Was die sozialen Fragen betrifft, sind wirnoch nicht weitergekommen; das Klima ist zusehendsunberechenbarer geworden; die natürlichen Ressour-cen sind quasi am Ende. Der WWF hat einen nieder-schmetternden Bericht in dieser Konferenz vorzutra-gen. Ich will dem nicht vorgreifen, aber eines stehtjetzt schon fest: Der World Wide Fund for Naturezeigt großes Interesse an einer Zusammenarbeit mitder WWP, da er hierin die einzige Möglichkeit sieht,die unwiederbringliche Zerstörung unserer wichtigs-ten Ressourcen zu verhindern. Ich appelliere an all 362
  • 359. diejenigen, die uns unterstützen wollen, nicht zu zau-dern, sondern Taten folgen zu lassen. Ich appelliere analle finanzkräftigen Konzerne und Menschen dieserErde, endlich Vernunft walten zu lassen und nicht nurihre egoistischen Ziele und Interessen zu verfolgen.Sie müssen wissen, meine Damen und Herren, wirhaben zurzeit weltweit mehr als fünfzig Länder, die inKriege,Terror und Untergrundkämpfe verstrickt sind,die vielen persönlichen Schicksale und bürgerkriegs-ähnlichen Zustände in den meisten Ländern nichtmitgezählt. Unmöglich, dies alles unter einen Hutzu bringen, werden Sie sagen. Aber glauben Sie mir,wenn wir immer noch nationalistisch denken, könnenwir uns die Zeit sparen und nach Hause fahren. Aberdann gnade uns Gott. Wir wollen, wir müssen allestun, um unseren Planeten wieder auf Vordermann zubringen.“Ein riesiger Applaus brandete auf.„Ich habe hierzu alle eingeladen, die einen Plan, eineIdee oder ein Programm vorzubringen haben, um denAbermilliarden von Menschen ein menschenwürdi-ges Dasein zu ermöglichen. Jeder sollte mitwirkenan diesem Traum für uns und unsere Kinder, in allenSchichten und Kontinenten dieser Erde.In dieser globalen Welt sollte auch ein globales Ge-wissen und Solidarität geboren werden. Wir könnendie Augen nicht mehr verschließen, sondern müssenuns um unsere Schwestern und Brüder kümmern. Eskann nicht sein, dass unser Leben von einer dünnenHautschicht abhängt oder vom Glück, am rechtenOrt und zur rechten Zeit geboren zu sein! Es kannnicht sein, dass uns außer unserem eigenen Leben allesandere nichts mehr angeht. Hören wir auf, uns etwasvorzumachen und kommen wir zum Wesentlichen. 363
  • 360. Wir alle tragen die Schuld an den globalen Missstän-den, daher steht es mir auch nicht zu, mit dem Fingerauf Sie zu zeigen. Aber wir müssen endlich zu Lösun-gen kommen. Denn was wollen wir unseren Kindernsagen, wenn sie uns fragen: „Was habt ihr mit der Erdegemacht?“Ich bitte Sie alle, in den nächsten Tagen die richtigenEntscheidungen zu fällen – für den Frieden auf derErde. Vielen Dank. Gott soll uns führen!“ Die Händegegen den Himmel gerichtet beendete er seine Rede.Überraschenderweise waren viele außerhalb dereuropäischen Staatengemeinschaft angereist. Themenunter anderem: die komplette Gletscherschmelze inden Alpen, dem Zentralmassiv und den Pyrenäen;das Vegetationsaussterben; die besondere Sommer-hitze der letzten sieben Jahre und die katastrophalenÜberschwemmungen im Osten wie im Westen. Hol-land und Deutschland waren als Anrainerstaaten derNordsee in besonderem Maße betroffen, da der Mee-resspiegel in den letzten fünfzehn Jahren um einigesgestiegen war, sodass viele Dämme und Schleusenneu projektiert und realisiert werden mussten. DerEuropäischen Union fehlten die Gelder für innova-tive Projekte. Die Budgets schienen nur noch dazuda zu sein, zu retten, was noch zu retten war. VieleGebiete wurden im Ausnahmezustand mit Freiwil-ligen und Militärhilfe über Monate einigermaßenim wahrsten Sinne des Wortes über Wasser gehalten.Hierdurch waren Verarmung und Vandalismus gestie-gen. Viele private Unternehmen mussten schließen,da es hierfür keine Subventionen gab, im Gegensatzzu öffentlichen Investitionen, die ohne Probleme mitSteuergeldern finanziert wurden. Man konnte der 364
  • 361. Lage kaum Herr werden. Die Unzufriedenheit brach-te scharenweise Menschen auf die Straßen. Aufständeund Proteste prägten die Tagesordnung. Viele hattenin den letzten zehn Jahren ihr ganzes Hab und Gutverloren. Der soziale Frieden war nur noch mit einemÜbermaß an Dialogen und Hilfsaktionen zu retten.Die Freiheit der Menschen schrumpfte zusehends, da-für waren die Kontrollen allgegenwärtig. Obwohl diefossilen Brennstoffe seit drei Jahren rationiert waren,galt das nicht für die Obrigkeit.Aber das Schlimmste stand uns noch bevor. Die Mel-dungen sprachen immer öfter von verseuchtem Trink-wasser. Dabei hatte man es in der Vergangenheit nochgerade so geschafft, viele diesbezügliche Auseinan-dersetzungen im letzten Moment zu verhindern. DieEnergiekonzerne machten mit der Wasserversorgungzurzeit noch bessere Geschäfte als mit Heizöl undBenzin; das Wasser war an der Börse auf runde sechs-hundert Euro pro Hektoliter gestiegen, und es schienkein Ende in Sicht zu sein. Riesige Entsalzungsan-lagen sollten die Preise etwas stabilisieren. Aber werhatte schon Interesse daran, weniger zu verdienen?Das Geschäft mit dem Wasser boomte.Fast alle mussten zugeben, dass es an uns selbst lag.Doch die eher rationalen und ausschließlich finan-ziellen Argumente überwogen bei den Reden. Allesmusste mit Geld abgewogen werden. Welche Kostenwürde dieses und jenes mit sich bringen – und zu gu-ter Letzt passierte gar nichts.Wer zu spät kam oder diefinanziellen Mittel nicht aufbringen konnte, den bis-sen die Hunde. Man wollte alles reduzieren, nur nichtbei sich selbst. Keiner wollte auf den eigenen Komfortund Lebensstil verzichten. Jeder gab dem anderen dieSchuld. 365
  • 362. Der erste Tag verging wie im Fluge. Bis in die spätenAbendstunden, mit einigen Unterbrechungen, tratenunter anderem Venezuela, Mexiko, Indonesien undTaiwan vor, um bei einer maximal viertelstündigenRede ihre Ansichten vorzutragen. Im Namen Tibetssprach der Dalai Lama zu uns und rief seine Nationauf, in diesen schweren Stunden für die Menschheitzu beten.Die Amerikaner hielten sich verdächtig zurück.Aus all den verschiedenen Vorträgen trat ein wesent-licher Punkt deutlich hervor: Die Ungerechtigkeit aufunserem Planeten war Verursacher Nummer eins desMisstrauens unter den Menschen. Globalisierung ja,aber eine gerechtere Verteilung des Wohlstands, warimmer wieder zu hören.Zweiter TagDie Überraschung war groß, als ich feststellen musste,dass Gloden, mein Erzrivale, die Delegation der Rus-sen anführte. Ich hatte seit Jahren nichts von der Med-pharma AG gehört, die ganz in den Besitz Russlandsübergegangen war.Solche kriminellen Elemente waren auf diese Kon-ferenz eingeladen? Das machte mich wütend, zumalich erst vor ein paar Tagen mein Heim verloren hat-te. Solche Leute hier auf dem Gipfel herumspazierenzu sehen konnte ich nicht ertragen. War das die guteNachricht, von der der EU-Präsident gesprochenhatte? Ach ja, er hatte sich auch gestern nicht mehrbei uns blicken lassen. Er wollte sicher meine heuti-ge Rede abwarten und dann Stellung nehmen. Mankonnte keinem trauen, und es war in diesem Momentauch gut, ein wenig Skepsis aufkommen zu lassen, et- 366
  • 363. was Selbstkritik tat der Sache gut. Ich beriet mich mitmeinem Stab, und wir waren der Meinung, nicht so-fort alle Karten auf den Tisch zu legen. Aber wie solltedies funktionieren?Wir wollten doch allen reinen Wein in punkto WWPeinschenken, damit jeder unser Programm kennen-lernte und verstand. Ich musste mir eingestehen, alldiese Gegenschläge schienen nun doch ihre Wirkungzu zeigen.Die Amerikaner gestanden ein, in der VergangenheitFehler begangen zu haben, und versprachen Besse-rung. Wie schön. Doch sie schlugen sich offensicht-lich mit anderen Problemen herum und konnten keinkonkretes Konzept vorlegen. Die Großaktionäre undKapitalbonzen hatten die Politik fest im Griff.Die Chinesen dagegen wollten nach jahrelangen Ent-behrungen nicht mitmachen, weil sie nicht wiederder Dritten Welt angehören wollten. Das betraf fastzwei Milliarden Menschen, die mittlerweile nebenden Russen pro Kopf am meisten konsumierten undinvestierten. Sie hatten die Europäer und Amerikanerlängst überholt. Dabei wussten sie von den negativenKonsequenzen unserer Wirtschaftsstrukturen.Hier ging es darum, endlich neue Impulse zu setzenund die Leute zu überzeugen, dass dies nicht alles war.Der Papst, wie auch andere Religionshüter und Ober-hirten, sollte mit gutem Beispiel vorangehen und sichdas Zitat aus der Bibel zu Herzen nehmen, als Jesuszu den Geschäftsleuten sagte, sie sollten alles stehenund liegen lassen und ihm in das Haus seines Vatersfolgen. Die Kirchen sollten quasi als Vorbild all ihreBesitztümer zurückgeben, da sie die Reichtümer die-ser Welt nicht brauchten, denn das Reich Gottes warnicht von dieser konsumsüchtigen Welt. Der Papst 367
  • 364. sollte den Ring ablegen und uns in Gottes Himmel-reich führen. Aber vor lauter Pomp und Bewachungkonnte man ihn nur per Audienz oder gelegentlichauf dem Balkon hinter gepanzertem Glas bewundern.Ich wollte ihm gerne in die Augen schauen, um he-rauszufinden, wie er sich eine bessere Welt vorstellte.Nicht mit Abschottung, die Missstände fern von sichhaltend, Augen und Ohren schließend. Eine solcheHeuchelei musste ein für alle Mal unterbleiben. Ge-nauso verhielt es sich mit den Königshäusern und denanderen Mächtigen.Die Uhr tickte und der Countdown war in vollemGang. Bei meinem Vortrag wollte ich versuchen, dieWWP zu illustrieren. Ich wollte keine Revolutionentfachen, nicht als Aufrührer, sondern als ein Mensch,der erkannt hatte, dass keinem geholfen war, solangedas Geld den Lauf der Welt bestimmte. Die Menschenund ihre Nachkommen brauchten eine neue Stabili-tät. Ich wollte jedoch nicht nur das Kapital entwaffnen,sondern auch die Atomwaffen und alle anderen Waf-fenarsenale von der Erde tilgen, im Sinne Gottes undder Nächstenliebe. Mit Fakten wollte ich die Mächti-gen dieser Erde, als die Verantwortlichen, überzeugen,mit mehr Achtung für das Leben des Einzelnen zuhandeln und etwas gegen die Missstände zu tun, umdie neue Ära des dritten Millenniums einzuläuten. Mitmehr Gerechtigkeit konnte man die unüberwindbareMauer niederreißen und den unüberwindbaren Gra-ben bewältigen. Es musste uns gelingen, ein wirklichmenschenwürdiges Dasein für den Einzelnen und dieNatur anzustreben.Das waren die letzten Gedanken vor meinem Auftrittbei diesem Gipfel, der in meinen Augen nicht mehreinfach nur als „Klimakonferenz“ betitelt werden 368
  • 365. konnte. Er musste ein regelrechtes Erdbeben in denHerzen der Menschen entfachen und als der größteKongress der menschlichen Geschichte in Erinnerungbleiben. Er musste die Globalisierung der sozialwirt-schaftlichen Reformen ins Leben rufen, rundum denganzen Erdball. Die Menschheit musste zusammen-stehen und an erster Stelle der globalen Erderwär-mung entgegentreten, womit die Fundamente für dieneue Zivilisation gelegt wären. Es musste eine gesun-de Ökologie zur Stabilisierung des Klimas geschaffenund die Wasserversorgung in Angriff genommen wer-den, sodass jeder das Recht auf sauberes Trinkwasserbekam. Die Verfassung und die Grundrechte des Men-schen mussten im Einklang mit der Natur und nichtvon der Natur getrennt behandelt werden, denn wirbrauchten einander. Somit konnten sogar bis zu fünf-undzwanzig Milliarden Menschen ihr Dasein teilen.Nach den Begrüßungsworten kam ich sofort zur Sa-che: „Ich möchte diesem Gipfel einen neuen Namengeben, und zwar