Your SlideShare is downloading. ×
Das aureanische Zeitalter - Im Schatten des Verrats (Roman)
Das aureanische Zeitalter - Im Schatten des Verrats (Roman)
Das aureanische Zeitalter - Im Schatten des Verrats (Roman)
Das aureanische Zeitalter - Im Schatten des Verrats (Roman)
Das aureanische Zeitalter - Im Schatten des Verrats (Roman)
Das aureanische Zeitalter - Im Schatten des Verrats (Roman)
Das aureanische Zeitalter - Im Schatten des Verrats (Roman)
Das aureanische Zeitalter - Im Schatten des Verrats (Roman)
Das aureanische Zeitalter - Im Schatten des Verrats (Roman)
Das aureanische Zeitalter - Im Schatten des Verrats (Roman)
Das aureanische Zeitalter - Im Schatten des Verrats (Roman)
Das aureanische Zeitalter - Im Schatten des Verrats (Roman)
Das aureanische Zeitalter - Im Schatten des Verrats (Roman)
Das aureanische Zeitalter - Im Schatten des Verrats (Roman)
Das aureanische Zeitalter - Im Schatten des Verrats (Roman)
Das aureanische Zeitalter - Im Schatten des Verrats (Roman)
Das aureanische Zeitalter - Im Schatten des Verrats (Roman)
Das aureanische Zeitalter - Im Schatten des Verrats (Roman)
Das aureanische Zeitalter - Im Schatten des Verrats (Roman)
Das aureanische Zeitalter - Im Schatten des Verrats (Roman)
Das aureanische Zeitalter - Im Schatten des Verrats (Roman)
Das aureanische Zeitalter - Im Schatten des Verrats (Roman)
Das aureanische Zeitalter - Im Schatten des Verrats (Roman)
Das aureanische Zeitalter - Im Schatten des Verrats (Roman)
Das aureanische Zeitalter - Im Schatten des Verrats (Roman)
Das aureanische Zeitalter - Im Schatten des Verrats (Roman)
Das aureanische Zeitalter - Im Schatten des Verrats (Roman)
Das aureanische Zeitalter - Im Schatten des Verrats (Roman)
Das aureanische Zeitalter - Im Schatten des Verrats (Roman)
Das aureanische Zeitalter - Im Schatten des Verrats (Roman)
Das aureanische Zeitalter - Im Schatten des Verrats (Roman)
Das aureanische Zeitalter - Im Schatten des Verrats (Roman)
Das aureanische Zeitalter - Im Schatten des Verrats (Roman)
Das aureanische Zeitalter - Im Schatten des Verrats (Roman)
Das aureanische Zeitalter - Im Schatten des Verrats (Roman)
Das aureanische Zeitalter - Im Schatten des Verrats (Roman)
Das aureanische Zeitalter - Im Schatten des Verrats (Roman)
Das aureanische Zeitalter - Im Schatten des Verrats (Roman)
Das aureanische Zeitalter - Im Schatten des Verrats (Roman)
Das aureanische Zeitalter - Im Schatten des Verrats (Roman)
Das aureanische Zeitalter - Im Schatten des Verrats (Roman)
Das aureanische Zeitalter - Im Schatten des Verrats (Roman)
Das aureanische Zeitalter - Im Schatten des Verrats (Roman)
Das aureanische Zeitalter - Im Schatten des Verrats (Roman)
Das aureanische Zeitalter - Im Schatten des Verrats (Roman)
Das aureanische Zeitalter - Im Schatten des Verrats (Roman)
Das aureanische Zeitalter - Im Schatten des Verrats (Roman)
Das aureanische Zeitalter - Im Schatten des Verrats (Roman)
Das aureanische Zeitalter - Im Schatten des Verrats (Roman)
Das aureanische Zeitalter - Im Schatten des Verrats (Roman)
Das aureanische Zeitalter - Im Schatten des Verrats (Roman)
Das aureanische Zeitalter - Im Schatten des Verrats (Roman)
Das aureanische Zeitalter - Im Schatten des Verrats (Roman)
Das aureanische Zeitalter - Im Schatten des Verrats (Roman)
Das aureanische Zeitalter - Im Schatten des Verrats (Roman)
Das aureanische Zeitalter - Im Schatten des Verrats (Roman)
Das aureanische Zeitalter - Im Schatten des Verrats (Roman)
Das aureanische Zeitalter - Im Schatten des Verrats (Roman)
Das aureanische Zeitalter - Im Schatten des Verrats (Roman)
Das aureanische Zeitalter - Im Schatten des Verrats (Roman)
Das aureanische Zeitalter - Im Schatten des Verrats (Roman)
Das aureanische Zeitalter - Im Schatten des Verrats (Roman)
Das aureanische Zeitalter - Im Schatten des Verrats (Roman)
Das aureanische Zeitalter - Im Schatten des Verrats (Roman)
Das aureanische Zeitalter - Im Schatten des Verrats (Roman)
Das aureanische Zeitalter - Im Schatten des Verrats (Roman)
Das aureanische Zeitalter - Im Schatten des Verrats (Roman)
Das aureanische Zeitalter - Im Schatten des Verrats (Roman)
Das aureanische Zeitalter - Im Schatten des Verrats (Roman)
Das aureanische Zeitalter - Im Schatten des Verrats (Roman)
Das aureanische Zeitalter - Im Schatten des Verrats (Roman)
Das aureanische Zeitalter - Im Schatten des Verrats (Roman)
Das aureanische Zeitalter - Im Schatten des Verrats (Roman)
Das aureanische Zeitalter - Im Schatten des Verrats (Roman)
Das aureanische Zeitalter - Im Schatten des Verrats (Roman)
Das aureanische Zeitalter - Im Schatten des Verrats (Roman)
Das aureanische Zeitalter - Im Schatten des Verrats (Roman)
Das aureanische Zeitalter - Im Schatten des Verrats (Roman)
Das aureanische Zeitalter - Im Schatten des Verrats (Roman)
Das aureanische Zeitalter - Im Schatten des Verrats (Roman)
Das aureanische Zeitalter - Im Schatten des Verrats (Roman)
Das aureanische Zeitalter - Im Schatten des Verrats (Roman)
Das aureanische Zeitalter - Im Schatten des Verrats (Roman)
Das aureanische Zeitalter - Im Schatten des Verrats (Roman)
Das aureanische Zeitalter - Im Schatten des Verrats (Roman)
Das aureanische Zeitalter - Im Schatten des Verrats (Roman)
Das aureanische Zeitalter - Im Schatten des Verrats (Roman)
Das aureanische Zeitalter - Im Schatten des Verrats (Roman)
Das aureanische Zeitalter - Im Schatten des Verrats (Roman)
Das aureanische Zeitalter - Im Schatten des Verrats (Roman)
Das aureanische Zeitalter - Im Schatten des Verrats (Roman)
Das aureanische Zeitalter - Im Schatten des Verrats (Roman)
Das aureanische Zeitalter - Im Schatten des Verrats (Roman)
Das aureanische Zeitalter - Im Schatten des Verrats (Roman)
Das aureanische Zeitalter - Im Schatten des Verrats (Roman)
Das aureanische Zeitalter - Im Schatten des Verrats (Roman)
Das aureanische Zeitalter - Im Schatten des Verrats (Roman)
Das aureanische Zeitalter - Im Schatten des Verrats (Roman)
Das aureanische Zeitalter - Im Schatten des Verrats (Roman)
Das aureanische Zeitalter - Im Schatten des Verrats (Roman)
Das aureanische Zeitalter - Im Schatten des Verrats (Roman)
Das aureanische Zeitalter - Im Schatten des Verrats (Roman)
Das aureanische Zeitalter - Im Schatten des Verrats (Roman)
Das aureanische Zeitalter - Im Schatten des Verrats (Roman)
Das aureanische Zeitalter - Im Schatten des Verrats (Roman)
Das aureanische Zeitalter - Im Schatten des Verrats (Roman)
Das aureanische Zeitalter - Im Schatten des Verrats (Roman)
Das aureanische Zeitalter - Im Schatten des Verrats (Roman)
Das aureanische Zeitalter - Im Schatten des Verrats (Roman)
Das aureanische Zeitalter - Im Schatten des Verrats (Roman)
Das aureanische Zeitalter - Im Schatten des Verrats (Roman)
Das aureanische Zeitalter - Im Schatten des Verrats (Roman)
Das aureanische Zeitalter - Im Schatten des Verrats (Roman)
Das aureanische Zeitalter - Im Schatten des Verrats (Roman)
Das aureanische Zeitalter - Im Schatten des Verrats (Roman)
Das aureanische Zeitalter - Im Schatten des Verrats (Roman)
Das aureanische Zeitalter - Im Schatten des Verrats (Roman)
Das aureanische Zeitalter - Im Schatten des Verrats (Roman)
Das aureanische Zeitalter - Im Schatten des Verrats (Roman)
Das aureanische Zeitalter - Im Schatten des Verrats (Roman)
Das aureanische Zeitalter - Im Schatten des Verrats (Roman)
Das aureanische Zeitalter - Im Schatten des Verrats (Roman)
Das aureanische Zeitalter - Im Schatten des Verrats (Roman)
Das aureanische Zeitalter - Im Schatten des Verrats (Roman)
Das aureanische Zeitalter - Im Schatten des Verrats (Roman)
Das aureanische Zeitalter - Im Schatten des Verrats (Roman)
Das aureanische Zeitalter - Im Schatten des Verrats (Roman)
Das aureanische Zeitalter - Im Schatten des Verrats (Roman)
Das aureanische Zeitalter - Im Schatten des Verrats (Roman)
Das aureanische Zeitalter - Im Schatten des Verrats (Roman)
Das aureanische Zeitalter - Im Schatten des Verrats (Roman)
Das aureanische Zeitalter - Im Schatten des Verrats (Roman)
Das aureanische Zeitalter - Im Schatten des Verrats (Roman)
Das aureanische Zeitalter - Im Schatten des Verrats (Roman)
Das aureanische Zeitalter - Im Schatten des Verrats (Roman)
Das aureanische Zeitalter - Im Schatten des Verrats (Roman)
Das aureanische Zeitalter - Im Schatten des Verrats (Roman)
Das aureanische Zeitalter - Im Schatten des Verrats (Roman)
Das aureanische Zeitalter - Im Schatten des Verrats (Roman)
Das aureanische Zeitalter - Im Schatten des Verrats (Roman)
Das aureanische Zeitalter - Im Schatten des Verrats (Roman)
Das aureanische Zeitalter - Im Schatten des Verrats (Roman)
Das aureanische Zeitalter - Im Schatten des Verrats (Roman)
Das aureanische Zeitalter - Im Schatten des Verrats (Roman)
Das aureanische Zeitalter - Im Schatten des Verrats (Roman)
Das aureanische Zeitalter - Im Schatten des Verrats (Roman)
Das aureanische Zeitalter - Im Schatten des Verrats (Roman)
Das aureanische Zeitalter - Im Schatten des Verrats (Roman)
Das aureanische Zeitalter - Im Schatten des Verrats (Roman)
Das aureanische Zeitalter - Im Schatten des Verrats (Roman)
Das aureanische Zeitalter - Im Schatten des Verrats (Roman)
Das aureanische Zeitalter - Im Schatten des Verrats (Roman)
Das aureanische Zeitalter - Im Schatten des Verrats (Roman)
Das aureanische Zeitalter - Im Schatten des Verrats (Roman)
Das aureanische Zeitalter - Im Schatten des Verrats (Roman)
Das aureanische Zeitalter - Im Schatten des Verrats (Roman)
Das aureanische Zeitalter - Im Schatten des Verrats (Roman)
Das aureanische Zeitalter - Im Schatten des Verrats (Roman)
Das aureanische Zeitalter - Im Schatten des Verrats (Roman)
Das aureanische Zeitalter - Im Schatten des Verrats (Roman)
Das aureanische Zeitalter - Im Schatten des Verrats (Roman)
Das aureanische Zeitalter - Im Schatten des Verrats (Roman)
Das aureanische Zeitalter - Im Schatten des Verrats (Roman)
Das aureanische Zeitalter - Im Schatten des Verrats (Roman)
Das aureanische Zeitalter - Im Schatten des Verrats (Roman)
Das aureanische Zeitalter - Im Schatten des Verrats (Roman)
Das aureanische Zeitalter - Im Schatten des Verrats (Roman)
Das aureanische Zeitalter - Im Schatten des Verrats (Roman)
Das aureanische Zeitalter - Im Schatten des Verrats (Roman)
Das aureanische Zeitalter - Im Schatten des Verrats (Roman)
Das aureanische Zeitalter - Im Schatten des Verrats (Roman)
Das aureanische Zeitalter - Im Schatten des Verrats (Roman)
Das aureanische Zeitalter - Im Schatten des Verrats (Roman)
Das aureanische Zeitalter - Im Schatten des Verrats (Roman)
Das aureanische Zeitalter - Im Schatten des Verrats (Roman)
Das aureanische Zeitalter - Im Schatten des Verrats (Roman)
Das aureanische Zeitalter - Im Schatten des Verrats (Roman)
Das aureanische Zeitalter - Im Schatten des Verrats (Roman)
Das aureanische Zeitalter - Im Schatten des Verrats (Roman)
Das aureanische Zeitalter - Im Schatten des Verrats (Roman)
Das aureanische Zeitalter - Im Schatten des Verrats (Roman)
Das aureanische Zeitalter - Im Schatten des Verrats (Roman)
Das aureanische Zeitalter - Im Schatten des Verrats (Roman)
Das aureanische Zeitalter - Im Schatten des Verrats (Roman)
Das aureanische Zeitalter - Im Schatten des Verrats (Roman)
Das aureanische Zeitalter - Im Schatten des Verrats (Roman)
Das aureanische Zeitalter - Im Schatten des Verrats (Roman)
Das aureanische Zeitalter - Im Schatten des Verrats (Roman)
Das aureanische Zeitalter - Im Schatten des Verrats (Roman)
Das aureanische Zeitalter - Im Schatten des Verrats (Roman)
Das aureanische Zeitalter - Im Schatten des Verrats (Roman)
Das aureanische Zeitalter - Im Schatten des Verrats (Roman)
Das aureanische Zeitalter - Im Schatten des Verrats (Roman)
Das aureanische Zeitalter - Im Schatten des Verrats (Roman)
Das aureanische Zeitalter - Im Schatten des Verrats (Roman)
Das aureanische Zeitalter - Im Schatten des Verrats (Roman)
Das aureanische Zeitalter - Im Schatten des Verrats (Roman)
Das aureanische Zeitalter - Im Schatten des Verrats (Roman)
Das aureanische Zeitalter - Im Schatten des Verrats (Roman)
Das aureanische Zeitalter - Im Schatten des Verrats (Roman)
Das aureanische Zeitalter - Im Schatten des Verrats (Roman)
Das aureanische Zeitalter - Im Schatten des Verrats (Roman)
Das aureanische Zeitalter - Im Schatten des Verrats (Roman)
Das aureanische Zeitalter - Im Schatten des Verrats (Roman)
Das aureanische Zeitalter - Im Schatten des Verrats (Roman)
Das aureanische Zeitalter - Im Schatten des Verrats (Roman)
Das aureanische Zeitalter - Im Schatten des Verrats (Roman)
Das aureanische Zeitalter - Im Schatten des Verrats (Roman)
Das aureanische Zeitalter - Im Schatten des Verrats (Roman)
Das aureanische Zeitalter - Im Schatten des Verrats (Roman)
Das aureanische Zeitalter - Im Schatten des Verrats (Roman)
Das aureanische Zeitalter - Im Schatten des Verrats (Roman)
Das aureanische Zeitalter - Im Schatten des Verrats (Roman)
Das aureanische Zeitalter - Im Schatten des Verrats (Roman)
Das aureanische Zeitalter - Im Schatten des Verrats (Roman)
Das aureanische Zeitalter - Im Schatten des Verrats (Roman)
Das aureanische Zeitalter - Im Schatten des Verrats (Roman)
Das aureanische Zeitalter - Im Schatten des Verrats (Roman)
Das aureanische Zeitalter - Im Schatten des Verrats (Roman)
Das aureanische Zeitalter - Im Schatten des Verrats (Roman)
Das aureanische Zeitalter - Im Schatten des Verrats (Roman)
Das aureanische Zeitalter - Im Schatten des Verrats (Roman)
Das aureanische Zeitalter - Im Schatten des Verrats (Roman)
Das aureanische Zeitalter - Im Schatten des Verrats (Roman)
Das aureanische Zeitalter - Im Schatten des Verrats (Roman)
Das aureanische Zeitalter - Im Schatten des Verrats (Roman)
Das aureanische Zeitalter - Im Schatten des Verrats (Roman)
Das aureanische Zeitalter - Im Schatten des Verrats (Roman)
Das aureanische Zeitalter - Im Schatten des Verrats (Roman)
Das aureanische Zeitalter - Im Schatten des Verrats (Roman)
Das aureanische Zeitalter - Im Schatten des Verrats (Roman)
Das aureanische Zeitalter - Im Schatten des Verrats (Roman)
Das aureanische Zeitalter - Im Schatten des Verrats (Roman)
Das aureanische Zeitalter - Im Schatten des Verrats (Roman)
Das aureanische Zeitalter - Im Schatten des Verrats (Roman)
Das aureanische Zeitalter - Im Schatten des Verrats (Roman)
Das aureanische Zeitalter - Im Schatten des Verrats (Roman)
Das aureanische Zeitalter - Im Schatten des Verrats (Roman)
Das aureanische Zeitalter - Im Schatten des Verrats (Roman)
Das aureanische Zeitalter - Im Schatten des Verrats (Roman)
Das aureanische Zeitalter - Im Schatten des Verrats (Roman)
Das aureanische Zeitalter - Im Schatten des Verrats (Roman)
Das aureanische Zeitalter - Im Schatten des Verrats (Roman)
Das aureanische Zeitalter - Im Schatten des Verrats (Roman)
Das aureanische Zeitalter - Im Schatten des Verrats (Roman)
Das aureanische Zeitalter - Im Schatten des Verrats (Roman)
Das aureanische Zeitalter - Im Schatten des Verrats (Roman)
Das aureanische Zeitalter - Im Schatten des Verrats (Roman)
Das aureanische Zeitalter - Im Schatten des Verrats (Roman)
Das aureanische Zeitalter - Im Schatten des Verrats (Roman)
Das aureanische Zeitalter - Im Schatten des Verrats (Roman)
Das aureanische Zeitalter - Im Schatten des Verrats (Roman)
Das aureanische Zeitalter - Im Schatten des Verrats (Roman)
Das aureanische Zeitalter - Im Schatten des Verrats (Roman)
Das aureanische Zeitalter - Im Schatten des Verrats (Roman)
Das aureanische Zeitalter - Im Schatten des Verrats (Roman)
Das aureanische Zeitalter - Im Schatten des Verrats (Roman)
Das aureanische Zeitalter - Im Schatten des Verrats (Roman)
Das aureanische Zeitalter - Im Schatten des Verrats (Roman)
Das aureanische Zeitalter - Im Schatten des Verrats (Roman)
Das aureanische Zeitalter - Im Schatten des Verrats (Roman)
Das aureanische Zeitalter - Im Schatten des Verrats (Roman)
Das aureanische Zeitalter - Im Schatten des Verrats (Roman)
Das aureanische Zeitalter - Im Schatten des Verrats (Roman)
Das aureanische Zeitalter - Im Schatten des Verrats (Roman)
Das aureanische Zeitalter - Im Schatten des Verrats (Roman)
Das aureanische Zeitalter - Im Schatten des Verrats (Roman)
Das aureanische Zeitalter - Im Schatten des Verrats (Roman)
Das aureanische Zeitalter - Im Schatten des Verrats (Roman)
Das aureanische Zeitalter - Im Schatten des Verrats (Roman)
Das aureanische Zeitalter - Im Schatten des Verrats (Roman)
Das aureanische Zeitalter - Im Schatten des Verrats (Roman)
Das aureanische Zeitalter - Im Schatten des Verrats (Roman)
Das aureanische Zeitalter - Im Schatten des Verrats (Roman)
Das aureanische Zeitalter - Im Schatten des Verrats (Roman)
Das aureanische Zeitalter - Im Schatten des Verrats (Roman)
Das aureanische Zeitalter - Im Schatten des Verrats (Roman)
Das aureanische Zeitalter - Im Schatten des Verrats (Roman)
Das aureanische Zeitalter - Im Schatten des Verrats (Roman)
Das aureanische Zeitalter - Im Schatten des Verrats (Roman)
Das aureanische Zeitalter - Im Schatten des Verrats (Roman)
Das aureanische Zeitalter - Im Schatten des Verrats (Roman)
Das aureanische Zeitalter - Im Schatten des Verrats (Roman)
Das aureanische Zeitalter - Im Schatten des Verrats (Roman)
Das aureanische Zeitalter - Im Schatten des Verrats (Roman)
Das aureanische Zeitalter - Im Schatten des Verrats (Roman)
Das aureanische Zeitalter - Im Schatten des Verrats (Roman)
Das aureanische Zeitalter - Im Schatten des Verrats (Roman)
Das aureanische Zeitalter - Im Schatten des Verrats (Roman)
Das aureanische Zeitalter - Im Schatten des Verrats (Roman)
Das aureanische Zeitalter - Im Schatten des Verrats (Roman)
Upcoming SlideShare
Loading in...5
×

Thanks for flagging this SlideShare!

Oops! An error has occurred.

×
Saving this for later? Get the SlideShare app to save on your phone or tablet. Read anywhere, anytime – even offline.
Text the download link to your phone
Standard text messaging rates apply

Das aureanische Zeitalter - Im Schatten des Verrats (Roman)

721

Published on

Teil 2 der Reihe: Nach dem Thracan-Feldzug freuen sich Flavius und sein Freund Kleitos darauf, endlich nach Terra zurückzukehren. Doch diese Hoffnung währt nicht lange, denn Oberstrategos Aswin Leukos …

Teil 2 der Reihe: Nach dem Thracan-Feldzug freuen sich Flavius und sein Freund Kleitos darauf, endlich nach Terra zurückzukehren. Doch diese Hoffnung währt nicht lange, denn Oberstrategos Aswin Leukos schickt die Soldaten der 562. Legion auf eine Erkundungsmission ins Nachbarsystem, während der Rest der terranischen Streitkräfte zur Erde zurückfliegt. Nicht ahnend, welcher Verrat sich inzwischen hinter seinem Rücken abgespielt hat, gerät Leukos in eine geschickt konstruierte Falle des neuen Imperators Juan Sobos. Währenddessen finden sich Flavius, Kleitos und ihre Kameraden auf dem Eisplaneten Colod wieder, auf dem es einige seltsame Vorfälle zu untersuchen gibt. Was anfangs nach einem gewöhnlichen Routineeinsatz aussieht, entwickelt sich bald zu einem verzweifelten Kampf ums Überleben...

Published in: Education
0 Comments
0 Likes
Statistics
Notes
  • Be the first to comment

  • Be the first to like this

No Downloads
Views
Total Views
721
On Slideshare
0
From Embeds
0
Number of Embeds
0
Actions
Shares
0
Downloads
1
Comments
0
Likes
0
Embeds 0
No embeds

Report content
Flagged as inappropriate Flag as inappropriate
Flag as inappropriate

Select your reason for flagging this presentation as inappropriate.

Cancel
No notes for slide

Transcript

  • 1. Alexander MerowDas aureanische Zeitalter II Im Schatten des Verrats Engelsdorfer Verlag Leipzig 2012
  • 2. Bibliografische Information durch die Deutsche Nationalbib- liothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diesePublikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://www.dnb.de abrufbar. ISBN 978-3-86268-834-0 Copyright (2012) Engelsdorfer Verlag LeipzigAlle Rechte, einschließlich des vollständigen und auszugswei- sen Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten und bedürfen der schriftlichen Zustimmung des Autors. Hergestellt in Leipzig, Germany (EU) www.engelsdorfer-verlag.de 12,95 Euro (D)
  • 3. InhaltNachbetrachtungen ...................................................................7Die unverhoffte Mission.........................................................23Ratlosigkeit und Intrigen ........................................................40Noch immer ahnungslos …...................................................58Terra verändert sich.................................................................76Der Eisplanet............................................................................93Unangenehme Begegnungen............................................... 109Hinterhalte ............................................................................. 127Unbekannte Feinde .............................................................. 145Auf sich allein gestellt........................................................... 165»Habt keine Furcht!«............................................................. 183Magnus Shivas wird entmachtet......................................... 208Opfergang .............................................................................. 221Der Zorn des Aswin Leukos............................................... 239Das Leid kehrt zurück.......................................................... 263 5
  • 4. NachbetrachtungenDer allgemeine Kalender des Goldenen Reiches zeigteheute den 17. September des Jahres 3986 nach GutrimMalogor. Aswin Leukos, der oberste Feldherr der Erde,und seine Legionen hatten die Rebellion auf dem PlanetenThracan im Proxima Centauri System niedergeschlagenund das Zentrum des Aufstandes, die Slumstadt SanFavellas, dem Erdboden gleich gemacht. So jedenfallslautete die offizielle Version, welche die Simulations-Transmitter auf Thracan der Bevölkerung verkündeten.Ihren Sieg über die Aufständischen unterstrichen dieSoldaten Terras mit einem Triumphzug durch die Straßenvon Remay, der Hauptstadt des Planeten. Leuchtend roteLegionsbanner und Standarten aus Gold und Bronzeragten zwischen den in starren Formationen marschieren-den Legionären hervor, während langsam ein langer Wurmaus gepanzerten Kriegern an jubelnden Menschenmassenvorbeikroch.Die siegreichen Truppen wurden von Verbänden ausPanzern und mobilen Geschützen flankiert, die das Bildeiner unbesiegbaren Streitmacht perfekt abrundeten.Piktographierer und Archivatoren standen ebenfalls amRande der zahllosen Schaulustigen und versuchten mög-lichst viele Bilder des Spektakels mit ihren Aufnahmegerä-ten einzufangen.Im Hintergrund der glanzvollen Militärparade schobensich turmhohe Habitatskomplexe und Prachtbauten in denHimmel, was das ganze Szenario noch pompöser erschei-nen ließ.Oberstrategos Aswin Leukos stand auf einem Balkon ausweißem Marmor und betrachtete seine Soldaten, die zwar 7
  • 5. grüßend an ihm vorbeizogen, aber trotzdem verbittertwirkten. Neben ihm hatte sich der planetare StatthalterMagnus Shivas postiert, der die Heerschau mit einemgelegentlich aufkommenden, zynischen Lächeln begutach-tete.»Welch ein Sieg, verehrter Leukos!«, flüsterte Shivas demersten General des Goldenen Reiches zu und grinste.»Lassen wir diesen Unsinn, Statthalter! Für uns gibt es hiernichts mehr zu tun. Wir verschwinden bald wieder!«,murrte der Oberstrategos leise.»Wie hoch sind eigentlich die Verluste bei den Legionen?«,wollte der kaiserliche Stellvertreter wissen.»Etwa 16.000 Tote und 7.000 Verwundete«, antworteteLeukos barsch.Magnus Shivas schien verwundert. »So viele? Dann habensich die Anaureaner von San Favellas ja heftiger gewehrt,als wir es erwartet hatten, nicht wahr?«Der terranische Feldherr schwieg und sah Shivas verärgertan.»Und wie viele Tote haben die Thracanai zu beklagen?«,fragte er im Gegenzug.»Fast 40.000 Milizsoldaten und einige Tausend Legionäre.Das ist auch mehr, als wir einkalkuliert hatten!«, erwiderteder weißhaarige Verwalter des Planeten.»Man kann es den Bewohnern von San Favellas nicht übelnehmen, dass sie sich bis zuletzt gewehrt haben. Ich hättemich an ihrer Stelle auch nicht einfach kampflos ab-schlachten lassen«, meinte Leukos.Magnus Shivas gab dem Terraner ein undurchsichtigesLächeln zurück und schüttelte den Kopf.Der Oberstrategos fuhr fort: »In den nächsten Tagen seidihr uns los! Dann ist dieses ganze Schmierentheater endlichbeendet …«8
  • 6. »General, ich mache Euch persönlich keinen Vorwurf,denn Ihr habt lediglich die Befehle des Archons befolgt.Allerdings würde ich gerne wissen, was sich der Imperatorvon diesem Feldzug erhofft hat.Ich kann es mir lediglich so erklären, dass auch er falscheInformationen über die Verhältnisse auf Thracan erhaltenhat«, sagte Shivas.Aswin Leukos antwortete mit einem Achselzucken undverkniff sich die nächste Bemerkung. Schließlich starrte erwieder auf seine Soldaten herunter und versuchte guteMiene zum bösen Spiel zu machen.Irgendwo in der Masse der Legionäre, deren metallischeRüstungen in der Sonne glänzten, befanden sich auchFlavius Princeps, der junge Rekrut aus Vanatium in Teulan,und sein Kamerad Kleitos Jarostow.Die beiden Legionäre waren ebenfalls froh, dass dieKämpfe vorüber waren. Nun, so sagten sie sich, würdensie sich bald wieder auf den Weg nach Terra machen unddiesen Wahnsinn hoffentlich schnell wieder aus ihremGedächtnis streichen können.Flavius hatte die furchtbaren Bilder des Gemetzels in denStraßen von San Favellas noch immer im Kopf und vorseinem geistigen Auge zogen die düsteren Erinnerungen anTod und Zerstörung wieder und wieder vorbei. Besondersdie Kreuzigung der Gefangenen hatte ihn als ein Erlebnisuferloser Grausamkeit schockiert. Endlich war dieserSchrecken vorüber und Princeps nahm sich fest vor, fürden Rest seines Lebens Gutes zu tun, um seine Sündenirgendwie auszugleichen.Der junge Mann aus gutem Elternhaus hatte unter denBannern der Legion getötet und gebrandschatzt. Er wardazu gezwungen worden und hatte die Befehle derranghöheren Offiziere befolgen müssen. Flavius war 9
  • 7. selbst auch nur das Opfer einer gnadenlosen Militärma-schinerie geworden, das redete er sich jedenfalls seitTagen ein.Doch bald sollte alles vorbei sein. Nur noch diese Paradeund ein paar Tage im Lager, dann ging es zurück in dieRaumschiffe und nach Terra. Zwar hasste Princeps dieinterstellaren Flüge mit Inbrunst und fürchtete nach wievor den Kälteschlaf, doch musste er diesmal zugeben, dasser sich fast auf die Rückreise durch das All freute.Juan Sobos, der reiche Grundherr aus dem Norden vonBraza und Oberhaupt der Optimatenfraktion im Senat vonAsaheim, der Hauptstadt des Goldenen Reiches von Terra,betrachtete einige Mosaike an der Wand des Badehauses,das er heute in Begleitung seines politischen Mitstreiters,Senator Lupon von Sevapolo, aufgesucht hatte.Dichter, wohlriechender Dampf hüllte das speckige Ge-sicht des Großgrundbesitzers ein. Der untersetzte Mannschnaufte und erhob sich von einer kleinen Holzbank,während er den Blick seinem Fraktionskollegen zuwandte.»Ich bin noch immer erstaunt, wie einfach das alles gewe-sen ist, Juan!«, sagte Lupon von Sevapolo und schob einselbstherrliches Lächeln hinterher.Sein Gegenüber nickte. »Ja, ich auch, wenn ich ehrlich bin.Credos Platon ist von uns wie ein hilfloser Wurm zertretenworden und schon bald wird man ihn vergessen haben.Jetzt kommt es aber darauf an, auch den Rest seinerGefolgsleute hier auf Terra zu entmachten.«»Eine Aufgabe, die der neue Oberstrategos Antisthenesvon Chausan sicherlich gerne in Angriff nehmen wird,nicht wahr? Man sagt, dass er die aureanische Kaste undalles, wofür sie steht, regelrecht hasst!«, flüsterte Luponvon Sevapolo und blickte sich um, als wollte er sicherge-10
  • 8. hen, dass niemand der anderen Besucher des Badehausesetwas von dem brisanten Gespräch mitbekam.»Der gute Antisthenes! Ja, er hasst die aureanische Kaste,obwohl er selbst ein halber Aureaner ist. Aber eben nur einhalber, ein Bastard. Im Grunde hasst er sich selbst, würdeich sagen. Wie auch immer, ich werde ihm die notwendi-gen Befugnisse geben, mit Hilfe der Legionen notfallsjeden Widerstand mit Gewalt zu brechen. Antisthenes istskrupellos und in sich zerrissen vor lauter Neid und Wutauf die noch bestehende Ordnung. Das macht ihn zueinem idealen Werkzeug für unsere Ziele, mein lieberLupon«, munkelte der Optimatenführer.»Aber werden die Legionen denn jemanden als ihrenOberstrategos anerkennen, der kein reiner Aureaner ist?«,fragte Lupon von Sevapolo zweifelnd.»Sei unbesorgt! Das gehört alles zur neuen Epoche, diemein Werk sein wird. Mit der Zeit werden wir jedenLegaten durch einen uns ergebenen Mann ersetzen!«,bekräftigte der Grundherr.Sobos Fraktionskollege trottete in Richtung des Schwimm-beckens davon, wobei sein massiger Körper, der nur miteinem weißen Handtuch bedeckt war, wie ein Mehlsack aufzwei dünnen Beinen durch den milchigen Dampfschwankte.Der Anführer der Optimaten folgte ihm und glitt, nach-dem er sich seiner Toga entledigt hatte, in das kühleWasser. Lupon von Sevapolo schwamm einige Bahnendurch das kleine Schwimmbecken und lehnte sich dann anden Rand. Juan Sobos kam zu ihm herüber und winkte ihnzu sich.»Noch etwas! Clautus Triton ist verschwunden! Man hatihn bisher noch nirgendwo ausfindig machen können!«,zischelte der Optimatenführer leise. 11
  • 9. »Ach?«»Offenbar hat sich der alte Mann denken können, dass wirihn als Sicherheitsrisiko betrachten«, schob Sobos nach.Sein Parteifreund strich sich die Schweißperlen von derStirn und starrte gehässig durch die Dampfschwaden, dieüber der Wasseroberfläche davonzogen.»Er ist also untergetaucht?«»So sieht es aus! Triton muss unbedingt gefunden werden.Diese Aufgabe überlasse ich einer Person, die auf so etwasspezialisiert ist«, erklärte Sobos.»Was soll der alte Mann denn schon noch ausrichten? Erwird in ein paar Jahren ohnehin sterben«, meinte Luponvon Sevapolo.Der Grundherr aus Braza schüttelte den Kopf und schobseine wulstige Unterlippe nach oben.»Unterschätze Triton nicht! Der Alte ist seit Jahrzehntenmit allen Spitzfindigkeiten der großen Politik vertraut undweiß eine Menge Dinge, die nicht an die Öffentlichkeitkommen dürfen. Er muss gefunden werden!«, knurrteSobos.»Vielleicht hast du Recht, Juan. Immerhin unterhält Tritonvermutlich nach wie vor engen Kontakt zu einigen altau-reanisch gesinnten Senatoren in Asaheim.«Der Optimatenführer kniff die Augen zusammen undantwortete: »Die Altaureaner im Senat sind eine ausster-bende Spezies auf Terra. Sie sind führerlos und schon baldwerden sie nur noch belächelte Relikte einer untergegan-genen Ära sein. Kein Aswin Leukos, kein Clautus Tritonund auch keiner der anderen Feiglinge wird sich uns in denWeg stellen können. Die alte Ordnung besteht doch nurnoch aus Phrasen und Mythen. Niemand wird im Ernstfallmehr bereit sein, etwas für sie zu opfern. Sie wird zerfallen,denn ihre Zeit ist abgelaufen.«12
  • 10. »Viele Aureaner glauben allerdings weiterhin, dass Impera-tor Credos Platon ermordet worden ist, Juan!«, bemerkteLupon von Sevapolo.»Das ist doch uninteressant. Diese Gerüchte werden baldverflogen und vergessen sein, wenn sie nicht von einerbekannten Person wie Triton eines Tages wieder angeheiztwerden«, flüsterte der Optimatenführer durch den Dampfund setzte eine ernste Miene auf.»Denkst du wirklich, dass die Milliarden Aureaner aufTerra und in den Kolonien uns irgendwann glaubenwerden, dass Credos Platon eines natürlichen Todesgestorben ist?«, wollte der Senator wissen.Sein Gegenüber wandte sich ihm zu. »Natürlich werden siedas. Wir kontrollieren bald wieder sämtliche Simulations-Transmitter-Netzwerke im gesamten Goldenen Reich undwerden verkünden, dass der Imperator aufgrund vonHerzversagen dahingeschieden ist, und wir werden das solange wiederholen, bis es jeder glaubt!«Lupon von Sevapolo wirkte nicht ganz überzeugt undkratzte sich am Kinn.»Der Geist der breiten Masse ist klein und träge. Dieständige Wiederholung einer Lüge macht diese irgendwannzur Wahrheit«, dozierte Sobos.»Dann gibt es da ja auch noch Aswin Leukos …«, brumm-te sein Fraktionskollege.»Der General wird Terra niemals mehr wiedersehen. Dafürwerde ich sorgen. Bald wird er an der Tafel seiner verehr-ten Ahnen im Jenseits sitzen, dieser altaureanische Narr!Aber dieses Thema besprechen wir besser zu einemanderen Zeitpunkt«, sagte Sobos.»Doch zurück zu Clautus Triton. Wie sollen wir ihn dennfinden?«, lenkte Lupon von Sevapolo ein. 13
  • 11. »Überlasse das mir! Der gleiche Todesengel, der denImperator selbst schon besucht hat, wird auch seinenehemaligen Berater über kurz oder lang ausfindig machen.Triton wird sich auf Dauer nirgendwo verstecken können.Ich habe das bereits in die Wege geleitet«, versicherte dasOberhaupt der Optimaten.Der befreundete Senator klopfte ihm auf die Schulter undgrinste hämisch.»In einer Woche wird dich der Senat zum Archon ernen-nen. Daran wird auch der alte Triton oder sonst wer nichtsmehr ändern können!«Der Großgrundbesitzer grinste noch hämischer zurück,stieß sich sanft vom Beckenrand ab und glitt wie einebesonders fette Robbe durch das Wasser.»Clautus Triton wird einer von vielen sein, die meinenAmtsantritt nicht überleben werden!«, wisperte Juan Sobosdurch den Wasserdampf.Flavius Princeps gähnte aus vollem Halse und räkelte sichin seinem Hotelbett. Sein Freund Kleitos und er warengestern in Begleitung der hübschen KrankenschwesterEugenia Gotlandt bis in die frühen Morgenstunden durchdie Vergnügungsviertel der thracanischen HauptstadtRemay gezogen und hatten ausgiebig gefeiert.Überall in der riesigen Megastadt hatten sich Schwärmevon terranischen Legionären nach dem Triumphzug in denBars und Restaurants niedergelassen, um sich dem Alkoholund der Freizügigkeit zu widmen. Thracanischer Wein,Drogen und Neurostimulatoren hatten bei Tausenden derSoldaten dazu beigetragen, die Sinne zu vernebeln und dieblutigen Kämpfe um die anaureanische Slumstadt SanFavellas zu vergessen. Flavius, der bereits mit einemausgeprägten Hang zu diversen Genussmitteln zu kämpfen14
  • 12. hatte, war gestern wieder völlig außer Kontrolle geraten.Hatten sich sein Freund Kleitos und seine Bekannte Euge-nia selbst auch ein wenig mit Rauschmitteln betört, warPrinceps wieder einmal vollkommen von seiner Sucht nachDrogen und Neurostimulationen übermannt worden.Dies alles war sehr zum Ärger der hübschen Eugeniagewesen, der von Flavius eigentlich ein unterhaltsamerAbend versprochen worden war. Allerdings hatte derexzessive Rauschmittelgenuss wenigstens dazu geführt, dassFlavius nicht mehr an die Schrecken der letzten Tage undWochen gedacht hatte, zumindest nicht an diesem Abend.Der junge Rekrut, der vollkommen unfreiwillig in dieLegion einberufen worden war, hatte auf Thracan dieRache Terras vollstreckt. Er hatte im Zuge der Straßen-kämpfe um San Favellas getötet und sogar dabei mithelfenmüssen, die gefangenen Anaureaner zu kreuzigen. Es warschrecklich gewesen und zudem wusste Flavius, dassTerras Legionen im Grunde an Unschuldigen Vergeltunggeübt hatten. Daran änderten auch die Rauschmittel nichts,welche lediglich dazu dienten, die eigenen Schuldgefühletief im Inneren zu verdrängen. Der junge Mann hatteschreckliche Dinge getan und nichts davon war mehrrückgängig zu machen.»Wo ist Eugenia denn?«, stöhnte Flavius und krabbelte ausdem Bett. Seine blutunterlaufenen, blauen Augen starrtenmüde ins Leere.Neben ihm wachte gerade Kleitos auf und blinzelte eben-falls verschlafen durch den Raum.»Was?«, brachte er nur heraus.»Eugenia? Wo ist sie denn?«»Die ist gestern Abend irgendwann gegangen. Eugenia warziemlich wütend auf dich. Hast du das nicht mehr mitbe-kommen, Princeps?« 15
  • 13. »Wieso denn?«, brummte Flavius und schlich ins Bad.»Weil du nur Unsinn geredet hast! Dann bist du auch nochgrölend vom Barhocker gefallen und hast sogar Ärger miteinem Kellner angefangen. Weißt du das denn nichtmehr?«, brummte Kleitos.Ein lautes Röcheln schallte aus dem Badezimmer und esdauerte eine Weile, bis Flavius wieder zurück ins Zimmergetorkelt kam, um sich erneut auf seinem Bett niederzulas-sen. Der hochgewachsene Aureaner strich sich durch seineschweißverklebten, blonden Haare und stieß einen leisenWürgelaut aus, während sein schmales Gesicht zu zuckenbegann. Das waren die Nachwirkungen der gestrigenNeurostimulation.»Scheiße!«, murrte er und hielt sich den Kopf.»Ja, allerdings! Eugenia ist so nett und du musstest dich wieein anaureanischer Minenarbeiter im Vollsuff verhalten.Du hättest froh sein sollen, dass sie überhaupt mit unsmitgekommen ist. Ein solches Benehmen kann man einerDame nicht zumuten!«, schimpfte Kleitos.»Ich weiß auch nicht …«, bekam er zu hören.»Was weißt du nicht, Princeps?«»Ich weiß nicht, warum ich mich so selten zusammenrei-ßen kann, wenn ich feiern gehe!«, erwiderte Flavius in fastweinerlichem Ton.»Du hast dich diesem Kellner als »Schlächter von Terra«vorgestellt – das fand der gar nicht lustig. Was sollte dieserSchwachsinn denn?«»Ich kann mich an nichts mehr erinnern. Tut mir leid!«»Deine genauen Worte waren: »Wer sich Terra nicht beugt,der wird plattgemacht!« Das hast du durch das halbe Lokalgebrüllt. So ein ungehobeltes Verhalten sehen auch unsereVorgesetzten nicht gerne. Wir repräsentieren hier auf Thra-can immerhin die Erde!«, rügte Kleitos seinen Kameraden.16
  • 14. Flavius stöhnte vor Kopfschmerzen und kroch wiederunter seine Bettdecke.»Wir haben Terra doch schon repräsentiert, oder? Waswaren wir denn anderes als Schlächter, als wir diese Slum-stadt vernichtet haben?«Kleitos Jarostow winkte ab. »Das hat mich auch mitge-nommen, aber wir dürfen jetzt nicht die Nerven verlieren.Es war nun einmal der offizielle Befehl des Archons. Wirhaben nur getan, was uns gesagt wurde!«»Dann ist der Archon der Oberschlächter!«, zischte Flavi-us.»Hör endlich mit diesem Blödsinn auf und behalte solcheKommentare in Zukunft für dich. Ich lege keinen Wert aufÄrger mit Zenturio Sachs oder irgendwelchen anderenOffizieren. Mit diesem Geschwätz kannst du dir in derLegion furchtbare Strafen einhandeln!«, warnte Kleitos undblickte sich verängstigt um.Sein Freund hatte sich inzwischen wie ein Säugling unterdem Laken zusammengerollt und antwortete nicht darauf.Nach einigen Minuten der Schweigsamkeit sagte er jedoch:»Ich sollte mir vielleicht das eigenständige Denken abgewöh-nen. Dann kann ich bei der Legion auch was werden …«Eine weitere Woche war vergangen und während sich dieterranischen Soldaten bereits auf den Rückflug zur Erde,der am morgigen Tag starten sollte, vorbereiteten, statteteOberstrategos Aswin Leukos dem thracanischen StatthalterMagnus Shivas noch einen letzten Besuch in dessen Resi-denz am Stadtrand von Remay ab.Der General nippte an einem goldenen Becher und ver-suchte den kaiserlichen Vertreter auf Thracan nicht allzulange anzusehen. Immer wieder wich er den Blicken deshochgewachsenen, weißhaarigen Mannes aus und bemühte 17
  • 15. sich, kein Gespräch über den soeben beendeten Feldzugaufkommen zu lassen.Shivas hatte das verlegene Verhalten seines Gastes allerdingslängst durchschaut und ging nun selbst in die Offensive.»Dieser Militärschlag gegen San Favellas scheint Euchnoch immer peinlich zu sein, Oberstrategos! Oder liege ichda falsch?«, sagte der Statthalter.Leukos schluckte und stellte seinen Becher auf den Mar-mortisch vor sich. Er zögerte für einen kurzen Augenblickmit seiner Antwort und gab dann zurück: »Nun, Ihr kenntdie Antwort doch eigentlich! Ich kann nicht leugnen, dasses mir sehr unangenehm ist, Euch in eine derartige Lagegebracht zu haben. Es tut mir wirklich leid, an einer sol-chen Farce beteiligt gewesen zu sein. Ich denke, dass wirbeide gezwungen worden sind, mit Kanonen auf Spatzenzu schießen!«Shivas lächelte gequält. »Diese Spatzen waren zudemunschuldig. Unsere Soldaten haben ohne jeden Grund einschreckliches Massaker angerichtet. Ein Blutbad, wie esThracan seit ewigen Zeiten nicht mehr erlebt hat!«»Aber es war der kaiserliche Befehl! Was hätte ich denn tunsollen?«, versuchte sich Leukos zu rechtfertigen.»Wir zwei hätten uns diesem Wahnsinn verweigern müs-sen! Das ist unser beider Schuld! Ich bin Altaureaner wieIhr, Oberstrategos, und ich habe keinerlei Sympathien fürdie untere Kaste, aber wir haben hier großes Unrechtgetan«, brummte der Statthalter.Der erste General Terras schwieg und nickte lediglich.Schließlich bat er noch um einen Schluck Wein.»Ist der Archon vielleicht selbst falsch informiert wor-den?«, fragte Shivas.»Credos Platon ist ein Ehrenmann, wie ich es selten erlebthabe. Ich kann es mir auch nur so erklären, Statthalter.18
  • 16. Jedenfalls hat vor allem der Senat auf diese Militäraktionbestanden. Er hat den Archon überredet und mich zudieser verrückten Aktion genötigt. Allen voran dieserverfluchte Juan Sobos!«, zischte Leukos.»Juan Sobos? Terras reichster und mächtigster Groß-grundbesitzer? Dieser Mann hat großen Einfluss, nichtwahr?«, meinte der Thracanos.»Er ist eine Schlange! Ja, Sobos ist ein gewaltiges Schwer-gewicht im Senat von Asaheim. Im wahrsten Sinne desWortes. Ich hasse ihn und seinesgleichen!«, betonte derOberstrategos mit Nachdruck.Shivas winkte ab. »Wir können das Geschehene nicht mehrrückgängig machen. Eure Aufgabe hier ist erledigt und nungeht es wieder zurück nach Terra, General!«Aswin Leukos sagte für einen Moment nichts. Dann erhober sich von seinem Platz und verschränkte die Händehinter seinem Rücken.»Wenn meine Legionen noch etwas für Euch tun können,dann lasst es mich wissen, Statthalter!«, bemerkte er leise.Der kaiserliche Vertreter schob seine weißen Augenbrauennach oben und seine Miene wirkte zynisch. »Vielen Dankfür das Angebot, aber wir haben hier keine weiterenAufgaben für Terras Elitekrieger …«»Dann werden wir morgen entehrt dieses System verlassen.Gut, so möge es sein«, knurrte Leukos.»Es dürstet Euch also nach echtem Ruhm, Oberstrategos?«»Lassen wir das!«»Hier herrscht Frieden! Im Proxima Centauri System gibtes nach wie vor keinen Anlass, irgendwelche Legioneneinzusetzen, General«, bekräftigte Shivas genervt.Sein Gast schien zu grübeln und ließ seinen Blick gedan-kenverloren durch den prachtvollen Raum schweifen. 19
  • 17. »Und in den Euch unterstellten Nachbarsystemen?«, fragteLeukos dann.Der Statthalter stöhnte leise. »Lasst es bitte gut sein,Oberstrategos …«»Aber ich fühle mich Euch verpflichtet! Diese Zerstörungvon San Favellas war eine Schmach für meine Legionen, sosehe ich das jedenfalls. Gibt es denn keine Möglichkeit,eine Aufgabe zu finden, die einem terranischen Feldherrenwürdig erscheint?«Magnus Shivas schüttelte den Kopf und schloss die Augen.»Soll ich Eure Männer vielleicht auf eine Erkundungsmis-sion nach Colod schicken?«, bemerkte der Statthalter mitleicht spöttischem Unterton.»Colod?«»Ja, ein eisiger Minenplanet im benachbarten Heel-System.Ach, vergesst es doch, Oberstrategos!«»Tobt dort auch ein Aufstand gegen Euch?«, hakte Leukosneugierig nach.Shivas lachte laut auf. »Was meint Ihr mit »auch«? Hier aufThracan war nie ein Aufstand! Nein, Colod ist ein fastunbewohnter Eisplanet, eine Minenkolonie …«»Und was sollen meine Legionen dort?«»Wir werden uns demnächst selbst darum kümmern,General Leukos!«»Sagt es mir bitte, Statthalter! Ich würde Euch gerne einwenig Arbeit abnehmen.«»Was Eure Legionen dort sollen? Nun, das kann ich garnicht sagen. Der Kontakt zu den Kolonisten ist seit einpaar Jahren abgebrochen und wir haben vor einigenMonaten diverse Notsignale erhalten. Und noch etwasanderes …«, murmelte Shivas nachdenklich.Leukos wunderte sich. »Was meint Ihr?«20
  • 18. »Es ist auf jeden Fall seltsam. Wir haben neben diesenNotrufen noch weitere von Colod kommende Kommunika-tionssignaturen aufgefangen, die wir nicht zuordnen können.Ich wollte die ganze Zeit schon eine bewaffnete Expediti-onstruppe losschicken, um die Vorfälle zu untersuchen.Überlasst diese Angelegenheit ruhig uns, Oberstrategos!«,erklärte der Thracanos.Der terranische Feldherr lächelte und machte den Ein-druck, als sei er erfreut, doch noch eine sinnvolle Aufgabefür seine Soldaten gefunden zu haben.»Nein, bitte! Es wäre mir eine große Ehre, Euch dieseArbeit abzunehmen«, sagte Leukos.»Ich verspreche Euch General, dass wir damit auch selbstfertig werden«, schnaufte Shivas.Der Feldherr sprang auf und stellte sich vor seinen Ge-sprächspartner. »Erweist unseren Legionen diese Gunst,Statthalter! Gebt meinen Soldaten die Möglichkeit, echtenRuhm zu erlangen – oder wenigstens etwas Sinnvolles zutun! Reicht meine Streitmacht denn für ein Eingreifenaus?«Diesmal konnte sich Magnus Shivas ein breites Grinsennicht verkneifen.»Ob über 80.000 Elitesoldaten samt schwerem Kriegsgerätausreichen, um einen kaum besiedelten Eisblock zu unter-suchen? Ich denke schon! Colod hat offiziell gerade einmal10 Millionen Einwohner. Weiterhin ist es mehr als un-wahrscheinlich, dass dort irgendein Krieg wütet. Es ist nurseltsam, dass man überhaupt nichts mehr von diesemPlaneten hört und alle Verbindungsversuche fehlschlagen.Es würde höchstens darum gehen, einmal nachzusehen,was dort vorgefallen ist. Dafür reicht eine einzige Legionvollkommen aus und sogar die würde wohl nur nachColod fliegen, um sich dort die Gliedmaßen abzufrieren.« 21
  • 19. »Das alles klingt jedenfalls verwirrend«, meinte Leukos.»Ich kann wirklich nicht sagen, was auf Colod geschehenist. Am meisten beunruhigen mich aber diese fremdartigenSignale, die wir aufgezeichnet haben. Sie lassen sich keinembekannten Code zuordnen und ergeben auch überhauptkeinen Sinn«, erläuterte der Statthalter.»Was soll man davon halten?«, brummte der Feldherr.Shivas ließ sich von einem Diener eine weitere Weinflaschebringen und musterte seinen Gast mit einem gewissenUnverständnis.»Überlasst uns die ganze Sache. Diese Angelegenheit istsicherlich nur eine Formalität und Ruhm gibt es auf Colodohnehin nicht zu ernten«, sagte der weißhaarige Mann.»Nein! Ich bestehe darauf! Terras Legionäre drücken sichvor nichts und ich stehe in Eurer Schuld. Ich werde allesfür eine Expedition nach Colod vorbereiten!«, drängteAswin Leukos entschlossen.22
  • 20. Die unverhoffte MissionDie riesigen Wartehallen des Raumhafens von Remay warenmit Tausenden von Legionären verstopft. Eine sengendeSonne schickte ihre Strahlen durch die breiten Fenster ander Decke des Gewölbes und Flavius wischte sich denSchweiß von der Stirn. Umgeben von Hunderten weitererSoldaten, die im Laufe des stundenlangen Wartens immerunangenehmere Gerüche von sich gaben, verharrten Kleitosund er mitten in einer Masse bulliger Berufskrieger.Alle waren heute in Zivil gekommen und die meisten derMänner saßen auf ihren Rucksäcken und Proviantkisten,lässig auf die Anweisungen des Flughafenpersonals war-tend, welches die terranischen Soldaten in den nächstenStunden zurück in die Bäuche der gigantischen Schlacht-schiffe geleiten sollte. Heute ging es nach Hause zur Erde.Der blutige Feldzug auf Thracan war vorbei und ein jederLegionär war glücklich, nicht in den Straßen der zerstörtenSlumstadt San Favellas geblieben zu sein.So erfüllte trotz des dichten Menschengedränges in denWartehallen eine allgemein fröhliche und lockere Stim-mung den gesamten Raumhafen.»Endlich geht es wieder nach Hause!«, schnaufte Kleitosund kramte eine Wasserflasche aus seinem Rucksack.Flavius wirkte ebenfalls mehr als erleichtert, obwohl ergelegentlich mit Angstattacken kämpfen musste, in Erwar-tung des kommenden Raumfluges.Doch wer sich durch das brennende San Favellas gekämpfthatte, der sollte wohl auch dem Schrecken der Kälteschlaf-kammer gelassen ins Auge blicken können.»Dieser Wahnsinn ist endlich vorüber! Wenn ich meinenFuß wieder auf terranische Erde setze, dann werde ich als 23
  • 21. erstes den Boden küssen. Zum Teufel mit der Legion unddiesem ganzen Mist«, flüsterte Princeps leise.»Wann geht es denn endlich los?«, knurrte einer der Be-rufssoldaten neben den beiden jungen Burschen undbetrachtete genervt sein digitales Chronometer. Jarostowsah ihn kurz an und zuckte dann mit den Achseln.»Eugenia scheint immer noch sauer zu sein. Sie hat sichnach unserem Ausflug in die Bars von Remay nicht mehrbei mir gemeldet«, bemerkte Flavius betrübt.»Du solltest dich schnellstens bei ihr entschuldigen. Viel-leicht redet sie ja dann wieder mit dir!«, empfahl Kleitos.»Vermutlich ist sie schon auf der Polemos. Die Angehöri-gen des Schiffspersonals sind offenbar bereits an Bordgegangen«, murmelte Princeps.Sein Freund aus dem Norden von Skantlant reichte ihmseine Wasserflasche.»Hier, nimm einen Schluck! Diese stickige Luft ist ja kaumzum Aushalten«, sagte er.»Danke!« Flavius trank das restliche Wasser aus. »Hauptsa-che, wir verlassen diesen verfluchten Planeten endlich!«Nachdenklich blickte Kleitos zu ihm herüber. »Wir haben16.000 Mann verloren. Das ist ganz schön viel, oder?«»Wir leben jedenfalls noch und sollten dem Göttlichendafür danken. So ein Irrsinn! Ich will nur hier weg, zurücknach Terra und nach Vanatium«, murrte Princeps.»Hoffentlich geht es meinen Eltern und meiner Schwestergut«, kam von Kleitos.»Die letzte Nachricht von meiner Familie ist vor zweiMonaten eingetroffen«, sagte Flavius und wirkte bedrückt.»Naja, wir sind jetzt mit diesem Dreck fertig. Was für eineVerschwendung von Lebenszeit …«»Nicht so laut! Halte dich mit diesem Gequatsche zurück!«,zischte ihm Jarostow ins Ohr.24
  • 22. Nach einer weiteren Stunde entnervender Warterei tauch-ten endlich mehrere Dutzend Angehörige des Flughafen-personals auf und öffneten einige Durchgänge am anderenEnde der riesigen Wartehalle, die den Weg zu einer Reihebreiter Rolltreppen freigaben. Diese führten nach oben zuden Raumschiffen.Im gleichen Moment erschallte ein lauter Jubelschrei undHunderte von Soldaten warfen vor Freude ihre Rucksäckein die Luft. Dann wurden die einzelnen in dieser Wartehal-le versammelten Kohorten aufgerufen.»Alle Soldaten der 1311. Legion von Terra, Kohorten I bisIII, vortreten! Sie dürfen passieren!«, tönte es aus denLautsprechern an der Hallendecke.Wie eine freigelassene Schafherde setzten sich die Aufgeru-fenen unverzüglich in Bewegung, um sich auf die Rolltrep-pen zu drängen. Princeps sah den Männern neidischhinterher.»Na, toll! Das kann ja jetzt noch endlose Stunden dauern,bis alle wieder in den Schiffen sind«, stöhnte er.Jarostow nickte und verdrehte die Augen. Es folgtenweitere Durchsagen, doch die Soldaten der 562. Legionvon Terra, zu der Flavius und Kleitos gehörten, wurdenimmer noch nicht aufgefordert vorzutreten.Mehr und mehr terranische Soldaten verschwanden indesüber die steilen Rolltreppen in Richtung der wartendenSchlachtschiffe und die Halle leerte sich langsam. Undwährend sich zunehmend mehr Soldaten der 562. Legionmurrend und schimpfend darüber ausließen, warum sienoch nicht an der Reihe waren, schallte plötzlich dasschrille Klingeln Hunderter von Kommunikationsbotendurch die nervöse Unruhe. 25
  • 23. Fast synchron griffen Flavius, Kleitos und Dutzende vonSoldaten um sie herum in ihre Taschen, um nachzusehen,wer ihnen allen eine Nachricht geschickt hatte.Princeps öffnete einen kleinen holographischen Bildschirmund heftete seinen Blick an die Buchstaben der Mitteilung,die Unschönes verkündete. Um ihn herum brach ein lautesGezeter aus, welches von Sekunde zu Sekunde lauterwurde. Leise las sich Flavius die Nachricht selbst vor undfühlte, wie sich seine Nackenhaare aufstellten.»Soldaten der 562. Legion von Terra!Ihr erhaltet hiermit einen neuen Befehl. Die 562. Legionwird nicht nach Terra zurückfliegen, sondern sich stattdes-sen auf den Weg zum Planeten Colod im benachbartenHeel-System machen.Alle Soldaten der 562. Legion von Terra haben sich in zweiStunden in Wartehalle 14 zu versammeln. Weitere Instruk-tionen folgen!Gez. Aswin Leukos, Oberstrategos von Terra«Legatus Throvald von Mockba, einer der höchsten Legi-onsoffiziere und Stellvertreter des Oberstrategos, wie aucheinige weitere Legaten, hatten sich um Aswin Leukosherum in einer geräumigen Kabine am Bug der Ultimus,des riesigen Flagschiffs der terranischen Kriegsflotte,versammelt. In sechs Stunden sollten die Schlachtkreuzerund ihre Eskortschiffe Thracan verlassen. SämtlicheSoldaten waren wieder an Bord der stählernen Gigantengegangen und warteten auf den Beginn der Rückreise zurErde, doch dann hatte eine neue Nachricht von Terra denOberstrategos und seinen Kommandostab erschüttert.26
  • 24. »Hat der Imperator jetzt vollkommen den Verstand verlo-ren?«, schimpfte einer der Legaten und stampfte wütendauf.Leukos starrte ihn grimmig an. »Derartige Aussagen duldeich nicht. Er ist immer noch unser aller Archon, auchwenn ich Euren Unmut verstehen kann, Staufus!«»Habe ich das jetzt richtig verstanden? Der Kaiser verlangt,dass 20000 Legionäre, also vier ganze Legionen, als Besat-zungstruppen hier auf Thracan zurückbleiben sollen? Undauch noch für fünf Jahre?«, fauchte der Legat und dieGruppe Offiziere redete wild durcheinander.»Ja, Ihr habt es richtig verstanden! Ich bin ebenfalls erzürntüber diesen unsinnigen Befehl!«, schrie Leukos.Nun trat Throvald von Mockba vor den Feldherrn. »Ichfasse also zusammen: Von den 100.000 Legionären, dieTerra verlassen haben, sind 16.000 bei den Kämpfen umSan Favellas gefallen, 20.000 Mann sollen hier auf Thracanbleiben und weitere 4.800 Soldaten habt Ihr zu diesemEisplaneten geschickt, damit sie irgendetwas untersuchensollen …«»Ja!«, brummte Leukos.»Also bleiben uns noch knappe 60.000 Mann, die nachTerra zurückkehren«, meinte Throvald verärgert.»Ja! Ich kann selbst rechnen!«, knurrte ihn der Oberstrategosan.»Besatzungstruppen für Thracan!«, zischte einer der Offi-ziere und schüttelte den Kopf.»Und diese Nachricht ist erst vor zwei Stunden eingetrof-fen?«, hakte ein anderer nach.»Verflucht, ja!«, kam von Leukos.Nervös und ratlos zugleich fummelte der Oberstrategos anden goldenen Verzierungen seines Brustpanzers herum 27
  • 25. und versuchte den Blicken seiner Offiziere auszuweichen.Diese wurden mit jeder verstreichenden Sekunde wütender.»Wenn wir wieder auf Terra sind, dann müssen wir eineErklärung von Credos Platon und dem Senat verlangen!Wir werden hier wie die Tanzbären vorgeführt!«, wetterteneinige Legaten.Der oberste Feldherr Terras kratzte sich am Kopf und ließseine Männer schimpfen. Schließlich ordnete er an, dass20.000 Legionäre wieder aus den Schiffen aussteigen undnach Remay zurückkehren sollten.»Unsere Soldaten werden vor Wut kochen, wenn sieerfahren, dass sie noch fünf weitere Jahre hier bleibensollen! Für nichts!«, bemerkte Throvald.»Wählt Ihr die vier Legionen aus, die dieses zweifelhaftePrivileg haben sollen!«, bat Leukos seinen Stellvertreter.Dann machte er auf dem Absatz kehrt und verließ denRaum mit schnellen Schritten.Nun brach unter den versammelten Legaten fast einTumult aus und Leukos hörte ihr Fluchen und Tobennoch auf dem Gang.»Lächerlich!«, spie der Feldherr aus und einige Angehörigedes Schiffspersonals, die ein paar Metallkisten durch denGang schleppten, sprangen verängstigt zur Seite, alsLeukos wie ein zorniger Bulle an ihnen vorbeirannte.Eine Stunde später erhielten 20.000 Legionäre den unan-genehmen Befehl, die Kriegsschiffe wieder zu verlassenund in die thracanische Hauptstadt zurückzukehren.So war auch für diese Soldaten der Traum von einemHeimflug nach Terra wie eine Seifenblase zerplatzt, was zuwütenden Protesten und sogar Handgreiflichkeiten gegen-über einigen Vorgesetzten führte.28
  • 26. Terras oberster Heerführer musste sich hingegen langsameingestehen, dass sein Vertrauen in den jungen Imperatorstark geschwunden war.Die Anweisung, 20.000 terranische Legionäre als Besat-zungstruppen auf Thracan zurückzulassen, war völligsinnlos und ein weiterer Meilenstein auf einem immerlängeren Weg militärischer Fehlentscheidungen.Einen Tag später hatten die terranischen Schlachtkreuzerden Planeten Thracan wieder verlassen und befanden sichauf dem Rückweg zur Erde. Bis auf eines der riesigenKampfschiffe: die Polemos.Dem schweren Raumkreuzer folgte eine kleinere thracani-sche Fregatte, die zusätzliche Versorgungsgüter für die4.813 Soldaten der 562. Legion mit sich führte und vonMagnus Shivas wohlwollend zur Verfügung gestellt wor-den war.Flavius und Kleitos hatten es nicht fassen können. Siewaren, zusammen mit den restlichen Soldaten ihrer Legi-on, einfach zu einer Sondermission abkommandiert wor-den. Nun befanden sie sich auf dem Weg nach Colod,einem Planeten, dessen Namen kaum einer der Männerjemals zuvor gehört hatte. Das bedeutete nichts anderes alseine weitere, beschwerliche Reise durch das All, aber nichtin Richtung des geliebten Heimatplaneten, sondern weithinaus in die Finsternis zwischen den Systemen, dennColod war etwa drei Lichtjahre von Thracan entfernt.Warum Aswin Leukos ausgerechnet die 562. Legion vonTerra für diese Erkundungsmission ausgewählt hatte,wussten die einfachen Soldaten nicht. Einige vermutetenaber, dass sich der Oberstrategos für diesen Verbandentschieden hatte, weil jener bei den Kämpfen um dieStadt San Favellas nur geringe Verluste hatte hinnehmen 29
  • 27. müssen und daher noch fast vollzählig war. Jedenfalls imVergleich zu anderen Teilen der terranischen Streitmacht.Flavius hatte gestern einen regelrechten Nervenzusam-menbruch erlitten, als ihm der Inhalt dieses Befehls be-wusst geworden war. Vielen seiner Kameraden war esallerdings nicht besser ergangen, denn auch die erfahrenenBerufssoldaten hatten nach dem Gemetzel auf Thracankeine Lust mehr, noch weiter durch das All zu fliegen, umirgendwelche Erkundungsmissionen durchzuführen.Selbst Zenturio Sachs hatte gegenüber dem Oberstrategosoffen seinen Unmut gezeigt, zumal auf dem EisplanetenColod ohnehin kaum Aussicht auf einen Kampf bestand.Er hatte von einer »unsinnigen Mission« gesprochen undsich daraufhin von Leukos eine gehörige Rüge eingehan-delt.Die 4807. Legion von Terra, welche auf dem Hinflugzusammen mit der 562. Legion von der Polemos nachThracan gebracht worden war, hatte hingegen nach Terrazurückkehren dürfen. Die Soldaten waren einfach auf dieanderen neun Schlachtkreuzer verteilt worden.»Nur die armen Schweine von der 562. haben die Arsch-karte gezogen!«, schimpften die Legionäre daraufhin,wobei sie es barsch, aber treffend formulierten.Eugenia Gotlandt war angesichts dieses Befehls ebenfallsvon Entsetzen gepackt worden, denn auch für das vielköp-fige Schiffspersonal der Polemos bedeutete der unverhoff-te Flug nach Colod weitere Jahre in der Eintönigkeit undEnge des Schlachtkreuzers.So hatte sich die junge Frau voller Verzweiflung dochwieder bei Flavius gemeldet, um bei ihm Trost zu suchen.Das war aus der Sicht des jungen Mannes der einzigeLichtblick an diesem schwarzen Tag. Zwei Stunden langhatten die beiden gestern am Kommunikationsboten30
  • 28. miteinander gesprochen, was Princeps zugleich dazugenutzt hatte, um sich bei der hübschen Krankenschwesterfür sein rüpelhaftes Verhalten in Remay zu entschuldigen.In den nächsten Tagen wollten sie sich irgendwo in einemder Ruheräume der Polemos treffen, um noch ein wenigzu plaudern. Das hatten sie sich fest vorgenommen. Undschließlich gab es da auch noch Kleitos, der ebenfalls seinLeid mit Flavius zu teilen gedachte.Doch die Streitkräfte des Goldene Reiches lebten nuneinmal von einem strikten System von Befehl und Gehor-sam. Der einfache Soldat wurde nicht gefragt, er hatte zugehorchen und zu dienen. Gehorsam war eine der altau-reanischen Tugenden und nur auf diese Weise, so sagten esdie Alten, konnte ein Sternenreich überhaupt zusammen-gehalten werden.Es dauerte nicht lange, da hatte die Polemos das ProximaCentauri System hinter sich gelassen und verschwand inder Schwärze des Weltraums. Nur noch in weiter Fernespendete die orangeglühende Sonne ein wenig Licht, daslangsam immer schwächer und schwächer wurde.»Diese verdammten Idioten!«, fauchte Flavius in sichhinein und sprang von seinem Bett auf, um durch dieKabine zu tigern.»Hör endlich mit der Heulerei auf, Junge!«, knurrte ihn einhünenhafter Legionär an, der am anderen Ende des Rau-mes auf einem metallenen Stuhl hockte.Kleitos lag gegenüber auf seinem mit grauen Laken über-zogenen Bett und sagte nichts. Sein Gesichtsausdruck ließjedoch vermuten, dass er im Minutentakt zwischen Angstund Wut wechselte. 31
  • 29. »Ich habe noch immer nicht genau verstanden, was ausge-rechnet wir da sollen!«, murrte Princeps verärgert inRichtung des Berufssoldaten auf dem Stuhl.Dieser richtete sich auf und kam auf den jungen Rekrutenzu.»Hör zu, Kleiner! Du bist hier seit Stunden nur am me-ckern, aber ich glaube kaum, dass dieses riesige Schiffgleich umdrehen und nach Terra zurückfliegen wird, nurweil du das gerne hättest. Wir sollen da hinten irgendwasuntersuchen. Offenbar ist der Kontakt zu diesem komi-schen Planeten abgebrochen. Das steht alles im aktualisier-ten Missionsbriefing, das du eigentlich auf deinem Kom-munikationsboten haben müsstest.«»Ja, kann schon sein!«, schimpfte Flavius.»Lies gefälligst die Befehlsaktualisierungen. Unsere Offizie-re schicken die doch nicht aus reiner Langeweile an dieSoldaten raus!«, brummte der Legionär.»Ich habe ja jetzt noch endlose Monate Zeit, diesen ganzenMist genau zu studieren«, gab Princeps zurück.Jetzt schaltete sich ein weiterer Soldat ein, der ebenfalls aufeinem der Betten lag und sich bisher aus dem Gesprächherausgehalten hatte.»Junge, dein Gelaber nervt! Wir alle haben keine Lust aufdiese blöde Aktion! Halt endlich die Schnauze, damit ichein wenig dösen kann!«, rief er.»Schon gut!«, erwiderte Flavius und hob beschwichtigenddie Hände.»Wenn du so ein Jammerlappen bist, Bursche, dann hättestdu dich nicht bei der Legion melden sollen!«, schob derMann jetzt nach.Der andere Soldat grinste verächtlich und stimmte seinemKameraden zu.32
  • 30. »Die Legion ist eben nichts für brave Jünglinge aus gutemHause. Du hättest vielleicht lieber in deiner schönenHabitatswohnung auf der Plattform bleiben sollen – beideinen Eltern!«, stänkerte der Veteran.Plötzlich erhob sich Kleitos von seinem Schlafplatz undstellte sich direkt hinter den gereizt wirkenden Berufssolda-ten.»Er hat sich nicht bei der Legion gemeldet und ich auchnicht. Wir wurden einfach eingezogen und man hat unsnicht gefragt!«Der bullige Krieger drehte sich zu Jarostow um und packteihn blitzartig an der Gurgel, so dass der Rekrut wie einkleiner Fisch an der Angel hing.»Man hat euch nicht gefragt? Ach, wie schade! Ich habedich auch nicht nach deiner Meinung gefragt, Bübchen!«,grunzte er.»Lass gut sein, Ronnox! Die zwei gehören zu dem Rekru-tenkindergarten, den man uns aufgehalst hat«, sagte derLegionär auf dem Bett genervt und zog sich die Deckeüber den Kopf.Schließlich ließ der Veteran, dessen Augen bösartig funkel-ten, Kleitos wieder los und lachte laut auf.»Dann gewähre ich euch noch ein wenig Welpenschutz!Ha, ha! Welpenschutz!«, bellte er durch die Kabine undsetzte sich wieder auf den metallischen Stuhl.»Euch wachsen demnächst schon noch ein paar Eier,Jungens!«, spottete der Soldat schließlich. »Noch zwei, dreiEinsätze wie in San Favellas und ihr werdet auch zu soeinem harten Burschen wie ich!«Princeps sagte nichts mehr, winkte Kleitos zu sich undverließ mit ihm den Schlafraum.»He, Kinder! Vielleicht gibt es auf diesem Eisplaneten auchein paar Anaureaner, denen wir die Kehlen durchschnei- 33
  • 31. den müssen. Dann haben wir wenigstens unseren Spaß!«,höhnte ihnen der Legionär hinterher.Die beiden Rekruten ließen den Soldaten weiter seinedummen Kommentare abgeben und schenkten ihm keineAufmerksamkeit mehr.»Sind wir denn hier nur von Verrückten umgeben?«, fragtePrinceps seinen Freund leise.»Es sind ja nicht alle so! Zenturio Sachs ist doch eigentlichganz nett, oder?«, antwortete Kleitos.»Wenn er einem nicht gerade mit dem Gladius den Kopfabschlägt, vielleicht schon …«, murrte Flavius betrübt.»Das hier sind eben Terras härteste Soldaten. Was erwar-test du denn von ihnen? Dass sie mitfühlende, sensibleZeitgenossen sind?«»Gut, dass du wenigstens hier bist, Kleitos! Mit dir kannich mich zum Glück auch über Dinge unterhalten, dienichts mit Mord und Totschlag zu tun haben. Glaube mir,ich will nicht so enden wie diese brutalen Kerle!«, meintePrinceps.Sein Kamerad stimmte ihm zu und sie gingen weiter denKorridor entlang. Dann kamen sie zu einem Aufzug, vordem sich bereits einige Personen versammelt hatten.»Manche Legionäre sind seit Jahrzehnten im Dienst undhaben schon zahlreiche Einsätze mitgemacht. Ich glaube,dass viele von ihnen einfach im Laufe der Zeit immermehr abgestumpft sind«, bemerkte Kleitos.»Es ist nun einmal so, dass der gewöhnliche aureanischeBürger mit den Angehörigen der Legion im Alltag so gutwie nichts zu tun hat. Vielen ist kaum bewusst, dass es sieüberhaupt gibt, denn Terra ist seit langer Zeit ein friedli-cher Ort. Wenn es Krieg gibt, dann sieht der durchschnitt-liche Aureaner ihn höchstens auf seinem holographischen34
  • 32. Bildschirm und das Töten findet Lichtjahre von seinemsicheren Wohnzimmer entfernt statt.Was ich damit sagen will ist, dass diese Berufssoldaten unddie Masse der Aureaner in zwei vollkommen verschiede-nen Welten leben. Die einen leben nur für den Kampf,während die anderen sich derartige Dinge überhaupt nichtmehr vorstellen können – und wohl auch nicht wollen. Mirerging es ja nicht anders, wenn ich ehrlich bin«, erklärteFlavius.Sein Freund schnaufte betrübt und musste zugeben, dassPrinceps nicht Unrecht hatte. Schließlich öffnete sich dieAufzugtür und ein Schwarm Männer und Frauen strömtehinein. Flavius und Kleitos blieben jedoch stehen, folgtenihnen nicht und unterhielten sich weiter.»Das ist durchaus richtig, was du sagst. Viele Aureanerergötzen sich doch an dem, was in San Favellas geschehenist. Sie lieben es, wenn ihnen die Simulations-Transmitterzeigen, wie stark das Goldene Reich ist. Dann sprechen siedavon, dass »wir« diesen Krieg gewonnen haben.Dabei war es nicht einmal ein Krieg. Es war eher wie beieinem Leitwolf, der einen schwächeren Wolf in seinemRudel totgebissen hat, damit die anderen Tiere wissen, dasser der Stärkste ist«, sagte Kleitos.Flavius überlegte und sagte für einen Augenblick nichts.Dann meinte er: »Diese ganze Sache ist irgendwie seltsamgewesen. Da schickt Terra 100.000 Legionäre und seinezehn besten Kriegsschiffe nach Thracan, um einen angeb-lich riesigen, systemweiten Aufstand niederzuschlagen, undam Ende ist da überhaupt nichts. Gar nichts!«»Das war wirklich merkwürdig«, gab Jarostow zu.»Ich glaube manchmal, dass sie uns alle belogen haben!Vielleicht war alles eine große Lüge, die Simulations- 35
  • 33. Transmitter haben uns belogen, die Senatoren habengelogen und vielleicht sogar der Imperator selbst.Was, wenn es gar nicht um irgendeinen Aufstand ging?Wenn dieser ganze Militäreinsatz nur auf einer großenLüge basierte? Aber was verbirgt sie dann?«, sinniertePrinceps leise, während ihn Kleitos ungläubig anstarrte.»Glaubst du das wirklich, Flavius?«, fragte er.»Denk einfach mal genau über das alles nach! Da war eineMenge faul an dieser ganzen Hysterie um den angeblichenAufstand auf Thracan. Ich bin mir inzwischen absolutsicher. Sie haben uns alle belogen!«Clautus Triton blickte aus dem Fenster der kleinen Woh-nung des Habitatskomplexes. Vor zwei Wochen war ernach Seeland, der kleinen Inselkette südöstlich von Vasta,geflohen und hatte sich einen sicheren Unterschlupfgesucht. Jetzt befand er sich in Welltara, der größten Stadtauf diesen unscheinbaren Inseln mitten im Ozean. ImVergleich zu Asaheim war Welltara allerdings nicht vielmehr als ein Dörfchen. Alles war hier überschaubar undirgendwie unbedeutend. Seeland war am anderen EndeTerras und der alte Mann hoffte, dass er hier die letztenJahre seines Lebens ungestört verbringen konnte.Der ehemalige Berater des Imperators, den der frühe Todseines Herrn innerlich zerbrochen hatte, stellte sich inzwi-schen jedoch die Frage, ob es wirklich eine gute Idee gewe-sen war, ausgerechnet nach Seeland zu fliehen. Einerseitswaren diese Inseln ein unauffälliger Ort und er hoffte, dassman ihn hier nicht finden würde, doch andererseits stelltedieses meerumspülte Eiland zugleich auch so etwas wie eineGefängnisinsel dar. So empfand es Clautus jedenfalls.Seeland gehörte offiziell nicht zum Goldenen Reich,jedenfalls nicht zu seinem von titanischen Grenzwällen36
  • 34. umgebenen Kerngebiet. Hier lebten zum größten TeilAnaureaner und nur eine geringe Anzahl von Angehörigenseiner eigenen Kaste hatte sich auf den Inseln niedergelas-sen. Meistens waren die hier ansässigen Aureaner Ge-schäftsleute oder Besitzer von Planktonfarmen.Der greise Würdenträger aus Asaheim, der bereits demvorletzten Archon für Jahrzehnte gedient hatte, verließseinen schmutzigen Habitatsblock, in dem er sich verkro-chen hatte, nur sehr selten.Immer noch gab der hochgewachsene, hagere Mann einaristokratisches Bild ab. Von seinem Erscheinungsbild herwar er viel zu auffällig in dem Gewimmel von Anaurea-nern, das die Straßen von Welltara bestimmte. DieseTatsache war Clautus bewusst und er achtete darauf,möglichst in den trostlosen vier Wänden seiner kleinenWohnung zu verweilen.»Hier wird man mich irgendwann finden, nachdem icheinsam und allein gestorben bin. Die letzten Jahre einesLebens, das ich stets verantwortlich gelebt habe, werde ichin diesem dunklen Loch verbringen. Wie ein Hase inseinem Bau, der sich vor den Jägern versteckt. Aber vorhermuss ich noch etwas erledigen …«, murmelte Triton leisevor sich hin und betrachtete den blauen Himmel jenseitsdes Fensters.»Ja, ich muss noch etwas erledigen. Die Wahrheit darfnicht in Vergessenheit geraten. Nein, das darf sie niemals.Ich muss ihm eine Nachricht schicken, er muss wissen,was sie hier auf Terra getan haben …«, wisperte der alteMann.Nach einer Weile ging er in einen Nebenraum und durch-wühlte einige Schubladen in einem schäbigen Metall-schrank. Schließlich kramte Triton mehrere Datenkristalle 37
  • 35. aus einem Gewirr von Informationsträgern hervor undöffnete die kleinen holographischen Bildschirme.»Wo ist es? Es muss hier irgendwo sein!«, sagte er leise zusich selbst.Nach einer halben Stunde hatte Clautus gefunden, was ersuchte. Mit einem kurzen Lächeln, das sein von Trauerund Sorgen gezeichnetes Gesicht für die Zeit eines Wim-pernschlages erhellte, öffnete er das Gehäuse eines Kom-munikationsboten und ein weiterer Bildschirm tat sich auf.Der greise Berater schnaufte aufgeregt und seine dürren,langen Finger huschten durch die Luft, um eine Botschaftzu verfassen.»Es muss ans Licht kommen!«, flüsterte der Mann wiederund wieder, während er angestrengt die auf dem ho-lographischen Bildschirm leuchtenden Buchstaben be-trachtete.»Wenn sie mich finden, wird sich die Wahrheit bereits aufihrem Weg durch das All befinden. Sie werden sie nichtmehr einfangen können, auch wenn sie mich ermorden.Ich muss es ihm sagen!«Als der ehemalige Berater des toten Archons mit seinerArbeit fertig war, sank er erschöpft in sich zusammen undwischte sich einige Schweißperlen von der Stirn. Dannlächelte er erleichtert, als hätte er seine Seele von einerquälenden Last befreit.»Sie sollen alles erfahren! Diesen ganzen unglaublichenVerrat, dieses unglaubliche Verbrechen. Ich bete dafür,dass die Schuldigen eines Tages dafür bezahlen mögen …«Clautus Triton aktivierte den Sendemodus seines Kommu-nikationsboten und der schwebende Bildschirm leuchteteauf. Er wiederholte dies mehrere Dutzend Male, dennoffenbar quälte ihn die Sorge, dass seine wichtige Bot-38
  • 36. schaft vielleicht doch nicht an ihrem Ziel ankommenkönnte.»Ich lasse die Wahrheit fliegen!«, sprach er leise und seinealten Augen füllten sich mit Tränen.Keuchend vor innerer Anspannung und Aufregung hieltsich der Greis den Kopf und verkroch sich schließlich wieein krankes Tier in einer dunklen Ecke des kleinen Rau-mes. Clautus ließ den Kommunikationsboten zu Bodenfallen. Mit einem leisen Klackern rollte das Gerät über dieFliesen vor seinen Füßen und blieb an der gegenüberlie-genden Wand liegen.»Mögen sie alles erfahren!«, stieß er aus und begann hem-mungslos zu weinen. 39
  • 37. Ratlosigkeit und IntrigenDie schöne Eugenia hatte Flavius trotz seines nicht sehrschicklichen Verhaltens, damals in der Bar in Remay, nachlangem Hin und Her doch noch eine Audienz gewährt – soempfand es der junge Mann jedenfalls. Beide hatten sichheute im obersten Deck der Polemos getroffen, um einwenig zu plaudern.Princeps hatte sich riesig gefreut, dass die gutaussehendeKrankenschwester seine zahlreichen Entschuldigungenschließlich angenommen und ihm erlaubt hatte, etwas Zeitmir ihr zu verbringen. Nun saßen die zwei in einem ge-räumigen Bistro, wo sich zu diesem Zeitpunkt kaumandere Gäste aufhielten. Zumeist waren die übrigenBesucher hier Angehörige des Schiffspersonals, wasbedeutete, dass sie sich in der Regel leiser als die Legionäreunterhielten und auch ansonsten durch ein im Allgemeinenbesseres Benehmen auffielen.Interessiert musterte Flavius die junge Dame, welche sichihm gegenüber an einen kleinen, runden Tisch gesetzthatte. Er betrachtete ihr dunkelbraunes, fast ins Schwarzeübergehendes Haar, das glatt und lang war. Der Kontrastvon Eugenias dunklen Haaren zu ihrer äußerst hellen, fastschneeweißen Haut, war dem jungen Aureaner bereitsaufgefallen, als er sie das erste Mal gesehen hatte. DieseFrau war wirklich eine Augenweide, eine Wahrheit, die ihrhoher, schlanker Wuchs und das schmale, von wachenblauen Augen geschmückte Gesicht, nur noch deutlicherunterstrichen.»Kannst du inzwischen einigermaßen schlafen?«, fragteEugenia und es schien, als ob es ihr durchaus aufgefallen40
  • 38. war, dass Flavius sie in den letzten Minuten ununterbro-chen angestarrt hatte. Der Rekrut räusperte sich.»Naja, es geht so. Ich wache noch immer ab und zu mittenin der Nacht auf, falls man hier draußen im All von»Nacht« sprechen kann, aber insgesamt geht es besser.Und wenn es ganz schlimm ist, dann nehme ich ein paardieser Pillen von Dr. Phyrrus«, erklärte Princeps.»Die sind sehr gut«, meinte die Krankenschwester undlächelte.Für einen Augenblick schauten beide in eine jeweils andereRichtung und schwiegen. Flavius ließ sich von einemKellner etwas zu trinken bringen und kratzte sich danngrübelnd am Kopf.»Es ist doch völlig normal, dass dich diese schrecklichenDinge auf Thracan noch beschäftigen. Ich wüsste über-haupt nicht, wie ich derart furchtbare Bilder wieder ausmeinem Kopf verbannen sollte«, sagte Eugenia jetzt.»Vor allem diese Kreuzigungen. Das war das pure Grauen.Ich verstehe noch immer nicht, warum sie das von unsverlangt haben. So viele Anaureaner so bestialisch zu töten.Lass uns über etwas anderes reden, das verdirbt mirwirklich nur den Abend«, erwiderte Flavius.»Es ist doch nicht deine Schuld …«, versuchte die jungeFrau den Legionär zu beruhigen.»Alle haben wir niedergemetzelt. Jeden, der uns vor denBlaster kam. Wir waren die gepanzerten Boten der Ver-nichtung!«, flüsterte Princeps abwesend vor sich hin undstierte auf den Boden seines Glases hinab.»Was hättest du denn tun sollen? Du musstest gehorchen«,lenkte Eugenia mit sanfter Stimme ein und ergriff seineHand.»Lassen wir dieses Thema ruhen. Wenigstens für heuteAbend. Es wird mich ohnehin den Rest meines Lebens 41
  • 39. nicht mehr loslassen«, unterbrach sie der junge Aureanermit zitternder Stimme.Nun war die Atmosphäre wirklich getrübt und genau dashatte Flavius eigentlich vermeiden wollen. Seine Fingerglitten in seine Hosentasche, wo sich der Neurostimulatorbefand. Am liebsten hätte sich der Soldat jetzt die höchst-mögliche Stufe an Glücksgefühlen durch das Hirn gejagt,aber er riss sich zusammen.»Wie geht es eigentlich Kleitos?«, wollte Eugenia jetztwissen und bemühte sich, ein anderes Thema zu finden.»Gut! Mehr oder weniger! Er spricht nicht so viel über das,was ihn bewegt«, gab Princeps leise zurück und erschiennoch immer etwas weggetreten.»Denkst du eigentlich noch oft an Vanatium?«, fragte dieKrankenschwester.»Ja, natürlich! Jeden Tag! Ich wünschte, wir wären wiederauf dem Weg nach Terra, aber das Oberkommando derverfluchten Legion hat sich ja bereits eine neue Mission füruns ausgedacht …«»Das wird schon nicht so schlimm wie der Thracan-Einsatz, Flavius! Mach dir mal keine Sorgen, es ist dochlediglich ein kleiner, unwichtiger Planet. Allerdings habeich auch keine Lust auf diesen Flug«, bemerkte Eugenia.»Ein unwichtiger Planet! In der Tat, das ist wohl so. Undwarum sollen ausgerechnet wir dorthin fliegen?«, brummtePrinceps.»Es ist eben so. Nach dieser Mission wird alles vorbei seinund wir werden Terra endlich wiedersehen. Wenn wir wiederzu Hause sind, dann besuchst du mich mal in Midheim undwir gehen zusammen aus. Vorausgesetzt Sie benehmen sichanständig, Herr Legionär!«, scherzte Eugenia.Ihr Gegenüber strengte sich an, seine gute Laune wieder zufinden, doch so richtig wollte es ihm nicht gelingen. Flavi-42
  • 40. us blickte nach wie vor betrübt durch das kleine Restaurantund stieß einen Seufzer aus.»Es wird noch endlose Monate dauern, bis wir Terrawieder erreichen. Bis dahin dürfen wir uns auf Kälteschlaf-kammern und diesen elenden Eisplaneten freuen. Machenwir uns doch nichts vor, das große Los haben wir beidehier nicht gezogen …«, meinte der Rekrut traurig.Drei Monate waren inzwischen seit dem Abflug vonThracan vergangen und die terranische Kriegsflotte, wieauch die Polemos, hatten das Proxima Centauri Systemweit hinter sich gelassen. Es verging kein Tag, an dem sichAswin Leukos nicht den Kopf darüber zerbrach, wie es zuder Fehlentscheidung, die diesem Militäreinsatz vorausge-gangen war, hatte kommen können.Mehr und mehr überfiel ihn ein Gefühl von Unsicherheitund Misstrauen. Hatte man ihn vielleicht bewusst ge-täuscht? Wollte man ihn unter Umständen sogar loswer-den? Aber warum?Dass ihn viele der reichen Senatoren auf Terra aufgrundseiner altaureanischen Gesinnung hassten, war ihm be-kannt, aber trotzdem ergab das alles keinerlei Sinn.Zudem hatte ihn Imperator Credos Platon ja persönlichnach Thracan geschickt, um diese Rebellion, die in Wirk-lichkeit gar keine war, niederzuwerfen. Weiterhin hatte derArchon selbst die gnadenlose Vernichtung der SlumstadtSan Favellas angeordnet. Dieser Befehl lag ihm nochimmer im Magen. Warum hatte gerade Platon, dieser dochoffenbar so engagierte und vernünftige Imperator, einenderartigen Irrsinn angeordnet?Wie hatte Leukos den jungen Kaiser bewundert. Wiebeeindruckt war er gewesen, als der jugendliche Archonseine Landreform und die Wiederbelebung der alten 43
  • 41. Tugenden in Angriff genommen hatte. Platon hatte sichdie reichsten und mächtigsten Senatoren des GoldenenReiches mit seinen Reformen zu Feinden gemacht – unddennoch war er ihnen mutig entgegengetreten, um dasImperium und die aureanische Kaste vor Verfall undKorruption zu bewahren.Und dann war es zu diesem Attentat auf den ehemaligenStatthalter von Thracan gekommen, das angeblich einigeTerroristen aus San Favellas zu verantworten hatten.Letztendlich hatte man ihn, als Oberstrategos, mit einerganzen Armada ins Proxima Centauri System geschickt,um Terras Ehre wiederherzustellen.Grübelnd starrte Leukos über die Kommandobrücke derUltimus, des ersten Schiffs der Sternenflotte, als ihnplötzlich ein Angehöriger des Schiffspersonals ansprach.Der Feldherr drehte sich um.»Wir haben nun fast drei Viertel der Lichtgeschwindigkeiterreicht, Herr! Das soll ich Euch ausrichten!«, sagte derMann.Ein kurzes Nicken war alles, was der Flottenbedienstete alsAntwort erhielt. Dann bat ihn Leukos wieder zu gehen,damit er in Ruhe nachdenken konnte. Schließlich setztesich der General vor einige Konsolen und ließ seinen Blicküber eine Reihe leuchtender Knöpfe und Monitore schwei-fen. Doch man merkte ihm an, dass er mit seinen Gedan-ken an einem ganz anderen Ort war.»Es ist alles vollkommen verwirrend …«, murmelte Leukosund begann damit, sämtliche Nachrichten, die seit demBeginn seiner Reise von Terra aus eingetroffen waren, zustudieren. Das hatte er in den letzten Wochen täglich getanund es war fast zu einer Art Sucht geworden. Auf demkleinen Bildschirm vor seinen Augen betrachtete er dieAnweisungen des Archons, die Bilder vom Aufstand im44
  • 42. Proxima Centauri System, die bedrohlich klingendenBerichte von Rebellionen, Massakern und Terroristen, undschließlich auch den kalt formulierten Befehl des Impera-tors, die angebliche Terroristenhochburg San Favellas alsWarnung an die Aufständischen zu vernichten.Man hatte ihn und seine Truppen zum Narren gehalten.Daran änderte auch die Tatsache nichts, dass die Simulati-ons-Transmitter im ganzen Goldenen Reich von großenSiegen über die Rebellen berichten würden, wenn dieBilder und Berichte der Piktographierer irgendwann Terraund die Koloniewelten erreichten.Im Vorfeld dieser sinnlosen Mission hatten MilliardenAureaner die schrecklichen Szenen gesehen, die ihnen vonden Medien gezeigt worden waren und die das ganzeImperium erzürnt hatten: Anaureaner und thracanischeUnabhängigkeitskämpfer, die wie wilde Tiere über seineKastenbrüder hergefallen waren. Brennende Habitatskom-plexe, zerstörte Städte und tobende Massen.»Nichts davon war da!«, brummte Leukos leise und sprangvon seinem Sitz auf.»Habt Ihr etwas gesagt, Herr?«, erkundigte sich ein Mannneben ihm und schaute ihn unterwürfig an.»Nein! Schon gut! Ich habe nur laut gedacht!«, erklärte derGeneral und lief gedankenverloren über die Kommando-brücke.»Ich werde Credos Platon sagen müssen, wie enttäuschtich von ihm bin. Aber vielleicht hat er es auch selbst nichtbesser gewusst«, flüsterte Leukos, während ihn einigeFlottenoffiziere verwundert ansahen.»Bedrückt Euch etwas, Herr?«, fragte einer der Männernach.»Nein! Es ist nur …! Ich weiß nicht, was ich von diesemganzen Einsatz auf Thracan halten soll. Es kommt mir vor, 45
  • 43. als hätte man uns alle für nichts durch das All fliegenlassen«, murrte der Feldherr.Der Flottenoffizier lächelte gequält. »Bitte vergebt mir,wenn ich das jetzt sage, Oberstrategos, aber so ergeht eswohl jedem hier auf der Ultimus!«»Seien Sie ruhig ehrlich! Auch Sie haben das Recht, sichüber eine derart seltsame Angelegenheit zu wundern«,meinte Leukos.»Aber warum haben sie uns alle nach Thracan geschickt,wenn da gar kein Aufstand gewesen ist?«, wunderte sichder Offizier.»Über diese Frage zerbreche ich mir auch seit Wochen denKopf, aber ich finde keine Antwort!«, erwiderte der General.Die riesigen Marmorsäulen, welche die pompöse Ein-gangshalle des Archontenpalastes von Asaheim trugen undsich bis zur Kuppel des gewaltigen Prunkgewölbes er-streckten, strahlten im Mondlicht, das durch die Fenster inder Decke schien. Prunkvolle Mosaike, prächtige Gemäldeund überdimensionale Wandteppiche umgaben die zahlrei-chen Besucher des Festes, zu dem der neue Kaiser, JuanSobos, eingeladen hatte.Einige der alten Gemälde waren jedoch bereits auf Anwei-sung des frisch gekrönten Archons überstrichen worden,weil sie zu sehr an die altaureanische Lehre erinnerten.Diese wollte Sobos aus den Gedächtnissen seiner Unterta-nen auslöschen und daher hatte er auch den Befehl gege-ben, weitere Porträts und Darstellungen in den nächstenMonaten durch neue Bildnisse zu ersetzen.Diener und Würdenträger, gehüllt in Samt und Seide,huschten durch die Masse der fröhlich plaudernden Gäste,während im Minutentakt neue Besucher hinzukamen, umsich der feiernden Gesellschaft anzuschließen.46
  • 44. »In vier Tagen wird unser neuer Archon die traditionelleReise zum Mars antreten, um sich dem aureanischen Volkzu zeigen!«, erklärte eine in die Jahre gekommene Dameaus der Nobilitas, die in einen fein gearbeiteten Mantel ausseltenen Tierfellen trug.Juan Sobos, der nur wenige Meter von ihr entfernt standund sich gerade mit einigen seiner politischen Mitstreiterunterhalten hatte, kam mit einem breiten Grinsen zu ihrherüber.»Madame Alana aus Tromum! Ihr habt wieder alles genauim Blick, nicht wahr?«, scherzte der Kaiser.»Ich freue mich so für Euch, mein lieber Archon!«, sagtedie Frau.»Aber eines habt Ihr vergessen, Gnädigste!«, fügte Soboshinzu.Die Dame ließ ihren langgezogenen Kopf theatralisch nachhinten schnellen und spielte verwundert.»Aha? Dann klärt mich auf, werter Archon!«, erwiderte sielachend.»Nun, ich stelle mich nicht nur dem aureanischen Volkvor, sondern auch dem anaureanischen Volk. Sie wissendoch, dass es für mich dieses veraltete Kastendenken nichtgibt!«, sprach der Imperator und ließ seiner Aussage einAugenzwinkern folgen.Madame Alana klatschte in die Hände und hob ihrenknochigen Zeigefinger.»Wie konnte ich das vergessen! Ihr habt Euch ja so vielvorgenommen! So viele Reformen meine ich …«Der Archon nickte und nahm einen kräftigen SchluckWein aus seinem mit funkelnden Rubinen verziertenGoldbecher. Dann antwortete er in einer Lautstärke, dieauch alle anderen um ihn herum stehenden Gäste verneh-men konnten: »Ja, so ist es! Bei mir stehen die wirklichen 47
  • 45. Reformen an erster Stelle. Nicht der Ruin der Nobilitas,wie ihn dieser Platon vorantrieb. Nein, echte Reformen!Das bedeutet für uns alle mehr Freiheit im Geschäftslebenund noch mehr Wohlstand für alle Menschen auf Terraund in den Kolonien!«Jetzt schaltete sich ein ergrauter Senator, der eine umJahrzehnte jüngere Blondine im Arm hatte, in das Ge-spräch ein.»Es ist unser aller Glück, dass dieser Credos Platon so jungdahingeschieden ist!«, höhnte er.Sobos faltete seine speckigen Hände und erinnerte aneinen Priester aus der Vorgeschichte Terras. Mit betroffe-ner Miene legte er seinen Kopf zur Seite und presste dieLippen aufeinander.»Aber, aber! Senator Magee! Ich muss doch sehr bitten! Ichhatte im Grunde nichts gegen den jungen Burschen,obwohl wir nicht immer einer Meinung waren. Er hat essicherlich nur gut gemeint, doch dieser ganze Stress dergroßen Politik hat ihn zu Grunde gerichtet. Das hat seinHerz nicht mitgemacht, wie uns die Medici ja zu berichtenwussten. Ich fand seinen frühen Tod aber trotz allem sehrtragisch und es ist mir ein wichtiges Anliegen, seinen Platzjetzt gewissenhaft auszufüllen!«Einige Optimaten, die sich inzwischen um den Archonherum versammelt hatten, schauten Sobos mit wissendenBlicken an. Manche konnten sich ein hämisches Schmun-zeln nicht verkneifen.»Mein Mann ist ja der Politiker in unserem Hause. Ichhabe von diesen Dingen keine Ahnung und sie interessie-ren mich auch nicht«, meinte Madame Alana aus Tromumund rief einen Diener zu sich, um sich noch ein Erfri-schungsgetränk bringen zu lassen.48
  • 46. »Sie dürfen unbesorgt sein, werte Dame! Unter meinerFührung wird das Goldene Reich ein Ort sein, an dem füruns alle Milch und Honig fließen wird«, erklärte der Ar-chon gönnerhaft.Schließlich begann die Dame aus Tromum noch ein wenigüber diverse Banalitäten zu plaudern. Sie erzählte von ihrerletzten genetischen Überholung und ließ sich von JuanSobos versichern, dass auch wirklich keinerlei Falten mehrin ihrem Gesicht zu sehen waren.Irgendwann verabschiedete sich der Kaiser höflich, aberbestimmt, von der schwatzhaften Adeligen und wandtesich den anderen Gästen zu.Heute Abend hatte sich die gesamte Optimatenfraktiondes Senates von Asaheim im Archontenpalast versammeltund Juan Sobos wusste, dass noch einige wichtige Gesprä-che mit seinen engsten Vertrauten aus der nobilen Seil-schaft anstanden.Einige wenige altaureanisch gesinnte Senatoren, die eben-falls zu dem prunkvollen Fest erschienen waren, versuch-ten sich irgendwie mit den neuen Verhältnissen zu arran-gieren. Niemand von ihnen wagte es noch, den neuenImperator zu kritisieren oder gar herauszufordern. Soboshatte dem einen oder anderen auch äußerst lukrativeGeschäftsbeteiligungen vorgeschlagen, was bei den meis-ten ausreichte, um sie auf Spur zu bringen.Die Optimaten waren aus dem Konflikt mit dem verstor-benen Archon Credos Platon jedenfalls eindeutig als Siegerhervorgegangen, auch wenn sie sich dafür unehrenhafterMethoden hatten bedienen müssen.Aber derartige Dinge waren laut Sobos nun einmal legitimeMittel auf dem glänzenden Parkett der großen terranischenPolitik. Credos Platon hatte diese Tatsache nicht akzeptie-ren wollen und seine Gutmütigkeit und Ehrlichkeit hatten 49
  • 47. ihm schließlich nicht mehr eingebracht als einen kühlen,dunklen Platz in der Archontengruft am Stadtrand vonAsaheim.Traurig wischte Flavius den holographischen Bildschirmseines Kommunikationsboten mit einer flüchtigen Hand-bewegung hinweg und der schwebende Monitor ver-schwand wieder. Soeben hatte er eine Nachricht seinerEltern bekommen, worin diese ihm viel Glück bei demMilitäreinsatz auf Thracan gewünscht hatten.Es ginge ihnen und auch seinen Geschwistern gut und siewürden ihn sehr vermissen, waren ihre Worte, wasPrinceps einerseits erfreute, aber andererseits nur nochmelancholischer werden ließ. Die Botschaft war bereitsmehrere Jahre alt und offenbar kurz nach seinem Abflugvon Terra abgeschickt worden.»Wir sind unglaublich stolz, dass unser Sohn seinen Dienstbei der Legion verrichtet und die Interessen des GoldenenReiches im Proxima Centauri System verteidigt«, hattenseine Eltern versichert, wobei diese Zeilen die Handschriftvon Flavius Vater Norec trugen. Jener redete dem Rest derFamilie wohl nach wie vor ein, dass die terranischenSoldaten auf Thracan einer gerechten Sache dienten.Flavius wusste jedoch, dass die Wirklichkeit ganz andersaussah. Der angeblich so »gerechte Krieg«, den die Simula-tions-Transmitter auf Terra ihren Milliarden Zuschauerngepredigt hatten, war nichts als eine Seifenblase aus Pathosund Propaganda gewesen. Das alles änderte aber nichtsdaran, dass Princeps in dieser Mühle aus militärischenBefehlen und Kriegseuphorie gefangen war und sichmittlerweile schon auf der nächsten ungewollten Missionbefand.50
  • 48. So viele soldatische Ehren hatte der junge Mann ausVanatium-Crax, jenem sauberen, guten Wohnviertel derteulanischen Megastadt, gar nicht erwerben wollen. Waswürde sein Vater jetzt sagen, wenn er wüsste, dass er aufdem Weg zu einer den meisten Aureanern unbekanntenEiswelt war?»Und? Was schreiben sie denn?«, wollte Kleitos wissen undsetzte sich neben Flavius.»Es geht ihnen gut und sie sind ganz stolz auf mich«,brummte Princeps.»Dann sei doch froh!«, gab Jarostow zurück.»Ja, bin ich auch. Das ist auch alles, was ihnen bleibt,Kleitos …«»Meine Eltern haben sich seit einer Ewigkeit nicht mehrgemeldet. Ich würde gerne wissen, was es auf Terra so anNeuigkeiten gibt«, erwiderte der Rekrut aus Wittborg.»Was soll es schon an Neuigkeiten geben? Alles wirdseinen gewohnten Gang gehen. Die jungen Aureaner inVanatium feiern und freuen sich ihres Lebens, währendwir in dieser Blechbüchse rumhängen«, knurrte Flavius.Kleitos wirkte verärgert, als er seinen Freund das sagenhörte und antwortete: »Nicht alle Aureaner leben in soeinem Luxus wie ihr in Vanatium-Crax. Das ist schon einesehr gute Gegend. In großen Teilen von Wittborg ist esjedoch schon lange nicht mehr so rosig. Die meistenjungen Leute dort haben keine Arbeit und finden auchnirgendwo welche.«»Dann lebt ihr eben auf Kosten der Staatskasse. Na und?Es geht euch doch trotzdem nicht schlecht, oder?«, sagtePrinceps mit einem gewissen Unverständnis.»Ein Leben ohne echte Aufgaben ist doch totaler Mist.Das kennt ihr Typen aus reichem Elternhaus allerdingsnicht«, murrte Kleitos. 51
  • 49. »Hör auf zu maulen! Ich kann dieses Gejammer nichtmehr hören. Kein Aureaner im Goldenen Reich musshungern, egal ob er eine Arbeit hat oder nicht«, meinteFlavius.»Es ist trotzdem kein besonderes interessantes Leben, dasdie meisten von uns führen. Den ganzen Tag vor demSimulations-Transmitter hängen oder virtuelle Spielespielen ist auf Dauer ganz schön eintönig«, erklärte Ja-rostow.Sein Kamerad schüttelte den Kopf. »Aber es ist wohlbesser, als im Namen der verdammten Legion durch dasAll zu fliegen, um dämliche Eisplaneten zu untersuchen,oder?«»Das eine hat mit dem anderen überhaupt nichts zu tun!«,schimpfte Kleitos und wurde langsam ärgerlich.»Kann ich vielleicht etwas dafür, dass deine Eltern wenigerVEs verdienen als meine, und du aus einer niedrigerenSubkaste kommst?«, schnauzte Flavius zurück.»Ich wollte damit nur sagen, dass nicht alle Aureaner sosorgenfrei leben können wie ihr!«»Was fehlt euch denn? Ihr klagt nur gerne auf verdammthohem Niveau, Kleitos.«»Ich bin übrigens nur zwei Subkasten unter dir, Princeps!«,wetterte der Rekrut aus Wittborg.»Ja, schön für dich!«»Du benimmst dich manchmal wie ein richtiger Großkotz,Alter. Halte dich ja nicht für was Besseres …«»Habe ich doch auch nicht gesagt, Jarostow!«»Nicht? Was soll dein Geschwätz von einer niederen Kastedenn sonst bedeuten?«»Mir geht halt dein Gejammer über deine angeblich soschlimmen Lebensumstände auf die Nerven«, fauchteFlavius.52
  • 50. Sein Freund starrte ihn zornig an. »Gejammer? Wer jam-mert denn den halben Tag? Hä?«»Wenn du ein Problem damit hast, dann kannst du jagehen, Kleitos!«»Du hast gleich ein Problem! Dann bekommst du nämlichmeine Faust auf deine wohlgeformte Subkastennase!«,grollte Jarostow erbost.Flavius sprang auf und stellte sich drohend vor seinenKameraden. Schließlich schubste er Kleitos von sich wegund rannte fluchend aus der Stube heraus. Für einige Tagesprachen die beiden kein Wort mehr miteinander.Juan Sobos hatte inzwischen nicht nur die traditionelleReise zum Mars, wo man ihm in der Hauptstadt des RotenPlaneten die kaiserlichen Ehren erwiesen hatte, hinter sichgebracht, sondern war auch seinem Ziel, die alte Ordnungdes Goldenen Reiches langsam aufzulösen, wieder einenSchritt näher gekommen.Der überwiegende Teil der altaureanisch gesinnten Senato-ren war inzwischen politisch und wirtschaftlich entmachtetoder gar in die Optimatenfraktion eingebunden worden.Zwei Dutzend seiner besonders hartnäckigen Gegner imSenat waren durch geschickte Intrigen in Gerichtsprozessewegen Hochverrats verwickelt und auf die GefängnisinselMadscar an der Ostküste Aricas verbannt worden.Hier sollten sie in den nächsten Jahren sterben, nachdemman sie für eine Weile dem Blickfeld der aureanischenÖffentlichkeit entzogen hatte. Es war alles bereits arran-giert. Schritt für Schritt sollten die letzten Gegner auf TerraSobos subtilen Mitteln der Manipulation zum Opfer fallen.Das hatte sich der neue Archon fest vorgenommen.Sämtliche Simulations-Transmitter-Netzwerke auf derErde waren mittlerweile von Mitgliedern der Optimaten- 53
  • 51. fraktion aufgekauft worden, was absolut notwendig war,wenn man die Massen kontrollieren wollte. Bald gedachtesich Sobos an die Auflösung der uralten KastenordnungTerras zu machen und plante die Landreformen seinesVorgängers wieder außer Kraft zu setzen. Auch begann erdamit, zahlreiche Statthalter auf den wichtigsten Kolonie-planeten des Goldenen Reiches gegen ihm genehmeMänner auszutauschen. Hatte sein Vorgänger den korrup-ten Nobilen Nero Poros, den ehemaligen Statthalter vonThracan, gegen den altaureanisch gesinnten Magnus Shivasersetzt, so beschloss Sobos, auch dies wieder rückgängig zumachen. Magnus Shivas sollte bald seines Amtes enthobenund wieder durch Nero Poros, zu dem der neue Archonein inniges Verhältnis hatte, ausgetauscht werden.So verließen jeden Tag Dutzende von neuen Erlassen dieErde, um die Befehle des frisch gekrönten Imperators zuden Kolonieplaneten zu bringen. Es konnte viele Jahredauern, bis endlich sämtliche Vasallenplaneten Terrasüberhaupt Kunde von dem Machtwechsel erhielten. Einigewussten bisher nicht einmal, dass Credos Platon über dasGoldene Reich geherrscht hatte. Und wenn sie es erfahrensollten, würde nur wenige Jahre später die Nachricht voneinem erneuten Machtwechsel eintreffen.Juan Sobos plante allerdings, viele Jahrzehnte zu herrschenund in der Geschichte der Erde einen bleibenden Eindruckzu hinterlassen, im Gegensatz zu seinem Vorgänger,welcher sich als Schwächling und Narr erwiesen hatte.Heute hatte sich der Archon zusammen mit einigen Die-nern auf eine der oberen Terrassen des Kaiserpalasteszurückgezogen, um ein wenig zu entspannen. Der unter-setzte Mann lag auf einer mit Samt bezogenen, breitenLiege in einem Meer von weichen Kissen. Neben ihmstanden zwei anaureanische Eunuchen, die ihm abwech-54
  • 52. selnd Wein nachgossen oder ihn mit frischen Traubenfütterten.Sobos schloss seine Augen und genoss die warmen Son-nenstrahlen, die vom strahlend blauen Himmel hinab aufsein Gesicht fielen.Plötzlich näherte sich eine hochgewachsene, muskulöseGestalt in der strahlend weißen Rüstung eines terranischenHeerführers. Der Archon blinzelte, als die Person vorseiner Liege zum Stehen kam, sich tief verbeugte undseinen Bauch mit einem langen Schatten bedeckte.»Mein Imperator!«, sagte der Mann demütig und wagtekaum aufzusehen.»Antisthenes! Mein treuer Oberstrategos!«, erwiderte Sobosund richtete sich schnaufend von seinem Liegeplatz auf.»Ich wollte Bericht erstatten, Herr!«, flüsterte der hochge-wachsene Mann und blickte noch immer zu Boden.Der Kaiser musterte ihn mit einem gelassenen Lächeln undmachte eine abweisende Handbewegung.»Nicht heute, Antisthenes! Heute möchte ich meine Ruhehaben!«, sprach Sobos genervt.Der breitschultrige Mann, dessen kupferfarbene Gesichts-haut einen gehörigen Kontrast zum Weißgold seinesBrustpanzers bildete, nickte unterwürfig und schwieg.»Ich möchte heute wirklich nicht über diese Dinge spre-chen, Oberstrategos! Außer Ihr habt schlechte Nachrich-ten …«»Nein, Herr! Im Gegenteil! Der Aufbau einer Euch treuergebenen Streitmacht verläuft ohne Probleme«, versicher-te Antisthenes.»Gut! Dann dürft Ihr wieder gehen!«, murrte der Archon.Der oberste Feldherr Terras zögerte für einige Sekunden,dann wagte er es doch noch, eine Frage zu stellen. 55
  • 53. »Ich wollte mich nur erkundigen, ob irgendwelche Nach-richten von Leukos und seiner Kriegsflotte eingegangensind!«Ein lautes Räuspern ertönte und Juan Sobos drückte sichden Rücken durch. Schließlich antwortete er: »Nein, derEinsatz auf Thracan dürfte aber inzwischen beendet sein.Ich kann Euch sagen, Antisthenes, dass Leukos noch eineweitere, kleine Überraschung erleben wird, bevor er mitseinen Soldaten wieder nach Terra zurückfliegt«, meinteder Imperator mit listigem Blick.»Ich weiß nicht, was Ihr meint, Herr?«Sobos antwortete mit einem lauten Gelächter. Dann legteer sich wieder hin und verschlang einige Trauben.»Bevor dieser Dummkopf die Rückreise antritt, wird ereine Nachricht bekommen, die besagt, dass er 20000Legionäre als Besatzungstruppen auf Thracan zurücklassensoll. Diese Anweisung wird das elektronische Siegel meinestoten Vorgängers tragen. Das ist gerissen, nicht?«»Ja, Herr!«»Dann sind wir diese Soldaten auch erst einmal los!«»Das ist richtig, Herr!«»Macht Ihr Euch etwa Sorgen wegen Leukos, Oberstrategos?«»Nein, Herr!«»Es klingt aber so …«Antisthenes blickte erneut zu Boden und verschränkte dieHände hinter seinem Rücken.»Was wird mit Leukos und seiner Flotte geschehen? WolltIhr sie wieder zurück zur Erde kommen lassen?«, fragte erleise.Gelangweilt rieb sich Juan Sobos seinen dicken Bauch undbewunderte schweigend die Diamantringe an seiner rech-ten Hand. Antisthenes betrachtete ihn neugierig, wie einHund seinen Herrn.56
  • 54. »Kümmert Euch um den Aufbau einer mir ergebenenStreitmacht und macht Euch um Leukos keine Sorgen. Ichbefehle Euch, jetzt zu gehen! Das Gespräch ist beendet!«,sagte der Archon und schickte seinen Feldherren fort. 57
  • 55. Noch immer ahnungslos …»Es wird ihrem Darm bald wieder besser gehen, HerrRothau«, sagte Eugenia mit sanfter Stimme und lächeltedem hünenhaften Soldaten zu. Dann überreichte sie ihmeine Schachtel voller Pillen.»Ich schei … ich bin ständig auf’m Klo, Fräulein. Das wirdecht immer schlimmer. Seit Tagen nur dieser elendeDünnsch … also dieser komische Stuhlgang, Fräulein.Verstehen Sie?«, lamentierte der Legionär hilflos.»Sie werden sich bald wieder besser fühlen, Herr Rothau.Glauben Sie mir«, erklärte die Krankenschwester undschüttelte dem Mann die Hand.»Ja, danke!«, murrte der Patient, schnappte sich die Tablet-ten und ging davon.Eugenia seufzte leise und sah ihm kurz hinterher als er denPraxisraum verließ. Genervt verdrehte sie die Augen undstrich sich durch die Haare.»Da hängt man nur noch auf’m Scheißhaus rum. Bald habeich die ganze Polemos vollgeschissen. Kann man kaum inWorte fassen, was das für ‘ne Scheiße ist«, hörte man denLegionär noch vor sich hin fluchen.»Bei Malogor!«, flüsterte Eugenia und schüttelte den Kopf.Sie sortierte noch einige Dokumente und Datenträger aufdem kleinen Schreibtisch vor sich, bis sich ihr Dr. Phyrrusplötzlich von hinten näherte.»Sie dürfen sich für den Rest des Tages frei nehmen,Fräulein Gotlandt. Ich brauche Sie heute nicht mehr«,sagte der Arzt, während sich Eugenia langsam umdrehte.»Wirklich?«, fragte die junge Frau erfreut und strahlte.»Ja, nehmen Sie sich ruhig frei. Ihr Besucher wartet dochschon draußen«, erwiderte Dr. Phyrrus vielsagend.58
  • 56. Eugenia wunderte sich. »Was für ein Besucher?«»Na, der junge Blondschopf. Wie heißt er noch gleich?Princeps, glaube ich. Der war eben schon hier und hatnach Ihnen gefragt, als Sie im Labor waren«, erklärte derMedicus und grinste.»Ach?«»Bis morgen, Fräulein Gotlandt! Ich wünsche Ihnen nocheinen schönen Tag!«Die Krankenschwester verließ die Praxis und ging hinausauf den Korridor, wo noch einige Soldaten und Flottenan-gehörige auf einen Termin bei Dr. Phyrrus warteten. Ganzhinten, am Ende des hell erleuchteten Ganges, standFlavius, der sie verlegen begrüßte.»Suchen Sie eine medizinische Fachkraft, Herr Legionär?«,sagte sie lächelnd und ging auf den Rekruten zu.»Hallo, Eugenia! Äh, nein! Ich hatte mir nach Dienst-schluss nur gedacht, dass ich dich hier oben mal besuche.Ist doch hoffentlich nicht schlimm, oder?«, drucksteFlavius herum.»Nein, natürlich nicht. Ich freue mich, dass du dich malwieder sehen lässt. Wie geht es dir denn so?«, fragte sie.»Alles beim Alten …«, gab Princeps zurück.»Dr. Phyrrus hat mich heute extra früher gehen lassen, weildu hier bist. Das ist toll, oder?«»Ja! Ja, sicher!«»Und nun?«»Tja …«»Wollen wir ein wenig durch das Schiff spazieren?«»Gute Idee!«, antwortete Flavius und freute sich.Schüchtern ging der junge Soldat voraus und Eugeniafolgte ihm. Die beiden fuhren mit dem Aufzug in eines derunteren Decks, um sich dort ein wenig die Beine zu vertre-ten. Flavius überlegte sich derweil angestrengt ein Ge- 59
  • 57. sprächsthema, während ihn Eugenia aufmerksam musterte.Irgendwie fiel es ihm in ihrer Gegenwart immer etwasschwer, lässig zu bleiben, obwohl ihm das bei anderenFrauen bisher nie sonderlich Probleme bereitet hatte.»Du wirkst entspannter als auf dem Hinflug von Terranach Thracan«, meinte Eugenia und sah ihn an.»Man gewöhnt sich an fast alles«, erwiderte Flavius.»Und schlafen kannst du jetzt auch besser?«, wollte diejunge Frau wissen.»Ja, mehr oder weniger. Du hast mir ja einige Hilfsmittelgegeben. Damit geht es einigermaßen«, gab Princepszurück.Nachdem die beiden eine Weile durch die langen Flureund Hallen des unteren Decks gegangen waren, schlugEugenia schließlich vor, dass sie sich eine Filmvorführungin einem der Kinosäle ansehen sollten. Flavius gefiel dieseIdee, denn die Aussicht neben der hübschen Kranken-schwester in einem dunklen Raum zu sitzen, beflügelteseine Gedanken.»Was kommt denn heute?«, fragte der Rekrut, währendEugenia bereits anfing, eine Datenverarbeitungsscheibenach dem aktuellen Kinoprogramm zu durchforsten.Nach einem kurzen Augenblick antwortete sie: »Die zeigenheute »Die Rückkehr der Anguinoiden«. Keine Ahnung,was das für eine Holovision ist, Flavius …«»Echt? Großartig! Diese Vision ist super! Das spielt ir-gendwann in der Zukunft. Da müssen terranische Soldatengegen so fiese Schlangenwesen aus dem All kämpfen. Dageht’s gut zur Sache«, stieß der junge Mann begeistert aus.»Eine futuristische Holovision?«, stöhnte Eugenia. »Ach,so was mag ich eigentlich nicht …«»Die ist aber wirklich gut!«60
  • 58. »Vielleicht stehen ja die Legionäre auf so etwas, aber ichnicht. Ich mag keine Holovisionen über Außerirdische, dasist alles so unrealistisch …«»Aber Eugenia …«»Ich finde so etwas total albern. Schlangenaliens, so einUnsinn!«, sagte sie.»Gut, dann gehen wir stattdessen in eines der Bistros,einverstanden?«, schlug Princeps vor.Eugenia nickte und steckte die kleine Datenverarbeitungs-scheibe wieder zurück in ihre Tasche.»Manchmal frage ich mich, was euch Männer an diesenAliengeschichten so fasziniert …«, bemerkte sie kopfschüt-telnd und sah Flavius verständnislos an.Norec Princeps starrte angewidert auf den holographi-schen Bildschirm des Simulations-Transmitters, der einenTeil seines Wohnzimmers ausfüllte. Das aufgedunseneGesicht des neuen Archons leuchtete ihm entgegen undJuan Sobos verkündete: »Wie weit haben wir es gebracht,meine lieben Aureaner und Anaureaner! Wie schön undmächtig ist das Goldene Reich doch heute. Soeben habenwir einen großen Sieg über die Aufständischen im ProximaCentauri System errungen. Wir haben die Terroristen, dieTerras Herrschaft in Frage gestellt haben, in die Schrankengewiesen, um den Frieden zu wahren!Nach dieser Wiederherstellung der Gerechtigkeit geht esnun darum, ein neues Zeitalter der Freiheit und Freudemöglich zu machen. Ich möchte die verknöcherten, altenStrukturen auf Terra durch meine Reformen erfrischen.Wir müssen endlich Schluss machen mit der Aufteilungder Menschheit in verschiedene Kasten. Wir müssenendlich gemeinsam dafür sorgen, dass alle Menschenwieder wie Brüder zusammenstehen …« 61
  • 59. Flavius Vater rümpfte die Nase und verzog sein Gesicht.Hatte er Credos Platon für dessen Wertschätzung deraltaureanischen Gesittung hoch geachtet, so betrachtete erJuan Sobos lediglich als Heuchler und raffgierigen Kapita-listen.»Ich habe selten ein inhaltsloseres Geschwätz gehört!Dieser elende Fettsack von einem Archon soll zurück nachAsaheim gehen und unsere Stadt nicht mehr betreten«,brummte Norec.Seine Frau Crusulla schien hingegen durchaus fasziniertdavon zu sein, welch berauschendes Volksfest Sobos heutein der Stadt veranstaltete. Der Archon war eigens nachVanatium gekommen, um der Bevölkerung ein umfangrei-ches Programm an Unterhaltung und Spaß zu bieten.»Ach, Schatz! Wir hätten doch in die Innenstadt fliegensollen. Wer weiß, wann unser Archon noch einmal zu unskommt. Sieh doch, was da für ein Trubel ist. Die ganzeMarmorallee ist über und über mit Schaulustigen gefüllt.«Für diese Aussage erntete die Frau einen giftigen Blick vonihrem Ehemann. »Ich will diesen Kerl überhaupt nicht ausder Nähe sehen. Außerdem ist er nicht »unser Archon«,meiner ist er jedenfalls nicht. Gibt es dir nicht zu denken,dass Credos Platon, dieser aufrichtige junge Mann, so frühgestorben ist? Da stimmt doch etwas nicht. Mich würdenicht wundern, wenn dieser Großgrundbesitzer ihn hatermorden lassen!«Crusulla stutzte. »Ach, das kann ich mir nicht vorstellen.Ich fand Credos Platon auch sehr sympathisch und es istwirklich schlimm, dass er diesen schlimmen Herzfehlergehabt hat. Er war wirklich sehr nett …«Langsam kochte Norecs Gemüt über und seine Mieneverfinsterte sich.»Herzfehler?«, grollte er.62
  • 60. »Ja, da kam neulich ein ganz interessanter Bericht auf demTransmitter-Kanal für Frauen. Da hat ein Medicus erklärt,wie der arme Credos Platon wahrscheinlich gestorben ist.Ich fand das ganz tragisch und schlimm, aber so etwas gibtes halt«, sagte Crusulla.»Sag mal, hast du denn keinen Verstand? Dieser Sobos warder absolute Erzfeind des jungen Archons – und jetzt ist erselbst Kaiser. Das ist doch eigenartig, oder? Ich habegestern mit Herrn Clorus aus der 71. Etage gesprochen.Der hat mir erzählt, dass noch immer viele Aureanerglauben, dass man Platon wegen seiner Reformen umge-bracht hat!«, schimpfte der ergraute Beamte.Seine Frau versuchte es nun mit einem Themenwechsel,um ihren Mann vom Bildschirm wegzulocken.»Ach, ich finde es trotzdem schade, dass wir heute hierbleiben. Ich wäre gerne in die Stadt geflogen, um alleindieses große Fest mitzuerleben. Da gibt es auch so eintolles Feuerwerk, haben sie gestern in den Nachrichtengesagt«, erzählte Crusulla.»Dieser fette Heuchler versucht sich durch diesen ganzenKlamauk beim aureanischen Volk beliebt zu machen, sonstgar nichts!«, knurrte Norec und schaltete den Simulations-Transmitter verärgert aus.»Vielleicht hat er aber auch Recht, wenn er sagt, dass wireinfach offener und freundlicher mit den Anaureanernumgehen sollen. Das würde auch unserer Wirtschafthelfen, hat er gesagt«, meinte Flavius Mutter.Ihr Gatte glich mittlerweile einem brodelnden Vulkan undbegann, vor lauter Zorn zu schnaufen.»Unser Sohn ist da hinten auf Thracan, um dieses aufstän-dische Anaureanerpack zu bekämpfen! Und dieser fetteArchon schwätzt etwas von Kastenverbrüderung! Wenndu keine Ahnung von Politik hast, dann widme dich 63
  • 61. gefälligst anderen Dingen, Crusulla!«, donnerte Norecdurch das Wohnzimmer.»Nicht in diesem Ton!«, gab seine Frau zurück.»Es ist doch so!«»Lass bitte unseren Kleinen aus dieser Sache raus!«»Das gehört aber alles zusammen, auch wenn du wohl nurvon hier bis zur Haustür denken kannst!«»Norec, es reicht!«Es dauerte nur noch wenige Minuten, bis ein handfesterStreit zwischen Flavius Eltern entbrannt war. In denfolgenden Tagen sollte der Haussegen gehörig schiefhängen …Während sich der neue Archon auf Terra zusammen mitseinem optimatischen Netzwerk immer entschlossenerdaran machte, die alte Ordnung des Imperiums aufzulösen,raste die Polemos weiter durch die Schwärze des Weltallsin Richtung des Planeten Colod.Inzwischen waren ganze sieben Monate verstrichen, wasbedeutete, dass noch etwa zwanzig Monate übrig waren,bis das Schlachtschiff sein Ziel erreichen würde.In zwei Wochen sollte Flavius für über 500 Tage in denKälteschlaf geschickt werden. Eine Tatsache, die er wiedereinmal erfolglos aus seinen Gedanken zu verdrängenversucht hatte.Der junge Aureaner aus Vanatium konnte es allerdingsauch nicht leugnen, dass er sich inzwischen trotzdemschon ein wenig an diese Weltraumreise gewöhnt hatte.Sein Körper und sein Geist hatten sich, so gut es ging, aufdie Umstände eingestellt. Es gab ohnehin kein Entkom-men aus der Polemos, hier in den endlosen Leerräumenzwischen den Sternen und Systemen.64
  • 62. Flavius hatte seinen Neurostimulator in der letzten Zeitnicht mehr so oft benutzt, wie noch auf dem Hinflug vonTerra nach Thracan. Er versuchte, die Nerven zu behaltenund bemühte sich, seiner Angst mehr oder weniger ent-schlossen entgegenzutreten. Die Kämpfe um San Favellashatte er überlebt, obwohl viele der gefallenen LegionäreRekruten wie er gewesen waren. Unerfahrener Füllstoff fürdie Truppe aus Berufssoldaten, den man ohne Tränen zuvergießen auf dem Schlachtfeld geopfert hatte.Nein, die eiserne Kälteschlafkammer, dieses an einenkalten Sarg erinnernde Etwas, war sicherlich nicht schlim-mer als das Töten in den Straßen der Slumstadt. Zudemwar der Tiefschlaf auch viel ungefährlicher, obwohl erFlavius noch immer Alpträume bescherte.So versuchte er jeden Tag wenigstens einige Kilometer inden langen Korridoren des gewaltigen Schlachtkreuzerszurück zu legen, um seinem Geist zumindest im Ansatz dieIllusion von Freiheit zu verschaffen. Kleitos war meistensan seiner Seite und unterhielt sich mit ihm über Gott unddie Welt. Es war ein Segen, dass wenigstens er immer fürihn da war.Zudem wurden die Legionäre glücklicherweise durchtägliche Sportübungen oder militärische Schulungen fürviele Stunden von dem Gedanken abgelenkt, dass sie sichin einer gigantischen Sardinenbüchse befanden.Gestern war ihm Zenturio Sachs, der Legatus der 562.Legion von Terra, über den Weg gelaufen, als er mit Kleitosdurch eines der oberen Decks des Schiffs spaziert war.»Sieh einer an!«, hatte der vernarbte Veteran gesagt. »DerJunge, der die Aliens gesehen haben will, und sein Kum-pel!«Die beiden Rekruten hatten verlegen gelächelt und einkurzes Gespräch mit ihrem Vorgesetzten begonnen. Was 65
  • 63. die Legion auf diesem Eisplaneten genau sollte, konnteSachs auch nicht sagen. Jedenfalls hatte er sich schon nachwenigen Minuten über die Unsinnigkeit dieses Militärein-satzes ereifert und auf Aswin Leukos und die anderenLegionsoffiziere geschimpft.»Die Notsignale sind von einer Stadt namens Tanath ausgesendet worden. Vermutlich ist das schon einige Jahreher, vielleicht sogar schon über ein Jahrzehnt. Leukos hatmir erklärt, dass wir nach Colod fliegen, weil er StatthalterShivas damit einen Gefallen tun will. Dem Oberstrategosist die ganze Sache auf Thracan wohl verdammt peinlichgewesen!«, hatte der Zenturio erklärt.»Aber warum ausgerechnet wir von der 562. Legion?«,hatte Flavius wissen wollen.»Weil es nun einmal so ist. Der große Mann hat entschie-den und wir müssen tun, was er sagt!«, war Sachs mürri-sche Antwort gewesen.Irgendwann hatte der Zenturio sie wieder in Ruhe gelassenund war mit einem frustrierten Knurren fortgegangen.Was sie auf Colod erwartete, konnte jedenfalls niemandgenau wissen und selbst Zenturio Sachs hatte eingestehenmüssen, dass ihm die ganze Sache genauso ein Rätsel warwie den beiden Rekruten. Vermutlich, so waren seineWorte, würde der Flug nach Colod ein ähnlicher militäri-scher Scheineinsatz wie der Thracan-Feldzug werden.»Von unseren Oberbefehlshabern ist offenbar einer dämli-cher als der andere! Ich bin wirklich stinksauer und sagedas auch ganz offen, selbst wenn ich dafür einen auf denDeckel kriege!«, hatte der Veteran gewettert.Aswin Leukos saß in einem breiten Sessel in seiner persön-lichen Kabine und hielt die Augen geschlossen. Die Endenvon sensorischen Kabeln waren mit seinen Schläfen und66
  • 64. einem Audioliber verbunden. Auf diese Weise war es ihmmöglich, den Text eines auf einem Datenkristall gespei-cherten Buches in gesprochener Form in seinem Kopf zuhören. Der terranische Feldherr wirkte vollkommen in sichgekehrt und war ganz in die Dunkelheit des unbeleuchte-ten Raumes gehüllt.Leukos Geist war tief in den Inhalt des Buches »DieGeschichte Terras« von Macom Brandau, einem weltbe-kannten Werk des berühmten Archivators, abgetaucht. Somerkte er zunächst nicht, wie sich die Tür hinter ihm miteinem leisen Summen öffnete und sein Stellvertreter,Legatus Throvald von Mockba, die düstere Kammerbetrat.Dieser machte mit einem Räuspern auf sich aufmerksamund Leukos richtete sich leise murrend auf, die sensori-schen Kabel von seinen Schläfen entfernend.»Was gibt es?«, fragte er dann und erhob sich von seinemSessel.Throvald sah ihn an. »Nichts Besonderes, Herr! Ich wolltenur nach Euch sehen, da Ihr den ganzen Tag nicht auf derKommandobrücke gewesen seid!«Der Legat aktivierte einen Lichtspender und ein matterSchein begann sich in der kleinen Kabine auszubreiten,während der terranische Heerführer angestrengt umher-blinzelte.»Ich habe gerade ein wenig über die Geschichte der Erdegelesen, Throvald«, sagte Leukos lächelnd.»So? Wieder einmal ein kleiner Ausflug in die Tiefen derarchivatorischen Erkenntnisse, Herr?«, fragte der Legions-offizier leicht sarkastisch.Sein Gegenüber schnappte sich ein Glas Wasser und nahmeinen Schluck zu sich.»Ja, warum auch nicht?«, gab er dann zurück. 67
  • 65. »Und? Welchen Kapiteln habt Ihr Euch heute gewidmet,Herr?«, wollte der Legat wissen, wobei sein Interesse nichtsonderlich echt wirkte.»Ach, ich habe nur ein wenig in dem gewaltigen Werk vonMacom Brandau geblättert. Es umfasst mehrere hundertKapitel. Dieser Mann hat über 60 Jahre lang daran gearbei-tet, sämtliche Informationen über die Geschichte unsererHeimatwelt zusammenzutragen«, erklärte Leukos faszi-niert.»Ist es denn notwendig, die Vergangenheit bis ins Detail zustudieren? Genügt es denn nicht, zu wissen, was dieGegenwart bewegt, Herr?«, fragte Throvald herausfor-dernd.Für einige Sekunden schwieg der Oberstrategos und schiennach einer passenden Antwort zu suchen, schließlichmeinte er: »Wenn man die Vergangenheit kennt, lässt sichauch die Gegenwart leichter beurteilen. Man findet Analo-gien und bemerkt, dass sich die Geschichte bereits oftwiederholt hat, Legat!«»Wie soll sich unsere Epoche denn eines Tages wiederho-len, General? Sie ist einzigartig und wird in dieser Formniemals wieder sein!«, erwiderte Throvald mit einemgewissen Unverständnis.»Ich meine damit, dass es grundlegende Muster in derGeschichte gibt, also Grundzüge der Entwicklung, die sichoft wiederholen. Der Aufstieg und Zerfall von großenImperien und auch das Verhalten der Menschen in be-stimmten Situationen«, bemerkte Leukos.Throvald kratzte sich am Kinn und setzte eine nachdenkli-che Miene auf. »Ich glaube, ich weiß, was Ihr sagen wollt,Herr …«»Denkt zum Beispiel an die dunklen Zeitalter, von denenuns die Archivatoren berichten. Ich habe die Geschichte68
  • 66. Terras jahrelang studiert und kann sagen, dass es einständiges Auf und Ab gewesen ist. Wieder und wiederhaben Verrat und Selbstsucht das zerstört, was mühsamerkämpft und errichtet worden ist.So war es unter anderem in der Epoche der drei Mächtevor etwa 9000 Jahren, als das aureanische Weltreich vonverschiedenen Ideologien und Glaubensrichtungen zerris-sen wurde, was schließlich zum Zusammenbruch desImperiums und zur Aufspaltung in verfeindete Teilreichegeführt hat.Fast 500 Jahre Zwist und Bürgerkrieg erschütterten Hybo-ran, Ajan und Canmeriga. Erst der Friede von Hagan imJahre 4610 v.M. beendete diese furchtbare Ära. Zurückblieben Milliarden von Toten und verwüstete Länder.Oder die Zeit vor etwa 5000 Jahren, als Terra und seineKolonieplaneten von einem weiteren weltumspannendenBürgerkrieg erfasst wurden. Damals gingen verschiedeneGruppen von Aureanern, wovon sich einige mit rebelli-schen Anaureanern verbündet hatten, aufeinander los. Dieeinen wollten die von Imperator Gunther Dron eingeführ-te Kastenordnung einreißen, während die anderen dieseverteidigten. Schließlich wurden unser ganzes Sonnensys-tem und weitere Koloniewelten von dem Konflikt erfasst.Am Ende dieses Bürgerkrieges war das alte Goldene Reichin viele kleine Länder und Fürstentümer zerfallen. DieAureaner hatten sich selbst in diesem Bruderkrieg gegen-seitig so sehr geschwächt und dezimiert, dass sie großeRegionen Terras aufgeben mussten und ihre Zivilisationenvielerorts wieder zerfielen.Teile des alten Reiches verödeten und wurden langsamwieder von den Ungoldenen besiedelt. Auch mancheKolonieplaneten verloren den Kontakt zur Erde und dieWeltraumkolonisation kam für fast 600 Jahre zum Erlie- 69
  • 67. gen. Zudem ereigneten sich in dieser Zeit schrecklicheNaturkatastrophen auf Terra. Damals wurde zum Beispieldie legendäre Kaiserstadt Soast durch ein Erdbeben voll-kommen zerstört und von ihren Bewohnern verlassen.Am Ende dieser Zeit des Niedergangs kam Gutrim Malo-gor, der große Erneuerer, und gründete die Reformbewe-gung der goldenen Söhne. Er ist für mich der vielleichtgrößte Aureaner, der jemals gelebt hat. Sein Leben ver-brachte der Heilige mit dem Kampf für die Vereinigungder aureanischen Kinder Terras und der Wiedererrichtungdes Goldenen Reiches. Aber Ihr dürftet das ja alles wissen,nicht wahr Legatus?«Der Flottenoffizier nickte und schien froh zu sein, dassAswin Leukos seinen kleinen Monolog über die Geschich-te der Erde endlich beendet hatte.»Ja, Herr! Gutrim Malogor kennt doch jeder …«, gab erdann zurück.Leukos räusperte sich. »Jeder? Nein! Das ist sicherlichfalsch! Viele junge Aureaner kennen ihn und seine großar-tige Lebensgeschichte nicht. Für mich gehört die Kenntnisvon Malogors Leben allerdings zum Allgemeinwissen. Werden großen Erneuerer und zumindest seine wichtigstenGebote nicht kennt, den kann ich nur verachten!«»Nach Malogors Zeit kam der erste Krieg gegen die Dro-nai, oder?«, fragte Throvald.»Ja, aber erst 400 Jahre später!«, erklärte der Oberstrategos.»Und dann Sebotton von Innax und Lestjuck der Finste-re?«Aswin Leukos lächelte. »Naja, etwa 1000 Jahre nachMalogor. Das war die Epoche der Inneren Reformation,wie sie manche Archivatoren nennen.«»Seht Ihr, Herr! Ein wenig Ahnung von terranischerGeschichte habe ich auch«, meinte der Legatus.70
  • 68. Der Oberstrategos kam einen Schritt auf ihn zu, warf sichseinen purpurroten Mantel über und legte ihm väterlich dieHand auf die Schulter. Dann antwortete er: »Das erwarteich auch von einem echten Aureaner!«Schon den halben Tag hatte Rodmilla Curow, die talentier-te Auftragsmörderin, deren vielfältigen und tödlichenFähigkeiten bereits Imperator Credos Platon zum Opfergefallen war, eine Unmenge von Informationen unter-sucht.Völlig in den Inhalt eines kleinen Datenkristalls vertieft,saß die attraktive Frau auf einem Stuhl im hinteren Bereichdes Archontenpalastes von Asaheim, um sich akribischdem zu widmen, was Clautus Triton in seinen Privatgemä-chern hinterlassen hatte. Rodmillas rötliche Haare warenzu einem kleinen Knoten am Hinterkopf zusammenge-bunden, doch einige Strähnen schafften es trotzdemimmer wieder, ihr in das von edlen Zügen bestimmteGesicht zu fallen.Erneut strich sich die Frau einige Haare aus der Stirn undman merkte ihr an, dass sie sich nur schwer auf ihre Arbeitkonzentrieren konnte. Plötzlich öffnete sich die Tür hinterihr mit einem dezenten Summen und ein kaiserlicherDiener betrat den Raum.»Hier sind noch ein paar Datenkristalle und ein weitererKommunikationsbote«, erklärte der Mann und lud alles aufdem teuren Ebenholztisch vor ihr ab.»Danke!«, brummte Rodmilla und signalisierte dem Dienerdurch eine kurze Handbewegung, dass er wieder ver-schwinden sollte.Die Assassinin öffnete eine Reihe holographischer Bild-schirme und studierte die darauf erscheinenden Briefe undDokumente, welche von Triton verfasst worden waren. 71
  • 69. Hier ging es vor allem um die von Credos Platon in Ganggesetzte Landreform, was in Bezug auf Rodmillas Auftragallerdings unwichtig war.Schließlich wischte sie die kleinen Holo-Anzeigen wiederweg und legte die Datenträger auf den wachsenden Haufenvon Geräten, die sie bereits durchgesehen hatte.»Wo bist du, alter Junge …«, murmelte Rodmilla leise vorsich hin und wandte sich einem weiteren Kommunikati-onsboten zu.Mit flinken Fingern öffnete sie dessen digitales Menü undkopierte sämtliche Verbindungsnachweise und Codes aufeine kleine Datenverarbeitungsscheibe, die sie mitgebrachthatte.»Sieh an! Jetzt könnte ich sogar Credos Platon eine Nach-richt schicken und ihn zum Essen einladen – wenn er nichtschon tot wäre«, wisperte sie leise.Das emsige Durchforsten der auf den zahlreichen Daten-kristallen und Kommunikationsboten gespeichertenHinweise dauerte noch bis zur Abenddämmerung, dochdie Suche blieb erfolglos. Außer rauen Mengen an diversenDokumenten, amtlichen Schreiben, Protokollen undunwichtigen Verbindungscodes hatte Rodmilla nichtsfinden können. Die Kommunikationsboten, welche dieDiener des neuen Imperators in Clautus Tritons Privat-räumen gefunden hatten, waren offenbar seit einer Weilenicht mehr in Gebrauch gewesen und es ließ sich auf ihnenkein Hinweis auf den Verbleib des alten Mannes ausma-chen. Allerdings waren einige visuelle Botschaften, die ervon seinem verstorbenen Herrn erhalten hatte, nichtuninteressant und Rodmilla Curow hatte sie aufmerksamstudiert.Der durch ihre Hand gestorbene Imperator machte aufsämtlichen holographischen Bildschirmen den Eindruck72
  • 70. eines zutiefst ehrlichen und engagierten Herrschers. Ganzim Gegensatz zu seinem Nachfolger, den Rodmilla längstals Heuchler und skrupellosen Machtmenschen erkannthatte. Doch Juan Sobos war ein unfassbar reicher Auftrag-geber und das war alles, was für eine professionelle Meu-chelmörderin von Bedeutung war.Frustriert darüber, dass sie trotz intensiven Recherchennoch immer keine Spur von Clautus Triton gefundenhatte, stand Rodmilla schließlich auf und zog sich ihrenMantel an. Für heute war die Suche beendet und erstmorgen früh würde sie wieder in den Archontenpalastzurückkehren, um weitere Nachforschungen anzustellen.Die Assassinin ging zur Tür und blieb noch einmal kurzstehen, um einen Blick auf die Fülle von technischenGeräten zu werfen, die sich im Laufe dieses langen Tagesauf dem kleinen Ebenholztisch gestapelt hatten. Als sichdas elektronische Portal schon automatisch geöffnet hatte,vernahm sie plötzlich das leise Piepen eines Kommunika-tionsboten unter einem Haufen von Datenkristallen.Verdutzt ging Rodmilla noch einmal zum Tisch zurückund nahm das leuchtende Gerät in die Hand. Sie gab einenZugangscode ein und sah sich die soeben eingetroffenevisuelle Nachricht an. Der vor ihr schwebende Bildschirmzeigte das Bild eines untersetzten Anaureaners, der freund-lich zu grinsen versuchte und dabei sagte:»Verehrter Herr Grimald!Ich habe gestern Mittag versucht, Sie irgendwie zu errei-chen, aber Ihr Kommunikationsbote war offenbar abge-schaltet. Sie wollten wissen, ob im Habitatskomplex Nr.789, VIII noch eine Wohnung frei ist, nicht wahr? Oderhat sich das bereits erledigt? Ich hätte da jedenfalls noch 73
  • 71. ein paar leerstehende Wohnungen anzubieten. Sie sindauch sehr günstig, Herr Grimald.Verzeihen Sie mir, dass ich mich erst jetzt melde, aber ichmuss mich um eine Menge Habitatskomplexe kümmernund bin viel unterwegs. Sagen Sie einfach Bescheid, wennSie noch Interesse haben! Vielen Dank!«Rodmilla Curow war für einen kurzen Augenblick verwun-dert und rührte sich nicht vom Fleck. Dann untersuchte sieden Absendecode der seltsamen Nachricht und fandheraus, dass sie von Welltara in Seeland aus abgeschicktworden war.Sofort rief sie den Mann zurück und erklärte ihm, dass siedie Tochter des »Herrn Grimald« sei und in seinem Auf-trag bezüglich der Wohnungsvermietung nachfragenwollte.»Dieser Kommunikationsbote wird von meinem Vatereigentlich gar nicht mehr benutzt. Woher haben Sie dennden Verbindungscode?«, fragte Rodmilla.»Ihr Vater hat mich vor ein paar Wochen unter eineranderen Nummer kontaktiert, aber ich habe vergessenmich zu melden. Es tut mir wirklich sehr leid, Madame!Offenbar hatte Ihr Vater seinen Boten abgeschaltet unddas automatische Nachrichtenumleitungssystem hat meinKommunikationsersuch einfach an einen anderen Botengeschickt, der ebenfalls auf Ihren Vater registriert ist. Daspassiert manchmal«, erklärte der Mann.»Ich werde es meinem Vater jedenfalls ausrichten, dannkann er Sie zurückrufen«, antwortete Rodmilla.»Es tut mir wirklich leid, dass ich vergessen habe, mich aufseine Anfrage hin zu melden. Aber ich werde ihm dafüreine schöne Wohnung zu einem wirklich günstigen Preis74
  • 72. anbieten«, meinte der Anaureaner demütig, in der Hoff-nung, vielleicht doch noch ein Geschäft zu machen.»Welltara ist eine schöne Stadt, nicht wahr?«, bemerkteRodmilla jetzt und lächelte.»Ja, Madame! Es ist sehr schön hier!«, bekräftigte der Mannam anderen Ende der Leitung.»Ich denke, ich werde Seeland auch einmal besuchen«,antwortete die Assassinin.»Ja, tun Sie das, gnädige Frau!«»Kann es kaum erwarten …«, scherzte Rodmilla.»Möchte sich Ihr Vater denn in Welltara niederlassen?«,fragte der Anaureaner.»Das hat er sicherlich schon längst getan …«, murmelteFräulein Curow und beendete das Gespräch. 75
  • 73. Terra verändert sichDrei nervöse Tage standen Flavius noch bevor, bis er inden Kälteschlaf überführt werden sollte. Erwartungsgemäßwuchs seine Angst mit jeder verstreichenden Minute undsein Neurostimulator war wieder öfter im Einsatz, um ihnmit Glücksgefühlen zu versorgen.Heute hatte er zusammen mit einigen der Berufssoldatenund seinem Freund Kleitos fast drei Stunden in einemKraftraum trainiert, um seinen Kreislauf zu stärken.Danach hatte er erst einmal etwas gegessen und war nunerneut unterwegs auf den kilometerlangen Gängen derPolemos.Kleitos war in der Stube geblieben, um ein wenig zuschlafen, und wenn Flavius ehrlich war, wollte er auchlieber allein sein, um nachdenken zu können. Hier unten,im tiefsten Deck des riesigen Schlachtkreuzers, trieben sichnur wenige Legionäre herum, denn dort befanden sich dieFrachthallen und zahlreiche Maschinenräume. Der hintereTeil der Polemos war nur für autorisierte Angehörige desSchiffspersonals zugängig und stellte für die terranischenSoldaten eine Art »verbotene Zone« dar.Fasziniert lief der Rekrut durch eine langgezogene Fracht-halle, welche mit Metallcontainern, die teilweise ein Dut-zend Meter hoch waren, überfüllt war. Einige der Arbeiterhier musterten Flavius mit misstrauischen Blicken, als obsie fürchteten, dass ein Fremder ihre Arbeitsbereiche allzugenau inspizieren könnte.Hinter der Halle befand sich eine weitere, die Princeps andas Innere eines Walfisches erinnerte, denn die massivenStahlarmierungen, die sich an den grauen, hohen Wändenbis zur Decke erstreckten, wirkten wie die Rippen im76
  • 74. Bauch eines übergroßen Tieres. Auch hier war alles vollvon klobigen Metallcontainern, einer Reihe von Verlade-maschinen und laut brüllenden Arbeitern.Schließlich erreichte Flavius sogar einen Hangar, wo ereinen genaueren Blick auf einige der gefürchteten CaedesBomber der terranischen Streitkräfte werfen konnte. DieKampfflugzeuge, welche dazu beigetragen hatten, dieSlumstadt San Favellas in einem Inferno aus Ignis-Geschossen, Plasmaraketen und Vakuumbomben erstickenzu lassen, standen jetzt still und friedlich da. Der jungeBetrachter musste bei ihrem Anblick an einen schlafendenSchwarm grau-schwarzer Fledermäuse denken.In jenem Hangar wurde Flavius von den Männern desWartungspersonals ebenfalls argwöhnisch beäugt, doch dasstörte ihn nicht sonderlich. Unbeirrt spazierte er weiterdurch die hohen Hallen, bis er zu einem langen, schwachbeleuchteten Korridor kam, der in den Bereich der Reakto-ren- und Maschinenräume führte.Hier kamen ihm drei »Kunstmenschen«, sogenannteAndroiden, entgegen, die Flavius mehr als unheimlichfand. Zwar beachteten ihn die künstlichen Diener kaumund huschten schnell an ihm vorbei, um hinter einergroßen Stahltür zu verschwinden, doch zuckte derRekrut trotzdem ängstlich zusammen, als sie seinen Wegkreuzten.Sie waren, das musste der junge Mann zugeben, genialeGeschöpfe der aureanischen Wissenschaft und ideal fürArbeitsbereiche, die für Menschen gefährlich oderbelastend waren. Es waren Maschinenwesen, ohneSeelen oder gar freien Willen, das war Flavius bewusst,doch gerade die Tatsache ihrer schon so perfekt kopier-ten Menschlichkeit machte sie in seinen Augen sofurchterregend. 77
  • 75. »Verzeihen Sie, junger Mann!«, hatte einer von ihnen mitkünstlicher Höflichkeit zu ihm gesagt und ihn gebeten, zurSeite zu gehen, als er im Weg gestanden hatte.Der Legionär verweilte fast eine halbe Stunde vor derstählernen Zugangstür und lauschte dem tiefen, monoto-nen Grollen der riesigen Reaktoren jenseits des Schotts.An dieser Stelle ging es für ihn nicht mehr weiter, denn erhatte keine Zugangsberechtigung für die Reaktorenhallendes Schlachtkreuzers.Dennoch dachte er kurz darüber nach, welche unvorstell-baren Urkräfte hinter dieser Stahltür wirken mussten, umeinen Giganten wie die Polemos überhaupt ins Weltallbewegen zu können.Schließlich fuhr Princeps mit einem Aufzug wieder nachoben, um zu seiner Stube zurückzukehren. Auf dem Wegdorthin musste er noch durch viele lange Korridore gehen,wobei er auch durch den mit Fahnen und Standartengeschmückten Gang kam, in welchem die Gemälde undPorträts der berühmten Herrscher der alten Zeiten ausge-stellt waren.Als er am ersten Bild der langen Reihe, das den sagenhaf-ten Artur den Großen darstellte, vorbeikam, lächelte erdiesem kurz entgegen und blieb für einen Augenblickstehen. Der blonde Mann auf dem Porträt schaute ernstund erhaben zurück, während Flavius plötzlich breit zugrinsen begann.»Sei gegrüßt, alter Junge! Ich muss in drei Tagen in denverfluchten Kälteschlaf. Das ist wirklich zum Kotzen,nicht wahr? Schlimmer kann dein Geburtskrieg auch nichtgewesen sein!«, flüsterte Flavius.Während sich plötzlich eine Tür am Ende des Korridorsauftat und ein Schwarm laut schwatzender Legionäreschnellen Schrittes näher kam, ging Flavius unverzüglich78
  • 76. weiter. Immerhin sollte ihn niemand dabei sehen, wie ermit einem alten Gemälde sprach.»Mach’s gut, Artur! Man sieht sich!«, murmelte er nochleise in Richtung des Porträts und verschwand dann. Nacheiner Weile war er endlich in seiner Stube angekommen,wo ihn Kleitos bereits erwartete.Princeps warf einen Blick auf seinen Kommunikationsbo-ten, doch es waren keine neuen Nachrichten eingetroffen.Dann setzte er sich auf sein Bett und tastete nach demkleinen Gerät, das er unter seinem Kissen versteckt hatte.Es war wieder Zeit für eine Prise Neurostimulation …Juan Sobos hatte den Hammer an die Fundamente deralten Ordnung des Goldenen Reiches gelegt und zertrüm-merte sie nun Stück für Stück. Der Senat von Asaheimstand inzwischen fast wie ein Mann hinter ihm und diewenigen politischen Gegner auf den Sitzbänken verhieltensich ruhig, denn ihnen war bewusst, dass sie gegen denneuen Archon und seine mächtige Seilschaft chancenloswaren.Zudem hatte sich Juan Sobos inzwischen noch weitereVerbündete gesucht. Einer davon war der Bankier MalixYussam, ein ursprünglich von einer Senatorenfamilie ausCanmeriga adoptierter Anaureaner, der es in den letztenJahren zu großem Reichtum gebracht hatte. Der Mannverwaltete mittlerweile die Vermögen von Dutzendenreicher Familien der Nobilitas und hatte sich einen lukrati-ven Großhandel aufgebaut.Yussam besaß ein außerordentliches Talent, mit Geldumzugehen. Er verlieh große Summen an immer mehrKlienten und erntete dabei gewaltige Zinsgewinne. Dankder Öffnung der Grenzen des Imperiums für Anaureanerhatte er nun auch endlich die Möglichkeit, ein umfassen- 79
  • 77. des, von ihm kontrolliertes System des Klein- und Groß-handels flächendeckend aufzubauen.Tausende von anaureanischen Mäklern schlossen sichYussams Führung an und bauten in seinem Auftrag einHandelsnetzwerk aus, das bald alles verkaufte - von denkleinsten Ramschwaren bis hin zu riesigen Raumschiffen.Der neue Archon betrachtete die fieberhafte Handelstätig-keit von Malix Yussam und seinen geschäftstüchtigenKumpanen äußerst wohlwollend, auch wenn aus vielenRegionen Terras zunehmend Beschwerden über deren oftbetrügerische Geschäftspraktiken eingingen. Aber JuanSobos zog auch hieraus seinen Gewinn und gedachte inZukunft, gerade Leuten wie Malix Yussam alle nötigenFreiheiten für ihre Geschäfte zu geben.Derweil verbreitete sich in den Gebieten jenseits dertitanischen Schutzwälle an den Grenzen des GoldenenReiches, welche schon vor vielen Generationen erbautworden waren, unter Milliarden Anaureanern die Kunde,dass ihnen der neue Archon des Imperiums Wohlstandund Luxus versprach. Gut bezahlte Arbeit würde imGoldenen Reich auf sie alle warten, wie die Simulations-Transmitter verkündeten.So durchzog ein erwartungsvoller Jubel die anaureanischenSlumstädte auf Terra und schon bald verbreiteten sich diegroßen Versprechungen von Sobos auch auf dem Marsund den anderen Planeten des Sol-Systems.Nach kurzer Zeit machten sich gewaltige Massen vonAnaureanern auf den Weg ins Goldene Reich, um dortjene strahlende Zukunft zu finden, die ihnen der neueKaiser wieder und wieder in bunten Bildern schilderte.Neben dieser schrittweisen Auflösung der Kastenordnungging Sobos nun auch zum Großangriff auf die von seinemVorgänger begonnenen Landreformen über. Die von ihm80
  • 78. in der Optimatenfraktion vereinten Großgrundbesitzerund Industriellen drängten immer mehr darauf, dass derArchon ihnen das zurückgab, was der letzte Imperatorihnen weggenommen hatte.So erließen Sobos und der Senat ein Gesetz zur »Neurege-lung des Landbesitzes«, welches den größten Teil derBodenreformen Platons außer Kraft setzte und für un-rechtmäßig erklärte. Die aureanische Öffentlichkeit reagier-te darauf zwar mit einem gewissen Unverständnis odersogar mit Empörung, doch redeten die Simulations-Transmitter die Sache einfach schön und verdrehten dieTatsachen so, dass der gewöhnliche Aureaner nach einerWeile überhaupt nicht mehr verstand, was das neue Gesetzwirklich bedeutete.In Wahrheit war es der Freibrief für alle Großgrundbesit-zer, sämtliche auf ihren wiedergewonnenen Ländereienlebenden aureanischen Familien wieder auszusiedeln undzurück in die überfüllten Megastädte Terras zu schicken.Das sollte auf Dauer dazu führen, dass die Ballungszentrenund Metropolen des Goldenen Reiches noch überfüllterwurden als jemals zuvor, denn zu den aureanischen Sied-lern, die jetzt wieder ihr Land verlassen mussten, kamennoch viele Millionen anaureanische Einwanderer hinzu.Zuletzt gingen die neuen Machthaber nun auch dazu über,Credos Platon und dessen geistiges Erbe zu verunglimp-fen. Juan Sobos hielt eine Rede, die sämtliche Simulations-Transmitter-Netzwerke auf Terra und im gesamten Sol-System ausstrahlten, in der er sagte, dass es nun an der Zeitwäre, sich mit den »Schattenseiten« der Regierung seinestoten Vorgängers auseinander zu setzen. Hier spielte derImperator vor allem auf den seiner Ansicht nach völligunsinnigen Thracan-Feldzug an, der das Imperium Un-summen gekostet hatte. 81
  • 79. »Die völlige Vernichtung einer unschuldigen Stadt und dasAbschlachten sämtlicher Einwohner sind Dinge, dieCredos Platon befohlen hat. Dieses Verbrechen vonunfassbarer Grausamkeit darf von uns nicht länger unbe-achtet bleiben«, sprach Sobos mit gespielter Erschütterung.Auch Aswin Leukos wurde von ihm als blutrünstigerKriegstreiber gebrandmarkt und der Archon betonte, dasser den inzwischen durch Antisthenes von Chausan ersetz-ten Oberstrategos bald für seine Gräueltaten zur Rechen-schaft ziehen würde.Alles in allem wurde Credos Platon als machtbesessenerTyrann hingestellt, während man Aswin Leukos zu seinemskrupellosen Helfer machte. Der anklagenden Rede desKaisers folgten zahllose Reportagen und Berichte auf allenTransmitter-Kanälen, die den verstorbenen Imperator injeder Hinsicht diffamierten.Juan Sobos vergaß hierbei allerdings zu erwähnen, dass esvor allem seine Optimaten und er selbst gewesen waren,die im Senat zuerst die Blutrache an San Favellas gefordertund Platon regelrecht dazu genötigt hatten. Zudem hattensie durch gefälschte Bilder und Nachrichten die Stimmungim Goldenen Reich überhaupt erst so weit angeheizt, dasses zum Thracan-Feldzug gekommen war. Schließlich hatteSobos sogar persönlich den Befehl gegeben, die SlumstadtSan Favellas zu vernichten und alle ihre Einwohner zutöten. Diese Anweisung hatte zwar das elektronische SiegelCredos Platons getragen, doch war sie in Wahrheit niemalsvon diesem gegeben worden. Sobos hatte auch hier seinemanipulierenden und fälschenden Hände im Spiel gehabt.Sein Plan war jedoch aufgegangen und es gab keinenZweifel daran, dass sich der neue Imperator als geradezugenialer Verbrecher erwiesen hatte …82
  • 80. »Mir ist irgendwie ganz komisch. Die Beruhigungspillenwirken bei mir heute überhaupt nicht«, jammerte Flavius,während sich Eugenia neben ihn auf die Couch setzte.»Ich habe das doch auch noch vor mir, aber ich versuche,diese Angst nicht so nah an mich herankommen zu las-sen«, meinte die Krankenschwester und tätschelte denKopf des jungen Mannes.»Aber wenn irgendwas mit einem Kreislauf nicht stimmtoder so, dann schlägt der Bio-Scanner doch sofort Alarm,nicht wahr?«»Ja, natürlich! Dann dauert es nur wenige Minuten, bis siedich da rausholen, Flavius. Mach dir nicht solche Sorgen …«Princeps stand von der Couch auf und lief nervös durchden kleinen Aufenthaltsraum. Nur Eugenia war noch indieser Kammer und so wagte es Flavius, seine ganzeNervosität, die ihn vor jedem Kälteschlaf plagte, mehroder weniger offen zu zeigen.»Jetzt beruhige dich doch wieder!«, sagte sie leise.»Dr. Phyrrus hat doch erzählt, dass die statistische Wahr-scheinlichkeit, aus dem Kälteschlaf nicht mehr aufzuwa-chen, bei etwa 0,2 Prozent liegt, oder?«»Ja, so um den Dreh …«, antwortete Eugenia.»Wie viele sind denn dann beim Hinflug gestorben? Eswaren ja etwa 10.000 Soldaten an Bord und noch weitereLeute von der Flotte. Das müssen ja dann …«, stockteFlavius und versuchte, im Kopf die Todesfälle durchKälteschlaf auszurechnen.»Ich weiß nicht genau, wie viele gestorben sind, aber eswaren kaum welche«, erwiderte Eugenia bedrückt.»Kaum welche?«»Die genauen Zahlen kenne ich nicht, Flavius!« 83
  • 81. »Es müssen ja dann laut Statistik etwa …«, stammeltePrinceps, während die Gesichtsfarbe langsam von seinenWangen verschwand.»Ich weiß nur von zwei Fällen, wo jeweils der Kreislaufversagt hat, aber das sind absolute Ausnahmen, Flavius.Dir wird das nicht passieren – und mir auch nicht«, be-mühte sich die Krankenschwester, den nervösen Rekrutenzu beruhigen.»Verflucht! Wie ich diesen Hyperschlaf hasse!«, zischtedieser und stampfte auf.Eugenia wurde langsam etwas ungehalten und stand nunebenfalls von der Couch auf. Sie strich sich ihren weißenKittel glatt und ging einen Schritt auf Flavius zu.»Jetzt reiß dich mal zusammen! Meinst du nicht, dassdieser Kampf in San Favellas etwas gefährlicher als einlächerlicher Kälteschlaf gewesen ist? Den hast du dochauch überlebt und du wirst die Ruhekammer genausoüberleben«, sprach sie energisch.»In San Favellas hatte ich die Lage wenigstens selbst imBlick«, gab Princeps zurück.»Ach, Unsinn! Als ob du jede Granate oder jeden Schusshättest voraussehen können, um dann zur Seite zu sprin-gen. Das ist doch Blödsinn und das weißt du auch, Flavius.Jetzt komm mal wieder runter und stell dich dieser elendenKälteschlafkammer wie ein echter Soldat der Legion!«,schimpfte Eugenia.»Ja, schon gut …«»Keine Feigheit vor dem Feind, Soldat!«»Ja, ich hab’s verstanden …«Mittlerweile hatte Eugenia zu lächeln begonnen und blickteFlavius mit ihren strahlenden, hellblauen Augen an. Dieserverzog den Mund und drehte sich von ihr weg.84
  • 82. »Mal sehen, was am Ende dieser Reise auf uns alle wartet.Bestimmt wieder nur Mist!«, sagte Princeps mürrisch.»Knurrbär!«, ärgerte ihn Eugenia und knuffte ihn in dieSeite.»Ist doch so, oder?«»Jawoll, General Motzkopf!«»Sehr witzig!«»Du bist wirklich süß, wenn du dich aufregst, Flavius …«»Wie?«»Ein echter, kleiner Knurrbär!«»Ha, ha …«, maulte Flavius, wobei er jetzt auch lachenmusste.»General Motzkopf, der Schrecken des Alls«, sagte Euge-nia mit einem breiten Grinsen.»Ich frage mich, wie du das hier alles aushalten kannst«,gab Princeps zurück.»Einfach durchstehen und nicht immer rumknurren«,antwortete die Krankenschwester und zwinkerte ihremGegenüber zu.»Ich hasse die Legion eben und auch diese ganzen Raum-flüge.«»Knurr, knurr, knurr …«»Sehr witzig!«»Ja, finde ich auch!«Eugenia berührte Flavius am Oberarm und kam nocheinen Schritt näher.»Da passiert nichts! Weder dir, noch mir, noch Kleitos!«,versicherte sie ihm.»So, ich muss jetzt wieder rauf zum medizinischen Trakt.Meine Schicht geht gleich los«, flüsterte Eugenia undschmiegte ihr Gesicht an die Schulter des jungen Soldaten.Flavius zögerte kurz, dann nahm er sie in den Arm unddrückte sie fest an sich. Schließlich ergriff er Eugenias 85
  • 83. Kopf und gab ihr einen leidenschaftlichen Kuss. Diesestreichelte ihm über den Kopf und ging dann wieder einenkleinen Schritt zurück.»Wir sehen uns morgen, Flavius! Ich komme auf jeden Fallvorbei, bevor du in die Kälteschlafkammer musst«, ver-sprach die Krankenschwester und machte sich auf denWeg zum medizinischen Trakt.Mit seliger Miene sah ihr der junge Aureaner hinterher undvergaß für einen kurzen Moment all seine Sorgen undÄngste.Siebzehn Monate später wurde Flavius wieder aus demKälteschlaf aufgeweckt. Benebelt, desorientiert undschlapp purzelte er aus der stählernen Kammer heraus undmusste diesmal von den Angehörigen des Flottenpersonalssogar auf die Krankenstation getragen werden, weil er soschwach auf den Beinen war. Doch das war nichts Unge-wöhnliches nach einem langen Kälteschlaf und nach einerkurzen ärztlichen Untersuchung stand fest, dass mitFlavius Organismus alles in Ordnung war.Kleitos und Eugenia hatten ihre Ruhezeit ebenfalls gutüberstanden und wurden nur wenige Tage später aus ihrenversiegelten Schlafwaben geholt.Die Polemos war inzwischen weiter mit Höchstgeschwin-digkeit durch das All gerast und hatte den größten Teil desWeges nach Colod zurückgelegt. In einigen Wochen solltedie 562. Legion von Terra ihr eisiges Ziel erreichen. DieseNachricht führte bei allen Besatzungsmitgliedern zu einerdeutlich besseren Laune, sowohl unter den Legionären alsauch beim Flottenpersonal selbst. Was sie jedoch aufColod erwartete, war noch immer vollkommen ungewiss.Alle Versuche der Polemos, irgendeinen Kontakt mit denKolonisten herzustellen, waren bisher fehlgeschlagen.86
  • 84. Allerdings hatten die Tiefenscanner inzwischen nun auchselbst eine Reihe von Signalen aufgefangen, die unzusam-menhängend und sinnlos erschienen. Eindeutig nachweis-bar war jedoch, dass sie von Colod stammten. So dauertees nicht lange, da machten wilde Gerüchte an Bord dieRunde und einige der Männer sprachen sogar davon, dassdiese Signale vielleicht überhaupt nicht von Menschenstammten.Der eine oder andere erinnerte sich an den berühmten»Elysia-Vorfall«, der angeblich etwa 1000 Jahre nachMalogor stattgefunden hatte. Damals, so behauptetejedenfalls ein Reihe von Archivatoren, waren einigemenschliche Handelsschiffe nahe des Elysia-Systems vonnichtmenschlichen Raumschiffen angegriffen und zerstörtworden. Das hatten seinerzeit jedenfalls die wenigenüberlebenden Raumfahrer zu Protokoll gegeben.Der »Elysia-Vorfall« wurde seither von manchen Archiva-toren und Kosmologen als angeblicher Beweis für dieTatsache angeführt, dass es noch anderes Leben im Uni-versum gab.Die aufgeklärten Aureaner der Gegenwart hatten hingegenfür solche Raumfahrergeschichten nicht viel übrig undauch auf der Polemos war es nicht gern gesehen, wennabergläubische Legionäre ihre Kameraden mit derartigenAmmenmärchen verunsicherten. Doch trotzdem wurdeunter den Legionären und Schiffsleuten weiter getuscheltund gerätselt. Daran änderten auch die Ermahnungen derVorgesetzten wenig.Flavius konnte sich auf die seltsamen Signale ebenfallskeinen Reim machen, so dass er sich tief im Innerendeswegen Sorgen machte. Immerhin war er einer derwenigen Terraner, der überhaupt jemals einen Außerirdi-schen mit eigenen Augen gesehen hatte. Doch er hielt sich, 87
  • 85. außer bei Gesprächen mit seinem Freund Kleitos, mit denGeschichten über seine damalige Raumreise nach FurbusIV zurück.Man machte sich schnell lächerlich, wenn man in Gegen-wart der älteren Berufssoldaten etwas von »toten Nicht-menschen« erzählte. Zudem hatten ihm die terranischenBehörden ja strikte Anweisungen in Bezug auf diesesheikle Thema gegeben. Es gab offiziell keine Außerirdi-schen und Schweigen war das oberste Gebot in Fällen wieder Expedition zum Planeten Furbus IV. Verstieß mangegen diese Anordnungen, konnte man mit unangenehmenFolgen rechnen. Vor allem, wenn man terranische Soldatenoder Siedler mit solchen Informationen verwirrte.Vielleicht waren diese Signale aber auch lediglich aufatmosphärische Störungen zurück zu führen oder hattenandere natürliche Ursachen, dachte Princeps. Sie würdenes hoffentlich bald erfahren, wenn sie endlich auf Colodankamen.»Nachsehen, dokumentieren und wieder verschwinden!«,so formulierte Zenturio Sachs den Grundinhalt der Missi-on, die auf die 562. Legion von Terra wartete. Das genügteden meisten Soldaten an Bord auch, wobei es schonunsinnig genug war, deswegen eine beschwerliche Reiseüber eine Distanz von drei Lichtjahren auf sich zu neh-men.Das hatten sie alles dem Oberstrategos und seinemschlechten Gewissen gegenüber Magnus Shivas zu verdan-ken, sagten sich die Legionäre auf der Polemos. Was siehier taten, war eine Gefälligkeit, die von einem frustriertenHeerführer angeordnet worden war, nachdem Terrasglorreiche Streitkräfte auf Thracan ins Leere geschlagenhatten.88
  • 86. Juan Sobos hatte in den letzten Monaten seine eigenenVorhaben mit aller Macht vorangetrieben und war eifrigbemüht, die politischen Errungenschaften seines Vorgän-gers wieder rückgängig zu machen. Hatte ImperatorCredos Platon im Zuge seiner Landreform viele Millionenaureanische Bürger aus den überfüllten Ballungsgebietenausgesiedelt und ihnen auf den weiträumigen Ländereiender Großgrundbesitzer Siedlungsland gegeben, so hatteSobos nun angeordnet, die aureanischen Siedler und ihreFamilien wieder in die Städte zurückzuschicken.Inzwischen rissen riesige Baumaschinen die Häuser derSiedler nach und nach wieder ab, um das Land seinen altenBesitzern, den reichen Senatoren, zurückzugeben. Unbeirrtfuhr der neue Archon damit fort, die von seinem verhass-ten Rivalen zuvor aufgestellten Gesetze wieder außer Kraftzu setzen und für ungültig zu erklären.So hatte Credos Platon den größten Teil der Anaureaner,die von den Großgrundbesitzern und Industriellen wider-rechtlich als billige Arbeitskräfte ins Goldene Reich geholtworden waren, wieder aus dem Imperium ausgewiesen.Juan Sobos förderte hingegen das genaue Gegenteil. Derneue Imperator ließ sämtliche Grenzen des GoldenenReiches für die Angehörigen der unteren Kaste öffnen undgewaltige Massen von Anaureanern überschwemmten dasalte Imperium.Innerhalb von wenigen Monaten waren es schon mehrereHundert Millionen, die sich als endlose Horden in dieStädte des Goldenen Reiches drängten.Den Anaureanern wurde von der neuen Führung desImperiums das Blaue vom Himmel versprochen.Wohlstand, Glück und Arbeit predigten ihnen Sobos undseine Optimaten. Zugleich machten sie ihren aureanischenKastengenossen weis, dass die Wirtschaft des Goldenen 89
  • 87. Reiches auf die Arbeitskraft anaureanischer Helfer ange-wiesen sei.In Wirklichkeit ging es dem Kaiser, der zugleich auch derreichste Landbesitzer Terras war, und seinen Mitstreiterndarum, endlich unbeschränkten Zugriff auf das gewaltigeSklavenreservoir, das die untere Kaste in ihren Augendarstellte, zu haben.Schließlich wurden unter der Leitung des neuen terrani-schen Oberstrategos Antisthenes sogar Legionen aufge-stellt, die komplett aus Anaureanern bestanden. In deraureanischen Gesellschaft führte die Vorstellung einerAusrüstung und Bewaffnung der Ungoldenen zu Ausbrü-chen der Empörung, was Sobos kurzzeitig dazu veranlass-te, öffentlich von diesem Vorhaben abzulassen. Außerhalbdes Goldenen Reiches, etwa im Südosten Ajans und inArica, wurden jedoch weiterhin Anaureaner als Soldatenfür das Imperium rekrutiert.Alles in allem kümmerte sich der größte Teil der Aureaneraber nicht sonderlich um die Politik des neuen Kaisers,denn der Lebensstandard der meisten Angehörigen deroberen Kaste war nach wie vor recht hoch und was Sobosund seine Optimaten in Asaheim beschlossen, war vielenvollkommen egal.Wo Protest laut wurde, da schwiegen ihn die Inhaber derSimulations-Transmitter-Netzwerke einfach tot undsorgten dafür, dass er keine zu großen Kreise ziehenkonnte.Jene noch zufriedenen Aureaner, die entweder eine ertrag-reiche Arbeit hatten oder deren Lebensunterhalt vomumfangreichen Sozialsystem des Goldenen Reiches gesi-chert wurde, konnten sich in der Masse nicht einmalansatzweise vorstellen, was Juan Sobos und seine politi-schen Kumpanen für die Zukunft geplant hatten.90
  • 88. Anaureaner sollten eines Tages den größten Teil deraureanischen Arbeiter und Verwaltungsangestellten erset-zen, da sie wesentlich kostengünstiger waren. Zudemplante der neue Archon, die Kastengesetzgebung nicht nuraufzulösen, sondern den ins Reich geholten Massen vonUngoldenen sogar das Bürgerrecht zu verleihen. Zunächstjedoch wurden sie meistens auf Kosten der Staatskasseversorgt, was innerhalb von kürzerster Zeit riesige Geld-summen verschlang.So dauerte es nicht lange, bis es zu den ersten Reibereienzwischen den anaureanischen Neuankömmlingen, diedarauf warteten, dass der Archon seine Versprechen vonWohlstand und Glück so schnell wie möglich einlöste, undden einheimischen Aureanern kam. In vielen großenStädten und Ballungszentren verwandelten sich jeneGebiete, wo die ehemaligen Slumbewohner untergebrachtworden waren, schnell in schmutzige und unangenehmeOrte.Vielfach versuchten sich die Angehörigen der unterenKaste auch schon im Vorfeld auf eigene Faust ein wenigvon dem Wohlstand zu holen, den man ihnen versprochenhatte. So zogen in vielen Städten, auch in Asaheim undVanatium, des Nachts kriminelle Banden von Anaureanerndurch die Straßen und es kam zu Plünderungen undÜberfällen.Die wohlstandsverwöhnten, vergeistigten Aureaner rea-gierten auf diese Vorfälle mit Ratlosigkeit und Entsetzen.Die instinkthafte Primitivität, die sich in ihren Städtenausbreitete, überforderte sie schlichtweg.Aber noch lebte der größte Teil der Angehörigen deroberen Kaste in trügerischer Sicherheit. Leute wie etwaNorec und Crusulla Princeps, die in gutsituierten Viertelnwohnten, waren zwar nicht immer von den neuen Verhält- 91
  • 89. nissen begeistert, aber alles in allem bekamen sie in Vanati-um-Crax von den wachsenden Problemen des GoldenenReiches nur wenig mit.Doch was immer auch die aureanischen Männer undFrauen sagten oder wünschten, der neue Archon desImperiums hatte ohnehin nicht vor, ihnen Gehör zuschenken. Er bereitete Schritt für Schritt die Entmachtungder obersten Kaste Terras vor. In einigen Jahren würden erund seine Mitstreiter aus der Optimatenpartei die Kartenneu gemischt haben, meinte Sobos. Dann würden alle, egalob Aureaner oder Anaureaner, bei ihnen um ein StückBrot betteln müssen. Dann würde überhaupt nur noch derleben können, der seine Arbeitskraft möglichst billigverkaufte. Im Notfall konnte man auch einfach eine Seitegegen die andere ausspielen. Dann konnten aureanischeLegionäre die Aufstände der anaureanischen Arbeitsskla-ven niederschlagen und anaureanische Legionen dieAureaner, wenn diese rebellierten.Eines Tages, so versprach Juan Sobos, würden sie alle nurnoch eine einzige Masse sein, über der eine ganz neueKaste stehen würde. Eine kleine Schicht reicher, allmächti-ger Männer, die über sämtliche Rohstoffe, Nahrungsmittelund Besitztümer des gesamten Goldenen Reiches verfügte.92
  • 90. Der EisplanetEugenia strahlte über das ganze Gesicht und Flaviusverneigte sich, ganz wie ein altaureanischer Jüngling ausbestem Hause, als sie über den Korridor auf ihn zugeranntkam. Sie umarmten einander und die hübsche, dunkelhaa-rige Frau drückte Princeps einen dicken Kuss auf dieWange.»Endlich frei für heute!«, flüsterte sie und strich demLegionär durch das Haar.Dieser lächelte glücklich in sich hinein und wirkte fast so,als hätte er sich mit dem Neurostimulator einen SchubGlücksgefühle verpasst.»Mir tun die Knochen weh, Eugenia«, erklärte Flavius undließ seine Schultern kreisen. »Die haben uns heute wiederdurch die Krafträume gescheucht …«»Du wirst noch ein richtiger Muskelprotz«, scherzte dieKrankenschwester und knuffte Princeps mit dem Ellbogenin die Seite.»Bis ich so überzüchtet aussehe wie einige dieser Berufs-soldaten, muss ich wohl noch ein paar Jahre trainieren«,konterte er schmunzelnd.»Übertreibe es nicht! So gefällst du mir schon ganz gut,Soldat. Auf riesige Muskelberge stehe ich außerdem sowie-so nicht«, gestand Eugenia und sah zu ihm herüber.»Dann gefalle ich Ihnen also, Fräulein Gotlandt?«, hakteFlavius nach.»Spinner!« Princeps bekam einen weiteren Stoß mit demEllbogen in die Seite.Sie gingen ein wenig durch die Polemos und setzten sichdann in eines der Bistros. Flavius winkte die Ordonanzheran und bestellte zwei Syntha-Shakes. 93
  • 91. »Du wirkst richtig gut gelaunt, Flavius. Das freut mich fürdich. Offenbar geht es dir wieder besser«, bemerkte Euge-nia.»Ja, das stimmt! Ich habe mir vorgenommen, in Zukunftalles etwas lockerer zu nehmen. Diese Colod-Missionwerden wir jetzt schnell erledigen und dann ist hoffentlichendlich Ruhe«, erwiderte Princeps gelassen.Plötzlich piepste sein Kommunikationsbote und Flaviusgriff in seine Tasche. Es war Kleitos. Der Rekrut grinsteihm auf dem holographischen Bildschirm entgegen.»Sag deiner Freundin, dass Onkel Kleitos gleich da ist.Dem ist nämlich langweilig, Alter«, tönte Jarostow.Eugenia sah leicht pikiert zu ihrem Begleiter herüber undverzog den Mund.»Wo seid ihr zwei Hübschen denn?«»Deck 6, in diesem Bistro mit den roten Stühlen … duweißt schon«, antwortete Flavius genervt.»Gut, bis gleich!«Die Krankenschwester reckte ihren schlanken, weißenHals und sah an die Decke. Für einen Augenblick schwiegsie und erschien nachdenklich.»Na, möchte Herr Jarostow wissen, wie es so läuft?«,hänselte sie.»Wie was läuft?« Flavius stellte sich dumm – was Eugenianatürlich nicht verborgen blieb.»Och, ich habe nur laut gedacht …«, murmelte diese undließ einen Augenaufschlag folgen.»Dem Penner ist langweilig. Deshalb will er uns jetztnerven«, murrte Princeps.»Aber sicher!«, stimmte Eugenia zu.Wenig später kam Kleitos auf ihren Tisch zugerannt undbegrüßte die beiden mit einem breiten Grinsen. Dann lud94
  • 92. er sich selbst zu ihrer Runde ein und ließ sich auf einemStuhl nieder.»Und? Wie ist die Lage?«, fragte er forsch.»Gut! Wir amüsieren uns, Kleitos«, gab Eugenia sofortzurück.»Ich habe gerade noch ein wenig gezockt, Flavius. DiesesSpiel, wo man so ein Raumschiffkommandant ist …«,bemerkte der kräftige Soldat aus Wittborg.»Ja, kenne ich …«, kam von Princeps.»Neulich, da habe ich das auch schon gespielt, aber da istmein Schlachtschiff von so außerirdischen Dingern abge-knallt worden … diese kugelförmigen Schiffe … diekennst du doch, oder?«»Ja, Kleitos! Ich kenne das Spiel.«Eugenia verdrehte die Augen und Flavius dachte bei sich,dass die junge Frau noch hübscher als sonst war, wenn siegenervt dreinschaute. Derweil fuhr Jarostow fort: »Also,ich ballere mit dem dicken Warpimpulsgeschütz auf dieseKugeln drauf und zerstöre zwei von denen … aber diehaben ja diese Enterschiffe …«»Warum spielst du ausgerechnet ein virtuelles Spiel, dasauch noch etwas mit Weltraumflügen zu tun hat?«, unter-brach ihn Princeps.»Keine Ahnung! Das Spiel ist jedenfalls nicht schlecht.Aber heute hatte ich nach dem Krafttraining nicht schonwieder Lust dazu«, erläuterte Kleitos.»Wenn ich kurz unterbrechen darf, meine Herren«, fuhrEugenia mit sanftem und zugleich bestimmtem Tonfalldazwischen. »Ich habe leichte Kopfschmerzen. Ich glaubees ist besser, wenn ich mich mal für eine Stunde in meineKoje lege.« 95
  • 93. Verwundert hielt sich Flavius an seinem Glas fest, währendEugenia mit einem trockenen Lächeln von ihrem Stuhlaufstand.»Bis die Tage mal, ihr zwei!«, sagte sie und verließ fluchtar-tig das Bistro.Flavius sah ihr sehnsüchtig hinterher, um sich nur einenAugenblick später seinem Freund Kleitos zuzuwenden, derunbeirrt weiter plapperte.»Was ich noch sagen wollte, du kennst doch auch dieseanderen Aliens mit den komischen Riesenaugen …«»Halt einfach die Fresse, Mann!«, knurrte ihn sein Freundan und schlug mit der Faust auf den Tisch.Die Assassinin Rodmilla Curow war bereits seit einigenTagen in den Straßen Welltaras unterwegs und ihre wach-samen Augen durchforsteten die engen, schmutzigenGassen zwischen den Habitatswohnungen ohne Pause.Um sie herum drängten sich zahlreiche Anaureaner aufeinem primitiv wirkenden Marktplatz im Herzen der Stadt.Rodmilla blieb kurz stehen und ließ ihren Blick umher-wandern. Seltsame, beißende Gerüche stachen ihr in dieNase und ein ununterbrochenes Murmeln, Schreien undSchwatzen waberte neben ihr durch das Menschengewühl.Angewidert rümpfte die schöne Frau die Nase, als zweinach Schweiß stinkende Gestalten mit Leinsäcken auf demRücken an ihr vorbeihuschten und sich lautstark in einemfremdartigen Dialekt unterhielten.»Er muss hier irgendwo wohnen. Habitatskomplex 789…«, flüsterte die Meuchelmörderin in sich hinein undmusterte die hässlichen Wohnblöcke aus grauem Beton,die den Marktplatz umgaben.»Wollen Sie einen Fisch kaufen?«, kam es jetzt von derSeite und eine kleine, dicke Frau mit plattgedrückter Nase,96
  • 94. fettigen, schwarzen Haaren und gelblichen Zähnen grinsteihr erwartungsvoll entgegen.Rodmilla gab ihr mit einer verächtlichen Geste zu verste-hen, dass sie verschwinden sollte. Die Fischhändlerinstrafte sie mit einem wütenden Blick und trottete sofortwieder zum nächsten potentiellen Kunden.»Hier in der Nähe muss er sein …«, murmelte die Auf-tragsmörderin wieder und öffnete eine Datenverarbei-tungsscheibe.In den letzten Tagen hatte sich Rodmilla schon oft aufdiesem Marktplatz postiert, um nach Clautus TritonAusschau zu halten. Die Wahrscheinlichkeit, dass der alteMann hier irgendwann auftauchen würde, war ihrer Mei-nung nach recht groß. Dieser Ort war mehr oder wenigerdas Zentrum Welltaras und hier kauften die meisten derEinwohner ihre Nahrungsmittel.Die wenigen Aureaner, die sich durch das lärmende Ge-wimmel kämpften, waren unschwer zu erkennen, denn ihreGestalten unterschieden sich stark von der Masse derAnaureaner, die hier handelten, aßen und herumlungerten.Die meisten Angehörigen der oberen Kaste Terras, oftGroßhändler oder Inhaber maritimer Farmen, legtengroßen Wert darauf, sich durch ihre edlere Kleidung vonden Anaureanern abzuheben. Nicht selten stellten sie ihrenWohlstand durch teuren Goldschmuck oder prunkvolleGewänder zur Schau. Einer jedoch war bisher nicht aufge-taucht: Der greise Berater des ehemaligen Archons, denRodmilla zu töten gedachte.Inzwischen war das Schwatzen und Schreien um dieAssassinin herum noch lauter geworden. Etwa zehn Metervon ihr entfernt hatten zwei Männer zu streiten angefan-gen und standen nun kurz davor, sich gegenseitig mittiefgefrorenen Aalen zu schlagen. Die Szene war skurril 97
  • 95. und Rodmilla konnte sich ein kurzes Schmunzeln nichtverkneifen, als einer der beiden Streithähne plötzlichseinen Aal wie ein Schwert erhob und ihn dem anderendurch das Gesicht zog. Dieser brüllte laut auf und versuch-te es seinem Rivalen heimzuzahlen, indem er jetzt selbstmit seinem Tiefkühlfisch zum Gegenangriff überging.»Elender Betrüger!«, rief sein Gegner und schlug weiter umsich, während sich ein Haufen gedrungener anaureanischerMänner und Frauen in den Zwist einmischten, um selbstein paar starr gefrorene Aale auf die Köpfe zu bekommen.Rodmilla war derweil wieder einige Schritte weiter überden großen Marktplatz gelaufen und hatte die laut schrei-ende Menschentraube hinter sich gelassen.Als sie sich jetzt umsah, konnte sie von weitem einenungewöhnlich hochgewachsenen Mann erkennen, der ineinen zerschlissenen Mantel gehüllt war. Sein Gesicht hatteihr Auge lediglich für einen Sekundenbruchteil gestreift,zumal es zur Hälfte hinter einem breiten Halstuch ver-steckt war.Dennoch war Rodmilla sofort instinktiv auf die unge-wöhnliche Gestalt aufmerksam geworden. Hier versuchtesich jemand wie die gewöhnlichen Einwohner von Wellta-ra zu kleiden, obwohl er offensichtlich nicht hierhergehörte. Den einfachen Besuchern dieses Marktes fiel dieseTatsache vielleicht kaum auf, aber Rodmillas Jägerblick warsie nicht verborgen geblieben. Ein näheres Hinsehenkonnte sich in diesem Fall also durchaus lohnen und sobewegte sich die Frau schnell und geschmeidig durch dasemsige Gewusel vor sich.Der verhüllte Mann stand an einem Gemüsestand undunterhielt sich mit leiser Stimme mit der Verkäuferin.Rodmilla hatte sich direkt neben ihm postiert und schieltezu ihm herüber, um seine Gesichtszüge genauer zu be-98
  • 96. trachten. Es dauerte nur wenige Sekunden, da hatte ihrgeschulter Blick das freundliche, aristokratische Antlitz derGestalt wie der Tiefenscanner eines Raumkreuzers abgetas-tet.Sie lächelte und stellte sich einige Meter abseits, währendder greise Herr in der schäbigen Robe sein Gemüse be-zahlte und langsam davonging. Nun hatte er eine Begleite-rin, die ihm für den Rest des Tages auf den Fersen bleibenwürde.Die Polemos hatte ihre Geschwindigkeit in den letztenMonaten Stück für Stück gedrosselt, je näher sie Colodgekommen war. Inzwischen hatte das Schiff Kontakt mitdem Planeten Akrus, dem Verwaltungszentrum des Heel-Systems, aufgenommen, jedoch bisher keine Antwortbekommen. Sämtliche Kontaktversuche mit Colod warenebenfalls nach wie vor erfolglos geblieben.In einer Woche würden sie den Eisplaneten erreicht haben,hatte Zenturio Sachs gestern seinen Männern verkündet.Flavius und Kleitos waren erleichtert, dass sie zumindestden Hinflug so gut wie überstanden hatten.Da es unwahrscheinlich war, dass die Soldaten auf Colodin irgendwelche Kämpfe verwickelt werden würden,machten sich die beiden keine allzu großen Sorgen. Aller-dings kursierten an Bord auch weiterhin die wildestenGerüchte bezüglich der seltsamen Funksignale, welche dieTiefenscanner empfangen hatten.Letztendlich wusste aber niemand etwas Genaues und dieentnervten Soldaten der 562. Legion von Terra hofftennur, diesen in ihren Augen vollkommen unsinnigen Ein-satz, den ihnen der profilierungssüchtige Oberstrategosaufgehalst hatte, so schnell wie möglich hinter sich zubringen. Da die Reise zum Heel-System kurz vor ihrem 99
  • 97. Ende stand und alle an Bord den Hyperschlaf überstandenhatten, standen nun für die Soldaten diverse Sportübungenund militärischer Drill auf dem Programm. Jeden Tagscheuchten Zenturio Sachs und seine Unteroffiziere dieMänner durch die Krafträume und Trainingshallen derPolemos.»Das Schlimmste für einen Legionär ist, wenn ihm im Allder Arsch einrostet!«, predigte Sachs immer wieder undbeobachtete mit einem zynischen Lächeln, wie sich seineSoldaten vor ihm abmühten.Flavius und Kleitos ließen auch diese schweißtreibendenSchindereien über sich ergehen, wobei Princeps ständig imKopf hatte, dass er sich nach Dienstschluss mit Eugeniatreffen konnte. Zumindest das war ein Lichtblick imansonsten eintönigen Leben des raumfahrenden Rekruten.Seitdem er der hübschen Krankenschwester ein wenignäher gekommen war und sie sich sogar geküsst hatten,waren die beiden mehr als nur Freunde. Allerdings warEugenia nach wie vor sehr zurückhaltend und hielt Flaviusin gewisser Hinsicht noch immer an der »langen Leine«.Mehr als ein wenig Händchenhalten und eine flüchtigeUmarmung ließ die junge Frau zurzeit nicht zu, aberPrinceps war damit auch zufrieden. Sie war eben eine echteDame, dachte sich der Legionär, und das machte geradeihren Reiz aus. Feierfreudige und freizügige Mädchen hatteer damals in Vanatium genug kennengelernt – wie anderswar doch Eugenia. Für Flavius war es ein Segen, dass sieauch hier auf der Polemos war.Sein Freund Kleitos nervte ihn immer wieder mit seinenzahllosen Fragen und es schien ihn brennend zu interessie-ren, ob er bei Eugenia schon »gelandet« war. Doch Flaviusschwieg sich über dieses Thema aus, das hatte er nichtzuletzt der Krankenschwester versprochen. Außerdem100
  • 98. würde bald nur eine einzige »Landung« anstehen, nämlichdie Landung auf der unwirtlichen Eiswelt Colod.Clautus Triton schlich mit müden Schritten über denlangen, düsteren Gang seiner Etage. Leise schnaufenderreichte er die Tür seiner Wohnung, die mit einem primi-tiven Codeschloss versehen war, und öffnete sie. Vor ihmtat sich sein kleiner, schäbiger Unterschlupf auf, einegähnende Wohnhöhle in einem mehr als trostlosen Beton-block. Wie anders war die Welt doch in den prunkvollenHallen des Archontenpalastes von Asaheim gewesen.Doch nun war er hier in Welltara, einer hässlichen Stadtam Ende der Welt.Der Greis seufzte, wie so oft, wenn er seine Wohnungwieder betrat, und ging in die Küche, um sich vor dasFenster zu stellen. Triton blickte herab auf die Straßendieses Viertels und versank in Gedanken.Plötzlich ertönte ein Räuspern hinter seinem Rücken.Verwundert drehte er sich um. Eine schöne, schlanke Fraumit einem Handblaster in der Hand trat aus einer dunklenEcke des Raumes hervor und richtete ihre Waffe auf seinGesicht.»Aha, ich habe Besuch …«, murmelte der alte Mann nurund setzte sich müde auf den Stuhl neben seinem Küchen-tisch. Die Frau schwieg ohne eine Miene zu verziehen.»War es schwer, mich zu finden, Madame?«, fragte sie derergraute Berater und lächelte gequält.Rodmilla antwortete ihm nicht, sondern lächelte lediglichkalt zurück.»Ich kann mich an Ihr Gesicht erinnern, Madame. HabenSie nicht im inneren Palastbereich als Servitorin gearbei-tet?«, kam von Triton. 101
  • 99. Er erhielt noch immer keine Antwort. Schließlich schwiegauch der alte Mann und richtete seinen Blick auf dasschmutzige Fenster zu seiner Rechten.»Sie sind mir damals schon aufgefallen. Sicherlich auch,weil sie eine sehr schöne Frau sind, Madame. Allerdingshabe ich mir damals nicht denken können, was wohl Ihreigentlicher Auftrag gewesen ist«, sagte der Berater dann.»Dann habt Ihr ja ein wachsames Auge, alter Mann«,erwiderte Rodmilla mit einem Anflug von Respekt.»Vielleicht hätte ich Sie mehr beachten sollen, junge Frau.Haben Sie ihn getötet?«, wollte Triton wissen.»Was denkt Ihr, alter Mann?«, gab die Auftragsmörderinzurück.»Es wäre denkbar!«, sprach Clautus leise.»Ja, denkbar wäre es …«, antwortete Rodmilla ungerührt.»Haben Sie Sobos und seine Freunde denn gut bezahlt,Madame?«Die Assassinin schwieg und lächelte lediglich. Tritonbetrachtete sie und schüttelte den Kopf.»Wenn Sie es getan haben, dann sollten Sie wissen, dass Sieeinen bedeutenden Beitrag zum Untergang des GoldenenReiches geleistet haben. Auch wenn die Archivatorenvielleicht niemals Ihren Namen für die Nachwelt nieder-schreiben werden, so können Sie sich diese traurige Sachegetrost auf Ihre Fahne schreiben, junge Frau. Sie haben derSchlange Juan Sobos damit den Weg zu seinem großenZerstörungswerk geebnet«, erklärte der Greis.Rodmilla zuckte zusammen, als sie das hörte und wirktefür einen kurzen Augenblick verstört. Dann biss sie sichkaum merklich auf die Unterlippe, während ihre rechteHand weiter den Blaster umklammerte.»Das sollten Sie wissen, Madame! Denken Sie darübernach, wenn Sie diesen Habitatsblock verlassen und mich102
  • 100. getötet haben. Sie haben einen guten, ehrlichen Archonermordet und einem Teufel die Tore geöffnet«, sprachClautus, wobei er die junge Frau mit seinen Augen fixierte.Diese versuchte seinem Blick auszuweichen und kam einenSchritt auf ihn zu.»Schweigt, alter Mann!«, zischte sie schließlich.»Das hört man nicht gerne, Madame. Aber es ist dietraurige Wahrheit. Ich werde Sie aus dem Jenseits beo-bachten, wo immer Sie auch sind. Und ich hoffe, dass Siesich eines Tages doch noch für die richtige Seite entschei-den werden«, sagte Triton und lächelte.»Ihr sollt endlich den Mund halten, alter Mann!«, knurrteRodmilla.»Glauben Sie wirklich, dass Sie einen einsamen, alten Mannvon über 90 Jahren noch mit dem Tode bedrohen kön-nen?«, forderte Triton die Meuchelmörderin nun herausund musterte sie verächtlich.Die junge Frau wurde zunehmend unruhiger und hatteMühe, ihren kalten Gesichtsausdruck beizubehalten.»Sobos wird Milliarden Menschen, Aureaner wie Anaurea-ner, ins tiefste Unglück stürzen. Das wird auch Ihre Schuldsein, Madame«, meinte Triton.»Ich muss Euch jetzt töten, alter Mann!«, antwortete ihmRodmilla und ging wieder einen Schritt zurück.»Darf ich mir noch einen letzten Tee gönnen, bevor Siemich auf die große Reise schicken?«, fragte sie der Greis.Die Assassinin nickte und ließ Triton von seinem Stuhlaufstehen. Der weißhaarige Nobile machte sich einen Tee.Dann setzte er sich wieder seelenruhig an den Küchen-tisch.»Ich werde jetzt nichts mehr sagen, denn ich glaube, dassmeine Worte ausreichen, um Sie vielleicht doch noch zumNachdenken zu bringen«, flüsterte Triton vor sich hin und 103
  • 101. nippte an seiner Tasse. Rodmilla wirkte nervös, setzte sichnun ebenfalls an den Küchentisch und starrte die graueBetonwand an.Nach einigen Minuten hatte der alte Mann seine Tasseausgetrunken und lehnte sich gelassen zurück. SeineBesucherin stellte sich einige Meter vor ihn und richtetewieder den Blaster auf die Stirn ihres Opfers.»Vielleicht habt Ihr in einigen Punkten Recht, alter Mann…«, murmelte Rodmilla und zögerte noch für einenkurzen Augenblick, bevor sie Triton mit einem Kopf-schuss tötete.Nach fast vier Jahren Flugzeit hatte die Polemos endlichihr Ziel erreicht. Für Flavius und die anderen Soldaten aufdem Schiff waren hingegen lediglich knappe 29 Monatevergangen, da der Kreuzer die meiste Zeit über mit Drei-viertellichtgeschwindigkeit durch die Weiten des Alls gerastwar. Dieses seltsame Phänomen der Zeitverschiebunghatte der Rekrut aus Vanatium noch immer nicht richtigverstanden, überließ die ganze Sache aber auch den Arith-metikern und Kosmologen.Tatsache war jedenfalls, dass jenseits der Polemos nun eineschwach beleuchtete, weißblaue Kugel aus der Finsternisdes Weltraums hervortrat. Sie waren angekommen.Kaum jemand jubelte, als das unbedeutend erscheinendeGestirn langsam immer größer wurde. Den meistenLegionären ging es lediglich darum, kurz nachzusehen,was dort unten vor sich ging, um dann wieder zu ver-schwinden. Zenturio Sachs hatte erklärt, dass die Erkun-dungsmission wohl nur ein paar Tage dauern würde. DieSoldaten sollten in der Nähe von Tanath, der größtenStadt auf Colod, abgesetzt werden und sich dann dortumschauen.104
  • 102. »Vermutlich sind wir nur hier hingeflogen, um eineSchneeballschlacht zu machen!«, scherzten einige derBerufssoldaten, als die Polemos den Orbit des Planetenerreichte und sofort in den Landeanflug ging, um dieLegionäre auf die eisige Oberfläche zu bringen.Es dauerte nicht lange, da hatte die Polemos den Bodenerreicht und das riesige Schlachtschiff setzte mit einemlauten Heulen und Ruckeln auf. Flavius und Kleitoswarteten in einer großen Halle im unteren Teil des Kreu-zers, zusammen mit Hunderten weiterer Legionäre, auf dasÖffnen der breiten Ausstiegsluken.Alle Soldaten waren über und über mit Versorgungstornis-tern, Waffen und Schilden behängt. Flavius litt unter demgewaltigen Gewicht seiner schweren Ganzkörperrüstungaus Flexstahlplatten und dem ganzen anderen Zeug, das ermit sich herumschleppen musste.Schließlich taten sich die Ausstiegsluken mit einem lautenRumpeln auf und gaben den Blick frei auf ein wenigeinladendes Halbdunkel, das von Schneeflocken undeisigen Verwehungen durchzogen war.Den Legionären schlug eine furchtbare Kälte entgegen.Princeps drückte hastig einen kleinen Knopf am Wangen-schutz seines Helms, so dass sich sein Visier mit einemkurzen Surren verschloss.Nach und nach marschierten die Soldaten nach draußenund nicht wenige von ihnen begannen zu fluchen, als siesahen, wo sie hier gelandet waren.Eine bläulich schimmernde Düsternis bedeckte den Him-mel von Colod und die Thermosensoren an Flavius Schul-terpanzer zeigten an, dass die Temperatur bei etwa 37Grad minus lag. Der Rekrut sah sich angewidert um. Soweit das Auge reichte konnte er nur eine endlose Eiswüsteerkennen, die sich bis zum in Finsternis gehüllten Horizont 105
  • 103. ausdehnte. Lediglich einige mit Schnee und Eis bedeckteHügel ragten aus der gefrorenen Landschaft heraus. Einenunwirtlicheren Ort konnte sich Princeps kaum vorstellenund schlagartig wurde ihm bewusst, dass selbst wenigeTage in einer solchen Umgebung schon eine Qual seinmussten.Eine halbe Stunde später war die 562. Legion von Terravollzählig angetreten und Zenturio Sachs begrüßte seineMänner mit einigen zynischen Kommentaren über denVox-Transmitter.»Dass hier überhaupt jemand lebt!«, brummte Flavius inRichtung seines Freundes Kleitos.»So etwas nenne ich eine Riesenscheiße!«, zischte dieserzurück.»Was?«, fragte Princeps, der nur ein dumpfes Murmelnunter Kleitos Helmvisier vernommen hatte.Dieser winkte ab und stakste durch den knirschendenSchnee vorwärts. Hinter den langsam vorrückendenLegionären erhob sich die Polemos nach einer Weilewieder in den düsteren Himmel.Wirbelnde Schneewolken und ein ohrenbetäubendesHeulen begleiteten den Abflug des gigantischen Sternen-schiffes, das nun wieder im Orbit des Planeten auf dieBeendigung der Erkundungsmission warten sollte.Auf die Begleitung von Panzern und Bombern hatten dieSoldaten verzichtet. Nichts deutete hier auf eine Gefahrhin und zudem konnten sie das wenige Kriegsgerät, dasLeukos ihnen gelassen hatte, im Bedarfsfall auch schnellanfordern, wenn es notwendig war. Doch es sah nicht soaus, als würde man in dieser trostlosen Eiswüste irgendet-was brauchen, von warmer Kleidung abgesehen.Nach einer Stunde Fußmarsch zeichneten sich die Umrisseeiner großen, schwarzen Kuppel am Horizont ab. Das106
  • 104. musste Tanath sein, die Stadt im Eis, welche unter einergewaltigen Halbkugel aus beheizbarem Panzerglas erbautworden war, wie es Flavius dem letzten Missionsbriefingentnommen hatte.»Da hinten scheint jedenfalls schon jeder zu Bett gegangenzu sein!«, schallte es aus dem Vox-Transmitter. »KeineLichter! Was soll man davon halten?«Zenturio Sachs gab den Befehl zum Anhalten und alleSoldaten schoben erst einmal ein paar Energiezellen in ihreBlaster.»Ich glaube zwar nicht, dass Gefahr droht, aber haltettrotzdem besser die Augen offen, wenn wir uns der Stadtnähern!«, wies er die Legionäre an.Es wurde allmählich dunkler und Flavius hatte das Gefühl,dass die wenigen Sterne in der Ferne, welche die Oberflä-che von Colod nur schwach beschienen, langsam erlo-schen. Die riesige, dunkle Kuppel in der Ferne vergrößertesich derweil mit jedem weiteren Schritt und wirkte zuneh-mend unheimlicher.Einige Legionäre mit schweren Blastern und Rotationsge-wehren kamen an ihm vorbeigerannt und begannen, dievorrückende Truppe zu flankieren.Immer näher kamen die Soldaten der monströsen Glas-halbkugel, die weit in den dunklen Himmel hinaufragte.Wenig später konnten die Terraner bereits einige Detailsder titanischen Konstruktion erkennen – und was siesahen, verursachte schon bald große Unruhe unter denSoldaten.Teile der riesigen Kuppel aus Panzerglas, welche die haupt-sächlich von Minenarbeitern bewohnte Stadt vor der tödli-chen Kälte geschützt haben musste, waren herausgebrochenund große Löcher klafften in der Außenwand des gläser-nen Gewölbes. Ansonsten war unter der Kuppel nirgend- 107
  • 105. wo eine Lichtquelle auszumachen. Die im Inneren derGlaskonstruktion liegende Stadt erschien ausgestorben undlediglich die schwarzen Umrisse hoher Gebäude, die wietote, verfaulte Äste eines alten Baumes aussahen, waren zuerkennen. Unsicherheit und Misstrauen überfielen dieLegionäre, als Zenturio Sachs ihnen den Befehl erteilte, dieStadt zu betreten.108
  • 106. Unangenehme BegegnungenImperator Sobos ruhte auf dem Bauch und ließ sich seinenverspannten Rücken von einigen Wärmestrahlern für eineMassage vorbereiten. Um die breite Liege herum zucktenmehrere dicke Massagearme aus Metall, die wie die Tenta-kel eines Kraken oder stählerne Schlangen aussahen. Anden Enden der langen Flexstahlschläuche, die sich ausunzähligen kleinen Ringen zusammensetzten, befandensich winzige Neuroimpulssender und Druckdüsen –hervorragend dazu geeignet, einen schmerzenden Rückenwieder auf Vordermann zu bringen.Nach einer Weile fuhren die Wärmestrahler zurück und dieMassagearme stürzten sich allesamt gleichzeitig auf dasschwabbelige Fleisch des korpulenten Archons. Einwohliges Gefühl durchfloss dessen ganzen Körper undSobos stieß ein leises, zufriedenes Grunzen aus.Doch die Freude währte nicht lange, denn wieder einmalwurde der Imperator von einer seiner Torwachen aus dergenussvollen Entspannung herausgerissen. Fluchendrichtete Sobos seinen fetten Körper auf und stellte dasMassagegerät ab, während der Türscanner summte.»Eure Exzellenz, die ehrwürdige Dame Rodmilla Curowwünscht Euch zu sprechen«, schallte es aus der Sprechan-lage.»Sie soll reinkommen!«, schnaufte der Archon und verhüll-te sich mit einem weißen Samttuch.Kurz darauf ging das elektronische Portal des Raumes aufund eine schwergepanzerte Torwache führte den in einscharlachrotes Gewand gekleideten Gast in das Privatge-mach des Kaisers. 109
  • 107. »Verschwinde!«, knurrte der Imperator der Torwache zuund diese verließ blitzartig den Raum, während sich dasPortal hinter ihr sofort wieder verriegelte.»Fräulein Curow, welch eine Überraschung!«, stieß Sobosgekünstelt aus und betrachtete die Frau von oben bisunten.»Eure Majestät!«, erwiderte die Meuchelmörderin trockenund verneigte sich.»Darf ich Ihnen beim Entkleiden helfen, Gnädigste?«,fragte der Archon grinsend.Rodmilla nahm ihren mit zahllosen, bunten Federn ge-schmückten Spitzhut vom Kopf und zog ihren langen,wallenden Umhang aus. Dann legte sie ihn über die Lehneeines Sessels.»Es geht schon, Eure Majestät …«, murmelte sie zurück.»Und? Wieder eine Erfolgsmeldung, Madame?«»Ja, Eure Exzellenz! Er ist tot!«Mit einem feisten Grinsen schob der Imperator die Au-genbrauen nach oben.»So? Wie haben Sie ihn denn überhaupt gefunden, FräuleinCurow?«»Glück, mehr nicht, Majestät!«, erklärte Rodmilla kurz.»Hervorragend!«, lobte sie der Kaiser und klatschte in dieHände. »Damit haben Sie sich erneut eine Menge VEsverdient, meine Teure …«»Ja, das stimmt, Majestät«, antwortete die Assassinin undwirkte bedrückt.Juan Sobos, dessen empfindliche Stellen noch immerlediglich mit einem Handtuch bedeckt waren, kam langsamnäher und fixierte sie mit seinen Augen.»Sie sind großartig, Fräulein Curow. Ich bin ganz begeis-tert«, flüsterte er Rodmilla zu.»Danke, Majestät!«, gab sie emotionslos zurück.110
  • 108. Sobos ging einige Schritte zurück und setzte sich auf diebreite Massageliege. Seine Augen waren noch immer aufdie Auftragsmörderin gerichtet, während diese versuchteihnen irgendwie auszuweichen.»Es ist schön, wenn man keinen Geringeren als den Ar-chon des Goldenen Reiches als Auftraggeber hat, nichtwahr, Madame?«, sagte der Kaiser mit selbstherrlicherMiene.»Ja, Eure Exzellenz!«»Möchten Sie nicht neben dem Imperator Platz nehmen,Madame? Hier kann durchaus noch eine schöne Frausitzen«, bemerkte Sobos und starrte auf die Konturen vonRodmillas langen, schlanken Beinen, die man unter ihremZweitgewand erkennen konnte.Die Frau zögerte für einen Augenblick und setzte sichdann wortlos neben den Archon. Sobos rieb sich denhervorquellenden Bauch und trommelte dann mit seinenFingern auf seinen speckigen Knien herum. Rodmilla sagtenichts und schaute lediglich weg.»Ich bin sehr zufrieden mit Ihrer Arbeit, meine kleineMörderin. Sie sind schön und tödlich, das ist sehr anre-gend«, hauchte Juan Sobos.»Das freut mich, Majestät …«, murmelte Rodmilla.»Ja, mich auch. Ich bin der Meinung, dass wir beide unsereZusammenarbeit noch ein wenig intensiver gestaltenkönnten«, meinte der Archon, rückte noch ein wenig näheran die Meuchelmörderin heran und legte seine Hand aufihren linken Oberschenkel.Der Gesichtsausdruck seiner Gehilfin wechselte schlagar-tig. Angewidert blickte sie ihn an, während Sobos einlustvolles Brummen ausstieß.»Du weißt, was ich will …«, wisperte er ihr gierig ins Ohrund seine Hand rutschte unter Rodmillas Gewand. 111
  • 109. Diese sprang blitzartig auf und schubste den Archonzornig von sich weg.»Lasst mich in Ruhe!«, fauchte sie wie eine zornige Katze.Sobos schreckte nun ebenfalls auf und starrte sie grimmigan.»Was soll diese Anstellerei, Mädchen?«, grollte er undschlug mit der Faust auf die Massageliege.»Ich werde jetzt gehen, Majestät! Es mag ja sein, dass Ihrüber das ganze Goldene Reich herrscht, aber über michherrscht Ihr nicht!«, zischte die Assassinin und eilte zu demSessel, auf dem sie ihr Gewand abgelegt hatte. Auf einmalbegann Juan Sobos laut zu lachen.»Da kneift aber jemand die Arschbacken richtig zusam-men, was?«, höhnte er lauthals.»Darf ich jetzt gehen, Eure Exzellenz?«, fragte Rodmillasteif.»Herkommen!«, knurrte Sobos und ließ sie noch einmalwie einen Soldaten vor der Massageliege antreten.Widerwillig kam die Assassinin näher und starrte auf denBoden.»Ich lasse Ihnen in den nächsten Tagen eine Liste vonLeuten zukommen, die ebenfalls liquidiert werden müssen.Meistens einflussreiche Persönlichkeiten, die wir nichtoffen beseitigen können. Das sollte kein schwere Aufgabefür jemanden wie Sie sein. Lassen Sie ein paar kleine»Unfälle« geschehen. Sie erhalten pro Auftrag 500.000VEs«, erläuterte der Imperator kalt.»Jawohl, Eure Majestät!«, gab Rodmilla zurück und ver-beugte sich.Dann ging sie zur Tür, ohne sich nochmals nach JuanSobos umzudrehen. Dieser grinste ihr hämisch hinterherund flüsterte so laut, dass sie es noch hören konnte: »Da112
  • 110. hütet ja jemand seine Muschi wie einen kleinen Gold-schatz. So etwas hat man nicht alle Tage …«Throvald von Mockba betrat das persönliche Gemach desOberstrategos und sah diesen verwundert an. AswinLeukos hatte sich an seinen Schreibtisch gesetzt undmurmelte leise vor sich hin. Zunächst beachtete er seinenStellvertreter überhaupt nicht.»Vergebt mir die Störung, Herr! Die Raumobservatorenerwarten Euch auf der Brücke!«, sagte der Legatus mitlauter Stimme.»Throvald!«, schreckte Leukos auf und blinzelte umher.»Herr, die Raumobservatoren erwarten …«, sprach dieser,doch der Feldherr fiel ihm erregt ins Wort.»Hört Euch diesen Text an, Legat! Das ist hochinteressant.Ich lese ihn Euch einmal vor. Es ist eine Weissagung desTykidides von Pharrag, des persönlichen Sehers vonGutrim Malogor. Man sagte, dass er tatsächlich in dieZukunft schauen konnte.«»Herr, wartet damit bitte und begleitet mich zur Komman-dobrücke, die Raumobservatoren …«, versuchte Throvaldeinzulenken, doch der Oberstrategos ließ sich nicht ausseiner philosophischen Euphorie reißen.Ergriffen las er den von ihm bewunderten Text mit ruhigerStimme vor: »Im Jahre 16600 n.M., also in etwa 12600Jahren, wird eine göttliche Seele, verkörpert als Gold-mensch, die über ganz Terra verstreuten Reste der Aurea-ner vereinen und eine Jahrtausende alte Epoche der tiefs-ten Nacht und des Zerfalls beenden.Das strahlende Zeitalter der Technologie wird dannschon lange untergegangen sein, doch dieser Gott-Imperator wird den goldenen Menschen zu neuer Blüteführen. Seine Schlachtschiffe voller gepanzerter Krieger 113
  • 111. wird er durch die Galaxis schicken, um sich die Sterneuntertan zu machen. Mit Feuer und Schwert wird er dieAußerirdischen zu Boden schlagen und das Zeitalter deraureanischen Herrschaft über die Galaxis einleiten.Niemand wird ihm trotzen können und die Grenzenseines Imperiums werden die entlegensten Winkel derMilchstraße berühren.Doch man wird ihn verraten! Der höchste General Terraswird sich gegen seinen Gott-Imperator wenden und dasReich der goldenen Menschheit auf dem Höhepunkt desRuhmes ins Chaos stürzen.Letztendlich wird sich der Gott-Imperator selbst opfernmüssen, um das Aufgebaute zu retten. Das Reich wirdüberleben und die Sterne beherrschen, doch es wird 10.000Jahre lang kämpfen müssen, um nicht unterzugehen. Daswird der Goldmenschen Preis sein, um zur mächtigstenArt der Galaxis zu werden. Zehn Jahrtausende voller Krieggegen die Außerirdischen und die Feinde im Inneren.Dann wird alles wieder zerfallen und das galaktische Radwird sich weiter drehen …«Throvald von Mockba verdrehte die Augen und schwieg,während sein Herr lächelte und sich wie ein kleiner Jungefreute.»Das ist hochinteressant, nicht? Vielleicht hat Tykididesvon Pharrag wirklich in das Licht der Zukunft geblickt.Viele seiner Zeitgenossen haben berichtet, dass er dieseFähigkeit tatsächlich gehabt hat«, erklärte Leukos.»Herr, ich bitte Euch! Man erwartet Euch!«, drängelte derLegatus ungeduldig.»Ich komme ja schon!«, brummte der Oberstrategos,enttäuscht darüber, dass sein Stellvertreter nichts fürderartige Weisheiten übrig zu haben schien.114
  • 112. Die beiden fuhren mit dem Aufzug zum obersten Deckder Ultimus und kamen wenig später zur Kommandobrü-cke, wo sich die Raumobservatoren bereits versammelthatten.»Was gibt es denn so wichtiges, Männer?«, grantelte derOberstrategos, nachdem alle vor ihm salutiert hatten.Die Raumobservatoren führten Leukos zu einem großenHolo-Monitor und deuteten auf einige leuchtende Punkteund Zahlenstränge. Der Oberstrategos sah sie fragend an.»Wir haben mehrere Dutzend Energiesignaturen mitunseren Tiefenscannern aufgefangen. Sie sind noch weitvon uns entfernt, aber es ist zu vermuten, dass sie vonRaumschiffen stammen«, sagte der Überwacher.»Mehrere Dutzend?«, wunderte sich Leukos.»Ja, Herr! Mindestens 50 Signaturen konnten aufgezeichnetwerden, vermutlich sind da aber noch ein paar mehr«,antwortete der Flottenbedienstete.»Eine Handelsflotte vielleicht?«, sagte der Feldherr.»Handelsflotten bestehen in der Regel aus kaum mehr alseinem Dutzend Frachter. Eine so große Anzahl vonHandelsschiffen ist sehr ungewöhnlich«, erwiderte derMann.»Wegen so einem Unsinn ruft ihr mich auf die Komman-dobrücke?«, schimpfte Leukos und schüttelte den Kopf.»Vergebt uns, Herr! Wir wollten Euch nur darüber infor-mieren, denn wir dachten, dass Ihr es wissen sollt. Immer-hin erscheint es auch so, dass sich diese Schiffe auf uns zubewegen«, entschuldigte sich der Raumobservator.»Das werden wohl irgendwelche Handelsschiffe sein«,murmelte der Oberstrategos und wirkte, als ob er nochimmer mit den Gedanken bei der Prophezeiung desTykidides wäre. 115
  • 113. »Wie Ihr meint, Herr!«, bemerkte der Flottenbediensteteund ging wieder zurück zu seinem Arbeitsplatz.Throvald von Mockba, der im vorderen Teil der Kom-mandobrücke geblieben war, sah seinen Herrn gespanntan.»Und? War es etwas Wichtiges, Oberstrategos?«Leukos winkte gedankenverloren ab und ließ ihn einfachstehen.»Nein, alles in Ordnung …«, antwortete er und machtesich mit schnellen Schritten auf den Weg in sein Gemach.Tanath war eine riesige Ruinenlandschaft. In der letztenNacht hatten die Soldaten der 562. Legion von Terrazwischen einigen zerfallenen Häusern am Rande der Stadtgelagert und waren nicht weiter vorgedrungen.Jetzt, am frühen Morgen, wo es zumindest einigermaßenhell war, war der Vorstoß in die Straßen der Geisterstadtbesser zu koordinieren. Das dachte sich zumindest Zentu-rio Sachs.Den Legionären bot sich ein bedrückender Anblick. DasGlaskuppeldach war vielerorts zerstört und Schneeverwe-hungen brausten durch die zahlreichen Öffnungen. Hiergab es nur noch Trümmer und zerstörte oder zerfalleneHäuser. In den Straßen, und das war das eigentlich Beängs-tigende, lagen zudem zahllose vereiste, tote Körper undGerippe.Flavius biss die Zähne zusammen und fühlte, wie seinHerz schneller zu pochen begann. Angespannt festigte erden Griff um seinen Blaster und sah sich immer wiederum. Dieses Szenario erinnerte ihn an den furchtbarenAnblick der zerstörten Siedlung damals auf Furbus IV, alser seine erste Raumreise erlebt hatte.116
  • 114. Was war hier geschehen? Princeps schaute zu Kleitosherüber und dieser antwortete lediglich mit einem Achsel-zucken.»Seht euch das mal an! Leute, kommt mal her!«, vernahmFlavius plötzlich von der Seite. Er drehte sich um undsah, dass sich einige der Soldaten um etwas zu ihrenFüßen geschart hatten. Der Rekrut schob ein paar derLegionäre zur Seite und rannte zu der Stelle, wo sich dieMenschentraube gebildet hatte, während ihm Kleitoshinterherlief.»Bei Malogor! Was ist das denn?«, stieß einer der Legionäreaus und deutete auf ein halb verwestes Etwas, das aus demSchnee ragte.»Seht euch diesen Schädel an! Das ist doch kein Mensch!«,meinte ein anderer Soldat.Jetzt erkannte auch Princeps, was dort am Boden lag. Ihmlief ein kalter Schauer den Rücken herunter.»Das … das ist eines dieser Wesen!«, stammelte er unddrehte sich zu Kleitos um.Inzwischen hatten sich zahlreiche Legionäre um dasmerkwürdige, tote Ding versammelt und es wurden vonSekunde zu Sekunde mehr. Die Nachricht, dass etwashöchst Seltsames gefunden worden war, verbreitete sichunter den Soldaten per Vox-Transmitter wie ein Lauffeuer.Schließlich kam auch Zenturio Sachs heran, der die Män-ner fluchend aus dem Weg schubste.»Verdammt! Was soll dieser Auflauf? Wir sind hier bei derLegion! Lasst mich mal durch …«, knurrte er.»Diese Wesen … Furbus IV …«, flüsterte Flavius in sichhinein.Kleitos hatte eine Vox-Transmitter-Verbindung zu ihmhergestellt und hörte Princeps leise vor sich hin brabbeln. 117
  • 115. »Furbus? Was redest du denn da, Princeps? Was ist das fürein Ding?«, fragte Jarostow entsetzt.»Geht mal weg da!«, brummte Zenturio Sachs, zückte seinGladius und trennte den hässlichen, verrotteten Schädelder Kreatur von deren Rumpf. Dann hob er ihn hoch undhielt ihn seinen Leuten vor die Nase.»Kann mir vielleicht jemand sagen, was das hier ist? Einbesonders unansehnlicher Anaureaner vielleicht?«, brüllteder Offizier.Flavius schwieg, denn er hatte Angst, sich vor den älterenLegionären zu blamieren, wenn er jetzt einfach dazwi-schenredete.»Hier sind noch vier weitere von diesen Dingern!«, schalltees plötzlich aus einem Ruinenhaus.»Weißt du etwas über diese Kreaturen?«, wollte Kleitosnun von seinem Freund wissen.Princeps ließ den Visier seines Helmes nach oben fahrenund verzog sein Gesicht, als ihm die eisige Kälte in dieHaut schnitt. Dann warf er noch einen Blick auf denenthaupteten Körper vor sich.»Furbus IV … auf Furbus IV waren es die gleichen Wesen,die wir gefunden haben. Sie sahen genau so aus, Kleitos!«,sagte Flavius.»Willst du damit sagen, dass dieses Ding dort ein toterAußerirdischer ist?«, wunderte sich Jarostow. »Das ist dochUnsinn!«»Was soll es denn sonst sein? Ein Mensch ist es jedenfallsnicht!«, gab Princeps leise zurück.Einige Sekunden später donnerte die Stimme von ZenturioSachs mit einer Lautstärke aus dem Vox-Transmitter, dassFlavius fast das Trommelfell platzte.»Männer! Ausschwärmen! Wir müssen herausfinden,womit wir es hier zu tun haben! Untersucht die Häuser!«118
  • 116. Augenblicklich folgten die Soldaten dem Befehl unddrangen tief in das vereiste Labyrinth aus Ruinen undTrümmern vor. Bald war Colod wieder in kalte Dunkelheitgehüllt.Dutzende von Freudenmädchen tänzelten um die ergrau-ten Herren auf der Terrasse herum und diese ließen ihregierigen Blicke immer wieder über die leichtbekleidetenKörper der hübschen Frauen wandern. Juan Sobos undsein Partner, Senator Lupon von Sevapolo, hatten deninneren Kreis der optimatischen Seilschaft heute zu einerkleinen Feier auf den Sommersitz des Archons im Nordenvon Braza geladen.Über den Männern tat sich ein sternenbehangener Himmelauf, der dieser von Vergnügen und Ausschweifungengeprägten Nacht die richtige Atmosphäre verlieh. Einigeder Senatoren, Bankiers und Industriellen, die heutegekommen waren, waren bereits stark angetrunken, wasallerdings nicht auf den Imperator selbst und seinenengsten Mitstreiter zutraf. Die beiden waren weitgehendnüchtern geblieben und betrachteten ihre der Dekadenzfrönenden Fraktionskollegen mit wachsamen Blicken.»Darf ich Euch auch ein wenig Gesellschaft leisten, Majes-tät?«, säuselte eine langbeinige Konkubine, die außer einemweißen Pelzmantel und schwarzen Stöckelschuhen wenigtrug, Juan Sobos ins Ohr und strich ihm durch die Haare.»Nein! Nicht jetzt!«, brummte dieser gelangweilt und stießdie Frau zur Seite.»Und du stehst wirklich auf diese ausgefallenen Sachen,meine Kleine?«, schallte es von der Seite, wo ein weißhaa-riger Nobile den Hintern einer dunkelhäutigen Schönheitabtastete.Der Archon verzog seinen Mund und sah Lupon vonSevapolo an. Er verkniff sich einen Kommentar, wobei 119
  • 117. der Gesichtsausdruck seines Partners Antwort genugwar.»Sollen sie ruhig ficken und saufen! Das bin ich den Her-ren schuldig. Viel mehr können viele von ihnen ohnehinnicht«, zischelte Sobos leise in Richtung des Senators.»Viel mehr verlangen wir ja auch nicht von ihnen, oder?«,gab Lupon von Sevapolo verächtlich zurück.»So ist es! Solange sie gehorchen und tun, was ich sage,können diese geilen Böcke alles besteigen, was nichtrechtzeitig fliehen kann!«, höhnte der Archon hintervorgehaltener Hand.Um den Kaiser herum verwandelte sich die Feier langsamin eine regelrechte Orgie. Nicht wenige der angetrunkenenGäste ließen nach und nach alle Hemmungen fallen undgriffen mit ihren lüsternen Händen nach all dem jungenFleisch, das sie hier umgab.»Und du willst heute keiner der anwesenden Damen dieEhre erweisen, Juan?«, fragte Lupon von Sevapolo.Schnaufend winkte der Archon ab und erwiderte: »Lass gutsein, mein Freund. Ich denke gerade an andere Dinge alsans Vögeln …«Der Optimat zu Sobos Linken wunderte sich und sahdiesen interessiert an.»Worüber grübelst du denn nach, Juan?«, wollte er dannwissen.»Ich? Nun ja, ich denke gerade daran, dass es langsam Zeitfür Admiral Warners großen Auftritt sein dürfte. Ich hoffe,dass er seine Aufgabe so erfüllt, wie ich es ihm befohlenhabe«, sagte Sobos.Auf einmal torkelte ihm ein gealterter Bankier entgegen,der eine junge Hure aus Ajan hinter sich herzog, und denKaiser beinahe über den Haufen gerannt hätte.120
  • 118. »Verzeiht, Eure Exzellenz!«, lallte der Mann, während diezierliche, schlitzäugige Frau verlegen kicherte.»Schon gut! Es ist ja nichts passiert …«, murrte Sobos undging mit Senator Lupon von Sevapolo weiter über dieTerrasse.Der Vertraute des Imperators nahm derweil den Ge-sprächsfaden wieder auf und meinte: »Admiral WarnersFlotte müsste doch wohl ausreichen, um diese Aufgabeerfüllen zu können, oder?«»Ja, ich denke schon. Auch zehn Lictor Schlachtkreuzerdürften dagegen nicht viel ausrichten können. Allerdingssollten wir Leukos nicht unterschätzen. Dieser Hund istein fanatischer Anhänger des toten Archons und zudem ister ein charismatischer Heerführer. Das muss man ihmschon lassen«, bemerkte der Monarch.»Trotzdem ist er ahnungslos wie ein Kind«, antworteteLupon von Sevapolo mit selbstherrlicher Miene.Sobos ließ sich ein Weinglas bringen und musterte die vorihm trinkenden, johlenden und tanzenden Männer seinerOptimatenpartei.»Schade, dass man jemanden wie ihn nicht korrumpierenkann. Er wäre eine wertvollere Stütze für unsere Herr-schaft als ein ganzer Haufen dieser versoffenen, geilenGestalten«, murmelte er dann.»Bewunderst du diesen Kerl etwa?«, fragte Lupon vonSevapolo erstaunt.»Nein! Ich bewundere ihn nicht, mein Guter. Allerdings ister wenigstens ein Mann, der zu einer Sache steht. Wir sindhier von vergnügungssüchtigen Feiglingen umgeben, dieuns sofort verraten würden, wenn es für sie brenzlig wird«,antwortete Sobos.»Sie sollen ja auch nur dem Zweck dienen, das zu tun, wasdu sagst«, betonte Sobos Vertrauter. 121
  • 119. »Ja, das ist schon richtig, aber trotzdem sind es nur Ma-den!«, flüsterte der Archon genervt.»Der Mensch ist eben von Natur aus käuflich«, meinteLupon von Sevapolo.»Leukos ist da leider eine Ausnahme!«, gab der Kaiserzurück.Sein Partner winkte ab. »Er hat von Anfang an die falscheSeite gewählt und deshalb muss er auch ausgeschaltetwerden …«»So ist es nun einmal, Lupon! Auch er hat sich mit einemLöwen angelegt, der ihn am Ende zerreißen wird. Wäre erkäuflich gewesen, so würde ich ihn jetzt vielleicht sogarleben lassen«, tuschelte Sobos.»Aber dann wäre er auch nicht Aswin Leukos!«, betontedessen Partner.»Das hast du weise gesagt, mein Lieber. In der neuen Welt,die ich geschaffen habe, wird kein Platz mehr für ehrenvol-le Narren wie ihn sein!«, meinte der Imperator und be-merkte dann, dass er jetzt doch die Gesellschaft einerjungen Dame brauchen könnte.Das aufgeregte Dröhnen von Alarmsirenen, die von einerSekunde auf die andere angefangen hatten einen ohrenbe-täubenden Lärm von sich zu geben, schallte durch denmedizinischen Trakt der Polemos. Eugenia Gotlandt undSchiffsarzt Dr. Phyrrus rannten verstört aus ihrer Arbeits-kammer, um herauszufinden, warum der Admiral desSchlachtkreuzers plötzlich die höchste Alarmstufe ausgeru-fen hatte.Draußen auf dem Gang kamen ihnen einige ängstlichdreinblickende Krankenpfleger entgegen und rannten diebeiden fast über den Haufen.»Was ist passiert?«, fragte Dr. Phyrrus entsetzt.122
  • 120. »Irgendwelche Schiffe sind direkt neben uns aufgetaucht,Doktor! Sehen Sie doch!«, keuchte einer der Männer undeilte zu einem Sichtfenster.Der Medicus und seine Hilfskraft folgten ihm und bliebenmit offenen Mündern vor der großen Panzerglasscheibestehen.»Was ist das?«, stieß Eugenia aus und stellte sich hinter Dr.Phyrrus, als wollte sie sich vor den unheimlichen Objektenjenseits des Fensters verstecken.Draußen im All hatten sich unweit der Polemos dreiriesenhafte Raumschiffe und vier kleinere Objekte postiert.Die fremdartig wirkenden Konstrukte erinnerten von ihrerForm her an gigantische Piranhas und waren offenbar ausdem Nichts aufgetaucht, ohne dass sie die Tiefenscannerder Polemos vorher hatten orten können.»Bei Malogor!«, stammelte Dr. Phyrrus und starrte ange-strengt auf die furchterregenden Raumschiffe.Jetzt kamen die Objekte langsam näher und man konnterötlich glimmende Lichter erkennen, die ihre aus einemdunklen Material gefertigte Oberfläche übersäten. Grob-schlächtig und massig, wie von einer brutalen Intelligenzgebaut, wirkten die mysteriösen Kolosse, die sich drohenddurch den Weltraum in Richtung der Polemos schoben.Die drei großen Objekte, deren raubfischähnliche Formnun noch deutlicher erkennbar war, konnten es an Volu-men problemlos mit dem terranischen Schlachtkreuzeraufnehmen. Bizarre, flossengleiche Auswüchse, bedecktvon kleineren Zacken und Dornen, ragten an den Seitender Raumschiffe heraus.Eugenia verlor die Nerven und flüchtete mit einem pani-schen Schrei. Sie rannte wie von Sinnen den Gang herun-ter und sprang in einen kleinen Nebenraum, um sich hintereinigen Metallkisten zu verstecken. 123
  • 121. Das monotone Heulen der Alarmsirenen quälte ihr Gehörund es dauerte nur noch einen Wimpernschlag, da blitztendraußen im All fremdartige Waffen auf und die gespensti-schen Raumschiffe begannen damit, die Polemos zubeschießen. Der terranische Schlachtkreuzer erbebte, alsdie auf Befehl des Admirals hastig hochgefahrenen Schutz-schilde eine Reihe von Treffern einstecken mussten.Wimmernd verkroch sich die Krankenschwester in derhintersten Ecke des dunklen Abstellraumes und drohte,vor Angst fast ohnmächtig zu werden. Derweil versuchtedie Polemos mit aufheulenden Reaktoren an Fahrt zugewinnen, um den furchterregenden Konstrukten zuentkommen.Wieder rumpelte es und ein Haufen Metallkisten krachte insich zusammen, um Eugenia beinahe unter sich zu begra-ben. Draußen auf dem Gang war panisches Geschrei zuhören und ein Mann rief, dass die Schutzschilde kollabiertwären. Offenbar leistete die Polemos selbst keinerleiGegenwehr und versuchte nur so schnell wie möglich ausder Reichweite der feindlichen Raumschiffe zu gelangen.Grelle, gelbliche Blitze zischten dem Kreuzer hinterherund ein schwerer Treffer zerriss einen Teil der Außenhülledes wehrlosen Schiffes im Heckbereich.Langsam kroch Eugenia wieder aus ihrem Versteck hervorund robbte über den Gang, dessen Beleuchtung nacheinem weiteren lauten Knall ausfiel. Irgendwo spritztenFunken von der Decke und die nächste Erschütterungschleuderte die junge Frau über den halben Korridor.Stöhnend richtete sie sich auf und humpelte zu einem derAußenfenster, wo sie die finsteren Umrisse eines derObjekte in der Ferne ausmachen konnte.124
  • 122. »Wir haben einen schweren Triebwerksschaden!«, brüllteder Admiral mit sich überschlagender Stimme über dieBordlautsprecher.Nun erleuchtete ein weiterer greller Lichtblitz die Schwärzedes Alls und es dauerte nur einen Sekundenbruchteil, bisdie nächste Erschütterung folgte. Eugenia fiel auf die Knieund stotterte ein altes Gebet. Um sie herum vernahm sielediglich das angestrengte Atmen von einigen Angehörigendes medizinischen Personals, die ihre Gesichter auf denmetallischen Boden pressten.Tief in den unteren Decks des Schiffs schienen weitereEinschläge erfolgt zu sein und ein dumpfes Grollen warbis zum lichtlosen medizinischen Trakt im oberen Bereichdes riesenhaften Schlachtkreuzers zu hören. Dem Grollenfolgte eine weitere Erschütterung und Eugenia musste vollblankem Entsetzen mit ansehen, wie die große Panzerglas-scheibe ihr gegenüber einen langen Riss bekam. Instinktivrobbte sie wieder über den Gang davon und kroch in denkleinen Abstellraum zurück. Hier kauerte sich die vorAngst schlotternde Frau zusammen und hielt sich dieHände vor das Gesicht.Eugenia ließ alles über sich ergehen, etwas anderes konntesie ohnehin nicht tun. Was um die Polemos herum passier-te, hatte sie nicht im Blick und lediglich die häufigenErschütterungen ließen erahnen, dass der Schlachtkreuzerweitere Treffer eingesteckt hatte.Nach einer Weile kehrte Ruhe ein. Die Beleuchtung immedizinischen Trakt schaltete sich wieder ein und dieAlarmsirenen hörten mit ihrem nervenzermürbendenGeheul auf. Mit zitternden Fingern strich sich Eugenia ihreschweißnassen Haare aus dem Gesicht und musste erken-nen, dass sie sich vor lauter Schrecken die Lippen blutig 125
  • 123. gebissen hatte. Vollkommen verstört kroch sie langsamwieder aus dem Abstellraum heraus und blickte über denmit Trümmerstücken übersäten Korridor.126
  • 124. HinterhalteDie Polemos hatte sich aufgrund des vollkommen uner-warteten Angriffs der fremdartigen Raumschiffe, die ohnejede Vorwarnung aus dem Nichts aufgetaucht waren, miteinem schweren Triebwerksschaden in die Tiefen desRaumes zurückgezogen. Von Panik ergriffen hatte derAdmiral den sofortigen Rückflug nach Thracan befohlenund versucht, das beschädigte Schlachtschiff so gut es gingzu beschleunigen, um aus der Reichweite der gespensti-schen Angreifer zu kommen. Diese waren schließlichebenso blitzartig verschwunden, wie sie erschienen waren.Derweil verharrten die Soldaten der 562. Legion von Terranoch immer in den Ruinen von Tanath und ahnten nicht,dass die Polemos sie allein auf dem lebensfeindlichenEisplaneten zurückgelassen hatte. Manilus Sachs und seineMänner hatten inzwischen noch Dutzende von weiterentoten Kreaturen in den Straßen der Geisterstadt entdecktund die Legionäre wurden zunehmend nervöser.Diese seltsamen Wesen schienen selbst einen Veteranenwie Zenturio Sachs in Angst zu versetzen und Flaviusüberlegte, ob sich der Offizier noch an ihr Gespräch,damals in der Bar auf dem Hinflug nach Thracan, erinner-te. Flavius hatte ihm erzählt, dass er bei seinem erstenRaumflug, als er als Mitarbeiter eines Forschungsteamszum Planeten Furbus IV geflogen war, tatsächlich dieÜberreste nichtmenschlicher Kreaturen gesehen hatte.Damals hatte ihn Sachs einfach ausgelacht. Was mochteder Offizier jetzt darüber denken?Kleitos stapfte schweigend neben seinem Freund her undsah sich dabei nervös um. 127
  • 125. »Bisher ist alles ruhig! Morgen werden wir noch einigeSpähgleiter losschicken, die sich die kleineren Städteanschauen sollen. Anschließend machen wir uns wiederaus dem Staub. Dann geht es endlich zurück nach Terra!«,erklärte Jarostow.»Woher willst du das wissen?«, knurrte Flavius.»Das war heute als Nachricht auf unseren Kommunikati-onsboten, Princeps! Lies doch endlich einmal deine Legi-onsbefehle, sonst bekommst du irgendwann noch gewalti-gen Ärger!«, meinte Kleitos.»Das hier ist verrückt, nicht wahr?«, schob er noch nach.»Was?«»Diese Wesen meine ich!«»Ja! Allerdings wolltest du mir auch nicht glauben, als ichdir davon erzählt habe, Kleitos …«»Kannst du mir das denn übel nehmen? Ich hätte niemalsgedacht, dass ich in meinem Leben so etwas zu Gesichtbekomme!«»Naja, ich will nur so schnell wie möglich weg von dieserverfluchten Eiswelt und dann raus aus der Legion!«,murmelte Flavius.»Ich auch! Das kannst du mir glauben! Hier gibt es nurRuinen, Schutt, Schnee und Leichen. Was hier wohlgeschehen ist?«, fragte Jarostow.»Diese Wesen haben die Stadt verwüstet und die Men-schen getötet. Vielleicht ist auch ein Teil der Einwohnererfroren, nachdem sie das Kuppeldach zerstört haben. Wasweiß ich?«»Glaubst du, dass diese Dinger hier noch irgendwo sind?«»Ich will gar nicht an so etwas denken, Kleitos! Verdammt,ich will hier nur weg! So schnell es geht. Ich hatte es schonim Gefühl, dass diese Mission in die Hose gehen wird!«128
  • 126. Flavius brummte etwas Unverständliches, das wie ein üblerFluch klang, dann marschierten sie weiter über eine mitMauerresten und zahlreichen Toten bedeckte Straße.Einige Stunden später verließ die 562. Legion von Terradie unheimliche Ruinenstadt unter der zerbrochenenGlaskuppel und zog ein paar Kilometer weiter nach Ostenin Richtung einer kleinen Hügelkette. Zenturio Sachs hieltes offenbar für sinnvoller, in dieser Nacht nicht nocheinmal ein Lager mitten in Tanath aufzuschlagen. Zu großwar die Gefahr, hier in einen Hinterhalt zu geraten, ob-wohl in der gespenstischen Stadt nichts mehr zu lebenschien.»Nur noch ein paar Tage auf diesem grauenhaften Planeten…«, dachte sich Flavius, während er durch den hohenSchnee watete. »Soll die Legion doch zur Hölle fahren!«»Wir haben 62 Schiffe geortet, sie sind nur noch 211kosmische Kilometer von uns entfernt. Etwa die Hälftedavon sind schwere Schlachtkreuzer, Herr!«, sagte einerder Raumobservatoren hinter einem breiten holographi-schen Monitor auf der Kommandobrücke der Ultimus.»62 Schiffe? Sind Sie sicher, dass es keine Handelsfrachtersind?«, fragte Aswin Leukos verwirrt.»Ja, es sind keine Handelsfrachter. Ich verlasse mich da aufdie Tiefenscanner. Zudem wäre dieser Verband auch einwenig zu groß für eine gewöhnliche Handelsflotte«, gabder Observator zurück.»Wir senden ihnen ein Signal. Ich frage mich, was einederart große Ansammlung von Kriegsschiffen mitten imKuipergürtel zu suchen hat«, sagte Leukos.Einige Minuten später war alles vorbereitet und der O-berstrategos versuchte, mit den Schiffen Kontakt aufzu-nehmen. 129
  • 127. »Hier spricht Aswin Leukos, der Oberstrategos von Terra,auf der Ultimus. Geben Sie sich zu erkennen!«Es verging eine Weile, während sich die neun Kriegsschiffeund die Versorgungskreuzer der terranischen Flotte mitrapide abnehmender Geschwindigkeit den mysteriösenVerband in der Ferne näherten.»Warum melden die sich nicht?«, murmelte der Generalund die um ihn herum versammelten Flottenoffiziereblickten sich verwundert an. Mit wachsendem Unbehagenstarrte der Feldherr auf den holographischen Bildschirmvor seinen Augen und musterte die sich sekündlich aktuali-sierenden Ergebnisse der Tiefenscanner.»Wir müssen unsere Geschwindigkeit noch weiter dros-seln!«, befahl der Oberstrategos und die Flottenangehöri-gen leiteten seine Anweisung an die übrigen Schiffe derKriegsflotte weiter.Eine weitere Viertelstunde verstrich, ohne dass etwasgeschah. Aswin Leukos wartete noch immer auf eineAntwort auf sein Signal und bemühte sich weiterhin, einenKontakt zu den fremden Schiffen herzustellen.Plötzlich bewegten sich die in der Tiefe des Leerraumszwischen den Sonnensystemen wartenden Kreuzer undnäherten sich in breiter Flugformation und mit zunehmen-der Geschwindigkeit der kleinen Kriegsflotte. Die Vox-Transmitter schwiegen allerdings noch immer.»Was soll das? Wer sind Sie? Wer ist der Oberbefehlshaberdieses Verbandes? Geben Sie sich endlich zu erkennen!«,schrie Leukos in die Sprechanlage, während er sich aneiner der Konsolen festkrallte. Derweil bremste die Ulti-mus so heftig ab, dass ein lautes Knirschen jenseits derKommandobrücke zu hören war.»Sie sind nur noch 43 kosmische Kilometer von unsentfernt, Herr«, erklärte der Raumobservator und sah130
  • 128. Leukos hilfesuchend an. »Hier stimmt irgendetwasnicht!«Der terranische Feldherr schluckte und blickte verstört aufden flackernden Bildschirm, der eine bedrohlich wirkendeKriegsflotte zeigte, die sich in einer Hufeisenformationpostiert hatte.Inzwischen hagelten aufgeregte Funksprüche von denKapitänen der übrigen Schlachtkreuzer auf ihn ein.»Was soll das? Was sind das für Schiffe, Oberstrategos?«,dröhnte es aus dem Vox-Kanal.»Sie weigern sich offenbar zu antworten, Admiral! Warumhaben sie eine Hufeisenformation eingenommen? Das isteine Angriffsformation!«, antwortete Leukos dem Flotten-offizier.»Sind es terranische Schiffe?«, kam zurück.»Ja, davon ist auszugehen! Allerdings haben die Scannerkeinerlei Identitätscodes ermitteln können«, fuhr der Mannvor dem holographischen Bildschirm dazwischen.Leukos schnaufte und trommelte mit den Fingern auf derKonsole herum. Plötzlich sprang er auf und schrie: »Fah-ren Sie die Schilde hoch und leiten Sie den Befehl auch andie übrigen Schiffe weiter! Sofort!!«»Die Schilde hochfahren, General?«»Befehl an alle! Schilde sofort hochfahren! Schnell!«, brüllteLeukos durch das Vox-Netzwerk.Inzwischen hatte sich ein ganzer Schwarm von Flottenof-fizieren und Legaten um den Oberstrategos herum ver-sammelt. Ein aufgeregtes Tuscheln und Murmeln breitetesich auf der Kommandobrücke der Ultimus aus und wurdezunehmend lauter. Aswin Leukos und die anderen Männerstarrten auf die immer größer werdenden Punkte auf denMonitoren. Noch immer schwieg die seltsame Flotte. Siekam lediglich langsam näher und verbreiterte ihre Forma- 131
  • 129. tion so sehr, dass sie an ein Wolfsrudel erinnerte, welchesversuchte, seine Beute zu umzingeln.»Wir sollten einfach an den Schiffen vorbeifliegen«, schlugeiner der Flottenoffiziere vor.»Ich glaube kaum, dass sie das zulassen werden!«, erwiderteLeukos.»Aber Oberstrategos, welchen Grund sollten terranischeKreuzer haben, uns anzugreifen?«, stammelte der Mannungläubig.Die Antwort ließ nicht mehr lange auf sich warten. Nach-dem die 62 Schiffe Leukos Flotte fast vollständig einge-kreist hatten, herrschte für einige Minuten angespanntesSchweigen. Das Wolfsrudel war in Position gegangen undjetzt biss es zu.Plasmatorpedos wurden ohne jede Vorwarnung abge-schossen und Laserlanzen blitzten auf. Leukos presste seinGesicht an das kalte Panzerglas eines Sichtfensters und rissmit blankem Entsetzen die Augen auf. Die Virtus, die sichunmittelbar vor der Ultimus befand, bekam als erste eineganze Salve von Plasmatorpedos ab. Rot glühende Laser-lanzen folgten dem Angriff und der Oberstrategos musstefassungslos mit ansehen, wie die Schutzschilde des Kreu-zers unter dem massiven Feindfeuer ächzten und sich dieersten Geschosse durch die Außenhülle des Schiffs fraßen.Die Soldaten der 562. Legion von Terra zogen als langerHeereswurm durch die Eiswüste, während es langsamdunkler und noch kälter wurde. Zenturio Manilus Sachsließ seinen Blick über die weißgraue Landschaft schweifenund wirkte angespannt. Wieder und wieder musterte er diekleine Karte auf dem in der Luft schwebenden, bläulichglimmenden Bildschirm, den die Datenverarbeitungsschei-be in seiner Hand erzeugte.132
  • 130. »Wir rasten auf dieser Hügelkette dort!«, gab er per Vox-Transmitter an die Legionäre durch und diese marschiertenweiter murrend durch die halbdunkle Schneelandschaft.»Morgen schicken wir die Spähgleiter los, damit sie sich dieanderen Siedlungen ansehen. Dann verschwinden wir vondiesem Drecksplaneten und werden den ganzen Vorfallordnungsgemäß den Behörden melden!«Der neben Sachs herlaufende Optio winkte diesen zu sichheran und flüsterte: »Erst der Irrsinn auf Thracan und jetztdiese Kreaturen. Was sind das bloß für Dinger?«»Das verstehe ich auch nicht. Ich möchte mich ja nichtzum Affen machen, aber für mich sind das tote Aliens«,sagte der Zenturio.»Das wird wohl jeder denken, auch wenn es niemand offenausspricht. Menschliche Leichen waren das jedenfalls nichtund auch keine Überreste von irgendwelchen Tieren,Herr!«, erwiderte der Optio.»Bevor wir von hier verschwinden, werden wir noch so einDing mitnehmen, damit es unsere Genetiker auf derPolemos untersuchen können. Dass ich jemals so etwas zuGesicht bekomme, hätte ich in meinen kühnsten Träumennicht gedacht«, murmelte Sachs.Sein stellvertretender Offizier ließ das Visier kurz nachoben fahren und starrte den Zenturio besorgt an. Dannschloss sich sein Gesichtsschutz wieder.Derweil arbeiteten sich die Legionäre weiter durch denknirschenden Schnee vorwärts in Richtung der am Hori-zont aufragenden Hügelkette. Die schneebedeckte Fels-formation, die aus der Eiswüste hervorlugte, war voneinem milchigen Nebel umgeben und wirkte auch nichteinladender als die restliche Umgebung. Inzwischen war esnoch finsterer geworden.»Noch ungefähr fünf Kilometer …«, brummte Sachs. 133
  • 131. »Auf Colod gibt es etwa vier Stunden Helligkeit am Tag –im Sommer. Eine echte Dreckskugel, was?«, sagte derOptio.»Hier wollte ich nicht einmal für 10 Millionen VEs leben!«,meinte der Zenturio.Sein Stellvertreter grinste sarkastisch. Nach einer Weilewaren die Hügel in der dunklen Ferne mit bloßem Augekaum noch auszumachen. Die Soldaten fluchten vor sichhin, während sie sich weiter und weiter von Tanath ent-fernten.Flavius und Kleitos befanden sich am hinteren Ende derMarschkolonne. Beide waren erschöpft und versuchten,sich mit dem Gedanken an ein baldiges Thermofeuer undein paar Stunden Schlaf aufzumuntern. So liefen sie ein-fach stur geradeaus in Richtung der Felsformation.Plötzlich zerriss ein gutturales Gebrüll in einiger Entfer-nung die düstere Stille. Die Legionäre stoppten augenblick-lich ihren Marsch und sahen sich nervös um.»Hast du das gehört?«, flüsterte Flavius und fasste Kleitosam Schulterpanzer.»Ja, natürlich! Was war das?«, antwortete dieser.Ein weiterer Schrei hallte über die eisige Ebene, dannbrüllten viele Kehlen wild durcheinander. Sofort griffen dieMänner zu ihren Blastern und einige Nachtsichtgerätewurden aus den Tornistern geholt.»Woooah! Woooah!«, schallte es aus der Ferne herüber.»Lasst euch nicht ablenken, Männer! Wir marschierenweiter zu diesen Hügeln! Vorwärts!«, befahl ZenturioSachs. Verstört und die Waffen im Anschlag rückte dieMarschkolonne weiter vor.»Woooah! Woooah!«, gellte es erneut durch die eisigeNacht und Flavius war sich sicher, dass ihnen das unheim-liche Gebrüll langsam hinterher kroch.134
  • 132. »Bei Terra! Was sind das für Stimmen?«, stammelte Kleitosund ergriff ein Pilum.»Das sind keine Menschen!«, sagte Princeps. »Es müssendiese Kreaturen sein …«Rubinrote Laserstrahlen und gleißende Explosionen er-leuchteten den Raum rund um die Ultimus. Aswin Leukoswar noch immer vollkommen verstört und wirkte wie vomBlitz getroffen. Seine Flotte war den seltsamen Kriegsschif-fen direkt in die Falle gegangen und immer enger zog sichdie Schlinge, die ihr die Feinde um den Hals gelegt hatten.Warum das alles geschah, konnte sich Leukos nicht erklären,allerdings war diese Frage in jenen Sekunden unwichtig,denn ein furchtbarer Geschosshagel prasselte auf dieSchlachtkreuzer seines Verbandes hernieder.Die feindlichen Schiffe spuckten ganze Schwärme vonRaumjägern aus, die zuerst über die Virtus herfielen.Verzweifelt versuchten die Flugabwehrgeschütze desKreuzers, der Wolke aus angreifenden Jägern Herr zuwerden, doch sie waren chancenlos. Innerhalb kürzesterZeit brachen die Schutzschilde der Virtus unter demmassiven Beschuss zusammen und das unglücklicheSternenschiff wurde von Laserlanzen zerschnitten.»Die … die … Virtus bricht auseinander! Sie wird explo-dieren …«, stammelte Leukos und konnte seine Augennicht von der schrecklichen Szenerie abwenden.»Wir müssen uns zurückziehen, sonst werden sie unsvollständig einkreisen und keiner von uns wird hier mehrlebend rauskommen!«, brüllte einer der Flottenoffiziereund schüttelte den Oberstrategos. »Habt Ihr das gehört,Herr?«»Ja, geordneter Rückzug! Sofort!«, schrie dieser und hieltsich den Kopf. 135
  • 133. Nach und nach verstummten die Schreie, welche dieUltimus von der zerbrechenden Virtus über das Vox-Netzwerk erreichten. Neben dem Flaggschiff der Flotteverging ein weiterer Versorgungskreuzer in einer riesigennuklearen Explosion und Trümmerstücke wurden gegendie Außenhülle der Ultimus geschleudert. Das Schlacht-schiff schwankte und die Männer auf der Kommandobrü-cke purzelten durcheinander.Die verbliebenen Raumkreuzer unter Leukos Befehlversuchten jetzt ihren Häschern irgendwie zu entkommenund feuerten dabei aus allen Rohren. An eine Änderungder Flugrichtung war allerdings nicht ohne weiteres zudenken, denn dafür war die Geschwindigkeit der Schiffenach wie vor noch zu hoch.Ein schwerer Treffer schüttelte die Kommandobrücke derUltimus durch und ein greller Plasmablitz erhellte denBereich über dem großen Außenfenster oberhalb desOffiziersdecks. Einige Flottenbedienstete wurden gegendie metallischen Wände geworfen und blieben stöhnendauf dem Boden liegen. Kurzzeitig fiel die Beleuchtung aus,während die holographischen Bildschirme erloschen. Nacheinigen Minuten hatten die Flottenoffiziere die Situationallerdings wieder halbwegs im Griff.»Das kam von dem Kreuzer in Quadrant 314, seht selbst!«,schrie einer der Raumobservatoren und zerrte Leukos zuseinem Monitor.Der Oberstrategos schnaufte und zuckte zusammen, als ereinen Verband feindlicher Raumjäger über den Komman-doturm fliegen sah.»Wir müssen durch diesen Bereich! Wie viele Novatorpe-dos haben wir?«, wollte Leukos wissen.Irgendwo im unteren Bereich des Schiffes musste eineLaserlanze durch den Schutzschild geschlagen sein und136
  • 134. hatte ein Loch in die Außenhülle des Kreuzers gerissen,wie ein aufgeregter Maat über das Vox-Netzwerk mitteilte.Leukos redete weiter auf den Flottenoffizier vor sich einund ignorierte die Nachricht. »Wie viele Novatorpedoshaben wir?«»Wollt Ihr auf diese geringe Entfernung wirklich Novator-pedos einsetzen, Herr?«»Ja! Wie viele haben wir?«»Das ist Wahnsinn, Oberstrategos!«»Bei Malogor! Wie viele haben wir?«»Die Polemos hat 5 Novatorpedos an Bord, aber auf dieseDistanz gefährden wir uns damit selbst, Herr!«, jammerteder Offizier verängstigt.»Schießen Sie diesen Kreuzer in Stücke! Das ist ein Be-fehl!«, brüllte Leukos.Mit einem Murren gab der Flottenoffizier die Anweisungan die Geschützcrew weiter, während der Oberstrategosdie immer größer werdenden Punkte auf dem Monitorbetrachtete und die Ultimus weitere Treffer einsteckenmusste. Erneut erzitterte das gewaltige Schiff unter demBeschuss.»Feuern Sie endlich!«, schrie der General in Richtung derFlottenoffiziere und kurz darauf rasten zwei Novatorpedosauf den angreifenden Kreuzer zu. Wenige Sekunden späterdetonierten die Geschosse in einem gigantischen Licht-blitz. Sie verursachten eine furchtbare Zerstörung. Dasfeindliche Schiff wurde von der Explosion ergriffen undimplodierte daraufhin, als hätte man ihm die Innereienherausgesaugt. Die Wucht der Energieentladung warf auchdie Ultimus aus ihrer Flugbahn, so dass die Deckmann-schaft über die halbe Kommandobrücke geschleudertwurde. Leukos wischte sich einen Rinnsaal Blut von derStirn und richtete sich schnaufend wieder auf. Einige 137
  • 135. Männer blieben auf dem Boden liegen, jammernd vorSchmerzen.Entschlossen raste der Schlachtkreuzer durch das entstan-dene Loch in der feindlichen Flottenformation und eineweitere Lasersalve ließ seine schwankenden Schutzschildeerheben.»Wir haben einen schweren Treffer am Heck abbekom-men!«, schallte es aus dem Transmitter direkt vor Leukos.Jetzt nahmen gleich mehrere gegnerische Schiffe dieUltimus in die Zange und eine Reihe weiterer Detonatio-nen erhellte den Bereich über dem Kommandoturm.Warnleuchten blinkten auf und die Angehörigen desFlottenpersonals schrien panisch durcheinander. Mitletzter Kraft versuchte der Schlachtkreuzer, den Klauenseiner Gegner zu entkommen. Schwärme von Raumjägernsetzten ihm nach, während Laser- und Plasmafeuer dasFlagschiff erneut ins Wanken brachte.»Die Xanthia ist explodiert! Diese Schweine setzen jetztauch Novatorpedos ein!«, brüllte einer der Raumobserva-toren und sah hilfesuchend in Leukos Richtung.Schließlich ergossen sich die feindlichen Jäger wie einHeuschreckenschwarm über den hinteren Teil der Ultimusund überschütteten das Heck des Schlachtschiffs mitPlasmaraketen. Kurz darauf implodierte einer der Reakto-ren des verwundeten Kreuzers und riss ein klaffendesLoch in dessen Außenhülle.»Die werden uns erledigen, Herr!«, wimmerte ein kreide-bleicher Legat und versuchte, sich hinter einer Konsole zuverstecken.Aswin Leukos schwieg und musste mit ansehen, wie dieMänner auf der Kommandobrücke langsam die Nervenverloren und in Panik gerieten. Fünf feindliche Kreuzerund zahlreiche Jäger hatten die Ultimus verfolgt und138
  • 136. inzwischen fast eingeholt. Nun verließ eine weitere Salvevon Plasmatorpedos und Laserlanzen die gegnerischenSchiffe, um der Ultimus den Todesstoß zu versetzen.»Schutzschilde kollabieren! Antriebsschaden!«, vernahmLeukos von der Seite.»Evakuieren! Bringt mich zu meinem Gleiter! Die Ultimusist verloren«, brüllte der Oberstrategos und hastete von derBrücke. Einige seiner Legaten folgten ihm in die Tiefen desSchiffs.Schweißgebadet und keuchend rannte der Feldherr mitseinen ranghöchsten Offizieren, darunter auch Throvaldvon Mockba, durch die Korridore in Richtung der Han-gars. Um ihn herum krachte und grollte es, als die Ulti-mus langsam aber sicher in Fetzen geschossen wurde.Schreiende Legionäre und fliehende Männer und Frauendes Schiffspersonals kamen Leukos in den überfülltenGängen des todgeweihten Stahlriesen entgegen, doch erkonnte nichts mehr für sie tun. Jeder von ihnen mussteselbst zusehen, dass er sich irgendwie eine Möglichkeitverschaffte, von diesem sterbenden Titanen zu entkom-men.»Alle Schiffe, die das hier überstehen, sollen sich bis zumRaumsegment Sol-819 durchschlagen!«, sendete Leukosnoch an die Admiräle der anderen Schiffe seiner kleinenFlotte. Dann sprangen er und seine ranghöchsten Legatenin einen Gleiter, der sofort ins All hinausschoß. Einigeverdutzte Raumjäger versuchten ihn abzufangen undschickten ihm ein paar Feuerstöße aus den Bordwaffenhinterher, doch dann wandten sie sich wieder der unterge-henden Ultimus zu. In einem verzweifelten Kampf fiel dasstolze Riesenschiff unter den zahllosen Hieben seinerFeinde. Leukos wusste, dass es für den Kreuzer keineRettung mehr gab. 139
  • 137. Sein Gleiter jagte durch den Raum, um im allgemeinenChaos der Schlacht zu entfliehen und ein befreundetesSchiff ausfindig zu machen. Die Virtus und die Xanthiawaren inzwischen zerstört worden, ebenso alle kleinerenEskortkreuzer der Flotte. Die dunklen Wracks der Schiffetrieben wie ausgebrannte Galeeren durch das All, währendjenseits ihrer lichtlosen Gerippe noch immer die Kämpfetobten.Glücklicherweise waren einige der Lictor Schlachtschiffeeiner vollständigen Umklammerung durch die Feindeentkommen. Aswin Leukos keuchte in seine Atemmaske,während die übrigen Offiziere mit weit aufgerissenenAugen nach draußen starrten, wo immer wieder Blitzezuckten und Explosionen die Dunkelheit für einen Augen-blick erhellten.»Ich nehme Kontakt mit der Lichtweg auf. Wenn wirGlück haben, kann sie uns noch aufnehmen!«, rief Leukos.Während er diese Worte sprach, verging die Ultimus ineiner letzten, gewaltigen Explosion und zerschellte intausend Stücke.Eugenia Gotlandt hatte sich noch immer nicht richtig vondem Angriff der fremden Raumschiffe auf die Polemoserholt und den meisten Personen an Bord erging es ähn-lich. Doch sie versuchte sich zusammenzureißen und gingwieder ihrer Arbeit als Krankenschwester bei SchiffsarztDr. Phyrrus nach. Dieser war ebenfalls nach wie vorverstört und Eugenia hatte den Eindruck, dass er sich seitdem schrecklichen Ereignis mit Beruhigungspillen betäub-te, um seinen Dienst überhaupt noch verrichten zu kön-nen.Ansonsten schwiegen sich der Doktor und auch diemeisten anderen Mitarbeiter des medizinischen Stabes über140
  • 138. den unheimlichen Vorfall aus. Niemand schien es zuwagen, offen auszusprechen, was wohl fast alle an Borddachten: Diese Raumschiffe waren keine von Menschenerbauten Konstrukte gewesen.Vor dem kleinen Praxiszimmer, das Dr. Phyrrus kurzverlassen hatte, um einige Akten zu holen, warteten heuteein halbes Dutzend Männer von der Flotte auf ihrenTermin beim Medicus. Zwei von ihnen unterhielten sich solautstark, dass man ihre Stimmen auch noch in dem klei-nen Raum, in dem Eugenia gerade einige Datenträgersortierte, vernehmen konnte.»Wenn ich es dir doch sage, Aluf! Es war so, wie ich es dirbeschrieben habe …«, schallte es über den Gang und diejunge Frau ging zur Tür, um einen Blick auf die beidenMänner zu werfen.Sie spitzte die Ohren, denn was sie sagten, klang äußerstinteressant und zugleich furchteinflößend. Der eine waroffenbar ein Raumobservator, während der andere dieblau-graue Uniform eines Steuermaats trug. Beide dientenauf der Kommandobrücke der Polemos, wie Eugeniaihrem Gespräch entnehmen konnte.»Das kann nicht sein!«, meinte der Steuermaat und winkteab, doch der Raumobservator ereiferte sich weiter.»Ich schwöre es! Diese Objekte kamen buchstäblich ausdem Nichts. Sie waren plötzlich direkt neben uns, ohnedass irgendein Ortungsgerät sie bemerkt hatte!«, gab derandere zurück.»Und die Tiefenscanner?«»Keine Spur! Die haben nichts angezeigt!«»Das ist doch bei derart großen Objekten gar nicht möglich,Phraanes. Das kann ich mir wirklich nicht vorstellen …«»Da wurde nichts angezeigt! Die Tiefenscanner habenallerdings eine Energieentladung gemessen, wie ich sie 141
  • 139. noch nie gesehen habe. Dafür reichten unsere Instrumentegar nicht aus, um diese ganze Energie anzuzeigen«, erklärteder Raumüberwacher.»Das ist seltsam. Woher kamen die Dinger denn dann aufeinmal?«Der Observator zögerte für einen kurzen Moment mitseiner Antwort und erwiderte dann: »Es sah fast so aus, alswären diese Raumschiffe durch einen Riss in der Realitätgekommen. Sie kamen aus einem grünlichen Nebel oderwie ich das auch immer beschreiben soll!«»Das ist Blödsinn! So etwas ist physikalisch gar nichtmöglich. Willst du damit etwa sagen, dass diese Raumschif-fe irgendeinen Hyperraumantrieb genutzt haben?«, wun-derte sich der Steuermaat.»Was weiß ich denn?«, knurrte sein Kollege.»Jedenfalls haben sie uns nicht vernichtet, obwohl sie daswohl mit Leichtigkeit hätten tun können«, meinte derFlottenoffizier nachdenklich.»Ja, weil wir sofort abgehauen sind. Offenbar hat esihnen genügt, uns aus der Umlaufbahn von Colod zuverjagen …«»Und was waren das jetzt für Dinger? Schiffe der Dronaiwaren es nicht, oder?«»Nein! Ich habe mir die Scannerdaten dieser Objekte nocheinmal angesehen. Das sind keine uns bekannten Schiffs-typen …«»Was willst du damit sagen, Phraanes?«»Was ich damit sagen will? Nun, es waren Raumschiffevöllig unbekannter Bauart. Das will ich damit sagen!«, gabder Raumobservator verärgert zurück.»Wir werden nicht mehr nach Colod zurückfliegen. Dashat mir der Admiral heute definitiv zugesichert. Das wärezu gefährlich«, meinte der Steuermaat leise.142
  • 140. »Dem Göttlichen sei Dank!«, stieß der Raumüberwacheraus.»Die auf Colod abgesetzten Legionäre müssen jetzt selbstzusehen, wie sie klarkommen. Wir werden ihnen nichtmehr helfen können«, fügte der Offizier hinzu.»Wir sind schon gestraft genug. Die thracanischeEskortfregatte war übrigens bereits nach ein paar Schüssenhinüber. Ich hoffe, dass die Maschinenleute unser kaputtesTriebwerk wieder reparieren können.«»Das hoffe ich auch, Phraanes!«»Hauptsache, wir erreichen Thracan ohne noch einmaldiesen seltsamen Objekten zu begegnen.«»Bei Malogor! Ich bete dafür, dass sie weg sind und niemehr wiederkommen. Die hätten uns in Stücke schießenkönnen, wenn sie gewollt hätten.«»Schade um die 562. Legion …«»Wir müssen jetzt erst einmal an uns selbst denken, Phraa-nes. Mit so etwas hat doch niemand gerechnet!«»Wir hätten diesen Funkspruch vom Planeten Arkus ernstnehmen sollen, was?«»Welchen Funkspruch?«»Wusstest du das nicht?«»Nein! Wovon redest du?«»Ich dachte, der Admiral hätte allen auf der Brücke Be-scheid gesagt …«»Was?«»Wir haben einige Stunden vor dem Angriff einen Funk-spruch von Arkus erhalten. Die haben uns davor gewarnt,Colod anzufliegen. Offenbar hatten die schon einmal einenSuchtrupp dorthin geschickt, der nicht mehr zurückge-kommen ist. Seitdem meiden die Bewohner von Arkusdiesen Planeten«, erklärte der Observator.»Das hat mir der Admiral nicht erzählt …« 143
  • 141. »Vielleicht hat er das nicht ganz ernst genommen?«»Was weiß ich? Er hätte uns alle informieren müssen!«»Jetzt ist es ohnehin zu spät!«»Trotzdem! So etwas ist nicht korrekt!«»Du hast ja Recht!«»Wir fliegen jetzt auf jeden Fall nach Thracan zurück. DerAdmiral will es heute noch im Laufe des Tages offiziellverkünden!«, sagte der Flottenoffizier.Als Eugenia diese Worte hörte, musste sie an Flavius undKleitos denken. Betrübt setzte sie sich auf einen Stuhl,während sich die beiden Männer draußen auf dem Gangweiter lautstark unterhielten.Einerseits war die junge Frau froh, dass der Kommandeurder Polemos entschieden hatte, nicht mehr nach Colodzurückzufliegen, aber andererseits fürchtete sie, dassFlavius, Kleitos und die anderen Soldaten der 562. Legionin auswegloser Lage zurückblieben. Würde sie Flaviusjemals wiedersehen?144
  • 142. Unbekannte FeindeFlavius hielt den Atem an und versuchte, etwas im Dun-keln zu erkennen. Die Soldaten der 562. Legion hatten sichauf der schneebedeckten Hügelkette postiert und kauertenhinter ihren Schilden. Von weitem konnte man das tiefkeh-lige Gebrüll durch die Nacht schallen hören. Es schwollmit jeder verstreichenden Minute an und die Truppe wurdezunehmend unruhiger. Die wütenden Schreie klangenfurchterregend und immer mehr Stimmen vereinten sichzu einem verstörend klingenden Kriegsgesang.Kleitos kam zu Princeps herüber und schnaufte ihm leiseins Ohr. »Das hört sich an, als ob sie überall um uns herumsind.«Flavius schwieg und schluckte. Er fühlte, wie ihm dieFurcht den Geist vernebelte. Nervös tastete er nachseinem Blaster und betrachtete den in Schwärze versunke-nen Horizont.»Schwere Blaster in die erste Reihe!«, befahl ZenturioSachs und einige der Soldaten kamen mit ihren massivenSchusswaffen nach vorne.Die Legionäre versuchten mit Hilfe einiger Handschein-werfer und Nachtsichtgeräte den unheimlichen Gegner zuerfassen. Was sie sahen, ließ sie vor Angst erstarren.Tausende von fremdartigen Kreaturen hatten sich zugewaltigen, vor Kampfeslust brüllenden Schwärmenzusammengerottet und die Lichtkegel der Scheinwerferhuschten über grimmige Fratzen mit gefletschten Zähnen.Plötzlich verstummte das schreckliche Geschrei schlagartigund die Legionäre murmelten aufgeregt durcheinander.Flavius spürte sein Herz unter der Rüstung immer schnel-ler pochen, während ihm ein Strom aus kaltem Angst- 145
  • 143. schweiß den Rücken herunterlief. Mit Schaudern dachte erdaran, dass sich diese furchterregenden Wesen um sieherum zu einem Angriff versammelt hatten.Für einige Minuten herrschte beängstigende Stille. Kaumeiner der Legionäre gab einen Laut von sich und auch diefremden Kreaturen verhielten sich ruhig.Princeps versuchte angestrengt etwas zu erkennen, dochum ihn herum war es stockfinster. Verzweifelt jagten seineAugen den Lichtscheinen der wenigen Suchscheinwerferhinterher und für ein paar Sekunden konnte der Rekrutganze Horden von schemenhaften Gestalten erblicken.»Was tun wir denn jetzt?«, flüsterte einer der Berufssolda-ten hinter ihm und fuchtelte mit seinem Pilum herum.Bevor er eine Antwort auf seine Frage erhalten konnte,donnerte ein markerschütterndes Gebrüll durch die Dun-kelheit. Schüsse zischten in Richtung der Hügelkette undgrelle Blitze schlugen zwischen den terranischen Soldatenein.»Feuer!«, bellte Zenturio Sachs aus voller Kehle und dieLegionäre gaben ihre ersten Blastersalven ab.Rötlich leuchtende Laserstrahlen erhellten die Schwärzeder Nacht, während man die heranstürmenden Gegnernäherkommen hörte.Das flackernde Sperrfeuer der Legionäre vertrieb jetzt dieFinsternis und Flavius konnte die Masse vorrückenderNichtmenschen erkennen, die sich der Hügelkette näherte.Hastig zog er sich in die zweite Reihe zurück und versuch-te, hinter einigen der bulligen Berufssoldaten Schutz zufinden. Es dauerte nur noch einen Augenblick, dann brachum ihn herum die Hölle los. Dutzende der hässlichenKreaturen liefen wild feuernd auf die Legionäre zu undschwangen inbrünstig ihre brutalen Nahkampfwaffen.Projektile und Blitze zischten den terranischen Soldaten146
  • 144. entgegen, die verzweifelt einen Schildwall zu bilden ver-suchten.Wie eine Welle aus purer, brüllender Gewalt brandete einerster Schwarm grünhäutiger Monster gegen die starreSchlachtreihe der Legionäre und sofort begannen dieKreaturen, mit ihren Hackebeilen auf die Menschenloszugehen.Mit barbarischer Wildheit schlugen sie eine große Anzahlvon Legionären nieder und brachen mit lautem Geschreidurch ihre Linien.Princeps hielt sich mit blankem Entsetzen sein Schild vordas Gesicht und spürte, wie einige Projektile gegen denStahl prasselten. Er schleuderte sein Pilum auf die fremdar-tigen Wesen und das Geschoss schlug mit einer grellenExplosion zwischen den Biestern ein.Derweil wurde die Anzahl der Angreifer immer größer.Mehr und mehr von ihnen sprangen aus dem Dunkel, umdie in Verwirrung geratenen Legionäre zurückzudrängen.In seiner Todesangst versuchte sich Princeps noch weiterin Richtung der verschneiten Hügelspitze zurückzuziehen,doch eine ganze Schar der Nichtmenschen war bereits sonahe herangekommen, dass er in ihre widerlichen Gesich-ter sehen konnte.Mit spitzen Reißzähnen versehene Mäuler und vor Mord-lust glühende Augen tauchten vor ihm auf, währendüberall ein Schießen, Hauen und Stechen ausbrach.Flavius erblickte einen der Außerirdischen, der dem Legio-när vor ihm mit einem Beil den Arm abschlug. Ein Blaster-schuss traf die Kreatur in den Bauch, doch diese sank nichtzusammen, sondern sprang mit einem gewaltigen Satz aufden nächsten Terraner, um ihm mit einem wohlgezieltenSchlag den Schädel zu spalten. Der Rekrut aus Vanatiumwarf sein Schild zur Seite und zerfetzte den Kopf des 147
  • 145. Nichtmenschen mit einem Feuerstoß aus seinem Blaster.Mit einem leisen Brummen taumelte die blutende Bestie inden Schnee, doch hinter ihr preschten bereits die nächstenAngreifer vor.Ein Geschoss glitt als heulender Querschläger vonPrinceps Schulterpanzer ab, dann baute sich einer derAußerirdischen vor ihm auf.Der junge Soldat erstarrte fast vor Angst und für denBruchteil einer Sekunde glaubte er, einen Anflug vonbösartiger Freude in den rötlich leuchtenden Augen desMonsters erkennen zu können. Das Alien holte mit seinerWaffe zu einem mächtigen Hieb aus und stieß ein tiefesKnurren aus.Instinktiv sprang Flavius zur Seite, so dass die blitzendeKlinge seinen Helm um nur wenige Zentimeter verfehlte.Der Terraner zückte sein Kurzschwert und rammte es derKreatur in die ungeschützte Kehle. Dunkles Blut spritzteihm entgegen und mit einem dumpfen Schrei bohrtePrinceps sein Gladius bis zum Schaft in das Fleisch desNichtmenschen.Das grünhäutige Wesen sackte zusammen und wand sichunter lautem Geheul auf dem Boden. Flavius blieb keineSekunde Zeit, um sich weiter mit ihm zu befassen, denneine riesenhafte Bestie mit einer metallisch glänzendenKlauenhand, die von einem bläulichen Leuchten umgebenwar, hatte den Legionär zu seiner Rechten in Stückegerissen und wandte sich nun ihm zu. Reflexartig zog sichPrinceps hinter einige seiner Kameraden zurück. Er musstemit ansehen, wie das monströse Alien einen weiterenterranischen Soldaten mit seiner Klaue zerquetschte. Dabeistieß es ein zufriedenes Brummen aus, hob den zerschmet-terten Körper des Menschen in die Höhe und schleuderteihn auf die übrigen Legionäre.148
  • 146. Die Menschen flüchteten inzwischen einer nach demanderen zur Hügelspitze, wo sie versuchten, wieder einehalbwegs schlagkräftige Formation zu bilden. Die grünhäu-tigen Aliens setzten ihnen nach und richteten dabei einfurchtbares Gemetzel an. Ihr bösartiges Grollen halltePrinceps hinterher. Als er sich umwandte, musste er mitansehen, wie die Kreaturen seine Kameraden im Nah-kampf abschlachteten.Flavius hatte mittlerweile sein Schild verloren und nurnoch seinen Blaster bei sich, mit dem er wieder und wiederdurch die Dunkelheit feuerte.»Wo ist Kleitos?«, rumorte es in seinem Kopf, während erversuchte, seinen Freund irgendwo ausfindig zu machen.Doch in dem um ihn tobenden Chaos war es unmöglich,den Überblick zu bewahren.Schließlich warf er sich in den Schnee und schoss auf alles,was sich der Hügelspitze zu nähern versuchte. Nach einerStunde nahm das Gebrüll der Aliens langsam ab und dasununterbrochene Schießen und Hacken hörte auf.Der Feind verschwand wieder blitzartig in der Finsternis;er hatte offenbar kein Interesse mehr daran, die dezimier-ten Terraner weiter den Hügel hinauf zu jagen. Es warvorbei, hoffte Flavius, und setzte sich erschöpft auf denblutgetränkten Boden. Um ihn herum herrschten Stille undDunkelheit. Er hatte den Kampf überlebt.Mit höchstmöglicher Geschwindigkeit rasten die terrani-schen Schlachtkreuzer, die den heimtückischen Angriff inden Tiefen des Kupiergürtels überstanden hatten, wiederin Richtung des Proxima Centauri Systems zurück. AufAswin Leukos Befehl hin hatten sie sich in dem von ihmbestimmten Raumsegment wieder formiert, nachdem diefeindlichen Schiffe ihre halbherzige Verfolgung eingestellt 149
  • 147. hatten. Zuvor war es dem Oberstrategos gelungen, mitseinem Raumgleiter die Lichtweg zu erreichen, so dassdiese ihn und seinen Offiziersstab aufnehmen konnte.Dies alles war nur durch eine gehörige Portion Glück zuStande gekommen. Offenbar hatte der Feind geglaubt, mitder Zerstörung der Ultimus sein wichtigstes Ziel, den Toddes Oberstrategos, erreicht zu haben und war den übrigenLictor Schlachtschiffen nur noch einige hundert kosmischeKilometer weit durch den Raum nachgejagt. Doch AswinLeukos lebte noch, wenn auch von seiner Sternenflotte nurein kleiner Teil übrig geblieben war.Schon den ganzen Tag tigerte der terranische Heerführerdurch die langen Korridore und Hallen der Lichtweg,gehüllt in eine Wolke aus Zorn und unentwegter Grübelei.Warum hatten ihn terranische Kampfschiffe ohne jedeVorwarnung attackiert? Diese Frage zermürbte seinenGeist und ließ ihn keine Minute zur Ruhe kommen. Wie-der und wieder quälte ihn die anstrengende Suche nacheiner Antwort, doch er konnte keine finden.Seinen Offizieren, den Männern der Flotte und auch dennoch verbliebenen Legionären erging es nicht anders.Niemand konnte sich die vorausgegangenen Ereignisseschlüssig erklären oder gar eine tiefere Bedeutung in ihnenerkennen. Doch gerade diese scheinbare Sinnlosigkeitpasste zum gesamten Charakter des Thracan-Feldzuges,den Terras Streitkräfte hinter sich gebracht hatten. Derfehlende Sinn war die große Klammer, die zumindest allesmiteinander zu verbinden schien.Als der Oberstrategos nach einem langen Fußmarschdurch die zahlreichen Decks der Lichtweg wieder zurückin die Kommandohalle kam, erwarteten ihn dort bereitsseine Legaten, einschließlich seines Stellvertreters Throvaldvon Mockba, auf der Brücke.150
  • 148. Der hochgewachsene Legionsoffizier war in ein kamin-rotes Gewand gehüllt und Leukos erkannte ihn an seinererhabenen, soldatischen Gestalt, als er in das großeGewölbe unterhalb der Kommandobrücke eintrat. Umihn herum saßen Dutzende Raumobservatoren, Steuer-offiziere, Navigatoren und zahlreiche weitere Männer inden blauen Uniformen der terranischen Flotte vorbreiten Monitoren, Holo-Bildschirmen oder Großrech-nern.Diese Halle war von ihrem Aufbau her mit jener auf derUltimus vollkommen identisch, immerhin gehörte auch dieLichtweg zu den modernen Großkampfschiffen der LictorKlasse. Aber es war trotzdem nicht sein eigener Schlacht-kreuzer, denn dieser hatte den hinterlistigen Überfall imLeerraum zwischen den Systemen nicht überstanden.Leukos ließ seinen Blick durch den großen Raum schwei-fen. Glänzende Verkleidungen aus Flexstahl bedeckten diehohen Wände und gelegentlich verliefen dicke Kabel nachoben zur Decke. Dazwischen waren leuchtende Monitore,die im Abstand von Sekunden immer neue Daten undBilder zeigten, in die Wände eingelassen worden. StählerneStützpfeiler trugen den gewölbeartigen Raum, an dessenEnde sich breite Treppen nach oben zur Kommandobrü-cke wanden.Von der Decke hingen einige altehrwürdige Legionsbannerherab, was den Oberstrategos jedoch vor allem daranerinnerte, dass es nicht die gleichen Banner waren, die ervon der Ultimus her kannte. Sein eigenes stolzes Schiff warim schwarzen Ozean des Weltalls versunken.Mürrisch schob der General ein paar Flottenbedienstetezur Seite und schritt langsam die Treppe zur Brückehinauf. Einige seiner Offiziere begrüßten ihn mit demvorschriftsmäßigen Salut, doch Leukos winkte ab und 151
  • 149. drängte auch sie zur Seite, um direkt vor Throvald vonMockba zu treten.Schließlich näherte sich ihm auch der Admiral der Licht-weg und verbeugte sich tief, was Leukos jedoch nur dazubewegte, ihn augenblicklich wieder fort zu schicken.Schweigend musterte der Oberstrategos seinen Stellvertre-ter und sah ihm tief in die Augen. Throvald verzog keineMiene und wirkte ebenso verbittert wie sein Herr. Leukosberührte die frische Narbe, die unter seinen kurzgeschore-nen blonden Haaren die hohe Stirn entlang lief und mur-melte: »Ich komme einfach zu keiner Antwort und dastreibt mich fast in den Wahnsinn!«»Unsere Feinde wollten vor allem Euch tot sehen, Herr!Das erklärt auch, warum sie sich so sehr auf die Ultimuskonzentriert haben«, gab Throvald zurück.»Aber warum? Hat Credos Platon diesen Angriff etwaangeordnet? Nein, das kann ich mir nicht vorstellen. Wirbeide waren politisch vollkommen auf einer Linie und derImperator hat mir immer sein vollstes Vertrauen zugesi-chert!«»Andererseits ist es leider sehr unwahrscheinlich, dass derArchon nichts davon mitbekommen hat, dass eine sogroße Kriegsflotte …«, sprach Leukos Stellvertreter, dochsein Herr fiel ihm ins Wort.»Ja, das ist richtig! Deshalb verstehe ich das alles auch nicht…«, knurrte er ratlos.»Und wenn die Schiffe aus einem anderen System stamm-ten, Oberstrategos?«»Warum? Welchen Grund sollten sie denn gehabt haben,uns ohne jede Warnung anzugreifen?«, erwiderte derFeldherr.Nun mischte sich ein anderer Legionsoffizier in das Ge-spräch ein und meinte: »Es ist in meinen Augen klar, dass152
  • 150. der Archon selbst den Befehl gegeben haben muss, uns zuliquidieren. Dass irgendein Flottenadmiral auf eigene Faustmit 62 Schiffen gegen den höchsten Heerführer Terrasausrückt, ist völlig unmöglich …«»Credos Platon hat keinen Grund, seinen treuesten Dienerauszuschalten! Das ist absolut widersinnig!«, fauchteLeukos seinen Untergebenen an.»Das alles hier ist widersinnig!«, bemerkte dieser mit einemzynischen Grinsen und trat einen Schritt zurück.Keiner der Legionäre hatte in dieser Nacht ein Auge zugetan, denn die Angst vor einem weiteren Angriff derNichtmenschen steckte jedem tief in den Knochen.Durchgefroren und hungrig warteten die Soldaten Terrasauf das Morgengrauen. Was ihnen die aufkommendeHelligkeit zeigte, war ein Bild des Schreckens.Der untere Teil des Hügels war mit Hunderten von Totenbedeckt. Zwischen zerhackten und verbrannten Leibernvon menschlichen Soldaten lagen zahlreiche tote Außerir-dische. Blutlachen, Rüstungsteile und Leichen übersätendas Schlachtfeld am Fuße der Felsformation. In dieserNacht waren nicht weniger als 1.000 Mann gefallen undmehrere hundert verwundet worden. Flavius und glückli-cherweise auch Kleitos waren mit dem Schrecken davongekommen, doch der Schock dieses Gemetzels saß ihnentief in den Eingeweiden.Den erfahrenen Berufssoldaten erging es allerdings nichtanders. Man brauchte ihnen nur in die Gesichter zu sehen,um zu erkennen, dass auch ihnen die Furcht vor denfremdartigen Gegnern in die Glieder gefahren war.»Wir befestigen den oberen Teil des Hügels und schlagendort unser Lager auf«, ordnete Zenturio Sachs an. DerVeteran wirkte an diesem Morgen ausgebrannt und er- 153
  • 151. schöpft. Eine solche Situation schien auch ihn sichtlich zuüberfordern.»Diese verdammten Viecher. Sieh nur, was sie angerichtethaben«, stöhnte Kleitos und nahm seinen Helm vomKopf.Flavius hockte sich in den Schnee und spähte zum Hori-zont herüber. Dann betrachtete er das blutgetränkteSchlachtfeld, welches sich ihm nun in seiner ganzen Größeoffenbarte. Vor lauter Entsetzen brachte er kein Wortmehr über die Lippen. Um ihn herum begannen sich dieüberlebenden Soldaten der 562. Legion einzugraben unddie Stellung notdürftig zu befestigen. Das Jammern undStöhnen der Verwundeten, die man in einigen Zeltenweiter oben untergebracht hatte, schallte zu ihm herüberund ließ seine Sorgen noch mehr anwachsen.Inzwischen versuchte Zenturio Sachs mit der PolemosKontakt aufzunehmen, damit sie so schnell wie möglichwieder von Colod verschwinden konnten. Flavius undKleitos setzten sich derweil neben einen Thermostrahlerund ließen die Stunden vergehen.Irgendwann wich die Helligkeit erneut der eisigen Kälteder Nacht. Die schrecklichen Kreaturen waren wieder inder schneebedeckten Weite verschwunden und man hörtesie lediglich in der Ferne brüllen und schreien. Nervös undimmer mit der Waffe im Anschlag warteten die Legionäredarauf, dass sie wiederkamen, doch nichts geschah –zumindest nicht in dieser Nacht.Es blieb ruhig, offenbar hatten die Wesen alle Zeit derWelt, die Nerven der menschlichen Soldaten langsam zuzermürben. Und das gelang ihnen auch. Angestrengtstarrten die Legionäre für Stunden hinaus in die Finsternisund kaum einer von ihnen tat auch nur ein Auge zu.154
  • 152. Im Morgengrauen des folgenden Tages gab Zenturio Sachsden Befehl, wieder nach Tanath zurückzukehren und dieHügelkette zu verlassen. Von den außerirdischen Kreatu-ren war nichts mehr zu sehen.Obwohl sich die Polemos bisher nicht gemeldet hatte, warsich der Zenturio sicher, dass sie das Schlachtschiff in denfolgenden Stunden abholen würde. So wies er seine Män-ner an, wieder zu der Stelle zurückzumarschieren, wo siedie Polemos zuvor abgesetzt hatte.Flavius, Kleitos und die übrigen Soldaten zogen wiedereinige Kilometer quer durch die Eiswüste, bis sie zurRuinenstadt kamen. Erst gegen Nachmittag erhielt Zentu-rio Sachs endlich die langerwartete Antwort der Polemos.Die Nachricht ließ ihm das Blut in den Adern gefrieren.Das terranische Schlachtschiff hatte sich bereits ein gehö-riges Stück von Colod entfernt und der Admiral dachtenicht daran, noch einmal zu dem Eisplaneten zurückzu-kehren. Zu groß war die Gefahr, dass die mysteriösenRaumschiffe sie nochmals attackieren würden.Manilus Sachs konnte die Hiobsbotschaft kaum fassen underlitt einen regelrechten Nervenzusammenbruch. SeineMänner und er waren jetzt auf sich allein gestellt, allein ineiner Eiswüste, umgeben von grauenerregenden Feinden …»Ich habe beschlossen, dir die Verwaltung des Mars offi-ziell zu übergeben, Misellus«, sagte der Archon und nickteseinem ältesten Sohn zu.Dieser riss freudestrahlend die Augen auf und starrteseinen Vater mit offenem Mund an, wie ein kleines Kind,das endlich ein besonders langersehntes Geschenk be-kommen hatte.»Wirklich?«, stieß der Erbe aus und strahlte über das ganzeGesicht. 155
  • 153. »Ja, wirklich, mein Junge. Dort kannst du dich bewährenund die Grundlagen der Regierungskunst erlernen, immer-hin sollst du eines Tages mein Nachfolger werden und dievon mir begründete Dynastie weiterführen«, erklärte derImperator.»Danke! Das ist großartig, Vater!«, rief Misellus und ließeinen Jubelschrei ertönen.»Beruhige dich mal wieder, mein Junge!«, ermahnte ihnJuan Sobos und deutete mit einer kurzen Handbewegungan, dass er sich wieder auf seinen Stuhl setzen sollte.»Ich habe nachgedacht, Misellus. Und ich bin zu demEntschluss gekommen, dass wir das Goldene Reich ver-kleinern müssen, um wieder effektiv regieren zu können«,dozierte der Archon mit ruhiger Stimme.»Verkleinern?«, antwortete sein Sohn verwundert.»Ja, so ist es! Die Menschheit hat sich inzwischen in einemRadius von 700 oder gar 1000 Lichtjahren rund um Terraausgebreitet. Wo irgendwelche Kolonisten mit ihrenSiedlerschiffen mittlerweile überall herumfliegen, kann hierauf der Erde niemand mehr genau sagen – und es kannuns auch egal sein. Offiziell beansprucht das GoldeneReich ein Gebiet im Radius von etwa 250 Lichtjahren rundum das Sol-System, vom Sternenreich von Dron und soweiter einmal abgesehen. Das ist viel zu viel …«»Aber sollten wir nicht unser Imperium vergrößern, umneue Absatzmärkte …«, meinte Misellus, doch sein Vaterwürgte ihn ungehalten ab.»Absatzmärkte? In 200 oder 300 Lichtjahren Entfernung?Wie soll das denn funktionieren, mein Sohn?«, fiel ihmSobos ins Wort.»Gut, das ist wahr, Vater!«, murmelte Misellus kleinlaut.»Der Wahn, dass unser Imperium immer größer werdenmuss, fußt auf dem altaureanischen Reichsgedanken.156
  • 154. Ökonomisch gesehen ist er kompletter Unsinn und außer-dem sind alle Vorhaben, die Menschheit unter dem BannerTerras zu vereinen, ohnehin schon längst gescheitert.Hätten wir einen Hyperraumantrieb für unsere Sternen-schiffe, dann wäre das etwas anderes, aber den gibt es nichtund deshalb wird in Zukunft nur noch eine Regel gelten:Systeme und Planeten, die so nahe am Sol-System liegen,dass ein gewinnbringender Handel aufgebaut werden kann,sind interessant – der Rest wird ignoriert. Das sind aller-höchstens die Koloniewelten, die nicht mehr als 50 Licht-jahre von uns entfernt sind. Alle anderen Planeten sind alsHandelspartner außerhalb unserer Reichweite und die dortlebenden Kolonisten stellen auch keine potentiellen Kon-sumenten und Käufer unserer Waren dar. Also sind siewertlos!«, erläuterte der Kaiser nüchtern.»Das ist wahr, Vater!«, bemerkte Misellus.»Wir denken ab jetzt wirtschaftlich und gewinnorientiert.Wir sind nicht für die anderen aureanischen Brüder im Allverantwortlich, wie es Malogor und Konsorten formulierenwürden. Diese Zeiten sind vorbei, mein Sohn!«, betonteSobos.»Dann willst du auch in diesem Punkt mit allen Traditio-nen brechen, Vater?«, vergewisserte sich der Erbe nocheinmal mit nachdenklicher Miene.»Ja, natürlich will ich das!«, knurrte der Archon.»Genau wie mit irgendwelchen altaureanischen Glaubens-vorstellungen und dem ganzen anderen Blödsinn. Machtentsteht durch Besitz, mein Junge! Und Besitz erlangt nurder, der auch ökonomisch denken und handeln kann. Wirbrauchen weder die Spiritisten, noch die alten Tempel,noch den alten Reichsgedanken, noch die Kastenordnung.Wir brauchen gar nichts davon! Das alles hindert nur denwirtschaftlichen Fortschritt und nimmt uns viele Möglich- 157
  • 155. keiten, Profit zu erlangen! Das musst du endlich begreifen,mein Junge!«Misellus nickte verständig und sein Vater setzte seine Redefort: »Sollen wir uns vielleicht an den blödsinnigen Schrif-ten Malogors orientieren? Dieser Narr hat tatsächlichgepredigt, dass sich der Aureaner durch stetige Ausleseund Selbstdisziplin zu einem höheren Wesen entwickelnsoll. Er hat geschrieben, dass der Materialismus der Keimallen Übels ist und man die Wirtschaft beschränken muss.Und dann seine albernen Visionen von einer überlegenenSpezies, zu der die Aureaner eines Tages aufsteigen wer-den, um die Galaxis zu erobern und die Wunder derTechnologie zu meistern. Wahnvorstellungen eines durch-gedrehten Phantasten, mit der Wirklichkeit hat das allesnichts zu tun.Die Wirklichkeit ist nämlich materiell und greifbar! Dieselächerlichen Hirngespinste sind Gedankenblasen, Goldund Geld aber sind real!«»Ich verstehe, was du meinst, Vater!«, erwiderte der dickli-che Erbe demütig.»Sei also ein Mann der Realität und kein Träumer, Misellus!Träume und Visionen führen nur zu schlechten Verkaufs-zahlen, sie behindern dich bei der Suche nach Reichtumund Gewinn. Und Reichtum ist die einzig wahre Grundla-ge aller Macht.Sieh doch, was er bewirken kann. Für das Versprechen vonGold und VEs meucheln sich die Leute gegenseitig, siegehorchen dir wie winselnde Hunde, wenn du ihnenversprichst, sie zu füttern. Reichtum öffnet dir alle Türen,mehr als dumme Visionen. Mit Reichtum kontrollierst dudie Realität und wenn du ihn in den Händen hälst, dannbist du sogar Herr über Leben und Tod. Jedes Tier undjeder Mensch will zunächst einmal fressen, um zu überle-158
  • 156. ben. Wenn du das Fressen in den Händen hältst, dannwerden sie vor dir kriechen und alles tun, was du ihnenbefiehlst!«, predigte Sobos und stand von seinem Platz auf,um sich direkt vor seinen Sohn zu stellen.»Du hast Recht, Vater! Ich werde in deinem Sinne überden Mars herrschen«, gelobte Misellus und blickte denkorpulenten Archon bewundernd an.»Eines Tages sollst du nicht nur über den Mars herrschen,sondern über das ganze Goldene Reich, Junge! Vergiss dasnicht! Aber bis dahin bist du nur der Verwalter des Mars –im Auftrag deines Vaters. Ich bin der Einzige, der hierherrscht, verstanden?«, sagte Juan Sobos energisch.Die Nachricht, dass sich die Polemos vor irgendwelchenfremden Raumschiffen aus der Umlaufbahn von Colodzurückgezogen hatte und in den Weltraum geflüchtet war,hatte sich im Verlauf des gestrigen Tages und der unruhi-gen Nacht wie ein Lauffeuer von einer Kohorte zu nächs-ten verbreitet. Panik und Verzweiflung waren über dieLegionäre gekommen, die sich inzwischen in den Straßen-zügen der Ruinenstadt verschanzt hatten. Es war Mittag,was bedeutete, dass es einigermaßen hell war. Zumindestso hell, dass man mit bloßen Augen den Horizont sehenkonnte. In der vorausgegangenen Nacht hatten sich dieNichtmenschen erneut nicht gezeigt und es dabei belassen,ihre abscheulichen Kriegsgesänge über die eisige Ebeneerschallen zu lassen. Das hatte auch vollkommen ausge-reicht, um die Legionäre, die jetzt wussten, dass sie dierettende Polemos im Stich gelassen hatte, noch mehr zudemoralisieren. Aus der Erkundungsmission auf einemunbedeutenden Eisplaneten war innerhalb von Stunden einblutiger Kampf um das nackte Überleben geworden. 159
  • 157. Inzwischen konnten die Soldaten die Konturen vonunzähligen Außerirdischen, die sich am Horizont versam-melten, ausmachen. Flavius konnte vor Angst kaum nochatmen und hatte sich hinter einigen Mauerresten verkro-chen. Kleitos, dessen aufgeregtes Schnaufen unter demmetallischen Gesichtsschutz nicht zu überhören war,wirkte ebenfalls völlig verzweifelt.Nach einer Weile hatte sich eine große Anzahl der fremdenKreaturen zusammengerottet und die Wesen rückten unterwildem Geschrei langsam vor.»Woooah!«, gellte es aus Tausenden von Kehlen zu denMännern der 562. Legion herüber, während ZenturioSachs selbst Anweisungen brüllte und die Soldaten Positi-on bezogen.Zwischen den kriegslüsternen Bestien tauchten nun aucheinige Konstrukte auf, die im Entferntesten an die Kampf-läufer der terranischen Streitkräfte erinnerten. Die furcht-erregenden Maschinen schwangen metallisch glänzendeKlauen und Zangen, die erwartungsvoll auf und zuschnappten. Princeps zuckte bei ihrem Anblick zusammenund bemühte sich, die Nerven zu behalten.»Ruhig, Männer! Denkt daran, dass wir diese Biester tötenkönnen!«, dröhnte es aus dem Helmlautsprecher.Die Außerirdischen wurden jetzt noch zahlreicher undimmer neue Schwärme von ihnen schlossen sich derbrüllenden Horde an. Lauter und lauter erklang daswahnsinnige Geschrei, bis es schließlich zu einer blutrüns-tigen Kakophonie wurde.»Die schweren Blaster und die Raketenwerfer konzentrie-ren ihr Feuer auf diese Maschinendinger!«, ordnete ManilusSachs an.Langsam kamen die grünhäutigen Wesen näher undschwangen ihre brutalen Nahkampfwaffen. Einige von160
  • 158. ihnen brüllten etwas, das sich wie Hohn und Spott anhör-te, wobei sie mit ihren langen Armen ruderten, als ob siedie Menschen zum Kampf herausfordern wollten.»Wir werden hier nicht sterben!«, flüsterte Kleitos.Flavius antwortete seinem Freund nicht und versuchte,seine hastige Schnappatmung irgendwie unter Kontrolle zubringen. Dann sah er, wie sich ein riesenhafter Nicht-mensch vor die Masse der feindlichen Krieger stellte undein paar seiner Artgenossen zur Seite schubste. Für einigeMinuten schritt er vor seinen Kämpfern auf und ab,während er ein kehliges Geschrei von sich gab.»Woooah!«, brüllte die Bestie schließlich und die anderenWesen erwiderten seinen Schrei in ohrenbetäubenderLautstärke. Dann stürmten die Aliens wie eine todbringen-de Flutwelle heran.Rötliche Salven aus Blasterfeuer und ratternde Rotations-gewehre empfingen die angreifende Horde. ZahlreicheNichtmenschen wurden getroffen und purzelten in denSchnee, doch das verminderte die Wucht ihres wütendenAnsturms nicht. Als die Aliens nahe genug an die Stellun-gen der Menschen herangekommen waren, begannen siezurück zu feuern. Energieblitze und zischende Projektileantworteten dem Beschuss der Legionäre.Panisch hastete Flavius eine vereiste Betonmauer entlangund hielt mit dem Blaster auf die vorrückenden Feinde.Irgendwo hinter ihm detonierte ein Geschoss und wirbelteeine gewaltige Dreckfontäne auf. Schreie halten in seinenOhren wider und ein Teil der Betonmauer wurde von einerunbekannten Waffe pulverisiert.»Woooah!«, dröhnte es von jenseits der Ruinenhäuser,während die Kreaturen immer näher kamen und sich auchvon dem verzweifelten Abwehrfeuer der Legionäre kaumbeeindrucken ließen. Princeps sah, wie eine Salve von 161
  • 159. Plasmabällen zwischen den grünhäutigen Bestien einschlugund viele von ihnen in Stücke riss. Doch die Aliens stürm-ten weiter vor und schienen durch den Beschuss nur nochwütender zu werden. Glücklicherweise wurden zwei derbizarren Kampfläufer, die sich auf die von Flavius undseinen Kameraden gehaltene Stellung zubewegten, von denRaketenwerfern in die Luft gejagt. Die übrigen Maschinender Aliens wankten derweil in Richtung anderer Ziele.Blutgierig und vom Tode ihrer Artgenossen unberührt,griffen die ersten Außerirdischen schließlich die Legionärein ihren Stellungen an. Sie durchsiebten die Menschen mitden fremdartigen Geschossen ihrer Waffen oder hacktensie mit ihren Beilen nieder. Princeps wich mehrere Dut-zend Meter zurück und hielt mit dem Blaster auf alles, wasihm zu nahe kommen wollte.Kleitos hatte sich seinen Schild vor das Gesicht geschobenund schleuderte ein Pilum, das inmitten der Außerirdi-schen explodierte. Neben Flavius war jetzt eines derWesen über eine Mauer geklettert und hatte dem Legionärvor sich das Schild aus der Hand geschlagen. Mit einemzufriedenen Knurren hackte die Grünhaut den Menschenzu Boden, um danach vor Flavius Blaster ihr Leben auszu-hauchen. Umso mehr Aliens die Stellungen der Terranererreichten, umso blutiger wurde der Kampf auf kurzeDistanz. Hier waren die berserkerhaften Bestien denMenschen weit überlegen und so wurden die Legionärebald von allen Seiten bedrängt.»Formation halten! Dritte und vierte Linie, Schilde hoch!«,brüllte Manilus Sachs aus vollem Halse.Die Nichtmenschen waren derweil nahe genug herange-kommen, um wie eine rasende Büffelherde in den Schild-wall der Legionäre zu krachen. Hunderte von ihnen warenbereits im Feuer von Terras Elitekriegern gefallen, doch162
  • 160. die Außerirdischen waren in einem solchen Blutrausch,dass sie nicht zurückwichen.»Woooah! Gorzag!«, hörte Flavius neben sich, als ein Alienseine sichelartige Waffe aus dem blutüberströmten Rückeneines toten Legionärs zog und nun auf Princeps Schildeindrosch. Der Rekrut ging durch die viehische Wucht desSchlages in die Knie und taumelte schließlich zu Boden.Ein gleißender Blitz zischte an seinem Helm vorbei undschlug in der Mauer hinter ihm ein. Die Kreatur holteindes zu einem weiteren Hieb aus und beugte sich überden unglücklichen Soldaten, als ihr Hinterkopf von einemBlasterschuss weggerissen wurde.Keuchend kroch Flavius durch den Schnee, währendZenturio Sachs aufgeregte Stimme durch den Vox-Transmitter hallte. Die Menschen zogen sich zurück,während die Aliens unablässig angriffen und alles in ihremWeg niedermetzelten.Princeps robbte in Richtung einer Häuserruine und hoffte,dass ihn die wütenden Bestien nicht bemerkten. Dannkauerte er sich in eine dunkle Ecke und wartete. Jenseitsdes zerfallenen Hauses versammelten sich kurz daraufzahlreiche grünhäutige Kreaturen, die ein lautes Triumph-gebrüll von sich gaben, als sie sahen, dass die Menschenzurückwichen. Nach einer Weile begannen die Wesendamit, Rüstungsteile und Helme der toten Legionäre alsTrophäen aufzusammeln, wobei sie sich in ihrer fürchter-lich klingenden Sprache unterhielten.»Mor snik yan grod!«, grunzte eines der Aliens und schnitteinem toten Menschen die Hand samt Panzerhandschuhab. Dann zeigte er sie seinen Artgenossen, die sich darüberzu amüsieren schienen. Schließlich heftete das Wesen dieHand wie einen Talisman an seine Brust. Flavius wagte 163
  • 161. kaum noch zu atmen, als er das sah und kroch noch tieferin den Schnee.Langsam wurde der Kampfeslärm in den Nebenstraßenleiser und die Kreaturen machten sich daran, die Ruinen-stadt wieder zu verlassen. Eigentlich hätten sie die Men-schen diesmal vollständig vernichten können, doch offen-bar genossen sie es, sie langsam zu zermürben und nichtalle auf einmal zu töten.»Wollen sie sich uns noch für weitere Kämpfe aufsparen?Lieben sie den Krieg so sehr?«, grübelte Princeps undspähte nach draußen.»Ich warte, bis es dunkel wird und schlage mich dann zuden anderen durch«, sagte er leise zu sich selbst und hoffte,auch diesen Tag zu überleben.164
  • 162. Auf sich allein gestelltDie Außerirdischen hatten der 562. Legion erneut schwereVerluste zugefügt und die verunsicherten Überlebendendes gestrigen Kampfes hofften, dass die Wesen heute nichterneut angriffen.Flavius und Kleitos hatten sich im Erdgeschoss eines nochhalbwegs intakten Wohnhauses zusammen mit einigenanderen Legionären vor einen Thermostrahler gehockt.Die Fenster des Hauses waren zwar von Sprüngen undRissen durchzogen, aber zumindest noch nicht herausge-fallen oder gänzlich zersplittert wie es bei den meistenanderen Gebäuden der Fall war. So waren die Legionärewenigstens vor dem draußen fauchenden, eisigen Windgeschützt.Ständig spähte einer der Männer über die verlasseneStraße, die abermals im unheimlichen Halbdunkel lag.Doch bisher war alles ruhig und lediglich der Wind pfiffdurch die trostlosen Ruinen von Tanath.Plötzlich kam eine Gestalt in den Raum und alle nahmenaugenblicklich Haltung an. Es war Zenturio Sachs, wieman unschwer an seinem verdreckten, roten Mantel, demFederbusch auf dem Helm und den Rangabzeichen aufseinem Schulterpanzer erkennen konnte. Der breitschultri-ge Hüne öffnete sein Visier und salutierte vor seinenMännern.»Ihr habt es euch hier ja richtig gemütlich gemacht«,brummte er zynisch und stellte sich kurz vor den Thermo-strahler. Anschließend blickte er sich in dem Raum um undkramte einen Datenträger hervor. 165
  • 163. Nachdem er einige Informationen abgerufen und leise vorsich hin gemurmelt hatte, rief er: »Ist das hier die 9. Ko-horte?«»Ja, Zenturio! Aber einige von der 4. sind auch dabei!«,meldete einer der Berufssoldaten.»Ist hier auch ein Rekrut namens Flavius Princeps?«, fragteManilus Sachs.»Das weiß ich nicht, Herr!«, antwortete der Legionär.Flavius hatte Sachs Frage allerdings gehört, kam unverzüg-lich angerannt und nahm seinen Helm vom Kopf.»Rekrut Flavius Princeps!«, sagte er und stand stramm.»Mitkommen!«, rief der Zenturio und der junge Soldattrottete ihm mit fragendem Gesichtsausdruck hinterher.Kleitos machte Anstalten, ihm zu folgen, doch ManilusSachs schickte ihn wieder in das Ruinenhaus zurück. DerVorgesetzte ging ein Stück mit Flavius und winkte ihndann in eine dunkle Ecke, damit sie ungestört redenkonnten.»Sind das die Kreaturen, von denen du mir erzählst hast,Junge?«, wollte Sachs wissen. Princeps nickte verlegen.»Siehst du, Bursche, ich habe mir unser Gespräch undsogar deinen Namen gemerkt«, sagte der Zenturio.»Ja, es sind die gleichen Wesen wie damals auf Furbus IV.Jetzt sehen Sie, dass ich keinen Unsinn geredet habe«,bemerkte Flavius.»Das darfst du mir nicht übel nehmen, Junge. Welchervernünftige Mensch glaubt schon an so etwas?«, murmelteSachs.»Aber damals auf Furbus IV haben wir keine lebendenExemplare dieser Aliens gefunden. Nur bereits starkverweste Leichen oder Skelette«, erläuterte der Rekrut.»Tja, jetzt haben wir die Herrschaften ja alle persönlichkennenlernen dürfen«, erwiderte der Veteran.166
  • 164. »Ich kann wirklich nicht viel mehr über diese Kreaturensagen. Jedenfalls wurde uns nach dem Flug nach FurbusIV von den Behörden auf Terra eindeutig befohlen, dasswir niemals über die ganze Angelegenheit sprechen dür-fen«, sagte Princeps.Zenturio Sachs räusperte sich und antwortete: »Dannwissen diese elenden Wasserköppe auf Terra also Bescheid,dass es diese Wesen gibt! Aber man darf nicht darübersprechen. Ich verstehe …«»Wie mir damals gesagt wurde, hat es schon eine Vielzahlsolcher Vorfälle gegeben, aber die Behörden bewahrenweiterhin Stillschweigen, damit die Weltraumkolonistennicht beunruhigt werden«, meinte Flavius leise.»Darüber hättest du mich aber aufklären müssen!«, warfihm Sachs vor und wirkte verärgert.»Es tut mir leid, aber ich wollte mich nicht noch einmallächerlich machen, Zenturio«, entschuldigte sich der jungeSoldat kleinlaut.Der hünenhafte Legionsoffizier legte Princeps die Handauf die Schulter und ließ sein Helmvisier nach oben fahren.Flavius sah ihm an, dass er vollkommen ratlos war.»Es ist jetzt ohnehin nicht mehr zu ändern. Außerdemkonntest du ja nicht wissen, was uns hier erwartet, Junge.Ich habe zudem auch keinen Plan, wie wir hier wiederlebend rauskommen sollen«, gab Sachs zu.Sein Gegenüber zuckte nur mit den Achseln und wusstenicht, was er darauf noch erwidern sollte. Schließlich ließihn der Zenturio zurück zu den anderen Legionären in dasRuinenhaus gehen.»Wenn wir hier schon sterben müssen, dann nehmen wirnoch einige von diesen Mistviechern mit ins Jenseits! Dasschwöre ich bei meinen Ahnen!«, zischte Manilus Sachsund verschwand wieder in der dunklen Nacht. 167
  • 165. Des ständigen Sinnierens und Grübelns müde hatte sichAswin Leukos in seine persönlichen Räume an Bord derLichtweg zurückgezogen und für mehrere Stunden inseinen Audiolibern geblättert. Meistens ging es in diesenBüchern um historische Themen, die Leukos nach wie vorsehr interessierten.Sein Stellvertreter hatte ihn allerdings soeben aus derintensiven Lesetätigkeit gerissen, als er unangekündigt insein Gemach eingetreten war, um mit dem Oberstrategoseinige Dinge zu besprechen.»Habt Ihr Euch erneut dem Lesen gewidmet, Herr?«,erkundigte sich Throvald von Mockba.»Ja, das musste auch mal wieder sein. Es verschafft mir einwenig Ablenkung und die habe ich nach den letztenEreignissen dringend nötig«, antwortete Leukos.»Und was lest Ihr dann hier oben, so viele Stunden lang?«,kam zurück.»Ich befasse mich nach wie vor viel mit der alten Ge-schichte Terras, Throvald. Vor allem die Sagen und My-then der Urzeit unseres Planeten haben mich schon alsKind fasziniert. Vielleicht ist an vielen der alten Überliefe-rungen mehr dran, als man auf den ersten Blick denkt«,erklärte der General mit einem gewissen Eifer.»Mythen sind Mythen. Ich verlasse mich auf die Realität,Oberstrategos!«, meinte der Legionsoffizier nüchtern.»Man sollte die alten Sagen nicht vorschnell als Unsinnabtun, Legatus. Nur weil unsere Geschichtsschreiber sowenig über die Urzeit wissen, heißt es nicht, dass man dieantiken Überlieferungen leichtfertig belächeln sollte«,betonte der Feldherr etwas verärgert.»Was nützen uns heute schon irgendwelche Geschichtenvom Geburtskrieg oder ähnliches?«168
  • 166. Aswin Leukos hob den Zeigefinger und erwiderte: »Ichdenke, dass diese Mythen nicht alle nur der Phantasieentsprungen sind. Imperator Gunther Dron hat in seinerBiographie erwähnt, dass sich tatsächlich ein von Arturdem Großen geschriebenes Buch in seiner riesigen Biblio-thek befunden haben soll. Es soll den Titel »Der Weg derRus« gehabt haben. Faszinierend, nicht?«»Wer weiß das schon? Davon habe ich jedenfalls noch nieetwas gehört«, antwortete der Legat.»Nun, auch die Zeiten des großen Dron sind schon langevorüber. Vielleicht ist dieses Buch irgendwo in den Kata-komben der alten Kaiserstadt Soast verloren gegangen –oder liegt sogar heute noch da«, ereiferte sich Leukos.»Letztendlich sind und bleiben diese Dinge Sagen undLegenden aus Epochen, die schon so lange zurückliegen,dass man heute nichts Genaues mehr über sie weiß. Fürmich sind Artur der Große, Roger Thulmann, Ansgar derSchöne, Farancu Collas und wie sie sonst noch alle heißen,schlichtweg Sagengestalten. So etwas hat es schon immergegeben. Die Menschen brauchen eben ihre Mythen, umsich das Unbekannte zu erklären …«Der Oberstrategos verzog seinen Mund und wirkte fast so,als würde er schmollen. »Trotzdem bleibe ich dabei. Sagenhaben meistens einen wahren Kern!«»Naja, ich glaube kaum, dass zum Beispiel ein FarancuCollas unverwundbar gewesen ist, wie die Legende be-hauptet. Der Kerl ist eine Phantasiegestalt, eine Märchenfi-gur, sonst überhaupt nichts!«, bemerkte der Legatus undgrinste herausfordernd.»Aber vielleicht gab es diesen Mann ja wirklich und manhat ihm diese Dinge nur im Laufe der Zeit angedichtet«,sagte Leukos. 169
  • 167. »Verzeiht mir die Bemerkung, Oberstrategos, aber EureVerehrung der altaureanischen Geschichte und der Altvor-deren ist in diesem Punkt etwas übertrieben!«Der terranische Feldherr wirkte beleidigt, verkniff sichaber die nächste Bemerkung.»Wie auch immer, Legat!«, grummelte er dann. »Dannlassen wir das und kommen endlich zur Sache …«»Gut!«, meinte der Legionsoffizier und seine grauen Augenfixierten den terranischen Feldherren. »Ich habe auch vielüber diesen Hinterhalt und seine seltsame Vorgeschichtenachgedacht und bin zu dem Entschluss gekommen, dasssich in der Zwischenzeit auf Terra Dinge abgespielt habenmüssen, über die wir nichts wissen. Vielleicht hat sichCredos Platon mit seinen Feinden arrangiert und manbetrachtet uns inzwischen als Störenfriede, die nicht mehrerwünscht sind.«»Ihr meint vor allem mich, nicht wahr?«, murrte derOberstrategos.»Ja, vor allem Euch! Eure altaureanische Gesinnung istallgemein bekannt und vielleicht habt Ihr mittlerweile mehrFeinde, als ihr Euch vorstellen könnt, Herr!«»Und der Archon selbst soll da federführend mitmachen?Das halte ich für Unsinn, Legat!«, sagte Leukos.»Ich kann es mir nur so erklären, aber Ihr kennt ihn jabesser als ich«, gab Throvald zu.»Platon ist keine verräterische Schlange wie dieses Optima-tengewürm und ich müsste mich in meiner Menschen-kenntnis mehr als täuschen, wenn er auf einmal mit Sobosund Konsorten gemeinsame Sache gegen mich machenwürde«, stellte Leukos klar.»Vielleicht habt Ihr Euch tatsächlich in ihm getäuscht unddie Zusage, Euch auszuschalten, ist die Grundlage dafür,170
  • 168. dass ihn die Optimaten in Frieden regieren lassen«, erklärteder Legat.Sein Herr stampfte wütend auf und kniff die Augen zu-sammen. Für einen Moment schnappte er nach Luft, umdann zu erwidern: »Nein! Das kann nicht sein! Platon istein mutiger und ehrlicher Archon. Einen solch verantwor-tungsvollen Mann hat Terra seit Jahrhunderten nicht mehrauf dem Thron gehabt. Diese Theorie halte ich für völligunrealistisch, Throvald. Lasst mich für den Rest des Tagesmit diesem Thema in Ruhe!«»Aber Herr …«»Geht jetzt und gönnt mir wenigstens ein paar StundenAblenkung!«, schimpfte Leukos und verwies seinen Stell-vertreter des Raumes.Fünf Tage waren vergangen, doch die Außerirdischenwaren nicht mehr aufgetaucht und ihre Kriegsgesänge inden Nächten waren ebenfalls verstummt. Inzwischenhatten die Legionäre ihre Nahrungsmittelvorräte fast völligaufgebraucht, die Thermostrahler waren kaum nochfunktionsfähig und die Energiezellen in den Rüstungenbeinahe leer. Angesichts dieser traurigen Situation hatteZenturio Sachs, der jeden Tag stündlich Notrufsignale insAll schickte, angeordnet, in der Ruinenstadt zu bleiben.Hier war man seiner Meinung nach auch nicht unsichererals auf der Hügelkette, wenn die fremdartigen Wesenwieder angriffen. Manilus Sachs befahl, dass sich dieÜberlebenden der 562. Legion in die Lagerhallen undVerkehrstunnel im Untergrund von Tanath zurückziehensollten. Hier waren die Männer zumindest in den eisigenNächten vor der extremen Kälte besser geschützt als ander Oberfläche. Vielleicht war dort sogar noch eine rudi- 171
  • 169. mentäre Energieversorgung vorhanden, wie der Zenturioerklärte.Insgesamt gab es allerdings keinerlei Grund für allzu großeZuversicht, was nichts daran änderte, dass sich die Legio-näre an die Hoffnung klammerten, dass ihre Notrufsignaledoch noch von irgendeinem Schiff gehört würden.Leise bewegten sich die Soldaten durch die ausgestorbenenStraßenzüge von Tanath. Erschöpft, hungrig, entnervt undübermüdet drangen sie immer weiter in das riesige Ruinen-feld unter der geborstenen Glaskuppel ein. Die fremdenKreaturen waren nirgendwo mehr zu sehen. Dennochblieben die Legionäre stets auf der Hut und rechnetenjederzeit mit einem erneuten Angriff.An die Wände der zerfallenen Häuser hatten sich zahlrei-che Menschen gelehnt und waren erfroren oder verhun-gert. Die schneebedeckten Straßen Tanaths waren voll vonerstarrten Leichen, so dass der Marsch durch die Ruinen-landschaft einem Gang über das Deck eines Totenschiffsglich. Auch einige tote Außerirdische lagen in der Stadt,verstreut zwischen den Trümmern der Gebäude.Der Untergang der Eisstadt, dessen schützende Glaskup-pel vermutlich von den Aliens zerstört worden war, mussteein grauenhafter Alptraum gewesen sein, malte es sichFlavius aus. Wahrscheinlich erwartete die Soldaten der 562.Legion das gleiche Schicksal. Princeps betrachtete einentoten Außerirdischen und musterte die hässliche Kreaturvoller Abscheu. Spitze, breite Reißzähne ragten aus demKiefer des Wesens. Er stieß mit dem Fuß gegen denmassigen Torso des Nichtmenschen und verharrte füreinige Minuten in Gedanken.»Komm Junge, wir haben keine Zeit. Laut dem Zenturiosind es noch zwei Kilometer bis zum Eingang in diese172
  • 170. unterirdischen Lagerhallen«, brummte ein Legionär hinterihm und schob ihn nach vorne.Die Männer marschierten im Laufschritt voran und fluch-ten, als ein eisiger Windstoß den Schnee um sie herumaufwirbelte. Schließlich erreichten sie nach einer Weileeinen dunklen Stolleneingang.»Blaster entsichern! Wir gehen jetzt da runter!«, befahlZenturio Sachs und die Legionäre stiegen in die kalteFinsternis hinab. Sie durchschritten einen langgezogenen,breiten Korridor und kamen in eine große Lagerhalle, dievoller Metallcontainer, Bergbaumaschinen und verwesterLeichen war.»Na, großartig!«, knurrte Flavius und war wenig begeistert,als er sich umsah. Das alles hier erinnerte ihn eher an eineGruft als an eine sichere Unterkunft.»Räumt die Toten aus dem Weg und sichert die anderenZugänge zu dieser Halle!«, schallte es aus dem Helmlaut-sprecher.Murrend machten sich die Männer an die Arbeit undschichteten die Toten zu großen Haufen auf. Flaviuswürgte bei diesem grauenvollen Anblick. Dann kamKleitos zu ihm herüber.»Das bringt doch alles nichts«, jammerte er.»Ich habe einen furchtbaren Hunger und es ist kaum nochetwas in meinem Tornister. Das darf alles nicht wahr sein«,gab Flavius zurück und schleifte eine Frauenleiche zueinem der großen Totenhaufen, den die anderen Legionäreaufgestapelt hatten.»Hier unten ist es trotzdem eiskalt und für ein Feuer gibtes kaum Brennmaterial. Es ist alles umsonst. Wir kommenhier nie mehr weg und enden genau wie die hier!«, sagteKleitos und deutete auf die Leichen. 173
  • 171. »Sie überfallen dünnbesiedelte Welten! So war es aufFurbus IV auch. Wer weiß, wie viele von denen noch dadraußen im All sind?«, murmelte Flavius.»Was redest du da?«, fuhr ihn Kleitos an.»Diese Wesen … sie überfallen …«»Ja, das ist mir auch schon aufgefallen! Zur Hölle mitdiesen Viechern!«, zischte Jarostow ungehalten.»Was ist, wenn diese Außerirdischen weiter draußen imWeltraum ganze Sternenreiche haben? Vielleicht gibt es jaMilliarden von denen? Umso weiter sich unsere Art in derGalaxis ausbreitet, umso häufiger wird so etwas wie hierauf Colod geschehen …«, sagte Flavius.»Halt jetzt die Schnauze, Princeps! Das interessiert michzurzeit überhaupt nicht!«, stöhnte Kleitos genervt.Nach etwa zwei Stunden hatten sich die Legionäre in derweiträumigen Lagerhalle und einigen kleineren Nebenräu-men niedergelassen und warteten. Die letzten noch funkti-onsfähigen Thermostrahler spendeten ein wenig Wärmeund ein paar Handscheinwerfer erhellten das Betongewöl-be notdürftig. Zenturio Sachs sendete derweil wiedereinmal Notrufe.»In einigen Tagen werden wir tot sein!«, schoss es Flaviusdurch den Kopf, als er sich in der Halle umsah.Zu einem befriedigenden Ergebnis war der Oberstrategostrotz allen Grübelns bisher nicht gekommen. Allerdingswar er sich inzwischen sicher, dass irgendeine Verschwö-rung gegen ihn und vielleicht auch andere altaureanischgesinnte Generäle und Politiker im Gange war. Vielleichtwar auch Magnus Shivas durch diese Umtriebe gefährdet,denn er war ebenfalls ein überzeugter Anhänger der altenOrdnung und als Hauptverwalter des Proxima CentauriSystems keineswegs eine unwichtige Person. Weiterhin war174
  • 172. Leukos mittlerweile zu der Überzeugung gelangt, dasswohl der gesamte Thracan-Feldzug gegen die nicht vor-handenen Rebellen ebenfalls ein Ablenkungsmanövergewesen sein musste, um ihn von Terra wegzulocken.Nein, eine andere Erklärung konnte es einfach nichtgeben. Aber warum hatte ein derartiger Frevel gerade unterdem Regiment eines so verantwortungsvollen Archons wieCredos Platon stattgefunden?Was auch immer hinter seinem Rücken geplant wordenwar, konnte er nicht genau wissen, aber das war im Mo-ment auch unwichtig. Jetzt galt es zunächst, Magnus Shivasüber den Hinterhalt im Kuipergürtel zu informieren undihn zu warnen.So begab sich der terranische Heerführer auf die Kom-mandobrücke der Lichtweg und verfasste eine visuelleNachricht, die er dem thracanischen Statthalter zuschickte.Mit ernster, versteinerter Miene sagte Leukos …»Verehrter Magnus Shivas,unsere Flotte wurde mitten im Kuipergürtel von einergroßen Anzahl terranischer Kriegsschiffe angegriffen. DieUltimus und zwei weitere schwere Schlachtkreuzer, sowiesämtliche Eskortschiffe, sind zerstört worden. Ich selbstbin dem Tod nur knapp entronnen, denn offenbar hattenes die Angreifer vor allem darauf abgesehen, mich undmein Flagschiff auszuschalten.Passt auf Euch auf, Statthalter! Ich fürchte, dass auf Terraseltsame Dinge vorgefallen sind und ich habe die Vermu-tung, dass auch Ihr gefährdet seid. Bitte meldet Euchsofort bei mir, sobald Ihr diese Nachricht bekommt. Es istmehr als dringend! Wir sind auf dem Weg zurück nach 175
  • 173. Thracan und hoffen, dass Ihr uns nicht im Stich lassenwerdet!Mit besten Grüßen und treu im Geiste Malogors,Oberstrategos Aswin Leukos.«Seit drei Tagen waren die Nahrungsmittelvorräte derMänner so gut wie aufgebraucht und noch immer hatteniemand auf die zahllosen Notrufsignale reagiert, dieZenturio Sachs ins All gesendet hatte. Müde und lethar-gisch verharrten die Männer der 562. Legion, dieser klägli-che Rest, der noch von ihr übrig geblieben war, in dergewaltigen Lagerhalle.Sie dösten vor sich hin, schliefen auf ihren Schilden oderdrängten sich wie frierende Tiere zusammen, denn diemeisten Thermostrahler waren inzwischen fast ausge-brannt. Auch die alten Heizvorrichtungen der Lagerhallewaren längst nicht mehr zu gebrauchen, nichts funktionier-te mehr, denn das ganze Energienetzwerk von Tanath waroffenbar schon vor einigen Jahren zerstört worden.Diese finstere Halle unter der trostlosen Geisterstadtwürde auch ihr Grab werden, da waren sich die meistender Legionäre sicher. Zenturio Sachs selbst schien kaumnoch Hoffnung zu haben und starrte immer wieder aufseinen Kommunikationsboten – doch dieser schwieg.Flavius und Kleitos schwiegen ebenfalls und die Verzweif-lung hatte sich ihrer Geister bemächtigt. Princeps, den derHunger mit jeder verstreichenden Stunde schlimmerquälte, dachte an seine Eltern und Geschwister. SeineNeffen und Nichten würde er niemals richtig kennenler-nen. Ihr Onkel würde lediglich als verschollener Soldat desGoldenen Reiches in die Annalen der Princeps-Sippe176
  • 174. eingehen. Vielleicht würde man irgendwann bei einemFamilientreffen über ihn sprechen und den Kindernerzählen, was er doch für ein tapferer Legionär gewesenwar.Doch hier unten, umgeben von hoffnungslos verlorenenKameraden und schneidender Kälte, gab es nur nochwenig Raum für Soldatenpathos. Hier regierten Hungerund Tod.Fast alle Verwundeten der letzten Kämpfe mit den Nicht-menschen, die man von der Hügelkette mühsam hier in dieHalle gebracht hatte, waren inzwischen gestorben. Werernsthaft verletzt worden war, der war verloren, denn esgab so gut wie keine medizinische Versorgung mehr undauch kaum noch Medikamente. Zwanzig Medici hatten dieTruppe nach Colod begleitet, vier davon waren noch amLeben und kümmerten sich inzwischen in erster Linie umsich selbst. Von den etwa 4800 Legionären, die Leukosnach Colod geschickt hatte, waren mittlerweile kaum noch1000 übrig.Flavius biss auf seinen in einen Schutzhandschuh gehülltenZeigefinger und bemühte sich, das bohrende Hungergefühlzu unterdrücken. Seine Zehen schmerzten vor Kälte undder junge Mann fürchtete, dass sie bald abgefroren seinwürden. Die Thermoaggregate seiner Rüstung spendetennur noch wenig Wärme, zu wenig, um noch lange durch-zuhalten.Was mochten seine Eltern gerade tun? Sprachen sie viel-leicht gerade jetzt über ihn? So viele Billionen Kilometervon diesem Eisplaneten entfernt in ihrem sonnendurchflu-teten, warmen Wohnzimmer.Princeps stieg in Gedanken die Treppe in sein altes Kin-derzimmer hinauf. Er stellte sich vor, dass er mit einemwarmen, dampfenden Tee in der Küche am Tisch saß und 177
  • 175. aus dem Fenster hinab auf die Straßen von Vanatiumblickte. Schwärme von Gleitern vor einem blauen, wolken-losen Himmel konnte man von dort aus beobachten. Wieschön es doch damals gewesen war.Schließlich öffnete Flavius seinen Kommunikationsbotenund versuchte, eine Nachricht an seine Eltern zu verfassen,wobei es ihm schwer fiel, sich vor Hunger zu konzentrie-ren. Sicherlich würde das der letzte Brief seines kurzenLebens sein und wenn dieser in einigen Jahren auf Terraankam, falls er nicht einfach irgendwo verloren ging, würdeer längst tot sein.Der junge Mann bedankte sich bei seinen Eltern für all dieLiebe und Hingabe, die sie ihm geschenkt hatten, undbetonte noch einmal, wie sehr er es bedauerte, dass alles sogekommen war. Sein Leben war verpfuscht, sinnierteFlavius, und versank ganz in einem Ozean des Trübsals.»Noch immer nichts!«, war die knappe Durchsage vonZenturio Sachs, der die Legionäre stündlich darüberinformierte, ob sich jemand auf seine Funksignale gemel-det hatte.Kaum jemanden schien das noch zu interessieren. DieSoldaten hatten nichts anderes erwartet und lungertenweiter in der nur noch von wenigen Lichtquellen erhelltenLagerhalle herum.Kleitos hatte sich wieder auf sein breites Schild ausFlexstahl gelegt und döste vor sich hin. Man hörte ihnunter dem Visier leise schnarchen. Flavius nahm seinenHelm für einen kurzen Augenblick ab und verzog seinGesicht als er die grausame Kälte spürte. Dann betrachteteer seinen schlafenden Freund und sah lächelnd auf ihnherab.»Hier geht es zu Ende, mein Guter!«, flüsterte er ihm zuund widmete sich schließlich wieder seinem Brief.178
  • 176. Auf einmal schreckte er auf. Irgendwo über ihm, an dereisigen Oberfläche, hatte jemand einen markerschüttern-den Schrei ausgestoßen. Jetzt folgte ein rhythmischesStampfen und Poltern. Princeps konnte sich denken, wasdas zu bedeuten hatte. Sie waren wieder da und wusstenoffenbar, wo sich der Rest der Terraner versteckt hielt …Missmutig saß Aswin Leukos in einem breiten Sessel aufder Kommandobrücke der Lichtweg und trommelte mitden Fingern seiner rechten Hand auf der metallenenArmlehne herum. Eben hatte ihm der Admiral desSchlachtkreuzers noch diverse Flugdaten und den täglichenBericht der Raumobservatoren vorgelesen, um dannwieder im vorderen Bereich der Brücke hinter einer Kon-sole zu verschwinden.Nach wie vor grübelte der Oberstrategos vor sich hin,sobald er eine ruhige Minute hatte. Die Erinnerungen anden Überfall im Kuipergürtel ließen ihn ständig nicht inRuhe und am meisten quälte ihn die Tatsache, dass er sichnoch immer keinen Reim auf dieses Ereignis machenkonnte.Mit grimmigen, zusammengekniffenen Augen betrachteteer die vielen Angehörigen des Flottenpersonals, die Offi-ziere, Raumüberwacher und Navigatoren, welche vor denBildschirmen und Konsolen saßen und stumm ihre Arbeitverrichteten. Zwischendurch ließ er immer wieder einleises, verärgertes Schnaufen erklingen und merkte garnicht, wie er gedankenverloren die Fäuste ballte und dieZähne fletschte. Irgendwann riss ihn eine sich mit schnel-len Schritten nähernde Gestalt in blauer Offiziersuniform,die er im Augenwinkel ausmachte, aus seiner fast trancear-tigen Grübelei. 179
  • 177. Der Mann stellte sich vor Leukos Sessel und salutiertevorschriftsmäßig. Dann verneigte er sich tief vor demterranischen Heerführer und hielt ihm eine Datenverarbei-tungsscheibe hin. Mürrisch nickte der Oberstrategos demFlottenoffizier zu und dieser begann zu sprechen.»Herr, wir haben einige an Euch gerichtete Nachrichtenerhalten, die von Terra stammen«, sagte der Mann.Aswin Leukos staunte. »Einige? Was meinen Sie damit?«»Genauer gesagt sind es 78 Nachrichten, die kurz hinter-einander eingetroffen sind, Herr!«»Wie bitte?«»Ja, Oberstrategos. Alle Nachrichten tragen das elektroni-sche Siegel von Clautus Triton, des ersten Beraters desArchons«, erklärte der Flottenbedienstete mit ernsterMiene.Der terranische Feldherr wurde langsam ungeduldig undmachte den Eindruck, als ob ihn eine böse Vorahnungquälte.»Geben Sie her!«, sprach Leukos ungehalten und rissseinem Gegenüber die Datenverarbeitungsscheibe aus derHand. Er stand auf, öffnete nervös einen kleinen Holo-Bildschirm und starrte auf den Text, der vor seinen Augensichtbar wurde.Nach einem kurzen Augenblick begann der Oberstrategosschwer zu atmen und taumelte nach hinten. Die Datenver-arbeitungsscheibe ließ er vor lauter Aufregung aus derHand fallen.»Herr, geht es Euch nicht gut?«, fragte der Flottenangehö-rige besorgt.Leukos stieß ihn weg und wurde von einer Sekunde aufdie andere rot vor Zorn. Er fauchte einige kaum ver-ständliche Verwünschungen, sprang auf den Offizier zuund hob die Datenverarbeitungsscheibe wieder vom180
  • 178. Boden auf, um sich Tritons Nachricht weiter durchzule-sen. Bald darauf atmete er noch schwerer und fing dannzu röcheln an.»Herr?«»Nicht jetzt!«»Was ist denn?«»Halten Sie den Mund!«, schrie Leukos.Der Flottenoffizier schlich ängstlich davon, während denOberstrategos inzwischen immer mehr verwunderteMänner der Crew anstarrten. Der General wirkte, als ob erjeden Moment aus der Haut fahren würde.»Sobos! Das kann nicht wahr sein! Nein!«, stammelte er.Niemand wagte es jetzt mehr, den Feldherren noch anzu-sprechen und dieser hatte zunehmend Probleme, dieFassung zu bewahren.»Nein!«»Nein, das kann ich nicht glauben!«»Nein!«»Dafür wird er bezahlen …«»Das kann nicht sein! Niemals!«Plötzlich brüllte Leukos wie ein verwundeter Wolf auf undschleuderte die Datenverarbeitungsscheibe über die halbeKommandobrücke. Das Gerät krachte gegen die Wandund zerschellte in unzählige kleine Splitter.»Herr, was habt Ihr denn?«, wagte sich einer der Navigato-ren vor, um von Leukos einen giftigen Blick zu ernten.»Wo ist Throvald?«»Throvald von Mockba, Herr?«»Wo bei Malogor ist er?«»Ich kann es nicht sagen, Herr …«»Dann sucht ihn! Sofort!«, schrie Leukos.»Ja, Herr!« 181
  • 179. »Holt meinen Offiziersstab! Sofort!«, kreischte derOberstrategos mit hochrotem Kopf und trat wütendgegen eine Konsole.Dann lief er im Kreis herum und brabbelte wie von Sinnenunverständliches Zeug. Das einzige Wort, was die verängs-tigten Männer um ihn herum immer wieder verstehenkonnten, war »Nein«.182
  • 180. »Habt keine Furcht!«»Ich habe doch gewusst, dass heute ein Scheißtag ist!«,schallte es aus dem Vox-Transmitter in Flavius Helm. Eswar Zenturio Sachs, der fast mit einer gewissen Lässigkeitam anderen Ende der Halle von seinem Schild aufstandund sein Gladius aus der Scheide zog.Während das Brüllen und Stampfen an der Oberflächeimmer lauter wurde und sich bis zur Raserei steigerte,griffen die Legionäre zu den Waffen und gingen in Positi-on. Die meisten schienen es nicht sonderlich eilig zu habenund machten den Eindruck, als hätten sie sich längst mitdem Tod arrangiert.»Woooah! Woooah! Woooah!«, donnerte es über ihrenKöpfen und offenbar hatten sich diesmal Tausende derKreaturen versammelt, um die noch lebenden Menschenniederzumachen.Flavius und Kleitos standen mit aktivierten Pila undentsicherten Blastern nebeneinander. Inzwischen kamZenturio Sachs in Fahrt und rannte zu seinen Männernherüber.»Woooah! Woooah! Woooah!«, brüllten die Biester wäh-renddessen. Sie glaubten vielleicht, dass die Legionäredumm genug waren, aus der Halle an die Oberfläche zukommen.»Kommt doch zu uns runter, ihr hässlichen Viecher!«,gellte Zenturio Sachs, doch das Geschrei der Außerirdi-schen war so laut, dass man ihn kaum verstehen konnte.»Wir werden heute alle sterben …«, dachte Flavius, wäh-rend Manilus Sachs die Legionäre anbrüllte, endlich For-mation einzunehmen. 183
  • 181. »Was ist los mit euch, Männer? Gefällt es euch bei derLegion etwa nicht? Bewegt eure todgeweihten Ärscheendlich vor den Korridor und sichert die anderen Zu-gangswege in diese Halle!«, bellte der Offizier und fuchteltemit dem Gladius herum.Die Legionäre taten, was er ihnen befahl, schienen aberweiterhin lethargisch und demoralisiert zu sein. Schließlichbegann Zenturio Sachs vor ihnen auf und ab zu springenund wirkte, als ob er den Verstand verlieren würde.»Kommt endlich, ihr verfluchten Ratten!«, schrie er durchden dunklen Tunnel, während die Aliens über ihm weiterekstatisch brüllten und aufstampften.»Männer! Wir sind Aureaner, Menschen aus Gold, die EliteTerras! Habt keine Furcht! Es ist besser, ehrenvoll zusterben, als wie ein Feigling zu leben! Vergesst das niemals!Unsere Ahnen sehen jetzt auf uns herab! Wir sind derHammer des Imperators und keine Opferlämmer! Ichfürchte diese Biester nicht, sollen sie nur kommen! Wirwerden so viele von ihnen töten, dass sie sich noch langean uns erinnern werden! Halbkreisformation! Erster Manndeckt, zweiter Mann feuert!«, schmetterte er durch denVox-Kanal.Allmählich schien der Mut wieder in die Herzen seinerausgehungerten Soldaten zurückzukehren und dieseantworteten mit einem donnernden Kriegsruf.»Ich ordne hiermit eine kleine Gesangseinlage an, Männer!Das hebt die Stimmung und lässt euch nicht vergessen,dass es nichts Schöneres gibt, als bei der Legion zu sein!Und ich will, dass jeder von euch lauthals mitsingt! Wirstimmen jetzt ein Liedchen an, das ich in meiner Zeit alsRekrut gelernt habe. Es heißt »Des Arthers tapfrer Gene-ral« und kommt an Scheißtagen wie diesem richtig gut!«,brüllte Sachs und schwang sein Gladius.184
  • 182. Schließlich begann er mit seiner tiefen, rauen Stimme zusingen und alle stimmten in den Gesang mit ein …Farancu Collas ward er genannt,geborn in Sklaverei,in finstrer Zeit, in Teudalandt,gequält von TyranneiDoch hatte er ein mutig Herz,wollt sich dem Feind nicht fügen,und plagte ihn auch aller Schmerz,bekämpft’ er doch die LügenMit Bombe, Messer und Gewehr,zog er dann in die Schlacht,an Seiten von des Arthers Heer,trieb er zurück die NachtVon Russan bis nach Teudalandt,führt’ er Arthers Soldaten,auch durch den größten Weltenbrand,vollbracht er HeldentatenUnd wenn ihn eine Kugel traf,dann stand er wieder auf,er diente Arther treu und brav,und schwor den Eid daraufDrum junger Aureanermann,so fasse dir ein Herz,geh an den Feind wie Collas ran,und fürchte keinen Schmerz 185
  • 183. Noch während die Legionäre das alte Lied sangen, ström-ten die ersten Rotten der Außerirdischen durch den dunk-len Korridor. Dann brach ein blutiges Chaos aus.Juan Sobos war zusammen mit einigen seiner Mitstreiteraus der Optimatenfraktion nach Kaithay im Süden Ajansgeflogen, wo ihm Antisthenes eine beeindruckende Heer-schau versprochen hatte. Hier, in der wüstenhaften Ebenevon Chung-Heng, weit von der Grenze des GoldenenReiches entfernt, hatte der neue Oberstrategos von Terraeine gewaltige Anzahl frisch rekrutierter Legionäre antretenlassen. Diese Truppen bestanden ausschließlich aus Anau-reanern, die überall in den Regionen außerhalb des Imperi-ums angeworben worden waren.Der Archon wurde von einigen Würdenträgern auf einegroße Bühne geführt, wo ihm eine breite Markise dengewünschten Schutz vor den sengenden Strahlen derSonne bot. Antisthenes wartete bereits auf ihn und ver-neigte sich tief vor seinem Kaiser, als dieser freudig lä-chelnd auf ihn zukam.»Mein Imperator! Es ist mir eine Ehre, Euch die Früchtemeiner monatelangen Arbeit vorführen zu dürfen«, sagteder Oberstrategos unterwürfig und senkte sein Haupt.Sein Gast ließ den Blick über die in Reih und Glied ange-tretenen Legionen schweifen und nickte zufrieden.»Dies sind die ersten 100 anaureanischen Legionen, Exzel-lenz!«, erklärte Antisthenes stolz.»Ich bin beeindruckt, Oberstrategos! So viele! Man kannden Boden unter ihren Füßen gar nicht mehr sehen, sogroß ist ihre Anzahl!«, sagte Juan Sobos.»Das ist erst der Anfang, Eure Majestät. Mein Ziel sindmindestens 1.000 Legionen aus Anaureanern«, gab derFeldherr zurück und sah seinen Herrn erwartungsvoll an.186
  • 184. »Sehr gut!«, murmelte der Imperator.»Wir werden ihnen Kampfdrogen einflößen, um ihrSchmerzempfinden abzutöten. Diese Behandlung wirdallerdings einige Monate in Anspruch nehmen«, erläuterteAntisthenes weiter.»Kampfdrogen? Das hört sich interessant an …«, meinteder untersetzte Monarch.»Ja, und das wird nicht alles sein. Nach dieser Behandlungwerden wir diese Soldaten immun gegen Furcht machen.Wir werden sie dafür mit diversen chemischen Substanzenund Medikamenten behandeln«, fügte der hochgewachseneFeldherr hinzu.Nun schaltete sich Lupon von Sevapolo in das Gesprächein. Der Senator hatte sich hinter Juan Sobos gestellt undmachte den Eindruck, als ob ihn die Ausführungen desOberstrategos irgendwie amüsierten.»Kampfdrogen und Neurochemie! Da habt ihr Euch jaeine Menge vorgenommen, Antisthenes«, bemerkte er.Dann musste auch der Archon lachen. »So etwas kannman auch nur mit Anaureanern veranstalten, reguläreLegionäre des Goldenen Reiches würden sich das nichtgefallen lassen …«Verärgert drehte sich Antisthenes zu Lupon von Sevapoloum und starrte ihn wütend an.»Überlasst dies alles mir, Senator!«, brummte er.Der Archon lehnte sich nach vorne und musterte diebreiten Blöcke aus gepanzerten Soldaten vor der Bühne.Schließlich kratzte er sich an seinem speckigen Kinn undwandte seinen Blick wieder Antisthenes zu.»Wisst Ihr, Oberstrategos, warum diese Region heute einso verödeter und trostloser Ort ist?«Sein Feldherr suchte nach einer Antwort, doch der Impe-rator kam ihm zuvor und sprach: »Nun, damals hat Impe- 187
  • 185. rator Sebotton von Innax dieses von Anaureanern be-wohnte Gebiet mit toxischen Bomben und diversenbiologischen Waffen entvölkern lassen! Dabei ist leiderauch alles andere vor die Hunde gegangen – nicht nur diearmen Anaureaner …«Antisthenes räusperte sich und nickte lediglich, währendein feistes Grinsen Sobos Mundwinkel zu umspielenbegann.»Und seht doch, wie viele Anaureaner hier heute wiederversammelt sind! Ist das nicht der Beweis, dass sie resisten-ter als jedes Unkraut sind?«, höhnte der Archon undzwinkerte Lupon von Sevapolo zu.»Ja, Herr!«, gab der Oberstrategos nur leise zurück.»Ihr wisst das sicherlich am besten, Antisthenes. Immerhinseid Ihr ja ein halber Anaureaner«, schob Sobos nach undsein Heerführer zuckte zusammen.»Wenn Ihr das sagt, mein Imperator!«, knurrte Antistheneskaum hörbar vor sich hin.Der Kaiser klopfte ihm lächelnd auf die Schulter und fügtehinzu: »Ich bin sehr zufrieden mit Euch, mein Freund.Dieser Anblick ist erhebend. Ganze Legionen EurerKastenbrüder haben sich hier versammelt, um untermeinem Befehl unsere neue Ordnung zu zementieren!«»Danke, Herr! Aber es sind nicht meine Kastenbrüder,Exzellenz!«, antwortete der Oberstrategos und krallte sichinnerlich brodelnd an seinem Mantel fest.Sobos sah ihn verschmitzt an. »Ja, natürlich! Zumindestnur zur Hälfte, meine ich …«Antisthenes schluckte diese Bemerkung wie einen SchluckGift hinunter und verzog sein Gesicht zu einer ärgerlichenGrimasse.188
  • 186. »Ihr versteht heute aber überhaupt keinen Spaß«, sagte derImperator mit purem Sarkasmus, wohl wissend, wie sehrsein Kommentar den Feldherren getroffen hatte.Dieser versuchte zu lächeln und presste dabei die Lippenverkniffen aufeinander. Schließlich verabschiedete sich derArchon und nahm seine Senatoren mit sich. Antisthenesblieb allein auf der Bühne zurück und blickte den Männernmit vor Zorn brennenden Augen hinterher.Dass er innerlich kochte, konnte sich Juan Sobos denken,und genau das hatte er auch beabsichtigt. Der Optimaten-führer wusste nämlich, dass es Antisthenes niemals wagenwürde, seine Hand gegen ihn zu erheben. Stattdessenwürde der Hass in seinem Herzen gegen jene gelenktwerden, die ihm unterlegen waren.Der Oberstrategos würde alle diese Demütigungen einesTages an die weiterleiten, die ihm und seinen Soldatenausgeliefert waren. Juan Sobos hatte den Charakter seinesDieners längst durchschaut und schien großen Gefallendaran zu finden, diesen gelegentlich ein wenig zu manipu-lieren …Explosionen donnerten durch die Halle und Blasterschüssezischten durch das Dunkel des langen Korridors. Einerasende Horde grünhäutiger Aliens sprang aus dem finste-ren Gang in die Lagerhalle, um von einer Wolke aus Pilaempfangen zu werden. Gleißende Blitze leuchteten auf, alsdie Wurfspeere detonierten und Dutzende der Außerirdi-schen zerfetzten. Doch das beeindruckte die übrigenkampfeslustigen Bestien nicht und immer mehr von ihnenergossen sich aus dem Zugangstunnel, um die Terraneranzugreifen. 189
  • 187. »Kommt schon, ihr Drecksviecher! Ich habe keine Angstvor euch!«, schrie Zenturio Sachs und feuerte mit demBlaster um sich.Brüllend und waffenschwingend rannten die Aliens durchein Gewitter aus Laserstrahlen und Plasmablitzen, das siein großer Zahl zu Boden riss. Bald war der ganze Korridormit grünhäutigen Leibern übersät, doch die Kreaturenstürmten unbeirrt vorwärts, schleuderten Granaten auf dieLegionäre und schossen zurück.Wütend sprangen die ersten von ihnen auf den Schildwallder Terraner und hieben mit ihren massiven Waffen Köpfeund Gliedmaßen ab. Flavius schrie auf und durchlöcherteeines der Wesen mit einem Feuerstoß aus seinem Blaster.Grunzend sackte die Bestie zusammen und blieb in einerLache aus schwarzem Blut liegen.Einer nächsten Kreatur, die den Legionär vor ihm zuerschlagen versuchte, trieb Princeps sein vor Energieknisterndes Kurzschwert in den Rücken. Der Außerirdi-sche heulte vor Schmerzen auf und Flavius zog seinebluttriefende Waffe mit grimmiger Genugtuung aus demFleisch des Wesens. Explosionen krachten um ihn herumund Laserblitze zuckten an ihm vorbei, während eineweitere Pilumsalve in den Korridor geschleudert wurde,um den Pulk von Angreifern zu töten.Der Schildwall rückte vor und drängte die Aliens in einemverlustreichen Gemetzel wieder in Richtung des dunklenGanges. Plötzlich schlug eine fremdartige Granate inmittender Legionäre ein und Flavius warf sich auf den Boden.Ein dumpfer Schlag folgte und ein klaffendes Loch wurdein die Formation gerissen. Rüstungsteile und blutigeFetzen regneten auf den jungen Mann herab. Doch dieLegionäre rückten entschlossen nach und setzten denangreifenden Nichtmenschen weiter zu.190
  • 188. »Sie ziehen sich zurück!«, schrie Zenturio Sachs durch dieHalle und hob triumphierend sein Schwert. »Diesmalhaben sie sich überschätzt!«Die überlebenden Legionäre stimmten mit in seinen Jubelein, doch ihre Freude währte nur für einen kurzen Augen-blick. Plötzlich kamen zahlreiche Grünhäute aus einer derkleineren Nebenhallen und fielen den überraschten Legio-nären in den Rücken. Dann griffen sie auch wieder durchden mit unzähligen Leichen verstopften, langen Korridoran.»Diese Mistviecher müssen einen zweiten Zugang entdeckthaben! Kreisformation! Pila hoch!«, brüllte Sachs, doch amanderen Ende der Lagerhalle war bereits ein heillosesChaos ausgebrochen. Auf kurze Distanz waren die Aliensäußerst gefährliche Gegner, diese Erfahrung hatten dieTerraner nun schon mehrfach gemacht, und der jetztausbrechende Nahkampf zeigte, wie tödlich diese Kreatu-ren werden konnten, wenn sie vollkommen dem Blut-rausch verfallen waren.Mit Schild und Kurzschwert versuchten sich die Legionäredie rasenden Bestien irgendwie vom Hals zu halten underlitten innerhalb weniger Minuten schreckliche Verluste.Zenturio Sachs war in diesem Durcheinander vollkommenüberfordert und hatte bald jeden Überblick verloren.Inzwischen war die Formation der Legionäre aufgebro-chen worden und jeder Mann kämpfte nur noch um seinnacktes Überleben.Ein Nichtmensch hatte direkt vor Flavius Augen zweiLegionäre mit seiner riesigen Axt in Stücke gehackt undprügelte nun auf ihn selbst ein. Der junge Soldat ducktesich und die klobige Waffe raste über seinen Helm hinweg,um im Rücken eines Kameraden stecken zu bleiben. 191
  • 189. Verwirrt grunzend versuchte das Alien seine Axt wiederaus dem Menschen herauszuziehen, doch Flavius rammteihm das Kurzschwert in den Oberschenkel seines kurzen,muskulösen Beins. Brüllend riss ihm die Grünhaut denrechten Schulterpanzer ab und versuchte mit ihren Klauenseinen Hals zu umschließen. Princeps stach dem Wesenmehrfach in den Bauch und schließlich sackte es brum-mend zusammen. Der Rekrut schrie auf und hackte wievon Sinnen weiter auf den sterbenden Außerirdischen ein,dann zückte er seinen Blaster und presste die Mündunggegen den Schädel der Kreatur.»Verrecke!«, fauchte er und drückte ab.Inzwischen war die große Lagerhalle von Rauchschwadenerfüllt und überall tobte ein verzweifelter Kampf. Hunder-te Legionäre und Aliens waren bereits auf beiden Seitengefallen und das Töten nahm kein Ende. Alles in allemwaren die Terraner jedoch verloren, denn die Zahl derAußerirdischen erschien endlos und immer neue Schwär-me von ihnen stürmten in die Halle. Schließlich folgte denKreaturen auch ein besonders monströser Außerirdischer,dessen Umrisse Flavius im Halbdunkel des Korridorsausmachen konnte.Der riesenhafte Nichtmensch, welcher wesentlich größerals seine Artgenossen war, steckte in einer klobigen Rüs-tung aus massiven Panzerplatten, die aus einem metallähn-lichen Material gefertigt waren. Mit langsamen, schwerfälli-gen Schritten stampfte das Wesen über den Teppich seinertoten Mitstreiter, der beinahe den gesamten Korridorverstopfte. Dann begann es mit seiner Waffe auf dieLegionäre vor sich zu schießen. Die wütenden Feuerstößedurchlöcherten auch ein paar seiner eigenen Krieger, wases jedoch nur mit einem kehligen Lachen kommentierte.192
  • 190. Schließlich mähte es alles in seinem Weg nieder und kamin die Halle.»Wo ist Kleitos?«, fragte sich Flavius und stierte durch dieRauchschwaden.Jarostow war nirgendwo auszumachen, doch Princepshatte auch keine Zeit, sich um ihn zu kümmern. Dieschwer gerüstete, monströse Kreatur kam immer näherund schnappte mit ihrer bläulich glühenden Stahlklaue umsich. Wen sie zu fassen bekam, der wurde wie eine Wanzezerquetscht.»Das ist ihr Anführer!«, sagte Princeps leise zu sich selbst.Nun aktivierte die gepanzerte Bestie ein schimmerndesEnergiefeld, das sie mit einem orangeroten Leuchtenumgab. Die Blasterschüsse, die von den Legionären aufdas Wesen abgegeben wurden, durchdrangen das Schutz-feld nicht und heulten als Querschläger durch die Halle.Um Princeps herum fielen seine Kameraden und derKampf schien bereits verloren. Doch dann fasste er sichein Herz und rannte ohne lange nachzudenken auf dasAnführeralien zu, das gerade einen weiteren Legionär mitseiner Klaue zu einem blutigen Brei zermalmt hatte.Projektile und Laserstrahlen flogen an ihm vorbei undeinige scharfe Klingen verfehlten ihn nur knapp. Derfurchterregende Außerirdische in seiner massiven Platten-rüstung widmete sich weiter den Soldaten vor sich undschlachtete sie der Reihe nach ab.Derweil lief Princeps einen weiten Bogen um die Kreaturund setzte mit all seiner verbliebenen Kraft zum Sprungan. Sein Kurzschwert wirbelte durch die Luft und für denBruchteil einer Sekunde blickte Flavius in die hellgrauenAugen des Aliens. Dann rammte er sein Gladius mit vollerWucht durch den Schädelknochen der Bestie. 193
  • 191. Gegen diesen unerwarteten Angriff war das Wesen vonseinem Kraftfeld nicht geschützt worden und es taumeltebrüllend zurück, um kurz darauf wie ein gefällter Baumnach hinten zu krachen. Flavius Klinge steckte nochimmer im Schädel des grobschlächtigen Nichtmenschen,der sich nicht mehr rührte.Entsetzt schrien die anderen Aliens auf, als sie sahen, dassihr Anführer gefallen war, und wirkten für einen kurzenMoment verunsichert. Indes setzten sich die noch leben-den Legionäre jetzt immer verbissener zur Wehr undverfielen selbst in eine verzweifelte Raserei. Nach und nachzogen sich die Angreifer schließlich wieder aus der Lager-halle zurück, während Zenturio Sachs, der selbst verwun-det worden war, seine Männer zu einem immer fanatische-ren Kampf anheizte.»Tötet so viele wie ihr kriegen könnt!«, dröhnte es aus demHelmlautsprecher.Irgendwann waren die Außerirdischen wieder verschwun-den. Zurück blieb ein Bild des Grauens. Hunderte vontoten Legionären und Nichtmenschen bedeckten denHallenboden. Dazwischen stöhnten die Sterbenden undVerwundeten. Flavius sank erschöpft in die Knie und ließseinen Blaster in den Schoß sinken. Es war vorbei. Zumin-dest dieser Kampf.»Und trotzdem werden wir hier verrecken!«, schoss es ihmdurch den Kopf. »Dieser Sieg wird uns nichts mehr nüt-zen!«Aswin Leukos und sein Stellvertreter Throvald von Mock-ba liefen durch die langen Korridore der Mannschaftsquar-tiere im vorderen Bereich der Ultimus. Ununterbrochensalutierte irgendeiner der blauuniformierten Männer der194
  • 192. Flotte neben ihnen, was dem Oberstrategos bereits nacheinigen Minuten gehörig auf die Nerven ging.»Hier werden wir nicht ungestört sprechen können, Herr!«,gab Throvald von Mockba zu bedenken und Leukos nickteschweigend.Kurz darauf verschwanden die beiden in einem leerenAufenthaltsraum und verschlossen die Tür hinter sich. Miteinem leisen Schnaufen ließ sich der Feldherr auf einerzerschlissenen Couch nieder, während sich sein Stellvertre-ter in einen muffig riechenden Sessel setzte.»Zeigt mir die Zahlen!«, forderte Leukos und streckte dieHand aus.Throvald von Mockba zog einen kleinen Datenträger ausseiner Hosentasche und überreichte ihn wortlos seinemHerrn. Sofort tippte der Oberstrategos auf einigen Knöp-fen herum und widmete sich dem Text auf dem ho-lographischen Bildschirm, der vor seinen Augen aufzu-leuchten begann.»So, so! Das ist der ganze Haufen, über den wir nochverfügen«, murrte Leukos nach einer Weile.»Was habt Ihr denn vor, Herr? Wollt Ihr vielleicht Terramit unseren paar Männern angreifen?«, wunderte sichThrovald.»Mir fehlt jede Idee, was wir jetzt noch tun sollen, wennich ehrlich bin«, gab der Feldherr zurück.»Der Weg zurück zur Erde ist für uns jedenfalls versperrt.Also bleibt uns nur noch Thracan, Herr!«»Ich sehe derzeit auch keinen anderen Ausweg für uns undhoffe, dass wir wenigstens im Proxima Centauri SystemZuflucht finden können …«»Haltet Ihr Magnus Shivas denn für vertrauenswürdig?«»Wenn sich meine Sinne nicht schon wieder täuschen,dann denke ich, dass er uns wohl gesonnen ist, Throvald!« 195
  • 193. Der Stellvertreter des betrogenen Generals seufzte undmusterte seinen Herrn, der bedrückt durch den Raumstarrte.»Es ist nicht Eure Schuld, Oberstrategos! Niemand vonuns hat mit einem derartigen Verrat gerechnet«, sagteThrovald von Mockba.»Ich kann das alles noch immer nicht richtig begreifen!Offenbar habe ich Sobos und sein bösartiges Gefolgevollkommen falsch eingeschätzt. Dass sie zu so etwas fähigsind, hätte ich einfach niemals für möglich gehalten«,erwiderte Leukos.»Es sind eben verlogene Hunde!«, knurrte Throvald.Sein Herr fletschte wütend die Zähne und zischte: »Siesind weit mehr als das, Legatus! Die Verschwörung gegenImperator Platon war vermutlich sorgfältig ausgetüfteltund wir wären diesen Schlangen auch beinahe in die Fallegegangen!«»Aber warum haben uns diese Schiffe nicht ernsthaftverfolgt, Herr? Das frage ich mich noch immer!«Leukos schloss die Augen und ließ seinen Kopf ein wenigzurücksinken.»Ich nehme an, dass sie geglaubt haben, dass ich mit derUltimus in die Luft geflogen bin. Und um Haaresbreitewäre es auch so geschehen. Ich bin dem Tod nur knappentronnen, Throvald …«»Wir alle haben eine Menge Glück im Unglück gehabt,Herr. Leider haben wir keine Möglichkeit mehr, diesenschändlichen Verrat irgendwie zu rächen!«Der terranische Oberstrategos erhob sich und ging zumanderen Ende des kleinen Aufenthaltsraumes. Für einenAugenblick sagte er nichts, um dann zu erwidern: »Wirbesitzen noch immer eine kleine Streitmacht und unsereSchlachtkreuzer …«196
  • 194. »Damit werden wir nicht viel gegen Terras riesige Armeenausrichten können«, meinte Throvald von Mockba resig-nierend.»Wir fliegen ja auch nicht nach Terra!«, betonte Leukos.»Seht es doch ein, Herr! Juan Sobos hat uns offenbar allereingelegt und er hat es brillant verstanden. Das müssenwir leider zugeben. Er ist der Sieger in diesem Spiel«, sagteder Legatus.»Das Spiel hat gerade erst begonnen!«, fauchte der Heer-führer verbittert.»Nein!«, betonte Throvald. »Es ist bereits vorbei und wirhaben verloren …«»Sagt so etwas nicht! Es geht hier zudem um mehr als nurum ein politisches Machtkämpfchen! Ich weiß, wie Sobosdenkt und was er vorhat. Er und seinesgleichen planennichts anderes als die Vernichtung des Goldenen Reicheswie wir es kennen und lieben. Dieser hochverräterischeBastard will die heilige Ordnung, die das Imperium großgemacht hat, für seine eigenen Macht- und Geldinteressenopfern. Und das ist nicht alles. Sein Verrat reicht nochweiter und wird auf Dauer Folgen haben, die wir uns nichteinmal im Ansatz ausmalen können«, grollte Leukos.»Aber was bleibt uns denn noch, Herr? Wir haben nichtsgegen Sobos in der Hand. Was sollen wir denn tun? Viel-leicht sollten wir froh sein, wenn wir wenigstens unsereeigenen Haut retten können …«, meinte Throvald.Wütend warf der Oberstrategos seine Arme in die Höhe,als er seinen Legaten diese Worte sagen hörte. Dann schrieer: »Die eigene Haut retten? Das ist nicht die Aufgabeeines aureanischen Offiziers, Throvald! Die Pflicht einesaureanischen Offiziers ist es, das Imperium und seineKaste mit allen Mitteln zu beschützen und zu bewahren!« 197
  • 195. »Vielleicht sollten wir uns zu den Dronai durchschlagenund dort um Schutz bitten«, schlug Throvald von Mockbavor.»Was? Ihr schlagt tatsächlich vor, dass wir Jahrzehnte langdurch das All fliegen und in Kälteschlafkammern vor unshin verrotten sollen, um dann am Ende dieser Reise beiden Dronai um Asyl zu betteln? Solche Aussagen verbitteich mir!«, brüllte ihn Leukos an und hämmerte mit seinenFäusten gegen die stählerne Wand.»Aber Herr …«»Schweigt! Ich befehle es!«»Wir können nichts mehr tun …«»Ihr sollt schweigen, Throvald!«Aswin Leukos stieß ein zorniges Fauchen aus und zer-trümmerte den kleinen Tisch in der Mitte des Aufenthalt-raumes mit einem Tritt.»Ich werde eine Armee aufstellen und dann nach Terrazurückkehren. Ich weiß noch nicht, wie ich das anstellensoll, aber ich werde es tun. Und eines Tages werde ichSobos und seine Verräterbrut mit ihrem Blut bezahlenlassen. Ich hoffe nur, dass mir Magnus Shivas dabei ir-gendwie helfen kann …«Flavius hatte bereits mit seinem Leben abgeschlossen undwar sich sicher, dass Colod sein eisiges Grab werdenwürde. Er sollte genau wie die Einwohner von Tanath undso viele seiner Kameraden für immer hier bleiben, umeines Tages vielleicht von einer weiteren Expeditionstrup-pe als erstarrte Leiche aufgefunden zu werden.Doch diesmal irrte sich der junge Mann und diese Tatsa-che schenkte ihm die größte Freude seines bisherigenLebens.198
  • 196. »Sie kommen uns holen! Ein Handelsfrachter hat unsereNotrufe gehört!«, war von Zenturio Sachs vor zwei Stun-den euphorisch verkündet worden und die halb verhunger-ten, durchgefrorenen Männer waren außer sich vor Glückgewesen, als sie die erlösende Botschaft gehört hatten.Genau 281 Mann hatten die Kämpfe mit den Aliensüberlebt. Sie waren der klägliche, geschundene Rest derehemals 5000 Soldaten zählenden 562. Legion von Terra.Princeps war nur leicht verletzt, zwei seiner Rippen warengebrochen, doch das allein tat schon höllisch weh. Kleitoshatte man hingegen bewusstlos auf dem Boden der lei-chenübersäten Lagerhalle gefunden und Zenturio Sachshatte eine lange Schnittwunde auf dem Rücken. Aber erwürde es schon überleben, wie er seinen Männer immerwieder mit schmerzverzerrtem Gesicht versicherte.Die restlichen Soldaten der 562. Legion von Terra hattensich vor einigen Stunden wieder in die Eiswüste außerhalbvon Tanath zurückgezogen und warteten auf das rettendeRaumschiff. Wenn jetzt die Außerirdischen wiederkämen,so hatten es sich die Legionäre geschworen, würden sie biszum letzten Mann kämpfen. Niemand würde mehr fliehenoder noch an Rückzug denken, gelobten die Terraner vorsich selbst. Allerdings wussten sie auch, dass es dannohnehin vorbei sein würde, denn einen weiteren Angriffder grünhäutigen Bestien würden sie nicht mehr überste-hen.Alle waren inzwischen halb wahnsinnig vor Hunger undvollkommen entkräftet. Gebannt und sehnsüchtig starrtendie Legionäre auf den weißgrauen Himmel von Colod.Wieder und wieder versuchte sie Manilus Sachs aufzubau-en, indem er sagte, dass der Frachter jeden Momentkommen müsste. 199
  • 197. Und der klägliche Haufen, der hier in der schneebedecktenEbene fror, hoffte und litt, hatte diesmal Glück. Dietödliche Eishölle von Colod spuckte ihre Opfer wieder ausund erlaubte ihnen das Weiterleben.Gegen Mittag leuchteten blinkende Lichter zwischen dendichten Wolkenwänden am Himmel auf und die Umrisseeines kleinen Raumfrachters wurden erkennbar.Flavius spürte, wie ihm eine Freudenträne die Wangeherunterlief und dankte dem Göttlichen für seine Gnade.Sie hatten es tatsächlich geschafft. Schon zwei Stundenspäter hatte der kleine Raumfrachter wieder gehörig anGeschwindigkeit zugelegt und jagte durch die gähnendeLeere des Alls, das Heel-System langsam hinter sich las-send. Die Überlebenden der Colod-Mission leckten derweilihre zahlreichen Wunden und viele der Legionäre warenvon Hunger und Kälte schon so geschwächt, dass sie kaumnoch die Kraft besaßen, sich lauthals zu freuen.Zenturio Sachs hatte dem Kapitän des Handelsschiffserklärt, dass sie sich so schnell wie möglich von Colodentfernen sollten und ihm irgendetwas von unbekanntenObjekten erzählt, welche die Polemos angegriffen hatten.Von der Idee, zuerst einmal Nahrungsvorräte für dieGeretteten auf Arkus zu holen, konnten die Handelsleuteglücklicherweise abgebracht werden. Das wäre zu gefähr-lich, wie Sachs dem Kapitän erklärte.Inzwischen lagen die Legionäre in den Gängen des Frach-ters, der im Gegensatz zur riesenhaften Polemos winzigerschien. Die Männer ruhten oder labten sich an demkargen Mahl, das ihnen die Mannschaft zubereitet hatte.Flavius und Kleitos hatten sich erschöpft in einen leerenLagerraum zurückgezogen und schliefen. Um sie herumhatten sich noch einige Dutzend Berufssoldaten auf dem200
  • 198. kalten, schmutzigen Metallboden niedergelassen unddösten ebenfalls vor sich hin. Manche von ihnen stöhntenauch leise aufgrund ihrer Verwundungen, während sich diezwei Medici an Bord um sie zu kümmern versuchten.Die Solon war ein unscheinbares Transport- und Handels-schiff, das eigentlich auf dem Weg nach Arkus gewesenwar, um dort Ersatzteile für Bergbaumaschinen abzulie-fern, als es der verzweifelte Notruf der 562. Legion erreichthatte. Die Gänge und Korridore der Solon waren eng undunsauber. Sie war lediglich ein in die Jahre gekommenesFrachtschiff und keine titanische, bestens gewartete Raum-festung wie die beeindruckende Polemos. Und dochbetrachtete der traurige Rest der terranischen Truppe dieSolon als Geschenk des Himmels, das ihr Leben gerettethatte.Nun steuerte das Raumschiff auf Anweisung von ZenturioSachs den Planeten Thracan an, was auch für Flaviusbedeutete, dass er mehr als die nächsten zwei Jahre hierverbringen musste. Etwa 50 Männer von der angonidi-schen Handelsgilde aus dem benachbarten Mithray-Systemdienten auf diesem Frachter. Die meisten von ihnen warenunrasierte, wortkarge Gesellen in verdreckter Kleidung,was nichts daran änderte, dass sie den Legionären in diesenStunden wie vom Göttlichen gesandte Engel vorkamen.Wie hässlich, eng und deprimierend dieser Handelsfrachterim Grunde war, sollte den vom Tode verstoßenen Solda-ten erst in den nächsten Wochen langsam bewusst werden.Der hintere Teil der Solon bestand fast ausschließlich ausgroßen Lagerräumen, wo sich riesige Maschinenteile bis andie Decken stapelten. Ansonsten herrschte ein wenigeinladendes Halbdunkel in den meist nur unzureichendbeleuchteten Korridoren des Frachters. Ständig erfüllte dasleise Brummen der Antriebsreaktoren die kargen Räume 201
  • 199. und Gänge des Raumschiffs, dessen Wände mit verroste-ten Metallverkleidungen bedeckt waren.Im Gegensatz zur Eishölle auf Colod war die Solon aller-dings das reinste Paradies. Zumindest auf den ersten Blick,wenn man die Frage außer Acht ließ, wie 281 Legionäreund 50 Besatzungsmitglieder über zwei Jahre lang mitTrinkwasser und Nahrung versorgt werden sollten. Nacheiner Woche hatte sich die Anzahl der an Bord befindli-chen Personen allerdings bereits um sechs Soldaten redu-ziert, denn diese waren schließlich doch ihren Verletzun-gen erlegen oder an Entkräftung gestorben.Dennoch herrschte auf dem kleinen Frachter nach wie vorerheblicher Platzmangel, was dazu führte, dass ManilusSachs den Kapitän dazu drängte, einen weiteren Lagerraumvon seinem Inhalt zu befreien, so dass seine Legionäredort untergebracht werden konnten.Allerdings hatte die Solon, wie die meisten anderen Raum-schiffe auch, glücklicherweise einen großen Notvorrat ansogenannten »Nahrungswürfeln« gelagert, für den Fall,dass der Frachter vom Kurs abkam und längere Zeiten imAll verbringen musste.Diese Nahrungswürfel, eine in Würfelform zusammenge-presste, gehärtete Pampe mit hohem Eiweißgehalt, warenaufgrund ihrer Nahrhaftigkeit und hohen Haltbarkeit beiRaumreisen unverzichtbar und konnten nun eingesetztwerden, um den ausgehungerten Legionären zumindest alseine gewisse Art von Speise zu dienen. Das Zeug schmeck-te nach nichts und sollte bis auf wenige Ausnahmen vonnun an das übliche Mahl der Männer an Bord darstellen.Das war keine schöne Aussicht, aber es war besser, als zuverhungern.Zu Trinken gab es das gewöhnliche »wiederaufbereiteteWasser«, welches mit Hilfe chemischer Prozesse gewonnen202
  • 200. wurde. Trotzdem waren vor allem die Wasserrationen sehrklein und oft mussten sämtliche Passagiere an Bord vieleStunden lang einen quälenden Durst ertragen. Die Frage,wie das »Wasser« nun genau gewonnen wurde und was eswirklich war, stellten sich die Legionäre nur am Anfangihrer trostlosen Reise mit der Solon. Nach einer Weilewaren sie froh, dass sie überhaupt etwas zu trinken beka-men.Flavius, Kleitos und dem Rest der Männer standen harteMonate bevor, die ihren Tribut von Körper und Geistfordern sollten. Doch wie immer gab es inmitten des Allskeine Alternative und so blieb nur das Innere des Raum-schiffs als Ort, mit dem man sich auf Dauer arrangierenmusste.Sie waren hier im stählernen Magen der Solon gefangen,einem Handelsfrachter, der eigentlich nur für eine Besat-zung von etwa 50 Mann vorgesehen und dementsprechendauch nur unzureichend vorbereitet war, weitere Passagiereüber längere Strecken zu transportieren. Zudem gab es anBord lediglich 30 Kälteschlafkammern, was bedeutete, dassein großer Teil der Legionäre und Männer von der Mann-schaft die beschwerliche Reise im Wachzustand ertragenmusste. So kam es, dass es sich Flavius und Kleitos baldregelrecht wünschten, endlich in den Kälteschlaf geschicktzu werden …Dank der Fürsorge der Medici hatte Princeps die beidengebrochenen Rippen, die ihm Colod als Andenken an dieblutigen Kämpfe mit den Aliens hinterlassen hatte, gutüberstanden. Dafür war sein Geist jedoch inzwischen voneiner Vielzahl von Phobien und unerfreulichen Seelenzu-ständen befallen. 203
  • 201. Hatte er geglaubt, dass schon die riesige Polemos aufDauer ein eintöniger und langweiliger Ort gewesen war, sowar das kein Vergleich mit der Solon, die dagegen wie einfinsterer Stahlkasten wirkte. Umso länger die Reise dauerte,umso depressiver und gereizter wurden die an Bord be-findlichen Männer. Gestern waren zwei der Legionärewegen einer Kleinigkeit aufeinander losgegangen und vorein paar Tagen hatte eine Gruppe Soldaten einen Maschi-nisten hinten in den Reaktorräumen brutal zusammenge-schlagen, weil er ihnen nicht schnell genug aus dem Weggegangen war.Seitdem mied Princeps die Gesellschaft des einen oderanderen Kameraden, denn ein allgemeiner Zustand auswachsender Aggression und anschwellendem Unmutbreitete sich in den Korridoren und Lagerhallen der Solonaus. Zenturio Sachs hatte die Störenfriede zwar energischzurechtgewiesen, aber er selbst wirkte ebenfalls zuneh-mend gereizt und mit allem überfordert.»Ich würde am liebsten immer nur schlafen«, sagte Kleitosund sah Flavius mit traurigen Augen an. »Dieses Schiff istein Alptraum …«»Lass mich in Ruhe!«, brummte Flavius und lehnte sich andie kalte Wand des Lagerraums, den er und einige weitereLegionäre als Unterkunft benutzen mussten.»Hat einer von euch Lust, ein paar Schwertübungen mitmir zu machen«, rief ein breitschultriger Soldat mit verfilz-ten roten Haaren vom anderen Ende der Frachthalleherüber.»Geh uns nicht immer mit dieser Scheiße auf den Sack,Odyn!«, knurrte ihm sein Nachbar entgegen.»Ja, schon gut! Bleib ruhig!«, bekam er als Antwort.204
  • 202. Laut schnaufend setzte sich der Soldat wieder auf einenHaufen schmutziger Decken, zog die Beine an und starrtewütend umher.»Wann gibt es denn was zu essen?«, kam jetzt von Kleitosund dieser fasste Flavius an die Schulter.»Ich denke, dass wir erst in sechs Stunden wieder wasbekommen«, antwortete der Rekrut.»Aha …«, murrte Jarostow.»Wir sollten unseren täglichen Rundgang durch das Schiffmachen, dann bewegen wir uns wenigstens«, schlug Flaviusvor.»Meinetwegen …«, hörte er von seinem Freund.Die beiden ungewaschenen Gestalten, deren abgemagerteKörper in verschwitzten Zivilkleidern steckten, machtensich wieder einmal zu einen Spaziergang durch das Raum-schiff auf. Das war seit einiger Zeit das einzig Interessantehier auf der Solon.So liefen die beiden für einige Stunden durch denschmucklosen Frachter, hin zu den Lagerhallen mit dengroßen Maschinenteilen und den Reaktorräumen bis vornezum Bug – und wieder zurück.Seitdem einer ihrer Kollegen von ein paar wütendenLegionären verprügelt worden war, schienen die Besat-zungsmitglieder nicht mehr so gut auf die terranischenSoldaten zu sprechen zu sein. Das jedenfalls verrieten ihreunfreundlichen Blicke, als Flavius und Kleitos an ihnenvorbeiliefen. Allerdings waren die meisten Männer auf demHandelsfrachter offenbar froh, wenn sie von den Legionä-ren in Ruhe gelassen wurden.»Wir hätten die da unten lassen sollen!«, glaubte Princepshinter seinem Rücken gehört zu haben, als Kleitos und erdrei Lagerarbeiter auf einem der Korridore passiert hatten. 205
  • 203. »Gibt es hier vielleicht irgendeine Bibliothek? Ich würdegerne etwas zu lesen haben«, sagte Flavius.»Sachs soll mal beim Kapitän nachfragen. Das wäre einegute Idee. Dann hätten wir wenigstens mal ein wenigAbwechslung«, antwortete Kleitos.Als die zwei Rekruten wieder zurück zu ihrem ungemütli-chen Lagerraum kamen, lungerten ihre Kameraden dortnoch immer stumpfsinnig herum. Schließlich machte sichFlavius auf die Suche nach Zenturio Sachs und bat ihn,den Kapitän zu fragen, ob es nicht irgendwo an Bord einpaar Bücher oder gar virtuelle Spiele gab. Der Legionsoffi-zier begrüßte Princeps Vorschlag und ging sofort zumSchiffsführer des Frachters. Wenig später kam er miteinem fröhlichen Grinsen zurück und erzählte Flavius,dass es an Bord der Solon einen ganzen Raum vollerDatenkristalle und Audioliber gab.Nach dem Essen lief der junge Rekrut aus Vanatium,zusammen mit seinem Freund Kleitos, zu dem unaufge-räumten, verlassen wirkenden Bibliotheksraum und stürztesich auf einige digitale Bücher. Hier gab es Hundertedavon und sogar einige veraltete virtuelle Spiele waren inden verstaubten Schubladen der rostigen Metallschränkeversteckt.Sofort widmete sich Flavius einem der Unterhaltungspro-gramme, setzte sich eine Halobrille auf und verschwandaugenblicklich in einer bunten virtuellen Welt. Bald war erganz in das Spiel vertieft und jagte als Pilot eines feuerro-ten Gleiters über einen tiefblauen Himmel. Das Spiel hieß»Gleiterblitz« und man lieferte sich hauptsächlich halsbre-cherische Rennen mit anderen Piloten. Hier war es wesent-lich schöner als in der Realität und als Princeps den künst-lichen, sonnendurchfluteten Himmel vor seinen Augen206
  • 204. erblickte, wurde ihm wieder bewusst, wie sehr er Terravermisste.Kleitos las derweil einen Abenteuerroman und versank fürmehrere Stunden in dem spannenden Inhalt des Audioli-bers. Zumindest an diesem Tag hatten die beiden über dieendlose Langeweile auf der Solon gesiegt. 207
  • 205. Magnus Shivas wird entmachtetFast drei Jahre waren inzwischen vergangen. Währenddes-sen waren sowohl der Rest von Leukos Kriegsflotte, alsauch der Handelsfrachter Solon wieder in Richtung desProxima Centauri Systems zurückgeflogen.Flavius, Kleitos, Zenturio Sachs und die anderen Überle-benden der Colod-Mission, wussten noch immer nichtsvon dem unglaublichen Verrat, der auf Terra stattgefundenhatte. Im Gegensatz zu Aswin Leukos und seinen Trup-pen, die sich im Laufe der langen Reise nach Thracan mitjedem verstreichenden Tag mehr und mehr hintergangenund verraten fühlten.Die Legionäre auf der Solon hingegen hatten währendihres Fluges einiges durchzustehen gehabt. Jeder von ihnenwar so lange es ging in den Kälteschlaf geschickt wordenund mehrfach hatte die Gefahr bestanden, dass sich die indem Handelsfrachter eingepferchten Männer gegenseitigerschlugen oder die Besatzung meuchelten. Flavius undKleitos hatten die knapp sechs Monate Kältekammer, dieman ihnen gewährt hatte, diesmal regelrecht begrüßt. Daswar besser als wachen Geistes die endlos erscheinendeReise nach Thracan erdulden zu müssen.Mittlerweile waren neun Legionäre und drei Besatzungs-mitglieder im Zuge von gewalttätigen Auseinandersetzun-gen an Bord ums Leben gekommen. Zenturio Sachs hattezwei seiner Männer eigenhändig erschossen, nachdem siezu einer Gefahr für ihre Kameraden geworden waren.Währenddessen hatte sich Flavius meistens für vieleStunden am Tag in die Bibliothek zurückgezogen, eineUnmenge von Audiolibern gelesen und die dort befindli-chen virtuellen Spiele allesamt mehrfach durchgespielt.208
  • 206. Das hatte ihn und auch seinen Freund Kleitos davorbewahrt, selbst die Nerven zu verlieren und überzu-schnappen. Mit Zenturio Sachs, der Flavius mittlerweilescherzhaft den »Alienschlächter« nannte, hatten sich diebeiden Rekruten inzwischen ein wenig angefreundet.Langsam war zumindest ein Ende des eintönigen Flugesnach Thracan in Sicht.Der Oberstrategos hatte derweil eine Antwort von MagnusShivas erhalten, der vollkommen entsetzt auf die Kundevom Hinterhalt im Kuipergürtel reagiert hatte. Jetzt warauch der Thracanos von einer weitreichenden Verschwö-rung auf Terra überzeugt. Kurz darauf hatte ihm Leukosschließlich auch jene Nachricht zukommen lassen, die ihmzuvor von Clautus Triton geschickt worden war.Nun wusste Magnus Shivas ebenfalls, dass Juan Sobosseinen Vorgänger hatte ermorden lassen und bereitsselbst über das Goldene Reich herrschte. Auch derwidersinnig erscheinende Einsatz, den die terranischenTruppen auf Thracan durchgeführt hatten, erschien somitin einem vollkommen anderen Licht. Der scharfsinnigeStellvertreter des Imperators konnte schnell die vielenPuzzlestücke kombinieren, um zu erkennen, dass auf derErde umfassende politische Umwälzungen im Gangewaren.Letztendlich sicherte Shivas dem Oberstrategos seine volleUnterstützung zu, wobei er allerdings auch nicht genauwusste, wie er ihm helfen sollte. Thracan war nicht mächtiggenug, um es im Ernstfall mit einer richtigen terranischenStreitmacht aufnehmen zu können, falls er sich dem neuenArchon offen widersetzte.Immerhin war Aswin Leukos eine von Sobos zum Todeverurteilte Person und dieser zu helfen, konnte auch fürihn üble Folgen haben. Dennoch betrachtete Magnus 209
  • 207. Shivas den brazanischen Großgrundbesitzer mit Recht als»falschen Imperator« und Verräter an der aureanischenKaste, was ihn dazu veranlasste, laut darüber nachzuden-ken, dem Kaiser die Loyalität zu verweigern.Ob ihn das neue Oberhaupt des Reiches überhaupt nochlänger als Statthalter von Thracan und Hauptverwalter desProxima Centauri Systems im Amt belassen würde, war aufDauer ohnehin unwahrscheinlich. Vermutlich hattenSobos und dessen Optimaten seine Absetzung schonlängst beschlossen. Vielleicht forderten sie inzwischensogar auch schon seinen Kopf, genau wie den von AswinLeukos, denn Shivas war ja bekanntlich ein bekennenderAltaureaner. Sicherlich würde er es bald erfahren, dachtesich der Thracanos, und sorgte sich mit fortschreitenderZeit immer mehr um sein eigenes Schicksal.Und es sollte kaum noch zwei Wochen dauern, da erreich-te ihn ein Erlass des neuen Archons, der seine Absetzungals Statthalter und Hauptverwalter des Proxima CentauriSystems anordnete. Damit waren sämtliche Fragen beant-wortet.Nero Poros, sein Vorgänger, der seinerzeit selbst vonImperator Platon durch ihn ersetzt worden war, bekamnun sein altes Amt zurück. Der reiche Großgrundbesitzeraus der thracanischen Nobilität schien offenbar schonlänger in gutem Kontakt mit Juan Sobos und seinenOptimaten auf Terra zu stehen, denn er reagierte auf seineErnennung mit einer gewissen Selbstverständlichkeit.So wurde der ehrwürdige Senatssaal von Remay in denfolgenden Tagen von mehreren tumultartigen Sitzungenerschüttert, denn Magnus Shivas hatte nicht vor, dieEntscheidung des neuen Imperators anzuerkennen. Poroshingegen forderte jetzt sein amtlich verbrieftes Recht,während ihn Shivas offen als »Vasall eines falschen Ar-210
  • 208. chons« und als »Verräter an der aureanischen Kaste«bezeichnete.Schließlich ging Magnus Shivas, der im ganzen ProximaCentauri System überall hohes Ansehen genoss, sogar andie Öffentlichkeit und verkündete in den Simulations-Transmittern vor Milliarden Menschen, dass Credos Platonermordet worden war und Juan Sobos sich damit wider-rechtlich die Macht im Goldenen Reich unter den Nagelgerissen hatte.Nero Poros drohte seinem Rivalen daraufhin, ihn notfallsmit Hilfe der Legionen seines Amtes zu entheben, und tatdessen Vorwürfe als Hirngespinste und Wahnideen ab.Innerhalb weniger Tage wurde das gesamte ProximaCentauri System von einer Welle der Empörung erfasst,was jedoch nichts daran änderte, dass sich Shivas demBefehl des Kaisers am Ende beugen und sein Amt nieder-legen musste.Bevor ihn Nero Poros gefangennehmen und seine Resi-denz durch bewaffnete Männer erstürmen lassen konnte,flüchtete Shivas nach Nivelberg, einer Festung westlich derMegastadt Lethon auf dem Nordkontinent des Planeten,wo ihm der dortige Regionalmagistrat Zuflucht gewährte.Shivas’ persönliche Leibwache, etwa 50.000 thracanischeLegionäre, und einige loyale Regimenter der planetarenMilizen folgten dem entmachteten Statthalter. Zudemschlossen sich ihm noch die 20.000 terranischen Soldatenan, welche Leukos auf dem Planeten als Besatzungstrup-pen zurückgelassen hatte. Vor allem sie waren erzürnt, alssie begriffen, welch falsches Spiel man mit ihnen getriebenhatte. Bald standen alle Zeichen auf Bürgerkrieg. DochNero Poros, inzwischen offizieller Statthalter des Planeten,hatte nun Zugriff auf den größten Teil der planetarenStreitkräfte. Zudem schloss er die ihm treu ergebenen 211
  • 209. Senatoren im Senat von Remay schließlich auch in einerpolitischen Fraktion zusammen, welche sich ebenfalls alsOptimaten bezeichnete.Diese übernahmen sämtliche Simulations-Transmitter-Netzwerke auf dem Planeten und kontrollierten damit alleMedien. Die von ihm aufgebaute Optimatenfraktion erwiessich als ein so mächtiger Zusammenschluss einflussreicherMänner, dass Magnus Shivas bald politisch vollkommenisoliert war. Fast alle wichtigen Landbesitzer und Indus-triellen waren den thracanischen Optimaten innerhalbweniger Tage beigetreten und Shivas wurde bewusst,welche Verschwörung auch gegen ihn auf seiner Heimat-welt bereits seit Jahren im Verborgenen stattgefundenhaben musste.»Das hier ist also alles, was uns letztendlich bleibt, Mori-an«, meinte Magnus Shivas und blickte sich in demschwach beleuchteten Gewölbe um, das vor vielen Jahr-hunderten in den Fels des Lavarmassivs getrieben wordenwar.Der Kommandant seiner Leibwache, ein hünenhafterSoldat mit nur noch einem Auge, sah seinen Herrn mitbetretener Miene an.»Ja, es sieht ganz danach aus, Exzellenz!«, antwortete erverbittert.»Postiert Eure Männer in der Nähe des Hauptportals. Siesollen Tag und Nacht die Augen offen halten«, wies Shivasseinen Getreuen an.»Das werde ich tun, Herr!«, erwiderte dieser und ver-schwand kurz darauf in einem dunklen Gang.Der geflohene Statthalter ging davon und stieg eine langeTreppe hinab in ein tiefergelegenes Stockwerk der Festung.Er durchschritt einen langen Korridor, um zur nächsten212
  • 210. Halle zu gelangen, während zahlreiche Legionäre an ihmvorbeihuschten. Überall hatten sich Scharen von Soldatenin den dunklen, modrig riechenden Unterkunftsräumenund Gewölben des riesigen Bunkersystems niedergelassenund warteten. Einige von ihnen schleppten schwereMetallkisten voller Nahrungswürfel, Waffen und Munitionvor sich her.Das war das Innere von Nivelberg, dieses alten Bollwerks,das im Schutze der Felsen des Lavarmassivs lag. In demNetzwerk aus Stollen, Korridoren und Hallen roch es wiein einer Gruft und viele der hier lagernden Soldaten fürch-teten, dass dieser Ort auch genau das sein würde, wennPoros Armee angerückt war und ihren Belagerungsring umdie Festung gelegt hatte.Sie konnten hier eine Weile ausharren, denn Nivelberg warThracans mächtigste Trutzburg, doch ewig würden sie denFeind nicht aufhalten können.Mit trauriger Miene zog sich der entmachtete Statthalter ineinen kleinen Lagerraum voller Container und Kistenzurück, um sich in eine finstere Ecke zu setzen. Niemandsonst war hier und so blieb Shivas mit seinen Gedankenallein. Draußen auf dem Gang brüllte ein Hauptmannirgendwelche Befehle, während das laute Schnaufen seinerMänner, die zentnerschwere Vorratsbehälter schleppten,zu hören war.»Wie ein verstoßener Hund hocke ich hier!«, zischte Shivasmit verbissenem Gesichtsausdruck in sich hinein und balltedie Faust in der Tasche.»Das ist der Dank für ein ehrbares Leben im Dienste desGoldenen Reiches. Man stößt einem den Dolch in denRücken. Poros! Dieser verfluchte Verräter! Er muss dasvon Beginn an geplant haben«, grollte der ergraute Adeligeund sein Blick verfinsterte sich. 213
  • 211. »Herr, wir haben die Autokanonen eingeschaltet und aufautomatisches Feuer programmiert«, schallte es jetzt ausdem Sprechgerät an Shivas Hals.»Ja, gut so!«, murmelte der Thracanos leise und schalteteden kleinen Vox-Transmitter ab.Schließlich stand der weißhaarige Mann auf, strich sichüber sein staubiges Gewand und lief wieder hinaus auf denGang. Einige der Soldaten salutierten unverzüglich, als sieShivas sahen, doch dieser beachtete sie nicht und trottetegedankenversunken an ihnen vorbei.»Komm schon, Poros! Auch wenn wir auf Dauer unterge-hen, so werde ich dir so viel Widerstand wie nur möglichleisten. Mein Thracan werde ich dir nicht einfach überlas-sen, denn dafür verlange ich von deinen Lakaien Blut! VielBlut!«, sagte Shivas zu sich selbst und fühlte, wie eingrimmiger Hass durch seine Adern strömte.Im Hintergrund hörte Eugenia das leise Summen einerDatenverarbeitungsmaschine, das ab und zu von Dr.Phyrrus genervtem Stöhnen unterbrochen wurde. DerMedicus saß nun schon seit Stunden vor dem Gerät undfütterte es mit immer neuen Informationen. Seine Assis-tentin starrte hingegen traurig die strahlend weiße Wand-verkleidung neben ihrem Schreibtisch an und versuchteihre Tränen zurückzuhalten. Wieder und wieder strich siesich durch ihre dunklen Haare und tastete nach demKommunikationsboten in der Tasche ihres Kittels.»Sie können ruhig gehen, Fräulein Gotlandt«, bemerkte Dr.Phyrrus und wandte ihr für einen kurzen Moment denBlick zu.»Brauchen Sie mich heute nicht mehr, Herr Doktor?«,fragte Eugenia nach.214
  • 212. »Nein! Ich mache das hier alleine fertig«, brummte derMedicus und schob noch eine Datenverarbeitungsscheibein die Maschine.»Danke, Herr Doktor!« Eugenia erhob sich von ihremPlatz und ging auf den Gang hinaus, ohne sich nocheinmal zu ihrem Chef umzudrehen.Als sie das Arztzimmer hinter sich gelassen hatte, nahm sieihren Kommunikationsboten sofort aus der Tasche herausund aktivierte ihn. Kurz darauf leuchtete ein holographi-scher Bildschirm auf und Flavius Gesicht schwebte vorihren Augen in der Luft. Eugenia verharrte für einenMoment in Schweigen und wischte sich eine Träne von derWange. Dann ließ sie den Bildschirm wieder verschwindenund ging den langen Gang hinunter, um sich vor einen derAufzüge zu stellen. Niemand sonst war noch in diesemTeil des medizinischen Traktes der Polemos. Es war schonspät, die Schicht war vorbei und nur noch einige Arzthelfersaßen einsam in den schwach beleuchteten Kammernhinter ihr. Als sich die Aufzugtür öffnete, gab sie den Blickauf einen leeren Fahrstuhl frei, der Eugenia in diesemMoment an ein offenes Maul erinnerte. Widerwillig ging siehinein und ließ sich zu dem Deck befördern, wo sich ihrSchlafgemach befand. Als sie ihr Zimmer wenig spätererreichte und sich die Tür des Raumes mit einem leisenSummen zur Seite schob, stand sie vor einem gähnenden,dunklen Loch.Sie ging einen Schritt nach vorn, das Licht wurde aktiviertund Eugenia sah kurz hinauf zur Decke, um sich anschlie-ßend auf die Bettkante zu setzen. Dann nahm sie ihrenKommunikationsboten erneut aus der Tasche und öffneteihn, um sich Flavius Gesicht in Ruhe anzusehen. Diebeiden anderen Krankenschwestern, welche mit ihr diesesSchlafgemach teilten, waren irgendwo auf dem Riesen- 215
  • 213. schiff unterwegs. Eugenia war allein, allein mit ihrenSorgen und der immer größer werdenden Trauer.»Es tut mir Leid um dich, Flavius! Es tut mir Leid um unsbeide …«, flüsterte sie und fuhr mit der Hand durch denflackernden Bildschirm, so als wollte sie dem jungenLegionär über den Kopf streichen.Jetzt konnte sie sich nicht länger zurückhalten und ließdem Fluss ihrer Tränen freien Lauf. Hastig spielte sie eineReihe von visuellen Nachrichten ab, die ihr Flavius einstgeschicht hatte. Gedankenverloren lauschte sie demfröhlichen Klang seiner Stimme.»Heute Abend können wir noch einmal ins Bistro gehen,Eugenia. Was hältst du davon? Ich muss gleich noch zumAusdauertraining und danach habe ich Dienstschluss«,hörte sie Flavius lachend sagen, während Kleitos hinterseinem Rücken Faxen machte.Für eine Weile sah sie sich die kurze Nachricht an, die sichautomatisch immer wiederholte, bis sie Flavius fröhlichklingende Stimme nicht mehr ertragen konnte. Diesesstrahlende Gesicht würde alles sein, was von ihm blieb.Ein Gesicht, eingebrannt in einen winzigen Datenspeicher.Nicht mehr als Schall, Rauch und längst verblasster Schein.Am Ende schenkte Eugenia ihrem Freund ein letztes,tränenreiches Lächeln und wischte den Bildschirm wiederweg. Dann begann sie noch hemmungsloser zu weinenund legte den Kommunikationsboten neben sich auf dasBettlaken.»Ich habe dich geliebt …«, kam ihr noch kaum hörbarüber die Lippen. »Ich habe dich geliebt, doch der Göttlichehat uns unser kleines Glück nicht gegönnt. Er gönnt unsnichts – außer Leid.«Schluchzend kroch Eugenia unter ihre graue Decke undvergrub ihr Gesicht zwischen den Kissen. Sie schaltete das216
  • 214. Licht aus und lediglich ihr leises Klagen blieb noch in derDunkelheit zurück.Der entmachtete Statthalter von Thracan saß in einer Eckeder großen Halle im untersten Stockwerk der FestungNivelberg. Um ihn herum legten seine Legionäre ihrePlattenrüstungen an und schoben Energiezellen in dieBlaster. Eine Woge aus Aufregung und Nervosität hattedie Soldaten ergriffen, denn Poros Armee hatte sich inunmittelbarer Nähe des titanischen Felsbollwerks versam-melt und bereitete sich auf eine Belagerung vor.»Ich bin gespannt, ob sie uns schon heute Nacht angreifen,Herr«, bemerkte einer der thracanischen Legaten, der sichdicht neben Shivas gestellt hatte und ihn sorgenvoll ansah.»Das werden wir schon noch früh genug herausfinden«,gab der weißhaarige Nobile zurück und erhob sich vonseinem Platz.»Es sind sehr viele …«, sagte der Offizier leise und schienvon Shivas eine aufbauende Antwort zu erwarten.»Nerven behalten!«, murrte dieser nur.Während die Kommandeure ihre Soldaten zusammenrie-fen, Befehle durchgaben und die einzelnen Zugänge in dasBunkersystem mit Trupps bemannen ließen, versankMagnus Shivas in Gedanken und begann schließlich damit,eine strategische Karte des Lavarmassivs zu studieren.Plötzlich ließ ihn das Knistern seines Vox-Transmittersaufhorchen und ein Mann mit aufgeregter Stimme meldetesich.»Herr, wir haben eine Gesprächsanfrage von Nero Poros.Er möchte mit Euch reden!«»Poros?«»Ja, Herr! Soll ich ihn auf Euren Vox-Kanal durchstellen?« 217
  • 215. Shivas stieß ein kaum hörbares Knurren aus und erwiderte:»Meinetwegen!«Einige Sekunden später meldete sich der neue Statthaltervon Thracan mit der zynischen Frage, wie es Shivas undseinen Leuten denn tief im Inneren der Bergfestunggefiele.»Für Eure Verhöhnungen fehlt mir die Zeit, Poros! Waswollt Ihr von mir?«, schnaubte der ergraute Thracanos.»Ich möchte Euch ein Angebot machen, Shivas«, sagte derOptimat nüchtern.»Welches?«»Nun, ich denke, dass wir uns beide über die SinnlosigkeitEures Widerstandes im Klaren sind, Shivas …«»Sind wir das?«, unterbrach der Nobile seinen Rivalenbarsch.»Natürlich, und Ihr müsst mir Recht geben. Was wollt Ihrdenn auf lange Sicht noch tun? Selbst wenn Ihr es schaffensolltet, meine Truppen eine Weile lang aufzuhalten, so istEure Niederlage doch vollkommen sicher. Ihr seid poli-tisch isoliert und solltet jetzt darüber nachdenken, wie Ihrlebend aus dieser ganzen Angelegenheit herauskommt,Altaureaner!«, erklärte der Statthalter.»Lasst das meine Sorge sein, Poros!«»Ich lasse Euch und Eure Soldaten am Leben, wenn IhrNivelberg aufgebt. Dann erspart Ihr uns allen ein unnöti-ges Blutvergießen«, sagte der Optimat voller Arroganz.»Ihr wollt mich am Leben lassen, Poros?«»Ja, wenn Ihr vernünftig seid und aufgebt, Shivas!«»Wie großzügig …«, murmelte der gestürzte Vertreter destoten Kaisers und biss auf die Zähne.»Entscheidet Euch jetzt und hier, Shivas. Entweder Ihrgebt auf und erkauft damit Euer Leben oder niemand in218
  • 216. den Mauern von Nivelberg wird von meinen Soldatenverschont werden!«, drohte Poros.Der weißhaarige Nobile lachte laut auf und erwiderte: »Ichsoll Euch glauben, dass Ihr mich verschont, wenn ich nuraufgebe? So wie Ihr den Magistraten von Lethon verscho-nen werdet, nur weil er mir den Zugang nach Nivelbergermöglicht hat?«»Das ist eine andere Situation, Shivas! Dieser Mann hatden Imperator verraten und muss dafür hingerichtetwerden«, grollte der Statthalter.Jetzt quollen die Adern unter der Haut von Shivas falti-gem, langem Hals hervor und dieser riss sich den Vox-Transmitter ab, um ihn in die Hand zu nehmen.»Ihr wagt es von Verrat zu sprechen, Poros?«, schrie erzornig in das Sprechgerät.»Eure Wut ändert nichts daran, dass Eure Zeit vorbei ist.Die Verhältnisse haben sich geändert und Ihr werdetnichts mehr dagegen tun können. Also biete ich Euch dieMöglichkeit, wenigstens zu überleben«, stellte der Optima-tenführer klar.»Ihr bietet mir nichts außer Demütigung! Glaubt Ihr denn,dass ich mit Euch um mein Leben feilschen werde wie einanaureanischer Ramschhändler?«, fauchte Shivas grimmig.»Ihr geht also nicht auf mein großzügiges Angebot ein,alter Mann?«, hakte Poros noch einmal nach.Sein Gesprächspartner rang nach Luft und taumelte einigeSchritte nach hinten, so sehr durchfuhr ein Storm ausEmpörung und ohnmächtiger Wut seinen Körper.»Nein! Nein, ich gehe nicht darauf ein, Verrätermade! EureTruppen machen mir keine Angst und wir werden ihnenein furchtbares Blutbad bereiten!«, brüllte Shivas mit sichüberschlagender Stimme. 219
  • 217. »Wie Ihr meint, Altaureaner!«, antwortete Poros in einemgiftigen Flüsterton. »Dann werdet Ihr sterben - und jederandere, der sich in Nivelberg zu verkriechen versucht.Keine Maus werden meine Männer am Leben lassen! Lebtwohl, Shivas!«»Fühlt Euch nicht zu sicher, Verräter! Der Tag, an demEuer Blut fließen wird, kommt schon noch! Das schwöreich Euch!«Den letzten Satz hatte der neue Statthalter nicht mehrgehört, denn er hatte die Vox-Verbindung bereit beendet.Magnus Shivas schleuderte das kleine Sprechgerät auf denfelsigen Boden und zermalmte es unter den Absätzenseiner Schuhe.Laut wetternd rannte der sonst so sachliche, alte Mannhinauf ins oberste Stockwerk der Bergfestung und kamdort völlig außer Atem an. Er stellte sich an eines dergroßen Sichtfenster, die in den Fels gehauen wordenwaren, und starrte hinunter auf die Armee seines Feindes,die sich am Horizont versammelte. Tausende von Legio-närsrüstungen glänzten in der grellen Mittagssonne,daneben standen große Trupps von thracanischen Miliz-soldaten und zahlreiches Kriegsgerät. So weit er blickenkonnte, wehten die feindlichen Banner über das weiteÖdland am Fuße des Lavarmassivs.»Ihr könnt nur einen Teil dieser Armee sehen, Herr. Essind noch viel mehr«, meinte ein Kanonier zu ShivasLinken.»Möge ihnen Malogor einen crixanischen Lungenvirusschenken!«, zischte der Thracanos leise.»Wir werden ihnen auf jeden Fall einen Feuerhagel ausunseren Autokanonen schenken, wenn sie ihre Ärsche zunahe an Nivelberg heranwagen, Herr!«, erwiderte derKanonier mit finsterem Blick.220
  • 218. OpfergangUmso näher die sechs schweren Lictor Schlachtkreuzer,die von Leukos stolzer Flotte noch übrig waren, demProxima Centauri System kamen, desto einfacher undschneller konnte sich der Obertrategos mit Magnus Shivasverständigen. Allerdings mussten die beiden Männer überverschlüsselte Nachrichtenkanäle kommunizieren, denn dieGefahr, dass ihre Verbindung entdeckt wurde, war beidenstets vor Augen.Shivas befand sich inzwischen in einer äußerst unglückli-chen Lage. Tief in den Eingeweiden der alten BergfestungNivelberg, die am Fuße des Lavarmassivs schon vor vielenGenerationen in den Fels gehauen worden war, hatten sichdie wenigen loyalen Truppenverbände verschanzt, die ihmgeblieben waren. Indes machten sich mehr und mehrSoldaten des Poros daran, das gewaltige Bollwerk einzu-schließen.Zahlreiche Geschützpanzer und Tausende von Milizsolda-ten hatten sich rund um die Festung eingegraben. Täglichkamen neue Verstärkungen hinzu und Nero Poros ließsogar Regimenter aus Anaureanern ausheben, denen ereinhämmerte, dass sie sich nun für das Massaker von SanFavellas an Shivas rächen konnten.Noch hatten es Poros Soldaten jedoch nicht gewagt, einenSturmangriff auf die schwer befestigte Trutzburg zuunternehmen. Stattdessen planten sie, die darin einge-schlossenen Loyalisten zunächst auszuhungern.Der Magistrat der Megastadt Lethon, welcher Shivas zuvorgeholfen hatte, wurde jetzt zur Rechenschaft gezogen.Offenbar war ihm gar nicht richtig klar gewesen, dass NeroPoros seinen Rivalen tatsächlich vernichten wollte, zumal 221
  • 219. dieser ja bereits sein Amt niedergelegt hatte. Doch dergutherzige Magistrat hatte die Lage vollkommen falscheingeschätzt und wurde auf Poros Befehl unverzüglichwegen Verrats am Imperator hingerichtet.Als die Lichtweg und die sie begleitenden fünf terranischenSchlachtkreuzer das Proxima Centauri System schließlicherreichten, war Magnus Shivas der letzte thracanischeAltaureaner, der es noch wagte, offenen Widerstand zuleisten. Seine Tage schienen jedoch bald gezählt zu sein,denn inzwischen hatten sich über eine Million thracanischeMilizsoldaten und 30 Legionen rund um die Festungversammelt. Es mochte nur noch eine Frage von wenigenWochen sein, bis auch das Proxima Centauri System vonJuan Sobos neuer Ordnung verschlungen sein würde.Die Hand des Imperators fuhr langsam über den wohlge-formten Rücken der jungen Frau, die sich zusammen mitihrer Kollegin auf dem breiten Luxusbett niedergelassenhatte.»Ihr beide arbeitet also für Malix Yussam …«, sagte JuanSobos spöttisch und verpasste der Dame einen Klaps aufden nackten Hintern.»Ja, Eure Majestät!«, erwiderte die blonde Frau leise.»Wir arbeiten in einem seiner Lusthäuser in Asaheim«,ergänzte ihre Begleiterin mit der kaffeebraunen Haut undden dunklen Mandelaugen.»Dann muss ich euren Arbeitgeber ja loben, Mädels! Ihrseid mir wirklich zwei ansehnliche kleine Huren«, bemerkteder Kaiser grinsend.»Danke, Eure Exzellenz!«, hauchte die Blondine.Sobos machte ein paar eindeutige Gesten und das Freu-denmädchen kroch unter seine protzige Samtdecke, die mitTigerfellmustern verziert war. Der Archon lehnte sich222
  • 220. genüsslich zurück und räkelte sich auf einem Haufenweicher Kissen.»Gut, so … du auch!«, brummte Sobos und die zweiteDame verschwand ebenfalls unter der Decke.»Malix, der Mistkerl, da fängt er jetzt auch noch an mitEdelnutten zu handeln …«, stöhnte der Kaiser leise undschloss die Augen.Bald war der Optimatenführer nur noch auf eine Sachekonzentriert und genoss die Zärtlichkeiten, die er von denbeiden Damen unter der Decke erfuhr. Plötzlich wurde erjedoch vom Summen eines Türscanners aus seinen Ge-danken gerissen.»Verfluchte Scheiße! Kann man sich hier nicht einmal inRuhe einen blasen lassen?«, grollte Sobos und stieß diebeiden Frauen von sich weg.»Wer ist da?«, schnaubte der Archon in die Sprechanlage.»Vergebt mir, Eure Exzellenz, aber ich habe das Außen-portal Eurer Schlafgemächer für einen Gast geöffnet«,erklärte ein verunsicherter Servitor.»Und warum?«, knurrte der Imperator genervt.»Ein wichtiger Besucher ist soeben eingetroffen und ermöchte Euch augenblicklich sprechen, Eure Majestät«,erwiderte der Diener.»Ich bin nicht einfach so zu sprechen!«, fuhr ihn Sobos an.»Verzeiht bitte noch einmal, dass ich Euch gestört habe,aber es ist Admiral Warner, Herr. Ihr wollt ihn sicherlichsehen, denn er ist gestern wieder nach Terra …«, sagte derDiener.»Schweigt! Admiral Warner sagen Sie?«»Ja, Eure Majestät!«»Na, endlich!«»Soll ich ihn zu Euch durchlassen?«»Ja, verflucht! Sofort!« 223
  • 221. »Sehr wohl, Eure Exzellenz!«Freudestrahlend stand Juan Sobos von seinem Bett aufund streifte sich einen Bademantel über. Die beidenFreudenmädchen scheuchte er mit barschen Worten durchden Hintereingang seines Lustraumes und die zwei Frauentippelten mit gesenkten Köpfen davon.Kurz darauf öffnete sich die Tür, nachdem der DNA-Scanner das genetische Profil von Admiral Warner erkannthatte. Ein mittelgroßer, bärtiger Mann in der blauenOffiziersuniform der terranischen Raumflotte betrat denRaum und verbeugte sich vor dem Imperator.»Eure Majestät, ich bin zurück von meiner Mission!«,katzbuckelte der Admiral demütig.»Hervorragend! Habt Ihr Leukos und seine Schiffe ver-nichtet?«, fragte ihn Sobos erwartungsvoll.»Ja, Eure Herrlichkeit! Die Flotte des Oberstrategos kannals zerschlagen angesehen werden!«, erklärte der Flottenof-fizier.»Ist die Ultimus zerstört, Admiral?«»Ja, sie ist nur noch ein verbranntes Wrack, Majestät!«»Sehr gut!«, stieß Sobos aus und rieb sich zufrieden dieHände. »Und Ihr seid sicher, dass Ihr Leukos erwischthabt?«Admiral Warner zögerte kurz und antwortete dann: »Ja,Majestät! Sein Flagschiff ist explodiert …«»Und der Rest der Flotte?«, hakte der Imperator nach.»Die kleineren Eskort- und Versorgungsschiffe sind allezerstört worden, aber wir haben die schweren LictorRaumkreuzer nicht alle vernichten können, Herr!«, erklärteder Offizier etwas verängstigt.»Was? Ihr habt die Flotte von Leukos nicht völlig vernich-tet?«224
  • 222. »Die … die Lictor Schiffe … also ein paar der schwerenSchlachtschiffe sind unserem Zugriff entkommen, Majes-tät«, stammelte Admiral Warner.»Etwas genauer, verflucht!«, fauchte der Archon.»Wir haben alle Versorgungsschiffe und drei der schwerenLictor Schlachtkreuzer zerstört, Exzellenz. Die anderensind uns entkommen, da sie sich sofort zur Flucht gewandthaben, als wir anfingen, sie zu beschießen …«»Habt Ihr sie denn nicht verfolgt, Admiral?«»Doch! Natürlich, Herr!«»Aber nicht gekriegt, wie?«»Ja, Majestät! Ich dachte, dass der Rest der Flotte ohneLeukos Führung ohnehin nicht mehr viel ausrichten kann …«»Das dachtet Ihr, Admiral?«»Ja, Herr!«»Also kann ich mich darauf verlassen, dass Leukos tot ist?«»Ja, Majestät! Ohne Zweifel! Ich habe hier Bilder, diezeigen, wie die Ultimus explodiert«, sagte Admiral Warnerund überreichte dem Imperator eine Datenverarbeitungs-scheibe.»Ihr dürft gehen!«, murrte Sobos und schnappte sich dieglitzernde Scheibe mit gierigen Fingern.Der Flottenoffizier machte auf dem Absatz kehrt undverließ den Raum mit schnellen Schritten. Offenbar schiender Archon mit dem Ergebnis des Hinterhaltes im Kuiper-gürtel doch nicht ganz zufrieden zu sein.»Ich hoffe für Euch und Eure Sippe, dass Ihr Leukoswirklich ausgeschaltet habt, Admiral Warner!«, hallte ihmnoch die Stimme des Kaisers hinterher.Tausende von Milizsoldaten und einige Kohorten thracani-sche Legionäre rannten draußen gegen die Felswände vonNivelberg an, während das ununterbrochene Trommelfeu- 225
  • 223. er der feindlichen Geschütze auf die trotzige Festungeinhämmerte.Im Gegenzug deckten Dutzende von schweren Autokano-nen und Abwehrlasern die Angreifer mit einem mörderi-schen Beschuss ein. Auch die Soldaten, die Magnus Shivasnoch die Treue hielten, setzten sich verbissen zur Wehrund überschütteten Poros Männer mit Laser- und Plasma-feuer. Die Feinde fielen in großer Zahl, während sie sichdurch ein Gewirr aus Mauern und Gräben zu kämpfenversuchten, um das Hauptportal der riesigen Bergfestungzu erreichen.Magnus Shivas betrachtete besorgt die Bilder, welche vonden kleinen Außenkameras auf die großen Monitore imInneren des Berges übertragen wurden.»Sie werden hier nicht so einfach reinkommen, Herr! Nichtbevor sie einen ungeheuren Blutzoll gezahlt haben«, meinteeiner der Regimentskommandeure der planetaren Milizen.»Es wird ihnen auf Dauer auch genügen, wenn wir hiernicht mehr rauskommen«, gab Shivas trocken zurück.Der weißhaarige Thracanos erhielt keine Antwort auf seineBemerkung und der Offizier wandte den Blick wiedereinem der Bildschirme zu.»Wir haben noch einige Vorräte. Vor allem Nahrungswür-fel. Die werden wohl noch für ein paar Wochen reichen«,sagte der Kommandeur dann.»Das wird unseren Untergang lediglich für eine Weilehinauszögern, aber nicht verhindern. Wenn wir uns nichtseinfallen lassen, sind wir bald am Ende«, murmelte Shivasfrustriert.»Aber was sollen wir denn tun? Der Feind ist rund umNivelberg versammelt und bei einem Ausfall würde er unseinfach mit seiner zahlenmäßigen Übermacht überrennen«,erwiderte der Offizier ratlos.226
  • 224. »Zunächst sollen sie sich die Zähne an diesem Bollwerkausbeißen. Vielleicht kann ich in der Zwischenzeit dochnoch irgendwo Hilfe auftreiben«, sagte der Statthalter.»Meint Ihr Medios Vaanhuist, Herr?«, wollte der Re-gimentsführer wissen und sah Shivas erwartungsvoll an.»Ich behalte meine Gedanken für mich. Tun Sie weiterhinihre Arbeit und behalten sie die Geschehnisse im Auge.Rufen Sie mich, wenn es nötig ist …«, antwortete derNobile und verließ die Kontrollhalle.Über ihm an der Oberfläche knallte und rumpelte es.Offenbar versuchte der Feind jetzt einmal mehr, dieStellungen rund um das massiv gepanzerte Hauptportal mitseiner Artillerie zu verwüsten. Dutzende von schwergerüsteten Legionären hasteten an Shivas vorbei durch diedunklen Gänge in Richtung der oberen Stockwerke, umsich hinter eine der Schießscharten zu hocken.»Das wird nicht mehr lange gut gehen«, sagte der ergrauteAdelige leise zu sich selbst und tastete nach dem Kommu-nikationsboten in seiner Tasche.»Sie wollen durch das Außenportal A-IV einzudringen!«,schallte es aus den Lautsprechern an der Decke und nochmehr Milizsoldaten und Legionäre rannten so schnell siekonnten aus den unteren Hallen nach oben.Magnus Shivas versuchte die allgemeine Unruhe und dengehetzten Trubel, der langsam ganz Nivelberg erfasste, sogut es ging zu ignorieren und zog sich in eine dunkle Eckezurück, um seinen Kommunikationsboten zu öffnen.Oberstrategos Leukos und seine Raumkreuzer mussteninzwischen in unmittelbarer Nähe des Proxima CentauriSystems sein und Shivas wusste, dass die Zeit langsammehr als drängte.Hastig verfasste der weißhaarige Nobile eine Nachricht, inder er den Oberstrategos eindringlich darauf hinwies, sich 227
  • 225. zu beeilen. Shivas teilte ihm zudem einige wichtige Datenund Koordinaten mit. Er betonte, dass er in dieser Situati-on auf die uneingeschränkte Unterstützung des Terranershoffte.Es dauerte nicht lange bis der Statthalter eine Antwort aufsein Schreiben erhielt, was bedeutete, dass Leukos Flottenicht mehr fern sein konnte.»Ich werde alles auf eine Karte setzen, um Euch da herauszu holen!«, versicherte der terranische Feldherr demThracanos. Und Aswin Leukos meinte es so, wie er essagte.Während die Kämpfe um die Festung Nivelberg weitertobten, rief der Oberstrategos seinen Führungsstab auf derKommandobrücke der Lichtweg zusammen, um denVorstoß nach Thracan mit seinen Offizieren zu abzuspre-chen.»Es bleibt uns nichts anderes übrig, als so schnell wiemöglich anzugreifen! Noch ist Nero Poros damit beschäf-tigt, seinen Vorgänger endgültig auszuschalten. Ich hoffedaher, dass wir sie halbwegs überraschen können«, erklärteLeukos und betrachtete eine holographische Karte desPlaneten Thracan.»Wir werden mit unseren Schiffen nicht einmal auf dieOberfläche kommen. Was ist, wenn uns Poros seineeigenen Schiffe entgegenschickt?«, fragte einer der Legatenbesorgt.Der Oberstrategos sah zu ihm herüber und kratzte sichnachdenklich am Kinn.»Die einzig wirklich gefährlichen Schiffe, die die Thracanaihaben, befinden sich im Raumhafen von Remay. Das hatmir Shivas jedenfalls versichert. Das Gleiche gilt für dieplanetare Verteidigung, die vom Raumhafen aus koordi-228
  • 226. niert wird. Sechs schwere Kreuzer der Lictor Klassewerden sie nicht so einfach abschießen können«, meinteLeukos.»Aber auf dem Nordkontinent und in einigen anderenRegionen des Planeten befinden sich doch auch Orbitalge-schütze, Herr«, sagte Throvald von Mockba.»Die müssen wir ignorieren und uns nur auf den Raumha-fen von Remay konzentrieren. Wir haben lediglich sechsSchiffe und keine große Flotte zur Verfügung«, erklärte derterranische Feldherr.Seine Offiziere redeten aufgeregt durcheinander, dochLeukos befahl ihnen zu schweigen und deutete auf dieholographische Karte vor sich.»Wir werden fünf unserer schweren Kreuzer gegen denRaumhafen von Remay schicken. Sie sollen so viel zerstö-ren wie sie nur können, während wir alle noch verfügbarenSoldaten unserer Streitmacht mit der Lichtweg zur FestungNivelberg bringen!«»Aber es sind kaum noch 40.000 Legionäre übrig«, gabThrovald ungläubig zurück.»Ja, etwa 40.000 Legionäre und die Panzer, Bomber undGeschütze, die wir von Terra mitgebracht haben und überdie wir noch verfügen«, sagte Leukos.»Die fünf schweren Schlachtkreuzer werden den Angriffauf den Raumhafen nicht überleben. Sie werden demUntergang geweiht sein!«, warnte einer der Legaten.Der Oberstrategos machte einen Schritt auf ihn zu und sahihm tief in die Augen. Dann schwieg er für einige Sekun-den, um schließlich zu sagen:»Tar hemmla richta, som bergen i Yimalya, är vit marmorpelare av Soast - sa underbart är det Gyllene Riket! 229
  • 227. Höga torn, murar och vallar av Soast - sa kraftfull är detGyllene Riket!Hur förödande stormar av eld är det vapen av Soast - saonövervinnerliga är det Gyllene Riket!Lysa som keruber, med har av guld, Aureanas av Soast - sasublim är det Gyllene Riket!Bravu som vilda lejon, som Arters och Dronas krigare,soldater av Soast - sa stark är det Gyllene Riket!Men om du nod tey offrar, say äralichgad wit stärva!«Die um Leukos versammelten Legionsoffiziere schautenihn verwundert an.»Ich habe ihnen lediglich ein altes Gedicht aufgesagt,meine Herren. Es ist im Buch »Die Chroniken der Kaiser-stadt Soast« von Ledar Pruss aus dem Jahre 1532 v.M.niedergeschrieben. Dieses antike Gedicht mussten wirdamals als Kinder auswendig lernen, unsere Magisterhaben es uns regelrecht eingepaukt. Es handelt von derlegendären Hauptstadt des alten Goldenen Reiches undwurde uns in der zeitgenössischen Sprache des dronischenZeitalters gelehrt. In unser heutiges Hochaureanischübersetzt, heißt der Text folgendes:»Zum Himmel reichend, wie die Berge des Yimalya, sinddie weißen Marmorsäulen von Soast – so wundervoll istdas Goldene Reich!Turmhoch sind die Mauern und Schutzwälle von Soast –so mächtig ist das Goldene Reich!Vernichtend wie Stürme aus Feuer sind die Waffen vonSoast – so unbezwingbar ist das Goldene Reich!Strahlend wie Engelskinder, mit Haaren aus Gold, sind dieAureaner von Soast – so erhaben ist das Goldene Reich!230
  • 228. Tapfer wie wilde Löwen, wie Arters und Dronas Krieger,sind die Soldaten von Soast – so stark ist das GoldeneReich!Doch wenn du dich nicht opferst, wird seine Herrlichkeitsterben!«Ein eisiges Schweigen breitete sich auf der Kommando-brücke der Lichtweg aus. Aswin Leukos drehte seinenLegaten den Rücken zu und verschränkte die Arme vor derBrust. Dann betrachtete er den Weltraum jenseits desgroßen Sichtfensters über dem Offiziersdeck.»Wir alle werden opfern müssen, aber das ist nun einmalunsere Pflicht!«, flüsterte der Feldherr.»Was gedenkt Ihr denn jetzt zu tun, Herr?«, wollte Thro-vald wissen.»Bringt sämtliche Legionäre von den anderen Schlacht-kreuzern auf die Lichtweg. Das Gleiche gilt für allesKriegsgerät, das unsere Flotte mit sich führt. Wir werdenalles brauchen. Im Gegenzug stellt den anderen Schiffenalles, was wir hier an Bomben und Raketen für die Welt-raumkriegsführung haben, zur Verfügung!«, befahl Leukos.Widerwillig gingen die Legionsoffiziere davon und ließenden Oberstrategos, welcher weiter in das All hinausstarrte,allein auf der Kommandobrücke zurück.»Langsam ist Land in Sicht, Flavius!«, sagte Zenturio Sachsund klopfte dem jungen Aureaner väterlich auf die Schul-ter. »Noch ein paar Wochen in diesem Scheißfrachter,dann ist es endlich vorbei …«Inzwischen hatten sich der hünenhafte Veteran und derRekrut ein wenig angefreundet. Im Zuge der langen,einsamen Reise nach Thracan hatten sich die beiden nun 231
  • 229. schon oft lange unterhalten. Flavius schätzte den vernarb-ten Offizier, der entgegen allen Erwartungen sehr freund-lich sein konnte und über ein hohes Maß an Bildungverfügte, als guten Zuhörer und Gesprächspartner. Derar-tige Attribute konnten die meisten der anderen Berufssol-daten nicht vorweisen. Manilus Sachs mochte den Nach-wuchslegionär ebenfalls und hielt sich gern in dessen Näheauf.»Und was machen Sie dann?«, fragte Princeps.»Auf Thracan?«»Ja!«»Dann? Dann werde ich meinen ganzen Sold versaufenund verhuren, Junge! Bis keine VE mehr da ist. Erst dannfliege ich zurück nach Terra«, erwiderte Sachs.»Und wenn Sie wieder da sind?«»Du kannst ruhig »du« sagen. Vergiss diesen formalenMist, Junge …«»Und wenn du wieder auf Terra bist?«Der Zenturio lächelte. »Dann hänge ich meinen Dienst beider Legion an den Nagel. Ich habe die Schnauze jetztendgültig voll!«»Hat sich eigentlich die Polemos gemeldet?«»Ja, vor einigen Wochen. Die fliegen jedoch eine andereRoute als wir, aber anscheinend ist bei denen auch wiederalles klar«, antwortete Sachs.»Ich würde gerne wissen, wie es Eugenia geht …«»Diese hübsche Krankenschwester mit den dunklenHaaren, von der du mir erzählt hast?«»Ja, genau die!«»Hat sie deine Nachricht nicht bekommen?«»Keine Ahnung!«»Die Polemos ist wohl stark beschädigt worden. Vielleichthaben einige Empfängersysteme auch was abbekommen.232
  • 230. Der Hauptempfänger funktioniert jedenfalls noch, sonsthätten wir sie ja nicht erreicht«, sagte der Veteran.»Verstehe!«»Jedenfalls werde ich diesem Admiral eins in die Fresseschlagen, wenn ich ihn noch mal treffe. Uns einfach aufdieser verfluchten Eiskugel zurückzulassen …«»Gute Idee! Von mir kriegt er auch eine gelangt!«»Was soll´s, Princeps!«»Das wird schon alles werden, Manilus …«»Was soll ich Leukos denn sagen?«»Du meinst, wie du ihm erklären sollst, dass unsere Legionfast weg vom Fenster ist?«»Ja!«»Ich würde ihm die Wahrheit sagen …«»Er wird mich für verrückt erklären, Princeps!«»Soll er doch! Es ist trotzdem die Wahrheit.«»Was für eine Scheiße.«»Kannst du laut sagen …«»Wirst du denn mitkommen, wenn ich mich auf Thracanentspannen gehe? Dann ziehen wir durch die Kneipen undso …«»Ja, denke schon. Dann haue ich mir alles an Alkohol undDrogen rein, was ich finden kann.«»Ha, ha!«»Im Ernst!«»Ich auch, auf jeden Fall …«»Wir haben uns diesen Urlaub redlich verdient.«»Allerdings, Princeps!«»Und ihre Befehle können sie sich sonst wo hin schieben.«»So sieht’s aus, Junge!«»Noch ein paar Wochen …«»Ja, dann war’s das!« 233
  • 231. »Ich werde jetzt noch eine Runde zocken und dann legeich mich pennen.«»Was spielst du denn gerade?«»Das Spiel heißt »Farancu Collas III – Herr der Zerstö-rung«. Ein Abenteuerspiel, da spielt man den antikenHelden und kämpft gegen Monster und so.«»Kenne ich! Das ist schon älter, was? Habe ich als Jugend-licher auch gespielt. Da sammelt man Punkte und Fähig-keiten. Das macht wirklich Spaß!«»Ja, mein »Farancu« hat jetzt so eine Superrüstung, damitist er fast unverwundbar – und ich habe gestern ein neuesZauberschwert gefunden …«»Das muss ich auch noch mal spielen! Mein »Farancu«konnte früher sogar Feuer spucken. Da habe ich wochen-lang gespielt, bis er das konnte«, erinnerte sich Sachs.»Das Beste ist der »Segen des Arter«, so ein Zauber-spruch, damit kann er sich blitzschnell bewegen undsogar fliegen …«»Ja, das hatte meiner auch!«»Kennst du noch den Endgegner aus dem ersten Teil?«»Wer war denn das noch mal?«»Der »Herr der Logen«, so ein riesiger Dämon, den kriegtman kaum platt. Ganz übel das Vieh …«»Dieser fiese Teufel, der immer so grüne Blitze ver-schießt?«»Ja, genau! Genau der!«»In der Tat, der oberste Logendämon ist schon schwer zubesiegen. Aber mit dem »Segen des Arter« kriegt man denirgendwann auch klein.«Manilus Sachs kratzte sich am Kopf und drehte sich um.»Ich muss mal nach den anderen sehen. Wir quatschenspäter noch eine Runde, Flavius«, sagte er und verließ denRaum.234
  • 232. »Gut, bis dann!«, gab Princeps zurück.Der Rekrut machte sich wieder auf den Weg in die kleineBibliothek und begann sein Spiel fortzusetzen. Vor seinenAugen entstand das Bild einer muskulösen Gestalt mitlangen blonden Haaren, einer strahlenden Rüstung ausGold und einem blitzenden Langschwert.»Das Spiel wird geladen!«, sagte eine sanfte Frauenstimme,während der Geist des jungen Mannes völlig in der virtuel-len Welt versank. Kurz darauf ging es weiter und Flaviusführte seinen Sagenhelden zu neuen Taten …Es dauerte mehrere Tage, bis die Transportgleiter sämtli-che Legionäre von den übrigen Kreuzern auf die Lichtweggebracht hatten. Damit waren auf den anderen fünf Schif-fen lediglich die für den geplanten Angriff notwendigenAngehörigen des Schiffspersonals geblieben. Allerdingsführten diese Kreuzer nun eine Vielzahl von Bomben undRaketen mit sich.Inzwischen hatten die Tiefenscanner der orbitalen Vertei-digungsanlagen von Thracan die sechs näherkommendenSchlachtschiffe als solche erkannt, wenn sie auch aufgrundder von den Kreuzern eingesetzten Ortungsstörer keineallzu genauen Bilder geliefert bekamen und die stählernenKolosse zwischenzeitlich immer wieder von den Monito-ren der Orbitalüberwachung verschwanden.Schließlich schickten die Thracanai einige kleinere Zerstö-rer ins All. Mit angriffsbereiten Großkampfschiffen vonTerra rechneten sie offenbar nicht und so blieb der größteTeil der thracanischen Raumflotte zunächst auf demBoden zurück.»Wir dürfen keine Zeit mehr verlieren, sonst erkennen sie,wer wir sind!«, gab Leukos den Admiralen der Schlacht-schiffe zu verstehen und diese begannen damit, ihre 235
  • 233. Reaktoren anzuwerfen und langsam wieder zu beschleuni-gen.Auf Höhe des Planeten Neonis, dem von der Sonne amweitesten entfernten, gasförmigen Himmelkörper desProxima Centauri Systems, trafen die sechs Schlachtkreu-zer auf vier thracanische Zerstörer, welche die Lage aus-kundschaften sollten. Leukos befahl unverzüglich denAngriff und die riesigen Kampfschiffe der Lictor Klasseeröffneten ohne Vorwarnung das Feuer auf ihre überrasch-ten Gegner. Es dauerte nicht lange, da hatte der konzent-rierte Beschuss mit Plasmatorpedos und Laserlanzen, dieZerstörer in durchlöcherte, durch das All treibende Wracksverwandelt.Unbeirrt flogen die terranischen Schlachtschiffe daraufhinweiter in Richtung Thracan, vorbei an vier weiteren Plane-ten, die entweder Gasriesen oder kalte, fast unbesiedelteWelten waren. Als nächstes wandten sich die schwerenKreuzer zwei kleineren Flottenbasen zu, die um den MondArgentos kreisten.Auch hier reagierten ihre Gegner viel zu spät und als dieGroßkampfschiffe in Feuerreichweite waren, konnten sienicht mehr viel ausrichten. Jeweils zwei Novatorpedosjagten die orbitalen Flottenstützpunkte in die Luft undließen nur noch ausgebrannte Trümmer zurück.Leukos schwor seine Männer ein, jetzt alles zu geben.Thracan war in unmittelbare Nähe gelangt und den fünfSchlachtschiffen, von welchen sich die Lichtweg auf Höhedes thracanischen Nachbarplaneten Glacialis trennte, umeinen anderen Kurs einzuschlagen, stand ein selbstmörde-rischer Angriff bevor.Als sich Thracan als immer größer werdende, von bräun-lich-grünen Bahnen überzogene Kugel vor der Schwärzedes Alls abzeichnete, wussten die wackeren Männer von236
  • 234. der Flotte, dass es nun kein Zurück mehr gab. Tief unterihnen befanden sich der Raumhafen von Remay und einweitreichendes System von orbitalen Abwehrvorrichtun-gen.Mit aufheulenden Reaktoren jagten die fünf Lictor Kreuzervoll brutaler Entschlossenheit auf Thracan zu, um sich wieein Schwarm Raubvögel durch die Atmosphäre des Plane-ten zu bohren und auf den Boden zuzurasen.Während den Schiffen ein erstes Abwehrfeuer entgegen-schlug, schossen diese zurück und ließen einen Hagel vonPlasmatorpedos auf den Raumhafen von Remay niederge-hen. Riesige Explosionen wuchsen als feurige Blüten inden Himmel, alles unter einer Welle aus Flammen begra-bend. Im Gegenzug ächzten und stöhnten die Schutzschil-de der riesigen Stahlkolosse, als ihnen die zornigen Orbi-talgeschütze der Thracanai antworteten.Dann erhoben sich auch die ersten feindlichen Schiffe indie Lüfte, um den unerwarteten Angriff zurückzuschlagen.Die schweren Schlachtkreuzer drehten indes wieder ab undformierten sich zu einem erneuten Angriff im Orbit desPlaneten. Diesmal warfen sie alle ihre Magmabombenhinab in die Tiefe, welche zwischen den gegnerischenSchiffen inmitten des Hafens einschlugen und viele vonihnen in Stücke rissen. Die Sprengkraft dieser gefürchtetenWaffen war so gewaltig, dass sie zudem ganze Stadtviertelvon Remay einäscherte und in brennende Gluthöllenverwandelte. Nach diesem ersten Angriff hatten sichDutzende von schweren Orbitalgeschützen auf die terrani-schen Schlachtkreuzer gerichtet und die Pugna sollte daserste Lictor Kampfschiff sein, das vom Feuerhagel derplanetaren Abwehrsysteme in Stücke geschossen wurde.Brennend stürzte der fliegende Gigant auf Remay herab 237
  • 235. und begrub Dutzende von Habitatskomplexen unter sich,bevor er in einer gewaltigen Explosion verging.Die übrigen Schlachtkreuzer setzten ihre kühne Attackefort und jagten einige orbitale Geschützstationen undEskortschiffe in die Luft. Dann erwischte es ein weiteresterranisches Schiff, dessen Ende den Himmel über derthracanischen Hauptstadt wie eine sterbende Sonne erhell-te.Mittlerweile hatte sich der Raumhafen von Remay in eineriesige Trümmerlandschaft verwandelt, die von Hundertenkleinen und großen Wracks übersät war. Wieder zogen sichdie drei letzten Schlachtkreuzer der terranischen Flotte indie Umlaufbahn des Planeten zurück, wobei sie voneinigen thracanischen Kampfschiffen verfolgt wurden.Umringt von einer Vielzahl kleinerer Angreifer ging nunauch die Penelope unter, nachdem sie bis zuletzt aus allenRohren gefeuert hatte.Letztendlich drehten die beiden noch kampffähigen LictorKolosse ab und wandten sich dem Raumhafen von Secciaauf dem Nordkontinent von Thracan zu, um ihre Nova-torpedos abzuschießen. Sie hinterließen riesige, rauchendeKrater und zerstörten mehrere Dutzend große Kampf-schiffe, noch bevor diese vom Boden abheben konnten.Ein letztes Mal richteten sich zahllose Orbitalgeschütze aufdie todesmutigen Giganten und nahmen sie unter Feuer.Damit war auch ihr Schicksal besiegelt …238
  • 236. Der Zorn des Aswin LeukosImperator Juan Sobos schwebte auf einer prachtvollen,goldenen Antigrav-Sänfte langsam über die zahllosenStufen aus weißem Kalkstein hinweg, die zur vorderenTerrasse des Goldmenschenpalastes führten. Das giganti-sche, tempelartige Gebäude, welches vor fast 2800 Jahrenvon Kaiser Thorstan Hari errichtet worden war, überragtenoch immer sämtliche Habitatskomplexe und Großresi-denzen um sich herum. Es war damals schon das größteBauwerk gewesen, das Menschenhände jemals errichtethatten – und war es bis heute geblieben.Selbst der Archontenpalast von Asaheim wirkte gegendieses titanische Gebilde, dessen zentrale Tempelpyramidemehrere Tausend Meter in den Himmel ragte, fast erbärm-lich. Über dem Hauptportal, jenseits der vorderen Terras-se, war in überdimensionalen Lettern der Schriftzug»Aureaner, du trägst das Licht der Zukunft!« in die mitTausenden von roten Marmorplatten verkleidete Wandeingelassen worden. Der Goldmenschenpalast, jeneskolossale Monument im Herzen von Hyboran, war fürJahrhunderte, ja für ganze Epochen, ein Symbol deraureanischen Herrlichkeit und der Macht des GoldenenReiches gewesen. Bis zu diesem historischen Tag.Tief im Inneren der riesenhaften Tempelpyramide, die denzerbröckelten Ruinen jener Bauwerke nachempfunden war,die einst unbekannte Völker zu Beginn der menschlichenZivilisationsentwicklung im Norden von Arica und aufdem Kontinent Braza errichtet hatten, befanden sich uraltehistorische Zeugnisse und Reliquien.Antike Helme aus den frühesten Tagen, welche die Solda-ten von Artur dem Großen getragen hatten. Eine angeb- 239
  • 237. lich von seinem legendären General Farancu Collas be-nutzte Rüstung und sogar eine heilig gesprochene Atom-bombe, wie sie die Altvorderen im Geburtskrieg benutzthaben mussten.Die Krone von Imperator Ansgar dem Schönen, das Siegeldes ehrwürdigen Archons Roger Thulmann, vorzeitlicheRaumschiffe aus den Epochen der Marskolonisation, eineBüste des vielbesungenen Ludger Rauther und Panzerfahr-zeuge aus den Expansionskriegen gegen die anaureani-schen Stämme von Indnes, Rabia und Natolia.Weiterhin verehrte Maschinen aus der großen Friedenszeitdes Julian Cassar, die Gesetzestexte des Archons GuntherDron, Schilde der Stadtwache von Soast und erbeuteteBanner der dronischen Rebellen. Dazu kamen nochZehntausende von weiteren Ausstellungsstücken, die denBesuchern die ganze glorreiche Geschichte der aureani-schen Kaste vor Augen führten.Gutrim Malogor waren allein drei große Hallen gewidmet.Hier waren seine heiligen Gebote und sein Lebenslauf indie Wände gemeißelt worden. Die lange Liste seinerEroberungen und politischen Taten wurde in endlosenTexten und Bildergalerien aufgeführt. Welche Fürstentü-mer und Reiche er unterworfen hatte und welche Völkerund Stämme in den Flammen seines weltweiten Kreuzzu-ges zur Wiedererrichtung des Goldenen Reiches unterge-gangen waren.Der Goldmenschenpalast war das deutlichste Zeichenaltaureanischen Stolzes, manche sprachen allerdings auchvon Hybris. Deshalb, gerade deshalb, hatte sich JuanSobos diesen ehrwürdigen Ort ausgesucht, um die alteOrdnung vor aller Augen endgültig zu Grabe zu tragen.Der neue Archon hatte für all diese historischen Dingenichts übrig und lächelte siegesgewiss, als er auf seiner240
  • 238. Antigrav-Sänfte an zahllosen Würdenträgern, Senatorenund Piktographierern, die an den Rändern der langenTreppe auf ihn warteten, vorbeiflog. Um den Goldmen-schenpalast herum hatte sich eine jubelnde Masse Hun-derttausender Menschen versammelt. Und es kamenimmer noch mehr.Als der Kaiser auf der Terrasse vor der riesenhaftenTempelpyramide angekommen war, wurde er von zweiPalastwachen zu einem im barocken Stil verzierten Red-nerpult begleitet. Sobos hatte sich für seinen heutigenAuftritt ganz in ein langes Gewand aus schneeweißer Seidegehüllt. Die Archontenkrone, die schon die Häupter vonXanthos dem Erhabenen und Credos Platon, wie auchvieler ihrer Vorgänger geschmückt hatte, saß jetzt aufseiner Stirn.Der Monarch drehte sich kurz zu der Tempelpyramide umund betrachtete das Bauwerk, das wie ein Gebirge bis zuden Wolken hinaufragte. Für die Zeit eines Wimpernschla-ges grinste er den Prunkbau hämisch an, als ob er ihmversichern wollte, dass seine große Zeit heute zu Endegehen würde. Rund um den Goldmenschenpalast wurdeder Jubel der Masse indes immer lauter und schwollerwartungsvoll an, als der Archon seine Hände in die Höhewarf.»Meine geliebten Untertanen, Aureaner und Anaurenaer!Heute rufe ich ein neues Zeitalter aus! Ein Zeitalter derFreiheit und Gleichheit für alle Menschen auf Terra!Hiermit schaffe ich den Codex Varna und die gesamteKastenordnung offiziell ab! Ab heute, meine geliebtenKinder, beginnt eine neue Epoche für uns alle …«»Wir haben es tatsächlich geschafft, Herr!«, jubelte Thro-vald von Mockba, als die Lichtweg das Häusermeer von 241
  • 239. Lethon überflog und am Fuße des Lavarmassivs zumLandeanflug ansetzte.Der Schlachtkreuzer hatte sich einiger kleiner Zerstörererwehren müssen, als er in die Umlaufbahn des Planeteneingedrungen war, aber ansonsten hatte der Selbstmordan-griff der anderen terranischen Kampfschiffe die thracani-sche Orbitalabwehr ausreichend beschäftigt.»Freut Euch nicht zu früh, Throvald!«, warnte Leukosseinen Stellvertreter und musterte nervös eine holographi-sche Karte der vor ihnen aufragenden Gebirgskette.»Hier befinden sich die gegnerischen Truppenverbände,Herr! Sie sind lediglich zehn Kilometer von uns entfernt«,sagte einer der Legaten und deutete auf die leuchtendenPunkte auf der Karte.»Die Soldaten sollen dieses Schiff so schnell es geht verlas-sen, damit wir Magnus Shivas da rausholen können«,befahl Leukos und seine Offiziere gaben die Anweisungunverzüglich weiter.Wenig später strömten die Legionäre ins Freie und began-nen laut zu jubeln, als sie den blauen Himmel über ihrenKöpfen erblickten. Kampfläufer, Artilleriepanzer, Sturm-tanks und Bomber folgten den Männern. Bald war dieganze noch verbliebene Streitmacht versammelt und rücktesofort nach Norden vor.Leukos nahm derweil Kontakt mit Magnus Shivas auf unddrängte diesen dazu, ihn noch in dieser Nacht bei seinemSturmangriff auf den feindlichen Belagerungsgürtel zuunterstützen. Der entmachtete Statthalter war außer sichvor Freude, als er von den nahenden Terranern hörte, undsicherte Leukos zu, dass sie den Feind jetzt von zweiSeiten aus attackieren würden.»Wenn wir ihnen keine weitere Zeit geben, sich neu zuformieren, dann können wir sie zurückschlagen. Immerhin242
  • 240. sind wir in ihrem Rücken gelandet und haben trotz unserergeringen Zahl eine Chance«, erklärte Leukos seinen Unter-führern.Diese waren angesichts der zahlenmäßigen Übermacht desGegners nicht alle so zuversichtlich wie er selbst. Doch derOberstrategos hämmerte ihnen ohne Pause die Wichtigkeitdieser Operation in die Köpfe und duldete keinerlei Wi-derspruch. Wenn die Loyalisten auf Dauer auch nur denHauch einer Chance gegen Nero Poros und seine Streit-kräfte haben wollten, dann mussten Magnus Shivas unddessen Männer zunächst aus ihrer auswegslosen Lage,gefangen in den Tiefen der Bergfestung Nivelberg, befreitwerden.Vereint waren Leukos und der entmachtete Statthalterwenigstens in der Lage, ein einigermaßen schlagkräftigesHeer auf die Beine zu stellen, um Poros überhaupt trotzenzu können. So hetzte der terranische General seine Solda-ten entschlossen in Richtung der gegnerischen Armee, diesich rund um Nivelberg versammelt hatte. Und er war sichsicher, dass er nicht der Einzige war, den es nach blutigerVergeltung an den Verrätern dürstete.»In etwa 6 Wochen haben wir Thracan endlich erreicht«,hatten die Legionäre auf der Solon gestern vom Kapitän desFrachters erfahren. Das war nicht mehr allzu lange, doch eskam Flavius und Kleitos trotzdem noch wie eine halbeEwigkeit vor. Heute saßen sie schon den ganzen Tag in demschmutzigen, nur von einigen schwach leuchtenden Fusi-onslampen erhellten Lagerraum, den man ihnen als Unter-kunft zugewiesen hatte. Inzwischen hassten sie das enge,ramponierte Handelsschiff wie die Pest und sehnten sichregelrecht danach, wieder in die Kühlkammer zurückge-schickt zu werden, um dort den Rest der Flugzeit zu ver- 243
  • 241. schlafen. Doch diese Option gab es nicht mehr und somitmussten sie weiterhin bei vollem Verstand die mühsameReise erdulden und irgendwie die Zeit totschlagen.Neben Flavius lehnte sein treuer Freund Kleitos an der mitRostflecken übersäten Wand der Frachthalle. Seine grünenAugen starrten gelangweilt ins Nichts und in regelmäßigenAbständen stieß er ein bedrücktes Seufzen aus.»Wollen wir noch ein wenig in die Bibliothek gehen?«,schlug Princeps vor.»Nein, ich kann diesen Raum nicht mehr sehen – und denRest dieser verfluchten Blechschüssel auch nicht mehr.Hoffentlich drehe ich nicht noch durch, so kurz vor demEnde der Reise«, schnaufte Kleitos frustriert.»Du willst doch nicht so enden, wie die Legionäre, die denVerstand verloren haben und auf ihre Kameraden losge-gangen sind, oder?«, warnte ihn Flavius.Sein Freund strich sich durch seine strohblonden, verfilz-ten Haare und musterte ihn mit trauriger Miene. Dannerwiderte er: »Wenn ich so überschnappe, muss du mireinfach irgendwas über den Schädel ziehen, Alter. Bitte!Das erlaube ich dir …«»Wir haben es doch fast geschafft, Kleitos!«»Ich … ich kann das hier nicht mehr ertragen. Ich willendlich raus aus diesem verdammten Frachter. Und dannder widerliche Fraß, diese Nahrungswürfelextrakte. Ichkann diesen Dreck nicht mehr fressen und muss kotzen,wenn ich nur daran denke«, wimmerte Jarostow.Besorgt um seinen Freund, der wieder einmal die typischenSymptome einer klaustrophobischen Panikattacke aufwies,sah sich Flavius um. Viele der neben ihnen kauerndenSoldaten dösten stumpfsinnig vor sich hin oder glotztengeistesabwesend die gegenüberliegenden Wände undSchotts an.244
  • 242. »Nur noch sechs Wochen!«, diese Aussage klang zunächstaufheiternd und beruhigend, doch wenn man sie genauerüberdachte, dann war das noch eine endlos lange Zeit. Allewaren mit den Nerven am Ende und Princeps hatte dasGefühl, dass dieser schäbige Frachter ihnen auch noch dieletzten Reste gesunden Menschenverstandes aus denKöpfen saugte.»Ich will hier endlich raus!«, schrie Kleitos plötzlich undsprang auf. Verwirrt lief er durch die Lagerhalle undschüttelte sich, als hätte ihn ein giftiges Insekt gestochen.Einige der Legionäre betrachteten ihn kurz, um dannwieder in die gewohnte Gleichgültigkeit zu verfallen.»Kleitos! He! Komm wieder zurück!«, herrschte Flaviusseinen Freund an und eilte ihm hinterher.»Dieser Blechkasten macht mich wahnsinnig. Er sollendlich irgendeinen Planeten anfliegen und mich da raus-lassen«, stammelte Jarostow und zuckte immer wiederzusammen.»Hier draußen ist nichts. Wir können hier nicht raus, wirsind mitten im Leerraum …«, sagte Princeps und versuchteseinen Kameraden irgendwie zu beruhigen. Doch ererreichte mit seiner Aussage das genaue Gegenteil.»Mitten im Leerraum?«»Ja, natürlich! Bleib ruhig, Kleitos!«»Sag doch so was nicht, Mann …«, jammerte der Rekrutaus Wittborg.»Ruhig!«, flüsterte Flavius und ergriff seine Hand.»Gib … gib mir deinen Neurostimulator, Princeps. Bitte,gib ihn mir. Nur ein paar Glücksgefühle! Bitte!«, winselteKleitos.»Tut mir leid, aber mein Neurostimulator ist schon vorMonaten kaputtgegangen. Das weißt du doch …« 245
  • 243. »Nein, das weiß ich nicht. Gib ihn mir endlich! Bitte!«,flehte der verstörte Soldat.»Ich kann ihn dir nicht geben. Er ist nicht mehr da.«Kleitos kantige Gesichtszüge versteinerten sich und verrie-ten die sich in seinem Kopf ausbreitende Verzweiflung.»Ist er wirklich kaputt?«»Ja, du warst doch dabei, als er kaputtgegangen ist …«,erklärte Flavius mit ruhiger Stimme.Sein Freund hielt sich die Hände vor das Gesicht undschnaubte laut.»Scheiße! So eine Scheiße! Bei Terra, Drecksverfluchte-scheiße!«, brüllte er und stampfte auf. Dann rannte er zumAusgang der Lagerhalle.»Wo willst du hin?«, rief ihm Flavius hinterher.»Der…der Kapitän…er soll den nächsten Planeten anflie-gen, um mich da rauszulassen«, stotterte Kleitos undtorkelte vorwärts.Princeps eilte seinem Freund nach und holte ihn kurzdarauf auf dem Gang ein. Mit einem kräftigen Ruck riss erihn nach hinten und schleuderte ihn unsanft auf denBoden.»Das ist gleich wieder vorbei, Jarostow. Atme langsam ausund versuche dich zu beruhigen«, beschwor ihn Flaviusund klatschte Kleitos mit der flachen Hand auf die Wange.»Ja, es … es geht schon wieder. Es geht schon«, schnauftedieser, während ihn Princeps mit eisernem Griff amKragen hielt.»Wir stehen das schon durch! Ganz ruhig!«, flüsterteFlavius und nahm seinen Kameraden schließlich in denArm, wo er für einige Minuten wie ein kleines Kind ruhte.Die Überraschung war Nero Poros anzumerken, als eraus einem Fenster des Statthalterpalastes von Remay aufdie in der Ferne noch immer lodernden Feuersbrünste246
  • 244. blickte, welche die Magmabomben seiner Feinde ent-facht hatten. Der selbstmörderische Angriff der fünfLictor Kampfschiffe hatte nicht nur den Raumhafen derthracanischen Hauptstadt, sondern auch die nahegelege-nen Stadtteile in brennende, verwüstete Trümmerfelderverwandelt. Ohne Rücksicht auf ihr eigenes Lebenhatten sich die Männer der terranischen Flotte mitten indas Gewitter des thracanischen Abwehrfeuers gestürztund waren allesamt untergegangen, zusammen mit ihrenkolossalen Schlachtkreuzern, die bis zuletzt alles anBomben und Raketen abgefeuert hatten, was ihnen vonLeukos mitgegeben worden war.Die Angreifer hatten bei ihrem blitzartigen Kamikazean-griff allerdings auch den Tod Hundertausender Menschen,die von der Gluthitze der Magmabomben bei lebendigemLeib in ihren Habitatskomplexen geröstet worden waren,in Kauf nehmen müssen. Sie hatten nur ein Ziel gehabt,nämlich den Raumhafen von Remay mitsamt seiner Orbi-talüberwachungszentrale und die auf ihm befindlichenKampfschiffe zu vernichten – und das war ihnen gelungen.»Leukos!«, flüsterte der Statthalter leise vor sich hin undkonnte seinen Blick noch immer nicht von den gewaltigenRauchschwaden am Horizont abwenden.»Offenbar hat dieser Bastard die Raumschlacht dochüberlebt und es sogar geschafft, Thracan zu erreichen«,fügte einer der Diener hinzu.Nero Poros drehte sich zu ihm um. Der schlanke, hoch-gewachsene Optimat mit dem länglichen Gesicht und denvon tiefen Falten umgebenen Augen betrachtete seinenUntergebenen voller Zorn.»Wie konnte es dazu kommen? Admiral Warner hatte denBefehl, diesen terranischen Hurensohn zu töten und seineKriegsschiffe zu vernichten. Ich werde dem Archon 247
  • 245. berichten, was er für ein unfähiger Hund ist!«, schriePoros.»Wie gedenkt Ihr denn jetzt gegen Shivas und diesenRenegaten von der Erde vorzugehen?«, fragte der Würden-träger.»Ich werde schon mit ihnen fertig werden. Auf Dauerwerden sich unsere Feinde nicht halten können, auch wennsie sich noch tiefer im Arschloch des Lavarmassivs ver-kriechen«, wetterte der Statthalter.»Da habt Ihr Recht, Herr!«, sagte der Diener.»Was ist denn eigentlich auf Crixus los? Warum haben wirda noch immer nicht die Oberhand?«, brummte der kaiser-liche Vertreter.»Es herrscht dort nach wie vor große Uneinigkeit inner-halb der planetaren Streitkräfte, Herr. Und es ist zu be-fürchten, dass sich dieser Zwist noch ausweiten wird.Einige Magistrate wollen Euch nicht als neuen Statthalteranerkennen und verweigern sich Euren Befehlen. So langedie Situation so diffus ist, wird sich auch die crixanischeFlotte nicht in die Konflikte auf Thracan einmischen.Zudem haben die Crixanai ohnehin kaum nennenswerteKampfschiffe«, erklärte der Berater.»Und auf Glacialis ist es ähnlich?«, kam von Poros.»Ja, Exzellenz!«, antwortete der Diener demütig.»Sie haben sich aber meinen Anweisungen zu unterwerfen!Ich bin der rechtmäßige Statthalter von Thracan und derkaiserliche Hauptverwalter dieses Systems!«, brüllte derOptimat und zerschmetterte eine Porzellantasse an derWand.Sein Gehilfe duckte sich und flüsterte: »Ihr müsst Euchnoch etwas gedulden, Exzellenz! Es wird wohl noch einpaar Wochen dauern, bis sich Eure Autorität überalldurchgesetzt hat …«248
  • 246. Der neue Verwalter von Thracan, der in ein langes, weißesGewand gehüllt war, eilte durch den prunkvoll ausgestatte-ten Raum zu einer mit barocken Schnörkeln verziertenKommode und nahm einen Kommunikationsbotenheraus.»Umso schneller wir Magnus Shivas und Aswin Leukostöten, umso leichter wird es auch sein, den Nimbus dieserMänner zu zerschlagen. Viele Thracanai stehen dem altenStatthalter nach wie vor noch mit erheblicher Sympathiegegenüber und auch unter den Soldaten ist sein Rückhaltnoch zu groß.Dass er Milliarden Aureanern verkündet hat, Juan Soboshätte diesen Credos Platon ermorden lassen, hat unseremAnsehen im ganzen System schweren Schaden zugefügt.Wir müssen schnellstens mit ihm fertig werden, um dannauch die Erinnerung an das auszulöschen, wofür er ge-standen hat. Ich werde mit den Legaten und Truppenfüh-rern, die Nivelberg belagern, Kontakt aufnehmen undihnen befehlen, dass sie diese Festung endlich stürmen undShivas töten sollen«, knurrte Poros.»Nivelberg ist ein riesiges Bollwerk und gut befestigt. Eswird nicht fallen, wenn die Belagerten nicht zuerst zer-mürbt und ausgehungert werden«, gab der Diener zubedenken.»Das interessiert mich nicht!«, schrie ihn der Statthalter an.»Sie sollen diese verdammte Festung endlich einnehmenund mir den Kopf von Shivas bringen!«»Und was ist mit den Terranern, Exzellenz?«, fragte derWürdenträger schüchtern.»Die Terraner! Das ist ein Faktor, den ich noch nichtgenau bestimmen kann …«, meinte Poros nachdenklichund kratzte sich an seinem spitzen Kinn. 249
  • 247. »Man sagt, dass dieser Leukos ein fanatischer Altaureanerist, Herr!«, bemerkte der Diener.»Sein Fanatismus wird diesem Kerl nicht viel nützen, wennwir ihn isolieren und von allem Nachschub abschneiden.Dann werden er und seine Truppen auf dem Nordkonti-nent ihr Grab finden, egal wie fanatisch sie sind«, zischelteder Statthalter leise.Kampfläuferschwadronen rasten durch die Nacht underinnerten an große, eiserne Vögel, die anstelle von Flügelnschwere Blaster und Rotationskanonen an den Seitentrugen. Über den vorstürmenden Legionären schossenVerbände von Caedes Bombern mit heulenden Triebwer-ken über den Nachthimmel in Richtung der feindlichenStellungen.Die Magnus Shivas treu ergebenen Soldaten hatten inzwi-schen ihre unterirdischen Bunker tief im Inneren derFestung verlassen und strömten an die Oberfläche, umeinen Ausfall zu machen. Es dauerte nicht lange, da warensie in schwere Gefechte mit den Soldaten des Porosverwickelt, die sofort zu einem Sturmangriff auf die in denFels gehauene Trutzburg übergingen.»Wir haben den Feind gesichtet!«, kam über das Vox-Netzwerk und Aswin Leukos versuchte, seine Truppen-verbände strategisch geschickt zu positionieren, währender eine holographische Übersichtskarte anstarrte und fastsekündlich neue Befehle übermittelte.Der Oberstrategos ließ sich von einem schweren DonarPanzer direkt an die vorderste Front bringen, um allesgenau im Blick zu haben. Das mit massiven Flexstahlplat-ten geschützte Gefährt donnerte mit Höchstgeschwindig-keit vorwärts und weitere Panzer folgten ihm.250
  • 248. In einiger Entfernung stürzten sich die Caedes Bomber indie Tiefe und ließen ganze Wolken von Ignis-Geschossenauf die feindlichen Gräben regnen. Ein tiefes Grollenfolgte und hoch aufsteigende Feuerbälle erhellten dieNacht, so dass man die angreifenden Kohorten der terrani-schen Legionäre erkennen konnte.»Denkt daran, dass sie uns alle vernichten wollten! Ver-gesst nicht, dass sie uns verraten haben, Männer!«, brüllteLeukos in seinen Vox-Transmitter. Der Donar Panzerhatte mittlerweile einige Stellungen ausgemacht, die vonthracanischen Milizsoldaten gehalten wurden. Augenblick-lich begann er mit seinen Rotationskanonen zu feuern.Die anderen Panzer taten es ihm gleich und überschüttetendie Thracanai mit Stürmen aus Projektilen. Derweil folgtenden Tanks auch einige Legionäre, die ihre Pila schleudertenund dann in die Gräben sprangen, um die Milizsoldaten zutöten.Der Vorposten war schnell überrannt und die schlechtausgerüsteten Soldaten der planetaren Verteidigungsstreit-kräfte, die von den heftigen Angriffen überrascht wordenwaren, hatten den Legionären nicht viel entgegensetzenkönnen. Umso weiter die terranischen Streitkräfte vorstie-ßen, umso größer wurde die Verwirrung in den Reihenihrer Gegner, die nun von zwei Seiten aus in die Zangegenommen wurden.»Die thracanischen Legionäre haben einige der Festungs-wälle genommen und drängen uns ins Innere des Bergeszurück!«, hallte die aufgeregte Stimme von Magnus Shivasdurch den Kommandopanzer und Leukos hastete zurSprechanlage.»Wir konzentrieren uns zuerst auf die Milizionäre, dennhier können wir leichter durch die feindlichen Stellungenbrechen«, gab ihm der Oberstrategos zu verstehen. 251
  • 249. Jenseits seines Panzers waren die terranischen Soldatennoch weiter vorgedrungen und hatten einige Gräbenerstürmt. Zeitgleich fielen die Caedes Bomber über diemobile Artillerie des Feindes her, welche dabei war, dieFestung zu beschießen.»Hatai dan Vörrädare! Han esta ät, vilka ons schadat vorevigar tidai!«, zischte Leukos leise vor sich hin und legteseine Hand auf die Schulter des Panzerfahrers.»Was habt Ihr gesagt, Herr?«, fragte dieser verwundert.»Mir kam nur gerade dieses altaureanische Sprichwort inden Sinn«, erwiderte der Feldherr mit grimmiger Miene.»Und was bedeutet es?«, wollte der Fahrer wissen.»Hasse den Verräter! Er ist es, der uns seit ewigen Zeitenschadet!«, erklärte ihm Leukos und grinste verbittert.»Da macht Euch mal keine Sorgen, Oberstrategos! Jedervon uns hegt einen Groll gegen die, die uns das Messer inden Rücken treiben wollten!«, knurrte der Mann.Inzwischen hatten die Legionäre und Kampfläufer denthracanischen Milizsoldaten weiter zugesetzt und sieunbeirrt zurückgetrieben. Hartnäckig stürmten die wüten-den Terraner vor und richteten mit Blaster und Gladius einGemetzel unter den in Unordnung geratenen Feinden an.Nach einigen Stunden blutiger Grabenkämpfe in finstererNacht waren Leukos ungestüme Legionäre schließlich anmehreren Stellen durch den um Nivelberg gelegten Belage-rungsring gestoßen und hatten den Miliztruppen so schwe-re Verluste zugefügt, dass ein Teil von ihnen die Fluchtergriff.Auch Magnus Shivas Leibwache und die anderen loyalenTruppen, die Nivelberg zu halten versuchten, hatten denGegner mit verbissener Hartnäckigkeit daran hindernkönnen, in die Festung einzudringen. Die in die hohenFelswände eingelassenen Autokanonen und Abwehrge-252
  • 250. schütze hatten Tausende von thracanischen Legionärenniedergeschossen und im anschließenden Kampf vor demHauptportal der Festung und in den dunklen Zugangstun-neln waren noch mehr von ihnen gefallen.Allerdings hatten sowohl Aswin Leukos als auch MagnusShivas ebenfalls gehörige Verluste zu beklagen. Das änder-te jedoch nichts daran, dass Nivelberg zunächst gehaltenwerden konnte und sich die Feinde im Morgengrauen desnächsten Tages nach Nordosten zurückziehen mussten.Die große Halle tief im Inneren der Bergfestung war überund über mit Soldaten gefüllt. Große Monitore, die man anden glatt geschliffenen Felswänden befestigt hatte, liefertenständig neue Bilder von der Oberfläche und erneuertensich im Sekundentakt. Vor den Bildschirmen hatten sichzahlreiche Legionäre und Offiziere versammelt, die dasGezeigte akribisch und angespannt zugleich begutachteten.Der Feind hatte sich aus der unmittelbaren Nähe derFestung einige Kilometer weit ins Hinterland zurückgezo-gen, um sich neu zu formieren. Somit konnte man denletzten Angriff durchaus als Erfolg bewerten, wenngleichMagnus Shivas Truppen noch immer in der Tiefe desFelsbollwerks verharren und warten mussten. Ihre Gegnerhatten sich zwar vorübergehend verflüchtigt, nachdem ihreVerluste zu groß geworden waren, aber sie würden wieder-kommen und die im Berg eingeschlossenen Loyalistenkeineswegs in Ruhe lassen. So wirkten weder MagnusShivas, noch seine Soldaten an diesem Tag übermäßigeuphorisch.Der ergraute Nobile, dem man seinen Statthalterpostenweggenommen hatte, schritt durch das ausgedehnte Ge-wölbe, vorbei an seinen Kämpfern, um zu den Kontroll-räumen der Festung zu gelangen. Sein lilafarbenes Gewand 253
  • 251. war beschmutzt und zerschlissen, was jedoch nichts daranänderte, dass der alte Mann noch immer eine unverkenn-bare Autorität und Würde ausstrahlte.Eine Goldkette, gefertigt aus kleinen thracanischen Eh-renmedaillen, zierte den schmalen, leicht faltigen Hals desAdeligen. Dieses wertvolle Artefakt, das vor vielen Gene-rationen von einem talentierten Schmied hergestellt wor-den war, stellte einen der wenigen Gegenstände dar, diedem weißhaarigen Thracanos noch geblieben waren.Magnus Shivas war innerhalb von nur wenigen Wochenvom Stellvertreter des Kaisers zum verfolgten Renegatenherabgesunken. Jetzt hockte er im Inneren einer Höhle,wie ein Räuber, der sich vor den Gesetzeshütern verbergenmusste.Shivas betrat einen der Kontrollräume und ließ sich mitAswin Leukos verbinden. Es dauerte nur wenige Sekun-den, da meldete sich der Oberstrategos mit freudigemTonfall.»Ich bin froh Eure Stimme zu hören, Statthalter!«, sagteder terranische Heerführer.»Danke, es geht mir gut, wenn man die große Politikunbeachtet lässt. Der Feind ist ins Hinterland abgerücktund bereitet offenbar einen neuen Angriff auf uns vor«,antwortete Shivas.»Was gibt es denn sonst an Neuigkeiten? Habt Ihr inzwi-schen mehr über die Situation im Allgemeinen erfahrenkönnen?«»Es gibt einige kleine Lichtblicke, General!«, erklärteShivas. »Der Magistrat von Thracan Urbia und der örtlicheKommandeur der Streitkräfte, Medios Vaanhuist, sind aufunserer Seite und halten die Stadt besetzt. Zudem habensich mehrere Admirale von der Flottenbasis Screenah aufCrixus geweigert, ihre Schiffe gegen uns zu schicken und254
  • 252. sich damit den Befehlen des planetaren Gouverneurs LucDeroy widersetzt. Angeblich soll auf Screenah sogar eineMeuterei der Schiffsbesatzungen ausgebrochen sein.Genaueres weiß ich aber nicht …«»Das hört sich gut an. Wie es aussieht, rennen doch nichtalle Offiziere und Soldaten den Befehlen dieser neuenStatthalterratte blind hinterher«, meinte Leukos.»So lange diese Unstimmigkeiten toben, können wirzumindest etwas mehr Zeit gewinnen, Oberstrategos.Daher sollten wir den Feind jetzt auch so schnell wiemöglich angreifen, bevor er Verstärkung und Nachschuberhält«, schlug Shivas vor.»Rund um Remay versammeln sich jedenfalls große Trup-penverbände aus planetaren Milizen und Legionären, wieunsere Spähgleiter herausgefunden haben«, sagte Leukos.»Das wird die Hauptarmee von Poros sein. Noch ist sienicht abmarschbereit und es wird noch eine Weile dauern,bis sie hier im Norden auftaucht. Bis dahin müssen wirselbst die Initiative ergreifen und uns eine günstigerePosition verschaffen, Leukos!«»Was schlagt Ihr also vor, Statthalter?«»Wir müssen heute noch angreifen, um den Gegner end-gültig vom Fuße des Lavarmassivs zu vertreiben. LegatusMedios Vaanhuist hat mir vor einigen Stunden zugesichert,dass er uns mit seinen Legionen unterstützen wird«,erläuterte Shivas mit einem Anflug von Hoffnung.»Tatsächlich? Er will uns wirklich helfen?«»Ja, das hat er jedenfalls versprochen. Er ist ein vertrau-enswürdiger Mann, mit dem ich immer gut zusammenar-beiten konnte«, meinte der Thracanos.»Hoffen wir, dass er Wort hält und uns nicht im Stichlässt«, antwortete Leukos.»Nein, das glaube ich nicht, General!« 255
  • 253. »Dann greifen wir also heute noch mit allem, was wirhaben, an?«»Ja!«»Einverstanden, Shivas!«Der terranische Heerführer unterbrach die Vox-Verbindung und sein Verbündeter griff erneut zumSprechgerät, um seine Offiziere zusammenzurufen. Jetztgalt es den Feind schnell und hart zu treffen, denn die Zeitdrängte. Das wusste Magnus Shivas nur zu gut, und AswinLeukos wusste es auch.Der Oberstrategos erschlug seinen ersten Feind mit demGladius und bewegte sich mit flinken Bewegungen direktauf den nächsten Milizsoldaten zu. Dieser versuchteLeukos verzweifelt mit dem Lasergewehr anzuvisieren,doch seine Reaktionszeit reichte nicht aus, um dem kriegs-geübten Mann noch irgendwie gefährlich werden zukönnen.Ein vor knisternder Energie pulsierendes Kurzschwertbohrte sich mit Leichtigkeit durch die Brustpanzerung desMilizionärs, worauf jener zu Boden sackte und sein Blut ander Klinge verdampfte. Um Leukos herum erstürmtendessen Legionäre die gegnerische Stellung und machtenihre Feinde in einem Gewitter aus Blasterfeuer nieder.Der terranische General hatte diesmal seinen schützendenKommandopanzer verlassen und Throvald von Mockbadie strategische Koordination der Truppenbewegungenüberlassen. Er selbst war seinen Männern heute an dievorderste Front gefolgt, um diesen ein Beispiel an Mut undOpferbereitschaft zu geben. In gewisser Hinsicht warLeukos Entscheidung, sich selbst mitten in das Schlachtge-tümmel zu werfen, nicht besonders weise, denn er setztesich trotz seiner massiven, mit zusätzlichen Panzersegmen-256
  • 254. ten verstärkten Vollkörperrüstung und dem sie umgeben-den Schutzfeld der Gefahr aus, dass er verletzt oder gargetötet wurde.Doch er ignorierte diese Dinge, denn inzwischen war derZorn in seinem Inneren so sehr angewachsen, dass er nichtlänger in einem der schweren Donar Panzer ausharrenkonnte.Der Feldherr hatte sich mit Hilfe von Iratium, einer ag-gressionssteigernden Neurodroge, die gleichzeitig seinenMetabolismus verstärkte, in einen Kampfrausch versetzt,obwohl der Gebrauch dieser Substanz eigentlich nichterlaubt war. Aber auch über diese Vorschrift hatte sich derstreitbare Heerführer hinweggesetzt, denn sein Innerstesschrie laut nach Blutrache und Vergeltung. Monatelang wardie Wut über den unglaublichen Verrat des Juan Sobos inLeukos Kopf angeschwollen und hier auf dem Schlachtfeldforderte sie endlich ihren Tribut.Der riesenhafte Sturmtank hinter ihm ließ das Feuer seinerRotationskanonen auf die feindlichen Gräben regnen undmähte Dutzende von Milizsoldaten nieder. Hinter ihmtauchten jetzt weitere Panzer auf, um ihre schweren Plas-ma- und Lasergeschütze aufheulen zu lassen.Hunderte von Soldaten des Poros verließen derweil ihreStellungen und gingen mit lautem Gebrüll zum Gegenan-griff auf die terranischen Legionäre über. Leukos bewun-derte für einen kurzen Augenblick den Mut der feindlichenMilizionäre, die mit gezückten Nahkampfmessern undfeuernden Blastern auf die einen Schildwall bildendenLegionssoldaten zurannten. Unzählige Pila flogen ihnenentgegen und hagelten mit lauten Explosionen auf dieangreifenden Trupps der Milizsoldaten ein.Die Terraner hatten sich erneut einen Frontabschnittausgesucht, der nur von den schlecht ausgebildeten und 257
  • 255. unzureichend gerüsteten Männern der planetaren Streit-kräfte gehalten wurde. Hier hofften sie, leichter durch diegegnerischen Linien stoßen zu können.»Formation lockern!«, brüllte Leukos durch das Vox-Transmitter-Netzwerk. Seine Männer stoben auseinanderund eilten mit Schild und Gladius bewaffnet auf die Milizi-onäre zu.Laserstrahlen trafen das Schutzfeld, welches ein Miniatur-reaktor auf dem Rücken des Oberstrategos erzeugte, undspritzen als Querschläger in alle Richtungen fort. An derSpitze seiner Männer sprang er mitten in den Haufen derMilizsoldaten hinein und ließ sein Kurzschwert wirbeln.Neben ihm wühlte ein schwerer Geschütztreffer denBoden auf und zerfetzte eine Gruppe Legionäre. Offenbarhatten die Gegner jetzt erkannt, was Leukos und seineMänner vorhatten.Mit gezielten Kopfschüssen tötete der Oberstrategos zweiMilizionäre und rammte einem dritten die Klinge seinesSchwertes in die ungeschützte Kehle. Seine berserkerhafteWildheit und seine wütend gebrüllten Befehle spornten dieihm folgenden Legionäre ebenfalls an und ließen sie ineinen wahren Kampfrausch verfallen.»Tötet die Diener des Verräterarchons!«, schrie Leukos ausLeibeskräften und seine Männer glitten langsam in eineblutrünstige Raserei ab.Während sich die ranghohen Offiziere der feindlichenArmee hinter ihren Soldaten in gesicherten Positionenverkrochen, hackte und schoss sich der Oberstrategosdurch die Stellungen seiner Gegner und verachtete dietödlichen Gefahren dieser Schlacht vor aller Augen.Zahllose dunkelrote Blutspritzer bedeckten inzwischen denweißen Brustpanzer seiner Feldherrenrüstung und Leukoswurde nicht müde, noch mehr Feinde zu töten.258
  • 256. Währenddessen versuchte Throvald von Mockba, der sichbemühte, sämtliche Truppen im Blick zu behalten, dieAngriffe der Loyalistenarmee zu steuern. Dort, wo sich dieterranischen und thracanischen Legionäre gegenüberstan-den, war es nicht so einfach, durch die gegnerischen Linienzu brechen. Hier hatten sich beide Seiten ineinanderverhakt und niemandem gelang es, die Oberhand zugewinnen. Die Milizsoldaten, welche Magnus Shivas undAswin Leukos folgten, hatten ihrerseits mit den Kampfläu-ferschwadronen und Panzern von Poros Armee zu tun, dieebenfalls versuchten, gerade dort durchzubrechen, wokeine Legionäre die Stellungen hielten.Aswin Leukos hatte davon wenig mitbekommen, denn seinwütender Tunnelblick richtete sich nur noch auf denjeweils nächsten Gegner. Vor ihm tat sich ein weiteresSystem hastig ausgehobener, langer Gräben auf, in denennoch mehr Milizsoldaten des Poros hockten und verzwei-felt zurückschossen. Die vorrückenden Legionäre antwor-teten erneut mit Pila und Granaten, deren Detonationenzwischen den Grabenwänden aufleuchteten.»Beeilt euch, Männer! Folgt eurem Heerführer!«, brüllteLeukos und hastete von einer Deckung zur nächsten, umdann mit einem lauten Kriegsschrei in einem tiefen Erd-aushub zu verschwinden. Seine Legionäre rannten ihm miterhobenen Schilden durch das blitzende Feindfeuer hin-terher. Nur Sekunden später waren sie mit den Milizsolda-ten des Poros in ein wildes Hauen und Stechen auf kurzeDistanz verwickelt.Ihr jahrelanger Drill machte sie dem Gegner überlegenund das perfekt einstudierte Töten der Legionsausbildungzeigte seine Wirksamkeit in dem Blutbad, das jetzt dasGrabensystem erschütterte. Leukos wusste, dass dieBlicke seiner Männer auf ihn gerichtet waren und hackte 259
  • 257. sich mit hasserfülltem Geschrei durch die panischenFeinde. Einige ungezielte Schüsse streiften sein Schutz-feld, bevor die Schützen einem Wirbel von Hieben zumOpfer fielen.»Für Credos Platon! Für die aureanische Kaste! Für dasheilige Goldene Reich! Tod dem Verräterarchon undseinen Lakaien!«, rief Leukos so laut er konnte und hobden abgeschlagenen Kopf eines Milizsoldaten vor denAugen seiner jubelnden Legionäre in die Höhe.»Ihr müsst kommen, Herr! Wir haben Probleme!«, schalltees plötzlich aus seinem Vox-Transmitter. Es war Throvaldvon Mockba.»Bei Malogor! Was ist los?«, herrschte ihn der General an.»Herr, es sieht an einigen Stellen gar nicht gut aus. UnsereMilizsoldaten stehen kurz davor zu fliehen!«, schnaufteThrovald.»Verflucht!«, fauchte der Oberstrategos und kletterte ausdem Graben heraus.Wenig später hatte ihn der Kommandopanzer wiederaufgelesen und Leukos eilte zu den holographischenBildschirmen und Monitoren, die den größten Teil desSchlachtfeldes zeigten.»Riskiert nicht sinnlos Euer Leben, Herr! Ihr seid nichtunverwundbar!«, kritisierte ihn sein Stellvertreter.»Warum ist unsere rechte Flanke gefallen?«, schrie Leukosaufgebracht.»Der Angriff unserer Milizsoldaten wurde abgewiesen,zudem haben wir im Zentrum viele Legionäre durch diefeindlichen Geschütze verloren …«, erläuterte Throvaldbesorgt.»Die Erfolge, die wir hier erkämpft haben, werden alsodurch die Feigheit und Unfähigkeit unserer Verbündetenzu Nichte gemacht!«, schimpfte der Oberstrategos.260
  • 258. »Wir müssen sofort etwas unternehmen …«, bemerkte seinStellvertreter lediglich.»Wo ist Magnus Shivas?«»Er ist in Planquadrat 45-R in seinem Gefechtsstand«,antwortete Throvald.Fluchend griff Leukos zur Sprechanlage und ließ sich mitdem Thracanos verbinden.»Warum ziehen sich Eure Truppen zurück, Statthalter?«,wetterte der Oberstrategos, während ihn Shivas zu beruhi-gen versuchte.»Es geht nicht anders! Der Feind ist uns hier überlegenund wir dürfen unsere Soldaten nicht noch weiter sinnlosopfern«, warnte der weißhaarige Mann.»Sinnlos opfern? Wenn der Feind unsere rechte Flankeüberrennt, dann zerbricht unsere Formation und wirverlieren die Schlacht!«, brüllte ihn Leukos an.»Vertraut mir, Oberstrategos! Wir haben Poros Soldatenlange genug aufgehalten. Sie werden bald eine unangeneh-me Überraschung erleben«, gab Shivas zurück.»Was meint Ihr damit, Statthalter?«»Wartet noch etwas ab, Leukos. Vertraut mir einfach. Wirwerden uns jetzt gänzlich aus unseren Stellungen zurück-ziehen und unsere Flucht vortäuschen. Sie werden unsnachsetzen und sich sicher fühlen. Und sie werden selbstihre Stellungen und Gräben verlassen, um uns zu verfol-gen, General.«»Habt Ihr den Verstand verloren, Shivas?«»Nein! Stellt Eure eigenen Angriffe jetzt ebenfalls ein undgebt auch Euren Soldaten den Befehl, sich zurückzuzie-hen«, sagte der Statthalter ruhig.»Was? Warum?«»Tut es! Sofort!«, schrie Shivas durch den Vox-Transmitter. 261
  • 259. »Ich werde Euch persönlich töten, wenn wir diese Schlachtwegen Eurer taktischen Fehler verlieren, Statthalter!«,drohte Leukos.»Ja, tut das!«, erwiderte sein Verbündeter emotionslos.Widerwillig ließ der Oberstrategos seine vorstürmendenTruppen und Panzer anhalten. Schließlich zogen sie sichsogar zurück.Es dauerte nicht lange, da nahmen Poros Verbände dieVerfolgung ihrer Gegner auf und rannten euphorisch ausihren Deckungen und Grabensystemen heraus. VollerVorfreude darauf, den Feind jetzt vernichtend zu schlagen,entfernten sich Tausende von thracanischen Milizsoldatenund Legionären vom Fuße des Lavarmassivs und drangenweit in das ausgedehnte, flache Land vor der Gebirgsketteein.Plötzlich erschienen große Schwärme von Transportglei-tern am Horizont, die sich sofort auf die unter ihnenliegende Ebene herabstürzten. Verdutzt stoppten PorosTruppen ihren Vormarsch, als hinter ihnen zahlreicheFlieger landeten, deren Bäuche sich augenblicklich öffne-ten, um Tausende von Legionären auszuspucken. DieSoldaten aus den Transportgleitern gingen augenblicklichzu einem stürmischen Angriff über und ergriffen diefeindliche Armee in ihrem ungeschützten Rücken. Ge-bannt starrte Aswin Leukos auf den holographischenBildschirm vor seiner Nase und wusste nicht, was er nochsagen sollte. Schließlich knisterte der Vox-Transmitter inseinem Helm und Magnus Shivas meldete sich.»Habt Ihr etwa Medios Vaanhuist vergessen, Oberstrat-egos? Ich habe doch gesagt, dass er versprochen hat, unszu helfen!«, sagte der alte Thracanos nüchtern.262
  • 260. Das Leid kehrt zurück»Seht doch, was sie euren Brüdern angetan haben! Sehtdieses schreckliche Massaker, das Shivas und Leukos überdie unschuldige Stadt San Favellas gebracht haben!«, riefNero Poros, während riesenhafte Leinwände, die überallam Rande der Menschenmasse aufgestellt worden waren,furchtbare Szenarien aus Blutvergießen und Zerstörungzeigten.Der neue Statthalter von Thracan hatte hier, in der vonrötlichem Sand bedeckten Ebene von Rodlan, unweit dervernichteten Stadt San Favellas, unzählige von Anaurea-nern versammelt, die er als Soldaten für seine Miliztruppengewinnen wollte. Auf seine Worte antworteten die Ange-hörigen der unteren Kaste mit einem rachsüchtigen Ge-brüll und reckten ihre Fäuste in die Höhe.»Jetzt haben sich die Verhältnisse geändert, meine anau-reanischen Freunde! Jetzt wird es Zeit, das unsagbareVerbrechen von San Favellas zu rächen und MagnusShivas endlich zu bestrafen! Ich gebe euch Blaster, ichgebe euch Granaten, ich gebe euch Messer, damit ihr euchdie Freiheit erkämpfen und Vergeltung für den Massen-mord an euren Brüdern üben könnt!«, hallte Poros Stimmevon einem großen Podest herunter zu der aufgehetztenMenge.Hinter dem kaiserlichen Verwalter hatte sich eine Vielzahlvon thracanischen Senatoren der Optimatenfraktionversammelt, welche die zornigen Anaureaner vor sichungerührt betrachteten.»Viel zu lange schon lebt ihr in Armut und Unterdrückung,doch nun ist auf Terra euer Befreier erschienen! Der neueArchon der Gerechtigkeit, Juan Sobos! Er ist euer Freund, 263
  • 261. genau wie ich euer Freund bin, doch ihr müsst uns helfen,die zu vernichten, die euch vernichten wollten!«, predigteNero Poros mit donnernder Stimme.Mit einer kurzen Handbewegung signalisierte er einigenMännern, die vor den Kontrollkonsolen der holographi-schen Leinwände standen, dass sie die furchtbaren Bilderdes zerstörten San Favellas noch einmal in schneller Folgeabspielen sollten.Langsam verfiel die Masse der Anaureaner in eine regel-rechte Raserei und ein hasserfülltes, rachsüchtiges Brüllengrollte über die Ebene von Rodlan.»Was soll mit Magnus Shivas geschehen?«, rief Poros.»Tötet ihn! Tötet ihn! Tötet ihn!«, antwortete die aufge-brachte Menge im Chor.»Was soll mit Aswin Leukos geschehen?«, wiederholte derStatthalter und ballte grimmig die Fäuste.»Tötet ihn! Tötet ihn! Tötet ihn!«, schallte es zu ihm ausTausenden von Kehlen herüber.»Was soll mit all unseren Feinden geschehen, meineFreunde?«»Töten! Töten! Töten!«Nachdem sich die Anaureaner heiser geschrien hatten,kamen auf einmal zahlreiche Transportgleiter vom Himmelund landeten inmitten der geifernden Menschenmasse. DieFluggeräte brachten Waffen und Munition zu den Angehö-rigen der unteren Kaste, die mit gierigen Händen nachjedem Blaster griffen, der ihnen gegeben wurde.Nero Poros war inzwischen wieder zu seinen politischenMitstreitern gegangen, die die kriegslüsternen Anaureanernoch immer mit abschätzigen Blicken musterten.»Sie sind so einfach zu überzeugen«, flüsterte der Statthal-ter einem Senator ins Ohr und dieser lächelte.264
  • 262. »Und sie sind ideales Kanonenfutter. Gut, um unserewertvolleren Truppen zu schonen«, erwiderte der Nobilekalt.Derweil hoben die Anaureaner ihre Blaster in die Höheund machten den Eindruck, als ob man sie regelrechthypnotisiert hatte. Ihr aggressives Geschrei, das wildeRangeln und Toben nahm mit jeder verstreichendenSekunde zu. Schließlich ging Nero Poros wieder zurück aufdie Bühne und breitete seine Arme wie ein Prediger aus.Sein wallendes Gewand und sein roter Umhang wurdensanft von einer leichten Brise ergriffen, die jetzt über dieEbene von Rodlan wehte, so dass sie gleich einer Fahneflatterten. Langsam wurden die Anaureaner wieder ruhigerund blickten gebannt auf den neuen Statthalter von Thra-can, der sich bemühte, ihnen als ihr Befreier zu erscheinen.»Ihr seid nur ein kleiner Teil der großen anaureanischenArmee, die wir aufstellen werden, um die Verbrecher vonSan Favellas zu vernichten. Geht hinaus und sagt es eurenKastenbrüdern, dass ihnen Nero Poros Waffen gibt, damitsie sich die Freiheit erkämpfen können!«, tönte die markigeStimme des kaiserlichen Stellvertreters aus den Vox-Verstärkern.Die anaureanische Menge begann wieder mit ihremGetöse und Blasterfeuer zischte gen Himmel. Inzwischenumspielte Poros Mund ein arrogantes Schmunzeln,während er die Angehörigen der unteren Kaste betrachte-te, die sich über ihre neuen Waffen wie frisch beschenkteKinder freuten.»Was haben Sie gesagt, Kapitän?«, stammelte ZenturioSachs und war kurz davor, in Ohnmacht zu fallen.Der Kommandeur des Frachtschiffes sah ihn eindringlichan und erwiderte: »Ja, das hat der Mann von der Orbital- 265
  • 263. überwachung tatsächlich gesagt. Da unten auf Thracansind Kämpfe ausgebrochen und er hat uns gewarnt, denPlaneten anzufliegen.«»Kämpfe?«, stieß der Legionsoffizier entgeistert aus.»So glauben Sie mir doch. Ich lüge nicht. Der Typ hat mirerzählt, dass die Truppen des alten und neuen Statthaltersauf dem Nordkontinent miteinander kämpfen.«»Dann ist dort unten Krieg?«»Ja, so wie ich verstanden habe. Allerdings vor allem aufdem Nordkontinent. Zudem hat mir der Kerl gesagt, dassdas orbitale Verteidigungssystem von terranischen Schlacht-schiffen zerstört worden ist und er nicht mehr für unsereSicherheit garantieren kann, wenn wir auf Thracan landenwollen«, meinte der Kapitän.»Terranische Schlachtschiffe haben Thracan angegriffen?Etwa Aswin Leukos?«, wunderte sich Sachs.»Ja, genau! Diesen Namen hat er auch genannt. Ist dasnicht der Oberstrategos von Terra?«»Bei Malogor! Das ist er! Leukos ist auf Thracan?«»Es hörte sich so an, Zenturio …«»Ich … ich muss mit ihm Kontakt aufnehmen. Er ist meinOberkommandierender, Kapitän!«, rief Sachs verstört.»Das haben Sie bereits des Öfteren erwähnt. Was machenwir denn jetzt?«»Warten Sie, bevor Sie den Thracanai antworten. Ich musszuerst mit Leukos sprechen«, antwortete der Zenturio undrannte aus dem Kommandoraum des Frachters. EinigeBesatzungsmitglieder und der Kapitän sahen ihm fragendhinterher.Inzwischen hatte die Solon das Proxima Centauri Systemfast erreicht und stand kurz davor Thracan anzufliegen.Voller Freude und Erleichterung verharrten die Überle-benden der Colod-Mission in den Korridoren und Lager-266
  • 264. hallen des Raumfrachters, während Zenturio Sachs ver-suchte, Aswin Leukos zu erreichen.Es dauerte nicht lange, da war er in ein verstörendesGespräch mit dem Oberstrategos verwickelt. Dieserforderte ihn auf, mit seinen Soldaten sofort zum Legions-lager nördlich von Lethon zu kommen, denn es zähltejeder Mann, wie Leukos betonte.Zenturio Sachs eilte daraufhin zurück in den Kontrollraumdes Frachters und wies den Kapitän an, sie auf den thraca-nischen Nordkontinent zu bringen.»Erzählen Sie den Thracanai, dass die Solon lediglich einharmloses Transportraumschiff ist, das nur einige Maschi-nenteile nach Lethon bringen will«, schärfte Sachs demMann ein. Dieser musste sich dem Befehl des terranischenOffiziers beugen und tat, was ihm befohlen wurde.Wenig später hatte Sachs, dessen eigene Träume vonUrlaub, Frieden und einem Heimflug nach Terra soebenzerplatzt waren, die unangenehme Aufgabe, seinen Män-nern die Nachricht zu verkünden, dass auf Thracan offen-bar ein Bürgerkrieg ausgebrochen war. Und diesen Kriegführten ihre Kameraden unter dem Befehl von AswinLeukos selbst.»Sag mir, dass das nicht wahr ist!«, jammerte Flavius, als erSachs Worte hörte, während Kleitos den Zenturio lediglichmit offenem Mund angaffte.Mehr und mehr Legionäre begannen jetzt aufgeregt zutuscheln und einige stießen wüste Flüche aus oder tratenvor Wut gegen die Wände. Ihr Anführer machte sich nichtmehr die Mühe, sie zu rügen oder gar zu disziplinieren.Nun hatten sie die beschwerliche, nervtötende Reise anBord der Solon fast hinter sich gebracht, um direkt in dienächste Katastrophe hinein zu schlittern. 267
  • 265. Warum der Oberstrategos und seine Flotte überhauptwieder nach Thracan zurückgekehrt waren, konnten siesich nicht erklären. Genau so wenig machten die Meldun-gen über die Kämpfe, die jetzt auf dem wichtigsten Plane-ten des Proxima Centauri Systems ausgebrochen waren,einen Sinn. Aber das war nichts Neues, denn Sinn hattenbereits der gesamte Thracan-Feldzug und alle ihm nachfol-genden Ereignisse auch nicht gemacht.»Der Göttliche hat uns verflucht!«, schrie Kleitos undschleuderte wutentbrannt seinen Schild gegen die Wand.Flavius war inzwischen in sich zusammengesunken undsagte nichts mehr. Er hämmerte lediglich mit der Faust aufden schmutzigen Boden des Lagerraums und nuschelte vorsich hin.»Wir werden für alle Zeiten durch das All fliegen undirgendwann wird es uns endlich erwischen!«, zeterte Ja-rostow mit Tränen in den Augen.Zenturio Sachs war schon wieder verschwunden, umweitere Befehle von Aswin Leukos zu empfangen. Schließ-lich erfuhr er vom Oberstrategos, was der eigentlicheGrund für den Thracan-Feldzug gewesen war. Ungläubigvernahm Manilus Sachs die Nachricht vom ungeheuerli-chen Verrat des Sobos, dem hinterhältigen Überfall auf dieterranische Flotte im Kuipergürtel und der Absetzung vonMagnus Shivas als Statthalter von Thracan. Wenig späterwussten es auch die übrigen Soldaten auf der Solon undeine Atmosphäre aus Wut, Enttäuschung und Rachsuchtmachte sich unter ihnen breit. Auf der Oberfläche vonThracan wartete ein aufkeimender Bürgerkrieg auf sie unddiesmal war er kein Hirngespinst, sondern blutige Wirk-lichkeit …268
  • 266. Nach der Schlacht um Nivelberg liefen einige Regimenterder planetaren Milizen zu Leukos über. Fünf thracanischeLegionen, die Poros inzwischen die Gefolgschaft aufge-kündigt hatten, folgten ihnen. Der terranische Oberstrat-egos und Magnus Shivas hatten den gegnerischen Offizie-ren noch einmal erklärt, was ihnen widerfahren war undwelche Pläne der neue Archon auf Terra tatsächlich für dasGoldene Reich hatte.Waren die thracanischen Legaten dem neuen Statthalterzunächst in blindem Gehorsam gefolgt, so kamen einigevon ihnen langsam ins Nachdenken, für wen sie hier ihrLeben opfern sollten. Da Magnus Shivas in den Jahrenseiner Amtszeit ein äußerst beliebter Mann gewesen war,hatte er bei vielen Legionsoffizieren und Soldaten nochimmer ein hohes Ansehen, was die Überzeugungsarbeit beieinigen Gegnern deutlich erleichterte.Doch der Feind war nach wie vor zahlenmäßig haushochüberlegen und mit jedem verstreichenden Tag festigte erseine Position ein wenig mehr. Große Truppenverbändeversammelten sich rund um Remay und an vielen anderenOrten, um in den nächsten Wochen nach Norden zumarschieren. Leukos und Shivas fehlte es hingegen anallem. Sie hatten keinen Zugriff auf die planetare Infra-struktur von Thracan und es mangelte ihren Truppenbereits jetzt an Energiezellen, Munition und vielen anderenDingen, die ihre Armee so notwendig brauchte, wie dermenschliche Körper Wasser und Luft.Daher galt es nun, so schnell wie möglich eine besserestrategische Position zu erkämpfen, um neue Ressourcenzu bekommen. Weiter im Süden befand sich die thracani-sche Megastadt Lethon, eines der wichtigsten Industrie-und Verwaltungszentren auf dem nördlichen Kontinent.Hier gab es Nahrungsmittel und wichtige Rohstoffe, auf 269
  • 267. welche die sich gerade erst bildende Loyalistenarmeekeinesfalls verzichten konnte. Magnus Shivas erklärteseinem terranischen Verbündeten, dass die EinwohnerLethons zu einem beträchtlichen Teil wütend auf NeroPoros sein mussten, da dieser ihren allseits beliebtenMagistraten hatte hinrichten lassen. Somit waren sie AswinLeukos gegenüber vermutlich nicht allzu feindlich einge-stellt, wie der thracanische Nobile meinte.Der Oberstrategos fürchtete hingegen, dass seine Armeevon den Soldaten des Poros zu einer mühsamen Belage-rung gezwungen werden würde, doch Shivas hielt das fürunwahrscheinlich. Ein Krieg auf ihrer Heimatwelt warauch für die meisten Thracanai eine eher abstrakte Vorstel-lung, denn hier hatte es, ähnlich wie auf Terra, eine überGenerationen andauernde Friedenszeit gegeben. Dieeinzigen kriegsgeschulten Männer auf Thracan warendaher die Berufssoldaten der Legion und die Männer derplanetaren Milizen. Dass sich nun ein Konflikt anbahnte,der eines Tages vielleicht das gesamte Proxima CentauriSystem und schließlich sogar das ganze Goldene Reich wieein Flächenbrand entzünden konnte, blieb für die meistenThracanai nach wie vor eine kaum vorstellbare Angelegen-heit.Die Angehörigen der aureanischen Kaste hatten selbst imFalle der brutalen Vernichtung von San Favellas wederMitleid noch Genugtuung empfunden. Dieser Kampf warweit entfernt von ihren schönen Städten ausgetragenworden und somit fühlten sie sich in der Masse auch kaumvon ihm betroffen. Anders war es jedoch bei den Anau-reanern, die sich jetzt, getrieben von Rachsucht undRebellionsgeist, leicht vor den Karren des neuen Statthal-ters spannen ließen. Alles in allem konnte niemand genauvoraussagen, was als nächstes geschehen würde. Eines war270
  • 268. mittlerweile jedoch sicher: Friedlich würden sich die beidenverfeindeten Parteien nicht einigen …Inzwischen war auch Flavius klar geworden, dass er aufThracan keinen Frieden finden würde. Der Rest derterranischen Streitkräfte unter Führung von Aswin Leukoswar bereits wieder mitten in einem bewaffneten Konfliktgefangen und schon bald würden auch er und die übrigenSoldaten der 562. Legion, welche die schreckliche Colod-Mission überlebt hatten, erneut auf einem Schlachtfeldstehen.Die Hoffnung auf eine baldige Rückreise nach Terra warschon wieder verflogen und Flavius kam es vor, als hätteihn das Schicksal aus lauter Bösartigkeit in einen niemalsendenden Alptraum geschickt.»Der Göttliche straft uns für unsere Dekadenz. Er gönntuns das schöne Leben nicht mehr und will uns wohlunbedingt tot sehen«, sagte Princeps leise in Richtungseines Freundes Kleitos.Dieser konterte: »Das hätte er aber auch einfacher habenkönnen. Es gab ja genügend Möglichkeiten uns krepierenzu lassen … San Favellas … Colod …«»Vielleicht hasst er uns und will, dass wir noch ein wenigleiden, Jarostow«, warf ihm Flavius verzweifelt an denKopf.»Hör endlich mit diesem Geschwätz auf!«, schimpfteKleitos und ließ seinen depressiven Kameraden allein inder Lagerhalle zurück.Ein älterer Legionär, der das Gespräch mitgehört hatte,drehte seinen Kopf in Richtung des jungen Rekruten undnickte zustimmend. Er war eine traurige Gestalt. SeinGesicht war von einem schwarzen Bart überwuchert und 271
  • 269. traurige, leere Augen lugten aus tiefliegenden Höhlen, dievon zahlreichen Falten und Furchen umgeben waren.»Du hast Recht, Bursche! Die Kräfte hinter dem Univer-sum haben es auf uns abgesehen. Das sehe ich auch so«,brummte er.»Was gehst du denn auf das wirre Zeug von diesem Grün-schnabel ein, Hignir?«, grollte sein Nachbar erbost undstarrte Flavius feindselig an.»Schon gut …«, winkte Princeps ab.»Immer dieses dumme Gequatsche von dir! Ich rate dir,jetzt mal die Fresse zu halten, sonst bekommst du wasdrauf!«, drohte der kräftige Berufssoldat.Flavius antwortete mit einem verächtlichen Zischen undging ebenfalls aus der hässlichen Lagerhalle hinaus, umsich irgendwo auf dem Frachter ein ruhiges Plätzchen zusuchen. Irgendwann saß er in einem schäbigen Aufent-haltsraum im hinteren Teil des Handelsschiffs. Hier hieltensich hauptsächlich Männer von der Handelsgilde auf, dieihn mit wenig Begeisterung musterten. Die Besatzungsmit-glieder der Solon mussten auch froh sein, wenn sie dieLegionäre endlich auf Thracan absetzen konnten.Es war im Verlauf dieses langen Raumfluges zu keinerleiAnnäherung zwischen den Handelsleuten und den terrani-schen Soldaten gekommen. Im Gegenteil, denn Ersterehatten nach einer Fülle von gewalttätigen Zusammenstö-ßen mit den frustrierten und von Platzangst gequältenLegionären inzwischen Angst vor ihren Gästen. Dahergingen sie ihnen so gut es ging aus dem Weg, obwohl dasbei einem nicht allzu großen Handelsfrachter wie derSolon kaum möglich war.Zwei Angehörige der Handelsgilde waren schon vorMonaten von einer randalierenden Rotte von Berufssolda-ten getötet worden. Ein weiterer war wenig später tot im272
  • 270. hinteren Teil der Maschinenräume des Frachters aufgefun-den worden. Danach hatte sich die Situation an Borddermaßen zugespitzt, dass Zenturio Sachs hart hattedurchgreifen müssen. Der vernarbte Veteran, der selbstimmer wieder von klaustrophobischen Anfällen heimge-sucht wurde, war selbst zur Tat geschritten und hatte zweivollkommen dem Wahnsinn verfallene Soldaten mit demBlaster getötet.Aber jetzt war diese Höllenfahrt fast vorbei, sagte sichFlavius. Bald würden sie alle die Enge der Solon mit derWeite eines thracanischen Schlachtfeldes vertauscht haben.Mit müden Handbewegungen öffnete Princeps seinenKommunikationsboten und begann damit, einen ho-lographischen Brief an Eugenia zu verfassen. Was wohlaus ihr geworden war?»Liebe Eugenia!Ich weiß nicht, ob dich diese Zeilen jemals erreichen, aberich hoffe es sehr. Wir sind jetzt kurz vor Thracan undhaben die Colod-Mission nur durch Glück überlebt. Duwirst nicht glauben, was wir auf diesem Eisplaneten gese-hen haben. Das erzähle ich dir irgendwann in einer ruhigenMinute, wenn wir uns endlich wiedersehen …«Aswin Leukos hatte sämtliche unter seinem Befehl stehen-den Soldaten, wozu nun auch jene Truppen gehörten, dieMagnus Shivas nach Nivelberg gefolgt waren, weiter nachSüden vorrücken lassen. Inzwischen lagerte die Loyalisten-armee einige Kilometer von Lethon entfernt auf einerEbene. Morgen schon, so hatte der Oberstrategos ange-ordnet, sollte sie die zweitgrößte Metropole des thracani-schen Nordkontinents Groonlandt angreifen und die dort 273
  • 271. stehenden Soldaten des Poros aus der Stadt werfen. Wieviele Feinde in Lethon stationiert waren, konnte zu diesemZeitpunkt niemand sagen und auch die Spähgleiter, welcheLeukos entsandt hatte, um die Lage zu sondieren, hattenbisher nur ungenaue Informationen liefern können.Magnus Shivas saß im Zelt des Oberstrategos auf einemniedrigen Hocker und betrachtete nachdenklich die kleineFusionslampe in der Ecke, welche die Dunkelheit dieservon Unruhe und Anspannung bestimmten Nacht einwenig zurücktrieb. Der ehemalige Statthalter wirkte trotzder aristokratischen Gesichtszüge, die seinem von kleinenFalten durchzogenen Gesicht stets einen Hauch vonErhabenheit verliehen, irgendwie bedrückt.»Worüber denkt Ihr nach?«, fragte ihn Leukos und setztesich ihm gegenüber.Sein Verbündeter seufzte und griff nach einer Wasserfla-sche, um einen Schluck zu trinken.»Was wird aus dieser ganzen Sache werden, Oberstrategos?Stehen wir am Vorabend eines gewaltigen Bruderkrieges?«,flüsterte Shivas und richtete seine den Schein der kleinenLampe reflektierenden blauen Augen auf den terranischenGeneral.»Ich kann es nicht sagen, Statthalter. Mir ist es oft selbstschleierhaft, warum wir überhaupt noch kämpfen. Aberwir tun es vermutlich einfach, um zu überleben«, erwiderteLeukos.»Das ist es ja gerade, Oberstrategos!«, brummte Shivas.»Wir kämpfen wohl auch aus einem gewissen Pflichtgefühlheraus oder weil wir uns verraten fühlen, aber so richtigdefinieren können wir den Grund nicht. Wenn wir morgengegen die Stadt Lethon ziehen, dann wird uns dort kaumjemand zujubeln, selbst wenn wir es schaffen, sie einzu-nehmen«, meinte der Thracanos betrübt.274
  • 272. Sein Gesprächspartner sah ihn verwundert an und sprach:»Wir kämpfen für das Erbe des ermordeten Imperatorsund gegen die Feinde unserer Kaste. Eigentlich müsste unsein jeder Aureaner auf Thracan zujubeln, denn wir opfernuns ja für ihn und die Zukunft seiner Kinder. Das Schick-sal des gesamten Goldenen Reiches steht hier auf demSpiel. Ich weiß, was Juan Sobos und seine verfluchtenOptimaten vorhaben …«Shivas strich sich mit der Hand durch seine glatten, weißenHaare und lächelte ein wenig sarkastisch, als er das hörte.»Wisst Ihr, Oberstrategos! Die meisten Aureaner aufThracan werden sich aus diesem Krieg heraushaltenwollen. Ihnen geht es in der Masse so gut, dass sie in ihrerfriedlichen Welt weder durch uns noch durch Nero Porosgestört werden wollen. Es ist ihnen im Grunde auchvollkommen gleichgültig, ob ein Credos Platon oder einJuan Sobos auf dem Thron des Imperiums sitzt, so langesie weiterhin ihr Leben voller Wohlstand und Unterhaltungleben können. Dieser Krieg ist für sie ein Krieg zweierverfeindeter Könige, die ihre Berufssoldaten auf dieSchlachtfelder mitbringen, damit sie untereinander ausma-chen können, wer von ihnen der Stärkere ist«, sagte derentmachtete Stellvertreter des Kaisers.Sein Verbündeter von Terra schien diese Dinge nichthören zu wollen und stand von seinem Platz auf. Dannschritt er durch das Zelt und krallte sich mit seiner Handan einem kleinen Tisch fest.»Aber der eine König arbeitet aktiv für die Zerstörung deraureanischen Zukunft, während der andere König, alsodemnach wir, für deren Erhaltung kämpft!«, knurrte AswinLeukos.»So lange es den Angehörigen unserer Kaste noch so gutgeht, werden sie von derartigen Dingen nichts wissen 275
  • 273. wollen. Sie werden uns lediglich als Störenfriede betrachtenund kaum einer von ihnen wird bereit sein, für irgendwel-che Ideale auf dem Schlachtfeld zu fallen«, erklärte Shivasnüchtern.»Aber wenn Sobos die Ordnung des Goldenen Reicheszerstört, wird es auch für die meisten Aureaner auf Dauermit all dem Wohlstand vorbei sein. Das ist nur eine Frageder Zeit. Dieser Hund und seine raffgierigen Kumpanenhaben nämlich nicht vor, den Aureanern ihren Besitz zulassen!«, gab Leukos zurück.Der in die Jahre gekommene Thracanos blickte den terra-nischen Feldherren an, wie ein lebenserfahrener Manneinen jugendlichen Heißsporn.»So lange sie es nicht am eigenen Leib spüren, werden siekein Verständnis dafür haben, dass wir überhaupt in ihrerGegenwart kämpfen«, sagte er dann.»Ach?«, zischte Leukos verärgert. »Vielleicht sollten wir siezwingen, ihre Passivität aufzugeben! Wie wäre es, wenn icheinige von unseren lethargischen Kastengenossen einfachzu ihrer Pflicht dränge?«»Das wäre nicht sonderlich weise, denn dann würden sie inEuch einen Tyrannen sehen und erst recht Sympathien fürden neuen Statthalter entwickeln«, warnte Shivas seinenungehaltenen Verbündeten.»Dieser Poros ist unrechtmäßig an die Macht gekommen.Ein falscher Imperator hat ihn in sein Amt eingesetzt!«,schnaubte der Oberstrategos.Sein thracanischer Gefährte sah ihn mit der desillusionier-ten Miene eines alten Mannes an, was Aswin Leukos nurnoch wütender machte.»Glaubt mir, Oberstrategos! Ich stimme Euch ja in allemzu, was ihr sagt, aber die Masse unserer Kastengenossen276
  • 274. versteht die großen politischen Zusammenhänge dochüberhaupt nicht.Sie haben mich vielleicht sogar mehr gemocht als sie NeroPoros mögen, aber das wird nichts daran ändern, dass sieweder für uns noch für ihn allzu viel riskieren werden.Jedenfalls nicht, so lange sie noch in derart sicheren Ver-hältnissen leben. Unsere Kaste ist schon seit langer Zeitmüde und übersättigt. Der gewöhnliche Aureaner würdeerst dann kämpfen wollen, wenn er nichts mehr zu verlie-ren hat. Aber noch hat er viel zu verlieren und er denktnicht im Traum daran, sein gutes Leben aufzugeben, umuns und unseren Idealen zu folgen«, meinte Shivas.»Wollt Ihr damit sagen, dass Juan Sobos etwa Recht hat,wenn er verkündet, dass die altaureanischen Werte, die unsgroß gemacht haben, nichts mehr als bloße Phrasen sind?«,fragte Leukos erbost.Der Statthalter lächelte ihm nur väterlich entgegen undantwortete: »Ihr seid einer der wenigen Aureaner, dieüberhaupt noch wissen, wofür diese Werte stehen. Ja,wenn Juan Sobos das gesagt hat, dann hat er leider Recht.Die altaureanischen Werte und Gesetze haben sich inZeiten gebildet, in denen unsere Ahnen um ihr Überlebengekämpft und großes Leid erfahren haben. Das ist jedochschon lange vorbei …«Aswin Leukos verzog sein Gesicht zu einer zornigenFratze und ballte die Faust.»Es deuten inzwischen alle Zeichen darauf hin, dass diesesLeid wiederkommen wird. Ob es der gewöhnliche Aurea-ner wahrhaben will oder nicht!«Die großflächigen Weizenfelder erstreckten sich überendlose Quadratkilometer und bedeckten alles, was dieAugen von Juan Sobos und seinem Sohn Misellus erfassen 277
  • 275. konnten. Hier, an der sonnigen Westküste des canmeriga-nischen Kontinents, wuchs das genetisch hochgezüchteteKorn besonders gut und erlangte mit enormer Geschwin-digkeit seine volle Reife. Diese gigantische Anbauflächewar einer von vielen Agrarsektoren, die der Familie Sobosgehörten.Aus dem goldgelben Weizenfeld lugten die OberkörperTausender Männer hervor. Dazwischen ragten kolossaleErntemaschinen in die Höhe, die die Halme abschnittenund in großen Behältern sammelten. Die menschlichenArbeitskräfte taten mehr oder weniger das Gleiche undihre Anzahl war so gewaltig, dass sie mit dem Arbeitstem-po der klobigen Ernteautomaten mithalten konnten.»Das sind aber viele Arbeiter!«, staunte Misellus und riebsich die Bauchkugel unter seiner Toga.Sein Vater lächelte stolz. »Ja, das ist wohl wahr. Sieh doch,wie schnell die Handbewegungen der Männer sind. Das istgroßartig, nicht wahr?«»Sind das alles Anaureaner?«, wollte der erstgeborene Sohndes Archons wissen.»Die meisten! Allerdings sind auch ein paar Aureanerdabei. Aber was spielt das schon für eine Rolle? Sie allearbeiten hart und schnell. Und so soll es auch sein«, erklär-te der Imperator.»Wie können sie dieses Tempo durchhalten, Vater?«,wunderte sich Misellus und ließ seinen Blick über dasendlose Weizenfeld schweifen.»Das werde ich dir gleich zeigen, mein Junge!«, murmelteder Kaiser und tätschelte das sandfarbene Kraushaar seinesErben.Juan Sobos winkte einen der Ernteaufseher zu sich herüberund der Mann verbeugte sich tief. Dann wies ihn derArchon an, einen der Feldarbeiter zu seinem Sohn zu278
  • 276. bringen. Der Diener verschwand augenblicklich und kameinige Minuten später mit einem Erntehelfer zurück.Misellus Sobos riss die Augen auf und blieb mit offenemMunde vor diesem stehen.»Wahnsinn! Das ist ja so, wie du es mir erzählt hast, Vater!Was hat er denn da für ein Ding auf dem Rücken?«, fragteder Sohn des Kaisers interessiert.»Umdrehen!«, knurrte Juan Sobos und der Arbeiter tat, wasihm befohlen wurde.Jetzt konnte man einen eckigen Metallbehälter erkennen,der auf den Rücken des Erntehelfers geschnallt wordenwar und von dessen Enden einige sensorische Kabel mitden Unterarmen und dem Hinterkopf des Mannes ver-bunden waren.»Dieses Ding ist ein Ernährer und ein Neurostimulator ineinem«, erklärte der Imperator seinem gespannt dreischau-enden Sohn. »In diesem Metallkasten werden Nahrungs-würfel aufgelöst und der Arbeiter kann somit mit Mineral-stoffen, Flüssigkeit und so weiter versorgt werden. Alleswird sofort in seine Blutbahn befördert. Zudem versorgtder Neurostimulator den Mann mit dem nötigen Arbeitsei-fer …«»Das ist genial!«, freute sich Misellus.»Aber das ist noch lange nicht alles, mein Junge!«, betonteSobos.»Muss er denn nie schlafen?«, fragte sein Sohn ungläubig.»Kaum! Eigentlich benötigt er lediglich kurze Ruhephasen,damit sich sein Kreislauf erholen kann. Wir haben einigeEingriffe im Gehirn des Erntearbeiters vorgenommen, diedazu führen, dass richtiger Schlaf kaum noch notwendigist. Er kann also fast Tag und Nacht arbeiten. Bis zu dreiJahre kann er das durchhalten, bevor er kaputtgeht«,erläuterte der Archon. 279
  • 277. Sein untersetzter Sprössling, der inzwischen schon selbstauf die Dreißig zuging, klatschte in die Hände und lachte.»Das nenne ich effektives Arbeitsmaterial, Vater!«, rief erbegeistert.»Und der Mann ist äußerst kostengünstig, Misellus!«»Aber wären Androiden nicht noch billiger und effektiver,Vater?«»Nein! Keinesfalls! Die Anschaffung und Wartung istwesentlich teurer und das Gleiche gilt für die großenErntemaschinen, die ich auf Dauer völlig durch diesemodifizierten, menschlichen Erntehelfer ersetzen möchte«,antwortete der Kaiser.»Stimmt eigentlich, Anaureaner gibt es in solchen Massen,dass man sie nicht mehr produzieren lassen muss. Da hastdu völlig Recht, Vater!«, sagte Misellus und stellte sich vorden stumpfsinnig glotzenden Erntehelfer.Die Mimik des Arbeiters war völlig ausdruckslos und seineAugen starrten kalt geradeaus. An den Schläfen warenkleine Operationsnarben zu erkennen, die von einercybernetischen Lobotomie stammten.»Der menschliche Körper ist selbst eine biologischeMaschine, deren Arbeitskraft oft von vielen unterschätztwird. Man muss diese Maschine nur richtig modifizierenund leistungsfähig machen«, meinte der Archon und seinSohn nickte bekräftigend.»Ja, Vater, ich stimme dir definitiv zu. Terra wimmelt vonbiologischen Maschinen und es wäre unklug, dieses gewal-tige Potential nicht gewinnbringend zu nutzen. Und derKerl hier kommt mir auch so vor, als wäre er nicht vielmehr als nur eine Maschine aus Fleisch und Blut«, sagteMisellus und tippte den Erntearbeiter mit dem Finger an.Dieser zuckte nur leicht und stierte weiter emotionslos amSohn des Imperators vorbei.280
  • 278. »Alle Arbeiter, die du hier siehst, haben sich freiwilliggemeldet, weil sie auf unseren Feldern besser für ihreFamilien sorgen können, als wenn sie in ihren Slums vorsich hin hungern und gar nichts haben. Und glaube mir, esgibt unzählige solcher Männer«, erläuterte der Archon miterdrückender Sachlichkeit. Sein Sohn widmete sich derweildem geistlosen Wesen vor sich.»Hallo?«, flüsterte der dickliche Erbe und fuchtelte vor denAugen des lobotomisierten Mannes mit der Hand herum.»Habt Ihr noch einen Wunsch, Herr?«, murmelte dieserleise und verneigte sich.Misellus lachte und winkte ab. Dann drehte er sich zuseinem Vater und sagte: »Der ist ja dümmer als ein Tier…«Juan Sobos antwortete auf diese Aussage mit einem Räus-pern, schließlich schob er nach: »Dieser Mann ist einvorbildlicher Untertan, vergiss das niemals, Misellus. AufMillionen Leuten wie ihm wird in Zukunft der Profitunserer Sippe basieren!«»Er soll wieder zurück an die Arbeit gehen!«, befahl derSohn des Kaisers mit unterkühlter Stimme und gab demAufseher ein Handzeichen.Als sich Leukos Truppen der Megastadt Lethon näherten,zogen sich die Soldaten des Poros fast kampflos zurück.Nur an einigen Stellen leisteten sie Widerstand, doch dieterranischen Legionäre und ihre thracanischen Verbünde-ten konnten sie nach ein paar Scharmützeln in den Straßenzurücktreiben und aus der Stadt verjagen. Offenbar hatteNero Poros vor, bald mit seiner im Süden versammeltenHauptstreitmacht den entscheidenden Schlag gegen Leu-kos zu führen. 281
  • 279. Als die Loyalisten durch die Straßen Lethons marschierten,hielt sich der Jubel ihrer aureanischen Kastengenossen inGrenzen, genau wie es Magnus Shivas prophezeit hatte.Die Einwohner der Metropole strömten weder freudig ausihren Habitatskomplexen, um die Soldaten zu begrüßen,noch stellten sie sich ihnen in den Weg. Für Aswin Leukoswar dies alles äußerst enttäuschend, was aber nichts daranänderte, dass seine Truppen zumindest eine Fülle vonVorräten und diversen Versorgungsgütern vorfanden.Lethon war eine Großstadt, die fast ausschließlich vonAureanern bewohnt wurde. Die wenigen Anaureaner,welche entgegen der sich in Auflösung befindlichen, aberoffiziell noch bestehenden Kastengesetzgebung, amStadtrand gesiedelt hatten, waren nach Süden geflüchtet,als sich Leukos Streitmacht genähert hatte.Auf Anraten von Magnus Shivas hatten die terranischenSoldaten auch die Simulations-Transmitter-Netzwerke derStadt besetzt und konnten dadurch wenigstens hier deroptimatischen Propaganda des neuen Statthalters ihreeigenen politischen Botschaften entgegensetzen.Aswin Leukos ließ es sich in diesem Zusammenhang nichtnehmen, selbst eine Ansprache an die Bevölkerung zuhalten, in der er sie über den »falschen Archon auf Terra«und dessen »Zerstörungspläne für die aureanische Kaste«aufklärte. Zudem forderte er die jungen Männer auf, sichseiner Loyalistenstreitmacht anzuschließen, wobei sich dieZahl der Freiwilligen jedoch stark in Grenzen hielt.Hauptsächlich jugendliche Abenteurer oder Angehörigeder niedrigsten aureanischen Subkaste folgten seinem Rufzu den Waffen. Unter Letzteren befanden sich vielfachauch gewöhnliche Kriminelle, die vom Rest ihrer Kasten-genossen gemieden wurden.282
  • 280. Trotzdem gedachte Leukos, die Macht der nun unterseiner Kontrolle stehenden Simulations-Transmitter-Netzwerke zu nutzen, um so viele Aureaner wie möglichfür sich zu gewinnen.»Oft ist das Wort mächtiger als der Blaster!«, hatte ihmMagnus Shivas, der erfahrene Politiker, immer wiedereingeschärft und ihn davor gewarnt, die Kraft des ho-lographischen Bildschirms zu unterschätzen.Derweil gab es in anderen Regionen Thracans jedocheinige Lichtblicke, denn nach wie vor weigerte sich eineReihe von Kommandeuren, dem neuen Statthalter zufolgen. So war Nero Poros genötigt, seine Legionen gegendie Stadt Tilon im Westen des Zentralkontinents Garthiazu schicken, um eine Meuterei mehrerer planetarer Miliz-regimenter niederzuwerfen.Auch Medios Vaanhuist, der Oberbefehlshaber der Legio-nen von Thracan Urbia, war weiterhin auf der Seite vonMagnus Shivas und hielt die Megastadt noch immer mitseinen Soldaten besetzt.Auf dem Nachbarplaneten Crixus war es mittlerweileinnerhalb der planetaren Streitkräfte zu einem offenenBruch zwischen den Loyalisten und den Anhängern desneuen thracanischen Statthalters gekommen. In manchenRegionen gab es daraufhin kleinere Scharmützel zwischenden verfeindeten Gruppen, was zumindest dazu führte,dass die auf Crixus stehenden Legionen und Milizregimen-ter zunächst mit sich selbst beschäftigt waren und nicht aufThracan eingriffen.Während sich die politischen Spannungen im ProximaCentauri System von Tag zu Tag erhöhten und langsam einbedrohliches Ausmaß erreichten, bewegte sich ein unbe-deutender Handelsfrachter auf Thracan zu, an dessen Bord 283
  • 281. sich Flavius Princeps und der klägliche Rest der 562.Legion befanden …Flavius blinzelte, als sich die Ausstiegsluke mit einemlauten Rumpeln öffnete und den Blick auf eine karge,graubraune Steinwüste freigab. Die Solon war gelandet.Erleichtert sog er die frische, kühle Luft in seine Lungenund schloss für einen kurzen Moment die Augen. Diebeschwerliche Reise durch die tödliche Leere des Weltallswar vorüber – zumindest diese Reise.Schließlich ging Flavius die breite, stählerne Rampe lang-samen Schrittes herunter und folgte seinem GefährtenKleitos, Zenturio Sachs und den anderen Soldaten der 562.Legion, die den Colod-Einsatz überlebt hatten.»Endlich kommen wir aus diesem verfluchten Rostraumerheraus!«, hörte Princeps hinter sich. Es war Manilus Sachs.Der junge Rekrut blickte nur kurz zu seinem Vorgesetzten,den er inzwischen als Freund betrachtete, herüber undschwieg. Der vernarbte Veteran wandte sich ihm zu undergänzte: »Und in einigen Tagen dürfen wir unsere Ärscheauf das nächste Schlachtfeld tragen, mein Lieber. Das istdoch auch was, oder?«Flavius sagte noch immer nichts. Inzwischen hatten sichalle Legionäre neben dem Raumfrachter versammelt undes dauerte nicht lange, da erhob sich das kleine Schiffwieder, um weiter in Richtung Remay zu fliegen. Sicherlichwaren die Leute von der Handelsgilde heilfroh, ihre Passa-giere endlich los zu sein.»Was für ein trauriger Haufen …«, dachte sich Princeps,als er seine Kameraden betrachtete.Diese kleine Schar erschöpfter und lethargischer Gestaltenwar alles, was von der 562. Legion noch übrig geblieben284
  • 282. war. Jetzt kam Kleitos zu ihm herüber und versuchte zulächeln.»Morgen geht es nach Lethon. Wir sollen uns dort beiLeukos melden«, brummte Jarostow.Flavius verzog angewidert sein Gesicht. »Ja, ich weiß.Mittlerweile lese ich meine Legionsbefehle. Das darf alleseinfach nicht wahr sein!«Die Soldaten standen inmitten der trostlosen Steinwüsteund warteten auf die Transportgleiter, die sie nach Lethonbringen sollten. Schnaufend setzte sich Princeps auf einenkleinen Felsen und starrte auf den mit grauem Geröll undvertrocknetem Moos bedeckten Boden. Kleitos bliebneben ihm stehen und betrachtete den Himmel.Und während der junge Legionär aus Vanatium müde undtraurig über all die unerfreulichen Dinge, die ihn balderwarten würden, nachgrübelte, gab sein Kommunikati-onsbote plötzlich ein leises Piepen von sich. Er schreckteauf und holte das kleine Gerät aus seinem Tornister. Kurzdarauf begann er zu lächeln. Soeben hatte ihn eine visuelleNachricht von Eugenia erreicht.Hastig öffnete Flavius einen holographischen Bildschirmund spielte die Botschaft ab. Eugenia erzählte ihm, dass esihr gut ginge und sich die Polemos Thracan näherte. Baldwürde sie bei ihm sein, versprach die hübsche Kranken-schwester und ihr Lächeln wärmte sein geschundenes Herzwie ein Sonnenstrahl. Für einen kurzen Moment vergaß erdas vergangene und noch kommende Leid, während sichseine Augen langsam mit Freudentränen füllten. 285
  • 283. Alexander Merow Das aureanische Zeitalter I. Flavius Princeps ISBN 978-3-86268-299-7 Engelsdorfer Verlag Taschenbuch 301 Seiten, Preis: 12,95 EUROIn einer fernen Zukunft herrscht das Goldene Reich, dasälteste und mächtigste Imperium der Menschheit, über dieErde und ihre Kolonieplaneten. Flavius Princeps, einjunger Mann aus gutem Hause, lebt ein sorgloses Leben inWohlstand und Überfluss. Doch mit dem Amtsantritteines neuen Imperators, welcher umfassende Reformen imGoldenen Reich durchführen will, ändert sich die Situationdramatisch. Der ehrgeizige Herrscher trifft bei seinenVorhaben auf den erbitterten Widerstand der reichenSenatoren und schon bald wird das Imperium von politi-schen Intrigen erschüttert. Unerwartete Ereignisse nehmenihren Lauf und es dauert nicht lange, da bekommt auch dieheile Welt von Flavius Risse und er wird in einen Macht-kampf gewaltigen Ausmaßes hineingezogen … 287
  • 284. Alexander Merow Beutewelt I Bürger 1-564398B-278843 ISBN 78-3-86901-839-3 Engelsdorfer Verlag Taschenbuch, Format: 12x19 250 Seiten, Preis: 12,90 EURODie Welt im Jahr 2028: Die Menschheit befindet sich imWürgegriff einer alles überwachenden Weltregierung.Frank Kohlhaas, ein unbedeutender Bürger, fristet seintrostloses Leben als Leiharbeiter in einem Stahlwerk, bis ereines Tages durch ein unglückliches Ereignis mit demtyrannischen Überwachungsstaat in Konflikt gerät. Er wirdim Zuge eines automatisierten Gerichtsverfahrens zu fünfJahren Haft verurteilt und verschwindet in einer Haftan-stalt, wo er einem grausamen System der Gehirnwäscheausgesetzt wird. Mental und körperlich am Ende, wird ernach acht Monaten in ein anderes Gefängnis verlegt. Aufdem Weg dorthin geschieht das Unerwartete. Plötzlichverändert sich alles und Frank befindet sich zwischen denFronten.288
  • 285. Alexander Merow Beutewelt II Aufstand in der Ferne ISBN 978-3-86901-970-3 Engelsdorfer Verlag Taschenbuch, Format: 19x12 251 Seiten, Preis: 12,90 EUROUnterdrückung und Manipulation sind im Jahre 2030 ander Tagesordnung. Nur ein einziger Staat hat sich mutigaus dem Versklavungssystem der Weltregierung herausge-löst und unabhängig gemacht: Japan. – Frank Kohlhaas,Alfred Bäumer und Millionen unzufriedene Menschen inallen Ländern richten in diesen finsteren Tagen ihren Blickvoller Hoffnung auf den japanischen Präsidenten Matsu-moto, welcher seinem Volk die Freiheit erkämpft hat.Doch die Mächtigen denken nicht daran, den abtrünnigenStaat in Ruhe zu lassen und überschütten ihn mit Ver-leumdung. Sie bereiten einen Großangriff auf Japan vor,um die rebellische Nation zu zerschlagen. Frank undAlfred beschließen, als Freiwillige am japanischen Frei-heitskampf teilzunehmen. Schon bald spitzt sich dieSituation immer weiter zu und die beiden Rebellen befin-den sich in auswegloser Lage … 289
  • 286. Alexander Merow Beutewelt III Organisierte Wut ISBN 978-3-86268-162-4 Engelsdorfer Verlag Taschenbuch, Format: 12x19 246 Seiten, Preis: 12,90 EuroDie wirtschaftliche Situation in Europa ist im Jahre 2033hoffnungsloser denn je.Die Weltregierung presst die von ihr beherrschten Ländererbarmungslos aus.Artur Tschistokjow, ein junger Dissident aus Weißruss-land, übernimmt die Führung der Freiheitsbewegung derRus, einer kleinen Widerstandsgruppe, die im Untergrundgegen die Mächtigen kämpft.Während sich in Weißrussland eine furchtbare Wirt-schaftskrise anbahnt, bauen die Rebellen eine revolutionäreBewegung auf, der sich immer mehr Unzufriedene an-schließen. Unter Führung des zu allem entschlossenenTschistokjow, folgen auch Frank und seine Gefährten demRebellenführer, bis es für sie nur noch die Flucht nachvorn gibt …290
  • 287. Alexander Merow Beutewelt IV Die Gegenrevolution ISBN 978-3-86268-565-3 Engelsdorfer Verlag Taschenbuch, Format 12x19 264 Seiten, Preis: 12,90 EuroWeißrussland und Litauen können unter der RegierungArtur Tschistokjows aufatmen. Doch sein Versuch, dieRebellion gegen die Weltregierung auf ganz Russlandauszuweiten, ist von Rückschlägen begleitet.Eine rivalisierende Revolutions-bewegung taucht scheinbaraus dem Nichts auf und zieht Millionen unzufriedeneRussen in ihren Bann.Frank Kohlhaas und sein Freund Alfred Bäumer geratenals Kämpfer der Freiheitsbewegung mitten in den Konfliktum die Macht in Russland.Diesmal scheint es für Frank kein gutes Ende zu nehmen … 291

×