Das aureanische Zeitalter - Flavius Princeps (Roman)
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Das aureanische Zeitalter - Flavius Princeps (Roman)

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Lesenswerter Science Fiction Roman für Warhammer und Military SF Fans. ...

Lesenswerter Science Fiction Roman für Warhammer und Military SF Fans.
In einer fernen Zukunft herrscht das Goldene Reich, das älteste und mächtigste Imperium der Menschheit, über die Erde und ihre Kolonieplaneten. Flavius Princeps, ein junger Mann aus gutem Hause, lebt ein sorgloses Leben in Wohlstand und Überfluss. Doch mit dem Amtsantritt eines neuen Imperators, welcher umfassende Reformen im Goldenen Reich durchführen will, ändert sich die Situation dramatisch. Der ehrgeizige Herrscher trifft bei seinen Vorhaben auf den erbitterten Widerstand der reichen Senatoren und schon bald wird das Imperium von politischen Intrigen erschüttert. Unerwartete Ereignisse nehmen ihren Lauf und es dauert nicht lange, da bekommt auch die heile Welt von Flavius Risse und er wird in einen Machtkampf gewaltigen Ausmaßes hineingezogen…

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Das aureanische Zeitalter - Flavius Princeps (Roman) Das aureanische Zeitalter - Flavius Princeps (Roman) Document Transcript

  • Alexander MerowDas aureanische Zeitalter I Flavius Princeps Engelsdorfer Verlag Leipzig 2011
  • Bibliografische Information durch die Deutsche Nationalbib- liothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diesePublikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://www.d-nb.de abrufbar. ISBN 978-3-86268-299-7 Copyright (2011) Engelsdorfer Verlag LeipzigAlle Rechte, einschließlich des vollständigen und auszugswei- sen Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten und bedürfen der schriftlichen Zustimmung des Autors. Hergestellt in Leipzig, Germany (EU) www.engelsdorfer-verlag.de 12,95 Euro (D)
  • InhaltDas aureanische Zeitalter.................................................... 7Wieder auf Terra................................................................. 23Der Abschied des Xanthos............................................... 45Gewitterstimmung ............................................................. 65Politische Gegensätze ........................................................ 87Partys und Attentate ........................................................109In Terras Legion ...............................................................129Aufbruch nach Proxima Centauri..................................149Kälteschlafangst................................................................168Der Mordauftrag ..............................................................187Die Reformen des Platon................................................205Ankunft auf Thracan .......................................................223Verwirrung.........................................................................240Die Vergeltungsaktion .....................................................257Der Untergang von San Favellas ...................................273Machtwechsel....................................................................291 5
  • Das aureanische ZeitalterDie Morgensonne schob sich zwischen den aufragendenTürmen und Gebäuden von Asaheim gemächlich nachoben und hüllte die riesige Zentralstadt in einen majestäti-schen Schein. Oben am Himmel flogen zahllose kleineGleiter und gewaltige Transportraumschiffe langsam überdas sich von Horizont zu Horizont erstreckende Häuser-meer hinweg und bewegten sich in Richtung des Welt-raumbahnhofes am äußersten Ende der Metropole. Die Zeitrechnung zeigte heute den 02. Mai des Jahres15289 n. Chr., wenn man den vorgeschichtlichen Kalenderder alten Menschheit als Grundlage nahm, und seit nichtweniger als 91 Jahren herrschte Imperator Xanthos derErhabene, man nannte ihn in seinen jungen Jahren auch»den Schönen«, über die Erde und die ihr tributpflichtigenKolonieplaneten, welche sich über die naheliegendenSonnensysteme und den Perseus-Spiralarm der Milchstraßeverteilten. Das von Xanthos dem Erhabenen regierte Imperium aufTerra bezeichnete sich in dieser Zeit stolz als das GoldeneReich und nirgendwo waren die Zeichen menschlicherTechnologie und Zivilisation so markant wie hier. Keineandere, von Menschen in den Tiefen des Alls gegründeteKolonie, konnte es mit der Herrlichkeit und Macht diesesReiches aufnehmen. Denn hier, auf dem blauen Planeten,wo alles seinen Anfang genommen hatte, formte dieMenschheit bereits seit Äonen den Boden und hatte ihninzwischen von einem Kontinent zum anderen mit denstrahlenden Zeugnissen ihrer Existenz bedeckt. 7
  • Das 16. Jahrtausend, nach alter Zeitrechnung, war in jederHinsicht eine Epoche des Aufstiegs und der letzte großeKrieg auf Terra, welcher im Osten Ajans und in Vastastattgefunden und über eine Milliarde Menschenlebengefordert hatte, lag mittlerweile schon fast 1400 Jahrezurück. Seitdem herrschte, von sporadischen Konflikten an denReichsgrenzen oder auf einigen Kolonieplaneten abgese-hen, Frieden und die Bewohner des Goldenen Reiches wid-meten sich mehr denn je den Annehmlichkeiten eines vonhoher Technologie geprägten Lebens. Über 80 Milliarden Menschen bevölkerten die Erde undbewohnten Riesenstädte, welche manchmal halbe Länderbedeckten, bis in die luftigen Höhen des Himmels hinauf-ragten oder sich sogar bis auf den Boden des Meeresausdehnten. Vor 1000 Jahren war der Antrieb für Raumschiffe bereitsvon den genialen Wissenschaftlern des Goldenen Reiches sosehr verbessert worden, dass inzwischen gewaltige Entfer-nungen zwischen den Sternen zurückgelegt werden konn-ten und die Menschheit mit jedem weiteren Jahr tiefer undtiefer in noch unerforschte Regionen der Milchstraßegelangte. Alles in allem stellte das 16. Jahrtausend einen kulturellenund zivilisatorischen Höhepunkt der menschlichen Ent-wicklung dar, wie er seit den Zeiten der legendären Impe-ratoren Nexus Cassar oder Gunther Dron nicht mehrerreicht worden war. Der stetige Weiteraufstieg des Menschengeschlechtesschien in dieser Zeit keine Grenzen zu kennen und dieSchrecken der Vergangenheit waren nicht viel mehr als8
  • dunkle, belächelte Mythen aus unaufgeklärten Zeiten,wenn man den gewöhnlichen Bürger des Goldenen Reichesfragte. So schien die Sonne auf Asaheim und die glückliche Erdehinab, um ihre Strahlen bis in den letzten Winkel einerWelt zu senden, welche sich mit jedem Tag neu am Glanzeihrer eigenen Erhabenheit labte.Für die Angehörigen der reichen Familien der Aureaner,jener oberen Kaste der Menschheit, welche seit über sechsJahrtausenden das Rückgrat der technologischen Zivilisati-on Terras darstellte, waren Probleme, welche sich auf dastägliche Überleben bezogen, schon seit Generationen sogut wie nicht mehr existent. Diese Menschen lebten in einem Zustand höchstenKomforts und häufig auch einer vollkommenen Vergeis-tigung. Sie verfügten meist über einen überquellendenWohlstand und kamen schon mit dem Bewusstsein, dasses ihnen im Leben niemals an etwas mangeln würde, aufdie Welt. Waren sie vor langer Zeit noch die führenden Köpfegewesen, wenn es darum ging, Kriege zu führen, neuePlaneten zu kolonisieren oder den technischen Fortschrittvoran zu treiben, so hatte sich in ihren Reihen inzwischeneine gewisse Müdigkeit und Lethargie eingeschlichen. Der Gefahr des gesundheitlichen Verfalls, in einer Epo-che, in der ihnen fast jede körperliche Arbeit von Dienernoder Maschinen abgenommen wurde, versuchten sie durcheine fast besessene Ausübung sportlicher Tätigkeitenentgegen zu wirken. Der Sport wurde in diesen Zeitengroß geschrieben und seine Beherrschung hatte über viele 9
  • Generationen einen derartigen gesellschaftlichen Statuserlangt, dass er fast religiöse Züge annahm. Wer nicht vorweisen konnte, dass er seinen Körper durchsportliche Betätigung gesund hielt, wurde von seinen aurea-nischen Kastengenossen meist schief angesehen. Allerdingshatte der Kult des Sports in den letzten drei Jahrhundertenein wenig seiner ehemaligen Bedeutung eingebüßt undimmer häufiger kam es vor, dass die Kinder reicher aureani-scher Familien schon in jungen Jahren faul und des rundumabgesicherten Lebens überdrüssig wurden. Doch nicht alle Aureaner lebten in einem Zustand desüberquellenden Wohlstandes. Nein, wenn man es genaubetrachtete, nahm die Zahl derer, welche in einer Zeit derautomatisierten Produktion für nichts mehr gebrauchtwurden, mit jedem Jahr langsam zu und von dem erwirt-schafteten Reichtum sah die breite Masse der Aureaner-kaste auch immer weniger. Die gewaltigen Megastädte auf Terra quollen mittlerweilevor Menschen über, welche zwar dank eines umfangrei-chen Systems der sozialen Absicherung noch immer aufeinem recht hohen Level überleben konnten, aber imEndeffekt unnütz waren. So belasteten diese vielen Milliarden Menschen, welchenirgendwo mehr als Arbeitskräfte nötig erschienen, aufDauer auch die Staatskasse des Goldenen Reiches in erhebli-chem Maße. Irgendwann, so prophezeiten viele derGelehrten, würde das ausgeklügelte Sozialsystem desImperiums, welches viele Generationen lang funktionierthatte, aufgrund dieser Entwicklung zusammenbrechen. Archon Xanthos der Erhabene hatte dieses Problemschon vor Jahrzehnten erkannt und einen großen Teilseiner langen Regierungszeit dessen Lösung gewidmet.10
  • Er unternahm nicht nur alles, damit jährlich Millionenvon Siedlern die Erde verließen, um in den Kolonien eineneue Heimat und beim Aufbau junger Zivilisationenzudem Arbeit zu finden, sondern bemühte sich auch,Milliarden von Aureanern auf Terra ein Leben vollersinnvoller Aufgaben zu gewährleisten. Vielfach wurden sie als Verwaltungskräfte in das giganti-sche, aufgeblähte Netzwerk der Bürokratie des GoldenenReiches eingebunden und ihnen zuliebe wurde sogar aufGeheiß von Xanthos dem Erhabenen auf einige vollauto-matisierte Computersysteme verzichtet, um an ihre StelleMenschen aus Fleisch und Blut zu setzen. Schließlich gab es auch noch die Anaureaner, jene Ange-hörigen der unteren Kaste der Menschheit, welche mitt-lerweile wieder in Massen die öden Regionen außerhalbdes Goldenen Reiches bevölkerten. Die strikte Trennung der beiden Kasten hatte der CodexVarna, jenes von Xanthos dem Erhabenen vor vier Jahrenerlassene Gesetz, noch einmal bekräftigt, nachdem dasnoch aus der Epoche des Archons Gunther Dron stam-mende Kastensystem auf Terra in den letzten Jahrhunder-ten langsam angefangen hatte zu zerbröckeln. Dennoch hatten die Anaureaner, welche zusammen mitCyborgs und Arbeitsdroiden, besonders gerne als ausfüh-rende Mitglieder von Raumschiffbesatzungen zu denSternen geschickt wurden, im Gefolge der Aureaner dieSterne bereist und sich mit ihnen über viele Planetenausgebreitet. Weiterhin hatte es die traditionelle Kastengesetzgebungauch nicht verhindern können, dass sich die oberstenFamilien des Goldenen Reiches in den letzten Jahrhunderten 11
  • immer mehr anaureanische Diener in ihre luxuriösenHäuser geholt und Schritt für Schritt damit begonnenhatten, in den Menschen der unteren Kaste wieder kosten-günstige Arbeitskräfte zu sehen. Diese konnte man ausSicht vieler Patrizier vor allem als Überwacher von Pro-duktionsmaschinen, ausführende Techniker oder sogar fürdirekte körperliche Arbeiten einsetzen. In den neu errichteten Kolonien waren die anaureani-schen Arbeitskräfte inzwischen fast unentbehrlich gewor-den, denn Terra mangelte es im 16. Jahrtausend mehr dennje an Rohstoffen. So ging es im Falle vieler neu entdeckterPlaneten nicht nur darum, den aureanischen Kolonisteneine neue Heimat zu geben, sondern auch neue Rohstoff-quellen für die wachsende Menschheit zu finden. Oft gruben sich gewaltige Maschinen durch die Oberflä-chen der Himmelskörper, um alles an verwertbaremMaterial aus dem Boden herauszuwühlen, was sie findenkonnten. Nicht selten erstreckten sich diese Abbauzonenüber endlose Quadratkilometer und trotz modernerMaschinen konnte man keinesfalls auf menschlicheArbeiter und Techniker, welche die Abbaugebiete zuTausenden bevölkerten, verzichten.Das Sternenreich rund um den Planeten Dron, welchervon den menschlichen Kolonisten nach dem verehrtenImperator des 10. Jahrtausends alter Zeitrechnung be-nannt worden war, hatte sich im Laufe der letzten 1800Jahre zu einem eigenständigen Menschenimperiumentwickelt, das seine Unabhängigkeit gegenüber Terraimmer wieder in verheerenden Kriegen behauptet hatte.12
  • Von allen menschlichen Kolonien, welche sich jemalsgegen das Goldene Reich auf Terra erhoben hatten, war esdem Sternenreich von Dron wie keinem Zweiten gelungen,einen eigenen Machtstatus zu erkämpfen, welcher im Laufeder Zeit weiter und weiter angewachsen war. Zuletzt hatte es Imperator Marius Salax Mitte des 14.Jahrtausends in einem über 50 Jahre andauernden Kriegversucht, die selbstbewussten Kolonisten wieder im Na-men der Erde zu unterwerfen. Doch obwohl er eineKriegsflotte nach der anderen und Abermillionen gepan-zerte Soldaten gegen das Sternenreich hatte anrennenlassen, musste er sich schließlich geschlagen geben. Mit unglaublicher Hartnäckigkeit waren die Menschen desSternenreiches von Dron, die Dronai, den Invasoren desGoldenen Reiches entgegengetreten und hatten ihnen ineinem jahrzehntelangen Guerillakrieg so schwere Verlustezugefügt, dass sie sich am Ende zurückziehen mussten. Seitdem schwelten die Feindseligkeiten zwischen Dronund Terra immer wieder unter der Oberfläche. Offiziellhatten beide Seiten allerdings einen Friedensvertrag ge-schlossen, in welchem die Erde die Unabhängigkeit derrebellischen Kolonie zähneknirschend anerkennen musste. Imperator Xanthos der Erhabene hatte die Beziehungenzu den Dronai während seiner Regierungszeit jedochimmer weiter verbessern können. Gleiches galt für Hun-derte von kleineren Menschenkolonien, welche sich häufigzwar insgeheim die Unabhängigkeit von der Erde wünsch-ten, jedoch nicht die Macht besaßen, ihre Streitkräfteherauszufordern. Dadurch, dass Imperator Xanthos seine Brüder auf denfernen Planeten äußerst zuvorkommend behandelte und 13
  • mehrfach die an Terra zu entrichtenden Tributratenheruntersetzte, gelang es ihm, ein relativ harmonischesVerhältnis zu den Kolonisten herzustellen. Man durfte den vielen Millionen Menschen, deren Vor-fahren ihrem Heimatplaneten teilweise schon vor Jahrtau-senden den Rücken gekehrt und in den Tiefen des Allsneue Zivilisationen gegründet hatten, auch nicht mit allzugroßer Härte begegnen, denn das hatte Folgen für deninterstellaren Handel und konnte gar zu ausbleibendenRohstofflieferungen führen. Das hatte Xanthos der Erhabene längst erkannt und dieden interplanetarischen Handel kontrollierenden Patrizier-familien auf Terra, deren Einfluss auf die Politik derImperatoren in den letzten Jahrhunderten immer weiterangewachsen war, sorgten ebenfalls dafür, dass in ersterLinie das Geschäft florierte.Obwohl die letzten Epochen auf dem blauen Planeten vonrelativem Frieden geprägt waren, zeigte ein Blick auf dievon den Archivatoren dokumentierte Geschichte derMenschheit ein anderes Bild und man musste zugeben,dass eine so lange Periode ohne größere Konflikte aufErden eigentlich die Ausnahme darstellte. Beständig hatten die Menschen in der Vergangenheitihre Waffen gegeneinander gerichtet und die Kriegezwischen verschiedenen Gruppen oder Glaubensrichtun-gen der menschlichen Art hatten ganze Zeitalter langgewütet. Das Goldene Reich selbst war, wie die alten Chroniken zuberichten wussten, in grauer Vorzeit durch einen apokalyp-tischen Kampf entstanden und im Laufe seiner langen14
  • Geschichte mehrfach in verfeindete Teilreiche zerbrochen,welche sich ebenfalls wieder und wieder bekriegt hatten. Die uralten Datenarchive zeugten von Perioden desVerfalls der Zivilisation oder Kämpfen auf Mond undMars in lange vergangenen Zeiten, in welchen der Menschnoch kaum seinen Fuß auf die nächstliegenden Gestirnegesetzt hatte. Besonders vor dem 10. Jahrtausend hatten heftige Kon-flikte das Gesicht Terras immer wieder zu einer blutigenFratze verunstaltet. War es den Vorfahren der Aureanerendlich gelungen, ihre Rivalen zu besiegen und einig zuwerden, so verfiel ihr Weltreich nach einigen Jahrhunder-ten erneut oder zerbrach in verfehdete Teilimperien. Namen wie der des fast vergessenen Archons LudgerRauther, des Einigers Gutrim Malogor, der die Erde imNamen der Aureanerkaste zurückeroberte, oder auch desDespoten Lestjuck, zeugten von endlosen Konflikten inder terranischen Geschichte und dem Fluch des Krieges,welcher den Menschen bereits befallen hatte, seitdem er inder finstersten Urzeit aus seiner Höhle gekrochen war. Auf Außerirdische war man im 16. Jahrtausend nochnicht im großen Stil getroffen, aber man ahnte zumindest,dass die Menschheit in den Weiten des Weltraums nichtallein war. Schon im 8. Jahrtausend hatte eine Forschungssonde dieÜberreste einer nichtmenschlichen Zivilisation auf demPlaneten Barrac aufgespürt. Dann gab es noch den berühmtgewordenen »Elysia-Vorfall« im 12. Jahrtausend, als einemenschliche Handelsflotte angeblich von Alienschiffenunbekannter Herkunft angegriffen und zerstört wordenwar. 15
  • In den letzten Jahren hatten sich schließlich Gerüchte vonder Präsenz einer offenbar feindlich gesinnten Alienspeziesim Bereich des äußeren Perseusarms der Milchstraßegehäuft. Da es sich bei dieser galaktischen Region aber lediglichum ein nur schwach besiedeltes Gebiet handelte, war denmysteriösen Berichten von Seiten der terranischen Macht-haber bisher kaum nachgegangen worden.Flavius Princeps sah mit melancholischem Blick aus demFenster des Sternenschiffes auf den langsam größer wer-denden blauen Planeten herab. Die Scutus näherte sichTerra, der alten, geliebten Mutter Erde, mit noch immerbeträchtlicher Geschwindigkeit und in einigen Stundensollte Flavius wieder festen Boden unter den Füßen spü-ren. Wie sehr hatte sich der junge Mann diesen Tag herbeige-sehnt und er konnte es in diesem Moment nicht verhin-dern, dass ihm einige Freudentränen die Wangen herunter-kullerten. »Heute hast du es endlich hinter dir, Junge!«, hörte er einergrautes Mitglied der Schiffsbesatzung neben sich sagenund fühlte, wie ihm der Mann väterlich von hinten auf dieSchulter klopfte. »Gott sei Dank!«, stieß Flavius aus und lächelte demAstronauten zu. »War es denn wirklich so schlimm?«, wollte dieser wissen. »Reisen durch das All sind doch nichts für mich. Dashabe ich jetzt erkannt«, bemerkte der junge Raumfahrerund betrachtete weiter die Erde.16
  • »Ich habe schon einen ganzen Haufen Flüge hinter michgebracht und bereits über 100 Jahre in Tiefschlafkammernverbracht, aber ich kann es schon verstehen, wenn dasnicht jedermanns Sache ist«, gab der Mann zurück. Flavius schwieg und musterte erfreut die weißen Wolken-fetzen über dem tiefen Blau Terras, welche man nunimmer genauer erkennen konnte. Nach einer Weile setztedas Raumschiff zum Landeanflug an und Princeps atmeteerleichtert auf. Noch einmal dachte er jetzt daran, was er überstandenhatte und fragte sich, warum er damals so dumm gewesenwar, sich auf einen Weltraumflug einzulassen. Flavius Princeps war als Mitglied eines wissenschaftlich-militärischen Untersuchungstrupps vor 19 Jahren zumPlaneten Furbus IV, im gleichnamigen System, geschicktworden, um dort die Zerstörung einer winzigen Siedlerko-lonie zu untersuchen. Furbus IV war etwa 7,4 Lichtjahre von Terra entfernt undstellte lediglich eine Kolonie der untersten Klassifizie-rungskategorie dar. Die dort befindlichen Kolonistenhatten ursprünglich die Aufgabe besessen, eine Mine zumAbbau von Erzen aufzubauen, doch eines Tages war derKontakt zu ihnen abgebrochen. Fragmente von Funksprüchen kamen nach einigen Jahrenzur Erde, welche von einem Überfall durch Unbekannteberichteten und dringend Hilfe erbaten. Irgendwannmeldete sich niemand mehr und es dauerte weitere Jahre,bis die schwerfällige Bürokratie des Goldenen Reiches diebruchstückhaften Botschaften ausgewertet hatte und dieAnweisung zu einer Untersuchung der mysteriösen Vorfäl-le gab. 17
  • Zu Beginn dieser Reise war Flavius gerade einmal 20Jahre alt gewesen und hatte sich mit dem Flug zu einemfernen Planeten einen Traum erfüllt. Das dachte er jeden-falls am Anfang. Der ehrgeizige, junge Mann hatte sich vor einigen Jahrenzu einem »wissenschaftlichen Mitarbeiter mit militärischemZusatztraining« ausbilden lassen und war frohen Mutes anBord der Scutus gegangen. Die Tatsache, dass er seine Eltern und seine beiden Ge-schwister über 19 Jahre lang nicht mehr wiedersehenwürde, hatte er in seiner Euphorie, endlich einen Raumflugmiterleben zu dürfen, meistens ausgeblendet. Doch bereits nach wenigen Tagen, als das RaumschiffTerra verlassen hatte und es kein Zurück mehr gab, warseine Begeisterung verflogen und er realisierte, worauf ersich in seinem jugendlichen Leichtsinn eingelassen hatte.Nun warteten mehrere Jahre Kälteschlaf auf ihn, nur umam Ende eines nervenzermürbenden Raumfluges auf derOberfläche eines trostlosen Planeten, fernab der geliebtenHeimat, auszusteigen. Zwar alterte sein Körper während des künstlichen Tief-schlafs so gut wie nicht, doch war es trotz allem vergeudeteZeit, wie Flavius schmerzhaft bewusst wurde. Als seineKameraden von der Crew auf dem Hinflug die Kühlzelleüber seinem Kopf verschlossen und seinen Geist fürHunderte von Tagen in der Dunkelheit einsperrten, hatteer gedacht, er würde dieses Grauen nicht überleben.Als er damals von zwei anderen Mitgliedern der Besatzungzu seiner Kühlzelle begleitet und sein Kälteschlaf einleitet18
  • worden war, hatte Flavius einen Fluch nach dem anderenabgegeben. Dieser Weg zur Schlafkammer war der mit Abstandschrecklichste Augenblick seines ansonsten so behütetenLebens gewesen, wie er es sich jetzt selbst eingestand. Erhatte geschrieen und geweint und in diesem Momentvollkommen die Nerven verloren. Mit drei Männern hattensie ihn festhalten und ihm mehrere Beruhigungsspritzengeben müssen. »Mach dir keine Sorgen!«, hatte einer der Ingenieure anBord noch gesagt, bevor die Kammer geschlossen undversiegelt worden war. Flavius war damals, als er die dicke Stahltür der Kühlzelleüber seinem Kopf einrasten hörte, von einem Zustandfurchtbarster Panik ergriffen worden. Aufgeregt hatte er inseine Atemmaske hinein geschnauft, während sein Herzwie ein Dampfhammer gepumpt und das Adrenalin seineBlutbahn gefüllt hatte. Nach einer Weile hatten ihn die Narkose- und Schlafmit-tel endlich beruhigt und sein Metabolismus fuhr Minutefür Minute weiter herunter bis sein Bewusstsein schließlichlangsam, wie ein verzweifelt glimmendes Streichholz,erloschen war. Irgendwann hatte der Tiefschlaf eingesetztund wo sein Geist in der Zeit dieser künstlichen Totenstar-re gewesen war, wusste er bis heute nicht. Mitglieder von Raumschiffbesatzungen für lange interstel-lare Reisen einzufrieren und in Kühlzellen zu versiegeln,war im 16. Jahrtausend kein allzu großes Kunstwerk mehr.Die dafür notwendige Technologie war in den letztenhundert Jahren um ein Vielfaches verbessert worden unddie Zahl derer, welcher aus diesem langen, künstlichen 19
  • Schlaf nicht mehr aufwachten, hatte sich inzwischen aufein Minimum reduziert. Dennoch kam es ab und zu vor,dass der Körper eines in den Tiefschlaf versetzten Men-schen im Laufe der oft Jahre andauernden Reisen durchdas All seine Funktion für immer einstellte. Jetzt, wo der Flug fast vorbei war und sie beinahe denBoden Terras erreicht hatten, gelang es ihm endlich, überdie ganze Angelegenheit zu schmunzeln und der jungeAstronaut war auch ein wenig stolz auf sich, es heil über-standen zu haben.Flavius Princeps war ein Aureaner wie viele Millionenandere auch und in Vanatium aufgewachsen. Seine Elterngehörten nicht zu den sehr reichen Angehörigen ihrerKaste, aber auch keineswegs zu den Ärmeren. NorecPrinceps, sein Vater, verdiente sich seinen Lebensunterhaltals mittlerer Beamter im weit verzweigten Bürokratiesys-tem des Goldenen Reiches und seine Mutter Crusulla arbeitetehalbtags als Magisterin im größten Bildungswerk der Stadt. Flavius war das Jüngste von drei Kindern und genossdemnach, seit er sich erinnern konnte und oft zum Unwil-len seiner Geschwister, einen Sonderstatus, denn seineEltern liebten ihn über alles. Umso schwerer war es ihnendamals gefallen, gerade Flavius zu den Sternen reisen zulassen. Ein Aureaner aus seinen Verhältnissen hatte es materiellgesehen äußerst gut und gewöhnte sich schon früh an dieAnnehmlichkeiten des Lebens, welche die technologischeEntwicklung mit sich brachte. Es hatte Flavius in seiner Jugend nie an etwas gemangeltund die Vorstellung, eines Tages einmal nicht per Knopf-20
  • druck alle gewünschten Luxuswaren und Unterhaltungs-möglichkeiten, welche das 16. Jahrtausend seiner herr-schenden Kaste bieten konnte, zu bekommen, war für ihnfast unvorstellbar. Zu anderen Zeiten hätten die Menschen gesagt, dass erwie ein Kaiser lebte, doch seine persönlichen Verhältnissewaren in dieser Epoche nichts Ungewöhnliches, denn dergrößte Teil seiner unmittelbaren Umgebung lebte aufebenso großem Fuß. Flavius Princeps war athletisch gebaut, hatte ein langge-zogenes, schmales Gesicht und wache blau-graue Augen.Seine Haare besaßen die Farbe von reifem Weizen undmeistens trug er sie zusammengebunden als kleinen Kno-ten am Hinterkopf, wie es in diesem Jahrhundert allerortsim Golden Reich Mode war. Der junge Mann maß knappe 1,80 m und war damit einwenig kleiner als die meisten anderen aureanischen Männerin seinem Alter. Offiziell war er noch immer 22 Jahre alt,denn die Zeit in der Kühlzelle konnte aufgrund der Tatsa-che, dass man nicht dem Alterungsprozess ausgeliefertwar, nicht wirklich zu seinen »echten« Lebensjahrenhinzugerechnet werden. Insgesamt stellte Flavius einen äußerst ansehnlichenjungen Burschen dar und seine beeindruckende Schlagfer-tigkeit und hohe Intelligenz rundeten das Bild seinerPersönlichkeit fast perfekt ab. Gerne trieb er Sport und liebte vor allem den Holographi-schen Schwertkampf und das Phalangieren. Zudem war er einbegabter Zeichner und im Fach Terranische Geschichte kannteer sich besser aus als die meisten seiner Altersgenossen. 21
  • Trotzdem hatte der Aureaner schon seit frühester Jugendeine gewisse Unzufriedenheit mit seinem Leben empfun-den und war seiner behüteten Existenz meist mit einergewissen Geringschätzung entgegengetreten. Immer wieder hatte er sich den Träumen von großenAbenteuern und interstellaren Reisen hingegeben und sichschließlich freiwillig gemeldet, um einen Flug zu denSternen zu erleben. Heute war dieser Flug endlich zu Ende und Flavius warsich schon seit langem darüber klar geworden, dass er beidieser Raumfahrt nicht das erhoffte Abenteuer, sonderneinen Höllentrip gefunden hatte. Die Scutus stieß mit einem leisen Zischen durch die At-mosphäre des blauen Planeten und bohrte sich wie einFalke in Richtung der Oberfläche. »Es ist vorbei!«, sagte Flavius leise zu sich selbst undspürte, wie eine weitere Freudenträne an seiner Wangeherunterlief.22
  • Wieder auf TerraPrinceps hatte sich durch das Menschengewühl des Welt-raumbahnhofes von Thoringan gekämpft und endlich denHauptausgang des gewaltigen Gebäudekomplexes erreicht.Aufgeregt durchsuchten seine Augen die an ihm vorbeihu-schenden Menschenschwärme nach seinen Eltern undGeschwistern. Schon eine halbe Stunde wartete er hier, umgeben vonhastigen und umtriebigen Scharen, und spähte gespanntnach seinen Lieben, die er über 19 Jahre nicht mehr gese-hen hatte. Das war eine lange Zeit, in welcher sich zwangs-läufig viel verändert haben musste. Schließlich erblickte er sie. Seine Mutter Crusulla, derengraue Haare für Flavius ungewohnt aussahen, stieß einenlauten Freudenschrei aus, als sie ihn erkannte, und rannteals Erste auf ihn zu. Sein Vater eilte ihr hinterher und sein Bruder Xentor undKarina, seine Schwester, folgten. Den beiden Geschwisterntrotteten noch drei freundlich lächelnde Kinder nach.Offenbar hatten Xentor und Karina inzwischen Familiengegründet und Nachwuchs bekommen. »Mein Junge!«, stieß Crusulla aus vollem Herzen aus undwarf sich dem Sohn an den Hals. Flavius gab ihr einenKuss auf die Wange und betrachtete freudig ihr gealtertesGesicht. Nun kam Norec und schüttelte Flavius die Hand. Deransonsten so sachliche Beamte konnte sich diesmal einekleine Freudenträne nicht verkneifen. 23
  • »Ist das Onkel Flavius?«, quiekte ein Mädchen und ergriffmit ihrer zarten Hand die ihres Vaters. »Ja!«, sagte Xentor erfreut und umarmte seinen jüngerenBruder. »Endlich bist du wieder auf Terra. Das ist der schönsteAugenblick meines Lebens«, weinte Crusulla vor Freudeund drückte ihren Sohn wieder und wieder an sich. »Wie habe ich euch vermisst! Ihr habt euch ganz schönverändert«, bemerkte Flavius lächelnd. »Du willst sagen, dass wir älter geworden sind, nichtwahr?«, erwiderte Karina. »Das blieb wohl nicht aus – in 19 langen Jahren«, gabFlavius zurück und war überglücklich, wieder zu Hause zusein. Sein Vater war jetzt 69 Jahre alt und seine Mutter 66. Seingroßer Bruder Xentor ging mittlerweile auf die 43 zu,Flavius konnte es kaum fassen, und auch Karina hatte dasvierte Lebensjahrzehnt inzwischen schon überschritten. Sie alle waren für Princeps ein ungewohnter Anblick, wasallerdings nach 19 langen Jahren auch nichts Ungewöhnli-ches war. Flavius hingegen fühlte sich, als wäre er in einerZeitblase gefangen gewesen und erst vor kurzem wiederfreigelassen worden. Und so war es in gewisser Hinsichtauch, denn er hatte lange wie ein Stück Fleisch in einerTiefkühlkammer gelegen, während der Rest seiner Familiegelebt hatte. Vor allem seine Mutter redete auf dem Heimflug nachVanatium ununterbrochen auf ihn ein, als wolle sie dieganzen letzten Jahre seiner Abwesenheit mit ihrer liebevol-len Zuneigung ausgleichen.24
  • Norec Princeps hingegen fragte ihn, ob sich der Flug zuden Sternen denn »gelohnt« hatte, doch Flavius druckstenur herum und verkniff sich eine klare Antwort. »Es war ganz interessant«, murmelte er, wollte eigentlichjedoch sagen, dass es grauenhaft gewesen war. Doch derjunge Mann fürchtete sich, den anderen Mitgliedern derFamilie gegenüber seine damalige Fehlentscheidung zu-zugeben. Als Flavius in den Habitatskomplex, in welchem er seineJugend verbracht hatte, zurückkehrte, überkamen ihnmelancholische Gefühle und er brach einmal mehr inTränen der Rührung aus. Zu Hause, in der Wohnung seiner Eltern, erwartete denHeimkehrer ein üppiges Festmahl und Norec Princepshielt eine minutenlange Ansprache. »Unser Sohn Flavius ist ein wahrer Held! Ohne solchmutige Raumfahrer, würde es unser Sternenreich nichtgeben!«, betonte der Vater stolz. Die Familie verbrachte noch einen entspannten undwundervollen Tag bei gutem Essen und langen Gesprä-chen. Trotzdem fühlte sich Flavius aber tief im Innerenvon seinen Familienangehörigen entfremdet und musstesich erst wieder an ihre Anwesenheit gewöhnen. Alles war zwar einerseits vertraut, jedoch andererseitsauch vollkommen neu und geradezu verstörend. Jetzt hatte der junge Raumfahrer noch fast ein ganzes JahrUrlaub. Es war eine gesetzliche Vorschrift, dass man nacheiner mehr als sechs Monate andauernden Raumreise, einAnrecht auf ein volles Jahr Freizeit hatte, damit sichKörper und Psyche erholen konnten. 25
  • »Mal sehen, was die nächsten Tage so bringen«, dachtesich Flavius und überlegte, was er nun mit seiner Zeitanstellen sollte …Der Heimgekehrte hatte das alte Gästezimmer, wobei essich eigentlich um sein ursprüngliches Kinderzimmerhandelte, bezogen und sich dort notdürftig eingerichtet.Nun war er bereits seit einer Woche wieder zu Hause. Crusulla hegte und pflegte ihren Sohn nach wie vor ohnePause, als wäre er noch ein kleiner Säugling. Meistensfreute sich Flavius über so viel Mutterliebe, manchmal gingsie ihm jedoch auch auf die Nerven. Der junge Mann hatte sein altes Zimmer bisher kaumverlassen und schlich nur gelegentlich einmal ins Wohn-zimmer, um sich vor den Simulations-Transmitter zuhocken oder ein Nickerchen auf dem Sofa zu machen. Erfühlte sich ausgelaugt und müde. Gelegentlich litt Flaviusauch unter Schwindelanfällen, Desorientierung und Panik-attacken, was er auf die Nachwirkungen seiner Raumreisezurückführte. Jetzt, wo er wieder auf Terra in der Obhut seiner Elternwar, wusste er oft nichts mit seiner Zeit anzufangen. Dasnormale Leben verwirrte ihn und da Norec und Crusullameistens bis spät nachmittags arbeiteten, verbrachte er, wieheute wieder, die meisten Stunden des Tages allein. Daswar seltsam und häufig auch unangenehm. Schließlich raffte sich Flavius endlich einmal auf, um dieWohnung seiner Eltern zu verlassen und herunter auf dieStraße zu gehen. Nachdem er mit dem Aufzug 79 Stock-werke nach unten gefahren war und die große Eingangs-26
  • halle seines Habitatskomplexes hinter sich gelassen hatte,schritt Flavius durch eine der großen Zugangstüren heraus. Hunderte von Menschen drängten sich dicht an dichtüber den Bürgersteig und hinter dem Gewühl konnte derjunge Aureaner eine mit Gleitern im Fahrmodus vollge-stopfte Straße erkennen. Dahinter schoben sich weitereHabitatskomplexe in den Himmel. Flavius taumelte zurück und atmete schwer. Eine Angst-attacke kündigte sich tief in seinem Geist an, denn an soviele Menschen musste er sich erst wieder gewöhnen.Hastig verschwand er in der Eingangshalle seines eigenenWohnblocks und setzte sich in eine Ecke. Schweißperlenhatten sich auf der Stirn des jungen Mannes gebildet undverwirrt starrte er umher. »Alles klar?«, hörte er plötzlich eine sanfte Frauenstimmeneben sich. Flavius drehte den Kopf zur Seite und lächelte erschöpft.»Ja, ich habe nur leichte Kopfschmerzen«, murmelte er. Neben ihn hatte sich eine junge Frau gestellt, welche ihnmit freundlicher Miene musterte. »Wohnen Sie auch in diesem Komplex?«, wollte sie wis-sen. »Im 79. Stockwerk«, antwortete Princeps erschöpft. »Dann kann ich Ihnen ja auf dem Kopf herumspringen«,scherzte die Dame. »Ich wohne im 104. Stock!« »Mein Kopf dröhnt schon genug, aber danke für dasAngebot«, erwiderte Flavius und grinste gequält. »Es ist aber nichts Ernstes, oder?«, fragte sie. »Nein, nein! Das geht schon wieder vorbei«, stöhnte derjunge Mann. 27
  • »Möchten Sie meinen Neuro-Sanator haben? Ich kanneinen aus meiner Wohnung holen …«, erklärte die Frau. »Schon gut! So schlimm ist es nicht! Ich bin übrigensFlavius. Flavius Princeps!« »Asgara Trevoc!«, erklärte sie freudig und streckte ihreHand aus. »Ich kenne hier kaum noch jemanden, weil ich 19 Jahrelang im Weltall war«, sagte Flavius. »Sie waren bei den Sternen?« Asgara erschien beeindruckt. »Ja, auf Furbus IV!« »Von diesem Planeten habe ich noch nie etwas gehört…« »Ist auch nicht so wichtig. Jedenfalls bin ich jetzt wiederda, kenne aber keinen mehr. Das ist irgendwie traurig. Ichbin in diesem Habitatskomplex aufgewachsen, fühle michaber fremder denn je«, erklärte Princeps. Asgara blickte mit ihren strahlenden, grauen Augen aufihn herab und neigte den Kopf zur Seite. Sie war hübsch,wie Flavius zugeben musste, und ihr Lächeln strahlte eineangenehme Milde aus. »Das wird mit der Zeit bestimmt wieder besser. Es tut mirleid, aber ich muss jetzt zur Arbeit. Vielleicht sieht mansich ja noch einmal, Herr Princeps«, sagte die junge Fraujetzt und verabschiedete sich. Flavius schaute ihr hinterher und hielt sich anschließendwieder der Kopf. Mit einem leisen Murren ging er zu denAufzügen und fuhr in den 79. Stock hinauf. Irgendwie warheute nicht der richtige Tag, um durch die Straßen vonVanatium zu spazieren, dachte er sich, und schlich zurückin die Wohnung seiner Eltern.28
  • Es dauerte noch ein paar Wochen, bis sich Flavius halb-wegs akklimatisiert hatte. Letztendlich hatte er beschlos-sen, wieder etwas für seinen Körper zu tun und widmetesich dem Phalangieren, einem in der aureanischen Kasteäußerst beliebten Mannschaftssport. Schon vor seiner Reise in den Weltraum war er im Pha-langier-Club seines Stadtteils aktiv gewesen und nun warFlavius zu dem Entschluss gelangt, das sinnlose Herum-lungern der letzten Tage mit schweißtreibendem Phalan-giertraining zu vertauschen. Seiner gebeutelten Psychewürde der Sport ebenfalls gut tun, wie sich Princeps sicherwar. So entfaltete der junge Aureaner schon in den erstenTagen, nachdem er sich ordnungsgemäß beim örtlichenPhalangier-Club angemeldet hatte, eine fieberhafte Aktivi-tät und befand sich meistens mehrere Stunden täglich aufdem Übungsplatz. Hier lernte er schnell weitere Burschen aus seiner Alter-klasse kennen und mit den meisten verstand er sich gut.Nach einigen Tagen hatte sich ein junger Mann namensLucius an seine Fersen geheftet und hielt Flavius unent-wegt Vorträge über seine weiblichen Bekanntschaften unddie Partys in der Stadt. Princeps fand den selbstsicheren Teamkameraden zwargelegentlich etwas anstrengend, aber er brachte ihn mitseinen ständigen, flapsigen Sprüchen zum Lachen und daswar besser als nichts. Auch mit dem Trainer der Löwen von Crax, wie sich Flavi-us Phalangier-Mannschaft nannte, kam der junge Mannrecht gut zurecht. So war Princeps froh, dass er im Zuge 29
  • seiner sportlichen Tätigkeiten wenigstens die eine oderandere Bekanntschaft schließen konnte. Dank seiner intensiven Bemühungen auf dem Übungs-platz, gelang es ihm nach nur drei Wochen sogar bis in dieerste Reihe des Phalangier-Teams aufzusteigen. SeineEltern waren äußerst stolz, als sie diese Nachricht hörtenund Flavius selbst lief tagelang mit geschwellter Brust überden Trainingsplatz. Lucius war ebenfalls einer der besten Spieler in der 100Mann zählenden Löwen-Mannschaft und wurde vomTrainer auch in die erste Reihe gestellt. »Wir stehen jetzt immer zusammen vorne!«, hatte erFlavius verkündet und ihm grinsend auf den Schulterpan-zer seiner Plastonitrüstung geschlagen. »Ich freue mich darauf!«, hatte Princeps seinem neuenBekannten grinsend geantwortet und wirkte zufrieden. Von diesem Zeitpunkt an bildeten Lucius und Flavius einZweierteam, welches sich im Spiel gegenseitig abwechselndmit Schild und Lanze schützte. In den Trainingssimulatio-nen erwiesen sich die beiden als hervorragendes Gespann. Schließlich begannen sich die Löwen von Crax, also dasTeam des Stadtbezirks Vanatium-Crax, auf die Bezirksmeis-terschaften vorzubereiten und Flavius war fast ununter-brochen mit dem Phalangier-Training beschäftigt. Es galt,in einer Woche die Falken von Crax, die Craxer Hopliten, dieVanatium-Crax Schildträger und etwa ein Dutzend weitereTeams vom Spielfeld zu fegen. Die Bezirksmeisterschaften zu gewinnen, war in dieserZeit das höchste Lebensziel des jungen Mannes undlangsam begann er sich wieder wie ein ganz normalerMensch zu fühlen …30
  • Mehrere Tausend junge Aureaner hatten sich heute aufden Zuschauertribünen der großen Arena im Zentrum vonVanatium eingefunden und johlten unbeschwert ausLeibeskräften. Flavius befand sich unten auf dem Platz, wo heute umden Titel des Bezirksmeisters von Vanatium-Crax gerungenwurde. Dieses einmal im Jahr stattfindende sportliche Spektakelerhellte auch an diesem Tag den ansonsten oft gähnendlangweiligen Alltag zahlloser Jugendlicher im gepflegtenStadtteil Crax. Flavius gehörte nun ebenfalls wieder zuihnen, wie ihm schnell bewusst geworden war. Doch daszog er weiteren Weltraumreisen definitiv vor. Irgendwo auf der Tribüne befand sich vielleicht auch diehübsche Asgara aus seinem Habitatskomplex, nach wel-cher er in den letzten Wochen gelegentlich Ausschaugehalten hatte. Flavius kniff die Augen zu einem dünnen Schlitz zusam-men und hielt seine Hand darüber, um die blendendenSonnenstrahlen abzuhalten. Nach einigen Minuten gab eres auf, Asgara in der Masse der jubelnden Zuschauer zusuchen, denn dafür war diese viel zu groß. »Stellt euch auf, Leute!«, schrie der Teamführer über denPlatz und der junge Mann reihte sich in den 100 Spielerzählenden Block seiner Teamkameraden ein. Gegenüber postierte sich die gegnerische Mannschaftebenfalls zu einem starren Viereck und die Rivalen schlu-gen mit ihren drei Meter langen Lanzen aus Plastonit gegenihre roten Schilde mit den Falkensymbolen, welche ausdem gleichen Material angefertigt waren. 31
  • »Löwen! Löwen! Löwen!«, hallte es von der Tribüne undFlavius schenkte einigen hübschen Frauen am Spielfeld-rand ein kurzes Lächeln. Eine Durchsage ertönte und die beiden Teamblöckepostierten sich hinter ihren jeweiligen Aufstellungslinien.Jetzt schwoll das Geschrei der Zuschauer zu einem nochlauteren Getöse an. Princeps musterte seine mit zahllosen kleinen Sensorenversehene Rüstung, welche Bauch, Brust und Oberschen-kel schützte, und versuchte sich zu konzentrieren. »Mach heute keinen Mist mit deinem Schild!«, bemerktesein Nebenmann Lucius, welcher mit ihm in der erstenReihe des Teamblocks stand und nervös auf das Signalzum Start der ersten Runde wartete. »Keine Angst, ich halte es dir immer vor die Nase«, ant-wortete Flavius, verschnaufte kurz und klappte das Visierseines Helms herunter. Das Spiel begann und beide Teams bewegten sich lang-sam wie zwei bullige Nashörner aufeinander zu. Sofortnahm Flavius einen seiner beiden Wurfspeere aus Plastonitin die Hand und schleuderte ihn mit voller Wucht auf dengegnerischen Block. Mit einem leisen »Klack« traf die mitKontaktsensoren versehene Spitze der Waffe auf denBrustpanzer eines Gegners und dessen Rüstung begannrötlich zu leuchten. »Treffer!«, jubelte Princeps und der fluchende, jungeMann aus dem gegenüberliegenden Team trottete vomPlatz. Dann bohrten sich die langen Plastonitlanzen der beidenTeams mit einem lauten Krachen in den jeweils gegenüber-liegenden Block und mehrere Rüstungen leuchteten auf32
  • beiden Seiten schlagartig auf. Es gelang Flavius, einemGegner die Lanze mit einem wuchtigen Stoß in den Unter-leib zu rammen und auch dieser wurde vom Schiedsrichterausgezählt. Beide Mannschaften hatten sich inzwischen wie zweiringende Hirschkäfer ineinander verhakt und keine Seiteschaffte es, die andere entscheidend zurückzudrängen. Nach einigen Minuten ließ der Schiedsrichter die beidenTeams wieder Aufstellung nehmen und beendete dieRunde. »Wir führen 18 zu 16!«, bemerkte Lucius und klopftePrinceps auf die Schulter. »Guter Wurf übrigens!« »Danke! Ich tue, was ich kann. Vielleicht treffe ich jagleich den Teamkapitän«, gab jener zuversichtlich zurück. Nach einigen Minuten Verschnaufpause ging es weiterund die beiden Teamblöcke rannten in der nächsten Rundeerneut gegeneinander an. Flavius war inzwischen so euphorisch und aufgeheizt,dass er ohne jede Deckung und entgegen des Rates vonLucius, dem Kapitän der gegnerischen Mannschaft seineLanze forsch gegen den Brustpanzer schmetterte unddiesen einige Meter nach hinten schleuderte. Damit hatte das gegnerische Team seinen Anführer verlo-ren und die Löwen von Crax auf einen Schlag zehn Punktebekommen. Jetzt nahmen die Löwen ihre KontrahentenStück für Stück auseinander und zerlegten deren Phalanxmit Wurfspeeren und Plastonitlanzen. Spieler Princeps warder Held des Tages und seine Mannschaftskameradenbedankten sich bei ihm für die vielen kühnen Einsätze. Miteinem glücklichen Lächeln schlenderte der junge Mann am 33
  • Ende des Tages vom Platz und ließ sich von den begeister-ten Zuschauern feiern.Die Löwen von Crax hatten die Bezirksmeisterschaft ge-wonnen und Flavius war stolz auf seine sportlichen Leis-tungen, während der Jubel der Zuschauer noch lange inseinen Ohren nachhallte. Jetzt saß er wieder zu Hause, in der geräumigen Wohnungseiner Eltern, im oberen Bereich des HabitatskomplexesG-4122. Draußen strahlte die Sonne und schickte ihreLichtstrahlen durch das große Küchenfenster. Vor einigen Minuten hatte sich Flavius noch die neuestenNachrichten aus aller Welt auf dem Simulations-Transmitter seines Vaters angesehen. Dann war ihmirgendwann langweilig geworden und er hatte sich in diesonnendurchflutete Küche zurückgezogen. Draußen flogen einige Gleiter am Himmel vorbei undglänzten vor dem blauen Horizont wie leuchtende Edel-steine, während sie der junge Mann nachdenklich betrach-tete. Plötzlich hörte er, wie sich die Wohnungstür mit einemleisen Summen aufschob, nachdem der Erbgut-Scanner imEingangsbereich das genetische Profil seines Vaters er-kannt hatte. Dieser kam schnellen Schrittes einige Stufennach oben und stellte sich schließlich in die Küche. »Wie geht es dir heute, Junge?«, fragte er und setzte sichzu Flavius an den Tisch. »Gut, alles klar, Vater!«, gab der Sohn zurück und lächelte. »Du warst vorgestern Nacht ganz schön unruhig. Wirhaben dich im Schlaf reden gehört. Was war denn los,Flavius?«34
  • Der junge Mann wunderte sich und zuckte mit den Ach-seln. »Nichts! Ich habe geredet?« »Ja, ich wollte dich schon gestern darauf ansprechen.Kannst du dich an keinen bösen Traum erinnern?« »Nicht, dass ich wüsste«, antwortete Princeps und wirkteetwas verwundert. »Dein Bio-Scanner hat auch erhöhte Adrenalinwerteaufgezeigt…« »Mein Bio-Scanner? Hast du dir ihn angesehen?« »Tut mir leid, aber deine Mutter und ich haben uns Sor-gen gemacht. Ich will dir ja keine Angst machen, aber duwirktest vollkommen panisch und hast in deinem Bett wildum dich geschlagen…« Flavius wusste nicht, was er erwidern sollte und starrtenur schweigend auf den Küchentisch. Wieder zuckte erlediglich mit den Achseln. Norec Princeps stand auf, ließ sich von einem kleinenAutomaten ein mineralisches Getränk machen und setztesich wieder auf seinen Stuhl. Dann fixierte er seinen Sohnmit seinen von kleinen Fältchen umgebenen blauen Augenund hob seine weißgrauen Brauen an. »Wie war es denn auf deiner Reise zu den Sternen? Duhast Mutter und mir bisher noch überhaupt nichts erzählt,Junge! Ist alles glatt gelaufen?« »Es war die Hölle! Ich betrete nie wieder ein Raum-schiff…«, sagte Flavius kleinlaut. Sein Vater wunderte sich. »Und auf diesem Planeten gabes wirklich nichts zu sehen?« »Naja, zu sehen gab es da schon etwas, aber ihr würdet esmir sowieso nicht glauben. Es war ein öder Ort mit wenigVegetation und sehr kalt. Dort gab es nur eine kleine 35
  • Siedlerkolonie mit einigen Hundert Menschen, aber dieexistiert jetzt auch nicht mehr.« »Damals hast du uns nur gesagt, dass ihr irgendwelcheDinge erforschen sollt, aber bist nie ins Detail gegangen.Was habt ihr denn dort gemacht, Flavius? Lass dir dochnicht alles aus der Nase ziehen…«, bemerkte Norec. Flavius lächelte gequält und erklärte, dass man ihm an-fangs selbst nicht genau gesagt hatte, was sie auf Furbus IVerforschen mussten. Angeblich sollte das wissenschaftlicheTeam, dem er als Assistent angeschlossen war, die Roh-stoffe des Planeten genauer untersuchen und den Siedlernbeim Aufbau von Mienen und Abbauzonen helfen, dochdas war nicht ganz die Wahrheit gewesen. »Ich habe auf diesem Planeten seltsame Dinge gesehen,Vater«, flüsterte Flavius und fummelte sich nervös anseinem Haarknoten am Hinterkopf herum. »Was denn für Dinge?«, hakte der Vater nach. »Dort hatte wohl ein Kampf stattgefunden. Jedenfalls wardie kleine Station der menschlichen Kolonisten vollkom-men zerstört als wir dort ankamen. Es war total unheim-lich. Nur noch Ruinen, die schon seit ein paar Jahren vorsich hin zerfielen, waren übrig.« »Und wo waren die Kolonisten?«, wunderte sich Norec,welcher jetzt mit größtem Interesse und aufgerissenenAugen zuhörte. »Wir fanden zahlreiche Skelette von Menschen, aberniemand war mehr am Leben. Unser ganzer Trupp wartotal verunsichert, nachdem wir die zerstörte Siedlungerreicht hatten. Überall lagen Trümmer und Gerippe, aberdas war nicht das, was uns am meisten beunruhigt hat,Papa…«36
  • »So? Was dann, Junge?«, wollte der ältere Mann wissenund spitzte die Ohren. »Da waren auch noch andere Überreste und die warennicht von Menschen!« »Was?«, stieß Norec Princeps aus und verschluckte sichan seinem Getränk. »Ja, das ist die Wahrheit! Ich schwöre es! Wir haben Über-reste von außerirdischen Wesen gefunden, allerdings auchnur Gerippe. Diese Kreaturen hatten eine mehr oderweniger humanoide Form, waren aber wesentlich kräftigergebaut und besaßen lange, starke Arme und recht kurzeBeine. Wir haben einige DNA-Proben von diesen Dingernmitgenommen. Du hättest diese Aliens sehen sollen. Siehatten große Zähne in ihren massigen Schädeln und tiefsitzende Augenlöcher.« »Das klingt verrückt, Flavius. Das soll ich dir glauben?«,murmelte Norec verunsichert. »Doch, Vater, das ist die Wahrheit!«, zischte der jungeMann wütend. »So wie du diese Dinger beschrieben hast, waren es viel-leicht irgendwelche einheimischen Tiere auf Furbus IV,oder?« Langsam wurde der Sohn zornig und hämmerte mit derFaust auf den Tisch. »Nein! Ich wusste, dass du so rea-gierst! Nein, das waren keine Tiere! Wir haben nebendiesen seltsamen Überresten auch Waffen gefunden. Siesahen pistolenähnlich aus und da waren solche Dinger, dieuns an Hackebeile erinnerten …« »Hackebeile?«, wunderte sich Norec. 37
  • »Was weiß ich, was das genau für Sachen waren? Jeden-falls waren es intelligente Wesen und keine Tiere, Papa!« Der nüchterne Verwaltungsbeamte winkte ab und machtesich noch ein mineralisches Getränk. »Das klingt doch sehr, sehr phantastisch, Junge«, bemerk-te er dann. »Wir haben auch so eine Art Maschine offenbar nicht-menschlichen Ursprungs gefunden…«, fügte Flavius jetzthinzu. »Das wird ja immer besser«, bekam er als ungläubigeAntwort zurück. »Was soll`s! Eigentlich dürfen wir auch mit niemandemdarüber reden, denn die Untersuchungsergebnisse gehendirekt an höhere Stellen auf Terra. Vergiss es!«, brummteFlavius und verließ enttäuscht den Raum. Norec Princepsnippte nur grübelnd an seiner Tasse und schüttelte denKopf.Nachdem er sich über seinen Vater gründlich geärgerthatte, denn offenbar hielt dieser ihn für einen Schwätzer,verließ Flavius die Wohnung seiner Eltern und ging durcheinige lange Gänge mit vielen Fenstern. Kurz darauf kamer zu einem der großen Aufzüge der 79. Etage seinesHabitatskomplexes. Hier hatten sich schon mehrere Dutzend andere Men-schen versammelt, aber Flavius kannte niemanden vonihnen und lächelte den Leuten nur flüchtig zu. Während er auf den Aufzug wartete, warf er einen Blickaus dem Fenster hinab auf das Häusergewirr unter sich.Hunderte von Habitatskomplexen ragten zwischen denkleineren Wohnblöcken wie gigantische Säulen in den38
  • Himmel hinauf. Einige waren sogar noch höher, als dasGebäude, in welchem Flavius mit seinen Eltern lebte. Zwischendurch zogen Schwärme von Gleitern und ande-ren Fluggeräten wie Vogelscharen in der Ferne am Hori-zont vorüber. Im 16. Jahrtausend war die aureanischeMenschheit endgültig zu einer fliegenden Spezies gewor-den, denn das Fliegen war inzwischen so selbstverständlichwie Essen oder Schlafen. Wenn der gewöhnliche Aureaner mit 20 Jahren die Voll-jährigkeit erlangt und seine Prüfung zum Vollbürger derAureanerkaste erfolgreich absolviert hatte, bekam er vonseinen Eltern meistens einen Gleiter geschenkt. Flavius besaß zurzeit kein eigenes Fluggerät, vermisstejedoch das Fliegen nach seiner Raumreise, deren Nachwir-kungen noch immer an seinen Nerven zehrten, nichtsonderlich. Allerdings konnte sich ein Gleiter auch aufRädern fortbewegen, wenn man nicht so gerne flog. Vorallem ältere Aureaner nutzten ihre Gleiter häufig auf dieseWeise, denn sie blieben mit ihrem Fortbewegungsmittellieber auf dem Boden, als noch durch die Lüfte zu zischen. Ein leises Summen und eine hellgrün leuchtende Anzeigegaben Flavius zu verstehen, dass der Aufzug im 79. Stockangekommen war. Kurz darauf ging es nach unten. Nach einigen Minuten war der junge Mann in der großenVorhalle seines Habitatskomplexes angekommen undbegab sich auf die Straße. Hier wimmelten Wogen vonMenschen über die Gehsteige. Tausende Personen dräng-ten sich über die breiten Fußwege vorwärts und Flaviuswirkte einmal mehr verstört und unsicher angesichts sovieler Menschen. Wenn man bedachte, dass er jahrelang in 39
  • einem Raumschiff eingesperrt gewesen war, war dieseTatsache auch nicht verwunderlich. Schritt für Schritt tastete er sich voran und durchquerteeinen Fußgängertunnel, welcher über eine breite, befahreneStraße führte. Ab und zu erhoben sich neben ihm, an dafürvorgeschriebenen Stellen, einige Gleiter in die Lüfte undflogen davon. Warum Flavius heute überhaupt in das Gewirr der Stra-ßen von Vanatium hinabgetaucht war, wusste er selbstnicht. Vermutlich hatte er einfach keine Lust mehr, denganzen Tag in der Wohnung seiner Eltern herumzuhän-gen. Außerdem hatte ihn das ignorante Verhalten seinesVaters doch mehr erzürnt, als er es sich eingestehen wollte. Jetzt kam der junge Mann an eine Kreuzung, hinter wel-cher er einen der größten Parks der Stadt ausmachenkonnte. Wieder riss ihn eine beschäftigte Masse mit sichund nach einigen Minuten hatte er das in ein saftiges Grüngehüllte Erholungsgelände erreicht. Eine Gruppe kleiner Mädchen spielte zu seiner Rechtenauf einem breiten Rasenstück. Sie versuchten sich gegen-seitig zu fangen, lachten laut und schrieen durcheinander.Ihre hellen Haare glänzten in der Sonne, so dass sie wiekleine Engelchen aussahen. »Typische Aureanerkinder…«, dachte sich Flavius undging weiter durch das Parkstück. Von irgendwo erklang eine sanfte Melodie zu seinenOhren herüber und kurz darauf konnte er einen älterenHerrn in weißem Gewand erkennen, welcher mit einigendigital-holographischen Instrumenten die angenehmenTöne erzeugte und ganz vertieft in seine musikalischeArbeit war.40
  • Hier in Vanatium war offenbar alles beim Alten geblie-ben, zumindest in Crax. Es herrschte im Grunde diegleiche heile Welt, wie vor seiner Reise zu den Sternen. WoFlavius hinsah, erblickte er brave, aureanische Kastenge-nossen, welche entweder in ihre Arbeit vertieft waren odersich irgendeiner Freizeitaktivität hingaben. Allerdings fiel Princeps bei seinem Rundgang durch dieStadt auf, dass die Anzahl der Anaureaner in seiner Abwe-senheit doch leicht zugenommen hatte, was ihn sehrverwunderte. Normalerweise war es Angehörigen der unteren Kastenur in Ausnahmefällen gestattet, eine aureanische Stadtüberhaupt zu betreten. Jetzt tummelten sich mittlerweileimmer mehr Anaureaner in Vanatium. In seiner Kindheit hatte er hier so gut wie nie einen Anau-reaner zu Gesicht bekommen, doch jetzt waren es mehrgeworden. Offenbar hatten die vornehmen Patrizierfamili-en der Stadt bei den Behörden des Goldenen Reiches einegrößere Anzahl von Sondergenehmigungen durchsetzenkönnen, denn die meisten Anaureaner hier in Vanatiumwaren allem Anschein nach Diener und Aushilfskräfte derreichen Familien, welche meist auf riesigen Wohnplattfor-men in luftiger Höhe residierten. Flavius verließ den Park wieder und ließ sich von einemGleiter in die Innenstadt bringen. Hier setzte ihn derFlugist in der Nähe der Marmorallee, der größten, breites-ten und prunkvollsten Straße Vanatiums ab. Der jungeMann schlenderte ohne ein genaues Ziel zu haben umherund betrachtete die riesigen Schaufenster einiger Kaufhäu-ser, welche voller teurer Waren und holographischerPräsentationen waren. 41
  • »Das Zeug braucht kein Mensch«, sagte plötzlich eineergraute Frau neben ihm, während Flavius nachdenklichein flackerndes Werbehologramm bestaunte. Er lächelte ihr zu und nickte. »Viele von uns wissen haltnicht, was sie den ganzen Tag tun sollen – außer irgend-welches Zeug zu kaufen.« Die ältere Dame, welche noch immer schöne, aristokrati-sche Gesichtszüge und wache blaue Augen hatte, hobihren langen, weißen Zeigefinger und sah Flavius ernst an. Schließlich sagte sie: »Das ist das größte Problem unsererZeit, junger Mann. Dieses ununterbrochene Kaufen undVerschwenden. Es nimmt immer weiter zu und gewissePatrizier fördern es, weil sie noch mehr VEs verdienenwollen. Als ob sie nicht schon Luxus genug hätten. Siehaben so viel Reichtum und Unterhaltung, dass sich ihreKinder vor Langeweile und Frust manchmal von denWohnplattformen hinab in die Tiefe stürzen, weil sie esnicht gelernt haben, ihr eigenes Leben zu schätzen. Kön-nen Sie sich das vorstellen, junger Mann?« Princeps lächelte und betrachtete vergnügt, wie sich dieältere Dame immer mehr ereiferte. »Sie haben ja Recht, gute Frau! Aber so ist es doch seitGenerationen und es wird auch immer so bleiben«, gab derjunge Mann jetzt zurück. »Wird es das?«, erwiderte die Dame und wirkte angesichtsseiner Ignoranz ein wenig erbost. »Ja, warum sollte es sich jemals ändern?« »Weil uns irgendwann die Natur dazu zwingen wird!«,sagte die Frau und hob erneut den Zeigefinger. »Die Natur? Wie meinen Sie das jetzt?«42
  • »Ich meine damit, dass wir langsam überzivilisiert sind!Wir haben nicht nur alles, sondern haben viel zu viel.Sehen Sie denn nicht, dass die einst stolze Aureanerkastelangsam vor die Hunde geht, junger Mann? Unsere Vor-fahren waren anders, sie waren wie die Dronai, welche diealten Tugenden des Goldenen Reiches heute noch hochhal-ten!« »Und deswegen hat das Goldene Reich so oft Krieg mit demSternenreich von Dron gehabt?«, fragte Princeps leichtprovokant. »Sie verstehen nicht, was ich sagen will, junger Mann«,gab die Dame zurück. »Die Dronai sind doch auch Aurea-ner, zumindest von ihrer Abstammung her, und sie habenseit der Gründung ihrer Kolonie die alten Werte unsererKaste viel besser gepflegt als wir Terraner. Wir sind doch mittlerweile auf dem besten Weg zur De-kadenz, weil gewisse Herrschaften aus der Nobilitas immerhäufiger nur ihre Geschäfte vor Augen haben und denImperator immer weiter beeinflussen, auf dass er das ganzeGoldene Reich in einen einzigen, großen Marktplatz verwan-delt…« »Jetzt übertreiben Sie aber, gnädige Frau«, winkte Flaviusab und machte Anstalten zu gehen. »Vielleicht werden Sie sich noch an meine Worte erin-nern, junger Herr«, bemerkte die ältere Frau aufgeregt.»Uns Aureaner konnte hier auf Terra auch in der Vergan-genheit niemand besiegen – außer wir selbst! Entwederhaben wir uns gegenseitig den Schädel eingeschlagen oderunsere eigene Gier nach noch mehr Reichtum und Machthat uns ins Unglück fallen lassen. Denken Sie an meineWorte, junger Mann!« 43
  • »Ich bedanke mich für das Gespräch, gute Frau«, erwider-te Flavius höflich und schüttelte der Dame die Hand.Dann ging er weiter die Marmorallee hinab.44
  • Der Abschied des XanthosImperator Xanthos der Erhabene blickte von einer Platt-form auf dem Dach des prunkvollen, gigantischen Archon-tenpalastes hinunter auf das Häusermeer von Asaheim undwirkte nachdenklich. Hinter ihm wartete sein engster Berater, Clautus Triton,welcher ihm seit fast 50 Jahren zur Seite stand. Der eben-falls in die Jahre gekommene Mann, welcher aus einer derobersten Familien der aureanischen Nobilität stammte, warin ein langes, rotes Gewand eingehüllt und betrachteteseinerseits schweigend den Rücken des Imperators. »Über 9 Jahrzehnte herrsche ich jetzt über das GoldeneReich. Das ist eine lange Zeit, nicht wahr?«, sagte Xanthosleise. »Ja, eure Majestät. So lange hat vor Euch kaum jemandüber unser Imperium gewacht«, erwiderte der Berater undstellte sich neben seinen Herrn. »Denkt er, dass ich meiner Aufgabe gerecht gewordenbin?«, fragte Xanthos seinen Diener mit leicht melancholi-schem Unterton. Dieser zögerte für einige Sekunden mit seiner Antwortund sagte dann: »Ihr habt in all den Jahren Euer Bestesgetan. Daran zweifele ich nicht…« »Glaubt er das tatsächlich?« »Ja, Herr! Ich kann es nicht anders sagen!« »Er soll mir nicht schmeicheln, sondern ehrlich sein.Habe ich wirklich alle meine Aufgaben erfüllt, Clautus?«,gab der Imperator zurück und lehnte sich über die Brüs-tung. 45
  • Der Berater wartete erneut einen Augenblick mit seinerAntwort. »Ihr habt viel erreicht, Eure Herrlichkeit! Sehtdoch wie großartig das Goldene Reich erblüht und gedeiht.Wie könnt Ihr da an Eurem Erfolg zweifeln?« »Selbst die größten Imperien der Vergangenheit sindimmer wieder zerfallen. Wann wird das Goldene Reich diesesSchicksal ereilen, Clautus?«, wollte Xanthos von seinemBerater wissen und sah ihn mit seinen alten Augen an. »Darauf deutet nichts hin, Herr! Überhaupt nichts!«,versuchte ihn der Diener zu beruhigen. »Habe ich in den 9 Jahrzehnten milde regiert, Clautus?« »Ich denke schon, Herr! Ihr wart ein Kaiser des Friedensund der Versöhnung…«, gab der Berater zurück. »Zu milde vielleicht?« »Nun, ich denke es war alles genau richtig.« »Denkt er denn nicht, dass ich ihnen zu viel Macht einge-räumt habe?« »Wen meinen Sie, Majestät?« »Nun ich denke, er weiß, wen ich meine«, antwortete derHerrscher. »Die reichen Patrizierfamilien, Herr?« »Ja!« Clautus Triton sah den Kaiser für einen Augenblick anund richtete dann seinen Blick auf Asaheim. »Er möge es mir doch sagen, wie er es denkt«, batXanthos der Erhabene und trat vor seinen Gefährten. »Sie haben sehr viel Einfluss bekommen, das ist schonrichtig, Majestät!«, gab Clautus leise zurück. »Zu viel, denkt er, nicht wahr?« »Vielleicht ein wenig zu viel, Herr! Ja!«46
  • »Sie beherrschen inzwischen den Senat von Asaheim odersehe ich das falsch, mein Freund?« Clautus nickte. »Ja, sie haben wohl den größten Einflussgewonnen und folgen nur ihrem Egoismus.« Xanthos wischte sich mit der knochigen Hand durchseine schneeweißen Haare und sagte für einen Momentnichts. »Das Problem ist, dass sie die ökonomischen Interessenihrer kleinen Gruppe von Nobilen denen der gesamtenAureanerkaste vorziehen, Majestät!«, meinte Clautus. »Und ich habe sie gewähren lassen, obwohl sie eigentlichnur die Berater des Imperators sein sollten. Meine Helferund Mitstreiter sollten sie sein und keine selbstsüchtigenSchlangen. Denkt er auch so, mein treuer Clautus?«, sprachXanthos traurig. »Wollen Sie meine aufrichtige Antwort hören, Majestät?«,vergewisserte sich Triton noch einmal. »Ja, darum bitte ich die ganze Zeit, Clautus!«, erwiderteder Souverän. »Nun, Ihr hättet sie schärfer in die Schranken weisensollen, Herr«, gab der Berater zu. »Aber ich habe es nicht getan, mein alter Freund. Jetzt istes für mich dafür zu spät, aber ich werde meinem Nach-folger eindrücklich sagen, dass das von Nöten ist. Denkter, dass es so von Vorteil wäre?« »Ja, Majestät!«, antwortete Clautus. »Ich habe den Frieden gewahrt und gleichzeitig denGrundstein für den Unfrieden und das Chaos der Zukunftgelegt. In zwei Monaten ist meine Herrschaft vorbei undich werde die wenigen Jahre, die mir noch bleiben, inmeinem Domizil in Speras verbringen. Dann wird man 47
  • einst sagen, dass ich schwach war und es ist leider auch dieWahrheit, Clautus…«, sprach Xanthos leise. »Das ist doch so nicht richtig, Majestät«, entgegnete ihmder Diener kleinlaut, während der Imperator bedrückt anihm vorbei huschte. »Doch! Das ist die bittere Wahrheit, der sich der Greisjetzt stellen muss«, flüsterte der Souverän und verschwandin seinem Palast.Es war noch recht früh. Jedenfalls betrachtete es Flaviusso, der in den letzten Wochen stets in den Genuss ge-kommen war, ausschlafen zu können. Sein Vater hatteeinige seiner Kontakte spielen lassen und ihm ein Bewer-bungsgespräch bei der Unterverwaltung des WohnbezirksVanatium-Degenan, am anderen Ende der Stadt, organisiert. So hatte sich der junge Mann bereits in den frühen Mor-genstunden aufgemacht, um sich von einem Gleiter nachDegenan bringen zu lassen. Anschließend ging er zu seinem Bewerbungsgespräch, woihn ein gelangweilter Verwaltungsmitarbeiter mittlerenAlters erwartete. »Gut, ich denke, dass wir Sie hier gebrauchen können,Herr Princeps. Ihren Vater kenne ich übrigens ganz gut.Ich hatte viel mit ihm zu tun – auf Verwaltungsebene.Grüssen Sie ihn von mir!«, hatte dieser bereits nach einigenMinuten gesagt und ihm die Arbeitsstelle angeboten. Flavius willigte ein, denn irgendetwas musste er ja arbei-ten und in einer verstaubten Amtsstube herumzusitzen,war immer noch besser, als noch weitere Weltraumflügeertragen zu müssen.48
  • Er nahm sich fest vor, seinen noch laufenden Dienstver-trag als »wissenschaftlicher Assistent für Raumflüge undinterstellare Forschungsreisen« am nächsten Tag zu kündi-gen und schlenderte zufrieden aus dem Verwaltungskom-plex heraus. Damit war auch diese Angelegenheit geregeltund jetzt galt es erst einmal, die Freizeit zu genießen, denndavon hatte Flavius noch mehr als genug übrig. Der Aureaner lief durch die Straßen des ihm eigentlichfremden Teils seiner Heimatstadt und sah sich ein wenigum. Vanatium-Degenan hatte schon zu Zeiten seiner Kind-heit nicht den besten Ruf gehabt, denn hier lebten eher dieärmeren Angehörigen der Aureanerkaste. Zudem gab eshier eine Vielzahl von Fabriken und sehr viele Habitatsblö-cke, welche recht ungepflegt wirkten. »Da sieht es in Crax doch besser aus«, dachte sichPrinceps und betrachtete verächtlich die Wohnkomplexeum sich herum. Nach einer Weile war er einige Straßenzüge herunterge-gangen und befand sich mitten im Herzen von Degenan.Gleiter rasten an ihm vorbei oder zischten über seinemKopf hinweg durch die Luft. Quasselnde Männer undFrauen drängten ihn zur Seite und schenkten ihm keineBeachtung. Flavius traute seinen Augen nicht, als er sich genauerumsah. Hier in Dengenan wimmelte es von Anaureanern.Hunderte hasteten über die Straßen oder lungerten zwi-schen den Habitatskomplexen herum. Eine so große Anzahl Anaureaner hatte Princeps in sei-nem Leben noch nicht gesehen. Was machten die alle hier?Und dann auch noch in seiner Heimatstadt? Arbeiteten sieetwa in den Fabrikkomplexen? 49
  • Der junge Mann war sichtlich verstört. Hier war es ir-gendwie unangenehm und einige der fremden Gestaltenwarfen ihm giftige Blicke zu, als er an ihnen vorbeiging. Flavius durchquerte einen langen Tunnel, um auf dendahinter liegenden Gleiterplatz zu gelangen. Er wollte soschnell es ging wieder zurück nach Crax, das alles hier warungewohnt und verwirrend. Als er eine Vielzahl von Stufen herunterging, stach ihmein widerlicher Gestank in die Nase. Es roch nach Urinund Schmutz. Ein derartiger Mief war zuviel für seineansonsten duftverwöhnte Aureanernase. Mit schnellem Schritt versuchte er durch die verdreckteUnterführung zu kommen und bemerkte die dunklenIndividuen, welche in den Ecken kauerten, in seiner Eileüberhaupt nicht. »Hey!«, hörte er plötzlich hinter sich und ein metallischerGegenstand polterte neben ihm über den Boden. Flavius drehte sich um und sah vier junge Anaureaner aufsich zukommen. Sie grinsten hämisch und entblößten ihrefauligen, gelben Zähne, als sie sich vor ihm postierten. »Warum antwortest du nicht, Junge? Ich habe dich dochgerufen!«, krächzte einer der drei Gesellen. »Keine Ahnung! Was wollt ihr?«, stammelte Princepsunsicher. »Der kleine Goldmensch hat Angst! Das kleine Goldhaar!Seht nur sein Goldhaar…«, zischelte einer der Anaureanerund strich Flavius über den Kopf. »Nimm die Finger weg!«, knurrte dieser und schlug dessenHand weg. Drei finstere Augenpaare starrten ihn jetzt wütend an.Einer der Drei trat nun direkt vor ihn und grinste bösartig.50
  • Flavius betrachtete das verdreckte Mondgesicht der unter-setzten Gestalt und hielt den Atem an. »Packst du mich an, du reicher Goldjunge? Hä? Packst dumich an?«, knurrte der Anaureaner. »Ihr habt mich zuerst angefasst. Lasst mich in Ruhe!«, gabPrinceps zurück, während sie ihn an die Wand drängten.Als Antwort erhielt der junge Aureaner einen Faustschlagins Gesicht und landete auf dem schmutzigen Boden derUnterführung. Die drei Angreifer lachten und traten ihmnoch einmal kräftig in die Rippen, nachdem sie seineTaschen nach wertvollen Gegenständen durchsucht hatten.Schließlich rannten sie davon. Vor Schmerzen schnaufend richtete sich Flavius auf undwischte sich das Blut von der Lippe. Er stieß einen leisenFluch aus und humpelte aus der Unterführung herauf andie Oberfläche, um mit dem nächsten Gleiter aus Vanati-um-Degenan zu verschwinden. So eben hatten ihn drei Anaureaner überfallen und ausge-raubt. Ein ungeheuerlicher Vorfall, wie sich Princepsdachte. Und das in seiner Heimatstadt, mitten im GoldenenReich! Der junge Mann konnte es noch immer nicht fassen undals er seinen Eltern von seinem Erlebnis in Vanatium-Degenan berichtete, verschlug es ihnen die Sprache. Norec Princeps meldete den Überfall auf seinen Sohn amnächsten Tag sofort den örtlichen Behörden, doch diesekümmerten sich kaum darum. »Es hat sich in Vanatium in den letzten Jahren nun einmaleiniges verändert – und nicht unbedingt zum Positiven!«,erklärte der zuständige Beamte Herrn Princeps lediglich. 51
  • »Seit wann gibt es in Vanatium so viele Anaureaner? Washaben die hier überhaupt zu suchen?«, schimpfte deraufgebrachte Vater. »Das ist eben so! Ist Ihnen das denn noch nicht aufgefal-len? Vielleicht sollten sie ihren Habitatskomplex öfterverlassen«, erwiderte der Verwaltungsmitarbeiter genervtund schickte Herrn Princeps fort. Die Aussicht demnächst jeden Tag nach Vanatium-Degenan zu müssen, um zu der neuen Arbeitsstelle zugelangen, hob Flavius Laune nicht unbedingt sonderlichan. Allerdings hatte er jetzt erst einmal frei, denn nachseiner jahrelangen Raumreise, stand ihm die einjährigeRuhepause, wovon noch fast acht Monate übrig waren,glücklicherweise zu. Das war wohl das Einzige, so dachte sich der Aureaner,was der schreckliche Flug zu den Sternen an Positivem mitsich gebracht hatte. Drei Tage nach seinem Bewerbungsgespräch zog er mitLucius, seinem Teamkameraden aus dem Sportclub, ersteinmal um die Häuser und genoss das süße Leben in denVergnügungsvierteln seiner Heimatstadt. Mit Lucius konnte man feiern bis zum Umfallen. Der aussehr reichem Hause stammende, junge Mann, welcherkeinem Lohnerwerb nachgehen musste, war ein Meisterdes Müßigganges. Heute hatten sich die beiden schon zurMittagsstunde einige synthetische Drinks genehmigt undsich dann mit einem Gleiter nach Vanatium-Rusing bringenlassen. Hier befand sich das größte und prunkvollste Vergnü-gungsviertel der Riesenstadt und dort wartete auf diebereits stark angeheiterten jungen Burschen alles, was ihre52
  • genusssüchtigen Herzen begehrten. Partys, Frauen,Rauschmittel und alle vorstellbaren Sorten benebelnderGetränke. Zudem gab es hier auch an jeder StraßeneckeNeurostimulatoren. Rusing war wahrlich ein dekadentesParadies. Lucius, der oft schnodderige, gutaussehende Blondschopfmit den glänzenden Augen und dem athletischen Körper,torkelte voraus und Flavius folgte ihm. »Guck mal die da!«, sagte er und deutete auf eine Gruppehübscher Aureanerinnen, die sich ihnen mit einem leisenKichern näherten. »Nicht übel!«, lallte Flavius hinterher und grinste benom-men. »Das Zeug haut gut rein, was?«, kam von Lucius. »Jau! Aber voll!«, stammelte Princeps und merkte, wie seinBlick immer verschwommener wurde. Die beiden kauften sich einen kleinen Neurostimulatorbei einem freundlich lächelnden Händler und bogen dannin eine Nebenstraße ab. »Du zuerst!«, sagte Lucius und drückte seinem Kumpeldas leuchtende Gerät in die Hand. Flavius zögerte für einen Augenblick, dann tippte ereinige Knöpfe und hielt sich das leise summende Ding andie Schläfe. »Scheiße!«, stieß er nach einigen Sekunden aus und tau-melte zurück. »Alter, haut das rein…« »Du hast das verdammte Ding auf sexuelle Stimulationgestellt, du elende Sau!«, blökte Lucius und lachte laut.»Und auch noch auf Stufe 3…« »Ja, sicher! Von nichts kommt nichts«, bemerkte Flaviusund hielt sich den Kopf. 53
  • »Bist du eine Sau, Alter! Gib mal her. Jetzt ich«, sagteLucius und nippte an einem kleinen Fläschchen. Jetzt hielt sich dieser den Neurostimulator ebenfalls anden Kopf und verpasste sich einen gehörigen SchwallGlücksgefühle. »Alter, ich habe so Bock zu vögeln…«, stammelte Flavius. »Kein Wunder bei Stufe 3! Ha! Ha!«, brabbelte Lucius undließ einen Begeisterungsschrei los. Die jungen Männer trotteten wieder zurück auf dieHauptstraße und kehrten in einem von greller Leuchtre-klame beschienenen Lokal ein. Hier wimmelte es vonhübschen Mädchen und angetrunkenen Männern. Sieschwankten an die Theke und ließen sich auf einem Bar-hocker nieder. »Was kann ich den Herrschaften bringen?«, fragte sieeiner der Kellner. »Zwei Cypher-Shakes!«, antwortete Lucius und fiel fastvon seinem Stuhl. »Sehr wohl!«, bemerkte der Mann und verschwand wie-der. »Booah! Die geile Sau da hinten. Da! Die Rothaarige!«,lallte Flavius und krallte sich an der Theke fest. »Hat klasse Beine. Wollen wir mal hingehen?«, fragte derbenommene Lucius. »Ja, Scheiße! Warum nicht? Quatschen wir die süße Tussidoch mal an. Die hat ja auch ein paar scharfe Freundin-nen«, erklärte Princeps und machte Anstalten, sich denNeurostimulator noch einmal an die Schläfe zu halten. »Ey! Das reicht doch jetzt! Du klappst um, wenn du dasDing zu oft benutzt«, warnte Lucius, doch sein Begleiterließ sich nicht beirren.54
  • Ein weiterer Schub sexueller Stimulation raste durch FlaviusGehirn und anschließend war der junge Mann kaum nochin der Lage, geradeaus zu laufen. Mit wankenden Schrittennäherte er sich der Gruppe von hübschen Mädchen amTisch gegenüber.Der folgende Tag war ein einziges Desaster. Bis um 5.00Uhr morgens hatten Flavius und Lucius Rusing unsichergemacht und Ersterer war nicht müde geworden, sich alleerdenklichen Getränke in den Rachen zu kippen und dieKraft des Neurostimulators bis zum Anschlag auszurei-zen. Irgendwann hatte sich Flavius übergeben müssen undauch sein Bekannter, welcher ebenfalls kaum noch einengeraden Satz herausbekommen konnte, war fast nichtmehr in der Lage gewesen, einen Gleiter für den Heimflugzu organisieren. Irgendwie waren sie dann aber doch beide nach Hausegekommen, um den nächsten Tag mit üblen Kopfschmer-zen zu verbringen. »Verdammt!«, jammerte Flavius, hielt sich den dröhnen-den Schädel und wälzte sich in seinem Bett von einemEnde zum anderen. Nach einer Weile, es war inzwischenschon Mittag, kam seine Mutter herein, um nach ihremSohn zu sehen. »Was war denn heute Morgen los?«, wollte sie wissen. »Nichts! Ich war mit Lucius feiern«, brummte der Sohnleise. »Etwa in Rusing?« »Ja, wieso?« 55
  • »Dieses Viertel ist furchtbar! Was habt ihr denn da zusuchen gehabt? Dort treibt sich doch allerhand Gesindelherum«, betonte Crusulla. »Keine Ahnung…Feiern halt…« »Hast du diese Neurostimulatoren benutzt, Flavius?«,fragte sie besorgt. Der junge Mann zog sich die Decke über den Kopf undhoffte, seine Mutter würde ihn noch eine Runde schlafenlassen. »Nur einmal…«, stammelte er. »Diese Geräte sind gefährlich!«, schimpfte die Mutter. »Ach, war doch nur einmal!«, log der Sohn. Crusulla schüttelte den Kopf und ging wieder aus FlaviusZimmer heraus. »Glaube nicht, dass das jetzt jedes Wochenende so läuft,mein Lieber«, gab sie ihrem Sprössling noch mit auf denWeg. Dieser ignorierte das Geschwätz seiner Mutter und kon-zentrierte sich weiter auf seinen furchtbaren Brummschä-del. Einige Stunden später, nachdem er noch etwas geschlafenhatte, schlich er aus seinem Zimmer heraus und setzte sichan den Küchentisch. Sein Vater saß auch dort und mur-melte ihm ein leicht verärgert klingendes »Hallo!« entgegen. »Hast du dich gut amüsiert?«, fragte er dann. »Ja, war gut!«, brachte Flavius nur leise hervor und machtesich ein Mineralwasser fertig. »So, so…«, erwiderte Norec Princeps und trottete in dieobere Etage der Wohnung. Der junge Mann machte sich auf dem Sofa vor demSimulations-Transmitter breit und räkelte sich, immer noch56
  • benommen von der letzten Nacht, in einem Haufenweicher Kissen herum. Dann schaltete er das Gerät an undblickte auf den sich vor seinen Augen auftuenden Holo-graphie-Bildschirm. »Möchten Sie sich in die Sendung einloggen?«, stand alsMeldung am unteren Rand der leuchtenden Bildfläche.Flavius wischte die Meldung mit einer flüchtigen Handbe-wegung weg und hielt sich noch einmal den Kopf. Plötz-lich riss er die Augen auf.»Imperator Xanthos der Erhabene hat heute, nach 91Jahren seiner gesegneten Herrschaft über das Goldene Reich,der aureanischen Öffentlichkeit endgültig verkündenlassen, dass er in einer Woche aus seinem Amt ausscheidenwird. Damit endet die über neun Jahrzehnte andauerndeRegierungszeit des großen Archons. Unsere erlauchte Majestät wird als Friedenskaiser in dieChroniken der Archivatoren Terras eingehen, dennXanthos der Erhabene hat das Goldene Reich wie kaum einanderer durch eine Epoche der Versöhnung und derEintracht geführt. Zu seinem Nachfolger hat er gesternden verehrten Credos Platon von Eusangia ernannt…«Flavius Kopfschmerzen ließen es kaum zu, noch länger dieholographische Bildfläche anzusehen. Zu sehr branntendie leuchtenden Farben in seinem gepeinigten Schädel.Schließlich schaltete er den Simulations-Transmitter wiederaus und schlich zurück ins Bett. »Der alte Xanthos macht sich vom Feld«, sagte er leise zusich selbst und wirkte, als ob ihn die Meldung nicht son- 57
  • derlich interessierte. Schließlich kroch er wieder unter dieDecke und verschlief den Rest des Tages.Juan Sobos, der steinreiche Großgrundbesitzer und Sena-tor aus Braza, hatte ein Fest organisiert, welches an Prunkund Protz kaum noch zu überbieten war. Etwa 1000Gäste, allesamt Angehörige der aureanischen Nobilität undwohlhabende Geschäftsleute, waren hier in seiner Som-merresidenz im Norden von Braza erschienen, um sich andem zu laben, was Sobos ihnen in Fülle bot. Der Besitzer gewaltiger Landgüter und Fabriken hatte einganzes Sammelsurium von exotischen Blickfängen fürseine Gäste auffahren lassen. Es reichte von extra für diesemonumentale Feier geklonten, ausgestorbenen Tieren bishin zu anaureanischen Bauchtänzerinnen und ganzenSchwärmen von Freudenmädchen aus dem Süden desKontinents. Mit einem zufriedenen Lächeln schritt der leicht unter-setzte Mann mit dem aschblonden, krauseligen Haar unddem kleinen Doppelkinn an einer Reihe von Dienernvorbei und begutachtete das teure Spektakel. So gut wieder gesamte Senat von Asaheim war bei dieser Feiervertreten und Juan Sobos wusste, dass man den luxusge-wohnten Herrschaften etwas Außergewöhnliches bietenmusste. »Madame Clerilla!«, stieß er mit gekünstelter Freude ausund küsste einer in die Jahre gekommenen Aristokratin dieHand. Diese hatte ihr Gesicht hinter einer Goldmaske verbor-gen, welche sie nun zur Seite schob, um Sobos ein kurzesLächeln zu schenken.58
  • »Es ist eine großartige Feier, Senator! So hatte ich eserwartet«, bemerkte die Dame. »Mein Mann ist auch ganzhin und weg, sage ich Ihnen…« »Das freut mich«, erwiderte der Großgrundbesitzer undverbeugte sich. »Wo ist denn Senator Alphaios, wenn ichfragen darf?« »Er stellt wohl einem dieser Mädchen nach«, erklärte dieFrau und wirkte nicht sonderlich erfreut. »Verzeihen Sie ihm, Madame Clerilla! So sind wir Männereben. Das ist unsere Natur. Wir halten die Augen immernach allen Varianten des weiblichen Geschlechtes offen«,scherzte der Gastgeber. Dann schritt er weiter durch dasendlose Meer seiner fröhlich lachenden Besucher. Es dauerte nur einige Minuten, da war er schon in dasnächste Gespräch mit einem anderen illustren Gast verwi-ckelt. »Es ist großartig, Senator Sobos! Sie haben sich diesmalwirklich nicht lumpen lassen!«, sagte ein begeisterter,älterer Herr mit zahlreichen Diamantringen an den Fin-gern. Juan Sobos schmunzelte stolz. »Das freut mich aber, dasses Ihnen hier bei mir gefällt. Ich habe diese Sommerresi-denz erst vor fünf Jahren erbauen lassen. Die Architekturkann sich sehen lassen, nicht wahr?« »Ohne Zweifel! Ohne Zweifel!«, bemerkte der Mann undblickte mit Begeisterung auf die strahlend weißen Marmor-gebäude um sich herum. »Wie laufen die Geschäfte, Censor Fersius?«, fragte ihnSobos. »Ich kann nicht klagen. Seit einigen Jahren habe ich michauf den interstellaren Rohstoffhandel in unserem Sonnen- 59
  • system spezialisiert. Mittlerweile besitze ich Dutzende vongroßen Frachtschiffen.« »Ach? Und was ist mit ihren Landgütern in Canmerigaund Arica?«, erkundigte sich der Gastgeber mit leichterVerwunderung. »Das läuft nebenher. Der interstellare Handel ist in letzterZeit einfach lukrativer geworden. Trotzdem produzierenwir auf unseren Agrarkomplexen natürlich auch weiterhinLebensmittel für Millionen Aureaner«, erklärte Fersius. »Ich bleibe bei meinem Hauptgeschäft. Landbesitz ist seitJahrhunderten das Rückgrat der ökonomischen Erfolgeder Familie Sobos«, gab der Großgrundbesitzer lachendzurück. Sein Gegenüber zog die buschigen Augenbrauen nachoben. »Das wissen wir ja alle hier, Senator. An die Größeder Ländereien der Familie Sobos kommt eben keinanderes Patriziergeschlecht heran. Das muss auch ichzugeben. Wie auch immer, der interstellare Handel hat esmir jedenfalls angetan.« »Jedem das Seine!«, flachste Juan Sobos und ging weiter. Inzwischen hatten sich einige anaureanische Tänzerinnenauf einer gewaltigen Bühne postiert und schwangen ihreschlanken Hüften zum Rhythmus eines lauten Getrom-mels. Zwischendurch erschallte das Gejohle ergrauterHerren aus der aureanischen Nobilitas, welche von demSpektakel sehr angetan zu sein schienen. Auf einmal kamein Mann auf Juan Sobos zu und schüttelte ihm die Hand. »Senator, ich wollte mich noch einmal für die Einladungzu dieser großartigen Party bedanken«, sagte er. Der Gastgeber stutzte kurz und wirkte nachdenklich. »Mitwem habe ich die Ehre?«60
  • »Malix Yussam! Ich bin ein Bankier aus Süd-Orian«,erklärte der Gast und blickte Sobos mit seinen dunklenAugen an. »Ah, ich erinnere mich. Gefällt es Ihnen bei mir?« »Es ist fantastisch, Senator Sobos. Ich fühle mich ganzgeehrt. Für mich als ehemaligen Anaureaner ist es eineEhre, heute dabei sein zu dürfen…« Juan Sobos schmunzelte väterlich und sagte: »Dann ha-ben Sie es meinem Einfluss zu verdanken, dass sie in dieoberste Kaste aufgestiegen sind?« »Sozusagen, Herr Senator!«, erwiderte Yussam. »Und? Laufen die Geschäfte?«, wollte der Patrizier wissen. »Außerordentlich gut, Herr Senator! Seitdem mich dieFamilie Cilius offiziell adoptiert hat, kann ich nun auch imGoldenen Reich selbst meinen Tätigkeiten nachgehen. ImÜbrigen verwalte ich inzwischen auch das Vermögen derehrenwerten Cilius Sippe«, sagte der Gast. Sobos grinste gönnerhaft und bemerkte: »Wissen Sie,Aureaner oder Anaureaner, was spielt das heute noch füreine Rolle? Ich habe mich immer gegen dieses antiquierteDenken gewehrt. Wichtig ist doch, dass wir gute Ge-schäftspartner haben, Herr Yussam! Ich denke Sie sehen esähnlich, oder?« »Mit Sicherheit, Herr Senator! Auf jeden Fall ist es großar-tig heute hier zu sein«, sagte der Bankier. Der Gastgeber deutete auf den dunklen Nachthimmelund erläuterte, dass das Feuerwerk nun jeden Momentbeginnen müsste. Einige Minuten später knallte undzischte es, während über den Köpfen der begeistertenGäste bunte Lichter aufleuchteten. Das berauschende Festhatte in dieser Nacht noch einige Sehenswürdigkeiten zu 61
  • bieten und zog die Anwesenden wieder und wieder inseinen Bann. So hatte es Juan Sobos geplant und seinePläne waren immer erfolgreich.Anfang Oktober des Jahres 15289, nach vorgeschichtlicherZeitrechnung, oder im Jahre 3978 nach Gutrim Malogor,dem großen Reformator, nach welchem der allgemeineKalender des Goldenen Reiches benannt worden war, schiedXanthos der Erhabene schließlich aus seinem Amt aus undübertrug seinen Imperatorentitel auf Credos Platon vonEusangia. Der Abschied des bei der überwiegenden Mehrheit derAureaner äußerst beliebten Herrschers wurde mit einerimposanten Veranstaltung gefeiert, welche ganz Asaheimfür mehrere Tage in eine Wolke aus verschwenderischemPrunk einhüllte. Dann zeigte sich der kaum 26jährige Credos Platon denjubelnden Menschenmassen in den Straßen der riesigenZentralstadt und ließ sich in einem endlosen Triumphzugvon seinem Volk huldigen. Wenige Tage später begab sich der neue Monarch miteiner ganzen Heerschar seiner Würdenträger und Dienerauf die traditionelle Reise zum Mars, um sich in der größ-ten Metropole des roten Planeten ebenfalls von denbegeisterten Massen feiern zu lassen. Der Flug zum Marswar seit Jahrtausenden eine feste Tradition im GoldenenReich, denn kein neu eingesetzter Imperator konnte es sichleisten, der Bevölkerung auf dem roten Planeten, demzweitwichtigsten Zentrum des menschlichen Sternenrei-ches, nicht die Ehre seiner Anwesenheit zu schenken.62
  • Credos Platon entstammte einer der angesehensten Fami-lien der aureanischen Nobilität und war ein junger Mann,welcher auch optisch dem Idealbild eines Patriziers ent-sprach. Seine glatten, strahlend hellen Haare waren ineinem Knoten am Hinterkopf zusammengefasst und seineGesichtszüge wirkten fein und edel. Lediglich das Kinn desschlanken, hochgewachsenen Mannes war »ein wenig zukurz«, wie manche Schönheitsfanatiker in den Adelskreisendes Goldenen Reiches anzumerken hatten. Politisch war der neue Archon bisher noch kaum in Er-scheinung getreten. Auf Empfehlung des Xanthos war erim letzten Jahr in den Senat von Asaheim berufen worden,wo er sich allerdings ruhig, bescheiden und zurückhaltendgezeigt hatte. Hunderte von anderen Patriziern beneideten den jungenMann seit dem Tage seines Amtsantrittes im Verborgenen.Hatten sie doch gehofft, dass der alte Xanthos vielleichteinen der ihren als seinen Thronfolger auswählen würde. Doch schließlich war die Wahl des greisen Imperators aufCredos Platon, einen unscheinbaren Jüngling, welcher vonseiner politischen Ausrichtung her noch kaum einzuschät-zen war, gefallen. Man sagte allerdings, dass Platon ein Freund der altaurea-nischen Tugenden war. Dazu gehörte die Wertschätzungvon Ehre, Demut, Bescheidenheit, Tapferkeit und Fleiß. Der neue Souverän hatte damit eine Geisteshaltung,welche von vielen Senatoren und Nobilen als eher veraltetangesehen oder gar ein wenig belächelt wurde. So beäugte man Credos Platon von Anfang an misstrau-isch und kritisch, während man in den hohen Adelskreisen 63
  • weiterhin darüber rätselte, warum Xanthos der Erhabenegerade ihn zu seinem Nachfolger ernannt hatte. Juan Sobos und eine Gruppe weiterer, einflussreicherSenatoren, suchten ihrerseits nun erst einmal seine Nähe,denn sie wollten unbedingt wissen, welchen Charakter diepolitischen Ansichten des neuen Monarchen hatten. Die Würdigung der altaureanischen Tugenden, welcheCredos Platon bereits in einigen Gesprächen mit Juan Sobosgeäußert hatte, war diesem schon früh bitter aufgestoßen.Der wohlhabende Landbesitzer hatte für solche Dinge,welche weder etwas mit Geschäften noch Reichtümern zutun hatten, überhaupt nichts übrig. Als ihm Platon dannauch noch erzählte, dass er ein Bewunderer Malogors seiund auch den antiken Herrscher Gunther Dron sehr schätz-te, hatte er bei Sobos schon einige Sympathien verspielt. Bei einer Reihe weiterer Senatoren verhielt es sich nichtviel anders. Auch diese waren verwundert, derartige Dingeaus dem Munde eines so jungen Mannes zu hören. Aber solange Credos Platon ihren Geschäften und ihrer in derletzten Zeit immer mächtigeren Position im Senat vonAsaheim nicht in die Quere kam, konnte man ihn ruhigreden lassen. »Wenn er sich uns gegenüber wie Xanthos der Erhabeneverhält, nämlich passiv, dann soll er noch viele Jahre in Ruheregieren«, bemerkte Juan Sobos bei der Amtseinführung desjungen Monarchen mit dem ihm eigenen Sarkasmus. So widmete sich der junge Imperator in den ersten Tagenmit Eifer seinen ersten Amtshandlungen, doch wirkte ernoch so unsicher und harmlos, dass er den erfahrenenSenatoren um ihn herum höchstens ein mitleidiges Lächelnentlockte.64
  • GewitterstimmungDie große Politik an den Futtertrögen der Macht in Asa-heim und den vielen anderen Metropolen des GoldenenReiches auf Terra interessierte Flavius Princeps in diesenTagen herzlich wenig. Ob der neue Imperator nun dereinen oder anderen politischen Fraktion im Senat besseroder schlechter gesonnen war, hatte für den jungen Bur-schen keinerlei persönliche Bedeutung. Er war nämlich ganz darauf eingestellt, jeden Tag bis zumBeginn seiner langweiligen Arbeitstätigkeit im Verwal-tungszentrum von Degenan mit dem größtmöglichenGenuss zu verbringen. Flavius hatte inzwischen ein innigesVerhältnis zu Neurostimulatoren und diversen Rauschmit-teln aufgebaut und mit seinem Saufkumpan Lucius an derSeite, konnte er auch sicher sein, dass die Partys undFreuden erst einmal nicht endeten. Die beiden waren heute mit Lucius’ neuem Gleiter in diebenachbarte Stadt Midheim geflogen und hatten sich festvorgenommen, noch einmal richtig ihren Spaß zu haben.Schon gegen Mittag waren sie im Gewühl des Vergnü-gungsviertels der Stadt untergetaucht und von einem Lokalzum nächsten getingelt. Drei Schübe Glücksgefühle hatte sich Flavius bereits seitheute morgen per Neurostimulatur durch den Schädelgejagt, Lucius sogar schon fünf. Letzterer grinste seitdembenommen vor sich hin und umarmte ab und zu vor lauterFreude irgendwelche wildfremden Personen. 65
  • »Juhuuu!«, rief Lucius und reckte die Arme in die Höhe,während um ihn herum Dutzende von aureanischenJugendlichen zu einem monotonen Rhythmus tanzten. »Hey!«, fügte Flavius hinzu und deutete mit seinem Fingerauf eine hübsche, junge Dame, welche sich gerade einenNeurostimulator an die Schläfe hielt. Er hastete zu ihr hin und stellte sich neben sie. »Nicht zuviel, meine Süße!«, sagte er und fixierte die schlanke Brü-nette mit seinen blutunterlaufenen Augen. »Wer bist du denn, Kleiner?«, gab sie zurück und taumelteumher. »Flavius! Und du, schöne Frau?« Die hübsche Maid lächelte. »Luculla! Und das ist Cenia,meine beste Freundin.« »Ich bin sehr erfreut«, sagte Flavius und schüttelte Ceniadie Hand. »Ist der niedlich«, tuschelte diese ihrer Freundin zu undmachte ebenfalls den Eindruck, als ob sie heute schoneinige Neurostimulationsschübe hinter sich gebracht hatte. »Was geht denn hier?«, erschallte es jetzt von hinten undLucius legte seinen Arm um Flavius’ Schulter. »Ist das dein Freund?«, wollte Luculla wissen. »Ja, das ist Lucius«, antwortete der junge Mann. »Na, Mädels! Was macht die Party? Jawohl, ich … ich binLucius«, lallte jener. »Jau! Das ist so geil hier! Ich liebe Percussiontanz!«,jauchzte Luculla und schwang ihre ansehnlichen Beine zudem mitreißenden Rhythmus. »Wir wollten später noch in das Lokal da hinten. Ist dasgut? Ihr seid doch von hier«, bemerkte Princeps. »Das ist okay! Warum?«, gab Cenia zurück.66
  • »Vielleicht habt ihr ja Lust mitzukommen?«, fügte Luciushinzu. Luculla stieß ein verwirrtes Kichern aus und ihre Freun-din tat es ihr gleich. »Ja, klar! Warum nicht? Juhuuu!«, rief die Schönheit undtanzte Flavius an. Nach einer Stunde kehrten die beiden jungen Männer indas Lokal ein, während ihnen die hübschen Mädchenfolgten. Es dauerte nicht lange, da hatten die vier einige berau-schende Getränke zu sich genommen und flegelten sich ineine gemütliche Sitzecke. »Und ihr seid aus Vanatium?«, fragte Luculla jetzt undbemühte sich, nicht unter den Tisch zu rutschen. »Jau!«, murmelte Lucius und verpasste sich noch eineneurologische Dröhnung. Diesmal hatte er das Gerät aufleichte Sexualstimulation gestellt, was Cenia offenbar aufgefal-len war. »Du Schlingel!«, flüsterte sie Lucius ins Ohr und diesergrinste wie ein angetrunkener Ochsenfrosch. »Wollt ihr heute noch nach Hause fliegen, Jungs?«, erkun-digte sich Luculla. »Ach, was! Das geht eh in die Hose«, gab Flavius kicherndzurück. Lucius winkte den Kellner heran und gab noch eineGroßbestellung an diversen Getränken auf. »Eigentlich könnt ihr ja dann auch bei mir übernachten.Wenn ihr wollt…«, meinte die Brünette und schlug dieAugen auf. »Echt? Prima! Wohnt ihr hier in der Innenstadt?«, stam-melte Lucius. 67
  • »Also ich wohne bei meinen Eltern. Das ist nur ein paarHabitatskomplexe von hier weg. Wir haben eine großePlattform, von dort aus sieht man die ganze Stadt«, erklärteLuculla. »Ihr wohnt auf einer Plattform?«, wunderte sich Flavius. »Ja, ich kann sie dir heute Abend mal zeigen, wenn duwillst«, sagte sie. Lucius schickte seinem Saufkumpan ein benommenesSchmunzeln zu und zog die Augenbrauen nach oben,während sich Luculla einen kleinen Schub sexuelle Stimulati-on verpasste. Es sollte noch ein aufregender Abend wer-den.Credos Platon hatte es nicht leicht, als er das Amt seinesgroßen Vorgängers Xanthos übernahm. Der junge Impera-tor traf bei vielen Angehörigen der höheren Stände derAureanerkaste auf eine derart dekadente Geisteshaltung,dass es ihn zutiefst entsetzte. Er erschrak über das Ausmaß der Entartung in vielenFamilien der Nobilität, wo selbst die größten Reichtümernicht ausreichten, den Aufwand, die maßlose Verschwen-dung und Genusssucht zu befriedigen, wo einer denanderen an Glanz, an schwelgerischen Gelagen und berau-schenden Festen in prunkvollen Villen zu übertreffenversuchte. Viele der angesehenen Senatoren verbrachten ein Lebenvoller Verschuldung, während sie und ihre Frauen Schamund Sitte mit Füßen traten, sich Huren und zahllosenLiebhabern hingaben, bis irgendwann selbst die größtenVermögen verprasst waren.68
  • Die jungen Aristokraten verschwendeten häufig ihr Lebenin unendlicher Üppigkeit, Wollust und entnervtem Hedo-nismus. Die Erreichung höchster Freuden und Sinneslüsteerschien vielen Angehörigen der führenden Patriziersippeninzwischen als das höchste Ziel. Diesen sich im hauptstädtischen Modeleben bewegendenNobilen, waren die Begriffe von Ehre, Pflicht und Tugendschon seit Generationen abhanden gekommen. Sie schlos-sen sich denjenigen politischen Gruppen und Führern an,bei denen für ihre Selbstsucht und ihre niedrigen Begier-den die größte Aussicht bestand und wurden in ihremHandeln nicht durch Grundsätze und Überzeugungen,sondern durch puren Eigennutz und Egoismus geleitet. Imperator Platon selbst hatte diesem Denken glückli-cherweise bisher entsagt und seine Eltern gehörten offen-bar zu den selten anzutreffenden Aristokraten, denen dieaureanischen Tugenden noch wichtig waren, wie er schonkurze Zeit nach seinem Amtsantritt feststellen musste. So ragte er als einer der wenigen Ehrenmänner aus demMeer seiner verlebten und verschuldeten Standesgenossenheraus, was ihm keinesfalls nur Freunde bescherte. Der alte Clautus Triton, welcher sich bereits unterXanthos dem Erhabenen als vertrauensvoller Gefährteerwiesen hatte, fand ihn jedoch schnell sympathisch undteilte die meisten seiner politischen Ansichten. Juan Sobos hatte ihn hingegen schon direkt zu Beginnseiner Amtzeit darauf hingewiesen, dass er sich besser mitden einflussreichen Landbesitzern, Bankiers und Indus-triellen im Senat von Asaheim gut stellen sollte, wenn ihman einer ruhigen Amtszeit gelegen war. 69
  • Ansonsten überließ Credos Platon in diesen ersten Wo-chen zunächst einmal seinem Diener Clautus die Aufgabe,die schwierigen Klippen der Politik erfolgreich zu umschif-fen. Der alte Berater war indes bemüht, dem jungenMonarchen immer weitere Hinweise und Ratschläge zugeben, damit dieser möglichst selten bei den Senatorenaneckte. Doch Imperator Platon zeigte sehr schnell, dass er durch-aus einen eigenen Kopf besaß und hatte sich trotz seinermangelnden Erfahrung einige umfassende Reformen imGoldenen Reich überlegt. So lag es ihm etwa am Herzen, dasProblem der zunehmenden Beschäftigungslosigkeit großerTeile der aureanischen Bevölkerung zu lösen. Weiterhin hielt er es für schädlich, dass die Großstädteimmer weiter wuchsen und diese Ballungszentren langsamaber sicher zu Horten fauler und degenerierter Einwohnerwurden, welche den größten Teil ihres Lebens ohnewirkliche Aufgaben herumlungerten. Zudem wurden immer mehr Anaureaner ins Goldene Reichgeholt, welche die reichen Patrizierfamilien als billigeArbeitssklaven für ihre wirtschaftlichen Interessen miss-brauchten, obwohl die alte Kastengesetzgebung derartigeseigentlich untersagte. Dies gedachte Credos Platon soschnell wie möglich zu unterbinden. Als ihm zahlreiche Kolonieplaneten nach und nach ihreHuldigungen und Glückwünsche übermitteln ließen, warPlaton erfreut, denn es war ihm wichtig, das von Xanthosdem Erhabenen gepflegte, gute Verhältnis zu ihnen auf-recht zu erhalten. Selbst der auf Terra stationierte Bot-schafter des Sternenreiches von Dron hatte ihm offiziell70
  • gratuliert und die Hoffnung geäußert, dass er die Frieden-politik seines Vorgängers fortsetzte. Bald sollte die erste große Senatssitzung in Asaheimstattfinden und Credos Platon hatte sich etwas vorge-nommen, was den Unmut zahlreicher Mächtiger im ganzenGoldenen Reich auf ihn ziehen sollte. Als er Clautus davon berichtete, war dieser zutiefst verun-sichert und besorgt, doch der junge Souverän appelliertean Ehre und Pflichtgefühl seines alten Beraters. Die beidenTugenden waren in den erlauchten Kreisen der aureani-schen Nobilität jedoch schon lange nicht mehr zu Tagegetreten und der politisch erfahrene Clautus war sich imGegensatz zu Platon offenbar bewusst, dass dieser mitseinen Vorhaben früher oder später eine gefährlicheGiftschlange reizen würde… Flavius reckte und streckte sich nach allen Regeln derKunst und erinnerte dabei an eine verschlafene Katze. Diehalbe Nacht hatte er sich mit diversen holographischenUnterhaltungsprogrammen um die Ohren geschlagen odersich in virtuelle Spielwelten eingeloggt. Dementsprechendfühlte sich sein Schädel nach über zehnstündiger Beriese-lung durch die neueste Vergnügungstechnologie auch nichtbesser an, als nach einem Neurostimulationsrausch. Der junge Mann hatte es in den letzten Tagen wirklich einwenig zu weit getrieben, wie er sich selbst eingestehenmusste. Zu viele Drogen, zu viele Stimulationen, zu vieleRauschgetränke, zu viele flüchtige Bekanntschaften… Mit seinen Eltern hatte er vor ein paar Tagen einen sehrheftigen Streit gehabt, denn sie waren nicht länger gewillt,dabei zuzusehen, wie sich ihr Sohn langsam aber sicher in 71
  • einen vergnügungssüchtigen Schnösel mit Drogenproble-men verwandelte. Flavius hatte seine schimpfende Mutter und seinen be-sorgten Vater in seinem vernebelten Hirn einfach ausge-lacht und war in die obere Etage der elterlichen Wohnungverschwunden, wo sich sein Zimmer befand. »Nimm dir ein Beispiel an Xentor und Karina! Die habensich vernünftige Beschäftigungen gesucht und ihr Lebenim Griff«, hatten die Eltern gepredigt, während Flavius siegrinsend darauf hinwies, dass er nach seiner Raumreise»ein Recht auf Spaß« besaß. Alles in allem wirkte der Flug zu den Sternen noch immerin seinem Inneren nach. Seine psychischen Folgen warennach wie vor wieder präsent und zeigten sich in Alpträu-men und Schlafstörungen. Allein die Erinnerung an diestählerne Tiefschlafkammer weckte in Flavius` Geist oftschreckliche Horrorvisionen. Zwar redete er mit niemandem darüber und mimte nachaußen hin den fröhlichen Prototyp eines ewig spaßigenAureanerjünglings, doch sah es in seinem Kern anders aus.Hier regierten Angst, Zweifel und Unsicherheit. Die diversen Rauschmittel lenkten ihn allerdings so gut esging davon ab, sich mit seiner beschädigten Psyche zubeschäftigen und ließen ihn einigermaßen durchschlafen. In etwa sieben Monaten sollte er mit seiner Arbeit in demstädtischen Verwaltungszentrum beginnen, aber bis dahinwar es noch eine lange Zeit, wie er sich einredete, und diewollte er genießen. Für heute Abend hatte sich einmal mehr sein SaufkumpanLucius angekündigt, denn es galt, dem Vergnügungsviertel72
  • von Vanatium einen weiteren, berauschenden Besuchabzustatten. Princeps grinste, als er an die kommenden Stunden desGenusses dachte und starrte die Decke an. Plötzlich rissihn das Piepen des Kommunikationsboten aus seinenGedanken. Verwirrt kramte Flavius das Gerät aus seiner Hosentaschehervor und öffnete mit zittrigen Fingern einen kleinenholographischen Bildschirm, welcher den Raum mit einemschwachen, bläulichen Schimmer erfüllte. Es war Luculla, die hübsche Brünette, deren Anlitz ihmjetzt von der kleinen, elektronischen Leinwand entgegenlä-chelte. »Hey, Flavius! Bist du noch am schlafen gewesen?«, fragtedie junge Frau. »Was? Nein!«, stammelte dieser. »Was gibt`s?« »Ach, ich wollte mich nur noch einmal melden. Wie gehtes dir denn?« »So weit alles klar, Luculla. Und selbst?« »Ich hänge hier gerade auf unserer Terrasse herum undschaue mir die Stadt an. Da habe ich an dich gedacht…« »Wieso? Sehe ich aus wie ein Habitatskomplex?«, scherzteFlavius. »Sehr witzig«, sagte die Brünette und kicherte. »Wasmachst du heute Abend denn so?« »Ich bin mit Lucius unterwegs. Hier in Vanatium«, ant-wortete Flavius und wirkte angestrengt. »Das war schön…letztes Mal…«, kam von Luculla. »Ja, war es auch!«, gab der junge Mann zurück. Luculla überlegte kurz und fragte dann: »Habt ihr beidennicht Lust noch einmal nach Midheim zu kommen?« 73
  • »Heute?« »Ja, warum nicht. Cenia freut sich auch schon auf euch.Ich würde dich ja gerne mal wiedersehen.« Flavius hielt sich den Kopf und hatte, wenn er ehrlichwar, überhaupt keine Lust auf ein Gespräch mit Luculla. »Also heute ist es eher ungünstig. Lucius und ich werdenwohl in Vanatium bleiben. Vielleicht können wir uns ja malin den nächsten Wochen treffen…« »In den nächsten Wochen? Aber ich denke, du hast nochein paar Monate frei?«, bemerkte die junge Frau enttäuscht. Flavius stockte kurz. »Ja…äh…also…ich denke, dass ichwohl früher mit meiner neuen Arbeit anfangen werde undhier zu Hause gibt es auch noch einiges zu erledigen. Ichmelde mich einfach, wenn ich wieder Zeit habe, okay?« Luculla nickte. »Gut, dann will ich dich auch nicht weiterstören. Bis dann, Flavius…« Der holographische Bildschirm verschwand und derjunge Mann vergrub den Kommunikationsboten wieder inseiner Hosentasche. »Was soll`s…«, brummte Flavius und schlich in die Kü-che. Luculla hatte seine stümperhaft vorgetragenen Ausre-den mit Sicherheit durchschaut und würde sich vermutlichnicht mehr melden, dachte er sich. Der junge Mann machte sich ein Getränk und blicktedann aus dem großen Küchenfenster herunter auf dietiefen Häuserschluchten, die seinen Wohnkomplex umga-ben. Sonst war niemand in der Wohnung. Seine Eltern warenbeide unterwegs. Sicherlich war Vater noch auf der Arbeitund Mutter wohl irgendwo in eine der zahllosen Einkaufs-passagen der Stadt abgetaucht. Jedenfalls war er allein.74
  • Während Flavius Princeps als einer von Abermillionengewöhnlichen Aureanern sein nicht übermäßig mit Sinnerfülltes Leben lebte, fanden sich einige führende Mitglie-der des Senats von Asaheim auf dem Landgut des Groß-grundbesitzers Lopun von Sevapolo ein. Die Sommerresidenz des Patriziers befand sich auf einersonnendurchfluteten Halbinsel an der Küste des EuxeniusMeeres, welches in den alten Zeiten auch als Schwarzes Meerbezeichnet worden war. Juan Sobos war auch dabei, um mit seinen Standesgenos-sen und Geschäftspartnern ein Gespräch über den neuenImperator zu führen. Bei edlen Speisen und vollmundigen Getränken hatten siesich auf der Terrasse der prunkvollen Villa des Lopuneingefunden und sinnierten über den neuen Monarchendes Goldenen Reiches. »Wo steht der Bursche denn jetzt politisch? Ich habe esnoch immer nicht ganz herausfinden können. Ist denn anden Gerüchten, dass er ein konservativer Altaureaner ist,wirklich etwas dran?«, fragte der wohlgenährte Gastgeberin die Runde und strich sich über seine schneeweiße Toga. »Das ist noch nicht genau zu bestimmen. Credos Platonscheint allerdings diesen so genannten »alten Werten undTugenden« irgendwie nahe zu stehen. Ich denke aber, dasser diese lächerlichen Hirngespinste schnell wieder verges-sen wird, wenn er einmal ein paar Monate regiert hat«,bemerkte Sobos gelassen. »Bei Xanthos dem Erhabenen war es wohl anfangs auchso, wie mir ein mittlerweile verstorbener Senator einmalberichtet hat. Aber diese antiquierten Vorstellungen kön-nen sich in der Realität ohnehin nicht lange halten. 75
  • Wenn jemand die Aureanerkaste groß gemacht hat, dannist es doch die Nobilität gewesen und niemand anderes«,fügte ein glatzköpfiger Aristokrat hinzu. »Ach, das ist eine solch rückständige Gesinnung. Aurea-ner und Anaureaner, ich kann diesen Unsinn nicht mehrhören. Diese idiotische Gesetzgebung kostet unserenStand jedes Jahr gewaltige Summen. Warum können wirdie Arbeitskraft der Anaureaner nicht vollständig nutzen? Sie sind viele und sie sind billig. Lediglich dieses konser-vative Denken hindert uns daran, die Angehörigen derunteren Kaste effektiv im Namen einer fortschrittlichenWirtschaftpolitik einzusetzen«, meinte Juan Sobos. »Immerhin ist es nun einmal seit ewigen Zeiten unsereTradition und die kann man nicht einfach von heute aufmorgen abschaffen. Zudem müssen wir doch auch unsereeigenen Aureaner irgendwie mit Arbeit beschäftigen, wasschon schwer genug ist«, betonte einer der Senatoren undsah Sobos verwundert an. »Unsinn! Das ist definitiv Unsinn! Was spricht denndagegen, dass entweder Maschinen oder Anaureanersämtliche Arbeiten im Goldenen Reich und in unserenKolonien übernehmen? Das wäre auf jeden Fall ausökonomischer Sicht die kostengünstigste Variante, SenatorDrusus. Und vor allem für den Stand der Nobilen würdennoch größere Gewinne und Erträge erwirtschaftet werdenkönnen«, erwiderte Juan Sobos. »Da ist sicherlich etwas Wahres dran«, betonte einer derHerren und schlang einen exotischen Fisch hinunter. »Wir werden den jungen Mann schon entsprechend unse-rer Interessen formen und er soll es nicht wagen, sich76
  • gegen die Nobilität zu stellen«, murrte Lupon von Sevapo-lo dazwischen. »Die Imperatoren der letzten Jahrhunderte haben sichjedenfalls mehr und mehr dem Willen des Senats und derPatrizierfamilien gebeugt. Ohne uns sind sie nichts, dennwenn wir ihnen die Gefolgschaft verweigern, dann könnensie nicht mehr viel tun. Bei Credos Platon wird es auchnicht anders sein«, sagte Sobos jetzt und ließ sich noch einGetränk bringen. »Das denke ich auch …«, stimmte ihm ein stämmigerIndustrieller zu. Juan Sobos war jedoch noch nicht fertig mit seinen Aus-führungen und drängte darauf, noch etwas klar zu stellen.»Auf Dauer ist es für uns alle geschäftsschädigend, wenndie alten Gesetze beibehalten werden. Ich meine damitnicht nur die Kastenordnung, sondern auch viele andereSchranken, die langsam einmal eingerissen werden sollten!« Ein älterer Herr wunderte sich aufgrund dieser Aussageund entgegnete dem Landbesitzer: »Aber wir können dochnicht einfach alle alten Traditionen über Bord werfen.Diese Gesetze haben doch auch ihren Sinn, Senator Sobos.Was ist mit der Verantwortung der Patrizier gegenüber deraureanischen Kaste?« »Was hat das damit zu tun? Wir sollten doch in ersterLinie uns selbst und dann unseren eigenen Sippen gegen-über verantwortungsvoll sein. Zudem lasse ich mich vonkeinem Imperator mehr in meinen Geschäften einschrän-ken. Was soll das denn bitteschön heißen? Verantwortunggegenüber der aureanischen Kaste? Sollen wir dann mor-gen die Hälfte unseres über Generationen erworbenen 77
  • Reichtums und Grundbesitzes abgeben, oder wie?«, murrteSobos. »So habe ich das nicht gemeint!«, rechtfertigte sich deralte Patrizier. »Das sind Phrasen von altaureanischen Holzköpfen! Mehrnicht! Ich will nicht hoffen, dass Imperator Platon tatsäch-lich an diesen Blödsinn glaubt, sonst wird ihm der über-wiegende Teil des Senats schnell alle Sympathien entziehen– und ich erst recht!«, schimpfte der Grundherr aus Brazaund musterte den ergrauten Mann mit abfälligem Blick.Norec und Crusulla Princeps hatten sich mittlerweileentschlossen, ihrem Sprössling einen Gleiter zu schenken.Das gehörte in den Augen von Flavius’ Eltern einfach zueinem modernen aureanischen Mann dazu. Ein solchesFluggerät war nicht nur ein Statussymbol, sondern auch einZeichen von Unabhängigkeit. Deshalb waren die Eltern heute mit dem Sohn in dieInnenstadt geflogen, um sich nach einem angemessenenFluggerät umzusehen. Das dauerte nun schon einigeStunden, denn das Angebot an Gleitern war groß undverführerisch. Mit einem breiten Grinsen betrachtete Flavius einenrötlich glänzenden Sternenfeger beim größten GleiterhändlerVanatiums. »Damit können Sie in Windeseile bis nach Arica fliegen,wenn Ihnen danach ist«, erklärte der Geschäftsmann undblickte seine potentiellen Kunden erwartungsvoll an. »Erst einmal braucht unser Sohn einen Gleiter für dengewöhnlichen Stadtverkehr. Ich unterstütze ihn allerdings78
  • nicht, wenn er mit dem Ding durch die Lüfte rasen will«,gab Norec Princeps mit ernster Miene zurück. »An einem Sternenfeger hätten Sie also Interesse? Was sagtdenn der junge Herr selbst dazu?«, fragte der Händler. »Ja, der gefällt mir!«, bemerkte Flavius begeistert. »Sehen Sie sich diese tolle Innenausstattung an. Das istedel, nicht wahr?« »Das Teil ist wirklich nicht übel!«, stieß der Sohn aus. »Wären wir denn mit 20.000 VEs dabei?«, erkundigte sichNorec. Der Händler schnaufte angestrengt und versuchte einemöglichst betroffene Miene aufzusetzen. Dann schlug erdie Hände zusammen und ging einen Schritt zurück. »Naja, also … 20.000 VEs für einen so modernen Gleiter?Ich weiß ja nicht, das wäre schon sehr günstig, HerrPrinceps«, sagte er leise. Der nüchterne Beamte überlegte. Schließlich bekräftigteer noch einmal sein Angebot, während der Gleiterhändlerauf der Stelle hin und her wippte. »Herr Princeps, ich weiß nicht. Also auf 22000 VEs könn-te sich unser Gleiterhaus vielleicht einlassen. Wir haben jaauch immer höhere Kosten heutzutage«, erläuterte derVerkäufer angespannt. »Also mehr als 20.000 VEs sind nicht drin. Ich zahleallerdings sofort, wenn Sie das Angebot annehmen«,antwortete Norec Princeps und blieb stur. »Sofort? Also gleich heute?« »Hier und jetzt!« Der Gleiterverkäufer schnaufte erneut und ließ seine dreiKunden für einige Minuten allein, um sich mit einem 79
  • Kollegen zu beraten. Dann kam er freundlich lächelndzurück und schüttelte Flavius’ Vater die Hand. »Einverstanden, Herr Princeps!«, sprach er. Nach einer halben Stunde hatte das Fluggerät den Besit-zer gewechselt und Flavius war nun stolzer Eigentümereines neuen Gleiters. »Aber dass Du mir vorsichtig fliegst und fährst, meinJunge!«, waren die ersten Worte seiner Mutter, nachdemNorec Princeps die Formalitäten des Verkaufs hinter sichgebracht hatte. Der Vater gab seinem Sohn zu verstehen, dass er jetzt imGegenzug, sozusagen als Dank, ein ordentliches Verhaltenvon ihm erwartete. »Keine nächtlichen Ausschweifungen und Drogenexzessemehr, Flavius!«, beschwor Norec seinen Filius. Dieser erklärte seinen Eltern recht förmlich, wie froh ernun war und wie sehr er das teure Geschenk zu würdigenwusste. Dann schwebte er kurz darauf mit dem rötlichglänzenden Sternenfeger davon, um eine kleine Spritztour zuunternehmen.Einige Tage später begannen Flavius und sein SaufkumpanLucius wieder mit ihrem Phalangier-Training. Den Sporthatten sie in letzten Zeit etwas vernachlässigt und waren,zum Unwillen des Teamkapitäns, nur noch selten auf demÜbungsplatz aufgetaucht. Den kurzen Ruhm im Zuge der gewonnen Bezirksmeis-terschaft hatte Princeps längst vergessen und sich jedeErinnerung an diesen Tag mit dem Neurostimulator ausdem Schädel gespült.80
  • All das änderte allerdings nichts daran, dass Flavius nachwie vor von einer schrecklichen, inneren Leere geplagt war.Angststörungen, Depressionen und neuerdings auchständige Schwindelanfälle waren inzwischen an der Tages-ordnung. Davor konnten ihn weder die zahlreichen Dro-gen, noch die berauschenden Getränke, noch sonst etwasschützen. Heute versuchten Flavius und Lucius jedenfalls wieder alsSpieler in der ersten Kampfreihe der Phalanx ihren Mannzu stehen, doch sie stellten sich nicht besonders geschicktan. »Was ist denn mit euch beiden los?«, schimpfte der Trai-ner. »Ihr könnt euch ja kaum auf den Beinen halten!« »Wenn Flavius nicht gleich seinen Schild gerade hält,dann platzt mir der Kragen. So können wir nicht spielen!«,beschwerte sich Princeps` linker Nebenmann. »Schon gut!«, brummte Flavius und hielt sich den Kopf.Lucius kicherte nur leise und machte den Eindruck, alshätte er sich vor dem Training noch einen leichten SchubNeurostimulation verpasst. Nachdem Flavius vor Nervosität zum zweiten Mal derWurfspeer aus der Hand gefallen war, jagte ihn der Trainervom Platz. »Was ist denn heute mit dir los, Princeps? Bist du betrun-ken?«, schrie er wütend und gab dem jungen Burschen zuverstehen, dass er seinen Stammplatz in der ersten Reiheder Löwen-Phalanx verspielen würde, wenn er so weiter-machte. Lucius grinste noch immer dämlich und bewegte sich inZeitlupentempo. Nun nahm sich der Trainer auch seineran und postierte sich mit zornigem Blick vor ihm. 81
  • »Wenn ich das Kommando zum Anheben der Lanzegebe, dann gilt das für alle in der ersten Reihe! Bist dunicht mehr ganz dicht oder hast du etwas mit den Ohren?«,murrte der breitschultrige Ausbilder. »Tut mir leid! Ich bin irgendwie nicht ganz auf demDamm, Chef! Kann ich für heute gehen?«, antworteteLucius und feixte noch immer vor sich hin. »Findest du mich heute besonders lustig?«, bohrte dergenervte Trainer nach. »Nein, schon gut, Chef!«, lallte Lucius, während ihn seineTeamkameraden verärgert anstarrten. »Verschwinde aus meiner Mannschaft! Aber sofort! DeineFaxen kannst du woanders machen«, knurrte der Ausbilderund scheuchte nun auch Lucius vom Übungsplatz. Dieser trottete laut kichernd davon und fiel Flavius miteinem Prusten in die Arme. »Alter, ich bin noch immer drauf«, japste er und zogPrinceps mit sich am Spielfeldrand entlang. »Ich habe auch keine Lust mehr auf diesen Mist«, bemerk-te Flavius und folgte seinem verwirrten Freund zu denUmkleidekabinen. Sie streiften ihre Rüstungen von den Körpern, ließen sieeinfach auf dem Boden liegen und machten sich danndavon. Während ihre Teamkameraden lediglich ungläubigdie Köpfe schüttelten und der Trainer ihnen noch etwasUnverständliches hinterher rief, verließen Flavius undLucius lachend das Sportgelände und machten sich aufden Weg in die Stadt. Sie sollten erst in den frühenMorgenstunden des nächsten Tages nach Hause zurück-kehren.82
  • Mitte November hielt der Senat von Asaheim, nach einerlängeren Pause, endlich seine erste Sitzung unter Leitungdes neuen Imperators ab. Der junge Monarch hatte seineAntrittsrede, welche von Abermillionen Menschen imganzen Goldenen Reich auf unzähligen Simulations-Transmittern verfolgt wurde, sorgsam einstudiert und tratin einem leuchtenden, roten Gewand vor die Masse dererwartungsvollen Senatoren und Würdenträger. Heute, so sagten sich viele der einflussreichen Patrizier,würden sie mehr über die politischen Anschauungen desjungen Mannes, welchen Xanthos der Erhabene zu seinemThronfolger gemacht hatte, erfahren – und das sollten sieauch.»Meine lieben aureanischen Kastenbrüder, meine liebenBerater und Senatoren!«, begann Credos Platon seine Redemit ruhiger Stimme. »Ich eröffne hiermit die erste Sitzungdes ehrwürdigen Senates von Asaheim, welche untermeiner Leitung stattfinden wird. Es ist mir bekannt, dassSie alle wissen möchten, welche politischen und amtlichenSchritte ich als erstes einleiten werde und daher setze ichSie heute darüber in Kenntnis!« Ein gespanntes Tuscheln wogte durch die Masse dermeist alten und erfahrenen Nobilen, während CredosPlaton mit seiner Rede fortfuhr: »Es ist im Goldenen Reichnicht alles Gold, was glänzt. Das möchte ich gleich zuAnfang sagen. Wir haben eine Vielzahl von Problemen,deren Bewältigung ich mich mit all meiner Kraft widmenwerde. Viele Milliarden Aureaner haben keinerlei Beschäftigungmehr und ich werde ihnen wieder Arbeit und sinnvolle 83
  • Aufgaben geben. Wir sind dekadent geworden und habenden Pfad der altaureanischen Tugenden in den letztenJahrhunderten verlassen. Unsere Megastädte wachsen und wachsen, während guteBürger unseres Reiches, wie Termiten in ihren Hügeln, inengen Habitatskomplexen hausen müssen. Dort könnensie weder ihre Kinder vernünftig aufwachsen lassen, nochüberhaupt gesunde Familien gründen. Deshalb sage ich,dass wir Milliarden Aureaner aus den überfüllten Städtenaussiedeln und ihnen eigenes Land geben müssen. Die Zeichen des Zerfalls stehen über dem Goldenen Reichund ich werde nicht tatenlos zusehen, wie sich eine kleineGruppe von Nobilen immer weiter bereichert, währendgroße Teile unserer Bevölkerung vor sich hin degenerieren,keine Arbeit mehr finden und auch keinen vernünftigenWohnraum mehr besitzen. Deshalb habe ich mir vorgenommen, die Wirtschaft desGoldenen Reiches umzustrukturieren und unserer Kastewieder ihre alten Tugenden, jene, die uns groß gemachthaben, zu vermitteln. Weiterhin untersage ich es ab dem heutigen Tage, dassnoch mehr Anaureaner als billige Arbeitssklaven in dasGoldene Reich geholt werden. Die alte Kastenordnung bleibtbestehen und ich werde sie wieder festigen. Auf Dauer sollunser Imperium wieder ausschließlich den Aureanerngehören, so wie es die alten Herrscher in ihren Gesetzenfestgelegt haben…« Juan Sobos und viele andere Patrizier trauten ihren Ohrennicht, als sie den jungen Archon diese Worte sprechenhörten. Das, was er sagte, konnte man nicht nur als ver-84
  • steckte Kritik an den reichen Geschlechtern der Nobilitasverstehen, sondern als offenen Angriff. Einige der Senatoren wirkten derart verstört, dass manglauben konnte, Credos Platon würde ihnen in der nächs-ten Sekunde sämtliche Besitztümer und Privilegien weg-nehmen wollen. »Das meint er doch wohl nicht ernst! Wo hat Xanthosdiesen Kerl aufgetrieben?«, fauchte Sobos einem ergrautenSenator wütend ins Ohr und stieß ein grimmiges Schnau-fen aus. »Will er uns etwa vorschreiben, wie wir unsere Geschäftezu machen haben?«, knurrte dieser leise zurück. Credos Platon redete sich jetzt regelrecht in Rage undstrahlte eine feste Entschlossenheit aus. Er verkündeteumfassende Reformen und deutete sogar an, dass sicheinige Großgrundbesitzer, welche oft riesige Ländereienbesaßen, die von Erntemaschinen und anaureanischenHilfsarbeitern bewirtschaftet wurden, in Zukunft daraufeinstellen sollten, einen Teil ihres Landes zur Ansiedelungaureanischer Bürger bereitzustellen. Als der forsche Kaiser nach fast zwei Stunden seine An-trittsrede schließlich beendet hatte, klapperte ihm von denSenatoren lediglich ein verhaltener Applaus entgegen.Manche von ihnen starrten ihn auch nur mit offenenMündern an und waren nicht einmal mehr in der Lage,dem neuen Imperator wenigstens ein »Höflichkeitsklat-schen« zu schenken. Credos Platon musterte die hohen Herren vor sich miternster Miene und schritt dann grazil vom Rednerpult, umauf seinem vergoldeten Thron in der Mitte des SenatssaalsPlatz zu nehmen. 85
  • Für einige Minuten herrschte betretenes Schweigen, dannerhob sich Juan Sobos von seinem Platz und erbat dasWort. »Eure Pläne sind ja sehr beeindruckend, Majestät! Aller-dings frage ich mich, ob sie nicht doch recht einseitig aufKosten vieler treuer Patriziersippen des Goldenen Reichesverwirklicht werden sollen? Woher gedenken Eure Herr-lichkeit denn das Land für die Ansiedelung aureanischerFamilien zu nehmen? Und wie sollen wir viele MillionenBürger unseres Reiches in Arbeit bringen, wenn es einfachkeine Arbeit gibt?« Der junge Monarch lächelte und erwiderte: »Nun, SenatorSobos, ob es kein Land und keine Arbeit gibt, darüberkann man sicherlich geteilter Meinung sein. Ich denke, dasses beides im Überfluss gibt, nur hat die breite Masse deraureanischen Kaste bisher nichts davon!« »Würdet Ihr das freundlicherweise genauer erklären, HerrImperator…«, forderte ein anderer Patrizier barsch. Credos Platon schenkte auch ihm ein Lächeln und erklär-te, dass er in der nächsten Senatssitzung unter anderem einGesetz, welches eine umfassende Landreform beinhaltete,vorstellen wollte. Dann erklärte er die Versammlung fürbeendet und schickte die hohen Herren nach Hause. Murrend trottete die Masse der Senatoren aus demprunkvollen Saal heraus, immer noch verwirrt und zornig.Clautus Triton, der engste Berater des neuen Monarchen,blickte ihnen sorgenvoll hinterher und schwieg.86
  • Politische GegensätzeIn der darauffolgenden Woche ernannte Credos Platonden ebenfalls für seine altaureanische Gesinnung bekann-ten und bei vielen reichen Nobilen verhassten AswinLeukos zum obersten Heerführer des Goldenen Reiches. Dasbedeutete nichts anderes, als dass er dem Feldherren ausArinata die höchste Befehlsgewalt über die Streitkräfte vonTerra übertrug. Dieser Schritt stelle zugleich den nächstenEklat dar, denn die obersten Kreise der Nobilitas bebtenvor Zorn, als sie von Leukos Ernennung hörten. Der neue Oberstrategos war Ende 30 und ein Aureanerder alten Schule, welcher eine klassische Erziehung imSinne der traditionellen Tugenden genossen hatte. Seiteinigen Jahren hatte er sich als General des Goldenen Reichesverdient gemacht. Unter anderem war ein kleinerer Kolo-nistenaufstand auf der Venus vor drei Jahren unter seinerFührung von den Soldaten Terras niedergeschlagen wor-den. Danach hatte es Aswin Leukos auch bis in den Senatvon Asaheim geschafft. Der kriegskundige Mann entsprach für Credos Platonganz dem Typus des aureanischen Soldaten der altenEpochen. Leukos hatte ein schmales Kinn, war athletisch,hochgewachsen und besaß auffällig kantige, scharf ge-schliffene Gesichtszüge. Seine Haare waren kurz geschnit-ten und entschlossene hellblaue Augen verliehen seinemBlick stets eine gewisse Eindringlichkeit. Beim Kampf gegen die Rebellen auf der Venus hatte sichder Feldherr durch ein gutes Beispiel in der direktenKonfrontation mit dem Feind, einen guten Ruf bei seinen 87
  • Legionären verschafft und wer nicht zu seinen politischenGegnern aus gewissen Kreisen der Nobilität gehörte,blickte meist mit Bewunderung zu ihm auf. Die Ernennung des Leukos zum obersten Heerführer derLegionen von Terra, wurde von Imperator Platon Endedes Jahres mit einem feierlichen Staatsakt und einer Trup-penparade in Asaheim bekräftigt. Juan Sobos und zahlreiche andere Patrizier wohnten demgroßen Spektakel bei und waren überhaupt nicht erfreut.Hinter dem Rücken des neuen Souveräns begannen sieinzwischen zu schimpfen und zu konspirieren, doch siekonnten Leukos’ Einsetzung in das Amt des Oberstrategosnicht verhindern, denn diese Angelegenheit oblag allein derEntscheidung des Imperators. So wuchs der Unmut in den Kreisen der Nobilitas gegenCredos Platon weiter an und viele Senatoren zerbrachensich den Kopf darüber, wie die neue Landreform wohlgenau aussehen würde und auf welche Weise der jungeHerrscher sonst noch seine Pläne zu verwirklichen ver-suchte. Bald brodelten die Interessensgegensätze zwischen demneuen Imperator, den wenigen noch altaureanisch gesinn-ten Nobilen und der Masse der reichen Patrizier, welcheseine Politik ablehnten, wie ein dampfender Hexenkessel. So war es zuerst Juan Sobos, der versuchte, möglichstviele Senatoren auf seine Seite zu ziehen, um eine politi-sche Abwehrfront gegen Credos Platon aufzubauen. Seit300 Jahren besaßen die im Senat vertretenen Herrennämlich ein Vetorecht gegen Gesetze, welche ein Archonerließ.88
  • Allerdings war für einen solchen Einspruch eine Dreivier-telmehrheit notwendig. Juan Sobos tat demnach bald allesdafür, die anderen Senatoren gegen den jungen Souveränaufzustacheln, um eventuelle Erlasse, welche seinen Besitzund den seiner politischen Gefährten bedrohen konnten,per Veto abzuschmettern. Von derartigen Dingen bekam Flavius Princeps nichtsmit. Er lebte weiter sein Leben und genoss die nochverbliebene Freizeit vor dem Antritt seiner eintönigenArbeit im Stadtverwaltungszentrum. Fast täglich zog erinzwischen mit seinem Kumpan Lucius um die Häuser. Derweil hatten sich auch einige andere junge Männer ausLucius’ Freundeskreis ihren nächtlichen Ausflügen in dieVergnügungsviertel angeschlossen. Damit befand sichFlavius in einer Gesellschaft hedonistischer Burschen ausden wohlhabendesten Familien der Stadt. Alkohol, Drogenund Neurostimulatoren wurden für ihn immer wichtiger. Seine Eltern bekam er zunehmend seltener zu Gesicht,denn oft verschlief er die Tage, um nachts wieder durchdie Lokalitäten zu touren. Irgendwann knallte er sogar mitseinem Gleiter im Drogenrausch gegen eine Flugbahnab-sperrung und blieb nur durch großes Glück unverletzt. Das beschädigte Fluggerät wurde daraufhin von denörtlichen Behörden erst einmal beschlagnahmt. Flavius,der sich von seinen Eltern am nächsten Tag eine gehörigeSchelte anhören musste, ignorierte diesen Vorfall undmachte im alten Stil weiter. So vergingen die Tage undWochen unbeirrt in Saus und Braus, bis die berauschendeFreizeit irgendwann vorüber war. 89
  • Nachdem der junge Aureaner die letzten Monate unun-terbrochen durchgefeiert hatte, war er zeitweise bei Luciuseingezogen, da ihm seine Eltern mit Rauswurf gedrohthatten. Doch auch das war im egal gewesen. Flavius hatte siereden lassen und auch die Kritik seines älteren BrudersXentor war bei ihm ins eine Ohr hineingegangen, um zumanderen wieder ungehört herauszufliegen. Inzwischen zeichneten tiefe Augenringe und Falten dasehemals jugendliche Gesicht des unermüdlichen Partylö-wen. Ohne irgendwelche Rauschmittel oder den Neu-rostimulator fand Princeps nicht einmal mehr Schlaf -zumindest glaubte er das. Als der März des Jahres 15290 zu Ende ging, setzten Norecund Crusulla Princeps ihren Sohn endgültig an die Luft.Flavius musste ihre Wohnung verlassen und umziehen. »Du hast ja jetzt eine Arbeit und kannst auf eigenen Fü-ßen stehen. Mit dem Lotterleben ist es jedenfalls vorbei!«,hatte ihn der Vater angeschrieen und ihm eine schallendeOhrfeige verpasst, bevor er ihn vor die Tür gesetzt hatte. Schließlich zog Princeps in einen benachbarten Habitats-komplex und hatte es seinem fürsorglichen Vater zuverdanken, welcher erneut seine Kontakte zur Stadtverwal-tung hatte spielen lassen, um seinem missratenen Sohneine Wohnung zu besorgen, damit dieser überhaupt einDach über dem Kopf besaß. Als Flavius am frühen Morgen des 03. Mai aus den Fe-dern kroch, war ihm mehr oder weniger bewusst, dass nundie Zeit der sinnfreien Genussabenteuer vorbei war. Abjetzt musste er arbeiten und seine Freude darüber hielt sichin Grenzen.90
  • Mit einem lauten Gähnen schlich er durch das Verwal-tungsgebäude des Stadtbezirks Vanatium-Degenan und ließsich von einem erfahrenen Beamten einige Dinge erklären. Mit unübersehbarem Desinteresse hörte Princeps denAnweisungen des sachlichen Herrn zu, gähnte zwischen-durch und betrachtete müde einige riesenhafte Datenspei-cher und Holokristalle. »Wichtig ist es, dass in der Verwaltung genau gearbeitetwird. Seien Sie froh, dass Sie noch eine Aufgabe bekom-men haben. Trotz der Maßnahmen des Xanthos sind hierin den letzten Jahren wieder einige Verwaltungsmitarbeiterdurch datenverarbeitende Maschinen ersetzt worden. Ichhoffe daher, dass Sie dieses Privileg zu schätzen wissen,Herr Princeps!«, bemerkte der ältere Mann. »Ja, toll!«, schnaufte Flavius und konzentrierte sich aufseine leichten Kopfschmerzen, welche noch von demNeurostimulatorschub der letzten Nacht herrührten. »Hier sind die wichtigsten Vorschriften und Arbeitsan-weisungen für Verwaltungsfachkräfte. Verwalten heißtgenau zu sein«, sagte der Beamte und reichte Flavius einenkleinen, holographischen Datenträger. »Ja, mache ich…«, murmelte der junge Mann und ver-drehte wenig begeistert die Augen. »Besonders bedeutsam sind die Vorschriften D-345 bis H-411/C, Herr Princeps. Es geht hier um Generelle Richtlinienzur Antragsbearbeitung nach den reformierten Arbeitsbestimmungenfür Verwaltungsangestellte der Klassifizierungsstufe Beta-4. Verwechseln Sie diese Richtlinien aber nicht eines Tagesversehentlich mit den Geänderten Arbeitsbestimmungen fürVerwaltungsangestellte der Klassifizierungsstufe Beta-4, HerrPrinceps! 91
  • Das dürfen Sie niemals tun, denn sonst gibt es Differen-zen in den Datenverarbeitungsprogrammen, die nur für dievon mir zuerst genannten Richtlinien erstellt worden sind.Sicherlich gibt es auch Ausnahmen, etwa die rückläufiggeänderten Vorschriften aus den Jahren…«, brabbelte derBeamte und hörte nicht mehr auf. Flavius ließ ihn reden und hielt sich die Hand vor denMund, um ein weiteres Gähnen zu unterdrücken. Seineneue Arbeit hatte ihn in Empfang genommen. »Das ist ja grauenhaft!«, schoss es ihm durch den schmer-zenden Schädel, während der ergraute Verwaltungsange-stellte mit seinen Erläuterungen fortfuhr.»Ich bin für das Schicksal der gesamten AureanerkasteTerras verantwortlich! Auf mich verlassen sich 48 Milliar-den Menschen allein auf unserer geliebten Erde, 48 Milli-arden allein im Goldenen Reich auf Terra!«, sagte ImperatorCredos Platon mit fester Stimme. »Dann gibt es da nochweitere Milliarden unserer aureanischen Brüder in denvielen Kolonien, die ihre Hoffnungen ebenfalls auf michrichten. Auch ihnen bin ich Rechenschaft schuldig, dennsie verlassen sich darauf, dass ich ihre Probleme löse undihre Sorgen ernst nehme!« Einige der anwesenden Senatoren nickten zustimmend,während andere den jungen Monarchen skeptisch beäug-ten. Der Souverän fuhr fort: »Sehen Sie sich doch im GoldenenReich um, meine Herren! Wir herrschen von den eisigenWeiten Zyberias bis zu den heißen Dschungeln Nordbra-zas und der Wüste von Harasa. Lange war das Goldene Reichhier auf Terra nicht mehr so groß und mächtig wie heute.92
  • Außerhalb der Grenzen unseres Imperiums befinden sichnur noch anaureanische Slumstädte, Ruinen und vertrock-nete Einöden. Wir stolzen Aureaner von Terra sind dieHerren dieses Planeten und die Herren über die meistenvon Menschen bewohnten Sterne. Doch trotzdem zerfallen wir von innen! Auch unsereMacht, unsere Legionen und erst recht nicht unserWohlstand können uns davor schützen, dass der Keim derFäulnis in unserem Reich anwächst, wenn wir nichtsdagegen unternehmen. Unser heutiger Status ist uns nicht von Gott geschenktworden. Nein, unsere Ahnen mussten ihn sich über Jahr-tausende erkämpfen und es ist unendlich viel Blut geflos-sen, um das Goldene Reich zu dem zu machen, was es heuteist. Das dürfen wir niemals vergessen!« Juan Sobos musterte den jungen Mann mit zornigemBlick und verzog sein Gesicht zu einer verächtlichenFratze, dann neigte er den Kopf zu seinem Nachbarn undmurmelte leise: »Dieser Junge ist unglaublich! Jetzt fängt erschon wieder von unseren Ahnen an. Gleich redet erbestimmt über die »großen Leistungen der Altvorderen«und alles endet dann bei Artur dem Großen und seinenUrzeitmenschen. So etwas Lächerliches habe ich wirklichnoch nie gehört…« »Er wird noch zum Problem. Da bin ich mir inzwischensicher, Juan«, knurrte der andere Senator zurück undlauschte den weiteren Ausführungen des Imperators mitverbissenem Gesichtsausdruck. »Die Megastädte des Goldenen Reiches quellen vor Men-schen über! Das ist das erste Problem, welches ich lösenmöchte. Ich habe mir deshalb als Ziel gesetzt, in den 93
  • nächsten Jahren mindestens 10 Milliarden Aureaner ausihren engen Habitatskomplexen zu holen und sie zwischenCanmeriga und Zyberia anzusiedeln. Ich werde ihnen Land geben, auf dem sie mit ihren Fami-lien leben können, damit sie nicht mehr in den riesigenBallungsgebieten vor sich hin vegetieren müssen. Ich weiß, dass ein Teil dieses Landes einigen wenigenNobilen gehört, einigen von Euch, meine Senatoren, doches gibt keinen anderen Weg und ich werde mit diesemAgrargesetz heute die Grundlage für eine umfassendeLandreform im Goldenen Reich legen!«, betonte Platon undein lautes Murren schallte ihm entgegen. »Dieses Gesetz wird sich auch auf alle mir unterstelltenKolonieplaneten beziehen. Wer durch die neue Landre-form einen Teil seines Landes der Ansiedelung unsereraureanischen Brüder zur Verfügung stellen muss, denwerde ich jedoch ausreichend aus der Staatskasse entschä-digen. Das verspreche ich«, rief der junge Herrscher undzahlreiche verdutzte Augenpaare starrten ihn an. »Dann gibt es noch eine weitere Angelegenheit, die ichdirekt zu Anfang klar stellen möchte. Das Goldene Reich istder Lebensraum der aureanischen Menschen und das wirdauch so bleiben. Ich werde es den Patrizierfamilien ab sofort untersagen,weitere Anaureaner als billige Arbeitskräfte für ihre Land-güter und Fabriken zu importieren. Weiterhin werde ichdie bereits ins Goldene Reich geholten Anaureaner wieder inGebiete außerhalb unserer Grenzen zurückschicken. Lasstsie endlich in Ruhe! Sie sind nicht wie wir, werden niemalswie wir sein und sind auch nicht unsere Sklaven oderDiener!94
  • Die alte Ordnung, welche unsere Vorväter eingeführthaben, wird nicht verändert und ich bin auch nicht wiemein Vorgänger, der ihre schleichende Auflösung zwarkritisiert, aber nichts für ihre Erhaltung getan hat!«, bekräf-tigte Credos Platon mit Nachdruck. »Ich kann nicht glauben, was ich da höre. Dieser Grün-schnabel versucht, den Nobilenstand wirtschaftlich zuruinieren. Das dürfen wir uns nicht bieten lassen«, zischteSobos seinem Hintermann zu und dieser nickte verbittert. Nach einer weiteren Stunde hatte der junge Imperatorseine Rede beendet und einen Zustand schlimmster Unru-he und Ablehnung bei vielen Senatoren ausgelöst. Einigeder betagten Herren sprangen jetzt auf und meldeten sichzu Wort. »Habe ich Eure Exzellenz richtig verstanden, wenn ichsage, dass Ihr vielen unserer Familien einfach ihr überGenerationen erworbenes Land wegnehmen wollt?«, fragteein erboster Senator aus dem Norden Aricas den neuenSouverän. Credos Platon räusperte sich und antwortete: »Nun, wiralle, als mächtigste Männer des Goldenen Reiches, sind dochverpflichtet, der Aureanerkaste das Beste zukommen zulassen, nicht wahr? Sonst wären wir nicht hier! Ich werdejeden Landbesitzer gebührend entschädigen, das verspre-che ich!« »Aber auf unserem Land befinden sich die Grabschreineunserer Ahnen!«, donnerte ein weiterer Senator durch denSaal. »Es geht mir doch nicht darum, die Nobilitas gänzlich zuenteignen, sondern 10 Milliarden Aureanern einen Platzzum Leben zu geben. Ich kann es nicht dulden, dass 95
  • unzählige brave Bürger unserer Kaste in Riesenstädtenzusammengepfercht leben müssen, während einige wenigePatriziersippen gewaltige Gebiete von Tausenden Quad-ratkilometern besitzen, diese von Agrarmaschinen oder garanaureanischen Hilfsarbeitern bewirtschaften lassen undniemanden sonst dort wohnen lassen«, stellte Platon klar. »Aber wir stellen die Ernährung Terras sicher!«, grollteder Senator. Der junge Monarch verzog den Mund und strich sichüber seinen Purpurmantel. Dann stieg er von seinemPodest herab und stellte sich mitten in den Saal. »Die Aureaner, welche in Zukunft auf den ihnen zugeteil-ten Landparzellen leben werden, haben die Möglichkeit,sich selbst zu versorgen. Das ist der Sinn meiner Landre-form!« Nun wurde der Tumult im Senatssaal immer größer, denndie hohen Herren der Nobilitas wollten so etwas nichthören. Es entbrannte eine hitzige Diskussion, welche sichnoch über zwei Stunden hinzog. Letztendlich blieb derjunge Monarch jedoch bei seinem Standpunkt und kündig-te sogar noch weitere Reformen an.Flavius stöhnte unter der Last der Langeweile, die ihmseine neue Arbeit aufbürdete. Heute sollte er die Geburts-daten Hunderter Einwohner des Stadtbezirks Vanatium-Degenan in einem Datenkristall mit denen auf einem ho-lographischen Schriftstück abgleichen. Er war bereits fünfStunden mit dieser stumpfsinnigen Aufgabe beschäftigt,welche eine Datenverarbeitungsmaschine vermutlich ineinigen Sekunden erledigt hätte.96
  • Aber das war einer der Verdienste der Politik vonXanthos dem Erhabenen. Menschen durften derartigeDinge wieder erledigen und hatten Aufgaben. Ob das sosinnvoll war, bezweifelte Flavius langsam. Allerdings wares auch nicht besser, wenn er den ganzen Tag auf derSuche nach neuen Unterhaltungs- und Rauschmöglichkei-ten verbrachte. Auf einmal öffnete sich die Tür von Flavius’ Arbeits-kammer und der ältere Beamte, der ihn am ersten Tag sonervtötend eingewiesen hatte, betrat den Raum. »Kommen Sie klar, Herr Princeps?«, fragte er mit einemnüchternen Verwalterlächeln. »Ja, alles in Ordnung, Herr Procus«, gab der junge Mannzurück und betrachtete weiter die kleinen Buchstaben aufdem holographischen Schriftstück. »Gefällt es Ihnen hier bei uns?«, hakte der grauhaarigeKollege nach. Flavius nickte und schenkte ihm ein gequältes Grinsen.»Ja, alles in Ordnung…« »Kommen Sie mit den Richtlinien zur Bearbeitung vonMeldedaten zurecht, Herr Princeps?« »Ja, alles klar!« »Aber nicht, dass Sie…« »Nein, es ist wirklich alles in Ordnung!« Der Verwaltungsangestellte verließ den Raum wieder undFlavius schickte ihm einen genervten Blick hinterher. DieTür verschloss sich mit einem leisen Summen und derjunge Mann atmete durch. »Noch zwei Stunden«, dachte er sich und hielt sich denKopf. Schließlich wischte er das holographische Schrift- 97
  • stück mit einer schnellen Handbewegung weg und schalte-te den Datenkristall aus. »Lasst mich doch alle in Ruhe!«, zischte er leise vor sichhin und ließ sich in seinen Stuhl zurücksinken. Für einige Minuten tat Princeps nichts und betrachtetelediglich die weiß-graue Wand seiner Arbeitskammer. Hierhing das Bild seines Vorgängers, eines hageren Archivato-ren mit Scheitel und dicken Ocularlinsen vor den Augen. »Mann, siehst du Scheiße aus!«, flüsterte ihm Flavius zuund grinste den Herrn auf dem Bild an. Schließlich dämmerte der junge Aureaner für eine Viertel-stunde weg und machte ein Nickerchen. Plötzlich ging dieTür erneut mit einem leisen Summen auf und Flaviusschoss wie eine Rakete aus seinem Stuhl nach oben. »Was?«, stammelte er verwirrt. »Das ist ein neuer Datenkristall, Herr Princeps! Darin sindalle Bewohner des Habitatsquadrates 67-3421 verzeichnet.Sind Sie mit dem alten Datenkristall fertig?«, fragte dergrauhaarige Beamte. »Ja, äh…fast…ich brauche noch ein wenig Zeit…«, stock-te Princeps und hustete. »Gut, ich bin dann wieder weg. Melden Sie sich bitte beimir, wenn sie mit dem ersten Datenkristall fertig sind, HerrPrinceps!«, sagte der Beamte und ging wieder. »Ja, sicher, Herr Procus!«, gab Flavius zurück und räusper-te sich. Es vergingen noch endlose Minuten bis der Arbeitstag zuEnde war. Flavius konnte sich kaum daran erinnern, inseinem bisherigen Leben eine langweiligere und sinnlosereAufgabe gehabt zu haben, als das Sortieren von Meldeda-ten.98
  • »Sogar der Kälteschlaf in einem Raumschiff ist aufregen-der«, sagte er leise zu sich selbst und ein leichter Schauerlief ihm über den Rücken, als er an dieses finstere Ereignisin seinem Leben dachte. Als Princeps nach dem öden Arbeitstag endlich nachHause in seine Wohnung gekommen war, griff er zuerst zuseinem Neurostimulator, um sich mit einigen Glückgefüh-len in eine bessere Stimmung zu versetzen. Eigentlich hatte er sich vorgenommen, die Finger vondiesem Gerät zu lassen und zudem hatte er es seinerMutter vor einigen Tagen fest versprochen, aber heutemusste es noch einmal sein. Es ging einfach nicht anders,dachte sich Flavius.Juan Sobos blickte ernst in die Runde und wer ihn kannte,dem war bewusst, dass er innerlich wie ein feuriger Vulkankochte. Um ihn herum hatten sich Dutzende von Vertre-tern der Nobilität versammelt, welchen ebenfalls derUnmut aus dem Gesicht sprach. »Credos Platon hat den Verstand verloren! Was glaubtdieser junge Kerl eigentlich, wer er ist. Ich werde michjedenfalls nicht von ihm enteignen lassen und es auch nichtzulassen, dass er Hand an die Landgüter meiner Sippelegt«, knurrte Sobos und ballte die Fäuste. »Unser Freund, Senator Sobos, hat Recht! Der neueImperator hat offenbar tatsächlich vor, uns allen den Kriegzu erklären. Ich habe dieses altaureanische Geschwätz inden ersten Tagen seiner Amtszeit anfangs noch für Wich-tigtuerei gehalten, aber Credos Platon meint es tatsächlichernst damit. 99
  • Er will das rückgängig machen, was sich unser Stand inden letzten 300 Jahren erkämpft hat. Was sollen wir dennjetzt tun?«, fragte ein dicklicher Patrizier. »Was wir jetzt tun? Das kann ich Euch sagen! Wir formie-ren eine Abwehrfront gegen den Archon und werden ihnzwingen, seine irrsinnigen Vorhaben einzustellen. Sämtliche Senatoren und Patrizier, die sich gegen denaltaureanischen Unsinn und Platons Enteignungsplänestellen wollen, müssen sich in einer starken Fraktionzusammenschließen. Ich rufe dazu auf, dass Ihr Euchunter meiner Führung zu einem Bollwerk gegen denImperator und die wenigen Senatoren, die noch auf seinerSeite sind, vereint. Wir müssen Credos Platon unter Drucksetzen!«, schnaubte Sobos. »Unser verehrter Freund aus Braza liegt in dieser Angele-genheit vollkommen richtig und ich stimme ihm zu.Meiner Meinung nach müssen alle Senatoren, die mit unsauf einer Linie sind, in einer mächtigen Fraktion oderPartei organisiert werden. Damit werden wir nicht nur denSenat von Asaheim kontrollieren, sondern auch jedenGesetzesentwurf des Imperators per Veto verhindernkönnen!«, erklärte einer der Nobilen. Nun sprang Juan Sobos auf und stellte sich vor die übri-gen Patrizier. Seine Augen kniff er zu einem dünnenSchlitz zusammen und musterte die Anwesenden mitscharfem Blick. »Nun, wer von euch ist denn bereit dazu, diesem Empor-kömmling Credos Platon offen die Stirn zu bieten?«, fragteder korpulente Grundherr in die Runde.100
  • Einige der Senatoren murmelten durcheinander undbrachten Einwände hervor, doch Juan Sobos ließ nichtlocker und redete ununterbrochen auf sie ein. »Es geht hier um die Erhaltung unserer Machtpositionund unserer Vermögen!«, knurrte er. Letztendlich erklärten sich die meisten der Anwesendendazu bereit, dem Senator demnächst auf seinem politi-schen Weg zu folgen und sich einer von ihm geleitetenpolitischen Fraktion anzuschließen. Juan Sobos hatte sich bereits auch schon einen Namenfür die von ihm vertretene Richtung ersonnen. Er nanntesie die Optimaten. Dieser Zusammenschluss einer großen Anzahl von rei-chen und einflussreichen Männern, war mehr als nur eineSeilschaft oder Interessengemeinschaft. Sobos ging es umweitaus mehr, wie er immer wieder betonte. Er träumtevon einer Erde ohne lästige Kastengesetze und Reichs-grenzen, auf welcher dem freien Handel keinerlei Hinder-nisse mehr in den Weg gestellt waren. Das Treffen dauerte noch bis spät in die Nacht hineinund als es zu Ende war, hatte Juan Sobos seine Mitstreiterauf eine aus ihrer Sicht großartige Zukunftsvision einge-schworen. Das Goldene Reich sollte endlich im optimati-schen Sinne reformiert werden, was nichts anderes alsnoch mehr Gewinn und noch mehr Reichtum für diePatrizierfamilien bedeutete. Doch für dieses Ziel musste der altaureanische Gedankezerstört werden und sie mussten mit allen Mitteln verhin-dern, dass jemand wie Credos Platon ihn wiedererweckte. 101
  • Flavius Princeps stattete seinen Eltern heute Nachmittagnoch einmal einen Besuch ab. Immerhin lag ihm vieldaran, den schlechten Eindruck, welchen er in den letztenMonaten hinterlassen hatte, ein wenig glatt zu bügeln. Sein älterer Bruder Xentor war ebenfalls zum Mittagessenerschienen und saß nun schon seit einer Stunde am Kü-chentisch. Die Vier unterhielten sich über dies und jenes.Irgendwann begann Norec Princeps mit dem ThemaPolitik und Flavius schauderte bei dem Gedanken, dassnun über allzu schwierige Themen diskutiert wurde. »Also, ich finde die Ansichten von Credos Platon hervor-ragend! Was er in seiner Ansprache gesagt hat, kann ichvoll und ganz unterstreichen. Endlich einmal ein jungerAureaner, der auch Vorbild sein will und die alten Wertehochhält«, schwärmte Norec und seine Augen glänzten. »Meiner Meinung nach ist das, was der Imperator loslässt,hauptsächlich Geschwätz, um sich zu profilieren«, fügteXentor hinzu. »Jedenfalls ist er sehr sympathisch. Ein richtiger Pracht-kerl«, betonte Crusulla und zwinkerte ihrem Mann zu. Norec schlug mit der flachen Hand auf den Tisch undbemerkte: »In vielen Bereichen verlottert unsere Gesell-schaft und unser Archon hat vollkommen Recht, wenn ersagt, dass wir das von unseren Vorfahren erkämpfte Gutheute nicht mehr genügend achten!« »Will der Imperator nicht die alte Kastenordnung schüt-zen?«, wollte Flavius wissen. »Ja, natürlich! Schaust du denn keine Nachrichten aufdeinem Simulations-Transmitter, Junge? Darum geht esdoch seit Wochen – und natürlich um die Landreform!«,102
  • murrte der Vater und bekundete seinen Ärger über dasDesinteresse seines jüngsten Sohnes an der Politik. »Wer hat sich das eigentlich alles mit den Kasten und soweiter ausgedacht?«, fragte Flavius in die Runde. »Weißt du das denn nicht? Was lernt ihr denn heutenoch?«, schimpfte Norec. »Nein, jedenfalls nicht so genau, obwohl ich mich jaeigentlich schon für terranische Geschichte interessiere«,verteidigte sich Flavius. »In letzter Zeit hatte ich aber nicht diesen Eindruck«,sagte Xentor und sein kleinerer Bruder warf ihm einengiftigen Blick zu. Der Vater ließ es sich jetzt nicht nehmen, sein histori-sches Wissen zum Besten zu geben und begann mit seinemVortrag: »Die Ursprünge unserer heutigen Ordnung gehenJahrtausende weit in die Vergangenheit zurück. Es gibtviele Mythen und Legenden, wie es zur Welt der Gegen-wart gekommen ist. Die wohl bekannteste davon, ist dieGründungssage des Goldenen Reiches selbst. Weißt du,welche ich meine, Flavius?« Der junge Mann sah Norec nachdenklich an und erwider-te: »Die Sage vom Geburtskrieg?« »Ja, genau! Die Sage vom Geburtskrieg! Angeblich hat ervor etwa 13.000 Jahren stattgefunden, wenn die Historikerund Archäologen richtig liegen. Damals, so berichten die alten Schriften, haben die Vor-fahren der Aureaner einen gewaltigen Kampf ausfechtenmüssen, um nicht unterzugehen. Sie standen mit demRücken zur Wand und befanden sich kurz vor ihremAussterben. 103
  • Bösartige Kräfte, welche ihren Untergang herbeiführenwollten, hatten sich der Erde bemächtigt und es beinahegeschafft, sie zu vernichten. Doch ein Mann, ein mysti-scher Herrscher der Vorzeit, den die uralten Aufzeichnun-gen als Artur den Großen oder den Heiligen Kistokov bezeich-nen, erhob sich gegen die Feinde unserer Ahnen und rangdiese in einem schrecklichen Krieg, welcher von einemEnde der Welt zum nächsten wütete, nieder. Und so beendete er die Herrschaft der dunklen Mächteund legte den Grundstein zum ersten Goldenen Reich. Soheißt es jedenfalls …«, erklärte der Vater. »Aber das ist doch nur ein Mythos, oder?«, bemerkteFlavius verwundert. »Wir wissen heute wenig darüber, aber so lautet die Über-lieferung. In den folgenden Jahrhunderten nach diesemgeheimnisvollen Artur dem Großen bildete sich dann dasGoldene Reich, welches irgendwann den größten Teil derErde beherrschte und unsere Vorfahren breiteten sich übergroße Gebiete Terras aus. Schließlich bildete sich die Kasteder Aureaner, der Menschen aus Gold. Zwar zerfiel ihr Imperium irgendwann auch wieder undspaltete sich in kleinere, verfeindete Teilreiche auf, dochgab es immer wieder große Männer, die es erneut verein-ten. Oft sind die Berichte aus den alten Epochen jedochwidersprüchlich …« »Aber die Kastenordnung geht doch auf Imperator Gun-ther Dron zurück und ist damit über 5.000 Jahre alt«, sagteFlavius. Der Vater lächelte und entgegnete ihm: »Du kennst dichaus und das ist im Prinzip auch richtig, aber die Ursprüngedieser Ordnung liegen noch weiter zurück. Das wollte ich104
  • eigentlich auch nur sagen, als ich diese Geschichte vomGeburtskrieg erzählt habe.« »Gut, das habe ich verstanden!« »Die Geschichte der Menschheit ist eben eine verworreneAngelegenheit, mein Sohn. Aber es ist trotzdem interes-sant, sie zu studieren«, sprach Norec. »Das sollte man ja eigentlich wissen, aber ich habe daebenfalls Nachholbedarf«, gab nun auch Xentor zu. »Als ich klein war, haben wir doch einmal das großeMuseum in Nivium besucht. Da ging es aber hauptsächlichum die Ursprünge der Raumfahrt. Jedenfalls haben sie dortauch etwas von diesem Geburtskrieg erzählt, das weiß ichnoch«, erinnerte sich Flavius. Norec Princeps hob den Zeigefinger, sah seinem jüngstenSohn in die Augen und bemerkte: »Eure Generation darfauf keinen Fall vergessen, woher sie kommt!«Dutzende von Senatoren in feinsten Gewändern schrittendie Stufen vor dem Hauptportal des Archontenpalasteshinauf oder schwebten auf kleinen, verzierten Antigrav-Plattformen langsam nach oben. Einige hohe Herren aus den Reihen der Optimaten hattenCredos Platon zu einem Gespräch aufgefordert und warenfest entschlossen, den neuen Imperator heute mit ihreneigenen Forderungen zu konfrontieren. Federführend warauch diesmal Juan Sobos, welcher dem Archon heute einegeschlossene Abwehrfront präsentieren wollte. Nachdem die feinen Herrschaften endlich alle im Palasteingetroffen waren und sie der Imperator mehr oderweniger freundlich begrüßt hatte, begann die Unterredung.Juan Sobos kam sofort zur Sache. 105
  • »Eure Exzellenz, viele Senatoren sind nach wie vor un-gehalten bezüglich dieser ganzen Reformen. Mich natürlicheingeschlossen. Wir können es einfach nicht akzeptieren,dass uns Teile unseres rechtmäßigen Landes weggenom-men werden, um dort aureanische Bürger anzusiedeln. Weiterhin ist es nicht hinnehmbar, dass uns von obenvorgeschrieben wird, ob wir nun aureanische oder anau-reanische Arbeiter oder auch Maschinen einsetzen…«,erklärte der Optimatenführer. Der junge Archon nickte und bat ihn mit seinen Ausfüh-rungen fortzufahren. »Sowohl die Landgüter, als auch die Fabriken und Indust-rieanlagen, sind in den Händen der patrizischen Familien.Sie sind ihr Privateigentum! Wie kann es sich der Staaterdreisten, hier einfach einzugreifen?« Credos Platon verfinsterte seinen Blick, als er das hörte.»Wie ich mich erdreisten kann, Senator Sobos? Was ist dasfür ein Ton, wenn ich fragen darf? Ich bin der Imperatorund ich kann mich erdreisten, wenn es dem Wohl deraureanischen Kaste dient. Ich muss mich dann sogarerdreisten, denn es ist als erster Diener meiner Kaste ebenmeine Pflicht!«, zischte der junge Herrscher. »Eure Majestät ist also fest entschlossen, die patrizischenFamilien in ihren Rechten zu beschränken und sie sogar zuenteignen?«, hakte ein anderer Nobile nach. »Wer Land abgeben muss, um dem Gemeinwohl zudienen, der wird großzügig entschädigt. Mehr kann ichnicht tun!«, versicherte Platon. »Damit werden Sie einige unserer Senatoren in den wirt-schaftlichen Ruin treiben!«, schrie Sobos wütend undstellte sich drohend vor den Imperator.106
  • Dieser blieb ruhig und starrte seinen Rivalen lediglichangewidert an. »Ich treibe niemanden in den Ruin, Senator!Die Familien der Nobilitas und die ganzen Geldfürstenhaben sich über Jahrhunderte die Taschen bis zum Randvollgestopft. So voll, dass sie heute kaum noch wissen, wiesie ihren ganzen Reichtum noch verprassen sollen, wäh-rend das Goldene Reich mehr und mehr Probleme hat, diedringend gelöst werden müssen!« »Das ist doch wieder so ein altaureanisches Unsinnsge-schwätz, Platon!«, schnaubte Sobos und ballte die Fäuste. Der Imperator trat vor ihn und drückte seine Nase fast ander seinen platt. »Sie haben mich mit »Majestät« anzuspre-chen, Senator Sobos! Haben Sie das verstanden? Reden Sienie wieder in einem derartigen Ton mit mir! Ich bin derArchon des Goldenen Reiches und nicht einer Ihrer anaurea-nischen Arbeitssklaven!«, grollte der Kaiser. Der Grundherr aus Braza ging einige Schritte zurück unddie meisten anderen Senatoren der Optimatenpartei taten esihm gleich, als sie den jungen Monarchen derart wütendvor sich sahen. »Damit kommen Sie nicht durch, Majestät!«, fauchteSobos und machte auf dem Absatz kehrt. Der Rest deroptimatischen Senatoren folgte ihm wie eine treue ScharLämmchen, während Credos Platon ihnen mit versteiner-ter Miene hinterher schaute. Damit war das Gespräch auch schon beendet und dieFronten hatten sich weiter verhärtet. Dies war die simpleund wenig erbauliche Wahrheit. Mit einem leisen Fluchen begab sich der Imperator inseine Gemächer im hinteren Teil des Archontenpalastesund ließ sich auf einer vergoldeten Liege nieder. Mit 107
  • einigen Handbewegungen öffnete er mehrere holographi-sche Bildschirme über seinem Kopf und studierte eineReihe von Gesetzesentwürfen. »Nichts und niemand wird mich davon abbringen, dasNotwendige zu tun!«, hatte Credos Platon gestern seinemBerater Clautus noch versichert, als dieser ihn vor eineroffenen Konfrontation mit Juan Sobos und seiner Fraktiongewarnt hatte. Es gab keinen Zweifel daran, dass der junge Mann Mutbesaß und sich Dinge traute, die seit über drei Jahrhunder-ten kein Imperator mehr gewagt hatte. Damit machte ersich zugleich mächtige Feinde, denn dort, wo das Geldwohnte, hausten auch Verrat und Intrige.108
  • Partys und AttentateWas im Archontenpalast von Asaheim diskutiert wurde,war Flavius vollkommen egal und heute ohnehin, denn eswar Wochenende. Der junge Aureaner hatte sich mit Lucius und einigenseiner Bekannten noch einmal nach Rusing begeben, umsich, zumindest heute, nach altbewährter Manier mitDrogen und Neurostimulationen zu befassen. Inzwischen waren Flavius und seine Saufkumpanen ineine mit grellen, flackernden Lichtern gefüllte Tanzhallegetorkelt und bewegten sich zu den Klängen eines populä-ren Liedes. Hübsche Frauen umgaben sie hier in Massen undschwangen ihre langen Beine auf der Tanzfläche. Luciushatte schon wieder eine von ihnen angesprochen und sichmit der jungen Dame in eine halbdunkle Ecke der Hallezurückgezogen. Flavius hampelte derweil benommenherum und genoss seinen Rausch. »Willst du auch noch einen Sytha-Shake?«, brüllte ihmMeran Waranos, einer von Lucius Bekannten, jetzt insOhr. »Hä?«, gab Princeps lediglich zurück. »Auch noch einen Syntha-Shake? Soll ich dir auch nocheinen holen?«, fragte Waranos und fuchtelte mit einemleeren Glas herum. »Ja! Ja!«, stammelte Flavius und grinste dämlich. Einige Minuten später kam Meran mit einem neuen Ge-tränk zurück. Gierig griff Flavius nach dem Glas und gosssich die synthetische Flüssigkeit in den Rachen. Es dauerte 109
  • nur Sekunden, da schoss ihm das Adrenalin durch denKörper und er krallte sich vor Ekstase an der Wand fest. »Verdammt!«, stöhnte Princeps und Waranos klopfte ihmauf die Schulter. »Das haut rein, was?« »Was ist das für ein Syntha-Zeug? Ist da Meracium drin,Alter?« »Ich glaube schon, deshalb ist das auch so grünlich!«,erklärte Meran und nippte an seinem Glas. »Hast du noch Saft auf deinem Neuro, Alter?« »Ja, ich glaube schon…« »Meiner ist leer. Kann ich noch einen Schub sexuelle Stimu-lation haben?« Meran wunderte sich. »Du hast doch eben deinen Syntha-Shake auf Ex getrunken. Reicht das nicht?« »Komm! Nur noch einen Schub!«, bettelte Flavius. »Du bist echt irre, Mann!«, sagte Waranos kopfschüttelndund drückte Princeps seinen Neurostimulator in die Hand. Dieser drückte sich die kleinen Kontaktdrähte gegen seineNasenschleimhaut und stellte das Gerät auf die höchsteStufe. Dann jagte er sich eine gehörige Woge Neuroenergieins Hirn und taumelte zurück. »Buuuaaah!«, stieß er aus und Meran musste ihn halten,damit er nicht auf den Boden krachte. »Jetzt mach mal Pause, Flavius!«, warnte der Aureanerund stützte seinen Saufkumpan ab. Nachdem Flavius einige unverständliche Satzfetzen ge-brabbelt hatte und behauptete, Lucius jetzt in der großenTanzhalle suchen zu wollen, trottete er los und bahnte sichseinen Weg durch ausgelassen tanzende Scharen vonjungen Leuten. Meran blickte ihm mit einem Kopfschüt-110
  • teln hinterher, während sich die anderen Bekannten vonLucius über den benebelten Princeps lustig machten. Dieser kam nicht mehr allzu weit, denn als er die Musik-halle durchquert hatte, verweigerte ihm sein Körperschließlich den Gehorsam und er brach mitten auf derTanzfläche zusammen. Das Einzige, woran sich Flavius ein paar Stunden später,als er in einem Medizinkomplex aufwachte, erinnernkonnte, waren verschwommene Bilder und diverse Ge-dankentrümmer in seiner Erinnerung. Diesmal hatte es derjunge Mann definitiv zu weit getrieben. »Wenn Sie ihren Körper ständig mit derartigem Zeugvergiften, dann geht das irgendwann nicht mehr so glimpf-lich aus wie heute«, warnte ihn der Arzt. Flavius grinste ihnlediglich an und ging dann nach Hause.Es war am Nachmittag des nächsten Tages. Flavius wargerade aus den Federn gekrochen und hatte sich noch halbverschlafen in seinem Wohnzimmer niedergelassen. DieFeier der letzten Nacht hatte diesmal in einem Medizin-komplex geendet und dem jungen Mann wieder einiges anEnergie abverlangt. Nun tastete er gähnend nach derkleinen Einschaltvorrichtung des Simulations-Transmitters,welcher nach einigen Sekunden mit einem leisen Summenhochfuhr. Augenblicklich landete Flavius auf einem Nachrichtenka-nal, wo er sofort mit der neuesten Meldung des Tageskonfrontiert wurde. »Cyril Spex, der Statthalter von Thracan, ist vor etwasechs Jahren vor seiner Villa in Remay ermordet worden.Diese Meldung erreichte heute Morgen die Behörden von 111
  • Terra. Einige Stunden nach der Tat waren zwei Männer,Mitglieder der antiterranischen Terrorgruppe UPC, vonden örtlichen Sicherheitskräften verhaftet worden, wie derBotschaft aus dem All weiterhin entnommen werdenkonnte. Die UPC, welche sich seit Jahren für ein unabhängigesSternenreich im Proxima Centauri System einsetzt, ist inletzter Zeit wieder aktiver geworden und hat mit der feigenErmordung von Cyril Spex eine neue Ebene des antiterra-nischen Terrors beschritten. Die beiden UPC-Mitgliedersind Angehörige der anaureanischen Kaste auf Thracanund stammen aus der Stadt San Favellas. Imperator Credos Platon reagierte mit Entsetzen auf dieNachricht von der Ermordung des Statthalters und forder-te harte Vergeltungsmaßnahmen gegen alle rebellischenElemente auf Thracan. Der Senat von Asaheim ist heute in einer Sondersitzungzusammengetreten, um über die Situation im ProximaCentauri System zu beraten…«, erklärte eine hübscheReporterin und gestikulierte vor Flavius in der Luft herum. »Leck mich!«, brummte der junge Mann und schaltete denSimulations-Transmitter wieder ab. »Was interessiert michdas verdammte Proxima Centauri System!« Princeps hielt sich den Kopf und verfluchte einmal mehrseine Neigung zu Drogen und Neurostimulatoren. Irgend-ein böser Geist hatte sich in den Windungen seines Ge-hirns festgesetzt und irgendwie konnte er ihn nicht loswer-den. Warum er sich ständig betäuben musste, konnte er sichselbst nicht erklären. Auch seine neue Arbeitstätigkeit hatteihn noch nicht auf den rechten Weg zurückgebracht. Sie112
  • war unfassbar langweilig und seiner Ansicht nach imEndeffekt nutzloser Unsinn. Jedenfalls hinderten die vielen Rauschmittel Flavius daran,einmal in Ruhe über sich und sein Leben nachzudenken.Doch offenbar war er nicht der Einzige junge Aureaner,der von solchen Problemen gepeinigt wurde. Erging esLucius und Konsorten denn anders? Sie waren dochebenso einem puren Nihilismus verfallen, welcher seineganze Generation wie ein Pilz befallen hatte. Und während sich Flavius mit seinem verwirrten Ichbeschäftigte, begann sich am Horizont der großen Politiklangsam ein Unwetter zusammenzubrauen.Die Ermordung des Statthalters von Thracan, einemPlaneten, welcher erstmals vor etwa 11000 Jahren vonMenschen besiedelt worden war und damit eine der ältes-ten Kolonien Terras überhaupt darstellte, schlug an diesemTag im ganzen Goldenen Reich hohe Wellen. Einen derartigen Akt der Gewalt und eine solche Heraus-forderung der Autorität des terranischen Imperators hatte,zumindest auf einem politisch so wichtigen Planeten, langeniemand mehr gewagt. Die Berichte in den Simulations-Transmittern zeugtenvon anarchischen Zuständen und gar einer anaureanischenRebellion auf Thracan, welche auch auf das übrige Systemüberzugreifen drohte. Schnell forderte die aureanischeÖffentlichkeit Vergeltung für das Attentat auf Cyril Spexund viele Senatoren, allen voran Juan Sobos, drängtenImperator Platon sogar, einige Legionen von Terra aus zueinem Rachefeldzug ins Proxima Centauri System zuentsenden. 113
  • »Ich verlange, dass das Goldene Reich jetzt Stärke zeigt unddie Aufständischen auf Thracan mit aller Macht in dieSchranken weist!«, verlangte Sobos auf der Senatssitzung inAsaheim und klang fast wie ein Feldherr altaureanischerSchule. Der Imperator selbst hatte sich einige Stunden nach demEintreffen der Meldung wieder beruhigt und reagierte nunwesentlich sachlicher auf die Angelegenheit als viele derSenatoren. Als Nachfolger des ermordeten Cyril Spexwurde von ihm Magnus Shivas, ein älterer Patrizier aus deraureanischen Nobilität von Thracan, bestimmt. Dasordnete der junge Archon jedenfalls an, wobei es erneutmindestens sechs Jahre dauern sollte, bis irgendjemand imProxima Centauri System überhaupt etwas von seinerEntscheidung erfahren würde. »Wir müssen den Vorfall erst einmal gründlich untersu-chen, bevor wir einen militärischen Vergeltungsschlaggegen irgendwelche Rebellen einleiten oder gar terranischeTruppen nach Thracan schicken«, gab Credos Platon zubedenken, doch die von Juan Sobos geführte Senatoren-gruppe schrie weiterhin laut nach Rache und verlangte vonihm, dass er seine Autorität jetzt mit Waffengewalt unter-strich. Clautus Triton, der greise Berater des jungen Imperators,mahnte diesen wiederum zu einem bedachteren Vorgehen,doch Platon bewilligte schließlich den von Juan Sobosgestellten Antrag auf die Entsendung terranischer Legio-nen nach Thracan. »Es muss ein Exempel, das sowohl der Anaureanerkaste,als auch sämtlichen Kolonieplaneten die alleinige Vor-machtstellung des Goldenen Reiches vor Augen führt, statu-114
  • iert werden«, begründete der reiche Senator aus Brazaseinen Standpunkt und der Imperator gab daraufhin denBefehl, eine Kriegsflotte ins Proxima Centauri System zuentsenden. Zwanzig Legionen, also etwa 100000 Soldaten, solltensich auf den Weg nach Thracan machen, um die Aufstän-dischen für den Mord an Cyril Spex zu bestrafen. Weiter-hin sollte der neue Statthalter des rebellionsgezeichnetenPlaneten ebenfalls seine eigenen Streitkräfte vor Ortmobilisieren, um die terranischen Truppen zu unterstüt-zen. Nun hatte die aureanische Öffentlichkeit auf Terra end-lich wieder einen kleinen Krieg zu bestaunen und konntesich auf Meldungen von heroischen Siegen, irgendwo aufeinem fernen Planeten, freuen. Ob es überhaupt einrichtiger Krieg werden würde oder ob es lediglich darumging, eine Handvoll Rebellen und Terroristen durch einpaar Slumstädte zu jagen, das konnte zu diesem Zeitpunktniemand sagen. Den terranischen Imperator erreichten jedenfalls nunmehr und mehr Berichte von einem großen, flächende-ckenden Aufstand von Anaureanern und anderen Kolonis-ten, welcher die Ordnung auf ganz Thracan zerstörenkonnte. Die Meldungen aus dem Proxima Centauri System,welche über die Simulations-Transmitter flimmerten undbrennende Häuser und aufrührerische Massen zeigten,erschienen besorgniserregend. Zudem kamen diese Nach-richten ja alle zeitverzögert auf der Erde an. Wie mochte es inzwischen auf Thracan aussehen? Washatte sich in den etwa sechs Jahren verändert? Lag schonder gesamte Planet in Trümmern? Wie stark waren die 115
  • Rebellen mittlerweile? Hatten sie vielleicht schon dieHauptstadt Remay erobert? Die aureanische Öffentlichkeit spekulierte diesbezüglichleidenschaftlich vor sich hin und ihre Gier nach sensatio-nellen Meldungen schien keine Grenzen zu kennen. Trotzdem waren sich der gesamte Senat, wie auch CredosPlaton, absolut sicher, dass die terranischen Legionen dieAufständischen innerhalb weniger Wochen vernichtenwürden. Demnach war die Entsendung von Truppen desGoldenen Reiches auf der Erde nach Thracan vor allem auchein symbolischer Akt und eine Machtdemonstration. »Wer soll unsere Legionen denn anführen?«, fragte Impe-rator Platon seine Senatoren am Ende der emotionsgela-denen Sondersitzung schließlich und eine Antwort ließnicht lange auf sich warten. »Das ist eine Aufgabe für unseren verehrten OberstrategosAswin Leukos!«, rief Juan Sobos und klatschte in dieHände, während der Senatssaal vor Begeisterung bebte. Der junge Monarch willigte ein und schien erfreut dar-über zu sein, dass er zumindest in dieser Angelegenheit mitseinen Senatoren einer Meinung war. General Leukosbedankte sich für das Vertrauen des Imperators undgelobte feierlich, dem Goldenen Reich von Terra Ruhm undEhre auf dem Schlachtfeld zu erkämpfen. Damit war der Stein ins Rollen gebracht worden und nungalt es, die Kriegsflotte auszurüsten und noch einigeTausend junge Männer einzuziehen, damit die Armee aufihre vorgeschriebene Sollstärke kam. Die Bürokratie desGoldenen Reiches setzte sich in Bewegung.116
  • »Furchtbar!«, stieß Crusalla Princeps aus und wich ange-widert vor dem holographischen Bildschirm in ihremWohnzimmer zurück. Flavius wirkte genervt, während seinVater laut über die »undankbaren Kolonisten« auf Thracanschimpfte. Wieder und wieder zeigte der Simulations-Transmittergrausame Szenen von Mord und Totschlag. Man konntefast den Eindruck gewinnen, dass ganz Thracan zu einemeinzigen Schlachtfeld geworden war. Allerdings wussteniemand genau, wie die Situation im Proxima CentauriSystem wirklich war, denn diese Bilder hatten mehrereJahre gebraucht, um bis nach Terra zu gelangen. »Der Ostkontinent Thracans ist mit riesigen Slumstädtenvoller Anaureaner bedeckt. Das sind die Nachfahren derArbeitssklaven, welche unsere hohen Herren aus derNobilität bereits vor langer Zeit dorthin verschifft haben.Und jetzt haben sie nur Probleme mit ihnen! Es ist dochüberall das Gleiche! Und dann gibt es da noch diesesogenannten Unabhängigkeitskämpfer, die Terra hassen,obwohl wir so viel für sie getan haben«, wetterte NorecPlaton. »Was regst du dich auf, Papa?«, wunderte sich Flavius undwinkte ab. »Thracan ist irgendwo am Arsch des Univer-sums…« »Flavius, bitte nicht solche Wörter in unserem Haus!«,fuhr Crusulla dazwischen und hob den Zeigefinger. »Nein, Unsinn! Thracan ist eine der ältesten Kolonien derMenschheit überhaupt und ist gerade einmal 4,2 Lichtjahrevon der Erde entfernt. Der Arsch des Universums istwoanders«, murrte der Vater. »Norec!«, rief Crusulla empört. 117
  • »Jedenfalls muss Terra jetzt durchgreifen! Seitdem sich dieDronai von uns abgespalten haben, glaubt wohl jedezweite Kolonie, dass sie das auch kann! Wenn wir jetztnicht auf den Tisch hauen, dann macht sich das GoldeneReich auf sämtlichen Kolonieplaneten zum Gespött!«,schnaubte Norec weiter. Flavius ging in die Küche und kam mit einem Getränkzurück. Der heutige Arbeitstag im Verwaltungszentrumwar bereits langweilig genug gewesen, daher legte er auf diepolitischen Vorträge seines Vaters überhaupt keinen Wert.Außerdem war er froh, dass er seine Eltern inzwischenwieder besuchen konnte, ohne mit ihnen nach einigenMinuten sofort Streit zu bekommen. »Ich gehe nach oben …«, bemerkte der junge Mann leiseund schlich davon. »Ja, das ist wieder typisch! Wenn es um ernsthafte The-men geht, dann verschwindest du, mein Sohn«, meckerteNorec. Flavius verdrehte die Augen und ging einige Stufen hochin die obere Etage. Unten wetterte sein Vater noch immerüber die »undankbaren Kolonisten« und nun mussteCrusulla seinen Volksreden zuhören. Nachdem sich die Tür hinter Flavius verschlossen hatteund er auf einem kleinen Sofa - inzwischen hatten dieEltern sein ehemaliges Zimmer ein wenig umdekoriert –zum Sitzen gekommen war, kramte er seinen Kommunika-tionsboten aus der Tasche und nahm mit Lucius Kontaktauf. Vielleicht konnten sie am Wochenende noch einmaldurch die Vergnügungsviertel von Vanatium ziehen. Nein,nicht vielleicht. Ganz sicher! Ganz sicher würden sie das tun,118
  • wie es Flavius durch den Kopf ging. Ansonsten gab esnämlich nichts, worauf er sich in den nächsten Tagenfreuen konnte …Aswin Leukos hastete durch die langen Gänge des Ar-chontenpalastes von Asaheim. An ihm huschten zahlreicheWürdenträger und Diener, die in prunkvolle, mit aufwen-digen Schnörkelmustern verzierte Gewänder gehüllt waren,vorbei. Einige trugen Datenkristalle, während andere inmühsamer, persönlicher Kleinarbeit Möbelstücke undDekorationsgegenstände vom Staub reinigten. Der Oberstrategos von Terra beachtete das emsige Trei-ben um sich herum kaum und erreichte nach einer wahrenOdyssee durch das riesenhafte Gebäude endlich die per-sönlichen Gemächer des Imperators. Einer Sicherheitskontrolle musste sich Leukos nichtunterziehen, denn die mit schweren Laserblastern bewaff-neten Palastwachen kannten ihn längst und warfen ihmehrfurchtsvolle Blicke zu. Nachdem der Feldherr ein letztes Portal passiert hatte,stand er endlich vor Credos Platon, welcher ihn mit einemfreundlichen Lächeln begrüßte. »Mein Archon!«, sagte Aswin Leukos leise und verbeugtesich tief. »Wie immer pünktlich, der treue Strategos!«, gab derImperator schmunzelnd zurück. »Wer würde es wagen, bei einer Unterredung mit demArchon des Goldenen Reiches auch nur eine Sekunde zu spätzu kommen?«, erwiderte Leukos. Credos Platon winkte einige Diener herbei, die seinemGast sofort Speisen und Getränke brachten. Dann ließen 119
  • sich Leukos und der Imperator auf zwei bequemen Liegennieder und begannen, über einige Banalitäten zu plaudern. Erst nach einer Weile kam Credos Platon zur Sache.Heute ging es nämlich um die Vorbereitungen des Feldzu-ges gegen die Rebellen auf Thracan. »Knapp 60% der Bevölkerung Terras sind heute Angehö-rige der Aureanerkaste, was bedeutet, dass die Anzahl derAnaureaner in der jüngsten Vergangenheit wieder starkangewachsen ist und diese in den nächsten Jahrhundertensogar die Mehrheit auf unserem Planeten stellen werden.So war es vor Jahrtausenden schon einmal gewesen, wiedie alten Schriften beweisen. Wir Aureaner sind inzwischen müde, satt und materialis-tisch geworden. Das, was unsere großen Ahnen mühsamaufgebaut haben, droht nun langsam zu zerfallen. Sicher-lich sieht das nur jemand, der die Menschheitsgeschichtekennt. Und das tun die meisten reichen Patrizier nicht –und es interessiert sie auch nicht, denn sie leben ja heute.Was vor ihnen war und was nach ihnen sein wird, das istihnen gleichgültig, wenn sie nur in diesem Leben nochmehr Reichtum zusammenraffen können. Große Männer wie Gunther Dron, Ludger Rauther,Gutrim Malogor und viele andere würden sich im Grabeherumdrehen, wenn sie sähen, wie leichtfertig diese profit-gierigen Schlangen aus der Nobilitas das von ihnen Aufge-baute mit Füßen treten und ihre Lehren missachten«,erklärte Imperator Platon nachdenklich. »Ihr habt Recht, Eure Majestät! Ich stimme Euch voll undganz zu. Meine Eltern haben mich im altaureanischen Stilerzogen und mich von klein auf die Geschichte unserer120
  • Kaste gelehrt. Ich verehre die Ahnen und die alten Werte,wie kein Zweiter, Herr!«, sagte Leukos und verneigte sich. »Unser Imperium krankt seit einigen Jahrhunderten aneiner langsam wachsenden, inneren Fäulnis, General. Diebesten Elemente der aureanischen Kaste leiden an Kinder-armut oder Kinderlosigkeit. Andere Bevölkerungsteilehingegen vermehren sich rapide, ohne das dies unsererGesellschaft einen Nutzen bringen würde. Das ist eine regelrechte Negativauslese. Von den Anau-reanern auf Terra brauche ich gar nicht erst anzufangen.Ihre Zahl wächst seit einiger Zeit wieder rapide. Nun, aberdas wisst ihr ja, Leukos!« »Ich bin voll und ganz auf Eurer Seite, Majestät!«, be-merkte der Feldherr noch einmal. Nun lächelte Credos Platon und neigte den Kopf leichtzur Seite. »Das ist mir bekannt, Oberstrategos! Deshalbseid ja auch Ihr mein erster Heerführer geworden, aller-dings bin ich mir bezüglich dieses Feldzuges nach Thracannicht mehr ganz so sicher…« »Wie meinen Eure Majestät das? Ist es nicht richtig, wennich in Eurem Namen die Herrschaft Terras erzwinge?«,wunderte sich der General. »Lassen wir das! Ich habe der ganzen Sache ohnehinschon zugestimmt«, murmelte der junge Archon. »Wenn unsere Legionen von Thracan zurückkehren, wirddort keinerlei Rebellion mehr herrschen, Majestät! Dasgelobe ich bei der Ehre meiner Familie«, betonte Leukos. »Daran habe ich keine Zweifel, Oberstrategos! Allerdingsseid ihr dann über zwölf Jahre fort! Ob sich ein solcherAufwand lohnt, nur um ein paar Rebellen einzufangen?«,bemerkte Platon nachdenklich. 121
  • »Aber auf Thracan herrscht mittlerweile regelrechterBürgerkrieg. Ich habe heute Morgen die neuesten Meldun-gen erhalten…«, sagte Leukos. »Erledigen Sie Ihre Aufgabe und kommen Sie dann soschnell wie möglich nach Terra zurück«, wies der Monarchseinen Oberstrategos an. »Jawohl, Eure Majestät!« Der junge Imperator rieb sich das Kinn und sah AswinLeukos lange an. Dann sprach er: »Viele der Nobilenwerden Euch keineswegs vermissen, wenn Ihr fort seid.Wusstet Ihr, dass Sie Euch hassen, Leukos?« Der General räusperte sich und lächelte gequält. »Ja, natür-lich weiß ich das! Und Euch hassen sie ebenfalls, EureExzellenz. Verzeihen Sie, wenn ich das so offen ausspreche,aber es ist die Wahrheit. Diese egoistischen, verräterischenHunde hassen jeden, der ihre Geschäftspläne durchkreuzenkönnte. Wenn es nach mir ginge, dann würde ich sie mitWaffengewalt klein halten, wenn es sein muss.« Credos Platon klopfte Leukos auf die Schulter und nickte. »In 10 Monaten wird die Kriegsflotte bereit sein, um nachThracan aufzubrechen. Wir müssen noch ein paar neueKohorten ausbilden und weitere Rekruten einziehen. Dasist aber alles kein Problem, Eure Majestät!«, sagte derFeldherr. »Ausgezeichnet, Oberstrategos!«, antwortete der Impera-tor und entließ seinen Befehlshaber. Aswin Leukos eilte aus dem Archontenpalast heraus undbegann sofort mit den militärischen Vorbereitungen desFeldzuges gegen die Aufständischen im Proxima CentauriSystem.122
  • Es war der erste Tag einer neuen, eintönigen Arbeitswo-che und die Sonne ging gerade mit einem rötlichen Leuch-ten am Horizont auf. Soeben war Flavius durch ein auf-dringliches Klingeln geweckt worden. Aber es war diesmal nicht sein Kommunikationsbotegewesen, welcher ihn ansonsten in den frühen Morgen-stunden seiner verhassten Arbeitstage weckte, sondern derEpistula-Sensor neben seiner Wohnungstür, welcher denEingang eines holographischen Briefes gemeldet hatte. Murrend tastete sich Flavius durch seinen unaufgeräum-ten Schlafraum und tapste in die Küche. Das Digital-Chronometer an der Wand zeigte an, dass es gerade einmal6.30 Uhr morgens war. Welcher Idiot hatte ihm so früh amMorgen eine Nachricht geschickt? Princeps nahm einen Schluck Mineralwasser zu sich undschlich dann zu seiner Wohnungstür. Hier schimmerte einekleine, gelbliche Lampe, die signalisierte, dass ein Briefangekommen war. Mit einigen Handbewegungen aktivierte Flavius das ho-lographische Menü des Epistula-Sensors, öffnete dieNachricht und glotzte verschlafen auf den vor seinenmüden Augen in der Luft schwebenden Bildschirm.Sehr geehrter Herr Princeps,dieses Schreiben ist eine offizielle Einberufung zum Militärdienst.Melden Sie sich unverzüglich bei der für Sie zuständigen Behörde(Verwaltungssektion 479, Vanatium-Crax) und bestätigen Sie denEingang dieses Schreibens.Weitere Informationen erhalten Sie von der oben genannten Behörde!Gez. Thron Sakkistai(Verwaltungssektion 479, Vanatium-Crax) 123
  • Flavius riss die Augen auf und schluckte. Dann fuhr ersich mit der Hand über das Gesicht und fühlte, wie seineWangen durchblutet wurden. »Was soll das denn? Einberufung zum Militärdienst?«,wunderte sich der junge Mann und schüttelte den Kopf. Er las den seltsamen Text wieder und wieder. Dann griffer zu seinem Kommunikationsboten und versuchte,jemanden im Verwaltungszentrum von »Vanatium-Crax« zuerreichen, um dieses offensichtliche Missverständnisaufzuklären. Doch zu so früher Stunde war noch niemand dort. Si-cherlich war diese Nachricht von einem automatisiertenSystem verschickt worden. Schließlich verging noch eine Stunde voller Verwirrungund Zweifel, bis Flavius endlich jemanden am anderenEnde der Leitung erreichte – allerdings war der zuständigeSachbearbeiter noch immer nicht im Hause, wie ihm einnüchterner Verwaltungsmensch versicherte. Ohne etwas zu frühstücken, hastete Princeps schließlichgenervt aus seiner Wohnung hinaus und verließ seinenHabitatskomplex, um diesen Herrn persönlich zu spre-chen. Inzwischen war es schon nach 8.00 Uhr und Flaviuswurde immer zorniger. Wollte ihm ein Verwaltungsange-stellter etwa einen Schreck einjagen? Militärdienst? Wassollte dieser Unsinn? Der junge Aureaner nahm sich jedenfalls vor, diesemSachbearbeiter gehörig die Meinung zu sagen. Immerhinarbeitete er mittlerweile selbst im gleichen Bereich undwusste, dass sich die Behörden oft genug irrten oderschlampig waren.124
  • Ein Gleiter brachte Flavius letztendlich zum Verwal-tungszentrum, wo der junge Mann nervös durch die Gängeeilte. Er hatte derweil vergessen, bei seiner eigenen Ar-beitsstelle Bescheid zu sagen, dass er heute etwas späterkam. Nun konnte Princeps erst einmal auf dem Flur warten,denn einige Aureaner hatten sich bereits vor der Bürotürdes Beamten versammelt. Schließlich stürmte Flavius, als er endlich an der Reihewar, ungehalten in den Raum hinein und postierte sich voreinem gelangweilt wirkenden Mann, welcher ihn müde undlustlos ansah. »Was kann ich für Sie tun?«, brummte er und richteteseinen Blick wieder auf einen matt schimmernden Daten-kristall. »Ich verlange eine Erklärung!«, schimpfte Flavius undsetzte sich auf einen Stuhl. Die Atmosphäre wurde immer ungemütlicher und derjunge Herr Princeps zunehmend unhöflicher. Nun saß erschon eine Viertelstunde vor diesem Sachbearbeiter, derihm zu verdeutlichen versuchte, dass das automatisierteProgramm, welches derartige Einberufungsbescheideverschickte, so gut wie unfehlbar war. »Das wird schon seine Richtigkeit haben, Herr Princeps!«,stöhnte der Verwalter. »Nein, ich habe mich nicht zum Militär gemeldet«,schnauzte Flavius zurück. »Machen wir es doch einmal anders, Herr Princeps. Fan-gen wir mit Ihren Basisdaten an«, sagte der Beamte ruhig 125
  • und öffnete ein holographisches Menü. Dann fuhr er fortund begann damit einige Dinge abzufragen… Name: Flavius Princeps Wohnort: Habitatskomplex G-4673, Vanatium-Crax (61) DNS-Übereinstimmung mit aureanischer Idealnorm nach§ 321: 89,6% Primäre Kastenzugehörigkeit: Aureanische Kaste Sub-Kastenzugehörigkeit: A-K (8) Genblocker: Nein Genetische Verbesserungen oder Implantate: Nein Mentalist: Nein Vorstrafen: Nein Der junge Mann schnaufte und zuckte mit den Achseln.»Was soll dieser ganze Blödsinn?« »Sind das Ihre Daten, Herr Princeps?«, wollte der Beamtewissen und faltete die Hände. »Ja, das sind meine Daten! Was hat das mit dem Militär-dienst zu tun?«, zischte Flavius. »Sie sind offiziell zum Militärdienst einberufen worden.Steht hier noch einmal deutlich in den Querverweisen,Herr Princeps. Melden Sie sich am 12.09.3979 in derMilitärbasis Voluntas in Tennon. Dazu bekommen Sie in dennächsten Tagen noch einen offiziellen Bescheid, HerrPrinceps«, betonte der Verwaltungsmitarbeiter ernst. Flavius verlor fast die Fassung und für einige Sekundenwusste er überhaupt nicht, was er sagen sollte. »Was? Was habe ich mit dem Militär zu tun?«, stammelteer verstört.126
  • »Hier steht, dass Sie im Zuge Ihrer Ausbildung zum»Wissenschaftlichen Begleiter für interstellare Forschungs-reisen« ein militärisches Zusatztraining erhalten haben. Istdas richtig, Herr Princeps?«, hakte der Mann nach. Flavius biss sich auf die Unterlippe und fühlte, wie seinHerz zu hämmern anfing. »Es ist doch so, nicht wahr?«, bohrte der Beamte nach. »Ja! Also…also…das war eine Woche mit dem Blasterrumballern und im Freien zelten…sonst nichts…ich bindoch kein Soldat…«, stockte der junge Mann mit sorgen-voller Miene. »Ich mache es kurz, Herr Princeps! Sie wurden von einemautomatisierten Verfahren als Rekrut für die Legion aus-gewählt. Wegen dem Zusatz in Ihrer Ausbildungsdatei.Weil dort eben steht, dass Sie ein militärisches Zusatztrai-ning absolviert haben. Zudem sind Sie hier auch als »welt-raumtauglich« aufgeführt«, erklärte der Verwaltungsange-stellte noch einmal. »Aber…?«, brachte Flavius nur heraus. »Vermutlich werden Sie demnächst zu einem fertigenLegionär ausgebildet und dann nach Proxima Centaurigeschickt, um Terras Glorie zu verteidigen«, setzte derMann nach und sein zynischer Unterton war nicht zuüberhören. Offenbar hatte er eine unterschwellige Freudean Flavius` leidendem Gesichtsausdruck. »Und ein Missverständnis ist wirklich ausgeschlossen?« »Ja, Herr Princeps! Definitiv!« »Aber ich will nicht zur Legion und schon gar nicht nachProxima Centauri! Das kann doch nicht wahr sein!«,jammerte Flavius und hielt sich die Hände vor das Gesicht. 127
  • Der Beamte hüstelte leise und sprach dann: »Was dasmilitärische Oberkommando von Ihnen will, kann ich auchnicht genau sagen. Das ist nicht mein Zuständigkeitsbe-reich. Und jetzt entschuldigen Sie mich bitte, HerrPrinceps. Ich habe hier noch einige Akten zu bearbeiten!« Der junge Aureaner schlich aus dem Büro heraus und liefkreidebleich über den langen Gang des Verwaltungsgebäu-des. Wer ihn erblickte, der konnte unschwer erkennen,dass Flavius das blanke Entsetzen in die Knochen gefahrenwar. Er sollte zur Legion? Vielleicht nach Proxima Centauri?Wieder zu den Sternen fliegen? Der junge Mann konnteseinen Schrecken kaum in Worte fassen…128
  • In Terras LegionNachdem Princeps eine Stunde wie ein halb betäubtes Tierdurch die Straßen von Vanatium-Crax gestolpert war, hatteer sich mit einem Gleiter zurück zum Habitatskomplexseiner Eltern bringen lassen. Dort war allerdings niemand gewesen, denn Vater undMutter waren zur Arbeit gegangen und es sollte noch biszum späten Nachmittag dauern, bis sie endlich nach Hausekamen. So verbrachte Flavius lange, nervöse Stunden in einernahe gelegenen Bar und griff mehrfach zu seinem Neu-rostimulator, um sich mit Glücksgefühlen voll zu pumpen.Allerdings schienen sie diesmal wenig Effekt zu zeigen. Alser schließlich seine Eltern antraf, war er kreidebleich undtotal verstört. »Ich soll zur Legion und dann vielleicht nach Thracan!«,stieß er aus, als er seine Mutter Crusulla auf dem Gangerblickte und fiel ihr weinend in die Arme. »Wie bitte?«, rief sie und hielt das alles offenbar zunächstfür einen schlechten Scherz. Norec Princeps schüttelte den Kopf und wunderte sichebenfalls über die seltsame Hiobsbotschaft seines Sohnes. »Hast du wieder Drogen genommen, Junge?«, brummteer. »Nein!«, heulte Flavius und zeigte ihnen die behördlicheNachricht, die er inzwischen auf seinem Kommunikations-boten abgespeichert hatte. Mit offenen Mündern und entsetzt aufgerissenen Augenblieben Norec und Crusulla Princeps stehen und brachten 129
  • keinen Ton mehr über ihre Lippen. Schließlich gingen siein ihre Wohnung, während Flavius weiter auf sie reinrede-te. »Sag, dass das nicht wahr ist, mein Sohn!«, wimmerte dieMutter und sank wie ein Häufchen Elend am Wohnzim-mertisch zusammen. »Doch … es … es … ist wegen der militärischen Zusatz-ausbildung … deshalb muss ich nach Proxima Centauri«,versuchte Princeps zu erklären. Norec stellte sich ans Fenster und sah hinaus. Man hörteihn leise in ein Taschentuch schnäuzen, ansonsten sagte ernichts. »Das heißt also, dass wir dich vielleicht in unserem Lebenüberhaupt nicht mehr sehen werden, Flavius? Warum tunsie unserer Familie das an?«, stieß Crusulla aus. »Ich muss zuerst zu einer Kaserne nach Tennon. Dortwollen sie mich zum Legionär ausbilden«, sagte der jungeMann kleinlaut. »Hat das Goldene Reich denn nicht genug Berufssoldaten?Warum gerade du?«, schimpfte der Vater unter Tränen undeilte durch den Raum. »Was weiß ich denn, Papa? Dieses verdammte automati-sierte Verfahren hat mich einfach ausgewählt!«, schrie ihmFlavius entgegen. »Und du kannst gar nichts gegen diese Entscheidungtun?«, raunte Crusulla. Princeps murmelte in seiner Verzweiflung einen üblenFluch und winkte ab. »Das ist eine offizielle Einberufung! Dagegen kann ichkeinen Einspruch erheben oder so etwas! Was soll ichdenn tun? Einfach nicht hingehen?«130
  • Betrübt setzten sich die Drei an den Tisch und starrtensich mit verheulten Gesichtern an. Mit einem derartigenEreignis hatte keiner von ihnen gerechnet. Langsam begannen sie alle zu begreifen, dass die großePolitik soeben in ihr behütetes Leben eingedrungen war.Wie ein wütendes Wolfsrudel war sie über ihren friedlichenAlltag hergefallen. Nein, es gab keine Diskussionen,Flavius musste sich seinem Schicksal beugen.Während inzwischen jeden Tag schockierende Meldungenvon Thracan die Erde erreichten, machte sich der neueRekrut auf den Weg nach Tennon, um seine Ausbildungzum Legionär zu beginnen. Zähneknirschend hatte sich der junge Mann seinemschrecklichen Los gefügt und es war immer noch nichtklar, was das militärische Oberkommando nun genau fürihn geplant hatte. Jedenfalls war sich Flavius sicher, dass er der Armee keinegroße Hilfe war. Der Aureaner hielt sich selbst weder fürsonderlich mutig, noch für einen brauchbaren Soldaten.Trotzdem waren die Anweisungen klar und es gab keineAusflüchte. Als Princeps das riesige Militärlager in Tennon erreichte,verschlechterte sich seine Laune noch mehr. Die imWesten von Hyboran gelegene Legionsbasis war ein großesAreal voller hoher Gebäude, zahlloser Soldaten, Lagerhal-len und diverser Kriegsmaschinen. Der ahnungslose, verunsicherte Rekrut sah sich an diesemersten Tag vielen neuen Eindrücken gegenüber. Er lief anklobigen Gefechtspanzern des Typs Asperitas vorbei,welche zu Dutzenden nebeneinander geparkt waren. 131
  • Flavius sah Transportraumschiffe in unterschiedlichenFarben und Größen, die auf weiträumigen Landeplätzenwarteten. Der Armeestützpunkt Voluntas war ein gewaltiger Molochund es dauerte lange, bis Flavius die für ihn zuständigeMeldestelle ausfindig gemacht hatte. Als der junge Bursche schließlich dort ankam, erwartetenihn schon weitere Rekruten aus dem ganzen Goldenen Reich.Den meisten stand ihre mangelnde Begeisterung insGesicht geschrieben. Eigentlich hatte das Goldene Reich aufTerra ein Berufsheer, welches, gemessen an der Gesamt-bevölkerung, relativ klein, dafür aber gut ausgebildet war. Für den Feldzug gegen die Rebellen im Proxima CentauriSystem mussten einige weitere Rekruten kurzfristig ge-schult werden, um die vorgeschriebene Sollstärke derLegionen zu erreichen. Für die Behörden war demnach dieFrage nach dem »militärischen Zusatztraining« von Flaviusweniger wichtig gewesen, als die Tatsache, dass er lautoffiziellen Angaben »weltraumtauglich« war. Letzteres war von enormer Bedeutung, denn es war in derVergangenheit immer wieder vorgekommen, dass Solda-ten, die von Terra aus zu weit entfernten Planeten geflogenwurden, während der Weltraumreisen durchdrehten oderin depressive Zustände verfielen. Daher war es wichtig,vorher abzuklären, ob man bereits Erfahrungen bezüglichinterstellarer Reisen hatte. Flavius Princeps hielt sich selbst allerdings keineswegs für»weltraumtauglich« und betete dafür, dass er nicht nachProxima Centauri geschickt wurde. Es war ihm eigentlichegal, was für ein Bürgerkrieg dort tobte, wenn er nur keineRaumreisen mehr ertragen musste.132
  • Alle seine Hoffnungen wurden ihm jedoch schon amersten Tag in der Kaserne genommen, denn die zuständi-gen Verwalter machten keinen Hehl daraus, dass alle neueingezogenen Rekruten für einen Kampfeinsatz auf Thra-can ausgebildet wurden. »Auf Sie wird bald ganz Terra schauen!«, hatte einer derSachbearbeiter zu Flavius gesagt und gelächelt, währendder junge Aureaner beim Gedanken an Weltraumflüge undTiefschlafkammern vor Angst kaum noch atmen konnte. Der zweite Tag im Militärlager Voluntas hatte seine Mitteerreicht und Flavius war in einem der Wohnkomplexe fürSoldaten untergebracht worden. Er teilte sich seinenSchlafraum mit fünf anderen Rekruten und hatte bereitsmit dem einen oder andern ein flüchtiges Gespräch ge-führt. Die jungen Männer stammten aus allen Teilen des Golde-nen Reiches. Manche waren aus Canmeriga, andere ausZyberia oder dem Norden von Indakuresch und so weiter.Natürlich waren sie alle Angehörige der aureanischenKaste. Einige Hundert neue Rekruten hatte sich nun auf einemder großen Plätze im Herzen der Militärbasis versammeltund in Reih und Glied aufgestellt. Vor ihnen stapfte einOffizier auf und ab und musterte seine frischen Soldatenmit grimmiger Miene. Neben Flavius stand Kleitos Jarostow aus Wittborg.Princeps hatte sich gestern Abend eine Weile mit ihmunterhalten, denn Kleitos war in dem gleichen Zimmer wieer selbst einquartiert worden. Der junge Rekrut aus Vana-tium hatte ihn direkt sympathisch gefunden. 133
  • Kleitos war nicht so hochgewachsen wie die meistenAureaner, was allerdings auch nicht bedeutete, dass er kleinwar. Trotzdem war er eher bullig und kräftig. Der Soldatstammte aus dem hohen Norden Hyborans, genauer gesagtaus Wittborg an der eisigen Meeresküste von Skantlant. Sein Gesicht war kantig und sein Kopf von strohblondemHaar, welches seine hellgrünen Augen noch deutlicherhervorstechen ließ, bedeckt. Kleitos besaß ungewöhnlichbreite Schultern und muskulöse Arme, welche ihn sehrkräftig wirken ließen. »Mein Name ist Manilus Sachs! Ich bin Zenturio der 562.Legion von Terra! Ihr seid jetzt ein Teil der 562. Legion!Habt ihr das verstanden?«, brüllte der Offizier jetzt undfuchtelte mit einem Exerzierstab herum. »Jawohl, Zenturio Sachs!«, donnerte ein lauter Sprechchorüber den Aufmarschplatz. »Das darf doch alles nicht wahr sein«, dachte sich Flaviusund blickte flehend gen Himmel. »Alle neuen Rekruten sind deshalb eingezogen worden,weil sie unsere regulären Legionen auffüllen sollen, damitdiese auf Thracan ihre Pflicht tun können. Die MachtTerras und unseres Imperators ist von unseren Feinden inFrage gestellt worden und das werden wir nicht auf unssitzen lassen! Ihr habt die Ehre, die unbedingte Autorität des GoldenenReiches bis in die Weiten des Weltalls zu tragen!«, schwad-ronierte der Ausbilder und wirkte, als ob er sich geradezuauf den Krieg freuen würde. Flavius warf Kleitos einen hastigen Blick zu und dieserverdrehte die Augen, da er ebenfalls keinerlei Ambitionenhatte, ins Proxima Centauri System zu fliegen und Rebellen134
  • zu bekämpfen. Das hatte er jedenfalls schon am ersten Tagzugegeben. Doch auch den Rekruten aus Wittborg hatte niemandgefragt und es sollte sich auch in Zukunft keiner nachseinen Wünschen erkundigen. Kleitos war genauso vomSchicksal gezwungen worden wie der unglückliche Flavius. Die Ansprache des Offiziers dauerte noch eine Viertel-stunde. Dann hatte er seine markigsten Sprüche losgelas-sen und allen klargemacht, wie viel Ruhm auf Thracanauch auf die Rekruten wartete. Princeps fand den ganzenAufzug lächerlich und war froh, als die Truppe endlich denBefehl zum Wegtreten bekam. »Ab morgen nehmen die uns richtig ran!«, erläuterteKleitos und betonte, dass er diese Information gesternAbend von einem der erfahrenen Legionäre erhalten hatte. »Ich kann das noch immer nicht fassen. Das ist doch einAlptraum«, wimmerte Flavius leise. »Wir müssen da durch, also behalte die Nerven!«, empfahlder Kamerad und versuchte zu lächeln. »Ich hatte eine Arbeit und ein normales Leben. Jetzthaben sie mich in diese verdammte Kaserne gebracht,damit ich als Legionär ins Proxima Centauri System fliege.Das ist doch ein schlechter Scherz, oder?«, kam vonPrinceps. »Du hattest eine Arbeit?«, wunderte sich Kleitos. »Ja, sie war langweilig, aber besser als nichts. Ich war inder Verwaltung tätig«, erklärte Flavius. Kleitos riss seine Augen auf. »Wirklich?« »Wirklich!« 135
  • »Ich habe nie eine Arbeit besessen, Flavius! Jetzt habe ichwenigstens so eine Art Aufgabe, als Legionär«, antworteteder Rekrut. »Darauf kann ich gut verzichten! Gab es bei euch inWittborg etwa keine Arbeit?« »Nein, jedenfalls nicht für mich! Das ist dort in Skantlantalles verdammt trostlos! Es gibt da kaum noch sinnvolleAufgaben für die meisten Aureaner. Ich erkläre dir einanderes Mal, wie es da oben abläuft, wenn es dich interes-siert«, brummte Kleitos. Flavius nickte und ging einige Schritte voraus. Sein neuerBekannter folgte ihm und die beiden verschwanden inihren hässlichen, grauen Wohnkomplex. Den Rest des Tages verbrachten die fünf jungen Soldatenin ihrer Stube, wobei auch Neurostimulatoren, welche beider Legion eigentlich streng verboten waren, zum Einsatzkamen. Irgendwann waren alle erschöpft oder genervtgenug, um einschlafen zu können. Am nächsten Morgenwartete die harte Legionärsausbildung auf sie … Die Landreform des Imperators hatte inzwischen Gestaltangenommen und es waren bereits erste Maßnahmen zuihrer Umsetzung getroffen worden. Nun musste derumstrittene Gesetzeserlass nur noch im Senat verabschie-det werden. Um ihn zu verhindern, benötigten die Optima-ten eine Dreiviertelmehrheit. Allerdings war es nicht unrealistisch, dass Juan Sobos, derseit Wochen die anderen Senatoren auf einen Widerstands-kurs gegen Credos Platon einschwor, es schaffen würde,eine solche Mehrheit tatsächlich zu bekommen. Die ganzeSache befand sich auf Messersschneide, wie es Aswin136
  • Leukos, der sich heute mit dem Archon zu einem persönli-chen Gespräch getroffen hatte, passend formulierte. »Es ist doch eigentlich unglaublich, Eure Exzellenz! Damuss ein Imperator um die Gunst einer Horde fetter,selbstsüchtiger Nobilen buhlen, um ein Gesetz durchzu-bringen, welches dem Allgemeinwohl unserer Kaste dientund absolut notwendig ist«, sagte Leukos und schüttelteden Kopf. »Nun, das Vetorecht haben sich die Patrizier im Senatnun einmal vor 300 Jahren erkämpft. Damals hatten sichdie mächtigen Familien, welche den Raumhandel kontrol-lierten und die Besitzer der riesigen Agrarzonen, ohne dieTerra nicht ernährt werden konnte, gegen den Imperatorzusammengeschlossen und ihn damit innerhalb wenigerTage in die Knie gezwungen. Seitdem haben sie nicht nur dieses Vetorecht bekommen,sondern besitzen eine so mächtige Stellung gegenüberjedem Archon, dass dieser sich ihren Wünschen beugenmuss«, erläuterte Platon. Der Oberstrategos von Terra verfinsterte seinen Blickund krallte sich vor Zorn an seiner mit Samt überzogenenLiege fest. »Das war der Anfang vom Ende! So einen Unsinn hättees in den guten, alten Zeiten niemals gegeben. Zum Teufelmit dem ganzen Senat! Ursprünglich waren diese egoisti-schen Wanzen die Berater des Imperators, die besten undverantwortungsvollsten Patrizier des Goldenen Reiches. Trotzdem hat ein Kaiser immer ganz allein die Entschei-dungen getroffen und musste ebenfalls allein alle Verant-wortung tragen. Wenn ein Herrscher unverzeihliche Fehler 137
  • gemacht hat, dann musste er abdanken und notfalls sogardie Strafe dafür ertragen. Somit hatte auch nur jener geherrscht, der auch die Kraftbesaß, alle Verantwortung auf seine Schultern zu nehmen.Heute ist der Senat zu einem Marktplatz verkommen, wodie Nobilen im Sinne ihrer Interessen mit dem Monarchenherumfeilschen!«, schnaubte Leukos. Der Imperator blickte ihn ernst an und seine Mundwinkelschoben sich nach unten. Für einige Sekunden starrte erseinen obersten Feldherren an. »Sicherlich habt Ihr Recht, General Leukos! Ja, das willich nicht abstreiten! Aber wenn man versucht, gegen dieseEntwicklung vorzugehen, dann beschwört man einengroßen Konflikt herauf. Es ist mir bewusst, dass meineReformen einigen Nobilen sehr tief ins Fleisch schneidenwerden und mich ihr Hass auf ewig verfolgen wird. Siehaben ja nur ihren Besitz und es gibt für viele von ihnenüberhaupt nichts anderes mehr. Die gewöhnlichen Aurea-ner sind ihnen vollkommen gleichgültig, sie sehen in ihnenkeine Kastengenossen mehr, sondern höchstens Arbeits-kräfte«, sprach der junge Kaiser. »Warum hat Xanthos der Erhabene sich niemals so offengegen die Patrizier gewandt, Herr?«, fragte Leukos. »Er hat mir gebeichtet, dass er dafür zur schwach gewesenist. Es sei meine Bürde, die er mir überlassen hat, sagte ermir kurz vor seiner Abdankung. Der alte Monarch hat sichvielfach bei mir dafür entschuldigt und seine Reue und dieSelbstvorwürfe fressen ihn auf. Es geht Xanthos sehr schlecht. Ich habe ihn vor einigenTagen besucht. Der große alte Mann wird wohl in dennächsten Monaten von uns gehen«, erklärte Platon.138
  • »Ich habe Xanthos den Erhabenen sehr gemocht, aber erwar einfach zu gutmütig. Das war sein einziger Fehler,Eure Exzellenz«, bemerkte der Feldherr. »Vielleicht ist es ja mein Fehler, dass ich zu idealistischbin und die Realität nicht anerkennen möchte«, antworteteder junge Herrscher und lächelte. Leukos winkte ab. »Nein, Eure Majestät! Ich habe mirimmer gewünscht unter einem Imperator wie Euch dienenzu dürfen. Unsere Ansichten stimmen vollkommen über-ein und wir beide sind bereit, für die gleichen Ideale zukämpfen und notfalls auch zu opfern. Wenn es nach mir ginge, dann würde ich einige Dinge aufTerra mit der Waffe in der Hand erledigen und den Senatvon Leuten wie Juan Sobos säubern oder diese Schwatz-bude am Besten gleich auflösen!« Credos Platon schmunzelte und erwiderte: »Nun, soeinfach geht das nicht. Das würde im schlimmsten Fall zueinem Bürgerkrieg führen und damit wäre dem GoldenenReich wohl nicht geholfen.« »Sicherlich haben Eure Majestät Recht«, gab Leukoszurück und beruhigte sich wieder. Der Imperator holte einen kleinen, rechteckigen Daten-träger aus einer Schublade und öffnete einen holographi-schen Würfel. Eine bläulich aufleuchtende Karte von Terraschwebte nun vor den Augen der beiden Männer undCredos Platon erklärte seinem Diener, in welchen Regio-nen der Erde die Landreform zuerst umgesetzt werdensollte. Die Ausführungen des Imperators dauerten noch mehre-re Stunden und Aswin Leukos zeigte sich von der Willens-kraft und den kühnen Plänen seines Herrn beeindruckt. So 139
  • etwas hatte es seit langem nicht mehr gegeben. Ein derarti-ger Eingriff in die eingerosteten Strukturen auf Terra warein revolutionärer Akt.Inzwischen war die erste Woche im Truppenlager vonTennon vergangen und Flavius kam die ganze Sache zu-nehmend wie ein Alptraum im Wachzustand vor. Gestern hatten sie den Tag über Zielübungen mit demLaserblaster gemacht, während sie heute eine der häufigs-ten Gefechtsformationen der terranischen Legion einüb-ten. Flavius war ein sogenannter Schildträger, was bedeutete,dass er seinem Nebenmann mit einem großen, rechtecki-gen Schild aus Flexstahl Deckung gab, während dieser mitdem Blaster feuerte oder sein Pilum warf. Auf diese Weise konnten die Legionäre einen gut gepan-zerten Block, welcher trotzdem feuernd vorrücken konnte,bilden. Es gab Dutzende von verschiedenen Formationen, wel-che je nach Kampfverlauf und Geländesituation ange-wandt werden konnten. Alles in allem bildete eine Hun-dertschaft Legionäre in geschlossener Formation einenimposanten Anblick. Ein Wall aus gewöhnlichen Legio-närsschilden, welche aus einem äußerst festen und den-noch leichten Stahl gefertigt waren, konnte gegnerischesLaser- und Projektilfeuer meistens erfolgreich abwehren. »Zweiter Mann feuert in der ersten Reihe! Der Rest wirftseine Wurfspeere. Nach drei Salven wird die erste Reiheausgewechselt!«, schrie ein Zenturio mit einem leuchten-den, roten Mantel und fuchtelte mit einer Laserpistoleherum.140
  • Flavius schnaufte und stellte sein Schild auf den Boden.Schon den ganzen Tag plagte er sich in einer vollständigenLegionärsrüstung herum und der Schweiß floss seinenRücken wie ein Wasserfall herunter. »Schild hoch!«, flüsterte sein Nachbar und Princeps deck-te ihn so gut es ging. Wie sonst beim Phalangieren war erauch bei der heutigen Kampfübung irgendwie in der erstenReihe des Soldatentrupps gelandet. Gleißende, rötlich leuchtende Blasterschüsse flogen ausdem Block Legionäre heraus und ein ganzer Schwarm vonÜbungspila wurde aus den hinteren Reihen durch die Luftgeschleudert. »Erste Reihe auswechseln! Schnell! Schnell!«, schallte dieStimme des unsympathischen Ausbildungsoffiziers überden Übungsplatz und Flavius ging in die zweite Reihezurück, während andere Legionäre von hinten an ihmvorbei huschten. Schließlich begann die ganze Prozedurvon vorne und so ging es noch einige Stunden weiter. »Schießen, decken, werfen, wechseln!«, hießen die Kom-mandos, welche ständig wiederholt wurden. Als die Abenddämmerung nahte, durften die vollkommenerschöpften Rekruten endlich in ihre Unterkünfte kriechenund sich ausruhen. »Morgen lernt ihr die Schildkrötenformation unter der Zuhil-fenahme eines Schutzkraftfeldes!«, waren die letzten Wortedes Ausbildungsoffiziers am heutigen Tage. Princeps freute sich schon »riesig« auf die nächsten Ge-fechtsübungen und wollte noch immer nicht ganz wahrha-ben, dass er jetzt in einer Armeekaserne gelandet war. Allerdings waren der Drill und die Ausbildung heute sohart gewesen, dass er kaum eine Minute Zeit gehabt hatte, 141
  • sich seinen Depressionen und Sorgen hinzugeben. Abervielleicht war das auch besser so. »Kommst du mit in die Kantine?«, hörte er plötzlich eineStimme hinter sich. Es war Kleitos. »Ach, Jarostow! Wo warst du denn die ganze Zeit?«,erkundigte sich der junge Rekrut. »Ich war meistens ziemlich weit hinten. Himmel, war dasanstrengend«, schnaufte Kleitos. Princeps hatte sich seinen Helm derweil unter den Armgeklemmt und stapfte voraus. Sie gingen in die Kantineund genehmigten sich ein kühles Mineralgetränk. »Willkommen bei der Legion!«, sagte Flavius am Ende desanstrengenden Tages mit einem Anflug von Sarkasmusleise zu sich selbst. Er konnte sein Schicksal noch immernicht begreifen.Die Fraktion der Optimaten hatte sich mittlerweile unterFührung von Juan Sobos gut organisiert und war festentschlossen, den Reformplänen des Imperators Paroli zubieten. »Wir lassen uns von diesem Emporkömmling nicht dieButter vom Brot nehmen!«, hatte der mächtige Landbesit-zer aus Braza seinen Gesinnungsgenossen immer wiedereingeschärft und sie für heute auf seiner Sommerresidenzzusammengerufen. Mit entschlossener Miene stapfte Sobos vor den optimati-schen Senatoren auf und ab, während er Verwünschungengegen Credos Platon murmelte. »Was dieser Kerl plant, darf niemals in die Realität um-gesetzt werden! Wir dürfen uns ihm nicht beugen und142
  • seine Enteignungspläne nicht hinnehmen!«, zischte erund stampfte mit dem Fuß wie ein wütender Knabe auf. »Ich befürchte, dass Platon seine Vorhaben einfach überunsere Köpfe hinweg durchsetzen wird. Er ist der Archonund macht nicht den Eindruck, dass er sich durch unserVeto aufhalten lassen wird«, bemerkte ein dicklicherPatrizier mit weißen Haaren besorgt und blickte JuanSobos hilfesuchend an. »Was?«, schnaubte dieser. »Wenn wir das Veto im Senatdurchbringen, muss er sich fügen! Das ist offizielles Recht– seit 300 Jahren!« »Dafür brauchen wir aber eine Dreiviertelmehrheit undich bin mir nicht sicher, ob wir die bekommen werden.Immerhin befürwortet ein gewisser Teil der Senatorenauch die Reformen des Imperators«, gab ein andererGrundbesitzer zu bedenken. »Das werden wir ja sehen! Die meisten Senatoren sinddefinitiv gegen Platons Wahnideen!«, schrie ihn Sobos anund krallte sich an der Lehne seines vergoldeten Stuhles fest. »Und wenn das Landreformgesetz durchkommt? Wasdann, Senator Sobos?«, wollte der Mann wissen. »Was dann?« Der Führer der Optimaten schob seine bu-schigen, grauen Augenbrauen nach unten und wirktebedrohlich. »Nun, der ach so ehrenhafte OberstrategosLeukon wird Terra und seinen geliebten Archon baldverlassen haben, um auf Thracan Ruhm und Ehre zuernten. Dann sind wir diesen kriegslüsternen, altaureani-schen Holzkopf erst einmal los …« »Und? Was soll das bedeuten?«, wunderte sich einer derOptimaten. 143
  • »Dann steht Credos Platon ohne seinen wichtigsten Heer-führer da. Ganz allein!«, knurrte Sobos und sah sich mitwissender Miene um. »Wie sollen wir das verstehen, Herr Senator?«, hakteneinige der Patrizier nach. »Gott segne den Mord an Cyril Spex!«, rief der Optima-tenführer aus voller Kehle aus und warf die Arme in dieHöhe. »Etwas Besseres konnte uns zu diesem Zeitpunktüberhaupt nicht passieren!« »Wollt Ihr den Imperator dann mit Gewalt stürzen, Sena-tor Sobos?«, fragte einer seiner Getreuen mit fassungslo-sem Gesichtsausdruck. Der Gutsherr aus Braza winkte mit einem bösartigenSchmunzeln ab und stellte sich vor ihn. »Habe ich dasvielleicht gesagt? Da müsst Ihr mich missverstandenhaben, Senator Grabon! Allerdings sollte sich für uns alledie Frage stellen, ob wir uns von Credos Platon weiterhinwie Freiwild behandeln lassen sollen …« »An meinen Besitz wird niemand Hand anlegen. Auchkein Archon!«, polterte ein reicher Herr aus dem Hinter-grund dazwischen. Juan Sobos lächelte wie ein diabolischer Schelm undantwortete: »Und an meinen Besitz auch nicht! Egal ob dasLandreformgesetz durchkommt oder nicht! Ich werdemich von diesem jungen Burschen nicht enteignen lassen!« Die wohlhabenden Männer aus der Nobilitas der aureani-schen Kaste murmelten erregt durcheinander und ihrpolitischer Anführer fuhr mit einigen recht unmissver-ständlichen Andeutungen fort.144
  • Credos Platon hatte sich mit den Falschen angelegt undnun mussten die landbesitzenden Patrizier zusammenste-hen, um ihre Interessen zu wahren, predigte er. Nach und nach stimmten ihm die Mitglieder seiner Opti-matenfraktion zu und steigerten sich immer weiter in ihrenHass auf den jungen Imperator hinein. Umso leidenschaft-licher ihre Debatte wurde, umso mehr legte Juan Sobosseine eigentlichen Gedanken offen. Es galt, sich mit allenMitteln zu wehren, wenn es sein musste mit Gewalt.Immerhin ging es hier um riesige Vermögen und giganti-sche Summen. »Wenn Credos Platon tatsächlich glaubt, die reichsten undmächtigsten Männer des Goldenen Reiches lassen sich seineFrechheiten weiterhin gefallen, so bleibt uns nichts anderesals Notwehr übrig!«, schmetterte Sobos entschlossen in dieRunde. Was er genau darunter verstand, sollten seineGetreuen noch in dieser Nacht erfahren…Flavius und sein neuer Freund hatten einen weiteren Tagin der Kaserne hinter sich gebracht und waren erneutvollkommen erschöpft in ihre Schlafkammer gekrochen.Heute hatten sie den ganzen Tag mit Gefechtsübungenund dem ordnungsgemäßen Werfen des Pilums verbracht. Der explosive Wurfspeer der terranischen Legionen wareine gefürchtete Waffe, deren Gebrauch jedoch intensivtrainiert werden musste. Das Pilum, neben dem La-serblaster die Standardausrüstung eines Legionärs, hatteeinen hochsensiblen Sprengsatz in seiner Spitze integriert,der beim Auftreffen auf den Gegner als glühender Plasma-oder Energieball detonierte und damit selbst mit Rüstun-gen versehene Gegner zu Asche verbrennen konnte. 145
  • Es gab auch spezielle Pila, die im Feld gegen feindlicheKampfläufer und Fahrzeuge eingesetzt werden konntenund sogar in der Lage waren, schwere Panzerplatten zudurchdringen. Automatisierte Zielsucheinrichtungen und ein zusätzlicherFlugmodus erleichterten dem Werfenden den effektivenEinsatz dieser Waffe. Schleuderte ein ganzer Trupp Legio-näre seine Pila auf angreifende Kontrahenten, so konnteein solcher Geschosshagel massive Zerstörungen anrich-ten. Natürlich wurde auf dem Kasernengelände nur mit nichtexplosiven Übungsspeeren trainiert, doch der Ausbil-dungsoffizier hatte die Sprengkraft eines scharfen Pilumsheute mehrfach demonstriert. »Die Rebellen auf Thracan machen jetzt gezielt Jagd aufAureaner. Ich habe mir eben die jüngsten Bilder aus demProxima Centauri System angesehen. Inzwischen scheintdie Revolte auch auf den Nachbarplaneten Crixus überge-schwappt zu sein«, bemerkte Kleitos nervös. »Wirklich?«, sagte Flavius entsetzt. »Da hinten ist der reinste Hexenkessel. Die Nachrichtensprechen von riesigen Horden von Anaureanern, die sichmit den Unabhängigkeitskämpfern der UPC zusammenge-schlossen und schon einige Städte in ihre Gewalt gebrachthaben. Das wird kein Spaziergang für uns«, warnte derRekrut aus Wittborg. »Diese verdammten Bilder sind über sechs Jahre alt.Nicht, dass die Rebellen dort inzwischen schon alles kurzund klein gehauen haben. Das klingt jedenfalls überhauptnicht gut«, brummte Princeps und kratzte sich am Kopf.146
  • Flavius betrachtete das kantige Gesicht seines Kamera-den, welches vor Sorge erstarrte. »Genaueres wissen wirerst, wenn wir da sind. Das ist doch eine einzige Scheiße!« »Und du bist nach wie vor froh, dass du hier bei derLegion eine Aufgabe gefunden hast? Also ich ziehe einLeben voller Partys dem Sterben für den Imperator jeden-falls vor. Was haben wir mit Thracan zu tun?« »Es ist unsere Pflicht, das terranische Reich zu beschüt-zen, Princeps!«, erklärte sein Freund ernst. Sein Gegenüber lächelte abfällig. »Zum Teufel mit diesenblöden Legionärssprüchen. Ich will überhaupt nichtsbeschützen, sondern nur in Ruhe mein Leben genießen…« »Wenn alle so denken würden, wäre unser Sternenreichlängst zerfallen«, rügte Kleitos seinen Mitstreiter undwirkte erbost. »Es denken aber nicht alle so! Du scheinst ja Lust aufWeltraumreisen und Kämpfchen zu verspüren. Ich abernicht, Jarostow!«, flüsterte Flavius und rollte sich in seineBettdecke ein. Jetzt schaltete sich einer der anderen Rekruten in dasGespräch der beiden jungen Aureaner ein. »So dürft ihr nicht denken, Leute! Bei der Legion darfman überhaupt nicht denken, das ist der größte Fehler, denman machen kann. Tut einfach das, was die Offizierebefehlen und versucht zu überleben«, warf er in die Runde. Flavius stieß einen zynischen Lacher aus. »Nein, ich schal-te doch mein Gehirn nicht einfach ab. Ich habe mich nichtfreiwillig gemeldet, sondern bin einfach eingezogen wor-den, weil ich ein militärisches Zusatztraining im Zugemeiner Berufsausbildung absolviert habe. 147
  • Irgend so ein verdammter Bürokrat hat sich dann wohlgedacht, dass man mich vor allen anderen in die Legionschicken kann. Ich kann aber überhaupt nicht richtigkämpfen und ich will es auch nicht!« Jetzt stand der andere junge Bursche von seinem Feldbettauf und postierte sich vor Princeps. Er hob den Zeigefin-ger, atmete kurz durch und sagte dann: »Mit solchenAussagen bekommst du hier irgendwann richtigen Ärger,Kamerad! Wenn das einer der Ausbilder hört, dann reißt erdir den Kopf ab. Ich habe nichts gehört, falls mich einerfragen sollte, aber halte jetzt endlich die Klappe, verstan-den?« Flavius murmelte einen leisen Fluch und drehte den Kopfzur Wand. Vielleicht war es wirklich besser, einfach zuschweigen und die Sache zu erdulden, dachte er sich jetzt.Einen Ausweg gab es ohnehin nicht. Der Rekrut aus Vanatium grübelte noch kurz darübernach, seinen Neurostimulator, den er gut versteckt untereinem Haufen Kleidungsstücke in seinem Spint verwahrte,zu benutzen, doch er verwarf den Gedanken schnellwieder. Nach einer unruhigen, halben Stunde dämmerte erschließlich langsam dahin und schlief irgendwann ein.148
  • Aufbruch nach Proxima CentauriDer nächste Tag war erneut eine Tortur. Schon den gan-zen Vormittag hatten die Rekruten den Nahkampf mitdem Kurzschwert geübt. Das sogenannte Gladius, eineenergetisch aufgeladene Hiebwaffe mit einer rasiermesser-scharfen Klinge, stellte die standardisierte Waffe einesLegionärs auf kurze Distanz dar. Somit war ein terranischer Soldat der Legion für so gutwie alle Situationen auf dem Schlachtfeld gerüstet. ImGegensatz zu den gewöhnlichen Hilfstruppen des GoldenenReiches, welche in der Masse lediglich Blaster verwendeten,stellte der Legionär einen deutlich besser ausgerüstetenUniversalkrieger dar. Unter normalen Umständen dauerte die Ausbildung einessolchen Soldaten mindestens zwei Jahre. Die frisch einge-zogenen Rekruten, welche die aus durchtrainierten Berufs-soldaten bestehende Armee für den Feldzug nach Thracan»aufstocken« sollten, bekamen zumindest die Grundlagender Legionskriegsführung nun innerhalb weniger Monateeingehämmert. So bestand ein Tag im Militärlager von Tennon in derRegel aus etwa 12 Stunden härtestem Drill ohne größereVerschnaufpausen. Die Rekruten sollten auf dem Schlacht-feld jedenfalls erst einmal »ergänzend« wirken, wie es derausbildende Offizier anfangs erläutert hatte. »Verlasst euch einfach darauf, dass die erfahreneren Legio-näre die wichtigen Aufgaben erledigen und tut das, was sietun!«, hatte Zenturio Sachs, den die Neuen in den letzten 149
  • Tagen hassen gelernt hatten, mit einem selbstherrlichenGrinsen verkündet. Flavius und Kleitos gehörten demnach zu den knapp5000 Rekruten, welche das 100000 Soldaten starke HeerTerras vervollständigen sollten. Im Laufe des Vormittags hatte Offizier Sachs bereitseinige Rekruten mit geprellten Gliedern zu Boden ge-schickt, um ihren Leidensgenossen zu zeigen, wie dasZusammenspiel von Gladius, Schild und Blaster im Ernst-fall zu funktionieren hatte. Flavius war froh, dass er von dem brutalen Ausbildernicht als Versuchskaninchen ausgewählt worden war, undversteckte sich meistens hinter einem Pulk größerer Män-ner. Jetzt stand die Mittagspause an und es gab für die jungenSoldaten eine dürftige Feldration, die von Servitorkräftenheraus auf den Übungsplatz getragen wurde. Kleitos hatte sich wieder einmal neben Flavius niederge-lassen und futterte laut schmatzend einen weiß-gräulichenBrei aus der Blechdose, den die Legion ihren neuen Kämp-fern als Mittagessen verkaufte. »Was ist das für ein Zeug?«, murrte Princeps und verzogsein Gesicht zu einer Grimasse. »Irgendwas Eiweißhaltiges. Frag mich nicht!«, gab Ja-rostow zurück und schmatzte weiter. »Schmeckt nach nichts…« »Ich weiß, Princeps!« »Was liegt denn heute noch an?« »Hast du heute morgen nicht auf den Ausbildungsplangeschaut, Princeps?« »Nein, sonst würde ich dich ja nicht fragen!«150
  • »Gleich machen wir Schießübungen – mit Blastern unddiversen Projektilwaffen!« »Aha? Na, toll!« Flavius würgte nun ebenfalls den seltsamen Brei ent-schlossen in sich hinein und versuchte den nicht vorhan-denen Geschmack der dürftigen Speise so gut es ging zuignorieren. Nach einer halben Stunde marschierte der Rekrutenzugauf ein nahegelegenes Übungsgelände, um dort mit demSchießtraining fortzufahren. Flavius schwitzte wieder wieein gehetztes Tier und trug mit jeder verstreichendenMinute schwerer an seiner sperrigen Plattenrüstung undder zahlreichen Ausrüstung. Die Rekruten quälten sich noch einige Stunden unter demGebrüll von Offizier Sachs und blieben bis zur Abend-dämmerung auf dem Schießplatz. Dann endlich bekamensie die Erlaubnis, in ihre Unterkünfte zu gehen und sich zuerholen. Als Flavius schon kurz vor dem Einschlafen war undaufgrund seiner schmerzenden Knochen in Gedanken vorsich hinjammerte, meldete sich plötzlich sein Kommunika-tionsbote mit einem leisen Piepen. Der junge Mann tastete nach dem kleinen Gerät undnahm die Nachrichtenanfrage entgegen. Mit einem kurzenSummen öffnete er den holographischen Bildschirm undstutzte. Es war Lucius, der ihm da entgegengrinste. »Hey, Alter! Gibt es dich auch noch?«, tönte dieser. »Hallo, Lucius!«, gab Princeps mit einem klagendenSchnaufen zurück. »Wo bist du denn gelandet? Man hört ja gar nichts mehrvon dir! Wir sind gerade auf Feiertour in Garios. Das ist so 151
  • geil hier!«, schwärmte der Kumpan aus Vanatium, währendim Hintergrund das Farbengewitter eines Tanzsaales denkleinen Bildschirm erhellte. »Ich bin bei der Legion! Die haben mich eingezogen!«,antwortete Flavius betrübt. »Was?«, schrie Lucius durch den Lärm. »Ich bin bei der Legion!« »Aha? Was willst du denn da?« »Die haben mich eingezogen. Ich soll nach ProximaCentauri…« Jetzt kam einer von Lucius reichen Freunden und lehntesich auf dessen Schulter. »Princeps, du Arsch! Kommst duheute auch noch mal vorbei? Juhuu!« Flavius schüttelte den Kopf. »Ist dein Kumpel wieder aufDrogen?« »Was? Rede mal lauter, Alter! Das ist so geil hier. JedeMenge scharfe Weiber, sage ich dir«, gab Lucius zurück. »Lass mich einfach in Ruhe!«, zischte Flavius und schalte-te den Kommunikationsboten ab. Wütend und enttäuscht legte sich der Soldat zurück insBett und zog sich die Decke über den Kopf. Er hatte dieschlechteste Karte in diesem Spiel gezogen, daran gab eskeinen Zweifel… Flavius litt noch einige endlos erscheinende Wochen inder Kaserne Voluntas und wurde in den Grundlagen derKriegsführung ausgebildet. Mit Kleitos hatte er sich inzwi-schen angefreundet und die beiden teilten sich so mancheStunde voller Frust und Sorge. Das war besser als nichts, denn hier in Tennon konnte demunwilligen Rekruten niemand helfen. Auch seine Eltern, die152
  • nach wie vor von der Tatsache, dass ihr Sohn nun als Soldatin den Weltraum geschickt wurde, entsetzt waren, hattenkeinerlei Möglichkeit, ihn aus dieser Hölle heraus zu holen. Gegen eine bürokratische Entscheidung gab es für dengewöhnlichen Aureaner keine Einspruchsmöglichkeit undgegen eine militärische Einberufung schon gar nicht. Dazumusste man schon der Sohn eines Senatoren oder sehrreichen Mannes sein, doch das war Flavius nicht. Heute war der letzte Tag vor dem Aufbruch nach Proxi-ma Centauri und Princeps fühlte sich wie vor einer Hin-richtung. Grauenhafte Alpträume und ständige Schlafstö-rungen hatten ihn seit Wochen misshandelt und es wurdeimmer schlimmer. Kopfschmerzen und ein permanentes Kränkeln kamenmittlerweile dazu. Der Flug nach Thracan sollte etwa sechsJahre dauern, wovon die Raumschiffbesatzung bei Drei-viertellichtgeschwindigkeit selbst vier Jahre an Bord erle-ben würde, was wieder eine längere Kälteschlafperiodebedeutete. Sie würden es ihm auch nicht gestatten, die volle Flugzeit»wach« zu bleiben, aber auch das wäre sicherlich keinVergnügen, wie Flavius zugeben musste. Eine so lange Zeit in einem Raumschiff bei vollem Be-wusstsein eingesperrt zu sein, war definitiv nicht vielbesser, als der Kälteschlaf selbst. Kleitos erging es seit einigen Wochen ähnlich wie ihm.Das großspurige Gerede von der »Verteidigung der terra-nischen Interessen« hatte der junge Aureaner längst einge-stellt und wirkte jetzt ebenfalls nervös und verängstigt. Sowohl Flavius als auch er nahmen größere Mengen vonBeruhigungskapseln zu sich oder griffen häufig zum 153
  • Neurostimulator. Und sie waren nicht die Einzigen. Somancher junge Soldat hielt seine Angst vor dem Flug zuden Sternen mit Medikamenten oder Drogen im Zaum. Das Oberkommando der Legion wusste das und sahangesichts der bevorstehenden Weltraumreise bei solchenDingen weg – solange man sie nur nicht vor aller Augenmachte. Wenn Flavius aus dem Proxima Centauri System zurück-kehren würde, dann war es möglich, dass seine Eltern garnicht mehr lebten. Vielleicht waren sie dann auch gebrech-liche Greise weit über 80. Wer wusste das schon? Es war der Abend des 19.12.3979 n.M. als sich Flavius,nachdem er sich von den Unterkunftsblocks auf demKasernengelände entfernt und in eine dunkle, ruhige Eckezurückgezogen hatte, von seinen Eltern verabschiedete. Der Kommunikationsbote ließ das Bild seiner weinendenMutter und seines ergriffenen Vaters vor seinen Augen imDunkel leuchten und Flavius konnte seine eigenen Tränenebenfalls nicht mehr zurückhalten. Er redete bis tief in dieNacht hinein mit den beiden und entschuldigte sich nocheinmal für sein Verhalten in der letzten Zeit. Der jungeAureaner gestand seinen Lieben alle seine tiefsten Ängstevor dem bevorstehenden Flug in die Weiten des Weltalls.So konnte er wenigstens in diesem Punkt seine mit Sorgenüberladene Seele ein wenig entlasten. Norec Princeps versuchte ihm einzureden, wie stolz erdarauf war, dass sein Sohn für das Goldene Reich auf Thra-can kämpfte, doch er klang wenig überzeugend. Es änderteja nichts daran, dass sie alle das Unvermeidliche akzeptie-ren mussten.154
  • »Wir werden dir ganz oft Nachrichten zukommen las-sen!«, versprach Crusulla und weinte ununterbrochen vorsich hin. Zu Tode betrübt fuhr Flavius sanft mit seiner Hand überden flackernden Bildschirm des Kommunikationsboten, alswollte er der geliebten Mutter noch einmal durch das Haarstreichen, dann sagten sie einander: »Lebewohl!« Die holographische Anzeige verblasste und mit ihr allenoch in der Ferne glimmenden Hoffnungen des jungenMannes. Dann umgab ihn nur noch die Dunkelheit derNacht und Flavius schlurfte traurig in seine Stube zurück. Es gelang ihm kaum zu schlafen, denn die Nervositätpulsierte in seinem Körper von einem Ende bis zumanderen. Mit jeder verstreichenden Minute rückte dieschreckliche Wahrheit näher und es gab kein Entrinnen.Irgendwann graute der Morgen und die Legionäre wurdenzum Raumhafen nach Lipitz gebracht, wo eine imposanteFlotte aus riesigen Schlachtschiffen der Lictor Klasse auf siewartete. Zahllose Piktographierer, Archivatoren, imperiale Wür-denträger und sogar Credos Platon selbst hatten sichebenfalls auf dem gigantischen Fluggelände eingefunden,um dem Einmarsch der terranischen Legionen in dieBäuche der Raumschiffe beizuwohnen. »Die Helden des Goldenen Reiches verlassen Terra, umThracan vom Terror der Rebellen zu befreien!«, hieß es inden Nachrichten. Das Bild von Oberstrategos Aswin Leukos sollte für dienächsten Tage die Bildschirme von Milliarden Simulations-Transmittern auf Terra ausfüllen. 155
  • »Wir bringen unseren aureanischen Brüdern auf Thracandie Freiheit zurück!«, verkündete er stolz, während Flaviusvor Angst kaum atmen konnte und willenlos seinen Kame-raden in das Innere eines Lictor Schlachtkreuzers folgte. Die Kriegsflotte hatte Terra inzwischen seit einem Tagverlassen. Zehn der riesigen Sternenschiffe, welche jeweilsetwa 10000 Soldaten an Bord aufgenommen hatten,entfernten sich mit zunehmender Geschwindigkeit vomheimatlichen Sonnensystem und ließen die vertrauteMutter Erde hinter sich. Den eigentlichen Schlachtschiffen, den modernsten undbesten Raumkreuzern, die das Goldene Reich zu bieten hatte,folgte ein Dutzend von kleineren Eskort- und Versor-gungsschiffen. Der Imperator von Terra hatte seinen Hammer erhoben,um ihn sechs Jahre später auf die Häupter der Aufständi-schen von Thracan niedergehen zu lassen. Credos Platon selbst blieb nachdenklich in seinem Palastauf der Erde zurück. War dieser Militärschlag wirklich eineweise Entscheidung? Das hatte sich der Archon in denletzten Wochen immer wieder gefragt und es fiel ihmschwer, sich einzugestehen, dass er sich vor allem vongewissen Senatoren dazu hatte überreden lassen. »Glaubt Ihr, dass es ein Fehler gewesen ist, General Leu-kos nach Thracan zu schicken, Clautus?«, wollte er vonseinem ergrauten Berater wissen. Dieser zuckte mit den Achseln. »Ich kann es nicht genausagen, Eure Exzellenz. Was hättet Ihr anderes tun sollen?Ihr musstet irgendwie auf die Rebellion im Proxima Cen-tauri System reagieren, Herr!«156
  • »Die Rebellion…«, murmelte Platon. »Das Problem istdoch, dass wir überhaupt nicht genau wissen, was dortdrüben vonstatten geht. Wir erhalten hier Bilder auf derErde, die sechs Jahre alt oder noch älter sind…« Clautus stimmte dem Imperator zu und bemerkte, dass erseine Bedenken teilte. »Die Öffentlichkeit erwartet einenMilitärschlag, Eure Majestät. Es ist eben so!« »Aber ich fühle mich irgendwie unwohl, wenn ein sofähiger Feldherr wie Aswin Leukos nicht mehr hier bei mirist. Ich vertraue ihm voll und ganz und er steht bedin-gungslos hinter meiner Politik. Vielleicht hätte ich wenigs-tens einen anderen nach Thracan schicken sollen. Warumgerade den Oberstrategos?« »Das ist jetzt nicht mehr zu ändern, Majestät!« »Und wenn ich Leukos wieder nach Terra zurückhole undeinem anderen Feldherren das Kommando übergebe?« »Wollt Ihr die Flotte zurückrufen, Herr?« »Nur Leukos vielleicht…«, sprach der Archon. »Das halte ich nicht für nötig, Eure Exzellenz. Lasst ihnsich doch seine Sporen verdienen. Er war doch ganzbegeistert von seiner Aufgabe.« »Ich weiß nicht!« »Ihr habt doch genügend Soldaten hier auf Terra, Herr!Wovor habt Ihr denn Angst? Hier ist alles friedlich!« »Trotzdem würde ich mich besser fühlen, wenn AswinLeukos noch hier wäre«, erklärte der junge Monarch undstellte sich an ein großes, ovales Fenster. Clautus stand nun auch von seinem Platz auf und schrittdurch den Raum. »Habt Ihr etwa Angst, dass Euch jemand etwas tun könn-te, Majestät?«, fragte der Diener verwundert. 157
  • »Es wäre doch möglich, oder? Irgendetwas braut sichhinter meinem Rücken zusammen. Vielleicht habe ich diefalschen Leute gereizt. Dieser Juan Sobos und seine ganzeSenatorenbande werden mir zunehmend unheimlicher …« Clautus füllte einen reichhaltig verzierten Goldbecher miteiner kühlen Flüssigkeit und überreichte ihn seinem Herrn. »Juan Sobos ist eine hinterhältige Ratte, aber ich glaubenicht, dass er sich offen gegen Euch wenden wird, EureExzellenz!« »Glauben ist nicht Wissen, Clautus!«, flüsterte der Ar-chon. Der alte Berater des Monarchen lächelte. Dann schenkteer noch einmal nach und holte ein paar Datenkristalle auseinem Wandschrank. »Wir müssen noch einige Details bezüglich Eurer Refor-men durchsprechen, Herr. Habt Ihr die Muße, das jetzt zutun?« Credos Platon verdrehte die Augen und strich sich mitder Hand über sein schmales Gesicht. Seine blassen Wan-gen füllten sich für einen Moment mit frischer rötlicherFarbe und er wandte sich Clautus zu. »Die Reformen – der große Zankapfel. Ja, lassen Sie unsdarüber sprechen, mein Bester!« Der in die Jahre gekommene Diener des Kaisers öffneteeinige holographische Bildschirme und Dateien. Dannwandten sich die beiden Männer wieder den leidigenGesetzesentwürfen zu, die den Imperator schon so vieleNerven gekostet hatten. »Die meisten Aureaner beneiden mich, nicht wahr?«,sprach der Monarch. Triton stockte. »Wie kommt Ihr darauf, Herr?«158
  • »Nun, es ist doch so, oder? Sie denken, dass ich hier imArchontenpalast von Asaheim den ganzen Tag in Saus undBraus lebe. Ist es nicht so?« »Das kann gut sein, Herr!« »Dabei ist es aber ganz anders. Ich erfreue mich weder anden prunkvollen Säulengängen, noch an den Wandgemäl-den, noch an Samtteppichen, Clautus. Auch die Scharen von Dienern, Bewunderern und Wür-denträgern, die mich wie ein Fliegenschwarm umgarnen,sind für mich keinerlei Grund zur Freude. Ihr seid daallerdings eine Ausnahme, Clautus!« »Das hoffe ich, Eure Majestät!«, erwiderte der Berater miteinem sanften Lächeln. »Die Verantwortung für so viele Milliarden Menschen istwie ein gefräßiger Wurm, der sich durch meine Eingeweidenagt. Sie verzehrt mich von innen her und saugt mir dieLebenskraft aus. Ich empfinde es kaum noch als Segen,dass mich Xanthos der Erhabene zu seinem Nachfolgerernannt hat, Clautus!« Der weißhaarige Diener schwieg und man hatte denEindruck, dass er verstand, was ihm der Imperator damitsagen wollte. Es war der zweite Tag im Bauch des gewaltigen Schlacht-schiffes Polemos, den Flavius erdulden musste. Nervösschlich er durch die Mannschaftsgänge des kilometerlan-gen Sternenschiffs und versuchte seine innere Unruheirgendwie unter Kontrolle zu halten. Eben hatte er einen kurzen Blick durch eines der kleinenFenster aus Panzerglas auf die matt scheinenden Sterne inder Ferne geworfen und verdrängte mit aller Kraft den 159
  • Gedanken, dass sich außerhalb des sicheren Raumkreuzersnur kalter, luftleererer Raum befand. Irgendwo musste wohl auch Kleitos sein, denn sie warenja in der gleichen Kohorte. So machte sich Princeps auf dieSuche nach seinem neuen Legionskameraden, welchen ermehr und mehr als Freund bezeichnete, um wenigstenseinen Vertrauten zu haben. Der Legionär schritt durch endlos erscheinende Gängeund Korridore, die mit dicken, matt glänzenden Metallplat-ten verkleidet waren. Ab und zu leuchteten irgendwoAnzeigen, Lämpchen und Bildschirme auf. Zwischendurch kam er in eine größere Halle, welche mitSoldaten und Schiffspersonal überfüllt war. Hier hingenleuchtende Banner mit den Zeichen und Symbolen derterranischen Streitkräfte von den Decken herab. Rohre, dicke Kabel und genietete Stahlträger gingen anden Wänden nach oben und verliefen sich im Halbdun-kel. Irgendwo erschallte die laute Stimme eines Mannes auseinem Simulations-Transmitter, während im Hintergrunddas leise Summen einer Maschine zu hören war. Flavius fuhr mit einem Aufzug einige Decks nach untenund lief durch kaum beleuchtete Korridore, die zu denMannschaftskabinen führten. Ab und zu blieb er an einemder Fenster stehen, um noch einen Blick auf den Weltraumzu werfen. Jenseits der massiven Scheibe aus Panzerglas gab es nurnoch das lebensfeindliche All – eine bedrückende Vorstel-lung. Der junge Aureaner ging weiter und eine Gruppe aufge-regt schwatzender Legionäre kam ihm entgegen. Die160
  • Männer beachteten ihn nicht weiter und vertieften sich inein Gespräch über irgendwelche Sportveranstaltungen aufTerra. Schließlich passierte Flavius ein stählernes Portal und kamin einen weiteren Gang. Hier hingen Bilder und Gemäldevon großen Imperatoren der terranischen Geschichte anden Stahlwänden. Einige waren mit berühmten Zitaten deralten Monarchen, welche in kleine Platten aus Titan ein-graviert waren, versehen. Princeps stoppte und musterteeinige der Porträts intensiver. »Imperator Gunther Dron, geboren 1805 v.M., gestorben1706 v.M.«, las Flavius kaum hörbar vor und betrachtetedas Bildnis eines ernst dreinschauenden Mannes mitschmalem Gesicht und fast schneeweißer Haut. Einige Meter daneben befand sich das imposante Gemäl-de eines anderen Archons. »Thorstan Hari – Erbauer desGoldmenschenpalastes« stand auf der Titanplatte unterdem Bildnis eines erhaben schauenden Herrschers inprunkvoller Rüstung. Flavius ging weiter und blieb erneut kurz stehen, als er zueiner Abbildung eines grimmig wirkenden Mannes miteinem rötlich-blonden Bart und stechenden, blauen Augenkam. »Sebotton von Innax, der Unbarmherzige, geboren1001 n.M., gestorben…«, murmelte er, als ihm jemand aufden Rücken tippte. Princeps schwenkte blitzartig um undsah einen grinsenden Legionär. »Der war ein harter Hund, was?«, sagte dieser, währendein feistes Lächeln seine Mundwinkel umspielte. »Das kann man wohl sagen…«, gab Princeps zurück. »Imperator Sebotton von Innax hat vor fast 3000 Jahrenseine Truppen gegen die Anaueraner geschickt und Milli- 161
  • arden von ihnen töten lassen. Er war ein fanatischerAnhänger Malogors, der die untere Kaste stets als Bedro-hung für das Goldene Reich gesehen hat. Gnade kannte ernicht. Ja, so etwas gab es auch, Kamerad«, erklärte derSoldat und schien den antiken Archon offenbar zu bewun-dern. »So, so!«, brummte Flavius und ging weiter. »Wir machen auf Thracan da weiter, wo er aufgehörthat!«, rief ihm der Legionär durch den Gang nach undlachte laut auf. Verstört setzte Flavius seinen Rundgang fort, tappte eineeiserne Treppe hinab und kam in einen Raum vollerMonitore und holographischer Bildschirme. MehrereDutzend Angehörige des Schiffpersonals gingen hier ihrerArbeit nach und bemerkten ihn kaum. Die Wanderung durch das riesige Raumschiff tat demunglücklichen Mann gut, denn sie ließ ihn für eine Weilevergessen, dass er sich mitten im Weltraum befand. DiePolemos war ohne Zweifel ein Kosmos für sich und indieser Welt war er für die nächsten vier Jahre gefangen –ob er wollte oder nicht. In den oberen Decks des Raumkreuzers befanden sich dieKälteschlafkammern für die Astronauten, während sich inden untersten Etagen gewaltige Lagerräume und Depotsbis zum Ende des Schiffs erstreckten. Dann gab es nochdie Maschinenräume, welche unter anderem massivePlasma- und Kernreaktoren beinhalteten und einen Teildes Heckbereichs der Polemos ausfüllten. Von außen sah das Schlachtschiff der Lictor Klasse wieeine langgezogene, grau-weiße Stadt aus. Bizarre Auswüch-se, Anbauten und Türme bedeckten seine Oberfläche,162
  • ebenso wie schwere Waffenbatterien und Abschussram-pen, welche sich Hunderte Meter über die Seiten und denBug des Kriegsschiffes erstreckten. Flavius war nur ein Teil dieses Organismus, genau wie erein Zahnrad in der terranischen Militärmaschinerie war. Erkonnte es nach wie vor noch nicht ganz glauben, dass erjetzt als Legionär auf dem Weg zu einem Krisengebiet war.Krieg und Militär waren ihm immer fremd gewesen, genauwie den meisten anderen jungen Aureanern. Das Goldene Reich von Terra als Ganzes gesehen war auchkeineswegs militaristisch und seine Armee, gemessen ander Gesamtbevölkerung der Erde, relativ klein. EineAnsammlung von Spezialisten und Berufssoldaten, welchein den letzten Jahrhunderten zunehmend weniger mit derbreiten Masse der übrigen Aureaner zu tun hatte. Hier und da kämpften sie auf einem weit entferntenPlaneten, meist gegen abtrünnige Kolonisten oder aufstän-dische Arbeitsklaven. Damit hatte der vielfach inWohlstand und Luxus geborene Aureaner nichts zu tunund es genügte ihm, wenn er sich mit einem zufriedenenGrinsen die Siegesmeldungen vom »Planeten X« auf demholographischen Bildschirm in seinem Wohnzimmeransehen konnte. »Wir sind schon die Größten!«, konnte er dann großspu-rig sagen und sich entspannt zurücklehnen. Alles in allem war für die meisten Aureaner Terras dieVorstellung von einem Krieg auf ihrem Heimatplaneteneine eher abstrakte Vorstellung. Der letzte große Konfliktauf der Erde war lange her. Damals kämpfte das GoldeneReich unter Imperator Hammurabor II., genannt die Eisen-hand, gegen das vor 1600 Jahren von aureanischen Adeli- 163
  • gen gegründete Imperium von Cathay, welches große Teiledes östlichen Ajans und den Kontinent Vasta umfasste. Das war der letzte große Krieg auf Erden gewesen, wel-cher mit der Ausrottung der verfeindeten Führungskaste,der Zerschlagung des Imperiums von Cathay und mehrerenHundert Millionen Toten geendet hatte. Seitdem hatte das Goldene Reich auf dem blauen Planetenkeinen ernsthaften Gegner mehr. Das Imperium von Cathay,jener Zusammenschluss aus aureanischen Adeligen undeiner vielköpfigen Bevölkerung aus Anaureanern, war derbis dato letzte verfeindete Machtblock gewesen, der demGoldenen Reich eine Weile hatte trotzen können. Nun war Terra befriedet. Krieg gab es, wenn überhaupt,nur noch im Weltraum – und Flavius hatte ihn diesmalauszufechten.Senator Sobos hatte einige seiner Getreuen wieder einmalzu einem Bankett eingeladen und nutzte dieses Treffenprompt dazu, mit den einflussreichen Herren noch einmalüber Credos Platon zu sprechen. Der Gastgeber verpassteeiner anaureanischen Servitorin, welche ihm eine saftigeLammkeule gebracht hatte, einen Klaps auf ihren wohlge-formten Hintern und rieb sich den hervorquellendenBauch. Dann blickte er zu den um ihn herum auf samtbe-zogenen Liegen schlemmenden Senatoren und begann,über den Kaiser zu sprechen. »Ich habe mir die Reformpläne des Jungen mal angesehenund mir wurde fast übel. Wie kommt ein solcher Grün-schnabel dazu, sich so etwas auszudenken?«, fragte Sobosschmatzend in die Runde seiner erlauchten Gäste.164
  • »Ich weiß es auch nicht, aber Xanthos der Erhabene mussuns doch mehr gehasst haben, als wir dachten, sonst hätteer Platon nicht zu seinem Nachfolger ernannt«, antworteteeiner der Optimaten. »Da ist etwas Wahres dran. Allerdings hatte der Alte nichtden Mumm, sich mit uns auseinander zu setzen und hatdie ganze Sache auf unseren jungen Freund geschoben«,höhnte der Grundherr aus Braza. »Ihr nehmt den Imperator wohl nicht immer ganz ernst,wie?«, gab der Patrizier zurück. Sobos schloss die Augen und schnaufte. »Nein, das istnicht richtig, Senator Zelon. Ich nehme den Burschensogar sehr ernst und deshalb rate ich uns auch, wachsamzu sein. Das, was ich damals gesagt habe, war vollkommenernst gemeint.« »Dass wir uns mit allen Mitteln gegen ihn wehren müs-sen?« »Ja!« »Aber wir haben doch nur die Möglichkeit, ein Vetogegen die Reformen des Platon herbeizuführen. Wenn wirmit unserem Vorhaben scheitern, dann haben wir verlo-ren!«, bemerkte ein dicklicher Landbesitzer. Der Optimatenführer verschluckte sich fast an seinemFleischhappen, als er das hörte und ließ ein lautes Stöhnenerklingen. »Nein, das ist Unsinn! Wenn ich sage, dass wir alle Mitteleinsetzen, dann meine ich auch alle Mittel!« »Also einen Bürgerkrieg auslösen oder die Nahrungsmittelfür die aureanische Bevölkerung verteuern?« »Es gibt auch noch andere Möglichkeiten Credos Platonauszuschalten«, bekräftige Sobos seinen Standpunkt. 165
  • Einer der reichen Herren stand von seiner Liege auf unddrückte sich den Rücken durch, wobei sein praller Bauchdie Falten der Toga straffte. »Werden Sie doch etwas genauer, Senator Sobos!« Der brazanische Großgrundbesitzer lächelte wissend undließ sich noch einen goldenen Becher mit Wein füllen. »Wenn jemand nachts in eure Schlafgemächer eindränge,was würdet ihr dann tun?«, fragte er seine Fraktionskolle-gen. Die Männer stutzten für einige Sekunden und wusstenoffenbar nicht so recht, was Sobos von ihnen hören wollte. »Ich würde ihn mit dem Blaster erschießen!«, antworteteeiner dann. Der oberste Optimat grinste. »Warum das?« »Weil er mich wohl ermorden will! Er will mir ans Lederund ich lege ihn um, wenn ich die Gelegenheit dazu habe!« »Richtig!«, rief Juan Sobos. »Genau das täte ich auch! Erwill mir ans Leder und ich wehre mich! Das ist das Natür-lichste von der Welt…« »Aber der Imperator überfallt uns nicht in unserenSchlafzimmern, Sobos«, meinte einer der Anwesenden. »Nun, er dringt auf unsere Grundstücke ein und greift unsdamit auch persönlich an. Deshalb ist doch auch jedesMittel erlaubt, wenn wir uns unserer Haut wehren müssen,nicht wahr?« »Kommen Sie auf den Punkt, Senator!«, forderte eingreiser Grundherr und wirkte genervt. »Dieser Archon muss weg! Und ich habe Dank meinerKontakte eine Möglichkeit gefunden, wie wir ihn unsgründlich vom Hals schaffen können, so dass er uns nichtmehr bedrohen kann!«, erläuterte Juan Sobos.166
  • Seine Gäste sahen ihn gespannt an und sagten zunächstnichts. Dann baten sie ihn, seine Pläne offen zu legen.Sobos mahnte sie noch einmal zu absoluter Verschwiegen-heit und die anwesenden Optimaten mussten es ihm per Eidschwören, dass sie kein Wort über den heutigen Abendverlieren würden. »Es gibt eine Person, die eine regelrechte Spezialistindarin ist, unliebsame Personen zum Schweigen zu brin-gen!«, flüsterte Sobos. Seine Senatorenkollegen setzen verschlagene Mienen aufund spitzen die Ohren, während der Optimatenführer insDetail ging. 167
  • Kälteschlafangst Das Schlachtschiff Ultimus, auf welchem sich Oberstrat-egos Aswin Leukos mit seinem Führungsstab befand, flogder Kriegsflotte mit zunehmender Geschwindigkeit vorausund bot ein beeindruckendes Bild. Der Bug der Ultimus, dem größten und schönsten derzehn Schiffe, war aus bläulich glänzendem Flexstahl underinnerte an den vorderen Teil einer Galeere aus denUrzeiten der Menschheitsgeschichte. Ein Adler, das Symbol der terranischen Legionen, prunk-te in blutig roter Farbe an der Front des Schiffes. An derSeite der Ultimus befanden sich zwei riesige, verschnörkelteOrnamente, ihrerseits alte Symbole aus der Geschichte desGoldenen Reiches. Aswin Leukos schritt mit elegantem, lässigem Schritt übereine große Kommandoplattform, zu der mehrere Aufgän-ge und metallene Stege führten. Datenspeicher, Monitoreund Kontrollkonsolen befanden sich hier in großer Zahl,welche mit einigen Besatzungsmitgliedern und Offizierenbesetzt waren. Zur Rechten des Oberstrategos, der heute in einen rotenPurpurmantel gehüllt war und eine meisterhaft gefertigte,weiße Platonitrüstung trug, hatte sich einer der Legions-führer, ein hagerer Mann aus Zentral-Canmeriga, aufeinem der hydraulischen Sessel niedergelassen. Aswin Leukos musterte ihn mit ernstem Blick und nahmdann einen Kommunikationsboten in die Hand. Er warfnoch einmal einen kurzen Blick auf eine Nachricht, welcheihn heute Morgen von Terra aus erreicht hatte und lächelte168
  • in sich hinein. Imperator Credos Platon hatte ihm nocheinmal in einem offiziellen Schreiben »Viel Erfolg!« ge-wünscht. »Ihr wolltet mich bezüglich der Geschehnisse auf Thracanauf den neuesten Stand bringen, Oberstrategos Leukos!«,sagte der Legionsoffizier leicht fordernd und wartetegespannt auf eine Antwort. Der höchste General Terras schreckte kurz auf undmachte den Eindruck, als hätte ihn der Fragende ausirgendeiner Grübelei gerissen. »Ja, natürlich!«, erwiderte Leukos und schnaufte leise. »DieRebellen haben inzwischen die Kontrolle über die dreigrößten Slumstädte auf dem Ostkontinent von Thracanübernommen. Das Zentrum ihres Aufstandes ist offenbareine Metropole namens San Favellas, welche zugleich diegrößte anaureanische Siedlung auf dem Planeten darstellt.Allerdings leben dort auch aureanische »Aussteiger«, alsoTerroristen der UPC – wenn die Berichte stimmen.« »Das klingt ja alles recht verwirrend«, brummte der Legi-onsoffizier und zog die Mundwinkel nach unten. »Wenn wir dort angekommen sind, werden wir mehrwissen. Vielleicht ist die Hauptstadt Remay inzwischenauch schon vom Aufruhr betroffen. Imperator CredosPlaton geht davon aus, dass Cyril Spex zunächst vonseinem Stellvertreter Nero Poros beerbt worden ist, wobeider Archon jedoch ausdrücklich befohlen hat, dass MagnusShivas der neue Statthalter von Thracan werden soll. Wie auch immer, wir wissen nicht genau, was dort imProxima Centauri System vorgeht, aber ich rechne mit demSchlimmsten. Hoffentlich reichen 100000 Legionäre aus,um die Rebellion niederzuschlagen«, sorgte sich Leukos. 169
  • Der Legionsoffizier wunderte sich. »Natürlich! Davonkönnen wir doch ausgehen, oder?« »Wenn sich Abermillionen Anaureaner gegen die beste-hende Ordnung auf Thracan erheben und sie von denUnabhängigkeitskämpfern angeführt werden, dann wirddas kein Einsatz, den wir mit ein paar Blasterschüssenerledigen können. Dann gibt das einen ausgewachsenenBürgerkrieg, Legatus!«, betonte der Oberstrategos ernst. »Mit Verlaub, General Leukos, derartige Sorgen halte ichfür übertrieben«, versuchte ihn der Offizier zu beruhigen. Der oberste Feldherr Terras tippte mit den Fingern aufseinem Kinn herum und versank in Gedanken. Dannsprach er: »Die Bilder aus dem Proxima Centauri Systemsind jedenfalls besorgniserregend. Ich hasse nichts mehr,als Einsätze, die wir nicht genau planen können. Das istsehr frustrierend…« »Herr, es sind lediglich ein paar Terroristen von dieserUPC und vielleicht ein paar Tausend Anaureaner, wie ichmitbekommen habe. Wir werden mit denen schon fertig.Wir haben ja nicht nur 100000 Soldaten, sondern auchPanzer, Geschütze, Kampfläufer und Bomber. Das wirddoch für ein paar großmäulige Slumbewohner und dieseSpinner von der UPC ausreichen, oder?« »Wir werden sehen!«, murrte Leukos. »Ich denke sogar, dass die planetaren Verteidigungsstreit-kräfte des stellvertretenden Statthalters die Lage längstwieder im Griff haben. Vermutlich haben wir überhauptnichts mehr zu tun, wenn wir dort ankommen. Was ma-chen wir denn dann, Oberstrategos?« Aswin Leukos lächelte. »Ich weiß es auch nicht! Dannstellen wir ein paar angebliche Terroristen und Anaureaner170
  • an die Wand und lassen die Piktographierer alles aufneh-men, damit die Nachrichtensendungen unsere Erfolgeverkünden können. Ja, und danach fliegen wir wieder nachHause! Rebellion beendet und Terra hat vor aller Augenmal kräftig auf den Tisch gehauen.« Der Legionsoffizier brummelte etwas von Lächerlichkei-ten und Sinnlosigkeit. Schließlich verließ er kopfschüttelnddie Kommandoplattform und verschwand hinter einerStahltür. Aswin Leukos flegelte sich in seinen Sessel undbetrachtete die sanft flackernden Sterne jenseits der ovalenGlaskuppel über seinem Kopf.Flavius hatte seinen Freund Kleitos nach längerer Sucheendlich ausfindig gemacht. Er war ein Deck tiefer in denengen Wohnkammern der Soldaten untergebracht. Jeweilsfünf Legionäre verharrten in einer derartigen Kajüte, wasbedeutete, dass man sich ständig gegenseitig auf der Pellehockte und es häufig Unstimmigkeiten gab. Sowohl Princeps als auch sein Kamerad waren allerdingsmeistens sehr umgängliche Gesellen, obwohl vor allemersteren regelmäßig Panikattacken und klaustrophobischeAnfälle heimsuchten, welche er manchmal nur schwer vorseinen Kameraden verbergen konnte. Flavius war allerdings keineswegs der Einzige, der vonsolchen Gefühlsausbrüchen gepeinigt wurde, was bedeute-te, dass starke Beruhigungsmittel, Neurostimulatioren,Schlafpillen und Drogen auf dem gesamten Schiff hoch imKurs standen. Die führenden Offiziere sahen dabei zu oder hielten ihreÄngste und Depressionen während der Weltraumreisedamit selbst halbwegs im Zaum. 171
  • Eine andere Möglichkeit, Körper und Seele einigermaßenim Einklang zu halten, war der Sport. Mehrere Trainings-hallen für verschiedenste Arten körperlicher Ertüchtigunghatte die Polemos auf den einzelnen Decks zu bieten. Wei-terhin gab es zahlreiche Aufenthaltsräume mit großenholographischen Bildschirmen, wo die neuesten Unterhal-tungsprogramme konsumiert werden konnten. Es gab also einige Hilfsmittel, den eigenen Geist so weitzu betäuben oder abzulenken, dass man fast vergaß, aufeinem Sternenschiff durch das All zu fliegen. Man musstesie nur nutzen. Flavius war jedenfalls froh, dass Kleitos an Bord war undsie sich unterhalten konnten. Die beiden hatten sich in einekleine Bar im oberen Bereich des Schiffes gesetzt undredeten schon seit einigen Stunden über diese und jeneBanalität. »Na, Männer! Entspannt ihr euch?«, hörten sie plötzlicheine raue Stimme hinter sich. Es war AusbildungsoffizierManilus Sachs. »Ja, alles klar, Herr Zenturio!«, gab Flavius verunsichertzurück und schien von der Anwesenheit des brutal wir-kenden Veteranen wenig angetan. Sachs ließ sich von einer Ordonanz ein Getränk bringenund wandte sich grinsend den beiden Rekruten zu. »Irgendwann wird es ernst. Dann könnt ihr auf demSchlachtfeld umsetzen, was ich euch mühsam eingepaukthabe«, erklärte er. »Gibt es denn inzwischen neue Nachrichten, was dahinten auf Thracan genau los ist?«, wollte Kleitos jetztwissen.172
  • Der Ausbilder nippte an seinem Glas und stellte es auf dieTheke. Dann erwiderte er: »Irgendwelche Anaureaner oderUPC-Untergrundkämpfer rebellieren. Keine Ahnung. Wirhaben jedenfalls viel Zeug zum Töten dabei und werdendas ganze Pack da hinten ausmerzen, wenn es sein muss!« »Sind das jetzt anaureanische Aufständische oder was?«,fragte Princeps. »Weiß ich auch nicht so genau«, knurrte Sachs. »Wer esauch immer ist, wir bringen ihn um!« »Diese Anaureaner sind seltsam …«, murmelte Princepsund Offizier Sachs unterbrach ihn sofort, als hätte er nurauf dieses Thema gewartet. »Die Anaureaner haben Geister, welche wesentlich einfa-cher als die unseren aufgebaut sind, mein Junge. SämtlicheVersuche in der Vergangenheit, ihnen unsere Technologieund unsere Lebensart zu vermitteln, sind an dieser Tatsa-che kläglich gescheitert. Die Angehörigen der unteren Kaste leben einfach so, wiesie es für richtig halten und können auch kein anderesLeben führen. Ich war einmal in Braza, dort wo vieleAnaureaner leben – oder »hausen«, wie ich es eher formu-lieren würde. Jedenfalls fand ich dieses Gewimmel in Schmutz undDreck einfach nur abstoßend, wenn du mich fragst. Sieleben ganz im Süden des Kontinents in den Ruinen alterStädte, welche wohl vor langer Zeit auch einmal vonirgendwelchen Aureanern erbaut worden sind. Die heuti-gen Einwohner können diese Städte kaum selbst errichtethaben …«, erklärte der Veteran. »Ich habe Hyboran noch nie verlassen. Wenn man vonmeiner Weltraumreise einmal absieht«, gab Flavius zurück. 173
  • Manilus Sachs schmunzelte und strich sich durch seinehellen Haare. »Glaube mir, der Süden von Braza ist einnoch trostloserer Ort als jeder kahle Asteroid. Du solltestihn dir wirklich einmal ansehen, damit du erkennst, wieschön wir es im Goldenen Reich haben. Aber so ist es nuneinmal und es ist gut so!«, betonte der vernarbte Zenturio. »In unserem benachbarten Habitatskomplex in Vanatiumhabe ich vor kurzem auch eine anaureanische Frau gese-hen, welche die Reinigungsmaschinen bedient hat. Undansonsten laufen dort auch immer mehr herum…«, be-merkte Flavius, doch Sachs unterbrach ihn erneut. »Ja, das hat in den letzten Jahrzehnten stetig zugenom-men. Die Mode, sich Anaureaner als Diener zu halten, hatsich bei den so genannten vornehmen Familien unsererKaste regelrecht eingebürgert. Ich betrachte diese Entwick-lung jedoch mit Skepsis. Vor drei Jahrhunderten durftekein einziger Anaueraner den Boden des Goldenen Reichesüberhaupt nur betreten, aber diese strikten Regeln sind mitder Zeit gelockert worden. Langsam scheint ja alles wieder erlaubt zu sein, wenn esnach den feinen Herrschaften unserer Nobilität geht. Diesind sich für nichts zu schade, Junge. Das Gleiche gilt jafür die Klonmenschen, die sich die ganz Wohlhabendenextra als persönliche Servitorenkräfte züchten lassen…« »Hat sich Ihre Familie denn auch Genblocker implantie-ren lassen?«, wollte Kleitos jetzt wissen. »Du meinst die genetischen Trenncodes, welche eineKreuzung mit Anaureanern verhindern können?« »Ja, genau!« »Das ist in meiner Sippe seit vielen Generationen Traditi-on, aber ich wüsste auch nicht, wer aus meiner Familie auf174
  • die Idee kommen würde, sich mit einem Anaureanereinzulassen«, erklärte der Offizier. »In den alten Epochen waren Genblocker zum Schutz deraureanischen DNS-Struktur eine gesetzliche Vorschrift,nicht wahr?«, kam von Flavius. Manilus Sachs zog die Augenbrauen nach oben. »Das istschon lange her, aber du hast Recht. Seit Gutrim Malogordas Goldene Reich wieder vereinigt hat, wurde das so ge-handhabt.« »Das war ja dann vor drei Jahrtausenden. Ich habe darübermal etwas gelesen. War da nicht auch der Krieg zwischendem Sternenreich von Dron und Terra?« »Ja, ich glaube schon. Das muss die Epoche von Malogorgewesen sein. Hör mir mit den Dronai auf, Junge. Die sindfür mich ein rotes Tuch. Ich habe mal einen Aureaner vonDron kennen gelernt. Einen Menschen mit größerer Klappe habe ich seltengesehen. Die bezeichnen uns Terraner nach wie vor alsWeicheier und halten ihren Sieg im Unabhängigkeitskriegvon damals noch immer hoch. Großmäuler sind das!Allesamt!«, knurrte Sachs. »Ach, lassen Sie die doch ihr Ding machen und wir Ter-raner machen unser Ding, Herr Zenturio«, winkte Kleitosab. »Die Dronai können mich mal und ich mag sie überhauptnicht«, brummte der Vorgesetzte. »Aber Sie kennen doch nur einen einzigen, oder?« »Das hat mir aber gereicht! Diese ständigen Anspielungenauf den angeblich so großen Sieg über die Soldaten vonTerra. Dieser Mist ist schon Ewigkeiten her und dieser 175
  • Dronos hat so getan, als würde der Konflikt noch immerandauern«, gab der Offizier verärgert zurück. »Sie sind eben sehr eigenbrötlerisch, diese Kolonisten«,sagte Flavius. »Spinner sind das! Punkt!«, rief Sachs aus und klatschte indie Hände. »Besser Dronai als Außerirdische!«, merkte Princeps jetztan, während der Gesichtsausdruck des Ausbilders inVerwunderung umschlug. »Was interessiert mich, wer da noch irgendwo im Allherumspringt. Ich glaube jedenfalls nicht, dass da vieleandere Lebewesen sind«, erhielt der junge Rekrut alspatzige Antwort. »Aber was ist mit den ganzen Bildern, die uns die For-schungssonden schon von fremden Planeten geschickthaben? Manche zeigen Objekte, die wie Gebäude oderRaumschiffe aussehen. Zudem wurden doch auch schonvielfach seltsame Funksignale von unseren orbitalenScannern aufgefangen…«, sprach Kleitos. »Ich halte das alles für Humbug und denke, dass 90%dieser ganzen Geschichten lediglich durch dumme Zufälleverursacht worden sind. Da draußen sind keine fremdenZivilisationen. Wir sind jetzt schon seit Tausenden vonJahren dabei, den Weltraum zu erforschen und haben nochso gut wie nichts entdeckt. Jedenfalls keine Alienkulturen…« »Ich habe aber schon selbst welche gesehen. Jedenfallsihre Überreste. Das waren definitiv keine menschlichenSkelette, damals auf Furbus IV!«, rutschte es Flavius nunheraus. »Ach?«, Manilus Sachs stutzte.176
  • »Ja, ich erzähle keinen Unsinn. Die Wesen hatten starke,wuchtige Knochen und spitze, breite Zähne in ihrengroßen Kiefern…« »Vermutlich waren das irgendwelche Tierknochen, dortauf diesem Planeten«, entgegnete der Offizier und schüttel-te den Kopf. »Nein, wir haben sogar einige technologische Überresteaußerirdischer Herkunft entdeckt und sämtliche Kolonis-ten waren ebenfalls tot…« »Breite Zähne?«, unterbrach ihn Sachs und lächelte abfäl-lig. »Das waren Tiere und diese angeblich nichtmenschli-chen Konstrukte stammten sicherlich von den Siedlern.Was waren das denn bitteschön für Konstrukte, Rekrut?« »So ein komisches Ding. Vielleicht ein Generator? Wasweiß ich!« »Ein Generator? Der konnte ja nur von den menschlichenKolonisten stammen. Du willst mich wohl an der Naseherumführen, was? Sei froh, dass Onkel Manilus heutemehr oder weniger als Zivilist unterwegs ist, Bursche!«,knurrte der Ausbilder und grinste Flavius grimmig an. »Was hast du denn dort auf diesem Planeten überhauptverloren? Furbus IV, nie gehört…«, brummelte Sachs. »Das war so eine Art Forschungsreise. Ich bin damals alswissenschaftlicher Mitarbeiter bei einem Forschungsteammitgeflogen«, erwiderte Princeps und wünschte, dass erden Mund gehalten hätte. »Aha, ja! Wie heißt du denn, Junge?«, fragte der Vorge-setzte. »Flavius Princeps, Herr Zenturio!« »Und ich bin Kleitos Jarostow, Herr Zenturio!«, schobdieser respektvoll nach. 177
  • »Euch beiden werden ich noch Manieren beibringen! Dawolltet ihr mich mit Geschichten von Aliens verarschen,hä? Naja, jetzt trinken wir aber erst einmal einen venusiani-schen Kunstwein. Irgendwelche Einwände, Jungens?« »Nein, natürlich nicht, Herr Zenturio! Danke, Herr Zen-turio!«, gab Princeps demütig zurück. »Und lasst heute den formalen Scheiß, klar?«, brummteder Ausbilder und klopfte Flavius auf die Schulter. Zwei Monate waren vergangen und Flavius Gefühlslageschwankte zwischen immer wiederkehrenden Panikatta-cken und Zuständen bohrender Platzangst. Es gelang ihmzunehmend weniger, sich abzulenken und nachdem er diezahlreichen Decks, Korridore, Fracht- und Mannschafts-räume der Polemos wie ein nervöses Tier immer wiederdurchlaufen hatte, ging es ihm auch nicht besser. In drei Wochen sollte er in den Kälteschlaf überführtwerden und diese Vorstellung zerfraß seinen verängstigtenVerstand wie eine aggressive Säure. Auch Kleitos warinzwischen stark verunsichert, denn diese unangenehmeProzedur war für ihn vollkommen neu und nur schwervorstellbar. Die Einfrierungsphase auf dem Hinflug sollte fast dreiJahre dauern. Danach, so hatten sie gesagt, würde Flaviuswieder erweckt und hatte dann die übrigen Monate norma-len Schiffsdienst zu leisten. Drei Jahre schlafen, drei Jahre mit einem erloschenenGeist, wie ein lebender Toter. Umso öfter Flavius an dieseHorrorvorstellung dachte, umso mehr ergriff sein Unter-bewusstsein das Grauen.178
  • Einige ältere Legionäre hatten ihm gestern gestanden,dass sie der Einfrierung ebenfalls mit Furcht gegenüber-standen. Vielleicht wachte man niemals mehr daraus auf,sagten sie. Princeps erschauderte beim Gedanke an dieKühlkammer, diesem versiegelten Sarg aus Stahl. Kleitos und er hatten heute einen Termin bei einem derSchiffsärzte, welcher ihren körperlichen und geistigenZustand untersuchen sollte. Nun warteten sie schon fasteine Stunde in einem trostlos eingerichteten Warteraum imunteren Bereich des gewaltigen Kriegsschiffes. Um sieherum hatten sich Dutzende von weiteren Legionärenversammelt, deren Gesichtsausdrücke ebenfalls wenigBegeisterung verrieten. Plötzlich kam eine hübsche Krankenschwester den Gangherunter und betrat den kleinen Warteraum. Mit einemfreundlichen Lächeln musterte sie den jungen Soldaten ausVanatium und sagte: »Herr Princeps, Dr. Phyrrus erwartetSie jetzt!« Flavius warf seinem Freund einen hastigen Blick zu,während die übrigen Soldaten der gutaussehenden Kran-kenschwester schmachtende Blicke schenkten. Frauen gabes auf der Polemos nur wenige. Einige waren als Schiffsper-sonal tätig, andere arbeiteten als medizinische Hilfskräfteoder Ärztinnen. Diese hier war wirklich ansehnlich, wie Flavius trotzseiner ansonsten wenig erbaulichen Gedanken zugebenmusste. »Eugenia Gotlandt, medizinische Fachkraft« standauf dem kleinen Namensschild an ihrem weißen Kittel. Glattes, dunkles Haar fiel über die zarten Schultern derjungen Frau und rahmte ihr blasses Gesicht mit den 179
  • leuchtenden blauen Augen ein. Auf dem Kopf der Schwes-ter befand sich eine weiße Haube. »Wenigstens ein schöner Anblick, bei so viel Mist!«,schoss es Flavius durch den Kopf und er folgte der mildelächelnden Frau zu Dr. Phyrrus. Einen Augenblick später begrüßte ihn ein Arzt mittlerenAlters, der sehr nüchtern und sachlich wirkte. Er hattezwei surrende, autoreaktive Oculargläser vor den Augenund starrte seinen jungen Patienten wortlos an. »Setzen Sie sich, Herr Princeps!«, sagte er dann. Flavius befolgte seine Anweisung und ließ sich auf einemStuhl nieder. Dann musste er sich frei machen, währendder Arzt mit einigen medizinischen Geräten herumhantier-te. »Zuerst scanne ich ihren Kreislauf, Herr Princeps!«, er-klärte er und hielt ein kleines summendes Gerät an dieBrust des Rekruten. Ein großer, holographischer Bildschirm zeigte Princepssein schlagendes Herz und die in den Venen pulsierendenBlutströme. »Das sieht doch ganz gut aus«, murmelte der Medizinerund fuhr mit dem Scanvorgang fort. Die Krankenschwester bearbeitete derweil einen Daten-kristall und tippte die Ergebnisse ein. Ab und zu drehte siesich zu Flavius um und lächelte. »Biofunktionen sind alle in Ordnung, Kreislauf ist stabil.Das müsste alles glatt laufen, Herr Princeps!«, erklärte Dr.Phyrrus. »War’s das, Herr Doktor?«, wunderte sich Flavius. »Ja, wenn Sie keine Fragen haben, dann war es das«, gabder Arzt zurück.180
  • Der junge Soldat zögerte für einige Sekunden. Dannhakte er noch einmal nach. »Wie hoch ist eigentlich die Wahrscheinlichkeit, dass manwährend des Kälteschlafes stirbt, Herr Doktor?« »Sie liegt bei etwa 0,2%, Herr Princeps. Machen Sie sichkeine Sorgen. Sie werden von mehreren Biokontroll-Systemen rund um die Uhr überwacht. Wenn etwas Unge-wöhnliches auftreten sollte, werden Sie sofort geweckt undmedizinisch betreut«, gab Dr. Phyrrus beruhigend zurück. »Ich habe diesen Mist schon einmal hinter mich gebrachtund eigentlich gehofft, dass ich nie wieder in eine Kälte-kammer muss. Dann haben sie mich einfach zum Militär-dienst eingezogen…« Der Arzt nickte. »Die meisten haben Angst vor demKälteschlaf, aber das müssen sie nicht. Glauben Sie mir,Herr Princeps!« Flavius schnaufte verlegen. Kurz bevor er den Raumverließ, stellte er dem Mediziner noch eine letzte Frage. »Haben Sie sich schon einmal gefragt, wo die Seele einesMenschen ist, wenn er in einem künstlichen Tiefschlafverweilt?« Dr. Phyrrus stutzte. »Die Seele?« »Ja, genau!« »Der Mensch schläft eben und sein Gehirn arbeitet auchnoch. Nur auf einem sehr geringen Level. Es ist eben soeine Art sehr langer Schlaf ohne Träume«, erläuterte derArzt nüchtern. »Ich glaube manchmal, dass ich während meines erstenKälteschlafs doch geträumt habe, denn ich habe seitdemoft seltsame Visionen in meinem Kopf. Es sind ver-schwommene Erinnerungen oder so etwas. 181
  • Ich glaube mich manchmal entsinnen zu können, dassmein Geist die Kältekammer verlassen hat und dann durchdas Raumschiff gewandert ist. Seltsam, nicht wahr?«, sagteFlavius. Dr. Phyrrus winkte ab. »Das sind neurochemische Anoma-lien. So etwas kommt vor. Mit einer Seelenwanderung oderähnlichem hat das meiner Meinung nach nichts zu tun.« Princeps war enttäuscht, als er das hörte und verabschie-dete sich von dem Doktor. Die hübsche Krankenschwes-ter, welche seinen Ausführung offenbar mit großemInteresse zugehört hatte, schenkte ihm ein letztes Lächeln.Schließlich ging Flavius zurück in seine Unterkunft unddachte nach.Imperator Credos Platon hatte inzwischen einen großenFundus von neuen Gesetzen und Erlassen ausgearbeitet.Die Landreform stellte hierbei zwar einen wichtigen Teildar, aber seine Pläne reichten noch wesentlich weiter.Insgesamt hat sich der engagierte Archon vorgenommen,die alte Ordnung und Glorie des Goldenen Reiches aufTerra wieder vollständig zu restaurieren, was gesellschaft-liche, wirtschaftliche und politische Eingriffe von be-trächtlicher Größenordnung bedeutete. Damit waren zwischen den Optimaten im Senat und ihmso große Gräben entstanden, dass sie kaum noch über-wunden werden konnten. Eine erste Kraftprobe zwischenPlaton, den wenigen altaureanisch gesinnten Senatoren aufdessen Seite und der politischen Fraktion des Juan Sobossollte die kommende Sitzung im Senat von Asaheim, woder Kaiser das Landreformgesetz durchbringen wollte,darstellen.182
  • Mittlerweile wurden seine Pläne im ganzen Goldenen Reichoffen diskutiert, wobei sich die größte Anzahl der gewöhn-lichen Aureaner viel davon versprach. Sie waren auf seinerSeite, denn zum ersten Mal seit langer Zeit war ein Kaiserbereit, sich den innenpolitischen Problemen des Imperi-ums auf eine entschlossene und radikale Weise zu widmen,die den Anschein machte, dass sie erfolgreich sein würde. Juan Sobos und seine Gesinnungsgenossen wettertenwährenddessen gegen den »Emporkömmling«, wo siekonnten, und die ebenfalls in der optimatischen Fraktionvereinten Besitzer der wichtigsten Telekommunikations-Stationen, also jene Männer, die bestimmten, was dieSimulations-Transmitter berichteten, begannen damit, dieReformen des Imperators zu zerreden und negativ darzu-stellen. Allerdings mussten sie sich dabei immer wieder zurück-halten, denn Credos Platon hatte ihnen mit empfindlichenStrafen gedroht, wenn sie eine Hetzkampagne gegen ihnstarteten. Auf Dauer wollte der junge Monarch sämtliche Medien inden Grenzen seines Reiches wieder verstaatlichen, so dasssie nicht von einer egoistischen Gruppe reicher Patrizierfür ihre eigenen Zwecke missbraucht werden konnten.Damit hatte er zugleich das nächste Schlachtfeld eröffnet. In den vergangenen Jahrhunderten wäre es undenkbargewesen, dass die wichtigen Telekommunikations-Stationen des aureanischen Imperiums in den Händen vonPrivatleuten waren, doch im Laufe der Zeit hatten es dieschwächeren Archonten geduldet, dass reiche Nobile dasMediennetzwerk nach und nach aufkaufen konnten. Eingroßer Fehler, wie sich jetzt herausstellte. 183
  • Ähnlich war es mit dem ursprünglich vom Staat verwalte-ten Land gewesen. Auch hier hatten die wohlhabendenPatriziersippen in den letzten drei Jahrhunderten riesigeGebiete mit horrenden Summen erworben, welche sie nuneigenmächtig verwalteten. Die eigentlich als Land für aureanische Siedler gedachtenRegionen, waren heute große Agrarzonen voller Landwirt-schaftsmaschinen oder meist billiger Arbeiter aus deruntersten Kaste. Als erste Maßnahme, um den unwillkommenen Monar-chen unter Druck zu setzen, hatten die Großgrundbesitzerin der letzten Woche die Lebensmittelpreise deutlicherhöht, was den Unmut von Milliarden Aureanern an-wachsen ließ. Selbst Produkte aus den Fisch- und Plank-tonfarmen in den Weltmeeren Terras, welche wiederumnur einigen wenigen Reichen gehörten, waren jetzt teurergeworden. Durch die Blume verkündeten die Simulations-Transmitter derweil frech, dass Credos Platons Reform-pläne daran schuld waren. »Der Archon zwingt uns mit seiner unvernünftigen Poli-tik dazu!«, heuchelte Juan Sobos auf dem holographischenBildschirm und spielte dem Volk seine Betroffenheitaufgrund der steigenden Kosten für Lebensmittel vor. Seine Fraktionsgenossen in den Medien unterstützten ihnmit aller Kraft bei seiner Verwirrungstaktik und der jungeKaiser sah sich bald einer weitreichenden Seilschaft vonhinterlistigen Patriziern gegenüber, die vor keiner Lügezurückschreckte. An diesem heutigen Nachmittag hatte sich der idealisti-sche Imperator zusammen mit seinem Berater Clautus in184
  • einen der wundervollen Gärten hinter dem Archontenpa-last zurückgezogen. Schweigend schritt Platon hinterseinem ergrauten Diener her und betrachtete die sprudeln-den Fontänen, welche einer der leuchtenden Springbrun-nen im Zentrum der Gartenlandschaft ausstieß. »Meine Gegner nehmen mich immer stärker ins Visier,Clautus«, stöhnte der Archon. Der alte Diener blickte ihn mit ernster Miene an undverschränkte die Hände hinter dem Rücken. »Wenn ich ehrlich bin, Eure Majestät, dann weiß ichselbst nicht genau, was man dagegen tun kann. Eine solcheSituation hat es unter Xanthos dem Erhabenen niemalsgegeben. Die ganze Sache überfordert mich, Herr!« Platon ging einige Meter voran und lehnte sich an densteinernen Brunnen. »Ich hätte nicht gedacht, dass wirschon so weit gekommen sind. Diese Optimaten treten mirmit einem Hass gegenüber, den ich kaum begreifen kann.Sehen sie denn nicht, dass ich diese Maßnahmen zumWohle unserer gesamten Kaste durchführen muss?« »Sie wollen es nicht sehen!«, stieß Clautus Triton ärgerlichaus. »Das Wohl der aureanischen Kaste und des GoldenenReiches ist ihnen vollkommen egal. Sie leben in ihrer eige-nen Welt und ich habe die Befürchtung, dass sie Eucheines Tages etwas antun werden, wenn Ihr die Reformplä-ne nicht zurückzieht, Exzellenz!« Der junge Imperator zuckte erschrocken zusammen undrang nach Luft. »Wie bitte, Clautus?« Dieser starrte gen Himmel und sagte nichts. Dann räus-perte er sich und bemerkte: »Ich habe im Gefühl, dass sicheine gewaltige Verschwörung gegen Euch zusammenbraut,Herr. Ihr beginnt einen Kampf gegen sehr, sehr mächtige 185
  • Männer – und sie sind zu allem bereit, wenn es darumgeht, ihre Vermögen zu bewahren. Vielleicht hattet ihrdamals doch recht, als Ihr Eure Furcht vor einem mögli-chen Attentat geäußert habt, Exzellenz.« »Ist das Euer Ernst, Clautus? Glaubt Ihr tatsächlich, dasssie mir etwas tun würden?« »Ich traue Juan Sobos ein ganzes Sammelsurium vonTeufeleien zu und er hat inzwischen so viele einflussreichePatrizier um sich geschart, dass diese Fraktion geradezufurchterregend mächtig ist, Majestät!« Credos Platon wollte so etwas nicht hören und sein Ge-sicht verriet die in ihm aufkochende Wut. »Ich bin der Archon des Goldenen Reiches! Sie haben sichmeinen Befehlen zu fügen und sie haben sich den allge-meinen Interessen der aureanischen Kaste zu fügen!«,schnaubte er und warf die Arme in die Höhe. »Herr, ich meine es gut mit Euch! Seid bitte vorsichtig,wen Ihr nahe an Euch heranlasst. Erhöht die Sicherheits-maßnahmen im Archontenpalast! Glaubt mir, ich habediese Männer schon oft genug unter Xanthos dem Erha-benen erlebt. Sie kennen keine Skrupel, wenn es um ihreInteressen geht. Seid vorsichtig, Majestät!«, warnte Clautusseinen Herrn.186
  • Der Mordauftrag Von den etwa 48 Monaten, die eine Raumreise zumProxima Centauri System dauerte, hatte der junge Legionäraus Vanatium inzwischen kaum drei überstanden. Der Flugkam ihm jedoch jetzt schon wie eine halbe Ewigkeit vorund immer öfter griff er heimlich zum Neurostimulatorund pumpte Ströme von Glücksgefühlen in seinen Schä-del, um sich noch halbwegs auf den Beinen halten odereinschlafen zu können. Flavius wurde zunehmend gereizter und zugleich ängstli-cher, je näher der Tag seiner Einfrierung rückte. Gesternhatte er sich mit Kleitos in einer der kleinen Bars imobersten Deck des Schiffes betrunken. Offizier Sachs warihnen dort erneut über den Weg gelaufen und hatte,obwohl ihm von Flavius eine derartige Einfühlsamkeit garnicht zugetraut worden war, versucht, den beiden Rekrutendie Furcht vor dem Kälteschlaf zu nehmen. »Da kann nichts passieren. Ich habe das schon fünf Malhinter mich gebracht und es geht mir gut«, hatte derAusbilder betont und Kleitos und Flavius den ganzenAbend mit synthetischen Cocktails versorgt. Der Zenturio mit dem vernarbten Gesicht erschien selbstfrustriert und unzufrieden mit seinem Leben. Er war der»Erzeuger« eines Sohnes, wie er bemerkt hatte, dochdiesen sah er aufgrund seines ununterbrochenen Militär-dienstes so gut wie nie. Seine Frau hatte sich schon langevon ihm getrennt und lebte mit ihrem Kind irgendwo inVasta. 187
  • »Das ist der Preis für ein Leben als Soldat Terras!«, hatteSachs mit einer gewissen Melancholie erklärt, während einGetränk nach dem anderen in seinem Rachen verschwun-den war. Flavius und Kleitos, die inzwischen wie zwei siamesischeZwillinge zusammen durch die Polemos wanderten undversuchten, jeden Tag neu die Zeit totzuschlagen, hattensich heute erneut in die Bar begeben, um ein wenig zuplaudern. Hier waren einige Legionäre und Angehörige des Schiffs-personals versammelt, so dass ein lautes Schwatzen denschlichten, metallischen Raum erfüllte. Offizier Sachs war diesmal nicht dabei. Vielleicht wollte erheute einmal nüchtern bleiben oder hatte sich eine andereLokalität auf dem geräumigen Schlachtschiff ausgesucht. »Hier an Bord ist eine sehr hübsche Krankenschwester,Kleitos. Sie heißt Eugenia. Ich habe sie kennengelernt, alsich bei der Voruntersuchung für den Kälteschlaf war. Duhättest sie sehen sollen. Eine wahre Augenweide!«,schwärmte Princeps und räkelte sich an der Theke herum. Kleitos grinste. »So, so! Die musst du mir mal zeigen,Kamerad. Was mache ich eigentlich, wenn du im Tief-schlaf bist und ich hier noch drei Monate ohne dichrumhängen muss?« »Frag doch mal Zenturio Sachs. Der kann mit dir ja dannjeden Abend einen trinken, bis du auch ins Eisfachkommst, Alter«, scherzte Flavius. »Sehr witzig!«, maulte Jarostow und sah betrübt drein.»Dieser Raumflug nagt inzwischen auch an meinen Ner-ven. Und zwar nicht zu knapp! Ich habe ständig Kopf-188
  • schmerzen und glaube manchmal, dass ich irgendwie nichtmehr richtig atmen kann. Meinst du, das ist schlimm?« Flavius wunderte sich tief im Inneren, dass jetzt ausge-rechnet er jemandem Seelentrost spenden sollte, wo erdoch glaubte, die meiste Angst vor dieser Reise durch dasWeltall zu haben. Dennoch versuchte er ein paar aufbau-ende Worte für seinen Freund zu finden. »Nein, das sind psychische Erscheinungen. Die gehenwieder weg. Wir dürfen nicht durchdrehen in dieser riesi-gen, verfluchten Blechbüchse. Inzwischen glaube ichmanchmal, dass drei Jahre Tiefschlaf vielleicht besser sind,als sich immer nur Gedanken zu machen. Dann ist wenigs-tens das Hirn ruhig gestellt.« »Ich weiß nicht«, erwiderte Kleitos unsicher. »Nur nicht durchdrehen! Denke immer daran!« »Das sagt gerade der Richtige…« »Ich weiß, aber auch du musst mir das immer wiedersagen, wenn ich drohe, die Nerven zu verlieren. Gestern istoffenbar einer im Nachbarquartier ausgerastet. Hast du dasmitbekommen?« »Nein, was war denn los?« »Irgendein Legionär, vielleicht so alt wie ich, ist halbnacktüber den Gang gerannt und hat geschrieen, dass das Schiffumdrehen und nach Terra zurückfliegen soll. Die habenihm Beruhigungsmittel gespritzt und ihn auf die Kranken-station gebracht.« »Ach?« »Ich habe das aber auch nur halb mitbekommen. EinLegionär hat es mit heute Morgen beim Frühstück erzählt,Kleitos.« 189
  • »Wie war das denn bei deinem ersten Raumflug?«, wolltedieser jetzt wissen, doch Flavius winkte ab. »Lassen wir das! Darüber will ich heute nicht sprechen.Ich hasse seitdem den Weltraum! Damals habe ich michauch nicht viel anders als der Typ auf dem Gang verhalten.Ich hatte Weltraumfieber, wie von unserem Schiffsarztdamals festgestellt worden war. Das ist so eine Art klaust-rophobischer Wahn, wenn man zu lange im All ist.« »Das klingt wirklich wenig erbaulich!«, bemerkte Kleitos. »Lass mich nicht daran denken. Vielleicht überstehe ich esdiesmal besser. Hauptsache, wir kommen eines Tageswieder lebend nach Terra zurück«, sagte Flavius traurigund ließ sich noch ein Getränk bringen. Juan Sobos wanderte in einen langen Mantel gehülltdurch die Straßen von Gayrro. Der reiche Senator hattesich inkognito nach Nordarica begeben, um eine bestimm-te Person zu treffen. Ihr Name war Rodmilla Curow undsie war, so dachte sich der Patrizier, die richtige Frau fürdie schwierige Aufgabe, die er ihr geben wollte. Wie ein Schatten schlich Sobos durch den Haupteingangeines schäbigen Habitatskomplexes und fuhr mit demAufzug in das 123. Stockwerk. Draußen war es inzwischendunkel geworden und in den endlosen Korridoren desriesigen Wohnkomplexes hörte man außer gelegentlichemGetuschel hinter einigen metallenen Türen nichts. Der verhüllte Patrizier erreichte eine unscheinbare Habi-tatskammer und machte mit einer kurzen Nachricht seinesKommunikationsboten darauf aufmerksam, dass man ihnin den Raum hineinlassen sollte. Wenige Sekunden späteröffnete sich die Tür mit einem leisen Summen und Sobos190
  • glitt in den halbdunklen Raum wie ein Fischotter insWasser. »Der ehrenwerte Senator aus Braza! Welch eine Freude!«,sagte eine milde Frauenstimme und der vermummte Gaststreifte sich die Kapuze seines Mantels vom Kopf. »Fräulein Rodmilla! Wie schön, Sie einmal persönlich zutreffen«, gab Sobos zurück. Eine schlanke, attraktive Frau mit rötlich-blonden Haarenbewegte sich mit elegantem Schritt auf ihn zu und schenk-te ihm ein verschlagenes Lächeln. Dann schüttelte sie ihmdie Hand. »Möchten Sie etwas trinken, Senator?«, fragte die Damemittleren Alters und griff nach einem versilberten Kelch. »Nein, danke!«, entgegnete Sobos kurz. Rodmilla lächelte. »Glauben Sie, dass ich Sie vergiftenmöchte, Senator?« Sobos räusperte sich lediglich und antwortete auf dieseleicht provozierende Frage nicht. »Gut, kommen wir zur Sache. Worum geht es?«, flüstertedie Frau, während sich der Gast auf einem kleinen Stuhlniederließ. »Ich habe von Ihren Qualitäten gehört, Madame. Siewurden mir sozusagen empfohlen. Deshalb komme ich miteinem sehr, sehr wichtigen und zugleich heiklen Auftrag zuIhnen«, erklärte Juan Sobos. »Da bin ich aber gespannt…«, murmelte Rodmilla. Der Führer der Optimatenfraktion sah die Frau mit sei-nen von tiefen Ringen umgebenen Augen an. Nachdenk-lich musterte er seine Gesprächspartnerin und seine Mieneverfinsterte sich von Sekunde zu Sekunde. Dann lehnte ersich zurück, verschränkte die Arme auf der Brust und 191
  • flüsterte: »Sie sollen den Archon ausschalten, MadameCurow! Trauen Sie sich das zu?« Ein ungläubiges Lächeln sprang Sobos entgegen undRodmilla ließ ihren Kopf wie ein Vogel zurückschnellen. »Wie bitte? Credos Platon töten? Wollen Sie mich auf denArm nehmen, Senator?« »Nein!«, knurrte Sobos entschlossen. »Ich meine es tod-ernst, wir von der Optimatenpartei meinen es todernst.Der Imperator muss sterben…« »Aber?«, stieß Rodmilla überfordert aus. »Wir werden Ihnen dafür ein Vermögen zukommenlassen, dass Sie in Ihren nächsten zehn Leben nicht ver-schwenden können. Das ist unser Angebot. Töten Sie denMonarchen und Sie werden für immer ausgesorgt haben,Fräulein Curow«, erklärte der Senator. Langsam schien der Frau jener Gedanke zu gefallen undihre Miene erhellte sich. »Credos Platon umbringen? Dasist verrückt! Allerdings wäre es eine wirkliche Herausforde-rung für meine Wenigkeit, das muss ich zugeben. Aller-dings verlange ich dafür sehr, sehr viele VEs! Sehr, sehr,sehr viele VEs!« »Das ist kein Problem, Madame! Sie werden im Reichtumertrinken, wenn Sie es schaffen, diesen Bastard auszuschal-ten«, versicherte der Grundherr aus Braza. »Er möchte Ihrem Stand ans Leder, nicht wahr?«, neckteRodmilla ihren Gast. »Ja, das will er wohl«, gab Sobos mit einem leichtenSchnaufen zurück. »Töten Sie ihn! Trauen Sie sich das zu?« »Es wird der schwierigste Auftrag meines Lebens wer-den und mir zugleich ein Denkmal setzen. Um an Platonheran zu kommen, muss ich den Archontenpalast infilt-192
  • rieren. Am besten ich mische mich unter das Dienstper-sonal…« »Wir überlassen das alles Ihnen. Für uns zählt lediglichdas Resultat, Fräulein Curow! Und wir wissen ja, dass Sieschon in anderen Fällen hervorragende Leistungen voll-bracht haben. Ich denke da an diesen so plötzlich ver-schiedenen Herrn von der Gilde der Raumschiffbauer undandere bedeutende Personen…« Rodmilla grinste und murmelte vor sich hin, während siesich durch die Haare strich. »Das ist alles Kleinkram gegendiesen Auftrag. Credos Platon ermorden! Verrückt ist das!« »Also können wir uns darauf verlassen, dass Sie uns hel-fen werden?«, bohrte Sobos nach. »Ja, ich werde mein Möglichstes tun, Herr Senator!«,erwiderte die Dame. »Aber vergessen Sie nicht, dass dafürzunächst der Preis stimmen muss!« »Gut, Sie werden morgen eine erste Anzahlung erhalten.Wir geben Ihnen 25 Millionen VEs! Ist das für Sie akzep-tabel, Fräulein Curow?«, fragte Sobos und setzte einüberhebliches Schmunzeln auf. »25 Millionen…?«, stammelte die Meuchelmörderin undkrallte sich an ihrer Stuhllehne fest. »Ja, als kleine Anzahlung. Sie erhalten weitere 75 Millio-nen VEs, wenn Sie uns den Archon vom Halse schaffen!Viel Erfolg!«, sprach der Senator, stand von seinem Stuhlauf und verließ den Raum, ohne Rodmilla Curow nocheinmal anzusehen.Flavius, Kleitos und viele andere Legionäre an Bord derPolemos hatten sich die Zeit bis zu ihrer ersten Einfrierungauf dem Hinflug mehr oder minder erfolgreich vertrieben. 193
  • Sie waren zwischen Bars, Krafträumen, Sporthallen undVergnügungseinrichtungen umhergetigert und in denmeisten der Männer rumorte stets ein Gefühl aus Unbeha-gen und Angst. Bei Flavius schien es besonders schlimmzu sein. Morgen sollte er für drei Jahre in den Kälteschlafüberführt werden. Ganze 36 Monate künstliche Totenstar-re warteten auf ihn. Der junge Rekrut wurde zunehmendnervöser. Kleitos stand diese Prozedur in drei Monaten bevor undauch er wirkte mittlerweile sehr angespannt. Ständiglöcherte der Soldat seinen neuen Freund mit Fragenbezüglich des Kälteschlafs. »Träumt man in der Tiefschlafkammer?«, wollte er wiederund wieder wissen. Flavius konnte es ihm nicht beantworten, denn in seinemBewusstsein hatte er keine Erinnerung an seine Zeit in derKältekammer auf dem Flug nach Furbus IV. Lediglichverschwommener Visionen konnte er sich entsinnen,wobei er nicht genau wusste, ob sie nun mit seinem dama-ligen Tiefschlaf zusammengehangen hatten oder nicht. Der Aureaner lief heute schon den ganzen Tag durch dieKorridore und Gänge der Polemos. Seit den frühen Morgen-stunden hatte er keine Ruhe gefunden und sich bereits eineVielzahl von Glückgefühlen per Neurostimulator durchdas Hirn gejagt. Das drängte die Sorgen kurzzeitig zurückund wenn sie zu groß wurden, war es Zeit für die nächsteDosis. Wie von einem unerklärlichen Drang getrieben, lief erimmer wieder durch den medizinischen Komplex desriesigen Sternenschiffes in der Hoffnung, noch einen Blick194
  • auf die hübsche Krankenschwester Eugenia werfen zukönnen. Wenn er schon in die Tiefschlafkammer musste, dannwollte der Legionär vorher wenigstens noch etwas Schönessehen, wie er sich dachte. Nun wartete Princeps bereits seit zwei Stunden in derNähe der Untersuchungskammer von Dr. Phyrrus undschlenderte auf dem Gang auf und ab. Ob Eugenia heuteüberhaupt Dienst hatte? Es dauerte noch eine Weile, bis ihm diese Frage beant-wortet wurde. Er erblickte die hübsche junge Frau auf demKorridor und fühlte einen kleinen Anflug von Freude insich aufkeimen. Elegant schritt die Krankenschwester über den Gang, sahihn jedoch nicht, wenn sie sich überhaupt noch an seinGesicht erinnern konnte. Flavius folgte ihr mit langsamenSchritten, in der Hoffnung, wenigstens ein kleines Lächelngeschenkt zu bekommen. Als sich der junge Mann Eugenia von hinten genäherthatte, drehte sie sich plötzlich blitzartig um und sah ihn an. »Kann ich Ihnen helfen, Herr Princeps?«, fragte sie. Flavius zuckte zusammen und taumelte verlegen einigeSchritte zurück. »Äh, nein! Danke! Ich…ich vertrete mir hier oben nur einwenig die Beine«, stammelte er und blickte an ihr vorbei,als ob sie ihn ertappt hätte. »Morgen ist es soweit, Herr Princeps«, sagte Eugenia undkam mit einem Lächeln auf ihn zu. »Sie hat sich meinen Namen gemerkt!«, ging es Flaviusdurch den Kopf und er suchte nach einer passendenAntwort. 195
  • »Bin nur etwas nervös, aber das legt sich wohl wieder imLaufe des Tages«, erwiderte der Soldat. Eugenia sah ihn an. »Bei Dr. Phyrrus haben Sie sich leichtbesorgt angehört, Herr Princeps! Das hat man deutlichgemerkt. Das ist nicht Ihre erste Tiefschlafphase, nichtwahr?« »Nein! Das ist richtig. Aber ich werde das schon überle-ben«, flüsterte er. »Die Wahrscheinlichkeit, dass etwas passiert, ist ver-schwindend gering. Wir überwachen Ihre Körperfunktio-nen rund um die Uhr. Wenn etwas ist, dann werden Siesofort geweckt. Also, Kopf hoch!« Flavius wunderte sich über die Zuversichtlichkeit und dasVertrauen der jungen Frau. »Haben Sie keine Angst vor dem Kälteschlaf, Frau Got-landt?« »Sie können mich ruhig Eugenia nennen!«, gab sie la-chend zurück. »Nein, eigentlich nicht. Ich vertraue derTechnik!« »Dann waren Sie auch schon öfters in einer Kältekam-mer?« »Ja, natürlich! Ich bin häufig bei Raumflügen dabei. Dapassiert nichts. Da sind Kriegseinsätze viel gefährlicher.Meinen Sie nicht?« Princeps zögerte für eine Sekunde. »Ja, das ist sicherlichwahr, allerdings fürchte ich diese verdammte Kammermehr als jedes Schlachtfeld…« Die Krankenschwester musterte ihn jetzt mit eindringli-chem Blick. »Kommen Sie aus dem Norden von Teulan, HerrPrinceps?«196
  • »Ja, aus Vanatium! Wieso?« »Man hört es an Ihrem leichten Akzent. Das ist ja witzig.Ich komme aus Midheim, das ist ja ganz in der Nähe!«,antwortete Eugenia erfreut. »Aus Midheim? Dann sind wir ja Nachbarn!«, stießPrinceps erfreut aus. »Sie…äh…Du kannst mich übrigensauch Flavius nennen!« »Gut, Flavius! Dann werde ich das mal tun!«, gab Eugeniaschmunzelnd zurück. »Vielleicht ist der Kälteschlaf ja doch nicht so verkehrt.Man bleibt jung und schön, nicht wahr?«, schob Flaviusjetzt nach und wunderte sich, dass seine ansonsten soforsche Art bei Frauen plötzlich wiedergekommen war. Die Krankenschwester lächelte. »Oh, das nehme ich malals Kompliment, junger Soldat. Ich werde ab und zu nachdir sehen, während du im Tiefschlaf bist. Dann können wirja irgendwann mal etwas trinken gehen, wenn dieserRaumflug vorbei ist.« »Das Angebot nehme ich an!«, entgegnete Flavius erfreut,während Eugenia langsam zum Aufzug ging. »Alles Gute, Flavius! Und mach dir keine Sorgen!«, sagtesie. Dann schlossen sich die Türen des Lifts und diehübsche Frau verschwand. Flavius blieb mit seliger Miene auf dem Korridor zurückund sah ihr nach. Für einige Minuten war seine Angst vordem morgigen Tag verflogen. Knappe 16 Stunden später war es soweit. Hunderte vonLegionären bereiteten sich mental auf den bevorstehendenKälteschlaf vor. Kleitos war mit Flavius in den oberen 197
  • Bereich der Polemos gekommen, um seinem Freund seeli-schen und moralischen Beistand zu leisten. Inzwischen war Princeps kreidebleich geworden undhatte sich noch einmal mit Glücksgefühlen vollgepumpt. DieWirkung des Neurostimulators hatte jedoch diesmal nichtdie erwünschte Intensität und das Gerät konnte es kaumverhindern, dass Flavius mit jeder verstreichenden Minutenäher an einen Nervenzusammenbruch heranrückte. Um ihn herum tuschelten die anderen Soldaten und einigevon ihnen wirkten ebenfalls äußerst nervös und panisch.Sie wurden nach und nach von Angehörigen des Schiffs-personals in eine große Halle gerufen, wo sich die Kälte-schlafkammern befanden. Flavius hasste ihren Anblick. Siewirkten wie die Waben eines Bienenstocks, nur eben nichtnatürlich, sondern kalt und metallisch. »Jetzt mach dich nicht verrückt, Alter!«, versuchte ihnKleitos zu beruhigen und legte ihm die Hand auf dieSchulter. Princeps schluckte leise und spürte, wie ihm mehr undmehr der Atem stockte. Die nächste Gruppe Legionäreverließ mit leidenden Mienen den langen Wartegang undtrottete in die Halle mit den Tiefschlafkammern. Drei Jahre in einer eisähnlichen Flüssigkeit gefangen. Mitabgeschaltetem Verstand und fast auf Null reduziertenKörperfunktionen. Es war ein Alptraum und Furcht nagtein Flavius` Innerem. Doch es war unvermeidlich. Alsnächstes war er an der Reihe. »Sie wecken mich, wenn etwas nicht stimmt, oder?«,vergewisserte sich der Legionär noch einmal und Jarostownickte.198
  • »Natürlich! Das sind vollautomatische Bio-Kontrollsysteme«, erklärte der Kamerad zuversichtlich. »Ich hasse es, wenn sie einen in diesen Kammern ein-schließen. Das ist wie lebendig begraben zu werden«,zischte Princeps und lief auf der Stelle auf und ab. »Du stehst unter ständiger Beobachtung! Reiß dich zu-sammen!« »Wie lebendig begraben zu werden…« »Da passiert nichts, Flavius!« »Diese verfluchten Bürokraten! Hätten sie sich nichteinen anderen Dummen für die Legion suchen können?«,schimpfte Flavius leise vor sich hin und biss sich so starkauf die Unterlippe, dass ein dünner Blutfaden sein Kinnherabfloss. »Du musst da jetzt durch! Hier nimm noch eine von denBeruhigungspillen«, sagte Kleitos und überreichte Princepseine synthetische Kapsel. »Gib mir ruhig zwei!«, bemerkte dieser mit einem gequäl-ten Grinsen. Er würgte die Tabletten herunter und keuchte anschlie-ßend. Jetzt kamen fünf Angehörige des Schiffspersonals inblauschwarzen Uniformen aus der Halle und stellten sichauf den Gang. »Die Gruppe »O« und die Gruppe »P« bereithalten! Fol-gen sie uns!«, rief einer der Männer über den Korridor undFlavius setzte sich murrend in Bewegung. »Wir sehen uns, Freund!«, hörte er Kleitos hinter sichsagen und warf diesem einen letzten, leeren Blick zu. Er versuchte, in jenen Minuten an nichts zu denken undließ einfach alles über sich ergehen. Als die übrigen Legio-näre und er in die Halle eintraten, warteten bereits die 199
  • Kälteschlafkammern auf sie. Ihre Türen waren weit geöff-net, wie die Mäuler von fleischfressenden Pflanzen. ImInneren der Kammern befanden sich zahlreiche Kabel undSchläuche. Überall leuchteten kleine Lichter in verschie-densten Farben. Princeps schritt einen stählernen Treppenaufgang hinaufund einer der Männer vom Schiffspersonal bat ihn, sich indie Tiefschlafkammer zu begeben. Der entsetzte Rekrutverharrte für einige Sekunden vor dem offenen Schlund,dann fügte er sich dem Unabänderlichen. Flavius biss auf die Zähne und bemühte sich, das in sei-nem Blut kochende Adrenalin abkühlen zu lassen. Er rangmit einer schwarzen Wolke aus grenzenloser, klaustropho-bischer Panik, welche sich in den Weiten seines Verstandeswie ein Geschwür aufblähte. Schließlich setzten sie ihm die Atemmaske auf und ver-banden seinen Körper mit zahlreichen Schläuchen undelektronischen Fühlern. »Gleich machen sie diese verfluchte Kammer zu undversiegeln sie!«, bohrte es in Flavius Gehirn, während sieihn weiter verkabelten. Die Männer vom Personal der Polemos sprachen ihm nocheinige beruhigende Worte zu, denn seine Angst war kaumzu übersehen. Als Princeps Körper schließlich mit einerWelle aus Narkose- und Beruhigungsmitteln überspültwurde, betrachtete er das letztendlich als Wohltat. Jetzt würden die Ängste und Sorgen bald nachlassen. Daslästige Denken würde verglühen wie ein sterbendes Ge-stirn. Dann begann der Tiefschlaf einzusetzen…200
  • Der Senatssaal von Asaheim brodelte wie ein unter Feuergesetzter Kessel. Draußen vor dem altehrwürdigen Ge-bäude hatten sich Tausende von Aureanern versammelt,welche gespannt darauf warteten, wie der politische Kon-flikt zwischen dem Imperator, den wenigen altaureanischgesinnten Senatoren und seinen Gegnern von der Optima-tenpartei ausgehen würde. Während sich Schaulustige und Piktographierer vor demHaupteingang postierten und hofften, etwas von demGeschehen im Senatssaal mit zu bekommen, hielt CredosPlaton, kurz vor der entscheidenden Abstimmung über dasReformpaket, eine leidenschaftliche Rede. Als er sie beendet hatte, hielt sich der Applaus der anwe-senden Nobilen erwartungsgemäß in Grenzen. Der jungeArchon hatte versucht, den altaureanischen Geist zubeschwören und davon gesprochen, das Goldene Reich vorZerfall, Degeneration und Dekadenz retten zu wollen.Dafür verlangte er auch von den führenden Patrizierge-schlechtern, im Sinne des Gemeinwohls der aureanischenKaste, Opfer. Juan Sobos hatte im Vorfeld dieser alles entscheidendenVeranstaltung mit sämtlichen Mitteln versucht, den größ-ten Teil der 1000 Mitglieder im Senat von Asaheim aufseine Seite zu ziehen und unter dem Banner der optimati-schen Fraktion gegen Platon zu vereinen. Es hatte denreichen Grundbesitzer große Summen gekostet, den einenoder anderen Nobilen zu bestechen, doch Sobos hatte siebezahlt und hoffte, dass seine Bemühungen ausreichten,um die Reformen des Imperators aufzuhalten. Bald herrschte gespannte Ruhe auf den Sitzbänken undTribünen des gewaltigen Senatssaals, denn ein hoher 201
  • Würdenträger des Monarchen schritt langsam zum Podi-um, um der erwartungsvollen Menge der Senatoren dasErgebnis der Vetoabstimmung zu verkünden. Der hagere, grauhaarige Mann in einem lilafarbenenMantel, welcher mit zahlreichen Goldplaketten bestücktwar, räusperte sich und hielt einen Datenkristall in dieHöhe. Mit einigen schnellen Handbewegungen aktivierte er dasGerät und öffnete eine riesige holographische Leinwand,deren bläuliches Leuchten den gesamten Saal erfüllte. Credos Platon rutschte unruhig auf seinem Thron hinund her und trommelte nervös mit den Fingern auf derLehne herum. Eine Niederlage gegen die Optimaten würdeihn vor aller Augen demütigen und lächerlich machen. Daswar ihm bewusst. Inzwischen war es so still geworden, dass man den Wür-denträger fast atmen hören konnte. Nun huschten dieersten Daten über die holographische Leinwand und einlautes Raunen durchfuhr die versammelte Masse derSenatoren. Das endgültige Resultat der Wahl sollte jedochnoch folgen. »Ich verkünde das Ergebnis der Vetoabstimmung! DieAbstimmung ist von dem ehrwürdigen Senator Juan Sobosmit einem ordnungsgemäßen Antrag vorgeschlagen undgemäß unserer Gesetze durchgeführt worden. Für dieReformgesetze des ehrwürdigen Imperators Credos Platonhaben 289 Senatoren gestimmt…«, rief der Würdenträger,während einige der Anwesenden zu schreien und zufluchen begannen. »Gegen die Reformgesetze des ehrwürdigen ImperatorsCredos Platon haben 711 Senatoren gestimmt. Damit ist202
  • das Veto gescheitert, denn die erforderliche Dreiviertel-mehrheit wurde nicht erreicht! Die Reformgesetze tretendemnach ordnungsgemäß in Kraft!« Juan Sobos glich einem Vulkan, als er das Abstimmungs-ergebnis hörte und sein speckiges Gesicht wurde mit jederSekunde ein wenig roter. Er blies seine Backen auf undkrallte sich wütend an einer hölzernen Lehne fest. SeineFraktionsgenossen zischten ihrerseits laute Verwünschun-gen in Richtung des Imperators. »Ich fasse es nicht! Wer sind diese 289 Narren, die unse-rem Patrizierstand in den Rücken gefallen sind?«, brüllteSobos durch den Saal und warf einen Stapel Akten inRichtung der vorderen Sitzreihen. Credos Platon lächelte hingegen mit Erleichterung undman sah ihm an, welch großer Stein von seinem Herzengefallen war. Sein Berater, der alte Clautus, kam zu ihmherüber und umarmte ihn mit Freudentränen in denAugen. »Das hätte ich nicht für möglich gehalten! Eine wahreSensation, Majestät!«, rief er begeistert, während die Opti-maten in seinem Rücken die Fäuste ballten und Zeter undMordio spien. Nach einigen tumultähnlichen Szenen begab sich derArchon zum Rednerpult und mahnte die Anwesenden zuRuhe und Ordnung, doch es gelang ihm kaum, die erhitz-ten Gemüter zu besänftigen. Schließlich verließen dieOptimaten unter lautem Gekeife den Senatssaal und warfenwilde Drohungen um sich. »Wir lassen uns nicht enteignen! Egal, ob es Gesetz istoder nicht!«, donnerte Sobos, bevor er die Halle hinter sichließ. 203
  • Imperator Platon seufzte, als er sah, mit welchem Hassihm seine politischen Gegner mittlerweile gegenüberstan-den. Eine Hoffnung auf Einsicht war angesichts einersolch vergifteten Stimmung wohl vergebens. »Sicherlich werden sie sich in den nächsten Wochenberuhigen und sich dem Gesetz fügen«, meinte der Archonam Ende dieses ereignisreichen Tages zu seinem BeraterClautus. Dieser schwieg jedoch, denn offenbar war er sich imKlaren darüber, dass der Konflikt mit den Optimaten geradeerst begonnen hatte.204
  • Die Reformen des Platon Während sich die Kriegsflotte Terras durch den trostlosenLeerraum zwischen den Systemen bewegte und Flavius inseiner Tiefschlafkammer die Zeit an sich vorbeiziehen ließ,begann Credos Platon damit, seine Reformpläne in die Tatumzusetzen. Hunderte Millionen Aureaner bekamen neue Siedlungs-parzellen auf dem Landbesitz der patrizischen Grundher-ren zugeschrieben und große Schübe von Auswanderernverließen die überfüllten Megastädte, um in den Gebietenzwischen Zyberia und Hyboran eine neue Heimat zufinden. Hier wurden hauptsächlich Aureanerfamilien mit Kindernangesiedelt, welche der höchsten und zweithöchsten Sub-Kaste angehörten. Die gewaltigen Siedlungsmaßnahmen sollten sich nunnach und nach auf alle Teile des Goldenen Reiches ausdeh-nen, was die grundbesitzenden Nobilen zu immer heftige-ren Proteststürmen veranlasste. Allerdings stand auch ein kleiner Teil der Senatorenschaftauf Seiten des Monarchen, wobei auch bei diesem nichtimmer die edlen, altaureanischen Motive vorherrschten.Einige der Senatoren, welche Platon unterstützten und dieüber andere Formen des Besitzes verfügten, wolltendadurch einfach ihre Rivalen im Senat, die ihr Vermögenhauptsächlich auf Großgrundbesitz begründeten, schwä-chen und sich selbst eine bevorzugte Position verschaffen. Jedenfalls mussten viele reiche Herren nun nicht nureinen Teil des von ihnen beanspruchten Landes räumen 205
  • und den gewöhnlichen Aureanern zur Verfügung stellen,sondern auch mit ansehen, wie ihre billigen anaureanischenArbeitskräfte wieder in Gebiete außerhalb der Grenzen desGoldenen Reiches zurückgeschickt wurden. Einen derartigen wirtschaftlichen und politischen Ein-schnitt in die Rechte und Privilegien der bevorzugtenPatriziersippen hatte es seit Jahrhunderten nicht mehrgegeben und Credos Platon wurde bald als »Herr desPöbels« und »Nestbeschmutzer« beschimpft. Der Imperator sah seine Maßnahmen hingegen genaugegenteilig, denn seiner Meinung nach verschaffte ergerade den besten Teilen der aureanischen Kaste dieLebensmöglichkeiten, welche ihnen seiner Meinung nachzustanden. Von der großen Masse der aureanischen Bevölkerungwurde der Archon nun als Wohltäter gefeiert und seineBeliebtheit wuchs mit jeder neuen Reform. Die Neuvertei-lung von Siedlungsland war auch nur eine von vielenpositiven Neuheiten, die Platon umzusetzen versprach. Als nächstes sollten sämtliche anaureanische Hilfskräfte,die in den Betrieben und Industriekomplexen im GoldenenReich arbeiteten, ausgewiesen und durch Aureaner ersetztwerden. Weiterhin plante er sogar, die reichen Besitzer vonFabriken und Produktionszentren dazu zu zwingen, einigeihrer Maschinen abzuschaffen und an ihrer Stelle aureani-sche Bürger als Arbeitskräfte einzusetzen. Das alles bedeutete für viele reiche Nobilensippen einenimmensen Verlust an Gewinn und Reichtum. Die gespann-te Lage auf Terra spitzte sich zu, doch Credos Platon ließsich trotz allen Hasses seiner politischen Gegner nicht206
  • beirren, seine Reformen weiter und weiter voran zu trei-ben. Im 16. Jahrtausend nach alter Zeitrechnung hatte sich dieMenschheit in einem Radius von etwa 750 Lichtjahrenrund um Terra ausgebreitet. Das bedeutete allerdingskeinesfalls, dass das Goldene Reich auf der Erde dieses Arealauch beherrschte. Ein effektiver Hyperraum-Antrieb für Raumschiffe,welcher die Grenzen der Realität und damit die gewaltigenDimensionen zwischen den Sternen überwinden konnte,war trotz Jahrhunderten der Forschung noch immer nichtentwickelt worden. Allerdings war es inzwischen gelungen,mit den ganz modernen Sternenschiffen knapp Dreiviertelder Lichtgeschwindigkeit zu erreichen, was jedoch nichtsdaran änderte, dass eine Reise von Terra bis zu den Kolo-nien am äußersten Rand der von Menschen besiedeltenZone der Galaxis um die 1000 Jahre andauerte undschlichtweg nicht umsetzbar war. Der Einfluss Terras reichte demnach nicht weiter als 250Lichtjahre in die Weiten des Alls. Zu diesem Zweck hattedas Goldene Reich einige sehr wichtige Kolonieplaneten zuadministrativen »Stellvertretern« gemacht, welche imNamen Terras noch weiter entfernte Regionen verwalte-ten. So war es den Herrschern der Erde zumindest mehr oderweniger möglich, wenn die »Stellvertreter-Planeten« ihnenden Gehorsam verweigerten, diese durch die Entsendungvon Truppen unter Druck zu setzen, so dass sie wiederumden Druck an die ihnen unterstellten Planeten weitergaben. Doch diese Vorgehensweise war bereits seit einigen Epo-chen zunehmend schwieriger geworden und wer sich 207
  • außerhalb der Einflusszone von Terra befand, der warmehr oder weniger unabhängig, denn kein Archon konnteKriegsflotten über 300 Jahre oder länger durch das Allfliegen lassen. So war der Mutterplanet der Menschheit schon langenicht mehr der Herr über seine »Kinder«, die Kolonisten,welche nun immer häufiger auf eigene Faust und ohnezentrale Planung weitere Planeten und Systeme besiedel-ten. Die aureanische Menschheit eines Tages wieder untereinem Banner zu vereinen und ein starkes galaktischesReich zu erschaffen, war bereits der Traum vieler Archon-ten gewesen, doch die kalte, schwarze Realität zwischenden Sternen hatte ihn wieder und wieder zerplatzen lassen.Ohne einen Hyperraum-Antrieb blieb die Vision einesgroßen, galaktischen Imperiums nach wie vor eine Illusionherrschsüchtiger Kaiser und vergeistigter Theoretiker. Außerdem war die Milchstraße groß und der zur Hoch-technologie befähigte Aureaner hatte erst einen winzigenTeil seiner Galaxis bereist. Wer konnte schon ahnen, was draußen zwischen denSternen noch für Gefahren lauerten? Vielleicht stieß maneines Tages auf außerirdische Zivilisationen, die derMenschheit überlegen und feindlich gesinnt waren? Viel-leicht war im Sternenmeer des Kosmos aber auch niemandanderes mehr und der Mensch war allein. Wer wusste dasschon? Die Menschen der Koloniewelten hatten sich im Laufeder letzten Jahrtausende jedenfalls immer mehr auf eigeneFaust ausgebreitet. Die Archivatoren der Raumfahrtnannten dieses Verfahren Planetenspringen, was bedeutete,208
  • dass erfolgreich installierte Kolonien irgendwann, nachdemsie eine eigene zivilisatorische Infrastruktur aufgebauthatten, zu Ausgangspunkten weiterer Expansionen ins Allwurden. Das Sternenreich von Dron war in diesem Zusammen-hang das erfolgreichste, autonome Kolonieimperium vonallen, denn es hatte nach den Siegen über seine Rivalenvon Terra, selbstständig Dutzende von neuen Sternensys-temen kolonisiert. Von den äußersten Kolonien am Rande der menschlichenSiedlungszone, welche meistens dünn besiedelte undunbedeutende Planeten waren, hatten die Menschen aufTerra oft seit Jahrhunderten nichts mehr gehört. Im Goldenen Reich sprach man diesbezüglich oft von »wil-den Kolonien« oder »Geistersternen«. Gelegentlich tauch-ten verwirrende Bilder und Berichte aus den Tiefen desAlls auf, die von fremden Lebewesen und mysteriösenVorfällen berichteten. Auf Terra reagierte man auf derarti-ge Nachrichten allerdings in der Regel recht konservativund tat sie meistens belächelnd als »Siedlergeschichten« ab. Das Proxima Centauri System war hingegen ein vertrautesTerritorium und gehörte zum Kerngebiet des terranischenSternenreiches. Thracan stellte hier das wichtigste Indust-rie- und Verwaltungszentrum des ganzen Systems dar. Gerade deshalb traf die Ermordung von Statthalter CyrilSpex die hohen Herren des Goldenen Reiches so tief undnachhaltig, denn Terra fürchtete nichts mehr, als eineRebellion direkt vor seiner »Haustür«. Wenn man schon zunehmend die Kontrolle über die weitentfernten Kolonien der Menschheit verlor, was dieterranischen Imperatoren seit Jahrhunderten ärgerte und 209
  • demütigte, dann wollte man wenigstens allen Planeten imunmittelbaren Umkreis der Erde die eigene Kraft undStärke demonstrieren. So glitten die Kriegsschiffe des Goldenen Reiches, vollge-packt mit Zehntausenden von Soldaten, durch den Leer-raum zwischen den Systemen, um den Aufruhr auf Thra-can niederzuschlagen und die Schande Terras mit Blutreinzuwaschen.Drei lange Jahre, die Flavius Princeps in seiner Tiefschlaf-kammer verbracht hatte, waren inzwischen vergangen unddie Kriegsflotte hatte sich weit in die finsteren Leereaußerhalb des heimatlichen Sonnensystems vorgewagt. Inder Ferne, auf dem Boden des Planeten Erde, hatte sichdie politische Front zwischen Imperator Credos Platonund den Optimaten weiter verhärtet. Bei einigen Ansiedlungsaktionen war es zu heftigen Zu-sammenstößen zwischen aureanischen Siedlern und denGehilfen der Großgrundbesitzer gekommen. Gelegentlichmussten sogar bewaffnete Legionäre die Siedler schützen,so sehr war der Zorn einiger Patrizier angewachsen. Juan Sobos hatte sich monatelang in seine Residenz imNorden von Braza zurückgezogen und grübelte verbissendarüber nach, wie er Credos Platon eines Tages ausschal-ten konnte. Seine Assassinin, Rodmilla Curow, hatte es noch immernicht geschafft, nahe genug an den Archon heranzukom-men, um ihn töten zu können. Trotzdem hatte sie einigeTeilerfolge zu verzeichnen, denn es war ihr gelungen, denArchontenpalast als Dienerin zu infiltrieren und zumindestin die Nähe der kaiserlichen Gemächer zu gelangen. Wann210
  • sie endlich zuschlagen konnte, wussten Juan Sobos undseine Mitstreiter nicht. Doch irgendwann war es soweit,wie Rodmilla Curow ihnen immer wieder zusicherte. Credos Platon war derweil für die breite Masse der Au-reaner zu so etwas wie einem Volkshelden geworden. Überzwei Milliarden Bürger des Goldenen Reiches hatten Dankseiner Reformpolitik bereits eine neue Heimat für sich undihre Familien gefunden, fernab von den überfüllten undoft schmutzigen Megastädten. Weiteren Milliarden Aureanern war der Segen einer gere-gelten Arbeit zuteil geworden. Sie hatten endlich sinnvolleAufgaben bekommen, was auch der allgemeinen Verwahr-losung der Jugend entgegenwirkte. Der größte Teil der Angehörigen der aureanischen Kasteliebte den jungen Imperator und angesichts der Tatsache,dass er seinen Versprechungen auch Taten folgen ließ, warseine Machtposition deutlich gefestigt worden. Von all diesen Dingen hatte Flavius nichts mitbekommen,als er nach drei Jahren Tiefschlaf endlich wieder die Augenaufschlug und verstört umherblinzelte, als seine Kälte-kammer geöffnet wurde. Mit einem müden Schnaufen richtete sich der Rekrut aufund kroch benommen aus der stählernen Kiste, währendihm die Angehörigen des Schiffspersonals die Schläucheund Kabel vom Körper entfernten. »He! Legionär! Alles klar?«, sagte einer der Männer, grins-te und fuchtelte mit der Hand vor Flavius halb zugekniffe-nen Augen herum. Der junge Mann antwortete mit einem Brummen undsank vor Erschöpfung auf die Knie. Dann hielt er sich dieHände vor das Gesicht und stöhnte leise. 211
  • »So, der hier ist jetzt auch wach!«, bemerkte der Mannund überließ Flavius einigen anderen Mitarbeitern desmedizinischen Stabes der Polemos. Diese stützten Princeps, als er wie ein Kleinkind denTreppenaufgang heruntertorkelte, unverständliches Zeugbrabbelte und noch immer nicht richtig wusste, wo er war. »Nicht schlapp machen, Junge!«, hörte Flavius neben sich. »Was soll das?«, hauchte er. »Schön mitkommen! Es ist alles klar!«, antwortete derMann in Uniform. »Was wollt ihr?« »Nichts! Schon gut! Nicht aufregen!« Sie brachten Flavius in einen Raum, wo bereits einigeLegionäre auf langen Pritschen lagen. Die meisten hattensich in ihre Decken eingerollt und erinnerten an Säuglingekurz nach der Geburt. Der Aufgewachte hatte noch immer massive Orientie-rungsschwierigkeiten und fiel fast von seiner Pritscheherunter. Einer der Männer vom Schiffspersonal eilteherbei, um ihn aufzufangen. »Der hier will einen Ausflug machen«, klang es inPrinceps’ Ohr. »Geben Sie ihm noch eine Stabilisierungsspritze«, meinteein hochgewachsener Mann neben Flavius’ Liegeplatz. Den Stich der winzigen Injektionsnadel bemerkte derLegionär kaum. Sein Körper war noch kalt und ließ sichnur schwer bewegen. Irgendwann verließen die Männervon der Crew den Ruheraum und wandten sich weiterenLegionären zu, welche gerade aufgewacht waren. Der benommene Rekrut konnte sich nach einer Weilekaum noch daran erinnern, wie lange er schon auf der212
  • Pritsche lag. Vielleicht eine Woche oder auch länger. Umihn herum war die Umgebung verschwommen und einGewirr aus Stimmen und seltsamen Geräuschen tanzte umseinen Kopf herum. Nach und nach kamen die Gefühle und sein Verstandwieder zurück und er realisierte, dass er sich an Bord einesriesigen Sternenschiffes befand. Schließlich ließ sich sogar die hübsche Krankenschwesteran seinem Lager sehen und begrüßte ihn mit einem freund-lichen Lächeln. »Hallo, Flavius!«, sagte sie leise und strich ihm über dieHand. Der junge Mann lächelte zurück und war froh, siezu sehen.Auf die aus dem Kälteschlaf erwachten Soldaten wartete inden folgenden Wochen ein umfangreiches Sportpro-gramm. Kleitos war inzwischen auch aus seiner ersten Kälte-schlafphase erwacht, während Flavius die Zeit bis zudessen Wiedererweckung bereits mit intensivem Krafttrai-ning oder zielloser Nichtstuerei totgeschlagen hatte. Jetztwaren es nur noch ein paar Monate, bis die Kriegsflottedas Proxima Centauri System erreichte. Noch immer einelange Zeit, aber der schlimmste Teil des Hinfluges wargeschafft. Princeps hatte Eugenia in den letzten Wochen nochmehrfach gesprochen und wenn er ehrlich war, stellte dieHoffnung, die hübsche Frau aus Midheim zu sehen, seitseiner Wiedererweckung stets das interessanteste Ereignisdes Tages dar. 213
  • Für morgen hatten sie sich in einer der Bars im mittlerenBereich des Sternenschiffes verabredet. Flavius konnte eskaum erwarten, sich einmal länger mit Eugenia zu unter-halten und musste zugeben, dass der Raumflug zumindestin diesem Punkt auch eine gute Seite hatte. Heute jedenfalls war er mit dem Aufzug in die oberenDecks der Polemos gefahren, um seinen Freund Kleitos zubegrüßen, welcher noch immer in einem der Ruheräumeausharrte. Der Rekrut stellte sich ganz nah an Jarostow heran undlächelte auf ihn herab, während dieser ihm benommenzublinzelte. Die starken narkotischen Wirkstoffe im Blutdes Kameraden würden erst in einer Woche ganz abgebautsein, hatte ihm ein Arzt erklärt. Flavius selber wusste, wiesich sein Freund fühlen musste. »He, Alter! Wie geht es dir?«, flüsterte ihm Princeps leiseins Ohr. »Hmmm …«, murrte Kleitos und krallte sich an seinenKissen fest. »Ich bin es! Dein Freund Flavius!«, erklärte dieser undlegte seine kühle Hand auf Kleitos` Stirn. »Princeps…Flavius Princeps…«, murmelte der jungeSoldat und grinste weggetreten. »Ja, genau! Du bist wieder unter den Lebenden! Es istalles klar!« »Alles klar…«, kam leise zurück. Flavius verschwand kurz und kam mit einem isotonischenGetränk zurück. »Hier, Kleitos! Nimm einen Schluck! Du brauchst jetztviel Flüssigkeit.« »Ja, ja …«214
  • Der aus dem Tiefschlaf zurückgekommene Rekrut ergriffden Becher mit zitternden Fingern und gab ein erschöpftesSchnaufen von sich. »Danke, Flavius!«, hauchte er dann und fiel müde auf diePritsche zurück. »Lassen Sie ihn jetzt bitte noch eine Weile liegen, Soldat.Ich fürchte, dass Sie ihn zu sehr anstrengen«, hörtePrinceps einen Arzt hinter sich sagen. Der Rekrut verabschiedete sich von Kleitos und ließ dieRuhekammer hinter sich. Bald würde sein Kamerad wiederauf den Beinen sein und ihm als Freund und Gesprächs-partner zur Verfügung stehen, dachte er sich. Irgendwiewürde er das hier alles schon überstehen. Als Flavius durch die Korridore des Schiffs schlenderte,lief ihm Zenturio Sachs über den Weg und grüßte ihnfreundlich. »Na, warst du bei den Schläfern oben, Junge?«, fragte ergrinsend. Princeps nickte und erzählte dem Offizier von seinenEindrücken. »Der Kriegseinsatz wird viel schlimmer, Junge!«, war alles,was Manilus Sachs dazu zu sagen hatte. »Ich habe heutedie neuesten Nachrichten von Thracan gehört. Dieseverdammten Rebellen haben den Raumhafen von Remayerobert. Offenbar verfügen sie jetzt auch über Raumschif-fe…« Flavius traute seinen Ohren nicht. »Wie bitte? DenRaumhafen?« »Ja! Das kam heute als offizielle Botschaft von Terra überdas interstellare Kom-Netzwerk. Es ist wirklich wahr. Ichkonnte es auch kaum glauben.« 215
  • »Was ist mit der Hauptstadt selbst?« Sachs überlegte. »Die wird vermutlich belagert. Ich weißes auch nicht genau. Darüber wurde nichts berichtet!« »Das hört sich aber gar nicht gut an, Zenturio. Werdenunsere Streitkräfte denn überhaupt ausreichen, um dieseRebellion niederzuschlagen?« Der Offizier zuckte mit den Achseln und klatschte in dieHände. »Wir werden es sehen, wenn wir auf Thracanankommen. Scheinbar haben die planetaren Streitkräftedes stellvertretenden Gouverneurs schon einige Niederla-gen gegen die Rebellen hinnehmen müssen. Das vermuteich jedenfalls, sonst wären diese Hunde wohl nicht bis vordie Tore Remays gekommen, was?« »Was wurde denn noch berichtet?« »Ach, Junge! Ich kann es dir doch auch nicht im Detailsagen. Da musst du schon Aswin Leukos fragen. Unshaben sie jedenfalls nur von der Sache mit dem Raumha-fen berichtet!« Sachs verschwand und stiefelte den Gang breitbeinighinunter, während Flavius mit einem mulmigen Gefühl imMagen zurückblieb. Der junge Aureaner fuhr mit dem Aufzug in eines derunteren Decks hinab und kam nach einem längeren Fuß-marsch durch die endlosen Korridore zu dem Gang, inwelchem die Gemälde und Porträts der alten Imperatorenhingen. Gedankenverloren betrachtete er sie noch einmal undblieb dann vor dem ersten der Bilder stehen. Es stellte denmystischen König der Urzeit, Artur den Großen, dar. Flaviusbohrte seinen Blick in das Ölgemälde, welches wohl erstJahrtausende nach diesem berühmten Herrscher angefer-216
  • tigt worden war. Natürlich war dieses Exemplar keinOriginal, sondern nur eine Kopie. Das echte Ölgemäldehing vermutlich im Museum von Asaheim oder einemehrwürdigen Archivatorenzentrum irgendwo im GoldenenReich. Ob Artur der Große tatsächlich so ausgesehen hatte, konnteer nicht beurteilen. Auf diesem Bild hatte er jedenfallsfeines, blondes Haar und ein edles, schmales Gesicht mitwachen hellen Augen. Der Maler des Porträts hatte ihmsogar einen Heiligenschein verpasst. Unter seinem Bildnisbefand sich eine kleine Titanplatte, auf welcher folgenderText eingraviert war:»Ich bin Artur der Große! Der von Gott erwählte Herrscherüber die Völker des Lichts! Artur der Große, der das alte Reich in seiner Herrlichkeiterrichtet hat. Artur der Große, Sohn des Göttlichen und Verkünderseines Willens. Artur der Große, der die Stadt Hyperboreia erbauen ließ. Artur der Große, der die Lichtgeborenen errettet hat. Artur der Große, der mit einem silbernen Schiff den Marsbereisen ließ. Artur der Große, der in der Schlacht um Hyperboran ge-siegt hat. Artur der Große, der die Steinstädte von Russan errichtenließ. Artur der Große, der die Steinstädte von Teudalan errichtenließ. Artur der Große, der die Steinstädte von Canamerica mitHimmelsfeuer verbrannte. 217
  • Artur der Große, der die Steinstädte auf den Inseln vonAngla zerstört hat. Artur der Große, der den Geist der Aureanerkaste erweckthat. Artur der Große, der unfehlbare, göttliche und weise Erlö-ser der Schaffenden und Treuherzigen. Sein Name ist heilig, sein Reich ist gekommen, sein Willeist geschehen, im Auftrag des Himmels für uns Lichtkinderauf Erden.« (»Das Hohelied vom Heiligen Kistokov« von HieronymusVurba aus dem Jahre 711 nach Roger Thulmann) Flavius musste angesichts der alten Sprache und der auseiner vergangenen Epoche stammenden Bezeichnungender Länder und Kontinente Terras schmunzeln. Er war nur ein Zahnrad in einer Maschinerie von Herr-schaft, Macht und Krieg, die schon durch die Jahrtausendegewandert war. Und so wie sich an den gewöhnlichenSoldaten eines Artur des Großen oder eines Gutrim Malogorschon nach kurzer Zeit niemand mehr erinnern konnte, sowürde es auch in seinem Fall sein, wenn er auf einem derSchlachtfelder Thracans blieb …Juan Sobos hatte in der heutigen Senatssitzung eine weiterePetition an Credos Platon gestellt, in welcher er um dieEinstellung der Siedlungsmaßnahmen für ein halbes Jahrbat, damit die grundbesitzenden Familien ihre Land- undVermögensverhältnisse besser ordnen konnten. Damitversuchte er zumindest Zeit zu gewinnen, doch sein Vorha-ben scheiterte an der Entschlossenheit des jungen Archons.218
  • Der Monarch hatte inzwischen eine beängstigend großePopularität innerhalb der Bevölkerung des Goldenen Reicheserlangt und wurde von Milliarden Aureanern als Wohltätergefeiert. Das Problem der Beschäftigungslosigkeit innerhalb derobersten Kaste der Menschheit schmolz langsam wie einSchneehaufen im Frühling dahin und die mit Menschen-massen verstopften Megastädte Terras wurden durch dieSiedlungsmaßnahmen zunehmend entlastet. Auch die vielen Millionen Anaureaner, welche nun Schrittfür Schritt aus dem Goldenen Reich in ihre angestammtenHeimatregionen zurückgeschickt wurden, vermisste dergrößte Teil der Aureaner nicht sonderlich. Das alles ging jedoch auf Kosten der reichen Patriziersip-pen, welche sich trotz der Aufrufe zum Widerstand,welche Juan Sobos fast wöchentlich verkündete, immerhilfloser fühlten. Die Medienanstalten im Goldenen Reich unterstanden mitt-lerweile der Kontrolle des Imperators und einem von ihmzusammengestellten Gremium von Getreuen, was bedeute-te, dass ihre ehemaligen Besitzer, allesamt mächtige Famili-en der Nobilität, enteignet worden waren. Diese Maßnahme stellte zugleich den jüngsten Schlag insGesicht der Nobilitas dar, den Credos Platon unternom-men hatte. »Wird uns Patriziern nach ihren großartigen Reformendenn noch der Dreck unter den Fingernägeln bleiben,Majestät?«, rief Juan Sobos durch den Senatssaal und einzynisches Murmeln folgte seiner Anfrage. Der junge Kaiser lächelte gelassen und versuchte, sich vorder wieder einmal wie eine angriffslustige Tierherde ver-sammelten Optimatenfraktion keine Blöße zu geben. 219
  • »Senator Sobos! Jeder Quadratmeter, welchen ich imZuge meiner notwendigen Landreformen als Siedlungsge-biet für aureanische Familien benötigt habe, ist doch bisherordnungsgemäß seinen ehemaligen Besitzern mit Geldernaus der Staatskasse abgekauft worden, nicht wahr?«,entgegnete Platon. »Ja, mit lächerlichen Summen. Dieses Land ist weit mehrwert und das wissen Sie!«, schnaubte der Grundherr ausBraza zurück. »Keine Patriziersippe wird nach der Beendigung diesernotwendigen Maßnahmen Hunger leiden müssen. Dasverspreche ich …«, gab der Archon zurück und einigenichtoptimatische Senatoren lachten. Sobos starrte seinen politischen Gegner mit hasserfülltenAugen an und ballte seine speckigen Fäuste. »Sie beschwören ein großes Unheil herauf, wenn Sie dieEnteignungsmaßnahmen nicht sofort stoppen, Impera-tor!«, brüllte der Optimatenführer. »Es sind keine Enteignungsmaßnahmen, da sie ja alleentsprechend entschädigt werden. Was soll ich denn nochtun, Senator Sobos?«, versuchte ihn Platon zu beruhigen. »Stoppen Sie diesen Wahnsinn! Die Zeiten altaureanischerHerrlichkeit sind vorbei und es kann nicht sein, dass derNobilenstand wirtschaftlich ruiniert wird, nur weil siediesen antiquierten Ideen nachhinken!«, bellte Sobos durchdie Halle. »Sollen vielleicht lieber Milliarden Aureaner langsamruiniert werden? Soll unsere ganze Kaste vielleicht lieberruiniert werden? Unser ganzes Imperium?«, keifte derArchon wütend zurück.220
  • Nun schrieen Hunderte von Senatoren wild durcheinan-der und die Angehörigen der verschiedenen Fraktionenstanden kurz davor, sich die Köpfe einzuschlagen. »Mich interessiert dieser verfluchte Aureanerpöbel nicht!«,grollte Juan Sobos und hämmerte mit den Fäusten auf dieLehne seines Stuhles. Nun kochte auch in Credos Platon die Wut auf und ersprang wie ein Panther aus seinem Thronsessel. »Gut, dass Sie so offen sagen, was Ihnen ihre Kastenge-nossen bedeuten, Senator! Es ist eine Schande, dass Sieüberhaupt in einem solchen Gremium sitzen dürfen.Freunde und Berater des Imperators ward ihr Senatoreneinst und hattet euch dem Wohl der aureanischen Kasteverpflichtet, die euch all den Reichtum und die Machtüberhaupt erst gebracht hat. Wie viele Reiche sind an diesem selbstsüchtigen Denkenschon zu Grunde gegangen? Wie viel Großes, dass dieAhnen mit Schweiß und Blut erkämpft haben, wurdedadurch wieder leichtfertig zu Grunde gerichtet?« »Das ist altaureanisches Geschwätz, Bursche!«, fauchteSobos und stand von seinem Platz auf. Platons Kinnlade sank nach unten und er riss die Augenauf. »Was? Wie bitte? Haben Sie mich eben als »Bursche«bezeichnet, Senator Sobos?« Der korpulente Patrizier ging aus dem Saal und beachteteden wütenden Imperator nicht. »Kommen Sie zurück, Sobos! Ich befehle es! KommenSie runter zu mir!«, schrie ihm Platon hinterher und waraußer sich vor Zorn. Einige Minuten später schleiften einige Wachen denschimpfenden Senator auf Befehl des Kaisers die Stufen 221
  • des Senatorensaals hinunter und stießen ihn Credos Platonvor die Füße. Jetzt herrschte in der ganzen Halle einegespenstische Ruhe und keiner der Senatoren wagte esmehr, einen Laut von sich zu geben. »Haben Sie mich tatsächlich als »Bursche« bezeichnet,Senator Sobos?«, herrschte ihn der junge Monarch an. Der Grundherr aus Braza schwieg und warf ihm nureinen giftigen Blick zu. »Sie sind hiermit für ein Jahr aus dem Senat von Asaheimausgeschlossen, Senator Sobos! Haben Sie das verstanden?Und wenn Sie mir noch einmal eine derartige Unhöflich-keit entgegenbringen, dann lasse ich Sie öffentlich auspeit-schen, danach vollständig enteigenen und schicke Sie dannauf irgendeinen Kolonieplaneten an der äußersten Grenzemeines Sternenreiches. Dann beweise ich Ihnen, wie sehr mir die altaureanischenTraditionen am Herzen liegen! Ich habe Sie schon einmalgewarnt, Sobos!«, schrie der Archon und hielt seinemRivalen den Zeigefinger wie einen kampfbereiten Speervor die Nase. Juan Sobos fletschte grimmig die Zähne, schluckte aberdie nächste Dreistigkeit hinunter. »Verschwinden Sie jetzt, Senator! Ich möchte Sie ein Jahrlang nicht mehr sehen!«, zischte Platon, während sich derschwerfällig schnaufende Grundherr aufrichtete und wieein getretener Köter von zwei Wachsoldaten aus demSenatssaal geführt wurde.222
  • Ankunft auf ThracanFlavius hatte vor einigen Tagen einen netten Abend vollerkleiner Späße und langer Unterhaltungen mit Eugeniaverbracht. Seine Laune war dadurch deutlich verbessertworden und seitdem lief er, den Umständen entsprechend,recht zufrieden durch die Gänge der Polemos. Es gefiel ihm zwar auf dem riesigen Sternenkreuzer des-halb noch lange nicht, aber die Tatsache, dass sich dienette, hübsche Frau aus Midheim hier an Bord befand,machte den Raumflug wesentlich erträglicher. Der heutige Tag war von einem intensiven Sportpro-gramm bestimmt, denn das Oberkommando der Legionerachtete es als äußerst wichtig, dass die aus dem Tiefschlaferweckten Soldaten wieder körperlich auf Vordermanngebracht wurden. So mühten sich Flavius und Kleitos schon seit fast einerStunde mit irgendwelchen Laufübungen ab. Immer unterder Aufsicht ihres grimmigen Ausbilders. »Bewegung! Bewegung!«, schrie Zenturio Sachs undmusterte seine Truppe, die unentwegt von einem Ende derkleinen Sporthalle zum anderen rannte. Princeps betrachtete einen der Berufssoldaten vor sich.Der Mann sah aus, als hätte man ihm seine Muskeln miteiner Luftpumpe aufgeblasen. Der Legionär hatte immensbreite Schultern und war fast zwei Meter groß. »Was für eine Kampfsau«, dachte sich Flavius. Und dieser Soldat war nicht der Einzige, dessen Körpernach jahrelangem Training und sicherlich auch der einenoder anderen genetischen Muskelmanipulation derartige 223
  • Ausmaße erlangt hatte. Viele der älteren Legionäre warenebenfalls furchterregende Muskelprotze. »Stop!«, brüllte Sachs jetzt und stellte sich vor seineKämpfer. »Gehen wir heute noch in den Kraftraum, Zenturio?«,fragte einer der Berufssoldaten dazwischen. Der Offizier winkte ab. »Das könnt ihr freiwillig machen,wenn ihr Lust dazu habt. Offiziell steht nur Laufen aufdem Programm!« »Stellt euch hinter die Linie! Wir fahren mit einer Sprint-übung fort«, erklärte Sachs und grinste. Die Truppe Legionäre nahm Aufstellung und der Zentu-rio fasste jeweils fünf Mann zu einer Gruppe zusammen. »Wettrennen! Bis zum Ende der Halle!« Sachs kramte eine Trillerpfeife aus seiner Hosentascheund postierte sich neben seinen Männern. Ein schriller Pfiff ertönte und die ersten fünf Soldatenrasten so schnell sie konnten über das Übungsfeld. »Verdammt! Schleicht doch nicht wie alte Omas!«,schimpfte ihnen Sachs nach und setzte dann wieder einhämisches Grinsen auf. Kleitos hatte sich neben Flavius hinter die Aufstellungsli-nie begeben und knuffte diesem mit dem Ellbogen in dieSeite. »Was ist denn?«, murrte Princeps. »Sieh mal! Dort oben! Wir haben Besuch!«, sagte Kleitos. Am anderen Ende der Sporthalle war jemand durch einekleine Tür hereingekommen und hatte sich auf eine Bankgesetzt. Es war Eugenia Gotlandt. »Was macht sie denn hier?«, flüsterte Flavius und winkteder jungen Frau verhalten zu.224
  • »Offenbar hast du einen Fan«, antwortete Kleitos miteinem Schmunzeln. Nach einigen Minuten waren die beiden Rekruten an derReihe und Zenturio Sachs gab ihnen mit einem lautenPfeifen das Signal zum Lossprinten. Flavius nahm all seine Energie zusammen und raste wieein Verrückter. Eugenias Anwesenheit beflügelte seinenEhrgeiz. Blitzartig schoss Princeps an Kleitos und drei weiterenBerufssoldaten vorbei und ließ sie hinter sich. Mit einemgehörigen Vorsprung erreichte er als Erster die Wand amanderen Ende der Sporthalle und stieß einen triumphie-renden Schrei aus. »Mensch, kannst du rennen!«, schnaufte Kleitos hinterihm. »Der Junge hat gewonnen! Gut! Alle Sieger der Fünfer-gruppen treten nachher noch einmal gegeneinander an«,rief Zenturio Sachs, während Flavius langsam zu denanderen Soldaten zurücktrottete. Verlegen drehte er sich um und blickte zu Eugenia her-über. Die schöne Krankenschwester lächelte ihm zu undhob ihren Daumen in die Höhe. Nun kam Sachs zu Flavius herüber und trug diesmal einnoch breiteres Grinsen im Gesicht als sonst. »Der Junge, der die Aliens gesehen hat, ist der Gruppen-sieger! Hört! Hört!«, murmelte er Princeps zu. Dieser versuchte irgendwie freundlich zu sein und be-mühte sich, dem Ausbilder ebenfalls ein kurzes Lächelnzurückzugeben. Es ging noch eine Weile mit den Sprintübungen weiterund Eugenia hatte es sich mittlerweile auf der kleinen 225
  • Sitzbank gemütlich gemacht. Flavius gewann noch einweiteres Rennen und musste sich erst relativ spät gegeneine Gruppe durchtrainierter Berufssoldaten geschlagengeben. Sicherlich war Eugenia stolz auf ihn, dachte er sich. Nachdem Training verschwand sie jedoch, ohne ihn anzuspre-chen. Vermutlich hatte sie nur länger Pause gehabt undmusste nun wieder zurück zu ihrer Dienststelle. Flavius war jedenfalls froh, dass sie an ihn gedacht hatteund freute sich drauf, die Krankenschwester möglichstbald wiederzutreffen. »Ich will diesen Bastard endlich tot sehen!«, knurrte JuanSobos und schritt vor Rodmilla Curow ungehalten auf undab. Die Meuchelmörderin versteinerte ihre Miene und ver-schränkte ihre hageren Arme vor der Brust. Dann antwor-tete sie: »Das ist nicht mal eben erledigt, Herr Senator! Ichhabe mich inzwischen unter die vielen Bediensteten imArchontenpalast gemischt und das Vertrauen einigerOberservitorinnen gewonnen. Trotzdem kann ich nichteinfach in die inneren Gemächer spazieren und Platonumbringen. So etwas erfordert eine lange und gewissenhaf-te Vorbereitung.« »Und wann können wir denn mit dem Tod dieses kleinenHurensohns rechnen?«, zischte der Optimatenführer. »Das kann ich nicht sagen! In den nächsten Monatenwerde ich versuchen, in den inneren Kreis zu gelangen.Meine Bewerbung als Dienstdame für diesen Bereich desArchontenpalastes läuft, aber ich muss strenge Sicherheits-kontrollen über mich ergehen lassen«, erklärte Rodmilla.226
  • »Meine Leute haben Ihnen doch eine perfekt gefälschteIdentität verschafft, oder? Dann muss das doch möglichsein!« »Ja, ist es auch, aber nicht von heute auf morgen! Es gehtdoch darum, keinen Verdacht zu erwecken, Herr Senator.Wenn Sie jetzt ungeduldig werden und drängen, danngefährden Sie meinen Auftrag«, warnte die Assassinin. Der Grundherr aus Braza fauchte einen üblen Fluch undbäumte sich dann vor der schlanken Frau auf. »Wenn Platon verreckt ist, dann werde ich der neue Im-perator des Goldenen Reiches! Das ist bereits so gut wiesicher und große Teile der Senatorenschaft werden michdabei unterstützen. Es geht hier um unser aller Vermögen,verstehen Sie das eigentlich nicht?« »Doch, natürlich!« »Also! Wir bezahlen Sie nicht so fürstlich, damit Sie ihreZeit vertrödeln. Wir verlieren mit jedem neuen Tag Un-summen! Damit das klar ist!« »Sicherlich! Das ist mir bewusst! Dennoch…« »Ich ertrage diese Ausflüchte nicht mehr. Wir zahlenIhnen auch noch einige Millionen drauf, wenn Sie diesenHund endlich ausschalten!«, raunte Sobos voller Jähzorn. »Er wird dieses Jahr nicht überleben! Ich gebe Ihnen meinWort darauf, Herr Senator!«, gab Rodmilla zurück. Der Optimatenführer zog seine wulstige Unterlippe nachoben und klatschte in die Hände. Nervös zog er sich dieFalten seiner Toga gerade und murrte einige unverständli-che Satzfetzen. »Gerne würde ich Credos Platon persönlich mit einemDolch von oben bis unten aufschlitzen! Dieser überhebli-che, kleine Drecksack! Dann würde ich ihm sein hämisches 227
  • Lachen mit einer scharfen Flexklinge erweitern…«, wetter-te Sobos. »Sie hassen ihn aus tiefstem Herzen, nicht wahr?« »Oh, ja! Darauf können Sie wetten, Fräulein Curow!« »Aber er ist mutig. Das muss man ihm lassen!«, gab dieAuftragsmörderin zurück. Juan Sobos Blick schoss wie ein Pfeil an ihrem Kopfvorbei und der korpulente Senator kniff die Augen zu-sammen. »Bewundern Sie ihn etwa?« »Nun, er hat Schneid! Aber das interessiert mich nicht. Erwird sterben, egal ob ich ihn bewundere oder nicht…« »Er hat sein Ende selbst heraufbeschworen, als er denNobilenstand angegriffen hat!«, brummte der Grundherr. Rodmilla lächelte sarkastisch. »Wer sich mit den Patrizier-sippen anlegt, den kann man doch nur aufgrund seinesMutes bewundern, oder nicht?« »Tun Sie, was Sie wollen! Aber töten Sie ihn!«, grollteSobos. »Ich habe beschlossen, den Imperator mit einigen toxi-schen Nanosonden ins Jenseits zu befördern«, bemerkteFräulein Curow. »Sie wollen ihn vergiften?« »Ja!« »Nanosonden sind eine gute Idee! Dann sieht es wie einHerzstillstand aus!« »So ist es, Senator.« »Beeilen Sie sich aber mit der Sache. Ihnen wird einegroße, zusätzliche Vergünstigung winken, wenn Sie es inBälde schaffen«, sagte Juan Sobos mit einem gönnerhaftenGrinsen.228
  • »Wie ich schon sagte. Credos Platon wird dieses Jahrnicht überleben. Ich gebe Ihnen mein Wort, Senator!«,erwiderte die Auftragsmörderin.Drei lange Monate an Bord der Polemos waren inzwischenvergangen und Flavius ärgerte sich, dass er bei Bewusstseinwar. Er musste dem Kälteschlaf mittlerweile auch seinepositiven Seiten zu Gute halten. Die Markanteste davonwar, dass er das Denken abschaltete und den Raumreisen-den für Monate und Jahre, ohne dass er von Grübeleiengequält wurde, in einen Zustand völliger Gedankenlosig-keit einbettete. Die Kälteschlafphase des Hinfluges hatte Flavius jeden-falls überstanden und er musste sich eingestehen, dass dasRuhen in einer Schlafkammer vielleicht gar nicht dasSchlechteste war. Das »Nichtdenken« hatte wirklich seineVorteile, wenn man jahrelang in einem gigantischen Blech-kasten, umgeben von Schwärze und Vakuum, eingesperrtwar. »Der Mensch ist nicht für solche Weltraumflüge ge-macht«, hatte ihm Offizier Sachs, welcher inzwischenoffenbar selbst unter den üblichen Depressionen undklaustrophobischen Ängsten eines Astronauten litt, voreinigen Tagen erklärt, als sie sich noch einmal in einer Barüber den Weg gelaufen waren. Eugenia Gotlandt hatte der junge Aureaner jetzt schondrei Wochen lang nicht mehr gesehen. Offenbar arbeitetesie mittlerweile im vorderen Teil des Schlachtschiffes undwar demnach nicht mehr so häufig in seinem Bereichanzutreffen. Gelegentlich schickte er ihr eine Kurznach-richt mit seinem Kommunikationsboten, denn erfreuli- 229
  • cherweise hatte die hübsche Krankenschwester ihm ihreKontaktdaten zukommen lassen. Kleitos war zum Glück meistens an seiner Seite und zogmit Flavius täglich auf ein Neues durch das Sternenschiff.Vorgestern waren sie aus lauter Langeweile bis in die Näheder Maschinenräume gelaufen, wo sie erstmals ein paarAndroiden gesehen hatten. Diese »Kunstmenschen«wurden besonders gerne als Hilfskräfte im Bereich dergroßen Schiffsreaktoren eingesetzt und waren ein rechtexotischer Anblick. Auf Terra wurden diese Roboter seit etwa zwei Jahrhun-derten in Arbeitsbereichen verwendet, welche für Men-schen unangenehm oder gefährlich waren. Ihre Entwick-lung, so hieß es, steckte jedoch noch in den Kinderschu-hen und einige Wissenschaftler des Goldenen Reiches träum-ten sogar davon, eines Tages einen Eisernen Menschen zuerschaffen, also einen Androiden mit so ausgereifterkünstlicher Intelligenz, dass er dem echten, fühlendenMenschen zum Verwechseln ähnlich war. Ob es jemals dazu kommen würde, stand allerdings in denSternen und noch war so etwas lediglich ein Wunschtraumeiniger übereifriger Erfinder und Denker. »Noch etwas über vier Monate, dann haben wir es ge-schafft«, stöhnte Kleitos und schlurfte genervt den Gangentlang. »Ich habe so die Schnauze voll! Gestern hatte ich wiedereinen schrecklichen Alptraum. Vor meinem geistigen Augebin ich in die Tiefen des Weltraums herabgesunken. So einelender Scheiß!«, murrte Flavius. »Es geht mir inzwischen auch nicht anders. Einer ausmeiner Schlafkammer ist vor einigen Tagen komplett230
  • durchgeknallt, weil er Platzangst bekommen hat. Der warmitten in der Nacht aufgeschreckt und ist dann wirresZeug brabbelnd im Zimmer herumgetorkelt. Plötzlich finger an, einen anderen Soldaten anzugreifen. Er hat ihn sogarin den Bauch gebissen! Diese ganzen Sachen nehmen zu, jelänger dieser verdammte Flug andauert«, meinte Kleitos. »War das auch ein Rekrut?« »Nein, sie haben uns gesagt, dass der Mann eigentlichschon vier Raumflüge hinter sich hat und seit siebenJahren in der Legion ist. Aber selbst die erfahrenen Solda-ten sind vor solchen psychischen Zusammenbrüchen nichtsicher…« »Tja, nur weil ich schon einmal im Weltraum war, heißtdas auch nicht, dass ich keine Angst mehr davor habe. ImGegenteil, es hat sich alles nur noch verschlimmert.« »Aber den Tiefschlaf hast du gut überstanden, Flavius!Hätte ich nicht gedacht!« »Ich wundere mich selbst, aber man gewöhnt sich offen-bar an mehr, als man denkt.« Kleitos grinste vielsagend und lenkte das Gespräch aufein erfreulicheres Thema. »Was macht denn die süße Krankenschwester?« Flavius verdrehte die Augen. »Hmm, die ist jetzt irgendwoim vorderen Teil der Polemos. Ich muss mich noch einmalbei ihr melden.« »Vielleicht kannst du sie mal rumkriegen. Du weißt schon,was ich meine, Alter«, meinte Jarostow. »Das geht bei der nicht so einfach. Die ist eine ganzAnständige. Als ich mit ihr in der Bar war, hat sie nicht denAnschein gemacht, als könnte man sie eben mal flachle-gen…« 231
  • »So ein Mist aber auch, was?« »Spinner!« Freund schaute auf die Uhr. »Wir müssen gleich zumSport, Flavius!« »Auch das noch!«, stöhnte Princeps. »Wir treffen uns nachher im Warteraum auf Deck VI. Ichhole mal eben meine Sachen, bis gleich!«, sagte der Kame-rad und hastete zum Aufzug. Flavius folgte ihm wortlos. Der terranische Imperator hatte derweil den Höhepunktseiner Popularität erreicht. Milliarden Aureaner jubeltenihm zu und häufig war Credos Platon bei der Ansiedelungaureanischer Familien persönlich vor Ort, um seine Erfol-ge zu begutachten. Mittlerweile waren auch große Gebieteim Zentrum von Canmergia ihren patrizischen Besitzernweggenommen und neuen Siedlern zur Verfügung gestelltworden. So reisten jeden Tag mehr und mehr junge Aureaner mitihren Kindern an, um sich auf den ihnen zugeteiltenLandparzellen niederzulassen. Die gewöhnliche Siedlerfamilie bekam ein kleines Haus,welches innerhalb weniger Tage von Baumaschinen ausdem Boden gestampft wurde, und ein dazu gehörendesStück Feld. Auf einer derartigen Landparzelle zu leben, warein ganz anderes Gefühl, als in einem engen Habitatskom-plex hausen zu müssen. Zudem konnte man dort auchselbst Nahrungsmittel anbauen und war nicht mehr vonden Großgrundbesitzern abhängig. Die Medien des Goldenen Reiches veranstalteten derweileine große Kampagne, in der die Landreform des Kaisersangepriesen wurde. Millionen um Millionen Aureaner232
  • verließen die verstopften Großstädte und zogen mit ihrenKindern in die leerstehenden, ländlichen Regionen. Alles in allem war das globale Siedlungsprojekt des Kai-sers ein gewaltiger Erfolg, und, da der Archon inzwischenvon Milliarden Aureanern unterstützt wurde, fiel es seinenGegnern im Senat immer schwerer, Widerstand zu leisten. Juan Sobos fürchtete, dass Platon dem Stand der Groß-grundbesitzer vielleicht doch noch wirtschaftlich dasRückgrat brechen konnte, wenn er nicht schnellstensbeseitigt wurde. Der junge Monarch hatte seine Getreuen und ihn jeden-falls mit seiner Entschlossenheit mehr überrumpelt, als siesich eingestehen wollten. Mit jedem verstreichenden Taggewöhnten sich mehr und mehr Aureaner an die neuenGegebenheiten und hießen sie gut. Etwas Schlimmereskonnte den Optimaten überhaupt nicht passieren. So konspirierten die politischen Gegner Platons fieberhafthinter verschlossenen Türen und hofften darauf, dass derverhasste Archon nun doch zeitnah einem Attentat zumOpfer fallen würde. Juan Sobos hatte inzwischen auch Kontakt zu einigenterranischen Generälen aufgenommen und diese mitmassiven Bestechungen auf seine Seite gezogen. DerGrundherr aus Braza versprach den korrupten Heerfüh-rern umfangreiche Privilegien und gewaltige Reichtümer,wenn sie ihn bei seinem politischen Umsturz unterstützten. Doch noch war die Zahl jener Soldatenführer, die sichkaufen ließen und ihrem Imperator offen den Rückenzukehrten, zu gering. Der in den Augen von Juan Sobosschlimmste, also loyalste, Feldherr Terras, Aswin Leukos,war aber glücklicherweise nicht auf der Erde, um den 233
  • Zersetzungsversuchen der Optimaten in den Reihen derLegionen Einhalt zu gebieten. Der Oberstrategos war Credos Platon nicht nur treuergeben, sondern liebte und verehrte den Imperator undwar bereit, ihm bei all seinen Vorhaben zu folgen. Leukoswar ein Altaureaner bis ins Mark und absolut nicht käuflich.Das wussten die optimatischen Verschwörer nur zu gut unddaher musste auch er eines Tages ausgeschaltet werden –genau wie der Imperator selbst.Der oberste Feldherr von Terra studierte mit Entsetzen dieneuesten Meldungen vom Planeten Thracan, welchesoeben eingetroffen waren. Um ihn herum hatten sich vierweitere Offiziere seines Führungsstabes versammelt, dieebenfalls ungläubig auf die Bilder und Berichte, welche vonden Sensoren der Ultimus vor einigen Stunden aufgefangenworden waren, starrten. Die Meldungen trugen das elektronische Siegel des Impe-rators und waren der Raumflotte offenbar von Terra ausnachgeschickt worden. Das war alles recht verwirrend. »Teile von Remay sind von der Rebellenarmee, die vonUPC-Mitgliedern angeführt wird, zerstört worden. Derstellvertretende Statthalter Poros hat einen verzweifeltenHilferuf nach Terra gesandt. Wir sollen so schnell wiemöglich nach Proxima Centauri fliegen und unsere Reakto-ren voll auslasten«, murmelte Leukos und fummelte nervösan seinem Mantel herum. »Dann muss diese Rebellenstreitmacht wirklich gewaltigsein, wenn sie sogar schon die Hauptstadt des Planetenbedroht«, meinte einer der Legionsführer.234
  • »Haben wir denn von Thracan selbst noch keine Nach-richten erhalten? Sie wissen doch, dass wir im Anflugsind!«, wunderte sich ein anderer Offizier. »Nein, bisher nicht!«, antwortete Leukos und sah nach-denklich über die Kommandobrücke. »Warum kommtdiese Nachricht von Terra? Ich verstehe das alles irgendwienicht!« »Ist Magnus Shivas denn inzwischen der neue Statthalter,Herr Oberstrategos?« »Ja, ich denke schon. Der Befehl des Imperators müssteThracan inzwischen erreicht haben.« Aswin Leukos ließ seine Offiziere auf der Kommando-plattform allein und eilte mit wehendem Mantel davon. Nun, so dachte er sich, wollte er selbst Kontakt mit demStatthalter von Thracan aufnehmen, um sich über diegenauen Geschehnisse auf dem Planeten Auskunft gebenzu lassen. »Warum haben wir bisher noch nichts von den Thracanaiselbst gehört?«, murmelte er leise vor sich hin. Der führende General des Goldenen Reiches zog sich inseine Kabine zurück und studierte einige Karten desProxima Centauri Systems. Zwischendurch fiel ihm einemögliche Antwort ein. Vielleicht war das Unmöglicheeingetreten und die Rebellen hatten inzwischen nicht nurRemay erobert, sondern auch den Statthalter und seineGetreuen ermordet. Hatten sie etwa schon den gesamtenPlaneten in ihrer Gewalt und blockierten die Kommunika-tionskanäle? Das war wirklich eine gewagte Vorstellung, aber die Er-eignisse ließen diese schreckliche Vermutung nicht un-wahrscheinlich erscheinen. 235
  • War dieser politisch so bedeutsame Planet einfach voneiner riesigen Rebellion überrannt worden? Nein, daskonnte nicht sein. Dazu hatten weder diese mysteriösenUPC-Terroristen, noch irgendwelche aufständischenSlumbewohner die militärischen Mittel. Oder etwa doch? Aswin Leukos kam vor Sorge an diesem Tag nicht mehrzur Ruhe und brütete einen Schlachtplan nach dem ande-ren aus, um seinen aureanischen Brüdern auf Thracan sogut es ging zu helfen… Nach sechs realen Jahren und zwei Monaten erreichten dieterranischen Schlachtschiffe und die sie begleitendenRaumkreuzer das Proxima Centauri System. Eine ocker-gelb leuchtende Sonne begrüßte die Reisenden und hinterdem flackernden Gestirn konnte man das Doppelsternsys-tem von Alpha Centauri erkennen. Die Sternenschiffe hatten ihre hohe Geschwindigkeit indieser letzten Phase des Fluges Schritt für Schritt gedros-selt und nun glitten sie fast gemächlich durch den Raum,während sich vor den Augen der jubelnden Schiffsbesat-zung das Sonnensystem von Proxima Centauri ausbreitete. Thracan, der wie die Erde den dritten Planet dieses Sys-tems darstellte, war schnell erreicht und der Himmelskör-per schimmerte in einem bräunlich-grünen Schein. InRichtung der Sonne befanden sich die Planeten Ardor undCrixus, wobei Letzterer der dem Zentralgestirn zugewand-te Nachbar von Thracan war. Crixus hatte eine feuerrotanmutende Oberfläche und war ebenfalls mit großenmenschlichen Städten bedeckt. Der vierte Planet des Systems, Glacialis, war ein Him-melskörper voller Meere und Eiswüsten, welcher auch236
  • schon vor Jahrtausenden von terranischen Kolonistenbesiedelt worden war. Zwischen Glacialis und Crixus befand sich Thracan, daswirtschaftliche und politische Zentrum Proxima Centaurisund auch der nächstgelegenen Sonnensysteme. Dort lebtenetwa 17 Milliarden Menschen, was diesen Planeten zu einerder wichtigsten Kolonien des Goldenen Reiches überhauptmachte. Die fünf übrigen Planeten, welche um das Zentralgestirnkreisten, waren weniger bedeutsam. Drei von ihnen warenGasriesen und lediglich auf ihren Monden befanden sicheinige Mienen oder kleinere Flottenstützpunkte. Dieanderen beiden waren kalte, tote Welten ohne nennens-werte Besiedlung. Ardor, der von der Sonne aus gesehen erste Planet desSystems, befand sich zu nahe an ihr, um ihn für Menschenbewohnbar zu machen. Scherzhaft bezeichneten ihn dieThracanai deshalb auch als »Kochtopf«. Aswin Leukos hatte inzwischen Kontakt zu MagnusShivas, dem neuen Statthalter von Thracan aufgenommenund sich über weitere Einzelheiten bezüglich der Verhält-nisse auf dem Planeten in Kenntnis setzen lassen. Magnus Shivas hatte erst vor wenigen Monaten die Nach-richt erhalten, dass Imperator Credos Platon ihn zumneuen Statthalter ernannt hatte. Bis zu diesem Zeitpunkthatte Nero Poros, als offizieller Stellvertreter des ermorde-ten Cyril Spex, die Regierungsgewalt in Händen gehabt. Wütend und enttäuscht hatte Poros seinen Posten ge-räumt und stand Magnus Shivas seitdem mit unübersehba-rem Neid gegenüber. Der neue Herrscher von Thracanwar jedenfalls als Nobile mit ebenfalls sehr altaureanischer 237
  • Gesinnung bekannt, weshalb ihn Credos Platon auch zumNachfolger von Cyril Spex bestimmt hatte. Magnus Shivas versicherte dem Oberstrategos von Terranun eindringlich, dass weder die Hauptstadt des Planetenvon anaureanischen Rebellen belagert wurde, noch sonstirgendwo Kämpfe tobten. Aswin Leukos und sein Führungsstab reagierten verwirrtauf diese Nachrichten, hatten sie doch vollkommen gegen-teilige Vorstellungen von den Geschehnissen im ProximaCentauri System gehabt. Schließlich tauchten die imposanten Lictor Schlachtschiffeund die der Flotte folgenden Versorgungskreuzer durchdie Atmosphäre Thracans nach unten und landeten ohnejede Zwischenfälle nahe der planetaren Hauptstadt Remay. Von Rebellen, welche den Raumhafen besetzt hieltenoder den anrückenden Schlachtkreuzern von Terra gareigene, erbeutete Kriegsschiffe entgegenschickten, warnichts zu sehen. Vielleicht waren sie inzwischen auchwieder von den Truppen des Magnus Shivas vertriebenworden? Auf größere Kämpfe deutete jedoch nichts hin. Die Rie-senstadt Remay erstreckte sich friedlich und majestätischüber eine weite Ebene auf dem Nordkontinent des Plane-ten und irgendwelche Zerstörungen waren nicht zu be-merken. Den Legionären und den vielen Angehörigen der Schiffs-besatzungen war dieser Umstand jedenfalls egal und sogarmehr als recht, denn sie waren glücklich, dass die langeRaumreise endlich vorbei war und sie wieder festen Bodenunter den Füßen spürten.238
  • Als die Tausenden von Soldaten und Zivilisten aus denBäuchen der Kriegsschiffe ins Freie strömten, erschallteein lauter, unbeschwerter Jubel über den weiträumigenRaumhafen von Remay. »Wir sind endlich angekommen!«, rief Flavius vollerFreude, atmete tief durch und umarmte seinen FreundKleitos, während die Masse der anderen Legionäre an ihmvorbeirannte. 239
  • Verwirrung Senator Sobos war mit dem ältesten seiner zwölf Söhnehinaus zu den riesigen Plantagen im Süden von Canmerigageflogen, welche ebenfalls zu seinem beeindruckendgroßen Landbesitz gehörten. Neben diesen zwölf Söhnenhatte der Patrizier noch acht Töchter und mehrere Dut-zend uneheliche Kinder, welche er mit diversen Konkubi-nen aus der Nobilität oder auch anaureanischen Dienst-mädchen gezeugt hatte. Doch in erster Linie interessierte er sich für seinen ältes-ten, männlichen Nachkommen, welcher eines Tages seinWirtschaftsimperium erben sollte. Die übrigen seinerKinder waren ihm recht gleichgültig. Misellus Sobos trottete neben seinem Vater her undlauschte aufgeregt, was dieser ihm zu sagen hatte. DerKnabe war 17 Jahre alt und hatte den eckigen Kopf seinesVaters geerbt. Kleine hellbraune Augen lugten aus tiefenHöhlen hervor und für sein Alter war Misellus schonreichlich untersetzt. Beeindruckt betrachtete der junge Mann einige der riesi-gen Erntemaschinen, welche große Teile des vor ihmliegenden Weizenfeldes mit ihren stählernen Fühlern undGreifern bearbeiteten. Zwischen den Maschinen schritteneinige anaureanische Arbeiter umher, die sie überwachtenoder irgendwelche abgeschnittenen Halme aufsammelten,um sie in große, schwebende Behälter zu werfen. »Weißt du wie teuer so eine Erntemaschine ist, meinSohn?«, fragte Sobos seinen Jungen mit gelangweiltemGesichtsausdruck.240
  • »Nein, Vater! Ich tippe mal auf zwei Millionen VEs!«,meinte dieser. Der Grundherr lächelte. »Nein, nein! Das ist viel zu we-nig. Das kannst du locker mal drei nehmen. Dann kom-men noch Wartungskosten und so weiter dazu. DieseDinger kosten ein Vermögen und man benötigt Hundertevon ihnen für alle die Agrarsektoren …« »Sind sie so teuer?« »Ja, das sind sie!« Juan Sobos kratzte sich am Kopf, wobei sein lockiges,dickes Haar am Hinterkopf bebte. »Du wirst es nicht glauben, Misellus, aber ich habeausgerechnet, dass 100 anaureanische Arbeiter wesentlichbilliger als eine dieser Erntemaschinen sind. Sie kosten inder Anschaffung fast nichts, was einen sehr wichtigenPunkt darstellt. Sie sind einfach da und man braucht siesich nur zu nehmen. Dann muss man sie nur noch ir-gendwo unterbringen und füttern, damit sie nicht ster-ben!« Misellus wunderte sich. »Aber eine Maschine arbeitet Tagund Nacht, Vater!« »Ja, das ist korrekt, aber das können diese Arbeitssklavenauch. Ich werde mir in Zukunft viel, viel mehr von ihnenauf meine Landgüter holen und einige der Erntemaschinendurch sie ersetzen lassen«, erklärte Sobos. »Was sagt der Imperator denn dazu? Das ist doch offiziellverboten und…«, antwortete der Sohn, doch sein Vaterblickte ihn mürrisch an. »Das Problem wird bald erledigt sein, mein Junge. Dar-über brauchen wir heute nicht zu sprechen«, flüsterte derSenator. 241
  • Dann fuhr er fort: »Der anaureanische Arbeiter derZukunft wird eine cybernetische Lobotomie verpasstbekommen, so dass er nur noch ein rudimentäres Den-ken, was bei Anaureanern ja ohnehin nicht sonderlichausgeprägt ist, besitzt. Dann wird er so ähnlich wie eineMaschine funktionieren, nur eben wesentlich billigersein!« Misellus sah seinen Vater entgeistert an. »Wird so einArbeiter dann wie ein Cyborg sein?« »Ja, so ähnlich, aber nicht ganz so ausgereift. Und dieanaureanischen Arbeiter werden das freiwillig mit sichmachen lassen, denn auf diese Weise können sie für ihreFamilien arbeiten bis sie umfallen und sie ernähren. Dieganze Sache ist jedenfalls billiger, als so viele Erntemaschi-nen zu unterhalten.« »Das ist genial, Vater!«, freute sich Misellus. »Die untere Kaste der Menschheit wurde in den letztenJahrhunderten immer als Arbeitsreservoir unterschätzt. Essind Milliarden und sie kosten nichts. Sie sprießen wiePilze aus dem Boden und wir müssen sie uns nur nehmen«,bemerkte Sobos. Der älteste Sohn blickte seinen Vater ehrfurchtsvoll anund schwieg, während dieser ihm weitere Geheimnisse desGeschäftslebens erklärte. »Die Familie Sobos ist deshalb eine der reichsten Sippenauf Terra geworden, weil sie immer zuerst an sich gedachthat«, sagte der Senator. »Wir sind wichtig! Wenn du dichum die anderen kümmerst, dann dankt es dir sowiesoniemand. Also kümmere dich von Anfang an um dichselbst!« »Ja, werde ich, Vater!«, gelobte Misellus.242
  • »Bald werde ich der Archon des Goldenen Reiches sein,mein Sohn!«, stieß Juan Sobos aus und blickte über dieWeizenfelder, die sich bis zum Horizont ausdehnten. »Wirklich?«, fragte sein Sohn ungläubig. »Da kannst du sicher sein! Und du wirst eines Tages meinNachfolger werden, Misellus! Ich werde eine Dynastiebegründen, die Terra bis in die ferne Zukunft beherrschenwird. Dann wird alles den Sobos gehören. Jeder Baum,jeder Strauch und jeder Mensch. Egal ob oberste oderunterste Kaste. Für mich spielt das keine Rolle. Es istimmer der am nützlichsten, der uns am besten dienenkann. Was sind denn die vielen Aureaner schon? NutzloseFresser, die viel mehr Rohstoffe und Nahrungsmittelaufbrauchen als jene braven, dummen Anaureaner, dieman notfalls auch wie ein Tier in einem Erdloch haltenkann!«, verdeutlichte Sobos kalt. »Aber wir sind doch auch Aureaner, Vater«, meinte Misel-lus verwirrt. »Das spielt keine Rolle. Du musst dieses Kastendenkenschnell vergessen. Es schadet dem geschäftlichen Weit-blick, mein Sohn!«, rügte ihn der Grundherr. »Dieser Planet und sämtliche Kolonien sollen unser Wei-degrund werden, Misellus! Wir brauchen uns nur alles zunehmen. Und wir können es auch, wenn wir nur wollen!«,murmelte Sobos, während er seine Felder begutachtete. Misellus trottete ihm still bis zu dem luxuriösen Gleiterhinterher, welcher sie hier nach Canmeriga gebracht hatte. »Alle, die uns nutzen können, sind gut und alle anderenmüssen wir dazu bringen, dass sie uns eines Tages nutzen«, 243
  • sprach Juan Sobos mit eindringlicher Stimme. »Hast du dasverstanden, Misellus?« Der Knabe nickte und gab dem Flugisten eine knappeAnweisung, sie wieder nach Braza zurückzubringen.Einen Tag nach der Landung auf Thracan hatte AswinLeukos Statthalter Magnus Shivas in dessen Residenz amStadtrand von Remay aufgesucht, um mit ihm die weitereVorgehensweise in diesem Krieg abzusprechen. DieLegionäre Terras marschierten derweil mit einer prunkvol-len Parade durch die Straßen der Hauptstadt des Planetenund ließen sich vom aureanischen Volk huldigen. Das Verworrenste an der ganzen Sache war jedoch dieTatsache, dass der Oberstrategos nirgendwo die Anzeicheneines bewaffneten Konflikts sehen konnte. Magnus Shivasselbst war aufgrund des Erscheinens seines Gastes erstauntund sah den terranischen Feldherren schweigend an. Der Statthalter von Thracan war ein beeindruckenderAnblick. Der in eine strahlend weiße Toga gehüllte Nobile,dessen Haare die Farbe seines Gewandes hatten, war sehrhochgewachsen und wirkte trotz seines Alters noch rechtathletisch. Sein schmales Gesicht besaß eine aristokratische Form.Er hatte forschende blaue Augen und eine schlanke,langgezogene Nase. Magnus Shivas machte den Eindruckeines weisen, lebenserfahrenen Mannes und seine Erschei-nung ließ auf einen vertrauenswürdigen Charakter schlie-ßen. Umso verdutzter war Aswin Leukos, als der thracanischeStatthalter ihm von den Verhältnissen auf dem ihm anver-244
  • trauten Planten erzählte und nicht den Eindruck machte,als würde er scherzen. »Es gibt also keinen Bürgerkrieg auf Thracan? KeineRebellion oder sonst etwas?«, vergewisserte sich Leukosnoch einmal und nippte an einem vergoldeten Becher. »Nein, Oberstrategos! Vor über sechs Jahren ist Cyril Spexzwar von einigen Wirrköpfen ermordet worden, doch dieseAngelegenheit haben wir längst selbst geregelt. Die Männerwurden gefasst und hingerichtet. Eine Rebellion hat es aberniemals gegeben, General Leukos!«, erklärte Shivas. »Das kann aber doch nicht sein! Was ist mit den Bildernvon aufständischen Anaureanern, die unsere Kastengenos-sen abschlachten? Was ist mit den Berichten von einerBelagerung Remays?« Der Statthalter lachte laut auf. »Eine Belagerung Remays?Wie kommen Sie auf so etwas, Oberstrategos?« Aswin Leukos stellte den Becher auf einen kleinen Tischund sprang verärgert aus seinem Sessel. »Wollen Sie mich für dumm verkaufen? Auf Terra wur-den zahllose Berichte in den Simulations-Transmitterngezeigt, die von einem systemweiten Aufstand der UPCund irgendwelcher Anaureaner sprachen! Ich habe sieselbst gesehen!«, schimpfte der terranische General. »So glauben Sie mir doch, Oberstrategos!«, gab Shivasverärgert zurück. »Es gibt hier keine Rebellion und auchkeinen Bürgerkrieg! Belagerung von Remay durch die UPCoder anaureanische Rebellen? Das ist vollkommen lächer-lich!« Aswin Leukos verstand die Welt nicht mehr und sankverwirrt in seinen Sessel zurück. Für einige Sekundenfehlten ihm die Worte. 245
  • »Ich hatte zunächst Gerüchte gehört, dass eine terranischeKriegsflotte im Anflug ist. Dann war mir vor einigenMonaten aber die Nachricht zugeschickt worden, dassdoch keine terranischen Legionen im Anmarsch seien. DieMitteilung war vom Imperator persönlich!« Leukos Gesicht verwandelte sich in eine ungläubige Gri-masse. »Wie bitte?« »Ja, es ist die Wahrheit! Wir waren alle ganz verwundert,als plötzlich zehn Kriegsschiffe angekommen sind. Siesollen hier eine Rebellion niederschlagen und uns retten,General? Vor wem sollen Sie uns denn bitteschön retten?«,fragte Magnus Shivas genervt. »Vor diesen verdammten Rebellen! Das wurde uns jeden-falls erzählt! Ich lasse mich nicht gerne für dumm verkau-fen, Statthalter! Was soll dieser ganze Unsinn?«, schnaubteLeukos ungehalten. Der Statthalter schüttelte den Kopf. »Ich verstehe dasauch nicht, aber Sie sehen ja selbst, dass hier kein Kriegtobt!« »Auch nicht auf dem Ostkontinent, wo die anaureani-schen Slumstädte sind?«, hakte der Oberstrategos nach. Shivas grinste abfällig. »Nein, auch dort findet kein Kriegstatt. Man hat Sie offenbar mit falschen Informationen vonTerra fortgeschickt!« »Wollen Sie jetzt behaupten, dass mich der Imperatorbelogen hat? Was hätte er denn davon? Ich bin sein treues-ter Diener!«, knurrte Leukos. Sein Gegenüber schlug die Hände über dem Kopf zu-sammen und rief: »Ich weiß es doch auch nicht! MachenSie mich gefälligst nicht dafür verantwortlich, General!Hier gibt es keinen Krieg!«246
  • Der Oberstrategos stieß einen wüsten Fluch aus und eilteaus dem Raum heraus. Vollkommen verstört taumelte erdurch einen der Ausgänge der gewölbeartigen Residenzund lief hinaus auf die Straße. »Ich muss die Sache mit meinen Offizieren besprechen«,stammelte er leise und rannte aufgeregt zu seinem Gleiter,um zurück zum Raumhafen zu fliegen. Magnus Shivas blickte Leukos hinterher, schüttelte denKopf und wusste nicht, was er von diesem ganzen Szena-rio halten sollte. »Die Rebellen belagern Remay? Einen größeren Unsinnhabe ich noch nie gehört!«, flüsterte er leise und ging inseine Residenz zurück.Flavius und Kleitos hatten den Tag in der thracanischenHauptstadt verbracht und sich an der Truppenparadebeteiligt. Inzwischen waren sie erschöpft und freuten sichdarauf, gleich zu Bett gehen zu können. Nur noch einen letzten Schluck Alkohol wollten sie sichin einer Bar der Polemos genehmigen, dann sollte für heuteendgültig Schluss sein. »Remay ist eine beeindruckende Stadt, nicht wahr?«, sagteKleitos und gähnte. »Ja, das ist richtig, allerdings bin ich langsam etwas ver-wirrt. Hast du etwas davon gehört, wo wir jetzt eingreifensollen?«, wollte Princeps wissen. »Du meinst, wo wir diese Rebellen bekämpfen sollen?« »Ja! Das Oberkommando muss doch irgendeinen Planhaben, oder?« »Keine Ahnung!« 247
  • »Seltsam ist das«, murmelte Flavius. »Die haben uns docherzählt, dass hier ganz Thracan im Ausnahmezustand ist.Ich verstehe das alles nicht.« Kleitos lehnte sich auf die Theke der Bar und schnaufteleise. Er gab keine Antwort. »Was ist denn jetzt?«, hakte Princeps nach. »Was weiß ich? Hier in Remay ist jedenfalls kein Krieg!«,stöhnte Kleitos müde. »Und du hast nicht gehört, wo vielleicht sonst irgendwoKämpfe stattfinden?« »Nein, aber sie werden es uns noch früh genug sagen«,maulte Jarostow. »Dieser Militäreinsatz ist völliger Unsinn! So kommt esmir jedenfalls vor …« »Lass mich damit in Ruhe. Ich will da heute nichts mehrvon hören«, bat Kleitos. Plötzlich piepste Flavius’ Kommunikationsbote und derRekrut griff aufgeregt an seine Hosentasche. In den letztenTagen waren einige Nachrichten seiner Eltern von dendafür zuständigen Stellen der Armee an ihn weitergeleitetworden, doch diesmal war es Eugenia. Princeps öffnete den kleinen Bildschirm des Gerätes unddie Krankenschwester lächelte ihm entgegen. »Hallo, Flavius! Wie war die Parade?«, fragte sie. »Imposant!«, antwortete der Legionär und grinste. »Ich war mit einigen Leuten vom Schiffspersonal in Re-may. Die Stadt ist wirklich schön«, erklärte Eugenia. Princeps hielt sich die Hand vor den Mund, um ein Gäh-nen zu unterdrücken. Dann erwiderte er: »Ja, Remay istschön, aber ich habe langsam das Gefühl, dass dieser248
  • Militäreinsatz nicht viel mehr als ein besonders langer undwenig geliebter Urlaub ist.« »Wie meinst du das?« »Na ja, hier gibt es keinen Krieg oder hast du etwas davonmitbekommen, Eugenia?« Die junge Frau verdrehte die Augen. »Ach, so! Michwundert das auch. Aber sei doch froh, dass hier allesfriedlich ist.« Flavius verharrte für einige Sekunden vor dem Bildschirmund sagte nichts. »Es ist jedenfalls besser, als Mord und Totschlag vorunserer Nase, oder?« »Das ist richtig!«, gab der Rekrut zurück. »Trotzdemwundert mich die ganze Sache irgendwie. Was sollen wirdenn dann hier auf Thracan?« »Wenn alles ruhig ist, dann fliegen wir in den nächstenTagen wieder nach Terra zurück. Das wäre doch das Bestefür uns alle!«, meinte Eugenia. Der junge Mann nickte. »Was machst du denn morgenso?« »Morgen?« »Ja!« »Bisher ist nicht viel geplant. Ein bisschen Schiffsdienstbis Mittag, dann habe ich frei. Wieso?«, wollte Eugeniawissen. Princeps lächelte. »Dann könnten wir ja malzusammen nach Remay fliegen und uns dort ein wenigumsehen«, schlug er vor. Die hübsche Frau schlug die Augen auf. »Das ist keineschlechte Idee, Flavius! Ich melde mich dann morgenMittag mal, wenn ich Dienstschluss habe.« 249
  • »Alles klar. Ich freue mich drauf!«, antwortete der Legio-när und zwinkerte seinem Freund Kleitos zu. Eugenia verabschiedete sich und die beiden Soldatengenehmigten sich noch ein letztes Getränk. Anschließendgingen sie in ihre Unterkünfte und legten sich schlafen.Nun galt es erst einmal abzuwarten, was in den nächstenTagen geschehen sollte.Vier Lichtjahre von Thracan entfernt wälzte sich Impera-tor Credos Platon nervös in seinem Bett herum. In denletzten Wochen hatten sich die Schlafstörungen des jungenArchons immer weiter verschlimmert, denn seine vielfälti-gen Sorgen suchten ihn inzwischen vermehrt auch in denfinsteren Stunden der Nacht heim. Nachdem der Kaiser im Schlaf bereits mehrere Kissen ausseinem Bett gestoßen und seltsame Satzfetzen vor sich hingebrabbelt hatte, schoss er plötzlich wie eine Kanonenku-gel nach oben und stieß einen lauten, klagenden Schrei aus. »Was ist los mit mir?«, stammelte Platon und wischte sicheinige Schweißperlen von der Stirn. Verwirrt starrte er zum Fenster seines Schlafgemachsherüber und hielt sich die Hand an die Brust. Sein Herzhämmerte vor Aufregung und der Imperator atmeteschwer. Nach einigen Minuten hörte Platon klackerndeSchritte draußen auf dem Flur und kurz darauf öffnetesich die Tür mit einem leisen Summen. Jemand machtedas Licht an und sah auf ihn herab. Es war ClautusTriton. »Geht es Euch nicht gut, Majestät?«, fragte der alte Mannbesorgt.250
  • »Ich weiß nicht…«, murmelte der Kaiser und schlich ausseinem Bett. »Kann ich Euch helfen, Herr? Euer Bio-Scanner hat michaufgeweckt. Er hat stark erhöhte Adrenalinwerte angezeigtund der Alarm wurde aktiviert«, erklärte Triton. Credos Platon strich sich mit einer Hand über das Ge-sicht und knurrte leise. »Bringen Sie mir bitte ein Wasser, Clautus!«, bat er. Der Berater eilte aus dem Schlafraum des Kaisers undkam wenig später mit einem Glas zurück. Gierig trank Platon einige Schlücke und lief nervös durchden Raum. »Ich habe etwas Schreckliches geträumt, Clautus…« »Was denn, Eure Exzellenz?« »Juan Sobos hat mich im Traum erschossen!«, hauchte derArchon und wirkte geschockt. Clautus legte dem jungen Mann die Hand auf dieschweißnasse Schulter und versuchte, ihn irgendwie zuberuhigen. »Das war nur ein böser Traum, Herr. Jetzt ist er dochvorbei, kein Grund zur Sorge«, sprach Triton. Der Kaiser rannte zum Fenster und blickte über einenweites Feld aus Blumenbeeten und Hecken. Draußen warniemand. »Dieser fette Hund Sobos! Vielleicht sollte ich ihn tötenlassen!«, schrie Credos Platon und schmetterte das Wasser-glas gegen die Wand. Clautus zuckte zusammen und eilte in eine Ecke desSchlafgemachs, um die Glassplitter vom Boden aufzuheben. 251
  • »Herr, Ihr müsst Euch beruhigen. Niemand kommt ein-fach in die inneren Gemächer des Archontenpalastes undniemand kann Euch etwas tun…« »Ach, nein, Triton? Sie haben sicherlich schon einenganzen Schwarm Meuchelmörder aufgescheucht, die miran die Gurgel wollen«, knurrte Platon. Clautus schwieg. Vielleicht wusste er tief im Inneren, dassdie Sorgen des Imperators durchaus ihre Berechtigunghatten. Eine so mächtige Gruppe wie die Optimaten war inihrer Gemeinheit keinesfalls zu unterschätzen. »Ich werde morgen noch einmal den gesamten Palasteiner Sicherheitsprüfung unterziehen lassen, Majestät«,versprach der ergraute Berater und versuchte zu lächeln. Der Kaiser atmete aufgeregt und lief erneut nervös durchsein Schlafzimmer. Wütend ballte er die Fäuste und stelltesich wieder ans Fenster, um heraus auf den Garten zublicken. »Sebotton von Innax hat den halben Senat ermordenlassen, andere Imperatoren haben ihn einfach abgeschafft.Im großen terranischen Bürgerkrieg vor 3000 Jahren habendie…«, sinnierte Credos Platon leise vor sich hin, währendihn Clautus anstarrte. »Herr, bitte beruhigt Euch und versucht, wieder zu schla-fen. Ich werde Euch einige Medikamente holen«, sagteClautus. »Ja, in Ordnung!«, flüsterte der Archon. Triton verschwand und der Imperator blieb grübelnd inseinem Schlafraum zurück und stierte weiter aus demFenster. Als ihm Clautus einige Beruhigungspillen überreicht hatte,fuhr der Archon mit seinen Ausführungen fort.252
  • »Ich bin kein Kaiser, der seine Gegner ohne mit derWimper zu zucken, umbringen lässt. Ich bin auch keinMann des Krieges, der sofort überall Gewalt anwendet.Allein dieser Feldzug nach Thracan ist mir im Grundezuwider. Ich will Frieden mit den Kolonien und dasGoldene Reich einfach nur wieder aufbauen und für dieZukunft stabil machen«, murmelte Platon. »Aber diese Optimaten verstehen solche höheren Zielenicht mehr. Sie leben nur für ihren Reichtum, Majestät. Soist das eben…«, antwortete Clautus. »Und was soll ich dann tun? Ihnen die Legionen auf denHals hetzen? Sie ermorden lassen?«, zischte der Kaiserwütend. »So bin ich nicht, mein Freund!« »Nein, Eure Exzellenz! Es ist besser, die breite Masse derAureaner für sich zu gewinnen, wie ihr es gerade tut.Damit kann man im Kampf gegen die Optimaten mehrerreichen, als nur mit brutaler Gewalt«, meinte Clautus. »Ich sollte Aswin Leukos noch einmal eine Nachrichtschicken. Ich habe mich seit über einem Jahr nicht mehrbei der Flotte gemeldet. Diese ganze Politik hier auf Terralässt mir ja keinen einzigen Tag Ruhe. Hoffentlich geht esdem Oberstrategos gut. Jedenfalls denke ich, dass es einFehler gewesen ist, ihn nach Thracan zu schicken«, sagteder Archon und sah Clautus mit seinem jugendlichenGesicht, welches schon ungewöhnlich viele Sorgenfaltentrug, an. Der alte Berater zuckte mit den Achseln. »Lasst Leukosseine Aufgabe erledigen und kümmert Euch erst einmalum Terra. Ich bin sicher, dass Magnus Shivas und er dieseRebellion niederwerfen werden.« 253
  • »Zur Hölle mit der ganzen Politik und ihren schmutzigenRänkespielen!«, knurrte Platon und legte sich zurück insein Bett.Aswin Leukos schritt vor seinen versammelten Offizierenauf der Kommandoplattform der Ultimus auf und ab. DerOberstrategos wirkte sichtlich ungehalten und sein Blickhatte sich verfinstert. »Sind die Späher zurück?«, wollte er wissen und ein Lega-tus trat aus der Gruppe der Legionsführer heraus, um sichvor Leukos zu stellen. »Jawohl, Herr General! Alle 24 Spähgleiter sind zurückund haben sich den Ostkontinent genau angesehen. Dortscheint alles friedlich zu sein.« Leukos grinste verärgert. »Aha? Das habe ich mir ja ge-dacht. Was zum Teufel tun wir dann hier?« Die Legaten sahen betreten auf den Boden und gabensich alle Mühe, den giftigen Blicken ihres Anführersauszuweichen. »In den letzten Tagen bekomme ich ständig neue Nach-richten von Imperator Platon. Er verlangt, dass wir dieRebellion mit allen Mitteln niederwerfen. Allerdingswerden wir ihn enttäuschen müssen, denn hier auf Thracanist ja nichts«, murrte Leukos. »Magnus Shivas hält auch diese UPC nur für einen Hau-fen Spinner, Oberstrategos! Ist das richtig?«, kam voneinem Offizier. Leukos schnaufte frustriert und winkte ab. »Die UPC!Wenn ich ehrlich bin, dann hat sich der Statthalter fasttotgelacht, als ich ihm erzählt habe, dass wir auf Terra254
  • glauben, dass die UPC das ganze Proxima Centauri Systemauseinander nimmt.« Die Legaten stießen ein erstauntes Raunen aus und wuss-ten nicht, was sie sagen sollten. Der oberste FeldherrTerras glotzte sie hilflos an. »Was machen wir denn jetzt, Herr? Fliegen wir nach Terrazurück?«, fragte einer der Legionsführer. »Nein! Credos Platon und der Senat verlangen ihre Racheund wir müssen sie ihnen liefern…«, schimpfte Leukosverzweifelt. »Sollen wir jetzt einfach irgendwelche Anaureaner zu-sammenschießen oder wahllos angebliche UPC-Terroristenan die Wand stellen, Oberstrategos?«, rief ein verärgerterOffizier aus. »Vermutlich so in der Richtung. Die letzte Nachricht desArchons hat mir verkündet, dass uns in einer Woche genaugesagt wird, wen wir als Rache für das Attentat vernichtensollen. Bis dahin sollen wir die Legionen kampfbereitmachen und noch einmal unser Kriegsmaterial überprüfen.Magnus Shivas weiß auch schon Bescheid und ruft seineplanetaren Streitkräfte zusammen. Ich gehe davon aus, dass wir uns um diese Slumstädte aufdem Ostkontinent kümmern sollen. Allen voran SanFavellas, woher die Mörder von Cyril Spex stammten.Genauere Anweisungen des Imperators folgen noch, wieich bereits erwähnt habe«, erläuterte Leukos. Die anwesenden Offiziere stießen ein ungläubiges Lachenaus und schüttelten die Köpfe. Diese ganze Mission warein gigantischer Witz, meinten einige. 255
  • »Dann haben wir 100.000 Legionäre im Grunde für nichtsnach Thracan geschickt?«, zischte ein Offizier. Der Oberstrategos sah ihn verbittert an und faltete dieHände. »Wir tun jetzt einfach, was uns befohlen wird. Dann gehtes wieder zurück nach Terra«, murrte er. »Aber General, das ist doch lachhaft! Wir haben hier eineriesige Streitmacht versammelt, nur um…«, beschwertensich die erbosten Offiziere. »Ich kann es nicht ändern! Dass diese ganze Sache sehrseltsam ist, weiß ich auch. Trotzdem haben wir unsereBefehle und wir werden sie nicht in Frage stellen. Lassensie uns diesen Mist schnell erledigen und dann fliegen wirwieder zurück zur Erde. Sie können mir glauben, meine Herren, dass ich bezüglichdieser Mission sowohl dem Imperator als auch den Senato-ren einige Fragen stellen werde, wenn wir wieder zu Hausesind. Und jetzt heißt es: Wegtreten!«, grollte Aswin Leukos. Die schimpfenden Legionsführer verließen die Komman-doplattform und verschwanden in anderen Teilen desriesigen Schlachtkreuzers. Ihre zynischen Kommentare, diesie bei ihrem Abgang einander zuflüsterten, hallten nocheinige Tage lang in Leuko’s Kopf nach. Maßlos verärgert und enttäuscht von den vielen Fehlin-formationen und der mangelhaften Planung dieses Feldzu-ges, schlich der Oberstrategos zurück in sein Quartier undwartete auf neue Befehle des Imperators.256
  • Die VergeltungsaktionInzwischen hatte Aswin Leukos eine neue Nachricht vonTerra erhalten, welche das persönliche Siegel des Archonstrug. Ihr Inhalt war kurz, prägnant und ließ keine Fragenoffen. Credos Platon verlangte die völlige Vernichtung von SanFavellas, jener hauptsächlich von Anaureanern bewohntenSlumstadt, aus der die Mörder von Cyril Spex stammten.Leukos hatte derartiges bereits erwartet, allerdings scho-ckierte ihn die Brutalität des Befehls. »Alle Einwohner von San Favellas sollen als Warnung andie übrigen Rebellen getötet werden. Eine halbe MillionAnaureaner sollen jedoch gefangen genommen und an-schließend im Umkreis der Stadt an Kreuze genageltwerden!«, lautete die Order des Imperators. Magnus Shivas reagierte auf diese Anweisung des terrani-schen Kaisers mit völligem Unverständnis, doch er musstesich, ebenso wie Aswin Leukos und seine Legionen, demWillen Platons beugen. Weiterhin wurde der thracanische Statthalter verpflichtet,seine eigenen planetaren Streitkräfte gegen San Favellas zuschicken, um die terranischen Legionäre bei ihrem Ver-nichtungsschlag zu unterstützen. Der Oberstrategos von Terra ließ seine Soldaten in dennächsten Tagen auf den Ostkontinent des Planeten brin-gen, wo sie ein riesiges Lager aufschlugen. Dann wurdendie Truppen zusammengerufen. 257
  • Den 100.000 Soldaten von der Erde folgten weitere Ver-bände thracanischer Streitkräfte und eine ganze Armadaaus Panzern, Geschützen, Bombern und Kampfläufern. Flavius ließ diese Dinge einfach geschehen und tat, wasihm befohlen wurde. Sein einziger Gedanke war, dassdieser Wahnsinn hoffentlich bald vorbei sein würde und esstimmte ihn glücklich, dass der Bürgerkrieg auf Thracan,wenn es ihn denn überhaupt gab, nicht so verheerend zusein schien, wie die schrecklichen Gräuelberichte auf Terrahatten vermuten lassen. Schließlich versammelte sich die gewaltige Armee austerranischen und thracanischen Soldaten auf einer zerklüf-teten, von rötlichen Gebirgsausläufern umgebenen Ebene,in Rodlan, dem Ostkontinent des Planeten. Oberstrategos Aswin Leukos machte sich nun daran,seine Truppen mit einer kurzen Ansprache auf den baldi-gen Angriff auf San Favellas einzuschwören. Flavius und Kleitos befanden sich im hinteren Teil desgewaltigen Menschenteppichs aus Soldaten, welcher dasPlateau wie ein riesiges Laken bedeckte. Die Legionen hatten sich in starren Formationen aufge-stellt. An den Seiten der großen Blöcke aus Soldaten inmetallisch glänzenden Körperpanzern, standen die Offizie-re der jeweiligen Kohorten. Leuchtende, rote Banner mitgoldenen Verzierungen und weitere imperiale Feldzeichenaus Gold und Bronze gaben dem Szenario einen erhabe-nen Hauch. Hinter den Soldaten standen lange Linien aus Panzernund Geschützen, während imperiale Caedes Bomber mitgelblich-orangen Feuerschweifen über den Horizontzischten.258
  • Da standen sie nun. Die gefürchteten Legionen Terras –und Flavius war mitten unter ihnen. Sie hatten sich einigeKilometer von San Favellas entfernt postiert, um dieStärke des Goldenen Reiches zu demonstrieren. Morgenwollten sie ausrücken, um allen Bewohnern der Slumstadtden Tod zu bringen. Aswin Leukos hingegen zweifelte daran, ob der Vernich-tungsschlag gegen die Slumstadt überhaupt sinnvoll warund wirkte gereizt. Man hatte ihn, wenn er ehrlich zu sichselbst war, für nichts durch das All fliegen lassen. »Terra macht sich hier auf Thracan lediglich lächerlich!«,brummte er einem seiner Offiziere ins Ohr, bevor er aufeine Bühne trat, um seine Ansprache zu beginnen.»Soldaten von Terra! Mit dem Mord an Cyril Spex haben sich niedere Elemen-te, Verräter an unserem Menschengeschlecht, gegen dieheilige Ordnung des Goldenen Reiches gewandt. Wer einen Statthalter des Imperators ermordet, soll sobehandelt werden, als hätte er den Imperator selbst ermor-det. So schreibt es das Gesetz vor und wir sind hier ver-sammelt, um dafür zu sorgen, dass die Gesetze des Impe-riums auch hier auf Thracan eingehalten werden! Unser Befehl lautet: Rache! Wir sollen an San Favellas einExempel statuieren! Wir sollen den Rebellen auf diesemPlaneten unsere Botschaft überbringen und diese Bot-schaft lautet: »Wer sich gegen das Goldene Reich auf Terrastellt, der ist des Todes!« Viele von Euch, meine Legionäre, werden gegen sichselbst gehen müssen, wenn von ihnen verlangt wird, dasssie jeden Einwohner von San Favellas töten sollen, der 259
  • ihnen vor den Blaster kommt, aber das ist der Befehl desKaisers und wir werden ihn ausführen! Wer dabei erwischt wird, dass er sich nicht gemäß derOrder des Imperators verhält, den erwartet die Hinrich-tung wegen Befehlsverweigerung. Ich weiß, dass diekommenden Tage für uns alle hart werden, aber wirmüssen die Sache hier jetzt schnell erledigen und danngeht es zurück nach Hause!«Aswin Leukos ging schnell wieder von der Bühne herunterund verschwand in einem Pulk seiner Offiziere. Es warihm leicht anzumerken, dass ihm die ganze Sache langsamäußerst unangenehm war. Magnus Shivas, der heutemitgekommen war, verzog angewidert seinen Mund undwarf dem terranischen Feldherren einen vielsagenden Blickzu. Leukos kam kurz zu ihm herüber und entschuldigte sichfast für die große militärische Farce, die Thracan jetzterwartete. »Trifft Credos Platon auf Terra auch ständig solche wei-sen Entscheidungen?«, fragte Shivas sarkastisch. »Nein!«, entgegnete der Oberstrategos. »Platon ist eigent-lich ein hervorragender Archon. Ich verstehe das allesnicht, Statthalter.« »Dann tun Sie ihr blutiges Handwerk und lassen Sie unsdiesen Irrsinn anschließend so schnell es geht vergessen«,sprach Shivas genervt.In den frühen Mittagsstunden des folgenden Tages wurdeder Angriff auf San Favellas eingeleitet. Zu diesem Zweckwaren bereits sechs Legionen in der Nacht losmarschiert,260
  • um sich im Westen der Slumstadt zu formieren. Vierweitere Legionen hatten sich ebenfalls in der Morgen-dämmerung auf den Weg gemacht, um die Stadt vonOsten her einzukreisen. Die planetaren Streitkräfte des Magnus Shivas, wozu fünfthracanische Legionen und etwa 300000 Mann Hilfstrup-pen gehörten, legten einen zweiten Belagerungsring um dieriesige Slumstadt, deren zusammengezimmerte Hütten undschäbige Wohnblöcke sich über viele Quadratkilometererstreckten. Flavius, Kleitos und die 562. Legion waren zunächst imLager geblieben und sollten später mit Antigrav-Truppentransportern zu ihren Einsatzorten geflogenwerden. Der Angriff auf San Favellas war hervorragend vorberei-tet, wobei ein solcher Aufwand, ja die gesamte Aktion,sowohl Aswin Leukos und seinen Soldaten als auch Mag-nus Shivas zunehmend lächerlicher vorkamen. Das alles war ein Strafgericht, wobei der Statthalter vonThracan immer wieder betonte, dass die überwiegendeMasse der Anaureaner von San Favellas sich in den letztenJahren ruhig verhalten und nichts mit der UPC zu tun hatte. Dennoch wünschte der Imperator ein blutiges Exempelund somit gab es keine Diskussionen über die Sinnhaftig-keit dieses Militäreinsatzes. »Wohin fliegen die uns denn gleich, Kleitos?«, fragteFlavius und seine Stimme hallte dumpf unter dem Visierseines Helms aus gehärtetem Flexstahl wider. Jarostow deutete auf den kleinen holographischen Bild-schirm, welchen sein Kommunikationsbote aufleuchtenließ. 261
  • »Wir gehen mit unserer Kohorte durch dieses Planquadratund arbeiten uns dann weiter nach Norden vor. Liest dueigentlich nie die Befehle? Das ging doch eben an alleLegionäre raus!«, erklärte Kleitos und zog sich ebenfallsseinen Helm auf. Princpes stieß ein leises, metallisch nachklingendesSchnaufen aus. »Ach, zum Teufel mit diesem ganzenUnsinn. Hauptsache, es ist schnell vorbei. Zenturio Sachssagt, dass wir den Bewohnern dieser Stadt nur ein wenigAngst einjagen sollen. Dass wir sie alle umbringen sollen,meint Leukos doch hoffentlich nicht ernst!« »Natürlich ist das ernst gemeint, du Depp! Das ist deroffizielle Befehl des Archons, Flavius!«, knurrte Kleitos. Flavius hielt für einige Minuten inne und gestand sich ein,dass er den Gedanken, in Kürze auf einem richtigenSchlachtfeld zu stehen, bis hier hin erfolgreich verdrängthatte. Dies war keine Übung im Phalangieren, sondernechter Krieg. Verstört stand Princeps in seiner Legionärsrüstung mitden breiten Schulterpanzern und den Flexstahlplatten,welche seinen Brustpanzer bildeten, im Lager herum,während neben ihm die erfahrenen Soldaten aufbrachen,um in die Transporter zu steigen. »Was ist mit dir, Mann?«, wollte Kleitos wissen und klopf-te Flavius auf den Helm. »Nichts! Schon gut!«, antwortete dieser leise. »Hast du deine Pila im Gepäck?« »Ja, habe ich!« »Und die Energiezellen für den Blaster? Bei dir muss ichimmer nachfragen, Princeps! Wie eine Mama!«262
  • »Ja, sind auch dabei«, stöhnte der Rekrut aus Vanatiumund lehnte sich auf seinen eckigen Legionärsschild, wel-cher matt und eisern in der aufgehenden Sonne schimmer-te. »Warum soll ich einfach irgendwelche Leute erschießen,die mir nichts getan haben? Das ist doch nicht gerecht!«,schimpfte Flavius jetzt. Jarostow ließ sein Visier hochfahren, so dass sein Freunddessen ungläubiges Gesicht sehen konnte. Die kantigenZüge des jungen Mannes versteinerten sich. »Lebst du in einer Traumwelt, Princeps? Was zur Hölle istdenn mit dir los? Das ist ein verdammter Befehl! Ich kannes doch auch nicht ändern. Unsere Kohorte ist gleich dran,also mach dich verdammt nochmal fertig!«, zischte Kleitos. Plötzlich hörten sie die raue Stimme von Zenturio Sachshinter sich erschallen. Der brutal wirkende Veteran ranntean ihnen vorbei und der rote Federbusch auf seinem Helmschwankte leicht im Wind, während er sich bewegte. »Die 9. Kohorte der 562. Legion, zu mir!«, brüllte derOffizier aus voller Kehle und Flavius trottete angewidert inseine Richtung. Sachs stapfte vor seinen Männern auf und ab und gestiku-lierte wild herum. »Dass keiner von euch seine Ausrüstung verschlampt hat,Männer! Ich will keinen sehen, der seinen Blaster auf demScheißhaus vergessen hat!«, bellte er. Die bulligen Berufssoldaten vor ihm stießen ein markigesLachen aus und sprangen dann auf die Ladeflächen derbereitstehenden Antigrav-Truppentransporter. Jarostow schleifte den verunsicherten Flavius einfach mitsich und herrschte ihn zwischendurch immer wieder an, 263
  • wenn er sich wie ein störrischer Esel weigerte, den gepan-zerten Kampfgleiter zu betreten. »Es gibt jetzt kein Zurück mehr! Komm schon oder willstdu mit dem Zenturio aneinander geraten!«, schrie derKamerad. Nach einer kurzen Pause erhoben sich die Transporter indie Lüfte und jagten mit atemberaubendem Tempo auf dieSlumstadt zu. Sie war riesig, wie Flavius erstaunt bemerkte,als er aus einem der Fenster nach unten blickte. Hier undda konnte er schon die ersten Formationen von Soldaten,Panzern und Geschützen erkennen, welche sich am Randder schmutzigen Metropole versammelten. Von einem Ende der staubig, rötlichen Ebene erstrecktensich die Häuser und Habitatskomplexe von San Favellasbis zum anderen und Princeps konnte sich ausmalen, dassselbst ganze Kohorten in diesem endlosen Gewirr vonGassen und Straßen verloren gehen konnten. San Favellas erinnerte irgendwie an eine Stadt in einemWüstengebiet auf Terra. Im Süden Aricas gab es ähnlicheSlumstädte, wie dem jungen Aureaner einfiel. Nach einerkurzen Flugphase gingen die Antigrav-Transporter in denLandeanflug und luden ihre Fracht aus Soldaten hintereinigen großen, bräunlichen Felsen ab. Flavius klopfte sich den überall vom Wind verteiltenStaub von seinem Brustpanzer ab, bis er einsah, dass diesauf Dauer zwecklos war. Nun mussten sie auf weitereBefehle warten. »Alles klar?«, hörte Princeps seinen Freund Kleitos hintersich fragen und drehte sich um.264
  • Flavius ließ seinen Visier nach oben fahren und atmeteeinen Schwall staubiger, stinkender Luft ein, die von dergigantischen Slumstadt herüberwehte. »Nein! Es ist gar nichts klar, Kleitos!«, murrte der jungeMann und sah seinen Kameraden hilfesuchend an. Es dauerte keine halbe Stunde mehr, dann erhielt die 9.Kohorte der 562. Legion von Terra den Befehl zumAngriff und die Legionäre bewegten sich langsam undentschlossen auf San Favellas zu.Mehrere Dutzend Kampfläufer flankierten die Truppe, inwelcher sich Flavius befand, und deckten einige der Slum-hütten vor sich mit einem Feuerhagel ein. Es dauerte nurwenige Minuten, dann waren die hässlichen, zusammenge-zimmerten Behausungen der Anaureaner nur noch einHaufen qualmender Schutt. »Pila bereithalten!«, schallte es aus dem Vox-Transmitterin Flaviu’s Helm und der junge Legionär bereitete sichdarauf vor, seinen vor Energie glühenden Speer auf dasnächstbeste Ziel zu schleudern. Er schnaufte leise und sein Herz hämmerte in einemverrückten Tempo. Jetzt wurde es ernst, jede Minutekonnte ein Feind zwischen den Trümmern der Slumhüttenhervorbrechen. Die Legionäre rückten in geschlossener Formation weiterdurch die Straßen vor, während ihnen plötzlich Blasterfeu-er entgegenzischte. Flavius konnte eine Reihe dunklerGestalten erkennen, die aufgeregt durcheinander schrieenund auf die Legionäre schossen. Diese antworteten miteinigen Pila, welche mit grellen Blitzen zwischen den 265
  • Anaureanern aufschlugen und die meisten von ihnentöteten. Der Rest der Angreifer flüchtete in die endlosen, schmut-zigen Gassen hinter sich oder wurde von den Legionärenzusammengeschossen. »Waffen bereithalten! Schießt auf alles, was sich bewegt!«,lautete die Anweisung des Offiziers und die Soldatensetzten einige Gebäude mit Flammenwerfern in Brand. In einiger Entfernung sah Flavius eine Frau schreiend auseiner Qualmwolke herausrennen, nur um ihr Leben wenigeSekunden später vor den Mündungen einiger Blasterauszuhauchen. Der junge Soldat wandte seinen Blick angewidert vondem Werk der Zerstörung ab, welches seine Mitstreiterneben ihm anrichteten, und kauerte sich hinter sein Schild. Nach einer kurzen Pause rückten Princeps und seineKameraden weiter vor. Offenbar waren die meisten Be-wohner dieser verwahrlosten Gassen schon in einenanderen Teil der gigantischen Slumstadt geflüchtet. Siekamen kurz darauf zu einem großen Bombenkrater, mittenim Häusermeer von San Favellas. Die Kohorte stoppteund die Legionäre gingen hinter einigen Trümmern inDeckung. »Das hier war ein Ignis-Geschoss! Seht euch die Verwüs-tung an«, sagte einer der Soldaten mit einer gewissenFaszination und schnaufte laut hinter seinem Visier. Nach wenigen Minuten rückte die Kohorte weiter vorund tastete sich durch weitere Straßenzüge der Slumstadt.Einige hundert Metern weiter wurden die Legionäreplötzlich von einer großen Anzahl Anaureaner angegriffen.Es dauerte nur einen kurzen Moment, dann strömten266
  • ganze Schwärme von wütenden Gestalten zwischen denschäbigen Gebäuden hervor und begannen, auf die Legio-näre zu feuern. »Schildwall bilden! Pila bereit! Erster Mann deckt, zweiterMann feuert!«, hörte es Flavius aus seinem Vox-Transmitter schallen und ging in Position. Mit lautem Geschrei kamen die Anaureaner näher undwurden immer mehr. Viele von ihnen schwangen Knüppelund Eisenstangen, andere warfen primitive Sprengsätze aufdie Legionäre, während der Rest mit veralteten Blasternwild um sich feuerte. Flavius stockte der Atem und er klammerte sich anseinem Pilum fest. Ein Sprengsatz schlug zwischeneinigen seiner Kameraden ein und riss drei von ihnen inStücke. Jetzt waren die Angreifer noch näher herange-kommen und liefen laut brüllend auf die schießendenLegionäre zu. »Pilum werfen!«, schrie Offizier Sachs und die terrani-schen Soldaten schleuderten den Angreifern eine ganzeSalve von Wurfspeeren entgegen. Wo die Geschosseauftrafen, da explodierten sie und verursachten gleißendeEnergieentladungen. Dutzende der Slumbewohner wurdenvon den Feuerbällen verbrannt und ihr Ansturm geriet insStocken. »Vorrücken! Geschlossene Linie! Erster Mann deckt,zweiter Mann feuert!«, lautete der Befehl jetzt und dieKohorte marschierte langsam voran. Die Anaureaner waren inzwischen offenbar zu der An-nahme gelangt, dass sie die Legionäre nicht mit halbherzi-gen Angriffen aufhalten konnten und flohen in die Neben-straßen. Blasterfeuer zischte ihnen hinterher. 267
  • Blitzartig kamen einige Kampfläufer aus dem Hintergrundnach vorne zu den Soldaten und nahmen die Verfolgungder fliehenden Slumbewohner auf. Irgendwo am Horizontwurde die Stadt wieder mit Ignis-Bomben unter Feuergenommen und schwarze Qualmwolken stiegen in einigerEntfernung gen Himmel. Während die Kohorte weiter und weiter in das Straßen-gewirr von San Favellas vorstieß, wurde es Flavius immermulmiger. Er sah einen Anaureaner auf dem schlammigenBoden vor sich liegen, der ein großes, verkohltes Loch inder Brust hatte. So sah man nach einem gewöhnlichenTreffer mit dem Blaster aus. Der junge Soldat betrachtete den dunklen Teint und diebreite Nase des toten Mannes. Er fand den Anblick selt-sam und ungewohnt. Flavius konnte sich einfach nichterklären, was er in dieser hässlichen Schmutzstadt über-haupt verloren hatte. »Was stehst du hier herum?«, schnauzte ihn plötzlicheiner der älteren Legionäre an und riss ihn mit sich. »Wirsollen diesen Straßenzug sichern!« Der junge Soldat nickte und trottete den anderen hinter-her. Wieder steckten sie Gebäude in Brand oder drangen inSlumhütten ein, um noch den einen oder anderen Bewoh-ner, welcher noch nicht geflüchtet war, zu erschießen. Nach einer halben Stunde kehrten auch die Kampfläufervon ihrer Verfolgungsjagd durch die Gassen des Slumvier-tels zurück. Vier von ihnen waren zerstört worden. »Diese verdammten Rebellen haben Plasmaraketen«,erklärte Flavius’ Nebenmann wütend und musterte seineWaffe.268
  • »Passt da hinten auf! In den großen, grauen Gebäudendort drüben sind offenbar einige Anaureaner mit etwasbesseren Waffen«, warnte Zenturio Sachs die Truppe überFunk. Der Kampf dauerte an, bis die Sonne unterging. Flaviuserlebte seinen ersten Kriegseinsatz. Dieser war jedochnicht spektakulär und schon gar nicht heroisch gewesen.Es war nur ein reines Zerstören und Töten, ein blutigesExempel im Namen von Imperator und Senat.Der erste Tag war vorüber und sowohl Flavius als auchKleitos hatten es geschafft, wieder lebendig im Lageranzukommen. Während die beiden hier zusammen miteinigen älteren Soldaten um einen Heizstrahler herum aufDecken saßen, bombardierten die Caedes Bomber undGeschütze noch immer San Favellas. Das dumpfe Grollen der Ignis-Geschosse und das ständi-ge Leuchten der Granateneinschläge hörten auch in dentiefen Stunden der Nacht nicht auf. Den unglücklichenBewohnern der Slumstadt sollte keine Ruhepause gegönntwerden, hatten die Anführer der terranischen Legionenbeschlossen. »Pack das Ding weg, Flavius!«, flüsterte Kleitos seinemKameraden zu und kniff die Augen zu einem dünnen Spaltzusammen. Princeps hatte Anstalten gemacht, seinen Neurostimula-tor aus dem Gepäck zu holen. Jetzt schob er ihn wiedernervös in seinen Rucksack zurück und spähte umher. »Ich brauche unbedingt ein paar Glücksgefühle, sonst dreheich heute Nacht durch«, zischelte Flavius und sah seinenFreund verzweifelt an. 269
  • »Reiß dich zusammen! Wenn du mit dem »Neuro« voneinem Offizier erwischt wirst, dann gibt das nur Ärger«,mahnte Kleitos aufgeregt. »Was tuschelt ihr zwei denn so?«, knurrte ein bulligerBerufssoldat herüber und starrte die beiden Rekrutengenervt an. »Schon gut, alles klar, Kamerad!«, sagte Jarostow undwinkte mit einem besänftigenden Lächeln ab. »Das ist eine Scheiße, was?«, murrte der Legionär. »Dieser ganze Kampfeinsatz, oder wie?« »Ja, was sonst, Bursche! So einen Unsinn habe ich nochnie erlebt. Ich war schon auf der Venus dabei und habeden Feldzug gegen die Kolonisten auf Trema im Lorall-System mitgemacht. Da hat man wenigstens gegen richtigeMänner gekämpft, das hier ist Schwachsinn«, erklärte derVeteran. »Wie lange sind Sie schon in der Legion?«, wollte Flaviuswissen. »Du kannst ruhig »Du« sagen, Junge. Ich bin seit 16 Jah-ren dabei. Das ist euer erster Krieg, nicht wahr?« »Ja!«, gaben die beiden Rekruten kleinlaut zurück. Der Soldat grinste und Flavius erkannte, dass er einelange Narbe auf der Stirn hatte. Der grimmig wirkendeMann sah im halbdunklen Schein des Heizstrahlers furcht-erregend aus. Princeps war froh, wenn er so jemandemnicht als Gegner gegenübertreten musste. »Habt ihr heute welche kaltgemacht?«, fragte der Berufs-soldat und sah erwartungsvoll zu den beiden »Frischlingen«herüber. Flavius und Kleitos zögerten mit ihrer Antwort und derLegionär lachte.270
  • »Also noch nicht?« »Ich habe mein Pilum geworfen und…«, erwiderte Klei-tos, doch der Veteran unterbrach ihn. »Aber du hast nichts getroffen, wie? Macht euch keineSorgen, ihr werdet das Töten schon lernen. Ich habe heute21 Menschen niedergestreckt, aber ich bin nicht stolzdarauf. Ein solch sinnloses Abschlachten finde ich ernied-rigend für einen echten Soldaten der Legion. Was hat sichder Imperator denn dabei gedacht, uns so einen Befehl zugeben?«, beschwerte sich der erfahrene Kämpfer. »Das fragen wir uns alle, Kamerad«, gab Jarostow zurück. Princeps musterte den Veteran hingegen mit sichtbaremUnbehagen. Er hatte sein behütetes Leben auf Terra hintersich gelassen und saß nun einem gut ausgebildeten Killergegenüber, der gnadenlos mordete und dem es offenbarnichts ausmachte. Das durfte alles nicht wahr sein. Was war das für ein nieendender Alptraum? Es rumorte in Flavius` Verstand. DasTöten wollte der junge Aureaner aus Vanatium ganz gewissnicht lernen und er fühlte eine gewisse Verachtung für denstumpfsinnig dreinschauenden Legionsveteranen. Hatte der Mann kein Gewissen? War er ein kalter Be-fehlsempfänger, dem man sein eigenes Denken schonabtrainiert hatte? »Hast du heute wirklich 21 Menschen getötet?«, fragtePrinceps den Soldaten noch einmal. Dieser schloss die Augen und schien seine Opfer nocheinmal durchzuzählen. »Ja, ich glaube, es waren 21…oder einer mehr«, meinteder Legionär nüchtern. »Und sie tun dir nicht leid?«, hakte Flavius nach. 271
  • Der Veteran stierte auf den Boden. »Es ist nun einmalmein Beruf. Aber dieser Kampf hat nichts Ehrenhaftesund dieser Befehl ist eine verdammte Sauerei. Männer,Frauen und Kinder niederzumachen ist eigentlich keineAufgabe für einen echten Kämpfer der Legion.« »Aber wir sollen es trotzdem tun…«, murmelte Kleitos. »Ja, und ich empfehle euch beiden, nicht so viel übersolche Dinge nachzudenken. Auch das gibt sich mit derZeit. Es läuft im Krieg so und uns Soldaten fragt nuneinmal niemand nach unserer Meinung. Wir sind Terras Hammer, heißt es bei der Legion immer –und wir gehen dort nieder, wo es der Imperator wünscht!«,erklärte der Legionär. »Man denkt nach einer gewissen Zeit nicht mehr, wennman in der Legion ist«, fasste Princeps die Worte desBerufssoldaten noch einmal im Kopf zusammen. Wortlos erhob sich der Rekrut von seinem Platz und gingin sein Zelt hinein. Er wollte nicht so enden wie diesergeistlose Veteran. Das nahm er sich fest vor.272
  • Der Untergang von San FavellasFlavius verbrachte eine unruhige Nacht am Rande derSlumstadt. Am folgenden Morgen fuhren die Legionäremit ihrem Angriff fort und fraßen sich wie ein SchwarmTreiberameisen durch die verdreckten Straßen von SanFavellas. Wo die Soldaten durchgezogen waren, blieben nur bren-nende Trümmer und Tote zurück. Der Widerstand derBewohner nahm jetzt stetig zu, denn diese kämpften umihr nacktes Überleben. Die planetaren Hilfstruppen wareninzwischen ebenfalls tief in das gewaltige Labyrinth ausSlumhütten und baufälligen Wohnblocks eingedrungenund befanden sich in blutigen Straßenkämpfen mit denverzweifelten Anaureanern. Hunderttausende Einwohner von San Favellas waren inder letzten Nacht in das kahle Ödland außerhalb der Stadtgeflüchtet, wo sie nun von Kampfläufern und Bomber-schwadronen gejagt wurden. Princeps stürmte mit einigen seiner Kameraden in einenriesigen, verrotteten Habitatskomplex und hielt sich seinenSchild vor das Gesicht. Irgendwo donnerte eine Explosionin der unteren Etage des vielstöckigen Gebäudes und ließden Boden erzittern. Jetzt stießen die Legionäre in einige halbdunkle Gängevor, als sie plötzlich von einer großen Anzahl zornigerGestalten angegriffen wurden. Wie Schatten sprangen dieAnaureaner aus den dunklen Ecken und Wohnkammernheraus, um mit allerlei primitiven Schlagwaffen und Laser-pistolen auf die Terraner los zu gehen. 273
  • Flavius taumelte einige Schritte zurück, während einHaufen knüppelschwingender Schatten auf ihn und seineKameraden zuraste. Laserfeuer prasselte gegen sein Schildund der junge Mann verlor für einen Augenblick dieOrientierung. Panik ergriff ihn und er tappte verängstigtdurch das Halbdunkel, während er sich an seinen Blasterklammerte. Einige Legionäre wurden von den Angreifern über denHaufen geschossen oder in finstere Ecken gezogen, umdort gemeuchelt zu werden. Princeps ging noch ein paar Schritte zurück, während erspürte, wie das Adrenalin in seinen Kopf schoss und ihmdie Luft wegblieb. Zwei Männer stürmten direkt auf ihn zuund schwangen große, schartige Äxte. Reflexartig schleu-derte Flavius ihnen ein Pilum entgegen und traf die Schul-ter eines der beiden Angreifer. Sofort detonierte dasWurfgeschoss mit einem gleißenden Energieblitz underleuchtete den halben Gang. Die zwei Männer wurdenzerfetzt und ihr Blut spritzte gegen die graue Wand desKorridors. »Willst du unsere eigenen Leute umbringen, Junge?«,schrie Flavius einer der anderen Soldaten entgegen undschlug ihm wütend auf den Schulterpanzer. Der junge Mann reagierte nicht darauf und feuerte jetztden Gang hinunter. Die nächsten Hausbewohner kamenangestürmt und griffen unter lautem Gebrüll an. Princepsstellte seinen Blaster auf Schnellfeuer, kauerte sich hintersein Schild und schoss mitten in den Pulk der Anaureaner,welche daraufhin mit lauten Schreien durcheinanderpurzelten.274
  • »Zieht euch aus diesem Habitatskomplex zurück! Wirwerden ihn bombardieren!«, verkündete eine aufgeregteStimme aus dem Vox-Transmitter und die ganze Kohorteverließ in Windeseile das Gebäude. Alle schnauften und japsten in ihren Rüstungen und unterden stickigen Helmen, nachdem sie durch eine Vielzahldunkler Korridore nach draußen gerannt waren. Anschlie-ßend gingen die Legionäre irgendwo in Deckung, dennOffizier Sachs hatte Kampfgleiter angefordert, welche denriesigen Habitatskomplex und die umliegenden Gebäudezerstören sollten. Es dauerte nur wenige Minuten, da zischten zwei Dut-zend Caedes Bomber vom Horizont heran und deckten denhalben Stadtteil mit einer schweren Salve aus Vakuum- undBrandgeschossen ein. Der schäbige Habitatskomplex brachwie ein poröser Termitenhügel in sich zusammen undwirbelte eine riesige, rötliche Staubwolke auf. Nach einerweiteren Viertelstunde war der gesamte Stadtbezirk nurnoch ein Flammenmeer. »Wo Kleitos jetzt wohl gerade steckt?«, fragte sich Flaviusund schaute mit einer Mischung aus morbider Bewunde-rung und Entsetzen auf das Zerstörungswerk der Bomber. War er dafür ein zweites Mal durch das All geflogen? Umirgendwelche Slumbewohner auf einem fernen Planetenniederzumetzeln? Der junge Mann aus Vanatium hatte heute jedenfalls zumersten Mal getötet. In den vergangenen Tagen warPrinceps noch unsicher gewesen, hatte sich immer in denletzten Reihen der Formation verkrochen und seinenälteren Kameraden das Massakrieren der Stadtbewohnerüberlassen. 275
  • Vielleicht hatte aber auch schon einer seiner halbherziggeworfenen Pila irgendwen getötet. Er wusste es nichtgenau. Diesmal hatte er es jedenfalls genau gesehen, wieseine Blasterschüsse und Wurfspeere Gegner ins Jenseitsbefördert hatten. Für den Burschen aus behütetem, aureanischen Hausewar dieses Gefühl verstörend, doch die Hitze des Gefech-tes ließ ihm keine Zeit, moralische Fragen zu erörtern. Nur manchmal hielt er kurz für einige Sekunden inne unddachte darüber nach, was er hier eigentlich tat. Einmalschrie ihn ein Vorgesetzter an, als er einen toten Anaurea-ner länger betrachtete und nicht zu den anderen Soldatenaufschloss. »Wie sagte der gute, alte Imperator Sebotton von Innaxdamals schon immer: »Das Schicksal eines Anaureaners istfür einen Aureaner grundsätzlich uninteressant!«, zischteder Veteran und seine Stimme hallte dumpf unter seinemHelmvisier. »Sebotton von Innax war allerdings ein äußerst brutalerGewaltherrscher«, brummte Flavius und sah ihn an. »Das ist ja jetzt auch egal. Wir haben jedenfalls unsereBefehle, komm endlich, Junge!«, knurrte der ranghöhereSoldat mürrisch und fuchtelte mit seinem Blaster herum.Flavius, Kleitos und Hunderttausende von Soldatenkämpften sich noch eine Woche lang durch San Favellas.Danach war die Slumstadt nur noch eine endlose Land-schaft aus Schutt und Trümmern. Von den 30 Millionen Einwohnern der Metropole lebtenach dem Vernichtungsfeldzug der Legionen und derplanetaren Streitkräfte kaum noch jemand. Nur sehr276
  • wenige Slumbewohner hatten es geschafft, den Angreiferndurch die weiten Ebenen, welche San Favellas umgaben,zu entkommen. Die schmutzige Riesenstadt war völlig dem Erdbodengleich gemacht worden, ganz so, wie es der Imperatorangeordnet hatte. Zudem hatten die Legionäre etwa 500.000 Gefangenegemacht, welche nun rund um die zerstörte Siedlunggekreuzigt werden sollten. Der Rachefeldzug der terranischen Truppen und ihrerVerbündeten war äußerst brutal, was aber wenig an derTatsache änderte, dass nach wie vor niemand genau wuss-te, ob die Bewohner von San Favellas überhaupt etwas mitdem Attentat auf Cyril Spex zu tun gehabt hatten. War die Slumstadt wirklich das Zentrum einer planetarenoder gar systemweiten Verschwörung aufrührerischerAnaureaner und Unabhängigkeitskämpfer gewesen? Nichtnur Aswin Leukos, sondern auch Flavius und zahlloseandere Legionäre, hatten ihre berechtigten Zweifel andieser Vermutung. Nein, sie wussten die Antwort eigentlich schon, denn esgab keine Rebellion auf Thracan und hatte offenbar auchnie eine gegeben. Die Einwohner von San Favellas hatten sich lediglichgewehrt, als man sie angriff. Das war alles. Mit einemorganisierten Aufstand durch die Anaureanerkaste oder derUPC hatte das nichts zu tun. Allerdings konnte man nundavon ausgehen, dass die Vergeltungsgelüste der aureani-schen Öffentlichkeit auf Terra nach diesem Gemetzelhalbwegs befriedigt waren. 277
  • Die unglücklichen Bewohner der Slumstadt hatten jeden-falls den Preis bezahlen müssen und ihre rücksichtsloseAusmerzung unterstrich den Herrschaftsanspruch Terrasund der aureanischen Kaste in blutiger Klarheit. Mit einer solchen Härte hatten terranische Soldaten aufeinem Kolonieplaneten seit langer Zeit nicht mehr zuge-schlagen. Eine ganze Armada von Legionären, Bombern,Kampfläufern und Panzern war auf Befehl des Imperatorsangerückt, nur um eine schmutzige Stadt in der Einödeauszulöschen. Die Bewohner von San Favellas hatten gegen diese über-legene Armee keinerlei Chance gehabt und die Berge vonToten, welche sich zwischen den rauchenden Trümmernauftürmten, sollten nur eines beweisen: »Widerstand istzwecklos!« In den folgenden Tagen wurden die Bilder der hingerich-teten Slumstadt nicht nur zur Erde, sondern auch zu allenanderen Kolonieplaneten des Goldenen Reiches geschickt. Schließlich ließ Aswin Leukos seine Legionäre mit denKreuzigungen der Gefangenen beginnen. Der Oberstrat-egos schien von diesem barbarischen Racheakt zwarangewidert zu sein und hatte von einem Archon wieCredos Platon eigentlich etwas anderes erwartet, dochbeugte er sich dem Willen seines Imperators und desüberwiegenden Teils der Senatoren.Die Abendsonne schien durch das kleine Fenster in Cre-dos Platons Schlafzimmer und tauchte den mit prunkvol-len Gemälden und Wandteppichen ausgestatteten Raum inein melancholisches Licht.278
  • Der junge Kaiser seufzte und blickte traurig auf denHorizont, den die Dämmerung in einen tiefroten Scheinhüllte. Heute hatte ihm ein Senator erzählt, dass die Rebellion imProxima Centauri System inzwischen nicht nur Thracan,sondern auch Crixus gänzlich ergriffen hatte. Ob dieterranischen Legionen der Sache noch Herr werden konn-ten, bezweifelte Platon tief im Inneren mittlerweile. Wei-terhin wurmte es ihn, dass er sich direkt zu Beginn seinerAmtszeit mit einem Krieg gegen aufrührerische Kolonistenbefassen musste. Die Friedenspolitik seines Vorgängers Xanthos war ihmimmer ein Vorbild gewesen und eigentlich lag ihm vieldaran, die mühsam hergestellte Harmonie zwischen Terraund seinen Kolonieplaneten nicht leichtfertig zu verspie-len. »Hoffentlich ist das Chaos auf Thracan nicht so schreck-lich, wie es die Berichte aus dem Proxima Centauri Systemvermuten lassen«, sagte er leise zu sich selbst und stieß einklagendes Schnaufen aus. Langsam machte sich der Archon daran, schlafen zugehen und hoffte, dass ihn in dieser Nacht seine zahlrei-chen Sorgen nicht im Traum quälen würden. Plötzlichöffnete sich die Tür und eine hagere Dienerin mit freundli-chem Lächeln betrat das Schlafgemach. »Störe ich, Eure Majestät?«, wollte sie wissen. Platon schüttelte den Kopf. »Was gibt es denn?« »Ich wollte Euch nur noch einen Tee bringen, bevor Ihrzu Bett geht, Herr!«, antwortete die Frau. »Einen Tee?« 279
  • »Habt Ihr nicht noch gewünscht, einen zu bekommenoder habe ich die Oberservitorin missverstanden?«, wun-derte sich die Dienerin. Der Kaiser blickte die Dame verwundert an. »Ich habekeinen Tee bestellt. Aber lassen Sie es gut sein. Stellen Sieihn dort drüben auf den kleinen Tisch!« Die Servitorin verneigte sich unterwürfig und befolgte dieAnweisung des Imperators. »Lasst ihn Euch schmecken, Eure Exzellenz!«, sagte sieleise. »Was ist es denn für ein Tee?«, wollte der Archon wissenund sah die Dienerin an. »Erdbeeren … Ein Erdbeertee«, gab die Frau leicht sto-ckend zurück und machte Anstalten, den Raum schnellwieder zu verlassen. »Aha?«, murmelte Platon. »Habt Ihr sonst noch einen Wunsch, Majestät?« »Nein, ich möchte jetzt nur gerne schlafen!« »Sehr wohl, Majestät!« »Sind Sie neu im Servitorenstab, gute Frau?«, fragte derImperator jetzt. Die Dienerin hielt den Atem an und blickte sich nervösum. Dann setzte sie wieder ihr mildes Lächeln auf. »Ja, Herr!« »Ich hoffe, es gefällt Ihnen hier im Palast.« »Ja, Majestät! Ich freue mich, Euch bedienen zu dürfen«,erwiderte die Dame und fummelte unsicher an IhrerSchürze herum. »Dann wünsche Ich Ihnen eine erholsame Nacht, guteFrau«, sagte Platon freundlich.280
  • »Ebenso, Eure Exzellenz!«, gab die Servitorin leise zurückund verließ das Schlafgemach mit schnellen Schritten. Nach einigen Minuten nahm der Imperator die Tasse vondem kleinen Tisch und ließ den feinen Erdbeergeruch inseine Nase steigen. Dann setzte er sich auf die Bettkante, zog seine Kleideraus und nahm einen tiefen Schluck des wohlschmeckendenGetränks. Mit einem lauten Gähnen sank Credos Platon ineinen Berg samtweicher Kissen und zog sich eine mitvergoldeten Mustern bestickte Decke über seinen Körper. Nachdem er den Tee ausgetrunken hatte, rollte er sich wieein Kind zusammen und wartete darauf, dass ihn derSchlaf unter seine Fittiche nahm. Draußen, vor der Tür des kaiserlichen Schlafgemachs,hatte sich die Servitorin in eine halbdunkle Ecke des Flursgestellt. Sie nahm ihre kleine Haube vom Kopf und strichsich mit Erleichterung durch ihre schweißnassen Haare. Der kalte Blick der Frau suchte die Umgebung mit derAkribie eines Jägers ab, so als ob sie fürchtete, dass siejemand gesehen hatte. Schließlich verschwand RodmillaCurow mit einem kaum erkennbaren Lächeln in einem derNebenräume.Zur gleichen Zeit schritt der oberste Feldherr von Terradurch die verbrannten Ruinen von San Favellas. Nochimmer lag der beißende Gestank von explodierten Ignis-Geschossen, chemischen Flammenwerfern und verkohltenSlumhütten in der Luft. Aswin Leukos rümpfte die Nase und betrachtete angewi-dert das Gemetzel und die furchtbare Zerstörung, welcheseine Legionen hinterlassen hatten. Hunderte von Leichen 281
  • lagen in den mit Schutt und verkohlten Trümmern bedeck-ten Straßen der Slumstadt rund um den Feldherren herum. Im Umkreis von San Favellas waren die Ebenen, welcheaußerhalb der Stadt lagen, ebenfalls mit unzähligen Totenbedeckt. Die meisten der Einwohner, welche in ihrer Panikversucht hatten, den Legionen zu entkommen, waren hiervon Kampfläufern und Jagdgleitern zusammengeschossenworden. Der terranische Feldherr, dessen weiß glänzende Rüstunginzwischen mit Schmutz und rötlichen Staubpartikelnverunstaltet war, nahm seinen Helm vom Kopf und warfeinen angeekelten Blick auf das ihn umgebene Szenario desTodes. »Geht es Ihnen nicht gut, Herr?«, fragte ihn einer seinerLegaten, welcher angesichts des Gestanks ebenfalls pikiertdie Nase rümpfte. »Schon gut! Gehen wir, Throvald!«, antwortete Leukosund machte auf dem Absatz kehrt. »Sind Sie zufrieden mit dem Ergebnis, Oberstrategos?« Leukos setzte ein zynisches Lächeln auf. »Ja, welch groß-artiger Beweis der Vernichtungskunst unserer Legionen.Ein professionelles Abschlachten. Dafür hat es sich ge-lohnt, durch das All zu fliegen, nicht wahr?« Der Legionsoffizier schwieg und kehrte zu einer Scharanderer Soldaten zurück, die Leukos aus einiger Entfer-nung skeptisch beäugten. Nun ging der General langsam zurück zu seinem Gleiterund hielt unterwegs kurz an, um einige Anaureaner, dieoffenbar von einem Pilum getroffen worden waren, zumustern.282
  • Ihre Haut war teilweise zu einem widerlichen Brei zer-schmolzen, welcher eine gelblich-schwarze Farbe ange-nommen hatte. Einem der Toten fehlte der Kopf. Viel-leicht war er durch einen Hieb mit dem Gladius enthauptetworden. Aswin Leukos stieß mit dem Fuß gegen seinen Torso undder Leichnam zuckte unheimlich. Neben ihm lag eine Frau,die mit kalten Augen in den Himmel starrte und einenTreffer mit dem Blaster abbekommen hatte. Ein solches Massaker hatte Leukos in seiner ganzenLaufzeit als Soldat noch nicht gesehen. Seine Kriegerhatten hier keine reguläre Armee niedergemetzelt, sonderneinfach die Bewohner einer ganzen Stadt getötet. Kopfschüttelnd ging der Oberstrategos weiter und setzteseine stählerne Kopfbedeckung wieder auf, damit ihn dasVisier und der im Helm integrierte Luftfilter vor demwiderlich modrigen Brandgeruch schützen konnten. »Ihr Gleiter wartet, Herr!«, drängelte jetzt ein breitschult-riger Offizier und bat den Feldherren, die Stätte des Todeszu verlassen. »Man könnte meinen, dass Ihnen der Anblick nicht ge-fällt, Zenturio!«, stichelte Leukos und betrachtete das vomEkel gezeichnete Gesicht des Mannes. »Nun, Herr! Es war der Befehl des Archons…«, stammel-te der Offizier und hielt sich die Hand vor den Mund. Plötzlich kam ein Schwarm thracanischer Piktographiereraus dem Hintergrund, um noch einige Bilder von derzerstörten Stadt einzufangen. Sie schenkten Aswin Leukosein kurzes Begrüßungslächeln und begannen dann, dasgrauenerregende Szenario zu filmen. 283
  • Einer der Männer kam zu dem terranischen Feldherrnherüber und fragte ihn, ob sie auch nicht stören würden,doch dieser winkte ab. »Machen Sie ruhig ihre Aufnahmen von unseren Helden-taten!«, erklärte er. »Milliarden Menschen werden diese Bilder sehen. Nichtnur auf Terra, sondern auch…«, sagte der Piktographierer,doch Leukos befahl ihm zu schweigen. »Und Sie glauben, dass sich das Goldene Reich einen Gefal-len tut, wenn es der Menschheit seine Grausamkeit sooffen präsentiert?« Der Medienvertreter grinste. »Wir berichten lediglichdarüber und tun, was uns unsere Vorgesetzten befehlen.Genau wie Ihr, Herr! Wir haben diese Anaureaner auchnicht getötet, sondern Ihre Legionäre, General!« »Nun, das ist leider wahr!«, gab Leukos kleinlaut zu undwarf einen letzten Blick auf die Trümmerwüste, währender sich langsamen Schrittes auf seinen Gleiter zugbewegte.Juan Sobos und einige Dutzend Senatoren der Optimaten-fraktion hatten sich in einer Villa im Hochland von Inda-kuresch zusammengefunden und warteten schon denganzen Tag auf ein Lebenszeichen von Rodmilla Curow. Es war mittlerweile kurz vor Mitternacht und die reichenHerren wurden langsam ungeduldig. Vor allem Sobos hieltes kaum noch auf seinem Platz und er lief immer wiederangespannt von einem Ende der von Säulen aus Marmorund Kalkstein umgebenen Terrasse zum anderen. »Wenn die Operation erfolgreich war, dann steht dasGoldene Reich morgen vor einem historischen Umbruch«,284
  • murmelte der Grundherr aus Braza und sah einen seinerGetreuen mit verbissener Miene an. »Und Ihr seid sicher, dass Credos Platon nicht dochheimlich einen Nachfolger per Testament bestimmt hat,Senator?«, fragte der Mann. »Nein! Das hätte er laut Gesetz öffentlich bekannt gebenmüssen, sonst hat es keine Gültigkeit. Ich bin mir sicher,dass der Jungspund an so etwas noch keinen Gedankenverschwendet hat«, zischte Sobos und stiefelte davon, ummit einer Weinflasche in der Hand zurückzukommen. »Wo ist Senator Plochakrow eigentlich?«, erkundigte sicheiner der anderen Nobilen. Sobos machte eine flüchtige Handbewegung. »Vermutlichist er mit einer der anaureanischen Huren auf sein Zimmergegangen. Es wäre schön, wenn er in diesen Stunden einwenig mehr Ernsthaftigkeit zeigen könnte«, fauchte derOptimatenführer. »Sollte der Archon diese Nacht nicht überleben, dannbestimmt der Senat von Asaheim seinen Nachfolger«,flüsterte Sobos und kratzte sich mit speckigen Fingern anseinem Doppelkinn. »Was haben Sie gesagt, Senator?« »Nichts! Schon gut! Warum meldet sich die Curow nicht?« »Vielleicht ist sie doch ertappt worden und wir müssenjemand anderen ansetzen, um Platon zu erledigen…«,meinte einer der Patrizier. »Ich bin kein verfluchter Hellseher! Wenn sie sich dochendlich melden würde!«, zischte Sobos. Der Rivale des Imperators zog seinen Kommunikations-boten erneut aus der Tasche seiner Toga und starrte dasGerät an. Diese Handlung hatte er in den letzten Stunden 285
  • schon mehrfach vollzogen, doch bisher war keine Nach-richt von Rodmilla Curow eingetroffen. »Aswin Leukos müsste inzwischen das Proxima CentauriSystem erreicht haben. Meinen Sie nicht auch, SenatorSobos?«, hörte der Optimatenführer einen seiner Frakti-onskollegen hinter sich sagen. »Ja, ich denke, dass dieser Narr mittlerweile da hinten istund dumm aus der Wäsche schaut. Sein Gesicht würde ichzu gerne sehen«, erwiderte Sobos mit einem feisten Grin-sen, wobei seine speckigen Backen wie ein Pudding wa-ckelten. »Das wäre ein Anblick für die Götter!«, stieß der andereNobile mit einem lauten Lachen aus. Sobos verfinsterte seinen Blick wieder und fuchteltenervös mit dem Kommunikationsboten in der einen undder Weinflasche in der anderen Hand herum. »Aber Leukos ins All zu schicken, auf dass er auf ThracanPhantome jagt, nützt herzlich wenig, wenn der Rest unse-res Planes in die Hose geht. Diese Curow soll sich endlichmelden!« Der andere Senator verschwand und ließ Juan Sobosallein am Rande der Terrasse stehen. Dieser öffnete dieWeinflasche und nahm einen gehörigen Schluck zu sich. Schließlich setzte er sich auf einen Sessel und betrachteteden sternenbehangenen Nachthimmel über seinem Kopf. Derweil war die Mitternachtsstunde schon verstrichenund es dauerte noch eine Weile, bis der Kommunikations-bote endlich mit einem leisen Piepen auf sich aufmerksammachte. Gierig riss ihn Sobos aus der Tasche seiner Toga undtippte sich durch das Menü. Rodmilla Curow hatte sich286
  • endlich gemeldet und der Senator konnte es kaum erwar-ten, die Zeilen ihrer Kurznachricht zu lesen. »Heute schmeckt der Tee im Archontenpalast besondersgut!«, stand in leuchtenden Lettern auf dem kleinen Dis-play des Gerätes und Juan Sobos Mundwinkel zogen sichzu einem teuflischen Schmunzeln nach oben. »Ha!«, rief er und reckte seine speckige Faust in die Höhe.Anschließend ließ er ein lautes, triumphierendes Heulenüber die Terrasse der Villa hallen, welches an einen hungri-gen Wolf erinnerte. Die übrigen Männer aus der Optimatenfraktion eilten zuihm herüber und betrachteten ihn mit erwartungsvollenGesichtern. Der Grundherr aus Braza lächelte sie mit überheblichglänzenden Augen an und verkündete seinen Getreuen mitvor Stolz geschwellter Brust: »Wir sind am Ziel, Freunde!Unser Plan ist aufgegangen!«Als sich der nächste Tag über Asaheim erhob, erwachteder Archontenpalast langsam zum Leben und es breitetesich schnell das übliche, hastige Treiben innerhalb derWände der riesenhaften Kaiserresidenz aus. Schwärme vonDienern huschten durch die Räume und Gänge, Wachsol-daten bezogen Position und in lange Gewänder gekleideteBeamte und Würdenträger gingen an ihre Plätze zurück. Clautus Triton war heute noch früher als sonst aufgestan-den, was wirklich etwas heißen sollte. Der in die Jahregekommene Berater des jungen Archons hatte in dieserNacht schlecht und unruhig geschlafen. Immer wiederhatte er sich in seinem Bett gewälzt und war durch un- 287
  • schöne Vorahnungen, die an seinem Unterbewusstseingerüttelt hatten, aufgeschreckt worden. Langsam schritt der Mann durch den inneren Kreis desPalastes und musterte ab und zu sein Chronometer mitsichtlichem Unverständnis. Eigentlich war der Imperatorgenauso ein Frühaufsteher wie er selbst. Heute aber war eroffenbar im Bett geblieben. »Hat seine Majestät das Frühstück noch nicht eingenom-men?«, fragte Clautus die für den inneren Palastbereichzuständige Oberservitorin. »Nein, Ihre Exzellenz ist noch nicht aufgewacht. Nie-mand hat ihn bisher gesehen«, antwortete die greise Frauverwundert. »Nun, dann werde ich selbst nach dem Archon sehen«,bemerkte Triton und bewegte sich im Eiltempo auf dasSchlafgemach des Kaisers zu. Die Tür des kaiserlichen Schlafzimmers öffnete sich,nachdem sie das genetische Profil des Beraters erkannthatte, mit einem leisen Summen. In ihrem Scanner warenlediglich einige Dutzend DNS-Profile gespeichert, wasbedeutete, dass lediglich bestimmte Würdenträger, einigeausgewählte Beamte, überprüfte Angehörige des Dienst-personals und natürlich er selbst den Schlafraum desImperators betreten duften. Clautus unternahm einen weiteren Schritt und ließ daselektronische Portal hinter sich. Anschließend wandertesein Blick durch das Gemach. Da lag Credos Platon. Die Decke hatte sich der jungeArchon weit über den Kopf gezogen, so dass man nurseine blonden Haare erkennen konnte.288
  • »Herr?«, flüsterte Clautus. »Ich bin es! Wollt Ihr nichtlangsam aufstehen?« Eine Antwort blieb aus. Entgeistert näherte sich Tritondem Bett seines Kaisers und stellte sich daneben. »Majestät? Geht es Euch gut?«, fragte er leise. Der Imperator schwieg noch immer und gab keine Re-gung von sich. Clautus schnaufte verlegen und zog dannsanft die Decke vom Kopf seines Herrn hinunter. »Möchte Eure Exzellenz denn nicht aufstehen? Ihr habtheute Morgen einen Termin«, sagte der Berater. Plötzlich schoss dem alten Mann ein entsetzlicher Schreckdurch die Glieder. Er konnte weder hören noch sehen,dass der Imperator atmete. Die Adern des Archons hattensich an dessen Hals wie dicke, kleine Schläuche vergrößertund leuchteten bläulich unter der weißen Haut hervor. »Herr! Was ist mit Euch?«, rief Clautus von Furcht ergrif-fen und streifte die Decke gänzlich von Platons Körperherunter. Seltsam verkrümmt lag der Kaiser da und rührte sich auchjetzt nicht. Clautus riss die Augen aus und spürte wie ihmdie Luft wegblieb. Hastig fühlte er Platons Puls, doch dieser war nicht mehrvorhanden. Verstört taumelte Triton einige Schritte zurückund prustete einen gewaltigen Schwall Luft aus seinenLungen. Dann wurde er von einem schrecklichen Schwin-del ergriffen und torkelte ohne Orientierung durch denRaum. »Der Archon ist tot!«, stammelte er und fiel über dieTasse, welche neben dem Bett des Kaisers auf der kleinenFußmatte in einer feuchten Lache lag. 289
  • Triton richtete sich wieder auf und eilte aus dem Schlaf-gemach heraus. Einige Dienerinnen kamen ihm entgegenund mussten den alten Mann, welcher einen Schwächean-fall zu erleiden drohte, stützen. »Ruft die Wachen! Der Archon ist tot!«, stöhnte Clautusmit schmerzverzerrtem Gesicht und griff sich an die Brust. Einige der Dienerinnen rannten durch die noch offeneTür des kaiserlichen Schlafraums und spitze Schreieschallten über den Gang. Einige Minuten später befandsich der gesamte Archontenpalast in hellem Aufruhr.290
  • MachtwechselWährend das Goldene Reich innerhalb eines einzigen Tages,nachdem die Simulations-Transmitter den plötzlichen Toddes beliebten Imperators verkündet hatten, von einertosenden Woge des Entsetzens und der Trauer ergriffenwurde, war Juan Sobos mit einem seiner engsten Gefolgs-leute aus der Optimatenfraktion in den Süden von Brazageflogen. Mit einem dauerhaften Lächeln, das tiefe Genugtuungwiderspiegelte, schritt der Senator über einen schlammigenFußweg, der durch dichten Dschungel führte. Nacheinigen Minuten kamen Sobos und sein Mitstreiter zu einergroßen Lichtung. »Was hat denn das zu bedeuten?«, rief der noble Gast ausArica aus und Sobos stieß ein hämisches Lachen aus. »Nicht schlecht, oder?«, sprach der Optimatenführer. Völlig verwundert starrte Sobos` Fraktionskollege auf denseltsamen Anblick vor sich. Die Lichtung war mit zahlrei-chen Slumhütten und Attrappen von großen Wohnblö-cken bedeckt. Ausgebrannte Gleiter und Berge von ver-kohltem Schutt türmten sich zwischen den Gebäuden auf.Die ganze Szenerie erinnerte an ein erst kürzlich verlasse-nes Schlachtfeld. »Das kann nicht sein, Sobos!«, brummte der Patrizier undklatschte vor Verzückung in die Hände. »Ist es das, was ichdenke?« »Ja!« »Du verdammter Schlingel!« 291
  • Der brazanische Grundherr setzte ein diabolisches Grin-sen auf und antwortete: »Hier sind die Bilder entstanden,die all den braven Aureanern gezeigt haben, wie schlimmes auf Thracan zugeht. Hier, im Süden von Braza!« »Das ist genial, Sobos!«, jubelte der Optimat und klopftesich auf die Schenkel. »Wenn man mit den Besitzern der wichtigen Medienstati-onen befreundet ist, kann man jeden Bürgerkrieg auf demholographischen Bildschirm inszenieren«, lachte derPolitiker. »Das ist genial!«, wiederholte der Gast begeistert. Mit Stolz in der Stimme sprach Juan Sobos: »Es war keingeringer Aufwand, den ganzen Betrug aufzuziehen, aber eshat sich gelohnt. Adieu, Credos Platon! Adieu, AswinLeukos!« »Und es ist niemandem aufgefallen?«, bemerkte der Nobi-le zu Sobos Rechten und fing an zu lachen. »Nun, ich habe frühzeitig damit angefangen, diese Schre-ckensbilder zu produzieren und das ganze Goldene Reich,einschließlich des Archons, damit in Angst und Schreckenzu versetzen. Und es gibt noch andere Orte hier im Um-kreis, wo wir gefälschte Berichte hergestellt haben. Als Platon unseren Leuten die Medien weggenommenhat, war es längst zu spät. Der Stein war schon ins Rollengebracht worden, Leukos hatte Terra verlassen und alles istso gelaufen, wie ich es geplant habe«, erläuterte der Opti-matenführer. »Unfassbar!«, stieß sein Gast aus. »Und sogar, nachdem Platon unseren Leuten die Medienentrissen hat, wurde weiter mit den Bildern und Berichtengearbeitet, die ich hier habe produzieren lassen. Ich habe292
  • sie alle aufs Kreuz gelegt und nun werden wir uns dasGoldene Reich unter den Nagel reißen!« Sobos` Fraktionskollege lief nun zu den Slumhütten, umsie näher zu betrachten. Manche von ihnen konnte manmit einem Fußtritt in sich zusammenfallen lassen, wasnichts daran änderte, dass sie hervorragende Attrappenwaren. »Es war für meine anaureanischen Hilfsarbeiter ein großerSpaß, einmal vor laufenden Aufnahmegeräten Gleiteranzuzünden und Aureaner zu jagen. Das war wirklichamüsant«, lachte Sobos. Der befreundete Senator begann derweil einige der Att-rappen mit Steinen zu bewerfen und freute sich dabei wieein kleiner Junge. Juan Sobos sah ihm grinsend zu und riebsich die Hände. Nach einer Weile hatte der begeisterte Gast genug Spaßgehabt und folgte Sobos zu seinem Gleiter. Die beidenOptimaten trotteten durch den Dschungel von Braza zurückund ihr Lachen hallte so laut durch das grüne Dickicht,dass man es noch über den Baumwipfeln hören konnte.Offiziell war Imperator Credos Platon an einem Herzver-sagen im Schlaf gestorben. So hatten es jedenfalls die Ärzteherausgefunden. Dass der idealistische Archon jedoch inWirklichkeit ermordet worden war, konnten sich vieleAureaner auf Terra denken. Doch Beweise für dieseBehauptung hatte niemand. Juan Sobos war einer der Ersten, der in der Öffentlichkeitsein »tiefes Bedauern« äußerte. Ihm folgten Hunderte vonSenatoren, welche auf den Bildschirmen der Simulations-Transmitter mehr oder weniger glaubhaft ihre Krokodils- 293
  • tränen vergossen. Der Zorn vieler Aureaner und dieständigen Vorwürfe ließen Sobos kalt. Auch wenn man ihnals Mörder beschimpfte, so würde sich die Masse derBevölkerung nach einigen Wochen wieder beruhigt haben,sagte er sich. Jedenfalls war der verhasste Archon tot und nun konnteder von den Optimaten beherrschte Senat über dessenNachfolger entscheiden. Wer es sein würde, stand bereitsfest, auch wenn der Öffentlichkeit noch vorgegaukeltwurde, dass man bezüglich dieser Frage intensiv beriet. Das optimatische Netzwerk wartete lediglich darauf, dasssich die verstörten Volksmassen beruhigten und begannmit eifrigen Vorbereitungen für einen politischen Umsturzim großen Stil. So erkor Juan Sobos Antisthenes von Chausan, einenskrupellosen Mann mit optimatischer Gesinnung, schon kurznach dem Tod des Imperators zum zukünftigen Oberstrat-egos von Terra aus. Der 41jährige Sohn eines anaureani-schen Dieners, dessen Vater vor einigen Jahrzehnten voneiner reichen Patrizierfamilie aus Canmeriga adoptiertworden war, und einer aureanischen Nobilen, war fürseinen unterschwelligen Hass auf die Angehörigen derobersten Kaste bekannt und nahm das Angebot desOptimatenführers mit Begeisterung an. Ihn, so versprach Sobos seinen Fraktionskollegen, konnteer voll und ganz für seine Machtpläne instrumentalisieren,denn bald sollte die Zeit anbrechen, wo die noch verblie-benen politischen Gegner auch mit Gewalt gebrochenwerden mussten. Zudem galt es, die Reformen des Credos Platon mit allenMitteln rückgängig zu machen, wofür notfalls Legionen294
  • notwendig waren, die jetzt von einem Individuum wieAntisthenes befehligt wurden. Aswin Leukos und seine Legionäre auf dem fernen Plane-ten Thracan wussten von all den Geschehnissen auf Terranichts. Sie taten ihre blutige Pflicht und erfüllten denWillen ihres Monarchen. Jedenfalls glaubten sie das…Flavius rang nach Luft und sein Herz pochte vor Erre-gung. Um den jungen Rekruten herum befand sich einwahrer Wald aus stählernen Kreuzen, an denen wimmern-de und gequälte Gestalten hingen. Stunde um Stunde wurden nun neue Kreuze hinzugefügt.Princeps hatte sich so gut es ging vor dem Aufstellen derMordinstrumente gedrückt, doch die wachsamen Augender Legionsoffiziere ließen ihm kaum eine Möglichkeit,sich allzu lange in der Masse seiner Kameraden zu verste-cken. »Hilf mal mit anpacken, Junge!«, herrschte ihn ein Veterander 341. Legion von Terra an und Flavius musste ihmhelfen, ein schweres Stahlkreuz aus einem Transportgleiterauszuladen. So ging es eine ganze Stunde lang. Kleitos war einigehundert Meter weiter ebenfalls mit dieser grauenhaftenArbeit beschäftigt, so wie die übrigen terranischen Solda-ten auch. Nach einer Weile hatte der LegionärstruppDutzende von neuen Kreuzen auf dem rötlichen Wüsten-boden verteilt. Flavius schnaufte und fühlte, wie sich ihmder Magen herumdrehte. »Bewegung!«, hörte er jetzt hinter sich einen Trupp Solda-ten schreien. Die Männer zerrten eine Gruppe von jam- 295
  • mernden Gefangenen mit sich und prügelten sie mitelektrischen Schlagstöcken vorwärts. Die unglücklichen Anaureaner zappelten wie Fische ineinem Netz und einige von ihnen versuchten, sich irgend-wie zu wehren, doch die verzweifelten Schläge der zer-lumpten Gestalten prallten wirkungslos an den Helmenund Panzern der Legionäre ab. Diese antworteten mitihren Knüppeln und hieben mehrere der Gefangenen zuBoden. Zwei der Legionäre schleiften einen Mann in Richtungdes Stahlkreuzes, welches neben Flavius auf dem Bodenlag. Princeps zuckte zusammen und wusste nicht, was ertun sollte. Am liebsten wäre er einfach fortgelaufen. »Hilf uns gefälligst!«, knurrte ihn einer der Soldaten anund nötigte den entsetzten Rekruten, den schreiendenMann mit festzuhalten. Mit vereinten Kräften warfen sie den Gefangenen, wel-cher ein erschütterndes Wimmern ausstieß, zu Boden undlegten ihn anschließend auf das stählerne Kreuz. Flavius ließ von dem Mann ab und ging einige Schrittezurück. Angewidert torkelte er umher und sah mit an, wieseine beiden Kameraden dem schreienden Anaureanerzwei Nägel mit einer Druckluftpistole durch die Handflä-chen jagten. »Halte seine Beine fest, Junge!«, fauchte einer der Legio-näre in Flavius` Richtung. Princeps tat, was ihm die erfahrenen Berufssoldatenbefahlen und presste die Füße des Gefangenen gegen denblanken Stahl. Mit einem Zischen schoss ein weiterer,langer Nagel durch das Fleisch des Anaureaners und sierichteten das Kreuz auf.296
  • »Wenn ich den Befehl verweigere, werde ich erschossen!«,bohrte es in Princeps` Gehirn und er stieß ein verzweifel-tes Schnaufen aus. Der jammernde Mann am Kreuz blickte mit schmerzver-zerrtem Gesicht auf ihn herab und Flavius versuchte,irgendwie seinem Blick auszuweichen. Kalter Schweiß liefdem jungen Mann den Rücken herunter und er ließ dasVisier seines Helms nach oben fahren, um einigermaßenatmen zu können. Schon wurden die nächsten Todgeweihten hergebrachtund Princeps blieb keine Verschnaufpause. Das blutigeGrauen ergriff ihn mit seinen Klauen und sollte ihn biszum Ende dieses entsetzlichen Tages nicht mehr loslassen.Der junge Legionär musste noch beim Aufstellen vielerKreuze helfen und nach einigen Stunden wurde die Sachefast zu einer unmenschlichen Routine. Als die Abenddämmerung einsetzte, war die Ebene rundum die zerstörte Stadt San Favellas mit noch mehr Kreu-zen bedeckt. Mittlerweile waren es Tausende und nochimmer wurden neue aufgestellt. Flavius betrachtete die vielen Unglücklichen um sichherum, welche an den Kreuzen einem langsamen Todentgegengingen. Verkrustete Blutströme liefen an denstählernen Balken herunter und das unaufhörliche Klagender Gepeinigten fraß sich durch das Gehör des terrani-schen Soldaten. Schließlich kam Kleitos zu ihm herüber. Dieser war krei-debleich und sah sich hilfesuchend um. Die beiden Freun-de schwiegen und richteten ihre Blicke angewidert auf dasgrauenhafte Schauspiel vor ihren Augen. 297
  • »Morgen machen wir weiter!«, rief ein Vorgesetzter nebenihnen und gab den erschöpften Legionären die Erlaubnis,zu ihren Unterkünften zurück zu kehren. Flavius musste sich eingestehen, dass er nach denKampfeinsätzen und Gemetzeln der letzten Tage nichtmehr derselbe Mensch war. Sein freundliches Gemüt undsein gutes Herz schienen in den Trümmern von SanFavellas mit untergegangen zu sein. Der junge Mann schüttelte den Kopf und machte schließ-lich auf dem Absatz kehrt, um dem Rest seiner Kameradenzu folgen. Kleitos trottete ihm wortlos hinterher. Die schrecklichen Bilder der letzten Tage würden seinLeben bis zum Ende vergiften, dachte er sich. War ausdem netten Jungen aus Vanatium innerhalb weniger Tageein kaltherziger Mörder geworden? Plötzlich drehte sich Flavius ein letztes Mal um und warfeinen hastigen Blick auf das Meer der stählernen Kreuze inder Abenddämmerung. Kleitos stoppte nun auch und tates ihm gleich. »Ist das die Herrlichkeit des Goldenen Reiches von Terra?«,fragte Flavius seinen Freund, doch dieser gab ihm keineAntwort und ging davon.298
  • Alexander Merow Beutewelt I Bürger 1-564398B-278843 ISBN 78-3-86901-839-3 Engelsdorfer Verlag Taschenbuch, Format: 12x19 250 Seiten, Preis: 12,90 EURODie Welt im Jahr 2028: Die Menschheit befindet sich imWürgegriff einer alles überwachenden Weltregierung.Frank Kohlhaas, ein unbedeutender Bürger, fristet seintrostloses Leben als Leiharbeiter in einem Stahlwerk, bis ereines Tages durch ein unglückliches Ereignis mit demtyrannischen Überwachungsstaat in Konflikt gerät. Er wirdim Zuge eines automatisierten Gerichtsverfahrens zu fünfJahren Haft verurteilt und verschwindet in einer Haftan-stalt, wo er einem grausamen System der Gehirnwäscheausgesetzt wird. Mental und körperlich am Ende, wird ernach acht Monaten in ein anderes Gefängnis verlegt. Aufdem Weg dorthin geschieht das Unerwartete. Plötzlichverändert sich alles und Frank befindet sich zwischen denFronten. 299
  • Alexander Merow Beutewelt II Aufstand in der Ferne ISBN 978-3-86901-970-3 Engelsdorfer Verlag Taschenbuch, Format: 19x12 251 Seiten, Preis: 12,90 EUROUnterdrückung und Manipulation sind im Jahre 2030 ander Tagesordnung. Nur ein einziger Staat hat sich mutigaus dem Versklavungssystem der Weltregierung herausge-löst und unabhängig gemacht: Japan. – Frank Kohlhaas,Alfred Bäumer und Millionen unzufriedene Menschen inallen Ländern richten in diesen finsteren Tagen ihren Blickvoller Hoffnung auf den japanischen Präsidenten Matsu-moto, welcher seinem Volk die Freiheit erkämpft hat.Doch die Mächtigen denken nicht daran, den abtrünnigenStaat in Ruhe zu lassen und überschütten ihn mit Ver-leumdung. Sie bereiten einen Großangriff auf Japan vor,um die rebellische Nation zu zerschlagen. Frank undAlfred beschließen, als Freiwillige am japanischen Frei-heitskampf teilzunehmen. Schon bald spitzt sich dieSituation immer weiter zu und die beiden Rebellen befin-den sich in auswegloser Lage …300
  • Alexander Merow Beutewelt III Organisierte Wut ISBN 978-3-86268-162-4 Engelsdorfer Verlag Taschenbuch, Format: 12x19 246 Seiten, Preis: 12,90 EuroDie wirtschaftliche Situation in Europa ist im Jahre 2033hoffnungsloser denn je.Die Weltregierung presst die von ihr beherrschten Ländererbarmungslos aus.Artur Tschistokjow, ein junger Dissident aus Weißruss-land, übernimmt die Führung der Freiheitsbewegung derRus, einer kleinen Widerstandsgruppe, die im Untergrundgegen die Mächtigen kämpft.Während sich in Weißrussland eine furchtbare Wirt-schaftskrise anbahnt, bauen die Rebellen eine revolutionäreBewegung auf, der sich immer mehr Unzufriedene an-schließen. Unter Führung des zu allem entschlossenenTschistokjow, folgen auch Frank und seine Gefährten demRebellenführer, bis es für sie nur noch die Flucht nachvorn gibt … 301