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Trotz kriselnder Konjunktur wollen deutsche
Unternehmensberater auch 2009 weiter wachsen

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  • 1. ZPB (2009) 2:365–392 DoI 10.1007/s12392-009-0101-y corners Management Consulting Diese corner wird von Dietmar Fink, Professor für Unternehmensberatung an der Hoch- schule Bonn-rhein-sieg, und Torsten oltmanns, Partner bei roland Berger strategy con- sultants, betreut. News Trotz kriselnder Konjunktur wollen deutsche Unternehmensberater auch 2009 weiter wachsen Am ende des Jahres soll im Gesamtmarkt ein Umsatzplus in Höhe  von drei Prozent erzielt werden. Besonders hohen Beratungsbedarf  persönliches elektronisches Belegexemplar - author´s copy - for personal usage only sehen die consultants zurzeit bei Projekten zur Kostenreduzierung,  zum  risikomanagement  sowie  zur  Differenzierung  und  Anpas- sung  von  Geschäftsmodellen.  Dies  sind  die  zentralen  ergebnisse  der  Marktstudie  „Facts  &  Figures  zum  Beratermarkt  2008/2009“,  die  der  Bundesverband  Deutscher  Unternehmensberater  (BDU)  in  Bonn  vorgestellt  hat.  BDU-Präsident Antonio  schnieder  mahnt  je- doch dazu, auch im Angesicht der Krise strategisch wichtige Ziele  nicht  aus  den Augen  zu  verlieren:  „2009  wird  für  viele  Unterneh- men ein Jahr der Anpassungen werden. Dabei müssen sie vor allem  über  die  Phase  des  derzeitigen  Krisenmanagements  hinausdenken.  Die Anforderung  besteht  darin,  Kosten  und  Liquidität  im  Griff  zu  behalten  und  gleichzeitig  gezielt  in  neue  Märkte  und  Produkte  zu  investieren.“  nach  einschätzung  der  Unternehmensberater  werden  die Auftraggeber  dabei  ein  besonders  hohes Augenmerk  darauf  le- gen,  dass  die  ergebnisse  der  Beratungsprojekte  schnell  verfügbar  und die gewünschten effekte kurz- bis mittelfristig erkennbar sind. Für  die  BDU-studie  wurden  die  Zahlen  und  einschätzungen  von  über  700  Beratungsgesellschaften  ausgewertet.  Den  höchsten  Zuwachs für 2009 erwarten Beratungsunternehmen mit einem Jah- resumsatz von einer bis 2,5 Millionen euro. sie rechnen mit einem  durchschnittlichen Unternehmenswachstum von 7,1 Prozent. In der  Größenklasse  von  500.000  bis  1  Million  euro  liegt  der  Wert  mit  6,4 Prozent nur knapp darunter. Vorsichtiger fällt die Prognose bei  den  großen  consultingunternehmen  mit  über  45  Millionen  euro  Jahresumsatz  aus,  die  ein  Plus  von  lediglich  1,7  Prozent  erwar- ten.  Im  zurückliegenden  Jahr  2008  stieg  der  Umsatz  in  der  Bera-
  • 2. 366  corners terbranche  zweistellig  um  10,7  Prozent  auf  18,2  Milliarden  euro  (2007: 16,4 Milliarden euro). Gute Zeiten für gute Leute Unterm  strich  stehen  die  Zeichen  auf  dem  Beraterarbeitsmarkt  derzeit  besser  als  in  anderen  Branchen.  Dennoch  geben  sich  die  Häuser  beim  schaffen  neuer  stellen  zurückhaltend.  nur  wenige  Beratungsunternehmen  haben  ihre  rekrutierungsziele  auf  Vorjah- resniveau gehalten. Beim Branchenriesen McKinsey hat man sich  nach  280  neuen  Beratern  2008  in  diesem  Jahr  200  neue  consul- tants vorgenommen, Konkurrent Boston consulting Group will es  nach 230 neueinstellungen im Vorjahr nun bei 170 neuen Köpfen  bewenden lassen. Bei roland Berger peilt man für 2009 nach wie  vor  rund  150  neue  Berater  an,  der  sanierungsexperte  sucht  vor  allem  restrukturierungsfachleute.  Derweil  tummeln  sich  auf  dem  Bewerbermarkt jede Menge neue Gesichter. „Das Angebot ist äu- ßerst  kompetitiv  geworden“,  stellt  etwa  Per  Breuer,  Personalchef  persönliches elektronisches Belegexemplar - author´s copy - for personal usage only von  roland  Berger  strategy  consultants,  fest.  „Wir  sehen  zum  Beispiel  viele  hervorragende  Kandidaten  aus  Private  equity  oder  Investmentbanking, die chancen in der Unternehmensberatung su- chen.“  Die  Hürden  für  den  einstieg  sind  daher  offenbar  bei  allen  Beratern  gestiegen.  (Quellen:  HB  vom  03.03.2009  und  Titel  der  FAZ vom 25.03.2009) Studien: Krise ist das beherrschende Thema strategie, Finanzindustrie und Marktanalysen – diese drei Themen  stehen bei den Publikationen der weltweit größten Unternehmens- beratungen an der spitze der studienthemen. sie machen rund 50  Prozent aller veröffentlichten studien aus. Alle großen Beratungen  haben  dabei  seit  september  2008  regelmäßig  Untersuchungen,  Prognosen und empfehlungen zur Finanzkrise herausgegeben. ei- nen besonderen Weg sind dabei Die Boston consulting Group und  roland  Berger  strategy  consultants  gegangen:  erstere  hat  durch  Zufall  einen  Viralmarketing-erfolg  gelandet,  weil  das  Papier  zu  den  Konsequenzen  der  Krise  für  das  Management,  das  eigentlich  für einen Kunden bestimmt war, über das Internet in wenigen Ta- gen  eine  enorme  Verbreitung  fand.  Letztere  haben  anstelle  einer  Prognose  drei  szenarien  veröffentlicht,  Meilensteine  für  das  ein- treten jedes Szenarios identifiziert und ihre Empfehlungen darauf zugeschnitten.  Insgesamt  hat  die  Publikationsfreude  der  zwanzig  größten  Beratungen  im  ersten  Quartal  2009  weiter  zugenommen  – und erstmals machen auch die vier großen Wirtschaftsprüfungs- gesellschaften  mit  einer  großen  Zahl  von  Veröffentlichungen 
  • 3. corners  367 zu  allgemeinwirtschaftlichen  Themen  und  der  Krise  auf  sich  aufmerksam.  Simon gibt Führung seiner Beraterfirma ab Hermann simon verließ am 1. Mai den Führungsposten des Bera- tungsunternehmens simon-Kucher & Partners. sein Unternehmen,  das  er  1985  mit  zwei  Partnern  gründete,  ist  heute  einer  der Welt- marktführer für Preisberatung mit Aktivitäten in europa, Amerika  und  Asien.  simons  bekanntestes  Projekt  in  Deutschland  ist  die  einführung  der  Bahncard  für  die  Deutsche  Bahn.  simon-Kucher  erwirtschaftete  2008  einen  Umsatz  von  98,5  Mio.  euro.  In  den  vergangenen  vier  Jahren  konnten  die  Bonner  Preisberater  ihr  Ge- schäft  verdoppeln.  Die  nachfolge  des  62-jährigen  simon  haben  Klaus  Hilleke  und  Georg  Tacke  als  Ko-Vorsitzende  angetreten.  Das Unternehmen befindet sich zu mehr als 80 Prozent im Besitz der  44  Partner,  diese  wollen  im  Frühjahr  einen  neuen  ceo  aus  ihren reihen bestimmen. simon wird als chairman ohne operative  persönliches elektronisches Belegexemplar - author´s copy - for personal usage only Verantwortung im Unternehmen bleiben.  Horváth & Partners und Wissenschaftler der European Business School gründen Innovationsberatung Die Innovationskraft in Unternehmen zu stärken – dies haben sich  die  Innovation  navigators  zur Aufgabe  gemacht.  Die  neue  Toch- tergesellschaft  der  Managementberatung  Horváth  &  Partners  ver- knüpft das eigene Know-how im Bereich Innovationsmanagement  mit  der  wissenschaftlichen  Kompetenz  der  european  Business  school  (eBs)  zu  diesem  Thema.  Die  spezialisten  sehen  aktuell  in vielen Unternehmen einen erhöhten Bedarf nach steigerung der  Innovationskraft. Gerade in der derzeit schwierigen Lage gelte es,  neue Wege zu finden und zu beschreiten. Autoindustrie: Branchenkonsolidierung unausweichlich Der Gesamtgewinn (Profit Pool) der weltweiten Automobilindus- trie ist im Zuge der Finanz- und Wirtschaftskrise im vergangenen  Jahr  von  52  Mrd.  (2007)  auf  17  Mrd.  Us-Dollar  eingebrochen,  das  laufende  Geschäftsjahr  2009  wird  mit  einem  geschätzten  Ge- samtverlust  von  1  Mrd.  Us-Dollar  schließen.  Bis  2015  jedoch  ist  eine rückkehr auf das Gewinn-niveau von 2007 möglich. Zu die- sem ergebnis kommt eine neue studie der Unternehmensberatung  McKinsey & Company, die den Profit Pool für die Gesamtheit der namhaften Hersteller weltweit analysiert hat. Dazu müssen die  Hersteller der aktuellen Analyse der Berater zufolge 28 Mrd. Us-
  • 4. 368  corners Dollar  an  Fixkosten  einsparen.  nur  so  lassen  sich  die  enormen  Zusatzkosten  kompensieren,  die  bis  2015  zusätzlichen  Druck  auf  die Margen der Automobilhersteller ausüben.  Zwar fließen aus den Wachstumsmärkten Brasilien, Russland, Indien und china (den sogenannten BrIc-Märkten) bis 2015 rund  drei bis fünf Mrd. US-Dollar in den Profit Pool und auch das Wachstum bei den Premiumherstellern führt mit weiteren vier Mrd.  Us-Dollar zu einem positiven effekt. Doch allein die Investitionen  im Zusammenhang mit der regulierung der co2-emissionen ver- ursachen  bis  2015  Kosten  zwischen  16  und  30  Mrd.  Us-Dollar  – und es besteht nur wenig Aussicht, diese Kosten an den Kunden  weitergeben zu können. Weitere zwei bis vier Mrd. Us-Dollar ver- liert die Branche zudem durch anhaltenden Preisverfall, insbeson- dere in den vom Wettbewerb umkämpften schwellenmärkten. Auto-Zulieferer vor dramatischer Krise Wenn Daimler hüstelt, bekommt die gesamte Autowelt eine Grip- persönliches elektronisches Belegexemplar - author´s copy - for personal usage only pe. Die Wahrheit dieser stuttgarter Weisheit zeigt sich in einer stu- die zu den Aussichten der Automobilzulieferer der Investmentbank  rothschild  Bank  und  roland  Berger  strategy  consultants.  Die  Verkaufsvolumen  der  Zulieferindustrie  sind  schon  zu  Beginn  des  Jahres  um  25  Prozent  gefallen,  weltweit  mussten  300  Unterneh- men Insolvenz anmelden. Auf der Basis der Finanzdaten von 400  Unternehmen und  100  Interviews  mit  Branchenexperten zeichnen  die Autoren ein Bild, das sich weiter verdüstert: Die erholung der  Industrie wird frühestens 2012 erfolgen und bis dahin werden viele  weitere Anbieter ihre Arbeit einstellen – gute Aussichten prognos- tiziert  die  studie  nur  den  Unternehmen,  die  sich  durch  entschlos- senes restrukturieren jetzt die Freiräume und die Liquidität schaf- fen, um Wettbewerber vom Markt zu drängen.  Top-Management unterschätzt Rezession Weltweit herrscht in vielen Unternehmen ein dramatischer Mangel  an  Führungsstärke  und  geeigneten  strategien,  um  den  besonderen  Anforderungen  einer  Wirtschaftskrise  historischen  Ausmaßes  ad- äquat  zu  begegnen.  so  konzentrieren  sich  65  Prozent  der  zurzeit  finanziell angeschlagenen Unternehmen trotz akuter Refinanzie- rungsprobleme am Kapitalmarkt nur unzureichend auf den Aufbau  und erhalt ihrer Liquidität. selbst ein Viertel der solide aufgestell- ten  Unternehmen  lässt  Wachstumspotenziale  ungenutzt  und  geht  Investitionen,  expansionen  und  Akquisitionen  nicht  konsequent  genug an. Insgesamt verfügt ein Drittel der Unternehmen – so ihre  selbsteinschätzung  –  über  kein  ausreichend  tragfähiges  Konzept, 
  • 5. corners  369 um  in  der  Krise  erfolgreich  zu  bestehen.  40  Prozent  der  Manager  unterhalb der ceo-ebene trauen der obersten Führungsebene kein  überzeugendes Krisenmanagement zu. 46 Prozent stellen in Frage,  dass  entsprechende  Maßnahmen  mit  unternehmensinternen  res- sourcen umzusetzen wären. Das sind die alarmierenden ergebnisse  einer aktuellen studie der strategieberatung Booz & company. Für  die  studie  wurden  weltweit  rund  830  Manager  der  obersten  Füh- rungsebene, davon 133 aus dem deutschsprachigen raum, befragt. Forschung McKinsey, oder ...? Wenn  Führungskräfte  mit  dem  Gedanken  spielen,  einen  Unter- nehmensberater  einzuschalten,  kommt  die  größte  Management- beratung  der  Welt  fast  wie  von  selbst  in  die  engere  Wahl.  Keine  Frage, McKinsey zählt zu den „champions“ des Beratungsmarktes  persönliches elektronisches Belegexemplar - author´s copy - for personal usage only – zu der kleinen Schar von Consultingfirmen, die jeder sofort im sinn  hat,  wenn  es  darum  geht,  strategien  zu  entwickeln,  Kos- ten  zu  senken  oder  Prozesse  zu  optimieren. Auch  roland  Berger  strategy  consultants  zählt  dazu,  ebenso  die  Boston  consulting  Group  (BcG).  Doch  gibt  es  auch  Alternativen?  Kleine,  weniger  bekannte Berater, die sich in ihren spezialgebieten mit innovativen  Ideen und ergebnisorientierten Lösungen als ebenbürtige ratgeber  empfehlen? Bereits  zum dritten Mal hat die Wissenschaftliche Gesellschaft  für  Management  und  Beratung  (WGMB)  in  Bonn  die  „Hidden  champions“ des Beratungsmarktes analysiert. Auch in diesem Jahr  wurden zahlreiche Topmanager befragt – Vorstände, Geschäftsfüh- rer und Manager der obersten Führungsebene. 249 Teilnehmer ha- ben  detailliert Auskunft  über  ihre  erfahrungen  mit  Management- beratern gegeben, darunter 112 Vorstände und Geschäftsführer, 89  Budgetverantwortliche und 23 Projektleiter. nähere Informationen  zur studie sind per e-Mail unter studien@wgmb.org erhältlich. Publikationen Neues Lehrbuch „Strategische Unternehmensberatung“ In wirtschaftlich turbulenten Zeiten werden hohe Anforderungen an  die Beratungsbranche gestellt. Die strategische Unternehmensbera- tung  nimmt  dabei  eine  herausragende  stellung  ein.  Das  von  dem  Bonner Professor für Unternehmensberatung Dietmar Fink verfass-
  • 6. 370  corners te Lehrbuch stellt die in Wissenschaft und Praxis gängigen psycho- logischen, analytischen und holistischen Problemlösungsverfahren  umfassend  dar.  Zudem  wird  die  rolle  von  Unternehmensberatern  im  rahmen  der  Kreation  und  Verbreitung  von  Managementmo- den  anschaulich  beleuchtet.  Darauf  aufbauend  werden  die  in  der  Beratungsbranche  eingesetzten  Konzepte,  Methoden  und Ansätze  zur  entwicklung  wertorientierter  strategien  auf  Unternehmens- ebene  sowie  von  Wettbewerbsstrategien  auf  Geschäftsbereichse- bene detailliert beschrieben. Das Buch richtet sich an studierende,  Dozenten  und  Wissenschaftler,  die  sich  mit  dem  Gegenstand  der  Unternehmensberatung  befassen.  Für  Praktiker  auf  Berater-  und  Klientenseite ist das Buch ein unverzichtbares nachschlagewerk. Handbuch der Personalberatung: Erfolgsfaktoren aus Berater- und Kundensicht Haben  sie  schon  einmal  einen  dieser  geheimnisvollen  Anrufe  bekommen,  bei  denen  ein  Personalberater  mit  Ihnen  vertraulich  persönliches elektronisches Belegexemplar - author´s copy - for personal usage only über  den  nächsten  verlockenden  Karriereschritt  sprechen  möchte?  –  „Aber  sicher“,  werden  sie  sagen,  denn  schließlich  sind  sie  in  Ihrem Job ja erfolgreich. Haben sie aber auch schon einmal darü- ber  nachgedacht,  warum  der  Personalberater  ausgerechnet  auf  sie  gekommen  ist?  Und  welche  erfahrungen  haben  sie  in  den  dann  folgenden  Gesprächen  gemacht?  Die  szene  der  Personalberatung  in  Deutschland  ist  sehr  heterogen.  erstaunlich  genug  ist  es  aber,  dass es kaum Literatur darüber gibt, nach welchen regeln Personal- beratung  –  in  den  spielarten:  executive  search,  Headhunting  und  recruiting  –  funktioniert.  Wie  sind  auf  dem  deutschen  Markt  die  Prozesse  organisiert  und  welche  Methoden  werden  in  der  profes- sionellen  Personalberatung  angewandt?  Das  Handbuch  Personal- beratung  gibt  hierauf  erstmals  Antworten.  stephan  Füchtner  und  Thomas Wegerich, erfahrene Profis im Executive Search, gewähren Ihnen einen Blick hinter die Kulissen einer Branche, in der profunde  Marktkenntnisse,  networking  und  Diskretion  wichtige  erfolgsfak- toren  sind.  Die  tatsächlichen  Anforderungen  der  nachfragerseite  –  der  Unternehmen  also,  die  auf  der  suche  nach  neuen  Talenten  oder  gestandenen  Managern  sind  –  zeigt  Ihnen  eine  umfassende  Marktrecherche, die die wichtigsten Wirtschaftszweige beleuchtet. Gerade in der Krise: Chefsache Kommunikation Das  Postulat  ist  mindestens  so  alt,  wie  die  freie  Presse:  Kommu- nikation  ist  chefsache.  Doch  die  meisten  Führungskräfte  sehen  Öffentlichkeitsarbeit  und  interne  Kommunikation  nicht  als  strate- gische Aufgabe und delegieren sie an die spezialisten. richtig so, 
  • 7. corners  371 sagen ralf-Dieter Brunowsky und Torsten oltmanns in ihrem Buch  „Der Journalist, Dein Feind und Helfer?“. Zumindest in normalen  Zeiten.  Im  Verlauf  der  Wirtschaftskrise  aber  gewinnt  die  Politik  größeren Einfluss auf das Management und die öffentliche Mei- nung  kann  über  das  Überleben  ganzer  Unternehmen  bestimmen,  wie die unterschiedlichen Verläufe bei opel und schaeffer zeigen.  Deshalb  müssen  Manager  Kommunikation  als  chefsache  für  sich  reklamieren. Damit sie das können, klären die beiden Autoren Ma- nager und Journalisten auf nur 100 seiten über die „Geschäftsmo- delle“ der jeweils anderen seite auf und erklären Führungskräften,  welche Aufgaben sie selbst übernehmen und welche sie delegieren  müssen. Brunowski, ehemals chefredakteur von capital, und olt- manns,  Journalist  und  Berater,  spicken  ihr  Buch  mit  Beispielen  aus  der  Praxis  und  spannen  den  Bogen  von  der Abneigung  vieler  Manager  gegenüber  Medienvertretern  bis  hin  zu  Tipps,  wie  man  bei der Krisenkommunikation erfolgreich mauert. persönliches elektronisches Belegexemplar - author´s copy - for personal usage only Auszeichnung Roland Berger Preis Der mit einer Million euro dotierte roland Berger Preis für Men- schenwürde wurde 2008 erstmals vergeben. Gefördert werden Per- sonen  und  Institutionen,  die  sich  für  „ein  friedliches  Miteinander  in der Welt“ einsetzen. Zur Premiere fiel die Wahl auf die kam- bodschanische Menschenrechtsaktivistin somaly Mam. 2009 wird  die Auszeichnung  geteilt:  900  000  euro  gingen  an  reporter  ohne  Grenzen  (roG),  erklärte  roland  Berger  am  Mittwoch,  100  000  euro  an  die  Menschenrechtlerin  und  Friedensnobelpreisträgerin  shirin ebadi aus dem Iran. (Quelle: sDZ 26.03.2009) Prof. Dr. Dietmar Fink  arbeitete  zehn  Jahre für eine führende amerikanische Be- ratungsgesellschaft  und  ist  seit  1998  Pro- fessor  für  Unternehmensberatung  an  der  Hochschule Bonn-rhein-sieg. Zugleich ist  er  Geschäftsführer  der Wissenschaftlichen  Gesellschaft  für  Management  und  Bera- tung. Kontakt: dietmar.fink@wgmb.org.
  • 8. 372  corners Torsten Oltmanns ist  Partner  bei  roland  Berger  strategy  consultants  und  Lehrbe- auftragter für Marketing und Kommunika- tion an der Universität Innsbruck. Kontakt:  Torsten_oltmanns@de.rolandberger.com. persönliches elektronisches Belegexemplar - author´s copy - for personal usage only
  • 9. corners  373 Governance/Administration Diese  corner  wird  von  Heike  Grimm  und  Maria  schröder,  erfurt  school  of  Public  Policy, betreut. Feature: Ungenutzte Potentiale der Wissensgesellschaft Bildung in 2000: Modernisierung von Bildung und Informationsgesellschaft „für alle“ In  den  schlussfolgerungen  des  Vorsitzes  des  europäischen  rats  von Lissabon (23.–24. März 2000) wurden die Herausforderungen  für die europäische Union, die stärken und schwächen der euro- päischen  Union  sowie  die  strategischen  Ziele  für  eine  zukünftige  Politik definiert. Zu ihren wesentlichen Stärken zählte die Europä- ische  Union  damals  eine  stabile  Geldpolitik,  ein  hohes  reservoir  an Humankapital, qualifizierte Arbeitskräfte sowie ein solides So- persönliches elektronisches Belegexemplar - author´s copy - for personal usage only zialschutzsystem. Zu ihren schwächen gehörten hohe Arbeitslosen- zahlen, eine geringe Beteiligung von Frauen und älteren Menschen  am Arbeitsmarkt,  ein  unterentwickelter  Dienstleistungssektor  und  ein  in  besorgniserregender  Form  zunehmender  Mangel  an  Fach- kräften  im  Informationstechnologiesektor. Aus  diesem  Grund  be- schloss der europäische rat von Lissabon, folgende Prioritäten zu  setzen: schaffung einer Wissensinfrastruktur und Förderung inno- vativer  Aktivitäten  sowie  schaffung  eines  an  die  Anforderungen  der  Wissensgesellschaft  angepassten  Bildungssystems.  Basierend  auf  den  strategischen  Zielen  wurde  eine  Gesamtstrategie  für  die  Umsetzung folgender Ziele entwickelt: (a)  Gründung einer Informationsgesellschaft „für alle“ (beinhaltet  zahlreiche Maßnahmen, die direkt auf die Förderung von inno- vativen Aktivitäten und unternehmerischer Initiative ausgerich- tet sind). (b) Modernisierung  des  europäischen  sozialmodells  (die  Anpas- sung  des  europäischen  sozialmodells  an  einen  wissensba- sierten  Wirtschaftsraum  wurde  Priorität  eingeräumt;  deshalb  wurden  Instrumente  eingeführt,  deren  schwerpunkte  auf  der  reform und Modernisierung der Bildung und Ausbildung, der  steigerung  der  Beschäftigungsmöglichkeiten  durch  aktive Ar- beitsmarktpolitik und auf der Verbesserung der Möglichkeiten  zur sozialen einbindung liegen).
  • 10. 374  corners Weiterführende Literatur: Lisbon european council 23 and 24 March 2000: Presidency Con- clusions. http://www.europarl.eu.int/summits/lis1_en.htm commission  of  the  european  communities:  Lisbon Action Plan Incorporating EU Lisbon Programme and Recommendations for Actions to Member States for Inclusion in their National Lisbon Programmes. Brüssel 2005. Bildung in 2009: Zur Bedeutung der Einbindung von Studenten aus bildungsfernen Schichten an Universitäten In  Deutschland  erwerben  46  von  100  Kindern  aus  nicht-Akade- miker-Familien  die  allgemeine  Hochschulreife.  Der  18.  sozialer- hebung des Deutschen studentenwerkes von 2007 zufolge nehmen  im Anschluss daran jedoch nur 23 von ihnen ein studium auf. Was  lenkt Abiturienten  aus  nicht-Akademiker-Familien  davon  ab,  ein  persönliches elektronisches Belegexemplar - author´s copy - for personal usage only studium  an  einer  deutschen  Hochschule  aufzunehmen?  Welche  Gründe  sprechen  dafür,  dieses  ungenutzte  Potential  unserer  Wis- sensgesellschaft besser auszuschöpfen? nach  Jutta Allmendinger,  christian  ebner  und  rita  nikolai  ist  problematisch,  dass  Bildungspolitik  in  Deutschland  nicht  als  prä- ventive  Beschäftigungs-  und  sozialpolitik  verstanden  wird.  Die  Bedeutung von Bildung und Wissen ist spätestens vor acht Jahren  von der europäischen Union erkannt worden, die sich im rahmen  der Lissabon-strategie das Ziel gesetzt hat, bis 2010 zum „wettbe- werbsfähigsten  und  dynamischsten  wissensbasierten  Wirtschafts- raum in der Welt“ zu werden – „einem Wirtschaftsraum, der fähig  ist,  ein  dauerhaftes  Wirtschaftswachstum  mit  mehr  und  besseren  Arbeitsplätzen und einem größeren Zusammenhalt zu erzielen.“ Im  Bezug auf die universitäre Ausbildung hat die deutsche regierung  schon  vor  Jahren  mit  einer  mit  1,9  Milliarden  euro  geförderten  exzellenzinitiative auf diese strukturelle Vorgabe reagiert und da- mit unter anderem zu  erkennen gegeben, welche hohe Bedeutung  Bildung  und  Wissen  für  nationalen  Wohlstand  haben.  Trotzdem  stellt sich in Deutschland kein Verständnis für den Zusammenhang  von Bildungs- und sozialpolitik ein. Die oben genannten Autoren  sehen  dies  unter  anderem  in  der  Politik  von  reichskanzler  otto  Fürst von Bismarck begründet, der strikt gegen die (Aus-)Bildung  der breiten Masse des Volkes war: „Unsere höheren schulen wer- den  von  zu  vielen  jungen  Leuten  besucht,  welche  weder  durch  Begabung noch durch die Vergangenheit ihrer eltern auf einen ge- lehrten  Beruf  hingewiesen  werden.  Die  Folge  ist  die  Überfüllung 
  • 11. corners  375 aller  gelehrten  Fächer  und  die  Züchtung  eines  staatsgefährlichen  Proletariats Gebildeter.“ (s. 48) Diese a priori Zuweisung zu einer bestimmten sozialen schicht  ist  möglicherweise  auch  heute  noch  eine  maßgebliche  erklärung  dafür,  warum  sich  50  Prozent  der Abiturienten  aus  einkommens- schwachen Familien gegen eine universitäre Ausbildung entschei- den. Theoretische entscheidungsmodelle aus der soziologie gehen  diesbezüglich davon aus, dass ein instrumenteller Zweck von Bil- dungserwerb  der  erhalt  des  sozialen  status  ist.  nach  Becker  und  Hecken  „entscheiden  sich  Individuen  (und  Familien)  für  diejeni- ge  Ausbildung,  die  ihnen  am  vorteilhaftesten  erscheint,  um  den  statuserhalt  sicher  und  kostengünstig  zu  realisieren.“  (s.  6)  Für  den  statuserhalt  von  Kindern  aus  nicht-Akademiker-Familien  ist  ein  Universitätsstudium  daher  nicht  so  erstrebenswert  oder  gar  notwendig wie für Kinder mit einkommensstarkem und bildungs- nahem Hintergrund. Die  einbindung  von  studenten  aus  nicht-Akademiker-Fami- lien  in  den  universitären  Ausbildungsbetrieb  ist  jedoch  aus  vie- persönliches elektronisches Belegexemplar - author´s copy - for personal usage only len  Gründen  wichtig.  Zum  einen  sind  die  studierendenzahlen  in  Deutschland  seit  Jahren  zu  gering.  Während  der  Anteil  der  stu- dienanfänger  je  Jahrgang  in  den  meisten  oecD-Ländern  in  den  vergangen  Jahren  schnell  und  auf  hohem  niveau  gewachsen  ist,  hinkt  Deutschland  dieser  entwicklung  hinterher.  Dies  ging  bei- spielsweise  aus  der  2008  veröffentlichten  oecD-studie  „Bildung  auf einen Blick“ hervor: nach Jahren des rückgangs ist die Quote  im Jahr 2007 zwar wieder auf 37 Prozent angestiegen, liegt damit  jedoch weiter unter der gesetzten Zielmarke der Bundesregierung.  Der Wissenschaftsrat  gibt  eine  studienanfängerquote  von  40  Pro- zent  vor.  Bedingt  durch  den  demographischen Wandel  wird  diese  Tendenz womöglich verstärkt und nicht nur die Universitäten vor  Probleme stellen.  Zum Anderen klagt die Industrie über massiven Fachkräfteman- gel. Der Arbeitsmarktbedarf nach Fachkräften wird durch den so- zialen Bedarf nach Bildung ergänzt: Die Forderung, mehr Abituri- enten mit nicht-akademischem Familienhintergrund zur Aufnahme  eines  studiums  zu  bewegen,  ist  auch  vor  dem  Hintergrund  des  sozialen Gefälles in Deutschland zu betrachten. Allmendinger und  nikolai stellen fest: „Im Kreuzfeuer der Kritik steht [...] der enge  Zusammenhang  zwischen  sozialer  Herkunft  und  erzielten  Bil- dungsleistungen. Verglichen mit anderen Ländern gelingt die För- derung  von  Kindern  aus  sozial  benachteiligten  schichten  und  aus  Zuwandererfamilien hierzulande schlechter.“ (s. 32) Die PIsA-er- gebnisse haben diesen Zusammenhang zwischen Bildungschancen  und  sozialem  status  offensichtlich  werden  lassen.  nur  sechs  von  100 Arbeiterkindern beginnen ein Hochschulstudium, während 49 
  • 12. 376  corners von 100 Gymnasiasten aus einkommensstarken Familien eine Uni- versität  besuchen.  Die  Zusammensetzung  der  studierendenschaft  an  den  Universitäten  ist  demzufolge  stark  homogen.  Während  vier  Fünftel  der  studierenden  aus  einkommensstarken  schichten  stammen,  kommen  12  Prozent  der  studierenden  aus  einkom- mensschwachen  und  –  dies  darf  in  Deutschland  nahezu  gleich  gesetzt werden – bildungsfernen Familien. Die Förderung von so- zialschwachen Abiturienten  böte  der  Politik  die  Möglichkeit,  den  Zusammenhang zwischen elternhaus und intellektuellen entwick- lungschancen in Deutschland schwächer werden zu lassen. eine  stärkere  einbindung  von  studenten  aus  bildungsfernen  schichten in den universitären Lern- und Lehrprozess führte aber  auch  zu  einer  heterogeneren  studierendenschaft,  der  die  deut- sche  Hochschullandschaft  dringend  bedarf.  Zwischen  1982  und  2003  hat  sich  die  Kluft  in  der  sozialen  Zusammensetzung  der  studierenden  stark  vergrößert:  Während  der  Anteil  der  studie- renden  aus  der  höchsten  sozialen  schicht  von  17  auf  37  Prozent  angestiegen  ist,  hat  sich  der  Anteil  aus  der  untersten  sozialen  persönliches elektronisches Belegexemplar - author´s copy - for personal usage only schicht  von  23  auf  12  Prozent  verringert.  Während  Heteroge- nität  als  Bildungsprinzip  in  Ländern  wie  Kanada  und  Finnland  erfolgreich umgesetzt wird, setzt in Deutschland erst langsam die  erkenntnis  ein,  dass  heterogene  Lerngruppen  viele  Vorteile  bie- ten. Während in primären und sekundären Bildungseinrichtungen  langsam  ein  Umdenken  einsetzt,  setzt  sich  die  Fortführung  der  Lehre  vor  weitestgehend  homogenen  studentengruppen  an  den  Hochschulen fort.  Allmendinger und nikolai sagen: „Das deutsche Bildungswesen  steht vor der Herausforderung, das Qualifikationsniveau anzuheben und mehr Hochqualifizierte ausbilden zu müssen. Angesichts des drohenden Fachkräftemangels muss die Zahl der Hochschulabsol- venten langfristig erhöht werden. Dabei darf das Bildungspotential  von  Kindern  aus  bildungsfernen  schichten  aber  nicht  verschenkt  werden.“  (s.  38)  neben  einer  bildungspolitischen  strategie,  die  die Interessen und Kompetenzen von Bund und Ländern vereinigt,  muss bei dem Vorhaben, Abiturienten aus einkommensschwachen  Familien in die universitäre Ausbildung einzuschließen, auch über  eine stärkere einbindung von Wirtschaft und Industrie nachgedacht  werden. Maßnahmen an der Oberfläche werden nicht geeignet sein, die betreffenden Abiturienten vom Lohn des Investitionsrisi- kos,  das  ein  studium  an  der  Universität  bedeutet,  zu  überzeugen.  Im Gegenteil: Bildungspolitik ist dann erfolgreich, wenn sie – quer  durch alle sozialen schichten – die erkenntnis streuen kann, dass  Bildung kein Konsumgut, sondern eine Investition in die individu- elle und gesellschaftliche Zukunft ist.
  • 13. corners  377 Weiterführende Literatur: Allmendinger,  J.,  ebner,  c.,  nikolai,  r.  (2009).  soziologische  Bildungsforschung.  In  r.  Tippelt  &  B.  schmidt  (Hrsg.):  Hand- buch Bildungsforschung  (s.  47–70).  Wiesbaden:  Vs  Verlag  für  sozialwissenschaften. Allmendinger, J., & nikolai, r. (2006). Bildung und Herkunft. Aus Politik und Zeitgeschichte 44–45,  32–38.  http://www.bpb.de/files/ nBsZ1X.pdf. Becker,  r.,  &  Hecken, A.  (2008):  Warum  werden Arbeiterkinder  vom  studium  an  Universitäten  abgelenkt?  eine  empirische  Über- prüfung der „Ablenkungsthese“ von Müller und Pollak (2007) und  ihrer  erweiterung  durch  Hillmert  und  Jacob  (2003).  Kölner Zeit- schrift für Soziologie und Sozialpsychologie 60, 7–23. oecD  (2008):  Bildung auf einen Blick 2008.  http://www.oecd. persönliches elektronisches Belegexemplar - author´s copy - for personal usage only org/document/8/0,3343,de_34968570_34968855_39283656_1_1_ 1_1,00.html. (Letzter Aufruf 23.4.2009). spiewak,  M.  (2009).  Alle  zum  einzelunterricht.  DIE ZEIT,  26.02.2009, nr. 10. http://www.zeit.de/2009/10/B-Individualunter- richt. (Letzter Aufruf 23.4.2009) Weiterführende Links: Website  der  sozialerhebung  des  Deutschen  studentenwerkes:  http://www.sozialerhebung.de/ Website  des  2.  nationalen  Bildungsberichts  2008:  http://www.  bildungsbericht.de/zeigen.html?seite=6153 Website  der  Hochschul-Informations-system  GmbH:  http://www. his.de/  Website der oecD zum Thema Bildung: http://www.oecd.org/de/  bildung
  • 14. 378  corners Veranstaltungshinweis Vom  7.  bis  9.  oktober  2009  wird  in  Landau  (Pfalz)  die  Konfe- renz   „campaigning  for  europe 2009  -  Parties, campaigns,  Mass  Media and the European Parliamentary Elections 2009“ stattfin- den. Das vorläufige Tagungsprogramm, ein Anmeldeformular, eine Zusammenstellung ausgesuchter Übernachtungsmöglichkeiten und  weitere Informationen finden sich auf der Homepage www.uni- koblenz-landau.de/landau/symposium_campaigning. Dr. Heike Grimm hat  Politikwissen- schaft,  Ökonomie,  Wirtschaftsgeschichte  und  Arabisch  an  der  Ludwig-Maximili- ans-Universität  (LMU)  in  München  und  an  der  London  school  of  oriental  and  African studies studiert und an der LMU  München  promoviert.  sie  hält  eine  For- schungsdozentur für Public Policy an der  Universität erfurt inne und arbeitet außer- persönliches elektronisches Belegexemplar - author´s copy - for personal usage only dem  in  der Abteilung  „entrepreneurship,  Growth  and  Public  Policy“  des  Max- Planck-Instituts  für  Ökonomik  in  Jena.  Kontakt: heike.grimm@uni-erfurt.de. Maria Schröder, B.A.,  studiert  seit  ok- tober 2008 an der erfurt school of Public  Policy.  Ihren  Bachelor  in  Public Admini- stration/european  studies  absolvierte  sie  an  der  Westfälischen  Wilhelms-Universi- tät  Münster  und  der  Universiteit  Twente  (niederlande). sie ist aktives Mitglied bei  Transparency  International  Deutschland  e.V.  Kontakt:  maria_caroline.schroeder@ stud.uni-erfurt.de
  • 15. corners  379 Think-Tank Diese  corner  wird  von  Martin  Thunert,  Heidelberg  center  for  American  studies  der  Universität Heidelberg, betreut. News Veränderungen bei den „Wirtschaftsweisen“ Der  sachverständigenrat  zur  Begutachtung  der  gesamtwirtschaft- lichen Lage (SVR) – so der offizielle Namen der sog. Fünf „Wirtschaftsweisen“  –  hat  am  4.  März  2009  ZPB-Autor  (Heft  1/2009)    und  Leiter  des  Mannheimer  Zentrums  für  europäische  Wirtschaftsforschung  Wolfgang  Franz  für  die  nächsten  drei  Jahre  zu  seinem  Vorsitzenden  ernannt.  Franz  folgt  auf  Bert  rürup,  der  zum  Finanzmakler  AWD  gewechselt  ist.  rürup,  dessen  Amtszeit  bis  März  2010  ging,  ließ  sich  von  christoph  schmidt,  Direktor  persönliches elektronisches Belegexemplar - author´s copy - for personal usage only des rheinisch-Westfälischen Instituts für Wirtschaftsforschung als  Mitglied ablösen. Franz ist seit 2003 Mitglied des sVr, nachdem  er  zwischen  1994  und  1999  schon  einmal  sachverständiger  war.  Für  weitere  fünf  Jahre  in  seinem Amt  bestätigt  wurde  der  Würz- burger Ökonomieprofessor Peter Bofinger. Nobelpreisträger Joseph Stieglitz für „weltwirtschaftlichen Lenkungsausschuss“ Wirtschaftsnobelpreisträger  Joseph  stieglitz  ist  kein  elfenbein- turmakademiker,  sondern  war  bereits  vor  dem  erhalt  des  Wirt- schaftsnobelpreises  im  Jahr  2001  von  1993–1997  im  council  of  economic  Advisors  der  clinton-Administration  und  danach  bis  1999 chefökonom der Weltbank. Heute gehört stieglitz einem ex- pertengremium  der Vereinten  nationen  an,  das  Konzepte  für  eine  reform  der  internationalen  Finanz-  und  Wirtschaftsordnung  ent- wickeln  soll,  der UN-Ausschuss zur Reform der Wirtschafts- und Finanzordnung. Im  Interview  mit  dem  Berliner  „Tagesspiegel“  vom  23.3.  2009  äußert  sich  stieglitz  auch  zu  einer  neuen  globalen  Politikberatungsinstitution: „Zweitens  sollten  wir  einen  weltwirtschaftlichen  Lenkungsaus- schuss  gründen.  Unsere  Idee  wäre,  dass  man  das  evolutionär  umsetzt.  In  der  ersten  Phase  würde  man  ein  wissenschaftliches  Gremium  etablieren,  das  Konzepte  erarbeitet  und  die  Diskussion 
  • 16. 380  corners steuert, vergleichbar etwa mit dem Zwischenstaatlichen Ausschuss  für  Klimawandel.  Der  nächste  schritt  wäre  dann  die  Gründung  einer  politischen  Institution,  die  politischen  Konsens  herzustellen  versucht.“ Lesetipp Interview  (in  englisch)  von  Daniel  Florian,  Betreiber  des  Think- Tank  Directory  Deutschland  mit  dem  Kommunikationschef  des  royal Institute of International Affairs, Keith Burnet, das weltweit  unter dem namen chatham House bekannt ist.  http://www.thinktankdirectory.org/blog/2009/03/08/exklusiv-keith- burnet-uber-die-kommunikationsstrategie-des-chatham-house/ Feature persönliches elektronisches Belegexemplar - author´s copy - for personal usage only Die RAND Corporation – ein Think-Tank-Leader? ein  Besuch  der  rAnD  corporation  in  santa  Monica,  Kalifor- nien, einem am Pazifik gelegenen Vorort der Metropole Los An- geles,  gestaltet  sich  schwierig  und  dann  doch  einfach  zugleich.  Der Aufwand  gleicht  eher  dem  Besuch  eines  Botschaftsgebäudes  oder eines Ministeriums als dem Besuch einer stiftung oder einer  Universität. Das 2004 neu erbaute rAnD-Domizil lässt sich nicht  einfach  durch  die  eingangstür  von  der  straße  her  betreten.  Besu- cher gelangen zu rAnD über die Tiefgarage, in die man nur hin- einkommt, wenn man einen Termin mit einem rAnD-Mitarbeiter  hat. Man erhält dann eine kostenlose Parkerlaubnis und begibt sich  im Aufzug über den Innenhof des Gebäudes – dessen Größe einem  mittleren  Ministerium  gleichkommt  –  zum  empfang.  Dort  erhält  man  eine  Besucherkarte,  von  denen  es  zwei Arten  gibt.  eine  zur  Berechtigung unbegleiteter Bewegung im Haus und eine erlaubnis  zur  Bewegung  mit  Begleitung.  Ich  erhalte  letztere.  einige  Minu- ten später nimmt mich der Leiter der Presseabteilung in empfang,  führt mich durchs Haus und steht mir eine stunde für ein Gespräch  zur Verfügung.  Die  rAnD  corporation  ist  weder  der  älteste  oder  der  erste  Think-Tank  der  Welt,  sie  gilt  aber  dennoch  in  vielerlei  Hinsicht  als  die  Mutter  aller  Denkfabriken.  Für  die  1948  in  der  heutigen 
  • 17. corners  381 rechtsform  gegründete  rAnD1  corporation  wurde  der  Terminus  Think-Tank in den sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts zum ers- ten Mal verwendet, mit rAnD wurde der Begriff fast ausschließ- lich  assoziiert.  Ist  die  rAnD  corporation  auch  heute  noch  ein  „Leader“ unter den mittlerweile 3,000–4,000 Think-Tanks in aller  Welt? Überblickt  man  die  heutige  Think-Tank  Landschaft  innerhalb  und  außerhalb  der  UsA,  so  ist  die  rAnD  corporation  eine  eher  untypische  einrichtung.  Das  betrifft  die  schiere  Größe  der  Denk- fabrik – hier ist sie klar weltweit führend – als auch ihre Arbeits- weise2. RAND finanziert sich primär weder durch Spenden noch durch staatliche Grundfinanzierung, sondern in erster Linie über Auftragsforschung – zum großen Teil für staatliche einrichtungen  in den UsA, aber auch außerhalb der UsA. Auch die Bundesrepub- lik Deutschland war schon Kunde von rAnD.  Zusammen mit den  erträgen  aus  stiftungskapital  verfügte  die  rAnD  corporation  im  steuerjahr  2008  über  ein  einkommen  von  $  231  Millionen,  allei- ne  diese  Größenordnung  macht  die  einrichtung  einzigartig.  Dazu  persönliches elektronisches Belegexemplar - author´s copy - for personal usage only kommt  eine  hausinterne  Graduiertenuniversität,  die  in  der  rAnD  Zentrale  in  santa  Monica  Doktoranden  im  Fach  Policy  Analysis  ausbildet – allerdings nicht primär für den eigenbedarf.  Die Mit- arbeiterzahl  rAnDs  bewegt  sich  deutlich  im  vierstelligen  (!)  Be- reich,  die  einrichtung  selbst  nennt  eine  weltweite  Mitarbeiterzahl  von 1,600. Alleine in der Zentrale in santa Monica sind mehr als  800 Menschen beschäftigt, im „Hauptstadtbüro“ in Arlington, Vir- ginia, einem Vorort von Washington Dc in unmittelbarer nähe des  Pentagons, arbeiten weitere 300 Personen. Dazu kommen Filialen  in weiteren Us-städten wie Pittsburgh (200 Personen) und Boston.  Das  rAnD  Gulf  states3  Policy  Institute  unterhält  Büros  in  Jack- son,  Mississippi  und  in  new  orleans,  Louisiana.  Außerhalb  der  UsA ist die organisation mit rAnD europe im englischen camb- ridge  sowie  in  Brüssel  angesiedelt4,  jüngstens  folgte  das  rAnD- 1  rAnD  stand  für  research  and  Development.  Bereits  1946  hatte  das  von  der  Us-Luftwaffe  finanzierte Project Rand bei der Firma Douglas Aircraft in Santa Monica, Kalifornien be- gonnen. 1948 konnte sich die heutige RAND Corporation mit Anschubfinanzierung der Ford Foundation als unabhängige einrichtung ausgründen.   2   eine  entsprechung  für  rAnD  gibt  es  weder  in  Deutschland  noch  wahrscheinlich  anderswo.  In seiner technischen Anwendungs- und Auftragsorientierung besitzt rAnD durchaus schnitt- mengen mit einigen Fraunhofer-Instituten, aber auch mit auf technische Fragen spezialisierten  Unternehmensberatungen. schließlich gibt es inhaltliche Überschneidungen zu großen opera- tiven stiftungen wie Bertelsmann oder den sicherheitspolitischen Abteilungen der sWP.   3  Gemeint  sind  nicht  die  Golfstaaten  am  Persischen  Golf,  sondern  die  Us-Bundesstaaten  am  Golf von Mexiko. 4  rAnD-niederlassungen  in  Leiden,  niederlanden  und  in  Berlin  wurden  vor  einigen  Jahren  wieder geschlossen.
  • 18. 382  corners Qatar  Policy  Institute  in  Doha,  Katar.  Bei  rAnD  arbeiten  nicht  nur Amerikaner, sondern Mitarbeiter aus 40 nationen.  Das  Themenspektrum  rAnDs  hat  sich  seit  dem  ende  des  Kalten  Krieges  erheblich  erweitert.  Längst  werden  hier  nicht  nur  Planungen für die Us-Air Force durchgeführt, gleichwohl werden  die de facto dauerfinanzierten Projekte „Air Force“, „National Defense  research  Institute“  und  das  rAnD  Arroyo  center    aus  dem  Haushalt  des  Us-Verteidigungsministeriums  bezahlt.  neben  der  sicherheitspolitik  in  all  ihren  Facetten  zählen  die  Themen  Gesundheit, Bildung, Demographie, Arbeitsbeziehungen und Dro- genbekämpfung zu den Kernthemen rAnDs. Die entsprechenden  Abteilungen  wie  rAnD  Health,  rAnD  education  etc.  bewerben  sich  kompetitiv  um  Forschungsaufträge  staatlicher  und  privater  einrichtungen.  neue  und  dringende  Themen  erhalten  Anschub- finanzierung aus dem RAND-eigenen Stiftungskapital – so etwa die Katastrophenforschung und die nach den orkanen Katrina und  rita  von  rAnD  aufgebaute  Katastrophenhilfe  in  den  südlichen  Bundesstaaten  der  UsA.  etwas  zurückgefallen  ist  die  Beschäfti- persönliches elektronisches Belegexemplar - author´s copy - for personal usage only gung  mit  dem  Thema  Zuwanderung  und  einwandererintegration,  das dem Verfasser bei einem früheren Besuch ende der 90er Jahre  als  ein  Zukunftsthema  rAnDs  vorgestellt  wurde.  Die  eher  nach- lassende  Beschäftigung  mit  dem  für  den  Bundesstaat  Kalifornien  hochrelevanten Thema einwanderung begründet rAnD heute wie  folgt:  das  Thema  einwanderung  sei  in  den  UsA  und  Kalifornien  im  Besonderen  hochgradig  ideologisiert  und  emotionalisiert.  In  dieser  aufgeladenen  Atmosphäre  sei  eine  an  objektive  und  eher  technische  Herangehensweise  an  das  Thema,  wie  es  dem  selbst- verständnis rAnDs entspreche, kaum noch möglich. Andere The- men  eigneten  sich  für  die  rAnDsche  Herangehensweise  besser  und  seien  daher  momentan  attraktiver.  Zu  diesen  neuen  Themen  gehört z.B. der schon genannte Katastrophenschutz, aber auch die  Katastrophenbewältigung.  Die  rAnD  corporation  bezeichnet  sich  heute  in  selbstbe- schreibungen  nicht  mehr  als  Think-Tank.  Die  Verantwortlichen  rAnDs  glauben,  dass  mit  dem  Begriff Think-Tank  in  der  ameri- kanischen Öffentlichkeit heutzutage politisch tendenziöse Advoca- cy-Institute wie  z.B.  die  Heritage Foundation  oder  das  center  for  American  Progress  assoziiert  werden  und  weniger  politisch  neu- trale, an wissenschaftlicher objektivität und evidenzbasierter For- schung  orientierte  einrichtungen,  als  die  rAnD  sich  selbst  sieht.  stattdessen  nahm  rAnD  den  zwischen  1985  und  1995  vorüber- gehend abgelegten Namenszusatz „Corporation“ wieder offiziell auf,  wenngleich  damit  das  Missverständnis,  rAnD  sei  keine  ge- meinnützige,  sondern  eine  Gewinn-orientierte  private  Firma  (cor- poration) in Kauf genommen wird. studien hätten ergeben, so die 
  • 19. corners  383 rAnD-Vertreter,  dass  der  Begriff  „rAnD  corporation“  über  die  Jahre  zu  einem  echten  Markennamen  geworden  wäre,  der  hohen  Wiedererkennungswert besitze.  Um  keinen  anderen  Think-Tank  ranken  sich  mehr  Mythen  als  um die Kalifornier. In den 60er Jahren seien in santa Monica ge- heime  studien  zu  UFos  entstanden,  heißt  es  –  heute  kann  man  eine  1968  entstandene Arbeit  zu  diesem  Thema  auf  der  Webseite  des Instituts herunterladen. Gleiches gilt für explorative studien zu  schwebenden  Zügen,  welche  die  strecke  new  York-Los Angeles  in zwei stunden zurücklegen oder zu einem „trans-planetarischen  U-Bahnsystem.  Keine  Frage:  während  des  Kalten  Krieges  war  rAnD  von  einer  Technik-verliebten  Zukunftsforschung  geprägt,  rAnD-Mitarbeiter  berieten  die  Macher  der  star  Trek  serie  (im  Deutschen unter dem namen raumschiff enterprise bekannt), leis- teten  Pionierarbeit  bei  der  entwicklung  von  computern  und  des  Internets  und  –  glaubt  man  einer  jüngsten  Buchveröffentlichung5,  beim Aufstieg des rational choice-Ansatzes in den sozialwissen- schaften. Die unmittelbare Nähe zum Pazifikstrand in Santa Moni- persönliches elektronisches Belegexemplar - author´s copy - for personal usage only ca brachte es mit sich, dass der rAnD-Ingenieur James r. Drake  heute als Vater des Windsurfens gilt. Das Anfang dieses Jahrzehnts  abgerissene erste Gebäude rAnDs,  das nur einen steinwurf  vom  heutigen Domizil entfernt lag, wurde von einem Mathematiker so  konzipiert,  dass  sich  die  Mitarbeiter  beim  Verlassen  ihrer  Büros  möglichst häufig begegneten, was den informellen interdiszip- linären Austausch und die Teamarbeit fördern sollte.  Während des Kalten Krieges stand ein guter Teil der rAnD-Ar- beit unter Geheimhaltung (classified), heute gibt die Organisation an,  dass  95  Prozent  der  Arbeit  öffentlich  zugänglich  ist  und  die  meisten Mitarbeiter keine offizielle Sicherheitsprüfung durchlau- fen bzw. nicht in Geheimhaltungsbereichen tätig sind. Heute ist die  rAnD-Arbeit entzaubert, wenngleich der noch immer beachtliche  Anteil  sicherheitspolitischer  Auftragsforschung  rAnD  immer  wieder die Aufmerksamkeit von Verschwörungstheoretikern zuteil  werden lässt.  Mit der Verbreiterung des Themenspektrums seit dem ende des  Kalten Krieges hat sich auch die Kommunikationsstrategie rAnDs  deutlich  verändert.  Während  man  in  den  ersten  Jahrzehnten  eher  eine Kommunikationsvermeidungsstrategie fuhr und ein Mitarbei- ter dafür sorge zu tragen hatte, dass die rAnD corporation nicht  Gegenstand medialer Berichterstattung wurde, sind die rAnD Di- alog- und Kommunikationsstrategien heute eindeutig proaktiv. Die  deutliche  personale  Auftstockung  des  Hauptstadtbüros  in  Arling- 5  Alex Abella: soldiers of reason. The rAnD corporation and the rise of the American em- pire, orlando: Harcourt, Inc. 2008. 
  • 20. 384  corners ton, VA sowie ein deutlicher Anstieg der Konferenz- und Vortrags- aktivitäten  am  Hauptsitz  in  santa  Monica,  die  Verbreitung  einer  Hauszeitschrift  usw.  legen  davon  Zeugnis  ab.  noch  etwas  ratlos  stehen  die  Öffentlichkeitsarbeiter  rAnDs  der  nutzung  und  Be- deutung neuer medialer Verbreitungsformen wie Blogs, Wikis, on- line-Foren  und  sozialen  netzwerken  gegenüber,  da  diese  Medien  mit den Grundsätzen der corporation nach Überparteilichkeit, wis- senschaftlicher  Gründlichkeit  und  hohen  Qualitätsstandards  nicht  ohne  weiteres  in  einklang  zu  bringen  sind.  Da  sich  gleichzeitig  Teile  der  traditionellen  Printmedien  in  den  UsA  in  großen  exis- tenznöten befinden und ein beachtliches Zeitungssterben bereits eingesetzt  hat,  was  zu  einem  Wegfall  traditioneller  Dialogforen  führt, ist den Verantwortlichen rAnDs klar, dass nicht nur rAnD,  sondern  alle  seriösen  Think-Tanks  und  Forschungseinrichtungen,  ja,  die  gesamte  auf  technik-  und  evidenzbezogene  Beratung  set- zende  experten-  und  Beratungskultur  –  eine  strategie  gegenüber  den interaktiven Web 2.0 -Medien entwickeln müssen.   Gleichwohl ist rAnD derzeit mit seiner medialen sichtbarkeit  persönliches elektronisches Belegexemplar - author´s copy - for personal usage only und  seiner  politischen  Präsenz  in  den  entscheidungszentren  weit- gehend  zufrieden.  Insbesondere  die  Terrorismusexperten  rAnDs  wie  Bruce  Hoffman  oder  Brian  Jenkins  erzeugten  in  den  vergan- genen Jahren hohe mediale resonanz.  Trotz  aller  Veränderungen  seit  der  Gründung  1948  durchzieht  ein  roter  Faden  die  rAnD-Geschichte:  der  Glaube  an  technisch-  rationale,  evidenzbasierte  und  damit  nicht-ideologische  Problem- lösungen  für  ein  breites  spektrum  öffentlich  zu  entscheidenden  sachfragen.  Lassen  sich  damit  auch  Problemlagen,  welche  durch  scheinbar  „irrationale“,  also  religiöse,  nationalistische  oder  triba- listische Kräfte ausgelöst werden, bewältigen? Die Antwort ist ein  vorsichtiges  Ja.  schließlich  waren  es  rAnD-sicherheitsexperten,  die  lange  vor  dem  11.  september  2001  auf  die  Gefahr  eines  re- ligiös  motivierten  Terrorismus  hingewiesen  hatten.  eine  ungleich  größere  Herausforderung  für  die  vergleichsweise  nüchterne  Pro- blembetrachtung rAnDs ist die parteipolitische Polarisierung der  heutigen  politischen  Kultur  Washingtons,  wo  parteiunabhängiger  rat weniger gilt als zu Zeiten Kennedys oder nixons. Im Zeitalter  meinungsstarker  ratschläge,  die  Us-  Think-Tanks  zu  Hunderten  liefern,  hat  es  das  evidenzbasierte  Argumentieren  schwer,  so  die  Einschätzung der RAND-Offiziellen. Kritiker glauben, dass die von  rAnD  propagierte  nüchternheit  der  Politikanalyse  de  facto  bedeutet,  dass  originelle  Querdenker  die  einrichtung  heute  eher  meiden  oder  gar  nicht  erst  erwünscht  sind.  ob  die  rAnD  cor- poration  also  mehr  ist  als  eine  sehr  große  und  zunehmend  global 
  • 21. corners  385 aufgestellte  Auftragsforschungseinrichtung  ist,  muss  die  Zukunft  zeigen6. Debatte Von der (wissenschaftlichen) Regierungsberatung in die Wirtschaft: Einzelfall oder zukünftige Regel? „regierungsberater Bert rürup geht in die Wirtschaft.“ Die nach- richt  war  schon  seit  Monaten  bekannt:  rürup  goes  AWD.  Der  Darmstädter  Wirtschaftsprofessor  Bert  rürup  trat  nahezu  unmit- telbar nach seiner emeritierung und der niederlegung seiner Mit- gliedschaft im sachverständigenrat  zur  Begutachtung  der  gesamt- wirtschaftlichen Lage (sVr) am 1. April 2009 als chefökonom in  die  Dienste  der  in  Hannover  ansässigen  und  von  carsten  Masch- meyer  vor  gut  20  Jahren  gegründeten  Finanzvertriebsgesellschaft  Allgemeiner  Wirtschaftsdienst  (AWD)  Holding  AG.  Die  AWD- persönliches elektronisches Belegexemplar - author´s copy - for personal usage only Gruppe warb Ende März 2009 ganz offen mit der Verpflichtung des ex-Wirtschaftsweisen und „regierungsberaters“. „chefökonom  Bert  rürup:  AWDs  jüngster  neuzugang.  Ab  1.  April. Kein scherz.“ so lautete – unter dem Bild des Politikbera- ters  –  die  schlagzeile  einer  von AWD  zuerst  am  28.  März  2009  u.a.  in  der  Frankfurter Allgemeinen  sonntagszeitung  geschalteten  Anzeige.  In  kleineren  Lettern  führt  die Anzeige  weiter  aus:  „Mit  Prof. Dr. Dr. h.c. Bert Rürup, einem der profiliertesten Renten- und Finanzexperten Deutschlands, baut die AWD-Gruppe ihre Kompe- tenz  auf  dem  Gebiet  der  unabhängigen  Finanzoptimierung  weiter  aus.  Der  frühere  chef  der  Wirtschaftsweisen  hat  sich  bereits  als  regierungsberater  einen  namen  gemacht  und  wird  nun  als  neuer  chefökonom  sein  Wissen  und  seine  erfahrung  AWD  und  seinen  Kunden zur Verfügung stellen.“ In den Wochen zuvor hatte u.a. das Wochenmagazin Der spie- gel  kritisch  über  Wechsel  des  „regierungsberaters“  rürup  zu  einem  der  führenden  Finanzvertriebe  Deutschlands  berichtet.  ob  der  Wirtschaftsweise  und  regierungsberater  die  Geschäftsprak- tiken von AWD wirklich genau kenne, fragte Der spiegel in Heft  12/2009. rürup selbst reagierte auf den spiegel-Bericht mit einem  am 6.4.2009 in Heft 15/2009 veröffentlichten Leserbrief. Das vom  6  Weitere  Literatur  zu  rAnD:  der  Klassiker  Bruce  L.r.  smith:  The  rand  corporation.  case  Study of a Nonprofit Advisory Corporation, Cambrigde: Harvard University Press 1966, Mar- tin J. collins: cold War Laboratory: rAnD, the Air Force, and the American state, Washing- ton: smithsonian Institution Press 2002, Jennifer s. Light: From Warfare to Welfare: Defense  Intellectuals and Urban Problems in cold War America, Baltimore: Johns Hopkins University  Press 2003.
  • 22. 386  corners spiegel implizierte unseriöse Unternehmensbild des AWD entspre- che, so rürup, nicht mehr der heutigen Geschäftspraxis des größ- ten  Finanzdienstleisters  europas,  sondern  stamme  aus  dem  Jahr  1993. Damals sei die Kritik an der Branche der „freien Vertriebe“  berechtigt  gewesen,  räumt  der  neue  chefökonom  ein. AWD  habe  aus dieser Kritik gelernt und sei heute nicht mehr mit dem Unter- nehmen  von  1993  vergleichbar.  Davon  habe  er,  Bert  rürup,  sich  2007  ein  genaues  Bild  verschafft.  rürup  hält  die  Kritik  an  seiner  entscheidung,  für AWD  tätig  zu  sein,  für  legitim,  nicht  aber  die  Basis der spiegel-Kritik, er trete einem Unternehmen mit zweifel- haftem ruf bei. Für die Politikberatung wirft rürups schritt eine reihe von Fra- gen  auf,  über  die  es  sich  nach  Auffassung  der  Herausgeber  der  ZPB zu sprechen lohnt:  Wird der unmittelbare Übertritt Rürups aus einer offiziellen Beratungstätigkeit  –  vom  Vorsitz  des  sachverständigenrates  zu  einem  kommerziellen Anbieter  von  Versicherungen  –  ein  einzel- fall  bleiben,  der  sich  allein  aufgrund  der  (noch)  mangelnden  Pro- persönliches elektronisches Belegexemplar - author´s copy - for personal usage only minenz  anderer  wirtschaftspolitischer  Berater  nicht  wiederholen  wird? oder wird es einen Dammbruch geben, ist rürup in diesem  Punkt  ein  Pionier,  der  anderen  den  Weg  weist?  Welche  Auswir- kungen  hat  rürups  schritt  für  die  Zunft  der  universitären  wirt- schaftspolitischen  Berater  aus  Gremien  wie  sachverständigenrat,  Monopolkommission,  Wirtschaftsforschungsinstitute  etc.?  Welche  Auswirkungen  hat  rürups  schritt  auf  die  Qualität  und  die  Legi- timation zukünftiger wirtschaftspolitischer Empfehlungen? Profi- tiert  rürups  jetziger Arbeitgeber  direkt  von  den  sozialpolitischen  empfehlungen  der  Gremien,  denen  rürup  angehörte  und  die  er  leitete (z.B. die sog. „rürup-rente“)? Werden wirtschaftspolitische  empfehlungen in Zukunft weniger wert sein, weil man unterstellen  muss, der ratgeber erteile seinen rat im Hinblick auf die spätere  persönliche und finanzielle Verwertung seines Ratschlages? Müs- sen hochrangige Berater weniger als „Weise“, denn als Lobbyisten  in  eigener  sache  wahrgenommen  werden?    Wenn  dem  so  wäre,  müsste  dann  nicht  über  regulierungen  für  Politikberater  analog  zu  den  regularien  für  Lobbyisten  nachgedacht  werden?  Müsste  es sog. „Abkühlungsfristen“ oder „Karenzzeiten“ geben, die einen  unmittelbaren Übergang aus einer offiziellen Beratungstätigkeit in eine mit der der Beratungstätigkeit inhaltlich verknüpften Branche  ausschließen? Die ZPB möchte über diese Fragen eine Debatte auslösen und bit- tet  daher  um  Zuschriften  und  stellungnahmen  an  die  redaktion:  henrik.schober@i-u.de. 
  • 23. corners  387 Dr. habil Martin Thunert ist seit 2007 University Lecturer (Do- zent) und Politikwissenschaftler am Heidelberg center for Ame- rican  studies  (HcA)  der  ruprecht-Karls-Universität  Heidelberg.  Darüber  hinaus  ist  er  Mitherausgeber  der  Zeitschrift  für  Politik- beratung  und  gehörte  2003  zu  den  Gründern  und  sprechern  des  Arbeitskreises  „Politikberatung“  in  der  DVPW.  Kontakt:  mthu- nert@hca.uni-heidelberg.de. persönliches elektronisches Belegexemplar - author´s copy - for personal usage only
  • 24. 388  corners Pollster Diese corner wird von Thorsten Faas, Universität Mannheim, betreut. In eigener Sache: Blog zur Corner unter www.pollstercorner.de Ab  sofort  gibt  es  auch  zwischen  den  einzelnen Ausgaben  der  ZPB  Informationen  aus  der Welt der Umfragen: Unter www.pollstercorner.de läuft der Blog zu dieser corner. Veranstaltungs- und Netztipps • Jahrestagung  der  european  survey  research Association  in  War- schau, 29. Juni – 3. Juli 2009, Details unter http://surveymethodo- logy.eu/conferences/warsaw-2009/.  Die  esrA  gibt  auch  die  Zeit- schrift „survey research Methods (srM)“ heraus – ein referierte  persönliches elektronisches Belegexemplar - author´s copy - for personal usage only Zeitschrift,  die  im  sinne  des  open  access  über  die Website  http:// www.surveymethods.org/ abrufbar ist. • Interessante  einblicke  in  neue  entwicklungen  in  der  Welt  der  Umfrageforschung  bietet  die  seite  http://www.surveypractice.org.  surveypractice wird von der American Association for Public opi- nion  research  herausgegeben;  die  (kurzen)  Artikel  auf  der  seite  sollen  nützliche  und  praktische  Informationen  liefern.  Monatlich  erscheint eine neue online-Ausgabe. ein Thema der Februar-Aus- gabe  etwa  war:  “Addressing  the  cell  Phone-only  Problem:  cell  Phone sampling Versus Address Based sampling”. • www.marktforschung.de  bietet  eine  wöchentliche  Depesche  aus  der Welt der Marktforschung. Trend YouGov goes Germany In Großbritannien, aber auch den UsA sorgt YouGov schon seit ge- raumer Zeit mit präzisen Wahlprognosen für Furore. Von der Bür- germeisterwahl  in  London  bis  zu  den  Us-Präsidentschaftswahlen  2004  und  2008: Auf  der  Basis  von  umfangreichen  online-Panels  ist  es YouGov  gelungen,  mit  seinen  Wahlprognosen  am  nächsten  am  amtlichen  endergebnis  dran  zu  sein.  Das  ist  bemerkenswert,  denn angesichts der selbstselektierten Umfragebasis kann von einer  Zufallsauswahl  nicht  die  rede  sein.  Dennoch  gelingt  es  YouGov  offenkundig,  die  Daten  aus  den  online-Panels  so  zu  justieren, 
  • 25. corners  389 dass  exakte  ergebnisse  resultieren. nun  ist YouGov  mit YouGov- Psychonomics  auch  in  die  deutsche  Politik-  und  Wahlforschung  eingestiegen – und hat gleich einen Treffer gelandet: Das Wahler- gebnis  der  hessischen  Landtagswahl  konnte  auch  hierzulande  mit  dem online-Panel am präzisesten vorausgesagt werden (siehe etwa  http://www.marktforschung.de/kw-42009-branchenimage-im-stim- mungsbarometer-wahlprognosen-gor-09/).  Im  superwahljahr  darf  man gespannt sein, ob dieser Trend anhält! Forschung Antwortlatenzen in der Surveyforschung Die  Informationen,  die  Umfragen  liefern,  basieren  auf  den  Ant- worten, die die Befragten im Laufe eines Interviews auf die ihnen  gestellten  Fragen  geben  –  das  ist  wahrlich  keine  neuigkeit.  Ver- gleichsweise  neu  sind  dagegen  –  zumindest  in  der  Politikwissen- persönliches elektronisches Belegexemplar - author´s copy - for personal usage only schaft – Versuche, aus der Interviewsituation noch weitere, darüber  hinausgehende  Informationen  zu  gewinnen.  eine  erweiterungs- möglichkeit  besteht  in  der  erfassung  von  so  genannten Antwort- latenzzeiten. Was passiert dabei? Gemessen wird die Zeit, die ein  Befragter braucht, um eine Antwort auf eine ihm gestellte Frage zu  geben.  Dadurch  –  so  die  Idee  –  gewinnt  man  Informationen  über  den Prozess der Informationsverarbeitung und der Antwortfindung, aber potenziell auch die einstellungsstärke. Je schneller eine Ant- wort  gegeben  wird,  umso  zugänglicher  und  fester  verankert  ist  offensichtlich  die  zugrunde  liegende  einstellung  eines  Befragten,  desto stabiler sollte sie im Zeitverlauf auch sein, desto stärker soll- te sie andere Faktoren beeinflussen. Was  leicht  klingt  –  erfassung  der  Zeit,  die  ein  Befragter  braucht  –, erweist sich in der Praxis als ambitioniertes Unterfangen. Zahl- reiche  andere  Faktoren  wirken  auf  die  Antwortzeit:  Die  mentale  Basisgeschwindigkeit des Befragten muss ebenso kontrolliert wer- den wie potenzielle Interviewereffekte, manche Fragen sind leich- ter als andere. eine gute einführung in die Thematik (mit Lösungs- vorschlägen für all diese Herausforderungen) findet sich hier: Mayerl, J., & Urban, D. (2008). Antwortreaktionszeiten in Survey- Analysen: Messung, Auswertung und Anwendungen.  Wiesbaden:  Vs Verlag. Ein Anwendungsbeispiel aus dem Bereich der Wahlforschung fin- det sich hier:
  • 26. 390  corners Faas, T.,  &  Mayerl,  J.,  2009:  Michigan  reloaded. Antwortlatenz- zeiten  als  Moderatorvariablen  in  Modellen  des  Wahlverhaltens,  erscheint  in:  T.  Faas,  K. Arzheimer,  s.  roßteutscher  (Hrsg.),  Po- litische Informationen – Wahrnehmung, Verarbeitung, Wirkung.  Wiesbaden: Vs Verlag. Die  ergebnisse  dort,  die  auf  einer  zweiwelligen  Panelerhebung  vor und nach der Bundestagswahl 2005 basieren, zeigen unter an- derem,  dass  sich  Wahlabsichten,  die  vor  der  Wahl  schnell  geäu- ßert  wurden,  mit  höherer  Wahrscheinlichkeit  auch  in  ein  entspre- chendes Verhalten am Wahltag übersetzen. In Zeiten zunehmenden  Late-Decidings bei Wahlen wahrlich keine irrelevante Information  – weder für Parteien, noch für Demoskopen. Feature Trends online erfassen persönliches elektronisches Belegexemplar - author´s copy - for personal usage only Das Internet ist auf dem Vormarsch. Mittlerweile sind nach den er- gebnissen der ArD/ZDF-online-studien zwei von drei Deutschen  online, die tägliche nutzungsdauer nimmt zu, die nutzungsformen  differenzieren  sich  aus.  Gerade  interaktive  nutzungsformen,  etwa  Weblogs (oder kurz: Blogs), erfreuen sich wachsender Beliebtheit,  gerade  auch  in  Wahlkampfzeiten  –  man  denke  nur  an  den  Wahl- kampf  obamas.  Darüber,  wie  sich  die  Informationen  aus  solchen  Blogs nutzbar machen lassen, haben wir mit Dr. Katja neller von  der  schober  Information  Group  gesprochen,  wo  sie  das  Projekt  „sTAn  – Web Watch  Intelligence“  zur  erfassung  von Trends  auf  der Basis von Blogs betreut. Stimmungsanalyse mit Schober/STAN – Web Watch Intelligence Thorsten Faas: Was ist die Idee des Projekts? Katja  neller:  einzelne  erfahrungen  und  Bewertungen  ergeben  in  der  summe  umfassende  stimmungsbilder.  Diese  entwickeln  sich  zunehmend  auch  online,  zum  Beispiel  in  Blogs  und  Diskussions- foren. Für Unternehmen im Wirtschaftsbereich, aber auch Parteien  und  Kandidaten  im  politischen  Bereich  sind  diese  Informationen  sehr  wertvoll.  In  reaktion  auf  online  beobachtbare  stimmungen  und ihre Veränderungen kann frühzeitig gehandelt werden, z.B. um  negativen Trends entgegenzuwirken. Da die Informationen jedoch  an  vielen  unterschiedlichen  stellen  und  in  den  verschiedensten  Formaten  vorliegen,  ist  eine  manuelle  Bewertung  der  aktuellen 
  • 27. corners  391 stimmung  im  Internet  mühsam  und  ungenau.  Die  Idee  der  auto- matisierten  stimmungsanalyse  ist  daher,  relevante  Internet-Quel- len herunterzuladen und die Inhalte systematisch zu klassifizieren – einmalig, aber auch wiederholt zur erfassung von Trends. Thorsten Faas: Wie wird diese Idee praktisch umgesetzt? Katja  neller:  Wichtig  ist  natürlich  zunächst,  dass  überhaupt  über  ein  Thema  in  Blogs  und  Foren  diskutiert  wird.  Zu  geringe  Fall- zahlen  würden  in  einem  verzerrten,  auf  einzelmeinungen  basie- renden  stimmungsbild  resultieren.  Liegen  allerdings  genügend  Quellen  vor,  wird  das  erkenntnisinteresse  operativ  umgesetzt  und  die  Quellen  ausgewählt,  die  dann  mit  einem Webcrawler  aus  dem netz geladen und lokal gespeichert werden. Diese Textdaten  werden in einem weiteren Prozessschritt automatisch klassifiziert. Dazu wird der Fließtext in einzelwörter zerlegt, stoppwörter (wie  „der“, „die“, „das“) entfernt und die verbleibenden Wörter auf ihre  Wortstämme reduziert. Anhand dieser Textbasis wird nun ein Mo- persönliches elektronisches Belegexemplar - author´s copy - for personal usage only dell  entwickelt,  das  die  Bewertung  der  Inhalte  zulässt.  Zunächst  werden  die  vorliegenden  Wortstämme  in  „positiv“  und  „negativ“  unterteilt. Danach wird die Beziehung der Wörter zueinander über  ein  statistisches  Modell  abgebildet. Anhand  dieser  Informationen  ist  es  möglich,  sowohl  die  Anzahl  positiver  als  auch  negativer  Begriffe  pro  Text,  aber  auch  insgesamt  über  die  gesamten  Daten  hinweg festzuhalten, sowie die Attribute darzustellen, die mit die- sen  Begriffen  in  Verbindung  stehen.  Durch  Berücksichtigung  des  Zeitstempels der Internetquellen können natürlich auch Zeitreihen  angefertigt  werden,  um  Veränderungen  der  stimmungslage  im  Zeitverlauf abzubilden. Thorsten Faas: Können sie an einem tatsächlichen Beispiel zeigen,  dass der Ansatz „funktioniert“? Katja neller: Dass die stimmungsanalyse funktioniert, zeigen etwa  realisierte  Projekte  aus  der  Tourismusbranche.  Für  eine  Hotelket- te  wurden  Verbesserungspotenziale  für  einzelne  standorte  mittels  „sTAn  –  Web  Watch  Intelligence“  ermittelt.  Dabei  wurden  die  am häufigsten negativen Begriffe bzw. assoziierten Attribute dazu verwendet,  Handlungsempfehlungen  für  die  Hotel-  bzw.  Urlaubs- standorte zu geben. Da die Handlungsempfehlungen nicht an allen  standorten gleichzeitig umgesetzt wurden, konnte man die effekte  der empfehlungen im stile eines Kontroll- und experimentalgrup- penvergleichs  validieren.  einen  erheblichen  Informationszuwachs  brachte  dabei  eine  Zeitreihenuntersuchung,  mit  der  man  die  ent- wicklung  der  stimmung  im  Zeitverlauf  und  damit  begleitend  zu 
  • 28. 392  corners den Verbesserungsmaßnahmen verfolgen konnte. Generell reichen  die  einsatzmöglichkeiten  von  der  Bewertung  diverser  Markenar- tikel über Produkte aus dem Bereich Unterhaltungselektronik und  Kommunikationstechnologie bis hin zu politischen Parteien. Alles,  was  im  Internet  diskutiert  wird,  kommt  letztlich  für  eine  stim- mungsanalyse in Frage. Dr. Thorsten Faas hat  Politikwissen- schaft  in  Bamberg  und  an  der  London  school of economics and Political science  (Lse) studiert und 2008 an der Universi- tät  Duisburg-essen  promoviert.  Derzeit  arbeitet  er  an  der  Universität  Mannheim  und  ist  zudem  Mitglied  des  Präsidiums  der  Deutschen  Gesellschaft  für  Wahlfor- schung  (DGfW)  sowie  co-sprecher  des  DVPW-Arbeitskreises  „Wahlen  und  ein- stellungen“.  Kontakt:  thorsten.faas@uni- mannheim.de. persönliches elektronisches Belegexemplar - author´s copy - for personal usage only