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The Last Narco
 

The Last Narco

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    The Last Narco The Last Narco Document Transcript

    • 1
    • Malcolom BeithEL CHAPO Die Jagd auf Mexikosmächtigsten Drogenbaron Heyne HARDCORE 2
    • »Ich bin Bauer« 1Joaquín Archivaldo Guzmán Loera, alias »El Chapo« 10. Juni 1993 3
    • Inhaltsverzeichnis»Ich bin Bauer«Die NarcosGlossarProlog1 - Hinausspaziert!2 - Schuldzuweisungen3 - Gomeros4 - El Padrino5 - Chapos Aufstieg6 - Das Schicksal herausfordern7 - Der General8 - Der Krieg9 - Landraub10 - Recht und Unordnung11 - Das Ende der Allianz12 - Das Gespenst der Sierra13 - Die neue Welle14 - Die Vereinigten Staaten der Angst15 - Sinaloa AG 4
    • 16 - EndspielPostskriptumQuellenAnmerkungenDanksagungenCopyright 5
    • Die Narcos»El Chapo«Joaquín Archivaldo Guzmán LoeraGeboren am 4. April 1957 in La Tuna de Badiraguato,Sinaloa. Kopf des Sinaloa-Kartells, Mexikos meistgesuchterGangster.»El Padrino«Miguel Ángel Félix GallardoGeboren am 8. Januar 1946 in Culiacán, Sinaloa. El Padrino,der Pate, ist Gründer des Guadalajara-Kartells und gilt ge-meinhin als Begründer des modernen mexikanischen Drogen-handels.Rafael Caro QuinteroGeboren am 24. Oktober 1954 in Badiraguato, Sinaloa. Füh-render Drogenhändler in den siebziger und achtziger Jahren.»Don Neto«Ernesto Fonseca CarrilloGeboren 1942 in Badiraguato, Sinaloa. Führender Drogen-händler in den siebziger und achtziger Jahren. 6
    • »El Güero«Héctor Luis Palma SalazarEhemaliger Autodieb, der angeblich aus Kalifornien stammt.El Güero arbeitete zunächst für El Padrino. Ihm wird nachge-sagt, El Chapo den Feinschliff verpasst zu haben.»El Mayo«Ismael Zambada GarcíaGeboren am 1. Januar 1948 in El Alamo, Sinaloa. El Mayo istein enger Verbündeter von El Chapo.Amado Carrillo FuentesGeboren in Guamuchilito, Sinaloa. Wurde Anfang der neun-ziger Jahre Chef des Juárez-Kartells. Seine beiden Brüder,Rodolfo und Vicente, stiegen ebenfalls ins Drogengeschäftein.»El Azul«Juan José Esparragoza MorenoGeboren am 3. Februar 1949 in Huichiopa, Sinaloa. Der ehe-malige Bundespolizist ist ein enger Berater von El Chapo. 7
    • Die Gebrüder Beltrán LeyvaDie fünf Brüder Marcos Arturo (»El Barbas«), Alfredo (»ElMochomo«), Héctor (»El H«), Mario und Carlos wuchsen inBadiraguato auf und waren als Drogenhändler aktiv.Die Gebrüder Arellano FélixDie Brüder Francisco Rafael, Benjamín, Carlos, Eduardo,Ramón, Luis Fernando und Francisco Javier (»El Tigrillo«)wurden in Culiacán, Sinaloa, geboren und beherrschten späterdas Tijuana-Kartell.Juan García ÁbregoGeboren am 13. September 1944 in Matamoros, Tamaulipas.Gründer des Golf-Kartells.»El Mata Amigos«Osiel Cárdenas GuillénGeboren am 18. Mai 1967 in Matamoros, Tamaulipas.Cárdenas Guillén wurde Ende der neunziger Jahre Chef desGolf-Kartells und gründete Los Zetas.Los ZetasEine paramilitärische Truppe von ursprünglich einunddreißigehemaligen mexikanischen Elitesoldaten, die desertierten undsich Cárdenas Guillén anschlossen. Nach dem Bruch mit demGolf-Kartell heute selbst eines der brutalsten Kartelle. 8
    • La FamiliaEine Gruppe von Drogenhändlern, die ihre zentrale Basis inMichoacán hat und seit 2006 einige Berühmtheit erlangte. GlossarAFI: Agencia Federal de Investigación. Bundespolizei Mexi-kos, vergleichbar mit dem FBI.Capo: DrogenbossCNDH: Comisión Nacional de los Derechos Humanos. Nati-onale Menschenrechtsorganisation.DEA: Drug Enforcement Agency. US-amerikanische Dro-genbekämpfungsbehörde.FBI: Federal Bureau of Investigation. US-amerikanischeBundespolizei.Gatillero: auch »Gavillero«; Killer, Vollstrecker.Narco: jeder, der mit dem Drogenhandel in Verbindung steht,vom einfachen Kurier bis zum Kartellboss. Im vorliegendenBuch wird er im Singular jedoch überwiegend benutzt, umeinen hochkarätigen Drogenboss zu charakterisieren.Narco-Corrido: Der Corrido ist eine der Moritat ähnlicheLiedform mit Ursprung im Norden Mexikos. Narco-Corridosthematisieren die Welt der Drogenmafia. 9
    • PAN: Partido Acción Nacional. Politische Partei.PGR: Procuraduría General de la República. MexikanischeGeneralstaatsanwaltschaft.PRD: Partido de la Revolución Democrática. Partei der De-mokratischen Revolution. Politische Partei.PRI: Partido Revolucionario Institucional. Partei der Institu-tionalisierten Revolution. Politische Partei, stellte von 1929bis 2000 den Staatspräsidenten.SEDENA: Secretaría de la Defensa Nacional. Verteidi-gungsministerium.Sicario: Auftragskiller. Gehören oft zum inneren Zirkel desCapos, manchmal aber auch angeheuerte Außenstehende.SIEDO: Subprocuraduría de Investigación Especializada enDelincuencia Organizada. Staatsanwaltschaft zur Verfolgungdes organisierten Verbrechens.SSP: Secretaría de Seguridad Pública. Ministerium für Öf-fentliche Sicherheit. 10
    • Prolog»Du erzählst es allen, verstanden? Alle sollen es mitkriegen –hier hat Chapo das Sagen. Chapo ist das Gesetz. Er bestimmtdie Regeln, niemand sonst. Chapo ist der Boss. Nicht ›ElMochomo‹. Nicht ›El Barbas‹. Chapo ist das Gesetz. «2 Carlos’ Augen leuchteten, als er über seinen Boss sprach,über Joaquín Archivaldo Guzmán Loera, alias »El Chapo«. Inden Hügeln hinter der Stadt Badiraguato im mexikanischenBundesstaat Sinaloa, die sich hinter Carlos’ Schultern in derFerne abzeichneten, irgendwo da oben hinter dem Fluss undjenseits der üppigen Pflanzenwelt an dessen Ufer, vielleichtsogar hoch oben direkt unterhalb der grünen, wolkenverhan-genen Gipfel, versteckte sich Mexikos mächtigster Drogenba-ron – und zugleich auch Mexikos meistgesuchter Gangster. Von Badiraguato aus führten lediglich steinige, steileSchotterwege hinauf in die Berge, wo sich Chapos Höhlen-verstecke befanden. Erst hatte ein grinsender Carlos geprahlt, er würde mich zuseinem Boss führen. Doch dann hatte er nachgedacht und essich anders überlegt. Man würde uns auf keinen Fall erlauben,in einem »Cuatrimoto«, wie man im Nordwesten Mexikos dieGeländewagen nennt, in die Berge zu fahren, die zur SierraMadre Occidental gehören. Und auch wenn wir auf Eseln rit-ten, würde das nicht die Tatsache verschleiern, dass ich ein»Güero« war, ein Blonder, und man könnte Carlos umbrin-gen, nur weil er mich mitgenommen hatte. Carlos murmelteetwas. Es war acht Uhr morgens, und sein Atem stank noch nachBier und Tequila vom Saufgelage des gestrigen Abends. Ersah aus, als hätte er in seinem rot karierten Hemd geschlafenund auch seine Jeans und seine Cowboystiefel anbehalten.Wenn er denn überhaupt geschlafen hatte. 11
    • Carlos zündete sich eine Zigarette an. Langsam schien ernüchtern zu werden. Er sah mich scharf an und setzte seinenheiseren Monolog fort. »Willst du ihn wirklich kennenlernen? Das wollen alle.Und ihn finden. Aber das wirst du nicht. Und die anderenauch nicht.«3 Seit seinem Ausbruch aus dem Hochsicherheitsgefängnisim mexikanischen Bundesstaat Jalisco im Jahr 2001 befindetsich Chapo, der Kopf des Sinaloa-Kartells, auf der Flucht. Die US-amerikanische Drug Enforcement Agency (DEA)bietet fünf Millionen Dollar Belohnung für Hinweise, die zumAufenthaltsort des Mannes führen, von dem die DEA behaup-tet, er hätte seit Anfang der Neunziger mit dem Drogenhandelein Milliardenvermögen angehäuft, dabei Hunderte von Geg-nern ermordet und sich zum mächtigsten »Capo« nicht nurMexikos, sondern ganz Lateinamerikas aufgeschwungen. 4 Die mexikanischen Behörden wollen Chapo tot oder leben-dig. Gleiches gilt für die Vereinigten Staaten von Amerika.»Sie haben ihn längst im Fadenkreuz«, behauptet MichaelBraun, der ehemalige Operationschef der DEA, der nach wievor Kontakte zu seinen Kollegen in Mexiko unterhält. »Früheroder später wird das zu seiner Festnahme und zu seinem Todführen. Denn sie werden ihn nicht noch einmal aus dem Ge-fängnis entkommen lassen.«5 Auch Chapos kriminelle Feinde, von denen er Tausendehat, die zu rivalisierenden Kartellen und wie Pilze aus demBoden schießenden Banden in ganz Mexiko gehören, wollenebenfalls, dass er von der Bildfläche verschwindet. Seit De-zember 2006 befindet sich die mexikanische Regierung ineinem regelrechten Krieg gegen die Drogenkartelle, bei denenChapo und das Sinaloa-Kartell ganz vorne mitmischen.Gleichzeitig werden die Auseinandersetzungen zwischen denNarcos immer erbitterter. Es geht um die profitablen Schmug-gelrouten in die USA, den weltgrößten Drogenkonsumenten,sowie um Anbau und Produktion von Marihuana, 12
    • Methamphetamin (Speed) und Heroin auf mexikanischemTerritorium. Selbst Chapos ehemalige Partner, die Beltrán-Leyva-Brüder, die wie er aus den Bergen von Sinaloa stammen, ha-ben sich gegen ihn gewandt.6 Der Blutzoll dieses Krieges ist immens. Seit Ende 2006 hater mehr als 30 000 Todesopfer gefordert. Zwar waren Mordein Mexiko schon immer an der Tagesordnung, doch das Aus-maß dieser erschreckenden Brutalität ist neu. In Sinaloa kostetes nur noch 35 Dollar, einen Widersacher umbringen zu las-sen. Im September 2006 wurden fünf abgetrennte Köpfe auf dieTanzfläche einer Diskothek in Michoacán gerollt. Ende 2007waren solche Enthauptungen allgegenwärtig und den Abend-nachrichten kaum mehr als eine Meldung wert. Im Laufe desJahres 2008 wurden verstärkt auch Unschuldige niederge-schossen, Süchtige in Reha-Zentren massakriert, und täglichtauchten Dutzende Leichen auf den Landstraßen und High-ways auf – oftmals nackt, verstümmelt und geschändet. Als 2009 ein Mann, gemeinhin bekannt als »El Pozolero«(»der Eintopfkoch«), gestand, im Auftrag eines Kartells mehrals dreihundert Leichen in Säure aufgelöst zu haben, hatte dieÖffentlichkeit sich bereits an den blutrünstigen Horror ge-wöhnt. Allein 2009 wurden mehr als dreihundert Enthauptun-gen gezählt, und bis heute gibt es keinerlei Anzeichen für einNachlassen der Gewalt.7 Verantwortlich für den Ausbruch des Krieges ist Chapo.8 Er wuchs in La Tuna de Badiraguato auf, einem kleinenWeiler in dem im Bundesstaat Sinaloa gelegenen Teil derSierra Madre Occidental, der etwa tausend Meter über Mee-reshöhe und rund hundert Kilometer von der Provinzhaupt-stadt Badiraguato entfernt liegt. Er war 1957 als Sohn einerFamilie von Kleinbauern geboren worden und hatte ohnenennenswerte Schul- oder Ausbildung keine Möglichkeit, eineArbeit zu finden, die seinen Lebensunterhalt gewährleistete. 13
    • Als Teenager fand er ein erstes Auskommen, indem er füreinen lokalen Drogenboss arbeitete, und dank seines unter-nehmerischen Gespürs und seiner skrupellosen Brutalität stieger schnell auf und setzte sich Anfang der Neunziger an dieSpitze des Sinaloa-Kartells.9 Heute zählt er zu den reichsten und meistgesuchten Män-nern. Als das Wirtschaftsmagazin Forbes ihn 2009 auf seinejährliche Liste der reichsten Persönlichkeiten setzte, rief diesdie Kritiker auf den Plan, die das Magazin der Glorifizierungdes Drogenhandels bezichtigten. Wenige Wochen später publizierte Forbes eine weitere Lis-te – diesmal die der weltweit mächtigsten Personen –, die aufKriterien wie Macht, Kontrolle über finanzielle Ressourcenund Einflussmöglichkeiten in verschiedenen Bereichen basier-te. Sie umfasste nur siebenundsechzig Namen. An der Spitzestand Barack Obama, zu den Top Ten zählten unter anderemRupert Murdoch und Bill Gates. Auf Platz einundvierzigstand Joaquín Guzmán. Forbes schrieb damals: »Es wird angenommen, dass er in den vergangenen acht Jahren Drogen im Wert zwischen sechs und neunzehn Milliarden Dollar in die USA geschleust hat. Sein Spezi- algebiet ist der Kokain-Import aus Kolumbien, dabei werden die Drogen durch ein komplexes Tunnelsystem in die USA geschmuggelt. Sein Kosename ›El Chapo‹ (›Kleiner‹) spricht seinem furchteinflößenden Verhalten Hohn; als graue Eminenz im Kampf gegen die Regie- rungsstreitkräfte um die Kontrolle über die Schmuggel- korridore in die USA ist er für Tausende von Toten ver- antwortlich. 1993 wurde er wegen Mordes und Drogen- handels in Mexiko verhaftet und verurteilt, 2001 entkam er aus dem Gefängnis, wobei er offenbar die Wäscherei als Fluchtroute nutzte, und übernahm wieder die Kon- trolle über seine Organisation.«10 14
    • Trotz erheblicher Kontroversen setzte Forbes Chapo auch2010 wieder auf seine Listen. So viel ist verbürgt: Chapos Sinaloa-Kartell leitet jedes JahrTonnen von Marihuana, Kokain, Heroin undMethamphetamin in die USA. Das Sinaloa-Kartell operiert inmindestens achtundsiebzig US-Städten.11 Man geht davon aus, dass er in Mexiko über ein Areal von60 000 Quadratkilometern herrscht. Doch Chapos Operationsgebiet umfasst den gesamten Erd-ball. Man nimmt an, dass er in zunehmendem Maße den Ko-kain-Export nach Europa kontrolliert, zudem soll das Sinaloa-Kartell Grundbesitz und andere Anlagen in Europa erworbenhaben, um die Basis seines Geldwäschesystems auszudehnen. Es bezieht die Zutaten seiner Methamphetamin-Produktionaus Asien und hat seine Krakenarme inzwischen auch überganz Lateinamerika und bis nach Westafrika ausgestreckt. 12 Das Sinaloa-Kartell ist das größte und älteste Kartell Mexi-kos. Es handelt sich um eine komplex verflochtene Organisa-tion, mit diversen Schichten und Ebenen, der Zehntausendezum Teil in Gangs organisierte Mitglieder angehören. DerMann, bei dem im Hintergrund alle Fäden dieses gewaltigenImperiums zusammenlaufen, ist Chapo. Obwohl er sich seit Jahren auf der Flucht befindet, glaubendie meisten, dass er sich immer noch in den Bergen vonSinaloa oder Durango aufhält; nicht weit von den Stätten sei-ner Kindheit.13 Dieser Teil der Sierra Madre – wo sich die BundesstaatenChihuahua, Sinaloa und Durango berühren – ist als das »Gol-dene Dreieck« bekannt; was die Suche nach Chapo angeht,könnte man es allerdings auch das Bermuda-Dreieck nennen. Ihn aufzuspüren oder gar festzunehmen, hat sich bisher alsunmögliches Unterfangen erwiesen. Ich verbrachte einen ganzen Tag und einen Gutteil desAbends damit, in Badiraguato herumzuschlendern und michso diskret wie möglich nach Chapo und dem Drogenhandel zu 15
    • erkundigen. Es war bereits spätabends, als mich im Zentrumder Stadt ein junger Mann ansprach und mir mitteilte, er wissevon jemandem, der Chapo kenne. Um halb acht am nächsten Morgen traf ich mich am Stadt-rand von Badiraguato mit Carlos. Wir saßen auf der Terrasseeines kleinen eingeschossigen Häuschens, von der man dieganze Pracht der Sierra überblicken konnte. Dort oben befan-den sich Drogen im Wert von Millionen, vielleicht sogar Mil-liarden. Die Berge von Sinaloa sind voller potenzieller Verstecke,wenn man denn überhaupt hingelangt. Versteckte Landebah-nen und eine Flotte von Privatflugzeugen und Helikopternhaben Chapos Fluchten um einiges einfacher gemacht. Badiraguato ist zweifelsohne der letzte Außenposten derZivilisation, ehe man Chapo-Land betritt. Von der Stadt ausist es eine fünfstündige Fahrt über steile, gewundene Schot-terwege, ehe man La Tuna und die anderen Weiler erreicht, indenen er zu Hause ist. Wenn nicht schwere Regenfälle, meistzwischen Juni und September, die Straßen unpassierbar ma-chen, stößt man allerorten auf Straßensperren des Militärs.14 Dieser Landstrich wird auf merkwürdige und oft bedrohli-che Weise gleichermaßen vom Gesetz und von den Gesetzlo-sen beherrscht. Nicht nur die Armee, auch Chapos Truppenhaben Checkpoints errichtet, und letztere sind bei weitem diegefährlicheren. Denn die Gatilleros, die Revolvermänner, stel-len keine langen Fragen. Sollte doch einmal ein Fremder wei-ter in diese abgelegene Gegend vordringen, als es ratsam ist,neigen sie dazu, sofort zu schießen.15 Ich traf Omar Meza, einen Mittdreißiger und BürgerBadiraguatos, während der Feiern zum Unabhängigkeitstag inder Stadt. Ich wollte mehr über den Drogenhandel in der Ge-gend wissen und, wie ich ihm sagte, auch die Umgebung er-kunden, in der Chapo sein Unwesen treibt. Meza, dem der Spitzname »El Comandante« anhaftet, wardamit einverstanden, mir die Gegend zu zeigen. Er ist stolz 16
    • auf seine Heimat, gleichzeitig aber intelligent und aufrichtiggenug, die Gewalt und den Drogenhandel nicht zu verleug-nen. Er würde einen guten Führer abgeben. Während Meza und ich durch den Teil der Sierra kurvten,der mit einem gewöhnlichen Fahrzeug noch zu bewältigen ist,veränderte sich, je höher wir kamen, die Vegetation. Kieferntraten an die Stelle des bislang vorherrschenden Buschwerks.Es gab auch keine richtigen Ortschaften mehr, allenfalls eini-ge Siedlungen und Gehöfte beidseits der Straße. Sie lagen amFlussufer und vielleicht acht Kilometer auseinander. Einer derWeiler war erst im Jahr zuvor aufgegeben worden, nachdemfast alle Bewohner der Gegend bei einem stundenlangen Feu-ergefecht ums Leben gekommen waren. Wir fuhren an denverlassenen Häusern vorbei, ärmlichen Holzhütten mit Well-blechdächern. Als wir um eine Kurve kamen und vorsichtig dem Gerölleines kürzlichen Erdrutsches auswichen, entdeckte ich einenbewaffneten Mann, der in einer Ausbuchtung stand, die manin den Berg geschlagen hatte und von wo aus man die Straßeüberblicken konnte. Meza hätte mir gerne noch mehr von derGegend gezeigt, aber nachdem ich ihn auf den Bewaffnetenaufmerksam gemacht hatte, entschied er, dass es besser sei,sofort umzukehren. »Sie sehen es nicht gern, wenn wir hier hochkommen.« Meza ist sich der möglichen Konsequenzen bewusst, wennman sich in fremdes Gebiet vorwagt. Einige Wochen zuvorwar ein ebenfalls aus Badiraguato stammender Freund vonihm in Ciudad Juárez an der US-amerikanischen Grenze er-mordet worden. Der Freund war aus Mangel an anderen Be-schäftigungsmöglichkeiten ins Drogengeschäft eingestiegenund nach Ciudad Juárez gekommen, um für Chapo etwas zuerledigen. Nur dass die Grenzstadt nicht zu Chapos Territori-um zählte, der Sinaloenser Drogenbaron sie sich aber seinemImperium einverleiben wollte. Und so zählte Mezas Freundbald zu den Gefallenen des Krieges. 17
    • Seine Mörder schnitten ihm Arme und Beine ab und hack-ten sie in kleine Stücke. Die Behörden besaßen immerhin dieGüte, die Überreste nach Badiraguato zu schicken, wo sieordentlich beerdigt wurden. Den jungen Männern aus Badiraguato bleibt faktisch keineandere Wahl, als sich als Narcos zu verdingen, denn die Stadtbietet nur etwa eintausend Arbeitsplätze. Außerhalb derStadtgrenzen gibt es kaum mehr als Marihuanaplantagen so-wie Heroin- und Meth-Küchen. Nur ein paar wenige Glücks-pilze finden in der Regionalverwaltung oder im Gesundheits-und Bildungswesen eine Stelle. Manche ziehen ins nahe gele-gene Culiacán, aber die meisten bleiben in Badiraguato undlanden im Drogengeschäft. Carlos, der ebenfalls aus Badiraguato stammt, hatte aufLehramt studiert, konnte aber keine Stelle finden. Also wand-te er sich an die Drogenbosse. »Alles und jeder ist hier imDrogengeschäft«, sagte er, und seine Augen verschleiertensich. Man schätzt, dass 97 Prozent der Bevölkerung der Regionauf die eine oder andere Art im Drogengeschäft tätig sind.Angefangen bei den Bauern und ihren Familien, die – dieKinder eingeschlossen – Opium und Marihuana anbauen, überdie jungen Männer, die als Revolvermänner, Fahrer und Pilo-ten arbeiten, bis hin zu den Politikern und den Polizisten istnahezu jeder in den Drogenhandel verwickelt.16 Die Bewohner von Culiacán sprechen von Badiraguato, alssei es der letzte Ort der Welt, den sie aufsuchen wollen. Man-che, die Neugierigeren, geben immerhin zu, dass sie gernewüssten, was »da draußen« vor sich geht, würden aber nieselbst hinfahren. Ich konnte ohne größere Zwischenfälle mit dem Bus vonCuliacán nach Badiraguato fahren. Die glühende Luft bliesdurch die offenen Fenster des Zwanzigsitzers herein. Und vonden anderen Fahrgästen erntete ich ein paar neugierige Blicke.Es kommt nicht jeden Tag vor, dass ein Gringo oder über- 18
    • haupt ein Ausländer mit dem Bus in die Berge fährt, und dieOrtsansässigen begegnen allen Städtern für gewöhnlich mitMisstrauen. Doch wie gesagt, die zweistündige Fahrt verliefohne Zwischenfälle. Als ich in Pericos umsteigen musste, sah ich, wie ein kräf-tiger Mann, der einen Cowboyhut trug und vielleicht Mittevierzig war, zu einer Telefonzelle ging. Vielleicht ein Infor-mant, vielleicht aber auch nur jemand, der telefonieren muss-te. Als ich endlich aus dem Bus stieg, war ich schweißgebadet,nicht jedoch von der Anspannung, denn draußen waren es 32Grad. Wenigstens hatte die Luftfeuchtigkeit abgenommen,seit wir Culiacán und die Küste hinter uns gelassen hatten. Ich ging durch die Stadt zum Zócalo, dem zentralen Platzfast aller mexikanischen Städte, und wandte mich direkt andas Büro des Bürgermeisters im Palacio Municipal, der aufder Südseite direkt gegenüber der Kirche liegt. Ich war bereitseinmal unangemeldet in der Stadt gewesen, aber dieses Maldachte ich, es sei angebracht, die Behörden über meine Anwe-senheit zu informieren. Ich ging die Stufen zum Bürgermeis-teramt hinauf, die Tür stand offen, daneben lehnte ein Polizistan der Wand, der in der Nachmittagshitze vor sich hin däm-merte. Ich ging hinein. »Schon merkwürdig, dass es Sie nach Badiraguato ver-schlagen hat«, bemerkte der Sekretär des Bürgermeisters undmusterte mich, als wir in seinem kargen Büro direkt hinterdem Eingang Platz nahmen. Aus dem Büro des Bürgermeis-ters, das gegenüber lag, drang Gelächter. Wieder so ein investigativer Journalist, der auf der Suchenach Chapo ist, etwas über das organisierte Verbrechen in derRegion herausfinden möchte und sicher auch entgegen allerWahrscheinlichkeit hofft, ein Interview mit dem Mann selbstzu bekommen. Natürlich indem er den Eindruck erweckt, erwolle die positiven Seiten dieser berüchtigten Gegend hervor-kehren, wenngleich ihn, wie alle anderen, die mystische Aura 19
    • dieser Brutstätte der Gewalt und des Verbrechens angelockthat. Badiraguato war noch nie so berühmt wie heute. Die Stadt,deren Name »Gebirgsbach« bedeutet, liegt nach wie vor ab-seits der ausgetrampelten Touristenpfade, und nur wenigeBesucher verirren sich hierher. Die meisten Ortsansässigenmachen aus ihrem Missfallen über die Aufmerksamkeit, dieChapo und der Drogenkrieg auf ihre Heimat lenken, keinenHehl. Nun haben wir einen schlechten Ruf, den wir nichtmehr loswerden, sagen sie. Dennoch sind nur wenige bereit,offen über den Drogenbaron zu sprechen, das Thema ist tabu,es ist zu gefährlich.17 Noch 2005 leugnete ein Volksvertreter jegliche Kenntnisdes Problems: »Wir haben nicht die geringste Ahnung, obdieser berühmte Chapo überhaupt existiert.«18 Nichtsdestotrotz zeigte sich der Sekretär des Bürgermeis-ters von seiner gastfreundlichsten Seite. Er bedankte sich fürmeinen Besuch und gab mir auf die freundliche, traditionellemexikanische Art zu verstehen, dass »er mir zu Diensten«stehe. »Schon merkwürdig, dass es Sie nach Badiraguato ver-schlagen hat.« Martín Meza Ortiz, der Bürgermeister oderPresidente Municipal, klang wie ein Echo seines Sekretärs, alser mich kurz darauf mit einem misstrauischen Lächeln emp-fing. Doch als ich ihm erläuterte, dass ich mich auch für die Re-gion, ihre Geschichte und die Bürden des Drogenhandels inte-ressierte, taute er auf. Mitsamt seiner Familie – seiner Mutter,seiner Frau und seinen Kindern, seinem Bruder und einigenCousins – setzten wir uns zu einem improvisierten Taco-Lunch an seinen schweren Kiefernschreibtisch, wo er mirerläuterte, wie die Stadt funktioniert. Badiraguato geht imWesentlichen seinen eigenen Geschäften nach, während dieNarcos das Gebirge kontrollieren. Obwohl sie rechtlich für dieSicherheit des gesamten, 9000 Quadratkilometer großen Ge- 20
    • bietes zuständig sind, verlassen die dreißig aus dem Etat vonBadiraguato bezahlten Polizisten nie die Stadt. Niemals. Genauso wenig wie die Politiker. Im Speisesaal gegenüberdes Bürgermeisterbüros hängen die Porträts seiner Amtsvor-gänger, und beim Betrachten kann man den Eindruck gewin-nen, dass einige von ihnen tatsächlich wie die nützlichen Idio-ten aussehen, die eine Parteizentrale einsetzt, um in einer Re-gion Recht und Ordnung aufrechtzuerhalten, in der beidesschon längst nicht mehr existiert. Meza Ortiz selbst ist einsympathischer Mensch, der mit seinen Untergebenen ebensowie mit seiner Familie eine klare Sprache spricht und keineUnbotmäßigkeiten duldet. Dennoch besteht nicht der gerings-te Zweifel, dass er entweder mitspielen oder aus dem Amtgejagt werden würde, falls die Narcos andere Saiten aufziehensollten. Zuletzt hatte Meza Ortiz sich während seines Wahl-kampfs in die Berge gewagt. Allem Anschein nach wird esdas letzte Mal gewesen sein. Seine Verwaltung müht sich, dieRegion ein wenig zu fördern und in den entlegenen Winkelnder Sierra wenigstens die grundlegenden Bedürfnisse zu stil-len. Bildung, erklärte er mir, würde die Menschen davon ab-halten, sich auf das Drogengeschäft einzulassen. Beschäfti-gung sei dann der zweite Schritt. Außerdem versucht der Bürgermeister, das Bild vonBadiraguato, das gern von manchen »Marijuanato« genanntwird, in der Öffentlichkeit zu verändern. »Die Realität kann man nicht leugnen, auch nicht unsereWurzeln … Aber ich habe mein Land und meine Leute stetsleidenschaftlich verteidigt. Badiraguato ist nicht so schlecht,wie alle sagen. Hier leben viele Menschen, die voller Hoff-nung sind, die jeden Tag ihrer Arbeit nachgehen. Wer sichdem Drogenhandel verschreibt, tut dies aus schierer Notwen-digkeit. Man sollte niemanden dafür verurteilen, wo er gebo-ren wurde.«19 Meza Ortiz selbst streitet alle Verbindungen zum Drogen-geschäft ab. Einige Bürger Badiraguatos lamentieren aber 21
    • insgeheim über die Tatsache, dass ihr Bürgermeister, der 650000 Peso (46 000 US-Dollar) verdient, einen BMW fährt undin einer bewachten und gesicherten zweigeschossigen Villaresidiert, die jedem Narco gut zu Gesicht stünde. Und das,obwohl Badiraguato zu den zweihundert ärmsten GemeindenMexikos zählt.20 Tatsächlich aber ist dafür das Bild, das Badiraguato beimBesucher hinterlässt, einigermaßen surreal. Anstelle der un-gepflasterten Wege, der Häuser ohne Fußböden und der ver-fallenden öffentlichen Gebäude, die in gewisser Weise typischfür die ländlichen mexikanischen Dörfer sind, findet man hiersaubere, gut beleuchtete und frisch asphaltierte Straßen, indenen SUVs und andere Luxusfahrzeuge verkehren. DieMehrzahl der Bürger ist stilvoll und modisch gekleidet, vielzu gut eigentlich für ein verarmtes mexikanisches Bergdorf. Im Unterschied zu anderen Dörfern, wo die Einwohner sichzu fast jeder Tages- und Nachtzeit auf den Straßen einfinden,um ein Schwätzchen zu halten oder einfach nur die Zeit totzu-schlagen, sind die Straßen von Badiraguato immer so gut wieausgestorben. Auf einen Außenstehenden scheint dieser Ein-druck einer Geisterstadt eine Folge der Allgegenwart derNarcos zu sein. Meza Ortiz hingegen beharrt darauf, dass dieBürger von Badiraguato lediglich Wert auf ihre Privatsphärelegen und deshalb die meiste Zeit zu Hause verbringen. In der gesamten Stadt und ihrer Umgebung gibt es, was dieHerkunft des Geldes angeht, wenig Vorbehalte. Chapo undseinesgleichen mögen in den Augen der mexikanischen undder US-amerikanischen Regierung Kriminelle sein, die Ein-heimischen sind jedoch stolz auf ihre Drogenbosse und folgeneinem ungeschriebenen Gesetz der Verschwiegenheit, dashäufig mit der Omertà der sizilianischen Cosa Nostra vergli-chen wird. Man lässt es sich sogar nicht nehmen, die Gesetzlosen zuschützen und zu verehren, wie etwa in dem Schrein erkennbarwird, der in Culiacán für Jesús Malverde errichtet wurde, ei- 22
    • nen sagenumwobenen Banditen aus dem 19. Jahrhundert, derangeblich die Reichen bestahl, um den Armen zu geben.Durch ähnliche Heldentaten haben die Narcos der Region esebenfalls geschafft, sich mit der Aura moderner Robin Hoodszu umgeben.21 Doch nun, da die Gewalt des Drogenkrieges eskaliert, hatsich die Wahrnehmung vieler Menschen geändert. Sie verklä-ren nostalgisch die Zeit, in der lediglich Chapo das Sagenhatte und nicht die immer zahlreicher werdenden Aufsteiger,die vor keiner Gewalttat zurückschrecken und offenbar auchkeine Loyalitäten kennen. Allein das Wort Chapo lässt vielean eine Vergangenheit zurückdenken, in der der Drogenhan-del noch eine kontrollierte Angelegenheit war. Natürlich gabes auch damals Gewalt, aber sie wurde kontrolliert – und zwarvon ihm. Eine Minderheit allerdings sieht es mit Genugtuung, wennes einen Narco erwischt, sei es nun Chapo oder einen der jun-gen Brutalos. Während eines früheren Besuchs in Badiraguatohatte ich mich auf eine Bank am Zócalo gesetzt und mich miteinem älteren Herrn unterhalten. Er weigerte sich, über Chapozu reden, nahm nicht einmal dessen Namen in den Mund.Dagegen tat er, wenn auch flüsternd, seine Meinung über dieörtliche Mafia kund. »Wenn es einen dieser üblen Burschen erwischt, dann heu-len sie.« Er grinste verstohlen und schwieg. Plötzlich tauchten vier SUVs mit getönten Scheiben aufund drehten langsam eine Runde. Und noch eine. Und nocheine. »Sie gehen jetzt besser«, sagte der Alte.22 23
    • 1 Hinausspaziert!Um 21:15 Uhr machte Gefängniswärter Jaime Sánchez Floreswie gewohnt seine Runde durch Puente Grande. Er konntenichts Ungewöhnliches feststellen, alles schien wie immer. Es gab also keinen Grund, besonders wachsam zu sein. Eswar Freitag, der 19. Januar 2001. Am Nachmittag dieses Ta-ges hatte eine Gruppe hochrangiger Beamter dem Hoch-sicherheitsgefängnis im mexikanischen Bundesstaat Jaliscoeinen Besuch abgestattet. Angeführt wurde die Delegationvon Jorge Tello Peón, Mexikos stellvertretendem Polizeichef,und sein Augenmerk galt insbesondere einem Insassen: Joa-quín Archivaldo El Chapo Guzmán Loera. Chapo saß seit 1995 in Puente Grande ein, wohin er zweiJahre nach seiner Festnahme in Guatemala überführt wordenwar. Obwohl er bereits seit fast acht Jahren hinter Gittern saßund in dieser Zeit nie einen Ausbruchsversuch unternommenhatte, hatte Tello Peón allen Grund, besorgt zu sein. Kurz vorseinem Besuch an jenem 19. Januar hatte der Oberste Ge-richtshof Mexikos die Hürden für eine Auslieferung an dieUSA erheblich gesenkt. Chapo, den nördlich der Grenze diverse Anklagen wegenDrogendelikten erwarteten, hätte sich also bald in einem ame-rikanischen Hochsicherheitstrakt wiederfinden können. Und Tello Peón wusste nur zu gut, dass kein Drogen-schmuggler einem solchen Schicksal ins Auge blicken will.Auch Chapo nicht. Innerhalb der hohen weiß getünchtenMauern von Puente Grande hatte Chapo ohne größereSchwierigkeiten seine Geschäfte weiterbetreiben können. DieKorruption des Gefängnispersonals war notorisch und ChaposStatus als einer der bedeutendsten Narcos unbestritten – auchwenn er derzeit in einem mexikanischen Gefängnis einsaß. 24
    • In den Vereinigten Staaten hingegen würde Chapo die volleHärte der Justiz zu spüren bekommen. Alle Narcos fürchteten,aus ihrem Netzwerk herausgerissen und von ihren engstenKomplizen abgeschnitten zu werden, wenn man sie aus dembis ins Mark korrupten mexikanischen Justizwesen in dieUSA transferierte. In den Achtzigern hatten die kolumbianischen Drogenbaro-ne einen Terrorfeldzug gestartet, um die Verabschiedung derAuslieferungsgesetze zu verhindern, und ihre mexikanischenGegenspieler standen ihnen in nichts nach. Chapo würde sichnicht an die USA ausliefern lassen.23 Kurz nachdem Sánchez Flores seine letzte Runde absolvierthatte, gingen in den Zellentrakten, die 508 Insassen beher-bergten, die Lichter aus. Damals war Puente Grande eines vondrei Hochsicherheitsgefängnissen in Mexiko und mit dembesten und teuersten Alarmsystem sowie 128 modernstenÜberwachungskameras ausgestattet, die jeden Winkel desKomplexes erfassten. Die Kameras wurden von außerhalb desGefängnisses kontrolliert, im Innern hatte niemand Zugriffauf das System. In den Korridoren konnte nie mehr als einesder ebenfalls elektronisch kontrollierten Tore gleichzeitig ge-öffnet werden. Etwa fünfundvierzig bis sechzig Minuten nachdem SánchezFlores zum letzten Mal an diesem Tag Chapos Zelle kontrol-liert hatte, öffnete ein Wärter namens Francisco JavierCamberos Rivera, alias »El Chito«, deren elektronisch gesi-cherte Tür. Der sorgsam gehütete Gefangene spazierte über den Flurund sprang in einen Wäschewagen, der von El Chito zügigaus Zellenblock C3 geschoben wurde. Das Gespann bog nachrechts ab und bewegte sich auf den Ausgang des Komplexeszu. Da die Stromkreisläufe offenbar unterbrochen waren, öff-neten sich die meisten elektronischen Tore problemlos. Ande-re waren kaputt und brauchten nur aufgestoßen zu werden.Ein Tor hatte man mit Hilfe eines alten Schuhs blockiert – 25
    • nicht unbedingt ein Gütesiegel für die von den mexikanischenBehörden behauptete Sicherheit ihrer Einrichtungen. El Chito und Chapo, der sich immer noch in dem Wagenversteckte, bewegten sich nun zum Zellenblock B3, doch derWärter bemerkte schnell, dass dies keine gute Idee war. ImSpeisesaal befanden sich noch Menschen, wahrscheinlichKollegen, die ein spätes Essen zu sich nahmen. Deshalb wähl-te El Chito eine scheinbar riskantere Route und ging durchden Korridor an den normalerweise mit Beamten besetztenBeobachtungsräumen vorbei Richtung Hauptausgang. Sie kamen durch den Bereich, in dem tagsüber alle, die dasGefängnis betreten, von Kopf bis Fuß durchsucht werden. DerWachhabende fragte El Chito, wo er hinwolle. »Ich bringe die Wäsche raus, wie immer«, erwiderte der. Der Wachhabende steckte seine Hände in den Wagen, al-lerdings nicht tief genug. So fühlte er nur Kleider und Bett-zeug und winkte sie durch. Und so wurde Chapo nach drau-ßen geschoben. Nur ein Wärter beobachtete den Parkplatz, und dieser be-fand sich im Innern hinter einer Glasscheibe und hatte seineNase in seinen Formularen und Akten vergraben. Chapo ent-ledigte sich seines beigefarbenen Häftlingsoveralls und sprangaus dem Wagen in den Kofferraum eines bereitstehendenChevrolet Monte Carlo. El Chito brachte den Wäschewagen zurück und stellte ihnwie gewöhnlich direkt hinter dem Haupteingang ab. Dannsetzte er sich ans Steuer des Fluchtfahrzeugs und schickte sichan, Puente Grande hinter sich zu lassen. An der Ausfahrt desParkplatzes wurde er von einem Wärter angehalten, dessenSchicht bald zu Ende war und der deshalb keine Lust mehrhatte, seinen Job mit der gebotenen Gründlichkeit zu erledi-gen. Er warf einen kurzen Blick ins Wageninnere, ignorierteden Kofferraum und ließ den Chevy passieren. El Chito undChapo bogen auf die Avenida Zapotlanejo ein und fuhrendavon. 26
    • Chapo war frei. Doch El Chitos Job war noch nicht beendet. Chapo setztesich nach vorne auf den Beifahrersitz und erklärte seinemjungen Komplizen, dass es besser für ihn sei, ebenfalls zufliehen, da die zweifellos einsetzende Medienkampagne – vonder Großfahndung ganz zu schweigen – sich auf ihn fokussie-ren würde. Beunruhigt grübelte El Chito über sein weiteres Schicksalnach. Als sie die Außenbezirke von Guadalajara erreichten,bedeutete Chapo dem Wärter, er habe Durst. El Chito ging ineinen Laden und besorgte ihm eine Flasche Wasser. Als er wieder zum Wagen kam, war Chapo verschwunden. Während der gesamten Flucht hatte nicht eine einzige Sire-ne im Gefängnis Alarm geschlagen. Die Wärter, die auf denTürmen des Komplexes einen 360-Grad-Rundumblick genos-sen, hatten nichts bemerkt. Ihre Kollegen im Innern gingenihrem Nachtdienst nach, als wäre nichts geschehen. Um 23:35 Uhr erhielt der Wärter Leonardo Beltrán Santanaeinen Anruf. Ein Kollege teilte ihm mit, Chapo befinde sichnicht in seiner Zelle. Unter dem Wachpersonal brach Panikaus. Sie begannen, das gesamte Gefängnis zu durchsuchen.Sie durchkämmten Zelle für Zelle, Raum für Raum, Kammerfür Kammer, Schrank für Schrank. So dauerte es weitere fünfStunden, bis Tello Peón von dem Ausbruch erfuhr. Tello Peóns erster Gedanke war – korrekterweise –, dassdas Sicherheitssystem versagt hatte. Jedermann wusste, dassin Mexikos Gefängnissen die Korruption regierte, und nur einkorruptes System konnte es Chapo ermöglicht haben, so ein-fach zu entkommen. Genau deshalb wollte er das Personalvon Puente Grande auf Anzeichen von Kollaboration mitChapo und dessen Kartellgenossen überprüfen. Immerhinhatte es vor dem 19. Januar Gerüchte gegeben, Chapo könnteeinen Ausbruchsversuch unternehmen, allerdings hatte mankeine konkreten Hinweise auf einen ausgearbeiteten Plan ent-decken können. Nichtsdestotrotz hatte Tello Peón bei seinem 27
    • Besuch angeordnet, Chapo in einen anderen Trakt zu verle-gen, doch dieser Befehl war noch nicht ausgeführt worden. »Das ist ein Verrat an unserem Sicherheitssystem und anunserem Land«, schäumte Tello Peón am folgenden Samstag-vormittag, als die Nation in den Morgennachrichten vonChapos filmreifer Flucht erfuhr. Vor Wut kochend, schworder Polizeioffizier, eine landesweite Fahndung nach demFlüchtigen auszurufen und Chapo um jeden Preis wiederdingfest zu machen. Den Verantwortlichen für die Fluchtdrohte er drakonische Strafen an. Ohne weitere Zeitverschwendung begann er damit in Puen-te Grande. Dreiundsiebzig Wärter, Servicemitarbeiter undsogar der Gefängnisdirektor selbst wurden festgenommen undverhört. Entsprechend dem mexikanischen Gesetz wurden sieauf richterlichen Beschluss vierzig Tage in Haft behalten, umdem Büro des Generalstaatsanwalts die Zeit zu geben, siegründlichst auf eine Komplizenschaft bei der Flucht zu durch-leuchten. In den umliegenden Städten begannen Polizei und Armeemit ihren Razzien. Sie durchsuchten Häuser, Ranches, sogarRegierungsgebäude, und fanden einiges – Spuren von Dro-genschmugglern, Waffen, Geld, Drogen. Aber keinen Chapo. Die Fahndung wurde auf Guadalajara ausgedehnt, Mexikoszweitgrößte, nur wenige Kilometer entfernt gelegene Stadt.Dort entdeckte die Polizei im Haus eines mutmaßlichenKomplizen von Chapo ein Arsenal militärischer Waffen, Mo-biltelefone und 65 000 Dollar Bargeld – aber immer nochkeinen Chapo. Anonyme Hinweise führten ins etwas südlichvon Guadalajara gelegene Mazamitla, wo siebzehn Häuserund vier Ranches von oben bis unten durchsucht und auf denKopf gestellt wurden. In den anonymen Hinweisen an dieBehörden hatte es geheißen, die Bewohner von Mazamitlahätten Chapo Unterschlupf gewährt – doch auch hier gab eskeine Spur von ihm. 28
    • Binnen weniger Tage war klar, dass es Chapo gelungensein musste, aus der unmittelbaren Umgebung zu entkommen.Die Fahndung wurde auf das ganze Land ausgedehnt, Hunder-te Federales (Bundespolizisten) und Armeesoldaten durch-kämmten auf der Suche nach dem Mann, der die Regierungmit seiner Flucht bloßgestellt und zum Gespött der Öffent-lichkeit gemacht hatte, ganz Mexiko – von den großen Metro-polen über die winzigsten Bergdörfer bis hin zu den staubigenGrenzstädten. Von Tamaulipas im Norden bis zur Südgrenzenach Guatemala wurden die Grenzposten in höchste Alarmbe-reitschaft versetzt. Auch die Behörden in Guatemala wurden offiziell infor-miert. US-Behörden, darunter das FBI, wurden um Fahn-dungshilfe in den USA ersucht, obwohl die Wahrscheinlich-keit, dass es dem Drogenzar in den Wirren nach der Fluchtgelungen war, sich in die USA abzusetzen, als äußerst geringeingeschätzt wurde. Die Öffentlichkeit zog über den frischgewählten Präsidenten Vicente Fox her. Fox seinerseits warwütend und frustriert, weil sein Gefängnissystem versagt hat-te, und befahl, alle Ressourcen zu mobilisieren, um des Flüch-tigen habhaft zu werden. Chapo indes feierte mit seinen alten Spießgesellen inBadiraguato ein rauschendes Fest.24 Die DEA war außer sich. Unter der Fox-Administrationzeigte die Kooperation zwischen Mexiko und den USA ersteAnzeichen einer Verbesserung. Chapos Flucht war »ein Af-front gegen die Bemühungen, Gesetz und Ordnung zu stärkenund zu achten«, schäumte der damalige DEA-Chef Asa Hut-chinson. Tatsächlich nahmen eine Reihe von DEA-Agenten ChaposVerschwinden persönlich. Sie und ihre mexikanischen Kolle-gen hatten im Kampf gegen die mexikanischen Drogenbossezahlreiche Opfer zu beklagen, und nun hatte man es Chapoermöglicht, einfach so aus dem Gefängnis zu spazieren. Man 29
    • sprach von »einer gewaltigen Enttäuschung für die Gesetzes-hüter«. Das gute Leben hinter GitternAn dem Tag, als Chapo Puente Grande betrat, machte er klar,wer hier die Befehle erteilte. Er ging auf Wärter und Ange-stellte zu und fragte sie, oftmals unter vier Augen, ob siewüssten, wer er sei. Haben deine Vorgesetzten dich über michins Bild gesetzt? Bist du bereit, für uns zu arbeiten? Die Fra-gen waren nicht wirklich als Fragen gemeint, aber gleichzeitigließ er durchblicken, dass man ihnen ihre Loyalität gut vergel-ten würde. Selbst die Putzfrauen und das Küchenpersonalerhielten Geld, man bezahlte ihnen zwischen einhundert undfünftausend Dollar für ihre Kollaboration. Geld spielte keine Rolle. Chapos Partner in Sinaloa schick-ten ihm regelmäßig große Mengen Bargeld. Bald hattenChapo und seine Kompagnons ein System entwickelt, bei demdas Gefängnispersonal immer neue Gefolgsleute rekrutierte.»Ich stelle Ihnen jemand Neues vor, der für uns arbeitenwird«, verkündete einer der Wärter und präsentierte einenneuen Kandidaten. Chapos Sekretäre, ebenfalls Häftlinge,notierten pflichtschuldig Name und Beruf. Obwohl Chapos Männer über jeden Einzelnen penibelBuch führten und einen genauen Überblick über dessen Fä-higkeiten besaßen, wurden spezielle Jobs nicht immer an dievergeben, die auf der Gehaltsliste standen. Manche wurdenpro Job bezahlt, andere erhielten jeden Monat einen Betrag.Einer von Chapos Prätorianern notierte eine codierte Nach-richt auf eine Serviette, die man dem Betreffenden in dieHand drückte. Etwa »Ich habe eine Lieferung für den Schuldi-rektor«, was bedeutete, dass der Wärter seinen Lohn an einemvorher verabredeten Ort in Guadalajara abholen konnte. Dahinter stand die Idee, das gesamte Gefängnispersonalnach Chapos Pfeife tanzen zu lassen. Chapo wollte in Puente 30
    • Grande schalten und walten, als ginge es um seine Firma, unddabei ließ er sich durch nichts aufhalten. Er würde hier seineZeit absitzen, bis es an der Zeit wäre, sich zu verabschieden. Und wie er seine Zeit absaß. Zuerst, so erinnern sich dieWärter, waren seine Forderungen bescheiden, es handelte sichfast schon um Bitten. Chapo und seine Männer baten um einebesondere Zutat zum Essen – ob die Köche das wohl hinkrie-gen würden? Eine Freundin kam zu Besuch – wäre es wohlmöglich, ein bisschen länger mit ihr ungestört zu sein? Doch langsam, aber sicher verwandelte sich Puente Grandein Chapos persönliche Spielwiese. Bald waren Partys in sei-nem Zellenblock, in dem auch sein engster Vertrauter HéctorLuis Palma Salazar, alias »El Güero« (»der Blonde«), unter-gebracht war, an der Tagesordnung. Und es dauerte auch nichtlange, da konnten sie sich innerhalb von Puente Grande, dasauch als Cefereso No. 2 bezeichnet wurde, völlig frei bewe-gen. Sie genossen hereingeschmuggelten Alkohol, Kokainund Marihuana, von den unkontrollierten Besuchen ihrerFrauen und Freundinnen ganz zu schweigen.25 Chapo selbst hatte eine Schwäche für Whiskey und CubaLibre. Er und seine Leute ließen sich nach Herzenslust beko-chen – das Küchenpersonal stand schließlich auf ihrer Ge-haltsliste – und ignorierten nach Belieben die ansonsten gel-tenden Regeln des Hochsicherheitsgefängnisses. Insbesondere zwei Köche, Oswaldo Benjamín GómezContreras und Ofelia Contreras González, waren laut demBüro des mexikanischen Generalstaatsanwalts (PGR) für dieFestmahle zuständig, nach denen Chapo immer häufiger ver-langte. Die Köche wurden später wegen Drogendelikten an-geklagt, in die sie sich während ihrer »Dienstzeit« unterChapos Kommando hatten verwickeln lassen.26 Mindestens einmal wurde auch eine Mariachi-Band ins Ge-fängnis gebracht, um vor Chapo und seinen Mithäftlingenaufzutreten. Ein Wärter erinnerte sich nach Chapos Flucht,dass einmal für eine Weihnachtsfeier fünfhundert Liter Wein 31
    • herbeigeschafft wurden. Darüber hinaus gab es Hummersup-pe, Filet Mignon und ausgesuchte Käsesorten. Schließlichfeierten sie mit Whiskey-Soda bis zum Morgengrauen.27 Manchmal veranstalteten sie auch regelrechte Wettbewer-be. Chapo liebte es, gegen einen Mithäftling – einen ehemali-gen Angehörigen der Präsidentengarde, der sich der Korrupti-on anheimgegeben hatte – Schach zu spielen. Außerdemspielte er Basket- und Volleyball. Ein anderer Mitinsassewusste zu berichten, dass Chapo »in allen Sportarten ziemlichgut war«. Für einen Mann Anfang vierzig befand er sich zu-dem in ausgezeichneter körperlicher Verfassung und verfügteüber eine »erstaunliche Willenskraft«. Chapo besaß aber auch eine lockere Seite. Manchmaltauchten Musikgruppen im Gefängnis auf, die sinaloensischeBandas spielten, und Chapo, der nebenbei auch noch ein lei-denschaftlicher Tänzer war, geriet völlig aus dem Häuschen.Wenn ihm danach war, ließ er den Speisesaal in ein Kino um-funktionieren. Dann saßen er und andere Insassen bei Pop-corn, Eiscreme und Schokolade zusammen und schauten sicheinen Film nach dem anderen an. Dabei zeigte sich Chapogelegentlich auch von seiner sentimentalen Seite. Ein Mithäft-ling verriet: »Wir haben zusammen ›Cinderella‹ gesehen.Stellen Sie sich das mal vor.«28 Allmählich drangen die Gerüchte über rauschende Partysund andere merkwürdige Vorgänge nach draußen. PuenteGrande wurde zum nationalen Gespött, und das in einemLand, dessen Gefängnissystem sowieso dringend reformiertgehörte. Bis zum heutigen Tag halten sich hartnäckig Gerüch-te, wonach Chapo regelmäßig gestattet wurde, am Wochenen-de das Gefängnis zu verlassen, um in der Nähe Familienange-hörige, Freunde und Komplizen zu besuchen. José AntonioBernal Guerrero, ein örtlicher Menschenrechtsaktivist, hatöffentlich erklärt, Chapo habe während seiner Haft nach Be-lieben im Gefängnis ein und aus gehen können.29 32
    • Mexikos Gefängnisse standen nie in dem Ruf, sicher undseriös geführte Institutionen zu sein, aber das Puente Grandeder Neunziger war ein Witz. »Als Chapo eintraf«, erinnert sich der Wärter Claudio Ju-lián Ríos Peralta, »brachen Sicherheit und Disziplin inCefereso No. 2 zusammen. Es gab zwar eine Art Disziplin,aber die ging nicht vom Wachpersonal aus.« Für den seltenen Fall, dass Geld allein nicht ausreichte, ei-nen Wärter oder Mithäftling dazu zu bringen, Chapos Anord-nungen zu folgen, wurde mittels Drohungen sichergestellt,dass sie dennoch kollaborierten. Diejenigen, die sich weiger-ten, für Chapo zu arbeiten, wurden Jaime Leonardo ValenciaFontes gemeldet, einem Häftling, der als Chapos rechte Handagierte. Valencia ging dann auf den Wärter oder Häftling zu undsagte: »Hör mal, es heißt, du bist von uns genervt und weißtunsere Freundschaft nicht zu schätzen. Mach dir keine Sor-gen, hier haben wir …« Dann pflegte er ein Notebook oder einen Organizer hervor-zuholen und dem Widerspenstigen unter die Nase zu halten. »… die Adresse von dir und deiner Familie. Wie du siehst,alles kein Problem.« Daraufhin spielten fast alle mit. Eine Truppe Baseball-schläger schwingender Schwergewichte, die sich »TheBatters« nannte, kümmerte sich um die ganz hartnäckigenFälle. Chapo und seine Männer hatten auch jederzeit Zugang zuFrauen von innerhalb und außerhalb des Gefängnisses. Es gabsogar ein regelrechtes Verfahren, um Prostituierte einzu-schleusen. Einer von Chapos Leuten ging abends in eine Barin Guadalajara und wählte mehrere Frauen aus, die zu einemTreffpunkt in der Nähe von Puente Grande gefahren wurden.Dort übernahm sie ein höherrangiger Wärter, der für seineRolle als Hilfszuhälter dreitausend Dollar im Monat einstrich,und brachte sie in einem Truck ins Gefängnis. Seine Anwe- 33
    • senheit garantierte, dass es keine Durchsuchungen gab; den-noch hatte er stets etwas Bargeld dabei, um gegebenenfallsseine Untergebenen ruhigzustellen oder Alkohol und Drogenmitzubringen. Am Abend sperrten Chapo und seine Narco-Vertrauten fürzwei Stunden den Speisesaal ab, um in Ruhe Sex mit den aus-gewählten Frauen zu haben. Ein Wärter gab an, »der Speise-saal sei in eine Art Hotel umfunktioniert worden«. Manchmalkamen die Frauen auch mit hinauf in die Zelle. Die für intimeeheliche Besuche vorgesehenen Räumlichkeiten standen da-gegen meist leer.30 Die Frauen, die in Puente Grande beschäftigt waren, galtenebenfalls als leichte Beute, zumal Chapo durchaus als Char-meur bekannt war. In einem Interview aus dem Jahr 2001erzählte die Küchenhilfe Ives Eréndira Arreola, wie der Dro-genbaron ihr den Hof gemacht hatte. Es hatte im Juni des vor-herigen Jahres begonnen, als sie im Zellentrakt 2 arbeitete.Seinen Mithäftlingen zufolge war Chapo bereits einen Monatzuvor auf die achtunddreißigjährige Eréndira aufmerksamgeworden und hatte sich umgehend nach ihr erkundigt. Woherstammte sie? Hatte sie Familie, Kinder? Konnte man sie inZellentrakt 3 versetzen, wo er untergebracht war? Als er sich schließlich der schüchternen Küchenhilfe näher-te und sie ansprach, merkte Eréndiras Chefin sofort, worauf erhinauswollte. Sie und ihre Kolleginnen ermunterten Eréndira,auf die Avancen einzugehen. Immerhin war es eine gute Ge-legenheit, an Geld zu kommen, und Eréndira war eine allein-erziehende Mutter, die aus einem ärmlichen Dorf in der Nähestammte. Dabei schwang unausgesprochen mit, dass es sie inSchwierigkeiten bringen konnte, Chapo einen Korb zu geben. Andererseits war ihr bewusst, dass sie gefährliches Terrainbetrat, wenn sie sich mit ihm einließ. Als er sie schließlichfragte, ob sie während der für intime Treffen reserviertenStunden in seine Zelle kommen wolle, lehnte sie ab. 34
    • »Ich werde nicht zu Ihnen hochkommen«, erklärte sie höf-lich. »Ich habe Kinder, lebe allein und möchte nicht, dass dieLeute über mich reden … Selbst wenn ich nur auf einSchwätzchen mit nach oben ginge, würden die Leute sagen,ich hätte was mit Ihnen gehabt.« Allem Anschein nach nahm Chapo die Abfuhr gelassen auf,bot ihr daraufhin seine Freundschaft an und beteuerte, nichtsweiter von ihr zu wollen. Doch als Eréndira am nächsten Tagnach Hause kam, fand sie einen riesigen Strauß Rosen vor.Ein Kärtchen war nicht beigelegt, aber Eréndira wusste, werihn geschickt hatte. Dann rief Chapo sie auf ihrem Handy an,obwohl sie die Nummer niemandem gegeben hatte. »Habendir die Rosen gefallen?« Die Rosensträuße kamen auch weiterhin, und im Juli gabEréndira Chapos Drängen nach. Ihren ersten Geschlechtsver-kehr hatten sie in einem Zimmer im Gefängnis, das eigentlichfür Besuche von Anwälten, Psychologen und Priestern reser-viert war. Ihre Affäre zog sich über mehrere Monate hin, undChapo erwies sich als der perfekte Gentleman, der immer da-für sorgte, dass seine Zelle oder die anderen Räume, in denensie sich trafen, sorgsam zurechtgemacht waren. Er achtete aufsaubere Laken, ließ Blumen kommen und Vorhänge anbrin-gen, um ihre Intimität zu schützen. Dennoch fürchteteEréndira sich vor den Konsequenzen ihres Techtelmechtels.Im September entschied sie, dass es das Beste sei, ihren Job inPuente Grande zu kündigen. Doch Chapo ließ sie so leicht nicht vom Haken. Ich kaufedir ein Auto. Nein, antwortete Eréndira. Ein Haus? Wiedernein. Chapo versprach sogar, ihr ein kleines Geschäft einzu-richten und dafür zu sorgen, dass ihre Kinder eine Zukunfthatten. Dennoch blieb Eréndira standhaft. Und obwohl es ihr gelang, seine monetären Avancen zu-rückzuweisen, so konnte sie doch der Art dieses Mannes nichtwiderstehen. Nachdem sie ihre Arbeit in Puente Grande auf-gegeben hatte, besuchte sie ihn regelmäßig und verbrachte die 35
    • Nacht bei ihm im Gefängnis. Ihre Beziehung wurde enger.Am 11. November, ihrem Geburtstag, schickte Chapo einenseiner Männer zu ihr nach Hause, der ihr tausend Dollar alsGeschenk überreichte. Für einen Mann wie Chapo war dasnicht viel. Aber was zählte, war die Geste. Natürlich gab es auch noch andere Frauen. Chapos Ehe-frauen Alejandrina und Griselda hatten Codenamen und spe-zielle Handynummern, über die sie jederzeit erreichbar warenund ins Gefängnis bestellt werden konnten.31 Um seine Libido zu stärken, ließ Chapo sich regelmäßiggrößere Mengen Viagra liefern.32 Und dann war da noch Zulema. Obwohl er Eréndira nachstellte und sich mit seinen beidenFrauen vergnügte, verliebte er sich überdies noch in einenweiblichen Mithäftling, die siebenundzwanzigjährige ZulemaYulia Hernández Ramírez, eine ehemalige Polizistin ausSinaloa, die wegen eines Drogendelikts verurteilt worden war. Dabei hatte Hernández ihre Karriere als vorbildliche Poli-zistin begonnen. Sie hatte die Polizeischule mit Bravour abge-schlossen, und ihre Vorgesetzten waren stets voll des Lobesgewesen. Doch auch sie war den Versuchungen des Narco-Universums erlegen und hatte sich vom Geld und La VidaLoca verführen lassen. So war sie schließlich als eine von nurfünf weiblichen Häftlingen im Hochsicherheitsgefängnis vonPuente Grande gelandet. Sie war eine beeindruckende Er-scheinung: Knapp 1,70 Meter groß, schlank, mit kastanien-braunen Haaren, dunkelbraunen Augen und heller Haut, stachsie unter ihren Mitgefangenen heraus. »Sie hatte einen nahezuperfekten Körper«, erinnerte sich ein Journalist. Kein Wun-der, dass sie das große Los war. Und keine Frage auch, wemdieses Los zufiel. Wie Chapo stammte auch sie aus Sinaloa, und beide kann-ten die bittere Armut der Bergdörfer, die ein Leben zerstörte,noch ehe es gelebt wurde. Beide waren in den Drogenhandelinvolviert. Und beide waren sie in Puente Grande hinter den- 36
    • selben trostlosen Mauern gelandet. Zwischen Chapo und ihrfunkte es. Sie fand Trost in seinen Armen, er in den ihren. »Wir verstanden einander, weil ich in derselben Situationwar wie er«, erinnerte sich Hernández in einem Interview, dassie 2001 dem mexikanischen Autor Julio Scherer gewährte.»Ich durchlebte dieselbe Hölle wie er. Ich wusste, wie es ist,in einer engen Zelle auf und ab zu tigern. Ich wusste, wie esist, wach zu liegen und zu warten, ich kannte diese Schlaflo-sigkeit, ich kannte das alles … wir wollten uns beim Sex ver-zehren, mit unseren Händen und Mündern verbrennen, dieSeele aufrauchen, die Zeit aufrauchen … und er wusste, dassich es wusste.« Ihre Liebesaffäre entwickelte sich. Oft schliefen die beidenin seiner Zelle, manchmal liebten sie sich, manchmal lagen sienur eng umschlungen da. Sie redeten miteinander, teilten ihreintimsten Geheimnisse. »Oftmals hatten wir gar keinen Sex, weil er nur wollte, dassich ihm nahe war. Er wollte mich nackt an seinem Körperspüren. Wir hatten keinen Sex, aber wir waren zusammen.Und ich verstand ihn, verstand, dass er weinen wollte. Ichwusste, dass er das ganze Gefängnisleben satthatte.« Hernández erinnerte sich auch an das erste Mal. »Hinterher schickte er mir einen Strauß Blumen und eineFlasche Whiskey auf meine Zelle. Ich war seine Königin.« Obwohl er nicht des Schreibens mächtig war, schickte erihr Liebesbriefchen, in denen er ihr seine Gedanken mitteilte,die ein Mithäftling für ihn verfasste. »Hallo, mein Leben! Zulema, meine Liebste«, schriebChapo etwa am 17. Juli 2000, als die Behörden vorhatten,seinen Schatz in ein anderes Gefängnis zu verlegen. »Ich den-ke die ganze Zeit an dich und möchte mir vorstellen, dass duglücklich bist … weil deine Verlegung ja unmittelbar bevor-steht. Das andere Gefängnis wird viel besser für dich sein, esgibt da mehr Platz, mehr Bewegungsfreiheit und mehr Zeit fürFamilienbesuche. « 37
    • »Wenn man jemanden liebt, so wie ich dich liebe, ist manglücklich, wenn der anderen Person, der, die man verehrt,etwas Gutes widerfährt, selbst wenn die Tage nach deinerVerlegung für mich schwer sein werden … Mein Schmuck-stück, ehe du verlegt wirst, können wir uns vielleicht nocheinmal sehen – morgen, so Gott will –, und dann will ich dirsüße Küsse schenken und dich in die Arme schließen, um mirfür immer die Erinnerung an dich zu bewahren, die mich jedesMal, wenn ich an dich denke, trösten und mir helfen wird,deine Abwesenheit zu ertragen, bis Gott uns gestattet, wiederzusammen zu sein, unter anderen Voraussetzungen und ir-gendwo weit ab von diesem schwierigen Ort.« Den Brief hatte er einfach mit JGL unterzeichnet. Zulema wurde dann schließlich doch nicht verlegt, undChapo schrieb ihr einige Tage später einen weiteren Brief. »Liebste meiner Lieben! Wie geht es dir, mein Schmuck-stück? Ich hoffe, es geht dir gut und du bist so ruhig und op-timistisch, wie du sein kannst, auch wenn du jetzt ein bisschenbesorgt sein magst, weil man dich nicht verlegt hat, aber ver-zweifle nicht, das wird schon noch passieren, der Anwalt sagt,es ist nur noch eine Frage der Zeit …« »… Mein Herz, jetzt, da du mich verlässt und ich noch eineWeile hierbleiben muss … Wenn du fort bist, werde ich lei-den, denn ich mag dich inzwischen sehr, du hast es mit Of-fenheit und Aufrichtigkeit geschafft, mein Herz zu gewinnen,und ich sage dir, dass ich dich liebe, dass du ein wundervollesMädchen bist, das in mir die Leidenschaft der Liebe geweckthat. Ich bin getröstet, weil ich daran denke, wie du dich mirgegenüber verhalten hast, ich erinnere mich an dein Gesichtund das Lächeln, das mein Herz erwärmt. Ich erinnere michan alles, was du mir erzählt hast, die Freuden, die Traurigkeit,doch vor allem erinnere ich mich an jeden Augenblick, jedeSekunde, die wir ein Paar waren – Mann und Frau –, das hateinen ganz besonderen Wert. Zulema, ich verehre dich.« 38
    • Nach sieben Jahren Gefängnis, von denen er fünf in PuenteGrande verbracht hatte, war offenkundig, dass Chapo eineHerzensgefährtin gefunden hatte. Hernández wurde nie ver-legt, und sie setzten ihre Beziehung fort. Chapo schickte ihr auch weiterhin Liebesbriefe. »Hallo, meine Liebe! Meine Geliebte, gestern habe ich vondir geträumt, und es war so real, so schön, dass ich mich, alsich aufwachte, fühlte, als hätte ich etwas Wunderbares in mir,auch wenn ich gleichzeitig eine leichte Traurigkeit verspürte,als ich merkte, dass alles nur ein Traum war … Im Augen-blick kann ich dir noch keine Einzelheiten nennen, abernächste Woche – so Gott will – sehe ich dich und kann dir indie Augen schauen und dir sagen, wie sehr ich dich liebe, wasdu mir bedeutest, und dir von den Plänen erzählen, die ich fürunsere gemeinsame Zukunft habe.« Als sie eines Nachts im Herbst 2000 zusammenlagen, er-zählte Chapo ihr von seinen Fluchtplänen. »Wir hatten uns gerade geliebt«, erzählte Hernández. »Erumarmte mich und sagte: ›Du wirst besser dran sein, wenn ichweg bin. Ich werde dir bei allem helfen. Den Anwalt habe ichbereits instruiert.… Mach dir keine Sorgen, da wird nichtsschiefgehen, alles wird gut.‹«33 Und Chapo hielt sein Versprechen. 2003 wurde Hernándezaus Puente Grande entlassen und schloss sich einer kleinenBande von Drogenschmugglern an. Zwar wurde sie binneneines Jahres wieder verhaftet, doch Chapos Anwälte sorgtendafür, dass ihre Strafe verkürzt wurde.34 Allerdings herrschte, was Chapos Beziehungen zu Frauenanging, in Puente Grande nicht immer eitel Sonnenschein,und schon gar nicht war stets von romantischer Liebe die Re-de. Während der Zeit, die Chapo und seine Komplizen dorteinsaßen, gab es immer wieder Berichte über Vergewaltigun-gen und Missbrauch der eingeschmuggelten Prostituierten.Menschenrechtsvertreter und die Staatsanwaltschaft unter- 39
    • suchten bei mehr als einer Gelegenheit die im Raum stehen-den Vorwürfe.35 Doch nur wenige dieser Verdachtsmomente sollten sichjemals erhärten, denn alle standen auf Chapos Gehaltsliste,und kaum jemand war bereit zu reden. WarnzeichenObwohl Chapo eigentlich Häftling war (zumindest eine ArtHäftling), war er gleichzeitig immer noch einer der größtenDrogenschmuggler, weil er sein Geschäft auch innerhalb derGefängnismauern weiterbetrieb. Vor seiner Verhaftung hatteer einem seiner wichtigsten Leutnants Geld übergeben, umsicherstellen, dass alles glatt lief, solange er sich hinter Gitternbefand. Chapo und seine Männer verfügten über Mobiltelefo-ne, außerdem schienen sie auch Notebooks zu besitzen, mitdenen sie buchhalterische Aufgaben wahrnahmen. DEA und PGR zufolge war die operative Kontrolle überden sinaloensischen Drogenhandel 1995, als Chapo nachPuente Grande verlegt wurde, an seinen jüngeren Bruder Ar-turo übergeben worden. Durch seine Anwälte ließ Chapo sei-nem Bruder Anweisungen übermitteln, denn offenbar kontrol-lierte Chapo weiterhin den Bau von Schmuggeltunneln unterden US-amerikanischen Grenzanlagen hindurch. Diese Tun-nel waren inzwischen sein Markenzeichen geworden, und erstellte sicher, dass sein Bruder das Geschäft fest im Griff hat-te. Es wirkte sogar, als ob sein Einfluss noch wuchs. 1996 hat-te ein Spitzenbeamter der DEA, Thomas Constantine, voreinem Untersuchungsausschuss des Kongresses ausgesagt,dass Miguel Caro Quintero, der vom an der US-Grenze gele-genen mexikanischen Bundesstaat Sonora aus operierte, densinaloensischen Drogenschmuggel kontrollierte.36 Ein Jahr darauf hatte Constantine allerdings seine Meinunggeändert und wies seine Regierung auf die Existenz Chapos 40
    • hin: »Gegenwärtig sitzt er zwar in Mexiko in Haft, trotzdembetrachten ihn sowohl die US-amerikanischen als auch diemexikanischen Behörden als bedeutenden internationalenDrogenschmuggler. Das Sinaloa-Kartell ist durch GuzmánLoeras Inhaftierung weder aufgelöst noch ernsthaft in seinerHandlungsfähigkeit beschränkt worden. Guzmán LoerasKomplizen sowie seine engsten Geschäftspartner sind in Me-xiko entlang der US-amerikanischen Südwestgrenze aktiv,wie auch in den Regionen des amerikanischen Westens undMittelwestens sowie in Zentralamerika.«37 Im folgenden Jahr warnte Constantine erneut vor ChaposMachtfülle: »Guzmán Loera wird von den Justizbehörden in Mexikound den USA nach wie vor als schwere Bedrohung einge-stuft.«38 Bis zum heutigen Tag ist unklar, ob Chapo aus freien Stü-cken so lange in Puente Grande blieb, zumal angenommenwerden kann, dass er bereits früher mit ebenso wenig Auf-wand hätte fliehen können. 1995 war er einer intensiven psychologischen Untersu-chung und Beratung unterzogen worden. Obwohl man einesoziopathische Persönlichkeitsstörung diagnostizierte, spracher offenbar auf die Behandlung an. Während der dreiundsech-zig Sitzungen, die sein Therapeut mit ihm in seiner Zelle ab-hielt, hatte er sich bereiterklärt, über seine Familie zu spre-chen, und sein Interesse betont, sein Verhalten zu ändern, fallsman dies von ihm verlangte. Sowohl seine Fähigkeit, mit Enttäuschungen umzugehen,als auch seine Impulskontrolle verbesserten sich im Laufe derTherapie. Chapo lernte, seine Affekte zu kontrollieren, sozumindest das psychologische Gutachten. Es bescheinigte ihmebenfalls eine gesteigerte Fähigkeit zur kritischen Selbstein-schätzung und eine Zunahme seines Urteilsvermögens. Erlernte aus der Erfahrung. Zudem hatte Chapo einen Plan für 41
    • seine Zukunft entworfen, der Therapeut glaubte, er wolle nachseiner Entlassung in der Landwirtschaft arbeiten.39 Zulema Hernández zufolge kannte Chapo die Risiken, dieer einging, wenn er Puente Grande verließ. Während ihrernächtlichen Tête-à-têtes hatte er oft über das Schicksal, dasihn draußen erwartete, gesprochen. Er hatte Feinde im ganzen Land. Die Arellano-Félix-Brüderaus Tijuana wollten ihn tot sehen, und die Beziehungen zwi-schen dem Sinaloa-Kartell und seinen Rivalen aus der mexi-kanischen Golfregion bargen stets Stoff für Spannungen.»Ihm war bewusst, dass man ihn umbringen könnte, wenn erfloh, dass er dann auf dem Präsentierteller sitzen würde«,schilderte Hernández. »Er wusste, dass man in diesem Ge-schäft schnell die ganze Familie verlieren konnte. Ihm warklar, was ihn erwartete. Man kann nicht einfach sagen: ›Ichhaue ab‹, und das war’s dann. Flucht bedeutete, dass er sichfür den Rest seines Lebens verstecken musste, dass er ständigauf der Hut sein musste.«40 Von seinen Brüdern und seinen nächsten Verwandten abge-sehen, war nie klar, ob Chapo seinen Leuten in Sinaloa ganztrauen konnte. Auch nicht den Beltrán-Leyva-Brüdern sowieJuan José Esparragoza Moreno, alias »El Azul« (»derBlaue«), und Ismael »El Mayo« Zambada García. DasSinaloa-Kartell war nie eine verschworene Bruderschaft ge-wesen, seine Mitglieder arbeiteten in loser Form zusammen.Doch die Beltrán-Leyva-Brüder schickten Chapo immerhinGeld nach Puente Grande und halfen ihm dabei, durch Kor-ruption seinen Lebensstil beizubehalten. Mittels Botschaften,die man ihm ins Gefängnis schickte, brachten die Capos desSinaloa-Kartells schließlich zum Ausdruck, dass sie es be-grüßten, wenn er sich wieder in die Führungsstruktur einglie-derte.41 Darauf musste er vertrauen. Außerdem gab es Hinweise, dass Chapo doch nicht – wievon anderen behauptet – die komplette Kontrolle über Puente 42
    • Grande ausübte. In seinen Briefen an Zulema ließ der Dro-genbaron gelegentlich durchblicken, dass nicht alles in seinerMacht stand. Manchmal schrieb er, Treffen zu arrangieren seilediglich eine Frage des Geldes, während er bei anderer Gele-genheit bedauerte, sie nicht treffen zu können, weil »wir ver-nünftig sein müssen«. Natürlich ist es gut möglich, dass Chapo Hernández ledig-lich etwas vorgaukelte, während er sich in der Zwischenzeitmit anderen Frauen vergnügte. Für einen Mann seiner Her-kunft war er jedenfalls ein großer Charmeur. Andererseitsklangen seine Worte (auch wenn sie von einem Mithäftlingniedergeschrieben worden waren) häufig nicht wie die einesLiebhabers, sondern wie die eines zielstrebigen Zuhälters.»Ich schicke dir einen Honigkuss und eine Umarmung, diedich vor Leidenschaft erzittern lässt«, schrieb er im Oktober2000.42 Eine interessante Theorie in Bezug auf Chapos Flucht be-sagt, er besitze so viele Informationen über die Bundesregie-rung und deren Verbindungen zu seiner Organisation und zuseinen Feinden, dass man ihn laufen lassen musste. Manchebehaupten, Chapo habe gedroht, die Machenschaften der neu-en Administration von Präsident Vicente Fox offenzulegen,der 2000 zum ersten Präsidenten gewählt wurde, der nicht derPRI angehörte. Eine andere These besagt, Chapo habe ge-wusst, dass ein Regierungswechsel seine Lage verbessernwürde, da seine Widersacher, die Arellano-Félix-Brüder, an-geblich auf gutem Fuß mit der PRI und der vorigen Regierungstanden.43 In einem seiner Briefe an Hernández deutete Chapo an, erwolle warten, bis Fox die Macht übernommen habe, ehe er dieSache in die Hand nehme: »Sie (die Fox-Administration)werden in der Lage sein, eine Menge Dinge zu arrangieren, inAngelegenheiten, die nicht so überschaubar sind wie deine …«44 43
    • Der ehemalige Staatsanwalt für organisiertes Verbrechen,Samuel González Ruiz, nimmt an, dass Chapo dank seinerIntelligenz und seiner Gewitztheit entkommen konnte. Undnatürlich aufgrund der Korruption in Regierungskreisen. Erinsistiert, dass der Fluchtplan über den Zeitraum von vier Jah-ren entwickelt wurde. Chapo, so sagt er, habe einen Schwagersowohl zur mexikanischen Regierung als auch zur DEA ge-schickt, um einen Deal auszuhandeln. »Was können wir euchofferieren?«, soll der Schwager gefragt haben. »Da fandenernsthafte Verhandlungen statt, und es wurde ein immenserDruck aufgebaut«, behauptet González Ruiz. Chapo habe schließlich angeboten, die Arellano-Félix-Brüder ans Messer zu liefern, erklärt der ehemalige Staatsan-walt weiter. »Und die Gringos sind ihm in die Falle gegangen.Chapo hat die US-Botschaft eingewickelt. Er ist ein cleveresBürschchen.« Amerikanische Stellen bezeichnen die Behauptungen alsblanken Unsinn.45 Was auch immer die genauen Gründe gewesen sein mögen,zu Beginn des neuen Millenniums war Chapo abmarschbereit,und seine Partner im Sinaloa-Kartell wollten ihn wieder inihre Hierarchie eingliedern. Sie würden ihn bei seiner Fluchtunterstützen. Mit den Planungen dafür hatte Chapo bereits ein Jahr zuvorbegonnen. Ursprünglich wollte er eine Meuterei inszenierenund im Chaos entkommen. Solch dreiste Ausbrüche waren inmexikanischen Gefängnissen schon öfter gelungen, in PuenteGrande hatte es so etwas allerdings noch nicht gegeben.Chapo ging jedoch davon aus, dass es funktionieren könnte.Trotzdem bestand das Risiko eines massiven und schnellenEingreifens der Federales oder sogar der Armee, sobald dieMeuterei ruchbar würde. Die mexikanische Unterwelt bekam schnell Wind vonChapos Plänen, und mindestens ein Mithäftling informiertedurch einen anonymen Anruf die Gefängnisdirektion von 44
    • Puente Grande. Überall kursierten die Gerüchte, Chapo wolleausbrechen, habe es vielleicht sogar schon getan, aber dieRegierung stellte sich taub. Es gab sogar Spekulationen, dassBundesrichter bestochen worden seien, um Chapo entkommenzu lassen.46 Zwei Jahre nach seiner Verhaftung war Chapo 1995 wegendreier Delikte verurteilt worden: illegaler Waffenbesitz, Ver-stoß gegen das Betäubungsmittelgesetz, sprich Drogen-schmuggel, und seine Verwicklung in den Tod von KardinalJuan Jesús Posadas Ocampo, der am 24. Mai 1993 auf demFlughafen von Mexiko-Stadt erschossen worden war. DerProzess hatte wie fast alle Verhandlungen über Kapitalverbre-chen unter Ausschluss der Öffentlichkeit mit nur einem Rich-ter und ohne Jury in einem improvisierten Gerichtssaal hinterden Mauern des Bundesgefängnisses von Almoloya de Juárezim Bundesstaat Mexiko stattgefunden. Nachdem Chapo einige Jahre im Gefängnis verbracht hatte,sprach ihn ein Berufungsrichter von der Mordanklage frei.Zyniker beklagten, Chapo habe den Richter bestochen, undmutmaßten, er würde sich bald ganz aus dem Gefängnis frei-kaufen. 47 Am 12. Oktober 2000 meldete sich die PGR zu Wort:»(Gerüchte), Sr. Joaquín Guzmán Loera könnte bald seineFreiheit wiedererlangen, sind völlig falsch und entbehren je-der Grundlage. Sr. Joaquín Guzmán Loera … ist gegenwärtigim Hochsicherheitsgefängnis Puente Grande, Jalisco, inhaf-tiert und verbüßt dort eine Strafe von zwanzig Jahren undneun Monaten«, ließ die oberste Strafverfolgungsbehördeverlauten. 48 Wie sehr sie sich doch irrte. Zu diesem Zeitpunkt hatteChapo bereits Plan B in Gang gesetzt. Obwohl im Prinzip dasganze Gefängnis finanziell von ihm profitierte, hatte er sichinsbesondere mit dem bereits erwähnten El Chito angefreun-det. Chapo und El Chito wurden regelrechte Vertraute, gele- 45
    • gentlich durfte der Wärter sogar Eréndira in Chapos AuftragBlumen und Geschenke überbringen. Nur wenige Monate später war der Zeitpunkt gekommen.Die Flucht kostete Chapo geschätzte 2,5 Millionen Dollar.Dutzende Wärter mussten geschmiert werden, wie auch diePolizei von Jalisco, um sich die vierundzwanzig Stunden zuerkaufen, die er benötigte, den Bundesstaat zu verlassen undsich der militärischen Großfahndung zu entziehen, die, wie erwusste, unvermeidlich einsetzen würde.49 Allerdings wurde den bestochenen Wärtern eine falscheGeschichte erzählt. Man redete ihnen ein, Chapo wolle eineLadung Gold aus dem Gefängnis schmuggeln. Das Gold, dasoffenbar aus einer von Häftlingen betriebenen Schmelze imGefängnis stammen sollte, gehörte zwar dem Staat, doch derDiebstahl würde für die Wärter keine gravierenden Konse-quenzen haben. So wussten nur Chapo und El Chito, dassunter der Schmutzwäsche statt des Goldes Chapo verstecktsein würde.50 Eine illegale Nummer anzukünden und gleichzeitig diewahren Gründe zu verschleiern, zählt zu den ältesten und bes-ten Tricks des Gewerbes. So wie Spione sich schon seit lan-gem überall auf der Welt immer wieder als Schmuggler aus-gaben und mexikanische Drogenkuriere so taten, als transpor-tierten sie nur harmlose Ware, während sie in Wahrheit harteDrogen im Gepäck hatten, nutzte Chapo diesen Trick und ließdie Wärter im Glauben, der Wäschekorb enthalte gestohlenesGold. Es war praktisch narrensicher. Nur Tello Peón stand noch im Weg. Am 15. Januar 2001hatte der stellvertretende Polizeichef einen Anruf der Nationa-len Menschenrechtskommission erhalten, in dem man ihndarauf hinwies, dass die Zustände in Puente Grande mehr undmehr außer Kontrolle gerieten. Tello Peón war klar, dass da-für überwiegend Chapo verantwortlich war. Der Drogenbaronmusste umgehend in einen anderen Zellentrakt verlegt wer-den, wo man seine Bewegungsfreiheit und seine Kontakte zu 46
    • den Mithäftlingen stärker einschränken konnte. Die Verle-gung war ein notwendiger erster Schritt, danach galt es zuprüfen, ob man ihn nicht in ein anderes Gefängnis verlegenkonnte. Doch das sollte nie geschehen. EL AS DE LA SIERRA LA FUGA DEL CHAPO Se fugo el chapo gusman Doriga dio la noticia fue una noticia muy fuerte para el gobierno ese dia eyos no se imajinaban que el chapo se fujaria. Lo tenian procesado en el penal puente grande eran grandes los problemas que el chapo tenia pendientes a fuersa estaba pagando asta que se enfado el jefe. Que bonitas son las fugas cuando no exciste violencia mi compa les gano limpio grabenselo en la cabesa si antes uviera querido el se les pela al fuersa. 47
    • Muchos millones de verdes los que ay se repartieron el director del penal y 32 companeros se voltiaron los papeles y ellos estan prisioneros. Donde esta el chapo gusman busquenlo por todas partes si tardaron pa sacarlo van a tardar pa enserarlo tal ves muera mucha jente si un dia llegan a encontrarle. Adios penal puente grande para mi no fuiste carcel yo me sentia como en casa mas no pude acostumbrarme adios compa Güero palma a fuera boy a esperarte.51 DAS ASS AUS DEM GEBIRGE CHAPOS FLUCHT Es floh der Chapo Guzmán,Dóriga52 hatte die Nachricht als Erster. Im Regierungslager schlug sie ein Wie eine Bombe, Nicht im Traum hätten die gedacht, 48
    • Dass der Chapo sich davonmacht. Sie hatten ihn sauber verurteilt, Doch im Knast von El Puente GrandeGab es ständig Probleme, die Chapo mit Geld regeln musste, Und das machte ihn bald stinksauer. Wie schön sind doch die Fluchten, Bei denen niemand was passiert. Mein Kumpel ist sauber entwischt Und bekommt das endlich in den Kopf. Wenn er gewollt hätte,Hätte er sich auch mit Gewalt verabschieden können. Viele Millionen grüner Scheine Mussten vorher verteilt werden, An den Gefängnisdirektor Und an 32 Wärter. Die wurden des Amtes enthoben Und sitzen jetzt selbst in der Zelle. Wo ist nun der Chapo Guzmán? Den könnt ihr lange suchen! Je länger ihr braucht, ihn zu schnappen, Desto später könnt ihr ihn wieder einsperren, Und vielleicht werden viele dabei draufgehen, Wenn ihr ihn eines Tages erwischt. Adios, Gefängnis Puente Grande, Für mich war es nicht gerade ein Knast. 49
    • Ich habe mich gefühlt wie zu Hause, Besser hätte ich es nicht haben können. Adios, mein Kumpel Güero Palma, Ich warte draußen auf dich. 2 SchuldzuweisungenWährend noch mehr als fünfhundert Agenten der PGR undAngehörige der Federales sowie der Armee auf der Suchenach Chapo ganz Mexiko durchkämmten, waren die gegensei-tigen Schuldzuweisungen bereits in vollem Gange.53 Staatliche Menschrechtsbeauftragte zeigten mit dem Fingerauf die Nationale Menschenrechtskommission (CNDH), dersie vorwarfen, die Korruptionsvorwürfe gegen das Personalvon Puente Grande ignoriert zu haben. Die PGR attackiertedas Ministerium für Öffentliche Sicherheit (SSP), in dessenVerantwortungsbereich sich das Gefängniswesen befindet.54 Tello Peón wollte wissen, warum die Gefängnisleitung solange gebraucht hatte, um ihn über die Flucht in Kenntnis zusetzen, erhielt aber keine Antwort. Zeitungsberichte wider-sprachen einander, die an sich verlässliche La Reforma be-richtete beispielsweise, dass Armee und Federales bereits um22:00 über die Flucht informiert waren, während Tello Peónerst Stunden später davon erfuhr, was die Gerüchteküche überhochrangige Korruption weiter anheizte. Einige Gefängniswärter sagten aus, die Flucht habe am frü-hen Abend stattgefunden, andere behaupteten, Chapo sei be-reits einige Tage vor Tello Peóns Besuch verschwunden ge-wesen. Sicher war nur, dass nichts als gesichert angenommenwerden konnte. Die Fahndung und die Festnahmen verliefen ebenfalls nichtproblemlos. Die in Gewahrsam genommenen Wärter erstatte- 50
    • ten Anzeige; sie behaupteten, misshandelt und ihrer Rechteberaubt worden zu sein.55 Mauricio Limón Aguirre, der Gouverneur von Jalisco,schäumte, weil Tello Peón keine bundesstaatlichen Kräfte indie Fahndung nach dem berüchtigten Flüchtling einbezogenhatte. Tatsächlich hatten Armee und Federales die Fahndungan sich gerissen, weil sie befürchteten, die Polizei von Jaliscowäre von Chapo gekauft worden. Auf einer Pressekonferenz am 22. Januar griff Limón denChef der Federales frontal an: »Ich glaube, es existiert eineReihe von Widersprüchen zwischen dem, was die staatlichenBehörden sagen, und dem, was sie tun. Sr. Tello Peón hat eineTelefon-Hotline eingerichtet, die Hinweise zum Verbleib vonEl Chapo entgegennimmt. Dagegen hat er weder offiziellnoch informell um die Unterstützung der Regierung vonJalisco nachgesucht.« Vertreter der PGR in Sinaloa äußertenähnliche Beschwerden. Die Öffentlichkeit war um Unterstüt-zung gebeten worden, aber die örtlichen Behörden bliebenaußen vor.56 Die lokalen Behörden mochten in den Augen des Staatesverdächtig wirken, doch auch die Hotline wirkte keine Wun-der. In den Tagen nach Chapos Flucht erhielten die Federalesim Schnitt zwei Anrufe pro Minute. Man hatte den AnrufernAnonymität zugesichert, aber keine Belohnung ausgesetzt,obwohl die meisten Anrufer sich zuerst danach erkundigten.Einigen Hinweisen wurde nachgegangen, aber es stellte sichheraus, dass sie von Jugendlichen stammten, die sich einenSpaß gemacht hatten.57 »Bedauerlicherweise sehen die Leute das als Anlass, sichauf unsere Kosten zu amüsieren«, ließ eine Polizeiquelle ge-genüber einer Lokalzeitung verlauten. Tello Peón jedoch war nicht zum Scherzen aufgelegt. »Wasin Jalisco passiert ist«, erklärte er, »ist der Beweis für dasAusmaß der Korruption, oder sollen wir sagen, der strukturel-len Aushöhlung der nationalen Institutionen durch das organi- 51
    • sierte Verbrechen, insbesondere durch den Drogenschmuggel.Gefängnismauern und Millionen in Sicherheitssysteme inves-tierte Peso nützen nichts, wenn die Häftlinge durch die Türhinausspazieren. Es heißt, Sr. Guzmán sei nicht entkommen,sie hätten ihn hinausgelassen. Und das ist korrekt.« Noch einmal schwor Tello Peón, Chapo zur Strecke zubringen. »Es liegt in unserer Verantwortung«, fuhr er fort.»Wir müssen uns für die Sicherheit Mexikos einsetzen, wirmüssen Leuten wie Chapo das Leben nicht nur schwer, son-dern unmöglich machen, egal ob es sich um einen geflüchte-ten Verbrecher oder um einen korrupten Beamten, der Beihil-fe leistet, handelt.«58 Von diesem Tag an war Chapo der meistgesuchte MannMexikos.59 Allein im Jahr 2001 wurden in den Städten Reynosa, Pueb-la, Toluca sowie in der Hauptstadt Mexiko-Stadt Dutzendevon Chapos Komplizen verhaftet. Sinaloa und der angrenzen-de Bundesstaat Nayarit waren Ziel permanenter Razzien. Im Spätsommer dieses Jahres wurde Esteban QuinteroMariscal, ein Vetter von Chapo, der für ihn als Auftragskillerarbeitete, verhaftet und nach Cefereso No. 1 gebracht, Mexi-kos bestausgerüstetes Hochsicherheitsgefängnis. Am Tag da-rauf wurde El Chito, der Wärter, der Chapo zur Flucht verhol-fen hatte, gefasst und nach Mexiko-Stadt in das ReclusorioPreventivo Oriente eingeliefert .60 Damals in Guadalajara hatte El Chito unmittelbar nach dergemeinsamen Flucht einen regelrechten Panikanfall bekom-men. Er war mit einer Flasche Wasser zum Wagen zurückge-kehrt, wo er feststellen musste, dass Chapo sich in die Nachtdavongemacht hatte. Was sollte er nun mit dem Wagen an-stellen? Sollte er Chapos Rat befolgen und ebenfalls flüchten?Er hatte keine Möglichkeit mehr, den Drogenbaron zu kontak-tieren – würde er es schaffen, auf sich allein gestellt der Ver-haftung zu entgehen? 52
    • Schließlich entschloss er sich, den Chevrolet vor dem Hauseiner Freundin stehen zu lassen, sie schlief fest und würdekeine Fragen stellen. Von dort nahm er ein Taxi ins Stadtzent-rum von Guadalajara, wo er sich eine Busfahrkarte nach Me-xiko-Stadt kaufte. Dort würde er in der Menge untertauchen,und niemand würde ihn erkennen. Aber die Federales erwischten ihn trotzdem. Und einmal inHaft, fing er an zu singen. El Chitos Geständnis schien dem meisten zu widerspre-chen, was die Regierung bis dahin behauptet hatte. Zum einenerklärte El Chito, allein gehandelt zu haben, er sei der einzigVerantwortliche für das gewesen, »was El Señor getan hat«,sagte er vor dem Untersuchungsrichter im Gefängnis aus. Au-ßerdem sei die Flucht nicht geplant gewesen. Er habe mit demWäschewagen seine Runde gemacht, als Chapo ihn in seineZelle gerufen habe. »Willst du mir helfen?«, habe der Drogenbaron gefragt.»Ich kann den Gedanken, ausgeliefert zu werden, nicht ertra-gen. Ich muss auf der Stelle von hier verschwinden.« Nach El Chitos Schätzung hatte die gesamte Flucht danachnicht länger als fünfzehn Minuten gedauert. Er habe den Wä-schewagen mit Chapo hinausgeschoben, weil er ihm helfenwollte, da er ihn sympathisch fand. »Für den Gefallen, den ichSr. Guzmán Loera erwiesen habe, habe ich keinen einzigenPeso erhalten.«61 Die Behörden kauften ihm diese Geschichte nicht ab. Ob-wohl ihre eigene Rekonstruktion der Flucht noch erheblicheLücken aufwies, wollten sie einfach nicht glauben, dass ElChito der Einzige war, der in einen solch komplizierten, umnicht zu sagen beschämenden Plan verwickelt war. Die Jagd ging weiter. Und am 7. September schien sich dasBlatt zugunsten der Verfolger zu wenden. Nach einer Razzia in einem als Drogenlager dienendenHaus in dem im Osten von Mexiko-Stadt gelegenen StadtteilIztapalapa verfolgten Federales drei Verdächtige bis in den 53
    • Süden der Stadt, um sie in Taxqueña schließlich festzuneh-men. Unter den Verhafteten befand sich Arturo GuzmánLoera, alias »El Pollo« (»der Hahn«). Sie hatten Chapos Bru-der geschnappt, den Mann, der das Drogengeschäft in Sinaloakontrollierte, während sein älterer Bruder in Puente Grandeeinsaß. Aber was vielleicht noch wichtiger war: Der Hinweiszur Ergreifung von Arturo stammte von Quintero Mariscal.Wenn die Familie sich gegenseitig ans Messer lieferte, könnteman künftig noch mehr Glück haben.62 Tatsächlich fielen im Herbst 2001 weitere Dominosteine.Eine aufsehenerregende Festnahme folgte der anderen. ImNovember glaubte der militärische Nachrichtendienst, Chapoirgendwo zwischen Puebla und Cuernavaca lokalisiert zu ha-ben. Die Federales setzten sich in Marsch. Doch als sie eintrafen, war Chapo längst verschwunden.Immerhin fassten sie mit Miguel Ángel Trillo Hernández ei-nen wichtigen Komplizen. Trillo Hernández hatte Chapo un-mittelbar nach der Flucht weitergeholfen, indem er Häuseranmietete, in denen der Drogenbaron sich verstecken konnte.Er wurde später nach Puente Grande verlegt, das damals abervon allen bereits »Puerta Grande« (»große Tür«) genanntwurde. Es mangelte den Behörden auch nicht an weiteren Hinwei-sen. Allein, sie führten nicht zu Chapo.63 Gelegentlich entwischte er ihnen nach Hinweisen, die sievon anderen Festgenommenen und anonymen Bürgern erhal-ten hatten, nur um Haaresbreite. So hatten sie etwa herausge-funden, dass Chapo sich auf einer Ranch außerhalb von SantaFe (Nayarit) verbarg. Das Militär setzte Helikopter ein, umdie Gegend abzuriegeln, aber Chapos Leibwächter El Mayobesorgte selbst einen Hubschrauber und ließ Chapo in diesichere Sierra ausfliegen. Auch als er sich im etwa eine Stunde von der Hauptstadtentfernt gelegenen Toluca versteckte, verfehlten sie ihn nurknapp. Einmal hatte Chapos Konvoi die Autobahn von Toluca 54
    • nach Mexiko-Stadt benutzt, und eines ihrer vier Fahrzeugewar an einer Straßensperre angehalten worden. Chapo saß ineinem der drei anderen, die Augenblicke zuvor durchgewinktworden waren. Seit seiner Flucht befand er sich ständig in Bewegung. Ein Angehöriger der Federales enthüllte, dass Chapo sichvon Juni bis September in Zinacantepec versteckt gehaltenhatte, einem 13 000 Einwohner zählenden Ort in der Nähevon Mexiko-Stadt. Dies führte dazu, dass die Bundesbehördeneinmal mehr die Frage nach der Komplizenschaft lokaler Be-hörden und Polizeistellen aufwarfen. In diesem Zusammenhang erregten vor allem zwei Vorfäl-le, die sich in Nayarit, dem im Süden an Sinaloa angrenzen-den Bundesstaat, ereignet hatten, den Ärger der Federales.Offenbar hatte Chapo nach seiner Flucht dort eine riesige Par-ty veranstaltet. Auch wenn Nayarit damals als Chapos Territo-rium galt, hätte eine Veranstaltung dieser Größenordnung denBehörden auffallen und ihnen die Möglichkeit geben müssen,ihn festzunehmen. Bei anderer Gelegenheit hatte die Armee einen Tipp be-kommen, dass Chapo sich in den Bergen des Bundesstaatesversteckt hielt, ganz in der Nähe der Gegend, in der Soldatengerade riesige Marihuanaplantagen zerstörten. Als diese sichdarauf vorbereiteten, den vermuteten Aufenthaltsort zu um-zingeln, überflog ein Flugzeug der mexikanischen Luftwaffedie Stelle. Sollte Chapo sich tatsächlich dort aufgehalten ha-ben, war er nun gewarnt. Als die Soldaten das Camp aufstö-berten, war jedenfalls kein Chapo mehr da. Offenbar war esfür einen Drogenboss kein Problem, seine Leute auch bei derLuftwaffe zu haben. Dennoch schien eine solche Komplizen-schaft zutiefst beunruhigend.64 Darüber hinaus wollten die Gerüchte nicht verstummen,Tello Peón selbst habe bei Chapos Flucht eine Rolle gespielt.Zyniker wollten wissen, dass nur ein absoluter Spitzenbeam-ter mit dem entsprechenden Insider-Wissen eine solch kom- 55
    • plexe Aktion gesteuert haben konnte. Folglich musste Chapoihn in der Tasche haben. Tello Peón wies alle Anschuldigungen von sich. Nichtsdes-totrotz forderten sie ihren Tribut. Zum Jahresende 2001 trat ervon seinem Posten zurück und zog sich mit Hinweis auf per-sönliche Gründe aus der Öffentlichkeit zurück.65 Als das Jahr sich dem Ende zuneigte, hatten die Behördennoch immer Hoffnung. Ihnen war zu Ohren gekommen, dassdie Verhaftung seines Bruders Chapo schwer getroffen hatte.Informanten, die sich im Oktober in Puebla in seinem Umfeldbewegt hatten, hatten ausgesagt, er habe nach Arturos Verhaf-tung sogar kurzzeitig erwogen, Selbstmord zu begehen. Auch die Festnahmen von einem halben Dutzend seinerSpitzenlogistiker und Sicherheitsleute hätten seiner Moralzugesetzt. Die Fahnder wurden nicht müde zu behaupten, dasser ihnen bald selbst ins Netz gehen würde, weil ein Kriminel-ler wie er hinter Gitter gehöre. Doch Chapo ließ sich von diesen Aussagen nicht beeindru-cken und war immer noch ein freier Mann.66 3 Gomeros67 ROBERTO TAPIA: EL HIJO DE LA TUNA68 Cuando nacio pregunto la partera le dijo como le van a poner por apellido el sera Guzman Loera y se llamara Juaquin de niño vendio naranjas aya por la sierra nomas pa poder comer 56
    • nunca se averguensa de eso alcontrario lo dice que fue un orgullo pa el pa los que no saben quien es Guzman Loera congusto les voy hablar apoyado por el Mayo por Nacho y Juanito y amigos que andan por ay el forma parte del cartel mas fuerte que existe esde puro Culiacan trai la camisa bien puesta orgulloso lo dice yo soy el Chapo Guzman ROBERTO TAPIA: DER SOHN LA TUNAS Als er auf die Welt kam, fragte die Hebamme: Und, wie wollt ihr ihn nennen? Mit Nachnamen heißt er ja Guzmán Loera Und mit Vornamen Joaquín. Als Kind hat er Orangen verkauft, Oben in den Bergen, Um was zum Essen zu haben, Und nie hat er sich dafür geschämt:Im Gegenteil, es heißt, er sei stolz darauf gewesen. Für die, die nicht wissen, wer Guzmán Loera ist, Erzähle ich es mit Vergnügen. Mit Hilfe von El Mayo, Nacho und Juanito Und anderen Freunden aus der Gegend Waren sie Teil des Kartells, Des mächtigsten, das existiert. 57
    • Hundert Prozent Culiacán, sagt er, und: Ich trage mein Hemd mit Stolz, Denn ich bin der Chapo Guzmán.Die Berge rund um La Tuna de Badiraguato, Sinaloa, steigenschnell steil an. Sie sind von Schotterpisten durchzogen, diezu den Opiumfeldern führen, deren Blüten droben in der Fer-ne wie rote Glühbirnen die Landschaft sprenkeln. Man kannauch purpurne erkennen und auf manchen Feldern weiße, dievon oben aussehen wie Schnee.69 Hier im Nordwesten Mexikos brachten chinesische Händlerden Westen Ende des 19. Jahrhunderts erstmals mit Opium inBerührung.70 Und hier in diesem winzigen Weiler wurde Joa-quín Guzmán Loera am 4. April 1957 geboren.71 La Tuna hatte damals etwa zweihundert Einwohner, diesich in gut einem Dutzend Häuser drängten, welche sich untereinem Grat zusammenkauerten, der 1400 Meter über demMeeresspiegel aufragt. Auch heute hat La Tuna nicht mehrBewohner, und abgesehen von einer ausgedehnten Finca, dieChapo für seine Mutter bauen ließ, sieht es noch fast genausoaus wie vor fünfzig Jahren. Es gibt zwei Straßen, die in dasDorf hineinführen, und zwei, die wieder aus ihm herausfüh-ren. Häufiger wird allerdings die Landebahn am Dorfrandbenutzt, über die fast der ganze Verkehr abgewickelt wird. Wie alle anderen Männer in La Tuna war Chapos Vater,Emilio Guzmán Bustillos, zumindest offiziell Bauer undViehzüchter. Mit Ausnahme von ein paar Tomatenfeldern undOrangenhainen drehte sich die gesamte Wirtschaft des Dorfesum die Viehzucht. In diesem Teil der Sierra war das Lebenhart und entbehrungsreich, und bis heute hat sich das nichtgeändert. Die meisten Bewohner von La Tuna leben in klei-nen Hütten, die nur zwei Zimmer haben und keinen Fußbo-den, sondern lediglich festgestampfte Erde. In der ganzen Ge-gend gibt es kein sauberes Trinkwasser. Die Kinder tummeln 58
    • sich barfuß in den Straßen und den angrenzenden Hügeln.Krankenhäuser und Schulen sind ein Luxus, der in diesemTeil der Sierra unbekannt ist. Folglich hatte Joaquín keinerlei Aussicht auf eine anständi-ge Schulbildung. Schon als kleiner Junge rief man ihn beiseinem Spitznamen Chapo, da er klein und untersetzt war. Dienächstgelegene Schule lag damals etwa einhundert Kilometerweit entfernt, deshalb wurden er, seine Schwestern Armidaund Bernarda sowie seine Brüder Miguel Ángel, Aureliano,Arturo und Emilio von durchreisenden Lehrern unterrichtet.Dabei handelte es sich zumeist um Freiwillige, die zwischendrei und sechs Monaten in La Tuna blieben, bis sie abgelöstwurden. Schulbücher und Unterrichtsmaterialien waren Man-gelware, im besten Fall erhielten die Kinder bis zum zwölftenLebensjahr Unterricht. Dann mussten sie auf den Feldern mit-helfen, die so wenig abwarfen, dass ihre Familien kaum über-leben konnten. Ihnen blieb nur, zu beten und auf ein besseresLeben als das ihrer Eltern und Großeltern zu hoffen.72 Weiler wie La Tuna prägten in Mexiko schon immer dastrostlose Hinterland. Es gibt keine Verwaltung, lediglich einEinwohner hält Kontakt zur Gemeindeverwaltung von Badira-guato. Und es gibt eine berühmt-berüchtigte Anekdote über einenneu gewählten Kongressabgeordneten, der eines dieser abge-legenen Dörfer in seinem Distrikt besucht. Er tritt vor dieDorfbewohner und nimmt kein Blatt vor den Mund: »Schauteuch mein Gesicht genau an, denn es wird das letzte Mal sein,dass ihr es in diesem Drecksloch von Dorf zu sehen bekommt.« Wie es heißt, hat der Abgeordnete sein Versprechen gehal-ten.73 Die meisten Bewohner von Badiraguato rümpfen über dieMenschen aus der Sierra die Nase, genau wie die Bürger vonCuliacán auf die Badiragueños herabsehen. Ein Mitarbeiterdes Bürgermeisters von Badiraguato war in seinem Urteil 59
    • über Chapos Heimatdorf besonders krass: »Warum wollen Siedorthin fahren? Das ist doch im Arsch.« Tatsächlich grassieren in der Sierra häusliche Gewalt undKindesmissbrauch. Nicht selten werden junge Mädchen vonihren Vätern und Onkeln vergewaltigt, überhaupt sind Frauende facto rechtlos. Zwar werden die Mütter von ihren Söhnenverehrt, doch sind sie einmal verheiratet, beginnt der Zyklusvon Gewalt und Missbrauch von neuem. Die meisten der Sier-ra-Bewohner sind Analphabeten; Alkoholismus ist die Regel.Ein Menschenleben zählt wenig. Solange sie jung sind, dre-hen sie den Hühnern die Hälse um, sind sie erwachsen, zögerneinige nicht, dasselbe auch bei ihren Rivalen zu tun. Die sinaloensischen Politiker geben zu, dass die Verhältnis-se in der Sierra schlimm sind, doch das heißt noch lange nicht,dass sie bereit sind, etwas dagegen zu unternehmen. »Die Leute in der Sierra wenden sich dem Drogenhandelzu, weil wir ihnen keine Alternative anbieten können, die sielehren würde, dass Verbrechen sich nicht auszahlt«, beklagtder sinaloensische Abgeordnete Aarón Irízar López, der zuvorBürgermeister von Culiacán war. Wir hatten uns an einemheißen Sommermorgen zum Frühstück in der Lobby einesHotels in der Stadt verabredet. »Die Menschen dort obenwerden praktisch in den Drogenhandel hineingeboren. UndMenschen sind wie Computer, sie tun das, was man ihneneingibt. « Während ich mit dem Abgeordneten sprach, nahm eineGruppe Narco-Gattinnen lauthals lachend ihren Brunch zusich. Mit ihren langen lackierten Fingernägeln und bizarrenFrisuren sahen sie aus, als wären sie direkt einem Mafia-Filmentstiegen. Die nächsten drei Stunden plauderten sie undschlürften Champagner, ehe sie wieder in ihre Sportwagenund SUVs stiegen, von denen einige nicht einmal Kennzei-chen hatten. Das Hotelpersonal bediente sie ruhig und begannerst leise über sie herzuziehen, als sie längst gegangen waren.Die meisten Narco-Frauen stammen aus Culiacán und Umge- 60
    • bung, und es ist allgemein bekannt, dass einen hohen Preisbezahlt, wer sich öffentlich über sie mokiert. Irízar, ein freundlich dreinschauender Mann in den Fünfzi-gern, der klar die Grenzen der Politik kennt, ist in Sinaloahoch angesehen. Als Bürgermeister stand er für ein kompro-missloses Vorgehen gegen bestimmte illegale Machenschaf-ten wie Prostitution und wurde in der Folge mit dem Todebedroht. Doch trotz seiner Ängste wich er nicht von seinerPolitik ab. »Es wäre gelogen zu behaupten, ich hätte keineAngst gehabt. Aber wir müssen Haltung zeigen. Wir leben ineiner Zeit, in der die Demokratie den Erwartungen der Öffent-lichkeit nicht gerecht wird.« Während unserer Unterhaltung traten mehrere Bürger aufihn zu und begrüßten ihn. Sie schüttelten ihm die Hand undwünschten ihm bei seinen Versuchen, den Dingen eine Wen-dung zu geben, alles Gute. Lächelnd erwiderte er die Aufmun-terungen. Der Abgeordnete ist in einer Kleinstadt, achtzigKilometer von Culiacán entfernt, aufgewachsen. Er gibt zu,dass einige seiner früheren Mitschüler sich dem Drogenhandelverschrieben haben. »Manche sind im Gefängnis, andere sindtot«, sagt er und lächelt traurig. »Und wieder andere sindreich.«74 Wie die meisten Mexikaner, die in dieser verarmten Berg-region aufwuchsen, wollte auch der junge Chapo dem Elendentkommen. Sein Vater verprügelte ihn regelmäßig und jagteihn, kaum dass er ein Teenager war, aus dem Haus. Er zog zuseinem Großvater. Tag und Nacht arbeitete er auf den Fel-dern. Im Gefängnis bekannte er gegenüber ZulemaHernández, dass er praktisch keine Kindheit gekannt habe.Während er ihr seine Erinnerungen erzählte, presste er sichgegen die kalten Zellenwände, »als mühe er sich verzweifelt,etwas zu vergessen, das ihn für sein ganzes Leben im Würge-griff hielt«.75 Doch im Gegensatz zu seinen Vorfahren sah er einen Aus-weg. Als er in Sinaloa aufwuchs, entwickelte sich langsam 61
    • und ohne großes Aufsehen eine neue Industrie. Bereits nachdem Zweiten Weltkrieg, als US-Kriegsversehrte medizini-sches Morphium benötigten, während andere den Kick desillegalen Heroins suchten, um ihre Kriegstraumata zu ver-drängen, winkte mit dem Opiumanbau und -schmuggel dieFahrkarte aus der entsetzlichen Not. Zudem sorgte die stei-gende Toleranz gegenüber Marihuana in den sechziger undsiebziger Jahren für eine wachsende Nachfrage nach einemweiteren Produkt, das die Sinaloenser anbauen konnten.76 Chapos Vater mag sich offiziell als Viehzüchter gebärdethaben, aber laut einigen Ortsansässigen, die sich an die alteZeit in La Tuna erinnern, war er in Wirklichkeit wie alle an-deren im Dorf ein Gomero, ein Opiumfarmer. Obwohl sie fürhöhere Mächte arbeiteten – damals beherrschten die örtlichenPolitiker und Polizeioffiziere das Geschäft –, betrachteten sieden Opiumanbau als Familienbetrieb. Alle mussten mitarbeiten. Jeden Morgen bei Tagesanbruchbewältigten die Söhne, zumindest die, die zwischen elf undachtzehn waren, den einige Stunden dauernden Aufstieg zuden Opiumfeldern und begannen mit der Ernte. Sorgfältigritzten sie den Stempel der Blüte ein, aus dem dann das wert-volle Rohopium als zähe Melasse tropfte. Ein Kilo Melassebrachte der Familie damals achttausend Peso ein, was heuteetwa siebenhundert Dollar entspricht. Unterdessen kochtenMütter und Töchter das Mittagessen, das die jüngeren Söhnezur Mittagszeit ihren Brüdern brachten. Die Rolle des Vaters bestand nicht nur im Bestellen derFelder, er musste sich auch als Geschäftsmann bewähren unddie Ernte zum bestmöglichen Preis an das nächsthöhere Gliedin der Verwertungskette losschlagen. Das Rohopium wurdedann nach Culiacán oder in eine andere größere Stadt wieGuamúchil befördert. Im Prinzip funktioniert die Opiumin-dustrie auch heute noch nach diesen Gesetzen.77 Chapos Vater hatte das Glück, durch einen Verwandtennamens Pedro Avilés Pérez gute Beziehungen zu den Draht- 62
    • ziehern in der sinaloensischen Hauptstadt Culiacán aufbauenzu können. Avilés Pérez gilt als Schlüsselfigur und Pionierdes sinaloensischen Drogenhandels, der neue Transportwegevom Land in die Städte aufbaute. Und er gilt als der Mann,der zum ersten Mal Kokain mit einem Flugzeug in die USAtransportierte. 78 Für eine Familie von Campesinos war das ein gewaltigerSchritt. Als er zwanzig war, hatte sich für den jungen Chapoein Fenster geöffnet, durch das er der schrecklichen Armut,die seine Vorfahren im Würgegriff gehalten hatte, entfliehenkonnte. Die Wurzeln der Rebellion Wenn Himmel und Erde verschwimmen, Rot und Grün verschmelzen, wenn du vergisst, wie man eine Quadrat- wurzel zieht, und nicht mehr weißt, wozu dein Kompass gut ist, was du morgen vorhattest oder wozu man die Liebe braucht, dann bist du in Sinaloa gelandet.79 ELMER MENDOZA, sinaloensischer DichterSinaloa war nicht immer eine Drogenhochburg, aber schonlange vor den Narcos und der US-amerikanischen Gier nachDrogen war es eine Hochburg der Gesetzlosigkeit und derGewalt. »Der Charakter des Sinaloensers schwankt zwischendem eines Engels und dem eines Teufels«, sagt der Regional-historiker und Soziologe Martín Amaral. Und oft genug in der Geschichte Sinaloas war der Engelverdammt gut verborgen, oder besser gesagt begraben.80 Während der prähispanischen Epoche – also vor 1519 –lebten diverse indigene Stämme in der Sierra. Doch die Ge-gend war so abgelegen, dass diese Menschen kaum einmal in 63
    • die Täler hinabstiegen. Einige Nomadenstämme zogen durchdie Region, darunter auch die Azteken, weshalb es trotz derrauen Bedingungen in den Bergen dort oftmals sicherer warals in den Tälern. Dennoch wurde ein Stamm, die HueyColhuacan, schließlich in der Gegend des heutigen Culiacánsesshaft, die mit ihren drei Flüssen und der üppigen Talvege-tation weitaus angenehmere Lebensbedingungen bot als dieSierra. Jahrhundertelang lebten die Huey Colhuacan ungestört anden Ufern der drei Flüsse Humaya, Tamazula und Culiacán.Ihre Siedlung wurde unter dem Namen Colhuacan bekannt,was frei übersetzt bedeutet: Die, die den Gott Coltzin anbeten.Der Stamm der Huey Colhuacan zählte nur ein paar HundertMitglieder, die ein überwiegend friedliches Leben führten. Dann entdeckten im Jahr 1531 die Spanier die Gegend.Nachdem sie 1521 die Azteken besiegt hatten, begannen sieihr Reich auszudehnen. Am 29. September 1531 gab NuñoBeltrán de Guzmán, ein Konquistador, der zwei Jahre zuvorvon der Hauptstadt Nueva España ausgezogen war, um denWesten zu kolonisieren, der Region den Namen San Miguelde Culiacán. Dieses Gebiet erlangte schnell strategische Be-deutung für die spanischen Eroberer, die sich bald nicht mehrnur damit begnügten, die Grenzen des spanischen Weltreichsauszudehnen, sondern auch versuchten, ihren Gott zu inthro-nisieren. Ihr Vorhaben wurde durch eine Pockenepidemie, die nurvier Jahre nach der Gründung von San Miguel de Culiacánausbrach und Hunderte von Indios und Spaniern das Lebenkostete, erheblich erleichtert. Zuvor hatten sie feststellen müs-sen, dass die Vorstellung, den indigenen Stämmen ihre Ord-nung aufzuzwingen, wenn überhaupt nur unter äußerstenSchwierigkeiten zu verwirklichen war, da sie bei der Grün-dung von Städten wie Mazatlán an der Küste oder Sinaloa deLeyva in den Ausläufern der Sierra Madre sowie beim Bauzahlreicher Missionen und Forts auf dem Gebiet des heutigen 64
    • Bundesstaates Sinaloa auf erheblichen Widerstand gestoßenwaren. Denn obwohl die indigenen Stämme zersplittert und ohnegroße Beziehungen zueinander existierten, schweißte sie dergemeinsame Hass auf die Eindringlinge zusammen. Die Einheimischen töteten unter anderem zwei Mönche,worauf ein spanischer Historiker schrieb: »Die Indios wollendie Spanier nicht auf ihrem Land haben.« Als Folge zogen sich die Spanier allmählich aus dieserfeindseligen Gegend zurück. Ein Großteil rückte weiter nachNorden vor, nicht zuletzt bestand ihr Kreuzzug ja auch darin,weiter vorzudringen und das spanische Weltreich auszudeh-nen. Eine Minderheit dagegen entschloss sich, obwohl sie denTod zu befürchten hatten, zu bleiben. Es dauerte nicht lange,und sie vermischten sich mit den Einheimischen. Am 6. Juli 1591 tauchten dann die Jesuiten auf. Die Jesui-ten waren ein katholischer Orden, der vom Papst den Segenerhalten hatte, die Gegenreformation anzuführen. Sie gründe-ten sowohl in der Sierra als auch in der Ebene entlang derKüste Missionen. Wenn jemand es fast geschafft hätte, eineverbindliche Ordnung in Sinaloa zu errichten, dann waren esdie Jesuiten. Sie vermieden die spanische Strategie der Kolo-nisierung durch Versklavung, sondern versuchten, das Ver-trauen der indigenen Bevölkerung zu gewinnen. Ihre Missio-nare lernten deren Sprache und besuchten regelmäßig derenDörfer. Binnen eines Jahres war es den Jesuiten gelungen, mehr alstausend Bewohner von Cualicán und Umgebung zu bekehren.Sie waren hoffnungsvoll und setzten dabei auf die – wie sieoptimistisch meinten – Friedfertigkeit und Unterwürfigkeitder sinaloensischen Stämme, obgleich sie, wenn sie derenBergdörfer aufsuchten, sich durchaus eingeschüchtert stetsmit spanischen Soldaten umgaben. Die Einheimischen hörtensich die Missionierungsversuche geduldig an, schienen sogaraufgeschlossen zu sein, sich bekehren zu lassen. 81 65
    • Wenn man heute durch Culiacán geht, ist es, als würde mansich durch ein Labyrinth des Ungewissen bewegen. Im Zent-rum der Stadt geht es zu wie andernorts auch, die Gläubigenfolgen den Glockenschlägen zur Messe, die Älteren sitzen imPark und reden über die Neuigkeiten des Tages und das Wet-ter, Schulkinder ziehen je nach Alter sich neckend und flir-tend durch die Straßen, Taxifahrer haben die Scheiben herun-tergekurbelt, fluchen lautstark und brüllen einander die neues-ten Nachrichten zu. Doch die Unterwelt ist stets präsent. In der Nähe des klei-nen, aber pulsierenden Marktes lungern junge Männer an denStraßenecken herum, manche hängen einfach nur ab. An denMarktständen und in den Läden werden Fremde zwar freund-lich willkommen geheißen, dennoch fragen sich fast alle, wasman hier zu suchen hat.82 Ein DEA-Agent sagte mir, jemandem unvorsichtigerweiseden Rücken zuzukehren oder seine Instinkte zu ignorieren,könne in Culiacán tödlich sein.83 »Die Indios waren nicht so zahm, wie die Jesuiten geglaubthatten«, erklärt der Historiker Sergio Ortega. Schon 1594, dreiJahre nachdem die Ordensbrüder eingetroffen waren, kam eszu den ersten Zwischenfällen. Ein Indio namens Nacabebasammelte ein paar Rebellen um sich, und gemeinsam tötetensie einen Missionar. Miguel Ortiz Maldonado, der faktische Gouverneur vonSinaloa, rief seine Truppen zu den Waffen und nahm die Auf-ständischen gefangen. Sie wurden umgehend exekutiert. Dochum zu verhindern, dass die Rebellion weitere Kreise zog, ver-bannte Ortiz Maldonado die Jesuiten aus der Gegend und be-fahl ihnen, sich nach San Miguel de Culiacán zurückzuziehen. Die Jesuiten hielten zwar einige Missionen aufrecht, be-mühten sich aber insgesamt um ein unauffälligeres Auftreten.Ein Student aus Culiacán meint: »Die Jesuiten waren die bes-ten Herrscher, die wir je hatten – sie ließen uns selbst regie-ren. « 66
    • Die Beziehungen zwischen Jesuiten und Spaniern dagegenverschlechterten sich zusehends. Im Juli 1767 vertrieben dieSpanier sie aus der gesamten Region Sinaloa. In den folgenden Jahrzehnten kehrte dort dann wieder dieGesetzlosigkeit ein, und die Abneigungen der heißblütigenEinheimischen brachen sich mit Gewalt Bahn. Es folgten tur-bulente Jahre, in denen sich die Spanier, die im Großen undGanzen ihre Macht aufrechterhielten, sich an das wenigergesetzestreue Leben in der Neuen Welt gewöhnten.84 Gegen Ende des Jahres 1810 befand sich Mexiko dann wiealle Kolonien Lateinamerikas im Unabhängigkeitskrieg gegendie Spanier. Auch die indigene Bevölkerung von Badiraguatogriff zu den Waffen und hatte ihre Heimat binnen wenigerMonate von den Spaniern gesäubert. Am 25. Februar 1811erklärten die Einheimischen ihre Unabhängigkeit.85 Seither fanden sich die mexikanische Armee, die Regional-regierung und die lokalen Fürsten (Pistoleros, Schmugglerund Narcos) in den seltensten Fällen auf derselben Seite,schafften es aber trotz permanenter Zwistigkeiten, mehr oderweniger zu koexistieren. Dennoch wurden die übelsten Banditen und Gangster inSinaloa fast immer mit offenen Armen empfangen. Eine gutzugängliche Küste und Bergregionen, in denen man problem-los untertauchen konnte, zogen insbesondere Schmuggler ge-radezu magisch an, während die gewöhnlichen Banditen dieUnfähigkeit der Lokalregierungen, die Ordnung aufrechtzuer-halten, zu schätzen wussten. Selbst der legendäre Revolutionär Francisco »Pancho« Vil-la errichtete zu Beginn des 20. Jahrhunderts sein Hauptquar-tier im heutigen Chihuahua in den Ausläufern der SierraMadre. Villa, der sein Leben lang auf der Flucht vor den me-xikanischen und US-amerikanischen Truppen war, hielt sichlange in der Sierra versteckt und trat schließlich in dem Berg-städtchen Hidalgo del Parral seinem Schöpfer entgegen. 67
    • Mitte der sechziger Jahre des 20. Jahrhunderts war die Kul-tur der Gesetzlosigkeit bereits so tief in der sinaloensischenBevölkerung verankert, dass der mythenumrankte BanditJesús Malverde unter den Einheimischen geradezu Kultstatusgenoss.86 Der Legende zufolge raubte der schnauzbärtige Bandit umdie Jahrhundertwende die Reichen aus, um den Armen zugeben, ehe er gefasst und am 3. Mai 1909 gehängt wurde. Doch Malverdes Vermächtnis blühte weiter. Selbst heute,ein Jahrhundert später, versammeln sich allmonatlich Tausen-de von Bewunderern um seinen Schrein in Culiacán, um sei-ner zu gedenken, und flehen ihn – wie sonst nur die National-heilige, die Jungfrau von Guadalupe – um Beistand an.87 Die Kriminellen betrachten Malverde als eine Art Narco-Heiligen, während die Behörden diese Verehrung als Schandebetrachten. »Die Regierung dient oft nicht den Menschen hier,deshalb wenden sie sich den Narcos zu«, sagt der JurastudentJesús Manuel González Sánchez, der den Malverde-Schreinpflegt, seit sein Vater, der ihn eingerichtet hatte, verstorbenist. »Malverde ist nur ein Symbol für diese Haltung.« Sinaloa ist ein fruchtbarer Boden für die Gewalt. Noch inden Sechzigern endeten Landstreitigkeiten in der Sierra wie inden Jahrhunderten zuvor oftmals mit Mord und Totschlag.Damals waren Macheten noch die bevorzugten Waffen derCampesinos, während sie heute, nach dem Einzug der Moder-ne, durch leicht zu beschaffende Schusswaffen ersetzt wur-den. Dennoch kommen altmodische Duelle, die mit Pistolenim Morgengrauen ausgefochten werden, immer noch vor. Auch wenn es keinen Zweifel daran geben kann, dass dasFehlen einer Macht, die in der Lage wäre, den GesetzenNachdruck zu verschaffen, einen wesentlichen Anteil an derGewaltkultur hat, führen einige Einheimische sie auf dasTemperament der Menschen zurück, die als »caliente«, alsheißblütig gelten, während andere das Klima, das sie ebenfallsals »caliente« beschreiben, verantwortlich machen. Der Psy- 68
    • choanalytiker Luis Ricardo Ruiz, der sich heute umsinaloensische Drogenabhängige kümmert, nimmt in seinemUrteil über die Wurzel der Gewalt kein Blatt vor den Mund:»Drogen wecken nicht etwas, was nicht bereits in dir schwelt.Ein Schlächter ist ein Schlächter.« Auf diesen Grundfesten wuchsen sowohl die Stadt Culiacánals auch der Drogenhandel. Bis in die vierziger Jahre des ver-gangenen Jahrhunderts hatte Culiacán seine geografische Iso-lation nicht überwinden können oder wollen. Dies ändertesich erst, als die Stadt eine Welle griechischer und chinesi-scher Einwanderer aufnahm, die an der sinaloensischen Küstestrandeten. Und einige Jahre später brachte eine neue Bahn-verbindung, die von Mexiko-Stadt über Guadalajara nach Cu-liacán führte, Mexikaner aus allen Landesteilen nach Sinaloa.Culiacán boomte und begann in einem Tempo zu wachsen,das noch immer unvermindert anhält. In den Sechzigern waren die Ranches der Reichen außer-halb der Stadt von Wohngebieten der Mittelschicht und derArmen umgeben. Die Industrie spülte Geld in die Stadt, unddie Landwirtschaft gedieh. Wie auch der Schmuggel. Ortsan-sässige, die damals in Culiacán aufwuchsen, erinnern sichnoch lebhaft daran, dass Straßenverkäufer Waren aus denUSA, deren Import damals von der Zentralregierung untersagtwar, in den Straßen und auf den Märkten der Stadt feilboten.Während man selbst auf den Straßen der kosmopolitischenHauptstadt importierte Kleider und Schuhe nur selten antraf,waren sie oben im Norden, in Sinaloa, bereits der letzteSchrei. Vor allem die Kinder aus der Mittel- und Unterschichtverzehrten sich danach. Vielleicht gab es deshalb in Sinaloa keine soziale Ächtungillegaler Aktivitäten, und wenn der Schmuggel von Konsum-gütern akzeptiert wurde, warum sollte es dann beim Anbauund Schmuggel von Drogen anders sein? Selbst die USA hatten den Drogen noch längst nicht denKrieg erklärt; Verschwörungstheoretiker behaupten heute 69
    • sogar, dass die mexikanische und die US-amerikanische Re-gierung nach dem Zweiten Weltkrieg eine stillschweigendeVereinbarung getroffen hätten, nach der Sinaloenser die US-Nachfrage nach Heroin befriedigen sollten, doch die meistenExperten bestreiten diese Behauptung. Die Männer, die da-mals den Drogenhandel kontrollierten, waren überwiegendPolitiker oder Mitglieder der gesellschaftlichen Elite. Einigeverdienten ihr Geld in der Landwirtschaft, andere im Import-gewerbe. Sie waren Geschäftsleute, keine Narcos. Damals existierte das Wort Narco noch gar nicht. Diejeni-gen, die im Drogenhandel ihr Geld verdienten, diejenigen, diesich beim Anbau und Schmuggel von Marihuana und Opiumdie Hände schmutzig machten, nannte man entwederGomeros oder weniger freundlich »Buchones« (»Kröpfe«).Da sie in der Sierra lebten, aßen die Buchones so gut wie keinSalz, das damals noch ein kostbares Gut war, und entwickel-ten deshalb Kröpfe. Heute steht das Wort fast nur noch fürjemanden, der sein Geld auf illegale Weise verdient, und vielejunge Sinaloenser glauben sogar, es beziehe sich auf dieGoldketten, die die Narcos um den Hals tragen. In den sechziger und siebziger Jahren waren die heuteüberall präsenten Goldketten und auffälligen Kleider auf denStraßen von Culiacán nirgends zu sehen. Während dieBuchones ihrer harten Arbeit nachgingen, gingen die Caposschlicht ihren Geschäften nach. Natürlich leisteten sie sichSportwagen und Designerkleidung und feierten auf ihren An-wesen rauschende Feste. Doch sie trugen ihren Reichtum miteiner gewissen Klasse zur Schau, und die Partys fanden in derRegel in den Stadtvillen von Gouverneuren und auf den Ran-ches von Unternehmern und Großgrundbesitzern statt. Inso-fern haftete dem Ganzen auch nichts Prahlerisches oder Be-drohliches an, denn schließlich wurde das Ganze von Regie-rung und Kapital finanziert und betrieben. Miguel Ángel Félix Gallardo, ein ehemaliger Polizist undPolitiker-Leibwächter, der in den Achtzigern zum Paten des 70
    • Drogenhandels aufstieg und sich so den Spitznamen »ElPadrino« verdiente, spazierte einst über Culiacáns Straßen.Ernesto »Don Neto« Fonseca Carrillo, der aus dem in denBergen hinter Badiraguato gelegenen Santiago de los Caballe-ros stammt, lebte still und leise in einer Stadtvilla in Culiacán.Beide waren schlichte Geschäftsleute. Chapo und seine künftigen Partner, die Beltrán-Leyva-Brüder (Marcos Arturo, Alfredo, Héctor, Mario und Carlos),mussten sich indes mühsam in der Sierra durchschlagen. Siewaren »Buchones«, eine Horde von Nobodys. Amerikas »War on Drugs«Anfang der Siebziger war der Drogenhandel in Sinaloa zumbedeutendsten Wirtschaftszweig angewachsen. Das Geschäftblühte. Kokain wurde mit Booten und Flugzeugen aus Ko-lumbien eingeschmuggelt, und die Sinaloenser schafften es inLastwagen über die US-amerikanische Grenze. Manchmalkamen auch Kleinflugzeuge zum Einsatz. Marihuana und Ko-kain wurden in der liberal-hedonistischen Atmosphäre dieserÄra mehr und mehr salonfähig. Aber schon bald provozierteder boomende Drogenhandel die ersten Gegenreaktionen.88 Die US-Regierung wurde schnell auf den wachsenden Dro-genkonsum aufmerksam und sah darin eine Bedrohung derGrundfesten der Gesellschaft. Am 17. Juni 1971 erklärte Prä-sident Richard Nixon, der Drogenmissbrauch habe »das Aus-maß einer nationalen Katastrophe angenommen«, und fordertevom Kongress die Bewilligung von 155 Millionen Dollar zurBekämpfung des Drogenproblems (sowohl im In- als auch imAusland). Damit, so Nixon, wolle er »die Flut zurückdrängen,die das Land in den vergangenen zehn Jahren überschwemmthat und die Leib und Seele von Amerika zu verzehren droht«. Binnen zwei Jahren wurde eine Bundesbehörde geschaffen,die DEA. Diese warnte bereits 1974, dass der mexikanische»Mud« (Heroin) in den USA überaus stark nachgefragt würde 71
    • und dass mexikanische Drogenhändler 75 Prozent des US-Marktes kontrollierten. Prompt wurde der globale Krieg ge-gen die Drogen ausgerufen. Der Drogenhandel in Sinaloa – und damit bis zu einem ge-wissen Grad Sinaloa selbst – überlebte die US-amerikanischeOffensive nur knapp. Am 26. Januar 1974 begann in Sinaloadie von den USA angeführte Operation »SEA/M« (SpecialEnforcement Activity Mexico), um den Heroin- und Opium-schmuggel zu zerschlagen. 1976 riefen die DEA und die me-xikanische Regierung eine noch umfangreichere gemeinsameAktion, die »Operation Trizo«, ins Leben – mit dem Ziel, denOpiumanbau im Goldenen Dreieck zu zerstören. Gerüchte-weise war auch die CIA an der Aktion beteiligt. Das US-amerikanische Außenministerium stellte Hubschrauber zurVerfügung, mit denen in den Bergen von Durango, Chihuahuaund Sinaloa Pestizide versprüht wurden. Das Hauptaugen-merk galt dabei Sinaloa. Im Laufe eines Jahres wurden 22 000Hektar Mohnfelder – mit deren Ernte etwa acht Tonnen Hero-in hätten produziert werden können – vernichtet, und die DEAfeierte den Erfolg der »Operation Trizo«. »1979 war der Reinheitsgrad mexikanischen Heroins auflediglich fünf Prozent gesunken und hatte damit den niedrigs-ten Grad seit sieben Jahren erreicht«, hieß es in der offiziellenVerlautbarung über die Anti-Drogen-Initiative. Tatsächlichverminderte die »Operation Trizo« die Nachfrage nach mexi-kanischem Heroin beträchtlich.89 Allerdings haben zahlreiche Bewohner der Sierra wenigergute Erinnerungen an »La Limpieza« (»das Großreinema-chen«). Die Aktion geschah zeitgleich mit der mexikanischenAnti-Drogen-Offensive »Condor« und zerstörte die Lebens-grundlage der Menschen. Tatsächlich waren die sogenannten»4000 Mitglieder illegaler Organisationen« zum allergrößtenTeil einfache Buchones oder gar schlichte Siedler, die dasPech hatten, zur falschen Zeit am falschen Ort zu sein. Jahrespäter räumten einige US-amerikanische Agenten ein, dass 72
    • nicht ein einziger bedeutender Drogenhändler gefasst wordenwar. Dagegen waren die Pestizidattacken und die Massenver-haftungen in der Sierra für die Region fatal. Mehr als zweitau-send Dörfer wurden aufgegeben oder zerstört. Die aus der Sierra Vertriebenen zogen in die Städte, wo sie– laut El Padrino – lange Elendsschlangen bildeten. »Der Mangel an Raum und Beschäftigung trieb sie entwe-der dem Hungertod oder dem Verbrechen in die Arme, dieKinder gingen nicht zur Schule, die Migranten waren Ausge-stoßene, die jeden Job annahmen … Aber in der Stadt zu ar-beiten, war etwas ganz anderes als das, was sie kannten. « Die, die sich entschieden hatten, in der Sierra auszuharren,litten entsetzliche Not. Tausende von Soldaten patrouilliertenpraktisch unkontrolliert durch die Region und stahlen denCampesinos das letzte Getreide und das letzte Vieh, das diesenoch hatten retten können. Häuser wurden durchsucht, ausge-raubt und zerstört. In vielen Fällen wurden kleinere Städtederart heimgesucht, dass am Ende nur noch einige Alte undGebrechliche zurückblieben.90 Erst 1978 wurde die »Operation Trizo« endgültig einge-stellt, nachdem die mexikanische Regierung auf den Druckder Öffentlichkeit hin die Partnerschaft mit der DEA beendenmusste. Sinaloas Drogenbarone indes waren während der ge-samten Zeit nie Gefahr gelaufen, ein Gefängnis von innenkennenzulernen. Sie hatten die Offensive ausgesessen und amEnde die erste von zahlreichen Schlachten gewonnen.91 Kurz nach Ende der »Operation Trizo« übernahm ElPadrino mit Unterstützung von Don Neto Fonseca und RafaelCaro Quintero die Kontrolle über das Drogengeschäft inSinaloa. El Padrino avancierte zur zentralen Figur, über diesämtliche Drogentransporte von und nach Mexiko liefen. Sei-ne Macht reichte bis in den hintersten Winkel der damalsfünftgrößten Nation der Welt. Dennoch war er nur eine ausführende Kraft, die absoluteKontrolle übten nach wie vor die Kolumbianer aus.92 73
    • Bis weit in die achtziger Jahre hinein beherrschten zweiKartelle den Drogenhandel in Lateinamerika: das Medellín-und das Cali-Kartell. DEA, Interpol und in einigen Fällenauch Spezialeinheiten des Militärs konzentrierten sich fastausschließlich auf die beiden für die USA wichtigsten Liefe-ranten von Kokain und Heroin. Die darin involvierten Mexi-kaner waren im Wesentlichen für den Schmuggel in die USAzuständige Mulis. Die Kolumbianer lieferten tonnenweiseKokain an die mexikanische Küste, und die Mexikaner schaff-ten es über die Grenze in die USA. Die Drogen über die dreitausend Kilometer lange Grenzezu befördern, war keine besonders schwierige Aufgabe. Dazubedurfte es nur des Einsatzes von genügend Personal und derüblichen Bestechungsgelder. Tausende von Lastwagen fuhrenauf einem Dutzend Schlüsselrouten jeden Tag in die USA.Auch die aufmerksamsten Grenzpolizisten waren mit derKontrolle dieses Güterstroms überfordert, zumal ihre mexika-nischen Kollegen bei entsprechender Bestechung nur zu gernewegsahen. Während der seltenen Offensiven der US-Behörden, den Drogenfluss an der Grenze aufzuhalten, stell-ten Kleinflugzeuge und geheime Start- und Landebahnen si-cher, dass die Ware auf anderen Wegen ins Land gelangte. Das Transportwesen war Chapos erste große Bewährungs-probe. Ende der Siebziger gab El Güero, einer der damaligensinaloensischen Bosse, Chapo den ersten bedeutenden Jobund übertrug ihm die Verantwortung für den Transport derDrogen aus der Sierra in die Städte und zur Grenze.93 Den lokalen Legenden zufolge war Chapo ein ehrgeizigerjunger Mann. Er wollte unbedingt die Menge der beförderten Drogen er-höhen und bearbeitete seine Bosse, damit diese es ihm erlaub-ten. Außerdem war er ein knallharter Typ, der sich nichts bietenließ. Wenn eine Lieferung aus der Sierra ausfiel oder sichauch nur verzögerte (durch heftige Regenfälle etwa, die ganze 74
    • Straßen wegspülten), exekutierte er den Schuldigen höchst-persönlich. Dabei verlor er nicht eine Sekunde die Beherrschung, son-dern schoss seinem Opfer ruhig und gelassen in den Kopf. DieGomeros aus der Sierra kapierten schnell, dass sie bessernicht versuchen sollten, Chapo übers Ohr zu hauen oder ihreDrogen an einen anderen Interessenten, der einen höherenPreis bot, zu verkaufen.94 Den Bossen fiel sein skrupelloser Stil auf, und so wurdeChapo Anfang der Achtziger El Padrino höchstpersönlichvorgestellt. Der übertrug ihm die gesamte Logistik – Koordi-nation der Flüge, Schiffsankünfte und Lkw-Transporte vonKolumbien nach Mexiko. El Güero kümmerte sich weiterhinum den Weitertransport in die USA.95 Und schon bald erwies Chapo sich als würdig, direkt mit ElPadrino zusammenzuarbeiten. 4 El PadrinoDer am 8. Januar 1946 in den Außenbezirken von Culiacángeborene Miguel Ángel Félix Gallardo, alias El Padrino, stiegin der Drogenhändlerhierarchie schnell auf. Er war bis Mittezwanzig Polizist gewesen, ehe er den Dienst quittierte undsich als Leibwächter für den damaligen sinaloensischen Gou-verneur Leopoldo Sánchez Celis verdingte. Celis gehörte derPartido Revolucionario Institucional (PRI) an, die damalsSinaloa regierte. Man nimmt an, dass El Padrino in dieserPosition eingehende Kenntnisse über den Drogenhandel inSinaloa erhielt.96 Die PRI, die Mexiko zwischen 1929 und 2000 mit eisernerHand beherrschte, wird weithin für das Aufblühen des Dro-genhandels verantwortlich gemacht, da die enge Verflechtung 75
    • von Staat und Partei, die bis in die kleinsten Dörfer reichte,eine Korruption hervorbrachte, die auch in Lateinamerikaihresgleichen suchte. Obwohl die gegenwärtige Regierungvon der konservativen Partido Acción Nacional (PAN) ge-stellt wird, hat die PRI noch immer mehr als die Hälfte dermexikanischen Gouverneursposten inne. Die anderen Parteienwerfen der PRI vor, in den von ihr dominierten Regionen denDrogenhandel zu tolerieren oder gar darin verwickelt zu sein. »In Sinaloa herrscht eine Symbiose aus Verbrechen undPolitik«, behauptet Manuel Clouthier Carrillo, der einer derreichsten Familien Culiacáns entstammt und ein leidenschaft-licher Parteigänger der PAN ist, die von seinem Vater mitbeg-ründet wurde. Auch aus US-Kreisen ist diese Klage zu hören. »PolitischeProtektion ist schwer nachzuweisen«, sagt ein Staatsanwalteines an Mexiko grenzenden Bundesstaates. »Wenn wir esbeweisen könnten, könnten wir sie alle unter Anklage stellen.Doch zwischen etwas wissen und es vor Gericht beweisen zukönnen besteht ein großer Unterschied.… Selbst wenn manüber extrem zuverlässige nachrichtendienstliche Quellen ver-fügt, ist es schwierig, und wenn man es nicht beweisen kann,warum dann seine Quellen gefährden? Man würde ihre Lei-chen über ganz Sinaloa verstreut finden.«97 In diesem politisch-kriminellen System stieg El Padrinoauf. Er gab sich nicht damit zufrieden, nur ein Laufbursche zusein, sondern baute sein eigenes Imperium auf. Dank seinerVerbindung zu Juan Ramón Matta Ballesteros, einem wichti-gen honduranischen Drogenhändler, wurde El Padrino zumwichtigsten Repräsentanten des von Pablo Escobar beherrsch-ten Medellín-Kartells in Mexiko. Und mit Hilfe seiner politi-schen Beziehungen sorgte er dafür, dass er vom Politiker bishinunter zum Polizisten alle wichtigen Leute entlang der Pazi-fikküste in der Tasche hatte. Außerdem kontrollierte er dieDistribution des in Sinaloa produzierten Opiums und Marihu-anas, das problemlos zusammen mit dem kolumbianischen 76
    • Kokain nach Norden transportiert werden konnte. Er war derBoss der mexikanischen Drogenbosse, der alles, was im Landvor sich ging, überwachte. »Damals gab es in Mexiko keineKartelle«, erinnert er sich. Tatsächlich gab es nur ihn, seineKomplizen und die Politiker, die ihn deckten. 98 El Padrino war ein sanftmütiger Familienmensch. Er arbei-tete fast ständig und bereiste ganz Mexiko, um seine Geschäf-te im Auge zu behalten. Er bewohnte allein ein Haus, seineachtzehn Kinder hatte er nahebei in zwei weiteren Häusernuntergebracht. In fast allen Staaten Mexikos besaß er Immobi-lien, die er meist auch geschäftlich nutzte. Sein einziges Las-ter waren elektronische Geräte, er besaß fast alles vom Fern-seher bis zur Abhöranlage, was auf den Markt kam. Natürlichbesaß er eine formidable Kollektion italienischer Designeran-züge und -schuhe sowie den einen oder anderen Sportwagen,doch abgesehen davon schien er ein ruhiges Leben zu führenund wirkte wie der nette Nachbar von nebenan – oder zumin-dest wie der reiche nette Nachbar von nebenan. Seine Ranchaußerhalb von Culiacán war schön und luxuriös, aber nichtprotzig. Er sammelte teure Uhren, die er jedoch nie trug. Erwusste, wie man möglichst wenig Aufsehen erregt.99 Als er noch in Culiacán lebte, verlagerte er sein Operati-onszentrum nach Guadalajara, wo es weniger auffiel als inSinaloa, das noch immer unter den Auswirkungen der »Ope-ration Trizo« litt.100 Chapo lernte von El Padrino, wie man im Dschungel desDrogengeschäfts vorwärtskommt und überlebt. Auch er lebtevergleichsweise zurückgezogen ohne spektakuläre Auftritteund Skandale. 1977 heiratete er in einer bescheidenen Zere-monie in der sinaloensischen Stadt Jesús María seine ersteFrau Alejandrina María Salazar Hernández. Nicht einmal dieLokalzeitungen, die damals über alle gesellschaftlichen Er-eignisse der Gegend, auch die der großen Drogenbosse, be-richteten, nahmen von der Hochzeit Notiz. 77
    • Mit Alejandrina Salazar hatte Chapo drei Kinder: César,Iván Archivaldo und Jesús Alfredo. Im zwischen Culiacánund Badiraguato gelegenen Städtchen Jesús María richtete erseiner Familie auf einer Ranch ein Heim ein. Die Familie fei-erte keine rauschenden Feste und wurde nur selten in derStadt gesichtet. Chapo mochte sich zum Reichtum, den derDrogenhandel versprach, hingezogen fühlen, besaß aber keinInteresse daran, Teil der gesellschaftlichen Elite zu werden.Stattdessen verbrachte er seine freie Zeit Whiskey trinkendmit seinen engsten Vertrauten oder kümmerte sich um seineFamilie. Wie seinem Mentor El Padrino wird auch ihm nach-gesagt, er habe die meiste Zeit gearbeitet und sei herumge-reist, um Transporte und Deals persönlich zu beaufsichtigen. Wenige Jahre später ließ er sich scheiden und heiratete Gri-selda López Pérez, mit der er vier weitere Kinder hatte: Ed-gar, Joaquín, Ovidio und Griselda Guadalupe.101 Der DEAzufolge war aus dem jungen Mann aus Badiraguato nicht nurein siebenfacher Familienvater geworden, sondern auch einervon El Padrinos engsten Vertrauten, der auf dem Sprung war,selbst zum Patrón, zum eigenständigen Boss, aufzusteigen.102 Chapo war bereit, Macht zu übernehmen. Er hatte einenfeinen Geschäftssinn entwickelt und besaß die Skrupellosig-keit, ihn auch durchzusetzen. Inkompetenz und Fehler wurdenvon ihm nicht geduldet. Alle, die ihn betrügen wollten, wur-den kurzerhand eliminiert. Darüber hinaus verstanden es erund sein Kompagnon El Mayo, wichtige Verbindungen wieetwa mit dem Bürgermeister von Culiacán aufzuziehen.103 Mitte der achtziger Jahre – in denen die Reagan-Administration eine vehemente Anti-Drogen-Politik betrieb –war Mexiko bereit, die Dinge selbst in die Hand zu nehmen.Die Anti-Drogen-Feldzüge der mit US-amerikanischer Unter-stützung agierenden kolumbianischen Behörden setzten Esco-bar und dem Medellín-Kartell bereits heftig zu. Das kolumbi-anische Kokain strömte zwar noch immer in großen Mengenin die USA, doch die ehemals straff organisierten und ver- 78
    • schworenen kolumbianischen Gruppen verloren zunehmendan Einfluss, und die Mexikaner erkannten die Gelegenheit,sich in den Vordergrund zu spielen. So zumindest will man esin Sinaloa heute interpretiert wissen. Die DEA dagegen be-hauptet, die Kolumbianer hätten festgestellt, dass es profitab-ler wäre, den Mexikanern mehr Einfluss zu überlassen, da siedann nicht mehr die Risiken eingehen mussten, die mit derÜberwachung der Transporte in die USA verbunden waren.Und wenn sie den Mexikanern die Drogen einfach verkauften,mussten sie ihnen auch nicht mehr auf die Finger schauen. Über Jahre waren die Mexikaner dem kolumbianischenModell gefolgt, hatten für die Kartelle gearbeitet und monat-lich zwanzig Tonnen Kokain nach Kalifornien und eine ähn-lich große Menge nach Texas geschmuggelt. Letztere war imWesentlichen für die Ostküste bestimmt. Nun sahen sich dieMexikaner als eigenständige Capos. Zudem konnten sie Ma-rihuana und Heroin selbst herstellen, etwas später geselltensich noch Methamphetamine dazu, die in Labors entlang derUS-mexikanischen Grenze produziert wurden. Alles wurdeauf dieselbe Weise in die USA geschmuggelt wie das Kokain.Sie kamen zu der Auffassung, dass sie Mexiko und die westli-che Hemisphäre ebenso gut kontrollieren konnten wie dieKolumbianer. 104 Doch als die Mexikaner den Kolumbianern immer stärkerdas Wasser abgruben, sahen sie sich plötzlich mit der DEAkonfrontiert, die zu einer Bedrohung für die sinaloensischenBosse wurde. Die DEA in offener FeldschlachtDamals waren die Aktionen der DEA auf mexikanischemBoden noch mit extremen Risiken behaftet. Aufseiten dermexikanischen Behörden grassierte die Korruption, und keinDEA-Agent wusste, wem er vertrauen konnte. Die Agentenhatten die Anweisung, undercover zu arbeiten und sich ein 79
    • Netz vertrauenswürdiger Quellen und Informanten aufzubau-en. Doch waren sie in der Regel auf sich allein gestellt undkonnten nicht auf diplomatische Immunität zählen. Sie fuhrenvon Arizona – oder wo sie sonst stationiert waren – einfachnach Mexiko hinein und knüpften Kontakte zu den örtlichenPolizeikräften. Dabei konnten sie nur auf das Beste hoffen,und so agierten sie nach dem Prinzip, »so viel Schaden wiemöglich anzurichten«, wie es Michael Vigil formuliert, einehemaliger DEA-Agent, der mehr als zehn Jahre in Mexikostationiert war. »Wir hatten absolut keinen Schutz«, erinnert sich Vigil.»Es war wie Iron-Man-Football; wir hatten keine Schulter-polster und mussten brutale Stöße wegstecken, die von politi-schen Interessen beiderseits der Grenze ausgingen.« Bei einer Gelegenheit organisierten Vigil und ein Kollegenamens Enrique »Kiki« Camarena eine Razzia auf einer abge-legenen Marihuana-Ranch in Sonora. Sie hatten verlässlicheInformationen über bewaffnete Wächter auf dem Grundstück,deshalb mieteten sie einen Lkw und forderten von der mexi-kanischen Armee dreißig Mann Unterstützung an. Doch be-reits als sie eintrafen, wurden sie von allen Seiten unter Be-schuss genommen. Die Soldaten erwiderten das Feuer, dochden Narcos gelang bis auf einen die Flucht. Dieser fiel imKampf, nachdem er dreißig Minuten lang Widerstand geleis-tet hatte. Seinerzeit herrschte in der mexikanischen Armee die Devi-se, keine Gefangenen zu machen. Juristische Spitzfindigkeiteninteressierten nicht. Um jegliche Zweifel der Staatsanwälte ander Verwicklung des Toten in den Drogenhandel auszuräu-men, füllten sie seine Taschen mit unbehandeltem Marihuana.Das war die gängige Rechtsauslegung der Zeit. »Mexiko warsich bewusst, dass man einen Krieg an der Backe hatte«, erin-nert sich Vigil. »Die Menschenrechte interessierten damalsgrundsätzlich niemanden. Sie taten, was sie glaubten tun zu 80
    • müssen, um die Drogengewalt einzudämmen … Es herrschteschlicht das Recht des Stärkeren.« Der Modus Operandi der DEA bestand damals wie heutedarin, das Leben ihrer besten Männer aufs Spiel zu setzen, dadie wichtige Drecksarbeit jemandem übertragen werdenmusste, der vertrauenswürdig war. Als Agent traf man sichmit einem Drogenhändler, um die Konditionen auszuhandeln.Die Treffen fanden bei Tageslicht, oft in Grenzstädten wieSonora statt. Man musste seinen Widerpart in dessen Hausoder an einem ihm unbekannten Ort aufsuchen und Heroinoder Marihuana kaufen. Dies alles geschah ohne Rückende-ckung, und da die Treffen oftmals auf Verlangen des Dealersin der Öffentlichkeit stattfanden, war man nach erfolgter Fest-nahme auf der US-Seite der Grenze leicht zu kompromittie-ren, falls die Einzelheiten der DEA-Verwicklung publik wur-den. »Die Zeiten waren ziemlich hart«, meint Vigil und fügthinzu, die DEA habe ihre besten Leute nach Mexiko ge-schickt. »Das waren tapfere Männer, die eine Menge Einfalls-reichtum besaßen. Das Ganze war wie Schach mit lebendenFiguren. «105 Ende 1984 erreichte die Spannung ihren Höhepunkt.Camarena, ein DEA-Veteran mit elf Jahren Erfahrung, warbesonders bekannt für sein unerschrockenes Vorgehen. Er arbeitete von Guadalajara aus und war von dort tief indie Drogenszene des Goldenen Dreiecks eingedrungen. Eswar ihm sogar gelungen, das Vertrauen von El Padrino zugewinnen. Aufgrund von Camarenas Informationen stürmten vierhun-dertfünfzig von Helikoptern unterstützte mexikanische Solda-ten die als Rancho El Búfalo bekannte, tausend Hektar großeMarihuana-Plantage auf der Ostseite der Sierra Madre in Chi-huahua. Mehr als tausend Campesinos arbeiteten auf diesenFeldern, deren Jahresproduktion später auf acht MilliardenDollar hochgerechnet wurde. Die Drogenbarone schäumten 81
    • vor Wut, aber auch vor Furcht, denn sie mussten annehmen,dass die Razzia nicht auf unzureichende Sicherheitsvorkeh-rungen, sondern auf Verrat in den eigenen Reihen zurückzu-führen war. Diese Furcht war nicht unbegründet. Im Unterschied zuFällen in der Vergangenheit, als die DEA-Agenten sich damitbegnügten, dass die mexikanischen Behörden die üblichenVerdächtigen (meist unbedeutende Bauern) festnahmen, woll-te Camarena an die Bosse herankommen. Er arbeitete daran,die mexikanischen Top-Narcos zu identifizieren und ihreAufenthaltsorte festzustellen. Die »Operation Godfather« warein Projekt, mit dem er El Padrino ins Visier nahm. Doch am 7. Februar 1985 unterbrach Camarena seine Ar-beit, um in Guadalajara mit seiner Frau zu Mittag zu essen.Plötzlich hielt ein Wagen neben ihnen, aus dem fünf Männersprangen. Einer von ihnen wies sich als mexikanischer Poli-zist aus. Sie packten Camarena und stießen ihn in ihren Wa-gen. Er wurde nie mehr lebend gesehen. Die Entführung löste bei der DEA Wut und Zorn aus. Of-fenbar war die mexikanische Polizei in den Vorfall verwi-ckelt, aber in Los Pinos, dem mexikanischen Pendant zumWeißen Haus, herrschte Funkstille. In Washington gab mander DEA zu verstehen, dass sie den Vorfall zu akzeptierenhabe, dass die Beziehungen zwischen Mexiko und den USAzu wichtig seien. »Ein DEA-Agent ist für das Wohl des politi-schen Großen und Ganzen verzichtbar«, teilte man der Agen-cy mit. Die Agenten allerdings ließen sich nicht so einfach zumSchweigen bringen. »Niemand bringt einen DEA-Agenten umund sorgt dann dafür, dass man uns mitteilt, er spiele im poli-tischen Großen und Ganzen keine Rolle«, erklärt ein ehemali-ger DEA-Mann. Folglich reagierte die DEA und rief die »OperationLeyenda« ins Leben, die größte Mordermittlung, die sie je-mals durchgeführt hat. Eine Spezialeinheit wurde nach Mexi- 82
    • ko-Stadt geschickt, um dort die Ermittlungen zu koordinieren– und weil man dort korrupte mexikanische Beamte vermute-te. Zudem wurden fünfundzwanzig Special Agents nach Gua-dalajara beordert, um dort Nachforschungen anzustellen. Im Laufe des folgenden Monats stürmten die Agenten meh-rere Ranches, verhörten die Einheimischen und quetschtenihre Informanten aus. Sie folgten jeder nur erdenklichen Spur.Bald darauf konnte die DEA ihre begründeten Schlussfolge-rungen ziehen und forderte die mexikanischen Federales auf,Rafael Caro Quintero, El Padrino und Don Neto Fonseca alsHauptverdächtige im Rahmen von Camarenas Entführunganzusehen. Die Fahndung führte zu einem Feld im BundesstaatMichoacán, wo zwei Leichen gefunden wurden. Ein US-amerikanischer Pathologe und ein gleichfalls aus den USAeingeflogenes Team von Forensikern führten die Autopsiedurch, bei der sich herausstellte, dass es sich bei einem derbeiden Toten um Camarena handelte. Er war vor seinem Todmindestens zwei Tage lang gefoltert worden und schließlichan Kopfverletzungen, die ihm mit einem stumpfen Gegen-stand zugefügt worden waren und einen Schädelbruch verur-sacht hatten, gestorben. Weitere Festnahmen – darunter fünf Polizeibeamte, die zu-gaben, an der Entführung und Folterung beteiligt gewesen zusein – belasteten Caro Quintero und Fonseca. Die beidenwurden schnell verhaftet und gestanden die Entführung desDEA-Agenten, nicht aber dessen Ermordung. Die, behaupte-ten sie, sei das Werk von El Padrino gewesen. Der indes genoss noch immer politische Protektion. Dochdie US-Behörden stellten einen Haftbefehl gegen ihn aus, dereine ganze Reihe von Verbrechen umfasste: die Entführungund Ermordung von Camarena, Bildung einer kriminellenVereinigung, Verabredung zu einem Verbrechen im Rahmeneiner kriminellen Vereinigung, Besitz von Kokain, Besitz vonKokain mit der Absicht, es zu verkaufen … das waren nur die 83
    • wichtigsten Anklagepunkte, die Liste des Justizministeriumswar noch wesentlich länger.106 Die Festnahme von Caro Quintero und Fonseca war Beweisgenug, dass die DEA in der Lage war, den Mexikanern mitHärte zu zeigen, wer hier das Sagen hatte. Und es zeigte auch,dass die Mexikaner willens und in der Lage waren, Verhaf-tungen vorzunehmen, wenn sie es denn wirklich wollten. 1987 Siedelte El Padrino mit seiner Familie dauerhaft nachGuadalajara um. Er bezog ein Haus in einer unauffälligenWohngegend, während er seine Frau, seine Geliebte und seineKinder in zwei in der Nähe gelegenen Häusern unterbrachte.Guadalajara bot mehr Anonymität als Culiacán oder eine an-dere sinaloensische Stadt.107 Außerdem beschloss er, den Schmuggel, den er kontrollier-te, aufzuteilen und dadurch besser und effektiver zu organisie-ren. Zudem ging er davon aus, dass es schwieriger sein würde,sein Imperium mit einer einzigen Aktion der Strafverfolgerzum Einsturz zu bringen. Ökonomisch gesprochen privatisierte er das mexikanischeDrogengeschäft und schuf einen neuen Markt. Dabei drängteer es aber auch wieder zurück in den Untergrund, da es nunvon Unterbossen betrieben wurde, die weniger bekannt undden US-amerikanischen Behörden noch nicht aufgefallen wa-ren. Keiner seiner neuen Männer war in den Mord anCamarena verwickelt. Keiner hatte ein langes und bekanntesStrafregister. Alle waren in der Lage, neue Verbindungen zumpolitischen System und zu den Polizeiapparaten herzustellen,da Geld nach wie vor keine Rolle spielte. Wenn sie sich ledig-lich auf lokaler Ebene bewegten und sich auf ihre jeweiligenGeschäftsfelder beschränkten, konnten sie das Geschäft besserkontrollieren. Also bat El Padrino die Top-Narcos Mexikos in eine Villain Acapulco und legte ihnen seine Zukunftspläne dar. DieAufteilung der Plazas, wie die Drogenrouten genannt wurden,war recht einfach. 84
    • Die Tijuana-Route würde an die Arellano-Félix-Brüder ge-hen, die in Culiacán aufwuchsen und El Padrino von dortkannten – Presseberichte und Regierungsverlautbarungen,wonach die Brüder El Padrinos Neffen seien, entsprechennicht der Wahrheit. Ciudad Juárez, mit seinen wichtigen Lkw-Routen nach Texas, sollte an die Familie Carrillo Fuentes ausGuamuchilito, Sinaloa, gehen, allerdings nur unter Aufsichteines hochrangigen Sicherheitsmannes von El Padrino. Rafael Caro Quinteros Bruder Miguel sollte das Geschäft inSonora übernehmen, sprich die Lkw-Routen nach Arizonakontrollieren. In jungen Jahren bereits hatten Miguel und sei-ne Brüder unternehmerische Fähigkeiten demonstriert undwaren von einfachen Marihuana-Pflanzern zu Partnern vonDon Neto aufgestiegen. El Padrino wusste, dass er MiguelSonora anvertrauen konnte, ohne dass es zu viele Konfliktemit dem im Süden angrenzenden Sinaloa geben würde. Drüben an der Nordostküste, in Matamoros, Tamaulipas,würde Juan García Ábrego das Geschäft leiten. Da er seit1985 enge Beziehungen zu den Kolumbianern unterhielt, galtder Mann, dem man später die Gründung des Golf-Kartellszuguteschreiben würde, bereits als unabhängiger Capo, denman in Ruhe arbeiten ließ. In Sinaloa schließlich würden Chapo und El Mayo die pazi-fische Seite des Geschäfts kontrollieren. Die beiden brachtenEl Güero wieder in das Kartell ein, der sich in den siebzigerJahren mit El Padrino überworfen hatte und seitdem sein ei-genes Geschäft betrieb. Chapo und El Mayo würden mit ihrensinaloensischen Vertrauten die Drogen nach Arizona undSüdkalifornien schmuggeln. Chapo erhielt zudem die Kontrol-le über die Tecate-Route. El Padrino behielt sich vor, die nationalen Operationen zukontrollieren, er hatte die nötigen Beziehungen und war im-mer noch die Nummer eins. Aber er betrieb das Geschäftnicht länger als One-Man-Show.108 85
    • Am 8. April 1989 traf El Padrino im Haus eines Freundesin Guadalajara ein, wo er mit dem hochrangigen Polizeioffi-zier Guillermo Memo González Calderóni, einem seiner»Kontakte«, zum Mittagessen verabredet war. Als El Padrino das Haus betrat, stürmten fünf Federales, dieihm seit langem bekannt waren, hinter ihm her, stürzten sichauf ihn und warfen ihn zu Boden. Dann traf Calderóni ein. »Was ist hier los?«, fragte El Padrino. »Ich kenne Sie nicht«, erwiderte der Cop. Auch nachdem er die sechzig längst überschritten hat undbei schlechter Gesundheit in einer Zelle in einem Hochsicher-heitsgefängnis außerhalb von Mexiko-Stadt verrottet, machtEl Padrino nach wie vor Calderóni, den man später mit GarcíaÁbrego und dem Golf-Kartell in Verbindung bringen sollte,für den Verrat verantwortlich. Dabei waren kurz nach seiner Verhaftung Gerüchte in Um-lauf geraten, nach denen El Padrinos Protegés ihn ans Messergeliefert hatten. Anfang der Neunziger ordneten Chapo und ElGüero sogar die Ermordung einer Reihe von El PadrinosLeutnants und Anwälten an, was zu der weit verbreiteten An-nahme führte, Chapo habe seinen Mentor verraten. Doch ElPadrino gab nie etwas auf solche Spekulationen. Für ihn bliebCalderóni, der Cop, der Verräter.109 Die neue GardeSo also erbten die Arellano-Félix-Brüder Tijuana, die Endedes 19. Jahrhunderts gegründete Stadt an der mexikanisch-kalifornischen Grenze. Noch Jahrzehnte nach seiner Grün-dung bestand Tijuana aus kaum mehr als ein paar Ranches,die sich von der Küste ins Landesinnere erstreckten. Zudemhatten sich ein paar Hundert Farmer rund um Tijuana ange-siedelt. Dann kam die Prohibition. Zwischen 1920 und 1933verwandelte das Alkoholverbot in den USA Tijuana in eineLasterhöhle. Bars schossen wie Pilze aus dem Boden, der 86
    • Schmuggel blühte, die mexikanische Regierung sah weg, undvom US-amerikanischen Soldaten bis zum Hollywoodstar,vom einfachen Geschäftsmann bis zum Mafia-Boss drängtenalle nach Süden, um sich in den Bordellen, Bars, Casinos undauf den Rennbahnen eine schöne Zeit zu machen. Zudem entwickelte sich Tijuana zur Sammelstelle migrati-onswilliger Lateinamerikaner, die auf ein besseres Leben inden USA hofften. Die wegen ihrer Lage im Nordwesten Me-xikos »Esquina de America Latina« (»die Ecke von Latein-amerika«) genannte Stadt zog sogar Migranten an, die ausdem tiefen Süden, aus Argentinien und Uruguay kamen. Die-jenigen, die es über die Grenze schafften, versuchten sich inKalifornien ein neues Leben aufzubauen. Die, die zurückblie-ben, machten ihren Neuanfang in Tijuana. Lange bevor das Drogengeschäft boomte, war Tijuana einSchmugglerparadies. Alkohol und andere billige Güter wur-den in den Norden gebracht, die illegalen Einwanderer wur-den von Ortskundigen über die durch die nahe gelegene Wüs-te verlaufende Grenze geführt oder in den Lastwagen ver-steckt, die zu Hunderten die Checkpoints passierten. Auch derRio Tijuana bot eine Möglichkeit, illegal in die USA zu ge-langen. In den Achtzigern war zu den klassischen kriminellenLastern noch der Kindesmissbrauch gekommen, der schnellunvorstellbare Ausmaße annahm. Funktionierende Regierun-gen oder eine Polizei, die ihren Pflichten nachkam, blieben inTijuana immer eine Illusion. Inzwischen hat Tijuana 1,2 Millionen Einwohner, die Vo-rorte und Elendsquartiere erstrecken sich fast bis ins knappzweihundert Kilometer entfernte Mexicali. Anfang der Neun-ziger übernahmen die Arellano-Félix-Brüder die Stadt. Schondamals konnte man davon ausgehen, dass die Mehrzahl derPolitiker und öffentlichen Repräsentanten in die kriminellenMachenschaften verstrickt waren und sich an den Casinoein-nahmen und der Geldwäsche schadlos hielten. Schon wenigeWochen nach ihrer Ankunft waren die Arellano-Félix-Brüder 87
    • Teil dieser sozialen Zirkel. Sie besuchten die richtigen Partysund kannten die richtigen Leute. So lernten sie auch Jorge Hank Rhon kennen und standenbald mit ihm auf vertrautem Fuß.110 Ohne Jorge Hank Rhon ist keine Geschichte Tijuanas voll-ständig, und ohne seinen Vater Carlos Hank González kannman keine Geschichte der Politik und der Korruption in Me-xiko schreiben. Carlos Hank González war lange Jahre derKönigsmacher der PRI und nutzte seine politische Position,um sich zu bereichern und enge Beziehungen zum Drogen-handel zu knüpfen. Er lebte und handelte nach seiner be-rühmt-berüchtigt gewordenen Devise: »Ein Politiker, der armist, ist ein armseliger Politiker.«111 Eine hochrangige Quelle aus einer der mexikanischenStrafverfolgungsbehörden nannte Hank González einmal »denwichtigsten Vermittler zwischen den Drogenkartellen unddem politischen System Mexikos«.112 Allerdings wurde schnell deutlich, dass Hank Rhon, seinzweitältester Sohn, ihm weder als Politiker noch als Ge-schäftsmann das Wasser reichen konnte. Hank Rhon war 1985im Alter von neunundzwanzig Jahren nach Tijuana gezogenund stieg schnell zu einer prominenten und tonangebendenFigur auf, zumal er mit Agua Caliente eine Pferderennbahnmit einer langen, prestigereichen Geschichte übernahm. DochHank Rhons Missmanagement führte direkt in den Untergang.Binnen fünf Jahren war die Rennbahn bankrott, und die Besit-zer zogen ihre Pferde zurück. Dennoch war Hank Rhon wei-terhin dank seines Erbes ein pittoresker Multimillionär, derDauergast in den Klatschspalten der Lokalpresse war. Obwohl man Hank Rhon nie nachweisen konnte, dass ermit dem Drogengeschäft in Tijuana in Verbindung stand, leg-te er stets Wert darauf, den Lebensstil eines Narcos zu pfle-gen. Auf seiner Ranch außerhalb der Stadt gab er rauschendePartys, an denen gelegentlich auch die Arellano-Félix-Brüderteilnahmen. Er ließ sich die Haare lang wachsen und trug mit 88
    • Vorliebe Cowboystiefel, die er aus dem Leder exotischer Tie-re anfertigen ließ. Dennoch hatte der Mann, der später zum Bürgermeister vonTijuana gewählt werden sollte und sogar für das Amt desGouverneurs von Baja California kandidierte, immer schonein Herz für Tiere. Als Kind spielte er auf der Ranch seinesVaters außerhalb von Mexiko-Stadt mit dressierten Pferdenund Rassehunden. Als Kuscheltiere hat er zwei Wölfinnen,und es heißt, in seinem Haus halte er Pythonschlangen undbringe manchmal Tiger mit ins Büro, um seine Angestelltenaufzuscheuchen. Im Innenraum der Rennbahn von AguaCaliente, die nun zu einer billigen Hunderennbahn verkom-men ist, befindet sich Hank Rhons vielleicht größte Errungen-schaft: ein privater Zoo mit 20 000 Tieren aller Rassen undGrößen – Zebras, Löwen, Giraffen, Wölfe, Emus, Eulen, Bä-ren. An der Ostseite der Bahn befinden sich die Käfige seinerweißen Tiger, die sein ganzer Stolz sind. Weltweit existierennur zweihundert dieser Spezies, Hank Rhon besitzt vierzehnvon ihnen.113 Darüber hinaus ist er Vater von achtzehn Kindern, die ermit drei Ehefrauen und einer Geliebten in die Welt gesetzthat. Frauen, so soll Hank Rhon einmal einem Reporter erzählthaben, seien seine Lieblingstiere.114 Allerdings riefen Hank Rhons mutmaßliche Beziehungenzu den Arellano-Félix-Brüdern ein weitaus größeres Medien-echo hervor als seine exotischen Tiere und seine exzentri-schen Bemerkungen. Ein 1999 an die Öffentlichkeit gedrun-genes Geheimpapier des US National Drug Intelligence Cen-ter mit dem Titel »Der Weiße Tiger« beschuldigte ihn, seinenVater und seinen Bruder Carlos der Verwicklung in den me-xikanischen Drogenhandel und hob hervor, dass Hank Rhon»Berichten zufolge ein enger Vertrauter« der Arellano-Félix-Brüder sei. Aufgrund ihrer Verstrickung in die Distributionvon Kokain und Geldwäscheaktivitäten stelle »die Hank-Familie eine erhebliche Bedrohung für die Sicherheit der Ver- 89
    • einigten Staaten« dar, hieß es in dem Bericht, der zu demSchluss kommt, dass Hank Rhon »unverhohlener kriminellenAktivitäten nachgeht als sein Vater und sein Bruder, dass erals skrupellos und gefährlich zu betrachten ist und zu Gewalt-anwendung neigt«.115 Die Arellano-Félix-Brüder sorgten dafür, dass ihnen baldein ähnlicher Ruf vorauseilte. Sie demonstrierten, dass sie dasmächtigste der neuen Kartelle dominierten, und sie waren mitSicherheit diejenigen, die am gewalttätigsten vorgingen. Zwi-schen 1994 und 1999 wurden in Tijuana mehr als dreihundertMorde pro Jahr aktenkundig, 1999 waren es sogar 637 – dieMehrheit wurde den Brüdern aus Sinaloa zugeschrieben. 116 Oft gehörten die Morde einfach zum Geschäft, bei andererGelegenheit wollten die Brüder schlicht ihren Machtrauschausleben. Es kam vor, dass sie in einer Bar tranken oder ineinem Restaurant speisten und Ramón Arellano Félix plötz-lich »das Bedürfnis zu töten überkam«, erinnert sich der ehe-malige DEA Special Agent Errol Chavez, der damals in SanDiego stationiert war. »Dann sind sie einfach in der Gegendherumgefahren und haben jemanden umgebracht. « Die Brüder schufen ein Klima der Furcht und Unberechen-barkeit in Tijuana. Ihre Männer zogen Polizeiuniformen anund machten die Straßen unsicher. Wer nicht länger vertrau-enswürdig war oder eine Bedrohung zu sein schien, wurdeentführt. Die von den Brüdern gekauften Gangs sorgten dafür,dass die Straße loyal zu ihnen stand. Diese Gangs dehnten ihrEinflussgebiet sogar bis nach San Diego aus. Hatte jemandnördlich der Grenze eine Drogenlieferung nicht bezahlt, setz-ten die Gangs ihm zu, manche Schuldner wurden entführt, umein zusätzliches Lösegeld zu erpressen, manche wurden inSäurefässern aufgelöst. Polizei und Ermittlungsbehörden taten nichts. Das Klima inTijuana und die politischen Verbindungen der Arellano-Félix-Brüder sorgten für Immunität.117 90
    • 1994 versprach der ehrgeizige junge PRI-Politiker und Prä-sidentschaftskandidat Luis Donaldo Colosio, die Korruptionzu bekämpfen und das System zu säubern. Er kündigte sogaran, gegen den Drogenhandel vorzugehen. Während einerWahlkampfveranstaltung in Tijuana wurde er in den Kopfgeschossen. Obwohl viele die Arellano-Félix-Brüder für denMord verantwortlich machten, wurde nie Anklage erhoben, dadie Ermittlungen keinen einzigen konkreten Hinweis lieferten.118 Ohne gründliche Ermittlungen konnte es keine Beweise fürdie illegalen Aktivitäten in Tijuana geben. Hank Rhon kanndeshalb behaupten, er und andere seien schlicht die Zielschei-be von Schmutzkampagnen gewesen. »Ich habe immer gesagt«, äußerte er während eines Inter-views in seinem Amtszimmer kurz nach seiner Wahl zumBürgermeister, »man solle nichts auf Gerüchte geben, sondernden Beweis erbringen und mich damit konfrontieren.«119 Tatsächlich dementierte die damalige US-Generalbundes-anwältin Janet Reno einen diesbezüglichen Bericht und be-hauptete, ihre Behörde habe ihm nie Beachtung geschenkt.120 Dennoch bekommen in einer Stadt wie Tijuana düstere An-schuldigungen mehr Gewicht als ihre Dementis, selbst wennbei seltener Gelegenheit sogar der Beweis der Unschuld erb-racht wird. Besonders ein Vorwurf scheint Hank Rhon mehrals alle anderen zu verfolgen. Héctor Félix Miranda, Reportereiner angesehenen Wochenzeitschrift aus Tijuana, unterhielteine lange zurückreichende Beziehung zu Hank Rhon. Diebeiden begegneten sich auf Partys, der Reporter berichteteüber die neuesten Vorkommnisse am Hofe Hank Rhons, ohneallerdings bezüglich dessen Privatleben und Aktivitäten zusehr ins Detail zu gehen. Zudem schrieb er regelmäßig überdie Arellano-Félix-Brüder, die oft an denselben gesellschaftli-chen Veranstaltungen teilnahmen. Einmal jedoch, so heißt es, habe Hank Rhon das Gefühlgehabt, der Reporter missbrauche ihre Freundschaft. Félix 91
    • Miranda hatte vertrauliches Material über ihn veröffentlicht.Obwohl es nichts Inkriminierendes enthielt, war Hank Rhonder Auffassung, es handele sich um persönliche Informatio-nen, die nicht in die Zeitung gehörten. Am Morgen des 20. April 1988 – einem der seltenen Re-gentage in Tijuana – wurde Félix Miranda am Steuer seinesFord LTD Crown Victoria erschossen. Die Autopsie förderteneunzehn Kugeln zutage, die seine Brust zerrissen und elfRippen gebrochen hatten. Dem Autopsiebericht zufolge warauch sein Herz förmlich zerfetzt worden. Die Schuldigen wa-ren drei von Hank Rhons Leibwächtern aus Agua Caliente.Zwei wurden verurteilt, der dritte wurde kurz nach der Ver-handlung tot in Tijuana aufgefunden.121 Hank Rhon wurde im Zusammenhang mit dem Mord nieangeklagt. Dennoch scheinen die Anschuldigungen einenNerv zu treffen. Als ich ihn direkt auf Félix Miranda an-sprach, rutschte Hank Rhon tief in seinen Sessel und legte dieHand an die Stirn. »Es ist doch so: Wenn man zu populär wird und jemandemauf die Füße tritt, versucht immer jemand, dich zu neutralisie-ren«, erklärte er. »Aber es sind immer nur Anschuldigungen.«122 Tatsächlich können wenige mexikanische Politiker oderGeschäftsleute die Erfolgsleiter emporklettern, ohne ständigAnschuldigungen und Korruptionsvorwürfe abwehren zumüssen. Inzwischen ist es Medienroutine, solche Vorwürfe zupublizieren – in der Hoffnung, dass etwas hängenbleibt. Während des Aufstiegs der Arellano-Félix-Brüder kochtedie Gerüchteküche der Stadt nahezu über. DEA und mexika-nische Behörden behaupten nach wie vor, die Brüder wärenunantastbar gewesen und hätten nach Belieben morden kön-nen. Zwischen 1990 und 2000 Schmuggelten sie Hundertevon Tonnen Kokain nach Kalifornien.123 92
    • Herr der LüfteWährend die Arellano-Félix-Brüder in Tijuana regierten, etab-lierte sich Amado Carrillo Fuentes als Herr über den Drogen-korridor in Ciudad Juárez. Der älteste von sechs Brüdern hatte den Drogenhandel vonder Pike auf in Sinaloa bei Don Neto Fonseca gelernt. Alsjunger Mann hatte der ihn nach Ojinaga – eine Kleinstadt,ungefähr dreihundert Kilometer von Ciudad Juárez entfernt –geschickt, wo er den Kokainschmuggel koordinieren sollte. Er lernte schnell, und als er Ciudad Juárez erbte, war er einMeister seines Fachs. Besonders leicht fiel es ihm, Kontaktezu knüpfen und zu pflegen. Überall im Land war er als »derdiplomatische Narco« bekannt, der den Frieden dem Kriegvorzog und lieber auf Korruption setzte als auf Chaos. Damals entwickelten die USA und Mexiko ein gemeinsa-mes Radarsystem, mit dessen Hilfe sie aus Kolumbien kom-mende Flugzeuge überwachen wollten. Ein ehemaliger mexi-kanischer Armeegeneral leitete das Projekt. US-amerikanische Beamte behaupten, Carrillo Fuentes ha-be ihn schnell in der Tasche gehabt. Der Ex-General dementierte zwar jegliche Kooperation mitden Drogenhändlern, aber es konnte kein Zweifel daran be-stehen, dass Carrillo Fuentes den Luftraum beherrschte. Erbesaß sieben Fluggesellschaften, die er dazu einsetzte, um dasKokain direkt von Kolumbien nach Chihuahua und von dortaus weiter in die USA zu transportieren. Die Flugzeuge lande-ten auf einer Landebahn in der Chihuahua-Wüste, wo seineMänner, von bis zu siebzig Leibwächtern beschützt, die La-dung erwarteten. Innerhalb weniger Minuten war die Ladungumgeladen, das aus Kolumbien gekommene Flugzeug konnteumkehren, das andere brachte das Kokain in die USA. Die Flugzeuge, die Carrillo Fuentes einsetzte, waren wen-dig und schnell, sie erreichten eine Geschwindigkeit von übertausend Stundenkilometern und waren so den Radarflugzeu- 93
    • gen der US-Grenzpatrouille überlegen. Sie landeten in denWüsten von Arizona und New Mexico, wo die Fracht –manchmal bis zu zwölf Tonnen – vom US-amerikanischenAbnehmer entgegengenommen wurde. Auf dem Rückflugbrachten sie die Einnahmen zurück nach Mexiko, die bis zusechzig Millionen Dollar pro Flug betragen konnten. Carrillo Fuentes bekam bald den Beinamen »El Señor delos Cielos« (»Herr der Lüfte«). Aber er war auch daran interessiert, sein Einflussgebiet in-nerhalb Mexikos auszudehnen. Er etablierte ein Operations-zentrum in Hermosillo, Sonora, das er als Drehscheibe fürseine Drogenflüge nutzen wollte. Sonora befindet sich südlichder Grenze in der Wüste und diente zuvor schon als Durch-gangsstation für die Transporte aus Sinaloa. Carrillo Fuentesbezog eine rosafarbene Kalkgipsvilla ganz in der Nähe derResidenz des US-amerikanischen Konsuls. Zudem ließ er dieBauarbeiten an einem nie fertiggestellten Gebäude wiederauf-nehmen, das die Einheimischen seiner Zwiebeltürme wegenden »Palast aus Tausendundeiner Nacht« nannten. WilburnSears zufolge, der eine Zeit lang das DEA-Büro in Hermosilloleitete, besaß Carrillo Fuentes für seine Flüge von und nachHermosillo den Schutz der Behörden. »Die haben alles für ihngemacht, außer vielleicht die Propeller gedreht, um seineFlugzeuge anzuwerfen«, kommentierte er resigniert. Dennoch stieß Carrillo Fuentes auch auf Widerstand. 1991ordnete der Gouverneur von Sonora, Manlio Fabio Beltrones,die Beschlagnahmung mehrerer Immobilien des Drogenba-rons an. Auch seinen orientalischen Palast musste er räumen.Allerdings behauptet die DEA, der Gouverneur habe die Im-mobilien lediglich beschlagnahmen lassen, um allen zu zei-gen, dass er sich nicht auf der falschen Seite des Gesetzesbefand. Die US-Amerikaner waren hingegen überzeugt, dassBeltrones tief in die Geschäfte von Carrillo Fuentes verstricktwar. 94
    • Nichts wurde je bewiesen. Natürlich bestritt Beltrones dieAnschuldigungen vehement und behauptete seinerseits, dieGerüchte, die ihn mit dem »Herrn der Lüfte« in Verbindungbrachten, seien von seinen politischen Gegnern verbreitetworden. »Das klingt wie aus einem alptraumhaftenHorrorroman«, sagte er gegenüber der New York Times.»Wann soll ich denn meinen Regierungsgeschäften nachge-hen, wenn ich den ganzen Tag damit verbringe, diese schreck-lichen Verbrechen zu begehen?« Carrillo Fuentes wurde zudem mit Raúl Salinas de Gortariin Verbindung gebracht, dem Bruder des Ex-Präsidenten Car-los Salinas de Gortari. Natürlich wurde auch dies dementiertund nie bewiesen. Schließlich sollte sich doch noch herausstellen, dassCarrillo Fuentes eine Schwäche besaß. Aber während einesGroßteils der neunziger Jahre beherrschte er unangefochtendie Gegend um Ciudad Juárez.124 5 Chapos Aufstieg 125Das Arrangement mit den Kolumbianern war Anfang derNeunziger entstanden. Damals kamen neunzig Prozent des inden USA konsumierten Kokains über Mexiko. Im Rahmender Übereinkunft zahlten die Kolumbianer ihren mexikani-schen Partnern bis zu fünfzig Prozent des Profits. Die Mexikaner waren damit faktisch gleichberechtigtePartner der Kolumbianer. Doch ohne die zentrale Autoritätund Kontrolle El Padrinos bedeutete dies auch, dass sie inheftiger Konkurrenz zueinander standen. Also beschloss Chapo, er müsse besser sein als die anderen. Während seine Rivalen sich schnell in Tijuana und CiudadJuárez einen Namen machten, fuhr Chapo fort, die Dinge auf 95
    • El Padrinos Art weiterzubetreiben: ohne übertriebene Hektik,ohne großes Aufsehen zu erregen, dafür methodisch und mitunbezwingbarem Ehrgeiz.126 Er war fest entschlossen, niemehr in das Elend zurückzufallen, dem er gezeichnet, aberunversehrt entkommen war.127 Er war von ganz unten in derHierarchie emporgestiegen und hatte sich geschworen, seineMachtposition niemals mehr abzugeben. In der Tradition der Mafia schuf Chapo einen innerenKreis, in den er zunächst nur Verwandte, Brüder und Cousins,denen er vertrauen konnte, aufnahm. Später erweiterte er ihnum Nichten und Neffen. Sein Vater war inzwischen verstor-ben, und seine Mutter hielt sich abseits. Seine engsten Ver-trauten stammten überwiegend aus der Sierra; Außenseiter,die er nicht genau kannte, hielt er auf Distanz. Sein wichtigster Ratgeber, der den Rang eines Consigliereder italienischen Mafia bekleidete, war El Azul. Er war umeiniges dunkler als Chapo und dessen Familie, die Mestizenwaren. El Azul wirkte dagegen indigener und erhielt seinenSpitznamen, weil seine Haut manchmal bläulich zu schim-mern schien. Er war in Badiraguato geboren worden und verfügte überweit zurückreichende Narco-Verbindungen. Er hatte erst inSinaloa und später in Guadalajara mit El Padrino, Don NetoFonseca und Rafael Caro Quintero gearbeitet und galt alsmutmaßlicher Beteiligter an der Ermordung des DEA-Agenten Kiki Camarena. Von den ursprünglichen Capos ausSinaloa war er als einziger noch auf freiem Fuß. Er war wie ElPadrino ein ehemaliger Polizist und besaß nicht zuletzt des-halb gute Kontakte. Zudem hatte er in den Chapo-Klan einge-heiratet, indem er dessen Schwägerin ehelichte. El Azul war diskret, zurückhaltend und lief nie Gefahr aus-zurasten. Er agierte als Vermittler zwischen Chapo in Sinaloaund Carrillo Fuentes in Ciudad Juárez. Er galt als eine Artunabhängiger Berater, wurde aber auch als die Nummer zweiin der Organisation von Carrillo Fuentes angesehen, und be- 96
    • saß die Fähigkeit, für beide Seiten zu agieren, ohne eine da-von zu bevorzugen. Wenn er einen Raum betrat, wurden dieEgos dem Profit untergeordnet. Chapo beschäftigte zahlreiche Sicarios. Einige waren deser-tierte Soldaten um die dreißig, die an Waffen wie dem AK-47und dem M-16 ausgebildet waren und mit Handgranaten undPanzerfäusten umzugehen wussten. Die Sicarios rekrutiertenim ganzen Land junge Männer, die die Drecksarbeit erledig-ten. Sie trugen Uniformen oder uniformähnliche Kleidungund benutzten Waffen, die in Mexiko der Armee vorbehaltenwaren. Es war nicht ungewöhnlich, dass man diese Männerfür Angehörige des Militärs hielt. Chapo verlangte Effektivität, Fehler und unnötiges Blut-vergießen verfolgte er mit unerbittlicher Härte. Bei einer Gelegenheit hatte eine Angestellte Chapos Geldaus einem Transport verloren. Der Boss befahl einem seinerjüngeren Killer, Luis Rolando Llanos Romero, alias »ElChilango«, die Frau zu töten. Dummerweise brachte LlanosRomero die falsche Frau um. Einem Zeugen aus dem Zeugen-schutzprogramm zufolge, der später vor der PGR aussagte,war Chapo außer sich, als er von dem Irrtum erfuhr. Chapo berief ein Treffen ein, bei dem Llanos Romero zu-rechtgestutzt werden sollte. Ein paar von Chapos Männern,darunter auch Llanos Romero, trafen sich in einem Haus unddiskutierten den Fehler. Das Treffen schien beendet, und Lla-nos Romero hatte es offenbar mit blutiger Nase, ansonstenaber unbeschadet überstanden. Die Männer nahmen ihre Waf-fen vom Tisch und wandten sich zur Tür. Auf dem Weg nachdraußen drehte sich einer von Chapos Killern noch einmal umund verpasste dem verblüfften Llanos Romero eine Kugel inden Kopf. Wenn man ihn hinterging, mochte Chapo zwar wütendwerden, aber niemals ließ er sich von seiner Wut zu einer un-bedachten Tat hinreißen. »Eine seiner Stärken ist seine Fähig-keit, seine Frustration hinunterzuschlucken (…), niemals 97
    • würde er seine Rache mit der Sponaneität eines impulsivenCharakters exekutieren«, heißt es in einem psychologischenGutachten, das die PGR über ihn erstellen ließ. »Seine Reak-tionen sind überlegt, zielgerichtet, er legt es darauf an, dieSchwächen seiner Gegner auszunutzen und sie sobrutalstmöglich zu treffen.« Wann immer es zwischen den Gangs auf der Straße zu Ge-walttätigkeiten kam, ging El Azul dazwischen und erinnertedie Kontrahenten daran, dass unnötiges Blutvergießen und diedaraus resultierende öffentliche Aufmerksamkeit schlecht fürdas Geschäft waren.128 Und auch Chapo war diesbezüglich absolut in der Lage,seine Emotionen zu kontrollieren. Er würde eine Situationunter allen Umständen rational beurteilen. »Wenn es zu Ra-cheaktionen kommt, wirkt er zwar besessen, reagiert aberimmer angemessen (…), so dass alle Maßnahmen seine Posi-tion stärken.« Chapo sei ein Egozentriker, so das Fazit des PGR-Gutachtens, der sicherstellen wolle, dass alle stets wüssten,wer der Boss ist. Aber er verstehe auch die Verantwortung,die diese Position mit sich bringe, und würde gelegentlichsogar die Schuld auf sich nehmen, wenn etwas schiefging.Trotz allem sei Chapo im Endeffekt eine »gefestigte Persön-lichkeit«. Anfangs operierte er von Guadalajara aus, wo auch ElPadrino bis zu seiner Verhaftung sein Domizil hatte. Aller-dings hatte Chapo schon damals seine Kontroll- und Kom-mandozentrale nach Norden verlegt, nach Agua Prieta an derGrenze zu Sonora. Dadurch war er in der Lage, persönlichden Schmuggel zu überwachen. Wie schon El Padrino erwarb auch Chapo Dutzende vonHäusern in ganz Mexiko. Dazu benutzte er vertrauenswürdigeStrohmänner, die Erwerb und Grundbucheintrag unter fal-schen Namen durchführten. Die Häuser wiesen keine Beson-derheiten auf, meist handelte es sich um ein- bis zweigeschos- 98
    • sige Gebäude in etwas wohlhabenderen Wohngegenden miteiner von einem Tor versperrten Zufahrt. Manchmal gehörtenoch ein Hof oder ein Garten zum Grundstück. Die Häuserbefanden sich in Städten wie Culiacán, Mexicali, Tecate undGuadalajara, auch in der Hauptstadt besaß er für den NotfallVerstecke. Die Vielzahl der Immobilien sicherte ihm und sei-nen Männern eine Anonymität, die sie anderswo schwerlichgefunden hätten. Zudem dienten die Anwesen als Rückzugs-orte nach Operationen und als Verstecke für Waffen, Drogenund Geld. Normalerweise arbeiteten drei bis fünf Männer von einemdieser Häuser aus, mehr – so die Überlegung – würdenunwillkommene Aufmerksamkeit erregen. In den HäusernDutzende von Maschinenpistolen, Handgranaten und karton-weise Munition aufzubewahren, war nichts Ungewöhnliches.Chapos Männer trugen regelmäßig Tausende von Dollar undPeso mit sich herum, die zur Bestechung von Polizisten undGrenzbeamten verwendet wurden. Darüber hinaus eignete er sich auch in ganz Mexiko Ran-ches an, insbesondere in Sinaloa, Sonora, Chihuahua und Du-rango. Dort bauten die örtlichen Gomeros Opium und Mari-huana an. Manchmal bezahlte er für die Ranches, manchmalrequirierte er sie durch schiere Gewaltandrohung. Laut PGR liebte es Chapo, die Arbeit zu delegieren, damiter sich zurücklehnen und sein Geld genießen konnte, ohnesich allzu intensiv ums Tagesgeschäft zu kümmern. NeueMitarbeiter ließ er vor Ort anwerben. Ein lokaler Boss nahmden Bewerber in Augenschein und gab den Bericht an seinenVorgesetzten weiter. Chapo hielt sich im Hintergrund, nurwenige bekamen ihn persönlich zu Gesicht. Die Männer in Chapos »Zellen« waren meist an einem fes-ten Ort stationiert, wo sie die Vorgänge in einer fest umrisse-nen Gegend kontrollierten. Ihre wesentliche Aufgabe bestanddarin, Chapos Drogen in Empfang zu nehmen, sie zu bewa-chen und zum nächsten Glied in der Kette weiterzutranspor- 99
    • tieren. Natürlich waren alle bereit, auf Befehl ihres Bosses zutöten. Obwohl sie für Chapo arbeiteten, schien es, als besäßen siedie Freiheit, andere Geschäfte wie Autodiebstahl und denHandel mit gewöhnlicher Schmuggelware auf eigene Faust zubetreiben. Sofern sie damit keine Aufmerksamkeit erregten,hatten ihre Geschäfte Chapos Segen. Auch er betrieb inSinaloa eine paar Nebengeschäfte. Und solange sie ihm einengewissen Tribut zollten, konnten selbst Außenstehende dortihren Geschäften nachgehen. Sämtliche Aktivitäten – der Empfang von Drogen undGeld, die Transaktionen, ausstehende Zahlungen – wurdenbuchhalterisch festgehalten. Die »Feldagenten« wurden mitgefälschten Papieren ausgestattet (Pässe und Personalauswei-se) und, falls nötig, auch mit gepanzerten Fahrzeugen. Norma-lerweise kommunizierten sie über Walkie-Talkies, wie einstChapos Männer in der Sierra. Erst später kamen auch ver-stärkt Mobiltelefone zum Einsatz. Chapo bestach die Ange-stellten der Telefongesellschaften, um sicherzustellen, dassdie von seinen Männern benutzten Handys in keiner Daten-bank auftauchten. Jedes Mitglied seiner Organisation erhieltein Mobiltelefon – falls eine Operation es erforderte, konntenes auch bis zu drei sein – sowie einen Code, mit dem es sichidentifizieren konnte. Nach seiner Flucht aus dem Gefängnis fügte sich Chapodann problemlos ins Internetzeitalter ein. Er stellte einenBuchhalter an, der die gesamten Akten der Organisation digi-talisierte. Es heißt, er reise nie ohne sein Notebook und benut-ze E-Mails, um seine Befehle zu erteilen. Er richtete Chat-rooms ein, um Konferenzen abzuhalten, und zog den codier-ten Informations- und Datenaustausch übers Internet demMobilfunk vor. Heute surfen seine Männer in den Bergen vonSinaloa mobil im Netz, um das Neueste über ihren Boss her-auszufinden. 100
    • Die Gomeros in der Sierra allerdings benutzen noch immerüberwiegend Walkie-Talkies. Außerdem verständigen sie sichdurch Pfiffe und andere Geräusche, wenn sich Soldaten oderandere Eindringlinge nähern.129 Hinter der FassadeVon Beginn an legte Chapo Wert darauf, mobil zu bleiben.Wenn er außerhalb seines vertrauten Gebiets auf Reisen war,umgab er sich mit einer Entourage seiner besten Männer.Manchmal begleiteten ihn Dutzende bewaffneter Leibwäch-ter, und fast immer fuhr er im Konvoi. Er beschäftigte Chauf-feure, die eher absolut vertrauenswürdigen Bodyguards gli-chen. Mehrere davon standen über das ganze Land verteilt aufAbruf bereit. Gelegentlich benutzte er auch Verkleidungen, wobei erTarnungen als Priester oder als Armeeoffizier bevorzugte, dadiese Persönlichkeiten in Mexiko weitgehend unantastbar wa-ren und er deshalb, wenn er in Talar oder Uniform unterwegswar, nicht mit Schwierigkeiten zu rechnen brauchte.130 Unter diesen Verkleidungen, den Entouragen und den um-fangreichen Sicherheitsvorkehrungen existierte der wahreChapo. Der fühlte sich mit Baseballmütze und Jeans amwohlsten und hatte für die Goldketten und Designerklamottender anderen Narcos nichts übrig. Chapo – so heißt es – ist »reines Badiraguato«. Einer, der inden Bergen geboren und aufgewachsen ist. Die einzige Extra-vaganz, die er sich leistet, sind seine mit goldenen Intarsienverzierten Pistolen, in die seine Initialen J. G. L. eingraviertsind. Seine Stimme klingt ein wenig näselnd, jedoch nichthoch und kreischend, sondern eher wie ein sanfter Singsang,er spricht den ausgeprägten Dialekt der Sierra. Sein linkesAuge ist offenbar paralysiert, was ihm einen intensiven Blickverleiht, der sowohl freundlich als auch furchterregend wirkenkann. 101
    • Kurz nach seiner Ankunft in Puente Grande 1995 wurde erden Fotografen vorgeführt. Von den Wärtern bewacht, stander in Handschellen im Regen. Er trug eine Baseballmütze undeine graue Daunenjacke und lächelte in die Kameras. DerAusdruck auf seinem Gesicht sagte: Seht her, ich bin der, derhier den Ton angibt. Ich habe euch alle im Sack – Wärter,Presse, Regierung. Den Behörden zufolge muss Chapo grundsätzlich immerdas Sagen haben, es heißt, er besitze ein obsessives Bedürfnis,»sein Umfeld zu kontrollieren«. Trotzdem gilt er als selbstsi-cher, freundlich, höflich und zuvorkommend gegenüber de-nen, die mit ihm zu tun haben. Er ist geradeheraus und magschlicht erscheinen, doch in seinem Kopf sind ständig alleRädchen in Bewegung. Diejenigen, die ihn kennen, sagen, ersei außerordentlich scharfsinnig. Nicht nur Frauen gegenüber gilt er als Charmeur, als Mann,der im Ruf eines Verführers steht, egal ob es sich um einenDrogenhändler handelt, den er aus geschäftlichen Gründenum den Finger wickelt, oder um eine Frau, die er ins Bett be-kommen will. »Sein einnehmender Charakter gestattet es ihm,sein Gegenüber auf natürliche Weise zu überzeugen, das giltbesonders für diejenigen, die (…) ihn beschützen«, heißt es inden Unterlagen der Behörden. Dabei ist er lediglich 1,68 Meter groß. Die PGR behauptet,dies sei von klein auf ein Antriebsfaktor gewesen. Seine Zä-higkeit stamme aus einem unterschwelligen Minderwertig-keitsgefühl, das auf seine geringe Größe zurückzuführen seiund ihn dazu antreibe, sein Defizit mit »intellektueller Über-legenheit« und einem »unverhältnismäßigen Machthunger« zukompensieren. Seine kleine Statur hat noch einen anderen Vorzug; sie er-möglicht es ihm, auf dem Niveau seiner Angestellten zu blei-ben. Mit seiner näselnden Stimme, seinem kindlich-teufli-schen Grinsen und seiner volkstümlichen Art, sich zu kleiden, 102
    • wirkt er wie ein x-beliebiger kleiner Narco und nicht wie derOberboss mit dem Superego. Chapo hat Stil, dessen Wirkung er genau kalkuliert. Der Buchhalter Miguel Ángel Segoviano erinnert sich anseine erste Begegnung mit Chapo. Er war zu einer Party – dieGründung einer Scheinfirma mit Namen Servicios AéreosEjecutivos – zitiert worden, um dort den Drogenbaron zu tref-fen. Als Segoviano in den Raum kam, sah er, wie man einenanderen anschrie, den er für den Boss hielt. Segoviano misch-te sich ein: »Warum lässt du ihn nicht in Ruhe? Warum be-schimpfst du ihn?« Doch da packte ihn ein anderer Mann be-reits am Kragen und verfrachtete ihn nach oben. Segovianowar völlig durcheinander, er konnte sich nicht vorstellen, waser falsch gemacht haben sollte. Dann stellte sich heraus, dass der Mann, den er angefahrenhatte, Chapo selbst war. »Ich hätte nie gedacht, dass JoaquínGuzmán … nun ja, Joaquín Guzmán sah wie ein gewöhnli-cher Mensch aus, wie einer seiner Angestellten«, gab er spätervor einem US-Gericht zu Protokoll. Segoviano überlebte das Missgeschick und stieg innerhalbChapos Organisation auf, bis er schließlich gefasst wurde.131Chapo kann gut mit Menschen umgehen, sogar mit denen, dieauf der anderen Seite des Gesetzes stehen. José Antonio Orte-ga Sánchez, ein Anwalt aus Mexiko-Stadt, traf den Drogenba-ron im Jahr 2000 in Puente Grande, um im Auftrag der Bun-desregierung Chapos Aussage aufzunehmen. Das Treffen war für zehn Uhr vormittags angesetzt. OrtegaSánchez traf pünktlich ein und wurde nicht in eine der norma-lerweise für Anwälte und Besucher vorgesehenen Standard-boxen geführt, sondern in einen Raum innerhalb des Gefäng-nisses. Ortega Sánchez wartete und wartete. Ein Wärter betratden Raum und teilte ihm mit, Chapo verspäte sich. Die Zeiger 103
    • der Wanduhr rückten vor. Ortega Sánchez wartete weiter. Eheer sich versah, brach die Dämmerung herein. Von Chapo warweit und breit nichts zu sehen. Um 23 Uhr betrat der Drogenbaron schließlich den Raum.Er wirkte entspannt und gelassen. Er entschuldigte sich für dieVerspätung und streckte die Hand aus. »Schau, Licenciado«, sagte er und benutzte dabei die ge-bräuchliche mexikanische Anrede für Freiberufler. »Ich hatteintimen Besuch. Danach habe ich ein Bad genommen. Unddann habe ich noch ein kurzes Nickerchen gemacht, um frischund ausgeruht zu unserem Termin zu erscheinen.« Chapos Charme funktionierte auch bei Ortega Sánchez, derdie Tatsache ignorierte, dass man ihn fast zwölf Stunden langhatte warten lassen und er weitere fünf Stunden würde aushar-ren müssen, um die Aussage des Drogenbarons aufzunehmen. Während dieser Stunden wurde er Zeuge von Chapos er-staunlicher Selbstkontrolle. Der Anwalt und Chapo waren durch keine Glasscheibe ge-trennt, lediglich ein Tisch befand sich zwischen ihnen, auf denein Wärter eine Kanne Kaffee und Plätzchen gestellt hatte.Die einzige weitere Person im Raum war ein Staatsanwalt.Chapo war nicht gefesselt, niemand bewachte ihn, er war mitden beiden Anwälten allein. Ortega Sánchez erinnert sich, dass Chapo gelassen und gutgelaunt wirkte. Die Wachen, die Kaffee und Erfrischungenbrachten, behandelten ihn, als sei er ihr Chef. »Da konnte mansehen, welche Macht Chapo im Gefängnis ausübte«, bemerktder Anwalt. Zudem sei er von Chapos Intelligenz und Scharfsinn beein-druckt gewesen. Der Drogenbaron habe zwar den Dialekt derSierra gesprochen – und ihn etwa »Signor« statt »Señor« ge-nannt – und oberflächlich wie ein unbedeutender Gomerogewirkt, der in die Mühlen der Justiz geraten sei. Darunterverbarg sich jedoch eine wachsame Persönlichkeit, die jeder-zeit die Kontrolle über die Situation besaß. Chapo wusste zu 104
    • jedem Zeitpunkt der Vernehmung, worauf der Anwalt abziel-te. Er antizipierte die Fragen und reagierte wesentlich schnel-ler. Obwohl er es war, der befragt wurde, steuerte Chapo dieUnterhaltung. Ein einziges Mal während der fünfstündigenVernehmung ließ Chapo Anzeichen von Frustration erkennen.Ortega Sánchez hatte ihm eine Frage gestellt, die ChaposVerbrechen erhellen sollte, doch der reagierte schnell undsagte: »Wir sind nicht hier, um darüber zu reden.« Ansonsten war er die Ruhe selbst. »Er fühlte sich offen-sichtlich wohl in seiner Haut«, sagt Ortega Sánchez. »Er be-nahm sich, als habe er alles unter Kontrolle.« Und das hatte er. Stundenlang starrte Chapo dem Anwalt unverwandt in dieAugen und ließ dabei nicht einmal den Blick sinken oder ab-schweifen. Er blinzelte nur, wenn es absolut nötig war, undhielt auch dabei den Blick weiterhin auf sein Gegenüber ge-richtet. Es war, als wollte er den durchdringenden Fragen desAnwalts hohnsprechen. Auch wenn er log – oder zumindestfrüheren Aussagen widersprach –, sah er Ortega Sánchez di-rekt in die Augen. »Seine Augen«, erinnert sich der Anwalt und starrt michdabei selbst mit aufgerissenen Augen an, als wolle er denDrogenbaron imitieren, »seine Augen haben mich keine Se-kunde in Ruhe gelassen. Sie lebten. Sein Blick war extrem.«Nur wenige Menschen haben direkt in diese Augen gesehen,obwohl Chapo bis zu 150 000 Menschen für sich und seinDrogenimperium arbeiten ließ. Doch nur die wenigsten davonsind ihm persönlich begegnet, denn selbst in den Anfangsta-gen kommunizierte er nur selten direkt mit seinen Untergebe-nen. Er beschäftigte Voceros (Sprecher), die seine Befehleweitergaben, oder er ließ sie über Mittelsmänner den unterenEbenen seiner Organisation mitteilen.132 105
    • Der sechsunddreißigjährige Isaac Gastélum Rocher, gebo-ren und aufgewachsen in Culiacán, arbeitete für das Sinaloa-Kartell als Straßendealer. Seine braunen Augen flackern un-ruhig hin und her, auf seiner Stirn bilden sich Schweißperlen,doch dann ringt er sich dazu durch, seine Geschichte zu erzäh-len. Mit Mitte zwanzig begann er, gelegentlich »Hielo« zu rau-chen, wie das Methamphetamin im Norden Mexikos genanntwird. Binnen weniger Jahre nahm er es täglich, dazu kamenAlkohol, Kokain und Marihuana. Eines Tages sprachen ihneinige Bekannte an und fragten, ob er bereit sei, eine LadungDrogen nach Nogales an die Grenze zu Arizona zu transpor-tieren. »Wir wissen, dass du Geld brauchst«, sagten sie, »duhast Familie, du willst im Leben vorankommen.« Er war nichtabgeneigt und begleitete sie zu einem Haus in Culiacán. »Bistdu dabei oder nicht?«, fragte ihn ein junger Mann. Gastélum merkte, dass er bereits über beide Ohren mitdrinsteckte, und bekam es mit der Angst zu tun. Er fragte sie,ob sie es nicht eine Nummer kleiner hätten, dann wäre er da-bei. Sie gaben ihm acht Päckchen Methamphetamin, die er aufden Straßen von Culiacán und Navolato verkaufen sollte. »Ichschien ihnen vertrauenswürdig.« Wenn Gastélum spricht, sitzt er aufrecht, und sein Blickwandert beständig von links nach rechts und zurück. ZweiJahre lang blühte die Beziehung zu seinen neuen Arbeitge-bern, er hatte leichten Zugang zu Methamphetamin, da siehofften, er würde früher oder später Teil ihrer Organisationwerden wollen. Wenn die Junkies nichts kauften, stecktenseine Leute ihm Geldbündel zu, um ihn bei der Stange zu hal-ten. Doch dann hatte seine Glückssträhne ein Ende. EinesAbends fuhr er angetrunken zu einem Supermarkt in Navolatound wurde von der Polizei angehalten. Er wirkte verdächtigund wurde durchsucht. Die Beamten fanden hundert GrammMeth in seinen Taschen. 106
    • Die Polizei beschuldigte ihn, die Drogen im Auftrag desSinaloa-Kartells im neben dem Supermarkt gelegenen Ge-fängnis vertreiben zu wollen. Er wurde wegen eines »Delitoscontra la Salud« (»Vergehen gegen die Gesundheit«) – der inMexiko gebräuchlichen euphemistischen Sammelanklage beischweren Drogenvergehen – zu etwas mehr als zehn JahrenHaft verurteilt. Gastélum war nie jemandem begegnet, der in der Organisa-tionshierarchie höher stand als die Männer, die ihn angespro-chen hatten. Und ganz gewiss hatte er nie dem Boss in dieAugen gesehen.José Luis García Puga wuchs ebenfalls in Culiacán auf. DerNeunundzwanzigjährige besaß eine Pilotenlizenz, weshalb erbessere Chancen hatte als die anderen aus seinem Viertel. Alser erzählt, blinzelt er in die gleißende Mittagssonne und zap-pelt herum wie ein unruhiges Kind. Er hatte seine Fliegerkar-riere als Pilot für lokale Geschäftsleute begonnen, die er inandere Städte Sinaloas und der angrenzenden Staaten flog. Während er eines Tages auf dem Flughafen von Guamúchilmit seinem gemieteten Flugzeug auf den Weiterflug wartete,sprach ihn einer der Geschäftsmänner, die er regelmäßig flog,an. Ob er bereit sei, eine Ladung Marihuana nach Nogales zufliegen. Die Entscheidung fiel García Puga leicht. Man würde ihm15 000 Dollar bezahlen, nur damit er sein Flugzeug mit Mari-huana vollpackte und zu einem Flughafen im Norden flog, aufdem nur minimale Sicherheitsstandards existierten. Er würdenicht einmal die Grenze überqueren und auch sonst kein Risi-ko eingehen müssen. Mehrere Jahre lang transportierte er da-raufhin Drogen für das Kartell und wurde nie gefasst. Dannversuchten er und ein Freund, ein Flugzeug zu stehlen, das derPGR gehörte. Das Unternehmen ging schief, er zerstritt sich 107
    • mit seinem Freund und erschoss ihn in der Hitze des Gefechts.Er wurde zu zwölf Jahren Gefängnis verurteilt. García Puga wirkt gequält, wenn er erzählt. Er kannte dasRisiko. Während er sich in Einzelheiten ergeht, blinzelt ernervös und schlägt immer wieder mit der Faust auf den Tisch.Indem er seine Sünden beichtet, verrät er nicht nur seine Bos-se, sondern auch seine eigenen Überzeugungen. Er hofft, wie-der als legaler Pilot Fuß fassen zu können, wenn er aus demGefängnis entlassen wird. Doch nun ist er vorbestraft, und dieNarcos haben das Geld und die Macht. Er steht auf und gehtweg. Er hat nie jemanden getroffen, der in der Hierarchie desSinaloa-Kartells höher stand als der Mann, der ihn zu Beginnansprach.Jesús Manuel Beltrán Zepeda, alias »El Caballo«, und Gerar-do Maximiliano Coronel del Razo, alias »El Max«, wurden inCiudad Juárez gefasst. Sie hatten zweihundert KilogrammMarihuana, Uniformen, kugelsichere Westen, zwei Handfeu-erwaffen, eine Handgranate, Munition und jede Menge elekt-ronisches Equipment bei sich. Der PGR zufolge waren sieTeil einer neunköpfigen Zelle, die im Auftrag von Chapo ope-rierte. Ihren Boss haben sie nie zu Gesicht bekommen.Armando Guzmán Nares, Benjamín Dosal Rodríguez undLuis Carlos Villa Rosales wurden von Soldaten in einem Hausin einer heruntergekommenen Gegend in San Isidro, einemStadtteil von Ciudad Juárez, festgenommen. Die Armee stelltevier gestohlene Fahrzeuge, sieben Kilo Marihuana, 230Gramm Crack, acht Gewehre, drei Handfeuerwaffen und 1987Patronen unterschiedlichen Kalibers sicher. 108
    • Die Männer gehörten zu einer Zelle, die für Chapo arbeite-te, und sollten in dessen Auftrag Mitglieder einer Gang inCiudad Juárez ermorden. Den Militärs zufolge war die etwazehnköpfige Zelle für mindestens zwölf Exekutionen imGroßraum von Ciudad Juárez verantwortlich. Außerdem hattesie zumindest drei Häuser rivalisierender Gangmitglieder nie-dergebrannt. Auch diese Männer hatten ihren Boss nie zu Gesicht be-kommen. MeisterstrategeChapo war sich von Anfang an genau über seine Ziele – undwie er sie verwirklichen konnte – im Klaren. Laut PGR waren»Planung, Organisation, Verhandlungsgeschick und eine klareZukunftsvision« seine Stärken. Im Unterschied zu den anderen Capos, die an den ihnen zu-geteilten Knotenpunkten saßen, musste Chapo sich um dengesamten Transport von der Quelle bis zum Zielort kümmern.Um die Drogen aus den Bergen herauszutransportieren, kauf-ten und stahlen Chapos Männer alle Flugzeuge, derer sie hab-haft werden konnten. Manchmal klauten sie sogar Flugzeugeder Regierung. Sie versteckten ihre Ware in Lastwagen undbestachen die Fahrer, sie nach Norden mitzunehmen. AuchPkws kamen zum Einsatz, allerdings fassten die Verstecke imWagenboden nur einige Kilo Kokain, deshalb wurden dieDrogen manchmal in den Reifen untergebracht. Entlang der Küste richtete Chapo bis hinunter nach ChiapasUmschlagplätze ein, wo die Kolumbianer ihr Kokain anliefernkonnten, welches dann die Küste hinauf in die USA transpor-tiert wurde. Politiker, Polizisten und Strafverfolgungsbehör-den der Region wurden bestochen. Der PGR zufolge wollte Chapo »stets direkt für die Pla-nung seiner Operationen zuständig sein, um den Erfolg si-cherzustellen«. Dennoch war ihm bewusst, dass er nicht jeden 109
    • Deal selbst kontrollieren konnte, wenn er expandieren wollte.Deshalb kooperierte er in Mexiko mit alteingesessenen Bos-sen, denen er vertraute. Zudem beschäftigte Chapo ein Team von Anwälten, um anPolitiker, hochrangige Militärs und andere hohe Funktionäreund Beamte heranzutreten. In Oaxaca wurde Pedro Díaz Parada zu Chapos wichtig-stem Partner. Als regional respektiertem Kaziken, der vor Ortüber hervorragende Beziehungen verfügte, fiel es ihm nichtschwer, dafür zu sorgen, dass die Strafverfolger wegsahen,wenn das kolumbianische Kokain an der mexikanischen Süd-küste eintraf. Díaz Parada war unantastbar. Einmal war erwegen Drogenhandels zu dreiunddreißig Jahren Gefängnisverurteilt worden. Als er das Urteil hörte, wandte er sich anden Richter und sagte: »Ich werde freikommen, und du wirststerben.« Sechs Tage später war der Capo tatsächlich wieder frei. DieLeiche des Richters fand man von dreiunddreißig Kugelndurchsiebt und mit einem Zettel an der Brust: »Eine Kugel fürjedes Jahr.«133 In Guerrero, einem Bundesstaat mit einer langen, schwerkontrollierbaren Küste und einer ebenso langen Geschichtedes Drogenhandels, machte Chapo die Bekanntschaft vonRogaciano Alba Álvarez, einem Kaziken alter Schule, der dieverarmten Bauern der Umgebung mit harter Hand beherrsch-te. Er besaß die Protektion der PRI und war mit seinem Somb-rero und seinem Pistolengurt eine schillernde Figur. Wie DíazParada in Oaxaca war auch er unantastbar. Um seine Schmuggelrouten abzusichern, paktierte Chapo inden drei Staaten, die an der Westküste hinauf nach Sinaloaführen – Michoacán, Colima und Nayarit –, ebenfalls mit denlokalen Kaziken und Drogenbossen. Zudem sicherte er sichdie Unterstützung hoher Offiziere. Jalisco und natürlichSinaloa zählten von Anfang an zu seinem unangefochtenenEinflussgebiet. 134 110
    • Während die Arellano-Félix-Brüder mit Gewalt und Schre-cken herrschten und Carrillo Fuentes eher auf Diplomatiesetzte, schuf Chapo Allianzen und zog ein bis dahin nie ge-kanntes landesweites Netzwerk der Korruption auf. Chapo, ElGüero und El Mayo – im Grunde sein engster Vertrauter undseine Nummer zwei, aber dennoch ein eigenständiger Capo –ließen ihre Krakenarme durch die gesamte mexikanische Ge-sellschaft wuchern, genau wie El Padrino es sie gelehrt hatte.Chapo hatte El Padrino mindestens einmal im Gefängnis be-sucht, wo er auch den stellvertretenden Generalstaatsanwaltund einen hohen Offizier der Federales kennenlernte. Die bei-den sollten später seine Hauptkomplizen werden. Alle waren käuflich. Bei einer Gelegenheit wurde Chapooffenbar in Mexiko-Stadt festgenommen. Auf dem Präsidiumverlangte Chapo, den Polizeichef von Mexiko-Stadt zu spre-chen, und packte ihm einen Koffer auf den Schreibtisch. Da-rin befanden sich mindestens 50 000 Dollar in bar. Binnenweniger Minuten hatte Chapo das Polizeipräsidium verlassen. Ein anderes Mal erhielt der Polizeichef von Jalisco ein Ge-schenk über eine Million Dollar sowie fünf Geländewagen.Chapos Angebot: Der Polizeichef und seine Männer solltenwegsehen, wenn einige mit Kokain beladene Flugzeuge inJalisco landeten.135 Chapos Netzwerk der Korruption gestattete es ihm, im Hin-tergrund zu bleiben. Die DEA wusste kaum von seiner Exis-tenz; er schien »sich einfach einzuschleichen«, erinnert sichAgent Chavez. »Er hielt sich stets im Hintergrund und agiertemit der Unterstützung von El Mayo.« Auf dem US-Radar war Chapo das erste Mal 1987 aufge-taucht, als einige ins Zeugenschutzprogramm aufgenommeneKriminelle vor einem US-amerikanischen Gericht aussagten,er sei ein Boss ihrer Organisation. Ein Anklagepunkt, der inArizona erhoben wurde, behauptete, Chapo habe zwischendem 19. Oktober 1987 und dem 18. Mai 1990 geplant, 2000Kilogramm Marihuana und 4500 Kilogramm Kokain nach 111
    • Arizona und Kalifornien zu schmuggeln, und später versucht,die Einnahmen – 1,5 Millionen Dollar – zurück nach Sinaloazu schaffen.136 Laut einer anderen Anklageschrift soll Chapos Organisati-on fünfunddreißig Tonnen Kokain und eine »nicht spezifizier-te Menge Marihuana« innerhalb eines Zeitraums von drei Jah-ren in die USA eingeführt und erzielte Gewinne in Höhe von100 000 Dollar »den Kassen der Organisation in Mexiko«zugeführt haben. Die Schmuggelmethode war verblüffendeinfach: Das Kokain wurde in den doppelten Böden von zweiSattelschleppern versteckt, die die Drogen in einem Lager-haus in Arizona ablieferten. Von dort aus wurden sie von ih-ren US-amerikanischen Empfängern weiterverteilt.137 Dies waren die ersten offiziellen Erwähnungen, dass Chapoin etwas verwickelt sei. Parallel wurde den die mexikanischeSzene beobachtenden DEA-Agenten klar, dass er »erwach-sen« wurde. Er bewies seine Innovationsfähigheit und durftefortan nicht mehr unterschätzt werden.138 Tatsächlich hatte Chapo den Schmuggelkorridor zwischenTecate und San Luis Colorado übernommen, der nördlich vonSinaloa zwischen Tijuana und Ciudad Juárez verläuft.139 Wie die anderen Capos benutzte auch er überwiegend denLandweg, um seine Drogen über die Grenze zu schaffen. Inselteneren Fällen brachte er auch Kleinflugzeuge zum Einsatz.Damit wendete er eine weit verbreitete Strategie an: Indem siedie Drogenmengen relativ klein hielten, minimierten dieSchmuggler das Risiko, gefasst zu werden oder große Mengenzu verlieren. Die DEA-Agenten nannten es »die Salamitak-tik«, aber sie funktionierte.140 Dennoch war der Prozess langsam und aufwendig. Fahr-zeuge wurden an der Grenze angehalten, Flugzeuge liefenständig Gefahr, entdeckt zu werden. Die Caro-Quintero-Brüder wichen sogar auf Pferde und Lastenträger (häufig ille-gale Einwanderer) aus, um die Drogen durch die sich von San 112
    • Luis Colorado bis Agua Prieta erstreckende Wüste zu trans-portieren. 141 Aber Chapo entwickelte eine ungeahnte Kreativität. InTecate wurden 1400 Büchsen Jalapeños beschlagnahmt, die7,3 Tonnen Kokain enthielten. Wie sich herausstellte, hatteder Drogenzar ein Netzwerk in Los Angeles aufgebaut, überdas er die Drogen ins Land schleusen konnte. Die DEA nahmeinen gewissen José Reynoso González, einen Lebensmittel-händler aus Los Angeles, fest, dem – zusammen mit seinenBrüdern – die Lebensmittelmarken Cotija Cheese und TiaAnita gehörten und der zudem La-Comadre-Konserven ver-trieb, die die perfekte Tarnung für Chapos Koks abgaben.142 Außerdem schmuggelte Chapo das Kokain in Eisenbahn-waggons, die mit Olivenöl und – noch raffinierter – mit Ma-schendrahtrollen beladen waren, in deren Innern sich geheimePlexiglasbehälter befanden. Seine Männer bauten ein Netzvon Lagerhäusern auf, das von Kalifornien bis nach New Jer-sey reichte. Gelegentlich benutzte er sogar Öltanker.143 Doch all dies war nur die Spitze des Eisbergs. Chapo wolltemehr, und er wollte es schnell. Also ließ er Tunnel graben.Anfang Mai 1990 erhielten Agenten der US-Zollbehörde ander Grenze zwischen Arizona und Sonora einen Tipp überverdächtige Vorkommnisse in einem Lagerhaus in Douglas,Arizona. Die Agenten folgten von dort einem Lkw zu einerAnsiedlung von Farmhäusern und Scheunen ins mehr alseinhundertfünfzig Kilometer entfernte Queen Creek. Dortrichteten sie einen Beobachtungsposten ein. Während der ers-ten beiden Tage konnten sie mit Ausnahme einiger Blitze imInnern eines der Gebäude nichts Ungewöhnliches feststellen.Sie vermuteten, jemand benutze ein Schweißgerät oder einenSchneidbrenner. Immerhin fanden sie es verdächtig genug,sich einen Durchsuchungsbefehl zu besorgen. Am 11. Maidurchsuchten sie das Anwesen und entdeckten unter der Lade- 113
    • fläche eines der von ihnen verfolgten Lkws einen Hohlraum.In einem der Farmhäuser fanden sie 917 Kilogramm Kokain. Sechs Tage darauf durchstöberten sie – ausgerüstet mit ei-nem neuen Durchsuchungsbefehl – das Lagerhaus in Douglas.Sie hätten sich nicht träumen lassen, was sie dort fanden. Alssie das eiserne Kanalisationsgitter anhoben und mit demPresslufthammer eine als Betonplatte getarnte Falltür durch-schlugen, machten sie unter dem Schutt eine sensationelleEntdeckung: Sie waren auf Cocaine Alley gestoßen, einensiebzig Meter langen, mit Betonwänden verstärkten Tunnel,der vom Lagerhaus zum Anwesen von Chapos Anwalt inAgua Prieta auf der anderen Seite der Grenze führte. DerTunnel verfügte über eine Klimaanlage, elektrisches Lichtund eine Kanalisation, in der das Abwasser abfließen konnte.Um von Agua Prieta aus in den Tunnel zu gelangen, mussteman lediglich einen Wasserhahn außerhalb des Hauses auf-drehen, worauf ein hydraulisches System den Boden untereinem Billardtisch im Innern des Hauses anhob und den Zu-gang freigab. Sobald die Drogen mit Hilfe eines Flaschen-zugs, der als Aufzug fungierte, nach unten gelassen wurden,lud ein Arbeiter die Ware auf eine auf Schienen beweglicheLore, wie man sie aus dem Bergbau kennt. Diese brauchtedann nur noch unter der Grenze hindurch nach Arizona ge-schoben zu werden. Der Tunnel selbst war groß genug, dassauch ein kleiner Lkw hätte durchfahren können, und hatte anmehreren Stellen verborgene Lagerräume für Waffen, Bargeldund Drogen. Das Ganze war eine der intelligentestenSchmuggeloperationen, die die DEA je aufgedeckt hatte. Chapo hatte eigens einen Architekten beschäftigt, um denunterirdischen Komplex bauen zu lassen. Der Mann hießJesús Corona Verbera, und den Zeugen zufolge, die vor diver-sen US-Gerichten aussagten, entwickelte er sich schnell zueinem geschätzten und vertrauenswürdigen MitarbeiterChapos. Einer der Zeugen erklärte sogar, er habe Chapo mit 114
    • Du anreden dürfen, was ein für den Zeugen nie dagewesenesPrivileg darstellte. Corona Verbera und Chapo waren sich in mancher Hinsichtähnlich. Wenn sie sich mit einer Aufgabe konfrontiert sahen,wollten sie sie erledigt sehen und kümmerten sich persönlichdarum, dass die Richtigen dafür ausgesucht wurden. Beidevertrauten die Ausführung anderen an, stellten aber sicher,dass diese ohne Komplikationen ablief. Laut der Aussage von Ángel Martínez Martínez, den dieStaatsanwälte als Mitverschwörer einstuften, beaufsichtigteCorona Verbera jede Phase des Baus von Cocaine Alley. Erund Chapos Anwalt Francisco Rafael Camarena Macías dach-ten sich auch die ausgetüftelten Lügengeschichten aus, so-wohl beim Kauf der ungewöhnlichen Werkzeuge und Materi-alien als auch gegenüber den Arbeitern. Dem Bauunternehmer William Woods, der den Ausbau desLagerhauses in Douglas mitgestaltete, hatte man erklärt, dasGebäude würde als Anlaufstelle und Rastplatz für Sattel-schlepper benutzt, die aus Mexiko kämen. Einem anderenerzählte man, die Kolben und Pumpen seien für eine Tankstel-le in Guadalajara. Woods erinnert sich, dass Corona Verbera»während des gesamten Umbaus vor Ort war«. Der Mann, der von Chapo als »der Architekt« bezeichnetwurde, entwickelte sich zu einer Schlüsselfigur. Immerhin, sosoll der Drogenbaron gesagt haben, habe »er mir einen ver-dammt coolen Tunnel gebaut«. Trotz Chapos Einfallsreichtum und der Fähigkeiten seinesArchitekten gelang es den US-amerikanischen und mexikani-schen Behörden, Teile seiner Lieferungen abzufangen. Dochdiese Erfolge belegten nur die gewaltigen Mengen, die unent-deckt die Grenze passierten.144 Jeder Drogenfund demonstrierte zudem, wie clever Chapowar. So wurde schließlich auch ein Tunnel entdeckt, der voneinem Lagerhaus in Tijuana in zwanzig Meter Tiefe etwafünfhundert Meter weit auf kalifornisches Gebiet führte. Er 115
    • endete in einem weiteren Lagerhaus, das auf den Namen der-selben Brüder eingetragen war, die für Chapo bereits denKonservendosen-Schmuggel ausgeführt hatten. Die Behördensowohl in den USA als auch in Mexiko waren verblüfft. Zu-vor hatte man bestenfalls Tunnel entdeckt, die in fünf bis zehnMeter Tiefe unter der Grenze hindurch verliefen. CocaineAlley war demgegenüber schon beeindruckend gewesen, abersein kalifornisches Pendant sprengte alle Vorstellungen. Wiewar Chapo nur damit durchgekommen? Chapo war sicherlich jemand, der es verstand, unentdecktzu operieren. Aber er war auch gierig. Allem Anschein nachtrieb ihn sein Machthunger an, größere Risiken einzugehen alsseine Vorläufer und Konkurrenten. Er drehte von Anfang anein größeres Rad, um seine Ambitionen zu befriedigen.145 »Er denkt in großen Dimensionen«, urteilt ein DEA-Beamter über Chapos Gier. »Wenn er sich auf einen Dealeinlässt, reden wir sofort über enorme Mengen, dann geht esum Tonnen. «146 Der Einsatz von billigen, frei verfügbaren Arbeitskräftenwar eines seiner Geheimnisse. Seine Männer heuerten Land-arbeiterkolonnen an – diese »Levanton« genannten Aktionenwaren kaum verhüllte Entführungen – und ließen sie einigeWochen, manchmal sogar mehrere Monate in den Tunnelnarbeiten. Die Tunnelbauer lebten unter der Erde oder in La-gerhäusern nahe den Zugängen. Wenn die Arbeit getan war,ließ Chapo sie umbringen.147 Das habe es besonders schwierig gemacht, die Tunnel zuentdecken, erinnert sich ein DEA-Agent. Die Tunnel waren sogut verborgen, dass man sie nur auffinden konnte, wenn einInformant einen Hinweis lieferte. Doch die meisten waren tot,lange bevor die DEA ihnen auf die Spur kam. Da Chapo von Guadalajara aus operierte und die dortigeGesellschaft mied, schaffte er es, weniger Aufsehen zu erre-gen als die Narcos in Tijuana und Ciudad Juárez. Dennochweckten sein Ehrgeiz, seine tödliche Kompromisslosigkeit 116
    • und seine Gier nach noch umfassenderer Kontrolle des mexi-kanischen Drogenschmuggels den Argwohn seiner Konkur-renten. Zumal auch die Truppe in Tijuana »egoistisch« wurdeund expandieren wollte, wie es ein DEA-Agent formulierte.Tatsächlich hatte sich Tijuana zur bevorzugten Route der ko-lumbianischen Lieferanten entwickelt, und die Arellano-Félix-Brüder wollten von dieser neu gewonnenen Bedeutungprofitieren. Zudem wollten sie ihr Gebiet gegenüber Chapoverteidigen. Er und El Mayo waren für ihre Härte berüchtigtund gefürchtet. Auch weil sie die Einzigen waren, die es wag-ten, den Brüdern aus Tijuana Paroli zu bieten.148 Langsam, aber sicher machte Chapo sich auf ihrem Territo-rium breit. Er investierte mehr als eine Million Dollar in be-sagten Tunnel und kaufte überall in der Stadt Häuser auf, dieals Verstecke und Lager für Pistolen, Gewehre, Panzerfäuste,Nachtsichtgeräte und Bargeld dienten. Doch die Arellano-Félix-Brüder waren auch keine »Kindervon Traurigkeit, die sich scheuten, den Abzug zu betätigen«,wie es ein Polizeioffizier aus Tijuana ausdrückte. Sie setztenein Kopfgeld auf Chapo aus.149 Anfang 1992 Schlugen ihre Killer zum ersten Mal zu. EineGruppe von Mitgliedern der Calle-Treinta-Gang aus San Die-go ermordete sechs von Chapos Statthaltern in Tijuana. Siefolterten sie, um an Informationen heranzukommen, undschossen ihnen dann in den Hinterkopf. Die gefesselten undgeknebelten Leichen wurden auf einem Highway außerhalbder Grenzstadt abgeladen. Kurz darauf explodierte vor einem Haus, das Chapo in Cu-liacán nutzte, eine Bombe. Niemand wurde verletzt, dieNarcos waren nicht zu Hause. Doch die Botschaft war klar. Am 8. November 1992 Schlug Chapo zurück. Zwei der Arellano-Félix-Brüder, Francisco Javier undRamón, waren zu einem Kurzurlaub nach Puerto Vallarta,Jalisco, gefahren. Eines Abends besuchten sie die populäreDiskothek »Christine«. 117
    • Plötzlich sprangen fünfzehn von Chapos Männern, die Po-lizeiuniformen trugen, aus ihren Fahrzeugen, drängten dieTürsteher beiseite und stürmten den Club. Drinnen tanztenund vergnügten sich etwa dreihundert Leute. Stroboskoplich-ter flackerten, die Musik war ohrenbetäubend. Sie entdecktendie Brüder und deren Leibwächter im hinteren Teil der Disko-thek und fingen an zu schießen. Während die Bodyguards dasFeuer erwiderten, gelang es Francisco Javier und Ramón,durch die Hintertür zu entkommen und in ihren Fahrzeugen zufliehen. Drinnen ging die Schießerei weiter. Am Ende warensechs Personen tot, darunter unschuldige Besucher. Chapo hatte dem Tijuana-Kartell den Krieg erklärt. Es warder erste in der neuen Ära des mexikanischen Drogenhandels. Einige Tage später machte sich eine Killertruppe der Arel-lano-Félix-Brüder nach Guadalajara auf. Sie entdeckten einFahrzeug, in dem sie Chapo vermuteten, und eröffneten mitihren automatischen AK-47-Gewehren das Feuer. DochChapo entkam unverletzt. In den folgenden sechs Monaten setzten die Brüder allesdaran, Chapo zu erwischen. Da dieser jedoch in Guadalajarasowohl bestens vernetzt war als auch höchste Protektion ge-noss, gingen ihre Anstrengungen ins Leere. Ein Killerkom-mando nach dem anderen wurde losgeschickt – alle bliebenerfolglos. Mitte Mai 1993 Setzte sich Francisco Javier Arellano Félixselbst an die Spitze einer Killertruppe und flog nach Guadala-jara. Aber Chapo hatte alle nur erdenklichen Vorsichtsmaßnah-men ergriffen. Er benutzte diverse Zimmer im Holiday Innoder schlüpfte in einem seiner Verstecke unter. Dann wiedercheckte er in ein anderes Hotel ein. So war auch Francisco Javier kein Erfolg beschieden.Nachdem sie tagelang vergeblich versucht hatten, Chapo auf-zuspüren, entschlossen sie sich am 24. Mai, die Suche aufzu-geben. Francisco Javier checkte bereits für seinen Rückflug 118
    • nach Tijuana ein, als er hörte, dass Chapo sich auf dem Park-platz des Flughafens befinde, weil er am Nachmittag nachPuerto Vallarta fliegen wolle. Francisco Javiers Männer stürmten sofort nach draußen undschossen wild um sich. Eine andere Truppe schoss zurück. »Plötzlich brach die Hölle los, und der ganze Flughafenwar Schauplatz einer Schießerei«, erinnert sich ein DEA-Agent, der das Geschehen miterlebte. Francisco Javiers Män-ner entdeckten ein Fahrzeug, einen weißen Ford MercuryGrand Marquis, in dem sie Chapo vermuteten, da es sich umein Modell handelte, das gerne von Narcos benutzt wurde. Sierissen die Türen auf und feuerten ins Innere. Doch im Wagen befand sich nicht Chapo, der saß in einemdunkelgrünen Buick ganz in der Nähe. Im Mercury GrandMarquis befand sich Kardinal Juan Jesús Posadas Ocampo,der Erzbischof von Guadalajara. Inmitten des Getümmelsschlich Chapo sich davon, setzte sich in ein Taxi und fuhr zueinem sicheren Unterschlupf. Der Kardinal dagegen war tot,sein Körper von vierzehn Kugeln durchsiebt. Francisco Javier indes nahm seinen Platz in der erstenKlasse des Flugzeugs nach Tijuana ein. Direkt neben ihm saßJorge Hank Rhon.150 Das Flugzeug hob zwanzig Minuten spä-ter ab, und die Behörden gaben nie eine Erklärung ab, warumes eine Starterlaubnis erhalten hatte. So zumindest lautet die eine Version über die Ereignissedieses schicksalsträchtigen Tages. Einige Beamte innerhalbder PGR glauben, dass die Arellano-Félix-Brüder bereits imVorhinein wussten, dass Chapo am Flughafen sein würde. Sienehmen auch an, dass die Brüder die Farbe seines Wagenskannten. Deshalb wird vermutet, dass sie es auf den Kardinalabgesehen hatten – doch beweiskräftige Indizien gibt es dafürnicht. Einige Zeugen haben zudem ausgesagt, Benjamín Arel-lano Félix habe sich am Schauplatz der Schießerei befunden. Allerdings werden diese Erklärungen von anderen Ermitt-lern zurückgewiesen. Diese gehen davon aus, dass die Be- 119
    • hauptungen und Ermittlungen der PGR in die falsche Rich-tung zielen, möglicherweise wegen der Komplizenschaft derPGR mit Chapo selbst. »Lügen, alles Lügen«, schreit ein Beamter und deutet aufden PGR-Bericht über die Flughafen-Schießerei. »Man kannhier niemandem trauen – den Journalisten nicht, den Sekretä-rinnen nicht, den Kardinälen nicht. Das ist alles eine ganzgroße Scheiße. Die Wahrheit würde dich umbringen. Wennich dies jetzt offen sage, wird die PGR mich fertigmachen«,fährt er fort, »wenn ich das sage, werden sie mich auch fer-tigmachen. Die bringen mich um.« Dabei greift er sich an die Kehle, als wolle man ihn erwür-gen. Ein anderer ehemaliger Ermittler fragt sich ebenfalls, wiejemand zu dem Schluss kommen konnte, die Arellano-Félix-Killer könnten Chapos Wagen mit dem des Kardinals ver-wechselt haben. Denn offenbar war ihnen die Farbe vonChapos Wagen bekannt. »Wie konnten sie auf einen weißenWagen schießen, wenn Chapo sich in einem grünen befand?Wie kann so etwas passieren?« Chapos Flucht änderte selbstverständlich nichts am Verlaufdes Drogenkrieges, der Mord an Kardinal Posadas Ocampodagegen schon. Die Regierung war wegen des Todes einerangesehenen und hochrangigen religiösen Persönlichkeit au-ßer sich und ordnete an, alles zu unternehmen, um der Top-Narcos des Landes habhaft zu werden. Für Hinweise, die zueiner Verurteilung von Chapo und anderen Größen des Dro-gengeschäfts führten, setzte sie eine Belohnung von fünf Mil-lionen Dollar aus. Chapo floh nach Mexiko-Stadt und blieb zwei Tage dort.Er traf sich mit einem seiner Männer, dem er zweihundertMillionen Dollar überreichte, damit im Falle seiner Verhaf-tung für die Familie gesorgt war. Einem anderen gab er inetwa denselben Betrag, um sicherzustellen, dass seine Organi- 120
    • sation auch während einer kurzzeitigen Abwesenheit seiner-seits handlungsfähig war. Von einem weiteren Vertrauten ließ er sich daraufhin nachChiapas fahren. Dort und auf der anderen Seite der Grenze inGuatemala hatte er bereits vor einigen Monaten ein Netzwerkfür seine Drogengeschäfte aufgebaut. Deshalb konnte er beiseiner Ankunft problemlos Kontakt mit einem Oberstleutnantder guatemaltekischen Armee aufnehmen, dem er 1,2 Millio-nen Dollar für die Gewährleistung seiner Sicherheit zahlte.Dafür fanden Chapo und seine aus vier Männern und einerGeliebten bestehende Entourage in Guatemala sicheren Un-terschlupf. Chapo erhielt sogar einen falschen Pass und reistenun unter dem Namen Jorge Ramón Pérez.151 Am 31. Mai, also nur eine Woche nach der Schießerei amFlughafen von Guadalajara, erhielt die PGR den Hinweis,dass Chapo sich in Guatemala aufhalte. Soldaten und Feder-ales machten sich auf den Weg. Im Morgengrauen des 9. Juniumstellten guatemaltekische Truppen die Gegend, in der sieChapos Versteck vermuteten. Er wurde widerstandslos fest-genommen und am Mittag desselben Tages den mexikani-schen Behörden übergeben. Chapo war verraten worden.152 Allerdings bleibt unklar, weshalb Chapo 1993 So einfachfestgenommen werden konnte. Immerhin war zum damaligenZeitpunkt der Druck der USA und deren Einmischung in aus-ländische Anti-Drogen-Operationen an einem vorläufigenHöhepunkt angelangt. US-amerikanische Spezialeinheitenund das kolumbianische Militär zogen die Schlinge um PabloEscobar enger, der im Dezember 1993 Schließlich erschossenwurde. Der Informationsaustausch zwischen den zentral- undsüdamerikanischen Ländern, Mexiko und den USA funktio-nierte wie nie zuvor.153 Dies mochte erklären, weshalb dieGuatemalteken bereit gewesen waren, den Deal mit Chapo zuignorieren und ihn festzusetzen. Und die Mexikaner beeiltensich, ihren Erfolg der guten Kooperation zwischen den Län-dern zuzuschreiben. 121
    • Einmal in mexikanischer Hand, fing Chapo an zu reden.Seine kolumbianischen Partner saßen in Cali, nicht im vonEscobar beherrschten Medellín. Außerdem legte er das Aus-maß seines Korruptionsnetzwerks offen. Kurz nach ChaposVerhaftung wurde ein hochrangiger Beamter, den Chapo ge-nannt hatte, tot aufgefunden, ein anderer wurde festgenom-men. Aber vor allem plauderte Chapo über die Arellano-Félix-Brüder. 154 Wenn man den missglückten Anschlag auf Chapo als dasentscheidende Ereignis des Jahres 1993 betrachtet, so brachendaraufhin die Enthüllungen, die er gegenüber den Militärsüber die Arellano-Félix-Brüder machte, das unausgesproche-ne Schweigegelübde zwischen den Kartellen. Dieses gemein-same Band war damit für immer zerrissen. Die Brüder wurden zu Staatsfeinden Nummer eins ausgeru-fen. »Von dem Moment, in dem der Kardinal ermordet wor-den war, standen die Brüder gegen die Welt, gegen die ande-ren Kartelle, gegen die mexikanische Regierung, gegen dieUS-Regierung, gegen alle«, erinnert sich ein DEA-Agent, derdamals in San Diego stationiert war. Francisco Rafael Arellano Félix, der älteste der Brüder,wurde am 4. Dezember 1993 gefasst und in ein Hochsicher-heitsgefängnis überstellt. Die verbleibenden Brüder schlugenzurück, doch diesmal nicht mit Waffengewalt. Sie schriebeneinen Brief an den Papst, in dem sie ihre Version der Ereig-nisse in Guadalajara schilderten und behaupteten, ChaposKiller hätten den Kardinal für Ramón Arellano Félix gehalten.155 Die Auseinandersetzung zwischen Chapo und den Arella-no-Félix-Brüdern bildete den Auftakt zu einem Drogenkrieg,der schnell zu einem landesweiten Konflikt eskalierte, dersich ausnahm wie eine gigantische Version des KinofilmsGunfight at the O. K. Corral. 122
    • Der mexikanische Drogenhandel wurde nun nicht mehr voneinem eng verflochtenen und verschworenen Zirkel vonFreunden und Familienmitgliedern betrieben, die alle ur-sprünglich aus Sinaloa stammten; er entwickelte sich jetzt zueinem Krieg, in dem alle Mittel recht waren. Differenzenwurden nicht länger am Verhandlungstisch ausgeräumt – ob-wohl es noch gelegentlich versucht wurde –, sondern mitWaffengewalt ausgetragen. Kollaborationen mit den Behör-den, um ein rivalisierendes Kartell auszuschalten, waren ander Tagesordnung. Die großen Kartelle – Sinaloa, Tijuana,Juárez und das Golf-Kartell – heuerten neue Killerbanden an,die die Drecksarbeit für sie erledigten, und mussten daraufhinfeststellen, dass sich ihre eigenen Leute gegen sie wandten,um größeren Einfluss zu erlangen. Die mexikanische Drogenindustrie war kein kriminellesUnternehmen mehr, um Profite zu erzielen. Plötzlich ging esnur noch darum, zu töten oder getötet zu werden. Es entstandeine düstere, schlammige Welt des Misstrauens, in der dieFantasien blühten und das Geld zum letzten Maß der Dingeavancierte. Manchen Schätzungen zufolge sollen in Mexikobis zu vierzig Milliarden Dollar pro Jahr umgesetzt wordensein.156 Als das neue Jahrtausend anbrach, hatten die Mexikaner dieKolumbianer endgültig aus dem Rampenlicht verdrängt.Thomas Constantine beschrieb die mexikanischen Narcos als»bedeutende Kraft im internationalen organisierten Verbre-chen« und machte darauf aufmerksam, dass sie »den Drogen-handel entlang der gesamten US-mexikanischen Grenze sowiein zahlreichen US-Städten kontrollieren«.157 Zudem hatten die Ereignisse von 1993 zur Folge, dassChapo zum einen für seine Niedertracht berüchtigt wurde,aber auch einen fast mythischen Kultstatus erlangte, der ihnauf eine Stufe mit dem Narco-Heiligen Malverde stellte. Inden folgenden zwei Jahrzehnten sollte er diesen Status nachKräften ausbauen. Selbst im Gefängnis wuchs der Mythos, 123
    • weil immer neue Legenden entstanden, nach denen er im Ge-fängnis wie ein König lebte. Indes wurden entlang der Grenzeimmer wieder neue Tunnel entdeckt.158 Seine Flucht schließlich wurde immer dann erwähnt, wennjemand – egal ob Krimineller oder nicht – die mexikanischenBehörden verhöhnen oder beschämen wollte. War er vor 1993nur »ein Narco unter vielen« gewesen, wie es der erfahrenesinaloensische Journalist Ismael Bojórquez ausdrückte, soverwandelte ihn seine Flucht aus Puente Grande endgültig inden Medien-Narco, dem alle zu Füßen lagen.159 Und Chapo, der die Medien verachtete und für Publicitynichts übrighatte, schaffte es weiterhin, seinen Gegnern undKonkurrenten immer eine Nasenlänge voraus zu sein. »Dieser Typ ist einer der cleversten, die Mexiko je hervor-gebracht hat«, meinte José Luis Santiago Vasconcelos, einleitender Staatsanwalt der Abteilung Organisiertes Verbre-chen, kurz bevor er 2008 bei einem Flugzeugabsturz ums Le-ben kam, den viele Chapo zuschrieben. Zu den Opfern diesesAbsturzes zählte auch der mexikanische Innenminister. »Er steckt immer an den geheimsten Orten. Ist immer gutgeschützt. Er gibt sich als Mann des Volkes, der die Problemeder kleinen Leute versteht und ihnen Geld und andere Dingezukommen lässt. Aber man sollte ihn nicht wie einen Heldenbehandeln. An seinen Händen klebt das Blut zahlloser Opferund ihrer Familien.« 160 Doch diese Worte stießen bei Millionen von Mexikanernauf taube Ohren, weil sie Chapo weiterhin als modernen Ro-bin Hood romantisierten, dem es immer wieder gelang, eineRegierung zu übertölpeln, der sie misstrauten. Doch als im-mer mehr Blut floss und immer mehr Familien Opfer zu be-klagen hatten, wurden die Anstrengungen der Regierung,Chapo zur Strecke zu bringen, verbissener. Und auch seineGegner wollten bald nichts mehr als seinen Kopf. Die Schlin-ge um ihn zog sich von Tag zu Tag enger zu. 124
    • 6 Das Schicksal herausfordernSelbst als der Wolkenbruch einsetzte, konnte man die letztenNachtschwärmer, die von den Feiern zum Unabhängigkeitstagübrig geblieben waren, noch laut singend und Obszönitätenjohlend durch die Straßen von Badiraguato nach Hause wan-ken hören. Manche setzten sich auch betrunken hinters Steuerund fuhren in Schlangenlinien davon. Zur Erleichterung derStadtväter und der unbeteiligten Bewohner hatten die Feiern-den eine friedliche Party erlebt, bei der es keine Gewalttätig-keiten und nicht eine einzige Schießerei gegeben hatte. Zwar war gegen 21 Uhr am Rande der Plaza eine Hordeeinheimischer Narcos aufgetaucht, die zusammen mit denanderen Bewohnern Badiraguatos das Konzert der traditionel-len Bandas verfolgte, doch hatte sie keinen Ärger verursacht.Einige waren allenfalls junge Halbstarke, die sich so kleidetenwie die harten Jungs, zu denen sie einmal gehören wollten. Eine Gruppe von Müttern, die ebenfalls an der Plaza zu-sammenstand, verfolgte argwöhnisch, wie ein junger Narcodie Hand eines hübschen, vielleicht vierzehnjährigen Mäd-chens packte, das trotz seines Alters bereits Stilettos, ein rü-ckenfreies Top und ein kurzes Röckchen trug. Die langen Nä-gel waren sorgfältig lackiert, und der Glitter auf dem Gesichtder jungen Dame reflektierte das Licht der Scheinwerfer. Alsdie Brass-Band zu einem neuen Corrido ansetzte, zerrte derJunge seine Auserwählte auf die Tanzfläche, wo sich die bei-den langsam und unbeholfen bewegten. Normalerweise wäre der Anblick eines Möchtegern-Narcos, der eine aufgetakelte Lolita zum misstönenden Soundeiner Zirkuskapelle herumwirbelt, zwerchfellerschütterndkomisch. Doch in Badiraguato nimmt niemand daran Anstoß.Die Narcos mögen ihre Bandas, und sie mögen ihre kleinenMädchen. 125
    • So herrschte am 15. September 2009, dem mexikanischenUnabhängigkeitstag, in Badiraguato eine relativ friedlicheAtmosphäre. Im Jahr zuvor hingegen war die Lage mehr alsangespannt gewesen, Mord und Totschlag dominierten dasStadtgespräch. Alfredo »El Mochomo« (»die Feuerameise«)Beltrán Leyva und Chapo befanden sich im Krieg, und nie-mand wusste mehr, wer nun der Boss war. Doch ein Pakt zwi-schen den beiden Capos hatte für Ordnung gesorgt, und dieGewalttätigkeiten gingen zurück. Die Soldaten, die in den schäbigen Kasernen am Rande vonBadiraguato stationiert waren, schauten über die Mauern, umeinen Blick auf die Festivitäten zu erhaschen. Man hatte sienicht eingeladen, aber sie versuchten, so gut wie möglich amFest teilzuhaben. Einige der Einheimischen warfen den Solda-ten gehässige Blicke zu, und alle schwiegen, während sie anden Kasernenmauern entlanggingen. Erst als sie außer Hör-weite der Soldaten waren, nahmen sie ihre Unterhaltungenwieder auf. Die friedliche Atmosphäre in Badiraguato wirkte denn auchäußerst fragil. Die Sierra von Sinaloa ist heute nicht mehr das,was sie einmal war. Seit vielen Jahren ist sie ein »gezeichne-tes Gebiet«, wie die Einheimischen sagen. Das Militär ist om-nipräsent, aber die Narcos ebenfalls. Im Großen und Ganzenbemüht sich das Militär, Konflikte zu vermeiden, doch diesbedeutet nicht, dass die Narcos nicht ihre Konflikte unterei-nander austragen. Mord ist in Sinaloa etwas Alltägliches geworden; ein Auf-tragsmord ist bereits für fünfunddreißig Dollar zu haben. Und auch die Hände des Militärs sind blutbefleckt.161 Eines Abends befand sich eine Gruppe von Lehrern mit ih-ren Schülern nach einer Versammlung in einem nahe gelege-nen Dorf auf der Rückfahrt in das in den sinaloensischen Ber-gen gelegene La Joya de los Martínez. Gleichzeitig kehrteeine Einheit der Armee nach einem langen Tag, den sie mitdem Niederbrennen von Marihuanafeldern verbracht hatte, in 126
    • ihre Kaserne zurück. Als der Wagen der Lehrer den Konvoipassieren wollte, bedeuteten die Soldaten ihnen anzuhalten. Der Fahrer war überrascht und irritiert. Waren das wirklichSoldaten? Immerhin sind in diesem Teil des Landes Fahr-zeugüberfälle nichts Ungewöhnliches. Deshalb verringerte derFahrer nur das Tempo und fuhr langsam weiter. Der Wagennäherte sich den Soldaten. Die eröffneten sofort das Feuer.Ein Kugelhagel durchsiebte das Fahrzeug. Die neunzehnjährige Alice Esparza Parra war auf der Stelletot. Wie auch die fünfundzwanzigjährige Griselda Martínezund ihre Kinder, der siebenjährige Edwin, die vierjährigeGrisel und das zweijährige Mädchen Juana Diosminey.162 Bei anderer Gelegenheit waren vier Jugendliche ausBadiraguato auf dem Weg zu einer Party. Auf der Landstraßewurden sie hinter einer uneinsehbaren Kurve vom Militär an-gehalten. Die Lage war gespannt, es kam zu einem Wort-wechsel. Ein Schuss fiel, der Wagen wurde von Kugelndurchsiebt. Alle vier Insassen kamen ums Leben. Die Ermitt-lungen ergaben, dass die Soldaten falsch gehandelt hatten. ImWagen befand sich keine Waffe, und es gab keinerlei Indi-zien, dass aus dem Wageninnern ein Schuss abgefeuert wor-den war. Die Spannungen in Badiraguato nahmen zu. DieMenschen versammelten sich zu Protestkundgebungen, ein-mal organisierten sie eine lange Demonstration zum mehrereStunden Fußmarsch entfernten Sitz des Gouverneurs. 163 Omar Meza und seine Freunde erinnern sich an diesenschicksalsschweren Tag. Meza hatte zu einer traditionellenMelodie einen Corrido verfasst, den er am Grab vortrug.164Während er sang, ließen viele Menschen ihren Tränen freienLauf. 127
    • TRAGEDIA EN SANTIAGO DE LOS CABALLEROS Pueblo de Badiraguato la sangre vuelve a correr al cobrar las cuatro vidas sin poderse defender sus familiares y amigos aún no lo pueden creer. Iban con rumbo a una fiesta les salieron los soldados. Sin tener ningún motivo sus rifles les dispararon y cual sería su sorpresa que ellos venían desarmados. Sinaloa esta de luto por aquella situación La Joya de los Martínez ya vivió el mismo terror militares inconscientes más peligrosos que un león. Asesinos por error sería una simple incidencia son noticias publicadas por la radio y la prensa solo exigimos justicias asesinos sin conciencia. Ésta es tu despedida adiós Geovany mi amigo hoy Dios te ha llamado por que así quiso el destino no te vamos a olvidar 128
    • tu familia y tus amigos. Se acabaron las parrandas se acabaron las paseadas ya no vamos a llorar ni reír a carcajadas ya te quitaron la vida sin tener culpa de nada. Abuela madre y hermanos nunca olviden que los quiero y que los voy a proteger cuando me encuentre en el cielo voy seguir el camino de mi padre y de mi abuelo …TRAGÖDIE IN SANTIAGO DE LOS CABALLEROS Einwohner von Badiraguato. Wieder einmal ist Blut geflossen Und hat vier Menschen das Leben gekostet, Die sich nicht verteidigen konnten. Ihre Familien und Freunde wollen es Immer noch nicht glauben. Sie wollten nur auf ein Fest, Da stellten sich ihnen Soldaten in den Weg, Die ohne Anlass und ohne Grund Auf sie schossen. Wie überrascht waren sie, Dass die Jungen unbewaffnet waren. Sinaloa trägt Trauer Wegen dieses Vorfalls. La Joya de los Martínez 129
    • Hat schon denselben Schrecken durchlebt: Ignorante Militärs Sind gefährlicher als ein Löwe. Irrtümliche Mörder? Ist es nur ein Zufall? Aber die Geschehnisse werden bekannt, Kommen im Fernsehen und in der Zeitung. Wir fordern nur Gerechtigkeit! Ignorante Mörder! Dies ist dein Abschied: Adios Geovany, mein Freund, Heute ruft Gott dich zu sich, Denn so hat es das Schicksal gewollt. Wir werden dich nicht vergessen, Deine Familie und deine Freunde. Vorbei sind die Feste, vorbei die Ausflüge. Jetzt trauern wir und weinen, Das Lachen ist uns vergangen, Seit sie dir das Leben genommen haben, Ohne dass du irgendwas getan hättest. Großmutter, Mutter und Brüder, Vergesst nie, dass ich euch liebe Und beschütze. Wenn ich dann im Himmel bin,Folge ich meinem Vater und meinem Großvater … Text: Jorge Perez, Gesang: Omar Meza 130
    • Meza betrachtet sich wie viele andere Corrido-Sänger alsKommentator und Chronisten der gesellschaftlichen Verhält-nisse und Ereignisse. Er singt über das, was in seinem Umfeldgeschieht, was im Fernsehen und in der Presse Schlagzeilenmacht. Das schließt auch die neuesten Nachrichten über dasorganisierte Verbrechen ein. Die Narco-Corridos, wie dieseLieder genannt werden, sind in den vergangenen Jahren im-mer populärer geworden.165 Doch für die Los Canelos de Durango, Roberto Tapia, LosTigres del Norte, Los Tucanes de la Sierra und K-Paz de laSierra, um nur einige der Gruppen und Künstler zu nennen,die Narco-Corridos aufgenommen haben, birgt die öffentlicheAufführung solcher Stücke immer ein gewisses Risiko. DieNarcos selbst sind große Fans des Genres, und die Bands spie-len oft auf deren Privatpartys. Einige der Musiker haben sichentschlossen, das Leben, das sie besingen, auch zu leben; sietragen mit goldenen Intarsien verzierte Pistolen und gebärdensich wie Narcos. Und ein paar hat auch schon das Narco-Schicksal ereilt. Sergio Gómez, der Sänger der für einen Grammy nominier-ten Band K-Paz de la Sierra, wurde nach einem Auftritt inseinem Heimatstaat Michoacán entführt. Am nächsten Tagwurde er zusammengeschlagen, gefoltert und stranguliert auf-gefunden. Gómez und seine Bandmitglieder waren einemKartell auf die Füße getreten. Wenn man am falschen Ort dasfalsche Kartell unterstützt, kann das den Tod bedeuten.166 Einer der Narco-Corrido-Crooner, Valentín Elizalde, ris-kierte es auf dem Festival von Reynosa, Tamaulipas, im Kern-land des Golf-Kartells, ein Loblied auf Chapo zu singen. Erbeendete seinen Auftritt mit dem Song »A mis enemigos« 167,einem Stück über Chapo, der seinen Konkurrenten vom Golf-Kartell eine Nachricht zukommen lässt. Elizalde verließ die Bühne unter tosendem Beifall. Draußenwurde er von zwei Fahrzeugen verfolgt. Sie eröffneten das 131
    • Feuer und durchsiebten den Sänger mit achtundzwanzig Ku-geln. 168 Mehr als ein Dutzend für ihre Narco-Corridos bekannteMusiker wurden in den letzten Jahren ermordet. Und alleMorde trugen die Handschrift des organisierten Verbrechens. Chapo selbst ist ein großer Fan der Narco-Corridos. KeinWunder, existiert doch wenigstens ein halbes Dutzend Songs,die ihm zu Ehren geschrieben wurden.169 Zudem lud auch Chapo manchmal Musiker zu seinen Par-tys ein. Bei einer Gelegenheit trat ein Mann in Badiraguato an dieMitglieder von La Sombra Norteña heran und bot ihnen vier-tausend Dollar für einen Auftritt, zu dem sie mit einem Privat-flugzeug eingeflogen würden. Sie willigten ein und wurden ineine Stadt in den Bergen von Durango geflogen. Sie spieltenihr Set und wurden wieder zurückgebracht. Als sie wieder inBadiraguato eintrafen, wurden sie festgenommen. Sie hattenMarihuana und eine Handfeuerwaffe bei sich, doch die Be-hörden waren mehr an dem Mann interessiert, für den sie ge-spielt hatten: Chapo.170 Die Mitglieder von La Sombra Norteña konnten von Glücksagen, dass sie nicht wegen Verbindungen zum organisiertenVerbrechen angeklagt wurden. In den vergangenen Jahren hatdie Regierung Anstrengungen unternommen, Narco-Corridos,den Malverde-Kult und andere Formen der Narco-Verherrlichung zu bekämpfen. Einige Politiker haben ver-sucht, Narco-Corridos aus dem Rundfunk zu verbannen, ande-re verlangen sogar Freiheitsstrafen für die Texter und Kom-ponisten. Ein Song der Los Tucanes de Tijuana wurde tat-sächlich aus dem Rundfunk verbannt, weil er die Bemühun-gen der Regierung, den Drogenhandel zu bekämpfen, lächer-lich machte. Die Verurteilung der Narco-Corridos ist Teil einer Kam-pagne, mit der der – wie Politiker und Eltern sagen – »Narco-Kultur« in Mexiko Einhalt geboten werden soll.171 132
    • Yudit del Rincón, eine Abgeordnete im Parlament vonSinaloa, hat selbst miterlebt, welchen Einfluss die Narco-Kultur auf Kinder im Teenageralter haben kann. Es verstörtsie, dass ihr Sohn Narco-Corridos hört und Kleider oder ande-re Accessoires (Goldketten etc.) der Narcos tragen will. Sie vertritt zudem hartnäckig die Position, dass den Politi-kern ihres Bundesstaates Vorbildfunktion zukommt. Während einer Parlamentsdebatte über den Drogenhandelin Sinaloa schlug sie plötzlich vor, sie und ihre Abgeordne-tenkollegen sollten sich einem Drogentest unterziehen, umglaubhaft beweisen zu können, dass sie geeignet sind, die Öf-fentlichkeit zu repräsentieren. Sie erhielt großen Applaus fürihre Idee. Dann ließ sie die Katze aus dem Sack: Sie hattezwei Labortechniker mitgebracht und schlug vor, den Testgleich an Ort und Stelle zu machen. Die Abgeordneten rannten sich gegenseitig über den Hau-fen, um so schnell wie möglich aus dem Gebäude zu kom-men. 172 Die Narco-Kultur zu bekämpfen, stellt eine gewaltige Her-ausforderung dar. Sie erfasst mittlerweile fast alle Lebensbe-reiche, nicht nur Musik und Mode. Die Narcos stellen eineArt kriminelle Bruderschaft dar, wie nicht zuletzt durch ihreSpitznamen ersichtlich wird. Diese »Apodos« sind in der me-xikanischen Unterwelt nichts Ungewöhnliches. Viele bezie-hen sich auf das Äußere, wie etwa bei Chapo oder »ElBarbas« (»der Bärtige«), manche auf den Charakter. So ist»El Petardo« (»der Kanonenschlag«) bekannt für sein explo-sives Temperament. Wieder andere sind durchaus liebevollgemeint. So war Sandra Ávila Beltrán, alias »La Reina delPacífico« (»die Königin des Pazifiks«), eine hoch geachteteFrau, der es gelungen war, in der Männerwelt des Drogenhan-dels aufzusteigen, ehe sie am 28. September 2007 verhaftetwurde. El Padrino war ebenso ein Spitzname, in dem sich dieVerehrung der anderen ausdrückte. 133
    • Andere dagegen sind humorvoll gemeint, wobei damit oftdie Brutalität der gemeinten Person verniedlicht wird. »ElChuck Norris« etwa wurde verdächtigt, an verschiedenenExekutionen beteiligt gewesen zu sein und seine Opfer in ge-heimen Gräbern verscharrt zu haben. Ein anderer berüchtigterMenschenhändler, David Avendaño Ballina, war als »ElHamburguesa« (»der Hamburger«) bekannt, und eine Bandevon Kidnappern in Mexiko-Stadt trieb die Ironie auf die Spit-ze und nannte sich »Los Gotcha« (»erwischt«).173 Dead Men WalkingNoch vor einigen Jahren – als Chapo noch das allein gültigeGesetz und die Armee noch nicht angerückt war – herrschteunter der sinaloensischen Jugend so etwas wie Ordnung undDisziplin. »Wenn die Polizisten Chapo auf der Straße begeg-neten, nannten sie ihn ›Boss‹«, erinnert sich ein Einheimi-scher. Damals machte sich niemand Sorgen wegen der Narco-Kultur; Chapo hielt die Jugend im Zaum. So hatte beispielsweise eine Gruppe Jugendlicher einigeKanister Benzin aus einem Depot am Rande der Stadt gestoh-len. Die Polizei war machtlos, da sie in den Bergen keineHausdurchsuchungen vornehmen konnte; es wäre eine nutzlo-se, möglicherweise lebensbedrohliche Zeitverschwendunggewesen. Deshalb sorgte Chapo – oder »El Señor«, wie einigeihn verehrungsvoll nannten – dafür, dass seine Männer sichumhörten. Die Täter waren schnell gefunden, und ChaposMänner luden sie vor dem Polizeirevier ab. Als diverse Male die Gewalt in Badiraguato und Culiacánaußer Kontrolle zu geraten drohte, soll Chapo eingeschrittensein und mit den verfeindeten Parteien geredet haben. Beru-higt euch, soll er ihnen bedeutet haben, ihr erregt zu vielAufmerksamkeit. Wenn ihr nicht aufhört, werden wir für Ru-he sorgen. Er und El Mayo sollen in Culiacán sogar höchst-persönlich die Eltern junger Übeltäter aufgesucht haben. 134
    • Geschichten über Chapos Art, für Recht und Ordnung zusorgen, gibt es im Überfluss. Einige klingen wahr, andere weithergeholt.174 Einmal soll ein junger Mann aus Versehen den Wagen vonChapos Nichte gestohlen haben. Chapo schickte seine Schlä-ger aus, die dem Jungen die Hände abhackten.175 Doch heute, sagen die Einheimischen, sei alles anders. Dieblutigen Rivalitäten haben ihren Tribut gefordert, und die mi-litärische Präsenz in der Region hat die Spannungen nur nocherhöht. Schießereien sind an der Tagesordnung, und die jun-gen Narcos haben keinen Respekt vor dem Gesetz, manchewidersetzen sich sogar Chapos Befehlen. Ein zwölfjähriger Junge kommt herüber und zeigt auf eineKreuzung, die die Kirche von Badiraguato vom Bürgermeis-teramt trennt. »Da haben sie neulich einen kleinen Jungenerschossen«, sagt er bedrückt. Die Polizei hat keine Kontrolle mehr über die Situation.176 2006 wurde der stellvertretende Polizeichef von Badiragu-ato erschossen, offenbar, weil er es gewagt hatte, einen jungenNarco zu verhaften. Ein paar Monate darauf wurde das städti-sche Gefängnis von einer Killertruppe überfallen, die einender ihren befreien wollte. Die Polizei ließ sie widerstandslosziehen. David Díaz Cruz, der damalige Polizeichef, war sichbewusst, dass er wenig dagegen ausrichten konnte; er hattenicht einmal genügend Macht, um sich um kleinere Fische zukümmern. »Selbst wenn ich sie im Verdacht habe, dass sie im Ladenan der Ecke Drogen verkaufen«, sagt er, »kann ich nicht ge-gen sie ermitteln.«177 Die Narcos, besonders solche wie Chapo, werden immernoch von vielen bewundert, und sei es nur aus Furcht. Außer-dem gibt es in Culiacán ein Sprichwort, das besagt: »Besserfünf Jahre wie ein König (Rey) leben als ein Leben lang wieein Ochse (Buey).« 135
    • Und die Jugend von Sinaloa lebt in der Tat nach diesemMotto.178 Sinaloa nimmt in der mexikanischen Statistik der vonMännern zwischen achtzehn und neunundzwanzig begange-nen Morde regelmäßig den ersten Platz ein. Die Polizei des Bundesstaates nimmt es zur Kenntnis, mehraber auch nicht. Ähnlich wie die Regierung, die den Drogen-konsum beständig mit »dem Bösen« assoziiert, versucht auchSinaloas Polizeichefin Josefina de Jesús García Ruíz seit ih-rem Amtsantritt, eine moralische Position zu verfechten. García Ruíz betont, dass Kinder und Jugendliche geordneteVerhältnisse und Familienwerte bräuchten, wenn man verhin-dern wolle, dass sie dem Drogenhandel anheimfielen. Siewirkt ernst und entschlossen, ein bisschen wie eine Lehrerin:»Die jungen Leute hier wollen alle wie Chapo sein. Er hatdas, was zählt, denken sie. Geld, Macht, Frauen, Waffen.Aber diese Haltung müssen wir ändern. Wir müssen unsereKinder lieben und fördern, nicht missbrauchen und schlagen,damit sie nicht anfangen, das Leben zu hassen.« Die Todesrate spricht nicht gerade für ihre Position, dieMehrheit der jungen Menschen scheint sehenden Auges denTod anzusteuern. In Sinaloa sind Drogen die einzige Mög-lichkeit, Erfolg zu haben. Und mit einer Regierung, die sichwenig darum kümmert, und einer Wirtschaft, die kaum je-mandem eine Chance eröffnet, ist es kein Wunder, dass dieälteren Narcos die am meisten respektierten Stützen der Ge-sellschaft darstellen. Während die Politiker sich großzügig ausder Staatskasse bedienen und ihren Versprechen über eineVerbesserung des Bildungs- und Gesundheitswesens keineTaten folgen lassen, haben die sinaloensischen Narcos Schu-len und Krankenhäuser gestiftet sowie Kirchen und sogar Pri-vatfamilien finanziell unterstützt. Die Einheimischen fühlensich deshalb verpflichtet.179 Eine Gruppe von Teenagern sitzt vor einem Schuhladen inder Nähe des Marktplatzes von Badiraguato und überlegt, ob 136
    • sie über diese offensichtliche Ironie offen sprechen sollen.Auf ihren Stirnen bilden sich Schweißperlen, fieberhaft grü-beln sie, was sie sagen könnten. Zögernd fragt ein Mädchen:»Werden die mich umbringen, wenn ich rede?« Ihr Freund, José de Jesús Landell García, ist bereit, das Ri-siko auf sich zu nehmen. »Die Drogenhändler tun Gutes. Siegeben den Menschen Arbeit. Hier gibt es kein Getreide, keineBohnen, die Leute hier leben nur von den Drogen«, erklärt derZweiundzwanzigjährige, der zusammen mit seinem Vater denSchuhladen betreibt. Und fügt hinzu, dass er der Narco-Kulturgegenüber durchaus gemischte Gefühle hegt. Während er dasGlück hatte, im Geschäft seines Vaters Arbeit zu finden, hät-ten die meisten seiner Freunde sich den Kartellen angeschlos-sen, weil »es die einzige Möglichkeit ist, Geld zu verdienen«. »Einerseits bin ich nicht gegen die Narcos. Aber sie tragenauch die Verantwortung für die ganze Gewalt. Ich wünschtemir, es gäbe hier andere Beschäftigungsmöglichkeiten … DieDrogenhändler haben Geld, sie schaffen Jobs und helfen denLeuten.« Seine Freundin Gladys Elizabeth López Villarreal tritt so-gar noch vehementer für die Narcos ein. »Leute wie Chaposind gute Menschen. Wir bewundern sie. Sie helfen uns, undansonsten tun sie, was sie tun müssen«, meint sie und beziehtsich dabei auf die Art und Weise der Drogendealer, mit derKonkurrenz und den Vertretern des Gesetzes umzuspringen.180 Die Kultur des Verbrechens ist nicht nur tief in dersinaloensischen Gesellschaft verwurzelt, sie scheint auch allenanderen Optionen überlegen zu sein. »Was kann ein Jugendlicher in Culiacán schon machen?«,fragt der Historiker Martín Amaral und hebt verzweifelt dieArme. »Im Wal-Mart arbeiten? Studieren? Oder sich denNarcos anschließen? Er hat hier keinerlei Aufstiegschancen.Deshalb ist es offensichtlich für einen Jungen die bessereWahl, das Schicksal, das ihn zu Armut verdammt, herauszu- 137
    • fordern und ein Narco zu werden. Ich verurteile das nicht. Ichkann es verstehen.«181 Der durchschnittliche junge sinaloensische Narco überlebtheute im Durchschnitt dreieinhalb Jahre im Geschäft. Dannlandet er im Gefängnis oder wird ermordet.182 Unter den TotenAm Rande von Culiacán kann man inmitten eines Hains dieMausoleen der Jardines del Humaya erkennen, den berühm-testen Narco-Friedhof der Region. Die Mausoleen sindprachtvoll, manche haben farbenfrohe Kuppeln, Buntglasfens-ter oder Glastüren, die ungebetene Besucher fernhalten sollen.Im Innern finden sich oft Ballons, Kerzen und Grabgaben, dievon den Hinterbliebenen dargebracht wurden. Andere Gräbersind mit einer Fülle von Blumen geschmückt. In einiger Entfernung bereiten die Totengräber die nächsteRuhestätte vor. Einige, die hier beerdigt wurden, sind über die Region hin-aus bekannt.183 Vor einigen Jahren machte sich El GüerosFrau, Guadalupe Laija, mit einem Konkurrenten aus Venezue-la davon, der gerüchteweise für den Arellano-Félix-Klan ar-beitete. Dieser verlangte dann von Laija, sie solle sieben Mil-lionen Dollar von El Güeros Konten abheben. Nachdem sieihren Zweck erfüllt hatte, wurde sie ermordet und enthauptet.Der Venezolaner schickte El Güero ihren Kopf in einer Kühl-box nach Culiacán. Dann entführte er ihre beiden Söhne nachVenezuela, wo er sie von einer Brücke warf.184 Eine Freske von Laija und den beiden Jungen ziert die De-cke ihres Mausoleums. Ihre ruhig-heiteren Gesichter schauenauf die Stelle herab, wo El Güero einst seine letzte Ruhestättefinden wird. Die Enthauptung Laijas war die erste, die im Umfeld desmexikanischen Drogengeschäfts offenkundig wurde. Inzwi- 138
    • schen liegen Dutzende enthaupteter Opfer in den Jardines delHumaya. Die Familie Velazquez Uriarte war nicht so bekannt wie ElGüero. Velazquez Uriarte und sein junger Sohn starben beieiner Schießerei. Im Innern des Mausoleums finden sichSpielsachen und Ballons, die Gratulanten am Geburtstag desKindes gebracht haben. Für die Architektur des Mausoleumshat offenbar Batman Pate gestanden, die Außenwände sindschwarzgrau gestrichen, das Emblem des »Dunklen Ritters«ziert das Dach.185 Auf einem anderen Grab hat ein unbekannter Narco eineInschrift für seine Freundin hinterlassen: »Wie schwer es fälltzu akzeptieren, dass du nicht mehr unter uns weilst, wieschwer es fällt, ohne deine Stimme, dein Lachen zu leben, wieschwer es fällt, dich nicht berühren zu können, dich nicht um-armen zu können, wie schwer es fällt, ohne dich zu leben.« In den Jardines del Humaya sind Hunderte Narcos begra-ben. Tausende andere liegen in Massengräbern, die überall inSinaloa und in ganz Mexiko verstreut sind. Iván Vázquez Benítez wurde im Alter von sechsunddreißigJahren von einer Kleingangster niedergeschossen, als er einesSamstagmorgens von der Arbeit nach Hause fuhr. Die Leichen von Omar Osuna, zweiunddreißig, Víctor Ma-nuel Castillo Villela, sechsundzwanzig, und David LópezRuiz, vierunddreißig, wurden im Francisco-I.-Madero-Viertelder sinaloensischen Hafenstadt Mazatlán gefunden. Man hatteihnen die Köpfe abgeschlagen und sie in eine große Kühlboxgepackt. Iván López Toledo war aus einer Diskothek entführt wor-den. Zwei Tage später fand die Polizei eine Hand und einenUnterarm sowie einen Schweinekopf. Später am Tag fandman die Beine eines jungen Mannes und noch einen Schwei-nekopf. Man nimmt an, dass die Körperteile von López Tole-do stammen. 139
    • Ein junger Mann, der die Uniform eines Umzugsunterneh-mens trug, wurde an einem Dienstagabend um 19:35 Uhr voreiner Autowerkstatt am Lomas Boulevard in Culiacán nieder-geschossen. Eine der vier Kugeln, die ihn erwischt hatten, warin den Kopf eingedrungen.186 Viele Opfer des Drogenkrieges werden nie identifiziertoder nicht von Verwandten abgeholt, um sie zu beerdigen.Die Forensiker listen sie unter dem Kürzel »NN – no nombre«… »kein Name«.187 7 Der GeneralGeneral Noé Sandoval Alcázar saß in seinem Büro in der Ka-serne am Rande von Culiacán und blätterte einen Stapel Pa-piere durch. Es war Sommer 2008. Schon über ein halbes Jahr– seit er am 14. Dezember 2007 das Oberkommando über die»Operation Sierra Madre« und die »Joint Operation Culiacán-Navolato« übernommen hatte – kämpfte er in Sinaloa an derFront des Drogenkrieges. Als Kommandeur des 9. Militärbe-reichs befehligte er die Anti-Drogen-Operationen in den Ber-gen von Sinaloa – und die Jagd nach Chapo. Doch in diesem Moment wurde der Suche nach Chaponicht oberste Priorität eingeräumt. Natürlich arbeiteten Gene-ral Sandoval und seine Männer daran, Chapo zu fassen, aberdie Drogengewalt in Sinaloa hatte solch extreme Dimensionenangenommen, dass für den General die rasant ansteigendeMordrate und der Versuch, für Ruhe zu sorgen, Vorrang hat-ten. Allein im Juni waren 143 Morde verzeichnet worden. »Wir versuchen einfach, sie ins Gefängnis zu stecken. Siebringen sich gegenseitig um und schlagen einander die Köpfeab. Neulich hat man einen enthaupteten Drogenhändler ge- 140
    • funden, und da, wo sein Schädel hätte sein sollen, befand sichein Schweinekopf.« Ohne großen Stolz trug der General die Liste seiner Erfolgein Sinaloa vor: »In den vergangenen achtzehn Monaten hat›Operation Sierra‹ folgende Erfolge gezeitigt: 97633Marihuanafelder und 31296 Opiumfelder sind zerstört wor-den, 418 Landebahnen wurden abgeriegelt und 250 Flugzeugebeschlagnahmt. 910 Personen wurden wegen Drogendeliktenfestgenommen, 1099 Waffen sichergestellt.« Der General schaute auf, unsicher, ob er fortfahren solle.Einer seiner Leutnants nickte ihm zu. »Die Armee hat mehr als zwölf Millionen Dollar in Schei-nen beschlagnahmt …« Der General wirkte erschöpft. Mittlerweile zweiundsechzigJahre alt, kämpfte er nun schon seit zweiundvierzig Jahren imDrogenkrieg. In dieser Zeit hatte er seinen Truppen befohlen,korrupte Polizeieinheiten aus dem Verkehr zu ziehen, er hatteRazzien in Drogenlagerhäusern angeordnet und die Vernich-tung von Hunderten von Marihuana- und Opiumplantagenüberwacht. Und er hatte immer wieder mit ansehen müssen,wie alles von vorne begann.188 Mexikos Militärs wurden schon in den dreißiger Jahren inihren ersten Drogenkrieg verwickelt, als man Soldaten anfor-derte, um Marihuana- und Opiumfelder in Sinaloa und ande-ren Teilen des Landes zu zerstören. Damals nahmen nur vier-hundert Soldaten an der Operation teil, doch in den folgendenJahrzehnten sollte es immer wieder zu ähnlichen Aktionenkommen. In den sechziger Jahren lieferten die USA zusätzli-che Unterstützung. Die Mexikaner erhielten Flugzeuge, Hub-schrauber, Jeeps und Waffen. Doch der einzig nennenswerte Effekt auf den Drogenhandelwar, dass die Gomeros von nun an ihre Pflanzungen besserverbargen. Seitdem lag die Zahl der an der Drogenfront ein-gesetzten Soldaten konstant bei zehntausend Mann.189 DerDrogenhandel in Mexiko dagegen nahm immer weiter zu. 141
    • Immerhin hatten die Militärs einige beeindruckende Siegeerrungen, wie etwa die Erstürmung der Rancho El Búfalo inChihuahua. Aber sie hatten auch bittere Niederlagen einste-cken müssen. 1996 hatte sich ein General namens José Gutiérrez Rebolloan die Spitze der mexikanischen Drogenbekämpfung gesetzt.Er war ein ehemaliges Mitglied der Präsidentengarde, galt alserbarmungsloser Kommandant und hatte sich dadurch bereitsvor seiner Ernennung einen Namen gemacht. Unter anderemhatte er mit dafür gesorgt, dass El Güero nach seiner Bruch-landung in den Bergen von Guadalajara festgenommen wer-den konnte. General Gutiérrez Rebollo hatte ohne zu zögernund unter strenger Geheimhaltung zweihundert Soldaten zudem Haus entsandt, in dem El Güero sich versteckt hatte, undihn sowie dreiunddreißig Polizisten (die auf El Güeros Lohn-liste standen) festgenommen, ohne dass ein Schuss abgefeuertwurde. Er war zweiundsechzig Jahre alt, als man ihn auf seinenPosten befördert hatte, und sein amerikanisches Pendant, Ge-neral Barry R. McCaffrey, ließ sofort verlauten, GutiérrezRebollo stehe im Ruf »absoluter Integrität«. »Er ist ein starkerFührer, eindeutig ein hochkonzentrierter Mann voller Ener-gie.«190 Knapp sechs Monate später wurde er in Mexiko-Stadt fest-genommen und schließlich wegen seiner Verbindungen zumJuárez-Kartell zu einundsiebzig Jahren Gefängnis verurteilt. Die DEA und die Offiziellen in Washington, allen voranMcCaffrey, waren außer sich. Sie hatten Gutiérrez Rebollomit hochbrisanten Informationen versorgt, die zur Festnahmebekannter Drogenhändler führten, derweil der General hinterihrem Rücken mit dem Juárez-Kartell gemeinsame Sachemachte. Im Zuge dieser Ermittlungen wurden noch weitere Militär-angehörige verhaftet, dennoch sind die mexikanischen Streit-kräfte bis zum heutigen Tag die am meisten respektierte Insti- 142
    • tution des Landes. Regelmäßig wird, wenn Not am Mann ist,nach dem Militär gerufen – es hat sich bei Hurrikan- und an-deren Naturkatastrophen im Einsatz bewährt und führt nochimmer einen zähen und verbissenen Krieg gegen die Drogen-Kartelle.191 Im Sommer 2008 gab es keine Anzeichen, dass dieserKrieg nachlassen würde. Die US-mexikanische Kooperationbefand sich – laut DEA – auf dem absoluten Höhepunkt.Nachrichtendienstliche Erkenntnisse wurden an Personen wieGeneral Sandoval in Sinaloa weitergeleitet, und diese nutztendie Informationen und handelten. Die Karte an der Wand seines Büros war wie eine Voodoo-Puppe dicht mit Stecknadeln unterschiedlichster Farbe be-stückt. Nur dass diese spezielle Puppe nicht totzukriegen war.Die roten Pins bezeichneten größere Beschlagnahmungen undZerstörungen von Marihuana- und Opiumfeldern, geheimenLandebahnen und Ranches. Die blauen, grünen und gelbenbezeichneten mögliche Ziele, die noch nicht attackiert wordenwaren. Die roten waren eindeutig in der Minderheit, und derGeneral räumte das unumwunden ein. »Wir haben eine Menge zu tun«, murmelte er und blätterteeinen weiteren Aktenstapel durch. General Sandoval war nicht der erste hochrangige Militär-vertreter, der es auf Chapo und den Drogenhandel in Sinaloaabgesehen hatte.192 Anfang 2004 hatte die Armee schon einmal zugeschlagen.Sie hatte die Information erhalten, Chapo und El Mayo hättensoeben eine gewaltige Party in La Tuna veranstaltet und be-fänden sich auf dem Rückweg nach Tamazula, Durango. DieFahrt würde angesichts des Zustands der unbefestigten PistenStunden dauern, und die Luftwaffe sollte in der Lage sein, siezu stellen. Nachdem sie ihr Ziel geortet hatten, besetzten Helikopterdie Ranch, auf der Chapo und seine Komplizen anscheinendRast machten. »Was ist hier los?«, soll ein geschockter Chapo 143
    • gebrüllt haben, ehe er sich mit seinen Leibwächtern zu Fußdavonmachte. Die Soldaten sprangen aus ihren Helikoptern und triebendie Angestellten der Ranch zusammen. Doch als sie mit dergründlichen Durchsuchung der Gegend begannen, warenChapo und seine Männer längst verschwunden. Polizisten, dieseinerzeit von den lokalen Journalisten befragt worden waren,ließen durchblicken, die Aktion habe nicht wirklich zum Zielgehabt, Chapo zu verhaften, sondern ihn lediglich zu erschre-cken. 193 Nachdem man nach monatelangen AbhörbemühungenChapos Stimme in einem Satellitentelefongespräch identifi-ziert hatte, stürmten im November desselben Jahres zweihun-dert Soldaten eine weitere Ranch in den Bergen unmittelbarnördlich von La Tuna. Sie verpassten ihn um kaum zehn Minuten. Auf der Ranchfanden sie neben anderen Beweismitteln auch Notebooks, dieaktuelle Fotos des Drogenbarons enthielten, der inzwischeneinen Schnurrbart trug und seit seiner Flucht aus dem Ge-fängnis gut fünfzehn Kilo zugelegt haben dürfte. Vor Wutschäumend, weil sie ihn so knapp verfehlt hatten, fackeltendie Soldaten zwei Fahrzeuge ab und zerstörten die Ranch. Die Offiziellen machten das Netzwerk von Informanten,das Chapo in der Gegend unterhielt, für dessen Flucht ver-antwortlich, doch Kritiker der Regierung sahen in dem miss-glückten Versuch den Beleg dafür, dass niemand ernsthafteAnstalten machte, Chapo zu fassen. Sie würden allesamt nurden Anschein erwecken, meinten die Skeptiker. »Die einzige Erklärung ist, dass er gewarnt wurde, undzwar von denselben Leuten, die ihn eigentlich verhaften sol-len«, erklärte Fernando Guzmán Pérez Peláez, ein Kongress-abgeordneter, der einem Ausschuss für Nationale Sicherheitdes mexikanischen Parlaments vorsaß.194 144
    • Eddys Obsession195General Sandovals Vorgänger, General Rolando Eugenio Hi-dalgo Eddy, übernahm das Kommando über den 9. Militärbe-reich in den letzten Tagen der Fox-Administration, die be-kanntlich durch Chapos Flucht schwer gedemütigt wordenwar. Deshalb schwor General Hidalgo Eddy – oder schlichtGeneral Eddy, wie ihn die Einheimischen bald despektierlichnannten –, als er im Januar 2006 nach Culiacán kam, denMann, der für diese Schande verantwortlich war, zur Streckezu bringen. General Eddy war ein altgedienter Veteran. Er war Jahr-gang 1945 und galt als Mann der Tat, der oft aggressive Ent-scheidungen fällte. Manche nannten ihn sogar tollkühn, einerseiner Kollegen beschrieb ihn einmal als »oberflächlich in derEntscheidungsfindung, leichtfertig, ein Mann, der die Folgenseines Handelns nicht bedenkt«. Manchmal trafen seine Entscheidungen aber auch insSchwarze. Etwa als er die Spezialeinheit unterstützte, die inKooperation mit dem DEA-Agenten Kiki Camarena die Ran-cho El Búfalo stürmte. Zudem hatten Eddys Männer heraus-gefunden, dass Angehörige des mexikanischen Militärs dietausend Hektar große Marihuanaplantage bewachten. Doch wie viele andere Generäle in Mexiko sah sich auchEddy mit diversen unbewiesenen Anschuldigungen konfron-tiert. Während er in Coahuila im Nordosten des Landes stati-oniert war, soll er Treffen mit Carrillo Fuentes abgehaltenhaben. Eddy bestritt dies, doch die Verurteilung von GeneralGutiérrez Rebollo wegen desselben Delikts trug nicht unbe-dingt dazu bei, das Vertrauen der Öffentlichkeit zu gewinnen. Um die Demütigung seiner Regierung auszuwetzen undseinen beschädigten Ruf wiederherzustellen, setzte er inSinaloa alles daran, Chapo zur Strecke zu bringen. Er schworsogar öffentlich, ihn zu schnappen. 145
    • In den ersten Monaten seiner Dienstzeit wurden Dutzendevon Flugzeugen und große Mengen Opium und Marihuanabeschlagnahmt. Zudem führten Eddys Soldaten diverse Raz-zien auf Anwesen durch, die Víctor Emilio Cázares Gastélumund dessen Schwester gehörten, die von Agenten des US-Finanzministeriums den Beinamen »The Empress« (»die Kai-serin«) erhalten hatte, weil sie als eine der wesentlichenGeldwäscherinnen des Sinaloa-Kartells angesehen wurde.Diverse Besitztümer des Geschwisterpaares wurden beschlag-nahmt; dies war eine der ersten erfolgreichen gemeinsamenAktionen, die die mexikanische Regierung in Zusammenar-beit mit dem US-Justizministerium und der DEA gegen dieFinanzgeschäfte der Kartelle durchführte. Zum ersten Mal seit mehreren Jahrzehnten war die gesamteSierra wieder zum Zielgebiet militärischer Aktionen erklärtworden. Eddys Truppen durchsuchten zahllose Bergdörfer,zerstörten Landebahnen und brachten die Einheimischen ge-gen sich auf, die beklagten, sie würden drangsaliert. Die Städ-te und Dörfer der gesamten Provinz Badiraguato wurden im-mer wieder besetzt und durchsucht, ebenso wie die Narco-Hochburgen Santiago de los Caballeros und La Tuna, von denStädten im nahe gelegenen Durango, wo Chapo über zahlrei-che Verstecke verfügte, ganz zu schweigen. Die Militärbasis Badiraguato, die nicht mehr besetzt wor-den war, seit die Soldaten in den neunziger Jahren zur Be-kämpfung der Zapatisten-Rebellion nach Chiapas im Südendes Landes abgezogen worden waren, wurde neu bemannt.Prompt löste die Gegenwart der Soldaten den Zorn der Bevöl-kerung aus. Statt Entwicklungsprogrammen, mit denen dieWirtschaft und das Sozialwesen gefördert wurden, habe ihnendie Regierung Truppen geschickt, beklagten die Ortsansässi-gen. 196 Mehreren Hundert Einwohnern von Badiraguato und den inDurango liegenden Städten Tamazula, Topia und Canelas, diealle zu Chapos Einflussbereich zählen, genügte dies nicht. Sie 146
    • unterzeichneten eine Petition, die sie sowohl dem Präsidentenals auch der regionalen Menschenrechtsorganisation schick-ten. Darin hieß es: »Unter dem Vorwand, Chapo Guzmán zufassen, übt Hidalgo Eddy ein Terrorregime über die Familiendes Staates Sinaloa aus, er verletzt dabei die mexikanischeVerfassung, die Menschenrechte aller Bürger Sinaloas undignoriert unverholen die rechtmäßig gewählte sinaloensischeRegierung, die Befugnisse der Richter und Magistrate. SeineTruppen führen ohne ordnungsgemäß ausgestellte Durchsu-chungsbefehle tagtäglich Razzien durch und stehlen dabeiunter dem Vorwand, Chapo Guzmán zu suchen, Schmuck,Fahrzeuge und andere Wertgegenstände.« Die Petition beschuldigte Hidalgo Eddy überdies, mit denZetas gemeinsame Sache zu machen, der Eliteeinheit der me-xikanischen Armee, die damals für das Golf-Kartell arbeitete. Die Behörden verwarfen die Petition als PropagandatrickChapos. Doch Einwohner von Badiraguato und Tamazulabestreiten, dass sie zur Unterschrift genötigt oder dafür be-zahlt worden seien. Allerdings wurden solche Taktiken bereitsin der Vergangenheit eingesetzt und dürften auch künftig an-gewendet werden.197 Kein Wunder, dass sich General Eddy von den Beschwer-den nicht aufhalten ließ. Nach nur neun Monaten auf seinemPosten wagte er, was bislang kein anderer in Sinaloa gewagthatte. Er attackierte die Familie eines Narcos. Eddy ordnete eine Razzia auf der Ranch von Chapos Mut-ter, María Consuelo Loera Pérez, an. Informanten hatten be-richtet, Chapo würde sie in La Tuna besuchen, doch als dieSoldaten eintrafen, war er nirgends zu finden. Sie entdecktenauch keine Hinweise auf illegale Vorkommnisse, schlugenaber dennoch – wie Anwohner berichteten – alles kurz undklein.198 Kurz darauf nahmen General Eddys Männer Luis AlbertoCano Zepeda, einen Cousin Chapos, fest, als er mit einem 147
    • Kleinflugzeug auf einem der illegalen Rollfelder landete, diefür gewöhnlich von den Behörden ignoriert wurden. Chapo war außer sich. Ein Kommando seiner Männer fuhrbeim Hauptquartier des 9. Militärbereichs in Culiacán vor undwarf eine Leiche aus dem Wagen – einen Spitzel, der die Mi-litärs über Chapos Aufenthaltsorte informiert hatte. Die Killerhinterließen eine Botschaft, in der sie Eddy aufforderten, sichzurückzuhalten. Doch trotz dieser Drohung, der in den Wo-chen danach weitere folgten, ließ sich Eddy nicht von seinemKurs abbringen. Im Oktober erhielt er verlässliche Hinweise, dass Chaposich in Sinaloa de Leyva, einem in den nördlichen Ausläufernder Sierra gelegenen Ort, aufhalte. Er entsandte eine Einheit, die die Stadt besetzen und durch-kämmen sollte. Drei Hubschrauber gaben Luftunterstützung.Doch als die Soldaten eintrafen, war Chapo verschwunden.Jemand aus Eddys Umfeld musste die Nachricht von der In-vasion weitergegeben haben. Und so lief die gesamte verbleibende Amtszeit von GeneralEddy. Bei mehreren Gelegenheiten schien es, als hätten seineMänner Chapo in der Sierra gestellt. Doch jedes Mal gelanges dem Drogenbaron zu entkommen. Chapos Entschlossenheit und sein Netzwerk siegtenschließlich am Ende über General Eddy und dessen Truppen.Am Ende verließ er Culiacán als geschlagener Mann. Bei sei-ner Demission betonten die Medien weniger die Ankunft sei-nes Nachfolgers General Sandoval denn Eddys Versagen,seine Ziele erreicht zu haben. »Chapo siegt, der Krieg ist vor-bei, General Hidalgo Eddy ist weg«, lautete eine Schlagzeile. Sein Misserfolg machte Eddy noch lange schwer zu schaf-fen. Einige Zeit später wurde einer seiner Leibwächter verhaf-tet, weil er Informationen an Chapo weitergegeben hatte. DerLeibwächter war über jede Bewegung Eddys informiert undhatte Kenntnis von fast allen Entscheidungen, die der Generalgetroffen hatte. 148
    • Für General Sandoval hingegen hatte der Kampf eben erstbegonnen. Obwohl er des Öfteren Reportern gegenüber dieaufgeheizte Situation herunterspielte und insistierte, »Sinaloabefinde sich nicht im Kriegszustand«, dachte er keineswegsdaran, sich in seine Höhle zurückzuziehen und sich tot zu stel-len.199 Allerdings unterschied sich seine Strategie recht deutlichvon der seines Vorgängers. Zum einen bemühte er sich, dieKooperation mit der Regierung zu intensivieren, an der es inder Vergangenheit gemangelt hatte. Und er bemühte sich, dieBürokratie zu umgehen. »Jedes Mal, wenn wir auf etwas stoßen oder etwas planen,kommt ein Kontrolleur, der den Kontrolleur kontrolliert, denman entsandt hat, uns zu kontrollieren«, erklärte er angesichtsder Beweismittel, die auf einer Marihuanaplantage sicherge-stellt wurden. »Die Drogenhändler dagegen … wissen sofortBescheid, wenn wir etwas finden.« Wie sein Vorgänger stellte auch Sandoval den Mitgliedernvon Chapos Familie nach, die in illegale Aktivitäten verstricktwaren. Aber darüber hinaus verfolgte er auch dessen Unterge-bene mitsamt des Netzwerks an Unterstützern und ging bis andie Wurzeln des Narco-Establishments. Seine Männer be-schlagnahmten Hunderte von Fahrzeugen, die im Verdachtstanden, von Narcos benutzt worden zu sein, und errichtetenin ganz Culiacán Straßensperren in der Hoffnung, dadurch dieMenge der zirkulierenden Drogen und Waffen zu verringern.Tag und Nacht gingen Soldaten auf Patrouille. Dadurch solltedas Narco-System zerfetzt werden, in der Sierra sollten weite-re Straßensperren und spontane Razzien für Verunsicherungsorgen und den Druck auf die Narcos erhöhen. Damit folgte Sandoval Präsident Felipe Calderóns offensi-vem Angriff auf die Narco-Strukturen. Er wollte die Dingeaufmischen und den Krieg annehmen, den Chapo selbst vomZaun gebrochen hatte. Jeder, der auf einer Plantage erwischtwurde, wurde festgenommen. Alle erdenklichen Informati- 149
    • onsquellen wurden genutzt. Jeder, der mit Drogen erwischtoder an einer Straßensperre mit falschen Papieren aufgegrif-fen wurde, wurde inhaftiert.200 Sandovals Strategie hatte auch ihre Gegner. Einmal explo-dierte in der Kaserne von Navolato, etwa dreißig Kilometervon Culiacán entfernt, eine Granate. Zwar wurde niemandverletzt, aber der General tobte. Er schickte zweihundertMann und diverse Hubschrauber los, die die Stadt durch-kämmten. Außerdem stattete er dem Bürgermeister vonNavolato einen Besuch ab und forderte ihn auf, einen Berichtüber die Explosion abzufassen. Es war der erste von zahlrei-chen Zusammenstößen mit den lokalen Volksvertretern undBeamten. Die Armee war in dieser Gegend nicht gerade will-kommen, und der General traute den Einheimischen nichtüber den Weg.201 »Stück für Stück«Der Helikopter landete auf einer Lichtung am Fuße der Sierra,und der General sprang heraus. Vier Soldaten hatten bereitsihre Positionen eingenommen und das Areal gesichert. Sierichteten ihre Waffen auf das Unterholz und suchten die Ge-gend nach verdächtigen Bewegungen ab. Das Marihuanafeldwar erst wenige Stunden zuvor von einer Hubschrauberpat-rouille entdeckt worden. Man nahm zwar an, dass sich keine Narcos mehr in derGegend aufhielten, aber man konnte nie wissen. Manchmalflohen die Gomeros und Narcos auf Nimmerwiedersehen,manchmal aber – wenn ein besonders großes Feld oder eineMeth-Küche entdeckt worden war – kehrten sie einige Stun-den später schwer bewaffnet zurück. Deshalb wollte man sichkeine Blöße geben, besonders nicht, wenn der General per-sönlich am Ort des Geschehens auftauchte. Während hinter ihm die Marihuanaplantage in Flammenaufging, wischte sich Sandoval den Schweiß von der Stirn. 150
    • Der Rauch drang zwischen den Bäumen hindurch auf dieLichtung und stieg über die Baumwipfel auf. Während er sichumdrehte, um die Zerstörung der 3500 Quadratmeter großenPlantage zu begutachten, drang von einem nahe gelegenenFluss Musik herüber. Es war ein Narco-Corrido, der die Tatenvon Chapo pries. Die Worte waren dem General und seinenMännern wohlbekannt. »Das machen sie, um die anderen zu warnen, vorsichtig zusein«, sagte der General mit einem trockenen Lachen. »Undum uns daran zu erinnern, dass sie da sind.« Er und seine Männer fuhren damit fort, die Plantage nie-derzubrennen und Beweismittel sicherzustellen. Alles, was siefanden, wurde etikettiert und den Bundesermittlern überge-ben. Bierdosen, Zigaretten und Kartoffelchipsverpackungenwaren von den Kriminellen bei ihrer Flucht zurückgelassenworden. Ein Zelt, in dem sie offenbar die Nächte verbrachthatten, stand noch unversehrt da, in einer Ecke fanden sichHemden und Pullover. Als er das Zelt inspizierte, entdeckte der General ein PaarSchuhe. Er begutachtete die Sohlen, sie waren erst kürzlichrepariert worden. Die Ermittler würden wohl gut daran tun,den Schuhmachern von Culiacán einen Besuch abzustatten.Dann wandte er sich den Bierdosen zu, die einer seiner Solda-ten in einem Plastikbeutel verstaut hatte, und lächelte: »Er-kennen Sie dieses Bier? Das ist nicht von hier. Die meistenEinheimischen trinken das hiesige Gebräu. Es sollte leichtherauszufinden sein, wer das hier in größeren Mengen gekaufthat.« Vielleicht brachte eine der Spuren ein Resultat, denn dasZiel war nicht, ein paar kleine Marihuanapflanzer zu verhaf-ten, sondern dadurch zu den Bossen vorzudringen – und ir-gendwann auch zu Chapo. Der General machte sich keine Illusionen darüber, dass diesein beschwerlicher Weg war und das Katz-und-Maus-Spiel,das er spielte, sich endlos in die Länge ziehen konnte. Doch er 151
    • war optimistisch. »Alle sagen, wir würden den Drogenkriegverlieren. Aber das glaube ich nicht. Wir gewinnen ihn. Stückfür Stück.« Der Helikopter schwebte gemächlich über die Außenbezir-ke von Culiacán, unten machten die breiten, von Autowerk-stätten und kleinen Supermärkten gesäumten Straßen baldPlatz für ein Gewirr aus einstöckigen Betonhäuschen undschmalen Gassen. Die neuen Hubschrauber, die man GeneralSandoval zugestanden hatte, brachten eine langersehnte Hilfeim Kampf gegen die Narcos. »Jetzt können wir sie von obenins Visier nehmen«, erklärte der General, »und müssen nichtmehr mit unseren Humvees oder Patrouillen-Jeeps von Tür zuTür fahren oder gar unsere Männer aussenden, um sie aufzu-scheuchen. « So gesehen waren die Hubschrauber, die Teilvon Calderóns Programm im Drogenkrieg waren, unverzicht-bar. »Ohne sie können wir den Krieg nicht gewinnen«, glaub-te der General. Ohne Luftunterstützung ist das Gassenlabyrinth der Rand-bezirke von Culiacán nicht zu kontrollieren. Dort agieren die»Ratten« – wie die Soldaten die Narcos der untersten Stufenennen – in schmalen Sträßchen und engen Durchgängen, diezu zahllosen Verstecken führen, und jeder flüchtige Dealeroder Killer findet dort hervorragende Deckung. An jeder Stra-ßenecke lungert ein Informant. Überall in der Stadt bezahlendie Narcos Taxifahrer, Tankwarte, Automechaniker und Zei-tungsverkäufer, damit sie stets über alles informiert sind.Wenn ein Verdächtiger ein Viertel betritt, erfahren es dieNarcos sofort. Wenn auf dem Flughafen von Culiacán einFremder eintrifft, wissen es die Narcos, noch ehe er sein Ge-päck vom Band genommen hat. Die Gegenden, in denen die Narcos regieren, funktionierenin ganz Mexiko nach demselben Muster. Das Militär hat seine Zelte in der gesamten Sierra aufge-schlagen, doch meist sind diese Camps nur von begrenzterDauer. Vielleicht zwei oder drei Wochen lang baut eine 152
    • Gruppe von Soldaten ein Lager auf und beobachtet die Ge-gend. Jeden Morgen marschieren die jungen Soldaten – meistbegleitet von einem oder zwei Offizieren – los und suchen inden steilen Bergen nach Marihuana- und Opiumfeldern. Oft-mals haben sie sogar Erfolg, aber ihre Tätigkeit ist wenig effi-zient. Nachts müssen sie Straßensperren errichten, um denDrogentransport zu behindern und die Passanten nach Waffenzu durchsuchen. Die meisten der in dieser Region stationierten Soldaten sindjung und haben keinerlei Kampferfahrung. Darüber hinaussind sie auf sich allein gestellt. General Sandoval hat Mitgefühl mit diesen Männern. Erweiß, wie hart es ist, einen Krieg auf einem Terrain zu führen,auf dem der Gegner heimisch ist, wo es bei seinen Truppenzwar den Willen gibt, aber nicht immer einen Weg. Einmal erklärte der General stolz, die Marihuanaproduktionsei signifikant gesunken, doch kurz darauf musste er einräu-men, dass dies nicht auf Aktionen seiner Soldaten zurückzu-führen war, sondern auf den trockenen Winter, den Sinaloagerade durchlebt hatte. »Gott und dem Wetter sei Dank«,kommentierte er sarkastisch. Viele der Soldaten, die Sandoval befehligt, stammen selbstaus Sinaloa, einige sogar aus den Bergen. Dies führt oft dazu,dass Informationen durchsickern – und zu regelrechtem Ver-rat. Die Armee bemüht sich, die Soldaten immer wieder zuersetzen, um lokale Interessenskonflikte zu vermeiden, aberauch dies hat zu neuen Schwierigkeiten geführt. Immer dann,wenn ein Soldat sich mit dem Terrain ein wenig vertraut ge-macht hat, wird er in einen anderen Landesteil versetzt. Sandoval gibt zu, dass alle seine Soldaten leiden. Die Risi-ken im Kampf gegen die Narcos fordern ihren Tribut. Es gabsogar eine Zeit, da trugen alle – vom einfachen Soldaten biszum kommandierenden Offizier – Skimasken, um ihre Identi-tät zu verbergen. Niemandem war es gestattet, die Kaserne zuverlassen. Kein Heimaturlaub, um Frau und Kinder zu sehen, 153
    • keine Wochenendausflüge, keine Kneipentouren, keine Ab-stecher in irgendeinen Stripschuppen. Das Entführungsrisikowar einfach zu hoch, und die Tagesaufgaben erforderten jedenMann. »Wir arbeiten dreihundertfünfundsechzig Tage im Jahr.Vom General bis zum einfachen Gefreiten, im Prinzip hättenwir alle ein paar Wochen Urlaub verdient«, sagte der General,setzte seine Brille ab und lachte sein trockenes Lachen.202 8 Der KriegWährend Chapo noch in Puente Grande einsaß, trafen sich dieKöpfe der mexikanischen Kartelle in Puerto Vallarta. Nur dieArellano-Félix-Brüder fehlten. Sie waren dafür der entschei-dende Tagesordnungspunkt. Ihr Blutdurst richtete ein solchesChaos in Tijuana an, dass niemand mehr in Mexiko die Situa-tion ignorieren konnte. Wenn die anderen Bosse also zusam-menarbeiteten, könnte es gelingen, die Brüder zu kontrollierenoder gar aus Tijuana zu verdrängen und dafür zu sorgen, dassdas eigene Geschäft florierte.203 El Mayo hatte sogar persönliche Probleme mit den Jungsaus Tijuana. Einer der Brüder, Ramón, behauptete, El Mayowürde sich weigern, eine 20-Millionen-Dollar-Schuld zu be-gleichen. 204 Daneben stellte auch der Zustand des Juárez-Kartells einimmer drängenderes Problem dar. Erst war General Gutiérrez Rebollo verhaftet worden, deroberste Drogenfahnder, der Verbindungen zu Amado CarrilloFuentes unterhielt. Doch das war nichts im Vergleich zu denEreignissen vom 2. Juli 1997. Carrillo Fuentes, der Herr der Lüfte, der dafür berüchtigtwar, das Koks mit Flugzeugen in die USA zu bringen, war 154
    • stets darauf bedacht gewesen, nicht zu viel Aufmerksamkeitauf sich zu ziehen. Aber auch er hatte seine Achillesferse; erwar über die Maßen eitel. Sich in die Hand eines plastischen Chirurgen zu begeben,war für einen Narco nichts Ungewöhnliches. Chapo, El Mayo,El Azul und García Ábrego haben – so wird gemutmaßt – sichalle unters Messer gelegt, um ihr Äußeres zu verändern.Manchmal genügt es, die Wangenknochen anzuheben oderdie Nase zu modifizieren, um ein Gesicht so zu verändern,dass die Behörden getäuscht werden. Carrillo Fuentes dagegen wollte nur sein Aussehen ver-schönern. Er wollte etwas jünger wirken und eine kleine Fett-absaugung vornehmen lassen. Der Eingriff wurde in einemHotel in Mexiko-Stadt durchgeführt. Ein Ärzteteam sollte dieOperation leiten. Er wurde ordnungsgemäß betäubt. Doch mitten in der Operation wachte Carrillo Fuentes auf.»Gebt mir ein Schmerzmittel«, soll er gestöhnt haben, »ichhabe furchtbare Schmerzen.« Der verantwortliche Arzt ent-schied, das sei zu gefährlich; da er schon unter dem Einflussder Narkose stand, konnte die weitere Gabe von Schmerzmit-teln tödlich wirken. Doch die anderen Ärzte gaben seinemDrängen nach. »Wer wird es schon gewagt haben, einem ge-walttätigen Drogenbaron zu sagen, dass er keine Schmerzmit-tel mehr bekommt«, erinnert sich der DEA-Agent MichaelVigil.205 Die zusätzlichen Mittel waren denn auch in der Tat zu vieldes Guten. Carrillo Fuentes erlitt eine Herzattacke und starbnoch auf dem Operationstisch. »Seine Eitelkeit hat ihn umge-bracht«, so Vigil. Die Arellano-Félix-Brüder und das Golf-Kartell waren bei-de begierig, das Gebiet von Carrillo Fuentes zu übernehmen,und nach seinem Tod versuchten sie sich in Juárez breitzuma-chen. Dies wiederum beunruhigte El Mayo und dessen Truppein Sinaloa. Und natürlich auch die übrig gebliebenen Bosse inJuárez. Weder die Situation in Tijuana noch die Übergriffe 155
    • auf Juárez waren gut für ihr Geschäft, zumal die Regierungihre Anstrengungen zu verstärken schien, der grassierendenKorruption Herr zu werden, und der Würgegriff der PRI inden Provinzen von Mal zu Mal schwächer wurde. Ein Wandellag in der Luft, und aus Sicht der Narcos war es nicht unbe-dingt einer zum Besseren. Deshalb bildete El Mayo mit Rodolfo Carrillo Fuentes, demjüngeren Bruder von Amado, eine Allianz, die bald als »LaFederación« bekannt werden sollte .206 Das neu geformte Bündnis ging in Tijuana zum Angriffüber. El Mayo ordnete ein paar aufsehenerregende Morde an,darunter den am Polizeichef von Tijuana, Alfredo de la TorreMárquez.207 Die Arellano-Félix-Brüder waren verständlicherweise vondiesen Nadelstichen nicht begeistert. An einem ruhigen, er-eignislosen Mittwoch Anfang Februar 2002 machte sichRamón, der hitzköpfigste der Brüder, nach Mazatlán auf. Erhatte eine Mission. Er wollte El Mayo ausschalten. Ramón und seine Männer fuhren fünf Tage lang in einemVW Passat durch die feuchtschwüle Stadt an der Pazifikküsteund befragten jeden ihrer Spitzel nach dem Aufenthaltsort desGesuchten. Doch sie hatten kein Glück. Dies war El MayosTerrain. Es war nicht so einfach, ihn zu finden. Am fünften Tag parkte Ramón in der sogenannten »ZonaDorada« neben einem großen Hotel. Eine Gruppe Polizistennäherte sich seinem Fahrzeug und fragte nach den Papieren.Viele Cops in Mazatlán standen auf El Mayos Gehaltsliste.Manche waren nur korrupt, andere bezahlte Killer. Ramón und seine Männer versuchten zu Fuß zu entkom-men, doch die Cops holten sie schnell ein. Einer – dem An-schein nach ein Bundespolizist – ließ seine Marke aufblitzen,Pistolen wurden gezogen, es kam zu einer Schießerei. Einerder Männer aus Tijuana ging zu Boden. Einem anderen ge-lang es, in ein Hotel zu flüchten, doch die Cops verfolgten ihn 156
    • und nahmen ihn fest. Dabei erschossen sie einen weiterenWidersacher. Ramón Arellano Félix war von mehreren Kugeln getroffenworden. Er starb fünfzehn Minuten später auf dem Weg insKrankenhaus. Offenbar hatte er sich mehreren plastischenOperationen unterzogen und reiste unter dem Namen JorgePérez López, doch ein DNS-Test ergab später, dass es sich umBenjamíns Bruder Ramón handelte.208 El Mayo hatte Ramón auf sein ureigenstes Terrain gelocktund dann die Cops dafür bezahlt, ihn umzubringen. So zu-mindest mutmaßte man in den USA. Die mexikanische Regie-rung hingegen dementierte nachhaltig eine Verwicklung ElMayos. Gegen ihn wurde nie Anklage erhoben. Chapo und El Mayo übernahmen Tijuana nicht, aber nachder Ermordung von Ramón fand das Kartell nie mehr zu alterStärke zurück. Nur einen Monat nach seinem Tod wurde seinBruder Benjamín in Puebla festgenommen, ohne dass dabeiein Schuss fiel. »Das Tijuana-Kartell ist vollkommen zerschlagen«, trium-phierte die PGR. Die Schläge gegen die Feinde von El Mayound Chapo sollten sich während des gesamten Jahrzehnts fort-setzen.209 El Mayo allerdings zog unterdessen die Aufmerksamkeitder DEA auf sich. Über Chapos SchulterIsmael El Mayo Zambada García wurde am 1. Januar 1948 inEl Álamo, Sinaloa, geboren. Wie El Padrino und später auchChapo bemühte er sich, während seines Aufstiegs in der Kar-tell-Hierarchie keine große Aufmerksamkeit auf sich zu len-ken. Ursprünglich war er Bauer gewesen, hatte in seiner Ju-gend aber bereits als Killer in Ciudad Juárez gearbeitet. El Mayo war immer ein Opportunist gewesen. »Er lernteschon früh, sich an die größeren Fische zu hängen, und da- 157
    • durch erhielt er Zugang zu den Spitzen der Organisation«,sagt ein mexikanischer Beamter. Genau kalkulierend warteteer ab, bis die Gelegenheit günstig war. Als El Padrino ihm und Chapo die Chance gab, dasSinaloa-Kartell zu übernehmen, war er bereits in den Vierzi-gern, ein gereifter Mann mit strategischem Weitblick. Ihmwar klargeworden, dass der Korruption eine Schlüsselrolle imDrogengeschäft zukam, und er setzte die Beltrán-Leyva-Brüder darauf an, die richtigen Leute zu bestechen. Es kur-sierte sogar das Gerücht, El Mayo habe Ende der Neunzigerden damaligen Präsidenten Ernesto Zedillo gekauft, doch dieskonnte nie bewiesen werden. El Mayo tötete nie zum Vergnügen. Den DEA-Agenten zu-folge, die ihn observierten, waren es immer geschäftlicheGründe. Er war skrupellos, aber auf eine kühl berechnendeWeise. Im Gegensatz zu den Arellano-Félix-Brüdern, die sichvon ihrem Temperament verleiten ließen, plante er seineMorde minutiös. Wie Chapo beschäftigte er einen erfahrenenSicherheitschef, Gustavo Inzunza Inzunza, alias »El MachoPrieto« (»der dunkle Macho«). Furchtlos und gelassen, wurdeer vor allem für seine Zusammenstöße mit den Federales be-rüchtigt, denen er sich mit Bazookas entgegenstellte. El Mayo hatte von den Besten gelernt – nicht zuletzt, als erVerbindungsmann zu den Kolumbianern war. Während vielemexikanische Narcos, Chapo eingeschlossen, einfach den US-Markt mit Drogen überschwemmen wollten, verstand El Ma-yo das ökonomische Grundgesetz von Angebot und Nachfra-ge. Ihm war bewusst, dass die Preise fallen und er am Endeweniger verdienen würde, wenn zu viel Stoff auf den US-amerikanischen Straßen auftauchte. Dieses rationale Denkenführte schließlich dazu, dass die mexikanischen Kartelle auchnördlich der Grenze expandierten, um den Vertrieb zu kon-trollieren. 210 Chapo und El Mayo schmuggelten jährlich etwa eine Ton-ne Kokain mit einem Straßenverkaufswert von siebzehn Mil- 158
    • lionen Dollar in den Großraum New York; Kokain im Wertvon dreißig Millionen Dollar wurde nach Chicago geliefert.Doch selbst DEA-Agenten gestehen ein, dass dies nur dieSpitze des Eisbergs ausmachte.211 Während Chapo sein Geld noch überall im Land in Häusernund geheimen Lagern versteckte, hatte El Mayo bereits eineMöglichkeit gefunden, es zu waschen. Durch Firmen wieNueva Industria de Ganaderos de Culiacán S. A. de C. V.,einen Vieh- und Milchwirtschaftsbetrieb in Culiacán, oderJamaro Constructores S. A. de C. V. verwandelte El Mayosowohl seine als auch Chapos Drogengelder in legale Ein-künfte. Angeblich benutzte er seine ehemalige Frau und diegemeinsamen Töchter als »Strohfrauen«, die den Firmen vor-standen. Im Rahmen des US-amerikanischen Kingpin-Gesetzes gelang es, Dutzende von Firmen auf ihn zurückzu-führen. El Mayo bediente sich zudem der Dienste von TheEmpress, um das »Blutgeld«, wie es die Sinaloenser nannten,zu waschen. In Culiacán gibt es Hunderte von Firmen und Geschäften,von denen man annimmt, dass sie zur Geldwäsche benutztwerden. Auf der Avenida Juárez im Zentrum der Stadt treffentagtäglich mehrere gepanzerte Transporter ein, die den Wech-selstuben Geld anliefern, die es wiederum zurück in den lega-len Geldkreislauf schleusen. Die Federales führen des ÖfterenRazzien durch, beschlagnahmen Millionen von Dollar undschließen die Stuben. Doch genauso schnell öffnen wiederneue, und das Geld zirkuliert weiter.212 Chapos UnabhängigkeitMit dem Untergang von Ramón und Benjamín Arellano Félixbot sich für Chapo und El Mayo die Gelegenheit, ihre Bezie-hungen zu den Kolumbianern zu verbessern. Zwischen denenund den Brüdern hatte es nämlich finanzielle Differenzen ge- 159
    • geben. Rechnungen waren nicht bezahlt worden – Dinge, diedie Kolumbianer nicht tolerieren konnten. Außerdem ging das Gerücht, die Arellano-Félix-Brüderwürden einen Teil des kolumbianischen Kokains in Mexikovertreiben, anstatt es direkt in die USA weiterzuleiten, wo-durch sie sowohl die Gewinnmargen als auch die Sicherheitder Lieferungen aufs Spiel setzten. Die Kolumbianer wolltensich jedoch zunächst nicht einmischen, und nun waren dieBrüder sowieso Geschichte.213 Die kolumbianischen Bosse suchten deshalb neue Ver-triebspartner, denen sie vertrauen konnten. So kamen sie aufEl Mayo. Natürlich geriet El Mayo durch all diese Aktivitäten ins Vi-sier der US-Behörden. Präsident George W. Bush stufte ihnals »Ebene I Drogenboss« ein, was bedeutete, dass man be-sondere Anstrengungen unternahm, ihn zur Strecke zu brin-gen. Die DEA stationierte zusätzliche Agenten und Informan-ten in Südarizona und Sonora, um El Mayo zu jagen. Zudemwurden »Wanted«-Poster mit dem Konterfei des Drogenba-rons entlang des Highways zwischen Tucson und Phoenixausgehängt. So erhielt die DEA allmählich mehr Informationen über dasVerhältnis zwischen Chapo und El Mayo als jemals zuvor.Die Agenten verfolgten die Aktivitäten der beiden ganz ge-nau, beobachteten El Mayos Verwandte in den USA und führ-ten Razzien auf seinen Anwesen in Hermosillo durch. Trotz-dem konnte die DEA nicht genau feststellen, wer von denbeiden das Sagen hatte. Man konzentrierte sich stärker auf ElMayo, da man annahm, nur noch einen Schritt von ChaposVerhaftung entfernt zu sein, dagegen noch zwei von der ElMayos. Folglich gingen die Agenten davon aus, dass Chapoihnen als Erster ins Netz gehen würde. Doch die Außenstelle der DEA erhielt diverse Anrufe, indenen Informanten behaupteten, El Mayo sei nicht der Mann,den man wolle, denn Chapo sei eigentlich der oberste Boss. 160
    • Im Gegensatz zu anderen Capos pflegten Chapo und El Mayodieselbe Haltung. Hauptsächlich, weil sie ein gemeinsamesInteresse hatten: das Geschäft bewahren und sich nicht gegen-seitig bekämpfen. Obwohl sie die eine oder andere Differenzüber die richtigen Strategien hatten, kam es nie zum Bruch.Sie agierten unabhängig voneinander, im Rahmen eines – wiees die Behörden nannten – »Nichtangriffspakts«. Der DEA zufolge pflegten die beiden Narco-Bosse ein en-ges Verhältnis. Immerhin hatten sie sich gegenseitig unter-stützt, um ganz nach oben zu kommen und außergewöhnlicheErfolge zu feiern. Chapo hatte El Mayo stets bewundert.Chapo war im Grunde ein Drogen-Guerillero, ein Mann, derständig in Bewegung war. Doch auch wenn es ihm gelang,immer wieder zu entkommen, so war er ständig im Faden-kreuz. El Mayo dagegen war jemand, der im Hintergrund agierte.Ein DEA-Agent verglich ihn einmal mit einem Vorstandsvor-sitzenden, der nur aus der obersten Etage heraus agierte, wo erdie Entscheidungen traf. El Mayo wusste, was er mit demGeld anstellen konnte und wie man mit den Kolumbianernumging. Außerdem wusste er, was gut fürs Geschäft war. Erwar – so glaubte man bei der DEA – »immer derjenige, derkooperieren und die Leute an einen Tisch bringen wollte«. Chapo hatte dagegen stets seine Unabhängigkeit betont undversucht, sich allein zu behaupten. Doch nach seiner Fluchtaus dem Gefängnis war er gezwungen, sich nach und nachwieder in die Struktur des Sinaloa-Kartells einzugliedern. ElMayo hatte es so eingerichtet, dass er wieder seinen altenPlatz einnehmen konnte, aber er musste beweisen, dass ernach wie vor ein Gewinn für die Organisation war. Während des Treffens zwischen Chapo, El Mayo und denBeltrán-Leyva-Brüdern wurde deutlich, dass Chapo im Ge-fängnis nichts von seiner Zähigkeit und Härte verloren hatte.Er hatte den größten Teil des Jahres 2001 damit verbracht, 161
    • durch Mexiko zu reisen, und keine Probleme damit, diesenLebensstil beizubehalten.214 Auch künftig würde er mobil operieren. Sogar auf derFlucht – immerhin hatten die Behörden es nicht aufgegeben,nach ihm zu fahnden – expandierte er und knüpfte neue Be-ziehungen. Für ihn existierte nur das Geschäft. Chapos Antrieb ging weit darüber hinaus, einfach nochmehr Millionen zu verdienen. Er wollte wie El Padrino ganzan die Spitze. Sein Ehrgeiz schien tief verwurzelt, aus seinerEntschlossenheit resultierend, nie wieder arm sein zu wollenund nie wieder einen Fuß ins Gefängnis zu setzen.215 Inzwischen konnte er sich nicht mehr allzu lange an einemOrt aufhalten. Im Jahr 2002 bewegte sich Chapo ohne Probleme durchganz Mexiko, von Campeche im Südosten nach Sonora imNordwesten. Armee und Federales waren ihm zwar auf denFersen, kamen aber wie immer zu spät. Am Freitag, dem 14. Juni 2002, glaubten sie, sie hätten ihnin Las Quintas, einem Viertel von Culiacán, gestellt. AufGrundlage von Spitzelinformationen umstellten zweihundertFederales vier Häuser, in denen sie Chapo und El Mayo ver-muteten. Sie trafen El Mayos Exfrau und eine seiner Töchteran, aber niemanden sonst. 216 Am Dienstag, dem 2. Juli, also kaum einen Monat später,erhielten die Behörden einen verlässlichen Hinweis, demzu-folge Chapo sich in Atizapán, im Bundesstaat Mexico, nurwenige Kilometer außerhalb der Hauptstadt aufhalten sollte.Sie veranstalteten eine Razzia, aber wieder war ihnen Chapoentkommen. 217 DEA-Agent Errol Chavez erinnert sich, wie frustrierend dieFahndung nach Chapo war. Chavez wurde vom DEA-Büro inMexiko-Stadt regelmäßig über Chapos vermeintliche Aufent-haltsorte informiert. Er versuchte dann, die Information so gutals möglich zu verifizieren und an die mexikanischen Straf-verfolgungsbehörden weiterzuleiten, damit diese die eigentli- 162
    • che Razzia durchführen konnten. Aber sie konnten Chapo niefestnehmen. »Wir hatten durchaus gute Infos über seinenAufenthaltsort«, erklärt er. »Aber die Mexikaner kamen im-mer fünf Minuten zu spät und verpassten ihn nur knapp.«218 Im Laufe der Zeit baute Chapo seine Beziehungen aus. DieBeltrán-Leyva-Brüder korrumpierten in seinem Auftrag weiteTeile des mexikanischen Staatsapparats, und es wurde vermu-tet, dass er seine Tipps aus den höchsten Kreisen bekam. Poli-zeichefs wurden auf allen – auch auf den unteren – Ebenengeschmiert, weil man davon ausging, dass irgendeiner vonihnen gewiss befördert und ganz nach oben gelangen würde.Während die DEA und die mexikanischen Behörden niewussten, ob ihre Informationen echt waren oder ob ihnen je-mand einen Streich spielte, waren Chapos Informationen stetsvon allererster Güte.219 Angeblich hatten die Beltrán-Leyva-Brüder sogar die Rei-seberater von Präsident Fox bestochen. 2003 war klar, dass Chapo niemandem mehr Rechenschaftschuldig war, nicht einmal El Mayo. Aber er wollte sich nochimmer beweisen. Und die beste Art, dies zu tun, ist auch dieälteste: Man zieht in den Krieg. Chapo wandte sich gegen ElMayos Verlangen nach Stabilität und widersprach so erstmalsseinem engsten Verbündeten.220 Ärger in Tamaulipas Das Golf-Kartell war Chapos erstes Ziel.Juan García Ábrego, der Gründer des Golf-Kartells, wurde am13. September 1944 auf einer Ranch außerhalb von Matamo-ros geboren. Die im äußersten Nordosten gelegene hektischeund aufstrebende Stadt liegt direkt an der Grenze gegenüberder texanischen Stadt Brownsville.221 Vier Brücken führen indie USA, tatsächlich war Matamoros um 1820 einmal für kur-ze Zeit ein Teil von Texas. Die Bevölkerungszahl von Mata-moros ist in den letzten Jahren auf über eine halbe Million 163
    • angewachsen, nicht zuletzt aufgrund der Maquilladoras, derFertigungsfabriken, die sich dort nach Unterzeichnung desmexikanisch-US-amerikanischen Freihandelsabkommens 222angesiedelt haben. Im selben Zeitraum blühte aber auch dasVerbrechen. Wie Chapo hatte auch García Ábrego die Grundschulenicht beendet und fand anfangs einen Job als Milchmann.Dann begann er Autos zu stehlen. Aber wie sein Pendant ausSinaloa hatte auch er einen Verwandten, der im Drogenge-schäft war. García Ábrego musste alles von Grund auf erler-nen; ein Informant erinnert sich, dass man ihm sogar Tisch-manieren oder das Tragen einer Rolex beibringen musste.Aber er lernte schnell und kletterte bis an die Spitze des Golf-Kartells.223 Ende der achtziger Jahre, als El Padrinos altes Imperiumvon Chapo, den Arellano-Félix-Brüdern und Carrillo Fuentesumstrukturiert wurde, galt García Ábrego als der mächtigsteDrogenbaron des Landes. Seine politischen Beziehungenreichten bis weit in die Spitzen von Staat und Strafverfol-gungsbehörden; es war sein Polizeioffizier, der El Padrino,immerhin Begründer des mexikanischen Drogenhandels, ver-haftete. Die USA wollten García Ábrego unbedingt schnappen undentwickelten einen Plan, um ihn in die Falle zu locken. Ein FBI-Agent, der sich als korrupt ausgab, trat mit einemAngebot an ihn heran. Für 100 000 Dollar wollte er GarcíaÁbrego über die Aktivitäten der Strafverfolgungsbehörden aufdem Laufenden halten. Die beiden Männer kommuniziertenüber Briefe und Telefongespräche, gelegentlich auch per Bo-ten. Es entwickelte sich ein Vertrauensverhältnis, beide nann-ten einander »mein Freund« oder »mein Bruder«. Bei einerGelegenheit schickte García Ábrego dem FBI-Mann 39 880Dollar in bar. Anfang 1996 nahmen die mexikanischen Behörden GarcíaÁbrego fest. Da er auch die US-amerikanische Staatsbürger- 164
    • schaft besaß, wurde er ausgeliefert und in Houston vor Ge-richt gestellt. Die Aussage des FBI-Agenten gab ihm denRest. Der Boss des Golf-Kartells wurde in zweiundzwanzigFällen der Geldwäsche, des Drogenbesitzes und des Drogen-handels für schuldig gesprochen. Das Kartell hatte nachSchätzungen der Staatsanwälte mehr als fünfzehn TonnenKokain und zwanzig Tonnen Marihuana von Mexiko in dieUSA geschmuggelt und etwa 10,5 Millionen Dollar gewa-schen. García Ábrego, der damals zweiundfünfzig Jahre altwar, wurde zu lebenslanger Haft verurteilt.224 Doch der Untergang von García Ábrego konnte das Golf-Kartell nicht zerstören. Im Gegenteil, es ging zwar nicht ge-stärkt, jedoch viel entschlossener aus dem Prozess hervor. Ein Mann aus der Region, Osiel Cárdenas Guillén, setztesich an die Spitze. Geboren 1967 in Matamoros, wuchs auchCárdenas Guillén in ärmlichen Verhältnissen auf. Zunächstarbeitete er als Mechaniker, später als Kellner und zeitweisesogar unter erbärmlichen Bedingungen in den Maquilladoras. Im Gegensatz zu Chapo allerdings hatte er die Schule biszum Ende absolviert, war aber nicht in der Lage, sich als Ju-gendlicher dem Arm des Gesetzes zu entziehen. Als erzweiundzwanzig wurde, hatte er bereits zwei Gefängnisauf-enthalte hinter sich. Einmal wurde er in Brownsville mit zweiKilo Kokain aufgegriffen. Als er nach Mexiko zurückkehrte,um dort seine Strafe abzusitzen, war er bereits ein abgebrühterKrimineller. Er war so brutal, dass man ihm den Spitznamen»El Mata Amigos« (»Freundesmörder«) verpasste, weil ereinen seiner engsten Komplizen innerhalb des Golf-Kartellsermordet hatte.225 1997 formierte Cárdenas Guillén Los Zetas, eine paramili-tärische Truppe bestehend aus einunddreißig desertierten Eli-tesoldaten der mexikanischen Special Forces. Angeführt vonihrem dreiundzwanzigjährigen Chef Arturo Guzmán Decena(nicht mit Chapo verwandt), galten sie als erbarmungsloseKillertruppe, die überall Angst und Schrecken verbreitete. 165
    • Das mexikanische Militär hatte sie ausgebildet, um Dro-genhändler zu bekämpfen. Außerdem gab es Gerüchte, siehätten eine Spezialausbildung in den USA absolviert, was dieUS-amerikanische Regierung allerdings immer bestritt. Schoninnerhalb der Armee hatten sie in kleinen Zellen operiert –mit dem Ziel, hochrangige Drogenbosse zu ermorden, um soChaos unter den Narcos zu verbreiten. Doch Cárdenas Guillénbot ihnen weitaus bessere Gehälter als die Armee, und dieSöldnertruppe Los Zetas war geboren. Ihre elektronische Ausrüstung und ihre Waffen waren vonallerbester Special-Forces-Qualität. Es gelang ihnen, an Gra-natwerfer, Boden-Luft-Raketen und Hubschrauber heranzu-kommen. Sie waren allesamt Sprengstoffexperten und Scharf-schützen, zudem in allen Aufklärungstechniken geübt. Unmittelbar nach ihrem Seitenwechsel begannen die Zetasin einem Camp nahe der mexikanisch-texanischen Grenze,fünfzehn- bis achtzehnjährige Rekruten und übergelaufene»Kabiles«, ehemalige Soldaten der guatemaltekischen Armee,auszubilden. Außerdem wurden sie aufgrund ihrer militäri-schen Vorgeschichte zur Anlaufstelle für Deserteure aus allenBereichen der mexikanischen Armee. Bereits im Jahr 2003 betrachtete das mexikanische Vertei-digungsministerium die Zetas als gefährlichste Todesschwad-ron des Landes. Sie trugen einheitliche militärische Bürsten-schnitte, ließen sich Tattoos stechen, und bei Einsätzenschwärzten sie sich ihre Gesichter mit Kohle und trugenschwarze Kampfanzüge. Die uneingeschränkte Befehlsgewalt lag bei Z-1, GuzmánDecena. Daneben gaben sich einige der Original-Zetas lustigeSpitznamen wie »Winnie Pooh« oder »La Madrecita«, wasihrer Grausamkeit allerdings keinen Abbruch tat. Sie genos-sen es, ihre Opfer zu foltern, bevor sie sie umbrachten. Da-nach wurden die Toten mit bis dahin in Mexiko ungekanntermilitärischer Präzision und Hingabe enthauptet, zerstückelt,verbrannt oder in Säure aufgelöst. Einmal steckten sie vier 166
    • Opfer in Benzinfässer und verbrannten sie bei lebendigemLeib.226 Doch Chapo ließ sich davon nicht beeindrucken und bildeteseine eigene Todesschwadron: »Los Negros«. Diese Truppe setzte sich aus Mitgliedern existierenderGangs wie der La Mafia Mexicana zusammen und brachte inganz Tamaulipas Mitglieder von Cárdenas Guilléns Gang um. Den Oberbefehl über Los Negros vertrauten Chapo und dieBeltrán-Leyva-Brüder einem neuen Spitzenleutnant an, einemunter dem Namen »La Barbie« bekannten Texaner. La Barbie– mit bürgerlichem Namen Edgar Valdez Villarreal – unter-schied sich deutlich von Chapo. Er bevorzugte Designerkla-motten, Luxusautos und verbrachte seine Nächte gern in Be-gleitung schöner Frauen in Nachtclubs, wo er alkoholseligeOrgien feierte. Doch wie auch Chapo hatte er bewiesen, dasser knallhart sein konnte und keine Skrupel hatte zu töten. Die Beltrán-Leyva-Brüder hatten ihn zunächst als Schul-deneintreiber beschäftigt, und La Barbie nutzte diese Reputa-tion mittels Mundpropaganda und sogar mit Hilfe des Inter-nets, um seine Kontrahenten das Fürchten zu lehren. So stellteer ein Video ins Netz, das zeigt, wie seine Männer eine Grup-pe Zetas foltern. Am Ende schießen sie einem ihrer Opfer inden Kopf. Der Gedanke dahinter war, bei ihren Feinden undderen Unterstützern Angst und Schrecken zu verbreiten. 227 Nuevo Laredo verwandelte sich in ein Kriegsgebiet. ZweiJahre lang kämpften die Pistoleros der beiden Kartelle um dieMacht in der Grenzstadt und dehnten ihre blutige Rivalität bisnach Reynosa und Matamoros aus. Auch die Armee trugdurch verstärkten Einsatz zum Blutvergießen bei und feierteeinige spektakuläre Erfolge.228 Guzmán Decena wurde er-schossen, seine Nummer zwei verhaftet. Heriberto LazcanoLazcano, alias »El Lazca«, übernahm die Führung der Zetas,und das Morden ging weiter. Einer der beiden Capos – Chapo oder Cárdenas Guillén –würde untergehen müssen. 167
    • Letzterer hatte allerdings zusätzlich ernsthafte Problememit den US-Amerikanern. Einige Jahre zuvor hatten CárdenasGuillén und mehr als ein Dutzend mit Pistolen und Gewehrenbewaffnete Männer zwei US-Agenten (einer vom FBI undeiner von der DEA) im Stadtzentrum von Matamoros gestellt,während diese einen Informanten treffen wollten. CárdenasGuillén hatte gedroht, sie zu töten, und einem der beiden an-geblich eine Waffe an den Kopf gehalten. Die Agenten hattensich ausgewiesen, doch den Drogenbaron interessierte daswenig. Allenthalben wurden Pistolen gezogen. Die US-Agenten erinnerten Cárdenas Guillén an die harteReaktion der US-Behörden auf die Ermordung von KikiCamarena und dass es ein Fehler wäre, sie umzubringen. »Ihr verfickten Gringos«, brüllte Cárdenas Guillén, »das istmeine Stadt, also verpisst euch, ehe ich euch abknalle!« Die Agenten kamen unverletzt aus der Sache heraus, trotz-dem sann die DEA auf Rache und leitete unter dem Codena-men »Operation Golden Grips« sofort eine Ermittlung ein. InZusammenarbeit mit der mexikanischen Regierung konzen-trierten sich DEA, FBI und die Zollbehörde auf die Zerschla-gung des Golf-Kartells.229 Chapo versuchte – vielleicht nicht zufällig – genau dassel-be. In den frühen Morgenstunden des 14. März 2003 umstelltenDutzende von Soldaten ein Haus in einem kleinen Viertel inMatamoros, in dem man Cárdenas Guillén vermutete. Er undseine Männer versuchten, sich den Weg freizuschießen, dochdie Soldaten verfolgten sie bis zum Flughafen. Als der Pul-verdampf sich gelegt hatte, waren zwar drei Soldaten verletzt,aber die Militärs hatten gesiegt. Sie hatten den Chef des Golf-Kartells erwischt. Jubel erfüllte die Luft. Schon der Schlag gegen die Arella-no-Félix-Brüder im Jahr zuvor war ein großer Erfolg gewe-sen, und nun hatten sie den ersten Top-Narco der Golfküsteseit dem Amtsantritt von Präsident Fox geschnappt. Die Ver- 168
    • haftung von Cárdenas Guillén nahm etwas von dem Druck,dem sich Fox seit der Flucht von Chapo ausgesetzt sah, undbedeutete den US-Behörden, dass die mexikanische Regie-rung gewillt war, den Drogenbaronen das Handwerk zu legen. Zudem wirkte es auch nicht so, als würde Fox ein bestimm-tes Kartell schonen und umso aggressiver gegen die anderenvorgehen, wie man es den PRI-Regierungen vorgeworfen hat-te. Die gelungene Geheimhaltung der Razzia, die den Golf-Capo zur Strecke brachte, war ebenfalls ein Grund zum Fei-ern. Die Einzigen, die vorab darüber informiert wurden, wa-ren der Präsident, der Verteidigungsminister und der General-staatsanwalt. Für die DEA war es nicht nur ein großer Triumph, weil essich um Cárdenas Guillén handelte, sondern auch, weil damitdie Demütigung der Agenten gerächt war. »Es handelt sichum eine bedeutende Verhaftung, denn damit erteilen wir denDrogenhändlern eine klare Botschaft, die da lautet, dass Ge-walt und Einschüchterung sie nicht vor der Verfolgung durchdie Behörden bewahren«, ließ die DEA verlauten. Dennoch gab es einige Ermittler, die nicht so freudig ge-stimmt waren. Denn nun würden sie herausfinden müssen,wer Cárdenas Guilléns Platz einnehmen würde.230 Nur wenige Wochen nach dem Niedergang seines Rivalentauchte Chapo in Nuevo Laredo auf. Einem Zeugen zufolge,der sich inzwischen im Schutzprogramm befindet, zeigte erkeinerlei Furcht, sich dort aufzuhalten, obwohl der Rauch sichnoch nicht gelegt hatte. Am Tag nach einer blutigen Schieße-rei drangen Soldaten in das Viertel Santo Dellogado vor. Aufeinem Dach wurden sie von fünf Gangstern erwartet, die Poli-zeiuniformen trugen, mit AK-47-Gewehren bewaffnet warenund den Soldaten ihre Gesinnung entgegenschleuderten: »Wirsind Chapos Männer, und er ist hier … in Nuevo Laredo.«Dann machten sie sich davon. Es war das erste Mal, dass esHinweise darauf gab, dass Chapo offen auf dem Gebiet desGolf-Kartells agierte.231 169
    • Doch die Mitglieder von Los Zetas wollten sich nicht soleicht geschlagen geben. Nur wenige Monate nach der Ver-haftung von Cárdenas Guillén war es ihnen gelungen, dasGolf-Kartell mit ihrer Organisation zu verschmelzen. Zudemgab Cárdenas Guillén immer per Handy Befehle aus dem Ge-fängnis im Bundesstaat Mexico. Sowohl Chapo als auch Los Zetas beabsichtigten, über ganzMexiko zu expandieren, und damit war keine der beiden Or-ganisationen in der Lage, genügend Ressourcen aufzubieten,um eine effektive Kontrolle der Golfküste zu erreichen. DerKrieg im Norden nahm an Härte zu.232 Nach Chapos Besuch kamen im Verlauf des Sommers 2003etliche seiner Männer nach Nuevo Laredo, um es mit denZetas aufzunehmen. Im gesamten Nordosten waren auf beidenSeiten mehrere Hundert Tote zu verzeichnen, allein in NuevoLaredo fanden zwanzig Polizisten den Tod. Keine der beiden Seiten war an einem Friedensschluss odergar der Rückkehr zu Recht und Ordnung interessiert.233 Die wenigen, die sich bemühten, hatten praktisch kaum ei-ne Chance. Als Alejandro Domínguez Coello, ein bescheide-ner sechsundfünfzigjähriger Druckereibesitzer und Vater vondrei Kindern, als neuer Polizeichef von Nuevo Laredo verei-digt wurde, gab er zu, dass er nicht viel würde ändern können.Aber er schwor, die Bewohner der Stadt bestmöglich zu re-präsentieren. »Ich bin niemandem verpflichtet. Mein Einsatzgilt dem Wohl der Bevölkerung«, erklärte er bei seiner Amts-einführung. Binnen sechs Stunden hatten Killer ihn mit dreißig Kugelndurchsiebt. Offenbar auf Geheiß der Zetas. Die öffentlicheEmpörung über den Vorfall veranlasste Präsident Fox, erneutMilitär und Federales in die Stadt zu entsenden. Doch siewurden nicht gerade herzlich empfangen. Unmittelbar nachihrem Eintreffen am Flughafen wurden sie regelmäßig inSchießereien mit der örtlichen Polizei verwickelt, die der Ein-fachheit halber gleich komplett von den Zetas und dem Golf- 170
    • Kartell gekauft worden war. Am Ende verloren alle sieben-hundert Polizeibeamten der 35 000 Einwohner zählendenStadt ihre Posten und mussten sich Ermittlungen stellen.234 2009 indes hatte sich eine trügerische Ruhe über Reynosa,Matamoros und Nuevo Laredo gelegt. Zwar waren noch im-mer Soldaten in der Region stationiert, aber das Verhältnis zurlokalen Polizei hatte sich verbessert. Noch immer herrschtetiefes Misstrauen. Matamoros ist eine Stadt, in der es leicht-fällt, sich vorzustellen, wie jemand niedergeschossen, entführtoder gefoltert wird. Die Ortspolizisten kreuzen mit ihren Pick-ups durch die Straßen und schwenken demonstrativ ihre Waf-fen, während sie herumgrölen wie betrunkene Collegestuden-ten während des Spring Break. Selbst bei Tageslicht bewegensich die Bewohner nur mit äußerster Vorsicht durch die Stadt,bei Einbruch der Dunkelheit sind die Straßen wie leergefegt.Dagegen wirkt Brownsville auf der anderen Seite der Grenzein Texas wie ein idyllischer Hort der Stabilität. Die Bewohner befürchten, dass die Gewalttätigkeiten jedenMoment wieder ausbrechen könnten. Zumal die Zetas ihrenGeschäftsbereich auf Erpressung und Warenschmuggel ent-lang der Grenze ausgedehnt haben. Die Regierung behauptet,weiterhin einen Krieg gegen die Zetas in Tamaulipas zu füh-ren, doch die Einwohner sind anderer Meinung. »Die sind alle gekauft«, meint Antonio, der sein ganzes Le-ben in Reynosa verbracht hat. »Die Soldaten, die Regierung,alle.« Antonio besitzt ein kleines Geschäft, seine Haupteinnah-mequelle ist der Verkauf von Alkohol. Er wurde Opfer einerSchutzgelderpressung durch einen Beamten der Gemeinde-verwaltung, der seine Schärpe offen zur Schau trug. DerMann wurde von bewaffneten Leibwächtern begleitet, beidenen es sich offensichtlich um Zetas handelte. Er forderteAntonio auf, ihm künftig für die Erlaubnis, Alkohol verkaufenzu dürfen, jeden Freitag fünfzig US-Dollar auszuhändigen. 171
    • Doch Antonio ließ sich nicht einschüchtern. Er ging zumRathaus, wies nach, dass seine Papiere in Ordnung waren, undzeigte den Erpressungsversuch an. Der Beamte ist seitdemnicht wiedergekommen, doch die Reaktion der Gemeinde-verwaltung trug wenig dazu bei, Antonio zu beruhigen. Manhabe die Anzeige kaum zur Kenntnis genommen und nichteinmal nach dem Namen des Beamten gefragt. »Die Politiker sind die größten Narcos«, glaubt er. »Es isteine Schande, was sie mit Mexiko gemacht haben.«235 Anfang 2010 flammte die Gewalt in Tamaulipas wiederauf. 9 LandraubObwohl er sich schließlich aus dem Nordosten zurückgezogenhatte, konnte man nicht behaupten, die Zetas hätten Chapoeine Niederlage zugefügt. Das Blutvergießen im Konflikt mitdem Golf-Kartell hatte seine übrigen Geschäfte nicht beein-trächtigt; Mitte 2005 lieferte er noch immer gewaltige Men-gen an Drogen in die USA. Doch die US-Behörden warenzuversichtlich, dass die Jagd auf ihn schließlich Erfolg habenwürde. »Er ist ein vorrangiges Ziel, und früher oder späterwird er einen Fehler begehen, und wir werden ihn fassen«,meinte ein US-Beamter. Chapo hatte verständlicherweise an-dere Vorstellungen.236 Er war den Behörden nicht nur stets eine Nasenlänge vo-raus, er expandierte auch ins Methamphetamin-Geschäft. Be-kannt als Meth, Ice, Crank oder Speed, ist Methamphetamineine hochgradig süchtig machende Substanz. Es wird ge-schnupft, geraucht oder oral eingenommen und kann ernsthaf-te Auswirkungen auf das zentrale Nervensystem haben. Ineinigen Teilen der hispanischen Welt ist es als »La Droga 172
    • loca« bekanntgeworden, und auch in anderen Regionen findensich ähnliche Bezeichnungen, da es bei längerer Einnahme zuParanoia und Wahnvorstellungen führen kann. Ein häufigbeobachteter Nebeneffekt ist zudem das Gefühl, unter derHaut krabbelten Käfer.237 Meth ist in geheimen Laboratorien, den Meth-Küchen, ein-fach herzustellen. Man benötigt dazu lediglich die richtigenChemikalien und das »Kochgeschirr«.238 José de Jesús Amezcua Contreras wird allgemein als derPionier des mexikanischen Meth-Geschäfts betrachtet, da erschon in den Achtzigern mit der Produktion begonnen hatte.Er und seine Brüder operierten von Guadalajara aus und stell-ten Verbindungen zum organisierten Verbrechen in Thailandund Indien her, wo sie die benötigten Chemikalien in großenMengen erwarben. Die Droge produzierten sie in billigenkleinen Labors in den mexikanischen Bundesstaaten Colima,Nayarit und Michoacán, in Letzterem zusammen mit den Va-lencia-Brüdern. Auf dem Höhepunkt ihrer Macht zählten sie zu den »welt-größten Ephedrin-Schmugglern und Meth-Produzenten«. IhreNetzwerke reichten bis tief in die USA, zudem verkauften siegroße Mengen an die Arellano-Félix-Brüder. Der DEA zufol-ge überschwemmten sie den US-amerikanischen Markt, sodass die Meth-Abhängigkeit sich wie eine Landplage aus-dehnte. Dabei operierten sie hauptsächlich in Kalifornien,Texas, Georgia, Oklahoma, Iowa, Arkansas sowie North Ca-rolina und produzierten den Stoff zeitweise sogar auf US-amerikanischem Boden. Da sie aber nicht über die politischen Begünstigungen an-derer Narcos verfügten, wurden die Amezcua-Brüder schließ-lich verhaftet. Nichtsdestotrotz hing der US-Markt, aufgrundder ständig steigenden Nachfrage, inzwischen nachhaltig vonden Lieferungen aus Mexiko ab. Obwohl auch der ältere derValencia-Brüder im Gefängnis saß, ging die Meth-Produktionweiter, allerdings fehlte eine Führungspersönlichkeit, um die 173
    • Transporte in die USA zu koordinieren.239 Chapo ergriff dieGelegenheit beim Schopf und expandierte ins Meth-Geschäft. Dank seiner Beziehungen entlang der Pazifikküste fiel esChapo nicht schwer, den Import der notwendigen Chemika-lien zu gewährleisten. Auch die Verteilung nach Norden be-reitete keine Schwierigkeiten. Das Meth wurde einfach denKokainlieferungen hinzugefügt. So musste man nicht zusätz-lich Millionen in Flugzeuge, Piloten, Boote und Bestechungs-gelder investieren. Aus Chemikalien im Wert von 10 000 Dol-lar ließ sich Methamphetamin im Wert von 100 000 Dollarherstellen.240 Im Gegensatz zum sinaloensischen Drogenhandel, der alseine Art Joint Venture zwischen Chapo und El Mayo betrach-tet werden konnte, war das Meth-Geschäft allein Chapos Ba-by. Er hatte seine eigenen Kontakte nach China, Thailand undIndien, importierte die Chemikalien und errichtete in den Ber-gen von Sinaloa und Durango sowie in Jalisco, Michoacán,Nayarit und anderen Staaten, in denen er Kontakte hatte, rie-sige Meth-Küchen. Mit seinem neuen Projekt war Chapo be-sonders ehrgeizig. »Und zwar nicht als Killer, sondern alsGeschäftsmann«, wie Errol Chavez mit bitterer Ironie be-merkt. »Er löste sich von El Mayo und schuf seine eigenenMärkte.«241 Chapo baute seine Organisation schnell aus. Da er sich stetsim ganzen Land bewegte, konnte er seine Kontakte pflegen.Bald operierte er in siebzehn der einunddreißig Bundesstaa-ten, wo er immer wieder unter verschiedenen Decknamen –wie Max Aregón oder Gilberto Osuna – auftauchte.242 Er übertrug die Verantwortung für die Meth-Produktionseinem engen Vertrauten Ignacio »Nacho« Coronel Villarrealund konnte so weiterhin als Boss der Bosse auftreten. NachoCoronel arbeitete seit vielen Jahren an der Seite von Chapound El Mayo. Er bewies ein solches Talent für das Meth-Geschäft, dass er sich den Beinamen »Crystal King« verdien-te. 243 174
    • Indes dachte Chapo über einen Krieg an anderer Frontnach. Seit seiner Flucht aus dem Gefängnis hatte er ein Augeauf Ciudad Juárez geworfen. In Monterrey hatte er ein Treffenmit El Mayo, dem Consigliere El Azul und einem der Beltrán-Leyva-Brüder einberufen, bei dem die Möglichkeiten erörtertwurden, Rodolfo Carrillo Fuentes zu ermorden, der nach demTod seines älteren Bruders an die Spitze des Juárez-Kartellsgerückt war. Damit würden sie die Herrschaft der Carrillo-Fuentes-Brüder brechen und sich des lukrativen Korridors vonCiudad Juárez bemächtigen. Chapo ließ sich Zeit. Immerhin bestand die von El Mayoarrangierte Allianz zwischen dem Sinaloa- und dem Juárez-Kartell noch, wenngleich das Misstrauen auf beiden Seitengroß war. Um das Terrain zu erkunden, entsandte Chapo einige Mit-glieder seiner Killerschwadron Los Negros nach CiudadJuárez. Chapo wusste, dass Rodolfo Carrillo Fuentes ständigseinen Aufenthaltsort wechselte und sich dabei von einer Po-lizeieskorte beschützen ließ. Es würde also nicht einfach sein,ihn zu erwischen. Aber Chapo wusste auch, dass die Familienoch immer regelmäßig nach Culiacán reiste, wo zahlreicheVerwandte lebten. Am Nachmittag des 11. September 2004 verließ CarrilloFuentes mit seiner Frau eine Shopping-Mall in der Stadt. Be-gleitet von Polizeichef Pedro Pérez López begaben sie sichauf den Parkplatz. Pérez López war ein harter Bursche. Während seiner Amts-zeit in Ciudad Juárez hatte er Kidnapper-Ringe und eine Ban-de von Autodieben zur Strecke gebracht und zwei Mordan-schläge der Arellano-Félix-Brüder überlebt. Das Ehepaarwollte gerade in einen Wagen steigen, als das Feuer eröffnetwurde. Pérez López erwiderte den Angriff und hielt die Atten-täter auf Distanz. Doch seine Munition reichte nur für wenigeMinuten, dann wurde er von einer Kugel getroffen. Der Narcound seine Frau wurden getötet, der Polizeichef überlebte. Als 175
    • die Unterstützung eintraf, waren die Mörder längst über alleBerge. Chapo hatte seinen Hauptrivalen in Ciudad Juárez erfolg-reich eliminiert.244 Nach Rodolfos Tod trauten nur wenige dessen Bruder Vi-cente Carrillo Fuentes zu, die Kontrolle über Ciudad Juárez zubehalten. »Nach dem Tod seines Bruders wird VicenteCarrillo die Führung nicht behaupten können«, glaubte etwader damalige Generalstaatsanwalt Daniel Francisco Cabeza deVaca Hernández im November 2005. »Vicente Carrillo wirdflüchten«, sinnierte er, »aus Angst wird er seine Organisationan Chapo verlieren.«245 Doch Vicente blieb in der Stadt – Ciudad Juárez wurde al-lerdings für den Rest des Jahrzehnts nicht mehr von einemCarrillo Fuentes regiert, sondern von der Gewalt. RacheAls er sich gegen das Golf-Kartell wandte und versuchte, sichin Ciudad Juárez breitzumachen, musste Chapo bewusst ge-wesen sein, dass mit ernsthaften Gegenreaktionen zu rechnenwar. Doch ob er die Ereignisse des 31. Dezember 2004 vor-hergesehen hatte, wird für immer sein Geheimnis bleiben. An diesem Silvesterabend saß Arturo Guzmán Loera,Chapos schnurrbärtiger kleiner Bruder, in einem Raum imCefereso No. 1, wo er sich seit drei Jahren befand, ohne dassjemand den Versuch unternommen hatte, ihn zu befreien. Erunterhielt sich gerade mit seinem Rechtsanwalt, als ein ande-rer Häftling, José Ramírez Villanueva, von einer nahe gelege-nen Toilette eine dort versteckte Pistole holte. Dann erschosser Chapos geliebten kleinen Bruder. Der Anschlag konnte praktisch von jedem von Chaposzahlreichen Feinden in Auftrag gegeben worden sein, dochobwohl auch die PGR dies einräumte, galt allen VicenteCarrillo Fuentes als Hauptverdächtiger.246 176
    • Kaum zwei Monate später musste Chapo erneut einenschweren Schlag einstecken. Diesmal vonseiten der Behör-den. Einer seiner Söhne, Iván Archivaldo, alias »El Chapito«,wurde in Zapopan, Jalisco, festgenommen. Den Erfolg ver-dankten die Polizisten einem Zufall. Ein Ermittlerteam hattean einem Tatort ein Handy sichergestellt und routinemäßigdie Wahlwiederholung gedrückt. Auf den Anruf hin tauchteEl Chapito am Schauplatz auf und wurde umgehend festge-nommen. Schließlich wurde er wegen Geldwäsche zugunstenseines Vaters angeklagt.247 Im Juni dann der nächste Schlag. Einer von Chapos Brü-dern, Miguel Ángel, hatte ein chinesisches Restaurant in Cu-liacán besucht, um den fünfzehnten Geburtstag der Nichte desDrogenbarons zu feiern. Für mexikanische Mädchen ist derfünfzehnte Geburtstag, die Quinceañera, ein großes gesell-schaftliches Ereignis, und Miguel Ángel wollte seiner Tochterwenigstens ein schönes Essen spendieren, auch wenn seinBruder ein gesuchter Drogenbaron war. Auf Grundlage von Informationen, die Spitzel ihnen hattenzukommen lassen, umstellte eine zwanzig Mann starke Spezi-aleinheit um vier Uhr morgens das Restaurant Tai-Pei. Inschwarzen Kampfanzügen und mit schwarzen Skimasken un-kenntlich gemacht, betraten sie daraufhin zur Überraschungder Gäste das Lokal. Miguel Ángel machte seinem Spitznamen »El Mudo« (»derStumme«) alle Ehre und ließ sich wort- und widerstandslosabführen. Obwohl er nie auf einer Fahndungsliste aufgetaucht war,waren die Ermittler sicher, dass er im Auftrag Chapos perFlugzeug Drogen transportiert und auf dem Rückweg erhebli-che Mengen Bargeld nach Sinaloa gebracht hatte. Außerdemhatte er Anwesen und Häuser in Culiacán, die als Versteckebenutzt worden waren, sowie Fahrzeuge und falsche Papierefür Chapos Männer gekauft. 177
    • Chapos Mutter, María Consuelo Loera Pérez, die ebenfallsdie Geburtstagsfeier besucht hatte, war außer sich. »Sie habenihn ohne Haftbefehl verschleppt, dabei verdient er sein Geldauf ehrliche Weise«, erklärte sie gegenüber Reportern. »Ichkann mir nicht vorstellen, dass er sich zu illegalen Aktivitätenhat hinreißen lassen. Sie haben ihn nur festgenommen, weil erChapos Bruder ist.« Dann nahm sie auch Chapo in Schutz. »Er hat keine Türaufgebrochen und niemanden bedroht, um aus dem Gefängniszu kommen. Sie haben ihm die Tür geöffnet. Wenn man ei-nem Vogel die Käfigtür öffnet, fliegt er davon. Er tut doch nurGutes und hilft den Leuten. Wieso soll ich mich deshalbschämen, ich bin doch seine Mutter. Eine Mutter muss all dieBürden schultern, die ihre Kinder ihr auferlegen, deshalb rufeich Gott zu ihrer Verteidigung an. Er ist mein bester Anwalt.«248 Aber tief in ihrem Innern mussten die DEA-Agenten ge-wusst haben, dass niemand Chapo wirklich aufhalten konnte.Sie hatten für Hinweise, die zu seiner Festnahme und zur An-klageerhebung führten, eine Belohnung in Höhe von fünf Mil-lionen Dollar ausgesetzt. Der Haftbefehl lautete auf Ver-schwörung zur Einfuhr von Kokain, Besitz von Kokain mitder Absicht, es zu verkaufen, Geldwäsche und Unterschla-gung.249 Die DEA-Agenten wussten überdies, dass er seineOrganisation ausbauen wollte – und auch wenn er nun denVerlust einiger Familienmitglieder beklagen musste, würde ernicht leicht zur Strecke zu bringen sein. »Als er ins Gefängnis ging, war er der Boss, und seine Ge-schäfte liefen hervorragend«, sagte ein Ermittler gegenüberder Los Angeles Times. »Er musste einfach nur überleben,danach war es nur eine Frage der Zeit, bis er sich wieder andie Spitze setzen würde. Jetzt ist er definitiv zurück. Und erist mächtig. Man spürt es an der Gewalt, die da draußen zu-nimmt. «250 178
    • Die mexikanischen Behörden hingegen waren sich un-schlüssig, wie sie gegen Chapo vorgehen sollten. Obwohl sieFamilienangehörige festgenommen und seine Mutter belästigthatten, waren sie nicht in der Lage, ihn zu finden. Korrupti-onsvorwürfe wurden laut; ein mexikanischer Journalist nannteChapo einige Zeit später in Anspielung auf das Kürzel derPartido de Acción Nacional den »Capo de PANismo« – unddie Versuche, die zunehmend verbissener berichtende Pressezum Schweigen zu bringen, liefen ins Leere. »Es ist nicht so, dass er intelligenter ist und wir dümmersind«, sagte José Luis Vasconcelos, der ehemalige stellvertre-tende Kommandeur der Spezialeinheit gegen das organisierteVerbrechen (SIEDO). »Er hat die bessere Logistik, da wo eragiert, wird er beschützt, in einer Stadt werden wir ihn nichtfinden – dieses Individuum lebt versteckt in der Sierra, wo ihndie Bewohner der Bergdörfer loyal unterstützen und als Hel-den verehren. « Am Ende musste er zugeben, dass sie keinewirkliche Spur hatten, die zu Chapo hätte führen können.251 Zwar war es ihnen gelungen, einige seiner Angehörigenwegen kleinerer Vergehen anzuklagen, aber der Drogenbarongab dennoch die Regierung nach wie vor der Lächerlichkeitpreis. Die erst kürzlich gebildete SIEDO und die AFI hattenbei der Suche nach dem Mann weiterhin kein Glück. 10 Recht und UnordnungAm Abend des 8. Mai 2008 kam der hochrangige Federales-Offizier Edgar Millán Gómez spät nach Hause. Er hatte mitseinem Team die Ermittlungen gegen Marcos Arturo BeltránLeyva, alias El Barbas, vorangetrieben, nachdem man auszuverlässiger Quelle erfahren hatte, der sinaloensische Narco 179
    • befinde sich in der eine Stunde südlich von Mexiko-Stadt ge-legenen Stadt Cuernavaca. Fast hätten die ausgesandten Spezialeinheiten ihn erwischt.Doch El Barbas’ Leibwächtertruppe, zu der auch ehemaligeMilitärs zählten, hatte sich mit überlegener Feuerkraft denWeg freigeschossen und war mit ihrem Chef entkommen. Millán Gómez kehrte also in eines von mehreren Häusernin Mexiko-Stadt zurück, die er aus Sicherheitsgründen ab-wechselnd bewohnte. Seine Leibwächter setzten ihn vor derTür ab, und er ging die Treppe zur Haustür hinauf. Kaum hat-te er diese aufgeschlossen, eröffnete ein vierköpfiges Killer-kommando das Feuer. Doch der Elitepolizist gab sich nichtohne Gegenwehr geschlagen. Er packte noch einen seinerAngreifer, und während die anderen ihn mit Kugeln durch-siebten, schrie er noch: »Wer hat euch geschickt? Wer hateuch befohlen, mich umzubringen?« Die Killer, die einer Gang aus Mexiko-Stadt angehörten,waren von den Beltrán-Leyva-Brüdern geschickt worden.Millán Gómez erlag wenige Stunden später im Krankenhausseinen Verletzungen. Die Ärzte fanden neun Kugeln in sei-nem Körper. Der Verlust von Millán Gómez war ein schwerer Schlag fürdie Moral der Drogengegner. Immerhin galt er als einer der»guten Bullen«, als Held, der unter dem Beifall der Regierungsowohl Chapo als auch den Beltrán-Leyva-Brüdern das Lebenschwermachte. »Er hat sich nie unterkriegen lassen«, erinnert sich ein alt-gedienter DEA-Agent, der in Mexiko-Stadt stationiert war.Während seiner Zeit in der Hauptstadt, in der es zu seinenAufgaben gehörte, die mexikanischen Kollegen, mit denen dieDEA zusammenarbeitete, auf Herz und Nieren zu prüfen, hat-te er gute wie böse Cops kennengelernt. Der Tod von MillánGómez versetzte auch ihm einen schweren Schlag, denn erverlor einen vertrauenswürdigen Kollegen. 180
    • Präsident Calderón war verwirrt, seine Regierung hatteMillán Gómez’ Bedeutung für den Krieg gegen das organi-sierte Verbrechen immer wieder hervorgehoben. Nun bliebihm nichts anderes übrig, als diesen Vorfall »als feigen Mordan einem vorbildlichen Offizier« zu verurteilen.252 In dersel-ben Woche wurden sechs weitere Polizisten getötet. Genaros KreuzzugGute Cops findet man selten in Mexiko. Schon unter den An-wärtern gibt es nur wenige, die ihre Karriere mit der richtigenEinstellung beginnen. Sie wissen, dass Bestechung zum all-gemein akzeptierten Lebensstil gehört oder zumindest daseigene Überleben sichert. Selbst die, die im Prinzip ehrlichsind, werden durch beträchtliche Geldbeträge korrumpiert und– wenn das nichts nützt – schlicht mit dem Tod bedroht. Bei ihrer Gründung galt die AFI als die große Hoffnung fürden mexikanischen Polizeiapparat. Sie sollte so vertrauens-würdig wie die Armee sein, aber weniger aggressiv und bru-tal, ehrlicher als die örtlichen Polizeibehörden und in der La-ge, im gesamten Land zu operieren. Geführt wurde sie vonGenaro García Luna, einem kompromisslosen ehemaligenGeheimdienstler, der zuvor bereits die Bundespolizei geleitethatte. Eine seiner Prioritäten war die Kooperation mit denUSA. Spitzenbeamte und Eliteeinheiten der AFI wurden vonder DEA oder vom FBI in Quantico, Virginia, trainiert, wäh-rend andere regelmäßig an binationalen Übungen teilnahmen,um einen dauerhaft hohen Ausbildungsstandard zu garantie-ren. Während zuvor Generalstaatsanwälte und Polizeichefs sicheinander in rascher Folge abwechselten, wurde García Lunazu einer zentralen, fest im Sattel sitzenden Figur des mexika-nischen Strafverfolgungssystems. Er hatte eine Ausbildungzum Ingenieur absolviert und wusste daher die technologi-schen Neuerungen, die damals in Sicherheitskreisen aufka- 181
    • men, optimal einzusetzen. Zudem galt er als Reformer, undals er 2001 auf seinen neuen Posten berufen wurde, schickteMexiko sich gerade an, den langwierigen Umwandlungspro-zess vom Einparteiensystem der PRI zum Mehrparteienstaatzu bewältigen. García Luna war erst achtunddreißig, als er in kurzer Folgeerst zum Chef der Bundespolizei und dann zum Chef der AFIernannt wurde. Unmittelbar nach seinem Amtsantritt erklärte er, scho-nungslos die Korruption bekämpfen zu wollen, selbst wenndies bedeutete, das Polizeikorps umfassend zu »säubern«. Erzögerte nicht, auch hochrangige Beamte zu feuern, und unter-zog den ganzen Apparat einer gründlichen Revision. UmHandlungsfähigkeit und Vertrauenswürdigkeit der Polizei zustärken, führte er unter anderem Lügendetektortests, Finanz-kontrollen und psychologische Evaluierungen seiner Unterge-benen ein. Nach Calderóns Ernennung zum Präsidenten betonteGarcía Luna immer wieder, dass er erst ruhen werde, wenn erChapo endlich gefasst habe. In Interviews wirkt er ehrlich undbemüht. Aber es gibt auch noch eine andere Seite. Seinen engstenMitarbeiterkreis regiert er wie sein persönliches Königreich,jede falsche Entscheidung kann für den Betroffenen fataleFolgen haben. Er wird als so kontrollbesessen beschrieben,dass er nicht einmal von seinen engsten Beratern Widerspruchduldet. Seine loyalen Vertrauten, heißt es vonseiten ehemali-ger Mitarbeiter, lebten in einem Zustand permanenter Para-noia. In der Folgezeit versuchte er, seine Position zu festigen,denn auch er hatte einen Gegenspieler. Eduardo Medina Mora, der von 2006 bis 2009 General-staatsanwalt war, hätte sich nicht deutlicher von García Lunaunterscheiden können. Beide teilten eine unbedingte Liebeund Hingabe an ihre Ämter, doch Medina Mora galt als weit- 182
    • aus einfühlsamerer Boss. Er war für sein strategisches Ge-schick bekannt, ebenso für den Respekt vor dem Leben seinerMitarbeiter, die er keinen unvorhersehbaren Gefahren ausset-zen wollte. Zudem galt er als höchst einflussreich. Die mexikanischen Medien spürten bald die Unterschiedezwischen den beiden Spitzenbeamten. Wann immer GarcíaLuna und Medina Mora unterschiedliche Ansichten äußerten,schlachteten die Journalisten die Gegensätze aus. Und wannimmer sie unterschiedliche Strategien verfolgten oder sich mitCalderón besprachen, spekulierte die Presse, wer im Kampfum die Gunst des Präsidenten als Sieger hervorgehen würde. Calderón entschied sich schließlich für García Luna als sei-ne rechte Hand im Krieg gegen die Drogen. Kritiker werfen Calderón vor, García Luna die absoluteKontrolle über den Strafverfolgungsapparat zugestanden zuhaben, sei ein fataler Fehler gewesen, da die einvernehmlicheKooperation der verschiedenen Behörden für den Erfolg un-abdingbar sei. García Luna hingegen gewährte anderen nuräußert zögerlich Zugriff auf seine Informationen, Einsatzkräf-te und Logistik, weil er, wie ein Akademiker feststellte, derGarcía Luna als Berater gedient hatte, »fürchtete, dadurch anMacht zu verlieren«. García Luna wurde vorgeworfen, er »simuliere lediglicheinen Krieg gegen die Narcos«, anstatt ihn tatsächlich zu füh-ren. Außerdem hieß es, er führe den »Krieg gegen die Dro-gen« mit einem einzigen Ziel: Chapos Macht zu konsolidie-ren. In eidesstattlichen Erklärungen beschuldigen ihn Mitarbei-ter, Beziehungen zu den Beltrán-Leyva-Brüdern zu unterhal-ten. 253 Die PGR leitete eine Untersuchung ein, doch es wurdenichts Beweiskräftiges gefunden. Bei anderer Gelegenheitwurden einem Mitglied seines inneren Kreises, Igor LabastidaCalderón, Verbindungen zu Chapo nachgesagt. Wiederumgab es keine Beweise. 183
    • García Luna dementierte sämtliche Gerüchte über geheimeAbkommen oder sonstige Beziehungen zu den Narcos. Nach-dem Gerüchte über einen »Waffenstillstand« in Tijuana auf-gekommen waren, um der dort grassierenden Gewalt Einhaltzu gebieten, trat der manchmal hektisch wirkende Polizeichefvor die Presse. »Ich sagen Ihnen hiermit mit der gesamtenMacht meines Amtes, dass wir mit niemandem irgendeine ArtPakt eingehen. Wir sind verpflichtet, das Verbrechen zu be-kämpfen. Dies ist unsere Aufgabe, unsere Pflicht, und deshalbziehen wir einen Pakt niemals auch nur in Erwägung.« Dennoch sind in zahlreichen Städten Mexikos sogenannteNarco-Mantas aufgetaucht, von rivalisierenden Narcos öffent-lich aufgehängte Transparente, auf denen sie ihre Gegner oderdie Behörden denunzieren – und auf denen García Luna be-schuldigt wird, mit Chapo zu paktieren. Auf einem dieserTransparente stand zu lesen: »Als Bürger fordern wir die Be-hörden auf, sich um folgende Leute zu kümmern, die mithundertprozentiger Sicherheit die Narcos decken.« Ein Zeuge der Generalstaatsanwaltschaft sagte vor der PGRaus, García Luna und andere hätten von Chapos Männern imAustausch für Informationen Geschenke – darunter Jachtenund Häuser – angenommen. Doch wiederum konnte nichtsdavon bewiesen werden. Das ehrliche DutzendDennoch gehen viele Mexikaner davon aus, dass die AFI vonAnfang an infiltriert war. Erica Garza zählt zu den Beamtender AFI, die sicher sind, dass innerhalb ihrer Behörde zahlrei-che undichte Stellen existieren und die Korruption wuchert. Sie und ihr Ehemann Antonio hatten sich im Rahmen ihrerAusbildung kennengelernt – er war einer ihrer Lehrer. »Er wirkte so ehrlich, aufrichtig«, erinnert sie sich. Baldgingen sie zusammen aus, und binnen sechs Monaten lebtensie zusammen. Sie wusste, dass er ihre große Liebe war. »Er 184
    • hatte eine andere Art, auf die Welt zu schauen. Er wollte, dassdie Dinge so würden, wie sie sein sollten, und nicht so, wiesie waren.« Im Laufe des ersten Jahres ihrer Beziehung sahen sie sichkaum. Zuerst war sie in Durango, dann in Mexiko-Stadt, dannwieder drei Monate unterwegs in anderen Landesteilen. Nichtviel anders lief es auch, als sie schließlich heirateten. Sie wur-de zur Informationsbeschaffung eingesetzt, musste die Häuservon mutmaßlichen Drogenbossen observieren. Während An-tonio in der Verwaltung Karriere machte, saß sie in einementfernten Landesteil in ihrem Van, umgeben von Kameras,Abhöranlagen und Funkgeräten. Ihre Arbeit war aufregend, sie war an der Verhaftung vonGarcía Ábrego, dem früheren Boss des Golf-Kartells, betei-ligt. Aber der Job forderte auch seinen Preis. Selbst wenn siesich in Mexiko-Stadt aufhielt, konnte sie ihren Ehemann ausSicherheitsgründen nur selten über ihren Aufenthaltsort in-formieren. Manchmal sahen sie sich nur an den Wochenen-den. Als Amado Carrillo Fuentes nach seiner misslungenenSchönheitsoperation für tot erklärt wurde, begegnete sie An-tonio im Leichenschauhaus. »Er war zufällig auch dort«, erin-nert sie sich mit einem Lächeln. Selbst als sie sich beide füreine Weiterbildung bei DEA und FBI qualifizierten, konntensie die Reise nach Quantico, Virginia, nicht gemeinsam antre-ten. Erica fuhr als Erste, nach ihrer Rückkehr war dann Anto-nio an der Reihe. Schließlich brachte ihre Arbeit sie doch noch zusammen.Sie wurden beide nach San Diego entsandt, um dort an einemGemeinschaftsprojekt zu arbeiten, welches das Ziel hatte,Strategien für die Säuberung des Polizeiapparats zu entwi-ckeln. Ihr erstes Kind wurde in den USA geboren. Endlicherlebten sie die Flitterwochen, nach denen sie sich so langegesehnt hatten. Als sie wieder nach Mexiko zurückkehrten, begann der ei-gentliche, harte Teil der Arbeit. Das Land hatte soeben die 185
    • Einparteienherrschaft hinter sich gelassen, Antikorruptions-maßnahmen standen hoch im Kurs. Und der Krieg der Kartel-le war kurz vor dem Ausbruch. Während Erica ihr zweitesKind erwartete, wurde Antonio mit der Aufsicht über eineBundesbehörde betraut. Allerdings konnte er den Korrupti-onsschmutz an seinem neuen Arbeitsplatz und den Druck, dieDinge so zu belassen, wie sie waren, nicht ertragen. Unzähli-ge Male hatte man versucht, ihn zu bestechen, jedes Mal hatteer abgelehnt. Nach acht Monaten bat er um seine Versetzung.»Sonst werde ich hier tatsächlich noch korrupt«, erklärte erseiner Frau. Sie landeten beide bei der AFI, und zum ersten Mal arbeite-ten sie tatsächlich zusammen und konzipierten die Trainings-und Ethikhandbücher der Behörde. Mexikanische Polizei-handbücher zu überarbeiten, mag wie ein langweiligerSchreibtischjob klingen, doch das ist ganz und gar nicht derFall. Dem mexikanischen Polizeiapparat mangelt es an eini-gen grundlegenden Dingen, die eine ordentliche Behörde aus-zeichnen. Vor Calderóns Amtsantritt existierte nicht einmaleine landesweite Erfassung aller Polizeibeamten. Wenn einkorrupter Cop in Veracruz verhaftet und gefeuert wurde,konnte er nach seiner Entlassung problemlos in Ciudad Juárezwieder anfangen, da es keine Möglichkeit gab, seinen Werde-gang zu verfolgen. Ethische Regeln aufzustellen und Handbü-cher zu verfassen, hatte deshalb hohe Priorität. Bei der AFI spürten Erica und Antonio auch erstmals dieMacht der Kartelle, die Institutionen zu unterwandern. Anto-nio, der zeitweise für die Versetzung von Agenten in die ver-schiedenen Landesteile zuständig war, sah sich nicht seltenmit Untergebenen konfrontiert, die einer Anordnung wider-sprachen. Diese Männer hatten ihre Plazas, wie die lokalenBüros ebenso wie die Schmuggelkorridore genannt werden,zumeist dank der üppigen Bestechungsgelder der lokalenNarcos in eine sprudelnde Quelle des Wohlstands verwandelt.Solche Agenten boten Antonio Geld an, um auf ihren Posten 186
    • bleiben zu dürfen. Er lehnte ab. Sein Vorgänger war wegenKorruption gefeuert worden, ihm sollte das nicht passieren. Kurz danach entzogen ihm seine unmittelbaren Vorgesetz-ten diese Aufgabe. Aber der ehrliche Cop gab nicht auf. Erinitiierte ein neues System, dem sich seine Chefs nicht ver-weigern konnten, ohne an höherer Stelle Verdacht zu erregen.Die Versetzungen wurden künftig per Zufallsgenerator durchein Computersystem ermittelt. »So können wir der KorruptionHerr werden«, sagte er zu seiner Frau. Das Modell schien zu funktionieren, und Antonio kletterteauf der Karriereleiter nach oben. Sowohl er als auch seineFrau Erica galten nun als Elite-Cops, die eng mit internationa-len Behörden wie der DEA kooperierten. Allerdings wusstennur einige wenige privilegierte Kollegen von der engen Zu-sammenarbeit mit den US-Amerikanern – immerhin konnteeine undichte Stelle sie nach wie vor das Leben kosten. Zu-dem wechselten sie innerhalb der AFI regelmäßig ihre Postenund achteten darauf, die Gesetze der Vetternwirtschaft nichtzu verletzen. In einem Land wie Mexiko ist der Aufstieg überfamiliäre Beziehungen oft die einzige Möglichkeit, nach obenzu kommen. Antonio leitete Ermittlungen gegen die Top-Narcos desLandes ein. »Der Unbestechliche«, wie Erica ihn nannte,wusste, dass er vor der größten Herausforderung seiner Karri-ere stand. »Als er zum Direktor ernannt wurde, sagte er: ›DieDinge werden jetzt um einiges schwieriger. Der Druck wirdzunehmen.‹« Die Anzahl der Feinde wuchs. Manche gaben sich deutlichzu erkennen, manche agierten hinter den Kulissen. Antoniobeklagte sich über die Schwierigkeit, die Mentalität seinerKollegen zu ändern. Er rauchte nicht und trank keinen Alko-hol, während seine Untergebenen Bestechungsgelder vonKriminellen annahmen. Wann immer er einen korrupten Poli-zisten entlarvte, versetzte er ihn in einen anderen Landesteil.Bei einem Besuch in Ciudad Juárez wagte er es aus Misstrau- 187
    • en gegenüber seinen Kollegen vor Ort nicht, über Nacht zubleiben. Doch manchmal konnte er sich den Gefahren nicht gänzlichentziehen. Einmal wurde er nach Monterrey beordert, wo dieFederales gegen El Lazca, den Chef der Zetas, ermittelten.Antonio und ein Kollege fuhren durch die Straßen und kamenan einem Kindergeburtstag vorbei. Plötzlich stieg El Lazcaaus einem geparkten Fahrzeug. Der Zeta sah sich um undstieg sofort wieder ein. Die beiden Beamten folgten ihm undforderten über Funk Unterstützung an. Doch die Verstärkungtraf zu spät ein. El Lazca hatte sie bemerkt, und seine Männereröffneten mit AK-47-Gewehren das Feuer. Antonio schossmit seiner Pistole zurück, aber ohne Erfolg. Der Narco ent-kam. Antonio war überzeugt, dass man ihn und seine Kollegendem Tod ausgeliefert hatte. Doch er überlebte auch diese Runde und stieg weiter auf.Einmal leitete er eine Razzia in einem Haus in Lomas deChapultepec, einem zwielichtigen Viertel von Mexiko-Stadt.Das Anwesen gehörte Zhenli Ye Gon, einem chinesisch-mexikanischen Geschäftsmann, der verdächtigt wurde, imAuftrag von Chapo Chemikalien zur Methamphetamin-Herstellung zu importieren. Man fand dort eine gewaltige Menge Bargeld – 207 Millio-nen Dollar, 18 Millionen mexikanische Peso, 200 000 Euround 113 000 Hongkong-Dollar – sowie fast ein DutzendGoldbarren. Antonio und Noé Ramírez, der damals die Abteilung Orga-nisiertes Verbrechen der PGR leitete, wollten sichergehen,dass keiner der Cops sich mit Teilen des beschlagnahmtenGeldes davonstahl. Deshalb befahlen sie ihren Männern, vorVerlassen des Schauplatzes ihre Taschen zu leeren und sichihrer Kleidung zu entledigen. Alle befolgten den Befehl, nie-mand hatte etwas mitgehen lassen. Daraufhin wollte Ramírezmit seinen Leuten abziehen. Doch Antonio hielt ihn auf. 188
    • »Nein, alle heißt alle«, sagte er zu dem ihm übergeordnetenBeamten. »Was meine Männer machen, mache ich auch.« Sozogen sich auch die beiden Chefs bis auf die Unterwäscheaus. Ramírez und Antonio waren beide sauber – dieses Mal.Ramírez wurde später wegen Verbindungen zum organisier-ten Verbrechen angeklagt, insbesondere warf man ihm vor, erhabe im Austausch für Informationen von den Beltrán-Leyva-Brüdern monatlich 450 000 Dollar erhalten.254 Ehemalige Kollegen beteuern allerdings Ramírez’ Un-schuld, und bis Ende 2009 war noch kein Urteil ergangen. VertrauensfragenFür die US-Behörden war die Frage, wem sie in Mexiko trau-en konnten, stets eine besonders große Herausforderung.DEA-Agenten beklagen, dass das größte Hindernis die gegen-seitigen Anschuldigungen seien (Mexiko als Lieferant und dieUSA als Großabnehmer) sowie die endemische Korruptionder mexikanischen Sicherheitskräfte, das Militär eingeschlos-sen. García Lunas Machtmonopol im Drogenkrieg hat die inter-nationale Kooperation nicht weitergebracht. Beim Informati-onsaustausch existiert kein System der »Checks & Balances«,und die DEA hat ihre Zweifel bezüglich García Luna. SelbstAnthony Placido, der Chef des DEA-Nachrichtendienstes, hatseine Besorgnis darüber geäußert, dass »regelmäßig engsteVertraute von Minister255 Genaro García Luna Verbindungenzu kriminellen Gruppen wie den Beltrán-Leyva-Brüdern un-terhalten könnten«. Um ihrer Aufgabe nachkommen zu können, musste dieDEA auf jemanden setzen und dabei auch Risiken eingehen.So beschloss man, Víctor Gerado Garay das Vertrauen zuschenken, einem AFI-Agenten, der enge Verbindungen zuGarcía Luna unterhielt. Er war der unmittelbare Vorgesetzte 189
    • von Antonio Garza und hatte bewiesen, dass er sowohl wil-lens als auch in der Lage war, den Kampf gegen die Narcos zuführen. Die DEA stellte ihm Informationen zur Verfügung,und er verfolgte die gemeinsamen Feinde. Darunter befanden sich einige der größten Namen derBranche. Die DEA übermittelte ihm Telefonnummern vonEduardo Arellano Félix und weiteres nützliches Material.Kurz darauf wurde der Drogenbaron in Tijuana zur Streckegebracht. »Er war ein Mann, der den Job erledigte«, äußerte sich einDEA-Agent über Garay. »Er war hervorragend.« Die US-Agenten lernten Garay auch privat besser kennenund vertrauten ihm. Am 19. Oktober 2008 jedoch, zwei Tage nach der Razziaauf einem Anwesen in Mexiko-Stadt, die zur Festnahme vonelf Kolumbianern, zwei Mexikanern, einem US-Amerikanerund einem Uruguayer geführt hatte, klingelten die Alarmglo-cken. Die Narcos hatten in dem Anwesen, das über mehrerePools verfügte und mit allem erdenklichen Kitsch eingerichtetwar, eine riesige Party gefeiert. Ein Raum war mit falschenStalaktiten ausgestattet, in einem anderen befand sich einelebensgroße Ritterrüstung. Die Narcos hatten sogar einen Pri-vatzoo, in dem sich unter anderem zwei Löwen, zwei Tigerund zwei schwarze Panther tummelten. Zur Feier des Tageshatten sie dreißig Prostituierte eingeladen. Einige Tage später nahm Garay, der die Razzia befehligthatte, seinen DEA-Kollegen mit zu der Villa, um ihm dieKriegsbeute zu zeigen. Doch alles war verschwunden. Seit der Razzia war dasHaus von oben bis unten leergeräumt worden, es gab nichtden geringsten Hinweis, dass auf dem Anwesen eine Partyvon der Polizei gesprengt worden war. Nicht einmal eineBierbüchse lag mehr irgendwo herum. Jemand – die Cops? –hatte alles, was nicht niet- und nagelfest war, mitgenommen. 190
    • Es waren tatsächlich die Cops, und wie sich herausstellte,war das bei weitem nicht alles. Garay und seine Männer hat-ten – nachdem die Narcos ins Gefängnis gebracht wordenwaren – ihre eigene kleine Party abgehalten. Sie hatten dieNutten dabehalten, sich mit ihnen vergnügt und sich ein biss-chen Koks gegönnt. Die sogenannten »guten Cops« hatteneine rauschende Narco-Fiesta gefeiert. Garay wurde daraufhin festgenommen und wegen mehr alsnur einem Dienstvergehen angeklagt. Die Ermittlungen derPGR legten den Schluss nahe, er stecke mit den Narcos untereiner Decke. Für die internationale Kooperation mit den mexikanischenBehörden war die Verhaftung Garays der erste von mehrerenschweren Rückschlägen. Etwas mehr als eine Woche nach derRazzia steckte ein Angestellter der Beltrán-Leyva-Brüder derPGR, dass Garay die Informationen, über die er dank seinerVerbindungen zu Interpol und zur US-amerikanischen Bot-schaft verfügte, weitergegeben hatte. Im November 2008 wurden zwei langjährige Mitarbeiterdes mexikanischen Interpol-Büros verhaftet. Einem wurdevorgeworfen, monatlich 10 000 Dollar von Chapo angenom-men zu haben, um darauf hinzuwirken, nur beeinflussbareBeamte in leitende Positionen zu hieven. Der andere hatteeine ungenannte Geldsumme erhalten, weil er Informationenverraten hatte. Etwa zur selben Zeit wurden fünf Mitglieder der AbteilungOrganisiertes Verbrechen der PGR (SIEDO) verhaftet, weilsie auf der Gehaltsliste der Beltrán-Leyva-Brüder standen. Die US-Agenten waren erschüttert, entschieden sich aber,an der Zusammenarbeit mit ihren mexikanischen Kollegenfestzuhalten. Die Regierung Calderón unternahm tatsächlich einen kon-zertierten Versuch, die Korruption zu bekämpfen, und rief zudiesem Zweck die »Operation Großreinemachen« ins Leben.Die Ergebnisse waren sowohl vielversprechend als auch ent- 191
    • mutigend. Dutzende von hochrangigen Regierungs- und Poli-zeibeamten, darunter Leute wie Garay und Ramírez, die ander Anti-Drogen-Front operierten, wurden beschuldigt, vonden Kartellen Bestechungsgelder zu erhalten. Für die Medien war es ein gefundenes Fressen. »Garay istvöllig korrupt«, erklärte José Reveles, Mitbegründer deskompromisslosen mexikanischen NachrichtenmagazinsProceso. »Doch Garay war dem von der Regierung eingesetz-ten Verantwortlichen für die innere Sicherheit direkt unter-stellt. Der wurde nicht verhaftet. Die Festnahmen reichen nurbis zum Hals, den Kopf tasten sie nicht an. Dabei ist es un-möglich, dass der Kopf nicht korrupt ist, der ganze Körper istkorrupt. Diese Säuberungswellen sind nichts als pure Propa-ganda.« Doch Calderón ließ sich nicht beeindrucken. Dies sei nurein erster Schritt gewesen, argumentierte er. Man würde nochweitere entmutigende Enthüllungen zu verkraften haben, aberder Kampf gegen die Korruption werde weitergehen. »Wennwir das Verbrechen ausrotten wollen, müssen wir es zuerstaus unserem Haus vertreiben.« Armee gegen CopsPräsident Calderón – ein Konservativer, der im Juli 2006 mitso knapper Mehrheit gewählt worden war, dass der Vorwurfdes Wahlbetrugs die Runde machte – hatte bei seinem Amts-antritt der Schaffung neuer Arbeitsplätze Priorität eingeräumt.Doch plötzlich änderte er seine Agenda. Schon wenige Tagenach seiner Amtseinführung traf er die Entscheidung, die sei-ner Präsidentschaft ihren Stempel aufdrücken sollte. Er befahldie Entsendung von siebentausend Soldaten in seinen Heimat-staat Michoacán, um dort den Drogenhandel zu bekämpfen. Zyniker behaupten nach wie vor, Calderón habe den Dro-genkrieg vom Zaun gebrochen, um von seinem Wahlbetrugabzulenken. »Die neue Administration«, so der ehemalige 192
    • mexikanische Außenminister und geschätzte AkademikerJorge Castañeda, »hat die Macht erst nach der Einführungsre-de Calderóns übernommen, als dieser eine Uniformjacke trug,dem organisierten Verbrechen und dem Drogenhandel denKrieg erklärte und die mexikanische Armee aus den Kasernenund auf die Straßen und Plätze des Landes beorderte.« Andere Kritiker glauben, Calderón habe schlicht und er-greifend auf Geheiß Washingtons gehandelt, doch scheint es,dass die USA keine allzu große Rolle bei seiner Entschei-dungsfindung gespielt haben. Allerdings fand sein Beschlussdie hundertprozentige Unterstützung der DEA. »Wenn nichtjemand diesen Schwachköpfen die Stirn geboten hätte, hätteMexiko sich in einen Narco-Staat verwandeln können«,glaubt ein ehemaliger DEA-Mitarbeiter. Der Präsident verteidigte seine Entscheidung mit aller Ve-hemenz. Um die Entwicklung zu einer umfassenden Demo-kratie zu unterstützen, so hatte er stets behauptet, müsse erdiesen »langen und verlustreichen Krieg« führen.256 Zum ersten Mal in der Geschichte Mexikos wurde eine um-fassende Militäraktion gegen die Narcos durchgeführt. Binnenzwei Jahren waren 45 000 Mann im Einsatz. Doch die Armeebekämpfte nicht nur die Narcos. Sie geriet auch in einen Kriegmit den Polizeikräften des Landes. Die polizeiliche Kontrolle von Städten wie Ciudad Juárez,Tijuana und Culiacán hatte schon immer eine Herausforde-rung dargestellt. Die Polizeikräfte verfügen nur über wenigeTausend Mann, während die Drogenschmuggler Zehntausen-de aufbieten können. Die Narcos verfügen über Geld undWaffen, die Polizei ist aufgrund knapper Budgets nur schlechtausgestattet. Zumal die Narcos clever sind. Die meisten Schießereienfinden auf den großen Durchgangsstraßen statt. Wenn diePolizei eintrifft, sind die Killer längst auf einer der zahlrei-chen Ausfahrtsstraßen aus der Stadt geflüchtet. 193
    • Manche argumentieren auch, die Polizisten würden zuschlecht bezahlt. Tatsächlich ist ein Polizist, der wie in Ciu-dad Juárez oder Culiacán ein jährliches Salär von fünftausendDollar erhält, leicht zu bestechen. Aber es mag auch noch ein tiefer wurzelndes Problem hin-zukommen. »In diesem Land stehen wir einer wahren Korrup-tionskultur gegenüber«, sagt der Sprecher der Stadtverwaltungvon Ciudad Juárez, Jaime Alberto Torres Valadez. »Dasschadet dem Land, ist aber Teil seiner Seele.« Zuvor war erPolizeisprecher und hat die Korruption aus erster Hand erlebt.Er glaubt, dass achtzig bis neunzig Prozent der Bürger vonCiudad Juárez – »wenn nicht sogar hundert Prozent von uns«– auf die eine oder andere Art in die Korruption verstricktsind. Manchmal bleibt den Cops gar keine andere Wahl. In Ciu-dad Juárez waren die Narcos unverfroren genug, um Plakateaufzuhängen, auf denen die Namen von Polizisten aufgelistetwaren, die mit dem Tod bedroht würden, sollten sie es wagen,ihren Job zu tun. »An die, die es nicht glauben wollen«, stand auf einem die-ser Plakate, darunter mehr als ein Dutzend Namen und Ein-satzorte. Nachdem mehrere Polizisten getötet wurden, tauch-ten neue Plakate auf: »Für die, die es immer noch nicht glau-ben wollen«; die Namen der Toten waren durchgestrichen. Als er das Kommando über das Delicias-Revier von CiudadJuárez übernahm, war der ehemalige Luftwaffenmajor Va-lentín Díaz Reyes noch optimistisch: »Als ich ankam, fand ichein Polizeikorps vor, das den Glauben und seine Seele verlo-ren hatte, schlecht ausgerüstet und bis ins Mark korrupt war«,erklärte er einen Monat nach Dienstantritt. »Die Aufgabe lau-tet, die Truppe zu säubern, ein ehrliches Korps aufzubauenund ihm die Würde einer Polizei zurückzugeben, die von denBürgern respektiert wird.« Es war nicht einfach, das Vertrauen der Öffentlichkeit zugewinnen. Die Soldaten patrouillierten mit maskierten Ge- 194
    • sichtern durch die Straßen, richteten willkürlich Straßensper-ren ein und zwangen mit Waffengewalt jedes Fahrzeug zumAnhalten, das sich ihrer Auffassung nach zu schnell näherte.Die Autofahrer lernten die neuen Regeln schnell – in Sicht-weite einer Straßensperre unter keinen Umständen ein Mobil-telefon benutzen, da man sonst beschossen wurde, keinenunnötigen Lärm in Hörweite der Soldaten machen und nichtzu dicht an ein Militärfahrzeug heranfahren. Einige Cops betrachteten das Eintreffen der Armee als An-griff auf ihre Integrität. In einem Viertel kam es zu einerSchießerei zwischen Polizei und Armee. Die Soldaten be-haupteten, sie seien an einen Tatort gerufen und dort von denPolizisten mit Schüssen begrüßt worden. Die Polizei behaup-tete, die Soldaten hätten das Feuer eröffnet. Hinter einem Polizeirevier im Süden von Ciudad Juárezversammelten sich sieben Polizisten um ein nagelneues Ka-wasaki-Motorrad, um sich über ihre Probleme mit dem Militärauszutauschen. Erst wenige Tage zuvor, so ein Polizist, seien zwei seinerKollegen von der Armee inhaftiert worden. Angeblich wegeneines Drogendelikts, denn praktischerweise sei im Kofferraumihres Streifenwagens ein Beutel Marihuana gefunden worden.»Sie haben ihnen die Nase gebrochen und sie mit Elektro-schockern gefoltert. Angeblich hat man sie geschickt, um unszu unterstützen, aber danach sieht es nicht aus. Die wollennicht mit uns zusammenarbeiten.« Die Bewohner von Ciudad Juárez indes waren überwiegendfroh darüber, dass die Polizisten nicht mehr die Einzigen wa-ren, die in der Stadt den Ton angaben. »Gut, dass die Polizis-ten nicht mehr allein sind«, sagte Nadio Rivera, der imPlutarca-Elias-Viertel zu Hause ist, das bereits kurz nach demEintreffen der Truppen mehrere Razzien erlebte. »Jetzt habenwir mehr Sicherheit, denn zu viele Polizisten sind korrupt. Ichhabe regelmäßig Schmiergeld bezahlt. Die halten dich an, 195
    • durchsuchen dich, behaupten, du hättest getrunken, und nöti-gen dich zu bezahlen.« Anfang 2009 Schien sich dann auch eine Kooperation zwi-schen Armee und Polizei anzubahnen. Während einer abend-lichen Patrouille in Tierra y Libertad, einem heruntergekom-menen Viertel in der Nähe des Zentrums, war die Teamarbeitfast spürbar. Einige Anwohner hatten auf dem Delicias-Revierangerufen und sich über eine Teenager-Gang beschwert, dieauf dem Marktplatz des Viertels trank und Unruhe stiftete.Keine große Sache, sollte man meinen, doch die Soldatensetzten sich auf den Rücksitz eines Streifenwagens und ließensich von den Cops zum Marktplatz fahren. Dort nahmen sieneun Jugendliche in Gewahrsam, die getrunken hatten. DiePolizisten durchsuchten sie nach Drogen und Waffen, wäh-rend die Soldaten darauf achteten, dass auch alles mit rechtenDingen zuging.257 Mit US-Unterstützung sind inzwischen in verschiedenenLandesteilen neue Ausbildungsprogramme für die Polizeiinitiiert worden. Der Chef der Federales, García Luna, bemühtsich, College-Absolventen für seine Einheit anzuwerben.Sämtliche Polizisten wurden angewiesen, persönliche Datenwie Kontonummern anzugeben, damit sie stichprobenartig aufVerbindungen zu den Kartellen überprüft werden können.Zudem werden sie in regelmäßigen Abständen Lügendetek-tortests unterzogen. Obwohl eine erhebliche Zahl an Neuzugängen zu verzeich-nen ist und ein Großteil der korrupten Polizisten aus demDienst entfernt wurde, gibt Torres Valadez zu, dass es schwie-rig sein wird, Narcos und andere Kriminelle daran zu hindern,die Polizisten zu bestechen. »Wir versuchen ja, diese ganzeKorruptionskultur zu überwinden, aber selbst wenn wir ihnendreitausend Dollar am Tag bezahlen, dann zahlen die Narcosihnen eben sechstausend.« »Seit fünfzehn Jahren versuchen sie, die Polizei zu refor-mieren«, ergänzt der ehemalige Staatanwalt González Ruiz. 196
    • »Doch es ist nutzlos, immer neue Vorschriften zu erlassen,wenn die Beamten sie schlicht nicht einhalten.«258 Millán Gómez, der Top-Cop der Federales, wurde, wie sichherausstellte, von seinen eigenen Kollegen ermordet oder zu-mindest ans Messer geliefert.259 Wenige Monate nach der Razzia auf Zhenlis Anwesen inLomas de Chapultepec wurden in Guerrero die Leichen zwei-er daran beteiligter Polizisten gefunden. Zhenli wurde schließ-lich in den USA verhaftet, aber ein Richter erklärte die Be-weismittel gegen ihn für unzureichend. Zhenli bestreitet alleAnschuldigungen und kämpft gegenwärtig gegen seine Aus-lieferung nach Mexiko.260 Unter DruckIn Culiacán sind die Verhältnisse noch schlimmer. HéctorValenzuela, ein fünfunddreißigjähriger Polizist, hat Angst.Erst vor einem Jahr hat er einen Freund und Kollegen verlo-ren. Dieser war mit einem anderen Polizisten in einem Strei-fenwagen unterwegs, als links und rechts zwei Trucks heran-fuhren, auf denen sich schätzungsweise fünfzehn Männer be-fanden. Die Männer nahmen das Fahrzeug mit AK-47-Gewehren unter Beschuss. Keiner der beiden Insassen über-lebte. Vor dem Polizeipräsidium in Culiacán zündet sich Valen-zuela eine Zigarette an. Er schildert, wie die Killer aus derSierra kommen und wahllos auf Polizisten feuern. Manchmaltragen sie sogar militärisch wirkende Uniformen und benutzenArmeewaffen. »Die haben hier eindeutig das Sagen.« Culiacáns Polizeitruppe wurde einst als eine der besten desLandes geschätzt. Doch heute ist auch sie den Narcos zah-lenmäßig und ausrüstungstechnisch hoffungslos unterlegen.Hinzu kommt wiederum die schlechte Bezahlung, so dasseinem oft keine Wahl bleibt. Es heißt, sechzig bis siebzig Pro-zent der Polizisten von Culiacán seien von den Narcos ge- 197
    • kauft. Eine Zeit lang hatte die Armee die vollständige Kon-trolle über die Polizeioperationen übernommen. Das gesamteKorps wurde durchleuchtet. Dutzende von Polizisten befindensich seitdem in Haft, Dutzende sind tot. Es fällt schwer zu glauben, dass die Situation in der Stadtangesichts der grassierenden Korruption und der Drohungender Gatilleros tatsächlich zu bessern ist. »Das wird sich nieändern«, glaubt der ehemalige Ermittler Miguel Ángel Navar-rete Cruz über Korruption und mangelnde Effizienz. »Sinaloaist ein Synonym für Korruption. Achtzig Prozent aller Ge-schäfte in Sinaloa haben mit Drogen zu tun. Sie machenSinaloa zu dem, was es ist.«261 General Sandoval hat nun den Befehl ausgegeben, dass sei-ne Männer keine Masken mehr tragen sollen, zumal dieNarcos inzwischen ebenfalls maskiert und in Uniform pat-rouillieren und so eine ernsthafte Gefahr für die Sicherheitdarstellen. Sandovals Männer haben Dutzende von Fahrzeu-gen beschlagnahmt, die so umgerüstet wurden, dass sie denJeeps der Armee glichen. Außerdem wurden Narcos festge-nommen, die im Besitz von Uniformen der mexikanischenwie auch der US-amerikanischen Streitkräfte waren. Den Leuten von Culiacán hat General Sandoval mitgeteilt,sie sollten auf der Hut sein. Man könne niemandem trauen.Eines Abends bekam Antonio Garza Besuch von einer Grup-pe Narcos. Sie waren nicht gekommen, um ihn zu töten, son-dern um einen Deal auszuhandeln, damit sie in Ruhe gelassenwurden. Er weigerte sich. Dreizehn Tage später fuhr er vonseinem Büro in Mexiko-Stadt nach Hause, als ein Fahrzeughinter ihm auftauchte und ihn von der Straße zu drängen ver-suchte. Schließlich stellten ihn die Angreifer in einer Straße, 198
    • versperrten ihm den Fluchtweg, stiegen aus und fingen an zuschießen. Zu seinem Tod wurden keinerlei Ermittlungen angestellt,die AFI unternahm nichts, um ihn zu ehren. Lediglich dieDEA hielt für ihn und andere gefallene mexikanische Polizis-ten eine Trauerfeier in Washington ab. »Die Moral von dieser Geschichte ist … «, sagt DavidGaddis, damaliger Regionaldirektor der DEA, »dass es Feder-ales in Mexiko gibt, die tun, was alle tun müssten, und so hartarbeiten, wie sie nur können. Und unter ihnen gibt es die Hel-den, die mit ihrem Leben bezahlt haben.« Antonios Frau Erica ist noch immer schockiert über dasmangelnde Interesse der Behörden ihres Landes, den Mordaufzuklären. Sie arbeitet noch immer als Ermittlerin und gehtjeden Tag zur Arbeit, obwohl sie glaubt, jemand aus dem Po-lizeiapparat habe den Mordanschlag veranlasst. »Irgendwositzt ein Polizist, der meinen Mann umbringen ließ«, sagt sieund wischt sich die Tränen aus dem Gesicht. Und im Hinterkopf nagt immer der Gedanke, was wäre,wenn sie noch einmal von vorn beginnen könnten. »Ich binstolz, dass Antonio nicht korrupt war. Aber manchmal frageich mich: ›Antonio, warum warst du nicht korrupt?‹« Wäre er es gewesen, würde er vielleicht noch leben.262 11 Das Ende der Allianz ROBERTO TAPIA: EL HIJO DE LA TUNA (NARCO-CORRIDO)263 Mis hijos son mi alegria tambien mi tristesa edgar te voy a extrañar 199
    • fuistes de mi gran confiansa mi mano derecha fuistes un CHAPITO Guzman Ivan Archidaldo estoy deveras orgulloso de que tu seas un Guzmantambien a tu hermano Alfredo saben que los quiero Dios me los a de cuidar aunque no soy tan grandote mas bien soy chapito muy pocos me ande llegar soy bravo ya por erencia tambien soy amigo asi somos los Guzman un saludo pa mi gente de Badiraguato y tambien de Culiacan rancho de Jesus Maria yo nunca te olvido conmigo te e de llevar. ROBERTO TAPIA: DER SOHN LA TUNASMeine Söhne machen mir Freude, aber auch Leid. Edgar, ich werde dich vermissen, Ich habe große Stücke auf dich gehalten, Du warst meine rechte Hand, Ein wahrer CHAPITO Guzmán.Iván Archivaldo, auf dich bin ich wahrhaftig stolz,Weil du ein Guzmán bist wie dein Bruder Alfredo. Ihr wisst, dass ich euch liebe, Möge Gott euch beschützen. Auch wenn ich nicht gerade ein Riese bin, Sondern eher klein von Statur, Wollen sich nur wenige mit mir anlegen, 200
    • Weil ich mutig bin wie meine Ahnen Und immer ein wahrer Freund. So sind wir, wir Guzmáns. Ein Gruß an meine Leute in Badiraguato Und auch nach Culiacán. Rancho von Jesús María, dich werde ich nie vergessen, sondern immer in mir tragen.Am 8. Mai 2008 um 20:30 ging Edgar Guzmán López, einervon Chapos Söhnen, über den Parkplatz der City Club Mall inCuliacán zu seinem Wagen. Der Zweiundzwanzigjährigewurde von drei Personen – darunter Arturo Meza Cázares,Sohn von Blanca Margarita Cázares Salazar, alias »LaEmperatriz« bzw. »The Empress« – und einem Leibwächterbegleitet. Plötzlich näherten sich drei Fahrzeuge, die mit meh-reren Männern besetzt waren. Edgar und seine Begleiter rannten zu ihren Pick-up-Trucks,von denen einer gepanzert war. Die Angreifer eröffneten dasFeuer. Es wurde ein Blutbad epischen Ausmaßes. Die Ermitt-ler stellten mehr als fünfhundert Patronenhülsen sicher, sogareine Bazooka hatten die Attentäter abgefeuert. Mindestenszwanzig Fahrzeuge wurden ernsthaft beschädigt. EdgarGuzmán López, Chapos Sohn, war tot. Arturo Cázares eben-falls. Wie meistens bei Zwischenfällen, die mit dem organisier-ten Verbrechen in Mexiko in Verbindung stehen, gab es kaumZeugen. Diejenigen, die sich in der Nähe aufgehalten hatten,wollten schlichtweg nichts gesehen haben. Heute steht an der Stelle, an der der Anschlag verübt wur-de, ein Kreuz, an dem die Einheimischen ihren Respekt be-zeugen, indem sie kleine Notizen anbringen. »Wir lieben dich,Edgar«, ist auf einem Zettel zu lesen. Auf einem anderensteht: »Chapo wird nie untergehen.« 201
    • Die staatlichen Ermittler schrieben die Urheberschaft derMorde zunächst dem Juárez-Kartell zu, doch unabhängigeNachforschungen ergaben, dass sie wahrscheinlich auf dasKonto der Beltrán-Leyva-Brüder gingen, die lange Jahre mitChapo zusammengearbeitet hatten.264 Die Brüder waren einunersetzlicher Bestandteil des Sinaloa-Kartells, sie waren fürBestechungen vom einfachen Beamten bis in die höchstenRegierungsämter verantwortlich. Sie hatten den Marihuana-und Opiumanbau in Guerrero, einem entscheidenden Um-schlagplatz für das kolumbianische Kokain, auf- und ausge-baut. Sie hatten Chapo zur Flucht aus Puente Grande verhol-fen und seine Rückkehr an die Spitze des Sinaloa-Kartellsbefördert. Wie Chapo waren sie Buchones – Narcos aus derSierra – und keine privilegierten Söhnchen aus den Großstäd-ten. Und da Alfredo Beltrán Leyva, alias »El Mochomo«,Chapos Cousine geheiratet hatte, gab es sogar verwandt-schaftliche Beziehungen zwischen den Geschäftspartnern. Doch die beiden waren grundverschieden. Der große bärti-ge El Mochomo war ein Hitzkopf; wenn einer seiner Männerbei einer Aufgabe versagte, bekam er einen Wutanfall – daherauch sein Spitzname. Chapo hingegen erhob so gut wie niedie Stimme. Er tötete, aber er brüllte dabei nicht herum. Ende 2007 kam es zu Spannungen. Der Druck auf das Kar-tell nahm zu, General Sandoval ließ keinen Zweifel daran,dass er es wie sein Vorgänger General Eddy auf die Anführerabgesehen hatte, und Chapo war klar, dass sie es sich nichtleisten konnten, unnötiges Aufsehen zu erregen oder gardurchsickern zu lassen, wo sie sich aufhielten. Doch ElMochomo verhielt sich äußerst auffällig, feierte in Culiacánausschweifende Partys, frequentierte die örtlichen Bars undzog jede Menge Aufmerksamkeit auf sich. Viel zu viele Leutegingen in seinen Häusern ein und aus, sogar die Nachbarnwurden hellhörig. Deshalb wandte Chapo sich gegen seinen langjährigenVerbündeten. Die Legende besagt, dass die Behörden die 202
    • Schlinge um Chapo enger zogen, weil sie in Sinaloa einengroßen Fang vermelden und beweisen wollten, dass sie esauch mit der Zerschlagung dieses Kartells ernst meinten. Des-halb präsentierte Chapo ihnen El Mochomo auf dem Silber-tablett. Zwar gibt es keinerlei Beweise für den Verrat, aber inSinaloa wird ganz offen darüber gesprochen.265 Zudem kur-sierten Spekulationen, Chapo habe El Mochomo im Aus-tausch für seinen inhaftierten Sohn Iván Archivaldo ausgelie-fert. Doch auch diese Vermutung wurde nie bestätigt. Am 21. Januar 2008 kreiste eine Gruppe von Soldaten inCuliacán einen BMW X3 ein und zwang ihn, am Straßenrandanzuhalten. Die Aktion beruhte auf Informationen, die Gene-ral Sandovals Spitzenleute zusammengetragen hatten. Wieerwartet befand sich im Innern des Wagens El Mochomo –zudem elf State-of-the-Art-Armbanduhren, ein AK-47, neunHandfeuerwaffen und 900 000 Dollar in bar. Die Regierung feierte die Verhaftung El Mochomos alsweiteren Schlag gegen das organisierte Verbrechen. Wie diemeisten anderen festgenommenen Capos vor ihm wurde erumgehend unter großem Medienaufsehen in Begleitung vonMilitärfahrzeugen, Helikoptern und maskierten Soldaten nachMexiko-Stadt verlegt. Für General Sandoval allerdings erwies sich die Festnahmeals Pyrrhussieg. Er musste nämlich feststellen, dass dieBeltrán-Leyva-Brüder längst auch den 9. Militärdistrikt un-terwandert hatten. Vier seiner Männer wurden festgenommenund zum Verhör in ein Militärgefängnis überstellt.266 Das Verhältnis zwischen Chapo und den Beltrán-Leyva-Brüdern würde nie mehr so sein wie zuvor. GeistesverwandteFür Chapo hatte die Familie stets Vorrang. Obwohl ihn seineschwierige Kindheit in La Tuna noch immer verfolgte, besaßer ein enges Verhältnis zu seiner Mutter. Selbst als er nach 203
    • seinem Ausbruch aus Puente Grande auf der Flucht war,nahm er das Risiko auf sich, sie so oft wie möglich zu besu-chen. In der Nähe der Hütte, in der er aufgewachsen war, bau-te er ihr eine luxuriöse Ranch und stellte ihr sogar ein Flug-zeug zur Verfügung. María Consuelo Lorea Pérez mangelte esan nichts. Auch seine Brüder standen ihm sehr nahe. In Sinaloa warder Drogenschmuggel immer schon ein Familiengeschäft ge-wesen, und Chapos Organisation bildete keine Ausnahme.Arturo, Miguel Ángel, Emilio und Aureliano nahmen imSinaloa-Kartell Spitzenpositionen ein. Laut PGR waren sie fürLogistik, Geldwäsche und die Schmuggelaktivitäten zuständigund mussten sich nicht wie ihr Bruder durch Morde undschmutzige Jobs nach oben kämpfen. Dann waren da noch Chapos Ehefrauen. Obwohl seineEhen geschieden worden waren, so war dies stets auf freund-schaftliche Weise geschehen. Im Gefängnis hatte er – obwohler damals Beziehungen zu Zulema Hernández und anderenunterhielt – regelmäßig seine damalige Frau, Laura ÁlvarezBeltrán, zu intimen Rendezvous getroffen. Kurz nachdem eraus Puente Grande entkommen war, hatte ihm vermutlichseine zweite Frau und Edgars Mutter, Griselda López Pérez,zur weiteren Flucht verholfen. Sie besuchte auch regelmäßigein Haus im Guadalupe-Viertel von Culiacán, wo die PGRspäter Dokumente fand, die El Mayo an Chapo übergebenhatte, um ihn über die Schritte der Behörden auf dem Laufen-den zu halten. Chapos Ehefrauen, die in Häusern und auf Ranches lebten,die er ihnen eingerichtet hatte, waren stets Teil seines Lebens;daran hat sich bis heute nichts geändert. Der Psychologe, derChapo während dessen Gefängniszeit betreut hatte, berichtete,der Drogenboss habe, was Frauen und Kinder anging, ein ho-hes Maß an Verantwortungsgefühl gezeigt. Einigen Zeugenzufolge, die über seine Geschäfte ausgesagt haben, hat er sei-ne Frauen sogar als Unterhändler losgeschickt, um Verhand- 204
    • lungen mit Konkurrenten zu führen oder sicherzustellen, dassseine Allianzen funktionierten. Zum Zeitpunkt seines Todes studierte Edgar Business Ad-ministration an der Universidad Autónoma in Sinaloa undlebte mit einer Frau namens Frida Muñoz Román in einereheähnlichen Beziehung. Die beiden hatten ein gemeinsamesKind, Chapos Enkelin Frida Sofía Guzmán Muñoz.267 Edgar zählte zu einer neuen Generation von Drogenhänd-lern, die man in Mexiko als Narco-Juniors bezeichnet. SeitAnfang der Siebziger hatten die Töchter und Söhne der Dro-genbarone eine andere Richtung eingeschlagen. Sie tratennicht mehr wie in den Jahrzehnten davor einfach in die Fuß-stapfen ihrer Väter, sondern besuchten zunehmend Eliteuni-versitäten – oftmals sogar im Ausland –, um das Geschäftbesser zu verstehen. Solange sie noch keine dreißig waren,waren sie praktisch so gut wie nie in kriminelle Machenschaf-ten verwickelt. Einige alteingesessene Bewohner von Culiacán sind nochimmer voll des Lobes für die jungen Narco-Juniors von da-mals. Als sie noch aufs College gingen, mühten sich Francis-co Arellano Félix und sein Bruder Eduardo eifrig, ihren Ab-schluss zu machen. Einem Zeitzeugen aus Sinaloa zufolgehatte Francisco vielleicht ein bisschen mit Ecstasy gedealt,mehr aber auch nicht. Obwohl jedermann wusste, wer sie wa-ren, wurde allgemein angenommen, »dass sie nicht im Ge-schäft mitmischten«. Damals trafen sich alle auf den immergleichen Partys, woman natürlich auch Drogen kaufte und konsumierte, »aller-dings immer nur heimlich«. Die Arellano-Félix-Brüder wareneinfach nur Teil einer Clique mit guten Beziehungen und si-cher auch einer Zukunft im Drogenhandel, aber Narcos warensie damals nicht. Noch nicht. Laut Luis Astorga, einem führenden Experten auf dem Ge-biet des Drogenhandels, sind die Narco-Juniors von heutehoch angesehen. »Der Generationenwechsel im organisierten 205
    • Verbrechen hat es der neuen Generation erlaubt, eine höhereBildung zu erwerben. Sie haben eine genauere Kenntnis derFinanzmärkte, können die politischen Verhältnisse einschät-zen und verfügen über komplexere Waffen.« Dadurch habensie – so Astorga – »bessere Chancen, die Fehler vorherigerGenerationen zu vermeiden«.268 Ein mutmaßlicher Narco-Junior, der inzwischen Mitte drei-ßig ist und in Mexiko-Stadt lebt, schildert den typischen Wer-degang. Der hochgewachsene, gut aussehende dunkelhaarigeNarco-Sprössling wuchs heran, ohne zu wissen, womit seineEltern und Verwandten ihr Geld verdienten. Er spürte nur,dass er einer politisch hervorragend vernetzten Familie ent-stammte. Die Kinder feierten überall in Mexiko rauschendePartys, zu denen sie mit Hubschraubern oder Privatjets einge-flogen wurden. Luxuriöse Wochenendurlaube waren die Re-gel. Wie auch der Besuch der allerbesten Schulen. »Mein Vater war – wie soll ich sagen – Geschäftsmann«,erzählt der Mann mit dümmlichem Grinsen. Er war bereitsMitte zwanzig, als er durch Zeitungsausschnitte herausfand,was sein Vater tatsächlich tat. Kurz darauf wurde ihm einStück des Kuchens angeboten, wenngleich es sich um eineneher legalen Teil des Geschäfts handelte. Er sollte die Leitungeines Familienunternehmens übernehmen, das als Strohfirmafür Drogengeschäfte fungierte.269 Chapos Sohn Edgar war vom selben Schlag. Während seinälterer Bruder Alfredo aktiv für seinen Vater arbeitete, be-suchte Edgar die Universität. Seiner Geliebten zufolge war erin keinerlei Drogengeschäfte involviert. Doch solche Un-schuldsbehauptungen stießen während der zweiten Amtshälftevon Präsident Fox und in den ersten Jahren der Calderón-Administration bereits auf taube Ohren.270 Denn schließlich war ja auch Edgars Bruder Iván Archival-do, alias »El Chapito«, als er festgenommen wurde, von sei-ner Familie bereits ins Drogengeschäft eingeführt worden.Unmittelbar nach seiner Inhaftierung besorgte ihm sein Vater 206
    • die Unterstützung des Familienanwalts Jorge Bucio. »ElChapito wird vom Staat in Geiselhaft gehalten, um seinenVater zu zwingen, sich den Behörden zu ergeben«, ließ dereloquente Anwalt verlauten. Am Ende wurde El Chapito für schuldig befunden, 20 000Dollar in einer Bank und 50 000 Dollar in einer weiteren de-poniert zu haben, ohne dass bewiesen werden konnte, dassdiese Gelder auf unrechtmäßige Weise in seinen Besitz ge-kommen waren. Da die Staatsanwaltschaft nur wenig gegenihn in der Hand hatte, wurde er lediglich zu einer Minimal-strafe verurteilt. Gegen El Chapito wurde auch wegen des Mordes an CésarAugusto Pulido Mendoza sowie an der kanadischen Staats-bürgerin Kristen Paige ermittelt, die vor der Bar Balibar inZapopan erschossen worden waren. Allerdings kam es nie zueiner Verurteilung. El Chapito kam also fast ungeschoren davon. Doch die Re-gierung hatte klargestellt, dass sie nicht nur hinter den Dro-genbaronen her war, sondern auch hinter deren Erben. Zudiesem Zeitpunkt war den Behörden längst klar, dass diemeisten mexikanischen Kartelle als abgeschottete Familienbe-triebe funktionierten, in denen die Capos sich mit Brüdernumgaben und ihre Söhne darauf vorbereiteten, in ihre Fuß-stapfen zu treten. Deshalb richteten sich die Ermittlungenauch gegen Cousinen, Neffen und Nichten.271 Allerdings war diesen oft schwerer auf die Spur zu kom-men als den von der Straße geholten jüngeren Narcos, die fürdie Kartelle die Drecksarbeit erledigten. Sie behängten sich inden seltensten Fällen mit Goldketten und trugen so gut wienie Waffen, schon gar keine mit goldenen Verzierungen. »Sie sind schwieriger auszumachen, weil sie nicht wie typi-sche Drogenhändler aussehen«, erklärt der mexikanischeSicherheitsexperte Jorge Chabat. »Man kann sie nicht identi-fizieren, indem man sagt: ›Schau mal, der fährt einen großenTruck mit breiten Reifen, hat automatische Waffen an Bord 207
    • und trägt Goldketten, Schlangenlederstiefel, eine riesige Gür-telschnalle und eine dunkle Sonnenbrille. Das muss ein Narcosein.‹« Doch das hinderte die Behörden nicht daran, sie fertigzu-machen. An einem Morgen im Frühjahr 2009 verließ VicenteCarrillo Leyva, der zweiunddreißigjährige Sohn des verstor-benen Amado Carrillo Fuentes, sein Haus in Bosques de lasLomas, einem Viertel von Mexiko-Stadt, um joggen zu gehen.Die Behörden fahndeten bereits seit mehr als zehn Jahrennach ihm und hatten inzwischen eine Belohnung in Höhe vonzwei Millionen Dollar ausgesetzt. Der junge Narco, besser gesagt seine Frau, hatte einendummen Fehler begangen. Obwohl er unter falschem Namenlebte, hatte sie es versäumt, ihren Namen ebenfalls zu ändern.So war die AFI ihnen auf die Spur gekommen. Die Agentenhatten ihn längere Zeit observiert und abgewartet, bis sie ihnallein und ohne seine Leibwächter abpassen konnten. Als erdas Haus verlassen wollte, umkreisten sie ihn und nahmen ihnfest. Der Anblick eines mit Handschellen gefesselten CarrilloLeyva war für viele in Mexiko eine Überraschung. Zwei Jahrelang hatten die Medien die Öffentlichkeit mit Bildern dunkel-häutiger, brutal wirkender Narcos überflutet. Die meisten hat-ten glasige Augen und wirkten abgerissen, und wenn sie derPresse vorgeführt wurden, stammelten sie mühsam ein paarunzusammenhängende Sätze. Carrillo Leyva war das genaue Gegenteil. Er trug einenAnzug von Armani, eine modische Sonnenbrille und wirkteeher wie ein Model. Wie sich herausstellen sollte, hatte ereine Schwäche für Mode und besaß einige Designer-Boutiquen, die hauptsächlich Versace verkauften. Tatsächlich war Carrillo Leyva der Inbegriff des Narco-Juniors. Er hatte in Europa studiert, sprach fast fließend Eng-lisch und Französisch und war viel auf Reisen. In Mexiko- 208
    • Stadt hatte er sich bemüht, kein Aufsehen zu erregen. »Erveranstaltete keine Partys, machte keinen Lärm und verhieltsich insgesamt sehr zurückhaltend«, gab einer der Nachbarnnach der Festnahme zu Protokoll. »Morgens ging der jungeMann joggen, und seine Frau war auch sehr nett.« Darüber hinaus war er der zweite Mann des Juárez-Kartells. Ebenfalls im Frühjahr 2009 gelang den Behörden ein weite-rer Schlag gegen eines der »Familienunternehmen«, und die-ser brachte Chapo mehr auf als die Verhaftung seines SohnesIván Archivaldo. Die Federales hatten aus dem Viertel Lomas de Pedregal inMexiko-Stadt mehrere anonyme Anrufe erhalten, in denenAnwohner sich darüber beschwerten, dass bewaffnete Männerim Viertel herumfuhren. Eines Donnerstagmorgens schlugendie Federales zu. Unterstützt von der Armee umstellten siedas Haus in der Calle Luvia 269 und nahmen, ohne dass einSchuss fiel, den dreiunddreißigjährigen Vicente ZambadaNiebla, alias »El Vicentillo« (»Klein Vicente«), fest. Sie hatten El Mayos Sohn erwischt. Auch El Vicentillo wurde den Medien vorgeführt. Er trugJeans, ein akkurat gebügeltes Hemd, darüber ein Jackett. Ersah aus wie ein Yuppie und so gar nicht wie auf den Fotos,die die DEA von ihm besaß, auf denen er – Sinaloa-Style –einen Cowboyhut und einen Schnauzer trug. Die Verhaftungen von El Vicentillo und Carrillo Leyva wa-ren sowohl ein Erfolg als auch ein Alarmsignal. Das behaup-teten zumindest die Kritiker des Anti-Drogen-Krieges. »In-zwischen legen sie sehr viel Wert darauf, ihre Spitzenleutehervorragend auszubilden«, erklärt der mexikanische Sicher-heitsexperte Alberto Islas. »Wir können ihnen nicht mit Waf-fengewalt beikommen, und nun agieren sie auch noch clevererals unsere Behörden. Deshalb, so glaube ich, werden wir die-sen Krieg verlieren.«272 Das mag vielleicht zutreffen, aber gleichzeitig waren dieseFestnahmen schwere Schläge gegen die Kartelle. Leuten zu- 209
    • folge, die sich zum Zeitpunkt von El Vicentillos Festnahmebei Chapo aufhielten, geriet der sonst so kühle und überlegteBoss außer sich. Wie konnte der Sohn seines Partners sodumm und nachlässig sein und in Mexiko-Stadt mit sichtba-ren Waffen spazieren fahren? El Vicentillo hätte es tatsächlich besser wissen müssen.273 Wie aus Erkenntnissen des US-Justizministeriums hervor-geht, standen er und Chapos Sohn Alfredo an der Spitze der»Betäubungsmitteltransportaktivitäten, in deren Rahmen sieüber süd- und mittelamerikanische Länder tonnenweise Koka-in aus Kolumbien importierten und dabei verschiedensteTransportwege und -mittel nutzen, darunter auch Boeing-747-Frachtflugzeuge, Unterseeboote sowie Busse, Schienenfahr-zeuge, Sattelschlepper und Personenkraftwagen«. ElVicentillo war kontinuierlich in Chapos Organisation aufge-stiegen und hatte schließlich El Mochomos Platz eingenom-men, nachdem dieser mit dem Drogenbaron gebrochen hat-te.274 Chapo und El Mayo konnten es sich nicht leisten, engeVerwandte zu verlieren – und schon gar nicht Söhne, die in-zwischen eine zentrale Rolle in der Organisation einnahmen.Dies konnte fatale Folgen haben. Vergeltung Edgar Guzmán López wurde gerächt.Zum Zeitpunkt des Mordes an seinem Sohn hielt sich Chapooffenbar in den Bergen versteckt, die Colima und Michoacántrennen.275 Quellen in Sinaloa zufolge trank der Drogenbaronsich die darauffolgenden Tage kontinuierlich ins Koma, in-dem er Glas um Glas seines geliebten Whiskeys in sich hin-einschüttete. Eine andere Quelle dagegen behauptet, er habesich mit unerschütterlicher Ruhe und selbstverständlichstocknüchtern sofort darangemacht, zum Angriff überzuge-hen. Angesichts seiner legendären Selbstkontrolle in Stresssi- 210
    • tuationen klingt die letztere Version um einiges glaubhaf-ter.276 Das Sinaloa-Kartell hatte inzwischen wesentliche Verände-rungen durchgemacht. Statt wie früher alles allein zu befehli-gen, hatten Chapo und El Mayo eingewilligt, die Macht mitden Beltrán-Leyva-Brüdern und anderen Partnern zu teilen.Die alten Bande lockerten sich zusehends. Angesichts des wachsenden Drucks der Behörden war esallerdings sicherer, auf diese Weise zu operieren und mit klei-neren Zellen die einzelnen Operationsbereiche voneinanderabzuschotten. Die Zellen waren übergeordneten Operateurenunterstellt, die vor den Leutnants Rechenschaft ablegten. Diewiederum holten sich, falls nötig, ihre Anweisungen vonChapo, El Mayo und den Beltrán-Leyva-Brüdern. Die neueStruktur des Netzwerks unterschied sich nicht wesentlich vonder alten, bot aber den höheren Kommandopositionen besse-ren Schutz und sorgte in der Theorie für eine glattere Abwick-lung des Geschäfts.277 Doch dessen ungeachtet braute sich zwischen Chapo undden Beltrán-Brüdern etwas zusammen. Es waren nicht nur ElMochomos Eskapaden; der DEA zufolge ging es auch umeine Zelle in Chicago und damit um die Kontrolle eines lukra-tiven US-Markts. Das mexikanische Militär hingegen behaup-tet, Chapo und die Beltrán-Brüder seien wegen Chapos Ver-bindungen zu den Valencia-Brüdern über Kreuz geraten, diein Michoacán zunehmend unter Druck gerieten.278 Kurz vor Edgars Ermordung wurde die Lage in Culiacánimmer angespannter. El Mochomo war – angeblich mit Hilfevon Chapo – verhaftet worden, und die Unterwelt drohteüberzukochen. Es gab eine formelle »Kriegserklärung«, undnur wenige Stunden später fand ein Anschlag auf ElVicentillo statt. Dutzende von Morden folgten, offenbar Ver-geltungsschläge für diesen Versuch. Am 8. Mai 2008 explodierte der Hexenkessel. Allein indiesem Monat wurden 116 Menschen ermordet, darunter 26 211
    • Polizisten. Im Juni starben 128, im Juli 143 Menschen. Cu-liacán hatte sich in ein Kriegsgebiet verwandelt. Die Bewoh-ner versteckten sich in ihren Häusern und trauten sich nichtmehr auf die Straßen, die spätestens ab 21 Uhr wie ausgestor-ben waren. Nur wer unbedingt das Haus verlassen musste,wagte sich nach draußen. General Sandoval erhielt zweitausend Mann Verstärkung,und seine Truppen patrouillierten in dem Versuch, Ruhe undOrdnung wiederherzustellen, Tag und Nacht durch die Stadt.Doch die Furcht war nicht zu besiegen, und die Morde gingenweiter. Die Woge der Gewalt schwappte in Städte wieGuamúchil, Guasave und Mazatlán über. Niemand wusstemehr, wer das Sagen hatte. Nicht einmal mehr in der Sierra,Chapos ureigenstem Territorium. In Culiacán tauchten Transparente auf, auf denen die An-hänger Chapos bedroht wurden. »Dies ist Beltrán-Leyva-Gebiet«, stand auf einem zu lesen. »Chapo, du wirst stürzen«,warnte ein zweites, andere beschuldigten Chapo und El Mayo,mit der Regierung unter einer Ecke zu stecken. Die meistendieser Narco-Mantas gingen auf das Konto von Anhängernder Beltrán-Leyva-Brüder. Vom Gefängnis aus appellierte El Mochomo vergeblich,das Blutvergießen zu beenden. Laut El Universal schrieb erseinem Bruder Marcos Arturo einen Brief, in dem er zur Be-sonnenheit mahnte, da Chapo und El Mayo mit seiner Verhaf-tung nichts zu tun hätten. Niemand weiß, ob der Brief seinenAdressaten erreichte. Das Morden jedenfalls ging weiter.279 Möglicherweise hatten Chapo und El Mayo tatsächlichnichts mit El Mochomos Verhaftung zu tun. Allerdings stelltesich heraus, dass die Beltrán-Leyva-Brüder ihrerseits einDoppelspiel trieben. Marcos Arturo und El Mochomo hattensich nämlich in Cuernavaca mit Spitzenleuten der Zetas ge-troffen und waren übereingekommen, ihr eigenes Kartell auf-zuziehen, um das Machtvakuum zu füllen, das in weiten Tei- 212
    • len des Landes existierte. Dabei wollten sie nicht unbedingtdie Hochburgen der alteingesessenen Kartelle – wie Sinaloaoder die Golfregion – attackieren, sondern zunächst die Kon-trolle über die südlichen Bundesstaaten Guerrero (wo dieBrüder bereits Machtpositionen innehatten), Oaxaca, Yucatánund Quintana Roo gewinnen. Und sie wollten sich ins Lan-desinnere vorarbeiten, wo bis dahin niemand Machtansprüchegeltend machen konnte. Bei diesem Treffen in Cuernavaca beschlossen die Beltrán-Leyva-Brüder auch, sich gegen Chapo zu wenden.280 Als Mitte Mai 2008 die Gewalt in Culiacán außer Kontrollegeriet, bestätigte die DEA inoffiziell den Bruch zwischen denBeltrán-Leyva-Brüdern und Chapo.281 Am 30. Mai erkanntedie US-Regierung die Beltrán-Leyva-Brüder formell als Füh-rer ihres eigenen Kartells an. Der damalige US-Botschafter inMexiko, Tony Garza, verkündete: »Präsident Bush hat Mar-cos Arturo Beltrán Leyva und die Beltrán-Leyva-Organisationden im Foreign Narcotics Kingpin Designation Act (›KingpinAct‹) vorgesehenen Sanktionen unterworfen.«282 In der Erklärung hieß es: »Beltrán Leyva und seine Organi-sation stellen einen substanziellen Teil des mexikanischenSinaloa-Kartells dar, das entlang beider mexikanischer Küstensowie an der nördlichen Grenze agiert und dabei erheblicheMengen Kokain in die USA einführt. Seine Schwadronen sindfür zahlreiche Todesopfer und ruchlose Gewalttaten verant-wortlich. Gegen Marcos Arturo Beltrán sowie gegen Mitglie-der seiner Familie ist sowohl in den USA als auch in MexikoAnklage erhoben worden. (…) Die Entscheidung, MarcosArturo Beltrán (dem Kingpin Act) zu unterwerfen, wird denVereinigten Staaten zusätzliche Mittel an die Hand geben,seine Organisation zu zerschlagen, ihm und seinen Komplizenihre Ressourcen zu entziehen und sie in den USA strafrecht-lich zu verfolgen.« Die Beltrán-Leyva-Brüder waren also in die Königsklasseaufgestiegen. Und sie setzten ihren Feldzug gegen Chapo fort. 213
    • Während in Culiacán die Gewalt tobte, versuchte der Staatoffenbar, einen Waffenstillstand zu vermitteln, und versam-melte Chapo und die Brüder auf einer Ranch in Durango. An-geblich fand auch noch ein zweites Treffen, ebenfalls in Du-rango, statt. Es hieß, die Bosse aller großen Kartelle seienanwesend gewesen, sogar Vertreter aus Tijuana, und man ha-be einen zeitweiligen Stillhaltepakt ausgehandelt. Doch dieEmotionen kochten schnell wieder hoch. Culiacán blieb Kriegsgebiet. Im Jahr 2008 wurden inSinaloa 1167 Morde registriert, 2009 waren es noch 932. Als die Zetas anrückten, hielt sich Chapo noch immer inden Bergen verborgen. Doch er schien isolierter als je zu-vor.283 12 Das Gespenst der SierraDie siebzehnjährige Brünette blickte traurig und zweifelnd indie Menge der Schaulustigen. In ihrem fließenden goldenenKleid sah sie wahrhaftig wie eine Schönheitskönigin aus.Aber irgendetwas schien sie zu beunruhigen. Emma Coronel Aispuro war in La Angostura, einem klei-nen Dorf in Canelas, geboren worden. Als Nichte von IgnacioNacho Coronel Villarreal, dem »Crystal King«, wuchs sie inder Narco-Welt auf. Den Bewohnern von Culiacán zufolgekam Emma manchmal in die Stadt, um ihre Nägel machenoder ihre braune Lockenmähne richten zu lassen. Manchmalging sie auch shoppen. Doch meistens, so die Einheimischen,blieb sie in den Bergen. Die Sierra von Durango zählt zu den ertragreichsten An-baugebieten des Landes. Opiumfelder findet man in diesemTeil des Goldenen Dreiecks genauso häufig wie Meth-Küchen. Zwischen Canelas und Tamazula liegt ein vier Hek- 214
    • tar großes Opiumfeld, das die Behörden seit Beginn des Jahr-tausends vernichten wollen. Bislang mit wenig Glück, da esimmer wieder ganz schnell bepflanzt wird. Canelas steht aufPlatz zwölf der Liste, die den Umfang des Drogenanbaus inden zweitausend mexikanischen Countys erfasst. Am Abend des 20. November 2006 nahm Emma Anlaufauf die Krone der Schönheitskönigin von Canelas, die alljähr-lich an das schönste Mädchen des zweitausend Einwohnerzählenden Landkreises verliehen wird. Schönheitswettbewer-be haben in Sinaloa eine lange Tradition. Überall im Staat,auch in den großen Städten, freuen sich die Mädchen auf denTag, an dem sie sich in ihrem schönsten Kleid präsentierenund sich mit ihren Freundinnen messen können. Die Wettbe-werbe locken das ganze Dorf oder die ganze Stadt an, zumaldas meist mit einer Landwirtschaftsschau und Auftritten loka-ler Musiker verbunden ist. In Canelas ist man stolz auf denKaffee und die Guayabas der Region. Die anderen vier Teilnehmerinnen waren keine leichteKonkurrenz für Emma. Aber sie erhielt unerwartete Unter-stützung und konnte den Wettbewerb schließlich für sich ent-scheiden. Obwohl die fünf Bewerberinnen alle gleich hübschwaren, kursierten schon zu Beginn des Abends Gerüchte,Emma habe einen »sehr bedeutenden« Förderer. Offenbar hatte Chapo bereits im Jahr zuvor, als er sich inLa Angostura versteckt hielt, ein Auge auf die junge Schönegeworfen. Damals waren sie sich zum ersten Mal begegnet.Es ist nicht ganz klar, ob sich damals schon eine Beziehungentwickelt hatte, aber auf jeden Fall fühlte er sich zu ihr hin-gezogen. Für den Wettbewerb organisierte Emma einen großen Tanz,die traditionelle Art ambitionierter Bewerberinnen, um Stim-men zu werben. Unter den Besuchern kursierte bereits dasGerücht, Chapo könnte auftauchen. Am 6. Januar, dem Tag der Tanzveranstaltung, erwachtendie Bewohner von Canelas in winterlichem Nebel und began- 215
    • nen, sich auf die Veranstaltung am Nachmittag vorzubereiten,die bis weit in die Nacht hinein andauern würde. Da hörten siedas Dröhnen. Eine Armada von zweihundert geländetaugli-chen Motorrädern rollte in die Stadt. Die Besucher trugenschwarze Motorradmasken und waren bewaffnet. Sie besetz-ten die Zufahrten zur Stadt und blockierten die Straßen. KurzeZeit später landete auf der kleinen Landebahn der Stadt einFlugzeug, das Los Canelos de Durango an Bord hatte, eineberühmte Norteño-Band aus der Nähe von Tamazula, die zuChapos Lieblingsgruppen zählte. Die Einheimischen erinnernsich, auch die Musiker seien mit goldbesetzten Pistolen be-waffnet gewesen. Um 16:30 landeten weitere sechs kleine Flugzeuge. Aus ei-nem stieg ein Mann aus. Er war salopp-sportlich gekleidet,trug Jeans, ein Sweatshirt, schwarze Sneakers und einBasecap. Er hatte ein AK-47-Gewehr in der Hand, das in derNarco-Welt wegen seines gekrümmten Magazins »Cuerno deChivo« (»Ziegenhorn«) genannt wird. Am Gürtel trug er zu-dem eine Pistole. Chapo war eingetroffen. Nacho Coronel kam hinter seinem Chef die Gangway her-unter. Dann trafen drei weitere Flugzeuge ein, aus denenMänner in grünen Kampfanzügen sprangen. Noch zwei Flug-zeuge landeten, die Waffen und kistenweise Whiskey geladenhatten. Den ganzen Abend kreisten zwei Helikopter über der Stadt,die den Luftraum überwachten. Dann spielten Los Canelos de Durango zum Tanz auf. DieParty verlief ohne Zwischenfälle und dauerte bis spät in dieNacht. Chapo – den die, die ihn haben tanzen sehen, als lei-denschaftlichen Tänzer beschreiben – beherrschte die Tanz-fläche. Am nächsten Morgen rückten die Männer so rasch wiederab, wie sie eingetroffen waren. Die Bewohner der ganzen Ge-gend erinnern sich an den Abend, als sei es gestern gewesen,selbst die, die nicht einmal dabei waren. 216
    • Am 2. Juli 2007, Emmas achtzehntem Geburtstag, fand inLa Angostura Chapos vierte Hochzeit statt. Das Gerücht gingum, dass unter den geladenen Gästen auch einige hohesinaloensische Regierungsmitglieder und Beamte anwesendwaren. Aus Emma Coronel Aispuro wurde Emma GuzmánCoronel oder, wie ein mexikanischer Journalist schrieb, Que-en Emma I. Zeugen zufolge soll die hellhäutige Schönheit amAbend ihrer Vermählung gelöst und glücklich gewirkt haben,auf einem Foto, das sie beim Tanz mit ihrem neuen Gattenzeigt, lächelt sie Chapo kokett an. Der Drogenbaron lächeltebenfalls. Emmas Eltern waren stolz auf die Hochzeit ihrer Tochter,immerhin arbeitete ihr Vater für Chapo – das zumindest sagendie, die behaupten, ihn zu kennen. Angeblich baut er Opiumund Marihuana an. Die Bekanntgabe von Chapos Hochzeit war ein erneuterSchlag ins Gesicht der mexikanischen Behörden. Nur wenigeTage nach dem Tanzabend zu Emmas Ehren wareneinhundertfünfzig Soldaten in die Region entsandt worden,die Straßensperren errichteten und zumindest den Eindruckerweckten, als würden sie Chapo suchen. Sie blieben vierund-vierzig Tage in der Gegend, zogen aber am Vorabend derHochzeit ab. Dasselbe war auch schon im Februar passiert –mit dem Resultat, dass Emmas Krönung zur Schönheitsköni-gin ohne Zwischenfälle über die Bühne ging. Nach Ansichtder Einheimischen wollten die Soldaten nicht da sein, weil sieim Falle von Chapos Auftauchen genötigt gewesen wären,etwas zu unternehmen. Am Tag nach der Hochzeit kehrten die Soldaten zurück.Wie sich herausstellte, hatte Chapo als Datum den 3. Juli fest-gelegt, die Hochzeit dann einen Tag vorgezogen und so seineFeinde getäuscht. Es hatte funktioniert. Als die SoldatenCanelas stürmten und durchkämmten, waren Chapo und seinejunge Braut längst verschwunden. Einige Einheimische glaub- 217
    • ten, sie seien in die Flitterwochen nach Kolumbien geflogen,andere vermuteten sie in einem Liebesnest auf einer Ranchweiter oben in der Sierra.284 Überall und nirgendsFür die Behörden bedeutete die Jagd auf Chapo eine nichtenden wollende Kette von Frustrationen. Jedes Jahr erhieltensie Hunderte von Tipps von Leuten, die behaupteten, Chapogesehen zu haben – doch der blieb ihnen stets eine Nasenlän-ge voraus. Unter dem Schutz seiner engeren Vertrauten, aberauch der gewöhnlichen Menschen, die eine grundsätzlicheAbneigung gegen Polizei und Regierung haben, war ihm im-mer wieder die Flucht gelungen.285 Auch Journalisten erhielten regelmäßig Informationen.»Einmal habe ich an einem einzigen Tag sieben Tipps vonLeuten bekommen, die ihn in Nuevo Laredo, Mochicahui,Badiraguato, Mexicali, Caborca und Agua Prieta gesehen ha-ben wollen«, erzählte 2005 der in Tijuana arbeitende, inzwi-schen aber verstorbene Journalist, Autor und Narco-ExperteJesús Blancornelas. »Alle glauben, ihn gesehen zu haben.«286 Herauszufinden, welche Hinweise ernst zu nehmen sind, isteine diffizile Aufgabe. Die mexikanische Armee, die PGRund die Federales behaupten alle, sie hätten seine Organisati-on unterwandert und würden nun versuchen, so nahe wiemöglich an ihn heranzukommen oder zumindest Informatio-nen über ihn zu erhalten. Doch Chapo hat einen offenbar un-durchdringbaren Schutzwall errichtet, indem er diverse In-formanten für deren Verrat umbringen ließ und in den ver-gangenen Jahren immer weniger Neulinge persönlich emp-fing.287 Und jedes Mal, wenn sich das Netz um ihn zusammenzu-ziehen drohte, bewies er seine erstaunliche Kühnheit. An einem kühlen Novemberabend genossen etwa dreißigGäste ihr Abendessen in einem Restaurant im Las-Quintas- 218
    • Viertel von Culiacán. Plötzlich marschierte eine Gruppe Be-waffneter herein. »Meine Damen und Herren, bitte schenken Sie uns kurz Ih-re Aufmerksamkeit. Gleich wird ein Mann diesen Raum be-treten, der Boss. Wir bitten Sie, Platz zu behalten, die Türenwerden verriegelt, und es wird niemandem erlaubt, das Res-taurant zu verlassen. Auch Ihre Mobiltelefone dürfen Sie nichtbenutzen. Aber machen Sie sich keine Sorgen. Wenn Sie sichwie gewünscht verhalten, wird Ihnen nichts geschehen. SetzenSie Ihr Essen fort und verlangen Sie nachher keine Rechnung.Die übernimmt der Boss. Herzlichen Dank.« Dann kam Chapo herein. Der Journalist Javier Valdez von der Zeitschrift Rio Docebeschrieb hinterher als Erster die Szene: »Die Gäste waren wie erstarrt – überrascht, ängstlich. Man-chen blieb in dem beschaulichen Raum mit seinem rustikalenMobiliar fast das Herz stehen, während sich auf den TischenFleischberge, Meeresfrüchte und eisgekühlte Bierflaschentürmten.« Einem Zeugen zufolge schüttelte Chapo allen Anwesendenpersönlich die Hand und benutzte dabei die traditionelle me-xikanische Grußformel »A sus ordenes« (»zu Ihren Diens-ten«). Dann zog er sich in einen Nebenraum zurück, wo ersich zwei Stunden lang Rind und Shrimps von dersinaloensischen Küste schmecken ließ. Die Gäste aßen weiterund warteten anschließend, bis der Drogenbaron sein Mahlbeendet hatte. Als sie das Restaurant schließlich verlassen durften, stelltensie fest, dass ihre Rechnungen beglichen worden waren.Chapo hatte Wort gehalten.288 Der Ablauf solcher Auftritte ist immer ähnlich: Ein Dut-zend bewaffneter Männer betritt ein gut besuchtes Restaurant,sammelt freundlich die Mobiltelefone ein und bittet die Gäste,Platz zu behalten, bis Chapo gespeist hat. 219
    • Die Behörden sehen sich jedes Mal gezwungen, den Vorfallzu untersuchen oder zumindest festzustellen, ob er sich tat-sächlich so zugetragen hat. Meistens ist es jedoch so gut wieunmöglich, Einzelheiten zu erfahren, denn das Restaurantper-sonal leugnet in allen Fällen, dass etwas vorgefallen sei. Als eine Boulevardzeitung aus Nuevo Laredo – eine derheiß umkämpften Städte an der Grenze – einen Bericht übereinen von Chapos Restaurantbesuchen veröffentlichte, bestrittder Geschäftsführer vehement, dass der Besuch stattgefundenhabe. Doch dem FBI gelang es, Zeugen des Vorfalls ausfindigzu machen, und die Los Angeles Times brachte eine großeStory: »Der General kam, um das Schlachtfeld zu inspizie-ren«, schrieb Korrespondent Richard Boudreaux über Chaposunverfrorenen Auftritt. Innerhalb eines Monats wurde Chapo angeblich in der zent-ralmexikanischen Stadt Guanajuato, der südöstlichen StadtVillahermosa an der Grenze zu Guatemala und tief in Zentral-amerika gesichtet. Die PGR ging jeder dieser »Erscheinun-gen« und jedem »Gerücht« nach, konnte aber nie eine Bestä-tigung erlangen.289 In Städten wie Culiacán, Monterrey, Torreón und Mexicalilösen Gerüchte über Chapos bevorstehendes Auftauchen Mas-senaufläufe aus. Die Bewohner der Sierra, ja sogar die Men-schen aus Badiraguato am Fuße der Berge rechnen jederzeitmit seinem Erscheinen. Viele nennen ihn aus Hochachtung»Viejon« (»großer alter Mann«) oder »Tio« (»Onkel«). »Alle achten und respektieren ihn«, sagt ein Mann, der be-hauptet, in den Bergen von Durango mit ihm zusammengear-beitet zu haben. Dafür gibt es gute Gründe. Als heftige Re-genfälle einmal die regionale Ernte zerstört hatten, spendeteChapo seinen Gomeros Hilfsgüter im Wert von mehrerenZehntausend Dollar. Und an Weihnachten trafen weitere Ge-schenke ein: einhundert Geländewagen für die Einheimischen.290 220
    • Die Behörden behaupten, Chapo sei ein »Verführer«, ererwecke den Eindruck, die Menschen zu »beschützen«. Da-durch schafft er sowohl unter seinen Mitarbeitern als auch beiden Bewohnern der Region, die nichts mit dem Drogenhandelzu tun haben, Loyalität und Vertrauen. Aufgrund seiner ein-nehmenden Art vertraut ihm das gesamte Netzwerk, und sobleibt die Struktur der Organisation intakt. Dennoch gibt eseine merkwürdige Koexistenz: Chapo könne, glaubt die PGR,jederzeit sowohl Solidarität und Mitgefühl als auch »ehr-furchtheischenden Schrecken« verbreiten. Diese Ehrfurcht, die die Menschen Chapo entgegenbringen,erzürnt die Behörden am meisten. »Warum soll man einenTypen unterstützen, der die Gesellschaft vergiftet?«, fragt einin Mexiko-Stadt stationierter DEA-Agent wütend.291 Auch die mexikanische Regierung hat wiederholt ihremÄrger über die Art und Weise Luft gemacht, wie die MedienChapo glorifizieren. Zum einen, weil sie dadurch beständig anihr eigenes Versagen im Drogenkrieg erinnert wird, zum an-deren aber auch, weil man befürchtet, so seinen Heldenstatuszu zementieren. Als Forbes Chapo auf Platz 701 der reichsten Personen derWelt setzte, reagierte die Calderón-Administration erbost. DerPräsident persönlich verdammte das Wirtschaftsmagazin undwarf ihm und anderen vor, »nicht nur ständig Mexiko zu atta-ckieren und Unwahrheiten über die Situation im Land zu ver-breiten, sondern auch noch Kriminelle zu verherrlichen«. Der damalige Generalstaatsanwalt Eduardo Medina Moraerklärte den Bericht für fehlerhaft und warf den Verantwortli-chen Glorifizierung eines Kriminellen vor. Chapo in einemAtemzug mit ehrlichen Geschäftsleuten zu nennen, sei demPrestige des Magazins nicht würdig, sagte Medina Mora undfügte hinzu: »Ich kann nicht umhin hinzuzufügen, dass dieserReichtum im Falle meines Landes in der jüngsten Vergangen-heit mit einer Welle der Gewalt verbunden ist, mit Konfronta-tionen rivalisierender Gangs und dem Tod zahlreicher un- 221
    • schuldiger Bürger, die ins Kreuzfeuer der Killer geraten sind.Ich werde nie akzeptieren, dass ein Krimineller alshervorhebenswert charakterisiert wird«, fuhr er fort. »Auchnicht von einem Magazin wie Forbes. Dieser Mann wird fürden Schmerz, den er der mexikanischen Gesellschaft und denBürgern anderer Nationen zugefügt hat, bezahlen (und insGefängnis wandern). Dies und nichts anderes wird sein Lossein.« Medina Moras Ausfall mag berechtigt gewesen sein, mög-licherweise allerdings mit den falschen Argumenten. Rechts-experten behaupten, dass nicht einmal die US-Anklagen ge-gen Chapo vor einem ordentlichen Gericht Bestand habendürften. 292 Josué Félix, Sohn von El Padrino, stimmt dem zu. Erglaubt, dass vieles, was die Leute über Chapo sagen, äußerstübertrieben ist – wie schon bei seinem Vater. »Sehen Sie,mein Vater hat sicherlich einige Dinge getan, die illegal sind,daran gibt es gar keinen Zweifel. Aber sie haben auch jedeMenge hinzugedichtet, um ihn als Boss der Bosse darzustel-len. Er kann überhaupt nicht ein solch gewaltiges Vermögenangehäuft haben. Und selbst wenn, wo befindet es sich dann?Sie haben ihn zu einer Kunstfigur gemacht, zu einem Sym-bol.«293 Doch all dies hat Chapo letztlich nur genutzt. Er kennt seinPublikum, für das er seinen Mythos inszeniert. So wurde erzum Führer von Menschen, die praktisch noch nie etwas vonder Regierung erhalten haben. Menschen, deren erster Gedan-ke dem Überleben gilt und nicht, ob sie sich auf der richtigenSeite des Gesetzes befinden. Menschen, die zu einem Mannaufschauen, der aus bitterster Armut zu einem erfolgreichen,freien Mann aufgestiegen ist, der in den Bergen von Mexikoso lebt, wie es ihm beliebt. Die meisten Bewohner von Du-rango und Sinaloa interessieren sich herzlich wenig für ir-gendwelche Forbes-Ranglisten, wenn sie überhaupt je vondem Blatt gehört haben. 222
    • »Jemand hat mir von der Forbes-Geschichte erzählt«, sagteein etwa dreißigjähriger Tamazuleño. »Es interessiert micheinen Dreck. Chapo ist wie ein Gott, allmächtig, über demGesetz stehend, größer als Mexiko. Deshalb verehre ich ihnund werde ihn immer verehren.« Chapo ist überall und nirgends zugleich. Sein Name er-scheint auf Narco-Mantas, ihm sind Facebook-Seiten gewid-met, und in den Internetforen wird ständig über seine Tatenund Aufenthaltsorte spekuliert. Zudem tragen zahlreiche wei-tere Legenden zu Chapos Ruhm bei. Es heißt, er habe mehrals zwanzig Kinder gezeugt, was ihm die Bewunderung ein-bringt, ein wahrer Macho zu sein. Einem Bischof zufolge istChapo ein strenggläubiger Mensch, all seine Kinder seiengetauft worden. Chapos Mythos wirkt nicht nur auf die mexikanische Be-völkerung, sondern auch tief hinein in die Unterwelt. Nur we-nige wagen es, ihn herauszufordern oder zu betrügen, undoffenbar besteht dazu auch wenig Anlass. Wer seinen Joberledigt, wird gut dafür bezahlt. Wer versagt, muss mit Sank-tionen rechnen. Alles läuft geschäftsmäßig ab. In Culiacán,Tamazula und Badiraguato sind die, die behaupten, für ihn zuarbeiten, ihm treu ergeben. Chapo – so die Behörden – habe sich als Meister darin er-wiesen, »natürliche Gefühle der Abhängigkeit und der Loyali-tät« auszulösen. Dies habe es ihm ermöglicht, eine Organisa-tion zu schaffen, die seinen Befehlen widerspruchslos Folgeleistet und deren Mitglieder ihm oft so verbunden sind, dass»sie ihre eigene körperliche Unversehrtheit opfern, um ihnoder seine Familie zu beschützen«. Um sicherzustellen, dass alles reibungslos läuft, besucht erregelmäßig seine Plantagen zwischen Guerrero und Chihua-hua. Es heißt, er reise gelegentlich sogar unter dem Schutz desMilitärs. Seine Gomeros freuen sich, wenn sie ihn sehen. Carlos aus Badiraguato hat die Aufsicht über den Transportvon Rohopium und Marihuana aus der Sierra. Er behauptet, 223
    • Chapo schon mehrfach begegnet zu sein. Einmal sei der Bossgekommen, um eine neue Marihuanaplantage in der Nähe vonBadiraguato zu inspizieren. Chapo sei besorgt gewesen, dasssie zu nahe bei der Stadt liege und von Militärs entdeckt undzerstört werden könnte. Doch Carlos gelang es, Chapo davonzu überzeugen, dass er die Soldaten durch Bestechung zumWegschauen bringen könne. Carlos beschreibt Chapos Reaktion. Ernst wie immer habeer gesagt: »Wenn ich davon ausgehen kann, dass du weiterhindie nötige Menge Marihuana nach Pericos lieferst (von woaus es weiter über die Grenze geschmuggelt wird), dann gibtes keine Probleme.« Am 15. September 2009, dem mexikanischen Unabhängig-keitstag, hofften einige Bewohner von Badiraguato, ihn zuGesicht zu bekommen. Carlos und seine Jungs hatten allesgründlich geprüft, um sicherzustellen, dass das Marihuanagedieh und in dem Umfang geliefert werden konnte, wie siees versprochen hatten. Der Boss der Bosse würde begeistertsein. Kurz bevor das Feuerwerk begann, kreiste ein Helikopterüber der Stadt. Am nächsten Morgen tauchte er wieder auf.General Sandovals Männer observierten und warteten ab. Doch Chapo ließ sich nicht blicken.294 13 Die neue WelleAm 15. September 2008 Stand der Kongressabgeordnete Fe-lipe Díaz Garibay nur wenige Meter hinter Leonel Godoy,dem Gouverneur von Michoacán, als sie unter dem Balkoneine gewaltige Explosion vernahmen. Wie alle anderen Men-schen in Morelia, die sich auf dem Zócalo und in den umlie-genden Gebäuden versammelt hatten, dachten sie, es handele 224
    • sich nur um einen besonders lauten Feuerwerkskörper.Schnell setzten die VIP-Gäste des Gouverneurs ihr unverfäng-liches Geplauder fort. Doch kurz darauf kam der Polizeichef von Morelia herein-gestürmt und eröffnete ihnen, dass eine Granate explodiert seiund mindestens eine Person ihr Leben gelassen habe. Die Gäste zogen sich begleitet vom Polizeichef und denherbeigeeilten Sicherheitskräften umgehend in die Büroräumevon Godoy zurück. In einem Interview wenige Tage darauferinnerte sich Díaz Garibay an hitzige Diskussionen, da allewissen wollten, was geschehen war. Handelte es sich um einepolitische Gruppierung oder um einen Mob angeheuerterGangster, die Druck auf den linksgerichteten Godoy ausübenwollten? War es ein fehlgeschlagener Mordanschlag? Oderwaren es doch Drogenhändler? Die lokale »La Familia« etwa? »Niemand hatte einen solchen Anschlag erwartet«, sagteDíaz Garibay. »Das war Narco-Terrorismus.«295 Der Bundesstaat Michoacán war schon lange eine Hoch-burg der Drogenproduktion, und entsprechend war es auchimmer wieder zu Gewalttaten gekommen. Die Gomeros ausBadiraguato in Sinaloa hatten die ersten Mohnsamen in dieRegion gebracht und den lokalen Bauern gezeigt, wie man sieanpflanzt und daraus die wertvolle Melasse gewinnt, die zurProduktion von Opium und Heroin benötigt wird. Jahrzehnte-lang war das so gewonnene Rohopium in das nördlich gelege-ne Sinaloa gebracht worden, von wo aus es in die USA wei-tertransportiert wurde. Darüber hinaus nutzten die Amezcua-Brüder Michoacáns größten Hafen in der Stadt LázaroCárdenas, um die notwendigen Zutaten zu importieren, mitdenen sie Methamphetamin für die wachsenden US-Märkteproduzierten. Parallel begannen sie, das politische System zuinfiltrieren, das damals von der linksgerichteten Partido de laRevolución Democrática dominiert wurde. Am 6. September 2006 machte zum ersten Mal eine Grup-pe namens La Familia von sich reden. Bewaffnete Männer 225
    • stürmten die beliebte Diskothek Sol y Sombra in Uruapan,einer Stadt, die etwa einhundert Kilometer von Morelia ent-fernt liegt. Sie feuerten mit Maschinenpistolen in die Luft undrollten fünf menschliche Köpfe auf die Tanzfläche. Zudem hinterließen sie ein Schreiben am Tatort. »La Fami-lia tötet nicht wegen Geld, tötet keine Frauen, tötet keine Un-schuldigen. La Familia tötet nur die, die es verdient haben.Das sollten alle wissen: göttliche Gerechtigkeit.« Die Botschaft war mit »La Familia« unterzeichnet. Offenbar handelte es sich um eine Warnung, sich nicht mitden lokalen Mobstern anzulegen. Als Präsident Calderón wenige Wochen später sein Amtantrat, entsandte er Tausende von Soldaten in die Region.Sofort ging die Zahl der Morde zurück. Da auch große Men-gen an Drogen beschlagnahmt wurden, glaubten die Behördenbald, die Erfüllung ihrer Michoacán-Mission verkünden zukönnen. Doch die Einheimischen waren nicht so leicht zu überzeu-gen. Insgeheim redete man über La Familia, wie schnell siewachse und dass sie das politische System unterwandere. DieNarcos zu ignorieren und gewähren zu lassen, sei für die Poli-tiker Michoacáns jeden Tag eine neue Versuchung, sagt Fran-cisco Morelos Borja, der regionale Präsident der PartidoAcción Nacional (PAN). »Wenn man nicht die Tür öffnet,gibt es auch kein Problem«, fährt er fort und sieht sich nervösin dem kleinen Restaurant in Quiroga, einem Vorort von Mo-relia, um. »Die Schwierigkeiten beginnen, wenn man die Türöffnet.« Morelos Borja gibt zu, dass es unmöglich sei, die Einfluss-nahme der Narcos vollständig zu unterbinden. »Ich weiß, dasssie in der Vergangenheit unsere Kandidaten aufgesucht haben.Die kommen dann zu mir und bitten mich um Hilfe. Und ichhelfe ihnen auch. Aber dann gibt es natürlich immer welche,von denen ich nichts erfahre.« 226
    • Ein anderer Politiker, Ignacio Murillo Campoverde von derPRD, wirkt noch resignierter: »Wir werden es hier niemalsschaffen, die Narco-Herrschaft zu beenden«, sagt der Partei-funktionär, während er in seinem bescheidenen Büro in SanJuan Nuevo sitzt, einer Stadt etwa acht Kilometer von Urua-pan entfernt. Die Wände sind mit Fotos von Mapaches deko-riert. Mapaches (Waschbären) nennt man die Personen, die imAuftrag der Narcos an Politiker und Beamte herantreten undihnen Geld anbieten. Campoverde hat die Fotos aufhängenlassen, damit die Parteimitglieder sie erkennen, wenn sie indie Stadt kommen, und ihnen aus dem Weg gehen können. Erwirkt entschlossen. »Wenn unsere Kinder, also unsere Zu-kunft, die Drogen als ihre Zukunft ansehen, dann haben wirein Problem.« Das andere Problem allerdings war, dass La Familia insselbe Horn stieß, die Bevölkerung und Jugend Michoacánsvor den Drogen warnte und Chapo sowie das Sinaloa-Kartellfür die wachsende Zahl der Abhängigen verantwortlich mach-te. Sogar die Religion wurde für die eigenen Ziele miss-braucht. Die Anführer hatten eine eigene Bibel und nutztendie Empfänglichkeit der Bevölkerung aus. Sie baten Gott um»Stärke« und Weisheit. Später klangen ihre Pamphlete wie dieaus den Zeiten der mexikanischen Revolution. »Es ist besser,für einen Peso sein eigener Herr zu sein, als ein Sklave fürzwei. Es ist besser, erhobenen Hauptes zu kämpfen, als aufKnien gedemütigt zu werden. Lieber ein toter Löwe als einlebendiger Hund.« Das Ganze war eine wohl orchestrierte Propaganda-Nummer. Während die Führung von La Familia Drogen ver-urteilte und ihre ganz spezielle Version von Güte predigte,produzierten und vertrieben sie Methamphetamin in Massen. Diese Taktik wurde seit langem von den mexikanischenNarcos angewendet. Chapo und El Mayo hatten sich als sozia-le Wohltäter von Sinaloa inszeniert, und in Michoacán taten 227
    • erst die Amezcua-Brüder und später die Valencia-Brüder das-selbe. Und neue Gruppen wie La Familia versuchten sichebenfalls als respektable Organisationen darzustellen. José Luis Espinosa Piña, der Morelia im Bundesparlamentvertritt, stimmt zu, dass die Bevölkerung seines Staates unterdem Aufstieg von La Familia und den von ihr verübten Ge-walttaten heftig zu leiden hat. »In Michoacán ist eine kollek-tive Psychose ausgebrochen.« Am Abend des Unabhängigkeitstages 2008 war dann alleshervorgebrochen. Wie sich herausstellte, waren es zwei Gra-naten, die gegen 23 Uhr explodiert waren, kurz nachdem Go-doy die Unabhängigkeitsglocke geläutet und das traditionelle»Lang lebe Mexiko« ausgerufen hatte. Auf dem Zócalo warPanik ausgebrochen, Besucher wurden überrannt, niederge-trampelt, überall blickte man in entsetzte Gesichter und sahblutende Frauen und Kinder, die verzweifelt Schutz suchten.Wer konnte, floh. Sanitäter trafen ein, Polizei und Armeeein-heiten sperrten die Gegend ab. Acht Menschen starben, undmehr als hundert wurden verletzt. Noch Tage später war das Pflaster des Zócalo mit Blut ver-schmiert, das Absperrband der Polizei flatterte im Wind undmarkierte den Ort des Blutvergießens. Kränze und Kreuzesowie Beileidsbekundungen für die Opfer erinnerten die Öf-fentlichkeit daran, dass an diesem Abend keine Gangster,sondern unschuldige Menschen ums Leben gekommen waren. Die Behörden machten La Familia für das Attentat verant-wortlich. 296 Die allerdings hatte ihre eigene Vorstellung vonden Tätern. Bald wurden an den Brücken der Region Transpa-rente gesichtet, auf denen den Zetas die Schuld zugeschriebenwurde. »Feiglinge ist das einzige Wort, das die verdienen, diedie Ruhe und den Frieden des Landes stören«, stand auf ei-nem zu lesen. »Mexiko und Michoacán sind nicht allein.Danke für eure feigen Taten, Zetas. Hochachtungsvoll LaFamilia Michoacána.« 228
    • Auf einem anderen stand: »Bürger von Mexiko, lasst euchnicht zum Narren halten. La Familia Michoacána ist mit euchund verurteilt die völkermörderischen Taten. Hochachtungs-voll F. M.« Auch Chapo und seine Männer meldeten sich zu Wort. Ineiner von Chapo und El Mayo unterzeichneten E-Mail wiesensie alle Vorwürfe zurück. »Die Sinaloenser haben seit jeherdie Bevölkerung in Schutz genommen … die Familien derCapos und kleinen Drogenkuriere respektiert … die Regie-rung respektiert … Frauen und Kinder respektiert.« Chapound El Mayo warnten, das Sinaloa-Kartell werde »Michoacánzurückerobern und alle, die die sinaloensische Familie belei-digt haben, unter die Erde bringen«. Die Behörden sahen das alles anders. Sie versuchten, dieVerantwortlichen zu verhaften, ungeachtet ihres sozialen Sta-tus. Immerhin handelte es sich bei dem Zwischenfall in More-lia »um den schlimmsten – den ersten – Terroranschlag in derGeschichte Mexikos«, wie der Abgeordnete Espinosa Piñavollmundig erklärte. Innerhalb weniger Tage wurden Dutzen-de von Personen festgenommen. Mitglieder von La Familiawurden – oftmals aufgrund anonymer Hinweise – in ganzMichoacán aus ihren Schlupfwinkeln getrieben. Die Federalesversuchten mit aller Macht, die Organisation zu zerschlagen.Insgesamt wurden mehrere Hundert Mitglieder verhaftet, da-runter auch Bürgermeister und Verwaltungsbeamte, denenman Beziehungen zu La Familia unterstellte.297 Daneben wurden auch die Zetas ins Visier genommen. Siehatten laut DEA sowohl La Familia als auch dem Sinaloa-Kartell in Michoacán den Krieg erklärt. Als Reaktion auf die massive Kritik räumten die Behördenschließlich ein, man trage eine Mitschuld am Entstehen einesMachtvakuums, in dem Gruppen wie La Familia und LosZetas schließlich Fuß fassen konnten. »Als wir (inMichoacán) agierten, setzten wir alles daran, die Spitze derkriminellen Strukturen zu zerschlagen, und konzentrierten uns 229
    • auf die Bosse«, erläutert der nationale Polizeichef García Lu-na seine Strategie. »Wir nahmen an, wenn wir die Köpfe ab-schlagen könnten, würde der Körper kollabieren. Stattdessenübernahmen die Killerbanden die Macht.«298 Ursprünglich als paramilitärischer Flügel des Golf-Kartellsgegründet, operierten die Zetas zunehmend auf eigene Faustund mit wachsender Brutalität. Viele der einunddreißig ehe-maligen Elitesoldaten waren gefasst oder getötet worden.Dennoch wuchs die Organisation weiter an. Sie war in diverseUntergruppierungen aufgeteilt. »Las Ventanas« (»die Fens-ter«), junge Kids auf Fahrrädern, warnten vor anrückenderPolizei oder verdächtigen Fremden. Prostituierte, die oft Kli-enten und manchmal auch Polizisten nützliche Informationenentlockten, wurden »Los Leopardos« genannt. Schon bedeutender waren »Los Halcones« (»die Falken«),die die Verteilung überwachten, wie auch »Los Manosos«(»die Cleveren«), die für die Beschaffung der Waffen zustän-dig waren. Darüber stand »La Dirección«, eine Gruppe vonKommunikationsexperten, die Telefongespräche abhörten,verdächtige Fahrzeuge identifizierten und observierten sowieEntführungen und Exekutionen anordneten. An der Spitzestanden El Lazca und seine engsten Vertrauten.299 In dem Maße, in dem die Zetas sich über ihr angestammtesTerritorium – den Nordosten des Landes, hauptsächlich imGrenzgebiet zu Texas – hinaus ausdehnten, wurden Enthaup-tungen immer häufiger beobachtet, sogar in Chiapas, demsüdlichsten, an Guatemala grenzenden Bundesstaat. Die Me-thode der Zetas, sich ein neues Territorium zu erobern, zeich-nete sich durch schiere Brutalität aus. Dabei spielte es keineRolle, ob es sich um bestehende Märkte für Drogenschmug-gel, CD- und DVD-Piraterie, Schutzgelderpressung oder an-dere Formen der Bandenkriminalität handelte. »Wenn einZeta in eine Stadt kommt, versucht er gar nicht erst, einenDeal zu machen«, erzählt ein Kleinunternehmer aus der südli-chen Grenzstadt Ciudad Hidalgo. »Er schlägt jemandem den 230
    • Kopf ab und sagt: ›Dies ist ab jetzt mein Gebiet.‹ Da gibt esnichts zu verhandeln.« Tatsächlich waren diese feindlichen (und brutalen) Über-nahmen die einzige Vorgehensweise, die diese Gangsterkannten. Oder wie ein DEA-Agent es formuliert: »Sie verbrei-ten Angst und Schrecken, verschaffen sich so einen Ruf, undplötzlich wollen die Leute mit ihnen zusammenarbeiten.« Indieser Atmosphäre entstanden überall im Land zahlloseGrüppchen von Mitläufern, die behaupteten, Zetas zu sein.»Der Name allein genügt schon. Du legst dir einen militäri-schen Bürstenschnitt zu und behauptest, du seist ein Zeta, undschon haben die Leute Angst vor dir.«300 Die Front im SüdenWährend der erbarmungslose Krieg die nördlichen Grenzre-gionen verwüstete, lebten die Bewohner des Südens ebenfallsin Angst. Die Zetas waren überall, sie infiltrierten die regiona-le Wirtschaft sowohl in Chiapas als auch in Teilen von Gua-temala. Als im Dezember 2008 an einer Fußgängerüberführung inTapachula ein Narco-Manta befestigt wurde, rätselten dieAnwohner, wer es angebracht hatte. Die meisten kamenschnell zu der Auffassung, dass es von den Zetas stammenmusste. Ein Beamter der Einwanderungsbehörde am Grenzüber-gang in Ciudad Hidalgo überlegte nicht lange: »Die Zetas sindüberall«, erklärte er und bestätigte, dass die Zetas nun auchjenseits der Grenze operierten. »Da drüben regiert das Cha-os.« Dann holte er einige Fotos hervor, die er zwei Tage zuvorvon seinem Posten aus geschossen hatte. Auf einem sah maneinen Mann, der über dem Lenkrad seines von Kugeln durch-siebten Wagens zusammengesunken war. Seine Frau hatteseinen Arm umklammert, ihr Gesicht war verängstigt und 231
    • blutverschmiert. Auch ihre Bluse hatte ein paar Blutstropfenabbekommen, sie schien jedoch unverletzt. Das nächste Fotozeigte die Windschutzscheibe, die im Kugelhagel geborstenwar. Auf einem dritten konnte man darüber hinaus gut diemexikanische Seite der Grenze erkennen. Guatemala machte in der Tat schwere Zeiten durch. Mitseiner schwachen Zentralregierung und einer landesweitenKorruption, die schlimmer grassierte als in Mexiko, war diekleine zentralamerikanische Nation zum Tummelplatz fürNarcos geworden, die sich vor dem mexikanischen Militär inSicherheit bringen wollten. Am 25. März 2008 machte eine Schießerei in der Nähe derGrenze zwischen Guatemala und El Salvador Schlagzeilen.Zum einen wegen des Blutvergießens, elf Menschen warenums Leben gekommen, zum anderen aber auch aufgrund derGerüchte, die in der Folge kursierten. Die örtlichen Medien berichteten, dass Chapo unter denOpfern sei. Zwei der Leichen waren in einem nach der Schie-ßerei ausgebrochenen Feuer bis zur Unkenntlichkeit ver-brannt, und die Ermittler hatten Blutproben genommen. Zu-mindest war sicher, dass sich ein Mexikaner unter den Opfernbefand. Handelte es sich um Chapo? Ganz Mexiko war nervös. Doch dann kam die Nachricht: »Nach den Informationen,die wir haben, befindet er sich nicht unter den Toten«, erklärteein Sprecher des guatemaltekischen Präsidenten Álvaro Co-lom Caballeros. Der Präsident war sich seiner Sache noch sicherer: »Ich ha-be mich heute morgen mit den Ermittlern getroffen, und wirnehmen an, dass sich Guzmán in Honduras aufhält.«301 Die Mordmethoden der neuen Banden dürften wahrschein-lich sogar die alteingesessenen Narcos das Fürchten gelehrthaben. Chapo, so räumten nun etliche Sicherheitsexperten fastwehmütig ein, sei ein »Gentleman-Killer« gewesen, oder zu-mindest ein Geschäftsmann. Im Gegensatz zu den Zetas, die 232
    • einen Mann enthaupteten und mit nacktem Unterkörper liegenließen, habe Chapo Anstand und Respekt gezeigt. Wenn erjemanden zu töten beabsichtigte, sprach er mit der betreffen-den Person, dann ging er mit ihr nach draußen und schoss ihrin den Kopf. Seine Männer mordeten auf dieselbe Weise.302 Doch die Spielregeln hatten sich geändert. Und Chapowürde sich ebenfalls ändern müssen. »El Avionazo«Das Flugzeug stürzte am 4. November 2008 kurz nach 19 Uhrmitten über dem Stadtzentrum von Mexiko-Stadt ab. DasWrack landete auf dem Paseo de la Reforma, der Hauptver-kehrsader der Stadt. Innerhalb weniger Minuten wusste diegesamte Nation, dass sich der mexikanische Innenminister,der erst siebenunddreißigjährige Juan Camilo Mouriño, anBord des Learjets befunden hatte. Die öffentliche Meinung inden Straßen des Landes war einhellig: Da musste Chapo da-hinterstecken. Nur er hatte die Macht, jemanden vom Himmel zu holen. Es wurde gemutmaßt, Chapo habe Mouriño umgebracht,weil der Innenminister ihm zu sehr auf die Pelle gerückt sei.»Erinnerst du dich an Escobar?«, fragte am selben Abend einHauptstadt-Journalist und zog misstrauisch die Augenbrauenhoch.303 Am 27. November 1989 hatte der kolumbianische Drogen-baron Pablo Escobar eine Linienmaschine der Avianca ab-schießen lassen, um den Parlamentsabgeordneten César Gavi-ria zu ermorden, einen mutigen jungen Politiker, der es ge-wagt hatte, dem Medellín-Kartell den Kampf anzusagen.304Und die meisten Mexikaner vermuteten nun hinter »ElAvionazo«, wie der Absturz von Mouriños Flugzeug schnellgetauft wurde, dasselbe Prinzip. Nach seinem Amtsantritt Anfang 2008 hatte Mouriño sichzumindest symbolisch an die Spitze des Anti-Drogen-Krieges 233
    • gesetzt und war von seinem Präsidenten als einer der Mexika-ner gelobt worden, »die sich um ihr Land kümmern«. AlsInnenminister war er de facto die Nummer zwei in der mexi-kanischen Staatshierarchie, im Grunde eine Art Vizepräsident.Wiederholt hatte er geschworen, die Kartelle mit der geballtenMacht des Staates zu verfolgen. Er hatte leidenschaftlicheErklärungen abgegeben und dabei mehr Emotionen gezeigt,als es für ein so hochrangiges Kabinettsmitglied bis dahinüblich war. Sein »Ya basta!« (»Genug!«) wurde zum geflü-gelten Wort, das er bei öffentlichen Auftritten immer dannwiederholte, wenn erneut ein Polizist oder ein Unschuldigerim Drogenkrieg ums Leben gekommen war.305 José Luis Vasconcelos, ein renommierter Experte auf demGebiet des organisierten Verbrechens, kam bei dem Absturzebenfalls um. Er war für die Auslieferungsprogramme zustän-dig und hatte bereits mehrfach Drohungen von Chapos Leutenerhalten, die beabsichtigten, ihn zu ermorden. Kurz vor demUnglück hatte er begonnen, Vorsichtsmaßnahmen zu ergrei-fen. Er übernachtete in verschiedenen Apartments und umgabsich mit zusätzlichen Leibwächtern. Allerdings förderten die Ermittlungen keinerlei Hinweisezutage, die auf ein Sprengstoffattentat oder anderweitige Ma-nipulationen hindeuteten. Doch das hinderte die misstrauischeÖffentlichkeit nicht daran, Chapo als Urheber anzusehen, dereinmal mehr cleverer als seine Widersacher agiert und ihnenseine Machtfülle demonstriert hatte. Selbst Präsident Calderónwirkte skeptisch. Nach dem Absturz erklärte er gegenüberReportern, Mouriños Tod gebe ihm »einen eindringlichenGrund, weiterhin (…) für die Ideale zu kämpfen, die wir ge-teilt haben«. Beim Staatsbegräbnis für die Opfer des Absturzes nutzteCalderón seinen Nachruf für ein leidenschaftliches Plädoyer,in dem er seinen Krieg gegen die Drogen rechtfertigte: »Heuteist mehr denn je der Tag, an dem wir in die Zukunft blickenmüssen, der Tag, an dem wir unsere Geschlossenheit bewei- 234
    • sen und Rivalitäten begraben müssen, um aus diesem Landein gerechteres, gedeihenderes und sicheres Land zu machen,das Land, von dem unsere Bürger träumen und das MillionenMexikaner jeden Tag anstreben.« Mouriño und Vasconcelos waren tot. Allein 2008 wurdenmehr als fünfhundert Mitglieder der Bundespolizei ermordet.Ein Bombenattentat in der Nähe ihres Hauptquartiers war demSinaloa-Kartell zugeschrieben worden, als Drahtzieher hatteman Chapo ausgemacht. Glücklicherweise war bei dem An-schlag nur der Attentäter selbst ums Leben gekommen. Die Anschläge in Morelia vom 15. September hatten jedochbewiesen, dass auch Unschuldige zur Zielscheibe werdenkonnten.306 Dies galt auch für alle Militärangehörigen. Am frühenMorgen des 21. Dezember 2008 entdeckte die Polizei außer-halb von Chilpancingo, der Hauptstadt von Guerrero, zwölf ineinem Plastiksack verschnürte Köpfe. Die Körper fand manam anderen Ende der Stadt. Acht von ihnen konnten als Sol-daten identifiziert werden. »Für jeden von uns bringe ich zehnvon euch um«, stand auf einem Zettel, der in dem Sack steck-te. Das Massaker war der bis dahin brutalste Angriff der Kar-telle auf das Militär.307 Die Hölle, das ist Juárez»Wir bringen euch genauso um, wie wir gestern Abend dieFederales umgebracht haben.« Valentín Díaz Reyes erklärte seinen Männern gerade dieEinzelheiten einer für diesen Abend geplanten Razzia, als erdie Stimmen aus dem Funkgerät vernahm. Er rannte nachdraußen und befahl seinen Männern, schleunigst vor dem Po-lizeirevier im Zentrum von Delicias Position zu beziehen.Hinter den dicken Betonmauern verschanzt, konnten sie dieAvenida 16 de Septiembre beobachten. Daraufhin verteilten 235
    • sich etwa sechzig Soldaten in den Straßen, die Polizisten folg-ten ihnen auf dem Fuß. Auf den umliegenden Häusern pos-tierten sich Scharfschützen. Als plötzlich zwei Fahrzeuge in der Straße hinter dem Poli-zeirevier auftauchten, riefen die Soldaten ihnen zu, sofort um-zukehren. Dann rückten sie einen Block weiter zu einer siche-ren Straße vor. Als einer der Soldaten hinter einem WagenDeckung suchte, sah er, wie sich ein weiteres Fahrzeug näher-te. Dennoch schritt er mit entsichertem Gewehr und vor Kon-zentration weit aufgerissenen Augen voran. Acht Minuten später wurde Entwarnung gegeben. Derehemalige Major sammelte seine Männer sowie die Polizistenvor dem Revier. Dann erstattete er über Handy seinen Vorge-setzten Bericht: »Es war richtig, die Razzia anzukündigen …Das versuche ich noch herauszufinden … Wir riegeln dieStraßen ab, die meisten meiner Männer befinden sich an derGrenze, ich habe nicht alle hier … Sagen Sie mir, wo wir unstreffen sollen, und ich werde da sein. Es hat Drohungen gege-ben, über Funk, und ein bewaffnetes Fahrzeug ist vor demRevier aufgekreuzt. « »Dies war eine eindeutige Demonstration der Stärke«, er-klärte daraufhin Díaz Reyes. Es war März 2009, und die Armee hatte inzwischen dievollständige Kontrolle über Ciudad Juárez übernommen, diemexikanische Stadt, die am meisten unter dem Drogenkriegzu leiden hatte.308 Seit Chapo versuchte, Ciudad Juárez zuübernehmen, sah sich die Stadt einem nicht enden wollendenBlutvergießen ausgesetzt. Zwischen 2003 und 2008 warendreitausend Menschen in der Stadt ums Leben gekommen.Die Präsenz von mehr als fünftausend Soldaten und Federaleshatte nicht ausgereicht, um das Blutvergießen einzudämmen.Allein 2008 Starben mehr als 1600 Menschen eines gewalt-samen Todes. Ein Jahr später waren es bereits mehr als2600.309 236
    • Die Soldaten sahen sich einem mächtigen und unnachgie-bigen Feind gegenüber. Die Drohungen gegen Díaz Reyes’Männer wurden für die Armeeangehörigen und Bundespoli-zisten in Ciudad Juárez zum Alltag. Der Augenzeugenberichtüber bewaffnete Männer in einem Geländefahrzeug stelltesich zwar als falsch heraus, aber die Drohungen über Funkwaren real. Der Krieg in den Straßen, der seit zwei Jahrenzwischen rivalisierenden Gangs und Narcos tobte, zog nunauch Armee und Polizei in seinen Strudel. Waren sie frühereinfach in eine im Aufruhr begriffene Stadt einmarschiert, umbinnen kurzer Zeit Ruhe und Ordnung wiederherzustellen,gerieten sie nun in Städten wie Ciudad Juárez, Culiacán undTijuana ins Kreuzfeuer. In Ciudad Juárez war der Wandel nur allzu offensichtlich.Vor den Türen der Polizeireviere, in denen die Armee Quar-tier genommen hatte, waren provisorische Sandsackwälle er-richtet worden, die Schutz vor Attacken mit Handgranatenund Panzerfäusten bieten sollten. Mit schwerer Artillerie aus-gerüstete Soldaten bewachten die umliegenden Straßen, zu-dem waren auf den Dächern Scharfschützen postiert. Sämtli-che Patrouillen – auch normale Streifenfahrten – wurden nunvon Soldaten durchgeführt. Die Tatsache, dass der Krieg – und damit ihre Rolle darin –eine neue Wendung genommen hatte, blieb den Armeeange-hörigen, von denen viele kaum dem Jungenalter entwachsenwaren, nicht verborgen. Nach der Drohung gegen das Revier im Delicias-Viertelvon Ciudad Juárez wirkte der neunzehn Jahre alte Soldat Pab-lo Antonio Maximus verschreckt. Das Gewehr an die Brustgepresst, unterhielt er sich nervös lachend mit einem anderenSoldaten, der mit ihm unter einer Straßenlaterne stand, ehe ermich um eine Zigarette bat. »Das ist ein ganz normaler Sams-tagabend in Juárez«, erklärte er und ließ das Feuerzeug auf-flammen. »Eigentlich rauche ich nicht. Aber ab und zu zündeich mir eine an. Wegen des Adrenalins.«310 237
    • Doch die Drohungen waren nicht nur eine »Demonstrationder Stärke«, wie Díaz Reyes es ausdrückte, sie zeigten auch,wie einfach die Sicherheitsvorkehrungen der Armee »ge-knackt« werden konnten. Die Razzien gegen die Gangs wur-den bis zum letzten Moment geheim gehalten – Díaz Reyeshatte seine Männer wie in der Armee üblich erst zehn bisfünfzehn Minuten vor dem Einsatz informiert. Dennoch wuss-ten die Drogenhändler über das militärische Prozedere Be-scheid und hatten ihre Botschaft genau im richtigen Momentübermittelt. Am nächsten Tag erreichte ihn eine neue Drohung, diesmalzur Mittagessenszeit, und Díaz Reyes ging davon aus, dassnoch weitere folgen würden: »Die wissen genau, was wirtun.«Die Bewohner der drogenproduzierenden Regionen wieSinaloa inszenierten heftige Proteste gegen die Präsenz derMilitärs. Nachdem vier offensichtlich unschuldige Menschenin Santiago de los Caballeros erschossen worden waren, mar-schierten die Einwohner von Badiraguato aus der Sierra hin-unter nach Culiacán, um gegen das Militär zu demonstrieren –und für Chapo. Der allgemeine Tenor war, Chapo sei nur einörtlicher Geschäftsmann, »unser unschuldig verfolgter Pat-ron«. Ähnliche Proteste wurden in der gesamten nördlichenGrenzregion organisiert, von Ciudad Juárez über Matamorosbis hinunter in das Industriegebiet von Monterrey. Die Regie-rung behauptete, die Demonstranten seien von den einheimi-schen Banden bezahlt worden, aber in Wahrheit hatten sie eseinfach satt, unter der Fuchtel der Armee zu leben. Trotzdem würden wohl die meisten Mexikaner zugeben,dass dieser Zustand immer noch besser war, als mit dem per-manenten Geruch des Todes zu leben, der über ihren Städtenund Dörfern lag. Ciudad Juárez und andere des Blutvergie-ßens überdrüssige Städte erinnerten längst an den Wilden 238
    • Westen oder, wie manche Reporter meinten, an Bagdad – unddie Menschen hatten genug. Leichen wurden auf den Straßen abgeladen, ohne Rücksichtdarauf, dass Kinder sie auf dem Weg zur Schule zu Gesichtbekamen. Teilweise wurden die toten Körper enthauptet odermit heruntergelassenen Hosen und verschnürten Füßen ausge-stellt, um den beschämenden Anblick von Genitalien zu bie-ten. Gelegentlich baumelten die Opfer der Nacht auch an Brü-cken und Autobahnüberführungen, wo die Pendler morgensauf dem Weg zur Arbeit vorbeifuhren. An viele Leichen wa-ren Botschaften geheftet, in denen die Gegnerschaft gewarntoder die Verantwortung für den Mord übernommen wurde. Das blutige Gemetzel war unmöglich zu ignorieren. DieBehörden hofften, die Bürger würden früher oder später ihremUnmut Luft machen und sich nicht willenlos dem mit Terrorerzwungenen Narco-Frieden unterwerfen. Immerhin hatte deröffentliche Aufschrei über den Narco-Terrorismus in Kolum-bien dazu beigetragen, Pablo Escobar zu stürzen. Vielleichtwürde es auch in Mexiko dazu kommen. Der Generalstaats-anwalt rief die Öffentlichkeit dazu auf, ihren Beitrag zu leis-ten und sich dort, wo es möglich war, gegen das organisierteVerbrechen zur Wehr zu setzen und die Schuldigen anzuzei-gen. »Wir hoffen, dass die Menschen sich erheben und sagen:›Es reicht!‹«, erläuterte ein US-amerikanischer Drogen-bekämpfer. 311 Ciudad Juárez besitzt seit der Gründung im 17. Jahrhundertden Ruf, eine Schmugglerhochburg und ein Sündenpfuhl zusein. Anfang des 20. Jahrhunderts zudem als Stützpunkt fürdie revolutionären Truppen Pancho Villas dienend, scheintdieser Ort Gesetzlose und Aufständische magisch anzuziehen.Während der Prohibition in den USA war Cuidad Juárez fürdie Besucher aus dem Norden eine der bevorzugten Städte,wo man alles tun konnte, was auf der anderen Seite der Gren-ze verboten war.312 239
    • Doch selbst wenn es gute Nachrichten für Ciudad Juárezgab, ließen die schlechten nicht lange auf sich warten. Kurznach dem Boom der Maquilladoras, der Fertigungsfabriken,verschwanden plötzlich Frauen, die dort arbeiteten. Ihre Lei-chen wurden in Erdlöchern und an abgelegenen Plätzen ge-funden, viele von ihnen waren vergewaltigt worden. Die Re-den von umfassenden Ermittlungen erwiesen sich als leereVersprechungen. Mehr als vierhundert Frauen fielen einemoder mehreren Serienmördern zum Opfer. Massengräber, dieaußerhalb der Stadt angelegt wurden, sind die einzige Erinne-rung an die Opfer. In Ciudad Juárez und Umgebung suchen die Erinnerungenan die Morde noch immer das kollektive Bewusstsein heim.In den Schaufenstern der Brautausstatter haften an den Hoch-zeitskleidern und Schleiern Bilder und Flugzettel, die an dieVermissten erinnern. »Helft uns, sie zu finden«, steht auf einem der Zettel. Dannfolgen die Namen: »Lidia Abigail Herrera Delgado, 13, zu-letzt gesehen am 3. April 2007. Adriana Sarmiento Enrique,15, zuletzt gesehen am 18. Januar 2008. Carmen AdrianaPeña Valenzuela, 15, zuletzt gesehen am 4. April 2008.« Ei-nige der Aufrufe reichen bis ins Jahr 1994 zurück. Manchesind vom Tag zuvor.313 Eines Samstagabends im Jahr 2009 trieb ein aus vier Ar-meefahrzeugen bestehender Konvoi im von Verbrechenheimgesuchten Viertel Rancho Anapra sechzehn Personenzusammen. Dieses Gebiet gilt als Hochburg der »LosAztecas«, der meistgefürchteten Gang der Stadt. Tausendeihrer Mitglieder sollen aus Rancho Anapra stammen. Ur-sprünglich arbeiteten alle Aztecas für das Juárez-Kartell, in-zwischen ist aber ein Teil zu Chapo übergelaufen und hat sodafür gesorgt, dass das Morden und Blutvergießen nochschlimmere Ausmaße angenommen hat. Ist Ciudad Juárez an sich schon eine furchteinflößendeStadt, so ist Rancho Anapra ihr düsterster und gefährlichster 240
    • Bezirk. An einem Hügel gelegen, überwiegen die Hütten dieebenfalls meist nur eingeschossigen Häuser bei weitem. Oftsind sie aus Materialien gebaut, die von den nahe gelegenenSchrottplätzen stammen. Fließend Wasser gibt es nicht, dieElektrizität stammt von angezapften Hochspannungsleitun-gen. Das Leben in Rancho Anapra ist brutal und praktisch ohneWert. Ein Großteil der Bewohner arbeitet in denMaquilladoras, dennoch ist die Arbeitslosenrate hoch. Seitden neunziger Jahren wurden in Rancho Anapra Dutzendevon Mädchen und jungen Frauen umgebracht, und auch heutesind Morde an der Tagesordnung. Oft liegen die Leichen tage-lang auf den ungepflasterten staubigen Straßen. Niemandwagt es, die Polizei zu rufen und sich dadurch in Lebensge-fahr zu bringen. Die meisten jungen Männer in Rancho Anapra gehören zueiner Gang. Sie fangen schon jung an – die Jüngsten stehen anden Straßenecken Wache –, und nur wenige erreichen dasdreißigste Lebensjahr. Viele Gangs sind kleine, auf ein paarStraßenzüge beschränkte Grüppchen, die in ihrer Gegend denDrogenhandel kontrollieren. Aber dann gibt es noch LosAztecas, deren Mitglieder man an den Tätowierungen mitaztekischen Symbolen wie Pyramiden und Schlangen erkennt.Ihre Anfänge reichen zu der mexikanischen Gefängnis-Gang»Barrio Azteca« zurück, die im Gefängnis von El Paso ent-stand und schon lange von den US-Behörden beobachtet wird.Seit einiger Zeit haben die Aztecas Verbindungen zum orga-nisierten Verbrechen geknüpft.314 Die Mitglieder der Aztecas arbeiten direkt für Juan PabloLedesma, alias »El JL«, einen Top-Leutnant von VicenteCarrillo Fuentes. Und sie agieren längst nicht mehr alsschlichte Schmuggler, sondern haben sich zu einer Einheitvon Auftragskillern entwickelt. Daneben bewachen sie dieMethamphetamin-Produktion in der Region. Bei einer Razziain einem Drogenlabor wurden einmal einundzwanzig Gang- 241
    • Mitglieder verhaftet, die Armee fand zehn AK-47-Sturmgewehre, mehr als dreizehntausend Portionen Crack,zwei Kilo Kokain und mehr als achttausend Schuss Munition.Fünfundsiebzig Prozent der Insassen des vor den Toren vonCiudad Juárez gelegenen Staatsgefängnisses gehören denAztecas an.315 Doch das organisierte Verbrechen rekrutiert in CiudadJuárez nicht nur junge Männer mit kriminellem Potenzial,sondern auch diejenigen, die hoffnungslos drogensüchtig sindund keine andere Möglichkeit mehr haben. Die mexikani-schen Drogen-Gangs nutzen seit langem Entzugskliniken undReha-Zentren als Rekrutierungsfelder. Aufgrund ihrer ver-zweifelten Lage sind die Süchtigen leicht zu beeinflussen. Siekönnen mit Drogen bezahlt werden, und je tiefer sie sinken,desto billiger sind sie zu haben. Manchmal genügt ein Schussoder eine lächerliche Menge Geld, und sie sind bereit, einenMord zu begehen. Auch die DEA und die mexikanischen Behörden habenfestgestellt, dass ihnen die Abhängigen nützlich sein können.Wenn man ihnen dabei hilft, die Sucht zu überwinden, und siezurück auf die Straße schickt, verfügt man über ausgezeichne-te Informanten. Für kleines Geld liefern die ehemaligen Ab-hängigen wertvolle Informationen. Im September 2009 Stürmte eine Gruppe bewaffneterMänner ein Reha-Zentrum in Ciudad Juárez. Sie stellten sieb-zehn Suchtkranke an die Wand und eröffneten das Feuer. Beidiesem Massaker handelte es sich um das jüngste undschlimmste Blutbad, das in diesem Jahr in den Entzugsklini-ken der Stadt verübt worden war. Auf der Straße hieß es,Gang-Mitglieder mit Verbindungen zu Chapo seien für dieMorde verantwortlich.316 242
    • Sinaloa – Status quo?In Sinaloa indes war man einhellig der Meinung, die Armeehabe es sich schlicht und einfach behaglich gemacht. Mit demAufstieg von La Familia und der Expansion der Zetas, ganzzu schweigen vom außer Kontrolle geratenen Blutvergießenin Ciudad Juárez, schien es, als sei Chapo von der Prioritäten-liste gerutscht. Die Soldaten führten in der Sierra zwar nachwie ihre Razzien durch, beschlagnahmten Fahrzeuge und zer-störten Meth-Küchen und Marihuanaplantagen, doch im Gro-ßen und Ganzen war man zum Status quo ante zurückgekehrt,während das Militär sich stärker auf die Probleme andernortskonzentrierte. Chapo bewegte sich noch immer frei in seinem »Wohn-zimmer« – irgendwo gut versteckt in den Bergen. Davon wa-ren zumindest die Einheimischen überzeugt. Jedenfalls hatteman ihn immer noch nicht erwischt, und die Federales schie-nen das Interesse am Boss der Bosse verloren zu haben.317Generalstaatsanwalt Eduardo Medina Mora war sogar so weitgegangen, Chapo als »ausgebrannten Football-Star« abzutun,etwa so wie Präsident Bush sich über Osama bin Laden geäu-ßert hatte, nachdem dieser den US-Truppen in Afghanistanwieder und wieder durch die Maschen geschlüpft war.318 Ein PGR-Insider zog sogar Parallelen zwischen Chapo unddem El-Kaida-Boss, nicht ohne sich allerdings dabei abzusi-chern: »Schauen Sie«, sagte der ehemalige Berater von Medi-na Mora, »er versteckt sich, wahrscheinlich in den Bergen vonDurango. Er bewegt sich gut, er verfügt über Geld. So gehtdas Gerücht um, die Regierung habe ihn noch nicht gefasst,weil sie einen Pakt mit ihm geschlossen habe. Allerdings ver-fügen die USA bekanntlich über den modernsten Militärappa-rat der Welt und können trotzdem bin Laden nicht festneh-men. Haben die USA also einen Pakt mit bin Laden?« Es bedurfte eines religiösen Würdenträgers, der schließlichöffentlich seinen Unmut darüber äußerte, dass Chapo noch 243
    • frei herumlief. »Er lebt in den Bergen von Durango«, schäum-te Erzbischof Héctor Martínez González im April 2009 undwies darauf hin, dass Chapo nun offenbar das BergdorfGuanacevi als Wohnsitz auserkoren hatte. »Jedermann weißdas, mit Ausnahme der Behörden.« Tatsächlich war dies auch den Behörden bekannt, und eini-ge versuchten sogar immer noch, ihn zur Strecke zu bringen.Mitglieder des mexikanischen Nationalen Sicherheitsratestrafen sich mehrmals die Woche, um eine Strategie zu entwi-ckeln, mit der man Chapo endlich festsetzen konnte. Unterstrengster Geheimhaltung diskutierten sie diesbezügliche Plä-ne, darunter die Option eines Frontalangriffs auf seine Ranch. Die Dauerpräsenz des Militärs hatte die Berge von Sinaloaund Durango durchaus aufgewühlt, es gab sogar Gerüchte, dieBehörden setzten weibliche Geheimdienstoffiziere ein, dieTop-Narcos verführten, um ihnen Informationen zu entlocken.Ein hochrangiger Beamter dementierte jedoch: »Keine meinerAgentinnen hat sich bisher in einen Capo guapo (hübschenCapo) verliebt.« Nur wenige Tage nach der Stellungnahme des Erzbischofswurden zwei Offiziere des militärischen Nachrichtendienstesan einer Landstraße in Durango tot aufgefunden. Sie hatten –als Campesinos getarnt, die sich um Marihuanapflanzungenkümmerten – undercover in der Sierra gearbeitet. Bei denLeichen fand man auch eine Nachricht der Mörder. Sie war unmissverständlich: »Ihr werdet Chapo nie kriegen. 319« 244
    • 14 Die Vereinigten Staaten der Angst »Die wachsenden Angriffe der Drogenkartelle und ihrer Banden auf die mexikanische Regierung in den vergan- genen Jahren erinnern daran, dass ein instabiles Mexiko für die Vereinigten Staaten ein Heimatschutz-Problem ungeheuren Ausmaßes darstellen könnte … Was Worst- Case-Szenarien angeht, existieren für die Vereinigten Generalstabschefs und darüber hinaus für die gesamte Welt zwei Staaten, denen ein plötzlicher und schneller Kollaps drohen könnte: Pakistan und Mexiko … Ein Ab- sturz Mexikos ins Chaos würde eine amerikanische Re- aktion schon allein wegen den ernsthaften Implikationen für den Heimatschutz zwingend erforderlich machen.«320 Vereinigter Generalstab der US-Streitkräfte, 25. November 2008Fast unmittelbar nach der Wahl von Barack Obama zum Prä-sidenten der USA am 4. November 2008 forderten Insider inWashington – ganz zu schweigen von hohen Militärs und derDEA – die neue Regierung dazu auf, den außenpolitischenFokus wieder verstärkt auf Mexiko zu richten. Zwar hatte die Bush-Administration anfangs dem Krieg ge-gen die Drogen und den US-mexikanischen Beziehungen Pri-orität eingeräumt, doch die Anschläge vom 11. Septemberhatten die Aufmerksamkeit in eine andere Richtung gelenkt.Nach 2001 wurden zwar Anstrengungen unternommen, diemexikanischen Kartelle mit El Kaida und anderen Terror-gruppen in Verbindung zu bringen, jedoch wurden keine Be- 245
    • weise dafür erbracht. Deshalb wurde Mexiko während derAmtszeit von George W. Bush überwiegend ignoriert. 321 Der Großangriff des kolumbianischen Präsidenten ÁlvaroUribe Vélez auf die Kartelle in seinem Land genoss in derRegion Vorrang, stand aber noch deutlich hinter dem Irak,Afghanistan und Pakistan zurück. Mit der anschwellenden Gewaltwelle, insbesondere in denGrenzstädten, konnte Washington das Problem vor seinerHaustür aber nicht länger auf die lange Bank schieben. DieBush-Administration setzte die Mérida-Initiative durch, ein1,4 Milliarden schweres Hilfsprogramm, mit dessen HilfeMexiko und seine zentralamerikanischen und karibischenNachbarn mit Flugzeugen, Helikoptern, nachrichtendienstli-cher Ausrüstung und Sicherheitsequipment ausgestattet wer-den sollten. Zudem sollten Polizei und Militär die dringendbenötigten Ausbildungsprogramme erhalten. Doch dann wurden die düsteren Warnungen laut. Das Was-hingtoner Justizministerium stellte fest, bei den mexikani-schen Banden handele es sich um »die größte Bedrohung derVereinigten Staaten seitens der organisierten Kriminalität«.Der mittlerweile pensionierte Armeegeneral Barry R.McCaffrey behauptete, die mexikanische Regierung »sehesich nicht einer gefährlichen Kriminalität gegenüber, sondernkämpfe gegen den Narco-Terrorismus ums Überleben«. Derscheidende CIA-Chef Michael Hayden warnte, Mexiko undder Iran würden wahrscheinlich die größte Herausforderungfür die neue Regierung darstellen.322 Mexikanische Drogenhändler operierten schon seit langemauf US-amerikanischem Boden. Sie waren als Kuriere aufge-treten, als Verteiler, Dealer und sogar als Revolvermänneroder Schläger. Seit die Kolumbianer ihr Kokain-Verteilersystem neu strukturiert hatten, hatten die Mexikanerihre Präsenz in den USA verstärkt. Manchmal wurden sie erwischt. Im Dezember 2000 etwagaben die USA die Verhaftung von 155 Personen in zehn US- 246
    • Städten bekannt, die mit den mexikanischen Kartellen in Ver-bindung standen. Damit wurde eine jahrelange Ermittlungzum Abschluss gebracht, bei der überdies 5490 Kilo Kokain,vier Tonnen Marihuana und elf Millionen Dollar Bargeld be-schlagnahmt wurden. Die Aktion war außergewöhnlich er-folgreich. Doch es zeigte auch, dass die Mexikaner mittlerweile äu-ßerst zahlreich auf US-amerikanischem Boden vertreten wa-ren. Der Drogengroßhandel im Südosten war zuvor überwie-gend von Dominikanern, Kubanern und Kolumbianern be-herrscht worden. Aber zu Beginn des Jahres 2008 hatten dieMexikaner die vollständige Kontrolle über sämtliche regiona-len und lokalen Operationen übernommen.323 Die Mexikaner gingen zudem die Dinge auf ihre Weise an.Zwischen 2006 und 2008 wurden allein in Phoenix 700 Ent-führungen mit dem Ziel der Lösegelderpressung gemeldet, dieeine Reihe von Schlagzeilen in den US-Medien provozierten,in denen die Infiltration durch die mexikanischen Kartelleangeprangert wurde. Alle hatten dieselbe Tendenz: »Die Me-xikaner machen Phoenix zur Entführungshauptstadt derUSA.« Einige DEA-Mitarbeiter bemühten sich, die Besorgnis inden richtigen Kontext zu stellen. »Einige isolierte Zwischen-fälle in den USA, wie die Folterung eines dominikanischenDrogenkäufers durch einen mexikanischen Schmuggler inAtlanta, sind besorgniserregend, stellen aber keinen dramati-schen Wandel im Gewaltmuster dar, das schon immer im Zu-sammenhang mit dem Drogenhandel existiert hat«, sagte derin El Paso stationierte Special Agent Joseph M. Arabit imMärz 2009. »Auch jüngere Presseberichte über Entführungenin Phoenix kann man nach den Definitionen der zuständigenDienste allenfalls als Auswüchse mexikanischer Gewalttatenbezeichnen. Doch das soll auf keinen Fall heißen«, fügte erhinzu, »dass wir die Situation verharmlosen.«324 247
    • Tatsächlich streckten die mexikanischen Kartelle ihreKrakenarme nach kleineren Städten aus und versuchten ein-deutig – wie der DEA-Mann in Mexiko es nannte –, »in nichttraditionellen Orten« Fuß zu fassen. Orten wie Shelby Coun-ty, Alabama. Am 20. August 2008 wurde Chris Curry, der Sheriff vonShelby County, zum Tatort eines mehrfachen Mordes in einenan der Interstate 65 gelegenen Apartmentkomplex gerufen.Fünf Hispanics waren, nachdem man sie geschlagen und mitElektroschocks misshandelt hatte, die Kehlen durchgeschnit-ten worden. »Es war für mich ziemlich eindeutig, dass ichnicht im Shelby-County-Teich nach den Tätern zu fischenbrauchte«, erinnert er sich. Als er sich mit Hilfe des FBI in der hispanischen Commu-nity umhörte, musste Curry feststellen, dass sein ruhiges klei-nes County im Hinterland von Alabama sich vor seiner Nasein einen Hauptumschlagplatz für aus Mexiko stammendesKokain, Methamphetamin und Marihuana verwandelt hatte.Natürlich gab es Anzeichen, die auf Drogenkriminalität hin-wiesen, und auch die umliegenden Countys hatten diesbezüg-lich bereits Probleme gemeldet. Zudem war Curry in seinemknapp 200 000 Einwohner zählenden County eine Zunahmevon bewaffneten Raubüberfällen und Diebstählen aufgefallen,die ebenfalls »Drogenmerkmale« aufwiesen. Doch die nachfolgenden Ermittlungen, die Curry in Koope-ration mit dem FBI durchführte, enthüllten eine ganz neueDimension. In Atlanta wurden dreiundvierzig Personen wegenVerbindungen zu den mexikanischen Kartellen verhaftet. DieHauptstadt Georgias wurde als »regionaler Umschlagplatz«des Golf-Kartells ausgemacht. Sheriff Curry indes erfuhrdurch seine neuen Beziehungen zu den Bundesbehörden, dasssein County möglicherweise dem Juárez-Kartell alsVerteilzentrum diente. Die Durchsuchung eines Hauses jeden-falls förderte vierzehn Schusswaffen, die meisten davonSturmgewehre, zutage. »Die kriminellen Elemente sind defi- 248
    • nitiv organisiert. Und zwar geordnet und komplex. Sie sindbei uns zu Hause, in unserem eigenen Hinterhof.« Wie viele Polizisten und andere Beamte der Strafverfol-gungsbehörden aus den Südstaaten richtete auch Curry seinenBlick auf Städte wie Ciudad Juárez und fragte sich, was wohlgeschehen würde, wenn die Gewalt herüberschwappte. »Das ist beängstigend. Was wir nicht sehen wollen, ist,dass dieses Niveau der Gewalt und dieses Verhalten in unsereGegend gebracht wird.«325 In Columbus, New Mexico, konnte man den Fallout ausCiudad Juárez aus nächster Nähe beobachten. Columbus, einverschlafenes Wüstenstädtchen mit achtzehnhundert Einwoh-nern, war schon einmal Zeuge einer mexikanischen Invasiongeworden. 1916 hatten Pancho Villas Revolutionäre die Stadtüberfallen, achtzehn US-Amerikaner waren dabei ums Lebengekommen. Danach hatte man die Armee ausgesandt, um Vil-la zu ergreifen. Was aber nicht gelang. Nun fürchteten die Bewohner der Stadt ein größeres Prob-lem. Auf der anderen Seite der Grenze, im weniger staubigenPuerto Palomas, Chihuahua, starben bei Schießereien, die vonden Gangs in Ciudad Juárez angezettelt worden waren, Dut-zende von Menschen. Entführungen waren an der Tagesord-nung. Nach einer Morddrohung quittierte 2008 das gesamteachtzehnköpfige Polizeikorps den Dienst, der Polizeichef flohüber die Grenze und suchte um Asyl nach. Langsam, abersicher machten sich auch die Bewohner von Puerto Palomasauf den Weg nach Norden, weil sie sich in den USA ein siche-reres Leben erhofften. Columbus sowie das umgebende County Luna waren sichder Probleme wohl bewusst. Luna County wird von der Inter-state 70 durchzogen, die El Paso und Tucson verbindet, undwar deshalb schon seit langem ein Operationsgebiet für Dro-genschmuggler. Die Bewohner von Columbus hatten deshalbauch Mitgefühl mit ihren Nachbarn in Puerto Palomas. »Me-xikos Probleme sind auch Sheriff Cobos’ Probleme«, sagt 249
    • Raymond Cobos, der Sheriff von Columbus. »Daran gibt esüberhaupt keinen Zweifel.« Für die Kartelle war es zunächstschwierig, offen zu agieren, »sie mussten«, so Cobos, »tief imUntergrund operieren«. Die vorherrschende Meinung ist, dass die Korruption ent-lang der Grenze ein rein mexikanisches Problem darstellt.Mexiko ist das Land der schmutzigen, undisziplinierten Cops,während es in den US-Grenzstädten nur den aufrichtigstenBürgern gestattet wird, den Stern zu tragen.326 Allerdings belegt der Fall Rey Guerra, Sheriff von StarrCounty, Texas, das Gegenteil. 2009 wurde Guerra wegen Kol-laboration mit den ebenfalls korrupten Polizeikräften in Mi-guel Alemán, Tamaulipas, auf der anderen Seite der Grenze,angeklagt und verurteilt. Er gestand, Informationen weiterge-geben und Beweise manipuliert zu haben. Dafür hatte er Tau-sende von Dollar sowie andere Geschenke erhalten. Die Bürger von Starr County waren geschockt. Ihr Sheriffhatte zwar ein prachtvolles Haus bewohnt, dennoch waren dieMenschen ob der Korruptionsvorwürfe völlig überrascht. An-dere Ermittler, die in der Gegend operieren, waren es nicht.Ralph G. Diaz, ein in San Antonio, Texas, stationierter Speci-al Agent des FBI, meint, Guerras Verwicklung sei ziemlichnormal. »Das ist fast kulturell bedingt. Ihr Leben lang sehendie Leute, wie diese Dinge sich vor ihren Augen meist unge-hindert abspielen. Irgendwann fangen sie an, es zu akzeptie-ren. « »Die Drogenhändler haben das Gefühl, sie könnten die Po-lizei kaufen«, fügt Tim Johnson hinzu, der US-Bundesanwaltfür Südtexas. Und bestätigt, was oft vermutet wurde, aberselten zu beweisen war. »Und manchmal können sie es auch«,sagt er trocken.327 Weitere Peinlichkeiten traten während des ersten Jahresvon Obamas Präsidentschaft zutage. Im September 2009 etwawurde Richard Padilla Cramer, ein ehemaliger Agent derEinwanderungs- und Zollbehörde (ICE), verhaftet. Man warf 250
    • ihm vor, Informationen aus vertraulichen Datenbanken derErmittlungsbehörden an die mexikanischen Drogenkartelleverkauft zu haben. Während er in Guadalajara stationiert war,soll er zudem einmal einem nicht spezifizierten Kartell gehol-fen haben, dreihundert Kilo Kokain über die Grenze zuschmuggeln, die für Spanien bestimmt waren. Als die Nachricht von Padilla Cramers angeblichem Verge-hen die Runde machte, sprangen ihm etliche ehemalige Kol-legen zur Seite. »Von den Leuten, mit denen ich zusammen-gearbeitet habe, zählt er zu den vier oder fünf Personen, fürdie ich die Hand ins Feuer legen würde«, sagte der ehemaligeICE-Supervisor Terry Kirkpatrick der Los Angeles Times.»Solange nicht jemand sagt: ›Hier ist das Video, das es be-weist‹, werde ich die Vorwürfe nicht glauben.« Dann tauchten Gerüchte auf, auf Padilla Cramer sei einKopfgeld ausgesetzt worden. Seine Kollegen hielten ihn je-doch weiterhin für einen Spitzenbeamten. »Er und ich beka-men aufgrund der Arbeit, die wir verrichteten, Todesdrohun-gen«, erinnerte sich Kirkpatrick. »Wenn sich herausstellt, dassdie Vorwürfe stimmen, werde ich niemals mehr jemandemglauben.« Padilla Cramer machte schließlich einen Deal mit derStaatsanwaltschaft und wurde wegen Behinderung der Justiz,nicht aber wegen Drogenschmuggels angeklagt.328 Nach und nach kamen im ersten Jahr von Obamas Amtszeitimmer mehr Fälle mutmaßlicher Korruption ans Licht, undder Einfluss der Kartelle nördlich der Grenze konnte vonWashington nicht länger ignoriert werden. Dem NationalDrug Intelligence Center zufolge, das dem Justizministeriumuntersteht, wurde Anfang 2009 der Drogenhandel in zwei-hundertdreißig US-Städten – in fünfundvierzig Bundesstaaten– von den mexikanischen Kartellen und deren Partnern kon-trolliert. »Die mexikanischen Kartelle«, warnte Senator DickDurbin, »sind das neue Gesicht des Verbrechens.«329 251
    • Die Calderón-Administration wurde in die Defensive ge-drängt und verbrachte die ersten Monate des Jahres 2009 da-mit, die Behauptungen, in Mexiko sei der Staat zusammenge-brochen, zu dementieren. »Diese Behauptung ist vollkommenfalsch«, ließ der mexikanische Präsident verlauten. »Ich habekeinen einzigen Teil des mexikanischen Territoriums verlo-ren.« Einige US-Stellen leisteten Mexiko Beistand, indem siewiederum behaupteten, Calderón habe den Zusammenbruchdes Staates abgewendet, der unter der Regierung der PRI – alsdes Verbrechen florierte – unmittelbar gedroht habe. Abervielleicht war gerade die Rolle des Staates im Drogengeschäftwährend der PRI-Regierung der Schlüssel für den relativenFrieden gewesen. Ein Mexiko-Experte gab zu bedenken, da-mals habe der Staat »als Schiedsrichter« fungiert, und als die-se Funktion weggefallen sei, hätten die Drogenhändler ihreProbleme untereinander lösen müssen. Unglücklicherweiseseien sie eher geneigt, dies mit der Waffe als durch Verhand-lungen zu tun. Präsident Obama bezog all das in seine Überlegungenein.330 Im April 2009 machte der neue Präsident dann während ei-nes Besuchs in Guadalajara seine Position deutlich: »Mankann diesen Krieg nicht mit einer Hand führen. Es kann nichtsein, dass nur Mexiko Anstrengungen unternimmt und dieUSA keine Anstrengungen unternehmen … Wir haben hiernicht nur damit zu tun, den Drogenfluss nach Norden zu un-terbinden, sondern müssen auch helfen, den Strom von Gel-dern und Waffen nach Süden einzudämmen.« Während seines Wahlkampfs hatte Obama sich dafür ein-gesetzt, auf Bundesebene ein Verbot von Angriffswaffen zuerlassen, doch in Guadalajara gestand er schließlich ein, dasser dieses Vorhaben aufgegeben habe. Stattdessen wollte erGesetzesvorschläge auf den Weg bringen, die den Transportdieser Waffen über die Grenze unter Strafe stellten. Er gab zu, 252
    • dass die beständige Lieferung illegaler Waffen nach Mexikoein US-Problem darstelle, und Mexiko atmete erleichtertauf.331 Der Drogenmarkt der USA war schon immer derunersättlichste der Welt. Nach Schätzungen der VereintenNationen konsumierten 12,3 Prozent der US-amerikanischenBevölkerung zwischen 15 und 64 Jahren im vergangenen JahrCannabis oder Marihuana. In England und Wales waren eszum Vergleich nur 7,4 Prozent, in Deutschland 4,7 Prozent, inden Niederlanden 5,4 Prozent. Auch was Kokain, Heroin undMethamphetamin angeht, belegte Amerika einmal mehr denSpitzenplatz. 332 Laut DEA werden in den USA jährlich 65 Milliarden Dol-lar für Drogen aufgewendet, die RAND Corporation spezifi-ziert diese Zahl wie folgt: 36 Milliarden für Kokain, 11 Milli-arden für Heroin, 10 Milliarden für Marihuana, 5,8 Milliardenfür Methamphetamin und 2,6 Milliarden für andere Drogen. Es wird geschätzt, dass die mexikanischen Drogenkartellejährlich zwischen 18 und 40 Milliarden Dollar an den Verkäu-fen in die USA verdienen. Das Geld wird nach Mexiko ge-schmuggelt und dort gewaschen.333 Waffen aus dem NordenIn den vergangenen Jahren hat Mexiko das Auftreten der USAim Drogenkrieg aufgrund der Waffenlieferungen über dieGrenze mehr und mehr als heuchlerisch empfunden. Etwa 90Prozent der Waffen, die von den mexikanischen Kartellenbenutzt wurden und von den mexikanischen und US-amerikanischen Behörden zurückverfolgt werden konnten,stammen aus den USA. Zwar ist die Zahl anfechtbar, aber eskann kein Zweifel daran bestehen, dass die Waffenarsenaleder Kartelle überwiegend nördlich der Grenze erworben wur-den. 334 253
    • Und diese Arsenale sind riesig. Seit Präsident Calderón denDrogenkrieg ausgerufen hat, konnte die Armee mehr als 40000 Waffen beschlagnahmen. PGR und Bundespolizei habenkeine eigenen Zahlen veröffentlicht. Unter diesen Waffenfanden sich Sturmgewehre, Schrotflinten, Handfeuerwaffen,Handgranaten, Panzerfäuste sowie auch Schutzwesten durch-schlagende Munition, die unter dem Namen »Mata Policias«oder »Copkiller« bekannt ist.335 Allein bei der Durchsuchung eines Hauses in Reynosa,Tamaulipas, entdeckte man einen Container mit 540 Geweh-ren, 165 Handgranaten, 50 0000 Schuss Munition und 14 Stä-be TNT. Die Kartelle würden wohl ihre Arsenale ausbauen,bemerkten die Offiziere trocken.336 »Die Kartelle benutzen das gesamte Arsenal an Infanterie-waffen, um die Regierungskräfte zu bekämpfen«, stellte ein inMexiko stationierter US-Beamter Anfang 2009 fest. »Krimi-nelle, die mit solchen Waffen agieren, sind ein ganz anderesKaliber. Das hat die Dimension eines Infanterieregimentsoder eines Guerilla-Krieges.«337 Die US-Behörden, die sich darüber im Klaren waren, dassihre mexikanischen Kollegen den Kartellen an Feuerkraft un-terlegen waren, initiierten das »Project Gunrunner«, um dieWaffenlieferungen nach Süden aufzuhalten. Das Bureau ofAlcohol, Tobacco and Firearms (ATF) setzte etwa einhundertAgenten und fünfundzwanzig Ermittler entlang der Südwest-grenze der USA ein und untersuchte die Herkunft von Waf-fen, die bei Verbrechen in Mexiko benutzt worden waren. DieResultate waren beeindruckend: »Für das Jahr 2008 etwawurden 656 Solcher Waffen bis nach McAllen, Texas, zu-rückverfolgt, das direkt gegenüber von Reynosa an der Gren-ze liegt.« Nachdem man herausgefunden hatte, dass die meisten derWaffen, die man in die USA zurückverfolgen konnte, ausTexas kamen, intensivierte das ATF dort seine Ermittlungen.Zudem gab es nun auch eine bessere internationale Koopera- 254
    • tion; nachdem es im Jahr zuvor nur dreitausend Waffen nach-gefragt hatte, bat Mexiko 2008 bereits darum, zwölftausendWaffen zurückzuverfolgen.338 Andere Stellen wiesen die USA auf ihre Mitverantwortungbei einem anderen Problem hin: den Gangs. Das Sinaloa-Kartell operiert in den USA mit Hilfe von Zellen in Städtenwie Chicago und New York. Dort kontrollieren Gangs, dieaus US-amerikanischen Bürgern bestehen, den Drogenhandel.Eines Tages könnte diese explosive Situation detonieren. AlsGeneralstaatsanwalt Medina Mora vom »schlafenden Monsterim Keller der USA« sprach, meinte er damit diese Gangs mitihren mehr als einer Million Mitgliedern. Wenn die US-Behörden es mit der Verfolgung dieserGangs ernst meinten – so wie es Mexiko innerhalb seinerGrenzen getan hatte –, würden sich die USA nach Einschät-zung eines ehemaligen Beraters von Medina Mora »in einelebendige Hölle« verwandeln. »Die Gangs würden das Feuererwidern – mit US-amerikanischen Waffen, die man dort wiePfannkuchen kaufen kann.«339 Erste Anzeichen der potenziellen Urgewalt dieses »schla-fenden Monsters« hatte man schon beobachten können. An-geblich war der Krieg zwischen Chapo und den Beltrán-Leyva-Brüdern wegen eines Disputs über eine Zelle in Chica-go ausgebrochen, die von den Brüdern Pedro und MargaritoFlores geleitet wurde. Den US-amerikanischen Anklageschrif-ten zufolge hatten diese beiden führende Positionen in einemNetzwerk inne, das von Los Angeles bis in die Städte des Mit-telwestens reichte. Monatlich hatten sie zwei Tonnen Kokainmit Sattelschleppern in Chicagoer Lagerhäuser transportierenlassen, von wo aus der Stoff weiterverteilt wurde. Das einge-nommene Geld wurde dem Sinaloa-Kartell zugeführt. DerVater der Flores-Brüder hatte angeblich bereits in SinaloaDrogen geschmuggelt, später war die Familie nach Chicagogezogen, wo sie sich im überwiegend von Mexikanern be-wohnten Stadtteil Pilsen niederließ. 255
    • Allerdings reicht es in Chicago nicht aus, Mexikaner zusein, um im Drogenhandel Erfolg zu haben. In der Stadt agie-ren zahlreiche Gangs, die sich um Einflusszonen streiten. DenUS-Behörden zufolge operieren sämtliche mexikanischenKartelle in Chicago, was die Stadt zu einem potenziellenBrennpunkt macht.340 Laut US-Justizministerium hatten die Flores-Brüder mit ih-rer Chicagoer Operation für Ärger gesorgt. Sie hatten anstattmit dem Sinaloa-Kartell als Ganzem sowohl mit Chapo alsauch mit den Beltrán-Leyva-Brüdern getrennt zusammenge-arbeitet. Und später hieß es, einer der Hauptgründe, weswe-gen Chapo und die Beltrán-Leyva-Brüder ihren Krieg anzet-telten, sei ein Streit über die Loyalität der Flores-Brüder ge-wesen. Anthony Placido von der DEA erklärte gegenüber derWashington Post, dass die mexikanischen Kartelle aufgrunddes von den Behörden ausgeübten Drucks nun mit unerfahre-nen Abnehmern wie den Flores-Brüdern kooperierten, obwohldies für sie ein zusätzliches Risiko darstellte. US-Amerikaner,die für die mexikanischen Kartelle arbeiteten, waren nichtsNeues, doch die der ersten Generation galten als »unantastba-re Götter, die eine Gegend über Jahre kontrollierten. Nun hal-ten sie sich oftmals nur wenige Monate, ehe sie verhaftet odererschossen werden. Wodurch sich oft unerwartete Karriere-möglichkeiten für einen Achtundzwanzigjährigen auftun, derkeine Angst vor dem Sterben hat«.341 Unter Obama weitete die DEA ihre Aktivitäten in Mexikoaus.342 Doch schon zuvor war Mexiko das Land mit derstärksten DEA-Präsenz; die Behörde unterhielt Büros in derHauptstadt, in Tijuana, Hermosillo, Ciudad Juárez, Guadalaja-ra, Mazatlán, Mérida, Monterrey, Matamoros und Nuevo La-redo.343 Nun autorisierte sie die Entsendung von 1203 SpecialAgents – 23 Prozent ihres globalen Aufkommens von Agen-ten diesen Ranges – in den Südwesten an die mexikanischeGrenze.344 256
    • Chapo sah das alles recht gelassen. Im März 2009 traf ersich mit seinen Partnern in Sonoita, Sonora. Dort sprach erden zunehmenden Druck an, den die USA auf ihrem Territo-rium ausübten. Chapo wollte sich dem nicht ohne Kampf er-geben. Er befahl seinen Leuten, die Drogen in die USA brach-ten, ihre Waffen zu gebrauchen und ihre Ware um jeden Preiszu verteidigen. Laut US-Justizministerium diskutierten Chapound seine Alliierten sogar die Möglichkeit, Anschläge aufmexikanische und US-amerikanische Regierungsgebäude zuverüben. Ebenso standen Anschläge in Mexiko-Stadt – demEinflussgebiet der Beltrán-Leyva-Brüder – zur Debatte, umdie Aufmerksamkeit der Behörden auf die zu Feinden gewor-denen einstigen Verbündeten zu lenken. 15 Sinaloa AGDie US-Behörden glaubten und hofften inständig, Chapo han-dele aus Verzweiflung. Einen Monat vor dem Treffen in Sonoita hatte der Drogen-baron einen schweren Verlust hinnehmen müssen. »OperationXcellerator«, eine von der DEA geführte internationale Er-mittlung, hatte in den USA zur Verhaftung von 750 Personengeführt, die man der Zugehörigkeit zum Sinaloa-Kartell ver-dächtigte. DEA-Chefin Michele M. Leonhart sah darin einen»niederschmetternden Schlag« für Chapo. »Seien Sie versi-chert, dass die größte Ermittlung der DEA gegen das Sinaloa-Kartell und sein Netzwerk nicht unsere letzte gewesen seinwird.« Die Operation war in der Tat ein denkwürdiger Erfolg. Siehatte ihren Ausgangspunkt in Imperial County, Kalifornien,wo es der DEA nach einer erfolgreichen Drogenrazzia gelun-gen war, siebzig zum Sinaloa-Kartell gehörige Zellen ausfin- 257
    • dig zu machen, die in sechsundzwanzig Bundesstaaten agier-ten. Einige waren als Großhändler in Metropolen wie NewYork und Los Angeles aktiv, andere in wenig bekanntenKleinstädten wie Brockton, Massachusetts, oder Stow, Ohio. Stow ist eine kleine, 35 000 Einwohner zählende Stadt imMittelwesten, die in den letzten Jahren dank Chapo bemer-kenswerte Veränderungen durchlaufen hat. Der DEA zufolgewurden von Kalifornien aus Dutzende Kilo Kokain auf demkleinen Flughafen der Stadt angelandet. Von dort aus wurdeder Stoff nach Cleveland und Columbus – die beiden Groß-städte des Bundesstaates – gebracht und an die Colleges derRegion weiterverteilt. Die Bürger von Stow hatten keine Ah-nung, was sich da vor ihren Augen zutrug. Obwohl die DEA durchaus stolz auf den Erfolg von »Ope-ration Xcellerator« war – immerhin hatte sie Chapo rund eineMilliarde an Einnahmen gekostet –, musste man auch aner-kennen, dass sie eine unschöne Wahrheit über das Ausmaßvon Chapos Netz enthüllte. »Die Ausbreitung des Sinaloa-Kartells stellt eine unmittelbare Bedrohung für die Sicherheitgesetzestreuer Bürger überall in den USA und anderswo dar«,erklärte Leonhart. Zumal durch die Operation auch noch ein»Super-Meth-Labor« in Kanada aufgeflogen war, das eben-falls zum Sinaloa-Kartell gehörte und in der Lage war, zwölf-tausend Ecstasy-Pillen pro Stunde zu produzieren.345 Man konnte also nicht unbedingt davon ausgehen, dassChapo schwer getroffen war. Vor allem, weil es Hinweisedarauf gab, dass sein Kartell global expandiert hatte und in-zwischen über eine ausgeklügelte Logistik, internationaleMitarbeiter und ein Management – vergleichbar mit einemmultinationalen Konzern – verfügte. Die mexikanischen Behörden hatten schon lange davor ge-warnt, dass Chapo sich nicht mit der Kontrolle des mexikani-schen Drogenhandels zufriedengeben würde. Er strebe, so diePGR, einen omnipotenten Status an, der es ihm erlaube, inter-nationale Allianzen einzugehen. 258
    • 2009 Schien er dieses Ziel zu erreichen. Chapos Organisa-tion operierte nun in praktisch allen zentralamerikanischenLändern von Guatemala bis hinunter nach Panama. In denwesentlichen Produktionsländern Peru und Bolivien ließ eineReihe von Verhaftungen sinaloensischer Abgesandter daraufschließen, dass Chapos Männer sich nun auch auf vormalsvon den Kolumbianern beherrschtes Gebiet vorwagten.Chapos Truppen gebärdeten sich zudem noch gewalttätigerals die Kolumbianer, die Morde im Drogenmilieu nahmensprunghaft zu. Selbst in Kolumbien waren Chapo und seinemexikanischen Verbündeten stark genug, um Brückenköpfeaufschlagen zu können, und bald agierten sie auch dort alsunangefochtene Bosse. Im Juli 2009 wurden in ganz Kolumbien mehr als siebzigImmobilien beschlagnahmt, die alle mit Chapo in Verbindungstanden. Dabei handelte es sich um Ranches, Stadtvillen, Ho-tels und Büroräume sowohl in den urbanen Zentren als auchin abgelegenen Landesteilen im Gesamtwert von fünfzig Mil-lionen Dollar. Bei der Aktion wurden sieben Mitglieder desSinaloa-Kartells verhaftet. »Wir haben Beweise, dass Mexi-kaner sich in Medellín, Cali, Pereira und Barranquilla breit-machen«, erklärte der kolumbianische Polizeichef GeneralÓscar Naranjo. Doch das Sinaloa-Kartell ging noch weiter. Ein mexikani-sches Importverbot von Ephedrin und Pseudoephedrin – denzur Methamphetamin-Herstellung notwendigen Chemikalien– machte es schwieriger, die in den USA nach wie vor starknachgefragte Droge zu produzieren. Die verstärkte Präsenzder US-Küstenwache im Pazifik, im Golf von Mexiko und inder Karibik, die bereits den Kolumbianern schwer zu schaffengemacht hatte, begann nun auch die Kreise der Mexikanerempfindlich zu stören. Deshalb hatte man Argentinien alswichtigsten Umschlagplatz auserkoren. Die Argentinier waren nicht unbedingt geneigt, die Präsenzdes organisierten Verbrechens innerhalb ihrer Grenzen einzu- 259
    • gestehen. Aber es ließ sich nicht so einfach leugnen. Einmalwurden zwei soeben eingereiste Mexikaner mit 750 Kilo-gramm Kokain festgenommen. Der ermittelnde Richter gingdavon aus, dass sie für das Sinaloa-Kartell arbeiteten. Zu-sammen mit kolumbianischen Partnern planten sie, das Koka-in nach Spanien zu schmuggeln, wo es einen Straßenver-kaufswert von 27 Millionen Dollar erzielt hätte.Auch die Ephedrin-Importe in Argentinien waren laut DEAvon 5,5 Tonnen im Jahr 2006 auf 28,5 Tonnen im Jahr daraufgestiegen. Die Hälfte der 1,2 Tonnen Ephedrin, die 2008 inArgentinien beschlagnahmt wurden, war – in Zuckerkistenverpackt – für Mexiko bestimmt. Bei einer weiteren Razzia außerhalb von Buenos Aireswurden dreiundzwanzig Mexikaner festgenommen, denenman Verbindungen zum Sinaloa-Kartell vorwarf. Zudemwurde ein Methamphetamin-Labor ausgehoben. Offenbarsahen die Kartelle die Produktion in Argentinien als Zu-kunftsoption für eine schnellere und weniger risikoreiche Ver-schiffung nach Europa. Und wo mexikanische Narcos auftauchen, ist die Gewaltnicht weit. Eines Tages wurden drei Argentinier mit gefessel-ten Händen und von Kugeln durchsiebt in einem Erdloch au-ßerhalb der Hauptstadt aufgefunden; die Morde trugen alleMerkmale einer mexikanischen Gang-Exekution. Einem pen-sionierten DEA-Agenten zufolge, der in Argentinien tätigwar, hatten die drei jungen Männer versucht, ihre mexikani-schen Geschäftspartner abzuzocken. Ende 2009 war offenkundig, dass die argentinischen De-mentis bezüglich einer Kartellpräsenz leeres Gerede waren.Es bestand kein Zweifel mehr, dass die Sinaloenser im ConoSur angekommen waren.346 Das Sinaloa-Kartell pflegte schon lange Zeit Beziehungenzu asiatischen Ländern wie China, Indien, Thailand und Viet-nam, wo man die Chemikalien erwarb, die zur Herstellung 260
    • von Methamphetamin benötigt werden. Außerdem heißt es,Chapo habe einmal sogar Heroin direkt aus Thailand impor-tiert, weil er der Ansicht war, Mexiko allein könne die US-Nachfrage nicht befriedigen. Diese Verbindungen liefen nor-malerweise über Firmen und auf höchster Ebene. Nur in denseltensten Fällen setzten mexikanische Narcos selbst einenFuß auf asiatischen Boden, um Drogen zu verschieben oderGeld zu waschen. In Europa und Afrika hingegen waren die Sinaloenserschon vor Ort. Das Kartell benutzte seine wesentlichen Opera-tionszentren – Portugal, Spanien, Deutschland, Italien, Polen,die Slowakei und die Tschechische Republik –, um, wie einExperte es ausdrückte, eine »Vermögensbasis« für seine Mit-tel zu schaffen. Der Gedankengang war einfach. Das Sinaloa-Kartell wollte seine Vermögenswerte stabilisieren und seineMilliarden in sichere Häfen lenken. Dank ihrer Finanzpolizei gelang es den Franzosen und denSpaniern, einige – aber längst nicht alle – Vermögenswerte zubeschlagnahmen. In ganz Europa verkauften die Mexikaner Kokain und He-roin. Laut dem International Narcotics Board der VereintenNationen rekrutierten sie zentralamerikanische Gang-Mitglieder, um sich von ihnen in Europa vertreten zu lassen.Der Bericht der Zeitung El Universal, der behauptete, Chaposchicke seine Killer zur Ausbildung in den Iran, wurde vonden USA dementiert. Dennoch arbeiten die Mexikaner defini-tiv direkt mit einigen Verbrecherorganisationen anderer Kon-tinente zusammen. Für das Sinaloa-Kartell erwies sich insbesondere Afrikaaufgrund seiner Rebellenbewegungen und machtlosen Staats-apparate als attraktives Geschäftsfeld. Experten weisen war-nend darauf hin, dass die mexikanischen Kartelle inzwischenin siebenundvierzig afrikanischen Staaten präsent sind. Fürdie mexikanischen Narcos war es kein Problem, afrikanischePässe und Papiere zu erhalten, um Waffen und Drogen über 261
    • den Kontinent zu transportieren. Alles, was sie dazu benötig-ten, war der Kontakt zu den Regierungen und ein bisschenBargeld. Südamerikanische Narcos etablierten zudem einNetz von Scheinfirmen, Fischereibetriebe im Senegal zumBeispiel, die zur Geldwäsche dienten. Laut Experten vor Ort,die die Kartell-Aktivitäten verfolgen, sind sogar einige Regie-rungen Westafrikas verdächtig, mit den Narcos zu kollaborie-ren, zumindest wirkte der Zufluss ausländischer Mittel in de-ren Staatskassen äußerst suspekt. Der ehemalige DEA-Operationschef Michael Braun sagteindes vor dem US-Kongress aus, dass eine erhöhte Kokain-nachfrage in Europa – er bezifferte die nach Europa exportier-te Menge auf etwa fünfhundert Tonnen – insbesondere West-afrika mehr und mehr zu einem attraktiven Umschlagplatz fürdie mexikanischen Kartelle mache. »Sie müssen das so se-hen«, sagte er, »was die Karibik und Mexiko für die USAdarstellen, bedeutet Westafrika für Europa.« Und es gab noch mehr Argumente für den Paradigmen-wechsel. Mit der Stärke des Euro gegenüber dem Dollar, sowarnte Braun, »biete sich Europa als die perfekte neue Spiel-wiese für die skrupellosen Kartelle an … Ich sehe Europaheute am Rand einer ähnlichen Drogenhandels- und Miss-brauchskatastrophe, wie sie unsere Nation vor dreißig Jahrendurchzustehen hatte. Wenn Sie sich vor Augen führen wollen,was ich für Europa in den kommenden Jahren vorhersehe,brauchen Sie sich nur Miami Ende der Siebziger vorzustellen,gefolgt von der Crack-Epidemie, die die USA in den Achtzi-gern heimsuchte.« Anfang 2010 löste die ägyptische Polizei ein von Mexika-nern betriebenes Kokain-Labor auf. Conejos, wie die Scoutsder Kartelle genannt werden, wurden überall in Nordafrikagesichtet, ebenso in asiatischen Ländern wie zum BeispielJapan. Auf die Frage, ob es möglich sei, dass die mexikani-schen Kartelle mit den terroristischen Zellen in einigen desta-bilisierten Teilen der Welt zusammenarbeiteten, antwortete 262
    • Braun: »Das raubt mir den Schlaf, denn nichts verfolgt michmehr als diese Vorstellung.« Braun warnte deshalb, die Beziehungen zwischen den me-xikanischen Kartellen und den Terroristen würden tagtäglichenger werden. »Sie verkehren in denselben dunklen Bars undbesuchen dieselben Prostituierten«, sagte er. »Sie knüpfenVerbindungen, die bald von der persönlichen auf die strategi-sche Ebene übergehen werden. In absehbarer Zukunft wirddie El-Kaida-AG zum Telefonhörer greifen und die Sinaloa-AG anrufen … und dann werden sie uns am Arsch krie-gen.«347 Wellen schlagenDie Kartelle expandierten nicht nur, sie wurden auch in Bezugauf ihre Schmuggelmethoden immer kreativer. Im Juli 2008 entdeckte ein Flugzeug der mexikanischenMarine ein merkwürdiges Objekt vor der Küste von Oaxaca.Es sah aus wie ein Boot, das mit hoher Geschwindigkeitnordwärts fuhr. Doch auf dem Radar wirkte es nicht wie einnormales Wasserfahrzeug. Etwa 140 Seemeilen südlich derTouristenhochburg Huatulco kam das zehn Meter lange, halb-tauchfähige Boot an die Oberfläche. Drei Stunden lang verfolgten das Marine-Flugzeug und dieKüstenwache das Boot. Schließlich gelang es ihnen, es zumBeidrehen zu zwingen. Es hatte 5,8 Tonnen Kokain an Bord,die in 257 Pakete verpackt waren. Die Menge selbst war dabei gar nicht so beeindruckend.Die mexikanischen Behörden hatten auf einen Tipp der DEAhin im Hafen von Manzanillo einmal sogar 23,5 Tonnen vonChapos Kokain beschlagnahmt. Die Schmuggelmethode vorder Küste Oaxacas dagegen schien aus einem Roman vonJules Verne zu stammen. Das grüne U-Boot war – natürlichohne Genehmigung – im Dschungel Kolumbiens gebaut oderzumindest modifiziert worden.348 263
    • Die kolumbianische Polizei hatte in den Häfen und vor derKüste bereits in den neunziger Jahren vergleichbare Booteaufgebracht; US-Einheiten entdeckten erstmals im November2006 vor der Küste Costa Ricas ein ähnliches Gefährt, demsie den Spitznamen »Bigfoot« verpassten. Es beförderte dreiTonnen Kokain.349 Die ersten selbst gebauten halbtauchfähigen Boote warenzwischen zwölf und fünfundzwanzig Meter lang und aus Fi-berglas, Stahl oder Holz gefertigt. Sie wurden von einem oderzwei Dieselmotoren angetrieben und konnten etwa 5650 LiterTreibstoff aufnehmen. Die Herstellungskosten betrugen etwazwei Millionen Dollar.350 Da der größte Teil des Rumpfes sich unter Wasser befand,waren diese Boote extrem schwer aufzuspüren. Und wennman sich ihnen näherte, waren sie einfach zu fluten, und dieDrogen wurden hinaus in den Ozean gespült. Die Besatzunggab dann häufig das Boot auf und ging über Bord – mit derFolge, dass die Küstenwache die Narcos retten und sicher anLand bringen musste, ohne ihnen etwas beweisen zu können. Der Zwischenfall vor der Küste Oaxacas war der erste, beidem die mexikanischen Streitkräfte ein mexikanisches U-Boot aus dem Verkehr zogen. Sie hatten es aufgrund vonHinweisen US-amerikanischer Nachrichtendienste von Ko-lumbien aus nach Norden verfolgt.351 US-Admiral Jim Stavridis wies jedoch warnend darauf hin,dass nicht das Kokain die größte Gefahr barg, sondern derTerrorismus. »Mich beunruhigt an den U-Booten die Tatsa-che, dass man sie so schwer beladen kann. Wenn sie so vielKokain fassen, was sonst könnte man noch alles mit diesenDingern transportieren? Kann man darin eine Massenvernich-tungswaffe unterbringen?«, erklärte der Kommandant des USSouthern Command.352 Nachdem er dies zur Kenntnis ge-nommen hatte, beeilte sich Senator Joseph Biden, eine Geset-zesvorlage auf den Weg zu bringen: den Drug TraffickingInterdiction Act (Gesetz zum Verbot von Drogenschmuggel), 264
    • in dem ausdrücklich formuliert wurde, dass es eine »Straftatist, wissentlich oder absichtlich ein halbtauchfähiges Boot mitEigenantrieb zu führen oder an Bord eines solchen zu sein,wenn es mit der Absicht, einer Ortung zu entgehen, in interna-tionalen Gewässern manövriert oder manövriert hat«.353 Nachdem ihre U-Boote ins Fadenkreuz geraten waren,wandten die mexikanischen Narcos andere Mittel an. Seit langem schon wurden die Drogen in anderen Waren –vor allem Puppen – versteckt, um sie unbemerkt über dieGrenze transportieren zu können. Einmal wurden in Brooklynzwei Mexikaner verhaftet, die im Verdacht standen, 110 KiloKokain in einer 1,60 Meter hohen Statue der Jungfrau Mariains Land geschmuggelt zu haben. Auch Spielzeuge, Möbel,Schuhe und Kerzen kamen zum Einsatz. Noch kreativer als die Benutzer religiöser Statuen waren al-lerdings die Narcos, die dazu übergingen, Haie zu benutzen.Bei einer Razzia im Südosten Mexikos stießen die Fahnderdank ihrer Hunde auf zwanzig gefrorene Haie, die mit einerTonne Kokain gefüllt waren.354 Frauen und Kinder zuerstInzwischen setzen die Kartelle auch verstärkt Frauen undKinder für ihre Transporte ein. Auf dem Londoner Flughafen Heathrow wurde eine vier-zigjährige Mexikanerin festgenommen, nachdem die Zollbe-amten fünfzehn Kilo Kokain entdeckt hatten, die an die Beineihrer beiden elf und dreizehn Jahre alten Kinder geklebt wa-ren. Die drei waren mit einem British-Airways-Flug aus Me-xiko-Stadt gekommen.355 In Nuevo Laredo wurde eine Frau, die über die Grenzewollte, von Zollbeamten aufgehalten. Sie behauptete, einMann sei an sie herangetreten und habe ihr achtzig Dollarversprochen, wenn sie für ihn eine Jesus-Statue mit über dieGrenze nehme, da er zu viel Gepäck habe. Die US-Zöllner 265
    • kontrollierten die Statue, die vollständig aus Kokain gefertigtwar. Ihr Wert betrug grob geschätzt 30 000 Dollar.356 Am Grenzübergang Nogales, Sonora, wurde eine alte Dameverhaftet, weil sie versuchte, mit mehr als vier Kilo Marihua-na, das sie an Oberkörper und Beinen befestigt hatte, in dieUSA einzureisen. Der Stoff gehörte vermutlich Chapos Leu-ten, da Nogales in seinem Einflussbereich liegt. Frauen hatten schon immer einen besonderen Platz in derNarco-Kultur, allerdings blieb ihre Rolle lange Zeit auf dieder Braut, der Freundin oder der Mutter beschränkt. In Cu-liacán begleiten Horden von Prinzessinnen mit überlangenFingernägeln und zugeschminkten Gesichtern ihre Narco-Freunde in die Nachtclubs. Werden sie älter, sieht man sie inSUVs ohne Kennzeichen herumfahren, mit denen sie ihreKinder zum Shoppen ins Einkaufszentrum bringen, währendsie in den besten Restaurants der Stadt speisen. Sonntags ver-anstalten sie ausgedehnte Brunches im Hotel Lucerna, demFünf-Sterne-Hotel von Culiacán, das ansonsten von Ge-schäftsleuten und Politikern frequentiert wird. Jedermann weiß, wer sie sind, und niemand wagt es, sie zukritisieren. Im Grunde sind sie es, die Culiacán beherrschen.Wenn sie ein Verkehrsdelikt begehen, wird niemand ihneneinen Strafzettel verpassen. Bei einer kleineren Straftat, einemLadendiebstahl etwa, wird niemand Anzeige erstatten. Wennsie den besten Platz im Restaurant oder Schönheitssalon ver-langen, erhalten sie ihn. In das Geschäft selbst mischen sie sich nur in den seltens-ten Fällen ein. Trotzdem sind sie ein fester Bestandteil derNarco- Kultur.357 Ende Dezember 2008 Schaffte es eine sinaloensischeSchönheitskönigin in die Schlagzeilen, als sie mit einer Grup-pe von sieben mutmaßlichen Mitgliedern des Juárez-Kartellsan einem Checkpoint der Armee außerhalb von Guadalajarafestgenommen wurde. Die dreiundzwanzigjährige Miss Me-xiko International Laura Elena Zúñiga Huizar saß in einem 266
    • Fahrzeug, in dem sich Sturmgewehre, Handfeuerwaffen, Mu-nition, mehr als ein Dutzend Mobiltelefone und 53 300 DollarBargeld befanden – die klassische Narco-Ausrüstung eben. Die Medien stürzten sich wie die Geier auf die hübscheFrau. Die ehemalige Kindergärtnerin hatte erst sechs Monatezuvor den Miss-Sinaloa-Wettbewerb gewonnen, und die Fern-sehsender wurden nicht müde, immer wieder ältere Aufnah-men von der Überreichung des Siegerstraußes mit aktuellenBildern in Kontrast zu setzen, die zeigten, wie sie mit zerzaus-ten Haaren und gesenktem Kopf vom Militär vorgeführt wur-de. So sensationell die Story für kurze Zeit auch war – ihr lagdoch ein trauriger Umstand zugrunde, der Väter und Mütter inganz Mexiko plagt. Zúñiga Huizar hatte mit dem Drogenhan-del selbst nichts zu tun, aber wie sich herausstellte, ging siemit Ángel Orlando García aus, einem hochrangigen Mitglieddes Juárez-Kartells. Und in ganz Mexiko stellten sich Elterndieselbe Frage: Was bringt eine junge Frau dazu, mit solchenTypen abzuhängen? Zwar besteht kein Zweifel, dass überallauf der Welt junge Frauen sich von den bösen Jungs angezo-gen fühlen. Doch was macht jemanden attraktiv, der seinenLebensunterhalt mit Drogenhandel und Mord bestreitet?Manche sagen, es ist das Geld, andere sagen, es ist die Frei-heit. Die Narcos leben außerhalb eines Systems, das sich zu-mindest in der Wahrnehmung der meisten Mexikaner nichtum sie schert. Ein solches Leben kann durchaus attraktiv wir-ken, besonders auf eine junge Frau, die zwar schön und intel-ligent ist, aber dennoch keine gesicherte Zukunft vor Augenhat. Und in nicht wenigen Vierteln betrachtet man die Aktivitä-ten der höherrangigen, diskreteren Narcos nicht unbedingt alsillegal. Man sieht sie als normale Bürger, die an politischenVeranstaltungen teilnehmen und die Kandidaten ihrer Wahlunterstützen, die Schulen und Kirchen errichten, lokale Festi-vitäten sponsern und die regionale Wirtschaft ankurbeln. Wie 267
    • andere Männer ihres Alters haben sie Freundinnen, besuchenNachtclubs und treten irgendwann vor den Traualtar. Wo das nächste größere Risiko lauert. Denn wenn man eineFrau ist, ist es nicht so einfach, den Heiratsantrag einesNarcos abzulehnen. Von einer Trennung ganz zu schweigen.»Wenn eine Frau einen Antrag ablehnt, kann das ihr Todesur-teil sein«, sagt Magdalena García Hernández, die Chefin einerAktivistinnengruppe namens Milenio Feminista. Trotzdem ist nach wie vor unklar, warum sich ZúñigaHuizar, die in Culiacán geboren und aufgewachsen ist, mitden Männern eingelassen hat, mit denen sie festgenommenwurde. Immerhin wurde sie, ohne dass Anklage erhoben wor-den wäre, freigelassen und bemüht sich seitdem, das Rampen-licht in Culiacán zu meiden. Im Staatsgefängnis von Ciudad Juárez sitzt eine Gruppevon Frauen ein, weil sie für Chapo Drogen geschmuggelt ha-ben. Sie wussten angeblich nicht, dass sie Marihuana trans-portierten, wurden aber nichtsdestotrotz zu mehrjährigenHaftstrafen verurteilt. Carmen Elizalde wurde erwischt, als siehundert Kilo Kokain von Panama nach Mexiko schmuggelnwollte, und sitzt nun im Gefängnis von Culiacán. Sie behaup-tet, ihr Mann habe sie hereingelegt und ihr vorgemacht, siewürden lediglich in Urlaub fahren.358 Doch für viele Frauen ist die Anziehungskraft ungebro-chen. Im von der Sonne in gleißendes Licht getauchten In-nenhof von Santa Martha Acatitla, einem Frauengefängnisaußerhalb von Mexiko-Stadt, erzählen einige Frauen von ih-ren Verbrechen. Eine ist wegen Autodiebstahl hier gelandet,eine andere, weil sie einen Stadtbus mit einer Maschinenpisto-le entführt hat. Plötzlich schwebt eine langbeinige Insassin die Treppe her-unter in den Hof. Sie trägt eine modische Jackie-O-Sonnenbrille, elf Zentimeter hohe High Heels, und als sie aufdas Münztelefon in der schattigen Ecke zustrebt, bewegt siesich mit dem Schwung eines Supermodels. 268
    • »Schaut«, sagt eine der Insassinnen, und ihre Augen leuch-ten auf, während sie mit offenem Mund der Erscheinunghinterherstarrt. »La Reina.«359 Sandra Ávila Beltrán, alias »La Reina del Pacífico«, wurdeEnde 2007 festgenommen und verbringt seitdem ihre Tage inSanta Martha Acatitla, wo sie auf ihr Urteil wartet. Als mansie in Mexiko-Stadt verhaftete, hatte sie ihren Namen geän-dert und lebte ein zurückgezogenes Leben. Nur aufgrund ihrerVorliebe für die teuersten Restaurants der Stadt war man ihrauf die Schliche gekommen. Nach ihrer Festnahme wurde siesofort zur landesweit berühmt-berüchtigten Celebrity. Sieschmollte mit den Polizisten und erklärte treuherzig, sie seidoch nur eine Hausfrau und habe sich im Bekleidungs- undImmobiliengeschäft ein paar Peso hinzuverdient. Die aus Tijuana stammende sechsundvierzigjährige Brünet-te wird in den USA der Verschwörung zum Import von Koka-in beschuldigt, weshalb ein offizieller Auslieferungsantraggegen sie vorliegt. Dank ihrer familiären Beziehungen war siein die Narco-Welt eingeführt worden und hatte es dort zu An-sehen gebracht. Als Nichte von El Padrino und dank ihreskolumbianischen Narco-Verlobten Juan Diego »El Tigre«Espinoza wurde sie eine geschätzte Vermittlerin zwischen derkolumbianischen und mexikanischen Seite. Zuvor hatte sie sich in die höchsten Ebenen des Sinaloa-Kartells hochgeschlafen, die Liste ihrer Liebhaber umfasstunter anderem El Mayo und Ignacio Nacho Coronel. Außer-dem war sie eine Zeit lang mit Rodolfo López Amavizca, ei-nem korrupten Kommandeur der Federales, verheiratet, mitdem sie einen Sohn hat. Ihr Ehemann wurde ermordet. »Das hat es bislang in dieser Form noch nicht gegeben«,erklärte ein mexikanischer Beamter einem Reporter kurz nachder Verhaftung. »Noch nie hat eine Frau innerhalb des organi-sierten Verbrechens so eine prominente Position eingenom-men. Ihr Aufstieg ist zwei Umständen geschuldet: Erstensihrer Familie, die seit drei Generationen im Drogenhandel 269
    • tätig ist, und zweitens ihrer Schönheit, die sie zu einer aufse-henerregenden Frau macht.« Der DEA-Agent Michael Vigildagegen war weniger charmant: »Sie war eine äußerst skru-pellose Frau und benutzte dieselben Einschüchterungsmetho-den, die in den mexikanischen Kartellen üblich sind.« Nach ihrer Verhaftung brachten die Zeitungen immer neueDetails aus ihrem Leben, und die Radiostationen spielten fastununterbrochen einen Narco-Corrido, in dem sie als »Spitzen-frau« besungen wird, »die im Geschäft eine Schlüsselpositioneinnimmt«.360 Einmal hinter Gittern, verlor sie allerdings ein wenig dieContenance. Bei der Menschenrechtskommission von Mexi-ko-Stadt beschwerte sie sich über Kakerlaken in ihrer Zelle,die sie als »schädliche Fauna« bezeichnete. Außerdem be-mängelte sie, dass es ihr untersagt war, sich die Mahlzeitenaus dem Restaurant liefern zu lassen. Immerhin wurde ihreZelle aufgrund des befürchteten Medienauflaufs umgehendgesäubert. »Sie ist so cool«, meint eine der Gefangenen im Hof vonSanta Martha Acatitla, während sie den Auftritt von La Reinabewundert. Eine andere nennt sie eine »Heldin«, die sich imMacho-System ganz nach oben gearbeitet habe. Darüber run-zelt eine dritte Insassin die Stirn. »Hier im Gefängnis ist sieauch nur eine von vielen.«361 16 EndspielDer Erzbischof Héctor Martínez González hatte behauptet,Chapo halte sich in den Bergen von Durango auf, und dieBehörden gingen kein Risiko ein. Sie hatten ihn 2006 schoneinmal in der Gegend gesichtet. Als er in einem SUV durcheine Stadt fuhr, war er von Überwachungskameras erfasst 270
    • worden, doch Armee und Polizei trafen nicht mehr rechtzeitigein.362 Nun wurden routinemäßig Patrouillen in der Gegenddurchgeführt.363 Als er sich den Fragen nach dem Verbleib des Drogenba-rons stellte, wirkte Generalstaatsanwalt Eduardo Medina Mo-ra müde und ausgelaugt. Immer wieder versuchte er den Me-dien zu vermitteln, dass Chapos Ergreifung nicht die ultimati-ve Lösung darstelle, sondern dass der Krieg gegen die Drogenein langwieriger und komplexer Prozess sei. In den Augenseiner US-amerikanischen Kollegen mochte Medina Mora einHeld sein, den sie seiner Integrität und Entschlossenheit we-gen bewunderten – auf eine zunehmend enthemmtere Presse-meute wirkte er manchmal, als stünde er am Rande der Kapi-tulation. Kein Wunder, denn einmal hatte er sogar erklärt, dasZiel des Drogenkrieges könne »nicht sein, den Drogenhandelund die Drogenkriminalität vernichtend zu schlagen« .364 Auch Genaro García Luna schien von Zeit zu Zeit die Luftauszugehen. »Angesichts der Versuchung«, so sagte er, »wird es immerLeute geben, die das Spiel spielen werden, sei es per Flugzeugoder per Hubschrauber, zu Land oder zu Wasser, denn esexistiert ein realer Markt. Es gibt auf der Welt kein vergleich-bares Produkt.«365 Doch im Mai 2009 hatten die beiden zu alter Entschlossen-heit zurückgefunden. »Neue kriminelle Vereinigungen sindentstanden … Chapos Funktionen und seine Rolle wurdenvon anderen Mitgliedern der Organisation übernommen«, ließMedina Mora verlauten. »Er bleibt zwar eine Symbolfigur …aber er ist weniger präsent und, was die alltäglichen Routine-operationen der kriminellen Vereinigung angeht, weniger vonBedeutung. Dennoch bleibt die Festnahme von Sr. JoaquínGuzmán Loera eine Priorität der Regierung.«366 In der Zwischenzeit hatten mehrere Razzien stattgefunden,bei denen die Einsatzkräfte nur knapp zu spät kamen. Armee-angehörige in Sinaloa gestanden ein, dass es möglich sei, dass 271
    • Chapos Männer im Voraus von Leuten aus ihrem Stützpunktvor Razzien gewarnt wurden. Mehrere von General SandovalsUntergebenen wurden suspendiert. Gegen sie liefen Ermitt-lungen wegen des Verdachts, Informationen an Chapo unddessen Männer weitergegeben zu haben. In Guerrero, demBundesstaat im Süden, wurden ebenfalls neun Soldaten unterdemselben Vorwurf festgenommen.367 Guerrero hatte immer schon zu Chapos Einflussgebiet ge-zählt, da es lange Zeit von den Beltrán-Leyva-Brüdern kon-trolliert wurde, die in seinem Auftrag handelten. Obwohl Chapo ein Haus in Las Brisas, einem exklusivenVillenviertel von Acapulco, besaß, hatten die Brüder jedochhohe Polizeikommandeure, lokale Kidnappergangs und ande-re Verbrecherorganisationen dazu gebracht, für sie zu arbei-ten. Mit einer größeren Hafenstadt und einer schier endlosen,unberührten Küste eignete sich Guerrero hervorragend zurDistribution von Kokain, und die Bergregionen, die in ihrerUnzugänglichkeit nur noch von Sinaloa übertroffen werden,waren das ideale Anbaugebiet für Opium und Marihuana. Als die Beltrán-Leyva-Brüder mit Chapo brachen, kam esin Guerrero zum Krieg. Im ganzen Staat bekämpften sich ri-valisierende Gangs. Der Bodycount nahm Dimensionen an,die bis dahin Ciudad Juárez und Culiacán vorbehalten waren.An manche der Leichen waren mit »El Jefe de Jefes« (»Bossder Bosse«) signierte Mitteilungen geheftet. Marcos Arturo Beltrán Leyva, alias El Barbas, war nun of-fenbar der alleinige Jefe der Stadt. Die Beltrán-Leyva-Brüder verfügten in ganz Mexiko überein engmaschiges Korruptionsnetz. Aber Guerrero gehörtefaktisch ihnen. Zudem hatten sie eine feste Basis in Culiacánund sich des Öfteren um Allianzen mit ihren Konkurrenten inCiudad Juárez bemüht. Nicht wenige mexikanische Beamte –vom Durchschnittsmexikaner ganz zu schweigen – fragtensich, ob Chapo entthront werden würde.368 272
    • Tatsächlich musste Chapo einige schwere Verluste wegste-cken. In Jalisco nahmen die Federales einen seiner Top-Leutnants fest. Der Mann hatte die Geschäfte in Jalisco gelei-tet und war einer von Chapos engsten Vertrauten.369 In Culiacán wurde Roberto Beltrán Burgos, alias »El Doc-tor«, gefasst. Ebenfalls ein enger Vertrauter Chapos, hatte erseit der Verhaftung von El Vicentillo dessen Aufgaben über-nommen. Zudem war er so etwas wie Chapos Sprachrohr ge-worden und damit betraut, Chapos Anweisungen an die Un-tergebenen im ganzen Land weiterzugeben. Armee und Federales erhielten einen anonymen Tipp, dasseine Gruppe bewaffneter Männer die Stadt Durango umfuhr.Zweihundert Polizisten und Soldaten kreisten die Gegend ein,wo die Fahrzeuge gesehen worden waren, und stellten sie.Eine Schießerei entbrannte. Unter den Toten befand sich Isra-el Sánchez Corral, alias »El Paisa«, der für Chapo Culiacánkontrolliert hatte. Außerdem war er dafür zuständig gewesen,dass niemand – insbesondere nicht die Zetas – in Chapos Ter-ritorium eindrang. Antonio Mendoza Cruz, alias »El Primo Tony«, ebenfallsein enger Vertrauter von Chapo, wurde in Zapopan, Jalisco,festgenommen. Er war in den Staaten Quintana Roo, Jaliscound Sinaloa für die Ankäufe von Pseudoephedrin und Kokainverantwortlich. Darüber hinaus arbeitete El Primo Tony direktmit den Kolumbianern zusammen und gehörte seit den An-fangstagen zum engsten Kreis des Drogenbarons. Auch beiChapos Flucht aus Puente Grande hatte er offenbar seine Fin-ger im Spiel gehabt. Indem sie Chapos Netzwerk gezielte Schläge versetztenund die hierarchische Struktur des Kartells beschädigten,hofften die Behörden, seine Operationen ernsthaft zu stören.Jedes Mal, wenn ein hochrangiger Narco getötet oder festge-nommen wurde, musste ihn Chapo kurzfristig ersetzen. Wennes ihnen gelang, dann auch noch den Nachfolger zu erwi-schen, so die Taktik der Behörden, würde Chapo irgendwann 273
    • nicht mehr rechtzeitig reagieren können, weil ihm die Leuteausgingen, denen er trauen konnte. Indes plante eine Gruppe von Chapos Männern ein Attentatauf Präsident Calderón. Obwohl nie Einzelheitenbekanntwurden, gab der Präsident zu, dass es nicht das ersteMal war, dass die Regierung Kenntnis von solchen Vorhabenerhielt. »Und es wird auch nicht das letzte Mal sein«, sagteCalderón. »Die Kriminellen versuchen im Prinzip, die Behör-den dazu zu bringen, die Jagd auf sie einzustellen … weil wirsie zum Rückzug zwingen. Aber in diesem Kampf wird unsniemand einschüchtern oder gar aufhalten.« Die Armee entdeckte zudem in den Bergen von Sinaloa undDurango Meth-Küchen von einer Größe, wie sie sie noch niezuvor gesehen hatte. Eines dieser Labors besaß die Kapazität,jeden Monat zwanzig Tonnen Methamphetamin herzustellen,was in den USA einem Straßenverkaufswert von 700 Millio-nen Dollar entsprach. Nachdem Generalstaatsanwalt MedinaMora Anfang 2009 erklärt hatte, La Familia sei nun der größteMeth-Produzent des Landes, schien diese Entdeckung in derNähe Culiacáns ihn Lügen zu strafen.370 Während die Federales und die Armee die Schlinge umChapo enger zogen, bemerkten die Bewohner von Sinaloa,dass in ihren Wäldern etwas nicht stimmte. »Ich glaube, siewerden ihn erwischen«, sagte ein Bewohner Culiacáns An-fang August. »Es ist nur noch eine Frage der Zeit«, wusste derjunge Mann, der behauptete, als Drogenkurier für ChaposMänner zu arbeiten. Seinen Big Boss kannte er zwar nicht,aber er fürchtete ihn.371 General Sandoval und seine Männer hielten den Druck inganz Sinaloa aufrecht. Eines Tages erhielten sie einen Tipp,Chapo wolle das Grab seines Sohnes Edgar besuchen, dassich in Jesús María befindet, der Stadt in der Nähe von Cu-liacán, wo der Junge geboren worden war. Seit Edgars Tod im Jahr zuvor hatte man die Bewohner vonJesús María in Frieden gelassen. Sowohl aus Respekt vor den 274
    • Toten als auch, weil niemand annahm, dass jemand aus derKartellspitze einen Besuch riskieren würde. Doch am 8. Au-gust hatte General Sandoval seine Männer in der Gegend umdas Mausoleum in Stellung gebracht, das sich noch im Baubefand. Entschlossen, Chapo diesmal nicht entkommen zulassen, lagen sie vierundzwanzig Stunden auf der Lauer. DochChapo ließ sich nicht blicken. Davon unbeeindruckt – und in vollem Vertrauen auf dieZuverlässigkeit seiner Quelle – schickte Sandoval zwei Heli-kopter zur Luftaufklärung in die Region und scheuchte seineMänner durch die kleine Stadt. Sie durchkämmten Haus fürHaus, fanden aber niemanden. Die Hubschrauber dagegen entdeckten zwei verdächtigeWagen, die in der Stadt herumfuhren. Am Ortsausgang ver-sperrte man ihnen den Weg, die Soldaten umzingelten dieFahrzeuge und zerrten drei junge Männer nach draußen. Dannbegann das Verhör. War Chapo in der Stadt? War er gekom-men? Was wussten sie? Der Lokalpresse zufolge schlugenund misshandelten die Soldaten die jungen Männer und be-zichtigten sie, zu Chapos Revolvermännern zu zählen. Frustriert und ohne befriedigende Antworten zogen dieSoldaten ab und ließen die drei jungen Männer blutend liegen.Als eine Gruppe Lokalreporter sich dem Schauplatz näherte,kehrten die Soldaten zurück und verschleppten ihre Opfer aneinen unbekannten Ort.Am 7. August 2009 hatten die Soldaten endlich ein Erfolgser-lebnis. In der kleinen Bergstadt Las Trancas, Durango, stießensie auf eine Spur. Die Stadt liegt in der Nähe des Ortes, andem Chapo Emma Coronel Aispuro geheiratet hatte, und je-weils etwa 150 Kilometer von Culiacán und Durango entfernt.Auf einem 240 Hektar großen Gelände entdeckten sie vier-undzwanzig Meth-Küchen. Einem Zeugen zufolge lagertendort »mehr synthetische Drogen, als man sich jemals vorstel- 275
    • len kann«. Auf dem Gelände stießen sie auf barackenähnlicheSchlafsäle, die etwa einhundert Leuten Platz boten. Zudemgab es drei Essküchen und zwei Waschräume. Das gesamteAnwesen war evakuiert worden. Doch man fand noch mehr. Einige der Räume waren mitexklusiven Badezimmern ausgestattet, verfügten überHighspeed-Internetanschluss, Satellitenempfang, Plasmafern-seher, Kingsize-Betten, Minibars und Klimaanlagen. Es wareindeutig, dass nicht alle Bewohner einfache Handlanger wa-ren. Von einem Ausguck oberhalb des Anwesens, wo offenbarbewaffnete Wachen gestanden hatten, konnte man fünfzehnMeilen in jede Richtung sehen. Und schließlich fanden dieSoldaten noch eine gewaltige Menge Bargeld, Zehntausendevon Dollar. Wer hier gelebt hatte, musste einen hohen Rangbekleidet haben. Und wahrscheinlich waren es sogar mehrerePersonen gewesen, die eilig die Flucht ergriffen und das Geldzurückgelassen hatten. Schnell machten Spekulationen die Runde. War Chapo hiergewesen? Hatte er sich hier versteckt? Die Anwohner aus denumliegenden Bergen waren sich dessen sicher, wie auch eini-ge Soldaten, die in der Gegend stationiert waren. Chapo hatteanscheinend zusammen mit El Mayo und Nacho Coronel aufdem Anwesen gelebt.372»Wir werden ihn erwischen.« Der DEA-Agent nahm vollerÜberzeugung einen ordentlichen Schluck von seinem Bier.Chapo würde eines Tages in seiner Heimat, in den Bergen vonSinaloa oder Durango, gefasst werden. Da er jetzt offensicht-lich die Gegend, die er so liebte, nie verließ, hatten die mexi-kanischen Behörden hier einen Vorteil gegenüber ihren Kol-legen in Kolumbien und anderen Ländern, wo die Drogenba-rone mobiler waren. Mit Ausnahme von Pablo Escobar hattensich die südamerikanischen Drogenbosse alter Schule nie ge- 276
    • scheut, sich ins Quellgebiet des Amazonas oder in die vonRebellen kontrollierten Berge außerhalb ihres Landes abzu-setzen, wenn es brenzlig wurde. Jedes Mal, wenn Chapo in Sinaloa oder kurz hinter derStaatsgrenze in Durango beinahe geschnappt worden war,wuchs in dem DEA-Mann die Gewissheit, dass sie ihm aufden Leib rückten. Es war nur noch eine Frage der Zeit, ehe sieihn erwischen würden, meinte er lächelnd und trank einenweiteren Schluck Bier. Noch optimistischer als die Bemühungen der mexikani-schen Armee, die ihn außerordentlich zufriedenstellten,stimmte ihn die Tatsache, dass Chapo nicht mehr von seinenengsten Freunden umgeben war, sondern sich im Gegenteilviele neue Feinde geschaffen hatte. Seit dem Bruch mit denBeltrán-Leyva-Brüdern war Chapo mehr und mehr in die Iso-lation geraten. Die Brüder waren in seiner Organisation derausschlaggebende Faktor gewesen, und das nicht nur, weil ersie ein Leben lang kannte. »Als die Beltrán-Leyva-Brüder mitChapo brachen«, so der DEA-Agent, »verlor er sein Sicher-heitsnetz. « Natürlich war Chapo in den Bergen und den nahe gelege-nen Städten wie Culiacán immer noch sicher, aber andernortseben nicht mehr, genauso wenig wie sein Drogengeschäft.Seine Leute neigten mehr und mehr dazu, ihn zu verraten.Wie einer seiner Männer aus dem mittleren Management, einKalifornier, der dafür zuständig war, das Geld aus den Chica-goer Drogenverkäufen nach Los Angeles zu schaffen. DieDEA hatte ihn dabei erwischt, wie er versuchte, vier Millio-nen Dollar an Chapo zu transferieren. »Seitdem arbeitet er füruns«, sagte der Agent. Zudem mehrten sich die Anzeichen, dass Chapo die Kon-trolle über Sonora verlor. Ohne diesen Korridor konnten dieSinaloenser so viel Meth, Marihuana und Heroin produzierenoder Kokain importieren, wie sie wollten – sie wären nichtmehr in der Lage, es in die USA zu schaffen. 277
    • Als der DEA-Agent fortfuhr und erklärte, Chapo würdejetzt aus Angst, geortet zu werden, am Tag bereits mehrereMobiltelefone verbrauchen, konnte er seine Befriedigungkaum verbergen. Chapo konnte niemandem mehr trauen. Sei-ne engsten Verbündeten hatten sich entweder gegen ihn ge-wandt oder waren im Gefängnis. Das mexikanische Militärleistete hervorragende Arbeit und trieb ihn in der Sierra zuse-hends in die Enge. »Er steckt irgendwo in den Bergen von Durango. Das mussdie Hölle sein, sich irgendwo in einem Loch zu versteckenoder beständig auf der Flucht zu sein.«373 Chapo hatte auch zahlreiche Angehörige verloren, die zuseinen engsten Vertrauten zählten: • Arturo Guzmán Loera, Bruder. Getötet am 31. Dezember 2004. • Edgar Guzmán López, Sohn. Getötet am 8. Mai 2008. • Miguel Ángel Guzmán Loera, alias »El Mudo«, Bruder. Wegen Geldwäsche und des Besitzes von Kriegswaffen zu dreizehn Jahren Gefängnis verurteilt. • Esteban Quintero Mariscal, Cousin. Wegen Beteiligung am orga- nisierten Verbrechen und des Besitzes von Kriegswaffen zu fünf- zehn Jahren Gefängnis verurteilt. • Isaí Martínez Zepeda, Cousin. In Culiacán wegen des Besitzes von Kriegswaffen verhaftet. • Alfonso Gutiérrez Loera, Cousin. In einem Haus in Culiacán we- gen des Besitzes von Feuerwaffen, Granaten und Tausenden Schuss Munition verhaftet.374Und das war immer noch nicht alles. Am 18. Dezember 2008wurde außerhalb von Mexiko-Stadt im Kofferraum eines Wa-gens eine tote Frau entdeckt. Man hatte sie in eine grüne De-cke gewickelt, die von einem Gürtel zusammengehalten wur-de. Neben ihr fand man den zerstückelten Leichnam einesMannes, vermutlich der ihres Liebhabers. 278
    • Beide waren mit einem einzigen Kopfschuss getötet wor-den. Doch an mehreren Stellen ihres Körpers – Brüste, Gesäß,Rücken, Bauch – hatten die Killer ein »Z« eingeritzt, das Er-kennungszeichen der Zetas. Zulema Hernández, die Insassin, in die sich Chapo in Puen-te Grande verliebt hatte, war tot.375 Trotzdem verfügte Chapo weiterhin über sein aus zahlrei-chen Schichten bestehendes System von Informanten undLeuten, die ihn – gemäß dem »Zwiebelprinzip« – abschirmtenund ihm, wo immer er sich befand, einen bestimmten Schutzgarantierten. Immerhin schaffte er es so, sich – wenn auch oftnur knapp – dem Zugriff der Behörden wieder und wieder zuentziehen. Doch bei der letzten Razzia in Durango hatte ereine Meth-Küche im Wert von mehreren Millionen Dollarverloren. Er hatte Freunde und Verwandte verloren. Und erdrohte noch mehr zu verlieren. »Es ist nur noch eine Frage der Zeit«, versprach der DEA-Agent zum Abschied.376 Der fehlgeschlagene Krieg?Das ganze Jahr 2009 hindurch mehrten sich die Stimmen, dieimmer vehementer ein Ende des Krieges forderten. Ein Triolateinamerikanischer Ex-Präsidenten – darunter auch ErnestoZedillo aus Mexiko – hatte die US-amerikanische Strategieder Drogenbekämpfung bereits Anfang des Jahres als »fehlge-schlagenen Krieg« bezeichnet.377 Der ehemalige Außenminis-ter Jorge Castañeda beschuldigte die Calderón-Administration, einen Krieg vom Zaun gebrochen zu haben,um sich so die Unterstützung der Öffentlichkeit zu sichern. »Wir haben hier eine paradoxe Situation. In Los Angelesgibt es eigentlich nur etwa tausend legale und öffentliche Or-te, an denen man – aus medizinischen Gründen – Marihuanaerwerben kann. In Wirklichkeit aber bekommt man es prak-tisch überall. Es gibt mehr Verteilstellen für Marihuana als 279
    • öffentliche Schulen. Einhundertfünfzig Kilometer weiter süd-lich, von Tijuana an abwärts, sterben jeden Monat Hundertevon Polizisten, Soldaten, Killer und Zivilisten im Krieg gegendie Narcos. Da wird eindeutig mit zweierlei Maß gemessen,und diese Tatsache dürfte schwer aufrechtzuerhalten sein«,erklärte er.378 »Die Vereinigten Staaten sind für Mexikos Drogenkriegnicht verantwortlich zu machen«, fuhr Castañeda fort. »AuchMexiko ist nicht für Mexikos Drogenkrieg verantwortlich zumachen. Präsident Felipe Calderón ist für Mexikos Drogen-krieg verantwortlich zu machen, einen Krieg, den er ohne Notbegonnen hat, den er nicht hätte erklären sollen, der nicht ge-wonnen werden kann und Mexiko immensen Schaden zu-fügt.« Tatsächlich schlugen einige Experten eine Rückkehr zurfrüheren Politik, als die Regierung beim Drogenhandel ein-fach wegsah, als beste Lösung für die Zukunft vor. Die PRI,die zu diesem Zeitpunkt für die 2012 Stattfindenden Präsi-dentschaftswahlen als Favorit galt, würde, so wurde ange-nommen, eine solche stillschweigende Übereinkunft ermögli-chen.379 Selbst Präsident Calderón schien das Ganze allmählich aufkleinerer Flamme kochen zu wollen. Die Schaffung von Ar-beitsplätzen und die Ausrottung der Armut zählten nun zuseinen obersten Prioritäten, erst an abgeschlagener dritterStelle fand der Krieg gegen die Drogen Erwähnung.380 Die Bewohner von Culiacán und Umgebung mühten sichindes, ihre Städte und Gemeinden langsam wiederaufzubauen.Einmal traf sich eine kleine Gruppe von Bürgern in einemHinterzimmer in Culiacán, um Mittel und Wege zu diskutie-ren, mit denen der Stolz der Stadt wiederhergestellt werdenkonnte. Sie planten Fiestas, Bücherspendenaktionen und er-stellten eine Liste respektabler Bürger, die sie auf solche Vor-haben ansprechen wollten. Doch irgendwie ähnelte ihre Ver-sammlung einem konspirativen Treffen versprengter Kriegs- 280
    • gegner. Am Ende verabschiedeten sie sich leise und wünsch-ten einander viel Glück. Ganz Culiacán fürchtete mehr und mehr die Gewalt derjungen Narcos, die offenbar vor nichts mehr Respekt hatten.Einmal stolperte die Freundin eines jungen Narcos vor einemNachtclub mit ihren hochhackigen Schuhen. Ein Mann, der inder Nähe stand, wagte es, über ihr Missgeschick zu lachen.Der Narco schoss ihn nieder. Der Bischof von Culiacán, Benjamín Jiménez Hernández,rief die Bürger öffentlich dazu auf, sich zu erheben und sichder Welle der Gewalt entgegenzustellen. In der Gluthitze ei-ner dicht besetzten Kirche forderte er seine Gemeinde auf,endlich zu handeln. »Wir müssen für unseren Glauben kämp-fen, wir müssen für unsere Zukunft kämpfen … Diese uner-trägliche Hitze, in der wir heute leben, müssen wir mit unse-rem Glauben besiegen.« Doch der November 2009 war seit sechzehn Jahren wiederder blutigste Monat in Sinaloa. Und es sollte noch schlimmerkommen.381 Sogar in den Gefängnissen. Mexikos Gefängnisse waren seit jeher eine Problemzone.Nun wurden die Verhältnisse unerträglich. Ende 2009 warenim Krieg gegen die Drogen 129 000 Personen verhaftet wor-den. Zwar wurden einige wieder freigelassen, aber die Ge-fängnisse waren mit Zehntausenden von mutmaßlichen undverurteilten Drogendealern überfüllt. Viele davon zählten zu Chapos Truppe, fast 30 000 Mit-glieder des Sinaloa-Kartells waren verhaftet worden, diemeisten davon Fußsoldaten, die ihrem Boss nie begegnet wa-ren, sondern lediglich die Drecksarbeit für ihn erledigten.Aber es waren auch hochrangige Leutnants unter den Häftlin-gen: • Roberto Beltrán Burgos, alias »El Doctor«, Leutnant. Verhaftet wegen Beteiligung am organisierten Verbrechen. 281
    • • José Ramón Laija Serrano, Leutnant. Führte die Geschäfte weiter, während Chapo in Puente Grande einsaß. Wegen Entführung zu 27,5 Jahren Gefängnis verurteilt. • Diego Laija Serrano, alias »El Vivo« (»der Gerissene«), Leut- nant. Wegen Drogenvergehen und des Besitzes von Kriegswaffen zu 41 Jahren Gefängnis verurteilt. • Carlos Norberto Félix Terán, Leutnant. War für die Drogenpro- duktion in Tamazula zuständig sowie dafür, Chapo über alle militä- rischen Bewegungen in der Gegend zu informieren. Verhaftet we- gen mutmaßlicher Beteiligung am organisierten Verbrechen.Doch die Verhaftungen trafen nicht nur Chapo, sie brachtenauch Mexikos Justizvollzugsanstalten an den Rand ihrer Ka-pazitäten. In den Gefängnissen von Matamoros, CiudadJuárez, Culiacán und Tijuana kam es zu Häftlingsrevolten, beidenen unter anderem Mitglieder des Sinaloa-Kartells, derenRivalen aus Juárez und Mitglieder der Zetas aufeinander los-gingen.382 Im Gefängnis von Matamoros sind sowohl Mitglieder desSinaloa-Kartells als auch Zetas inhaftiert. Jaime Cano Gallar-do, der Gefängnisdirektor, wurde Zeuge einer Revolte, bei derer hilflos mit ansehen musste, wie rivalisierende Gangs sichgegenseitig auf dem Gefängnishof attackierten. Seine Wachenwaren der Situation nicht gewachsen, deshalb forderte er Ver-stärkung an. Als die Armee und die Federales endlich eintra-fen, waren zwei Häftlinge tot und über dreißig verletzt. DerDirektor trägt nun zum Selbstschutz ständig eine halbautoma-tische Pistole. Im Staatsgefängnis von Durango gingen rivalisierendeBanden mit eingeschmuggelten Pistolen und anderen Waffenaufeinander los. Bei dem Gemetzel kamen zwanzig Insassenums Leben, sechsundzwanzig wurden verletzt.383 Und beim tollkühnsten Ausbruch seit den Ereignissen inPuente Grande ließen sich dreiundfünfzig Narcos von einerGruppe junger Männer, die als Federales verkleidet waren, 282
    • aus einem Gefängnis in Cieneguillas, Zacatecas, eskortie-ren.384 Die mexikanische Regierung ignorierte diese Problemekeinesfalls und plante die Errichtung weiterer Hochsicher-heitsgefängnisse. Tello Peón, der Mann, der durch ChaposFlucht bis aufs Mark gedemütigt worden war, war inzwischenwieder in Amt und Würden und fungierte als NationalerSicherheitsberater. In dieser Eigenschaft forderte er eine »bru-tale« Reform des Gefängniswesens.385 Die Zustände in den Gefängnissen von Ciudad Juárez undCuliacán sind besonders schlimm. Aufgrund des anhaltendenKrieges zwischen Chapo und dem Juárez-Kartell war dieStadt zum Tummelplatz für Kriminelle aus allen Teilen desLandes geworden, die sich auf der Straße gegenseitig nieder-schossen und, einmal eingesperrt, es auch im Gefängnis nichtlassen konnten. Das Gefängnis von Ciudad Juárez ist großund weitläufig. Schroffe Betonbauten breiten sich über dieWüste aus und scheinen fast bis in die Berge am Horizont zureichen. Viele Außenbereiche sind nur durch Stacheldraht undMaschendrahtzäune gesichert. Einmal brach zwischenAztecas und einer rivalisierenden Gang eine Auseinanderset-zung aus, bei der vier Wärter als Geiseln genommen wurden.Als die Armee eintraf, um den Aufstand niederzuschlagen,waren zwanzig Häftlinge tot und Dutzende verletzt. Daraufhinerrichtete die Gefängnisverwaltung eine mächtige Mauer, diedie Zellentrakte der Banden voneinander trennte. Zusätzlichangemietete Soldaten patrouillierten vierundzwanzig Stundenam Tag durch die Anstalt. Dennoch behielten die Aztecas defacto die Kontrolle. Wärter, die ihren Zellentrakt betretenwollten, wurden von den Insassen selbst daran gehindert. Auf einem anderen Hof des Gefängnisses spielte eine Bandwährend der Besuchszeit Narco-Corridos. Sie hatte den Mutund intonierte mitten im Feindesland eine Ode an Chapo.Während die Band munter drauflosspielte, deutete ein Wärterauf eine Gruppe von Aztecas, die hasserfüllt durch den Zaun 283
    • starrten. »Seid vorsichtig«, warnte er die Musikanten. »Beider kleinsten Kleinigkeit können sie explodieren.« Und auch Jahre nach Chapos spektakulärer Flucht kam esimmer wieder zu Gefängnisausbrüchen. So beispielsweise inCuliacán. Während einer Party für Insassen und deren Besu-cher spazierte ein mutmaßlicher Vertrauter von Chapo an denbewaffneten Wachen vorbei durch das gesamte Gefängnishinaus auf den Parklatz, von wo ihn ein Wagen in die Freiheittransportierte. »Die Ursache ist menschliches Versagen«, meinte PedroCárdenas Palazuelos, der unmittelbar nach diesem Vorfallzum Direktor des Gefängnisses von Culiacán ernannt wurde.»Wir haben Kameras, elektronische Türen und Tore; wennniemand die Tür aufmacht, gelangt auch niemand hinaus. Esist die Korruption.« Cárdenas Palazuelos’ Amtszeit war kurz. Zwei Monatenach seinem Amtsantritt wurde er durch Oberstleutnant Car-los Suárez Martínez ersetzt. »Wir werden die Sicherheitsvor-kehrungen, die Disziplin und die Überwachung verstärken«,erklärte der ehemalige Offizier. Keine zwei Wochen späterentkam ein weiterer Häftling. Auch er spazierte unter den Au-gen des Wachpersonals davon. Und auch er arbeitete offenbarfür Chapo.386 Der letzte NarcoEl Padrino sitzt in einem Hochsicherheitsgefängnis im Bun-desstaat Mexico. Sein Gesundheitszustand verschlechtert sichzusehends. Aus seiner Zelle heraus hält er die Verteidigungs-rede, die man ihm, wie er behauptet, vor Gericht nicht gestat-tet habe. »Wir, die alten Capos, die man verhaftet hat, wir waren nurein paar wenige … Wir haben weder geraubt noch gemordet,und wir haben auch das mexikanische Volk nicht ausgesaugt,wie es viele Politiker tun.« El Padrino besteht darauf, dass es 284
    • nicht darum gehe, freigelassen zu werden, sondern dass ersich nur gegen die Anschuldigungen zur Wehr setzen wolle,die ihn für die gegenwärtige Gewaltwelle verantwortlichmachten, was nicht nur unfair, sondern auch lachhaft sei.»Man kann die Gewalt bekämpfen, mit Jobs, Schulen, Fuß-ballplätzen, Kommunikationsmöglichkeiten, medizinischerVersorgung, öffentlicher Sicherheit und dem Kampf gegendie Armut … Wir müssen daran erinnern, dass das mexikani-sche Land in der Sierra vergessen wurde, dort gibt es wedergute Schulen noch Straßen … nur Repression.«387 Derweil wurde das Mausoleum von Don Neto Fonseca fer-tiggestellt, ein gewaltiges griechisch-römisches Gewölbeoberhalb des kleinen sinaloensischen Dorfes Santiago de losCaballeros. Davor und daneben befinden sich Dutzende wei-terer Narco-Gräber, die auf dem weitläufigen Friedhof ver-streut liegen, von dem aus man einen Blick auf die Gipfel derSierra hat. Don Netos Mausoleum thront majestätisch überden anderen Ruhestätten, ein Grabmal, wie es einem Drogen-baron gebührt. Don Neto, der im selben Hochsicherheitsgefängnis wie ElPadrino einsitzt, weiß, dass seine Tage gezählt sind.388 Rafael Caro Quintero, der andere Komplize im MordfallKiki Camarena, verbüßt eine vierzigjährige Haftstrafe in Me-xiko, sein Bruder Miguel muss eine siebzehnjährige Haftstra-fe in den USA absitzen. Auch die Arellano-Félix-Brüder sind entmachtet. Ramón isttot, Benjamín steckt in einem Hochsicherheitsgefängnis inMexiko. Am 14. August 2006 wurde Francisco Javier von derUS-Küstenwache in internationalen Gewässern vor der KüsteMexikos aufgespürt und verhaftet. Später bekannte er sich voreinem Gericht in San Diego schuldig und wurde zu lebenslan-ger Haft verurteilt. Am 25. Oktober 2008 wurde schließlich auch sein BruderEduardo nach einer heftigen Schießerei mit mexikanischenSpezialeinheiten in Tijuana festgenommen. »Die Verhaftung 285
    • von Eduardo Arellano Félix«, sagte damals DEA-ChefinLeonhart, »beendet die Geschichte dieser einst so mächtigenund brutalen Bande krimineller Brüder.« Gerüchten zufolgesoll Chapo den Behörden geholfen haben, die Brüder zurStrecke zu bringen. Nach deren Niedergang versank Tijuana einmal mehr in ei-ner Orgie von Gewalt, die von einer Schwester der Arellano-Félix-Brüder und deren Sohn Luis Fernando Sánchez Arella-no, alias »El Ingeniero« (»der Ingenieur«), angezettelt wurde.Dann mischte Chapo sich ein, Polizisten starben, und die Ge-walttaten nahmen ein noch blutigeres Ausmaß an. Chapo tat sich mit Tijuanas lokalem Drogenboss GarcíaSimental, alias »El Teo«, zusammen, einem ehemaligen Mit-glied der Arellano-Félix-Truppe, der dort für Schutzgelder-pressung und Entführungen zuständig war. Selbst fürtijuanische Verhältnisse galt El Teo als außerordentlich brutal.Einer seiner Handlanger war El Pozolero, mit bürgerlichemNamen Santiago Meza López, der bekanntlich Leichen inSäure auflöste. Juan García Ábrego sitzt im Gefängnis. Der DEA zufolgeist die Allianz zwischen Golf-Kartell und Los Zetas geplatzt,weil ein hochrangiger Zeta bei einer Auseinandersetzung vonAngehörigen des Golf-Kartells getötet wurde. Darüber hinausbehauptet die DEA, Chapo sei mit dem Golf-Kartell ein zeit-weiliges Bündnis eingegangen, um die Zetas zu zerschlagen. Im Februar 2010 Senkte Osiel Cárdenas Guillén vor einemRichter in Houston sein Haupt. »Ich entschuldige mich beimeinem Land, Mexiko, bei den Vereinigten Staaten von Ame-rika, bei meiner Familie, besonders bei meiner Frau und mei-nen Kindern, für all die Fehler, die ich begangen habe. Ichglaube, in der Zeit, die ich im Gefängnis verbracht habe, hatteich Zeit, darüber nachzudenken, und ich habe mein schlimmesVerhalten eingesehen und bereue es aufrichtig. Ich entschul-dige mich auch bei allen Menschen, die ich direkt oder indi-rekt verletzt habe. Mehr habe ich nicht zu sagen, Euer Ehren.« 286
    • Cárdenas Guillén bekannte sich schuldig und wurde zufünfundzwanzig Jahren Haft verurteilt. Kurz darauf wurdesein Bruder, Antonio Ezequiel, alias »Tony Tormenta«, beieiner Schießerei in Matamoros getötet. Amado und Rodolfo Carrillo Fuentes sind tot. AmadosSohn, Vicente Carrillo Leyva, sitzt im Gefängnis. La Familia hat sich mit Chapo verbündet und arbeitet jetztfür ihn.389 El Mayos Bruder und sein Sohn sitzen ebenfalls hinter Git-tern. Letzterer ist an die USA ausgeliefert worden, wo ihn einVerfahren erwartet. Ende 2009 beging El Mayos Neffe inMexiko-Stadt Selbstmord. Er hatte seit seiner Verhaftung mitden Behörden kooperiert und wichtige Informationen über ElMayos Organisation und Aufenthaltsorte preisgegeben. Kurzdarauf wurde ein weiterer unter Zeugenschutz stehenderMann, der mit El Mayo in Verbindung stand und ebenfallsgesungen hatte, in einem Starbucks-Café in Mexiko-Stadtniedergeschossen. El Mayo war zu diesem Zeitpunkt als einziges Mitgliedseines engeren Familienkreises noch in Freiheit. »DieZambada-Dynastie ist ausgerottet«, jubelte die TageszeitungReforma.390 El Mayo würde dem wohl widersprechen. Und tatdas auch. Im Februar 2010 erklärte er, der Krieg gegen dieDrogen sei fehlgeschlagen. Dazu erging er sich in Detailsüber Chapos extravagante Hochzeit in den Bergen von Du-rango. Am 11. Dezember 2009 erhielten die Bundesbehörden einebesonders wertvolle Information. Marcos Arturo Beltrán Ley-va, alias El Barbas, würde in Ahuatepec, Morelos, eine Partybesuchen. Eine Einheit mexikanischer Marines stürmte dasFest, kam aber zu spät. El Barbas war bereits gegangen. Dafürverhafteten sie Dutzende anderer Gäste, darunter den MusikerRamón Ayala und dessen Band Los Bravos del Norte. Doch die DEA lieferte den Sondereinheiten weitere Infor-mationen, und so gelang es ihnen, El Barbas auf der Spur zu 287
    • bleiben. Fünf Tage später, am 16. Dezember, riegelten zwei-hundert Marines ein Villenviertel in Cuernavaca, Morelos, abund stürmten ein luxuriöses Apartmenthochhaus. Helikopterschwebten über dem Gebäude, während die Elitesoldaten dieBewohner schnell und diskret in das Fitnesscenter im Keller-geschoss brachten. Dann stießen sie zum anvisierten Apart-ment vor, und es gab eine Schießerei. Die Marines antworte-ten auf den Kugelhagel mit Handgranaten. Bei dem Feuerge-fecht starben fünf Narcos, einer sprang in den Tod. ImApartment stießen sie auf die Leiche von El Barbas. Chaposgrößter Rivale war tot.391 Nur wenige Stunden nach seinem Ableben wurden bereitsacht frisch komponierte Narco-Corridos ins Netz gestellt. InNogales, Sonora, einer Hochburg Chapos, feierten die Be-wohner in den Straßen und schossen in die Luft. »Eine verirr-te Kugel hat ein kleines Mädchen verletzt«, erzählte ein Zeu-ge, »aber ansonsten war es ein fröhliches Fest. Die reinstePosada (Feiertagsparty).«392 Posthum musste El Barbas noch die größte Narco-Demütigung hinnehmen. Man hatte ihm die Hosen halb her-untergezogen und seine Unterhosen bloßgelegt. Sein Körperwar mit Peso- und Dollarscheinen übersät. Natürlich bestrittenalle an der Aktion Beteiligten, sich an der Leiche vergangenzu haben. Man beauftragte die Spurensicherung damit, eineErmittlung einzuleiten. Unmittelbar danach wurden vier Familienangehörige einesan der Aktion beteiligten Marines ermordet.393 El Barbas in-des wurde in Culiacán in den Jardines del Humaya unterstrenger militärischer Überwachung beigesetzt. Wenige Tagespäter wurde ein abgeschlagener Kopf vor seinem Grab abge-legt.394 Weniger als zwei Wochen nach El Barbas’ Tod wurde des-sen Bruder Carlos verhaftet. Auch hier glaubte man, Chapohabe in einem Akt der Selbsterhaltung die notwendigen In-formationen geliefert.395 La Barbie, der Texaner, der einst 288
    • auch für Chapo gearbeitet hatte, ließ sich später widerstands-los verhaften, was zu Spekulationen führte, er habe sich frei-willig gestellt. So gewann Chapo nach und nach wieder die Oberhand. Erhatte schon immer erstaunliche Fähigkeiten bewiesen, wennes darum ging, nach einer Niederlage wieder Stärke zu zeigen.Er gab nie klein bei, sondern schlug stets mit noch größererEntschlossenheit zurück.396 Als Los Zetas, die Alliierten der verbleibenden Beltrán-Leyva-Brüder, in Durango, Chihuahua und Sinaloa Fuß zufassen versuchten, nahm das Blutvergießen eine noch erschre-ckendere Dimension an. In Parral, wo auch den RevolutionärPancho Villa sein Schicksal ereilt hatte, wurden in einerKühlbox drei Köpfe gefunden. Es handelte sich um Zetas, undChapos Leute übernahmen die Verantwortung. Doch die Zeta-Offensive hielt an. Sie drängten nach Culiacán, Mazatlán,Guasave und Tamazula vor. Ende 2010 gab es in Culiacán und Ciudad Juárez einMachtvakuum. In beiden Städten hingen überall Narco-Mantas, und auf den Straßen wurde verbreitet, Chapo könnesich nicht einmal mehr in Teilen seiner Hochburg Sinaloa freibewegen. Dennoch wirkte es, als würde er am Ende als Sieger her-vorgehen. Neben seiner Belastbarkeit und Widerstandskraftwar es vor allem seine Fähigkeit, Allianzen zu schmieden undkeine schlafenden Hunde zu wecken, die ihm während derganzen Jahre Stärke verliehen hatte. Es war ihm immer ge-lungen, am rechten Ort zur rechten Zeit das richtige Bündniszu knüpfen. Chapo – so hieß es – habe mit der Armee und der Regie-rung in Ciudad Juárez einen Deal gemacht, der ihm die Kon-trolle über die Grenzstadt sicherte, sobald die Behörden mitden Resten des Juárez-Kartells aufgeräumt hatten. Natürlichwurde ein solches Abkommen rundweg dementiert. So oderso, das Blutvergießen zwischen Chapo und den Banden von 289
    • Vicente Carrillo Fuentes ging weiter und veranlasste eine Zei-tung zu der Schlagzeile vom »nicht endenden Krieg«.397 Immerhin gab Chapo sich alle Mühe, ihn zu beenden. »Wirwerden Zeuge der Ausrottung des Juárez-Kartells«, glaubteAlfredo Quijano, Redakteur der Juárezer Tageszeitung Nortede Ciudad Juárez. »Das Juárez-Kartell sieht sich auf seineletzte Verteidigungslinie zurückgedrängt, denn Chapos Män-ner morden nach Belieben und knallen sie ab wie Schießbu-denfiguren. «398 Kurz darauf erklärten die US-Behörden, Chapo habe dieSchlacht um Ciudad Juárez gewonnen, und ein mexikanischerBundespolizist unterstützte diese »berechtigte Annahme«.»Wer die Stadt kontrolliert, kontrolliert den Drogenhandel«,erklärte er gegenüber Associated Press. »Und wie es scheint,ist das Chapo.« Das Sinaloa-Kartell galt nun als das mächtigs-te Drogenkartell der Welt.399 Und Chapo wurde immer gewalttätiger. Anfang 2009 hatte eine von ihm und El Mayo befehligteKiller-Gang eine Gruppe von Konkurrenten entführt und ih-nen sämtliche Gliedmaßen abgesägt. Die Überbleibsel sahenaus wie kaputte Schaufensterpuppen. Einige Monate später wurde der aus Culiacán stammendedreißigjährige Carlos Ricardo Romo Briceño in der sinalo-ensischen Stadt Los Mochis erschossen. Ein Killerkommandohatte ihn mit drei Fahrzeugen in die Enge getrieben und mitSturmgewehren mehr als zweihundert Schüsse auf ihn abge-geben, bis sein Körper völlig zerfetzt war. Aus einem Kleinflugzeug wurden die kopflosen Leichenzweier Männer über Sonora abgeworfen. Verblüffte Farmerentdeckten sie, kurz nachdem das Flugzeug in der Nähe ge-landet war. In Sinaloa wurde ein sechsunddreißigjähriger Mann totaufgefunden. Sein Gesicht war sorgfältig abgeschält worden.Man fand es später, aufgezogen auf einen Fußball, an dem 290
    • eine Nachricht klebte: »Frohes neues Jahr, denn es wird euerletztes sein.« Die Mordorgie wurde Chapo zugeschrieben, der in seinemÜbermut offenbar nicht nachließ.400 Dennoch ging ein DEA-Agent, der die Vorgänge von Was-hington aus verfolgte, davon aus, dass Chapos Tage gezähltseien. Alle anderen großen Capos des mexikanischen Dro-genhandels waren zu Fall gebracht worden, deshalb würde esauch Chapo so ergehen. Der Drogenbaron beginne sich fürunbesiegbar zu halten, sagte der DEA-Agent. Und dies würdeihn nicht stärker, sondern verletzbarer machen, da er nun an-fällig dafür sei, dumme Fehler zu begehen. »Binnen neunzigTagen liegt er entweder in Ketten oder im Sarg. Es ist nurnoch eine Frage der Zeit.«401 In Culiacán unterdessen zeigte General Sandoval ebenfallskeine Anzeichen aufzugeben. »In der Vergangenheit haben ausländische Interessen ver-sucht, uns unser Territorium streitig zu machen, heute ist esdas Verbrechen, das uns unseren Mut und unsere Jugend rau-ben will. Tag für Tag werden Narcos entführt und ermordet,genau wie die Opfer dieser grausamen Kriminalität. Für sie,die Verbrecher, gibt es nur zwei Wege – ins Gefängnis oder inden Tod.«402 Dabei gestand Sandoval freimütig ein, dass sieniemals auch nur nahe dran waren, Chapo zu fassen. »Wirwissen nicht, wo er sich aufhält.« Einer von Sandovals unmittelbaren Untergebenen, GeneralFederico Eduardo Solórzano Barragán, war deshalb frustriertund ebenso aufrichtig. Seine Männer hatten ganz Culiacángründlich nach Waffen und Drogen durchkämmt, und er warüberzeugt, dass Chapo sich nicht in der Hauptstadt aufhielt.»Wir sind von Haus zu Haus gegangen. Wenn er dort wäre,wüssten wir es.« Er glaubte nicht einmal, dass Chapo noch inSinaloa war. »Wenn alle Welt nach dir sucht, würdest du danndort bleiben, wo dich alle vermuten, oder irgendwo andershingehen? Es ist doch logisch. Du machst dich davon.« Der 291
    • Narco könne sich ebenso gut einer kosmetischen Operationunterzogen haben. »Vielleicht ist er ja auch wieder Bauer ge-worden. «403 Chapo befand sich jedoch sehr wohl in der Gegend undkontrollierte noch immer das Geschäft. An seine Leute hatteer eine Warnung herausgegeben. Niemand sollte sich inGruppen von mehr als sechs Personen durch die Sierra bewe-gen, da man sonst zu leicht von Helikoptern aufgespürt undverhaftet werden konnte. Selbst im Schutz der Dunkelheitsollten seine Leute sich bemühen, nicht aufzufallen. Die Heli-kopter hätten wärmesuchende Detektoren, warnte er. Chapo war über die neue Ausrüstung der Armee informiert.Zudem hieß es, er werde immer paranoider und verstecke sichabwechselnd in den Bergen von Sinaloa und Durango. Erwechsle häufiger als früher seine Verstecke und reise mit nureinem Leibwächter, um keinen Verdacht zu erregen und nichtentdeckt zu werden. Manchmal setze er sich sogar selbst hin-ters Steuer – niemand würde einen Mann, der aussieht wie einBauer und einen Pick-up steuert, verdächtigen, ein Drogenba-ron zu sein. Ende 2010 war es über zwei Jahre her, dass Chapo zumletzten Mal in der Öffentlichkeit gesehen wurde. Es gab Ge-rüchte – die allerdings von der DEA dementiert wurden –, erhabe Prostatakrebs.404 »Er kann sich nicht zu lange an einem Ort aufhalten. Erkann vielleicht den Vormittag irgendwo verbringen, aber amNachmittag muss er schon weiterziehen, weil es sich sonstherumspricht«, meinte ein mexikanischer Soldat in Culiacán.»Das ist ihm vom Leben geblieben. Er versucht, nicht getötetzu werden.«405 Mit Ausnahme von El Mayo konnte Chapo jetzt nieman-dem mehr trauen. So sind in Sinaloa noch drei echte Capos auf der Flucht: ElChapo, El Mayo und El Azul, der diskrete Berater, der sichimmer im Hintergrund gehalten hatte. Es laufen die Wetten, 292
    • wen es von diesen dreien zuerst erwischt und wer als Letzterübrig bleibt. In Badiraguato beharren die Einheimischen darauf, dassChapo, der wahre Boss der Bosse, niemals gefasst werdenwird.406 Und auch in Mexiko-Stadt gab der DEA-Mann schließlichzu, dass es vielleicht tatsächlich unmöglich sei, Chapo zurStrecke zu bringen. »Ich bezweifle, dass er je erwischt wird.«407 PostskriptumZum ersten Mal wurde mein Interesse für den Drogenkrieg imJahr 2004 geweckt, als ich in Tijuana Hank Rhon interviewte.Doch damals war dieser Krieg noch eine rein mexikanischeGeschichte – nichts im Vergleich zu der internationalen Top-Story, zu der er sich entwickeln sollte, als Calderón sein Amtantrat. Inzwischen beherrscht der mexikanische Drogenkon-flikt regelmäßig die Schlagzeilen der internationalen Presse. Die gesteigerte internationale Aufmerksamkeit gestattet eseinerseits heute mehr Mexikanern, offener über den Drogen-handel zu sprechen als in der Vergangenheit. Andererseitslockt sie aber auch viele Gestalten ans Tageslicht, die neugie-rigen Journalisten alles Mögliche über den Drogenkrieg er-zählen. Manchen kann man glauben, manchen, den meisten,definitiv nicht. Ich habe mich schlicht bemüht, als Journalist so gut zu ar-beiten, wie es mir möglich war, mir einen Weg durch die ver-trauenswürdigen Quellen zu bahnen und meine Version vonden gegenwärtigen Ereignissen in Mexiko zu erzählen. Doch selbst der Umgang mit Pressematerial und offiziellenErklärungen barg so seine Tücken. Oftmals widersprechensich selbst die führenden mexikanischen TageszeitungenReforma , El Universal, Milenio und La Jornada schon beiden simpelsten Fakten, weil jede ihre eigene politische Agen- 293
    • da verfolgt und ihre eigenen Quellen benutzt. Im Buch habeich versucht, mich bei historischen Fakten auf El Universalund Reforma zu verlassen und sie miteinander abzugleichen.La Jornada und Milenio kamen zur Verwendung, wenn sieexklusiv über eine Geschichte berichteten. Zudem habe ichauf zahllose Artikel aus regionalen Tageszeitungen zurückge-griffen. Da ich von deren Exaktheit nicht völlig überzeugt binund nicht bei allen Meldungen in der Lage war, sie eingehendzu überprüfen, habe ich sie nur benutzt, wenn sie eine signifi-kante Wahrheitswahrscheinlichkeit aufwiesen. So habe ichbeispielsweise zahllose »Chapo-Sichtungen«, über die in die-sen Blättern berichtet wurde, ohne mindestens einen Zeugenzu benennen, verworfen. Die meisten davon schienen voll-ständig aus der Luft gegriffen. Auch die Erklärungen von PGR, Federales und Militär wi-dersprechen sich häufig. Inzwischen verstehe ich GeneralSandovals Frust über den Austausch von Informationen. Ich habe eine Reihe von Büchern verwendet, insbesonderedie von Ricardo Ravelo, der mexikanischen Autorität in Ver-brechensfragen. In den meisten Fällen dienten sie mir als Hin-tergrundmaterial. Als Quelle zur Schilderung spezifischerEreignisse habe ich sie nicht benutzt, da ich die geradlinigeFaktenschilderung der Zeitungen vorziehe. Dennoch kann ichdiese Bücher all jenen, die sich für das organisierte Verbre-chen in Mexiko interessieren, nur wärmstens empfehlen. Wenn ausländische Journalisten versuchen, an echte Narcosoder auch nur an offizielle Stellen heranzukommen, stoßen sieoftmals auf eine Mauer des Schweigens. Selbst die PGR, dasMilitär oder die Federales, die in der Vergangenheit meineAnfragen wohlwollend behandelt hatten, wollten meine Fra-gen bezüglich Chapo nicht beantworten. Vielleicht war es zuihrer eigenen Sicherheit. Ein ehemaliger PGR-Beamter, derbereit war, mit mir zu sprechen, war so paranoid, dass wir unswährend des Interviews hinter einem Pfeiler in einem Caféversteckten. Seine Ängste waren nachvollziehbar. Nur wenige 294
    • Monate zuvor war eine Person aus dem Zeugenschutzpro-gramm am helllichten Tag in einem Starbucks-Café in Mexi-ko-Stadt erschossen worden. Was die Berichterstattung aus Badiraguato angeht, so wa-ren die Leute dort immer zurückhaltend, wenn es darum ging,sich zu Chapo zu äußern. Und die, die bereitwillig Auskunftgaben, waren mit äußerster Vorsicht zu genießen. Die großenmexikanischen Bosse reden praktisch nie mit jemandem.Deshalb gibt es kaum Möglichkeiten, die Aussagen eines we-niger prominenten Narcos zu überprüfen. Allenfalls kann mansie nach Einzelheiten eines Verbrechens fragen, das sie be-haupten begangen zu haben, und dies dann bei den Behördenoder den Lokalzeitungen überprüfen. Aber letztlich ist espraktisch unmöglich zu beweisen, ob ihre Behauptungen derWahrheit entsprechen. El Padrinos Sohn, Josué Félix, standder Idee, seinen Vater im Gefängnis zu interviewen, aufge-schlossen gegenüber, aber die Behörden ließen meine formel-le Anfrage unbeantwortet. Als Folge davon stammen diemeisten Informationen über El Padrino (seine Zitate bei-spielsweise) aus Aufzeichnungen, die er auf der Website sei-nes Sohnes veröffentlicht hat. Während der gesamten Recherche für dieses Buch und fürdie Reportagen, die ich für diverse Publikationen über denDrogenkrieg schrieb, habe ich immer mein Leben und das derLeute, die ich interviewte, höher eingestuft als den Scoop, denich damit vielleicht erzielen konnte. Guter Journalismus er-fordert Risiken, aber diese Risiken müssen kalkulierbar blei-ben. Ein befreundeter Journalist, der über El Kaida und den glo-balen Terrorismus berichtet, betrachtet die mexikanischenNarcos als die gefährlichste und furchterregendste Verbre-cherelite der Welt. Nach dem, was ich in den vergangenendrei Jahren gesehen und gelesen habe, würde ich ihm zustim-men. Mexikanische Soldaten tragen nicht vierundzwanzigStunden am Tag Masken, weil sie damit hart wirken, sondern 295
    • weil sie wissen, dass sie schon morgen in der Opferstatistikauftauchen können, wenn sie von den Narcos erkannt werden. Je länger man über das organisierte Verbrechen berichtet,desto unsicherer fühlt man sich. Obwohl, während eines Auf-enthalts in Badiraguato bemerkte ich plötzlich, dass ich totalentspannt war, und schlief wie ein Baby. Aber nur, weil ichwusste, dass Chapos Männer in der Stadt waren – da sie michbisher noch nicht umgebracht hatten, würden sie es wohl auchkünftig nicht tun. Grundsätzlich aber gilt: Wenn man inSinaloa mit jemandem über das organisierte Verbrechenspricht, erhöht sich der Blutdruck. Sobald sie über ihre Erfah-rungen, ihr Wissen oder auch nur über Gerüchte sprechen,beginnen die Menschen zu flüstern, zu zittern und zu weinen. Manche wagen nicht einmal, Chapos Namen auszuspre-chen, sondern benutzen einen der vielen Spitznamen, die sieihm gegeben haben. Einige sind voller Respekt, andere weni-ger. Viele Leute, darunter auch Beamte, wenden sich schlichtab, wenn man sie auf Chapo anspricht. Die Menschen in Me-xiko, die unter der Geißel des organisierten Verbrechens le-ben, genießen keine Meinungsfreiheit. Ich habe beim Schrei-ben dieses Buches an sie gedacht, Namen verändert und darü-ber hinaus auch andere journalistische Regeln für den Um-gang mit anonymen Quellen missachtet, wenn es mir ange-messen erschien, weil ich Verständnis für die Ängste dieserMenschen habe. Zudem musste ich Vorsichtsmaßnahmen ergreifen und zumeinem und ihrem Schutz oftmals meine wahren Absichtenverschweigen. Es gibt Regionen in Mexiko, wo es durchausgefährlich sein kann, mit einem offiziellen Beamten zu spre-chen, zumal es kaum Gewissheit gibt, ob eine Quelle nichtmit den Narcos in Verbindung steht. Wie bereits geschrieben,wissen alle Bescheid, wenn man in Sinaloa über das organi-sierte Verbrechen berichtet, und nehmen an, dass man imAuftrag der DEA oder CIA arbeitet. Man weiß in den seltens-ten Fällen, auf wessen Seite jemand steht. Manchmal ist es 296
    • schlicht sicherer, einfach so zu tun, als erforsche man deneinen oder anderen Aspekt der sinaloensischen Kultur. Wennein Einheimischer dann von sich aus über den Drogenhandelspricht – umso besser. Ich bin kein Kiki Camarena, der in den Achtzigern so mutigdie Narcos infiltrierte, und deshalb ist dieses Buch auch nichtper se als eine Ermittlung oder eine Forschungsarbeit gedacht.Ich habe keine Lust darauf, dass meine kopflose Leiche ir-gendwo im Nordwesten Mexikos in den Straßengraben ge-worfen wird. Jede Nacht, die ich als Reporter in Sinaloa verbrachte,musste ich daran denken, dass es meine letzte sein könnte.Einmal verdrückte ich mich zum Schlafen in die Badewanne,weil eine Gruppe junger, bewaffneter Burschen in meinemMotel aufgetaucht war und das Zimmer neben mir bezogenhatte. Vielleicht war ich überängstlich, aber ich wollte nichtdas unschuldige Opfer einer dieser Schießereien werden, dietäglich in Mexiko vorkommen, es aber kaum jemals in dieAbendnachrichten schaffen. Es gibt Reporter, die weitaus mutiger sind als ich. Einigevon ihnen haben versucht, ins Herz der Finsternis des organi-sierten Verbrechens vorzudringen. Am 2. April 2005 wollte Alfredo Jiménez Mota sich mit ei-nem Informanten treffen, der »äußerst nervös« geklungenhatte. Seine Kollegen bei der Tageszeitung El Imparcial, diein der sonorensischen Stadt Hermosillo erscheint, waren nichtübermäßigt besorgt, zumal Jiménez Mota in dem Ruf stand,immer wieder gute Geschichten über das Verbrechen auszu-graben, und sich mit obskuren Gestalten einließ, die andereJournalisten nicht mit der Kneifzange anfassen würden. Jimé-nez Mota, ein aufrichtiger, hart arbeitender junger Reporter,hatte einen ausgeprägten Sinn für Gerechtigkeit. Seit er zu ElImparcial gestoßen war, hatte er über das organisierte Verbre-chen und den Drogenhandel geschrieben. Er hatte überChapos Operationen im nahe gelegenen Nogales berichtet und 297
    • die Polizeikorruption in Hermosillo unter die Lupe genom-men. An diesem Abend warteten seine Kollegen vergeblich da-rauf, dass er sich nach dem Gespräch mit dem Informantenauf einen Drink zu ihnen gesellte. Niemand hat je wieder et-was von ihm gehört oder gesehen. Alejandro Fonseca, ein dreiunddreißigjähriger Radiomode-rator aus Villahermosa im Südosten des Landes, war nur einganz gewöhnlicher Mexikaner, der die tägliche Gewalt satt-hatte. Er wollte etwas ändern und der Gerechtigkeit zumDurchbruch verhelfen. Im September 2008 erreichte sein Är-ger über die Drogengewalt, die seine Stadt zerstörte, eine neueDimension. Eines Dienstagabends waren er und sein Kollege AngelMorales gerade dabei, in den Straßen Plakate aufzuhängen,um ihre Sache publik zu machen. »Entführungen – Nein« und »Entführungen funktionierennur, solange die Bürger es zulassen« stand darauf zu lesen. Plötzlich fuhr ein Wagen mit bewaffneten Männern vor, diesie aufforderten, damit aufzuhören. Fonseca weigerte sich.Die Männer schossen. Fonseca erlag am nächsten Morgen imKrankenhaus seinen Verletzungen. Am 13. November 2008 verließ der achtundvierzigjährigeArmando Rodríguez sein Haus in Ciudad Juárez, um seineachtjährige Tochter zur Schule zu fahren. Plötzlich sprang einnicht identifizierter Killer aus dem Gebüsch und erschoss ihnaus nächster Nähe. Rodríguez hatte über die Verbrechen inder gewaltgeplagten Stadt berichtet und bereits einen Anrufmit der Aufforderung erhalten, »es runterzufahren«. Trotz derDrohungen hatte er darauf bestanden, seine Arbeit ohne Bo-dyguards fortzuführen; noch am Tag vor seinem Tod hatte erüber die Ermordung zweier Polizisten berichtet. Im Juli 2009 wurde in Acapulco die nur notdürftig ver-scharrte Leiche von Juan Daniel Martínez entdeckt. Man hatte 298
    • ihn geknebelt und geschlagen. Er hatte für den RadiosenderW über das Verbrechen berichtet. In Reynosa, Tamaulipas, sagt der für Verbrechen zuständi-ge Lokalreporter, sei die Situation wieder auf dem Niveau von2005. Seit Chapos Rückzug gebe es ein neues Arrangement,einen sogenannten Burgfrieden, doch nichts habe sich da-durch zum Besseren gewendet. Die örtliche Polizei, »vermut-lich die korrupteste und gefährlichste von allen«, habe wiederjede Menge Macht. Darüber klagt auch das Militär. Ein Major, der in dertamaulipeñischen Grenzstadt Miguel Alemán Razzien befeh-ligt, behauptet, die Polizei missbrauche ihr Informationsprivi-leg, um den Narcos Tipps über die Pläne der Armee zu geben.»Wir werden in jedem Augenblick von der Polizei verfolgt«,erklärte er gegenüber Associated Press. »Die haben überallihre Leute, die jeden unserer Schritte weitergeben. Das machtes schwierig, die Narcos zu überraschen.« In Matamoros bat ich einmal darum, eine Polizeistreife aufPatrouille begleiten zu dürfen. Mein Gesuch wurde vom Poli-zeichef telefonisch akzeptiert. Doch etwa eine halbe Stundedarauf tauchten am verabredeten Treffpunkt zwei Pick-up-Patrouillenfahrzeuge auf, auf der Ladefläche standen drei Po-lizisten, die kurz ihre halbautomatischen Gewehre auf michrichteten, ehe die Wagen mit quietschenden Reifen in derNacht verschwanden. Ob das als Drohung gemeint war odernicht, vermag ich nicht zu sagen, ich fasste es jedenfalls alseine solche auf. Zeitungen in ganz Mexiko beklagen, dass sie vonseiten desorganisierten Verbrechens unter Druck gesetzt würden, nurüber das zu berichten, was den Narcos gelegen komme, undbestimmte Geschehnisse zu ignorieren. Insbesondere denZetas wird nachgesagt, dass sie in der Medienbranche erhebli-chen Einfluss ausüben. »Wenn man die Narco-Botschaft einerGruppe nicht veröffentlicht, wird man von ihnen dafür be-straft. Veröffentlicht man sie, bestrafen einen die Konkurren- 299
    • ten, denen sie nicht passt«, erklärte ein Redakteur in Durangogegenüber der Los Angeles Times. »Oder die Regierung be-straft einen, weil man irgendetwas veröffentlicht hat. Manweiß nie, woher die nächste Drohung kommt.« Alberto Velazquez, Reporter bei Expresiones de Tulum imSüdosten Mexikos, wurde beim Verlassen einer Party voneinem Mann auf einem Motorrad niedergeschossen. In seinenArtikeln hatte er die örtlichen Behörden kritisiert. Bereits vorseiner Ermordung war die Zeitung wegen seiner Artikel be-droht worden. Velazquez war der zwölfte Journalist, der 2009in Mexiko getötet wurde. In Sinaloa recherchieren viele Journalisten schon langenicht mehr nach. Ebenso wenig wie in Tamaulipas oder Ciu-dad Juárez. Das hat seine Gründe. Seit 2000 Sind in Mexikomindestens fünfundvierzig Journalisten ermordet worden, diemeisten, weil sie sich etwas zu weit auf Narco-Territoriumvorgewagt hatten. Diese Beschneidung der journalistischenBerichterstattung ist eine ernste Gefahr für die mexikanischeDemokratie. Ismael Bojórquez und Javier Valdez berichten seit einigenJahren über die Narcos in Sinaloa. Als sie ihre Wochenzeit-schrift Rio Doce gründeten, ging es ihnen zunächst gar nichtum das organisierte Verbrechen. Doch sie merkten schnell,wie sehr ihre Leser darauf ansprachen. Doch die Berichterstat-tung ist ein hartes Stück Arbeit. »Man weiß, dass ein unmit-telbares Risiko besteht, wenn man über bestimmte Dingeschreibt«, sagt der dreiundfünfzigjährige ChefredakteurBojórquez, der mit seinen Kollegen in einem kleinen Gebäudein Culiacán untergebracht ist. Der Eingang im ersten Stock istelektronisch gesichert, Bojórquez arbeitet in einem fensterlo-sen Büro im hinteren Teil der Redaktion. Am 7. September 2009 erhielt Rio Doce die erste Drohung.Eines Nachts detonierte außerhalb der Büroräume ein Spreng-satz. Es gab keine Verletzten und keine Hinweise auf die Ur-heber. Allerdings hatten Bojórquez und Valdez einen Ver- 300
    • dacht. Da sie in letzter Zeit wenig über die lokalen Narcosberichtet hatten, sondern sich zunehmend auf Eindringlingevon außen konzentrierten, vermuteten sie Letztere hinter demAnschlag. Die beiden sind bei dem, was sie veröffentlichen, immerextrem vorsichtig. In den seltensten Fällen erwähnen sie dieNamen mutmaßlicher Narcos und niemals irgendwelche De-tails, aus denen die Behörden Schlussfolgerungen über Auf-enthaltsorte ziehen könnten. Dennoch fragt Bojórquez sichbeim Erscheinen jeder Ausgabe, ob er damit nicht einemNarco auf die Zehen getreten ist. »Wenn man am Computer sitzt und schreibt, denkt man anden Leser – wie er auf unsere Story reagieren wird. Dochdann ergreift der Geist des Narcos von einem Besitz. Denn erist es, der die Geschichte liest.« Quellen InterviewquellenDer ehemalige DEA Special Agent Michael Vigil, der ehema-lige DEA Special Agent Errol Chavez, der ehemalige DEA-Operationschef Michael Braun, der ehemalige DEA-Verwaltungschef Asa Hutchinson, ein anonymer US-Beamterin Mexiko, der ehemalige PGR-Berater Ariel Moutsatos, derehemalige Staatsanwalt Samuel González Ruiz, ein anonymerPGR-Beamter, ein anonymer mexikanischer Bundespolizist,General Noé Sandoval Alcázar, der Major der Luftwaffe Va-lentín Díaz Reyes, General Roberto de la Vega Díaz, MajorHugo de la Rosa, Josué Félix, die MenschenrechtsaktivistinMercedes Murillo, der Bürgermeister von Badiraguato MartínMeza Ortiz, nicht namentlich genannte Beamte inBadiraguato, der Parlamentsabgeordnete Aarón Irízar López, 301
    • Manuel Clouthier Carrillo, Luis Astorga, Martín Amaral, LuisRicardo Ruiz, der UNODC-Regionalvertreter AntonioMazzitelli, Edgardo Buscaglia, Gustavo de la Rosa Hickerson,Jorge Hank Rhon, die Parlamentsabgeordnete Martha TagleMartínez, die Parlamentsabgeordnete Yudit del Rincón, JaimeCano Gallardo, Pedro Cárdenas Palazuelos, Francisco More-los Borja, Jaime Alberto Torres Valadez, Jorge Ramos, CarlosMurillo González, der Sprecher des ehemaligen PräsidentenVicente Fox, Rubén Aguilar, die Polizeichefin von SinaloaJosefina de Jesús García Ruíz, Jorge Chabat, Víctor ClarkAlfaro, Jesús Blancornelas, jeweils etwa ein Dutzend anony-me Polizisten und Soldaten aus allen Teilen Mexikos, etwazwei Dutzend anonyme Quellen von einfachen Bürgern inSinaloa bis hin zu vorgeblichen Mitarbeitern Chapos und we-niger prominenter Narcos, etwa ein Dutzend Lokalreporteraus allen Teilen Mexikos. BuchquellenBlancornelas, Jesús: El Cártel, Debolsillo, 2004.Bowden, Mark: Killing Pablo: Die Jagd auf Pablo Escobar,Kolumbiens Drogenbaron, Berlin Verlag, 2003.Grayson, George W.: Mexico: Narco-violence and a failedstate?, Transaction, 2009.Oppenheimer, Andres: Bordering on Chaos, Little, Brownand Company, 1996.Osorno, Diego Enrique: El Cártel de Sinaloa, Random HouseMondadori, 2009.Ravelo, Ricardo: Los Capos, Random House Mondadori,2005. Scherer, Julio: Maxima Seguridad, Random HouseMondadori, 2002. 302
    • Anmerkungen1Ciro Gómez Leyva: »Sie brachten uns ins Gefängnis, umChapo zu besuchen«, Milenio, 22.01.2008; Interview des Au-tors mit den teilnehmenden Journalisten. Prolog2Interview in Badiraguato.3Interview in Badiraguato.4Drug Enforcement Agency (DEA).5Interview mit Michael Braun (DEA).6Erklärungen von DEA, US-Außenministerium und PGR.7Quelle: Zahlreiche Zeitungsartikel, vor allem aus Reformaund El Universal.8Interviews mit DEA-Agenten und Stellungnahmen der PGR.9DEA-Quellen und Interviews mit Beamten in Badiraguato.10Michael Noer und Nicole Perlroth: »The world’s most power-ful people«, Forbes, 11.11.2009.11US-Justizministerium: »Situation Report: Cities in whichMexican DTOs Operate Within the United States«, 11. 04.2008.12Interviews mit Michael Braun (DEA) sowie Recherchen vonEdgardo Buscaglia (Instituto Tecnológico Autónomo deMéxico ITAM). 303
    • 13DEA, PGR-Interviews, Erklärungen und Stellungnahmen.14Interviews mit Beamten in Badiraguato.15Interviews mit Ortsansässigen aus Badiraguato.16Interviews mit Beamten und Ortsansässigen aus Badiraguato.17Interviews mit Volksvertretern, Beamten und Ortsansässigenaus Badiraguato.18Richard Boudreaux: »Mexico’s master of elusion«, Los An-geles Times, 05. 07. 2005.19Interview mit Meza Ortiz, ein Radiointerview mit ihm, dasvon Claudia Beltrán geführt wurde, sowie TageszeitungNoroeste vom 08. 12. 2009.20Stadtverwaltung von Badiraguato.21Interviews mit Ortsansässigen von Badiraguato, Interview mitLuis Astorga.222008 und 2009 in Badiraguato geführte Interviews. Kapitel 1Artikel, die für die Rekonstruktion des Gefängnisausbruchssowie der dortigen Bedingungen benutzt wurden:Francisco Gómez: »›El Chapo‹ schuf ein Netzwerk kompro-mittierter Leute«, El Universal, 19. 04. 2001. 304
    • Victor Ballinas, Andrea Becerril, Juan Antonio Zúñiga: »DieCNDH machte Gertz auf Puente Grande aufmerksam«, LaJornada, 31. 01. 2001.Jorge Alejandro Medellín: »Die Suche nach ›Chapo‹ wirdintensiviert«, El Universal, 24. 01. 2001.Bertha Fernández: »CNDH warnt vor weiteren Fluchtversu-chen aus Puente Grande«, El Universal, 24. 01. 2001.Sergio Javier Jiménez: »CNDH: ›Chapo‹ genoss Privilegien«,El Universal , 23. 01. 2001.Redaktioneller Beitrag: »Fahndung nach Narco wirft Fragenauf«, El Universal, 23. 01. 2001.Sergio Javier Jiménez, Alejandro Torres, Jorge AlejandroMedellín, Jana Beris: »Sie waren über alle Anomalien infor-miert«, El Universal, 23. 01. 2001.Jorge Alejandro Medellín: »›El Chapo‹ zahlte 2,5 MillionenDollar für seine Flucht«, El Universal, 22. 01. 2001.Hernán Guízar: »Anklage gegen ›El Chapo‹ Guzmán verwor-fen«, El Universal , 13. 10. 2000.Jorge Alejandro Medellín: »Macedo behauptet: ›Sie suchennach‚ Chapo‘ in Guatemala‹«, El Universal, 15. 02. 2001.Redaktioneller Beitrag: »Razzien aufgrund der Suche nach›Chapo‹«, El Universal, 24. 01. 2001.Jorge Alejandro Medellín: »Gerichtliche Anordnung gegen›Chapo‹ erlassen, sie erwarten den Befehl, ihn zu fassen«, ElUniversal, 31. 01. 2001.Fabiola Guarneros, Alejandro Torres: »CNDH: Gertz wusstevon bevorstehender Flucht«, El Universal, 31. 01. 2001.Jorge Teherán, Jorge Herrera, Dora Elena Cortés: »Gertz ge-nötigt, die Maske fallen zu lassen«, El Universal, 01. 02.2001.Jorge Alejandro Medellín: »Haftbefehl gegen 73 Fluchthelfervon ›Chapo‹«, El Universal, 23. 02. 2001.Miguel Badillo, Dora Elena Cortés: »DEA hat zwanzig An-klagepunkte gegen Guzmán«, El Universal, 25. 01. 2001. 305
    • Ivabelle Arroyo, Antonio Navarrete: »CNDH dementiert In-tervention im Puerta-Grande-Gefängnis«, Reforma, 22. 01.2001.Antonio Navarrete, Denis Rodríguez: »›El Chapo‹ gelingtfilmreife Flucht«, Reforma, 21. 01. 2001.Laura Camachov: »Sonderkommission gegen organisierteKriminalität bestätigt«, Reforma, 21. 01. 2001.Cecilia González: »›El Chapo‹ spazierte aus dem Gefängnis,als wäre es sein Haus«, Reforma, 23. 01. 2001.Alicia Calderón, Francisco Junco: »Ermittlungsprobleme«,Reforma, 23. 01. 2001.Antonio Navarette, Denis Rodríguez: »Tello: Interne Pflicht-verletzung bei der Flucht von ›El Chapo‹ vermutet«, Reforma,21. 01. 2001.Jessica Pérez: »Sie versichern, ›El Chapo‹ habe eine MengeInformationen gehabt«, Reforma, 23. 01. 2001.Isaac Guzmán, Andrés Zúñiga: »Gutiérrez Rebollo: ›Chapowird versuchen, seine Macht zurückzuerobern‹«, Reforma, 29.01. 2001.Denis Rodríguez: »Jugendliche führen die PFP an der Naseherum, geben Hinweise auf ›El Chapo‹«, Reforma, 24. 01.2001.Redaktioneller Beitrag: »Behörden gestehen Inkompetenz beider Bekämpfung des organisierten Verbrechens ein«,Reforma, 22. 01. 2001.Redaktioneller Beitrag: »›Chapos‹ Flucht: Von Puente Grandeins Forbes Magazine«, Reporte Indigo, 21. 03. 2009.Ricardo Ravelo: »›El Chapo‹ – Die perfekte Flucht«, Proceso,Januar 2006.Diego Enrique Osorno: El Cártel de Sinaloa. Random HouseMondadori 2009.23Mark Bowden: Killing Pablo – The Hunt for the World’sGreatest Outlaw, Penguin Books 2001, S. 51.24Ortsansässige und Journalisten aus Sinaloa. 306
    • 25Francisco Gómez: »›El Chapo‹ schuf ein Netzwerk kompro-mittierter Leute«, El Universal, 19. 04. 2001.26PGR-Erklärung vom 01. 02. 2001.27Francisco Gómez: »›El Chapo‹ schuf ein Netzwerk kompro-mittierter Leute«, El Universal, 19. 04. 2001.28Julio Scherer: Máxima Seguridad. Random House Mondadori2002, S. 152 f., 160 ff.29Protokoll der 146. Sitzung des Rates der Nationalen Men-schenrechtskommission, CNDH.30Francisco Gómez: »›El Chapo‹ schuf ein Netzwerk kompro-mittierter Leute«, El Universal, 19. 04. 2001.31Francisco Gómez: »›El Chapo‹ schuf ein Netzwerk kompro-mittierter Leute«, El Universal, 19. 04. 2001.32Interview mit Carlos Vega von der PGR in der Sendung»America’s Most Wanted«.33Julio Scherer: Máxima Seguridad. Random House Mondadori2002, S. 9 – 36.34Carolina García: »Der Narco mit weiblichem Gesicht«, ElUniversal , 31. 01. 2009.35David Luhnow, José de Cordoba: »The drug lord who gotaway«, Wall Street Journal, 13.06.2009; Dokumentationender Menschenrechtskommission von Jalisco.36Aussage des DEA-Beamten Thomas Constantine vor demSenatsausschuss für Banken, Wohnungs- und Städtebau vom28. 03. 1996.37 307
    • Aussage des DEA-Beamten Thomas Constantine bei der Se-natsanhörung über die Internationale Betäubungsmittelkon-trolle am 14. 05. 1997.38Aussage des DEA-Beamten Thomas Constantine vor demAusschuss des Repräsentantenhauses für Regierungsreformund Rechnungslegung vom 19. 03. 1998.39Ricardo Ravelo: »Der Ganon«, Proceso, Februar 2007.(Ganon ist der »Endgegner«, der ultimative Bösewicht imNintendo-Spiel »The Legend of Zelda«; Anm. d. Übers.)40Julio Scherer: Máxima Seguridad. Random House Mondadori2002, S. 9 – 36.41Aussage aus dem Zeugenschutzprogramm, die von El Univer-sal, Reforma und Proceso zitiert wurde.42Julio Scherer: Máxima Seguridad. Random House Mondadori2002, S. 9 – 36.43Interviews des Autors mit mexikanischen Journalisten, dieüber das organisierte Verbrechen berichten.44Julio Scherer: Máxima Seguridad. Random House Mondadori2002, S. 9 – 36.45Interviews mit González Ruiz und Stellungnahmen der US-Botschaft in Mexiko-Stadt.46Interviews mit ehemaligen PGR-Beamten und lokalen Journa-listen; Francisco Gómez: »›El Chapo‹ schuf ein Netzwerkkompromittierter Leute«, El Universal, 19. 04. 2001; VictorBallinas, Andrea Becerril, Juan Antonio Zúñiga: »Die CNDHmachte Gertz auf Puente Grande aufmerksam«, La Jornada,31. 01. 2001.47 308
    • PGR-Quelle.48PGR-Erklärung vom 12. 10. 2000.49Francisco Gómez: »›El Chapo‹ schuf ein Netzwerk kompro-mittierter Leute«, El Universal, 19. 04. 2001.50Interviews mit ehemaligen PGR-Beamten und lokalen Journa-listen; Francisco Gómez: »›El Chapo‹ schuf ein Netzwerkkompromittierter Leute«, El Universal, 19.04.2001; VictorBallinas, Andrea Becerril, Juan Antonio Zúñiga: »Die CNDHmachte Gertz auf Puente Grande aufmerksam«, La Jornada,31. 01. 2001.51El As de la Sierra: »La Fuga del Chapo«. Album: CorrieronLos Gallos Finos, 2001. (Der Song ist ein sogenannter Narco-Corrido, in dem die Taten und Untaten der Drogengangsterbesungen und z. T. verherrlicht werden. Text nachhttp://www.planetadeletras.com/index.php?m=s&lid=173472. Man beachte auch die eigenwillige Rechtschreibung; Anm.d. Übers.) Hörprobe:http://www.youtube.com/watch?v=zxw4au2Kid0&feature=related.52Joaquín López-Dóriga Velandia, bekannter spanisch-mexikanischer Journalist, war 2001 Redakteur der mexikani-schen Zeitung El Heraldo de México. Kapitel 2Artikel, die für die Rekonstruktion des Gefängnisausbruchssowie der Fahndung benutzt wurden: 309
    • Redaktioneller Beitrag: »Fahndung nach Narco wirft Fragenauf«, El Universal, 23. 01. 2001.Pablo César Carillo: »500 Polizisten fahnden nach ›El Chapo‹Guzmán«, El Universal, 31. 01. 2001.Jorge Alejandro Medellín: »Die Suche nach ›Chapo‹ wirdintensiviert«, El Universal, 24. 01. 2001.Bertha Fernández: »CNDH warnt vor weiteren Fluchtversu-chen aus Puente Grande«, El Universal, 24. 01. 2001.Redaktioneller Beitrag: »Sie suchen nach ›Chapo‹ in Guate-mala«, El Universal, 18. 02. 2001.Jorge Alejandro Medellín: »Macedo sagt: ›Chapo könnte nochim Land sein‹«, El Universal, 15. 02. 2001.Redaktioneller Beitrag: »Razzien aufgrund der Suche nach›Chapo‹«, El Universal, 24. 01. 2001.Jorge Alejandro Medellín: »Haftbefehle gegen 73 Fluchthel-fer von ›Chapo‹«, El Universal, 23. 02. 2001.Denis Rodríguez: »Jugendliche führen die PFP an der Naseherum, geben Hinweise auf ›El Chapo‹«, Reforma, 24. 01.2001.Cecilia González: »›El Chapo‹ spazierte aus dem Gefängnis,als wäre es sein Haus«, Reforma, 23. 01. 2001.53Pablo Cesar Carillo: »500 Polizisten fahnden nach ›El Chapo‹Guzmán«, El Universal, 31. 01. 2001.54Ivabelle Arroyo, Antonio Navarrete: »CNDH dementiert In-tervention im Puente-Grande-Gefängnis«, Reforma,22.01.2001; Bertha Fernández: »CNDH warnt vor weiterenFluchtversuchen aus Puente Grande«, El Universal,24.01.2001; Cecilia González: »›El Chapo‹ spazierte aus demGefängnis, als wäre es sein Haus«, Reforma, 23. 01. 2001.55Ungefähr ein Dutzend Artikel über die Flucht und deren Fol-gen aus El Universal, Reforma und La Jornada.56 310
    • Alicia Calderón, Francisco Junco: »Ermittlungsprobleme«,Reforma, 23. 01. 2001.57Denis Rodríguez: »Jugendliche führen die PFP an der Naseherum, geben Hinweise auf ›El Chapo‹«, Reforma, 24. 01.2001.58Redaktioneller Beitrag: »Behörden gestehen Inkompetenz beider Bekämpfung des organisierten Verbrechens ein«,Reforma, 22. 01. 2001.59PGR.60PGR-Jahresbericht 2001.61Ricardo Ravelo: Los Capos. Random House Mondadori 2005.62Jorge Alejandro Medellín: »PGR zieht Netz um Chapo enger– Bruder und zwei Leibwächter festgenommen«, El Univer-sal, 08.09.2001; PGR-Jahresbericht 2001.63Transkript der PGR-Pressekonferenz vom 20. 10. 2001.64Francisco Gómez: »Chapos andere Fluchten«, El Universal,20.05.2008; Teresa Montaño Delgado: »Er versteckte sich inZinacantepec«, El Universal , 11.09.2001; Teresa MontañoDelgado: »›El Chapo‹ nutzt Fehler zur Flucht«, El Universal,08.10.2001; Francisco Gómez: »›El Chapo‹ kann sich im gan-zen Land frei bewegen«, El Universal, 09. 10. 2004.65Interviews mit Beamten und Journalisten in ganz Mexiko;Ricardo Alemán: »Tello Peón, der Illegale«, El Universal,30.03.2009; Isaac Guzmán, Andrés Zúñiga: »GutiérrezRebollo: ›Chapo wird versuchen, seine Macht zurückzuer-obern‹«, Reforma, 29.01.2001; Claudia Herrera Beltrán:»Tello Peón – Verantwortlicher Minister für das Sicherheits-wesen«, La Jornada, 26. 03. 2009. 311
    • 66PGR-Stellungnahmen, Interviews mit ehemaligen PGR-Beamten. Kapitel 367Eigentlich Kautschukpflücker, im Goldenen Dreieck zwi-schen Sinaloa, Durango und Chihuahua seit Ende des 19.Jahrhunderts Opiumanbauer bzw. Opiumschmuggler.68Roberto Tapia: »El Hijo de la Tuna«. Album: Roberto Tapia:El Niño de la Tuna (2009), Narco-Corrido. (Es ist unklar, obder Song ursprünglich ebenfalls »El Niño de la Tuna« hieß,im Handel sind CDs mit beiden Titelversionen. Man beachtedie eigentümliche Rechtschreibung; Anm. d. Übers.Hörprobe:http://www.youtube.com/watch?v=ydGqZNDO3Ts&feature=related).69Luftaufnahmen der mexikanischen Luftwaffe von denSinaloenser Bergen, Google-Earth-Bilder.70Interviews mit den Historikern Luis Astorga und MartínAmaral.71PGR. (Manchmal wird fälschlicherweise der 27. Dezemberals Chapos Geburtsdatum angegeben.)72Interviews mit Ortsansässigen aus Badiraguato. Die Namenvon Chapos Geschwistern wurden aus Zeitungsberichten undAuskünften mexikanischer Behörden ermittelt.73George W. Grayson: Mexico: Narco-Violence and a FailedState? Transaction 2009, S. 269.74 312
    • Interviews mit Ortsansässigen, Beamten sowie dem Kon-gressabgeordneten Aarón Irízar López und dem Menschen-rechtskommissar Juan José Ríos Estavillo.75Julio Scherer: Máxima Seguridad. Random House Mondadori2002, S. 22.76Interviews mit Luis Astorga.77Interviews mit Ortsansässigen und Beamten aus Badiraguato;Interviews mit in Sinaloa und andernorts in Mexiko stationier-ten Armeeangehörigen.78DEA.79Elmer Mendoza, zitiert nach Diego Enrique Osorno: El Cartélde Sinaloa. Random House Mondadori 2009, S. 27.80Interviews mit dem Historiker Martín Amaral.81Sergio Ortega Noriega: Breve Historia de Sinaloa. Colegio deMexico 1999.82Eindrücke des Autors beim Gang durch Culiacán.83Interview mit einem anonymen DEA-Agenten.84Ortega Noriega, vgl. Anm. 81.85Instituto Nacional para el Federalismo y el DesarrolloMunicipal (INAFED), Regierungsbehörde für Föderalismusund kommunale Entwicklung.86Interviews mit Astorga und Amaral.87Interview mit Jesús Manuel González Sánchez.88Interviews mit Astorga, Amaral und Luis Ricardo Ruiz. 313
    • 89Dana Adams Smith: »President orders wider drug fight; asksṨ155 million«, The New York Times, 18.06.1971; DEA: His-tory Book 1970 – 1975, S. 3 – 23.90Zitiert nach den Schriften von Miguel Ángel Félix Gallardo,die sein Sohn Josué Félix auf der Website miguelfelixgallar-do.com publizierte; Interviews mit Astorga, Amaral, Ruiz,Irízar López, Ríos Estavillo sowie Bewohnern von Sinaloa.91DEA: History Book 1970 – 1975, S. 24 – 42.92PGR.93Interviews mit DEA-Agenten sowie Aussagen von DEA-Agenten und -Funktionären vor Ausschüssen des US-amerikanischen Kongresses.94Interviews mit lokalen Journalisten, Beamten und Ortsansäs-sigen aus Badiraguato, Tamazula und Durango; Interview mitAstorga.95Richard Boudreaux: »Mexico’s master of elusion«, Los An-geles Times, 05. 07.2005. Kapitel 496Interviews mit Josué Félix und Luis Astorga; George W.Grayson, Mexico: Narco-Violence and a Failed State? Trans-action 2009.97Interviews mit Manuel Clouthier Carrillo; diverse Zeitungsar-tikel; Interviews mit anonymem US-Staatsanwalt.98 314
    • Aus den Aufzeichnungen von Félix Gallardo; George W.Grayson, vgl. Anm. 96.99Interview mit Josué Félix.100Interviews mit Josué Félix und Luis Astorga.101Redaktioneller Beitrag: »›El Chapo‹ hat sechs weitere Kin-der«, Reforma , 11. 05. 2008.102Thomas Constantine (DEA): Aussage am 25.02.1997 vor demUnterausschuss für Nationale Sicherheit, Internationale Ange-legenheiten und Verbrechensbekämpfung, der dem Ausschussdes Repräsentantenhauses für Regierungsreform und Rech-nungswesen untersteht.103Interviews mit aktiven und ehemaligen DEA-Agenten; redak-tioneller Beitrag: »Ermittlungen wegen narco-politischer Ver-bindungen gefordert«, Reforma, 09. 12. 2009.104Interviews mit aktiven und ehemaligen DEA-Agenten.105Transkript einer Vorlesung von Michael Vigil im DEA-Museum 2003; Interviews mit aktiven und ehemaligen DEA-Agenten.106Transkript einer Vorlesung von Michael Vigil im DEA-Museum 2003; Interviews mit aktiven und ehemaligen DEA-Agenten; Transkript einer Vorlesung des ehemaligen DEASpecial Agent Robert Stutman im DEA-Museum 2005; DEA:Biography of DEA employees killed in action. DEA: HistoryBook, 1985 – 1990, S. 64.107Interviews mit Josué Félix und Luis Astorga.108Interview mit Jesús Blancornelas, 2004; Interviews mitAstorga und dem Sicherheitsexperten Jorge Chabat; Diego 315
    • Enrique Osorno: El Cartél de Sinaloa. Random House Mon-dadori 2009, S. 239; Ricardo Ravelo: Los Capos. RandomHouse Mondadori 2005, S. 85 – 108; Aufzeichnungen vonMiguel Ángel Félix Gallardo.109Aufzeichnungen von Miguel Ángel Félix Gallardo.110Interviews mit José Ramos, Jorge Hank Rhon, JesúsBlancornelas und Víctor Clark Alfaro, 2004 – 2009; Websiteder Stadtverwaltung Tijuana.111Zitiert nach The New York Times, 13.08.2001, »Carlos HankGonzález, 73, altgedienter mexikanischer Politiker«.112Aussage von Andrew A. Reding (Direktor des America’s Pro-ject des World Policy Institute) vor dem Senatsausschuss fürAußenpolitik.113Interview mit Hank Rhon, 2004; Interview mit JesúsBlancornelas, 2004.114Arturo Cano: »Vom armen Politiker zur armseligen Politik«,La Jornada, 25. 07. 2004.115Jamie Dettmer: »Family Affairs«, Insight Magazine, 29. 03.1999.116Interviews mit dem ehemaligen DEA Special Agent ErrolChavez; Instituto Nacional de Estadística y Geografía(INEGI), Mexikanisches Bundesamt für Statistik.117Interviews mit dem ehemaligen DEA Special Agent ErrolChavez; Interviews mit Jesús Blancornelas und Víctor ClarkAlfaro; Julian Borger, Jo Tuckman: »Blood brothers«, TheGuardian; CBS News Online Report, basierend auf AP- undCBS-Quellen: »17 Indicted in Californian Murder-KidnapRing«, 14.08.2009; verschiedene DEA-Zeugenaussagen vor 316
    • Senat und Repräsentantenhaus; Jesús Blancornelas: El Cartél,Debolsillo 2004.118Korrespondentenbericht: »Der Mord an Colosio – Werk derNarcos oder das eines Einzeltäters – PGR«, La Jornada,04.01. 1999.119Interview mit Jorge Hank Rhon, 2004.120Jamie Dettmer: »DEA’s ›White Tiger‹ still on the prowl«,Insight Magazine, 29. 10. 2002.121Interview mit Jesús Blancornelas, 2004, sowie mehrere Aus-gaben seines Wochenmagazins Zeta.122Interview mit Hank Rhon, 2004.123Erklärungen von DEA und PGR.124Sam Dillon, Craig Pyes: »Drug ties taint 2 mexican gover-nors«, The New York Times, 23.02.1997; Sam Dillon: »DrugBarons and plastic surgeons: Who’s dead, who’s hiding?«,The New York Times, 07.11.1997; Sam Dillon, Craig Pyes:»Court files say drug abron used Mexican military«, The NewYork Times, 24.05.1997; Aussage von Thomas Constantine(DEA) am 08.08.1995 vor dem Außenausschuss des Senats;Transkript einer Vorlesung von Michael Vigil (DEA) imDEA-Museum, 2003; Sergio Arturo Venegas R.: »AmadoCarrillos Parties«, El Sol de San Juan del Río, 26.11.2007;José Pérez Espino, Alejandro Páez Varela: »Die Geschichtevon Amado Carrillo Fuentes, dem ›Herrn der Lüfte‹«, El Uni-versal, 03. 04. 2009. 317
    • Kapitel 5125Die Schilderung von Chapos Persönlichkeitsstruktur und sei-ner Verhaltensweisen basiert auf Interviews mit aktiven undehemaligen DEA-Agenten, Dutzenden von Zeitungsartikeln,hauptsächlich aus El Universal und Reforma, Ravelos Bü-chern, Interviews mit Ortsansässigen und Beamten, die inSinaloa operiert haben, Erklärungen und Verlautbarungen derPGR, der mexikanischen Armee und der Federales; StacyFinz: »U.S. indicts drug trafficker held in slaying of cardinal«,San Diego Union Tribune, 29.09.1995; das Dokument, dasChapos psychologische Prädisposition verhandelt, wird indiversen mexikanischen Zeitungen veröffentlicht, drei ehema-lige Offiziere der Federales haben bestätigt, dass es korrektist. Die Ereignisse um die Schießerei in Guadalajara wurdenaus mehreren Zeitungsartikeln sowie den Unterlagen der PGRund Interviews mit ehemaligen Beamten rekonstruiert.126Interviews mit aktiven und ehemaligen DEA-Agenten.127Julio Scherer: Máxima Seguridad. Random House Mondadori2002, S. 9 – 36.128Ricardo Ravelo: Los Capos. Random House Mondadori 2005;FBI: Most Wanted Fugitives Bulletin; redaktioneller Beitrag:»Die Festnahme von El Chapo Guzmán ist eine Priorität derUSA«, Milenio, 16.11.2008; Néstor Ojeda: »Chapo: ›Ruffound Franco Ríos deckten die Arellano-Félix-Brüder‹«, ElMexicano, 08. 07. 2002.129Beobachtungen des Autors in Sinaloa, Interviews mit anony-men Soldaten.130Samuel Murillo, Ángel Larreal: »Arizona beherbergt Drogen-schmuggler-Netzwerke«, La Voz de Tucson, 30. 08. 2006.131 318
    • David Luhnow, José de Cordoba: »Der Drogenbaron, der da-vonkam«, The Wall Street Journal, 13. 06. 2009.132Die Schätzung der Angestelltenzahl basiert auf den Kalkulati-onen des mexikanischen Verteidigungsministeriums über dieMitgliederzahl des organisierten Verbrechens sowie auf Ver-lautbarungen des Militärs.133Alberto Nájar: »Die neue Geographie des Drogenhandels«, LaJornada , 24.07.2005; Francesc Relea: »Einer der meistge-suchten Narcos in Mexiko gefasst«, El País, 19. 07. 2007.134Néstor Ojeda: »Chapo: ›Ruffo und Franco Ríos deckten dieArellano-Félix-Brüder‹«, El Mexicano, 08. 07. 2002.135Samuel Murillo, Ángel Larreal: »Arizona beherbergt Drogen-schmuggler-Netzwerke«, La Voz de Tucson, 30. 08. 2006.136Anklageschrift: United States of America vs. JoaquínGuzmán, alias »El Chappo« [sic], United States DistrictCourt, District of Arizona, 08. 08. 2001.137United States of America vs. Arlene Newland, AntonioHernández Menéndez, Santos Hernández Menéndez, NickNewland. United States Court of Appeals for the Ninth Dis-trict. Eingereicht und verhandelt am 15.09.1994, entschiedenam 14. 07. 1995.138Interviews mit DEA Special Agent Errol Chavez.139Ravelo, a. a. O.; Interviews mit Jesús Blancornelas undGonzález Ruiz.140Aussage von DEA Special Agent Errol Chavez vor dem Aus-schuss des Repräsentantenhauses für Regierungsreformen undRechnungslegung am 13. 04. 2001.141 319
    • Aussage von DEA-Operationschef Donnie Marshall vor demAusschuss des Repräsentantenhauses für Regierungsreformenund Rechnungslegung am 18. 03. 1998.142Stacy Finz: »U.S. indicts drug trafficker held in slaying ofcardinal«, San Diego Union-Tribune, 29. 09. 1995.143»America’s Most Wanted«, vgl. Anm. 32.144United States of America vs. Felipe de Jesús Corona Verbera;U.S. Court of Appeals for the Ninth District. Vorgetragen undverhandelt am 15.10.2007, erledigt am 07.12.2007; Som Li-saius: »Drug tunnel architect faces 20 years«, KOLD News,ohne Datum; Dennis Wagner: »Architect of tunnel for smug-gling drugs sentenced to 18 years«, Arizona Republic, 22. 08.2006.145Kevin Sullivan: »Drugs worth billions moved through tun-nel«, The Washington Post, 01.03.2002; Interviews mit DEASpecial Agent Errol Chavez.146Richard Boudreaux: »Mexico’s master of elusion«, Los An-geles Times, 05. 07. 2005.147Interviews mit aktiven und ehemaligen DEA-Agenten.148Interviews mit DEA Special Agent Errol Chavez.149Michael Goodman: »Muerto, Inc.«, Los Angeles Times Maga-zine, 1997.150Interviews mit ehemaligen mexikanischen Bundesbeamten;Michael Goodman: »Muerto, Inc.«, Los Angeles Times Maga-zine, 1997; Ferlin Vazquez: »Zeuge sagt aus, Arellano seinicht an der Schießerei beteiligt gewesen«, Reforma,25.05.1994; Vorlesungsprotokolle von ehemaligen DEA Spe-cial Agents aus dem DEA-Museum. 320
    • 151PGR.152Vorlesungsprotokolle von ehemaligen DEA Special Agentsaus dem DEA-Museum.153Mark Bowden: Killing Pablo – The Hunt for the World’sGreatest Outlaw, Penguin Books 2001, S. 51; Interviews mitaktiven und ehemaligen DEA-Agenten.154Néstor Ojeda: »Chapo: ›Ruffo und Franco Ríos deckten dieArellano-Félix-Brüder‹«, El Mexicano, 08. 07. 2002.155Luis Astorga: »Drogenhandel in Mexiko: Eine erste allgemei-ne Einschätzung«, UNESCO.156Interviews mit Experten und DEA-Erklärungen.157Aussage von Thomas Constantine (DEA) vor dem Ausschussdes Repräsentantenhauses für Regierungsreformen und Rech-nungslegung am 19. 03. 1998.158DEA.159Interviews mit Ismael Bojórquez.160Erklärung des Büros von Präsident Vicente Fox vom 30. 05.2005. Kapitel 6161Interviews mit Ortsansässigen und Beamten sowie eigeneBeobachtungen in Badiraguato und Culiacán.162Redaktioneller Beitrag: »Soldaten ermorden Familie inSinaloa de Leyva«, El Sol de Mazatlán, 03.06.2007; redaktio- 321
    • neller Beitrag: »Zwei Frauen und drei Kinder sterben beiSchießerei«, Reforma, 03.07.2007; Benito Jiménez: »Sedenabezahlt 8 Millionen Dollar Entschädigung«, Reforma, 13. 12.2009.163Interviews mit Ortsansässigen und Beamten in Badiraguato;Verlautbarungen des mexikanischen Verteidigungsministeri-ums; Benito Jiménez: »Sedena bezahlt 8 Millionen DollarEntschädigung«, Reforma, 13. 12. 2009.164Ein Video des Begräbnisses und des hier abgedrucktenCorridos findet sich unter dem Titel »Tragedia enBadiraguato« unterhttp://www.youtube.com/watch?v=vPbDUxL0HJM&NR=1.165Interviews mit Omar Meza; Sergio Lozano: »Corrido überMassaker komponiert«, Noroeste, 31. 03. 2008.166James McKinley Jr.: »Songs of love and murder, silenced bykillings«, The New York Times, 18. 12. 2007.167»An meine Feinde«, ein Video des Songs findet sich unterhttp://www.youtube.com/watch?v=m0fhhAPsSSg.168Noemí Gutiérrez: »Behörden bestätigen, dass Valentín wegendes Songs umgebracht wurde«, El Universal, 27. 11. 2006.169Interviews mit Ortsansässigen in Badiraguato und Culiacán.Die tatsächliche Zahl der ihn und seine Taten verherrlichen-den oder zumindest thematisierenden Corridos dürfte inzwi-schen um ein Vielfaches höher liegen. Allein bei Youtubefinden sich mehr als ein Dutzend Videos (Anm. d. Übers.).170Richard Boudreaux: »Mexico’s master of elusion«, Los Ange-les Times, 05.07.2005; Deutsche Presse Agentur: »Mexikani-sche Musikgruppe festgenommen, weil sie vor Drogen-schmuggler spielte«, 15. 11. 2003; PGR. 322
    • 171Redaktioneller Beitrag: »Narco-Corridos im öffentlichen Per-sonennahverkehr von Tijuana verboten«, Notimex,12.01.2009; redaktioneller Beitrag: »Narco-Corridos in städti-schen Bussen von Nayarit verboten«, Milenio, 11. 01. 2009.172Interviews mit Yudit del Rincón; Tracy Wilkinson: »In Sina-loa the drug trade has infiltrated ›every corner of life‹«, LosAngeles Times, 28. 12. 2008.173Verschiedene mexikanische Zeitungsartikel zwischen 2007und 2009.174Interviews mit Ortsansässigen und Beamten in Badiraguatound Culiacán.175David Luhnow, José de Cordoba: »The drug lord who gotaway«, The Wall Street Journal, 11. 06. 2009; eine ähnlicheGeschichte kursierte auch über Pablo Escobar (Anm. d.Übers.).176Interviews mit Ortsansässigen und Beamten in Badiraguato.177Francesc Relea: »In Chapos Reich«, El País, 02. 02. 2007.178Interviews mit Ortsansässigen und Beamten in Badiraguatound Culiacán.179Staatspolizei Sinaloa; Interviews mit Sinaloas PolizeichefinJosefina de Jesús García Ruíz sowie Mitgliedern ihres Stabes;Joshua Hammer: »›El Chapo‹: The most wanted man in Me-xico«, Newsweek , 18. 06. 2009.180Interviews in Badiraguato.181Interviews mit Martín Amaral.182 323
    • Statistik der Staatspolizei Sinaloa.183Beobachtungen des Autors auf dem Friedhof.184Andres Oppenheimer: Bordering on Chaos. Little, Brown andCompany 1996, S. 299; Interviews mit Journalisten in Sina-loa.185Beobachtungen des Autors auf dem Friedhof.186Cayetano Osuna: »Blutiger Krieg«, Rio Doce, 07.09.2009;verschiedene Artikel der sinaloensischen Zeitungen El Debateund Noroeste.187Interview mit anonymem Forensiker aus Culiacán. Kapitel 7188Interviews mit dem General in Culiacán, Juni 2008; Bemer-kungen des Generals.189Interviews mit Luis Astorga; Luis Astorga, a. a. O.190Mark Fineman: »General Gutiérrez to head Mexico’s waragainst drugs«, Los Angeles Times, 06. 12. 1996.191PGR-Erklärung vom 13.08.1997; Jorge Alejandro Medellín:»Urteil gegen Gutiérrez Rebollo bestätigt«, El Universal, 29.09. 2000.192Interviews mit dem General in Culiacán, Juni 2008; Bemer-kungen des Generals.193Interviews mit Ortsansässigen und Lokalredakteuren inSinaloa und Durango.194 324
    • Dane Schiller: »›El Chapo‹ is Mexico’s most wanted man«,San Antonio Express-News, 19.06.2005; Richard Boudreaux:»Mexico’s master of elusion«, Los Angeles Times, 05. 07.2005.195Quellen für General Eddys Kampf gegen Chapo: JuanVeledíaz: »Der persönliche ›Krieg‹ zwischen einem Generalund ›El Chapo‹«, El Universal, 13.10.2007; redaktionellerBeitrag: »Guzmán Loera vs. Hidalgo Eddy. Chronik einesDuells«, Milenio, 16.11.2008; Juan Veledíaz: »›El Chapo‹hinterlässt Spur von Einschüchterung und Tod«, El Universal,06.11.2006; Daniel Blancas: »General, der El Chapo aufge-spürt hat, ausgezeichnet«, La Crónica , 10.02.2008; MartínMoreno: »Archive der Macht: Loyalitäten«, Excélsior,12.02.2008; Hintergrundinformationen über »The Empress«aus einer Erklärung des Office of Foreign Assets Control(OFAC) of the US Department of Treasury vom 12.12.2007;Javier Cabrera Martínez: »Berichte über Festnahme von ElChapo Guzmán noch nicht bestätigt«, El Universal, 08. 10.2007.196Juan Manuel Pineda: »Aufregung in Badiraguato angesichtsder bevorstehenden Truppenstationierung«, El Sol de Sinaloa,15. 01. 2007.197Redaktioneller Beitrag: »Guzmán Loera vs. Hidalgo Eddy.198Interviews mit Ortsansässigen und Beamten in Badiraguato.199Rafael González: »Noé Sandoval: ›Sinaloa befindet sich nichtim Kriegszustand‹«, El Debate, 05. 05. 2008.200Interviews mit Luis Astorga, Jorge Chabat und anderen mexi-kanischen Rechtsexperten.201Redaktioneller Beitrag: »Explosion in der Kaserne«,Noroeste, 12.11.2008; redaktioneller Beitrag: »Armee stürmt 325
    • und besetzt Navolato«, Noroeste, 12.11.2008; MartínGonzález: »General nimmt Bürgermeister zur Brust«,Noroeste, 12. 12. 2008.202Beobachtungen des Autors und Interviews mit dem Generalund seinen Männern in Sinaloa. Kapitel 8203PGR.204Chris Kraul: »Coastal Kingpin eyes Tijuana turf«, Los An-geles Times, 19. 03. 2002.205Transkript einer Vorlesung von DEA-Agent Michael Vigil imDEA-Museum 2003; Sam Dillon: »Drogenbarone und plasti-sche Chirurgen: Wer ist tot, wer versteckt sich?«, The NewYork Times, 07. 11. 1997.206Interviews mit aktiven und ehemaligen DEA-Agenten.207Californian Southern District Drug Threat Assessment, De-zember 2000; Interviews mit dem ehemaligen DEA SpecialAgent Errol Chavez; Aussage vor dem Unterausschuss fürStrafverfolgung von William E. Ledwith, Direktor für Interna-tionale Operationen, am 16. 05. 2000.208Luis E. Fernández: »Es war an einem Karnevalssonntag, alsRamón Arellano Félix starb«, El Sol de Mazatlán,22.02.2009; Bootie Cosgrove-Mather: »Portrait of a Mexicandrug lord«, CBS News/AP, 14. 10. 2003.209DEA.210 326
    • Federal Research Divison: »Organized crime and terroristactivity in Mexico 1999 – 2002«, Library of Congress, Febru-ar 2003; Pedro Alfonso Alatorre Damy: »EntscheidenderGeldwäscher von El Chapo Guzmán an die USA ausgelie-fert«, Milenio, 25.11. 2008; Enrique Gil Vargas: »IsmaelZambada García – zwanzig Jahre Unantastbarkeit«,Noticieros Televisa, 01.08.2003; redaktioneller Beitrag: »›ElMayo‹ mit Al Capone verglichen«, Notimex, 02.03.2004;Agustín Pérez Aguilar: »Mexikanischer DrogenbaronZambada unterzieht sich kosmetischer Operation«, FronteraNorteSur, 19.04.2004; Fidel Samaniego: »Madrazo klagt an:›Zedillo und Fox deckten Narcos‹«, El Universal, 12.05.2009;Will Weissert: »How Mexico’s new drug kingpin rose«, As-sociated Press, 24.10.2003; Interviews mit dem ehemaligenDEA Special Agent Errol Chavez.211Erklärung des US-Justizministeriums bezüglich der »Operati-on Trifecta«-Anklagen; Interviews mit aktiven und ehemali-gen DEA-Agenten.212US Department of Treasury, Office of Foreign Assets Control(OFAC) (US-Schatzamt, Büro für Ausländische Vermögens-werte); PGR-Büro Culiacán.213Interviews mit dem ehemaligen DEA Special Agent ErrolChavez und mit Jesús Blancornelas; Federal Research Divi-son: »Organized crime and terrorist activity in Mexico 1999 –2002«, Library of Congress, Februar 2003; US Department ofTreasury, Office of Foreign Assets Control (OFAC).214Aussage eines Zeugen aus dem Zeugenschutzprogramm, zi-tiert nach Francisco Gómez: »›El Chapo‹ operiert ungehindertim ganzen Land«, El Universal, 09. 10. 2004.215 327
    • Charakterbeschreibung basierend auf Interviews mit DEA-Agenten; Zulema Hernández’ Erinnerungen in Puente Grande,Zeitungsartikel, PGR-Erklärungen.216Javier Cabrera Martínez, Teresa Montaño: »PGR durchkämmtVillenviertel«, El Universal, 15. 06. 2002.217Redaktioneller Beitrag: »›Chapo‹ in den Außenbezirken vonAtizapán gesucht«, El Universal, .03. 07. 2002.218Interviews mit dem ehemaligen DEA Special Agent ErrolChavez.219Silvia Otero: »Die Beltrán Leyvas haben SIEDO infiltriert«,El Universal , 13.08.2008; Francisco Gómez: »OperationGroßreinemachen erschüttert die PGR«, El Universal,27.12.2008; Silvia Otero: »PGR-Beamte mit den Beltráns inVerbindung gebracht«, El Universal , 13.08.2008; Reuters:»Mitglieder der mexikanischen Präsidentengarde der Verbin-dung zum Drogenhandel bezichtigt«, 27.12.2008; Tracy Wil-kinson: »Mexico acknowledges gang infiltration of police«,Los Angeles Times, 28.10.2008; »Korruption ist der Schlüsselzur Macht der Beltrán-Leyva-Brüder«, El Economista ,18.12.2009; redaktioneller Beitrag: »El Barbas …«, Rio Doce,21. 12. 2009.220Eigene Schlussfolgerung auf Basis von Interviews mit DEA-Agenten.221PGR; Ricardo Ravelo: Osiel: Vida y tragedia de un capo.Grijalbo Mondadori 2009.222Stadtverwaltung von Matamoros.223PGR.224 328
    • Sam Dillon: »Mexican drug gang’s reign of blood«, The NewYork Times, 04.02.1996; redaktioneller Beitrag: »U.S. juryconvicts Mexican on drug charges«, The New York Times,17.10.1996; redaktioneller Beitrag: »At drug trial, Mexicansuspect faces accuser«, The New York Times, 20. 09. 1996.225Francisco Gómez: »Wer ist Osiel Cárdenas?«, El Universal,14.03.2003; Ricardo Ravelo: »Osiel Cárdenas: Machtzentrum,Blutzentrum«, Proceso, September 2009; Ricardo Ravelo:Osiel: Vida y tragedia de un capo. Grijalbo Mondadori 2009;Dane Schiller: »Tracing the origins of the Gulf Cartel em-pire«, Houston Chronicle, 03. 01. 2010.226George W. Grayson: »Los Zetas: The ruthless army spawnedby a Mexican drug cartel«, Foreign Policy Research Institute,Mai 2008; Dossierpolitico.com: »Drug trafficking reorganizeswith blood and fire«, 20.06.2005; Francisco Gómez: »LosZetas von innen«, El Universal, 31.12.2008; National DrugIntelligence Center: »National Drug Threat Asessment 2008«,Oktober 2007.227Redaktioneller Beitrag: »Wer ist Edgar Valdez Villarreal?«,Noroeste, 30.09.2008; Dane Schiller: »›El Chapo‹ is Mexico’smost wanted man«, Dallas Morning News, 19.06.2005;Lennox Samuels: »Leutnant eines mexikanischen Kartells aufder Fahndungsliste«, El Universal, 20.03.2006; Silvia Otero:»La Barbie, Chapos Henker«, El Universal, 25. 12. 2005.228Diego Enrique Osorno: »Los Zetas: Eine Geschichte von No-bodys«, Milenio, 05.12.2007; Ginger Thompson: »Rivalgangs turn Nuevo Laredo into a warzone«, The New YorkTimes, 04. 12. 2005; ABC News/ Nightline: »Drug ›war zone‹rattles U.S. – Mexico border«, 08. 01. 2006.229Dane Schiller: »Prosecutors set to take on suspected Gulf Car-tel leader«, San Antonio Express-News, 18.02.2007; Trans- 329
    • kripte von Vorträgen von DEA-Agenten im DEA-Museum;Maribel González: »USA wollen mexikanischen Capo«, Re-forma, 15. 12. 2000.230Francisco Gómez: »Osiel Cárdenas gefasst«, El Universal,15.03.2003; Juan José Ramírez, Abel Barajas: »Golf-Kartell-Capo gefasst«, Reforma , 15.03.2003; DEA-Erklärung, 21. 03.2003.231Francisco Gómez: »›El Chapo‹ kann im ganzen Land völligungehindert operieren«, El Universal, 09. 10. 2004.232AP-Meldung: »Osiel pleads not guilty, used ›Zetas‹ to controlNuevo Laredo in takeover«, Laredo Morning Times, 10. 02.2007.233Alberto Nájar: »Die neue Geographie des Drogengeschäfts«,La Jornada, 24. 07. 2005.234Mary Jordan, Kevin Sullivan: »Border police chief only latestcasualty in Mexiko drug war«, The Washington Post,16.06.2005; Antonio Betancourt: »Police chief gunned downon his first day«, The New York Times, 10. 06. 2005.235Reportagen des Autors aus Reynosa und Matamoros; MarcLacey: »In Mexican City, drug war ills slip into shadows«,The New York Times, 12. 06. 2009. Kapitel 9236Richard Boudreaux: »Mexico’s master of elusion«, Los An-geles Times, 05. 07. 2005.237Interviews mit dem ehemaligen DEA Special Agent ErrolChavez. 330
    • 238White House Office of National Drug Control Policy; white-housedrugpolicy. gov.239Verschiedene Aussagen von DEA-Mitarbeitern vor dem Kon-gress; White House Office of National Drug Control Policy.240»A madness called meth«, McClatchy Newspapers,08.10.2000; Interviews mit aktiven und ehemaligen DEA-Agenten.241Interviews mit dem ehemaligen DEA Special Agent ErrolChavez.242PGR- und DEA-Erklärungen; Gustavo Ramírez Ibarra:»Chapo Guzmán: Fünf Jahre nach seiner Flucht«, Notimex,18. 01. 2006.243Redaktioneller Beitrag: »Ignacio Nacho Coronel Villarreal –›El Chapos‹ Finanzhirn«, El Universal, 02. 06. 2008; JuanVeledíaz: »Nacho Coronel erweitert sein ›Kristall‹-Königreich«, El Universal, 09. 10. 2008.244Guadalupe Martínez: »Der Tod von Rodolfo Carrillo«,Noroeste, 11. 09. 2008; EFE: »Tod von Rodolfo Carrillo be-stätigt«, 13. 09. 2004; Enrique Gil Vargas: »Tod von RodolfoCarrillo bestätigt«, Noticieros Televisa, 12. 09. 2004.245PGR-Pressekonferenz vom 21. 11. 2005.246Ramón Sevilla: »Fünf Ermittlungsrichtungen im Mordfall ElPollo«, La Crónica, 04. 01. 2005; PGR-Erklärung vom 02. 07.2008 (»José Ramírez Villanueva zu 42 Jahren Haft verur-teilt«); Silvia Otero: »El Pollos Mörder verwickelt sich inWidersprüche«, El Universal, 08. 01. 2005; Francisco Gómez,María Teresa Montaño: »PGR zieht die Ermittlungen wegen 331
    • des Mordes an Chapos Bruder an sich«, El Universal, 02. 01.2005.247PGR-Erklärung vom 15. 02. 2005.248Jorge Alejandro Medellín, Javier Cabrera Martínez, GiovanaGaxiola: »Chapos Bruder bei Feier festgenommen«, El Uni-versal, 16. 06. 2005; Enrique Gil Vargas: »Bruder von ›ElChapo‹ Guzmán festgenommen«, Noticieros Televisa, 15. 06.2005; Javier Cabrera Martínez: »›Anschuldigungen gegen ElChapos Bruder ohne Beweise‹ sagen sie«, El Universal, 18.06. 2005.249DEA-Erklärung vom 15. 06. 2005.250Richard Boudreaux: »Mexico’s master of elusion«, Los Ange-les Times, 05. 07. 2005.251PGR-Pressekonferenz vom 30. 05. 2005. Kapitel 10252Reaktioneller Beitrag: »Chef der Anti-Narco-Abteilung getö-tet«, El Universal, 08. 05. 2008; Hector Tobar: »With killing,Mexican drug war is seen as entering a new phase«, Los An-geles Times, 18. 05. 2008; Notimex: »Edgar Millán nahmMörder vor seinem Tod fest«, 08. 05. 2008; redaktionellerBeitrag: »Porträt: Edgar Eusebio Millán Gómez«, El Univer-sal, 08. 05. 2008.253Informationen für das kurze Porträt Genaro García Lunasstammen aus Interviews mit ungenannten Federales und Bera-tern, die mit ihm zusammengearbeitet haben, sowie vonGeorge W. Grayson und Jorge Chabat; Alejandro Jiménez:»Der SSP-Ingenieur«, El Universal , 29. 12. 2008; Daniel 332
    • Kurz-Phelan: »The long war of Genaro García Luna«, TheNew York Times Magazine, 13. 07. 2008; María de la LuzGonzález: »Calderóns Führungskräfte ehren Edgar Millán«,El Universal, 09. 05. 2008; AFP: »Narcos linked to ›Chapo‹Guzmán arrested«, 19. 03. 2003; Agenturmeldung: »GarcíaLuna: SSP arbeitet an der Verhaftung von El Chapo«, El Uni-versal, 13. 03. 2008; Ricardo Ravelo: »García Luna beschul-digt«, Proceso, 23. 11. 2008; redaktioneller Beitrag: »Trans-parente beschuldigen Beamte, das Sinaloa-Kartell zu decken«,El Debate, 10. 10. 2008; J. Jesús Esquivel : »DEA: Mexiko istwie Kolumbien in den Achtzigern«, Proceso, 22. 02. 2009;Luis Brito: »Neun Agenten in einer Woche ermordet«,Reforma, 10. 05. 2008; verschiedene Fernsehinterviews mitGarcía Luna, Interview des Autors mit ehemaligem PGR-Beamten.254Antonios Geschichte beruht auf Interviews mit »Erica« sowieanonymen DEA-Agenten. Andere Artikel, die für die Garay-Verhaftung und den dazugehörenden Hintergrund Verwen-dung fanden: Guy Lawson: »The making of a narco state«,Rolling Stone, 04. 03. 2009; María de la Luz González:»Ehemaliger Anti-Drogen-Chef wird beschuldigt, 450 000Dollar von Drogenhändlern erhalten zu haben«, El Universal,21. 11. 2008; Gustavo Castillo García: »Medina Mora ent-hüllt: Noé Ramírez erhielt monatlich 450 000 Dollar vomSinaloa-Kartell«, La Jornada, 22. 11. 2008; Marc Lacey: »Inmexico drug war sorting the good guys from the bad«, TheNew York Times, 01. 11. 2008.255García Luna wurde auch zum Minister für öffentliche Sicher-heit ernannt. (Anm. d. Übers.)256Rede von Präsident Calderón in Tecomán, Colima, vom 17.04. 2007.257Reportagen des Autors aus Ciudad Juárez und Culiacán. 333
    • 258Ken Ellingwood: »Fixing Mexico police becomes top priori-ty«, Los Angeles Times, 17. 11. 2009; Interviews mit aktivenund ehemaligen DEA-Agenten.259María de la Luz González: »Undichte Stelle, die für Mord anMillán verantwortlich war, wird untersucht«, El Universal,10. 05. 2008.260María de la Luz González: »Zwei Agenten, die am Fall YeGon arbeiteten, ermordet«, El Universal, 02. 08. 2007; DelQuentin Wilber: »Justice Deptartment wants charges againstMexican man dropped«, The Washington Post, 23. 06. 2009;Jorge Carrasco: »Mexico, the DEA and the case of Zhenli YeGon«, The Washington Post, 29. 10. 2008; Agenturmeldung:»Mexico asks U.S. to extradite suspected meth maker«, Reu-ters, 13. 07. 2007.261Interviews in Culiacán; Tracy Wilkinson: »In Sinaloa the drugtrade has infiltrated ›every corner of life‹«, Los AngelesTimes, 28. 12. 2008.262Interviews mit anonymem DEA-Agenten und »Erica«;Transkript eines Vortrags im DEA-Museum von David Gad-dis, Regionaldirektor für Nord- und Zentralamerika, vom 01.04. 2009. Kapitel 11263Roberto Tapia: »El Hijo de La Tuna«. Album: Roberto Tapia:El Niño de la Tuna. (2009), vgl. Anm. 68.264Redaktioneller Beitrag: »Chapos Sohn in Einkaufszentrummit Bazooka attackiert«, El Universal, 09. 05. 2008; redaktio-neller Beitrag: »Offizielle Stellen bestätigen den Tod von ›El 334
    • Chapos‹ Sohn«, El Universal, 09. 05. 2008; redaktionellerBeitrag: »PGR bestätigt den Tod von ›El Chapos‹ Sohn«, ElUniversal, 09. 05. 2008; Javier Valdez Cárdenas: »Sinaloa inGefahr aufgrund der Gewalttaten im Gefolge des Mordes an›El Chapos‹ Sohn«, La Jornada, 10. 05. 2008; redaktionellerBeitrag: »Sohn von ›The Empress‹ bei Schießerei getötet«, ElUniversal, 09. 05. 2008; Javier Cabrera Martínez: »Opfer derSchießerei in Einkaufszentrum identifiziert«, El Universal,09. 05. 2008; redaktioneller Beitrag: »›El Chapo‹ hat sechsweitere Kinder«, Reforma, 11. 05. 2008; Joshua Hammer: »ElChapo: The most wanted man in Mexico«, Newsweek, 18. 06.2008.265Die Charakterisierung von El Mochomo und das Verhältniszwischen Chapo und den Beltrán-Leyva-Brüdern basiert aufInterviews mit Ortsansässigen, Beamten und Funktionären inCuliacán sowie auf den folgenden Artikeln, die sich überwie-gend auf El Mochomos Bruder Arturo konzentrieren: redakti-oneller Beitrag: »El Barbas … «, Rio Doce, 21. 12. 2009; re-daktioneller Beitrag: »Porträt von Arturo Beltrán Leyva«, ElUniversal, 16. 12. 2009; Agenturmeldung: »Porträt: ArturoBeltrán Leyva«, EFE, 17. 12. 2009; Guy Lawson: »The warnext door«, Rolling Stone, 13. 11. 2009; redaktioneller Bei-trag: »Porträt von Carlos Beltrán Leyva«, El Universal, 02.01. 2010; redaktioneller Beitrag: »Armee entwaffnet Polizeiin Tamaulipas«, La Jornada, 23. 01. 2008.266Carlos Avilés: »PGR fasst mutmaßlichen Anführer desSinaloa-Kartells«, El Universal, 21. 01. 2008; Carlos Avilés,Javier Cabrera: »El Mochomo, Führer des Sinaloa-Kartells, zuFall gebracht«, El Universal, 22. 01. 2008; redaktioneller Bei-trag: »Beltrán ohne einen einzigen Schuss abzufeuern ge-fasst«, Reforma, 22. 01. 2008; Agenturmeldung: »AlfredoBeltrán Leyva, Kopf des Sinaloa-Kartells, gefasst«, Notimex,21. 01. 2008; Agenturmeldung: »SEDENA dementiert weitere 335
    • Verbindungen von Armeeangehörigen und Alfredo BeltránLeyva«, Milenio, 31. 10. 2008.267Die Schilderung von Chapos familiären Beziehungen basiertauf Interviews mit aktiven und ehemaligen DEA-Agenten, derPGR, Interviews mit Ortsansässigen und Beamten in Sinaloasowie Zeitungsartikeln, u. a. den folgenden: FranciscoGómez: »›El Chapo‹ schuf sich ein Netzwerk von Kompli-zen«, El Universal, 19. 04. 2001; redaktioneller Beitrag: »ElChapo hat sechs weitere Kinder«, Reforma , 11. 05. 2008.268Alejandro Gutiérrez: »Die Narco-Juniors«, Proceso, 05. 06.2005; Interview mit Luis Astorga.269Interview mit einem anonymen Narco-Junior in Mexiko-Stadt.270Redaktioneller Beitrag: »El Chapo hat sechs weitere Kinder«,Reforma , 11. 05. 2008.271Gustavo Castillo García, Israel Dávila: »Verteidigung behaup-tet, Chapo sei eine ›Geisel‹ des Staates«, La Jornada, 10. 06.2008; Carlos Avilés: »Chapito zurück im La-Palma-Gefängnis«, El Universal, 20. 07. 2005; Erklärung desConsejo Judicario Federal, 05. 02. 2008; PGR-Erklärung, 15.02. 2005; PGR-Erklärung, 08. 06. 2005.272Mica Rosenberg: »Savvy young heirs give Mexico drugcartels new face«, Reuters, 08. 04. 2009; María de la LuzGonzález: »PGR bestätigt Verhaftung von Vicente CarrilloLeyva«, El Universal, 02. 04. 2009; redaktioneller Beitrag:»Porträt: Vicente Carrillo Leyva«, El Universal, 02. 04. 2009;redaktioneller Beitrag: »Amado Carrillos Sohn gefasst«,Reforma, 02. 04. 2009; Antonio Baranda: »Carrillo über seineFrau geortet«, Reforma, 03. 04. 2009.273 336
    • Interviews mit Quellen in Sinaloa; EFE-Interview mit Eduar-do Medina Mora vom März 2009.274SEDENA-Erklärung, Pressekonferenz vom 19. 03. 2009; An-klageschrift: United States vs. Joaquín Guzmán Lorea, IsmaelZambada García, Jesús Vicente Zambada Niebla, AlfredoGuzmán Salazar (et al.), United States District Court, Nor-thern District of Illinois, 20. 08. 2009.275Alfredo Méndez: »El Chapo versteckt sich in den Bergen zwi-schen Colima und Michoacán«, La Jornada, 12. 05. 2008.276Interviews mit Ortsansässigen und Beamten in Sinaloa.277Interviews mit DEA-Agenten und Sicherheitsexperten;Ravelos Bücher, diverse Artikel in Proceso, El Universal undReforma; Alberto Nájar: »Die neue Geographie der Narcos«,La Jornada, 24. 07. 2005.278Anklageschrift: United States vs. Joaquín Guzmán Lorea,Ismael Zambada García, Jesús Vicente Zambada Niebla, Alf-redo Guzmán Salazar (et al.), United States District Court,Northern District of Illinois, 20. 08. 2009; SEDENA-Erklärung vom 28. 10. 2009.279Interviews mit Lokaljournalisten und Korrespondenten von ElUniversal; Guadalupe Martínez: »1167 Tote, die Narco-Gewalt prägt das Jahr 2008«, Noroeste, 01. 01. 2009.280Redaktioneller Beitrag: »Der Pakt zwischen dem Golf-Kartellund den Beltráns«, El Universal, 19. 05. 2008.281Interviews mit US-Beamten.282Erklärung des US-Botschafters in Mexiko, Tony Garza, vom30. 05. 2008.283 337
    • Guadalupe Martínez: »1167 Tote, Narco-Gewalt prägt 2008«,Noroeste , 01. 01. 2009; Interviews mit Ortsansässigen undBeamten in Sinaloa. Kapitel 12284Schilderung der Hochzeit: Patricia Dávila: »Heirat desObercapos«, Proceso, 07. 11. 2007; weitere Schilderungenund Fotos wurden von der Stadtverwaltung Canelas zur Ver-fügung gestellt; Interviews mit Ortsansässigen in Tamazula,Durango, sowie mit anonymen Beamten aus Durango.285Interviews mit US-amerikanischen und mexikanischen Be-hörden.286Richard Boudreaux: »Mexico’s master of elusion«, Los An-geles Times, 05. 07. 2005.287Interviews mit aktiven und ehemaligen DEA-Agenten, Mit-gliedern der mexikanischen Armee, der PGR, Ortsansässigenund Beamten in Sinaloa.288Artikel von Javier Valdez im Rio Doce, Übersetzung (insEnglische; Anm. d. Übers.) durch borderreporter.com.289Richard Boudreaux: »Mexico’s master of elusion«, Los An-geles Times, 05. 07. 2005; Dane Schiller: »›El Chapo‹ is Mex-ico’s most wanted man«, San Antonio Express-News, 19. 06.2005; David Luhnow, José de Cordoba: »The drug lord whogot away«, The Wall Street Journal, 11. 06. 2009.290Joshua Hammer: »El Chapo: The most wanted man in Mex-ico«, Newsweek, 18. 06. 2008; Interviews mit Ortsansässigenin Sinaloa und Durango.291 338
    • Interviews mit anonymem DEA-Agenten.292Jo Tuckman: »El Chapo: The narcotics king who made it intoForbes magazine«, The Guardian, 14. 03. 2009; Interviewsmit diversen mexikanischen Sicherheitsexperten.293Interviews mit Josué Félix.294Beobachtungen des Autors und Interviews mit Ortsansässigenund Beamten in Sinaloa und Durango. Kapitel 13295Interviews mit Felipe Díaz Garibay.296James McKinley Jr.: »With beheadings and attacks, druggangsters terrorize Mexico«, The New York Times, 26. 10.2006.297Fernsehbilder aus Morelia vom 15. – 20. 09. 2008; GustavoRuiz: »Banners hung in Mexico blame hit men for attack«,Associated Press, 20. 09. 2008; Dudley Althaus: »Three ar-rested in Morelia grenade attack«, Houston Chronicle, 26. 09.2008.298Daniel Kurtz-Phelan: »The long war of Genaro Garcia Luna«,The New York Times, 13. 07. 2008.299George W. Grayson: »Los Zetas: The ruthless army spawnedby a Mexican drug cartel«, Foreign Policy Research Institute,May 2008.300Reportagen des Autors aus ganz Mexiko sowie Interviews miteinem anonymen DEA-Agenten.301 339
    • Mica Rosenberg: »Guatemala checks shootout dead for Mex-ican druglord«, Reuters, 26. 03. 2008; Mica Rosenberg:»Guatemala says Mexican druglord not among shootoutdead«, Reuters, 28. 03. 2008; Agenturmeldung: »›El Chapo‹bei Schießerei nicht getötet«, Notimex, 28. 03. 2008.302Interviews mit Ortsansässigen, Beamten und Experten inMichoacán zwischen 2007 und 2009; Interviews mit LuisAstorga, George W. Grayson: »La Familia: A deadly MexicanKartell revisited«, Foreign Policy Research Institute, August2009; Interviews mit einem anonymen DEA-Agenten.303Eigene Erinnerungen an den 04. 11. 2008.304Mark Bowden: Killing Pablo: The Hunt for the World’sGreatest Outlaw. Penguin Books 2001, S. 59.305Reportagen des Autors 2007/2008.306Mica Rosenberg, Anahi Rama: »Mexican troops fight Sinaloadrug cartel«, Reuters, 14. 05. 2008; Icela Lagunas, AlbertoCuenca: »Sie haben das SSP-DF attackiert«, El Universal, 16.02. 2008.307Agenturmeldung: »Mexico honors soldiers beheaded by drugcartels«, Associated Press, 22. 12. 2008; Agenturmeldung:»Mexikanische Armee schwört nach Enthauptung von Solda-ten drastische Gegenschläge«, Agence France Press, 22. 12.2008.308Reportagen des Autors aus Ciudad Juárez.309Mordstatistiken aus El Universal, Reforma und Milenio.310Reportagen des Autors aus Mexiko 2007 – 2009; Interviewsmit anonymem DEA-Agenten; Laurence Iliff: »Protests may 340
    • be Mexican drug cartels’ latest tactic to fight military pres-ence«, The Dallas Morning News, 19. 02. 2009.311William Booth: »U.S. forces asylum on Mexican humanrights activist Gustavo de la Rosa«, The Washington Post, 22.10. 2009.312Reportagen des Autors aus Ciudad Juárez.313William Booth: »U.S. forces asylum on Mexican humanrights activist Gustavo de la Rosa«, The Washington Post, 22.10. 2009.314Interviews mit Beamten und Ortsansässigen in Ciudad Juárez.315Berichte des National Drug Intelligence Center, Interviewsmit Gefängnisbeamten in Ciudad Juárez.316Marc Lacey: »17 killed in Mexican rehab center«, The NewYork Times, 25. 09. 2009; Agenturmeldung: »Fünf Tote beiMassaker in Entzugskliniken für Süchtige«, Milenio, 25. 09.2009; Alfredo Corchado, Angela Kocherga: »Experten sagen,mexikanisches Drogenkartell rotte rivalisierende Bande aus«,The Dallas Morning News, 04. 09. 2009; Interviews mit Be-amten in Ciudad Juárez.317Reportagen des Autors aus Sinaloa.318David Luhnow, José de Cordoba: »The druglord who gotaway«, The Wall Street Journal, 13. 06. 2009.319Redaktioneller Beitrag: »Erzbischof: ›Chapo hält sich in Du-rango auf‹«, El Universal, 22. 04. 2009; Mónica PerlaHernández: »Soldaten in Durango exekutiert«, El Universal,18. 04. 2009. 341
    • Kapitel 14320Vereinigter Generalstab der US-Streitkräfte: »The Joint Ope-ration Environment (JOE)«, 25. 11. 2008, S. 38-40.321Interviews mit Shannon O’Neil, Council on Foreign Rela-tions, Roberta S. Jacobson, U.S. State Department DeputyAssistant Secretary for Canada, Mexico and NAFTA.322Marisa Taylor: »Drug violence pushes Mexico to top of U.S.security concerns«, McClatchy Newspapers, 24. 03. 2009;Ken Ellingwood: »Calderón seeks to dispell talks of ›failingstate‹«, Los Angeles Times, 25. 01. 2009; National DrugIntelligence Center: »National Drug Threat Assessment2009«, Dezember 2008.323Interviews mit aktiven und ehemaligen DEA-Agenten; DEA-Erklärung nach »Operation Impunity II« vom Dezember2000.324DEA Special Agent Joseph M. Arabit, Aussage vor demHaushaltsausschuss des Repräsentantenhauses vom 24. 03.2009.325Interview mit Sheriff Chris Curry, NBC 13, WVTM, NBC’sAffiliate for Birmingham, Alabama; DEA-Erklärung vom 19.09. 2008.326Manuel Roig-Franzia: »From Mexico drug violence spills intoU.S.«, The Washington Post, 20. 04. 2008; Scott Kraft: »Bor-der drug war is to close for comfort«, Los Angeles Times, 19.02. 2009.327Scott Kraft: »On the borderline of good and evil«, Los An-geles Times, 03. 04. 2009.328 342
    • Michel Marizco: »Documents peint picture of a good agentthat went bad«, Nogales International, 08. 12. 2009; Sebas-tian Rotella: »Former U.S. anti-drug official’s arrest ›a com-plete shock‹«, Los Angeles Times, 17. 09. 2009.329National Drug Intelligence Center: »National Drug ThreatAssessment 2009«, Dezember 2008; Erklärung des Büros vonSenator Dick Durbin, 17. 03. 2009.330Traci Carl: »Mexico president denies country a ›failed state‹«,Associated Press, 26. 02. 2009; Ken Ellingwood: »Calderónseeks to dispel talk of ›failing state‹«, Los Angeles Times, 21.01. 2009; Interviews mit in Mexiko stationierten US-Beamtensowie mit Wissenschaftlern in Sinaloa 2008/2009.331Agenturmeldung: »Obama: Mexico drug war ›sowing cha-os‹«, MSNBC.com, 16. 04. 2009; redaktioneller Beitrag:»Calderón und Obama wollen Grenze für Waffen schließen«,El Universal, 16. 04. 2009.332United Nations Office on Drugs and Crime (UNODC).333DEA; Aussagen des nachrichtendienstlichen Leiters der DEA,Anthony Placido, und anderen vor dem Komitee für Rech-nungswesen und Regierungsreform des Repräsentantenhausesvom 09. 07. 2009; RAND Drug Policy Research Center.334Factcheck.org: »Counting Mexico’s guns«, 17. 04. 2009.335Mexikanisches Verteidigungsministerium.336Marc Lacey: »In drug war Mexico fights cartels and itself«,The New York Times, 29. 03. 2009.337Ken Ellingwood, Tracy Wilkinson: »Drug cartels new wea-ponry means war«, Los Angeles Times, 15. 03. 2009.338 343
    • Bureau of Alcohol, Tobacco and Firearms (ATF).339Daniel Kurtz-Phelan: »The long war of Genario García Lu-na«, The New York Times Magazine, 13. 07. 2008.340Elliot Spagat: »Feds: gun, cash seizures up at Mexican Bor-der«, Associated Press, 03. 11. 2009.341Manuel Roig-Franzia: »U.S. guns behind cartel killings inMexico«, The Washington Post, 29. 10. 2007; Denise Dresserbei der Einweihung des Woodrow Wilson International Cen-ter for Scholars’, Mexico Institute Report,http://mexicoinstitute.worldpress.com/.342DEA.343Jerry Adler: »Americas role in Mexico’s drug war«, News-week, 08. 12. 2009.344Aussage von DEA Special Agent Joseph M. Arabit vor demHaushaltsausschuss des Repräsentantenhauses vom 24. 03.2009. Kapitel 15345DEA-Erklärung, 25. 02. 2009.346Interviews mit US-Beamten in Zentralamerika; PGR-Einschätzung; José Meléndez: »Sinaloa-Kartell kämpft mitKolumbianern um Peru«, El Universal, 18. 02. 2009; ChrisKraul: »Mexico’s druglords look south«, Los Angeles Times,25. 03. 2009; Gustavo Carabajal: »Weiterer Schlag gegen dasSinaloa-Kartell im Land«, La Nacion; Agenturmeldung: »Ar-gentinien bestreitet Einflussnahme mexikanischer Drogenkar-telle«, EFE, 14. 11. 2008. 344
    • 347Interviews mit Edgardo Buscaglia und Michael Braun; Aus-sage von Michael Braun vor dem Senatskomitee für Außen-politische Beziehungen vom 26. 03. 2009.348Erklärungen der mexikanischen Marine, der Armee sowie derPGR.349David Kushner: »Drug subculture«, The New York Times, 23.04. 2009.350Joint Interagency Task Force-South Fact Sheet, herausgege-ben vom U.S. Southern Command.351BBC News: »Mexican navy seizes cocaine sub«, 18. 07.2008.352Joint Interagency Task Force-South Fact Sheet, herausgege-ben vom U.S. Southern Command.353Amy McCullough: »Legislation targets drug-smuggelingsubs«, NavyTimes.com, 30. 07. 2008.354U.S. Department of Justice Audit Report, Februar 2007; De-borah Feyerick, Michael Cary, Sheila Steffen: »Drug smug-glers becoming more creative, US agents say«, CNN, 16. 04.2009; Agenturmeldung: »Cocain haul found hidden in frozensharks«, Reuters, 17. 06. 2009.355PGR.356PGR, Dane Schiller: »Jesus statue seized by Texas agents«,Houston Chronicle, 30. 05. 2009.357Beobachtungen und Reportagen des Autors auf Grundlagevon Interviews mit Ortsansässigen und Beamten in Sinaloa.358 345
    • Tracy Wilkinson: »Women play bigger role in Mexico’s drugwar«, Los Angeles Times, 10. 11. 2009; Interviews mit weibli-chen Häftlingen und Gefängnisbeamten in Ciudad Juárez undCuliacán.359Interviews mit Insassinnen des Frauengefängnisses SantaMartha Acatitla.360Silvia Otero: »Eine unscheinbare Königin und ein esoterischerTiger«, El Universal, 05. 10. 2007; Joe Contreras: »Under-world Queenpin«, Newsweek, 11. 10. 2007.361Reportage des Autors aus dem Gefängnis Santa MarthaAcatitla; PGR. Kapitel 16362Ricardo Ravelo: »El Chapo: Die arrangierte Flucht«, Proceso,Januar 2009.363Telefoninterviews mit den Behörden in Durango.364Beobachtungen des Autors auf Pressekonferenzen von Medi-na Mora; Interviews mit aktiven und ehemaligen DEA-Agenten; Zitate aus einer Kolumne von Mary AnastasiaO’Grady, The Wall Street Journal, 25. 02. 2008.365Beobachtungen des Autors auf Pressekonferenzen von GarcíaLuna; Zitat aus: Daniel Kurtz-Phelan: »The long war of Gena-ro García Luna«, The New York Times Magazine, 13. 07.2008.366PGR-Erklärung vom 30. 05. 2009.367 346
    • Interviews mit Soldaten in Sinaloa; SEDENA (mexikanischesVerteidigungsministerium).368Interviews mit Generälen und Soldaten in Guerrero; Inter-views mit Lokaljournalisten in Sinaloa; Misael Habana, Gus-tavo Castillo: »Chapo und La Barbie mit Exekution in Aca-pulco in Verbindung gebracht«, La Jornada, 04. 08. 2005.369PGR.370PGR; Interviews mit in Mexiko stationierten anonymen DEA-Agenten.371Interviews in Sinaloa.372Berichte aus Las Trancas auf Basis von SEDENA, Rio Doce,El Universal , Reforma; Interviews mit Lokalreportern, dieam Schauplatz waren.373Interviews mit anonymem DEA-Agenten in Mexiko.374SEDENA, PGR.375PGR.376Interviews mit anonymem DEA-Agenten in Mexiko.377Fernando Henrique Cardoso, César Gaviria und Ernesto Ze-dillo: »The war on drugs is a failure«, The Wall Street Jour-nal, 23. 02. 2009.378Rúben Aguilar Valenzuela, Jorge Castañeda: El Narco: LaGuerra Fallida. Punto de Lectura, 2009; Jerry Adler: »Ameri-ca’s role in Mexico’s drug war«, Newsweek, 08. 12. 2009.379Mexikanische Medienberichte und Expertenkommentare.380 347
    • Mark Stevenson: »Mexican president says crime third priori-ty«, Associated Press, 07. 01. 2010.381Reportagen des Autors aus Culiacán.382PGR, Federales, SEDENA.383Mónica Hernández, Enrique Proa: »Aufstand in Durango for-dert mindestens 19 Tote«, El Universal, 15. 08. 2009, Korrek-tur nach PGR-Erklärungen.384Alexandra Olson: »Gang frees 50 inmates from Mexicanprison«, Associated Press, 17. 05. 2009, Korrektur nach PGR-Erklärungen.385Francisco Gómez: »Jorge Tello Peón: Die Polizei zu evaluie-ren ist unmöglich«, El Universal, 19. 09. 2009.386Interviews in Culiacán, Ciudad Juárez und Matamoros.387Miguel Ángel Félix Gallardos online publizierte Aufzeich-nungen.388Beobachtungen des Autors.389DEA-Verlautbarungen; Interviews mit einem in Mexiko stati-onierten anonymen DEA-Agenten.390PGR; redaktioneller Beitrag: »Zambada-Dynastie ge-schwächt«, Reforma , 23. 11. 2009; El Mayos Replik zitiertnach »In El Mayo Zambadas Höhle«, Proceso, 04. 04. 2010.391PGR; redaktioneller Beitrag: »Arturo Beltrán Leyva stirbt inCuernavaca«, El Universal (online), 16. 12. 2009.392Borderreporter.com.393PGR. 348
    • 394Berichte von Ortsansässigen.395PGR; Berichte von Ortsansässigen.396PGR.397Analyse des Autors auf Basis örtlicher Berichterstattung.398Alfredo Corchado, Angela Kocherga: »Mexican drug cartelfinishing off rival gang, experts say«, The Dallas MorningNews, 04. 09. 2009.399Alicia A. Caldwell, Mark Stevenson: »Sinaloa cartel winsJuárez turf war«, Associated Press, 09. 04. 2010.400PGR.401Interview mit dem ehemaligen DEA-Operationschef MichaelBraun.402Sandovals Rede wurde in der Online-Ausgabe von Noroestepubliziert. Seine Kommentare über Chapo machte er Anfang2010 gegenüber der BBC-Korrespondentin Katya Adler.403Bericht von Marc Lacey (The New York Times) exklusiv fürdieses Buch.404Interviews mit Ortsansässigen und Journalisten in Sinaloa.405Bericht von Marc Lacey (The New York Times) exklusiv fürdieses Buch.406Interviews mit Ortsansässigen in Sinaloa.407Interviews mit anonymem DEA-Agenten. 349
    • DanksagungenVielen Dank an Joel Rickett bei Viking Press, der mich mitverlegerischen Ratschlägen und Ermutigungen unterstützt hat,ganz zu schweigen davon, dass er als Erster die Idee zumübergreifenden Thema des Buches hatte. Dank an Mark Lacey, William Booth, Anne-MarieO’Connor, Tom Buckley, George Grayson, Brian Rausch,Blake Lalonde und Francisco Candido, die mich alle ermutigtund gelegentlich auch mit Berichten versorgt haben. Dank an Richard Ernsberger, Stryker McGuire, MarcusMabry, Rod Nordland, Sam Seibert, Chris Dickey, ScottJohnson, Babak Dehghanpisheh, Andy Nagorski, MichaelMeyer, Fareed Zakaria, José Contreras, Nisid Hajari und Ka-ren Fragala, die mir in der Vergangenheit geholfen und michin meiner Zeit bei Newsweek journalistisch weitergebrachthaben. Roger Sewhcomar, danke dafür, dass du mich ermutigthast, immer noch einmal eine bessere Version zu schreiben.Und an meine anderen Freunde – ihr wisst, wen ich meine. Mein Dank gilt auch all den Informanten, die sich mir ge-genüber geäußert haben, obwohl sie wussten, dass ich Journa-list bin, und die dabei möglicherweise ihr Leben riskierten,um die Zustände im heutigen Mexiko zu schildern. Bei denen,die ich anlügen musste, um mehr und bessere Informationenzu erhalten, möchte ich mich entschuldigen. Und schließlich will ich mich noch bei meiner Familie fürihre Unterstützung bedanken. 350
    • 1 Chapo im Laufe der Jahre (oben, von links nach rechts): in den Achtzigern, 1993 im Gefängnis; (unten, von links nach rechts): nach seiner Verhaftung 1993, kurz nach seiner Flucht 2001. 351
    • 2 Einer von Chapos berüchtigten Grenztunneln; dieser hier führte von Nogales,Sonora, zu einer verlassenen Methodistenkirche in Nogales, Arizona. Der 1995 entdeckte Ausgang lag nur wenige Gehminuten von einem Büro der US- Zollbehörde entfernt. 352
    • 3 Ein Fahndungsplakat von Chapo, das 2005 in Mexiko verbreitet wurde. Da diemexikanischen Behörden bestritten, etwas mit dem Plakat zu tun zu haben, wurdespekuliert, es sei von seinen Kontrahenten in Umlauf gebracht worden, um Chapo zum Freiwild zu erklären. 353
    • 4 Büste von Jesús Malverde, dem mystischen Schutzheiligen der Drogenschmugg- ler. Sie befindet sich in der zu seinen Ehren errichteten Kapelle in Culiacán (auf- genommen 2008). 354
    • 5 Die Kirche von Badiraguato, Sinaloa; die Einheimischen sagen, sie sei 2008 mit Geldern von Chapo restauriert worden. 355
    • 6 Die zweitgrößte Bargeld-Beschlagnahmung in der Geschichte der mexikanischen Armee. Die 26,2 Millionen Dollar gehörten Chapos Leuten und wurden am 14. September 2008 in einem Haus in Sinaloa gefunden. 356
    • 7 Die Capos (oben, von links nach rechts): Ismael Zambada García, alias »ElMayo«, Juan José Esparragoza Moreno, alias »El Azul«, Ignacio »Nacho« CoronelVillarreal, Edgar Valdez Villarreal, alias »La Barbie«, Heriberto Lazcano, alias »El Lazca«; (Mitte, von links nach rechts): Arturo Guzmán Loera, alias »El Pollo«, Miguel Ángel Guzmán Loera, alias »El Mudo«, Alfredo Beltrán Leyva, alias »El Mochomo«,Vicente Zambada Niebla, alias »El Vicentillo«, Vicente CarrilloLeyva; (unten, von links nach rechts): Amado Carrillo Fuentes, alias »Der Herr der Lüfte«, Ramón Arellano Félix, Benjamín Arellano Félix, Osiel Cardenás Guillén, alias »El Mata Amigos«, Miguel Ángel Félix Gallardo, alias »El Padrino«. 357
    • 8 Einwohner von Morelia, Michoacán, trauern nach dem Granatenanschlag vom15. September 2008, bei dem acht Menschen getötet und mehr als hundert verletzt wurden.9 Das Kriegskabinett von Präsident Felipe Calderón (Mitte) tritt am 24. November 2009 zusammen. Rechts neben Calderón steht Genaro García Luna, der Chef der Bundespolizei. 358
    • 10 Der misshandelte, nackte und kastrierte Leichnam eines nicht identifizierten Mannes hängt an einer Autobahnbrücke in Tijuana (Ende 2009). 359
    • 11 Mit mehr als 2600 Morden im Jahr 2009 gerieten die Leichenschauhäuser von Ciudad Juárez an die Grenzen ihres Aufnahmevermögens.12 In einem Lagerhaus in Mexiko-Stadt befinden sich Tausende von Waffen, die während des Drogenkrieges sichergestellt wurden. Bis zum Jahr 2009 hat das mexikanische Militär mehr als 300 000 Waffen beschlagnahmt. 360
    • 13 Präsident Felipe Calderón und seine Frau Margarita Zavala am Sarg ihres engenFreundes, des Innenministers und stellvertretenden Staatspräsidenten Juan CamiloMouriño. Mouriño starb am 4. November 2008 bei einem Flugzeugabsturz. Er galt als Schlüsselfigur bei der Bekämpfung des Drogenhandels.14 Polizeibeamte stehen bei den sieben Toten, die am 25. November 2008 in Ciu- dad Juárez aufgefunden wurden. Neben den Leichen waren drei Transparente ausgebreitet, angeblich hatten Mitglieder von Chapos Organisation diese vorher unterzeichnet. 361
    • 15 Auf einem Hügel oberhalb von Santiago de los Caballeros, Sinaloa, liegt einden örtlichen Narcos vorbehaltener Friedhof. Das Mausoleum im Vordergrund ist für Ernesto »Don Neto« Fonseca Carrillo reserviert, der gegenwärtig in einem Gefängnis in Mexiko-Stadt einsitzt. 362
    • 16 Soldat in einem Opiumfeld hoch in den mexikanischen Bergen (2009). 363
    • 17 Chapo am 10. Juni 1993 im Innenhof der Strafanstalt Almoloya de Juárez. DieAufnahme entstand kurz nach seiner Festnahme in Guatemala. 1995 wurde er ins Gefängnis nach Puente Grande verlegt. 364
    • 18 Maskierter Polizist bei einer Zigarettenpause während einer Patrouillenfahrt in Ciudad Juárez (2009). 365
    • 19 Soldat auf Patrouille in Ciudad Juárez (2009). 366
    • 20 Das Grenzgebiet zwischen Guatemala und Mexiko, wo Chapo 1993 verhaftet wurde. Tausende von Migranten und illegale Waren passieren hier täglich die Grenze. 367
    • 21 Soldaten verbrennen ein Opiumfeld in den Bergen Mexikos (2009). 368
    • 22 Das 2005 von der DEA veröffentlichte Fahndungsplakat von Chapo. 369
    • Die Originalausgabe THE LAST NARCO: HUNTING EL CHAPO,THE WORLD’S MOST WANTED DRUG LORD erschien 2010 bei Penguin Books, London Copyright © 2010 by Malcolm BeithCopyright © 2011 der deutschsprachigen Ausgabe by Wilhelm Heyne Verlag, München, in der Verlagsgruppe Random House GmbH Redaktion: Thomas Brill Satz: C. Schaber Datentechnik, Wels eISBN 978-3-641-05938-5 www.heyne-hardcore.de www.randomhouse.de 370