FNF International Newsletter 2-2011 - The Role of Social Media
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Die Neuen Sozialen Medien, kurz NSM, haben binnen kürzester Zeit weltweit radikal an Bedeutung gewonnen und sind im täglichen Leben von Milliarden Menschen nicht mehr wegzudenken....

Die Neuen Sozialen Medien, kurz NSM, haben binnen kürzester Zeit weltweit radikal an Bedeutung gewonnen und sind im täglichen Leben von Milliarden Menschen nicht mehr wegzudenken.
Doch nicht nur die sozialen Kontakte zwischen den Menschen werden beeinflusst, auch auf die Politik
kommen ganz neue Herausforderungen, aber auch Chancen in der Kommunikation mit den Bürgerinnen und Bürgern zu. So sprach man angesichts der revolutionären
Entwicklungen in der arabischen Welt in diesem Jahr gar von „Facebook Revolutions“, da den NSM eine gewichtige Rolle bei der Organisation und Verbreitung
der Proteste in der Weltöffentlichkeit zukam.
In dieser letzten Ausgabe der FNF International in diesem
Jahr berichten Auslandsmitarbeiter der Stiftung für die Freiheit über die Rolle der NSM in ihren Projektregionen
und -ländern und analysieren die gesellschaftlichen
Veränderungen und Umbrüche, die durch
die Vernetzung verstärkt wenn nicht sogar ausgelöst
werden. Dazu wird aufgezeigt, wie das Thema auch
unsere Arbeit als politische Stiftung beeinflusst und
verändert.
Ich wünsche Ihnen eine anregende Lektüre!
Ulrich Niemann
Bereichsleiter Internationale Politik

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FNF International Newsletter 2-2011 - The Role of Social Media FNF International Newsletter 2-2011 - The Role of Social Media Document Transcript

  • www.freiheit.org FNF International News AUSGABE 2 / 2011Freiheit und die Rolle der Neuen Sozialen Medien
  • Inhalt Freiheit und die Rolle der Neuen Sozialen MedienEditorial Freiheit und die Rolle der Neuen S. 3 Sozialen Medien - eine EinführungSehr geehrte Damen und Herren, S. 5 „Facebook-Revolution“?liebe Freunde der Friedrich-Naumann-Stiftung für Der Einfluss Neuer Sozialerdie Freiheit, Medien in den Mittelmeerländerndie Neuen Sozialen Medien, kurz NSM, haben binnen In Afrika gehen die digitalen S. 14kürzester Zeit weltweit radikal an Bedeutung gewon- Lichter annen und sind im täglichen Leben von Milliarden Men-schen nicht mehr wegzudenken. New Social Media in Southeast S. 18 and East AsiaDoch nicht nur die sozialen Kontakte zwischen denMenschen werden beeinflusst, auch auf die Politik Der Vormarsch von Internet und S. 23kommen ganz neue Herausforderungen, aber auch sozialen Medien auf demChancen in der Kommunikation mit den Bürgerinnen Westbalkanund Bürgern zu. So sprach man angesichts der revolu-tionären Entwicklungen in der arabischen Welt in die- Neue Soziale Medien in Latein- S. 28sem Jahr gar von „Facebook Revolutions“, da den NSM amerika: Der Weg zu neuereine gewichtige Rolle bei der Organisation und Ver- Meinungsvielfalt?breitung der Proteste in der Weltöffentlichkeit zukam. Nordamerika und Europa: Neue S. 37In dieser letzten Ausgabe der FNF International in die- Soziale Medien machen Politiksem Jahr berichten Auslandsmitarbeiter der Stiftungfür die Freiheit über die Rolle der NSM in ihren Pro- Social Media is not enough to S. 46jektregionen und -ländern und analysieren die gesell- trigger a revolution: A holisticschaftlichen Veränderungen und Umbrüche, die durch view from Indiadie Vernetzung verstärkt wenn nicht sogar ausgelöstwerden. Dazu wird aufgezeigt, wie das Thema auch Ausgewählte Publikationen S. 52unsere Arbeit als politische Stiftung beeinflusst undverändert.Ich wünsche Ihnen eine anregende Lektüre!Ulrich Niemann www.freiheit.orgBereichsleiter Internationale Politik 2
  • FNF International News Freiheit und die Rolle der Neuen Sozialen Medien Freiheit und die Rolle der Neuen Sozialen Medien - eine EinführungWhen technology enables us to do things hitherto im- nur rudimentär vorhanden. In dieser Situation fehltepossible, it becomes the very engine of liberation. den Menschen nicht nur die Möglichkeit, sondern auch die Mündigkeit zur Wahrnehmung ihrer demo- Gladden J. Pappin1 kratischen Rechte. Die staatliche Propaganda enthielt den Menschen die Informationen vor, die für eine ob-Wer die Bedeutung moderner Informationstechnologie jektive Bewertung ihrer individuellen Situation nötigfür Freiheit und Demokratie verstehen will, deren vor- gewesen wären. Ohne schnellen und risikolosen sozia-läufigen Höhepunkt die Neuen Sozialen Medien wie len und informationellen Austausch waren die Men-etwa Facebook oder Google+ markieren, der muss sich schen nicht in der Lage, ein bewusstes Gegengewichtnur einmal in die Lage derer versetzen, denen moder- zu den herrschenden Eliten aufzubauen. Für die ehe-ne Mittel der Kommunikation und Informationsver- maligen DDR-Bürger ist das zwar inzwischen Ge-breitung mangels verfügbarer Technik oder aufgrund schichte, für Millionen anderer Menschen bis heutepolitischer Unterdrückung nicht zur Verfügung stehen. jedoch bittere Realität.Es ist kein Vierteljahrhundert her, da war das Fehlenvon Freiheit und Demokratie in einem Teil Deutsch- Fünfundzwanzig Jahre später tauschen wir täglichlands auch auf den eklatanten Mangel an Möglichkei- unzählige Kommentare in sozialen Netzwerken aus,ten des Austausches von Information und sozialer In- teilen Links und Neuigkeiten, organisieren Partys undteraktion zurückzuführen. Kaum jemand hatte ein Te- Veranstaltungen oder chatten einfach so miteinander.lefon, das Briefgeheimnis war das Papier nicht wert Vorbei sind die Zeiten da man einen langsamen Briefauf dem es stand, die Verlage und Massenmedien schrieb oder eine E-Mail an einen oder wenige Freun-gleichgeschaltet und der öffentliche Austausch von de vom heimischen Computer verschickte. Heut sitztGedanken und Informationen stand unter permanen- man in der Bahn und postet Freudiges oder Frustrie-ter Kontrolle. Soziale Interaktion musste sich auf die rendes via Smartphone um die Welt. Noch nie war dasFamilie oder den Freundeskreis beschränken, andern- eigene Universum so eng mit Welt der Mitmenschenfalls war sie der politischen Öffentlichkeit unter der verknüpft. Unsere bürgerlichen Freiheiten haben inObservationsglocke des allmächtigen Staates gnaden- den modernen Informationstechnologien und derenlos ausgeliefert. Ein Rechtsstaat, der Meinungsfreiheit sozialen Netzwerken ihre perfekte Ergänzung gefun-garantiert, existierte nicht und die technologischen den. Wissensaneignung, Informationskontrolle undVoraussetzungen für anonyme Kommunikation waren sozialer Austausch sind dank der sozialen Netzwerke1 des Internets noch nie so billig, schnell und zielgerich- Gladden J. Pappin, Liberty, Technology, and the Advent of So-cial Networking, The Intercollegiate Review, Volume 46, Number tet wie heute möglich gewesen. Friedrich August von2, 2011. Hayeks „spontane Ordnung“, die effiziente Verteilung 3
  • FNF International News Freiheit und die Rolle der Neuen Sozialen Medienvon Informationen in der Gesellschaft, hat in sozialen Social Media - Grundfertigkeit in derNetzwerken einen idealen Nährboden. Soziale Bindun-gen werden nicht mehr durch globale Distanzen ver- Internationalen Politikhindert und kommen ohne persönliche Beziehungenaus, weniger intensiv müssen sie dennoch nicht sein. Sie sind politische Hochkaräter, gut vernetzt und stän-Soziale Hierarchien werden flacher, wenn nicht gar dig im Einsatz: Die Regionalbüro-Leiter der Friedrich-bedeutungslos. Autorität ist in sozialen Medien keine Naumann-Stiftung für die Freiheit Ronald MeinardusFrage der Macht mehr, sondern der Überzeugungs- und Rainer Adam – und zunehmend sind sie auch aktivkraft. Medieninformationen lassen sich um persönli- als Blogger, Tweeter und auf Facebook.che Erfahrungen ergänzen und einer subjektiven Be-wertung unterziehen, nichts entgeht der Netzgesell- Twitter-Interview von Carl Hinrichsenschaft unreflektiert und unkommentiert. Links zu Dr. Ronald Meinardus (@meinardus), ist Leiter des Regionalbü-Massenmedien und Blogs werden ebenso dem kriti- ros Kairo der Stiftung für die Freiheitschen Blick des sozialen Netzes ausgesetzt wie dieeigene Meinung. Trotz aller Subjektivität der individu- Dr. Rainer Adam (@ManfromMosel), ist Leiter des Regionalbü-ellen Meinungen erhält am Ende jeder einzelne ein ros Bangkok der Stiftung für die Freiheitobjektiveres Bild der Realität. Damit ist man für dieWahrnehmung der persönlichen Freiheiten und der Carl Hinrichsen (@carlhinrichsen), ist Stipendiat der Stiftung für die Freiheit und macht zur Zeit seinen MBA in Barcelonadamit verbundenen Konsequenzen besser gerüstet alsje zuvor. @meinardus – Als erster Eindruck – Nutzen Sie Social MediaKein Wunder, dass soziale Netzwerke wie Facebook mehr beruflich oder privat?und Twitter mehr und mehr zu Katalysatoren sozialerUmwälzungen werden. Einfacher und grenzenloser @carlhinrichsen -Mehr beruflich. Ich lege Wert darauf, dass wirsozialer Austausch macht den Menschen das Ausmaß regelmäßig und mehr oder minder lückenlos über unsere Ar- beit informieren. Privat seltener.ihrer Unfreiheit bewusst und gibt ihnen die Mittelzum Informationsaustausch und zur Organisation ge- @ManfromMosel – Sie bloggen vor allem über Kulinarisches.meinsamer Aktivitäten in die Hand. Doch ein Garant Wie kam es zu derfür die Freiheit sind die Neuen Sozialen Medien den- Entscheidung?noch nicht. Dagegen sprechen nicht nur die Gefahren,die von der staatlichen Überwachung der technischen @carlhinrichsen - Wollte ein unpolitisches Thema bearbeiten,Infrastruktur des Internets oder dem eigenen unver- so dass ich weiß, um was es beim Bloggen geht, ohne politische Verortung.antwortlichen Umgang mit persönlichen Daten ausge-hen. Mindestens ebenso wichtig ist, dass sich die Nut- @meinardus – Als Leiter des Regionalbüros Kairo haben Siezer der NSM immer wieder die Frage nach dem Wert Ägypten zu Zeiten desder individuellen Freiheit stellen. Hierauf kann der Umbruchs erlebt. Welche Rolle spielte Social Media dabei?technische Fortschritt keine Antwort geben. @carlhinrichsen – Als Mobilisierungsinstrument waren die NSM enorm wichtig. Sie sollten aber nicht überschätzt werde, sonstSteffen Hentrich wären die Liberalen jetzt vorn.Liberales Institut @ManfromMosel – Braucht Demokratie Social Media? @carlhinrichsen - Besonders in noch nicht voll demokratischen Regimes ist Social Media unerlässlich, damit Bürger sich austau- schen können. Fortsetzung auf S. 36Bildnachweis Titel: Alexander Klaus/Pixelio 4
  • FNF International News Freiheit und die Rolle der Neuen Sozialen Medien „Facebook-Revolution“? Der Einfluss Neuer Sozialer Medien in den Mittelmeerländern tauschten.Schwerpunkt in der Projektarbeit: Arbeitmit Bloggern in der arabischen Welt Zeitgleich mit diesem in der „Szene“ beachteten „Event“ erfolgte die Veröffentlichung des ersten Blog-Bildungsprogramme für Journalisten sind seit jeher ging-Handbuchs in arabischer Sprache, in dem füh-ein Kernbestand der Projektarbeit der Friedrich- rende ägyptische Bürgerjournalisten Tricks und TippsNaumann-Stiftung für die Freiheit (FNF) in der arabi- für erfolgreichen „Bürgerjournalismus“ zum Bestenschen Welt. Das erste Projekt der Stiftung geht auf geben. Die Fibel ist im Buchhandel erhältlich, aberdas Jahr 1964 zurück: eine Zusammenarbeit mit einer auch online abrufbar: http://scr.bi/m0j1LTstaatlichen Journalistenschule in Tunesien. Inzwischenhaben sich die politischen Rahmenbedingungen in Im Rahmen der Zusammenarbeit mit arabischen Blog-diesem Teil der Welt dramatisch geändert und neben gern findet auch eine fortlaufende BestandsaufnahmeProgrammen zur Ausbildung von Journalisten in tradi- statt: Am größten sei der Bedarf an „capacity buil-tionellen Medien sind die „Neuen Sozialen Medi- ding“-Maßnahmen derzeit für Bürgerjournalisten inen“ (NSM) ein Arbeitsschwerpunkt. Algerien und in Syrien, so eine weit verbreitete Mei- nung. In Zusammenarbeit mit ihren Partnern aus derDie Arbeit mit arabischen Bürgerjournalisten begann arabischen Bloggerszene will die Stiftung Kurse fürin Ägypten vor etwa fünf Jahren: die enorme politi- Bürgerjournalisten aus diesen Ländern anbieten. Pa-sche Bedeutung der neuen Online-Medien ist spätes- rallel gehen die Workshops auf nationaler Ebene wei-tens im Zuge der bisweilen auch „Facebook- ter – in Ägypten, Jordanien, in Marokko und dem-Revolution“ genannten Umbrüche in Nordafrika deut- nächst auch in Palästina und Tunesien.lich geworden. Die entsprechenden Trainingsprogram-me begannen lange vor dem Sturz Mubaraks: Die Stif- Schließlich ein Wort zu den internationalen Aktivitä-tung nutzte ihre Kontakte zu oppositionellen, vor al- ten: Auf Einladung der Deutschen Welle organisiertelem jugendlichen Onlinejournalisten und organisierte die FNF im Rahmen des diesjährigen Global Media Fo-mit diesen (und für diese) Kurse. Der offizielle Partner rum ein viel beachtetes Forum, auf dem Blogger auswar die Egyptian Organization for Human Rights der arabischen Welt über die Rolle der neuen sozialen(EOHR), die älteste ägyptische Menschenrechtsorgani- Medien beim politischen Umbruch berichteten – undsation, die im Lande weit verzweigt ist: Kaum ein an- diskutierten. Gleichsam als Anschlussprogramm fandderes von der FNF gefördertes Programm fand so star- im September die von der Stiftung organisierte inter-ken Zuspruch. nationale Online-Konferenz statt mit dem Titel: „Facebook-Revolutionen? Die Bedeutung von neuenNach der Revolution weitete die Stiftung das Angebot Sozialen Medien in der arabischen Welt“. Fortsetzungaus und bot regionale Maßnahmen an: Ein Höhepunkt folgt – oder: wir bleiben auf Augenhöhe!war dabei ein Workshop im Frühjahr diesen Jahres, zudem führende Blogger aus der gesamten arabischen Dr. Ronald MeinardusWelt nach Kairo kamen und drei Tage lang über ihre Regionalbüroleiter MittelmeerländerErfahrungen berichteten und „best practices“ aus- 5
  • FNF International News Freiheit und die Rolle der Neuen Sozialen MedienFacebook-Revolutionen? Die Neuen Sozia- sion zu bringen.len Medien und der arabische Frühling1 Damit die Aufstände der Jugend die Massenmobilisie- rung erzielten, die schließlich zum Sturz der Diktato-Facebook, Twitter und YouTube – um nur die wich- ren führte, bedurfte es mehr als der medialen Krafttigsten zu nennen – waren scharfe Waffen in den von Facebook und Twitter. Hauptmotor der Massen-Händen der Revolutionäre, die im Frühjahr 2011 ara- mobilisierung war – das ist zusehends auch aus empi-bische Autokraten zunächst in Tunesien, später dann rischen Befunden ersichtlich – das Fernsehen. Vonin Ägypten und Libyen aus dem Amt vertrieben haben. allen TV-Sendern muss hier vor allem Al Jazeera ge-Mit ihrem digitalen Arsenal verbreiteten die Online- nannt werden – ein Medienunternehmen, das längstAktivisten revolutionäre Stimmung, sie mobilisierten zu einem der zentralen – politischen – Akteure aufMitstreiter und vernetzten sich untereinander. dem nahöstlichen Schlachtfeld avanciert ist. Der Sen- der aus Katar hatte sich früh von den journalistischen Grundsätzen der Neutralität verabschiedet und sich in seiner Berichterstattung höchst öffentlichkeitswirk- sam an die Spitze der Revolution gestellt. Besonders eklatant war dies in Tunesien, in Ägypten und später dann in Libyen. Heute wird Al Jazeera unterstellt, in den nordafrikanischen Ländern eher die religiösen Kräfte mit seiner Medienmacht zu fördern. Wenige Wochen nach der ägyptischen Revolution ergab eine Meinungsumfrage des International Re- publican Institute (IRI), dass 86 Prozent der Ägypter ihre Informationen über die Revolution aus dem Fern- Facebook-Plakat auf einer Demonstration in Kairo sehen bezogen haben; nur sechs Prozent vertrauten (Foto: Rowan El Shimi/Flickr) auf Facebook.In Folge dieser Umbrüche war die Begeisterung über Gleichwohl hat Facebook in den letzten Monatendas Wirken der Internet-Aktivisten vielerorts derart stark an Akzeptanz zugelegt. In einer Studie dergroß, dass verschiedentlich von Facebook- oder Twit- „Dubai School of Government“ heißt es, die Zahl derter-Revolutionen die Rede war. Vor derartiger Verkür- arabischen Facebook-Mitglieder habe im ersten Halb-zung sei gewarnt: Diese Revolutionen monokausal auf jahr 2011 um über fünfzig Prozent zugenommen. Be-die Wirkung von Internet-Applikationen zur verkür- sonders beliebt sind die sozialen Medien in den rei-zen, wie dies im Lager der so genannten Cyberutopis- chen Golfstaaten; dort ist – angesichts der üppigenten geschieht, wird der Vielschichtigkeit der histori- Geschenke der Herrschenden an das Volk – der revo-schen Vorgänge nicht gerecht. Facebook, Twitter und lutionäre Bazillus auf keinen fruchtbaren Boden ge-Co. spielten zweifelsohne eine wichtige instrumentel- fallen. Auch dies ein Argument gegen den Cyberuto-le Funktion. Doch sie waren und bleiben Instrumente. pismus, demzufolge Unterdrückung und FacebookEntscheidend für die revolutionären Aufstände waren quasi automatisch zum Aufruhr führten.die politischen und sozioökonomischen Rahmenbedin-gungen; diese glichen im „Vormärz“ des arabischen Wie in anderen Teilen der Welt kommt den sozialenFrühling einem Kessel, der unter Hochdruck steht: Un- Medien eine zusehends wichtige Rolle in der arabi-terdrückung, Massenarbeitslosigkeit, Perspektivlosig- schen Medienlandschaft zu. Sie hatten eine Stern-keit sind Zutaten dieses explosiven Gemischs. Da be- stunde, als sie dazu beitrugen, die verhassten Auto-durfte es nur eines Funkens, um den Kessel zur Explo- kraten zu vertreiben. Doch damit ist die Geschichte keinesfalls zu Ende: Die Herausforderung der Zukunft1 Hinweis: Dieser Beitrag ist eine überarbeitete Fassung eines – auch für die Neuen Sozialen Medien und die Akti-Textes, der in der Programmzeitschrift (1/2012) der FNF erschei-nen wird. visten, die sie benutzen – lautet: Wie können sie zur 6
  • FNF International News Freiheit und die Rolle der Neuen Sozialen MedienFörderung der Demokratie und zur Stärkung von de- se wurden mehr und mehr Bürger für die spontanemokratischen Institutionen beitragen? Um diese Frage Bewegung gewonnen, sie unterstützten die Revoluti-zu beantworten bedarf es Kreativität und Erfinderga- on und setzten ihren Protest fort, trotz eines äußerstbe – beide Qualitäten sind im sozialen Netz über- brutalen und repressiven Polizeiapparates. Diedurchschnittlich vorhanden. schwierige Aufgabe der Mobilisierung der Massen in einem Polizeistaat wie Tunesien wurde durch Face-Dr. Ronald Meinardus book erst möglich gemacht, weil es die Kommunikati-Regionalbüroleiter Mittelmeerländer on unter Gleichgesinnten erleichterte. Fotos und Videos der Polizeigewalt wurden mit den Handys der Protestierenden aufgenommen und umge- hend auf Facebook verteilt. So sind Zeugnisse der Bru-Freiheit und die Rolle der Neuen Sozialen talität von Diktaturen enstanden, die für die Öffent- lichkeit weltweit und auch für alle Tunesier umge-Medien in Tunesien hend zugänglich waren. Dadurch konnten die gewal- tätigen Auseinandersetzungen zwischen Sicherheits-Die Revolution in der arabischen Welt begann am 17. kräften und Volk kaum zensiert werden. Die Weltöf-Dezember 2010 in der vorher kaum bekannten tunesi- fentlichkeit wurde Zeuge der Massaker an Zivilisten,schen Kleinstadt Sidi Bouzid, als sich der Gemüse- die in Kasserine und Sidi Bouzid stattgefunden haben.händler Mohammed Bouazizi wegen eines Streits miteiner Polizeibeamtin vor dem Gebäude des Gouverne-rats selbst verbrannte. In der Folge ergriff die arabi-sche Revolution auch andere Länder in Nordafrika wieÄgypten und Libyen, sowie weitere arabische Länderaus dem Nahen Osten wie z.B. Syrien und Jemen.Die Neuen Sozialen Medien gelten im Falle der tune-sischen Revolution als Katalysator, der die Protestegebündelt und weiter getragen hat, als Sprachrohrund Medium des Massenprotests. Die Menschenkonnten sich erst Dank der NSM organisieren undmobilisieren und die Barriere der Angst überwindenund sich auf den Straßen verabreden. Danksagung an Facebook auf einem Graffiti in Tunesien (Foto: Al Jazeera English/Flickr)Die Technologien der NSM haben es für die Massenermöglicht zu protestieren, sich zu organisieren, zu Nach den Berichten von Reporter ohne Grenzen ha-informieren und sich zu spontanen Protestaktionen zu ben 2 Millionen Bürger in Tunesien Facebook-Konten.mobilisieren. Das Internet ist für Millionen Tunesier eine Möglich- keit, Freiheit in der Kommunikation zu erleben. DieViele Blogger und Journalisten sind sich einig darin, NSM haben somit eine sehr wichtige Rolle gespielt,dass Facebook und Twitter als Instrumente der Unter- denn sie haben der „schweigenden Mehrheit“ im poli-stützung der tunesischen Revolution betrachtet wer- tischen Sinne eine Stimme gegeben und ihnen er-den können und eine hervorragende Rolle in der Mas- laubt, sichtbar und hörbar zu werden.senmobilisierung gespielt haben. Gleich zu Beginn derRevolution haben sich Gruppen gebildet, um die Men- Oftmals wird übersehen, dass der repressive Staatschen über die Ereignisse und den Fortschritt der Pro- grundsätzlich durchaus in der Lage war, das Internettestwelle zu informieren. Dieses ermöglichte es den umfassend zu kontrollieren. Wie alle Diktaturen inMenschen, Vetrauen zu fassen und Sympathie für die Nordafrika verfügte auch das tunesische Regime überProtestierenden zu entwickeln. Auf diese Art und Wei- umfassende technische Installationen zur Überwa- 7
  • FNF International News Freiheit und die Rolle der Neuen Sozialen Medienchung von Informationsströmen und Veröffentlichun- Freiheit und die Rolle der Neuen Sozialengen im Internet und die Möglichkeit, einzelne Beiträ- Medien in Algerienge zu zensieren oder sogar bestimmte Dienste gezieltabzuschalten. Warum war dies so wenig effektiv? Si-cher war es auf der einen Seite die schiere Zahl von Der arabische Frühling scheint im Großen und GanzenBeiträgen, die die staatliche Überwachung überfor- an Algerien vorbeigezogen zu sein. Während es in denderten. Aber eine nicht zu unterschätzende Rolle Nachbarländern zu Regimewechseln (Tunesien) oderspielte auch die von Hackern und Internetaktivisten zu grundlegenden Reformen (Marokko) kam, herrschtorganisierte „technische Gegenwehr“. Im Fall von Tu- im größten Land Afrikas noch immer politische Eiszeit.nesien fiel dem Kollektiv „Anonymous“, einer losenVerbindung einzeln agierender Hacker und Program-mierer, eine prominente Schlüsselrolle zu. „Vous avezunilatéralement déclaré la guerre à la liberté d’ex-pression, à la démocratie et à votre propre peuple.Anonymous a entendu le cri de liberté du peuple tuni-sien. Anonymous est disposé à aider le peuple tunisiendans cette lutte contre l’oppression.“ erklärten dieAktivisten in einem offenen Brief an den damaligenPräsidenten Ben Ali. Ohne diese Schützenhilfe der bisheute unbekannten „weißen Ritter“ hätte das Internetunter Umständen weit weniger effektiv genutzt wer-den können.Alexander KnippertsProjektleiter Tunesien Internetnutzer in einem Internetcafé in der Küstenstadt Annaba (Foto: John Perivolaris/Flickr)unter Mitarbeit von Anis Ben Amor, Büro Tunis Doch unter der dicken Schicht aus Repression, Mani- pulation und dem omnipräsenten Sicherheitsapparat regt sich auch in Algerien zunehmend Protest. Dies ist nicht verwunderlich, sind doch die strukturellen Defi- zite des Landes mit denen seiner Nachbarländer ver- gleichbar. Trotz seines Ressourcenreichtums und enormen wirtschaftlichen Potenzials ist es Algerien bisher nicht gelungen, die junge Bevölkerung am wachsenden Wohlstand zu beteiligen und in den poli- tischen Prozess zu integrieren, der noch immer von den Veteranen des Unabhängigkeitskampfes dominiert wird. Für die Jugend bestehen kaum Freiräume zur Selbstentfaltung und zur freien Meinungsäußerung. Angesichts unterentwickelter und oftmals vom Re- gime unterwanderter zivilgesellschaftlicher Strukturen sind die Neuen Sozialen Medien eine der wenigen Ventile, um öffentlich Kritik zu äußern. So wächst die Zahl der Facebook-Nutzer rasant: waren von den 33 Satirisches Motiv über die Unterbrechung des Millionen Algeriern Anfang April 2011 noch 2 Millio- Internets während der revolutionären Umbrüche 2011 nen Menschen über das Netzwerk verbunden, so sind (Quelle: Mike Licht/Flickr) es heute knapp unter 3 Millionen. Dabei sind 65 Pro- 8
  • FNF International News Freiheit und die Rolle der Neuen Sozialen Medienzent der Nutzer zwischen 18 und 34 Jahre alt. 2 Freiheit und die Rolle der Neuen Sozialen Medien in der HighTech-Oase IsraelAuf dieses Potenzial hat auch die Stiftung reagiertund neben der regionalen Vernetzung von Bloggernbereits im Frühjahr 2011 erste Pilotmaßnahmen in Im Lande, in dem „jeder jeden kennt“ (so die HighTechAlgerien durchgeführt. So stand die Rolle der neuen -Ikone Yossi Vardi), hat man die Sozialen Medien mitKommunikationstechnologien zum Schutz der Men- offenen Armen empfangen. Diese Feststellung wirdschenrechte im Fokus eines Seminars, das vom FNF- durch die im April 2011 von der Medien-DatenbankBüro in Algier zusammen mit der algerischen Sektion comScore veröffentlichten Daten belegt. Sie zeigen,von Amnesty International organisiert wurde. Dass dass man in Israel, mehr als in jedem anderen Landdiese Veranstaltung unter dem Radarschirm der Auto- der Welt, Soziale Medien, in erster Linie Facebook undritäten in einem schwierigen politischen Umfeld Twitter, nutzt. Der durchschnittliche Israeli verbringtdurchgeführt werden konnte, ist ein ermutigendes demnach ganze 10.7 Stunden/Monat mit dem SurfenZeichen, dessen Bedeutung dadurch unterstrichen in Facebook und Twitter, zweimal so viel wie die Nut-wurde, dass schon am ersten Tag nach dem Seminar zer in den USA oder Deutschland.ein Teilnehmer seinen ersten eigenen Blog veröffent-lichte:http://ho-cyberpresse.blogspot.comSebastian HempelProjektleiter Algerien und Marokko Quelle: www.comscoredatamine.com Auch die Facebook-Statistiken legen Zeugnis ab von Israels offenkundiger Kommunikationsfreude: Fast die Hälfte der Bevölkerung (46.1%) besitzt ein Facebook- Konto (im Vergleich zu 25.6% in Europa). Auch im regionalen Vergleich führt Israel die Liste jener Länder an, in denen die höchste Penetrationsrate verzeichnet wird (s. nachfolgende Tabelle). Im Februar 2011 er- reichte Israel sogar eine Penetrationsrate von 90% Karte: CIA/Perry-Castañeda Library Map Collection unter den Internetsurfern, die die Seiten von Facebook2 aufsuchten - nur knapp hinter den Philippinen, die http://www.jam-mag.com/algerie-3-millions-dutilisateurs-de-facebook-dici-a-la-fin-de-lannee/ 9
  • FNF International News Freiheit und die Rolle der Neuen Sozialen Medienmit 93% im weltweiten Vergleich den ersten Rang Die Benutzung der Sozialen Medien (vorwiegend Fa-belegten. cebook) zieht sich durch alle Altersgruppen. Dabei sind keine wesentlichen Unterschiede in der Nutzung zwischen den Geschlechtern zu verzeichnen. Aller- dings scheinen ethnische Zugehörigkeit und der Grad an Religiosität bei der Nutzung der sozialen Medien eine Rolle zu spielen. Generell heißt es, die arabische Minderheit in Israel nutze das Internet 15-20% weni- ger als die jüdische Mehrheitsbevölkerung. Die Nut- zung der sozialen Medien scheint bei der Minderheit noch drastisch niedriger auszufallen. Ein Erklärungs- ansatz nimmt auf die Tatsache Bezug, dass die arabi- sche Gesellschaft durchweg traditionalistischer ist; ein anderer Grund sind die häufig von der Mehrheitsbe- völkerung abweichenden Lebens- und Arbeitsbedin- gungen der arabischen Bürger Israels.Der Vizepräsident von comScore, Mike Rid, erklärt die-se Daten mit der Vorliebe der Israelis für neue Techno-logien, die wohl dafür verantwortlich ist, dass das„kleine Israel“ als führende Startup-Nation einen pro-portional überdurchschnittlichen Beitrag zur Entwick-lung der globalen digitalen Landschaft leistet und dar-über hinaus als einer der aktivsten und dynamischstenInternetmärkte der Welt gelten kann. Straßenszene in Jerusalem (Foto: Francisco Martins/Flickr)Bei dem Versuch, die hohe Nutzerrate der sozialen Interessant ist ein Blick auf die Internetnutzung desMedien in Israel zu erklären, werden von Experten al- ultraorthodoxen Bevölkerungselements (ca. 10% derlerdings eher gesellschaftliche und psychologische als Gesamtbevölkerung). Immerhin surfen auch 50 % dertechnologische Aspekte angeführt. Nach Gal Mor, Orthodoxen im Internet, was angesichts ihres eigent-Blogger und Analyst von Internet-Trends, sind Israelis lich von der modernen Welt radikal abgewandten Le-schlichtweg die „Weltmeister im Reden“. Die sozialen bensstils Verwunderung auslöst. Allerdings lassen vie-Medien bieten sich hier als ideale Plattform an, um le der ultraorthodoxen Internetnutzer Programme in-dem Mitteilungsdrang freien Lauf zu lassen. Diese Er- stallieren, die das Surfen auf „unmoralischen“ Seitenklärung wird übrigens durch die Tatsache gestützt, verhindern sollen. Da ihr Kommunikationsdrang demdass Israelis auch eine außerordentliche Leidenschaft der säkularen Juden nicht nachzustehen scheint, istfür Mobiltelefonie hegen und auch hier weltweite das „koschere“ Facebook für Religiöse („FaceGlat“)Nutzungsrekorde aufstellen. Hinzu kommt, dass es entstanden. Hier trennt man beim Einloggen zwischensich bei Israel um ein sehr kleines, in geopolitischer Männern und Frauen und lässt nur Gleichgeschlechtli-Hinsicht isoliertes Land handelt, was dazu beitragen che miteinander kommunizieren; “unmoralische“ Be-dürfte, dass das globale grenzüberschreitende Kom- griffe werden aussortiert oder blockiert.munikationsangebot der sozialen Medien besondereAttraktivität gerade auf seine Bürger ausübt. Die über Auch in Wirtschaft und Politik hat man das Potenzialweite Teile des Globus gespannten und intensiv ge- der Sozialen Medien schon seit Langem erkannt undpflegten Familienbande vieler Israelis spielen eine zu- zu nutzen versucht. Werbung, z.B. von Supermärktensätzliche Rolle. oder Telefongesellschaften, ist stets mit dem Hinweis 10
  • FNF International News Freiheit und die Rolle der Neuen Sozialen Medienauf den Facebook-Auftritt versehen. Allerdings erwei- die sozialen Netzwerke direkten Einfluss auf die Ent-sen sich die sozialen Medien nicht nur als ideale scheidungsträger und die politische TagesordnungPlattform zur Produktvermarktung, zur Anwerbung nehmen kann, hat eine große Euphorie in weiten Tei-neuer Kunden oder zur Absatzsteigerung, sondern sie len der Bevölkerung ausgelöst. Bürgerbeteiligung zahltdienen ebenso den Konsumenten als Medium, um ih- sich aus - so scheint man die jüngsten Ereignisse zurem Unmut über Vorgehensweisen der Marktakteure interpretieren. Diese Einsicht scheint auch den 2000Luft zu machen. (!) Protestgruppen, die alleine in diesem Sommer im israelischen Facebook ins Leben gerufen worden sind,Welch weitreichende Wirkung von einer solchen Kritik zu Grunde zu liegen.ausgehen kann, haben die Ereignisse des „Sommers2011“, wie die soziale Protestbewegung gegen die Neben Parteien und Parlamentsabgeordneten sind esüberteuerten Lebenshaltungskosten im Lande heute vor allem auch die zivilgesellschaftlichen Organisatio-genannt wird, gezeigt. Begonnen hatte alles mit ei- nen, die sich der Sozialen Medien bedienen. So be-nem Aufruf zur Boykottierung eines Hüttenkäses des nutzt auch der Großteil der Stiftungspartner Face-israelischen Milchkartells Tnuva nach der Ankündi- book, um über Arbeit und Veranstaltungen zu berich-gung einer kräftigen Preiserhöhung. Der Aufruf über ten und das Bewusstsein der Bevölkerung für ihreFacebook war so erfolgreich, dass die Firma sich Themen zu sensibilisieren.schließlich zu einer deutlichen Preissenkung für einenGroßteil ihrer Produkte genötigt sah. Ein weiterer Pro- Mickey Gitzin, Direktor des israelischen Stiftungspart-testaufruf einer jungen Studentin, die ihrer Frustration ners “Be Free“, der eine liberale Bürgergesellschaft, dieüber die Unmöglichkeit, in Tel Aviv eine erschwingli- Gleichstellung aller Bürger und einen säkularen Staatche Wohnung zu finden, über Facebook Luft machte, postuliert, betont, dass seine erst ca. ein Jahr beste-war schließlich der endgültige Auslöser für landeswei- hende Organisation ohne die sozialen Medien garte Massendemonstrationen, den größten in der Ge- nicht existieren könnte. Mit minimalen finanziellenschichte des Landes. So wurde mittels der Sozialen Ressourcen hat „Be Free“ es in kurzer Zeit geschafft,Medien eine Massenmobilisierung erreicht und ein rund 15.000 Facebook-Mitglieder und dazu Dutzendeneuer Diskurs über eine wirtschaftliche und gesell- freiwilliger Aktivisten zu rekrutieren und Medienkam-schaftspolitische Neuordnung Israels angefacht. pagnen zu lancieren. Die über die Sozialen Medien errungene Popularität hat „Be Free“ überdies auch den direkten Zugang zur politischen Arena verschafft. Bei einer der jüngsten Abstimmungen über einen Gesetz- vorschlag zur Institutionalisierung der (bis dato in Is- rael nicht existenten) Zivilehe drohte “Be Free“, die Namen jener Knessetabgeordneten über Facebook zu publizieren, die die säkulare Bevölkerung Israels zu vertreten vorgeben, doch aus persönlichen Opportuni- tätserwägungen bei Abstimmungen dieser Art Enthal- tung üben - oder „vorsichtshalber“ gar nicht erst zur Parlamentssitzung erscheinen. Der Druck von „Be Free“ hatte Erfolg. Er brachte u.a. die neue Vorsitzende der Arbeitspartei, Shelly Yachimowitsch, dazu, doch an der Abstimmung teilzunehmen und für die Zivilehe Proteste gegen hohe Lebenshaltungskosten in Tel Aviv 2011 zu votieren. (Foto: Marc Berthold/Flickr)Die Regierung konnte diese Protestbewegung nicht Dr. Hans Georg Fleckignorieren und sah sich gezwungen, Reformen anzu- Projektleiter Israel / Palästinakündigen. Die Tatsache, dass man – abseits von Wah-len – allein durch die Mobilisierung der Bürger über 11
  • FNF International News Freiheit und die Rolle der Neuen Sozialen MedienFreiheit und Neue Soziale Medien Zugang zum Internet, davon wiederum 85% über ei- nen privaten Zugang.do you normally Gazader Interviewten ga- How often Drei Viertel the internet?in Palästina West Bank and the use Strip ben an, das Internet täglich zu nutzen. Die Umfrage Once a month (n=32)Trotz seiner geringen Größe und Bevölkerungszahl, des 2% More than one time a m (n=8)ungeregelten staatsrechtlichen Status und des fort- 0% Other (n=9)dauernden faktischen Besatzungsregimes verfügt Pa- 0% More than one time a (n=276) 15%lästina über eine dichte, komplexe und schnell wach- Once a week (n=124) 7%sende Medienszene. Die weltweite Verbreitung derSozialen Medien macht auch vor Palästina nicht Halt. Daily (n=1385)Auch hier werden Internet, Facebook und andere sozi- 76%ale Medien zur politischen und gesellschaftlichen Mo- Internetnutzung in Palästina (Quelle: Near East Consulting)bilisierung weiter Bevölkerungskreise verwendet, wiedie mittels der Sozialen Medien organisierten landes- zeigt zudem, dass viele Jugendliche in Palästina einenweiten Protestmärsche und Kundgebungen gegen die Großteil ihrer Freizeit mit Surfen im Internet beschäf-innerpalästinensische Spaltung zwischen Fatah und tigt sind. Bei der Altersgruppe der 18-24jährigen ge-Hamas und zur Überwindung der israelischen Besat- ben 28% der Befragten an, täglich bis zu vier Stundenzung in den Städten der West-Bank und des Gaza- im Internet zu verbringen. Es mag dabei paradox er-streifens in der Zeit vom 17. Februar bis 15. Mai 2011 scheinen, dass die Internetnutzung im Gazastreifengezeigt haben. Do you have access to the Strip West Bank and the Gaza internet? (76%) sogar verbreiteter ist als in der West-Bank (mit No (n=793) nur 67% der Befragten). Dies hat sicherlich mit der 30% weitgehenden Blockade Gazas durch Israel bzw. der eingeschränkten Bewegungsfreiheit der Menschen dort zu tun. On av erage, there are 3 people using the internet in the Palestinian households Yes (n=1848) Laut Umfrage nutzen 60% der Palästinenser Neue So- 70% ziale Medien wie Facebook und Twitter, davon 21% Internetzugang in Palästina (Quelle: Near East Consulting) sehr intensiv, 24% moderat und 15% der Befragten nur selten. Auch hier weist die Altersgruppe der 18-Die geopolitische Isolation der palästinensischen Ge- 24jährigen mit 33% „sehr intensiven“ Nutzern einenbiete, die Beschränkung der Reisefreiheit für viele pa- überdurchschnittlichen Wert aus. Seit 2006 besteht inlästinensische Bürger sowie die Isolation Ost- Palästina zudem eine lebendige Blogger-Szene, wieJerusalems von den übrigen Teilen Palästinas und die die Arbeit der Medien-NGO AMIN bezeugt. AMIN hatfaktische Trennung der West-Bank vom Gazastreifen im Jahre 2007 das erste Blog-Portal Palästinas ins Le-mögen zusätzlich dazu beitragen, dass das globale ben gerufen, das bereits im Gründungsjahr 800 Blog-grenzüberschreitende Kommunikationsangebot der ger und über eine Million Besucher aufweisen konnte.sozialen Medien besondere Attraktivität gerade auf Z.Z. hat das AMIN-Portal 1544 Blogs. Die Blogger-die Bevölkerung Palästinas ausübt. Die in allen Teilen Aktivisten organisierten bereits Facebook, Tw itter Do you use social netw orks (e.g. mehrere landesweiteder Welt verstreute palästinensische Diaspora bzw. Konferenzen zur Abstimmung ihrer Aktivitäten; sie etc.) and blogs for your ow n information? West Bank and the Gaza Stripzahlreiche grenzüberschreitende Familienbande sind sind außerdem regional und international bestens ver-weitere Erklärungsmomente. Extensively (n=395) 21%Die rasante Entwicklung auf dem Gebiet der Sozialen Moderately (n=450) 24%Medien wird durch eine repräsentative Umfrage be-legt, die vom (in Ramallah ansässigen) Meinungsfor-schungsinstitut „Near East Consulting“ im 1. Quartal Never (n=723)2011 in 2699 Haushalten der West-Bank und des Ga- Rarely (n=274) 15% 39%za-Streifens durchgeführt worden ist. Ca. 70% der Nutzungsgrad Sozialer Netzwerke für Informationen in Palästinabefragten Palästinenser verfügen demnach über einen (Quelle: Near East Consulting) 12
  • FNF International News Freiheit und die Rolle der Neuen Sozialen Mediennetzt. Viele junge Journalisten nutzen das Portal u. a. Neue Soziale Medien in der Türkeizur Publikation von Beiträgen, deren Veröffentlichungvon den etablierten Medien abgelehnt worden war. Soziale Medien werden in der Türkei, dem Land derDiese Szene erfreut sich immer größerer Beliebtheit, Mobiltelefone (nahezu jeder 2. Einwohner besitzt sta-weil die Meinungsfreiheit entweder durch Selbstzen- tistisch ein Mobiltelefon), intensiv genutzt. Twitter,sur der etablierten Medien (und Journalisten) oder facebook und Bloggen sind fester Bestandteil desdurch Zensur seitens der Regierungsstellen einge- Kommunikationsverhaltens der jungen türkischen Be-schränkt wird. Die Sozialen Medien erhalten auch völkerung (mehr als 70% sind jünger als 35 Jahre).durch die Tatsache, dass die israelischen Besatzungs- Zwar setzen auch Organisationen und politische Par-behörden den palästinensischen Medien, insbesondere teien die Neuen Sozialen Medien für ihre Zwecke ein,in Ost-Jerusalem, strenge Restriktionen auferlegt ha- doch spielt deren Gebrauch bei besonders wichtigenben, und dass die verschiedenen palästinensischen Vorgängen wie einem Wahlkampf oder auch der Mo-Fraktionen, vor allem Hamas und Fatah, in die Medi- bilisierung der Anhängerschaft eine wesentlich gerin-enarbeit zu intervenieren and the Gaza Strip eine signifikante versuchen, Where do you normally use the internet? West Bank gere Rolle, als es in den arabischen Staaten der FallBedeutung. ist. Hierbei verlässt man sich noch stark auf konventi- At work (n=166) At Café (n=30) 2% onelle Instrumente und nutzt eher Radio & TV für sei- ne Zwecke. Weit verbreitet ist die Nutzung von Autos 9% Other places (n=30) At school/university (n=43) 2% oder Bussen als „Werbeträger“, die mit entsprechen- 2% den Postern und großen Lautsprechern ausgestattet sind, die die Botschaft so verbreiten. At home (n=1563) 85% Wo wird das Internet in Palästina hauptsächlich genutzt? (Quelle: Near East Consulting)Die Schaubilder verdeutlichen eindrucksvoll den ho-hen Grad der Penetration der neuen Kommunikations-instrumente in die Lebenswirklichkeit der palästinen- Junge Türkinnen mit Mobiltelefon (Foto: boublis/Flickr)sischen Gesellschaft und insbesondere der Jugend. Die Organisationen und Unternehmen der Medien- branche selbst verfügen über entsprechende Präsen-Dr. Hans Georg Fleck zen in den Neuen Sozialen Medien, doch angesichtsProjektleiter Israel / Palästina der schwach ausgeprägten Nutzung durch die Bevöl- kerung bleiben Austausch und Diskussion beispiels- weise über Twitter oder Facebook die Ausnahme. Auch die Partner der Stiftung verhalten sich ähnlich: Sie haben auf ihren Webseiten Links zu sozialen Me- dien (Facebook, Twitter) eingerichtet, aber mehr, weil es ein zeitgenössisches „Muss“ ist, und weniger, weil sie diese Instrumente intensiv nutzen würden. Auch hier passt man sich dem Nutzungsverhalten großerBildnachweise Titel: Bevölkerungsteile an und setzt vor allem auf konven-Michael Coghlan/Flickr tionelle Wege der Kommunikation.Rowan El Shimi/FlickrFrancisco Martins/Flickr Jörg DehnertDarla Hueske/Flickr Projektleiter Türkei 13
  • FNF International News Freiheit und die Rolle der Neuen Sozialen Medien In Afrika gehen die digitalen Lichter anQuizfrage: Welcher Kontinent hat 1 Milliarde Einwoh- Dementsprechend sind die Experten davon überzeugt,ner, ist aber nur für 4% des weltweiten Stromver- dass die Internet-Revolution die meisten Afrikanerbrauchs verantwortlich? Richtig: Es ist Afrika. Und da nicht über PCs erreichen wird, sondern vielmehr überman für die Neuen Sozialen Medien das Internet und mobile Geräte wie Handys und Tablet-PCs. In Afrikafür das Internet Strom braucht, kann es in Afrika zu gibt es insgesamt 450 Millionen Telefonanschlüsse,den neuen sozialen Medien nicht viel zu berichten davon 90% mobile und nur 10% Festnetzanschlüsse.geben, stimmt’s? In Südafrika beträgt die Handy-Penetrationsrate be- reits über 100% und in allen anderen afrikanischenStimmt natürlich nicht: Denn erstens ist Afrika viel zu Ländern steigt sie schnell an.groß und heterogen, als dass man es über einenKamm scheren könnte, und zweitens bedeutet der Schätzungen zufolge gibt es in Afrika bereits um dietechnische Fortschritt, dass man inzwischen mit sehr 84 Millionen Handys mit mehr oder weniger starkwenig Strom ins Internet kommt. ausgeprägten Internetfunktionen. Die kontinentale Anbindung an das globale Internet verbessert sich au-Diese beiden Beobachtungen stehen im Mittelpunkt ßerdem stetig: Allein in den letzten zwei Jahren wur-dieses Berichtes: Der Heterogenität sei gedankt, dass den drei Unterseekabel nach Afrika verlegt, durch diees trotz Ländern wie Nigeria, wo nur 17 von 79 Kraft- sich die Geschwindigkeit bei der Datenübermittlungwerken funktionieren, auch Gegenbeispiele wie Südaf- vervierfacht hat und Preise um 90% gefallen sind.1rika gibt, wo es trotz gelegentlicher Stromknappheit Die Endgeräte werden immer leistungsfähiger und er-im Bereich der Neuen Sozialen Medien tatsächlich viel schwinglicher, so dass sich das Internet in Afrika rapi-Interessantes zu berichten gibt. Und die atemberau- de verbreiten wird und der Kontinent eine gute Chan-bend schnelle Weiterentwicklung der mobilen Geräte ce hat, allmählich zum Rest der Welt aufzuschließen.– unter dem Begriff werden z.B. Mobiltelefone, Smart- Auch bei den Onlinediensten selbst gibt es interessan-phones und Tablet-PCs zusammengefasst – bedeutet, te Entwicklungen: In mehreren afrikanischen Länderndass die meisten anderen Länder Afrikas in wenigen ist z.B. die Nutzung von Facebook für den BenutzerJahren zumindest bei den Neuen Sozialen Medien den kostenfrei – Facebook übernimmt selbst die Kosten fürAnschluss an Vorreiter wie Südafrika und an den Rest die Datenübertragung.der Welt finden werden. In allen afrikanischen Ländern ist die digitale Revolu-Mobile Geräte sind deshalb attraktiv, weil sie weniger tion im Gange. In Nigeria benutzt die RSVP-KampagneStrom verbrauchen als PCs und sich mit ein wenig („Register-Select-Vote-Protect“) Facebook und Twit-Einfallsreichtum sogar mittels Autobatterien, Fahrrad- ter, um zur Wahl von möglichst vertrauenswürdigendynamos oder Solarzellen aufladen lassen. Und das ist Politikern beizutragen. In Kenia interagieren die jun-von ganz erheblicher Bedeutung, denn selbst der Vor- gen Leser des Comics Shujaaz per Facebook mit denreiter Südafrika verzeichnet einen PC-Durch- Protagonisten der Geschichten – und immer mehrdringungsgrad von lediglich 6% in den Haushalten. 1 http://www.economist.com/node/18529875 und Business Day, 22. August 2011, S. 4. 14
  • FNF International News Freiheit und die Rolle der Neuen Sozialen Medien Grafik: http://www.economist.com/blogs/dailychart/2010/11/cartographyMenschen wickeln ihre Geldgeschäfte nicht über die Weit gefehlt: Die Ehre gebührt vielmehr dem Online-Banken ab, sondern über den handybasierten Dienst dienst Mxit (“mix it” ausgesprochen), der im Septem-mpesa2. Die Reality-TV Show Big Brother Africa hält ber 2011 über 43 Millionen Abonnenten zählte undüber 600.000 Anhänger über die Geschehnisse auf 2003 in Südafrika von dem in Namibia geborenendem Laufenden, aber für die Facebook-Seite der Afri- Herman Heunis gestartet wurde.3 Der Dienst zeichnetkanischen Union – des wichtigsten kontinentalen sich durch seine umfangreichen LeistungsmerkmaleBündnisses – interessieren sich nur etwa 2.500 Men- aus und bietet neben Spielen und Direktnachrichtenschen. Dieses Missverhältnis widerspiegelt die Tatsa- an andere Teilnehmer – ein kostengünstiger SMS-che, dass die Neuen Sozialen Medien vorerst mehr der Ersatz – auch Chatrooms sowie die leichte AnbindungUnterhaltung dienen als der Bildung oder der politi- an MSN Messenger, Google Talk und ähnliche Dienste.schen Auseinandersetzung und Vermarktung. Es lässt sich sogar mittels Mxit für Kandidaten im Idols-Wettbewerb (entspricht „Deutschland sucht denUm einen Blick in die Zukunft zu werfen, lohnt sich Superstar“) abstimmen.der Blick nach Südafrika. Es zeigt sich, dass viele Lö-sungen lokal entwickelt, an lokale Bedürfnisse ange- Offenbar wurde der Mxit-Dienst insbesondere von derpasst und enorm erfolgreich sind. Man würde zum südafrikanischen Jugend mit Begeisterung angenom-Beispiel vermuten, dass das größte soziale Online- men, wenn auch eher im nicht-politischen Bereich.Netzwerk in Afrika Facebook ist oder vielleicht Twitter. Allerdings galt eine solche Offenheit gegenüber den2 3 http://en.wikipedia.org/wiki/M-Pesa http://en.wikipedia.org/wiki/MXit, http://www.mxit.com 15
  • FNF International News Freiheit und die Rolle der Neuen Sozialen MedienNeuen Sozialen Medien nicht für alle Jugendliche: Helen Zille, Parteivorsitzende und MinisterpräsidentinLegendär ist die Pressemitteilung der Jugendorganisa- der Provinz Westkap, genießt das Bad in der virtuellention der südafrikanischen Regierungspartei, der Afri- Menge: Sie zählt auf Twitter knapp 65.000 Followercan National Congress Youth League (ANCYL), in der (Stand Anfang Oktober 2011) und zwitschert untersich der Sprecher Floyd Shivambu darüber echauffier- @helenzille überaus aktiv. Auf diesem Weg erhält siete, dass respektlose Personen sich den Namen des z.B. Meldungen über Rohrbrüche, Stromausfälle undANCYL-Vorsitzenden Julius Malema angeeignet hat- rücksichtlose Fahrer und leitet diese umgehend an dieten und auf diese Weise per Twitter Nachrichten ver- zuständige Behörde oder DA-Person weiter. Sie ver-breiteten, denen Malema überhaupt nicht zustimmen sucht stets, ihre Korrespondenten zur Stimmabgabekonnte. In seiner Meldung rief Shivambu die „zu- für die DA zu überzeugen und lässt es sich als ehema-ständigen Behörden“ dazu auf, Twitter zu „schließen“, lige Journalisten nicht nehmen, Grammatik- oderund offenbarte dabei seine abgrundtiefe Unkenntnis Rechtschreibfehler ihrer Gesprächspartner zu korrigie-der Neuen Sozialen Medien sowie der englischen ren.Grammatik.4Die Oppositionspartei Democratic Alliance (DA) hinge-gen, Kooperationspartner der Friedrich-Naumann-Stiftung in Südafrika, kennt sich mit den neuen sozia-len Medien bestens aus. Die meisten Amtsträger derPartei sind sowohl auf Twitter als auch auf Facebookvertreten und halten ihre Twitter-Follower und Face-book-Freunde hierdurch stets auf dem Laufenden. VonZeit zu Zeit veranstaltet die Partei auf Twitter Diskus-sionsabende unter dem Hashtag #DAQA, bei denenführende Oppositionspolitiker der Öffentlichkeit Redeund Antwort stehen. Auch Schulungen und interneParteivorgänge wie Kandidatenauswahlen finden zu-nehmend online statt. Website von Mobilitate In den meisten Teilen des Landes regiert jedoch der ANC, und dies oft nicht erfolgreich: Es mehren sich die Schlaglöcher in den Straßen, die Straßenbeleuchtung fällt häufig aus und manchmal auch die Müllabfuhr, und die Kriminalität scheint allgegenwärtig. Aber auch hierauf gibt es eine Antwort aus dem Bereich der Neuen Sozialen Medien: Bei www.mobilitate.co.za handelt es sich um eine Community-Website, bei der man sich als Bürger anmelden und dann Probleme wie die soeben genannten melden kann. Die Meldungen Website der Democatic Alliance (DA) werden von den Mobilitate-Betreibern an die zustän- digen Behörden weitergeleitet und die Probleme auf 4 diese Weise häufig schnell behoben. Man kann sich "The ANCYL has in [sic] more than one occasion reported these impersonators and hackers, yet no action has been tak- auch für den Verbrechens-Informationsdienst regist- en against them by the Twitter administrators. We will now rieren, so dass man bei Vorfällen in der Nachbarschaft approach the relevant authorities to report these hackers and call for the closer [sic] of Twitter if its administrators are not umgehend per SMS informiert wird (der Verfasser er- able to administer reports for violation of basic human rights and integrity." (Quelle: http://mg.co.za/article/2010-11-03- hält täglich 1-2 solcher Meldungen aus der Nachbar- ancyl-close-twitter) schaft). 16
  • FNF International News Freiheit und die Rolle der Neuen Sozialen MedienAber auch der Staat nutzt im weiteren Sinne die Neu- Bildnachweise Titel:en Sozialen Medien, um mit den Bürgern in Kontakt Whiteafrican/Flickrzu treten. Seit einigen Jahren bereits kann man dem Kiwanja/FlickrFinanzminister per SMS oder auf einer eigens einge- Maciej Dakowicz/Flickrrichteten Website Vorschläge für die Haushaltspla-nung schicken, von denen einige in der Haushaltsredevor dem Parlament erwähnt werden; der Dienst wurdenach dem ehemaligen und langjährigen Finanzminis-ter Trevor Manuel benannt und heißt dementspre-chend „Tips for Trevor“. Bei der Wahlbehörde Indepen-dent Electoral Commission (IEC) kann man sich perSMS erkundigen, ob und wo man zur Wahl angemel-det ist und beim Innenministerium Department of Ho-me Affairs (DHO) lässt sich in Erfahrung bringen, obder Passantrag bereits bearbeitet wurde und ob manverheiratet ist. Letzteres ist deshalb wichtig, weil sichBetrüger in der Vergangenheit eine südafrikanischeAufenthaltsgenehmigung erschlichen, indem sie aufkorruptem Weg eine Ehe mit einem südafrikanischenStaatsbürger schlossen – ohne dass dieser überhauptdavon erfuhr.Neben SMS werden auch komplexere technische An-sätze benutzt. So fand im September 2011 über dreiTage hinweg ein „NPC Jam“ statt: Es wurde eigenseine Diskussionsplattform eingerichtet, auf der BürgerVorschläge für den Entwicklungsverlauf Südafrikas bis2030 unterbreiten und besprechen konnten.5 Initiator www.africa.fnst.orgwar hier die National Planning Commission unter demVorsitz des Ministers für Nationale Planung, TrevorManuel, der sich persönlich an der Diskussion beteilig-te – als einer von über 10.000 Teilnehmern. Eine der-artige Interaktion ohne digitale Hilfsmittel zu organi-sieren wäre schwierig und in einer ähnlich kurzen Zeitso gut wie unmöglich.Zusammengenommen bedeuten diese Entwicklungen,dass die Neuen Sozialen Medien, deren Bedeutung inder Region noch vergleichsweise gering ist, schnell anEinfluss gewinnen werden. Eines Tages werden alsoselbst Floyd Shivambu und Julius Malema ihre Anhä-nger über Twitter und Co. erreichen und anfeuern.John EndresSenior Program Officer im Regionalbüro Afrika5 www.npconline.co.za 17
  • FNF International News Freiheit und die Rolle der Neuen Sozialen Medien New Social Media in Southeast and East AsiaPhilippines: The Social Media Capital of the The connectivity, however this low a penetration, is making Filipinos use social media—blogging,World microblogging, photo and video sharing, chat rooms, message boards, podcasts—unprecedentedly. In fact,A social media tracker, a survey conducted in 2008 by the same Wave3 study found that the Philippinesa leading global advertising agency, recently released ranks second when it comes to reading blogs, secondits results, and the findings are telling. only to South Korea, with 90.3% of Filipinos saying they read blogs when using the Internet. Filipinos alsoThe third of the series, which is called Wave3 and is like writing blogs, ranking fourth in the study, withconducted by Universal McCann, reveals that despite South Korea, Taiwan, and China leading the list.the country’s low Internet penetration of 15.4%, Fili-pinos use social networking 83.1% of the time, Philippine cyberspace is bustling with social mediabesting all other 29 countries surveyed, including the activities, from so-called blogfests and blogwatch andworld’s frequency at 57.5%. The survey tags the Phi- twitfestivals, to forums and competitions that discusslippines as the world’s social networking capital. ways to tap the power of social media for activities of social, political and economic natures—for change, nation building, campaigns, marketing, debates, etc. A leading telecom company here recently launched T@tt Awards, which aims to give recognition to indi- viduals that have made it big through social media marketing. Considering the impact of social media on marketing, the award also sets sights on how to cor- rectly use it, given the passion that Filipinos use the social networking site Facebook and the micro- Source: Power to the People – blogging site Twitter. Social Media Tracker Wave 3, Universal McCann Branches of government use one or more social mediaIn a nation where human relationships are deeply va- platforms, in one way or another. With reportedly mo-lued, it is small wonder that Filipinos use social net- re than 93% of Filipinos having Facebook accounts,working extensively. Numbering at least 10 million so according to digital watchdog comScore, Inc., the-called global Filipinos, the yearning to connect to government leverages on using this platform to in-loved ones back home has never been more fulfilled form, educate, and communicate to this connectedsince 17 years ago when connectivity saw its begin- population. Traffic updates, typhoon signals, productnings in the country. Today, social networking makes expositions schedules, Congress committee hearingsfor reunions among long lost relatives and friends and quotes, excerpts of Senate investigation transcripti-seemingly staying in constant touch. ons, and many more find their way into social media. 18
  • FNF International News Freiheit und die Rolle der Neuen Sozialen MedienPoliticians have gained more social media sense, with The bill, nonetheless, is geared more toward fightingmost of them having websites, blogs, Facebook and/or on-line computer related offenses such as child por-Twitter accounts, using them to connect to their con- nography, cybersex, fraud, and forgery, than use ofstituents. Used largely for information dissemination social media in particular.or issuing statements or comments, and even greet-ings, interaction is cultivated almost on a daily basis. In the context of engaging in online activities at the workplace for whatever purpose, the country’s CivilNo less than the Liberal Philippine president, Benigno Service Commission bans social networking sites suchAquino III, has www.president.gov.ph, whose aim is as Facebook in government offices because “it saps“to update the public on official events and engage- productivity.” Other private organizations issue theirments of the President, as well as provide a venue own safeguards and limits to use of social media inwherein they can state their concerns, complaints and their own jurisdictions.suggestions regarding current issues and the admi-nistration.” There are also the official Aquino and Ma-lacañang pages on Facebook, Friendster, YouTube and Social Media as Campaign PlatformsMultiply. As a Facebook tracker reports, the Presidenthas more than two million fans to date, and growing In 2010, social media saw a surge in use, with the na-by more than 200 fans daily. tional and local elections slated in the month of May. The use of social media was an apparent welcomed addition to the traditional campaign strategies ofLimits to Social Media Use handshakes, song-and-dance numbers, and expensive campaign advertisements in primary media platforms,The state has no law directly restricting citizen’s use i.e. print, television, and radio.of social media. However, there is a bill filed at theSenate, the Cybercrime Prevention Act of 2010, which A newspaper editor said in a news article that socialstill awaits defense. Cited in a document about the media are “providing transparency to the electionbill was a report that showed that attacks are now campaign,” because any voter who is a member of abeing launched through social media applications like social network or who has a blog could “speak hisFacebook and Twitter. The report predicted that in mind and comment or provide information about a2011 hackers will continue to use such social media candidate or any event in the duration of the electionto widen the scope of their attacks, the report said. campaign.” The campaign literally littered social networking sites with election-related content. The candidates tried to sell their campaigns, platforms, and personalities to the public via Facebook, Friendster and Multiply, as well as YouTube, Twitter, and the online encyclopedia Wikipedia. A senatorial candidate in the 2007 cam- paign, despite being in prison, attributed his winning a seat in the Senate to Friendster, considering the social networking site as “one of the force multipliers” brought into play during the campaign. Candidates used the various platforms available and gained considerable success in encouraging the elec- torate to engage in political discussions, in showing Philippine President Benigno Aquino III updates the their human side, and in communicating with the vo- nation through the Office of the President website ting public. (Source: www.president.gov.ph) 19
  • FNF International News Freiheit und die Rolle der Neuen Sozialen MedienInside Facebook, a site that tracks use of Facebook for FNF Philippines invades worldwide webdevelopers and marketers, had reported in 2010 thatpresidential contenders Senator Benigno “Noynoy” S. The Friedrich Naumann Foundation for Liberty (FNF)Aquino III (Liberal Party) and Senator Manny Villar Philippine Office has been among the first to offer(Nacionalista Party) were ranked 11 and 12, respec- social media trainings in the country. It started intively, on their weekly fastest-growing Facebook Pa- 2002 when the Foundation set up its website. Follo-ges list. “Each Page had hundreds of thousands of wing that, a number of requests to develop their ownfans, who supported and criticized each other in Eng- websites came from partner organizations. FNF helpedlish and Tagalog on the candidates’ walls, a seemingly in building the Liberal Party of the Philippines (LP)egalitarian and safe forum,” the report said. portal, which was considered a momentous in the party history as well as in online politics in the count- ry. In 2003, FNF Philippines organized web develop- ment trainings. Dubbed “websites for liberals,” mainly political staff participated with the intention to reach the growing number of internet users as the midterm elections of 2004 were approaching. Additionally, the FNF-backed website, www.liberal-philippines.com (now defunct), an online magazine twice bagged the People’s Choice Award at the Philippine Web Awards in 2003 and 2004. The info of SLAMAT LORRRD says: We are the 12 men and women representing the Filipino people in the Liberal Party 2006 was another year of breakthrough for FNF as it (LP) senate slate for the May 2010 elections. introduced podcasts and blogging and became a re- (Source: www.facebook.com) source institute for technical skills on these social media. Manolo Quezon, presently Undersecretary ofIt was expected that in the 2010 elections, candidates the Presidential Communications Development &would maximize the use of social media to campaign. Strategic Planning Office (PCDSPO) and by manyThe Philippine Commission on Elections did not regu- considered as the patriarch of Philippine blogging,late the use of social networking sites as well as cam- was among the experts to share how to “compete inpaign websites to reach out to voters. Republic Act the free market of ideas.” Abe Olandres, a successful9006 or the Fair Election Act is limited to cover print “netrepreneur” as early as 2004, was also a favoriteand broadcast media advertisements as well as the resource person at FNF’s social media workshops.use of pamphlets, leaflets, cards, decals, stickers, and “Express Yourself” was a successful training activityelection posters. that promoted freedom of expression and at the same time effective communication.An important precedence in the Philippine 2010 elec-tions was that members of two online election watch- Newsbreak, one of the most credible investigative ma-dogs, 100ARAW.com and Blogwatch.ph, were the first gazines in the Philippines, also subscribed to this FNFFilipinos not directly connected as reporters with any program in 2007. During this year, it ceased to printprofessional news media outfit to be granted media hard copies and transformed into an online publicati-accreditation to cover the 2010 elections. on. “[Social media] is really more intimate and you can build a community,” said Marites Vitug, a leadingIt is apparent how Filipinos are changing the social journalist who is part of Newsbreak.media landscape through this award-giving exercisethat recognizes those who use the digital space to Over the years, FNF Philippines has been focusing oninspire, spur change, and make a difference. popularizing the new opportunities which information and communication technologies entail for a broader enlightened democratic discourse. It continues up to- day as FNF joins facebook, twitter, and produces vi- 20
  • FNF International News Freiheit und die Rolle der Neuen Sozialen Mediendeos for Youtube. Recently, it employed social mediato rouse debate on the reproductive health (RH) bill. Works of Freedom through Social Media inThe Philippines being a Catholic country is divided on Thailandthe issue, and the web discussions as well as thetweet conference initiated by FNF’s partner News- The Friedrich Naumann Foundation for Freedom hasbreak engaged more people in the dialogue. gathered a group of young social entrepreneurs and media activists to promote liberal values in Thailand. Parallel to more traditional methods of social activ- ism, these groups use online media as a tool to pro- vide political education and dialogue. For example, the Rangkid Group has been organizing short film competition on Democracy on an annual basis since 2008. Their best winning films have been shown in “Hot Short Film” on the Thailand Public Broadcasting Service, in schools and at the annualFinally, FNF Philippines launched a search for The Li- Freedom Film Festival in Malaysia. Moreover, theberal Project or initiatives that maximize the benefits Rangkid Group has also established and maintained aof freedom. Aside from the selection process by a jury, political database website as a resource bank on poli-32 projects were submitted to online voting (see ticians, their behaviour in parliament, their affiliationswww.fnf.org.ph/theliberalproject). It was interesting and business interests. The website has been referredhow the people behind the projects mobilized their to by the media and academia especially prior to thenetwork to get votes. In 10 days, 4690 votes were ge- elections.nerated. They may all want to win, and the reward ismore than the distinction but the capacity to involveothers in promoting freedom.Minnie SalaoSenior Administrative Officer FNF PhilippinesDeedee EspinaManaging Editor of Writeshop Selected short films were screened at the Malaysian Film Festival 21
  • FNF International News Freiheit und die Rolle der Neuen Sozialen MedienThoth Media has produced several video clips and wide within the framework of its “scout for democrat-animations about democracy, political processes, pub- ic development program”.lic policy, transparency and democratic checks andbalances. These video clips have been shown at the Dr. Pimrapaat DusadeeisariyakulElection Commission of Thailand, in universities and Programme Manager Malaysiaschools and have been published on youngliberal.me,a website which aims to attract young people to dis- Dr. Rainer Adam (ed.)cuss politics online. Regional Director Southeast and East Asia Bildnachweise Titel: Mr. Wood/Flickr juan tan kwon/Flickr Wayan Vota/Flickr Ivan Lian/FlickrThe Siam Intelligence Unit’s (SIU) website has beenpopularly referred to by academia and the media asproviding balanced views on the current political situ-ation. SIU is one of only a few think tanks in Thailandwhich is working on strengthening democracy.Change Fusion has introduced Sim Democracy, a tra-ditional board game as an education tool for schoolstudents to learn the basics of Thai democracy. Thegame has been tested in a few schools. The hope is www.fnfasia.orgthat it will be incorporated as a regular part of aschool curriculum. The Election Commission of Thai-land has expressed its commitment to use it nation- Press Release & Full Report 22
  • FNF International News Freiheit und die Rolle der Neuen Sozialen Medien Der Vormarsch von Internet und sozialen Medien auf dem WestbalkanVerbreitung wird das bestätigen können. Zahllose junge Menschen verbringen dort wie auch anderswo in Europa ihre ZeitDie Länder Ex-Jugoslawiens vereint seit jeher eine bei Espresso oder Tee am Laptop oder Tablet im Inter-starke IT-Begeisterung. Viele Haushalte im einst wohl- net. Die Betreiber haben sich längst auf die Facebook-habenden Jugoslawien besaßen bereits früh kommer- Generation eingestellt und bieten allerorts freies WiFizielle Heimcomputer. Der Staat produzierte auch eine an.eigene Alternative zu Commodore und Macintosh. Trotz eines vergleichsweise niedrigen LebensstandardsDer Zerfall Jugoslawiens brachte Bürgerkrieg, wirt- und der allenthalben beschriebenen Wirtschaftskriseschaftlichen Kollaps und Hyperinflation mit sich. Die stehen auch hier die „User“ in ihrem Streben nachIT-Fertigkeiten von Teilen der Bevölkerung litten in dem neuesten technischen Standard als Statussymbolden Jahren bedeutend, jedoch bei weitem nicht so denen anderer Länder in nichts nach. Obgleich Applesstark, wie man es erwartet hatte. Zu verdanken war iPhone und iPad z. B. in Serbien bislang nicht offizielldas vor allem der erfindungsreichen IT-Community. In vertrieben worden sind, werden bereits jetzt 33.7%den 90er Jahren wurde sie vor allem durch die legen- des serbischen mobilen Datenverkehrs durch Apple-däre Computerzeitschrift „Svet kompjutera“ (Die Welt Produkte generiert (vgl. dazu Schaubild 1).der Computer) am Leben erhalten. Dem Magazin ge-lang es mit viel Ausdauer und Erfindungsreichtum,den Druck trotz Hyperinflation und Embargo nie ein-zustellen. Seit Oktober 1984 ist die „Svet kompjutera“ein Symbol für die hiesige IT-Community. Schaubild 1 (Grafik: Gemius SA) Abhängig von der Quelle, unterscheiden sich die An- Erstausgabe Oktober 1984 (links) und Ausgabe Oktober 2011 gaben über die Nutzung des Internets in der Region erheblich. Dies liegt insbesondere an der explosionsar-Dabei hat der Siegeszug des Internets natürlich auch tigen Verbreitung mobiler Endgeräte und an der Viel-vor dem Westbalkan nicht halt gemacht. Wer bei ei- zahl möglicher Internetanbindungen – vor allem innem Besuch in Belgrad, Zagreb oder Sarajewo die Sze- den Großstädten.nerie in den zahlreichen Cafés und Bars beobachtet, 23
  • FNF International News Freiheit und die Rolle der Neuen Sozialen MedienDie Serbische Agentur für Statistik veröffentlichte am13. September 2011 ihre aktuelle „Studie über dieNutzung von Informations-Kommunikations-Technologien 2010“. Der Studie zufolge hatte Serbienim vergangenen Jahr eine „Internetbevölkerung“ von1.900.000 Nutzern – etwa 200.000 mehr als im Jahrzuvor. Davon nutzten 80,4% das Internet täglich. DieBranche selbst geht laut Darstellung des Belgrader„Social Media Summit 2011“ bereits jetzt von einemserbischen Markt von 4.107.000 Nutzern aus; das ent-spräche einer Internet-Marktdurchdringung von 56 %.In der Region Westbalkan ist Slowenien mit 68% Spit-zenreiter, gefolgt von Kroatien mit 58%. Das Schluss- Schaubild 3 (Grafik: Gemius SA)licht dieser Rangfolge bildet Bosnien und Herzegowi-na mit immerhin noch 44%. Die Wachstumsraten inder Region lagen 2010 zwischen 11% und 15%. Bei sogenannten „Network-Influentials“, wie Unter- nehmen und Personen des öffentlichen Lebens, ge-Der Markt für mobile Endgeräte boomt unvermindert. winnt Twitter zunehmend an Bedeutung. Vor allemLaut Vera Nikolic-Dimic, Präsidentin für Telekommuni- der Konsummarkt und die Medienbranche haben denkation und IT des Mobilfunkanbieters VIP Mobile Microblog für sich entdeckt.(Interview: CorD Magazin, Ausgabe 85), liegt die Ver-breitung von Handys in Serbien bei über 130%. Mit Wirkungenanderen Worten – statistisch gesehen besitzt jederBürger mehr als ein Gerät. Knapp 50% aller 2011 ver- Kroatienkauften Geräte sind Smartphones – das sind bereitsjetzt mehr als doppelt so viele Geräte wie im letzten Der EU-Beitrittskandidat musste im März dieses Jah-Jahr. res ganz neue Erfahrungen mit einer eigenen kleinen Facebook-Revolte sammeln. In Zagreb und anderenFacebook ist das einflussreichste Soziale Netzwerk in Städten folgten zehntausende Bürger einem Aufruf imder Region. Meist nur „Face“ genannt, nutzen es im Internet und gingen auf die Straßen. Sie forderten denMoment etwa 8,9 Millionen Menschen, Tendenz stei- Rücktritt der HDZ-Regierung und einen radikalengend (vgl. dazu Schaubilder 2 und 3). Kurswechsel in der Geldpolitik des Landes. Dabei rich- teten sich die Proteste auch gegen die Europäischen Union und den IWF. Die Regierung beschuldigte in diesem Zusammenhang die Oppositionsparteien des Landes, mit den Unruhen eigene Interessen durchset- zen zu wollen. Die Opposition hatte die friedliche Be- wegung der Regierungsgegner anfänglich unterstützt, sich jedoch vom Organisator und dessen antieuropäi- schen Ansichten distanziert. Lange wollte niemand glauben, dass ein einzelner In- ternetaktivist für den Aufruf verantwortlich war. Ivan Pernar, ein junger Medizintechniker, hatte die Proteste in wenigen Tagen über Facebook organisiert. Teile die- Schaubild 2 (Grafik: Gemius SA) ser Bürgerbewegung schlossen sich inzwischen zu ei- ner politischen Partei zusammen, dem „Verbund für Veränderung (SP)“, mit Facebook-Aktivist Pernar als 24
  • FNF International News Freiheit und die Rolle der Neuen Sozialen MedienVorsitzendem. Handyvideos spielte eine wichtige Rolle in der media- len Berichterstattung der beteiligten Parteien. Die Er- eignisse konnten über den Hashtag #kosovo in Echt-Serbien zeit mitverfolgt werden.Nicht Facebook sondern der Micro-Blog Twitter war2011 wiederholt in die serbischen Schlagzeilen gera- Soziale Medien in der politischen Kommunikationten. Der Dienst hatte nach wiederholtem Drängen desserbischen Außenministers, Vuk Jeremic, im Juli den Eine aktuelle Studie des „Council of European Profes-Benutzernamen @VookJeremic sperren lassen. Ein sional and Informatics Societies – CEPIS“ (Brüsselanonymer Twitter-Nutzer zog die Aufmerksamkeit des 2011 - http://www.cepis.org )stellt fest, dass sich diePolitikers auf sich, nachdem er via Twitter satirische Anforderungen an die ICT-Fähigkeiten von NutzernKurznachrichten mit 140 Zeichen über die Arbeit des alle zweieinhalb Jahre verdoppeln. Gleiches sollteAußenministers verbreitet hatte. Der „Feed“ war mit auch für die Politik in der Region gelten. Die tut sichnur etwa 100 so genannten "Followern" in Serbien in der Regel jedoch schwer, Soziale Medien effizienteher unbekannt, aber wohl Grund genug, einen Zen- und vor allem innovativ in die politische Kommunika-surversuch zu wagen. tion zu integrieren. Bisher lautet das hiesige Motto eher: „Wir müssen DAS haben, weil die anderen DASDas Außenministerium setzte nicht unbedeutende auch haben!“. Eine positive Ausnahme bilden die libe-Ressourcen ein, um den amerikanischen Dienst zu be- ralen Parteien in Serbien und Kroatien. Sie haben dasdrängen. Twitter wurde aufgefordert, den Benutzerna- enorme Potential digitaler Massenmedien richtig er-me zu sperren und die Nutzungsdaten für eine Unter- kannt und frühzeitig gehandelt. Die daraus resultie-suchung durch die serbische „Spezialeinheit zur Be- renden Erfolge auf der Onlineebene sind deutlich er-kämpfung von Cyberkriminalität“ (SBPOK) freizuge- kennbar (vgl. dazu die folgende Tabelle). Den existie-ben. Twitter lenkte schließlich ein und forderte den renden Erfahrungsvorsprung gilt es weiter auszubau-Satiriker auf, seinen Benutzernamen in en. Die Stiftung begleitet das Bemühen ihrer Partner@NotVookJeremic zu ändern.Die Angelegenheit löste ein relativ breites Medienechoaus, wobei Kritiker des Ministers scherzten, dass der„Sieg“ über Twitter der bis dato größte außenpoliti-sche Erfolg Jeremics gewesen sei. Diese ungeahntePublicity bescherte dem Micro-Blog eine spürbaresPopularitätswachstum in Serbien und der politischenElite des Landes viele Nachahmer. Der Benutzername@VookJeremic wurde inzwischen von einem anderenSatiriker mit knapp 900 Followern übernommen.KosovoDie Bedeutung von „Bürgerjournalismus“ zeigten dieaktuellen Auseinandersetzungen im Norden des Lan-des. Die kosovarische Regierung hatte dort in dem un-verändert von Serben dominierten Landesteil versucht,die Kontrolle über zwei Grenzübergänge zu Serbien zuübernehmen. Die serbische Minderheit widersetztesich diesem Versuch gewaltsam und errichtete auf denZugangswegen zahlreiche Barrikaden. Tweets und 25
  • FNF International News Freiheit und die Rolle der Neuen Sozialen Medienin diese Richtung mit entsprechenden Bildungsange- einem aktiven politischen Blog. Ein Dutzend Funktio-boten. näre nutzt ihn regelmäßig, um die Öffentlichkeit auf relevante Themen aufmerksam zu machen. Der LDP-Die Liberaldemokratische Partei (LDP) (www.ldp.rs) Blog ist dabei der einzige, der es Lesern erlaubt, überSerbiens ist beim Einsatz digitaler Kommunikations- Kommentare an der politischen Diskussion teilzuha-technologien die mit Abstand erfolgreichste Partei in ben.der Region. Die Liberalen werden vor allem von jungenProeuropäern gewählt. Die Onlinestrategie der LDP ist Mehr und mehr Politiker nutzen Twitter, um Einblickeauf diese internetaffine Zielgruppe mit Erfolg ausge- in ihre Arbeit und in ihr Leben zu gewähren. Ein Bei-richtet worden. Die Stiftung begleitet das Bemühen spiel ist der Twitter-Neuzugang Bojan Djuricihrer Partner in diese Richtung mit entsprechenden (@BojanDjuricLDP). Der liberale serbische Parlaments-Bildungsangeboten. abgeordnete belächelte noch vor einem Jahr die Twit- ter-Nutzer als Cyber-Enthusiasten. Heute dient erDie Homepage der Partei (geführt von Cedomir Jova- selbst als Beispiel dafür, wie Politiker den Microblognovic) genießt ein fast dreimal so gutes Traffic- nutzen können, um nicht zuletzt dabei auch den Men-Ranking wie die des Zweitplatzierten, der Demokrati- schen hinter dem Politiker erfahrbar zu machen.schen Partei (DS) von Staatspräsident Boris Tadic (vgl.dazu die Tabelle). Etwa 75% der Hits werden über diestarke Präsenz der LDP auf Facebook und Twitter ge- Die Einbindung des Internets in die politische Bil-neriert. Die Partei nutzt die Plattformen, um politische dungsarbeit auf dem WestbalkanInhalte über persönliche Netzwerke von „Freunden“ zutransportieren. Im Zeitalter von Online-Communities und Crowdsour- cing sollte auch die politische Bildungsarbeit der Stif-Im regionalen Vergleich ist nur die Seite des Wahl- tung für die Freiheit zugänglicher und interaktiver ge-bündnisses „Kukuriku“ der kroatischen Oppositions- staltet werden. In der Subregion Westbalkan hat manparteien, dem auch unsere Partner HNS und IDS-DDI die entsprechenden Möglichkeiten frühzeitig aufge-angehören, ähnlich innovativ und zielgerichtet. griffen und ist bemüht, mit den zur Verfügung stehen- den Internettechnologien die bisherigen AngeboteDie Liberaldemokraten setzen auch bei der internen entsprechend zu ergänzen.Entscheidungsfindung auf individuelle Verantwortungund Transparenz. So war die LDP die erste Partei in derRegion, die das Internet für die direkte Wahl des Par-teivorsitzenden einsetzte. Im Mai 2011 gaben über20.000 Parteimitglieder ihre Stimme online für Cedo-mir Jovanovic ab. Die Partei beabsichtigt, dieses Ver-fahren auch in Zukunft bei weiteren Abstimmungeneinzusetzen. Angeregt durch die Erfolge der Virtuellen Akademie und in enger Kooperation mit ihr, begann das Projekt-Die LDP ist in Serbien die einzige Parlamentspartei mit büro Belgrad in 2007 die Vorbereitungen für die „E- SEM“-Seminare (e-sem.fnst.org). Seit 2008 bietet die Stiftung für die Freiheit in Serbien Blended-Learning- und E-Learning-Veranstaltungen an. Die konzeptio- nelle Vorbereitung und die Umsetzung geschehen stets in enger Zusammenarbeit mit den Partnern. Dadurch soll eine optimale Anpassung an deren Be- dürfnisse sichergestellt werden. Seitdem haben rund 650 Teilnehmer an 21 mehrwö- chigen Online-Veranstaltungen zu den Themenberei- 26
  • FNF International News Freiheit und die Rolle der Neuen Sozialen Medienchen Europapolitik, Soziale Medien und Politik und „Libertarijanski Klub“ (LibeK) (http://www.libek.org.rs)Liberalismus teilgenommen. - einer sehr engagierten liberalen Studentenorganisa- tion in Serbien - ist deren zweiter Film „Odgovorni iDer richtige Umgang mit Sozialen Medien in der poli- slobodni“ (Verantwortungsvoll und frei), dessen Premi-tischen Kommunikation setzt das Zusammenspiel von ere kürzlich in Belgrad stattfand.neuen und alten Fähigkeiten voraus. Welche Techno-logien wie einzusetzen sind, war in diesem Jahr das Unter dem Arbeitstitel „Freiheitspodcast“ arbeitet dasThema der Blended-Learning-Serie „Political Commu- Belgrader Büro in Kooperation mit Partnern an einernication in the Age of Social Media Revolution“ in eigenen Podcast-Serie. Mit dem Internetformat sollenKroatien. In dreiwöchigen Schulungen erarbeiteten vor allem junge Menschen erreicht werden. Der Po-und diskutierten die Teilnehmer der liberalen Partner- dcast wird Hintergrundinformationen anbieten, umorganisationen (IDS-DDI, HNS, HSLS) neue Konzepte damit politische Aufklärungsarbeit zu leisten und überfür zukünftige Online-Aktionen. das Internet auf liberale Lösungsansätze aufmerksam machen zu können. Natürlich stehen wir mit unserem internetgestützten Bildungsangebot in der Region erst am Anfang. Es ist aber unverkennbar, dass mit weiterem Fortschreiten des Internets und der ständig wachsenden Nachfrage nach politischem Gedankenaustausch über die sozia- len Medien auch die Anforderungen an unsere Bil- ELF-Seminar mit IDS-DDI, 09-10.04.2011 Porec dungsarbeit sich wandeln werden. Hier rechtzeitig die Weichen gestellt zu haben, wird uns auch künftig alsOrganisiert wurden die Veranstaltungen vom Europäi- einen zuverlässigen und flexiblen Partner in der Bil-schen Liberalen Forums (ELF). Neben der Stiftung für dungsarbeit ausweisen.die Freiheit war auch das ELF-Mitglied und Stiftungs-partner „Projekt Polska“ aus Polen an der Durchfüh-rung beteiligt. Dr. Christian Christ-Thilo Projektleiter WestbalkanOnline-Videos und virale Inhalte Toni R. Crisolli Koordinator e-Learning und Neue Medien WestbalkanDie Internetgeneration ist mit diesen Formaten beson-ders gut zu erreichen. Über soziale Netzwerke könnenso Inhalte zielgerichtet einem großen Publikum zu-gänglich gemacht werden. Bildnachweise Titel:Die Stiftung unterstützte in der Vergangenheit ver- Gemius SAschiedene Videoprojekte liberaler Vorfeldorganisation. chrisaut/FlickrJüngstes Projekt des von der Stiftung geförderten m_illuminato/Flickr 27
  • FNF International News Freiheit und die Rolle der Neuen Sozialen Medien Neue Soziale Medien in Lateinamerika: Der Weg zu neuer Meinungsvielfalt?Einleitung Im wirtschaftlichen Bereich erleichtern moderne Kom- munikationsmedien den Austausch von Informationen,LAN house, cyber café, e-mails, website, Orkut, Face- die Vermarktung neuer Produkte und die Durchfüh-book, MSN, Skype, Power scrap... Niemals zuvor war rung von Kundenumfragen zu geringen Kosten; Wer-der Lateinamerikaner mit so vielen Fremdwörtern ver- bung kann an mehr potentielle Konsumenten heran-traut wie heute. Ermöglicht haben das die Informatik getragen werden, der Online-Handel nutzt sozialeund das Internet im Zeitalter der Globalisierung. Netzwerke ebenso wie die Medien und Banken, die Tourismusbranche und die KMUs.Laut der US-amerikanischen international wirkendenInternet-Marktforschungsfirma comScore nimmt dieNutzung Neuer Sozialer Medien (NSM) in Lateiname- Die Nutzung der NSM in einzelnen Ländernrika massiv zu: so nutzten 2010 insgesamt 114,5 Mio.Menschen, also 16% mehr als in Vorjahren, mindes- Mexiko ist auf dem lateinamerikanischen Subkonti-tens ein soziales Netzwerk. In Politik, Wirtschaft und nent das führende Land im Hinblick auf die NutzungGesellschaft werden Botschaften zu diversen Themen der Neuen Sozialen Medien: so steht das Land mit deran ein immer größeres Publikum herangetragen. Zahl seiner Facebook-User an erster Stelle, mit den Twitter-Usern an dritter Stelle. In einer Situation desIn der Politik nutzen die Parteien soziale Netzwerke allgemeinen Informationsmangels, verursacht durchimmer häufiger zur Bekanntmachung ihrer Program- die von Drogenkartellen bedrohten und zur Selbstzen-matik und zur Verbreitung ihrer Ideen, ebenso als sur gezwungenen traditionellen Medien, werden diePlattformen zum Austausch von Informationen, Mei- NSM für viele mexikanische Bürger immer mehr zumnungen und Kritik hinsichtlich tagesaktueller nationa- alternativen Informationskanal. Darüber hinaus nut-ler Themen im Vorfeld von Wahlen oder im alltägli- zen sogar Kommunalverwaltungen Twitter, um überchen politischen Geschehen; Chats, Foren und Blogs durch die Drogenkartelle gefährdete Regionen zu be-erleichtern den Austausch zwischen Politikern und richten.potentiellen Wählern. Es können gezielt Botschaftenan bestimmte Zielgruppen gerichtet und Debatten of-fen geführt werden, ohne eine Zensur befürchten zumüssen. Die Bürger haben freien Zugang zu den inden Neuen Sozialen Medien angebotenen Informatio-nen und können diese frei nutzen – ein grundlegendesKennzeichen liberaler Demokratien.Neue soziale Medien eröffnen aber auch die Wege zurpolitischen Bildung der Bürger, sie ermöglichen dieLektüre und Analyse diverser Themen sowie den Erhaltzeitnaher Informationen zu aktuellen Geschehnissen. Junge Internetnutzerinnen in Mexiko (Foto: Gates Foundation/Flickr) 28
  • FNF International News Freiheit und die Rolle der Neuen Sozialen MedienIn Brasilien spielt die Nutzung des Internets trotz der 40 Millionen Haushalte zu erhöhen. Geplant ist dabeigroßen sozialen Ungleichheit im Lande eine außeror- auch eine staatliche Förderung, durch welche die An-dentlich große Rolle, nicht zuletzt wegen der geogra- schlüsse für einkommensschwache Familien bereits abfischen Größe des Landes (8,5 Mio qkm – 23 Mal so 15 Reais (derzeit ca. 6 Euro) erhältlich sein sollen.groß wie Deutschland) und seinem großen Anteil jun- Brasilien gehört auch bereits zu jenen Ländern derger Menschen an seiner Bevölkerung (191,4 Mio.), die Welt, die an der Spitze der Interneteinkäufe stehen.ein besonders starkes Interesse an der Nutzung des Online-Käufe machen in Brasilien seit einigen JahrenInternets haben. Ca. 10% der Zeit, die Brasilianer im kräftige Umsätze (2010: 14,8 Mrd. Reais).Internet verweilen, entfällt auf die Nutzung der NSM. Die Mobilisierungsfunktion der NSM ist in BrasilienBrasilien erfuhr in den letzten 10 Jahren einen enor- dagegen gering und keineswegs vergleichbar mit jenermen Anstieg an Internetnutzern. Dies lag insbesondere in Ägypten oder dem Iran. Dies zeigte sich kürzlich aman der verbesserten Infrastruktur im Kommunikations- Beispiel von Internetkampagnen, die zu Protestmär-bereich, den sinkenden Kosten für Internetanschlüsse schen gegen die in der brasilianischen Regierung ver-und -nutzungsgebühren, einem Kaufkraftanstieg der stärkt auftretenden Korruptionsfälle aufriefen. So hat-brasilianischen Bevölkerung sowie gefallenen Preisen te die Bewegung „Alle gegen die Korruption“ in Face-für elektronische IT-Geräte, wie Computer, Laptops, book zur Teilnahme an einem überparteilichen Auf-Handys etc.. Laut einer aktuellen Statistik (Ibope Niel- marsch gegen die Korruption am 20. September 2011son Online) nutzen heute rund 78 Mio. Brasilianer (im im Stadtteil Cinelândia von Rio de Janeiro aufgerufen,Alter ab 16 Jahren) das Internet, die sowohl von priva- zu der sich letztlich nur ca. 2.500 Personen einfanden,ten als auch kommerziellen Internetanschlüssen aus obwohl sich mehr als 34.000 Internetnutzer virtuellauf das Internet zugreifen. Damit befindet sich Brasi- angemeldet hatten.lien auf Platz 4 des weltweiten Rankings, hinter Chi-na, den US und Japan, aber noch vor Deutschland, das Auch in Argentinien hat die Nutzung der sozialenden 5. Platz belegt. Vor vier Jahren war Brasilien noch Netzwerke in den letzten Jahren exponentiell zuge-auf Platz 11. Unter den BRIC Staaten ist Brasilien nommen, die Neuen Sozialen Medien sind zu einemheute an zweiter Stelle, gefolgt von Indien (6. Positi- fundamentalen Instrument der sozialen, politischenon) und Russland (10. Position). und beruflichen menschlichen Kommunikation gewor- den. 12 Millionen Argentinier nutzen soziale Netzwer- ke. Damit steht Argentinien in Lateinamerika gleich hinter Mexiko. In Costa Rica erleben die Neuen Sozialen Medien ei- nen Boom, sie sind für zwischenmenschliche Bezie- hungen, Politik, Akademie, Marketing und Kommuni- kation relevant. Besonders Facebook und Twitter wer- den genutzt. Nach Angaben einer im Jahre 2010 vom costaricanischen Unternehmen UNIMER durchgeführ- ten Umfrage nutzen 19% der Bevölkerung soziale Netzwerke. Das ist insofern interessant, als dass der Costaricaner eigentlich lieber anonym bleibt und sel- Internetmesse in Rio de Janeiro (Foto: kHovsT/Flickr) ten über sich und sein Leben spricht.Bis zur anstehenden Fußball-Weltmeisterschaft 2014 In Zentralamerika hat Guatemala die meisten Face-im eigenen Land will die brasilianische Regierung die book-User, gefolgt von Costa Rica, El Salvador undZahl der Internetanschlüsse noch einmal mehr als ver- Honduras, das vor Panama und Nicaragua liegt. Indreifachen. Die Kommission “Nationaler Plan für Guatemala ist Facebook das beliebteste soziale Netz-Breitband-Internet” sieht insbesondere vor, die priva- werk. 1,5 der 14 Millionen Einwohner nutzen es.ten Internetanschlüsse von derzeit 12 Millionen auf Gleich hinter Facebook kommt Twitter mit etwas über 29
  • FNF International News Freiheit und die Rolle der Neuen Sozialen Medien220.000 Nutzern. Auch LinkedIn, Myspace, Youtube selbst und die Zivilgesellschaft erfolgreich verhindertund Hi5 werden häufig genutzt. In Guatemala gibt es, werden konnte. Auch die FNF Brasilien unterstütztwie auch in Honduras, lokale Netzwerke und Blogs, ihren Partner aus der Zivilgesellschaft, das „Milleniumdie es den zwei Millionen im Ausland lebenden guate- Institut“, bei der jährlichen Durchführung des „Forumsmaltekischen Emigranten ermöglichen, über die politi- Demokratie und Freiheit“, das insbesondere die Mei-sche Situation ihre Landes informiert zu sein und Kon- nungs- und Pressefreiheit zum Ziel hat.takt mit ihren Familien zu halten. Der Guatemaltekegreift im Schnitt täglich vier bis fünf Mal auf die NSM Auf ihrem letzten Sonderparteitag hat die Regierungs-zu. Blogs werden in Guatemala als Instrumente kreati- partei PT (Arbeiterpartei) erneut einen Entwurf verab-ver Information beispielsweise viel von der indigenen schiedet, der in die Parlamente eingebracht und durchBevölkerung genutzt, um ihre Kultur und Traditionen den die Pressefreiheit in Brasilien eingeschränkt wer-zu vermitteln, aber auch um ihre Meinung zu Themen, den soll. Jedoch, so scheint es, wird dieser Entwurfdie in anderen Medien keine Erwähnung finden, kund- keine großen Chancen haben, jemals verabschiedet zuzutun, zumal die Regierung die Nutzung der moder- werden, da die neue Staatspräsidentin Dilma Rousseffnen Kommunikationsmedien nicht beschränkt. Blogs (PT) sich bereits öffentlich gegen eine Zensur der Me-dieser Art werden von Indigenen selbst erstellt und dien ausgesprochen hat.verwaltet. Auch in Argentinien wurden bereits drei Mal Geset-In Honduras haben in den letzten drei Jahren Kinder, zesinitiativen zur Debatte gestellt, über welche dieJugendliche und Erwachsene immer häufiger eine E- Nutzung des Internets reguliert werden sollte. Das inMailadresse oder einen Account bei Facebook oder 2011 zuletzt präsentierte Projekt beabsichtigte, dieTwitter eingerichtet, was auch der Tatsache geschul- Internetportale für die von Nutzern veröffentlichtendet ist, dass es immer mehr private Anbieter im Be- Inhalte verantwortlich zu machen. Es wurden jedochreich der mobilen Telekommunikation und des Inter- alle drei Initiativen zurückgewiesen.nets gibt, was wiederum Wettbewerb fördert und dieTarife sinken lässt. Über eine Million Honduraner ha-ben ein Profil bei Facebook, wie in Guatemala auchhier das beliebteste soziale Netzwerk. Bereits 49% derhonduranischen KMUs haben Profile in sozialen Netz-werken, bis Ende 2011 sollen noch 18% hinzukom-men. Ca. 25% dieser Unternehmen verkaufen bereitsüber das Internet.Freiheit im InternetIn Brasilien wird das Internet zwar noch als „relativ Internetcafé in Buenos Aires (Foto: blmurch/Flickr)frei“ eingestuft, dennoch gehört Brasilien laut der US-Nichtregierungsorganisation Freedom House bereits In Mexiko beschränken die Regierungen die Nutzungzu den demokratischen Ländern, in denen es staatli- des Internets nicht explizit. Allerdings wurden im me-che Versuche gibt, das Netz kontrollieren und den xikanischen Bundesstaat Veracruz kürzlich zwei Twit-Fluss der Informationen im Internet einschränken zu ter-User von der Polizei festgenommen, nachdem siewollen und zwar durch rechtliche Bedrohungen, un- über angebliche Übergriffe der Drogenkartelle indurchsichtige Zensur oder zunehmende Überwachung, Veracruz berichtet hatten. Durch den Druck der Öf-so der Bericht „Freedom on the Net 2011“. Dies wun- fentlichkeit wurden sie freigelassen, aber der Gouver-dert nicht, denn seit vielen Jahren möchte die brasilia- neur von Veracruz reichte eine Gesetzesinitiative imnische Regierung eine Gesetzesänderung verabschie- Parlament ein, mit der die Rechte von Twitter-Nutzernden, die es ihr ermöglicht, die Freiheit der Medien ein- eingeschränkt werden sollten. Derzeit diskutieren diezuschränken, was bislang vor allem durch die Medien Abgeordneten von Veracruz die Iniatiative noch. 30
  • FNF International News Freiheit und die Rolle der Neuen Sozialen MedienSelbst die Regierung von Präsident Ortega in Nicara- Der Einsatz der Neuen Sozialen Medien in der Arbeitgua begrenzt die Nutzung des Internets nicht, Zugang der FNFzu den sozialen Netzwerken haben die Nicaraguanerüber ihre privaten Rechner, im Büro oder im Internet- Das große Interesse vor allem der jungen Lateinameri-café. Allerdings kann nicht ausgeschlossen werden, kaner an den neuen elektronischen Medien machendass User, die Blogs nutzen, in denen nicht regie- sich die Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheitrungskonforme Meinungen ausgetauscht werden oder und ihre Partner in ihrer Bildungsarbeit für jungeUser, die dazu aufrufen, die Übergriffe der Regierung Nachwuchsführungskräfte zu nutze.Ortega nicht zu tolerieren und für die Respektierungvon Bürgerrechten eintreten, Opfer von Hacker- In Brasilien wird in fast allen Seminaren in Kooperati-Angriffen sein könnten, wobei es hierfür keine erwie- on mit dem parteipolitischen Partner, dem Jugendver-senen Fälle gibt, denn es wird vorgezogen, in einem band der Demokraten (Juventude Democratas), auchsolchen Fall zu schweigen und keine Anzeige zu er- der Umgang mit den neuen elektronischen Kommuni-statten. Opfer von Hackerangriffen waren bereits die kationsmedien in der Politik vermittelt. Dabei geht esSysteme der amerikanischen Botschaft in Nicaragua nicht nur darum, den technischen Umgang mit ihnenund einer nationalen NGO, die sich für mehr Transpa- zu erlernen, sondern vor allem auch darum, die politi-renz einsetzt. Es hat aber auch schon Hackerangriffe schen Botschaften konform zu dem jeweiligen Instru-auf die offizielle Seite der nicaraguanischen Wasser- ment (insbesondere Blog, Facebook und Twitter mitwerke und die der Obersten Wahlbehörde gegeben. seinen maximal 140 Zeichen) zu formulieren, um denGegen letzteres, um einen Fall von Manipulierung der Erfolg der Botschaften zu garantieren. Darüber hinausWählerlisten durch die Regierung aufzudecken. lernen sie, dass Twitter im Wesentlichen dazu dient, Informationen in kürzester Zeit zu verbreiten und zuIn vielen armen Gegenden Zentralamerikas, vor allem erhalten, während Facebook ein Instrument ist, dasauf dem Lande, ist der Zugang zu den Neuen Sozialen weit über die Informationsvermittlung hinaus geht, daMedien jedoch insofern begrenzt, als dass Menschen es auch einen Austausch und soziale Beziehungenkeine eigenen Computer haben und sich auch die Nut- zwischen den Nutzern erlaubt.zung von Internetcafes nicht leisten können. Die hon-duranische Regierung fördert z.B. ein Programm, mit-tels dessen allen Kindern unter 17 Jahren in indigenenund ländlichen Gegenden des Landes ein Computermit kostenlosem Internetanschluss zur Verfügung ge-stellt werden soll, sodass Kinder und Schüler Zugangzu den neuen Kommunikationsmedien haben.Auffallend ist, dass besonders in Ländern wie Vene-zuela, Bolivien und Ecuador der Zugang zu neuensozialen Medien immer mehr erschwert und in Kuba Der Jugendverband der Demokraten ist der aktivstevollständig blockiert wird. Trotzdem gelingt es Opposi- politische Jugendverband Brasiliens im Internet. Dietionellen auch in diesen Ländern immer wieder, Zu- intensive und regelmäßige Nutzung von Facebook,gang zu den NSM zu finden, über ihre Situation zu Orkut, Blog, Twitter, e-mail, SMS, etc. sowie dem aufberichten, Übergriffe der Regierungen anzuzeigen und Initiative der FNF Brasilien eingerichtetem Diskussi-an Informationen aus dem Ausland zu gelangen. onsforum „Junge Denker“ ist unter ihren Mitgliedern(Siehe dazu die gesonderten Berichte über Venezuela alltäglich. Auch sind ihre Mobilisierungskampagnenund Kuba am Ende). u.a. zur Steuersenkung, Pressefreiheit und Korrupti- onsbekämpfung im Internet beispielhaft. Ebenso setzt die internationale Organisation der libe- ralen Jugend (IFLRY) bei ihrer internen und externen 31
  • FNF International News Freiheit und die Rolle der Neuen Sozialen MedienKommunikation ganz auf die neuen Kommunikations- bzw. sich Aufnahmen interessanter Interviews mit Re-instrumente im Internet, so der Schatzmeister von ferenten ansehen. Die Statistik der Nutzung dieserIFLRY und Landesverbandsvorsitzende der Juventude Medien erlaubt des Weiteren die Messung der spezifi-Democratas im Bundesstaat Minas Gerais, João Victor schen Interessen der Öffentlichkeit.Guedes. Sie erlauben ihnen, einen kostengünstigen,direkten Kontakt zu ihren Mitgliedern zu halten, rund Der argentinische Partner Atlas 1853 unterhält überum die Uhr, der es ihnen ermöglicht, Interessensgrup- die Website www.redacam.com ein umfassendespen zu bilden, Themen zu diskutieren, kollektive Arbei- Kursangebot im Bereich E-Learning, in dem aktuelleten zu erstellen, praktische Beispiele auszutauschen politische und ökonomische Themen aufgegriffen wer-und Anhänger zu mobilisieren. den.In den kommenden vier Jahren wird das Büro Brasilien Auch das Projekt Mexiko unterhält Profile in Facebookin Kooperation mit dem Technologiepartner „Instituto (FNF Mexico) und Twitter (@FNFMexico) und der me-de Estudos Avançados“ (IEA) und dem Bildungsinstitut xikanische Stiftungspartner Fundación „Caminos de lader “Confederação da Agricultura e Pecuária do Bra- Libertad“ nutzt die Plattformen Twitter (@cam_lib)sil" (Nationaler Dachverband für Landwirtschaft und und Facebook (Caminos de la Libertad) als Sprung-Viehzucht) im großen Stile Online-Seminare zum The- bretter zur Verbreitung seiner Botschaften und zurma: „Wirtschaftschancen einer nachhaltigen Land- Ankündigung seiner Aktivitäten. So wird „Caminos deund Viehwirtschaft“ durchführen. Ziel ist es, der länd- la Libertad“ über die Nutzung der sozialen Netzwerkelichen Bevölkerung, die laut aktuellen Statistiken ein seinem Auftrag gerecht, liberales Gedankengut zu ver-wachsendes Interesse daran haben, das Internet für breiten, sich als relativ “junge” Organisation in kurzerBildung, Information und Beruf zu nutzen, Praktiken Zeit unter der Bevölkerung bekannt zu machen, miteiner nachhaltigen Land- und Viehwirtschaft zu ver- jungen Menschen - die Hauptzielgruppe der Arbeit dermitteln. Dies soll durch Verringerung der CO2- Organisation sind - interaktiv zu kommunizieren undEmission und der Anpassung der Produktion an den deren Interessen besser kennenzulernen sowie überKlimawandel, bei gleichzeitiger Nutzung ökonomi- die mexikanischen Grenzen hinaus mit Persönlichkei-scher Vorteile, geschehen. ten in ganz Lateinamerika zu kommunizieren.Im März 2011 hat das Stiftungsbüro in Argentinien Die Subregion Zentralamerika hat eine eigene Web-begonnen, seine Präsenz in den Neuen Sozialen Medi- page (www.centroamerica.fnst.org), jedoch keine Prä-en auszubauen. Sowohl die Facebook-Seite senz in sozialen Netzwerken, zumal z.B. die politi-(fnstargentina) als auch der Youtube-Kanal schen Umstände in Nicaragua eine gewisse Zurück-(fnstargentina) und die Webpage haltung im Bereich öffentlicher Äußerungen erfordern(www.argentina.fnst.org) des Projektes ermöglichen und der Direktkontakt mit den Zielgruppen aufgrundder interessierten Öffentlichkeit den Zugang zu Infor- ihres Charakters immer noch Vorzug hat. In Hondurasmationen über Stiftungsaktivitäten in Argentinien. bleiben die der Stiftung nahe stehenden Moderatoren,Interessenten, die nicht an den Veranstaltungen teil- ehemalige Seminarteilnehmer und interessierte Libe-nehmen konnten, können sich die Berichte durchlesen rale über ihre privaten Facebook-Accounts zum Aus- tausch von Informationen der FNF-Aktivitäten in Kon- takt. In Costa Rica ist es der Stiftung gelungen, den Aufbau einer Art elektronischen Netzwerkes der Part- nerinstitutionen voranzutreiben. Jeder Stiftungs- partner ist mit den Webseiten oder Blogs des anderen verlinkt, der Erfahrungs- und Meinungsaustausch da- mit gewährleistet. Last but not least unterhält auch das liberale Netz- werk RELIAL (Red Liberal de America Latina, Youtube-Kanal des FNF-Büros Argentinien www.relial.org) Profile in Facebook (RELIAL) und Twit- 32
  • FNF International News Freiheit und die Rolle der Neuen Sozialen Medienter (@RELIAL_) und kann hierüber trotz der geogra- lianer für Ihre Wahlentscheidung nutzten stehen je-phischen Distanzen im direkten Kontakt mit seinen doch weiterhin mit 72% das Medium Fernsehen. DasMitgliedern stehen, Informationen austauschen, Radio rutsche mit lediglich 4% auf den dritten PlatzNachrichten und aktuelle Artikel verbreiten sowie die ab, gefolgt von den Printmedien Zeitung und Zeit-alltägliche Kommunikation aufrechterhalten. Des Wei- schriften mit 3% (nur 18% der Brasilianer, die täglichteren nutzt das liberale Netzwerk Lateinamerikas die das Internet nutzen, lesen Zeitung und Zeitschriften).Plattform Flickr, um Fotos regionaler Veranstaltungen Der Anteil der Brasilianer, die angaben ihre Wahlen-ins Netz zu stellen. scheidung aufgrund von persönlichen Gesprächen mit Arbeitskollegen, Freunden und Familienangehörigen getroffen zu haben, betrug 2%.Politische Wahlkampagnen im Internet Hinsichtlich der Mittelanwerbung für die Wahlkam-Grundsätzlich gilt, dass politische Kampagnen weder pagne ihrer Kandidaten über die Internetseite war dieausschließlich über das Internet geführt werden kön- Grüne Partei 2010 Vorreiter. Obwohl aufgrund vonnen, noch dass sie ganz ohne das Internet auskom- technischen Schwierigkeiten das System nur 58 Tagemen. funktionierte, gelang es 170.527,75 Reais (€ 74.800,-) für die Kandidatin der Grünen Partei, Marina Silva,Das Internet ist in Brasilien ein immer wichtigeres von insgesamt 2.899 Spendern über die InternetseiteInstrument im Wahlkampf. Einerseits ist es wichtig für einzuwerben. Die Parteien ihrer wichtigsten beidendie Verbreitung von Wahlkampagnen, andererseits ist politischen Gegner waren mit ihrer Mitteleinwerbunges eine wichtige Informationsquelle, die zur Wahlent- weniger erfolgreich. Sie blieben unter dem von ihr er-scheidung dient. So stieg der Anteil der Wähler, die zielten Wert oder richteten das Online-Spendensystemangaben, das Internet als wichtigste Informations- auf ihrer Webseite erst gar nicht ein.quelle für ihre Wahlentscheidung zu nutzen, zwischen2008 (Landesweite Kommunalwahlen) und 2010 Zwar haben auch in Argentinien politische Erklärun-(Präsidentschafts-, Gouverneurs- und allgemeine Par- gen längst ihren Weg in die sozialen Netzwerke ge-lamentswahlen) von 2% auf 12% an. Für den kom- funden, doch bleibt ihre Wirkung auf die nationalemenden landesweiten Kommunalwahlkampf 2012 Politik eher ungeachtet. Lediglich ein Fall ist hervorzu-wird geschätzt, dass vor allem die Internetnutzer in heben: Für die per Gesetz vorgeschriebenenden Metropolen Einfluss auf den Wahlausgang haben „Primaries“ (Vorwahlen) haben zwei Journalisten inwerden, insbesondere dort, wo persönliche Netzwerke Twitter eine Kampagne entwickelt, um den Kandida-und aktive Interessensgruppen bereits online existie- ten Jorge Altamira der Links-Partei “Frente de Izquier-ren. da y los Trabajadores” zu unterstützen. Dieser mußte 1,5% der Stimmen auf sich vereinen, um an den Wah- len vom Oktober 2011 teilnehmen zu können. Die Kampagne “Ein Wunder für Altamira” hat dazu ge- führt, dass der Kandidat 2,5% der Stimmen erhielt und damit formal als Kandidat zu den Wahlen vom 23. Oktober zugelassen wurde. Immer mehr argentinische Funktions- und Mandats- träger, sowie auch Kandidaten nutzen Facebook, um die jungen Wähler der städtischen Mittelschicht anzu- sprechen, aber auch um in einen persönlicheren Dia- log mit ihren potentiellen Wählern im Allgemeinen Junge Bloggerin auf einem Bloggertreffen in Brasilien einzutreten. Bei den Wahlen im Jahre 2009 wurde Fa- (Foto: rogeriotomazjr/Flickr) cebook auch als Instrument genutzt, um Wahlbe- obachter zu rekrutieren.An erster Stelle der Informationsquellen, die die Brasi- 33
  • FNF International News Freiheit und die Rolle der Neuen Sozialen MedienEine herausragende Rolle spielt in der argentinischen Blick auf die Präsidentschaftswahlen vom 6. Novem-politischen Kommunikation Twitter. Nach Angaben ber 2011, um ihre Regierungsprogramme und Kam-der Internetseite www.politicosonline.com, hat Präsi- pagnenveranstaltungen bekannt zu geben und diedentin Cristina Fernández de Kirchner Meinung ihrer potentiellen Wähler sowie die der An-(@CFKArgentina) 600.000, der amtierende Regie- hänger ihrer Gegner zu diesen zu erfahren. Manch einrungschef der Stadt Buenos Aires, Mauricio Macri Politiker stellt ein Mitglied seines Teams ab oder(@mauriciomacri), 230.000 und Patricia Bullrich, die nimmt sich selber die Zeit, mit seinen Anhängern inVorsitzende des Stiftungspartners Unión por Todos Chats zu relevanten Themen der Kampagne zu debat-(@PatoBullrich), 18.000 Follower. In Twitter waren tieren. Die wichtigsten aktuell in sozialen NetzwerkenRegierung und Opposition, aber auch Politiker eines diskutierten Themen sind der Wahlprozess, die Men-selben Regierungslagers bereits Akteure manch einer schenrechte sowie die Situation der Kinder des Lan-Auseinandersetzung. des.Der argentinische Partido Liberal Libertario (PL) isteine noch junge, in den neuen sozialen Medien sehr Der Fall Venezuelaaktive liberale Partei. Die Facebook-Seite der Organi-sation ist hinter der einer anderen Partei die zweit In Venezuela sind die Neuen Sozialen Medien ange-meist besuchte. Über ihre Präsenz in den Neuen Sozi- sichts der politischen Situation des Landes besondersalen Medien halten die Parteimitglieder Kontakt zu relevant. In allen Sektoren werden neue soziale Medi-jungen Liberalen auf nationaler und lateinamerikani- en zur Vermarktung und Verbreitung von Informationscher Ebene. verwendet. Auch die Regierung macht von den NSM Gebrauch, hauptsächlich zum Zweck der Indoktrinie-Im Wahlprozess 2011 Guatemalas haben Parteien und rung von Bevölkerung und Anhängern.Kandidaten neue soziale Medien wie nie zuvor ge-nutzt. Technologie hat die Art der Politikgestaltung Die venezolanische Regierung begrenzt die Nutzungverändert, die Beliebheit neuer sozialer Medien unter des Internets nicht explizit, aber die verstaatlichte Te-Jugendlichen und der praktisch kostenlose Zugang zu lefongesellschaft Compañía de Teléfonos de Venezueladiesen Medien, hat es den Parteien ermöglicht, ihre kontrolliert mittels Bürokratie- und Verwaltungshür-Vorhaben schneller und breiter bekannt zu geben, ei- den indirekt die Erteilung von Internetzugängen, dennnen Dialog mit ihren potentiellen Wählern aufzubau- soziale Netzwerke sind in Venezuela mittlerweile zuen und Sympathisanten anzuziehen. Die strukturell Instrumenten des Widerstandes und des Kampfes fürund organisatorisch breiter aufgestellten, großen Par- die Freiheit geworden. Die Sektoren, die sich für dieteien suchen dennoch den Direktkontakt zu ihren An- Freiheit in ihrem Land einsetzen, nutzen die NSM, umhängern, zumal der Zugang zu den NSM in abgelege- liberale Grundsatzthemen und freiheitliche Werte zunen armen Gegenden des Landes noch begrenzt ist. verbreiten. Sie verwenden sie auch deshalb, da die klassischen Medien (Presse, Radio und Fernsehen)Die Auswirkung auf die Politik ist in Honduras noch durch Schließung seitens der Regierung, durch von dernicht wirklich messbar, erst nächstes Jahr zu den pri- Regierung verabschiedete Gesetze und Dekrete, durchmaries des Partido Liberal de Honduras und den Wah- Selbstzensur bzw. finanzielle Schwierigkeiten (keinlen in 2013 wird der Einfluss deutlich werden. DieKandidaten zu den primaries haben allerdings schonjetzt eine Präsenz in sozialen Netzwerken und tretenhierüber in direkten Kontakt mit potentiellen Wählern,es handelt sich hierbei aber um private Accounts,denn der PLH hat keine moderne Webpage und dieEinrichtung von Profilen in sozialen Netzwerken ist bisdato keine Priorität der Partei.Politiker in Nicaragua nutzen diese Plattformen mit Website des Stiftungspartners CEDICE-Libertad 34
  • FNF International News Freiheit und die Rolle der Neuen Sozialen MedienZugang zu ausländischen Devisen, Sanktionen) nicht haben. Die studentische Oppositionsbewegung lädtmehr oder nur noch sehr begrenzt genutzt werden über die sozialen Netzwerke zu ihren öffentlichenkönnen. Kundgebungen ein und macht mittels der NSM ein Bildungsangebot an interessierte Jugendliche.Der Stiftungspartner CEDICE-Libertad(www.cedice.org.ve) nutzt die NSM besonders häufig,die Institution kommuniziert mit den Liberalen Vene- Der Fall Kubazuelas, insbesondere der Jugend als hauptsächlicherNutzergruppe der NSM, kommuniziert mit seinen Teil- In Kuba verbietet die „Ley de Segu-habern und der interessierten Öffentlichkeit im In- ridad“ (Sicherheitsgesetz) den Internetzugang für Pri-und Ausland, macht auf Übergriffe der venezolani- vathaushalte, lediglich hohe Staatsfunktionäre undschen Regierung im Bereich der Menschen- und Ei- Ausländer haben Anrecht auf einen privaten Zuganggentumsrechte der Bevölkerung aufmerksam, verbrei- zum World Wide Web. Wer einen privaten Zugangtet liberales Gedankengut (Prinzipien der freien hat, ermöglicht häufig anderen die illegale NutzungMarktwirtschaft, des Freihandels und des Entrepre- dieses Anschlusses, auch die Botschaften oder konsu-neurship, Relevanz von Bürger-, Menschen- und Ei- larischen Vertretungen tun dies teilweise. In Hotelsgentumsrechten) und lädt zu Veranstaltungen ein. und Internetcafes, die seit 2009 offiziell auch in Post- ämtern eingerichtet werden dürfen, ist der Internetzu-CEDICE Libertad ist einer der sieben venezolanischen gang sehr langsam und teuer (zwischen 7 und 9 USD),Organisationen mit den meisten Followern in sozialenNetzwerken. Der Stiftungs- und RELIAL-Partner unter-hält eine eigene Webpage - 48.000 monatliche Besu-cher), Blogs (www.cedicelibertad.org - 50.000monatliche Besucher / www.libreriacedice.org.ve -20.000 monatliche Besucher), Profile in Facebook(CEDICE Libertad - 5.000 Fans), Twitter (@CEDICE -15.400 Follower) und LinkedIn; es wird von Google+zur Versendung von Massenmails und vom ShortMessage Service zur Versendung von liberalemKurznachrichten Gebrauch gemacht. Über denYoutube-Kanal von CEDICE werden insbesondere dieVideos der erfolgreichen Kampagne “Por un país depropietarios“ („Für ein Land von Eigentümern“) Internetcafé auf Kuba (Foto: berg_chabot/Flickr)abgerufen. Die Internetseite www.coolchanneltv.com(Fernsehen im Internet) überträgt ein Programm, in wenn man das Gehalt eines Kubaners (17 bis 20 USD)dem das CEDICE-Mitglied, Dr. Emeterio Gómez, in Betracht zieht. Das kubanische Regime ist sich derliberale Themen behandelt. CEDICE Libertad führt ein Reichweite der Neuen Sozialen Medien bewusst, setztkontinuierliches Benchmarking mit alliierten deshalb Filter ins Netz und blockiert den Zugang zunationalen wie internationalen Institutionen durch verschiedenen Blogs (insbesondere für Regime-und ist im Begriff, eine Radiosendung über das kritische Internet-Nutzer). Des Weiteren hat die Re-Internet einzurichten. gierung eine Diskreditierungskampagne gegen Dissi- denten gestartet, die in Blogs und in Twitter auf dieDie oppositionelle „Mesa de la Unidad Democrática“, Situation des Landes, auf die Übergriffe der Regierungder politische Parteien und Organisationen angehören, im Bereich der Menschenrechte und auf die Armut dernutzt soziale Netzwerke zur Kommunikation mit ihren kubanischen Bevölkerung aufmerksam machen. DenMitgliedern und Anhängern. Mit einfachen Botschaf- Regierungsvideos „Razones de Cuba“ (razonesdecuba.ten sucht die Opposition ein möglichst breites Publi- cubadebate.cu) nach, wird der Krieg gegen das Regimekum zu erreichen, wobei anzumerken ist, dass in Ve- nicht mit Waffen, aber mit Technologie geführt.nezuela sehr viele Menschen Zugang zum Internet 35
  • FNF International News Freiheit und die Rolle der Neuen Sozialen MedienDissidenten twittern, wenn sie keinen Zugang zum Social Media - Grundfertigkeit in derInternet haben, häufig über mobile Telefone, was aberauch sehr teuer ist, die Versendung einer SMS kostet 8 Internationalen PolitikUSD. Facebook und Twitter nutzen Dissidenten meis-tens mit Hilfe von Freunden im Ausland, die ihre Pro-file verwalten; so diktieren die Regime-Kritiker ihren Fortsetzung des Interviews von S. 4Freunden über das Telefon ihre Tweets und Posts oderverschicken diese per E-Mail an ihre Kontakte im Aus-land, wobei der komplette E-Mailverkehr auf der Insel @meinardus – Sie befinden sich gerade auf der Konferenz libe- raler Arabischer Führer #nalcairo. Wie ist die Situation, ange- sichts der Wahlen in Ägypten? @carlhinrichsen –Die Stimmung unter den Liberalen hier ist gedämpft. Sie sehen, sie sind marginalisiert und müssen mehr- heitsfähige Botschaften finden. @ManfromMosel – Wie nutzen Menschen in Südostasien Soci- al Media? Welche Rolle spielt das für Ihre Arbeit? @carlhinrichsen – Überall und immer. Besonders junge Leute, Journalisten und politische Aktivisten vernetzen sich mit Social Media. Blog www.cubadesdeadentro.com @meinardus – Ihr Büro war federführend bei der Konferenzund nach außen vom Staat gefiltert und gelesen wird. ‚Facebook Revolutions’ (#fbrev) der virtuellen Akademie EndeAuch über Blogs finden Dissidenten immer mehr Mög- September. Ihr Fazit?lichkeiten, sich frei auszudrücken. So hat z.B. der Par- @carlhinrichsen – Schwierig, aber gut. Wir hatten noch techni-tido Liberal Nacional Cubano seinen Blog sche Probleme. Wir müssen immer mehr online machen, ohnewww.cubadesdeadentro.com, über den der Parteiprä- das alte System aufzugeben. #Zukunftsident Fernando Palacios von den Aktivitäten der Par-tei berichtet und die Übergriffe des Staates anzeigt, in @ManfromMosel – Ist Social Media gleichzeitig auch liberalder Hoffnung, so Druck auf das Regime ausüben zu Media?können. Weitere von den Regime-Gegnern genutzte @carlhinrichsen – Nein, ist es nicht. Besonders die Feinde derInstrumente sind Blogger und WordPress. Freiheit nutzen Social Media für ihre freiheitsfeindliche Propa- ganda.Neben den Neuen Sozialen Medien ist für die Parteiender Opposition im Untergrund die Nutzung von USB- @meinardus – Ihre persönliche Prognose – Wie werden jungeSticks, CDs und DVDs von großer Bedeutung, mit de- Leute in den kommenden Jahren und Jahrzehnten mit Demo-nen sie an interessierte Bürger Artikel und Studien kratie umgehen?sowie auch Zusammenfassungen der in Blogs ausge- @carlhinrichsen – Vor allem die Jungen wollen wissen, wastauschten Meinungen verteilen. Sache ist und mitbestimmen - nicht neu, aber wegen der Kom- plexität immer schwerer #NSM #Chance #NeuRB LateinamerikaUnter Mitarbeit der Projektleiter und Projektkoordi- @meinardus, @ManfromMosel – vielen Dank für das Ge-natoren der Region, sowie der RELIAL-Partner IPL spräch!Peru und CEDICE-Libertad Venezuela; Übersetzungund Endredaktion: E. MaiglerBildnachweise Titel:Adam Reeder/Flickr poperotico/Flickr_thebest_/Flickr Tomas Rawski/Flickr 36
  • FNF International News Freiheit und die Rolle der Neuen Sozialen Medien Nordamerika und Europa: Neue Sozialen Medien machen Politik man ein Soziales Medium als Mittel für einzelne Per-Die Rolle Neuer Sozialer Medien im sonen oder Institutionen, digitalen Inhalt zu erschaf-US-Präsidentschaftswahlkampf fen, zu teilen und durch Interaktion mit anderen Nut- zern Feedback zu geben und zu erhalten. Die „Like“-Neue Soziale Medien – Funktion sowie die Statusmeldungen auf Facebookallen voran Facebook, veranschaulichen diese Definition eindrucksvoll. DasYouTube und Twitter – Auftauchen von Sozialen Netzwerken wie Facebookerfreuen sich seit dem hat den klassischen „face-to-face“-Dialog in eine of-Auftauchen des Web fene Diskussionsrunde verwandelt, an der eine Viel-2.0 im Jahre 2000 im- zahl an Leuten durch „instant-reply“ und Kommentar-mer größerer Beliebt- funktion teilnehmen kann.1 Soziale Medien beschrän-heit. Sie dienen längst ken sich jedoch nicht auf interaktive Netzwerke wienicht mehr nur dazu, Grafik: Asthma Helper/Flickr Facebook und Twitter, sondern können ebenso gut ausdas eigene Netzwerk zu erweitern oder Kontakt zu hauptsächlich Bild- und Tonelementen bestehen, wieFreunden, Familie und Kollegen zu halten. Verstärkt beispielsweise YouTube, Flickr und MySpace. Durchwerden Soziale Medien auch in der politischen Kom- diesen nutzergenerierten Inhalt sind Austausch, Dis-munikation und in Wahlkämpfen eingesetzt, um einedirekte Brücke zwischen Politik und Bürgern zu schla- Die revolutionärste internetbasierte Technologie war:gen. Spätestens seit dem erfolgreichen Online- 10%Wahlkampf um die US-Präsidentschaft des damaligen 5% 25%Senators von Illinois, Barack Obama, weiß auch die 5%deutsche Öffentlichkeit um die Wirksamkeit SozialerMedien als Kommunikationsinstrument.Nachfolgend soll etwas Licht auf die Rolle dieser Me- 17%dien im US-Präsidentschaftswahl 2008 geworfen wer-den um zu zeigen, wie Facebook und Co. den gesell-schaftlichen Diskurs, und letztlich politische Entwick-lungen, beeinflussen können. 38% Soziale Medien Mobiles Internet Online Bezahlverfahren Cloud Computing Email AndereSoziale Medien im Web 2.0 Quelle: foreignpolicy.comSoziale Medien haben seit ihrer Existenz – möglich kussion und auch Korrektur der verbreiteten Informa-gemacht durch das Web 2.0 – das Kommunikations- tionen möglich geworden, die es im Web 1.0 so nochverhalten von Menschen und Organisationen verän- nicht gab. Zudem erhalten die Nutzer auf einendert. Jedoch gibt es für den Begriff „Soziales Medium“ 1keine allumfassende Definition, die alle Aspekte dieser Siehe dazu Brandy Sutton „Is this the Social Media Election“:Entwicklung berücksichtigen könnte. Zumeist versteht http://socialmediatoday.com/index.php?q=SMC/50304 37
  • FNF International News Freiheit und die Rolle der Neuen Sozialen MedienSchlag Zugang zu unterschiedlichen, oft konkurrieren- wurde. Der wachsende Einfluss und die gesteigerteden Standpunkten, die in den klassischen Medien sel- Verwendung von Sozialen Medien, insbesondere inten auf so engem Raum präsentiert werden. Laut einer Form Sozialer Netzwerke, lassen sich sehr gut an ihrerPew Research Studie sind 61 Prozent der befragten Verwendung durch das Wahlkampfteam von BarackAmerikaner der Meinung, durch Soziale Medien Zu- Obama nachverfolgen. Die Hauptseite barackoba-gang zu mehr Aspekten einer Geschichte zu erhalten ma.com hatte ab Januar 2008 monatlich zwischen 3als dies bei traditionellen Medien der Fall gewesen und 5 Millionen Aufrufe und steigerte sich kurz nachwäre. Zudem versorgt dieser nutzergenerierte Inhalt der Wahl im November 2008 auf 16 Millionen.auch beispielsweise politisch weniger interessierteNutzer, via Statusupdate oder „shared content“, mitpolitischen Inhalten, Positionen und Nachrichten. Soerreichen zum Beispiel Wahlkampfparolen und Kandi-datenmeinungen auch jene, die sich nicht aktiv überden Wahlkampf informieren (wollen).Soziale Netzwerke im Präsidentschaftswahlkampf2008Die Obama for America 2008-Kampagne war nicht dieerste, die (teilweise) online ablief. Bereits 1998 nutzte Der noch relativ unbekannte, folglich finanziellder Kandidat und spätere Gouverneur von Minnesota, schwach ausgestattete Senator aus Illinois verwende-Jesse Ventura von der Reform Party of Minnesota, das te das Internet als kostengünstige Möglichkeit zurInternet um Spenden zu sammeln und seinen Be- Kontaktaufnahme mit Wählern und der Organisationkanntheitsgrad zu erhöhen. Auch Howard Dean und freiwilliger Helfer. Durch die Schaffung der Kampag-George W. Bush nutzten in ihren Wahlkämpfen 2004 nenwebseite My.BarackObama.com gelang es ihm,das Internet als Kommunikationsmedium. Doch zur seinen Unterstützern eine Plattform zu bieten, aufmitentscheidenden Kraft wurden Soziale Medien erst denen nicht nur Veranstaltungen organisiert und Kon-durch ihre Omipräsenz während der Obama- takte ausgetauscht werden konnten, sondern zudemKampagne.2 Bereits im Vorwahlkampf gegen Senatorin Videos und Fotos aus dem Kampagnenverlauf präsen- tiert wurden. Bis zu 2 Millionen Profile wurden auf der Kampagnenseite geschaffen und ihre Emailliste um- fasste rund 13 Millionen Adressen.3 Am Tag der Wahl wurden so beispielsweise „Get out the vote”- Veran- staltungen zur Steigerung der Wahlbeteiligung veran- staltet sowie ein Treffen zum Aufräumen der Wahl- kampfzentrale organisiert. Barack Obama gelang es, seine jungen, politisch interessierten Unterstützer on- line für „on the ground“-Arbeit zu gewinnen, wie zum Monatliche Aufrufe der Seite barackobama.com innerhalb der USA (Quelle: www.quantcast.com/barackobama.com) Beispiel Wählerregistrierung4 in sozial benachteiligten Vierteln oder den klassischen Tür zu Tür Wahlkampf.Hillary Clinton begann eine starke Fokussierung auf 3die für die Kampagne wichtige Graswurzelbewegung, D.K. Wright und M.D. Hinson: „Examining How Public Relations Practitioners Actually Are Using Social Media”. Public Relationswelche im Anschluss fast vollständig online verwaltet Journal, Vol. 3 (3), 2009. 42 Auch wenn an dieser Stelle von Kandidat Obama und seiner In den Vereinigten Staaten müssen sich potentielle WählerKampagne gesprochen wird, oblagen Konzeption und technische registrieren lassen, bevor sie am Wahltag ihre Stimme abgebenUmsetzung selbstverständlich dem gesamten Online-Team, Bera- können. Dies wird, insbesondere für politisch weniger interes-tern und weiteren Involvierten der Kampagne „Obama for Ameri- sierte Bürger, als Hürde angesehen und gilt mit als Grund für dieca“. relativ geringe Wahlbeteiligung in den USA. 38
  • FNF International News Freiheit und die Rolle der Neuen Sozialen MedienDiese Mobilisierung war für ihn größtenteils kosten- Wahlkampfmanager David Plouffe und David Axelrod,frei, da seine Unterstützer auf freiwilliger Basis tätig aber auch von Kandidat Obama und seiner Frauwaren. Die Verknüpfung von einzelnen social media Michelle, zu versenden. Diese Emails informierten übersites miteinander und der enge Kontakt von Individu- den aktuellen Stand der Kampagne und die anste-en untereinander durch ihre Netzwerke half dem Kan- henden Schritte, baten aber regelmäßig auch um klei-didaten Obama, seine Botschaft unter neue Wähler- nere Spenden, wodurch die Wahlkampfkasse einenschaften zu bringen und die Wahlbeteiligung zu stei- konstanten Geldfluss verbuchen konnte.gern. Dieses Phänomen wird auch von Chris Kelly,Datenschutzbeauftragter bei Facebook, bestätigt: Doch die Obama for America-Kampagne verließ sich„Peer-to-peer contact is a core part of actually driving nicht nur auf ihr eigenes Soziales Netzwerk. Viel mehrvoter turnout and behavior".5 Die Möglichkeit, sich nutzte sie die Möglichkeiten, die ihr Facebook, Twitterselbstständig einbringen zu können, erzeugte ein „Wir und YouTube boten und erreichte so, dass Barack-Gefühl“, das einzelne Freiwillige mit der Gesamtkam- Obama rund 5 Millionen „Freunde“ in 15 verschiede-pagne verknüpfte und sie so animierte, die Kampagne nen Sozialen Netzwerken „kennenlernte“. Dadurchweiter zu unterstützen und zu spenden. Das „Wir- bekamen die Nutzer die Informationen so geliefert,Gefühl“ wurde noch verstärkt durch die Gruppierung wie sie es bevorzugten – als Tweet, als Facebook-in größere, nach Region geordnete Verbände. So Update oder als YouTube-Videoclip. Zudem wurdenkonnten die Freiwilligen sehen, mit wem in ihrer Nähe Videos auch auf Facebook verlinkt und Facebook-sie Veranstaltungen planen und durchführen konnten Updates „gezwitschert“.6 Der interaktive Aspekt Sozia-oder wo weitere Unterstützer zu finden waren. Des ler Medien, den insbesondere Facebook verdeutlicht,Weiteren nutzte das Kampagnenteam die Seite, um spielte Barack Obama in die Hände. Fans und Unter-Emails und Videos von Schlüsselfiguren, wie stützer von Obama gründeten eigene Facebook Grup- pen, in denen sich Gleichgesinnte treffen, diskutieren und Neuigkeiten teilen konnten. Ein Beispiel dafür ist Farouk Aregbes Gruppe „One Million Strong for Ba- rack“, durch die, unabhängig von der Präsident- schaftskampagne, Werbung für den Kandidaten, die Wahl und seine Agenda betrieben wurde. Zudem wird in Sozialen Netzwerken weniger soziale Distanz zwi- schen Menschen geschaffen. So unterscheidet sich das Facebook Profil von Barack Obama kaum von dem anderer Nutzer. Sowohl auf der Profil- als auch auf der aktuellen Kampagnenseite nennt Obama seine Lieblingsbücher, Filme, Serien und Hobbies und er- zeugt dabei ein Gefühl der Gleichrangigkeit innerhalb des Netzwerks. Wahlkampf innerhalb und mit Hilfe von Sozialen Netzwerken Auf YouTube richtete Obama einen eigenen Kanal ein, auf dem seine rund 115.000 Abonnenten 1800 ver- Das aktuelle Facebook Profil von Präsident Barack Obama schiedene Videos ansehen konnten. Zum Vergleich: (Quelle: www.facebook.com) Sein republikanischer Gegner, Senator John McCain,5 veröffentlichte nur 330 Videos. Offizielle Videos von A. Hesseldahl, D.MacMillan und O. Kharif: „The Vote: A Victory 6for Social Media, Too”, abgerufen unter http:// K.N. Smith: „Social Media and Political Campaigns” Universitywww.businessweek.com/technology/content/nov2008/ of Tennessee Honors Thesis Projects. Abgerufen untertc2008115_988160.htm, 07.09.2011. http://trace.tennessee.edu/utk_chanhonoproj/1470, 07.09.2011 39
  • FNF International News Freiheit und die Rolle der Neuen Sozialen MedienBarack Obama wurden während der Kampagne rund früheren Wahlen und fand zumeist offline statt. Durch14,5 Millionen Stunden lang angesehen. Wären all das Internet ist es jedoch sehr viel einfacher, kosten-diese Stunden als Werbeblöcke gekauft worden, hätte günstiger und effektiver geworden, seine Botschaft andies rund 47 Millionen US-Dollar gekostet7. Joe Trippi, ein potentiell globales Publikum zu verbreiten.bekannter demokratischer Wahlkampfberater, lobteden starken Fokus auf YouTube-Videos und erklärte,diese seien effektiver als herkömmliche Fernsehspots. Die künftige Rolle sozialer Medien im politischenIm Gegensatz zur Werbung entschiede man sich, so DiskursTrippi, bewusst dafür, ein Video auf YouTube anzuse-hen und assoziiere mit ihnen nicht, wie bei Werbung, Die steigende Internetnutzung und der Trend, sich mitdie Unterbrechung seines Fernsehprogramms. Via Y- Informationen und Nachrichten vermehrt online zuouTube wurden zudem persönliche Präferenzen von versorgen, werden die Bedeutung der Neuen Sozialen Medien in zukünftigen Wahlkämpfen noch größer werden lassen. Insbesondere jüngere Menschen wenden sich den So- zialen Medien zu, um sich über Wahlkampagnen zu informieren. In einer 2010 veröffentlichten Studie über die Präsidentschaftswahl 2008 gaben 27 Prozent der unter 30jährigen an, ihre Informationen über Soziale Netzwerke wie Facebook zu erhalten. Im März 2011 wurde durch das Harvard Insti- Barack Obama mit Facebook CEO Mark Zuckerberg auf einer tute of Politics bestätigt, Diskussionsveranstaltung 2011 (Foto: Barack Obama/Flickr) dass ein großer Anteil(mehr oder weniger bekannten) Wählern hinsichtlich jüngerer Menschender Kandidaten preisgegeben und eine Art Werbung glaubt, Kampagnen infür den Kandidaten betrieben. So sprach sich der Na- Sozialen Medien hättenked Cowboy vom Time Square für John McCain8 aus, einen größeren Effektwährend sich der Sänger Will.I.Am mit weiteren Pro- auf Wähler als der per-minenten für Barack Obama9 aussprach. Am Bekann- sönliche Auftritt einestesten dürfte jedoch, auch in Deutschland, das Video Kandidaten.11 Dies deu-„Crush on Obama“10 sein, in dem Comedian Amber Lee Eine steigende Zahl an tet, ebenso wie oben Amerikanern nutzt dasEttinger ihre Liebe zum heutigen Präsidenten zum gezeigte Entwicklung, Internet als NachrichtenquelleAusdruck brachte. Als Parodie gedacht, entwickelte es darauf hin, dass ein (Quelle: people-press.org)bald ein Eigenleben und wurde zu einem inoffiziellen nicht unerheblicher TeilWerbevideo für den späteren Präsidenten, der sich des Wahlkampfes künftig im Internet geführt werdenjedoch – auch aus familiären Gründen – von dem Vi- wird. Zieht man in Betracht, dass US-Amerikaner runddeo distanzierte. Diesen „Wahlkampf“, der vom Kandi- ein Viertel ihrer Zeit online in einem oder mehrerendaten unabhängig geführt wird, gab es bereits in Sozialen Netzwerken verbringen, bestätigt dies den Trend hin zum Online-Wahlkampf. Der Einfluss dieser7 C.C. Miller: „How Obama’s Internet Campaign Changed Poli- Netzwerke steigt mit der Zahl ihrer Nutzer. Insbeson-tics“. Abgerufen unter: http://bits.blogs.nytimes.com/ dere in der Gruppe der unter 30jährigen steigen die2008/11/07/how-obamas-internet-campaign-changed-politics/07.09.2011 Nutzerzahlen Sozialer Netzwerke. 90 Prozent aller8 http://www.youtube.com/watch?v=JcLJR5zAn5c Collegestudenten benutzen Facebook und die Nutzung9 http://www.youtube.com/watch?v=ghSJsEVf0pU10 11 http://www.youtube.com/watch?v=wKsoXHYICqU Vgl. K.N. Smith. 40
  • FNF International News Freiheit und die Rolle der Neuen Sozialen Mediendes Dienstes Twitter stieg von 15 auf 24 Prozent. Je-doch ändern sich auch die Sozialen Netzwerke als sol- Wenn Europa twittert - Chancen und Hin-che. Der Blogger Byron Tau vom Politikblog Politi- dernisse für eine Europäische Öffentlichkeitco.com erklärte, Twitter und Facebook seien nicht durch die Neuen Sozialen Medienmehr nur Soziale Netzwerke, sondern ausgereifte digi-tale Plattformen, auf denen Dritte komplette Service- Wir leben in einem elektronischen Zeitalter. SMS,angebote aufbauen könnten12. Dieser Wandel weg von Twitter, E-Mail oder Webblogs sind bereits fest in un-Sozialen Netzen, in denen sich mit Freunden fast aus- serer Gesellschaft verankert. Aber auch die Politik wit-schließlich über persönliches unterhalten wurde hin tert die Attraktivität des elektronischen Marktes, E-zu einem eigenständigen Medium (auf Basis des Web Democracy, E-Voting oder E-Election campaign sind2.0) wird die Wahlkampfstrategen in Zukunft dazu die Schlagworte. Man verspricht sich, dass hierdurchzwingen, mehr Zeit, Geld und Arbeit in den Onlineauf- die Bürger leichter an politischen Prozessen partizipie-tritt ihres Kandidaten zu stecken. Dass diese Entwick- ren können. Zugleich werden in Europa zunehmendlung kein „Ausrutscher“ von Barack Obama im Jahr Entscheidungen auf supranationaler Ebene getroffen2008 war, zeigten auch die Zwischenwahlen des ame- und damit weiter vom Bürger entfernt. Eine europäi-rikanischen Kongresses im Jahr 2010. Hier konnte ein sche Öffentlichkeit, die sich mit europäischen Fragensprunghafter Anstieg derer beobachtet werden, die ebenso auseinander setzt wie es im nationalen Kon-sich politische Videos und Botschaften im Internet text geschieht, wird künftig Bedingung für die demo-ansahen. Im politischen Washington ist es mittlerwei- kratische Legitimierung der Europäischen Union sein.le normal, dass Akteure – von Lobbyisten über Abge- Noch ist die Europäische Öffentlichkeit jedoch nur inordnete des Repräsentantenhauses bis hin zu Senato- Ansätzen erkennbar. Unkenntnis über europäische Ge-ren und Ministern – eigene social media Experten ein- setzgebungsprozesse und extrem niedrige Wahlbetei-stellen, um ihren Auftritt im Internet zu steuern. Dem- ligung der Europäer sind dafür eindeutige Indikatoren.entsprechend groß ist mittlereile das Angebot an sol-chen Experten auf dem Arbeitsmarkt. Kommunikati-onsexperten wie Anna Ruth Williams von Communi-cations 21 aus Atlanta, Georgia sagen für den anste-henden Wahlkampf eine weitere Verschiebung zu mo-bilen Endgeräten voraus. Mit dem Auftauchen und derWeiterentwicklung von Mobiltelefonen, Smartphonesund iPads können die Wähler praktisch überall denWahlkampf der Kandidaten verfolgen. Zudem machenes technische Neuerungen möglich, bestimmte Perso-nenkreise nach Kriterien, wie Postleitzahl oder Musik-geschmack, zu filtern und direkt zu kontaktieren. Alldiese Entwicklungen waren 2008 bereits in Ansätzenvorhanden, werden aber bis 2012 weiter perfektio-niert, sodass die Sozialen Medien weiter an Einfluss Kameramann vor dem Europäischen Parlament in Brüsselgewinnen werden. (Foto: European Parliament/Flickr) Elektronisches Zeitalter, europäisches Zeitalter, wieClaus Gramckow geht das zusammen? Demokratisieren sich Wissen undRepräsentant USA und Kanada Information durch technischen Fortschritt? KönntenTransatlantisches Dialogprogramm die neuen Kommunikationsmittel eine Chance für die Entwicklung einer europäischen Öffentlichkeit sein? Lassen sich womöglich über Facebook oder Twitter12 Grundlagen für eine digital basierte europäische Dis- B. Tau: „Obama faces brave new Web world“. Abgerufen unter kussionskultur generieren? Die Neuen Sozialen Medienhttp://www.politico.com/news/stories/0311/51594.html07.09.2011 als Garanten für ein wachsendes Bürgerinteresse an 41
  • FNF International News Freiheit und die Rolle der Neuen Sozialen Mediender Europäischen Union? Ist es möglich, einen elektro- läufig.2 Währendnischen Kommunikationsraum aufzubauen, in dem 1979 noch 62europäische Akteure Rückmeldung und Unterstützung Prozent derbzw. Ablehnung für ihre Politik erhalten können? Wahlberechtig- ten ihre StimmeEs erscheint sinnvoll, den Begriff der Neuen Sozialen abgaben, warenMedien zunächst einmal zu definieren. Kaplan und es 2009 nurHaenlein sprechen von einer Menge von Anwendun- noch 43 Pro-gen im Internet (dazu gehören u. a. soziale Netzwerke, zent.3 Für dieseWeblogs, Wikis, Podcasts), die alle auf Web 2.0 basie- Entwicklung gibtren und die die Herstellung und den Austausch von es verschiedenenutzergeneriertem Inhalt erlauben. Diese Anwendun- Gründe: Der An-gen lassen sich einerseits in soziale Medien einteilen, teil der EU-die die Kommunikation zum Selbstzweck haben wie z. Mitgliedsländer,B. Skype, und andererseits soziale Medien, die zwar in denen es keineauch zur Kommunikation genutzt werden, jedoch den Wahlpflicht gibt,Fokus auf den Inhalt legen, wie etwa Wikis oder eben ist durch die EU- Grafik: Gerd Altmann/Pixeliodie genannten sozialen Netzwerke.1 Im Gegensatz zu Erweiterungden klassischen Massenmedien, die auf dem Prinzip kontinuierlich zurückgegangen. Bis auf Zypern sindder technischen Vervielfältigung über Schrift, Bild o- seit 1979 nur Länder der EU beigetreten, die keineder Ton basieren und entsprechend ressourcenintensiv Wahlpflicht vorschreiben und in denen die Wahlbetei-sind, sind die neuen sozialen Medien als digitale Me- ligung tendenziell geringer ist.4 Ein weiterer Grunddien weitaus billiger und einfacher zugänglich. Sie liegt darin, dass es bei Europawahlen vermeintlich umermöglichen zudem, dass der Benutzer vom Konsu- „weniger geht“, d. h. dass gefühlt nicht über Macht-menten zum Produzenten unterschiedlicher Informati- verhältnisse und Ämtervergabe entschieden wird, soonen wird, was die exponentielle Verbreitung von In- wie dies bei nationalen Wahlen der Fall ist. Hinzuhalten jeglicher Art zur Folge hat. kommen die relativ begrenzten Befugnisse der Mit- glieder des Europäischen Parlamentes. Im Gegensatz zu Abgeordneten nationaler Parlamente haben Euro-Demokratiedefizit in der EU paabgeordnete kein Initiativrecht, können also keine neuen Gesetzesvorlagen einbringen. Die UnterschiedeForscher und Politiker sehen in der Wahlbeteiligung zwischen den nationalen und dem europäischeneinen Indikator für die politische Unterstützung der Wahlsystem führen dazu, dass Europawahlen bei vie-EU und das Bestehen einer Europäischen Öffentlich- len EU-Bürgern als „second order elections“ wahrge-keit. Mit dem Voranschreiten der Europäischen In- nommen werden.5tegration, das mit einem zunehmendem Transfer vonBefugnissen von der nationalen auf die supranationale Zwischen politischer Elite und Bürgern klafft eine Lü-Ebene erfolgt, wird das Vertrauen der Bürger in die cke, die bezeichnenderweise oft mit dem technischsupranationalen Institutionen immer wichtiger. Je- anmutenden Begrifft „Bürgerferne“ umschrieben wird.doch lässt sich bereits von einer Legitimationskrise der Gallup Europe hat 1996 ca. 4.000 Spitzen-Europäischen Union sprechen: Bei den letzten beiden Entscheidungsträger, also hohe Beamte, Politiker, Me-Europawahlen beteiligte sich nicht einmal die Hälfte 4 Vgl. Franklin, Mark N. (2001): How Structural Factors Causealler Wahlberechtigten und der Trend ist sogar rück- Turnout Variations at European Parliament Elections, in: Europe-1 Vgl. Kaplan, Andreas M.; Haenlein, Michael (2001): Users of the an Union Politics, 2/2001, S.309-328. 5world, unite! The challenges and opportunities of social media, Vgl. Reif, Karlheinz; Schmitt, Hermann (1980): Nine nationalin: Business Horizons, Vol. 53, Issue 1, S. 59-68. second-order elections: A systematic framework for the analysis2 Vgl. Halbauer, Manuel (2009): Europawahlen, in: Aus Politik of European election results, in: European Journal of Politicalund Zeitgeschichte, 23- 24/2009, 2. Juni 2009, bpb, S.1. Research, 8/1980, S.3-44. 63 Vgl. http://www.europawahl-bw.de (Stand: 11.10.11). http://www.gallup-europe.be (Stand: 11.10.11). 7 Vgl. ebd. 42
  • FNF International News Freiheit und die Rolle der Neuen Sozialen Mediendien- und kulturelle Eliten sowie Wirtschaftsführer inallen damals noch 15 Mitgliedsländern der EU befragt,ob sie die Mitgliedschaft ihres Landes in der EU alsgute oder schlechte Sache ansehen. 94 Prozent derbefragten Entscheidungsträger fanden die Mitglied-schaft ihres Landes vorteilhaft. Bei einer repräsentati-ven Umfrage in der Bevölkerung waren indes nur 48Prozent dieser Meinung.6Neben mangelndem Vertrauen und Desinteresse ander europäischen Politik kann auch die mediale Be-richterstattung als Grund für die Zurückhaltung anden Urnen genannt werden. Die klassischen Medien Foto: European Parliament/Flickrinformieren nur in geringem Umfang über die nächs-ten Europawahlen sowie die Kompetenzen und Aufga- Als Instrumente erfahren die Medien, insbesondere dieben der Abgeordneten des Europäischen Parlaments.7 Neuen Sozialen Medien, gegenwärtig eine besondereDies hat zur Folge, dass viele Bürger sich aufgrund Bedeutung. Facebook und Twitter werden von Politi-eines Informationsdefizits gar nicht in der Lage füh- kern beispielsweise dazu genutzt, Wahlwerbung fürlen, eine überlegte Wahlentscheidung zu treffen. Vor sich zu machen.allem politisch gering Interessierte und parteipolitischschwach oder gar nicht Gebundene werden nicht zurWahl mobilisiert. Chancen und Risiken sozialer NetzwerkeWie viel Potential steckt nun in den Neuen Sozialen 10,8 Millionen Europäer sind bereits Mitglied im sozi-Medien, eine europäische Öffentlichkeit zu schaffen? alen Netzwerk Facebook. Unter ihnen nehmen die Bri- ten, Norweger und Schweden mit über acht Millionen Mitgliedern die Spitzenplätze ein. Es folgen Franzosen,Medien als Akteure und Instrumente Türken, Deutsche, Spanier, Iren, Italiener und Nieder- länder.9 Wird die Seite, wie derzeit geplant, in weitereMedien können sowohl als eigenständige Akteure als Sprachen übersetzt, so kann davon ausgegangen wer-auch als ein Instrument im Prozess der Europäischen den, dass sich auch noch weitere Sprachgruppen re-Öffentlichkeit auftreten. Als Akteure können Medien gistrieren. Auf Facebook wird privat oder geschäftlicheine Veränderung im Denken, Tun und Wollen der miteinander kommuniziert, werden Bilder und VideosMenschen bewirken. Sie filtern die wichtigen Informa- ausgetauscht. Die technischen Möglichkeiten lassentionen und interpretieren diese. So können sie europa- zahlreiche weitere Nutzungsmöglichkeiten zu. So wer-skeptische oder europafreundliche Haltungen verstär- den z.B. Gruppen zur Unterstützung von europäischenken und in der Folge Wahlentscheidungen der Bürger Abgeordneten gegründet, die wiederum auf ihren per-maßgeblich mit beeinflussen. Insbesondere im Zuge sönlichen Facebook-Profilen über ihre neusten Aktivi-des Dealignments, also des in den meisten Mitglied- täten berichten. Das soziale Netzwerk wird zudem zurstaaten feststellbaren Nachlassens der Parteibindun- Organisation und Mobilisierung für politische Aktio-gen der Wähler8, sind die Bürger offener für mediale nen genutzt. Auch berichten die Institutionen der EUBotschaften zu Kandidaten und Wahlkampfthemen wie Europäisches Parlament, Kommission, etc. auf ih-geworden. Folglich werden Medien als Akteure ein- ren Facebookseiten über aktuelle Entwicklungen in derflussreicher. Gemeinschaft.8 Vgl. Dalton, Russell J.: Wattenberg, Martin P. (2000): Partieswithout Partisans: Political Change in Advanced Industrial De- 10 Van Eimeren, Birgit; Frees, Beate (2011): ARD/ZDF-mocracies, Oxford, S.328. Onlinestudie 2011, Drei von vier Deutschen im Netz- ein Ende9 Vgl. http://www.cafebabel.de/article/23144/ein-hauch-europa- des digitalen Grabens, in: Media Perspektiven 7- 8/2011, S.334-auf-facebook.html (Stand: 11.10.11). 349. 43
  • FNF International News Freiheit und die Rolle der Neuen Sozialen MedienEin besonderer Vorteil von Facebook liegt in der Mög- sie kurze Nachrichten zu ihrer aktuellen Agenda. Dieselichkeit, Informationen über Politiker direkt über ihr können ebenfalls von anderen Twitter-Nutzern, denNetzwerkprofil zu bekommen, die gegebenenfalls auch sogenannten „Followern“ abonniert werden. Auch hierkommentiert werden können. Der Politiker erhält im bekommt der Follower die aktuellen Meldungen quasiGegenzug ein ehrliches Feedback zu seiner Arbeit und in Echtzeit auf seinen Laptop oder das internetfähigekann kostengünstig und zielgenau bestimmte Nutzer- Mobilfunkgerät zugesendet.gruppen ansprechen. Die Kommunikation zwischenBürger und Politiker wird so schneller, direkter und Eine genauere Betrachtung zeigt jedoch, dass die ge-transparenter. Soziale Netzwerke wie Facebook bieten nannten Vorteile nur von wenigen Usern genutzt wer-Politikern, Fernsehstars oder Unternehmen wie Coca- den. Die wichtigsten Informationsquellen im Netz sindCola auch die Möglichkeit, eigene Profile anzulegen. nach wie vor Nachrichten auf Portalseiten, gefolgtInteressiert sich ein Nutzer beispielsweise für die re- vom Internetangebot der Massenmedien. Sozialegelmäßigen Updates eines Abgeordneten, so kann er Netzwerke und Blogs rangieren bisher an letzter Stel-auf den „Gefällt mir“- Button klicken und abonniert le.10 Interessante Unterschiede im Informationsverhal-dadurch die Statusmeldungen des Volksvertreters. Der ten zeigen sich, wenn man einen genaueren Blick aufneu gewonnene „Fan“ bekommt im Newsfeed seines Bildungsstand und Alter wirft. Studien zeigen, dassFacebook-Accounts neben den Neuigkeiten seiner Menschen unter 30, die einen höheren BildungsgradFreunde auch die Updates des Abgeordneten ange- aufweisen, tendenziell am besten über soziale Netz-zeigt. Der User muss somit nicht mehr aktiv nach ak- werke erreichbar sind. Doch die NSM nutzen sie intuellen Informationen suchen – er bekommt diese wie erster Linie zur Kommunikation mit Freunden. Weitin einem personalisierten Newsticker täglich geliefert. weniger als bisher angekommen dient etwa FacebookÄhnlich verhält es sich beim Microbloggingdienst als Quelle der politischen Information. Über 30-Twitter. Diesen Dienst nutzt beispielsweise die EU- Jährige nutzen das Internet hingegen vermehrt alsKommissarin Neelie Kroes. Über Twitter veröffentlicht digitalen Informationsdienst. Dafür sind sie aber selte- ner in Netzwerken zu finden und somit für Politiker, die direkt über Facebook oder Twitter kommunizieren wollen, nur eingeschränkt erreichbar. Dasselbe gilt für wirtschaftlich schlechter gestellte Personen oder Menschen mit niedrigerem Bildungsgrad. Neben die- sem Alters- und Bildungsunterschied gibt es auch ei- nen Geschlechterunterschied. So verbringen Frauen tendenziell weniger Zeit im Internet als Männer. Letz- tere sind aktiver im Netz, laden beispielsweise häufi- ger Videos hoch oder betreiben Blogs.11 Über internet- basierte soziale Medien können folglich vor allem jün- gere, gut ausgebildete und bereits politisch interes- sierte Wähler erreicht werden. Bildungsfernere Schichten und generell Personen über 30, die wenig oder kein Interesse an Politik haben, sind schwerer bis gar nicht zu erreichen. Die Neuen Sozialen Medien können den Ruf eines Po- litikers nicht nur fördern, sondern auch schaden. Face- Facebook-Chat mit Morten Løkkegaard MdEP (ALDE-Fraktion) book-Seiten oder Twitter-Accounts haben sich zu fast (Foto: European Parliament/Flickr) natürlichen Anlaufstellen für den Unmut einzelner11 Nutzer entwickelt. So kann es passieren, dass eine Vgl. ebd., S.335-339.12 große Welle oftmals nicht gerechtfertigter Schmähkri- Vgl. http://www.sueddeutsche.de/digital/cyber-attacke-auf- 13thailands-premierministerin-hacker-kapern-yinglucks-twitter- Vgl. http://www.metronaut.de/berlin/wir-waren-franz-konto-1.1154254 (Stand: 12.10.2011). muentefering/ (Stand: 11.10.11). 44
  • FNF International News Freiheit und die Rolle der Neuen Sozialen Medientik über Politiker hereinbricht. Dieses kollektive Phä- Ausblicknomen, bei dem sachliche Kritik von einer unüber-schaubaren Menge unsachlicher Beiträge überlagert Die Neuen Sozialen Medien lösen keinesfalls die klas-wird, wird umgangssprachlich auch als „Shitstorm“ sischen Medien ab. Vielmehr existieren traditionellebezeichnet. Ein weiteres Problem ist das Hacken von und neue Kommunikationskanäle nebeneinander. Ob-Accounts, zuletzt passiert bei Thailands Ministerpräsi- wohl zunehmend tagesaktuelle Informationen digitaldentin Yingluck Shinawatra. Unbekannte knackten abgerufen werden, haben die klassischen Medienihren Twitter-Account und versendeten Nachrichten, nicht an Bedeutung verloren. Radio und Fernseherin denen sie dem Kabinett der Politikerin Inkompetenz verzeichnen gegenüber internetbasierten Medien nachund Vetternwirtschaft vorwarfen.12 Auch so genannte wie vor die höchste Nutzungsdauer.„Fake-Accounts“, also gefälschte Konten, können zuImageschäden führen. So besaß der ehemaligen SPD- Offenbar ist unsere Gesellschaft gekennzeichnet durchVorsitzende Franz Müntefering scheinbar einen Twit- ein tendenziell passives Informations- und Konsum-ter-Kanal mit mehreren Tausend Followern. Allerdings verhalten. Die Bürger ziehen größtenteils „Push-handelte es sich dabei nicht um seinen persönlichen Medien“, wie etwa das Fernsehen, den sogenanntenAccount, sondern um eine Kopie einer Gruppe, die sich „Pull-Medien“, die man erst im Hinblick auf relevante„Metronauten“ nennt.13 Auch verbale Ausrutscher von Informationen durchsuchen muss, vor. Das InternetPolitikern werden schonungslos offenbart und finden verlangt von seinen Nutzern einen vergleichsweiserasante Verbreitung. So etwa geschehen mit einer Re- hohen Suchaufwand. Für die Politik bedeutet dies,de des designierten EU-Komissars Günther Oettinger dass sie hauptsächlich diejenigen erreicht, die sichauf einer Jahreskonferenz des Zentrums für Kapitalis- ohnehin für sie interessieren. Die breite Wählermassemus und Gesellschaft an der Columbia University in ist über das Internet bisher nicht zu mobilisieren. FürBerlin. Da das Internet „nichts vergisst“, müssen Poli- die Entwicklung einer Europäischen Öffentlichkeit gilt,tiker noch mehr auf ihre Kommunikation achten als dass diese nur durch ein Nebeneinander klassischerohnehin schon, denn nicht zuletzt greifen auch die und digitaler Medien gestärkt werden kann, wobeiklassischen Medien Online-Ausrutscher gerne auf. sich beide Kommunikationsformen wechselseitig ver- stärken und beeinflussen müssen. Janina Coronel Praktikantin im FNF-Büro Brüssel Bildnachweise Titel: Internet Society/Flickr Barack Obama/Flickr European Parliament/Flickr Foto: fdecomite/Flickr 45
  • FNF International News Freiheit und die Rolle der Neuen Sozialen Medien Social Media is not enough to trigger a revolution: A holistic view from IndiaThe message is more important than the medium, and Are we really witnessing a new era of political partici-revolutionaries willing to stake their all for the sake of pation and popular protests made possible by thetheir ideal is even more important. Equally important growing relevance of social media? Or, are the chang-is the social-political context of the country which ing social and political realities in different countriesdetermines whether the old regime will be able to creating an opportunity for people to harness the newwithstand the turmoil, or whether the revolution will social media platforms.consume the regime. Ultimately, there has to be aleadership to take advantage of the changing situa- Is the medium today more important than the mes-tion. sage? Are the new media particularly suited at organ- izing complete strangers and building a wider move-The tide of protests in the middle-east and North Afri- ment? If people are able to organise and expressca took most of the world by surprise, including the themselves better, then what kind of response oneArabs themselves. The dramatic events, referred as the finds from different governments?Arab Spring of 2011, have already led to the over-throw of three authoritarian regimes – Tunisia, Egypt Are the social media really a new technological phe-and Libya. Large scale protests and violence are con- nomenon, giving birth to the present protest move-tinuing in Syria and Yemen. While the protests in ments? Or, are the present protest movements them-Bahrain were put down by a massive show of force by selves a continuation of a very old trend in humanthe authorities with the help of Saudi military. A year history? Is this a new manifestation of an age oldago month long protests in the streets followed the quest of man trying to end injustice and tyranny?presidential election in Iran. Are the social media enough to sustain the move-These popular uprisings are being looked upon by ments, or do they need their revolutionaries, who aremany as the dawn of a new era of politics in the re- willing to stake their all for their cause? Social mediagion. The mobile phone and internet have spawned a may be able to bring strangers together, but does itwhole new social media platforms – blogs, Twitter, still require organisers and supporters to build theFacebook, Youtube, and many variations of these. gathering in to a coherent movement?With their capacity to generate and disseminate in-stant news and views, people are able to share infor- If technology is empowering people, then the samemation and organise themselves in new ways. Ordi- technology can also become a tool in the hands of thenary people are leaving their imprint on societies in a authorities to restrict access to these social mediamanner not many could have predicted only a few platforms. What are the internal dynamics of the ex-years ago. isting regimes? Do these contexts determine when 46
  • FNF International News Freiheit und die Rolle der Neuen Sozialen Medienthey are able to suppress the revolution in the streets,and when they are consumed by the revolutionaryfervour?To try and answer some of these questions it would beuseful to pause and look back at human history. Thepast experiences may help provide a perspective tothe present, and in turn may offer some significantclues to the future.Looking backSince the early days of civilisation, man has used eve-ry means available to mobilise other people for one Children listenening to the radio in the 1940s (Photo: Australian Broadcasting Corporation/Flickr)cause or another. Public orators like Demosthenes inAncient Greece performed that role quite successfully.William Shakespeare dramatized the significance of communicator. He was a genius in finding simplepublic oratory in the ancient world in his play Julius ways by which ordinary people could grasp the es-Caesar. With the epic speeches of Brutus and Mark sence of his ideas. Millions adopted his call for theAnthony following Caesar’s death, each side attempt- spinning wheel (charkha), not only to make the homeed to win over the people to their side. spun fabric, but mainly, as a symbol of self-sufficiency and dignity, against colonial rule. Gandhi’s epic DandiWith the advent of the printing press, pamphlets be- March to a coastal village in Gujarat, to make salt andcame a very common form advocating a cause. During publicly defy the British government’s tax policy, wasthe American War of Independence, pamphlets were a master political statement that successfully con-used to great effect to mobilise public opinion. In rev- veyed to millions of people the possibility of defyingolutionary France, printed materials were widely used colonial rule with a very simple gesture.to rally the masses. Thomas Pain’s classic pamphlet“The Rights of Man” continues to inspire people today, At the height of the cold war, John F. Kennedy’s “Ichas it in the 18th century. bin ein Berliner” speech in Berlin, where he identified with a city that had been cut off by the Soviet andIn the 20th Century, Adolf Hitler and his propaganda East German forces, had become a symbol of that era.machine demonstrated how a mix of political promiseof a glorious future, coupled with a ruthless strong In the 1960s and 70s, the spread of television had leftarm tactics, could sway a large section of the German its mark on the various protest movements that domi-population to fall in line. The conflict that it triggered nated political life, particularly in the US and Europe.proved deadly not just for the rest of the world, but That period gave birth to a wide range of movements,even more so for a generation of Germans themselves. from the hippies and the anti-nuclear protests, to the modern environmentalism.In sharp contrast, Winston Churchill, the war timeprime minister of Britain, known for his rousing Ronald Reagan, the US president, was seen as a greatspeeches over the radio, helped in sustaining the mo- communicator for his ability to carry his message ofrale of his people through some of the very difficult the virtues of a small government to the public in awar years in the 1940s. simple but effective form, and dominated the televi- sion during his time in the 1980s.On the other hand, Mahatma Gandhi, the leader ofIndia’s Independence struggle against the British rule, By the end of the 1980s, when the Berlin Wall fell, thewas not a great orator, but was nevertheless a great role of the media was limited to reporting the dra- 47
  • FNF International News Freiheit und die Rolle der Neuen Sozialen Medienmatic events. Not many people credit the media for The 1980s ended with the first mass protests in com-bringing about the end of communism in much of munist China at the Tiananmen Square in Beijing inWestern Europe. Nor had many experts foreseen the June 1989, with people demanding civic and politicaltumultuous days in Eastern Europe, even a few rights. This was the dawn of live global television, andmonths before the dramatic events. The aspiration for the first act of the Chinese authorities was to simplyfreedom among people proved so strong, yet, the cut the lines of communication, as they moved in totrend had remained largely undetected by the media crush the protests. The iconic picture of a lone man,and the leadership in most countries. standing before a column of Chinese tanks, remained symbolic.In Asia, the first glimpse of people power came longbefore the era of live TV broadcast. In India, the Con- A couple of years later, a misdirected communist coupgress Party which had been in government continu- against Mikhail Gorbachev’s attempt to reform theously for three decades since Independence, lost the system from within failed. The image of Boris Yeltsinnational election in 1977. Various undemocratic ac- climbing on to a army tank in front of the Soviet Par-tions, including curbs on political protests, censorship liament broke the resolve of the coup leaders as theirof the media, and other atrocities committed during forces disintegrated.the 20 month Emergency rule, led millions to abandonthe Congress party that had led the Independence These are just a few brief sketches from recent humanstruggle. The restraints imposed on the media only history which show that ideas mattered, and that thetriggered an avalanche of informal means of commu- relevance of the idea, its contemporary context, thenication among people uniting a large section of the political timing, and how the people related to thepeople against the highhandedness of the ruling par- idea, all go on to define the power of the idea, andty. This was, at that time, one of the rare occasions shape its impact. Technology may define the media,when democratic transition of power could take place but the medium remained mostly as a messenger, itat the national level, following the people’s verdict was the message that was paramount.through the ballot box in a poor and developing coun-try. However, these instances also show that there were leaders who were able to nurture the movement around their message in order to be effective. The message may not have been sufficient on its own. Has anything changed substantively in this equation with the advent of social media? The world today History is a great leveller. The purpose of briefly relat- ing a few episodes from human history was to remind ourselves of how societies adopted to changing situa- tions. While the new technologies often helped, the Street stall with used TVs in Mumbai, India success or failure depended mostly on the power of (Photo: lecercle/Flickr) the political idea, and the ability of the leadership to harness it.Less than a decade later, popular revulsion against thecold and calculated murder of Senator Benigno Aqui- Barack Obama, the US president, was among the firstno in 1983, on his return to the Philippines from self- to successfully harness the potential of social media,imposed exile, culminated in the first “people power” and various information and communication technol-revolution, which ended the two-decade long dicta- ogies (ICTs) during his election campaign in 2008. Hetorship of President Ferdinand Marcos in 1986. was able to spread his message of hope, and raised 48
  • FNF International News Freiheit und die Rolle der Neuen Sozialen Medienhuge amounts of money engaging with the people on police gathered a lot of evidence from the social me-the social media. Two years in office, however, has dia platforms to successfully prosecute many of theagain demonstrated that President Obama is no long- rioters. And many Londoners too used the media toer able to inspire in the same way as he had done dur- mobilise citizens for cleaning up their neighbourhooding the campaign. The social media technologies have after the week long riots and damage to property.improved significantly during the past couple of years,its reach has deepened, yet, without a simple and co-herent message that connects to people, Obama hasbecome a pale shadow of himself!Needless to say that with the technological changesthe conventional view of the media is changing too.Traditionally, media was a one way communication,where the authors or editors conveyed their perspec-tive to the readers, listeners and viewers. The emer-gence of social media has diffused the distinction be-tween the generators of content, and those who areconsuming the information. There has been an enor-mous spurt in content in recent years, with the spreadof ICT, it has enabled a wide range of people to havetheir say, and share their thoughts on different socialmedia platforms. Media have evolved from being aone way flow of information, to a very platform formulti-directional flow of information. Consequently,social media has expanded its scope from informationsharing, to possible organisation for some commonaction. Portable digital media devices (Photo: Sean Hobson/Flickr)To effectively leverage the new phenomenon, it wouldbe useful to assess the real impact of social media on In India, in a rare incident of social mobilization,our life and times. Needless to say that, in 2011, the largely youngsters from sections of middle and uppervarious kinds of protest movements in different parts classes rallied around a 70-year old man to protestsof the world have shaken up conventional thinking. against rampaging corruption affecting most func-While the reasons and context of these protests differ, tions of society. “India Against Corruption” emergedboth in scale and scope, one common thread running on Facebook as a platform for not only a lot of discus-through all of them is that social media has given a sion, but also for coordination of the protest move-new voice to a lot of people. ment in different parts of the country. The pressure on the political class grew to such an extent that theIn Europe, grappling with the financial crisis, protests government had to promise to work towards a moreagainst the austerity drive in Greece and Spain have effective anti-corruption legislation.sparked periodic protests on the streets. In UnitedKingdom, the death of an innocent man sparked themost serious riots that country had witnessed in a The Arab Springgeneration. Unlike in the past, this time elementsfrom almost every section of British society partici- On the other hand, the most dramatic of these pro-pated in the rioting and looting, and the costs were tests has taken place in the Middle East and Northborne by almost the same segments. It was reported Africa. Without any particular leadership, youngstersthat many of the rioters coordinated their action us- gathered in city centres demanding political participa-ing Blackberry and Facebook. On the other hand, the tion in their own countries affairs, protection of basic 49
  • FNF International News Freiheit und die Rolle der Neuen Sozialen Medienrights, and recognition of human dignity, while ex- are said to be sponsoring costly satellite phones inpressing their lack of confidence in the existing crop order to bypass the restrictions imposed by the state,of un-elected and unaccountable leadership which so that those inside the country can more easily sharehas reigned in most of these countries for decades. information with the rest of the world. On the other hand, the Syrian government has periodically allowedIn Tunisia, the image of the death of a street vendor access to social media platforms such as Facebook,at hands of the police triggered a flood of popular and used it as a tool to identify opposition activists.protests against the thirty year long dictatorship ofBen Ali. Within days the leadership had fled, and the While Syria’s regime has been on the edge for someregime collapsed like a house of cards. According to time now, it is not clear if the opposition supportone estimate, less than 20% of Tunisians use social within the country is organised and widespreadmedia, although nearly everyone has a mobile phone. enough to bring down the Assad regime. The opposi- tion also has not been able to come up with a clearIn neighbouring Egypt, the young protestors exten- leadership, organisation or coherent strategy, alt-sively used the social media to share information, and hough the death toll in the ongoing violence is nowstimulate protests in Tahir Square in the heart of Cai- over 3.000.ro. The regime adopted a carrot and stick approach,talking of democratic reforms, while sending in stormtroopers to unleash a reign of terror. But the monthlong campaign against the Mubarak regime came toan end when the Egyptian army declined to fire on itsown people.It has been reported that in the week prior to the fallof Hosni Mubarak’s regime, the tweets emanatingfrom Egypt increased from just over 2000 a day towell over 200,000 a day.However, protests and tweets may not have been suf-ficient to remove the Mubarak regime. The wheelturned against the regime only when Egypt’s military Protests in Syria (camera phone picture)leadership decided that the risk of going along with (Photo: Syria-Frames-Of-Freedom/Flickr)the old regime was too high. While the regimechanged, the nature of the regime has not changed On the other hand, the Libyan regime of Colonel Gad-much in Egypt, at least not yet. Again the lack of a dafi severely restricted the lines of communication incoherent and united opposition has only allowed the the areas they controlled, but as the area under thenew rulers of Egypt to try to maintain status quo as control of the opposition forces increased, the realmuch as possible. horror of the Gaddafi regime started to come to light. Only about 5% of Libyans had access to internet, andFor authorities in government, it is quite simple to cut Gaddafi did not consider the new media to be athe formal lines of communication, and silence the threat. But the elements based in the eastern city ofchannels of formal communication. For months to- Benghazi, opposed to Col Gaddafi were more cogentgether, the Syrian government had cut off access to in their strategy, mobilising disparate groups of mili-internet and telephone, tightly controlled the media in tias, and coordinating with the NATO forces.an attempt to suppress the news of protests, and vio-lence perpetrated by the state. Videos and photos tak- While the outside world may have become aware ofen with mobile phones and surreptitiously uploaded the true nature of the Gaddafi regime only after theon the internet have provided a glimpse of the repres- fall of that regime, the success of the apparently un-sion unleashed on its own people. Now Syrians abroad organised opposition forces, no doubt aided by the 50
  • FNF International News Freiheit und die Rolle der Neuen Sozialen MedienNATO air strikes on Gaddafi forces, bears testimony to randomly shooting at crowds to instil a sense of fear.the widespread animosity against the four decade While these protests completely exposed the inherentlong rule of Gaddafi that must have been building for weakness in the echelons of the Iranian regime, thea long time, although the enormity of that sentiment regime was able to contain the opposition movement.had remained undetected for years. One reason for that is perhaps that the opposition was not seeking to change the regime, but only its present leadership.Jasmine fails to bloom The social media have emerged in recent years as aThe country that paid very close attention to the Arab new way to build awareness, moblise opinion, andSpring may have been China. Within weeks of the tur- organise people. But it would be worthwhile to keepmoil in North Africa, the great Chinese firewall added in mind that mass mobilisation on critical social andnew word to their vocabulary of banned searches on political issues have been there for a couple of thou-the internet. The word ‘Jasmine’ found a place along sand years. Therefore building organisations and ex-with ‘democracy’, ‘freedom’ and related ideas that the panding networks of contacts are critical if the move-Chinese authorities deem inappropriate. The authori- ments are to become more meaningful. And this re-ties reportedly banned gathering of more than five quires a leadership with vision and competence.people at critical locations across the country for thefear of inspiring a wave of protests. Spring is a time for hope. And the events in the Arab world do give a lot of hope to people fighting injusticeRecent experience of China adds to this mosaic of and oppression across the world. But spring is fol-popular experiences. While China severely restricts lowed by summer, and it takes leadership to nurtureaccess of Chinese citizens to international social me- the movements through difficult times. And only ifdia platforms, such as blogspots and Twitter, it has the ground has been prepared well, only then theallowed local companies to provide services similar to rains that follow the summer will be able to promise asocial media and micro-blogging platforms. The gov- good harvest.ernment has employed thousands of censors to moni-tor discussions, and block what is deemed politically Social media has greatly enhanced people’s capacitysensitive, and try to identify potential dissidents. But to communicate and share news and opinions. Theduring the recent spate of high-speed train crashes, new technology has made communication truly a twothe raging debate and criticism on these platforms way street. But the destination still has to be agreedsimply overwhelmed the official censors. The authori- upon, and the capacity to undertake the journeyties simply decided to delete all discussions which needs to be developed. Social media provides a tool.were deemed inappropriate. On the other hand, many Leadership is necessary to productively harness theChinese citizens have become extremely IT savvy, and new technologies. Too often in history, revolutionsare constantly discovering new ways to outmanoeuvre have failed to deliver the promise because of the fail-the authorities. And the state agencies are engaged in ure of leadership.a running cat and mouse game!Another country where the Jasmine apparently failed Barun S. Mitrato bloom is Iran. In 2009, following the presidential President Liberty Institute Indiaelection, which saw the reelection of Mahmoud Ah-madinejad, people protested on the streets for weeks. Bildnachweis Titel: Gerd Altmann/PixelioThe government cracked down heavily, leading tomany arrests, injuries and deaths. The death of NedaAgha Soltan, a 27 year old woman, on a Teheranstreet, was vividly captured by cameras on mobilephones, and posted on the internet. She was amongthe hundreds that were killed by government snipers 51
  • FNF International NewsFreiheit und die Rolle der Neuen Sozialen Medien Online-Papiere aus dem Bereich Internationale Politik Politische Berichte aus aktuellem Anlass N° 55/11 Neue Machtverhältnisse in Slowenien nach Neuwahlen: Triumph für Politikneulinge, Dämpfer für etablierte Parteien, Debakel für Liberale N° 54/11 Machtwechsel in Kroatien: Liberale Kräfte im Aufwind N° 53/11 Russland nach der Wahl: Trotz massiver Manipulationen bleibt nicht alles beim alten N° 52/11 Parlamentswahl in Marokko: Gemäßigte Islamisten gehen als Sieger hervor Download unter: http://www.freiheit.org/webcom/show_article.php/_c-415/i.html Policy Papers der Regionen - Europäische Institutionen und Nordamerika - Lateinamerika - Mittelmeerraum - Mittel-, Südost- und Osteuropa, Südkaukasus und Zentralasien - Südost- und Ostasien - Subsahara Afrika - Südasien Download unter: http://www.freiheit.org/webcom/show_article.php/_c-413/i.html Hintergrundpapiere Nr. 19/2011 Ägypten vor den Wahlen: Historische Entscheidung am Nil Nr. 18/2011 Russland vor den Wahlen – Geringe Chancen für die Demokratie Nr. 17/2011 Wandel in Myanmar Nr. 16/2011 Mythenkult und Markenbildung - Argentinien vor den Wahlen Download unter: http://www.freiheit.org/webcom/show_article.php/_c-414/i.html IMPRESSUM Herausgeber Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit Redaktion: Johannes Issmer Bereich Internationale Politik E-Mail: politikanalyse@freiheit.org Referat für Querschnittsaufgaben Karl-Marx-Str. 2 14482 Potsdam-Babelsberg Telefon: +49(331) 7019-520 Fax: +49(331) 7019-132/133 Bildnachweis Titel: Gerd Altmann/pixelio.de Weitere Publikationen aus den Bereich Internationale Politik der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit finden Sie unter www.freiheit.org 52