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Taiwan: Studentendemos gegen "Medienmonster"

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Studenten in Taiwan protestieren gegen den geplanten Verkauf der wichtigsten unabhängigen Printmedien des Landes an eine pro-chinesische Investorengruppe. Sie fürchten einen Rückgang der …

Studenten in Taiwan protestieren gegen den geplanten Verkauf der wichtigsten unabhängigen Printmedien des Landes an eine pro-chinesische Investorengruppe. Sie fürchten einen Rückgang der Meinungsvielfalt und wachsenden Einfluss Chinas.
Erschienen in Medium Magazin, Ausgabe 01-02/2013

Published in: News & Politics
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  • 1. Ausland.Die Autoren dieser Kolumne sind Mitglieder von www.Weltreporter.net e-Mail: cvd@weltreporter.netDie WeltreporterPaul Flückiger AUS WARSCHAU1. Das gedruckte InternetWARSCHAU. Das große quadratische Format fünf Jahren immer wieder durch konserva- tive Neugründungen aufgemischt wird. Vie- le dieser Pressetitel sind Nischenprodukte,sticht in den polnischen Zeitungs- und Zeit- ein paar haben es aber dank finanzkräfti-schriftenauslagen sofort in die Augen. Der ger Rückendeckung zu beachtlichen Aufla-neue Pressetitel „W Sieci“, auf Deutsch „Im gen von mehreren zehn- bis über hundert-Netz“ oder „Im Internet“, liest sich aller- tausend gebracht.dings wie ein schlechter Witz, weil es sich Das Nachrichtenmagazin „W Sieci“, inhier nicht um eine Internetfachzeitschrift dem in Polen seit langem bekannte rechtehandelt. Der Grund: Das Magazin wagt ei- Gesinnungsjournalisten wie etwa der Kom-nen beachtlichen Umkehrschritt, denn munisten-Agentenjäger Bronistaw Wild-die meisten der hier abgedruckten Artikel stein publizieren, will für sich noch einenstammen aus dem Internet, vor allem aus weiteren Vorteil des Nachdrucks aus demkonservativen Blogs und Online-Diensten. Internet ausgemacht haben: Dort nämlich,Chefredakteur Jacek Karnowski begründet so steht es im Editorial, seien noch alle Mei-dies so: „Die Welt der Freiheit, das Inter- nungen willkommen, dort würden sie nochnet, erscheint damit nun auf Papier.“ Papier nicht zensiert. Damit übernimmt das Ma-verleihe eben den Gedanken mehr Gewicht gazin einen Diskurs, der in Diktaturen wieund es habe eben trotz des technischen Weißrussland berechtigt ist – in Polen nachFortschritts „seinen eigenen Charme“. Zu- 1989 jedoch abenteuerlich klingt. Das Inter- KLAUS BARDENHAGEN AUS TAIWAN 2.dem, so Karnowski, gebe es Leser, die im- net ist für die rechtskonservative „W Sieci“mer noch offline seien. so nicht nur billiger Artikellieferant, es stellt „W Sieci“ steht politisch rechts und vor allem einen politischen Untergrund dar, Demos für Holzmedientrumpft ohne großes Medienhaus im Hin- die angeblich letzte Möglichkeit, frei eine TAIPEH. Wovon deutsche Zeitungsverlagetergrund nicht nur gleich mit einer Start- „Meinung gegen den Strom“ zu äußern. nur träumen können, das passiert geradeauflage von 150.000 Stück auf. Auf der Ti- Mit solchen Verschwörungstheorien las- in Taiwan: Junge Leute, Studenten, gehentelseite: die nationalkonservative Integrati- sen sich immer mehr Polen ködern. Ähnli- für Pressevielfalt und Unabhängigkeit deronsfigur Marta Kaczyńska, die einzige Toch- cher Meinung sind zum Beispiel die Mitglie- „Holzmedien“ auf die Straße und legen sichter des im April 2010 verunglückten Präsi- der der gerade boomenden „Clubs der Ga- sogar mit der Regierung an. Sie protestierendentenpaares. Der Ansatz, Blogposts zu dru- zeta Polska“, einer weiteren rechtsextre- gegen den geplanten Verkauf der wichtigs-cken, ist wahrhaftig etwas ungewöhnlich men Wochenzeitung. Es gibt bereits ein Netz ten unabhängigen Blätter des Landes an eineNeues im polnischen Blätterwald, der seit von über 300 solcher Clubs, das sich vor al- pro-chinesische Investorengruppe. Mit Bür-dem Wechsel von den rechtskonservativen lem auch in kleine polnische Provinzstäd- gerrechtsgruppen und Journalistenverbän-Kaczyński-Zwillingen zum liberalen Freun- te erstreckt. Dort ist auch das Internet we- den warnen sie vor einem Meinungsmono-desgespann von Premierminister Tusk und niger verbreitet. Das erst Anfang Dezember pol und chinesischer Einflussnahme auf Tai-Staatspräsident Komorowski vor mehr als gegründete Nachrichtenmagazin „W Sie- wans Medien. ci“ jedenfalls hat bereits so viel Erfolg, dass Wenn die Behörden den bereits beschlos- Chefredakteur Karnowski nun die Umge- senen 600 Millionen US-Dollar-Deal ge- staltung in ein Wochenmagazin ankündig- nehmigen, steht Taiwans Medienmarkt ei- te. Die zweite Ausgabe hat zudem bereits ei- ne Umwälzung bevor. Es geht um die aufla- FOTO: Mxxxxxxxxxxx ne Auflage von 200.000 Stück. genstärkste Zeitung und das wichtigste in- www.gazetawsieci.pl vestigative Nachrichtenmagazin des Landes: „Apple Daily“ und das „Next Magazine“ ge- Blogs auf Papier: „W Sieci“ propagiert damit eine hören bislang zum Imperium von Jimmy vermeintlich freie Meinungsäußerung. Lai. Der Unternehmer aus Hongkong gilt als14 Medium Magazin #01+02/2013
  • 2. Clemens Bomsdorf Aus SCHWEDEN 3. Politik mit Cookies KOPENHAGEN. Dänen halten Deutsche gerne für paranoid, weil sie nicht verstehen, dass man so zögerlich ist, Fotos von sich auf Facebook zu posten, oder Angst vor zu viel Überwa- chungskameras hat. So war es denn beinahe erstaunlich, dass jüngst ausgerechnet Coo- kies zum großen Aufregerthema wurden. Al- les fing damit an, dass die linksliberale Par- tei „Radikale Venstre“ (RV) sie einsetzte, um vom Internetnutzungsverhalten auf die poli- tischen Präferenzen zu schließen. Das war der Zeitung „Jyllands-Posten“ die Titelseite wert. Dabei hatte die Werbeagentur der Partei nur eingesetzt, was in der Produktwerbung schon lange Usus ist: eben Cookies. Man wollte wis- sen, welche Meinung die Internetnutzer zu bestimmten politischen Standpunkten ha- ben, welche politischen Seiten sie ansteuern, also etwa die Homepage von RV Der Grund: . Nur, wer als potenzieller RV-Wähler einge- stuft wurde, bekam fortan deren Werbeban- ner zu sehen. An klare Gegner wie eindeuti- ge Anhänger der Partei sollte kein Werbegeld verschwendet werden. Weil derartige Techniken in der Werbe- wirtschaft nicht wirklich neu sind, würde es kaum wundern, wenn auch andere Partei- en so arbeiteten, nicht nur in Dänemark. Dieunerschrockener China-Kritiker. Während stattung. Außerdem missbrauche Tsai seine Journalisten von „Jyllands-Posten“ aber in-die meisten Tageszeitungen Taiwans im Re- Medienmacht für eigene Interessen und um teressierte das nicht. Sie brachten nur RV aufgierungs- oder Oppositionslager verwurzelt Kritiker zu attackieren. Mit der Übernah- die erste Seite. Womöglich deshalb, weil diesind, bildet „Apple Daily“ kontroverse Mei- me von Lais Blättern sei für Tsai der Weg frei konservative Zeitung für die linksliberale Par-nungen ab. Korruptionsvorwürfe des „Next zum Printmonopol. tei wenig Sympathien hegt? Jedenfalls fandMagazine“ führten im Sommer zum Rück- Taiwans Wettbewerbshüter könnten den ich die Geschichte so interessant, dass ichtritt eines wichtigen Regierungsmitglieds. Deal noch verhindern. Vor der zuständi- sie für das „Wall Street Journal“ nachrecher-Doch nachdem die Regierung ihm mehr- gen Behörde demonstrierten Hunderte Stu- chierte und nicht nur mit RV deren Agentur ,fach TV-Lizenzen verweigerte, hat Lai die denten aus ganz Taiwan gegen das „Medien- und den Datenschützern sprach, sondern mirBrocken hingeschmissen und seinen Rück- monster“, vernetzt über Facebook und Co. die Mühe machte, bei den anderen Parteienzug aus Taiwan verkündet. Verkaufen will Dass ausgerechnet Studenten an der Spitze anzufragen. Die ganz linke Einheitsliste sag-er ausgerechnet an ein Konsortium milliar- der Bewegung stehen, ist überraschend: Tai- te, ihr fehle für so aufwendige Reklame ohne-denschwerer Industrieller, die vor allem mit wans junge Generation gilt als extrem un- hin das Geld, die Sozialdemokraten vernein-China Geschäfte machen und auf gute Bezie- politisch. „Die große Politik ist für uns weit ten, andere zogen es vor, nicht zeitig genug zuhungen zur dortigen Regierung angewiesen weg“, erklärte ein Student bei der Demo in antworten. Die Antwort der mitregierendensind. Die Sorge: Auch wenn chinesische Un- Taipeh. „Aber mit Medien haben wir jeden Linkspartei SF war besonders interessant:ternehmen nicht direkt in Taiwans Medien Tag zu tun. Das betrifft uns direkt.“ Leider könne man dazu nichts sagen, ich sol-investieren dürfen, könnte die Volksrepub- www.appledaily.com.tw le mich doch bitte gedulden, bis der zuständi-lik so durch die Hintertür Einfluss ausüben. ge Mitarbeiter aus der Vaterzeit zurückkäme. Tonangebend ist Tsai Eng-meng, einer der So sehr das skandinavische Vaterschaftsmo-reichsten Männer Taiwans, der vor vier Jah- dell zu schätzen ist, ich möchte nicht wissen, Stummeren bereits eine andere Mediengruppe ge- wie eine Regierungspartei, die sich bei Jour- Äpfel:schluckt hatte. Beobachter registrieren seit- Demoplakate nalistenanfragen darauf beruft, sonst so ar-dem eine beschönigende China-Berichter- in Taiwan. beitet. http://on.wsj.com/QluNon Medium Magazin 15

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