Mikroöffentlichkeiten in sozialen Netzwerken                                                 503.3 Definition Mikroöffentl...
Mikroöffentlichkeiten in sozialen Netzwerken                                                51Die Definition und Existenz ...
Mikroöffentlichkeiten in sozialen Netzwerken                                                52Resonanzbildung in den Mikro...
Mikroöffentlichkeiten in sozialen Netzwerken                                                      53mit der sich Resonanz ...
Upcoming SlideShare
Loading in...5
×

BA Mikroöffentlichkeiten (Auszug)

462

Published on

Published in: Education
0 Comments
1 Like
Statistics
Notes
  • Be the first to comment

No Downloads
Views
Total Views
462
On Slideshare
0
From Embeds
0
Number of Embeds
0
Actions
Shares
0
Downloads
0
Comments
0
Likes
1
Embeds 0
No embeds

No notes for slide

BA Mikroöffentlichkeiten (Auszug)

  1. 1. Mikroöffentlichkeiten in sozialen Netzwerken 503.3 Definition MikroöffentlichkeitIn Anlehnung an die Definition von Öffentlichkeit (vgl. Abschnitt 2), die Unterscheidung vonöffentlicher Kommunikation auf Mikro-, Meso- und Makroebene (vgl. Kapitel 2.2.5), dasKonzept der persönlichen Öffentlichkeiten (vgl. Kapitel 3.2.1), den sozio-technischen Kontextsozialer Netzwerke (vgl. Kapitel 3.2.2) sowie der bis hierhin erläuterten Wirkmechanismenund Nutzungspraktiken im Social Web (vgl. Kapitel 3.2.3), definiere ich den BegriffMikroöffentlichkeit folgendermaßen:Mikroöffentlichkeit bezeichnet eine Bewusstseinskategorie, die durch die prinzipielleUnabgeschlossenheit des Publikums sowie der medial vermittelten, duplizierbarenKommunikation eines Netzwerkknotens niedriger Zentralität charakterisiert ist.Die einzelnen Bestandteile dieser Definition möchte ich noch einmal im Detail konkretisieren:Das Präfix mikro bringt zum Ausdruck, dass es sich – soziologisch gesehen – um eineeinzelne Person oder auch eine kleine Gruppe von Personen handelt. EineBewusstseinskategorie ist Öffentlichkeit deswegen, weil es sich um eine abstrakteVorstellung bzw. einen Erfahrungshorizont handelt sowie in ihrer Gesamtheit nichtformalisierbar ist und sich die Formen erst dann zeigen, wenn etwas als öffentlich bezeichnetwerden kann. Die prinzipielle Unabgeschlossenheit des Publikums ist dann vorhanden, wenndie veröffentlichte Form frei zugänglich, d.h. ohne unumgehbare Schranken wahrnehmbarist. Kommunikation, welche per definitionem medial vermittelt ist, ist duplizierbar, wennidentische Reproduktionen (Kopien) der erzeugten Form der Kommunikation angefertigtwerden können. Ein Netzwerkknoten kann eine kommunikativ handelnde Privatperson, einePerson als Repräsentant einer Institution oder eines Unternehmens, ein Programm oderAlgorhithmus in einem Netzwerk sein. Der Grad der Zentralität beschreibt, wie stark derNetzwerkknoten mit anderen Knoten vernetzt ist und wie die Beziehungen zueinandercharakterisiert sind. Niedrig ist die Zentralität bei einer Mikroöffentlichkeit, da die siekonstituierende Kommunikation einen schwachen Organisationsgrad sowie eine in der Regelgeringere Resonanzfähigkeit aufweist. Vereinfacht gesagt: Ein einzelner Nutzer, der in einemsozialen Netzwerk (wie beispielsweise Twitter) schreibt, was er gerade zum Frühstückgegessen hat – und damit eine Mikoöffentlichkeit erzeugt – ist für andere Nutzer, die dieseVeröffentlichung rezipieren, eine vermutlich wenig relevante Information. Relevanz ist jedochein subjektiver Wert, die Resonanzfähigkeit – also ob ein anderer Nutzer diese Informationweitergibt – ist abhängig vom Nachfrager, nicht vom Anbieter der Information.
  2. 2. Mikroöffentlichkeiten in sozialen Netzwerken 51Die Definition und Existenz von Mikroöffentlichkeit wird weiterhin durch die Definition vonMeso- und Makroöffentlichkeit gerechtfertigt. Diese Ebenen der Öffentlichkeit definiere ichdemnach folgendermaßen:Mesoöffentlichkeit bezeichnet eine Bewusstseinskategorie, die durch die prinzipielleUnabgeschlossenheit des Publikums sowie der medial vermittelten, duplizierbarenKommunikation mehrerer Netzwerkknoten mittlerer Zentralität charakterisiert ist.Makroöffentlichkeit bezeichnet eine Bewusstseinskategorie, die durch die prinzipielleUnabgeschlossenheit des Publikums sowie der medial vermittelten, duplizierbarenKommunikation mehrerer Netzwerkknoten hoher Zentralität charakterisiert ist.Der Diskurs innerhalb eines sozialen Netzwerks, also die wechselseitige Bezugnahme aufMikroöffentlichkeiten durch Kommunikation, kann demnach als mesoöffentlich bezeichnetwerden. Ein Diskurs, der medienübergreifend und in mehreren sozialen Netzwerken(gleichzeitig) geführt wird, kann als makroöffentlich bezeichnet werden, da hier eine ganzeGesellschaft als Publikum angenommen wird.3.4 Resonanzmodell der ÖffentlichkeitOhne die Mechanismen und Handlungspraktiken des Social Web, hervorgerufen durch dietechnischen Möglichkeiten des Internets, hätte der Diskurs und Metadiskurs zu einemzerstörten Blumenkübel (vgl. Kapitel 3.1) wahrscheinlich kein so großes Publikum erreicht.Das Thema wäre in dem einen oder anderen privaten Gespräch diskutiert worden oder wärezumindest über den Raum Münster nicht hinausgekommen. Durch die Reproduktion vonKommunikation im Internet kam es zur Resonanzbildung, die weder intendiert, noch planbarwar. Dies stellt die Funktion klassischer Medien und Journalisten, aber auch die Funktiondes einzelnen Internetnutzers in Frage. Aus welchen Gründen einzelne Nutzer anbestimmten Diskursen partizipieren, lässt sich an Hand der erläuterten Motive (vgl. Kapitel3.2.3) möglicherweise annähernd rekonstruieren oder bestimmen. Letztendlich entscheidetjedoch keine Nutzertypologie darüber, welche Themen als relevant erachtet werden unddamit zur Resonanzbildung führen, und welche nicht, sondern der Nutzer, dessen Motiveeinem ständigen Wandel unterworfen sind. Das kommunikative Handeln des Individuumsentscheidet subjektiv über die Relevanz einer Information. Ein Machtverlust der etabliertenInhalteanbieter, der Institutionen und Organisationen ist die logische Konsequenz. Ohne
  3. 3. Mikroöffentlichkeiten in sozialen Netzwerken 52Resonanzbildung in den Mikroöffentlichkeiten ist Resonanzbildung in den DimensionenMeso- und Makroöffentlichkeit nicht möglich. Eine Nachricht in der Tagesschau ist dasErgebnis eines Resonanzbildungsprozesses und zugleich dessen Fortsetzung. Die Quantitätund Qualität von Öffentlichkeit konstituiert sich somit aus diesen drei Dimensionen, die in einResonanzmodell der Öffentlichkeit überführt werden können (vgl. Abbildung 5).Abbildung 5: Resonanzmodell der Öffentlichkeit (eigene Darstellung)Im Gegensatz zum bereits vorgestellten Modell von Jarren & Donges (vgl. Kapitel 2.2.5), istdas Resonanzmodell nicht hierarchisch aufgebaut. Öffentliche Kommunikation ist somit injeder Dimension gleichwertig. Öffentlichkeit herzustellen ist demnach kein Privileg mehr vonhierarchisch organisierten Institutionen. Dennoch lassen sich die Ebenen mit denDimensionen vergleichen: Die Dimension Mikroöffentlichkeit entspricht der Encounter-Ebene, Mesoöffentlichkeit der Themen- und Versammlungsöffentlichkeit und dieMakroöffentlichkeit der Medienöffentlichkeit. Wichtigster Unterschied ist, dass das Modellnicht den Selektionsprozess durch das Mediensystem, sondern die Größe des erreichtenPublikums darstellt. Das Publikum einer Mikroöffentlichkeit besteht beispielsweise aus denFollowern eines einzelnen Nutzers bei Twitter. Greifen mehrfach Mikroöffentlichkeitenineinander durch einen gemeinsamen Diskurs in einem sozialen Netzwerk, entsteht eineMesöffentlichkeit und ein entsprechend größeres Publikum. In der DimensionMakroöffentlichkeit besteht das Publikum schließlich aus mehreren sozialen Netzwerken,wobei der Diskurs medienübergreifend Aufmerksamkeit erzeugt. Die Geschwindigkeit,
  4. 4. Mikroöffentlichkeiten in sozialen Netzwerken 53mit der sich Resonanz bildet, ist weiterhin nicht nur Audruck der subjektiven, sondernauch der normativen Relevanz eines Diskurses. Normative Relevanz richtet sichnach einem hierarchischen Wertesystem einer Gesellschaft. Das Resonanzmodellder Öffentlichkeit spiegelt auf vereinfachte Weise die Genese von Öffentlichkeitan Hand eines einzelnen, resonanzfähigen Diskurses wider. Da Themen in denverschiedenen medialen Resonanzräumen jedoch simultan diskutiert werden, greifenmehrere Resonanzbildungsprozesse ineinander und beeinflussen dadurch auch dieResonanzfähigkeit eines einzelnen Themas.3.5 ZusammenfassungIn diesem Abschnitt wurde an Hand der Analyse der technischen und gesellschaftlichenStrukturen und Handlungspraktiken in sozialen Netzwerken deren Potential zur Herstellungvon Öffentlichkeit untersucht und in ein Modell überführt, wobei das Konzept derMikroöffentlichkeiten das Kernstück des neuen Modells darstellt. Theorien und Annahmenüber die Öffentlichkeit im Zeitalter der Massenkommunikation wurden auf ihre Gültigkeitüberprüft. Dabei stellte sich heraus, dass an die Stelle der Gatekeeper klassischer Medienzunehmend der einzelne Nutzer tritt, der die Selektion von Information vermehrt selbstdurchführt und dadurch selbst zum Gatekeeper bzw. Gatewatcher wird. Durch das sichverändernde Verhältnis zwischen Privatheit und Öffentlichkeit und die partizipativenMöglichkeiten im Social Web hat sich ein neues Paradigma der Verbreitung von Informationherausgebildet. Neue Öffentlichkeiten, die neben die massenmedial erzeugtenÖffentlichkeiten treten, führen zu Machtverschiebungen zwischen Anbietern und Nachfragernvon Informationen. Relevanz ist nicht mehr die Frage des Angebots, sondern der Resonanzder Nachfrage, die gegebenenfalls zu neuen Angeboten führt. Soziale Bewegungenbekommen durch diese Mechanismen der öffentlichen Kommunikation eine unabschätzbareEigendynamik, die einerseits Chancen für die demokratische Meinungsbildung eröffnet,andererseits Risiken durch die Zersplitterung der die Demokratie konstituierendeÖffentlichkeit hervorbringt. Darum ist es notwendig, die Konsequenzen für dieMedienlandschaft herauszuarbeiten, um den sich abzeichnenden Strukturwandel derÖffentlichkeit zu interpretieren.

×