Schade Obama ! Der Spiegel 2012 24
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Schade Obama ! Der Spiegel 2012 24 Document Transcript

  • 1. Hausmitteilung 11. Juni 2012 Betr.: Titel, Essen und Trinken, Meese D er Jubel in der Welt war groß, als mit Barack Obama 2009 erstmals ein Schwar- zer als Präsident der USA vereidigt wurde – und auch der SPIEGEL erhoffte sich ein friedfertiges, liberales, sozial gerechtes Amerika. Um Obamas Arbeit zu bilanzieren, sprachen die SPIEGEL-Korrespondenten in New York und Washington, Ullrich Fichtner, 47, Marc Hujer, 43, und Gregor Peter Schmitz, 37, jetzt mit Politi- kern und Lobbyisten, mit Künstlern, Rentnern und Kellnerinnen. Fünf Monate vor der nächsten Präsidentschaftswahl erkennen die Journalisten einige Erfolge, aber viele Probleme. Die Politik ist blockiert, die Gesellschaft gespalten, Obama hat das Land nicht geeint – und Wahlversprechen wie die Schließung des Gefan- genenlagers in Guantanamo nicht gehalten. Einer seiner Wähler, der Autor Jonathan Franzen, sagte den SPIEGEL-Leuten, die Politik in den USA sei „toxisch“ geworden: „Die normalen Leute wenden sich angewidert ab“ (Seite 82).JONATHAN BROWNING / DER SPIEGEL MARO KOURI / DER SPIEGEL Hernig, Beyer in Suzhou Karathanos, Supp in Karditsa S pötter sprechen von der Glutamatküche, wenn sie über chinesische Restaurants in Deutschland urteilen: ideenloser Einheitsgeschmack, fast überall. SPIEGEL- Redakteurin Susanne Beyer, 42, aber erlebte die Vielfalt, die in den Töpfen zwischen Peking und Sichuan simmert. Sie ließ sich in China von Marcus Hernig in Restau- rants und zu Garküchen führen; der Sinologe und Gourmet ist ein Kenner der Landesküche. Die beiden wählten Zutaten wie Huhn, Fisch oder Wasserpflanzen selbst aus und verkosteten eine halbe Stunde später mit Stäbchen sechs feinste Gänge. „Gewürzt wurde sparsam, die Basis des Geschmacks war der raffiniert zu- bereitete Fond“, sagt Beyer. Mit einem anderen Vorurteil brach SPIEGEL-Repor- terin Barbara Supp, 53, in Griechenland. Den dort produzierten Wein hatte sie als harzig oder süß in Erinnerung – nun erfuhr sie in Thessalien, dass Winzer wie Tha- nos Karathanos neuerdings höchste Qualität erzeugen. „Die Nachfrage allerdings lahmt, weil sich in dem krisengeschüttelten Land kaum jemand noch guten Wein leisten kann“, sagt Supp (Seiten 132, 48). R ichard von Weizsäcker und Hape Kerkeling kamen, Joschka Fischer und Char- lotte Roche auch: Seit fünf Jahren lädt der SPIEGEL regelmäßig Prominente zu Gesprächen „Live in der Uni“. Kein Gesprächspartner aber suchte so sehr die Provokation wie der Maler, Bildhauer und Performancer Jonathan Meese. Kurz vor der Documenta kritisierte er im Gespräch mit den SPIEGEL-Redakteurinnen Ulrike Knöfel, 43, und Marianne Wellershoff, 49, in Kassel den „Größenwahn in der Kunst“, er drosch auf die Demokratie ein, verdammte den „Furzgrößenwahn des Menschen-Ichs“ und bezeichnete sich, nicht allen verständlich, als „versachlichte Diktatur“. Der SPIEGEL dokumentiert das Gespräch in Auszügen (Seite 140). Im Internet: www.spiegel.de D E R S P I E G E L 2 4 / 2 0 1 2 3
  • 2. In diesem Heft TitelObama – ein Präsident der Enttäuschungen ... 82 DeutschlandPanorama: Unionsfrauen verschärfen Debatteum Quote / Grüne wollen Waffenexportebeschränken / Koalition setzt auf Scheiternder Transaktionsteuer .................................... 13Europa: Brüssel plant die Schuldenunion ....... 18Karrieren: Aufstieg und Fall desOskar Lafontaine ........................................... 22Fraktionsvize Dietmar Bartsch über seineNiederlage auf dem Parteitag ......................... 24Recht: SPIEGEL-Gespräch mitBundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger über Shitstorms unddas Acta-Abkommen ..................................... 26 Kanzlerin Merkel,Piraten: Die Waffenlobby entert JOCK FISTICK/BLOOMBERG/GETTY IMAGES EU-Ratspräsident Van Rompuydie Liquid Democracy .................................... 29Rechtsextremismus: Wie Neonazis denAlltag in sächsischen Dörfern dominieren ..... 30Rechtsprechung: Kritiker warnen vor Superstaat Europa? Seite 18einer neuen Militärjustiz ................................ 33 Um den Euro zu retten, will Brüssel die Währungsgemeinschaft zurSicherheit: Bombengefahr im Laderaum – Fiskalunion machen und einen eigenen Finanzminister einsetzen.Luftfracht wird kaum kontrolliert .................. 34 Doch zuvor müssten die Deutschen über das neue Europa abstimmen.Essay: Warum Wachstum demKlima nutzt .................................................... 36Katholiken: Die Machtkämpfe im Vatikan ..... 38 Merkel, van RompuyStrafjustiz: In Stade wurde ein 77-Jährigerwegen Totschlags verurteilt ............................ 43 GesellschaftSzene: Bisons als Haustiere / Leon de Winter Ganz normale Neonazis Seite 30über die Rivalität zwischen Neonazis geben in vielen sächsischen Dörfern und Kleinstädten schonDeutschland und den Niederlanden ............... 46 den Ton an. Sie mischen wie selbstverständlich im Alltag mit, schüchternEine Meldung und ihre Geschichte – Ein kritische Bürger ein – und machen Jagd auf Ausländer.83-jähriger Engländer sucht nach dem Sinndes Lebens – und spendet seine Niere ........... 47Genuss: Wie griechische Winzer mit edlemWein gegen die Krise ankämpfen ................... 48Ortstermin: Junge Ostdeutsche erkundenbei einer Busreise die ostdeutsche Heimat ..... 55 Patienten zweiter Klasse Seite 58 Wer privat krankenversichert ist, erwartet, dass er eine optimale Versorgung Wirtschaft bekommt. Tatsächlich aber weisen viele Tarife gefährliche Lücken auf.Trends: Ver.di will Anton Schlecker Gesetzlich Versicherte sind oft besser geschützt.verklagen / Kreuzfahrten boomen trotz„Costa“-Unglück / Kompromissangebotim Steuerstreit mit der Schweiz ..................... 56Gesundheit: Private Krankenversicherungenbieten oft schlechtere Leistungen als ihregesetzlichen Konkurrenten ............................ 58 Der einsameAutoindustrie: Wie Opel systematischheruntergewirtschaftet wurde ........................ 64 Kirchenfürst S. 38Debatte: Hat Deutschland den Ernst der Geheime Dokumente offen-Lage in Europa nicht begriffen? ..................... 68 baren Korruption und Ruf-Energie: Die Regierung will die mord im Vatikan. KardinäleStromkonzerne zwingen, unrentable kämpfen um ihre ChancenKraftwerke weiterlaufen zu lassen ................. 71 auf den Heiligen Stuhl. StattManager: Ex-Arcandor-Chef aufzuräumen, zieht sich Be-Thomas Middelhoff bezahlt die Charter nedikt XVI. in sein päpst-für seine Luxusyacht nicht mehr .................... 72 liches Apartment zurück und arbeitet an einem weiteren Medien Jesus-Buch. Findet der 85-Trends: Was Facebook-Daten alles verraten / Jährige noch die Kraft, dieNiggemeiers Medienlexikon ........................... 75 Benedikt XVI. Kurie und die Weltkirche zu IMAGOUnterhaltung: Die tröstliche Welt der steuern?Volksmusik ..................................................... 764 D E R S P I E G E L 2 4 / 2 0 1 2
  • 3. Ausland Panorama: Palästinenser bemühen sich um Aufnahme eines Dorfs ins Unesco-Weltkulturerbe / Tsunami-Müll in Nordamerika .............................................. 80 Syrien: Die Armee der Deserteure ................. 94 Russland: Putins berühmte Feindin ................ 98 Ägypten: Wer beerbt Husni Mubarak? .......... 100 Global Village: Die Rock-School von Mitrovica ...................................................... 103 Sport Szene: Olympiastarter Luis Brethauer über die Professionalisierung des Trendsports BMX / Tor-Barometer – wann bei EM-Ausscheidungsspielen am häufigsten Tore fallen ................................... 105 Michelle und Barack Obama Euro 2012: Nach sechs Jahren Entwicklungsarbeit steht Bundestrainer Joachim Löw vor einer Woche der Obamas Scheitern Seite 82 Wahrheit ....................................................... 106 Die divenhaften Stars im Team der Traurige Bilanz für Obamas erste Amtszeit: An seinem Versprechen, Niederlande entdecken den Gemeinsinn ...... 111 die Wunden der Nation zu heilen, ist er gescheitert. Unversöhnlicher ideologischer Streit hat zum Stillstand der Politik geführt. Wissenschaft · Technik IMAGO Prisma: Letzte Worte aus dem Cockpit des russischen Superjets / Sind die Lehrer schuld an Rechenschwäche? .......................... 116 Klima: Sinkende Insel oder steigendes Meer – Geoforscher erkunden ein Südseeparadies ............................................. 118Sinkendes Inselparadies Seite 118 Automobile: Außen-Airbag zum Schutz von Fußgängern ............................................ 124Die Inseln der Südsee gelten als besonders bedroht vom Anstieg des Meeres- Genetik: Wird das Erbgut-Screeningspiegels. Auf einer Expedition entdeckten französische Forscher nun die im Mutterleib zur Routine? ........................... 126Hauptursache: Absinkende Kontinentalplatten ziehen die Eilande nach unten. Computer: Elektronisches Bargeld erobert den Alltag ..................................................... 128 Kultur Szene: Der israelische Wagner-FanDie revolutionäre Kraft der Küche Seite 132 Jonathan Livny über Wagner-Konzerte in Tel Aviv / Pariser AusstellungZu wenig individuell, zu wenig frei – das sind Vorwürfe, die der Westen dokumentiert das Schicksal stillgelegterder chinesischen Gesellschaft macht. Die Küche Chinas aber ist so vielfältig, Kinosäle ....................................................... 130originell und reich, dass die kulinarische Welt nur staunen kann. Kochkunst: Entsteht in Chinas Küchen das beste Essen der Welt? ............................. 132 Kino: Dokumentation über den Kunstdissidenten Ai Weiwei .................. 135 Berlin: Wie Subkultur-Unternehmer einDas perfekte neues Stadtquartier entwickeln .................... 136 Theater: Abschied des BerlinerKind Seite 126 Bühnenchefs Matthias Lilienthal .................. 138 Documenta: Der Künstler Jonathan Meese im SPIEGEL-Gespräch über den ZustandForschern ist es gelungen, dasErbgut eines Fötus aus dem der Kunstwelt ............................................... 140Blut der Mutter zu gewinnen; Bestseller ..................................................... 145darin lässt sich nach Anlagen Literaturkritik: Der Erzählband „Beginners“für Hunderte Erbkrankheiten des US-Autors Raymond Carver .................. 146fahnden. Werden sich Elternin Zukunft für eine Abtrei- Briefe ............................................................... 6bung ihres Kindes entschei- Impressum .................................................... 148den, wenn sie erfahren, dass Leserservice ................................................. 148es Risiken im Genom trägt? BILDERBOX.COM Register ........................................................ 150Bioethiker fürchten, dass der Personalien ................................................... 152Druck, nur perfekte Kinderzu gebären, wächst. Hohlspiegel / Rückspiegel ............................. 154 Titelbild: Getty images D E R S P I E G E L 2 4 / 2 0 1 2 5
  • 4. Briefe Als Präsident der Parlamentarischen Ver- sammlung der Nato bin ich 1996 nach Is- rael gefahren. Ich jedenfalls habe der Lie- „Vielleicht helfen die Fakten ferung der U-Boote im vollen Bewusstsein ihrer möglichen Nutzung im Rahmen der des gutrecherchierten israelischen nuklearen Abschreckungsstra- tegie zugestimmt. Ich sah und sehe in die- Artikels, dass Frau Merkel sen Lieferungen ein durchaus legitimes Instrument, die Sicherheit Israels zu er- merkt, in welche fatale höhen. Allerdings hege ich große Vorbe- halte gegenüber der Aussage, dass Israels Situation sie sich begeben hat.“ Sicherheit Teil der deutschen Staatsräson sei. Derartige Aussagen könnten auf is- HANS KAPPEI, BERLIN raelischer Seite verteidigungspolitische Er- SPIEGEL-Titel 23/2012 wartungen wecken, die auf deutscher Sei- te nicht gemeint sind und im Konfliktfall auch nicht eingelöst werden könnten.Nr. 23/2012, Wie Deutschland die ker, der vor einer Generation seinem Ge- KARSTEN VOIGT, BERLINAtommacht Israel aufrüstet wissen folgte und das damalige Geheimnis AUSSENPOLITISCHER SPRECHER DER SPD der Israelis lüftete. Mordechai Vanunu (1983 BIS 1998)Wir lassen drohen konnte seine weitere Mitarbeit nicht mehr verantworten, verließ die Heimat und Unheimlicher Fortschritt im neuen, mo-Obwohl nicht der Tätergeneration ange- erzählte der Londoner „Sunday Times“ dernen, friedliebenden Deutschland: Wirhörend, schäme ich mich zutiefst, in ei- alles, was er aus eigener Erfahrung wuss- drohen keinem Volk der Erde mit atoma-nem Land zu leben, das sich durch seine te. Vom Mossad in Rom entführt, folgten rem Feuer – wir lassen drohen.Untaten am jüdischen Volk auf unabseh- HANS-LUDWIG FREDERKING, DÖRENTRUP (NRW)bare Zeit erpressbar gemacht hat. Ichschäme ich mich aber auch, von Leuten Wer atomar abschrecken oder präventivregiert zu werden, die sich von Israel er- losschlagen will, der sollte deutlich ma-pressen lassen. chen, dass er das kann. Warum verheim- MANFRED KONRADS, HELLENTHAL (NRW) licht unser Freund Israel das? PROF. ERWIN LEIBFRIED, FERNWALD (HESSEN)Die Bundesregierung hat mit der weite-ren Lieferung der U-Boote eine große ZIV KOREN / POLARIS / LAIF Bibelkundige Leser kennen das Ende derChance verschenkt, um auf Israel einen Geschichte. Als Delila herausfand, dass daswirksamen Druck auszuüben. Damit hat Geheimnis von Samsons Kraft in seinenIsrael Mittel frei für den Siedlungsbau, Haaren lag, wurde er selbiger und somitden Deutschland somit indirekt fördert. seiner Macht beraubt, um fortan als Sklave KARL-HEINZ THIERSTEIN, HÜNFELDEN (HESSEN) Kommandozentrale eines „Dolphin“-U-Boots zu dienen. Wenn das die Wahl ist, ist mir Israel als Kämpfer lieber. Die OpferrolleWas dort passiert, ist der helle Wahnsinn, 18 Jahre Gefängnis, die meisten in Ein- hatten die Juden schon zur Genüge.und Deutschland beteiligt sich daran auch zelhaft. Heute lebt er unter strengen Auf- DANIEL MAYER, FRANKFURT AM MAINnoch mit Waffenlieferungen; ob geheim lagen, darf weder mit Ausländern verkeh-oder nicht, spielt vermutlich kaum eine ren noch das Land verlassen. Er war und Mir ist bei dem Gedanken an ein atoma-Rolle. Das halte ich für eine falsch ver- bleibt der Überzeugung, kein Staat dürfe res Abschreckungspotential der Israelisstandene Solidarität mit Israel. Massenvernichtungswaffen besitzen. Das deutlich wohler als bei dem an eine ato- INGE WESSELS, BIELEFELD Völkerrecht gibt ihm recht. mar aufgerüstete islamische Diktatur wie DR. PAUL OESTREICHER, LONDON Iran. Israel ist die einzige Demokratie inEinem der Zweitschlagtheorie vorgelager- CAMPAIGN FOR NUCLEAR DISARMAMENT der Region und damit quasi der Vorpos-ten Szenario wird viel zu wenig Beach- ten des Westens und seiner Werte.tung geschenkt: Führt Israel gegen irani- Die nachhaltigste Sicherheitsgarantie für MARCUS KLEWER-ALTINGER, ROSSTAL (BAYERN)sche Atomanlagen einen konventionellen Israel wäre ein gerechter Frieden mit denPräventivschlag, muss es mit einem mas- Palästinensern. Dazu müsste sich zu- Wer U-Boote mit Kernwaffen bestückt,siven Raketenangriff Irans rechnen. Wenn nächst die pragmatische Mehrheit in Isra- will sie auch abschicken. So kommen wirdas israelische Raketenabwehrsystem el von den radikalen Siedlern lossagen. der Wahrheit und Grass immer näher.schon nicht das Durchdringen irakischer AKBAR MOHABAT, HAMBURG DIETER EMDE, HAMBURG„Scud“-Raketen hat verhindern können,wie soll sich das Land dann wohl gegeneine erheblich größere Anzahl weitaustreffgenauerer Raketen Irans schützen Diskutieren Sie im Internetkönnen? Kommt es zu einem Flächen- www.spiegel.de/forum und www.facebook.com/DerSpiegelbrand, werden wir zum dritten Mal maß-geblich zum Ausbruch eines Weltkriegs ‣ Titel Verdient Barack Obama eine zweite Chance?beigetragen haben. ‣ Gesundheit Sind die privaten Krankenversicherungen BERNHARD LANGLOTZ, HAMBURG inzwischen schlechter als die gesetzlichen?Alle Ehre, dass Sie eine wichtige Diskus- ‣ Gentests Wäre es ethisch verwerflich, jeden Fötus aufsion ausgelöst haben. Ehre gebührt aber Erbkrankheiten zu untersuchen?zuerst dem tapferen israelischen Techni-6 D E R S P I E G E L 2 4 / 2 0 1 2
  • 5. Nr. 22/2012, Die schwierige Betreuungdiabeteskranker KinderUnsichtbare BelastungZwei Pflegedienste hatten die Insulin-Ver-sorgung unseres dreijährigen Sohnes imKindergarten mit der Begründung abge-lehnt, keine Erfahrung mit so kleinenDiabetes-Patienten zu haben. Leider hates auch mit dem dritten nicht gut ge-klappt, so dass wir uns jetzt doch selbstdrum kümmern müssen. KARIN SEYFERT, POING (BAYERN)Familien mit diabetischen Kindern habennie Urlaub von der Krankheit, sie ist einepermanente Belastung, die nicht sichtbarist, weil die Kinder so normal wirken.Wissen und Verständnis in der Öffent-lichkeit sind leider nur marginal erkenn-bar. Im Schwimmbad wurden wir mal be-schimpft, wir sollten in ein „Behinder-tenbad“ gehen, es sei eine „Frechheit“und „eklig“, öffentlich Blutzucker zumessen und Insulin zu spritzen. CATHERINE STUMPP, HAMBURG STEFAN THOMAS KROEGER / DER SPIEGELDiabeteskrankes Kind beim BlutzuckertestDurch umfassende Messung von Blutzu-cker und Glukosetoleranz bei Schwange-ren und deren Behandlung bei zu hohenWerten konnte in der DDR die Neuerkran-kungsrate von Typ-1-Diabetes um zweiDrittel gesenkt werden. Nach der Wendeentfiel dieses Messen. Zehn Jahre spätersah man, dass der Typ-1 in den neuenLändern wieder stark angestiegen war. ROLF LINDNER, BERLIN Korrektur zu Heft 23/2012 Seite 20, „Made in Germany“: Das be- schriebene Treffen zwischen Helmut Kohl und Jizchak Rabin im Kanzler- bungalow in Bonn fand nicht im Win- ter 1994, sondern am 29. März 1995 statt, nachdem die Bundesregierung einem weiteren U-Boot-Geschäft zu- gestimmt hatte. Rabin bedankte sich bei Kohl für die Unterstützung und bat um weitere Hilfe in der Zukunft. Das Weißbier schickte Kohl dement- sprechend erst nach dem 29. März 1995 und nicht zu Weihnachten 1994.8 D E R S P I E G E L 2 4 / 2 0 1 2
  • 6. Briefe Sollte der kritische Blick des SPIEGEL Nr. 22/2012, Monika Piel ist die nicht viel stärker auf die verantwortlichen mächtigste Frau der ARD – Konzerne und deren Praktiken fallen, die unangefochten, aber umstritten uns mit Palmölprodukten, weichem Klo- papier und billigen Holzmöbeln versor- Entworteter Hörfunk ALAMY / MAURITIUS IMAGES gen? Und sollten wir Verbraucher uns nicht viel mehr hinterfragen? Hier hat man Für Frau Piel gilt eindeutig das Peter-Prin- sich den falschen Buhmann ausgeguckt! zip: „In einer Hierarchie neigt jeder Be- MICHAEL BROMBACHER, BAD VILBEL (HESSEN) schäftigte dazu, bis zu seiner Stufe der Unfähigkeit aufzusteigen.“ Schon die Die Organisation des WWF erinnert Idee, dem Zuschauer statt einer Werbe-Tiger im WWF-Schutzgebiet Tesso Nilo bisweilen an das Sekten-Klischee: Eine block-freien 2,5-Stunden-Ausstrahlung große Menge sich aufopfernder Helfer, von „Wetten, dass ..?“ eine halbstündige,Nr. 22/2012, Die dürftige Bilanz des angeleitet von einem mäßig bezahlten von Werbung unterbrochene und dazuRettungsriesen WWF Mittelbau, bringt oft Großes zustande. noch lustlos moderierte Vorabendsen- Gleichzeitig haben sie so gut wie keine dung zu kredenzen, musste am genervtenWeiches Klopapier Ahnung, was die eigenen Top-Verdiener an Sauereien einfädeln. Zuschauer scheitern. Auch Größen wie Gottschalk können selbst mit dem bun-Der Artikel dokumentiert anschaulich, JOCHEN KOESTER, GENF testen Anzug schrumpfen, wenn der inwie unter dem Deckmantel des Natur- einem Kruschelladen getragen wird.schutzes die Großwildjagd in Reservaten Obwohl Sie den WWF zu Recht kritisie- WOLFGANG FLADUNG, BAD CAMBERG (HESSEN)subventioniert wird. So leistet die Stra- ren, halte ich es für grob fahrlässig, dastegie des WWF letztendlich einen insti- Erreichte in Frage zu stellen. Wie bei allentutionellen Beistand bei der Vertreibung großen Organisationen funktioniert eben ROLF VENNENBERND / PICTURE ALLIANCE / DPAder Landbevölkerung. Danach werden auch beim WWF nicht alles reibungslos.Wälder gerodet, Kulturlandschaften zer- FRANK BODE, MÜNCHENstört und Monokulturen zementiert. DieAktionäre der Konzerne freuen sich, und Als Leiter einer kleinen Naturschutz-die Spenden an den WWF für den Erhalt organisation erlebe ich täglich, wie schwervon Reservaten sprudeln. Eine perfekte es ist, ein paar tausend Euro für ProjekteWin-win-Situation für beide Seiten auf zusammenzubringen. Während bei unsKosten von Natur und Bevölkerung. alles in die Projekte fließt, sehen wir, wie PETER RUPPENTHAL, FRANKFURT AM MAIN das große Geld von gutgläubigen Men- schen etwa an den WWF geht, dem ich ARD-Chefin Piel, „Tatort“-KommissareDer WWF hat weltweit auch viel Gutes übrigens dort, wo der Kampf für die Na-erreicht. In Südafrika, wo wir jährlich tur in seine Endphase getreten ist, zu mei- Sie lassen zu Recht kein gutes Haar anmehr als 400 Nashörner an Wilderer ver- nem Bedauern niemals begegnet bin. Frau Piel. Ihre Bilanz ist ernüchternd.lieren, hat er sich aktiv und erfolgreich für KLAUS BRAUNERT, KROPP (SCHLESW.-HOLST.) Maßgebliche Akzente hat sie nicht zu set-die Spitzmaulnashörner eingesetzt. Mehr zen vermocht. Das Farblose, Seichte, Mas-als 26 Tiere wurden auf den WWF-Gebie- Der WWF hat sich maßgeblich für den senkompatible im WDR-Programm hatten geboren, ihr Lebensraum hat sich um Klimaschutz eingesetzt. Dabei wurde er unter Piels Ägide drastisch zugenommen.30 Prozent vergrößert – also ist der Wert von den betroffenen Unternehmen gewiss Nun macht sie sich mit ihren Getreuendes WWF-Einsatzes unermesslich! nicht nur als „Kumpel“ wahrgenommen. daran, das dritte Hörfunkprogramm wei-KATHARINA V. DUERCKHEIM, MATIELAND (SÜDAFR.), MARCO VOLLMAR, BERLIN ter zu entpolitisieren und zu entworten. ELEFANTENFORSCHERIN WWF DEUTSCHLAND HELMUT HESSE, ERFTSTADT (NRW)
  • 7. BriefeNr. 22/2012, Warum man Dateien nicht Stattdessen begegneten mir liebevolle, in-lieben kann, Schallplatten aber sehr wohl telligente, hochsensible Menschen auf der Suche nach ihrer wahren Identität undPiraten mit Tinnitus der Lösung ihrer Probleme. SIGURD HEINTKE-BOHDE, KIELGemessen an den technischen Möglich-keiten, den Sound des Grammophons Nach Osho ist es notwendig, dass dieweiter zu perfektionieren, verschwindet Menschen ihr Herz-Chakra öffnen. Des-mit den weltweiten MP3-Downloads sen Energie inspiriert Menschen zu lieben,nicht nur das klassische Konsumverhalten Mitgefühl zu haben und selbstlos zu han-der Hörer, sondern auch ihre Fähigkeit, deln. In den Sannyas-Zentren werden Su-genau hinzuhören. So ändert sich mit den chende durch Therapeuten dabei unter-immateriellen, virtuellen Medien nicht stützt, diesen Schritt zu gehen.die Botschaft, wohl aber der Konsument. SWAMI POONAMA, SIEGBURG (NRW)Am Ende, wenn die Piraten-Generationder Tinnitus ereilt, bleibt von den Hör-gewohnheiten zu Anfang dieses Jahrhun-derts nur ein großes MP3-Netzrauschen. WOLFGANG NEITZEL, HAMBURG MATTHIAS GROPPE / DER SPIEGELEs ist irrelevant, ob meine Musik in mei-nem iTunes-Ordner liegt oder in Regalenverstaubt herumsteht. Das Medium be-stimmt nicht die Wertigkeit der Musik.In jeder Generation wurde Musik kon-sumiert, gelebt wird nur die eigene Aus-wahl – vergessen Sie bitte nicht, dass Spirituelle Lebensgemeinschaft in HessenMusik auch nur ein Wirtschaftszweig ist. STANLEY KLINGE, FRANKFURT (ODER) Aufenthalte in Poona, beste Therapien und Meditationen haben mir das LebenDer Charme alter Speichermedien ist un- gerettet. Dafür bin ich unendlich dankbar.bestritten. Doch bietet die Digitalisierung AMBHO-HELGA TEUSCHER, PARISvon Musik auch viele Vorteile. So kannman im Internet kleine Schätze finden, Es gehört schon eine deftige Portion Igno-die es ohne dieses neue Medium vermut- ranz dazu, den Religionsgründer Jesus inlich nie gegeben hätte. Gute Musik bleibt einem Atemzug mit Typen wie dem Mor-gute Musik, egal ob in Form von Rillen monen Joseph Smith, dem Scientologenauf einer Platte oder als Einsen und Nul- Ron Hubbard oder dem Bhagwan zu nen-len in einer Computerdatei. nen. Im Gegensatz zu diesen selbster- JASMIN BURMESTER, HAMBURG nannten Heilsbringern hat Jesus sich nie an seinen Anhängern bereichert. HANS-JÜRGEN SIMONS, AACHENNr. 22/2012, Gut 22 Jahre nach seinemTod leben die Ideen des Gurus Bhagwan Die manchmal schädlichen Effekte derin Deutschland fort Rituale des Gurus sind mir bekannt. Die sexuelle Befreiung als freundliches undDeftige Portion Ignoranz humorvolles philosophisches Ziel unter- schied sich aber deutlich von der Provo-Ich bin Ende der siebziger Jahre dreimal kation und der Forderung nach Freiheitlänger in Poona gewesen, selbst Sannya- anderer, eher verklemmter Bewegungen.sin geworden. Überwiegend Männer, die DR. MED. SVEN LARAT, MÜNCHENvon zügellosem Sex träumten und deren Die Redaktion behält sich vor, Leserbriefe – bitte mitTräume erfüllt wurden, wie Ihr Autor be- Anschrift und Telefonnummer – gekürzt und auch elek-hauptet, habe ich dort nicht angetroffen. tronisch zu veröffentlichen. Die E-Mail-Anschrift lautet:Es ging und geht um Selbsterkenntnis. leserbriefe@spiegel.de Aus der SPIEGEL-Redaktion Millionen Deutsche leiden unter innerer Leere und anhaltender Er- schöpfung. Depression und Burnout-Syndrom sind Diagnosen, die oft schwer voneinander abzugrenzen sind, aber eines gemeinsam haben: Auslöser der Erkrankung ist häufig Stress, der in der beschleunigten, vernetzten Welt ständig zunimmt. Wann aber beginnen Stress und Dauerdruck krank zu machen? SPIEGEL-Autoren stellen die neuesten Erkenntnisse von Neurowissenschaftlern, Psychotherapeuten, Ärzten und Burnout-Experten vor. Im Serviceteil des Buchs finden sich ein Test zum eigenen Burnout-Risiko sowie Strategien zur Vorbeugung.10 D E R S P I E G E L 2 4 / 2 0 1 2
  • 8. Panorama Deutschland WA F F E N E X P O R T E Roth will U-Boote stoppenDie Grünen wollen die Lieferung vonU-Booten an Israel verhindern, fallsdiese mit Atomwaffen ausgerüstet wer-den können. Damit korrigieren sieihre Haltung aus der Zeit der rot-grü-nen Bundesregierung, als der Exportohne Auflagen gebilligt wurde. „Ich er-warte eine Klarstellung, dass die Boo-te nur konventionell bewaffnet wer-den“, erklärt die BundesvorsitzendeClaudia Roth, „sonst dürfen sie nichtausgeführt werden.“ Es widerspreche„eklatant den deutschen Exportbestim-mungen, nach denen Rüstungsgüternicht in Spannungsgebiete gelangen TARA TODRAS-WHITEHILL / DAPD SEAN GALLUP / GETTY IMAGESIsraelisches U-Boot aus Deutschland Schröder, Merkeldürfen, wenn sie dort zu einer Eskala- GLEICHBERECHTIGUNGtion beitragen können“. Schon die Lie-ferung konventionell zu bewaffnenderU-Boote sei „eine schwierige Entschei-dung, die aber wegen des deutschenSonderverhältnisses zu Israel akzepta- Quote soll ins Wahlprogrammbel“ sei. Im Falle einer Regierungsbe- In der Union verschärft sich der Streit erwägen, einen fraktionsübergreifen-teiligung im Bund 2013 wollen die Grü- um die Quote für Frauen in Führungs- den Gruppenantrag einzureichen, dernen „die Richtlinien deutlich verschär- positionen. Nachdem FDP-Chef Phil- auch von den Quotenbefürwortern infen“. Auch den Export von Kampfpan- ipp Rösler in einem Spitzentreffen mit den Reihen von SPD und Grünen un-zern des Typs „Leopard“ nach Saudi- Kanzlerin Angela Merkel und CSU- terstützt werden könnte. „Das letzteArabien würde ihre Partei zu verhin- Chef Horst Seehofer vergangene Wo- Wort über die Quote hat der Bundestag,dern suchen, so Roth: „Die Grünen che klargemacht hat, dass er in dieser nicht Herr Rösler“, sagt die CDU-werden alles tun, um diese Genehmi- Legislaturperiode jedes Gesetzesvorha- Bundestagsabgeordnete Elisabeth Win-gung definitiv zu untersagen.“ ben zur Quote blockieren werde, star- kelmeier-Becker. Familienministerin tet Bundesfamilienministerin Kristina Schröder allerdings sperrt sich gegen Schröder (CDU) eine neue Initiative. einen Gruppenantrag: zum einen, weil „Ich werde beim Thema Frauen in Füh- er nur Aussicht auf Erfolg hat, wenn er ZAHL DER WOCHE rungspositionen nicht nachlassen und eine starre Quote beinhaltet, was Schrö- bis zum Ende des Jahres einen Frauen- der wiederum ablehnt; zum anderen 2483 Euro karriereindex auf den Weg bringen“, sagt Schröder. „Anhand dieser Skala können Frauen erkennen, wie sehr sich Firmen bei der Förderung von weibli- würde ein solcher Gruppenantrag die Existenz der schwarz-gelben Koalition gefährden. „Es widerspricht dem Geist der Koalition, im Bundestag auf wech- kommen zusammen, wenn jene fünf chen Angestellten engagieren.“ selnde Mehrheiten zu setzen“, sagt Euro, mit denen die schwarz-gelbe Allerdings beruht die Initiative der Schröder. Kanzlerin Merkel will das Koalition künftig private Pflegeversi- Ministerin auf Freiwilligkeit. Viele Frau- Thema Quote in das Programm der cherungsverträge fördern will, über en in der Union drängen dagegen nach Union für die Bundestagswahl 2013 auf- 30 Jahre angespart und mit durch- wie vor auf eine Quote. „Die Quote nehmen. In dieser Sitzungswoche will schnittlich zwei Prozent verzinst wer- muss kommen, egal ob fest oder flexi- Merkel der Gruppe der Frauen in der den. Das reicht, um gut drei Wochen bel. Das ist eine Frage der Glaubwür- Fraktion einen Besuch abstatten. Dann lang den Aufenthalt in einem Pflege- digkeit“, sagt die saarländische Minis- soll es auch um das Betreuungsgeld ge- heim zu bezahlen, der pro Monat der- terpräsidentin Annegret Kramp-Karren- hen, das die Unionsfrauen vehement zeit etwa 3000 Euro kostet. bauer. Die Unionsfrauen im Bundestag bekämpfen. D E R S P I E G E L 2 4 / 2 0 1 2 13
  • 9. Panorama FINANZSTEUER VERKEHR Kalkuliertes Scheitern Löchriges NachtflugverbotDie Koalition setzt insgeheim auf einScheitern der mit den Sozialdemokra-ten vereinbarten Finanztransaktion-steuer. In dieser Legislaturperiode wer-de es eine solche Steuer nicht geben,sagte Kanzleramtschef Ronald Pofallavergangene Woche in kleiner Runde.Daher könne man der SPD ruhig ent-gegenkommen. Auch in der FDP hältman ein Inkrafttreten der Steuer fürunwahrscheinlich: Die vom liberalenFinanzexperten Volker Wissing in derparteiübergreifenden Arbeitsgruppeausgehandelten Bedingungen seien soformuliert, dass es die Steuer nicht ge-ben werde, heißt es in der Fraktion.Die SPD hatte die Finanztransaktion-steuer als Gegenleistung für ihre Zu- MARIO VEDDER / DAPDstimmung zum europäischen Fiskal-pakt gefordert, der mit Zweidrittel-mehrheit verabschiedet werden muss.Unter Sozialdemokraten gibt es je-doch weiterhin Vorbehalte gegen den Flughafen Frankfurt am MainDeal. „Die Zustimmung der SPD istkeineswegs sicher“, sagt Parteivor- Zahlreiche Ausnahmegenehmigungen und Windbedingungen nicht in der re- des hessischen Verkehrsministeriums gulären Zeit abgearbeitet werden kön- hebeln das Nachtflugverbot am Frank- nen, lautete meist die Begründung. Das furter Flughafen aus. Allein im Monat Bundesverwaltungsgericht hatte die Mai ließ es 201 Starts und Landungen hessische Landesregierung im April zwischen 23 und 5 Uhr in Frankfurt zu. verpflichtet, die Anwohner am Frank- In einigen Nächten, etwa am 11. Mai, furter Flughafen von 23 bis 5 Uhr vor erteilte das Ministerium mehr als 50 Fluglärm zu schützen. Vollständig ein- Ausnahmegenehmigungen. Der Flug- gehalten wurde das Nachtflugverbot im plan habe wegen schlechter Wetter- Mai an nur drei Tagen. MARIO FOURMY/PICTURE ALLIANCE/DPA P I R AT E N vom stellvertretenden Landesvorsit- zenden in Niedersachsen, Thomas Gaul: „Bei gleichbleibendem Erfolg Vorstände befürworten wird eine Piratenpartei nicht umhin-Frankfurter Börse Professionalisierung kommen, ihren Bundesvorstand und dessen Mitarbeiter qualifiziert zu be- zahlen.“ Noch schrecke man in der Führende Vertreter der Piratenpartei Partei davor zurück, „aus Angst vorstandsmitglied Ralf Stegner, „der Fis- schalten sich erstmals mit konkreten den wenigen Schreihälsen, die einenkalpakt fügt einem Übel bloß weitere Ideen in die Debatte um Vorstandsge- mit ihrer Kritik treffen könnten“,hinzu.“ In einer Telefonschaltkonfe- hälter ein. „Auf Sicht von zwei bis drei meint Gaul. Trotz der starken Arbeits-renz am vergangenen Donnerstag ver- Jahren müssen wir darüber nachden- belastung sind Vorstandsgehälter beiständigten sich die Parteilinken auf ken, den Vorständen zumindest eine den Piraten weiterhin umstritten. Derweitere Forderungen an die Bundesre- Sockelvergütung zu bezahlen“, erklärt Bundesvorsitzende Bernd Schlömergierung. Demnach solle es „nicht bei der Bundesvorstand Matthias Schrade. verteidigte die Ehrenamtskultur bei ei-bloßen Absichtserklärungen“ in Sa- Zurzeit sei die Diskussion jedoch mü- ner Schaltkonferenz am vorigen Mitt-chen Finanztransaktionsteuer bleiben. ßig, da der Partei durch die „unfairen woch. Anderen Parteien, argumentiert„Es muss ein Kabinettsbeschluss her“, Regeln zur Parteienfinanzierung“ in Schlömer, falle der goldene Apfelsagt Stegner. „Wenn das nicht passiert, diesem Jahr etwa eine Million Euro manchmal zu leicht ins Maul. Die Pira-fehlt es an den Voraussetzungen für fehlten. „Wenn wir die hätten, könnten ten betätigten sich engagiert und miteine Zustimmung.“ Außerdem müss- wir zumindest den Bundesvorständen Herz an der Sache. „Das reicht nachten sich Union und FDP bei den The- eine Vergütung von beispielsweise meinem Dafürhalten auch aus, um unsmen Wachstum und Entlastung der 1000 Euro pro Monat ermöglichen“, als professionelle Partei zu beschrei-Bundesländer bewegen. sagt Schrade. Unterstützung erhält er ben“, sagte der Bundesvorsitzende.14 D E R S P I E G E L 2 4 / 2 0 1 2
  • 10. Deutschland HOCHSCHULFINANZI ERUNG „Der Bund soll sich nicht einmischen“ Hessens Wissenschafts- Kühne-Hörmann: Nein. Der Wettbewerb ministerin Eva Kühne- ist gut, weil er zu mehr KooperationenUWE ZUCCHI/PICTURE-ALLIANCE/DPA Hörmann, 50 (CDU), zwischen Hochschulen und zu Debat- über den Elite-Wett- ten über förderungswürdige Forschungs- streit der Hochschulen inhalte geführt hat. Aber über die und den Plan der Bun- künftige Qualität der Hochschulland- desregierung, für die schaft insgesamt entscheidet er nicht. Bildung das Grundge- SPIEGEL: Ihre Parteifreundin, Bundes- setz zu ändern forschungsministerin Annette Scha- van, will das im Grundgesetz festge- SPIEGEL: Am Freitag wird beschlossen, schriebene Kooperationsverbot än- welche deutschen Universitäten sich dern, damit der Bund die Wissenschaft künftig mit dem Elite-Status schmücken besser fördern kann. Ist das der Weg? dürfen. Warum sind keine hessischen Kühne-Hörmann: Hessen lehnt diesen Hochschulen mehr im Rennen? Plan in der bisherigen Form ab. Wir Kühne-Hörmann: Der Elite-Status ist eine wollen nicht, dass sich der Bund in von drei Förderarten der Exzellenz- Details der Hochschulpolitik ein- initiative. Zwar kann sich keine hessi- mischt. Es wäre hilfreicher, wenn Hes- sche Hochschule „Elite-Universität“ sen als Zahlerland über die Mittel, die nennen, es werden aber vier Exzellenz- durch den Länderfinanzausgleich und cluster und zwei Graduiertenschulen in Forschungszuschüsse der Bundeslän- Darmstadt, Frankfurt und Gießen mit der abfließen, selbst verfügen könnte. 153 Millionen Euro gefördert. Am Frei- SPIEGEL: Was würde sich ändern? tag wird über die Zukunft dieser sechs Kühne-Hörmann: Wir in Hessen müssen Bildungsstätten und über zwei Neuan- jetzt, wie übrigens alle Bundesländer, träge aus Hessen entschieden. darüber nachdenken, wie im Exzel- SPIEGEL: Andere wichtige Bundesländer lenzwettbewerb geförderte Projekte wie Bayern und Baden-Württemberg weitergeführt werden können – und verfügen über Elite-Unis. Fürchten Sie das bei konstant hohem Andrang an nicht, abgehängt zu werden? den Hochschulen. Für die Folgekosten Kühne-Hörmann: Bayern und Baden- ab 2017 haben Bund und Länder noch Württemberg haben früh gezielt geför- keine Lösung gefunden. dert und profitieren jetzt. Wir haben in einer Aufholjagd seit 1999 viel Geld in SCHLESWIG- die Wissenschaft gesteckt und die HOLSTEIN Hochschulautonomie vorangetrieben. 4 1 Hessen hat als einziges Bundesland MECKLENBURG- ein eigenes Forschungsförde- 1 VORPOMMERN HAMBURG rungsprogramm über 410 Mil- 1 lionen Euro aufgelegt. Doch BREMEN 3 natürlich haben die Elite-Unis BERLIN durch das zusätzliche Geld NIEDERSACHSEN 11 7 vom Bund einen Wettbe- 5 3 werbsvorteil für die Zu- BRANDENBURG SACHSEN- kunft. Göttingen ANHALT 1 SPIEGEL: Ist der Elite- NORDRHEIN-WESTFALEN Wettbewerb ein geeigne- Bochum 1 Dresden tes Mittel, um dauerhaft 12 14 THÜRINGEN SACHSEN Bundesgelder an die Köln 3 Hochschulen zu über- Aachen HESSEN 1 2 weisen? 6 1 2 Quellen: 4 Wissenschafts- rat, DFG Mainz Starker Süden RHEIN- 2 LAND- Exzellenzinitiative – die PFALZ Heidelberg BAYERN Bilanz der Bundesländer SAARLAND Karlsruhe 11 7 Elite-Unis Tübingen BADEN- Bestand Neuanträge WÜRTTEMBERG München Exzellenzcluster und 16 8 Graduiertenschulen X Bestand X Neuanträge Freiburg Konstanz D E R S P I E G E L 2 4 / 2 0 1 2 15
  • 11. Deutschland Panorama RECHTSEXTREMISMUS „Heil Beate!“ Haben Thüringer Neonazis Anschläge nach dem Vorbild der Zwickauer Ter- rorzelle „Nationalsozialistischer Un- tergrund“ (NSU) geplant? Die Staats- anwaltschaft Gera ermittelt gegen die SASCHA SCHÜRMANN / DAPD Rechtsextremisten Steffen R., 28, Mar- co Z., 34, und Thomas G., 33, wegen des Verdachts der „Vorbereitung einer schweren, staatsgefährdenden Gewalt- Niebel in Afghanistan tat“. Ausgelöst wurde das Verfahren unter anderem durch abgehörten Handy-Verkehr. So tauschten sich G. Z O L LV E R G E H E N Deutschland transportieren lassen. Ein und R. den Ermittlungen zufolge am Fahrer Niebels nahm das Stück am 20. 29. Dezember 2011, rund sieben Wo- Mai direkt an der BND-Maschine in chen nach Auffliegen des NSU, über Staatsanwalt prüft Empfang und brachte es unverzollt in die Wohnung des Ministers. „Wenn kei- „Knete“ aus, die von „elektrischen Quellen“ ferngehalten werden müsse.Die Berliner Staatsanwaltschaft prüft ne Zollanmeldung erfolgte, obwohl das Die Fahnder halten es für möglich,nach Angaben eines Sprechers „einen verpflichtend gewesen wäre, dann ist dass sie Plastiksprengstoff meinten.Anfangsverdacht auf ein mögliches grundsätzlich der Tatbestand der ver- Zwei Wochen später erhielt R. einestrafbares Verhalten“ von Bundesent- suchten Steuerhinterziehung erfüllt“, SMS von einem von G. genutzten Te-wicklungsminister Dirk Niebel. Der erklärt Christine Kolodzeiski, Spreche- lefonanschluss: „Ich hab dein Spiel-FDP-Politiker hatte einen in Afghani- rin vom Hauptzollamt am Frankfurter zeug mit, du kannst jetzt das Jüngstestan für 1400 Dollar erworbenen Tep- Flughafen. Nach der ersten Anfrage Gericht einläuten.“ Die Nachricht en-pich mit einem Flugzeug des Bundes- durch den SPIEGEL hatte Niebel einen det mit „Heil Beate!“ – wohl in An-nachrichtendienstes (BND) nach Antrag auf Nachverzollung gestellt. spielung auf die mutmaßliche NSU- Terroristin Beate Zschäpe. Steffen R. antwortete: „Beate wird stolz auf uns sein.“ Thomas G. soll Verbindungen K I TA - F I N A N Z I E R U N G zum Umfeld der Zwickauer Zelle ge- habt haben. Auch Steffen R. gilt als Größe der rechtsextremen Szene: Im Merkel gegen CDU-Ministerpräsidenten März schnitten Ermittler einen Anruf mit, in dem er sagte, man müsse „end-In der Union wächst die Sorge, dass der dürften im Wahljahr bei der Zahl der lich mal einen umlegen“. Der dritteschleppende Ausbau von Kindertages- Kita-Plätze nicht Schlusslicht sein, sag- Beschuldigte, Marco Z., soll Kala-stätten die Chancen von CDU und CSU te die saarländische Ministerpräsidentin schnikows zum Kauf angeboten ha-bei den Landtags- und Bundestagswah- Annegret Kramp-Karrenbauer. Kanzle- ben. Die Staatsanwaltschaft wolltelen im kommenden Jahr schmälern rin Angela Merkel zeigte wenig Ver- sich auf Anfrage zu Details nicht äu-könnte. In der Sitzung des CDU-Präsi- ständnis. Die Länder müssten mit dem ßern. Vergangene Woche wurden R.diums am vergangenen Montag forder- Geld auskommen, das der Bund in die und Z. festgenommen. Vor dem Haft-te Niedersachsens Regierungschef Da- Hand nehme, obwohl Kita-Ausbau Län- richter bestritten sie die Vorwürfe. R.vid McAllister mehr Hilfen vom Bund, dersache sei. Um den Rechtsanspruch erklärte den belastenden Telefonver-um die für 2013 angestrebte Zahl von auf einen Kita-Platz ab August 2013 er- kehr mit einem Scherz; man habe soKita-Plätzen auch in allen westlichen füllen zu können, fehlen nach Schätzun- prüfen wollen, ob man abgehört wer-Bundesländern zu erreichen. „Wir brau- gen des Bundesfamilienministeriums de. Thomas G., der auf freiem Fußchen ein Ausbauprogramm West“, so noch etwa 160 000 Plätze, hauptsächlich blieb, war für eine StellungnahmeMcAllister. Die unionsgeführten Länder in den alten Bundesländern. nicht zu erreichen. QUERSCHNITT Bandidos- und Hells-Angels-Clubs in Europa Quelle: Europol Inflation der Rockerclubs Rockerbanden breiten sich in Europa aus. Die beiden größten Clubs – Hells Angels und Bandidos – haben die Zahl ihrer Gangs auf dem Kontinent seit Mitte des vergangenen Jahrzehnts nahezu verdoppelt. Deutschland ist derzeit mit 52 Chartern der Hells An- gels und 66 Chaptern der Bandidos weltweit der größte Standort 72 144 120 213 nach den USA. 2006 2012 2005 201216 D E R S P I E G E L 2 4 / 2 0 1 2
  • 12. Deutschland E U R O PA Dame mit Unterleib Mit einem mutigen Reformplan wollendie Chefs der europäischen Institutionen den Euro retten. Die Mitgliedsländer sollenBudget-Kompetenzen an Brüssel übertragen und Schulden vergemeinschaften. Kanzlerin Merkel SEAN GALLUP / ACTION PRESS E s gehört zu den Merkwürdigkeiten er, der neue, ungewohnte Sound: „Wir Spanien ist die Lage inzwischen so dra- der Politik, dass sich große Ver- brauchen vor allen Dingen auch eine po- matisch, dass das Land nur noch mit änderungen selten durch große litische Union. Das heißt, wir müssen Mühe an frisches Geld kommt. Und Spa- Worte ankündigen. Wer Ruck-Reden hält, Schritt für Schritt auch Kompetenzen an nien ist kein wirtschaftlicher Zwerg, son- hat sich oft nur als Sonntagsredner quali- Europa abgeben.“ dern die viertgrößte Volkswirtschaft der fiziert. Bei dieser Form der politischen Vorsichtig bereitete die Kanzlerin die Euro-Zone. Wortmeldung steht die öffentliche Auf- Menschen darauf vor, dass sie sich auf Die Schuldenkrise hat sich in eine merksamkeit meist in keinem Verhältnis große Veränderungen einstellen müssen. schwere Vertrauenskrise verwandelt. zu den praktischen Folgen. Dass alte Gewissheiten bald schon nicht Den europäischen Staats- und Regie- Manchmal ist es nur eine winzige ver- mehr gelten werden. Dass Europa nur rungschefs bleiben nicht mehr viele Op- bale Verschiebung, die darauf hindeutet, dann eine Zukunftschance hat, wenn tionen. Entweder gelingt es ihnen jetzt, dass bald Großes passieren könnte. Oder auch die Deutschen auf einen wesent- die Geburtsfehler des Euro zu beseitigen, es ist ein leicht geänderter Sound, ein et- lichen Teil ihrer nationalen Souveränität oder die Europäische Union, die größte was anderer Zungenschlag, der in diese verzichten. Mehr hatte sie nicht angedeu- Wirtschaftszone der Welt, wird in einem Richtung weist. tet. Aber es war doch eine Menge. Strudel aus Bankpleiten, Bankrotten und Wer in der vergangenen Woche der Denn es zeigt, wie bedrohlich Merkel Niedergang versinken. Eine solche Ent- Kanzlerin aufmerksam zuhörte, konnte die europäische Krise inzwischen ein- wicklung würde das Chaos nach der Leh- erkennen, dass sie ihren Ton verändert schätzt. Die Kanzlerin ist keine Meisterin man-Pleite 2008 weit in den Schatten stel- hatte. Sehr vorsichtig nur, allenfalls in ei- der Apokalypse wie der grüne Patriarch len, vermutet der britische „Economist“. nigen Nuancen, aber es reichte doch, dass Joschka Fischer („Das europäische Haus „Es muss dringend etwas passieren!“, for- sich die bekannte Melodie neu anhörte. steht in Flammen“). Das ist nicht Merkels dern der britische Historiker Niall Fergu- „Wir brauchen eine sogenannte Fiskal- Sprache, aber auch sie weiß, dass der Ab- son und der amerikanische Ökonom union“, hatte sie im ARD-„Morgenmaga- grund nicht mehr fern ist. Nouriel Roubini in einem dramatischen zin“ gesagt, „also mehr gemeinsame Am kommenden Sonntag, nach den Appell an die deutsche Kanzlerin (siehe Haushaltspolitik.“ Bis dahin hatte Angela Parlamentswahlen in Griechenland, wird Seite 68). Merkel nur wiederholt, was sie bislang sich entscheiden, ob erstmals ein Land Was also tun? Aus der Währungsunion, immer gefordert hatte. Doch dann kam die Euro-Zone verlassen muss. Und in der „Dame ohne Unterleib“ (Merkel), 18 D E R S P I E G E L 2 4 / 2 0 1 2
  • 13. OLIVIER HOSLET / DPA (R.); RAINER UNKEL (L.) Kommissionspräsident Euro-Gruppenchef Barroso Juncker THOMAS LOHNES / DAPD (R.); THIERRY MONASSE / XINHUA / IMAGO (L.) EU-Ratspräsident EZB-Präsident Van Rompuy DraghiEuropäische Reformgruppe: „Wir rennen den Ereignissen hinterher“muss eine politische Union werden. Zu- den Woche wollen sie sich treffen, um allerdings als Dame mit Unterleib, bildenmindest darin sind sich alle einig. Doch sich auf einen gemeinsamen Vorschlag würde.was das konkret bedeutet, ist zwischen zu einigen, der dann an die Hauptstädte Im Zentrum der Überlegungen stehtBerlin und Paris, Helsinki oder Rom um- verschickt werden soll. eine echte Fiskalunion, in der Mitglied-stritten. Noch gibt es keinen ausgearbeiteten staaten souverän keine neuen Schulden Länder wie Frankreich und Italien wol- Plan, sondern nur Skizzen, wie das euro- mehr aufnehmen dürfen. Frei verfügenlen mit Euro-Bonds die Schulden ver- päische Konstrukt am Ende aussehen können die Regierungen dann nur nochgemeinschaften. Die Deutschen sind da- könnte. Die Ideen, die derzeit zwischen über die Finanzmittel, die durch eigenegegen, weil sie fürchten, am Ende dafür Brüssel, Luxemburg und Frankfurt hin Einnahmen gedeckt sind.zahlen zu müssen. Berlin ist wiederum und her wandern, sind noch unfertig, Wer mehr Geld braucht, als er selbstbereit, nationale Zuständigkeiten nach aber sie lassen bereits ein Konzept er- erwirtschaftet, muss seinen Bedarf beiBrüssel abzugeben, doch dagegen sperren kennen, das für Europa nichts weniger der Gruppe der Euro-Finanzminister an-sich die Franzosen. als eine Revolution bedeuten würde. melden. Sie entscheiden gemeinsam, wel- Weil sie sich nicht einigen können, ha- Geht es nach dem Willen der vier, soll che Finanzwünsche von welchem Landben die Staats- und Regierungschefs vier die Währungsunion irreversibel gemacht in welcher Höhe gerechtfertigt sind, undTop-Eurokraten beauftragt, einen Plan werden und die Euro-Zone zur politi- geben dann gemeinsame Euro-Anleihenvorzulegen: Kommissionspräsident José schen Union ausgebaut werden. Es wäre aus, um diese Schulden zu finanzieren.Manuel Barroso, EU-Ratspräsident Her- ein völlig anderes Europa, das am Ende Die exklusive Ministerrunde würdeman Van Rompuy, Euro-Gruppenchef dieses Prozesses stehen würde. von einem hauptamtlichen VorsitzendenJean-Claude Juncker und den Chef der Die Nationalstaaten müssten wesent- geleitet, der am Ende sogar zum europäi-Europäischen Zentralbank Mario Draghi. liche Teile ihrer Souveränität an euro- schen Finanzminister aufsteigen könnte.Bis zum nächsten Gipfel in weniger als päische Institutionen abgeben, das EU- Kontrolliert werden soll die mächtigedrei Wochen wollen sie erste Vorschläge Parlament bekäme Konkurrenz, und ein Runde der Finanzminister durch ein neu-unterbreiten, im Herbst soll dann das Ge- neues Gremium würde wichtige Kontroll- es europäisches Gremium, in dem Vertre-samtpaket stehen. funktionen übernehmen. Es wäre ein ter der nationalen Parlamente sitzen. Das Fast täglich telefonieren die vier Präsi- Europa der zwei Geschwindigkeiten, Europaparlament müsste auf einendenten nun miteinander. In der kommen- dessen Kern die Währungsunion, nun Machtzuwachs verzichten und könnte D E R S P I E G E L 2 4 / 2 0 1 2 19
  • 14. Deutschlandsich weiter mit Hingabe den anderen dann von der Gruppe der Finanzminister Staaten wären die Regierungen gezwun-europäischen Themen widmen. genehmigt werden, wenn die Neuver- gen, das Volk zu befragen. Selbst in Das Modell, das die europäischen vier schuldung über drei Prozent der jähr- Deutschland, wie das Bundesverfassungs-favorisieren, bedeutet für die Deutschen lichen Wirtschaftsleistung liegt. gericht in seinem Lissabon-Urteil nahelegt.das, was die Bundesregierung immer ab- In einem weiteren Kapitel widmen sich Will die Bundesregierung in Finanzfragengelehnt hat: den europäischen Haftungs- die Euro-Architekten der Demokratisie- deutlich mehr Macht an Brüssel abtreten,verbund. Allerdings mit einer Einschrän- rung europäischer Entscheidungen. Man so gängige Interpretationen, wäre dazukung. Die Regelung soll nur für neue müsse überlegen, wie man die politische eine Volksabstimmung nach Artikel 146Schulden gelten. Integration demokratisch legitimieren des Grundgesetzes erforderlich. Die Altlasten, die im Zentrum der ak- könne, sagt Kommissionschef Barroso. Die Deutschen stünden vor einer Jahr-tuellen Krise stehen, müssten nach wie Dazu gehört die Idee, den Präsidenten hundertentscheidung. Stimmen sie gegenvor von den einzelnen Staaten bewältigt der EU-Kommission direkt von den Bür- den Plan, wäre der Euro am Ende, undwerden. Völlig offen ist, wie sie langfristig gern wählen zu lassen. Denkbar sei auch, der Kontinent würde in eine schwere Re-kleiner werden könnten. Schon jetzt müs- heißt es in Brüssel, dass die Ämter von zession stürzen. Stimmen sie dafür, ent-sen viele Länder einen großen Teil ihrer Barroso und Van Rompuy zu einem „Eu- scheidet in Zukunft vor allem Brüssel über die deutschen Staatsfinanzen. Es wäre der Einstieg in die Vereinigten Staaten von Europa, dem die Bundes- bürger wohl nur zustimmen könnten, wenn sich das neue Gemeinwesen glaub- würdig der deutschen Stabilitätskultur verpflichtet. Was die vier Euro-Vordenker vorschla- gen, ist somit ein neuer Konsens für den krisengeschüttelten Kontinent. Die Deut- schen müssten bereit sein, weitere Risi- ken für die Euro-Zone zu übernehmen. Im Gegenzug würden die Südeuropäer zugestehen, dass über ihre Staatshaushal- te in Brüssel bestimmt wird – nach deut- schen Prinzipien. Es wäre ein Experiment mit ungewis- sem Ausgang. Am Ende könnte die Ret- tung der Gemeinschaftswährung stehen, aber auch das Zerbrechen Europas. Gut möglich, dass der Plan die internationalen Finanzmärkte beruhigt. Nicht ausge- schlossen aber auch, dass er Europas Bür- gern nicht zu vermitteln ist. Dabei ist es wohl die letzte Chance, den Euro vor dem Crash zu bewahren. BURKHARD MOHR Am kommenden Montag treffen sich die Staats- und Regierungschefs der wichtigs- ten Industrie- und Schwellenländer beim G-20-Gipfel in Mexiko. Es wird der TagSteuereinahmen zur Finanzierung der ropäischen Präsidenten“ verschmolzen nach der Griechenland-Wahl sein, und derAltschulden ausgeben. werden. Rest der Welt will von den Europäern wis- Die Idee der Brüsseler Euro-Strategen Manche Ideen der Reformer decken sich sen, wie sie die Währungsunion retten wol-würde die Regierungen zwingen, mit dem mit dem, was bereits diskutiert wird, wie len. Eine Blamage wie im vergangenenGeld auszukommen, das sie selbst einge- eine europaweite Garantie der Sparkon- Jahr auf dem G-20-Gipfel in Cannes, wonommen haben. Denn nur so könnten sie ten. Ein europäischer Einlagensicherungs- man sich von Schwellenländern wie Mexi-die nationale Souveränität über ihre Aus- fonds soll über einen Zeitraum von zehn ko und Brasilien sagen lassen musste, wasgaben erhalten. Funktioniert die Rege- Jahren aufgebaut werden und ein Prozent zu tun ist, wollen sich Merkel, Van Rompuylung, könnte aus einer Schulden- im güns- der europäischen Spareinlagen umfassen, und die andere Euro-Politiker ersparen.tigsten Fall sogar eine Stabilitätsunion also etwa hundert Milliarden Euro. Er höre von seinen Gesprächspartnernwerden. Vorgesehen ist auch eine mächtige EU- in Amerika und China oft, dass Europa Das Modell klingt fast zu schön, um weite Bankenaufsicht. Sie soll nicht nur „hinter der Kurve“ liege und zu langsamwahr zu werden. Denn bislang schafft es die großen, „systemischen“ Geldinstitute agiere, berichtete Euro-Gruppen-Chefnoch nicht einmal Deutschland – obwohl umfassen, sondern alle Banken. Die ver- Jean-Claude Juncker am vergangenenvon niedrigsten Zinsen und gutem Wachs- gangenen Jahre haben gezeigt, dass es in Donnerstag vor dem Wirtschafts- und So-tum begünstigt – ohne Neuverschuldung Europa gerade die scheinbar unwichtigen zialausschuss der EU in Brüssel. „Wir ren-auszukommen. Und so müssten in Zu- Geldhäuser waren, die die Krise ver- nen den Ereignissen hinterher“, warntekunft selbst sparsame Länder befürchten, schärften. Das war in Deutschland mit der Luxemburger Premierminister. Des-bei einer Zinserhöhung oder einem Kon- der IKB-Bank so und wiederholt sich mo- halb sei es jetzt an der Zeit, Schritte zujunktureinbruch in Brüssel um Hilfe bit- mentan mit den spanischen Sparkassen. tun, die bislang undenkbar schienen.ten zu müssen. Der neue Euro-Pakt ist allerdings mit Denn: „Die Welt muss wissen, dass wir In europäischen Hauptstädten kursiert einer schweren Hypothek belastet. Überall absolut entschlossen sind.“deshalb bereits eine deutlich abgemilder- in Europa müssten die nationalen Verfas- KONSTANTIN VON HAMMERSTEIN,te Variante. Neue Schulden müssten erst sungen geändert werden, und in etlichen CHRISTOPH PAULY, CHRISTOPH SCHULT20 D E R S P I E G E L 2 4 / 2 0 1 2
  • 15. CHRISTIAN THIEL / DER SPIEGEL Kontrahenten Gysi, Lafontaine: Ohne Rücksicht auf das große Ganze, nicht mal auf Weggefährten KARRI EREN Gott des Gemetzels Auf dem Göttinger Parteitag der Linken hat Oskar Lafontaine einen letzten bitteren Sieg errungen. Der Bruch mit Gregor Gysi bedeutet einen leisen Abschied aus der Politik. Ein großer Populist steht vor den Trümmern seiner Karriere. Welche politische Niederlage Aber wo Misstrauen regiert, kann man Fünf Jahre ist es her, dass Lafontaine möchten Sie nie erleben? nicht einfach draufloswerfen. Schiedsrich- ihn und seine Linkspartei benötigte, um „Dass ich eines Tages einmal so ter müssen her, um den Wurf zu überwa- mit einer gesamtdeutschen Linken Rache vor dem Scheitern meiner politischen chen, nicht einer, sondern zwei, einer aus an seiner alten Partei und deren früheren Ideen stehe wie viele dem Osten, einer aus dem Westen. Gysi Frontmann Gerhard Schröder zu nehmen. gutwillige Kommunisten heute“ setzt auf Matthias Höhn aus Sachsen- Fünf Jahre später geht es in Göttingen (Oskar Lafontaine 1990). Anhalt, Lafontaine vertraut auf Janine wieder um Rache, diesmal heißt der Wissler aus Hessen. Höhn wirft, Wissler Gegner nicht Schröder sondern Bartsch, A m Ende können sie sich nicht mal verkündet das Ergebnis. Kopf. dem er illoyales Verhalten vorwirft. Der über banalste Fragen einigen. Wer Es ist ein erster, kleiner Erfolg für La- Abstieg des Oskar Lafontaine lässt sich darf als Erster auf dem Parteitag fontaine, dem später ein größerer folgen auch an der Größe seiner Widersacher in Göttingen reden, Gysi oder Lafon- wird: der Sieg eines gewissen Bernd Rie- ablesen. taine? Weil der Zweite einen kleinen Vor- xinger bei der Wahl zum Parteivorsitzen- Lafontaines kleine Siege von Göttingen teil haben könnte, braucht es einen Rest den. Lafontaines Marionette triumphiert dürften schon jetzt einer großen Ernüch- an Vertrauen, eine Prise Großzügigkeit, über Gysis Kandidaten Dietmar Bartsch. terung gewichen sein. Bei Licht betrach- um die Frage friedlich zu lösen. Aber von Aber es ist auch das Ende einer Part- tet, steht er nach vier Jahrzehnten in der beidem ist nichts mehr übrig in der Lin- nerschaft. Noch einmal hat der 68-jährige Politik vor den Trümmern seines Wir- ken, wie überall, wo Oskar Lafontaine Lafontaine in Göttingen all seine Energie kens. Seiner ersten Partei, der SPD, hatte über längere Zeit gewirkt hat. Am Ende abgerufen, all seine Tricks, die zulässigen er mit seiner Flucht aus dem Parteivorsitz triumphiert Kleingeistigkeit. wie die schmutzigen. Wie immer nahm und dem Amt des Finanzministers schwer Sie entscheiden sich, eine Münze zu er, wenn es darauf ankommt, keine Rück- geschadet. Seiner neuen Partei hat er werfen. Kopf oder Zahl, West oder Ost, sicht, nicht auf das große Ganze, nicht noch mehr zugesetzt: Sie ist so gut wie der oder ich? auf Weggefährten wie Gysi. zerstört. 22 D E R S P I E G E L 2 4 / 2 0 1 2
  • 16. Deutschland Die Linke ist nach Göttingen eine de- Gysi verrät auch, dass er erneut ge- des Hochmuts und der Rache. Seinemmoralisierte, tiefzerstrittene Gruppierung. drängt worden sei, Bartsch für seine Kan- letzten Triumph fehlt jede Würde.Ihr fehlen ein klares Profil und eine Füh- didatur zu kritisieren. Jeder im Raum Er und Wagenknecht ziehen sich baldrungsspitze, die diesen Namen verdient. weiß, von wem er da gedrängt wurde. in ihr Hotel zurück. Gysi aber steht inDie neuen Vorsitzenden Katja Kipping Doch diesmal verweigert sich Gysi. La- der Nacht vor der Halle und plaudert mitund Bernd Riexinger mögen ehrenwerte fontaine will nicht glauben, was er da Vertrauten. Ob das Tischtuch zwischenLeute sein, vor allem aber sind sie un- hört. Er sitzt wie versteinert auf seinem ihm und Lafontaine zerschnitten sei?scheinbar. Es wirkt, als hätte das ZDF Stuhl. „War da eins?“, fragt Gysi zurück.Gundula Gause und Heinz Wolf die „Was jetzt?“, fragt der scheidende Vor- Dass sich Lafontaine nun auch nochModeration von „Wetten, dass ...?“ über- sitzende Klaus Ernst. „Da muss ich über- Gysi zum Feind gemacht hat, dürfte daslassen. legen“, murmelt Lafontaine. Ende seiner Macht einläuten. Jahrelang „Es ist wie so oft bei Oskar“, sagt sein Ein paar Minuten später geht Lafon- hatte Gysi fast alles für ihn getan, hattealter Freund und Weggefährte, der Saar- taine zum wütenden Gegenangriff über. Lafontaines Selbstherrlichkeit bis zurländer Reinhard Klimmt. „Was er vorne Schon als er ans Mikrofon tritt, leuchtet Selbstaufgabe ertragen.mit seinen Händen errichtet hat, reißt er sein Kopf puterrot. Es gebe keinen Grund, Als der PDS-Intellektuelle André Briemit dem eigenen Hintern früher oder spä- das Wort Spaltung in den Mund zu neh- schon früh schimpfte, Lafontaine sei einter wieder ein.“ men. „Man trennt sich nicht, weil man „Luxus-Linker“, wurde er von Gysi am So ist die Geschichte des Oskar Lafon- da oder dort Befindlichkeiten hat“, be- Telefon so lange zusammengefaltet, bistaine am Ende eine tragische. Sie handelt lehrt er die Ossis und ihren Helden Gysi. er widerrief.von einem Mann, der mit gewaltigen Ta- Die Rede war Lafontaines letzte Chan- Gysi nahm ihn gegen jede Form vonlenten gesegnet ist: mit Intelligenz, Cha- ce, doch noch die Hand zur Versöhnung Kritik in Schutz, selbst als Lafontainesrisma und rhetorischer Brillanz – mit fast zu reichen. Aber er lässt sie verstreichen. Vorsitzenden-Büro im Berliner Karl-Lieb-allem also, was man braucht, um in der „Manches hat bitter weh getan“, klagte knecht-Haus fast immer leer blieb und erPolitik zu Größe zu gelangen. „Bis heute Rudolf Scharping einst auf dem Mannhei- in seiner Zeit als Vorsitzender 18 Vor-halte ich an meiner Einschätzung fest, nie mer SPD-Parteitag, nachdem Lafontaine standssitzungen schwänzte. Er verteidigtewieder einen so begabten politischen ihn wochenlang über seine Absichten ge- auch Lafontaines autoritäre Art, obwohlMenschen kennengelernt zu haben“, täuscht hatte, um ihn dann in letzter Se- sie sich im Osten geschworen hatten, nieschrieb selbst Gerhard Schröder in seinen kunde zu stürzen. Aber „wir haben eine wieder SED-Methoden zu dulden, undMemoiren. Aufgabe, die wichtiger ist als wir selbst“. Lothar Bisky die Rückkehr des „Stalinis- Lafontaine hätte das Zeug gehabt, sich Es scheint, als habe Lafontaine den Sinn mus durch die Hintertür“ beklagte.in die Galerie der großen Kanzler einzu- des Satzes bis heute nicht verstanden. Was Gysi für Lafontaine bis zum Göt-reihen, gleich neben Adenauer, Brandt Als Bernd Riexinger, sein Kandidat für tinger Parteitag leistete, reichte weit hin-und Kohl. Am Ende aber muss er sich den Linken-Vorsitz, in Göttingen am spä- ein ins Reich des Absurden. Am absur-mit dem Erfolg begnügen, einen Mann, ten Samstagabend gegen Bartsch gewon- desten aber wurde es, als Sahra Wagen-der Bernd Riexinger heißt, zum Vorsit- nen hat, stimmen Lafontaines Unterstüt- knecht in Lafontaines Leben trat.zenden gemacht zu haben. zer Triumphlieder an. Sie singen die „In- Gysi hatte Wagenknecht und ihre kom- Vermutlich war sein Ego einfach zu ternationale“ und „Ihr habt den Krieg munistischen Thesen immer bekämpft.groß für wahre Größe. Wäre es ihm wirk- verloren“, ein Lied, dass linke Gruppen Auf dem Parteitag 1995 in Berlin hatte erlich um seine politische Idee, um das bei Nazi-Demonstrationen sonst gegen die Delegierten vor die Entscheidung ge-Wohl seiner Schöpfung Die Linke gegan- die Glatzköpfe singen, um sie zu provo- stellt: „Die oder ich“. Nun aber musstegen, dann hätte er dafür gesorgt, dass die zieren. Die Stunde des Sieges sollte im- er auf Lafontaines Drängen nicht nur sei-Partei künftig von erfolgversprechenden mer die Stunde der Demut sein. Bei La- ne Haltung zu Wagenknecht ändern. ImLeuten geführt wird. Ihm aber ging es fontaines Freunden wird sie zur Stunde Auftrag des Chefs besänftigte er sogarnur um sich selbst. Lafontaine funktionierte in seiner lan-gen Karriere nur dann, wenn er selbstder Erste sein konnte. Das erste der ZehnGebote „Du sollst neben mir keine ande-ren Götter haben“, hat er früh schon aufdie Politik übertragen. Und als er mit Ger-hard Schröder einmal einem anderen denVortritt ließ, hat er das bitter bereut. DasTrauma von 1998 wirkt bis heute fort. Als Gysi nach verlorenem Münzwurfals Erster ans Rednerpult tritt, nimmt dieZerstörung der Linken ihren Lauf. Er, derjahrelang Rücksicht auf Lafontaine ge-nommen hat, ist dazu nicht mehr bereit.Er weiß, dass es dem Saarländer nur nochdarum geht, Dietmar Bartsch als neuenChef zu verhindern. Gysi spricht vom „Hass“ in der Frak- CHRISTIAN THIEL / DER SPIEGELtion, von „pathologischen Zuständen“,von der „westlichen Arroganz“ und da-von, dass es vielleicht besser sei, sich fairzu trennen, „als weiterhin unfair, mit Hass,mit Tricksereien, mit üblem Nachtretenund Denunziation eine in jeder Hinsichtverkorkste Ehe zu führen“. Linken-Politikerinnen Kipping, Wagenknecht, Caren Lay: Tiefzerstrittene Gruppierung D E R S P I E G E L 2 4 / 2 0 1 2 23
  • 17. Deutschland Lafontaine ab. Wie erklären Sie sich die- „Unter der Gürtellinie“ se Seitenwechsel? Bartsch: Ich bin mit Gysi einen langen, gemeinsamen Weg gegangen. Ich habe Fraktionsvize Dietmar Bartsch, 54, über seine gescheiterte nicht vergessen, dass vor allem er in den Kandidatur und das Verhältnis zu Oskar Lafontaine neunziger Jahren den ganzen Hass, der der PDS entgegenschlug, auf sich gezo- SPIEGEL: Sahra Wagenknecht hat Ihnen Eine „PDS neu“ kommt allein kaum gen hat. Damals hätte auch der SPIE- vorgeworfen, Sie hätten der Linken mit über fünf Prozent, der andere Teil im GEL nie ein Interview mit mir gemacht. Ihrer frühen Kandidatur für den Partei- Westen würde schnell untergehen. Wir SPIEGEL: Gysi hat Sie im Januar 2010 auf vorsitz eine monatelange Personalde- können es nur gemeinsam schaffen. Drängen Lafontaines als Bundesge- batte aufgezwungen und letztlich die SPIEGEL: Hat es jemals eine ehrliche Aus- schäftsführer geopfert, er hat in Lafon- Rückkehr Oskar Lafontaines verhindert, sprache gegeben zwischen Ihnen und taines Auftrag versucht, die rot-rote von dem sich viele Erlösung erhofft Lafontaine? Koalition in Brandenburg zu verhin- hatten. Bartsch: Entgegen allem, was über uns dern, er hat dessen Freundin Wagen- Bartsch: Das ist Unfug. Ich habe darauf so geschrieben steht, haben wir im di- knecht an Ihnen vorbei zur Ersten gedrängt, den Parteitag vorzuziehen rekten Kontakt ein vernünftiges Ver- Stellvertreterin in der Bundestagsfrak- und rechtzeitig vor den Landtagswahlen hältnis. Er respektiert meine Leistungen tion gemacht. Sollen wir noch mehr auf- eine neue Führung zu wählen – wie es und ich seine. zählen? jede andere Partei vernünftigerweise getan hätte. Zugleich habe ich für einen Mitgliederentscheid geworben, um eine souveräne Entscheidung der Basis zu bekommen. Auch das wurde, wie wir jetzt wissen, satzungswidrig verhindert. Und ich habe ein politisches Angebot unterbreitet und dieses zur Diskussion gestellt. Ohne meine Kandidatur hätte es dieses Engagement der Reformer nicht gegeben. Wir haben Mut be- wiesen. SPIEGEL: Trotzdem haben Sie am Ende gegen Lafontaines Vertrauten Bernd Riexinger verloren. Bartsch: Nachdem im ersten Wahlgang für den Frauenplatz mit Katja Kipping eine Frau aus dem Osten gewann, war es für mich im zweiten Wahlgang schwieriger. Insofern habe ich mit gut 45 Prozent ein ordentliches Ergebnis er- reicht. Ich bin mit mir im Reinen. CHRISTIAN THIEL / DER SPIEGEL SPIEGEL: Nach Ihrer Niederlage sang die Gegenseite nicht nur „Die Internatio- nale“, sondern auch: „Ihr habt den Krieg verloren“. Bartsch: Das ist deutlich unter der Gür- tellinie und geht gar nicht. „Die Inter- nationale“ ist ein traditionsreiches Lied, Linken-Politiker Bartsch: „Das tat sehr weh“ man kann sie bei vielen Gelegenheiten singen, da war sie unpassend. „Ihr habt SPIEGEL: Auf Lafontaines Homepage fin- Bartsch: Also, Sahra Wagenknechts den Krieg verloren“ ist ein Lied, wel- det sich ein nicht von ihm verfasster Wahl in der Fraktion war auch mit mir ches bei Neonazi-Aufmärschen von der Text, in dem Sie als Intrigant und An- besprochen. In Brandenburg war die Antifa gesungen wird. Damit dürfen passer beschimpft werden. Mission bekanntlich wenig erfolgreich, Linke nun wirklich nicht ihre Genossen Bartsch: Wenn er das wüsste, würde es der Landesverband hat mit großer Zu- schmähen. Das ist Ausdruck unerhörter verschwinden. Für solche Dummheiten stimmung den Koalitionsvertrag ange- Kulturlosigkeit. steht er nicht zur Verfügung. nommen. Den Januar 2010 allerdings, SPIEGEL: Ihr Fraktionsvorsitzender Gre- SPIEGEL: Wie lief der letzte Vermittlungs- das stimmt, den hatte ich nicht für mög- gor Gysi sprach offen von Hass und versuch, zwei Tage bevor Lafontaine lich gehalten. Das tat sehr weh. pathologischen Zuständen. Hat er seine Kandidatur zurückzog? SPIEGEL: Seither belastet der Macht- recht? Bartsch: Oskar Lafontaine hat einen guten kampf zwischen Ihnen und Lafontaine Bartsch: Seine Analyse der Situation in Wein ausgesucht, dann haben wir uns die Partei. der Fraktion ist leider zutreffend. Seine freundlich unterhalten. Im Grunde gab Bartsch: Das ist Ihre Sichtweise. Im Kern Schlussfolgerungen aber teile ich nur es aber da schon nicht mehr viel zu sagen. geht es darum, welche Schlüsse wir dar- bedingt. Eine Spaltung sehe ich nicht, SPIEGEL: Erst war Gysi für Sie, dann ge- aus ziehen, dass die Partei seit 2010 ab- sie würde den Tod der Linken bedeuten. gen Sie, und jetzt wendet er sich von gestürzt ist: von fast zwölf Prozent auf24 D E R S P I E G E L 2 4 / 2 0 1 2
  • 18. nun fünf bis sechs, etwa 10 000 Mitglie-der gingen verloren. Wir hatten seit derWahl 2009 nun mal eine andere Situa-tion mit verschärfter Finanzmarktkrise,der SPD in der Opposition, dem Er-starken der Piraten und so weiter. Dahätte man nicht einfach den Kurs „Wirgegen alle“ weiterfahren dürfen. Er warauch nicht erfolgreich, wie wir an Wahl-ergebnissen und Mitgliederzahlen sehen.SPIEGEL: Das Lager um Lafontaine undWagenknecht wirft Ihnen Anbiedereian die SPD vor.Bartsch: Das ist Unsinn. Wenn ich derKarrierist wäre, als den manche michdarzustellen versuchen, wäre ich 1990sicher nicht in die PDS gegangen. Ich HERMANN BREDEHORST / POLARIS/LAIFhabe mich bewusst für eine Partei desdemokratischen Sozialismus links vonder SPD entschieden, und das war keingemütlicher Weg. Die PDS sollte ver-nichtet werden, ich kann mich an fasthundert Gerichtsverfahren und elf er-gebnislose Durchsuchungen, auch beimir zu Hause, erinnern.SPIEGEL: Die SPD lässt Ihre Partei aber Parteivorsitzende Riexinger (l.), Kipping (r.): Stunde des Hochmuts und der Rachekonsequent links liegen. Ist es dannnicht richtig, weiter den Abgrenzungs- Lafontaines misstrauische Gattin Christa te: Er demütigte seinen langjährigen Weg-kurs zu fahren? Müller. Die hatte längst die dauernden gefährten Bartsch öffentlich und zwangBartsch: Auch Oskar Lafontaine hätte Affären-Gerüchte satt und verlangte die ihn zum Rückzug von seinem Posten. Fürschon 2009 gern eine Koalition im Saar- Rückkehr ihres Mannes in den „Palast viele in der alten PDS war das Verrat.land gemacht. Wenn Sigmar Gabriel der sozialen Gerechtigkeit“, wie ihr Haus Im vergangenen Dezember begannohne Not jetzt bereits sagt: nie mit den im saarländischen Wallerfangen spöttisch dann der letzte Akt. Wieder glaubte La-Linken, dann ist das politisch einfach genannt wurde. fontaine, dass der treue Knappe Gysi allesnur doof. Es gibt immer eine strategi- Immer wieder soll Gysi bei Christa mit sich machen ließe. Zunächst verhin-sche Entscheidung: Blicke ich nur auf Müller um Verständnis gebeten haben: derte er alle Verfahren, die seinem Wi-das nächste eigene Wahlergebnis, oder Lafontaine werde für die Bundestagswahl dersacher Bartsch gute Aussichten aufschaue ich, was ich wirklich für die Men- im Herbst 2009 in Berlin gebraucht. Da- den Parteivorsitz gesichert hätten, etwaschen erreichen kann? Unsere Mindest- nach könne er als saarländischer Frak- eine Mitgliederbefragung. Stattdessenlohnkampagne ist dafür ein gutes Bei- tionschef viel zu Hause bleiben. versprach er, im ersten Halbjahr 2012spiel. Vor Jahren waren noch alle Par- Ein letztes Mal zogen Gysi und Lafon- einen Vorschlag für eine „kooperativeteien und die Mehrheit der Menschen taine 2009 in die Schlacht und erreichten Führung“ mit ihm und Bartsch vorzu-dagegen, jetzt ist eine Mehrheit der Traumergebnisse im Saarland und im legen. Ein letztes Mal ließen sich GysiMenschen und selbst die CDU dafür. Bund. Danach zog sich Lafontaine wie und die Realos auf Lafontaine ein.Für uns heißt das jetzt: Setzen wir mit abgesprochen ins Saarland zurück, domi- Doch ein Vorschlag blieb aus. EmissärePartnern einen Mindestlohn durch, oder nierte die Partei von dort aber weiter. wurden von Lafontaine abgewimmelt,drucken wir neue Plakate mit immer Wütend verfolgte er die rot-roten Koali- auch Gysi ließ er im Dunkeln über seinehöheren Mindestlohnforderungen, um tionsverhandlungen in Brandenburg, weil wahren Pläne. Als die Linke nach denuns unbedingt abzugrenzen und mög- er lieber opponieren als regieren wollte. Niederlagen in NRW und Schleswig-Hol-lichst links zu erscheinen? Ich behaupte: Persönlich intervenierte er bei SPD-Chef stein am Boden lag, äußerte sich Lafon-Den Menschen nützen 10 Euro mehr in Matthias Platzeck, der ihn kühl am Tele- taine doch noch. Aber was er drei Wo-der Tasche mehr als 100 Euro auf Pla- fon abblitzen ließ: „Oskar, du bist nicht chen vor dem Parteitag unterbreitete, warkaten. Aber das ist einigen in meiner mehr mein Chef.“ kein Vorschlag, es war ein Diktat.Partei zu viel an Pragmatismus. Im November 2009 beschrieb der SPIE- Er sei bereit, als Vorsitzender zu kan-SPIEGEL: Welchen Kurs erwarten Sie von GEL dann die Beziehung zu Wagen- didieren, erklärte er. Allerdings nur, wennder neuen Führung aus Riexinger und knecht, die zu dem damaligen Zeitpunkt es keinen Gegenkandidaten gebe. VonKatja Kipping? dementiert wurde, und den lange geplan- Demokratie, zumindest von innerpartei-Bartsch: Einen, der die Kompetenz der ten Rückzug vom Fraktionsvorsitz auch licher, hatte Lafontaine noch nie viel ge-Mitglieder nutzt und uns wieder auf die aus privaten Gründen. Lafontaine melde- halten.Erfolgsspur bringt. Wir müssen gemein- te sich krank und ließ den Parteivorsitz Er verlangte zudem, das gesamte Per-sam an der innerparteilichen Stabilisie- ruhen. Weil er den damaligen Bundes- sonaltableau der Linken bestimmen zurung arbeiten. Eine wichtige Vorausset- geschäftsführer Dietmar Bartsch völlig zu dürfen. Bartsch sollte allenfalls als macht-zung dafür ist, dass wir die Kulturlosigkeit Unrecht verdächtigte, die Affäre aus- loser Vize „auf Bewährung“ mitmachen.einiger in der letzten Zeit überwinden. geplaudert zu haben, drängte er Gysi, die- Mit seinem Vertrauten Heinz BierbaumINTERVIEW: MARKUS DEGGERICH, FRANK HORNIG sen zu entsorgen. als Schatzmeister wollte sich Lafontaine Gysi lieferte erneut, aber diesmal zahlte dafür den Zugriff auf die Parteifinanzen er den höchsten Preis, den er zahlen konn- sichern, er wollte die ganze Macht. Doch D E R S P I E G E L 2 4 / 2 0 1 2 25
  • 19. Deutschlanddamit nicht genug: Gysi sollte seineFreundin Sahra Wagenknecht noch in die-ser Legislaturperiode als gleichberechtig-te Fraktionsvorsitzende installieren, ver-langte Lafontaine. Doch damit hatte er den Bogen über-spannt. Bartsch hielt an seiner Kandida-tur fest, und Gysi wechselte die Seiten.Für Lafontaine werden so selbstbewussteOssis zum Trauma. Bei der Bundestags-wahl 1990 verwehrten sie ihm die Kanz-lerschaft. 22 Jahre später stellen sie sichseinem Wunsch nach einer Krönung ent-gegen. In Göttingen reichte LafontainesKraft nicht mehr zur Gestaltung, sondernnur noch zur Zerstörung. Im Fallen zoger seinen Widersacher Bartsch mit nachunten – und machte ihn damit für die Ost-Realos zum Märtyrer-Helden. WERNER SCHÜRING / DER SPIEGEL Kaum ein anderer deutscher Politikerhat die deutsche Politik in den vergange-nen 30 Jahren derart in Atem gehaltenwie Lafontaine, keiner hat das Parteien-system heftiger durcheinandergewirbelt. Was aber bleibt? Nicht viel. Weil La-fontaine das, was er begonnen hatte, im-mer wieder abbrach. Weil ihm die Aus- Politikerin Leutheusser-Schnarrenberger: „Noch nicht die richtigen Instrumente gefunden“dauer fehlte. Und weil er Rudolf Schar-pings Mahnung nie beherzigt hat: Dasses Aufgaben gibt, die wichtiger sind als SPI EGEL-GESPRÄCHman selbst. Vielleicht ist mit den Jahren auch ein-fach die Zeit über ihn hinweggeweht.Patriarchen haben es zunehmend schwerin der modernen aufgeweckten Welt – „Noch mal nachdenken“das weiß man nicht erst seit dem Schei- Justizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger, 60 (FDP),tern von Leo Kirch. Die Zeit der autori- über Shitstorms, den wachsenden Einflusstären Anführer scheint abgelaufen – dasweiß man nicht erst seit dem Arabischen des Internets auf die Politik und die gescheiterte SucheFrühling. Und dass der Zeitgeist nach nach einem neuen UrheberrechtTransparenz verlangt statt nach Kungel-runden, das weiß man nicht erst seit SPIEGEL: Frau Ministerin, wie würden Sie gar die Unterzeichnung des Acta-Abkom-Gründung der Piratenpartei. Der Macht- das Wort Shitstorm übersetzen? mens, das Regeln für das Marken-, Patent-politiker der Vergangenheit wirkt in der Leutheusser-Schnarrenberger: Ein Shitstorm und Urheberrecht formuliert, zurückge-Gegenwart zunehmend lächerlich. ist eine Zusammenrottung von Meinun- zogen, nachdem eine via Internet mobili- „Mit uns zieht die neue Zeit“, singen gen, die mit einer großen Welle in der sierte Öffentlichkeit protestiert hatte.seine einstigen Freunde aus der Sozial- Öffentlichkeit ankommt. Leutheusser-Schnarrenberger: Bei Acta ha-demokratie bis heute gern. Von Lafon- SPIEGEL: Sie haben den Begriff vor kurzem ben wir in sehr kurzer Zeit eine breitetaine aber war es wohl zu viel verlangt, in einer Rede verwendet. Ist der Shit- Diskussion im Netz gesehen, die dannsich noch einmal auf die Anforderungen storm als Mittel der Auseinandersetzung auch auf die Straße getragen wurde. Dasder neuen Zeit einzulassen. in der Politik angekommen? hat es früher nicht gegeben. Die Politik Am Ende seiner Rede von Göttingen Leutheusser-Schnarrenberger: Das Twittern muss sich damit beschäftigen, wie sie sol-ließ er noch einmal seinem Hass auf die ist in der Politik Usus geworden, und ein chen Protest aufgreift.SPD freien Lauf. Er zitierte Kurt Tuchol- Shitstorm findet ja vor allem dort statt. SPIEGEL: Sie waren doch diejenige, diesky, der die SPD einst mit einem Haus- Wir haben das vielleicht lange Zeit nicht Acta für die Bundesregierung mit ausge-hund verglich, der anders als der freiheits- wahrgenommen, aber mittlerweile ist das handelt hat. Warum haben Sie die Pro-liebende Wolf des Fressens wegen zum Internet prägend für viele Politikbereiche teste gebraucht, um aufzuwachen?Menschen gegangen war und nun traurig geworden. Das führt immer öfter dazu, Leutheusser-Schnarrenberger: Acta hat ge-an der Kette zerre. Es war der letzte Ver- dass unsere Positionen in Frage gestellt zeigt, dass manche Dinge öffentlich anderssuch, all jene zu demütigen, die ihm, dem werden. Zu dieser Auseinandersetzung verstanden werden, als sie ausgehandeltletzten Leitwolf, nicht bedingungslos fol- gehört offensichtlich auch der eine oder worden sind. Wenn wir sehen, wie vielegen wollten. andere Shitstorm. Man muss das nicht Leute es in ganz Europa gibt, die Acta Was Lafontaine nicht erwähnte, waren mögen, aber das ist halt so. nicht wollen, dann ist es richtig, diese Pro-die Eigenschaften des Leitwolfs. Wer es SPIEGEL: 2012 scheint das Jahr zu sein, in teste aufzunehmen und zu sagen: Wir be-nämlich wagt, in seinem Gefolge das dem die Macht des Netzes endgültig die treiben das vorerst nicht weiter. Wir kön-Maul aufzureißen, der wird weggebissen – Bundespolitik erreicht hat. Sie haben so- nen doch nicht so tun, als interessiertenauch wenn der Leitwolf sich damit selber uns die Sorgen der Menschen nicht. Dasschadet. Er kann sehr einsam enden. Das Gespräch führten die Redakteure Thomas Darnstädt haben wir früher vielleicht getan, und das MARKUS DEGGERICH, MARKUS FELDENKIRCHEN und Holger Stark. hat zur Politikverdrossenheit beigetragen.26 D E R S P I E G E L 2 4 / 2 0 1 2
  • 20. SPIEGEL: Die Proteste gegen Acta reißen zenten möchten die Abmahnerei von schäft machen. Sollen die sich hinter demnicht ab. Wie geht es weiter? Downloadern ausbauen: Im Gespräch ist Fernmeldegeheimnis verstecken können?Leutheusser-Schnarrenberger: Die Debatte ein Warnstufen-Modell, nach dem es Leutheusser-Schnarrenberger: Das könnenin Europa zeigt uns, dass die Regierungen beim dritten Verstoß richtig Zoff gibt. sie schon lange nicht mehr. Die Providerund das Europäische Parlament gar nicht Leutheusser-Schnarrenberger: Das halte ich sind ja jetzt schon in der Pflicht. Sie müs-wissen, wie sie vorgehen sollen. Der Eu- für extrem problematisch und habe mich sen eingreifen, wenn sie eindeutig rechts-ropäische Gerichtshof ist eingeschaltet deshalb dagegen ausgesprochen. widrige Inhalte entdecken. Die Gerichteund muss entscheiden. Es ist völlig unklar, SPIEGEL: Warum? haben diese sogenannte Störer-Haftungob vor einem Gerichtsvotum überhaupt Leutheusser-Schnarrenberger: Wenn es nicht immer weiter ausgebaut.etwas passiert. ein unverbindliches Vorwarnverfahren ist, SPIEGEL: Müsste nicht eine liberale Politi-SPIEGEL: Eine solche europaweite Ausein- sondern der Anfang rechtlicher Schritte kerin über neue Regelungen für die Nut-andersetzung um die Freiheit des Inter- gegen die Betroffenen, dann drohen er- zung urheberrechtlich geschützter Werkenets hat es noch nie gegeben. Überrascht hebliche Belastungen bei den Providern im Netz nachdenken, die sich mit wenigerSie die Vehemenz des Widerstands? und auch für die betroffenen User. Denn Kontrollaufwand durchsetzen lassen? EinLeutheusser-Schnarrenberger: Ich betrachte zum einen werden die Zugangsanbieter Modell wäre die Kultur-Flatrate, bei derdas als kleinen Vorgeschmack darauf, wie verpflichtet, riesige Datenmengen zu spei- eine Pauschale erhoben und unter dendas Netz und eine kritische Öffentlichkeit chern. Zum anderen müssen die Provider Autoren und Künstlern verteilt wird.die Politik verändern werden und wie die sämtliche Inhalte überprüfen, die über Leutheusser-Schnarrenberger: Ich weiß nicht,Bürger an politischen Prozessen teilhaben ihre Server gehen. Es muss ja alles doku- ob es etwas mit Liberalität zu tun hat, sichkönnen. Das muss nicht bedeuten, dass mentiert werden, damit nach dem ersten für eine Kultur-Flatrate auszusprechen,die Politik jedes Mal ihren Kurs korrigiert. Warnhinweis der zweite und der dritte nur weil das alte Urheberrecht an GrenzenAber wir merken, dass wir als Regierung, folgen können. gerät. Das wäre Zwangskollektivierung:Ministerin oder Abgeordnete immer öfter SPIEGEL: Diesen Weg favorisiert Ihr Par- Alle sollen in einen Topf wirtschaften.hinterfragt werden und eingestehen müs- teifreund, Wirtschaftsminister Philipp SPIEGEL: Die Union drängt auf härteresen, dass wir nicht immer eine Antwort Rösler. Strafen für illegale Downloader.haben. Und bevor wir etwas Leutheusser-Schnarrenberger:tun, bei dem wir am Ende Wir müssen weg von sol-feststellen, dass es eine ver- chen Forderungen, die Nut-heerende Wirkung hat, soll- zer immer weiter ins Un-ten wir lieber noch mal recht zu setzen. Wir bekla-nachdenken. Ich finde das gen doch, dass viele nichtgut so, weil es die Bürger- mehr das Gefühl haben, fürrechte stärkt. die geistigen Leistungen an-SPIEGEL: In der alten Acta- derer zahlen zu müssen.Version sollten Provider ver- Dieses Rechtsempfinden istpflichtet werden, bei Verstö- in Teilen der Gesellschaft,ßen gegen das Urheberrecht vor allem bei den Jungen,aufzupassen. Welchen Kom- nicht da. Daher müssen wirpromiss würden Sie mit- bei den Usern das Verständ-tragen? nis dafür wecken, welch ho-Leutheusser-Schnarrenberger: hen kulturellen Wert geisti-Der Streit konzentriert sich ge Leistungen haben. Res-auf die Urheberrechtsrege- pekt erzeugt man nicht mitlungen. In dem Abkommen der Keule des Strafgesetz-geht es aber in großen Tei- buchs.len um Patent- und Marken- SPIEGEL: Sie arbeiten jetztrechte. Da ist die Interessen- seit zweieinhalb Jahren anlage der Beteiligten ganz der Reform, ohne etwas vor-anders. Besser wäre es ge- legen zu können. Wann lie- KHANH RENAUD/SIPAwesen, von vornherein Mar- fern Sie?ken und Patente von der Leutheusser-Schnarrenberger:Frage der Urheberrechte zu Wir können nicht das ge-trennen. Wenn wir das Ur- samte Urheberrecht auf denheberrecht bei Acta aus- Acta-Gegner in Paris: „Die Proteste aufnehmen“ Prüfstand stellen, jedenfallsklammern, hätten wir we- nicht in dieser Legislaturpe-nigstens einen Bereich, in dem wir uns Leutheusser-Schnarrenberger: Wir haben riode. Damit muss man sich mittelfristigeinigen können. uns vergangene Woche verständigt, dass intensiv befassen. Nach der Sommerpau-SPIEGEL: Also ein eigenes Urheberrechts- die Warnhinweise wegen großer Probleme se werde ich einen Entwurf vorlegen, derabkommen? keine Lösung sind. Es ist für die Provider zumindest einige Details verbessert. WirLeutheusser-Schnarrenberger: So, wie wir unmöglich, jedes Mal zu entscheiden, ob wollen zum Beispiel die Möglichkeitenes ursprünglich bei Acta gedacht haben, ein Download rechtswidrig ist oder nicht. für Rechteinhaber erleichtern, an diekann es nicht bleiben. Das ist das Schwie- Bei gewissen Formen der Nutzung, etwa Mail-Adressen von illegalen Downloa-rigste: Wir müssen ehrlich gestehen, dass dem Streaming, hängt es sehr vom Einzel- dern zu kommen, um ihre Ansprüche gel-wir noch nicht die richtigen Instrumente fall und von technischen Details ab. Ganz tend zu machen. Die großen Linien kom-gefunden haben, um das Urheberrecht zu schweigen von Datenschutzfragen und men später. Das ist ein Riesenprojekt.im Netz überzeugend und umfassend zu dem Fernmeldegeheimnis, das bei Tele- SPIEGEL: Beim Thema Internet liegt dieschützen. kommunikationsverbindungen gilt. Koalition in vielen Punkten über Kreuz.SPIEGEL: Das ist doch die Kapitulation der SPIEGEL: Andererseits gibt es Anbieter, die Teile der Union plädieren zum BeispielPolitik. Künstler, Verleger und Produ- aus illegalen Downloads ein gutes Ge- für ein Ende der Anonymität im Netz. D E R S P I E G E L 2 4 / 2 0 1 2 27
  • 21. DeutschlandLeutheusser-Schnarrenberger: Wir erlebenderzeit ein Ringen darum, wie weit Mei-nungsfreiheit im Netz geht. Akzeptierenwir, dass es im Internet einen Pranger gibt,wo Leute angeklagt und verurteilt werden,ohne dass ein Gericht beteiligt ist? Damitwürden wir die unabhängige Justiz unter-laufen. Andererseits haben die Menschenein Recht darauf, ihre Meinungsfreiheitwahrzunehmen – auch durch die Anony-mität oder durch ein Pseudonym geschützt.SPIEGEL: Was spricht eigentlich dagegen,dass jemand, der eine Meinung äußert,dazu mit seinem Namen stehen muss?Leutheusser-Schnarrenberger: Diese Ent-scheidung sollte jedem selbst überlassenbleiben. Meinungsfreiheit hängt auch mitdem Recht zusammen, seine Ansicht zuäußern, ohne sich namentlich zu beken-nen, weil dadurch persönliche Nachteile HENDRIK SCHMIDT / DPAentstehen könnten. Bei einer Demonstra-tion muss ich ja auch nicht mit einem Aus-weis erscheinen. Oder nehmen Sie einForum, wo es um Krankheiten geht: War-um soll dort jemand unter seinem Klar-namen intime Dinge offenbaren?SPIEGEL: Und wo verlaufen die Grenzender Anonymität?Leutheusser-Schnarrenberger: Dort, wo diegeltenden Gesetze wie etwa das Teleme-diengesetz greifen. Sie dürfen auch im In-ternet nicht wahllos Menschen beleidigenoder betrügen, ohne dass im Zweifelsfalldie Strafverfolgung einsetzt. Bei Ebaykönnen Sie sich etwa mit einem Pseud-onym anmelden, aber dahinter steht IhrKlarname, den zumindest Ebay kennt.Mit einem plakativen Satz, dass man dieAnonymität im Internet verbieten will,wird man der Debatte jedenfalls nicht ge-recht.SPIEGEL: Sie meinen Bundesinnenminister HEIKO SEHRSAM / ACTION PRESSHans-Peter Friedrich (CSU), der nach denAnschlägen von Oslo ein Ende der An-onymität gefordert hatte.Leutheusser-Schnarrenberger: Ich habe denEindruck, dass mein Kollege hier in derZwischenzeit auch differenziert.SPIEGEL: Vergangene Woche ist im Internetflächendeckend eine neue Spielregel ein- Raubkopierer Dirk B.*, Musiker Jan Delay: „Hohe geistige Leistung“geführt worden, das InternetprotokollIPv6. Für jeden Internetnutzer ist jetzt SPIEGEL: Die privaten Daten der Internet- die Öffentlichkeit gelangen. Der Staattheoretisch eine individuelle Zahlenkom- nutzer wecken viele Begehrlichkeiten. wiederum muss steuern, welche Daten inbination vorrätig, die wie ein Fingerab- Die Schufa wollte sogar Facebook, Twit- das Scoring aufgenommen werden dürfendruck genutzt werden kann. Bekommen ter und Xing systematisch auswerten, um und welche in Bonitätsprüfungen nichtswir damit einen Personalausweis im Netz, mehr über jeden Einzelnen zu erfahren. zu suchen haben. Die Lösung liegt in ei-der die Anonymität aushebelt? Ist das nicht ein Musterbeispiel, wo der ner Änderung des Bundesdatenschutz-Leutheusser-Schnarrenberger: Wir müssen Staat seine Bürger schützen muss? gesetzes. Die Große Koalition hat dazuaufpassen, dass die neue Technik nicht Leutheusser-Schnarrenberger: Wofür über- 2008 nur einen halbherzigen Anlauf un-dazu führt, dass jeder User in seinem legt die Schufa, diese Daten zu verwen- ternommen, und seither hat sich an derSurfverhalten identifiziert werden kann. den? Auskunfteien, nicht nur die Schufa, Rechtslage nichts verbessert. Wir werdenDas neue Internetprotokoll darf nicht zu stellen aus frei verfügbaren Daten Sco- jetzt prüfen, was zu tun ist.einem Überwachungsinstrument werden. ring-Profile zusammen, die am Ende den SPIEGEL: Die Piraten haben in kurzer ZeitGlücklicherweise bietet das Protokoll die Ausschlag dafür geben, wie die Zahlungs- den Politikstil verändert wie zuletzt dieMöglichkeit, die Privatsphäre zu schüt- fähigkeit eines Kunden beurteilt wird. Grünen vor 30 Jahren. Warum fällt eszen. Zum Beispiel durch die Einstellung, Nicht nur bei Facebook, überall sollte den etablierten Parteien so schwer, daraufdass meine IP-Adresse nach 24 Stunden man darum aufpassen, welche Daten an eine Antwort zu finden?geändert werden kann. Das sollte jeder Leutheusser-Schnarrenberger: Am AnfangUser nutzen. * Am 8. Mai vor dem Landgericht Leipzig. haben wir die Piraten nur als eine Partei28 D E R S P I E G E L 2 4 / 2 0 1 2
  • 22. betrachtet, die sich mit einem einzigen findet sich dabei martialisch aufgebessert:Thema befasst, dem Netz. Was wir nicht P I R AT E N Unter der wehenden Piratenflagge kreu-gesehen haben, ist der Punkt, dass die zen sich bei der AG Waffenrecht zweiPartei auch von einem grundsätzlichenProtest gegen die herkömmliche Politiklebt. Jetzt müssen wir uns mit ihnen Feind Säbel. Dass die Arbeitsgemeinschaften nicht die offizielle Meinung der Piraten ver-inhaltlich auseinandersetzen. Es ist jainteressant zu beobachten, dass diePiraten zu vielen Punkten, selbst zumUrheberrecht, keine klare Position ha- an Bord treten, verrät nur ein Hinweis auf den jeweiligen Websites. Tatsächlich agieren die Gruppen wie Beiboote, die um das offizielle Piratenschiff herumtreiben. Eine Das Mitmachmotto der Piratenben. spricht nicht nur Parteimitglieder AG gründen oder bei ihr mitmachenSPIEGEL: Rechnen Sie damit, dass sich die kann jeder – und das vollkommen an-Partei dauerhaft etabliert? an. Auch Vertreter der Waffen- onym. Was in den Gruppen besprochenLeutheusser-Schnarrenberger: Wir können lobby haben die Liquid Democracy und entschieden wird, hat zwar keinennicht davon ausgehen, dass sich das für sich entdeckt. direkten Einfluss auf die Partei. ZuliefererPhänomen nach ein oder zwei Jahren er- von Ideen sind sie aber allemal. Eledigt hat. Ich gehe davon aus, dass die in verwegenes Vergnügen sollte es So können aus ihnen heraus die An-Piratenpartei eine gute Chance hat, kom- werden. Im sauerländischen Me- träge für die Parteitage entstehen. Immendes Jahr in den Bundestag einzu- schede wollten die Veranstalter Pis- Wahlprogramm von Baden-Württem-ziehen, ob mit 5,1 Prozent oder mit 8 tolen an die Mitglieder der Piratenpartei berg findet sich bereits 2011 ein PassusProzent. ausgeben. Vorderladerpistolen, versteht zum Waffenrecht, der dafür plädiert,SPIEGEL: Empfinden Sie die Piraten als Be- sich, so wie sie auch „bei den echten Frei- Sportschützen nicht „zu Sündenböckendrohung oder als Chance für die parla- beutern früher bekanntlich sehr beliebt für gesellschaftliche Probleme“ zumentarische Demokratie? waren“. Im freundlichen Wettkampf soll- machen. „Die Verschärfungen der Waf-Leutheusser-Schnarrenberger: Sie verändern te dann unter Aufsicht auf Zielscheiben fengesetze in den letzten Jahren dientendie Art der Auseinandersetzung, nicht geschossen werden. „Das knallt, stinkt vor allem dazu, Sicherheit vorzutäu-nur zu Internetthemen. Das ist grundsätz- und macht irre viel Spaß“, so der Ein- schen“, heißt es da. Eingebracht wurdelich nicht schlecht. ladungstext. der Antrag von einem gewissen Ralf. BeiSPIEGEL: Ist Liquid Democracy auch ein Geknallt hat es dann tatsächlich. Und der AG Waffenrecht ist er nach eigenemInstrument für die FDP? das noch vor dem „piratigen Vorder- Bekunden nur „passiver Beobachter“.Leutheusser-Schnarrenberger: Nicht in der laderschießen“. Ein Shitstorm von annä- Seinen Klarnamen wollte er nicht offen-fundamentalen Form, wenn Liquid De- hernd tausend Beiträgen brauste vergan- legen.mocracy bedeutet, die repräsentative De- genen Monat durch die Foren der Piraten. „Dass de facto jeder anonym Anträgemokratie mit gewählten Volksvertretern Die Empörung, die sich Bahn brach, lag einbringen kann, ist eindeutig eine Schwä-abzuschaffen und alles in die Hände der dabei weniger an dem „pi- che des Systems“, sagteinzelnen Nutzer zu legen. Wenn es dar- ratigen Schießen“ selbst, Ulrich Müller, Vorstands-um geht, mehr Menschen an demokrati- sondern an den Versen- mitglied beim Verein Lob-schen Prozessen partizipieren zu lassen, dern der Einladung: Hin- bycontrol. Besonders beimdann ist das wunderbar und auch etwas, ter der Piraten-Arbeits- Herzstück der Piraten,was ich mir jenseits der Piratenpartei vor- gemeinschaft Waffenrecht, dem Liquid-Feedback-Pro-stellen kann. die zu den Pistolen rief, gramm, ortet er „Klärungs-SPIEGEL: Sie sind eines der Kabinettsmit- stecken auch Waffenlob- bedarf“: „Die Piraten soll-glieder, die einen Twitter-Account einge- byisten des Vereins Pro- ten Klarnamen einführenrichtet haben. Twittern Sie selbst? legal. oder die ComputernutzerLeutheusser-Schnarrenberger: Nein, das Keine andere Partei in ihre Interessen deklarie-macht alles mein Büro. Wir twittern, um Deutschland legt so hohe ren.“Informationen zu verbreiten, aber eher Maßstäbe im Umgang mit Doch so viel Transpa-zurückhaltend. Lobbyverbänden an wie renz ist in der selbster-SPIEGEL: Ist es für Sie ein Zeichen von die Piraten. Transparenz Logo der AG Waffenrecht nannten Transparenzpar-Modernität oder von Peinlichkeit, wenn ist das Gebot, das die Par- „Piratiges Schießen“ tei nicht mehrheitsfähig.Ihr Kabinettskollege Peter Altmaier tei gern öffentlichkeits- Fabio Reinhardt, Piraten-(CDU) an einem Sonnabend twittert: wirksam zur Schau stellt. Erst im Januar Abgeordneter in Berlin, sieht zwar durch-„Der Anzug ist halt mein Blaumann. wies die Berliner Piraten-Fraktion Frei- aus „Diskussionsbedarf“ wegen der Klar-Aber heut ist Wochenende! :-)“. Oder karten von Hertha BSC und der Berliner namen in Liquid Feedback. Doch dass dieeine Statusmeldung wie diese absetzt: Philharmonie zurück. Partei von Lobbyisten gekapert werden„Mach mich jetzt mal kurz vom Acker. Doch nun zeigen ausgerechnet die könnte, glaubt er nicht: „Letztlich reinigtTwitter-Duschen sind herrlich, aber ich Freunde von Schießsport und Waffentech- sich das System von selbst.“hab auch noch ’n geografischen Wahl- nik, wie sich die parteieigene Mitmach- Andere Funktionäre wollen von Lob-kreis!“ Software der sogenannten Liquid Demo- bykontrolle noch weniger hören; den bür-Leutheusser-Schnarrenberger: (lacht) Twit- cracy für fremde Zwecke kapern lässt. gerlichen Namen offenzulegen gilt alstern beinhaltet nun mal, dass es einen be- Auf der Website der AG Waffenrecht, die Reizthema bei den Piraten. Klaus Peu-stimmten, sehr persönlichen Stil gibt, um von zumindest einem Prolegal-Mitglied kert, Beisitzer im Bundesvorstand unddie Leute zu erreichen. Das muss jeder mitgegründet wurde, findet sich ein Flyer zuständig für Liquid Feedback, will anselbst wissen. Ich möchte den Leuten zum Download („Studien belegen, dass Programm und Prozeduren nichts än-nicht mitteilen, ob ich mit einem rot- legale Waffenbesitzer besonders rechts- dern: „Es ist letzten Endes egal, von wemschwarzen Kostüm statt einem blau-gel- treue Bürger mit verschwindend gerin- die Anträge tatsächlich kommen“, sagtben ins Wochenende gehe. gem Anteil an Strafdelikten sind“). er. „Man muss die Partei und den Partei-SPIEGEL: Frau Ministerin, wir danken Ih- Auch Druckvorlagen für T-Shirts stellt tag überzeugen.“nen für dieses Gespräch. die AG bereit. Das Logo der Piraten ANDREAS MACHO D E R S P I E G E L 2 4 / 2 0 1 2 29
  • 23. Deutschland MARTIN JEHNICHEN / DER SPIEGELMarktplatz im sächsischen Geithain: Im Mai standen sie wieder vor seinem Laden, zu zehnt, vermummt und mit Messern bewaffnet RECHTSEXTREMISMUS „Florian, wir kriegen dich“ Auf dem Land in Sachsen treiben Neonazis ungeniert und ungestört ihr Unwesen. Wer sich dem alltäglichen Terror entgegenstellt, wird eingeschüchtert und verfolgt.Sachsen im Mai 2012. Zwei Männer über- Krumbholz zog vor 19 Jahren mit ihrem recherchiert sie in rechtsextremen Inter-fallen in Bautzen einen kolumbianischen Ehemann aus Leipzig 40 Kilometer in den netforen und Blogs. Sie fährt auf Demon-Austauschschüler, beleidigen ihn, treten Südosten, nach Geithain. Die Kinder soll- strationen und hat die „Initiative für einauf ihn ein. In Hoyerswerda belagern ten behütet aufwachsen. Ohne Krimina- weltoffenes Geithain“ gegründet.Rechtsradikale das Büro einer Bundes- lität, ohne Drogen, weit weg von den Ge- Kerstin Krumbholz hat es sich zur Le-tagsabgeordneten, zerschlagen die Schei- fahren der Großstadt. Lutz Krumbholz bensaufgabe gemacht, gegen Neonazis zube und attackieren einen Mitarbeiter. In arbeitet als Schornsteinfeger, Kerstin kämpfen. Es ist ein aussichtsloser KampfLimbach-Oberfrohna greifen Neonazis Krumbholz erledigt im Betrieb die Buch- auf dem Land in Sachsen.ein alternatives Bildungshaus an. Ein haltung. Gemeinsam kümmerten sie sich Sieben Monate sind vergangen, seit be-Sprengsatz explodiert vor der Pizzeria um die Erziehung der Kinder. kannt wurde, dass deutsche BehördenBollywood in Geithain, sie gehört einem Rechtsextremismus kannte Kerstin mehr als ein Jahrzehnt lang blind warenPakistaner. Krumbholz nur aus den Nachrichten: bei den Taten der Zelle, die sich „Natio- wenn irgendwo in Deutschland Asylbe- nalsozialistischer Untergrund“ (NSU) werberheime brannten oder die NPD in nannte. Politiker beteuerten, genauer hin-K erstin Krumbholz, 50, sitzt im ein Landesparlament einzog. Mit ihrem sehen zu wollen. Doch nichts passiert. Wohnzimmer ihres Einfamilien- eigenen Leben hatte das nichts zu tun. „Was in Sachsen geschieht, ist ein Skan- hauses im Leipziger Land und Bis ein Neonazi ihren Sohn schwer ver- dal“, sagt Hajo Funke, Politikwissen-sagt: „So sieht die Hölle aus.“ Auf dem letzte, beinahe tötete. schaftler aus Berlin. In keinem anderenTisch hat sie Zeitungsartikel über Neo- Der Rechtsradikale überfiel Florian, da- Bundesland seien die Neonazis so domi-nazis ausgebreitet, Flugblätter, Plakate – mals 15 Jahre alt und Punk, im Mai 2010 nant, aber die Regierung weigere sich zuDokumente des täglichen rechtsex- an einer Tankstelle. Er schlug ihm den handeln.tremen Terrors in Sachsen. „Die Men- Schädel ein. Florian lebt seitdem mit ei- Im Bürgerhaus in Geithain treffen sichschen in den Städten machen sich keine ner Titanplatte im Kopf, aus Geithain zog Mitglieder der Initiative für ein weltoffe-Vorstellung davon, was auf dem Land er fort. Seine Mutter war bis zu dem An- nes Geithain. Kerstin Krumbholz hat Mo-los ist.“ griff kein politischer Mensch. Doch nun hammad Sayal eingeladen, den Betreiber30 D E R S P I E G E L 2 4 / 2 0 1 2
  • 24. JENS PAUL TAUBERT Rechtsradikale Demonstranten in Geithain 2008: Die „Kameradschaften“ bauen ihre Macht aus der Pizzeria Bollywood, die am Wochen- 6000 Menschen in dem Ort. Der Markt- zialismus kann nicht gewählt oder erbet- ende zuvor überfallen wurde. Sayal er- platz ist saniert, aber die Straßen sind telt werden. Er kann nur auf dem Weg zählt, wie er seit der Eröffnung des Re- leer. Wer jung ist und Arbeit sucht, zieht der Revolution erkämpft werden.“ Tripp staurants vor fünf Monaten von Neonazis nach Leipzig oder gleich in den Westen. ist ein Führungskader des „Freien Netzes“ drangsaliert worden ist: In der ersten Die etablierten Parteien zogen sich zu- (FN), eines Zusammenschlusses militanter Nacht schlugen sie ihm die Scheibe ein. rück, die Rechtsextremen breiteten sich „Kameradschaften“ in Deutschland. Im Mai standen sie wieder vor seinem aus, vor allem seit der Neonazi Manuel Hervorgegangen ist das Freie Netz aus Laden, zu zehnt, vermummt und mit Mes- Tripp 2009 für die NPD in den Stadtrat dem „Thüringer Heimatschutz“, einer sern bewaffnet. Sie traten gegen die Tür. einzog. Gruppe von Neonazis, der auch die NSU- Sie warfen einen Stein durchs Fenster und Der 23-Jährige studiert Jura in Leip- Terroristen angehört hatten. In Sachsen brüllten: „Scheiß Ausländer, wir kriegen zig und inszeniert sich als Kümmerer: wird das FN von Maik Scheffler ange- dich. Wenn du nicht von hier verschwin- Über seine Homepage ist er für die Bür- führt, dem stellvertretenden Landesvor- dest, bringen wir dich um.“ Eine Woche ger immer erreichbar. Er twittert über die sitzenden der NPD. Scheffler ist wegen später explodierte der Sprengsatz. Stadtratssitzungen und gibt das „Geithai- gefährlicher Körperverletzung und uner- Die Morde des NSU blieben auch des- ner Sprachrohr“ heraus, ein Lokalblatt laubten Waffenbesitzes vorbestraft. halb so lange unentdeckt, weil Behörden mit Artikeln über den Ärztemangel in Gemeinsam mit Tripp ist es ihm gelun- und Öffentlichkeit die Täter im Umfeld Ostdeutschland oder das örtliche Schüt- gen, in der Region zwischen Chemnitz der Opfer vermuteten. Auch in Geithain zenfest; er setzt sich für den Tierpark ein und Leipzig innerhalb weniger Jahre ge- behaupten viele, dass keine Rechtsextre- und organisiert mit seinen Kameraden festigte neonazistische Strukturen zu men, sondern Landsleute Sayals hinter Fußballturniere und Herbstlager, bei de- etablieren. Und die Kameradschaften dem Anschlag steckten: Es gehe um Geld- nen die Teilnehmer in Militäruniform bauen ihre Macht aus. „Von Kadern des streitigkeiten, Familienfehden. durchs Leipziger Land wandern. Freien Netzes geht in Sachsen immer Geithain war bis kurz nach der Wende Was ihn antreibt, zeigt sich bei anderen wieder Terror aus“, sagt Kerstin Köditz, eine Kreisstadt, in der Region wurde Koh- Anlässen. Dann sagt er Sätze, die verfas- Rechtsextremismus-Expertin der sächsi- le gewonnen. Heute leben noch knapp sungsfeindlich sind: „Der nationale So- schen Linken. Bayern ist um ein Verbot des FN-Süd bemüht. Doch ausgerechnet in dem Bun- DEUTSCHLAND desland, in dem sich das NSU-Trio mehr als zehn Jahre lang verstecken konnte, ist die Regierung zurückhaltend. Sachsens Leipzig Geithain Innenminister Markus Ulbig (CDU) be- Sachsen Colditz wertet das Freie Netz lediglich als „In- Dresden ternetportal“, als eine Art Facebook fürMARTIN JEHNICHEN / DER SPIEGEL Nazis. Sachsen habe kein signifikantes Chemnitz Problem mit Rechtsradikalismus, sagt Mi- 40 km nisterpräsident Stanislaw Tillich (CDU). Während im Geithainer „Bürgerhaus“ Geithainerin Kerstin Krumbholz und ihre Mitstreiter Krumbholz TSCHECHIEN über rechtsradikale Gewalt diskutieren, versammeln sich vor der Total-Tankstelle D E R S P I E G E L 2 4 / 2 0 1 2 31
  • 25. Deutschlandam Ortseingang junge Männer. Sie lassen ren wurden Dienststellen geschlossen und Nur noch wenige Menschen wagen es,ihre Wagen aufheulen, hören lauten Reviere zusammengelegt, die Polizeire- sich den Neonazis entgegenzustemmen.Rechtsrock, trinken Bier. Im Laufe des form des sächsischen Innenministeriums Uwe L., ein Elektrohändler, hat es ver-Abends kommen Kameraden hinzu. Man- sieht weitere Einsparungen vor. Ermitt- sucht. Er gründete in Colditz ein „Bünd-che heben die Hand zum Hitlergruß. lungsakten des sächsischen Landeskrimi- nis gegen Rechts“ und organisierte Kon-Wenn Kunden sie für einen Moment zu nalamts dokumentieren die Resignation zerte. Doch die Neonazis griffen mehr-lange anstarren, brüllen sie: „Scheiß Ju- und Gleichgültigkeit der Beamten. mals seinen Laden an, schlugen diedensau, ich knall dich ab.“ Beschrieben wird der Anschlag, den Scheiben ein, beschmierten die Wände, An der Mittelschule in Geithain gelten rechtsextreme Gewalttäter vor vier Jah- beschädigten sein Auto, bedrohten seinedie Rechtsextremen als die Coolen, die ren auf ein Geschäftshaus in Colditz, ei- Söhne. Der Mann gab auf. „Ich hätte dasRebellen. Jugendliche, die sich den Neo- nem Nachbarort Geithains, verübten. Die finanziell und psychisch nicht durchge-nazis verweigern, werden auf dem Schul- Abschrift des Polizeinotrufs zeigt, dass standen“, sagt er.hof mit „Heil Hitler“ oder „Verpiss dich, bereits am späten Nachmittag Anrufe be- Auch in Colditz sitzt die NPD im Stadt-Kanake“ begrüßt. Auf Klassenfahrten ma- sorgter Bürger bei der Polizeidirektion rat, Rechtsradikale engagieren sich imlen sich manche Mädchen mit Sonnen- Westsachsen eingingen. Bis zum Abend Förderverein der Mittelschule, im Fuß-creme Hakenkreuze auf die Haut. waren es mehr als ein Dutzend. ballverein, im Kanuverein. Den Jugend- Wer sich der Ideologie widersetzt, wird 19.49 Uhr. Eine Anruferin: „Auf dem club der Stadt führt der Sohn des Bür-eingeschüchtert und verfolgt. Nach einer Sophienplatz in Colditz geht jetzt gleich germeisters gemeinsam mit einem be-Lesung von Günter Wallraff im April was los hier.“ „Was geht ’n da los?“ „Die kannten Neonazi. Zu Kindergartenfestenschmierten Neonazis Parolen auf die Stra- Maskierten sind ja alle hier unten.“ „Ja erscheinen Eltern in T-Shirts mit der Auf-ße vor dem Bürgerhaus, „Wallraffe nach und?“ „Die treten hier unten alles ein.“ schrift „Eisenbahnromantik Auschwitz“.Afrika“, und sie bedrohten die Bürger- 19.51 Uhr. Ein Anrufer: „In Colditz auf Frank Hammer von der Mobilen Bera-meisterin und einen Politiker der Links- dem Sophienplatz stehen über 50 ver- tung gegen Rechtsradikalismus in Sach-partei. Der Pfarrer wandte sen sagt: „Es ist ruhig in dersich in einem offenen Brief Region. Aber nur, weil diegegen die Rechtsextremen. Neonazis hier inzwischen al-Am folgenden Tag waren die les kontrollieren.“Wände seiner Kirche mit Als Geithain im Juni vori-Graffiti überzogen. gen Jahres sein 825-jähriges Die Neonazis veröffentli- Bestehen feierte, genehmigtechen Fotos, Namen und Bürgermeisterin Romy BauerAdressen ihrer Gegner im In- (CDU) einen Stand der Neo-ternet. In einem Schreiben nazis. Tripp und seine Kame-der „Anti-Antifa“ an Geithai- raden verteilten Kuchen, bau-ner Linke heißt es, diese ten ein Glücksrad auf und lie-müssten mit „Erziehungs- fen beim Umzug in der erstenmaßnahmen, Hausbesuchen Reihe. Hätte sie die Genehmi-und Autobeschädigungen“ gung verweigert, sagt Bauer,rechnen. Auch den Angriff wäre es auf dem Fest womög-auf Florian Krumbholz hat- lich zu Gewalttaten gekom-ten die Neonazis im Internet men. An einer Anti-rechts-angekündigt. In einem Video Demonstration der Initiativeriefen sie zur Gewalt gegen für ein weltoffenes Geithainihn auf: „Rote haben Namen, nahm sie nicht teil.Rote haben Adressen. Auf- Menschen, die sich in Sach-marschieren und Stärke de- Homepage des NPD-Politikers Tripp: In Uniform durchs Leipziger Land sen gegen Rechtsradikalismusmonstrieren.“ Wenige Wo- engagieren, klagen über man-chen vor der Tat, am Karfreitag 2010, be- mummte Gestalten.“ „Und warum rufen gelnde Unterstützung. Kerstin Krumb-sprühten Neonazis die Garage der Fami- Sie an?“ „Weil diese Gestalten unten ge- holz tut sich schwer, Mitstreiter für ihrelie Krumbholz. „Rotfront verrecke“ und gen ein Haus treten, schlagen, Sprengkör- Initiative zu gewinnen, derzeit sind es„Florian, wir kriegen dich“. per werfen.“ nur acht. Als sie im vergangenen Jahr ein Der Überfall an der Tankstelle dauerte 20.04 Uhr. Eine Anruferin: „Die haben Fest gegen Rechtsradikalismus feierten,nur wenige Sekunden. Auf dem Über- beim Sophienplatz alles eingeschlagen. hätten sie keine Bäckerei in Geithain ge-wachungsvideo ist zu sehen, wie der Tä- Und die wollten auch hier oben beim Ju- funden, die ihnen Kuchen verkaufen woll-ter Florian mit dem Fuß gegen die Brust gendclub irgendwas anstecken. Habe ich te, erzählt Krumbholz.tritt, dann drischt er ihm mit der Faust mitgehört.“ „Also wenn Sie Beschädigun- Nach der Sitzung ihrer Initiative stehtauf die Stirn. Der Angreifer, Albert R., gen festgestellt haben, können Sie jeder- sie auf der Straße vor dem Bürgerhaus inkam in erster Instanz trotz einschlägiger zeit zur Anzeige aufs Polizeirevier gehen.“ Geithain und zündet sich mit zittrigerVorstrafen mit einer Bewährungsstrafe 20.43 Uhr. Eine Anruferin: „Ich habe Hand eine Zigarette an. Noch immer ver-davon, in zweiter Instanz fiel das Urteil vorhin angerufen, ich brauche die Polizei folgen sie die Erinnerungen an den An-härter aus. hier. Wir haben schon vorhin gesagt, schi- griff auf ihren Sohn. Bis heute habe sie Albert R. aber wird unterdessen bereits cken Sie jemanden.“ „Ja, aber wenn ich keiner ihrer Nachbarn darauf angespro-die nächste Tat zur Last gelegt: Gemein- keine habe.“ „Bitte, bitte schicken Sie je- chen. Kein Wort des Mitleids, kein Wortsam mit zwei Kameraden überfiel er eine manden.“ des Bedauerns. Die Geithainer täten so,Gruppe junger Männer. Sie sprühten ih- 20.44 Uhr. Ein Anrufer: „Die haben als hätte es den Überfall nie gegeben.nen Reizgas ins Gesicht, R. prügelte mit schon viermal die Scheibe eingedroschen.“ Krumbholz wischt sich Tränen aus demeiner Bierflasche auf ein Opfer ein. „Und was soll ich da jetzt machen? Soll Gesicht. „Müssen erst Menschen sterben, Viele Bürger fühlen sich von der Polizei ich mich jetzt dahin vor die Scheibe stellen, bevor sich hier etwas ändert?“alleingelassen. In den vergangenen Jah- oder wie haben Sie sich das gedacht?“ MAXIMILIAN POPP32 D E R S P I E G E L 2 4 / 2 0 1 2
  • 26. gang Nešković, Justitiar der Linken-Bun- destagsfraktion, kritisiert: „Eine zentrale Staatsanwaltschaft für Soldaten schafft gefährliche Nähe zwischen Justiz und Bundeswehr.“ Gegner des Gesetzesvorhabens können sich auf Erfahrungen aus Ländern wie den USA berufen. Dort werden Soldaten vor Militärgerichte gestellt. Die Bilanz der vergangenen Jahre ist erschreckend. Zu oft kommen Soldaten mit lächerlichen Strafen davon. Erst in diesem Jahr wurde der Ameri- kaner Frank Wuterich verurteilt. Er hatte SEBASTIAN WIDMANN / DDP IMAGES / DAPD 2005 im irakischen Haditha ein Massaker zu verantworten, bei dem 24 Menschen starben, darunter Frauen und Kinder. Die Strafe stand in keinem Verhältnis zu der Tat. Wegen „Dienstpflichtverletzung“ wurde er degradiert, sein Sold gekürzt. In Deutschland besteht seit 1956 prin- Deutsche Soldaten bei Kunduz zipiell die Möglichkeit, eine Wehrstraf- gerichtsbarkeit einzuführen. Damals er- gänzte man das Grundgesetz entspre- Geht es nach dem Willen der schwarz- chend. Doch umgesetzt wurde diese RECHTSPRECHUNG gelben Koalition, soll sich ein derartiger Option nie. Zu groß war die Angst vor Fall nicht wiederholen. Ende Juni wird öffentlicher Kritik.Gefährliche Nähe der Bundestag ein entsprechendes Gesetz verabschieden. Künftig ist für alle Straf- taten, die deutsche Soldaten im Auslands- Und so machten sich Juristen im Bundesjustizministerium heimlich daran, eine eigenständige Militärjustiz zu pla- Die Koalition plant eine Spezial- einsatz begehen, die Staatsanwaltschaft nen. Die Gesetzesentwürfe blieben in staatsanwaltschaft für die Kempten im Allgäu zuständig. Wer als den Schubladen. Mit der Ausbildung Bundeswehr. Kritiker fürchten Bundeswehrsoldat am Horn von Afrika begann man schon mal. Etwa 900 einen Computer klaut oder im Kosovo Militärjuristen in spe flogen bis nach die Wiedereinführung der irrtümlich Kinder erschießt, soll in Zu- Sardinien oder Kreta, um dort in simu- Militärjustiz durch die Hintertür. kunft immer von den Ermittlern der zen- lierten Gerichtsverhandlungen zu üben. tralen Schwerpunktstaatsanwaltschaft zur Als diese heimlichen Kriegsspiele 1984D er dunkle Wagen macht eine Voll- Rechenschaft gezogen werden. publik wurden, war der Spuk zu Ende. bremsung, Staub wirbelt auf, we- Jörg van Essen, der Parlamentarische Die neue Schwerpunktstaatsanwalt- nige Meter vor den Kameraden Geschäftsführer der FDP, hatte das Vor- schaft in Kempten hat mit solchen Plänenkommt er zum Stehen. Schüsse fallen. haben nach den tödlichen Schüssen im nur wenig zu tun. Die Juristen im AllgäuDer Wagen gibt wieder Gas. Der Soldat August 2008 vorangetrieben. Der Soldat sind Zivilisten. Sie tragen keine Uniformentsichert sein Maschinengewehr, dann habe einen Anspruch darauf, „dass sich unter der Robe. Der Jurist und Historikerdrückt er ab. sachkundige Juristen mit seinem Fall be- Helmut Kramer befürchtet dennoch die Eine Frau und zwei Kinder sterben. fassen“, sagt der frühere Oberstaats- Wiedereinführung der Militärjustiz „durchDer Soldat hielt sie für Feinde. Er konnte anwalt und Oberst der Reserve. die Hintertür“.nicht erkennen, wer in dem Wagen saß. Doch warum sollen Soldaten juristisch Mit der beabsichtigten Verfahrenskon-Es war dunkel und die Lage unübersicht- bevorzugt werden? Er sei „sehr skep- zentration auf wenige, im Ergebnis hand-lich. In jenem August 2008 tötete ein Bun- tisch“, sagt Omid Nouripour, der vertei- verlesene Juristen werde „dasselbe Zieldeswehrsoldat zum ersten Mal afghani- digungspolitische Sprecher der Grünen, erreicht wie mit einer echten Bundes-sche Zivilisten. Irrtümlich. denn eine Zentralisierung der Justiz kön- wehrjustiz“. Die Unabhängigkeit der Es kam, wie es die deutsche Rechtsord- ne zu einer Sonderrechtsprechung füh- Richter in Deutschland sei schließlich vornung bis heute vorsieht. Weil Bundes- ren. Und der frühere Bundesrichter Wolf- allem dem Nebeneinander der vielen Ge-wehrsoldaten auch im Auslandseinsatz richte und Richter zu verdanken.dem deutschen Strafrecht unterliegen, Auch der Militärhistoriker Wolframnahm in Frankfurt (Oder), beim Heimat- Wette befürchtet, dass nun gezielt Staats-standort des Schützen, eine Staatsanwäl- anwälte eingesetzt werden könnten, dietin die Ermittlungen auf. Den Tatort, Tau- militärnah seien. „Hier werden die Leh-sende Kilometer entfernt, konnte sie sich ren aus der Geschichte vergessen.“ Die SÖREN STACHE / PICTURE ALLIANCE / DPAnur auf Bildern ansehen, Ermittlungen beiden Historiker haben das blutige Un-vor Ort waren nicht möglich, man ver- recht der Militärjustiz zur Zeit des Natio-suchte, den Tathergang auf dem Truppen- nalsozialismus in zahlreichen Studien auf-übungsplatz Hammelburg nachzustellen. gearbeitet.Nach knapp neun Monaten wurde das Sie mahnen, die Geschichte der Wehr-Verfahren eingestellt. machtjuristen nicht zu vergessen, die Die Staatsanwältin könne die Situation Deutschland noch lange nach dem Zwei-eines Soldaten im Auslandseinsatz nicht ten Weltkrieg beschäftigten. So musstebeurteilen, kritisierte damals der Bundes- FDP-Politiker van Essen 1978 Hans Filbinger als baden-württem-wehrverband. „Anspruch auf sachkundige Juristen“ bergischer Ministerpräsident zurücktre- D E R S P I E G E L 2 4 / 2 0 1 2 33
  • 27. Deutschlandten, nachdem bekannt wurde, dass erkurz vor Kriegsende als Marinerichter anTodesurteilen gegen Deserteure beteiligtgewesen war. „Furchtbare Juristen“ wieFilbinger hatten im Krieg insgesamt30 000 Todesurteile verhängt. Selbst die schärfsten Kritiker des ge-planten Gesetzes befürchten nicht, dassin Kempten die unselige deutsche Militär-justiz wiederbelebt wird, aber sie verwei-sen auf das Jahr 2009. Damals lehnte derCDU-Verteidigungsminister Franz JosefJung einen Richter für den 2. Wehrdienst-senat des Bundesverwaltungsgerichts ab.Dieser war Wehrdienstverweigerer gewe-sen. Den Job bekam dann ein Jurist, derbrav gedient hatte. M. LAEMMERER/HELGA LADE Das Gesetz, das dem Minister die um-strittene Intervention ermöglichte, ist in-zwischen abgeschafft. Die Versuche derEinflussnahme sind es nicht. Ursprünglich sollte die Schwerpunkt-staatsanwaltschaft in Potsdam angesiedeltwerden. Nachdem dort eine rot-rote Flughafen München, Frachtkontrolle: „Ob Mehl, Marzipan, Schokolade oder Sprengstoff, keinLandesregierung die Macht übernommenhatte und die Linke den Justizministerstellte, suchte die Bundesregierung plötz-lich einen anderen Standort – erst Leipzig, SICHERHEITschließlich Kempten. Dort also, wo CSU-Mehrheiten sicher scheinen. „Die Justizminister haben ein direktesWeisungsrecht an die Staatsanwaltschaf-ten. Mit der Verlegung nach Bayern hat Gift fürs Geschäftdie Politik für die Bundeswehr ein güns- So genau der Fluggast geprüft wird, so lax sind die Kontrollentiges Entscheidungsumfeld geschaffen“, im Laderaum. Die Bundespolizei will die Luftfrachtsagt der linke Rechtsexperte Nešković. Doch auch ohne die Verlegung nach schärfer überwachen – das Finanzministerium lieber sparen.Bayern wird die kontinuierliche Zusam- Amenarbeit zwischen den Kemptener Er- m Mittwoch ging es mal wieder Deutschland fliegt in Passagiermaschinenmittlern und den Rechtsberatern der um alles. Die nationale Sicherheit. mit. Doch in der Praxis hat sich einein-Bundeswehr für eine Vertrautheit sorgen, Und ihre Bedrohung durch einen halb Jahre später wenig verändert.die problematisch ist. Denn im Gegensatz Plastikbeutel. Die meisten Pakete gehen ohne Kon-zu Schwerpunktstaatsanwaltschaften wie Am Hamburger Flughafen stand ein äl- trolle auf den Luftweg. Stichproben die-etwa für Wirtschaftskriminalität werden terer Herr an der Handgepäckkontrolle nen mehr der Beruhigung als der Sicher-sich die Ermittler stets mit derselben In- und musste Shampoofläschchen und heit. Und selbst um diese sporadischestitution befassen: der Bundeswehr. Zwei Zahnpastatube vorzeigen. Die hatte er in Überwachung ist ein heftiger Streit in derbis drei Staatsanwälte aus Kempten wer- eine Tüte gesteckt, durchsichtig, aber nicht Bundesregierung entbrannt. Das Innen-den immer wieder mit denselben Juristen wiederverschließbar. Die Wahrscheinlich- ministerium möchte bei der Transfer-der Bundeswehr zu tun haben. Bei 50 Fäl- keit, dass der Mann ein Terrorist war, ging fracht aus Nicht-EU-Ländern häufigerlen, die pro Jahr erwartet werden, wird gegen null Komma nichts. Trotzdem muss- kontrollieren, mit mehr Sprengstoffspür-man sich wohl bald gut kennen. te er aus dem Automaten einen anderen hunden, mehr Technik. Doch das Finanz- Der Deutsche Anwaltverein hält eine Beutel ziehen, genormt, ein Liter, mit ministerium hat den Katalog zusammen-Sonderbehandlung der Bundeswehr für Zipp-Verschluss. Denn Vorschriften sind gestrichen – sonst koste es zu viel.überflüssig: „Spezialkenntnisse in recht- Vorschriften, und die für die Passagier- Die Kassenwarte setzen darauf, dasslicher und tatsächlicher Hinsicht werden sicherheit sind streng bis zur Absurdität. dank einer EU-Regelung 2014 ohnehin al-allen Gerichten in den unterschiedlichs- An anderer Stelle wird dagegen nicht les besser wird. Die Bundespolizei aberten Verfahren zugemutet“, schreiben die so genau hingeschaut – oder ganz wegge- erwartet davon nicht viel: „Eine hundert-Juristen in einer Stellungnahme. schaut. Während die Fluggastkontrolleure prozentige Kontrolle von Luftfracht ist In Kempten freuen sie sich über die nichts und niemanden ungeprüft in den nicht geplant.“zusätzliche Arbeit. Und die Bundeswehr, Jet lassen dürfen, geht es beim Zugang Der Alltag auf deutschen Flughäfensonst eher verschlossen und zugeknöpft, zum Frachtraum der Maschinen lax zu. sieht aus wie in Halle 174 des Hamburgerempfängt die Ermittler mit offenen Ar- Dass im Oktober 2010 eine Paketbom- Flughafen-Frachthofs: Kartons, Holzkis-men. Die Staatsanwälte werden bei der be gefunden wurde, die aus dem Jemen ten, Metallboxen sind auf Paletten gesta-Bundeswehr gemeinsam mit Soldaten in in Europa gelandet war, hat einige Auf- pelt. Die Mitarbeiter der Luft-Hafen-Um-Seminaren für Rechtsberater ausgebildet. regung ausgelöst. Damals wurde vielen schlag KG (LHU) schauen kurz nach, obUnd eine Besichtigung des Einsatzfüh- Ferien- und Geschäftsfliegern klar, wie die Pakete ordentlich verpackt sind. Dannrungskommandos bei Potsdam gab es schnell es ihnen passieren könnte, auf ei- fahren Gabelstapler die Paletten zu einerauch schon. ner Bombe zu sitzen – rund die Hälfte Passagiermaschine, die nach Dubai geht. ULRIKE DEMMER der 4,4 Millionen Tonnen Luftfracht in Sicherheits-Check? Mal wieder keiner.34 D E R S P I E G E L 2 4 / 2 0 1 2
  • 28. das im Ausland zuverlässig kontrolliert werden soll, ist jedoch unklar. Der Verdacht, dass die Risiken damit unkalkulierbar wachsen, führt in Deutsch- land nun zum Streit zwischen Innen- und Finanzministerium. Nach dem Schock über die Jemen-Bombe hatte die Regie- rung eine interministerielle Arbeitsgrup- pe eingesetzt. Die sollte auch Vorschläge für die Bundespolizei machen. Bis dahin hatte sich der Zoll um die Fracht gekümmert, allerdings weniger nach Sprengstoff gesucht, mehr nach Rauschgift. Das, fand das Innenministe- rium, reichte nun nicht mehr. Schnell einigen konnte man sich noch GREGOR SCHLÄGER / DER SPIEGEL darauf, dass die Bundespolizei 57 Berater in Risikostaaten schickt, die auf die Stan- dards beim Versand nach Deutschland achten sollen. 2011 kamen aus solchen Ländern rund 960 Tonnen Luftfracht; die ersten zwei Beamten werden im Sommer nach Abu Dhabi und Nairobi gehen.Unterschied“ Weit schwerer tat sich das Innenressort aber mit dem Wunsch, dass Bundespoli- Von den 27 500 Tonnen Fracht, die je- sicher. Sprengstoffe sind auf diese Weise zisten Fracht auf deutschen Flughäfen des Jahr an Hamburgs Airport umgeschla- kaum zu erkennen. „Ob Mehl, Marzipan, überprüfen. Die Truppe will sich mit dem gen werden, laufen gerade 20 Prozent Schokolade oder Sprengstoff, kein Unter- Zoll speziell die Transfergüter vornehmen, durch eine der drei Röntgenanlagen. Bun- schied“, heißt es im Handbuch für die die in Deutschland umgeladen werden – desweit liegt die Quote nur bei 10 bis 15 Hamburger Anlage. Auf dem Überwa- wie das Bombenpaket aus dem Jemen. Prozent. Die Wirtschaft fordert Tempo. chungsbildschirm sehen alle Stoffe gleich Geplant sind zwar nur Stichproben. Langwierige Kontrollen wären Gift für aus – orange. Deshalb konzentrieren sich „Sonst würden wir hier den ganzen Flug- ein Geschäft, auf das alle angewiesen die Prüfer auf andere Teile einer mögli- betrieb lahmlegen“, sagt eine Zollbeam- sind: Fluggesellschaften, Speditionen, die chen Bombe: „Kabel, Batterie, Zünder“, tin am Frankfurter Flughafen. Doch im- deutschen Exportfirmen. zählt LHU-Sicherheitsexperte Ingo Aß- merhin: Wäre es nach der Bundespolizei Aus Sicht der Wirtschaft wird genug mann auf. Nur wenn seine Leute auf et- gegangen, hätte sie sich nicht mehr auf kontrolliert – der Großteil der Absender was stoßen, das nach solchen Bauteilen die drei großen Frachtdrehscheiben sei doch bekannt, das Risiko gering. Rönt- aussieht, ziehen sie das Paket heraus, neh- Frankfurt, Köln/Bonn und Leipzig/Halle gen müsse man die Pakete normalerweise men eine Wischprobe und überprüfen die- beschränkt. Sie wollte an 14 Flughäfen nur, wenn man nicht so genau wisse, von se mit einem Sprengstoffspurendetektor. ausschwärmen. So steht es in einem in- wem sie kommen. Dass man sich auf diese Methode nicht ternen Memo des Innenministeriums. Da- Tatsächlich ließen sich in den vergan- verlassen kann, zeigten die Bomben aus für wären aber „weitere Sachmittel erfor- genen Jahren rund 65 000 Firmen etwa dem Jemen. Sie steckten in Druckern vol- derlich“, mehr Sprengstoffspürhunde und bei Speditionen oder Luftfahrtgesellschaf- ler elektronischer Bauteile; in einem Fall -detektionsgeräte, „die derzeit weder bei ten als „Bekannte Versender“ registrie- passierte der Sprengsatz unerkannt eine der Bundespolizei noch beim Zoll in aus- ren, um ihre Pakete ohne Kontrollen in Röntgenkontrolle. Entdeckt wurde eine reichender Zahl vorhanden sind“. die Flieger zu bekommen. der Jemen-Bomben erst auf dem engli- Für das Finanzministerium unnötige Bekannt, wie die Bezeichnung vermu- schen Flughafen East Midlands, nahe Not- Ausgaben. Mehr Hunde, mehr Technik, ten lässt, sind viele „Bekannte Versender“ tingham, nach einem Zwischenstopp in mehr Geld? Die Menge an hochriskanter allerdings nicht. Kaum jemand überprüfte Köln/Bonn. Und das auch nur dank eines Fracht sei „nach hiesiger Kenntnis mini- sie genau, gern glaubte man ihren Ver- Tipps, den saudi-arabische Sicherheitsbe- mal“, der geplante Aufwand viel zu hoch, sprechen, stets die Waren so bei der Spe- hörden gegeben hatten. Selbst mit diesem heißt es in einem Schreiben. dition abzuliefern, dass kein Fremder die Hinweis dauerte es aber noch Stunden, Dem Finanzministerium reichen die Chance hatte, etwas hineinzuschmuggeln. bis Sicherheitskräfte die Bombe tatsäch- Stichproben der Bundespolizei auf den Mit dieser Gutgläubigkeit ist immerhin lich aufspüren konnten. drei größten Flughäfen aus. Von den ge- Schluss, allerdings erst im kommenden Besser geeignet wären Sprengstoffde- forderten 16,4 Millionen für Ausrüstung März: Dann wird die Liste gelöscht. Alle tektoren, wie sie beim Handgepäck zum sollen deshalb nur 6,1 Millionen fließen. Firmen müssen einen neuen Antrag stel- Einsatz kommen. Doch Geräte, die so Selbst deren Bewilligung hängt aber noch len, diesmal beim Luftfahrtbundesamt. groß sind, dass man ganze Frachtpaletten fest, im Haushaltsausschuss des Bundes- Das will sich genau anschauen, ob die hindurchschieben könnte, gibt es nicht. tags. Die Abgeordneten wollen erst per Lieferkette so sicher ist wie behauptet, Umso kritischer sehen Experten der Gesetz geklärt haben, wer künftig für die und deutlich höhere Standards verlangen. Bundespolizei, dass sich die EU ab Juli Kontrollen zuständig ist: der Zoll oder Bis jetzt haben erst 264 Firmen das Zerti- 2014 weiterhin auch bei Paketen aus Nicht- die Bundespolizei. fikat bekommen. Weil ab März die Pake- Mitgliedstaaten in erster Linie auf Kon- Die Sache steht auf Wiedervorlage, te aller ungeprüften Versender geröntgt trollen anderer verlässt: der ausländischen nach einer Evaluation im Herbst. Viel- werden müssen, erwarten Experten ein Flughäfen, der Airlines und der Versender, leicht aber auch schon früher. Wenn es Chaos auf den Flughäfen. die Pakete auf die Reise schicken. Die sol- doch nicht gutgegangen ist. Die Röntgengeräte machen den Luft- len die Fracht checken und sich dafür von MATTHIAS BARTSCH, JÜRGEN DAHLKAMP, versand vermutlich sicherer – aber nicht den Europäern zertifizieren lassen. Wie HUBERT GUDE D E R S P I E G E L 2 4 / 2 0 1 2 35
  • 29. Deutschland E S S AY Steinzeit-Ökologen Warum das Klima nur mit mehr Wachstum zu retten ist Von Alexander NeubacherD ie Steinzeit ist nicht aus Mangel an Steinen zu Ende wir Menschen noch immer mit nacktem Hintern in einer Höhle gegangen. Vor rund 5000 Jahren kam einer unserer Vor- im Neandertal und schlügen unserem Kind den zufällig aufge- fahren auf die Idee, Kupfer und Zinn zu verschmelzen; lesenen Feuerstein aus der Hand. Nicht, dass es sich verbrennt.das war’s dann für die Steinzeit, die Bronze-Ära brach an. Und dann gibt es da noch das Nachhaltigkeitsprinzip. Es fin- Daran sollten wir denken, wenn uns nächste Woche die det sich ebenfalls im Protokoll der ersten Rio-Konferenz undmelodramatischen Appelle aus Rio de Janeiro erreichen, die hat eine nicht minder beeindruckende Karriere als das Vorsor-Horrorstorys vom Ende des Ölzeitalters, die Legende von den geprinzip gemacht. Alles muss heute irgendwie nachhaltig sein,Grenzen des Wachstums, die apokalyptischen Schilderungen unsere Ernährung, unser Einkaufsverhalten und sogar unsereder drohenden Klimakatastrophe. Banken wie die Hypo Real Estate,Also: Die Steinzeit ging nicht zu die sich in ihrem GeschäftsberichtEnde, weil alle Steine aufgebraucht unter der Überschrift „Nachhaltig-waren; die Ära der Pferdefuhrwer- keit“ dazu bekannte, „Verantwor-ke war nicht vorbei, weil plötzlich tung gegenüber der Gesellschaft zudie Gäule ausstarben. Und so dürf- übernehmen“, und zwar just in je-te auch das Zeitalter der fossilen nem Jahr, in dem sie vom Steuer-Brennstoffe nicht wegen zu wenig zahler mit einem MilliardenbetragÖl, Gas und Kohle zu Ende gehen, gerettet werden musste.sondern dadurch, dass den Men- Das Problem ist, dass der Vorsor-schen etwas Neues, Besseres einfällt. ge- und der Nachhaltkeitsgedanke GERARDO GARCIA / REUTERS Die Welt hat ein Klimaproblem. nicht auf der ganzen Welt geteiltDarüber besteht Einigkeit, ebenso werden, insbesondere nicht in jenendarüber, dass es nur durch weltweite Ländern, auf die es jetzt ankommt.Zusammenarbeit gelingen wird, es Chinesen, Inder und Brasilianer gie-zu lösen. Weil sich die klimaschäd- ren nach Wachstum und Fortschritt.lichen Kohlendioxid-Moleküle aus Während die EU demnächst alleden fossilen Brennstoffen gleichmä- Umweltaktivisten in Cancún 2010 Gefriertruhen vom Markt drängenßig über den Globus verteilen, spielt will, die nicht das neueste Ökosiegeles keine Rolle, wer sie in die Luft Zur Leitschnur tragen, wären viele Menschen inbläst. 20 000 Politiker, Funktionäre den Entwicklungs- und Schwellen-und Öko-Aktivisten aus der ganzen unseres Handelns wird der ländern froh, wenn sie überhauptWelt werden deshalb nächste Woche Besorgnisgrundsatz. einen Kühlschrank besäßen.zum Weltgipfel nach Brasilien reisen, Die erste fundamentale Fehlein-an sich keine schlechte Sache. schätzung der Steinzeit-Ökologen Das Problem bei der globalen Umweltbewegung aber besteht ist, dass die fortschrittshungrigen Staaten bereit sein werden,darin, dass sie weniger darüber nachdenkt, wie das Neue in auf Wachstum zu verzichten, wenn wir nur lange genug aufdie Welt kommt, sondern, im Gegenteil, darüber, wie es sich sie einreden und genügend Druck aufbauen. Und der zweite,verhindern lässt. Es müsste um Wachstum und Innovationen dahinterliegende Irrtum lautet, dass ein solches Verhalten fürgehen, stattdessen ist die Rede von „Vorsorge“ und „Nachhal- die Umwelt von Vorteil wäre.tigkeit“, womit im Grünsprech einiger Umweltfreunde Verzicht Wund Fortschrittsfeindlichkeit gemeint sind. Die Rio-Konferenz er sich mit Umweltschützern unterhält, mit Green-wird deshalb wohl genauso ergebnislos enden wie der vergan- peace, dem BUND oder den Vertretern von Attac,gene Klimagipfel in Durban, bei dem die Fachleute nächtelang wird schnell darüber aufgeklärt, dass das kapitalisti-über die Frage stritten, ob sie nun „rechtlich verbindlich“ oder sche Wachstumsmodell nicht auf die Schwellen- und Entwick-„mit Rechtskraft“ ins Protokoll schreiben. lungsländer übertragen werden dürfe, weil sonst die Erde kol- Fortschrittliche Technologien sind nur dann zuzulassen, wenn labiere. Es herrscht großes Misstrauen gegenüber der Wirkungs-ihre Harmlosigkeit bewiesen ist. So lautet das Vorsorgeprinzip, kraft der Marktwirtschaft. Die Erinnerung an die katastrophalendas die Teilnehmer der ersten Rio-Weltkonferenz vor 20 Jahren Umweltzustände in der Sowjetunion und in der DDR ist offen-zur Leitschnur ihres Handelns erklärten. Hätte es einen solchen bar verblasst. Wer weiß denn noch so genau, dass die Ost-In-Besorgnisgrundsatz schon früher gegeben – unser Leben sähe dustrie bei der Produktivität damals gerade mal 20 Prozent desanders aus. Dass sich Schutzimpfungen gegen Masern oder Rö- Westniveaus erreichte, beim Energieverbrauch aber 120 Prozentteln gegen das Vorsorgeprinzip jemals durchgesetzt hätten, darf und beim Schwefeldioxidausstoß sogar etwa 1000 Prozent?bezweifelt werden: zu gefährlich. Die Röntgentechnik: irre ris- Am besten, die Dritte Welt bliebe rückständig. So deutlichkant. Elektrizität: Finger weg. Oder der Flugverkehr: nach der spricht es zwar niemand aus. Aber der in Teilen der Öko-SzeneDoktrin der Restrisikovermeidung undenkbar. Womöglich säßen beliebte Plan, den Schwellenländern ein CO²-Kontingent zuzu-36 D E R S P I E G E L 2 4 / 2 0 1 2
  • 30. teilen, um es ihnen dann abkaufen zu können, läuft auf eine nimmt die Waldfläche derzeit stark zu, trotz steigender Bevöl-solche Sedierung hinaus. Die armen Länder sollen die Welt kerungszahlen. China forstet Millionen Hektar jährlich auf.mit Treibhausgasen verschonen; von uns würden sie stattdes- Die Frage ist nun, ob die Theorie auch für den Ausstoß dessen fürs Nichtstun bezahlt – ein Modell, dass sich mit den Still- klimaschädlichen Kohlendioxids gilt. Kritiker wenden ein, dasslegungsprämien und dem sogenannten Sofamelker in der EU- steigende Wirtschaftsleistung automatisch mit höherem Ener-Landwirtschaftspolitik bereits etabliert hat. gieverbrauch einhergehe, was zwangsläufig zu mehr CO²-Emis- Ein andere Idee sieht vor, einen Öko-Zoll auf Importgüter sionen führe.zu erheben, wenn diese unseren Vorstellungen von einer nach- Doch dieser Einwand ist falsch. Deutschland ist dafür derhaltigen Produktionsweise nicht genügen. Auf diese Weise beste Beleg. Seit der Wiedervereinigung ist es gelungen zu zei-ließe sich nicht nur dem nicht nachhaltigen Wirtschaftswachs- gen, dass Wirtschaftswachstum nicht automatisch zu mehrtum in den ärmeren Ländern ein Riegel vorschieben. Gleich- Treibhausgasen führen muss. Wir haben es geschafft, mit we-zeitig würde die heimische Industrie vor unliebsamer Konkur- niger Ressourcen mehr Wohlstand zu erwirtschaften. Dasrenz beschützt: Öko-Imperialismus pur. Bruttoinlandsprodukt stieg seit 1990 inflationsbereinigt um 30,7 Würde der Umwelt damit geholfen? Nein, im Gegenteil. Die Prozent, während der Ausstoß von klimaschädlichem CO² umgrüne Anti-Wachstums-Ideologie schadet der Umwelt. Die Vor- etwa 26 Prozent sank. 1990 wurden hierzulande noch 8,7 Giga-stellung, wir könnten den Drang der Schwellen- und Entwick- joule Primärenergie verfeuert, um 1000 Euro zu erwirtschaften.lungsländer bremsen, ist nicht nur unrealistisch, sondern kontra- 2010 waren es nur noch 6,2 Gigajoule. Die Energieproduktivitätproduktiv. stieg demnach um fast 40 Prozent, ein beträchtlicher Fortschritt. Man stelle sich ein Auto vor, das früher mit einer TankfüllungE s braucht ein gewisses Maß an Wohlstand, damit sich die von Hamburg bis nach München fuhr und es heute mit der Bevölkerung eines Landes für Ökologie interessiert. Wer gleichen Spritmenge bis nach Mailand schafft. ums Überleben kämpft, hat andere Sorgen als die Größe Hinter dieser Entwicklung steckt auch die Sanierung derseines CO²-Fußabdrucks. „Sind nicht Armut und Not die größ- Ex-DDR. Die schrottreifen Ost-Kraftwerke verschwandenten Umweltverschmutzer?“, sagte ebenso wie die stinkenden Trabis,Indiens damalige Ministerpräsiden- die Kohleöfen in den unsaniertentin Indira Gandhi, als die Vereinten Altbauwohnungen und die maro-Nationen 1972 in Stockholm ihre ers- den Fabriken. Die enormen Effi-te Umweltkonferenz abhielten. „Wir zienzgewinne der ersten Jahre nachwollen die Umwelt keineswegs wei- der Wiedervereinigung sind heuteter verschlechtern, doch wir können nicht mehr zu erzielen. Aber wirnicht für einen Moment die grau- können davon ausgehen, dass in dersame Armut einer großen Zahl von Industrie, im Verkehr und in unse-Menschen vergessen. Die Umwelt ren Wohnungen und Häusern nochkann unter den Bedingungen der Ar- immer gewaltige Effizienzreservenmut nicht verbessert werden.“ stecken. Wirtschaftswissenschaftler etwa Die Öko-Bewegung sollte sichder ETH Zürich haben empirisch un- daran gewöhnen, Fortschritt und ANDY WONG / APtersucht, welche Entwicklungsstufen Wachstum nicht als Problem, son-Länder nehmen, wenn das Brutto- dern als Lösung für ihre Umwelt-inlandsprodukt wächst. Es zeigt sich, sorgen zu betrachten. Der Eiffel-dass mit steigendem Wohlstand zu- Chinesisches Kohlekraftwerk turm in Paris ließe sich heute pro-nächst die Umweltzerstörung zu- blemlos mit 2000 Tonnen Stahl stattnimmt. Doch ab einem gewissen Es ist nicht nötig, eine mit 7000 Tonnen bauen. Vor hun-Wohlstandsniveau ändert sich die dert Jahren produzierte ein BauerSituation. Die Menschen sehen die Öko-Diktatur zu errichten, wie gerade genug Lebensmittel, um vierverdreckten Flüsse, die verstopften es Merkels Berater nahelegen. Menschen zu ernähren. Heute ern-Straßen und die verpestete Luft als tet ein moderner Mähdrescher proÄrgernis an. Sie sehnen sich nach Tag so viel Weizen, dass es für einemehr Lebensqualität. Umweltschutz rückt näher ins Zentrum halbe Million Brote reicht. Ein modernes Auto dürfte selbstder Politik. Die Wirtschaft verändert sich; Dienstleistungsbran- bei voller Fahrt weniger krebserregende Schadstoffe freiset-chen verdrängen die schmutzigen Industrien. Bei Gewässern lässt zen als 1970 ein geparktes Auto durch die Lecks in seinen Lei-sich der Zusammenhang zwischen Umwelt und Wirtschaftskraft tungen, wie der britische Wissenschaftler Matt Ridley ausge-gut beobachten. Erst verschmutzen die Flüsse und die Seen. Doch rechnet hat.ab einem gewissen Wohlstandsniveau werden sie wieder sauber. Es wäre hilfreich, wenn sich das Verhältnis der Öko-Szene Experten der Weltbank kommen zu dem Ergebnis, dass die zur Marktwirtschaft entspannte. Es ist ja richtig, dass MärkteHürde je nach Schadstoff bei einem Bruttoinlandsprodukt von ihre Fehler haben, wenn es um Gemeingüter wie Luft und Was-etwa 8000 Dollar pro Kopf liegt. In China wurde dieser Wert ser geht. Doch es gibt effiziente Instrumente wie den Emis-kaufkraftbereinigt 2011 überschritten. Tatsächlich treibt die Re- sionshandel, um diese Probleme zu lösen. Es ist nicht nötig,gierung das Thema Umweltschutz voran. Die Luft in Peking eine Art Öko-Diktatur zu errichten, wie es etwa der von derund Shanghai wird sauberer. Auf anrührende Weise sind die Bundeskanzlerin Angela Merkel eingesetzte WissenschaftlicheMenschen bemüht, die Natur in die malträtierten Städte zu- Beirat für Globale Umweltveränderungen nahelegt.rückzuholen. Die Randstreifen an den Straßen sind mit Blumen Je schneller die Schwellen- und Entwicklungsländer wirt-und Büschen bepflanzt; entlang den Stadtautobahnen stehen schaftlich aufholen, desto eher werden sie bereit sein, mit unsBlumenkästen. über Klimaschutz zu verhandeln. Der technische Fortschritt Dazu passt, was die Uno-Organisation für Landwirtschaft und spielt uns dabei in die Hände, zumal er sich mit dem wirt-Ernährung FAO über die Entwicklung der Wälder herausgefun- schaftlichen Aufstieg Chinas und Indiens beschleunigen wird.den hat: „Wir beobachten, dass es mit dem Wald immer dann Und so würden schließlich auch Wissenschaftler aus Pekingaufwärtsgeht, wenn Länder anfangen, sich zu industrialisieren und Mumbai dazu beitragen, dass das fossile Zeitalter zu Endeund ihre Landwirtschaft zu intensivieren“, so die FAO. In Asien geht, indem ihnen etwas Neues, Besseres einfällt. D E R S P I E G E L 2 4 / 2 0 1 2 37
  • 31. Deutschland K AT H O L I K E N Der Erschöpfte Endzeitstimmung im Vatikan: Papst Benedikt XVI. wirkt müde und unfähig zur Initiative. Hinter seinem Rücken arbeiten Kardinäle schon an der Nachfolge. Die Affäre „Vatileaks“ zeigt ein Kirchen-Schiff, das aus dem Ruder läuft. E ndlich Klarheit. Endlich hat der Hei- lige Stuhl für Aufklärung gesorgt und das Dokument für alle zugäng- lich gemacht: eine Handreichung zur Überprüfung der Echtheit von Marien-Er- scheinungen. Jetzt wird alles einfacher. Die Weltkir- che hat einen Schritt nach vorn getan. Diese „breaking news“ aus der Glau- benskongregation zeigen, mit welchen Fra- gen sich der Vatikan beschäftigt und in welchem Kosmos mancher dort lebt. Eine Welt, in der die amtskirchliche Prüfung von Muttergottes-Visionen sorgsam gere- gelt wird, aber Kurienkardinäle jenseits al- ler Kontrollen regieren und die Privatkor- respondenz des Papstes in den Schubladen eines Kammerdieners auftaucht. Dabei ist es eine ganz andere Marien- Erscheinung, die den Vatikan und mit ihm die katholische Kirche in eine neue Krise gerissen hat, deren Ende und Aus- wirkungen nur zu erahnen sind: das Auf- treten einer Quelle im Innersten des Kir- chenreichs, einer Verschwörung gar ge- gen den Papst, eines Lecks mit dem Deck- namen „Maria“. Seit Ende Mai sitzt der päpstliche Kam- merdiener Paolo Gabriele in einer 35 Qua- dratmeter großen Arrestzelle des Vatikans – ohne Fernseher, aber mit Fenster. Er soll als „Maria“ Faxe und Briefe aus den Pri- vatgemächern des Papstes geschmuggelt haben, in wessen Auftrag auch immer. Doch das Leck ist noch nicht gestopft. Trotz Gabrieles Festnahme gelangten auch vorige Woche Dokumente an die Öffentlichkeit, die vor allem zwei engen Vertrauten von Papst Benedikt XVI. scha- den sollen: seinem Privatsekretär Georg Gänswein und Kardinalstaatssekretär Tar- cisio Bertone, dem Regierungschef des Kirchenstaats. Wenn die nicht „aus dem Vatikan gejagt“ würden, hieß es in einem Schreiben, würden „Hunderte“ weitere Geheimdokumente veröffentlicht. „Das ist Erpressung, so etwas wie die Drohung mit dem totalen Krieg“, sagt der Vatikan- experte Marco Politi. Die Angst geht um in der Kurie, die Stimmung war selten so miserabel. Es ist, als hätte man in ein Bienennest gestochen, IMAGO überall sind hektisch herumeilende Pur-Religionsführer Ratzinger: „Jetzt beginnt der letzte Abschnitt meines Lebens“ purträger zu sehen, die Korrespondenzen38 D E R S P I E G E L 2 4 / 2 0 1 2
  • 32. kontrollieren, die einander nicht mehr führt. Selbst wenn einer hier schon Jahr- gen und ein absurder Hang zu Geheim-über den Weg trauen, die nicht mehr ihr zehnte lebe: „Der Vatikan ist ein Woll- niskrämerei und Intrigen vorherrschen.Telefon benutzen. knäuel, das sich kaum entwirren lässt. „Es zählt einzig die Nähe zum Mon- Es hat im verflixten siebten Jahr des Auch nicht von einem Papst.“ archen“, sagt der Mitarbeiter eines Kar-Pontifikats Benedikts XVI. begonnen. Als Johannes Paul II. im April 2005 dinals. Rom funktioniert wie ein absolu-Und unübersehbar sind die Parallelen zur starb, war die Kurie in desolatem Zu- tistischer Hof, in dem nicht Gremien ent-Spätzeit von Johannes Paul II. Dieselben stand. In seinen letzten, von Krankheit scheiden, sondern Einflüsterer. „Hier sindKlagen über mangelnde Führung, über gezeichneten Lebensjahren waren Vor- viele eitle Männer, in hoher Konkurrenzinneren Zwist, der nach draußen, vor die gänge und Personalentscheidungen auf- untereinander.“Vatikan-Mauern getragen wird, über ei- geschoben worden. Vom neuen Pontifex Wer hat wie lange mit wem gespro-nen erschöpften Papst, der seiner Macht erwartete man, endlich die Schreibtische chen? Und worüber? Wer geht mit wemnichts mehr abgewinnen mag. leerzuräumen und der römischen Kurie, in die Frühmesse, wer lädt wen zum Joseph Ratzinger ist im April 85 Jahre diesem Zentralrechner der Weltkirche, ei- Essen ein? Wer ist in, wer ist out? Weralt geworden. Damit ist er der älteste nen Neustart zu verpassen. gehört dazu, wer nicht, wer steigt auf,Papst seit 109 Jahren und einer wer steigt ab in der Gunst? „Die-der sehr wenigen überhaupt, die se Stimmung fördert Gefühlein derart biblischem Alter dieses von Ausgrenzung, Benachteili-„ungeheuerliche“ (Benedikt XVI.) gung, Neid, Rache und Miss-Amt je ausgeübt haben. gunst“ – all das, was jetzt in den Gewiss ist er immer noch be- Vatileaks-Dokumenten nachzu-neidenswert fit, geistig und geist- lesen ist.lich, besonders im Vergleich zu Vor allem Papstsekretär Gäns-seinem Vorgänger in den späten wein hat sich viele Feinde ge-Jahren. Doch es ist unüberhör- macht, weil er als Türsteher desbar, um wie viel schwerer als zu Papstes beeinflussen kann, wemBeginn seines Amts Benedikt das die allerhöchste Gunst erteiltSprechen inzwischen fällt, und oder verwehrt wird und welchekaum zu übersehen, dass die Be- Vorgänge, welche Themen diewegungen steif und vorsichtig ge- Aufmerksamkeit des Stellvertre-worden sind. ters Jesu beanspruchen dürfen. Einem Besucher sagte er neu- Das sorgt wahlweise für Furcht,lich, sein altes Klavier stehe Eifersucht oder Spott in den Gän-meist unbenutzt herum. Wer gen des Apostolischen Palastes.spielt, der muss auch üben, da Als Gänswein sich vergangenenfehle ihm die Zeit, er schreibe September in der Berliner Nun-lieber am letzten Teil seiner Je- tiatur einen ganzen Abend langsusreihe. Die will er noch ab- entspannt mit deutschen Kleri-schließen vor seinem Tod. kern unterhalten konnte, kam es Es ist dieser Tage nicht schwer, ihm wie ein Wunder vor: DasGeistliche im Vatikan zu finden, ERIC VANDEVILLE / PICTURE ALLIANCE / DPA / ABACA kannte er nicht aus Rom.die reden wollen – sofern es an- Der Vatikan zerfällt in Dutzen-onym geschieht. Der Monsigno- de konkurrierende Interessen-re, der eines Abends seinen Weg gruppen. Einst gab es die Jesui-in ein Restaurant nahe der Piaz- ten, die Benediktiner, die Fran-za Santa Maria in Trastevere fin- ziskaner und andere Orden, diedet, hat in der Glaubenskongre- um Ansehen und Einfluss am va-gation jahrelang eng mit Ratzin- tikanischen Hofe rangen. Dochger zusammengearbeitet. Noch deren Zeit ist vorbei, ihren Platzbevor der Kellner Wasser und nehmen nun vor allem die soge-Wein serviert, kommt sein Urteil nannten neuen geistlichen Ge-über Ratzingers Pontifikat: „Der Mitglieder der Kurie im Vatikan: Neid, Rache, Missgunst meinschaften ein, die auf denPapst füllt sein Amt nicht aus!“ großen Papstmessen die JublerNicht er habe seinen Laden im Griff, son- Doch die Reform ist weitgehend aus- stellen: die Neokatechumenen, die Legio-dern der Laden ihn. geblieben. Alle wichtigen Posten sind wei- näre Christi oder die Traditionalisten von Die Niederungen des Alltags im Vati- terhin mit Priestern besetzt, einschließ- den Pius- bis zu den Petrusbrüdern. Ganzkan interessierten den Kirchenführer lich des Laienrats und des Rats für die zu schweigen vom weltweiten Netzwerknicht. Schon sein Vorgänger habe die Ku- Familie. Die einzige Frau in einer höhe- der „Santa Mafia“, des Opus Dei.rie vernachlässigt. Der polnische Papst ren Position, die Britin Lesley-Anne Sie alle haben ihre offenen oder ver-sei gereist, sein deutscher Nachfolger Knight, wurde 2011 als Generalsekretärin steckten Agenten in und um den Vatikan,grüble am liebsten über Büchern und des Caritas-Dachverbands weggemobbt, ihre Immobilien, Universitäten, Instituteschreibe seine Reden. „Er packt es ein- weil sie offen gegen die Männerseilschaf- oder Bildungsstätten in Rom. Dieser undfach nicht an.“ Im Grunde, so der Mon- ten auftrat. jener Kardinal oder Bischof am Hofe ver-signore, stehe der Papst in Rom einer an- Vermutlich ist eine „Kurienreform“ ein tritt ihre Interessen, oft ohne offizielles,deren, von ihm nicht beherrschten Macht Widerspruch in sich. Ein hierarchisches, also erkennbares Mandat. Jeder gegen je-gegenüber. im Kern mittelalterliches Organisations- den und Gott mit uns allen. Der Vatikan sei zwar katholisch, aber modell verträgt sich nicht mit modernem Womöglich kennt Benedikt XVI. sei-auch zu zwei Dritteln italienisch, den Mit- Management. Der Vatikan ist ein ana- nen Laden einfach zu gut, um sich an ei-arbeitern und ihrer Verwaltung sei es am chronistisches, wenn auch erstaunlich ner Reform ernsthaft zu versuchen: „AlsEnde egal, wer unter ihnen die Kirche zählebiges System, in dem Hackordnun- Papst zeigte dieser Veteran der Kurie D E R S P I E G E L 2 4 / 2 0 1 2 39
  • 33. Deutschlandbuchstäblich null Interesse daran, die rö- unberechenbar soll der Professor für Wirt- halbes Jahr im Amt geblieben und dermische Kurie auch zu führen“, bilanziert schaftsethik gewesen sein sowie auffällig Platz damit ohnehin frei für einen Nach-sein Biograf John L. Allen. durch Abwesenheit. folger. „Maria“ zielt höher. Vor diesem Hintergrund spielt die ak- Als sicher gilt zumindest, dass Gotti Die katholische Kirche hat ein Füh-tuelle Affäre. Die Enthüllungen um die Tedeschi im Kampf gegen Kardinalstaats- rungsproblem im Zentrum ihres barockenGeheimdokumente aus dem Vatikan, von sekretär Bertone unterlegen war. Dem Hofstaats. Die öffentlich gewordenen Do-Papstsprecher Padre Federico Lombardi zweiten Mann nach Benedikt wollte es kumente schaden am Ende Benedikthöchstselbst „Vatileaks“ getauft, nahmen wohl nicht gefallen, dass neue Richtlinien selbst, die Affäre beschädigt auch grund-ihren Lauf vor gut vier Monaten, sie las- den Vatikan-Schatz schmälern könnten. sätzlich das Amt. Mit jedem Tag, an demsen einen Sumpf aus Korruption und Ruf- Es wäre zu einfach, all dies als Konflikt über die wahren Drahtzieher gerätseltmordkampagnen erahnen, ein Komplott, zwischen Reformern und Bewahrern zu wird, festigt sich der Eindruck einesdas sich wohl kaum auf den augenschein- verstehen. Es geht um die Sklerose der schwierigen Pontifikats, eines geschwäch-lichen Diebstahl eines Kammerdieners Kirche, es geht um ein Problem, das einen ten Papstes, der das Heft nicht in derbeschränkt. Namen hat: Benedikt XVI. Hand hat. Zentrale Figur ist Kurienbi- Ratzinger konnte es selbst lan-schof Carlo Maria Viganò, der ge Zeit kaum fassen, plötzlichvom Papst im Juli 2009 beauf- Oberhaupt aller Katholiken zutragt worden war, in der Verwal- sein. Gut einen Monat nach sei-tungsbehörde des Vatikans auf- ner Wahl, am 24. Mai 2005, be-zuräumen. Der übereifrige Jurist suchte er noch einmal jenen Ortsparte gewissenhaft, bei Bauauf- im Vatikan, an dem für ihn soträgen, Immobilien und der Gar- vieles begonnen hatte. Das Pries-tenverwaltung. In einem Brief an terseminar im Campo Santo Teu-Bertone lieferte er Zahlen: Für tonico, jener grünen Insel imden zuvor um 7,8 Millionen Euro strengen Kirchenstaat, gleich ne-defizitären Haushalt habe er in- ben der Sakristei des Petersdoms.nerhalb eines Jahres ein Plus von Hier hatte er während des34,5 Millionen Euro erwirtschaf- Zweiten Vatikanischen Konzils STEFAN BONESS/IPONtet, weil er alte Seilschaften auf- gewohnt und 1982, als er vonkündigte, die „an immer gleiche München nach Rom kam: „In ei-Firmen Aufträge vergaben“, zu nem Zimmer nur mit dem Nö-doppelt so hohen Preisen wie au- tigsten um mich herum, um wie-ßerhalb des Vatikans üblich. Mit Papstgegner in Berlin 2011: Reformstau in der Kirche der von vorn und frisch zu be-seinem Kampf gegen Amtsmiss- ginnen.“ Der Gemeinschaft desbrauch und Verschwendung machte er Die alte Garde im Vatikan, das Lager Priesterkollegs hielt Ratzinger die Treuesich unbeliebt (SPIEGEL 20/2012). um die italienischen Kardinäle, glaubte, bis zur Papstwahl. Jahrzehntelang las er Nach nur 27 Monaten wurde er aus mit Ratzinger einen Papst für den Über- dort jeden Donnerstag um sieben Uhrdem Amt bugsiert, seit Oktober 2011 ist gang gefunden zu haben. Doch nun ist früh einen Gottesdienst, teilte sich oft miter Apostolischer Nuntius in Washington, der Übergang im achten Jahr, und die Ku- Studenten den Tisch im Speisesaal, dis-weit weg vom Vatikan, er empfand seine rie steht in etwa da, wo sie in der Endzeit kutierte mit ihnen und kam zur Weih-Versetzung als Strafe. In einem Protest- des Polen auch schon stand: Niemand ist nachtsfeier ins Kaminzimmer. Ein Rück-brief an Benedikt zeichnete er ein scho- in Sicht, der mit fester Hand das Ruder zugsort von seinem Amt als Glaubens-nungsloses Bild der Kurie: „Das Reich ist greift. wächter, ein Stück Familienersatz.zersplittert in viele kleine Feudalstaaten, Benedikt XVI. umgibt sich mit langjäh- Die gut einstündige Visite Ende Maijeder kämpft gegen jeden.“ Es herrschten rigen Weggefährten, an die er beträchtli- 2005 blieb bis heute sein letzter Besuch.„desaströse Zustände“, die, noch schlim- che Macht abgab. Bertone wurde vorbei Zum Abschied trug Ratzinger sich insmer, der gesamten Kurie „wohlbekannt“ an allen Cliquen ins Amt beordert. Er Gästebuch ein. „Benedikt XVI“, schriebseien. und Gänswein, in Rom wegen seiner süd- er, mit etwas Abstand kritzelte er noch Mitten in der Vatileaks-Affäre wurden westdeutschen Herkunft als „Schwarz- klein dahinter: „Papst“ – im ersten An-auch die Hintergründe eines weiteren wald-Adonis“ bekannt, sind vielen Ku- lauf mit kleinem p geschrieben.Rauswurfs bekannt: Ettore Gotti Tedes- rienkardinälen zu mächtig und zu auto- Keiner seiner Vorgänger hat jemals sochi, bis kurz vor Pfingsten Chef der Vati- nom geworden. Ihnen vor allen gilt die unterschrieben, und auch Benedikt solltekanbank, musste offenbar gehen, weil er Attacke unter dem Deckmantel „Maria“. es nie wieder tun. Es war wie eine Selbst-dem skandalumwitterten Institut etwas Die Kardinäle aus Italiens Provinzen vergewisserung: Mein Gott, ich bin Papst!Transparenz verordnen wollte. Sein Ziel haben gemerkt, wie ihnen der Zugriff auf Ratzinger fühlte sich unwohl mit derwar es, die Bank, bei der schon Mafia- die Weltkirche entrückt. Bertone ist zwar Macht, die er hatte. Auch deswegen ließPaten ihr Geld geparkt hatten, fit zu ma- Italiener, bevorzugt jedoch seine Ordens- er ab von durchgreifenden Umbauten imchen für die weiße Liste sauberer Orga- brüder, die Salesianer. Er hob sie in System. Lieber vertraute er seinen Mit-nisationen der OECD. Rom sollte endlich Schlüsselpositionen, schlug sie als Kardi- arbeitern.Transaktionen offenlegen, die internatio- näle vor. Der 77-jährige Fußballfreund Benedikt braucht nicht den Vatikan, ernalen Standards zur Bekämpfung der gilt zudem als schlechter Manager und braucht eine kleine Familie. Die ist ihmGeldwäsche entsprachen. Er scheiterte. ungeschickter Diplomat. Schon im Som- heilig, die hat er immer wieder gesucht, Den Fall des Bankers halten Beobach- mer 2009 soll eine Delegation von Kardi- sein Leben lang, seitdem er seine eigeneter für den eigentlichen Kern der Affäre, nälen vom Papst die Ablösung Bertones Familie über die Jahre verlor – bis aufein Machtkampf um die Kontrolle der va- verlangt haben. seinen älteren Bruder Georg. Sein Vatertikanischen Finanzen. Deshalb wohl wur- Doch der Regierungschef kann kaum Joseph starb 1959, seine Mutter Mariade Gotti Tedeschi jetzt brutal abserviert. die einzige Zielscheibe der Attacken von 1963, seine Schwester Maria führte ihmDer Aufsichtsrat der Bank lieferte aber- „Maria“ sein. Denn er wäre aller Wahr- rund 30 Jahre lang den Haushalt, auch inwitzige Begründungen: Exzentrisch und scheinlichkeit nach nur noch ein gutes Rom, bis zu ihrem Tod 1991. Mit jedem40 D E R S P I E G E L 2 4 / 2 0 1 2
  • 34. Machtkampf im Vatikan Schlüsselfiguren der Affäre um gestohlene Papst-Dokumente Der Privatsekretär Papst Benedikt XVI.FRANCO OR IG L IA / G E T T Y IM AG E S; PAOLO T R E A3 / L AIF; DAVID FE R NAND E Z / D PA „George Clooney des Vatikans“ nennen Viele trauen ihm nicht italienische Medien den gutaussehenden mehr zu, die chao- Georg Gänswein. Seine Nähe zum Papst tischen Verhältnisse und der damit verbundene Einfluss rufen in im Vatikan ordnen zu der Vatikan-Hierarchie Neid und Miss- können. gunst hervor. Der Zeitung „La Repubblica“ Der Kirchenführer lässt wurden Briefe Gänsweins mit angeblich nur noch wenige Vertraute kompromittierendem Inhalt zugespielt. an sich heran. Der Kammerdiener arbeitet Paolo Gabriele soll vom päpstlichen dem Schreibtisch vertrauliche Unterlagen erteilt Papst zu gestohlen und dann weitergegeben haben. Richt- Er sitzt derzeit in Haft. Noch ist unklar, wer linien die Komplizen und Hintermänner sind. Der Vatikanbank-Manager Der Kardinalstaatssekretär Ettore Gotti Tedeschi übernahm 2009 Aufsicht Tarcisio Bertone ist nach dem Papst der zweite die Leitung der Vatikanbank, um das Mann im Vatikan. Nicht erst seit der jüngsten von Skandalen erschütterte Institut Entlassung des Vatikanbank-Chefs steht zu sanieren. Am 24. Mai musste der Bertone in der Kritik. Im Diebstahl der Manager gehen. Im Vorfeld der Ent- Unterlagen sieht er „organisierte Angriffe“ lassung soll es heftige Auseinander- auf den Papst. Viele glauben aber, dass die setzungen innerhalb der Kurie gegeben Indiskretionen gegen Bertone persönlich haben. gerichtet sind. „Ich schweige lieber. „Attacken hat es immer gegeben. Sonst hätte ich nur Aber diese sind gezielter, manchmal auch hässliche Worte zu sagen.“ grausam, verleumderisch und organisiert.“ Tod, schrieb er in seinen Erinnerungen, und Carmela. Fünf Jahre lang umsorgten liturgie die Bitte um deren Bekehrung „ist die Welt für mich ein Stück leerer ge- sie ihn, besuchten jeden Morgen seine wieder einfügte. worden“. Andacht, feierten Weihnachten und Na- Und er hat nicht zuletzt seine Kirche Für Ratzinger ist das alles bis heute menstag mit ihm und nahmen gemeinsam durch die Anbiederung an die Traditio- nicht erledigt. Beim Weltfamilientreffen die Mahlzeiten ein. nalisten der Pius-Bruderschaft vor den in Mailand gab er zu Fragen der Familie Dann wurde eine von ihnen, Manuela Kopf gestoßen, die das Zweite Vatikani- Antwort. Frei und ohne Manuskript. Camagni, 2010 bei einem Verkehrsunfall sche Reformkonzil ablehnt. So hat sich „Hallo, lieber Papst“, begrüßte ihn eine getötet. Papst Benedikt war erschüttert, der Reformstau in der Kirche, der sich Siebenjährige. „Ich bin Cat Tien, komme er kniete vor ihrem Sarg, hielt eine An- schon unter dem konservativen Vorgän- aus Vietnam. Ich würde gern etwas über dacht für die Tote und sprach von „un- ger Johannes Paul II. aufgebaut hatte, un- deine Familie wissen und darüber, wie es vergesslichen familiären Momenten“, die ter Benedikt noch verschlimmert. Der Ka- war, als du so klein warst wie ich.“ Und er mit ihr erleben durfte. tholikentag in Mannheim mit seinen der 85-jährige Benedikt antwortete: „Um Mit dem Verrat des Kammerdieners, 80 000 Teilnehmern war im Mai deshalb die Wahrheit zu sagen, ich stelle mir vor, der ihm von früh bis spät zur Seite stand, ein einziger Aufschrei nach Veränderung dass es im Paradies so sein wird, wie es ist die kleine Welt des Joseph Ratzinger in der Kirche. in meiner Jugend war. In dieser Umge- nun wieder aus den Fugen geraten. Die Erfahrung, dass ein Papst Deutsch bung des Vertrauens, der Freude und der Die Bilanz von sieben Jahren Benedikt spricht, gar ein bayerisch moduliertes, hat Liebe waren wir glücklich, und ich glaube, XVI. ist gemessen an den Erwartungen auf die Deutschen keinen bleibenden Ein- dass es im Paradies ähnlich sein muss wie eher bescheiden. Der Deutsche wird we- druck gemacht. Der „Benedikt-Effekt“, in meiner Kindheit.“ niger als Kämpfer um die Einheit der Kir- den manch ein Neubekehrter in den Feuil- Immer wieder versuchte er, sich diese che in Erinnerung bleiben, als der er an- letons schon spürte, ist schnell verpufft, „Umgebung des Vertrauens“ herzustellen. trat, sondern als ein Opfer der Verhält- wenn es ihn überhaupt je gegeben hat. Immer wieder wurde sie beschädigt. Als nisse, der zersplitterten, konkurrierenden Seit „wir“ Papst wurden, hat sich die Zahl Ratzinger 2005 in die Papstwohnung ein- Fraktionen, ein von Affären, Versehen, der Kirchenaustritte in Deutschland mehr zog, musste er auch von einem Tag auf Ausrutschern geplagter Pontifex. Er hat als verdoppelt. Am höchsten war sie zu- den anderen auf eine langjährige Vertrau- Mauern sogar wieder errichtet, die längst letzt in Ratzingers ehemaligem Bistum te verzichten. Ingrid Stampa, seine Haus- geschleift schienen. Es waren Jahre der München und Freising. Gerade einmal 30 hälterin in Nachfolge von Schwester Ma- fortwährenden Entschuldigungen, der Prozent der Deutschen sind heute noch ria, durfte nicht mitkommen. Sie war im fortwährenden angeblichen oder tatsäch- katholisch. Hofstaat in Ungnade gefallen, weil sie lichen Missverständnisse. Die oft in Talkshows von Jubelkatholi- sich einmal am Papstfenster zum Peters- Er hat die Protestanten vergrätzt, de- ken erhobene Behauptung, all dies sei platz zeigte und in die Menge winkte – nen er abspricht, Kirche im eigentlichen ein deutsches oder europäisches Problem ein unverzeihlicher Fauxpas. Sinne zu sein. Er hat die Muslime mit un- und Gejammer, anderswo gehe es der Kir- Stattdessen zogen vier Laienschwes- geschickten Worten in Regensburg vor che besser, stimmt nicht einmal im ur- tern der Gemeinschaft Memoris Domini den Kopf gestoßen und zugleich die Ju- katholischen Lateinamerika, dort hat sich mit ihm ein, Loredana, Cristina, Manuela den beleidigt, indem er in die Karfreitags- die Zahl der Katholiken rasant reduziert. D E R S P I E G E L 2 4 / 2 0 1 2 41
  • 35. Deutschland noch die Italiener. Mancher glaubt, nach mehr als 33 Jahren Fremdherrschaft durch einen Polen und einen Deutschen sei es höchste Zeit für einen Einheimi- schen als Papst, schließlich kenne ein ita- lienischer Kardinal die römische Kurie am besten. Doch seit Vatileaks sieht es schlecht damit aus, glaubt Marco Politi: „Wenn der Skandal eines offenbart hat, dann einen typischen italienischen Schla- massel. Italiener gelten nicht mehr als pa-SESTINI/POLIZIA DI STATO / EIDON / PICTURE ALLIANCE / DPA pabile, mit ihrem Machtkampf haben sie sich selbst diskreditiert.“ Benedikt selbst ist klar, dass er nicht mehr viel Zeit hat. „Jetzt beginnt ja der letzte Abschnitt meines Lebens“, sagte er zu seinen Geburtstagsgästen im April. Seine Pläne reichen kaum bis ins nächs- te Jahr, zum katholischen Weltjugendtref- fen in Rio de Janeiro. Ganz oben auf der Agenda steht in den kommenden Wo- chen die Überwindung des Bruchs mit der Priesterbruderschaft, verbunden mit Vatikanstadt in Rom: „Jeder kämpft gegen jeden“ seiner Mahnung an miteinander streiten- de Gruppen in der Kirche zu gegenseiti- Die dortigen Evangelikalen vermehren Er wollte nur ein „Arbeiter im Wein- gem Respekt. Mit dem in seiner Kirche sich hingegen wie die Brote in Kanaan. berg des Herrn“ sein, ein „Mitarbeiter der entbrannten Streit um die Bewertung des Der Mensch Ratzinger konnte diese sie- Wahrheit“. Jetzt steht Benedikt XVI. vor Zweiten Vatikanischen Konzils, das vor ben Jahre nur durchhalten, weil er sich der Wahrheit der Endlichkeit. Seit länge- 50 Jahren begonnen hatte, erlebt der kleine Fluchten offenhielt. Neben dem Ta- rem sei er von Phasen „ tiefer Traurigkeit Papst derzeit eine Rückkehr zu seiner ei- gesgeschäft schrieb er Bücher und Enzy- erfasst“, sagt einer, der ihm nahesteht. Ob genen Vergangenheit. kliken zur christlichen Liebe („Deus cari- es sich nur um Schwermut oder schon um Findet der damals aufgeschlossene, tas est“) oder zur Hoffnung („Spe salvi“). eine Depression handele, sei offen. dann konservative Seelsorger zum Le- Manche Texte wurden Bestseller, auch Anfang der neunziger Jahre hatte Rat- bensende die Kraft zur Versöhnung? Für im hoffnungslos verweltlichten Deutsch- zinger zwei leichte Schlaganfälle über- einen Ausgleich zwischen Tradition und land. Es ist diesem Papst gelungen, die standen. Sein Vater war daran gestorben, Moderne unter den 1,2 Milliarden Katho- säkulare Welt wieder auf den Vatikan auf- ebenso seine Schwester. Zur Vorbeugung liken? merksam zu machen. In den Feuilletons nimmt der Papst Aspirin. In den Knien, „Darin hatte Stalin schon recht“, sagte sind seine Enzykliken, ist sein Nachden- vor allem im rechten, plagt ihn Arthrose. Benedikt in dem Gesprächsband „Licht ken über Vernunft und Glauben, seine Das Laufen fällt ihm schwerer. Benedikt der Welt“, „dass der Papst keine Divisio- Kritik des Relativismus aller Werte inten- benutzt daher eine rollbare Plattform, die nen hat und nicht gebieten kann. Er hat siv verfolgt worden. Hier war ein Ponti- er beim Einzug in den Petersdom besteigt, auch kein großes Unternehmen, in dem fex, der mit dem Zeitgeist auf Augenhöhe etwa wenn er schwere Messgewänder gleichsam alle Gläubigen der Kirche seine war. trägt. Angestellten oder seine Untertanen wä- Der Papst aus Deutschland hat zwar Seit 2010 fährt er nicht mehr wie früher ren. Insofern ist der Papst einerseits ein viele Erwartungen enttäuscht – oft aller- in die Berge zum Urlaub. Manchmal geht ganz ohnmächtiger Mensch. Andererseits dings auch zum Guten der Kirche. „Das er mit seinem Sekretär ein paar Schritte steht er in einer großen Verantwortung.“ Christentum, der Katholizismus ist nicht in den vatikanischen Gärten und betet Benedikt hat sich immer als lehrenden, eine Ansammlung von Verboten, sondern dort den Rosenkranz. nicht als regierenden Pontifex verstanden. eine positive Option“, sagte Benedikt vor In der Kurie und den Hinterzimmern In die Annalen der Kirchengeschichte seiner Bayern-Reise 2006. Er steht zwar der einschlägigen Palazzi wird bereits an wird der Professorpapst aus Marktl am zur Dogmatik und zur reinen Lehre, ver- der Nachfolge gearbeitet. Es werden die Inn gewiss nicht als Benedikt der Große sucht aber, niemanden vor den Kopf zu Zahlenverhältnisse eines etwaigen Kon- eingehen. stoßen, was ihm nicht immer gelingt. In- klaves analysiert und Kandidaten disku- Dafür aber als ein Kirchenführer mit zwischen wirkt der Papst bei seinen Auf- tiert – wie schon vor sieben Jahren. Ein menschlichem Antlitz, der sich selbst, tritten schon so milde wie die Queen. Er Pius XIII. müsste es sein, ein Machtpoli- dem Theologen, treu geblieben ist und versteht es, auch ohne spektakuläre Ges- tiker mit Stallgeruch, berechnend und be- darüber die Macht in den eigenen vier ten eine Menschenmenge für sich einzu- rechenbar. Oder einer wie Paul VI., der Wänden vernachlässigt hat. nehmen. In Auschwitz traf er Überleben- sich um die Interessen der Kurie kümmer- Ein Papst eben mit kleinem p. de, in den USA Missbrauchsopfer, in Ka- te. Der Name des Mailänders Kardinals FIONA EHLERS, ALEXANDER SMOLTCZYK, merun Aidskranke. Angelo Scola fällt ebenso wie der von PETER WENSIERSKI Benedikt wusste besser als andere, wie Leonardo Sandri, einem Italoargentinier, es um den Zustand der real existierenden und der von Kurienkardinal Gianfranco Kirche bestellt, wie weit sie von seinem Ravasi, Chef des Päpstlichen Kulturrats, Video: Ideal entfernt ist. Er scheiterte immer der es als einer von wenigen versteht, mit Das Medien-Misstrauen wieder auch an der Kurie. Womöglich ist Medien, Politik und Öffentlichkeit umzu- im Vatikan die eigentliche Bilanz der sieben Jahre gehen. Für Smartphone-Benutzer: die Erfahrung der Machtlosigkeit eines Den größten Block in einem Konklave Bildcode scannen, etwa mit Papstes. bilden mit 30 Wahlberechtigten immer der App „Scanlife“. 42 D E R S P I E G E L 2 4 / 2 0 1 2
  • 36. CARMEN JASPERSEN/DER SPIEGEL CARMEN JASPERSEN / DPAAngeklagter H., Vorsitzender Richter Appelkamp (r.): „Der Mann hatte sich in schwerster Selbstvernachlässigung verfangen“ ihm entfernt wohnt. Er bekam bei ihr Es- STRAFJUSTIZ sen und zu trinken, konnte sich dort wa- schen, und sie reinigte seine Kleider, wo- „Wir alle drei haben Schuld“ für er sie mit 1000 Euro im Jahr entlohnte. Bei ihr saß er oft in der Stube und sah fern. Er bestimmte, und sie richtete sich nach ihm. Ihren beiden Ehemännern Im Alter verändert sich oft die Persönlichkeit eines Menschen. blieb nichts anderes übrig, als H. zu ak-In Stade wurde ein 77-Jähriger wegen Totschlags zu sieben Jahren zeptieren. Sie hatten ihn gewissermaßen mitgeheiratet. verurteilt. Eine angemessene Strafe? Von Gisela Friedrichsen Zehn Jahre nach dem Tod des zweiten Mannes, sagt die Schwester, habe sie sichW ie kann ein Mensch so leben? Veränderung zu verstehen. H. hatte nie einen „Freund angeschafft“. Ein verhäng- Jahrzehntelang ganz allein in geheiratet. „Ich bin nicht schwul“, sagt nisvoller Entschluss. Denn der Bruder einem verkommenden Haus, in er, „ich hatte durchaus Freundinnen. konnte den Neuen, Königsberger wie er,dem kaum Luft zum Atmen war wegen Aber Frauen wollen Luxus.“ Und damit nicht ausstehen – und umgekehrt. H. be-des angehäuften Mülls. Ohne Wasser, hatte er nichts am Hut. Er hielt sich lieber gegnete dem sieben Jahre Jüngeren, ei-ohne Toilette, ohne Strom, ohne Heizung. an seine Schwester, die keine Ansprüche nem Sozialhilfeempfänger und Alkoholi-In diesem Haus, wo im ersten Stock die stellte. Für sie geht er durchs Feuer. ker, mit größtem Misstrauen, verweigerteTauben hausen und im Erdgeschoss ein Er stammt aus Königsberg. Gelernt hat dieser doch die Antwort auf Fragen nachZiegenbock lebte und zeitweise ein Wild- er Schlachter, aber die Tiere taten ihm seiner Familie und seiner Biografie. „Derschwein, das zahm war wie ein Hund, leid. Dann lernte er Forstwart. Dann war hat meine Schwester unterdrückt, sie be-weil es der Hausbesitzer in seinem Bett er beim Bundesgrenzschutz, wollte Be- logen, beleidigt und gefügig gemacht, die-aufgezogen hatte. Wer so fragt, muss ein- amter werden, arbeitete in einer Schuh- ser Schmarotzer! Der hat sich in ein ge-tauchen in eine Welt, die ganz anders ist fabrik, im Hüttenwerk, auf dem Bau, in machtes Nest gesetzt und sie ausgenutzt!als die des Normalbürgers. der Hochseefischerei, am Ende war er Ich vermute, früher war der im Knast!“, Der Garten – verwahrlostes Chaos, in Busfahrer. „Ich war ziemlich vielseitig!“, erregt sich H. noch heute.dem der Hausherr seine Notdurft verrich- sagt er und zählt die Namen seiner Ar- Als „Raubmörder“ habe er ihn deshalbtete. „Ökologisch“ nennen manche das. beitgeber auf. Er weiß sie alle. Verdient beschimpft. Von einem solchen lasse er„Verwunschen wie im Märchen“ andere: hat er gut. Warum der häufige Wechsel? sich nicht „rausekeln“. Im Gegenzug„Da stand der Mann mittendrin, Tauben „Damals gab es Arbeit wie Sand am nannte der Neue ihn „Stinker“. Nichtsaßen auf seinem Kopf, und sang“, be- Meer“, antwortet er ausweichend. ganz grundlos allerdings. „Er roch schongeisterte sich ein Besucher. Die Leute aus Das Haus kaufte er 1958 und bewohnte streng“, gibt die Schwester zu, „so nachdem Ort sagten tolerant: „Jeder hat seine es zunächst mit einer Tante. Als die starb, alten Lumpen. Er konnte sich in seinemeigene Ordnung.“ Oder: „Solange er nie- richtete er sich darin allein ein, ohne je Haus ja nicht waschen.“ Sie macht sichmandem was tut, ist es seine Sache.“ etwas reparieren zu lassen. Mit der Zeit Vorwürfe, weil sie sich von dem Freund, Doch mittlerweile ist es nicht mehr sei- verrottete das Anwesen. H. gab kaum statt diesen hinauszuwerfen, habe beein-ne Sache. Denn am 28. September 2011 Geld aus. Er ging nicht aus, trank nicht, flussen lassen. „Wir ließen meinen Bruderhat Gerd H., der Hausbesitzer, getötet. rauchte nicht. Was er verdiente, ging so nicht mehr am Tisch mitessen. Er saßEr ist 77 Jahre alt. „Ich bin ein Mörder“, gut wie unangetastet aufs Konto, inzwi- dann allein in der Küche.“ Auch in dersagt er mit fester Stimme über sich. schen liegen dort rund 700 000 Euro. Stube habe sich der Bruder nicht aufhal- Er hat jenen Mann erschossen, der ein Doch mehr als seinen Garten und die Tie- ten dürfen. „Dabei hätten wir doch zuDreivierteljahr zuvor bei seiner verwit- re, deren Gesellschaft ihm lieber war als dritt Platz in der Stube gehabt! Meineweten Schwester eingezogen war. Von die von Menschen, und vor allem die Frei- Wohnung ist groß genug. Wir alle dreidem Augenblick an war in seiner Welt heit, zu tun und zu lassen, was er will, haben Schuld, dass es so gekommen ist.nichts mehr wie zuvor. brauchte H. nicht. Auch ich.“ Man muss die ganze Geschichte ken- 33 Jahre lang wurde er von seiner Anfang 2011 spitzte sich die Situationnen, um die katastrophalen Folgen dieser Schwester versorgt, die nicht weit von zu. H.s Gesundheit hatte nachgelassen. D E R S P I E G E L 2 4 / 2 0 1 2 43
  • 37. Gehen konnte er kaum noch wegen einesHüftleidens. „Er sollte operiert werden,ging aber nicht hin“, sagt die Schwester.„Immer saß er nur im Garten und fütterteseine Vögel.“ Auch die Augen hätten be-handelt werden sollen, jetzt sei es zu spät.Dazu hatte er Bluthochdruck und Zucker. „Geh aus dem Weg, du Krüppel“,schrie ihm der Neue auf dem Fahrradweghinterher, als er mal mit einem Rollatorunterwegs war. „Ich stech dich ab wie einSchaf“, drohte H. „Ich weiß, dass er verzweifelt war.“ DieSchwester klagt sich an. „Er sollte selbsteinkaufen. Das kann er doch nicht! Erkonnte gar nichts mehr!“ Sie habe denFreund gebeten, mit diesem „Rumgestän-kere“ aufzuhören. Niemand würde sichauf Dauer so etwas gefallen lassen. H. versuchte damals, sich umzubringen,er hatte offenbar genug vom Leben. Weiler davon redete, sein Haus zu sprengen,und weil man im Ort munkelte, er habeWaffen, wurde die Polizei geholt. H. kamin eine psychiatrische Klinik. Und erholtesich rasch. Der Bestellung eines Betreuersstimmte er zunächst zu, winkte jedochbald ab. Er komme schon wieder alleinzurecht. Im August vorigen Jahres suchte ihnein Psychiater auf. „Die Tür zum Hausstand offen. Er saß auf einem Eimer undhatte fürchterlich Durchfall. Ich half ihmin die Hose“, berichtet der Gutachter. H.habe ihm erzählt, dass ein neues Betreu-ungsverfahren durch die Bank in Ganggebracht worden sei. Er habe nämlich sei-ne 700 000 Euro abheben und im Gartenvergraben wollen, weil man ihm dummgekommen sei. Man habe ihm Anlage-produkte aufschwatzen wollen. Doch erkönne mit seinem Geld schließlich ma-chen, was er wolle. Der Psychiater ist 83 Jahre alt, noch äl-ter als H. also. Er hielt H. für „ungewöhn-lich eigenwillig“ und auch zu „ungewöhn-lichen Reaktionen neigend“. Aber: „Erwar freundlich, na ja, Altersstarrsinn na-türlich. Das Erste, was ich dachte nachder Tat, war: Was ist jetzt mit den Tau-ben?“ Demenz? „Nein, eigentlich nicht.“ Wer nichts wegwerfen kann und seinHaus zumüllt, ist nicht automatisch krank.Wer geizig ist bis zum Fanatismus, eben-falls nicht. Eine handfeste psychische Stö-rung wollte damals niemand von H.s Ei-genheiten ableiten, zumal er im Umgangmit Außenstehenden fröhlich, ja char-mant wirkte. Seine Lebensumstände fan-den zwar alle, die sie zu Gesicht beka-men, erschütternd. Doch wie darauf rea-gieren? Jeder kann doch leben, wie erwill, solange er keinen anderen schädigt. Nach der Entlassung aus der Psych-iatrie wurde H. untersagt, das Anwesender Schwester zu betreten. Nun verwahr-loste er noch mehr und ernährte sich nurnoch von altem Brot, das beim Bäckerübrig blieb, und dem wenigen, was die44 D E R S P I E G E L 2 4 / 2 0 1 2
  • 38. DeutschlandSchwester ihm heimlich vor die Tür stell- gewesen sei. Die 2. Große Strafkammer ten, träten im Alter dann akzentuiert her-te. Mittagstisch beim Schlachter? Nein, des Landgerichts verurteilte ihn jedoch vor. „Aus Vorsicht wird Misstrauen, auswollte er nicht. Bei der Nachbarin essen? wegen Totschlags zu sieben Jahren. Sparsamkeit Geiz, aus Charakterfestig-Nein, auch nicht. Man kann darüber streiten, ob für ei- keit Eigensinn“, so Schmidt. Das Einfüh- Ein weiterer Gutachter bejahte die Not- nen 77-Jährigen eine so hohe Freiheits- lungsvermögen lasse nach, auch das Ver-wendigkeit einer gesetzlichen Betreuung, strafe nicht einem Lebenslang gleich- ständnis für die Belange der Mitmen-sprach von „Selbstregulationsschwäche“ kommt. Man kann auch fragen, ob das schen. Dafür trete die Ich-Bezogenheit inund einer „Persönlichkeitsstörung, die Gericht das hohe Alter des Angeklagten, den Vordergrund. Werte, die ein Lebenschon den Charakter eines Zwangssyn- das ein Strafmilderungsgrund ist, genü- lang gegolten hätten, verschöben sich. Sodroms“ habe. „Das Haus war nicht mehr gend berücksichtigt hat und ob H. nicht könne ein Mensch, der nie einem anderengeeignet, darin zu leben. Der Mann hatte angesichts der zu erwartenden Ver- etwas zuleide getan hat, plötzlich aggres-sich in schwerster Selbstvernachlässigung schlechterung seines Zustands in der siv werden. Beleidigungen, Kränkungenverfangen“, befand der Gutachter. Neu- Psychiatrie besser untergebracht wäre. und Demütigungen würden intensivererliche Bemühungen um eine Verbesse- Andererseits fühlt er sich offenbar in der empfunden, die Menschen würden nach-rung der Situation wurden dann von den Haft gut aufgehoben. Möglicherweise ist tragender, unflexibler, weniger kompro-Ereignissen überholt. auch das letzte Wort noch nicht gespro- missbereit und emotional labiler. Denn am 28. September gegen 9.45 Uhr chen, da Verteidiger Rainer Mertins an- H. hat den Gefährten seiner Schwestermacht sich H. wieder einmal auf den Weg gekündigt hat, Rechtsmittel einzulegen. als existentiell bedrohlich wahrgenom-zur Schwester. Im Hof begegnen sich die Einer Verurteilung wegen Mordes ent- men. Aus diesem Konflikt fand er nichtWidersacher. Lautstarker Streit, Drohun- ging H., weil sich das Gericht nicht vom mehr heraus. Als er dann ein erstes Malgen. „Hau ab, du Stinker! Ich säble dir Mordmerkmal der niedrigen Beweggrün- geschossen hatte, konnte er diesem Hand-die Beine weg“, soll der Freund der de überzeugen konnte, das die Staatsan- lungsimpuls nicht mehr Widerstand leis-Schwester geschrien haben. H. schreit zu- waltschaft angenommen hatte. Zusam- ten. Er schoss nochmals. Die Merkmalerück: „Du Mörder, du Raubmörder!“, men mit dem psychiatrischen Sachver- der Binswanger-Krankheit treffen auf ihngreift in seinen Leinenbeutel, nimmt ei- ständigen Harald Schmidt, dem Leiter zu wie aus dem Lehrbuch.nen Revolver heraus und schießt. der Maßregelklinik in Zeven-Brauel, hat- „Hirnorganische Erkrankungen sind die Der in die Schulter Getroffene torkelt ten die Richter in der Hauptverhandlung schwersten psychischen Krankheiten, dieund fällt zu Boden. H. geht zu ihm, tippt die besonderen Lebensumstände und die wir kennen“, sagte Schmidt am Ende desihn mit seiner Krücke an und schießt durch das hohe Alter veränderte Persön- Prozesses. „Schon im Anfangsstadiumnochmals. Zielgenau in den Hinterkopf. lichkeit des Angeklagten in einer Weise kann hier die Steuerungsfähigkeit erheb- Er habe sich von dem Mann bedroht herausgearbeitet, die nicht nur die Tat lich reduziert sein.“ Was das auf langegefühlt, sagt H. später bei der Polizei. Der in einem anderen Licht erscheinen ließ, Sicht bedeutet für die rapide wachsendehabe nämlich einen Gegenstand, er mei- sondern auch einen Ausblick eröffnete Zahl alter Menschen, die in Heimen le-ne, eine Sense, gegen ihn erhoben. Tat- in die Zukunft einer alternden Gesell- ben, die zu Hause vereinsamen, die aus-sächlich lag am Tatort eine Holzstange. schaft. gegrenzt und diskriminiert werden – und Die Staatsanwaltschaft Stade klagte H. H., so der Sachverständige Schmidt, lei- vielleicht plötzlich Straftäter sind –, manwegen Mordes an und beantragte auch de an der Binswanger-Krankheit, einer mag es sich gar nicht vorstellen.eine entsprechende Verurteilung, forderte Form der Demenz, die auf den ersten Der Vorsitzende der Kammer, Berendaber nicht lebenslang, sondern zehn Jah- Blick nicht auffalle, aber gleichwohl eine Appelkamp, hat oft einen guten Ton.re, weil die Steuerungsfähigkeit H.s zur Veränderung der Persönlichkeit zur Folge Vom Angeklagten verabschiedete er sichTatzeit wegen einer krankhaften seeli- habe. Vor allem Eigenschaften, die einen mit den Worten: „Ich wünsche Ihnen allesschen Störung erheblich eingeschränkt Menschen sein Leben lang charakterisier- Gute, Herr H.“ D E R S P I E G E L 2 4 / 2 0 1 2 45
  • 39. Szene Was war da los, Herr Bridges? Ronald Bridges, 63, amerikani- scher Cowboy aus Texas, über Haustiere: „Wildthing wiegt 1100 Kilogramm und ist ein Bison. Er ist stubenrein und verbringt gern Zeit in unserem Wohnzimmer, dann legt er sich hin und lässt sich streicheln. Ich hatte mal 52 Bisons. Aber dann bin ich einmal in einem Teich geschwommen, ein Parasit hat mein Auge be- fallen, und ich bin erblindet. Weil ich mit einem Auge keine Büffelherde mehr kontrollieren konnte, habe ich alle Tiere außer JEFFERY R. WERNER / INCREDIBLEFEATURES.COM Wildthing verkauft. Vor kurzem habe ich mir noch einen zweiten Bison geholt, er heißt Bullet. Er wiegt nur 400 Kilo, aber er ist aggressiv zu Fremden. Mir ge- horchen die Tiere, ich weiß, wie ich sie erziehen muss. Gucken Sie mal genau hin, auf meinem Schoß sitzt ein Wolf.“ Ehepaar Bridges Was haben wir den Holländern getan, Herr de Winter?Am 13. Juni spielt die deutsche Fuß- identifizierst dich mit elf Top-Athleten auch die Holländer, die beim FC Bay-ballnationalmannschaft bei der EM wie mit Kriegern. Wir wollen alle ern spielen, versuchen, die Deutschengegen die Niederlande. Der nieder- Krieger sein und das andere Team zu verletzen. Das ist gut. Darum gehtländische Schriftsteller Leon de Winter, töten. Den Ball ins Tor zu schießen ist es im Fußball. Elf gegen elf, die sich58, erklärt die Rivalität der Länder. ritualisierte Vergewaltigung, da kom- die Beine brechen. men unsere archaischen Triebe durch. SPIEGEL: Fußball ist doch kein Krieg!SPIEGEL: Herr de Winter, warum hassen SPIEGEL: Wollen die Deutschen die De Winter: Es ist ritualisierter Krieg.uns die Niederländer? Holländer vergewaltigen? Warum sollte man sonst Fan sein?De Winter: Natürlich hassen wir euch De Winter: Natürlich nicht, aber bei Wir brauchen diesen ritualisiertennicht, aber die Rivalität ist ein Erbe Fußball geht es eben nicht um schöne Krieg, wir brauchen keine echtenaus der Nazi-Zeit. Die Niederländer Stafetten und glitzernde Trikots. Es Kriege.können Deutschland nicht verzeihen, geht um Kampf. Vergiss den Rest. SPIEGEL: Wieso gewinnen die Nieder-dass die Nazis ihr Land besetzt haben. SPIEGEL: Wie hat es Ihnen gefallen, als länder eigentlich keine Titel?Ihr habt uns die Fahrräder gestohlen. Frank Rijkaard 1990 Rudi Völler zwei- De Winter: Vielleicht sind die Spieler zuSPIEGEL: Die Fahrräder? mal in die Haare spuckte? verwöhnt und reich. Ihnen fehlt derDe Winter: Und zweitens haben die De Winter: Rijkaard hat Völler mit der Hunger für das finale Töten. GuckenNazis den Holländern gezeigt, was wir Geste zeigen wollen, dass er ein Stück Sie sich Robben an, der ist klug, aberfür Feiglinge sind. Scheiße ist. Er hat keine ihm fehlt der Killer-SPIEGEL: Was ist davon heute noch übrig? Reaktion bekommen, das instinkt. M. HELLMANN / PICTURE ALLIANCE / DPADe Winter: Für junge Menschen ist das war eine Enttäuschung. SPIEGEL: Singen Sie malnur Folklore. Aber vergessen Sie nicht, SPIEGEL: Heute spielen einen schönen holländi-wie viel Spaß Hass bereiten kann. viele Niederländer in der schen Fan-Gesang.Durch Hass macht sich eine Gruppe Bundesliga. Wie hat das De Winter: Hup, Holland,stärker und definiert ihre Identität. die Rivalität der Länder hup. Laat de leeuw nietSPIEGEL: Das klingt ungesund. verändert? in z’n hempie staan.De Winter: Fußball ist angewandter De Winter: Gar nicht, SPIEGEL: Was heißt das?Wahnsinn. Du kannst Gefühle raus- wenn die Nationalflag- De Winter: Lass den Löwenlassen, die du sonst unterdrückst. Du gen hochgehen, werden Völler, Rijkaard 1990 nicht im Hemd stehen.46 D E R S P I E G E L 2 4 / 2 0 1 2
  • 40. Gesellschaft Fast wie neu EINE MELDUNG UND IHRE GESCHICHTE: Ein Rentner sucht den Sinn des Lebens – und spendet eine Niere.E in paar Tage nachdem Nicholas Kraft, er bekam dafür das Gefühl, dass ein paar Tage später machten Ärzte eine Crace seine Frau beerdigt hatte, er das Richtige tat, sagt er. Röntgenaufnahme seiner Nieren. wählte er die Nummer des Queen- Crace hat keine Kinder, der Border-Ter- „Sie haben Formel-1-Nieren“, sagteAlexandra-Krankenhauses in Portsmouth rier starb, der Spindelmäher wurde zu eine Krankenschwester. Crace schenkteim Süden Englands und sagte: „Guten schwer, der Gemeinderat zu mühselig, ihr einen Strauß Blumen.Tag, ich möchte eine Niere spenden.“ und es kamen kaum noch Touristen ins Er erfuhr, dass rund 6500 Briten auf „Das freut uns“, sagte eine Frau am an- Gefängnis. Er hatte ein schönes Haus mit eine Spenderniere warten. 300 Menschenderen Ende der Leitung. einem Reetdach, und er konnte sich einen sterben jedes Jahr in Großbritannien, be- „Ich bin 82 Jahre alt“, sagte Crace. Gärtner leisten, aber das reichte ihm vor ein Spender gefunden wird. Crace „Oh“, sagte die Frau. nicht. Er setzte sich vor seinen Computer lernte, dass er mit einer einzigen Niere Nicholas Crace wurde am 17. genauso gut leben würde wie mitOktober 1928 geboren. Als der zwei Nieren.Zweite Weltkrieg endete, hatte Es folgten Ultraschalluntersu-er Hunger gelitten und Nächte chung, Gespräche mit Psycholo-im Bunker erlebt, und er ent- gen, eine Magnetresonanztomo-schied, dass er sich fortan vor al- grafie und ein Belastungstest,lem schönen Dingen widmen für den Crace verkabelt wurdewürde. und auf einem Laufband rennen In den Fünfzigern feierte er musste.jeden Abend das Leben. Tags- Crace’ einzige Möglichkeit, sei-über arbeitete er als Buchhalter, ne Niere zu geben, war eine an-schaute in graue Bücher und onyme Spende. Er würde kein SOLENT NEWS & PHOTO AGENCYgraue Gesichter und fand wenig Geld bekommen und niemals er-Sinn in seiner Arbeit, abgesehen fahren, wem er seine Niere über-davon, dass sie ihm die Nächte lässt.finanzierte. Es heißt Spende, aber für Ni- In einer dieser Nächte traf er cholas Crace war es ein Tausch.Brigid, ein Mädchen, 18 Jahre alt, Er gab ein Organ und erhielt da-brünett und zart. Er sprach sie an, Crace für die Gewissheit, dass sein Le-er nahm sie mit in die Oper, zu ben jemandem nützt.„Madame Butterfly“, es wurde Lie- Am 6. April dieses Jahres ent-be. Am Hochzeitstag regnete es. nahmen die Ärzte Crace die lin- Brigid arbeitete als Sozial- ke Niere durch ein kleines Locharbeiterin, und sie war es, die in seinem Bauch.Crace sagte, er solle seine Arbeit Zwei Monate später sitzt erals Buchhalter aufgeben. Tu et- auf seiner Terrasse. Crace erzähltwas, das dir einen Sinn gibt, sag- seine Geschichte, als würde erte sie. Er kündigte und arbeitete ein Märchen vorlesen, das ererst für einen Verlag, dann für selbst geschrieben hat. Er lässteine Organisation, die Schulab- Aus der Münchner „Abendzeitung“ sich Zeit, seine Stimme ist warmgänger in Entwicklungsprojekte und alt. Er trinkt zur Geschichtevermittelt. Dann gründete Crace einen Liter schottisches Ale, dasseine eigene Organisation. Er spült die Niere.vermittelte qualifizierte Rentner als kos- und überlegte, wie er sich das Gefühl In seinem Badezimmer hängt eintenlose Arbeiter an Hilfsprojekte. zurückholen könnte, Teil einer Gemein- DIN-A3-großes Röntgenbild von seiner Er lernte, dass es etwas Besseres gibt schaft zu sein, die ihn braucht. Er war be- linken Niere. Auf einer Kommode imals lange Nächte. Er lernte, wie schön es reit, dafür etwas von sich zu geben. Flur des Hauses, dort, wo andere Men-ist, etwas für andere zu tun. Er tippte „Blut spenden“ in das Such- schen Fotos hinstellen könnten, hat 1998 hörte Crace auf zu arbeiten und feld von Google. Er las, dass er höchstens Crace Karten aufgestellt, von Menschen,kaufte ein Haus auf dem Land und einen 65 Jahre sein dürfe, um Blut zu spenden. die ihm geschrieben haben nach seinerBorder-Terrier. Er mähte den Rasen mit Er tippte „Knochenmark spenden“ in das Spende.einem Spindelmäher, er ließ sich in den Suchfeld und las, dass er höchstens 49 Crace sagt, er überlege manchmal, wieGemeinderat wählen, und manchmal Jahre alt sein dürfe, um sich für eine Kno- sich dieses Gefühl, gebraucht zu werden,führte er Touristengruppen durchs alte chenmarkspende registrieren zu lassen. noch einmal erneuern lasse. Er hat über-Gefängnis seines Ortes. Er tippte „Niere spenden“ in das Suchfeld legt, ob er noch etwas von sich geben Im Jahr 2004 erlitt Brigid einen Schlag- und fand keine Altersgrenze. könnte, aber das sei nun nicht mehr mög-anfall, Crace pflegte sie fünf Jahre, bis Am nächsten Morgen rief er das lich. „Weil ich lebe“, sagt Crace.sie starb. Er gab seine Zeit und seine Queen-Alexandra-Krankenhaus an, und TAKIS WÜRGER D E R S P I E G E L 2 4 / 2 0 1 2 47
  • 41. Winzer Karathanos auf seinem Gut in Karditsa: Prediger der Sorgfalt und des Respekts GENUSS Das Blut der Erde Deutsche mögen griechisches Essen, Gyros und Souvlaki. Aber sie verachten griechischen Wein. Sein Ruf ist wie der des Landes. Ehrgeizige Winzer keltern nungegen die Krise an – und exportieren edle Tropfen nach Deutschland. Von Barbara SuppD rei alte Frauen unter Kopftüchern auf ihr Feld gerollt ist, sie rufen: „Bringt und immer wieder das Wort „Drachme“ zwischen Rebenreihen. Mit schnel- sie her, die deutsche Frau! Sie soll sehen, fällt, das für viele so beängstigend klingt, len Griffen, regelmäßig wie Ma- dass wir nicht faul sind, bringt sie her!“ ist das Auto von Athen aus nach Nord-schinen, brechen sie Triebe ab, damit die Es ist Ende Mai, und während im Ra- westen gefahren, in ein WeinbaugebietTraube genug Kraft bekommt, sie arbeiten dio die Krise beschrieben, beschrien, von in Thessalien. Zu Menschen, die inmittenund singen, „mein schöner Wein“, singen manchen angeblich auch bewältigt wird, der Krise das tun, was Griechenland sosie, „oh, mein schöner Wein“. Dann er- während der deutsche Finanzminister dringend braucht: Sie produzieren. Zufahren sie, wer aus dem Wagen steigt, der mit seinen strengen Sätzen zitiert wird Thanos Karathanos, der Winzer ist und48 D E R S P I E G E L 2 4 / 2 0 1 2
  • 42. Gesellschaft mit Ökonomie-Examen, hatten sie sich für Athen entschieden. Der Kinder wegen kamen sie zurück. Zurück nach Karditsa, zurück zu Nikos, ihrem Vater, der Tischler ist, nur bis zum Alter von zwölf Jahren zur Schule ging und so stolz darauf war, so stolz darauf ist, dass seine Kinder studiert haben. Natascha und ihre Mutter reichen Tha- nos’ Weißwein und gefüllte Zucchini, Omelett, Salate, was es hier so gibt. „Wir sind vom Schiff gesprungen“, sagt Natascha. Und jetzt? Schwimmen sie. In einem faktisch bankrotten Staat ohne gewählte Regierung, dessen Bürger die alten Politiker unglaublich satthaben und den eisernen Sparkurs nicht mehr er- tragen. Bürger, die jetzt schon wieder wählen müssen, am nächsten Sonntag, und die Angst haben, dass es sich rächen wird, wenn sie die Neuen wählen, dass sie bestraft werden, von den Märkten und von der internationalen Politik. Nichts er- warten von diesem Staat, das ist der An- satz von Thanos Karathanos. Das Über- leben, das Weiterleben organisieren. An- dere dazu animieren, dass sie dasselbe tun. Eine „erstklassige Landwirtschaft“ sol- le Griechenland bekommen, die künftig „die Identität des Landes prägen“ werde, so warb Georgios Papandreou, der dama- lige Premierminister, im vergangenen Jahr. Und Karolos Papoulias, der Staats- präsident, sah in einer dynamischen Agrarpolitik den „sicheren Weg“ zur Ret- tung aus der Krise. MARO KOURI / DER SPIEGEL Ein Drittel der Fläche Griechenlands wird landwirtschaftlich genutzt, erwirt- schaftet werden damit zurzeit nur drei Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Man kann Papoulias’ Worte als fernen, unrea- lisierbaren Traum verstehen. Oder als Er- mutigung, Thanos Karathanos hat be-Präsident des Verbands der griechischen gut 800 Meter Höhe mit Blick auf den schlossen, sie als Ermutigung zu verste-Weinkundler. Der nicht nur vom Wein Plastira-Stausee, 140 Betten, Wellness, hen. Der Wein gedeiht in seiner Heimat.viel versteht, sondern auch von den Men- Spa, in dem Ersparnisse der Familie ste- Gute rote Erde, gute Traubenqualität.schen in seiner Heimat. Ein schmaler cken, viel Arbeit aus Nikos’ Tischlerwerk- Was die Welt leider nicht richtig zurMann von 47 Jahren, der manchmal auf statt, Wirtschaftsfördermittel und Geld Kenntnis nimmt, bisher. Schon gar nicht indem Feld zwischen seinen Weinstöcken von der Bank. Und nun Thanos mit sei- Deutschland, wo man mit Udo Jürgens densitzt und Haikus schreibt, Gedichte in ja- nem Wein. Seit 4000 Jahren machen die „griechischen Wein“ besingt, der angeblichpanischer Tradition, worüber er nur mit Griechen Wein, kann es sein, dass darin „wie das Blut der Erde“ sei. Und dabeileicht verlegenem Lächeln spricht. eine Hoffnung liegt? immer Retsina, Retsina, Retsina meint. Zu finden ist er in der Provinzstadt Abseits von Athen reißen die Leute Ro- Thanos Karathanos ist ein Mensch, der,Karditsa, zwischen Schwiegervater, senstöcke heraus und pflanzen Kartoffeln. seinen Jeep durch Serpentinen steuernd,Schwiegermutter, Schwager, Frau und Abseits von Athen mit seinen Armen- eine Vorlesung halten kann über grie-zwei Kindern im halbschattigen Hof eines küchen und Obdachlosen, wo rau und chische Geschichte und den Wein. ImWohnhauses, das in Deutschland eine sehr direkt zu spüren ist, was geschieht, zweiten Jahrtausend vor Christus beginntKleinfamilie beherbergen würde, hier wenn man Teil eines Experiments wird: diese Geschichte auf Kreta, die Römersind es drei. Vor drei Jahren lebte er noch Wie ist es, wenn ein Staat zusammen- lernten von den Griechen, wie man dieals leitender Angestellter einer Weinfirma bricht? Wenn die Kaufkraft schwindet, Weinstöcke behandeln soll, dass man Re-mit Frau und Kindern in Athen. weil die potentiellen Käufer nur noch die ben schneiden muss, für besseren Ertrag. Jetzt ist er einer von denen, die selbst Hälfte verdienen oder gar nichts mehr? Verkaufsvorschriften, Herkunftsbezeich-etwas versuchen, hier auf dem Land. Alle Und die Steuern steigen – auf Treibstoff, nungen, das hatten sie schon in der Anti-versuchen etwas, mit Herzklopfen zum auf Lebensmittel und Getränke, auf alles, ke, und harte Strafen für Betrug. Trinken,Teil. Nikos Galagalas, der Schwiegervater, was man braucht. aber maßhalten, empfahl der Arzt Hip-mit einem Möbelhaus in Karditsa. Dimi- Der Kinder wegen, sagt Thanos’ Frau pokrates. Symposien, sagt er, also mehrtris, der Schwager, mit einem Hotel auf Natascha, eine schwarzhaarige Schönheit Reden als Trinken, das war die Sache der D E R S P I E G E L 2 4 / 2 0 1 2 49
  • 43. Gesellschaft hat: Frauen in feiner Bluse, die im Müll nach Essen gruben. Männer mit Rollkof- fern, die aussahen, als wollten sie zum Flughafen, aber sie suchten einen Platz für die Nacht. „Du bist doch Kosmopolit, was willst du in der Provinz?“, fragten die Athener Freunde, als Thanos, Vater von zwei Kin- dern und Alleinverdiener, das teure Le- ben in Athen aufgab und zurück nach Karditsa ging, um das Land seines Vaters zu bebauen. Thanos steht jetzt im eigenen Weingar- ten, und er lacht. Steht zwischen Roditis und Batiki und Limnio und Xinomavro MARO KOURI / DER SPIEGEL und Assyrtiko, das sind Traubensorten, die es nur in Griechenland gibt, das ist griechischer Wein. Eben nicht das, was die Deutschen tra- ditionell unter griechischem Wein verste-Erntehelferin in Karditsa: „Bringt sie her, die deutsche Frau!“ hen. Als in Deutschland in den siebziger Jahren die ersten „Taverna Mykonos“Griechen. Orgien: Das waren die Römer. Deutschen, 1941, die über 400 000 Tote und „Athena-Stuben“ eröffneten, war esWer Wein ohne Wasser trank, war für die und ein ausgeplündertes Land hinterließ. mehr die Freundlichkeit der Wirte, diealten Griechen ein Barbar. An den Bürgerkrieg zwischen 1946 und aus Gästen Stammgäste werden ließ, als Eine abgeschiedene Gegend ist dieses 1949, der wieder Verelendung brachte, das, was man zu Tsatsiki und Souvlakiwestliche Thessalien, auch zur Zeit der zerstörte Felder, Hungersnot. trank. Den geharzten Retsina eben. Oderosmanischen Herrschaft wurde weiter ge- Sein Vater, sagt Thanos Karathanos, etwas fragwürdiges Halbsüßes. Oder et-keltert, auch unter muslimischer Herr- habe die Not von damals sein Leben lang was Braunrotes, von dem Fachleute sagenschaft, wenigstens für den Eigenbedarf. mit sich herumgetragen. würden: Aha. Oxidiert.Die Region war ein Ort der Kämpfer, der Lernt, geht in die Fremde, brachte der Dass es seit den späten achtziger Jah-Partisanen. Der Plastira-Stausee, an dem Vater seinen Kindern bei. Thanos zog mit ren große Gewächse aus GriechenlandThanos Karathanos sich jetzt entlang- 17 Jahren nach Athen. gibt, erst internationale Sorten wie Mer-schlängelt, um dessen Schönheit zu zei- lot, Syrah, Cabernet Sauvignon, jetztgen, war früher kein See, sondern Acker- auch die griechischen Reben, bekamenund Weideland. Und, von 1943 bis 1944, Mit der Drachme die Deutschen „beim Griechen“ nicht mit.war dort ein Flughafen, der nachts mit würden alle Importe Und schon gar nicht in ambitioniertenHilfe von Partisanen von den Alliierten Esslokalen, wo man Französisch, Italie-benutzt wurde. Tagsüber hielten ihn die teurer, Flaschen, Korken, nisch, Südafrikanisch oder ArgentinischKämpfer mit Büschen getarnt. trinkt. Griechisch? Um Gottes willen. Ret- Es ist ein kompliziertes Verhältnis zwi- Maschinen, Papier. sina womöglich?schen Deutschen und Griechen, kompli- Die meisten griechischen Weinbauernzierter, als es lange Jahre erschien. Erst Vorhin, während der Fahrt zu seinem waren nicht Winzer wie in Deutschland,waren die Deutschen Angreifer und Be- Hof, war der Jeep an der Agrarkoopera- Frankreich oder Italien; sie lasen ihre Trau-satzer. Dann wurden sie Feriengäste. Jetzt tive von Karditsa vorbeigefahren, sie ben und gaben sie an größere Privatabneh-sind sie die Schulmeister, die strenger als sieht erledigt aus, bröckelnde Dächer, ris- mer oder an Genossenschaften weiter,andere das Sparen fordern und mit der sige Mauern, hier wurde Baumwolle ver- machten den Wein nicht selbst. Die EU,Drachme drohen. arbeitet, das lohnt sich nicht mehr, seit mit ihren Subventionen, förderte Moder- Auf dem Hof von Thanos Karathanos, die EU sie kaum noch fördert und die nisierung und Internationalisierung. För-vor Kühltanks, erzählt ein Winzer im Ren- hochsubventionierte US-Baumwolle den derte aber auch, als die Weinmengen euro-tenalter, dass er früher in Kiel war, U-Boo- Markt beherrscht. Wein und Tsipouro, paweit zu groß wurden, mit ihrer Rodungs-te bauen. Er kam zurück und verlegte sich den griechischen Grappa, produziert die prämie das Aussterben der griechischenauf Weinbau und erzählt jetzt mit fühlba- Kooperative immer noch. Thanos’ Vater, Rebsorten, ein Vorgang, der Karathanosrer Erleichterung, dass die Tochter bleiben eigentlich Landwirt, war dort in der Ver- „so schrecklich wie die Reblaus“ erscheint.will und weitermachen; raus in die Welt waltung beschäftigt. Der Junge sprang Karathanos denkt hartnäckig über seinoder zurück aufs Land, das ist ja die Ent- auf dem Gelände herum, hielt die Nase eigenes Weingut hinaus. Er freut sich, dassscheidung für die jungen Leute in diesen in Fässer und beschloss: Das ist mein Le- es, seit den neunziger Jahren, griechischeTagen. Er erzählt, bringt kalten Trester- ben, später – der Wein. Weine gibt, die internationale Preise ge-schnaps zum Anstoßen, und dann schiebt Er studierte Chemie, dann Önologie, winnen und internationalen Respekt. Diesich mühsam, gestützt auf ihre Gehhilfe, die Kunde des Weins. Reiste durch die erfolgreichen Brüder Lazaridi beispiels-seine Mutter aus dem Haus. Schwarz ge- Welt. Reiste nach Jamaika, in die USA, weise, Quereinsteiger aus der Marmor-kleidet von oben bis unten, gebückt, 91- nach Mexiko, Guatemala, Kuba, Chile, branche, oder die Domäne Hatzimichalis,jährig, ach, aus Deutschland ist der Be- Uruguay, Argentinien; überallhin, um zu deren Gründer aus der Elektrobranchesuch. Es sieht aus, als fliege ein Schatten studieren, wie man dort Wein anbaut und kam. Domäne Evharis in Attika, von ei-über ihr Gesicht, aber dann wünscht sie Hochprozentiges destilliert. In den Acht- nem deutsch-griechischen Winzerpaar ge-Gottes Segen, allen, ohne Unterschied. zigern war er unterwegs, Mitte der Neun- gründet, die seit 15 Jahren international Die fürchterlichen Jahre sind nicht ver- ziger wieder und 2004 in Argentinien, im Geschäft ist und Interessantes wie ei-gessen, noch gibt es Überlebende, und nicht lange nach der Staatspleite. Er sah nen weißgekelterten Syrah oder einen As-die erinnern sich. An die Invasion der Dinge, die er jetzt auch in Athen gesehen syrtiko sur Lie produziert. Domäne Siga-50 D E R S P I E G E L 2 4 / 2 0 1 2
  • 44. las auf Santorin, die seit Jahren vom ame- regelmäßig bezahlt, aber glücklich, wenn Die Weinbaukooperative von Tirnavos,rikanischen Kritikergott Robert Parker man ihn dort trifft. Wenn seine Studenten, erzählt dort eine freundliche 28-jährigehervorragende Wertungen bekommt. nach der Zukunft befragt, eigensinnig auf Önologin, habe den zweitägigen Warn- Karathanos selbst, erst seit drei Jahren „Griechenland! Griechenland! Griechen- streik schon hinter sich. Gestreikt wurde,hauptberuflich Winzer, baut biologisch land!“ bestehen. weil die Löhne nun auch in den Weinkoope-an, „Chilia Klimata“ nennt er seinen Wir konnten es mal, das ist die Bot- rativen drastisch gekürzt werden sollen.Wein, „Tausend Wetter“, macht 10 000 schaft des Thanos Karathanos, und wir Die Kooperative besitzt neue tempe-Flaschen im Jahr, das ist fast nichts. Lang- können es wieder. rierbare Stahltanks, helle Lagerhallen mitsam, sagt er, Schritt für Schritt wolle er Als es noch reichlich EU-Subventionen Großflaschen Retsina, aber auch Unge-aufbauen, und dass das eigentlich nur ein gab und nach der Euro-Einführung Kre- harztes wie Roditis, Muscat, Syrah, be-Teil seiner Aufgabe sei, er ist ja Önologe dite für alles und jeden, verschuldeten sitzt moderne Abfüllanlagen, in denenund Berater, berät gegen Geld, wenn je- sich die einen für Urlaub und Mercedes, im Moment die Sorte Roditis in Plastik-mand Geld hat, und kostenlos, wenn es die anderen gaben Geld für sinnvolle Din- flaschen fließt, das macht die Krise. Plas-befreundete Nachbarn sind. ge aus, Keltern mit neuer Technik bei- tik ist billiger. Ein Prediger der Sorgfalt und des Re- spielsweise. Hier im westlichen Thessa- Der Geschäftsführer, Evagelos Sikalos,spekts vor der Ware, das ist Thanos Ka- lien geschah viel zu wenig, warum? sitzt im Konferenzraum und atmet pfei-rathanos. Welche Hefe für die Gärung Zu viel Abneigung gegen Neues viel- fend nach einer Krebsoperation am Kehl-nehmen, wie lange bleibt der Wein auf leicht, zu wenig Unternehmergeist – das kopf. Aber er redet weiter, arbeitet weiterder Hefe liegen, bei welcher Temperatur? ist eine Vermutung. als Chef einer Genossenschaft mit 500Wie wäre es mit Barrique, würde ihm die Die andere Vermutung – es gibt immer Mitgliedern, deren Wein sie keltern undLagerung im kleinen Eichenfass gut be- gute Gründe in Griechenland, wenn et- vermarkten. 66 Angestellte sind damit be-kommen? Wie wäre es, wenn man, für was nicht passiert. Wenn Anträge nicht schäftigt, fünf Millionen Liter Wein, eineeine Weißwein-Cuvée, den klaren, fri- bearbeitet werden, wenn sie liegen und halbe Million Liter Tsipouro und ein we-schen Assyrtiko mit dem aromatischen, liegen und liegen, weil etwas fehlt. Ein nig Ouzo zu produzieren. Und Trauben-nach Aprikose duftenden Malagousia kleiner Umschlag vielleicht. Das alte grie- saftkonzentrat aus überzähligen Trauben.kombiniert? Und bei den Roten: der Sy- chische Problem. Schön wäre es, wenn Deutschland dasrah vielleicht mit dem Xinomavro? Und Am nächsten Tag soll die Kooperative Zuckern von Wein verbieten würde undein wenig Merlot dazu? von Karditsa besucht werden, der zerfalle- stattdessen Traubensaft vorschreiben wür- So etwas probiert er im eigenen klei- ne Rest, der einst der Arbeitsplatz von Tha- de, man könnte dann wunderbar diesennen Keller aus, im Elternhaus seiner Mut- nos’ Vater war, aber die Kooperative ist ge- Sirup exportieren.ter. So etwas unterrichtet er auch, am schlossen, Streik. Stattdessen fährt der Jeep Ja, sagt der Geschäftsführer, der Ex-Fachbereich Lebensmitteltechnik der nun nach Tirnavos, nach Nordosten durch port, es stimmt, wir exportieren zu wenig,Hochschule in Karditsa, schlecht und un- die thessalische Ebene, Richtung Olymp. 95 Prozent gehen in den Heimatmarkt,
  • 45. Gesellschaft Er blickt zum Fenster hinaus, zum Stau- see, wo im Zweiten Weltkrieg der Flug- hafen der Partisanen war. Er erzählt, dass er in einer Kate groß wurde, mit einem Vater, der Schafe und Kühe hielt, kein richtiger Bauernhof, nur ein paar Stück Vieh. Nach sechs Schuljahren verließ er die Schule, wurde Tischler, weil es ihm bei einem Onkel in der Werkstatt so gut gefiel. Mit 15 brauchte er einen Pass und wunderte sich, dass der eingetragene Ge- burtsort ein anderer war, als er geglaubt hatte. Ein Arzt wollte etwas wissen über Krankheiten in seiner Familiengeschichte, Nikos ging nach Hause und fragte ein MARO KOURI / DER SPIEGEL bisschen, so erfuhr er es dann. Dass sein Vater nicht sein Vater war. Dass sein echter Vater von den Deutschen als Partisan erschossen worden war. Die Überlebenden hatten ihn zu diesemFamilie Karathanos beim Abendessen: „Wir brauchten einen Deutschen, der uns regiert“ Mann mit den Kühen und Schafen gege- ben, den er Vater nannte, er nannte ihnnur 5 Prozent ins Ausland, nach Austra- portwaren kaufen müssen. Flaschen. Kor- weiterhin Vater. Das alles, sagt Nikos Ga-lien zum Beispiel, ein bisschen nach ken. Maschinen. Treibstoff. Papier. lagalas und blickt aus dem Fenster, warDeutschland, vor allem halbtrockener Thanos Karathanos verdient nicht viel eben so. Vor sechs, sieben Jahren erfuhrWeißer. Wir brauchen den Weltmarkt. mit seinem Wein, ein kleines Zubrot, bis- er, dass er einen Bruder und eine Schwes-Kürzlich waren wir auf der Messe in her, zum Dozentenberuf. Eine Flasche ter hatte, die traf er dann. Was sie erzähltShanghai. verkauft er für acht bis zehn Euro. Die haben, über seinen leiblichen Vater, seine Ja, die Streiks, sagt der Geschäftsführer, Hälfte davon, rechnet er, sind Produk- Mutter? Nicht viel, sagt er. Er wechseltnatürlich sind sie nicht erfreulich. „Aber tionskosten. Davon wiederum die Hälfte das Thema.ich kann die Menschen verstehen. Nie- bezahlt er für importierte Ware, und Er schafft Kaffee und Tee heran, fürmand macht das gern. Jeder Streiktag ist dieser Anteil von zwei bis drei Euro pro die Reise, als der Besuch sich verabschie-für die Menschen ein Opfer“, ist ein Tag, Flasche würde sich dann ja verdoppeln, det. Er will nicht Opfer, er will Gastgeberan dem sie nichts verdienen. Ein Buch- wenn die Drachme kommt. sein. Er sagt: „Sagen Sie den Leuten inhalter, fünf Berufsjahre, soll jetzt knapp Und die Kundschaft würde noch weiter Deutschland, sie sollen herkommen.“ Er800 statt 1100 Euro verdienen. Ein Arbei- verarmen, wer soll da noch Möbel kaufen, bleibt zurück in einem ziemlich leerenter 510 anstatt der 780, die es bisher gab. gut essen und trinken, verreisen, Über- Hotel. „Es steht Schlimmes bevor“, sagt der nachtungen bezahlen? Ob dann die Deut- Die Hoffnung will es, dass die Deut-Direktor, und sein Atem pfeift. „Die Leu- schen kämen? Vielleicht. Es müsste schen kommen, dass sie auf Nikos’ Mö-te können nicht mehr.“ schnell gehen, damit es hilft. Sehr, sehr beln sitzen, in Dimitris’ Betten übernach- Am Abend erzählt Natascha Karatha- schnell. ten und Thanos’ Wein trinken werden.nos, dass sie jetzt überlegen, was sie künf- Von dem Bild ist jetzt die Rede, das Die Statistik sagt, dass die Deutschentig auf den Feldern anbauen werden, sich die Welt gerade von Griechenland dieses Jahr sehr zurückhaltend darin sind,die Thanos’ Vater hinterlassen hat. Was macht. Es sei ein Land, so heißt es, das nach Griechenland zu fahren.braucht der Mensch, was brauchen sie? durchgefüttert werden müsse, weil es be- Sie sagt noch etwas anderes. Deutsch-Hülsenfrüchte, Getreide und Reben. Sup- wohnt sei von faulen Menschen. Ein land, so steht es in der Handelsbilanz, ist,pe, Brot und Wein. Land, in dem Straßenkrieg tobt und Au- neben Italien, der wichtigste Handelspart- Sie halten ein Symposium ab an die- tos brennen. Ein Land, das an Schatten- ner für Griechenland. Eine einseitige Sa-sem Abend, im Hotel Kazarma, dem Fa- wirtschaft, Bürokratismus und Korrup- che, und die Griechen importieren mehrmilienhotel, etwas Wein und viel reden. tion erstickt. als doppelt so viel, wie sie nach Deutsch-Am 17. Juni soll wieder gewählt werden, Der erste Vorwurf wird mit müder Iro- land exportieren.am Tisch sind fünf Menschen, sechs Mei- nie zurückgewiesen. Der zweite als Über- Aber eine kleine Zahl steht da, in dernungen, so sagen sie selbst, aber einig treibung betrachtet. Für den dritten hält Außenhandelsstatistik des deutschensind sie darin, dass sie nicht mehr wissen, jeder am Tisch anschauliche Beispiele Landwirtschaftsministeriums, in der sichworauf sie hoffen sollen. bereit. eine klitzekleine Hoffnung versteckt. Für Wenn die Altparteien gewinnen, Pasok Korruptionsgeschichten werden erzählt 26 Millionen Euro schickten die Griechenund Nea Demokratia, dann geht das er- und sarkastisch belacht. „Wir brauchten im Vorjahr Wein zu den Deutschen. Imbarmungslose Sparen noch weiter, kann einen Deutschen, der uns regiert“, das ist Jahr 2010 waren es nur 23,8.man das ertragen? Wenn man den Neuen so ein Scherz, der immer wieder mal zu Unter vielen Minussen ein ganz klei-nimmt, den jungen Tsipras von der Lin- hören ist, auch an diesem Abend hier. nes, ganz zartes Plus, für griechischenken, wird dann passieren, was keiner von Nicht jeder am Tisch sieht so aus, als halte Wein.ihnen will: Abschied vom Euro? Von er ihn für einen guten Witz.Europa gar? Wenn dann die Drachme Am nächsten Morgen kommt Nikos,käme? Alles Importierte, also fast alles der Tischler, Thanos’ Schwiegervater, und Video:in Griechenland, würde unglaublich teuer leistet Gesellschaft beim Frühstück. Ges- Weinprobe beiwerden, die Drachme würde ja vermut- tern hatte jemand etwas über seine Ge- Thanos Karathanoslich um die Hälfte abgewertet. Nicht nur schichte erzählt, es ist ihm peinlich, da- Für Smartphone-Benutzer:Dimitris mit seinem Hotel, auch Thanos nach gefragt zu werden, aber dann spricht Bildcode scannen, etwa mitmit seinem Wein würde ja weiterhin Im- er doch. der App „Scanlife“.54 D E R S P I E G E L 2 4 / 2 0 1 2
  • 46. MITTELHERWIGSDORF Rübergemacht ORTSTERMIN: Auf einer Busreise durch Ostdeutschland suchen junge Ostdeutsche nach dem Osten.E s gibt eine Frage, die sie von Berlin Studium, im Moment schreibt er an seiner 150 Leute kamen. Sie schrieben einen aus nicht klären konnten, sagt Jo- Doktorarbeit. neuen Antrag, diesmal für ihre Expedi- hannes Staemmler. „Was ist da ei- Johannes Staemmler war sieben Jahre tion. Wenn sie den Osten erklären wollten,gentlich los, in Ostdeutschland?“ alt, als die Mauer fiel. Er wuchs in Dres- anstelle der alten Männer, mussten sie Staemmler klingt wie der Teilnehmer den auf, aber das kann man kaum noch ihn kennenlernen. Sie waren schließlicheiner Expedition in ein unbekanntes Ge- hören. Er hat sich den weichen Dialekt alle schon lange weg. Berlin zählte nicht.biet. Seine Gruppe ist bis nach Mittelher- seiner Heimat schon als Jugendlicher in Auf die Flyer für ihre Tour ließen siewigsdorf in der Oberlausitz vorgedrun- Dresden abgewöhnt. Abtrainiert, sagt er. eine Karte mit den Umrissen der DDRgen, es ist der östlichste Punkt ihrer Reise Niemand sollte gleich merken, dass er drucken. Sie waren in Schwedt, in Neu-durch den Osten, die nächstgelegene aus dem Osten kommt. brandenburg, in Schwerin, sie haben mitgroße Stadt ist Liberec in der Tschechi- Aus dem Osten kamen Stasi-Leute, Schülern und älteren Leuten gesprochen.schen Republik, auch die Grenze zu Po- Neonazis, Arbeitslose. Witzfiguren, bes- Es gibt viele Kulturprojekte im Osten, solen ist nicht mehr weit weg. Als er vorhin tenfalls. „Ach, hätte ich jetzt gar nicht ge- viel können sie schon sagen. Es wird auchankam, hat Staemmler als einiges aufgearbeitet, amErstes versucht, auf seinem Nachmittag haben sie inHandy eine Internetverbin- Bautzen das alte Stasi-Ge-dung herzustellen, aber er fängnis besichtigt. Derkonnte kein Netz finden. Mann, der sie durch die Ge-Auf seinen Knien liegt ein denkstätte geführt hat, warSchreibblock. Anfang dreißig. Sonst ha- Er schaut die Menschen ben sie bisher nur wenigan, die um ihn herum in Gleichaltrige getroffen. Dieeinem Stuhlkreis in der dritte Generation hat rüber-„Kulturfabrik Meda“ sitzen. gemacht, so wie sie. SVEN DÖRING / AGENTUR FOCUS / DER SPIEGELSonst finden hier Kino- „Dritte Generation Ost,abende statt. Etwa 30 Leute könnt ihr damit was anfan-sitzen im Kreis, die Hälfte gen?“, fragt eine Frau ausgehört zu der Gruppe, mit Staemmlers Gruppe in Mit-der Staemmler am späten telherwigsdorf.Nachmittag angereist ist, in Tja, sagt ein Mann. Er seieinem großen, silbernen Jahrgang 1975 und gehöreBus, auf dem der Schrift- demnach wohl dazu. Ron-zug „3te Generation Ost- ny Hausmann ist Restau-deutschland“ steht. rator, hat vier Kinder und So nennt sich ihre Reise- Tourist Staemmler (l.): „Integrationsleistung erbracht“ ist nie aus der Oberlausitzgruppe. Sie erkunden das weggezogen. Er habe einenLand, aus dem sie selbst Vorschlag für die Gruppekommen. Sie reisen durch aus Berlin.den Osten, weil sie aus dem Osten sind. dacht, dass du aus dem Osten bist“, die- „Ostdeutschland, wollt ihr das WortAber was bedeutet das heute noch? sen Satz höre er ständig, erzählt Staemm- nicht weglassen?“ Er habe das Gefühl, „Wir wurden zwischen 1975 und 1985 ler in Mittelherwigsdorf. Lachen im Saal. dass Deutschland auf einem guten Wegin der DDR geboren“, sagt Staemmler, Die meisten hier kennen den Satz gut. sei. Der Osten sei doch nichts BesonderesJahrgang 1982, in der Kulturfabrik. In Staemmler sagt, dass er sich nicht mehr mehr. Vor allem kein Problemfall. Ein an-einem Papier, das sie vor der Reise ge- über diesen Satz freuen wollte. Er lebt derer Mann meldet sich, ihm gehe es daschrieben haben, steht, dass es 2,4 Mil- jetzt in Berlin. An einem Sommerabend ähnlich. „Ich meine, ich war neun Jahrelionen Menschen gibt, auf die das zutrifft vor zwei Jahren saß er mit Bekannten zu- alt, als die Mauer fiel.“und die zu ihnen gehören könnten. Zur sammen, denen es ähnlich ging. Es war Johannes Staemmler macht sich Noti-dritten Generation der Ostdeutschen, die kurz vor dem großen Einheitsjubiläum. zen. Vielleicht sind sie zu spät dran. Derzugleich die erste ist, die nach der „Wir hatten auch genug davon, dass stän- neue Bundespräsident, den alle so mögen,Wiedervereinigung erwachsen wurde, in dig nur ein paar alte Männer den Osten kommt aus dem Osten. Die Kanzlerin so-Freiheit und Demokratie. So klingt das erklärten“, sagt Staemmler. Die anderen wieso. Die Band Kraftklub ist in denoft in Politikerreden, es ist die Spra- kamen aus Rostock oder Hoyerswerda, sie Charts, die Musiker sind Anfang zwanzigche, mit der sonst in Deutschland über arbeiteten bei Stiftungen und Instituten, und kommen aus Karl-Marx-Stadt. SoEinwanderer gesprochen wird. Und als Soziologen oder Politikwissenschaftler, nennen sie die Stadt wieder. Wahrschein-manchmal fühlt Staemmler sich auch so wie er. Wie man Konzepte und Anträge lich wird der Osten jetzt cool. Johannesso. schreibt, hatten sie im Westen gelernt. Staemmler könnte eigentlich wieder an- Er sagt über sich selbst: „Ich habe mei- Die „Bundesstiftung Aufarbeitung“ fangen, sächsisch zu sprechen.ne Integrationsleistung erbracht.“ Abitur, gab ihnen 40 000 Euro für eine Konferenz. WIEBKE HOLLERSEN D E R S P I E G E L 2 4 / 2 0 1 2 55
  • 47. Trends LANDESBANKEN Fragwürdiger Verzicht Mit offenbar zweifelhaften Begründun- gen hat der Freistaat Sachsen auf die juristische Verfolgung von Politikern verzichtet, die in den Beinahe-Zusam- menbruch der Landesbank involviert waren. Bislang wurde darauf verwie- sen, bei damaligen Mitgliedern des Verwaltungsrats und Kreditausschus- ANDREAS KÖRNER / WIRTSCHAFTSWOCHE ses seien keine erheblichen Summen einzutreiben. Das ist zumindest frag- würdig, denn die Räte waren durch eine Organ-Haftpflichtversicherung abgesichert. Aus Schreiben des Ver- sicherers AIG Europe geht hervor, dass die Risiken von Verwaltungsrat Schlecker-Kinder Lars, Meike und Kreditaus- schuss der Sach- sen LB womög- HANDEL lich abgedeckt wa- WALTRAUD GRUBITZSCH / PICTURE-ALLIANCE / DPA ren. Eine Prüfung der Vorgänge in der Bank im Auf- trag des Finanz- Ver.di will Anton Schlecker verklagen ministeriums hat- Die Gewerkschaft Ver.di ist fest entschlossen, Anton Schlecker, den Gründer der in- te 2010 ergeben, solventen Drogeriekette, zu verklagen, falls sich die Vorwürfe über strittige Immobi- dass sechs Mitglie- lien-Deals und das Vermögen der Familie bestätigen. So hat Anton Schlecker kurz der des Kredit- vor der Insolvenz ein Zentrallager samt Grundstück im steirischen Gröbming für 2,8 ausschusses „ihren Millionen Euro sowie die Österreich-Zentrale bei Linz für 1,8 Millionen Euro an seine Pflichten nicht Kinder Meike und Lars Schlecker verkauft. Bereits vergangene Woche war bekannt-Sachsen-LB-Zentrale 2007 hinreichend nach- geworden, dass der Pleitier ein Logistikzentrum in Österreich an seine Kinder veräußert gekommen“ seien. hatte. Alle drei Deals mit einem Gesamtvolumen von sieben Millionen Euro sollen Die mit dem Fall beauftragte Kanzlei erst mehr als einen Monat nach dem Insolvenzantrag beurkundet worden sein. Außer- hatte dem Ministerium deshalb eine dem soll der Kaufpreis unter dem Marktwert liegen. Durch den innerfamiliären Verkauf Klage ausdrücklich empfohlen. Der wurden die Immobilien der Insolvenzmasse entzogen. Schlecker-Insolvenzverwalter Freistaat verzichtete jedoch unter Hin- Arndt Geiwitz könnte dies anfechten. Offiziell wollte Ver.di die angestrebte Klage weis auf „Rechts- und Prozessrisiken“ nicht bestätigen, eine Sprecherin teilte aber mit, es sei „sehr verwunderlich, dass die und „hohe Kosten“. Sachsen bürgt für Immobilienverkäufe jetzt bekanntwerden, wo der Insolvenzverwalter angeblich schon die inzwischen notverkaufte Bank mit vor Monaten Schlecker auf Vermögensverschiebungen hin überprüft hat“. In einem 2,75 Milliarden Euro, gut 300 Millio- anderen Punkt war Geiwitz gegenüber den Kindern Meike und Lars härter: Er soll ih- nen Euro wurden bereits fällig. Bis- nen ihre Autos weggenommen haben, weil Besitznachweise fehlten. Die Wagen – dar- lang klagt der Freistaat nur gegen unter mindestens ein Porsche – wurden der Insolvenzmasse zugeschlagen. Weder die ehemalige Vorstände des Geldhauses Schlecker-Kinder noch der Insolvenzverwalter wollten sich zu den Vorgängen äußern. auf Schadensersatz. STEUE RABKOM M EN andere Steueroasen abfließe. Er fordert deshalb, alle Vermögen zu ZAHL DER WOCHE berücksichtigen, „die zum Zeitpunkt Stuttgarter Kompromiss der Unterzeichnung des Vertrages im In den Streit um das deutsch-schweize- rische Steuerabkommen kommt Be- wegung, Baden-Württembergs Finanz- April dort lagen“. Bis zum geplanten Inkrafttreten zum 1. Januar 2013 hät- ten Schwarzgeldsünder Zeit, ihre Kon- ten zu räumen. Die – ebenfalls stritti- 680 Millionen Euro betrug 2010 der geschätzte minister Nils Schmid (SPD) zeigt sich ge – Höhe der Besteuerung ist Schmid Umsatzverlust für die deutsche kompromissbereit. Schmid ist Ver- dagegen weniger wichtig: „Das Musik- und Filmindustrie durch handlungsführer des sozialdemokra- Abkommen sollte am Ende nicht an tischen Lagers, das das Abkommen ein paar Prozentpunkten scheitern.“ illegale Downloads. bislang blockiert. Wichtigste Voraus- Geplant ist, Altvermögen mit 21 bis 41 Quelle: House of Research für das setzung für eine Zustimmung im Bun- Prozent nachzuversteuern. Finanz- Medienboard Berlin-Brandenburg und desrat sei, so Schmid, dass nicht weite- minister Wolfgang Schäuble ist bereit, den Computerspieleverband Game res deutsches Geld aus der Schweiz in der SPD entgegenzukommen. 56 D E R S P I E G E L 2 4 / 2 0 1 2
  • 48. Wirtschaft TEXTILINDUSTRIE Kreuzfahrtschiffbühne Gemeinsame StandardsKünftig wollen die weltweit größtenBekleidungsunternehmen mit gemein-samen Standards messen, wie umwelt-freundlich und sozialverträglich ihre T-Shirts, Hosen und Schuhe hergestelltwerden. Dafür haben sich unter ande- ROBERT CHIASSON / PICTURE ALLIANCE / DPArem die Otto Group, H&M, Nike, Adi-das, Gap, Inditex und Walmart zur„Sustainable Apparel Coalition“ zu-sammengeschlossen. Von Juli an sollanhand eines eigens entwickeltenIndexes etwa der Wasser- und Energie-verbrauch, aber auch der Einsatz vonChemikalien bei der Textilproduktionerfasst werden. Außerdem sollen diesozialen Bedingungen in den Produk-tionsländern verbessert werden. Der K R E U Z FA H R T E N gehören, liegt das Wachstum momen-Index erfasst Daten von der Rohstoff- tan bei plus sieben Prozent gegenübergewinnung über die Weiterverarbei- dem Vorjahr. „Zunächst haben auchtung bis hin zur Nutzung des Produktsdurch die Kunden. Spätestens ab Ende Ungebrochener Boom wir eine leichte Zurückhaltung vor al- lem bei Kreuzfahrtneueinsteigern unddes Jahres sollen erste Kleidungs- Das Unglück des Kreuzfahrtschiffs ein stark erhöhtes Informationsbedürf-stücke einen Anhänger tragen, auf „Costa Concordia“ hat offensichtlich nis zu Fragen der Sicherheit regi-dem genau diese Daten zu finden sind. keinen nachhaltigen Einfluss auf das striert“, sagt Royal-Caribbean-Deutsch-Kunden können dadurch zum ersten Buchungsverhalten der Deutschen. Im land-Chef Tom Fecke. Seit einigen Wo-Mal die Produktionsbedingungen Gegenteil: Der Kreuzfahrtsektor chen habe die Nachfrage aber wiedernachvollziehen und diese vergleichen. wächst ungebrochen. So verzeichnete angezogen. Selbst bei der italienischenBisher haben mehr als 400 Produkte der deutsche Marktführer Aida Crui- Unglücksreederei Costa, Tochter desvon über 80 Unternehmen eine Test- ses im ersten Quartal 2012 ein Wachs- US-Riesen Carnival, stiegen die Bu-phase durchlaufen. Die teilnehmenden tum bei den Passagierzahlen um elf chungszahlen. Zunächst lagen sie imUnternehmen erwirtschaften rund ein Prozent, obwohl die „Costa Concordia“ ersten Vierteljahr – bedingt durch dasDrittel des weltweiten Textilumsatzes, von der Konkurrenzreederei Carnival Unglück – zweistellig unter dem Vor-außerdem gehören Vorlieferanten, genau in diesem Quartal havarierte. jahresniveau. In dem im Juni zu EndeFarbhersteller, Nichtregierungsorgani- Bei Royal Caribbean, zu dem Celebrity gehenden zweiten Quartal aber liegensationen und Wissenschaftler zu den Cruises und das Gemeinschaftsunter- die Italiener mit einem deutlichenMitgliedern. nehmen Tui Cruises („Mein Schiff“) zweistelligen Plus über dem Vorjahr. Schlebusch: Ob Griechenland aus dem WÄ H R U N G E N Euro aussteigen wird und zur Drach- me zurückkehrt, ist aus heutiger Sicht „Meist auf Vorrat“ Spekulation. Wir haben jedenfalls kei- ne Anfrage zum Druck der DrachmeWalter Schlebusch, 63, Chef der Bank- vorliegen. Außerdem hat Griechen-notensparte beim Münchner Geld- land eine eigene Banknotendruckerei,drucker Giesecke & Devrient, über die die sicherlich einen Großteil der neu-mögliche Rückkehr der Drachme en Serie selbst produzieren würde. SPIEGEL: Kommt es vor, dass Länder PLUSPHOTO / IMAGOSPIEGEL: Falls Griechenland zur Drach- vorsorglich Geld drucken und lagern?me zurückkehrt: Wie lange dauert es, Schlebusch: Deutschland hat in deneine neue Währung einzuführen? siebziger Jahren aus Angst vor demSchlebusch: Das hängt natürlich von Kalten Krieg tatsächlich eine Ersatz-der Menge der zu produzierenden Schlebusch banknotenserie vorgehalten, die –Banknoten ab. In Griechenland geht Gott sei Dank – nie eingeführt werdendas etwas schneller als in größeren te benötigt. Bis zur Auslieferung kön- musste. Die meisten neuen SerienStaaten, aber bevor überhaupt ge- nen sogar neun Monate verstreichen. werden übrigens auf Vorrat gedruckt,druckt werden kann, vergehen in je- SPIEGEL: Ihr britischer Konkurrent De da man die Einführung meist auf ei-dem Fall sechs Monate. Die werden La Rue rechnet damit, dass ein Druck- nen Schlag durchzieht. Das war auchfür das Design, für die Erstellung des auftrag gesplittet würde und er einen beim Euro so, den wir mitproduziertspeziellen Banknotenpapiers und der Teil davon abbekommen könnte. Hof- haben. Da betrug der Vorlauf sogardabei verwendeten Sicherheitselemen- fen Sie auch darauf? mehrere Jahre. D E R S P I E G E L 2 4 / 2 0 1 2 57
  • 49. Wirtschaft FOTOS: TIM WEGNER / DER SPIEGEL Joachim Burkhardt hat sich „aus Udo Fischer wechselte 2011 Dummheit“ in den Achtzigern für zur Signal Iduna. Die weigert eine private Krankenversicherung sich, die Kosten für die Zahn- entschieden. Seine Prämie stieg spange von Fischers 13-jähriger zum Jahreswechsel drastisch. Tochter Emma zu übernehmen. GESUNDHEIT Der Tarif-Schwindel Privatversicherte erwarten, dass sie als Patienten erster Klasse behandelt werden. Doch nun zeigt eine Branchenstudie: Das Leistungsangebot vieler Assekuranzen weist gefährliche Lücken auf. Gesetzlich Versicherte sind oft besser geschützt.B is heute kann sich Martin Friede- Stock wurden zu einem schwer überwind- kasse (BBKK) nicht vollständig erstatten. rich nicht erklären, wie er unter baren Hindernis. Die Krücken? Musste Friederich selbst den Lastwagen geriet. Es war ein Heute, acht Monate nach dem Unfall, bezahlen. Die Kompressionsstrümpfe?Herbsttag im vergangenen Jahr. Er fuhr fällt Friederich das Gehen noch immer Abgelehnt. Rund 10 000 Euro musste ermit dem Fahrrad zur Arbeit, mit Helm, schwer. Ein Bein ist verkürzt, regelmäßig seit seinem Unfall in der Münchner In-wie immer, hinter ihm der Lkw. Der Wa- muss er zur Physiotherapie. Und als ob nenstadt aus der eigenen Tasche beglei-gen muss ihn beim Überholen gestreift das alles nicht genug wäre, hat der 59- chen. „Und ich glaube nicht, dass damithaben, Friederich stürzte, der Mehrton- Jährige nun noch ein weiteres Problem: schon das Ende erreicht ist“, sagt er undner rollte über seine Beine. „Die Erinne- seine Krankenversicherung. „Man glaubt schaut auf seine blauen Turnschuhe mitrung daran ist wie ausgelöscht“, sagt er. ja immer, als Privatpatient sei man opti- Klettverschluss. Zeitlebens wird Friede- Mit offenen Brüchen unterhalb der mal geschützt“, sagt er. Darüber könne rich Schuhe tragen müssen, deren SohlenKnie brachten ihn die Rettungsärzte in er im Nachhinein „nur lachen“. unterschiedlich dick sind. „Die hat mirdie Klinik. Die Mediziner operierten stun- Seine Versicherung, die bislang immer der Professor in der Reha geschenkt“,denlang. Viele Wochen verbrachte der anstandslos Arztrechnungen und Medi- sagt er. „Zum Glück.“ Denn auch ortho-selbständige Architekt im Krankenhaus, kamente bezahlt hatte, zeigte sich plötz- pädische Spezialanfertigungen dieser Artmehrere Monate war er in der Reha. Die lich gar nicht mehr generös. Die Reha? deckt sein Versicherungstarif offenbarTreppen zu seiner Wohnung im dritten Wollte die Bayerische Beamtenkranken- nicht ab. Friederichs Vertrag enthalte „be-58 D E R S P I E G E L 2 4 / 2 0 1 2
  • 50. + 70 % Kostenfalle +60 Durchschnittliche Beitragsentwicklung gegenüber 1997, je Versicherten, in Prozent + 42 % Quelle: IGES Institut, PKV-Verband Private Kranken- versicherung +20 Gesetzliche Krankenversicherung 0 1997 1999 2002 2005 2008 2011 Rechenbeispiel für private Krankenversicherungen bei einer angenommenen jährlichen Beitragssteigerung von5 Prozent* * ohne Berücksichtigung der AltersrückstellungenLILIAN HENGLEIN & DAVID STEETS / DER SPIEGEL Quelle: Bund der Versicherten Martin Friederich hatte einen schweren Fahrradunfall und musste über 10 000 Euro für die 300 € 489€ 796€ 1297 € Reha, Krücken und andere Folgekosten selbst bezahlen. Monatlicher Beitrag mit . . . . . . 35 Jahren . . . 45 Jahren . . . 55 Jahren . . . 65 Jahren stimmte Leistungsbegrenzungen“, bestä- der Vorteil ihrer First-Class-Policen zu- genannte Hilfsmitteldeklarationen ohne tigt die BBKK. Man habe alle Kosten letzt darauf reduzierte, beim Hausarzt Einschränkungen. übernommen, die man im Rahmen des schneller einen Termin zu bekommen. Vorteilhaft ist eine private Krankenver- Tarifs erstatten müsse. Viele Privatkassen weigern sich neuer- sicherung demnach in vielen Fällen nur Friederich weiß mittlerweile sehr ge- dings, die eingereichten Arztrechnungen noch für diejenigen, die entweder bis an nau, wo die Tücken seiner Versicherung vollständig zu erstatten, und immer öfter ihr Lebensende gesund bleiben. Oder die liegen. Das Leistungsangebot sehe „nicht erleben Versicherte, dass ihr Tarif wichti- so viel Geld haben, dass ein paar tausend gerade üppig aus“ , sagt er. „Das war mir ge Leistungen nicht abdeckt. Wer bei Euro mehr oder weniger keine Rolle spie- vor meinem Unfall nicht klar.“ Den Buch- Neurodermitis Spezialnahrung benötigt len. Viele Kleinunternehmer und Frei- staben- und Zahlenkombinationen in den oder seinen Burnout vom Psychothera- berufler, die nicht auf den oberen Etagen Vertragsbedingungen habe er es jeden- peuten behandeln lassen will, muss das der Einkommenspyramide stehen, ge- falls nicht entnehmen können. Und für häufig selbst bezahlen. hören im Zweifelsfall eher nicht in diese 675 Euro im Monat habe er so etwas auch Wie sehr der private Versicherungs- Kategorie. nicht erwartet. Erst im vergangenen Jahr schutz inzwischen ausgehöhlt ist, zeigt Dass diese Entwicklung Sprengstoff war sein Beitrag um 75 Euro gestiegen. eine Studie des Kieler Gesundheitsöko- birgt, haben mittlerweile auch viele Poli- Deutschland gewöhnt sich an eine neue nomen Thomas Drabinski und der Bera- tiker erkannt. SPD und Grüne wollen die Form von Zweiklassenmedizin. Lange tungsfirma Premiumcircle, die von der private Krankenversicherung ohnehin seit galt die private Krankenversicherung privaten und gesetzlichen Krankenversi- langem abschaffen, Union und FDP sehen (PKV) als nobler Zufluchtsort für Besser- cherung mitfinanziert wurde. Erstmals zumindest Reformbedarf. „Die Zeiten verdienende. Wer bei Allianz und Co. haben Wissenschaftler die Leistungen der sind vorbei, in denen wir über die Pro- versichert war, durfte sich nicht nur als beiden Systeme miteinander verglichen. bleme der privaten Krankenversicherung Premiumpatient im tristen Krankenalltag Das Ergebnis, das sie an diesem Montag hinwegsehen können“, sagt Jens Spahn, fühlen. Er zahlte in nicht wenigen Fällen veröffentlichen, ist alarmierend. Rund Gesundheitsexperte der Union. „Sie sind auch geringere Monatsbeiträge als bei der zehn Millionen PKV-Versicherte seien mit zu groß.“ Und der zuständige FDP-Mi- gesetzlichen Konkurrenz. Das Gefühl, ein teils „existentiellen Leistungsausschlüssen nister Daniel Bahr spricht im Zusammen- „Besserversicherter“ zu sein, wurde al- im Krankheitsfall“ konfrontiert, heißt es hang mit dem Finanzgebaren vieler Pri- lenfalls durch das schlechte Gewissen ge- in der Untersuchung. „Mehr als 80 Pro- vatkassen von einem „Armutszeugnis“. trübt, sich der Solidargemeinschaft zu ent- zent der Tarifsysteme der PKV leisten we- ziehen. niger als die GKV“, sagt Premiumcircle- Die Seniorin Heute fühlen sich nicht wenige Privat- Chef Claus-Dieter Gorr. Dabei gehe es Ursula Möller-Bornemann muss jeden versicherte als die eigentlichen Opfer des um Angebote, die in der gesetzlichen Morgen ein ganzes Sortiment an Tablet- Systems. Seit Jahren steigen ihre Prämien Krankenversicherung fest verankert seien ten schlucken. „Sechs verschiedene Pil- mit oft zweistelligen Raten, während sich wie die häusliche Krankenpflege oder so- len“, sagt sie. „Oder acht?“ Sie runzelt D E R S P I E G E L 2 4 / 2 0 1 2 59
  • 51. Wirtschaftdie Stirn. „Und ich glaube, noch so einSäftchen gegen Kreislaufbeschwerden.“ Möller-Bornemann, 91 Jahre alt, Alli-anz-versichert, lebt seit 2009 in einemWohnstift in Aumühle bei Hamburg. IhrHerz schwächelt, und sie wiegt nur noch40 Kilogramm, doch geistig ist die Fraufür ihr Alter erstaunlich fit. Mit den Me-dikamenten, die ihr der Arzt verordnethat, ist sie allerdings überfordert. Eine Pflegerin muss jeden Tag daraufachten, dass die alte Dame ihre Tabletteneinnimmt. Denn wenn sie es vergisst, ver-schlechtert sich ihr Zustand schnell. Unterder blassen Haut ihrer Hände zeichnensich die Adern ab, der hellrosafarbeneBlazer lässt erkennen, wie knochig ihreSchultern sind. Fast 800 Euro im Monat muss Möller-Bornemann für die tägliche Betreuungbeim Tablettenschlucken bezahlen. Eine THOMAS PETER / REUTERSgesetzliche Krankenkasse würde diesenBetrag erstatten. Möller-Bornemanns Al-lianz-Tarif – rund 700 Euro kostet er mo-natlich – sieht eine solche Leistung jedochnicht vor. „Kann ja wohl nicht sein“, sagtesich Möller-Bornemanns Enkel, Clemens Gesundheitsminister Bahr: Appell an die Eigenverantwortung der VersicherungenWülfing – und half der Großmutter, dieVersicherung zu verklagen. Ende vergan- Besonders problematisch finden die Ex- Der Anwaltgenen Jahres fällten die Richter am Ober- perten, dass viele Versicherungen nur ein- Alexander Schäfer, 37, verdient seinenlandesgericht in Schleswig-Holstein ihr Ur- geschränkt Anschlussheilbehandlungen, Lebensunterhalt damit, sich mit privatenteil, zugunsten des Unternehmens. „Wer Psychotherapien oder wichtige medizini- Versicherern anzulegen. Über zu wenigeine private Krankenversicherung ab- sche Hilfsmittel übernehmen. Und so be- Arbeit kann sich der Anwalt in seinerschließt, kann nicht erwarten, dass er da- merken viele Versicherte erst dann, wenn Frankfurter Kanzlei nicht beklagen. „Manmit so versichert ist, wie er es als Mitglied ihnen wirklich einmal etwas passiert, wie merkt, dass viele Versicherer immer mas-einer gesetzlichen Krankenkasse wäre.“ unzureichend sie abgesichert sind. Sie ge- siver versuchen, ihre Kosten zu drücken“, Wülfing findet das „ziemlich absurd“. nießen zwar den Luxus, ohne Wartezei- sagt er. „Das bekommen natürlich auchMan sollte doch annehmen, sagt er, „dass ten einen Arzttermin zu bekommen, und die Versicherten zu spüren.“eine teure Privatversicherung wenigstens die Mediziner hofieren sie. Der Chefarzt Dabei haben die Konzerne unterschied-einen gewissen Standard erfüllt“. Doch schaut schon mal persönlich vorbei, im liche Strategien: Entweder zweifeln dieeinen gesetzlichen Anspruch darauf gibt besten Fall im Einzelzimmer. Denn das Unternehmen im Nachhinein an, dasses nicht. Wer sich für eine private Versi- ist das Absurde an manchen Privattarifen. eine Behandlung medizinisch notwendigcherung entscheidet, ist selbst dafür ver- Während sie nicht einmal die Kosten für war. Oder sie weigern sich, Therapienantwortlich, welches Leistungspaket er den Krankentransport abdecken, sind oder Hilfsmittel zu bezahlen, die nichtwählt. Und wer bei der Vertragsunter- etwa Extras wie Hustensäfte und Nasen- eindeutig im Tarif enthalten sind. Etwa,schrift nicht mitbekommen hat, dass sein tropfen inklusive. „Das ist so, als würden weil es sie zum Zeitpunkt des Vertrags-Tarif etwa kein Beatmungsgerät gegen sie einen Mercedes S-Klasse kaufen, aber abschlusses noch gar nicht gab. Einen neu-Atemaussetzer bei Nacht beinhaltet, der ohne Motor und Getriebe“, sagt Premi- en Hightech-Rollstuhl beispielsweise.hat ganz einfach Pech gehabt. umcircle-Chef Gorr. Viele Versicherer stellen sich zudem „Da liegt einiges im Argen“, sagt CDU- Schlimmer noch: Was die Versicherung quer, wenn sie Arzthonorare bezahlenPolitiker Spahn, der sich mit seinem Ur- ausschließt, ist für einen Laien kaum sollen, die die Sätze der Gebührenord-teil nun auf die Studie von Drabinski und nachvollziehbar, heißt es in der Studie. nung überschreiten. Häufig rechnen Me-Premiumcircle berufen kann. Die Exper- „Werden alle Kombinationen ausge- diziner höhere Summen ab, weil sie be-ten haben 85 Tarifbestandteile ausge- schöpft, sieht sich der Versicherte einem haupten, anderenfalls nicht wirtschaftlichwählt, die sich am Leistungskatalog der PKV-Versicherungsmarkt mit mindestens arbeiten zu können. Dieser Spielraum istgesetzlichen Krankenversicherung orien- 250 000 Preisen gegenüber.“ ihnen bei einigen Tarifen gestattet. Hälttieren. Zusätzlich aufgenommen in die „Eine Vielzahl der Tarife leisten we- der Versicherer die Rechnung jedoch fürListe haben sie auch Angebote wie pri- sentlich mehr als die GKV“, verteidigt unverhältnismäßig hoch, bleibt der Pa-vatärztliche Versorgung oder Brillen und Volker Leienbach, Cheflobbyist beim tient auf dem Differenzbetrag sitzen.Kontaktlinsen, die gesetzlich Versicherte PKV-Verband, seine Branche. „Etwa, Auch eine andere Besonderheit der pri-nicht erstattet bekommen. „Wir haben ei- wenn es um Zahnersatz, Brillen oder Arz- vaten Krankenversicherung ist für die Ver-nen Standard festgelegt, der garantiert, neimittel geht.“ Natürlich gebe es auch sicherten nicht immer nur von Vorteil. Alsdass die Patienten wirklich umfassend ab- leistungsstarke Angebote, bestätigt Gorr. Privatunternehmen können sich Allianz,gesichert sind“, sagt Drabinski. „Die Frage ist nur, wie ein Versicherter Axa oder Debeka in der Regel aussuchen, Untersucht haben sie 32 PKV-Unter- die finden soll.“ wen sie zu welchem Preis versichern. Alternehmen. Grundlage waren 208 Tarifsys- Wer beim Vertragsabschluss daneben- und Gesundheitszustand sind ausschlag-teme mit insgesamt 1567 Kombinationen. gegriffen hat, kann nicht mehr viel tun. gebend dafür, wie teuer ein Tarif wird.Das Ergebnis: Keine Versicherung kann Es sei denn, er hat eine gute Rechtsschutz- Wer chronisch krank ist, hat kaum einedie 85 Kriterien erfüllen. versicherung. Chance, von einer privaten Versicherung60 D E R S P I E G E L 2 4 / 2 0 1 2
  • 52. Großes Gefälle Vergleich ausgewählter Privatversicherungen* nach Beitrag und Mindestkriterien*jeweils der Kompakttarif mit der höchsten Punktzahl bzw. die beste Kombination der Einzeltarif-BausteineMonatlicherBeitragMittelwert (20 bis55 Jahre) in Euro Bayerische Beamten-700 krankenkasse PKV-Basistarif 592,88 €600500 Quelle: PremiumCircle Deutschland GmbH400 Punktzahl der erfüllten Mindestkriterien (Maximum 85 Punkte) 25 30 35 40 45 50 55 60 65 70 75 80 85zu einem bezahlbaren Preis aufgenom- Zeit vor Abschluss der Versicherung“ hät- auf den Preis. Und so blieb den Unter-men zu werden. Es sei denn, er entschei- ten zwei Zahnärzte zu der Behandlung nehmen vielfach nur eine Möglichkeit,det sich für den sogenannten Basistarif. geraten, heißt es bei der Signal Iduna. In um bei steigenden Kosten im Wettbewerb Manchmal versuchen Neukunden zu so einem Fall übernehme „keine private mithalten zu können: den Leistungskata-tricksen, indem sie verschweigen, dass sie Krankenvollversicherung“ die Kosten. log für neue Produkte zusammenzustrei-unter einer chronischen Krankheit leiden Erst 2011 war Familie Fischer aus der chen. „Tarife wurden nicht bedarfsge-oder schlechte Zähne haben. Dann hat gesetzlichen in die private Krankenversi- recht für Endkunden entwickelt“, heißtder Versicherer die Möglichkeit, dem Be- cherung gewechselt. „Im Nachhinein ge- es in der Studie, „sondern unter der Prä-troffenen zu kündigen. Es kommt aller- sehen war das kein guter Schritt“, sagt misse“, wie sie bei Preisvergleichen „ab-dings auch vor, dass die Unternehmen der Vater. „Gesetzlich versichert hätte schneiden würden“.nur einen Vorwand suchen, um teure Be- Emma mit ihrem Befund wenigstens eine Nun haben viele Privatversicherte Po-handlungen nicht bezahlen zu müssen. einfache Zahnspange bekommen“, be- licen, die weniger ihnen nutzen als den Was das bedeuten kann, hat zum Bei- schwert er sich. „Und man müsste sich Maklern und Versicherungsvertretern. Bisspiel Schäfers jüngste Mandantin Emma jetzt nicht herumstreiten, wo man wie zu neun Monatsprämien dürfen die Ver-erlebt. Sie ist 13 Jahre alt und bei der Si- ein Kreuzchen gesetzt hat.“ mittler kassieren, wenn sie einen Versi-gnal Iduna versichert. Weil ihre Backen- Die Zeiten, in denen Privatpatienten cherungsvertrag verkaufen.zähne schiefstehen, riet ihr der Kiefer- alles bezahlt bekamen, seien „längst vor- Für dieses viele Geld bekommen dieorthopäde im vergangenen Jahr dringend bei“, sagt Anwalt Schäfer. Denn die Bran- Versicherten erschreckend wenig Exper-zu einer Zahnspange. 5000 Euro soll das che steht unter Druck. Früher versuchten tise geboten. „Im Tarifdickicht der PKVGanze kosten. Als ihr Vater den Behand- die Versicherten zur gesetzlichen Konkur- bräuchten die Leute Berater, die fachlichlungsplan an seine Versicherung schickte, renz zu wechseln, wenn ihre Police im gut und ehrlich sind“, sagt Premiumcircle-ging der Ärger los. Denn beim Vertrags- Alter teurer wurde. Doch diesen Weg hat Chef Gorr. „Die gibt es aber kaum.“ Cars-abschluss hatte Udo Fischer, ein selbstän- der Gesetzgeber schon vor Jahren ver- ten Möller, ehemaliger Chef des Makler-diger Designer aus Offenbach, angegeben, baut. Die Versicherten werden immer äl- pools Maxpool, findet ähnlich harteEmma sei noch nie beim Kieferorthopä- ter und benötigen mehr Leistungen. Worte: 75 bis 85 Prozent in der Brancheden in Behandlung gewesen. Das war Der zweite Kostentreiber sind die Me- hätten so gut wie keine Ahnung, schätztfalsch; tatsächlich hatte das Mädchen vor diziner. Weil die Ausgaben der gesetz- er. „Wenn man dahinterguckt, was da be-Jahren einmal einen Termin, um abzu- lichen Krankenkassen gedeckelt sind, raten und verkauft wird, kann manklären, ob ihr ein Zahn gezogen werden versuchen Ärzte und Kliniken, sich bei manchmal wirklich nur die Hände übermuss. Damals hatte sie noch Milchzähne. Privatpatienten schadlos zu halten. Mit dem Kopf zusammenschlagen.“Um die Frage, ob sie einmal eine Spange Erfolg, denn die Krankenkassen haben Eine beunruhigende Aussage, wennbrauchen werde, sei es damals überhaupt wesentlich mehr Möglichkeiten, die Kos- man bedenkt, dass die Versicherten re-nicht gegangen, sagt Fischer. ten im Gesundheitswesen zu drücken, als gelrecht an ihre Verträge gekettet sind. Die Signal Iduna zog Erkundigungen die Privatassekuranz. Entsprechend sind Zwar können sie theoretisch zwischenbeim Zahnarzt ein und entschied darauf- die ärztlichen Behandlungskosten in der verschiedenen Anbietern wechseln. Ha-hin, Emma komplett alle kieferorthopä- PKV seit 1995 um 113 Prozent gestiegen. ben sie sich jedoch bereits vor 2009 versi-dischen Leistungen zu streichen. Die Be- Bei den gesetzlichen Kassen wuchsen sie chert, verlieren sie alle Beträge, die dasgründung: Hätte die Versicherung die lediglich um 42 Prozent. Unternehmen für die Gesundheitsversor-vollständigen Informationen gehabt, hät- Doch die Kunden, die sich meist als gung im Alter angespart hat.te man bei Emma erst gar keinen Vertrag Berufseinsteiger für eine private Versi- Auch ein Tarifwechsel innerhalb derdieser Art akzeptiert. „Schon geraume cherung entscheiden, achten vor allem eigenen Versicherung ist meist wenig at- D E R S P I E G E L 2 4 / 2 0 1 2 61
  • 53. Wirtschafttraktiv, denn die Unternehmen versuchenoftmals rigoros, solche Wechsler auszu-bremsen. Sie wollen nicht, dass ältere unddamit teurere Versicherte die Bilanz einesneuen Tarifs trüben.Die Tarif-WechslerinEin regelrechtes Wechseldrama erlebteeine 69-jährige Axa-Versicherte. DieHausfrau war früher beihilfeberechtigt,weil ihr Mann Beamter war. Nach derScheidung erhielt sie die staatlichen Zu-schüsse jedoch nicht mehr. Ihre Prämie RUPERT OBERHÄUSER / CAROstieg sprunghaft von 213 auf 739 Euro an.Auch der Unterhaltsanspruch, der dieseDifferenz abfedern sollte, fiel weg, nach-dem ihr Ex-Mann verstarb. „Mir bleibennur 70 Euro zum Leben“, schrieb sie 2006an die DBV-Winterthur, die später vonder Axa übernommen wurde, und bat Patienten bei der Physiotherapie: Eine neue Form von Zweiklassenmedizinum „eine wesentlich billigere Kranken-versicherung“. hergehenden Schmerzen so weiterleben“, zu lösen. Das Nebeneinander von pri- Zwei Jahre später gelang ihr der Wech- da sie sich den Selbstbehalt nicht leisten vater und gesetzlicher Krankenver-sel in einen spürbar preisgünstigeren Tarif kann. Für 2012 bot ihr die Axa schließlich sicherung müsse in der jetzigen Form er-zu 354 Euro. Hinzu kamen jedoch 1000 einen neuen Tarif mit einem deutlich halten bleiben, lautete Bahrs unbeirrteEuro Selbstbeteiligung im Jahr. Auch die- niedrigeren Eigenanteil an. Das Ende ei- Botschaft beim Ärztetag in Nürnbergse Prämie stieg weiter an. Am Ende blieb ner Odyssee. Ende Mai.der Frau nichts anderes übrig, als frei- Gesundheitsminister Bahr fordert, alle Ganz anders sehen das die Opposi-willig auf Leistungen zu verzichten. Im Möglichkeiten auszuschöpfen, „den Ver- tionsparteien SPD und Grüne. Sie wollenvergangenen Jahr schrieb sie an die Axa, sicherten günstigere Tarife anzubieten“. die kommende Bundestagswahl mit demsie habe „bereits genehmigte Behandlun- Diesen Aufruf nehmen die Konzerne aber Versprechen gewinnen, der privatengen“ absagen müssen, auch eine Schul- genauso wenig ernst wie seinen Appell, Krankenvollversicherung den Garaus zuteroperation. Nun müsse sie „mit den ein- die Probleme „in Eigenverantwortung“ machen. Stattdessen sollen alle Deut-
  • 54. schen gemeinsam in eine Bürgerversiche- wusst, welche Leistungen ihre Policen mals einfach nicht bedacht, was das fürrung einzahlen. Die PKV-Unternehmen umfassen und welche nicht. Konsequenzen haben könnte.würden in diesem Fall nur noch Zusatz- Schon 2011 hat sich die DKV von ihren Jahrelang zahlte der angestellte Lehrerversicherungen anbieten. Billigtarifen verabschiedet. „Es bringt für seine Versicherung 268 Euro im Mo- Die Union ist noch auf der Suche nach nichts, um Geringverdiener zu werben, nat, sein Selbstbehalt betrug 1000 Euroeinem Konzept. „Die Branche sollte sich die später mit Prämienerhöhungen völlig pro Jahr. Kaum war er im Ruhestand, er-auf einen Mindestversicherungsschutz ei- überfordert sind.“ Auch die Verfasser der höhte sich Burkhardts Beitrag auf 394nigen“, fordert zumindest schon CDU- Studie plädieren dafür, einheitliche Tarif- Euro. „Die Perspektive, mit meiner RenteGesundheitsexperte Spahn. kriterien festzusetzen. Zudem verlan- einen solchen Beitrag bezahlen zu müs- Sogar bei den Assekuranzunterneh- gen Drabinski und Gorr eine „grund- sen, fand ich ziemlich unerfreulich“, sagtmen selbst wächst inzwischen die Er- legende Neuordnung des Vertriebsmark- der Pädagoge, der mittlerweile wiederkenntnis, dass es so wie bisher nicht wei- tes und der Provisionen“. Für Makler arbeitet. Er wechselte in einen Tarif zutergehen kann. müsse es „einheitliche Ausbildungs- und 300 Euro. Doch dann brummte ihm die „Wir müssen auf die berechtigte Kritik Zulassungsvorschriften mit Mindestqua- Gothaer einen sogenannten Risikozu-reagieren, damit das duale System mit lifikationen geben“, heißt es in der Stu- schlag von 80 Euro im Monat auf.gesetzlicher und privater Krankenversi- die. Wer einen neuen Vertrag abschließt, Erst als er sich beschwerte, senkte diecherung Zukunft hat“, sagt Clemens dürfe künftig höchstens vier statt wie der- Versicherung seine Prämie wieder. AusMuth, Chef der Deutschen Krankenver- zeit neun Monatsbeiträge Provision er- datenschutzrechtlichen Gründen wolltesicherung (DKV). Mit 900 000 Vollversi- halten. die Gothaer den Fall nicht kommentieren.cherten ist sein Konzern einer der größ- Die Privatversicherung abzuschaffen, „Die Unsicherheit darüber, wie es mit denten Krankenversicherer in Deutschland. wie es SPD und Grüne fordern, hielten Beiträgen weitergeht, ist ziemlich belas-„Viel zu lange wurden die Produkte zu sie dagegen für einen Fehler. Die PKV tend“, sagt Burkhardt. „Am Ende machtoft nur über den Preis verkauft und nicht habe gegenüber der gesetzlichen Versi- einen noch die eigene Krankenversiche-über die Qualität“, sagt er. „Das hat dazu cherung auch Vorteile, wie etwa Kapital- rung krank.“geführt, dass Billigtarife mit teils drasti- rücklagen fürs Alter. KATRIN ELGERschen Leistungsausschlüssen auf dem Joachim Burkhardt aus Frankfurt wür-Markt sind.“ de sich freuen, wenn die Politik etwas für Muth fordert verbindliche Mindestkri- ihn täte. Er ist 68 Jahre alt und seit 1985 Video:terien für die Branche. „Wir brauchen ei- bei der Gothaer versichert. „Es gab mal Lohnt sich eine Privat-nen Mindeststandard in den Bereichen, eine Zeit, da habe ich als Selbständiger versicherung noch?die für die Menschen oftmals erst im fort- gut verdient“, erzählt er. „Und dann habe Für Smartphone-Benutzer:geschrittenen Alter relevant werden.“ ich mich aus Dummheit für eine Privat- Bildcode scannen, etwa mitVielen Kunden sei nicht ausreichend be- versicherung entschieden.“ Er habe da- der App „Scanlife“.
  • 55. Opel-Werk in Bochum HANNELORE FOERSTER / GETTY IMAGES AU TO I N D U ST R I E Chronik eines angekündigten Todes Der Niedergang von Opel ist nicht die Folge einer Branchenkrise. Die deutsche Tochter des US-Konzerns General Motors wurde durch drastische Sparmaßnahmen und eine falsche Modellpolitik heruntergewirtschaftet.W enn es ums Überleben geht, nagement über Sparpläne zu verhandeln. auch vor dem Werkstor noch zu verste- dann wird es hässlich. Dann ist Doch die britischen Kollegen haben heim- hen sind. Die Demonstranten dort singen: Solidarität etwas für linke Split- lich einen Lohnverzicht zugesagt. Als Be- „Hoch die in-ter-na-tio-nale …“ Einenkeltergruppen, die draußen vor Tor 4 des lohnung wird die Astra-Produktion aus sagt: In Großbritannien „produziert manOpel-Werks in Bochum singen: „Hoch die Deutschland nach Großbritannien ver- eine Scheißqualität“.inter-na-tio-nale So-li-da-ri-tät.“ lagert. Die Arbeitsplätze in Ellesmere An diesem 21. Mai ist in Bochum ein Drinnen, auf der Betriebsversammlung, Port sind vorerst gesichert – und die 3100 Stück des Niedergangs einer deutschenkämpft der Bochumer Betriebsratschef Jobs in Bochum gefährdet. Traditionsmarke zu beobachten, die vorRainer Einenkel für das Werk. Es hat „Ellesmere Port liefert die schlechteste 150 Jahren von Adam Opel als Produzentkaum noch eine Zukunft, weil eine ande- Qualität – und das schon seit Jahren“, von Nähmaschinen gegründet und 1929re Fabrik des General-Motors-Konzerns, sagt Opel-Betriebsrat Einenkel nun. Bo- von General Motors übernommen wurde.die im britischen Ellesmere Port, ihr Über- chum produziere gute Autos. Bochum sei Es ist vorbei mit dem viele Jahre funk-leben erst mal gesichert hat. das produktivste Werk. Deshalb hätte tionierenden Zusammenhalt der General- Die Betriebsräte der Opel-Mutter Ge- man „den Astra hierher geben müssen.“ Motors-Belegschaften in Europa, die bis-neral Motors in Europa hatten sich zwar Der Betriebsrat brüllt so laut ins Mi- lang gemeinsam auf Lohn verzichteten,geschworen, nur gemeinsam mit dem Ma- krofon, dass die meisten seiner Sätze um Arbeitsplätze zu retten. Dies ist64 D E R S P I E G E L 2 4 / 2 0 1 2
  • 56. Wirtschaftschmerzlich für die Gewerkschaften, aber immer seltener zum Repertoire unserer Raffinessen. Jedes neue Modell sollte eines ist auch ein Armutszeugnis für das Ma- unternehmerischen Maßnahmen.“ Es feh- bis zwei technische Neuheiten aufweisen.nagement. Die Belegschaften kämpfen le die Überzeugung, dass „eine bestän- „Industry first“, hieß die Vorgabe an diegegeneinander, weil der Opel-Führung dige Profit-Basis nur durch beständige In- Entwickler.wenig mehr einfällt, als Löhne zu drücken vestitionen in die Markenpflege und in Der Calibra, ein sportliches Coupé,und Werke zu schließen. technologisch erstklassige Produkte ge- hatte den niedrigsten Luftwiderstands- Dabei haben die Beschäftigten von Ge- schaffen werden kann“. wert, der Vectra einen modernen Allrad-neral Motors in Europa schon auf Weih- Opel-Aufsichtsräte, denen mehrere antrieb, und als Volkswagen, Ford undnachts- und Urlaubsgeld verzichtet. Es Schreiben von Gäb aus der damaligen Co. sich noch gegen die Einführung deswurden allein beim jüngsten Sanierungs- Zeit vorliegen, sehen in den Papieren Be- geregelten Katalysators wehrten, preschteplan 8000 Arbeitsplätze gestrichen. Die lege dafür, dass GM seit über einem Jahr- Opel vor: Die Rüsselsheimer stattetenFabrik in Antwerpen wurde geschlossen. zehnt die Ursachen der Opel-Misere ihre Autos als erster Massenherseller se-Doch dies waren nur Zwischenschritte kennt, sie aber nicht bekämpft hat. rienmäßig mit dem Kat aus. In der Wer-auf dem Weg in den Abgrund. Jetzt soll Die Schreiben erhellen das ganze Aus- bung sang Louis Armstrong: „What aes weitergehen. maß des Missmanagements im größten wonderful world.“ An diesem Dienstag will GM-Boss Dan Autokonzern der Welt. Sie lesen sich wie Als kluger Kopf hinter der damaligenAkerson mit dem Board of Directors über die Chronik eines angekündigten Todes. Opel-Strategie galt Hans Wilhelm Gäb.den nächsten Sparplan für das Europa-Geschäft entscheiden. Es geht um den Abbau mehrerer tau-send Arbeitsplätze und die Schließungvon Fabriken. Die Zukunft der Werke inEisenach und Bochum ist ungewiss. Aberes stellt sich auch die Frage, ob die Tradi-tionsmarke Opel überhaupt noch eine Zu-kunft hat, nachdem GM in Europa seitüber einem Jahrzehnt Verluste einfährt. Der Ausgang der Sitzung ist offen. CAROLINE SEIDEL / PICTURE ALLIANCE / DPA DANIEL KARMANN / PICTURE-ALLIANCE/ DPAHardliner im GM-Management sind füreine Schließung der Fabrik in Bochum.Andere Top-Manager wollen Bochumnoch eine Chance geben. Wenn sie sichdurchsetzen, kann der Zafira bis zumEnde seiner Laufzeit 2016 dort gebautwerden. Zudem soll möglicherweise einanderes Modell aus dem GM-Konzern indiesem Werk gefertigt werden, wenn dieKosten in Bochum wettbewerbsfähig sind. Ex-Opel-Manager Gäb, Produktion im Werk Bochum: „Kein Charisma, kein Flair“ Ein wenig Hoffnung muss das Unter-nehmen seinen Arbeitern in Bochum In seinem Brief vom Dezember 1997 Der ehemalige Tischtennis-Nationalspie-noch lassen. Man kann kaum erwarten, kritisiert Gäb, dass GM neue Fahrzeug- ler hatte seine Karriere bei Ford begon-dass sie noch zwei Jahre lang gute Autos Plattformen für Opel in den USA entwi- nen und bei Opel fortgesetzt. Gäb warproduzieren, wenn das Ende des Werks ckeln lasse, die den Ansprüchen der US- im Opel-Vorstand eigentlich nur für PRjetzt beschlossen werden sollte. Vielleicht Kunden genügten, in Europa aber hinter und Sponsoring zuständig, entwickeltekäme aus Bochum dann „Scheißqualität“. Modellen von Volkswagen zurückblieben. aber Konzepte für die Zukunft des ge- Es ist eine Abwärtsspirale, die sich stän- „Diese Art von Globalisierung wird zu samten Unternehmens. Die jeweiligendig weiterdreht. Sie begann schon Mitte reduzierter Wettbewerbsfähigkeit in Opel-Chefs nutzten seine Analysen, undder neunziger Jahre, auf einem Höhe- Europa führen.“ Wenn man dies weiter auch die Mutter GM zeigte sich beein-punkt der Opel-Karriere in Deutschland, betreibe, schrieb Gäb den Bossen in De- druckt und beförderte Gäb später zumals die Marke profitabel und dem Kon- troit, dann werde Opel „zu einer Blue- Vizepräsidenten der Europa-Zentrale.kurrenten Volkswagen noch dicht auf den Collar-Marke ohne Image“, die nicht General Motors führte die deutscheFersen war. Streng vertrauliche Briefe be- mehr höhere Preise verlangen könne, Tochter damals an der langen Leine, ge-legen, dass der Niedergang von Opel „weil sie kein Charisma, kein Flair und treu dem Grundsatz des GM-Gründersnicht die Folge einer Branchenkrise ist. kein Prestige in sich trägt“. Eine Marke Alfred Sloan, der den einzelnen MarkenOpel wurde durch Missmanagement sys- aber, „die allein auf den Preiskampf an- stets eine große Eigenständigkeit verspro-tematisch heruntergewirtschaftet. gewiesen ist, wird zu den Verlierern ge- chen hatte. Dies war eine Voraussetzung Schon 1997 warnte Hans Wilhelm Gäb, hören“. für den Erfolg.damals Aufsichtsratsvorsitzender von 15 Jahre später ist Opel der Verlierer Opels Entwicklungschef Fritz LohrOpel und Vizepräsident von General Mo- unter den Autoherstellern in Europa. konnte Vierventilmotoren, Sechsgang-tors, vor dem „kurzfristigen Krisenma- Opels Marktanteil in Deutschland hat getriebe und Spaßmobile wie den Calibranagement“ des Konzerns, der die Ent- sich halbiert, die Zahl der Mitarbeiter in konstruieren lassen. Er trieb die Ingenieu-wicklungsbudgets kürzte und Fahrzeuge Europa ebenfalls, von rund 80 000 auf re an. In Rüsselsheim lief vieles unteraus der Modellpalette strich. 40 000. Konstant blieb nur, dass Opel Ver- dem Kürzel „FWD“. Es stand für „Fritz In einem vertraulichen Brief an die luste einfährt. will das.“Konzernzentrale in Detroit schrieb Gäb Dass dies nicht der zwangsläufige Ab- Opel bewährte sich mit moderner Tech-am 2. Dezember 1997: „Einer Krise durch stieg eines Massenherstellers ist, hatte nik und attraktiven Nischenmodellen, au-Investitionen in Produkt oder Service po- Opel selbst Anfang der neunziger Jahre ßerdem profilierte sich die Marke als dersitiv zu begegnen und damit auch neue bewiesen. Die Marke stand für moderne wohl größte Sportsponsor. Bayern Mün-Profit-Möglichkeiten zu schaffen, gehört Autos, für gute Qualität und technische chen, Steffi Graf, Franziska van Almsick D E R S P I E G E L 2 4 / 2 0 1 2 65
  • 57. Wirtschaftmachten Werbung für Opel; General Motors in den USA ent-Basketball-, Tischtennis- und wickelt worden war. Er wurdeHockeymannschaften ebenfalls. in Europa als Opel Sintra ver-Walter Röhrl wurde mit Opel kauft.Rallye-Weltmeister. Ingenieure in Rüsselsheim hat- Während das Rüsselsheimer ten frühzeitig gewarnt. Das Mo-Unternehmen Anfang der neun- dell werde bei den europäischenziger Jahre auf Erfolgskurs war, Crashtests nur schlecht abschnei-steckte der große Konkurrent den. Sie baten darum, das AutoVolkswagen in der Krise. Ferdi- so aufzurüsten, dass es die euro-nand Piëch, von Audi gerade auf päischen Standards erreicht, undden Spitzenjob in Wolfsburg ge- wollten es sechs Monate späterwechselt, musste sanieren. Nur auf den Markt bringen. Doch die REBECCA COOK / REUTERSdurch die Einführung der Vier- Manager in Detroit setzten sichtagewoche konnte er 1993 ver- durch. Was gut ist für den US-hindern, dass Volkswagen 30 000 Markt, sollte auch gut genug seinMitarbeiter entlassen musste. für Europa. Doch der technikbegeisterte Der Crashtest des renommier-Ingenieur Piëch wusste, dass er General-Motors-Boss Akerson: Noch eine Chance für Bochum? ten Fachblatts „Auto Motormit Sparen allein den VW-Kon- Sport“ deckte tatsächlich „schwe-zern nicht voranbringen konnte. Piëch heim“, weil er den Lieferanten immer re Sicherheitsmängel“ bei dem Familien-setzte auf Innovation, die Marke Volks- niedrigere Preise abpresste. Dies senkte auto auf. Die Prüfer stellten „eine erheb-wagen sollte sich abheben von den ande- die Kosten, doch schon nach einiger Zeit liche Reduzierung des Überlebensraumsren Massenherstellern, von Renault, Peu- kam Opel mit Qualitätsproblemen in die mit teilweisem Kollaps sicherheitsrelevan-geot und Fiat. Und sie sollte sich natürlich Schlagzeilen. Beim Astra gab es mitunter ter Karosserieteile“ fest.nicht von Opel überholen lassen. Stichflammen beim Tanken, weil Opel an Der Sintra wurde zum Beleg dafür, Piëch brachte den VW-Konzern Mitte einer Gummimanschette gespart hatte. dass ein Arbeitsprinzip des Weltkonzernsder neunziger Jahre langsam wieder auf Der Werbeslogan „Opel – der Zuverläs- General Motors nicht funktioniert: DerKurs. Opel gab zur gleichen Zeit seine sige“ wirkte plötzlich peinlich. Autobauer wollte in den USA oder KoreaErfolgsrezepte auf. Einen traurigen Höhepunkt fand die entwickelte Fahrzeuge mit leichten Mo- Die entscheidenden Manager, die das Selbstbeschädigung der Marke mit der difikationen auch in Europa unter derRüsselsheimer Unternehmen auf den Einführung eines Familienvans, der von Marke Opel verkaufen.Weg zum Abgrund schickten, waren Die Anforderungen der Kunden in denLouis Hughes, erst Opel- dann GM- Abgewirtschaftet USA und Asien sind deutlich geringer alsEuropa-Chef, José Ignacio López, Ein- Marktanteile in Deutschland die der Autokäufer in Europa. Damit be-kaufsvorstand, und Peter Hanenberger, in Prozent schädigte der Konzern die Marke Opel.Chefentwickler. Der Sintra musste nach kurzer Zeit in Als Erstes wurde der Anspruch aufge- 23 Europa vom Markt genommen werden.geben, Modelle mit technischen Neuerun- VW Opel-Manager Gäb hatte exakt vor die- 21gen herauszubringen. Statt „industry ser Entwicklung gewarnt. Er schrieb amfirst“ hieß es im Management nun, Opel 19 12. September 1996 an den damaligenmüsse ein „fast follower“ sein, ein schnel- Europa-Chef von General Motorsler Nachahmer. Dies hing auch mit dem 17 Hughes: Das Unternehmen gebe einenEhrgeiz des damaligen GM-Europa-Chefs Standard auf, „der uns zusammen mitLouis Hughes zusammen, der sich Hoff- 15 Volkswagen in Sachen Sicherheit zur No.nungen auf den Spitzenposten bei Gene- 1 unter den europäischen Großserienher-ral Motors machen konnte. 13 stellern gemacht hatte“. Wenn man so Hughes fand seinen idealen Partner in weitermache, werde Opel „kaum noch inEntwicklungschef Hanenberger, der den 11 der Lage sein, im Wettbewerb mit Volks-Zweck eines Autos damit beschrieb, Men- 9 wagen zu bestehen. Ein Blick auf die Qua-schen von A nach B zu bringen. lität, die Hightech-Elemente, Sicherheit Mit dieser Einstellung kann man viel 7 und Ausrüstung des neuen Passat gegen-Geld sparen, aber kaum begehrenswerte über unserem Vectra spricht eine klareFahrzeuge konstruieren. So stiegen die Sprache“.Gewinne, die nach Detroit überwiesen Zum Eklat kam es, als General Motorswurden – und die Karrierechancen der 1990 95 2000 05 10 12* ausgerechnet Entwickler Hanenberger,Manager ebenfalls. der bei Opel für die Talfahrt mitverant- 0,5 Es waren nicht nur US-Manager, die wortlich gemacht wurde, 1998 zum neuenOpel in die Krise steuerten, sondern auch 0 Opel-Chef befördern wollte. Gäb, damalsDeutsche wie Hanenberger. Für die Mo- Aufsichtsratschef bei Opel, trat aus Pro-delle Calibra und Tigra wurden keine test gegen diese Geschäftspolitik von sei-Nachfolger entwickelt. Die Stückzahlen nen Ämtern zurück. –1seien zu gering, lautete die Argumenta- In seinem Abschiedsbrief an GM-Cheftion, die allerdings unterschlug, dass gera- Jack Smith formulierte er am 12. Oktoberde solche Fahrzeuge das Image einer Mar- Gewinne und Verluste** 1998 seine „tiefe Sorge“ um die Zukunftke prägen und damit auch den Verkauf –2 von Opel in Milliarden Euro des Unternehmens, auch weil „in der vir-der eher biederen Astra fördern können. tuellen Welt der Besprechungsräume eine Der damalige Einkaufschef López trug * Jan. bis Mai Managementkultur gewachsen ist, in derden Beinamen, „der Würger von Rüssels- –3 ** ab 2004 GM Europe Quelle: KBA die unkritische Unterstützung der Füh-66 D E R S P I E G E L 2 4 / 2 0 1 2
  • 58. rung als Loyalität angesehen wird und In der Zwischenzeit könnte das Unter- Der Betriebsratschef ist mittlerweile inberechtigte Kritik als verdächtige Oppo- nehmen seinen Gewinn jährlich um 333 Altersteilzeit, seine düstere Prognose istsition“. Millionen Euro erhöhen, wenn es den Mo- Realität. GM arbeitet das nächste Spar- In seinen letzten Jahren bei Opel hatte tor oder das Auto nicht konstruiert. programm aus. Dabei gilt es schon als Er-Gäb die größte Unterstützung von einem GM sparte Geld, weil Opel lange Zeit folg, wenn das Werk in Bochum nicht so-Arbeitnehmervertreter erhalten, Betriebs- keine Direkteinspritztechnik für Diesel- fort geschlossen wird. Doch selbst wennrat Klaus Franz. motoren entwickelte. Die Marke aber litt der Board of Directors von GM dies am Vordergründig kämpfte Franz gegen darunter. Ihre Modelle fuhren dem Kon- Dienstag dieser Woche beschließen sollte,den Abbau von Arbeitsplätzen. Das kurrenten VW technologisch hinterher. dann erhielte das Werk damit nur einebrachte ihn in die Schlagzeilen. Einen Als dies auch in Detroit nicht mehr zu Galgenfrist.mindestens ebenso wichtigen Kampf aber übersehen war, suchte GM nach einer Dies sieht auch die nordrhein-westfä-führte Franz eher im Verborgenen. Im kurzfristigen Lösung. Der Konzern ging lische Landesregierung so. Ihr Wirt-Unternehmen setzte sich der Betriebsrat eine Partnerschaft mit Fiat ein. Opel sollte schaftsminister Harry Voigtsberger botfür neue Modelle und Motoren ein, als von den Italienern Dieselmotoren bezie- General Motors an, in Bochum mit Un-sei er der oberste Opel-Entwickler. hen. Weil manche Projekte nicht schnell terstützung des Landes beispielsweise Franz ist wie Gäb davon überzeugt, genug vorangingen, trennte sich der US- eine Windturbinenproduktion aufzubau-dass die Basis des Geschäfts nicht schöne Hersteller dann wieder von Fiat. en. So könnte man langfristig neue JobsBilanzen sind, sondern gute Autos. Wenn Ebenso sprunghaft agierte GM, als dem schaffen, um möglicherweise nicht mehrOpel-Ingenieuren mal wieder das Budget Konzern wegen des jahrelangen Missma- benötigte Automobilarbeiter zu beschäf-gestrichen wurde, wandten sie sich nicht nagements 2009 der Konkurs drohte. In tigen. General Motors hat noch nicht ge-an den Vorstand, sondern an den Be- der Not sollte die Tochter Opel verkauft antwortet.triebsrat. Als stellvertretender Vorsitzen- werden, die Verträge waren unterschrifts- Langfristige Planung, ungewöhnlicheder des Aufsichtsrats kämpfte Franz im reif, doch dann warf die GM-Führung das Ideen sind nicht die Sache des GM-Ma-Kontrollgremium für die Finanzierung zu- Steuer plötzlich herum und erklärte Opel nagements. Und so lange der größte Au-sätzlicher Cabriomodelle und Gelände- für unverzichtbar. Es folgte der nächste tokonzern der Welt geführt wird wie einwagen. Aber auch er konnte nicht ver- Sanierungsplan. Finanzkonzern, vor allem mit kurzfristi-hindern, dass Opel die Weiterentwick- Betriebsrat Franz warnte im Opel-Auf- gen Zielen, hat Opel keine Chance.lung von Dieselmotoren zeitweise aufgab. sichtsrat, dieses Sparprogramm werde, Die Marke ist weitgehend auf Europa An diesem Beispiel zeigt sich, dass Ge- wie die Programme zuvor, nicht zu einem begrenzt, weil GM die Wachstumsmärkteneral Motors nicht erfolgreich sein kann, nachhaltigen Erfolg führen. Arbeitsplätze mit Modellen von Chevrolet bedient. Inso lange das Unternehmen sich von ei- würden abgebaut, die Kosten an die ge- Europa steigt der Absatz kaum. Konkur-nem Prinzip leiten lässt: Der US-Konzern sunkenen Marktanteile angepasst. Aber renten wie Hyundai und Škoda werdenwill kurzfristig Erfolge sehen, um Anleger es fehlten Initiativen, um Opel Wachs- stärker, auch weil sie viel in Technik in-zu beeindrucken und den Aktienkurs zu tumschancen zu eröffnen. General Mo- vestieren. Opel wird es noch schwererbeflügeln. Die Automobilindustrie ist je- tors müsste der Marke erlauben, ihre fallen, seine Modelle hier zu verkaufen.doch ein langfristiges Geschäft. Das ist Fahrzeuge auch in China, Brasilien, In- Bei weiter sinkenden Absatzzahlender Grundwiderspruch dieses Unterneh- dien und Russland zu verkaufen. aber rechnet es sich für GM immer weni-mens. Mit dieser Strategie werde sich der Kon- ger, aufwendige Technik für Opel zu ent- Die Entwicklung einer neuen Motoren- zern maximal zwei Jahre Zeit erkaufen wickeln, die andere Marken wie Chevro-generation oder eines Automodells dau- und dann das nächste Sparprogramm vor- let oder Cadillac nicht benötigen.ert drei Jahre und kostet rund eine Mil- bereiten müssen, sagte Franz auf der Auf- So geht es weiter, immer weiter, bergab.liarde Euro. Erst dann fließt Geld zurück. sichtsratssitzung am 18. Mai 2010. DIETMAR HAWRANEK D E R S P I E G E L 2 4 / 2 0 1 2 67
  • 59. Wirtschaft D E B AT T E Europa steht am Abgrund Ausgerechnet die Deutschen haben nichts aus der Geschichte gelernt. Von Niall Ferguson und Nouriel RoubiniFerguson, 48, Autor des Buchs „Der Westen und der Rest der die erste Hälfte vom amerikanischen Börsen-Crash dominiertWelt“, lehrt an der Harvard University. Roubini, 54, ist Profes- war, drehte sich in der zweiten alles um den Bankrott der euro-sor an der New York University und Vorsitzender von Roubini päischen Banken.Global Economics. Beide sind, wie auch Gerhard Schröder, Was passierte dann? Auf die Bankenkrise folgte das Hoover-Tony Blair, Jacques Delors und zahlreiche andere Experten, Moratorium: Die Zahlung der Kriegsschulden des ErstenMitglied des „Council for the Weltkriegs und die Repara-Future of Europe“, das der tionszahlungen wurden aus-Investor und Philanthrop Ni- gesetzt. Daraufhin beglichencolas Berggruen organisiert, fast alle Schuldnerländer kei-um Lösungen für die Krise ne oder nur einen Teil ihrerin Europa zu erarbeiten. Auslandsschulden, allen vor- an Deutschland. 1932 er- reichte die ArbeitslosenzahlI st es eine Minute vor in Europa einen leidvollen zwölf in Europa? Die Höchststand: Im Juli 1932 deutsche Öffentlichkeit waren 49 Prozent der deut-scheint den Ernst der Lage schen Gewerkschaftsmitglie-in Europa nicht zu begreifen. der ohne Arbeit.Sie fordert damit genau das Die politischen Folgen sindheraus, was durch die euro- bekannt. Aber die National-päische Integration vermie- sozialisten waren nur dieden werden sollte: eine Wie- schlimmste von einer ganzen ULLSTEIN BILDderholung der Krise genau Reihe extremistischer Bewe-wie im 20. Jahrhundert. Zu gungen, die politisch von derdiesem Schluss sind wir bei Krise profitierten. 1928 ge-einem Treffen des Nicolas Geschlossene Danat-Bank in Berlin 1931 lang es den systemkritischenBerggruen Institute Ende Parteien in Deutschland – so-Mai in Rom gekommen. Die europäische Bankenkrise zwei Jahre wohl Kommunisten als auch Je wahrscheinlicher ein Faschisten – 13 Prozent derungeordneter Austritt Grie- vor 1933 trug unmittelbar zum Wähler für sich zu gewinnen.chenlands aus der Währungs- Zusammenbruch der Demokratie bei. Und im November 1932union wird, desto mehr konnten sie nahezu 60 Pro-wächst der Druck auf die zent der Wählerstimmen fürspanischen Banken und zugleich die Gefahr eines Bank-Run sich verbuchen. Die Parteien am rechten Rand schnitten auchim gesamten Mittelmeerraum, der so immens wäre, dass er in Österreich, Belgien, der Tschechoslowakei, Ungarn und Ru-die Europäische Zentralbank überwältigen würde. Schon jetzt mänien gut ab, während in Bulgarien, Frankreich und Grie-gibt es eine erhebliche Renationalisierung des europäischen chenland die Kommunisten an Zustimmung gewannen.Finanzsystems. Dieser Prozess könnte weiter fortschreiten bis In weiten Teilen Europas führte dies zum Tod der Demokra-hin zur kompletten Desintegration. tie. Während 1920 noch 24 europäische Länder demokratisch Wir finden es außergewöhnlich, dass ausgerechnet Deutsch- regiert wurden, waren es 1939 nur noch 11. Sogar Banker wissen,land nicht aus der Geschichte lernt. Fixiert auf die nur einge- was in diesem Jahr passierte.bildete Gefahr einer Inflation, scheinen die Deutschen heute Diejenigen von uns, die in den neunziger Jahren wiederholtdem Jahr 1923 (Jahr der Hyperinflation) mehr Bedeutung bei- davor warnten, dass das Experiment der Währungsunionzumessen als dem Jahr 1933 (Tod der Demokratie). Sie würden schlecht enden würde, könnten jetzt voller Schadenfreude seingut daran tun, sich daran zu erinnern, dass eine europäische – wenn wir nicht so beunruhigt wären, dass sich die GeschichteBankenkrise zwei Jahre vor 1933 unmittelbar zum Zusammen- wiederholen könnte.bruch der Demokratie beitrug – und das nicht nur in ihrem Weigenen Land, sondern quer über den europäischen Kontinent. ie ist die Situation heute? Die Länder am Rande Erstaunlich wenige Europäer (einschließlich der Banker) Europas stecken in einer Depression. Laut dem In-scheinen sich daran zu erinnern, was im Mai 1931 passierte, als ternationalen Währungsfonds (IWF) wird das Brutto-die Creditanstalt, Österreichs größte Bank, in Schwierigkeiten inlandsprodukt in diesem Jahr in Griechenland um 4,7 Prozentgeriet. Die darauf folgende europäische Bankenkrise, in der und in Portugal um 3,3 Prozent schrumpfen. In Spanien liegtauch zwei der größten deutschen Banken bankrott gingen, lei- die Arbeitslosenrate bei 24 Prozent, in Griechenland bei 22tete die zweite Hälfte der Weltwirtschaftskrise ein. Während Prozent und in Portugal bei 15 Prozent. In Griechenland, Irland,68 D E R S P I E G E L 2 4 / 2 0 1 2
  • 60. Italien und Portugal beträgt die Verschuldung der öffentlichen folgreiche US-Programm TARP (Troubled Asset Relief Pro-Hand bereits mehr als 100 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. gram) dienen.Gemeinsam mit Spanien sind diese Länder nun praktisch vom Die Banken wie bisher zu rekapitalisieren, indem die StaatenAnleihemarkt ausgeschlossen. Anleihen am nationalen Anleihemarkt und/oder bei der EFSF Und jetzt kommt die Bankenkrise. Seit mehr als drei Jahren aufnehmen, hat sich in Irland und Griechenland als katastro-weisen wir darauf hin, dass Kontinentaleuropa die elenden Bi- phal erwiesen: Die Staaten wurden noch weniger zahlungsfähiglanzen seiner Banken bereinigen muss. So gut wie nichts wurde und die Banken noch risikobehafteter, da sie mehr Schuldenunternommen. Derweil findet seit zwei Jahren ein stiller Run des öffentlichen Haushalts in ihren Büchern haben.auf die Banken am Rande der Euro-Zone statt. Das sogenannte Direkte Kapitalspritzen würden das vermeiden. Der Euro-Smart Money – hohe, nicht gesicherte Guthaben vermögender Steuerzahler würde Aktionär der Banken der Euro-Zone, undPrivatkunden – hat Griechenland und andere ClubMed-Banken die momentane Balkanisierung des Bankenwesens würde teil-bereits verlassen. weise gestoppt werden. Das würde hoffentlich auch helfen, Aber nun, da die Bürger endgültig das Vertrauen verlieren, den Widerstand der Politik gegen grenzüberschreitende Fusio-könnte sich der stille Run auch auf die kleineren Spareinlagen nen und Übernahmen in verhätschelten nationalen Banken-ausweiten. Sollten die Griechen aus der Euro-Zone austreten, systemen zu brechen. Diese Teilverstaatlichung wäre temporär,würden die Konten eingefroren und die Euro-Guthaben in denn solide Banken, die über Einnahmen neues Kapital auf-neue Drachmen konvertiert werden. Ein Euro in einer griechi- bauen, könnten natürlich die öffentlichen Vorzugsanteile zu-schen Bank entspricht also nicht wirklich einem Euro in einer rückkaufen und damit reprivatisiert werden.deutschen Bank. Vergangenen Monat haben die Griechen über Dabei müssen die Risiken für den Steuerzahler durch zu-700 Millionen Euro von ihren Banken abgezogen. sätzliche Maßnahmen möglichst gering gehalten werden. Es Schlimmer noch: Vergange- muss ein EU-weites Ein-nen Monat gab es eine Welle lagensicherungssystem ge-von Abhebungen bei spani- schaffen und durch ange-schen Banken. Bei einem messene Bankenabgaben fi-kürzlichen Besuch in Barce- nanziert werden – etwa überlona wurde einer von uns wie- eine Finanztransaktionssteu-derholt gefragt, ob es sicher er oder besser noch in Formsei, sein Geld einer einheimi- einer Abgabe auf alle Bank-schen Bank anzuvertrauen. verbindlichkeiten.Solch ein Prozess birgt Explo- Es braucht ein Systemsionsgefahr. Was heute noch zur Abwicklung von Ban-ein gemächlicher „Bank Jog“ ken, in dem zunächst dieist, könnte schnell zu einem nicht gesicherten GläubigerSprint zu den Ausgängen wer- ihren Beitrag leisten müs-den. Ein Run auf andere Ban- sen, bevor Steuergelder ein-ken der PIIGS-Staaten wäre gesetzt werden, um die Ver- ARIS MESSINIS / AFPunvermeidlich, wenn Grie- luste der Banken abzu-chenland austräte. Rationale decken. Auch die Größe derMenschen würden fragen: Banken muss beschränktWer ist der Nächste? werden. Und nicht zuletzt: Die Kreditkrise in der Eu- Protestierende Studenten in Athen Wenn europäische Steuer-ro-Peripherie ist unverändert gelder europäische Bankenernst. Da die Banken nicht Zunächst gilt es, das absichern, muss auch diein der Lage sind, genügend Regulierung und Aufsichtprivates Kapital zu beschaf- Wirtschaftswachstum in der Euro-Zone auf europäischer Ebene er-fen, um die geforderte Kapi- in Schwung zu bringen. folgen.talquote von neun Prozent Klar ist dabei: Solange diezu erreichen, verkaufen sie Gefahr besteht, dass Mit-Vermögenswerte und schränken ihre Kreditvergabe ein. Das gliedsländer den Euro-Raum verlassen, funktioniert die Ein-verschärft die Rezession in der Euro-Zone weiter. Eine Frag- lagensicherung nicht. Bei einem Austritt wäre eine Sicherungmentierung und Balkanisierung des Bankenwesens in den Län- der Euro-Konten sehr teuer, da das austretende Land sämt-dern der Euro-Zone ist bereits in vollem Gange. liche Euro-Ansprüche in eine neue, schnell abgewertete Auch die politische Fragmentierung beschleunigt sich in nationale Währung konvertieren müsste. Wenn andererseitsEuropa. Bei der letzten Wahl in Griechenland stimmten sieben die Einlagensicherung nur dann gilt, wenn das Land nichtvon zehn Wählern für kleinere Parteien, die das Sparprogramm austritt, könnte sie einen Bank Run nicht aufhalten. Entspre-ablehnen, das Griechenland im Gegenzug für die Hilfspakete chend muss das Risiko eines Euro-Zonen-Austritts minimiertder EU auferlegt wurde. Etablierte Parteien verlieren derzeit werden.Wählerstimmen an Splitterparteien, wie beispielsweise in Ita- Dafür gilt es zunächst das Wirtschaftswachstum in der Euro-lien, wo die Fünf-Sterne-Bewegung des Komikers Beppe Grillo Zone in Schwung zu bringen und auf übertriebene Sparpro-kürzlich die Kommunalwahl in Parma gewann. Und in Deutsch- gramme zu verzichten. Die Europäische Zentralbank mussland ist eine Rebellenpartei namens Piraten der letzte Schrei. dazu ihre Geldmarktpolitik lockern, der Euro schwächer wer-In den Niederlanden, in Frankreich und Norwegen haben den, steuerliche Anreize in den Kernländern müssen gesetztPopulisten eine große Anhängerschaft. Das ist beunruhigend. werden, Infrastrukturprogramme gestartet und in den Kern- ländern die Löhne deutlich erhöht werden, um den KonsumD er Weg, der aus dieser Krise führen könnte, scheint anzukurbeln. klar. Erstens müssen die Banken in der Euro-Zone – so- Und schließlich sehen wir keine Alternative zur Vergemein- wohl in den Peripherie-Staaten als auch in den Kern- schaftung der Schulden. Es gibt viele Ideen dazu, aber der Vor-ländern – über Vorzugsaktien ohne Stimmrecht von EFSF und schlag der deutschen Wirtschaftsweisen, der einen europäischenESM direkt rekapitalisiert werden. Als Vorbild sollte das er- Schuldentilgungsfonds vorsieht, ist der beste. Nicht, weil er D E R S P I E G E L 2 4 / 2 0 1 2 69
  • 61. Wirtschaftoptimal wäre, sondern weil er der Mit unseren Vorschlägen wolleneinzige Vorschlag ist, der die Beden- wir die Bedenken der Deutschen be- ANDREW TESTA / PANOS / VISUMken der Deutschen mindern kann: Es schwichtigen. Aber es muss dringendwäre ein temporäres Programm, das etwas passieren! Die Deutschen müs- EYEVINE / INTERTOPICSnicht zu dauerhaften Euro-Bonds sen verstehen, dass Banken-Rekapi-führt. talisierung, EU-Einlagensicherung Allerdings besteht das Risiko, dass und Schuldenvergemeinschaftungjeder Vorschlag, der für Deutschland nicht optional sind. Es sind essentiel-akzeptabel ist, automatisch für die le Schritte, um eine DesintegrationPeripherie-Länder der Euro-Zone Ferguson Roubini Europas zu verhindern. Sollten dieinakzeptabel ist – vor allem für Ita- Deutschen aber nach wie vor nichtlien und Spanien. Die Kosten eines Auseinander- überzeugt sein, sein, dasssie sich dar- müssen Sie fürchten eine „neokoloniale“ über im Klaren die KostenUnterwerfung ihrer Haushaltspoli- brechens der Währungs- eines Auseinanderbrechens der Wäh-tik unter deutsche Hoheit, wie es union wären astronomisch. rungsunion astronomisch wären– so-ein ranghoher Politiker bei unserem wohl für sie selbst als auch für alleTreffen in Rom formulierte. Jedoch anderen.ist es unvermeidlich, dass ein gewisses Maß an Souveränität Der deutsche Wohlstand hängt eng mit der Währungsunionabgegeben wird. zusammen. Deutsche Exporteure haben durch den Euro Wett- bewerbsvorteile. Und die Euro-Zone ist das Ziel für 42 ProzentB islang hat Deutschland jeden dieser Vorschläge gnadenlos der deutschen Exporte. Die Hälfte dieses Markts in eine Re- abgelehnt. Deutsche Politiker haben sich wiederholt ge- zession zu befördern kann nicht in deutschem Interesse sein. gen eine direkte Rekapitalisierung der Banken ausge- Letztlich hat die Währungsunion immer auch eine weiter-sprochen. Kanzlerin Angela Merkel schließt Euro-Bonds be- gehende Integration in eine finanzwirtschaftliche und politischeständig aus. Manche deutsche Offizielle klingen, als würden Union beinhaltet. So hat es Kanzlerin Merkel vergangene Wo-sie einen Austritt Griechenlands wirklich wollen. Andere sind che selbst gesagt.ganz erpicht darauf, Spanien einem haushaltspolitischem Diktat Aber bevor Europa auch nur annähernd so weit ist, diesen his-wie in Portugal zu unterwerfen. torischen Schritt zu gehen, muss es zunächst einmal zeigen, dass Wir verstehen die deutschen Bedenken. Es ist schwer, deut- es Lehren aus der Vergangenheit gezogen hat. Die EU wurde ge-sche Steuergelder zu riskieren, wenn es keine Reformen in den gründet, damit sich die Katastrophen der dreißiger Jahre nichtPeripherie-Ländern gibt. Aber Reformen brauchen Zeit, auch wiederholen. Es ist an der Zeit, dass die führenden Politiker Eu-die deutschen Strukturreformen wirkten nicht über Nacht. Eine ropas – und insbesondere Deutschlands – verstehen, wie gefährlichBankenkrise dagegen kann in wenigen Tagen eskalieren. kurz davor sie sind, eine solche Katastrophe zu verursachen.
  • 62. Flüchtiger Strom Eingespeiste Wind- und Solarstromleistung am 25. und 26. Mai, in Megawatt Quelle: EEX 25000 20000 15000 Solar 10000 5000NEWS5 / OTT Wind 0.00 Mittag 0.00 Mittag 0.00 Gaskraftwerk „Franken I“ in Nürnberg: „Weitgehender Eingriff in die Eigentumsrechte“ Uhr Uhr Uhr Begonnen hat der Konflikt im Oktober müssen Stromversorger damit rechnen, ENERGIE vorigen Jahres. Da teilte E.on seinem dass ihnen vorgeschrieben wird, das Still- Netzbetreiber Tennet mit, man wolle ei- legen von Kraftwerken mehrere Monate Zwangsweise nige Kraftwerke abschalten. Der Betrieb der alten Gas- und Ölturbinen lohne sich nicht mehr. Weil immer mehr Sonnen- vorher anzukündigen. Im Ernstfall könnten die Behörden den Weiterbetrieb selbst von verlustbringenden Meilern anordnen. am Netz und Windstrom ins Netz drückten, seien die Anlagen nicht mehr ausgelastet, jedes der Kraftwerke schreibe Verluste, teilwei- Schon jetzt klagen die Unternehmen, dass ihnen das Geldverdienen immer schwerer falle. Immer öfter müssen sie Der Betrieb vieler Kraftwerke se in zweistelliger Millionenhöhe pro Jahr. ihre Kraftwerke herunterfahren, weil sie rechnet sich nicht mehr. Doch Tennet reagierte verhalten. Erst als verpflichtet sind, Sonnen- und Wind- wenn die Stromkonzerne E.on-Chef Johannes Teyssen die Bundes- strom vorrangig ins Netz einzuspeisen. regierung Anfang Mai am Rande des Die Branche will sich deshalb gegen diese Anlagen stilllegen würden, Energiegipfels bei Bundeskanzlerin An- die Verordnung zur Wehr setzen und eine wäre die Versorgung gefährdet. gela Merkel (CDU) auf mögliche Folgen freiwillige Lösung anbieten. Wenn der hinwies, war die Politik alarmiert. Staat einen solchen Einsatz verlangt, F ast hundert Jahre ist es her, da wur- Zusammengerechnet können die E.on- möchten sich die Unternehmen wenigs- de im Südwesten Nürnbergs das Kraftwerksblöcke mehr als 1800 Megawatt tens entschädigen lassen. Rein rechtlich Kraftwerk „Franken I“ in Betrieb Strom erzeugen. Diese Kapazität ist in scheinen sie dafür gut gerüstet zu sein. genommen. Seit 1913 liefern dort die Tur- Bayern eine durchaus relevante Größe, da Eine Verordnung, die Versorger zum binen Elektrizität; früher erzeugten sie dem Süden durch das Atom-Aus größere Betrieb unrentabler Kraftwerke zwänge, den Strom aus Kohle, heute dient Erdgas Engpässe drohen als dem Norden. Sollte wäre ein „weitreichender Eingriff in die als Brennstoff. Demnächst will der Düs- E.on die Kraftwerke abschalten, warnte Eigentumsrechte“ der Unternehmen, sagt seldorfer Versorger E.on „Franken I“ so- die Landesregierung, bestünde die Gefahr, der Energierechtler Peter Rosin von der wie vermutlich vier weitere Kraftwerks- dass das Stromsystem zusammenbräche. Kanzlei Clifford Chance; eine solche In- blöcke in der Region stilllegen – sofern Jürgen Homann, der neue Leiter der Bun- tervention sei deshalb ohne eine ange- die Bundesregierung dies zulässt. desnetzagentur, nahm umgehend Ver- messene Entschädigung kaum vorstellbar. In Berlin planen die Beamten in den handlungen mit E.on auf. Er warnte be- Die Rechnung werden die Stromkun- Ministerien nämlich eine bemerkenswer- reits davor, dass das Abschalten weiterer den bezahlen müssen. Doch welcher Auf- te Verordnung. Demnach könnte der Meiler „das Sicherheitsniveau auf nicht schlag ist angemessen? Genau darum wer- Staat Stromversorger dazu verpflichten, mehr akzeptable Werte sinken“ lassen wür- den Netzagentur und Kraftwerksbetrei- Kraftwerke weiterlaufen zu lassen. Diese de. Ziel von Homanns Gesprächen: Der ber nun streiten. Die Energiebranche Meiler hätten den Zweck, die Schwan- Energieversorger soll die Kraftwerke zu- wird versuchen, sich so teuer wie möglich kungen der schnell wachsenden Mengen nächst am Netz lassen. Die Kosten könn- zu verkaufen. Die Behörde indes wird von Sonnen- und Windstrom auszuglei- ten auf die sogenannten Netzentgelte um- ihre Regulierungsmacht zur Geltung brin- chen und so die Netze stabil zu halten: gelegt werden, somit auf den Strompreis. gen. „Wir dürfen ein Pokerspiel erwar- eine Feuerwehr gegen den Blackout. Bei dieser Notoperation für Bayern wird ten“, sagt die Energierechtlerin Ines Zen- Solchen Zwangsmaßnahmen kann die es freilich kaum bleiben. Die Bundesregie- ke von der Kanzlei Becker Büttner Held. Stromwirtschaft nichts abgewinnen. Erst rung will sich nicht noch einmal von Eng- Die Versorger kalkulieren, dass es bis musste sie nach dem Fukushima-Unglück pässen ähnlicher Art überraschen lassen, zu 200 Millionen Euro kostet, stets genü- Abschied von der Atomkraft nehmen, deshalb wird in Berlin offenbar an einer gend Kapazitäten im Netz bereitzustellen. und nun kündigt sich ein weiterer Schlag Verordnung gearbeitet, die dem Staat weit- Die Ausgaben für die E.on-Kraftwerke an: ein Eingriff des Staates in ihr Geschäft. reichende Befugnisse einräumt. Demnach, sind darin nicht einmal enthalten. Einfach so hinnehmen wird sie ihn nicht. heißt es in internen Analysen der Betreiber, FRANK DOHMEN, ALEXANDER JUNG D E R S P I E G E L 2 4 / 2 0 1 2 71
  • 63. WirtschaftBRAUERPHOTOS Ehepaar Middelhoff, Yacht „Medici“ an der Côte d’Azur: „Persönliche Katastrophe“ Krockow, früher Gesellschafter der Köl- MANAGER ner Privatbank Sal. Oppenheim. Die beiden, so beklagen sich Middel- „Offenkundige Geldnot“ hoffs Juristen, hätten den Manager und seine Frau dazu verführt, in Immobilien- fonds einzusteigen, „die zwingend den finanziellen Ruin des Beklagten und sei- Der ehemalige Arcandor-Chef Thomas Middelhoff zahlt nicht ner Ehefrau zur Folge haben mussten“. mehr die Charter für seine Luxusyacht im Mittelmeer – Und das alles will Middelhoff erst erkannt haben, als es zu spät war. In „blindem und streitet sich nun mit den Eigentümern des Schiffs vor Gericht. Vertrauen“ sei er in die Dinge hineinge- rannt, behauptet er. Ausgerechnet er, der P leasure Yacht. Ob der Gutachter ei- „Offenkundige Geldnot“ sagen sie ihm doch als Manager angeblich den Durch- nen Moment gezuckt hat, bevor er nach. Der „Wegfall seiner früheren Ein- blick hatte wie kaum ein anderer. Das ist das Wort hinschrieb? Aber viel- künfte“ rechtfertige noch lange keinen sicher ein Problem an seiner Argumenta- leicht ist das an der Côte d’Azur ja auch Ausstieg aus den Vereinbarungen. tion. Auch bei der „Medici“. nur der gängige Begriff für eine Yacht Der Streit um das Luxusspielzeug im Middelhoff behauptet, Krockow und wie die „Medici“, 5550 PS und so gierig Hafen von Vallauris-Golfe-Juan wirft ein Esch hätten ihm das Boot aufgedrängt. nach Sprit, dass die Zwölfzylinder-Turbos Licht auf den Absturz des früheren Su- Er erzählt dazu die Geschichte vom er- 1000 Euro in der Stunde fressen. perstars unter den deutschen Vorstands- folgreichen Manager, „14 Arbeitsstunden Eine Yacht zum Vergnügen – so steht chefs – und auf seine angeblichen Ma- täglich“, „Terminkalender stets bis zum es im Wertgutachten, das die Eigentümer nagementqualitäten. Noch immer lässt Überborden belastet“, „eine Vielzahl in- vor einem Jahr über das Boot vom Typ sich Middelhoff von teuren Anwälten den ternationaler Verpflichtungen“, daher lei- „Mangusta 108“ anfertigen ließen. Doch Ruf polieren: „Das Ehepaar Middelhoff der ohne Zeit, um sich um die 22 Millio- für den ehemaligen Arcandor-Chef Tho- nagt nicht am Hungertuch“, wiegelt einer nen Euro zu kümmern, die er nach seinen mas Middelhoff trifft das längst nicht von ihnen ab, der Stuttgarter Winfried Jahren an der Spitze des Bertelsmann- mehr zu. Vor gut fünf Jahren hatte er den Holtermüller. Die Middelhoffs könnten Konzerns auf der hohen Kante hatte. weißen 33-Meter-Keil gechartert. 72 392 auch langjährige Prozesse „finanziell lo- Darum habe er sein Vermögen Esch an- Euro zahlte er dafür, jeden Monat, nur cker durchstehen“. Doch in den Schrift- vertraut, mit dem Auftrag, „ihm künftig um das Boot zu besitzen. Dazu dann sätzen, mit denen „Big T“, wie er früher ein sorgenfreies Leben mit allen Annehm- noch die Liegegebühren, das Geld für mal genannt wurde, auf die Klage ant- lichkeiten in vollkommener finanzieller Minimum drei Mann Besatzung, Diesel, worten lässt, klingt das längst anders. Sicherheit zu ermöglichen“, wie Middel- Steuern. Manchmal will man damit ja Nach ziemlich pleite. hoffs Anwälte schreiben. Immerhin geben sogar fahren. Da steht nämlich, dass heute Middel- sie zu, dass ihr Mandant schon 2002 Sehn- Heute dagegen will sich Middelhoff das hoffs „Verschuldungsfähigkeit weit über sucht nach einer Freizeityacht hatte. Aber alles nicht mehr leisten; er hat die Zahlun- die Grenzen des Erträglichen hinaus über- die „Mangusta“-Yacht gekauft hätten Esch, gen für die „Medici“ gestoppt. Und von spannt“ sei. Nicht wegen der Yacht, son- Krockow und der Dritte im Bunde, der den Eigentümern, die ihn dafür verklagt dern vor allem wegen ihrer Miteigentü- damalige Oppenheim-Aufsichtsratschef haben, muss er sich vorhalten lassen, dass mer. Dazu gehören der Immobilienent- Georg Baron von Ullmann, ohne Middel- er es sich auch nicht mehr leisten kann. wickler Josef Esch und Matthias Graf von hoff zu fragen – für 7,3 Millionen Euro. 72 D E R S P I E G E L 2 4 / 2 0 1 2
  • 64. Dann hätten sie ihm angeboten, das Boot Schiff zu bekommen, wie die Sorge, sich Verglichen damit sind die Kosten derzu nutzen, für sich allein. durch eine Absage des Kaufs beim frühe- „Medici“ zwar Kleingeld, aber auch das Was Middelhoff, der doch angeblich nie ren Eigentümer zu blamieren“. So weit muss einer erst mal übrig haben. Und inZeit hatte, geschweige denn Freizeit, mit die Version Esch. diesem Fall schmerzt die Ausgabe beson-einer Yacht in Südfrankreich anfangen Alles Quatsch, behaupten dagegen ders: Middelhoff findet es unzumutbar,sollte, lassen seine Anwälte zwar offen. die Middelhoff-Anwälte. Middelhoff zu den Leuten, die seine „persönliche Kata-Dafür aber liefern sie ein Motiv, warum klamm, um sich die „Mangusta“ zu leis- strophe“ verursacht haben sollen, auchEsch ihrem Klienten das Boot angedient ten? Wäre das so gewesen, hätte er doch noch Geld für die Yacht zu zahlen. Diehaben soll: um ihn „bei Laune“ zu halten, von der „Anschaffung sofort Abstand ge- aber interessiert inzwischen nicht mehr,vermutet Middelhoff. Und dann offenbar nommen“, beteuern sie. Esch habe ihn was Middelhoff noch für zumutbar hält.einfacher ausnehmen zu können. im „Glauben gelassen, dass die Unkosten Esch, Krockow und Ullmann verlangen Bei Esch und Konsorten klingt die Ge- des Schiffes keine Belastung für den Be- mehr als 2,5 Millionen Euro, die Middel-schichte naturgemäß etwas anders, näm- klagten darstellten“. Dafür muss man bei hoff seit 2009 schuldig blieb – plus Zinsen.lich so: Middelhoff sieht demnach die rund 100 000 Euro im Monat allerdings Middelhoff behauptet dagegen, das mit„Medici“, eine Yacht, die dem Medienun- schon sehr leichtgläubig sein. dem Vertrag sei ganz anders gemeint ge-ternehmer Karlheinz Kögel gehört, und Nach einem Jahr, so Middelhoffs An- wesen. Es habe sich nicht um einen Cha-setzt sich in den Kopf, dass er sie haben wälte, sei auch ihm aber aufgefallen, dass tervertrag, sondern um einen Mietkaufmuss, unbedingt. Er sagt Kögel, dass er so ein Schiff teuer ist. Doch Esch habe gehandelt. Mit jeder Rate habe er einihm das Boot abkauft. Nur hatte Middel- ihm vorgerechnet, er habe Geld genug da- Stück vom Boot gekauft, nach zehn Jah-hoff offenbar gar kein Geld dafür, zumin- für. Und das habe Middelhoff „natürlich“ ren hätte es ihm ganz gehören sollen. Des-dest nicht flüssig. Zwar hat er damals gut geglaubt. Natürlich. halb fordert er sogar das Geld zurück, das20 Millionen Euro bei der Oppenheim- Schließlich dachte Middelhoff damals er bisher für das Schiff gezahlt hat: 2,3Bank angelegt, aber als Festgeld, an das in ganz anderen Dimensionen: Wie aus Millionen. Weil Esch, Krockow und Ull-er so schnell nicht mehr herankommt. Die dem Schriftsatz seiner Anwälte hervor- mann den Vertrag gekündigt hätten undBank wollte ihm offenbar auch keinen geht, zahlte das Ehepaar bis Ende 2011 das Schiff verkaufen wollten, könne erKredit mehr geben. Sie hatte ihm schon schier unglaubliche 76,5 Millionen Euro die Yacht nicht mehr übernehmen, sei sei-weit mehr als 100 Millionen Euro geliehen, für die Finanzierung der Oppenheim-Esch- ne Anzahlung verloren.damit er und seine Frau sich in die Op- Immobilienfonds – weil sie ihre Einlagen Von Mietkauf steht in dem Vertrag al-penheim-Esch-Fonds einkaufen konnten. auf Pump finanziert hatten. Mit „über 200 lerdings kein Wort. Was Middelhoff beim Darum, so schreibt die Esch-Seite ge- Millionen Euro“ beziffern die Anwälte Unterschreiben wohl nur nicht aufgefal-nüsslich, „wandte sich der Beklagte hilfe- heute den Schuldenstand aus diesen Ge- len war.suchend an Josef Esch, wobei seine Trieb- schäften, ihre Mandanten seien „schwer JÜRGEN DAHLKAMP, GUNTHER LATSCH,feder ebenso sehr der Wunsch war, das in Mitleidenschaft gezogen“ worden. JÖRG SCHMITT
  • 65. Trends Medien DAT E N S C H U T Z „Denkbar ist viel“ Der IT-Forensikprofessor anJ. MÜLLER/AGENTUR FOCUS der Hochschule der Polizei in KAREN BLEIER / AFP Hamburg, Tobias Eggendorfer, 36, über Facebook-Fahndun- gen und gezielte Informations- Weltkarte der Facebook-Freundschaften suche von Behörden SPIEGEL: Hat es Sie gewundert, dass die dass der Verschleiß meiner Bremsen auf sehen, ob Leute aus dem Umfeld eines Schufa erwogen hat, auch Daten aus einem Materialfehler beruht. Verdächtigen polizeibekannt sind. sozialen Netzwerken für Kreditwürdig- SPIEGEL: Verwendet die Polizei bereits SPIEGEL: Die Bundesfinanzdirektion Süd- keitsanalysen heranzuziehen? Facebook oder Twitter für Ermittlun- west hat gerade 182 Software-Lizenzen Eggendorfer: Nein. Es ist nur konsequent, gen? für forensische Zwecke eingekauft. so viele Daten wie möglich zu mischen Eggendorfer: Das ist unterschiedlich weit Lohnt es sich für die Finanzämter, zu- und zu korrelieren. Das Facebook-Pro- entwickelt. Manche Polizisten recher- sätzlich auf Facebook zu fahnden? fil an sich ist für die Schufa uninteres- chieren offen als Polizist auf Face- Eggendorfer: Denkbar ist viel. Sieht das sant, spannend wird es durch die Kom- book, manche getarnt mit einem Fake- Finanzamt auf Facebook, dass jemand bination mit anderen Erkenntnissen. Profil. Juristisch ist es fraglich, ob das teure Klamotten trägt, luxuriöse Autos Gebe ich auf meinem Profil an, mit dem mit nichtöffentlich ermittelnden Beam- fährt oder sonst wie Geld verprasst, Job unzufrieden zu sein, sinkt meine ten oder verdeckten Ermittlern zu ver- könnte es bei einem unplausibel nied- Kreditwürdigkeit. gleichen ist, die langfristige Legenden rigen Einkommen nachrecherchieren. SPIEGEL: Wer könnte sich noch für Daten um ihre Identität gestrickt haben. Aber SPIEGEL: Welche Informationen lassen aus sozialen Netzwerken interessieren? jeder kann sich denken, dass viele Poli- sich noch aus dem Netz gewinnen? Eggendorfer: Steht auf meiner Facebook- zisten über ein Profil bei Facebook ver- Eggendorfer: Moderne Kameras und Smart- Seite, dass ich gern Fallschirmspringen fügen und das auch dienstlich einsetzen. phones hinterlegen im Foto Geokoor- gehe, würde meine Berufsunfähigkeits- SPIEGEL: Was macht die Polizei mit den dinaten. Stelle ich das Bild öffentlich auf versicherung mich vielleicht als Risiko- Erkenntnissen? eine Plattform, liefere ich weitere Daten, sportler einstufen. Poste ich, dass ich Eggendorfer: Das ist wie bei der Schufa, von denen ich eventuell nichts weiß. Dar- ein extremer Autofahrer bin, glaubt einfach so machen die Daten kaum über denken viele nicht nach, die mal vielleicht mein Autohändler nicht mehr, Sinn. Aber es kann interessant sein zu eben ein Foto vom Smartphone posten. N I G G E M E I E RS M E D I E N L E X I KO N sen.“ „Ich bin auch die ganze Strecke „Dieses humanitäre Geschwafel bin ich von Misrata bis Tunis gefahren.“ „Ich leid.“ Er unterbrach: „Quatsch.“ Mehr- war am Tage der Machtergreifung in mals schien es, als müsste Anne Will Nah|ost|experte Damaskus.“ ihn gleich sachte aus der Sendung ent- Er spielte diese Trümpfe nicht aus, um fernen lassen, weil er nicht mal sie der: fälschlich auch als Bezeichnung für anzugeben. Er spielte sie aus, um die noch zu Wort kommen ließ. andere Talkshow-Teilnehmer verwandte anderen auszustechen. Ein Gast nach Es ist eine Zumutung, mit Scholl-La- Eigenschaft Peter Scholl-Latours dem anderen musste sich von ihm er- tour diskutieren zu müssen, aber die klären lassen, warum er keine Ahnung viel größere Zumutung ist es natürlich In einem Quartett wäre der Scholl-La- habe. Scholl-Latour haute wütend auf für Scholl-Latour, dass man überhaupt tour die Karte, die alle anderen sticht. seinen Ledersessel, fuhr den anderen andere Leute in eine solche Sendung Manche mögen glauben, sich aus- über den Mund und amüsierte sich einlädt und sogar reden lässt – Leute, zukennen mit der Weltpolitik, aber er über den jungen „Bild“-Reporter, der die zwangsläufig weniger wissen, weni- war dabei, als sie geschah. Manche von libyschen Revolutionären erzählte, ger verstehen und weniger dabei waren mögen auch vor Ort gewesen sein, die er auf Facebook trifft. „Das sind als er, weil sie nicht Scholl-Latour sind. aber nicht so lange wie er. Nicht so Dilettanten. Um eine Revo- 88 Jahre alt ist er jetzt. Er früh wie er. Nicht mit den richtigen lution zu machen, muss man verschluckt inzwischen so Kontakten wie er. Peter Scholl-Latour Schläger haben und Gano- viele Silben am Ende seiner (Bild) ist ein Igel unter Hasen: Er war ven haben.“ Wenn jemand Wörter und so viele Wörter immer schon da. Das ist mindestens so sagte, dass das Massaker am Ende seiner Sätze, dass sehr ein Fluch wie ein Segen, und sel- 1982 in Hama „vergleichbar“ es manchmal wirkt, als ten wurde das deutlicher als in der mit den aktuellen war, blaff- wolle er nicht nur die ande- Talkshow von Anne Will zu Syrien in te er: „Das war viel schlim- ren, sondern auch sich der vergangenen Woche. mer.“ Wenn jemand von selbst nicht mehr ausreden „Ich bin gerade aus dem Irak zurück- Todesschwadronen erzählte, lassen. Vermutlich weiß er gekommen“, sagte er. „Ich war 1982 in bellte er: „Das hat’s doch im- alles sogar besser als er Hama.“ „Ich bin auch in Libyen gewe- mer gegeben!“ Er brummte: selbst. D E R S P I E G E L 2 4 / 2 0 1 2 75
  • 66. Medien STAR-MEDIAVolksmusiker Gabalier, Kirchner: Man darf ein bisschen stolz sein auf dieses Deutschland mit den alpinen Bergketten, den sauberen U N T E R H A LT U N G Im Troststadl Sie wird immer wieder totgesagt, doch Volksmusik lebt von der Treue ihrer Verehrer. Die Fans schweben in einer Parallelwelt jenseits der schlechten Nachrichten und verehren Stars, die so sind wie sie selbst.M arilena Kirchner sitzt im Shop- Sie wäre gern ein Star. Volksmusik Der 27-Jährige rockt, das schwarze ping-Center Nord der Stadt Graz oder doch lieber Schlager? „Das weiß ich Haar zur Tolle aufgetürmt, die Konzert- und malt Herzchen auf das „i“ noch nicht so genau.“ Sie hat Preise hallen von Hamburg bis Linz, tobt inin ihrem Namen. Die Leute gehen vorbei, gewonnen und getanzt, mal inmitten knappen, speckigen Lederhosen über diesie kennen sie nicht. Ihre Autogrammkar- von Watteschnee und Glitzerflocken, mal Bühnen, dazu trägt er gestrickte Waden-ten sind rosa. Sie hat Marzipanschwein- neben gigantischen Obstkörben im Blu- schützer und Jackett. Er röhrt mit tieferchen als Fan-Geschenke mitgebracht. Sie menmeer. Man hat ihr Schokolade zu- Kratzstimme: „I sing a Liad fia di, und dasitzt zwischen einer Eisdiele und dem gesteckt und auf den Hintern ge- frogst du mi, mogst mit mia taunzn gehn,Saturn-Elektromarkt. guckt. i glaub i steh auf di, i hob mi vaknoit in Es waren anstrengende Monate für die Marilena hört nicht Lady Gaga oder di ...“. Er lässt den Hintern kreisen, das14-Jährige, sie ist durch Bierzelte gezogen Tokio Hotel. Ihre Vorbilder sind Helene Becken stoßen, greift sich an den Latz.und hat immer wieder ihr Lied gesungen: Fischer, Schlagerprinzessin, Deutschlands Im Publikum drängen sich die jungen„A Lausbua muass er sei“, sie hat das rosa erfolgreichste Sängerin, und Andreas Ga- Frauen, die knappen Dirndl haben sieDirndl getragen und fortwährend gelächelt. balier, der Rebell der Branche. sich extra fürs Gabalier-Konzert gekauft,76 D E R S P I E G E L 2 4 / 2 0 1 2
  • 67. mischen Bildschirme. Da wird gekocht und Fallschirm gesprungen, da lässt sich Borg in eine überdimensionierte Fake- Eistruhe sperren, um den Rekord im Kühl- schrank-Sitzen zu brechen, und Silber- eisen läuft über glühende Kohlen. Da hüp- fen Ballerinen vom Fernsehballett durch die Reihen und präsentieren durchtrai- nierte Hinterteile. Da gibt es Schlager- medleys und Blaskapellen. Da gibt es die immer gleichen alten Stars, die unsterb- lich scheinen. Und da gibt es neue Hoff- nungen wie Gabalier und Marilena. Bevor die Volksmusik das Volk zum Schunkeln brachte, wollte es sich dem Fernweh hingeben. Im deutschen Schla- ger der fünfziger und sechziger Jahre, in den Hits von Caterina Valente und René Carol, ging es darum, sich rauszuträumen aus dem grauen Wirtschaftswunderland. Schöne südländische Sänger sangen Sehn- suchtslieder. Liebeslieder. Doch die heile Welt wurde Anfang der achtziger Jahre davongespült von der Neuen Deutschen Welle. Die Texte waren oft auch sozialkritisch, ungemütlich. Der Soundtrack zum hedonistischen Leben wurde düsterer. Englischsprachige Musik dominierte schließlich den Markt. Das große Revival kommt erst zehn MARTIN JEHNICHEN/DER SPIEGEL Jahre später. In einer Zeit der Unsicher- heit, nach dem Ende des Ost-West-Kon- flikts, funktionieren die alten Schlagerhits wieder. Zum Partymachen, Mitsingen und Ablenken. Und eine neue Volksmu- sik etabliert sich in Konzertsälen, in Ra- diosendern und im Fernsehen: Ausgerech-Seen und den hübschen Madeln net mit Volksmusik wurde der Mitteldeut- sche Rundfunk zum damals erfolgreichs- dazu Haarreifen mit blinkenden Hasen- pinen Accessoires sind nicht totzukriegen ten dritten Programm. Der volkstümliche ohren. Sie kreischen und werfen Spitzen- durch sinkende TV-Quoten oder illegale Schlager, verkürzt als Volksmusik be- unterwäsche zu ihm hinauf. Downloads. Die tröstliche Welt der Volks- zeichnet, verbindet traditionelle Instru- „Dös eskaliert eigentlich immer“, sagt musik bietet eine Parallelwelt jenseits der mente und folkloristische Melodik mit Gabalier und grinst. Anfangs hätten die schlechten Nachrichten. einfachen Texten, die das Bedürfnis nach Leute von der Plattenfirma noch versucht, Der Massen-Eskapismus, zelebriert in Geborgenheit bedienen. Die Globalisie- ihm den „Oarschwackler“ abzugewöh- den Fernsehshows von Carmen Nebel, rung fördert die Sehnsucht nach Heimat: nen. „Mi verbiagt koana.“ Florian Silbereisen oder in Andy Borgs Man darf ein bisschen stolz sein auf dieses Gabalier ist der Elvis der Volksmusik, „Musikantenstadl“, lockt Sendung für Deutschland mit den alpinen Bergketten, in Österreich längst Superstar, er habe Sendung Millionen Zuschauer vor die hei- den sauberen Seen und hübschen Madeln. „alle Verkaufsrekorde gebrochen, die es „Ich bin da so reinge- je gab“, in Deutschland steht sein Album rutscht“, sagt Andreas Gaba- „Herzwerk“ kurz vor Platin. Der Steirer lier. Er sitzt im Foyer der Stadt- glaubt, ein neues Genre geschaffen zu ha- halle Chemnitz, draußen kal- ben, den „Volks-Rock’n’Roll“. Mit seiner ter Regen und der bronzene Mischung aus Heimatliebe und Größen- Kopf von Marx, drinnen eine wahn gelingt ihm, was alle Plattenfirmen azurblaue Polstergarnitur. Die wollen: junge Fans binden. Generalprobe zur „Krone der So ist Gabalier ein Beispiel dafür, wie Volksmusik“ läuft. Auch Ga- es das Genre schafft, die Sehnsucht nach balier verdient, trotz guter Ver- Liebe, Frieden und Heimat immer wieder kaufszahlen, sein Geld haupt- neu zu befriedigen. Zwar leidet die Volks- sächlich mit Live-Auftritten. XAMAX / PICTURE ALLIANCE / DPA musik wie die gesamte Musikbranche un- Im vergangenen Jahr sei er ter Umsatzrückgang, immer wieder aber 66 000 Kilometer mit dem EVENTPRESS HERRMANN treiben einzelne Künstler mit gutverkauf- Auto gefahren, habe 200 Kon- DUMMER / DAVIDS ten Alben die Zahlen nach oben. 2012 zerte gegeben und fast nur in dürfte das Gabalier sein, der neue Hoff- Hotels geschlafen. nungsträger. Drews Fischer Silbereisen Vor drei Jahren war Gaba- Die Lieder mit den immer gleichen lier noch ein Jurastudent aus Worten, die zuckrigen Melodien, die al- Stars der Branche: Massen-Eskapismus zelebrieren Graz, der nebenbei ein biss- D E R S P I E G E L 2 4 / 2 0 1 2 77
  • 68. Medien MARTIN JEHNICHEN/DER SPIEGELMusikveranstaltung in Graz: Man muss nicht schön sein, nicht reich oder erfolgreich, um dazuzugehörenchen Musik am Computer machte, sich schen, Stampfen und Jubeln. Die Halle „Ein bisschen Spaß muss sein“ über „Ani-selbst das Spiel auf der Steirischen Har- vibriert. ta“ bis hin zu „Wahnsinn. Warum schickstmonika beibrachte und irgendwann eine Immer wieder dabei: Jürgen Drews, er du mich in die Hölle?“. Tanzende Omis,Aufnahme an ORF Radio Steiermark stürmt die Bühne in Rüschenhemd und Kinder in Tracht, alle fassen sich an denschickte. Jetzt gilt er als Pin-up-Boy und Piratenmantel, die gebräunte Brust frei- Schultern, irrlichtern durch die Halle undRetter der Volksmusik, weil er das Ge- gelegt. Er singt brüllend: „Ich bin der Kö- werden beschossen, aus Konfettikanonen.genteil verkörpert von Florian Silbereisen nig von Mallorca!“ Er springt auf einen Man muss nicht schön sein, nicht reichund Co., die sich die jovialen Gesten und Biertisch in der ersten Reihe, zerrt ein oder erfolgreich, um dazuzugehören.Altherrenwitze noch bei ihren Vorgän- kleines Mädchen vor die Kamera, singt Volksmusik ist da für all jene, die sich ingern abgeguckt haben. ein paar Zeilen, Wange an Wange, und der Oper nicht wohl fühlen. Gabalier verfasst seine Lieder selbst. zieht weiter. Stadl, das ist Schwerstarbeit. Irgendwann ist es vorbei, die GästeEr summt und spricht sie unterwegs in taumeln ins Freie, sie sehen aus wie nachsein iPhone. Sie handeln vom Bergsteigen einem fünfstündigen Schaumbad, zu-oder von Phantasie-Sex mit Stewardes- Anfangs hat die Platten- frieden, aber auch ein wenig ver-sen. Trotzdem hat er etwas, das man Tie- firma noch versucht, schrumpelt.fe nennen könnte, etwas Existentielles, Marilena Kirchner hat an einem dieserdas manchmal durchschimmert, in Bli- Gabalier seinen „Oarsch- Abende den „Stadlstern“ gewonnen, ei-cken und im Klang. nen begehrten Nachwuchspreis. 42 Pro- Mit Anfang zwanzig verlor er erst sei- wackler“ abzugewöhnen. zent der Zuschauer stimmten für sie ab.nen Vater und dann seine kleine Schwes- Auch sie gehört jetzt zu den Hoffnungenter, beide begingen Selbstmord. Seine Fa- Scheinwerfer auf Marilena Kirchner, der deutschen Volksmusik. Ihr Textermiliengeschichte ging durch sämtliche rosa Dirndl, Enkelkind-Charme. Sie sieht Peter Wessely sagt: „Der Welpenschutzösterreichischen Medien. Sie ist, wenn ein wenig verloren aus. Sie wippt ein ist jetzt vorbei.“ Und meint: „Bald wirdauch ungewollt, Teil der Marke Gabalier. bisschen mit den Hüften, lächelt und singt: es sich lohnen.“ Die VolksmusikmaschineHinter dem „Steirerbuam“ steht eine „Ist er reich, tät des net schaden, ist er hat ein neues Rädchen.höchst professionelle PR-Maschine. Sie arm, is nix dabei. I hab koane bsondern Ein paar Wochen später bekommt Ma-verkaufen ihn, erfunden haben sie ihn Wünsche, nur – a Lausbua muass er sei.“ rilena ihr erstes Angebot für eine Doku-nicht. Im Backstage-Bereich ist die Luft dick Soap, die auf Vox laufen soll. Der Mensch, der Volksmusik hört, ist vom Zigarettenrauch. Es gibt Schweins- NICOLA ABÉmeist ein treuer Fan. Er kauft noch CDs braten, Bockwurst und Bier. Jürgen Drewsund Schlüsselanhänger. Er sucht die Sicher- hat sich einen Bio-Trinkjoghurt organisiert.heit der immer gleichen Harmonien. Er Drews ist 67. Er nimmt mit, was noch geht. Musikvideo:reist in Bussen an, wenn in Stadthallen und Er macht seit Jahrzehnten seine eigene Andreas Gabalier mitKongresszentren der „Stadlstern“ glüht. Musik fürs Volk, ohne Lederhosen und „I sing a Liad für di“ Auf einer dieser Veranstaltungen steht Alpenglühen – mit „Bett im Kornfeld“. Für Smartphone-Benutzer:der Moderator Andy Borg zwischen wei- Die Abende münden meist in einer un- Bildcode scannen, etwa mitßen Lilien und begrüßt die Gäste. Klat- endlichen Polonaise der Schlagerhits von der App „Scanlife“.78 D E R S P I E G E L 2 4 / 2 0 1 2
  • 69. Panorama USA Treibender Müllstrudel Ausbreitung des Trümmerfeldes infolge des Tsunamis im März 2011 Meeresströmung NORD- Angeschwemmter Ponton AMERIKADPA Trümmerteile Stand: 7. Juni 2012 Ein riesiges Trümmerfeld mit Überres- ASIEN ten der japanischen Tsunami-Katastro- Seattle phe vom März vergangenen Jahres Erdbeben- treibt auf die Westküste Nordamerikas Epizentrum San Francisco zu. Die US-Meeresbehörde NOAA schätzt, dass in den nächsten Monaten rund 1,5 Millionen Tonnen Schrott und JAPAN Müll angespült werden könnten. Ver- Pazifik Los Angeles gangene Woche wurde ein 165 Tonnen schwerer Ponton aus Japan auf einem Strand im US-Bundesstaat Oregon ge- Hawaii funden. Helfer flämmten ihn mit Bren- nern ab, damit sich fremde Pflanzen oder Kleinstlebewesen aus dem Be- Quelle: IPRC wuchs nicht in US-Gewässern ausbrei- ten. Schon Anfang April musste ein Kut- Küste der kanadischen Provinz British flutenden Wassermassen des Tsunamis ter der Küstenwache im Golf von Alas- Columbia einen Container aus Japan, dort mitrissen, landet also mit hoher ka mit Salven aus der Bordkanone das darin unter anderem ein Motorrad der Wahrscheinlichkeit in den USA und in japanische Geisterschiff „Ryou-un Maru“ Marke Harley-Davidson. Kanada – es sei denn, es kreiselt für vie- versenken. Der Tsunami hatte den Im Nordpazifik weht der Wind meistens le Jahre im „Großen Pazifischen Müll- Fischtrawler in der Gegend von Hok- von West nach Ost. Zudem fließt eine strudel“, einem Seegebiet im Zentrum kaido losgerissen, das treibende Wrack gewaltige Meeresströmung von Japan der Strömung, in dem sich in den vergan- gefährdete andere Schiffe. Mitte April nach Amerika, dann südwärts und wie- genen Jahrzehnten Millionen Tonnen fand ein Strandgutsammler an der der Richtung Japan. Was die zurück- Plastikmüll angesammelt haben. VERBRECHEN chen Täter Luka Rocco Magnotta zum sische Eltern oft einen Großteil ihrer Opfer fiel. „Die Welt da draußen ist Ersparnisse aus. Doch Verbrechen angsteinflößend“, schrieb ein User, ein haben China nun aufgeschreckt: Erst Kondolenz im Internet anderer stellte fest: „Überseestudenten sind nicht sicher!“ Sogar eine Online- im April waren zwei chinesische Studenten in Los Angeles erschossen Der Fall des in Kanada ermordeten Gedenkstätte wurde eingerichtet: Dort worden. Lins geschiedene Eltern sind chinesischen Studenten Lin Jun hat in können Internetnutzer virtuelle mittlerweile in Kanada eingetroffen, dessen Heimatland Trauer und Angst Blumensträuße kaufen und unter dem um, so seine Mutter, „mein Kind nach ausgelöst. Mit Bildern von Kerzen, Porträt des Toten ablegen. Rund Hause zu holen“. Ein chinesischer weinenden Smileys und Kondolenz- 340 000 junge Chinesen waren 2011 im Blogger schrieb in Bezug auf den in botschaften im Internet gedenken Ausland, um zu lernen oder zu studie- Berlin gefassten Magnotta, einen Zehntausende Chinesen des 33-jähri- ren. Jedes Jahr werden es mehr. Für ehemaligen Pornodarsteller: „Schickt gen Lin, der aus Wuhan in der Provinz die Ausbildung ihrer Kinder in Europa, ihn nach China. In Kanada gibt es Hubei stammte und dem mutmaßli- Australien oder Amerika geben chine- keine Todesstrafe!“ 80 D E R S P I E G E L 2 4 / 2 0 1 2
  • 70. Ausland S Ü DA F R I KA DÄ N E M A R K Nobelpreisträger gegen Zensurgesetz Schlechte Noten fürDer Widerstand gegen das von Regie-rung und ANC geplante Mediengesetz das Gesetz soll, nämlich Korruption vertuschen – die Regierung macht kei- Helle und Villywird erbitterter. Besonders massiv ne Anstalten, ihre Absicht zu verber- In Brüssel macht die bis Ende Juni am-geht die südafrikanische Literaturnobel- gen“, sagt Gordimer, deren Bücher zu tierende EU-Ratspräsidentin Hellepreisträgerin Nadine Gordimer auf Apartheid-Zeiten teilweise verboten Thorning-Schmidt, 45, eine gute Figur.Distanz zur ANC-Regierung von Ja- waren. Bislang galten Meinungs- und Zu Hause aber muss die Regierungs-cob Zuma. Die umstrittene Reform, Pressefreiheit in Südafrika als vorbild- chefin ums politische Überleben kämp-die im Juli im Parlament verabschiedet lich. Die Regierung rechtfertigt das fen. Acht Monate nach Amtsantrittwerden soll, würde den Besitz oder Mediengesetz mit „nationalen Sicher- liegen ihre Sozialdemokraten nur nochdie Veröffentlichung vertraulicher Do- heitsbedürfnissen“. Tatsächlich sindkumente mit einer Gefängnisstrafe zahlreiche Politiker und Regierungs-von bis zu 25 Jahren belegen. Zu den beamte in Bestechungsfälle verwickelt,prominenten Kritikern zählen auch gerade steht die komplette Polizei-Bischof Desmond Tutu, Gordimers spitze unter Korruptionsverdacht. Gor-Kollege und Nobelpreisträger J. M. dimer zieht historische Parallelen:Coetzee, viele Journalisten sowie „Wir fallen zurück in die Apartheid-Künstler. „Es ist offensichtlich, was Zensur, nur in einem neuen Gewand.“ PA L Ä S T I N A Rennen um die Auszeichnung ge- schickt. Doch nun will Israel letzte Lücken in der Absperrung des Westjor- Weltkultur-Dorf danlands schließen – und dafür eine Mauer durch das Tal mit seinen jahr-Wenn die Unesco Ende Juni über neue hundertealten Terrassen- und Bewässe-Stätten des Weltkulturerbes entschei- rungssystemen bauen. Deshalb nomi- JOHN THYS / AFPden wird, könnte erstmals auch eine nierte die Autonomiebehörde Batir inpalästinensische darunter sein: die letzter Sekunde nach. Die Palästinen-Geburtskirche in Betlehem. Oder west- ser hoffen, der Status als Weltkultur-lich davon das Dorf Batir. Die Geburts- erbe könnte den Mauerbau noch ver- Thorning-Schmidtkirche hat Jesus; Batir hat Gemüse- hindern. Nur gut zwei Wochen bleibengärten und Terrassen mit Olivenbäu- der Unesco für die Prüfung, die nor- bei 16,9 Prozent – der schlechtestemen. Über 1,5 Millionen Besucher malerweise Monate dauert. „Alles Wert seit Einführung von Meinungs-fahren jährlich nach Betlehem. Nach hängt davon ab, ob die Palästinenser umfragen in Dänemark vor überBatir kommt kaum jemand. Eine Ent- in der Lage sind, die Unesco von der hundert Jahren. Der ehemalige Europa-scheidung zugunsten des idyllischen Dringlichkeit ihres Anliegens zu Abgeordnete Freddy Blak forderteTals wäre aber hochpolitisch. Die überzeugen“, sagt Giovanni Fontana, seine Parteifreundin bereits zum Rück-Palästinenser hatten im vergangenen Unesco-Kulturreferent in Ramallah: tritt auf. Auch einer der beiden Koa-Herbst nach ihrem Unesco-Beitritt „Aber selbst wenn die Zeit nicht aus- litionspartner, die rot-grüne Sozialisti-Jesu Geburtsort als ersten von insge- reicht, könnte auch die öffentliche Dis- sche Volkspartei von Außenministersamt 20 möglichen Kandidaten ins kussion den Mauerbau verhindern.“ Villy Søvndal, schwächelt. „Seit der Wahl brechen Helle und Villy jede Woche ein Versprechen“, sagt der Op- positionspolitiker Claus Hjort Frede- riksen. Es genüge eben nicht, mit EU- Kommissionspräsident José Manuel Barroso „Küsschen auszutauschen“, schrieb die Zeitung „Ekstra Bladet“. Die Sozialdemokraten verweisen auf eine Studie, nach der sie bereits 42 von 95 Punkten ihres Wahlmanifestes er- folgreich umgesetzt hätten, darunter Beschäftigungsprogramme und eine Li- beralisierung des Ausländerrechts. „Wir werden weitermachen“, sagte Thor- ning-Schmidt bei der Präsentation ih- rer „Vision 2020“, eines Programms, ABIR SULTAN / DPA das 180 000 Jobs schaffen und den Aus- bau von Studienplätzen vorantreiben Batir soll. Man müsse als Regierungschefin „auch mal einen Knuff wegstecken“. D E R S P I E G E L 2 4 / 2 0 1 2 81
  • 71. Titel Der große Graben Als Heilsbringer hat Barack Obama längst abgedankt, als US-Präsident fällt seine Bilanz durchschnittlich aus. Vom Kongress blockiert, von Amerikas konservativer Hälfte gehasst, wirkt er wie ein zum Scheitern Verurteilter.82 D E R S P I E G E L 2 4 / 2 0 1 2
  • 72. D ie Vereinigten Staaten von Ame- rika, in denen sich nach vier Jah- ren wieder ein monströser Präsi- dentschaftswahlkampf aufbauscht, stellen nicht mal fünf Prozent der Weltbevölke- rung, verbrauchen aber rund 25 Prozent allen Erdöls. Sie haben fast 16 Billionen Dollar Schulden, in diesem Haushaltsjahr geben sie 1300 Milliarden Dollar mehr aus, als sie einnehmen, und allein zwei Milliarden kostet – jede Woche – der Krieg in Afghanistan. Laut wird im Land dieser Tage nach einem Frieden in Syrien gerufen, während in Pakistan leise ein schmutziger Drohnenkrieg geführt wird. In Guantanamo, Kuba, schmoren noch immer 169 Häftlinge. Und in Washington, D.C., verläuft zwischen den politischen Lagern ein Graben so tief, dass man ihn für einen Abgrund halten möchte. Heißt der aktuelle Präsident der USA wirklich Barack Obama? Ist die Ära des George W. Bush wirklich vorüber? In diesen Monaten geht Obamas erste Amtszeit zu Ende. Für das riesige, vielge- sichtige Land, 27-mal größer als Deutsch- land, wird ein neuer Plan gebraucht, ein neues Projekt für die alte, schlingernde Weltsupermacht. Für 314 Millionen Bür- ger wird im November ein Präsident ge- sucht. Wird es ein neuer sein? Oder bleibt es Obama? Ist es vorstellbar, dass der erste schwarze Amtsinhaber, der als Heilsbrin- ger begrüßte Barack Obama, von einem blassen Mormonen, dem in vielerlei Hin- sicht dubiosen Republikaner Mitt Romney überholt wird? Das Amt, um das sich beide bewerben, ist das schwerste der Welt. Die Agenda des US-Präsidenten ist ständig randvoll mit dem Wichtigsten und dem Neben- sächlichsten, 24 Stunden täglich, sieben Tage die Woche. Oft kann es nur am Rande um welthis- torische Aufgaben und nationale Groß- projekte gehen, weil inneramerikanische Sportskandale oder Sexaffären durch den Alltag rollen, weil sich verrückte Pastoren anschicken, Korane zu verbrennen oder neue Statistiken belegen, dass drei Viertel aller Amerikaner übergewichtig sind, dass über 46 Millionen in Armut leben oder dass über 30 000 Menschen im Land jedes Jahr durch Schüsse aus Pistolen und Gewehren sterben, Selbstmorde einge- schlossen. Dass Kim Kardashians Ehe nur 72 Tage hält, kann die Nachrichten in Amerika länger bestimmen als jede umweltpoliti- sche Initiative, die hohen Benzinpreise – „hoch“ heißt, ein Liter kostet 77 Euro- Cent – sind vielen Leuten so wichtig, dass sie die Wahl entscheiden könnten. Dass 52 Prozent der Republikaner im Staat DOUG MILLS / NYT / LAIF Mississippi glauben, Obama sei Muslim, dass 46 Prozent der Amerikaner denken, der Mensch sei haargenau so erschaffenPräsident Obama im Washingtoner Nationalarchiv worden, wie es in der Bibel steht, kann Debatten sehr anstrengend gestalten. D E R S P I E G E L 2 4 / 2 0 1 2 83
  • 73. Titel SCOUT TUFANKJIAN/POLARIS/LAIFWahlkämpfer Obama in Berlin 2008: Ist es erlaubt, seine Taten gegen sein Charisma aufzurechnen? Wer meint, derlei vermischte Fakten Wer seine erste Amtszeit gerecht be- auf vielen Feldern einfach nicht gelieferthingen nicht weiter zusammen, verkennt urteilen will, kann die Liste seiner gehal- hat.die Lage der Leute im Weißen Haus von tenen und gebrochenen Versprechen Misslungen ist ihm das Projekt der na-Washington, D.C. Man stelle sich nur vor, durchgehen. Dann fällt Obamas Bilanz, tionalen Versöhnung, das er zu Beginn inum ein noch besseres Gefühl für diesen gemessen an jenen der elf US-Präsiden- einer seiner berühmt gewordenen RedenBetrieb zu bekommen: Als Obama im ten seit dem Zweiten Weltkrieg, in die beschwor: „Es gibt nicht das Amerika dervergangenen Jahr, während der Spezial- Kategorie „besserer Durchschnitt“, zu Demokraten und das Amerika der Repu-operation gegen Osama bin Laden, „die beurteilen ist ein durchwachsenes, hartes blikaner“, hatte Obama gesagt, „es gibtlängsten 40 Minuten meines Lebens“ Stück Arbeit aus der Werkstatt des Mach- nur die Vereinigten Staaten von Amerika.“durchzustehen hatte, steckte er gerade in baren. Aber worüber andere Politiker In Wahrheit sind diese Staaten heute ge-einer von seinen Feinden angezettelten spaltener denn je. Der Kulturkampf ist alt,Debatte darüber, ob er überhaupt Ame- er prägt das Land womöglich seit denrikaner und seine Geburtsurkunde wo- Washington ist für viele Schlachten des Bürgerkriegs vor 150möglich gefälscht sei. Kann nicht sein? Bürger zum Hassobjekt Jahren, aber er hat sich im Zuge der Zeiten,Aber genauso war es. und noch einmal während Obamas Regie- Obama und sein Stab müssen ständig geworden, zum Inbegriff rung, verschärft, statt sich zu beruhigen.nach Tageslage, Klickraten und Lärm- Fast alle Gesprächspartner, mit denenpegel entscheiden, was gerade wichtig ist. für Mittelmaß und Murks. sich SPIEGEL-Korrespondenten im gan-Sie stehen in einem Tornado aus tausen- zen Land trafen, um Obamas Bilanz zuderlei Fundstücken, Einwürfen und künst- heilfroh wären, das kann Obama nicht erörtern und ein Bild vom Zustand derlichen Eklats, die ein ruheloser, hochpro- im Ernst genügen. USA zu zeichnen, sagten es so: Amerikasfessioneller Medienbetrieb andauernd So irrational und naiv es immer ge- innere Spaltung hat ein neues, bedenk-produziert – im Verbund mit der rührigs- wesen sein mag, ihn als Heilsbringer zu liches Stadium erreicht. Eigentlich unstrit-ten Web-Gemeinde der Welt. begrüßen, und so ungerecht es ist, seine tige Gesetzesvorhaben bleiben jahrelang Es sprengt die Vorstellungskraft, was Taten gegen sein Charisma aufzurech- blockiert, höchste Posten in Justiz unddas Weiße Haus tagtäglich, stündlich zu nen: Immerhin hat er sich selbst zum Ret- Behörden unbesetzt. Nötige Zusatzhaus-bewältigen hat. Es ist ein unmöglicher Ar- ter stilisiert, zum schönen Ritter des halte werden erst in letzter Sekunde be-beitsplatz, und wer hier Erfolg haben will, Wechsels. „Change“ stand auf seiner Fah- schlossen, und auch nur, wenn wirklichsagt man, muss aus dem richtigen Holz ne, „Yes, we can!“ lief als Slogan um die der Staatsbankrott droht.geschnitzt sein. Trifft das auf Obama zu? ganze Welt, aber derzeit herrscht in Ame- In diesem Klima hat kein Präsident dieIst er gemacht für das Amt? Oder ist es rika das Gefühl vor, selbst bei den An- Chance, die Welt nach seinem Programmeine Nummer zu groß – selbst für ihn? hängern des Präsidenten, dass Obama zu gestalten. Obama hat es seit 2011 mit84 D E R S P I E G E L 2 4 / 2 0 1 2
  • 74. SAUL LOEB / AFPPräsidentenpaar Obama beim Ball zur Amtseinführung am 20. Januar 2009: „Die Mitte ist verschwunden, buchstäblich verschluckt“einem republikanisch dominierten Abge- „Manchmal hat man das Gefühl“, sagt Schicht als Moderator gerade vorbei,ordnetenhaus zu tun, das ihm keinen Mil- Chuck Todd, „man pinkelt in einen Hur- „The Daily Rundown“, 60 Minuten Zu-limeter entgegenkommt. Das zivile, de- rikan. Was man tut, macht null Unter- sammenfassung des neuesten Polit-Klat-mokratische Konzept vom Kompromiss schied.“ Todd ist ein wichtiger Mann in sches auf MSNBC, dem Kabelableger vonist zuschanden, das Wort allein ist unter Washington, Chefreporter des NBC-Fern- NBC. Eigentlich müsste Todd längst imRepublikanern ein Schimpfwort gewor- sehens, sein Wecker klingelt morgens um Weißen Haus sein, er ist für Aufsager ge-den. Sie agieren so stur, dass sie sogar fünf, und wer ihn trifft um zehn Uhr, fin- bucht, live aus dem Rosengarten, Kom-Gesetzesvorhaben blockieren, die sie fast det einen müden Mann mit Bart in einem mentare zu den „big news“ des Tages, zuwortgleich einst selbst betrieben haben. fensterlosen Büro, der halb in seinem Obamas Aktionen. In der Folge ist Washington, schon lan- Sessel sitzt, halb liegt, und vor ihm auf Aber was ist überhaupt noch einege als abgehobene, alltagsferne Haupt- dem Tisch blinkt immerfort der Black- Nachricht? Wenn der BlackBerry jede Mi-stadt verachtet, für viele Bürger zum Berry. nute „Breaking News“ vermeldet? ToddHassobjekt geworden, zum Inbegriff für Todds Mailbox quillt über, stündlich, weiß es auch nicht mehr. Er sagt nochMittelmaß und Murks. Die scharfen Ka- minütlich, im Postfach wartet jeden Mor- einmal seinen Satz vom Pinkeln im Hur-barettisten des US-Fernsehens vermuten gen das „Playbook“ des „Politico“-Blog, rikan, das sind starke Worte von einem,schlichten Rassismus hinter allem, eine eine wirre Ansammlung der wichtigsten der als einer der einflussreichen Journa-republikanische Front gegen den schwar- Termine, Fakten, Geburtstage in der listen in Washington gilt, so einflussreich,zen Mann im Weißen Haus, ein böser Hauptstadt. dass ihn Obama während seiner RedeVorwurf, für den einiges spricht. Todd muss den „Drudge Report“ stu- beim Dinner der White House Corres- Mit nur rationalen Argumenten ist dieren, eine weltweite Übersicht mehr pondents persönlich mit einem freund-nicht mehr zu erklären, warum der Poli- oder minder relevanter Storys, er muss lichen „Chuck“ begrüßte.tikbetrieb der Vereinigten Staaten in die- sehen, was die „Huffington Post“ macht, NBC wirbt mit ihm in Werbespots: Dar-sen Jahren derart verkümmert ist. Dass was die wichtigen Blogger schreiben. in sagt Chuck Todd, er wolle im WeißenObama nicht in der Lage ist, ihn wieder- Todd muss bei Facebook einchecken, sei- Haus die Fragen stellen, die normale Bür-zubeleben, spricht gewiss gegen ihn. Aber nen Twitter-Feed füttern, er sagt: „Wenn ger nicht stellen könnten. Aber bleibt ihmandererseits wirkt es dieser Tage auch ich auf einer einsamen Insel strande und überhaupt die Zeit, sich die guten Fragenmanchmal so, als sei selbst er, der Präsi- mein BlackBerry geht noch, bleibe ich auszudenken? Oder stimmt, was heutigedent, ausgestattet mit weitreichenden trotzdem voll informiert.“ Kampagnenmanager sagen: dass sie denHerrschaftsrechten, von denen europäi- Sein Leben hat sich als Schatten unter überforderten Korrespondenten viel leich-sche Regierungschefs nur träumen kön- seine Augen eingegraben, im bleichen Bü- ter als je zuvor ihre frisierten News un-nen, auch bloß ein Rädchen in der kaput- rolicht sind die dunklen Ränder gut zu terjubeln können, weil keine Zeit mehrten Mechanik der Macht. sehen. Um zehn am Morgen ist seine bleibe, sie zu prüfen? Todd sagt: „Was D E R S P I E G E L 2 4 / 2 0 1 2 85
  • 75. Titel stimmt, ist, dass wir alle überfordert tematisch die Tweets während der Rede, derwahlzentrums in Chicago. Als es sind.“ 766 681 waren es bei Obamas letzter An- jüngst um Äußerungen Karl Roves ging, Todd, 40, wuchs noch ganz selbstver- sprache. Und wenn Sarah Palin aus Alas- des republikanischen Wahlkampfgurus, ständlich mit gedruckten Zeitungen und ka, die Hoffnungsfigur des dumpfen Ame- der Obama in Werbespots als Präsidenten Magazinen auf, mit der „Washington rika, auf ihrer Facebook-Seite den Präsi- der gebrochenen Versprechen abmeierte, Post“ und dicken Präsidentenbiografien denten einen Sozialisten nennt, sorgt sie war sie in ihrem Element. auf dem Nachttisch. Er wurde geboren in damit für mehr Aufregung als ein Repor- Man solle, sagte sie auf allen Kanälen, einer Zeit, als Zeitungsartikel noch Prä- terteam der „New York Times“, das mo- diesen „BS“ bloß nicht glauben. „BS“ sidenten stürzten. Heute verbrennt die- natelang über Atomwaffen, Bankenkrise heißt Bullshit, das darf man in den USA selbe „Washington Post“, die mit Water- oder Krieg recherchiert hat. eigentlich nicht laut sagen und schon gar gate und Nixon-Rücktritt berühmt wurde, Amerika schnattert, aber es redet nicht nicht öffentlich. Aber Cutter tut es. Im jedes Jahr viele Millionen Dollar. Das mehr miteinander. Die Linken lesen die eleganten Kostüm, und sie schaut dabei Blatt kämpft um seine Existenz. Blogs der „Huffington Post“ und schalten in die Kamera wie eine Lady. Auch die TV-Abendnachrichten – noch auf MSNBC. Die Rechten surfen zum Tatsächlich ist sie Obamas Frau fürs 1980 täglicher Fixpunkt für 53 Millionen „Drudge Report“ und zu Fox News. Wer Grobe, eine hyperaggressive Anführerin Amerikaner – verlieren Zuschauer in hin- und herschaltet, weiß bald nicht auf Seiten der Demokraten, die seit fast Scharen. An guten Tagen schalten 20 Mil- mehr, wo unten und oben ist, und auch zwei Jahrzehnten in den Schützengräben lionen ein, das ist, im riesigen Amerika, deshalb verlieren viele Leute die Lust an Washingtons zu Hause ist. Cutter hat eher mickrig. „Alles ist schneller gewor- der Sache: Umfragen zeigen, dass viele schon für Bill Clinton im Weißen Haus den, bunter“, sagt Todd. Der Kabelsender Amerikaner über Politik nicht mehr dis- gearbeitet, als die Republikaner ihn des MSNBC hat jeden Tag 24 Stunden zu fül- kutieren wollen. Das muss einem Fern- Amtes entheben wollten. len, muss dabei aber mit dem viel schnel- sehreporter wie Chuck Todd Sorgen ma- Ihr Talent ist der politische Nahkampf, leren Web konkurrieren. Todd muss für chen. „Wenn die Lautsprecher von links schmutzig, gemein, schnell, Cutter nimmt seinen „Daily Rundown“ auch herausfin- und rechts ständig trompeten, dass wir es als Sport. „Politik funktioniert doch den, welche Suppe am Mittag in der Kan- und die Politiker nur Mist machen“, sagt eigentlich wie Pingpong“, sagt sie. „Es tine des Weißen Hauses serviert wird, so er, „glaubt bald jeder: Stimmt, die ma- geht immer hin und her.“ Und die Demo- sehen Exklusivnachrichten heute aus. chen nur Mist.“ kraten, sagt sie, dürfen dabei keinesfalls Die Blogger, die Twitterer haben die In Schwarzweißmalerei machen alle. zurückstecken. Dem jetzigen Wahlkampf mediale Macht übernommen und neue Und weil es so schwer ist, für die extrem ist dieser blanke Sportsgeist anzumerken. Leitmedien wie „Politico“, ein Blog, des- vielfältige amerikanische Gesellschaft Es scheint tatsächlich nur noch darum zu sen Reporter nach einer Präsidentenrede griffige Wahlkampfslogans zu finden, gehen, schnelle Punkte zu machen, tag- 15 Minuten Zeit haben, erste Analysen werden die Versuche, die Leute zu errei- ein, tagaus, und verglichen mit dem ame- abzuliefern. Sie sind auf Krawall gebürs- chen, beiderseits immer gröber. Nicht nur rikanischen fühlt sich europäischer Wahl- tet, weil das die größte Aufmerksamkeit die Republikaner stanzen ihre Phrasen. kampf wie ein Universitätskolloquium bringt. Wer nicht erregt, wird wegge- Auch die Demokraten können das, allen über Zeitfragen an. klickt, und so wird das Flüchtige in Wa- voran Stephanie Cutter, Obamas stellver- US-Vizepräsident Joe Biden geht dieser shington das Eigentliche. tretende Wahlkampfchefin. Tage mit der Parole hausieren, wer die Wenn Obama seine Rede zur Lage der Cutter ist 43, blond, attraktiv, aggressiv, Präsidentschaft Obamas beurteilen wolle, Nation hält, warten seine Berater nicht und wenn sie nicht gerade in Kameras müsse nur einen Satz wissen: „Osama ist mehr auf die Leitartikel, um ihre Wirkung und Mikrofone redet, sitzt sie vor langen tot, und General Motors lebt.“ In diesem zu überprüfen. Sie durchpflügen jetzt sys- Computerreihen des Obama-Biden-Wie- Tonfall reden mehr oder minder alle. Der Kampf ums Weiße Haus 221 147 170 Wahlprognosen für die Bundesstaaten; für Obama unentschieden für Romney Zahl der Wahlmänner eher für Obama eher für Romney erforderliche Mehrheit: 270 Wahlmänner Washington 12 Maine Montana N. Dakota New Hampshire 4 4 3 3 Minne- Vermont Oregon sota 3 Massa- 7 Idaho S. Dakota 10 Wisconsin New York chusetts 4 Wyoming 3 10 Michigan 29 11 3 16 Pennsylvania Iowa Rhode Nevada Nebraska 6 Ohio 20 Island 6 5 Illinois Indiana 18 W. 4 Utah 6 Colorado 20 11 Virginia 9 Kansas Missouri Kentucky 5 Virginia Connec- 6 13 ticut 7 Kalifornien 10 8 N. Carolina New TennesseeLUKE SHARRETT / THE NEW YORK TIMES / LAIF 55 Arizona New Oklahoma Arkansas 11 15 Jersey 11 Mexico 7 6 S. Carolina 14 Missis- Ala- 5 9 Delaware sippi bama Georgia 3 Texas Louisiana 6 9 16 38 8 Maryland Florida 10 Alaska Hawaii 29 Republikanischer 3 4 Quelle: RealClearPolitics Washington, D. C. Herausforderer Romney 3 Stand: 8. Juni 86 D E R S P I E G E L 2 4 / 2 0 1 2
  • 76. LYNSEY ADDARIO / VIIStand des Bundes kriegsversehrter Veteranen auf einem Volksfest in Arkansas: „Osama ist tot, und General Motors lebt“politische Streit hört sich an, als ob es tischen Betriebs in Amerika die Tea-Par- mannssucht, Verschwörungstheorien mitum Reklame für Schokoriegel oder Klo- ty-Bewegung, jene radikale Strömung in mangelnder Bildung. Ihre Anhänger re-papier ginge. der Republikanischen Partei, die mit dem präsentieren finstere Klischees eines un- Worum aber geht es? Wer versucht, Amtsantritt Obamas begann, die Pauke terbelichteten Amerika, in dem sich Men-eine innenpolitische Bilanz der ersten zu schlagen. Aber wäre nicht von Obama schen tummeln, die auch nichts dagegenJahre Obamas zu ziehen, kommt auf eine und seinem Stab zu erwarten, dass er die hätten, wenn so manches moderne Buchkurze Liste klarer Erfolge, die Obama weichen Punkte dieser Gegner findet, um verbrannt würde. Und die Romane Jona-derzeit selbst auf jeder Wahlkampfver- den Widerstand gegen seine Politik zu than Franzens, Autor von „Freiheit“ undanstaltung wegrattert: sein Konjunktur- brechen? „Die Korrekturen“, könnten durchaus da-paket, gefüllt mit 787 Milliarden Dollar, Die Tea Party zieht zu Felde gegen aus- zugehören.das die Wirtschaft nach der Finanzkrise nahmslos jeden Vorschlag Obamas, seien Franzen hat nie ein Hehl daraus ge-2008 vor dem Zusammenbruch bewahrte; es seine Umweltpolitik, diverse Konjunk- macht, den Republikanern gegenüber,die Subventionen für die amerikanische turprogramme, die Gesundheitsreform, also auf der anderen Seite Amerikas zuAutoindustrie, die in Detroit zum Guten die Finanzpolitik, gleichviel. Ihre eigenen stehen. Ein Radikaler ist er nicht, keinzündeten. Obama hält sich seinen Kampf Ideen sind an simpler Radikalität nicht Scharfmacher, er hat sogar die „seltsame“für die Rechte von Schwulen und Lesben zu überbieten, sie würde ihr in Europa Erfahrung gemacht, sagt er, viele nettezugute, und er kann darauf hoffen, als vermutlich Einträge in Verfassungsschutz- Republikaner kennengelernt zu haben.Präsident der großen Gesundheitsreform berichten bescheren: Tea-Party-Aktivis- Franzen erzählt davon am Esstisch sei-in die Geschichte der Nation einzugehen, ten fordern den Ausstieg der USA aus ner New Yorker Wohnung in einem klei-der 32 Millionen Menschen zu einer Kran- den Vereinten Nationen und das Ende al- nen Turm an der Upper East Side, der inkenversicherung verhalf. ler Sozialprogramme. Sie fordern die Ab- den achtziger Straßen in direkter Nach- Im Einzelnen sind das beachtliche Er- schaffung vieler Regierungsinstitutionen, barschaft zum Stadthaus von Madonnarungenschaften, aber sehr viel länger ist allen voran der Notenbank und natürlich steht. „Meine Theorie ist, dass sich nettedie Liste der innenpolitischen Erfolge der Steuerbehörde. Leute quer durch die Gesellschaft gleichnicht, und sie formen sich auch nicht zu Eiferer aller Art verbünden sich zu die- verteilen“, sagt Franzen. „Und trotzdemeiner großen, fassbaren „Change“-Agen- sen Zwecken, Wirtschaftsliberale, Waf- war Amerika nie, und ganz sicher nicht,da. Auch wiegen die Misserfolge schwer: fennarren, Sozialdarwinisten, Milizionä- solange ich denken kann, so gespalten,Im Sommer vergangenen Jahres steckte re. Auch die „Birthers“ zählen dazu, die so polarisiert wie heute.“Obama seine größte Niederlage als natio- dem Land die Debatte über die Identität Er hat den Politikbetrieb aus der Nähenaler Versöhner ein, als er nicht imstande des Präsidenten einbrockten. gesehen, im Sommer 2003, als der Irak-war, die Republikaner zum Kompromiss Die Tea Party ist für Obama ein Pro- Krieg eben begonnen hatte. Der „Newüber einen längerfristig gültigen Haushalt blem, nicht, weil sie selbst an die Macht Yorker“ hatte ihn angeheuert, aus Wa-zu zwingen, obwohl der Staatsbankrott gelangen könnte, sondern weil sie die Re- shington zu berichten, und er bekam Zu-unmittelbar bevorstand. publikanische Partei vor sich hertreibt gang auch zu den Größen der Republika- Es wirkt schwach, den politischen Geg- und letztlich zum Lautsprecher der einen, ner, Vizepräsident Dick Cheney undner für eigene Versäumnisse anzuklagen, konservativen Hälfte Amerikas geworden Newt Gingrich eingeschlossen. Aus sei-selbst wenn es in diesem Fall stimmt: Na- ist. Schlimmer als je zuvor verbünden nen Begegnungen ergaben sich viele In-türlich steckt hinter der Blockade des poli- sich in ihr Hinterwäldlertum mit Groß- dizien für die tiefe Spaltung. Es hätten D E R S P I E G E L 2 4 / 2 0 1 2 87
  • 77. TitelMARTIN H. SIMON / MHS IMAGES / DER SPIEGEL POLARIS / LAIF TV-Moderator Todd, Wahlkampfstrategin Cutter mit Chef Obama: „Wir sind alle überfordert“ zwar damals alle gesagt, der Streit sei in so viel zu verteilen gewesen, dass zwei und stößt auf die Partei der Republikaner. den neunziger Jahren auch nicht viel mo- Drittel der Amerikaner glücklich und zu- Woher aber käme ihr Hass? Franzen derater ausgefallen, aber mit dem Auge frieden hätten leben können; heute reiche trinkt Wasser, draußen sinkt die Sonne, des Schriftstellers nahm Franzen eine es nur noch für ein Drittel. Und zerbro- er sagt: „Es hat mit der schrumpfenden deutliche Verschlimmerung wahr. chen sei die frühere Gewissheit von El- Kraft der einstigen Supermacht zu tun, Abgeordnete erzählten ihm, sie seien tern, dass es ihren Kindern dereinst bes- mit dem Frust darüber, die Jobs nach früher mit ihren politischen Gegnern in ser gehen werde als ihnen selbst. Fernost zu verlieren. Es hat damit zu tun, denselben Flugzeugen zurück in ihre „Wenn Sie in Umfragen Zweidrittel- dass wir nach ‚Nie wieder Vietnam‘ hin- Wahlkreise geflogen, hätten sich über mehrheiten haben, die sich Steuererhö- gegangen sind und zwei neue Vietnams ihre Familien ausgetauscht oder sonst ge- hungen für das reichste Prozent der Ge- geschaffen haben. Nichts schmerzt ein meinsam Zeit verbracht. Diese Art von sellschaft wünschen – was machen Sie Land mehr, als Kriege zu verlieren.“ Kollegialität, sagt Franzen, sei verschwun- dann als deren Vertreter?“ Franzens Ant- Die Kriege, die Weltwirtschaftskrise, den. Senatoren, die früher gemeinsam zu wort: „Sie blockieren den Präsidenten der Aufstieg Chinas, Indiens, Südameri- Mittag aßen, gingen sich heute argwöh- von der anderen Partei, der aus dem kas haben Amerikas Selbstbild zweifellos nisch aus dem Weg. Volkswillen womöglich Politik macht, erschüttert. Der 11. September 2001, die Franzen glaubt, dass die Entwicklung und Sie versuchen die Leute abzulenken Misserfolge in Irak und Afghanistan, der von den Republikanern durchaus gewollt und aufzuheizen mit lächerlichen Debat- Dauerstress des Kriegs „gegen den Ter- sei. „Es gibt für eine Partei, deren Pro- ten etwa über Abtreibung oder Waffen.“ ror“ haben ein Gefühl nationaler Verletz- gramm keine gesellschaftliche Mehrheit barkeit gespeist und aus den USA insge- mehr hat, nicht viele Möglichkeiten, Wah- samt ein Land der begrenzten Möglich- len zu gewinnen“, sagt er. Eine Möglich- Kriege, Wirtschaftskrise, keiten gemacht. Wer Obamas Präsident- keit sei, die Zahl der Wähler möglichst der Aufstieg Chinas und schaft beurteilen will, muss fairerweise klein zu halten. „Das versuchen die Re- zugeben, dass er zu einem denkbar un- publikaner, indem sie das Wahlrecht von Indiens haben Amerikas günstigen Zeitpunkt ins Amt kam. Einwanderern und Minderheiten be- Mittlerweile ist die Außen- und Sicher- schneiden. Eine andere ist“, sagt Franzen, Selbstbild erschüttert. heitspolitik aber Obamas bestes Argu- „die Politik insgesamt so toxisch, so un- ment für seine Wiederwahl geworden. Er möglich zu machen, dass sich normale Tatsächlich tauchen alle Themen, die hat den geerbten Kriegseinsatz im Irak Leute abwenden.“ Franzen „hot button issues“ nennt, auf beendet und schickt sich an, als Ober- Franzen glaubt das wirklich, er insistiert Deutsch ungefähr: heiße Eisen, im Wahl- befehlshaber die Streitkräfte aus Afgha- darauf selbst auf skeptisches Nachfragen kampf der Republikaner ständig auf. Ab- nistan abzuziehen. Das passt zum Frie- hin. Die Blockade des Haushalts – reines treibung, Empfängnisverhütung, Religion, densnobelpreis, den ihm das Stockholmer Machtkalkül. Die Blockade aller Obama- Waffen. „Es sind Themen, die wirklich Komitee gleich zu Beginn seiner Regie- Vorstöße – ins Werk gesetzt, um die Poli- keine Rolle spielen sollten“, sagt Franzen, rung als zusätzliche Bürde mitgab. In der tikverdrossenheit zu fördern, um von ihr „aber die Rechte treibt sie voran.“ So Preisrede vom Dezember 2009 klang aber dann zu profitieren. Anders als mit Vor- wird Politik zur schwarzen Kunst mit dem bereits der kalte Pragmatismus durch, von satz, sagt er, sei es nicht zu erklären, dass Ziel, die eigentlich wichtigen Themen zu dem er sich würde leiten lassen. „In dieser der Kongress derzeit so vollendet funk- verdrängen und bei den eigentlich un- Welt wird es immer das Böse geben“, sag- tionsuntüchtig sei. „Dafür braucht es Par- wichtigen zu glänzen. „Die Medien spie- te Obama, und aus heutiger Perspektive teidisziplin, die gibt es nicht einfach so. len das Spiel gern mit. Streit bringt Quote. ist klar, dass ihm diese Erkenntnis eigenes Die Republikaner sind darin gut.“ Wütende Leute schalten ein, um noch wü- militärisches Handeln, völkerrechtlich zu- Sie sind auch weiterhin die Partei der tender zu werden.“ lässig oder nicht, rechtfertigen hilft. Reichen und der Unternehmer, sagt Fran- In Franzens letztem Roman, „Freiheit“, Gut 250 der bekannten 300 Drohnen- zen, und „das ist ein Problem“. Bis vor räsoniert die Hauptfigur Walter darüber, Attacken auf pakistanischem Gebiet fal- 20 Jahren sei im Land wenigstens noch woher der ganze Hass in Amerika kommt, len in Obamas Amtszeit, sie brachten ge- 88 D E R S P I E G E L 2 4 / 2 0 1 2
  • 78. CHRISTOPHER LANE / DER SPIEGEL (L.); MARTIN H. SIMON / DER SPIEGEL (R.)JÜRGEN FRANK / DER SPIEGEL Schriftsteller Franzen, Anwalt Franklin, Aktivist Norquist: Wütende Leute noch wütender machen schätzt 1800 Qaida- und Taliban-Kämpfer Außenpolitisch wird mit Obamas Na- kämpfer nicht überzeugt wären, dass sich sowie zahlreiche Zivilisten ums Leben. men der Tod Osama bin Ladens immer ihr Kandidat als harter Hund sehr gut Die Männer des Terrornetzwerks al-Qai- verbunden bleiben, den er letztlich im verkauft? da hat Obama durch den Einsatz der vie- Alleingang befahl. Ein Fehlschlag der Es geht ums Verkaufen, in der ameri- len Drohnen massiv dezimieren lassen, Operation hätte ihn das Amt kosten kön- kanischen Politik noch viel stärker als an- vergangene Woche erst tötete eine neue nen, so aber profitiert er vom Image des derswo, aber dieses Mal zieht vor der ferngesteuerte Bombe nach US-Angaben entschlossenen Führers, der das Nötige Wahl ein Jahrmarkt auf, wie es ihn noch den Qaida-Vizechef Abu Jahja al-Libi. tut, um Amerikas Sicherheit zu gewähr- nie gegeben hat. Reiche Gönner und Es ist ein schmutziger, juristisch heikler leisten. Obama hat Mut, er riskiert viel, Spender gab es immer schon. Aber jetzt Geheimkrieg, geführt vom Geheimdienst aber wie muss er sich fühlen, wenn ihm dürfen sie sich verbünden zu Super-PACs CIA, ohne jede Transparenz, unter Aus- liberale Zeitungen heutzutage bescheini- – und das kann heiter werden. schluss rechtsstaatlicher Verfahren, das al- gen, im „Krieg gegen den Terror“ ein PAC ist die Abkürzung für Political Ac- les stärkt nicht gerade Obamas Idee von schlimmerer Krieger zu sein, als es tion Committee, was harmlos klingt, aber Amerika, die globale Schutzmacht von George W. Bush je war? Gefahren für die Demokratie in Amerika Freiheit und Demokratie zu sein. Und Es gelangen Details an die Öffentlichkeit, birgt. Es gibt sie, weil die konservative ganz gewiss passt der Drohnen-Krieg nicht die frösteln lassen. Die „New York Times“ Mehrheit der obersten Richter des Su- zu Obamas Visionen am Beginn seiner hat gerade beschrieben, wie der Präsident preme Courts meinte, große Spenden und Amtszeit, die Welt aussöhnen zu wollen den Drohnen-Angriffen zustimmen muss; der Anschein von Korrumpierbarkeit hät- und Frieden zu stiften vor allem zwischen wie ihm seine Leute Namen und Bilder je- ten nichts miteinander zu tun, und es wer- Amerika und dem islamischen Kulturkreis. ner Verdächtigen vorlegen, die vielleicht de schon niemand den Glauben an die Obama hielt, nach den bleiernen Bush- Terroristen sind und umgebracht werden Demokratie verlieren. Aber das ist noch Jahren, in denen US-Außenpolitik im We- sollen, unter ihnen Teenager. Und sagt nicht ausgemacht. sentlichen in Gerede über „Schurkenstaa- Obama wirklich ja, dann schwirren wenig Mit Beginn des Wahlkampfs nach den ten“ bestand, seine historische Versöh- später im Grenzgebiet zwischen Afghani- neuen Regeln entfaltet die Supreme- nungsrede in Kairo, er versandte kurz stan und Pakistan, in Somalia oder im Court-Entscheidung „Citizens United vs. nach seinem Amtsantritt auch Friedens- Jemen die Killermaschinen los. Federal Election Commission“ ihre Wir- botschaften an das iranische Volk. Gleich- Zwar steht in den Geschichten stets, kung. Sie pflügt die politische Landschaft zeitig setzten die amerikanischen Dienste dass Obama vorsichtig ist, dass er Militärs um. Es darf jetzt jeder, der will und kann, unter dem Decknamen „Olympic Games“ und Geheimdienste zur Zurückhaltung den Kandidaten seiner Wahl mit so viel allerdings einen nie gekannten Hightech- drängt. Dass er Operationen ablehnt, die Geld unterstützen, wie er mag, und er Krieg gegen Teherans Atomprogramm ihn nicht hundertprozentig überzeugen. darf dabei auch gern anonym bleiben. fort. Was genau ist das? Noch Pragmatis- Aber was hat dieser Obama, Richter und Alle Transparenz, die vorher streng über- mus? Schon Zynismus? Henker in einer Person, mit jenem Sena- wacht wurde, ist dahin. Auflagen? Gibt So widersprüchlich setzt sich die Liste tor aus Illinois zu tun, der an der Sieges- es keine, das heißt eine, rein theoretische: seiner Taten fort: Obama stoppte die von säule in Berlin die Menschen mit Worten Die heutigen Spender dürfen sich nicht der Bush-Regierung betriebene Wieder- der Hoffnung zu Tränen rührte? direkt mit den Kandidaten abstimmen. kehr der Folter als Verhörmethode. Aber Schade, natürlich, aber wahr ist: Er ist Praktisch aber hat es noch nie eine so die Schließung des Gefangenenlagers in ein anderer geworden, sichtbar, innerhalb direkte Verbindung zwischen großem Guantanamo, unter weltweitem Beifall von vier Jahren ergraut, das machten das Geld und großer Politik gegeben. Den versprochen, steht aus. Im Fall Libyens Amt, der Dauerstress, die Last der Ent- reichen Finanziers mag die „direkte Ab- unterstützte Obama den Sturz des Re- scheidungen – oft über Leben und Tod. stimmung“ mit den Kandidaten verboten gimes, aber zu den aktuellen Massakern Aber es scheint, Barack Obama gefällt sein, aber natürlich kann ihnen niemand in Syrien scheint ihm nicht viel einzufal- sich darin auch ganz gut. Würden Repor- verbieten, mit ihnen essen zu gehen, zu len. Welche Werte gelten? Welche Prin- ter Zugang zu derlei geheimen Informa- reisen oder gleich neben ihnen auf die zipien sind fest und nicht flüssig? tionen erhalten, wenn Obamas Wahl- Bühne zu steigen. Entstanden ist de facto D E R S P I E G E L 2 4 / 2 0 1 2 89
  • 79. Titeldie Situation, dass viele Superreiche jetzt von Obamas Möglichkeiten auszufor- ist die Farbe der Republikaner. Im letztenanonym in die Verunglimpfung Obamas schen, im weiten Land zwischen den Küs- Präsidentschaftswahlkampf stimmten alleper „Attack Ad“ investieren können. Es ten erfolgreich sein zu können, zum Bei- 77 Wahlbezirke für den Republikanergeht um Negativwerbung, die ihrem Fa- spiel nach Washington, Oklahoma, wo John McCain, ein derart flächendecken-voriten Mitt Romney zugutekommt, der der Rentner Hershel Franklin schon allein der Erfolg ist ihm in keinem anderenden Oberschichtlern Steuererleichterun- deshalb ein Sonderling ist, weil er mit ei- Staat gelungen. „Dabei“, sagt Hershelgen längst versprochen hat. nem Aufkleber „Obama 08“ am Auto her- Franklin, „müssten die Leute hier die De- Die Super-PACs werden in den kom- umfährt. mokraten wählen.“menden Monaten, mit den Worten des Franklin ist ein Demokrat in der Dia- Denn eigentlich sind sie gerade hierMagazins „New York“, einen „tsunami spora. Das genügt, um in Washington, auf dem Land auf die Regierung undof slime“ auslösen, eine Schlammschlacht. Oklahoma, dem Staat eingeklemmt zwi- staatliche Hilfe angewiesen. Es gibt kaumSchon in den Vorwahlkampf der Repu- schen Texas und Kansas, als Außenseiter Infrastruktur, die Armut ist groß. Franklinblikaner haben sie mehr als 100 Millionen zu gelten. Das Dorf Washington ist ein lebte bis vor kurzem auf einer Farm. ErDollar gepumpt, gestiftet unter anderem Ort, von dem es heißt, dass Geschäfte war auf das Programm der „Rural Electricvon einer Gruppe Superreicher, die die noch immer per Handschlag abgeschlos- Cooperatives“ angewiesen, das Stromlei-„Washington Post“ als „Königsmacher“ sen werden und ein Männer-Ehrenwort tungen in verlassene Gegenden verlegt,tituliert hat. Was von der neuen Geset- mehr zählt als ein Vertrag. In diesem Wa- heute profitiert er vom staatlichen Ge-zeslage wirklich zu halten ist, hat in Las shington mit seinen 520 Einwohnern, wo sundheitsprogramm Medicare wie fastVegas der Kasino-Gigant Sheldon Adel- jeder jeden kennt, muss niemand die alle Rentner hier. Es sind Programme, dieson, ebenfalls ein Big Spender, auf den Haustür abschließen. Und niemand zieht die Demokraten eingeführt haben, weilPunkt gebracht: „Ich bin dagegen, dass die Autoschlüssel ab, wenn er aufs Post- Demokraten, anders als Republikaner,sehr Reiche die Wahlen beeinflussen. amt geht. Es ist ein Dorf, in das Leute ein segensreiches Wirken des Staates fürAber solange es möglich ist, werde ich es ziehen, die die Städte fliehen, die Ver- möglich halten. Geholfen hat ihnen dasauch tun.“ ruchtheit und die liberale Unmoral. in Oklahoma nicht. Im bevorstehenden Duell zwischen Hershel Franklin kam der Kinder we- Die Republikaner, sagt Franklin, hättenObama, 50, und Romney, 65, wird Letz- gen. Er ist 70, weißhaarig, rundlich, Foot- es geschafft, den Leuten weiszumachen,terer mit voraussichtlich 200 dass ganz andere Fragen zähl-Millionen Dollar von Super- ten: das Recht, Waffen zu tra-PACs unterstützt. Die Demo- gen, das Verbot jeglicherkraten wollen gegenhalten: Form von Abtreibung oderObamas Wahlkampfmanager die Ablehnung der Schwulen-Jim Messina reist durchs ehe. Die Republikaner, sagtLand, um Großspenden für Franklin, hätten behauptet,den PAC „Priorities USA Ac- dass die Demokraten Gebetetion“ zu sammeln, der wie- in der Schule verbieten undderum Romney nach allen die Klassenzimmer entwei-Regeln der Werbekunst her- hen wollten. „God. Guns.absetzen wird. Gays“, sagt Franklin, „sie ha- PATRICK CHAPPATTE / GLOBECARTOON.COM So wird noch mehr Gift in ben so getan, als ob Jesusdie Wahlkämpfe tropfen, die selbst ein Republikaner wäre!seit dem Auftauchen der Tea Und irgendwann haben ih-Party ohnehin schon schwer nen die Leute diesen Unsinnan Niveau verloren hatten. wirklich geglaubt.“Und die aufrichtige Frage Der politische Streit innach Obamas Bilanz, eine Amerika hat stets diesenDiskussion seiner Ziele, eine Schlag ins Irrationale, derDebatte über seine Projekte auch eine Kapitulation vorwird es nicht geben. Fragen, der überbordenden Komple-Diskussionen, Debatten, man kommt sich ballfan. 30 Jahre lang hat er als Rechtsan- xität der Aufgaben beinhaltet. Das größtegestrig vor, sie einzufordern, denn es gibt, walt gearbeitet, Strafsachen, seine Frau Projekt der Amtszeit Obamas, die Ge-in Amerikas nationalem Politikbetrieb, arbeitet als Marketingdirektorin bei einer sundheitsreform, ist mittlerweile derartnur noch ein Spiel um alles oder nichts. Bank, ihre beiden Kinder sind 14 und 16, zerredet, dass selbst die zuständigen Ex- Wer die Wahl nicht gewinnt, versucht ein Junge, ein Mädchen, beide adoptiert. perten über ihre Einzelheiten ratlos sind.das Wahlergebnis zu hintertreiben. Über- Washington, Oklahoma, sagt Franklin, Es kursieren krass widersprüchliche Rech-spitzt ausgedrückt ignorieren die Repu- erinnere ihn an seine eigene Kindheit, an nungen, die den USA infolge von „Oba-blikaner fortlaufend den Volkswillen, der die Idylle der amerikanischen Kleinstadt. macare“ wahlweise die finanzielle Ret-sich in der Wahl Obamas zum Präsiden- Es ist das Amerika der „Proms“, der üp- tung oder den Ruin voraussagen. Undten ausdrückt. Es ist, als hätten sie seine pigen Schulabschlussbälle, das Amerika, auch Obama selbst findet nicht die klarenPräsidentschaft von Beginn an für indis- in dem sich ganze Dörfer am Freitag- Striche, um ein überzeugendes Bild sei-kutabel gehalten, für einen Betriebsunfall abend zum Footballspiel treffen. In der ner Reform zu zeichnen.der amerikanischen Geschichte. Domino-Halle hier rauchen die Rentner Es besteht deshalb die Möglichkeit, Ihre Heimstatt sind nicht die Städte, noch immer, als gäbe es keine Verbote, dass das ganze Gesetzeswerk Ende Juninicht die Metropolen entlang der Küsten, und sie machen derbe Scherze über Oba- vom Obersten Gerichtshof wieder ge-wo auch die linke Occupy-Bewegung ih- ma, den sie, sagen sie, aus dem Dorf trei- kippt wird, von Richtern, die währendrem Unmut über Obamas mangelnde Ge- ben würden, wagte er sich hierher. der Anhörungen freimütig sagten, es kön-setzeskraft Luft machen konnte. Sie fin- Washington, Oklahoma, stemmt sich ne niemand erwarten, dass ein Gerichtdet sich viel mehr in den Wäldern und gegen den Wandel, Veränderungen sind die mehrtausendseitigen Entwürfe wirk-Bergen und Ebenen, in der Provinz. Dort- verdächtig, fast ein Verbrechen an der lich lese. Dasselbe gilt für tausendseitigehin lohnt ein Ausflug, um die Grenzen Vergangenheit. Oklahoma ist tiefrot, rot Gesetzesentwürfe zur Regulierung des90 D E R S P I E G E L 2 4 / 2 0 1 2
  • 80. REUTERSRaketenbestückte „Predator“-Drohne: Schmutziger Geheimkrieg unter Ausschluss rechtsstaatlicher VerfahrenBankensystems oder der Versicherungen, trolle – und als ein Rezept für garantier- Norquist thront am Kopfende wie eindasselbe gilt auf der anderen Seite für die ten Erfolg. 1986, nach der Ausformulie- Feldherr, er spricht in Churchill-Zitatenhaushälterischen Vorschläge der Republi- rung, verkündete er sein Dogma: Wer das – Blut, Schweiß und Tränen im Kampf ge-kaner. Wo Klarheit herrschen müsste, Anti-Steuer-Versprechen nicht einhalte, gen „das gefräßige Monster Staat, das eswird Ratlosigkeit produziert. Und wo zu- der werde vom Wähler bestraft. zu bändigen gilt“. Kann der Staat dennerst die Gesetzgeber und dann die Geset- Sechs Jahre später lag der Beweis dafür gar nichts schaffen, etwas, was der Marktzeshüter den Überblick verlieren, kom- vor, meint Norquist: „George H. W. Bush nicht zustandebekomme? Falsche Fragemen stets die Lobbyisten ins Spiel, die unterschrieb unser Versprechen. Aber für Norquist: „Klar, Staaten haben Ver-die wahren Regenten in Washington sind. 1992 wollte er sich als Präsident daran sailles gebaut oder die Pyramiden. Doch Wenn Obamas Bilanz nicht so strah- nicht mehr erinnern und erhöhte Steuern. fragen Sie mal die versklavten Arbeiter,lend ist, wie sich das seine Wähler ge- Prompt verlor er gegen Bill Clinton.“ Er ob sie das wollten?“wünscht haben, dann liegt das zum Bei- kann es auch noch simpler fassen: „Es ist „Leave us alone“ heißt seine Mittwochs-spiel an Leuten wie Grover Norquist. Nor- ganz einfach: Steuerversprechen einhal- gruppe, es ist ein Gottesdienst der Anti-quist dachte sich schon 1986, als junger ten – Wahl gewinnen. Steuerversprechen Staatsgläubigen. Der Gedanke, AmerikaAktivist gegen Steuern, einen Merksatz brechen: Wahl verlieren.“ könne mehr Steuereinnahmen brauchen,aus, der zu einer mächtigen Keule im poli- um seine kaputten Straßen, Häfen odertischen Kampf werden sollte. Schulen zu reparieren, gilt als Blasphe- Norquist ist ein kleiner Mann mit Bart, „Klar, Staaten haben die mie. Genau wie die Frage, ob eine einzigeder in seinem Büro tatsächlich gern mit Pyramiden gebaut. Fra- Familie wie die Waltons – MiteigentümerZirkuskeulen jongliert, sein Merksatz der Billig-Supermarktkette Wal-Mart – soheißt: „Ich verspreche dem amerikani- gen Sie mal die Arbeiter, viel besitzen dürfe wie die ärmsten 30schen Volk, dass ich mich erstens allen Prozent der Amerikaner zusammen.Versuchen, die Steuern für Individuen ob sie das wollten.“ Die Demokraten rechnen Norquist zuund Unternehmen zu erhöhen, widerset- den „Steuer-Taliban“, wer mit ihm nichtzen werde, und zweitens, dass ich jede Norquists System funktioniert nach Art übereinstimme, für den kenne er nur eineMinderung von Steuervorteilen ablehne, der Mafia: Der Lobbyist lässt hoffnungs- Lösung: „Kopf ab.“ Norquist lacht. Ha-solange sie nicht Dollar für Dollar über volle Abgeordnete den Schwur ablegen ben die Taliban etwa nicht gewonnen?Steuersenkungen ausgeglichen werden.“ und unterstützt sie zur Belohnung im Und wofür sollte er sich schämen? In Wa- Es klingt wie irgendein Satz aus der Wahlkampf. Später, im Fall ihrer Wahl, shington kann man leicht zu dem Schlusskomplizierten Welt der Politik, aber er erinnert er sie an ihr Gelübde. kommen, dass gegen Norquist Politikist – auf Seiten der Republikaner – zum In den sechsten Stock seines Büroge- nicht möglich ist. Aber was sagt das überGlaubensbekenntnis geworden. 41 der 47 bäudes nahe am Weißen Haus in Wa- die demokratische Kultur Amerikas? Ge-republikanischen Senatoren haben Nor- shington lädt er jeden Mittwochmorgen gen die Kultur des heutigen Washington?quists „Verpflichtung“ unterzeichnet, 238 zur Konferenz. 200 Aktivisten kommen Kaum jemand kennt diese Kultur bes-der 242 konservativen Abgeordneten im dann angeblich zusammen, die Speer- ser als Dana Milbank. Er schreibt nichtRepräsentantenhaus, Präsidentschafts- spitze von rund 150 000 Online-Sympa- nur einfach über das Washingtoner Estab-bewerber Romney selbstverständlich thisanten, auch Vertreter von Sponsoren lishment, er ist das Washingtoner Estab-auch. wie Pfizer oder Microsoft, die Norquist lishment. Der heutige Publizist war als Norquist ist 55, stolz auf seine Leistung, viel Geld für seinen Anti-Steuerfeldzug Student Mitglied von Skull & Bones, derer versteht sein Ein-Satz-Programm als zahlen, der ihnen schon viel Geld gespart legendären Yale-Geheimgesellschaft, dieeine Art republikanische Qualitätskon- hat. zu ihren Mitgliedern George W. Bush D E R S P I E G E L 2 4 / 2 0 1 2 91
  • 81. Titel JEWEL SAMAD / AFPPräsident Obama beim Einsteigen in seine Air Force One: Ein hartes Stück Arbeit aus der Werkstatt des Machbarenoder Senator John Kerry zählt. Er ist bei beiden Seiten. Es gab trotzdem keine Im Süden Kaliforniens, in Texas, Arizona,jedem wichtigen Hintergrundtreffen in Einigung. Alabama, Florida heizen sich lokale eth-der Hauptstadt zugegen, seine Kolumnen Dabei hätten die Vereinigten Staaten nische Konflikte auf, die kaum je Eingangsezieren genüsslich die Angebereien und von Amerika Kompromisse dringend in die nationalen Debatten finden. AberAlbernheiten des Regierungsviertels. nötig. Die Infrastruktur des Landes ist sie werden nicht von selbst vergehen. Milbank, 44, empfängt im Willard Ho- marode. Seine Verwaltung – zumal die Dazu gehört auch der Umstand, dasstel, einem alten Kasten, in dem, so die Regierungszentrale in Washington – be- die USA, in viel größeren Teilen, als derLegende, der Begriff Lobbyist erfunden dürfte dringender Erneuerung. Die öffent- Rest der Welt vermutet, ein armes Landwurde. Bittsteller in der Lobby, der Ein- lichen Schulen, weite Teile des Bildungs- sind, in seinen weltfernen Provinzen be-gangshalle, sollen hier einst Präsident systems sind in desaströsem Zustand, völkert von Menschen, die in Hütten undUlysses Grant aufgelauert haben. Auch viele Kultureinrichtungen ebenso. mobilen Bruchbuden leben, denen es oftChronist Milbank sinniert über vergange- Die Steuer- und Sozialsysteme sind an- am Nötigsten und noch öfter an elemen-ne Zeiten: „Amerikas Parteien waren mal gelegt noch immer für eine übermächtige tarer Bildung fehlt. Geschätzt elf Millio-vielschichtig, mit Konservativen, Libera- Wirtschaft, die ihren Wohlstand aus stän- nen Menschen leben als illegale Ein-len, Moderaten auf beiden Seiten. Nun dig wachsendem Konsum bezieht. Aber wanderer im Land, gut die Hälfte davonist die Mitte verschwunden, buchstäblich die alten Zeiten, in denen sich alles ir- Mexikaner. Fast jeder vierte Teenager istverschluckt.“ gendwie selbst regulierte, aus der schie- arbeitslos. Amerika, daran kann kein Washington sei darüber die Hauptstadt ren Kraft eines großartigen Landes, gehen Zweifel sein, braucht einen neuen Plan.der einsamen Herzen geworden. Früher zu Ende; Amerika hat keinen Plan für Braucht es auch einen neuen Präsiden-brachten Abgeordnete ihre Familien in seine Zukunft als immer noch mächtige, ten? Die Frage ist durchaus berechtigt.die Hauptstadt mit, Kinder spielten zu- aber nicht mehr übermächtige Nation. Was hat Obama unternommen, um diesammen, sagt Milbank. Heute schlafen Viele Probleme bleiben einfach liegen. vielen gravierenden Probleme seines gro-die neuen Tea-Party-Parlamentarier auf Los Angeles etwa ist die größte thailän- ßen Landes anzugehen? Nicht genug. Hät-den Couchen in ihren Büros, um ja zu dische Stadt außerhalb Thailands und die te er mehr leisten können, auch im Restbeweisen, dass sie nicht Teil des Estab- drittgrößte Spanisch sprechende Stadt der der Welt? Wahrscheinlich. Haben ihn dielishments geworden sind. „Die 535 Kon- Welt. Drei Viertel der Kinder im riesigen Republikaner verhungern lassen? Zwei-gressmitglieder, die diesen Ort regieren“, Schuldistrikt von Los Angeles sprechen fellos. Wäre aber ihr Kandidat, Mitt Rom-sagt Milbank, „sind bloß noch auf Kurz- Spanisch. Die dazugehörenden Fragen: ney, der rätselhafte, steinreiche Mormone,besuch, von Dienstag bis Donnerstag.“ Ist das ein Problem? Oder ist es keines?, der bessere Präsident? Ganz sicher nicht. Der 112. US-Kongress ist darüber der sie werden nicht gestellt. ULLRICH FICHTNER,unproduktivste seit Ende des Zweiten Aber der schöne Geist des Multikultu- MARC HUJER, GREGOR PETER SCHMITZWeltkriegs geworden. Als sich die Parla- ralismus, der in den Metropolen an denmentarier in den dramatischen Wochen Küsten des Atlantiks und Pazifiks herrscht,im vergangenen Sommer auf den Abbau wird nicht allgemein geteilt. In den Wäl- 360°-Foto:der gigantischen Schuldenlast einigen dern, Wüsten und Gebirgen, in den Bun- Der Times Squaresollten, versuchte es erst eine überpartei- desstaaten entlang der südlichen Grenzen im Panoramaliche „Gang of Six“. Sie scheiterte. Dann regt sich ein Unbehagen, ein neuer Ras- Für Smartphone-Benutzer:probierte es eine „Gang of Twelve“, be- sismus auch, der in Form kruder Einwan- Bildcode scannen, etwa mitsetzt mit den besonnensten Kräften auf derungsgesetze seine Form gerade findet. der App „Scanlife“.92 D E R S P I E G E L 2 4 / 2 0 1 2
  • 82. VEDAT XHYMSHITI / DER SPIEGEL Kämpfer der Freien Syrischen Armee nahe der türkischen Grenze: „Was macht ihr hier noch? Seht zu, dass ihr abhaut!“ im Schutz eines Scheinangriffs über. Sie SYRIEN bekämen seit Wochen kaum noch Nach- schub, lebten von vertrocknetem Brot Kreislauf des Zerfalls und abgestandenem Wasser. Ein zuvor Geflohener hatte alle Nummern jener aus seiner Einheit mitgenommen, die ein Mo- biltelefon besitzen. Anschließend rief die Noch kann das Regime fast in jeden Ort vordringen, kontrollieren FSA jeden an und bot ihnen Hilfe bei der aber kann es das Land nicht mehr. Denn die Zahl Flucht. Viele wollten. Es ist nur ein Ausschnitt von der Lage der Überläufer steigt – vor allem seit den jüngsten Massakern. im Norden. Aber zurückflutende Deser- teure, die sich aus anderen Gegenden in E s gibt ihn in unterschiedlichen Ver- Und doch beschreibt der zynische Witz ihre Heimatdörfer bei Aleppo durchge- sionen, aber meistens wird der po- eine Realität, die mit jedem Tag näher- schlagen haben, berichten Ähnliches über pulärste syrische Witz dieser Tage rückt – und von vielen Syrern begrüßt die Situation in ihren Einheiten. Und so erzählt: An einem Checkpoint kontrol- wird. Dem Regime kommen die Soldaten nach Berichten über die Art der Angriffe liert die Armee einen Überlandbus. Alle abhanden: Ein zur FSA übergelaufener von Assads Truppen sieht die Situation zeigen ihre Ausweise, nur auf der letzten Unteroffizier aus der nordwestsyrischen im Süden, rund um Damaskus, in Deir Bank fläzt sich ein Mann und macht keine Stadt Idlib, vor Stunden erst geflohen, er- al-Sor im Osten und in Homs im Westen Anstalten, der Aufforderung nachzukom- zählt atemlos davon, wie er sich abgesetzt kaum anders aus: Vielfach rücken die men. Die Uniformierten fragen, zuse- hat: „Der Offizier saß da und fuhr mich Truppen nicht mehr aus, sondern schie- hends unfreundlicher, bis der Mann sie und einen Kameraden an, als wir mit ihm ßen aus großer Distanz mit Panzern und anschnauzt: „Ich mache euch fertig! Ich allein waren: ,Was macht ihr hier noch? schwerer Artillerie oder von Hubschrau- bin vom Geheimdienst!“ Die Kontrolleu- Seht zu, dass ihr abhaut!‘“ Er werde ih- bern aus. Das ist weniger gefährlich. re schauen einander an und grinsen. Wer nen hinterherschießen lassen, er werde Ein Überläufer, der aus dem umkämpf- hier wen fertigmache, das habe sich in- ihre Familien anrufen und sie bedrohen. ten Homs gekommen ist, beschreibt einen zwischen umgekehrt: „Wir sind von der Aber das sei alles vorgetäuscht. Es sei sich beschleunigenden Kreislauf des Zer- Freien Syrischen Armee“, der FSA, dem vorbei, sie sollten verschwinden. falls: „Wäre ich früher abgehauen, hätte bewaffneten Arm des Aufstands. Von 400 ursprünglich in Idlib stationier- die Staatssicherheit meine Familie ver- Syrer haben grundsätzlich einen Sinn ten Soldaten hielten vorige Woche nur haftet und mein Haus niedergebrannt. dafür, noch dem Grauen eine Pointe ab- noch ein paar Dutzend die Stellung in ih- Aber jetzt kommen sie nicht mehr. Je- zugewinnen – selbst in Zeiten, die inzwi- rem Stützpunkt nahe dem Zentrum der denfalls nicht wegen mir.“ schen an die blutigsten Tage der Konflikte umkämpften Provinzhauptstadt. In der Mit jedem Landstrich, dessen Kontrol- im benachbarten Libanon und im Irak er- Kleinstadt Maraa bei Aleppo sind binnen le dem Regime entgleitet, sinkt die innern: Wohl mehr als 180 Menschen wur- einer Woche 15 Überläufer angekommen Furcht der Soldaten. Was wiederum die den bei Massakern in den vergangenen – so viele wie im ganzen Jahr zuvor. Zahl der Überläufer steigen lässt, von de- Tagen regelrecht geschlachtet, viele von Im Ort Aasas, wo Assads Truppen noch nen sich mehr und mehr der FSA an- ihnen Frauen und Kinder. Der „Bürger- einen Checkpoint am Stadtrand, ein schließen. Nach Angaben eines überge- krieg“, der nach den Worten von Uno- schwerbefestigtes Quartier im Zentrum laufenen Offiziers mit Hang zur Präzi- Generalsekretär Ban Ki Moon „unmittel- und die Minarette der größten Moschee sion habe sie nun etwa 40 000 Bewaffnete bar bevorsteht“, ist längst ausgebrochen. halten, liefen vor Tagen zwei Soldaten in ihren Reihen, wobei der Anteil von 94 D E R S P I E G E L 2 4 / 2 0 1 2
  • 83. Ausland TÜRKEI Aasas Aleppo etwa Idlib 78 Tote Masraat al-Kubair Hama Homs SYRIEN 108 Tote LIBANON DamaskusROBERT KING / POLARIS / STUDIO X Daraa IRAK JORDANIEN 250 km ISRAEL Jüngste Massaker Beerdigung von Armeeopfern bei Homs: Angst vor der „nächsten Stufe“ Soldaten und Zivilisten je nach Gegend fehlsstruktur. „Wir haben eine gute Be- Jahrelang „hat Russland keine Ersatz- schwanke. ziehung zum Befehlshaber der FSA im teile mehr liefern wollen, weil wir nie In den vergangenen 15 Monaten hat sich türkischen Exil“, sagt es ein Lokalkom- zahlten, aber jetzt hilft es massiv, hat so- an den Machtverhältnissen in Syrien äu- mandeur, „aber es gibt keine Befehle. Wir gar Mannschaften geschickt“, sagt der Of- ßerlich wenig verändert: Der Aufstand hat sind für uns selbst verantwortlich.“ fizier. Mehr als tausend russische Inge- die Städte erfasst, aber anders als in Libyen Für koordinierte Angriffe auf die Zen- nieure seien im Januar im Land gewesen, gibt es bis heute kein größeres Gebiet, das tren der Macht ist das zu wenig – aber of- viele davon offiziell als Landwirtschafts- die Rebellen auch verteidigen könnten. fensichtlich genug für die Kontrolle des berater, „aber mit Ackerbau haben die Doch der Schein der Stabilität täuscht. Restes. Was das Regime aufrechterhält, nicht viel zu tun“. Aus Iran kämen Waf- Zwar darf kein Soldat mehr ohne Passier- ist sein Monopol an schweren Waffen und fen und Munition, aber kaum Personal. schein im Überlandbus durchs Land fahren, der harte Kern von 100 000 bis 200 000 Hingegen sei eine Gruppe chinesischer zwar riskieren immer noch viele, die flie- überwiegend alawitischen Offizieren, Ge- Luftwaffenexperten auf den Militärflug- hen, von den allgegenwärtigen Aufsehern heimpolizisten, Elitesoldaten und Milizio- häfen von Aleppo stationiert. der Geheimdienste erschossen zu werden. nären, die ihrerseits fürchten, dass der Von den insgesamt 360 Kampfjets sei Die allmähliche Erosion der Armee aber Untergang des Regimes auch ihr Ende be- ungefähr die Hälfte einsatzfähig, bei den kann das Regime nicht mehr aufhalten. deuten wird. Sie halten außer ihren Rück- rund 120 Militärhubschraubern sehe das Auch der Eindruck von Macht und zugsgebieten in den Ansarija-Bergen im Verhältnis ähnlich aus. Auf dem besten Kontrolle aus den Zentren von Damas- Westen noch Teile der großen Städte, Stand seien die französischen „Gazelle“- kus, Aleppo und den anderen Großstäd- aber nicht mehr die Fläche. Hubschrauber, die auch über panzerbre- ten könnte täuschen. Die westliche Hälfte Die Aufständischen, aber auch die Un- chende Waffen verfügten: „Aber von de- Syriens ist ein Land der Dörfer und Klein- entschlossenen, die zu Hunderttausenden nen hat noch keiner abgehoben, die sind städte, die sich in den am dichtesten be- durchs Land jeweils dorthin fliehen, wo alle auf dem Flughafen des Präsidenten- siedelten Provinzen dem Aufstand ange- sie sich etwas sicherer fühlen, ja selbst palasts stationiert.“ schlossen haben: „Rif“, das Land rund die Unterstützer des Regimes fürchten Solange der Westen alle paar Tage ver- um Aleppo, Idlib, Homs, Hama und Da- sich vor dem, was kommt. Die „nächste künde, dass er auf keinen Fall militärisch raa sind zu einer Zone geworden, in der Stufe“, wie es Abu Ali al-Dirri nennt, ein einzugreifen gedenke, sagt Oberst Dirri, die Regierungstruppen zwar noch jeder- Offizier, der vor sechs Monaten die Seiten werde das Regime alles einsetzen, was es zeit und überall eindringen, die sie aber wechselte: die Luftwaffe. habe: „Seine Stärke rührt daher, dass die nicht mehr permanent kontrollieren kön- Syriens Luftstreitkräfte wurden im ver- ganze Welt sagt, wir mischen uns nicht nen – und deren Bewohner an vielen gangenen Jahr massiv aufgerüstet, aber ein. Wenn dieser Rasmussen“, er meint Orten die Seiten gewechselt haben. Die bislang – bis auf die Hubschrauber – den Nato-Generalsekretär, „wenigstens Sunniten ohnehin, aber auch die meisten kaum eingesetzt. „Doch ehe die Assads einmal die Klappe halten würde, hätte Drusen und Ismailiten. Über kurdischen untergehen, werden sie das Land bom- die Nato Syrien schon einen großen Dörfern im Nordwesten wie Basuta oder bardieren lassen“, vermutet Dirri. Dafür, Dienst erwiesen!“ Ain Dara weht seit Wochen die kurdische dass die Luftwaffe, militärische Heimat Spätestens seit den Massakern in Hula Flagge, nicht die Revolutionsfahne mit von Präsident Baschar al-Assads Vater vor gut zwei Wochen und in Masraat al- den drei Sternen – aber das Regime ver- Hafis, loyal bleibe, sei schon seit Jahren Kubair am vorigen Mittwoch findet sich teidigt hier ohnehin keiner mehr. gesorgt worden: „Der Anteil alawitischer unter den Aufständischen im Norden des Auf dem Berg Scheich Barakat nahe Offiziersanwärter an der Militärakademie Landes keiner mehr, der an einen Erfolg dem Simeonskloster, Nordsyriens spät- in Aleppo ist stetig erhöht worden, vor des Uno-Friedensplans glaubt. Ihre ein- antiker Ruine, sind etwa 50 Soldaten sta- allem in der Luftwaffe. Die wussten, dass zige Hoffnung ist wenig mehr als ein Ge- tioniert, die seit zwei Monaten nur noch die Dinge sich irgendwann gegen sie rich- rücht: dass es für die USA, vielleicht so- aus der Luft versorgt werden, weil keine ten würden.“ Ein Problem für das Regime gar für Russland, doch irgendeine rote Konvois mehr durch das komplett von sei höchstens, dass viele ältere Piloten in Linie geben müsse. Vielleicht der Einsatz der FSA kontrollierte Gebiet kommen. den letzten Jahren entlassen wurden und von Syriens Luftwaffe für Flächenbom- Dabei ist die FSA ein eigentümliches die neuen oft kaum die nötigen Flugstun- bardements? Vielleicht die Öffnung des Gebilde: zusehends schlagkräftig organi- den absolviert hätten, um einen Kampfjet Chemiewaffenarsenals? siert auf Dorf-Niveau und in Kleinstädten, fliegen zu können. Er selbst habe als Sun- Ob mit oder ohne Votum des Uno-Si- mit anderen Bezirken und Provinzen lose nit seit Beginn des Aufstands nicht einmal cherheitsrats: Die Aufständischen wollen verbunden, aber ohne Hierarchie und Be- mehr eine Pistole tragen dürfen. die Intervention. 96 D E R S P I E G E L 2 4 / 2 0 1 2
  • 84. Starreporterin Rynska „Ich hatte Affären und amüsierte mich“ Kleine ist schön, sollte das heißen, an- schmiegsam und, abgesehen von Läste- reien über die Kleider anderer Partystern- chen, vollkommen harmlos. Nun aber hat Boschena Rynska in ih- rem Blog „Bissige Hündin“ Putin und seine Clique mit den Nazis verglichen. Ne- ben einem Foto, das einen Polizisten zeigt, der eine 18-jährige Demonstrantin im Würgegriff von der Straße schleppt, stellte sie ein Bild von Nazi-Offizieren ins Netz, die im Zweiten Weltkrieg in der Sowjet- union eine Frau aufhängen. Darunter schrieb sie: „Ich führte nur Befehle aus.“ Rynskas Weg vom unpolitischen Gla- mour-Girl zur Putin-Gegnerin zeigt bei- spielhaft, wie sehr sich Russlands Politik seit dessen Rückkehr in den Kreml An- fang Mai radikalisiert hat. Der Schrift- steller Igor Malyschew spricht zynisch von einem „Sado-Maso-Tandem einer de- struktiven Regierung und einer Opposi- tion von Taugenichtsen“. Teile dieser Opposition wollen den frischgewählten Putin nach dem Vorbild der Rebellionen in den arabischen Län- dern und der Ukraine 2004 aus dem Amt jagen: Für diesen Dienstag, den russi- schen Nationalfeiertag, haben sie eine Großdemonstration angekündigt.JELENA PAWLOWA / MAINPEOPLE / STARFACE.RU Putins Mannschaft ihrerseits hat keine Zeit verloren und gleich nach seinem Amtsantritt am 7. Mai eine regelrechte Konterrevolution in Gang gesetzt. Der Sprecher des Präsidenten schlug vor, man solle kein Mitleid mit den Demonstranten zeigen, sondern „ihre Leber auf dem Asphalt verschmieren“. Vorige Woche peitschte die Putin-Mehrheit im Parla- ment ein Gesetz durch, das die Strafen für Teilnehmer unangemeldeter Demon- strationen von bisher höchstens 5000 RUSSLAND Rubel auf nun 300 000 Rubel erhöht, um- gerechnet fast 7400 Euro. Für eine Verur- Der Zorn der Göttlichen teilung soll künftig reichen, dass ein Pro- testierender den Straßenverkehr behin- dert oder eine Maske trägt. Gleich am Freitag unterschrieb Putin das Gesetz. Je rabiater Präsident Putin sie unterdrückt, desto wütender Der Westen ist entsetzt: Andreas Scho- wehrt sich die Opposition: Besonders scharf hat sich Moskaus ckenhoff, Russland-Koordinator der Bun- deskanzlerin, verurteilte das Gesetz, der bekannteste Klatschkolumnistin mit dem Kreml angelegt. Europarat forderte den Kreml auf, „die Dynamik der Gesellschaft für Reformen B oschena, wie sie sich nennt, seit ihr „Ich hatte Affären und amüsierte mich“, zu nutzen, statt sie zu unterdrücken“. der Name Jewgenija zu langweilig erzählt sie an der Bar eines Moskauer Lu- Prominente Oppositionelle lässt Putin wurde, ist eine unerwartete Heldin xushotels. „Dann bin ich aufgewacht. besonders hartnäckig verfolgen. Im De- für den Aufstand gegen Wladimir Putin. Denn der Kreml ist dabei, Russland zu zember war Boschena Rynska bei einer Das System des alten und neuen Präsiden- zerstören.“ nicht genehmigten Demonstration gegen ten hat Russland Stabilität und Wirtschafts- Rynska trägt einen Trainingsanzug, der Wahlfälschungen vorübergehend festge- wachstum beschert – und ihr selbst Ruhm so gewöhnlich aussieht, als sei sie der vie- nommen worden. „Vielleicht nehme ich und Geld. Als Moskaus bekannteste len Perlenketten und tiefausgeschnittenen das nächste Mal eine Nadel mit und krat- Klatschkolumnistin schrieb Boschena (die Cocktailkleider müde. Zuletzt war sie die ze dem Bullen die Augen aus“, drohte „Göttliche“) Rynska jahrelang für die re- Geliebte eines Oligarchen mit KGB-Ver- sie damals in ihrem Blog. Wer sich mit gierungstreue „Iswestija“, posierte für Un- gangenheit und Einfluss in der russischen ihr anlege, werde zerrissen „wie von ei- terwäschewerbung und pflegte enge Be- Metallbranche. „Kätzchen“ lautete ihr nem Kampfhund“. Anfang Juni trug der ziehungen zu den Reichen und Schönen. Spitzname in Moskaus Hautevolee. Die öffentliche Wutanfall Rynska ein Ermitt- 98 D E R S P I E G E L 2 4 / 2 0 1 2
  • 85. Auslandlungsverfahren wegen „Beleidigung einesStaatsdieners“ ein – nun droht ihr eineHaftstrafe von bis zu einem Jahr. Dem Politiker Gennadij Gudkow, derals Führungsmitglied der Oppositionspar-tei „Gerechtes Russland“ Straßenprotestegegen Putin organisiert hatte, entzogendie Behörden über Nacht die Lizenz sei-ner Sicherheitsfirma. Und Putin-Gegner wie der Menschen-rechtler Lew Ponomarjow und der popu-läre Anti-Korruptions-Blogger AlexejNawalny wurden vom Geheimdienst be-lauscht, als sie sich mit westlichen Diplo-maten und Spitzenpolitikern trafen, dar-unter Schwedens Außenminister CarlBildt. Danach tauchten die abgehörtenGespräche in der Kreml-nahen Boule-vardzeitung „Komsomolskaja prawda“auf, die den Putin-Widersachern unter-stellte, sie ließen sich vom westlichen Aus-land finanzieren. Festnahme Rynskas im Dezember 2011: „Bissige Hündin“ Putin gibt sich gar keine Mühe mehrzu verschleiern, dass er den Kampf gegen den – sie, die Göttliche, geschlagene sechs Polizisten erzählen inzwischen freimü-seine Gegner jenseits rechtsstaatlicher Re- Stunden lang. „Kein Stuhl, keine Luft, tig, wie höhere Ränge sie zu fingiertengeln führt. Die Meinung des Westens ist eine einzige lahme Postbeamtin war da“, Anzeigen und zur Korruption zwingen,ihm so egal, dass seine Dienste selbst EU- erinnert sie sich. Rynska umarmte erst Ärzte organisieren in ihrer Freizeit Sam-Spitzenpolitiker wie Bildt nicht nur ab- den uniformierten Wächter, stiftete dann melaktionen für medizinisches Gerät,hören, sondern dies auch noch öffentlich einige der wartenden Männer an, ihn fest- weil ihre Vorgesetzten öffentliche Geldermachen. zuhalten, und verteilte selbst die Pakete. in die eigene Tasche stecken. Rynska hält Verhandlungen zwischen „Nach einer Stunde waren wir fertig“, Bei der Eröffnung des Kinofestivals inOpposition und Regierung für aussichts- sagt sie. Sotschi wählten die Teilnehmer demon-los. „Die andere Seite denkt doch nur Selbst in der Provinz mehrt sich inzwi- strativ eine Aufnahme mit Boschenadaran, uns mit dem Knüppel eins über- schen der Widerstand gegen den russi- Rynska zum Bild des Tages: Im langen,zuziehen“, sagt sie. Vorige Woche verließ schen Obrigkeitsstaat. In Irkutsk teilte ein hellblauen Abendkleid schreitet sie densie Moskau und flog zu einem Filmfestival wütender Flugkapitän der staatlichen ausgerollten Teppich entlang. Polizisten,in die Schwarzmeerstadt Sotschi. Auf das Fluglinie Aeroflot seinen Passagieren in weiße Sommerhemden gekleidet,Ermittlungsverfahren reagierte sie, indem über Bordlautsprecher mit, dass es nichts schauen ihr lächelnd nach.sie den Wortlaut der Anzeige in ihrem werde mit dem pünktlichen Abflug, weil Auf der Anti-Putin-Demonstration inBlog veröffentlichte. er noch auf den arroganten Gouverneur Moskau wird es die Göttliche an diesem Und was sie sonst noch nervt an Putins zu warten habe. Am Stadtrand von Mos- Dienstag mit anderen Polizisten zu tunRussland, das lässt sie jeden wissen: Ein- kau blockierten Anwohner eine Straße kriegen: mit Muskelmännern, die schwar-mal, erzählt sie, habe sie mit einem Ab- mit Baumstämmen, weil sie den Lärm, ze Helme tragen und Schlagstöckeholzettel für ein Paket in einem Moskauer die ewigen Staus und die Abgase nicht schwingen.Postamt in einer Warteschlange gestan- mehr ertrugen. MATTHIAS SCHEPP
  • 86. Ausland Die beiden Brüder werden sich in der Stichwahl an diesem Wochenende wohl ÄGYPTEN für den Militaristen Schafik entscheiden, der sei das kleinere Übel, glaubt Antar, Der General und der sich ein kleines Kreuz in den rechten Arm hat tätowieren lassen. Die Farids sind Kopten, Anhänger der größten christ- lichen Minderheit Ägyptens. Die langfris- der Ingenieur tigen Pläne der Islamisten seien gefähr- lich, sagt Amgad. Knapp ein Drittel der Menschen in Schubra al-Chaima sind Christen, in ganz In der Stichwahl um das Präsidentenamt treten ein Mubarak- Ägypten sollen es zwischen fünf und acht Freund und ein Islamist gegeneinander an. Für viele Millionen sein, bis zu zehn Prozent derÄgypter sind beide unwählbar. Dem Land drohen neue Unruhen. Bevölkerung. Genau weiß das niemand, die Zahl ist ein Politikum. Sicher ist nur, dass die Mehrheit derV ielleicht muss man auf der Suche zwei Hardliner das Rennen machten: Ah- Kopten wie die Brüder Antar und Amgad nach der ägyptischen Volksseele med Schafik, ein 70-jähriger ehemaliger Farid denkt. Die Angst der Christen vor nach Schubra al-Chaima fahren. Luftwaffengeneral und Mann des alten religiöser Intoleranz sitzt tief. Zwar ge-Eng und staubig sind die Gassen in Kairos Regimes. Und Mohammed Mursi, ein 60- hören viele von ihnen zu den armen, dennördlicher Vorstadt. Eselskarren rumpeln jähriger Ingenieur und Apparatschik aus sozial benachteiligten Ägyptern. Dochüber die Schlaglöcher, Schrott- und Ge- dem konservativen Kern der islamisti- reichte das bislang kaum als Motiv, ummüsehändler drängen sich vorbei. Vor schen Muslimbruderschaft. Die Farids hat- sich auf die angeblich karitativste Bewe-den Häusern spielen Kinder, sitzen alte ten – wie die meisten Menschen in ihrem gung im Land, die Muslimbruderschaft,Männer auf Plastikstühlen. Viertel – für den linken Kandidaten Ham- einzulassen. Das soziale Netzwerk der Is- Hier, inmitten von Nordafrikas größ- din Sabahi gestimmt. lamisten ist auf die eigenen Glaubensbrü-tem Ballungsgebiet, in einem Labyrinth „Zur Wahl stehen jetzt einer, der die der beschränkt.aus Sandstein, Lehm und roten Ziegeln, Revolution hasst, und einer, der die Scha- Szenenwechsel. In Kairos mondänemkann man sie treffen: Leute wie die Kaf- ria einführen will“, sagt Amgad, „Gnade Garden City Club, hoch über den Dä-feeröster Antar und Amgad Farid, zwei uns Gott.“ chern der Megastadt, fallen Eiswürfel inseinfache Ägypter aus dem Volk. Whiskyglas. Der Club gilt alsZwei von fast 51 Millionen, die exklusives Refugium inmittenam 16. und 17. Juni aufgerufen Kairos Lärm und Hitze, alssind, einen neuen Präsidenten Treffpunkt der Business-Elite.zu wählen. Es wird über die zweite Wahl- Es ist die erste demokratische runde diskutiert, kein einzigerWahl eines ägyptischen Staats- Gast ist Anhänger der Bruder-oberhauptes, möglich gemacht schaft. Auch die Meinungendurch eine Revolution, welche über Ahmed Schafik, dendie Welt begeisterte, und durch Mann, der Mubarak erst kürz-den Sturz des krebskranken Au- lich wieder als „Vorbild“ geprie-tokraten Husni Mubarak, der sen hat, gehen auseinander.am 2. Juni zu einer lebenslan- „Wir brauchen einen Präsi-gen Haftstrafe verurteilt wurde. denten, der weniger polari- Auch die Brüder Antar und siert“, sagt einer, „Schafik istAmgad hatten sich darauf ge- ein Mann des Militärs, wenn erfreut, an einem einzigartigen siegt, wird er als Erstes das Par-Experiment teilzunehmen: Das lament auflösen, in dem diebevölkerungsreichste arabische Muslimbrüder dominieren. DasLand, das stolze Ägypten, sollte wäre fatal.“nach Jahrzehnten autoritärer Es sind nicht nur die ChristenHerrschaft zu einer Demokratie und Liberalen, die einem Präsi-werden. denten aus den Reihen der Bru- Nun stehen die Farids, zwei derschaft misstrauen. Es sindfreundliche Herren mit Bäuch- vor allem viele Wirtschaftsfüh-lein und Schnauzer, in ihrem rer, Angehörige des Militärsviel zu kleinen Laden. Es ist und des alten Sicherheitsappa-heiß und trocken, ein müder De- rats, aber auch all jene Ägypter,ckenventilator sorgt kaum für die sich nach „stabilen Verhält-Abkühlung, Fliegen schwirren nissen“ sehnen und deswegenum die Röstmaschinen. Die bei- Schafik den Vorzug geben.den Männer sind frustriert. Wie Der General a. D., ein Weg-Millionen anderer Ägypter füh- gefährte Mubaraks und Sadats,len sie sich um ihre Revolution hat ihnen geschworen, den „star- AMR NABIL / APbetrogen. ken Staat“ wiederherzustellen Entsetzt hatten sie verfolgt, und das „Chaos“ zu beenden.wie in der ersten Wahlrunde am Hilflos wirkten dagegen seine23. und 24. Mai ausgerechnet Schafik-Wahlplakat in Kairo: „Die Revolution ist vorbei“ Versuche, auf die Anhänger der100 D E R S P I E G E L 2 4 / 2 0 1 2
  • 87. Ausland trug – bizarre theologische Debatten etwa und die Tatsache, dass einige Abgeord- nete das Gespräch mit Frauen verweiger- ten? In TV-Auftritten versuchte Mursi spä- ter zu beschwichtigen und auf Kopten und Liberale zuzugehen. Doch dann zi- tierte ihn eine Zeitung mit den Worten, dass die Einführung der Scharia eine „Selbstverständlichkeit“ sei. Die Aussicht einer kompletten Macht- übernahme durch die Bruderschaft, die bereits im Parlament die stärkste Kraft stellt, hat viele Ägypter erschreckt. Und so wird immer wahrscheinlicher, dass etliche den zweiten Wahlgang boy- kottieren. „Die Beteiligung wird auf unter 15 Prozent sinken“, glaubt ein Experte. Die Legitimität eines neuen Präsidenten wäre dann denkbar gering. Wer auch immer Mubaraks Nachfolge antritt: Die Ägypter warten sehnsüchtig FREDRIK PERSSON / AP auf einen neuen starken Mann – der vor schier unlösbaren Aufgaben steht. Denn das Reich am Nil ist vor allem reich an Menschen: 46 Millionen waren es, als Mu- barak 1981 antrat. 83 Millionen sind esMuslimbruder Mursi bei einem Wahlkampfauftritt in Kairo: Einführung der Scharia heute, über 120 Millionen werden es um das Jahr 2050 sein. Ägypten, ein Wüsten-Protestbewegung zuzugehen und ihnen jährige Geschäftsmann und Schweizer land zu mehr als 80 Prozent, muss Millio-die „Revolution zurückzugeben“. Wie we- Staatsbürger residiert in einer Villa in Kai- nen Tonnen an Weizen und anderen Nah-nig ernst er das gemeint hatte, offenbarte ros Südosten. rungsmitteln aus dem Ausland importie-am Wahlabend sein Sprecher: „Die Revo- Saleh ist ein gefragter Ansprechpartner ren, viele Ägypter sind schon heute auflution ist vorbei“, kommentierte der. in der islamischen Welt wie in Europa, er Lebensmittelbezugsscheine angewiesen. Als letzter von Mubarak eingesetzter gilt als inoffizielle Nummer drei und als Bevölkerungsforscher warnen seit Jah-Ministerpräsident wird Schafik selbst von einer der Vordenker der Muslimbruder- ren vor dem Kollaps, vor dramatischervielen für die blutigen Ausschreitungen schaft. In den fünfziger Jahren studierte Armut, vor Hungeraufständen. Ägyptensauf dem Tahrir-Platz verantwortlich ge- er Ingenieurwesen in Deutschland, wie Wirtschaft liegt am Boden, Fabrikenmacht. Auch läuft aus seiner Zeit als viele Ägypter ist er ein Bewunderer deut- schließen, ausländische Investoren blei-Minister für Zivilluftfahrt ein Verfahren scher Technik. Saleh sagt, es sei „nicht ben fern. Über Arbeitslosenzahlen kannwegen Korruption gegen ihn. Eine Zu- logisch“, dass der Westen immer noch nur spekuliert werden, schon im vor-sammenarbeit mit dem „Verbrecher Scha- Vorbehalte gegen seine Bewegung habe: revolutionären Ägypten lebten 40 Pro-fik“, sagt ein junger Revolutionär, sei „Ägypten hat jede Menge Probleme – wir zent der Menschen unter der Armutsgren-„vollkommen ausgeschlossen“. werden sie anpacken.“ ze. Krankenhäuser und Schulen, Straßen Für seine Gegner ist klar, dass Schafik Mit einem „islamischen Wirtschafts- und Brücken sind in einem erbärmlichengar nicht erst hätte kandidieren dürfen: modell“, basierend auf staatlichen Groß- Zustand.Ein Gesetz des neuen Parlaments sieht projekten und einem „Kapitalismus ohne Die soziale Not und die Enttäuschungvor, hochrangige Mitglieder des alten Re- Zinsen“ will der Muslimbruder Ägyptens über die Islamisten erklären, warum esgimes von der Wahl auszuschließen. Die dringendste Probleme lösen: Man könne bei dieser Wahl auch eine ÜberraschungWahlkommission ließ den General den- sich eine „landwirtschaftliche Wiederbe- gab: Hamdin Sabahi, ein säkularer Linker,noch zu – für viele Ägypter ein Beweis, lebung der gesamten Mittelmeerküste wie schaffte es zwar nicht in die Stichwahl,dass der herrschende Militärrat auch hier zu Zeiten der Römer“ ebenso gut vorstel- erhielt aber erstaunliche 20,8 Prozent derseine Finger im Spiel hatte. len wie die Einführung einer gemeinsa- Stimmen im ersten Wahlgang. Schafiks Nähe zum Militär und zum al- men Währung für die islamische Welt. Statt den Islam als Lösung für alle Fra-ten Justizapparat wirft einen Schatten auf Volksnah, pragmatisch und wirtschafts- gen zu propagieren, hatte er von „sozia-den Kandidaten. Auch nach dem histori- freundlich, so sei seine Bewegung, und ler Gerechtigkeit“ gesprochen und damitschen Prozess gegen Ex-Machthaber Mu- so will Saleh auch seinen Freund Mursi vor allem enttäuschte Wähler der Mus-barak ließ er keinen Zweifel an seiner verstanden wissen. limbruderschaft für sich gewonnen.Loyalität gegenüber dem alten Regime. Doch warum schaffte der Kandidat le- Es könnte, so sieht es Sabahi selbst, einDer Prozess endete mit einem Freispruch diglich 24,8 Prozent der Stimmen im ers- erstes Zeichen für den Beginn eines „drit-für die Mubarak-Söhne Gamal und Alaa, ten Wahlgang, während seine Partei bei ten Weges“ sein, mit dem auch in Zu-zornig und frustriert waren daraufhin der im Januar beendeten Parlamentswahl kunft zu rechnen sei: einer breiten Volks-Tausende auf die Straße gegangen, wäh- noch fast 40 Prozent erhielt? Lag es an bewegung jenseits von Islamismus undrend Schafik die Ägypter aufrief, den Mursis fehlendem Charisma, seinem modernem Pharaonentum.Richterspruch zu akzeptieren. Image als „zweite Wahl“, nachdem die Sollte er recht behalten, wäre die Wahl Kann Schafiks Widersacher, der Inge- Wahlkommission zuvor den Millionär in Ägypten, das bislang größte demokra-nieur Mohammed Mursi, aus dem Volks- Chairat al-Schatir disqualifiziert hatte? tische Experiment in der arabischen Welt,zorn Profit schlagen? Oder lag es an der fragwürdigen Vor- auch nach diesem Sonntag nicht zu Ende. Zu Besuch bei einem alten Freund und stellung der Islamisten im Parlament, die Es hätte gerade erst begonnen.Förderer Mursis: Ibrahim Saleh. Der 83- zur Entzauberung der Bewegung bei- DANIEL STEINVORTH102 D E R S P I E G E L 2 4 / 2 0 1 2
  • 88. MITROVICA Verrockte Welt In einer Musikschule in Mitrovica sollen die Serben und GLOBAL VILLAGE: Albaner des Kosovo lernen, den Hass zu überwinden.E r wäre gern ein Rockstar, doch dass in Mazedonien, auf neutralem Boden. Fuß nach Priština. „Wir sind keine politi- seine Band berühmt wird, will er Auch die fünf Mitglieder der Artchitects sche Band“, sagt er. „Wir sind eine Band, nicht. Denn wenn er auf der Bühne lernten sich dort kennen. In dieser Band die existiert, weil Politik uns ankotzt.“steht, die Riffs seiner E-Gitarre in den Oh- spielt Marić gemeinsam mit zwei Serben Im vergangenen Herbst haben Serbenren dröhnen, die verschwitzten Haare im und zwei Albanern. „Zusammen können die Hauptbrücke durch einen Wall ausNacken kleben, die Mädchen im Publikum wir nur im Ausland auftreten“, sagt Lenart Erde und Steinen blockiert. Am Fuß derkreischen, dann empfinden seine Lands- Gara, 19, Gitarrist von der albanischen Sei- Brücke steht jetzt ein Zelt, ein Trupp derleute das als Verrat. „Sie würden mich te. Ihre Songs müssen die Musiker per Sky- serbischen Bürgerwehr hält dort Wache.nicht umbringen“, sagt der junge Mann, pe oder Facebook schreiben. „Alex schickt „Sie beobachten jeden, der auf die andereder Alexander Marić genannt werden will, mir seine Ideen; ich entwickle sie weiter. Seite geht“, sagt Marić.„aber ich müsste die Stadt verlassen.“ Ich verstehe seine Musik.“ „Früher habe ich mich manchmal rü- Es ist keine gewöhnliche Band, in der Der Albaner Gara kann in seiner Hei- bergeschlichen“, sagt der Albaner Gara.Marić, 20, spielt, und kein gewöhnlicher mat offen zu den Artchitects stehen, Marić Er lief durch die Straßen und vermied es,Ort, an dem er lebt. Es ist jemanden anzusprechen, esMitrovica im Kosovo, eine war eine Mischung ausStadt mit etwa 70 000 Ein- Nervenkitzel und stum-wohnern, die nach dem En- mem Protest.de des Kriegs 1999 geteilt So etwas käme ihm heu-wurde: in einen albani- te nicht mehr in den Sinn.schen Süden und einen ser- Als vor drei Wochen derbischen Norden. Entstan- Nationalist Tomislav Niko-den sind zwei Welten mit lić die serbische Präsiden-unterschiedlichen Sprachen, tenwahl gewann, hörteReligionen und Währungen, Gara, wie sie auf der Nord-getrennt durch den Fluss seite feierten. „Sie schossenIbar, verbunden über drei mit scharfer Munition in dieBrücken. „Ich war noch nie Luft.“ Der neue Präsidentauf der anderen Seite“, sagt hat bereits verkündet, dassMarić, ein Serbe. er die Unabhängigkeit des Das Kosovo ist ein kleines Kosovo nicht anerkennenLand, nur halb so groß wie werde, auch wenn das Ser- KUSHRIM HOTIHessen, aber der Konflikt, bien den EU-Beitritt koste.der hier schwelt, strahlt aus „Eine Lösung hat auchbis in die Mitte Europas. Nikolić nicht“, so Marić. Er Die ehemalige serbische Musiker Gara (2. v. l.): „Politik kotzt uns an“ studiert Informatik, glaubtProvinz wird zu gut 90 Pro- aber nicht, dass er nach sei-zent von muslimischen Al- nem Abschluss einen Jobbanern bewohnt. 2008 er- finden wird. Die Jungen imklärte sie ihre Unabhängigkeit. Doch die kann das nicht. Der nationalistische Druck Kosovo gehören zu den größten Verlie-rund 120 000 christlich-orthodoxen Ser- unter den Serben in Kosovo ist hoch. Sie rern des Konflikts. „Die meisten meinerben im Nordkosovo akzeptieren das fühlen sich von den Politikern und der Freunde sind arbeitslos oder haben Jobsnicht. Damit sind sie für Serbien das größ- europafreundlichen Elite in Belgrad im in einer Bar“, sagt Marić. Er hat dunklete Hindernis auf dem Weg in die Euro- Stich gelassen. Im Norden des Kosovo ver- Augenringe und ist bleich wie ein Vampir.päische Union – das Land kann nur Mit- langen sie einander absolute Treue ab. Sein Leben hat er in die Nacht verlegt. Einglied werden, wenn es die Regierung des Marić achtet darauf, dass niemand im wenig hat er auch vor den VerhältnissenKosovo anerkennt. serbischen Teil von Mitrovica Werbung kapituliert. Er will sich jetzt wieder mehr In Mitrovica versucht eine Schule, mit für die Artchitects macht, dass keine Fo- um die Heavy-Metal-Band kümmern, inRockmusik gegen den Hass zu kämpfen. tos auftauchen, keine Namen. Nur weni- der nur Serben spielen. Jedes Konzert be-„Eigentlich sollte es nur ein einziges Schul- gen hat er von der Band erzählt. „Dieses ginnt er mit einem langen, lauten Schrei.gebäude geben“, sagt Wendy Hassler-Fo- Projekt darf es nicht geben“, sagen selbst NICOLA ABÉrest von der Organisation Musicians with- die, die ihm am nächsten stehen. Wer sichout Borders. Weil das zu gefährlich war, mit Albanern einlässt, wird selbst zumsteht jetzt auf jeder Seite der Ibar-Brücke Feind der Serben. Video:eine eigene „Mitrovica Rock School“, Die Gitarristen sind noch immer Opfer So rocken dieetwa einen Kilometer Luftlinie sind die eines Kriegs, der ausbrach, als sie Kinder „Artchitects“beiden Gebäude voneinander entfernt. waren. Marićs Familie ging nach Belgrad Für Smartphone-Benutzer: Die Schüler beider Seiten treffen sich und erlebte, wie die Nato die Stadt bom- Bildcode scannen, etwa mitnur einmal im Jahr, in einem Sommercamp bardierte; Gara floh mit seinen Eltern zu der App „Scanlife“. D E R S P I E G E L 2 4 / 2 0 1 2 103
  • 89. Szene Sport In den ersten zwei Sekunden beschleu- nigen wir auf 60 Stundenkilometer, es geht über einen Kurs aus Sprüngen und Steilwandkurven. Wir treten kräf- tig in die Pedale, mit einer solchen Frequenz, dass wir aussehen wie Näh- maschinen auf zwei Rädern. SPIEGEL: Was entscheidet über Sieg und Niederlage? Brethauer: Es ist wichtig, sich am Start die beste Position im Feld zu sichern. Wer den Start vermasselt, hat aber im- mer noch Chancen auf Überholmanö- ver. Unser Sport ist, nun ja, kontakt- freudig. Wir fahren schon mal die Ell- bogen und Schultern aus. Es kommt SPENCER MORET / AIR TEAM vor, dass dich ein Bodycheck in der Steilkurve oder im Flug trifft. SPIEGEL: Tut das auch mal richtig weh? Brethauer: Vergangenes Jahr bin ich BMX-Rennen übel zu Boden gegangen, mit dem Kopf voran. Ich war bewusstlos, blieb aber unverletzt. Wenn ein Sprung TRENDSPORT misslingt, kann es sein, dass du im Ge- genhang landest. Das ist wie ein Crash in eine Mauer. Es gab schon Schlüssel- „Mit dem Kopf voran“ beinbrüche und innere Verletzungen. SPIEGEL: Wie sieht Ihr Training aus? Brethauer: Ich trainiere vor allem Aus- BMX-Fahrer Luis Bret- Brethauer: Das ist ziemlich krass. Mein dauer, Maximalkraft, Sprungkraft und hauer, 19, über seine Vor- Ziel ist mindestens das Halbfinale. Schnellkraft. Im Winter mache ich lan- bereitung auf Olympia Noch wichtiger ist mir aber, dass ich ge Sprints auf dem Rad, bis zu 30 Se- und Bodychecks in der die Chance nutze, um BMX als richti- kunden Vollgas. Danach hänge ich völ- SteilkurveDPA gen Sport in Deutschland bekannt zu lig fertig über dem Lenker. BMX ist machen. ein ernster Funsport. Vor Olympia trai- SPIEGEL: Sie haben sich für die Olympi- SPIEGEL: Wie läuft so ein Rennen ab? niere ich 30 Stunden pro Woche, ich schen Spiele in London qualifiziert, als Brethauer: Acht Fahrer treten gegenein- gehe zur Ernährungsberatung und erster Deutscher in der Disziplin BMX. ander an. Beim Start stehen wir am zum Mentaltrainer. Es ist das komplet- Was bedeutet das für Sie? Hang einer acht Meter hohen Rampe. te Paket eines Olympioniken. QUERSCHNITT EM-Torbarometer Spannendes Ende 25 Torwahrscheinlichkeit pro Spiel, in Prozent Die Halbzeitansprache der Trai- ner bei einer EM scheint zu wir- 20 ken – statistisch betrachtet fällt zwischen der 52. und 57. Minute in rund jedem vierten Spiel ein Tor. SPIEGEL-Dokumentare 15 haben 136 Treffer aller 60 EM- Ausscheidungsspiele seit 1960 ausgewertet, in fünfminütige 10 Einheiten gebündelt und die Tor- wahrscheinlichkeit errechnet. Zwischen der 12. und 17. Minute 5 liegt sie demnach nur bei 1,7 Prozent. Spannend wird’s zum Schluss – zwischen der 85. und Basis: Tore in den K.-o.-Spielen der Fußball-Europameisterschaften seit 1960, ohne Verlängerungen 0 90. Minute landete der Ball in fast jedem vierten Spiel im Netz. Spielminuten 15 25 35 45 55 65 75 85 D E R S P I E G E L 2 4 / 2 0 1 2 105
  • 90. SportNEWSPIX/IMAGO Trainer Löw 106 D E R S P I E G E L 2 4 / 2 0 1 2
  • 91. DEUTSCHLAND Der Schicksalsaustreiber Bundestrainer Joachim Löw hat dem Spiel der Nationalmannschaft Methodik undEleganz verliehen. Bei der EM steht er unter Erfolgsdruck wie nie zuvor – was Löw in sechs Jahren aufbaute, kann ihm in einer Woche entgleiten. Von Dirk Kurbjuweit Was macht denn der nerhalb von neun Tagen. In den drei ballungeheuer steht, ein Mann wie der Löw da? Das gibt’s doch Gruppenspielen müssen die Deutschen Ivorer Didier Drogba. Auch die deutschen nicht. Er hält den Ball in mindestens zweimal sehr gut spielen, um Stürmer Mario Gomez oder Miroslav der Luft, ausgerechnet. das Viertelfinale zu erreichen. Klose sind keine schlechte Luftwaffe. Er steht auf dem Trai- „Um einen Titel zu gewinnen, muss die Doch der Bundestrainer will nicht in ningsplatz von Abbiado- Zeit irgendwie auch reif sein, muss vieles den Himmel schauen und hoffen, dass ri auf Sardinien, hat eine passen“, sagt Löw. Er ist ein Stratege, ein der Ball da hinunterfällt, wo ihn ein deut-Pause, weil seine Spieler Temporunden Mann des langen Weges, der viel überlegt, scher Spieler erhaschen kann. Ein hoherlaufen, und schnappt sich zum Zeitver- viel plant, viel probiert und viel verän- Ball hat ein hohes Risiko. Er fliegt meisttreib ein Bällchen, löffelt es hoch, lässt dert, bis es passt. Sein wahrer Gegner ist weit, weshalb die Treffsicherheit niedriges auf sein Knie tropfen, dann auf den das Schicksal, der Zufall, „die Unwägbar- ist und die Gegner Zeit haben, ihre Ab-rechten Fuß, auf den linken, er jon- wehr aufzustellen. Ein hoher Ballgliert, er tänzelt, gekonnt durchaus, ist oft eine Sache des Schicksals.wenn auch ein bisschen eckig, weil Gegen das Schicksal setzt Löwer nicht mehr ganz so gelenkig ist den Plan. Er sagt: „Man brauchtmit seinen 52 Jahren. Aber er natürlich auch Spieler wie Drogba,schafft es, den Ball für eine Weile Gomez oder Klose, denn esvom Rasen fernzuhalten. kommt ja auch mal ein hoher Ball Dabei ist doch der Luftraum in den Sechzehner. Wenn es nichteine verbotene Zone für seine anders geht, muss man auch diesesSpieler. Sie sollen den Ball flach Mittel zur Verfügung haben. Aberhalten, bläut er ihnen seit Jahren wir spielen mehr Kombinationsfuß-ein, und so wird eine Fußballflos- ball, und dann ist neben einem Go-kel, die tief in den Lebensalltag der mez oder einem Klose ein ReusDeutschen eingedrungen ist, die so gut. Wenn es eng wird, und deroft gesagt wird, dass es schon pein- Gegner macht alles zu, brauche ichlich ist sie zu sagen, zum Kernsatz Spieler, die beweglich sind, die sich EBERHARD THONFELD / CAMERA 4einer durchaus edlen Fußballstra- schnell um den Gegner drehen, dietegie bei dieser Europameister- die Spielweise auf dem Boden sehrschaft. „Den Ball flach halten ist gut beherrschen.“für unsere Spielweise besser geeig- Er hat das vor zwei Wochen imnet als hoch“, sagt Joachim Löw, Trainingslager in Tourrettes gesagt,Bundestrainer seit dem Sommer im Hotel Terre Blanche, das so2006. weitläufig ist wie die Hacienda ei- Er streicht dem deutschen Fuß- Deutsche Nationalelf: Ein Zufall hier, ein Fehler dort nes argentinischen Rinderfarmers.ball den Himmel, nicht ganz, aber Der Mann, der den Himmel fürweitgehend, und schon das ist ein ambi- keit“, wie er das nennt. Er kämpft an ge- Bälle abschaffen will, saß in einem offe-tioniertes Unterfangen. Aber so ist Löw. gen eine weitere Fußballfloskel: „So ist nen Atrium in einem tiefen Sessel, er trugWenn es in den vergangenen Jahren ei- eben Fußball.“ Der Satz meint, dass es ein weißes T-Shirt mit langen Ärmeln,nen Deutschen gegeben hat, der vor gro- immerzu Überraschungen geben kann. eine Jeans und Mokassins. Löw sieht jaßem Denken nicht zurückgeschreckt ist Löw mag das nicht hinnehmen, will dem immer aus wie frisch gebadet und frischund der damit viel verändern konnte, Schicksal die Räume eng machen. frisiert, also auch hier. Er ist einer derdann ist das der Bundestrainer. Seit der Dass er seinen Spielern den Himmel Männer, die einen Look haben, die sichWeltmeisterschaft 2010 zelebriert die nimmt, ist ein wichtiger Teil dieses Vor- so zurechtmachen, als blätterten sie häu-deutsche Mannschaft einen Fußball, der habens und ein gutes Beispiel für die Art, fig in Männerzeitschriften, die mit ähn-oft herrlich anzuschauen ist und der des- wie Löw seinen Job macht. Der Luftraum lichen Themen aufwarten wie Frauen-halb große Erwartungen für das Turnier der Stadien war gut gefüllt in der Ära des zeitschriften. Aus der Ferne wirkt er tat-in Polen und der Ukraine geweckt hat. Kick and Rush, als englische Mannschaf- sächlich etwas effeminiert, aber er hat Jetzt soll der Titel her, jetzt soll das ten den Ball nach vorn droschen und mit eine energische Art zu reden und ist vonschöne Spiel endlich mit einem Pokal be- einigem Gottvertrauen hinterherwetzten. einer Männlichkeit, die sich nicht ausstel-lohnt werden. Aber so wie Fußball ist, Das ist seit 20 Jahren bei guten Mann- len muss.kann er große Gedanken und große Pläne schaften verpönt, aber hohe Bälle sind Marco Reus, einst Borussia Mönchen-schnell schreddern, diesmal vielleicht in- nach wie vor beliebt, wenn vorn ein Kopf- gladbach, demnächst Borussia Dortmund, D E R S P I E G E L 2 4 / 2 0 1 2 107
  • 92. THOMAS ZIMMERMANN / IMAGOROLF HAID / DPA Fußballprofi Löw 1989, Nationalspieler Reus: Ballkontaktzeiten, Laufwege, Passsicherheit ist kein Mann für hohe Bälle. Er ist nicht stimmen, werden die Spieler ins Gebet ten, falschen Abseitspfiffen und schlech- groß, er ist schmal, eigentlich Mittelfeld- genommen, bekommen einen individuel- ter Tagesform. Für einen wie Löw ist das spieler. Wenn er in der Spitze spielt, wür- len Trainingsplan, damit sie so spielen eine Zumutung. de man ihn meist flach anpassen, und so können, wie es für das Kollektiv am bes- Am vergangenen Mittwoch bekam er will es Löw. Als er bei der Vorbereitung ten ist. Besuch von Bundeskanzlerin Angela Mer- in Zeitnot geriet, ließ er als Erstes das Löw ist der ideale Mann für diesen kel im Trainingscamp in Danzig. Vereint Üben von Eckbällen streichen. Eckbälle Wandel vom Bauch zum Kopf. Er ist ein waren da die beiden Menschen, die sind nicht so wichtig für ihn, weil sie sich Didakt durch und durch. Er redet gleich- Deutschland in diesen Tagen regieren. Sie dem Strafraum meist auf dem Luftweg förmig, reißt aber alle paar Dutzend machen das auf eine ähnliche Weise. nähern. Aus Ecken würden nicht viele Silben die Stimme hoch, wie es Lehrer Es gibt Theorien, die sich dazu verstei- Tore erzielt, sagte Löw in Tourrettes. tun, die die Aufmerksamkeit ihrer Schü- gen, dass Politik und Fußball kongruent 19. Mai 2012, München, Bayern Mün- ler leiten wollen. Seine Emotionen hat verlaufen. Das ist Unsinn, aber manchmal chen gegen Chelsea, Endspiel der Cham- er im Griff. Hohe Erwartungen? „Ich gibt es Parallelen. Helmut Kohl und Berti pions League, 88. Minute: Juan Mata tritt empfinde das nicht als negativen Druck, Vogts passten in den neunziger Jahren eine Ecke hoch hinein, Didier Drogba der mich in irgendeiner Weise stört und gut zusammen in ihrer Bräsigkeit und Pro- springt und köpft, ein Himmelsball, den meine Energien bremst“, sagte Löw in vinzialität. In den Zeiten von Merkel und Manuel Neuer im Tor der Bayern nicht Tourrettes. Löw ist Deutschland einer Doppelherr- abwehren kann. 1:1, Grundstein für den Fast reglos saß er in seinem Sessel, klei- schaft der Rationalität unterworfen. Sieg von Chelsea. ne Gesten, manchmal betrachtete er seine Merkel hat einen wissenschaftlichen Was sagt Löw dazu? Viel. Er erklärt Fingernägel, als wäre die Maniküre mor- Ansatz, Politik zu machen. Aus Daten Laufwege, Angreifer, Verteidiger, ein Zu- gens nicht so gewesen, wie es für einen versucht sie Wahrscheinlichkeiten zu er- fall hier, ein Fehler dort, hätte, wäre. Man- Beau wünschenswert ist. Beim Spiel ge- mitteln, mit welcher Politik sie erfolgreich che Tore seien eben nicht zu verhindern, gen die Schweiz in Basel, bei dem seine sein kann. Emotionen zeigt sie nur spär- sagt er schließlich. Für ihn ist das ein selt- Mannschaft 3:5 unterging, erlaubte er sich lich, sie ist gelassen wie Löw, dabei aber samer Satz, ein Satz der Schicksalserge- hin und wieder einen Zorneshüpfer, aber lustiger. Beide halten keine großen Reden benheit. das war wenig im Vergleich zu Kollegen und können brutal sein. So kalt wie Mer- Die Geschichte des Fußballs ist eine wie Jürgen Klopp von Borussia Dort- kel ihren Umweltminister Norbert Rött- Geschichte der Schicksalsaustreibung. mund oder Giovanni Trapattoni von Ir- gen feuerte, entledigte sich Löw seines Das Spiel ist in den vergangenen beiden land, die wild rumspringen. Kapitäns Michael Ballack. Solche Ent- Jahrzehnten systematischer, schemati- Für einen emotionalen Menschen ist scheidungen treffen sie nach Nützlich- scher geworden. Den einzelnen Spielern das Schicksal leichter zu ertragen als für keitskalkül. wurde ein großer Teil der Individualität einen rationalen. Das Ausgeliefertsein ist Beide haben Karrieren gemacht, die genommen. In der Defensive müssen sie ihm vertraut; um nicht zu verzweifeln, niemand erwartet hätte, als sie Mitte drei- sich in Ketten aufstellen und bewegen. muss er akzeptieren, dass höhere Mächte ßig waren. Merkel lebte als Wissenschaft- Den Libero gibt es nicht mehr, den klas- als das eigene Gehirn seine Worte und lerin in der DDR, Löw hatte eine mäßige sischen Zehner kaum noch – das sind die Taten bestimmen. Der rationale Mensch Spielerkarriere in der Ersten und Zweiten Positionen mit den höchsten Freiheitsgra- dagegen glaubt, dass er beinahe alles kon- Bundesliga hinter sich. Er wurde dann den. Was Kollektivierung und Planwirt- trollieren und bestimmen könne. Trainer, blieb aber auch hier Mittelmaß, schaft angeht, hat der Fußball das Erbe Fußball ist eine besondere Herausfor- wurde Pokalsieger mit dem VfB Stuttgart des Sozialismus angetreten. derung für diesen Typus. Nur in einer lan- und Meister mit Tirol Innsbruck. Ansons- Joachim Löw ist der Leiter der deut- gen Meisterschaftssaison holt am ehesten ten wurde er entlassen oder ging von schen Gosplan, wie die oberste Planungs- der den Titel, der am besten geplant und selbst, weil es nicht auszuhalten war. behörde der Sowjetunion hieß. Er lässt trainiert hat. Ein Bundestrainer muss sich Merkel und Löw kommen aus der Ver- Daten zu jedem Spieler erfassen, Ball- in Turnieren bewähren, die über K.-o.- huschtheit, dem kleineren, zurückgezo- kontaktzeiten, Laufwege, Passsicherheit, Runden entschieden werden, in einzelnen genen Leben, was man ihnen bei öffent- er lässt das alles haarklein auswerten und Spielen also. Da hängt vieles vom Schick- lichen Auftritten noch anmerkt. Ihnen zieht seine Schlüsse daraus. Was früher sal ab, von verschossenen Elfmetern, von fehlt die Selbstverständlichkeit der Prä- der Bauch eines Trainers war, ist heute Eckbällen, die mehr oder weniger zufällig senz, das Ausgreifende, auch Übergriffige seine Statistik. Wenn die Zahlen nicht den richtigen Kopf treffen, von roten Kar- derer, die sich immer schon in großen 108 D E R S P I E G E L 2 4 / 2 0 1 2
  • 93. „Auf hässliche Weise gewinnt man heu- te keine Titel mehr“, hat Löw dem Maga- zin „11 Freunde“ im Februar gesagt. Er verband also beide Aspekte, die Schön- heit wird zur Voraussetzung für den Titel. Aber wie konnte dann Chelsea die Cham- pions League gewinnen? Gegen die stür- mischen, spielerisch hochüberlegenen Mannschaften von Barcelona und Mün- chen flochten die Engländer einen Ma- schendrahtzaun um ihren Strafraum und siegten schließlich durch verschossene Elf- meter von Lionel Messi, Arjen Robben, Ivica Olić und Bastian Schweinsteiger. Das Schicksal hatte höhnisch ins Stadion gegrinst und allen gezeigt, dass es sich so REUTERS leicht nicht abschaffen lässt. Was sagt Löw dazu? „Von zehnmal ge-Kanzlerin Merkel, Nationalspieler*: Gelassen wie Löw, dabei aber lustiger winnt Barcelona achtmal gegen Chelsea. Und wenn es normal läuft, gewinnt auchLebenslagen wähnten. Der Umgang mit Spiel heraus sollen die Geistesblitze und Bayern das Endspiel gegen Chelsea beiden beiden ist daher angenehm. Wahr- Fußkunststücke die entscheidende Lücke so vielen Chancen.“ Er antwortete alsoscheinlich sind sie selbst überrascht, dass reißen und das Tor möglich machen. Fuß- mit Wahrscheinlichkeiten. Gäbe es einesie jetzt Bundeskanzlerin und Bundestrai- ball ist nie eindeutig. So haben die Sys- größere Anzahl von Spielen, würde dasner sind. temfanatiker des FC Barcelona den welt- Normale zur Geltung kommen, also das Ein Unterschied zwischen ihnen ist, besten Zauberer hervorgebracht, Lionel spielerisch bessere Team gewinnen. Löwdass Merkel nur auf die Ergebnisse schaut. Messi. versetzte sich in eine Situation, die erIhre Frage heißt: Was kommt raus? Löw Einen Mann wie ihn hat Löw nicht, nicht hat, weil er dem K.-o.-System aus-schaut auch auf den Prozess, seine Frage aber für sein Mittelfeld gibt es sieben, geliefert ist. Es ist leicht, im Irrealis rechtheißt: Wie komme ich in Schönheit zu ei- acht Kandidaten von hoher Klasse, dar- zu haben.nem guten Ergebnis? unter Mesut Özil, Thomas Müller und Er sagte in Tourrettes aber auch: „Ei- Das ist das Paradoxe an seinem Ansatz: Sami Khedira. Die Spieler schätzen die- nen Titel zu gewinnen ist immer erstreb-Auf den ersten Blick entzaubert er den sen Bundestrainer, weil sie den Eindruck sam, klar, aber für mich ist auch wichtig,Fußball, indem er ihn der Herrschaft der haben, dass sie von ihm etwas lernen kön- dass die Spieler weiterhin einen FußballDaten unterwirft und die Spieler be- nen, über sich und die Gegner. Ob sie mit großer Schnelligkeit und Offensiv-grenzt, fesselt, ihnen den Himmel nimmt, dann das machen, was er ihnen aufgetra- kraft spielen, und das ist manchmal ohnesie auf vertikale Kurzpässe und geringe gen hat, ist eine andere Frage. Er kann letzte Erfolgsgarantie.“ In diesem SatzBallkontaktzeiten einschwört. Sie sollen sie noch so viel mit Daten füttern, mit sind Schönheit und Erfolgschance plötz-nicht losrennen und dribbeln und zau- Übungen für das nächste Spiel trimmen – lich Gegensätze.bern, sie sollen den Ball schnell und di- wenn 50 000 Leute brüllen und der Geg- Hat er seine Haltung geändert? Nein.rekt nach vorn weiterleiten. Sie sollen ner anrennt, gerät mancher Plan in Ver- Der Satz ist Ausdruck der Ambivalenz inRelaisstationen auf einem großen Schalt- gessenheit. der Fußballwelt, in der es wahre Sätzeplan sein, nicht Heroen der Spontaneität. Über die Jahre aber ist Löws Konzept praktisch nicht gibt, auch keine Eindeu- Aber Löw ist eben auch der Mann, der bislang aufgegangen. Anders als Merkel tigkeiten. Nach jedem Spieltag ist die Weltdem deutschen Fußball die Schönheit zu- hatte er eine Vision, die Vision vom neu erfunden, ein einziges Ergebnis kannrückgegeben hat. Seine Definition davon modernen Fußball in Deutschland. Das alles auf den Kopf stellen, was Expertensieht so aus: „Schöner Fußball ist für mich schnelle, direkte Spiel mit kurzen Pässen gedacht und gesagt haben. Chelsea ge-nicht, naiv draufloszustürmen, sondern hat nicht er erfunden, da waren andere winnt die Champions League, Griechen-schön ist, wenn es ein Gleichgewicht gibt schneller, vor allem die Trainer des land wurde Europameister, die Deutschenin der Mannschaft: eine gute Defensiv- FC Barcelona. Aber immerhin hat er spielen plötzlich ängstlich und defensiv.arbeit, eine gute Balleroberung, gute die Strukturen des Deutschen Fußball- Aber das spricht nicht gegen den Plan,Laufwege, viel arbeiten und dabei die Bunds so verändert, dass die Spieler nun gegen das Schema. Auch wenn es immerspielerische Leichtigkeit beibehalten.“ schon in den Jugendmannschaften zeit- ein unwahrscheinliches Ergebnis gebenMan könnte sein Projekt die Maschinisie- gemäßes Spiel üben. Und die Bundesliga kann, muss einer wie Löw alles dafür tun,rung der Schönheit nennen. hat vieles von seinem strategischen Den- den Sieg der eigenen Mannschaft wahr- Wenn der Plan aufgeht wie bei der ken übernommen. Das bleibt sein Ver- scheinlich zu machen. Anders gesagt: ErWeltmeisterschaft 2010 gegen England dienst, egal wie diese Europameister- muss alles tun, um das Schicksal abzu-und Argentinien, wie in manchem Quali- schaft ausgeht. schaffen, aber mit Demut ertragen, wennfikationsspiel für die Europameisterschaft, In den Augen der Fußballwelt waren es zuschlägt.dann ist das richtig schöner Fußball, dann die Deutschen lange die „Panzer“, die Es gibt natürlich auch den Fall, dasswird aus der Entzauberung Zauberei, leider viele Titel holen. Dann waren sie andere Mannschaften besser sind, kanndann wird der Schaltplan unsichtbar, und die Panzer, die zum Glück keine Titel ja sein. Dann hilft manchmal ein schönesdie deutsche Mannschaft wirkt wie eine mehr holen. Jetzt sind sie die Sportwagen, Schicksal: Wenn die Deutschen lausigRasselbande der Kreativität. Auch das ge- die zweite und dritte Plätze belegen. Des- spielen und Khedira aus Verzweiflung ei-hört zum Schema: Aus dem planvollen halb gibt es zwei Fragen an Löws Kon- nen Ball lang und hoch in den Himmel zept bei dieser Europameisterschaft: Setzt jagt, und von dort fällt er auf den Kopf* Philipp Lahm, Miroslav Klose, Bastian Schweinsteiger die deutsche Mannschaft um, was ihr von Marco Reus, prallt ab, segelt ins Tor.und Marco Reus am vorigen Mittwoch im EM-Quartier Trainer geplant hat, und zeigt sie schöne So ist eben Fußball, würden die Exper-der deutschen Mannschaft in Danzig. Spiele? Kann sie den Titel holen? ten sagen.110 D E R S P I E G E L 2 4 / 2 0 1 2
  • 94. Sport ROBERT VOS/AFPNiederländische Nationalspieler: Weder gleich noch brav sein CHARAKTERE Ich oder Wir? Ging es um Titel, stand sich die Mannschaft der Niederlande, am Mittwoch Gegner der Deutschen, meist selbst im Weg – es mangelte den Spielern an Gemeinsinn. Neuer- dings befeuern Stars wie Robin van Persie den Teamgedanken. Von Markus Feldenkirchen An diesem Nachmittag Für sein Team geht es an diesem Tag umph der Selbstlosigkeit. Das Geschichts- im Mai in West Brom- ebenfalls um viel, Arsenal braucht einen buch muss vorerst ohne van Persie aus- wich, einem Kaff bei Bir- Sieg, um sich für die Champions League kommen, dennoch feiert er nach Spiel- mingham, steht Robin zu qualifizieren. Ob van Persie, 28, davon schluss ausgelassen mit den mitgereisten van Persie vor der gro- noch profitieren würde, ist ungewiss. Gut Fans. Für einen Fußballstar aus Holland ßen Frage der Zivilisa- möglich, dass er Arsenal nach der Euro- ist das durchaus erwähnenswert. tion – zumindest aber pameisterschaft verlässt. Der niederländische Fußball leidet seitdes niederländischen Fußballs. Es ist die In der vierten Spielminute erzielt sein je unter der Divenhaftigkeit seiner Pro-Frage, was wichtiger ist: das eigene Ego Teamkollege Yossi Benayoun das 1:0, und tagonisten. Den Namen nach hätte Hol-oder die Gemeinschaft? van Persie sprintet so freudig auf ihn zu, land, am Mittwoch in der ukrainischen „Robin van Persie, he scores where he als wäre er gerade Vater geworden. Dann Stadt Charkow Gegner der deutschenwants“, singen die Fans des FC Arsenal aber gerät Arsenal in Rückstand, und van Nationalmannschaft, schon viele großeschon vor Anpfiff des letzten Saisonspiels. Persie kämpft. Er, der Starstürmer, hilft Turniere gewinnen müssen. NirgendwoIn dieser Spielzeit hat van Persie tatsäch- bei fast jedem Angriff des Gegners in der sonst ist das Verhältnis von begnadetenlich getroffen, wann und wo er wollte, 30 Defensive aus. Er bereitet ein Tor vor, Fußballern zu Einwohnern so gut. AberTore sind es bisher. Sollte er heute wieder gleich mehrmals legt er Mitspielern den dann scheiterten sie immer wieder antreffen, könnte er einen Rekord in der Ball auf, obwohl er selbst hätte aufs Tor ihrem viel zu gewaltigen Ego.Premier League aufstellen: die meisten schießen können. Mal blieben einzelne Stars in letzterTore in einer Saison. Es winkt nichts we- Am Ende bezwingt Arsenal das Team Sekunde beleidigt zu Hause, weil ihnenniger als der Eintrag in die ewige Besten- von West Bromwich Albion mit 3:2 und irgendetwas nicht passte. Mal rebelliertenliste, in das Geschichtsbuch des Fußballs. die Gemeinschaft das Ego. Es ist ein Tri- die Spieler gegen ihren Trainer, oft strit- D E R S P I E G E L 2 4 / 2 0 1 2 111
  • 95. Sport MICHAEL KOOREN / REUTERSFür die EM geschmückte Häuser im niederländischen Goirle: Tiefsitzendes Misstrauen gegenüber Autoritätenten sie untereinander. Auch in diesem kennen. Und wenn er mal auf der Bank Robben jedenfalls niemand für eine Diva.Jahr gab es pünktlich zur Turniervorbe- sitzen muss, schmollt er wochenlang vor Dafür ist die Konkurrenz zu groß.reitung wieder Ärger, weil Schalkes Stür- sich hin. So sehen ihn die Deutschen. Auf dem Trainingsplatz wird nun fünfmer Klaas-Jan Huntelaar nicht einsehen Am Tag nach Robbens Flucht steht gegen fünf gespielt. Kaum rollt der Ball,möchte, dass van Persie stürmt und er Hollands Kapitän Mark van Bommel im herrscht ein Lärm wie auf dem Fisch-sich vorerst mit der Bank begnügen soll. Juan-Antonio-Samaranch-Stadion von markt. Anweisungen werden gerufen, ge-Das Ich triumphiert in Holland meist über Lausanne und zieht sein Trikot hoch, um brüllt, es wird geflucht, geschimpft. Es istdas Wir. sich den Bauch zu streicheln wie ein eitler um einiges lauter als bei herkömmlichen Kaum eine Fußballnation ist mit so viel Pfau, der zeigen will, dass man auch mit Fußballmannschaften.Genie und Anmut gesegnet, wie es die 35 Jahren noch über einen Sixpack ver- So klingt es, wenn ebenso selbstbe-Niederlande sind. Was bislang fehlte, wa- fügen kann. Auch die Designer-Unter- wusste wie meinungsstarke Stars aufren Disziplin und Gemeinsinn. So blieb hose kommt so zur Geltung. engstem Raum zusammengepfercht sind:der Gewinn der Europameisterschaft 1988 Kann er verstehen, was die Deutschen van Persie, der Torschützenkönig in Eng-in Deutschland der einzige Titel. an Robben stört? „Absolut nicht“, sagt land, Huntelaar, der Torschützenkönig in In den Katakomben der Münchner Al- van Bommel. „Er hat Bayern 2010 doch Deutschland, dazu eigenwillige Köpfe wielianz Arena hetzt Arjen Robben über den höchstpersönlich ins Finale geschossen. van Bommel, Rafael van der Vaart oderdunklen Parkplatz wie Dr. Kimble auf Und jetzt war er wieder sehr wichtig. Wesley Sneijder, der darauf besteht, im-der Flucht. Er wird umringt von Sicher- Man muss ihn schätzen, man muss froh mer im schulterfreien Shirt zu trainieren,heitsmännern, sein Rollkoffer stolpert sein, dass er bei Bayern spielt. Das ist ei- damit seine Muskelpakete und Oberarm-mehrmals, das Tempo überfordert ihn. ner der zehn besten Spieler der Welt.“ Tattoos zur Geltung kommen. Robben istRobbens Frau und Freunde warten bei Auch van Bommel hat lange in Mün- hier tatsächlich nur einer von vielen.laufendem Motor in der Limousine. Er chen gespielt, auch er ist häufig angeeckt, Über Lausanne wabert an diesen Tagenverschwindet im Wagen und braust in die hat Trainer wie Management kritisiert. eine Wolke aus Testosteron.Nacht. Es wirkt wie nach einem Bank- Es gebe eben einen kulturellen Unter- Anders als im deutschen Team, wo dieüberfall. schied zwischen beiden Ländern, sagt van Spieler ihrem Coach beinahe hörig zu Aus den Fenstern des Mannschaftsbus- Bommel. „In Deutschland will man, dass sein scheinen, erinnert das Trainingslagerses verfolgen van Persie und der Rest der die Spieler gleich sind und dass sie brav der Holländer an einen Individualisten-Nationalmannschaft die Flucht des Kol- sind. Jemand wie Robben aber ist ein Aus- Kongress, bei dem fast jeder Teilnehmerlegen. Eben haben sie gegen den FC Bay- nahmespieler. Ein echter Charakter. Da glaubt, den perfekten Fußball nicht nurern gespielt und erlebt, wie Robben vom muss man sich drum kümmern.“ zu kennen, sondern selbst zu praktizieren.Münchner Publikum ausgepfiffen wurde. Van Bommel spricht über Robben, Es ist diese Mentalität, wegen der dieIn Deutschland gilt Robben als Inbegriff aber er könnte genauso gut über den hol- Niederlande über Jahrzehnte nicht nurdes Egoisten. Wann immer sich die Gele- ländischen Fußball an sich sprechen. Dar- den spektakulärsten Fußball spielten, son-genheit zum eigenen Torerfolg bietet, über, dass Holländer weder gleich noch dern auch die spektakulärsten Skandalescheint Robben keine Mitspieler mehr zu brav sein wollen. In seiner Heimat hält produzierten – und immer wieder schei-112 D E R S P I E G E L 2 4 / 2 0 1 2
  • 96. Sportterten. Vor der WM 1990 etwa platz am häufigsten redet, isttrafen sich die Spieler in einem Robin van Persie, technisch bril-Flughafenhotel in Schiphol, um lant wie die meisten Holländer,darüber abzustimmen, welcher doch obendrein noch effizient,Trainer sie nach Italien führen freundlich und diszipliniert,sollte. Als der Verband ihrem selbstbewusst und trotzdemWunsch nicht nachkam, boykot- mannschaftsdienlich.tierten sie die Arbeit von Leo Dabei war van Persie selbstBeenhakker. 1994 sagte der gro- auf dem besten Wege, ein klas-ße Ruud Gullit wenige Tage vor sischer Star aus Holland zu wer-dem Abflug zur WM seine Teil- den, eine Diva, ein Querulant.nahme ab, weil ihm der takti- „Seine Einstellung lässt zu wün-sche Ansatz des Coaches nicht schen übrig“, klagte vor Jahrenpasste. Das hatten bereits etli- Nationalcoach Marco van Bas-che Stars vor ihm getan. ten. „Er führt sich auf, weil er „Welche verdrehte, unbarm- mit diesem und jenem nicht ein-herzige, fatale Logik treibt hol- verstanden ist.“ Es klang wieländische Spieler, Trainer, Ver- immer.bandsfunktionäre dazu, sich 2005 musste van Persie sogarimmer wieder in sinnlosen, für zwei Wochen in Haft, weilkleinlichen Fehden über Taktik, ihn ein Model, mit dem er sichMacht und Geld zu verzet- in einem Hotel vergnügt hatte,teln?“, fragt der Autor David wegen Vergewaltigung ange-Winner in seinem wunder- zeigt hatte – ein Vorwurf, vonbaren Buch „Oranje brillant. dem er am Ende freigesprochenDas neurotische Genie des wurde. PAUL GILHAM/GETTY IMAGESholländischen Fußballs“. Die Unter Arsenal-Coach ArsèneHolländer, so Winner, scheinen Wenger aber reifte van Persieregelrecht allergisch gegen jede mit den Jahren zum Führungs-Form von Autorität, Führung spieler, zum Vorbild. Er wurdeund kollektiver Disziplin zu disziplinierter, selbstloser, mansein. „Ihre Mannschaften ge- könnte auch sagen: um einigesbärden sich wie Armeen von Stars van Persie, Robben: Wolke aus Testosteron deutscher. Im vorigen Jahr stiegGenerälen.“ er beim FC Arsenal sogar zum Warum das so ist? Für die Antwort gelbild eines ganzen Landes. Bei der EM Kapitän auf. Stünde seine Entwicklungmuss man wohl hinab in die holländische in Polen und der Ukraine hofft er, endlich stellvertretend für die ganze National-Geschichte steigen, in das, was man sein größtes Problem zu überwinden: die mannschaft, wäre Holland wohl kaum zuVolksseele nennt – die über Jahrhunderte Liebe zur Demokratie. bezwingen. Aber so ist es nicht, so soll esgeformte Mentalität eines Landes. Bert van Marwijk stapft mit stoischer wohl auch nicht sein. Demokratie, Individualismus und ein Ruhe über den Platz, kein Gebrüll, keine In Lausanne stehen zwei Journalistentiefsitzendes Misstrauen gegenüber Au- hektischen Handbewegungen. Er wirkt vom holländischen Rundfunk am Spiel-toritäten haben in Holland fest veranker- konzentriert wie ein Dompteur, der sich feldrand, seit Jahren begleiten sie ihrete Wurzeln. Der Historiker Herman Pleij Mannschaft. Aufgeknöpftes Hemd, Son-sieht den Ursprung für das selbstbewuss- nenbrille, lässige Jungs, die sich selbstte, äußerst diskussionsfreudige Wesen der Der holländische Fußball ziemlich klasse finden. „Die ganzen Ka-Holländer in der geografischen Lage ihres hofft, endlich sein größtes priolen, die verschenkten Titel, das liegtLandes begründet. Man habe schon im alles am holländischen Charakter“, sagtMittelalter demokratische Institutionen Problem zu überwinden: der Fernsehmann. „Wir sind nun malaufbauen müssen, um das Land vor dem sehr selbstbewusst, wir stellen alles inMeer zu schützen und trocken zu halten. die Liebe zur Demokratie. Frage, wir sind im Zweifel provokativ.“Und da man vom Land allein nicht leben Der Radiomann nickt. Sie beklagen daskonnte, habe man Händler und Kauf- keinen falschen Laut, keine falsche Be- nicht, es klingt vielmehr, als seien siemann werden müssen. „Das hat uns sehr wegung erlauben darf, die seine Raub- recht zufrieden mit diesen Eigenschaften.unabhängig gemacht“, sagt Pleij. „Es be- tiere stören könnten. „Deshalb sind wir auch so interessantestand nie die Chance, dass hier ein König, Die Frage ist, ob er sein Team noch Menschen.“ Sie nicken sich zu und lä-die Kirche oder irgendeine hochrangige einmal so in Schach halten kann wie vor cheln. „Und deshalb haben wir so inter-Person herrschen könnte.“ zwei Jahren bei der WM in Südafrika, als essante Spieler.“ Geschweige denn ein Nationaltrainer. Holland ohne größere Skandale erst im Joachim Löws Jungs seien dagegen Der berühmte „Totaalvoetbal“, das Finale knapp den Spaniern unterlag. folgsame Befehlsempfänger, „aber gewisskreative Spiel, sei tief durchdrungen von Die Vorzeichen sind diesmal schwieri- keine echten Typen, keine echten Cha-demokratischen Impulsen, meint Winner. ger. Den ersten Eklat gab es bereits, als raktere“. Was sie sagen, hört sich herab-Man spiele mit einem System, das es je- Stürmer Huntelaar seinen Frust über sei- lassend an, aber es ist auch geschickt. Esdem Spieler erlaube, „sich auszudrücken ne Reservistenrolle öffentlich machte. ist der Trick, sich selbst dann noch über-und auszuzeichnen“. Die Kehrseite dieses „Ich bin böse“, klagte der Schalker. „Ich legen fühlen zu können, wenn auch derSystems habe darin bestanden, „dass die hatte das Gefühl, dass alles schon vorher nächste Pokal an den Niederlanden vor-Disziplin und der innere Zusammenhang feststand.“ Anders als viele Niederländer beiwandert. Dann hätte man zwar wie-immer fragil waren“. So ist der holländi- vor ihm, reiste er immerhin nicht ab. der irgendein wichtiges Spiel verloren,sche Fußball mit seiner Offensivkraft bei Der Mann, dessen Nähe van Marwijk aber das Wichtigste nicht: die eigenegleichzeitiger Widerspenstigkeit das Spie- sucht, mit dem er auch auf dem Trainings- Identität.114 D E R S P I E G E L 2 4 / 2 0 1 2
  • 97. Prisma MEDIZIN läufe, Triathlonwettkämpfe und sehr lange Radrennen, das Pumporgan regelrecht versehren können, wenn er Extremtraining schadet jahrelang ausgeübt wird: Herzgewebe dem Herzen verhärtet, Arterien verkalken und versteifen, der Herzrhythmus wird ge- stört, und die Pumpleistung verschlech-Körperliche Bewegung wirkt wie gute tert sich. Allerdings bestehen dieseMedizin – und doch kann sie im Gefahren nur für Menschen, die durch SHAUN BEST / REUTERSÜbermaß dem Herzen schaden, war- Sport fünf- bis zehnmal mehr Energienen Ärzte im Fachblatt „Mayo Clinic verbrennen, als Sportmediziner emp-Proceedings“. Sie haben die wissen- fehlen. Wer sich dagegen an mindes-schaftliche Literatur ausgewertet und tens fünf Tagen der Woche moderatHinweise darauf gefunden, dass exzes- bewegt, der verlängert sein Lebensiver Ausdauersport, etwa Marathon- Athleten nach Zieleinlauf statistisch gesehen um sieben Jahre. U M W E LT erwartende Belastung anhand von L U F T FA H R T Daten über die jeweiligen Triebwerke, die Flugphase (Start, Landung oder Fluglärm aus dem Reiseflug), die Wetterverhältnisse und Leichtsinn im Rechner die Ausbreitung von Schadstoffen in der Atmosphäre. Lärmprofil und Schadstoffbelastung durch einzelne CockpitWie sich Lärm und Abgase von Flug- Flüge können optisch dargestellt Der Co-Pilot rief noch von hinten:zeugen verteilen, das lässt sich mit werden. Mit der Software lässt sich „Kapitän, bloß nicht dahin. Da ist eineiner neuartigen Software der Firma nach Ansicht der Herstellerfirma Berg!“ So hat es der StimmrecorderTrout aus Kassel vorhersagen. Dazu bereits in der Planung abschätzen, an Bord des Superjet 100 aufgezeich-muss keine Maschine abheben, viel- welche Folgen neue Flughäfen und net, Momente bevor das neue Kurz-mehr berechnet die Software die zu Flugrouten haben werden. streckenflugzeug vor einem Monat auf einem Demonstrationsflug in Indonesien an einem Vulkanhang zerschellte. Doch Pilot Alexander Geräuschpegel eines Airbus A320, der von der Jablonzew wollte offenbar nicht von Startbahn West des Frankfurter Flughafens gestartet ist; dem riskanten Manöver lassen. Köln Simulation des Lärms am Boden in Dezibel* Leichtsinn, so wird durch die Aus- wertung der Flugschreiber deutlich, führte vermutlich zu dem Absturz unter 35 35 – 40 40 – 45 45 – 50 50 – 55 55 – 60 60 – 65 65 – 70 70 – 75 über 75 des Jets, mit dem Russland die Re- *dB(A) Quelle: Trout GmbH naissance seiner einst so stolzen Flug- zeugproduktion einläuten wollte und bei dem alle 45 Menschen an Bord starben. So saß ein indonesischer Flugzeugeinkäufer auf dem Platz des Co-Piloten, meldet die russische Nachrichtenagentur Ria Nowosti. Hinweise auf das drohende Desaster gab es genug: Das Bodenwarnsystem sendete Alarmsignale, ein anderes Limburg Sicherheitssystem forderte die Crew Koblenz auf, das Fahrwerk auszufahren, weil es sich wegen des näher kommenden Erdbodens im Landeanflug wähnte. Der Pilot jedoch ordnete diese War- nungen wahrscheinlich nicht richtig ein. Die russische Tageszeitung „Mos- Rh Frankfurt ein kowski komsomolez“ zitiert einen am Main Experten des Moskauer Testzentrums Wiesbaden für Neuentwicklungen Zagi, wonach Flughafen der erfahrene 57-jährige Kapitän Mainz schon vor dem eigentlichen Crash zwei riskante Manöver geflogen habe. 20 km Rüssels- Das gehe aus den Daten der Blackbox heim hervor, mit deren Hilfe das Zagi den Unglücksflug im Flugsimulator nach- gestellt hat.116 D E R S P I E G E L 2 4 / 2 0 1 2
  • 98. Wissenschaft · Technik Charakter-Köpfe P. WEGNER / PICTURE ALLIANCE / DPA / ARCO IMAGES Die Persönlichkeit von Gould-Amadinen spiegelt sich in deren Kopffarbe. Rote Prachtfinken sind ag- gressiv, schwarze mutig und gelbe unscheinbar. Dieselben Gene steuern offenbar sowohl Verhal- ten wie auch Aussehen. PÄ D A G O G I K Hauptproblem ist, dass die Schule sich gleiten. Wir müssen ihnen erklären, nicht mehr zuständig fühlt. Die Lehrer wie falscher Unterricht den Zugang sagen: Ich kann nichts für diese Schü- zur Mathematik versperren und Kin-„Rechenschwach durch ler tun. der erst rechenschwach machen kann. falschen Unterricht“ SPIEGEL: Wollen Sie leugnen, dass den einen Mathe schwererfällt als den an- deren? SPIEGEL: Was können Eltern tun, deren Kinder in Mathe untergehen? Meyerhöfer: Wenn sie selbst ProblemeDer Mathematik- Meyerhöfer: Richtig ist, dass die Kinder hatten, stecken sie die Kinder mit ih-didaktiker Wolfram mit unterschiedlichen Vorstellungen rer eigenen Mathe-Angst an. Wenn sieMeyerhöfer, 42, von von Mengen und Zahlen in die Schule selbst gut waren, werden sie keinerleider Universität Pader- kommen. Ungefähr einem Viertel Verständnis haben für die Probleme.born über Kinder, die erschließt sich diese Welt nicht von Deshalb sollten Eltern sich raushalten.Probleme im Umgang allein. Im erstenmit Zahlen haben Schuljahr ist aber genügend Zeit, fürSPIEGEL: Sie halten die Rechenschwä- alle in der Klasseche für ein konstruiertes Phänomen. eine gemeinsameWarum? Basis in MathematikMeyerhöfer: Erfahrungen aus Förderun- zu erarbeiten.gen zeigen, dass alle Kinder den Um- SPIEGEL: Warumgang mit Zahlen und Mengen lernen geschieht es dannkönnen. Doch Begriffe wie Anarith- nicht?mie, Dyskalkulie oder eben Rechen- Meyerhöfer: Vieleschwäche erwecken den Eindruck, Lehrer können dasmanche trügen eine Minderbegabung nicht, weil sie esin sich. Im Schulalltag werden Rechen- nicht gelernt haben. VEIT METTE / LAIFschwache wie Kranke behandelt. Deshalb sollten wirSPIEGEL: Was sind die Folgen? Spezialisten ausbil-Meyerhöfer: Die Kinder erleben sich den, die in der erstenselbst als unvollkommen, aber das Klasse die Lehrer be- Erstklässler im Mathe-Unterricht D E R S P I E G E L 2 4 / 2 0 1 2 117
  • 99. Wissenschaft KLIMA Rätsel der sinkenden Inseln Geologen und Sprachforscher aus Frankreich erkunden ein Südseeparadies. Die Uno hatte dort die ersten Klimaflüchtlinge der Erde geortet. Doch mehr als der Anstieg des Meeres bedroht das Absinken des Landes die Inseln des Südpazifiks. Strand der Südseeinsel VanikoroS ie liegt da wie eine Festung mit spit- Keine hundert Meter mehr, dann tref- ßen von der großen Insel“, wie sie ihn zen Zinnen. Eine dicke grüne Decke fen zwei Kulturen aufeinander, zwei Le- nennen. wie aus Samt bedeckt die Insel. So bens- und Denkweisen – über die für den Die Fremden landen an, weil Vanikoroeng stehen die Bäume auf den Berghän- Anfang ein Lachen hinweghilft. langsam im Meer versinkt. Das vermutengen, so undurchdringlich sind ihre Kronen. „Momombo wako!“, ruft Alexandre die Forscher und wuchten jetzt schwere Unten, da, wo Palmen den Strand säu- François, der Linguist in der Gruppe. Er Instrumente aus den Booten, mit denenmen, zeichnen sich gegen die grellen hat hier schon einmal die Sprachen der sie die Insel vermessen wollen.Strahlen der aufgehenden Sonne Hütten Insel studiert. Die Männer von Vani- Auf Vanikoro, nur ein Viertel so großab. Aus einigen steigt Rauch auf. koro erkennen ihn wieder, den „Wei- wie die Insel Rügen, leben 900 Einwohner, Vorsichtig steuern die Forscher ausFrankreich mit ihrem Motorboot durchdas Riff. Vor ihnen liegt Vanikoro, ein Drang in die Tiefe SalomonenFlecken Erde mitten in der Südsee. Die Vanikoro Die Australische Platte sinkt unter die Pazifische.zu den Salomonen gehörende Insel war- Dabei verhakt sie sich und zieht die Pazifischetet mit ihren Geheimnissen auf die Ge- Platte mit in die Tiefe. Löst sich die Verhakung,lehrten. „Es fühlt sich an, als wären wir entlädt sich die Spannung in einem Erdbeben,auf einer Entdeckungsfahrt vor 250 Jah- die Pazifische Platte springt wieder hoch und Teguaren“, sagt Valérie Ballu, 44. mit ihr die Inseln. Vanuatu Die Geodätin aus Paris springt in dasflache Wasser einer Sandbank. Sie mussdas Boot über die Untiefe hinwegschie- AUSTRALIEN Plattengrenzeben. Im Dorf regt sich unterdessen Leben:In den Eingängen der Hütten zeigen sich NeukaledonienFrauen in bunten Röcken, ihre Babys aufdem Arm. Nackte Kinder, die Haare Australische Platte Pazifische Plattekraus und blond, rennen neugierig zumStrand. Die Männer paddeln den Weißenin Einbäumen entgegen.118 D E R S P I E G E L 2 4 / 2 0 1 2
  • 100. Zunächst beginnt der Tag aber mit einer Enttäuschung: Ballu und ihr Team vom Nationalen Französischen Forschungszen- trum CNRS suchen die Stelle, an der sie vor sieben Jahren schon einmal die Höhe der Insel vermessen haben. Doch ihr wich- tigster Messpunkt, damals noch in sicherer Entfernung vom Strand, liegt jetzt am Was- ser. Die See unterspült den in Zement ge- gossenen Metallstift. „Wahrscheinlich ist er dadurch abgesunken“, sagt Geologe Stephane Calmant, „unbrauchbar“, fürch- tet der 52-Jährige. Eines zumindest beweist die Verän- derung: Die Küste hier ist in Bewegung. Doch steigt der Meeresspiegel? Oder sinkt die Insel? „Wir versuchen auf Vani- koro Fragen zu klären, die von globaler Bedeutung sind“, sagt Ballu. Denn nirgendwo auf der Erde steigt der Wasserspiegel so schnell wie hier rund um die Inseln des Südpazifiks. Sie machen die Region zu einem zentralen Studienobjekt von Ozeanografen, Klima- forschern und Geologen – und gleichzei- tig rücken die entlegenen Eilande in den Blickpunkt von Politikern und Ökologen. Nicht weit südlich von Vanikoro haben die Vereinten Nationen im Jahr 2005 „die ersten Klimaflüchtlinge der Welt“ ausge- macht. Auf Tegua, einer Insel, die zum Inselstaat Vanuatu gehört, musste ein GERALD TRAUFETTER / DER SPIEGEL Dorf umgesiedelt werden. Das Meer be- mächtigte sich einer Kokosplantage. Bil- der davon gingen durch die Weltpresse. Die Umsiedlung auf Tegua unterstrei- che, wie dringlich „immer drastischere Maßnahmen“ seien, „um tiefliegende Ge- meinden vor den Folgen der vom Men- schen verursachten Emissionen zu schüt- zen“, so warnte die Uno-Umweltbehördeohne Strom, ohne Telefon, ohne regelmä- nordöstlich von Australien liegt (siehe Unep. Und deren damaliger Chef, derßigen Fährbetrieb. Der Horizont ist hier Grafik). deutsche Christdemokrat Klaus Töpfer,noch so etwas wie das Ende der Welt: Wie viele Inseln Ozeaniens wurde kommentierte düster: „Das SchmelzenWer wegwill, muss in eine lange Piroge Vanikoro aus dem Feuer eines Vulkans des arktischen Eises und der steigendesteigen, einen Einbaum mit Segel. geboren. Ihr Schicksal wird bestimmt Meeresspiegel sind die ersten Anzeichen Die Ureinwohner haben die Insel grob vom Reiben und Stoßen der Kontinental- großer Veränderungen, die wohl schonin drei Stammesgebiete unterteilt, vier platten. Zwei Tage lang wollen die For- bald jeden auf diesem Planeten erfasseneigene Sprachen sprechen sie auf dem scher dieses geologische Spektakel er- werden.“Eiland, das mehr als 2000 Kilometer kunden. Doch eignet sich das Schicksal dieses Dorfs wirklich, um es zu einem Symptom der globalen Erwärmung zu küren? Die Forscher aus Frankreich bezweifeln es, jetzt fahnden sie auf Vanikoro nach Indi- zien – zunächst einmal mit dem Busch- messer. Valérie Ballu hat sich auf die Suche nach dem zweiten Messpunkt gemacht. Ihr Kollege Alain Le Breus holt seine handgemalten Aufzeichnungen heraus, die aussehen wie eine Schatzkarte. Doch GERALD TRAUFETTER / DER SPIEGEL ohne auch nur einen Blick darauf zu wer- fen, deutet Alek Silo, ein Bewohner Va- nikoros, mit seiner knochigen Hand auf einen jungen Mangobaum. Tatsächlich stoßen die Forscher unter dem Buschwerk auf den Messpunkt. Rasch klappen sie ein gelb-rotes StativGeodäten Ballu, Le Breus am GPS-Messpunkt: „Jetzt beginnt der Kampf um Millimeter“ aus, wie es auch Vermessungstechniker D E R S P I E G E L 2 4 / 2 0 1 2 119
  • 101. GERALD TRAUFETTER / DER SPIEGELGeologe Calmant auf Vanikoro: Der Planet ist keine starre Kugel Überspülte Kokosplantage im April 2009: Symptom der globalenverwenden. „Jetzt beginnt der Kampf um Zwei Jahre waren die beiden Schiffe Schleier aus Regentropfen tauchen Kokos-die Millimeter“, sagt Ballu. schon im Pazifik unterwegs, als Lapé- palmen auf, deren Wurzeln vom Wasser Sie kontrolliert die Position der GPS- rouse, vom Skorbut gezeichnet, 1788 in entblößt am Strand liegen. Sind das dieAntenne. Dann bittet sie Alek, noch ein einen Zyklon geriet. „Als die Männer die ersten Indizien einer sinkenden Insel oderpaar junge Bäume zu fällen, die den Emp- Insel im schäumenden Meer entdeckten, eines steigenden Meeresspiegels?fang stören. „Wir brauchen für unsere war es schon zu spät“, sagt Geodät Le Geodätin Ballu will mit den BewohnernMessungen das Signal von möglichst vie- Breus, „da war das Riff schon zu nah.“ reden, um von ihnen mehr über das Ver-len GPS-Satelliten“, erklärt Ballu, „das Das Schicksal der Männer von Lapé- halten des Meeres zu erfahren. Dererhöht die Genauigkeit.“ Am Ende weist rouse fesselte Anfang des 19. Jahrhun- sprachkundige François, 40, soll ihr dabeidie Anzeige ihres GPS-Geräts Kontakt derts die Menschen in ganz Europa. Das helfen. Doch der ist bald ganz gefangenmit 16 Satelliten aus. Unglück beschert der kleinen Südseeinsel von dem, was er nachher als „Sternstunde Alle 30 Sekunden werden die Geräte Vanikoro sogar einen Auftritt in der Welt- eines Linguisten“ bezeichnen wird. Siedie Positionsdaten der Satelliten speichern, literatur: Jules Verne ließ Kapitän Nemo tritt ihm entgegen in Gestalt eines Mannes48 Stunden lang. „Je länger wir messen, zum Wrack der Seefahrer tauchen. „Ach! mit verwaschenem Nike-T-Shirt, schütte-desto präziser die Ergebnisse“, so Ballu. Ein schöner Tod für einen Seemann“, sagt rem Haar, hohen Wangenknochen und Das Auf und Ab der Erdkruste im Mil- der Held des Romans „20 000 Meilen un- flacher Nase. Lainol Nalo heißt er und istlimeter-Maßstab zu bestimmen ist eine ter dem Meer“. „Chief“ hier, der Anführer im Dorf.komplexe Angelegenheit. Denn der Pla- Le Breus war dabei, als Archäologen „Mamabo apika“, sagt Alexandre Fran-net ist keine starre Kugel, sondern wird Anker und Gläser bargen. Am Strand stie- çois. „Mamabo apika“, grüßt Lainol zu-ständig verformt durch den Einfluss der ßen sie auf Münzen, Porzellan – und ei- rück. „Das ist Tanema“, ruft François be-Schwerkräfte von Mond und Sonne, aber nen Schädel, der sich einem mitreisenden geistert. Viel mehr als die Begrüßungauch Planeten wie Mars und Jupiter. Wissenschaftler zuordnen ließ. Jetzt steht kennt er nicht von dieser Sprache. Und Sie zerren nicht nur an der Erdober- an dem tragischen Ort ein GPS-Gerät und wenn er sie erlernen will, dann ist Lainolfläche, sondern auch an den GPS-Satelli- zeichnet Daten auf. der einzige Mensch auf diesem Planeten,ten, die in ihrer Umlaufbahn förmlich her- Zwischen 0,5 und 1,2 Metern, so wird der sie ihm noch beibringen könnte.umeiern. „Das alles bedeutet Ungenau- der im kommenden Jahr erscheinende François kramt sein digitales Aufnahme-igkeit“, erklärt Ballu. Weltklimabericht aussagen, werden die gerät heraus und spielt Lainol eine Stim- Sie steigt über zwei Baumstämme, die Meere bis zum Jahr 2100 ansteigen. Die me vor, die dieser nur zu gut kennt. Siesich über einen sumpfigen Bach spannen, globale Erwärmung schlage bereits heute gehört seiner Großmutter. Im vergange-zurück zum Strand. Geologe Calmant jedes Jahr mit 1,8 Millimetern zu Buche. nen Jahr ist sie gestorben. 105 Jahre warschreitet ihn mit einem GPS-Gerät ab, Das allerdings ist wenig im Vergleich zu sie alt, auch sie sprach Tanema.um den Verlauf mit alten Aufzeichnungen natürlichen Schwankungen: Die Menschen Bei seinem letzten Besuch hat Françoiszu vergleichen. Alain Le Breus deutet auf von Vanikoro, so wie die Bewohner der aufgezeichnet, wie die Hundertjährigeverrottende Baumwurzeln, die im Wasser meisten Südseeinseln, müssen mit Schwan- ihm eine Geschichte erzählte. Jetzt willstehen. „Da hinten verlief bei meinem kungen um 20 Zentimeter fertigwerden. sich François den Text übersetzen lassen.ersten Besuch die Küste“, sagt er. Grund dafür sind Strömungen im Pazifik, „So komme ich nicht nur den Vokabeln, Le Breus ist schon öfter auf Vanikoro etwa das Klimaphänomen El Niño. sondern auch dem Satzbau und der Struk-gewesen, doch bisher trieb ihn etwas an- Valérie Ballu drängt. Keine 48 Stunden tur der Sprache auf die Spur“, erklärt er.deres hierher. „Wir stehen hier auf histo- haben sie Zeit, um zu klären, ob die Küs- Sprache, das ist mehr als nur ein Mittelrischem Boden“, verkündet er und weist te auch an anderen Stellen der Insel zur Verständigung. „Sie ist zugleich eineauf einen Gedenkstein mit bronzener Ta- schwindet. Die Forscher wollen ins Dorf Form des Gedächtnisses“, sagt François.fel. An diesen Strand, berichtet Le Breus, Temuo auf der Ostseite des Eilands. Nach Sie stecke voller Kenntnisse über die In-hätten sich die tapferen Seeleute des Ent- dem Mittagessen auf ihrem Forschungs- sel, deren Pflanzen und über das Meerdeckers Jean-François de Lapérouse ge- schiff „Alis“, betrieben durch das Institut mit seinen Gesetzen. „Wenn der letzteflüchtet, nachdem ihre Schiffe draußen de recherche pour le développement, las- Sprecher einer Sprache stirbt, dann wan-auf dem Riff gesunken waren. sen sie das Motorboot zu Wasser. dern mit ihm auch all das Wissen und die Kurz vor der Französischen Revolution Noch bevor sie die aufgeregten Dorf- Geschichten mit ins Grab“, sagt François.waren die Schiffe aufgebrochen, entsen- bewohner erreichen, prasselt ein Tropen- Gerade die Inselwelt des Südpazifiksdet vom bedrängten Regenten Louis XVI. schauer nieder. Durch den dampfenden ist ein einzigartiges Sprachlabor. Nur 0,1120 D E R S P I E G E L 2 4 / 2 0 1 2
  • 102. GERALD TRAUFETTER / DER SPIEGEL VALERIE BALLU / PNASErwärmung? Sprachforscher François, Stammesführer Nalo: Sternstunde eines Linguisten Prozent der Weltbevölkerung leben dort, rige die Französin und zieht einen neuen Kokosplantage ist seitdem trocken“, sagt doch 18 Prozent aller Sprachen stammen Laptop hervor, einen Gegenstand, der in Ballu. aus der Region, 1250 an der Zahl. „Was dem archaischen Dorf wie ein Fremdkör- Für die Menschen allerdings, meint sie, auffällt, ist deren ungleiche Verteilung“, per aus einer anderen Zeit wirkt. sei es im Grunde egal, welcher Mechanis- erklärt François. Meninga schließt den Computer auf mus schuld daran ist, dass sie das Dorf Zwei Volksgruppen bewohnen die Insel- dem grobgezimmerten Schultisch an eine aufgeben mussten. Sie ärgert sich nur dar- welt: Polynesier und Melanesier. Beide Autobatterie an, die er mit einem Solar- über, dass die mit Geldern aus dem An- stammen ab vom Volk der Lapita, das panel aufgeladen hat – und dann prallt passungsfonds für Klimageschädigte um- sich vor rund 3000 Jahren aufmachte, den die Powerpoint-Kultur moderner Wissen- gesiedelten Menschen in ein neues Dorf Pazifik zu erkunden. Beide haben tief- schaft auf den Glauben der Ureinwohner zogen, das kaum besser gelegen sei. „Es schwarze Haut, doch die Gesichtszüge an Geister und böse Mächte. ist auf zu geringer Höhe gebaut“, berich- der Melanesier ähneln denen der Afrika- In dem eigenartigen Pidgin-Englisch, das tet Ballu. „Springfluten oder Tsunamis ner, die Polynesier wirken eher asiatisch. hier gesprochen wird, beginnt Ballu vom können es immer noch erreichen.“ Auch ihre Lebensweise ist anders. Wie heißen Inneren des Planeten zu erzählen Die Geodätin schaut in die Runde. Sie ihre Ahnen, so sind die Polynesier bis und den Kontinentalplatten, die auf der spürt, dass ihr das Publikum nicht mehr heute Seefahrer geblieben. Sie navigieren flüssigen Gesteinsmasse driften. Sie redet folgt. Sie hakt nach. „Warum, glaubt ihr, mit Hilfe der Sterne und erfühlen mit ih- vom „big fella earth sec sec“ und meint da- bebt die Erde?“, fragt die Forscherin. rer Hand die Strömungen des Meeres. mit die Erdbeben, die alle hier gut kennen. Zunächst traut es sich keiner auszuspre- Über 25 Namen für Winde und mehr als Genau unter ihren Füßen, so doziert chen. Doch dann wagt sich eine junge 100 nautische Begriffe hat François bei sie unter dem Palmdach der Dorfschule Frau vor, vermutlich eine Hilfslehrerin. den Polynesiern katalogisiert. von Temuo, sinke eine Scholle unter die Ihr Mund leuchtet feuerrot von den Be- Die Melanesier dagegen, die auf Vani- andere: Die Australische Platte, Ballu telnüssen, die sie wie die meisten anderen koro in der Mehrzahl sind, entdeckten spreizt ihre Hand, tauche unter die Pazi- Bewohner von Vanikoro kaut. Sie erzählt den Ackerbau für sich. Gleichzeitig ent- fische. Und: „no soap soap“, Ballu ruckelt von einem Mann, einem schwarzen Ma- stand jenes babylonische Sprachengewirr, mit der linken Hand, die Platten verha- gier, besessen von bösen Geistern. „Der dessen Entschlüsselung François als seine ken sich, und die Spannung entlädt sich. ist schuld an den Beben“, versichert sie. Lebensaufgabe betrachtet. Immer wieder erschüttern Beben die Bis in die Gegenwart lebt der Geister- Stammesführer Lainol glaubt den Insel Vanikoro, und Tsunamis rollen an glaube auf Vanikoro fort. Den Wissen- Grund für die Sprachenvielfalt zu kennen: den Strand. Aber auch langfristig sind die schaftlern fällt es schwer, ihn zu akzep- „Wenn wir eigene Worte haben, dann ver- Menschen hier den Naturgewalten ausge- tieren. Und doch war es gerade dieser stehen die im anderen Dorf uns nicht“, liefert. Denn die Australische Platte, die Aberglaube, der den Menschen Schutz erklärt er. Und das betrachtet er als stra- langsam versinkt, zieht auch Vanikoro vor den Naturgewalten bot. „Die Missio- tegischen Vorteil. „Sie haben sich bewusst mit in die Tiefe. nare“, erzählt ein alter Mann, „sagten: dazu entschlossen, ihre Sprache gegen Für die ganz in der Nähe gelegene Insel ,Jetzt glaubt ihr an Christus, jetzt braucht jene aus dem anderen Dorf abzugren- Tegua hat Ballu das bereits im vergange- ihr keine Angst mehr zu haben.‘“ Fatale zen“, analysiert François. nen Jahr in einer vielbeachteten Publika- Folge: Die Menschen zogen von den Hän- Während er nach den Vokabeln einer tion dokumentieren können. Um fast gen herunter, ans Meer. moribunden Sprache fahndet, hat ein jun- zwölf Zentimeter war die Insel von 1997 Das aber rückt ihnen ständig näher. ger Mann Geodätin Ballu in ein Gespräch bis 2009 abgesunken, bis jene mittlerweile Um sieben Millimeter, so zeigen es Ballus verwickelt. Das neue Poloshirt und die auf Weltklimakonferenzen berühmt ge- GPS-Geräte an, sinkt Vanikoro im Jahr. gepflegte Hose unterscheiden ihn von den wordene Kokosplantage unter Wasser GERALD TRAUFETTER Insulanern in ihren verwaschenen Shirts, stand. „Der Meeresspiegel stieg. Doch die meist aus Altkleidersammlungen rund drei Viertel davon waren durch das Ab- um den Globus stammen. Er stellt sich sinken des Landes verursacht“, sagt sie. Video: auf Englisch vor, Michael Meninga heiße Die Vereinten Nationen waren zu Paradies vor dem er, und er sei Lehrer, entsendet für drei voreilig mit dem Ausrufen der Klima- Untergang Jahre aus der Provinzhauptstadt Lata. flüchtlinge – das zeigte sich beim großen Für Smartphone-Benutzer: Ob sie den Schülern über ihre For- Beben von 2009: Plötzlich schoss die Bildcode scannen, etwa mit schung erzählen könne, fragt der 38-Jäh- Insel wieder aus den Fluten empor. „Die der App „Scanlife“. D E R S P I E G E L 2 4 / 2 0 1 2 121
  • 103. Technik Sicherheitstechnik. Doch stoßfeste Karos- Allemal ist Volvo mit dem Passanten- AU TOM O B I L E serien haben heute fast alle. Prallsack ein Kompendium ingeniöser Der Hersteller aus Göteborg verkauft Einzelleistungen geglückt: Sieben Senso- Überleben der rund 450 000 Autos im Jahr, ist mithin ein Winzling der Branche, aber anders als die unter General Motors verendete ren an der Wagenfront müssen erkennen können, dass hier ein menschliches Bein anstößt und nicht etwa ein Einkaufs- Anderen Schwedenmarke Saab immerhin noch existent. Volvo schrammte unter Ford- Regie haarscharf am Ruin vorbei und ist wagen; Schießpulverkapseln heben so- dann die Motorhaube aus den Angeln und öffnen einen Schlitz für die Luft- Mit dem ersten Außenairbag, inzwischen Eigentum eines chinesischen matratze, die ihr enormes Volumen von der Fußgänger schützen soll, setzt 120 Litern in Bruchteilen einer Volvo einen neuen Standard Sekunde aufbaut. Dass nur eine kleine Firma in der Sicherheitstechnik – und aus Göteborg so etwas kann, blamiert damit die Konkurrenz. blamiert Auto-Imperien wie Volkswagen, wo ein zweistel-D ass Mensch und Auto beim Zu- liger Milliardengewinn ausge- sammenstoß ungleiche Gegner wiesen, aber fast nichts für den sind, bleibt auch dem Ingenieur Fußgängerschutz getan wird.nicht verborgen. Der Unterschied, sagt Volvos EntwicklungsbudgetThomas Broberg, bestehe vor allem in für den Fußgänger-Airbag dürf-der Konsistenz: „Autos sind hart und te kaum höher gewesen seinMenschen weich.“ als jene 18 Millionen Euro, die Broberg ist Leiter der Sicherheitsent- VW-Chef Martin Winterkornwicklung beim schwedischen Autoherstel- im vergangenen Jahr als Ein-ler Volvo und momentan damit befasst, kommen einstrich.dem Auto die Härte zu nehmen. Als ers- In einer Stellungnahme be-ter Serien-Pkw der Welt wird der neue wertet VW den AußenairbagVolvo V40 einen Airbag vor der Wind- „kritisch, weil nicht ausge-schutzscheibe entfalten, sobald er einen schlossen werden kann, dassFußgänger erfasst. durch Fehlauslösungen dem Volvo erfüllt damit eine seit langem an- Fahrer die Sicht auf die Straßehängige Forderung von Autokritikern und verdeckt wird“. Mercedes ar-alternativen Verkehrsverbänden, die Si- gumentiert ebenso.cherheitsentwicklung zugunsten der Men- Der Volvo-Luftsack wird die-schen voranzutreiben, die nicht im Auto sen Vorbehalt wohl verpuffensitzen. Denn eben sie sind besonders ge- lassen. Er legt sich bananenför-fährdet. Im vergangenen Jahr stieg in mig um den ScheibenrahmenDeutschland wieder die Zahl der Ver- und lässt einen großen Teil derkehrsopfer, insbesondere die der getöte- Glasfläche frei, der ohnehin re-ten Passanten: 612 Fußgänger ließen 2011 lativ weich und somit nicht dasihr Leben im Straßenverkehr, 136 mehr kritische Aufprallfeld ist. „Fehl-als im Jahr zuvor. auslösungen“, sagt Entwickler Zwar gelten in der EU seit sieben Jahren Broberg, „werden ebensoVorschriften zum Fußgängerschutz; doch harmlos wie unwahrscheinlichblieben diese weit hinter den einstigen sein.“ Volvo habe eine ReiheZielsetzungen der Kommission zurück. von Szenarien durchprobiert;Neben nachgiebigen Hauben und Front- Fußbälle oder Handkarrenpartien, wie sie heute Pflicht sind, sollten etwa aktivieren den Prallsackursprünglich Maßnahmen an den harten nicht.Blechstrukturen des Scheibenrahmens Fußgänger-Crashtest bei Volvo: Landung im Luftkissen Auch die Sorge, es könnevorgeschrieben werden. Dort, das wissen ein Volkssport werden, mitUnfallforscher, ereignen sich die schwers- Autoherstellers namens Geely, dessen bis- Fußtritten die Airbags geparkter Volvosten, oft tödlichen Kopfverletzungen. lang auffälligstes Produkt ein plumpes zu aktivieren, sei unbegründet. Der Air- Der Scheibenrahmen lässt sich aber Rolls-Royce-Plagiat war. bag löst nur bei Geschwindigkeiten zwi-nicht so einfach nachgiebig gestalten. Er Unbeeindruckt von solchen Irritatio- schen 20 und 50 Kilometern pro Stundedient der Steifigkeit und Überschlagsicher- nen soll eine neue Führungsriege vor- aus. Es müsste schon jemand gegen dasheit der Karosserie. Ein Luftkissen ist hier wiegend deutscher Manager Skandina- fahrende Auto treten.die einzig plausible Maßnahme, dem Pas- viens letztes Auto-Heiligtum nun auf Kurs „Und wer das tut“, sagt Broberg, „dersanten eine möglichst weiche Landung bringen. „Scandinavian Luxury“ nennt braucht den Airbag.“zu ermöglichen. Doch die Konzerne, die Cheftechniker Peter Mertens – einst bei CHRISTIAN WÜSTihre Kunden mit Airbags aus Front und Daimler – als Formel für die Produkt-Seiten schützen, scheuten solchen Auf- entwicklung. Mertens schildert den Volvo-wand für das Überleben der Anderen. Kunden als Phänotyp des vortrefflichen Video: Volvo setzt nun die Branche unter Staatsbürgers: verantwortungsvoll, gebil- So soll der AirbagDruck – und nutzt dabei die Chance, sein det und von ebenso hoher wie kulti- funktionierenvon Erosion bedrohtes Profil zu schärfen. vierter Kaufkraft. Was passt besser ins Für Smartphone-Benutzer:Getragen vom Mythos des Schweden- Weltbild eines solchen Menschen als ein Bildcode scannen, etwa mitpanzers, gilt die Marke als Gralshüter der altruistischer Airbag? der App „Scanlife“.124 D E R S P I E G E L 2 4 / 2 0 1 2
  • 104. GETTY IMAGES Sechs Wochen alter Embryo: „Die Eltern werden nicht mehr ein noch aus wissen“ erkennen, welche Behinderungen oder GENETIK todbringenden Leiden im Erbgut des Fö- tus angelegt sind. „Im Zweifel töten“ Das allein ist noch nicht die Revolution. Längst können Ärzte mit einer Frucht- wasseruntersuchung ab der zwölften Woche oder, noch einen Tick früher, mit In Zukunft können Ärzte das gesamte Erbgut des Fötus einer Chorionzottenbiopsie fötale Zellen nach genetischen Defekten durchforsten. entnehmen und herausfinden, ob das Kind beispielsweise Trisomie 21 hat, das Wird die Schwangerschaft auf Probe zum Regelfall? Downsyndrom. Im Jahr unterziehen sich Zehntausende E lke Holinski-Feder redet viel über Was der Humangenetikerin Angst Schwangere in Deutschland diesen Pro- Kinder, Leid und Tod, das ist ihr macht, ist ein Durchbruch in Sachen prä- zeduren. Allerdings nehmen sie dabei ein Job. Sie spricht darüber mit Paaren, nataler Diagnostik. Eine Zeitenwende. Es Risiko in Kauf: Die Pränatalmediziner die fürchten, ein Kind mit Downsyndrom geht um eine Methode, die für immer ver- müssen mit einer langen Spezialnadel zu bekommen. Oder mit anderen, die sich ändern könnte, wie wir mit ungeborenem durch ihre Bauchdecke stechen und nah ein Kind wünschen, aber Angst haben, Leben umgehen. Wie wir mit Krankheit am Fötus Zellen ernten. In mindestens sie könnten ihm ihre kaputten Gene ver- und Behinderung umgehen. jedem 200. Fall wird dabei eine Fehl- erben; Genvarianten, die Muskeldystro- Sicher ist: Es wird mehr Schwanger- geburt ausgelöst, ob der Fötus gesund ist phie auslösen, Bluterkrankheit, Chorea schaftsabbrüche geben. Und es wird mehr oder nicht. Huntington, Krebs in der Jugend oder an- Mütter und Väter geben, die verzweifeln, Das geht inzwischen sanfter für Mama dere schreckliche Leiden. weil ihnen niemand mehr sagen kann, ob und Kind: Eine Blutprobe der Mutter Die Münchner Humangenetikerin es gut ist, ihr Baby zur Welt zu bringen. reicht. Seit 1997 ist bekannt, dass zell- scheut diese Gespräche nicht, sie führt sie Es wird sich zum Beispiel die Frage freies fötales Erbgut durch die Adern der seit 20 Jahren. Sie ist Profi. Doch jetzt stellen, ob es erträglich ist, ein Kind mit Mutter schwappt; seitdem arbeiten die gibt es dieses neue Verfahren, mit dem einer winzigen Mutation zu gebären, die Forscher daran, es zu analysieren. Was sich schon im Mutterleib erkennen lässt, vielleicht später krank macht. Aber viel- schwierig ist, weil die DNA der Mutter welche genetischen Zeitbomben in den leicht auch nicht. Es wird selektiert wer- im Blut sich schwer unterscheiden lässt Zellen des Ungeborenen ticken – ohne den, durch sozialen Druck: Du hättest es von den Erbgutstückchen, die der Fötus diesem dabei ein Härchen zu krümmen. wissen können, wieso hast du’s nicht von ihr geerbt hat. Alle Defekte im Erbgut: entlarvt. Aus ärzt- verhindert? Dies ist Shendure und Kitzman gelun- licher Sicht eigentlich ein Traum. Und Mit der neuen Methode, vorige Woche gen – aber auch dies ist nicht die eigent- doch hat Holinski-Feder, als Profi, zum von Jay Shendure und Jacob Kitzman liche Sensation. Schon vor anderthalb ersten Mal Angst. „Die Eltern werden von der University of Washington in ei- Jahren berichtete Dennis Lo, ein Geneti- nicht mehr ein noch aus wissen“, sagt sie. nem Fachjournal publiziert, lässt sich früh ker von der Chinese University in Hong- 126 D E R S P I E G E L 2 4 / 2 0 1 2
  • 105. Wissenschaftkong, dass er und sein Forschertrupp Teile teilen müssen: ,Hier ist eine Veränderung Fortsetzung einer bestimmten Haltungdes fötalen Erbguts herausgefischt und im Erbgut Ihres Kindes – aber wir wissen gegenüber dem vorgeburtlichen Leben.entziffert haben. nicht, was sie bedeutet‘“, sagt sie. Die El- „Je gläserner es wird, desto mehr wird Eine schlichtere Variante der Erbgut- tern müssten dann die gesamte Schwan- das Kind zum prüfbaren Produkt“, meintanalyse via Blutentnahme wird schon gerschaft und die ersten Lebensjahre die Maio. „Wir glauben, wir könnten Kindersehr bald Realität für viele werdende El- Ungewissheit ertragen: Erkrankt das zeugen, um sie im Zweifelsfall zu töten.“tern in Deutschland. Die Krankenkassen Kind? Wie sehr muss es leiden? „Das ist Urban Wiesing von der Universitätzahlen noch nicht dafür, aber mit dem ein Horrortrip für die Eltern. Ich befürch- Tübingen spricht von einer „Hintertür-sogenannten PraenaTest lässt sich eine te, dass viele die Schwangerschaft deshalb Eugenik“, die hier drohe. „Man überlässtChromosomen-Anomalie erkennen. We- vorsichtshalber abbrechen werden.“ es den Paaren zu entscheiden. Diese libe-nige Milliliter Blut von der Mutter rei- Dabei ist längst bekannt, dass auch grö- rale Praxis verändert die Maßstäbe, undchen, und Mama und Papa wissen, ob das ßere genetische Defekte mitunter völlig diese werden dann Gewohnheit.“Baby im Bauch eine Kopie zu viel vom ohne Folgen für die Betroffenen bleiben. Jetzt schon ist es Gewohnheit gewor-Chromosom 21 in seinen Zellen hat. „Ich habe zum Beispiel eine Familie un- den, nach der Diagnose Downsyndrom Vor allem aber, das ist der neue, der tersucht, in der mehreren Mitgliedern je- die Schwangerschaft abzubrechen; mehrentscheidende Schritt, haben Kitzman weils rund fünf Millionen DNA-Bausteine als 90 Prozent der Paare tun das. Und:und seine Kollegen es geschafft, sämtliche fehlten – und trotzdem waren sie gesund.“ „Je mehr man untersuchen kann, destoGene des fötalen Erbguts aus dem Blut Selbst kleine zusätzliche Chromosomen mehr gilt als unerträglich, als eigentlichder Mutter zu fischen. Selbst völlig neue müssen keinen Schaden anrichten – wäh- nicht mehr zumutbar“, sagt EthikerMutationen können sie aufspüren, Ver- rend winzige Punktmutationen verhee- Maio. „Man tappt in die Falle der Mach-änderungen des Erbguts durch Zufall, die rend wirken können. „Es gibt so viele barkeit.“während der Eizellen- oder Spermienbil- Möglichkeiten“, sagt Holinski-Feder, „wo- Eltern, die sich für ein Kind entschei-dung auftreten. Das Verfahren ist damit her soll ich sagen können: ,Das macht den, das Anlagen beispielsweise für einengeeignet, sämtliche Föten auf genetische krank und das nicht?‘“ bestimmten Tumor in sich trägt, müsstenAuffälligkeiten hin zu testen. Es ist fraglich, ob Eltern eine solche sich dafür rechtfertigen, spätestens, wenn Noch ist es dafür zu kompliziert und Ungewissheit aushalten können. Die die Krankheit dann ausbreche. Die Ärztezu teuer, Schätzungen liegen bei bis zu Unbefangenheit jedenfalls gehe endgültig wiederum gerieten unter Druck, weil die50 000 Dollar für eine solche Untersu- verloren, klagt Giovanni Maio, Medizin- Eltern sie vor Gericht zerren könnten,chung. Aber das wird sich ändern. Es ist ethiker an der Universität Freiburg. Für wenn sie auf eine bestimmte Normabwei-abzusehen, dass allein die Sequenzierung ihn ist das neue Verfahren die logische chung nicht hinweisen und das Kind spä-des menschlichen Genoms bald nicht ter an einem daraus resultierenden Lei-mehr kosten wird als ein Ticket zur Fuß- den erkrankt.ball-EM. In den vergangenen elf Jahren Günstiger Gentest Stefan Mundlos, Chef der Humange-sind die Kosten dramatisch gesunken von Kosten für die Entschlüsselung eines netik an der Berliner Charité, schlägtknapp 100 Millionen auf weniger als menschlichen Genoms, in Euro vor, künftige Erbgut-Checks zu be-10 000 Euro pro Erbgut (siehe Grafik). (logarithmische Darstellung) schränken auf „Krankheiten, die gut er- Das komplette Gen-Screening des Fö- 100 Mio. forscht sind, und solche, die besonderstus wird möglich sein, und es wird ge- gefährlich sind“. Aber wer entscheidet,macht werden. Die Aussicht, seinem Kind welche Syndrome darunter fallen? Selbstwomöglich ein schweres Schicksal zu er- wenn sich Kommissionen auf irgendeine 10 Mio.sparen, mit einer simplen Blutabnahme Liste einigen könnten: Wie geht es ei-und ohne das Risiko einer Fehlgeburt, all nem Mukoviszidose-Patienten, der seindies wird dazu führen, dass der umfas- Leiden dort aufgezählt findet? Der Ein-sende DNA-Test zur Regeluntersuchung 1 Mio. trag kann für ihn nur bedeuten: Du ge-wird. Wie der Ultraschall. hörst zu denen, die wir uns in Zukunft „Ich denke, es wird keine zehn Jahre ersparen wollen.mehr dauern, bis alle werdenden Eltern 100 000 Die Humangenetikerin Elke Holinski-vor der Frage stehen: ,Lasse ich das ma- Feder kennt keinen Weg aus diesem ethi-chen?‘“, meint Holinski-Feder. Doch statt schen Dilemma. Aber sie schlägt einennur Auskunft darüber zu bekommen, ob 10 000 Zwischenschritt vor, der das Kind – je-ihr Kind wie der Onkel an einer Muskel- denfalls zunächst – aus dem Spiel lässt.dystrophie leiden oder wie die große Quelle: National Human Und der die Eltern nicht mit diesem Wust Genome Research InstituteSchwester an einer tödlichen Stoffwech- 1000 an ebenso fragwürdigen wie schockieren-selkrankheit sterben wird, erhalten die 02 04 06 08 10 12 den Daten aus dem Getümmel der föta-Eltern dann eine Unzahl genetischer In- len Gene überschüttet.formationen – mit denen selbst Human- Wenn Paare sich unbedingt testen las-genetiker bislang oft nichts anfangen kön- sen wollten, meint Elke Holinski-Feder,nen. „Wenn Sie zu mir kämen und mich sollten sie schon vor einer Schwanger-bäten, das gesamte Genom Ihres Kindes schaft in ihrem Erbgut gezielt nach Ver-zu untersuchen“, sagt Holinski-Feder, änderungen in den knapp 500 bekannten„würde ich sagen: ,Bis wir mit der Inter- Genen suchen lassen, die, wenn sie un-pretation der Ergebnisse fertig sind, wird glücklich aufeinandertreffen, bei einemIhr Kind wahrscheinlich fünf Jahre alt Kind zu schwerster Krankheit und Behin-sein.‘“ derung führen können. „Das wird heute CLARE MCLEAN Würde die Genomanalyse aus dem müt- schon in manchen Fällen gemacht undterlichen Blut schon jetzt zur Routine, kä- kann mitunter viel Leid ersparen“, sagtmen derzeit oft mehr Fragen als Antwor- die Ärztin.ten heraus, fürchtet die Humangenetike- Genetiker Shendure RAFAELA VON BREDOW,rin. „Wir werden den Eltern ganz oft mit- Wie sehr muss das erkrankte Kind leiden? VERONIKA HACKENBROCH D E R S P I E G E L 2 4 / 2 0 1 2 127
  • 106. Technik London bekommt unterdessen Konkur- Portemonnaie – und prompt zeigt dieser COMPUTER renz als größte europäische Pilotregion – die Kartenkennung an: „10b1cd …“. und zwar von Hannover. Seit Anfang Juni Überweisungen kann man mit dieser Funkgeld im hängen haushohe Plakate an der Fassade des Hauptbahnhofs und schreien in riesi- gen Buchstaben: „So gut kann bezahlen „EF-ID“-Nummer nicht machen, aber Be- wegungsprofile wären denkbar, zum Bei- spiel mit Hilfe von RFID-Scannern, die Portemonnaie aussehen“ über dem Foto einer Ballerina mit Funk-Geldkarte. Und in der Bahnhofs- halle wirbt ein Info-Stand: „Kein Bargeld, bereits heute am Ausgang vieler Geschäf- te überwachen, ob unbezahlte Waren hin- ausgeschmuggelt werden.Elektronische Zahlkarten machen kein Kartenstecken, keine Pin-Nummer, Noch kritischer ist es bei den NFC-Kre- dem Bargeld Konkurrenz. keine Unterschrift.“ ditkarten: Hier könnten Fremde zum Bei- Per Funk werden die Beträge an Seit ein paar Monaten haben über 1,5 spiel im U-Bahn-Gedränge die Kreditkar- Millionen Kunden von Sparkassen und tennummer auslesen, um zu versuchen, Händler übermittelt. Daten- Volks- und Raiffeisenbanken neue EC- damit im Internet zu shoppen.schützer sehen erhebliche Risiken. Karten bekommen, die mit dem „Giro- Die Anbieter der NFC-Karten finden go“-Chip aufgerüstet sind, zunächst nur derlei Kritik überzogen. Kreditkartennum-D ie Olympischen Spiele in London in der Pilotregion Hannover, Braun- mern waren ja auch bisher weitgehend sind Schauplatz einer neuen Wett- schweig und Wolfsburg. Bis Ende des Jah- ungeschützt. Und selbst auf Geldscheinen kampfdisziplin: Bezahlen mit elek- res sollen es bundesweit 16 Millionen sein. können verräterische Informationen ver-tronischem Bargeld. Deutschland würde damit von einem steckt sein, zum Beispiel Kokainspuren, Seit vergangenem Mittwoch bekom- Nachzügler zu einem Vorreiter im NFC- Fingerabdrücke oder Erbgutschnipsel.men 200 Postfilialen in der Nähe der Wettlauf. Die Datenschutzschwächen der NFC-Sportstätten neue Lesegeräte, bis Okto- Für den Handel haben die NFC-Karten Karten sind kein Skandal, wohl aberber sollen es über 11 000 sein. Nirgendwo den Vorteil, dass jeder Kunde ein paar handwerkliche Schluderei. Es wäre einsonst in Europa gibt es ein größeres An- Sekunden schneller bedient werden kann. Leichtes gewesen, sie besser zu sichern,gebot für elektronisches Bargeld. Kunden Allerdings kostet die Nachrüstung pro Le- zum Beispiel indem bei jeder Datenab-können nun ihre Briefmarken dort mit segerät über hundert Euro. frage erst einmal die Berechtigung ge-digitalem Kleingeld bezahlen: Sie bekom- Die Kunden könnten schnell Freude prüft wird. So macht es zum Beispiel dermen den Betrag auf einem Terminal an- daran finden, mit einer einfachen Geste elektronische Reisepass. „Für ein paargezeigt, halten ihre Funk-Kreditkarte da- kleine Summen zu begleichen, statt in Cent wäre das auch bei den Geldkartenvor – fertig. Kein Kramen im Portemon- der Brieftasche herumzufingern. Ande- möglich gewesen“, sagt Leppelt. Dernaie, kein Rückgeld, kein Warten. rerseits scheiterten Banken schon mehr- Nachteil: Der Bezahlvorgang würde da- NFC (Near Field Communication) heißt mals mit der Durchsetzung von Compu- durch geringfügig länger dauern.die Technik. Die Olympischen Spiele die- tercash, auch mit der herkömmlichen Außerdem ärgert es Leppelt, dass ernen Kreditkartenkonzernen als werbe- „Geldkarte“: Auftanken und Bezahlen die EC-Karte mit NFC ungefragt zuge-wirksames Schaufenster, um die Kunden waren zu nervig. schickt bekam. Doch genau diese Zwangs-vom „Nahfeld-Funk“ zu überzeugen, mit „Girogo“ basiert zwar auf der alten modernisierung könnte dem Digital-Bar-Namen wie „Paypass“ (Mastercard) und Geldkarten-Technik, versucht aber deren geld diesmal zum Durchbruch verhelfen.„Paywave“ (Visa). Über 20 Millionen Kun- Nachteile zu umgehen: Das Kartenstecken Die Funk-Geldkarte selbst ist dabeiden haben in Großbritannien bereits eine entfällt, und über ein „Abonnement“ vielleicht nicht mehr als ein Übergangs-Funk-Kreditkarte. In Deutschland sind es kann die Geldbörse automatisch bis zu phänomen. Was sie als Geldbörse dernoch nicht einmal 2 Millionen. 50 Euro nachtanken, wenn sie leer ist. Zukunft ablösen könnte, zeichnet sich Für Visa und Mastercard sind die NFC- „Das Prinzip ist gut, aber leider bereits ab: Handys, die über NFC ver-Karten eine Flucht nach vorn. Denn bran- schlecht umgesetzt“, sagt der hannover- fügen.chenfremde Hightech-Unternehmen drän- sche Datenschutzberater Peter Leppelt: HILMAR SCHMUNDTgeln sich in ihr Geschäft. Google etwa „Die ,Girogo‘-Karte ist eine Datenschleu-bietet mit „Google Wallet“ ein Bezahl- der.“ Zum Beweis hält er seinen selbst-system fürs Handy, ebenso wie Paypal. gebastelten Funkkartenscanner an sein Nachteile Ist die NFC-Funktion aktiviert, könnte das Handy in unmittelbarerZahlen im Vorübergehen Kassieren per Near Field Communication (NFC) Nähe ausspioniert werden. Werden Handy oder Girogo-Karte gestohlen, ist auch das enthaltene Guthaben verloren. 50 50 3 50 4 0 9 1 20 0 10 3 0 0 3 4 10 010 0 9 1 0 3 0 0 BE ZA HL TGeldspeicher Verfügungsrahmen Übertragung ÜberweisungAls Portemonnaie dienen Unterschiedlich: Bei Girogo zum Dieser Speicher ist mit Möglich sind meist nur Transaktionenein Smartphone mit NFC-Chip, Beispiel ist ein Geldspeicher mit einem Chip ausgestattet, bis zu 20 Euro. Das Geschäft wird anonymeine Kreditkarte oder eine dem vorbezahlten Geldbetrag von dem das Lesegerät per getätigt, ohne dass sich der Kunde mit PinGirocard mit NFC-Technik. (maximal 200 €) eingebaut. Funk die Bezahldaten bezieht. oder Unterschrift ausweisen muss.128 D E R S P I E G E L 2 4 / 2 0 1 2
  • 107. Szene KLASSIK „Himmlische Musik“ Der Gründer der israelischen Wagner- Gesellschaft, Jonathan Livny, 65, über die Schwierigkeit, Richard Wagner in Israel auf- zuführen DPASPIEGEL: Herr Livny, in dieser Wochesollte das erste große Wagner-Konzertin Israel stattfinden. Ursprünglich wares in der Universität von Tel Aviv ge-plant. Die Aufführung wurde abgesagt.Was ist passiert?Livny: Nachdem bekannt geworden war,dass wir das Konzert planen, liefen dieVerbände der Holocaust-Überleben-den Sturm. Die Tel Aviver Universitätkündigte daraufhin den Mietvertrag.Der Präsident der Universität behaup-tete, wir hätten ihm nicht gesagt, waswir vorhaben. Aber wir haben vonAnfang an alles offengelegt.SPIEGEL: Muss man Wagner in Israelspielen?Livny: Warum nicht? Wir haben Hun-derte Tickets in kurzer Zeit verkauft,das zeigt doch, dass die Menschen das YVES MARCHAND & ROMAIN MEFFRE / COURTESY POLKA GALERIEhören wollen. Ich zwinge ja nieman-den dazu. Ich will einfach nur die Frei-heit haben, diese Musik in einem Kon-zert zu hören. Als mein Vater 1938 ausDeutschland nach Palästina floh, dakam er mit drei Dingen: mit Fotoal-ben, seinen Diplomen und 87 Aufnah-men von Richard Wagner. Er war dereinzige Überlebende seiner Familie,und er lehrte mich, dass man Musikund Mensch trennen kann. Ja, Wagnerwar ein furchtbarer Antisemit, aber erhat himmlische Musik gemacht.SPIEGEL: Warum ist Wagner noch im- Gewölbe eines ehemaligen Kinos in New York, Supermarkt unter der eingezogenen Zwischendeckemer ein Tabu in Israel?Livny: Es heißt immer, die Nazis spielten FOTOGRAFIEWagner auf dem Weg in die Gaskam-mern. Aber das ist Quatsch. Und selbstwenn! Hätten sie Beethoven gespielt,würden wir dann Beethoven boykottie-ren? Wagner ist das letzte Symbol der Magische KinosäleÄchtung Deutschlands. Wir fahren Mer- Halbabgespulte Filmrollen liegen auf dem ken habe ein Gesamtbild des Raums ent-cedes, obwohl Hitler Mercedes fuhr. Boden, auf dem Gang steht ein alter Pop- stehen können. Ihre Recherchen führtenWir kaufen deutsche Eisenbahnen, U- corn-Automat, und nur noch das Wrack die Franzosen an die entlegensten Orte:Boote und Waschmaschinen. Die meis- eines Projektors erinnert an das, was frü- Das prunkvolle Gewölbe des einstigenten Israelis kennen gar keine klassische her in diesen Sälen gezeigt wurde: die Gotham Theatre in Manhattan entdecktenMusik. Dabei wird Wagner hier ja auch Hollywood-Filme des 20. Jahrhunderts. sie über der Zwischendecke eines moder-gelehrt. Warum nicht ein öffentliches Seit 2006 fotografieren die beiden Fran- nen Supermarkts. Ihre Arbeit verstehenKonzert? Vergiftet Wagner die Luft? zosen Yves Marchand, 31, und Romain sie als historische Dokumentation, als Er-SPIEGEL: Glauben Sie, dass das Konzert Meffre, 25, stillgelegte Kinos in den USA. innerung an eine längst untergegangenedoch noch stattfinden wird? „Die Räume waren zum Teil in völlige Ära. Die Ausstellung „Theaters“ ist bisLivny: Leider hat jetzt auch das Hilton Dunkelheit gehüllt“, erklärt Marchand, zum 4. August in der Polka Galerie inHotel abgesagt, aber ich werde trotz- erst durch spezielle Ausleuchtungstechni- Paris zu sehen.dem nicht aufgeben.130 D E R S P I E G E L 2 4 / 2 0 1 2
  • 108. Kultur KUNST KINO IN KÜRZE Schwieriges Jubiläum „Rock of Ages“ ist ein Film zum Mitgrölen. Es geht um zwei junge Gesangstalente,Das Haus der Kunst in München war die 1987 in den Clubs am Sunset Strip auf ihren Durchbruch hoffen. Aber die Hand-der erste Monumentalbau des Hitler-Re- lung, die auf einem gleichnamigen Bühnenmusical basiert, ist nur ein Vorwand fürgimes. Im Jahr 1937 wurde er mit der eine Nummernrevue. Nach dem Vorbild des Erfolgsfilms „Mamma Mia!“ reiht Regis-„Großen Deutschen Kunstausstellung“ seur Adam Shankman alte Hits aneinander, von Foreigners „Waitingeröffnet. In den nahen Hofgarten-Arka- for a Girl Like You“ bis zu Pat Benatars „Hit Me with Your Best Shot“.den präsentierten die Nazis parallel die Die Schauspieler verschwinden unter Langhaarperücken, allein Tomvon ihnen so genannte „Entartete Cruise macht aus der Rolle eines versoffenen Rockstars in der Sinnkri-Kunst“. Was für ein Erbe. Der heutige se einen amüsanten Egotrip. Doch weil der Film den älteren Zuschau-Leiter des Hauses der Kunst, der in Ni- ern auf keinen Fall die Erinnerungen an die eigene Jugend vergällengeria geborene Okwui Enwezor, nutzt möchte, kommt die Nostalgie der Ironie immer wieder in die Quere.den 75. Jahrestag der Museumseröff-nung, um die Vergangenheit des Hausesin den Mittelpunkt zu rücken: „Ge-schichten im Konflikt: Das Haus derKunst und der ideologische Gebrauchvon Kunst 1937 – 1955“. Gezeigt werdenWerke aus beiden Nazi-Ausstellungen,Gemälde von Franz Marc ebenso wievon Rudolf Hermann Eisenmenger,flankiert von einer zweiten Schau mitdem Titel „Bild-gegen-Bild“, die sichmit der Frage beschäftigt, ob es in Zei-ten einer solchen Bilderflut wie heute DAVID JAMES/WARNER BROSnoch Kontrolle und Macht über die Bil-der geben kann. Hier werden unter an-derem Arbeiten des Malers WilhelmSasnal oder des Videokünstlers HarunFarocki zu sehen sein. Darüber hinaus Szene aus „Rock of Ages“können Besucher seit vorigem Jahr denLuftschutzkeller unter dem Haus derKunst besichtigen, der schon 1938 mitsanitären Anlagen und Matratzen aus- „Jasmin“. Ein Kammerspiel, bei dem der deutsche Regisseur Jan Fehse ganz aufgerüstet wurde. Für Okwui Enwezor jene klassische Verhörsituation setzt, die 1995 Romuald Karmakars Film „Der Tot-bietet der Jahrestag die Möglichkeit, macher“ zu einem Erfolg machte. Diesmal liefern sich zwei Frauen einen Psycho-Show-das Haus der Kunst in ein „reflexives down, Anne Schäfer spielt eine Kindsmörderin, Wiebke Puls eine psychiatrische Gut-Museum“ zu verwandeln, einen Ort, an achterin, die über deren Zurechnungsfähigkeit entscheiden soll. Erst allmählich wer-dem Kunst im Rahmen ihrer histori- den die Umstände des Verbrechens enthüllt, um das es hier geht. Die Radikalität, mitschen Dimension gezeigt wird. der „Jasmin“ auf die Kunst der beiden theaterversierten Schauspielerinnen setzt, ist zuweilen nervtötend, aber sie verleiht dem Film auch eine große Wucht. L I T E R AT U R führt die Frau in mittleren Jahren, gebildet, unab- hängig und sowieso emanzipiert, in die leere Mitte ihres modernen Lebens. Verglichen mit den drei Schwestern von heute Schwestern, die durch Sitte und Gesetz angepflockt waren, hat sie im Rausch der Möglichkeiten gelebt.Die Provinz hat von jeher einen schlechten Ruf. Als Aber wozu? „Überflüssige Menschen“ hat Riedle,Lebensort taugt sie für Pensionäre und Kinder, für 53, ihr drittes Buch genannt. Mit rhetorischer VerveGeschöpfe mit schwachen Nerven oder ganz ohne und nicht ohne Selbstironie macht sie einem west-Nerven; für jene, die keine Aussichten mehr oder deutschen Bildungsroman den Prozess, in dem dienoch keine haben. Die Ambition will in die Stadt. Rettung aus nationalsozialistischem Familien-111 Jahre ist es her, dass Tschechows „Drei Schwes- schlamm und selbstzufriedener Genügsamkeit dietern“ sich erstmals nach der Großstadt Moskau ver- Töchter und Söhne zu entwurzelten Einzelnenzehrten, und seither erklingen ihre Seufzer auf den Gabriele macht: allen Parteien misstrauend und bar jener nai- RiedleBühnen der Welt. Die Erzählerin von Gabriele Ried- ven Entschlossenheit, die jede Bindung braucht.les Roman lebt in Berlin, sie hat es geschafft, einem Überflüssige Was wäre, fragt sie außerdem, aus den drei groß- MenschenLandstrich zu entkommen, in dem die Leute noch bürgerlichen Schwestern geworden, hätten sie es„Heimat“ sagen, ganz ohne Ironie. Nun soll sie Die Andere nach Moskau geschafft? Die Revolution zu über- Bibliothek, Berlin;Tschechows Stück neu übersetzen, doch jedes dieser 244 Seiten; leben wäre schon schwierig gewesen. Und späterlang vertrauten Worte schaut plötzlich fremd zurück, 32 Euro. griffen die deutschen Väter an und gaben dem Restund die Lektüre des melancholischen Klassikers den Rest. D E R S P I E G E L 2 4 / 2 0 1 2 131
  • 109. Kultur KOCH KUNST Zart und zähIn Fabriken produzieren sie viel Ramsch, in den Küchen entsteht das beste Essen der Welt: Ein deutscher Autor und ein chinesischer Künstler erzählen in einemBuch von der Tradition der chinesischen Küche – und von ihrer revolutionären Kraft.M orgens war er zu den Hügeln außerhalb der Stadt gefahren, um Tee zu pflücken für die Gäste, dieer am Nachmittag erwartete. Wie immer,wenn er die Stadt hinter sich ließ, fiel ihmauf, dass die Farben verschwinden. Daschinesische Land hier am Tai-See istschwarz und weiß, die Häuser weiß, diegeschwungenen Dächer schwarz. Aberwenn die Wolken tief hängen, wie an die-sem Tag, dann gehen Himmel und Hori-zont ineinander über, grau in grau, so alswollten sie die Kontraste des Schwarz undWeiß in sich aufnehmen und verwischen. Nur die Hügel sind farbig, hellgrün unddunkelgrün und voller Teeblätter. Einenganzen Korb hat der chinesische KünstlerYe Fang gepflückt, dann ist er nach Hausegefahren und hat die Blätter geröstet, sodass sie sich kringeln wie Regenwürmer.Der Tee, kräftig und herb, wird gut passenzu den mit Granatapfelsaft gefärbten Kleb-reiskuchen, die er den Gästen anbieten will. Nach den Klebreiskuchen soll es Mond-kuchen geben aus Blätterteig, gefüllt mitSchweinefleisch. Dazu wird Ye Fang ei-nen anderen Tee ausschenken, einen lieb-lichen, halbfermentierten, einen Oolong. Zweimal im Jahr öffnet Ye Fang seinHaus in Suzhou, einer Großstadt in Chi-nas Osten, für einen Salon. Es kommenGeschäftsleute, Künstler und Freunde vonYe Fang. Ein enger Freund, ein Deutscher,ist fast immer dabei, er heißt Marcus Her-nig, ist Sinologe, 44 Jahre alt, lebt inShanghai, arbeitet für die Uni und fürsGoethe-Institut, und er schreibt Bücherüber China, in denen Ye Fang vorkommt. Immer wieder haben sich die beidenFreunde darüber unterhalten, was sich inChina ändern muss und was sich in denUrteilen des Westens über China ändernsollte. Sie denken jetzt anders über das FOTOS: JONATHAN BROWNING / DER SPIEGELVertraute und das Fremde. Das Wort „shu“ hat im Chinesischenmehrere Bedeutungen, darunter: „ver-traut“ und „gar“. Beim Essen entstehenBeziehungen. Auch Hernigs Freundschaftzu Ye Fang begann so. „Hier im Gartenbeim Tee hat Ye Fang mir vom Essenerzählt“, sagt Hernig. Und davon, wases in der langen Geschichte Chinas be-deutet hat. Kochen in China: Die Zutaten müssen gut sein, der Fond muss stimmen, der Koch seine Flammen132 D E R S P I E G E L 2 4 / 2 0 1 2
  • 110. Nun veröffentlicht Hernig ein Buch rechte. Leute wie Ye Fang, die sich eben- Lebens, er glaubt daran, dass seine Lands- über das Essen in China*. Er ist durch falls ein anderes China wünschen, aber leute durch Schmecken, Riechen, Tasten das ganze Land gereist, das Buch ist eine behutsam vorgehen, werden im Westen wieder ein Gefühl bekommen können für Erzählung dieser Reise geworden, eine kaum wahrgenommen. das, was gut ist an China. Es sei schon Liebeserklärung an dieses schwierige Und doch plant Ye Fang eine Revolu- viel wert, wenn Menschen mit Zeit zu- Land, eine Aufforderung an die Deut- tion. Es sind subtile Umsturzpläne. Als sammensäßen und den Reichtum und die schen, sich mit China zu beschäftigen. Künstler hat er mit Tuschezeichnungen Finesse des chinesischen Essens genössen. Hernig, der die erste Hälfte seines bis- angefangen, schwarz-weiß-grau, sie hän- Wie Ai Weiwei stammt der 50-jährige herigen Lebens in Deutschland verbracht gen heute in Museen. Nun gestaltet er als Ye Fang aus der Gelehrtenkaste, die hat und die zweite in China, weiß, dass Architekt die Gärten der Neureichen. Chinas Führung verhasst war. Auch Ye der Westen mit einem anderen Typus Und er lädt zu Teezeremonien und Fest- Fang hat die Jahre der Kulturrevolution Künstler sympathisiert. Die Sympathien essen ein, und das ist seine Revolution, von 1966 bis 1976 durchlitten, den Hunger, gelten den Dissidenten, dem Künstler Ai eine Revolution der Sinne. die Gewalt. Er hat erlebt, wie sein Land Weiwei und all den Leuten, die ihr Leben, Ye Fang möchte eine Haltung vermit- nach 1978 wohlhabend wurde und dieser ihre Freiheit einsetzen für die Menschen- teln zu den Selbstverständlichkeiten des Reichtum auch dadurch zustande kam, dass die Chinesen viel Westliches kopier- ten. Nun, so meint Ye Fang, sei es an der Zeit, „das Eigene zu erleben“, es als et- was zu schätzen, das einen Sinn hat, ei- nen Wert, Qualität. „Früher, in den Adels- und Bürgerhäu- sern des Westens, galten die Chinoiserien, die Seide und das Porzellan, als Inbegriff des Wertvollen. Heute gelten Chinas Pro- dukte als Kopien und Ramsch.“ Aber die Küche, immerhin die Küche, davon sind Chinesen überzeugt, ist die beste der Welt. Es ist 14.30 Uhr. Ye Fang hat seinen Sa- lon geöffnet. 40 Gäste kommen in seinen Garten, den er nach dem Prinzip des Yin und Yang angelegt hat, der Idee der Ge- gensätze, die miteinander ein Ganzes bil- den. Berg und Wasser sind die Gegensät- ze. Es gibt eine Terrasse aus Holz, einen Teich, an dessen Seiten eine Bühne und ein offenes Teehaus liegen. Und Felsen, weiß und hoch, mit Bäumen bewachsen. Auf kleinen Tischen im Garten liegen die Klebreis- und Mondkuchen auf Bam- busschalen. Nach und nach kommen in Dämpfkörben süße Klöße hinzu. Frauen laufen mit Teekannen zwischen den Gäs- ten hin und her und füllen heißes Wasser in Porzellanschalen, in denen die grünen, gerösteten Teeblätter liegen. Auf der Büh- ne spielt jemand Laute. Ye Fang und Mar- cus Hernig sitzen zusammen, Teeschalen in den Händen. Bühne und Terrasse sind grell ausgeleuchtet, ein Fernsehteam des chinesischen Staatssenders CCTV filmt. Ye Fang wird bekannt in China. D er Mann, der als einer der ersten Poli- tiker Chinas gilt, war ein Koch. Er beriet einen König der Shang-Dynastie, das war vor mehr als 3000 Jahren, und brachte ihm bei, wie ein Land zu regieren sei: mit der richtigen Mischung aus Süße, Schärfe, Salz und Bitterkeit. Dass es auf die Mischung ankommt, das wussten auch die Reisbauern, die Chi- nas Küche erfunden haben. Sie kochten eher vegetarisch, Tiere aufzuziehen war aufwendig. Wenn sich die Bauern Tiere * Marcus Hernig: „Eine Himmelsreise. China in sechs Gängen“. Die Andere Bibliothek, Berlin; 400 Seiten;beherrschen 34 Euro. Erscheint am 22. Juni. D E R S P I E G E L 2 4 / 2 0 1 2 133
  • 111. Kulturleisten konnten, dann entschie- Schweinebauchfleisch in defti-den sie sich meist für Schweine ger Sauce, Frühlingsgemüse mitund Hühner. Rinder brauchen Enten- und Fischklößchen undviel Weideland und Zeit zum eine Suppe, für die sieben Stun-Wachsen. den lang das Fleisch von Huhn, Chinas Menschen sind seit je- Ente und Schwein ausgekochther geprägt durch den Daoismus. wurde.Im Dao, einem der ganzen Welt Alles passt zum Frühling, undzugrundeliegenden, alles durch- Ye Fang erklärt, warum: Derdringenden Prinzip, sind alle Ge- Daoismus sehe vor, dass dergensätze vereint, alles darf sein. Mensch der Natur folgen solle, JONATHAN BROWNING / DER SPIEGELDer Daoismus ist philosophisch auch bei den Mahlzeiten. „Wennund religiös, er schreibt nicht vor, die Flüsse des Yangtze warm ge-was zu tun und was zu lassen ist. worden sind, dann ist die EnteMuslime verzichten auf Schwein, am beweglichsten“, sie trainiereHindus auf Rind, in der chinesi- dann ihre Muskeln, sei gut durch-schen Küche aber gibt es kaum blutet, ihr Fleisch zart.Tabus. „Alles unter dem Himmel Auch die Getränke kommenist zum Essen da“, sagt Ye Fang. gleichzeitig: warme Sojamilch, Europäische Reiseschriftsteller Reiswein, Reisschnaps, grünerstaunten im 18. Jahrhundert über Tee, Pu’er-Tee, alles steht neben-die Erträge der Bauern. Chinas einander. Auch Wein trinkenKüche wurde vielfältig, auch weil Chinesen gern, lieber roten alsdie Händler, die auf der Seiden- weißen, „das Rot der Flagge, dasstraße reisten, von überall her Rot der Lampions, die Farbe istneue Gemüsesorten mitbrachten. bedeutsam für China“, sagt Her- Durch den Seidenhandel wur- nig. Bier aber ist immer noch be-den Chinas Kaiser reich. Sie tra- liebter als Wein und viel billiger.fen sich mit Beamten zu Gela- Im Festsaal mischen sich süßegen, knabberten Pfauenzungen, und herbe Düfte. Der Geruchs-schlürften Hirschpenis-Brühe, sinn des Menschen ist feiner alsnahmen Kamelsehnen zu sich, sein Geschmackssinn. Die Zun-verzichteten auf nichts, selbst ge kann zwischen süß, salzig,dann noch, als ihr Land Ende des sauer und bitter unterscheiden,19. Jahrhunderts durch Kriege er- die 30 Millionen Riechzellen derschüttert wurde. Nase aber erfassen viele Nuan- Chinas letzter Kaiser Puyi cen mehr.wurde 1906 geboren. Als Kind Ein chinesisches Festessen sollbekam er jeden Tag ein Staats- alle Sinne ansprechen, auch denbankett aufgetischt, zweimal täg- Tastsinn. Im Chinesischen gibtlich rund dreißig Gänge. Im Land es einen Begriff, der sich nuraber herrschte Hunger. Revolu- schwer übersetzen lässt: „Mund-tionäre formierten sich und rie- gefühl“. Gemeint ist der Tastsinnfen am 1. Januar 1912 die Repu- der Zunge, mit der der Esser die YE FANGblik China aus, Kaiser Puyi war Textur einer Speise prüfen kann,da fünf Jahre alt. Ab 1949 führte ob sie zart ist oder zäh, sämigMao Zedong die kommunisti- Künstler Ye Fang, Buchillustration: Subtile Umsturzpläne oder körnig.sche Volksrepublik an. Zwischen 1959 und 1961 litten die Men- über die grafischen Elemente, die Ye Fangschen Hunger, niemand weiß, wie viele auf Pergament für Hernigs Buch entwirft,umkamen, es müssen zwischen 15 und es sind Schriftzeichen aus Tusche. F estessen hat Marcus Hernig oft erlebt, immer wieder ist er eingeladen wor- den auf seinen Reisen für sein Buch. Und45 Millionen gewesen sein. „Heute“, so Hernig ist mit seiner chinesischen Frau weil es nicht die eine chinesische Küchesagt Hernig, „schätzen chinesische Intel- angereist, Ye Fang hat die beiden in einem gibt, sondern viele, hat er sich in die Re-lektuelle Maos Regierungszeit als eine Hotel untergebracht, dessen Garten mit gionen des Landes begeben. Die Peking-Phase ein, in der das Land zu unausge- Felsen und einem Teich er gestaltet hat. Küche des Nordens ist von den Mongolenwogen regiert wurde. Zu viel Schärfe.“ In einem Gartenpavillon des Hotels beeinflusst und deftig, die Kanton-Küche Aufzeichnungen über die Rezepte der ist ein runder Tisch gedeckt. Auf einer aus dem Süden eher mild, die Fujian-Kü-Reisbauern gibt es kaum. Das Wissen um Glasscheibe in der Mitte stehen Teller, che aus dem Osten eher süß, die Sichuan-die Kochkunst ging auch in Zeiten des verziert mit Orchideen und Petersilien- Küche aus dem Westen scharf.Hungers nicht verloren. An strenge Rezep- büscheln. Den ganzen Abend lang wird Hernig hat in den Städten gegessen,te hielten sich Chinas Köche ohnehin sich diese Scheibe drehen, die Gerichte wo sich in Shopping-Malls die Restau-kaum. Die Zutaten müssen gut sein, der kommen von einem Gast zum anderen, rants stapeln, er war an den BratständenFond muss stimmen, der Koch seine Mes- eine Menüfolge gibt es nicht, alles und offenen Suppenküchen der Hoch-ser beherrschen und die Flamme. kommt zugleich: geröstete Bohnen, süß- hausviertel, und er hat auf den Märkten saurer Eichhörnchenfisch in Stechapfel- Krebse gekauft, Zuckerrohr und sogarM arcus Hernig bleibt nach dem Be- sauce, hauchdünn geschnittene Pilze mit Äpfel. such in Ye Fangs Salon noch ein Blütenstängeln, süße Entenfleischpaste- Und er ist aufs Land gereist. Die Wirtepaar Tage in Suzhou, wo Ye Fang wohnt. ten in kleinen Rauten, Fischleber in kla- dort haben Gemüsegärten, eigene Hüh-Sie treffen sich zum Essen und beraten rem Fond, Hasenfiguren aus Klebreis, ner. Statt einer Speisekarte zeigen sie ih-134 D E R S P I E G E L 2 4 / 2 0 1 2
  • 112. ren Gästen gerupftes und kopfloses Ge-flügel, gestockte Entenblutwürfel, Was-serpflanzenwurzeln, lebendige Fische inWasserbottichen und schlafende Fröschein Plastiknetzen. Die Gäste deuten aufdas, was sie essen wollen, und beraten Wer hat Angst vor Ai Weiwei?mit den Köchen die Zubereitung. Die Dokumentation „Ai Weiwei: Never Sorry“ Hernig hat an den vielen Tischen, an zeigt, wie Chinas Starkünstler das Regime herausfordert.denen er Platz nahm, mit seinen Stäb- Achen aus denselben Töpfen gegessen, aus uf das Haus von Ai Weiwei in Drei Jahre begleitete die US-Regis-denen auch die anderen aßen, er hat sei- Peking sind 15 Überwachungs- seurin Alison Klayman den Künstlerne Fragen gestellt und viel erfahren, auch kameras gerichtet, die Augen immer wieder mit der Kamera, sievon der Angst der Chinesen vor Hormo- der Macht, montiert an Laternenpfäh- filmte ihn mit seinem kleinen Sohn,nen und Pestiziden im Essen. Und dass len. Jeder Besucher wird gefilmt und bei der Arbeit in Peking, in London,die Chinesen wütend sind, dass ausge- natürlich auch Ai selbst, wenn er das in New York und im Krankenhaus inrechnet sie, die so viel Wissen darüber Haus verlässt. Gegenüber steht ein München, wo Ai 2009 wegen einerangesammelt haben, wie sie mit Krebs- Polizeiauto. lebensbedrohlichen Hirnblutung ope-panzer, Lotoswurzelsaft und Kräutern Nicht genug Kontrolle, fand Ai, au- riert werden musste, die Spätfolge vonKrankheiten heilen können, nun fürchten ßerdem seien es die falschen Kontrol- Schlägen durch chinesische Polizisten.müssen, durch Essen krank zu werden. leure. Anfang April installierte er im Der gründlichste Chronist von Ais Im Essen, so hat er herausgefunden, Haus vier Web-Kameras, die sein Le- Leben, das belegt Klaymans Film, istzeigt sich der Kern der chinesischen Kul- ben für alle Welt ins Netz übertrugen, jedoch Ai selbst. Ständig fotografierttur: die Energielehre des Daoismus, die weiweicam.com, 5,2 Millionen Klicks er mit seinem Handy, oft so, dass erLehre des Yin und Yang. in 46 Stunden. Dann befahlen die Be- selbst im Bild ist, dauernd verschickt Nun sitzt Hernig auf einer Restaurant- hörden, die Seite abzuschalten. er via Twitter Botschaften, er ist fastterrasse in Shanghai, er blickt auf die glit- Ai gehorchte, seine Botschaft zum ununterbrochen auf Sendung. Klay-zernde Skyline von Pudong, dem Finanz- Jahrestag seiner Festnahme war ohne- man blendet im Film die Twitter-Nach-viertel der Stadt. Er hat sich einen Burger hin angekommen. Am 3. April 2011 richten ein und zeigt die Situationen,mit Pommes bestellt, weil es chinesisches hatte ihn die Polizei verhaftet. 81 Tage in denen sie entstanden sind. „Opera-Essen hier nicht gibt. war Ai eingesperrt, er wurde immer tion beendet“, twittert Ai zu einem Ist es richtig, übers Essen zu reden, Selbstporträt vom Kran-wenn es eigentlich um Rechtsstaatlich- kenbett in München, diekeit, Menschenrechte, die Freiheit der OP-Narbe am Kopf istMeinung gehen sollte? Und ist das, was deutlich zu erkennen, „bö-sein Freund Ye Fang da tut, diese Revo- se Geister entfernt“.lution der Sinne, nicht zu still? Sind die Monate später erstattetHelden nicht zu höflich? Wäre es nicht Ai auf einer Polizeiwachebesser, laut zu sein, wie die Dissidenten in Chengdu Anzeige we-es sind, wie Ai Weiwei es ist? gen der Prügelattacke, As- Marcus Hernig kennt solche Fragen. sistenten mit Kameras be-Ein Deutscher, der China liebt, muss sich gleiten ihn. Der Blick desrechtfertigen. Der Westen, so sagt er, sei Polizisten, der das Formu-idealistisch geprägt, durch das Christen- lar ausfüllen muss, verrättum und die Aufklärung. Im Idealismus eine Supermacht in Panik.gebe es die eine richtige Haltung, das kla- Am 22. Juni endet das DCMre Ziel, das in einem Willensakt und mit Reiseverbot, das Ai nachKraft durchgesetzt wird. Der Daoismus Provokateur Ai in New York: „Böse Geister entfernt“ seiner Haftentlassung auf-aber lehre, nichts zu erzwingen, den Din- erlegt worden war. Er darfgen ihren Lauf zu lassen und zu hoffen, wieder verhört, „zwei Drittel Schika- dann, wenn es sich das Regime nichtdass sie sich von selbst ordnen. Ziele kön- ne, ein Drittel Gehirnwäsche“, so be- wieder anders überlegt, Peking ver-nen erreicht werden, indem der Handeln- schrieb er später die Methode. Seit- lassen, vielleicht bekommt er sogarde die natürlichen Vorgänge nutzt. Essen dem ist Ai wieder zu Hause, aber er seinen Reisepass zurück. Die Univer-ist ein natürlicher Vorgang. darf Peking nicht verlassen. Es läuft sität der Künste in Berlin hat Ai als Und gutes Essen, sagt Hernig, sei nun ein Verfahren gegen ihn wegen angeb- Gastprofessor eingeladen, in Washing-mal süß und bitter, scharf und mild. „Ge- licher Steuerhinterziehung. ton beginnt im Oktober eine großegensätze gehören zusammen.“ Diese Woche kommt ein Dokumen- Ausstellung. Die Welt wartet auf Ai Auch Ai Weiwei liebt die Küche Chi- tarfilm über den Künstler in die Kinos, Weiwei, nach dieser Dokumentationnas. Als er noch nach Deutschland fahren ein Porträt, das die Eskalation bis zur erst recht.durfte, nahm er immer seine Köche mit. Festnahme nachzeichnet. „Ai Weiwei: MARTIN WOLF Wenn also der Leise und der Laute das- Never Sorry“ zeigt seine Entwicklungselbe Ziel haben, wird alles besser? So zum berühmtesten Regimekritikereinfach ist das? Chinas. Zugleich ist „Never Sorry“ Video: Hernig lacht und erinnert daran, dass ein Film über Chinas kafkaesken Der Kinofilm „Neverdas Kochen in China ein ewiger Prozess Polizeistaat, über die Männer mit den Sorry“ist. Es gibt kein unabänderliches Rezept, Überwachungskameras und die Irrita- Für Smartphone-Benutzer:keine Gewissheit. Ob alles wirklich ge- tion, die entsteht, wenn sie plötzlich Bildcode scannen, etwa mitlingt, weiß während des Kochens nie- selbst gefilmt werden. der App „Scanlife“.mand. SUSANNE BEYER D E R S P I E G E L 2 4 / 2 0 1 2 135
  • 113. Kultur ESPEN EICHHÖFER/OSTKREUZ/DER SPIEGELClubbetreiber Klenzendorf (l.): Komplizierter Poker um die Zukunft anderen Seite der Bahntrasse, „kommen mit Architekten, um die Pläne zu präzi- BERLIN die Wohnungen für die Studenten hin und sieren, mit Bankern, um die Finanzierung das Gründerzentrum.“ festzuzurren. Showdown an „Holzmarkt“ soll das Projekt heißen, bis ins 19. Jahrhundert wurde hier am Wasser einmal Holz gehandelt und gela- Zusammen mit dem Hotelier Michael Zehden soll das Hotel gebaut, die Stu- dentenwohnungen sollen gemeinsam mit der Spree gert. Es könnte eines der spektakulären innerstädtischen Bauprojekte Berlins werden, eine grüne Insel zwischen Schie- dem Studentendorf Schlachtensee errich- tet werden. Das Investitionsvolumen des ganzen Projekts dürfte bei ungefähr 50Die Bar 25 war einer der berühm- nen, Straße und Fluss. Eine neue Mitte Millionen Euro liegen. testen Underground-Clubs. Nun für eine Gegend, die kein Zentrum hat. Tatsächlich soll der Holzmarkt beideswollen die Macher dort ein neues Christoph Klenzendorf ist eine bekann- sein: seriös finanziertes Investmentpro- te Figur in Berlin. Er ist einer der Be- jekt, das Gewinne erwirtschaften wird. Stadtquartier entwickeln – treiber des KaterHolzig, einer Mischung Und Spielplatz, der durch wandelbare für rund 50 Millionen Euro. aus Edelrestaurant, Techno-Club und Architektur den Geist der Improvisation handgezimmertem Abenteuerspielplatz, und des Provisorischen bewahren soll.N och ist nichts da außer ein paar wenige hundert Meter entfernt, am an- Besitzerin des Geländes ist die Berli- Bäumen und viel Sand. Der Auto- deren Spreeufer. ner Stadtreinigung (BSR), ein städtisches verkehr rauscht über die große Wahrscheinlich würde ihm kaum je- Unternehmen. Aber sie will es loswerden.Ausfallstraße hinter dem Bretterzaun, die mand die großen Pläne abnehmen, hätte Deshalb hat sie es dem Liegenschafts-S-Bahn quietscht alle paar Minuten vor- er nicht vor acht Jahren schon einmal fonds übergeben, der seit mehr als zehnüber, und die Spree schiebt langsam ihr hier gestanden und sich etwas vorgestellt, Jahren den Verkauf städtischer Grund-Wasser vorbei. Es gehört einiges dazu, was auf diesem Abbruchgrundstück ent- stücke organisiert und abwickelt. Endesich auf diesem ziemlich heruntergekom- stehen könnte: Dabei kam die legendäre Mai lief die Frist ab, zu der Gebote ab-menen Grundstück an der Berliner Holz- Bar 25 heraus, einer der Läden, die den gegeben werden konnten, mehrere sindmarktstraße in der Nähe des Ostbahn- Weltruhm des Berliner Nachtlebens mit- eingegangen, im Augenblick werden siehofs, an einer Ecke, wo die Berliner Be- begründeten. Im September 2010 musste geprüft. Wer die anderen Bieter sind, istzirke Friedrichshain-Kreuzberg und Mitte sie schließen. unbekannt. Erwartet wird ein Verkaufs-zusammenstoßen, ein neues Stadtquar- Damals begann es mit einem einfachen preis von mindestens 10 Millionen Euro.tier vorzustellen. Mietvertrag, einem Campingbus zum BSR und Liegenschaftsfonds sind prin- „Da vorn soll das Restaurant hinkom- Bierverkauf und einer wochenlangen Par- zipiell verpflichtet, an den Höchstbie-men, unterirdisch, auf Höhe des Wassers, ty. Jetzt ist alles ein bisschen komplizier- tenden zu verkaufen, der Bezirk möchtedaneben das Hotel“, sagt Christoph Klen- ter. Bis vor kurzem lebte Klenzendorf allerdings den Bebauungsplan ändern,zendorf, 38, und zeigt nach links, „hier, noch das Leben des Clubbetreibers, des- das könnte den Wert drücken. Der Sena-wo wir stehen, werden die Gärten entste- sen Wochenende oft erst am Dienstag- tor für Stadtentwicklung muss aber zu-hen, wir nennen das den Mörchenpark, morgen vorbei war. stimmen.außerdem Läden, Werkstätten, Ateliers Nun trifft er sich mit Berliner Senato- Es ist ein komplizierter Poker um dasund Wohnräume. Und da hinten das Haus ren, um die Möglichkeiten für den Holz- Grundstück am Spreeufer. Denn es gehtfür die darstellenden Künste.“ Noch ste- markt auszuloten, mit Investoren, um um mehr als nur diese 18 672 Quadrat-hen dort die Wagen einer Wagenburg und Geld für die Genossenschaft zusammen- meter in guter Lage, das entspricht etwaviel Holzmüll. „Drüben“, das ist auf der zubekommen, die das Projekt tragen soll, drei Fußballfeldern. Es geht um die Zu-136 D E R S P I E G E L 2 4 / 2 0 1 2
  • 114. Kulturkunft der Stadt oder zumindest um einSymbol dafür. Berlin hat seine Liegenschaften in den T H E AT E Rvergangenen zehn Jahren fast immer anden Meistbietenden verkauft. Aber wie inanderen Städten auch hat ein Umdenkeneingesetzt. Müssen bei der Vergabe vonGrundstücken nicht auch kulturelle und Der Fluglotse geht von Bordsoziale Kriterien berücksichtigt werden, Matthias Lilienthal hat als Chef des Berliner HAU neun Jahre langdie sich vielleicht erst langfristig auszah- eine Bühnenparty aus Performance und Pop, Tanz undlen? Brauchen wir wirklich noch mehrGlastürme? Polit-Show gefeiert – und damit die Theaterwelt gründlich verändert. Gerade in Berlin stellen sich diese Fra-gen mit Dringlichkeit. Die Stadt ist arm, dach, das ist in der 20. Stun-die bisherigen Grundstücksverkäufe ha- de eines Rund-um-die-Uhr-ben zwar über zwei Milliarden Euro ein- Theaters ein verwegenergebracht; aber viele befürchten, dass es Anblick. Dann krächztmit der einzigen großen Erfolgsgeschichte eine Lautsprecherstimme:der vergangenen Jahre, der boomenden „Die Busse warten vor demKultur, ohne die nötigen Freiräume bald Haus. Bitte seien Sie vor-wieder vorbei sein könnte. sichtig, wenn Sie die Trep- Um das zu verhindern, entstehen gera- pe hinuntersteigen.“de erstaunliche Allianzen. Die „Koalition „Unendlicher Spaß“ heißtder Freien Szene“, ein Zusammenschluss der legendäre Riesenromanverschiedener Künstlergruppen, hat sich des amerikanischen Schrift-etwa mit der Berliner Industrie- und Han- stellers David Foster Wal-delskammer verabredet, ein gemeinsa- lace, der hier in einer End-mes Papier zu erarbeiten: Berlin, eine los-Performance für 150Millionenstadt ohne Dax-Konzern und Busreisende als Schnitzel-mit vielen Schulden, müsse das einzige jagd durch Berlin drama-Kapital, das sie hat, fördern, die Kreati- tisiert wird. Zwölf Regis-vität ihrer Bewohner. Dazu gehöre auch seurinnen und Regisseureeine Liegenschaftspolitik, die soziale und zeigen an neun halbwegskulturelle Aspekte berücksichtige. verrückten Spielorten, was Diese neue Macht der Kultur hat auch ihnen zu dem Buch ein-mit dem Tourismus zu tun. Im März 2012 fällt – und die Zuschauergab es 1,9 Millionen Übernachtungen, et- düsen mit. Man sieht aufwa 17 Prozent mehr als im Vorjahr. Die diesem Trip eine Handvollmeisten Gäste werden von der Kultur an- Junkie-Darsteller in einergezogen – auch von der Subkultur. Neuköllner Krankenhaus- Jeder, mit dem man in Politik, Verwal- halle herumwüten wie intung, Kultur, Senat oder Bezirk spricht, der Irrenstation in „Einer MARKUS WAECHTER/CARO FOTOsympathisiert mit den Holzmarkt-Plänen. flog über das Kuckucks-Jeder hätte gern dieses Kulturdorf an der nest“. Man betrachtet jungeSpree, das eine tote Ecke der Hauptstadt Tennisspielerinnen im Gru-beleben würde. Mehrere Senatoren waren newalder Nobelclub „Rot-schon zu nächtlichen Treffen im KaterHol- Weiß“ bei einem Pantomi-zig. Alle wollen, wissen aber nicht so ge- me-Match ohne Schlägernau, ob und wie sie auch können dürfen. Intendant Lilienthal: „Hysterische Sehnsucht nach Realität“ und Ball. Und man klettert Der Wandel in Vierteln wie Kreuzberg auf dem 115 Meter hohen Dund Neukölln ist ähnlich grundlegend, wie as Finanzamt Berlin-Reinicken- Teufelsberg herum, wo man einen primaes die Umwälzungen im Ostteil der Stadt dorf ist ein majestätisches Beton- Panoramablick über Berlin hat und wo dienach dem Mauerfall waren. Die Zuwan- Raumschiff, auf dessen Flachdach Trümmer einer US-Radarstation verrotten.derer aus der Türkei werden gerade durch ein schneidend kalter Wind weht an die- Die Show, inszeniert von Regisseurenneue Migranten verdrängt: Italiener, Spa- sem Sonntagmorgen. Es ist Viertel vor unter anderem aus New York, Buenos Ai-nier, Franzosen und Griechen. Leute, die sechs, als 150 Theaterzuschauer hoch oben res, Warschau und Köln, ist einerseitsjede Stadt gern hätte: jung, gut ausgebil- über der menschenleeren Vorstadt in Gei- schierer Quatsch und andererseits eindet, kreativ, neugierig. Europas Zukunft. selhaft genommen werden von einem ver- hochintelligentes Vergnügen. Das machtIn manchen Gegenden stellen sie schon mummten Spaßrevolutionär. „Unendlicher Spaß“ zu einem sehr typi-ein Drittel der Wohnbevölkerung. Nie- „Fuck the system!“, schreit der Kerl, schen Produkt des Berliner HAU. Und zumand hat mit ihnen gerechnet. der ein gelbes Tuch mit Smiley-Grinsen einer idealen Abschiedsvorstellung seines Wahrscheinlich suchen sie nach Frei- und Augenlöchern vor dem Gesicht trägt. Chefs Matthias Lilienthal. Der nämlichräumen, die ihnen in ihren krisengeplag- Er befiehlt den Zuschauern, ebensolche hat am Anfang der 23-Stunden-Tour ge-ten Heimatländern fehlen. Ob Berlin sich Tücher anzulegen, und er bugsiert sie in sagt: „Stellt euch das Chaotischste vor,auf diese neuen Bewohner einstellen Rollstühle, die auf dem Flachdach des Fi- das ihr euch vorstellen könnt. Es wirdkann, wird sich zeigen. Der Umgang mit nanzamts bereitstehen. Die „Armee der ganz sicher noch schlimmer kommen.“dem Gelände an der Holzmarktstraße ist Rollstuhlattentäter“ trete hier an, brüllt Das Kürzel HAU steht für „Hebbel amvielleicht ein Indikator. der Revolutionär. Dutzende von Smiley- Ufer“ und ein Kombinat aus drei Bühnen: TOBIAS RAPP Fressen in Rollstühlen auf einem Beton- das Hebbel-Theater (HAU 1), das Theater138 D E R S P I E G E L 2 4 / 2 0 1 2
  • 115. am Halleschen Ufer, in dem einst Peter den Produktionen zum Berliner Theater- standsnest ostdeutscher Identität stilisiert,Stein mit der Schaubühne zu Hause war treffen eingeladen. Ab und zu gab es Wi- so lange, bis sich die „Kunstkacke“ auch(HAU 2), und das Theater am Ufer (HAU derspruch: Es sei kein Theater, sondern in der Volksbühne breitgemacht hatte.3). 2003 wurden die Häuser zum HAU ver- ein Institut für „Inkompetenzbewirtschaf- Von da an setzte Lilienthal hemmungs-eint, seither ist Lilienthal dessen Chef. tung“, das Lilienthal da betreibe, erregte los auf Globalisierung. Die wenigsten der Lilienthal, 52, ein kugeliger Mann mit sich ein Kritiker der „Frankfurter Allge- Leute, die im HAU zusammenfanden,wuscheligem Haarkranz ums kahle meinen“ einmal, lauter Idioten spielten stammen aus Berlin, Englisch ist hier alsHaupt, ist zwar nur Herr über ein kleines sich hier als große Durchblicker auf. Bühnensprache so geläufig wie Deutsch.Großstadttheater, das 24 feste Mitarbeiter Tatsächlich verstand Lilienthal sein Die Aufführungen heißen jetzt „theatralehat und einen Grundetat von knapp fünf Haus als großen Marktplatz. Moderne Installation“ oder „Lecture performance“,Millionen Euro im Jahr. Trotzdem hat Stadtgesellschaften seien fragmentiert, „Reenactment“ oder „Untersuchung“.sein Haus die deutschsprachige Theater- sagt er, „ich habe versucht, viele Ghettos Der Chef spricht von der „performati-welt in den vergangenen ven Auflösung von Form undneun Jahren mehr verändert Inhalt“.als jede Großbühne. Erstaunlicherweise ist Li- Lilienthal hat das Tor zur lienthal aber auch eine sehrWelt aufgestoßen für viele berlinerische Existenz. Er istdeutsche Stadttheater – in- in Neukölln aufgewachsen,dem er ihnen vorgeführt hat, hat in Berlin studiert und nurwie man die Arbeit freier kurz in Wien und in Basel ge-Gruppen in einem etablierten arbeitet. Er kleidet sich bisTheatersystem nutzen kann; heute in einem Schlabberlook,wie man türkisch- oder ara- der im eingesperrten West-bischstämmige Zuschauer Berlin der achtziger Jahreaus der großstädtischen Nach- schon nicht mehr hip war, undbarschaft in ein öffentlich ge- nennt sich einen „Edelpen-fördertes Tanz- und Theater- ner“. Er duzt praktisch allehaus lockt, indem man sich Menschen, wie man es nur inmit ihrem Alltag beschäftigt; Berlin tut, und so duzt er ebenund wie man reisende Künst- auch Berlins Regierenden Bür-ler aus aller Welt für Gastauf- germeister Klaus Wowereit.tritte und Einzelprojekte ge- Lilienthals größtes Kunst-winnt, die nicht bloß nett und stück hat viel mit seiner sozia-unverbindlich sind, sondern len Kompetenz zu tun: diesich einfügen in ein gesell- Geldbeschaffung. Anders alsschaftskritisches Konzept. fast alle Theater in Deutsch- Rund tausend Produktio- land hangelte sich das HAU DOROTHEA TUCH (L.); DOMINIQUE ECKEN/DAVIDS (O.)nen hat das HAU in den ver- immer von Projekt zu Projekt.gangenen neun Jahren ge- Neben dem Senat waren diezeigt, ungefähr 120 pro Spiel- wichtigsten Förderer des Hau-zeit. Viele Gastspiele waren ses die Bundeskulturstiftungdarunter, die gleichfalls in und der Hauptstadtkultur-Brüssel, Wien und Zürich zu fonds. Lilienthal hat deren För-sehen waren, auch Eigenpro- dersystem perfekt ausgereizt.duktionen entstanden fast im- Seine Nachfolgerin in Ber-mer in Kooperation mit diver- lin wird die Belgierin Anne-sen anderen Häusern. Den mie Vanackere. Er selbst willRegisseur Neco Çelik ließ Li- für zehn Monate nach Beirutlienthal das Stück „Schwarze Szenen aus „Unendlicher Spaß“: Schnitzeljagd durch Berlin ziehen und an der dortigenJungfrauen“ inszenieren, in Kunsthochschule eine Gra-dem junge islamische Frauen, die in aus dieser Stadt hier zusammenzubrin- duiertenklasse unterrichten. LilienthalDeutschland leben, erzählen, was in ihren gen“. Sein größtes Glück sei gewesen, dass sagt von sich, er sei außerhalb von BerlinKöpfen vorgeht. Die Dokumentartheater- Berlin für junge Menschen in den letzten „schwer vermittelbar“. In Hamburg undleute von Rimini Protokoll inszenierten Jahren als tollster Platz der Welt gegolten Stuttgart hat er Intendantenposten knapphier indische Callcenter-Mitarbeiter und habe, sagt Lilienthal, „ich bin ein Profiteur verpasst, in Mannheim immerhin habenarabische Muezzins als Thea