Der spiegel 2012 22

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Der Spiegel No 22 / 2012

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  • 1. Hausmitteilung26. Mai 2012 Betr.: Titel, WWF, GuruW er anderen Menschen Fragen über Tod und Sterben stellt, kommt nicht umhin, für sich selbst nach Antworten zu suchen. So begannen TitelautorinRafaela von Bredow, 45, und ihre Kolleginnen und Kollegen über das eigene Daseinnachzudenken, als sie mit Sterbenden und Hinterbliebenen, Ärzten und Pflegernüber Wege zu einem würdevollen Ende sprachen. Laura Höflinger, 24, überlegte,was sie im Leben noch erleben möchte, und schrieb eine Liste der großen undkleinen Dinge. Die Reise nach Indien ist in Vorbereitung, ein weiterer Punkt bereitsabgehakt: mehr Erdbeeren essen. Anna Kistner, 30, erwog erstmals ernsthaft, dochirgendwann Kinder zu bekommen. Und Manfred Dworschak, 52, war so angetanvon der Atmosphäre eines sächsischen Hospizes, dass er sagt: „Hier will ich auchmal sterben.“ Der Inlandsauflage liegt eine DVD von SPIEGEL TV zum Thema„Nahtod – Einblicke ins Jenseits“ bei (Seite 110).D ie Empörung war groß, als sich der Ehrenpräsident desWorld Wide Fund for Nature(WWF), der spanische König JuanCarlos, 74, auf der Jagd nach Ele-fanten verletzte. Die SPIEGEL-Re-dakteure Jens Glüsing, 51, und NilsKlawitter, 45, hingegen überraschtedie Bigotterie nicht. „Die mäch- DER SPIEGELtigste Naturschutzorganisation derWelt ist als elitärer Club von In-dustriellen und Großwildjägern Klawitter, Sunarto auf Sumatragegründet worden“, sagt Klawitter,„das wirkt nach.“ Um die Arbeit des WWF zu bilanzieren, reisten die Redakteuredurch Südamerika und Indonesien. Glüsing entdeckte auf einer brasilianischenSojafarm einen Tank mit dem Herbizid Glyphosat – obwohl das Soja dort angeblichden WWF-Standards entspricht. Klawitter sprach auf Sumatra mit dem TigerforscherSunarto und mit Einheimischen, die auf einer Palmöl-Plantage eines WWF-Partnersgelebt hatten: Sie wurden vertrieben, ihre Hütten zerstört (Seite 62). Z ehntausende rotgewandete Sinnsucher aus Deutschland folgten in den Sieb- zigern und Achtzigern Bhagwan Shree Rajneesh, der erst als Sex- und dann als Rolls- Royce-Guru beleumundet war. 22 Jahre nach dessen Tod ist die Bewegung „in aller Welt bemerkenswert lebendig“, beobachtete SPIE- GEL-Redakteur Carsten Holm, 57. Der Jour- DER SPIEGEL nalist begab sich auf Spurensuche in alle Welt, in die USA und nach Goa, ins indische PuneKeerti, Holm bei Neu Delhi ebenso wie ins thüringische Wurzbach. In In- dien traf er Swami Chaitanya Keerti, 63, einsteiner der engsten Vertrauten Bhagwans. Keerti berichtete vom Streit um das Erbedes Mystikers, der sich später Osho nannte. „Die Führungsclique in Pune will nurnoch Monopoly spielen und Geld machen“, sagt der Veteran, der wegen seinerKritik nicht zum Grabmal Oshos vorgelassen wird. Die Chefs des Meditationszen-trums in Pune mochten sich dazu nicht äußern – und ebensowenig erklären, warumSpendengelder in beträchtlicher Höhe verschwunden sind (Seite 40).Im Internet: www.spiegel.de D E R S P I E G E L 2 2 / 2 0 1 2 3
  • 2. In diesem HeftTitelEnde ohne Schrecken – Wege zueinem angstfreien Sterben ............................... 110DeutschlandPanorama: Merkel und Seehofer für Flexi-Quote /SPD-Unmut über Kandidaten-Troika /NRW-Innenminister fordert härteres Vorgehengegen Fußballrandalierer ................................... 15Außenpolitik: Die neue Eiszeit in dendeutsch-russischen Beziehungen ....................... 20SPD: SPIEGEL-Gespräch mit FraktionschefFrank-Walter Steinmeier über die Lehren ausdem Wahlsieg der Sozialisten in Frankreich ........ 24Linke: Oskar Lafontaine hinterlässteine Partei vor der Selbstauflösung ................... 28Bundestagswahl: Streitfall Überhangmandate –kippen die Karlsruher Verfassungsrichterdas aktuelle Wahlgesetz? .................................. 32CDU: Kritik an Merkels Kursder Modernisierung ........................................... 34Wie der gefeuerte Umweltminister NorbertRöttgen seinen tiefen Fall erlebt ....................... 35Landesbanken: Ostkommunen wurden Lafontaines Waterloo Seite 28 HANNIBAL HANSCHKE / DPAvon den öffentlichen Kreditinstituten Getrieben von seiner Partnerin Sahra Wagenknecht, griff Oskarausgenommen ................................................... 36Parteien: Die merkwürdige Doppelrolle von Lafontaine in seiner Partei noch einmal nach der Macht – und verlor.Piraten-Chef Bernd Schlömer ........................... 38 Er stürzt die Linke in die tiefste Krise ihrer Geschichte.Esoterik: Gut 22 Jahre nach seinem Tod lebendie Ideen des Gurus Bhagwan in deutschenKommunen und Meditationszentren fort .......... 40Missbrauch: Ein noch unveröffentlichterLandtagsbericht kritisiert die zögerlicheAufklärung an der Odenwaldschule .................. 46Hartz IV: In einem Berliner Wohnprojekt werdenalleinerziehende Mütter zu Bildungsabschlüssenund Erwerbstätigkeit angehalten ....................... 47 Neue Eiszeit Seite 20 Die Stimmung wird frostig sein, wenn Wladimir Putin an diesem FreitagGesellschaft nach Berlin kommt. Angela Merkel traut dem russischen Präsidenten keineSzene: Die Tricks chinesischer Panda-Züchter / Reformen zu. Die Kanzlerin will seine Gegner unterstützen.Der Münchner Sportpsychologe JürgenBeckmann über das Trauma der Bayern ........... 52Eine Meldung und ihre Geschichte – übereinen Richter, der zur Selbstjustiz greift ........... 53 Der TraumfabrikantKunstmarkt: Der InternetgaleristHans Neuendorf und der Boom aufdem Bildermarkt ............................................... 54 Seite 130Ortstermin: Beim 30. deutschen Männertreffen Ein größenwahnsinniger Traum: mitten in der Wüste acht Fußballstadien zuist es sexy, schwach zu sein ............................... 59 bauen und drum herum eine Stadt. Albert Speer hat daraus das WM-Projekt von Katar entwickelt – ein Beispiel für arabische Herrscherarchitektur.WirtschaftTrends: Wie der Facebook-Börsengang zumFiasko werden konnte / Praktiker-Belegschaftfürchtet neuen Investor / Kindertag soll Profit im NamenSpielwarenumsätze steigern .............................. 60Naturschutz: Die dürftige Bilanzdes Rettungsriesen WWF .................................. 62Gesundheit: Wurde im KlinikumHildesheim etlichen Patienten ohne Notdie Schilddrüse zerstört? ................................... 68 des PandasGeldinstitute: Fondsmanager und Seite 62Aktionärsvertreter Hans-Christoph Hirt rechnetmit der Führung der Deutschen Bank ab .......... 70 Der WWF ist die mächtigsteBücher: Thilo Sarrazin enttäuscht Naturschutzorganisation derseine krawallverwöhnte Zielgruppe .................. 72 Welt. Über 500 Millionen Euro nimmt die Organisa-Medien tion pro Jahr ein. FirmenTrends: Interview mit Heidi Klums zahlen siebenstellige Euro-unterschätztem Laufstegtrainer Beträge, um mit dem Panda-Jorge Gonzalez / Die absurde Beanstandung GETTY IMAGESvon „X-Factor: Das Unfassbare“ ....................... 75 Wappen für ihre Umwelt-Rundfunk: Monika Piel ist die mächtigste Frau verantwortung zu werben.der ARD – unangefochten, aber umstritten ...... 76 Doch die Bilanz der Natur-Musikfernsehen: Was man aus dem Eurovision WWF-Aktion in Genf schützer ist durchwachsen.Song Contest in Aserbaidschan lernen kann ..... 786 D E R S P I E G E L 2 2 / 2 0 1 2
  • 3. Merkel, Hollande Ausland Panorama: Hohe Wachstumsraten in Afrika / David Cameron, der relaxte Premierminister ... 80 Währungspolitik: Wie Deutschland sich den Weg aus der Krise vorstellt ......................... 82 Griechenland: Interview mit Alexis Tsipras, Chef des Linksbündnisses Syriza, über seinen Wunsch, in der Euro-Zone zu bleiben ............... 86 USA: Obama spaltet das schwarze Amerika ...... 88 China: Der Gelbe Fluss – Kraftquelle der Supermacht ................................................. 92 Global Village: Warum eine neue Bewegung in den Niederlanden Toaster repariert .............. 98 Sport Szene: Kletterer-Ansturm auf den Mount Everest / Ein 17-jähriger Mormone gilt als größtes Talent des US-Basketballs ........ 101 Euro 2012: Drei Stars von Borussia Dortmund sind die Hoffnungsträger des EM-Gastgebers Polen ...................................... 102 Der italienische Nationalspieler Riccardo Merkels Konzept für Europa Seiten 82, 86 Montolivo über die Favoritenrolle des deutschen Teams und seine Kindheitserinnerungen an Schleswig-Holstein ........................................... 106 Mit einem Sechs-Punkte-Plan und Strukturreformen will die Kanzlerin die Krise bekämpfen. Der griechische Linkspopulist Tsipras Wissenschaft · Technik BPA / REUTERS wünscht sich im Interview das Unmögliche: den Euro zu behalten. Prisma: Auerhahn vor dem Aussterben / Hightech-Segel für Frachtschiffe ...................... 108 Fotografie: Minikameras mit Insektenaugen revolutionieren Handys und Computer ........... 122 Medizin: Die schwierige Betreuung diabeteskranker Kinder ................................... 124 Astronomie: Jahrhundertereignis für Sternengucker – die Venus schiebt sich vorErst knipsen, dann scharf stellen Seite 122 die Sonne ......................................................... 126 KulturNeuartige Lichtfeldkameras haben Linsen wie Insektenaugen. Der Clou: Szene: Der ägyptische Filmemacher YousryDie Bilder werden erst nachträglich scharf gestellt. Die Technik könnte den Nasrallah über die Umbrüche in seiner Heimat /Bau schlankerer Handys ermöglichen, die sich mit Gesten steuern lassen. Manuela Reicharts Prosadebut ........................ 128 Baukunst: Albert Speer und das größenwahnsinnige WM-Projekt von Katar ...... 130 Geschichte: Ein US-Bestseller klärt über die Gründe für Wohlstand und ArmutDrei Dortmunder für Polen Seite 102 der Nationen auf .............................................. 134 Exil: SPIEGEL-Gespräch mit dem iranischen Musiker Shahin Najafi überSie sind Deutscher Meister und Pokalsieger, nun sollen drei sein Leben mit der Fatwa undLegionäre EM-Gastgeber Polen zu Ruhm und Siegen führen. Torjäger seinen Kampf für die Freiheit der Kunst .......... 136Robert Lewandowski trägt die Hauptlast. Bestseller ........................................................ 139 Essay: Warum man Dateien nicht lieben kann, Schallplatten aber sehr wohl .................. 140 Kunstkritik: Eine junge Generation arbeitet sich am Maler-Übervater Gerhard Richter ab ......... 142Die Aura des Briefe .................................................................. 8 Impressum, Leserservice ................................. 144Plattentellers Register ........................................................... 146 Personalien ...................................................... 148 Hohlspiegel / Rückspiegel ................................ 150 Seite 140 Titelbild: Foto Action PressAls im Wohnzimmer nocheine Musiktruhe stand, dieSchlagerhits und Karajans Die Mega-SchauBeethoven von teuren LPs Was bisher geschah:kamen, hatten die Men- Skandale und Rekordeschen ein Gefühl für den der Documentas 1 bisWert von Musik. Heute, 13. Außerdem im Kultur- GETTY IMAGESin Zeiten von Download SPIEGEL: die Tanz-und iPhone, hat der Kultur- oper „C(h)œurs“; kannkonsum die Aura des Kost- Bikini-Werbung män-baren verloren. Musikhörerin nerfeindlich sein? D E R S P I E G E L 2 2 / 2 0 1 2 7
  • 4. Briefe binett ein Machtwort spricht und Wirt- schaftsminister Rösler auf eine klima- „Paradoxie pur: Die Personen, freundliche Energiewende verpflichtet. Und wenn sie zweitens dafür sorgt, dass die den friedfertigen, ein- Altmaier im Kabinett und in seiner Frak- tion Gehör findet und nicht wie Röttgen fachen Bürger vertreten sollen, von den eigenen Leuten bekämpft wird. können nie so sein wie UWE NESTLE, FLENSBURG dieser, da sie es sonst nie Herr Röttgen hat dafür gesorgt, dass die CDU in NRW erheblich unter Wert ge- so weit bringen würden.“ schlagen wurde. Wäre er im Amt des Um- weltministers geblieben, hätte man ihn SEBASTIAN SCHREIBER, HILPOLTSTEIN (BAYERN) bei jedem Problem in der Energiewende SPIEGEL-Titel 21/2012 an den Pranger gestellt, immer unter Hin- weis auf seine schwache Leistung und be- wiesene Bürgerferne im NRW-Wahl-Nr. 21/2012, Ziemlich beste Feinde – Neid kampf. Er wäre ständig in der Defensive.und Niedertracht in der Politik Da er das nicht einsah, was leider ein De- fizit an gesundem Menschenverstand of-Die Patin hat abgedrückt fenbart, blieb der Kanzlerin wohl nichts anderes übrig, als ihn zu entlassen.Ein Minister hat’s schwer! Kein Arbeits- DR. HUBERT HOFMANN, IMMENSTAADvertrag, kein Kündigungsschutz, kein Ar- (BAD.-WÜRTT.)beitsgericht. Aber: Bevor er das Amt an-tritt, weiß er das alles. Brutus hat mit dem Feuer gespielt und WOLFGANG HÖRNLEIN / PDH FRITZ GRÖGER, LANGENZERSDORF (ÖSTERREICH) sich dabei die Finger verbrannt. Sage kei- ner, er wusste nicht, was er tat, war erDas zweifellos Eindrucksvollste am doch mal Muttis Klügster.Abend nach der NRW-Wahl war, dass ein GÜNTER KRUG, BERLINVerlierer das Geschehene zutreffend undangemessen kommentierte. Unerwartet Unabhängig von der Vielzahl der persön-wohltuend hob sich dies ab von den Er- Kontrahenten Merkel, Röttgen lichen Fehler sind Aufstieg und Fall desklärungen der Sieger, welche ihre allzu Norbert Röttgen die Konsequenz aus ei-oft gehörten Phrasen droschen. wohl auch dank seiner Bezüge als einfa- nem unlösbaren Dilemma: Ökologie und ERNST-GUST KRÄMER, KALLETAL (NRW) cher Bundestagsabgeordneter zumindest eine um ihre konservative Identität rin- bis zur nächsten Wahl nicht auf der Stra- gende Union – das passt nicht zusammen.Paranoid, wie Kanzlerin Merkel mit Geg- ße landen. Und sicher findet sich alterna- Röttgen war der falsche Mann in einemnern verfährt: Kritik an ihr oder Gegen- tiv dazu auch noch ein ordentlich dotier- falschen Spiel. Er trug die Klappentextebewegungen zu ihrem Kurs werden übel ter Posten als Lobbyist. Wer möchte da ökologischer Ideen vor und schmücktesanktioniert. Das hat eine despotische nicht gern „Opfer“ sein?! sie wuchtig aus. Heiße Luft, richtig ver-Note! Dieses Verhalten lehne ich als de- MARTIN HENNIGER, POTSDAM standen hat er nichts.mokratische Bürgerin ab. Diese Dame ge- MICHAEL MÜLLER, DÜSSELDORFhört endlich selbst in die Machtlosigkeit Deutschlands politische „Schwarze Wit- SPD-STAATSSEKRETÄR A. D.verbannt. we“ demonstriert öffentlich Macht! Nur – GABI EICHFELD, KÖLN was wird sein, wenn alle ihre Männchen Frau Merkel hat getan, was jeder Mana- verschlungen sind? ger tun würde: Sie hat einen illoyalenIch habe größte Hochachtung davor, dass DR. UDO KÜPPERS, BREMEN und uneinsichtigen Führungsmitarbeiter,Röttgen auf förmlicher Demission bestan- der sich weder zwischen zwei Abteilun-den hat, statt sich auf das übliche verlo- Wegen der fehlenden Macht im Kabinett gen entscheiden kann noch mit Leistunggene Ritual vom „freiwilligen Rücktritt“ und in der eigenen Partei war der Raus- überzeugt, entlassen. Wer seiner Chefinaus gesundheitlichen oder anderen fal- wurf Röttgens vermutlich richtig. Er und den Bürgern so wenig Wertschätzungschen Gründen einzulassen. reicht aber nicht aus. Der neue Umwelt- entgegenbringt wie Herr Röttgen, muss GÜNTER SCHUMACHER, ROETGEN (NRW) minister Altmaier wird nur dann dazu sich nicht wundern, wenn mal die Chefin beitragen können, die Energiewende vor- entscheidet und mal der Bürger.Von Don Vito Corleone, der im Film anzutreiben, wenn Merkel erstens im Ka- ANDREA DOBRIN, BERLINGEN (SCHWEIZ)„Der Pate II“ als Oberhaupt einer sizilia-nischen Mafiafamilie New York regiert,stammt das berühmte Zitat: „Geld ist eineWaffe. Politik ist zu wissen, wann man Diskutieren Sie im Internetabdrückt.“ Bundeskanzlerin Angela Mer- www.spiegel.de/forum und www.facebook.com/DerSpiegelkel hat abgedrückt, als sie am Mittwochfür alle überraschend ihren Umweltminis- ‣ Titel Wie kann die Gesellschaft ein würdevollester Norbert Röttgen schasste und so poli- Sterben ermöglichen?tisch erledigte. ‣ Demokratie Erststimme, Zweitstimme, Überhang- ROLAND KLOSE, BAD FREDEBURG (NRW) mandat – ist das deutsche Wahlrecht zu kompliziert?Herr Röttgen wird zunächst das ihm zu- ‣ SPD Wäre Sigmar Gabriel ein geeigneter Kanzlerkandidat?stehende Übergangsgeld beziehen und8 D E R S P I E G E L 2 2 / 2 0 1 2
  • 5. BriefeNr. 20/2012, Der Rechtsstaatzerstörte die Existenz von Harry Wörz undließ ihn dann mit den Folgen alleinKalt und herzlosDie Geschichte von Harry Wörz geht un-ter die Haut. Das Versagen der Ermittlerund Richter, das kaum Konsequenzennach sich zieht, die fortwährende Trau-matisierung des Mannes, dem offenbar –trotz allen Unrechts – nicht schnell undunbürokratisch geholfen wird, zeichnen HEIKO SPECHT / VISUMein grausames Bild vom Umgang mit derWürde von Menschen, die zu Opfernstaatlicher Instanzen wurden. ANGELA ELIS, FREIBERG (SACHSEN)Der Staat behandelt den langjährig un- Baustelle mit Dämmstoffen in Kölnschuldig inhaftierten Harry Wörz rechtkleinkrämerisch. Dabei sollte er ihm nicht zahl und Heizöl für weniger als zehnnur die Haftentschädigung auszahlen, Pfennig pro Liter. Bei einer 50-prozenti-sondern auch den gesamten beruflichen gen Erhöhung der Scheibenzahl von ei-Verdienstausfall infolge der Haftzeit, die nem „Schneewittchensarg“ zu sprechenvollständigen Kosten für die Verteidigung ist nur ein schlechter – allerdings fürs Kli-und die Anerkennung seiner Erkrankung ma vielleicht nicht folgenloser – Witz.als Folge der Haftzeit. KURT AUBECK, REINHEIM (HESSEN) CHRISTIANE SCHMID, RETHEM (NIEDERS.) Es ist erstaunlich, mit welcher Hartnä-Die Jurisdiktion in Staatsdiensten ist bei ckigkeit sich die Postulate zum Themauns kalt und herzlos, wenn es um die Op- der energetischen Altbausanierung hal-fer geht. ten. Ich habe in 20 Jahren Bau von Pas- WERNER LADWIG, LUG (RHLD.-PF.) sivhäusern und Altbausanierung mit teil- weise extremer Wärmedämmung keinen einzigen dadurch verursachten Schimmel- befall gehabt. Im Bereich Altbau ist es im Moment so, dass überwiegend Laien und Handwerker mit Halbwissen die Sa- WOLFRAM SCHEIBLE / DER SPIEGEL nierungen ausführen, was vermeintlich Geld spart. Das ist so, als ließe man einen Metzger den Blinddarm entfernen und verdammte nach Ableben des Patienten die Operation als solche. MICHAEL TRYKOWSKI, FRENSDORF (BAYERN)Justizopfer Wörz, Therapeutin Seit der strengeren Energieeinsparverord- nung 2009 ist klar, dass Neubauten eigent-Auch die Justiz ist nicht unfehlbar. Aber lich eine Lüftungsanlage benötigen, umnachdem man das Leben eines Unschul- den notwendigen Luftaustausch zu ge-digen zerstört hat, wäre es das Mindeste, währleisten. Nur scheuen sich viele Bau-dem Opfer die Rückkehr ins normale herren vor diesem Schritt, weil sie inLeben durch eine angemessene Entschä- Deutschland nicht zum Standard gehört.digung zu erleichtern. Die Haftpflicht- BENJAMIN GÜRKAN, WEITERSTADT (HESSEN)versicherung der Justiz ist letztlich derSteuerzahler, und als solcher hätte ichmit dieser Regelung kein Problem. Nr. 20/2012, Wie ein Schweizer Paar HERBERT TAUREG, HENNEF (NRW) acht Monate in der Gewalt pakistanischer Taliban überlebteNr. 20/2012, Schärfere Öko-Vorschriftenverschrecken Hausbesitzer und Mieter Willkommen zurück im Leben! Ich bin zwölf Jahre lang auf deutschenEin Metzger am Blinddarm Handelsschiffen zur See gefahren. Unsere Einsätze haben uns in manches Krisen-Als nach dem Zweiten Weltkrieg die da- gebiet geführt, das meine Kollegen undmals sogenannten Thermopanescheiben ich sonst auf jeden Fall gemieden hätten.als Doppelverglasung ihren Siegeszug an- Wir waren immer wieder überrascht, mittraten, hat jedermann den Nutzen er- welcher Blauäugigkeit sich Touristen auskannt, trotz Verdoppelung der Scheiben- Wohlstandsnationen in den risikoreichs-10 D E R S P I E G E L 2 2 / 2 0 1 2
  • 6. MAURICE HAAS / 13 / DER SPIEGELEx-Geiseln Daniela Widmer, David Ochten Regionen der Welt bewegen. Erleb-nistrips in Westafrika und durch Drogen-gebiete in Lateinamerika kann man wahr-scheinlich nur mit Wohlstandsüberdrusserklären. Gratulieren kann man demSchweizer Paar zur gelungenen Flucht.Das Erlebte mag man keinem gönnen! DANIEL KÜPFER, RAPPERSWIL (ST. GALLEN/SCHWEIZ)Ein unfassbar ergreifender Bericht überzwei sehr starke Persönlichkeiten, diephysisch und vor allem psychisch aushal-ten mussten, was wohl eine der schlimms-ten Erfahrungen ist, die ein Mensch über-haupt machen kann. Bei der „Geburts-tagstorte“ schossen mir die Tränen in dieAugen. Daniela, David: Willkommen zu-rück im Leben! KLAUS-PETER MÜLLER, BADEN-BADENNr. 20/2012, SPIEGEL-Gespräch mit demfranzösischen Historiker Emmanuel ToddTeufel am TischPolemik, Provokationen und Neid aufden wirtschaftlich erfolgreicheren Nach-barn – viel mehr war von Herrn Todd lei-der nicht zu vernehmen. Insbesonderenichts Neues. Dazu halbgare Lösungs-ansätze wie „eine gehörige Dosis Protek-tionismus“. Und zu guter Letzt sitzt auchnoch der Teufel mit am Tisch. BENJAMIN GLAUER, HANAUDer Artikel bringt es klar und deutlichauf den Punkt. Die Wahrheit wird schnör-kellos dargestellt. SUSANNE BRETHAUER, DORTMUNDEs wäre sehr schön gewesen, wenn SieHerrn Todd nicht derart unwidersprochenüber seine weltfremde Ansicht schwa-dronieren lassen hätten. Schade! FRANK HENNEMANN, DRESDEN12 D E R S P I E G E L 2 2 / 2 0 1 2
  • 7. BriefeWie verbohrt muss man sein, um teten Rollenbild à la Geis folgen wollen.Deutschland als Gewinner der EU und Sie wollen Zeit für ihre Kinder haben, sieder Globalisierung wahrzunehmen? Herr wollen, dass ihre Partnerin trotz kleinerTodd müsste wissen, dass auch hierzulan- Kinder die Möglichkeit hat, am Berufsle-de die Staatsschulden steigen und gute ben teilzuhaben, denn Beruf ist nicht nurJobs rarer werden. Auch unsere „Export- Karriere, sondern auch soziales Umfeld.nation“ zählt wegen des Zollabbaus zu BETTINA NOLDE, HANNOVERden Opfern des grenzenlosen Lohndum-ping-Wettbewerbs. In vielen Familien stellt sich die Frage, MANFRED JULIUS MÜLLER, FLENSBURG ob ein Partner zu Hause bleibt, gar nicht. Beide müssen arbeiten gehen, um überTodds Bemerkung, das „französische Ide- die Runden zu kommen. Es geht nichtal mit seinem universalistischen Men- darum, dass die Ehefrau die Welt retten,schenbild von der Gleichheit aller“ sei in an ihrer Professur arbeiten oder zumDeutschland nicht so tief verankert, ver- Mond fliegen möchte. Es ist auch für Män-anlasst mich dazu, ihm zu empfehlen, sich ner nicht die Frage, ob sie sich im Haus-näher mit der Geschichte des französi- halt betätigen möchten oder nicht: Wennschen Kolonialismus zu befassen. Insbe- die Dame des Hauses arbeiten geht undsondere der Krieg in Algerien ist hinsicht- sie nicht im Dreck ersticken möchten,lich dieses Menschenbilds und der daraus müssen sie halt auch mal den Putzlappenresultierenden französischen Humanität in die Hand nehmen.sehr aufschlussreich und ernüchternd. ANKE WIRTH, HEMHOFEN (BAYERN) HUBERT KOLB, BERLIN Erwartungsgemäß habe ich mich beim Le- sen eines Interviews mit Norbert Geis ge-Nr. 20/2012, Streitgespräch zwischen Na- ärgert. Nicht wegen seiner konservativendine Schön (CDU) und Norbert Geis (CSU)über das Familienbild der KonservativenPutzlappen statt MondfahrtLangsam fühle ich mich diskriminiert von MAURICE WEISS / DER SPIEGELden ehernen Verfechtern des Hausfrau-enmodells. Bin ich als Kind berufstätigerEltern arm dran? Vor dem Kindergarten-alter wurde ich von einem Kindermäd-chen und im Kindergartenalter nachmit-tags von einer Bekannten betreut. Ab derersten Klasse hatte ich einen Hausschlüs- Unionspolitiker Geis, Schönsel und bereitete mir mein Essen selbstzu. Heute bin ich sogar ein erfolgreiches Ansichten, sondern weil er keinerlei Fä-und zufriedenes Mitglied der Gesell- higkeit zur Selbstreflexion zeigt. Interes-schaft, welch ein Wunder! sant wäre die Frage gewesen, ob Geis MARTIN REUTER, MAINZ denn als voll berufstätiger Vater seinen Kindern gerecht werden konnte. SchwerWenn ich Herrn Geis reden höre, bin ich erträglich finde ich auch, wenn er sichzutiefst dankbar für unsere säkulare zwar das Recht abspricht, über andere zuStaatsform. urteilen, sich aber zugleich das vernich- PHILIPP FÄTH, HÖSBACH (BAYERN) tende Urteil der katholischen Kirche über Homosexuelle zu eigen macht.Bei jungen Familien geht es selten um JONAS FECHNER, KONSTANZdie großen Lebensentwürfe, sondern um Die Redaktion behält sich vor, Leserbriefe – bitte mitden alltäglichen Wahnsinn der Vergabe Anschrift und Telefonnummer – gekürzt und auch elek-von Kita-Plätzen. Es geht auch darum, tronisch zu veröffentlichen. Die E-Mail-Anschrift lautet:dass viele Väter eben nicht einem veral- leserbriefe@spiegel.de Aus der SPIEGEL-Redaktion Die Stadt der Gondeln und Kanäle war jahrhundertelang mächti- ge Seerepublik, Drehscheibe des Welthandels und Metropole der Malerei, Musik und Architektur. Abenteurer wie Marco Polo und Casanova, Genies wie Monteverdi und Tizian waren hier zu Hause. SPIEGEL GESCHICHTE zeichnet den erstaunlichen Aufstieg einer malariaverseuchten Lagunensiedlung zu einer der bedeu- tendsten europäischen Großmächte nach – vom ewigen Kampf gegen das Wasser bis zum Fall der Dogenrepublik, als Venedig zum Sehnsuchtsort wurde. Das Heft ist ab Mittwoch im Handel. D E R S P I E G E L 2 2 / 2 0 1 2 13
  • 8. Panorama Deutschland NORBERT MILLAUER / DAPD Seehofer, Merkel GESCHLECHTER I Union für Flexi-Quote Angela Merkel, Kanzlerin und CDU-Vorsitzende, und der stammt von Bundesfamilienministerin Kristina Schröder CSU-Vorsitzende Horst Seehofer wollen im Gesetz eine (CDU). Merkel und Seehofer wollen mit ihrer Einigung zum flexible Frauenquote für Unternehmen festschreiben. Auf einen den Unmut der Frauen in der Unionsfraktion dämpfen, diesen Schritt hätten sich die beiden in einem vertraulichen die sich gegen das von der CSU geforderte Betreuungsgeld Gespräch am Dienstagabend im Kanzleramt verständigt, heißt wenden. Zum anderen sehen sie in der Flexi-Quote ein Kom- es in Kreisen der Koalition. Die sogenannte Flexi-Quote sieht promissangebot an die FDP. Die Liberalen sind strikt gegen vor, dass Unternehmen sich selbst ein Ziel für die Förderung eine feste Quote, wie sie unter anderem Bundesarbeitsminis- von Frauen in Führungspositionen setzen. Wenn ein Unter- terin Ursula von der Leyen (CDU) fordert. Auch Seehofer nehmen dieses Ziel verfehlt, können Sanktionen – zum Bei- hat in internen Gesprächen deutlich gemacht, dass er für eine spiel Geldbußen – verhängt werden. Die Idee der Flexi-Quote feste Quote keine Mehrheit in seiner Partei sieht. GESCHLECHTER II tierten und rund 15 Prozent der Pro- ner- und Frauenanteilen nach dem fessoren in der höchsten Besoldungs- Studienabschluss öffnet und im Zuge Frau Doktor, stufe C4/W3. Die Zahlen zeigten, „dass sich die Schere zwischen Män- der weiteren wissenschaftlichen Lauf- bahn größer wird“. Zwar habe es seit Herr Professor einer Vergleichserhebung 2006 Fort- schritte gegeben: Der Frauenanteil bei den C4/W3-Professoren lag damalsDer Wissenschaftsrat fordert eine um rund vier Prozentpunkte niedriger,Frauenquote – im Gespräch waren zu- in den Spitzenpositionen der außer-letzt 40 Prozent – in Auswahlkommis- universitären Forschungseinrichtungen BERND SETTNIK / PICTURE ALLIANCE / DPAsionen und Entscheidungsorganen von stieg er von 7,9 auf 11,3 Prozent. ZurForschungseinrichtungen und Hoch- weiteren Steigerung dieses Anteilsschulen. Dadurch sollen mehr Wissen- empfehlen die Experten den Hoch-schaftlerinnen in Führungspositionen schulen und Instituten, bei befristetengelangen. Nach Angaben des Berater- Verträgen längere Laufzeiten einzu-gremiums stellten Frauen im Jahr 2010 räumen, um Eltern mehr Sicherheit zuzwar 52 Prozent der Hochschulabsol- bieten, außerdem ausreichend vieleventen und 44 Prozent der Promovier- Kinderbetreuungsplätze einzurichtenten, aber nur 25 Prozent der Habili- Biologiestudentinnen in Potsdam und bei Arbeitszeiten flexibel zu sein. D E R S P I E G E L 2 2 / 2 0 1 2 15
  • 9. Panorama GRÜNE Basis bestimmt WahlkampfthemenDie Mitglieder der Grünen sollen ent-scheiden, welche Forderungen die Par-tei im Bundestagswahlkampf 2013 her-vorhebt. Nach den Plänen, die Bundes-geschäftsführerin Steffi Lemke denLandesvorständen vorstellte, wählendie Parteimitglieder bei Diskussionenin den Kreisverbänden sowie im Inter-net die zehn wichtigsten Wahlverspre-chen. Darüber bestimmen sonst die IMAGO SPORTFOTODIENSTSpitzenkandidaten und der Bundesvor-stand. Die Grünen-Führung hofft dar-auf, dass die Basis im Wahlkampf fürdie selbstgewählten Themen engagier-ter streitet. Das neue Mitmachmodellsei keineswegs eine Reaktion auf das Fan-Krawalle im Düsseldorfer Stadion beim Rückspiel gegen Hertha BSCErstarken der Piratenpartei, betont dieParteiführung. FUSSBALL Anfeuern statt feuern Nach den Ausschreitungen bei den Bun- nen. „Die Vereine müssen alle rechtlichen desliga-Relegationsspielen fordert der Möglichkeiten ausschöpfen“, sagt Jäger. nordrhein-westfälische Innenminister Ralf Das Abbrennen von Bengalos mit Tempe- OLIVER KILLIG / PICTURE ALLIANCE / DPA Jäger (SPD) die Fußballvereine auf, ihre raturen von 1000 Grad sei „lebensgefähr- Geschäftsbedingungen zu ändern. Beim lich für alle Fans“ und könne eine Panik Ticketkauf sollen sich die Fans verpflich- mit unübersehbaren Folgen auslösen. Der ten, keine Pyrotechnik ins Stadion mitzu- NRW-Innenminister verlangt von den bringen. Randalierer, die im Stadion mit Clubs zudem, bei ihren Kontrollen sorg- bengalischen Feuern, Rauchbomben und fältiger vorzugehen. Auf der anstehenden Böllern erwischt werden, müssten dann Innenministerkonferenz will Jäger seine mit empfindlichen Vertragsstrafen rech- Vorschläge den Kollegen vorlegen.Landesparteitag der Grünen in Dresden A M O K LÄU F E Pistolen im Elternhaus. Wie lässt sich chen Sportschützen nie an Wettkämp- so etwas verhindern? fen teil. Diesem Personenkreis sollte „Erwerb von Brenneke: Ob die Waffen richtig ver- wahrt waren, müssen die Ermittlungen man den Besitz von scharfen Waffen verbieten und erst recht deren Aufbe- Waffen erleichtert“ ergeben. Das generelle Problem ist, dass überhaupt so viele Menschen Waffen und Munition zu Hause haben. wahrung zu Hause. SPIEGEL: Klingt leicht umzusetzen. Brenneke: Das wäre eine Revolution! EsDer frühere Referats- Da haben alle Parteien mitgewirkt. heißt immer, das Waffengesetz vonleiter für Waffenrecht Vor allem für Sportschützen gab es bis 2003 sei verschärft worden. Aber es A. STEIN / JOKER / DER SPIEGELim Bundesinnenministe- 2008 immer wieder Liberalisierungen wurde nur die Altersgrenze heraufge-rium, Jürgen Brenneke, statt Verschärfungen. setzt, und die Waffenschränke müssen74, über die Gefahren SPIEGEL: Welche denn? jetzt besser gesichert sein. Der Erwerbdurch Sportschützen Brenneke: Jeder, der in einem Schützen- von Waffen wurde eher erleichtert.und andere Waffen- verein ist, darf praktisch beliebig viele SPIEGEL: Funktionieren die Kontrollen?besitzer in Deutschland Waffen besitzen – und zwar nicht nur Brenneke: Für die Vollzugsbehörden solche, mit denen in seinem Verein ge- sind erst jetzt die allgemeinen Verwal-SPIEGEL: Der Vorfall in Memmingen, schossen wird. Die Logik des Gesetzes tungsvorschriften für das Waffengesetzwo ein 14-Jähriger vor seiner Schule lautet: Falls er mal bei einem anderen von 2003 erlassen worden. Und in die-und auf einem Sportplatz mehrmals Verein als Gast schießt, müsse er eine sen Vorschriften wird der Gesetzestextschoss, erinnert an das Massaker von dort im Wettkampf zulässige Waffe extrem großzügig ausgelegt – zuguns-Winnenden: Der Vater ist im Schüt- mitbringen können. Dabei nehmen ten der Waffenbesitzer, aber zu Lastenzenverein, der Sohn besorgt sich die weit mehr als 50 Prozent der angebli- der inneren Sicherheit.16 D E R S P I E G E L 2 2 / 2 0 1 2
  • 10. Deutschland BUNDESPRÄSIDENT SPD Imitatoren gestoppt Aus drei mach einsAnonyme Täuscher können nicht In der SPD wächst der Unmut gegenlänger unter www.praesidialamt.de den Plan, weiterhin auf die Troika ausden Eindruck erwecken, Bundespräsi- Parteichef Sigmar Gabriel, Bundes-dent Joachim Gauck beantworte dort tagsfraktionschef Frank-Walter Stein-Bürgeranfragen. Nach einem Hinweis meier und Ex-Finanzminister Peerdes Bundespräsidialamts löschte die Steinbrück zu setzen. „Das Konzeptdeutsche Internetregistrierungsstelle der Troika hat sich totgelaufen“, sagtDenic die Domain. Die unbekannten der wirtschaftspolitische Sprecher derGauck-Doubles betreiben aber weiter- SPD-Fraktion im Bundestag, Garrelthin die im Ausland registrierte Seite Duin. Er will die Kür des Kanzler-www.praesidialamt.com, auf der sie kandidaten vorziehen und diesender Denic vorwerfen, die deutsche nicht erst im Januar 2013 bestimmen.Paralleladresse „wie in bester diktato- Auch sein Parlamentskollege Frankrischer Manier enteignet“ zu haben. Schwabe, Umweltexperte aus Nord-Eine weitere Internetadresse derselben rhein-Westfalen, fordert ein Ende derBetreiber, www.jgauck.de, leitet die Troika: „Es muss klar sein, dass derBenutzer direkt auf die Homepage der Parteivorsitzende das Verfahren be-Scientology Kirche Berlin. „Wir haben stimmt, das darf nicht unter drei Män-damit mit Sicherheit nichts zu tun“, nern ausgemacht werden.“ Seit demerklärte ein Sprecher der Organisation. Sieg der SPD mit ihrer Spitzenkan-Die Unbekannten hatten sich bei der didatin Hannelore Kraft bei der Land-Denic unter einer falscher Adresse an- tagswahl in NRW mehren sich in dergemeldet: der des Bundesnachrichten- Partei die Stimmen für eine Kanzler-dienstes. kandidatur Krafts. H AU P T S TA D T Bruchlandung in Brüssel?Die Verschiebung des Starts des Berli- Die Gesellschafter, die beiden Bundes-ner Großflughafens um ein Dreiviertel- länder sowie der Bund, müssen Kapitaljahr könnte der Bundesregierung Pro- nachschießen oder neue Kredite überbleme mit der Europäischen Kommis- Bürgschaften absichern. Die Parlamen-sion einbringen und die Finanzplanun- te werden vermutlich noch vor dergen der Länder Brandenburg und Ber- Sommerpause Nachtragshaushalte be-lin durcheinanderwirbeln. Da die staat- schließen und die EU-Kommission umliche Flughafengesellschaft den eine Genehmigung dafür bitten müs-Kreditrahmen von 2,4 Milliarden Euro sen. Die Brüsseler Wettbewerbswäch-nahezu ausgeschöpft hat, braucht sie ter äußerten bei einem ähnlichen Vor-bis zum neuen Starttermin im März fri- gang um den Flughafen Leipzig-Hallesches Geld. Insider schätzen die Zusatz- im September große Bedenken gegenkosten – unter anderem für Schadenser- eine nachträgliche Kapitalerhöhung.satzforderungen und den Weiterbetrieb Der Fall liegt nach Angaben der Flug-der Flughäfen Tegel und Schönefeld – hafengesellschaft Leipzig beim Europäi-auf mindestens 300 Millionen Euro. schen Gerichtshof. KLAUS-DIETMAR GABBERT / DAPDFlughafen Berlin Brandenburg D E R S P I E G E L 2 2 / 2 0 1 2 17
  • 11. Deutschland Panorama VERKEHR QUERSCHNITT Ramsauers siebter Sinn Luisenbad, Schlei Bundesverkehrsminister Peter Ram- Elbe, sauer (CSU) kämpft unbeirrt darum, Kollmar dass die ARD die Verkehrsratgebersen- Weser, Lütauer See dung „Der 7. Sinn“ wieder einführt. Upleward Kleinensiel „Schließlich geht es um die Verkehrssi- Freibad cherheit“, sagt Ramsauer, „ich habe Dyksterhausen Ems, Leer keinerlei Verständnis, dass die ARD- Kleine Badewiese, Anstalten als öffentlich-rechtliches Unterhavel Fernsehen sich einem solch plausiblen, wichtigen und populären Anliegen ver- schließen.“ Zuvor hatte die ARD-Vor- sitzende Monika Piel dem Politiker eine Absage erteilt. Bebraer Die Chefredakteu- Teiche re der ARD hätten sich gegen eine Wißmarer Wiederaufnahme entschieden, teilte CHRISTIAN THIEL / DER SPIEGEL See Piel in einem Brief vom 11. Mai mit. Meerhofsee Wasserqualität „Finanzielle, pro- Wasserzustand unterhalb duktionstechnische der Mindestanforderungen und inhaltlich-kon- Schornweisach Nur Mindestanforderungen zeptionelle Überle- Kocherbade- Weiher werden erfüllt bucht Ramsauer gungen haben zu keinem Ergebnis Buchhorner geführt, das Ihrem Anliegen entspre- See chen würde“, heißt es darin. Die Rech- te für die Sendung, die von 1966 bis 2005 in der ARD ausgestrahlt worden war, liegen beim WDR. Auch Länder- verkehrsminister und die Deutsche Rheinschwimmbad, Schwörstadt Polizeigewerkschaft hatten die Wieder- belebung der dreiminütigen Kultsen- dung gefordert. Diese war oft unmittel- bar nach der Tagesschau ausgestrahlt Wasser – marsch! worden und hatte in Spitzenzeiten bis zu 20 Millionen Zuschauer erreicht. Ramsauer hatte in einem Brief Ende Wer in diesen ersten Sonnentagen des Jahres nach Abkühlung sucht, sollte an März angeboten, dass sich sein einigen Bädern in Deutschland nur die Fußspitze ins Wasser stecken. 15 der Ministerium indirekt an der Finanzie- offiziellen EU-Badestellen hierzulande haben eine geringe Wasserqualität (rot rung beteiligen würde. Er könne den markiert). 36 Badestellen schneiden kaum besser ab, sie erfüllen gerade die Wunsch in der Bevölkerung, die Sen- Mindestanforderungen der EU-Richtlinie (schwarz markiert). Insgesamt ver- dung wieder ins Programm zu nehmen, schlechterte sich die Wasserqualität an den Küsten im Vergleich zum Vorjahr. gut nachvollziehen, hatte Ramsauer Die gute Nachricht: An den übrigen 2259 untersuchten Badestellen kann man geschrieben, „da ich die Sendung laut der Studie bedenkenlos planschen. selbst kenne und deren konzeptionel- len Wert stets geschätzt habe“. POLIZEI schlägt das niedersächsische Ministe- fentlicht, bis das niedersächsische rium vor, Regeln „insbesondere in Justizministerium diese Praxis als völ- Fahndung via Bezug auf die Nutzung sozialer Netz- werke festzulegen“. Aktivitäten bei kerrechtswidrig kritisierte: Der Face- book-Server befinde sich in den USA, Twitter Facebook und anderen Netzwerken werden als „sinnvolle Ergänzung“ der „Informations-, Ermittlungs- und Fahn- die Polizei werde ohne völkerrecht- liche Vereinbarung auf fremdem Staatsgebiet tätig. Die hannoverscheDie Innenminister prüfen, bundeswei- dungsarbeit“ bezeichnet. Behörde erwähnt deshalb auf ihrerte Standards für den Umgang der Si- Bisher nutzen die Ermittler die Netz- Facebook-Seite die Fahndungen nurcherheitsbehörden mit Facebook, Twit- werke unterschiedlich. Die Polizei- noch und verweist auf den Internet-ter und Co. zu schaffen. In einem Ent- direktion Hannover hatte Fahndungs- auftritt der Polizei. Erst dort findenwurf für die Innenministerkonferenz aufrufe auf ihrer Facebook-Seite veröf- sich detaillierte Angaben.18 D E R S P I E G E L 2 2 / 2 0 1 2
  • 12. Deutschland AU S S E N P O L I T I K Kalter FriedenIm deutsch-russischen Verhältnis zieht eine neue Eiszeit herauf. Berlin ist wie selten zuvor auf die Zusammenarbeit mit Moskau angewiesen, doch Merkel misstraut dem wiedergewählten Präsidenten Putin. Sie will die Opposition stärken.E s sollte eine Geste der Verbundenheit werden, eine große Inszenierung:Wladimir Putin, der russischePräsident, und sein deutscherKollege Joachim Gauck beimPuzzlespiel auf dem RotenPlatz in Moskau, direkt vor denToren des Kreml. Mit handver-lesenen Gästen wollten diebeiden Staatschefs aus 1023Einzelteilen eine überdimen-sionale Kopie des Selbstbild-nisses von Albrecht Dürerzusammenfügen. Das Gemäldeist eine Ikone der europäischenKunst. Doch Putin ist die Lust aufPuzzlespiele vergangen. Erstsagte der Kreml einen Terminim Mai ab, da sollte dasdeutsch-russische Jahr eröffnetwerden. Jetzt ließ der Präsi-dent mitteilen, dass er im Juniebenfalls keine Zeit habe. Derehemalige KGB-Agent Putinwill dem FreiheitskämpferGauck, der nur Verachtung fürdas Spitzelsystem des Kommu-nismus übrig hat, keine großeBühne bieten. Die Absage des Puzzlespielsspiegelt den Stand des deutsch-russischen Verhältnisses treff-lich wider. Am kommendenFreitag reist Putin zu einem of-fiziellen Besuch nach Berlin. Es MARKUS SCHREIBER / APist die erste Reise in ein westli-ches Land, nachdem er AnfangMai zum dritten Mal als Präsi-dent ins Amt eingeführt wurde.Eigentlich sollte das eine posi-tive Botschaft sein. Tatsächlich Kanzlerin Merkel*: Wenig Hoffnung auf einen Wandel in Moskausind die Beziehungen zwischenBerlin und Moskau so schlecht wie seit kann nur über Berlin Einfluss in Europa land bleibt wegen des drohenden Schei-Jahren nicht mehr. ausüben. terns des Pipeline-Projekts Nabucco wei- Die Beziehungen zu Russland genießen Aber ausgerechnet in einer Zeit, in der ter abhängig vom russischen Gas. Putintraditionell eine Sonderstellung in der Deutsche und Russen zunehmend auf- wiederum braucht deutsche Investoren,deutschen Außenpolitik. Deutsche Regie- einander angewiesen sind, steuern beide um die Wirtschaft seines Landes zu mo-rungen sehen sich aufgrund der gemein- Länder auf eine neue Eiszeit zu. Deutsch- dernisieren.samen, leidvollen Geschichte in einer Gut entwickeln sich derzeit nur dieMittlerrolle zwischen den westlichen Part- * Am 14. März im Kanzleramt vor der Ankunft des tu- Handelsbeziehungen. Die deutschen Ex-nern und Russland. Moskau wiederum nesischen Ministerpräsidenten. porte nach Russland legten im vergange-20 D E R S P I E G E L 2 2 / 2 0 1 2
  • 13. nen Jahr um 34 Prozent auf 27 Milliarden sie ihre Ämter tauschen würden, fühlte heitsanteils des Autobauers Opel an einEuro zu, die Importe stiegen um 27 Pro- Merkel sich hintergangen. Sie musste er- russisch geführtes Konsortium vor dreizent auf 25 Milliarden Euro. Deutschland kennen, dass Medwedew, auf den sie so Jahren. Schuld daran war nach Putinsist nach China der zweitwichtigste Han- große Hoffnungen gesetzt hatte, nur eine Meinung der Widerstand Washingtons.delspartner Russlands. Marionette Putins war. Die Europäer seien wenig mehr als „Va- Politisch sieht die Lage anders aus. Das Die Enttäuschung der Kanzlerin saß sallen“ Amerikas, sagte Putin jüngst inVerhältnis zwischen Merkel und Putin ist tief, zwischen Kanzleramt und Kreml einer landesweit übertragenen Bürger-angespannt. Die Kanzlerin empfängt am herrschte erst einmal Funkstille. Die Fäl- Fragestunde.Freitag einen Gast, dem sie schon vor schungen bei der Wahl zur russischen Was Putin vom Westen hält, machte erJahren das Ende seiner politischen Kar- Duma und die Schmutzkampagnen gegen in den vergangenen Tagen deutlich: Er reis-riere gewünscht hat. Nun ist er mächtiger Oppositionelle bestätigten sie in ihrem te nicht zum G-8-Gipfel der wichtigstendenn je. Urteil über Putin. Wirtschaftsnationen nach Camp David. Merkel hatte auf Putins Vorgänger Dmi- Vor der Präsidentschaftswahl ließ sie Auch dem Nato-Gipfel in Chicago blieb ertrij Medwedew gesetzt. Ihm traute sie zu, ihm eine Botschaft übermitteln: Er solle demonstrativ fern. Das ist noch kein neuerRussland zu modernisieren. Sie hoffte, sich doch als Staatsoberhaupt eine Geste Kalter Krieg, aber ein kalter Frieden. Das Treffen in Berlin wird daran nichts ändern. Es sollen keine Abkommen unterzeich- net werden, wie eigentlich bei solchen Begegnungen üblich. Zu einer Annäherung bei um- strittenen Themen wie den von Moskau geforderten Visa-Er- leichterungen wird es ebenfalls nicht kommen, weil weder Ber- lin noch Moskau Neues anzu- bieten haben. Natürlich ist man sich im Kanzleramt darüber im Klaren, dass Deutschland in wichtigen Fragen auf die Russen angewie- sen ist. Das gilt nicht nur für die Energieversorgung. Moskau wird bei den Verhandlungen über das iranische Atompro- gramm gebraucht. Auch im Sy- rien-Konflikt können die Rus- sen mit ihrem Veto-Recht die Politik des Westens blockieren. Aber Merkel ist sich inzwi- schen gar nicht mehr sicher, ob Putin ihren Argumenten zu- gänglich ist. Vor einigen Wo- chen rief sie Putin an, um ihm klarzumachen, dass Russland mit seinem Verhalten in der Syrien-Krise den eigenen In- teressen schade. Sie beschwor ihn, seine Haltung zu überden- ken. Es passierte nichts. Die Kanzlerin ist nun ent- SASHA MORDOVETS / GETTY IMAGES schlossen, Putin auf andere Wei- se unter Druck zu setzen. Sie veranlasste, dass die Führung des sogenannten Petersburger Dialogs verändert wurde. Die jährlich stattfindende Veranstal- tung war vor elf Jahren vonPräsident Putin*: Der Westen hat nicht mehr die oberste Priorität Merkels Vorgänger Gerhard Schröder und Putin ins Lebendass er erneut als Präsident kandidieren überlegen, die im Westen als Aufbruchs- gerufen worden, um beiden Ländern einwerde, auch wenn viele Experten das für signal gedeutet wird, eine Freilassung des Forum zum gesellschaftlichen Austauschunwahrscheinlich hielten. Als Medwedew ehemaligen Oligarchen Michail Chodor- zu geben. Tatsächlich hat sich der Dialogund der damalige Ministerpräsident Putin kowski zum Beispiel. Doch Putin igno- nach Meinung von Kritikern zu einer ri-im September vergangenen Jahres erklär- rierte das Ansinnen. tualisierten Konferenz entwickelt, die vonten, es sei schon lange abgesprochen, dass Der russische Präsident respektiert die ehemaligen Politikern und kremlhörigen Kanzlerin zwar, aber er hält sie für zu Funktionären dominiert wird.* Am 15. Mai im Kreml bei einem Gipfeltreffen der amerikafreundlich. Als Beleg dafür gilt Merkel hat im April zwei Vertraute inGUS-Staatschefs. ihm der gescheiterte Verkauf eines Mehr- der Führung des Petersburger Dialogs D E R S P I E G E L 2 2 / 2 0 1 2 21
  • 14. Deutschlandinstalliert, die auf Veränderung in Russ- felte Machtgeste. Russland gebe sich Plan die Keimzelle für eine „Eurasischeland dringen sollen. Der stellvertretende stark, weil es in Wirklichkeit schwach sei. Union“, der sich weitere Staaten der zer-Unionsfraktionschef Andreas Schocken- Für den Kreml stellt sich die Lage ganz fallenen Sowjetunion anschließen sollen.hoff, ein Vertrauter Merkels, übernimmt anders dar. Putin und seine Berater sehen Einer Annäherung zwischen Merkel unddie wichtige Arbeitsgruppe Zivilgesell- nicht ohne Schadenfreude, dass der welt- Putin steht auch die EU im Wege. Der rus-schaft. Merkels früherer Regierungsspre- politische Einfluss des Westens schwindet. sische Präsident sieht die Gemeinschaft alscher Ulrich Wilhelm soll sich um die Zu- Sie weisen darauf hin, dass der Anteil der schwaches Gebilde, das sich durch kompli-sammenarbeit der Medien kümmern. EU-Staaten an der weltweiten Wirtschafts- zierte Entscheidungsverfahren selbst lähmt. „Wir müssen deutlich machen, dass leistung in den vergangenen 30 Jahren Russland will gute bilaterale Beziehungenwir unter Modernisierungspartnerschaft kontinuierlich gesunken ist. „Putin ist sich zu Deutschland. Die EU stört da nur.mehr verstehen als nur eine bessere Zu- sicher, dass das westliche Modell den Merkel dagegen weiß, dass Deutsch-sammenarbeit im Energiesektor“, sagt Zenit seiner weltweiten Anziehungskraft land als Führungsmacht in Europa auchSchockenhoff. Deutschland müsse den schon hinter sich hat“, sagt der Politologe auf die kleineren Staaten Rücksicht neh-Aufbruch der russischen Mittelschicht un- Nikolai Slobin. men muss. Im Baltikum oder in Polenterstützen, die mit ihren Protesten nach Dabei spielt Deutschland in Putins herrscht aus historischen Gründen nachder Duma-Wahl öffentlich Kritik gezeigt Weltbild durchaus eine wichtige Rolle. Er wie vor Misstrauen gegenüber Moskau.habe, dass sie eine echte Modernisie- hat hier traditionell wichtige außenpoli- Das kann Merkel nicht ignorieren.rungskraft in Russland ist. tische Initiativen vorgestellt. Er beschrieb Nicht nur sachliche Gründe sind für In der Bundesregierung weiß man, 2001 vor dem Bundestag das Ziel eines den deutsch-russischen Stillstand verant-dass das ein mühsamer Prozess ist. Kurz- „einheitlichen und sicheren Europa“, in wortlich. Im Verhältnis Berlin-Moskau spielten persönliche Beziehungen immer eine große Rolle. Das gemeinsame Bad Willy Brandts mit KPdSU-Chef Leonid Breschnew im Jahr 1971 ebnete den Weg für die deut- sche Ostpolitik. Kohl verhandelte mit Gorbatschow in Strickjacke im Juli 1990 über die deutsche Einheit, das sollte ihr enges Vertrauensverhältnis symbolisieren. Die Duz-Freunde Putin und Schröder fuh- ren 2001 im Pferdeschlitten durchs ver- schneite Moskau. Merkel und Putin begegnen sich dage- gen mit kalter Geschäftsmäßigkeit. Die ostdeutsche Pastorentochter hat nicht ver- gessen, dass Putin als KGB-Offizier in der DDR eingesetzt war. Für Merkel war das Ende der Sowjetunion die Ouvertüre für INTERNATIONAL HERALD TRIBUNE die Freiheit des Ostblocks. Putin empfand es als Schmach. Merkel stößt ab, wie Putin seine Männ- lichkeit bei der Tigerjagd oder mit nack- tem Oberkörper beim Angeln zur Schau stellt. Seine Versuche, sie einzuschüch- tern, empfand sie als Affront. Bei einemAnti-Putin-Karikatur: Die Enttäuschung saß tief Treffen in Putins Ferienresidenz an der Schwarzmeerküste in Sotschi im Januarfristige Erfolge erwartet niemand. Das dem die Staaten Europas und Russland 2007 ließ Putin seine schwarze Labrador-Putin-Lager wird wohl versuchen, die ihre Ressourcen vereinigen. Im Novem- Hündin Koni an der Hose des GastesOpposition als Agenten des Westens zu ber 2010 hat er vor seinem Berlin-Besuch schnüffeln. Merkel hat Angst vor Hunden,diffamieren. in einem außenpolitischen Grundsatz- seit sie als Kind einmal gebissen wurde. Die neue russische Regierung bietet artikel für eine „harmonische Wirtschafts- Putin lächelte nur.nach Ansicht der Bundesregierung wenig gemeinschaft von Lissabon bis Wladi- Dabei beeindruckt ihn die Härte, mitHoffnung auf einen Wandel: Putin habe wostok“ geworben. der ihm Merkel entgegentritt. „Putineinen Konservativen wie Außenminister „Putin hat aber zur Kenntnis genom- schätzt Merkel als hochkarätige und pro-Sergej Lawrow im Amt gehalten. Ein men, dass seine Vorschläge ohne Antwort fessionelle Politikerin“, sagt WladislawHardliner wie Innenminister Raschid Nur- blieben“, sagt Kreml-Berater Wladislaw Below. „Er hält sie eindeutig für eingalijew sei durch den Moskauer Polizei- Below. „Der Westen hat für ihn heute Schwergewicht.“chef Wladimir Kolokolzew ersetzt wor- nicht mehr oberste Priorität.“ Beim EU-Russland-Gipfel im Mai 2007den, dessen Truppen immer wieder bru- Mehr als sein Vorgänger Medwedew lieferten sich Merkel und Putin vor lau-tal gegen Demonstranten vorgegangen richtet Putin sein Augenmerk auf die Staa- fenden Kameras ein Wortgefecht zum The-seien. ten der ehemaligen Sowjetunion in Russ- ma Menschenrechte. Als Putin im Januar Aus deutscher Sicht hat die Führung in lands unmittelbarer Nachbarschaft. Er 2009 auf dem Höhepunkt des russisch-Moskau noch immer nicht verstanden, setzte eine Zollunion mit Weißrussland ukrainischen Gasstreits in Berlin zu Gastdass Russland keine Weltmacht mehr ist, und Kasachstan durch, „einen gewaltigen war, erteilte die Kanzlerin ihm Lektionensondern Europa als verlässlichen Partner Binnenmarkt von 165 Millionen Men- wie eine Lehrerin einem Schuljungen. „Siebraucht. Dass Russland gegen die Rake- schen mit freiem Verkehr von Kapital und hat mit mir geschimpft“, sagte Putin spätertenabwehr der Nato zu Felde zieht, er- Arbeitskräften“, wie er schwärmte. Der halb ironisch, halb anerkennend.scheint den Deutschen als letzte verzwei- östliche Wirtschaftsclub bildet in Putins RALF NEUKIRCH, MATTHIAS SCHEPP22 D E R S P I E G E L 2 2 / 2 0 1 2
  • 15. Deutschland MAURICE WEISS / DER SPIEGELOppositionsführer Steinmeier: „Wir werden in acht Monaten einen Kandidaten haben, der die SPD ins Kanzleramt führt“ SPI EGEL-GESPRÄCH „Niederlagen gehören dazu“SPD-Fraktionschef Frank-Walter Steinmeier, 56, über die Konsequenzen aus dem Wahlerfolg der französischen Sozialisten, seinen Kuschelkurs mit Kanzlerin Angela Merkel und den Streit in seiner Fraktion über die richtige Linie in der SicherheitspolitikSPIEGEL: Herr Steinmeier, wer macht die Steinmeier: Das ist Unfug. Aber ich ver- müssen das Land verlassen – und zwarbessere Oppositionspolitik gegen Angela stehe Ihre Begeisterung für Hollande, bis Ende 2014.Merkel: Sie oder Frankreichs neuer Prä- denn seine Forderungen nach einer euro- SPIEGEL: Sie wollen also mal wieder exaktsident François Hollande? päischen Wachstumsinitiative stimmen das, was die Regierung auch will.Steinmeier: François Hollande ist fran- zum Großteil mit unseren überein. Was Steinmeier: Sie wissen selbst, dass das Un-zösischer Präsident. Ich bin deutscher den Afghanistan-Abzug angeht, war mein sinn ist. Es war doch umgekehrt. Die SPDOppositionsführer. Und ich weiß, was ich Grundsatz immer: gemeinsam rein, ge- hat doch erst das Konzept für die Be-will: die Ablösung von Frau Merkel und meinsam raus. Deshalb habe ich auch endigung des Einsatzes entworfen. Mer-ihrer Regierung. Diesem Ziel sind wir in stets vor deutschen Alleingängen ge- kel und die Union haben uns drei Monateden letzten Wochen deutlich näherge- warnt. dafür beschimpft, um es anschließendkommen. SPIEGEL: Hollande sollte seine Haltung abzukupfern. Wie so vieles übrigens.SPIEGEL: Hollande piesackt Merkel, indem also noch mal überdenken? SPIEGEL: Und die Euro-Bonds? Die habener Wachstumspakete fordert, Euro-Bonds Steinmeier: Ich habe dem französischen Sie früher lautstark gefordert, jetzt sindeinführen und die französischen Soldaten Staatspräsidenten keine Empfehlungen Sie still und heimlich davon abgerückt.schon bis Ende des Jahres aus Afghani- zu geben. Klar ist, dass der Afghanistan- Steinmeier: Warum schauen Sie nicht ein-stan abziehen will. Da zeigt er deutlich Einsatz zu Ende gehen muss. Auslän- fach mal in die Interviews, die Sie selbstklarere Kante als Sie. dische Streitkräfte, auch die deutschen, mit mir geführt haben? Dort können Sie24 D E R S P I E G E L 2 2 / 2 0 1 2
  • 16. meine Auffassung lesen, dass Euro-Bonds Steinmeier: Ich garantiere Ihnen, den Fis- von Maßnahmen mit der Bundesregie-nur dann machbar sind, wenn sie mit har- kalpakt wird es nur mit ergänzenden rung verhandeln müssen, um Europa austen Bedingungen verbunden sind und wir Wachstumselementen geben. Wenn die der Sackgasse zu führen. Das ist meineeine harmonisierte europäische Wirt- nicht kommen, wird es keine Zustimmung Art, Politik zu machen. Entscheidend ist,schafts- und Finanzpolitik haben. Im Üb- der SPD geben. Weitere Bedingungen sind, was hinten rauskommt.rigen gibt sich inzwischen ja selbst der dass die Besorgnisse der Bundesländer aus- SPIEGEL: Eine Finanztransaktionsteuer for-FDP-Fraktionsvorsitzende Rainer Brüder- geräumt werden und die Frage der parla- dert inzwischen selbst der bayerischele offen für Euro-Bonds. mentarischen Beteiligung geklärt wird. CSU-Finanzminister Markus Söder. Wer-SPIEGEL: Umso verwunderlicher, dass Sie SPIEGEL: Von Wachstum sprechen inzwi- den Sie da gerade von links überholt?bei dem Thema so zaghaft klingen. schen alle, es ist also nicht besonders mu- Steinmeier: Wir freuen uns über jeden, derSteinmeier: Das tue ich nicht. Ich weise tig, das zu fordern. Welche Bedingungen dazulernt.nur darauf hin, dass erst die Bedingungen müssen zwingend erfüllt sein? SPIEGEL: Haben Sie eigentlich den Ein-geschaffen werden müssen. Dann muss Steinmeier: Ohne eine Besteuerung der Fi- druck, dass Ihre Forderungen nach einergeklärt werden, worüber wir reden. Mit nanzmärkte, ohne eine Stärkung der In- Wachstumsinitiative bei den Wählernder Überschrift Euro-Bonds können ganz vestitionskraft und ohne eine Ausweitung ankommen? Denen ist doch klar, dass imunterschiedliche Dinge gemeint sein. des Kreditvolumens der Europäischen In- Zweifel Deutschland zahlen muss.SPIEGEL: Was sollte man in der Zwischen- vestitionsbank wird die SPD den Weg der Steinmeier: Die SPD ist nicht die Linkspar-zeit tun? Bundesregierung nicht mitgehen. So wer- tei, die sich auf die Marktplätze stellt undSteinmeier: Mittelfristig bin ich dafür, dass den das im Übrigen viele europäische Re- den Menschen vormacht, Manna regnetwir uns dem Modell nähern, das der Sach- gierungen halten. vom Himmel. Ich muss den Deutschenverständigenrat vor einiger Zeit vorgelegt SPIEGEL: Genau diese Art von Junktim ha- erklären, dass es ihnen auch deshalb gut-hat. Er schlägt vor, einen Europäischen ben Sie bislang immer abgelehnt. geht, weil in Frankreich, Spanien und Ita-Schuldentilgungsfonds einzurichten, weil Steinmeier: Ich habe in meinem Leben lien Autos und Maschinen aus Deutsch-ohne einen Umgang mit Altschulden für mehr als eine schwere Verhandlung ge- land gekauft werden. Deutsche Arbeits-viele Länder kein Ausweg aus der Ver- führt. Und ich weiß: Das Junktim bindet plätze werden davon abhängen, ob es unsschuldungskrise zu organisieren ist. Zwar nur den, der es aufstellt. Mir war von An- gelingt, unsere europäische Nachbarschaftbliebe jedes Land dazu verpflichtet, seine fang an klar, dass wir ein ganzes Bündel wieder ins wirtschaftliche Gleichgewichteigenen Schulden zu tilgen. Aber zu bringen. Auf Dauer kann es unsder gemeinsame Zinssatz würde nicht gutgehen, wenn es dem Restdeutlich unter den üblichen Sätzen Europas schlechtgeht. Deshalb ha-für stark verschuldete Länder liegen. ben wir eine Verantwortung, Eu-Dadurch wäre es solchen Ländern ropa aus der Krise zu führen.überhaupt erst möglich, mit der Til- SPIEGEL: Statt Geld auszugeben,gung ihrer Schulden zu beginnen. sind Sie in Deutschland einst denSPIEGEL: Sind Sie harmoniesüchtig? umgekehrten Weg gegangen. SieSteinmeier: Säße ich dann mit Ihnen gelten als Erfinder der Agenda 2010,an einem Tisch? Aber im Ernst: mit deren harten Einschnitten SieWer 24 Stunden am Tag Harmonie die Sozialsysteme saniert haben.braucht, geht nicht ins politische Steinmeier: Das ist eine Legende,Geschäft. die leider immer wieder falsch wei-SPIEGEL: Dann fragen wir uns, war- tergetragen wird.um Sie die Europapolitik der Kanz- SPIEGEL: Es gab keine Einschnitte?lerin immer wieder für falsch erklä- Steinmeier: Natürlich gab es die. Undren, am Ende aber doch stets zu- keiner hat den Streit darüber besserstimmen. in Erinnerung als ich. Aber wenn inSteinmeier: Ich führe eine Opposi- der Rückschau von heute unsere Po-tion, die sich auf Regierungsverant- litik erfolgreich war, dann doch, weilwortung vorbereitet. Und es gibt wir genau diesen Dreiklang aus Ein-weder ein schwarz-gelbes noch ein sparungen, Strukturreformen undrot-grünes Europa. Stattdessen Erhalt von Wachstumskräften hin-müssen wir dafür Sorge tragen, bekommen haben, um den es jetztdass Europa in seiner heutigen auch wieder geht. Neben den Ein-Form überhaupt noch besteht, schnitten haben wir damals massivwenn wir 2013 die Regierung über- investiert. Beispielsweise sind viernehmen. Also müssen wir als Op- Milliarden in den Ausbau der Ganz-position versuchen, die Fehler der tagsschulen geflossen.Bundesregierung zu korrigieren, SPIEGEL: Neulich hat die Bundestags-wo immer es geht. Deshalb fordern fraktion sich offen gegen Sie gestellt.wir, dass die europäische Sparpoli- Sie wollten, dass die Abgeordnetentik um Wachstumspolitik ergänzt sich bei der Abstimmung über diewird und es endlich zu einer Be- Anti-Piraterie-Mission Atalanta ent-steuerung der Finanzmärkte halten, die Fraktion entschied sichkommt. aber für die Ablehnung. Haben Sie PATRICK SINKEL / DAPDSPIEGEL: Um den Fiskalpakt und da- Ihre Mannschaft noch im Griff?mit die europäische Schuldenbrem- Steinmeier: Ich verliere nicht gern,se durch das Parlament zu bringen, weder Abstimmungen über Sach-braucht die Kanzlerin die Stimmen fragen noch Wahlen. Aber Nieder-der SPD. Lehnen Sie ab, wenn Ihre lagen gehören im politischen LebenForderungen nicht erfüllt werden? Genossin Kraft: „Verzicht auf Glanz und Glamour“ dazu. Wenn so etwas passiert, muss D E R S P I E G E L 2 2 / 2 0 1 2 25
  • 17. HENNING SCHACHTTroika Steinmeier, Gabriel, Steinbrück: „Fair miteinander umgehen“man eben in Zukunft darauf achten, dass im Gespräch zu halten, wirkt inzwischen Schulter und wollen ein persönlicheses die Ausnahme bleibt. ziemlich überholt. Wie soll das erst in Wort mit ihr reden. Da ist keine DistanzSPIEGEL: Was haben Sie falsch gemacht? acht Monaten sein? zu spüren, und das ist bemerkenswert.Steinmeier: Die europäischen Themen do- Steinmeier: Ich habe eher den Eindruck, SPIEGEL: Damit hat sie eine klare Mehrheitminieren die Tagesordnung. Sie nehmen dass die SPD die Menschen zunehmend für Rot-Grün geholt. Davon können Sieleider die Zeit in Anspruch, die wir für interessiert. Wir sind jetzt bei der elften im Bund derzeit nur träumen. Warumdie Beratung anderer, nicht weniger wich- Landtagswahl in Folge in Regierungsver- verabschieden Sie sich nicht von der Illu-tiger Themen dringend brauchen. Wir hät- antwortung gewählt worden. Im Januar sion einer rot-grünen Neuauflage und öff-ten der Debatte über das Mandat zum Aus- in Niedersachsen machen wir das Dut- nen sich? Zur FDP zum Beispiel?landseinsatz mehr Raum geben müssen. zend voll. Im Übrigen kann ich Ihnen ver- Steinmeier: Ich glaube, Sie hinken demSPIEGEL: Und wenn es wieder passiert? sichern, dass wir in acht Monaten einen Zeitgeist etwas hinterher. Es ist doch of-Steinmeier: Das liegt doch weit hinter uns. Kandidaten haben werden, der die SPD fensichtlich, dass Merkels Zeit zu EndeGlauben Sie ernsthaft, dass ich hier in ins Kanzleramt führt. Bis dahin werden geht. Sie hat 2013 keinen Koalitions-öffentliche Drohgebärden gegen meine wir weiterhin fair miteinander umgehen. partner mehr, sie hat keine Ideen, wie esFraktion verfalle? SPIEGEL: Jetzt rufen die ersten Genossen mit dem Land weitergehen soll, und aufSPIEGEL: Bei der Abstimmung brach sich nach der nordrhein-westfälischen Wahl- der Einwechselbank ihrer Regierungs-offensichtlich der Wunsch vieler Abge- siegerin Hannelore Kraft: Sie sei die beste mannschaft sitzt auch niemand mehr. Wirordneter Bahn, klare Kante zu zeigen. Kanzlerkandidatin. brauchen in Deutschland keine RegierungSteinmeier: Daran ist kein Abgeordneter Steinmeier: Ich glaube nicht, dass diejeni- für Stillstand und Hader, sondern einean irgendeinem Tag in der Woche gehin- gen, die diese Debatte führen, Hannelore Koalition für Aufbruch und Veränderung.dert. Die Bundesregierung bietet dazu Kraft einen Gefallen tun. Sie hat sich öf- Das sind ja keine einfachen Zeiten, dieauch ausreichend Gelegenheit. fentlich zu ihrer Rolle in der Politik ge- auf uns zukommen. Deshalb sind Sozial-SPIEGEL: Ihr Parteichef Sigmar Gabriel hat äußert, und ich habe den Eindruck, das demokraten und Grüne eine gute Per-weniger Probleme mit direkter Konfron- sollten wir ernst nehmen. Gleichwohl spektive.tation. Wäre er der bessere Oppositions- zeigt diese Diskussion, was der Union im SPIEGEL: Oskar Lafontaine hat auf den Vor-führer? Gegensatz zu uns fehlt: eine Riege von sitz der Linkspartei verzichtet, damit ent-Steinmeier: Politik lebt doch von unter- starken Ministerpräsidenten und Persön- fällt ein wesentlicher Grund, den die SPDschiedlichen Typen. Sigmar Gabriel hat sei- lichkeiten, die in der Lage sind, Regie- immer gegen Bündnisse mit den Linkenne Aufgabe als Parteivorsitzender, die rungsverantwortung zu übernehmen. ins Feld geführt hat. Ist Rot-Rot-Grünmacht er gut. Und ich mache meine als SPIEGEL: Was kann die SPD von Frau Kraft jetzt möglich?Fraktionsvorsitzender vielleicht auch nicht lernen? Steinmeier: Die Linkspartei spielt in unse-ganz schlecht. Gemeinsam sind wir mit der Steinmeier: Ganz viel. Hannelore Kraft ren Plänen keine Rolle. Es steht doch inSPD ein gutes Stück nach vorn gekommen. verzichtet auf Glanz und Glamour, den Sternen, ob sie dem nächsten Bun-SPIEGEL: Hinzu kommt noch Peer Stein- nimmt aber die Sorgen und Nöte der destag überhaupt angehört. Und solangebrück, der als einfacher Bundestagsabge- Menschen ernst. Wenn man mit ihr im sich die inhaltlichen Positionen nicht än-ordneter zur Troika der möglichen SPD- Wahlkampf unterwegs war, hat man ge- dern, kommen wir sowieso nicht zusam-Kanzlerkandidaten zählt. Haben Sie den spürt, dass die Leute keine Schwellen- men. Wir kämpfen für Rot-Grün.Eindruck, das Format funktioniert noch? angst hatten. Die Menschen kommen vor- SPIEGEL: Sollte die SPD jetzt mit einem de-Steinmeier: Ich verstehe ja, dass Journa- behaltlos auf sie zu, klopfen ihr auf die zidiert linken Kanzlerkandidaten antre-listen die SPD zu einer schnellen Ent- ten, um Linken-Wähler einzusammeln?scheidung drängen wollen. Aber es sind Steinmeier: Ganz bestimmt wird sich dienoch immer anderthalb Jahre bis zur SPD in Programm und Personal nicht annächsten Bundestagswahl. Es reicht, einer völlig ruinierten Linkspartei und ih-wenn wir den Kandidaten nach der nie- rem Schicksal ausrichten.dersächsischen Landtagswahl im Januar SPIEGEL: Aber sie muss überlegen, wie sie MAURICE WEISS / DER SPIEGELküren. Das ist dann immer noch fast ein enttäuschte Linken-Anhänger lockenDreivierteljahr bis zur Wahl. kann. Wäre dafür nicht Sigmar GabrielSPIEGEL: Aber die Idee hinter der Troika, am besten geeignet?die Partei durch einen Wettstreit von drei Steinmeier: Ich weiß nicht, ob Sigmar Ga-Kandidaten interessant zu machen und briel sich über diese Einschätzung von Ih- nen wirklich freut.* Mit den Redakteuren Konstantin von Hammerstein Steinmeier beim SPIEGEL-Gespräch* SPIEGEL: Herr Steinmeier, wir danken Ih-und Christoph Hickmann in Steinmeiers Büro. „Die Linkspartei spielt keine Rolle“ nen für dieses Gespräch.26 D E R S P I E G E L 2 2 / 2 0 1 2
  • 18. Deutschland dem Osten, die der Gestürzte in einem letzten Triumph noch mit nach unten zie- LINKE hen will; eine Partei schließlich, die nach Napoleon und Lady Macbeth einem Höhenflug auf fast zwölf Prozent ziemlich am Boden liegt. Monatelang hatte Oskar Lafontaine seine Partei in Atem gehalten, in einem erbitterten Kampf um die Macht. Vorder- Mit dem Rückzug von Oskar Lafontaine endet in der Partei gründig ging es um die Entscheidung, wer ein erbitterter Machtkampf. Sinkt die Linke zur Regionalpartei ab, auf dem Parteitag am kommenden Wo- chenende in Göttingen Vorsitzender oder steigt sie zum möglichen Partner der SPD im Bund auf? wird: der ostdeutsche, realpolitisch ori- entierte Fraktionsvize Dietmar Bartsch oder doch noch einmal die Machtmaschi- ne aus dem Westen. Dahinter aber stand ein von langer Hand vorbereiteter Ver- such des Politikpaares Oskar Lafontaine und Sahra Wagenknecht, die Partei auf ihren strammen Oppositionskurs zu ver- pflichten. Für dieses Ziel arbeiteten sie mit allen Methoden, mit politischer Be- stechung, Täuschung, Drohung. Für die Partei Die Linke stellt sich nun die Existenzfrage: Spaltung und Rückfall in die Rolle als ostdeutsche Regionalpar- tei – oder eine Wiedergeburt als moder- nisierter Herausforderer und möglicher Partner für SPD und Grüne? Der Rückzug des einstigen Übervaters der Linken bringt Bewegung in die deut- sche Parteienlandschaft. Für die SPD-Spit- ze war ein Bündnis mit der Linkspartei auf Bundesebene tabu. Das lag an man- chen Programmpunkten, aber mehr noch an der Person Lafontaine. Viele Sozial- demokraten haben ihm bis heute nicht verziehen, wie er erst den SPD-Parteivor- sitz hinschmiss und dann sein eigenes CAROLINE SEIDEL / DPA Konkurrenzunternehmen aufzog. Aus dem Führungszirkel der Sozialde- mokratie war bis Ende der Woche nur Abwägendes zu hören. „Für die SPD än- dert sich erst einmal nichts, weil das keinLinken-Politiker Lafontaine*: Ein Drama, in dem es bislang nur Verlierer gibt Sieg der Reformer ist“, meinte General- sekretärin Andrea Nahles. Und Fraktions-E inmal saßen sie noch zusammen, sitz neben Lafontaine in einer Doppel- chef Frank-Walter Steinmeier höhnt: am vergangenen Sonntag im Berli- spitze übernähme. Bartsch wusste, dass „Ganz bestimmt wird sich die SPD in Pro- ner Café Dressler Unter den Lin- der Saarländer diese Kröte nicht schlu- gramm und Personal nicht an einer völligden. Oskar Lafontaine hatte seinen Ver- cken würde. ruinierten Linkspartei und ihrem Schick-trauten Klaus Ernst mitgebracht, sein Ri- Aber Lafontaine machte gar kein An- sal ausrichten.“ Aber schon eine Ebenevale Dietmar Bartsch war allein gekom- gebot mehr, er ahnte schon, dass die Rea-men. Lange redeten sie ganz allgemein los aus dem Osten diesmal nicht klein bei-und ganz freundlich über Politik, fast geben würden. So blieb es bei seiner Countdown für die Linkezwei Stunden dauerte dieses Abtasten Forderung, keinen weiteren Kandidaten „Welche Partei würden Sie wählen,und Belauern: Wer gibt einen Hinweis, neben ihm für das höchste Parteiamt zu- 13 wenn am nächsten Sonntagdass er bereit ist, nachzugeben im Kampf zulassen – alles oder nichts. „Dann muss Bundestagswahl wäre?“um die Führung der Linkspartei? Wer der Parteitag entscheiden“, sagte Bartsch. 11,9zeigt einen Moment der Schwäche? 36 Stunden später, nachdem am Mon- Antwort: Die Linke; Angaben in Prozent Bartsch war zu diesem Zeitpunkt längst tag auch noch Gregor Gysi dem ehemali-entschlossen, den Kampf zu Ende zu brin- gen Sozialdemokraten die Freundschaft 10gen, so oder so. Er rechnete damit, dass aufgekündigt hatte, erklärte Lafontaine 9Lafontaine ihm in diesem Gespräch beim seinen Verzicht auf den Parteivorsitz.Rotwein irgendwann anbieten würde, un- Damit endete der vorläufig letzte Akt 8ter ihm Bundesgeschäftsführer zu werden. eines Dramas, wie es auf der politischen 7Und er hatte sich auch eine Antwort zu- Bühne selten geboten wird und in dem Bundestags- 6rechtgelegt: Geschäftsführer ja, aber nur, es bisher nur Verlierer gibt: einen gede- wahlergebniswenn er bestimmen dürfe, wer den Vor- mütigten Patriarchen, dem in seiner gro- September 2009 Umfragen: Infratest dimap 5 ßen Zeit alles zugetraut wurde, sogar die* Beim NRW-Wahlkampf in Düsseldorf am 9. Mai. Kanzlerschaft; die Herausforderer aus 2009 2010 2011 201228 D E R S P I E G E L 2 2 / 2 0 1 2
  • 19. tiefer klang die Reaktion deutlich freund- Solange sie allein war, konnte sie sich sensgespräche auf Spitzenebene. „Daslicher. „Sowohl Herr Bartsch als auch die nie richtig gegen Bartsch und dessen För- war die Vereinbarung“, poltert Ramelowgenannten möglichen Kandidatinnen ste- derer Gysi durchsetzen. Aber jetzt hatte heute wütend vor Genossen – denn washen für einen durchaus soliden Politik- sie ihren Partner an der Seite. Nur er, La- dann folgte, empfindet er als Täuschung.stil“, urteilte der Berliner SPD-Landes- fontaine, könne Bartsch verhindern, so Andere Parteigenossen werden nochchef Michael Müller. hätten Wagenknecht und ihre Freunde deutlicher. Sie nennen Klaus Ernst und Für Lafontaine wiederholt sich mit dem auf ihn eingeredet, berichtet es der Lin- Lafontaine „Lügner“.Rückzug aus der Führung der Linken ein ken-Mann im Hintergrund. Schnell wurde klar, dass Lafontainepersönliches Trauma. Schon einmal, im So begann das Spiel um die Macht, im wohl gar nicht daran dachte, sich mitHerbst 1990, ließen ihn die Ostdeutschen Rückblick nennt es der Thüringer Frakti- Bartsch zu einigen. Statt über eine Lö-auflaufen mit seinen Ambitionen, damals, onschef Bodo Ramelow, einer der Haupt- sung zu verhandeln, zog er sich ins Saar-als sie ihm den Griff zur Kanzlerschaft verhandlungsführer hinter den Kulissen, land zurück und ließ die Partei rätseln,verwehrten. 22 Jahre später scheiterte derMachtmensch aus dem Westen wieder anselbstbewussten Ossis. Das Waterloo desSaar-Napoleons liegt östlich der Elbe. Auch in der Linkspartei rätselten inden vergangenen Wochen viele, warumLafontaine mit 68 Jahren noch einmalbrachial an die Spitze strebte. Und wiedieser Instinktpolitiker übersehen konnte,dass der Widerstand zu groß sein würde,um mit seinen maßlosen Forderungendurchzukommen. Eine Antwort auf die-ses Rätsel bekommt man im Saarland, beieinem langjährigen, engen Mitarbeiter. Bevor der Mann Auskunft gibt, mussman mit ihm allerdings spätabends überdie Grenze nach Frankreich fahren, zu JOCHEN LÜBKE / DPA (O.); THOMAS TRUTSCHEL/PHOTOTHEK.NET (U.)tief sitzt die Angst, von Lafontaines Zu-trägern gesehen und verpetzt zu werden. „Die Antwort heißt Sahra“, sagt derVertraute. Der Saarländer selbst sei schonlange müde von der Politik, so berichtetes der Mitstreiter; seine Bemerkungen,dass er keine Lust mehr habe, seien durch-aus ernst zu nehmen. Es spricht einiges dafür, dass diese Ein-schätzung stimmt: Lafontaine hatte seinLeben nach der Trennung von EhefrauChrista Müller neu geordnet; er hatte einschönes Haus auf dem Land gekauft, Wa-genknecht hatte für ihn ihren Wohnsitzan die Saar verlegt. Spitzenkandidaten Kipping, Schwabedissen, Bartsch: „Kooperative Führung“ Weil ein Lafontaine nicht ganz auf Sta-tus und Privilegien verzichten kann, woll- eine „Schmierenkomödie“. Den Eröff- wie die „kooperative Führung“ aussehente er den Fraktionsvorsitz im Saarland nungszug machte das Paar im vergange- könnte, von der er gesprochen hatte.behalten und liebäugelte mit einer Spit- nen Dezember, bei einem Treffen der Zu einem zweiten Treffen der Länder-zenkandidatur für die Europawahl. Aber Landes- und Fraktionsvorsitzenden im fürsten im April in Düsseldorf reiste La-mehr sollte es auch nicht unbedingt sein. thüringischen Elgersburg, wo Personal fontaine nicht einmal mehr an. Die Run-„Ich habe in meinem Leben in genug Sit- und Politik für die Landtagswahlkämpfe de beschloss, zwei Emissäre an die Saarzungen gehockt“, sagte er vor Monaten und den Parteitag 2012 auf der Tagesord- zu schicken: Heinz Vietze, Chef der Rosa-am Ende einer Veranstaltung: „Wenn ich nung standen. Luxemburg-Stiftung, und den hessischenmeine Denkmäler sehen will, kann ich Gleich zu Beginn der Zusammenkunft Fraktionschef Willi van Ooyen. Lafon-durch Saarbrücken spazieren.“ schlug das Bartsch-Lager vor, den nächsten taine ließ nur ausrichten: keine Personal- Doch dann erklärte Bartsch seinen An- Parteitag vorzuziehen, um die Führungs- debatte während der Wahlkämpfe. Dannspruch auf den Vorsitz. Das sei das Signal frage vor den anstehenden Wahlen zu klä- sollte die alte PDS-Größe Hans Modrowfür das Lager um Sahra Wagenknecht ge- ren. Das leuchtete den meisten ein, aber vermitteln, einer der wenigen ehemaligenwesen, ihren Lebensgefährten zu drän- Lafontaine lehnte ab; er musste Zeit gewin- PDS-Politiker, denen Lafontaine vertraut.gen, sich dem Anführer der Ost-Realos nen. Als Bartsch-Getreue darauf die Idee Aber auch für Modrow hieß es: kein Ter-in den Weg zu stellen, so erzählt es der einer Mitgliederbefragung ins Spiel brach- min in Saarbrücken.Vertraute. Wagenknecht ist dem ehema- ten, konterte Lafontaine mit der Anregung, Schließlich stellte der misstrauisch ge-ligen Schatzmeister und Gysi-Freund der Vorstand sollte lieber selbst einen Per- wordene Gregor Gysi seinen langjährigenschon aus PDS-Zeiten in inniger Feind- sonalkompromiss präsentieren, „eine ko- Co-Chef nach einem gemeinsamen Wahl-schaft verbunden. Während Bartsch die operative Führung unter Einbeziehung von kampfauftritt in Nordrhein-Westfalen zurLinkspartei mit der SPD zusammen in Bartsch“, wie sein Angebot lautete. Rede. Was denn nun sei, mit dem Kom-viele Regierungen bringen will, setzt Wa- Lafontaine wusste genau, dass er bei promissvorschlag und mit Bartsch? Esgenknecht auf harten Oppositionskurs. einem Basisentscheid wenig Chancen ge- wurde laut, die beiden gingen im StreitFür sie ist das Bündnisgerede Verrat. habt hätte, also verabredete man Kon- auseinander. Zu dem Zeitpunkt ahnte D E R S P I E G E L 2 2 / 2 0 1 2 29
  • 20. Deutschland Gysi bereits, dass sich das Spiel nicht nur nicht mehr für den Bundestag aufgestellt um Lafontaine und Bartsch drehte, son- werde. dern dass auch Sahra Wagenknecht an Auch in Thüringen versuchte Lafon- ihrem Aufstieg arbeitete – und zwar auf taine, Ostdelegierte auf seine Seite zu seine Kosten. Einen deutlichen Hinweis, ziehen. Dem Landesvorsitzenden Knut dass sie ihm seinen Platz streitig machte, Korschewsky ließ er das Angebot über- hatte es bei einer Fraktionssitzung im bringen, er könne Bundesgeschäftsführer Frühjahr gegeben. Vor einer Bundestags- werden, wenn er im Osten für Lafontaine debatte zum Euro-Rettungsschirm hatten werbe. Der thüringische Fraktionschef sich Wagenknechts Anhänger zu Wort ge- Bodo Ramelow saß gerade am Lenkrad meldet, Gysi solle seine Redezeit „mit seines Autos, als er von Lafontaines Lock- der Sahra“ teilen; traditionell sind solche mittel erfuhr; er bekam einen solchen Auftritte Chefsache. Tobsuchtsanfall, dass er fast einen Unfall Nach einigem Hin und Her platzte Gysi verursacht hätte. Ramelow stellte Kor- dann der Kragen. Am Ende redete er al- schewsky zur Rede, der verkündete dann lein, Wagenknecht schwänzte die Debat- am Montagabend kleinlaut, er persönlich te. Anschließend kam sie zu ihm und er- sei nun für einen „dritten Weg“, ohne klärte, der Vorstoß sei mit ihr nicht abge- Lafontaine und Bartsch. sprochen gewesen. Aber Gysi ist zu lange Es ist gut möglich, dass dieser dritte im Geschäft, um solchen Entschuldigun- Weg jetzt Realität wird: mit einer weib- gen zu trauen. lichen Doppelspitze aus der bisherigen Je länger der Kampf um den Parteivor- Vizechefin Katja Kipping und der in sitz währte, desto klarer wurde, dass es Nordrhein-Westfalen gerade krachend ge- um weit mehr ging, als Oskar Lafontaine scheiterten Spitzenkandidatin Katharina an die Spitze zu hieven. Wagenknecht und Lafontaine wollten die Not der Partei nut- zen, um ihr ihren Willen aufzuzwingen. In der Parteizentrale lief der getreue Klaus Ernst durch die Gänge und berei- tete die Mitarbeiter auf die Rückkehr des Königs vor. Bei einer Versammlung vor zwei Wochen stellte sich Ernst vor die Belegschaft und erklärte: Alle müssten wissen, hinter ihm stehe Lafontaine, und der verdächtige das gesamte Haus der Il- STEFAN BONESS / IPON loyalität. Dann sagte er, nur mit Lafon- taine erreiche die Partei noch genügend Prozente bei Wahlen. Und Prozente be- deuteten Geld. Und Geld bedeute Ar- beitsplätze: „Auch eure!“ Das verstanden alle als Drohung. „Arschloch“, schallte Politikerpaar Lafontaine, Wagenknecht es aus der Menge zurück. „Die Antwort heißt Sahra“ Von einem personellen Kompromiss- angebot war schon lange nicht mehr die Schwabedissen. Es wäre immerhin ein Rede. Emissäre übermittelten Gysi und Generationswechsel. Bartsch vor zwei Wochen weitere Bedin- Bleibt die Frage, was aus Sahra Wagen- gungen: Wagenknecht solle noch in die- knecht wird, der Lady Macbeth der Lin- ser Legislaturperiode gleichberechtigte ken. Nach dem gescheiterten Anlauf von Fraktionsvorsitzende werden, für Bartsch Lafontaine meldete Ernst für sie den An- sei allenfalls als Vizevorsitzender Platz, spruch auf den Vorsitz an, quasi als di- und auch das nur „auf Bewährung“. La- rekte Erbfolge. Die Realos wissen, sie ge- fontaine will sich dazu nicht äußern, Wa- hört zu den Figuren, die auch außerhalb genknecht nennt diese Darstellung, „ein der Partei Strahlkraft besitzen, und sie mieses Spiel“ jener, die ihr und Lafontai- kann die Wut der Fundis über Bartsch ne schaden wollten ausschlachten. Nun war klar: Was Lafontaine ein „An- Wenn die Linke nicht zur Provinzpar- gebot in einer schwierigen Situation“ tei absteigen will, braucht sie Leute, die nannte, bedeutete für große Teile der Par- auch außerhalb des verlässlichen Fan- tei Unterwerfung. blocks Säle füllen. Dass Lafontaine für Vom starken Widerstand überrascht, die Genossen als Gastredner weiterhin versuchte Lafontaines Lager, die Ostfront kämpferische Vorträge halten wird, darf aufzuweichen. Den wichtigen, weil mit- als ausgeschlossen gelten. Seinen ehema- gliederstärksten Verband in Sachsen woll- ligen Büroleiter in der Parteizentrale, Ha- te es gewinnen, indem die weithin unbe- rald Schindel, ließ er am Telefon zornig kannte Bundestagsabgeordnete Sabine wissen: „Die glauben doch nicht im Ernst, Zimmermann aus Zwickau als zweite dass ich nächstes Jahr für die noch Wahl- Vorsitzende präsentiert wurde. Doch die kampf mache, wenn sie mir jetzt in denEinfach QR-Code Sachsen ließen nur kühl wissen, dass Frau Arsch treten.“scannen, z. B. mit Zimmermann dann kommendes Jahr MARKUS DEGGERICH, CHRISTOPH HICKMANNder App „Sminna“ 30 D E R S P I E G E L 2 2 / 2 0 1 2
  • 21. Deutscher Bundestag DAVID HEERDE / IMAGO STOCK&PEOPLE „willkürlichen und widersinnigen“ Ergeb- B U N D E S TA G S WA H L nissen. Dennoch fand die Wahl 2009 nach Mehr Stimmen, weniger Sitze den alten Regeln statt – und auch danach konnten sich die Parteien nicht auf eine gemeinsame Lösung des Problems ver- ständigen. Es ist ja auch nicht so einfach mit den Verstößt das neue deutsche Wahlrecht gegen das Bundestagswahlen: Das „personalisierte Grundgesetz? Einiges spricht dafür, dass die Verfassungsrichter Verhältniswahlrecht“ versucht, die Ergeb- nisse einer Direktwahl von Kandidaten in Karlsruhe diese Frage demnächst bejahen werden. (mit der Erststimme) in eine Verhältnis- wahl des Gesamtparlaments (mit derW as der Verfassungsrichter Micha- über die Regeln des politischen Machter- Zweitstimme) zu integrieren – und das el Gerhardt, 64, vom neuen werbs und Machtverlusts: Angela Merkels auch noch proportional verteilt auf Par- Bundestagswahlrecht hält, ist schwarz-gelbe Koalition. teilisten aus 16 Bundesländern.nicht so einfach auszudrücken. Sein Vo- Dabei hätte die demokratische Etikette Wenn eine Partei in einem Bundeslandtum ist 250 Seiten lang. verlangt, die Opposition einzubeziehen – mehr per Erststimme direkt gewählte Ab- Ist das Wahlgesetz verfassungswidrig? oder Änderungen am Wahlgesetz frühes- geordnete für den Bundestag bekommt, Diese Frage soll Gerhardts geheimer tens für die übernächste Wahl vorzuneh- als ihr nach ihrem Zweitstimmen-AnteilEntwurf beantworten. Das Schriftstück men. Zeit genug wäre gewesen. Bereits zustehen, entstehen Überhangmandate.ist die Grundlage für ein Urteil, das die 2008 hatte das Bundesverfassungsgericht Und deren Zahl nimmt eher noch zu, vorKarlsruher Richter in den kommenden das bis dato geltende Wahlgesetz für ver- allem, weil diejenigen Wähler, die mitWochen fällen müssen. Wenn es schlecht fassungswidrig erklärt. Die Überhang- der Zweitstimme FDP, Grüne, Linke oderläuft, entzieht das Bundesverfassungsge- mandate, so urteilten damals die Richter, Piraten wählen, mit der Erststimme fürricht der Bundestagswahl 2013 die Rechts- führten unter bestimmten Umständen zu eine der großen Parteien, CDU oder SPD,grundlage, Deutschland stünde im Wahl-jahr ohne gültiges Wahlgesetz da. Erst im vergangenen Herbst hatte derBundestag das neue Wahlrecht verab- Tücken des Wahlrechtsschiedet. Schwarz-Gelb hatte es – am Die Zweitstimme entscheidet bei der Bundestagswahl darüber, inEnde unter Zeitdruck – zusammenge- welchem Verhältnis die Parteien insgesamt Bundestagssitze bekommen.schustert. Politiker, Juristen und Wahlma- Davon unabhängig werden mit der Erststimme Wahlkreiskandidatenthematiker halten es für so schlecht kon- direkt gewählt.struiert, dass es sich bis zur kommendenWahl kaum reparieren ließe. „Wahlrecht- Sonderfall 1: Überhangmandate Sonderfall 2: Negatives Stimmgewichtlicher Unfug“ sei das Gesetz, schimpft Erststimme: Eine Partei gewinnt in einem Mit einigen Zweitstimmen mehr wären derder Berliner Staatsrechtsprofessor Hans Bundesland in 45 Wahlkreisen. Die Direkt- Partei in diesem Bundesland 41 AbgeordneteMeyer, „greuliches Flickwerk“, fügt der kandidaten ziehen sicher in den Bundestag ein. zugeteilt worden, in einem anderen Bundes-Friedrichshafener Politologe und Wahl- Zweitstimme: Aufgrund eines schwächeren land bekäme sie dafür ein Mandat weniger.experte Joachim Behnke hinzu. Zweitstimmenergebnisses dürfte die Partei in Am 5. Juni wird das Bundesverfas- diesem Bundesland aber eigentlich nursungsgericht über die Klagen gegen das 40 Abgeordnete entsenden. Ergebnis Die Partei hätte in die-Gesetz verhandeln, die SPD und Grüne, sem Bundesland weiteraber auch Tausende Bürger erhoben 45 Mandate, aber nurhaben. Ergebnis noch vier Überhang- Das umstrittene Wahlrecht ist das kom- Die Partei gewinnt fünf mandate. Durch denplizierteste, das es je gab. Einen undemo- Überhangmandate. Wegfall eines Mandatskratischen Hautgout hat es obendrein: Damit ziehen fünf 45 Mandate in einem anderen Bun-Wohl erstmals in der Geschichte der bun- Abgeordnete zusätzlich desland hätte die Partei für die Partei in den jedoch insgesamt eindesdeutschen Demokratie entschieden al- 45 Mandate Bundestag ein. Mandat weniger.lein die, die gegenwärtig die Macht haben,32 D E R S P I E G E L 2 2 / 2 0 1 2
  • 22. Deutschland Treppe nach unten 795 316 Zweitstimmen Rechenbeispiel zum negativen Stimmgewicht Wahlergebnisse 2005, ermittelt nach neuem Wahlrecht 178 178 2005 bekam die CDU in Sachsen 795 316 Zweitstimmen. CDU-Mandate Bundesweit wäre die Partei nach neuem Wahlrecht damit im Bundestag auf 177 Mandate gekommen. Das Paradoxe: Wären 5000 177 177 CDU- Wähler in Sachsen zu Hause geblieben, hätte die CDU ein Mandat mehr gehabt – dies ist ein negatives Stimmgewicht. Ab rund 970000 Zweitstimmen in Sachsen hätte die CDU dagegen einen Sitz verloren; erst ab 176 1,07 Millionen Zweitstimmen wäre die Zahl ihrer Berechnungen: Ulrich Wiesner, www.ulrichwiesner.de Bundestagsmandate – durch Listenplätze in Sachsen – wieder angestiegen. 600 700 800 900 1000 1100 1200 Zweitstimmen der CDU in Sachsen in tausendstimmen, damit die Erststimme nicht an nun auch, zusammen mit der Initiative tag eingezogen, wenn dieser Platz in dereinen aussichtslosen Kandidaten geht. „Mehr Demokratie“, die Verfassungsbe- Länderverrechnung nicht den Bremer Ge- Lange hat das Bundesverfassungs- schwerde gegen das neue Gesetz an. Ei- nossen zugeschlagen worden wäre. Dort,gericht Überhangmandate als unvermeid- nem von ihnen, dem Physiker Martin in der roten Hochburg, nutzte der SPDliches Übel akzeptiert – aber nur unter Fehndrich, waren schon bei der Wahl der Sitz aber nichts, sie war mit Direkt-der Bedingung, dass der mögliche Mehr- 1994 die vielen Überhangmandate aufge- mandaten überversorgt. Hätten die Sozi-Wert mancher Wählerstimmen nicht zu fallen, er rechnete nach, „wie das alles aldemokraten 600 Stimmen weniger inmassiv werde. Als sich 2005 bei einer funktioniert“, und stieß auf den negati- Bremen bekommen, hätte Berg sein Man-Nachwahl in Dresden zeigte, dass eine ven Effekt von Stimmengewinnen. dat gewonnen, in Bremen wäre ein Über-Partei als Folge der Überhangmandate so- Auf einem Schaubild, entwickelt von hangmandat entstanden – und kein Sitzgar Sitze im Bundestag verlieren kann, einem Mitstreiter Fehndrichs, kann man verlorengegangen.wenn sie mehr Stimmen bekommt, gab erkennen, wie der Mechanismus auch im Normalerweise sind solche inversen Ef-es kein Vertun mehr. Eine Änderung des neuen Wahlrecht noch wirkt. „Norma- fekte im Wahlergebnis versteckt und las-Wahlgesetzes, das solche Negativeffekte lerweise“, so Fehndrich, „müsste es für sen sich nur im Nachhinein herauslesen.erlaubte, war unvermeidlich. weniger Stimmen weniger Sitze geben – In Dresden zeigte sich bei der Bundes- Vor allem die Union fahndete jedoch hier ist es aber umgekehrt“ (siehe Grafik tagswahl 2005 der negative Stimmeffektnach einer Möglichkeit, die Überhang- oben). dagegen auf offener Bühne: als im Wahl-mandate zu erhalten, denn allein die gro- Was sich mit den Wahlergebnissen von kreis I die Abstimmung zwei Wochen spä-ßen Parteien profitieren davon. So kam 2005 aus dem neuen Paragrafenwerk er- ter nachgeholt werden musste, weil eineim vergangenen Herbst ein Gesetz in die geben würde, sei „kabarettreif“, meint Direktkandidatin der NPD kurz vor demWelt, mit dem die CDU versuchte, wider- Experte Meyer, der die Bundestags- Wahltermin gestorben war.sinnige Stimmeffekte wie in Dresden fraktionen von SPD und Grünen in Da der Bundeswahlleiter die übrigenkünftig zu vermeiden – aber die liebge- Karlsruhe vertritt. „Wären 5000 CDU- Wahlergebnisse schon veröffentlicht hat-wonnenen Überhangmandate trotzdem Wähler in Sachsen der Urne fernge- te, konnten Spezialisten nachrechnen,zu behalten. blieben, hätte das der CDU im Bund ein welche Verschiebungen sich dort je nach Doch diese Lösung macht das Problem Mandat (von der Berliner Landesliste) Wahlausgang ergeben würden: Erhielteeher noch größer. Experten prophezeien mehr eingebracht. Weil das Land Berlin die CDU mehr als 41 225 Zweitstimmen,sogar noch mehr Überhangmandate – wegen des zugewanderten CDU-Mandats würde ein Listenmandat aus Nordrhein-und Mandatsverschiebungen, die mindes- insgesamt besser wegkommt, verschiebt Westfalen nach Sachsen fallen, dort abertens ebenso sinnwidrig und willkürlich sich bei den Grünen ein Mandat von gar nicht zu Buche schlagen, weil die Par-erscheinen wie der vom Verfassungsge- Bayern nach Berlin, bei den Linken eines tei bereits mehrere Überhangmandatericht gerügte Effekt. von Sachsen nach Hessen, und die FDP hatte – deren Zahl hätte sich dann einfach Nicht nur die Kläger in Karlsruhe er- erhält ein zusätzliches Reststimmen- reduziert, insgesamt hätte die CDU alsoheben den Vorwurf, das neue Gesetz ver- mandat in Brandenburg. Alles wegen einen Sitz verloren. Um das zu verhin-fälsche den Wählerwillen noch mehr und 5000 zu Hause gebliebener CDU-Wähler dern, brauchte die CDU viele Erst- undführe dazu, dass Wählerstimmen unter- in Sachsen.“ wenig Zweitstimmen.schiedliches Gewicht bekommen. „In Negative Stimmeffekte wird es geben, Union und Liberale stimmten dann diekeiner Weise wurde auch nur annähernd solange es Überhangmandate gibt. Sie Werbung für die Nachwahl in Dresdenversucht, ein Wahlsystem zu entwerfen, seien, sagt der Augsburger Mathematiker erkennbar aufeinander ab: Die CDU pla-das einer intern kohärenten Logik ent- Friedrich Pukelsheim, der auch das katierte „Erststimme CDU“, die Libera-spricht“, kritisiert der Politologe Behnke. Bundesverfassungsgericht berät, „ein Ab- len „Zweitstimme FDP“. Die RechnungGemessen am Verlangen des Verfassungs- fallprodukt der Überhangmandate“. Und ging auf: Die CDU bekam das Direktman-gerichts von 2008, die Sitzzuteilung für je mehr Überhangmandate es gebe, desto dat, mit 38 208 Zweitstimmen aber keinenden Bundestag „auf eine neue, normen- wahrscheinlicher sei ein verdrehtes Re- weiteren Listensitz, ein zusätzliches Über-klare und verständliche Grundlage zu stel- sultat. hangmandat entstand. Eine Einladung fürlen“, sei der Koalitionsentwurf, so Behn- Was bei Abstimmungen alles passieren Manipulationen: So lässt sich mit abge-ke, „in Bausch und Bogen gescheitert“. kann, musste der bayerische SPD-Politi- stimmtem Wählerverhalten das Wahl- Geklagt hatten damals mehrere junge ker Axel Berg schon nach altem Recht recht überlisten.Wissenschaftler, die seit Jahren unter bei der Bundestagswahl 2009 erfahren. Nach der Reform von Schwarz-Gelbwww.wahlrecht.de im Internet auf Män- Über die bayerische Landesliste wäre er soll künftig das Verteilungsverfahren fürgel im Wahlrecht hinweisen. Sie führen von seinem 17. Platz noch in den Bundes- die Bundestagssitze von der Höhe der D E R S P I E G E L 2 2 / 2 0 1 2 33
  • 23. DeutschlandWahlbeteiligung in den Ländern abhän-gen. Das mindert negative Stimmeffekte, CDU Merkels Minusaber es eliminiert sie nicht. Und: DiesesVerfahren schafft noch mehr Probleme,als es löst. Eine solche Regelung werfe erneut den„Verdacht des Verfassungsverstoßes“ auf, Nach dem Rausschmisssagt Wahlrechtler Meyer. Das Abstellen von Norbert Röttgen entbrennt inauf die Länder und die Wahlbeteiligungdort, so Meyer, widerspreche dem „uni- der CDU eine Kursdebatte.tarischen Charakter“ der Bundestagswahl: Bestreitet die Partei damit dasSchließlich wähle man eine „Vertretung politische Sommertheater?des Bundesvolkes“ und nicht eine Vertre- Ftung „konkurrierender Landesvölker“. ür CDU-Generalsekretär Hermann Verwirrung stiftet auch eine neu kon- Gröhe ist der typische CDU-Wählerstruierte Regelung, ein Zugeständnis an ein Produkt aus Zahlen und Statis-die FDP, sie bestimmt, dass „Reststim- tiken, der Kanzlervertraute glaubt an diemen“ einer Partei, die bei der Rechnerei Weisheit von Umfragen. Daher sucht Grö-in den Ländern nicht für ein weiteres he künftige Unionswähler da, wo ihn dieMandat reichen, bundesweit zusammen- Meinungsforscher ausgemacht haben:gekratzt werden dürfen. So entstehen in links von der CDU.einem erneuten Berechnungsverfahren Für den alten CDU-Haudegen Wolfgangabermals acht bis zehn zusätzliche Par- Bosbach ist der Unionswähler ein Menschlamentssitze, quasi Überhangmandate aus Fleisch und Blut. Er hat seinen Bun-neuer Art für Kleinparteien. destagswahlkreis im Bergischen Land Spätestens in Karlsruhe dürfte sich schon fünfmal direkt gewonnen, Bosbachzeigen, dass es nur einen sauberen Weg weiß, was seine Leute umtreibt, die über-gibt, Ungleichheiten und Negativeffekte hastete Energiewende und das Hin undendgültig zu beseitigen: die Beseitigung Her beim Betreuungsgeld. Für ihn ist diealler Überhangmandate. Stimmung der CDU-Anhänger klar: Sie Am einfachsten wäre dies zu erreichen, verstehen den Kurs der eigenen Partei Politiker Merkel, Joachim Gauck, Peter Altmaier,wenn alle überzähligen Direktmandate nicht mehr.einer Partei in einem Bundesland mit den Als sich am vergangenen Montagabend Kreis aus etwa 30 Unions-Politikern willParlamentsplätzen verrechnet würden, die CDU-Bundestagsabgeordneten aus zum Ende der Sommerpause bei einemdie von derselben Partei in einem ande- Nordrhein-Westfalen zur Analyse des De- großen Auftritt in Berlin sein Manifestren Land erobert wurden, wo sie nicht bakels bei der Landtagswahl trafen, prall- vorstellen.so viele Direktmandate erzielen konnte. ten die beiden Weltsichten aufeinander. Dabei sieht die Merkel-Strategie aufDas wollen etwa die Grünen. Gröhe zitierte Umfragen, Bosbach verwies dem Papier durchaus überzeugend aus. Doch die Union befürchtet, das könnte auf eigene Erkenntnisse: „Hermann, um „Politische Selbsteinschätzung der Stamm-den Länder-Proporz im Bundestag mini- die Stimmung unserer Leute zu erkennen, wähler“ lautet der Titel der Vorlage, ausmieren. Der CDU-Abgeordnete Günter brauche ich keine Umfragen. Da muss ich der Gröhe bei den NRW-ParlamentariernKrings, maßgeblicher Mitautor des um- nur in die Fußgängerzone gehen.“ zitierte. Danach halten sich Wechsel-strittenen Gesetzes: „Es kann doch nicht Die Episode zeigt: Falls Angela Merkel wähler, die der CDU den Rücken kehren,sein, dass dann Parteien in einigen Län- dachte, sie könnte die aufkeimende De- für weniger konservativ als CDU-Stamm-dern gar keine eigenen Mandate in Berlin batte über den Kurs ihrer Partei durch wähler. Ähnlich ist das Bild bei der SPD.bekommen, weil ihre Listen als Stein- den Rauswurf von Umweltminister Nor- Deren Kernklientel ordnet sich auf dembruch für die Überhang-Länder herhalten bert Röttgen stoppen, hat sie sich ge- politischen Meinungsspektrum deutlichmüssen.“ täuscht. Röttgen hat als Spitzenkandidat weiter links ein als die Abwanderer. Das Die Union weiß, was sie an der alten Fehler gemacht. Doch das Problem liegt Fazit der Meinungsforscher: Wer dieOrdnung hat. Hätte die von den Grünen tiefer. Seit Merkel mit der FDP regiert, Wechselwähler in der Mitte gewinnt, ge-favorisierte Regel etwa bei der Wahl 2009 hat die CDU bei acht Landtagswahlen winnt auch das Kanzleramt.gegolten, wären Polit-Stars wie Sozialmi- verloren. „Wenn die CDU in manchen Dumm nur, dass die Basis davon nichtnisterin Ursula von der Leyen oder Bun- Wahllokalen in der Studentenstadt Müns- überzeugt ist. Das CDU-Stammpublikumdestagspräsident Norbert Lammert nicht ter noch nicht mal mehr zehn Prozent er- sieht nicht ein, dass die Partei sich bei derins Parlament eingezogen. reicht, dann kann das nicht nur an Nor- Laufkundschaft anbiedert. In der CDU- Am 5. Juni werden in Karlsruhe solche bert Röttgen gelegen haben“, klagt der Zentrale setzen sie deshalb auf ein be-Erwägungen nicht zählen. Auf dem Spiel CDU-Parlamentarier Jens Spahn. währtes Instrument. Um den Frust dersteht nicht nur der Ruf der Unionsfrak- Viele in der Union finden inzwischen, Anhänger einzuhegen, will sich die Che-tion, sondern auch das Ansehen der deut- dass Merkel kritische Stimmen systema- fin bei einer Kreisvorsitzendenkonferenzschen Demokratie. Was passiert, wenn tisch mundtot macht. „Wir müssen die Anfang Juni der Kritik der Basis stellen.das Parlament rechtzeitig vor dem Wahl- Union in ihrer ganzen Breite darstellen – Vor dem Parteitag Ende des Jahres, so dietag kein verfassungsgemäßes Wahlgesetz vom Wirtschafts- bis zum Sozialflügel“, Überlegungen, könnte dann eine Reihehinbekommt, hat Verfassungsgerichtsprä- sagt der CDU-Fraktionschef von Thürin- von Regionalkonferenzen folgen. Diesesident Andreas Voßkuhle jüngst in Berlin gen, Mike Mohring. „Das gelingt aber haben einen wichtigen Vorzug: Sie sindschon mal angedeutet: Dann macht das nicht, wenn jede von der Parteiführung ganz auf die Kanzlerin zugeschnitten. InGericht einen Vorschlag, den die Parteien abweichende Meinung gleich als Hoch- der Vergangenheit haben sie die Kritik annicht ablehnen können. verrat bestraft wird.“ Auch die Konser- Merkel verstummen lassen – wenn auch So geht es in Bananenrepubliken zu. vativen wollen Merkel einen heißen Som- nur für ein paar Wochen. THOMAS DARNSTÄDT, DIETMAR HIPP mer bereiten. Der sogenannte Berliner PETER MÜLLER34 D E R S P I E G E L 2 2 / 2 0 1 2
  • 24. Die kalte Kündigung ist in Röttgens Augen die Panikreak- tion einer Kanzlerin, die ihre Macht schwinden sah. Seinen Getreuen hat er inzwischen de- tailliert erzählt, wie jenes denk- würdige Gespräch am Dienstag vor zwei Wochen verlief, bei dem Merkel ihm den Stuhl vor die Tür setzte. Merkel sagte demnach, dass Röttgen nicht mehr die Kraft und die Autorität habe, die Energie- wende durchzusetzen. Röttgen erwiderte, er halte dieses Argu- ment für vorgeschoben. Er habe keine Zweifel, dass er im Ringen mit den mächtigen Ministerprä- sidenten und den Bossen der Energiewirtschaft weiterhin be- stehen könne. Trotzdem will er einen Vorschlag zur Güte ge- macht haben: Merkel solle ein paar Wochen abwarten. Wenn sich dann zeige, dass er im Amt STEFAN BONESS / IPON nichts mehr bewegen könne, wis- se er schon, was er zu tun habe. Darauf wollte sich Merkel nicht einlassen. Ihr Minister soll- te keine neue Chance bekom-Röttgen*: Abweichende Meinung gleich Hochverrat men. Röttgen sollte selbst zu- rücktreten – und zwar sofort. Als Ehrgeiz spektakulär gescheitert ist. Vor Röttgen sich weigerte, war für Merkel Röttgens Rache allem aber schaden Wut und Unverständ- klar, dass sie ihn rauswerfen würde. nis über seinen Rauswurf jener Frau, als Viele unterstellen, dass Merkel Röttgen deren möglicher Nachfolger Röttgen noch für illoyales Verhalten in den vergange- vor ein paar Tagen galt: Angela Merkel. nen Jahren bestrafen wollte. Röttgen hält Der gefeuerte Umweltminister ver- Röttgen ist unentschieden, wie seine den Vorwurf für absurd. Sicherlich, als zichtet vorerst auf Angriffe Zukunft aussehen soll. Nur so viel gibt einer der wenigen CDU-Männer um gegen die Kanzlerin. Er hofft dar- er Vertrauten in diesen Tagen zu erken- Merkel hatte er schon immer eine eigene auf, dass sich die Partei mit ihm nen: Noch mag er seine politische Karrie- Meinung. Aber gilt das schon als Verrat? re nicht abschreiben. Aber er weiß, dass Und sein verkorkster Wahlkampf in solidarisiert – und Merkel abstraft. die Fortsetzung nur dann gelingen wird, NRW? Röttgen weiß, dass er Fehler ge- wenn seine große Gegnerin fällt. macht hat. Aber ihn ärgert auch, dass die E s gibt Lichtblicke für Norbert Rött- Sein Schweigen ist im Moment seine Frage, ob er nach einer Wahlniederlage gen, auch in diesen dunklen Tagen. schärfste Waffe gegen die Kanzlerin. Bis- in Düsseldorf bliebe, die Wähler mehr Als er am vergangenen Dienstag- lang galt sie als eine Frau, die zu ihren interessierte als die Schulden der Hanne- nachmittag in den Fraktionssaal von CDU Leuten hält und nicht zu rohen Machtges- lore Kraft. und CSU kommt, ist er schnell umringt ten neigt. Nun hat sie ihren einstigen Ge- In seinen Augen haben die Medien an von Kollegen, die ihm auf die Schulter folgsmann auf offener Bühne geköpft, das ihn, die Kanzlerhoffnung der CDU, an- klopfen. Ein Parlamentarier nach dem an- hat ihr Bild in der Partei verdüstert. Die dere Maßstäbe angelegt als an die braven deren geht zu seinem Platz, hinten bei Sympathien im Volk sind auf Röttgens Landespolitiker in Düsseldorf. Fair fand den NRW-Abgeordneten. Erst als Frak- Seite, so empfindet er es jedenfalls. Er hat er das nicht. Und dann, schließlich, diese tionschef Volker Kauder die Sitzung mit in wenigen Tagen Tausende E-Mails er- alberne Aufregung um einen Fernsehauf- der Glocke eröffnet, endet der Reigen. halten, aber die Welle der Solidarität wür- tritt, in dem er – Ironie! – sagte, „bedau- Wenn der geschasste Umweltminister de sofort brechen, wenn er offen Rache erlicherweise“ entscheide ja der Wähler derzeit in Berlin auftritt, umgibt ihn eine nähme und die Kanzlerin angriffe. Daher über seine Zukunft. Röttgen wundert sich Woge von Sympathie. In der Bundestags- kann Röttgen seine Version des Raus- nach wie vor, dass der Clip zum Renner fraktion herzen ihn die Kollegen, in der schmisses nicht im Interview erzählen. im Internet wurde. Landesgruppe gab es Applaus, bei der Er hofft, dass sie sich auch ohne sein Wie soll es nun weitergehen? Röttgen Verabschiedung in seinem Ministerium öffentliches Zutun durchsetzt. Merkel soll ist klar, dass er nur dann eine Chance auf drückten einige Mitarbeiter sogar ein als eine Chefin dastehen, die einen Unter- ein Comeback hat, wenn Merkel 2013 den paar Tränchen weg. gebenen just in dem Moment stürzte, als Kampf ums Kanzleramt verliert. Im Mo- Röttgen tun diese Erlebnisse gut. Sie er ihre Hilfe am meisten brauchte. Die ment ist er entschlossen, bei der nächsten sind Balsam für einen, der mit großem Deutschen mögen Merkel auch deshalb, Bundestagswahl anzutreten. Wie einer, weil sie nicht zu Gefühlsausbrüchen neigt. der sich schon mit einer Rolle als Hinter- * Am vergangenen Dienstag bei der Ernennung von Wenn dieses Bild nun Kratzer erhält, bänkler abgefunden hat, wirkt er in die- Peter Altmaier zum Umweltminister im Berliner Schloss dann könnte sie das bei der nächsten sen Tagen nicht. Bellevue. Wahl entscheidende Stimmen kosten. PETER MÜLLER D E R S P I E G E L 2 2 / 2 0 1 2 35
  • 25. Deutschland Das klinge kompliziert, sei aber ohne großes Risiko, soll der Banker gesagt ha- LANDESBANKEN ben, so erinnert sich ein Teilnehmer der Staat plündert Staat Runde. Nicht alles, was auf dem Bildschirm aufleuchtete, verstand Oberdorfer, aber er fühlte sich in guten Händen. Denn schließlich kam der Finanzprofi nicht von Öffentliche Kreditinstitute haben offenbar gezielt Kommunen irgendeinem Geldinstitut, sondern von ausgenommen. Sie drehten den Provinzlern riskante der Landesbank. Und deren Eigentümer waren damals der Freistaat Sachsen und Finanzprodukte an – jetzt summieren sich Millionenverluste. Sparkassen – auch die jener Stadt, in der Ralf Oberdorfer Oberbürgermeister ist.S eit der Finanzkrise hat die Öffent- Zwei Opfer des Sachsen-LB-Vertriebs, Heute ist sich der Kommunalpolitiker lichkeit ein neues Verständnis da- Leipzig und Mittweida, klagen bereits. jedoch sicher, dass er nicht in die fürsorg- von, was das Wesen einer Bank ist. Ein Dutzend weiterer Klagen ist einge- lichen Hände eines Staatsbankers geratenEine Bank hat komplizierte Produkte und reicht oder in Vorbereitung. „Es war eine war, sondern in die Fänge von Abzockern,einfache Motive. Sie schafft Papiere, de- gezielte Abzocke, den Schaden wird der die es schafften, sein einstiges Minus vonren Wert sich ableitet aus der gebündel- Steuerzahler bezahlen müssen“, sagt der 600 000 Euro zu verhundertfachen – auften Ableitung von etwas, zum Beispiel Münchner Rechtsanwalt Jochen Weck, sagenhafte 61 Millionen Euro.faulen Hypothekenkrediten. Dann sucht der mehrere sächsische Kommunen ver- Oberdorfer glaubte damals, eine Artsie jemanden, der dumm genug ist, Geld tritt. Versicherung gegen steigende Zinsenfür Schrott auszugeben. Alarmiert ist inzwischen auch die Poli- abgeschlossen zu haben. Sie würde die Manche Banker der Wall Street verach- tik. Das sächsische Innenministerium, das Risiken des hochverschuldeten Zweckver-teten die „Stupid Germans in Düssel- erst im März per Erlass den Kommunen bandes mindern, so dachte er. In Wahr-dorf“, aber ihr Geld nahmen sie. Ange- solche Geschäfte verboten hatte, rät be- heit hatte er eher eine Wette abgeschlos-stellte der Landesbanken kauften bis zum troffenen Städten, einen Weg zu suchen, sen, ähnlich der beim Pferderennen, aufSchluss wertlose US-Hypotheken-Papie- gegen die Landesbanken zu klagen. Ger- die Entwicklung des Zinssatzes.re. Aber nun wird klar, dass die verlach- hard Schick, finanzpolitischer Sprecher Solche Produkte aus der Giftküche ver-ten Landesbanker ihrerseits noch Düm- der grünen Bundestagsfraktion, fordert kauften private Geschäftsbanken zu Hun-mere fanden, die sie überreden konnten, Aufklärung, „wie es dazu kommen konn- derten an ahnungslose Kommunalpoliti-Geld zu zahlen für Giftpapiere, die sie te, dass staatliche Banken in einer offen- ker und Mittelständler (SPIEGEL 6/2011).später in den Abgrund zogen. bar konzertierten Aktion Kommunen Im vorigen März verurteilte der Bundes- Diese noch Dümmeren waren Politiker über den Tisch gezogen haben“. gerichtshof die Deutsche Bank, ein sol-deutscher Städte und Gemeinden, die Ge- Bevor er verstand, was los war, glaubte ches Geschäft mit einem Mittelständlerschäftsführer kommunaler Unternehmen. zum Beispiel Ralf Oberdorfer, der Ober- rückabzuwickeln und den Schaden vonSie schlossen aus Unwissenheit irrwitzige bürgermeister von Plauen im Vogtland, über einer halben Million Euro zu über-Verträge ab, für deren Folgen sie bald dass da ein sympathischer Banker zu ihm nehmen.nicht mehr zahlen konnten. gekommen sei, vor allem, um zu helfen. Doch wie kaum ein anderes Geldinsti- Aussagen von ehemaligen Bankern so- Der Mann von der Landesbank wirkte tut haben ausgerechnet die vom Steuer-wie Dokumente legen den Verdacht nahe, souverän und kompetent, er versprach zahler gestützten Landesbanken die Pro-dass die Düsseldorfer WestLB, die ehe- dem Bürgermeister Unterstützung. Denn fitmaximierung auf Kosten der Kommu-malige Sachsen LB und die Landesbank ein Kreditgeschäft des regionalen Ab- nen perfektioniert.Baden-Württemberg (LBBW) sich ge- wasser-Zweckverbands lief aus, die Kom- Den Entschluss, mit dem Ruin ihrer ei-meinsam Städte, Zweckverbände und mune sollte 603 000 Euro an eine Bank genen Anteilseigner zu spielen, fasstenkommunale Unternehmen in Sachsen zur zahlen. die Landesbanker schon vor der Finanz-Beute gemacht haben. Der Staat plünder- Das würde seine Bank übernehmen, krise. Denn 2005 zerstörte die Europäi-te den Staat. versprach der Teamleiter der Sachsen LB sche Kommission ihr bisheriges Geschäfts- Die Kommunen und ihre Betriebe ste- im Januar 2007. Dann klappte er seinen modell. Die Landesbanken bekamenhen wegen der Schäden aus den Giftge- Laptop auf und klickte sich durch Gra- keine Staatsgarantien mehr, Geld am Ka-schäften mit den Landesbanken mit drei- fiken und Diagramme, die Kurven wie- pitalmarkt wurde für sie deshalb teurerstelligen Millionenbeträgen im Minus. sen alle nach oben – Richtung Gewinn. und ihr altes Kerngeschäft mit Mittel- Wetten mit Schulden So wollten Kommunen ihre Kredite mit Derivaten absichern – ein Beispiel eines Spread-Ladder-Swaps BANK RATHAUS Eine Kommune Dieser Zinssatz ist ihr zu hoch. Im ersten Jahr ist oft ein niedriger Zinssatz vereinbart. In den hat einen Kredit Deshalb tauscht (= swap) sie Dann orientiert sich der Zinssatz an der Differenz vergangenen mit festem Zinssatz für einen bestimmten Zeitraum (= spread) zwischen kurzfristigen (z. B. 2-jährigen) Jahren haben z. B. über 20 Jahre (z. B. 7 Jahre) ihren festen, und langfristigen Zinsen (z. B. 10-jährigen). Je kleiner viele Kommunen bei einer Bank ab- langfristigen Zinssatz gegen die Differenz ist, desto mehr verliert die Kommune. ihre Wetten geschlossen. einen variablen. Es ist eine Wette mit nahezu unbegrenztem Risiko. verloren.36 D E R S P I E G E L 2 2 / 2 0 1 2
  • 26. standskrediten unattraktiv. Die Banken ten die Kommunen auch noch das deut- Für die Wasserwerke lief es nicht sosuchten neue Geschäftsfelder: Sie sollten lich schlechtere Blatt. „Gewinne für die gut. Aus drohenden Verlusten in Höhemöglichst risikolos sein, aber hohen Profit Banken, Verluste für die Kommunen, von sechs Millionen Euro im Jahr 2008abwerfen. money for nothing“, beschreibt ein ehe- waren vier Jahre später rund 35 Millionen Die Sachsen LB beschloss, groß in das maliger Sachsen-LB-Banker das System Euro geworden.Geschäft mit Finanzderivaten einzustei- der Geldschöpfung. Ende 2010 wollten die KWL-Managergen. Sie sollten finanziell klammen Kom- Als in den Finanzpapieren der Kom- nicht mehr die Dummen sein und klagtenmunen als Absicherung gegen steigende munen etwa ein Jahr nach Abschluss die gegen die LBBW „wegen arglistiger Täu-Zinsen angedient werden. Ausfälle droh- ersten Verluste aufliefen, war es zu spät. schung“. Laut seinen Anwälten wirft dasten nicht, der Steuerzahler würde ja haf- Die Kommunen wandten sich in ihrer Not kommunale Unternehmen der staatli-ten. Ihren Schnitt machte die Bank mit an die Banken – und wurden ein zweites chen Bank vor, über Risiken des „hoch-den gewaltigen Gebühren, die bei solchen Mal ausgenommen. Im Februar 2008 war spekulativen Derivats“ nicht umfassendGeschäften anfielen. der Landesbanker aus Sachsen wieder informiert zu haben. Außerdem habe die Doch die Produkte, die Bank ihre eigene Margedas Sachsen-LB-Team dann verschwiegen. Seit Aprilals „Gelegenheit zur Opti- beschäftigen sich die Rich-mierung“ oder „Sicherungs- ter des Landgerichts Stutt-schutz ohne Prämie“ an- gart mit dem Geschäft.pries, stammten eigentlich Noch übler wurde demvon der Düsseldorfer Bürgermeister OberdorferWestLB. Für das neue Ge- aus Plauen mitgespielt. Wieschäftsfeld fehlte der Sach- in Leipzig hatte das Banker-sen LB sowohl das techni- team auch dort die Zins-sche als auch das finanz- wetten umstrukturiert. Stattmathematische Know-how. den Plauenern zu helfen,Um trotzdem bei den hoch- wurde die Schlinge umprofitablen Zinswetten mit- ihren Hals weiter zuge-verdienen zu können, hatte zogen.die Sachsen LB im Mai 2006 Das legt zumindest ein fi-mit der WestLB in einer nanzmathematisches Gut-„White-Label-Kooperation“ achten einer Beraterfirmavereinbart, den Vertrieb der aus Cambridge nahe. DieWestLB-Produkte in Sach- britischen Experten für Fi-sen zu übernehmen. nanzkonstrukte kommen Das Geschäft funktionier- zu dem Schluss, dass mit je-te so: Die WestLB deckte dem Umbau des Swaps dersich am Kapitalmarkt mit Profit für die Bank gestie-Zinswetten ein, bastelte dar- gen und das Verlustrisikoaus ein hochkomplexes für den Zweckverband ge-Produkt und vergab es zu wachsen sei – und zwarschlechteren Bedingungen exponentiell. Im schlimms-an die Sachsen LB. Die Leip- ten Falle könne der Verlustziger wiederum verkauften in Plauen astronomischees, satten Aufschlag inklusi- 600 Millionen Euro betra-ve, an hochverschuldete gen. Gewinne und VerlusteStädte, Kreise und kommu- seien von Anfang an „grobnale Unternehmen. Den unfair“ verteilt gewesen, LBBWKämmerern und Geschäfts- schreiben die Gutachter.führern machten sie weis, Zentrale der Landesbank in Stuttgart: „Arglistige Täuschung“ Das Geschäft im Jahre 2007mit dem Hexenwerk ihre und seine Restrukturierun-Kredite leichter finanzieren zu können. einmal als angeblicher Retter unterwegs – gen seien „für den Kunden das Nachtei-Die ließen sich überzeugen. bei den Kommunalen Wasserwerken Leip- ligste“, was sie „jemals an strukturierten Dabei waren die Konditionen mitunter zig (KWL). Drei Jahre zuvor war das Un- Swaps analysiert“ hätten.geradezu bizarr: Die Kommunen konnten ternehmen ein Zinsgeschäft bei der Sach- Die beteiligten Banken lehnten einesolche Verträge nicht einfach kündigen. sen LB eingegangen. In den Büchern Stellungnahme zu detaillierten Fragen ab.Sollten die Wetten jedoch für die Kom- stand inzwischen ein Minus von sechs Ein Sprecher der Stuttgarter LBBW wiesmune gut laufen, konnte die Bank den Millionen Euro. Damit diese nicht fällig lediglich darauf hin, dass die Bank mitVertrag einseitig beenden oder für sich wurden, schlugen die Banker eine neue den „betroffenen Kommunen, Zweckver-das Risiko begrenzen. Zinswette vor – einen „Wandelmemory bänden und kommunalen Unternehmen Die Produkte waren von Beginn an so Swap“. Das KWL-Management unter- in Kontakt“ sei, „in der Absicht, gemein-konstruiert, dass sie für die Kommunen schrieb. sam Lösungen zu finden“. Wie die ausse-eine Rechnung mit vielen Unbekannten Nicht mehr bei der Sachsen LB, son- hen könnten, darüber hüllt sich die Bankwaren. „Es ist wie ein Pokerspiel, bei dem dern bei der Landesbank Baden-Würt- in Schweigen.eine Seite die Regeln bestimmt und alle temberg. Die LBBW hatte 2008 die Sach- Doch eines ist jetzt schon sicher: BeiKarten kennt, auch die des Gegners, das sen LB übernommen, weil die sich mit dem Modell Staat plündert Staat gibt esist die Bank“, sagt ein Insider. Und weil US-Hypotheken ruiniert hatte. Der Frei- immer noch Dümmere, die am Ende dieKosten und Gewinnmarge der Banken staat Sachsen bürgte für die Übernahme Rechnung begleichen müssen. Die Steu-von vornherein in dem „Zinsoptimie- der Landesbank durch die Stuttgarter mit erzahler.rungsprodukt“ eingerechnet waren, hat- mehr als 2,75 Milliarden Euro. HANNES VOGEL, ANDREAS WASSERMANN D E R S P I E G E L 2 2 / 2 0 1 2 37
  • 27. DeutschlandBeamter Schlömer, Vorgesetzter de Maizière: Einmalige Konstellation im deutschen Parteiensystem Schlömer, 41, arbeitet im Verteidigungs- PA R T E I E N ministerium als Regierungsdirektor, er Der doppelte Schlömer kümmert sich um die Aufsicht der beiden Bundeswehr-Unis in Hamburg und Mün- chen. Es ist ein Verwaltungsjob, Schlömer steht fünf Hierarchiestufen unter Behör- denchef de Maizière und hat selbst keinePiraten-Chef Bernd Schlömer arbeitet hauptberuflich als Referent Mitarbeiter. Er ist verpflichtet, 41 Stunden im Verteidigungsministerium. Die Zweifachbelastung pro Woche zu arbeiten, sprich: anwesend zu sein, es gibt ein Zeiterfassungssystem. stellt ihn zeitlich und politisch vor ein unlösbares Dilemma. Zwischen 9 und 15 Uhr muss Schlömer in der Dienststelle verfügbar sein, in der Re-A ls Bernd Schlömer seinen Dienst- Chef einer Partei, die in vier Landespar- gel sitzt er von 7.30 Uhr bis 17 Uhr im Büro. vorgesetzten das erste Mal persön- lamenten vertreten ist und bald in den Sein Monatseinkommen liegt nach eigenen lich trifft, klirren ringsum die Glä- Bundestag einziehen dürfte. Angaben bei rund 5000 Euro netto – soser. Es ist ein Donnerstag im Mai, die Was in anderen Parteien undenkbar viel müsste er als Parteichef verdienen,Telekom hat in Berlin zum Parlamenta- wäre, ist von den Piraten genau so gewollt. ohne Einbußen zu machen, sagt er.rischen Abend geladen. Schlömer plau- Um böse Politkarrieristen abzuschrecken, Rechtlich darf ein Beamter zwar poli-dert munter, da erscheint in der Menge bezahlt die Partei ihren Vorständen keine tisch tätig sein, aber nach dem Beamten-Thomas de Maizière, sein Minister. In die- Gehälter, sogar der Bundesvorsitzende ar- gesetz ist es einem Staatsdiener untersem Moment verdoppelt sich Bernd beitet ehrenamtlich. Doch die hehre Idee anderem verboten, während des DienstesSchlömer. Er ist jetzt nicht nur der neue könnte dafür sorgen, dass Schlömer sein Werbung für den Eintritt in eine ParteiChef der Piratenpartei. Er ist auch Refe- schönes Amt bald wieder los ist. zu machen, politische Plaketten zu tragenrent des Verteidigungsministeriums. Denn seine Doppelrolle stellt ihn nicht und den politischen Gegner zu verun- Ob Schlömer sein Glückwunschschrei- nur vor Zeitprobleme, sondern wirft auch glimpfen. In seiner Arbeitszeit darf Schlö-ben zum Parteivorsitz bekommen habe, politische Fragen auf. Als Beamter ist mer in Sachen Piraten nicht mal mailenfragt der Verteidigungsminister. Nein, Schlömer eigentlich zur politischen Zu- oder twittern, so sieht es das Ministerium.sagt Schlömer, das hänge wohl in der Pi- rückhaltung verpflichtet. Aber ein Partei- Schlömer sieht es etwas anders.ratenzentrale fest. De Maizière spricht chef muss die Gegner aufs Korn nehmen, „Twittern würde ich auch zur Dienst-Schlömers Doppelbelastung an, ein Mi- und zu denen gehören für die Piraten zeit“, sagt Schlömer. Er findet die rigidenisterialbeamter als Parteichef, das könne auch de Maizière und Kanzlerin Angela Trennung von beruflichen und anderenProbleme geben. „Passen Sie auf, dass Merkel. Tätigkeiten angesichts der ständigen Ver-Sie nicht in schwieriges Fahrwasser gera- Montagnachmittag, 17.30 Uhr. Vor der fügbarkeit des Internets nicht mehr zeit-ten“, sagt de Maizière. Schlömer nickt. Bundesgeschäftsstelle der Piratenpartei gemäß. „Die Effizienz von ArbeitszeitEr versteht die Worte des Ministers als in Berlin-Mitte knattert ein Mann mit kann man nicht daran messen, welchefreundliche Warnung. rötlichem Dreitagebart auf einer Vespa Webseiten man wie lange besucht hat. Mit der Wahl Bernd Schlömers zum heran. Bernd Schlömer hat Termine als Das ist letzten Endes auch eine Sache desneuen Vorsitzenden der Piraten hat sich Parteichef, wie immer erst nach 17 Uhr, Vertrauens zwischen Arbeitgeber undeine einmalige Konstellation im deut- darauf legt er Wert. Es ist sein Versuch, Arbeitnehmer“, sagt Schlömer. Doch erschen Parteiensystem ergeben. Nie zuvor seine beiden Rollen wenigstens zeitlich weiß, dass seine Vorgesetzten die Dingein der Geschichte der Bundesrepublik zu trennen. Aber schon das wird langsam nicht so locker sehen. „Es gibt Leute imwar ein aktiver Ministeriumsbeamter schwierig. Ministerium, die darauf warten, dass ich38 D E R S P I E G E L 2 2 / 2 0 1 2
  • 28. Doch die Piraten stehen angesichts des nahenden Bundestagswahlkampfs unter Druck, sich inhaltlich präziser zu äußern. Beim nächsten Parteitag müsse Außen- und Sicherheitspolitik endlich auf die Agenda, fordert die Nordpiratin und frü- here Grüne Angelika Beer. Der stellver- tretende Parteichef Sebastian Nerz findet: „Spätestens bis zum Bundestagswahl- kampf müssen wir Grundsatzpositionen zu Auslandseinsätzen, dem Nahost-Kon- flikt und Deutschlands Rolle als Bündnis- partner formuliert haben.“ Aleks Lessmann, politischer Geschäfts- HC PLAMBECK / DER SPIEGEL (L.); CHRISTIAN THIEL (R.) führer der bayerischen Piraten, beschreibt Schlömers Dilemma: „Im Fall des Falles müsste sich Bernd überlegen, welche Loyalität ihm wichtiger ist: die zu seiner Partei oder die zu seinem Ministerium.“ Die kleine „AG Friedenspolitik“ hat den früheren Panzergrenadier Schlömer vor- sorglich zu einer ihrer Sitzungen einge- laden, um seine Haltung abzuklopfen. „Ich möchte seine Meinung zu Krieg und Frieden hören“, sagt Koordinator Udo Fischer, der die Einsätze im Kosovo, im Irak und in Afghanistan als „Lügenkon-Fehler mache“, sagt er. Im Moment ist strukte“ bezeichnet.Schlömer offenbar dabei, die Toleranz Nach Meinung des Beamtenrechtlersseiner Chefs zu testen. Ulrich Battis ist der Interessenkonflikt „Ich kann mehrere Stufen der Eska- für Schlömer unvermeidlich – und unlös-lation durchlaufen“, sagt Schlömer. Ei- bar. „Sobald die Parteipositionen einennem Beamten, der seine Dienstpflicht ver- Bezug zu seinem Amt haben, wird esletzt, droht zunächst ein Verweis. Später schwierig für Schlömer. Er kann keinesind auch Gehaltskürzungen möglich, verteidigungspolitischen Linien gegenwas Schlömer empfindlich treffen würde. den Dienstherrn vertreten“, sagt er. „BeiWeil er zwei unterhaltsberechtigte Kinder den Piraten scheint ja vieles möglich,hat, könne er sich keine Einkommensaus- vielleicht beschließen sie sogar die Ab-fälle leisten, sagt er. schaffung der Bundeswehr. Dann ist es Politisch bewegt sich Schlömer eben- mit Schlömer natürlich sofort vorbei.“falls auf dünnem Eis. Das Beamtengesetz In einem Fall liegt der Beamte Schlö-schreibt vor, dass Staatsdiener bei politi- mer schon jetzt mit dem Parteichef Schlö-scher Betätigung „Mäßigung und Zurück- mer über Kreuz. Das umstrittene „Natio-haltung“ zu wahren haben. Zur Rolle ei- nale Cyber-Abwehrzentrum“ (NCAZ) innes Parteichefs, der im Wettbewerb mit Bonn lehnen die Piraten ab – sie haltender politischen Konkurrenz zuspitzen es für nutzlos, weil es Hackerangriffeund polarisieren muss, passt diese Vor- nicht verhindern könne. Ausgerechnetgabe schlecht. Schlömers Chef de Maizière trieb zu sei- Er sei seinem Arbeitgeber gegenüber ner Zeit als Innenminister die Gründung„hundertprozentig loyal“, sagt Schlömer. des NCAZ voran. Nun ist auch das Ver-Doch was passiert, wenn die unberechen- teidigungsministerium an dem Projektbare Parteibasis etwa einen Antrag durch- beteiligt, die Bundeswehr ist mit eigenenwinkt, der Auslandseinsätze grundsätz- Experten vertreten.lich ablehnt? Diese Frage wurde Schlö- Schlömer macht keinen Hehl daraus,mer vor seiner Wahl auf dem Parteitag dass er das Abwehrzentrum für Humbugin Neumünster gestellt. „Dann würde ich hält. Bereits als Parteivize geißelte er diedas als Vorsitzender natürlich nach außen Plattform als „Feigenblatt“, Aufgabenvertreten“, sagte Schlömer diplomatisch. und Kompetenzen seien undefiniert. EsDer Referent Schlömer unterstützt also bestehe „die Gefahr, dass Fragen der in-die Afghanistan-Mission der Bundeswehr, neren und äußeren Sicherheit vermischtder Parteichef Schlömer lehnt sie ab? Das werden“, so Schlömer.wäre praktizierte Schizophrenie. Allen Widersprüchen zum Trotz will Schlömers Glück ist, dass die Piraten Schlömer seine Doppelrolle weiterhinin der Außen- und Sicherheitspolitik bis- ausüben. „Ich sehe den möglichen In-lang kaum konkrete Positionen vertreten, teressenskonflikten gelassen entgegen“,im Parteiprogramm findet sich kein ein- sagt er. Für ihn ist die Sache simpel: So-ziger Satz dazu. Bei Fragen zu Krieg und lange es keine Beschwerden gibt, bleibtFrieden bleibt der Schwarm bislang be- er einfach im Amt.merkenswert stumm. ANNETT MEIRITZ, MERLIND THEILE D E R S P I E G E L 2 2 / 2 0 1 2 39
  • 29. MATTHIAS GROPPE / DER SPIEGELSpirituelle Lebensgemeinschaft Parimal Gut Hübenthal: „Erleuchtet in der Höhle, das reicht nicht“ ESOTERIK Im Bann des Weißbarts Er nannte sich Bhagwan und zuletzt Osho. Er war erst der Sex-, dann der Rolls-Royce-Guru. 22 Jahre nach dem Tod des Mystikers leben seine Ideen in Hunderten Meditationszentren fort – und in Deutschland sogar in Kommunen. Von Carsten HolmE s gibt nicht viele Menschen, die mit und auch der Journalist geriet in den Bann Poona. Er wurde Müllarbeiter und Bus- größtem Vergnügen davon erzählen, des Weißbarts mit den tiefgründigen Au- fahrer des Gurus, der sich in seinen letz- dass sie nach dem Urteil anderer ei- gen. Der Bhagwan stellte nahezu alle Reli- ten Jahren Osho nannte. Eine kleine, pri-nen richtigen Knall haben. Der frühere gionen und Philosophien in Frage und plä- vate Revolution war das. Und ziemlich„Stern“-Reporter Jörg Andrees Elten ge- dierte für die bedingungslose Freiheit des verrückt.hört zu dieser seltenen Spezies. Trium- Individuums, fernab antiquierter Moralvor- Nun, 34 Jahre später, lebt Wahre Selig-phierend lächelnd erinnert er sich daran, stellungen. Der Guru schenkte seinen keit in Mecklenburg-Vorpommern. Derwie Kollegen und Freunde ihn „von einem Adepten neue Namen. Die Frauen unter 85 Jahre alte Mann, der glatt zehn JahreTag zum anderen auf alle Zeit für völlig den Sannyasins heißen bis heute Ma, die jünger wirkt, hebt beschwörend seineverrückt erklärten“. Männer Swami. Dazu gibt es Beinamen Hände: „Sie wollen über Osho schreiben? Elten war 1977 ins indische Poona ge- von geradezu kosmischer Kraft. Und so Sie können nur scheitern. Man kann ei-reist, um über den Guru Bhagwan Shree wurde aus Jörg Andrees Elten der Sannya- nen Mystiker wie Osho nicht mit demRajneesh zu berichten. Zehntausende jun- sin Swami Satyananda, Wahre Seligkeit. Verstand erklären.“ger Menschen, darunter viele Deutsche, Elten war 51 Jahre alt. Er schmiss sei- Vielleicht ja doch. Denn 22 Jahre nachzählten zu dessen Jüngern, den Sannyasins, nen hochbezahlten Job hin und zog nach dem Tod des Meisters ist die Bewegung40 D E R S P I E G E L 2 2 / 2 0 1 2
  • 30. Deutschlandauf allen Kontinenten recht vital. Mor- Rajneesh wurde Philosophiedozent nen sollten straffrei ausgelebt werden, zu-gens um Viertel vor sieben schließt etwa und scharte von 1968 an in Bombay Schü- meist war der Umgang aber zärtlich. Ir-der Sannyasin-Veteran Amano, 64, die ler um sich. Recht bescheiden nannte er gendwann zogen sich alle aus, bildetenTür zum Osho Tabaan Meditationscenter sich Acharya (Lehrer) und hob sich doch einen Kreis im Liegen, die Füße berühr-in Hamburg auf. Die Hinterhof-Oase im vom Heer der Meister ab, die auf dem ten sich in der Mitte. Atemübungen, be-Karolinenviertel ist eines von Hunderten Subkontinent zum Alltagsleben gehören. wusstes Zittern. Den Kopf hin und herBuddha-Feldern weltweit. So nennen Er kritisierte die indische Politik und die schlagen, bis zur Erschöpfung. Der Ver-Sannyasins Orte, an denen Menschen spi- prüde Sexualmoral. 1974 zog er nach Poo- stand sollte Hausverbot bekommen. Spä-rituell vorankommen wollen – was immer na, das heute Pune genannt wird, weiter – ter wurde das Licht ausgeschaltet. Diedas sein mag. und ließ sich zum Bhagwan (der Erhabe- Nackten durften berühren, wen sie in der Die Hamburger Doro, 30, und Silveer ne) promovieren. Dunkelheit ertasteten.22, schwitzen nach einer Stunde Medita- Meditationen, Körperarbeit und jede Jörg Andrees Elten litt in der „Ego-Zer-tion. Mit einem guten Dutzend Besucher, Menge Sex zur Gesundung der Seele lehr- trümmerungsanlage“. Aber er glaubt, indie meisten sind zwischen 35 und 50 Jah- te der Bhagwan. Auf dem Weg zur Er- Pune „ein anderer Mensch geworden“ zure alte Frauen, haben sie in der ersten leuchtung müsse man „durch den Sex sein: „Bewusster gegenüber meinenPhase zu Sphärenklängen hektisch geat- durchgehen“, predigte er. Das passte in Schwächen, sensibler und wohl auch ge-met. Die Technik soll Körper und Geist die Zeit: „Make Love, Not War“, der Slo- rechter gegenüber anderen.“ Die Arbeitaus ihren gewohnten Verankerungen lö- gan des Musikfestivals von Woodstock, im Encounter wurde aufgelockert vonsen. Das Ziel: Vergiss alles Bhagwans Vorträgen. Er zi-um dich herum. Dann haben tierte Freud, Nietzsche undsie während der sogenann- Kant aus dem Stegreif, plap-ten dynamischen Meditation perte auf dem Niveau chine-geschrien, geweint und ge- sischer Glückskeksbotschaf-lacht. In der dritten Phase ten oder war schlicht men-hüpften sie, in der vierten schenfeindlich.(„Freeze!“) verharrten sie 15 Homosexualität, dozierteMinuten in der letzten Be- Bhagwan, sei „eine Perver-wegung. Dann tanzten sie. sion“, das „biologische Pro-Die Zehnerkarte für jeweils gramm“ der Spermien seieine Stunde Vergessen, Los- heterosexuell, bei Schwulenlassen und Entspannen kos- „stimmt was nicht“. Das Be-tet 30 Euro. triebsblatt „Rajneesh Times“ Doro und Silveer sind die druckte den Text unter der TREICK / SIPA PRESSEinzigen dieser Gruppe, die Rubrik „Meisterwerke“.noch kein „Sannyas genom- Kinder, die behindert gebo-men“ haben. Damit ist der ren würden, sollten, soInitiationsritus gemeint, er Bhagwan, „in den ewigenist Taufe und Glaubensbe- Bhagwan 1985, SPIEGEL-Titel 10/1981: Kiffen am Fluss, zügelloser Sex Schlaf geschickt“ werden,kenntnis zugleich. Zum Ri- „wenn die Eltern bereittus gehören ein neuer Name und auf war inmitten des Kalten Kriegs zur Parole sind“. Ein solches Kind könne dann „wo-Wunsch auch die früher obligatorische für die freie Liebe geworden. Und es war anders mit einem besseren Körper gebo-Mala, eine Kette mit 108 Rosenholzku- „in“ (heute: cool), von Spiritualität zu re- ren“ werden, „nichts wird zerstört“.geln, die ein Medaillon mit dem Bild des den, seit die Beatles 1968 in einem indi- Viele, die aus dem richtigen LebenMeisters trägt. schen Ashram (Ort der Anstrengung) me- nach Pune kamen, fühlten sich überfor- Die Lehren des Meisters sind weltweit ditiert hatten. dert. Karl-Heinz Kabel hatte Konserven-präsent. Oshos Schrifttum, in 47 Sprachen Unter alten Bäumen des früheren Ko- fabriken im Odenwald und in Spanienübersetzt, steht bei vielen deutschen lonialviertels entstand in Pune eine idyl- aufgebaut. Er hatte sie für viele MillionenBuchhändlern im Regal, im Internet bie- lische Siedlung. Meditationen in den verkauft, weil sein Herz nicht mehr mit-tet Amazon über hundert Titel von ihm Gruppen, Lectures beim Meister und Kif- machte. Kabel wurde 1979 Sannyasin.an. Jahr für Jahr pilgern Abertausende fen am nahen Fluss sorgten für Kurzweil. Seither heißt er Kavish, der Gesegnete.Sannyasins in die Kathedralen der Bewe- Die meisten Männer, die nach Pune fuh- Kabel, damals 51 Jahre alt und Witwer,gung: ins Osho-Meditationszentrum im ren, träumten von zügellosem Sex, und erlebte Pune als Befreiung: „Ich war soitalienischen Miasto, ins Humaniversity- ihre Träume wurden erfüllt. erzogen worden, dass ich kein geiler BockZentrum im niederländischen Egmond Wer sich selbst erfahren wollte, hatte sein durfte“, sagt er heute. Sein Lebenaan Zee und ins Kölner Uta-Institut, in Pune indes einen dornenreichen Weg habe damals „neu begonnen“, er habeEuropas größtes Osho-Zentrum. Zu Me- vor sich. „Stern“-Reporter Elten nahm „nicht mehr danach trachten müssen, im-ditationen und Kursen melden sich allein an einem siebentägigen Encounter („Be- mer nur mein Ego zu befriedigen“. Karl-dort pro Jahr rund 10 000 Frauen und gegnung“) teil. Über seine Zeit im Heinz Kabel lebt in Grünwald bei Mün-Männer an. Ashram schrieb er das Buch „Ganz ent- chen, er ist noch immer Dauergast in Begonnen hatte alles in Indien, unter spannt im Hier und Jetzt“. Es fand mehr Pune. Vor ein paar Jahren hat er dort sei-einem Baum. Rajneesh Chandra Mohan, als 200 000 Käufer, es gilt bis heute als Bi- ne Frau Elena Kuszminka, 57, kennenge-1931 im heutigen Bundesstaat Madhya bel der Bewegung. lernt. Die Diplom-Chemikerin aus Weiß-Pradesh als Sohn eines Tuchhändlers ge- Der Journalist erlebte mit acht Frauen russland gehörte der Osho-Meditations-boren, fühlte sich zum Guru berufen, und sechs Männern in einem fensterlosen gruppe in Minsk an, bevor sie zu ihm zog.nachdem er 1953 erleuchtet worden sein Raum eine kleine Hölle. Alle außer ihm Ende der siebziger Jahre trudeltenwollte. Spirituelle Sinnsucher verstehen waren Sannyasins, alle waren in rote oder auch prominente Sinnsucher in Pune eindarunter die Erweiterung des Alltagsbe- orangefarbene Kleider gehüllt. Der Meis- wie der Philosoph Peter Sloterdijk, diewusstseins hin zu einem Gefühl des Eins- ter hatte den Dresscode verordnet. Sie Schriftstellerin Elfie Donnelly, die „Ben-seins mit der gesamten Existenz. schlugen und sie küssten sich. Aggressio- jamin Blümchen“ und „Bibi Blocksberg“ D E R S P I E G E L 2 2 / 2 0 1 2 41
  • 31. Deutschland DIETER KLAR / PICTURE-ALLIANCE / DPA JULIA BAIER / LAIFBhagwan bei Rolls-Royce-Parade in Oregon um 1984, ehemalige Bhagwan-Vertraute Sheela: „Ein kindliches Bedürfnis nach Luxus“erfand, die Schauspielerinnen Eva Renzi dies vor dem Biss in die verbotene Frucht und „Einsichten bekommen, die jedenund Barbara Rütting. zu sein. Abends war Zeit für ein Würfel- Einsatz wert waren“. Es sei Oshos Anlie- Die meisten Sannyasins waren zwi- spiel nach „Monopoly“-Art. Statt Schloss- gen gewesen, „die ganze Menschheit zumschen 25 und 30 Jahre alt, viele hatten allee und Badstraße gab es Felder mit spi- Erwachen zu bringen aus der Trance jahr-Abitur und studiert. „CDU-Wähler gab rituellen Handlungsanweisungen: „Baum tausendealter Strukturen wie des Glau-es nie unter uns“, erinnert sich Elfie Don- für Bhagwan gepflanzt? Rücke drei Felder bens an Religionen“. Was ihn betreffe,nelly. Der ehemalige Berliner Kommu- vor.“ „Eigenes Ding gemacht? Einmal sei dem Meister das „gelungen“.narde Rainer Langhans hält Bhagwan für aussetzen.“ Während Rajneeshpuram wuchs, blüh-einen „Kriegsgewinnler, der das Streugut „Offen“ zu sein war Pflicht. Lust auf ten auch die Kommunen in Deutschlandder 68er-Revolte aufsammelte und auf Sex mit einer anderen Frau als der Freun- auf. In Berlin lebten knapp 200 Sannya-den langen Marsch durch ihre inneren In- din? Na, dann mal los. Besitzansprüche sins zusammen, in Köln sogar rund 400.stitutionen schickte“. waren peinlich. „Es gab einen Zwang, Und auf Kosten der Gemeinschaftskasse Für die Inder war der Ashram, in dem nicht eifersüchtig zu sein“, sagt die Auto- flogen sie zu Festivals nach Oregon.bis zu 50 000 Menschen hausten, davon rin Donnelly. Kehrte ein Fremdgänger zu Dort zelebrierte der Guru einen ob-ein Drittel Deutsche, ein Provokation. Sie seiner Freundin zurück, hieß es achselzu- szönen Luxus. Sein Fuhrpark bestand ausfürchteten wegen der weltweit publizier- ckend: „Du, die Energy war einfach da.“ mehr als 90 Rolls-Royce. Manche warenten Nacktfotos „eine Zerstörung ihrer Es waren Sternstunden der Egomanie. gespendet, viele aus der KommunekasseKultur“, sagt Abhay Vaidya, 48, Chef der Rund 260 Millionen Dollar, vor allem bezahlt worden. Seine Vertraute Maörtlichen Tageszeitung „Daily News & aus Spenden, soll die Kommune im Laufe Anand Sheela, 62, die heute in derAnalysis“. Der Widerstand wuchs – da von gut vier Jahren investiert haben. Die- Schweiz zwei Wohnheime für Behindertekauften Vertraute Bhagwans 1981 im US- ter von Siemens, 57, ein Spross der Sie- führt, erinnert sich stolz daran, dass dreiBundesstaat Oregon für sechs Millionen mens-Dynastie, gab alles, was er hatte. Sannyasin-Mechaniker in England beiDollar die „Big Muddy Ranch“, einst Der Agrarwissenschaftler, der heute Fel- Rolls-Royce geschult worden seien.Drehort von Western mit John Wayne. denkrais-Therapeut in München ist und Der Meister habe „ein kindliches Be- Bhagwans Land war zweieinhalbmal die Tanz- und Meditationsmethode Shi- dürfnis nach Luxus“ gehabt, sagt Sheela,so groß wie Sylt. Bhagwans Vertraute Ma nui lehrt, wurde Sannyasin und erfuhr beim renommierten Juwelier Bucherer inAnand Sheela wollte eine Heimstatt für eine „Erdung, die ich nicht kannte“. Er Zürich habe sie für ihn Piguet-Uhren im100 000 ständige Bewohner schaffen. Und spürte, „wie stark ich geistig und körper- Wert von sieben Millionen Euro gekauft.so stampften die Mas und Swamis zwi- lich blockiert war“. Man ahne nicht, „wie Der Ashram war für den Meister zumschen den hohen Hügeln eines idyllischen es ist, wenn sich Blockaden auflösen, man Cashram geworden, die Sannyasins hattenCanyons eine Stadt aus dem Schlamm, im ganzen Körper zu Hause ist und jede nichts zu melden. Eine spirituelle Kom-die sie Rajneeshpuram nannten, die Stadt Zelle lebt“. mune könne auch niemals ein demokrati-ihres Meisters. Die vier Flugzeuge der Siemens war 26 Jahre alt, als er den scher Verein sein, meint Jörg Andrees El-Air Rajneesh hoben vom kommuneeige- Entschluss fasste, sich seinen Erbteil in ten: „Die Kommune kennt keine Kontrol-nen Flugplatz ab. Höhe von fast zwei Millionen Mark aus- le von Macht. Sie lebt von Vertrauen. Das Eine linke Utopie schien Wirklichkeit zahlen zu lassen und das Geld zu spen- ist im Ashram eines Weisen nicht anderszu werden: Die Produktionsmittel gehör- den. Als die Kommune in Oregon 1985 als in einem buddhistischen oder katholi-ten der Kommune, die Trennung von Le- zusammenbrach, verlor er alles. „Nichts“ schen Kloster.“ Allein: Bisher wurdeben und Arbeiten war aufgehoben. Kost bereue er, sagt Siemens, und man mag es nichts über Äbte bekannt, die Dutzendeund Logis waren frei. Es schien das Para- ihm glauben. Er habe sein Auskommen Rolls-Royce vor ihrem Kloster parken.42 D E R S P I E G E L 2 2 / 2 0 1 2
  • 32. Die Siedlung des Bhagwan gehörtezum gut 20 Kilometer entfernten DorfAntelope, und dessen 40 Bürger konntendie rotgewandeten Neuankömmlingenicht gut leiden. John Silvertooth-Stewart,62, Liberaldemokrat und Obama-Wähler,sitzt auf der Veranda seines Holzhausesin Antelope und erinnert sich: WeilRajneeshpuram rechtlich als Stadt aner-kannt war, durften sich Dutzende Bhag-wan-Jünger in vier Wochen auf einer Poli-zeiakademie zu Hilfssheriffs ausbildenlassen. Auf Streifenfahrten leuchteten sienachts in alle Häuser hinein. Die Lage eskalierte. Es tauchten Flug-blätter fundamentalistischer Christen auf,in denen von der Eröffnung der „Jagd-saison“ auf Rajneesh und seine „roten CHRISTIAN LEHSTEN / ARGUM / DER SPIEGELRatten“ die Rede war. Und während derMeister seine vierjährige Schweigephasegenoss, kürte er Sheela zur allmächtigenPräsidentin der Rajneesh Foundation –und ließ sie eine 150 Mann starke bewaff-nete „Peace Force“ aufbauen. Es war wohl Silvertooth-Stewart, derviel zum Ende der Sannyasins in Oregonbeitrug. Er fand auf einem Müllplatz Be-weise für die Arrangements von Schein- Bhagwan-Veteran Elten: Private Revolution in Puneehen, mit denen sich die Jünger Aufent-haltsgenehmigungen erschwindeln woll- Schwarzwald verhaftet und an die USA Der Freiburger IT-Unternehmer undten – und er verpfiff sie. ausgeliefert. Sannyasin Wendelin Ackermann, 52, ist Auch der Meister selbst hatte gegen 25 Sannyasins standen wegen der Straf- ein Zeuge jener Zeit. Rajneeshpuram seiEinreisebestimmungen verstoßen. Er gab taten vor Gericht, 8 erhielten Freiheits- „eine zentral gelenkte Kommune, einevor, seine angeschlagene Gesundheit in strafen. Sheela wurde unter anderem richtige Sekte“ geworden. „Schwarmver-den USA behandeln lassen zu wollen – wegen unerlaubten Abhörens und der halten“ habe dazu geführt, „dass wir un-und bereitete in Wahrheit die Errichtung Vergiftung von Lebensmitteln zu mehre- sere moralische Autonomie und unsereeiner Großkommune vor. ren Jahren Gefängnis verurteilt, wegen Urteilskraft verloren haben, obwohl der Charles Turner, 73, war damals Bun- guter Führung aber nach zwei Jahren Meister gerade die stärken wollte“.desanwalt für Oregon, er leitete die Er- und fünf Monaten vorzeitig entlassen. Ende Oktober 1985 flüchtete der Gurumittlungen gegen die Kommune. Da zeig- Sie wagte mit ihrem inzwischen verstor- in einem Flugzeug überraschend austen ein paar der Menschen, die eine neue, benen Mann, ebenfalls ein Sannyasin, ei- Rajneeshpuram, Polizeibeamte nahmenfriedliche Welt begründen wollten, ihr nen Neuanfang in der Schweiz. Sheela ihn in North Carolina fest. Der Erhabene neigt dazu, schnell müde zu werden, wurde zu einer Geldstrafe von 400 000 wenn ihr heute Fragen zu den Straftaten Dollar und zu zehn Jahren Gefängnis aufEin Lehrstück gestellt werden. Sie hat ihre eigene Wahr- Bewährung verurteilt – unter der Bedin-über Aufstieg und heit: „Ich habe unschuldig im Gefängnis gung, die USA sofort zu verlassen. gesessen.“ Da die indischen Behörden FriedenFall eines Nüchtern betrachtet war die Inderin schlossen mit Bhagwan, kehrte er 1987 Protagonistin eines Lehrstücks über Auf- in den Ashram von Pune zurück. Eincharismatischen Führers. stieg und Fall sozialer Bewegungen, die Jahr später wollte der Meister plötzlich von einem charismatischen Führer be- nicht mehr Bhagwan genannt werden.hässlichstes Gesicht: Eine Bande aus der gründet werden. Ob es Jesus, der Mor- Seine Schüler schlugen als neuen NamenFührungsriege schmuggelte Waffen aus mone Joseph Smith, der Scientologe Ron Osho vor, eine respektvolle Anrede ausTexas nach Oregon, um Turner zu ermor- Hubbard oder Bhagwan ist: Nach einer der Zen-Literatur. Der Meister willigteden. „Ich habe zwei Jahre mit einer Smith lebendigen Phase der Experimente mit ein.& Wesson unter dem Kopfkissen geschla- Visionen vom neuen Menschen erstarren „Das war eine bewegende Zeit damalsfen“, sagt der frühere Chefermittler. die Bewegungen zu einer Art Kirche mit im zweiten Ashram von Pune“, erinnert Zutage kam am Ende noch mehr: In einem schwer kontrollierbaren Eigenle- sich die Autorin Donnelly. Sie lebt aufallen Telefonzellen und fast allen Häusern ben. Die „Veralltäglichung des Charisma“ Ibiza, in ihrer Finca mit Meeresblickvon Rajneeshpuram fanden die Beamten hat der Soziologe Max Weber diesen Pro- schreibt sie Kinderliteratur wie „EmmaAbhöranlagen, mit denen die oberste La- zess genannt. Panther und die Sache mit dem Größen-gerleitung die Linientreue der Bewohner Bhagwan hatte während seiner Schwei- wahn“, gerade arbeitet sie an einem Ro-überprüfen wollte. „Wir waren bedroht. gephase fast alle Brücken zu seinen Schü- man.Das waren notwendige Sicherheitsmaß- lern abgebrochen. Er nahm nur noch „wie Elfie Donnelly hatte in den siebzigernahmen“, sagt Sheela heute. eine Figur aus dem Wachsfigurenkabinett Jahren Sannyas genommen und wurde Als diverse Straftaten nach und nach Madame Tussauds“ (Elten) am Lenkrad Anasha, Innerster Kern der Ewigkeit. Sieans Licht kamen, hatte sich Sheela längst eines seiner Rolls-Royce die Parade seiner sagt, sie habe dem Meister „viel zuabgesetzt. Sie wurde mit internationalem Jünger ab. Sheela hatte den „Rajneeshis- verdanken, weil ich in all den TherapienHaftbefehl gesucht, im Oktober 1985 im mus“ zur Religion erklärt. und Kursen gelernt habe, mir zu vertrau- D E R S P I E G E L 2 2 / 2 0 1 2 43
  • 33. BERND JONKMANNS / LAIFMeditationsresort in Pune: Großes Interesse an vermögenden Sinnsuchernen“. Die Schriftstellerin wollte sich in Poo- Für die meditierenden Sannyasins in al- Die Therapien und Kurse der Grün-na einen Alterssitz einrichten. Die Füh- ler Welt ist Pune weit weg. Sie haben ihre dungsphase wurden weiterentwickelt –rungsclique wusste, dass sie die Rechte Zentren inzwischen überall auf dem Glo- Fachleute hatten oft grundsätzliche Kritikan „Blocksberg“ und „Blümchen“ für bus, in Taiwan und Argentinien, in Mexi- an den Verfahren geübt. Joachim Galuskarund fünf Millionen Mark verkauft hatte. ko und in Griechenland. 83 Osho-Center etwa, Mitbegründer und Ärztlicher Di-„Die haben oft versucht, viel Geld aus gibt es allein in Italien, 28 in den USA, 22 rektor der Heiligenfeld-Kliniken im un-mir rauszuholen“, sagt sie. in Indien und 19 in Russland. Im australi- terfränkischen Bad Kissingen, behandelte Elfie Donnelly fand eine Villa und schen Byron Bay sitzen Sannyasins im Ge- im Lauf der Jahre Dutzende Sannyasins,Lehrer für die Gründung einer Schule ne- meinderat, in Thailand hat Pranesh Pascal die Seelenkrisen hatten.ben dem Ashram in Pune. Sie überwies Sacher, ein Erbe der Wiener Tortenpro- Galuska, 57, ist ein spirituell offenerden Gefolgsleuten des Meisters dafür duzenten, ein herrlich gelegenes Medita- und erfahrener Mensch. Die Methodenviele hunderttausend Mark. Ihr Geld Oshos aber, sagt der Klinikchef, „habenverschwand, in wessen Taschen auch auch Frauen und Männer angezogen, dieimmer. Die Schriftstellerin Elfie eine richtige Psychotherapie gebraucht „Man hat mein Vertrauen gebrochen“, Donnelly spendete hätten“. Nach seiner Erfahrung „bergensagt sie, und dass sie „kein Einzelfall“ ge- einige der selbsterfahrungsorientiertenwesen sei. Andere hätten auf diese Weise Hunderttausende – das spirituellen Methoden die Gefahr, dassMillionen Dollar verloren. Als eine Art instabile Menschen dekompensieren, bisEntschädigung erhielt Donnelly ein Geld verschwand. hin zur Psychose und zum Selbstmord“.Wohnrecht im Ashram. Sie mag es nicht Sannyasins seien sehr stark von ihrermehr in Anspruch nehmen. tionsresort eröffnet. Notgedrungen kon- Gruppe abhängig, urteilt der Psychothe- Der SPIEGEL wollte Mitglieder des spirativ trifft sich eine Gruppe von Sann- rapeut. Wie bei Mitgliedern der ZeugenFührungszirkels in Pune dazu sprechen. yasins regelmäßig in einem Privathaus in Jehovas oder der Sekte Universelles Le-In Frage steht auch, ob jene Jünger, die der iranischen Hauptstadt Teheran. ben übernehme die Gemeinschaft einenOshos Geschäfte fortführen und mit Sinnsuche ist ein florierender Ge- Teil ihrer Identität. „Das System sagt, wasseinen Büchern und Therapien Millionen- schäftszweig. Im Kölner Osho Uta Institut man zu tun oder zu lassen hat“, erklärtumsätze machen, ein Testament vor- wird ein fünftägiges Seminar „Learning Galuska. Die in der Welt der Sannyasinsweisen können: Doch die Pune-Oberen Love“ mit 530 Euro berechnet, plus Ver- noch immer verbreitete Überzeugung,lehnten ab. Dem SPIEGEL wurde ein pflegung im Osho-Uta-eigenen Restau- das Ego müsse aufgelöst werden, seikurzer Rundgang über das Gelände er- rant Osho’s Place. Uta-Chef Ramateertha, „überholt“. Das Ego müsse, so der Medi-laubt – für einen längeren Aufenthalt hät- selbst eine Legende unter den Therapeu- ziner, „erkannt werden, um in der Weltte das Magazin unter anderem einen Ver- ten der Sannyasins, war unter seinem bür- mit einer größeren Flexibilität agieren zuzicht auf den Abdruck von Fotos aus der gerlichen Namen Robert Doetsch einst können“. Die spirituelle Entwicklung kön-Gründungsphase in Pune und aus Ore- als Arzt tätig. Er ist der führende Mann ne „niemals die Persönlichkeitsentwick-gon erklären müssen. Zudem hätte der einer GmbH, die etwa 10 Angestellte be- lung ersetzen“.Name Bhagwan nicht erwähnt werden schäftigt, weitere 30 arbeiten als Hono- Ramateertha wehrt solche Kritik nichtdürfen. rarkräfte mit. einmal ab. Die spirituelle Therapie habe44 D E R S P I E G E L 2 2 / 2 0 1 2
  • 34. Deutschlandseit dem Ende der achtziger Jahre „ihre mühle war Siddharta, er ist am 13. Mai Die Bewohner von Parimal empfindenGrenzen erkannt“. Bestimmte Ansätze im Alter von 76 Jahren gestorben. Er hieß sich als „Lebensgemeinschaft, die vonkönnten Menschen schaden – wenn sie mal Werner Gartung, war Gärtner auf Osho inspiriert“ sei, die aber zugleichetwa unter Psychosen litten. Diese Schloss Herrenchiemsee, hatte sich in Hei- ihre Offenheit „für Impulse anderer spi-brauchten psychiatrische Therapien. delberg als Jazzmusiker durchgeschlagen ritueller Richtungen“ betont. Sie möchten Die heutigen Osho-Therapien, so Ra- und war als Objektkünstler unter dem ihr Leben lang an sich arbeiten.mateertha, seien „Lichtjahre von dem Namen Y Fongi zu Ruhm gekommen. In Hübenthal wird das Ideengut desentfernt, was in den siebziger und zu Be- Siddharta war 1982 die treibende Kraft, Meisters fortentwickelt. Die Sannyasin-ginn der achtziger Jahre gemacht wurde“. als rund 150 Bhagwan-Schüler auf Schloss Bewegung sei früher apolitisch gewesen,Ein Trend sei, dass Menschen, die eine Wolfsbrunnen nahe der hessischen Stadt sagt Bewohner Alfons Claes. Die sozialePsychoanalyse oder eine tiefenpsycholo- Eschwege eine Kommune begründeten. und ökologische Verantwortung aber seigisch fundierte Psychotherapie erfahren Bis zuletzt lebte er seinen Traum in wichtig: „Erleuchtet in einer Höhle, dashaben, „danach zu uns zur spirituellen Thüringen. „Wer es kann“, sagte der Alt- reicht nicht.“Therapie kommen“. Körpertherapien sei- Kommunarde, zahle 450 Euro im Monat Um das richtige Bewusstsein geht esen noch immer ein zentraler Punkt der in die Gemeinschaftskasse für Kost und auch im indischen Goa. Wenn es kalt wirdArbeit im Uta-Institut, „weil Klienten ihre Logis. Der Ashram verkauft selbstange- in Europa, treffen sich die Veteranen derPersönlichkeit dabei spiegeln, in Kontakt bautes Gemüse, zusätzliche Einnahmen Bewegung am sogenannten Osho-Beachzu sich treten können und über Probleme hat er durch die Vermietung von Räumen von Candolim. Sam Okonski, 83, gehörtnicht nur geredet wird“. für den großen Edelsteinladen, den dazu, er wird „CIA-Sam“ genannt, weil Doch manchen Sinnsuchern ist dies zu Siddhartas Frau Sigari führt. er in den sechziger Jahren in Frankfurtwenig. Sie möchten mehr als ein paarmal Ein anderes Modell funktioniert auf am Main für den US-Geheimdienst tsche-im Jahr Kurse in spirituellen Gruppen be- Parimal Gut Hübenthal, zwischen den chische Überläufer betreute.legen, sie möchten mit Gleichgesinnten bewaldeten Hügeln des Werratals nahe Es ist 22 Jahre und ein paar Tage, nach-zusammenleben. Und so halten Vetera- Kassel. 60 Erwachsene und 10 Kinder dem ihr Meister seinen Körper verlassennen, aber auch Jüngere die Sannyasin- leben dort in Wohngemeinschaften oder hat, wie Sannyasins sagen. Im Strandre-Kommunen am Leben: 30 Frauen und allein. Die meisten Bewohner arbeiten staurant D’Mello erzählt Okonski mitMänner im Alter zwischen 30 und 75 Jah- außerhalb als Architekt, Psychiater, leuchtenden Augen von der alten Zeit.ren leben etwa im Naturpark Thüringer Markthändler, Unternehmensberater Sein Blick schweift über die Wellen desSchiefergebirge Obere Saale nahe dem oder Taxifahrer, 15 verdienen ihr Geld Indischen Ozeans hinüber zu den altenDorf Wurzbach in den zwölf Gebäuden mit Teilzeitjobs auf dem Gelände. Es gibt Mauern des Fort Aguada. „Wir wollten dieeiner früheren Holzsägemühle. Miet- und Eigentumswohnungen – man Erleuchtung“, sagt CIA-Sam, „und wenn Osho-Stadt nennt sich das Projekt, gestattet sich ein hohes Maß an Indivi- wir da ein paar Millimeter vorangekom-Herz und Seele der Kommune Zschachen- dualität. men sind, dann ist das doch viel.“
  • 35. Deutschland Protestplakate bei der Odenwaldschule „Pädophile werden angezogen“ agogen werden von solchen Strukturen geradezu angezogen.“ Katrin Höhmann widerspricht. Als sie vor etwa einem Jahr zur Odenwaldschule kam, wurde zusammen mit ihr erstmals auch ein Internatsleiter an der Schule ein- gestellt. Er soll die Lehrer bei ihrer Auf- gabe als „Familienhaupt“ kontrollieren und fortbilden. Zudem werde jede Fami- lie jetzt von einem zweiten Lehrer im Auge behalten. Bei anderen Kritikpunkten fällt Höh- mann der Widerspruch schwerer, denn sie kämpft an zwei Fronten. Sie muss die Schule nach außen verteidigen; aber sie muss nach innen auch Widerstände über- ARNE DEDERT / PICTURE ALLIANCE / DPA winden, von zahlreichen Betonköpfen etwa unter den Mitgliedern des Träger- vereins der Schule, die einfach zur Tages- ordnung übergehen wollen. In einer internen Aktennotiz hatte Höhmann im vergangenen November selbst „die mangelnden Aktivitäten in Sa- chen Aufklärung der Missbrauchsfälle“ sowie „die immer deutlicher werdenden clique, die sich unter dem Deckmäntel- Nachlässigkeiten in der Vergangenheit im M I S S B RAUC H chen fortschrittlicher Reformpädagogik Umgang mit Betroffenen“ angeprangert. Zu viel Nähe, an ihren Schülern vergriff. Gerade bei der wissenschaftlichen Aufar- Viele der Opfer klagen, die Schule stel- beitung, warnte Höhmann damals, stehe le sich nur zögerlich ihrer Verantwortung, „unsere Reputation mit auf dem Spiel“. zu viel Macht zudem hätten sie bis heute keine Entschä- Der unwürdige Umgang mit der Ver- digung bekommen. Und das sind noch gangenheit schreckt nun selbst solche Fa- lange nicht alle Vorwürfe. milien ab, die der Schule trotz allem noch Der hessische Grünen-Abgeordnete wohlgesinnt waren. Inzwischen melden Nur zögerlich stellt sich die Marcus Bocklet hat im Auftrag des Land- so wenige begüterte Eltern ihre KinderOdenwaldschule ihrer Vergangen- tags monatelang recherchiert, wie die an, dass die Lehranstalt finanziell am Ab- heit – in einem Bericht für den Schule mit den mehr als 130 bislang re- grund steht. gistrierten Opfern umgeht, wie sie den Nach dem vertraulichen „Lagebericht“Hessischen Landtag erhebt ein Ab- massenhaften Missbrauch untersucht, wie eines Wirtschaftsprüfers zählte die Schule geordneter schwere Vorwürfe. sie sich neu organisiert hat. „Das Ergebnis mit ihren 126 Mitarbeitern an einem Stich- ist in allen Bereichen ernüchternd“, sagt tag Ende 2011 nur noch 138 Internats-D ie Schulleiterin hat eine lange Bocklet, der demnächst dem Petitionsaus- schüler sowie 42 Externe, die nicht dort Konferenz hinter sich, eine an- schuss seinen Bericht vorlegen will. übernachten. In guten Jahren, wie dem strengende Unterrichtswoche. Sie Nicht einmal zehn Prozent der miss- Schuljahr 2002/03, waren es 267 Internats-sieht müde aus. Und jetzt muss sie wieder brauchten Kinder von einst haben nach schüler. Unterm Strich, so der Prüfer,kämpfen. Um die Existenz ihrer Schule. Bocklets Nachforschungen bislang finan- machte die Schule im Jahr 2011 fast Sie soll alle überzeugen. Eltern natür- zielle Hilfen oder Entschädigungen über- 680 000 Euro Verlust.lich, aber auch Politiker, Ehemalige, Jour- wiesen bekommen. Wissenschaftliche Ur- Weitermachen kann das Internat nurnalisten. Katrin Höhmann zeigt am Frei- sachenforschung, aus der man Schlüsse mit Hilfe der Jugendämter. Die haben imtag vor einer Woche Schaubilder mit Or- für eine Neuorganisation der Schule zie- vergangenen Jahr laut Prüfbericht dasganisationsstrukturen, sie spricht über das hen könnte? Gebe es nicht. Das Fami- Schulgeld für fast die Hälfte der Inter-„Vier-Augen-Prinzip“ und über „Siche- lienprinzip, das den Missbrauch entschei- natsschüler gezahlt. Wie lange die Schulerungsmechanismen“. Die Odenwaldschu- dend begünstigt hat? Sei unverändert. so weiterwirtschaften könne, sei unklar,le, sagt Höhmann, habe die richtigen Noch heute leben Lehrer und Schüler meint Bocklet. Der örtliche Landrat hatSchlüsse aus ihrer dunklen Vergangenheit in den auf dem Gelände verstreuten Häu- schon angeordnet, dass die Jugendhilfegezogen. Die Schüler seien heute gut ge- sern als sogenannte Familien zusammen. seines Landkreises keine weiteren Kindergen sexuellen Missbrauch geschützt. Wie zu den Zeiten, als das Internat noch mehr in die pittoresken Internatshäuser So gut, wie das in einem Internat mög- bei der deutschen Elite aus Wirtschaft schickt. Der Abgeordnete Bocklet feiltlich sei. und Politik beliebt war, unterrichten Leh- nun an den letzten Formulierungen seines Es ist ein harter Kampf, den Höhmann rer am Vormittag, betreuen am Nachmit- Berichts – und denkt darüber nach, allenführt, vielleicht ein aussichtsloser. Die tag, führen Aufsicht in der Nacht. hessischen Jugendämtern zu empfehlen,Schule im südhessischen Oberhambachtal Das bedeute zu viel Nähe, zu viel künftig keine Kinder mehr dorthin zuhat keinen echten Neuanfang geschafft, Macht und zu wenig Kontrolle, urteilt schicken, schon wegen der ungewissenseit sie vor gut zwei Jahren zum Symbol Bocklet, der diese besondere Konstruk- Zukunft der Schule. Das wäre dann ver-des systematischen Missbrauchs wurde, tion mit Psychologen und Missbrauchs- mutlich das Ende des Internats.zum Symbol einer pädophilen Lehrer- experten diskutiert hat. „Pädophile Päd- MATTHIAS BARTSCH46 D E R S P I E G E L 2 2 / 2 0 1 2
  • 36. Deutschland, in fast jeder fünften Familie zieht ein Elternteil den Nachwuchs allein HARTZ IV groß. Und: 40 Prozent aller Alleinerzie- Tritt in den Hintern hendenhaushalte bekommen Hartz IV. In den vergangenen Jahren konnte die Bundesagentur für Arbeit viele Arbeits- lose vermitteln, auch Langzeitarbeitslose und Geringqualifizierte. Doch Frauen wie Der Staat scheitert seit Jahren daran, alleinerziehenden Frauen die aus Marzahn-Nord profitieren kaum den Weg ins Berufsleben zu ebnen. Ein neues Projekt droht von diesem Aufwärtstrend. Ein neues Wohnprojekt mit dem Na-Müttern nun mit Wohnungsverlust, wenn sie sich keinen Job suchen. men „Jule“ (kurz für „junges Leben“) soll jetzt helfen, dass 15 junge Frauen aus dem Viertel nicht dauerhaft dort landen, wo viele ihrer eigenen Mütter feststecken: in einem Leben ohne Perspektive. Eine der Ersten, die in den kommen- den Wochen einziehen werden, ist Kath- leen. Derzeit wohnt sie noch mit ihrer Mutter, drei Geschwistern und einem Jack-Russell-Terrier auf knapp 80 Qua- dratmetern. Demnächst wird sie allein mit Emily fast genauso viel Platz in einer frisch renovierten Wohnung in einem an- deren Hochhaus im Viertel bekommen. Ein Luxus, für den sie allerdings Leis- tung zeigen muss: Wenn Kathleen inner- halb der kommenden drei Jahre nicht ge- nügend für den Schulabschluss büffelt, müsste sie Jule im schlimmsten Fall ver- lassen. Dann müsste sie entweder wieder bei ihrer Mutter einziehen oder sich eine neue Wohnung suchen – was schwierig ist für eine alleinerziehende Frau unter zwanzig, ohne Job. Jule ist keine Idee des Sozialstaats, son- dern eine der Wohnungsgesellschaft De- gewo, die in Berlin etwa 70 000 Wohnun- FOTOS: ANNE SCHÖNHARTING / DER SPIEGEL gen verwaltet. Die Degewo startet das Experiment, um den Müttern zu helfen, aber auch, weil sie selbst sich nicht anders zu helfen weiß. Die Mitarbeiter der Woh- nungsgesellschaft kennen die Probleme aus der Nähe, sie wollen eingreifen, weil es sonst niemandem gelingt. Gerade in Marzahn sei in den vergangenen Jahren die Zahl der jungen, alleinerziehendenTeenagermütter Kathleen, Jessica*: Büffeln für den Schulabschluss Mütter „explodiert“, sagt Degewo-Vor- stand Frank Bielka. Und das sei eineB ei Kathleen passierte es im vergan- alleinerziehend, ohne Schulabschluss, „Mietergruppe, bei der sich die Problem- genen Frühling. Sie war 17 und ohne Berufsausbildung. Wie so viele hier. lagen häufen“. zweimal in der neunten Klasse sit- Typisch Marzahn-Nord. Etliche der Alleinerziehenden hättenzengeblieben. Sie ging selten zur Schule In den Plattenbauten des Berliner Be- hohe Mietschulden oder brächten dieund lag morgens bis elf Uhr im Bett. Eines zirks Marzahn-Hellersdorf wachsen fast Nachbarn mit ungewöhnlichen Tages-Abends lernte sie einen Mann kennen, 70 Prozent aller Kinder unter sieben Jah- rhythmen gegen sich auf: Morgens schlie-fast zehn Jahre älter, arbeitslos und ohne ren in Hartz-IV-Familien auf, etwa die fen die Kleinsten so lange, dass sie bisAntrieb, daran etwas zu ändern. Kaum Hälfte bei alleinerziehenden Müttern, Mitternacht munter mit ihrem Bobbycarliiert, war Kathleen schwanger. „Hat nicht Tendenz steigend. An kaum einem ande- über die Wohnungsflure donnerten. „Dasgeklappt mit der Verhütung“, sagt sie. ren Ort der Republik werden mehr Teen- Sozialsystem kümmert sich zu wenig um Seit vier Monaten gibt es nun die klei- agerschwangerschaften registriert. diese Frauen und verlangt ihnen nichtsne Emily, die in einer Wiege in Kathleens Für die Mädchen bedeutet dies oft den ab“, sagt Bielka, „das wollen wir ändern.“Kinderzimmer schläft. Mit Emilys Vater Einstieg in ein Erwachsenenleben in dau- Zwei Sozialarbeiterinnen sollen beiist die 18-Jährige schon lange nicht mehr ernder Abhängigkeit von Transferleistun- Jule umsetzen, woran die Politik bei al-zusammen, der wollte keinen Nachwuchs; gen. Der Sozialstaat scheitert seit Jahren leinerziehenden Hartz-IV-Empfängernund weil er arbeitslos ist, kann er keinen daran, jungen, alleinerziehenden Frauen gescheitert ist: Fördern und Fordern. DieCent Unterhalt zahlen, was ja „typisch“ wie Kathleen den Weg in ein normales Degewo hat die 15 Mütter unter knappsei, wie Kathleen sagt. So ist sie nun also Berufsleben zu ebnen. 30 Bewerberinnen ausgewählt. Wenn sie Rund 1,6 Millionen Alleinerziehende in ihre Wohnung eingezogen sind, wer-* Mit Töchtern Emily und Alina-Marie. mit Kindern unter 18 Jahren gibt es in den sie von den Sozialarbeiterinnen bei D E R S P I E G E L 2 2 / 2 0 1 2 47
  • 37. DeutschlandKinderbetreuung, Bewerbungen und Äm- plus Miete. Allerdings hat rund die Hälfteterbesuchen unterstützt. Im Gegenzug der arbeitslosen Alleinerziehenden niemüssen die Frauen sich aber verpflichten, einen Beruf erlernt und würde deshalbbestimmte Ziele zu erreichen. Kathleen kaum mehr verdienen. Wozu also derwill Verkäuferin werden. Stress mit einem schlechtbezahlten Job? „Mit Betüddeln hat Jule nichts zu tun“, Dass es um eine Perspektive gehe, umsagt Marina Bikádi, eine der Sozialarbei- einen Weg, Vorbild für die eigenen Kin-terinnen, die sich demnächst um die jun- der zu sein, will nun das Degewo-Projektgen Mütter kümmern werden. Bikádi sitzt vermitteln. Die jüngste Frau, die an Juleim 200 Quadratmeter großen Jule-Ge- teilnimmt, ist Jessica. Sie ist 17, hat abermeinschaftsbereich, der etwa für Koch- das älteste Kind: Die Kleine heißt Alina-abende und Kindernachmittage hergerich- Marie, ist zweieinhalb Jahre alt und seitet wurde, die Wohnungen liegen im „natürlich nicht geplant“ gewesen. „DieBlock drum herum. Die 45-Jährige arbei- Verhütung hat nicht geklappt“, sagt auchtet schon viele Jahre mit alleinerziehen- Jessica, die derzeit noch zusammen mitden Müttern im Viertel. Was viele ver- ihrer Mutter, deren Freund und ihren bei-binde, sei das langsame Abdriften in den Geschwistern auf 70 Quadratmetern„Trägheit und Perspektivlosigkeit“. wohnt. Jessicas Mutter ist 36 Jahre alt Schuld daran sei der Sozialstaat selbst, und hat selbst gerade wieder eine Tochtersagt Bikádi. Nicht nur, dass es an Kita- zur Welt gebracht: Nun hat die kleine Ali-Plätzen mangele. Der Staat biete jungen na-Marie einen Säugling als Tante.Müttern auch „keinerlei Anreize“, sich Anders als die meisten Jule-Mütter hatum Berufsbiografie und Partnerschaft zu Jessica einen Schulabschluss und eine klare Berufsperspektive. „Ich brauche Mit Kind, ohne Ausbildung aber trotzdem einen Tritt in den Hintern, Anteil der Alleinerziehenden, die Hartz IV um jetzt auch mit der Ausbildung zur bekommen, an allen Alleinerziehenden Kinderpflegerin weiterzumachen“, sagt sie. Eine Ausnahme ist Jessica auch des- Rund die Hälfte aller arbeits- wegen, weil sie noch mit dem Vater ihres 40% losen Berufsausbildung sind ohne Alleinerziehenden Kindes zusammen ist. Der 20-jährige Cartier arbeitet als Tischler und will „oft zu Besuch kommen“. Haushalte Alleinerziehender * Viele der Väter würden sich trennen, insgesamt: 1,6 Mio. wenn die Freundin schwanger sei, erzäh- len die Sozialarbeiterinnen. Theoretisch sind die jungen Männer verpflichtet, Un- Quelle: terhalt zu zahlen, aber wer keine Arbeit Bundesagentur für Arbeit 2010; hat, kann auch nicht zahlen. Betreuerin *mit Kindern unter 18 Jahren Bikádi warnt davor, nur die Väter zu ver- dammen. „Auch viele junge Mütter tunkümmern. Natürlich ist es schwierig, al- sich in einem Stadtteil wie Marzahn-Nordlein Kinder großzuziehen, selbstverständ- leicht mit der Trennung“, sagt sie.lich ist es schlimm, wenn der Erzeuger Finanziell ist das kein Nachteil, dennsich aus dem Staub macht, noch bevor alleinerziehende Hartz-IV-Empfängerin-das Kind geboren ist. Doch der Staat un- nen erhalten zusätzlich eine Zulage vonterstützt bedürftige Alleinerziehende ver- durchschnittlich etwa 140 Euro. „Hartzgleichsweise großzügig und schafft genau IV schafft keine Anreize, in eine Bezie-so Anreize, gar nicht zu arbeiten. Be- hung zurückzukehren“, sagt Heinrich Alt,kommt eine Hartz-IV-Empfängerin ein Vorstand der Bundesagentur für Arbeit.Kind, muss sie sich drei Jahre lang nicht Alt würde die Zulage für Alleinerzie-um Ausbildung oder Arbeitssuche bemü- hende deswegen am liebsten abschaffen –hen. Unbelästigt vom Jobcenter kann sie zumal es ein offenes Geheimnis ist, dasssich in Ruhe ums Kind kümmern. Für viele Paare die Trennung vortäuschenMädchen, die mit 16 schwanger würden, und sich die Väter nur zum Schein einesei das aber „völlig falsch“, sagt Bikádi. andere Wohnung suchen. Sind Mann undViele junge Mütter brächen vor der Ge- Frau Hartz-IV-Empfänger, gibt es beiburt des ersten Kindes Schule oder Aus- zwei Kindern rund 250 Euro im Monatbildung ab und stünden nach drei Jahren mehr, wenn sie getrennt leben. Und Geldmit leeren Händen da. fürs Nichtstun, sagt Bikádi, das sei es, was Einige flüchteten deswegen „gezielt“ Menschen „lethargisch“ mache.in die nächste Schwangerschaft, glaubt Bi- GUIDO KLEINHUBBERTkádi. Durch die geplante Einführung desBetreuungsgeldes könne sich das noch ver-schärfen – zumindest dann, wenn die als Video:„Herdprämie“ kritisierte Zulage nicht auf So lebt die alleinerzie-die Hartz-IV-Bezüge angerechnet werde. hende JessicaNatürlich lässt sich von den Regelsätzen Für Smartphone-Benutzer:nicht komfortabel leben, eine Mutter mit Bildcode scannen, etwa mitzwei Kindern bekäme etwa tausend Euro der App „Scanlife“.48 D E R S P I E G E L 2 2 / 2 0 1 2
  • 38. Szene Was war da los, Herr Wu? Wu Daifu, 34, chinesischer Tierpfleger, über seine Arbeitskleidung: „Es ist wich- tig, dass Menschen möglichst wenig Einfluss auf ein Panda-Baby haben und das Tier nicht von ihnen abhängig wird. Deswegen trage ich das Panda- Kostüm, wenn ich das Gehege sauber- mache oder die Bärenjungen zur Untersuchung bringe. Dieses Panda- Baby ist vier Monate alt. Es wurde in unserer Forschungsstation in Wolong in der Provinz Sichuan geboren. Wir messen regelmäßig seine Größe und untersuchen die Zähne, die Augen und den Urin. Wenn die Pandas zwei Jahre alt sind, werden sie in der Wild- nis ausgesetzt. Ich selbst habe be- stimmt schon 10, 20 Panda-Babys auf- gezogen. Unser Panda-Kostüm ist maßgeschneidert und wurde neulich noch verbessert. Wir haben jetzt ein Winter- und ein Sommerkostüm. CHINA DAILY / REUTERS Trotzdem schätze ich, dass erwachse- ne Bären wissen, dass ich kein echter Panda bin. Schon wegen des Ge- ruchs.“ Wu Ist Bayern am Ende, Herr Beckmann?Am 19. Mai verlor der FC Bayern SPIEGEL: Wir reden von 62 500 Zuschau- richtig machen und konzentriert sich aufMünchen das Finale der Champions ern im Stadion, und Sie kommen mit die Ausführung des Schusses. Weil dasLeague. Der Münchner Sportpsycho- Ihrer Oma. bei einem Profi eigentlich hoch auto-loge Jürgen Beckmann, 57, erklärt, wie Beckmann: Durch das Ausatmen ver- matisiert ist, verliert er sein Ballgefühl.man die Spieler mental aufbauen langsamt sich der Herzschlag, das be- Statt besser wird der Schuss nun schlech-könnte. ruhigt. Ein anderer Trick wäre auch, ter. Wenn der Spieler die linke Faust kurz vor dem Schuss die linke Hand ballt, aktiviert er die rechte Gehirnhälf-SPIEGEL: Wie überwinden die Spieler zur Faust ballen. te. Dadurch verlässt er sich wieder aufdes FC Bayern die Niederlage? SPIEGEL: Was bringt das? die automatisierte Ausführung, das Ball-Beckmann: Am besten ist es, die Fehler Beckmann: In Drucksituationen domi- gefühl ist da, und der Ball ist im Tor.zu analysieren, um daraus zu lernen. niert oft die linke Gehirnhälfte. Der SPIEGEL: Acht Bayern-Profis sind imSPIEGEL: Soll Schweinsteiger analysie- Spieler denkt an Technik. Er will alles EM-Kader der deutschen Fußballnatio-ren, warum er an den Pfosten schoss? nalmannschaft. Sollten die Spieler erstBeckmann: Ich fand schon merkwürdig, mal auf der Bank sitzen?dass er bei Robbens Elfmeter nicht Beckmann: Nein. Der Bundestrainerhinschauen konnte. Die Nerven lagen Joachim Löw wird das schon richten.möglicherweise so blank bei ihm, dass SPIEGEL: Wie?er vielleicht bei seinem eigenen Elfme- Beckmann: Er wird den Bayern-Spie- TOBIAS KUBERSKI / GES-SPORTFOTOter die Konzentration nicht aufbringen lern klarmachen, dass die EM ihrekonnte. Das könnte er analysieren, um Chance ist zu zeigen, dass sie erfolg-daran zu arbeiten. reicher sein können als gegen Chelsea.SPIEGEL: Ist ja verständlich, dass er auf- SPIEGEL: Sind Sie als Münchner trauma-geregt war. tisiert durch die Niederlage?Beckmann: Aber es gibt da ein paar Beckmann: Nein, ich schaue mir zwarTricks. Einen kannte meine Oma gern guten Fußball an, aber ich fahreschon: tief ausatmen. Fußballer Schweinsteiger eigentlich lieber Ski.52 D E R S P I E G E L 2 2 / 2 0 1 2
  • 39. Gesellschaft Selbstjustiz EINE MELDUNG UND IHRE GESCHICHTE: Wie ein Richter einen Fall mit dem Polierlappen erledigteA mtsgericht Delmenhorst, an einem Rüdebusch fährt selbst einen schwar- die gehöre auch noch dazu. Rüdebusch Dienstag um 9.20 Uhr, zum Aufruf zen Passat, 14 Jahre alt, mit einem Krat- fragte, warum er diese Schramme dann kommt die Sache 660 Js 37731/11. zer, der sich über die ganze Seite zieht. nicht der Polizei gezeigt hatte, die denStreitgegenstand ist ein Lackfleck. Farbe Poliermittel? Hatte er nicht. Also fragte Fall aufgenommen hatte. Und überhaupt,Rot, Länge dreieinhalb Zentimeter, Fund- er den Christian, seinen Kumpel. Begna- da habe doch schon einer mit demstelle: am Türrahmen einer grauen A-Klas- deter Autoschrauber. Der gab ihm eine Lackstift gearbeitet. Ob es nicht seinse. Kann von einem Toyota sein, der im Poliermilch und sagte: „Du glaubst gar könne, dass dieser Schaden schon vielMärz 2011 neben dem Mercedes auf einem nicht, was man damit alles wegkriegt.“ älter sei.Parkplatz stand. Linke Tür trifft rechte Sei- Und so ging Rüdebusch am Tag der Es ging in den Gerichtssaal, Rüdebuschte, Rot auf Grau. Das Übliche. Eines dieser Verhandlung auf den Parkplatz. Er fragte erwartete die Anträge. Er fragte den Mer-30-Minuten-Verfahren, bei denen cedes-Fahrer, ob er seine Klagedie Justiz zur Abfertigungsanlage jetzt nicht lieber zurücknehmenwird. Macht gemäß Kostenvoran- wolle. Nein, wollte der nicht.schlag, dem Papiergeld der Amts- Stattdessen beschwerte er sich:gerichtswelt, 430 Euro an den Klä- dass Rüdebusch ihn lächerlichger. Nächster bitte! gemacht, ihn vorgeführt habe. So hat sich das der Mercedes- „Wissen Sie, wen Sie vorgeführtFahrer wohl auch gedacht, denn haben?“, so erinnert sich Rüde- JÖRG MÜLLER / AGENTUR FOCUS / DER SPIEGELso läuft das doch, weiß doch je- busch an seine Antwort. „Sichder, ist doch Alltag in deutschen selbst und Ihren Anwalt. Sie sindGerichten: der Fotobeweis, das für mich ein Schlitzohr, und heu-Gutachten, der Kostenvoran- te sind Sie einfach mal an einenschlag, Entscheidung nach Ak- Besseren geraten.“ Wenn er dietenlage. 430 Euro für dreieinhalb Klage zurückziehe, werde es aberZentimeter. Standardsache. billiger für ihn, statt 105 Euro Ge- Aber diesmal kein Standard- richtskosten nur 35. Immerhin,Richter. Stattdessen Marco Rüde- das wirkte.busch, 45. Einer, der gern mal Als das Landgericht Oldenburg„Alles cool“ oder „Alter Schwe- Rüdebusch: „Darf ich mal?“ den Fall an die Presse gab, staun-de“ sagt. Der auf seinem Richter- te Rüdebusch über die Anrufe,tisch Verkehrsunfälle mit den die er bekam. Vielleicht koket-Matchbox-Autos seines Sohnes tiert er auch nur damit, über-nachstellen lässt. Und vor allem rascht zu sein.einer, der gute Geschichten er- Schon 2011 hatte er einenzählt, über einen Vater, der fast Grenzstreit unter Nachbarn da-alles reparieren konnte. Sogar mit beendet, dass er eine Sägeeine Glühbirne. Eine Glühbirne? genommen und gefragt hatte,„Wenn der gerissene Draht noch welche überhängenden Äste erlang genug ist, die Birne schüt- denn jetzt gleich mal wegnehmenteln, bis die Drahtenden sich be- Aus der „Süddeutschen Zeitung“ könne. Alles cool. Dafür wähltenrühren. Dann Strom hinein, und ihn die Leser der Oldenburgerder Draht schmilzt wieder zu- „Nordwest-Zeitung“ zum Mannsammen.“ So einer. des Jahres, neben der Frau des Also hatte sich Richter Rüdebusch vor- den Kläger: „Ist das der Schaden?“, er Jahres, die Angela Merkel hieß, und demgenommen, an diesem Tag etwas zu repa- fragte: „Darf ich mal?“ Und nach 20 Se- Paar des Jahres, Kate und William.rieren, was sich vermutlich noch schwerer kunden, erzählt Rüdebusch heute, war Rüdebusch erzählt das, als wisse erreparieren lässt als eine Glühbirne: das der rote Strich verschwunden. immer noch nicht recht, was er davonVertrauen in den gesunden Menschenver- Rüdebusch war zufrieden. Kein Scha- halten solle. Er, der Richter aus Delmen-stand der Justiz. Er hatte Herrn Mercedes den mehr, also auch keine Lack-Spektral- horst, neben solchen Prominenten, dasund Frau Toyota mit ihren Autos auf den analyse für 600 Euro, kein Gutachten für sei doch etwas merkwürdig gewesen.Gerichtsparkplatz bestellt. Er kannte die 1000 Euro, keine Kosten für die Versiche- Allerdings bei weitem nicht so merkwür-Fotos aus der Akte. Er wusste: Es gab keine rung, keine höheren Beiträge für Frau dig wie eine Justiz, in der es ganz normalKerbe, nur etwas roten Lack. „Killefitz.“ Toyota, und am Ende der Kette: keine ist, über Jahre hinweg Akten zu Akten-Er hatte deshalb schon zwei, drei Tage lang höheren Beiträge für die Versicherten- bergen wachsen zu lassen. Ohne dass derüber den Fall gegrübelt. Wenn es keine Ba- gemeinschaft. Eine Selbstjustiz der Ver- Richter auch nur einmal von seinem Platzgatellgrenze im deutschen Zivilprozess gibt, nunft; Fall erledigt, alle glücklich. Alle? aufsteht, zur Tür hinausgeht und draußensagt er, dann gibt es auch keinen Grund für Der Kläger war nicht glücklich. Er nachschaut, wer eigentlich recht hat.Richter, sich das Nachdenken zu ersparen. zeigte auf eine Schramme daneben: Hier, JÜRGEN DAHLKAMP D E R S P I E G E L 2 2 / 2 0 1 2 53
  • 40. Internetpionier Neuendorf KUNSTMARKT Der Goldgräber Was Immobilien für die Mittelschicht sind, ist Kunst für die Reichen: eine Anlageform in unsicheren Zeiten. Der deutsche Händler Hans Neuendorf, schon lange imGeschäft, will mit seiner Internetbörse das große Geld verdienen. Von Thomas Hüetlin DIRK ANSCHÜTZ / DER SPIEGELH ans Neuendorf, offener weißer endorf weigerte sich, seinen Glastisch zu So wie Neuendorf es erzählt, war es Kragen, dunkle Hosenträger, steht verlassen. „Nee, das World Trade Center bloß ein weiterer Tag im Büro, an dem am Fenster seines New Yorker Bü- fällt doch nicht bis hierher“, sagte er. er die Nerven behielt.ros, 23 Stockwerke weiter unten liegt die Erst als die Türme einstürzten, es fins- Ob das stimmt, weiß kein Mensch au-Baustelle von Ground Zero. Neuendorf ter wurde und der Staub durch die ge- ßer ihm. Denn es gab niemanden, der zu-war dabei, als alles zusammenbrach, und kippten Fenster drang, stand Neuendorf sammen mit Neuendorf ausharrte hierjetzt ist er dabei, als alles wieder aufge- auf. Er schloss die Fenster. oben im 23. Stock. Es darf aber angenom-baut wird. Die Durchsagen – „Wer jetzt noch im men werden, dass Neuendorf wirken Neuendorf schiebt sich ein Stück Gebäude ist, raus, sofort“ – ignorierte er. möchte wie ein Bruce Willis der Kunst-Quiche in den Mund, sein Mittagessen. Stattdessen schrieb er E-Mails: „Wir ha- welt: cool, unerschrocken, scharfsinnig,Dazu benutzt er weißes Plastikbesteck. ben nichts abgekriegt.“ mutig. Einer, um den herum die Welt un-Er erzählt von jenem Septembertag vor Er habe, sagt er heute, damals gedacht, tergeht und der bloß einmal aufsteht, umelf Jahren. dass es oben im 23. Stock ungefährlicher die Fenster zu schließen. Neuendorf war früh in seinem Büro sei als unten, wo Panik herrschte. Er sagt Neuendorf ist 74 Jahre alt. Er kenntdamals, wenige hundert Meter von den nicht, es war die Hölle. Nicht, die armen den modernen Kunsthandel seit den fünf-Twin Towers entfernt. Es gab Durchsagen: Leute, die in den Trümmern begraben ziger Jahren, er hat viel erlebt, viel Geld„Bitte das Gebäude räumen“, Mitarbeiter wurden. Er sagt nicht, es war der Tag, an verdient, er hätte sich auf seine moderneriefen: „Die Türme fallen um.“ Aber Neu- dem sich die Welt änderte. Burg auf Mallorca zurückziehen können,54 D E R S P I E G E L 2 2 / 2 0 1 2
  • 41. Gesellschaft die ihm der Architekt von Calvin Klein „Ein besorgniserregender, idiotisch ho- litz-Auktion ausdrucken. Ein paar Augen- und Giorgio Armani gebaut hat. Aber da- her Preis“, sagt Neuendorf über den neu- blicke später hat er die versteigerten „Hel- von will er nichts wissen. Stattdessen sitzt en Rekord am Kunstmarkt, den vor drei den“-Bilder von Baselitz auf dem Tisch. er in einem New Yorker Büroturm und Wochen die Versteigerung von Edvard „Spekulation“ für 5 195 000 Dollar, „Gro- hat nur noch ein Ziel. Er will den Kunst- Munchs „Der Schrei“ bei Sotheby’s in ße Nacht“ für 3 845 000 Dollar, „Der handel, der ihn reich gemacht hat, refor- New York erzielte. Baum“ für 2 855 000 Dollar, „Drei Her- mieren, und zwar gründlich. Der Hammer fiel bei 119,9 Millionen zen“ für 2 046 000 Dollar. „Wenn ich ein Auto verkaufen will, Dollar, der Käufer blieb anonym, aber Neuendorf lächelt. Neid liegt in diesem dann schaue ich in die Schwacke-Liste, Neuendorf sagt, in diesen Dimensionen Lächeln, vor allem aber Bewunderung. wie viel das Ding wert ist“, sagt Neuen- würden nur noch Menschen mitmischen, „Da hat der Graf richtig abkassiert“, sagt dorf, „und in einer Woche bin ich die Kis- „die das Geld eingenommen, aber nicht Neuendorf. Aber es sei ein gerechter te los.“ verdient haben: Ölkönige aus Dubai, rus- Lohn. Schließlich habe der Graf die Bil- Wenn es nach Neuendorf geht, dann sische Oligarchen, Hedgefondsmanager“. der 30 Jahre lang gehalten. sollen Bilder von Chagall, Picasso oder Für die Reichen scheint Kunst das zu sein, Der Kunstmarkt ist keine offene Lichtenstein verkauft werden wie Ge- was Gold und Immobilien für die nicht Veranstaltung. Er lebt von den Hinter- brauchtwagen, mit Listenpreis, für jeden ganz so Reichen sind: eine begehrte Form zimmern, dem Unter-sich-Sein, der einsehbar, meistbietend übers Internet. der Anlage, eine Währung der Zukunft. wohlplatzierten, gezielten Indiskretion. Seine Firma Artnet betreibt er seit 20 Jah- Neuendorf telefoniert. Es geht um Transparenz oder die offene Indiskretion, ren. „Artnet hat den umfassendsten glo- Georg Baselitz, den bekannten deutschen wie Neuendorf sie betreibt, ist der balen Datenspeicher, was Kunst betrifft“, Künstler, der so wohlhabend ist, dass er Kunstwelt ein Graus. Sie gilt als billig, sagt Neuendorf, „und jetzt wird es außer- in einem Anwesen am Ammersee wohnt, plebejisch, niveaulos. dem das größte Auktions- Normalerweise ist der haus der Welt“, in seiner „Big Torn Campbell’s Galerist oder der Händler Vorstellung größer und Herr über den Preis. Er mächtiger als Sotheby’s und Soup Can“ nennt ihn dem Kunden am Christie’s zusammen. Bei von Andy Warhol, liebsten unter vier Augen, Artnet zu verkaufen sei von Neuendorf 1964 er- oft flüsternd. Der Einzelne schneller, transparenter, vor folglos ausgestellt in soll das Gefühl haben, em- allem kostengünstiger, sagt Hamburg zum Preis von porgehoben zu werden in Neuendorf. 10 000 Dollar, ge- die Kaste ausgesuchter Ken- Vergangenes Jahr wurde schätzter Wert 2012: nerschaft. der erste Warhol über Art- 60 Millionen Dollar. Neuendorfs Artnet zer- net versteigert. Es war ein stört diese Aura der Ex-FRANCIS PICABIA/COQUETTERIE,1922/ VG BILD-KUNST BONN, 2012 (U.); 2012 THE ANDY WARHOL FOUNDATION OF THE VISUAL ARTS,INC/ARTISTS RIGHTS SOCIETY(ARS), NY (O.) grünes Bild mit blauen klusivität. Hier zählen nur Blumen. Das Mindestgebot das Werk und der Preis, im lautete 800 000 Dollar. Das Prinzip so wie in einem Motiv war sechs Tage im Supermarkt, und damit Netz zu besichtigen. Kurz „Coquetterie“ nervt er die ganze Branche. vor Schluss zogen die Ge- von Francis Immer häufiger nämlich bote an. Neuendorf ging rücken die Kunden in den zum Mittagessen bei Picabia, Hinterzimmern mit Aus- 800 000. Als er sein Sand- von Neuendorf drucken von Neuendorfs wich verspeist hatte, stand 1988 verkauft in Artnet über die weltweiten der Warhol bei 1,3 Millio- Paris an Charles Preise eines Künstlers an nen Dollar, Zuschlag erteilt, Saatchi, London, und verpesten damit die vorbei. für 200 000 Dollar, gepflegte Atmosphäre. Neuendorf stellt einen versteigert im Juni Umsätze und Auktionser- Fuß gegen die gläserne 2008 bei Sothe- gebnisse für mehr als 4000 Schreibtischkante. Sein by’s, London, für Künstler lassen sich auf Art- Blick geht zum Fenster hin- 1 850 000 Dollar. net abrufen und versetzen aus, über den westlichen auch den Hobbysammler in Rand von Manhattan, über das graue maßgefertigt von den Architekten Herzog den Stand eines kompetenten Geschäfts- Wasser des Hudson, hin zu einer überdi- & de Meuron, die sonst Sachen bauen partners. Der Käufer gewinnt an Macht, mensionierten Uhr in New Jersey, deren wie das Olympiastadion von Peking. der Händler dagegen verliert. Deshalb ist Zeiger stehengeblieben sind. „Ein Graf aus Deutschland“, sagt Neuendorf für viele Galeristen der Feind. Jetzt ist seine Zeit gekommen, daran Neuendorf, „hat neulich seine Baselitz- Der internationale Kunsthandel ist in glaubt er, das sagen ihm die Zahlen. Als Sammlung abgestoßen bei Sotheby’s in den letzten 30 Jahren gewaltig gewachsen. Lehman Brothers dichtmachte und nach London.“ Der Graf habe so viele Baselitz’ Allein der Umsatz von Kunstauktionen dem 11. September die zweite große Ka- gehabt, dass er den Überblick darüber hat sich in den vergangenen zehn Jahren tastrophe das neue Jahrtausend überkam, verloren hätte, woher die Bilder ursprüng- verfünffacht. Kunst ist nicht mehr nur sah es schlecht aus für Hans Neuendorf. lich kamen. In seiner Verwirrung habe reserviert für eine kleine, bildungsbürger- Die Finanzkrise riss den Kunstmarkt der Graf bei ihm angerufen und gefragt: liche Elite, sie ist ein Statussymbol, ein gleich mit in die Tiefe, zwei Jahre lang Du hast mir doch auch mal acht Stück Indiz für Macht und Ego, eine Aktie, die gingen die Preise nach unten. Seit 2010 verkauft, richtig? man sich an die Wand hängt. Die 6,5 Mil- allerdings hat sich die Richtung geändert, „Donnerwetter, der Graf hatte ganz lionen Pfund, die ein Hedgefondsmana- es scheint keine Grenzen zu geben auf schön was gebunkert“, sagt Neuendorf ger aus Connecticut im Jahr 2004 für ei- dem Weg nach oben. Allein im vorigen voller Respekt. nen in Formaldehyd eingelegten Hai des Jahr wurden weltweit mit Kunst 46 Mil- Neuendorf winkt seine Assistentin her- britischen Künstlers Damien Hirst über- liarden Euro umgesetzt. an. Sie soll ihm die Ergebnisse der Base- wies, wurden zum frivolen Symbol für D E R S P I E G E L 2 2 / 2 0 1 2 55
  • 42. Gesellschaft Kunsthändler Neuendorf 1966*Drei Warhols, bedeckt mit einer Plastikplaneden Ansturm des neuen Geldes auf dieKunst. Gleichzeitig hat sich der Handel globa-lisiert. Vermögende Russen und Chinesentreiben die Preise, erweitern ein Geschäft,das Jahrzehnte lang auf Europa und Ame-rika beschränkt war. 106 Millionen Dollarfür einen Picasso, 140 Millionen für einenJackson Pollock, 100 Millionen für einenWarhol, 86 Millionen für einen Francis Ba-con, bezahlt von Roman Abramowitsch,dem russischen Oligarchen, im Mai 2008. Diese Preise gebe es auch dank Artnet,sagt Neuendorf, das Portal habe den Kun-den Sicherheit gegeben. Aber Neuen-dorfs Firma kommt nur langsam voran.Während die Erfinder von Amazon oderEbay Milliardäre sind, muss Neuendorfsein Unternehmen immer wieder mitdem Verkauf von Kunstschätzen finan-zieren, die er als Galerist in den sechzigerund siebziger Jahren anhäufte. Neuendorf ist fasziniert von Geld.Gern redet er von Kunst als einer Ware,und die würde er am liebsten nach demVorbild von Walmart verkaufen, jeneramerikanischen Supermarktkette, derenStärke darin liegt, alle anderen im Marktzu unterbieten. Neuendorf stürmt aus seinem Büro,hetzt den Broadway hinauf, wo er sichneue Räume ansehen will, im legendärenWoolworth Building, einem schlossarti-gen Wolkenkratzer mit kupfergrünemDach, einem Monument, das sich der ers-te Kaufhauskönig gleichen Namens vorhundert Jahren in der Nähe der WallStreet hat errichten lassen. Neuendorf istein kleiner Mann, er wird schnell unsicht-bar im Gewimmel des Bürgersteigs. Ermag hohe Häuser. Sein erstes Geschäft machte er mitneun Jahren, als er die weggeworfenenFilzstiefel deutscher Kriegsheimkehrerbei einem Bauern gegen eine Weihnachts-gans tauschte. Er sammelte halbgerauchteZigaretten amerikanischer Soldaten vonder Straße auf, stahl liegen gebliebeneKartoffeln von den Feldern, fahndete sozialisten verhöhnt, verfolgt, verboten, lach, 85, gehört zu dem Menschen, dienach Splittern explodierter Fliegerbom- hatte es immer noch schwer in der auf- Deutschland nach dem Krieg kulturellben. Heute rühmt er sich: „Ich hatte da- wachsenden Demokratie. Aber Neuen- und gesellschaftlich modernisierten. Seinmals die größten Bombensplitter.“ dorf war infiziert. Stadthaus ist gefüllt mit Zeugnissen die- Ein Untermieter seines Vaters, der ei- Er lieh sich von seinem Vater 300 Mark, ses Weges. In seine Wohnzimmerregalenen Koffer zurückgelassen hatte, brachte fuhr per Anhalter nach Paris, besorgte hat er aus Platzmangel gerahmte Bilderden Sammler Neuendorf zur Kunst. Grafiken von Chagall, verkaufte die Ar- einsortiert wie Bücher. Er zieht eines mit„Schau mal nach, ob da nicht was Ordent- beiten an Zahnärzte und Rechtsanwälte einem roten Rahmen heraus. „Ist ein Kip-liches drin ist“, sagte der Vater zu seinem für das Doppelte. Anfang der sechziger penberger“, sagt er.Sohn. Neuendorf fand ein Aquarell mit Jahre gründete er seine erste Galerie, drei Neuendorf gehörte zu denen, die dieSegelbooten, es stellte sich heraus, dass Zimmer in einer Parterrewohnung im Pop-Art nach Deutschland brachten, er-es von Lyonel Feininger stammte, es Schatten der Hamburger Grindel-Hoch- zählt Gundlach. „Der Erste, der zu diesenbrachte 3000 Mark. häuser. Neuendorf war 26 Jahre alt, Kon- Engländern und Amerikanern intensive Da leuchtete plötzlich ein Markt auf, kurrenz gab es wenig, in Deutschland Kontakte hatte und wusste, wie man mitden es in Deutschland eigentlich nicht existierten gerade mal ein Dutzend diesen Leuten umgeht.“gab. Moderne Kunst, von den National- Galerien. Mit seinem Bruder fuhr Neuendorf im Der Modefotograf F. C. Gundlach geliehenen Lastwagen nach Paris, Ziel* Mit einem Bild von Allen Jones. wohnt bis heute in dieser Gegend. Gund- Ileana Sonnabend, Galeristin. Auf dem56 D E R S P I E G E L 2 2 / 2 0 1 2
  • 43. Laster zurück Richtung Hamburg standen ted Artists“, bat Bekannte und wohl- Er hatte alles richtig gemacht, glaubte er. drei geliehene Rauschenbergs, zwei Lich- habende Geschäftsleute um eine Einlage Aber dann versickerte der Boom in Japan, tensteins, drei Warhols, drei Jasper Johns’, von je 50 000 Mark. Dieses Geld, sagte Neuendorf konnte die Kredite nicht mehr bedeckt von einer Plastikplane. Neuen- Neuendorf den Anlegern, werde er ver- bedienen und musste seine Schätze unter dorf zeigte die Bilder in seiner Galerie, mehren, Rendite zehn Prozent im Jahr. Wert verkaufen. „Auf diese Weise war doch niemand wollte sie kaufen. Zurück Sein Plan: Wenn schon das hanseatische ich gezwungen, einen großen Teil meines nach Paris, Höchstgeschwindigkeit 60 Kunstpublikum so träge sei, müsse man Vermögens zu vernichten“, sagt er heute. Stundenkilometer, Autobahn gab es nicht. die Geschwindigkeit des Marktes anpas- Der Mann, der damals zwischen Neu- Mit David Hockney lief es ähnlich. Nur sen und die Arbeiten erst nach zehn Jah- endorf und den Banken vermittelte, heißt Gundlach hatte Verwendung. Er nutzte ren verkaufen. Ende der Siebziger hatte Rudolf Zwirner. Zwirner lebt heute in ei- die Swimmingpool-Bilder des Mannes Neuendorf das Kapital der Anleger ver- ner weißen Villa im Berliner Grunewald. aus Los Angeles, um Bademoden für „Bri- doppelt, aber der Umgang mit diesen Leu- Er war früher ein Geschäftspartner Neu- gitte“ zu fotografieren. ten strengte ihn an. Sie wollten nun auch endorfs, beide gehörten zu den Organisa- Neuendorf ließ sich nicht abschrecken, über Kunst reden, obwohl sie nichts von toren des ersten Kölner Kunstmarkts 1967, spielte Schach mit Hockney und bezahlte Kunst verstanden. jener Veranstaltung, aus der sich später die dessen Strafzettel. In Los Angeles entdeck- Als dann Mitte der Achtziger der Art Cologne und moderne Kunstmessen te Neuendorf den Bildhauer Robert Gra- Frankfurter Oberbürgermeister den im Stil der Art Basel entwickelten. Beide ham, der ihn bat, ihm eine Wohnung in Kunsthändler Neuendorf bat, samt Gale- wollten Wachstum, den Markt vergrößern. London zu besorgen. Außerdem wollte er rie in seine Stadt zu ziehen, hatte er end- Von Geld sei Neuendorf immer mehr in der düsteren Stadt mit einem Porsche lich, was er immer wollte: Wertschätzung fasziniert gewesen als von Kunst, erzählt herumfahren, in Schwarz. Graham über- und Unterstützung, er konnte sein eige- Zwirner. Neuendorf habe die Kunden ließ ihm zwei Mappen mit taxiert, deren Schuhe, Grafiken, Neuendorf liefer- „Rebell“ von Handtaschen und Uhren te vom Erlös den Porsche, geschätzt, und wenn ihm fabrikneu aus Stuttgart. Georg Baselitz, gefiel, was er sah, richtig Im Jahr 1969 konnte Neu- von Neuendorf 1973 Gas gegeben. endorf zum ersten Mal rich- ausgestellt in Ham- „Er hatte diesen Tick mit tig Geld verdienen, als er in burg zum Preis von dem großen Geld“, sagt Italien Arbeiten von Cy 12 000 Mark, ihm Zwirner. Neuendorf mietete Twombly besorgte. Die elf 1982 abgekauft von eine Villa für 9200 Euro im Bilder lehnten an der Wand, der Tate Gallery, Monat, seine Frau flog re- eingerollt. Die Großen soll- London, für gelmäßig zum Friseur nach ten 2500 Dollar kosten, die 80 000 Mark, ge- Paris. Spätestens nach sei- weniger großen 2000. Neu- schätzter Wert 2012: ner Pleite in Frankfurt spür- endorf schob sie durchs 5 Millionen Dollar. te Hans Neuendorf, dass es Schiebedach eines Fiat 500 Zeit war, etwas zu ändern. und fuhr so zum Flughafen. Er stürzte sich Anfang In Köln auf dem damaligen der neunziger Jahre auf Kunstmarkt trieb er damit eine Idee, die ihm ein die Preise durch die Decke, Sammler namens Pierre er erlöste 20 000 Mark pro Sernet auf der Kunstmesse Bild. in Paris erläutert hatte. Ser- Mit Neuendorfs erstem „Flag“ von Jasper Johns, net hatte Verfahren entwi- deutschen Künstler, Georg von Neuendorf 1964 erfolglos ckelt, um Abbildungen von Baselitz, gab es gleich wie- ausgestellt in Hamburg Kunstwerken und die dazu- der einen Rückschlag. Die zum Preis von 10 000 Dollar, gehörigen Preise elektro- Bilder waren zu groß für geschätzterWert 2012: nisch zu veröffentlichen. die Wände der Galerie. 30 Millionen Dollar. Es gab noch kein Internet Gundlach vermittelte Räu- damals, Sernets Firma ver-JASPER JOHNS/FLAGGE ÜBER WEISS/AKG/VG BILD-KUNST, BONN 2012 (U.); GEORG BASELITZ (O.) me in einem Bunker in der schickte CDs mit einer Soft- Hamburger Feldstraße. ware, mit der Kunden Ab- „Entsetzlich“ fanden die meisten Besu- nes Zentrum gestalten, in dem moderne bildungen und Preise aus dem Telefon- cher die „Heldenbilder“. Wenige kauften, Kunst ernst genommen wurde. netz abrufen sollten. Es war kompliziert, darunter Gundlach, der ein Werk für „Frankfurt schwamm im Geld“, sagt Neu- und es funktionierte nicht richtig. 12 000 Mark erwarb. endorf. Sie stellten ihm ein Galeriehaus Neuendorf glaubte an die Idee, investier- Wenn man mit Neuendorf über seine samt Wohnung, er holte Sotheby’s an den te Millionen, und als Mitte der neunziger Versuche spricht, den Schwung der Sech- Main, er wollte im Zentrum des bundes- Jahre das Internet seine Revolution begann, ziger nach Hamburg zu holen, formt sich deutschen Kapitalismus, dem Reich der Ban- gehörten ihm bereits 85 Prozent der Firma. sein schmaler Mund zu einem spöttischen ken und des größten Flughafens Deutsch- Trotzdem kam Artnet nicht aus den roten Lächeln. Das Normale war, sagt er, dass lands, ein „ganz großes Rad drehen“. Zahlen. „Mein Anteil wurde durch immer „die Pfeffersäcke nichts kauften“. Bei sei- Der Boom verlagerte sich Richtung neue Kapitalerhöhungen verwässert“, sagt ner ersten Warhol-Ausstellung habe der Japan, und Neuendorf schien recht zu Neuendorf, „und ich musste trotzdem wei- Direktor des Museums für Kunst und Ge- behalten. Die Banken, die früher dem ter Kunstwerke aus meinem Lager versil- werbe nur abschätzig die herumschwe- Kunsthandel die Kredite verweigert hat- bern, um den Verschleiß zu bezahlen.“ benden Heliumkissen zerknautscht. Man ten, riefen jetzt bei ihm an, sie wollten Es reichte nicht. Schließlich holte er hielt Warhol für Quatsch, Lichtenstein die Welle nicht verpassen. Neuendorf sich noch mehr Geld, indem er Artnet an für überschätzt, Baselitz für indiskutabel. kaufte den gesamten Nachlass des fran- die Börse brachte. Neuendorf hatte eine neue Idee. Er zösischen Malers Francis Picabia, inves- 46 Euro kostete die Aktie, Neuendorf gründete einen Fonds, nannte ihn „Uni- tierte groß in den Italiener Lucio Fontana. hielt 1,6 Millionen Stück. Er verkaufte da- D E R S P I E G E L 2 2 / 2 0 1 2 57
  • 44. Gesellschaftvon neun Prozent, erlöste Datenspeicher kennt. Heute ist6 624 000 Euro, eine Menge er allerdings auffällig char-Geld, wovon er erst mal Schul- mant, denn Neuendorf stelltden abbezahlte, die er mit sei- bei ihm Plastiken des Künst-nem teuren Lebensstil, vier Kin- lers Robert Graham aus, jenesdern auf Privatschulen, einem Mannes, dem er in denTownhouse in der vornehmen sechziger Jahren in London63. Straße angehäuft hatte. den schwarzen Porsche vor die Auch die Firma war durch Tür gestellt hatte. In aufgeheiz-den Börsengang um 26 Millio- ten Zeiten wie diesen hoffennen Euro reicher geworden. beide, selbst mit einem schwer-Neuendorf investierte, in neue verkäuflichen Künstler wieRäume, in neue Mitarbeiter, in Graham Geld machen zu kön-großes Marketing, in Online- nen.Auktionen, um, jedenfalls nach Über dem Betonfußbodenseiner Vorstellung, mit Sothe- sind in kleinen Glaskästen dieby’s und Christie’s konkurrie- Arbeiten Grahams verteilt. Fei-ren zu können. Das Credo der nes Bienenwachs modelliert zuZeit hieß: Umsatz steigern, winzigen Frauen, in Betten lie-Marktanteile sichern, abgerech- gend, auf Kartoffeln reitend,net wird später. Nach zwei am Strand sich sonnend, gleich-Jahren waren die 26 Millionen sam schwebend in einem end-Euro ausgegeben. Nachdem losen Müßiggang aus Drogen,der Neue Markt zusammenge- Pazifikgischt und Geld. Jederbrochen war, verlor auch Art- Puppenkasten kostet um dienet dramatisch an Wert, bis die 200 000 Dollar.Aktie 2003 nur noch mit 25 Neben der Skulptur einerCent notierte. barbusigen, nur einen silber- Andere Internet-Glücksritter nen Slip tragenden Frau, die SHOOTING STAR / EYEVINEtraten den Rückzug an, lande- an einer Leine eine Kartoffelten im Gefängnis, tauchten un- hinter sich herzieht, steht dieter in neuen Firmen. Neuen- Hollywood-Schauspielerin unddorf blieb bei seinem Unter- Oscar-Preisträgerin Anjelicanehmen, hielt seine restlichen Huston. Sie war mit Graham1 456 000 Aktien, hoffte, dass Künstler Graham 2003: Bezahlt mit einem Porsche, fabrikneu bis zu dessen Tod im Jahr 2008sich die Lage bessern würde. verheiratet. Eine glückliche Vor vier Wochen lag die Aktie bei 3,50 diesem Tag in Manhattan. Trotz der Zeit, sagt sie, verglichen mit den wildenEuro, inzwischen notiert sie bei 4,30 Euro. Feindschaft der beiden Alten, sagt David Jahren, die sie mit Jack Nicholson ver-Es geht bergauf, aber langsam. Immer Zwirner, halte er Neuendorf für einen der brachte.noch muss Neuendorf gelegentlich auf großen Pioniere im deutschen Kunst- Als Huston Neuendorf sieht, umarmtseine Sammlung zurückgreifen, um seine handel. sie ihn wie einen alten Freund, den Kunst-hohen Lebenshaltungskosten zu finan- Zwirner kam vor 20 Jahren nach New spekulanten, der vor 40 Jahren ihremzieren. York. In Deutschland hatte er Jazz- Mann die Bienenwachs-Mädchen für ein „Inzwischen ist das Lager böse dezi- schlagzeuger gelernt, mittlerweile führt paar tausend Dollar abnahm und sie jetztmiert“, sagt er. ihn die Zeitschrift „ArtReview“ auf Platz für den hundertfachen Preis verkauft. Neuendorf steht in einer 3000 Quadrat- neun der hundert Mächtigsten im globa- Neuendorf verschwindet in einermeter großen Galerie in der 19. Straße len Kunsthandel. Zwirner, der Jüngere, Menge von Neuankömmlingen, Hustonim New Yorker Stadtteil Chelsea. Die gilt als harter Verhandlungspartner – sagt: „Robert mochte nicht viele Men-Räume gehören David Zwirner, dem auch weil er die Preise aus Neuendorfs schen, aber Hans hat er geliebt. Er hieltSohn von Rudolf Zwirner, jenem Mann, ihn immer für einen Säugling,der nicht viel Gutes über Neuendorf der erfüllt war von Zuver-zu sagen hat. Weil in der Welt sicht.“der Kunsthändler die Freund- So richtig geändert hat sichschaft meist durch den Wett- Hans Neuendorf seitdem of- ROBERT GRAHAM/UNTITLED,1964/VG BILD-KUNST, BONN 2012kampf um die angesagten fensichtlich nicht. An diesemKünstler zerstört wird, ist es Abend, an dem noch einmalsinnvoll, dass immer wieder die Leichtigkeit der sechzigerneue Generationen nachrü- Jahre beschworen wird, be-cken. So gehen die Geschäfte ginnt er, wieder an etwas zuweiter, und so ist es auch an glauben. Er glaubt, dass seine Zeit kommen wird, so wie sie irgendwie immer kam. Er „Untitled“ glaubt daran, dass sich das von Robert Graham, Internet, wo es doch schon die von Neuendorf in den sechzi- ganze Welt erobert hat, auch ger Jahren ausgestellt in Köln den Kunstmarkt noch greifen und Hamburg für 2000 Dollar, wird. Und er glaubt, dass er steht derzeit in New York zum dann, endlich, reich wird, und Verkauf für 220 000 Dollar. zwar richtig reich.58
  • 45. DUDERSTADT Mann geht ORTSTERMIN: Beim 30. deutschen Männertreffen ist es sexy, schwach zu sein.I hn wundere, sagt Uwe, dass das The- kommt ihm ein Mann entgegen und Uwe nickt. Ziemlich beste Freunde be- ma nicht mehr junge Leute anziehe. stöhnt: „Mir ist kalt hier draußen.“ schreibt ganz gut, was er vom Männer- Das Thema Mann. Dabei gebe es viele Dabei versucht Uwe seit Tagen, das Ju- treffen erwartet. Keine Revolution, keinwichtige Fragen. „Wer bin ich als Mann? gendgästehaus zu einem Ort umzubauen, Manifest, sondern freundlichen BeistandWas ist meine Rolle in der Gesellschaft?“ der Wärme spendet. Es gibt ein Zelt der von Leidensgenossen. Starke Männer Er geht über den Flur des Jugendgäste- Stille, Jodel- und Mal-Workshops sowie machen sich auf dem Männertreffen ver-hauses Duderstadt bei Göttingen, vor sei- Diskussionen zur Frage „Bin ich mit mei- dächtig. Sie könnten irgendwann zu Pa-ner Brust baumelt ein Lederlappen, auf ner Sexualität zufrieden?“ Das Gebäude triarchen werden. Schwäche ist besser.dem sein Vorname steht. In weiten Teilen funktioniert wie eine begehbare Kuschel- Schwach zu sein ist sexy. Uwe sagt: „EsDeutschlands heißen Männer, wenn sie rock-CD. Gespräche beginnen mit den kommt hier vor, dass drei Männer einfachvon anderen Männern angesprochen wer- Worten: „Um an deinen Gedanken von im Kreis stehen und sich umarmen.“den, noch „Ey“, „Alter“ oder „Digger“. vorhin anzuknüpfen“ oder „Ich würde Abends trinken sie das eine oder ande-Beim 30. Bundesweiten Männertreffen in gerne noch einen Schritt früher ansetzen“. re Bier, nicht zu viel. Uwe hat vorab ge-Duderstadt heißen sie Uwe, klärt, dass keine Studentin-Jean und Georg. nen am Zapfhahn stehen, 170 Männer sind ange- sondern Männer. Frauenreist, Lehrer, Ärzte, Sozial- stifteten Unruhe, sagt Jeanpädagogen, um über die aus Münster. „Ich bin froh,Lage des Mannes zu bera- dass ich hier als Mensch binten. Einige Väter haben und nicht immer auf Frau-ihre Kinder mitgebracht. enbrüste gucken muss.“Das erste Männertreffen Das Orga-Team sorgt zu-fand vor 30 Jahren statt, dem dafür, dass einmal imaber die Lage ist seitdem Jahr das „Männertreffen Ma- SVEN DOERING / AGENTUR FOCUS / DER SPIEGELnicht einfacher geworden. gazin“ erscheint, in demNoch immer werden Män- Teilnehmer ihre Erlebnissener diskriminiert, wenn sie schildern. Im aktuellen Heftunaufgefordert ihre Gefüh- schreibt Jean über das Tref-le thematisieren. Vor kur- fen im vergangenen Jahr, eszem haben sich Frauen in habe ihm gutgetan, Men-verschiedenen Zeitungen schen zu begegnen, die wür-und Magazinen zu Wort ge- devoll mit ihm umgegangenmeldet, denen der moder- seien. „Niemand versuchtene Mann zu weiblich ist, zu wie Charles Bronson zu wir-problemorientiert. Einige Männeraktivist Kaulbars (2. v. r.): „Einfach im Kreis stehen“ ken oder den rhetorischenMänner jaulten auf, der Au- Rambo zu mimen.“ Rambotor Ralf Bönt schrieb ein und Charles Bronson sind„Manifest für den Mann“. für die MännerbewegungDas Verhältnis der Geschlechter wurde Uwe kommt seit Mitte der achtziger das, was Pamela Anderson und Gina Wilddadurch nicht weniger kompliziert. Jahre zu den Männertreffen. Sie entstan- für den Feminismus waren. Die Antihelden. Das Männertreffen soll den Teilneh- den als Pendant zur Frauenbewegung, Jean singt gern das Lied „Ich liebe mich“.mern die Möglichkeit geben, sich vom nachdem sich Männer gemeldet hatten, Uwe geht jetzt über die Wiese undStress, ein Mann zu sein, etwas zu erholen. die das Patriarchat und dessen Hierar- bleibt in einigem Abstand vor einem ZeltDas Organisationsteam wählte dafür das chien ähnlich nervig fanden. Die Männer stehen, das mit einer grünen Plane abge-Motto „Wertschätzung erfahren“. Frauen wollten gemeinsam mit den Frauen nach deckt ist. Die Schwitzhütte. Ein altessind nicht erwünscht, außer in der Küche. einem Ausweg aus der männerdominier- Ritual der Sioux-Indianer, sagt Uwe. Die Uwe Kaulbars ist Mitglied des Orga- ten Gesellschaft suchen, aber im Gegen- Schwitzhütte ist innen dunkel und wirdTeams, 57 Jahre alt und Ingenieur in satz zum Feminismus wurde die Männer- mit glühenden Steinen beheizt. DrinnenBonn. Er trägt eine neongrüne Warnwes- bewegung nie so richtig groß. Vielleicht hocken die Männer Schulter an Schulter,te mit der Aufschrift „30. MT“, MT wie fehlte ein Idol, ein Anführer. Die männli- nackt. Eine Sitzung kann Stunden dauern,Männertreffen. Die Weste legt er nur zum che Alice Schwarzer. man muss stark sein, um bis zum SchlussEssen ab oder wenn er „privat unterwegs Uwe setzt sich draußen mit einem durchzuhalten. Ein Mann, der vorher raussein“ will. Aber auch wenn er die Weste Stück Käsekuchen zu Georg und Jean. will, ruft: Mann geht. „Ein schöner Zu-nicht anhat, sprechen ihn Teilnehmer an, „Hast du Vorbilder?“, fragt Georg. gang zur eigenen Spiritualität“, sagt Uwe.die den Weg zum Seminarraum nicht „Nö“, sagt Uwe. Er guckt hinüber zum Zelt. Die Planefinden oder Klopapier brauchen. Einige „Vielleicht die Leute, die ,Ziemlich bes- raschelt, dann steht ein nackter Mann aufMänner wirken hilflos, beinahe verloren. te Freunde‘ gemacht haben, den Film aus der Wiese.Als Uwe hinaus auf die Terrasse tritt, Frankreich?“, fragt Georg. CHRISTOPH SCHEUERMANN D E R S P I E G E L 2 2 / 2 0 1 2 59
  • 46. Trends BÖRSENGÄNGE Facebook wird zum Fiasko SHANNON STAPLETON / REUTERS Facebook wollte den erfolgreichsten In- ternet-Börsengang feiern, den die Welt je gesehen hat. Nun scheint das Projekt zum größten Fiasko seit dem Zusam- menbruch der New Economy zu ver- kommen. Allein vom Start der Aktie am Freitag, 18. Mai, bis zum vergange- Übertragung des Facebook-Börsenstarts in New York nen Mittwoch verlor das Unternehmen rund 16 Milliarden Dollar an Wert. Der Erst kurz vor dem Börsenstart sollen auch die Technologiebörse Nasdaq muss Imageschaden kann noch gar nicht be- noch Prognosen über die unterneh- sich rechtfertigen, weil der Handel mit ziffert werden. merische Zukunft von Facebook nach der Aktie des sozialen Netzwerks am Mittlerweile ermitteln die US-Börsen- unten korrigiert worden sein. Diese In- Starttag längere Zeit zusammenbrach – aufsicht SEC wie auch die Finanzauf- formationen seien aber nur großen In- angeblich wegen des großen Andrangs. sicht. Amerikanische Anwälte sammeln vestoren zugänglich gemacht worden. „Facebook ist ein klassisches Beispiel den Protest von Kleinanlegern, die sich „Wäre dies der Fall, könnte es sich hier- für die Gier der Investoren“, so Jack betrogen fühlen. Der Hauptvorwurf: bei um einen Prospektmangel in Form Bogle, Chef des Vermögensverwalters unterlassener Aktualisierung handeln“, Vanguard. In Deutschland scheinen Aktienkurs in Dollar sagt Markus Kienle, Vorstand der Schutz- nicht allzu viele Kleinaktionäre betrof- 45,0 gemeinschaft der Kapitalanleger (SdK). fen zu sein. Für sie sei es kaum möglich „Der Umstand – wenn dies stimmt –, gewesen, Facebook-Anteile zu zeich- 42 dass die mit der Emission beauftragten nen, sagt SdK-Sprecher Daniel Bauer. Banken die Information nur einem klei- „Hierzu wäre ein Depot in den USA nen Kreis weitergegeben haben, kann nötig gewesen.“ Ausgabekurs 38,0 Ansprüche auch gegen die Emissions- Die wahre Bewährungsprobe für die 38 banken auslösen“, so Kienle weiter. Die Aktie ist ohnehin erst im Sommer und Lage sei aber „noch vollkommen un- im Herbst zu erwarten, wenn die Hal- übersichtlich“, so Klaus Nieding vom tefristen der großen Investoren enden. 34 Deutschen-Anlegerschutzverbund. Rund 1,2 Milliarden Anteilscheine kön- 32,0 Im Visier von Kritikern und Fahndern nen laut „Börsen-Zeitung“ dann zusätz- war vergangene Woche vor allem die lich zum Verkauf gestellt werden. Und 30 Quelle: Bloomberg bei dem Börsengang federführende In- dann erst wird sich zeigen, was Face- 18. Mai 21. Mai 22. Mai 23. Mai vestmentbank Morgan Stanley. Aber book wirklich wert ist. SPIEGEL: Auch damals rutschte der Bör- SPIEGEL: Deckt das Geschäftsmodell INTERNET senkurs von AOL schnell nach unten. von Facebook überhaupt dessen Be- „Technische Reaktionen“ Wundert Sie der massive Facebook- Kurseinbruch von zum Teil mehr als 18 Prozent in den ersten Tagen? wertung von 88 Milliarden Dollar Mit- te vergangener Woche ab? Middelhoff: Auf jeden Fall. Eine erfah- Thomas Middelhoff, Middelhoff: Er wundert mich, weil es rene Investmentbank wie GoldmanB. THISSEN/PICTURE ALLIANCE/DPA 59, der zuletzt wegen keine neuen Erkenntnisse zum Unter- Sachs, die das Geschäftsmodell genau- seiner Flops als Arcan- nehmen gibt. Das sind technische estens unter die Lupe genommen hat, dor-Chef selbst ins Reaktionen, die vor allem mit dem liegt wohl nicht so daneben. Visier der Ermittler Verhalten von spekulativ ausgerichte- SPIEGEL: Dennoch – erleben wir gerade geriet, über den miss- ten Investoren zu tun haben. Die be- eine zweite Internetblase? glückten Facebook- teiligten Investmentbanken haben Middelhoff: Wenn ich mir etwa Googles Börsengang nicht auf eine ausgewogene Mischung Zahlen anschaue, dann ist dort die zwischen kurzfristig denkenden Börsenbewertung absolut richtig. Bei SPIEGEL: Fühlen Sie sich in die Zeit zu- Hedgefonds und langfristig interes- Facebook ist der Charme des unbe- rückversetzt, als Sie mit AOL unter Me- sierten Investoren geachtet. Alle, die kümmerten Start-ups endgültig ver- diengetöse Time Warner übernahmen? Facebook noch bis vorgestern über lorengegangen. Nun muss man sich die Middelhoff: Eher weniger. Die Übernah- alle Maßen gelobt haben und darin strategischen Ziele genau ansehen und me von Time Warner war die eines klas- das Heil der Welt sahen, sind jetzt ins schauen, was akquiriert wird. Es wer- sischen Medienkonzerns durch ein digita- andere Extrem verfallen und sagen, den zu den jetzigen Internetgiganten les Medienunternehmen. Facebook war das war ja alles überbewertet. Das ist noch weitere große Firmen hinzu- ein gigantischer Börsengang, mehr nicht. völliger Quatsch! kommen. 60 D E R S P I E G E L 2 2 / 2 0 1 2
  • 47. Wirtschaft HANDEL Angst vor dem Retter Bei Aktionären und Mitarbeitern der Baumarktkette Praktiker wachsen Be- fürchtungen, dass es sich bei dem ver- meintlichen Retter des Unternehmens, dem US-Finanzinvestor Anchorage, eher um einen Totengräber handeln könnte. Grund: Zeitgleich mit dem Angebot, Praktiker 85 Millionen Euro als Kredit zur Sanierung zur Verfü- TIMM SCHAMBERGER / DAPD gung zu stellen, verlangten die An- chorage-Manager eine Überschreibung der profitablen Praktiker-Tochter Max Bahr. Sollte der Sanierungsplan schei- tern, zu dem auch eine kräftige Kapi- talerhöhung gehört, wäre der US- Finanzinvestor damit mehr als abgesi- Spielwaren chert. Die bisherigen Aktionäre und Mitarbeiter dagegen würden die EINZELHANDEL Hauptlast einer möglichen Insolvenz tragen. Sie hegen daher den Verdacht, Anchorage könn- te Interesse an ei- Kindertag soll Umsätze ankurbeln ner Insolvenz Der deutsche Spielwarenhandel will auch nicht weiter daran, dass der „Kin- der Baumarktket- aus einem bislang wenig bekannten dertag“ einst vor allem in der DDR te haben. Haupt- Gedenktag Kapital schlagen. Der „In- gefeiert wurde. Für Verwirrung könnteMARIUS BECKER / DPA aktionäre wie die ternationale Kindertag“ am 1. Juni soll dennoch sorgen, dass es noch einen österreichische für die Branche künftig genauso lukra- weiteren ähnlichen Termin gibt: Der Bank Semper tiv werden wie Muttertag oder Valen- „Weltkindertag“ am 20. September Constantia for- tinstag für die Floristen – zumindest wird unter anderem von Unicef und Praktiker-Werbung dern nun die Ein- wenn es nach dem Bundesverband des dem Kinderhilfswerk ausgerichtet und berufung einer Spielwaren-Einzelhandels (BVS) geht. zielt stärker auf die Rechte der Kinder. sofortigen Hauptversammlung und Mit zahlreichen Werbeaktionen soll Dessen Sprecher Uwe Kamp sieht die eine Offenlegung der Sanierungspläne. Eltern und Großeltern ein zusätzlicher Kommerzpläne des Handels entspre- Der US-Finanzinvestor hatte sich vor Anreiz zum Schenken gegeben wer- chend kritisch: „Statt mehr Spiel- knapp zwei Wochen als Retter des an- den. BVS-Geschäftsführer Willy Fi- sachen zu verschenken, sollten Eltern geschlagenen Praktiker-Konzerns ins schel erhofft sich eine „deutliche Um- sich lieber im Alltag mehr Zeit für Spiel gebracht. Er beteuerte bislang, satzsteigerung“. Angesichts der erwar- gemeinsame Aktivitäten mit ihren nur lautere Absichten zu haben. teten Einnahmen stößt sich Fischel Kindern nehmen.“
  • 48. FRANCOIS GUILLOT / AFPWWF-Aktion in Paris 2008: Nur noch eine Illusion von Hilfe und Rettung? N AT U R S C H U T Z Kumpel der Konzerne Der WWF ist die mächtigste Naturschutzorganisation der Welt. Doch die Bilanz seiner Arbeit ist dürftig: Vieles, was er macht, nützt eher der Industrie als der Umwelt oder bedrohten Tierarten.D en Urwald schützen? Mit fünf Auch Regierungen vertrauen der Orga- mehren sich jedenfalls Zweifel an der Euro sind Sie dabei. Die Rettung nisation viel Geld an. Von der amerika- Unabhängigkeit des WWF und an seinem des Gorillas? Gibt’s ab drei Euro. nischen Entwicklungsbehörde bekam der Geschäftsmodell, gemeinsam mit der In-Und sogar mit 50 Cent ist der Natur ge- WWF über Jahre insgesamt 120 Millionen dustrie die Natur zu beschützen.holfen – wenn man sie dem World Wide Dollar. Deutsche Ministerien bedachten Der vom Genfer See aus operierendeFund for Nature (WWF) anvertraut. die Organisation lange derart üppig, dass Verband gilt als mächtigste Naturschutz- Fast zwei Millionen Sammelalben ver- sie in den neunziger Jahren sogar be- organisation der Welt. Er ist in mehr alskauften die Umweltschützer vergangenes schloss, die staatlichen Geschenke zu hundert Ländern aktiv, mit engenJahr zusammen mit dem Einzelhändler deckeln. Man wollte nicht wie der ver- Verbindungen zu den Mächtigen undRewe. In nur sechs Wochen kamen längerte Arm des staatlichen Umwelt- Reichen. Der Panda findet sich auf875 088 Euro zusammen, die Rewe dem schutzes wirken. Joghurtbechern von Danone ebenso wieKooperationspartner überwies. Nur: Kann der WWF tatsächlich die auf Kleidern von Jetset-Größen wie der Der WWF verspricht, mit diesem Geld Natur vor den Menschen schützen? Oder Monaco-Fürstin Charlene. Konzerne zah-viel Gutes zu tun: für Wälder, Gorillas, das liefern die hübschen Poster der Organisa- len siebenstellige Euro-Beträge, um dasWasser, unser Klima – und den Panda na- tion nur noch die Illusion von Hilfe und Logo nutzen zu dürfen. Allein in Deutsch-türlich, das Wahrzeichen der Naturschützer. Rettung? 50 Jahre nach der Gründung land zählt der WWF 430 000 Mitglieder.62 D E R S P I E G E L 2 2 / 2 0 1 2
  • 49. Wirtschaft DONANG WAHYU / LAIFFür Palmöl-Plantagen gerodete Wälder auf Sumatra: Lizenz zur Zerstörung der NaturUnd Millionen Menschen schenken der wie angeheuerte Trupps des WWF-Part- und sie hat damit durchaus manchesOrganisation ihr Erspartes. Die Frage ist, ners Wilmar ihre Häuser zerstört hatten. bewegt: Es war die holländische WWF-wie nachhaltig dieses Geld wirklich an- Sie waren der ungestörten Palmöl- Sektion, die Greenpeace das Protest-gelegt ist. Produktion im Weg gewesen. Flaggschiff „Rainbow Warrior“ mitfinan- Der SPIEGEL ist durch Südamerika Auch Vertreter unabhängiger Nichtre- zierte. Um Staudammprojekte an der Do-und auf die indonesische Insel Sumatra gierungsorganisationen wie Rettet den nau und der Loire zu verhindern, besetz-gereist, um das zu prüfen. In Brasilien er- Regenwald und Robin Wood sehen in der ten Aktivisten Großbaustellen, manch-zählte ein Agro-Manager von der ersten Hilfsorganisation längst nicht mehr nur mal über Jahre. Die Schweizer SektionSchiffsladung nachhaltigen Sojas, die den Treuhänder der Tiere. Vielen kommt wehrte sich in den achtziger Jahren sonach WWF-Standard zertifiziert wurde der WWF eher wie ein Komplize der vehement gegen Atomkraft, dass dieund im vergangenen Jahr mit viel PR- Konzerne vor, denen er gegen große Bundespolizei ihren Geschäftsführer alsGetöse Rotterdam erreichte. Die Her- Spenden und kleine Zugeständnisse die Staatsfeind führte.kunft der Ladung, räumte der Manager Lizenz zur Zerstörung der Natur erteilt. So unbequem der WWF wirkt, er kannein, kenne er gar nicht genau. Auf Suma- Über 500 Millionen Euro nimmt die auch sehr anschmiegsam sein. Auf Kritiktra berichteten Angehörige eines Stamms, Organisation inzwischen pro Jahr ein – am Kooperationskurs reagieren die Ma- nager der Organisation gereizt. Vergan-Viele Mittel ... ... wenig Wirkung genes Jahr zog der WDR-Film „Der PaktJährliche Einnahmen des WWF, Durchschnittlicher Verlust der mit dem Panda“ eine verheerende Bilanzin Millionen Schweizer Franken 669,1 weltweiten Tropenregenwaldfläche, der WWF-Arbeit. Der Autor Wilfried in Millionen Hektar Quelle: FAO Huismann machte die Umweltschützer darin mitverantwortlich für die Regen- 105 43 46 waldrodung. Ein Vorwurf, den der Ver- Veränderung band vehement zurückweist. 2011 gegen- über 1990 Der Film sei „ungenau“ recherchiert300,0 oder gar „bewusst falsch“ gewesen, sagt +123 % 1990 2000 2005 Martina Fleckenstein. Die Biologin ist seit bis 2000 bis 2005 bis 2010 20 Jahren beim WWF. Sie arbeitet in Ber- lin und leitet die Sektion Agrarpolitik. Verlust seit 1990 insgesamt: 194 Mio. ha Fleckenstein ist eine Art Allzweckwaffe: Kaum ein runder Tisch mit der Industrie Das entspricht in etwa der findet ohne sie statt. Sie ist eine Königin1990 1995 2000 2005 2011 dreifachen Fläche Frankreichs. des Kompromisses. Nach dem Film wurde D E R S P I E G E L 2 2 / 2 0 1 2 63
  • 50. Wirtschaft Maischberger hatte um Spen- den für die letzten 500 Suma- tra-Tiger geworben. Viele da- von sollen im Tesso Nilo leben, nur wenige Stunden vom Büro entfernt. Sunarto, ein studierter Bio- loge, arbeitet seit einigen Jah- ren als Tigerforscher im Tesso Nilo. Einen Tiger hat er dort bislang nicht gesehen. „Die Ti- gerdichte ist hier sehr niedrig wegen der menschlich-ökono- mischen Aktivität“, sagt er. Im Schutzgebiet gebe es teilweise noch Rodungskonzessionen. Um den Raubkatzen über- haupt auf die Spur zu kommen, hat der WWF die Forscher mit Hightech-Messtechnik ausge- stattet: GPS-Gerät, DNA-Ana- lysemethoden für den Tigerkot und 20 Fotofallen. Gerade mal ALAMY / MAURITIUS IMAGES fünf Tiger fingen die Fotoauto- maten beim letzten mehrwö- chigen Shooting ein. Der WWF sieht seine Ar- beit dort als große Hilfe. Mit einem „Feuerwehreinsatz“ seiTiger im WWF-Schutzgebiet Tesso Nilo: Hightech-Geräte zur Analyse des Kots im Tesso Nilo die Rettung des Regenwalds gelungen, heißtder WWF allerdings von Protest-Mails Rund 300 000 Familien mussten für den es. Tatsächlich ist das Schutzgebiet ge-überschwemmt. Mehr als 3000 Unterstüt- Schutz wilder Tiere ihre Heimat verlas- wachsen, der Wald darin aber ge-zer kündigten ihre Mitgliedschaft. Einen sen, schreibt Mark Dowie in seinem Buch schrumpft. Firmen wie Asia Pacific Re-solchen Aderlass hatte die Naturschutz- „Conservation Refugees“. Ursache der sources International, mit denen derorganisation noch nie erlebt. Vertreibung sei das Konzept der „Natur- WWF früher kooperierte, hätten den Ur- schutz-Festungen“, das auch der WWF wald gerodet, sagt Sunarto.Von Tigern und Menschen von jeher proklamiere. Menschen hätten Sein Kollege Ruswantu führt wohlha-Das Wappentier des WWF ist ein pos- darin keinen Platz. Der WWF sagt, er leh- bende Öko-Touristen auf gezähmten Ele-sierliches Wesen, das vom Aussterben be- ne Zwangsumsiedlungen ab. Auf das Kon- fanten durch den Park. Für Einheimischedroht ist, weil seine Paarungslust zu wün- zept der menschenleeren Nationalparks ist das Terrain tabu, von den Deutschenschen übrig lässt. Die ganz großen Emo- setzte allerdings schon Bernhard Grzi- finanzierte Anti-Wilderer-Einheiten ach-tionen ruft der Panda nicht hervor. Zum mek, der deutsche Fernseh-Zoologe und ten darauf. „Der WWF hat hier das Sa-Spendensammeln sind Menschenaffen langjährige WWF-Stiftungsrat. Im Wind- gen, und das ist ein Problem“, sagt Bahri,besser geeignet oder Raubkatzen. Im schatten seines Erfolgsfilms „Serengeti der einen winzigen Laden besitzt und inJahr 2010 nutzte der WWF den chinesi- darf nicht sterben“ formierte sich 1961 einem Dorf vor dem Eingang des Natio-schen Kalender und rief das „Jahr des der WWF. Die Schweizer Gründer und nalparks wohnt. Niemand wisse, wo dieTigers“ aus. den Deutschen einte eine Mischung aus Grenzen verlaufen. „Wir hatten kleine Die Mission Tiger verfolgt der WWF Naturschutz und Kolonialherrentum. Zu Felder mit Gummibäumen und durftenschon lange. Bereits Anfang der siebziger diesem Erbe gehört auch die Vertreibung plötzlich nicht mehr dahin.“Jahre brachte er die indische Regierung der Massai-Nomaden aus der Serengeti. Der Umweltaktivist Feri nennt dieseunter Indira Gandhi mit einer Millionen- Allein in Afrika, schätzen Experten, Art von Naturschutz „rassistisch und neo-spende dazu, Schutzgebiete für die be- hat der Naturschutz seit der Kolonialzeit kolonial. Es gab hier nie Wald ohne Men-drohten Großkatzen auszuweisen. Gut 14 Millionen „Naturschutz-Flüchtlinge“ schen“. Tausende Kleinbauern seien im4000 Tiger lebten damals einheimischen zurückgelassen. In diesem Modell dürfen Tesso Nilo vertrieben worden, und dieSchätzungen zufolge im Land. Heute sind die Ureinwohner allenfalls als Parkwäch- Zahl der wilden Tiere nehme ab, seit diees noch 1700. Der WWF sieht das den- ter ihre Verwandten daran hindern, das Naturschützer gekommen seien. „Tessonoch als Erfolg. Ohne die Anstrengungen, Schutzgebiet zu betreten. Nilo ist kein Einzelfall.“so ein Sprecher, wären die Tiger in Indien Tesso Nilo ist solch ein typisches WWF- Multinationale Unternehmen und Na-„möglicherweise schon ausgestorben“. gefördertes Schutzgebiet, „ein erfolgrei- turschützer arbeiteten heute Hand in Was weniger bekannt ist: Für diesen ches Projekt für den Tiger- und Elefan- Hand. „Der WWF ist verwickelt in dieErfolg wurden Menschen vertrieben. Da tenschutz“, so Martina Fleckenstein. Das Umwandlung unserer Welt in Plantagen,seien Dörfer „umgesiedelt worden, aber Gebiet liegt im Herzen der indonesischen Monokulturen und Nationalparks“, sagtnicht gegen ihren Willen“, sagt Claude Insel Sumatra. Zuständig ist das WWF- Feri, der die indonesische Umweltschutz-Martin, der von 1993 bis 2005 General- Büro in der Stadt Pekanbaru. organisation Walhi unterstützt.direktor des WWF International war. „Retten Sie seine Heimat“, steht auf ei-„Wir waren immer überzeugt, dass diese nem deutschen Tiger-Plakat im dortigen Das Geschäft mit dem PalmölSache mit rechten Dingen zugegangen Büro, das von deutschen WWF-Geldern Im Büro des Tigerschützers Sunarto hängtist.“ Doch auch daran gibt es Zweifel. finanziert wird. Die TV-Talkerin Sandra eine Karte, die den Kahlschlag auf Suma-64 D E R S P I E G E L 2 2 / 2 0 1 2
  • 51. tra zeigt, der sechstgrößten In-sel der Welt: In jeder Stundewird auf einer Fläche von 88Fußballfeldern Holz gefällt –meist für Palmöl-Plantagen. Indonesien lebt vom Boomdes Rohstoffs, das Entwick-lungsland sorgt für 48 Prozentder Weltproduktion. Das Mul-tifunktionsöl steckt in Biodie-sel, Nutella, Shampoos undHautcreme. Doch der starkeEinsatz von Pestiziden auf denMonokulturen verseucht Flüs-se und das Grundwasser. DieBrandrodung hat Indonesienzu einem der größten CO2-Pro-duzenten gemacht. Trotz Bekenntnissen zurNachhaltigkeit holzen vieleKonzerne weiter ab. Rund30 000 Dollar Schmiergeldoder Wahlkampfhilfe kosteeine Konzession, berichtet einehemaliger WWF-Mitarbeiter, LOOKATSCIENCES/LAIFder lange in Indonesien tätigwar. „Nachhaltiges Palmöl,wie es der WWF mit demRSPO-Zertifikat verspricht,gibt es eigentlich gar nicht“, Transport von Ölpalmenfrüchten in Indonesien: 48 Prozent der Weltproduktionsagt er. RSPO steht für Roundtable on Sus- mitbekommen. Sie leben inmitten der Nach der Verwüstung des Dorfs warfentainable Palmoil. Das Zertifikat erlaubt Wilmar-Plantage Asiatic Persada, südlich Organisationen wie Rettet den Regen-es, die Produktion anzukurbeln und der Stadt Jambi. Sie ist mit 40 000 Hektar wald und Robin Wood dem Wilmar-Kun-gleichzeitig das Gewissen der Kunden zu knapp halb so groß wie Berlin und soll den Unilever vor, an seiner Rama klebeberuhigen. So bewirbt etwa der Düssel- vom TÜV Rheinland RSPO-zertifiziert das Blut von Ureinwohnern. Einige vondorfer Konzern Henkel seinen Allesrei- werden. „Blutsauger“ hat jemand an ei- ihnen belagerten im Dezember sogar dieniger Terra Activ mit der Behauptung, nen der Eingänge geschrieben. deutsche Unilever-Zentrale.„gemeinsam mit dem WWF die nachhal- Zwischen den Ölpalmen steht Roni, Das wiederum kam nicht gut an beitige Produktion von Palm- und Palmkern- der Dorfälteste des Stamms, mit einigen dem niederländisch-britischen Konzern,öl“ zu unterstützen. Dutzend Menschen. Viele sind barfuß, der Nachhaltigkeitsindices anführt und Dadurch leiste das Unternehmen „ei- einer trägt einen Speer, mit dem er Wild- die Parole ausgegeben hat, einer Milliardenen Beitrag zum Schutz des Regenwal- schweine jagt. Hinter ihnen liegen nie- Menschen zu einer besseren Lebensqua-des“. Nur: Wie soll der Wald geschützt dergewalzte Holzlatten. Hier stand ein- lität verhelfen zu wollen.werden, wenn er vorher abgeholzt wer- mal ihr Dorf. Dass Hütten zerstört wurden undden muss? Am 10. August vergangenen Jahres ver- Schüsse gefallen sind, konnte Wilmar Es gebe ja „degradiertes“ Gelände, wüstete die berüchtigte Polizeibrigade nicht bestreiten. In einem Brief an Kun-Wald zweiter Klasse sozusagen, und Brimob die Häuser. Zuvor hatte ein den und Freunde (darunter WWF-Part-Brachland, argumentiert der WWF. Für Dorfbewohner versucht, Palmfrüchte zu ner wie der Palmöl-Finanzierer HSBC)ihn sind Plantagen-Monokulturen und verkaufen, die Wilmar für sich bean- wiegelten die Manager des Konzerns je-Naturschutz kein Gegensatz. „Market sprucht. doch ab.Transformation“ heißt das Schlagwort da- „Früh am Morgen nahmen sie 18 Leute Aus der Sicht Wilmars war einem so-für beim WWF. Es steht für den Glauben, gefangen, manche haben sie zusammen- zial ausgerichteten Unternehmen von einmit Kooperation mehr zu erreichen als geschlagen“, berichtet Roni. „Wilmar-Ma- paar Randalierern übel mitgespielt wor-mit Konfrontation. nager haben mit Brimob zusammengear- den. Unilever räumte in einer internen Die RSPO-Initiative startete der Ver- beitet. Dann schossen die, und wir sind E-Mail immerhin „unrechtmäßige Hand-band im Jahr 2004 zusammen mit Kon- mit den Kindern und den Frauen in den lungen“ ein und weist auf einen „Media-zernen wie Unilever (Rama, Langnese, Wald gelaufen.“ In ihren Wald. „Hier le- tionsprozess“ hin. Den Geschäftsbezie-Knorr), mit 1,3 Millionen Tonnen im Jahr ben wir seit der Zeit der Ahnen.“ hungen zu Wilmar tat die Polizeiaktioneiner der größten Palmöl-Verarbeiter der In den siebziger Jahren kamen die Ab- keinen Abbruch. Der Palmöl-Gigant hatWelt. Mit dabei ist auch Wilmar, einer holzer, aber es war genug Wald da, in inzwischen Behelfsheime errichtet undder weltgrößten Produzenten des Öls. den Ronis Stamm ausweichen konnte. In- sich zu Kompensationszahlungen durch- Wilmar habe „einen Wandel“ vollzo- zwischen aber sind seine Leute umzingelt gerungen.gen, lobt die WWF-Mitarbeiterin Flecken- von Palmen. 20 000 Hektar, rund die Hälf- Viele der indigenen Familien flohenstein. Das Unternehmen habe einen te der Plantage, hatte die Vorgängerfirma vor den Brimob-Schlägern nach PT Reki,klaren Zeitplan für die Zertifizierung, so- illegal errichtet. Wilmar scheint das nicht in eines der letzten halbwegs intaktenziale Kriterien seien berücksichtigt. zu stören. Roni hat für seinen Stamm so- Waldgebiete in der Nähe. Doch auch dort Davon haben die Ureinwohner des gar verbriefte Landrechte. Genützt hat durften sie nicht bleiben, denn da befin-Stammes Batin Sembalin noch nicht viel das nichts. det sich ein Aufforstungsprojekt, das von D E R S P I E G E L 2 2 / 2 0 1 2 65
  • 52. GREEN RENAISSANCE / DPALuftrettung eines Nashorns aus Wilderergebiet in Südafrika: In Geheimoperationen den illegalen Hornhandel unterwandertder Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) deten Tausende Vögel nach einem Tan- bei kam immerhin heraus, dass für diesenfinanziert und vom Naturschutzbund kerunglück vor Frankreich, doch der „Friedenspark“ Korridore nötig waren(Nabu) unterstützt wird. WWF untersagte jede Kritik: „Das könn- und Umsiedlungen von Einwohnern, die te zukünftige Bemühungen um Spenden sich dagegen zur Wehr setzen.Gründer, Gönner, Großwildjäger gewisser Industriezweige gefährden“, Für neue Korridore des Kaza-National-Gediegen grün und bürgerlich brav wirkt hieß es in einer Sitzung des Stiftungsrats. parks, eines weiteren WWF-Großpro-die WWF-Zentrale in Gland bei Genf. Als Ende der achtziger Jahre vermeint- jekts, will die KfW sogar 20 MillionenSilberne Tafeln erinnern noch immer dar- liche Wilderer in den Nationalparks der Euro lockermachen. „Auf jeden Euroan, wem die Organisation zu Dank ver- Weißen auftauchten, entschloss sich der vom WWF kommen mindestens fünf vonpflichtet ist – den „Mitgliedern der 1001“ WWF zur Gegenwehr. Der Nationalpark- staatlichen Stellen“, schätzt Martina Fle-etwa. Dieser elitäre Zirkel verdeckter verwaltung von Zimbabwe finanzierten ckenstein. Der politische Einfluss der Or-Financiers wurde 1971 ins Leben gerufen, die Naturschützer Helikopter für Anti- ganisation scheint enorm.um die Organisation finanziell abzu- Wilderer-Einsätze. Dutzende Menschen In den neuen, riesigen Parks darf auchsichern. wurden bei den Einsätzen getötet. gejagt werden – der spanische König Juan Die Namen der Spender kommentiert Großwildjäger Prinz Bernhard und sein Carlos war jüngst in Botswana auf Ele-der WWF bis heute nicht gern – wohl WWF-Afrika-Chef John Hanks heuerten fantenjagd. Juan Carlos ist WWF-Ehren-deshalb, weil auf Listen dieses Clubs Na- in einer Geheimoperation Söldner an, um präsident, was viele Menschen empörte.men auftauchen, die man für die gute Sa- den illegalen Rhinozeroshornhandel auf- Doch allein in Ländern wie Namibia ge-che lieber nicht erwähnt: Waffenhändler fliegen zu lassen. Allerdings wurde die stattet der WWF in 38 Schutzgebieten dieAdnan Kashoggi etwa oder Zaires Dik- Truppe von südafrikanischen Militärs un- Trophäenjagd.tator Mobutu. terwandert, die damals als größte Horn- Reiche Europäer oder Amerikaner dür- Als ersten Großgönner konnte der händler galten. fen sich aufführen wie zu Kolonialzeiten.damalige WWF-Präsident Prinz Bernhard Das Ganze sei lange her, sagt WWF- Sie dürfen Elefanten, Büffel, Leoparden,den Ölmulti Shell gewinnen. 1967 veren- Sprecher Phil Dickie. Man habe sich ge- Löwen, Giraffen und Zebras schießen ändert und nehme inzwischen und sich nach alter Sitte das Blut der er- keine Gelder mehr von der Öl-, legten Tiere ins Gesicht schmieren. Ein Atom-, Tabak- oder Waffenbran- WWF-Sprecher verteidigt diese Praxis. che an. Ausgegrenzt wird jedoch Es seien Quoten festgelegt worden, der keiner: In den WWF-Gremien sind Erlös dieser „geregelten Jagd“ könne ei- deren Vertreter – etwa vom Ölmul- nen Beitrag zum Naturschutz leisten. ti BP – nach wie vor willkommen. John Hanks, immer noch Mit- Die Mär von der Nachhaltigkeit glied des ehrenwerten „Board of Andrew Murphy, ein junger Harvard- Trustees“, kümmert sich heute um Absolvent mit Afrika-Erfahrung im US riesige grenzüberschreitende Na- Peace Corps, arbeitet im Team „Market RANN SAFARIS/SIPA PRESS turparks in Afrika. Wie auch der Transformation“. Er repräsentiert die WWF: Peace Parks werden diese neue Generation der Umweltschützer. Projekte genannt, obwohl sie viel Sein Team sieht er als „Agenten des Wan- Unfrieden stiften. Für sogenannte dels“, die einen ganzen Markt „drehen“ Peace-Park-Dialoge in Südafrika könnten. Murphy hat eine Menge solcherWWF-Ehrenpräsident Juan Carlos 2006 spendierte die deutsche Regierung Sprüche parat: Er will die größten Produ-„Geregelte Jagd“ dem WWF rund 200 000 Euro. Da- zenten und Händler von Rohstoffen wie66 D E R S P I E G E L 2 2 / 2 0 1 2
  • 53. WirtschaftSoja, Milch, Palmöl, Holz und Fleisch auf terdam an. „Das war ein Erfolg“, sagt die das Unkraut stirbt. Obwohl sich kritischeNachhaltigkeit trimmen. Gibt es Erfolge? Biologin Fleckenstein. Der WWF habe Studien mehren, die etwa Fortpflanzungs-Ja, die Unternehmen wollten jetzt sehen, die Ware genau geprüft. „Besonders ge- schäden bei Tieren nachweisen, erlaubtwoher die Ware kommt. „Und wir haben freut hat uns, dass diese Ware gentech- das RTRS-System seinen Gebrauch.kugelsichere Prüfsysteme aufgelegt.“ nikfrei war.“ Sie kam von zwei riesigen Auch andere Pestizide sind kein Pro-Murphy meint Standards wie den RTRS, Höfen der brasilianischen Familie Maggi. blem, RTRS verlange nur einen „vernünf-einen runden Tisch für nachhaltiges Soja. Das Firmenkonglomerat des Clans gilt tigen Einsatz“, sagt João Shimada, der Zum RTRS hat der Verband im Jahr als größter Sojaproduzent der Welt, seine Nachhaltigkeitsmanager der Grupo Mag-2004 die Industrie eingeladen. Großhänd- Plantagen bedecken weite Teile des Bun- gi. Das mit den 85 000 Tonnen Soja zu er-ler wie Cargill und Konzerne wie Mon- desstaates Mato Grosso im Mittelwesten. klären sei nicht ganz einfach, sagt er. „Insanto, das den WWF jahrelang mit insge- Die Maggis waren in den achtziger Jahren Wahrheit haben wir damit eine Nachfra-samt 100 000 Dollar unterstützte, prägten aus dem Süden Brasiliens mit ihren Leu- ge erfüllt, die aus Europa kam.“ Unter-die Runde. ten dorthin gekommen. Sie holzten einen nehmen wie Unilever brüsten sich seit- „Es war schnell klar, dass es hier um großen Teil des Savannen-Urwalds ab dem damit, nachhaltiges Soja zu verwen-Greenwash für die Gensoja-Vermarkter und pflanzten Soja. den. Tatsächlich stammen höchstens 8000ging“, sagt ein Teilnehmer. Als einige Eu- Blairo Maggi stieg zum Gouverneur Tonnen von den beiden Farmen.ropäer über die Gefahren des Herbizids des Bundesstaats auf, Greenpeace verlieh „Ich weiß auch noch nicht, wo die rest-Glyphosat sprechen wollten, wurde ihnen ihm 2005 die „Goldene Kettensäge“: In lichen 77 000 Tonnen hergekommen sind“,der Mund verboten: „Man sei ,technolo- keinem Bundesstaat wurde so viel Ur- so Shimada. „Book & Claim“ wird diesegisch neutral‘, war das Totschlagargument wald abgeholzt wie in Maggis Soja-Repu- märchenhafte Vermehrung vermeintlichder Amerikaner.“ blik. Dort, wo seine RTRS-Musterbetrie- nachhaltiger Ware in Fachkreisen genannt. Der deutsche WWF, offiziell gegen Gen- be stehen, wurde erst vor wenigen Jahren Das ist das Ergebnis des angeblich kugel-technik, sorgte dafür, dass auch die Kolle- gerodet. Die zwei Farmen sind nach sicheren Prüfsystems, von dem der WWF-gen am Tisch Platz nahmen, die dafür wa- RTRS-Auskunft die einzigen Lieferanten Nachwuchsmann Murphy schwärmt. In-ren: Den Vertretern des argentinischen der 85 000 Tonnen zertifizierter Sojaboh- zwischen gibt es schon 300 000 TonnenWWF-Ablegers, der lange von einem Mili- nen, die im Juni in Rotterdam ankamen. dieser vermeintlich nachhaltigen Ware.tärjunta-Mann und einem Agro-Industriel- Nur: Gentechnikfrei ist hier nichts. In Gland senkt sich die Sonne über denlen geführt wurde, finanzierten die Deut- Im Schatten einer Lagerhalle der Fa- Genfer See. Andrew Murphy hat es eilig,schen sogar die Reisen. Dass der WWF zu- zenda Tucunaré erhebt sich ein zehn Me- er muss weiter nach China, die Natursammen mit Schweizer Einzelhändlern da- ter hoher weißer Tank mit der Aufschrift retten. Zwar darf der WWF dort nochmals längst einen strengeren Soja-Standard „Glifosato“, dem portugiesischen Wort immer keine Mitglieder werben, aberpräsentiert hatte, interessierte hier nicht. für das Unkrautvernichtungsmittel Gly- Kooperationen mit Parteikadern könnten Das Unterlaufen der eigenen Standards phosat. Tausende Liter passen da rein. der Umwelt ja auch was bringen.scheint eine Spezialität des WWF zu sein. Nur hundert Meter entfernt liegen die JENS GLÜSING, NILS KLAWITTERUnd es ist diese Biegsamkeit, die dem Wohnhäuser der Arbeiter. Gleich hinterVerband Millionenspenden der Industrie dem Zaun steht stinkendes Wasser in Grä-beschert. Beim Soja war es so, dass die ben und schillert grünlich. Daneben liegt Video:Runde am Tisch verhandelte und verhan- ein Depot, auf dem Schilder mit Toten- Expedition nachdelte. Sie weichte hier ein bisschen auf, kopf warnen: „Vorsicht, hochgiftig!“ Sumatragab da ein wenig nach, und dann, endlich, Glyphosat ist als Herbizid zum Schutz Für Smartphone-Benutzer:kamen im Juni vergangenen Jahres die genmanipulierten Sojas beliebt, weil die Bildcode scannen, etwa mitersten 85 000 Tonnen RTRS-Soja in Rot- Pflanze gegen das Gift resistent ist – nur der App „Scanlife“. D E R S P I E G E L 2 2 / 2 0 1 2 67
  • 54. Wirtschaft GESUNDHEIT Strahlende Verlierer Ein Arzt im Rhön-Klinikum Hildesheim steht im Verdacht, Patienten ohne Not die Schilddrüse zerstört zu haben. Jeder Eingriff bringt 3000 Euro. Experten sind fassungslos.E s war vermutlich der größte Fehler nik nicht einer Radiojodtherapie unter- ihres Lebens, dass Katrin Schulz zogen.“ vor drei Jahren das Klinikum Hil- Auf dem Arztbrief aus Hildesheimdesheim aufsuchte. Die Mutter zweier steht zum Beispiel, dass die Patientin ei-kleiner Töchter hatte eine längere Kran- nen gut sichtbaren Kropf („Struma II“)kengeschichte hinter sich, sie litt unter habe. Doch der Ultraschallbefund wider-Müdigkeit, Haarausfall, war gereizt. spricht dem völlig. „Struma heißt bei ei- Ihre Hausärztin hatte sie damals mit ner Frau, dass die Schilddrüse über 18dem Verdacht auf eine Schilddrüsenent- Milliliter groß ist, hier steht aber, dass diezündung zu Michael Hofmann überwie- der Patientin nur 10 Milliliter Volumensen, der seine nuklearmedizinische Praxis hatte.“ Professor Grünwald versteht nicht,im Rhön-Klinikum Hildesheim betrieb. warum der Patientin die Schilddrüse zer-Dort wurde vom Hals der Patientin mit stört wurde. „Sie hat jetzt eine deutlich Betroffene Schulz, Nuklearmediziner Bergter: „DieHilfe einer Spezialkamera eine sogenann- stärkere Unterfunktion als vorher.“te Szintigrafie gemacht. Das Bild, das ihr Wenige Monate nach ihrer Radiojod- „Kunstfehler“. Wenn ein Student ihm imanschließend gezeigt wurde, enthielt lau- therapie ging es Katrin Schulz schlechter Staatsexamen so eine Radiojodtherapieter rote Flecken. als zuvor. „Ich hatte schreckliche Kopf- vorschlagen würde, müsse er ihn durch- „Die haben mir gesagt, dass meine schmerzen, es ging so weit, dass mir alles fallen lassen, sagt er.Schilddrüse voller Knoten sei“, erinnert egal war, ich wollte nur noch den Tag Zumindest für die Klinik ist eine Ra-sich Katrin Schulz. „Man hat ja keine Ah- rumbringen.“ Sie suchte erneut den Me- diojodtherapie grundsätzlich eine feinenung als Patient, man geht da hin, dann diziner Hofmann im Klinikum Hildes- Sache. Der Eingriff ist gut planbar, ohnewird einem erklärt, was man hat, man heim auf, wo sie sich auf Anraten des größeren Aufwand, und die Kranken-bekommt eine Therapie und fühlt sich Arztes im November 2011 einer zweiten kasse zahlt ihr dafür rund 3000 Euro.auch noch gut behandelt.“ Radiojodtherapie unterzog. In privatisierten Krankenhäusern ist es Doch das Ergebnis war alles andere als Professor Roland Gärtner, Endokrino- üblich, dass Ärzte Zielvereinbarungengut. Hofmann sah bei der Patientin keine loge an der Universität München, der den unterschreiben: Je mehr Patienten, destoEntzündung, sondern eine deutliche Ver- Fall ebenfalls überprüft hat, ist fassungs- höher ihr Bonus. Auch im Rhön-Klinik-größerung der Schilddrüse und verordne- los. „Keine der Radiojodtherapien war Verbund gibt es solche Zielvereinbarun-te eine Radiojodtherapie. Bei dieser Be- angezeigt, insbesondere nicht die zweite, gen. Hofmann aber habe keinen solchenhandlung schlucken Patienten eine radio- weil da ja schon eine schwere Schilddrü- Vertrag gehabt, versichert der Konzern.aktiv gefüllte Kapsel, die die Schilddrüse senunterfunktion bestand.“ Er hat zwar neben der Praxis auch dievon innen bestrahlt und kranke Bereiche Für Gärtner ist die Zerstörung der nuklearmedizinische Abteilung im Kran-zerstören soll. Schilddrüse bei dieser Patientin ein klarer kenhaus geleitet, dafür aber eine feste Ist die Schilddrüse aber gesund oder Pauschale erhalten, unabhän-nur entzündet, kann sie durch eine Radio- gig davon, ob er viele oderjodtherapie auch ganz zerstört werden. Lukrative Behandlung wenige RadiojodtherapienDas im Hals sitzende Organ ist eines der Je Radiojodtherapie erhält die Klinik rund 3000 Euro verordnet hat.wichtigsten überhaupt. Die Hormone, die Als Hofmann im Jahr 2007die Schilddrüse produziert, wirken auf im Klinikum Hildesheim an-Herz und Kreislauf, sie steuern den Blut- fing, feierte der Geschäftsfüh-druck, die Drüsen der Haut, die Zellen rer ihn als „Nuklearmedizi-und die Aktivitäten des Darms. ner mit breiter universitärer War der Eingriff bei Frau Schulz über- Ausbildung“. Die Lokalzei-haupt notwendig? tung nannte ihn noch vor kur- Der SPIEGEL hat ihre Krankenakte Schildknorpel zem einen „international ge-in anonymisierter Form Frank Grün- (Teil des Kehlkopfes) fragten Referenten“ und prieswald vorgelegt, dem Direktor der Nu- Bei der Behandlung seine „beeindruckende Publi-klearmedizinischen Abteilung an der schluckt der Patient kationsliste“.Universitätsklinik in Frankfurt am Main eine radioaktiv Doch Katrin Schulz scheintund Vizepräsident der Deutschen Ge- gefüllte Kapsel kein Einzelfall gewesen zu Schilddrüsesellschaft für Nuklearmedizin. Grünwald sein. Es gibt Hinweise, dass (speichert Jod undist ein zurückhaltender Mensch, der produziert damit Fehldiagnosen und -therapiennicht schlecht über Kollegen reden will. Das radioaktive Hormone für an dem Krankenhaus alltäg-Aber als er die Unterlagen von Katrin Jod sammelt sich den Stoffwechsel) lich waren. Am 9. NovemberSchulz sieht, ist der Befund für ihn klar: in der Schilddrüse vergangenen Jahres traf sich„Die Patientin hätten wir in unserer Kli- und zerstört sie Luftröhre eine Runde von Nuklearme-68 D E R S P I E G E L 2 2 / 2 0 1 2
  • 55. STEFAN SOBOTTA / VISUM / DER SPIEGEL DER SPIEGELhausinterne Qualitätskontrolle hat nicht funktioniert“ dizinern aus Niedersachsen zu ihrem Bei Rhön tut man Bergters Vorwürfe ein Gutachten überreicht, für das sie 17 „Qualitätszirkel“. Anschließend infor- mit „verschmähter Liebe“ ab, er habe sich Patienten aus dem Oktober 2011 ausge- mierten drei dieser Ärzte Wolfgang Peth- bei der Übernahme der Praxis nicht mit wählt hatte. ke, der in Hannover die Kontrollstelle der Erbin, Hofmanns Frau, einigen kön- Das Gutachten belegt die Missstände: der Ärztekammer für Strahlenmediziner nen. Die selbst antwortete nicht auf Fra- In 4 von 17 Fällen war die Radiojodthera- leitet. Die drei Ärzte hätten berichtet, gen. Der Rhön-Konzern weist zudem pie demnach zumindest fraglich, in einem dass es in Hildesheim „Qualitätsmängel“ darauf hin, dass Hofmann ein niedergelas- weiteren Fall klar falsch. Hochgerechnet bei den Radiojodtherapien gebe, räumt sener Arzt gewesen sei, der für seine Pra- auf das Jahr, würde der Befund bedeuten, Pethke ein. xis nur Räume im Klinikum angemietet dass in Hildesheim 32 Patienten ohne me- Tags darauf habe ihm einer der Ärzte hatte. Die Therapien seien zwar auf Sta- dizinische Notwendigkeit radiojodthera- vier Fälle geschildert, in denen Patienten tion erbracht worden, Hofmann habe die piert worden wären, bei weiteren 129 Pa- ohne medizinische Notwendigkeit mit Abteilung aber selbst geleitet. Beschwer- tienten wäre die Therapie zumindest um- Radiojod behandelt worden sein sollen. den habe es nie gegeben, auch keine Hin- stritten gewesen. Pethke bat um eine Liste aller Patien- weise, dass etwas nicht stimme. Zudem haben die Gutachter in den Ak- ten, die im Oktober 2011 eine Radiojod- Hätten aber die hohen Fallzahlen nicht ten der Patienten „deutliche Dokumen- therapie erhalten hatten. Hofmann schick- auffallen müssen? Der Vizepräsident der tationsmängel“ festgestellt: „Hinsichtlich te 33 Namen. Aus dieser Liste wählte Gesellschaft der Nuklearmediziner, Frank der Laborwerte muss von einer bewuss- Pethke mehrere Patienten aus, für die er Grünwald, weist darauf hin, dass jedes ten Manipulation im Sinne einer ,Verschö- alle Unterlagen anforderte. Die Frist zur Jahr in Deutschland rund 54 000 Radio- nerung‘ … ausgegangen werden. Die of- Abgabe endete am 15. Februar 2012. jodtherapien durchgeführt würden. Rech- fenbar bewusste Veränderung der Labor- Hofmann lieferte die Unterlagen nicht net man dies auf die Bevölkerung um, werte … ist erschreckend und in diesem mehr ab. Am 16. Februar verstarb er über- kommt man auf eine Behandlung pro Maße auch bei den Überprüfungen … nie- raschend im Alter von 51 Jahren. Nach 1500 Einwohner. Im Landkreis Hildes- mals zuvor beobachtet worden.“ dem Tod stellte die Ärztekammer die be- heim leben 280 000 Menschen. Wenn alle Auf Anfrage kündigt der Rhön-Kon- reits angelaufene Überprüfung ein. Betroffenen nur in Hofmanns Praxis ge- zern nun an, alle 2000 Radiojodtherapien Alles wäre also im Sande verlaufen, gangen wären, könnte man mit rund 190 der vergangenen vier Jahre in Hildesheim wäre nicht mit Wolfgang Bergter ein Nu- Radiojodtherapien pro Jahr am Klinikum überprüfen zu wollen. Die betroffenen klearmediziner aus Halle kurzfristig als Hildesheim rechnen. Tatsächlich fanden Patienten würden „unverzüglich“ ange- Praxisvertreter eingesprungen. Kaum fing dort 548 statt – fast dreimal so viele wie sprochen. Bergter in Hildesheim an zu arbeiten, ver- statistisch erwartbar. Auch die Experten blicken mit Schau- schlug es ihm nach eigenen Angaben die Der Rhön-Sprecher weist diese Rech- dern auf das Klinikum. Nuklearmediziner Sprache: In einer E-Mail an die Klinik- nung zurück. Er sagt, dass auch Patienten Grünwald sagt: „Summarisch gesehen ist geschäftsführung schrieb er Ende März, von weit außerhalb des Landkreises zu da in Hildesheim schon einiges schiefge- dass „in keinem von mir durchgesehenen Hofmann gekommen seien, weil er eben laufen.“ Professor Gärtner von der Uni- Fall der fünfjährigen Tätigkeit von Herrn einen hervorragenden Ruf genossen habe. Klinik München geht noch einen Schritt Dr. Hofmann in der Schilddrüsensprech- Praxisvertreter Bergter hat nicht nur weiter. Er hält die Vorgänge für „wirklich stunde und Therapiestation eine korrekte das Klinikum über die von ihm beobach- beschämend für die deutsche Medizin“. Diagnose gestellt wurde. Dies ist nur die teten Missstände informiert, sondern Für die Patienten sei das tragisch: „Die Spitze einer fast unglaublichen Geschich- auch die Ärztekammer. Die hat daraufhin kommen ja zum Arzt, damit ihnen ge- te, die zeigt, dass die hausinterne Quali- ihre zunächst eingestellten Untersuchun- holfen wird, und anschließend sind sie tätskontrolle des Klinikkonzerns nicht gen wieder aufgenommen. Am Montag kränker als vorher.“ funktioniert hat“. vergangener Woche hat sie dem Klinikum MARKUS GRILL D E R S P I E G E L 2 2 / 2 0 1 2 69
  • 56. Wirtschaft Hirt: Das spielt eine Rolle, aber es geht auch darum sicherzustellen, dass ausrei- GELDINSTITUTE chend Mittel vorhanden sind, um das Ka- „Missglückte Erneuerung“ pital zu stärken und Steuern zu zahlen. Wir haben große Bedenken, dass bei den Investment- und einigen Universalban- ken die Personalkosten weiterhin zu hoch sind. Derzeit gehen etwa 40 Cent Der Aktionärsvertreter Hans-Christoph Hirt von jedem Euro, der in solchen Banken rechnet mit der Führung der Deutschen Bank ab. umgesetzt wird, ans Personal. Wohlge- merkt: nicht vom Gewinn, sondern vom Umsatz. Hirt, 39, ist bei der briti- dex. Aber es gibt erhebliche Zweifel, wie SPIEGEL: Wie stark müssen die Gehälter D. LYNCH/EYEVINE / PICTURE PRESS schen Fondsgesellschaft relevant der im täglichen Geschäft ist. sinken? Hermes Fachmann für SPIEGEL: Arbeitet die Top-Bank der Repu- Hirt: Es wäre falsch zu verallgemeinern. gute Unternehmensfüh- blik weniger verantwortungsvoll als die Aber was spricht dagegen, die Gesamt- rung. Hermes verantwor- Konkurrenz? vergütung auf 25 oder 30 Prozent der Er- tet ein Vermögen von 142 Hirt: Sie liegt zumindest unter dem Durch- träge zu reduzieren? Das wäre ein Schritt Milliarden Euro und be- schnitt. Die Liste der Rechtsstreitigkeiten, in die richtige Richtung. Die Banken kön- rät unter anderem Fonds, laufenden Untersuchungen und fragwür- nen zwar oftmals sagen, dass sie die Boni die insgesamt 0,5 Prozent digen Geschäfte ist bei der Deutschen reduzieren, aber in vielen Fällen sind zu-an der Deutschen Bank halten. Bei deren Bank sehr lang. Das bereitet uns Sorgen. gleich die Fixgehälter erhöht worden.Hauptversammlung will Hirt kommende SPIEGEL: Die Rechtsstreitigkeiten kommen SPIEGEL: Geht es Ihnen nur um die Höhe?Woche dem Aufsichtsrat die Entlastung vor allem aus dem Investmentbanking, Hirt: Nein, die Gehälter müssten noch stär-verweigern – wegen Missmanagement. dem Bereich des neuen Co-Chefs Anshu ker an den langfristigen Erfolg geknüpft Jain. Trauen Sie ihm ein Umdenken zu? werden. Bemessungsgrundlage für dieSPIEGEL: Herr Hirt, womit haben sich die Hirt: Uns ist wichtig, dass es in Zukunft ro- Höhe des Bonus ist oft nur das ErgebnisKontrolleure der Deutschen Bank Ihren buste Strukturen und Prozesse gibt, um zu des abgelaufenen Jahres. Es sollten aberZorn zugezogen? prüfen, welche Risiken mit neuen Produk- wenigstens drei Jahre sein. Außerdem soll-Hirt: Der Aufsichtsrat der Deut- ten eingegangene Risiken sowieschen Bank hat in einigen seiner Kapital- und LiquiditätskostenKernaufgaben versagt. Im Pro- berücksichtigt werden. Sonstzess um die Suche nach einem wird durch günstiges KapitalNachfolger für Josef Ackermann und die implizite Staatsgarantieist viel schiefgelaufen. Der spä- für die weniger riskanten Berei-ter aufgegebene Plan, ihn zum che die Vergütung der Invest-Aufsichtsratschef zu machen, mentbanker subventioniert.war unzureichend vorbereitet. SPIEGEL: Was kann der Gesetz-Wir kritisieren auch das Vergü- geber tun?tungssystem und die fehlende Hirt: Regierungen sehen weiterNachhaltigkeit in Kultur und die Notwendigkeit, im ZweifelStrategie des Unternehmens. Es Banken zu retten, um zu-ist ein Punkt erreicht, wo wir mindest die Einlagen der Pri-ein Zeichen setzen wollen. vatkunden zu schützen. Ver- MARIO VEDDER / DAPDSPIEGEL: War es ein Fehler, Cle- ständlicherweise wollen siemens Börsig zum Aufsichtsrats- aber nicht für das riskante In-chef zu machen? vestmentbanking einstehen.Hirt: Es ist nicht grundsätzlich Deshalb sollten die weniger ris-falsch, wenn ein Vorstand di- Spitzenbanker Jain, Ackermann: „Keine gute Figur gemacht“ kanten Bereiche vom Invest-rekt in den Aufsichtsrat rückt. mentbanking isoliert und Ka-Aber spätestens nach dem gescheiterten ten, Praktiken und Strategien verbunden pitalbedarf und -kosten für beide Teileersten Versuch Börsigs 2009, Ackermanns sind. Zwar kommt die Deutsche Bank mit transparent sein, so wie es Reformvor-Nachfolge zu regeln, musste man davon der Aufarbeitung von Altlasten voran, aber schläge in Großbritannien vorsehen.ausgehen, dass es zu Konflikten kommen es ist noch nicht klar, wie Fehlentwicklungen SPIEGEL: Auch Großaktionäre haben Fehl-würde. Auch Ackermann hat keine gute künftig verhindert werden sollen. Die Bank entwicklungen lange verschlafen. MüssenFigur gemacht, indem er sich dann stark braucht ein stärkeres Risikobewusstsein. sie künftig eine stärkere Rolle bei derin die Nachfolgersuche eingemischt hat. SPIEGEL: Aktionäre gehen neuerdings auch Kontrolle der Banken einnehmen?SPIEGEL: Was erwarten Sie vom künftigen gegen die Vergütungspraktiken der Ban- Hirt: Investoren haben sich vor der KriseChef des Aufsichtsrats, Paul Achleitner? ken vor. Warum so spät? nicht immer durch kluges Verhalten aus-Hirt: Wir würden es begrüßen, wenn er Hirt: Wir und einige andere Investoren hat- gezeichnet. Analysten gingen von Bankdie Zusammensetzung und Arbeit des ten das Thema schon vor der Bankenkrise zu Bank und fragten: Wann schafft auchGremiums von externen Beratern evalu- auf der Agenda und haben es in den ver- ihr 25 Prozent Rendite? Das hat mögli-ieren ließe. Die missglückte Erneuerung gangenen Jahren immer wieder angespro- cherweise dazu beigetragen, dass hohedes Vorstands zeigt, dass ein echter Neu- chen – auch mit der Deutschen Bank. Ins- Risiken eingegangen wurden. Geradeanfang nötig ist. Achleitner muss zudem gesamt hat sich nicht genug verändert. Des- Pensionsfonds sollten den Vorständendafür sorgen, das Thema Nachhaltigkeit halb begehren jetzt mehr Aktionäre auf. auch mal sagen: lieber auf kurzfristigesstärker in die Strategie des Konzerns zu SPIEGEL: Liegt es daran, dass Banken we- Wetten verzichten und dafür stabil undintegrieren. Die Deutsche Bank hat einen niger verdienen und Aktionäre deshalb langfristig wertschöpfend arbeiten.umfangreichen Verhaltens- und Ethikko- einfach Kostensenkungen sehen wollen? INTERVIEW: MARTIN HESSE70 D E R S P I E G E L 2 2 / 2 0 1 2
  • 57. Wirtschaft Autor Sarrazin Target II statt Kopftuchmädchen lungen an die Spitze der Amazon-Best- sellerliste schob. Die ersten Reaktionen der Sarrazin- Fans über das neue Werk ihres Idols fallen arg verhalten aus. In Internetpor- talen wie dem „Deutschlandecho“ ist von „reichhaltigen Fakten“ und einer „sach- lichen“ Auseinandersetzung die Rede, rechte Begeisterung klänge anders. Das nationale „Globalecho“ lobt „Zahlen, Fakten und Hintergründe“. In diesen Kreisen hätte man sicherlich gern mehr darüber gelesen, wie die Süd- europäer den deutschen Steuerzahler aus- plündern. Und wäre es nicht besser, zur guten alten D-Mark zurückzukehren oder sich mit einem Nord-Euro, vulgo: „Nor- do“, endlich von den levantinisch-lieder- lichen „Olivenstaaten“ abzugrenzen, wie es Hans-Olaf Henkel fordert? CHRISTIAN THIEL / DER SPIEGEL Doch Sarrazin hält sich hier rhetorisch zurück. Als langjähriger Beamter im Bun- desfinanzministerium, Berliner Finanz- senator und Bundesbank-Vorstand ver- steht er einfach zu viel von der Sache. Er unterscheidet sogar fein zwischen Nord- und Süditalien, zählt Frankreich zu unse- „Euro-Bonds“, „Target II“ und einen ge- ren Verbündeten und will auch die D- BÜCHER wissen „lender of last resort“; da sind Mark nicht wieder einführen. Deutschland schon Autoren, die wirklich schreiben Es wird weder groß „aufgedonnert“ können, gescheitert. noch „skandalisiert“, wie der „Stern“ Bereits der Titel seines nun erschiene- vorab mutmaßte. Auch die Suche nach schlafft sich ab nen Buchs, „Europa braucht den Euro „hellbraunen Assoziationen“ und „anti- nicht“, ist eine Zumutung: unentschlos- semitischen Klischees“, die der Publizist sen, langweilig, weit weg vom Leser, wie Michel Friedman zwischen den Zeilen Sarrazins Verlag DVA intern befürchtet. herauszulesen glaubt, verläuft in Wahr- Lang, lahm und viel zu Die Marketing-Experten hätten gern we- heit erfolglos. Dass, wie Sarrazin schreibt, ausgewogen – Thilo Sarrazins nigstens „Europa“ durch „Deutschland“ eine Verbindung bestehe zwischen krawallverwöhnte Zielgruppe ersetzt, doch das wollte Sarrazin nicht. Deutschlands Schuld am Zweiten Welt- Wäre es nach ihm gegangen, hätte das krieg und seinem besonderen Engage- hadert mit dessen neuem Werk. Buch „Abenteuer Euro“ geheißen, ein ment für die europäische Völkerverstän- Alptraum für jeden Verlagsmanager. digung, findet sich so oder so ähnlich inW as war das doch für ein Spaß 350 000 Bücher stark ist angeblich die jedem Sozialkundebuch. beim letzten Mal! Draußen Startauflage, das wäre ein Stapel viermal Sarrazins Thesen unterscheiden sich rangelten Polizei und Demon- so hoch wie die Zugspitze. In dieser Höhe nicht groß von der Position, die auch an-stranten. Drinnen Klatschmarsch und bewegen sich sonst nur Richard David dere Ökonomen wie Hans-Werner Sinn,„Jawoll“-Rufe. Eine Seniorin fiel obliga- Precht und Harry Potter. Bei Sarrazins Chef des Münchner ifo Instituts, oder Dirktorisch in Ohnmacht vor lauter Begeiste- Vorgänger „Deutschland schafft sich ab“, Meyer von der Helmut-Schmidt-Universi-rung. Selten wurde den Besuchern einer Gesamtauflage mittlerweile gut 1,4 Mil- tät in Hamburg vertreten. Nein zu Euro-Autorenlesung mehr Nervenkitzel gebo- lionen, hatte der Verlag das Leserinteresse Bonds, nein zur Transferunion, Griechenten als bei Thilo Sarrazins Auftritt im unterschätzt und zunächst viel zu wenige raus aus dem Euro: Sogar CSU-Chef Horstüberfüllten Potsdamer Nikolaisaal. Das Exemplare drucken lassen. Die Buchhänd- Seehofer ist längst ähnlicher Ansicht.war im Spätsommer 2010. ler waren darüber damals sehr erbost. Sie Dem Finanzwissenschaftler Stefan Trist ist die Stimmung am vergangenen mussten Zigtausende Kunden vertrösten. Homburg, der bei Sarrazins Buchpremie-Dienstag. Derselbe Ort, ein neues Buch, Diesmal könnte es ganz anders sein. re im Berliner Hotel Adlon eine empha-Sarrazin ist wieder da, bloß: Wo sind die Deutschland schlafft sich ab. tische Laudatio halten sollte, ist Sarrazinanderen? Im Nikolaisaal ist etwa die Hälf- Das breite Publikum, so die Sorge des viel zu lasch. Historisch betrachtet habete der Plätze belegt. Weit und breit ist Verlags, ist von Sarrazins Gedanken zum eine Währungsunion noch nie funktio-nicht ein einziger Demonstrant in Sicht. Thema „Der Maastricht-Vertrag“ (Kapitel niert. Wenn es nach ihm ginge, würdeDie Security-Leute am Eingang stochern 2), „Anleihekauf durch die EZB“ (Kapitel das ganze Euro-Projekt abgewickelt, solustlos in Damenhandtaschen, die vor- 4) oder „Zur Grundlogik konzeptioneller Homburg. Ein Satz, den Sarrazin so nichtsorglich alarmierte Polizei macht Feier- Finanzpolitik“ (Kapitel 7) womöglich stehenlassen will: „Mein Weg ist stiller“,abend. doch weniger angefixt als von Kopftuch- sagt er. Sarrazin hat auch keine rechte Lust, mädchen und der These vom nachteiligen Wann schreibt Homburg eigentlich maldie Stimmung anzukochen, kein Wunder Ausländer-Genpool, auch wenn sich das wieder was?bei seinem neuen Thema. Es geht um Euro-Buch bereits durch die Vorbestel- ANDREAS MACHO, ALEXANDER NEUBACHER72 D E R S P I E G E L 2 2 / 2 0 1 2
  • 58. Trends Medien SPIEGEL: Warum ist in der Modelshow eigentlich immer Zi- KARRI EREN ckenkrieg angesagt? „Überall Schubladen“ Gonzalez: Die Mädchen lachen, weinen – und zicken vielleicht auch mal. Wo zu viele Frauen aufeinandertreffen, wird nun mal gestritten. Aber am Ende geht es uns doch immer ums Modeln. SPIEGEL: Die aktuelle Show-Staffel rückt ihrem Finale gerade Laufstegtrainer Jorge Gonzalez, 44, über seinen Einsatz bei näher. Ein internationales Top-Model dürfte auch diesmal „Germany’s Next Topmodel“ (ProSieben) nicht geboren werden, oder? Gonzalez: Die Luft bei den international SPIEGEL: Herr Gonzalez, Sie sind gebür- erfolgreichen Top-Models ist sehr dünn. tiger Kubaner, haben einst in der Tsche- Da gibt es noch viel mehr Konkurrenz. choslowakei Nuklear-Ökologie studiert Vielleicht waren die Mädchen bisher und bringen heute Heidi Klums Model- auch zu klein, vielleicht reichte ihre Per- Nachwuchs das Gehen bei. Werden Sie sönlichkeit nicht aus. Oder andere waren oft unterschätzt? besser. Womöglich hatten sie auch nicht Gonzalez: Ja, klar. Schubladen gibt es genügend Ehrgeiz. Die Arbeit endet überall. Besonders in Deutschland. Die nach der Show nicht, sie beginnt dann Leute sehen einen Typen mit langen erst. Wenn es bei den Chicas mit der gro- Haaren und Stöckelschuhen, der immer ßen Model-Karriere nicht klappt, arbei- lacht und gebrochen Deutsch spricht. ten sie national oder werden eben Schau- Also sagen sie, das ist ein Paradies- spielerin oder Moderatorin. vogel, trallali, trallala. An meiner SPIEGEL: Neulich mussten die Kandida- Fröhlichkeit will ich nichts ändern. tinnen sich als Nixen in einen Berg toter Aber an meinem Deutsch werde ich Fische legen. Was hat das mit der Mo- arbeiten. del-Wirklichkeit zu tun? SPIEGEL: Die Medien könnten mit Ihnen Gonzalez: Sehr viel. Man muss lernen, in über die deutsche Energiewende disku- den schrägsten Situationen für die Ka- tieren. Stattdessen hat man Sie schon mera zu posieren. Ich habe als Student einen „fleischgewordenen Stöckelschuh“ in der Tschechoslowakei auch gemodelt. genannt. Schlimm? Da musste ich Bademode im Schnee Gonzalez: Ich besitze 300 Paar Schuhe, präsentieren, bei minus 15 Grad Celsius. OLIVER S. / PROSIEBEN manche stehen in einem eigenen Raum, Und das, wo ich doch auf Kuba aufge- andere lagern in Kartons. High Heels wachsen bin. Fotografen müssen sich sind meine Passion. Inzwischen schen- heute immer ausgefallenere Bedingun- ken mir junge Designer welche in der gen für die Shootings ausdenken. Unter Hoffnung, dass sie durch mich bekannt Wasser. Am Helikopter hängend. Je ex- werden. Das ist doch schön. Gonzalez, Kandidatin tremer, desto besser. N I G G E M E I E RS M E D I E N L E X I KO N rung“, ob Medienangebote „entwick- Programm. Und strahlt sie seither lungsbeeinträchtigend“ sind. Am auch immer wieder tagsüber aus. Montag teilte sie mit, dass sie die Aus- Anfang 2004 zum Beispiel zeigte der Mys|te|ri|um strahlung der amerikanischen Reihe „X-Factor: Das Unfassbare“ (Bild: Mo- Sender manchmal samstags vormittags sechs Folgen hintereinander, obwohlschwer erklärliches Phänomen, vgl.: Lan- derator Jonathan Frakes) im Tagespro- es überhaupt nur 45 Folgen gibt.desmedienanstalt gramm von RTL II beanstandet habe. In den USA war die Reihe 2002 einge- In der Sendung werden unheimliche stellt worden. Bei RTL II aber funktio-Dass die Landesmedienanstalten nicht und unerklärliche Geschichten erzählt, nierte sie so gut, dass sie zum Untotenvon dieser Welt sind, ist bekannt. In ih- und am Ende wird verraten, welche wurde, endlos wiederholt, noch im vo-rem eigenen Universum sind sie meist davon angeblich wahr und welche rigen Jahr mit einer dreistelligen Zahlganz gut mit der Verwaltung ihrer eige- bloß erfunden sind. von Wiederholungsterminen. Erst seitnen Existenz beschäftigt. Gelegentlich Vor allem dass viele gruselige diesem Frühjahr spukt siesenden sie von dort etwas, das man eu- Mysterien als „wahr“ auf- weniger im Programm her-phemistisch als Lebenszeichen bezeich- gelöst wurden, könnte „auf um, und insofern ist es aufnen könnte. Es sind Presseerklärungen, Heranwachsende belastend eine paradoxe Art konse-Beschlüsse und Wortmeldungen, an- wirken“, mahnten die Ju- quent, dass nun die KJM mithand derer man die Entfernung zu dem gendschützer. Die Sendung ihrer Beanstandung kommt.Planeten einschätzen kann, von dem sei deshalb für Kinder unter Ob sich eine „X-Factor“-Sen-sie stammen. zwölf Jahren nicht geeignet dung über die Landesme-Die Kommission für Jugendmedien- und hätte nicht vor 20 Uhr dienanstalten – angemessenschutz der Landesmedienanstalten laufen dürfen. Darüber ließe gruselig inszeniert und am(KJM) etwa prüft in einem angemes- sich womöglich streiten. Ende als „wahr“ enthüllt –sen komplexen Verfahren nach dem Allerdings hat RTL II die Sen- im Tagesprogramm zeigen„Prinzip der regulierten Selbstregulie- dung „X-Factor“ seit 1998 im ließe? D E R S P I E G E L 2 2 / 2 0 1 2 75
  • 59. ROLF VENNENBERND / PICTURE ALLIANCE / DPASenderchefin Piel mit „Tatort“-Schauspielern*: Eine Anstalt nach der anderen verärgert RUNDFUNK Eingemauert Monika Piel ist die mächtigste Frau der ARD – und deren amtierende Vorsitzende. Am Mittwoch wird sie als WDR-Intendantin wiedergewählt. Doch ihr Rückhalt schwindet. Die Baustellen im Ersten sind gewaltig.E Erster im Ersten s gibt durchaus Intendanten, die Spricht man jedoch mit Mitgliedern eben- sich wohlwollend über ihre Kolle- jenes Gremiums, sagen die, sie hätten da- Einnahmen der ARD-Sender gin Monika Piel äußern. Sie sagen mit kein Problem, wenn Piel sich äußerte. aus Rundfunkgebühren in Millionen Eurodann beispielsweise, dass die WDR-Che- Fragen jedenfalls gäbe es genug. Wasfin „eine hervorragende Radiostimme“ RB 43 eigentlich sind die Erfolge von Piels ersterhabe oder „als Mensch sympathisch“ sei. SR 68 Amtszeit beim WDR? Warum strebt sieUnd ein bisschen gönnerhaft fügt man- RBB 368 eine zweite an? Warum ist der Unmut incher hinzu, ARD-Vorsitzende sei kein HR 414 Stand: 2010, der ARD über sie groß? Weshalb hielt sieleichter Job, und überhaupt seien die Zei- inkl. Anteil der zum Beispiel so lange an der fixen Ideeten schwierig. 1156 Landesmedien- fest, Thomas Gottschalk ins Vorabend- anstalten, Manchmal kann Lob ganz schön ge- MDR 591 Quelle: GEZ programm des Ersten zu hieven? Warummein sein. Vor allem wenn die Kollegen schafft sie es nicht einmal, in ihrer eige- SWR 1007Intendanten dann doch eher herumdruck- nen Anstalt eine kleine Radioprogramm-sen auf die Frage, womit Piels Amtszeit BR 904 reform umzusetzen, ohne zigtausend Hö-als ARD-Oberste denn einmal in die His- NDR 975 rer gegen sich aufzubringen?torie eingehen werde. Passieren kann ihr ohnehin nichts Piel selbst sagt – nichts. Sie wolle nicht 4290 Beschäftigte mehr. Am kommenden Mittwoch soll sie 3674 3482öffentlich reden, teilt ihr Sprecher mit. 3233 2011, Planstellen als WDR-Intendantin wiedergewählt wer-Nicht jetzt, nicht vor der Wahl. Das ge- 2009 1722 den. Der Rundfunkrat hat gar nicht erstbiete der Respekt vor dem Rundfunkrat. 1471 nach einem Gegenkandidaten gesucht, 563 234 was auch daran liegt, dass das Kontroll-* Dietmar Bär, Klaus J. Behrendt und Joe Bausch in gremium umso stärker wird, je schwächerKöln. WDR SWR NDR BR MDR HR RBB SR RB ein Intendant ist.76 D E R S P I E G E L 2 2 / 2 0 1 2
  • 60. Medien Monika Piel, 61 Jahre alt, Chefin des funkdirektorin brachte. Ende 2006 wurde habe vom nächsten Tag an andere Ar-größten Einzelsenders der ARD mit Sitz sie zur Intendantin gewählt, als Nachfol- beitszeiten, alles sei schon mit dem In-in Köln, kann sich ihres Amtes sicher sein – gerin von Fritz Pleitgen. tendanten besprochen, dann war dasmangels einer inspirierenden Alternative. Mehrere Bewerber, darunter der dama- durchaus glaubhaft. Ihr ARD-Vorsitz dagegen endet zum lige ZDF-Chefredakteur Nikolaus Bren- Auch Intendantenkollegen klagen über31. Dezember turnusgemäß nach zwei der, waren beim Rundfunkrat durchge- „Monika hinter den Mauern“, wie man-Jahren, dann übernimmt der NDR. In der fallen – oder hatten sich selbst aus dem cher bereits über sie spöttelt. Der ChefARD sehnen diesen Tag mittlerweile vie- Rennen geworfen. Am Ende befanden die des Hessischen Rundfunks, Helmut Reit-le herbei. „Das waren zwei verlorene Jah- Ratsmitglieder, man müsse endlich mal ze, war vor ein paar Wochen so genervt,re“, heißt es etwa, wenn einige der Inten- eine Frau an die Spitze befördern. dass er ihr einen zornigen Brief schrieb.danten dann doch mal offen reden. Es war die Zeit, als die Testosteron-Ker- Es ging um ein wichtiges Gespräch der Kein einziges großes Projekt habe sie le der ARD allerorten abtraten. Peter Voß ARD-Spitze mit den Zeitungsverlegern.in ihrer Amtszeit hinbekommen, bemän- ging beim SWR in Ruhestand, Jobst Plog Reitze wandte sich an die „liebe Fraugeln die Kollegen. Die ARD sei Piel“ mit der „dringlichen Bittezerstritten wie nie zuvor. Nicht um Information“. Inzwischen sei-einmal in der Frage, ob man wirk- en „16 Tage verstrichen, und mirlich fünf abendliche Talkshows liegen immer noch keine Infor-brauche, bekomme sie eine Eini- mationen darüber vor, was beigung hin. Ganz abgesehen von dem Termin herumgekommender strategischen Entscheidung, ist“. Er selbst werde von den Gre-ob das Erste auch Erster bei der mien um Information gebeten,Quote sein solle und wolle oder könne aber keine Auskunft ge-nicht. Der derzeitige ARD-Werbe- ben. „Das empfinde ich als sehrslogan „Wir sind eins“, sagt ein unangenehme Situation.“ Er den- CLEMENS BILAN / DAPDSenderboss, klinge wie Hohn. ke, schloss Reitze, „es geht den Ihr Vorgänger an der Spitze meisten anderen Intendantinnendes Verbunds, SWR-Intendant und Intendanten ebenso“.Peter Boudgoust, brachte die Der Streit mit den VerlegernNeuordnung der Fernsehgebühr ist eine der aufgerissenen Bau-unter Dach und Fach und ver- stellen, die Piel ihrem ARD-schaffte den „Tagesthemen“ wo- Nachfolger hinterlassen dürfte.chentags einheitliche Anfangs- Dabei geht es wieder einmalzeiten. Beides waren Kraftakte. darum, wie sehr sich die öffent-Und Piel? Wenn jetzt nicht noch lich-rechtlichen Sender im Inter-etwas Bedeutsames passiert, wird net ausbreiten dürfen.sie in Erinnerung bleiben als die Der Krach entzündete sich anFrau, die Thomas Gottschalk ge- der „Tagesschau“-App. Am Endeschrumpft hat. verhandelte Piel mit den Verle- Sein Vorabend-Experiment gern einen Kompromiss, den in STAR-MEDIA / INTER-TOPICSwar ein Lieblingsprojekt von der ARD viele als faul empfin-Piel. Auf seinem Schloss hoch den. Die öffentlich-rechtlichenüberm Rhein, bei Kaffee und Sender sollen sich weitgehendKuchen, hatte er ihr und drei auf Bilder und Töne beschrän-weiteren ARD-Abgesandten sei- ken, die Verleger auf Texte.ne Pläne für eine werktägliche ARD-Stars Gottschalk, Florian Silbereisen (2. v. r.): Piel fing Feuer Doch selbst dieser KompromissSendung mit sich selbst als Kopf, kam nicht zustande, weil derGesicht und Zentrum präsentiert. Gott- beim NDR und beim WDR eben Pleitgen. neue ZDF-Intendant Thomas Bellut kurzschalk brannte. Piel fing Feuer. Es war ein Umbruch in Fragen der Macht- vor der Unterschrift die Notbremse zog. Mit seiner letzten „Wetten, dass …?“- kultur. In Köln fand man den Wechsel an Piel und das Erste waren blamiert.Sendung im ZDF hatte er fast 15 Millio- der Senderspitze durchaus erfrischend. Zwar ist der ARD-Vorsitz ohnehin einnen Zuschauer vor dem Fernseher ver- Und war bald schon ernüchtert. eher obskurer Posten. Zwar ist er vonsammelt. Im Ersten ist er jetzt bei einigen Statt einen Aufbruch zu wagen, pflege seinen Befugnissen her keineswegs zu ver-hunderttausend getreuen Fans angelangt. Piel das Prinzip der Abschottung, sagen gleichen mit dem Chefsessel beim ZDF, Hätte sie es wissen können? Hätte je- ihre Kritiker – und die finden sich keines- wo der Intendant quasi als aufgeklärtermand sie warnen müssen? Gottschalk war wegs bloß in einer Altherrenclique. Sie Monarch agiert. Zwar kann Piel nichts al-eben immer vor allem „Wetten, dass …?“. regiere per Akte. WDR-Mitarbeiter quer lein entscheiden. Aber andererseits ist esAm Ende war das Einzige, was Piel für durch Haus und Hierarchie bemängeln, ihr Job, diesen Senderverbund überhauptihren Schützling tun konnte: seine frist- dass sie kaum einen Gesprächstermin mit entscheidungsfähig zu machen.lose Absetzung durch die Intendanten- der Chefin bekommen. Abteilungsleiter Im Grunde geht es darum, neun bun-kollegen im April abzuwenden. Statt- warten angeblich mitunter monatelang desweit versprengte Sender im Zaum zudessen ist jetzt Anfang Juni Schluss. Und auf ein Treffen. halten, von denen der eine dem anderenschon heißt es in der ARD wieder, Piel Von ihrem Vorgänger Pleitgen waren nicht mal die Nachkommastelle bei dersei eben doch eher eine Radiofrau. die WDR-Leute anderes gewohnt. Er Einschaltquote gönnt. Man müsste sie Begonnen hatte sie ihre Laufbahn tat- stopfte seinen Tag voll mit Mitarbeiter- einen. Befrieden. Umarmen.sächlich beim Fernsehen. Als studentische gesprächen, spazierte durch die Anstalt, Piel, die jeden Arbeitstag mit demAushilfe bearbeitete sie einst Zuschauer- hier ein Schwätzchen, dort ein Plausch, zweimaligen Hören der „Morgenstim-fragen. Karriere machte sie jedoch beim lud in sein Büro und regelte vieles im di- mung“ aus Edvard Griegs „Peer-Gynt-Radio, wo sie als Parlamentskorrespon- rekten Kontakt. Wenn der Pförtner zu Suite Nr. 1“ beginnt und ihn gern mit ei-dentin in Bonn auffiel und es bis zur Hör- seinem Vorgesetzten lief und sagte, er nem Waldspaziergang ausklingen lässt, D E R S P I E G E L 2 2 / 2 0 1 2 77
  • 61. entschied sich für den gegenteiligen Weg.Sie begann ihre Amtszeit Anfang 2011damit, eine Anstalt nach der andern zu MUSIKFERNSEHEN Baku – blendendverärgern. In einer Reihe von Interviews distan-zierte sie sich von so ziemlich allem,wofür das Erste steht. Für „Anne Will“erklärte sie sich „nicht zuständig“. DiePersonalie Kai Pflaume, so gab sie zu Pro- Der Eurovision Song Contest in Aserbaidschan wird als Sieg dertokoll, sei „nicht meine Entscheidung“ Fassade in die TV-Geschichte eingehen. Von Stefan Niggemeierund der Eurovision Song Contest für sie„nicht der Höhepunkt des ARD-Pro- Dgramms“. Kritik an der Häufung krach- er große Wanderzirkus des Euro-lederner Dudel-Shows im Ersten parierte vision Song Contest (ESC) wirdsie mit der Bemerkung, der WDR habe weiterziehen. Er wird die Auf-„noch nie Volksmusik angeboten“. So merksamkeit mitnehmen, die dieses Er-macht man sich keine Freunde. eignis aus schwer zu erklärenden Grün- Es ist schwer zu sagen, was diese In- den immer noch erhält. Und mehr als jetendantin antreibt. Oft ist es einfach die zuvor wird er zwei Fragen zurücklassen:Angst vor schlechter Presse. Als „Bild“ Hat er das Land verändert, in dem erim vergangenen Sommer etliche Recher- stattfand, diesmal Aserbaidschan? Undcheanfragen an die ARD schickte, war den Blick der Welt auf dieses Land?die Angst vor einer Kampagne des Bou- Goethe meinte: Man fühlt die Absichtlevardblatts gegen das böse Gebühren- und ist verstimmt. Aber Goethe war niefernsehen vor allem im WDR so groß, in Baku. Hier müsste der Satz lauten:dass in Piels Sender eilig eine Task-Force Man fühlte die Absicht und war trotzdemunter Führung von Fernseh-Chefredak- beeindruckt.teur Jörg Schönenborn gebildet wurde. Über weniges lässt sich in diesem Land,Der Trupp sollte sich nicht bloß eine Stra- in dieser Stadt so ausgiebig philosophie-tegie zur Verteidigung zurechtlegen, son- ren wie über das Wesen und Wirken vondern auch darüber nachdenken, wie man Fassaden. Schon der Weg vom Flughafenzur Not im eigenen Programm zurück- in die Innenstadt von Baku führt an end-schießen könne. Die Kampagne kam nie. losen Schmuckmauern vorbei. Sie kön- Bereits im Frühjahr, als publik gewor- nen nicht immer verbergen, was dahinter-den war, dass die Soldaten in Afghanistan liegt. Ölgestank verrät die Förderfelder.wegen der Abschaltung eines ansonsten Die Stadt ist keine natürliche Schön-überflüssigen Satellitenkanals nicht mehr heit. Der Teil, den die Touristen und Be-die ARD empfangen konnten, war Piel sucher des ESC vor der Show am Samstagauf Druck der Presse eingeknickt. Statt zu sehen bekamen, war nicht nur zurecht-in Ruhe zu überlegen, wie das TV-Signal gemacht, er sah auch so aus. Parks, Wege,auf anderem Weg billiger zu den Soldaten Gebäude wirkten, als hätte sie jemand Altstadt von Baku: Man fühlte die Absicht – undgeschickt werden könne, setzte sie in der gerade erst aus der Verpackung geholt.Intendantenrunde durch, weiterhin eine Baku war geliftet. konkreten Bilder waren ungleich mächti-knappe halbe Million Euro jährlich für Die Besucher konnten, wenn sie sich ger als das Wissen.den Satelliten zu bezahlen. informiert hatten, sogar rekonstruieren, Fassaden verlieren ihre Wirkung nicht Ihre nächste Schlacht schlägt Piel nun wo die Häuser gestanden haben müssen, dadurch, dass man sie als solche erkennt.nicht am Hindukusch, sondern daheim die der Verschönerung Platz machen Trotzdem ließen sich die Verantwortli-in Köln. Im Sendegebiet des WDR zog mussten und deren Bewohner oft mit bru- chen bei deren Errichten ungern zusehen.sie sich den Zorn der Hörer zu, weil sie talen Methoden vertrieben wurden. Aber Manchmal war es schon zu viel, vor dendie Radio-Kulturwelle WDR 3 umbauen was die Besucher sahen, waren die ge- drei gewaltigen Türmen in Flammenformwollte, ohne darüber vorher groß mit der planten Freiräume, die großzügigen Zu- zu stehen und Fotos machen zu wollen.Öffentlichkeit ins Gespräch zu kommen. fahrtsstraßen und Parkplätze und die Derweil hatte sich die Eurovision vom Eigentlich wäre die Reform eine Klei- spektakuläre moderne Architektur. Diese Staat wenigstens für die Teilnehmer dernigkeit, denn das Programm hat pro Tagnur 220 000 Hörer. Doch am Ende wurdedaraus ein Tsunami. Piel hatte schlichtunterschätzt, welche Bedeutung die Wel- Kooperation auf der Kippele unter den Kulturschaffenden in Nord- Eine weitere Zusammenarbeit von Stefan Programmplatz am Hauptabend mehr ge-rhein-Westfalen einnimmt. Raab und der ARD für den nächsten ben. Entschieden wird über die Sendung Erst als 18 000 Menschen im Internet deutschen Vorentscheid zum Eurovision allerdings erst nach dem Eurovisions-einen Protestbrief an die Intendantin Song Contest ist unwahrscheinlich. Nach Finale am 26. Mai in Baku. Für eine neueunterschrieben hatten, erkannte sie Ge- der schlechten Zuschauerresonanz der Variante der Kandidatensuche gibt es insprächsbedarf. Prompt kündigte der Casting-Show „Unser Star für Baku“ stellen der ARD-Unterhaltung bereits mehrereWDR Diskussionsveranstaltungen an. Al- die Verantwortlichen sowohl in der ARD als Modelle – mit und ohne Raab. Die ARDlerdings erst für Juni, wenn die Reform auch bei ProSieben das gesamte Konzept hatte 2010 zum ersten Mal mit ihm undschon beschlossen sein soll – und Monika der Reihe in Frage. In ihrer jetzigen Form dessen Stammsender ProSieben gemein-Piel als Intendantin wiedergewählt. werde die Sendung wohl kaum fortgesetzt, sam den deutschen Eurovisions-Kandida- Bis dahin schweigt sie weiter. heißt es in der ARD. Auch ProSieben will ten gesucht – und so die spätere Gewinne- MARKUS BRAUCK, ALEXANDER KÜHN dem Quotenschwächling offenbar keinen rin Lena Meyer-Landrut gefunden.78 D E R S P I E G E L 2 2 / 2 0 1 2
  • 62. Medien Veranstaltung Garantien geben lassen: Das geplante große Oppositionskonzert Werte überleben. Es sind die Werte, für Meinungsfreiheit, Versammlungsfreiheit. „Sing for Democracy“ durfte nicht in der die Europa steht oder stehen sollte: Mei- Sie konnte nicht sagen, wann und in wel- Öffentlichkeit, sondern nur in einer Knei- nungs-, Presse- und Versammlungsfrei- cher Form derlei stattfinden könnte. Es pe stattfinden; Demonstrationen wurden heit etwa. Rund um den ESC konnte man sei aber natürlich wichtig, über diese Fra- sofort aufgelöst; zweifelhafte Prozesse ge- aber auch erleben, wie verdruckst Euro- gen nachzudenken. Mehr als Fassaden wa- gen inhaftierte Journalisten gingen weiter. päer darin sind, diese Werte zu verteidi- ren auch die Eurovision-Versprechen of- Es ging der Regierung offenkundig nicht gen und zu leben. fenbar nicht, während des Grand Prix auf darum, nach außen Eindruck durch Nach- Ein selbstverständliches Bekenntnis die Gewährung von Freiheiten zu achten. giebigkeit zu machen, sondern nach innen dazu wurde gelegentlich von Westeuro- Formal, auf dem Papier, ist Aserbai- durch Härte. Sie zeigte der Bevölkerung, päern selbst als überheblicher Missio- dschan ein Staat, der wenig zu wünschen Freund und Feind, dass sie sich von dem nierungsversuch abgetan, universales internationalen Druck gar nicht Menschenrecht als Luxusphänomen rela- beeindrucken lässt. tiviert. Offenbar wollte die Regierung Es war bestürzend zu sehen, wie weder friedliche Proteste zulas- schnell sich die Errungenschaften eines sen noch hässliche Bilder von ih- Rechtsstaats, mit all seinen Macken, rela- rer gewaltsamen Auflösung pro- tivieren lassen, wenn etwa die EBU-Che- duzieren. Beobachter hatten das fin Deltenre die rechtlich fragwürdigen Gefühl, dass die Sicherheitskräf- Zwangsräumungen in Aserbaidschan mit te deshalb etwas weniger ruppig Umsiedlungen vor den Olympischen Spie- vorgingen als sonst. len in London verglich. Die Regierung hat davon pro- Aserbaidschan wiederum wollte zei- fitiert, dass viele ihrer Gegenüber gen, dass es zu Europa gehört. Der ESC es leid wurden, dauernd hinter suggeriert diese Nähe. Und mit dem end- die schönen Kulissen schauen zu los wiederholten Verbot einer „Politi- sollen. Sie fand Verbündete in sierung“ dieser Veranstaltung lässt sich Teilnehmern, Fans und Bericht- auch die bloße Forderung, Menschenrech- erstattern, die in Baku einfach te zu respektieren, von der Tagesordnung die übliche irre Grand-Prix-Sause wischen. Dass der ESC längst von der feiern wollten – unabhängig da- aserbaidschanischen Regierung politisiert von, was im Land passiert. wurde, fiel dabei regelmäßig unter den Ausgerechnet ein „taz“-Jour- Tisch. nalist nannte den Menschen- Fast alles an Aserbaidschan ist bemer- rechtsbeauftragten der Bundes- kenswert, und manches auch bemerkens- regierung eine „Spaßbremse“, wert positiv, insbesondere für ein Land, verunglimpfte Kritiker als „Men- das an Iran grenzt, wo viele Aseri unter JOERN HAUFE / DAPD schenrechtisten“ und machte einem ganz anderen Regime leben. sich über die schwedische Teil- Das autoritäre Regime ist aber nicht nehmerin lustig, weil sie – eine nur weniger schlimm, sondern auch ge- Ausnahme – Solidarität mit den schickter als Diktaturen. Im Vorfeld hattewar beeindruckt bedrängten Bürgerrechtlern der es einzelne Aktivisten zur Armee einzie- Stadt zeigte. hen lassen oder sie verhaftet, weil bei übriglässt. Das Land ist Mitglied des Eu- Der Europäischen Rundfunkunion ihnen plötzlich Drogen gefunden worden roparats – auch wenn es die Pflichten, die EBU, dem Veranstalter des jährlichen waren. Die beiden prominenten Organi- damit verbunden sind, oft ignoriert. Das Wanderzirkus, war ohnehin daran gele- satoren von „Sing for Democracy“ sagten, Land hat Gesetze und Gerichte – auch gen, die Fassade einer unpolitischen Ver- sie seien von der Uni geworfen worden – wenn die oft nicht für Gerechtigkeit sor- anstaltung aufrechtzuerhalten. Sie trat als eine Repression, wirkungsvoll, aber ge- gen. Es sind Fassaden. Verbündeter der Regierung auf, geeint rade klein genug, um keinen Aufschrei Und das Land hat Geld. Es hilft unge- durch den Wunsch, eine in jeder Hinsicht zu provozieren. Das ist vielleicht der bes- mein, ein autoritäres Regime attraktiv reibungslose Veranstaltung über die Büh- te Fassadentrick des Landes: dass es sich wirken zu lassen, wenn dieses Regime es ne zu bringen. so wenig autoritär anfühlt. sich leisten kann, Attraktivität zu kaufen. „Wir sind nicht glücklich über das, was Der ESC hat Baku gewaltige Aufmerk- Natürlich gäbe es wichtigere Dinge, in hier passiert ist“, sagte Annika Nyberg samkeit gebracht. Viele bunte, schöne die der Staat den Reichtum aus seinem Frankenhaeuser, die Mediendirektorin und geschönte Bilder, aber auch reichlich Öl investieren könnte, als Luxus in der der EBU, in Bezug auf die Zerschlagung Kritik. Ob und wie der ESC das Land tat- Innenstadt. Und theoretisch würden das mehrerer friedlicher Demonstrationen in sächlich verändern wird, ist offen. Kriti- vermutlich auch die meisten Gäste, die Baku. Die EBU habe das Thema aber ker im Land fürchten, dass nach ein, zwei zum ESC in die Stadt gekommen sind, gegenüber den Behörden noch nicht an- Monaten Schonzeit das Regime mit unterschreiben. Aber praktisch hilft es gesprochen. Sie konnte auch nicht sagen, Macht zurückschlagen wird. Aber auch doch sehr, wenn eine Stadt, die blenden wann und in welcher Form das stattfinden das ist nicht ausgemacht. will, auch blendend aussieht. könnte oder werde. Vielleicht wird sich herausstellen, dass Aserbaidschan wollte gut aussehen. Die EBU-Generaldirektorin Ingrid Del- der Song Contest einfach eine neue bunte Aber nicht immer auf die Art, die ein tenre hingegen sagte, man habe die Be- Fassade war, und dahinter ist: nichts. westlicher Beobachter erwarten würde. hörden um eine Erklärung für angebliche Auf die Frage, ob der Wettbewerb ein Anders als von vielen erhofft, reagierte Verhaftungen von Journalisten gebeten. wenig mehr Demokratie nach Aserbai- das Regime auf die plötzliche Aufmerk- Wenig sprach dafür, dass die EBU sich dschan bringen könnte, sagte ein Kenner samkeit aus aller Welt nicht mit demon- darum sorgte, dass hinter den bunten Ku- des Landes: „Ein Land, das sich demo- strativer (oder auch nur vorgeblicher) Of- lissen der vermutlich größten nichtsport- kratisieren will, braucht dafür nicht den fenheit und Entspannung. lichen Fernsehshow der Welt auch ihre Eurovision Song Contest.“ D E R S P I E G E L 2 2 / 2 0 1 2 79
  • 63. Panorama G R O S S B R I TA N N I E NMeister des MüßiggangsAuf dem Gipfel der Macht ist die Luftdünn, und mancher dort trägt soschwer an der Last der Verantwortung,dass ihm graue Haare wachsen. Nureiner widersteht: David Cameron, 45,hat geradezu Zen-artige Fähigkeitenzum Müßiggang entwickelt. Draußenmag die Schuldenkrise wüten – dochder Herr von 10 Downing Street zücktsein iPad und spielt „Angry Birds“.Angeblich hat er schon alle Level be-wältigt und widmet seine Aufmerk- SIMON ROBERTSsamkeit nun „Fruit Ninja“. Dabeimüht sich der Premierminister Groß- Cameronbritanniens, mit einem imaginärenNinja-Schwert möglichst viel umher-fliegendes Obst zu zermatschen. eine olympische Goldmedaille fürs Re- des Delegierens und der austarierten„Times“-Journalisten haben jetzt auch laxen gäbe“, so zitieren die Journalis- Work-Life-Balance erregt den Spottenthüllt, mit welcher Verve Cameron ten einen Parteifreund, „dann würde mancher Oppositionspolitiker – aberan Sonntagen entspannt. Auf seinem er sie gewinnen.“ Auf Staatsbesuchen Experten zollen ihm Respekt: Came-Landsitz Chequers sieht er fern, spielt zwackt Cameron oft etwas Zeit für ron verfüge über das Talent, sagt Alex-Billard und Tennis, kocht und trinkt sich ab, und jede Woche verbringt er andra Beauregard von der LondonWein, den Abend lässt er gelegentlich eine romantische „date night“ mit sei- School of Economics, seine Batterienmit Karaoke ausklingen. „Wenn es ner Frau Samantha. Der Großmeister wieder aufzuladen. ISRAEL QUERSCHNITT Arme, heilige Stadt Boomendes Genau 45 Jahre nach der Eroberung und Vereinigung Jerusalems ist die Afrika Quelle: IWF, teilweise Stadt tief gespalten: Während der jüdi- Schätzungen sche Westen prosperiert, leben 78 Pro- zent der 360 882 palästinensischen Be- Der Schwarze Konti- wohner in Armut. 2006 hatte die vom nent ist besser als sein Nigeria israelischen Sozialversicherungsinsti- Ghana Äthiopien Ruf. Seit etwa fünf Jah- tut ermittelte Armutsrate noch bei 64 Äquatorialguinea ren hellt sich die wirt- Prozent gelegen. Hauptgrund ist die schaftliche Situation stetig Uganda hohe Arbeitslosigkeit: 40 Prozent der Ruanda auf. 2012 wird Afrika ein Wachstum Männer und 85 Prozent der Frauen von im Schnitt 5,4 Prozent verzeichnen. sind ohne Beschäftigung, schätzt die Die Entwicklung der vergangenen Jahre Bürgerrechtsorganisation Acri. Einst wurde angeführt von Ländern wie Ghana, Malawi war Ostjerusalem das wirtschaftliche Nigeria und Äthiopien, dessen Wirtschafts- Angola und kulturelle Zentrum der Palästinen- leistung seit 2006 um fast 60 Prozent gestie- ser, heute ziehen viele Bewohner in gen ist. Insgesamt fließen inzwischen mehr das aufstrebende Ramallah im Westjor- Investitionen als Entwicklungshilfe auf den danland. Denn die israelische Stadt- Kontinent. Allerdings beruht der Boom in verwaltung vernachlässigt palästinensi- vielen Ländern auf einem einzigen Exportgut: sche Wohnviertel, erteilt kaum Bau- Rohstoffen wie Öl, Gas, Holz, Gold oder Dia- genehmigungen, die Schulen sind manten. Die Bevölkerung profitiert oft nicht schlecht. 40 Prozent der Schüler been- vom Aufschwung. Im Erdölland An- den die zwölf Pflichtschuljahre nicht, gola etwa wuchs selbst im Krisen- nur wenige können sich ausreichend Zunahme der 40% 20% bis jahr 2008 die Wirtschaft um 14 Pro- und bis 20% für das Studium qualifizieren. Seit Ost- zent. Trotzdem lebt noch mehr als Wirtschafts- mehr 40% jerusalem durch einen Sperrwall vom die Hälfte der Angolaner unter der leistung Westjordanland abgetrennt ist, haben von 2006 Rückgang der keine Armutsgrenze. Weit abgeschlagen Wirtschafts- Angabe viele Geschäfte mangels Kunden ge- liegen das diktatoriale Simbabwe bis 2011 schlossen. Der Handel mit dem West- leistung und das kriegsversehrte Libyen. jordanland ist fast zum Erliegen ge- kommen, Industrie gibt es kaum.80 D E R S P I E G E L 2 2 / 2 0 1 2
  • 64. Ausland BÜCHER Historische Gelegenheit Es gibt Begegnungen, die über Aufstieg und Fall entscheiden, über Karriere oder Knast. Für Seyed Hossein Mousa- vian, 54, wurde der 19. Juli 2005 zum Wendepunkt. Der langjährige Unter- händler Irans im Nuklearkonflikt war vorgeladen bei dem gerade gewählten Präsidenten Mahmud Ahmadine- dschad. Der frühere Botschafter in Deutschland und Leiter der außenpoli- tischen Abteilung im Nationalen Si- cherheitsrat Irans zählte zur engeren Wahl für das Amt des Außenministers. 20 Minuten waren für das Treffen vor- gesehen, doch die Diskussion über „das weite Feld von Irans Beziehungen zum Westen“ dauerte mehr als zwei Stunden lang. Mousavi- ans Fazit: „Wir stimm- ten nicht in einem einzi- gen Punkt überein.“ Die Konfrontation mit Ah- madinedschad ist eine der persönlichen Szenen aus Mousavians „Erinne- rungen“, die jetzt in den USA erscheinen, wo der Seyed Hossein RAINER MARTINI / LOOK-FOTO Top-Diplomat inzwi- Mousavian schen lebt. Denn seine Kritik am Kurs des Prä- The Iranian Nuclear Crisis – sidenten büßte Mousa- A Memoir Istanbul vian mit einer Verurtei- Carnegie Endow- lung: Wegen „Gefähr- ment, Washing- dung der nationalen Si- ton; 554 Seiten. TÜRKEI cherheit“ erhielt er fünf Jahre Berufsverbot. Um „Goldenes Zeitalter“ weiterer Verfolgung zu entgehen, suchte er 2009 Zuflucht beim „Großen Satan“. An der Elite-Universität Princeton lehrt Mousavian internatio-Es ist eine Ankündigung ganz nach dem Geschmack von Ministerpräsident nales Krisenmanagement und zählt zuRecep Tayyip Erdogan – und sie fällt zusammen mit der Entscheidung des Inter- den gefragtesten Kommentatoren desnationalen Olympischen Komitees, Istanbul als Olympia-Stadt für 2020 in die Nuklearkonflikts. Die Gespräche zwi-engere Wahl zu ziehen: Serdar Inan, einer der größten Bauunternehmer der schen dem Westen und Iran, die amTürkei, will vor Istanbul eine künstliche Insel im Schwarzen Meer aufschütten vergangenen Mittwoch in Bagdad be-lassen. „Havva adasi“ („Evas Insel“) soll mit einem Durchmesser von drei Kilo- gannen, sieht er als „historische Gele-metern groß genug sein, um 300 000 Menschen Platz zu verschaffen. Die Kosten, genheit“ zur Vertrauensbildung. In sei-so Inan, lägen bei 30 Milliarden Dollar. Als Füllmaterial will er den Aushub ver- nem Werk „The Iranian Nuclear Crisis“wenden, der beim geplanten Bau eines neuen Kanals zwischen dem Marmara- gibt der Spitzendiplomat nun einen sel-meer und dem Schwarzen Meer anfällt – ein Kanal, der „kleiner Bruder des Bos- tenen Einblick in die iranische Ver-porus“ genannt wird und zu Erdogans Lieblingsprojekten zählt. Wann der Kanal handlungsstrategie. Er zeigt, warumgegraben und die Insel aufgeschüttet wird, ist allerdings ungewiss; andere Bau- die Lösungsversuche bislang scheiternvorhaben wie Istanbuls dritter Großflughafen und eine dritte Bosporusbrücke mussten – etwa weil das Misstrauen aufbefinden sich in der Planungsphase. Der Marmaray-Eisenbahntunnel, der Asien iranischer Seite so groß ist wie aufund Europa verbindet, ist dagegen fast fertiggestellt, er soll 2013 in Betrieb westlicher. Mousavians Aufzeichnun-gehen. Die Megaprojekte sind Ausdruck des gestiegenen Selbstbewusstseins der gen zählen zum Aufschlussreichsten,türkischen Regierung: Während Europas Süden und Südosten weiter in die Re- was über den Konflikt zu lesen ist –zession rutschen, hält der Boom in der Türkei an, im vergangenen Jahr lag das und sind um so interessanter, als man-Wirtschaftswachstum bei 8,5 Prozent. Für den Unternehmer Inan jedenfalls sind che in Teheran dem Autor die Chancedie Vorhaben ein Beweis dafür, dass den Türken ein „goldenes Zeitalter“ bevor- auf ein politisches Comeback einräu-stehe: „Evas Insel“ werde ihr „Licht über die Welt verbreiten“. men, wenn im Sommer 2013 ein neuer Präsident gewählt wird. D E R S P I E G E L 2 2 / 2 0 1 2 81
  • 65. Ausland WÄ H R U N G S P O L I T I K Judo am Abgrund Mit seiner Wachstumsagenda hat Frankreichs neuer Präsident Hollande die Kanzlerin in die Defensive gedrängt. Nun plant Angela Merkel den Gegenschlag. Um den Euro zu retten, fordert sie Strukturreformen. Jugendprotest in Madrid, Staatschef Hollande,J e mehr Staats- und Regierungschefs Es sind zwei gegensätzliche Programme, sich am vergangenen Mittwoch zu die Merkel und Hollande für den geplan- Wort meldeten, desto düsterer wurde ten EU-Wachstumsgipfel Ende Juni vor-die Miene von Angela Merkel. Einer nach legen. Am Schluss muss ein Kompromissdem anderen sprach sich beim Abend- stehen, doch die Risiken sind groß. Gelingtessen für die gemeinsame Aufnahme von es den beiden Regierungschefs, aus ihrenSchulden und gegen den von Berlin ge- unterschiedlichen Plänen ein gemeinsamesforderten strikten Sparkurs aus. Die Kanz- Konzept für die Währungszone zu formen,lerin schaute stumm auf den Mann, der können sie als Euro-Retter in die Geschich-ihr diesen Stimmungswandel eingebrockt te eingehen. Scheitern sie, wird sich jenerhatte: Frankreichs neuer Staatspräsident Prozess beschleunigen, den eine wachsen-François Hollande, der zufrieden feststell- de Zahl von Experten für unvermeidbarte, es gebe „eine Perspektive für Euro- hält: der Zerfall der Währungsunion.Bonds in Europa“. In dieser Woche schien Europa dem Merkel widersprach: Euro-Bonds seien Abgrund wieder ein Stück näher gerücktkein geeignetes Mittel, aber es half alles zu sein. Die Finanzmärkte spekuliertennichts. Nur eine Minderheit stellte sich hin- auf einen Euro-Ausstieg Griechenlands,ter die Deutsche. Selbst EU-Ratspräsident der Kurs der GemeinschaftswährungHerman Van Rompuy sagte zum Schluss, stürzte auf neue Tiefststände, die ökono-es dürfe „keine Tabus“ geben. Er werde mischen Ungleichgewichte verschärftendie Idee der Euro-Bonds prüfen. „Her- sich. Während Deutschland erstmals eineman“, platzte es da aus Merkel heraus: Zwei-Jahres-Anleihe mit einem Zinssatz„Du solltest zumindest sagen, dass hier am von null an die Märkte bringen konnte,Tisch einige anderer Meinung sind.“ blieben die Risikoprämien für spanische Verkehrte Welt: Zum ersten Mal seit und italienische Papiere auf Krisenniveau.Jahren gab die Kanzlerin auf einem EU- Die Euro-Zone driftet auseinander, undGipfel nicht den Ton an, steckte nicht zu- der deutsch-französische Richtungsstreitvor mit dem französischen Präsidenten ist dafür mitverantwortlich. Es geht nichtim Hinterzimmer gemeinsame Positionen nur um die Frage Wachstumsprogrammab. oder Fiskalpakt. Es geht um das politische Dabei hängt viel davon ab, ob die Deut- Gleichgewicht Europas, das sich seit demsche und der Franzose Hollande beim Amtsantritt Hollandes verschoben hat.Kampf um Europas Gemeinschaftswäh- Ein Staatschef ist auf die Bühne getre-rung zu einer gemeinsamen Haltung fin- ten, der seinen Bürgern und dem Restden können. Seit Wochen streiten sie, ob Europas zeigen will, dass er vor der über-der Euro durch mehr Sparen oder durch mächtigen Angela Merkel nicht kuschenmehr Geldausgeben zu retten ist. Nun er- wird. Weil er glaubt, dass sie unrecht hat.reicht der Zwist eine neue Eskalations- Er will nicht ihre Bedingungen überneh-stufe. Nach Hollandes Auftritt am Mitt- men, sondern ihr seine eigenen diktieren.woch legt Merkel jetzt ihr Gegenkonzept Zumindest will er es so aussehen lassen.vor. In einem Sechs-Punkte-Plan fordert Wer Hollande in den letzten Wochensie tiefgreifende Strukturreformen für beobachtete, konnte einen Mann sehen,Europa. Staatsbetriebe sollen verkauft, der zu bersten schien vor Selbstbewusst-der Kündigungsschutz gelockert und hem- sein. Auf die Kritik eines konservativenmende Auflagen für Unternehmen besei- Politikers, er trete auf, als könnte er überstigt werden, von Sonderwirtschaftszonen Wasser laufen, sagte er zu Journalistenist die Rede und von Privatisierungsagen- beim jüngsten G-8-Gipfel im Scherz: „Dieturen nach dem Vorbild der Treuhandan- Chancen, dass ich das versuche, sindstalt. Kurz: Der Mittelmeerraum soll wer- gering.“den wie die Bundesrepublik, nur mit bes- Das war das Bescheidenste, was vonserem Wetter. ihm aus Amerika zu hören war. Der Prä-82 D E R S P I E G E L 2 2 / 2 0 1 2
  • 66. sident brüstete sich anschließend damit, das Thema „Wachstum“ auf die Agenda gesetzt zu haben – auch wenn „Wachs- tum“ für alle etwas anderes heißt. Seine Berater verbreiteten: Während Hollande und Obama sich bestens verstünden, sei Merkel mit ihrem Sparkurs isoliert. Schon lange vor dem EU-Sondergipfel in Brüssel erweckte der französische Prä- sident den Eindruck, er suche den Show- down mit den Deutschen. Im Wahlkampf hatte er stets gefordert, den Fiskalpakt neu zu verhandeln. Nach seinem Amtsantritt wiederholte er, ohne „Wachstumskompo- ALBERTO DI LOLLI / AP nente“ werde er ihn nicht ratifizieren. Bis- her hatte Hollande sich immerhin gegen eine Vergemeinschaftung der Schulden ausgesprochen, seit vergangener WocheKanzlerin Merkel in Chicago: Eine Allianz der Franzosen gegen die Deutschen fordert er plötzlich echte Euro-Bonds – nicht mehr nur „Projekt-Bonds“ zur Fi- nanzierung europäischer Infrastrukturpro- jekte. Bereits am vergangenen Wochenende hatte der französische Premierminister Jean-Marc Ayrault eine weitere Forde- rung gestellt, die allem widerspricht, was den Deutschen heilig ist: Die Europäische Zentralbank solle Krisenstaaten direkt Geld leihen können, sagte er. Es sieht so aus, als wollten die Franzo- sen eine Allianz gegen die Deutschen schmieden: gemeinsam mit Vertretern der Europäischen Kommission, von Or- ganisationen wie der OECD und den Vertretern kleinerer und südlicher EU- Länder. Hollandes Berater betonten, der Italiener Mario Monti liege mit seinen Vorstellungen näher bei den Franzosen als bei den Deutschen. Hat sein erfolgreicher Start Hollande übermütig werden lassen? Oder beendet er einen europäischen Irrweg? Will er nur die Verhandlungsmasse vergrößern, um am Ende so viel wie möglich zu bekom- men? Oder ist alles eine große Show für das heimische Publikum, das ihm bei den Parlamentswahlen am 10. und 17. Juni eine Mehrheit verschaffen soll? Zum ersten Mal seit Beginn der Schul- denkrise wirkt Merkel, einst zur „Königin Europas“ ausgerufen, nicht mehr unan- greifbar. Hollande, den sie im Wahlkampf demütigte, indem sie sich uneingeschränkt auf die Seite seines Vorgängers stellte, zahlt es ihr nun heim. Auf Nicolas Sarkozy, der sein Heil darin suchte, sich an die Kanzlerin zu ketten, folgt ein Präsident, der sich einen größeren politischen Gewinn davon verspricht, ge- gen die deutsche Dominanz in Europa anzutreten. Hollande will kein deutsch- französisches Direktorium, er will Europa wieder öffnen. MICHAEL GOTTSCHALK / DAPD Die Franzosen sind überzeugt, dass in der jetzigen Vertrauenskrise der gemein- samen Währung getan werden muss, was Deutschland bisher verhindern wollte: Die Staaten der Euro-Zone sollen zumin- dest für einen Teil ihrer Schulden gemein- 83
  • 67. FRANCOIS LENOIR / REUTERS Kanzlerin Merkel, Präsident Hollande (r.) auf EU-Gipfel*: Kein deutsch-französisches Direktorium same Anleihen herausgeben. Sie glauben, Da ist etwas dran: Intern hat die EZB den Baltenstaaten, Nord- und Südeuropa mit Euro-Bonds werde die dringend be- signalisiert, dass sie bei Bedarf, etwa wenn und nach Nordafrika für besonders wich- nötigte Stabilität für Investoren in den Griechenland aus dem Euro ausscheidet, tig. Auch internationale Gasleitungen wie Krisenländern geschaffen. Außerdem sei wieder Anleihen anderer strauchelnder Nabucco oder der Ausbau leistungsfähiger es ohnehin ungerecht, dass Deutschland Staaten aufkaufen werde. Mit Blick auf Internetverbindungen sollen gefördert so viel niedrigere Zinssätze zahlen müsse Hollandes Forderungen nach mehr Wachs- werden. Darüber sind sich Deutschland als etwa Spanien, sagte Hollande am Mitt- tumsimpulsen wollen sich die Deutschen und Frankreich einig, die Unterschiede woch. Dahinter steckt die von vielen hingegen konzilianter geben. Sie sind be- liegen woanders. Um das Wachstum eu- Ökonomen geteilte Haltung, eine Wäh- reit, das Kapital der Europäischen Inves- ropaweit anzukurbeln, wollen Merkels Be- rungsunion ohne politische Union und titionsbank (EIB) auf insgesamt 10 Milli- rater nicht nur auf Maßnahmen setzen, Vergemeinschaftung der Schulden habe arden Euro aufzustocken, der deutsche die Geld kosten. Wachstum lässt sich nach noch nie funktioniert. Anteil würde 1,6 Milliarden Euro betragen. Überzeugung der Deutschen auch billiger Hollande unterscheidet sich inhaltlich Auch wollen sie dem französischen erzeugen, mit Strukturreformen, die nicht grundsätzlich von seinem Vorgän- Drängen nachgeben, die Mittel des euro- nichts anderes erfordern als Überwindung. ger Sarkozy – der vertrat stets ähnliche päischen Strukturfonds wachstums- In einer internen Vorlage, die im Kanz- Ansichten. Der Unterschied ist, dass Sar- freundlicher einzusetzen und sogenannte leramt kursiert, haben Experten der Bun- kozy Differenzen mit Merkel in den Hin- Projekt-Bonds aufzulegen. Dabei bringen desregierung einen Sechs-Punkte-Plan terzimmern austrug, um die Märkte zu die EU-Staaten und private Investoren entwickelt, der an die Agenda 2010 erin- beruhigen. Der neue Präsident Hollande gemeinsam Geld auf, um zum Beispiel nert und mit dem Sparen und Wachstum hingegen stellt sie aus und scheint über- grenzüberschreitende Infrastrukturpro- in Europa wieder in Einklang gebracht zeugt, dass er den deutschen Irrweg kor- jekte zu finanzieren. Merkel kann sich werden sollen. Das Papier gibt die Linie rigieren müsse. mit dem Gedanken anfreunden. vor, mit der Merkel in die Verhandlungen Doch Merkel ist eine erfahrene Geg- Einen Tag vor Beginn des EU-Sonder- mit Hollande und den anderen Partnern nerin. Sie weiß, dass sie in Europa in die gipfels in Brüssel beschlossen EU-Parla- der EU gehen will. Defensive geraten ist, nun plant sie den ment und europäische Regierungen in Dabei vertrauen die Deutschen vor al- Gegenschlag. Sie glaubt, Euro-Bonds Straßburg, solche Anleihen auszuprobie- lem auf Maßnahmen, die sich in der Ver- würden es den Krisenstaaten ermögli- ren: Zur Freude Hollandes, denn auf einer gangenheit schon daheim bewährt haben chen, sich billiger zu verschulden, die not- internen Prioritätenliste der EU-Kommis- – und die Deutschland in die Rolle der wendigen Strukturreformen würden auf- sion, die dem SPIEGEL vorliegt, finden Wachstumslokomotive in Europa ge- geschoben. Deshalb will sie nun die Vor- sich einige Projekte mit französischer Be- bracht haben. Entsprechend will Merkel schläge Hollandes nach dem Prinzip von teiligung. So sollen die Hochgeschwindig- europaweite Programme zur Existenz- Judo-Kämpfern kontern: den Schwung keitstrasse des TGV zwischen Lyon und und Mittelstandsförderung auflegen, wie des Gegners für den eigenen Angriff nut- Turin, der Kanal Seine-Nordeuropa im sie in Deutschland die Mittelstandsbank zen. Korridor zwischen Amsterdam und Mar- KfW im Angebot hat. Staatliche Instan- So ist Merkel entschlossen, nicht nur seille sowie die Transportwege zwischen zen müssen Investitionen innerhalb einer Hollandes Forderung nach Euro-Bonds Dublin und Brüssel ausgebaut werden. festen Frist genehmigen. Ergeht in der abzulehnen, sondern auch seine Wünsche Bei Energievorhaben hält die EU-Kom- Zeit kein Bescheid, gelten sie automatisch nach zusätzlichen Einsätzen der Europäi- mission die Anbindung der Windparks in als bewilligt. schen Zentralbank. Die Währungshüter der Nordsee oder die grenzüberschreiten- EU-Staaten mit hoher Arbeitslosigkeit würden schon von sich aus alles Notwen- den Strom- und Gasleitungen zwischen sollen ihren Arbeitsmarkt nach deut- dige tun, um den Euro zu stabilisieren, schem Vorbild reformieren. So könne der und damit auch ihre hochdotierten Posten * Mit dem italienischen Premierminister Mario Monti Kündigungsschutz gelockert und könnten im Frankfurter Euro-Tower zu retten. und dem spanischen Premier Mariano Rajoy. geringfügige Beschäftigungsverhältnisse 84 D E R S P I E G E L 2 2 / 2 0 1 2
  • 68. Auslandmit niedrigerer Steuer- und Abgabenlast Mit solchen Äußerungen wurde Hol- Europas. Der Portugiese Passos Coelhoeingeführt werden. Wie Deutschland sol- lande in Griechenland zu einer Lichtge- wetteifert mit seinem spanischen Kolle-len diese Länder ein duales Ausbildungs- stalt. Von einer „neuen Ära“ spricht der gen Mariano Rajoy um den Platz als Mer-system aufbauen. Führer des Linksbündnisses Syriza, Alexis kels Musterschüler. Seit der spanische Zudem ist Merkels Beratern aufgefal- Tsipras, der sich in seinem Widerstand ge- Konservative im vergangenen Dezemberlen, dass südliche EU-Staaten noch zahl- gen Merkels Sparpolitik auf die französi- an die Regierung kam, ließ er kaum einereiche Unternehmen besitzen, die beson- schen Sozialisten beruft: „Er ist für uns Woche verstreichen, ohne eine neuederen Schutz genießen. Dort sollen Treu- ein Hoffnungsträger, ganz klar“ (Seite 86). Sparmaßnahme zu verhängen.handanstalten nach deutschem Muster In Italien, wo die Technokratenregie- Spanische Medien und die sozialisti-oder spezielle Fonds eingerichtet werden, rung von Mario Monti trotz einiger Re- sche Opposition hatten darauf gehofft,um die Unternehmen zu privatisieren. formen bisher kein Wachstum schaffen dass Rajoy im Windschatten HollandesAusländische Investoren könnten durch konnte, berichteten Kommentatoren die deutsche Kanzlerin unter Druck set-steuerliche Vergünstigungen und weniger nach dem G-8-Gipfel schadenfroh von zen könnte, mehr für Wachstumsmaß-strenge Regulierungen angelockt werden. „Merkels Niederlage“ und schwärmten nahmen auszugeben. Doch noch bevor Dazu empfehlen die Merkel-Berater von der „Geburt einer neuen Allianz“ Hollande und Rajoy sich trafen, gab esdie Einrichtung sogenannter Sonderwirt- zwischen Monti und Hollande. schon die erste Verstimmung. Hollandeschaftszonen, wie sie einst den ökonomi- Das ehemalige Berlusconi-Kampfblatt sagte, die spanischen Banken sollten ausschen Aufstieg Chinas eingeleitet haben. „Il Giornale“ schrieb, nicht Griechenland, dem europäischen Rettungsfonds rekapi-Schließlich fordern die Deutschen, dass sondern Deutschland sei das wahre Pro- talisiert werden können. Doch dieserdie Südstaaten Europas verstärkt in er- blem Europas: „Weil es vor Gesundheit Kommentar kam Rajoy höchst ungele-neuerbare Energien investieren, Steuer- platzt und dadurch auch die Nachbarn gen. „Hollande weiß nicht, wie es um diebarrieren abbauen und die Mobilität von zum Platzen bringt. Deutschland muss spanischen Banken steht“, wies er denArbeitnehmern fördern. All dies stärke sich dem Rest Europas anpassen, nicht französischen Helfer zurück.die Wettbewerbsfähigkeit Europas. umgekehrt.“ Merkel hat bisher wenig Lust Stattdessen suchte Rajoy nach dem Wachstumsprogramme gegen Struktur- erkennen lassen, Hollande öffentlich zu- Nato-Gipfel die Nähe der Kanzlerin beireformen: Das ist die Auseinanderset- rechtzuweisen – beim EU-Sondergipfel in einer gemeinsamen Bootsfahrt auf demzung, die Europa bevorsteht und für die Brüssel bemerkte sie nur spitz: „Euro- Chicago River. Auch hält er nichts von ei-Merkel und Hollande derzeit Verbündete Bonds schaffen kein Wachstum.“ Sie ner Debatte um Euro-Bonds. „Die sindsuchen. Der französische Präsident hat weiß, dass sie es erst nach der Parlaments- jetzt nicht das Wichtigste“, wiederholtevor allem in den südlichen Ländern des wahl Mitte Juni mit einem er am Mittwoch nach einem Besuch beiKontinents die Hoffnung geweckt, dass Präsidenten zu tun haben Hollande in Paris. Allerdings möchte auchder Sparkurs der deutschen Kanzlerin wird, der nicht mehr im 7,5 er – wie Hollande – eine Zentralbank, dieaufgeweicht werden könnte. Schon im Wahlkampf steckt. Ob der aktiv Anleihen aufkauft und damit hilft,Wahlkampf hatte er sich als eine Art Mes- aber dann weniger hartnäckig die Zinssätze zu senken.sias der Südländer inszeniert: „So viele sein wird, weiß sie noch nicht. Und so steht Europa inmitten einesMenschen in Europa ersehnen unseren Zudem hat Merkel zwar Konflikts mit ungewissem Ausgang. DerSieg! Ich will kein Europa der Austerität, Verbündete verloren, doch Streit um den Wachstumspakt kann diein dem Nationen auf die Knie gezwungen isoliert steht sie nicht da – Euro-Krise verschärfen, wenn sich Hol-werden“, rief er da. nicht einmal im Süden lande und Merkel blockieren. Er kann aber auch befreiende Wirkung haben, sollte er in einen tragfähigen KonsensDie Vorboten der Krise münden. Die Deutschen müssten einse-Veränderung der jährlichen Arbeitsproduktivität 2002 bis 2008 in der Euro-Zone* hen, dass noch mehr Geld vom Nordenin Prozent in den Süden fließen muss. Alle Mittel- meerländer hätten zu akzeptieren, dassABNAHME sie weitere Reformen brauchen. Der Kampf hat gerade erst begonnen,Griechen- Italien Spanien Portugal Niederlande 4,2 und so ist es kein Wunder, dass derzeit land das Schlachtgetöse alles überlagert. Doch 0,1 0,1 es gibt auch Signale der Annäherung: Bei 3,6 seinem Antrittsbesuch in Berlin ließ 0,6 0,5 Pierre Moscovici, neuer Minister für Wirt- 3,1 schaft und Finanzen, durchaus Sympa- thien für die deutsche Linie erkennen. Er * ohne Malta und Zypern; bekräftigte nicht nur die Absicht der Quelle: Welt- neue0n französischen Regierung, das bankstudie 2012 Staatsdefizit im kommenden Jahr unter die Obergrenze von drei Prozent des 2,0 1,9 Bruttoinlandsprodukts zu drücken und ab 2017 ohne neue Schulden auszukommen, 1,3 1,4 er unterstrich auch die Bedeutung gesun-ZUNAHME der Haushalte für Wachstum und Beschäf- 0,9 tigung. Wer zu viele Schulden habe, ver- 0,8 arme, sagte er. Und wer arm sei, könne 0,7 nicht investieren. FIONA EHLERS, JULIA AMALIA HEYER, CHRISTOPH PAULY, CHRISTIAN REIERMANN, MATHIEU VON ROHR, MICHAEL SAUGA, Irland Deutsch- Belgien Öster- Finnland Frank- Luxem- Slowakei Estland Slowenien CHRISTOPH SCHULT, HELENE ZUBER land reich reich burg D E R S P I E G E L 2 2 / 2 0 1 2 85
  • 69. Ausland Tsipras hat die Ray-Ban auf den Tisch gelegt, der Shootingstar der griechischen GRIECHENLAND Politik sieht erledigt aus an diesem Diens- „Ganz Europa ist in Gefahr“ tagnachmittag. Sein Terminplan ist eng. Erst Paris, jetzt Berlin, zuerst ein Ge- spräch mit Gregor Gysi, später Jürgen Trittin und Sigmar Gabriel. Tsipras, 37, ist der Überraschungssieger der Wahl Alexis Tsipras, Chef des Linksbündnisses Syriza, vom 6. Mai, sein Linken-Bündnis Syriza hofft noch immer auf das Unmögliche: den Euro zu behalten wurde zur zweitstärksten politischen Kraft. In drei Wochen wählen die Grie- und den Sparkurs aufzugeben. chen schon wieder. Es gilt als sicher, dass er dann noch mehr Stimmen auf sich vereinigen wird. Tsipras’ Tour durch die „beiden wichtigsten Hauptstädte Euro- pas“ dient vor allem der Imagepflege. Der Bauingenieur, bereits als Schüler Aktivist bei der Kommunistischen Ju- gend, gehört zu den schärfsten Kritikern der EU-IWF-Strategie für Griechenland. Gewinnt Alexis Tsipras am 17. Juni, will er die Vereinbarungen der Kreditverträ- ge aufkündigen. Griechenland laufe Ge- fahr, „deutsche Kolonie“ zu werden, hat- te er im Wahlkampf von den Podien ge- rufen. In Berlin klingt er milder: „Wir wollen überzeugen, nicht erpressen“, sag- te Tsipras dort. SPIEGEL: Herr Tsipras, ist Berlin nun tat- sächlich so schlimm, wie Sie es zu Hause in Athen immer erzählen, wenn Sie über die bösen Deutschen schimpfen? Tsipras: Berlin ist meine Lieblingshaupt- stadt in Europa. Es ist schade, dass ich immer nur so kurz hier bin. Ich hätte gern mehr Zeit. SPIEGEL: Wenn Sie das nächste Mal nach Berlin kommen, sind Sie vielleicht Pre- mierminister. Wird Griechenland dann noch Mitglied der Euro-Zone sein? Tsipras: Natürlich. Wie werden alles dafür tun, dass Griechenland den Euro behal- ten kann. Wir bemühen uns, unsere eu- ropäischen Partner davon zu überzeu- gen, dass es auch in ihrem Sinn ist, das Spardiktat endlich aufzubrechen. Wir brauchen eine Politik, die die griechische Wirtschaft nicht zerstört, sondern wieder Wachstum zulässt. Wird der Sparkurs nicht geändert, hat er die völlige Zerstö- rung der griechischen Wirtschaft zur Fol- ge. Das wäre in der Tat eine Gefahr für den Euro. SPIEGEL: Aber selbst Teile Ihres Parteien- bündnisses Syriza fordern doch ganz of- fen die Rückkehr zur Drachme. Tsipras: Das ist nur eine Minderheit. In je- der Partei, egal ob klein oder groß, gibt es unterschiedliche Richtungen, unter- schiedliche Meinungen. Dann wird abge- stimmt und die Mehrheit entscheidet. Au- ßerdem ist diese Minderheit bei uns nicht etwa für den Austritt aus dem Euro, sie möchte nur sicherstellen, dass Griechen- POLARIS / LAIF land auch dann überleben kann, zum Bei- spiel mit Hilfe einer anderen Währung, wenn andere unsere Volkswirtschaft voll-Syriza-Vorsitzender Tsipras: „Die Austeritätspolitik ist gescheitert“ ends ruiniert haben.86 D E R S P I E G E L 2 2 / 2 0 1 2
  • 70. SPIEGEL: Welche „anderen“ meinen Sie? sondern noch fördern. Dafür sind wir duzieren, auch hier verbrauchen. UnsereDie griechische Wirtschaft liegt doch be- selbstverständlich verantwortlich, wir ha- Wettbewerbsfähigkeit hängt nicht nur,reits am Boden. ben das alles ja zugelassen. Aber wir ha- wie so viele sagen, von den ArbeitskostenTsipras: Was ich damit meine, ist, wenn ben auch die Verantwortung, genau das ab, sondern auch von anderen Parame-unsere wirtschaftliche Grundlage völlig jetzt zu ändern. tern, wie etwa der Infrastruktur oder derzerstört wird und dafür dann nicht die SPIEGEL: Wie denn, wenn Sie nur auf fi- Mentalität der Menschen und der Politi-Entscheidungen einer gewählten grie- nanzielle Unterstützung setzen, die ver- ker. Wir hegen durchaus den Wunschchischen Regierung verantwortlich sind, einbarten und dringend notwendigen nach ein bisschen mehr Meritokratie …sondern gewisse politische Kräfte in Eu- Strukturreformen, etwa der öffentlichen SPIEGEL: Mit dem Verdienst nach Leistungropa. Dann werden die auch daran schuld Verwaltung, aber ablehnen? war es in Griechenland bisher nicht allzusein, beispielsweise Angela Merkel. Tsipras: Wir sind doch nicht gegen Refor- weit her. Stattdessen sind Korruption,SPIEGEL: Behaupten Sie im Ernst, die Re- men, wir sagen nur, was so viele Ökono- Vetternwirtschaft und Klientelpolitikformen, die Europa als Voraussetzung für men sagen, viele deutsche Zeitungen weitverbreitet, nicht gerade ein VorteilKredithilfen fordert, seien der Grund für oder selbst der Altbundeskanzler Helmut für die Wettbewerbsfähigkeit.die miserable Lage Griechenlands? Schmidt. Und was jetzt auch die OECD Tsipras: Ich kenne die Probleme, die derTsipras: Wenn wir weiter zu einem Spar- wieder in einer Studie bestätigt: Die Aus- griechische Staat hat. Er wurde von un-programm gedrängt und erpresst werden, teritätspolitik, die wir seit zwei Jahren seren Politikern, die an der Macht waren,das so offensichtlich gescheitert ist, dann umsetzen, die Politik, nur auf dramati- systematisch heruntergewirtschaftet. Undwird Griechenland tatsächlich bald nicht sches Sparen zu setzen, ist gescheitert. viele Griechen sind mitverantwortlich,mehr in der Lage sein, seine Gläubiger Wir befinden uns mittlerweile im fünften sie haben dieses System unterstützt, undzu bezahlen. Dann kommt es zu einem Jahr der Rezession. Auch dieses Jahr wird sie haben es getragen, indem sie immerZahlungsstopp, zu dem wir wieder dieselben Politiker ge-quasi gezwungen wurden. Das wählt haben. Die Ursache derwird dann nicht nur für Grie- Krise kann das aber nicht sein,chenland, sondern für die ge- sondern allenfalls ein Symp-samte europäische Wirtschaft tom. Die Finanz- und Schulden-gefährlich. Die Finanzsysteme krise ist kein rein griechischesaller Länder sind heutzutage so Problem. Sonst gäbe es ja aucheng miteinander verflochten, keine hohen Staatsdefizite indass man die Krise nicht geo- anderen Ländern wie Italien,grafisch einschränken kann. Sie Spanien, Portugal oder Irland.ist ein Problem aller Länder Es muss also andere Ursachenund aller Volkswirtschaften. geben. Deshalb müssen wir dieSPIEGEL: Kommt es zu einem Struktur der Gemeinschaft un-Austritt Griechenlands, dann tersuchen, ihre Architektur.sind auch Sie schuld. Sie ver- Auch bei unserer Gemein-sprechen Ihren Wählern das schaftswährung, dem Euro.Unmögliche: den Euro zu be- SPIEGEL: Sehen Sie in Frank-halten, die Vereinbarungen mit reichs neugewähltem sozialisti-den Europäern aber aufzukün- schem Präsidenten Françoisdigen. Wie soll das gehen? Hollande einen neuen Verbün- JOSE GIRIBASTsipras: Ich sehe darin keinen deten im Kampf gegen dasWiderspruch. Wir wollen ein- Spardiktat aus Deutschland?fach nicht, dass das Geld der Tsipras: Hollande ist für uns eineuropäischen Bürger in einem Bettlerin in Athen: „Wir üben auch Selbstkritik“ Hoffnungsträger, ganz klar.Fass ohne Boden verschwindet. Jetzt werden wieder Ideen undDass es die Finanzhilfen gibt, ist das Prin- unsere Wirtschaft wieder um mindestens Argumente gehört und diskutiert, die bis-zip der europäischen Solidarität und Zei- sechs Prozent schrumpfen. her kein Gehör fanden. Etwa eine stärkerechen dafür, Teil einer Gemeinschaft zu SPIEGEL: Ist das die ganze Wahrheit? Selbst Rolle der Europäischen Zentralbank odersein. Das ist gut. Wir meinen aber, dass Ihr alter Mentor, der ehemalige Syriza- die Einführung von Euro-Bonds. Wir dür-diese Mittel auch vernünftig eingesetzt Fraktionsvorsitzende Alekos Alavanos, fen nicht nur Symptome kurieren, dannwerden sollten. Und zwar für Investitio- hat Sie aufgefordert, gegenüber den Bür- bleiben wir in der Tat bei Griechenlandnen, aus denen Wohlstand generiert wer- gern endlich ehrlich zu sein. stecken. Damit ist niemandem geholfen.den kann. Nur so können wir dann tat- Tsipras: Alavanos ist vor einigen Jahren Wenn unser Land der Euro-Zone verlo-sächlich auch unsere Schulden zurück- aus der Partei ausgetreten, weil er unsere rengeht, dann ist ganz Europa in Gefahr,zahlen. Überzeugung nicht teilt, in der Euro- da müssen wir uns nichts vormachen.SPIEGEL: Für Sie sind immer die anderen Zone zu verbleiben. Es ist schon komisch, SPIEGEL: Die letzten Regierungsgesprächeder Sündenbock. Andere tragen Schuld wenn ich mich nun dafür rechtfertigen in Athen sind gescheitert, weil Sie sichdaran, dass die Wirtschaft darniederliegt, muss, dass wir, wie die große Mehrheit auf keine Koalition eingelassen haben. Inandere müssen sie deshalb auch retten … der Bevölkerung übrigens, im Euro-Ver- den Meinungsumfragen liegt Syriza nunTsipras: Das stimmt nicht, natürlich üben band bleiben wollen. Kopf an Kopf vorn mit der konservativenwir auch Selbstkritik. Wir tragen große Die politische Wahrheit ist doch simpel: Nea Dimokratia. Mit wem wollen Sie IhreVerantwortung für unsere Situation. Wir Die Sparprogramme, so wie sie bisher Politik nach der Neuwahl realisieren?haben Politiker akzeptiert, die die Pro- waren, sind gescheitert. Auch weil sie auf Tsipras: Natürlich wünschen wir uns eineduktionsbasis unseres Landes zerstört einem falschen Modell gründen, nämlich Links-Koalition. Und werden alles dafürund einen korrupten Staat geschaffen ha- dem der innergriechischen Abwertung. tun, dass die Arithmetik diesmal auf un-ben. Wir haben diejenigen gewählt, die Wir sind aber kein Exportland. Die grie- serer Seite ist.ihr Geld im Ausland gebunkert haben chische Realität sieht vielmehr so aus, INTERVIEW: MANFRED ERTEL,und die Steuerflucht nicht nur zulassen, dass wir das meiste dessen, was wir pro- JULIA AMALIA HEYER D E R S P I E G E L 2 2 / 2 0 1 2 87
  • 71. Ausland GETTY IMAGES (R.)„Newsweek“-Titel zur Obama-Erklärung, Prediger Moss in Chicago: Die Bibel verraten? weil das, was in den Gottesdiensten ver- USA kündet wurde, Obama nur neue Proble- Einsamer Präsident me bereitet hätte. Denn es klang für die weißen Wähler zu radikal, wenn schwar- ze Geistliche ständig an die historische Schuld der Weißen erinnerten, das Erbe der Sklaverei. Schon das Motto von Moss’ Mit dem Eintreten für die Schwulenehe hat Barack Obama nur und Obamas Kirche schreckt Weiße ab:Monate vor der Wahl seine treuesten Anhänger verschreckt, die „Unashamedly Black“, „unverhohlen Schwarz“. Aber an diesem Sonntag geht Afroamerikaner. Manche Pastoren drohen mit Wahlboykott. es nicht mehr um weiße Wähler, sondern um die Gefahr, dass sich schwarze Ge-Z wanzig Autominuten liegen an nor- Drei Stunden lang feiern sie hier ihren meinden wie Trinity von ihrem Präsiden- malen Tagen zwischen Ghetto und Gottesdienst, beten zusammen und tan- ten, dem „First Black President“, abwen- der glitzernden Geschäftswelt, zwi- zen zum Gospel der Befreiungsbewegung. den könnten.schen der Trinity United Church of Christ Auch an diesem Sonntag ist fast alles wie Obama heißt nun „The First Gay Pre-und Downtown Chicago. Aber an diesem damals, als Obama noch einer von ihnen sident“, so nennt ihn „Newsweek“ aufSonntag, dem Wochenende des Nato- war, die große Hoffnung der Schwarzen. dem Titel und zeigt den Präsidenten inGipfels im McCormick Center in der In- Doch ist er das noch? der Woche des Nato-Gipfels mit einemnenstadt, trennen Stunden die beiden „Ich will euch nichts vorschreiben“, ruft Heiligenschein in Regenbogenfarben, denWelten. Demonstrationen legen den Ver- Moss der Gemeinde zu, als müsste er eine Farben der Schwulen- und Lesbenbewe-kehr lahm, Polizeisperren blockieren die Katastrophe verhindern. Er gehört zu de- gung, und in den Talksendungen redenStraßen. nen, die sich auch jetzt noch für den Prä- alle von Obamas mutigem Schritt, sich Barack Obama ist in der Stadt und muss sidenten ereifern: „Ihr dürft euch von nie- für die Schwulenehe auszusprechen, dieabgeschirmt werden, der Mann, der hier mandem einreden lassen, dass ihr dieses bisher nur in wenigen US-Staaten aner-einmal zu Hause war, in der Trinity Uni- Mal nicht wählen sollt.“ Immer lauter kannt wird. Es ist eine Neuerfindung sei-ted Church of Christ, der großen schwar- wird Moss, eindringlicher, rhythmisch wie ner Kandidatur, sie hat seinen Wahl-zen Kirche in der South Side Chicagos. einen Song wiederholt er die Botschaft: kampf belebt. Aber für die Mehrheit der Sein alter Bekannter steht vor der Ge- „Geht wählen! Geht wählen!“ Und dann Schwarzen, die die Schwulenehe striktmeinde, die einmal Obamas Gemeinde beginnt Moss, den die Schwarzen ihren ablehnen, liest sich das wie ein Verrat.war, Reverend Otis Moss III., seit vier Jah- „HipHop-Prediger“ nennen, zu toben. Obama musste wissen, was er riskierte,ren der oberste Pastor der Trinity Church. „Wenn ihr euer Wahlrecht aufgebt, ver- als er sich vor zwei Wochen für diese Hal-Die beiden kannten sich schon vor Oba- sündigt ihr euch an der Bürgerrechtsbe- tung entschied, für einen Bruch mit seinermas Aufstieg zum Präsidenten. Zuweilen wegung, ihr versündigt euch an unserem bisherigen Position, nur „civil unions“,hat er hier auf einer der Kirchenbänke ge- Bruder, an Martin Luther King.“ gleichgeschlechtliche Partnerschaften, zusessen, zwischen all den anderen Män- Vier Jahre schwieg Moss, wenn er nach unterstützen. Noch immer ist Homose-nern in Schwarz und den Frauen mit bun- Obama gefragt wurde, er lehnte Inter- xualität ein Tabuthema in schwarzen Ge-ten Hüten und rauschenden Gewändern. views ab, vermied kontroverse Debatten, meinden. 65 Prozent der Schwarzen hal-88 D E R S P I E G E L 2 2 / 2 0 1 2
  • 72. Ausland ten die Schwulenehe für falsch, nur 48 Niemand hat größeren Einfluss auf das Wenn Obama nicht abschwört, wollen sie Prozent der Weißen sind gegen solche Empfinden der Schwarzen als die Kir- ihm die Stimme verweigern. Verbindungen. Als 2008 die Kalifornier chen. Sie sind das Zentrum des Gesell- Otis Moss, Obamas Pastor, kann sich bei der Wahl auch über die Schwulenehe schaftslebens der Afroamerikaner. 22 Pro- über diese Glaubensbrüder richtig aufre- entschieden, stimmten 70 Prozent aller zent von ihnen gehen mehr als einmal gen: „Von denen hat kaum einer jemals Schwarzen für ein Verbot. pro Woche in den Gottesdienst, doppelt gegen Rassismus protestiert, gegen Un- Im Januar 2009, als Barack Obama ins so häufig wie Weiße. Sie glauben an das, gerechtigkeiten oder Polizeigewalt.“ Er Weiße Haus einzog, feierte die ganze was ihr Pastor sagt und was in der Bibel hat deshalb einen offenen Brief geschrie- Welt den ersten schwarzen Präsidenten, steht, die sie wörtlich auslegen. Danach ben. „Die Institution der Ehe“, sagt Moss aber für niemanden bedeutete seine Wahl darf eine Ehe nur zwischen Mann und da, „gerät nicht durch Obamas Worte un- so viel wie für die Schwarzen Amerikas. Frau geschlossen werden. ter Druck. Sie geriet schon vor Jahren 96 Prozent von ihnen hatten für Obama Obama hatte alles versucht, um den unter Druck, weil Männer Frauen als ihr gestimmt, waren aus Begeisterung für ihn absehbaren Schaden seiner Entscheidung Eigentum betrachten und Kinder als Be- zur Wahl gegangen, viele zum ersten Mal. zu begrenzen. Unmittelbar nach seiner weis für sexuelle Potenz.“ Und viele halten weiterhin zu ihm, trotz Erklärung rief er bei acht schwarzen Pre- Auch am Sonntag des Nato-Gipfels der Enttäuschungen, die seine Präsident- digern an, unter anderen auch bei Otis liest er seiner Gemeinde aus diesem Brief vor und zitiert seinen Vater, der gesagt hat: „Unsere Vorfahren haben 389 Jahre gebetet, dass einmal ein Schwarzer im Weißen Haus sitzt. Sie haben 200 Skla- venaufstände geführt, in elf Kriegen ge- fochten und in einem Bürgerkrieg, in dem mehr als 600 000 Menschen starben. Ich werde nicht zulassen, dass engstirnige Geistliche oder rückwärtsgewandte Poli- tiker Befriedigung daran finden, dass ich nicht mein Wahlrecht wahrnehme.“ Es sei „absurd“ zu verlangen, predigt der Sohn, dass der Präsident Rücksicht aufWILLIAM HAEFELI / THE NEW YORKER COLLECTION / MAY 21, 2012, CONDENAST.COM theologische Positionen nehmen müsse. „Er ist nicht der Präsident der Baptisten. Er hat die Aufgabe, sich um alle zu küm- mern, um Juden und Nichtjuden, Männer und Frauen, Junge und Alte, Hetero- und Homosexuelle, Schwarze und Weiße, Gläubige und Nichtgläubige.“ Er klingt jetzt ein bisschen wie Barack Obama, der Heilsbringer im Wahlkampf von 2008, der den Wandel versprach, die Versöhnung einer zerstrittenen Nation, und der schon Jahre zuvor den großen Satz geprägt hatte: „Es gibt kein schwar- zes Amerika und kein weißes; es gibt nur die Vereinigten Staaten von Amerika.“ Obamas Kampf für die Schwulenehe ist wieder so ein großes Versprechen, eine „Bis wir in allen 50 Bundesstaaten heiraten können, sind wir vermutlich geschieden“ Zäsur im langen Kulturkampf Amerikas, und sicher hatte Obama mit seiner Ent- schaft für sie gebracht hat: Die Arbeitslo- Moss Jr., dem Vater von Otis Moss III., scheidung auch im Sinn, den Zauber von sigkeit unter Schwarzen liegt nach wie einem der Mitstreiter von Martin Luther 2008 wiederzubeleben. vor bei 13 Prozent, deutlich höher als der King. Aber auch bei jenen, die ihn bisher Aber es gibt diesmal mehr Zweifler als nationale Durchschnitt von 8 Prozent. Elf unterstützt hatten, stieß er auf heftige damals, die Mehrheit der Wähler sieht in Prozent der Schwarzen haben in der Kri- Kritik. Pastor Dwight McKissic aus Ar- diesem Schritt den kalkulierten Versuch, se ihre Häuser verloren. Doch nun muss lington, Texas, sagte: „Obama hat die Bi- reiche Homosexuelle als Großspender an Obama erstmals ernsthaft um ihre Zu- bel verraten.“ Pastor William Owens aus ihn zu binden. Nach vier Jahren Obama stimmung fürchten. Ohne sie würde im Memphis sprach von der „Geiselnahme klingt für sie das Versprechen hohl, ein November seine Wiederwahl scheitern. der Bürgerrechtsbewegung“ durch Ho- Amerika zu bauen, das allen dient. Obamas Bekenntnis zur Schwulenehe mosexuelle. Man könne Bürgerrechte Und viele Unterstützer von einst klin- hat die Schwarzen entsetzt. Homosexua- nicht auf Schwule übertragen: „Homose- gen heute so ernüchtert wie der schwarze lität passt nicht zur Macho-Kultur, die be- xuelle haben die Wahl zu sein, was sie Professor Cornel West, ehedem ein enthu- herrscht wird vom Ideal starker Männ- sind, Schwarze haben nie die Wahl ge- siastischer Fan Obamas: „Er ist wie ein lichkeit. „Uns ist beigebracht worden, habt.“ Schriftsteller, der eine Obsession für dass wir durch die Sklaverei unserer Owens droht nun, Obamas Wieder- Proust und Tolstoi hat, aber dann nur Männlichkeit beraubt wurden“, schreibt wahl zu sabotieren. Wie andere Geist- Kurzgeschichten schreibt, die es allenfalls der schwarze Publizist Charles Stephens, liche auch predigt er jetzt sonntags gegen in ein mittelmäßiges Magazin bringen“, „deshalb müssen wir an dem festhalten, Obamas Unterstützung für die Schwulen- sagt West. „Ich habe Proust und Tolstoi was uns geblieben ist.“ Ein Gutteil der ehe. Er hat eine Interessengruppe von 13 von ihm erwartet, stattdessen schafft er Hass-Kriminalität gegen Homosexuelle schwarzen Pastoren in Tennessee gegrün- es gerade auf den ,Newsweek‘-Titel.“ wird von Schwarzen verübt. det, die gegen Obama vorgehen wollen. MARC HUJER 90 D E R S P I E G E L 2 2 / 2 0 1 2
  • 73. Ausland MARK RALSTON / AFP NIR ELIAS / REUTERS Mönche im Hochland von Tibet: Zugriff der Politik Neubauten in Ordos: Wie Dubai ohne Einwohner Gelber Flu 250 km ss Peking Jiabiangou Innere Mongolei Ordos Jiayuguan Wuhai CHINA Wuda Bohai Gansu Jinan Qinghai Xining luss rF be Gelbes l Lanzhou Ge Meer Gyaring Maduo Zhengzhou Ngoring Anhui Shanghai CH INA Wiege des Volkes Mehr als 5000 Kilometer weit windet sich der Gelbe Fluss vom tibetischen Hochland bis zur Mündung in der Bucht von Bohai. Eine Reise entlang seiner Ufer zeigt, wie rasant die Weltmacht ihren Aufstieg betreibt – und wie gnadenlos. Von Andreas LorenzQ inghai ist das Ende der Welt. Lan- herden treiben. Die Hirten sitzen meist Xia-Dynastie. Der soll, wenn es ihn denn ge Zeit galt die abgelegene Pro- nicht mehr im Pferdesattel, sondern auf gegeben hat, etwa 2200 vor Christus ge- vinz zwischen dem Hochland von dem Moped. lebt haben.Tibet und den Wüsten im Norden als Chi- Von der Provinzhauptstadt Xining Was für die Ägypter der Nil, für dienas Sibirien. Hierhin schickten Pekings steigt die Straße hinauf auf das Dach der Amerikaner der Mississippi, für die Deut-Herrscher ihre Sträflinge, kriminelle wie Welt. Auf den Bergpässen, manche sind schen der Rhein ist, das ist für die Chine-politische. über 5000 Meter hoch, flattern tibetische sen der Gelbe Fluss. An seinem Ufer ste- So abgelegen ist das Gebiet, dass in- Gebetsfahnen. In dieser Landschaft voller hen symbolträchtige Denkmäler, die Müt-zwischen sogar die Arbeitslager wieder Mythen und Fabelwesen, nicht weit von ter mit ihren Babys auf dem Arm zeigen.aufgelöst und in erreichbarere Regionen der Grenze zur Autonomen Region Tibet, In der Nähe seiner schlammigen Ufer sol-verlegt worden sind. In Chinas speziellem entspringt der Huang He, der Gelbe Fluss len die Vorfahren der heutigen ChinesenSozialismus müssen auch Straflager Ge- – Chinas „Mutterstrom“. Er gilt als Sinn- die ersten Schriftzeichen in Schildkröten-winne erwirtschaften – was im unwirt- bild der ganzen Nation mit ihrer Jahrtau- panzer eingeritzt haben, hier soll der le-lichen Qinghai nicht gelingen will.  sende währenden Geschichte und auf sich gendäre Gelbe Kaiser geherrscht haben, Qinghai heißt „Grünes Meer“, nach selbst gerichteten Kultur. „Wer immer hier wurde dem Fluss einmal im Jahr eindem großen Salzsee im Osten der Pro- den Gelben Fluss kontrolliert, kontrolliert schönes Mädchen geopfert.vinz. Einem grünen Meer gleichen aber China“ – diese Maxime von zeitloser Gül- 5464 Kilometer weit windet der Stromauch die endlosen Weideflächen, über die tigkeit wird bereits Yu dem Großen zu- sich durch das große Reich, in der Nähetibetische Nomaden ihre Yaks und Schaf- geschrieben, dem ersten Herrscher der seines Ufers wurde der Philosoph Konfu-92 D E R S P I E G E L 2 2 / 2 0 1 2
  • 74. GETTY IMAGESOberlauf des Gelben Flusses in der Provinz Qinghai: Einmal im Jahr ein schönes Mädchen geopfertzius geboren, dessen Konzept einer all- der Aufstieg Chinas in die Reihe der Wer zu den Quellen des Gelben Flussesumfassenden „Harmonie“ Pekings Kom- mächtigsten Nationen der Erde verur- vordringen will, muss im Marktfleckenmunisten mittlerweile zur Staatspolitik sacht hat, wie rücksichtslos seine Herr- Maduo auf dem Hochland von Qinghaigemacht haben. An den Fluss, in die fahl- scher mit ihrem eigenen Volk umgegan- haltmachen. Maduo liegt 4300 Meter übergelbe Lößlandschaft von Nordchina, zo- gen sind, wie gnadenlos sie Raubbau an dem Meeresspiegel, die Häuser sind frischgen sich Mao Zedong und seine Genossen der Natur betrieben haben. Genauso getüncht, die Polizei baut sich gerade ein1935 im Krieg mit der damals herrschen- deutlich ist aber auch die Kraft zu ent- neues Hauptquartier. In Maduo versorgenden Regierung der Kuomintang zurück. decken, mit der dieses Land – wie der sich die tibetischen Nomaden der Umge-Unter dem Namen „Langer Marsch“ ist Fluss – vorwärtsströmt. Und eine Reise bung mit Getreide, Medikamenten, Le-die Befreiung aus der Umkesselung durch den Fluss hinunter macht klar: China, das bensnotwendigem.nationalchinesische Soldaten zum zentra- Reich der Mitte, hat – nach einem Jahr- Längst sind auch hierhin, wo die dünnelen Heldenmythos der KP avanciert. hundert der Erniedrigung durch feind- Luft das Atmen schwermacht und jede Zuweilen nutzten Chinas Kriegsherren liche Mächte – voller Selbstbewusstsein Anstrengung mit Kopfschmerz bestraftden Fluss sogar als Waffe: In der Nähe seinen angestammten Platz wieder ein- wird, Wanderarbeiter aus anderen Teilender Stadt Zhengzhou ließ General Chiang genommen. Chinas vorgedrungen. Es sind MenschenKai-shek im Jahr 1938 die Däm- wie Li Bing, 23, aus der Provinzme sprengen, um den Vormarsch Anhui in Ostchina. Seit fünfder japanischen Truppen zu stop- Jahren näht und verkauft er inpen – Feind und Freund ertran- seinem Lädchen auf kaum mehrken zu Hunderttausenden. als fünf Quadratmetern Tem- Heute ist der Gelbe Fluss die pelschmuck und Gebetsfahnen.wichtigste Wasserquelle für 140 Dass er, der ungläubige Chinese, XINHUA-CHINE NOUVELLE / GAMMA / LAIFMillionen Menschen und Tau- ausgerechnet mit tibetischen De-sende Fabriken. An seinem Lauf votionalien handelt, hat seinergibt es Unmengen von Boden- Ansicht nach einen einfachenschätzen, Kohle, Öl, Gas und Grund: „Die Tibeter kriegen dasSeltene Erden, die für Chinas mit den Bestellungen und derAufschwung immer wichtiger Logistik professionell nicht sowerden. richtig hin.“ Am Gelben Fluss ist zu erken- Inzwischen hat Li seine Fraunen, welch gigantische Kosten Parteichef Mao am Gelben Fluss 1952: Zentraler Heldenmythos Yu nachgeholt und umgerechnet D E R S P I E G E L 2 2 / 2 0 1 2 93
  • 75. Auslandrund 20 000 Euro in das Geschäft inves- Im Gebetssaal hat er vier Fotos des Da- Yang will die Grausamkeiten eines Ge-tiert. Das Paar lebt in einer Nische über lai Lama aufgestellt, eines steht hinter ei- schichtsabschnitts dokumentieren, dendem Verkaufsraum, in dem auch noch die ner leeren Flasche Tuo-Schnaps, in der die KP auch heute noch am liebsten tot-Nähmaschine für die Gebetsfahnen steht. rote Kunstblumen stecken. Für den Dalai schweigt: Maos „Großen Sprung nach„Das Leben hier ist billig“, sagen sie. „Wir Lama hat der Alte sogar einen symboli- vorn“ am Ende der fünfziger Jahre. Da-gehen erst zurück nach Anhui, wenn wir schen Sitz hergerichtet, den er ebenfalls mals versuchte Chinas Führer, das Landeine Million Yuan zusammenhaben.“ Das mit einem Foto geschmückt hat. in einem Gewaltstreich zu industrialisie-wären etwa 120 000 Euro – für Li und Yu In der Autonomen Region Tibet ist das ren, um etwa Großbritannien „innerhalbeine Summe, die sie richtig reich machen Ausstellen von Fotos des Dalai Lama von 15 Jahren“ wirtschaftlich einzuholen.würde. Durchaus möglich, dass die bei- streng verboten. Doch im benachbarten Die KP befahl den Bauern, auf ihren Fel-den das schaffen. Qinghai ist der Zugriff der Politik etwas dern kleine Hochöfen anzulegen und Es sind viele Rinnsale, die aus den Bay- lockerer, hier darf der von der Regierung Stahl zu kochen. Gleichzeitig verlangtean-Har-Bergen im Nordosten des Hoch- als „Spalter“ und „Verräter“ beschimpfte sie immer höhere Getreideabgaben an dielands von Tibet herabströmen, sich ver- Mönch noch gezeigt werden. Der Dalai Städte. Der „Große Sprung nach vorn“einigen und die Gebirgsseen Gyaring und Lama, seit 1959 im indischen Exil, ist endete in einer Katastrophe, bis zu 45Ngoring durchfließen. Auf einer Anhöhe ebenfalls ein Sohn des Gelben Flusses, er Millionen Chinesen verhungerten.über den Seen hat die Kommunistische wurde vor bald 77 Jahren im Dorf Taktser Angefeuert vom späteren Wirtschafts-Partei dem Strom ein Denkmal errichtet, in Qinghai geboren. reformer Deng Xiaoping, sperrte die Parteidas wie stilisierte Hörner eines Yaks in Rund 200 Kilometer entfernt liegt etwa zur gleichen Zeit rund eine halbeden Himmel ragt. Auf einer Kupfertafel Lanzhou, die Hauptstadt der Provinz Million angeblicher Rechtsabweichler instehen Sätze, die die Bedeutungdes Flusses für Chinas Identitätproklamieren: „Der Gelbe Flussist die Wiege des chinesischenVolkes. Die Gelber-Fluss-Regionist der Geburtsort der großartigenalten chinesischen Kultur. DerGeist des Gelben Flusses ist derGeist des chinesischen Volkes.“ Doch nicht einmal hier obenist die Welt noch in Ordnung:„Früher war es viel kälter als heu-te“, sagt der Nationalpark-Ranger,der die Zufahrt zu den zwei Seenbewacht. „Manchmal lag derSchnee so hoch, dass ich morgensmeine Tür nicht aufbekam, heutereicht er nur bis zum Knöchel.“Die Piste zu den Ufern wird gera-de repariert; sie sackt ab, weil der MARK RALSTON / AFPPermafrostboden auftaut. Schuld an der Umweltverände-rung sind aber nicht nur die qual-menden Schlote und Autoabgase4000 Meter tiefer im Inneren des Yak-Karawane in Qinghai: Die Umsiedlung der Nomaden schafft böses BlutLandes. Auch die tibetischen Hir-ten haben sich an der Zerstörung ihrer Gansu. Seit den fünfziger Jahren entwi- Umerziehungslager. Die Lagerinsassen, oftHeimat beteiligt: Wegen der großen Nach- ckelte sich die Stadt zu einem bedeuten- gebildete Städter, wurden beschuldigt, diefrage nach teurer Kaschmirwolle haben den Standort für die Öl- und Chemie- Politik der KP anzuzweifeln. Viele über-die Nomaden in den vergangenen Jahren industrie, heute leben 3,5 Millionen Ein- lebten die Tortur nicht. Eines der Lagerimmer größere Herden über das Grasland wohner hier. Umweltschutz existierte war im Ort Jiabiangou in der Wüste Gobi.getrieben. Und die Kaschmirziegen gehen lange Zeit nicht einmal als Begriff. Nicht Autor Yang hat Überlebende dieses La-besonders rabiat mit ihren Weideflächen nur die Fabriken, auch die Haushalte der gers aufgespürt und ihre Berichte in einerum, sie reißen die Halme mit der Wurzel ganzen Stadt pumpten ihre Abwässer in kleinen Shanghaier Literaturzeitschriftaus, so dass der Boden versandet. den Gelben Fluss. Erst jetzt werden Klär- veröffentlicht, deren Redakteure das Ver- Nun sind die traditionellen Weidegrün- anlagen zumindest für die Wohnsiedlun- bot der Zensoren ignorierten. An diesemde der Nomaden mit Zäunen abgesperrt. gen gebaut. Vormittag hat er den ehemaligen LehrerDie Regierung siedelt die Hirten in ande- Eine Seilbahn transportiert Besucher Chen Zonghai mitgebracht, einen rüsti-re Gegenden um, und das schafft böses über den Fluss zur Weißen Pagode. Ein gen 79-Jährigen, der das Lager Jiabian-Blut bei den Tibetern. Teehaus in der Nähe hat sich der Schrift- gou als einer von wenigen der insgesamt Am Ortseingang von Maduo liegt das steller Yang Xianhui, 66, ausgesucht – rund 3000 Inhaftierten überlebte.Gesawang-Kloster: ein paar Steinhäuser, nicht nur wegen des schönen Ausblicks Chens Kopf ist kahl, auf der Nase trägtein paar Nomadenzelte. Es ist das religiö- über die Stadt und die älteste Eisenbrücke er eine große Brille. Sein Pech war es, inse Zentrum der Quellregion des Gelben des Gelben Flusses, die Anfang des 20. den damals üblichen Kritiksitzungen, inFlusses. Ein alter Mönch führt die Besu- Jahrhunderts von deutschen Ingenieuren denen die Partei das Klassenbewusstseincher ins Hauptgebäude und erzählt seine errichtet wurde. Yang glaubt sich hier un- der Untertanen prüfte, „zu ruhig“ gewe-Geschichte. Von 1961 bis 1980 hatten die gestört. Er hat es sich zur Aufgabe ge- sen zu sein. Die Kader lasteten ihm an,Chinesen ihn ins Gefängnis geworfen, macht, die dunkle Vergangenheit Chinas dass er niemanden denunziert hatte. Alsosagt er. aufzuhellen. verfrachteten sie ihn am Ufer des Gelben94 D E R S P I E G E L 2 2 / 2 0 1 2
  • 76. Flusses auf einen Lastwagen und fuhren Am Eingang warnt eine Tafel: „Wer heute Die Chinesen haben noch einen ande-ihn mit anderen Rechtsabweichlern nach nicht richtig arbeitet, kann sich morgen ren Namen für den großen Strom. SieJiabiangou. einen neuen Job suchen.“ Daneben sind nennen ihn „Chinas Sorge“ wegen all der Das Perfide an dieser Form der Haft: mit Kreide Zitate aus Reden der Partei- Tragödien, die sich an seinen Ufern ab-Sie war zeitlich nicht begrenzt. „Wir soll- führer Mao Zedong, Deng Xiaoping, gespielt haben.ten fleißig Tag und Nacht arbeiten und Jiang Zemin und Hu Jintao geschrieben. Noch einmal knapp 600 Kilometeruns selbst umerziehen“, erinnert sich Kein Schild, kein Gedenkstein weist flussabwärts von Lanzhou scheint ChinasChen. Doch die Camps entwickelten sich auf die Vergangenheit hin. Medizinstu- Sorgenstrom in der Hölle zu münden.zu Todeslagern, die ohnehin knappen Es- denten aus Lanzhou haben schon 1960 Dort, auf dem Weg nach Wuda in dersensrationen wurden kleiner und kleiner, alle Toten eingesammelt, die Skelette Inneren Mongolei, windet sich der Gelbedann gab es gar kein Essen mehr. Die wurden als Unterrichtsmaterial an die Fluss träge an Oasen vorbei durch SteppenWächter schauten zu, wie die Häftlinge Universitäten verteilt. und Wüsten. Und plötzlich sieht es auseiner nach dem anderen verhungerten. Herr Chen,  der kein Verwandter des wie auf dem Mond: Geröll, Staub, alles ist Chen rupft einen Grashalm aus der ehemaligen Lehrers ist, leitet den staat- grau. Kein Grashalm wächst, kein KäferErde. „So etwas ist essbar“, sagt er. „Ich lichen Agrarbetrieb. Er fühlt sich nicht krabbelt hier, auch die Vögel sind ver-habe damals von fetten Mahlzeiten ge- wohl, wenn er Besuchern aus dem Aus- schwunden. Unter der Oberfläche kochtträumt. Im Winter 1959 starben immer land ein dunkles Kapitel der Geschichte hier die Erde, wer zu lange stehen bleibt,mehr Mithäftlinge.“ 1961 war der Spuk Chinas öffnen soll. Doch den Autor Yang dem schmelzen die Sohlen. Und zuweilenschließlich vorbei. Die Behörden ließen schätzt er, also zeigt er die Gräben, die tut sich der Boden auf und zieht Menschendie wenigen Überlebenden laufen. von den Gefangenen ausgehoben wur- hinab in den glühenden Schlund. Ein Umweltinferno erstreckt sich über mehrere Quadratkilo- meter. Seit über 50 Jahren brennt hier in der Tiefe die Koh- le. Sie hat sich selbst entzündet, das Feuer flammt immer wieder auf, weil durch verlassene Stol- len Sauerstoff eindringt. Das Atmen fällt schwer, die Luft ist voller Schadstoffe, der Regen sauer. Viele Millionen Tonnen Kohle sind hier mittler- weile verbrannt. Langsam be- kommen Feuerwehrleute mit Hilfe deutscher Experten die Flammen in den Griff. Sie iso- lieren Brandherde mit unterir- dischen Mauern, schichten Erd- LAN SHANG / IMAGINECHINA massen um, damit die Flammen ersticken. Unmittelbar am Rande des In- fernos von Wuda haben Arbei- ter eine neue Straße betoniert, als wollten sie beweisen, dass sieMillionenstadt Lanzhou: „Wer heute nicht richtig arbeitet, kann sich morgen einen neuen Job suchen“ sich von der Natur nicht unter- kriegen lassen. Und auf der an- Wer in das alte Todeslager gelangen den, und die Bäume, die sie pflanzten. deren Seite der Piste, nur ein paar Meterwill,  muss eine Stunde nach Jiayuguan „Hier haben über tausend Menschen eine vom kochenden Untergrund entfernt, sindfliegen – und gerät in eine Welt, in der Kette gebildet, um Steine zu transportie- mittlerweile schon wieder neue Kohlemi-Vergangenheit und Zukunft gleicherma- ren“, sagt er.  nen entstanden. „Hier ist es nicht mehrßen präsent sind. Hier verwittert die Gro- Dann spricht Chen über „notwendige gefährlich“, versichert Manager Chenße Mauer, die einst die Chinesen vor den Opfer“, die ein Reich wie China fordere, Zengfu von der 2. Huaying-Kohlemine.nomadischen Reitervölkern schützen soll- um den Fortschritt zu ermöglichen. Und „Wir gehen bis 700 Meter in die Tiefe.“te. Und hier leben heute Chinas Nuklear- er findet einen Vergleich, der sein Gewis- In diese Einöde hatte Mao in den sech-techniker, die rund hundert Kilometer sen entlastet: Auch der Bau der Großen ziger Jahren Teile seiner Schwer- undentfernt in der Wüste ihre Labors haben. Mauer habe viele Tote gefordert, sagt er, Rüstungsindustrie verlagert, weil er sieJeden Morgen um 7.40 Uhr transportiert „aber sie hat das Land vereint“. vor einem Angriff der Sowjetunion in Si-ein Zug Techniker und Arbeiter in das Im Teehaus in Lanzhou schaut der alte cherheit bringen wollte. „Dritte Linie“geheime Atomzentrum, gegen 18 Uhr Lehrer über den Gelben Fluss und das hieß das Projekt. Später kamen, nicht im-bringt er sie wieder zurück.  Häusermeer der Metropole. „Ich glaube mer freiwillig, Bauern, die die Wüste am Von der Stadt aus führt eine Straße zu an nichts mehr“, sagt er. Obwohl der Tee- Gelben Fluss urbar machen sollten.einem der vier Weltraumbahnhöfe Chi- garten weitläufig und fast leer ist, setzen Der Rauch aus diesen Industriefossiliennas. Irgendwann auf dem Weg dorthin sich drei Männer direkt an den Neben- verdunkelt den Himmel, Schwerlasterzweigt ein Holperpfad ab – der Weg ins tisch und hören aufmerksam zu. Autor keuchen auf löchrigen Straßen heran. Inehemalige Hungerlager Jiabiangou. Yang spricht demonstrativ mit lauter trostlosen Kachelbauten warten Prostitu- Auf den ersten Blick erinnert nichts Stimme, als er die Geschichte von Jia- ierte auf die Lastwagenfahrer. Am Ufermehr an das Grauen jener Zeit: Jiabian- biangou erzählt: „Diese jungen Stasi-Bur- des Gelben Flusses schmurgelt das Zhu-gou ist heute eine blühende Oase, in der schen sollen ruhig hören, was damals pas- rong-Stahlwerk. Ein paar hundert MeterMais, Melonen und Chilischoten wachsen. siert ist.“ weiter, auf einem Platz im Dorf namens D E R S P I E G E L 2 2 / 2 0 1 2 95
  • 77. MARK RALSTON / AFP Touristen in Ordos, Kohleabbau in Wuda: Größenwahn in der Steppe Roter Stern, 2. Einheit, kochen Anwohner Inneren Mongolei. Ordos gilt als das chi- Fluss etwa in der Hauptstadt Peking auf- Kohl für den Winter ein. „Wir können nesische Dubai. Auf 35 Milliarden Dollar gekauft. Meistens zahlen sie bar und las- nicht atmen“, sagen sie. „Wir haben alle schätzen Experten die Einnahmen, die sen die Wohnungen leerstehen. Sie hof- Lungenprobleme.“ die staatlichen und privaten Minen 2010 fen darauf, dass die Preise weiter steigen. Das Werk zahlt dem Dorf 80 000 Yuan erwirtschaftet haben, das Wirtschafts- Wer den Unterlauf des Gelben Flusses (rund 10 000 Euro) im Jahr als Entschädi- wachstum war hier zuweilen doppelt so entlangreist, wird wie in einer defekten gung für die schlechte Luft. Die Bauern hoch wie im Rest des Landes. Zeitmaschine hin- und hergeworfen zwi- nutzen das Geld, um Wasser aus dem Und so soll es weitergehen: Ingenieure schen Vergangenheit und Zukunft. Hinter Gelben Fluss zu kaufen, mit dem sie die haben in Ordos bislang ein Sechstel der den Deichen ducken sich Dörfer, die sich Felder bewässern. Kohlevorräte und ein Drittel der Gasvor- seit Jahrzehnten nicht verändert haben, Am Horizont sind moderne Industrie- kommen von ganz China aufgespürt. stehen Orte, deren Straßen wie zu Zeiten zonen zu erkennen, die in den vergange- Schon jetzt erwirtschaftet jeder der 1,5 Maos „Eisen und Stahl“ heißen. Sie ha- nen Jahren entstanden sind, gigantischer Millionen Einwohner der Stadt im Schnitt ben keinen Dorfplatz, keine Kneipe, kei- noch als jene aus Maos Zeiten. Flugzeuge rund 20 000 Dollar im Jahr, so viel wie nen Friedhof. Die Toten begraben die im Landeanflug auf die Stadt Wuhai pas- nirgendwo sonst. Bauern auf ihren Feldern. sieren Fabrik um Fabrik, Schornstein um Bei Ordos hat die Partei den komplett Wo östlich der Provinzhauptstadt Jinan Schornstein, Kühlturm um Kühlturm. Da- neuen Stadtbezirk Kangbashi hochgezo- vor zehn Jahren nur noch Pfützen im hinter glitzert der Gelbe Fluss in der gen, inklusive Armeehauptquartier und Sand vertrockneten – während fast zwei Nachmittagssonne. Universität für 8000 Studenten. Mindes- Dritteln des Jahres versandete damals der Sechs-, acht-, zehnspurige Straßen zer- tens 300 000 Menschen sollen hier einmal Fluss, bevor er das Gelbe Meer erreich- schneiden die Sanddünen. Hier gießt Chi- leben. Bislang aber haben sich allenfalls te –, glitzert mittlerweile wieder das Was- na den Beton für die Plattenbauten in Pe- ein paar tausend angesiedelt. Noch ist ser in der Sonne. Der Staat reguliert, wie king und Shanghai, formt das Plastik für Kangbashi eine Geisterstadt und ein Mo- viel die einzelnen Provinzen entnehmen Radios und Fernseher, härtet den Stahl nument des Größenwahns in der Steppe. dürfen, Industrieunternehmen müssen für Wolkenkratzer, Brücken, Autos und Ein paar Kilometer südlich von Kang- moderne Bewässerungskanäle für die Hochgeschwindigkeitszüge. bashi liegt die Hauptquelle des Reich- Bauern der Umgebung bauen, damit In Wuhai hat die Stadtverwaltung ge- tums: Kohle. Blauweiße Fördertürme und nicht so viel verdunstet. rade ein riesiges Regierungsgebäude er- Silos. Die Anlagen sind hochmodern, von Vor einer Pumpstation schaufeln drei richtet, zwei futuristische Stadien, eine einem Kontrollraum aus wachen Inge- Arbeiter Schlamm beiseite. Die Bauern Universität und eine feine Parteihoch- nieure per Videokameras über das Ge- hinter dem Deich brauchen das Wasser schule. Nun will sie einige der gerade schehen unter Tage. des Gelben Flusses für ihre Maisfelder und hochgezogenen Apartmentblöcke schon Ein schmaler Zulauf des Gelben Flusses Baumwollsträucher. Sie haben zuvor ein wieder einreißen – ehrgeizigere Pläne ha- trennt hier das moderne Industrie-China kleines Feuerwerk angezündet, um die ben die alten überholt. von seinem düsteren Unterbau. Auf der bösen Geister des Flusses zu vertreiben. Auf der höchsten Kuppe des nahen Ge- anderen Seite haben private Unterneh- Nebenan hieven Wanderarbeiter für birges haben Arbeiter begonnen, den mer Stollen in die Erde geschlagen. Aus wenig mehr als zehn Euro am Tag mit Kopf des legendären Mongolenherrschers den Toren dieser unsicheren Mini-Berg- bloßen Händen Steine aufeinander, die Dschingis Khan in den Stein zu meißeln, werke keuchen vollbeladene Lkw, so alt im Fall einer Flut die Deiche verstärken so wie es die Amerikaner mit ihren Prä- und demoliert, dass jede Tour in die Tiefe sollen. Überall am Unterlauf liegen säu- sidenten in den Schwarzen Bergen von die letzte sein könnte. berlich aufgereiht Reservequader bereit. South Dakota taten. Schon bald wird der Die Kumpel dieser Mine leben auf ei- „Das Wasser ist jetzt trinkbar“, sagt Welteneroberer über den Gelben Fluss nem Hügel oberhalb des Bergwerks in Sojabohnenquark-Verkäufer Wei, der mit hinweg ins weite Land schauen. Verschlägen mit jeweils einem Eisenofen seinem Motorrad jeden Morgen die Ufer- Die Genossen von Wuhai sind kein in der Mitte. Das Gemeinschaftsklo stinkt dörfer abfährt. Auch Fische schwimmen Einzelfall: Wie sie träumen die Funktio- vor sich hin. Miete müssen die Arbeiter wieder im Fluss, die Anwohner erlegen näre allenthalben am Gelben Fluss davon, nicht bezahlen, für die ganze Siedlung sie, in dem sie Elektrokabel ins Wasser ihre Städte in die Reihe international be- gibt es eine kleine Kantine.  halten. deutender Metropolen zu schieben. Die Besitzer von Minen wie dieser sind Im Dorf namens „Schmiedeplatz“ ist Kaum jemand hat größere Pläne als mitverantwortlich für den Bauboom in Markttag. Die Händler bieten Obst, Ge- die Parteiführer in Ordos, rund 80 Kilo- Chinas Metropolen. Ganze Neubauvier- müse, billige Elektronik und Kleidung meter südlich des Gelben Flusses in der tel haben die Kohlebarone vom Gelben an. Hier gibt es alte Mao-Kappen für um- 96 D E R S P I E G E L 2 2 / 2 0 1 2
  • 78. Ausland mehr alle seine Arztrechnungen selbst ren, ein anderes Boot tastet sich vorsich- bezahlen. Wie er sollen alle 700 Millionen tig heran, um den Untergrund aufzuwüh- Landleute eine Krankenversicherung ab- len, damit der Havarist wieder genug schließen können. Wasser unter den Kiel bekommt. Nach Duan muss, wie er sagt, umgerechnet rund einer Stunde glückt das Manöver, sechs Euro im Jahr bezahlen. Dafür be- und beide Schiffe tuckern zurück in die kommt er fortan zwischen 40 und 70 Pro- blutrote Abendsonne. zent der Arztkosten zurück, abhängig da- Ein wenig flussaufwärts, in der Pro- von, ob er sich ambulant oder in einem vinzhauptstadt Jinan, lassen die Anwoh- MIKE GOLDWATER / GETTY IMAGES Krankenhaus behandeln lässt. „Ich habe ner zu dieser Zeit auf dem Platz zwischen schon das Foto für die Bescheinigung ge- den Regierungsgebäuden Drachen in den macht“, sagt er stolz. Nachthimmel steigen. Sie sind mit klei- Dann endlich, 100 Kilometer weiter nen Leuchtbirnen versehen und funkeln nach Osten, ergießt sich der Gelbe Fluss mit den Sternen um die Wette. in die Bohai-Bucht, wo vor gut 50 Jahren Drachen sind hier schon seit Jahrhun- ein riesiges Ölfeld gefunden wurde. Es derten in den Himmel gestiegen. Das Chi- trägt den Namen „Sieg“. Seither lodern na von heute aber begnügt sich längst die Fackeln der Raffinerien, überall nicht mehr mit solch traditionellen Ver-gerechnet 57 Cent und traditionelle schwingen Ölpumpen wie Uhrpendel. gnügungen.Emailleschüsseln mit grellen Blumenmo- An der Mündung von Chinas Schick- In einer Ecke des Platzes ertönt kräch-tiven. „Uns geht es nicht gut und nicht salsstrom hat die Regierung ein Natur- zend ein Kassettenrecorder. Eine Volks-schlecht“, sagt eine Bäuerin. „Ein paar schutzgebiet eingerichtet, dazu ein Tou- tanzgruppe streift sich Schuhe mit Me-tausend Yuan bleiben am Jahresende ristenzentrum, das mit futuristischer Ar- tallbeschlägen über. Dann erklingt irischeübrig.“ chitektur protzt. Ausflugsdampfer bieten Volksmusik, und die Anwohner des Gel- In einer blauen Jacke sitzt der Sche- Touren bis ins Meer an, dort, wo die brau- ben Flusses beginnen zu steppen.renschleifer Duan, 71, an der Straße. „500 ne Farbe des Flusses auf das Blau desbis 600 Yuan verdiene ich im Monat“, be- Meeres stößt. Die Skipper müssen jederichtet er, circa 62 bis 74 Euro. Er ist auf Sekunde auf das Echolot achten, denn Video:das Geld angewiesen, will er nicht seinen nach mehr als 5000 Kilometer Lauf ist Andreas Lorenz überKindern zur Last fallen. „Wir Bauern be- das Wasser hier nicht mal mehr einen sein Chinakommen in China keine Rente“, sagt er. halben Meter tief. Für Smartphone-Benutzer: Eine große Last hat die Partei ihm und Das Boot „Drachentor 688“ hat sich Bildcode scannen, etwa mitseiner Familie genommen: Er muss nicht mit Ausflüglern im Schlamm festgefah- der App „Scanlife“.
  • 79. Ausland AMSTERDAM Heile Welt Warum eine neue Bewegung aus den Niederlanden GLOBAL VILLAGE: Toaster und Bügeleisen repariertJ ede Revolution hat Helden. Diese Re- ses Stuhlbein anzuleimen. Es sind Frei- ständig dazu an, neu zu konsumieren. So volution hat Tonke, John und Koen: willige wie Tonke, John und Koen – sie wird das Reparieren langsam zu einer aus- drei Männer, die an ihren Tischen sit- reparieren kostenlos, weil sie anderen et- sterbenden Kultur.“zen und die Welt in Ordnung bringen wol- was beibringen wollen, weil sie Rentner, Es waren Texte wie das „Repair Mani-len. Sie schrauben, drehen, feilen, häm- arbeitslos oder einfach nur Idealisten sind. festo“, eine Kampfschrift von holländi-mern, frickeln. Sie sind schwer beschäf- Das Repair Café, so schwärmen Politi- schen Designern, die Postma inspirierten.tigt. Sie haben der Überflussgesellschaft ker und Sozialwissenschaftler, gehöre zu „Sei kein Sklave der Technologie – sei ihrden Kampf angesagt. Sie reparieren. den zurzeit aufregendsten sozialen Pro- Beherrscher!“, heißt es darin. Oder: „Re- „Ein mittelalter CD-Player“, sagt Ton- jekten in den Niederlanden. parieren ist kreativ! Reparieren überlebtke. „Das ist Billigware, made in China. Das erste wurde vor zweieinhalb Jah- die Mode!“Gebaut, um schnell kaputtzugehen.“ ren in einem Stadtteil von Amsterdam Im Oktober 2009 gründete die Journa- „Ein alter Toaster“, sagt John. „Rastet gegründet, heute gibt es 39 Repair Cafés listin das erste Repair Café, es folgte einenicht mehr ein. Könnte sein, dass da eine im ganzen Land. Belgien und Frankreich kleine Sensation. Radiosender berichte-Feder gebrochen ist.“ In ten über sie, von überalleinem früheren Leben her meldeten sich Frei-hat John medizinische willige. Leute, die kaput-Geräte in Krankenhäu- ten Dingen ein zweitessern repariert. Leben gönnen, die nicht Vor Koen liegen die abhängig sein wollenEinzelteile eines Dampf- vom Diktat der Technik.bügeleisens. Gerade hat Es geht dabei nicht nurer das Gehäuse abge- um defekte Geräte, esschraubt, nun beugt er geht um Politik, um Er-sich hingebungsvoll über neuerung, um eine Kul-das Unterteil aus Plastik turrevolution.und Drähten. Er sieht Weil sie die Bewegungkonzentriert aus, man ILVY NJIOKIKTJIEN / DER SPIEGEL irgendwann nicht mehrsollte ihn jetzt besser allein koordinieren konn-nicht stören. Eine Frau, te, gründete Postma einedie hinter Koen steht, Stiftung. Sie erhielt Un-sagt: „Das Problem ist terstützung vom Umwelt-der Dampf, dieses Bügel- ministerium und von ei-eisen hört nicht mehr auf Besucher im Repair Café: „Sei kein Sklave der Technologie!“ ner Organisation, die sichzu dampfen.“ für den „sozialen Zusam- Willkommen im „Re- menhalt“ in schwierigenpair Café“ in der Bali- Stadtteilen einsetzt, insstraat Nummer 48A in Amsterdams Os- interessieren sich mittlerweile für das Leben gerufen nach der Ermordung desten! Im Eingangsbereich eines unauffälli- Konzept, Blogger aus Amerika und Israel Politikers Pim Fortuyn 2002 und des Fil-gen Gemeinschaftszentrums, ausgestattet verbreiten die Idee im Netz. Im April memachers Theo van Gogh 2004.mit vier Holztischen, einer Sitzecke und wurde in Köln das erste deutsche Repair Auch die Balistraat, die Straße vor demeinem Tresen, haben sie sich eingefunden, Café eröffnet. Aus dem Projekt wurde Repair Café, sagt Postma, gehört zu ei-rund 20 Männer und Frauen aus dem eine Bewegung, ein Fanal gegen die Weg- nem Problemviertel. Doch im InnerenViertel. Sie haben defekte Elektrogeräte werfgesellschaft. des Cafés ist die Welt noch heil. Neugierigmitgebracht, Kleidungsstücke, Taschen, Dabei ist die Idee eher schlicht: Indem schauen zwei Türkinnen mit Kopftuch inSitzmöbel. Auf den Tischen stehen Werk- Leute zusammenkommen, um Dinge zu den Raum, in dem die Nähmaschinen rat-zeuge und Nähmaschinen. reparieren, lernen sie, Müll zu vermeiden, tern. Radha aus Surinam und Dalip aus Gekommen sind auch heute wieder nachhaltiger zu leben. Und: die Anony- Indien, ein Pärchen aus der Nachbar-jene, die sich eine teure Reparatur beim mität zu überwinden. „In den Repair Ca- schaft, haben eine kaputte MikrowelleKundendienst oder ein neues Produkt fés“, sagt ihre Gründerin Martine Postma, vorbeigebracht, sie stellen den riesigennicht leisten können; die ein Problem da- „treffen Leute aufeinander, die sonst in Kasten schüchtern lächelnd auf den Tischmit haben, ständig alte Drucker und Kaf- ihren Ghettos leben oder vereinsamen, von Tonke und John.feemaschinen wegzuwerfen, und solche, viele Alte, viele Migranten.“ „Schon wieder Chinaware“, sagt Tonke.die einfach lernen wollen, wie man einen Postma, eine 42-jährige Journalistin, er- „Ihr braucht ein Ersatzteil“, sagt John.Schaltkreis überbrückt. zählt, sie habe sich lange Zeit gefragt, Nur Koen schweigt und runzelt die Stirn. Auf der anderen Seite: die Bastler und warum die Leute immer seltener reparie- Das verdammte Dampfbügeleisen zicktSchrauber, die versuchen, Geräte wieder ren. „Keiner schmeißt gern etwas weg. immer noch. Eine technische und einezum Laufen zu bringen, einen kaputten Aber fast alle finden es bequemer, etwas politische Herausforderung.Reißverschluss auszubessern oder ein lo- Neues zu kaufen. Die Industrie treibt uns DANIEL STEINVORTH98 D E R S P I E G E L 2 2 / 2 0 1 2
  • 80. Szene Sport Bergsteiger in der Lhotse-Flanke des Mount Everest oberhalb von Camp III (etwa 7300 Meter) am 18. Mai MOUNT EVEREST „Autobahn zum Gipfel“ RALF DUJMOVITS Die Himalaja-Chronistin SPIEGEL: Am Wochenende machten sich den Everest und fliegen als Autor oder Billi Bierling, 44, über die gleichzeitig rund 200 Bergsteiger auf Motivationstrainerin wieder nach Hau- jüngsten Todesfälle und den Weg zum Gipfel. Ist eine Katastro- se. Sie wollen die Besteigung als Visiten- den zunehmenden Trubel phe dadurch nicht vorhersehbar? karte nutzen und lassen sich dafür skur- am höchsten Berg der Welt Bierling: Die Route für den Aufstieg wird rile Ideen einfallen. von einem Fixseil vorgegeben, das Seil SPIEGEL: Welche? SPIEGEL: Sie dokumentie- ist wie eine Autobahn zum Gipfel. Bierling: In diesem Jahr wollte ein Klet- ren in der nepalesischen Manchmal hängen bis zu 20 Kletterer terer sein Fahrrad mit zum Gipfel neh- Hauptstadt Katmandu die an einem Seil, das nur mit ein paar men. Vor ein paar Jahren versuchte ein Expeditionen im Himalaja. Schrauben im Eis verankert ist. Die Niederländer den Aufstieg in der Un- Voriges Wochenende sind am Mount Bergsteiger können sich kaum überho- terhose, er kam bis auf 7400 Meter. Es Everest vier Kletterer ums Leben ge- len, das würde in dieser Höhe zu viel gibt zu viel Show, der Respekt für den kommen, darunter ein 61-jähriger Deut- Kraft kosten. Also kommt es zum Stau. Berg lässt nach. scher. Was war passiert? Beim Warten wird den Kletterern sehr SPIEGEL: Warum beschränkt niemand die Bierling: Der deutsche Bergsteiger starb schnell kalt, und der Sauerstoff kann Zahl der Everest-Besteiger? angeblich an einem Hirnödem, andere knapp werden. Bierling: Wer den Berg in Angriff neh- steckten am Hillary Step fest, einer Eng- SPIEGEL: Der Everest zieht so viele Berg- men will, bezahlt eine Gebühr von stelle auf 8760 Metern. Einer von ihnen steiger an wie nie. Warum? 10 000 Dollar an die nepalesischen Be- war wohl schneeblind geworden. In die- Bierling: Das Geschäft boomt, der Berg hörden. Nepal ist eines der ärmsten Län- sem Jahr sind die Bedingungen am Eve- öffnet viele Türen. Es gibt Leute, die der der Welt, der Bergsport ist dort ein rest schlecht, es gibt viel Steinschlag. gehen als Mechaniker oder Friseurin auf wichtiger Wirtschaftszweig. BASKETBALL te Highschool-Spieler seit Le- nieren und würde vielleicht Bron James, dem Superstar eine steile Karriere riskieren. Profi oder Prediger? der National Basketball Asso- ciation (NBA). Er wird mit Danny Ainge, Präsident der Boston Celtics, rät ihm, sich DEANNE FITZMAURICE / SPORTS ILLUSTRATED/GETTY IMAGES Auszeichnungen überhäuft, auf den Sport zu konzen-Jabari Parker ist ein gläubiger Junge, es beobachten ihn schon mal trieren. Ainge ist auch Mor-jeden Morgen steht er um fünf Uhr auf 40 Talentspäher beim Trai- mone, missionierte nichtund betet, dreimal die Woche geht er ning. In zwei Jahren könnte und holte zweimal den NBA-Punkt halb sechs zum Bibelkreis in die er sich für einen Platz in der Titel. Jabari Parker weißKirche. Parker ist 17 und Mormone, NBA bewerben, er wäre der noch nicht, was er tun wird.er besucht die Highschool, in seinem erste schwarze Mormone in „Ich möchte gehen. Aber ichRucksack trägt er stets ein Paar Bas- der Liga. Mit 19 aber missio- habe Zweifel“, sagt er. Dieketballschuhe mit sich, T-Shirt, Shorts nieren Mormonen auch, zwei NBA sei der größte Traumund Strümpfe. Denn wenn er nicht ge- Jahre ziehen sie freiwillig eines jeden Basketballers.rade lernt oder betet, spielt er Basket- durchs Land, um ihren Glau- Allein: „Basketball ist das,ball für die Simeon Career Academy ben zu verbreiten. In dieser was ich tue. Es ist nicht das,in Chicago. Und Parker gilt als der bes- Zeit dürfte Parker nicht trai- Parker was ich bin.“ D E R S P I E G E L 2 2 / 2 0 1 2 101
  • 81. TEAM2Dortmunder Stars Piszczek, Blaszczykowski, Lewandowski: „Wolln Se die Wursttheke überfallen?“ POLEN Drei Granaten für Franz Die Hoffnungen der Gastgeber bei der Fußball-EM ruhen auf den Legionären von Borussia Dortmund. Torjäger Lewandowski trägt die Hauptlast: Er soll seingebeuteltes Team zu Siegen schießen – und will nebenbei den eigenen Marktwert erhöhen.102 D E R S P I E G E L 2 2 / 2 0 1 2
  • 82. Sport Wo Dortmund aufhört, Mann aus der Klopp-Schule tragen nun die wahre „Schule des Lebens“ für ihn fängt Lünen an. Vor einem die Hoffnungen einer ganzen Nation. Am gewesen: „Ich war ja der einzige Mann Klinkerbau am Rand der 8. Juni eröffnet Polen die Europameister- im Haus.“ Um seine Mutter zu unterstüt- alten Zechenstadt bremst schaft im eigenen Land mit dem Duell zen, habe er sich zeitig bemüht, Geld Robert Lewandowski, stellt gegen Griechenland. Es wird der erste heimzubringen. Der Vater verstarb, als seinen geländegängigen Schritt auf einem schwierigen Weg: In der Lewandowski 16 Jahre alt war. Schlitten ab und sperrt die Weltrangliste liegen die Gastgeber deut- Vermutlich ist es das, was die drei so Tür auf zu seinem Reich. lich hinter allen EM-Konkurrenten – und unterschiedlichen Dortmunder Polen am „Verknallt“, sagt Trainer Jürgen Klopp, knapp hinter Sierra Leone. ehesten verbindet: Dass sie auf Kurssind sie ja derzeit bei Borussia Dortmund Nationaltrainer Franciszek Smuda ver- geblieben sind, wo andere aus der Bahnalle – in ihren Verein. Beim Torjäger Le- gleicht Polens Liga-Niveau vorsorglich geworfen worden wären. Blaszczykowskiwandowski in Lünen sieht das daheim so mit dem von Bosnien-Herzegowina. etwa verlor seine Eltern, als er elf war –aus: Von der Wohnzimmerwand grüßt Schuld, heißt das, hätte der Verband, soll- der Vater hatte die Mutter ermordet undder Hausherr als Posterboy im schwarz- te am Ende trotz dreier Dortmund-Legio- landete im Knast. Mit 19 spielte „Kuba“gelben Dress; in die Küche haben sie ihm näre schon nach den Gruppenspielen noch in der vierten Liga. Mit 20 war ereinen Toaster gestellt, der das Kürzel Schluss sein. Im Land des WM-Dritten Nationalspieler, mit 21 in Dortmund. Die„BVB“ in Weißbrotscheiben brennt; und von 1974 und 1982 rächt sich inzwischen Begrüßung durch einen Mannschaftskol-den Garten ziert ein ins Gras gemähtes das Fehlen flächendeckender „Schulung legen, der sich das Zimmer mit dem PolenClub-Emblem. der Jugend“, klagt Smuda. teilen sollte, klang damals so: „Oh Gott, Auch Lewandowski scheint angekom- Dabei werden in der Fußballakademie da muss ich ja mein Portemonnaie weg-men zu sein. Im Herzen des Ruhrgebiets. von Varsovia Warschau wie eh und je sperren.“ Dabei stammt Borussias Stürmerstar Talente geschliffen. Und zwar auf jenem „Kuba“ hat sich dann durchgesetzt,aus Polen. Dort ist er Idol und Werbe- Platz, auf dem schon Robert Lewan- nicht nur in dieser Sache. Inzwischen istträger für Millionen. Nike und Coca-Cola dowski übte. Dass der schwächliche „Bo- er Kapitän der polnischen Nationalmann-schmücken sich mit ihm. Das Magazin schaft. Sein Kumpel Lukasz Piszczek,„MaleMen“ verewigte Lewandowski im 2004 von Hertha BSC nach Berlin geholtMärz als muskelstrotzendes Model und und umgehend nach Polen zurückverlie-titelte: „So sehen 20 Millionen Euro aus“. hen, strandete zwischenzeitlich bei Zagle-Der Weltmarkt-Wert des polnischen An- bie Lubin. Umgerechnet 2500 Euro hatgreifers steigt derzeit rasant. er dort zur Manipulation eines Spiels ge- Wie lebt so einer zwischen Dortmund gen Cracovia Krakau beigesteuert. Seinund Lünen? Vereinstrainer von damals ist sein Natio- Tadellos, sagt Lewandowski. Und be- LUKASZ GROCHALA / NEWSPIX / PIXATHLON naltrainer heute: Franciszek Smuda.stellt sich Schnitzel mit Mischgemüse im Piszczek hat sein Vergehen selbst an-Gasthaus Kegelkotten, weil der Kellner be- gezeigt, dafür gebüßt und daraus gelernt.dauert, weder Nudeln noch Lachs bieten Er ist ein freundlicher Kerl mit Manieren,zu können. Lewandowski ist der einzige der über einem Bananensaft im Dort-Gast im Lokal. Mittagstisch wird zwischen munder Steakhouse Rodizio keinenDortmund und Lünen, wenn überhaupt, Zweifel daran lässt, dass ihm die Ver-stehend eingenommen. Kein Problem für wandlung zu einem der besten Außen-den Polen, der bei Feiern, wenn nötig, den verteidiger der Liga nicht den Kopf ver-BVB-Hit „Rubbeldikatz am Borsigplatz“ dreht hat. Piszczek sagt: „Wir drei Polenmitsummt. Und auch auf dem Feld ablie- Polnischer Nationaltrainer Smuda haben hier in Deutschland viel gelernt.fert, was von ihm erwartet wird. „Gefärbte Füchse“ In Sachen Tempo, Training, Merchan- 2010 als teuerster Transfer der polni- dising. Aber wir werben auch für unserschen Fußballgeschichte von Posen nach bek“, dem der Trainer einst riet, „mehr Land. Wir widerlegen mit unseren Leis-Dortmund verkauft und dort anfangs als Speck“ zu essen, letztendlich Karriere tungen die gängigen Vorurteile gegen„Lewandoofski“ verlacht, blamiert der machte, sei allerdings eher dem „Zufall“ Polen.“Stürmer längst seine Kritiker. „Als Name und Lewandowskis Ehrgeiz zu verdan- Einen wie Jan Tomaszewski in War-würde ,Lewantorski‘ mittlerweile besser ken als gezielter Förderung, sagt Marek schau besänftigt das nicht. Der Torwart,passen“, spottet Anna, die Verlobte. Krzywicki, Direktor der Akademie: „Ta- 1974 Turm in der 0:1 gegen die Deutschen Saisontreffer 21 und 22 gelangen gegen lente werden bei uns nicht gehegt. Im verlorenen „Wasserschlacht von Frank-Freiburg am letzten Bundesliga-Spieltag; polnischen Fußball zählt kurzfristiger furt“, ist heute Abgeordneter im Sejm.beim 5:2 gegen Bayern München im DFB- Erfolg.“ Mit fast schon alttestamentlichem ZornPokalfinale am 12. Mai in Berlin waren Selbst in Leszno vor den Toren War- verfolgt er seinen einstigen Mitspieleres gar drei Tore. In Lewandowskis Bilanz schaus, wo am Waldrand das Haus steht, Grzegorz Lato, den amtierenden Präsi-stehen nun zwei Meistertitel mit der Bo- in dem Lewandowski groß wurde, stau- denten des Fußballverbands PZPN, undrussia binnen zwei Jahren. Maßgeblich nen sie bis heute über den Werdegang andere, die von Amts wegen mit demmitbeteiligt an den Erfolgen waren Jakub ihres verlorenen Sohnes. Ausgerechnet polnischen Fußball zu tun haben.Blaszczykowski, genannt „Kuba“, und bei den Deutschen, bisher vor allem be- „Unglaubliche Dinge passieren beiLukasz Piszczek, polnische Nationalspie- rüchtigt dafür, dass sie hier 1939 Schule uns“, zürnt Tomaszewski: „Korrupteler auch sie. Bei gut 60 Prozent aller BVB- und Pfarrhaus niederbrannten, ausgerech- Funktionäre und Spieler machen einfachTore in der abgelaufenen Saison hatte net dort also soll aus „Bobek“ nun einer weiter, als wäre nichts passiert.“ Einereiner der drei aus dem Osten die Füße der größten Hoffnungsträger des polni- wie Piszczek, zum Beispiel, habe inim Spiel. Der „Kicker“ führt das Trio un- schen Fußballs geworden sein? Polens Auswahl nichts verloren. Undter den besten acht Feldspielern der Liga. Na ja, sagt Lewandowski und blickt Verbandspräsident Lato, der WM- In vaterländischem Überschwang ernst aus noch bubenhaftem Gesicht, im Torschützenkönig von 1974? Den be-schwelgt Warschaus Presse bisweilen Grunde seien seine Jugendjahre und die schuldigt mit Hilfe von Videoaufnahmenschon von „Polonia Dortmund“. Die drei ersten Stationen als Fußballer in Polen ein Unternehmer, Schmiergeld angenom- D E R S P I E G E L 2 2 / 2 0 1 2 103
  • 83. Sportmen zu haben. Lato bestrei- Klopp dort neuerdings mittet das. der Forderung „Rusz dupe!“ Eitle Hahnenkämpfe der („Beweg deinen Arsch!“) bis-Helden von einst? Einen gibt weilen sein Polnisch aufblit-es, der inmitten all des ver- zen lässt, sorgt für Heiterkeit.bandsinternen Gezerres und So wie der Platzwart, selbstGekeifes die Nerven behalten im Nachbarland geboren, dermuss: Nationaltrainer Fran- neue Witze unters Volkciszek Smuda, seiner ober- bringt: „Watt is’ ein Pole, derschlesischen Herkunft wegen keine Arme hat? – ’ne Ver-„Franz“ gerufen. trauensperson.“ Franz hat zwar drei Grana- Andererseits: Erst ein hal-ten aus Dortmund im Kader, bes Jahr ist vergangen seitaber auch jede Menge Ärger der letzten „Kuba“-Krise –am Hals. Er spreche besser als Blaszczykowski, über-Deutsch als Polnisch, mäkeln strahlt vom jungen Mariodie einen. Er sage heute dies Götze, den Verein verlassenund morgen jenes, kritisieren wollte. Aus Piszczeks Umfeldandere. Er umwerbe „gefärbte wurden zuletzt Berichte überFüchse“, wettern Dritte: Spie- Avancen von Real Madrid ge-ler, die zwar eine polnische streut. Und ein Lewandowski-Großmutter im Stammbaum, Agent heizte von Warschauaber höchstens ein paar polni- aus Spekulationen um seinensche Brocken im Wortschatz Klienten an.haben, sollten das Trikot mit Auf Gruppenfotos stehendem Adler nicht tragen dürfen. sie bis auf weiteres noch brav Sagt auch Robert Lewan- zu dritt: gemeinsam mit älte-dowski. ren Fans aus der Heimat Smuda aber findet nach oder neben einem Batailloneigenem Bekunden nichts U-11-Spieler aus Krakau samtdabei, wie ein Brautwerber aufgebrezelten Fußballmüt-übers Land zu ziehen auf der tern, die das Trainingsgelän-Suche nach Verstärkung. Er de belagern und um Erinne- CZAREK SOKOLOWSKI / APahnt, dass drei Dortmunder rungsbilder bitten. „Kuba“Meisterspieler plus Torwart steht bei solchen AnlässenWojciech Szczesny von Arse- meist im Vordergrund undnal London als Korsettstan- Lewandowski am Rand.gen nicht genügen zum Auf- Der ist der Jüngste, in derbau einer konkurrenzfähigen PR-Figur Lewandowski in Warschau: „So sehen 20 Millionen Euro aus“ Heimat aber bereits Populärs-Truppe. te aus der Troika. Weil er au- Die Dienstreisen des Nationaltrainers hotel aus hinter Leithammel Klopp her ßer Toren einen eigenständigen Kopf zuins Ausland sprechen Bände über den Zu- unbehelligt durchs Kleine-Leute-Viertel bieten hat und mit Anna, der WM-Drittenstand des polnischen Fußballs. Im April Dortmund-Barop spazierten, der ahnt: im Karate 2008, auch noch eine fescheetwa besuchte Smuda auf Deutschland-Ab- Ihre außergewöhnlichen Leistungen könn- Verlobte. Als „Polens Beckhams“, dasstecher zuerst die Polizeiwache, in der sein ten mit außergewöhnlicher Gelassenheit sagen sie beide im Garten vor ihrem Klin-Kandidat Slawomir Peszko vom 1. FC Köln im Umfeld des BVB zu tun haben. kerhaus in Lünen, wollen sie nicht gehan-nach einer Sauftour nächtigen musste; er Wie Lewandowski lebt auch „Kuba“ in delt werden. Aber den Markt- und Wer-beschäftigte sich dann mit den Problemen Lünen, Piszczek wohnte bis vor kurzem bewert haben sie fest im Blick.der Kandidaten Sebastian Boenisch (Wer- dort. In Lünen ist ein Pole Pfarrer, ein Für angeblich 24 Millionen Euro Ge-der Bremen, Platzverweis) und Adam alter Steiger von der Zeche „Minister halt einen Vierjahresvertrag in der chi-Matuszczyk (Fortuna Düsseldorf, straf- Achenbach“ leitet den BVB-Fanclub nesischen Operettenliga zu unterschrei-versetzt); und er saß schließlich mit 80 719 „Schwarzes Gold Brambauer“, und die ben wie der Dortmunder Sturmkollegeanderen beim Spiel Borussia Dortmund Oma von nebenan fragt schon mal, wenn Lucas Barrios, das käme Lewandowskigegen den FC Bayern auf der Tribüne. „Kuba“ maskiert mit Sonnenbrille und nicht in den Sinn. Mit Fußballromantik Was Smuda dort sah, entschädigte für Baseballkappe bei Rewe einläuft: „Wolln allerdings, darauf legt er Wert, hat dasvieles: wie Piszczek und „Kuba“ die rech- Se die Wursttheke überfallen?“ nichts zu tun: „Liebesbekundungen zute Seite beackerten; wie Lewandowski Dortmund und Umgebung, das ist Po- einem bestimmten Verein sind schwach-einen Pfostentreffer stoisch wegsteckte, lenrevier seit der Kaiserzeit. Der Kohle- sinnig; nicht zuletzt deshalb, weil ja ge-während Mario Gomez auf der Gegensei- zechen und Stahlwerke wegen wanderten nauso gut der Tag kommen kann, wote noch beim Haareraufen auf die B-Note die Vorfahren jener Tilkowskis und Kwiat- plötzlich der Verein den Spieler nichtzu schielen schien; und wie Lewandowski kowskis ein, deren Namen heute die Ruh- mehr will.“am Ende mit der linken Hacke das ent- meshalle der Borussia zieren. 32 Lewan- Wenn am 8. Juni die EM beginnt, soscheidende Tor zum 1:0 machte. dowskis hat der Pfarrer der Polnischen viel steht fest, geht es für die drei Dort- Robert sei „körperlich noch stärker“ Katholischen Mission Dortmund in seiner munder Polen nicht nur um Vaterlands-geworden in Deutschland, sagt Smuda Kartei. Ihren Namensvetter, den Borus- liebe. Sondern zusätzlich um die bestenstolz, auch „Kuba“ und Piszczek hätten sen-Stürmer, sehen sie nun häufiger zum Plätze im Schaufenster der Zunft: „Na-sich verbessert. Wer die drei Polen sah, Gottesdienst in der Kirche St. Anna. türlich“, sagt Lewandowski, „spielt da je-wie sie, Stunden nur vor Beginn des Fehlt nur noch eine polnische Flagge der von uns auch um seinen Marktwert.“Spiels gegen den FC Bayern, vom Team- über dem BVB-Trainingsgelände. Dass RAFAEL BUSCHMANN, WALTER MAYR104 D E R S P I E G E L 2 2 / 2 0 1 2
  • 84. Sport Profi Montolivo „Zum Baden an die Ostsee“ chen, den entscheidenden Pass geben, Tore schießen. Wirklich außerordentlich. Auch Miroslav Klose gefällt mir. Ein klas- sischer Torjäger. SPIEGEL: Ihr Vater ist Italiener, Ihre Mutter ist Deutsche. Sind Sie Deutschland emo- tional verbunden? Montolivo: Natürlich, auch wenn ich mich zu 90 Prozent als Italiener fühle, weil ich in Italien geboren und aufgewachsen bin. Ich besitze einen deutschen Pass, und mei- ne Mutter hat mit mir nur deutsch gespro- chen, als ich klein war. Inzwischen unter- halten wir uns in einem Mischmasch aus zwei Sprachen. Als Schüler habe ich mei- ne Sommerferien in Schleswig-Holstein verbracht. Ich war jedes Jahr für andert- halb Monate dort. SPIEGEL: Welche Erinnerungen haben Sie ANAN SESA / IMAGO an diese Zeit? Montolivo: Nur schöne. Ich habe von mor- gens bis abends im Garten von Oma und Opa Fußball gespielt, mit meinem älteren Bruder Luca, mit Kindern aus der Nach- barschaft, mit Onkel Jochen. Und ich war I TA L I E N Francesco Totti. Komischerweise habe ich „Mama ist heilig“ damals bei einer Weltmeisterschaft oder EM immer Deutschland die Daumen ge- drückt. Das hat sich erst mit der Zeit ge- ändert. Mit meinem Onkel habe ich mir auch häufig Handballspiele des THW Kiel Nationalspieler Riccardo Montolivo über die Aussichten seines angeguckt. Und zum Baden sind wir nach Teams bei der EM, die Favoritenrolle der deutschen Heidkate an die Ostsee gefahren. SPIEGEL: Was fällt Ihnen auf, wenn SieMannschaft und seine Kindheitserinnerungen an Schleswig-Holstein Deutschland mit Italien vergleichen? Montolivo: In Italien sind die Strände Montolivo, 27, dessen SPIEGEL: Weil die Iren von Ihrem Lands- schöner. Was ich an den Deutschen mag, Mutter aus Ascheberg mann Giovanni Trapattoni trainiert wer- zumindest an den Menschen aus dem bei Plön stammt, besitzt den? Norden: Die Leute sind zurückhaltender die doppelte Staatsbür- Montolivo: Genau. Und der Signore ist in als die Italiener. Und sie gehen respekt- gerschaft und spricht flie- Italien sehr beliebt, aber eben auch sehr voller miteinander um. Dafür sind die ßend Deutsch. Er hat für gefürchtet. Italiener wesentlich offener und warm- Atalanta Bergamo und SPIEGEL: Gefürchtet? Warum? herziger. Ich denke, meine Eltern haben den AC Florenz gespielt Montolivo: Weil jeder Italiener weiß, was mir von beidem etwas mitgegeben. Aufund wechselt zur nächsten Saison zum für ein Fuchs er ist. Trapattoni ist ein Stra- meinem rechten Fußballschuh ist dieAC Mailand. Der Mittelfeldspieler debü- tege, der unsere Mannschaft gut kennt. deutsche Fahne abgebildet, auf dem lin-tierte 2007 für die Squadra Azzurra, SPIEGEL: Warum ist das deutsche Team für ken die italienische.nahm an der Weltmeisterschaft 2010 in Sie ein Kandidat für den Titel? SPIEGEL: Was sagen Ihre Kollegen aus derSüdafrika teil und bestritt bislang 32 Län- Montolivo: Zum einen setzt sich Deutsch- Nationalmannschaft dazu?derspiele. land immer durch, das kennt man aus frü- Montolivo: Sie akzeptieren das. In Italien heren Turnieren. Die Mannschaft besitzt ist Mama heilig, und meine heißt nun malSPIEGEL: Herr Montolivo, Sie spielen mit einfach die Fähigkeit, sich in einen Wett- Antje und kommt vom Plöner See.der italienischen Nationalmannschaft zu- bewerb zu verbeißen. Das entspricht der SPIEGEL: Sie gelten nicht als „Il Tedesco“,nächst gegen Spanien, Kroatien und Ir- deutschen Mentalität. Und zum anderen als „der Deutsche“?land. Wie hoch schätzen Sie die Chancen stehen außergewöhnliche Talente in der Montolivo: Hin und wieder haben wir beimein, dass Italien sich durchsetzt? Mannschaft. Spielerisch sind die Deut- AC Florenz im Training Italiener gegenMontolivo: Die Gruppe ist schwer, nicht schen so stark wie nie zuvor. Wenn man Ausländer gespielt. Da wurden manchmalviel leichter als die der Deutschen. Spa- diese beiden Eigenschaften addiert, ergibt Scherze gemacht, in welche Mannschaftnien ist Welt- und Europameister, für sich daraus eine Spitzenelf. ich sollte.mich einer der Favoriten. Wie auch Hol- SPIEGEL: Welche Spieler beeindrucken Sie SPIEGEL: Und?land und Deutschland. Die letzte Begeg- am meisten? Montolivo: Ich bin dorthin gegangen, wonung gegen Spanien haben wir knapp ge- Montolivo: Manuel Neuer fasziniert mich, Platz war.wonnen – das könnte hilfreich sein, auch obwohl er Torwart ist und ich Mittelfeld- SPIEGEL: Sind Sie noch oft in Deutschland?wenn es nur ein Freundschaftsspiel war. spieler bin. Er ist noch jung, strahlt aber Montolivo: Meine Mutter fährt einmal imGegen Irland wird es ein ganz spezielles schon so viel Sicherheit aus. Dann Mesut Jahr rauf, und ich versuche, sie für einSpiel für uns. Özil. Er kann alles: das Spiel schnell ma- paar Tage zu begleiten. Ich halte bis heute106 D E R S P I E G E L 2 2 / 2 0 1 2
  • 85. Kontakt zu meinen alten Freunden, wir Liga ist das Durchschnittsalter höher als Montolivo: Er ist ein väterlicher Freund.schreiben uns regelmäßig SMS und Mails. bei uns, und dann spielen in Italien auch Ruhig und witzig, nie arrogant. DurchausSie sind im vorigen Jahr zu unserem Län- noch relativ viele Ausländer. Es fehlt den streng. Er nominiert niemanden für einderspiel nach Dortmund gekommen, und Vereinen die Geduld, auf junge Spieler Länderspiel, der in der Liga vom Platzsie waren 2010 in München, als ich in der zu setzen, man gibt ihnen keine Chance. geflogen ist, weil er gemeckert hat. Pran-Champions League mit Florenz gegen Viele Clubs denken nicht langfristig ge- delli lässt konsequent offensiv spielen,den FC Bayern gespielt habe. nug. Das muss man aber. Nach 2006 hat was dem italienischen Charakter eigent-SPIEGEL: Verfolgen Sie in Italien die Bun- Deutschland alles richtig gemacht – und lich nicht entspricht. Das Verteidigen liegtdesliga? Italien ganz viel falsch. Wir sind jetzt eine uns mehr im Blut. Aber es funktioniert.Montolivo: Schon. Mir imponiert, dass die Mannschaft im Umbruch. Wir wollen SPIEGEL: Ihre Nationalmannschaftskolle-Clubs international wettbewerbsfähiger nachholen, was wir nach dem Gewinn gen Mario Balotelli und Antonio Cassanowerden. Und wie wunder- gelten als hochbegabte Stür-bar die Stadien sind. Als mer, aber auch als schwerwir in München gespielt erziehbar. Balotelli flanier-haben, sagten danach alle: te mit Mafia-Bossen durchOh, wie ist das schön in der Neapel, Cassano ist 29 Jah-Arena! Deutschland hatte re alt und behauptet, erdas Glück, 2006 die Welt- habe mit 700 Frauen ge-meisterschaft austragen zu schlafen. Marcello Lippi,können. Viele Stadien wur- Prandellis Vorgänger, hatden renoviert oder neu ge- die beiden hartnäckig igno-baut. In Italien spielen wir riert. Wie kommt Prandellimeist in maroden Kästen, mit den beiden zurecht?weil seit der WM vor 22 Montolivo: Gut. Denn erJahren keiner in die Infra- glaubt an sie. Prandelli iststruktur investiert hat. Die niemand, der junge SpielerPolitik müsste die Priva- verbrennt. Bei ihm darf CLAUDIO VILLA/GETTY IMAGEStisierung der Stadien för- man Fehler machen. Erdern, weil die Städte kein mag keine Jasager.Geld haben, sie zu moder- SPIEGEL: Balotelli hat ghanai-nisieren. sche Wurzeln, er ist in Ita-SPIEGEL: Die Serie A galt bis lien schon mehrfach ras-vor gut zehn Jahren als sistisch beleidigt worden.erste Adresse in Europa, Offenbar gefällt nicht allenmittlerweile macht die Liga Tifosi, dass er für ihr Landvor allem durch Skandale spielt.von sich reden: Vor einem Montolivo: Den Leuten wirdMonat zwangen Ultras die nichts anderes übrigblei-Spieler des CFC Genua wäh- ben, als sich daran zu ge-rend der Partie, ihre Trikots wöhnen. Wir haben ja auchauszuziehen; einige Tage noch Thiago Motta imspäter prügelte Ihr Trainer Team, der in Brasilien ge-in Florenz nach einer Aus- boren wurde. In Italien le-wechslung auf seinen eige- ben nicht so viele Einwan- DANIELE BUFFA / IMAGE SPORT / IPA / PIXATHLONnen Spieler ein. Randalie- derer wie in Deutschland,rende Fans, Wettmanipula- aber dass in unserer Natio-tion, antisemitische Parolen nalmannschaft Spieler mitund korrupte Schiedsrich- Migrationshintergrund ste-ter: Was ist da los? hen, ist die Zukunft.Montolivo: Fest steht, dass SPIEGEL: Was hätte es fürunser Fußball reinigungsbe- Folgen, wenn Italien wiedürftig ist. Es fehlt in Italien bei der Weltmeisterschaftan Sportlichkeit und Fair- vor zwei Jahren früh aus-ness. Ganz bestimmt muss scheiden würde?an der Sicherheit in den Sta- Eingebürgerter Nationalspieler Balotelli, Trainer Prandelli, Hooligans in Rom Montolivo: Das darf nicht pas-dien gearbeitet werden. Es „Unser Fußball ist reinigungsbedürftig“ sieren. Wird es auch nicht.muss härtere Sanktionen Wir wollen den Leuten beigeben für die Fans, die keine Fans sind, der Weltmeisterschaft versäumt haben: der Europameisterschaft zeigen, dass dersondern Verbrecher. Ich kann nicht ver- Das Team wird langsam, aber sicher ver- italienische Fußball nicht nur hässlich ist,stehen, wie ein paar Leute in Genua ein jüngt. Das ist nicht so leicht, weil es nicht sondern attraktiv und leidenschaftlich seinFußballspiel unterbrechen können, ob- so viele Talente gibt. Der Nachwuchs wur- kann. Ich habe auch das Gefühl, dass unswohl Polizisten im Stadion sind. Das ist de zu lange vernachlässigt. die Menschen in Italien mehr Vertrauenabsurd. Die Ränge sind leer, weil sich nor- SPIEGEL: Einer, dem es schon mal gelungen schenken als 2010.male Menschen nicht mehr trauen, eine ist, aus jungen Spielern ein erfolgreiches SPIEGEL: Vielleicht, weil die ErwartungenKarte zu kaufen. Team zu bauen, ist Cesare Prandelli. Der dieses Mal nicht so hoch sind?SPIEGEL: Hat das Auswirkungen auf die italienische Nationaltrainer war fünf Jah- Montolivo: Möglich. Aber am Ende ist esNationalmannschaft? re lang Ihr Coach in Florenz und hat die immer dasselbe: Wenn du für ItalienMontolivo: Für das Team ist etwas anderes Mannschaft in die Champions League spielst, spielst du, um zu gewinnen.schlimmer: In keiner europäischen Top- geführt. Was zeichnet ihn aus? INTERVIEW: MAIK GROSSEKATHÖFER D E R S P I E G E L 2 2 / 2 0 1 2 107
  • 86. Prisma Archiv der Bräuche In Westfalen wurden „Pfingst- lümmel“ einst mit Ginster- zweigen umbunden und wie Tanzbären durch die Straßen geführt. Das Foto von 1906 ist Teil einer volkskundlichen Datenbank zu Alltags- und Festbräuchen, die derzeit in RING / VOKO Münster aufgebaut wird. ARTENSCHUTZ der Niederlausitz (Brandenburg). Dort S C H I F F S BAU wurden in den vergangenen Tagen 27 Schwedenvögel für Auerhühner ausgesetzt. Die Vögel wa- ren zuvor in Schweden eingefangen Christliche Seefahrt Deutschland worden. Bei der Kescher-Aktion gerie- ten allerdings nur Hennen ins Netz. Die Verantwortlichen hoffen, dass die auf ÖkokursTrotz massiver Hilfsmaßnahmen Vögel wenigstens bereits befruchtet Eine Rückkehr zu Windkraft und Se-bleibt das Auerhuhn in Deutschland waren und Eier legen werden. gel könnte beim maritimen Frachtver-vom Aussterben bedroht. Die größte kehr große Mengen an Kraftstoff ein-Population, im Schwarzwald, zählt sparen. Ingenieure der Fachhochschuleneuesten Schätzungen zufolge nur Kiel haben ein Konzept untersucht,noch 400 bis 500 Tiere. In anderen Re- bei dem Masten mit rechteckigen Dop-gionen ist Europas größter Hühner- pelsegeln teleskopartig aus demvogel schon ausgestorben. Der Grund: Schiffsrumpf ausfahren. Der von derZu viele Wälder wurden in Holzplan- Öko-Brise gelieferte zusätzliche Schubtagen verwandelt, zu viele Fressfeinde könnte die Antriebsmotoren spürbarwie Füchse oder Wildschweine stellen entlasten. Die Wissenschaftler habenihm nach. Die Männchen, bekannt für eine mittlere Treibstoffersparnis vonihr ausgiebiges Balzverhalten, werden 15,3 Prozent errechnet. Eine ähnlichebis zu 80 Zentimeter groß. Versuche, Technik bietet das Hamburger Unter-die imposanten Vögel in Ostdeutsch- nehmen SkySails an, das bereits vier IMAGEBROKER / VARIO IMAGESland wieder heimisch zu machen, Schiffe mit drachenartigen Segeln aus-erweisen sich als schwierig. In Thürin- gestattet hat. Demnächst wird diegen entsteht zwar derzeit eine weitere Firma auch den 170 Meter langen Mas-Aufzuchtstation; dennoch leben dort sengutfrachter „Aghia Marina“ um-nur noch 10 bis 15 Exemplare in der rüsten: Das 30 000-Tonnen-Schiff er-freien Wildbahn. Wenig helfen dürfte hält einen Zugdrachen aus Kunststoffwohl auch ein Freisetzungsversuch in Auerhahn beim Balzritual von 320 Quadratmeter Größe.108 D E R S P I E G E L 2 2 / 2 0 1 2
  • 87. Wissenschaft · Technik SEISMOLOGIE „Der Norden ist cooler“ Der Geophysiker Wolf- gang Lenhardt, 55, vom Österreichischen Erdbe- bendienst über die ak- tuellen Erdstöße in Ita- lien und Bulgarien SPIEGEL: Bei Ihnen laufen die geologi- schen Alarmmeldungen aus Südtirol ein. Wie hat die Bevölkerung dort rea- giert? Lenhardt: Viele waren geschockt und sehr überrascht. Ein Beben mit einer C. ECKMANN / RGZM C. ECKMANN / RGZM Stärke von 6,0 in der Emilia-Romagna ereignet sich nur alle paar hundert Jahre. Entsprechend verheerend ist der Schaden an den historischen Ge- bäuden – ihr erster Stresstest. Schädel, Kopfschmuck der Prinzessin Li Chui Rekonstruktion SPIEGEL: Warum rumpelte es kurz da- nach auch in Bulgarien? ARCHÄOLOGI E Römisch-Germanische Zentralmuseum Lenhardt: Reiner Zufall. Eine Erdbeben- nach Mainz. Derzeit werden dort die häufung wie in der Apokalypse ist nicht zu erwarten. In Bulgarien kam es zu einer Abschiebung der Erdkrus- 10 000 Jahre Traurigkeit Silbergefäße der Adligen metallurgisch untersucht. Ein Dreifuß diente wohl kosmetischen Zwecken. Auch die mit te, was in der Gegend äußerst selten Ihre Frisur schlägt alle Rekorde: Auf roter Tusche beschriebene Grabplatte passiert. Weit mehr Gefahr geht vom 55 Zentimeter Höhe türmt sich der mit der Prinzessin konnte jetzt entziffert künstlichen Haarteilen, Goldspangen werden: Demnach war sie mit einem und Hunderten Edelsteinen garnierte kaiserlichen „Beamten zur Entwick- Kopfschmuck der chinesischen Prin- lung der Literatur“ verheiratet und litt zessin Li Chui aus dem 8. Jahrhundert. an einer „unheilbaren Krankheit“. Als Im Jahr 2003 war das prachtvolle sie mit 25 Jahren starb, ergriff den Totengewölbe der Dame in Xi’an ent- Gatten unsägliche Schwermut, wie das deckt worden – allerdings beschädigt Epitaph verrät: „Noch in 1000 Herbs- durch einen Wassereinbruch. Viele der ten und in 10 000 Jahren weht hier der Beigaben kamen zur Restaurierung ins Wind der Traurigkeit.“ACTION PRESS / REX FEATURES QUERSCHNITT Tödliche Krankheiten in den ärmsten und den reichsten Ländern Zerstörter Uhrturm bei Bologna Eine Frage des Geldes Tote pro eine Million Einwohner 2008 Infektionen der Atemwege Süden des Kontinents aus, wo die Ge- Infektionskrankheiten wie Aids und 1291 birgsbildung noch im Gang ist. TBC wüten bei den Armen, Krebs 326 SPIEGEL: Beim Erdbeben von Messina und Demenz treffen die Reichen. Ein im Jahr 1908 kamen rund 100 000 Men- neuer Report der WHO zeigt, dass Aids schen ums Leben. sich mit steigendem Wohlstand auch 877 Lenhardt: In Süditalien werden kompli- die Todesursachen verändern. 17 zierte tektonische Spannungen aufge- baut, weil die Afrikanische Platte ver- Tuberkulose rücktspielt. 487 SPIEGEL: Wie steht es mit Deutschland? 13 Lenhardt: Der Norden ist generell coo- ler. Zwar gibt es in der Eifel noch Vul- Darmkrebs ärmste Länder kanismus. Doch die letzte Eruption 27 Bruttonationaleinkommen ereignete sich dort vor 10 000 Jahren. pro Kopf: 995 Dollar 276 oder weniger Mit der Prophezeiung der Maya, dass am 21. Dezember 2012 das Ende der reichste Länder Welt naht, haben die aktuellen Beben Bruttonationaleinkommen pro Kopf: 12196 Dollar nichts zu tun. Der Untergang lässt oder mehr noch auf sich warten. D E R S P I E G E L 2 2 / 2 0 1 2 109
  • 88. Titel Zu blau der Himmel Jeder wird sterben, die Frage ist nur: wie? Qualvoll im Krankenhaus? Dement im Heim? Das Tabu um das Thema Tod bröckelt – und es gibt gute Ideen für ein Sterben ohne Angst. Es ist Zeit, darüber zu reden.E in Selbstversuch: Schließen Sie die zwar oft und ausführlich, so, wie man Augen, und stellen Sie sich vor, Sie sich über Kindererziehung und Liebes- hätten gerade von einem Arzt er- dinge unterhält. Mehr noch: Am bestenfahren, dass Sie an einer unheilbaren, töd- plant jeder schon mal sein eigenes Ster-lichen Krankheit leiden, sagen wir: Lun- ben – so, wie man sich auf Geburten vor-genkrebs. Metastasen. Keine Hoffnung bereitet. Mit allen Beteiligten reden, sichauf Heilung. von einer Fachkraft beraten lassen, und Was empfinden Sie? die Aufgaben für den Tag X verteilen. Wahrscheinlich nicht viel. In diesem Mit Sprechen und Planen kriegt manFall versagt die Phantasie. Den eigenen die Angst weg. Und vorbereitet undTod kann sich niemand vorstellen; das angstfrei stirbt es sich besser. Wer darüberDrama der Botschaft vom eigenen redet, beginnt, den Tod als Teil des Le-Ende  bleibt irgendwo in den äußeren bens zu begreifen. Wer fragt und zuhört,Hirnwindungen hängen. In Gefühl lässt erfährt, dass er entgegen aller Erwartungsie sich nicht übersetzen. Das Entsetzen, vieles selbst bestimmen kann auf demdas Aufbegehren spürt nur der wirklich Weg zu seinem Ende.Todgeweihte. Es gäbe dann auch mehr Vorsorgevoll- Natürlich weiß jeder, dass er sterben machten und Patientenverfügungen, somuss. Aber doch nicht jetzt! Doch nicht dass alle, die sich kümmern, besser wüss-ich! Es ist, das berichten Todkranke, als ten, ob sie beispielsweise einer Beatmungöffnete die Botschaft vom bevorstehenden zustimmen sollen. Das heißt: Mehr Men-Sterben eine Tür zu einer anderen Welt. schen würden ohne Qualen und in Würde Ein Zurück in die alte Susi-Sorglos- abtreten. Es gäbe eine neue Sterbekultur.Welt gibt es nicht. Das versprechen jedenfalls die Profis Das eigene Ich, ausgelöscht? Nicht in Sachen Sterben: Palliativmediziner,mehr denken, wie geht das? Nichts mehr deren Aufgabe es ist, Schwerstkranke auffühlen? Unvorstellbar. Die Amsel dahin- ihrem Weg zu begleiten. Es sind Ärzte,ten auf der Wiese, sie wird auch mor- die Hunderte Menschen haben sterbengen noch Würmer aus der feuchten Erde sehen, die den Tod nicht mehr als Feindzupfen, die Blättervorhänge der Trauer- sehen, den es zu bekämpfen gilt; Ärzteweide werden im Wind schwingen, und wie der Neurologe Gian Domenico Bora-die pinkfarbenen Pfingstrosen werden sio, der an der Universitätsklinik in Lau-ihren Duft verströmen. Aber ich bin sanne die Palliativmedizin leitet.dann – weg. Der eloquente Italiener mit Vollbart Sterben ist die größtmögliche Grau- und sonnigem Lächeln glaubt, dass dassamkeit. Schweigen über das eigene Sterben die Wer zum Teufel kann das wollen: Sache noch verschlimmere. „Das ist eineSiechtum, Blut spucken, Schmerzen, die sich selbst erfüllende Prophezeiung“, sagtmit Gewalt Besitz ergreifen von Körper Borasio. „Wer Angst vor einem qualvol-und Geist? Wer erträgt es, sich einer len Sterben hat, redet nicht darüber, be-Medizin auszuliefern, die den Menschen kommt deswegen keine Informationen,seiner Würde beraubt, aus seinem Leib kann nicht gut planen, und die Angehö-ihr Spielfeld macht, indem sie diesen öff- rigen wissen nicht über seine Wünschenet und in ihn eindringt und ihn an pum- Bescheid, wenn sie für ihn entscheidenpende, saugende, messende Apparaturen müssen.“hängt. Sprechen also. Es ist ein guter Zeit- Sterben macht Höllenangst. punkt. Der moderne Mensch tut zwar Auch deshalb reden die meisten Men- möglichst so, als würde gar nicht ge-schen nicht gern darüber. Aber sie sollten storben. Die Hinfälligen schickt er ins Verstorbene im Pflegeheim Sonnweides tun, dringend, das ist die neue Idee: Altenheim und ins Krankenhaus; dortLasst uns übers Sterben sprechen. Und hauchen sie ihr Leben aus, nicht mehr,110 D E R S P I E G E L 2 2 / 2 0 1 2
  • 89. MICHAEL TRIPPEL / DER SPIEGELD E R S P I E G E L 2 2 / 2 0 1 2 111
  • 90. Titel REPRO: MICHAEL TRIPPEL / DER SPIEGEL (L.); MICHAEL TRIPPEL / DER SPIEGEL (R.)Frischvermähltes Ehepaar Bacher 1954, Witwe Bacher heute: „Ich will dir noch ein letztes Busserl geben“wie einst, daheim. Und zwei Drittel der Fribourg in der Schweiz, „ist das Sterben durch Krankheit bei guter medizinischerDeutschen glauben laut einer aktuellen selbst heute kaum mehr real erlebbar“. Versorgung, so, dass sie noch ein bisschenTNS-Emnid-Umfrage, die Gesellschaft Wie also anfangen, über den eigenen leben und dann Abschied von ihren Liebs-verdränge das Thema Tod „eher“ oder Tod zu sprechen, sich auszutauschen, ten nehmen können. Tatsächlich wird,sogar „sehr“. Zu nah darf er jedenfalls wenn kaum jemand mehr mitbekommt, schätzt Palliativmediziner Borasio, jedennicht kommen, das bewiesen im Februar wie Sterben eigentlich geht? Es ist Zeit, Zweiten dieser Tod ereilen.einige Hausbesitzer im Hamburger Sü- nachzuschauen, wie in Deutschland ge- Es überrascht nicht, dass fast niemandden, die gegen ein Hospiz in ihrer Nach- storben wird. Es ist Zeit, Sterbende und verwirrt aus dieser Welt scheiden will.barschaft protestierten. ihre Angehörigen und Pfleger zu befra- Dabei trifft genau dieses Schicksal sehr, Wenige Leute haben einen Plan, wie gen, wie es ist, zu Hause zu bleiben, ge- sehr viele Menschen: mehr als ein Drittel,mit ihnen verfahren werden soll, wenn brechlich, schwach, hilfsbedürftig (das Tendenz steigend. In 20 Jahren werdenein Herzinfarkt sie fällt. Und kaum je- geht, und zwar immer besser); ob es wirk- knapp zwei Millionen demenzkrankemand hat sich überlegt, was geschehen lich so schrecklich sein muss, dement sei- Deutsche ihrem Ende entgegendämmern.soll, wenn er schwer erkrankt: Zwölf Pro- nem Ende entgegenzudämmern (muss es Die Wahrscheinlichkeit dazuzugehörenzent der Deutschen haben eine Patien- nicht) oder im Altenheim sein Leben aus- ist hoch.tenverfügung verfasst, gerade einmal acht zuhauchen (kommt darauf an). Wie wich- Und natürlich gibt es ihn, den grau-Prozent eine Vorsorgevollmacht. tig ist der Sterbeort überhaupt? Was ist samen Tod; es gibt Ärzte, die um jeden Immerhin, das Tabu bröckelt. Bücher, wirklich wichtig, wenn man seinem Ende Preis Leben erhalten wollen und daherdie vom realen Sterben handeln, verkau- entgegengeht? Krebspatienten, denen nichts mehr hilft,fen sich prächtig, zuletzt Borasios Plä- Vielleicht relativieren sich, wenn alle auch noch mit der x-ten Chemotherapiedoyer für einen angstfreien Weg in den über solche Fragen reden, auch die Wün- malträtieren. „Da kriegt man fünf Infu-Tod („Über das Sterben“); der Titel klet- sche, die viele Menschen über ihr Lebens- sionen, fünfmal Chemo, da kriecht manterte bis auf Platz drei der SPIEGEL-Best- ende äußern. Mehr Realismus könnte nur noch auf’m Boden rum, man ist einsellerliste. In Deutschland haben die De- helfen, denn so, wie die meisten es sich Wrack, man kann nicht mehr denken,batten um Patientenverfügung und Ster- wünschen, werden die wenigsten sterben. nicht mehr sprechen, die Seele schreit,behilfe geholfen, das Tabu zu lockern. So hofft laut einer SPIEGEL-Umfrage die was tust du uns an, die Zellen machenAuch das öffentliche Sterben beispiels- große Mehrheit von 67 Prozent auf einen Tohuwabohu“, so beschrieb der an Lun-weise eines Christoph Schlingensief trug schnellen Tod, beispielsweise durch Herz- genkrebs erkrankte Regisseur Christophdazu bei. infarkt (siehe Grafik Seite 114). Dabei ist Schlingensief zwei Jahre vor seinem Tod Doch während „Menschen mehr über ein solcher Abgang nicht einmal 5 von die Heilversuche der Schulmedizin.das Sterben wissen und erfahren möch- 100 Menschen vergönnt. Und ja, es gibt auch die alleinstehendenten“, analysiert der Theologe Markus Mehr als ein Viertel der Befragten be- Alten, die gegen ihren Willen in die Kran-Zimmermann-Acklin von der Universität vorzugt einen nicht allzu langsamen Tod kenhausmaschinerie geraten, wo nie-112 D E R S P I E G E L 2 2 / 2 0 1 2
  • 91. MICHAEL TRIPPEL / DER SPIEGELAufbahrungsraum im Maria-Stadler-Haus: „Lieber erschieß ich mich, als ins Heim zu gehen“mand mehr für sie spricht, die ans Bett throse, Rheuma und Osteoporose haben große Korkwand neben dem Fernsehergefesselt werden, weil die Pfleger dann aus ihr, der leidenschaftlichen Tango- und pinnt. Das ist schön, das ist Leben, aberweniger Stress mit ihnen haben, die kre- Walzertänzerin von einst, eine zierliche Rosemarie ist sich dennoch sicher: Wennpieren, weil niemand auf Station Zeit hat, alte Dame mit wackligen Beinen, schmer- der Tod eines Tages im Zimmer 21 halt-dem Opa mal richtig zuzuhören. zenden Knien, krummem Rücken und un- macht, wird sie die Reise mit einem Lä- Nichts soll schöngeredet werden. Und beweglichen Fingern gemacht. cheln auf den Lippen antreten.dennoch, wer losgeht und Leute fragt, die „Das Herz steht still, wenn Gott will“, Rosemarie Bacher ist eine von 99 Be-ihren Tod vor Augen haben, trifft auf das ist einer ihrer Lieblingssätze. Angst wohnern des Maria-Stadler-Hauses, einesMenschen, die traurig sind, vielleicht vor dem Sterben? „Hab ich keine“, sagt sonnendurchfluteten Pflegeheims mit ro-Angst haben, aber nicht hadern mit ihrem Rosemarie Bacher, und ihr Lächeln zieht sa Fassade mitten in Haar. Es gibt einenSchicksal. Weil sie es in die Hand genom- sich bis in die strahlend blauen Augen. Garten mit Goldfischteich vor dem Haus,men haben, es geplant haben, das Ster- Sie freut sich: auf das Wiedersehen mit gleich um die Ecke ragt ein Maibaum inben. Und darüber reden. ihrem Mann. „Die Leute mögen mich für den Himmel. Heile Welt auf Bayerisch. Jeder stirbt seinen eigenen Tod. Aber verrückt halten: Ich glaube an ein Leben Im Innern des Maria-Stadler-Hausesjeder kann lernen von den Erzählungen nach dem Tod.“ geht es allerdings kaum besser zu als inanderer, sie abgleichen mit seinen eige- Vor einem Jahr, im Mai, ist die 81-Jäh- anderen deutschen Seniorenheimen. Esnen Wünschen. rige gemeinsam mit ihrem damals 82-jäh- fehlt an Personal. Je hinfälliger die Alten Deswegen erzählen wir: von Frau Ba- rigen Mann Michael ins Maria-Stadler- sind, desto mehr Pflege brauchen sie; wiecher im Altenheim, die gerade den Tod Haus gezogen, das Pflegeheim ihres Hei- intensiv die Pfleger sich jeweils um sieihres Mannes erlebt und ihren eigenen matorts Haar bei München. Schon bald kümmern müssen, das legt das Sozialge-vor Augen hat; von Lieselotte Bee, die begann das Sterben ihres Mannes. Seit setzbuch fest. Daraus ergibt sich der Per-dement ist, aber eigentlich jetzt schon im vier Monaten ist er jetzt tot. sonalschlüssel: Je höher der Anteil rüsti-Himmel; von zwei Frauen, die beide an Vier Monate, in denen Rosemarie je- ger Herrschaften in einem Heim, destoder unheilbaren, seltenen Krankheit ALS den Abend vor dem Einschlafen mit dem weniger Pfleger darf es einstellen.leiden, aber unterschiedliche Wege in den Bild auf ihrem Nachttisch spricht. Es zeigt Im Maria-Stadler-Haus kümmert sichTod gehen. Und wir berichten, warum die frischvermählten Bachers auf dem ein Pfleger um neun bis zehn Bewohner.kleine Kinder gelassener sterben als Er- Sitz eines Motorrollers. „Vati“, sagt Ro- Der Medizinische Dienst der Kranken-wachsene. Wenn ihre Eltern sie lassen. semarie dann zu ihrem Michael, „hol versicherung hat ausgerechnet, wie lange mich bald zu dir.“ ein Pfleger für die einzelnen Betreuungs-Im Pflegeheim Rosemarie hat eine  Tochter, einen schritte brauchen darf – Haarekämmen:Seit der Tod ihren Mann geholt hat, kann Schwiegersohn und zwei Enkelinnen. Re- eine Minute; mundgerechte Nahrungszu-er Rosemarie Bacher nicht mehr schre- gelmäßig schreiben die Mädchen der bereitung: zwei Minuten; Rasieren: fünfcken. Zumal ihr Leben Mühsal ist. Ar- Oma Postkarten, die Rosemarie an die Minuten; Windelwechseln nach Stuhl- D E R S P I E G E L 2 2 / 2 0 1 2 113
  • 92. Titelgang: sieben Minuten. „Fließbandarbeitmit Waschlappen“ nennt das der Heim-leiter Peter Reitberger. Rosemarie Bacher hat die Pfleger imMaria-Stadler-Haus ins Herz geschlossen.Sie vergisst nicht, dass die Mitarbeiterfreiwillig Überstunden geschoben haben,als ihr Mann im Sterben lag. „Lieber erschieß ich mich, als ins Heimzu gehen“, hatte Michael Bacher gesagt.Das war vor der Diagnose Hirntumor.Das Krankenhaus entließ RosemariesMann, die Ärzte konnten nichts mehr fürihn tun. Also zogen Bachers in das Senioren-wohnheim hundert Meter entfernt vonihrer Wohnung, auch weil Michael nunseine Rosemarie mit ihren kaputten Kno-chen nicht mehr umsorgen konnte. „Hauptsache, wir sind zusammen“, sag-te er beim Einzug. An den ersten Tag imMaria-Stadler-Haus erinnert sich Rose-marie Bacher nicht gern. „Es war furcht-bar“, sagt sie. Die lauthals singende De-menzkranke im Speisesaal, die Windel-packungen auf den Pflegewagen im Gang.Saugkraft Plus, Super, Strong. Der abge- MICHAEL TRIPPEL / DER SPIEGELwetzte Holzfußboden. In den Gängen und Aufenthaltsräumendes Maria-Stadler-Hauses sitzen viele apa-thisch wirkende Alte in Rollstühlen,Mund geöffnet, der Blick ins Nirgendwogerichtet. Mehr Frauen als Männer. EineFrau schaut starr durch die Glaswand ins Pflegeheim Sonnweid: „Unsere Bewohner sind dement, aber nicht bescheuert“menschenleere Treppenhaus. Hin undwieder deutet ihr Kopf ein Nicken an. das, beim Nachtdienst. Sie verliebten sich, cher am Bett ihres Mannes. Sie wollte sei-Der Urinbeutel auf Höhe des linken Knö- wurden ein Paar. Die Liebe blieb. Jeden ne Hand nicht loslassen. Die Tochterchels wippt sachte mit. Im Hintergrund Abend gab es ein Bussi, vor dem Einschla- beschwor die Mutter: „Wenn wir bei ihmsäuselt Schlagermusik aus dem Radio. fen ein „Hab dich lieb“. Dann kam der bleiben, wird Vati nicht gehen können.“ „Nur weil man weiß, was kommt, ist Tumor. Um 22 Uhr ließ Rosemarie Bacher ihrenman nicht besser drauf vorbereitet“, sagt Ein unheilbarer Gehirntumor bedeutet Mann los. Um ein Uhr nachts hörte seinRosemarie Bacher. Sie kennt die Welt der Demenz im Zeitraffer. Schon wenige Wo- Herz auf zu schlagen. Er starb allein.Katheter und Kanülen, sie war Kranken- chen nach dem Einzug ins Heim begann So hatte er es sich gewünscht.schwester, ihr Mann Pflegedienstleiter am Michael, sich zu verändern. Er fiel plötz-Haarer Bezirkskrankenhaus. Dort haben lich zu Boden, auf dem Weg ins Bad, auf *sie sich kennengelernt. Vor 60 Jahren war dem Weg zum Balkon. Später konnte Mi- Jedem zweiten Mann in Deutschland chael nur noch mit Gurt im Stuhl sitzen. wird es so ergehen wie Michael Bacher,SPIEGEL-UMFRAGE Damit Rosemarie nachts ein bisschen er wird laut einer Statistik der Kran-Sterbeart schlafen konnte, schoben die Pfleger Mi- kenkasse Barmer GEK an seinem Le- chaels Bett vor das Zimmer der Nacht- bensende auf Pflege angewiesen sein. Bei schwestern. In den letzten zwei Wochen den Frauen sind es sogar drei von vier.„Welche Art des Sterbens würden Sie seines Lebens wurde Michael Bacher ru- 2,4 Millionen Menschen in Deutschlandbevorzugen, wenn es Ihnen möglich wäre?“ higer. Essen lehnte er ab, hin und wieder bedürfen der Pflege, davon 750 000 inplötzlich aus guter nippte er am Wasserglas. „Damit es Heimen.gesundheitlicher Verfassungohne Dinge regeln oderAbschied nehmen zu können 67 % schneller geht“, sagte er in einem seiner hellen Momente. Rosemarie Bacher sagt: „Das war das Einzige, was er bei seinem Mehr als die Hälfte der Bewohner in deutschen Pflegeheimen ist verwirrt. Wenn die Pfleger dann, wie im Maria- Sterben selber in der Hand hatte.“ Stadler-Haus, nur wenig Zeit haben, istnach schwerer Krankheit Ein anderer heller Moment geht Rose- es kaum verwunderlich, dass die Des-über 2 bis 3 Jahre undklarem Bewusstseinmit guter Pflege und Möglichkeiten, 27 % marie nicht aus dem Kopf. Als Michael abends an ihrem Bett vorbei aus dem orientierten mit ihrem Rollstuhl einsam auf dem Gang herumstehen. Es gibt we-das Leben noch etwas zu genießen Zimmer gerollt wurde, flüsterte er:  „Mut- nige Orte, an denen sich beobachten lässt, ti, komm her.“ „Vati, was ist denn?“ Ro- wie gut es Demenzpatienten gehen kann, semarie schob sich vorsichtig aus dem wenn sich jemand Zeit nimmt für sie.nach schwerer Krankheit undDemenz über 8 bis 10 Jahremit guter Pflege und mehr 2% eigenen Pflegebett. „Komm näher her“, hauchte ihr Mann, „ich will dir noch ein Im DemenzheimMöglichkeiten, Lebenszeit zu nutzen letztes Busserl geben.“ Die alte Dame sieht aus, als schliefe sie.TNS Forschung am 21. und 22. Mai; 1000 Befragte ab 18 Jahre; Drei Tage später starb Michael Bacher. Sie trägt ihren karierten Lieblingsanzugan 100 fehlende Prozent: „Weiß nicht“/keine Angabe Bis in die Nacht wachte Rosemarie Ba- und eine gelbe Bluse. Von oben fällt Ta-114 D E R S P I E G E L 2 2 / 2 0 1 2
  • 93. Ein Jahr vor seinem Tod kam Lieselotte Bee in die Sonnweid; seit zwei Jahren ist sie in der „Oase“, der Station für die Schwerstdementen. Sie kann sich kaum mehr rühren, ihr Gehirn sendet keine Befehle mehr an die Muskeln ihrer Arme und Beine. „Wir erhalten ihre Beweg- lichkeit, indem wir jeden Morgen während des Waschens und Eincremens alle Glied- maßen mobilisieren“, erklärt Isufi. Eine Dreiviertelstunde dauert diese Behandlung. Frau Bee kaut jetzt, immer noch mit ge- schlossenen Lidern. Dann, plötzlich, schlägt sie die großen grauen Augen auf. „Jetzt sind Sie wach, gell, Frau Bee?“, zwitschert die Pflegerin, „draußen regnet’s, es ist Mai.“ Florije Isufi weiß weder, ob Frau Bee sie versteht, noch ob sie den Regen registriert. „Aber sie hört mich“, sagt Isufi, die blonde Albanerin, auf Schweizerdeutsch, das bei ihr immer so klingt, als lächle sie. Fünfmal am Tag bekommen die Oasen- bewohner Essen, eine stundenlange Pro- zedur. Niemand wird per Magensonde ernährt. „Unsere Bewohner haben das Recht, die Nahrungsaufnahme zu verwei- gern“, sagt Isufi, für sie ist das ein Men- MICHAEL TRIPPEL / DER SPIEGEL schenrecht. Die Pflegerin ist überzeugt, dass Frau Bee noch Lebensfreude empfindet. „Sie leidet nicht“, sagt Isufi, „darauf achten wir sehr.“ Frau Bee bekommt Morphium- tropfen gegen den Schmerz in den ver-Demenzkranke Bee, Pflegerin Isufi: „Jetzt sind Sie wach, gell, Frau Bee?“ krampften Muskeln. Neulich dachten sie schon, es wäre so-geslicht durch einen blaugestrichenen nicht einmal mehr die Motorik steuern. weit. Frau Bee verweigerte das Essen.Schacht auf ihr Gesicht. Ihre Haut schim- Die Sonnweid setzt dagegen: maximale „Aber wir kontrollierten erst mal, ob siemert matt; die Züge sind friedlich. Der Lebensqualität. Jeder Bewohner soll das Schmerzen im Mund hat.“ Der ZahnarztTod scheint ihr das frühere Selbst wieder- bekommen, was ihm Freude macht, hier kam und fand die Ursache der Appetit-gegeben zu haben: Man erkennt nicht, und jetzt. Es ist wichtig, dass er die Lieder, losigkeit: einen faulenden Zahn. Seitdemdass Orta Hänggli schwer dement war, als die er liebt, mitsummen kann, dass er die der gezogen wurde, isst Frau Bee wieder.sie starb. Speisen, die ihm schmecken, zu essen be- Frau Bee hat nicht den ganzen Teller Im Sarg liegt jene freundliche Person, kommt. Die Krankenakte jedes Patienten geschafft. Erschöpft macht sie ihr „Mit-die ihr Mann so lange liebte, eine Kauf- vermerkt die Lieblingsdüfte, die Lieb- tagsschlöfli“, einen Plüschaffen im Arm.frau, die bis zu ihrer Rente bei der Schwei- lingsmusik, die Lieblingsgerichte. Wenn Über dem Bett hängt ein Foto mit demzerischen Nationalbank arbeitete. ein Mensch nur Süßes mag, dann kocht Ehemann, auf der Hochzeit einer Enkelin. Der „Aufbahrungsraum“ ist das Toten- ihm die Küche eben nur Süßes. Alle Bewohner haben solche Bilder amzimmer der Sonnweid, eines Demenz- „Frau Bee, mögen Sie etwas Fleisch?“, Bett. „Für mich sind sie nicht Demente“,heims in der Nähe von Zürich. Es riecht fragt die 39-jährige Pflegerin Florije Isufi sagt Isufi, „sondern Menschen. Sie habennach Maiglöckchen. ihre Patientin. Sie hat Frau Bees schmale ihr Leben gelebt. Jeder ist einzigartig.“ Die Sonnweid beherbergt 150 Men- Hand in ihre linke genommen, mit derschen mit Demenz und ist selbst für groß- rechten hält sie lockend einen Löffel mit *zügige Schweizer Verhältnisse etwas Be- Fleischpüree vor die Nase der 82-Jähri- Jedes Jahr legen Ärzte in Deutschlandsonderes. Und das liegt nicht am Geld. gen. Reglos sitzt die knochendünne Frau 140 000 PEG-Sonden, viele Demenz-Der Pflegeschlüssel ist mit eins zu drei in vor ihrem Teller, die Augen verschlossen, patienten werden auf diese Weise künst-der Schweiz normal. Die Art der Betreu- das Gesicht zart wie das einer Porzellan- lich ernährt. Ebenso ist es gängige Praxis,ung ist außergewöhnlich. „Unsere Bewoh- puppe. Sterbenden künstlich Flüssigkeit zuzufüh-ner sind dement, aber nicht bescheuert“, Die Demenz traf als erstes Lieselotte ren. „Beides ist in der Regel nicht not-lautet das Credo des Sonnweid-Chefs Mi- Bees Sprachzentrum. Ein furchtbarer Ver- wendig“, erklärt Palliativmediziner Bo-chael Schmieder. Und deshalb sieht das lust für eine Frau, die die Literatur und rasio, „und sogar schädlich.“ Alle StudienHeim anders aus als die meisten anderen die Künste liebte und gern weit reiste. dazu zeigten, dass es den Dementen da-Einrichtungen dieser Art, die mit Mobi- Die schöne Lieselotte war die Lieblings- durch nicht bessergehe. Im Gegenteil: Dieliar aus den Fünfzigern ihre Patienten in tochter ihres Vaters, ihren Mann lernte Sonde begünstigt Infektionen.die Kindheit zurückversetzen wollen. Die sie schon in der Schule kennen, sie beka- Keinen Hunger und keinen Durst mehrSonnweid wirkt wie ein modernes Hotel, men drei Töchter. Er wurde Architekt, sie zu verspüren gehört dazu, wenn der Kör-hell und funktional. lernte gleich zwei Berufe, Laborassisten- per sich nach und nach herunterfährt, Niemand kann die Menschen, die hier tin und Bibliothekarin. Ihre Finger, jetzt wenn’s aufs Ende zugeht. Nur der Mundsind, heilen; ihr Weg ist ein langes Driften steif und still, spielten früher flink Klavier. muss befeuchtet werden, dazu genügenins Vergessen, am Ende kann das Hirn Vor sechs Jahren starb Bees Mann. ein Schwämmchen und ein paar Tropfen; D E R S P I E G E L 2 2 / 2 0 1 2 115
  • 94. Titel ROMAN MENSING / ARTDOC.DESchlingensief-Installation: „Ich wär sautraurig, wenn ich gehen müsste“ansonsten geht es den Sterbenden sogar gen – was passiert mit meinen Kindern, in Deutschland gibt. Die sogenanntenschlechter, wenn man ihnen Flüssiges in wenn ich nicht mehr da bin? – zu bespre- SAPV-Teams können den sehnlichstendie Venen schleust. chen. Um einem unheilbar Kranken ein Wunsch vieler Schwerstkranker erfüllen: Es komme nicht selten vor, berichtet gutes Ende zu bereiten, braucht es nicht in den eigenen vier Wänden zu sterben,Borasio, dass Schwerkranke bewusst auf nur Ärzte, sondern Pfleger, Kranken- die Krankenkasse zahlt.Wasser und Nahrung verzichteten, wie schwestern, Sozialarbeiter, Psychologen, Dafür organisieren sie Rollstühle, Lie-Michael Bacher im Maria-Stadler-Haus, Seelsorger. Deswegen bedeutet Palliativ- gehilfen, Krankenbetten oder Pflegerin-um schneller zu sterben. Und es funktio- versorgung auch das Ende der Allmacht nen und Physiotherapeuten. Sie geizenniert: Die Mehrheit dieser Männer und des Arztes. Und es schränkt die Herr- nicht mit Morphin gegen Schmerzen oderFrauen scheiden innerhalb von 15 Tagen schaft der Pharmakonzerne ein, die Atemnot, sie verabreichen Neuroleptika,dahin, sie sterben einen friedlichen Tod. einen großen Teil ihres Umsatzes mit wenn die Patienten delirieren. Borasio möchte, dass mehr Ärzte und Medikamenten für Patienten im letzten Die Mitarbeiter der Mobilteams verfas-Pfleger solche Patientenentscheidungen Lebensjahr machen. Palliativmedizin ist sen für ihre Patienten Briefe an Kranken-respektieren. Sein Konzept dafür heißt: eine Rebellion gegen das medizinische kassen oder besorgen noch einmal eine„liebevolles Unterlassen“. Establishment. Karte für ein Champions-League-Spiel Wer, wie Christoph Schlingensief, nicht Die Idee stammt aus der Hospizbewe- des FC Bayern München. Was sonst Wo-„mit drei Schläuchen im Arsch in so ’ner gung, die in den siebziger Jahren, aus chen dauert, geht hier oft in Stunden.Klinik krepieren“ will, wer sicherstellen England kommend, die westliche Welt er- Alle wissen: Wer schwerstkrank ist, hatmöchte, dass sein Leben nicht auf der oberte mit ihrer Sicht auf den Sterbenden keine Zeit mehr.letzten Etappe qualvoll verlängert wird, als Menschen, dessen Würde und Wün- In Deutschland arbeiten bereits mehrder muss sich einen Sterbeort suchen, an sche mehr zählen als der Wille von Ärz- als 200 SAPV-Teams. Sie sind eine Artdem palliativ gearbeitet wird. ten, Leben um jeden Preis zu erhalten. Hospiz auf Rädern mit 24-Stunden-Ruf- Palliativbehandlung, denken viele, sei Die Idee vom selbstbestimmten Ster- bereitschaft. Notärzte ohne Blaulicht.bloß eine Methode, um Schmerzen zu lin- ben hat seither um sich gegriffen, beför-dern. Doch Palliativversorgung kümmert dert von Tausenden Freiwilligen, die Ster- Zu Hausesich nicht nur um die körperlichen Be- bende in Hospizen auf deren Weg be- Bis vor wenigen Wochen hat Elisabethschwerden der Patienten, sondern um al- gleitet haben. Und von Ärzten wie Gian Schulte noch die Aufsätze ihres Mannes,les, was Wohlbefinden ausmacht, was es Domenico Borasio, die erlebt haben, was eines Uni-Dozenten, gegengelesen undbraucht für ein friedliches Ende. Schwerstkranke wirklich brauchen. korrigiert. Beide sind Psychologen. Kol- Dazu gehört auch, die Furcht vor Ihr Engagement hat dazu geführt, dass legen ist ihr Name geläufig, deswegendem Sterben zu nehmen, zu trösten, Sor- es jetzt eine mobile Palliativversorgung will die 70-Jährige ihn hier nicht lesen,116 D E R S P I E G E L 2 2 / 2 0 1 2
  • 95. nicht für alle sichtbar die Intimitäten ihresSterbens veröffentlichen. Tippen, mühsam den Arm zur Tastaturheben, keine ganzen Sätze mehr schrei-ben, Stichwörter nur, das geht noch andiesem Frühlingsmorgen in ElisabethSchultes Häuschen im Münchner Westen.Sprechen geht schon lange nicht mehr.Vor eineinhalb Jahren bekam sie dieDiagnose: ALS. Die Nervenkrankheitlähmt nach und nach alles – bloß nichtden Intellekt. Da ging es los, das Leben im Noch.Noch konnte sie gehen. Noch konnte sieessen, trinken. Noch konnte sie für sichsorgen. Dann schritt die Muskellähmungrapide fort. Jetzt kümmert sich ihr Mann um sie.Und die Palliativleute sind für sie da. Andiesem Morgen kommt Barbara Pittnervorbei. Pittner ist Krankenschwester undSozialarbeiterin. Sie will, dass ElisabethSchulte weiter schreibt und liest, weiter-hin das tut, was sie kann und liebt. Dasssie weiter lebt. Elisabeth Schultes Gesicht ist zu keinerRegung mehr fähig, sie kann nicht mehrschlucken, nicht mehr husten. Nicht mehrlachen. Doch die Augen sind hellwach,so wie ihr Verstand. MICHAEL TRIPPEL / DER SPIEGEL Die Philosophie des Münchner Pallia-tivteams heißt: „Talk about the elephantin the room“. Zu Deutsch: nicht drumherumreden. Dieser Mensch stirbt, undzwar bald. Es soll wieder raus, das Ster-ben, aus dem Verborgenen, dem Ver-schämten, es soll zurück unter die Leute, ALS-Patientin Heinrich mit Hospiz-Mitarbeiterinnen: „Es ist hier ziemlich lustig“dahin, wo das Leben ist: nach Hause. Bei Schultes setzen sich alle an den run- Das weiß er, das weiß seine Frau. ment zu wechseln. „Wir geben nicht auf“,den Esstisch vor der Terrassentür, Elisa- Nichts ist tabu. „Wir müssen jetzt Nägel sagt Pittner.beth Schulte im Rollstuhl. Sie muss ein- mit Köpfen machen“, sagt der Mann, „wir Dann geht Barbara Pittner, Schultesmal sehr schön gewesen sein, ihr Gesicht sind jetzt an diesem Punkt.“ Pittner Mann hat alle Fragen abgehakt. Erist markant, die blonden Haare sind or- schlägt vor, das Krankenbett ins Erdge- schiebt seine Frau in den Garten. Es istdentlich frisiert. Groß wirkt sie auch im schoss bringen zu lassen. warm, die Frühlingsblumen leuchten imRollstuhl noch, immer war sie schlank Problem gelöst. Schultes Mann hakt Gras. Ist sie zufrieden, hier zu Hause zuund sportlich, sagt ihr Mann. Nun schlägt ab. „Wie ist es zum Schluss“, fragt er, bleiben? Ja, hier findet sie’s am schönsten,das blaue T-Shirt Falten über dem mage- „wird sie noch im Rollstuhl sitzen kön- erklärt ihr Mann. Und sosehr sich die Mit-ren Leib, Arme und Hände sind gerötet nen? Und wie verläuft dann der Tag? arbeiter in einem Hospiz bemühten –und dick. Wassereinlagerungen. Auf dem Kann sie noch auf die Toilette?“ man sei dort immer nur Gast. AußerdemTisch steht der Laptop, neben dem Roll- Pittner sagt, drei Wochen vor dem Tod müsse Elisabeth im eigenen Haus aufstuhl ein Ständer für Infusionsflaschen. werde Elisabeth nur noch liegen können, niemanden Rücksicht nehmen. Alles ist Herr Schulte hat einen Fragenkatalog bis dahin soll ein umklappbarer Roll- vertraut.zusammengestellt für Pittners Besuch. stuhl organisiert werden. Und Windel- Und was sagt sie selbst dazu, die Ster-Auf dem sorgfältig gefalteten Notizzettel hosen, weil sie dann nicht mehr aufs Klo benskranke? „Kontakte“ tippt sie müh-verwaltet er das Sterben seiner Frau. Das gehen kann. „Das ist nicht leicht“, sagt selig in den Laptop. Sie weint. DerErledigte hakt er mit einem Kugelschrei- Pittner zu ihrer Patientin. Denn Elisabeth Ehemann übersetzt. „Nachmittags kom-ber ab. Er weiß, dass er mit Barbara Pitt- Schulte ist nicht inkontinent. „Seit dem men oft ihre Freundinnen her. Das istner alles besprechen kann. dritten Lebensjahr weiß man, dass man wunderbar für sie, ein paar geschenkte Die dringende Frage ist jetzt, wie er nicht in die Hose pinkelt. Jetzt soll man Stunden.“künftig seine Frau vom Schlafzimmer im plötzlich in die Windel machen. Aber SieObergeschoss nach unten in die Wohn- werden sehen, das geht schon. Wir helfen Im Hospizräume bringt. In wenigen Tagen werden Ihnen.“ Karina Heinrich hat sich anders entschie-ihre Knie versagen, dann müsste er sie Die Schwester prüft ein Medikament, den. Die 42-jährige ALS-Patientin ver-tragen, 55 Kilo, das ist nicht zu schaffen es soll verhindern, dass Elisabeth Schulte bringt die Zeit, die ihr noch bleibt, infür den 80-Jährigen. Angebote für einen an dem Schleim erstickt, den sie nicht einem Hospiz. „Zu Hause war ich oftTreppenlift liegen vor, das billigste Mo- mehr abhusten kann. Die Wirkung reicht allein“, sagt sie, „mein Mann bei der Ar-dell kostet 8500 Euro. „Wahnsinn“, sagt nicht mehr. Pittner ruft die Apothekerin beit, die Töchter in der Schule, der Pfle-er, „und das für kurze Zeit.“ Seine Frau in der Palliativzentrale an, dann den Arzt. gedienst schon wieder weg.“ Stets musstewird nicht mehr lange leben. Zusammen entscheiden sie, das Medika- sie fürchten, dass ihr im Rollstuhl plötz- D E R S P I E G E L 2 2 / 2 0 1 2 117
  • 96. Titellich die Luft knapp wird oder ein Krampf sagt sie. Die Töchter, heutesie packt. 15 und 20 Jahre alt, hätten Seit einer Woche lebt Heinrich jetzt im lieber mehr von der MutterHospiz von Herrnhut, einem Städtchen gehabt. Gemeinsame Ausflü-in Sachsen, nahe der polnischen Grenze. ge gab es selten, schon weilZwölf helle, freundliche Zimmer stehen nur an jedem sechsten Wo-hier bereit für Kranke, die keine Aussicht chenende die Dienstplänemehr auf Heilung haben. Vom großen der Eltern zusammenpassten.Balkon geht der Blick über den Obstgar- Die Krankheit meldeteten hinaus ins Hügelland der Oberlausitz. sich zum ersten Mal, als Ka- Frau Heinrichs Tag hat annehmlich be- rina Heinrich eine Treppegonnen: „Ich sitze gut, die Haare liegen hinunterlief. Plötzlich knick-schön, weil ich gerade geduscht habe, und te ihr Bein weg. Inzwischendie Leute hier wissen schon, dass ich es sind alle Gliedmaßen bis aufmag, wenn sie mich dabei kräftig abrub- die linke Hand gelähmt. „Im-beln.“ Es sind die Kleinigkeiten des All- mer habe ich mir mehr Zeittags, die nun zählen. Das Personal muss für die Familie gewünscht“,lernen, wie die Neue behandelt werden sagt sie. „Da hat mich wohlmöchte, bevor ihr die Kraft zum Sprechen jemand falsch verstanden.“schwindet. Wenigstens soll die Zeit Heinrich ist froh, dass ihr starke nun nicht ungenutzt verstrei-Schmerzen bis zum Ende erspart bleiben. chen. Die Kranke redet viel,Sie wird Morphium bekommen, so viel vor allem mit den Mädchen,sie braucht; darauf können sich alle ver- und sie freut sich über jedelassen, die hier versorgt werden. neue Freundschaft, die sie Es gibt Zeiten, da stirbt jeden Tag je- schließt – auch dafür hatte siemand im Hospiz. „Aber es ist hier eigent- früher kaum die Muße. Ihrelich ziemlich lustig“, sagt Heinrich, „es letzte Eroberung ist die Frau,wird gesungen und gelacht.“ Die Gäste die sie unter die Erde bringensollen sich ja auch wohl fühlen, sagt Gun- wird. „Ja, wirklich“, sagt sie,dula Seyfried, die Leiterin. „Für uns gehört halb verlegen, halb stolz, „ichdas Sterben zum Leben, nicht zum Tod.“ habe mich mit meiner Bestat- Karina Heinrich war selbst Kranken- terin angefreundet.“schwester, rastlos unterwegs im ambulan- Es gab viel zu besprechen,ten Pflegedienst, aber mit der eigenen die Grabstätte, den Blumen-Endlichkeit hat sie sich nie ernstlich be- schmuck, das Zeremoniell. PRIVATfasst, „ich war ja immer mopsfidel“. Sie Und unversehens kamen dieliebte den Umgang mit den Patienten, in- beiden einander übers Ge- Krebspatient Patrick 2010: „Wovor soll ich Angst haben?“begriffen selbst die chronischen Zankteu- schäftliche näher.fel und Griesgrame, die sie mit doppelter Die Beerdigung ist Frau Heinrichs letz- men hier leichter zur Ruhe“, glaubt Sey-Anstrengung für sich einzunehmen such- tes großes Projekt. „Das wird meine Fei- fried. „Sie müssen sich ja lösen.“te: „Einem bösen Hund musst du zwei er“, sagt sie. Die Todesanzeige ist geschrie- Häufig leben die Kranken nach der An-gute Stücke hinwerfen.“ ben, die Musik ausgesucht, etwas für Orgel kunft für eine Weile merklich auf. Die ei- Heinrich ging auf in ihrem Beruf, aber und Sänger, und auch die Grabrednerin nen finden wieder Geschmack an einemheute findet sie, dass der Preis zu hoch ist instruiert. Sie wird ein Gedicht vortra- Glas Sekt, die anderen freuen sich, dasswar. „Ich habe mich einfach verrannt“, gen und dann einen Brief hervorziehen: sie ihr Essen behalten oder eine ganze Die Verstorbene wendet sich noch einmal Nacht schlafen konnten. Manche äußernSPIEGEL-UMFRAGE an ihren Mann und die beiden Töchter. noch letzte Wünsche: das Enkelkind zuSterbeort Anfangs wollte Karina Heinrich zu sehen, eine große Pizza zu bestellen (von Hause bleiben bis zum Ende, aber das der sie nur einen Bissen schaffen). Oder, wäre wohl, nach den langen Jahren der im Winter, noch einmal einen Schnee-„An welchem Ort möchten Sie am liebsten Krankheit, über die Kräfte ihrer Angehö- mann zu berühren.sterben, wenn es einmal so weit ist?“ rigen gegangen. „Ich habe gesehen, dass Nach und nach erlischt dann das Inter- zu Hause 66 ich meine Familie schützen muss“, sagt esse an der Welt. In den letzten Tagen sie. „Die Mädchen sagen, sie könnten nie wollen die meisten Sterbenden nicht ein- wieder das Zimmer betreten, in dem ich mal mehr auf den Balkon gerollt werden: im Hospiz 11 mit guter gestorben bin. Mein Mann würde wohl zu blau der Himmel, zu grell die Sonne, Sterbebegleitung das ganze Haus verkaufen.“ zu optimistisch das Gezwitscher der Vö- Zu Hause muss nicht immer der beste gel. Ihr Bewusstsein trübt sich, sie verlie- auf einer 4 Ort sein, um gelassen den Tod zu erwarten. ren das Zeitgefühl und schlafen sehr viel, Palliativstation Alles dort erinnere die Sterbenden an ihr auch ohne Morphium. Im Glücksfall glei- mit guter medi- vergangenes Leben, mit dem sie noch viel- ten sie sanft aus dem Leben.zinischer Linderung fach verstrickt sind, sagt Hospizleiterin Der Körper stirbt fast immer leicht.im Krankenhaus 3 Seyfried. „Hinzu kommt, dass oft ständig Manchmal kommt es zwar zu Krämpfen die Türen gehen: der Pflegedienst, die Fa- oder plötzlichen Schmerzanfällen, vor TNS Forschung in einem Heim 1 am 21. und 22. Mai; milie, die Nachbarn, die Freunde.“ Im Hos- allem bei Krebspatienten, wenn der Tu- 1000 Befragte ab 18 Jahre; piz dagegen empfängt die Übersiedler ein mor in neue Körperregionen vordringt. an einem Angaben in Prozent; aufgeräumtes Zimmer und die fürsorgliche „Aber auch solche Durchbruchsschmer- anderen Ort 8 an 100 fehlende Prozent: Neutralität einer Herberge. „Viele kom- zen haben wir nach fünf bis zehn Minu- „Weiß nicht“/keine Angabe118 D E R S P I E G E L 2 2 / 2 0 1 2
  • 97. beruhigt, ist das Versprechen, sie nicht allein zu lassen.  Ein Kind stirbt Auf dem Waldfriedhof im südbayerischen Taufkirchen sitzt Barbara Hopf, 37, im Gras, die Knie an den Oberkörper gezo- gen, schaut auf das Grab ihres Sohnes und sagt, das sei eine schöne Geschichte, wie Patrick gestorben ist. Es begann im Mai vor drei Jahren im Urlaub an der Nordsee. Es gibt dort einen Bauernhof mit Schafen, Schweinen und ei- nem Traktor. Jedes Jahr fuhren die Hopfs dorthin – Patrick, sein zweieinhalb Jahre älterer Bruder Florian, Mama und Papa. Dieses Mal klagte der Dreijährige über Bauchschmerzen, Fieber, Halsschmerzen. Das Antibiotikum half nicht. Zu Hause, eine Woche später, schleppte sich Patrick samstags noch auf die Toilette. Sonntags konnte er nicht mehr aufstehen. Der Vater fuhr mit dem Auto zum Kran- kenhaus, Barbara Hopf hielt das Kind auf dem Arm. Sein Bauch war dick, sie sah, wie er anschwoll. Er stirbt, dachte sie. Im Ultraschall in der Klinik sah Barbara Hopf es dann: einen neun Zentimeter gro- ßen Tumor, der in den rechten Herzvorhof ragte. Tumorzapfen heißt das medizinisch. Wandert er, hieß das konkret, stirbt Patrick. Er kam sofort auf die Intensivstation. Ein Jahr verging, bis Patrick und seine Mutter das Krankenhaus endgültig verlas- sen konnten. Dazwischen lagen Operatio- nen am Herzen, an Leber und an Lunge, PRIVAT drei Chemotherapien, Nierenversagen.Zeichnung von Patricks Bruder: „Wenn ich sterbe, holt mich mein roter Drache“ Barbara Hopf spendete ihrem Sohn Kno- chenmark, es war die letzte Chance, ei-ten mit Medikamenten im Griff“, sagt mer so empfindlich“, sagt sie. „Sogar gentlich nur noch ein Experiment.Kathrin Dwornikiewicz, die Leiterin des mein Schmuck musste aus Gold sein.“ Als alles versucht war und Patrick sag-Pflegedienstes. Gegen die Angst vor dem Karina Heinrich hat Angst vor dem te, dass er nie wieder in die Klinik wolle,Ersticken, wenn der Atem flach wird, hel- Ende. gingen sie nach Hause. Wenn der Krebsfen Beruhigungsmittel. * zurückkäme, da waren sie, Eltern und Dennoch können die letzten Tage zum Fast alle Menschen haben diese Angst. Kind, sich einig, dann sei es eben so.Kampf werden, auch in Herrnhut. Die Auch Regisseur Schlingensief fürchtete Es begann eine neue Zeit. BarbaraSterbenden richten sich auf, die Beine fan- sich „vor dem Moment, wo das alles auf- Hopf zeigt Fotos. Patrick, der spielt, dergen an zu arbeiten, als müssten sie noch hört. Irgendwann gehen die Gedanken ja reitet, der Schlitten fährt. Sie musstenirgendwohin. Es ist das seelische Hinschei- weg!“. Lange haderte er mit seinem erst die Ärzte fragen, ob das Medikamentden, das manche über die Maßen aufwühlt. Schicksal. „Ich wär sautraurig, wenn ich in der Schmerzmittelpumpe die Kälte „Der Tod kommt viel sanfter, wenn un- gehen müsste“, sagte er in einem Fernseh- überhaupt aushält. Sie lacht. Mehr Bilder:sere Bewohner die Zeit hatten, ihre Dinge interview. „Also, das wär das Alleraller- Patrick auf dem Bobby-Car, Patrick beimzu ordnen, wenn sie die Familien versorgt letzte. Ich hab da a) keinen Bock drauf Zähneputzen, ein Schlauch, der hintenwissen und letzte Konflikte ausräumen und b), ich find das so sensationell hier!“ aus der Schlafanzughose baumelt. „Daskonnten“, sagt Hospizleiterin Seyfried. Kleine Kinder sterben anders. Gelasse- war Freiheit“, sagt sie.Eine Mutter hatte seit 16 Jahren keinen ner, weil sie sich diesen Moment des fina- Es war die Zeit, als Patrick seinen Dra-Kontakt mehr mit ihrem Sohn. Er kam len Abschieds von der Welt nicht vorstel- chen kennenlernte. Seine Tante hatte ihmaus den Niederlanden nach Herrnhut an- len können. Sie leben in einem magischen ein Buch geschickt, „Drache, kleiner Dra-gereist, und sie hielt durch, bis er da war. Universum, in dem sie sich selbst und ihre che“ heißt es. Es geht um einen krankenErst dann starb sie. Eltern für allmächtig halten. Zeit messen Jungen und einen Drachen, der kommt, Am Ende sind alle friedlich. sie nicht in abstrakten Kategorien wie Wo- wenn Kinder sterben. Karina Heinrich weiß nicht, was ge- chen und Jahren, sondern sehr konkret: „Wenn ich sterbe, holt mich mein roterschieht, wenn ihr die Kraft zu atmen „Wie oft muss ich noch schlafen?“, fragen Drache“, sagte Patrick nun. Er wirkte be-schwindet. Sie hat noch nicht gewagt zu sie, wenn sie wissen wollen, wie lange et- ruhigt. „Wovor soll ich Angst haben? Ichfragen. Sie weiß aber, dass sie keine Ein- was dauert. Es zählt der Moment. hab doch einen Drachen!“griffe will, die ihr Leben verlängern: we- Und so ist es auch mit dem Tod, sie be- Barbara Hopf begann, Tagebuch zuder einen Luftröhrenschnitt zum Beatmen greifen Sterben nicht als endgültig. Wenn schreiben, es wurden Briefe an den Dra-noch eine Magensonde. Schon Infusionen sie etwas daran fürchten, dann eines: von chen. Als sie erfuhren, dass der Krebs infindet sie unerträglich. „Ich war schon im- ihren Eltern getrennt zu werden. Was sie der Lunge streut und Patrick keine Angst D E R S P I E G E L 2 2 / 2 0 1 2 119
  • 98. Titel ARCHIVO TERZANISchriftsteller Terzani mit Sohn 2004: „Es ist doch die natürlichste Sache der Welt“bekam, schrieb sie: „Dieser sagenhafte Frau, die zuhören kann. Seit 2004 hat ihr trick noch einmal tief atmete, seufzteFrieden, der alles beruhigte, war wunder- Team im Projekt „Home“ mehr als 300 und es danach nur noch Ruhe und Frie-bar. Nicht mehr kämpfen zu müssen.“ Kindern geholfen, zu Hause zu sterben. den gab – und die Gewissheit, dass esWem hätte sie sagen können, dass sie er- Zwei weitere Ärztinnen, zwei Kranken- gut so war.leichtert ist, dass ihr Kind nun sterben schwestern, eine Sozialarbeiterin, einedarf? Wem außer einem Drachen? Seelsorgerin und ein Psychologe gehören * Hopfs fuhren wieder an die Nordsee, dazu. Sie erlauben so viel normales Le- Wolfgang Herrndorf, 46, Autor derPatrick hatte sich das gewünscht. Zwei ben wie möglich, wenn eigentlich nichts Bestsellerromane „Tschick“ und „Sand“,Wochen blieben sie, es war schön wie im- mehr normal ist. weiß, dass er bald tot sein wird. Sehr bald.mer. Zurück zu Hause, tröstete Florian Monika Führer oder ihre Kolleginnen In seinem Kopf breitet sich ein Tumorsich damit, dass er im Sommer ja wieder kamen nun regelmäßig zu den Hopfs, aus. Ende April bekam er seine vorerstdahin fahren könne. „Und ich?“, fragte auch nachts, wann immer Patricks Mutter letzte Prognose. „Erst mal drei Monate“,Patrick. Sie wisse es nicht, sagte seine anrief. Sie hörten zu, spendeten Trost, schrieb er in sein Blog, danach reiste erMutter, und was sie nicht wisse, könne gaben Medikamente. noch mal nach Afrika.sie nicht versprechen. Im August, zwei Jahre nach der Dia- Herrndorf hielte es für „segensreich“, Patrick weinte. Er schlug um sich, er gnose, packte Barbara Hopf das Auto. wenn man frühzeitig im Leben wüsste,tobte, er wolle aber an die Nordsee! Zum Schmerzmittel nahm sie mit, Pumpen, auf wann man sterben wird. Vielleicht nochersten Mal wurde ihm klar, dass er keine dem Rücksitz lag eine Matratze: für Pa- nicht als Kind, meint er, aber dann:Zukunft hatte, wie sie andere Kinder ha- trick, der nicht mehr sitzen konnte. Oma „Besuch im Genlabor, dann ungefährben. Aber so schnell, wie er aufgebraust und Florian waren vorausgefahren. Patrick ausrechnen, dann planen, dann leben.war, beruhigte er sich wieder. „Was ma- reiste ein letztes Mal an die Nordsee. Könnte man sich viel Quatsch ersparen.“chen wir jetzt?“, fragte er seine Mutter. Es regnete und stürmte, aber die Hopfs Vielleicht könnte, wer sich den Quatsch Der Frühling kam, Patrick säte Sonnen- gingen jeden Tag an den Hafen. Patrick erspart, so ruhig und glücklich in den Todblumen. Wann immer eine verwelkte, konnte nicht mehr sehen, er war schwach, gehen wie der Schriftsteller Tiziano Ter-musste seine Mutter sie auf den Balkon le- häufig müde, aber er roch und hörte das zani. Seinem Sohn berichtete er von dergen. Da holte sie der Drache ab und pflanz- Meer. Er war glücklich. „geballten Freude“, die er spüre, die „inte sie in den Garten neben dem Drachen- Einen Monat später starb Patrick. Eine alle Richtungen ausstrahlt“. Terzani starbhaus, wo sie wachsen sollten, bis Patrick Krankenschwester sprach aus, was alle „ohne Angst, denn es ist doch die natür-nachkommt. Er baute die Drachenwelt aus, dachten: „Ich mache mal das Fenster auf“, lichste Sache der Welt“.die Phantasie gab ihm Antworten auf seine sagte sie. „Der Drache klebt schon an der RAFAELA VON BREDOW, ANNETTE BRUHNS,Fragen. „An Weihnachten bin ich bestimmt Scheibe.“ MANFRED DWORSCHAK, LAURA HÖFLINGER,schon bei meinem Drachen“, sagte er. An jenem Morgen, als klar war, dass es ANNA KISTNER, CONNY NEUMANN Seit über einem Jahr war Patrick zu so weit war, ging Florian nicht in die Schu-Hause, als er Krampfanfälle bekam. Der le. Der Vater fuhr zur Arbeit. Er konnteKrebs hatte sein Gehirn erreicht. Barbara nicht dabei sein, seine Frau verstand. Die Video:Hopf wusste, dass nun das Sterben begann. Oma kam. Zwei Krankenschwestern. Die Wie man Trauernden Sie wandte sich an Monika Führer, Ärz- Mutter schickte sie hinaus. Sie wollte al- hilfttin für Kinderpalliativmedizin am Klini- lein sein mit ihrem Sohn. Für Smartphone-Benutzer:kum der Uni München. Führer hat mehr Ein paar Tage später schrieb sie in Bildcode scannen, etwa mitLachfalten als Sorgenfalten, sie ist eine einem Brief an den Drachen, wie Pa- der App „Scanlife“.120 D E R S P I E G E L 2 2 / 2 0 1 2
  • 99. TechnikGanzheitliche FotosFunktionsweise der Lichtfeldkamera MikrolinseEinzelne Linse Trägermaterialmit einem SensorSensor, der nurwenige Pixelabbilden kannLichtfeldchipmit Hundertenvon Einzel-linsen 1 Eine Vielzahl von Mikrolinsen nimmt jeweils 2 Erst der Computer montiert die vielen einen Ausschnitt des späteren Fotos auf. Einzelaufnahmen zu einem Gesamtbild. Verborgen in abgedunkelten Optik- FOTOGRAFIE labors hantieren die Wissenschaftler dort Insektenaugen für Computer mit Computerchips, die sehen können. Klein und so flach wie ein Fingernagel sehen sie aus, mit Metallbeinchen, wie eckige Tausendfüßer. Ihre Linsen sind nicht erkennbar, ihre Oberflächen wirken blind. Kameras, klein wie ein Fingernagel, könnten die Bildgebung Frank Wippermann, 37, hält einen sol- revolutionieren. Sie haben Hunderte Minilinsen, sind chen Chip eine Armlänge vor sich – und prompt erscheint auf dem angeschlos- billig herzustellen, 3-D-fähig und ähneln einem Insektenauge. senen Laptop sein Gesicht: hohe Stirn, schmale Brille. Er hält sich den Chip einenE rst knipsen, dann scharf stellen! Die und her zu schieben, von der Blume im Millimeter vor die Nase – und porentief Nachricht schlug Wellen, als ein ka- Vordergrund zum Haus im Hintergrund. wird seine Haut sichtbar. Weder externe lifornisches Start-up namens Lytro Doch Fachmagazine wie „c’t“ kritisieren Linsen noch Blenden oder ein Auslöserim vorigen Jahr eine Kamera vorstellte, die „nicht gerade begeisternde Qualität“, sind dazu nötig, nur der Lichtfeldchipbei der sich nachträglich am Computer den schlechten Monitor, einen „katastro- selbst: ein Elektronikbauteil, kaum größerentscheiden lässt, welche Bildpartien phalen“ Weißabgleich, das Fehlen von als eine Haferflocke. Elektronik und Op-scharf sein sollen. „Jetzt gibt es eine Aus- Blitz, Fernauslöser und Standard-Datei- tik verschmelzen.rede weniger, das perfekte Foto zu ver- format – und das alles zum stattlichen Gerade dank ihrer Unsichtbarkeitpassen“, schrieb die „New York Times“. Preis von 400 Dollar. Dass ein solches könnten die sehenden Chips in ein paar Entwickelt wurde die Kamera von ei- Gerät die Fotografie revolutioniert, er- Jahren allgegenwärtig werden, sie könn-nem Team um Ren Ng (dessen chinesi- scheint nicht sehr wahrscheinlich. ten uns anglotzen aus Musikspielern,scher Nachname sich „Ang“ spricht). Der Und doch könnte die Technik, die der Zahnbürsten oder Hemdknöpfen.heute 32-Jährige hatte an der Stanford Lytro-Kamera zugrunde liegt, die Bilder- „Das Lichtfeldprinzip ist einfach“, sagtUniversity seine Dissertation über Licht- welt tiefgreifend verändern. Ihr volles Wippermann, der am IOF eine zehn-feldkameras geschrieben. Einst bestanden Potential dürfte sie dann entfalten, wenn köpfige Entwicklergruppe leitet: „Wirdiese aus Dutzenden Einzelkameras, an- sie nicht mit poppiger Kamerahülle daher-geschlossen an einen Supercomputer. Ng kommt, sondern klein und unscheinbar.ist es gelungen, die gesamte Installation Auf der Suche nach dieser stillen Re-in einen handlichen Zylinder zu packen, volution lohnt sich eine Reise nach Jena,der entfernt an ein Opernglas erinnert. in die Stadt der Zeiss-Werke, wo um 1870 LYTRO / ACTION PRESSDas Fokussieren der Bilder geschieht der Physiker Ernst Abbe erstmals Mikro-nachträglich am eigenen Rechner, die skop-Optiken mathematisch präzise be-Spezialsoftware dafür wird mitgeliefert. rechnete. Am Stadtrand liegen in einem Die Lytro-Kamera startete als Sensa- kantigen Zweckbau die Forschungsstättention – doch sie endete als Gimmick. Es des Fraunhofer-Instituts für Angewandte Lytro-Kameramacht zwar Laune, den Schärfepunkt hin Optik und Feinmechanik (IOF). Von der Sensation zum Gimmick122 D E R S P I E G E L 2 2 / 2 0 1 2
  • 100. nikbranche. Apple, Sony und Intel hätten bereits angefragt. Mit Ng, dem Gründer von Lytro, traf sich Apple-Chef Steve Jobs noch kurz vor seinem Tod. Denn die Lichtfeldtechnik machte eine weitere Miniaturisierung möglich: „Die Dicke eines Handys ist großenteils durch die Tiefe der Kamera definiert“, sagt Andreas Bräuer, 60, der die Mikrolinsen-Arbeits- gruppen am IOF leitet. „Mit unseren millimeterdünnen Microarrays könnten Handys noch dünner werden.“ Zweiter großer Vorteil: Die 3-D-Kame- ras eignen sich ideal für die Gestenerken- nung, denn sie können nah und fern un- terscheiden und so Hand und Hinter- grund leicht auseinanderhalten. Auch mit der Autoindustrie arbeitet Bräuer zusammen. Dort könnten die Minikameras dazu benutzt werden, den Blicken des Fahrers zu folgen. Dass die kleinen Insektenaugen herkömmlichen Kameras so wenig ähneln, betrachtet Bräuer dabei als Vorteil: „Viele Autofah- rer würden sich von einer Linse beob- achtet fühlen.“ Dass sie mit ihrer Tüftelei das Sehen3 Die Vielzahl der Perspektiven ermöglicht neu erfinden können, verdanken Bräuer und seine Mitstreiter einem anderen, demdas nachträgliche Fokussieren per Software. Ähnliches mit dem Hören gelang: Die Entwicklung der Jenaer Insektenaugenmachen das wie beim Facettenauge der winzigen Linsen eine etwas andere Per- wird durch die Zukunftsstiftung derInsekten. Statt einer großen nutzen wir spektive abbildet, kann der Computer Fraunhofer-Gesellschaft finanziert. Dieüber 200 winzige Linsen, die auf der Chip- aus den Unterschieden nachträglich drei- speist sich aus den Lizenzeinnahmen füroberfläche angeordnet sind.“ Jede einzel- dimensionale Bilder errechnen oder die das Musikkompressionsformat MP3, dasne Linse ist klein wie ein Sandkorn und Schärfezone nach Wunsch legen (siehe der Fraunhofer-Forscher Karlheinz Bran-fängt auf nur 40 mal 40 Bildpunkten einen Grafik). denburg vor 20 Jahren in Erlangen mit-Ausschnitt des jeweiligen Objekts ein. Erst Die neue Technik erfüllt damit einen entwickelt hat. Allein im Jahr 2011 brach-nach der Aufnahme werden die Teilbilder alten Traum, denn das Unbehagen an der ten die Lizenzen 125 Millionen Euro ein.überlagert und zusammengerechnet. Starrheit des einäugigen Kamerablicks ist In Jena tüftelt man weiter und kehrt Noch sind die Jenaer Sehchips nur Pro- fast so alt wie die Fotografie selbst. Schon nun die Richtung der Lichtstrahlen um:totypen, bisher sind sie nicht sehr licht- 1908 entwarf der französische Physik- Wer Licht einfangen kann, sollte es auchstark, und die Auflösung ist schwammig nobelpreisträger Gabriel Lippmann die aussenden können. Ein sechs Millimeterwie bei einem alten Fernseher. Doch die- Vision von „photographies intégrales“, dünner Projektor steht in einem abge-se Mängel der haarkleinen Lichtfeld- also umfassenden, ganzheitlichen Foto- dunkelten Labor und wirft einen Trick-kameras werden durch enorme Vorteile grafien mit Hilfe von Lichtfeldern. Plen- film mit der Simpson-Familie an dieaufgewogen: optik wird diese Technik auch genannt, Wand. Das Prinzip ist dasselbe wie für‣ Die Chips sind nur halb so dick wie was so viel bedeutet wie: Vollsehen. Nur die Insektenkamera, nur dass statt Licht- herkömmliche Handykameras; eines fehlte den Fürsprechern des voll- sensoren hier Hunderte leuchtender Di-‣ sie haben keine beweglichen Teile, das ständigen Blicks: die dafür notwendige oden hinter den Mikrolinsen sitzen. Ent- macht sie schnell, robust und strom- Rechenleistung. wickelt wird das Gerät von Marcel Sieler, sparend; Seit die Computertechnik diese nun im einem Doktoranden. Mit 27 Jahren hat‣ durch Massenherstellung könnte ihr Überfluss zur Verfügung stellt, hat der er schon sieben Patente angemeldet. Preis auf wenige Cent schrumpfen; vieläugige Blick Konjunktur. Künstler wie Das Besondere des Lichtfeldprojektors:‣ fertige Bilder können elektronisch David Hockney versuchen mit ganzen Der Beamer kann sogar an geneigte oder nachfokussiert oder auch als 3-D-Fotos Kamerabatterien der starren Zentralper- gewellte Oberflächen gestochen scharfe aufbereitet werden. spektive zu entkommen. Und Drohnen- Bilder werfen – denn jedes Teilbild lässt Erstmals brechen Lichtfeldkameras mit forscher statten ihre Flugobjekte mit In- sich einzeln fokussieren. So flach ließedem Grundprinzip, das sich seit Erfindung sektenaugen aus, um ihnen Rundum- sich der Minibeamer bauen, dass er sogarder Fotografie um 1830 kaum verändert blicke zu erlauben. in ein Handy passte.hat: Bei herkömmlichen Fotoapparaten Auch in der Industrie hat der Siegeszug HILMAR SCHMUNDTwird das Bild durch ein einziges Objektiv der Lichtfeldkameras bereits begonnen.auf eine zweidimensionale Fläche proji- Die Kieler Firma Raytrix etwa verkaufteziert. Alle Lichtstrahlen wandern durch sie schon lange vor Lytro. Hersteller set- Video:dieselben Linsen, wobei Informationen zen die Kieler 3-D-Augen seither ein, um So funktionieren diezur räumlichen Tiefe verlorengehen. etwa am Fließband die Qualität von Minikameras Lichtfeldkameras dagegen bestehen Werkstücken zu testen. Für Smartphone-Benutzer:nicht aus einer Optik, sondern aus Hun- Die Jenaer Forscher berichten von re- Bildcode scannen, etwa mitderten „Objektiven“. Und weil jede der gem Interesse vor allem aus der Elektro- der App „Scanlife“. D E R S P I E G E L 2 2 / 2 0 1 2 123
  • 101. Wissenschaft Olympiasieger Steiner* Zuckerkrank und stärkster Mann der Welt „Die Betreuung von Diabeteskindern in Deutschland ist noch viel zu sehr am traditionellen, konservativen Familien- bild orientiert“, kritisiert Kirsten Mön- kemöller, Diabetologin und Oberärztin am Kinderkrankenhaus Amsterdamer Straße in Köln. „Wenn die Mutter ihren Beruf aufgibt, zu Hause bleibt und alles organisiert, klappt es gut – sonst nicht.“ Ein Drittel aller Mütter von diabetes- kranken Kindern, ergab eine Untersu- chung, kapituliert am Ende und verlässt den Job ganz oder teilweise, weil die Ver- sorgung anders nicht zu schaffen ist. Verschärft wird das Problem, weil die Zahl der Mädchen und Jungen mit Dia- betes Typ 1 seit Jahren steigt. Aktuell sind in Deutschland rund 18 000 Kinder unter 15 Jahren betroffen – eines von 600. Und die Krankheit bricht immer früher aus. Bis zum Jahr 2020, schätzen Exper- ten, wird sich die Zahl der diabeteskran- ken Kinder unter fünf Jahren verdoppeln. DIABETESDE „Wahrscheinlich ist die Ursache dafür eine Kombination aus erblicher Veranla- gung, Ernährung und dem Auftreten von kriegen, Sport treiben – oder sogar zum Virusinfekten“, sagt der Diabetologe Tho- MEDIZIN stärksten Mann der Welt werden wie mas Danne, Chefarzt am Kinderkranken- Wenn Kleine Matthias Steiner, Olympiasieger im Ge- haus Auf der Bult in Hannover, wo rund wichtheben. Durch die bessere Blut- 700 zuckerkranke Kinder behandelt wer- zucker-Einstellung treten zudem Spät- den. Die Infektionen lösen dabei eine messen müssen folgen wie Nierenversagen, Erblindung Autoimmunreaktion aus, welche die Insel- oder Nervenschäden deutlich seltener zellen der Bauchspeicheldrüse zerstört. und später auf. Auch gibt es Hinweise darauf, dass Trotz aller Fortschritte läuft die Betreu- Kaiserschnittgeburten das Diabetesrisiko In Deutschland wächst ung von Diabeteskindern in deutschen erhöhen können; vermutlich weil das die Zahl diabeteskranker Kinder. Kindergärten und Schulen jedoch noch Kind dabei nicht mit den natürlichen Doch Kindergärten und immer erschreckend schlecht. „Man muss Scheidenbakterien der Mutter in Berüh- gemeinsam eine Lösung vor Ort suchen“, rung kommt und sich sein Immunsystem Schulen sind mit der Betreuung erklärt ein Sprecher des nordrhein-west- schlechter entwickelt. häufig überfordert. fälischen Schulministeriums das Prinzip. Immerhin ist die Insulinersatztherapie Manchmal gelingt das – oft aber heißt in den vergangenen Jahren perfektioniertD ass ihre Tochter in den Kinder- dies, dass die Eltern das meiste selbst or- worden. Auch Lea G. trägt eine Insulin- garten gehen kann, empfindet ganisieren müssen. pumpe in einem kleinen pinken Beutel Nadine G. aus der Nähe von Bie- um ihren Bauch. Ein dünner Schlauchlefeld schon als Glück. Erst im dritten führt zu einem Katheter am Oberschen-Anlauf stieß sie auf eine Einrichtung, die Studie zu Diabetes Typ 1 kel. Alle paar Minuten pumpt der Appa-bereit war, Lea aufzunehmen. bei Kindern in Baden-Württemberg, rat automatisch den Basisbedarf an Insu- Dabei ist die Fünfjährige ein Kind, wie jährliche Neuerkrankungen lin ins Unterhautfettgewebe. Wie viel In-es sich Erzieherinnen nur wünschen kön- pro hunderttausend Kinder 21,1 sulin der Körper zusätzlich benötigt, mussnen – schlau und wissbegierig, freundlich, bei jeder Mahlzeit neu errechnet und inlustig und unkompliziert. Das Einzige, Quelle: ISPAD die Pumpe eingetippt werden. Sport wie-was ihr fehlt, ist ein Hormon: Die Insel- derum kann den Blutzuckerspiegel sen-zellen ihrer Bauchspeicheldrüse produ- ken – darauf muss geachtet werden, dennzieren so gut wie kein Insulin mehr. Lea sonst droht eine Unterzuckerung, bei derleidet seit ihrem zweiten Lebensjahr an die Kinder im Extremfall sogar bewusst-Diabetes Typ 1. los werden können. Die medizinische Therapie der Krank- „Das moderne Blutzuckermanagementheit hat in den vergangenen 30 Jahren 10,2 Anstieg der Erkrankungsfälle ist zwar komplex, aber bei entsprechen-große Fortschritte gemacht. Vorbei sind in den Altersgruppen, der Schulung ab einem gewissen Alterdie Zeiten, in denen Zuckerkranke nach 2010 gegenüber 2005 in Europa machbar“, sagt Diabetologin Mönke-einem festzementierten Schema essen 0 bis 4 Jahre +28,6% möller. Allerdings können die Kinder ih-und Insulin spritzen mussten. Längst kön- 5 bis 9 Jahre +18,9% ren Diabetes frühestens ab zwölf Jahrennen Diabetiker mit einer individuellen 10 bis 14 Jahre + 4,8%Insulintherapie ein normales Leben füh- * Bei einer Erlebniswoche mit diabeteskranken Kindernren, auf Reisen gehen, Eis essen, Kinder 1987 90 95 2000 06 auf Burg Rabenstein in Brandenburg.124 D E R S P I E G E L 2 2 / 2 0 1 2
  • 102. Wissenschaftweitgehend selbständig managen. Zu Hau-se kümmern sich bei Jüngeren die Elterndarum. Doch etliche Kindergärten und ASTRONOMIE Trauriges GewölkGrundschulen wehren sich dagegen, Dia-beteskinder aufzunehmen – oder verlan-gen von den Eltern, einen Haftungsaus-schluss zu unterschreiben. Und wenn eineEinrichtung die Unterstützung zusagt,sind die meisten Lehrer und Kindergärt- Zum letzten Mal für über hundert Jahre schiebt sich die Venusnerinnen zwar motiviert, den Kindern zu vor die Sonne. Durch Vermessung einer solchen Mini-Finsternishelfen – aber auch schnell überfordert. Diese Erfahrung machte auch Nadine erkannten Himmelsforscher einst, wie riesig das Weltall ist.G. Anfangs versuchte sie, die Erziehe- Krinnen im Umgang mit der Krankheit ih- ein anderer Astronom hatte jemals Doch ausgerechnet in der Nacht vorrer Tochter selbst zu schulen: „Aber das so viel Pech wie der Franzose Guil- dieser Mini-Finsternis zogen dunkle Wol-reichte nicht. Die Unsicherheit blieb zu laume Le Gentil. Um das seltene ken auf. Le Gentil war am Boden zerstört:groß.“ Um eine Unterzuckerung zu ver- Himmelsspektakel zu beobachten, nahm „Über 10 000 Meilen habe ich zurückge-meiden, hatten die Kindergärtnerinnen der Gelehrte eine neun Jahre dauernde legt, um zuzusehen, wie sich ein traurigesLea häufig zur Sicherheit einfach Trau- Odyssee auf sich, die ihn um die halbe Gewölk vor die Sonne schiebt.“benzucker verabreicht. Doch dadurch Welt führte. Der französische Gelehrte war nichtwar ihr Blutzucker ständig erhöht. Am Kap der Guten Hoffnung entging der Einzige, der sich wegen des Venus- Besser klappt es, wenn nicht die Eltern, er nur knapp den Kanonen britischer Transits in die Ferne aufmachte. Rundsondern eine Fachkraft die Lehrer oder Kriegsschiffe. Auf Mauritius wäre er fast 250 Forscher an 130 BeobachtungsortenErzieherinnen schult. Nur weigern sich an der Durchfallkrankheit Ruhr gestor- richteten am 3. Juni 1769 ihre Teleskopedie Krankenkassen häufig, diese Schulun- ben. Im Indischen Ozean kam so hefti- aufs Firmament. Alle führenden Natio-gen zu bezahlen. ger Sturm auf, dass der Kapitän und der nen hatten Expeditionen auf den Weg ge- Anders sind die Bedingungen etwa in Erste Offizier in Streit gerieten und ihr schickt, so manch ein Sternengucker be-Schweden. „Bei uns muss die Gemeinde Schiff der „Willkür des Windes“ (Le zahlte den Wagemut mit seinem Leben.selbstverständlich diese Kosten überneh- Gentil) überließen. In Panik übernahm Bei dem Forschungswettlauf ging es dar-men“, sagt Fredrik Löndahl, Präsident der Sternenforscher selbst das Ruder – um, ein Menschheitsrätsel zu lösen: Wiedes Schwedischen Diabetesverbands. In und steuerte den Segler in sicheres Fahr- weit ist die Sonne entfernt? Wie groß istSchweden muss auch jede Schule Diabe- wasser. das Planetensystem?teskinder aufnehmen. Während der Un- Trotz dieser Widrigkeiten erreichte Le Mitte des 18. Jahrhunderts bot der Ve-terrichtszeit ist die Lehranstalt verpflich- Gentil rechtzeitig seinen Beobachtungs- nus-Transit erstmals die Chance, die Aus-tet, all das an Betreuung zu übernehmen, ort Pondichéry im Südosten Indiens. Er maße unserer kosmischen Nachbarschaftwas zu Hause die Eltern machen. Lön- schaffte es sogar noch, ein Observatorium zu berechnen. Dazu war es erforderlich,dahl: „Und ist ein Lehrer mit dieser Auf- zu errichten. Auch das Wetter schien mit- den zeitlichen Ablauf an möglichst vielengabe überfordert, dann muss der Direktor zuspielen, wochenlang blickte er in einen weit voneinander entfernten Orten zudie Versorgung des Schülers auf andere strahlend blauen Himmel. All die Strapa- messen (siehe Grafik). Unter abenteuer-Weise organisieren.“ zen hatte er nur auf sich genommen, um lichsten Umständen reisten europäische Wenn es in Deutschland die Betreuer zu verfolgen, wie die Venus als kleiner Astronomen deshalb bis nach Kaliforniennicht schaffen, den Blutzucker des Kindes schwarzer Fleck vor die Sonnenscheibe und Sibirien, bis zum Nordkap und in dieregelmäßig zu kontrollieren, bezahlen die wandert („Transit“). Südsee – und das zu einer Zeit, als einKrankenkassen zwar einen Pflegedienst.Doch für die knapp zehn Euro, die dafür Schwesterplanet auf Achse Berechnung desvorgesehen sind, lohnt sich der Aufwand Der Venus-Transitfür die meisten Pflegedienste nicht. Abstands zwischen Nadine G. hat nach langem Suchen Die Venus überholt die Erde alle 584 Tage. Erde und Sonneeine Pflegekraft aus dem benachbarten Weil die Venusbahn jedoch gegenüber dem nach Edmond Erdorbit geneigt ist, schiebt sich der Planet Halley UnterschiedlicheAltenheim gefunden, die regelmäßig in dabei nur sehr selten genau zwischen Erdeden Kindergarten kommt, um bei Lea Beobachtungen und Sonne. Wenn eine solche Mini-Finsternis Venus vor der Sonneden Blutzucker zu messen und ihre Insu- auftritt, dann meist zweimal im Abstandlinpumpe zu bedienen. von acht Jahren – danach aber erst wieder Erde Doch auch der Pflegedienst kann nicht über hundert Jahre später.verhindern, dass Lehrern grobe Fehler un-terlaufen. Miriam Backes, Kinderkranken-schwester aus Köln, hat selbst schon diehaarsträubendsten Vorfälle erlebt: „Ein- Venus Venus-Transitmal sagte ein Kind im Sportunterricht:,Mir ist schlecht, ich unterzuckere.‘ Darauf-hin erwiderte der Lehrer: ,Jetzt stell dichnicht so an, du hast nur keine Lust mehr.‘“ Erde normale Begegnung Nadine G. konnte sich auf die Erziehe- ohne Venus-Transitrinnen bislang verlassen. Wenn es ein Pro-blem gibt, rufen sie aus dem Kindergartenbei ihr an. Einkaufen kann die Mutter indieser Zeit allerdings nicht: An der Kasse Erdbahn Einim Supermarkt ist ein Funkloch. Umlauf um die Son ne dauert 365 Tage. VERONIKA HACKENBROCH, KERSTIN KULLMANN126 D E R S P I E G E L 2 2 / 2 0 1 2
  • 103. Brief von Berlin nach Paris fünf Tage be- Der Kapitän gab nicht auf, stur segelte nötigte. er weiter westwärts. Erschöpft erreichten Auf einmal kooperierten sogar Forscher, die Abenteurer nach achtmonatiger Fahrt deren Heimatländer Krieg gegeneinander ihr Ziel: die Südseeinsel Tahiti. Kaum im führten. „Sie kamen im Geist der Aufklä- Paradies angekommen, ließ Cook eine rung zusammen“, schreibt die Historike- bewachte Beobachtungsstation bauen: rin Andrea Wulf in ihrem soeben erschie- das „Fort Venus“. Anschließend vergnüg- nenen Buch**. „Die Messung des Venus- ten sich seine Männer mit den freizügigen Transits war ein Schlüsselmoment einer Tahitianerinnen. neuen Epoche, in der man die Natur mit Beinahe zum bewaffneten Konflikt Hilfe der Vernunft zu verstehen suchte.“ kam es, als die Insulaner einen Quadran- In deutschen Städten projizierten Astro- ten stibitzten und in seine Einzelteile nomen mit Hilfe von Spiegeln und Linsen zerlegten, ohne den die Vermessung des die Mini-Finsternis auf Wände; eine Früh- Transits nicht möglich war. Von Pistolen form von Public Viewing, die damals die bedroht, rückten die Eingeborenen das Zuschauer verzauberte. Instrument wieder heraus. Nun steht wieder eine Mini-Finsternis Als die Venus schließlich vor die Son- bevor. Am 6. Juni wird die Venus erneut nenscheibe zog, herrschte perfektes Be- die Sonnenscheibe beflecken, indem sie obachtungswetter, 48 Grad im Schatten sich zwischen Erde und Sonne schiebt. In und nicht eine Wolke am Himmel. „Der Deutschland lässt sich das Spektakel Tag“, so Cook, „erwies sich als so günstig, AKG unmittelbar nach Sonnenaufgang verfol- wie wir nur wünschen konnten.“ gen – ein Jahrhundertereignis, das die Entdecker Cook vor Tahiti* Nach den erfolgreichen Messungen war heute Lebenden wohl nie wieder werden Wie weit ist die Sonne weg? die Expedition aber noch lange nicht zu bestaunen können: Zum nächsten Transit Ende. Von Tahiti aus überquerte das kommt es erst am 11. Dezember 2117. Vor allem aber Amateurastronomen Schiff den nicht enden wollenden Pazifi- Großteleskope, darunter das „Hubble“- fiebern dem Venus-Transit entgegen. „Für schen Ozean. Im tückischen Korallenriff Weltraum-Observatorium, werden in Stel- uns ist das der Höhepunkt des Jahres“, Great Barrier Reef vor Australien lief die lung gebracht. Denn während der erd- sagt Otto Guthier, Vorsitzender der 4000 „Endeavour“ auf Grund. Joseph Banks, nächste Planet vor der Sonne entlangzieht, Mitglieder zählenden „Vereinigung der der Botaniker an Bord, notierte in seinem wird seine Atmosphäre gleichsam durch- Sternfreunde“. Auf Astro-Reisen spezia- Tagebuch: „Nun blickten wir dem Tod leuchtet. Die Forscher wollen testen, wie lisierte Veranstalter fliegen die Fans dort- ins Auge.“ diese Durchleuchtungstechnik helfen kann, hin, wo das Himmelsschauspiel besonders Doch der ereilte sie erst im Hafen von außerirdische Lebensformen zu finden. gut zu sehen sein wird. Die Sterngucker- Jakarta. Viele Männer starben an Malaria. Ähnlich wie jetzt die Venus kann auch tour von Eclipse-Reisen nach Island bei- Den britischen Chefastronomen Charles ein Planet in einem fernen Sonnensystem spielsweise ist ausgebucht. Als beliebtes Green raffte schwerer Durchfall dahin. bei einem Transit einen Fingerabdruck Ziel von Hobbyastronomen gilt auch das Erst zwei Jahre nach dem Transit der chemischen Zusammensetzung seiner ferne Australien. brachte Cook die Beobachtungsdaten Atmosphäre hinterlassen. Und schon das Beim historischen Venus-Transit 1769 nach Europa – das Internet war noch Vorhandensein großer Mengen Sauerstoff war der Pauschaltourismus noch nicht nicht erfunden. wäre ein klarer Hinweis darauf, dass wo- erfunden. Wer damals in die Ferne auf- Der Weltumsegler wurde als Held ge- möglich auch auf der Alien-Welt die Bäu- brach, riskierte sein Leben. feiert, die mühsam errungenen Messun- me in den Himmel wachsen. Die weiteste Reise legte der britische gen vom anderen Ende der Erde erwiesen Entdecker James Cook mit der „Endea- sich als besonders wertvoll. Aus den Da- vour“ zurück. Vor Kap Hoorn schüttelten ten aller Expeditionen zusammen konn-Mehrere Beobachter verfolgen die eisige Orkane sein Schiff durch. Auf Feu- ten die Astronomen schließlich errech-Venus mit der Sonne als Hintergrund. erland starben mitreisende Forscher beim nen, dass die Entfernung zur Sonne rundJe nach Standort auf der Erde werden Bahn Pflanzensammeln – sie wurden von einem 150 Millionen Kilometer beträgt, weitund Dauer des Transits anders erlebt. Schneesturm überrascht. mehr als vermutet. Zum ersten Mal bekamen die MenschenMit Hilfe der genauen Koordinaten * Stahlstich, um 1845. eine Ahnung davon, wie riesig das Weltall ** Andrea Wulf: „Die Jagd auf die Venus und dieder Beobachter lässt sich die Distanz Vermessung des Sonnensystems“. C. Bertelsmann, Mün- um uns herum wirklich ist.zwischen Erde und Sonne bestimmen. chen; 416 Seiten; 21,99 Euro. Mit leeren Händen kehrte hingegen der Pechvogel Le Gentil in seine französische Heimat zurück – wo der Sternenkundler einen weiteren Schicksalsschlag verkraf-Venusbahn E ten musste. in Umlauf umd i e B a hn i s t g e d i e So n n e Seine Erben hatten ihn inzwischen für g e n ü b e r de m da u e r t 2 2 Erdorbit um 5 Erdtage tot erklärt und damit begonnen, seinen ; 3,4 Grad Besitz unter sich aufzuteilen.