Der Spiegel 2012 16
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Der Spiegel 2012 16 Der Spiegel 2012 16 Document Transcript

  • Hausmitteilung16. April 2012 Betr.: Piraten, Mormonen, Springer, DisneyI st die Frage, ob ich einen Song oder einen Film aus dem Internet kostenlos her- unterladen darf, eine politische Frage? Ja, sie ist es geworden, spätestens mitdem Aufstieg der Piratenpartei, welche die Freiheit zum Klick fordert und damitdie anderen politischen Parteien herausfordert. Die Download-Debatte ist Teileiner großen Diskussion; die Gretchenfrage an unsere digitale Gesellschaft lautet:Wie hast du’s mit dem Internet? Es ist eine Frage nach der Freiheit und ihren Gren-zen, der sich der SPIEGEL in dieser Ausgabe dreifach nähert. Autor Dirk Kurbju-weit, 49, warnt in einem Essay vor neuer Barbarei; ein Team von Kollegen be-schreibt den Widerstand von Künstlern gegen den laxen Umgang mit geistigem Ei-gentum; und in einem Streitgespräch zoffen sich der Musiker Jan Delay, 35, undder Berliner Piratenpartei-Abgeordnete Christopher Lauer, 27 (Seiten 20, 24, 116).W ie es einer mit der Religion hält, spielt heutzutage in der politischen Ausein- andersetzung in Deutschland normalerweise keine Rolle. Anders in denUSA, wo gerade über den Republikaner Mitt Romney, 65, und seinen Glauben dis-kutiert wird. Romney – voraussichtlich Herausforderer von Präsi-dent Barack Obama, 50 – ist Mormone. SPIEGEL-Redakteur Ger-hard Spörl, 62, recherchierte die Geschichte dieser Religion. In GEORGE FREY / DER SPIEGELSalt Lake City traf er Richard Hinckley, 70, der in den sechzigerJahren im Ruhrgebiet missioniert hatte. Zu Spörls Verblüffungzückte Hinckley triumphierend eine SPIEGEL-Ausgabe von 1994.Unter der Titelzeile „Die Ego-Gesellschaft“ hatte der SPIEGELdie Abkehr Deutschlands von der Solidargemeinschaft beschrie-ben – eine Entwicklung, die Mormonen beklagen (Seite 96). HinckleyA xel Sven Springer war 19 Jahre alt, als er aus dem Internat entführt wurde – seither ist der Enkel des Verlegers Axel Cäsar Springer (1912 bis 1985) im Um-gang mit fremden Menschen vorsichtig. Jetzt, mehr als ein Vierteljahrhundert später,gab Springer, 46, sein erstes Interview. „Das brennt sich ein, das ist immer da“, sobeschrieb er die Folgen des Kidnappings im Gespräch mit den SPIEGEL-Redakteu-rinnen Susanne Beyer, 42, und Isabell Hülsen, 38. Als er fotografiert wurde, schienes Beyer, „als prüfe Springer seine Umgebung auf versteckte Gefahren“. Gelassenhingegen sprach er über sein Leben und auch den Rechtsstreit mit Friede Springer,69, der fünften Ehefrau seines Großvaters und mächtigsten Frau im Konzern. Dortwird sich der Enkel mit seinen Aussagen nicht beliebt machen (Seite 140).D er Löwe, den Regisseur Alastair Fothergill, 52, in der kenianischen Masai Mara bei der Jagd filmen wollte, hatte wenig Appetit. Gemächlich umkreiste derHauptdarsteller der Kinoproduktion „Im Reich der Raubkatzen“ den Jeep des Auf- nahmeteams und markierte dann sein Territorium, indem er sich an dem Fahrzeug erleichterte. SPIEGEL-Redakteur Martin Wolf, 37, wurde Zeuge der Unwägbarkeiten der Tierfilmerei, als er Fothergill, der als Bester seiner Zunft gilt, bei den Dreharbeiten für zwei Dokumentationen des Disney-Konzerns begleitete: jene über Großkatzen, die MARTIN WOLF / DER SPIEGEL diese Woche in deutschen Kinos anläuft, und eine über Schimpansen. Die wiederum waren am Drehort im Ur- wald in Uganda aktiver, als dem Team lieb war – sie ko- pulierten. Die Szene wird fürs Kino herausgeschnitten: „Die Zielgruppe sind Familien“, sagt Wolf, „die möchteFothergill, Wolf der Disney-Konzern nicht verstören“ (Seite 122).Im Internet: www.spiegel.de D E R S P I E G E L 1 6 / 2 0 1 2 3
  • In diesem Heft TitelWenn Kollegen Feinde sind – rund zweiMillionen Deutsche leiden unter Mobbing ..... 56 DeutschlandPanorama: Spitzengespräch über Atom-endlagerung / Diskussion um Steuersenkungenneu entfacht / Bußgeldverfahrengegen Fluggesellschaften häufen sich ............. 15Parteien: Künstler und Intellektuellemachen gegen die Piraten mobil .................... 20Essay: Wird das Internet zu einer Schuleder neuen Barbarei? ....................................... 24SPD: Im SPIEGEL-Gespräch verteidigtParteichef Sigmar Gabriel Günter Grass ........ 26CSU: Horst Seehofer plant denBefreiungsschlag gegen die Kanzlerin ............ 31Nahverkehr: Tübingen will als erste deutscheStadt Busfahren zum Nulltarif einführen ....... 32Regierung: Schäubles Steuerabkommen mit derSchweiz wäscht Schwarzgeldkonten weiß ...... 34FDP: Generalsekretär Patrick Döring klagt Piraten im Shitstorm Seite 20 MICHAEL LATZ / DDP IMAGES / DAPDim Interview über Anfeindungen aus demPiraten-Milieu ................................................ 36 Deutschlands Kreative verbünden sich gegen die Piratenpartei.Prozesse: Hat der Staat einen Angeklagtenzum Drogenhandel angestiftet? ..................... 38 Intellektuelle und Künstler fürchten um ihre Existenzgrundlage. Erst-Internet: US-Regierung überholt Deutschland mals geraten die Piraten ins Visier eines einflussreichen Gegners –beim Schutz persönlicher Daten .................... 40 und offenbaren die Schwächen ihres basisdemokratischen Modells.Migranten: Gutausgebildete junge Griechensuchen ihr Heil in Berlin – und scheitern ....... 41Geheimdienste: Der neue BND-ChefGerhard Schindler fordert mehr Risikofreudevon seinen Agenten ....................................... 43Kriminalität: Die Aussage eines Machtkampf im IWFAuftragskillers brachte drei mutmaßlicheMafiosi in Hagen vor Gericht ......................... 44 Seite 68 Gesellschaft Die Schwellenländer wollen der Euro-Zone nur Hilfe gewähren, wenn sieSzene: Trainingsanzug für Pferde / Interview im Gegenzug mehr Einfluss auf den Internationalen Währungsfonds (IWF)über die Nachteile der Pendlerpauschale und bekommen. Ende der Woche kommt es in Washington zum Showdown.moderne Mobilität ......................................... 48Eine Meldung und ihre Geschichte –ein Sexshop für Christen und seinetheologische Begründung ............................... 49 Das Ende der PartyMigration: Wie ein mexikanischer Boxer inden USA sein Aufstiegsmärchen erlebt .......... 50Ortstermin: In Hildesheim kämpft ein Seite 84Ehemann um seine Anerkennung als Opfer Italien, Spanien, Portugal und Griechenland suchen nach Auswegen aushäuslicher Gewalt .......................................... 55 der Schuldenkrise und reformieren ihre Arbeitsmärkte. Taugen Gerhard Schröders Agenda 2010 und die Hartz-Gesetze als Vorbild? WirtschaftTrends: Fragwürdige Ökofonds derPostbank / Conergy-Chef wehrt sich gegenVorwurf der Kapitalvernichtung / Aufsteiger ausEinreiseverbot für Überraschungseier ............ 66Weltwirtschaft: Im IWF verlangen dieSchwellenländer endlich mehr Macht ............ 68Internet: Was wird das nächste große Geschäftnach Facebooks Instagram-Deal? ................... 71Veterinäre: Wie Deutschlands Tierärzte zu Mexiko Seite 50Handlangern der Agrarindustrie wurden ....... 74Gesundheit: Apotheker wollen mit Als Kind illegaler Einwan-eigener Firma noch mehr Reibach bei derer in Los Angeles suchteKrebsmedikamenten machen ......................... 78 er sich sein Essen im Müll,Rabattprogramme: Strafanzeige gegen pflegte Umgang mit Latino-die Lufthansa wegen Miles & More- Gangs, wurde dann dochUnstimmigkeiten ............................................ 79 kein Krimineller, sondern TODD BIGELOW / NOVUS SELECTSchifffahrt: Weltweit wurden die Reeder Weltmeister im Bantam-Opfer des eigenen Größenwahns ................... 80 gewicht. Der mexikanische Ausland Boxer Abner Mares lebtPanorama: Die Oppositionelle Sainab den amerikanischenal-Chawadscha über die Proteste gegen die Traum – und glaubt nichtFormel 1 in Bahrain / Zerwürfnis zwischen daran.Vatikan und irischen Katholiken ..................... 824 D E R S P I E G E L 1 6 / 2 0 1 2
  • Schuldenkrise: Vorbild Deutschland – wie Italiener, Spanier, Portugiesen und Griechen ihre Arbeitsmärkte reformieren ..................... 84 Debatte: Timothy Garton Ash über den wachsenden Machtanspruch der Türken ........ 90 Israel: Auf nach Berlin! .................................. 92 Frankreich: Wahlkampf der Versprechungen und Illusionen ................................................ 94 USA: Der Präsidentschaftsbewerber Mitt Romney und seine Religion .................... 96 China: Der tiefe Fall der Gu Kailai ............... 100 Global Village: Wie zwei Deutsche in Abu Dhabi Kamele retten wollen ................. 103 Wissenschaft · Technik Prisma: Rosmarinduft verbessert die Denkleistung / War der Mars immer schon ein Wüstenplanet? ........................................ 104 Psychologie: Wie die Überlebenden des Massakers von Utøya gegen ihr Trauma Grass, Israel und ein Gedicht kämpfen ....................................................... 106 Automobile: Gehört die Zukunft den Seiten 26, 92, 126 Plastikautos? ................................................. 110 Die Debatte um das Israel-Gedicht von Günter Grass geht weiter: SPD- Innovationen: Software-Patente als Waffen ... 111 Chef Gabriel nimmt den Dichter im SPIEGEL in Schutz; junge Israelis Lifestyle: Leiden unter dem Outfit – eine US-Therapeutin behandelt Patienten mit blicken entspannt auf Deutsche; der Schriftsteller Michael Kleeberg Kleiderschrank-Depressionen ....................... 112 erklärt das Verhältnis zwischen Israel, dem Islam und Deutschland. Kultur AFP Szene: Martin Roth, Chef des Victoria and Albert Museum in London, über eine Street-Art-Ausstellung in Libyen / Martin Walsers Essay über das Thema Rechtfertigung .............................................. 114Sturz eines roten Prinzen Seite 100 Urheberrecht: SPIEGEL-Streitgespräch zwischen dem Pop-Musiker Jan Delay und dem Piraten-Politiker Christopher Lauer überPeking hat Bo Xilai, den populären Parteichef von Chongqing, entmachtet. den Wert der Kunst im digitalen Zeitalter .... 116Wurde er Opfer der Richtungskämpfe in der KP, oder hat sich seine Familie Kino: Der Disney-Konzern setzt wieder aufbereichert – und schreckte sie nicht einmal vor einem Mord zurück? Tierfilme mit Löwen und Schimpansen ........ 122 Bestseller ..................................................... 125 Essay: Der Schriftsteller Michael Kleeberg über das Verhältnis der Deutschen zu Israel und zum Islam ................................ 126Das Trauma der Überlebenden Seite 106 Denkmalschutz: In Italien überlässt der Staat Konzernen den Erhalt von Kulturstätten ...... 130 Filmkritik: „My Week with Marilyn“ erzähltMit Fahrten auf die Todesinsel versuchen die Überlebenden des Massakers charmant ein wahres Märchenvon Utøya, ihr Trauma zu bekämpfen. Ob die Therapie hilft, wird sich auch über eine Diva und ihren Verehrer ............... 132vor Gericht zeigen, wenn die Patienten dem Attentäter wiederbegegnen. Sport Szene: Pekings olympische Sportstätten verkommen / Der Sportarzt Martin Brustmann – ein Pionier des Dopings im Jahr 1912 ........ 133Der wahre König Fußball: Wie die Bunkermentalität des Trainers José Mourinho Real Madrid verändert hat ... 134 Motorradrennen: Superstar Valentino Rossider Löwen Seite 122 und sein Rennstall Ducati – eine italienische Beziehungskrise ............................................ 137Der britische Regisseur MedienAlastair Fothergill („Unsere Trends: Thomas Gottschalk zieht QuotenbilanzErde“) dreht für den Disney- der ARD nach unten / Neue RundeKonzern Tierfilme über im Streit um ProSiebenSat.1-Verkauf ............ 139Raubkatzen und Schim- Verlage: SPIEGEL-Gespräch mit Axel Sven Springer über seinen Großvater Axel Cäsarpansen – kindgerechte Doku- und seinen Erbstreit mit dem Konzern ......... 140mentationen, die DisneysZeichentrick-Klassiker „Der Briefe ............................................................... 8König der Löwen“ nach- Impressum, Leserservice .............................. 148eifern. Das Vorhaben erfor- DISNEY FILM Register ........................................................ 150dert Kompromisse: Sex im Personalien ................................................... 152Tierreich ist tabu. Hohlspiegel / Rückspiegel ............................. 154 Titelbild: Foto Axel Martens für den SPIEGEL D E R S P I E G E L 1 6 / 2 0 1 2 5
  • Briefe den auf einer Eisenbahnbrücke im wei- ßen Rauch gestanden. Dort haben wir gierig den „Duft“ der Lok eingesogen „Heimat ist, wo mit wenig und immer wieder die Schelte unserer Mütter hingenommen, so schön fanden Worten viel gesagt werden wir das Schauspiel! Dies noch einmal rie- kann und der Dialekt chen zu können, was wäre ich glücklich! CHRISTEL KRAMER, FERNWALD (HESSEN) so derb daherkommt, Sie fragten: „Warum kann man nicht nach wie der Boden steinig ist.“ Herzenslust Heimat sagen, Heimat lie- ben, Heimat vermissen?“ Dazu gibt es eine bewegende Aussage des Mannhei- SPIEGEL-Titel 15/2012, Ausgabe Bayern KARL WEIS, HOLZGERLINGEN (BAD.-WÜRTT.) mer Juristen Ernst Stiefel, den das Nazi- Reich zwangsweise nach Amerika ver- schlagen hat: „Man kann einen MenschenNr. 15/2012, Was ist Heimat? – aus seiner Heimat vertreiben, aber nichtEine Spurensuche in Deutschland die Heimat aus dem Menschen.“ BERND SCHULTZ, BERLINUrige Eingeborene Heimat ist da, wo meine Familie undSelten zuvor hat mich ein SPIEGEL-Bei- Freunde sind: in Bad Wörishofen, wo ichtrag emotional so berührt. Geboren in die Schule besuchte, in München, wo ichDatteln (Kreis Recklinghausen) und auf- studierte und arbeitete, in Tirol, wo ichgewachsen in Dortmund, habe ich meine jahrzehntelang Ferien machte, in Nicara- MICHAEL TRIPPEL / DER SPIEGELHeimat vor drei Jahren studienbedingt gua, das ich in mein Herz geschlossen habe!verlassen und seitdem phasenweise in DR. HORST ENGLER-HAMM, MÜNCHENMannheim, Frankfurt am Main und Sofia(Bulgarien) gewohnt. Ich habe die regel-mäßigen Wechsel meines Wohnorts im- Nr. 14/2012, Gespräch mit Danielmer als spannend empfunden. Und eines Cohn-Bendit über das Altern der 68erhabe ich dabei gelernt: Wohnort ist Dortmunder Lokalpatriot vor HochofenWohnort, und Heimat bleibt Heimat. TOBIAS OHLENHOLZ, MANNHEIM Einer der schönsten Sprüche zur Heimat Dicke Eier findet sich bei Tacitus: „Wer hätte auch Mit welcher Nonchalance Cohn-BenditZwölf interessante Landschafts- und Stim- Germanien aufsuchen wollen, landschaft- befindet, Fischer (Siemens) hätte im Ge-mungsbilder. Und dann ein Brauchtums- lich ohne Reiz, rau im Klima, trostlos für gensatz zu Schröder (Gazprom) nie einebild. Und das soll Bayern repräsentieren? den Bebauer wie für den Beschauer, es Grenze überschritten! Als gäbe es einenFür einen Franken ein starkes Stück und müsste denn seine Heimat sein?“ Unterschied zwischen Räuber und Bandit.garantiert kein Bild meiner Region. EBERHARD FOTH, WALDBRONN (BAD.-WÜRTT.) Beiden würde ich heute die Hand nicht ANDREAS GEISLER, NÜRNBERG reichen. Danke dafür, dass ihr uns urigen Einge- GODRAM MOHR, RAVENSBURGMich wundert nicht, dass im Artikel die borenen am Weißwurstäquator durch dasMillionen Heimatvertriebenen nicht er- Titelbild für die Region Bayern klarge- Mein Gott, SPIEGEL! Was interessierenwähnt wurden: politisch unkorrekt! In un- macht habt, was unsere Heimat ist: die mich die dicken Eier von Daniel Cohn-serem Großfamilienhaus hinter den Dü- Bühne des Tegernseer Bauerntheaters, Bendit? Angesichts der Aussage: „Meinnen an der Ostsee leben seit 1945 Polen. wo wir Jodelheinis in der Lederhosn Holz ständiger Flirt mit allen Kindern nahmIst uns recht geschehen, wir waren ja alle hacken für die „preißischen“ Gäste und bald erotische Züge an“, kann man ja nurNazis, auch ich, das Kind, auch meine wo die Jungs nicht das Smartphone, son- hoffen, dass der Grüne Bendit seinenalte Großmutter. Pardon, aber nicht einen dern den Sepplhut am Ohr haben. Phallus nur selbst im Griff hatte, auchTag vergesse ich meine verlorene Heimat. MAXIMILIAN APFELBÖCK, SCHWABACH (BAYERN) ohne Viagra. Ja, auch ich habe Angst vorDie Deutschtürkin Selçuk hat zumindest dem Tod. Was mich aber jetzt am meistendie Möglichkeit, nach Istanbul zurück- In meiner Heimatstadt Gießen, geschun- ängstigt, ist ein solcher Aufmacher in ei-zukehren. den nach dem Krieg, zu 80 Prozent in nem Nachrichten-Magazin. DAGMAR GALIN-BROCKSIEN, Schutt und Asche gelegt, habe ich als THOMAS BÖWER, HAMBURG SAINT BONNET DE BELLAC (FRANKREICH) Kind täglich mit Geschwistern und Freun- VIZEPRÄS. DEUTSCHER FAMILIENVERBANDWie man es auch dreht und wendet: DieGewissheit, eine Heimat (gefunden) zuhaben, ist das Resultat intensiver Selbst- Diskutieren Sie im Internetfindung, ganz unabhängig von irgendwel- www.spiegel.de/forum und www.facebook.com/DerSpiegelchen geografischen Koordinaten. MATTHIAS KAISER, HAUSACH (BAD.-WÜRTT.) ‣ Titel Was können Unternehmen gegen Mobbing tun?Heimat ist ein weiter Raum mit Traditio- ‣ Umwelt Sollte Busfahren kostenlos sein?nen, die wir zu pflegen haben. Das kannnicht bloß konservativ-folkloristisch, son- ‣ Internet Schluss mit der Anonymität in Blogsdern muss sehr zeitbezogen sein. und Foren? RUDOLF PRIEMER, GRIMMA (SACHSEN)8 D E R S P I E G E L 1 6 / 2 0 1 2
  • BriefeNr. 14/2012, Wie Rumänen ihr Dorf nach ihrerseits abverlangt, zum Beispiel dieBerlin verlegen Kinder rechtzeitig zu Bett zu bringen und rechtzeitig zu wecken, wird nicht mit derIn Gottes Hand? nötigen Selbstdisziplin angenommen. Sie ziehen es vor, ihre Zukunft in GottesDas Geld schenkt Mama Angela? Die So- Hand zu legen.zialhilfe der Staat? Mit dieser Lebenslüge JOSEFINE NEUMANN UND HELGA METTERNICH,halten wir erwachsene Menschen ein Le- BERLINben lang infantil. Denn das alles bezahlenBusfahrer, Putzfrauen, Verkäuferinnen, Nr. 14/2012, Mangelnde KontrolleLehrer und viele andere Menschen, die im Organspendewesenvon morgens bis abends arbeiten. Von ih-rem Monatslohn wird das Geld abgezo-gen. Hier ist das Gleichgewicht zwischen Handfestes GeschäftGeben und Nehmen gestört. So wird das Der gutrecherchierte Beitrag macht deut-Sozialhilfe-Nomadentum gefördert. Be- lich, dass es bei der Transplantations-ten für Angela ist gut. Gerechter wäre es medizin keineswegs nur um den humanenaber, wenn die erste Frage der Angekom- Aspekt der sogenannten Organspendemenen lauten würde: Und was könnenwir für euch tun? DR. BOGLARKA HADINGER, TÜBINGENEin Stück, eine Beschreibung, die demLeser die Chance lässt, seine eigenenSchlüsse zu ziehen – diese unaufgeregte,kurze und doch sehr spannende Repor-tage von Özlem Gezer ist einfach gut ge-machter Journalismus. EPD RALF SCHEMEL, LEIPZIG Organtransplantation, TransportboxBleibt zu hoffen, dass die volkswirtschaft-liche Chance, die Kinder der beschriebe- geht, sondern auch um ein handfestes Ge-nen Familien gut auszubilden und durch schäft, im Übrigen auf der Basis einerberuflichen Erfolg zu Einzahlern in unser vorsätzlichen Täuschung. Denn dieSozialsystem werden zu lassen, nicht „Spender“ sind weder tot noch Spender,durch ordnungspolitisches Handeln ver- soweit sie keinen Organspenderausweistan wird. unterschrieben haben. Wenn Angehörige MARTIN RAUNER, WUPPERTAL ihre Zustimmung geben, spenden sie et- was, das ihnen nicht gehört.Wir haben in ehrenamtlicher Arbeit mit RICHARD FUCHS, DÜSSELDORFden Neuköllner Roma-Familien tiefe Ein-sichten in deren Welt gewonnen. Auf- Es erinnert mich an das Drückergebaren übler Verkäufer an der Haustür, wenn die Krankenkassen offizielle Formulare der Bundeszentrale für gesundheitliche Auf- klärung an ihre Mitglieder versenden, den Organspendeausweis. Das von mir so empfundene Täuschungsmanöver bestä- tigt leider meine große Skepsis gegenüber der Organspende in der BRD. REGINA WINSMANN, WEDEMARK (NIEDERS.) DJAMILA GROSSMAN / DER SPIEGEL Korrekturen zu Heft 13/2012 Seite 117, „Falscher Abschied“: Die vermeintlich letzten Worte „WeheRoma-Unterkunft in Berlin mir, ich glaube, ich habe mich be- schissen“ wurden nicht dem römi-grund ihrer Religion stehlen die Neuköll- schen Kaiser Tiberius zugeschrieben,ner Roma nicht, sie schlagen ihre Frauen sondern Kaiser Claudius.nicht, sie trinken keinen Alkohol, sie flu-chen nicht, sie rauchen nicht einmal. Zum zu Heft 14/2012anderen aber haben sie sehr große Seite 54, „it(wert1==wert2){“: Die inSchwierigkeiten damit, die Wichtigkeit der Überschrift und später auch imder zahlreichen Integrationsangebote ein- Text genannte Anweisung muss mitzusehen, vor allem für ihre Kinder. Alles, if anstelle von it beginnen.was auch nur die geringste Anstrengung10 D E R S P I E G E L 1 6 / 2 0 1 2
  • BriefeNr. 14/2012, Der Versuch, mit Mathematik Ganz ohne die von Ihnen thematisierten te ich, dann sagte ich meinem Sohn:Menschen zusammenzubringen „Kopfstandhocker“ und „Klangschalen“ „Kümmer dich in Zukunft selbst um deine besuchen wir seit mehreren Jahren mit Schulsachen, wenn du Hilfe brauchst, binWerk des Zufalls großem persönlichen Gewinn unseren ich da!“ Das funktioniert seit drei Mona- „Yogakurs für den gesunden Rücken“. ten, seine Noten haben sich nicht verän-Kostenpflichtige Partnerbörsen im Inter- Wir wagen zu behaupten, dass durch die-net haben oft den Nachteil, dass sich die sen Yoga-Kurs und die davon ins täglicheNutzungsverträge automatisch verlän- Leben übernommenen Anregungen aufgern. Auch ich habe meine Partnerin über Dauer weniger Besuche beim Orthopä-das Internet kennengelernt, allerdings in den und Bitten um die rar gewordene Ver-einer kostenlosen Single-Börse, ganz ohne schreibung von Krankengymnastik undFragebögen, Liebesformel und Psycho- Massage nötig sind. THOMAS KOEHLER / PHOTOTHEKtests. BEATE ERDMANN UND IDA PANKRAZ, BONN FRANK SCHULZE, HAMBURG Als Entspannungsmethode wäre Autoge-Nach knapp zwei Jahren Parship komme nes Training tatsächlich einfacher und bil-ich zu folgendem Resümee: Auch noch liger. Yoga kann aber durchaus körperlichso ausgeklügelte Charakterformeln än- und psychisch wirksame Prävention be-dern nichts daran, dass alles ein Werk des inhalten. Dazu müsste berücksichtigt wer- Junge GymnasiastenZufalls bleibt. Der emotionale Einsatz ist den, dass Menschen in der westlichen Kul-hoch, das Ergebnis oft enttäuschend. Bei tur anders sozialisiert werden als in In- dert. Er schreibt Dreien und Vieren, dasParship muss Mann – erst recht, wenn er dien. Deswegen sollte Yoga hier in der ist total okay, so fällt er nicht durch undder Generation 60plus angehört – stark Regel mit psychologischer Selbsterfah- schafft das Abi. Was will ich denn mehrbleiben. rung ergänzt werden, anstatt solche er- von ihm? RAINER RUTZ, MÜNCHEN setzen zu wollen. Leider handelt es sich SANDRA CAPRARELLA, STUTTGART oft wirklich nur um indische Folklore. DieDas größte Problem vieler Menschen ist, westliche Yoga-Szene scheint weniger auf Wer heutzutage in der letzten Reihe sitzt,dass sie zu hohe Ansprüche an einen et- Qualität als auf Quantität zu setzen. schwätzt, hinter dem Heft mit demwaigen Partner stellen. Die Verweige- DR. BRIGITTE HALEWITSCH, KÖLN Handy spielt und sich sonst nicht am Un- YOGA-LEHRERIN terricht beteiligen mag, bekommt bei den meisten Lehrern noch eine Vier. Vier, das heißt wörtlich „ausreichend“ und gilt als JÖRG MÜLLER / AG. FOCUS / DER SPIEGEL Nr. 14/2012, Warum es falsch ist, aus bestanden. Mit Strebertum und chinesi- unseren Kindern Streber zu machen schen Verhältnissen hat die Realität an deutschen Schulen nichts zu tun. Im Takt des Zeitkorsetts MICHAEL KIND-LUNDT, GUMMERSBACH (NRW) SCHÜLER Der Artikel trifft unsere Situation genau. Nichts ist „unserem“ Schulalltag ferner Dieser Artikel hetzt die Gesellschaft ge- als Gelassenheit. Kinder, Eltern und Leh- gen Schüler auf, die gern mehr für denDiagramm aktiver Parship-User rer sind gehetzt, gestresst und nie mit Unterricht tun. Es irritiert mich, wie El- der Arbeit fertig. Jedes Vertiefen, Aus- tern, deren Kinder lieber „Musik hörenrung, Menschen näher kennenzulernen, probieren, jede Hingabe an ein Thema oder Fußball spielen oder einfach gardie nicht den Wunschvorstellungen ent- bringt „unser“ Zeitkorsett aus dem Takt. nichts tun“, die Schüler, die freiwillig ihresprechen, hat vielleicht zur Folge, dass Angesichts des immer offensichtlicher Zeit in Schulaufgaben stecken, nicht re-es keinen zweiten Blick „hinter die Ku- werdenden Wahnsinns entscheiden „wir“ spektieren und diese lieber als Produktlissen“ gibt. Dieser würde aber vielleicht uns immer häufiger für die frische Luft ehrgeiziger Mittelschichtler darstellen.doch einen Menschen enthüllen, mit dem anstelle des Schreibtischs. Solche Diskriminierung wird von diesenman sein Leben verbringen möchte. KATHRIN UND ELMAR KRASKA, DUISBURG Eltern an ihre Kinder weitergegeben. FRAUKE SCHÖNHOFF, BOCHUM A. ORBEN, FRANKFURT AM MAIN Nach einem Schlüsselerlebnis muss ich SCHÜLERIN nicht mehr büffeln: Ein Bekannter sagte mir, es sei doch normal, dass mein Sohn, Die Redaktion behält sich vor, Leserbriefe – bitte mitNr. 14/2012, Teuer und gefährlich – Anschrift und Telefonnummer – gekürzt und auch elek-die Schattenseiten des Yoga-Booms 11, keine Verantwortung für die Schule tronisch zu veröffentlichen. Die E-Mail-Anschrift lautet: übernehmen wolle. Ein paar Tage grübel- leserbriefe@spiegel.deGanz ohne KlangschalenZwar habe ich Yoga selbst nie betrieben,aber ich habe einen Arbeitskollegen, derangibt, durch regelmäßiges Yoga keine Aus der SPIEGEL-RedaktionRückenbeschwerden mehr zu haben. Geschichte und Politik, Kultur und Religion – zu diesen ThemenWahrscheinlich ist es so, dass man mit hat der SPIEGEL im vergangenen Jahr große WissenstestsYoga gesundheitlichen Problemen besser veröffentlicht, die Taschenbuchreihe „Wie gut ist Ihre Allgemein-begegnen kann, als die Pharma-Industrie bildung?“ fand Hunderttausende Leser. Auf all die schweren(und der SPIEGEL) es zugeben will. Wie- Stoffe folgt nun ein Test zum Thema Fußball, der unwichtigstenso sollten die Krankenkassen nicht auf Hauptsache der Welt. Das Buch enthält 150 Fragen zu bekann-diese Weise in die Gesundheit ihrer Ver- ten Ereignissen, berühmten Spielern und mancher Skurrilität,sicherten investieren? dazu Interviews mit den Stürmern Uwe Seeler und Mario Gomez. GORDINA STECKERT, KÖLN Es erscheint am 19. April.12 D E R S P I E G E L 1 6 / 2 0 1 2
  • Panorama Deutschland DANIEL ROSENTHAL / LAIF Salzstock Gorleben AT O M M Ü L L das nach Jahre dauerndem Streit eine Grundlage für eine geordnete Suche Einigung über Endlagergespräche nach einem Atomendlager bieten soll. Ein ursprünglich für den 11. März ge- plantes Treffen war wegen Unstimmig- keiten geplatzt. Umstritten ist vor allem, Die Verhandlungen über ein Gesetz zur weltminister Norbert Röttgen (CDU), ob und wie der Salzstock Gorleben mit Endlagersuche stehen anscheinend vor die Ministerpräsidenten von Nieder- anderen potentiellen Standorten vergli- einem Durchbruch. Nach wochenlan- sachsen und Baden-Württemberg, Da- chen werden soll. Jetzt rechnet Röttgen gem Ringen haben sich Vertreter von vid McAllister (CDU) und Winfried offenbar mit einer Einigung. „Ziel ist Regierung und Opposition auf den 24. Kretschmann (Grüne), teilnehmen so- es, den jahrzehntelangen Kampf um April als Termin für ein Spitzen- wie SPD-Chef Sigmar Gabriel und der diese Frage endlich zu beenden und bis gespräch zum sogenannten Standort- Grünen-Fraktionschef im Bundestag zum Sommer ein Rahmengesetz über auswahlgesetz geeinigt. An dem Tref- Jürgen Trittin. Bund und Länder bera- die einzelnen Verfahrensschritte zu be- fen sollen unter anderem Bundesum- ten seit fünf Monaten über ein Gesetz, schließen“, sagt er. RECHTSTERRORISMUS serie mit einem Sprengstoffanschlag schen den Radfahrern. In ihrem Be- des NSU in Köln untersucht, bei dem richt fasste die Soko „Bosporus“ im Zwei Männer auf im Juni 2004 22 Menschen teils lebens- gefährlich verletzt wurden: Auch hier Mai 2008 zusammen: „Aufgrund der Opferauswahl (Türken)“ und „der Ver- Fahrrädern waren zwei Männer mit Mountain- bikes gesehen und von einer Video- kamera gefilmt worden. Die Ermittler wendung von Fahrrädern“ könne „ein Zusammenhang nicht ausgeschlossen werden“. Sogar im Fall der 2007 inBayerische Ermittler waren den Terro- zeigten einer Zeugin des dritten Nürn- Heilbronn ermordeten Polizistin Mi-risten des „Nationalsozialistisches Un- berger Mordes die Aufnahmen: Die chèle Kiesewetter gab es Hinweise auftergrunds“ (NSU) offenbar dichter auf Frau erkannte Ähnlichkeiten zwi- verdächtige Radler: Gleisarbeiter derder Spur als bislang bekannt. Wie aus Bahn hatten damals zwei Mountain-einem vertraulichen Bericht der Son- bike-Fahrer beobachtet, die in unmit-derkommission „Bosporus“ hervor- telbarer Nähe des Tatorts miteinandergeht, war den Fahndern bereits früh diskutierten. Wenig später seienein außergewöhnliches Muster im Ver- Schüsse gefallen. Warum der Radfah-halten der Täter aufgefallen: In vier rer-Spur letztlich keine größere Be-von neun Mordfällen der sogenannten deutung beigemessen wurde, ist un-Ceska-Serie hatten Zeugen jeweils klar.zwei Männer auf Fahrrädern beobach- Ein weiteres potentielles Opfer destet, die sich in Tatortnähe aufhielten. braunen Terrorkommandos war offen-Die detaillierten Personenbeschrei- bar der CSU-Politiker Hans-Peter Uhl.bungen passen teilweise exakt auf die Durch einen Anruf des Bundeskrimi-NSU-Mitglieder Uwe Böhnhardt und nalamts erfuhr der Bundestagsabge-Uwe Mundlos, die im November nach ordnete nach dem Tod der Terroristen,einem Banküberfall in Eisenach er- dass Mundlos und Böhnhardt ihn of-schossen gefunden wurden. Das ver- fenbar bereits ausgespäht hatten.dächtige Radfahrer-Duo war dem Er- „Sehr gute Lage, Zugang im Garten“,mittlungsbericht zufolge zuerst im hatten sie auf einer Liste notiert. UhlsSeptember 2000 gesichtet worden, als Wahlkreisbüro gehört zu einer Reihein Nürnberg ein türkischer Blumen- von Adressen von Prominenten, Ver- POLIZEI KÖLN / DPAhändler ermordet wurde. Dann tauch- einen und Politikern, die Ermittler amte es 2001 (München), 2005 (Nürnberg) Wohnsitz der Terrortruppe in derund 2006 (Dortmund) an Tatorten auf. Zwickauer Frühlingsstraße fanden undÜberdies hatte die bayerische Polizei die sie für eine mögliche Todeslisteeine mögliche Verbindung der Mord- Fahndungsfoto nach Kölner Anschlag 2004 halten. D E R S P I E G E L 1 6 / 2 0 1 2 15
  • Panorama L U F T FA H R T line, kann der Passagier zwar beim LBA einen Verstoß anmelden, die Ausgleichs- Entschädigung gleich ausbezahlen zahlung muss er aber vor Gericht er- streiten. Neuerdings gibt es sogar eigene Service-Unternehmen wie EUclaim, die anbieten, die Ansprüche für die Pas- Die Zahl der Bußgeldverfahren gegen ein Bußgeld, das bis zu 25 000 Euro be- sagiere einzufordern. „Die Regierung Fluggesellschaften wegen verspäteter trug. Insgesamt über 2,3 Millionen Euro muss die Airlines endlich zwingen, eine oder annullierter Flüge steigt sprunghaft mussten die Airlines seit Einführung Schlichtungsstelle zu akzeptieren“, sagt an. Im vergangenen Jahr ermittelte das neuer Fluggastrechte im Jahr 2005 zah- Tressel. Das Bundesverkehrsministe- Luftfahrtbundesamt (LBA) bei 1787 Be- len. „Trotzdem kontrolliert die Bundes- rium bestätigte dem Parlamenta- schwerden von Passagieren. Sie hatten regierung immer noch nicht ausreichend rier indes, was viele Passagie- insbesondere darüber geklagt, dass ih- die Durchsetzung der Fluggastrechte“, re nicht wissen: Die Air- nen die Airlines den bei Verspätungen kritisiert der Grünen-Abgeordnete Mar- lines müssen die Ent- 1787 ab drei Stunden zustehenden Ausgleich kus Tressel, der eine parlamentarische schädigung noch von mindestens 250 Euro nicht auszahl- Anfrage zu diesem Thema im Bundes- am Flughafen ten. In 161 Fällen verhängte das LBA tag gestellt hatte. Weigert sich die Air- auszahlen. 1222 Bußgeldverfahren gegen 942 11616 696 stark verspätete* Fluggesellschaften und annullierte Flüge deutscher seit Einführung neuer Fluggastrechte Fluggesellschaften 2005, deutsche und internationale 2011 Fluggesellschaften 243 1 37 * ab 3 Stunden Verspätung Quelle: Bundesverkehrs- ministerium, EUclaim 2005 2006 2007 2008 2009 2010 2011 FINANZPOLITI K wird sie sich im Wahlkampf dafür ver- profitieren. SPD und Grüne wollen antworten müssen“, sagt CSU-Gene- das Gesetz im Bundesrat ablehnen. Steuern runter, ralsekretär Alexander Dobrindt. Ähn- lich äußerte sich Unionsfraktionsvize „Wir bleiben bei unserem Nein, weil die Koalition die falschen Prioritäten Schulden rauf? Michael Meister (CDU): „Die Koali- tion hat ihre Hausaufgaben gemacht, jetzt sind andere gefordert, ihren Bei- setzt“, sagt die finanzpolitische Spre- cherin der SPD-Bundestagsfraktion, Nicolette Kressl. Schuldenabbau undDie steigende finanzielle Last der Bun- trag zur Entlastung der Arbeitnehmer Bildungsinvestitionen hätten Vorrangdesbürger hat die Debatte über die zu leisten.“ Die schwarz-gelbe Koali- vor einer Entlastung der Bürger. „So-Steuerpolitik neu angefacht. Führende tion hatte Ende März ein Gesetz im lange der Bundeshaushalt ein riesigesUnionspolitiker warnten SPD und Bundestag verabschiedet, mit dem die Defizit aufweist, können wir uns Min-Grüne davor, die von der Koalition ge- sogenannte kalte Progression abgemil- dereinnahmen nicht leisten“, sagt auchplanten Steuersenkungen zu verhin- dert werden soll. Diese ist dafür ver- Grünen-Finanzexperte Gerharddern. „Wenn die SPD die Entlastung antwortlich, dass Arbeitnehmer von Schick. Zudem seien die schwarz-gel-der Bürger im Bundesrat blockiert, Lohnerhöhungen real vielfach nicht ben Reformpläne „sozial ungerecht“. LINKE als falsche Strategie. Im Hinblick auf hängigkeit von Lafontaines Entschei- die Wahlkämpfe müsse zügig geklärt dung für fatal: „Eine Partei muss dafür Die Wut wächst werden, mit wem die Partei in die Zu- kunft gehen wolle. Auch der Landes- vorsitzende von Mecklenburg-Vorpom- sorgen, dass sie eigenständig agiert und nicht darauf wartet, was einer sagt.“ Bockhahn wendet sich gegenNach dem Rücktritt der Vorsitzenden mern, Steffen Bockhahn, hält die Ab- eine Rückkehr Lafontaines: „Wir brau-Gesine Lötzsch wächst in der Linken chen keinen Erlöser.“ Die Linke solledie Wut über das Schweigen von Os- „jetzt schon an übermorgen denken“kar Lafontaine. Der saarländische und sich „auf etwas jüngere Leute kon-Fraktionschef will erst nach der Land- zentrieren“. Matthias Höhn, Landes-tagswahl in Nordrhein-Westfalen am chef in Sachsen-Anhalt, fordert ein13. Mai erklären, ob er im Juni wieder Ende des „Wettrennens um den spa-für den Vorsitz der Linken kandidie- ßigsten Personalvorschlag“. Eine soli- BECKERBREDELren wird. Die Vize-Vorsitzende Katja de Vorbereitung des BundesparteitagsKipping kritisierte das in einer Tele- Lafontaine Anfang Juni in Göttingen sehe andersfonkonferenz der linken Landeschefs aus.16 D E R S P I E G E L 1 6 / 2 0 1 2
  • Deutschland MARIO VEDDER / DAPDVerteilung von Gratis-Koranen an einem Stand in Offenbach SALAFISTEN „dass in der Vergangenheit Geldströme von der Arabischen Halbinsel an das Dubiose Finanzströme salafistische Netzwerk in Deutschland geflossen sind.“ Laut der Vereinigung werden die Kosten durch den VerkaufVerfassungsschützer rätseln über die von Koranen an Muslime und SpendenFinanzierung der umstrittenen Aktion finanziert.salafistischer Prediger, die kostenloseKorane in deutschen Innenstädten ver-teilen. „Ich gehe davon aus, dass esexterne Geldgeber gibt“, sagt Hans- ZAHL DER WOCHEWerner Wargel, Chef des niedersächsi-schen Landesamts für Verfassungs-schutz. Die als extremistisch eingestuf-te salafistische Vereinigung „Die wahreReligion“ ließ bei der Ulmer Druckerei Etwa 500 000 BibelnEbner & Spiegel in sechs Tranchen ins- der Deutschen Bibelgesellschaft wur-gesamt 300 000 Exemplare des Korans den laut United Bible Societies inin deutscher Sprache drucken. Die Kos- deutscher Sprache 2010 verkauftten in Höhe von rund 300 000 Euro oder verschenkt. Nicht nur Privatper-überwiesen die Salafisten vorab. Mögli- sonen erhalten die Heilige Schrift,che Geldgeber für das Projekt vermu- sondern auch Hotels, Kreuzfahrtschif-tet der niedersächsische Verfassungs- fe, Altersheime, Schulen oder Kran-schutz in Saudi-Arabien oder Katar. kenhäuser nehmen die Bibeln ab.„Wir haben Erkenntnisse“, so Wargel, P L AG I AT E schen Denkens in den USA und Europa“ promoviert. Der Promotions- Ohne Dr. kein Prof. ausschuss hat bereits empfohlen, den Titel zu entziehen. Die Technische Uni- versität Braunschweig will eine beste-Der FDP-Politikerin und Unternehme- hende Honorarprofessur widerrufen,rin Margarita Mathiopoulos droht der falls die Universität Bonn Mathiopou-Verlust ihrer beiden Honorarprofessu- los den Doktorgrad rechtskräftig ab-ren. Grund ist die anstehende Entschei- erkennen sollte. Das gleiche Vorgehendung des Bonner Fakultätsrats, der die- hat die Universität Potsdam angedeu-se Woche klären soll, ob die Politikerin tet. Eine Sprecherin der TU Braun-in ihrer Doktorarbeit plagiiert hat oder schweig erklärte, die Hochschule bestel-nicht. Darüber wird seit mehr als 20 le „nur solche Personen zu Honorarpro-Jahren gestritten. 1986 hatte Mathio- fessorinnen oder Honorarprofessoren,poulos an der Philosophischen Fakultät die nach ihren wissenschaftlichen Leis-Bonn über den „Vergleich des politi- tungen den Anforderungen genügen“. D E R S P I E G E L 1 6 / 2 0 1 2 17
  • Deutschland Panorama JOERG SARBACH Pferderennsport-Veranstaltung im Watt vor Cuxhaven GLÜCKSSPIEL Kraft treten soll, sei nicht europarechts- stimmung erwartet. Dürr begründet den konform und zu restriktiv für die Sport- Umschwung damit, dass die EU-Kom- FDP lenkt ein wettenanbieter. In mehreren Ländern mission in einem Schreiben anders als drohte deshalb eine Ratifizierung an erwartet keine grundlegenden Beden- einem Veto der Liberalen zu scheitern. ken gegen den Vertrag geäußert habe. Nun aber kündigt etwa der niedersäch- In der Partei heißt es aber auch, die Ent- Die Freien Demokraten geben ihren Wi- sische FDP-Fraktionsvorsitzende Chris- scheidung sei eine Kompensation dafür, derstand gegen einen neuen Glücks- tian Dürr an: „Wir stimmen zu.“ Auch dass sich die CDU in Niedersachsen, wie spielstaatsvertrag der Länder auf. Bis- die Freien Demokraten in Bayern wol- von den Liberalen gewünscht, gegen lang hatten die Liberalen stets kritisiert, len das Vorhaben nicht weiter behin- eine Transfergesellschaft für die Schle- die Vereinbarung, die zum 1. Juli in dern. In Hessen wird ebenfalls eine Zu- cker-Mitarbeiter ausgesprochen habe. ORDEN N O R D R H E I N -W E S T FA L E N V O R R AT S DAT E N Ehrt Gauck Klarsfeld? Sprechblase geplatzt Frostige ZeitenBundespräsident Joachim Gauck be- Die Wahlkämpferinnen Hannelore Kurz vor Ablauf der ultimativen EU-kommt einen heiklen Fall auf den Kraft (SPD) und Sylvia Löhrmann Aufforderung, die Richtlinie zur soge-Tisch – die Ordensangelegenheit Beate (Grüne) müssen ihre vielbeschworene nannten Vorratsdatenspeicherung um-Klarsfeld. Er wird dazu gedrängt, sei- Frauenfreundschaft einer Belastungs- zusetzen, steuert der Dauerkonfliktner Gegenkandidatin und weltweit an- probe unterziehen. Anlass ist eine Pla- zwischen FDP und Union auf eine Es-erkannten Nazi-Jägerin das Bundesver- katidee der Grünen, die der Regie- kalation zu. Obwohl Bundeskanzlerindienstkreuz zu verleihen. Entsprechen- rungschefin Kraft zu weit geht. Das Angela Merkel die Hauptkontrahentende Schreiben der Linkspartei und des vergangene Woche präsentierte Wahl- Sabine Leutheusser-SchnarrenbergerInitiativkreises Deportationsausstel- plakat zeigt die beiden Frauen auf (FDP) und Hans-Peter Friedrich (CSU)lung Bielefeld sind im Bundespräsidial- grünem Grund mit der Überschrift Ende März ermahnt hatte, sich zu ver-amt eingetroffen. Außerdem befürwor- „Schön, wenn Frauen wieder den ständigen, bleiben die Fronten verhär-tet auch das Land Berlin weiterhin den Haushalt machen – Grün macht den tet. Die Justizministerin hatte nachVorschlag, Klarsfeld zu ehren. Gaucks Unterschied“. Eine knallige Sprechbla- dem Gespräch mit der Kanzlerin ihrenBehörde versucht, den Vorgang auf se legt Kraft eine Zweitstimmenkam- Alternativvorschlag eines sogenanntendem Amtsweg zu erledigen. Sie be- pagne für die Grünen in den Mund. Quick-Freeze-Modells zur Abstim-streitet, dass Berlin für die Beurteilung Das Plakat musste auf ihr Betreiben mung an die beteiligten Ministerien ge-der „Ordenswürdigkeit“ zuständig sei. hin eingestampft und ohne Sprechbla- schickt. Danach sollen vorhandeneNach Ansicht des Präsidialamts ist für se neu gedruckt werden. Die beiden Telefonverbindungsdaten nur in kon-die in Paris lebende Klarsfeld das Aus- Frauen regieren Nordrhein-Westfalen kreten Verdachtsfällen aufbewahrtwärtige Amt verantwortlich, das be- und wollen das Bündnis auch nach der werden. Für Internetdaten schlägt siereits mehrmals gegen die Auszeich- Neuwahl am 13. Mai fortsetzen. Bis da- eine anlasslose Speicherung vor, aller-nung votiert hat. Klarsfeld ist im Besitz hin gehen sie vorerst als Rivalinnen dings lediglich für eine Woche. Minis-eines deutschen Reisepasses. Außer- auf Stimmenfang. ter Friedrich bleibt demgegenüber beidem hat sie einen Personalausweis seiner Auffassung, dass dieses Modellvom Einwohneramt der Hauptstadt mit nicht den Vorgaben der EU-Richtlinieheimischer Adresse. Deshalb rekla- entspreche und deshalb auch nicht dasmiert Berlin die Prüfungskompetenz drohende Verfahren vor dem Europäi-für sich. Eine Ehrung war schon etliche schen Gerichtshof verhindern könne.Male abgelehnt worden, offenbar weil Dafür sei eine anlasslose, sechsmonati-Klarsfeld 1968 Kanzler Kurt Georg Kie- ge Speicherung aller Verbindungs-singer wegen dessen NSDAP-Mitglied- daten notwendig. Vor diesem Hinter-schaft geohrfeigt hatte. Aus dem Präsi- grund dürften Union und FDP nurdialamt heißt es nun, Gauck werde schwer noch vor Ablauf der Frist aussich persönlich eine Meinung bilden Brüssel zu einem gemeinsamen Ergeb-und „zu gegebener Zeit“ entscheiden. Wahlplakat mit strittiger Sprechblase nis kommen.18 D E R S P I E G E L 1 6 / 2 0 1 2
  • GORDON WELTERS / STERN / LAIFTreffen der Jungen Piraten in Berlin: Sie treibt keine Idee an, sondern der Glaube an die Macht der Technik PA R T E I E N Aufstand der Autoren Bislang schien der Aufstieg der Piratenpartei unaufhaltsam, nun formiert sich Wider- stand. Künstler und Intellektuelle erklären ihren Protest gegen den laxen Umgang mit geistigem Eigentum. Die Piraten haben Mühe, Antworten zu finden.W enn es um revolutionäre Bewe- er den Grünen die Daumen gedrückt, bei nichts. Es ist sogar überraschend spieß- gungen geht, ist Hans Magnus ihrem Marsch durch die Parlamente. bürgerlich. Wie bei unseren Großeltern, Enzensberger, 82, ein idealer Am Donnerstag vergangener Woche die sich gefreut haben, wenn es was um-Auskunftgeber. Der Essayist, Dichter und packt er in seiner Wohnung in München sonst gab.“Schriftsteller war zunächst als Beteiligter, seinen Koffer. Am folgenden Tag wird er Pause. Kurzes Gegrummel. Dann nochdann als Zaungast und Chronist bei je- in Belfast erwartet, wo sein Oratorium zwei Sätze, bevor es wieder ans Packendem politischen Aufbruch dabei, der in „Untergang der Titanic“ zur Aufführung geht.den vergangenen fünf Jahrzehnten in die kommt; aber bevor er sich auf den Weg „Ich frag mich, warum die nicht zumZukunft führen sollte. macht, will er doch noch ein paar Worte Bäcker gehen und da sagen, dass sie lie- Er hat an der Wiege der 68er gestan- zur Piratenpartei sagen, der neuen Hoff- ber nicht bezahlen wollen. Warum mussden, da war er noch Marxist. Er hat mit nung am politischen Firmament. das immer gegen uns Autoren gehen?“den Sozialdemokraten gefiebert, als es „Politisch? Nein, politisch ist da eine Die Piratenpartei hat in ihrer kurzengegen Franz Josef Strauß und später ge- Leerstelle“, knurrt Enzensberger durchs Karriere schon einige bemerkenswertegen Helmut Kohl ging. Und natürlich hat Telefon. „Revolutionär ist da erst recht Rekorde aufgestellt. Keine andere Partei20 D E R S P I E G E L 1 6 / 2 0 1 2
  • Deutschland hat in so kurzer Zeit einen so steilen Es hat ein wenig gedauert, bis sich der Die Piraten müssen nun sogar mit dem Höhenflug erlebt, seit der Berlin-Wahl Widerstand formierte. Mehr Demokratie Vorwurf leben, die Axt an die deutsche im September vergangenen Jahres mar- zu wagen ist ein Versprechen, das bei Ver- Kulturnation zu legen. schierten sie in den Umfragen auf jetzt tretern der Geisteswelt immer auf Zustim- Zum ersten Mal steht die Partei einem 13 Prozent. Keine andere Partei hat mehr mung stößt. Aber je genauer die Autoren harten Kontrahenten gegenüber, der Zulauf. 25 000 Mitglieder meldete die Par- und Künstler hinsehen, desto weniger nicht im Verdacht steht, Parteipolitik zu teiführung vergangene Woche, damit ist gefällt ihnen das, was sie entdecken. betreiben. Die Künstler fordern die Pira- die junge Formation schon jetzt fast halb Mit dem Aufstieg der Piratenpartei hat ten auf, eine Lösung anzubieten, wie so groß wie die 32 Jahre alte Partei der auch ihre Kernforderung nach einer Re- Kreative Geld verdienen können, wenn Grünen. Nun kommt eine weitere Pre- form des Urheberrechts Konjunktur. Was ihre Werke im Internet von anderen kos- miere hinzu: Die Piraten sind die erste sie dazu an Ideen formulieren, berührt tenlos bereitgestellt werden. Partei links der Mitte, die einen Gutteil die Existenzgrundlage vieler Künstler. So Doch genau dazu sind die Piraten nicht der Intellektuellen nicht für, sondern ge- wollen die Piraten das Recht auf die in der Lage, und das nicht nur, weil ihr gen sich hat. „nichtkommerzielle Vervielfältigung“ Programm so lückenhaft ist. Das Prinzip Wenn es um die gute Sache geht, den festschreiben. Künftig wären nur noch der radikalen Basisdemokratie führt da- Einsatz für mehr Demokratie und Gerech- Unternehmungen verboten, die mit dem zu, dass die Partei in Krisensituationen tigkeit, dann ist auf die Künstler eigent- illegalen Angebot von Musik, Büchern nicht wirklich sprechfähig ist. Jede Äu- lich immer Verlass. Seit Günter Grass vor oder Filmen im Internet ihr Geschäft be- ßerung eines führenden Mitglieds muss 40 Jahren für Willy Brandt und die SPD treiben. Das Kopieren und Downloaden zuvor mit den einfachen Piraten abge- trommelte, versammelt sich das intellek- urheberrechtlich geschützter Inhalte hin- sprochen werden, das verlangsamt die tuelle Deutschland auf der Seite des Fort- gegen wäre erlaubt. Reaktionszeiten. Die größte Last aber ist schritts. Im Zweifel links zu sein gehört Vielen Kreativen, die sich im linken La- der egalitäre Anspruch der neuen Bewe- in diesem Milieu zum guten Ton; an der ger beheimatet fühlen, fällt beim zweiten gung. Weil die Piraten jeder Form von Spitze des Zeitgeists zu marschieren gilt Blick auch auf, dass die Erfolge der Pira- Autorität misstrauen, geraten alle in Ver- hier als innere Verpflichtung. ten zu Lasten von Grünen und Sozialde- dacht, die der jungen Partei nach außen Im Fall der Piraten ist die Liebe erkal- mokraten gehen. In Nordrhein-Westfalen Gesicht und Stimme geben. Wer trotz des tet, bevor sie richtig beginnen konnte. muss Hannelore Kraft schon um den Sieg Gleichheitspostulats aufsteigen will, tut Reihenweise melden sich in diesen Tagen fürchten. Dass die SPD als stärkste Partei gut daran, sich als bescheidener Diener Künstler zu Wort, die ihr Unbehagen durchs Ziel gehen wird, scheint ausge- der Partei zu empfehlen. Die Versuche über die Forderungen der Bewegung nach macht, ob es am Ende für Rot-Grün rei- des Berliner Abgeordneten Lauer, bei Freigabe aller digitalen Inhalte äußern. chen wird, ist hingegen wieder fraglich. den Piraten weiter nach oben zu kom- Seit der Musiker und Autor Sven Regener Auch im Bund könnten sich die Gewich- men, scheitern auch deshalb, weil ihm vor fast vier Wochen im Bayerischen te verschieben. Sollten die Piraten den viele seine mediale Präsenz neiden. Rundfunk seinem Ärger freien Lauf ließ, Sprung in den Bundestag schaffen, wird Zurzeit hat nicht mal der Vorstand Pro- reißt der Protest nicht mehr ab. es für die Sozialdemokraten schwer, eine kura, die Partei nach außen zu vertreten. Es ist eine breite Allianz, die in ver- Regierungsmehrheit gegen die Union zu- Als Parteichef Sebastian Nerz und sein schiedenen Medien zusammenkommt, sie sammenzubekommen. „Natürlich freuen Stellvertreter Bernd Schlömer vergange- versammelt bekannte Namen wie die wir uns über den Erfolg der Piraten. Man ne Woche offen darüber sinnierten, ob Regisseurin Doris Dörrie, den Hanser-Ver- darf es nur nicht laut sagen“, sagt ein en- es zu bestimmten Themen wie dem Ur- leger Michael Krüger, die Autorin Julia ger Gefolgsmann der Kanzlerin. heberrecht nicht „feste Ansprechpartner“ Franck. „Ich glaube, ich muss euch Pira- Der Aufstand der Autoren bringt die brauchte, ging sofort einer der gefürch- ten dringend mal ein paar Dinge erklären. Piratenpartei in eine schwierige Lage. teten „Shitstorms“ los. Vieles, was du sagst, ist hart gefährliches Musiker und Schriftsteller sind einfluss- Bei Twitter hagelte es Aufrufe, die zwei Halbwissen“, sagt der Musiker Jan Delay reiche Leute. Wer wortgewaltige Intel- auf dem Parteitag Ende April ihrer Ämter im SPIEGEL-Streitgespräch mit dem Pira- lektuelle auf seiner Seite hat, besitzt im zu entheben. Der Berliner Abgeordnete ten Christopher Lauer (siehe Seite 116). politischen Meinungskampf einen Vorteil. Oliver Höfinghoff forderte die „lieben Künstler gegen PiratenPRO.MEDIA KOMMUNIKATION / OBS TORSTEN SILZ / DAPD ENNIO LEANZA / AP HANS M. ENZENSBERGER, 82 JAN DELAY, 35 SVEN REGENER, 51 Schriftsteller, lebt in München Musiker, lebt in Hamburg Musiker und Autor, lebt in Berlin D E R S P I E G E L 1 6 / 2 0 1 2 21
  • DeutschlandPiraten“ über den Kurznachrichtendienst an die Kraft der Technik. Sie sind mitauf, den Grundsätzen der Partei treu zu dem Internet aufgewachsen, und nunbleiben und die „gehypten Kandidaten wollen sie die Regeln der digitalen Weltnach hinten“ zu verbannen. auf die reale übertragen. Ihr Gründungs- Nerz ist ein Mann mit einer stabilen mythos ist nicht die Angst vor dem Atom-Konstitution, auch deshalb wird er partei- tod; ihnen liegt eher am Herzen, dassintern öfter mit Helmut Kohl verglichen. man sie weiter ungestört „Counterstrike“Aber die Dauerangriffe machen selbst ihn spielen lässt. Zu den ersten Kampagnenlangsam mürbe. Bei Twitter gibt es Nut- der Partei in Deutschland gehörte nichtzer, die sich einen Scherz daraus machen, der Protest gegen Krieg und soziale Un-ebenfalls als Sebastian Nerz aufzutreten. gerechtigkeit, sondern der WiderstandIm Namen des „Bundes Nerzilein“ hin- gegen das Verbot von Killerspielen.terlassen sie sarkastische Kommentare. Bislang haben die alteingesessenen„Mein Nervenkostüm ist dünner gewor- Kräfte im linken Lager mit einer Mi-den“, bekennt Nerz. Anfang des Jahres schung aus Angst und Ehrfurcht auf diehabe er daran gedacht, alles hinzuwerfen. neue Konkurrenz geblickt. Die Spitze derAuch wenn er sich letztlich dagegen ent- Grünen in Person von Renate Künast hatschied, erfüllt ihn bis heute eine „gewisse schon eilfertig erklärt, ihre Partei halteGrundgereiztheit“. das Urheberrecht ebenfalls für dringend Die Angst vor den Attacken aus den reformbedürftig. Es zirkuliert die Ideeeigenen Reihen führt inzwischen dazu, einer Kultur-Flatrate, auch wenn bislangdass sich viele Piraten nicht mehr insFernsehen trauen. Die Berliner PiratinJulia Schramm kandidiert auf dem anste-henden Bundesparteitag für den Partei-vorsitz. Andernorts wäre es normal,wenn sie sich jetzt auch über die Medienbekannt machen würde – Schramm sagtseit einiger Zeit alle Auftritte ab. Erst vorkurzem hatte sie eine Einladung zu derTalkshow von Maybrit Illner, ohne langenachzudenken, ausgeschlagen, um ihreChancen nicht zu gefährden. Ringt sich ein Parteimitglied doch zumInterview durch, muss es stets daraufbedacht sein, nicht zu weit von der Partei-linie abzuweichen. „Wenn man nicht an-eckt, bleibt es im besten Fall ruhig“, sagtSchramm. „Wenn man Mist baut, brichtdie Hölle los.“ Es ist auch der raue Ton im Netz, dernun viele abschreckt, gerade im Milieuder Künstler. Wie jede neue Kraft linksder Mitte waren die Piraten von den HCPIntellektuellen erst einmal freundlich indie Arme genommen worden. Man Piratin Schrammschätzte an ihnen das Unkonventionelle Nur nicht aneckenund Freche; wie einst die Grünen bargensie das Versprechen, die verkrusteten niemand so recht erklären kann, wie dieRituale der Politik aufzubrechen. eigentlich funktionieren soll. Jetzt zeigt sich, dass die Welt der Nach dem ersten Schrecken fragen sichKünstler und die der Nerds nicht viel ge- nun die ersten Vertreter, ob es wirklichmein haben. Wer im Intelligenzmilieu so schlau ist, den Positionen der Piratenkann schon jemanden ernst nehmen, der hinterherzulaufen. „Es kann nicht sein,seine freie Zeit mit Rollenspielen ver- dass geistiges Eigentum einfach ver-bringt und J. R. R. Tolkiens Roman „Herr schleudert wird“, sagt Agnes Krumwiede,der Ringe“ für die Krone der Literatur die kulturpolitische Sprecherin der Grü-hält? Mit etwas Verspätung wird vielen nen im Bundestag.klar, dass der Pirat ein Politiker neuen Krumwiede hat Klavier studiert, sieTyps ist. Die Grünen rekrutierten ihr Per- kennt die finanziellen Nöte vieler Künst-sonal aus den geistes- und sozialwissen- ler und ihre Furcht vor der Netzgemein-schaftlichen Fakultäten des Landes, ein de. „Ich halte es für einen unhaltbarentypischer Berufsabschluss war hier das Zustand, wenn Musiker sich nicht mehrabgebrochene Soziologiestudium. Sie zo- trauen, öffentlich für ihre Interessen ein-gen Leute an, die an die Macht der Idee zutreten, nur weil einige sich daran ge-glaubten und aus ihrer Verachtung für wöhnt haben, alles umsonst aus dem Netzalles Technische keinen Hehl machten. zu ziehen.“ Bei den Piraten ist es umgekehrt, sie SVEN BECKER, JAN FLEISCHHAUER,treibt keine Idee an, sondern der Glaube RENÉ PFISTER22 D E R S P I E G E L 1 6 / 2 0 1 2
  • Deutschland E S S AY Die Freiheit der Wölfe Wird das Internet zu einer Schule der neuen Barbarei? Von Dirk KurbjuweitI ch bin jetzt für Unfreiheit, ich bin für Kontrolle, Zensur, Gemeinschaft rechtmäßig ausüben darf, ist der: die Schädigung Einhegung. Manchen gelte ich geradezu als Feind der anderer zu verhüten.“ Es ging nicht um totale Freiheit, sondern Freiheit. Das überrascht mich selbst, denn bislang habe um ein Austarieren verschiedener Wünsche, um einen Kom-ich mich für das Gegenteil gehalten, einen glühenden promiss also.Freund der Freiheit, für einen Liberalen, dem die Bürgerrechte Auch in der jüngeren Geschichte war das Maß bekömmlicheram Herzen liegen. Muss ich jetzt Zweifel haben, dass das Freiheit immer wieder umstritten, oder es wurde offenkundignoch gilt? verletzt. In der Wölfe-Tradition könnte man heute folgende Als neue Partei der Bürger- Sätze bilden: Die Freiheit derrechte gelten die Piraten. Ihr gro- Finanzbranche ist der Tod desßes Wort ist mein großes Wort: allgemeinen Wohlstands. DieFreiheit. Aber viele Piraten und Freiheit der Wissenschaft ist dergroße Teile der Internetgemein- Tod des naturwüchsigen Men-de meinen damit etwas, das ich schen, der ersetzt wird durchnicht meine. Sie versuchen gera- Fabrikate der Gentechnik. Keinde dieses Wort, eines der wich- Mensch, der bei Verstand ist,tigsten der Menschheitsgeschich- würde in diesen Bereichen allete, mit ihren Deutungen zu be- Schleusen öffnen wollen. Da sichsetzen. Sollte ihnen das gelingen, aber gezeigt hat, dass nicht jederwären die alten Freunde der Frei- Mensch in der Lage ist, aus ei-heit tatsächlich die neuen Freun- genem Antrieb verantwortlichde der Unfreiheit. Aber in mei- zu handeln, braucht es Gesetze,nen Augen verstehen viele Pira- die den Grad der Freiheit fest- THOMAS PETER / REUTERSten diesen Begriff falsch. legen. Was interessiert die Internetge- Kontrolle, Verbot und Zensurmeinde am Thema Freiheit? Der sind keine schönen Wörter. Manharte Kern will Freiheit von Kon- würde gern darauf verzichten,trolle, Verbot und Zensur, er will brauchte dazu aber ein Men-Freiheit zur Anonymität und bil- Demonstranten für Anonymität schenbild, das der Blauäugigkeitligt damit die Möglichkeit zum entspringt. Die totale Freiheit im„Shitstorm“, zum digitalen Mob, „Warum diese Angst? Weil man sich Internet begünstigt Exzesse derder andere ungestraft mit Schmä- Gewalt und einer krankhaftenhungen übelster Art überziehen in Erinnerung an die Kinderstube Sexualität. Das berührt den Kernkann, und er will die Freiheit vom peinlich ist in seiner Entfesselung?“ der Gesellschaft, denn beideUrheberrecht. Das alles möglichst Bereiche sind noch immer mittotal: totale Freiheit im Netz. Tabus belegt, und das ist richtig In der Geschichte dieses Wortes kommt dieses Extrem kaum so. Es muss Hemmschwellen geben, die der Zerstörung vonvor. In seinem bahnbrechenden Essay „Zwei Freiheitsbegriffe“ Menschen Einhalt gebieten.wies der britische Philosoph Isaiah Berlin 1958 darauf hin, dass Über Killerspiele muss man reden, ein Verbot erwägen dür-sich die Aufklärer aller Zeiten vor allem damit befasst haben, fen, weil sie Menschen verrohen könnten. Und Sex mit Kindernwelches Minimum an Freiheit es geben muss, damit das Indivi- ist die Zerstörung von Kindheit und damit von Kindern, dieduum als frei gelten kann, die Gesellschaft aber funktionsfähig auch als Erwachsene nicht mehr glücklich werden können. Diebleibt. Sie haben unterstellt, dass die totale Freiheit zerstörerisch Zensur jeder Form von Kinderpornografie ist daher unerlässlich.wirke und in der Tyrannei der Starken gegenüber den Schwa- Natürlich ist sie ein Extrem, das den allergrößten Teil der In-chen ende. Berlin zitiert einen luziden Satz dazu: „Die Freiheit ternetgemeinde nicht berührt, aber wegen dieses Extrems istder Wölfe ist der Tod der Lämmer.“ totale Freiheit nicht möglich. Freiheiten werden in Demokratien Das Menschenbild vieler Aufklärer war skeptisch. Sie suchten fast immer nur deshalb beschränkt, weil eine Minderheit nichtdeshalb nach einer Formel, die den entfesselten Menschen damit umgehen kann.fesselt, ohne dass er sich gefesselt fühlt. Immanuel Kant fand Adafür Ende des 18. Jahrhunderts den kategorischen Imperativ: nonymität macht es Menschen leichter, ihre dunklen„Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich Seiten zu leben. Es gibt allerdings durchaus eine gutewollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde.“ Selbst Tradition des Anonymen in der Geschichte der Freiheit.John Stuart Mill, einer der Urväter des Liberalismus im 19. Der französische Radikalaufklärer Denis Diderot hat seinenJahrhundert, schrieb: „Der einzige Zweck, um dessentwillen „Brief über die Blinden“ ohne Namen veröffentlicht, aber da-man Zwang gegen den Willen eines Mitglieds einer zivilisierten mals existierte keine Meinungsfreiheit, und tatsächlich landete24 D E R S P I E G E L 1 6 / 2 0 1 2
  • er im Gefängnis, als die Behörden dahinterkamen, wer den Eigentumsrecht verletzt, nimmt sich eine Freiheit heraus, dieText verfasst hatte. Mancher Montagsdemonstrant 1989 in Leip- das Leben anderer beeinträchtigt. Die Freiheit des Runterladenszig war sicherlich froh, dass seine Identität in der Masse un- ist der Tod des Musikereinkommens, wäre der passende Satzdeutlich blieb, denn auch in der DDR gab es keine Meinungs- dazu. Damit steht diese Forderung außerhalb des Kanons mög-freiheit, und eine Bestrafung war nicht auszuschließen. Anony- licher Freiheiten in einem klassischen Sinne.mität kann also helfen, Freiheit zu erkämpfen. Ich halte an diesem klassischen Ansatz fest. Es ist mir daher Edler ist es natürlich, sein Gesicht zu zeigen, seinen Namen recht, wenn ich nun für gewisse Leute als Freund der Unfreiheitzu nennen, und viele der Aufklärer und Dissidenten im Ost- gelte. Ich glaube, dass der Minimumansatz der richtige ist, umblock hatten diesen Mut. Erbärmlich ist es dagegen, sein Gesicht Individuum und Gesellschaft miteinander zu versöhnen. Dienicht zu zeigen, seinen Namen nicht zu nennen, wenn Mei- Leitfrage sollte lauten: Welches Minimum an Freiheit brauchtnungsfreiheit gilt, und sie gilt in Deutschland. Das Netz ist voll eine Gesellschaft, die das Adjektiv freiheitlich verdient? Manvon diesen Erbärmlichkeiten. Da wird massenhaft gezetert, ge- könnte natürlich auch fragen: Welches Maximum an Freiheitschimpft und beleidigt, ohne dass der Schreiber seinen wahren verträgt eine Gesellschaft, die als solche funktionieren kann?Namen nennt. Das Ergebnis wäre ungefähr das gleiche. Bei beiden Ansätzen geht es um das Austarieren, um den Kompromiss.W arum diese Angst? Weil man sich in letzter Erinnerung Vernünftige Teile der Netzgemeinde haben das eingesehen. an die Kinderstube peinlich ist in seiner Entfesselung? Sie haben eingesehen, dass ein Maximum Maximorum ins Weil man einer Anzeige wegen Beleidigung entgehen Verderben führt, und wollen das Urheberrecht nicht ab-will? Vielleicht findet es der eine oder andere Netzmensch spie- schaffen, sondern renovieren und denken auch über Zensurßig, dass Beleidigungen unter Strafe stehen können. Aber es für Kinderpornografie nach. Aber sie haben es schwer in dergeht nicht nur um Anstand und Sitte, es geht um eine der Debatte, ein Shitstorm ist ihnen sicher. Dies ist der ersteGrundlagen des Zusammenlebens in einer Demokratie. Schritt in die Tyrannei. Die Demokratie braucht eine Können wir das hinnehmen,gemäßigte Debattenkultur, sie weil es sich „nur“ im Netz ab-braucht die Möglichkeit der Ver- spielt? Nein. Ich lasse nicht gel-söhnung, weil es keine Entschei- ten, dass das Internet eine eigenedung ohne Kompromiss gibt. Die Welt ist, die eigene Gesetze ha-Gesetze werden zusammenge- ben kann. Eine Gesellschaftquatscht, dazu gehört ein Min- verträgt keine Sonderzonen. Siedestmaß an Respekt. Wenn eine verträgt schon gar nicht eine Son-Debatte zum großen Teil aus derzone, die sich zur Schule ei-Hassausbrüchen besteht, ist eine ner neuen Barbarei entwickelnVerständigung nicht möglich. Die könnte, weil im Schutz von Kon-Lager versinken in Erbitterung, trolllosigkeit und Anonymitätdie nächste Stufe ist die Gewalt. die Tabus und der Respekt ver- In Emden wurde kürzlich über schwinden. Wir brauchen keine PHOTO PRESS SERVICE VIENNAdas Netz ein Mob organisiert, zweite, rauere Welt. Es war müh-der einem mutmaßlichen Sexual- sam genug, die erste halbwegsmörder an den Kragen wollte. zu zivilisieren.Die Polizei sah „Aufrufe zur Es gibt ohnehin keine getrenn-Lynchjustiz“. Der Junge erwies ten Welten. Was im Netz ge- AKGsich als unschuldig. schieht, wirkt auf das Leben in Ein weiteres Beispiel für die Philosophen Kant*, Popper 1982 der realen Welt zurück. Wer sichVerrohung ist der Shitstorm. Er in Kindersexforen herumtreibt,ist eine Strafmaßnahme außer- „Ohne Schutz durch das Gesetz muss sucht das ervielleicht nachkann. dort demhalb der Rechtsordnung, ist Kind, vergewaltigenSelbstjustiz, zum allergrößten die Freiheit zu einer Tyrannei der Die Angst vor dem ShitstormTeil anonym. Im Namen der Mei- Starken über die Schwachen führen.“ verformt auch die Debatten imnungsfreiheit wird die Meinungs- Bundestag, im Fernsehen oderfreiheit zerstört. Manche Leute in den gedruckten Medien. Ille-haben inzwischen Angst, das zu sagen, was sie denken, weil sie gales Runterladen kann den Lebensstandard eines Musikersnicht in einen Shitstorm geraten wollen. Das Internet beginnt senken. Wenn also die Netzgemeinde die digitale Welt gestal-langsam, den Diskurs zu lenken, auf eine unerträgliche Weise. tet, gestaltet sie auch die reale. Es reichen daher nicht Mehr- Auch die Freiheit vom Urheberrecht und damit die Freiheit heiten im Netz. Wenn die Piratenpartei etwas verändern will,zum kostenlosen Runterladen von Musik, Bildern oder Texten, kann sie das nur im Kompromiss mit den traditionellenzum Kopieren und Plagiieren nach Herzenslust hätte zerstöre- Parteien.rische Wirkung. Für den Frühaufklärer John Locke gehörten In Wahrheit gibt es nur eine Welt, und die entsteht in derFreiheit, Leben und Eigentum zu den Menschenrechten. Die täglichen Debatte. Es ist gut, dass es eine Partei gibt, die fürfranzösische Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte vom die Interessen der Internetgemeinde streitet. Es ist gut, dass26. August 1789 nennt Freiheit, Eigentum, Sicherheit und sich über das Internet so viele Leute am Diskurs beteiligenWiderstand gegen Unterdrückung als gleichrangige Werte. können. Aber nennt eure Namen, mäßigt euren Ton und über- Nur wer etwas hat, kann etwas verkaufen: seine Arbeitskraft, denkt euren Freiheitsbegriff.sein Wissen, seine Güter, seine Phantasien oder Talente. Nur Der wahre Freund der Freiheit ist derjenige, der manchewer etwas verkaufen kann, kann seinen Lebensunterhalt be- Unfreiheiten in Kauf nimmt. Es gilt, was der Philosoph Karlstreiten. Geistiges Eigentum ist Eigentum. Musik, Bilder oder Popper schrieb: Uneingeschränkte Freiheit habe „das GegenteilTexte gehören den Leuten, die sie geschaffen haben, oder den der Freiheit zur Folge; denn ohne Schutz und EinschränkungenInstitutionen, denen sie die Rechte daran abtreten. Wer dieses durch das Gesetz muss die Freiheit zu einer Tyrannei der Star- ken über die Schwachen führen.“ Zur Freiheit des Einzelnen* Gemälde von J. W. Becker, 1768. gehört untrennbar die Verantwortung für die anderen. D E R S P I E G E L 1 6 / 2 0 1 2 25
  • WERNER SCHUERING / DER SPIEGEL Sozialdemokrat Gabriel SPI EGEL-GESPRÄCH „Wir haben Grass viel zu verdanken“ SPD-Chef Sigmar Gabriel, 52, hält die Reaktionen auf das umstrittene Gedicht von Günter Grass für „hysterisch“, verteidigt seine eigene Kritik an Israel und kündigt an, für seine gerade geborene Tochter Elternzeit zu nehmen. SPIEGEL: Herr Gabriel, trauern Sie, weil unangemessen unernst. Denn im Kern ist dem Nazi-Massenmord entkommen sind, Sie einen zugkräftigen Wahlkampfhelfer das Gedicht doch ein Hilferuf. weisen zu Recht darauf hin, dass auch verloren haben? SPIEGEL: Wie kommen Sie denn darauf? Hitler viel zu lange als Maulheld ver- Gabriel: Wer sollte das sein? Gabriel: Günter Grass warnt vor einem harmlost wurde. Israel hat aus der Ge- SPIEGEL: Günter Grass. Nach seinem israel- heraufziehenden Krieg im Nahen Osten. schichte eine eindeutige Konsequenz ge- kritischen Gedicht haben sich einige Ihrer Zugleich legt er ein leidenschaftliches Plä- zogen: Niemals wird eine israelische Re- Parteifreunde künftige Wahlkampfhilfe doyer gegen jede atomare Bewaffnung gierung einer existentiellen Bedrohung von ihm verbeten. ab. Der Text ist in der Beschreibung des tatenlos zusehen. Bei aller berechtigten Gabriel: Ich hoffe, dass Günter Grass der Konflikts verkürzt und auch aus meiner Kritik an Überlegungen für einen israe- SPD weiter in Wahlkämpfen helfen und Sicht problematisch. Aber ich verstehe lischen Militäreinsatz gegen Iran wird uns auch sonst als streitbarer Literat be- nicht, was daran so verwerflich sein soll, man diese prinzipielle Haltung verstehen gleiten wird. dass man Grass nicht nur die Einreise müssen. SPIEGEL: Sie teilen die breite öffentliche nach Israel verwehrt, sondern ihn auch SPIEGEL: Und trotzdem nennen Sie die Kri- Empörung über Grass nicht? in der politischen Kultur Deutschlands tik an Grass überzogen? Gabriel: Inhaltlich teile ich einiges an der zur Persona non grata erklärt. Gabriel: Das Gedicht ist eine zulässige po- Kritik. Aber manches ist überzogen und SPIEGEL: Was ist an dem Gedicht aus Ihrer litische Meinungsäußerung und weist auf in Teilen hysterisch. Grass stellt Iran und Sicht problematisch? die drohende Kriegsgefahr hin. Aber die Israel mit ihrem Gefährdungspotential Gabriel: Iran ist der einzige Staat der Welt, darin enthaltenen Verkürzungen und auf eine Stufe, das halte ich für falsch. der damit droht, einen anderen Staat in Gleichsetzungen lenken leider vom ei- Dennoch finde ich die Art der Auseinan- einem kollektiven Völkermord von der gentlichen Problem ab. Das darf man ei- dersetzung mit Grass und seinem Gedicht Landkarte zu radieren. Es ist eine gefähr- nem Sprachgewaltigen wie Günter Grass liche Verharmlosung, den dortigen durchaus vorhalten. Das Gespräch führten die Redakteure Konstantin von Staatspräsidenten als Maulhelden zu be- SPIEGEL: Was halten Sie denn für das ei- Hammerstein und Christoph Hickmann. zeichnen. Die Juden in aller Welt, die gentliche Problem? 26 D E R S P I E G E L 1 6 / 2 0 1 2
  • DeutschlandGabriel: Wir müssen uns doch fragen, wie leicht reagieren wir deshalb in solchen De- stützt hat. Deshalb finde ich die Frage,wir diesen heraufziehenden Krieg verhin- batten so schnell hysterisch, weil wir ob man ihn noch zu Wahlkämpfen ein-dern können. Wir müssen beispielsweise diesen tief verankerten Antisemitismus laden kann, einigermaßen befremdlich.bereit sein, den Wirtschafts- und Ölboy- erahnen und deshalb schnell alles unter- Was hat Grass für die SPD geleistet, waskott gegen Iran konsequent und über eine drücken wollen, was ihm in irgendeiner hat er an Prügeln eingesteckt, als er fürnicht absehbare Zeit durchzuhalten, auch Weise entgegenzukommen scheint. Es Willy Brandt Wahlkampf gemacht hat?wenn das für die deutsche Wirtschaft und wird in Deutschland eine Herausforderung Es wäre feige und undankbar, jetzt vonden deutschen Wohlstand spürbare Fol- bleiben, die richtige Form der Debatte ihm abzurücken. Nicht nur die SPD, dasgen haben kann. Gleichzeitig braucht Iran über die israelische Politik zu finden. ganze Land hat Grass viel zu verdanken.ein internationales Angebot, damit es auf Denn auch mit jeder denkbaren und be- SPIEGEL: Haben Sie ihm das selbst gesagt?das Atomprogramm verzichtet. Und wir rechtigten Kritik besteht immer die Ge- Gabriel: Ja, natürlich.müssen die Palästinenser aus der Geisel- fahr, dass sie von denen genutzt wird, die SPIEGEL: Der frühere SPD-Bundestags-haft der iranischen Politik und des regio- bewusst oder unbewusst dem Antisemitis- abgeordnete Reinhold Robbe sagte, Grassnalen Terrorismus befreien. Deshalb mus ein neues Gewand geben. habe sich disqualifiziert, seine Zeit seidürfen wir nicht weiter zusehen, wie die SPIEGEL: Ist Israel, wie Grass behauptet, vorbei.aktuelle israelische Regierung die Zwei- eine Gefahr für den Weltfrieden? Gabriel: Mein Freund Reinhold Robbe iststaatenlösung durch ihre völkerrechtswid- Gabriel: Nein. Das Atomprogramm Irans Präsident der Deutsch-Israelischen Ge-rige Siedlungspolitik unmöglich macht. und die offene Drohung, Israel zu ver- sellschaft, und sein Engagement gegenAber mir war schon beim ersten Lesen nichten, können zu einer Gefahr für den Antisemitismus und für Israel ist vorbild-des Gedichts klar, dass genau das nicht Weltfrieden werden. lich. Aber in diesem Fall widersprechepassieren und stattdessen erst mal Grass SPIEGEL: Dann verstehen wir nicht, warum ich ihm.ins Zentrum der Debatte rücken würde. Sie Grass so entschieden verteidigen. SPIEGEL: Sprich: Grass hat Narrenfreiheit.SPIEGEL: Warum? Gabriel: Ich habe doch bereits gesagt, dass Gabriel: Das ist schon deshalb Unsinn, weilGabriel: Weil absehbar war, dass sich die ich ihm in entscheidenden Punkten wi- Grass alles andere als ein Narr ist. Aberselbsternannten Hüter der Political Cor- derspreche. Es geht mir um das Ausmaß er hat Anspruch darauf, dass man sichrectness die Chance nicht entgehen lassen und die Form der Kritik. In Israel etwa ernsthaft mit ihm auseinandersetzt undwürden, endlich mal die große Keule ge- lief die Debatte anfangs sehr rational, fast nicht reflexhaft. Diese Reflexe habe ichgen Grass auszupacken. Sie wollten es die- gelassen. Dann aber konnten einige Poli- doch selbst erlebt. Ich fahre seit 20 Jahrensem von ihnen so genannten Gutmenschen tiker der Versuchung nicht widerstehen, nach Israel und ins Westjordanland. Ichendlich einmal richtig geben. Hinzu kam, sich im heraufziehenden Wahlkampf zu habe Freunde, die in einem Kibbuz direktdass Grass lange Zeit seine Mitgliedschaft profilieren. Das Einreiseverbot für ihn ist am Gaza-Streifen wohnen und die seitals junger Mann in der Waffen-SS nicht öf- absurd. Ich hätte mir gewünscht, die is- Jahren mit Raketen aus den palästinensi-fentlich gemacht hat. Deshalb brauchte raelische Regierung oder der israelische schen Gebieten terrorisiert werden. Undman nicht viel Phantasie, um sich vorzu- Schriftstellerverband hätten Grass einge- gerade weil ich mich als Freund Israelsstellen, wie die Debatte verlaufen würde. laden, um über sein Gedicht und seine verstehe, darf ich doch nicht dazu schwei-SPIEGEL: Grass hat seinen Teil beigetragen, Ansichten zu streiten. gen, dass in den palästinensischen Gebie-indem er in seinem Gedicht einen Popanz SPIEGEL: Parteifreunde von Ihnen haben ten und vor allem in Hebron Menschen-um ein angebliches Tabu aufbaut, das es ähnlich rigoros reagiert und Grass in rechtsverletzungen durch die israelischeso gar nicht gibt. Das ist ein Grundmotiv, Wahlkämpfen für unerwünscht erklärt. Regierung geduldet werden.wie es auch Antisemiten benutzen. Gabriel: Meine politische Biografie ist SPIEGEL: Und deshalb haben Sie einen po-Gabriel: Günter Grass ist kein Antisemit. durch Schriftsteller wie Günter Grass und litisch hochaufgeladenen Begriff benutztAber es ist wirklich erschreckend, wie sehr auch Heinrich Böll geprägt. Als SPD-Vor- und auf Ihrer Facebook-Seite von „Apart-antisemitische Ressentiments immer noch sitzender kommt für mich hinzu, dass heid“ geschrieben?in unserem Land verwurzelt sind. Viel- Grass die Sozialdemokratie immer unter- Gabriel: Diesen Begriff haben andere vor mir benutzt, Friedensnobelpreisträger Desmond Tutu, israelische Politiker und Amerikaner wie Jimmy Carter. Aber kaum habe ich geschrieben, in Hebron herrsche Apartheid, bin ich als Antisemit bezeichnet worden. Ich hätte mir ge- wünscht, die Lage in Hebron würde min- destens die gleiche Empörung hervor- rufen. SPIEGEL: Offenbar haben Sie ja eingesehen, einen Fehler gemacht zu haben. In einer Richtigstellung sind Sie von Ihrer Formu- lierung abgerückt. Gabriel: Nein. Ich habe klargestellt, dass ich über meinen Eindruck in Hebron be- richtet und nicht den Staat Israel mit einem Apartheidsregime gleichgesetzt habe. Israel ist immer noch der einzige demokratische Staat in dieser schwierigen BUNDESPRESSEAMT / DPA Region. Und es wäre eine Verharmlosung der Apartheid in Südafrika, wenn man diese Gleichsetzung vornähme. * Mit dem SPD-Bundestagsabgeordneten Gerhard Schrö-Altkanzler Brandt, Schriftsteller Grass*: „Was hat er an Prügeln eingesteckt?“ der (l.) in Dannenberg 1985. D E R S P I E G E L 1 6 / 2 0 1 2 27
  • DeutschlandSPIEGEL: Der Begriff Apartheid war also das manchem in der Piraten-Partei noch wirkliche Leben findet da draußen statt,richtig gewählt? nicht völlig klar, aber als Abgeordneter nicht nur vor dem Computer.Gabriel: Er beschreibt, dass an Orten wie hat man einen Gestaltungsauftrag. Wem SPIEGEL: Sind die Piraten eine linke Par-Hebron Menschen nach zweierlei Recht es reicht, Kommentare abzugeben, der tei?leben. Eine Gruppe ist fast rechtlos. Mir sollte Journalist werden, aber nicht Ab- Gabriel: Das müssen Sie die Piraten fragen.ist egal, welchen Begriff Sie dafür ver- geordneter. Ich will Dinge bewegen. Das Sie werden offenbar so wahrgenommen.wenden. Nur verschweigen darf man das wird irgendwann auch der Anspruch an Aber solche Begrifflichkeiten sind zweit-nicht. Und wenn es um Menschenrechts- die Piraten sein müssen. An dem Tag, an rangig. Das Verhängnis der Linken inverletzungen geht, muss man aufpassen, dem ihnen dieser Anspruch bewusst wird, Deutschland ist ja immer gewesen, dassdass man nicht unglaubwürdig wird, in- werden sie sich verändern und selbst Ziel sie in die Eigendefinition verliebt ist. Da-dem man sie durch Diplomatensprache von Protest und Unzufriedenheit werden. bei vergisst sie, dass es am Ende darumverharmlost. SPIEGEL: Der rheinland-pfälzische Minis- geht, Mehrheiten zu bilden, um ein LandSPIEGEL: Sie scheinen keine Angst vor Bei- terpräsident Kurt Beck hat kürzlich in ei- gerechter und fairer zu gestalten. In derfall von der falschen Seite zu haben. Den ner Talkshow die Beherrschung verloren, Geschichte der Bundesrepublik habenhaben Sie aber bekommen. weil er den Habitus des ebenfalls gelade- wir noch nie eine so große gesellschaft-Gabriel: Das war ein verschwindend gerin- nen Piraten-Vertreters nicht mehr ertra- liche Mehrheit links der Mitte gehabt.ger Teil, und ich habe klar und unmiss- gen konnte. Konnten Sie ihn verstehen? SPIEGEL: Dann müssten Sie eigentlich ge-verständlich darauf geantwortet. Gabriel: Natürlich. Wir Sozialdemokraten rade regieren.SPIEGEL: Warum muss man als Politiker können eben nicht kalt wie Fische dane- Gabriel: Leider formiert sich diese gesell-eigentlich heutzutage bei Facebook sein? bensitzen, wenn selbsternannte Avantgar- schaftliche Mehrheit nicht zu einer poli-Um mit der Piraten-Partei noch einiger- disten ignorant über das schwierige Le- tischen, sondern zersplittert immer mehr.maßen mithalten zu können? ben anderer daherschwadronieren oder SPIEGEL: Ist die Piraten-Partei ein mögli-Gabriel: Man muss nicht bei Facebook sein, achselzuckend erklären, damit hätten sie cher Bündnispartner?und der Erfolg der Piraten hat nur am sich nicht beschäftigt. Manche Vertreter Gabriel: Offenbar nicht. Ein führendes Mit-Rande etwas mit Facebook zu tun. Wenn der Piraten-Partei bringen weder Ver- glied der Piraten-Partei hat ja gerade er-man glaubt, die Piraten seien primär eine ständnis dafür auf, dass einem das Schick- klärt, dass er Regierungskoalitionen auchNetzpartei, versteht man deren Wahl- sal der Schlecker-Beschäftigten nicht für gestrig hält. Er möchte zu jeder ein-erfolge nicht. Sie sind Ausdruck einer gleichgültig sein kann, noch erkennen sie zelnen Sachfrage eine Koalition bilden.weitverbreiteten Unzufriedenheit mit an, dass sich nicht jeder Bürger perma- Aber bei politischen Entscheidungen gehtdem, was Menschen als etabliertes politi- nent im Internet an der Demokratie be- es eben nicht nur um die scheinbar ob-sches System erleben. Das Gute an dem teiligen kann oder will. Diese Vorstellung jektive Abwägung von Sachargumenten,Phänomen ist, dass die Unzufriedenen hat ja etwas Elitäres. sondern meist um widerstreitende gesell-trotzdem an die demokratische Verfas- SPIEGEL: Inwiefern? schaftliche Interessen. Und die organisie-sung unseres Landes glauben. Sonst wür- Gabriel: Es gibt nur wenige, die diese per- ren sich auch in Bündnissen und Koali-den sie nicht eine Partei unterstützen, die manente Beteiligung überhaupt leisten tionen. Solange die Piratenpartei dasinnerhalb dieser Verfassung aktiv ist. können. Übrigens hat auch die Forderung nicht begreift, kreisen meine GedankenSPIEGEL: Das klingt, als sei Ihnen die neue nach einem bedingungslosen Grundein- nicht um Koalitionen mit ihr.Konkurrenz ganz recht. kommen etwas Elitäres. Wie soll ich der SPIEGEL: Stattdessen dürften sie vor allemGabriel: Ich nehme sie erst einmal als eine Krankenschwester, die hart im Schicht- um ihre gerade geborene Tochter kreisen.Reaktion auf die Krise der Demokratie dienst arbeitet, eigentlich erklären, dass Was verändert sich durch dieses Ereigniszur Kenntnis. Aber spätestens an dem sie nicht nur ihren eigenen Lebensunter- für Sie?Tag, an dem die Piraten sich wirklich halt verdienen muss, sondern jetzt noch Gabriel: Ganz praktisch werden sich Ta-etablieren, wird es nicht mehr genügen, einen Teil abgeben soll, damit andere ihr ges- und Wochenabläufe verändern. UndTräger von Protest zu sein. Vielleicht ist Hobby zum Beruf machen können? Das natürlich gibt es wie bei allen Eltern einen wunderbaren neuen Mittelpunkt im Le- ben. SPIEGEL: Werden Sie Elternzeit nehmen? Gabriel: Ja, auch wenn sie natürlich etwas anders aussehen wird als bei normalen Arbeitnehmern. Ich werde mich in die- sem Jahr drei Monate lang vorrangig mei- nem Kind widmen und dadurch versu- chen, meiner Frau die Rückkehr in ihren Beruf zu erleichtern. SPIEGEL: Das heißt, Sie bleiben zu Hause? Gabriel: Im Urlaub und in diesen drei Mo- naten im Wesentlichen ja. SPIEGEL: Und danach? Gabriel: Wir werden es so machen wie Mil- lionen anderer berufstätiger Eltern auch: eine Kita suchen, viel organisieren und auf manches verzichten. Aber dafür ha- ben wir ja auch etwas ganz Einmaliges in unser Leben bekommen. Und vielleicht ARIEL SCHALIT / AP ist mancher auch mal ganz froh, wenn ich nicht ständig im Willy-Brandt-Haus bin. SPIEGEL: Herr Gabriel, wir danken IhnenPalästinensische Schülerinnen, israelischer Grenzschützer: „Eine Gruppe ist fast rechtlos“ für dieses Gespräch.30 D E R S P I E G E L 1 6 / 2 0 1 2
  • Brasilien-Reisender Seehofer* „Dann hätte zu Ostern die Erde gebebt“ braucht? Zumindest nicht ausreichend, findet Seehofer, und der Brief der 23 ist nur ein Beispiel dafür. Sein Verhältnis zu Merkel sei zwar „eng“, sagt er in Brasi- lien, „aber man muss schon was tun, da- mit die Interessen Bayerns nicht unter die Räder kommen“. Drei Themen hat er identifiziert, mit denen er die Kanzle- rin in den kommenden Wochen mühelos piesacken kann: die Pendlerpauschale, das Betreuungsgeld und die Pkw-Maut. Merkel will von der Maut nichts wissen, aber das beflügelt den CSU-Chef nur. Sein Parteifreund Peter Ramsauer, der Verkehrsminister, hat schließlich den Auf- trag, verschiedene Varianten einer Pkw- Maut durchzurechnen. So hat es der Koa- litionsausschuss beschlossen. LENNART PREISS / DAPD Pünktlich zur Stausaison im Sommer wird Seehofer das Thema wieder auf die Agenda setzen. Wenn es dann im Herbst um die Verteilung der Haushaltsmittel geht, will er sich die Forderung für viel Geld zum Straßenbau abhandeln lassen. Auch die Pendlerpauschale ist ein idea- CSU les Thema zum Zündeln. Merkel ist gegen Bayerischer Zündstoff eine Erhöhung, aber das stört Seehofer nicht. Ungerührt lässt er seine Beamten in der Staatskanzlei prüfen, wie man Autofahrern mit einer erhöhten Pauscha- le helfen könnte. Ob mit der Pkw-Maut, der Pendlerpauschale oder dem Eine populäre Entlastung hat SeehoferBetreuungsgeld – selbst in Brasilien plant Parteichef Horst Seehofer noch nie abgelehnt, und seine Leute fin- den bereits allerhand Gründe, warum die unentwegt die nächsten Störmanöver gegen die Kanzlerin. Pauschale dringend erhöht werden müss- te. Zum Beispiel weil der Staat bei stei-W as interessiert diesen Mann? ungsgeld. Für Seehofer war das ein Af- genden Benzinpreisen über die Mineral- Horst Seehofers Gastgeber in front, und er hat auch gleich eine Mit- ölsteuer kräftig mitverdient. Brasilien wissen es nicht. Wie schuldige identifiziert: Angela Merkel. Vor allem aber will der CSU-Chef dassollten sie auch? Da lockt der Transport- In Brasilien weist er nicht ohne Stolz Betreuungsgeld nutzen, um die Differen-minister des Bundesstaates São Paulo mit darauf hin, wie er mit seiner Partei die zen zur Schwesterpartei deutlich zu ma-Millionenaufträgen für die deutsche Wirt- jüngsten Klippen bei der Euro-Rettung chen. Im fernen Brasilien überhöhte erschaft. Und Seehofer? Bleibt völlig kalt. umschifft hat, obwohl die „roten Linien“ die Familien-Geldspritze sogar zum ge- Doch als der Brasilianer das moderne der Bayern längst überschritten sind. sellschaftspolitischen Großprojekt. „DasMautsystem erwähnt, das in der Nähe Doch was ist die Gegenleistung? Liefert Betreuungsgeld ist für die CSU keineSão Paulos seit kurzem im Einsatz ist, ist die Kanzlerin, wenn auch er einmal etwas Pflichterfüllung, sondern ein Herzens-der Gast aus Bayern mit einem Mal hell- anliegen“, sagte er. Wenn die Partei aufwach. „Ich bin ein großer Anhänger von ihrer Vorstandsklausur Ende dieser Wo-Nutzungsgebühren für die Straße“, sagt che im Kloster Andechs ein Papier zumder CSU-Chef plötzlich. „Chancenland Bayern“ beschließt, gehört Der Transportminister ist verblüfft. das Betreuungsgeld zu den Top-Punkten.„Aber die Maut ist eine sehr unpopuläre Argwöhnisch beobachtet Seehofer denMaßnahme“, sagt er, doch Seehofer winkt anhaltenden Widerstand in der CDU. Ei-ab: „Wenn man die Einnahmen wieder gentlich will der Bundesvorstand an die-in die Infrastruktur steckt, können wir sem Montag ein Bekenntnis zum Betreu-die Menschen davon überzeugen.“ ungsgeld beschließen. Doch dagegen gibt Mag sein, aber es gibt noch ein Argu- es heftige Proteste. Seehofer warnt diement, das aus Seehofers Sicht für die CDU-Rebellen und FamilienministerinMaut spricht. Er erwähnt es nur nicht. Kristina Schröder vor dem Versuch, dasDas Thema ärgert die Kanzlerin. Und dar- Projekt im Kleingedruckten des Gesetz-auf kommt es ihm an in diesen Tagen. entwurfs doch noch zu torpedieren. „Das MB6 / WENN.COMVor zwei Wochen haben 23 CDU-Bun- wird auf entschiedenen Widerstand derdestagsabgeordnete einen Protestbrief an CSU stoßen. Wir wollen ein glasklares Ge-Unionsfraktionschef Volker Kauder ge- setz, das jeder in zwei Sätzen versteht“,schrieben. Sie wollten eines der Lieblings- Urlauberin Merkel mit Ehemann auf Ischiaprojekte der CSU verhindern, das Betreu- Von nichts gewusst * Mit Kardinal Odilo Pedro Scherer in São Paulo. D E R S P I E G E L 1 6 / 2 0 1 2 31
  • sagt er. „Wer sein Kind nicht in die Kitaschickt, soll Anspruch auf das Geld haben,egal ob er sich selbst um sein Kind küm-mert oder weiterarbeitet und die Kinder-betreuung in der Familie organisiert.“ Für Seehofer geht es um mehr als einpaar hundert Euro für Eltern, die ihreKinder lieber zu Hause erziehen. Seit derProtestaktion in der CDU ist das Projektzum Symbol für bayerische Selbstbe-hauptung in Berlin avanciert. Und daraufkommt es an, wenn die CSU bei derLandtagswahl im kommenden Jahr dieabsolute Mehrheit zurückerobern will. Wenn die CSU mit dem Betreuungsgeldscheitere, „dann sind wir doch nichts mehrwert“, beteuerte Seehofer in Brasilien. Undals er beim bayerischen Abend in einemteuren Reitclub in São Paulo gefragt wur-de, ob es einen Punkt gebe, an dem er dieKoalition in Berlin platzen lassen würde, GOTTFRIED STOPPEL / DER SPIEGELwies er solche Gedankenspiele nicht vonsich, sondern sagte schlicht: „Wenn sichdie anderen nicht vertragstreu verhalten.“ Wie ernst es Seehofer meint, mussteMerkel in der Woche vor Ostern erfahren.Die beiden telefonierten gleich mehrfach.Warum er denn immer noch um das Be-treuungsgeld kämpfen müsse, wo es doch Bus in Tübingen: Traum von einer Stadt ohne Schwarzfahrerlängst beschlossene Sache sei, ärgerte sichSeehofer. Notorische Abweichler gebe eszwar in jeder Partei, sagte er zu Merkel. NAHVERKEH R Schokolade für alle„Du hast deinen Wolfgang Bosbach, ichmeinen Erwin Huber.“ Aber wie 23 CDU-Fraktionsmitglieder unbemerkt gegen eingemeinsam beschlossenes Projekt vorge-hen können, sei ihm schleierhaft. Merkel beteuerte, von nichts gewusst Tübingen will das Busfahren zum Nulltarif einführen. Dochzu haben, aber Seehofer ist bis heute arg- das Lieblingsprojekt von Grünen undwöhnisch. Vor Ostern überlegte er gar,die Zeitungen mit dem einen oder ande- Piraten nützt dem Image der Stadt mehr als der Umwelt.ren knackigen Zitat zu füttern. „Dann Ihätte zu Ostern die Erde gebebt.“ n der Ökohochburg Tübingen soll die Gratisfahrt-Initiativen gibt es im ganzen Stattdessen verabschiedete er sich für Welt noch ein bisschen besser werden. Land. Sie heißen „Berlin fährt frei“, „In-einige Tage in die Zisterzienserinnen-Ab- Gemeinderat und Bürger träumen von novative Verkehrssysteme Darmstadt“tei Waldsassen und schwieg, auch gegen- einer Stadt ohne Schwarzfahrer, von oder „Hamburger Verkehrsverbund um-über Merkel, die ihm vergebens hinter- Kranken, die im Hospital mehr Besuch sonst!“. Hinter der immergleichen Ideehertelefonierte. Der CSU-Chef hielt in- bekommen, und von Armen, Alten und stecken unterschiedliche Köpfe: Grünenere Einkehr und war für die Kanzlerin Arbeitslosen, die immer mobil sind. Das halten den Nulltarif für ein ökologischesnicht zu sprechen. Schließlich versuchte Konzept lautet: „TüBus für alle“. In Zu- Pionierprojekt. Linke Kapitalismuskriti-sie es mit einer Versöhnungs-SMS: „Ich kunft sollen die Tübinger kostenlos durch ker fordern Mobilität als Grundrecht. Diestehe zum Betreuungsgeld.“ die Universitätsstadt fahren. „Wenn das Piratenpartei will private Infrastruktur- Mit der Friedens-SMS der Kanzlerin in Projekt erfolgreich ist“, sagt der grüne monopole zerschlagen und die S-Bahn inder Tasche fühlt sich Seehofer für die Oberbürgermeister Boris Palmer, „hat Berlin der Stadt übereignen.kommenden Auseinandersetzungen ge- man den Klimaschutz nebenbei.“ Verkehrswissenschaftler sehen im Null-wappnet. Trotzdem hat er der CDU-Che- Tübingen will als erste deutsche Stadt tarif viele Vorteile. Er soll Autofahrer infin auf ihre SMS noch nicht geantwortet. einen umlagefinanzierten Gratisbus ein- Bus und Bahn locken. Er soll damit KlimaZwischen beiden herrscht Funkstille. führen, die Bürger würden eine jährliche und Lebensqualität in den Städten ver- Merkel soll im Unklaren bleiben, wie Verkehrsabgabe zahlen. Möglich gemacht bessern. Weniger Autos in den Innenstäd-er nun weiter vorgehen wird. In Brasilien hat den Traum von der Verkehrs-Flatrate ten bedeuten weniger Unfälle, wenigerfreute sich Seehofer wie ein Zocker, der der Regierungswechsel in Baden-Württem- Abgase, weniger Lärm. Udo Becker, Pro-bald eine gute Karte ausspielen wird. Als berg. Denn die grün-rote Landesregierung fessor für Verkehrsökologie an der Tech-er auf dem Sprung zum nächsten Termin prüft bereits Gesetzesänderungen, die es nischen Universität Dresden, ist sich si-zufällig seinen Pressesprecher traf, sprach den Kommunen erlauben, eigene Geld- cher, dass heutzutage „jeder Professor iner ihn an. „Alles ruhig zu Hause?“ Der quellen zu erschließen, um ihren Nahver- Deutschland den Nulltarif theoretisch fürSprecher nickte und schaute dienstbereit kehr zu finanzieren. eine gute Idee hält“.zu seinem Chef. „Wieso, wollen Sie was Damit könnte in Tübingen Realität wer- Täglich nutzen mehr als 28 Millionenanzünden?“ den, was vielerorts noch reine Utopie ist: Fahrgäste in Deutschland Busse und Bah- PETER MÜLLER freie Busfahrt für freie Bürger. Rund 20 nen des öffentlichen Personennahver-32 D E R S P I E G E L 1 6 / 2 0 1 2
  • Deutschlandkehrs (ÖPNV). Das spart mehr als 18 Mil- stimmten 75 Prozent der Bürger der est- Friedrich hat diese Abgabe „Bürger-lionen Autofahrten am Tag ein. Das Um- nischen Hauptstadt Tallinn für kostenlose ticket“ getauft. Das Kalkül hinter demweltbundesamt stellte schon 2003 in einer Fahrten in Bussen und Bahnen. 1997 gab Bürgerticket klingt einleuchtend: WerStudie fest: „Folgt man dem Ziel, mög- es in Deutschland den ersten Nulltarif- eine Monatskarte besitzt, nutzt sie auch.lichst viele Fahrten auf den ÖPNV zu ver- versuch. Im brandenburgischen Templin Aus diesem Grund befürchtet derlagern, spielen die Ticketpreise eine we- konnten die Bürger auf Kosten von Ge- Verkehrsclub, dass nicht nur Autofahrer,sentliche Rolle.“ Besonders gern dürften meinde, Kreis und Land ohne Ticket Bus sondern auch Radfahrer und FußgängerBürger umsteigen, wenn die Fahrten gar fahren. Schon im ersten Jahr verzehn- verstärkt in einen kostenlosen Stadtbusnichts kosten. fachte sich die Fahrgastzahl. Die Idee einsteigen, und spricht von einem „Kan- Tübingen macht sich nun an die Umset- scheiterte 2003 an ihrem eigenen Erfolg, nibalisierungseffekt“. Der VCD hält einenzung. Doch leider könnte damit der Traum sie wurde für die Stadt zu teuer. Heute Nulltarif aus ökologischer Sicht deshalbvom fahrscheinlosen Nahverkehr ausge- kostet eine Jahreskurkarte 44 Euro, sie für wenig sinnvoll.rechnet in einer Stadt Wirklichkeit werden, gilt gleichzeitig als Busfahrschein. Auch der Verkehrsminister Baden-in der er kaum ökologischen Nutzen stiftet. Sandro Battistini vom Verkehrsclub Württembergs, Winfried Hermann, istDenn: Die Tübinger sitzen schon dauernd Deutschland (VCD) beschreibt das Pro- skeptisch. „Ich bin grundsätzlich dagegen,im Bus. Genau deswegen hat der Nulltarif blem: „Je mehr Menschen den Bus nut- dass den Leuten signalisiert wird, ihrean diesem Ort so viele Anhänger. Genau zen, desto teurer wird die Bereitstellung, Wege seien umsonst.“ Hermann hat mo-deswegen ergibt er hier so wenig Sinn. Das desto wichtiger werden die Ticketeinnah- mentan mehr Verständnis für die SorgenPotential an Autofahrern, die der Stuttgarter Bahnhofsgegnerkünftig ihren Wagen in der Ga- als für die Nöte der Tübingerrage stehen lassen, ist gering in Gratisbus-Befürworter. Nachder Stadt, von der ihr Oberbür- Einschätzung eines Ministe-germeister behauptet: „Wir sind riumsmitarbeiters könnte esdeutscher Meister im Nicht-Auto- noch zwei Jahre dauern, ehe diefahren.“ Vereinbarung aus dem Koali- Die Haltestellendichte ist tionsvertrag umgesetzt wird.hoch, die Busse fahren bis spät Boris Palmer will die Zwi-in die Nacht und sind immer schenzeit nutzen, um das Prin-randvoll. Der verkehrspolitische zip der Verkehrsabgabe, nachEffekt eines Nulltarifs in Tübin- dem in Tübingen bereits eingen wäre mit hoher Wahr- Teil des Semestertickets finan-scheinlichkeit: null. ziert wird, auf andere Berufs- Kein Grund für die Mitglie- gruppen auszudehnen. Im Lau-der der lokalen Aktivistengrup- fe des Jahres soll ein Jobticketpe gegen „Krieg, Kapitalismus für die Beschäftigten des Uni-und Kohlendioxid“, vom Null- Klinikums den Stadtbus gratistarif abzurücken. Mit dem grün- anbieten.roten Rückenwind aus Stuttgart Doch Verkehrsexperte Fried-hat sich auch der Gemeinderat rich glaubt, dass das nicht aus-ihrer Gratisbus-Forderung an- reiche: „Wer die Leute in Bussegeschlossen. Oberbürgermeister treiben will, muss den Zeitvor- GOTTFRIED STOPPEL / DER SPIEGELPalmer, der Mann mit dem teil des Autos aufheben.“ DasElektrobike statt Dienstwagen, gehe nicht mit Nulltarifen, son-wollte die Nahverkehrsabgabe dern mit weniger Parkplätzenschon vor sieben Jahren einfüh- und längeren Ampelphasen.ren, damals saß er als Verkehrs- Oder mit einer City-Maut. Borisexperte im Stuttgarter Landtag. Palmer hat das Angebot eines Die Kritik der Tübinger Öko- Unternehmens für ein solchesbürger an der Verkehrsabgabe Oberbürgermeister Palmer: „Meister im Nicht-Autofahren“ System schon in der Schubladehält sich bislang in Grenzen. liegen.Nur in einer Diskussionsrunde des Ge- men.“ Auch der Anreiz, den Fahrgästen Busfahren verbilligen, Autofahren ver-meinderats zum Thema schimpfte einer: bessere Angebote zu machen, falle weg, teuern – Verkehrsökologe Becker hält viel„Ich strample auf meinem Fahrrad täglich wenn mehr Kunden nicht mehr Geld in vom Prinzip „Zuckerbrot und Peitsche“.fürs Klima. Jetzt soll ich den faulen Bus- der Kasse bedeuteten. Nur als „Anschub- Er sagt: „Ich würde die Maut jeder Groß-gästen auch noch ihr Ticket zahlen?“ In mittel“ hält der Club einen Nulltarif im stadt empfehlen.“ Tübingen sei allerdingseinem Leserbrief an die örtliche Zeitung ÖPNV für sinnvoll. ziemlich klein, da sei es zweifelhaft, wiefordert ein anderer „Schokolade für alle“. Doch die knapp 90 000 Einwohner Tü- sehr sich Anschaffung und Betrieb desDas sei auch schön und habe mit Um- bingens, davon mehr als 20 000 Studen- Systems rentierten.weltschutz wenig zu tun. ten, steigen jährlich bereits 18 Millionen Palmer lässt sich von solchen Argumen- Vorvergangene Woche nahm in der Mal in eine der 35 Linien. Wenn die Tü- ten nicht bremsen, er hofft, mit einer Ein-Stadt ein „Koordinationskreis TüBus für binger ihre Busfahrt nicht mehr am Fahr- fahrtgebühr von einem Euro einen jährli-alle“ die Arbeit auf. Und Boris Palmer scheinautomaten bezahlen müssten, fehl- chen Nettoerlös von 20 Millionen Euro zukönnte wieder mal mit der Vorreiterrolle ten den Stadtwerken 6,5 Millionen Euro. erwirtschaften. Das wäre genug, um denTübingens glänzen, das macht sich für Nach Berechnungen des Berliner Ver- Stadtbus kostenlos anbieten zu können.ihn auch bundespolitisch gut. kehrsexperten und langjährigen Leiters Wenn die Tübinger bei einem für 2014 ge- Die Internetseite „Free Public Trans- der Abteilung „Verkehr und Lärm“ im planten Bürgerentscheid für die Maut stim-port“ listet 47 Städte auf der ganzen Welt Umweltbundesamt, Axel Friedrich, müss- men, könnte der Gratisbus ab 2015 überauf, in denen der Nahverkehr fahrschein- ten die Tübinger eine Nahverkehrsabgabe das Tübinger Kopfsteinpflaster rollen.los funktioniert. Erst vor drei Wochen von jährlich 100 bis 150 Euro leisten. ANNA KISTNER D E R S P I E G E L 1 6 / 2 0 1 2 33
  • Deutschland Doch das fragwürdige Agreement mit der Schweiz regt viele Wähler auf. Bei REGIERUNG Union und FDP ist von Steuersenkungen Staatliche Geldwäsche für Normalverdiener kaum noch die Rede, überall soll gespart werden, und die Zahl der Sanktionen gegen unehrliche Hartz-IV-Empfänger erreicht gerade ei- nen neuen Rekordstand. Doch gleichzei- Berlin will deutsche Steuerflüchtige begünstigen. Wer sein tig würden von der staatlich organisierten Schwarzgeld in der Schweiz versteckt hat, Geldwäsche im Zürcher Bankenviertel kann es legalisieren; die Anonymität der Sünder bleibt gewahrt. ausgerechnet jene profitieren,skrupellos nur wohlhabend, sondern auch die nicht genug waren, ihren Anteil an der Finan-A ndreas Schmitz von Hülst, Prä- von einer pragmatischen Lösung. Aus sei- zierung des Gemeinwesens heimlich au- sident der Oberfinanzdirektion ner Sicht ist der Ablasshandel nur der ßer Landes zu schaffen. Rheinland, hatte es bis vor kur- unbedeutende Teil eines weitreichenden „Für diejenigen, die brutal Schwarzgeldzem vergleichsweise leicht, Steuersün- und grundsätzlich vorteilhaften Abkom- in die Schweiz verbracht haben, ist dasdern auf die Spur zu kommen. Er musste mens mit der Schweiz, das Steuerhinter- Abkommen ein Geschenk des Himmels“,nur auf die Post mit den Selbstanzeigen ziehung in Zukunft erschwere und der sagt der Berliner Steuerrechtler Martinwarten. Nahezu täglich meldeten sich Bundesrepublik unterm Strich viele Mil- Wulf. Seine Kollegin Alexandra Mack ausreumütige Bürger, um ihre Vergehen zu liarden in die Kasse spülen werde. „Für Köln spricht davon, dass für großegestehen. Vor allem die Enttarnung von die Zukunft haben wir eine Lösung, dass Steuerhinterzieher „Ostern und Weih-Schwarzgeldkonten in Liechtenstein und die Einlagen von deutschen Steuerpflich- nachten auf einen Tag fallen“, wenn dasder Schweiz hatte der Klientel Abkommen in Kraft tritt. Undeinen so großen Schrecken ein- Thomas Eigenthaler, Vorsitzen-gejagt, dass sich viele danach der der Deutschen Steuer-drängten, ihr Gewissen zu er- Gewerkschaft, sagt, im Prinzipleichtern und so einer noch handle es sich um einen „Persil-schlimmeren Strafe zu ent- schein“.gehen. Kritik kommt auch vom nord- Doch in letzter Zeit ist aus der rhein-westfälischen Finanzmi-Flut der Selbstanzeigen ein dün- nister Norbert Walter-Borjansnes Rinnsal geworden. Statt reui- (SPD). Auf Bundesfinanzminis-gen Sündern zuerst die Beichte ter Schäuble ist er derzeit eben-und dann das Geld abzuneh- so schlecht zu sprechen wie aufmen, ist für die Steuerfahnder die Schweiz. Dass die Eidgenos-wieder mühevolle Ermittler- sen wegen des Ankaufs von CDsarbeit gefragt, ein Umstand, den mit Bankdaten kürzlich Haftbe-der Finanzbeamte Schmitz von fehl gegen drei nordrhein-west-Hülst auf die aktuelle Politik der fälische Steuerfahnder erließen, RAINER JENSEN / DPABundesregierung zurückführt. hat seinen Groll noch gesteigert.Viele Steuertrickser hätten sich Zwar könnte das Steuerab-kühl ausgerechnet, dass es sich kommen mit der Schweiz etli-lohne, die Entwicklung der che hundert Millionen Euro innächsten Wochen abzuwarten. Schweizer Botschaft in Berlin: „Geschenk des Himmels“ seine Landeskasse spülen. DochWarum ein Geständnis ablegen, Walter-Borjans lehnt den Planwenn die Chancen steigen, dass sich die tigen auf Schweizer Banken genau gleich ab, zumal er bei seinen Auftritten imProbleme demnächst von ganz allein er- behandelt werden wie auf deutschen NRW-Wahlkampf bemerkt, dass seineledigen? Banken“, sagt Schäuble – eine gewagte Haltung im Volk gut ankommt. Bei seinen Es geht um eine Amnestie für Steuer- Behauptung. Kollegen aus den anderen Bundesländernhinterzieher, auf deren letzte Details sich Kritiker wie SPD-Chef Sigmar Gabriel wirbt er nun dafür, das Projekt im Bun-Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble werten den Steuerplan als „Schlag ins desrat scheitern zu lassen.(CDU) vor den Osterfeiertagen mit seiner Gesicht der ehrlichen Bürger“. Und Walter-Borjans hat seine Fachleute imSchweizer Amtskollegin Eveline Widmer- tatsächlich passt es schlecht zusammen, NRW-Finanzministerium ausrechnen las-Schlumpf verständigt hat. Der Plan sieht dass die Finanzämter mitunter jede Be- sen, welche finanzielle Vorteile Schwarz-vor, dass sich deutsche Besitzer von wirtungsquittung überprüfen und selbst geldbesitzer durch die geplante AmnestieSchwarzgeldkonten in der Schweiz durch kleine Fehler mit Bußgeldern ahnden, hätten. Sein Fazit: „Je mehr Steuern je-eine moderate Abschlagszahlung von al- andererseits aber demnächst Milde wal- mand hinterzogen hat, desto mehr profi-ler Schuld befreien können. ten lassen, wenn Millionäre ihre Reich- tiert er von der Regelung. Das ist inak- Die Schweizer Bank stellt ihrem Kun- tümer illegal in der Schweiz gebunkert zeptabel.“den eine Bescheinigung aus und überweist haben. Im Detail sieht die Rechnung so aus:das Geld an den deutschen Fiskus. Der Die politische Glaubwürdigkeit der Re- Wer vor zehn Jahren 1,2 Millionen EuroSteuersünder bleibt anonym. Und sollte gierung steht auf dem Spiel. Bundeskanz- unversteuertes Schwarzgeld illegal in dieer eines Tages doch einmal Besuch von lerin Angela Merkel will eine Gerechtig- Schweiz geschafft hat und dort dank Zinsder Steuerfahndung bekommen, muss er keitsdebatte unbedingt vermeiden. Auch und Zinseszins inzwischen über 1,6 Mil-nur die Bescheinigung seiner Bank vor- die FDP will nach dem PR-Desaster mit lionen Euro verfügt, müsste nach demzeigen – und ist aus dem Schneider. der Hotelsteuer nicht schon wieder in Steuerabkommen nur 21 Prozent bezah- Die Bundesregierung rechtfertigt den den Ruf einer Partei für Besserverdiener len, um sein Geld weißzuwaschen. ErDeal. Finanzminister Schäuble spricht geraten. käme also mit gut 300 000 Euro davon.34 D E R S P I E G E L 1 6 / 2 0 1 2
  • Sparmodell Steuerabkommen Vergleich von Steuerlasten auf Vermögen in der SchweizMusterrechnung für Steuerpflichtige mit Wohnsitz in Deutschland und Spitzensteuersatz, jährliche Verzinsung des Kapitals: 3 % Quelle: Finanzministerium NRWEinmalzahlung aus unversteuerten Einnahmen Regelmäßige Einzahlungen von SchwarzgeldIm Jahr 2002 wurden einmalig 1,2 Millionen Euro in der Schweiz eingezahlt; Von 2002 bis 2008 wurden jährlich 500000 Euro transferiert;Kapitalstand Ende 2012: 1,6 Mio. Euro Kapitalstand Ende 2012: 4,3 Mio. Euroreguläre Steuer Selbstanzeige Steuerabkommen 1 Steuerabkommen 2 reguläre Steuer Selbstanzeige Steuerabkommen 1/2 47,6 % 73,3 % 19,0% 21,0% 44,3% 61,9% 31,5% 768266 € 1,2 Mio.€ 306 413 € 338 667€ 1,9 Mio.€ 2,7 Mio.€ 1,4 Mio.€bei Vererbung des Kapitals im Jahr 2008reguläre Steuer Selbstanzeige Steuerabkommen 1 Steuerabkommen 2 reguläre Steuer Selbstanzeige Steuerabkommen 1/2 64,0 % 93,6 % 19,0% 21,0% 58,6 % 79,7 % 31,5% 1,0 Mio.€ 1,5 Mio.€ 306 413 € 338 667€ 2,5 Mio.€ 3,4 Mio.€ 1,4 Mio.€Alle Verpflichtungen gegenüber dem Der Greifswalder Steuerstrafrechts- sich die pauschale Besteuerung desdeutschen Fiskus wären abgegolten – zu experte Wolfgang Joecks hält das geplan- Schwarzgeldes für alle Betroffenen ameinem Spottpreis. Wäre das Einkommen te Abkommen deshalb für verfassungs- deutschen Spitzensteuersatz orientieren,ordnungsgemäß in Deutschland dekla- widrig. Der Steuerhinterzieher werde der inklusive Solidaritätszuschlag beiriert und versteuert worden, lägen die gegenüber den Steuerehrlichen auf eine rund 45 Prozent liegt. „Wer anonym blei-Abzüge bei 770 000 Euro, also mehr als Weise bessergestellt, die nicht gerechtfer- ben will, muss bluten. Wer glaubt, dassdoppelt so hoch. tigt sei. Zwar sei es grundsätzlich möglich, er mit einer Selbstanzeige günstiger weg- So erklärt sich, warum derzeit nur sehr reuigen Steuersündern Straffreiheit und kommt, kann sich ja den deutschen Be-wenige Selbstanzeigen bei den Steuer- Steuernachlass zu gewähren. Doch schon hörden offenbaren“, so Eigenthaler.behörden eingehen. Ein Steuersünder, 1991 habe das Bundesverfassungsgericht Zweitens müsse der Stichtag für dieder sich jetzt stellt, müsste im genannten es zur Bedingung gemacht, dass der Bemessung des gebunkerten VermögensBeispiel nicht nur 770 000 Euro Steuern „Steuerpflichtige aus der Anonymität der vorverlegt werden. Bislang ist dafür dernachzahlen, sondern zusätzlich die darauf Steuerunehrlichen heraustreten“ müsse, 1. Januar nächsten Jahres vorgesehen, einerhobenen Verzugszinsen. Am Ende sum- um in den Genuss einer Amnestie zu Unding, wie Eigenthaler findet: „Es kannmierten sich seine Verpflichtungen nach kommen. nicht sein, dass die Steuerbetrüger nochder Berechnung des Ministeriums schnell Doch genau das sieht das Abkommen bis zum Jahresende Zeit bekommen, ihrauf 1,2 Millionen Euro, also mehr als mit der Schweiz nicht vor, so Steuer- Geld wegzuschaffen.“das Dreifache dessen, was bei der Steuer- experte Joecks. Kein Steuerhinterzieher Am besten wäre es, wenn deutscheamnestie auf ihn zukäme. werde gezwungen, seine Identität preis- Anleger ihr Geld überhaupt nicht mehr Die Musterfälle des NRW-Finanzminis- zugeben, insofern spreche „vieles dafür“, anonym in der Schweiz anlegen könnten.teriums zeigen auch, dass die meisten dass die geplante Regelung verfassungs- Dafür müsste es einen automatischenSchwarzgeldbesitzer mit dem niedrigsten widrig sei. Theoretisch könnte jeder Informationsaustausch geben, wie er zwi-Steuersatz belegt würden, den das von Steuerzahler die Sache nach Karlsruhe schen den meisten EU-Staaten üblich ist.Schäuble verhandelte Steuerabkommen tragen, indem er sich auf eine Ungleich- Die Aufhebung des Bankgeheimnisses istvorsieht. Offiziell reicht die Spanne bei behandlung zu seinen Lasten beruft. für die Schweiz allerdings nicht verhan-den Abzügen von 21 bis 41 Prozent. Wie Gleichwohl halten auch die meisten delbar. Zumindest noch nicht.hoch der Satz im Einzelfall ist, berechnet Kritiker ein Steuerabkommen mit der Umso schmerzhafter wäre es für diesich anhand einer komplizierten Formel. Schweiz im Prinzip für sinnvoll, schließ- Steuerfahnder, wenn das Abkommen mitJe mehr und je regelmäßiger Geld hinter- lich handelt es um viel Geld. Steuer- der Schweiz in der aktuellen Version inzogen wurde, desto höher der Abschlag – experten gehen davon aus, dass die Deut- Kraft träte. Sie befürchten, dass es in Zu-das ist der Plan. schen zwischen 130 und 180 Milliarden kunft noch schwerer sein wird, Schwarz- Der NRW-Finanzminister hält das je- Euro Schwarzgeld auf Schweizer Konten geldkonten in der Schweiz zu enttarnen.doch für „reine Kosmetik“. Experten deponiert haben. Umso empörter sind sie, Dass Trickser entdeckt werden, werdehaben ausgerechnet, dass Schwarzgeld- dass die Schweizer Banken nach derzei- eher unwahrscheinlich. Den Ankauf vonbesitzer den neuen Höchstsatz nur zahlen tigem Schäuble-Plan nur 1,7 Milliarden Daten-CDs dürfen deutsche Behördenmüssten, wenn sich ihr Vermögen binnen Euro als Abschlagszahlung an den deut- laut Abkommen nicht mehr aktiv be-zehn Jahren um mehr als das Hundert- schen Fiskus überweisen müssen. treiben.fache erhöht hat, ein eher theoretischer „Deutschland hat sich bei den Verhand- Und die hiesigen Finanzämter dürfenFall, der sich, so Walter-Borjans, „selbst lungen gnadenlos über den Tisch ziehen innerhalb von zwei Jahren gerade einmalbei optimaler Geldanlage“ kaum errei- lassen“, sagt Eigenthaler von der Steuer- 1300 Anfragen zu den Konten von deut-chen lasse. Er glaubt, dass etwa 80 Pro- Gewerkschaft. schen Bürgern an die Schweizer Steuer-zent der Steuersünder mit dem Mindest- Eigenthaler, selbst Finanzbeamter, hat- verwaltung richten. Das macht rund einesatz davonkommen – unabhängig davon, te eigene Vorstellungen entwickelt, wie Anfrage pro Finanzamt. Pro Jahr.ob sie 100 000 Euro oder Millionen hinter- ein akzeptables Abkommen mit der SVEN BÖLL, DIETMAR HIPP,zogen haben. Schweiz aussehen könnte. Erstens müsse ALEXANDER NEUBACHER, BARBARA SCHMID D E R S P I E G E L 1 6 / 2 0 1 2 35
  • Deutschland marktsteuer wollen aber neben der FDP acht Regierungen in Europa nicht. Dass LIBERALE eine differenzierte Antwort vielleicht län- „Spott ist erlaubt“ ger braucht, um ein vorurteilsgeprägtes Bild zu verändern, das ist mir schmerzlich bewusst. Trotzdem darf man nicht auf- geben. SPIEGEL: Warum erwecken Ihre derzeit FDP-Generalsekretär Patrick Döring, 38, über die holprige wichtigsten Wahlkämpfer, Wolfgang Ku- Zusammenarbeit mit Parteichef Rösler bicki und Christian Lindner, ständig den Eindruck, sie würden Sie und FDP-Chef und Anfeindungen von Sympathisanten der Piraten Rösler nicht mehr ernst nehmen? Döring: Den Eindruck habe ich nicht.SPIEGEL: Herr Döring, Sie sind Teil SPIEGEL: Über Ihr neues Kernthemader schwächsten FDP-Führung seit Wachstum spottete Kubicki gerade,langer Zeit. Wollen Sie sich am Wo- das sei ihm zu schwammig. Damitchenende auf dem FDP-Parteitag könne auch Haarwachstum gemeinttatsächlich offiziell zum General- sein.sekretär wählen lassen? Döring: Spott ist erlaubt. Aber in derDöring: Ich freue mich sogar darauf – Sache sind wir uns einig. Wachstumund teile auch überhaupt nicht Ihre und Haushaltskonsolidierung sindEinschätzung über die Stärke der auch unsere Wahlkampfthemen inParteiführung. NRW und Schleswig-Holstein. DaSPIEGEL: Vor einem Jahr ist die neue füllen wir, genau wie im Bund, dieseFührung unter Philipp Rösler mit Themen mit Leben.dem Ziel angetreten, Image und Pro- SPIEGEL: Glauben Sie denn, dass Rös-gramm der FDP zu ändern. Warum ler nach den Wahlen in Schleswig-merkt man davon nichts? Holstein und NRW noch ParteichefDöring: Programmatisch hat es längst sein wird?eine Veränderung gegeben. Wir ha- Döring: Selbstverständlich.ben die Vision eines Staates entwi- SPIEGEL: Aber seine Autorität ist da-ckelt, der auf Schulden verzichten hin. Wir erinnern an die Kandidaten- CHRISTIAN THIEL / DER SPIEGELund Schulden abbauen kann. Wir suche in NRW: In Düsseldorf musstemüssen deshalb auf Wachstum set- Rösler in einem Nebenraum warten,zen, um so Mehreinnahmen zu ge- während Lindner, Daniel Bahr undnerieren. Die Signale sind da für die Gerhard Papke Entscheidungen fäll-kommenden Jahre sehr gut. Wir ten. Wie kann sich ein Vorsitzenderkönnen, begleitet auch von weiteren so demütigen lassen?Sparanstrengungen, bei der Konso- Politiker Döring: „Wir sind ja kein Kabarett-Duo“ Döring: Es ist normal, dass Landes-lidierung schneller vorankommen. verbände im Wesentlichen selbstän-Wir wollen erreichen, dass die Neu- dig über ihre Führung entscheiden.verschuldung schon vor 2016 bei Es ist aber ein Irrglaube, dass Phi-null liegt. Kurz: Man kann uns nicht lipp Rösler in die Entscheidungauf das Thema Steuersenkungen re- nicht eingebunden war. Es hat be-duzieren – das Wirken der FDP war reits im Vorfeld viele Gespräche ge-und ist breiter. Unsere Anhänger geben, die von ihm ausgingen undnehmen es auch positiv wahr. in denen er seine Vorstellungen dar-SPIEGEL: Selbst wenn Sie ordnungs- gelegt hat.politisch recht haben sollten: Wäh- SPIEGEL: Selbst Mitglieder des NRW-rend sich fast alle um die arbeitslosen Landesvorstands sagten, RöslerSchlecker-Mitarbeiterinnen sorgten, habe rumgestanden wie bestellt WINFRIED ROTHERMEL / DAPDwar Ihr Kommentar, es werde schon und nicht abgeholt. Macht das einkeinen Zahnpastamangel geben. Parteichef, der noch etwas zu sa-Döring: Ich habe zu diesem Thema gen hat?weit Differenzierteres gesagt. Döring: Auch am Abend der Ent-SPIEGEL: Hängen bleibt die Zahn- scheidung war Philipp Rösler stän-pasta. dig über den Ablauf der GesprächeDöring: Wenn man den Satz isoliert Minister Rösler: „Ich kenne seine Stärken“ informiert. Um auf dem Laufendenbetrachtet, mag er ein bisschen nass- zu bleiben, muss man im Zeitalterforsch daherkommen. Aber Zuspitzung nen auch viele Liberale nicht erkennen. moderner Kommunikationsmittel nichtsollte einem Generalsekretär nicht fremd Ihr Spitzenkandidat in Schleswig-Hol- persönlich dabei sein.sein. Entscheidend ist: Unsere Ablehnung stein, Wolfgang Kubicki, warf Ihnen we- SPIEGEL: Sie müssen den Vorgang ja run-einer Transfergesellschaft für Schlecker gen der Haltung zur Finanztransaktions- terspielen, weil er ein harter Angriff ge-war richtig, vor allem für die Mitarbeite- steuer vor, die FDP gelte als „Partei, die gen die Autorität Ihres Vorsitzenden war.rinnen, die sonst Rechtsansprüche verlo- die Finanzmärkte schützen will“. Döring: Das ist der bewusste Versuch vonren und weniger Vermittlungsperspekti- Döring: Wir haben viel getan, um die Fi- außen, ihm das als Schwäche anzukreiden.ven bekommen hätten. nanzmärkte zu regulieren: ungedeckte SPIEGEL: Sie kennen Rösler schon lange.SPIEGEL: Einen Imagewechsel hin zu ei- Leerverkäufe verboten und eine Banken- Wie kam es zu Ihrem Duo-Spitznamennem „mitfühlenden Liberalismus“ kön- abgabe eingeführt. Eine isolierte Finanz- „Der Chinese und der Dicke“?36 D E R S P I E G E L 1 6 / 2 0 1 2
  • Döring: Bei der niedersächsischen Kommu- klärtermaßen eine andere Auffassung. Ich werken und finde das extrem reizvoll, abernalwahl 2001 hingen unsere Plakate meist kenne seine Stärken als Minister und Wahl- es gibt Grenzen. Diese Idee, dass nur dernebeneinander. Bei einem Volksfest sagte kämpfer. Rösler hat meine volle Unterstüt- Schwarm recht hat, das ist keine demokra-dann ein Kind zu seiner Mutter: „Guck zung. Sonst hätte ich nicht gesagt, dass ich tische Kultur. Zur Demokratie gehört auchmal, da kommen der Dicke und der Chi- gerne sein Generalsekretär sein will. der Schutz von Minderheiten und anderennese von der FDP.“ Das fanden wir nied- SPIEGEL: Als Sie dann behaupteten, die Pi- Meinungen. Darum ging es mir.lich, es hat sich dann irgendwie weiter- raten stünden für die „Tyrannei der Mas- SPIEGEL: Bei der Wahl im Saarland habentransportiert. Wir selbst haben uns nie so se“, brach ein „Shitstorm“ gegen Sie los. Sie mehr Wähler an die Piraten verlorengenannt. Wir sind ja kein Kabarett-Duo. Sind Sie für eine Führungsposition zu toll- als die Grünen. Werden die Piraten dieSPIEGEL: Können Sie es nachvollziehen, patschig oder nur zu ehrlich? FDP als liberale Partei ersetzen?dass manche Kritiker sagen: Niemand ver- Döring: Weder noch. Ich finde es eben pa- Döring: Nein. Denn in ihrem Kern sind diekörpert das Elend der FDP besser als das radox, dass bei einer Partei, die in beson- Piraten nicht liberal. Für mich sind vieleDuo Rösler/Döring? derer Weise für Transparenz zu stehen Programmfragmente, die man derzeit fin-Döring: Nein. Aber wenn man in Funktion glaubt, dieser anonyme Sturm der Belei- den kann, eher links, das gilt für die Sozi-ist, wird man kritisiert, das gehört dazu. digung zur Folklore gehört. Das geht bis alpolitik wie auch die Wirtschaftspolitik.SPIEGEL: Nachdem Sie im Dezember als zur persönlichen Empfehlung für das Ab- SPIEGEL: Aber auch die Piraten wollen dieGeneralsekretär nominiert wurden, folgte leben. Das ist für mich nicht demokra- Freiheit des Individuums gegen Eingriffeeine Panne der anderen. Los ging es mit tisch. Ich würde es auch in einer Saalver- von außen verteidigen. Das ist eigentlichder Meldung, Sie hätten erst einen Au- anstaltung nicht akzeptieren, dass jemand Ihr Markenkern. Wo ist Ihre Abgrenzung?ßenspiegel beschädigt und danach Fah- aufsteht, mich wüst beschimpft und dann Döring: Da gibt es bei den Piraten dochrerflucht begangen … auffordert, meinem Leben ein Ende zu große Widersprüche. Man kann nicht dieDöring: Es hat sich anders zugetragen, als setzen. Und so wenig will ich das in der Datenfreiheit des Einzelnen gegenüberzunächst berichtet wurde, und ich habe virtuellen Welt hinnehmen. dem Staat verteidigen, ohne gleichzeitigden Vorgang bereits mit der Nominierung SPIEGEL: Welche Drohungen bekamen Sie? anzuerkennen, dass die Daten und Ideenöffentlich gemacht. Der kleine Schaden Döring: Die Empfehlung, es Möllemann des Einzelnen gegenüber anderen ge-ist beglichen worden, die Staatsanwalt- gleichzutun und ohne Fallschirm aus dem schützt sein müssen. Datenschutz und Ei-schaft hat das Verfahren eingestellt. Flugzeug zu springen, war noch die harm- gentumsschutz sind zwei Seiten dersel-SPIEGEL: Als Nächstes bezeichneten Sie losere Variante. Es ging um jede Art, ben Medaille. Und bei allem VerständnisRösler als „Wegmoderierer“. So haben mein Leben zu beenden. Da kriegen Sie für den Wunsch nach mehr Transparenz:Sie Ihren Chef gleich mal als führungs- das volle Programm. Eine Gesellschaft ohne Geheimnisse ent-schwach hingestellt. SPIEGEL: Auf welchem Weg? spricht nicht dem liberalen Weltbild.Döring: Es ist im „Stern“ versucht worden, Döring: Per E-Mail, Facebook, Twitter, alles. INTERVIEW: MARKUS FELDENKIRCHEN,diesen Eindruck zu erwecken. Ich habe er- Ich verfolge ja die Debatten in den Netz- MERLIND THEILE
  • Drogenmilieu. V-Personen liefern Infor- mationen gegen Geld. Das V steht für Vertrauen. Doch kann man ihren Infor- mationen auch uneingeschränkt trauen? V-Leute kommen oft aus der Szene, die sie bespitzeln sollen. Immer wieder be- gehen solche bezahlten Spitzel Straftaten oder verleiten andere dazu. Im Fall Namik A. vertrauen die Ermitt- ler der V-Person, die nur einmal und nur mit dieser Information in den Akten er- wähnt wird. Das Telefon des Türken wird AXEL SCHMIDT / DAPD abgehört, die Polizei besichtigt unter ei- nem Vorwand sein türkisches Café im Berliner Stadtteil Charlottenburg, sie be- obachtet seine Laube in der Kleingarten- Zollbeamte, beschlagnahmtes Kokain: „Zweitgrößter Drogenfund seit 33 Jahren“ kolonie am Stadtrand. Hinter der Hecke steige Rauch wie beim Grillen auf, ver- merken die Beamten in ihrem Bericht. Hinweise auf schwunghaften Handel mit Heroin ergeben sich nicht. Doch die Ermittler lassen nicht locker. Im November schaltet das Landeskrimi- nalamt eine andere V-Person ein. Sie wird in den Akten unter dem Namen „Moha- rem“ geführt und soll Belege für den He-OLAF WAGNER / IMAGO roinhandel finden. Der V-Mann besucht nun regelmäßig das Café von Namik A. Er soll sich mit Namik anfreunden und ihm von seinen tollen Kontakten in Bre- merhaven berichten. Ein Kumpel habe Türkisches Café in Berlin, Angeklagter Namik A.: Zur Straftat verführt? dort die Möglichkeit, Dinge aus dem Ha- fenbereich zu schmuggeln, bevor sie vom Zoll kontrolliert würden. PROZESSE Moharem beobachtet Namik A. beim Das Teufelszeug Kartenspiel, beim Essen und Telefonieren. Später erzählt er dem LKA, was für ein schlauer und gefährlicher Mann der Café- Betreiber sei. Belege für den Handel mit Heroin bringt er nicht. In Berlin steht ein Mann vor Gericht, der mit hundert Im Café können sich auch heute noch Kilogramm Kokain von der Polizei erwischt wurde. alle an Moharem erinnern. „Zappelig, nervös und verschwitzt“ sei der gewesen, Offenbar hatten ihn staatliche Ermittler zu der Tat provoziert. „mit weit aufgerissenen Augen“, berich- tet Mohamed S., 44. Sein Geld habe der W as für ein Triumph. Zwei mas- Auf mehreren tausend Seiten haben ungepflegte Mann in dicken Bündeln in kierte Beamte in schusssicheren die Ermittler ihr Vorgehen gegen den einer Plastiktüte herumgetragen, „der Westen packen Dutzende back- Mann akribisch dokumentiert. Am Ende wollte, dass jeder es sieht“, sagt Moha- steingroße Pakete auf einen Tisch. Knapp der Lektüre bleibt der Eindruck, dass der med S. und trägt Tee in den Gastraum. hundert Kilogramm hochreines Kokain, Staat über verdeckt agierende Helfer die Dort sitzen drei Männer und spielen auf dem Schwarzmarkt wohl 4,2 Millio- Tat womöglich selbst provoziert hat. Des- Karten. nen Euro wert. halb wird es ab dieser Woche im Berliner Moharem spielt nie Karten im Café. Er Es ist der 19. August 2011, die Ermitt- Gerichtssaal auch um eine grundsätzliche fragt nach Namik, plaudert mit ihm und lungsgruppe Rauschgift hat tags zuvor Frage gehen: Dürfen Ermittler einen bis- daddelt an einem der drei Glücksspielau- mit 300 Beamten zugeschlagen. Der Poli- lang unbescholtenen Mann zu einer tomaten. Etwa alle zwei Wochen kommt zeisprecher freut sich über den „größten schweren Straftat verführen? er vorbei, und immer wieder prahlt er Erfolg bei der Bekämpfung des interna- Die Geschichte beginnt am 7. Septem- mit seinen lukrativen Drogengeschäften tionalen Drogenschmuggels der letzten ber 2009. Beim Zollfahndungsamt Han- und seinem Kontakt in Bremerhaven. Jahre“. Am nächsten Tag meldet die nover, Dienstsitz Bremen, geht ein Hin- Neun Monate lang versuchen die Er- „Berliner Zeitung“: „Zweitgrößter Dro- weis ein, wonach Namik A. in großem mittlungsbehörden, Namik A. über ihren genfund seit 33 Jahren“. Umfang mit Heroin handle. Der Türke V-Mann das Drogengeschäft schmackhaft In dieser Woche beginnt vor dem Land- sei in Berlin dabei, eine neue Lieferung zu machen. Ohne Erfolg. Moharem selbst gericht Berlin der Prozess gegen Namik A., aus dem Ausland vorzubereiten. Wer ge- berichtet den Beamten, der Café-Betrei- 51, den angeblichen Kopf der Bande. Die nau das berichtet, wissen nur die Ermitt- ber habe Heroin bei einer Gelegenheit Staatsanwaltschaft wirft ihm Drogenhandel ler in Bremen. Die Staatsanwaltschaft hat als Teufelszeug bezeichnet. vor. Ihm drohen bis zu 15 Jahre Gefängnis. der Person Geheimhaltung zugesichert. Doch im Juli 2010 zeigt er zum ersten Eine harte Strafe wäre wohl angemessen, Polizei und Verfassungsschutz arbeiten Mal Interesse. Nicht an Heroin, aber an doch vieles spricht dafür, dass der Staat gern mit V-Personen zusammen, beson- Kokain. Namik habe von einem Mann in den Mann erst zum Täter gemacht hat. ders in der rechtsextremen Szene und im Kolumbien erzählt, der auf hundert Kilo- 38 D E R S P I E G E L 1 6 / 2 0 1 2
  • Deutschlandgramm davon sitze, berichtet Moharem verspricht er, die Ware sei am 20. Januar Sporttaschen. Fünf Stunden später neh-am 26. Juli dem LKA. da. Im Februar 2011 räumt er ein, das men die Ermittler Namik A. fest. Warum er sich nun auf einmal für Dro- Ding laufe nun doch nicht. In vier bis „Namik A. ist vom Staat zu einer Straf-gen interessiert, geht aus den Akten nicht sechs Wochen sei er so weit. tat verleitet worden“, sagen seine Anwäl-hervor. Vielleicht war es Gier. Namik A. Im März verfügt er angeblich über 650 te Marcel Kelz und Stefan Conen. Dasträumte von einem Hotel in Antalya. Kilogramm Kokain in Venezuela, weiß Verfahren sei von Anfang an unfair ge-Glaubt man seiner Frau Yildiz A., dann aber immer noch nicht, wie er sie nach wesen und verstoße gegen die Europäi-war es akuter Geldmangel. Yildiz, 34, Deutschland bekommen soll. Nun bittet sche Menschenrechtskonvention.sagt, das Café sei immer schlechter ge- Namik A. Moharem und Klaus um Un- Der Staat dürfe keine Kriminalität pro-laufen in diesen Tagen. Sie seien mit der terstützung. Wenn sie ihm nur helfen wür- duzieren, sagt Robert Esser, Professor fürMiete im Rückstand gewesen. Stromrech- den, sei er sogar bereit, seinen Traum, Strafrecht an der Universität Passau. Dernungen hätten bezahlt werden müssen. das Hotel in Antalya, mit ihnen zu teilen. Europäische Gerichtshof für Menschen- „Die langen Abende im Café gingen Doch beide lehnen Hilfe ab. rechte in Straßburg hält den Einsatz vonallmählich über seine Kräfte“, berichtet Im Sommer endlich kündigt er die An- V-Leuten und verdeckten Ermittlern nurseine Frau, „er spürte das Alter.“ Und kunft der Ware für den 31. Juli an. Der für zulässig, wenn es um die rein passivedann sei sie nach zwei Fehlgeburten end- Stoff werde in Bananenkisten nach Bre- Untersuchung oder Begleitung einer be-lich wieder schwanger geworden: „Er hat merhaven verschifft. Am 31. Juli hetzt er reits existierenden kriminellen Aktivitätsich Sorgen um unsere Zukunft gemacht.“ aufgeregt ins Café und muss einräumen, geht. Die Ehefrau beobachtet, wie ihr Mann dass seine Leute ihm den falschen Tag „Wäre es zu der Straftat ohne die staat-sich langsam verändert. Noch immer hilft genannt haben. Das Schiff brauche nicht liche Initiative nicht gekommen, betrach-er im Haushalt, bügelt seine Wäsche, 16, sondern 23 Tage. Moharem droht, tet der Gerichtshof den Einsatz des ver-saugt und wischt. Doch er beginnt, sich Klaus werde sich verscheißert fühlen und deckten Ermittlers als rechtsstaats- undmit fremden Menschen vor der Tür auf ausrasten. Namik A. schwört nun beim menschenrechtswidrig“, sagt Esser. Wennder Straße zu treffen, kommt abends im- Leben seiner neugeborenen Tochter, dass der Täter weder einschlägig vorbestraftmer später. er wirklich nichts dafür könne. Um Klaus sei noch über entsprechende Beschaf- Am 6. August 2010 bringt der V-Mann zu besänftigen, will er ihm 500 Euro fungsmöglichkeiten verfüge, spreche ei-Namik A. zum ersten Mal mit „Klaus“ in schenken. niges dafür, dass es sich um eine solcheBremerhaven zusammen. Der Mann, der Wann genau das Schiff mit der Fracht unzulässige Tatprovokation handle.angeblich alles am Zoll vorbeischmuggeln ankommt, erfährt er erst am 3. August – Namik A. hat keine Vorstrafen. Er warkann, ist verdeckter Ermittler, also selbst von Klaus. Der verdeckte Ermittler hat der Polizei nie aufgefallen. Bis zu jenemPolizist. Bei Namik A. gibt er sich als den Container in seinen Unterlagen ge- 7. September 2009, an dem ihm ein V-Hafenarbeiter aus. 50 000 Euro will Klaus funden. Das Kokain kommt nun doch mit Mann den Handel mit Heroin unterstell-von Namik A. haben, wenn er eine Dro- 22 Tonnen Rohkaffee und nicht in Bana- te. Heroin, das es bis heute nicht gibt.genlieferung am Zoll vorbeischmuggeln nenkisten an. Bei ähnlichen Fällen aus Portugal undsoll. Die Drogen müsse er sich allerdings Er sei gar nicht aufgeregt, weil ja er, der Russland hat das Gericht in Straßburg dieselbst im Ausland besorgen. Klaus, dabei sei, sagt Namik A. am Mor- Verfahren als menschenrechtswidrig ein- Namik A. versucht über Mittelsmänner gen des 18. August zu seinem vermeintli- gestuft.in der Türkei und in Holland, mit Dro- chen Komplizen. Offensichtlich strahlt der Namik A. sitzt seit dem 18. August alsgenhändlern in Südamerika ins Geschäft Polizist die Sicherheit eines Mentors aus. Untersuchungshäftling in Berlin-Moabit.zu kommen. Doch so einfach ist das nicht. Gemeinsam schmuggeln sie die Drogen in Sein Traum vom Hotel in Antalya ist in Im November erzählt er dem V-Mann, einem weißen Transporter am Zoll vorbei. weite Ferne gerückt.die Sache sei ganz nah. Am 20. Dezember Hundert Kilogramm, verteilt auf drei ULRIKE DEMMER D E R S P I E G E L 1 6 / 2 0 1 2 39
  • Deutschland netnutzern weltweit stärker in den Blick- ben des deutschen Bundesverfassungs- INTERNET punkt rücken, weil dort die Industriestan- gerichts, das 1983 die „informationelle Moralische dards gesetzt werden. Selbstbestimmung“ zum Grundrecht er- Im Kern geht es aktuell um kleine Da- hob; einiges geht sogar darüber hinaus. tenschnüffler, sogenannte Tracking-Coo- Dass in den USA solche neuen Vor- Panik kies, die das Surfverhalten der Nutzer auf- schriften diskutiert werden, haben sich die zeichnen und an Unternehmen wie die Internetkonzerne selbst zuzuschreiben. Google-Tochter DoubleClick zurückmel- Zuletzt verging kaum ein Monat, in dem den. Die Konzerne werten diese Informa- nicht neue Datenskandale publik wurden. Ausgerechnet die US-Regierung tionen aus und schneiden Angebote und So musste das soziale Netzwerk Pathprescht mit neuen Vorschlägen zum Werbung individuell auf die Interessen der einräumen, dass es auf internetfähigen Datenschutz an Deutschland Nutzer zu. Handys (Smartphones) seiner Nutzer Da- Obama und die Aufsichtsbehörde FTC ten aus den persönlichen Adressbüchern vorbei – bislang galt das Thema in favorisieren einen „Bitte nicht verfolgen“- eingesammelt hatte, ohne die Besitzer vor- den USA als Fortschrittsbremse. Button („Do not track“), den die Anbieter her um Erlaubnis zu fragen. Twitter und in ihre Browser integrieren sollen. Damit andere Dienste verfuhren mit ihren „Freun-J eff Jarvis erntet regelmäßig Lachsal- könnten Nutzer die Datensammelei im de finden“-Funktionen bislang genauso. ven, wenn er die Deutschen und ihre Hintergrund ausschalten oder zumindest Auch hier ist der US-Kongress aktiv ge- Angst vor dem Internet beschreibt: die Nutzung der gewonnenen Daten er- worden: Die Abgeordneten forderten mehrNiemand soll ihr Privathaus auf Google heblich einschränken. Google, Apple, als 30 Unternehmen auf zu erklären, wieStreet View erkennen können. Aber in Amazon, Yahoo – praktisch alle großen ihre Smartphone-Anwendungen (Apps)der Hotelsauna sitzen sie ohne Hemmun- US-Anbieter kündigten bereits an, bald- heimlich so viele Daten sammeln.gen nackt mit Wildfremden zusammen. möglichst entsprechende Schaltflächen an- Dass im bisherigen Datenschutz-Ent-Lustig, diese Germans. zubieten. Ansonsten, so fürchten sie, müss- wicklungsland die Politik aufwacht, hat ei- Der US-amerikanische Bestsellerautor ten sie womöglich noch stärkere Einschrän- nen weiteren Grund: Der Wahlkampfhat diesen Befund „das deutsche Paradox“ kungen für ihre Konzerne hinnehmen. bricht an – und Obama hat sich mit seinemgetauft und seine Expeditionen zu den Wie in Deutschland könnten künftig Vorstoß geschickt an die Spitze des ver-datenschutzverliebten Deutschen in sei- auch in den USA Verbraucher das einklag- brauchernahen Themas gesetzt.nem Buch „Public Parts“ verarbeitet – als bare Recht bekommen, Herr über ihre Da- In Deutschland, wo das erste Daten-abschreckendes Beispiel. Wer aus diffuser ten zu bleiben: Demnach dürften Anbieter schutzgesetz bereits vor rund 40 JahrenAngst und „moralischer Panik“ strengere persönliche Informationen ihrer Nutzer erlassen wurde, blicken Fachleute nunRegeln etwa für Google und Facebook nur noch für die Zwecke verwenden, für mit einer Mischung aus Staunen und An-verlange, bremse den Fortschritt und ver- die sie auch erhoben wurden. Und die Bür- erkennung über den Atlantik.hindere eine Menge nützlicher Anwen- ger sollen zumindest erfahren können, wer „Ich wünschte mir etwas von demdungen, die Arbeitswelt und Alltag zum über sie welche Inhalte speichert. jüngsten Elan der US-Debatte auch fürBesseren verändern könnten. Auf 62 Seiten haben Obamas Mitarbei- Deutschland“, sagt der Bundesdaten- Für seine nächste Recherche muss Jar- ter diese und andere Regeln notiert. Viele schutzbeauftragte Peter Schaar. „Hier-vis, 57, nicht mehr so weit reisen. Mit davon ähneln dem Geist nach den Vorga- zulande sind ähnliche Überlegungen, wieWucht hat die Debatte über man- es sie vor zwei Jahren mit demgelhaften Datenschutz im Digital- Rote-Linie-Gesetz gab, leider wie-zeitalter jetzt auch seine Heimat der eingeschlafen.“erfasst. Tatsächlich hatte der damalige Den Anfang machte Ende Fe- Innenminister Thomas de Maizièrebruar US-Präsident Barack Oba- (CDU) angekündigt, den Bereichma. Er forderte den Kongress auf, der Persönlichkeitsrechte neu zuein „Grundrecht auf Privatsphäre ordnen und eine „rote Linie“ zu de-für Verbraucher“ zu beschließen. finieren, die von den KonzernenDann legte die Aufsichtsbehörde nicht überschritten werden sollte.FTC einen „Privacy“-Report vor, Doch nichts passierte. Seinin dem sie ein Datenschutzgesetz Nachfolger Hans-Peter Friedrichauf US-Bundesebene verlangt. Der (CSU) setzt ganz auf Selbstregulie-demokratische Senator John Kerry rung. Nicht einmal die E-Privacy-und sein republikanischer Kollege Richtlinie der EU, die schon langeJohn McCain sehen sich dadurch vor den USA eine Regulierung derin ihrer überparteilichen Initiative Cookies vorsah, wurde bislang um-für einen besseren Schutz der Pri- gesetzt.vatsphäre bestätigt und rufen zur Nur folgerichtig adressiert AutorEile. Jarvis seinen Spott neuerdings Im Heimatland der weltweit do- auch an seine Landsleute. „Die ar- DOUG MILLS / NEW YORK TIMES / REDUX / LAIFminierenden Suchmaschinen und men Cookies werden dämonisiert“,sozialen Netzwerke bedeutet dies sagt er, dabei sei interessenorien-einen radikalen Wandel. Bislang tierte Werbung doch ein grandiosergalten dort persönliche Daten als Service für die Nutzer, viel besserdas Öl des 21. Jahrhunderts; eine als nervende Zufallsanzeigen. „Daslukrative Quelle, die am besten Internet ist nicht kaputt“, glaubtohne staatliche Eingriffe sprudelt. Autor Jarvis, „wir sollten also überEin neues Grundrecht auf Daten- alle Reparaturmaßnahmen sehr ge-schutz in den USA würde automa- nau nachdenken.“tisch die Privatsphäre von Inter- US-Präsident Obama: „Bitte nicht verfolgen“ MARCEL ROSENBACH40 D E R S P I E G E L 1 6 / 2 0 1 2
  • Athener Krisenkind Paraskeva in Berlin Kein Glück in „Germania“ Thalia schnell: Wo immer sie sich um ei- nen Job bewarb, scheiterte sie an ihren mangelnden Deutschkenntnissen. Da ihr für einen Sprachkurs das Geld fehlte, suchte sie Kontakt zur grie- chischen Gemeinde. Bei einem Stamm- tisch traf sie Antonia Karali, der ein grie- chisches Restaurant in Berlin-Friedenau gehört. Thalia hilft jetzt in der Küche aus. Pigi Mourmouri von der Diakonie in Neukölln kennt solche Fälle zuhauf. Sie ist griechische Sozialarbeiterin in Berlin – und deshalb derzeit sehr gefragt. Pau- senlos landen bei ihr Krisenkinder aus Hellas. Griton Lolis zum Beispiel kam vor drei Monaten nach Deutschland. In Athen hat- CHRISTIAN THIEL / DER SPIEGEL te er sein Wirtschaftsstudium mit Bestno- ten abgeschlossen, doch auf dem dortigen Arbeitsmarkt schlug danach der Euro- Horror zu. Die erste Firma, der er als Buchhalter diente, wurde dichtgemacht; bei der zweiten gab es Massenentlassun- gen. In Berlin konnte er sich glücklich kündigt wurden. Alles ist besser als schätzen, einen Platz in einem Deutsch- MIGRANTEN Athen, dachte Thalia, und buchte ein Ti- kurs bei der Volkshochschule bekommen Alles besser cket nach Berlin. zu haben. Noch lebt er vom Ersparten, So wie Thalia haben sich viele Grie- aber das, so gesteht der Akademiker, chen in die daheim so übel beleumundete gehe „bald zur Neige“. als Athen Bundesrepublik aufgemacht. Rund 25 000 Hilfe vom deutschen Staat können die meldeten sich allein im vergangenen Jahr, Neuankömmlinge nicht erwarten. Zwar gegenüber 2010 haben sich die Zahlen beschwört Kanzlerin Angela Merkel verdoppelt. Nicht einberechnet, so gibt (CDU) in der Euro-Krise gern die „euro- Zu Tausenden fliehen Griechen der Hamburger Migrationsforscher Vas- päische Solidarität“, die es gebiete, Grie- nach Deutschland: Anwälte, silis Tsianos zu bedenken, seien jene chenlands Wirtschaft zu stützen – den Ingenieure, Grafiker. Ohne Übersiedler, die den Weg zu einer deut- griechischen Krisenflüchtlingen aber steht schen Behörde bislang scheuten. Deshalb sie nicht bei. Ende Februar hat das Ar-Deutschkenntnisse sind sie auf dem geht er von mehr als 60 000 neuen Grie- beitsministerium eine Direktive erlassen, Arbeitsmarkt chancenlos. chen in Deutschland aus. Die meisten von die EU-Bürgern den Bezug von Hartz IV ihnen sind Wirtschaftsflüchtlinge mit aka- erschwert. Sie soll mittellose EinwandererI m Oktober 2011, als der deutsche demischem Grad: Anwälte, Ingenieure, aus Südeuropa abschrecken. Auch die Fi- Bundestag Griechenland und anderen Architekten. Ausgestattet mit ebenso viel nanzierung von Sprachkursen ist äußerst EU-Staaten weitere Hilfsmilliarden Courage wie Naivität, hoffen sie auf eine schwierig. „Ohne Unterstützung ist es fastzugebilligt hatte, beschloss Thalia Paras- Chance, wie sie die griechischen Gast- unmöglich, in Deutschland Fuß zu fas-keva, 24, ihr Land zu verlassen. Sie pack- arbeiter aus den Trecks der sechziger und sen“, sagt Sozialarbeiterin Mourmouri.te warme Stiefel in einen Koffer, ein paar siebziger Jahren erhielten. Am Beispiel der griechischen Akade-Kleider, eine Jacke und ein Wörterbuch Viele gehen nach Berlin, weil sie dort, miker wird deutlich, wie weit die Bun-Griechisch-Deutsch. wie in den Metropolen London oder Pa- desrepublik noch entfernt ist von dem Zwar zeichneten die Zeitungen in ris, den Wohlstand einer Hauptstadt ver- modernen Einwanderungsland, das sieAthen die Deutschen seit Monaten als muten. Dass Berlin, der Sehnsuchtsort gern wäre. Statt sich der neuen MigrantenNazis, KZ-Aufseher und Euro-Imperialis- der Jugend aus Südeuropa, in Wahrheit anzunehmen und sich mit deren Integra-ten, die ihre Schuldner ausbluten lassen. eine arme Stadt mit einem angespannten tion auseinanderzusetzen, wie es für mus-Doch Thalias Freunde und Verwandte Arbeitsmarkt ist, merken sie erst, wenn limische Einwanderer in den vergangenenerzählten eine andere Geschichte: Sie sie vor Ort sind. Jahren geschehen ist, werden die Mauernschwärmten von einem Land, in dem je- Thalia Paraskeva kam im November eher wieder höher gezogen. Das Potentialder Arbeit findet, der Arbeit haben will; in Berlin an. Die Grafikdesignerin gut ausgebildeter ausländischer Fachkräf-von den Onkeln und Tanten, die in der wohnte zunächst bei einer griechischen te wird kaum genutzt.Nachkriegszeit nach „Germania“ aufge- Freundin, die selbst vor der Krise ge- Offiziell tritt die deutsche Politik fürbrochen waren und dort ihr Glück ge- flüchtet war. Doch schon die Suche ein vereintes Europa ein, für offene Gren-macht hatten. Und sie erzählten von Ber- nach einer Wohnung gestaltete sich zen und den einheitlichen Markt. Dielin, vor allem von Berlin. schwierig. „Wir vermieten nicht an Grie- Lasten zu schultern, die sich daraus er- Thalia hat in Athen einen Abschluss chen“, sagte man ihr. geben, ist sie aber nur bedingt bereit.in Grafikdesign gemacht. Doch in der Und was die Idee einer Europäischen Elke Ferner, Fraktionsvizin der SPDKrise wollte niemand sie einstellen. Sie Union, eines gemeinsamen Markts mit im Bundestag, kritisiert deshalb denkellnerte, sie verdiente mal hier etwas, dem Recht, in jedem Mitgliedsland arbei- „Rückfall in die Abschottungspolitik dermal dort – bis ihr auch die Minijobs ge- ten zu dürfen, wirklich wert ist, verstand fünfziger Jahre“. Der Hauptgeschäftsfüh- D E R S P I E G E L 1 6 / 2 0 1 2 41
  • rer des Deutschen Paritätischen Wohl-fahrtsverbands, Ulrich Schneider, sprichtvon einem „europa- und sozialpolitischgeradezu fatalen Signal“. In ihrer Not wenden sich viele Migran-ten an die griechische Community vorOrt, an die ehemaligen Gastarbeiter undderen Kinder. Doch die sind sich uneins,was sie mit den jungen Zuwanderern ma-chen sollen. So verläuft neuerdings einGraben durch die deutsch-griechischenGemeinden, durch die Verbände, ja selbstdurch die Gaststätte von Antonia Karali. Da sind die einen, die helfen wollen, wiedie Mitglieder des Vereins Exantas. Frühertrafen sie sich bei Karali, um Lesungen undKonzerte zu organisieren, jetzt gibt es beimStammtisch nur ein Thema: die Krise. „Alswir kamen, hatten wir Arbeitsverträge undwir wurden gebraucht“, sagt Kostas Kou-velis, der Vereinsvorsitzende, „wer heutekommt, hat fast nichts und braucht unsereHilfe.“ Er und seine Kollegen wollen eineJobbörse gründen und arbeiten an einerRatgeber-Homepage. Und dann gibt es die anderen, die sichfür die jungen Migranten nicht verantwort-lich fühlen wollen, nur weil ihre Vorfahrenauch einmal aus Griechenland ausgewan-dert sind. Sie leben seit Jahrzehnten inDeutschland, haben sich eine Existenzaufgebaut und müssen sich plötzlich recht-fertigen für die Schuldenpolitik ihres Her-kunftslandes. Manche von Karalis Gästensagen, die Migranten hätten die Krisedaheim mitverursacht und sollten alleinsehen, wie sie zurechtkommen. Ein gereizter Ton herrscht unter denDeutsch-Griechen: Sozialwissenschaftlerwie Vassilis Tsianos von der UniversitätHamburg warnen vor wachsenden Ag-gressionen in der Community. „Die Ge-meinden gehen zugrunde“, sagt auch Ni-kolaos Athanassiadis vom Verband dergriechischen Gemeinden. Der Verein Exantas würde den Lands-leuten ja gern helfen. Aber was soll mantun mit einem wie Vasileios Tzimiropou-lus? Der Bauingenieur spricht zwar vierSprachen, doch Deutsch nur rudimentär.Weil Griechenland Leute wie den 31-Jäh-rigen in Zeiten des Sparens nicht mehrbrauchte, ist er nach Deutschland gekom-men. „Mit deiner Qualifikation findestdu überall einen Job“, hatte man ihm pro-phezeit. Inzwischen weiß er, dass dasnicht stimmt. Junge Migranten wie Tzimiropoulusorganisieren sich. Auf Facebook hat sichdie Gruppe „Greek Berliners“ gegründet.Ihre Mitglieder tauschen sich über dasAnkommen in Berlin aus, helfen einan-der bei der Wohnungs- und Jobsuche.Auch Thalia Paraskeva ist der Gruppebeigetreten. Die Grafikdesignerin glaubtnicht, dass sie via Facebook Arbeit findet.„Aber wenigstens bin ich mit meinen Pro-blemen nicht mehr allein.“ MAXIMILIAN POPP42 D E R S P I E G E L 1 6 / 2 0 1 2
  • Deutschland für sich reklamiert. Ist der Arzt nun die unangefochtene Nummer eins? GEHEIMDIENSTE Schindler: Nach unseren Erkenntnissen ja. „Wir müssen als Erste rein“ Sawahiri hatte bereits zu Bin Ladens Lebzeiten sehr großen Einfluss innerhalb des Netzwerks. Dessen Aufbau hat sich seither nicht verändert: mit Kern-al-Qai- da an der Spitze und vielen Filialen etwa Der neue BND-Präsident Gerhard Schindler, 59, über im Irak, im Jemen oder im Maghreb. Sie bürokratische Agenten und den sind nach wie vor eng miteinander ver- bunden. wachsenden Einfluss von al-Qaida in Nordafrika SPIEGEL: Die Fragmentierung von al-Qaida ist keine Schwäche, sondern eine Stärke?SPIEGEL: Lesen Sie Gedichte? Schindler: Dieses Netzwerk ist hochflexi-Schindler: Gelegentlich. bel. Wo der Druck zu groß wird, ziehtSPIEGEL: Nobelpreisträger Günter Grass sich al-Qaida zurück. Wo die Bedingun-hat gerade eines veröffentlicht, in dem gen günstiger sind, weitet es seine Akti-er behauptet, Deutschland liefere mit sei- vitäten aus. Gerade in Nordafrika ist dienen U-Booten die Plattform für einen terroristische Bedrohung in den vergan-möglichen israelischen Vernichtungs- genen Monaten sicherlich gewachsen. Inschlag gegen Iran. Nigeria hat sich die Terrorgruppe BokoSchindler: Das halte ich für absurd! Haram al-Qaida angeschlossen. In Soma-SPIEGEL: Wann rechnet der Bundesnach- lia sind es die Schabab-Milizen.richtendienst (BND) mit einem Angriff SPIEGEL: Demnach hat sich die islamistisch- WERNER SCHUERING / DER SPIEGELauf die Atomanlagen am Persischen Golf? terroristische Szene verlagert?Schindler: Dazu werde ich mich angesichts Schindler: Es ist in der Tat eine Absetzbe-der politisch brisanten Situation sicherlich wegung in Richtung Somalia und in dennicht im SPIEGEL äußern. Jemen festzustellen. Daneben beobach-SPIEGEL: Seit Anfang des Jahres sind Sie ten wir, dass sich al-Qaida in NordafrikaChef des Bundesnachrichtendienstes. derzeit neu orientiert. Ich glaube, dass esWas wollen Sie ändern? dort für eine Terrororganisation gute Rah-Schindler: Jedenfalls nicht die Haltung der BND-Chef Schindler menbedingungen gibt: Wir haben in die-Mitarbeiter. Noch nie habe ich in meiner „Anschläge auch in Deutschland“ sen Ländern eine hohe Arbeitslosigkeit,Laufbahn so viele hochmotivierte Kolle- bisweilen ist die Grundversorgung der Be-gen getroffen wie hier. Allerdings ist mir völkerung nicht gesichert, und es gibt we-auch noch nirgends so viel Bürokratie be- nig ausgeprägte rechtsstaatliche Sicher-gegnet. Manchmal dauert es Monate, bis heitsstrukturen.eine Operation in Gang gebracht ist, das SPIEGEL: Welche Folgen hat das für deut-kann so nicht bleiben. Der Dienst muss sche Islamisten, die es in den bewaffnetenrisikofreudiger werden. Kampf zieht?SPIEGEL: Und zwar wie? Schindler: Früher war Waziristan imSchindler: In den Krisengebieten der Welt Grenzgebiet von Pakistan und Afghani-darf es kein Zögern geben. Wir müssen stan das wohl wichtigste Ziel deutscherdie Ersten sein, die reingehen, und als Konvertiten. Jetzt wird Somalia zu einemLetzte wieder raus. neuen Hotspot.SPIEGEL: War Ihr Vorgänger Ernst Uhrlau SPIEGEL: Bildet sich nach dem Aufstand MOHAMED SHEIKH NOR / APzurückhaltender? in Mali in Westafrika nun der nächste Kri-Schindler: Meinen Vorgänger kann und senherd?will ich nicht beurteilen. Außerdem möch- Schindler: Mali ist knapp viermal so großte ich eigene Spuren im BND hinterlassen. wie Deutschland, mit einer heterogenenIch glaube zum Beispiel, dass wir die Ar- Bevölkerungsstruktur. Dass sich Nord-beit von Agenten und Quellen noch aus- mali nun vom Rest des Landes abzuspal-bauen können. Bei allen Möglichkeiten, Schabab-Milizen in Somalia ten droht, ist in der Tat besorgniserre-die moderne Überwachungstechniken „Dieses Netzwerk ist hochflexibel“ gend. Denn Nordmali könnte zu eineretwa im Internet oder über Satelliten heu- weiteren Basis für al-Qaida werden.te bieten: Es reicht nicht aus, sich darauf lich sei. Hintergrund sind die militäri- Schon jetzt operieren dort mehrere Re-zu verlassen. Klassische Nachrichten- schen Erfolge der westlichen Truppen. bellengruppen, darunter eine islamistischdienstarbeit ist damit nicht zu ersetzen. Das heißt aber noch lange nicht, dass sich orientierte, die an Einfluss und Bedeu-SPIEGEL: Was berichten Ihre Leute denn die Gefahr damit erledigt hätte. tung gewinnt.vom Hindukusch, wo al-Qaida zuletzt SPIEGEL: Vor einem Jahr tötete ein US- SPIEGEL: Was bedeutet das für die Men-massiv unter Druck geraten ist? Gilt die Spezialkommando Osama Bin Laden. schen in Deutschland? Al-Qaida scheintTerrorgruppe noch als handlungsfähig? Welche Folgen hatte dies für al-Qaida? derzeit sehr mit sich selbst beschäftigt zuSchindler: Natürlich ist die Situation für Schindler: Das war sicherlich ein Ein- sein. Hat die Terrorgefahr nachgelassen?al-Qaida im afghanisch-pakistanischen schnitt in die Struktur der Kerngruppe. Schindler: Nein. Die ZielwahrnehmungGrenzgebiet schwierig geworden. „Geht Wir haben aber nicht den Eindruck, dass der Terrororganisation hat sich nicht ge-nach Somalia“, hat ein Kommandeur der das Terrornetzwerk und seine Strukturen ändert. Al-Qaida plant Anschläge auchTerrororganisation Islamisten aus dem deutlich schwächer geworden wären. in Deutschland.Westen zugerufen, weil es in den paki- SPIEGEL: Die Nachfolge Bin Ladens hat INTERVIEW: HUBERT GUDE, FRANK HORNIG,stanischen Lagern inzwischen zu gefähr- der Ägypter Aiman al-Sawahiri offiziell BERNHARD ZAND D E R S P I E G E L 1 6 / 2 0 1 2 43
  • Deutschland K R I M I N A L I TÄT Patrone in rotem Samt Vor dem Landgericht Hagen beginnt ein Verfahren, das alle Züge eines Mafia- Prozesses trägt. Allerdings kann der Kronzeuge nicht mehr aussagen: Der Auftragskiller Michael Petzold hat sich im vergangenen November in seiner Zelle erhängt.D er 17. November 2011 sollte der große Tag im Landgericht Hagen werden. Michael Petzold, 49,DDR-Flüchtling, Dressman, Killer, wollteaussagen, wie er im Auftrag einer italie-nischen Familie Schulden eingetrieben,geraubt und gemordet hatte. Doch dazukam es nicht. Um 9.45 Uhr betrat die VorsitzendeRichterin Heike Hartmann-Garschagenden Saal und erklärte: „Nach Kenntnisder Kammer hat sich der Zeuge heuteNacht erhängt.“ So konsequent, wie er gemordet hatte,verabschiedete sich Petzold aus dem Le-ben. Laut Obduktion hatte er Waschmit-tel geschluckt, sich die Pulsadern aufge-schnitten und sich dann mit seinem Gür-tel an einem Regal stranguliert. Durch Petzolds Suizid fehlt nun derwichtigste Zeuge in einem weiteren Pro-zess, der Dienstag vor demselben Gerichtin Hagen beginnen wird. Angeklagt sindMitglieder einer sizilianischen Familie,die versucht haben sollen, in Deutsch-land ein kriminelles Imperium aufzu-bauen. ALEXANDER SCHWAIGER Von einer Pizzeria an der Hagener Pe-ripherie aus, so glauben deutsche Ermitt-ler, hat die Familie mit Falschgeld, Dro-gen und Waffen gehandelt. Sie soll Kre-dite zu Wucherzinsen vergeben haben,und wer nicht zahlen konnte, bekam ei- Tatort Köln-Deutz 2006, Täter Petzold 1999, mutmaßlicher Auftraggeber Giuseppe B. 2008: Regelnnen Schuss ins Bein. Die Familie B. un-terhalte „enge nationale und internatio- versucht, ihn mit ein paar hundert Euro eine Familie und die festen Rituale einernale Kontakte zu kriminellen Personen abzuspeisen. Gangsterwelt.und Gruppierungen, die der Organisier- Giuseppe B., der Hauptangeklagte im Petzold fühlte sich von dieser Welt an-ten Kriminalität zuzurechnen sind“, heißt Hagener Verfahren, und Michael Petzold gezogen, er bewunderte Giuseppe B. undes in einem Polizeivermerk. waren beide Anfang der achtziger Jahre ordnete sich ihm unter. Er lebte fortan Auch wenn der Kronzeuge Petzold tot in die Bundesrepublik gekommen, um ihr wie ein Mitglied des Clans. Er diente derist, so erlauben seine Aussagen Einblicke Glück zu machen. Giuseppe B. floh vor Familie bei ihren Geschäften, und er ließin die Geschäfte einer Familie, die offen- der Armut Siziliens, Petzold aus der Un- sich ausnutzen.bar die Regeln der Mafia ins Ruhrgebiet freiheit der DDR. So wird vor dem Hagener Landgerichtimportierte. In seltener Detailgenauigkeit Als sich ihre Wege in den Neunzigern ab dieser Woche die Geschichte zweierlässt sich zudem die unheilvolle Freund- kreuzten, war Petzold ein richtungsloser, Schwerkrimineller aufgerollt – aber auchschaft zweier Männer rekonstruieren, die unsteter Mann, der in seiner neuen Hei- die eines Provinzkommissars, der jahre-nach 13 Jahren zerbrach – als Petzold sein mat nirgends Anschluss gefunden hatte. lang beharrlich Beweise zusammentrug,versprochenes Honorar für einen Mord Er hatte nie viel Geld, aber einen Hang bis er den Mafia-Killer überführte.nicht erhielt. zu schönen Frauen und scharfen Waffen. Michael Petzold kam 1962 im sächsi- Im Oktober 2006 habe er einen aus Ita- Giuseppe B. hingegen wusste genau, was schen Freiberg zur Welt, der Vater Lehrerlien stammenden Gastwirt mit fünf Schüs- er wollte und wo er hingehörte. Schon an der Polytechnischen Oberschule, diesen auftragsgemäß getötet, so gestand der damals habe er den „Aufbau eines Ma- Mutter Erzieherin. Der Vater war glühen-Kronzeuge. Aber statt die zugesagten fia-Imperiums“ angestrebt, so heißt es in der Kommunist und zeitweise Bürger-10 000 Euro zu zahlen, habe der Freund den Akten. Giuseppe B. hatte Waffen, meister von Freiberg; er betrog seine Frau44 D E R S P I E G E L 1 6 / 2 0 1 2
  • und ließ den Sohn die Briefe an die Ge- begegnete er erstmals dem mutmaßli- geschworen, das Schweigen bis in den liebte überbringen. Doch der Junge las chen Mafioso Giuseppe B.; der Italiener Tod. Giuseppes Vater habe ihn in die sie und berichtete der Mutter daraus. suchte einen speziellen Sportwagen. Aus Arme genommen. Der Vater war gleichzeitig Michaels der Zufallsbekanntschaft wurde Freund- Seine Familie, das war jetzt ein Sizilia- Lehrer, und der Sohn litt unter ihm. Noch schaft. Besonders habe ihn beeindruckt, ner-Clan im Ruhrgebiet. Petzold fühlte im Alter von 16 Jahren schlug der Vater erzählte Petzold später, dass Giuseppe sich als echter Mafioso. Das machte ihn ihn vor der ganzen Schulklasse. ihm im Kofferraum seines Wagens zahl- stark, verlieh ihm Identität. Einmal lieh Michael Petzold wollte weg. Nach dem reiche Waffen gezeigt habe; darunter ein er Giuseppe B. 40 000 Mark. Er sah das Abschluss der Oberschule lernte er des- Sturmgewehr, Typ AK 47, besser bekannt Geld nie wieder, das nahm er hin. Die halb Schiffsbetriebstechniker und fuhr als Kalaschnikow. Freundschaft bedeutete ihm offenbar zur See. Als sein Bruder 1981 Suizid be- Giuseppe B. stammt aus Riesi, Sizilien, mehr als das Geld. ging, verbot man ihm, zur Beerdigung einem schönen, aber armen Städtchen Um wieder flüssig zu werden, täuschte heimzufliegen. Nach dieser Erfahrung mit rund 10 000 Einwohnern. Riesi ist ein Petzold 1995 einen Überfall auf ein Auto- brach er mit der DDR. Mandamento, ein Mafia-Bezirk, dessen haus in Hagen vor, in dem er damals ar- beitete. Er kam mit einer Bewährungs- strafe davon. Sein Komplize, von Zeugen als Südländer beschrieben, konnte nicht ermittelt werden. Petzold hielt sich an die Omertà. Und machte weiter. Im Auftrag von Giuseppe B. will er Falschgeld und Waffen transportiert, auch säumigen Schuldnern ins Bein geschossen PETER BRENNEKEN / TRIASS / BILD-ZEITUNG haben. Er brach in Wohnungen ein, stahl Rentenpapiere, Pässe und Sozialversiche- rungsausweise, die er bei Giuseppes Bru- der Pasquale B. abgeliefert haben will. Wofür die Dokumente verwendet wur- den, habe er nie erfahren. Am 9. März 1999 drang er im sauerlän- dischen Altena in die Wohnung einer Rentnerin ein. Als sie ihn überraschte, er- schoss er sie. Die Papiere der alten Dame habe er bei Pasquale B. abgeliefert, dazu eine Patrone, eingewickelt in ein rotes Tuch. Er sagte B., es habe einen „Total- schaden“ gegeben, der Code für Mord. Nur zwei Wochen später erfuhr Pet- zolds kriminelle Laufbahn eine unfrei- willige Unterbrechung. Er wurde eines Bankraubs überführt und wanderte mit kurzer Unterbrechung bis März 2006 ins Gefängnis. Doch selbst hinter Gittern MICHELE MARIA SPENA schlug sein Leben bizarre Volten: Beim Freigang spannte er einem Mithäftling die Frau aus. Sie wurde schwanger, er heiratete sie. Kaum entlassen, saß Petzold wieder inder Mafia ins Ruhrgebiet importiert der Pizzeria der Brüder B. und jammerte, er sei „knapp bei Kasse“. Pasquale B. Er bastelte eine schwimmfähige Reise- Boss in der Cupola vertreten ist, dem Füh- habe ihm dann einen Job angeboten, um tasche, und während einer Passage durch rungsgremium der berüchtigten Cosa „sein Konto aufzubessern“. Sei er bereit, den Nord-Ostsee-Kanal sprang er von Nostra. So erzählen es die örtlichen Ca- einen „Totalschaden“ herbeizuführen? Bord. Er klammerte sich an die Tasche, rabinieri. Er habe einen italienischen Gastwirt die ihn wie ein Floß im kalten Wasser ans 1984 hatten sich die Eltern mit ihren erschießen sollen, der angeblich eine hal- Ufer brachte. Klitschnass betrat der da- Söhnen Pasquale und Giuseppe in Riesi be Million Euro Schulden habe. Der mals 21-Jährige am 22. Oktober 1983 den abgemeldet, um in Deutschland ein neues Mann dürfe den 7. Oktober nicht mehr Boden der Bundesrepublik Deutschland. Leben zu beginnen. Sie ließen sich im erleben, den Tag der Hochzeit seiner Er heuerte bei den Deutschen Afrika- Ruhrgebiet nieder und eröffneten eine Tochter Stephania. Linien an, für die er drei weitere Jahre Pizzeria in der Nähe von Hagen. Doch Giuseppes mittlerweile erwachsener zur See fuhr. Er war charmant und rede- schon ein Jahr nach seiner Ankunft in Sohn, so Petzolds Aussage gegenüber den gewandt. Er konnte überzeugen, Men- Deutschland verurteilte ein Gericht Giu- Ermittlern, habe ihm das Restaurant im schen für sich einnehmen. Er arbeitete seppe B. wegen versuchter räuberischer Kölner Stadtteil Deutz gezeigt und den als Autoverkäufer, Außendienstler, er Erpressung und Nötigung. Wirt beschrieben. Pasquale B. habe ihm stand Modell für Herrenbekleidung in Zwei Jahre nach ihrem ersten Treffen eine Pistole, Marke Tokarew, gegeben, Versandhauskatalogen. Er spielte kleine raubten Giuseppe B. und Michael Petzold „leider ohne Schalldämpfer“. Am 6. Ok- Nebenrollen in Fernsehfilmen und war ihre erste Bank aus. Nach dem Überfall, tober sei er allein nach Köln gefahren. Gast bei „Vera am Mittag“. so erzählte Petzold den Ermittlern, habe Gegen 14 Uhr betrat der Killer das 1993 verkaufte Petzold Autos für einen er vor den Familienangehörigen ein „Bella Vista“ an der Mathildenstraße. Er Händler im sauerländischen Halver. Dort Treuegelübde abgelegt und die Omertà trank ein Glas Weißwein, reservierte ei- D E R S P I E G E L 1 6 / 2 0 1 2 45
  • ertragen können. Er wolle nun Antwor- ten liefern. Petzold packte aus, erzählte alles, sein ganzes Leben. Die Polizei nahm den geständigen Dop- pelmörder in das Zeugenschutzprogramm auf. Seine Aussagen wurden auf Video aufgezeichnet, ein Richter vernahm ihn. Aus einem gewöhnlichen Mordprozess FRANCESCO SBANO / DER SPIEGEL wurde plötzlich ein Verfahren, das einen Schlag gegen die Organisierte Kriminali- tät ermöglichen sollte. Die Hagener Kripo gründete die Ermittlungsgruppe „Global“, die sich fortan mit den Geschäften der Familie B. befasste. Die Aussagen Petzolds sind nun Ge-Mafia-Hochburg Riesi: Eine heiße Dusche und ein letztes Essen mit der Tochter genstand von zwei Gerichtsverfahren: einem gegen Pasquale B., der im Februarnen Tisch für sieben Personen und war- wahrscheinlich nie vor einem deutschen 2011 auf dem Parkplatz eines Baumarktstete, bis er mit dem Wirt allein war. Dann Gericht verhandelt worden – wenn Pet- festgenommen wurde. Und ebenjenemzog er die Pistole. Er feuerte fünfmal, zu- zolds ehemaliger Mithäftling nicht gere- gegen seinen Bruder Giuseppe und des-letzt aus einer Aktentasche, um den Lärm det hätte. Der Mann, dem Petzold die sen Sohn, die im Dezember 2011 von denzu dämpfen. Er nahm dem Toten die Frau ausgespannt hatte, offenbarte sich italienischen Behörden ausgeliefert wur-Armbanduhr ab, so sei es verabredet ge- der Hagener Polizei: Seine Ex, von Pet- den.wesen. Das Weinglas wischte er an seiner zold längst wieder geschieden, habe ihm Schon die Verhandlung gegen PasqualeJacke ab, bevor er hinausging. die Geschichte des Mordes an einem B. und einen weiteren Italiener, die im Erst sei er zur Pizzeria der Familie B. Gastwirt aus Köln-Deutz erzählt. Oktober 2011 begonnen hat, zeigt vielegefahren, dort habe er Pasquale zuge- Kriminalhauptkommissar Klaus Müller Merkmale eines typischen Mafia-Prozes-nickt, als Zeichen, dass der Auftrag erle- fand die Geschichte plausibel. Müller, Mit- ses: Bei jedem Termin sind Familienan-digt sei. Seiner Frau sagte Petzold, dass te fünfzig, braunes, an den Seiten leicht gehörige dabei, sie bringen Wasser under verschwinden müsse. ergrautes Haar, informierte die Kollegen Süßigkeiten für die Angeklagten. Be- Danach fuhr er zu Giuseppe B., der in- in Köln, doch die winkten ab. Müller waffnete Polizisten schützen das Gericht,zwischen in der italienischen Hafenstadt blieb hartnäckig, er bearbeitete Petzolds weil die Ermittler befürchten, dass es denGenua lebte. Er habe ihm die Armband- Ex-Frau, ihm zu erzählen, was sie wusste; Versuch geben könnte, die Gefangenenuhr des Gastwirts überreicht und eine Pa- fast drei Jahre folgte er der Spur des Kil- zu befreien. Richterin Heike Hartmann-trone, auch diese eingewickelt in roten lers, stieß auf den Mord an der Rentnerin Garschagen fühlt sich bedroht, seit derSamt. Gemeinsam fuhren sie nach Sizi- im Sauerland, trug Indizien für das Ge- Anwalt von Pasquale B. sie mit „subtilenlien, besuchten Palermo und den Ort Cor- schehen in dem Kölner Restaurant zusam- Äußerungen“ über ihre Familie und ihreleone, der seit dem Kinofilm „Der Pate“ men. Dann hatte er genug für einen Haft- Lebensgewohnheiten erschreckt hat.weltweit Bekanntheit erlangt hat als Her- befehl. Der Anwalt der Brüder weist Petzoldskunftsort eines Mafia-Clans. Am 19. März 2010 nahmen Polizisten Aussagen als „reine Phantasie“ zurück, Doch die 10 000 Euro Killergage blieb Petzold fest. In seiner Brieftasche steckte sie seien ein Produkt seiner narzisstischenGiuseppe seinem Freund schuldig. Mit ein Parkschein, ausgestellt am 12. Okto- Persönlichkeit. Pasquale B. will Petzold800 Euro speiste er ihn ab, mehr habe er ber 2006, 17.22 Uhr, am Aquarium in Ge- nur als Freund seines Bruders gekanntnicht, soll Giuseppe gesagt haben. Wü- nua. Bei der Hauptverhandlung leugnete haben, Giuseppe und Luca haben sichtend fuhr Petzold zurück ins Ruhrgebiet. Petzold zunächst beharrlich. Doch die Be- noch gar nicht geäußert. Die italienische Polizei wurde erst zwei weislast war erdrückend: DNA-Spuren Der Grund für Petzolds Suizid bleibtJahre später auf Giuseppe B. aufmerk- überführten ihn zweifelsfrei. indes ein Rätsel. Angeblich freute er sichsam. Nicht wegen des Mordes in Köln, Kurz bevor das Urteil gesprochen wer- auf die Verhandlung, um „endlich reinensondern weil er zusammen mit seinem den sollte, brach der Doppelmörder doch Tisch zu machen“, wie er seiner FreundinSohn Luca im Juni 2008 in Genua einen noch sein Schweigen. Er habe, sagte er erzählt haben soll. „Mein geliebter SchatzKellner erschoss. Es ging um die „Ehre“, dem Gericht zur Begründung, die fragen- Sylvia“, schrieb er ihr aus dem Gefängnis,der Mann hatte ein paar Brotkrümel auf den Gesichter der Kinder des Toten nicht „du bist so wunderbar liebevoll zu mir.“Giuseppes Hose fallen lassen. Er gehe täglich eine Stunde joggen und Seine Festnahme verlief so, wie es vermisse seinen Sohn, „aber das werdenicht mal Drehbuchautoren einer dritt- ich irgendwie verkraften“.klassigen Fernsehserie schreiben würden: Am Vorabend seines Todes, nur wenigeGiuseppe B. war zunächst in seinem Por- Stunden vor seinem geplanten Auftrittsche nach Riesi geflüchtet. Aus Deutsch- vor Gericht, wechselte er dann plötzlichland dirigierte sein Vater den Anwalt Vin- die Tonlage: „Mein Liebling, mein Aller-cenzo Vitello, der auch den örtlichen Ma- liebstes, nun ist es Zeit Abschied zu neh-fia-Clan vertritt. Der Jurist organisierte men.“ Er vermachte ihr seinen Flachbild- SASCHA SCHUERMANN / DAPDdie Festnahme zu Giuseppes Bedingun- fernseher, 19 Zoll, einen DVD-Player, sei-gen: vor dem Zugriff eine heiße Dusche ne restlichen „Fressalien, Kaffee, Tee undund ein letztes Essen mit der vierjährigen so weiter“. Ans Ende setzte er einen letz-Tochter. Ein italienisches Gericht verur- ten Liebesschwur.teilt Giuseppe zu 20 Jahren Freiheitsstra- Stellvertretend für den Toten wird nunfe, seinen Sohn zu knapp elf Jahren. der Richter aussagen, der Petzold ver- Die kriminellen Karrieren der Freunde Richterin Hartmann-Garschagen nommen hat.Giuseppe B. und Michael Petzold wären Verhandlung unter Polizeischutz ANDREAS ULRICH46 D E R S P I E G E L 1 6 / 2 0 1 2
  • Szene Was war da los, Herr Tinney? Stuart Tinney, 47, australischer Vielseitig- keitsreiter, über sein blaues Pferd: „Pan- amera ist eine meiner besten Stuten, vor kurzem habe ich mit ihr das Australian International 3 Day Event gewonnen, den bekanntesten Reitwettbewerb auf der Südhalbkugel. Seit ein paar Wochen ziehe ich Panamera diesen neuentwickel- ten Kompressionsanzug an, er ist at- mungsaktiv und fühlt sich glatt und weich an. Der Anzug soll die Erholung nach dem Training unterstützen, indem er Kreislauf und Blutfluss anregt und die AUDE REUBRECHT TINNEY EVENTING / ACTION PRESS Muskeln vor dem Übersäuern schützt. Außerdem soll er Panamera beruhigen, wenn sie in ihrer Box zu einem Wett- kampf reist. Er ist einteilig, man wirft ihn auf den Pferderücken wie einen Sattel, dann wird er um die Beine gelegt und jeweils mit einem Reißverschluss geschlossen. Der fünfte Reißverschluss sitzt am Bauch. Das Anlegen dauert zwei, drei Minuten, das Ausziehen 30 Tinney, Panamera Sekunden – geritten wird ohne Anzug.“ Knie: Ende der sechziger Jahre fand len für die Kinder die beste Land- VERKEHR der damalige Verkehrsminister Georg schaft. Aber wir wollen auch gut „Süßes Gift“ Leber, jeder Deutsche habe ein Anrecht auf eine Autobahnzufahrt. Dahinter steckt der alte sozialdemo- verdienen, wir wollen zum Fußball- spiel, in die Oper. Also müssen wir weite Distanzen überbrücken. Wenn Andreas Knie, 51, So- kratische Traum von der Gleich- ich diesen Lebensstil haben will, muss ziologieprofessor und wertigkeit der Lebensbedingungen – ich wissen, dass ich den bezahlen Geschäftsführer des und eine veraltete Auffassung von muss. Berliner „Innovations- SPIEGEL: Müssen wir anders leben? FOTOFINDER / TEICH / CARO Mobilität. zentrums für Mobili- SPIEGEL: Wie lässt sich unsere Auf- Knie: Wir können uns diese Art zu tät und gesellschaft- fassung von Mobilität modernisieren? leben doch nur leisten, weil wir auf lichen Wandel“, über Knie: Die eigentliche Frage ist doch: das Auto so fixiert sind. Wenn es den Sinn der Pendler- Wie will ich künftig leben? Wir wollen stimmt, dass die Überwindung von pauschale einerseits den ländlichen Raum, wol- Distanzen immer teurer wird, dann müssen wir die StädteSPIEGEL: Herr Knie, wie sind Sie heute kinderfreundlicher ma-ins Büro gekommen? chen, damit junge Fami-Knie: Mit einem Elektroauto und mit lien dort leben können.U- und S-Bahn. Ich habe mehrere Ich sage: Wenn ich anWege, weil ich mehrere Büros habe. einer prosperierendenIch kombiniere jeden Tag verschiede- Ökonomie teilnehmenne Verkehrsmittel. will, dann muss ich dortSPIEGEL: Weil der Sprit immer teurer auch hinziehen. STEFAN EICKERSHOF / WAZ FOTOPOOLwird, fordern Politiker, die Pendler zu SPIEGEL: Besitzen Sie einentlasten. Ist das richtig gedacht? Auto?Knie: Nein, das ist ein Kurieren an Knie: Nein. Ich nutzeSymptomen. Die Erhöhung der Pend- natürlich Car-Sharing.lerpauschale ist ein süßes Gift, das die Das exklusive Auto, dasUrsache der Schmerzen nicht be- 90 Prozent der Zeit nurkämpft; sie müsste abgeschafft werden. herumsteht – das kannSPIEGEL: Was ist denn die Ursache der sich unsere GesellschaftSchmerzen? A 3 bei Duisburg nicht mehr leisten.48 D E R S P I E G E L 1 6 / 2 0 1 2
  • Gesellschaft Missionarsstellung EINE MELDUNG UND IHRE GESCHICHTE: Warum ein Niederländer einen Sexshop für Christen betreibtM arc Angenent hat immer jeman- Seine Freikirche sei eine offene Glau- Heleen geheiratet. Sie waren erst Anfang den zum Reden, er spricht mit bensgemeinschaft, sagt Angenent, 23 Jah- zwanzig, doch ihr Glück war überschau- Gott genauso selbstverständlich re lang war er ihr Pfarrer. Jeden Sonntag bar. Bis sie beschlossen, alles auszupro-wie mit der Frau an der Supermarkt- um zehn stand er in Pullover und Jeans bieren, wozu sie Lust verspürten. Nichtkasse. Am Tag, als er Gott die ungeheu- vor der Gemeinde. Die Gemeinde war immer nur Missionarsstellung.erliche Frage stellte, sagt Angenent, saß jung, in den 23 Jahren traute er häufiger, Angenent war schon seit einer Weileer in einem blauen Bus der Linie acht. als er beerdigte. Pfarrer, als er eine Weiterbildung begann,Er fuhr zu seiner Gemeinde, einer er wurde Sexualtherapeut. Im Win-protestantischen Freikirche im ter 2011 saß der erste Patient amZentrum von Utrecht, Niederlan- Glastisch in seinem Wohnzimmer,de. Es war Sonntag, er fuhr zum ein Pilot. Ein junger Mann mit Son-Gottesdienst, Marc Angenent war nenbrille, gutaussehend. Einer, derPfarrer. Die Frage hieß: „Wie Boeings und Frauenherzen zumhältst du es mit der Erotik, lieber Fliegen brachte. Erektionsproble-Gott?“ me. Marc Angenent sagte dem Pi- Gott, sagt er, sagte nichts. loten, er solle sich nicht immer Pfarrer Angenent hatte einen Bestleistungen abverlangen. Einfesten Glauben. Was die Erotik- Penis sei kein Flugzeug, eine Start-frage betraf, lag er mit Gott auf verzögerung kein Unglück.einer Linie, da war er sich sicher. Erotik konnte ein Problem sein,Gott hatte das Fleisch erschaffen für viele. Für den Piloten, der funk-und die Fleischeslust. Warum nur tionieren wollte wie die Männer ingab es so viele Gläubige, die sich MARCUS KOPPEN / DER SPIEGEL den Pornos. Oder für besondersda nicht so sicher waren? fromme Christen, für die Sex etwas Marc Angenent ist 56 Jahre alt, Schmutziges war. Ein katholischesein Christ mit grauem Bart und Ehepaar hatte Marc Angenent einegrauen Augen. Er lebt in einem verzweifelte E-Mail geschrieben.Backsteinhaus im Süden von Seit fünf Jahren schliefen die beidenUtrecht. Zur Begrüßung steigt er Angenent nicht mehr miteinander. Sie glaub-über 20 Kartons versandfertig ten, das dürften sie nur tun, wennverpackter Dildos, die sich im sie ein Kind zeugen wollten. So in-schmalen Hausflur stauen. terpretierten sie Humanae vitae, die Angenent verschickt Erotikbe- päpstliche Enzyklika von 1968.darf. Kondome, Gels gegen früh- Marc Angenent entschied, dasszeitige Ejakulation, Dildos, Pro- er auch denen zur Lust verhelfenstatastimulatoren, Penisringe und musste, die nicht in sein Wohnzim-so weiter; am besten läuft Vibrator mer kamen.„Iris“, 22 Zentimeter, lila Silikon, Seinen Posten als Pfarrer hat erakkubetrieben, 99,95 Euro. „Lief- inzwischen aufgegeben. Als Sexu-destuin.nl“, also „Liebesgarten“, altherapeut hat er seine wahre Be-heißt seine Website für Christen, rufung gefunden, nebenberuflichim Netz ist sie seit vier Wochen Aus dem „Hamburger Abendblatt“ betreibt er seinen Erotikversand.zu finden. Marc Angenent führt Dass er keine Peitschen, keineeinen privaten Kreuzzug gegen Fetischartikel verkauft, sei nichtLustfeindlichkeit. als Bevormundung gemeint. An- Bevor er ins Geschäft einstieg, erzählt Wenn Pfarrer Angenent Gemeindemit- genent will die christliche KundschaftAngenent, saß er auf seinem Sofa, den glieder zu Hause besuchte, stellte er an- nicht erschrecken. Deshalb zeigt er auchLaptop auf dem Schoß, und klickte von dere Fragen als andere Pfarrer. Er hockte keine nackten Männer und Frauen, keineeinem Erotikshop zum nächsten, um her- auf fremden Küchenstühlen und sah in pornografischen Darstellungen auf seinerauszufinden, was in sein Sortiment passt. nervös wandernde Augen. Er nahm einen Website.Lack? Leder? Peitschen? Gleitcreme? Peit- Schluck Tee, dann sagte er: Haben Sie Jetzt, im Netz, hat Marc Angenent einesche nein, entschied er, Gleitcreme ja. ein erfülltes Sexleben? größere Gemeinde als jemals zuvor. ErUnd er entschied auch, dass er auf Be- Viele waren dankbar für seine Direkt- hat Dankeschön-Mails bekommen undstellung arbeiten würde. Geht ein Auftrag heit. Sie sagten, sie hätten keinen Sex Hass-Mails, er sei mit dem Teufel im Bun-bei ihm ein, ordert er die Produkte beim mehr, und wenn, dann sei er langweilig. de, schrieben ihm Glaubensbrüder.Großhändler. Es gibt eine Gewinnspanne, Marc Angenent riet, Neues auszuprobie- Von Gott, sagt Angenent, habe er Der-aber es gehe ihm nicht ums Geld, sagt er. ren, Lust zuzulassen. Dass es half, wusste artiges nicht gehört.Wichtig sei seine Mission: die Lust. er aus Erfahrung. 1976 hatte er seine Frau ALEXANDER KREX D E R S P I E G E L 1 6 / 2 0 1 2 49
  • Gesellschaft Boxer Mares mit Totenkopf-Tuch M I G R AT I O N Der Grenzgänger TODD BIGELOW / NOVUS SELECT Als Kind von Illegalen kam er in die USA, geriet in die Halbwelt der Latino- Banden, als Boxweltmeister kann er zur Legende werden. An den amerikanischen Traum glaubt der Mexikaner Abner Mares trotzdem nicht. Von Ullrich Fichtner50 D E R S P I E G E L 1 6 / 2 0 1 2
  • A ls Abner Mares unbehütet auf- Idol zu sein, für die Latinos, die in Kali- sie putzte und sah nach den Gärten und wuchs in Hawaiian Gardens, der fornien, Texas, Arizona vielerorts nicht Blumen fremder Leute. Sie arbeitete, er- kleinsten und damals härtesten mehr Minderheit sind, sondern längst die innert sich Abner Mares, der Viertgebo-Stadt im randlos zersiedelten Los Ange- überwältigende Mehrheit. In Hawaiian rene, eigentlich ununterbrochen.les, standen ihm nicht viele Leben offen. Gardens haben 74 Prozent der 16 000 Ein- Auch der Vater, der nachzog, irgend-Für ein Kind wie ihn, von der Mutter über wohner hispanische Wurzeln, sie sind ir- wie, auf irgendwelchen Wegen, war nichtdie mexikanische Grenze eingeschleppt gendwann aus Mexiko oder Guatemala oft zu sehen, während die Kinder zu Hau-mit fünf weiteren Geschwistern, führten gekommen, legal oder illegal, das spielt se, elf wurden es am Ende, sieben Brüder,alle Wege in den Knast, ins Krankenhaus bei einer Latino-Mehrheit von drei Vier- vier Schwestern, vor dem Fernseher ver-oder gleich ins Grab. Es war die Zeit, und teln keine große Rolle mehr, niemand wahrlosten. Sie lebten dahin in der Elaine,sie ist noch nicht vorüber, als die Latinos fragt danach. später in der Horst Avenue, in Holzhäu-die Schwarzen jagten, mitten in Amerika. Der Weg hierher war weit für alle Fa- sern, so klein, dass der Platz nicht reichte,Abner Mares, das stand jedenfalls fest milien, und Mares’ Geschichte ist die Ge- um Betten für alle aufzustellen.von Anfang an, würde um sein Leben schichte vieler Einwanderer, ein kleiner Jahrelang schlief Abner Mares auf demkämpfen müssen. Roman über einen Aufsteiger, ein Lied Fußboden, und oft schlief er gar nicht, Er steuert seinen silbernen Jaguar XF darüber, dass der amerikanische Traum weil ihn, mitten in Amerika, bohrenderdurch Hawaiian Gardens wie ein müder irgendwie fortlebt und irgendwie doch Hunger wach hielt. Ein-, zweimal die Wo-Fremdenführer, ein wenig ziellos, im Ge- kaputtgegangen ist. Denn Abner Mares, che machte sich die Familie im Morgen-sicht eine schwere Sonnenbrille von Louis der wie ein Amerikaner lebt, fühlt wie grauen auf zum „Großeinkauf“, sagt Ma-Vuitton. Ein falscher Sommer ist aufge- ein Mexikaner. Und wenn er seine Siege res mit einem falschen Lachen. Sie zogzogen über der kleinen Stadt, die in feiert, wehen grün-weiß-rote Fahnen und dann hinter die Supermärkte am NorwalkWahrheit nur ein sehr kleiner Stadtteil keine Stars and Stripes. Boulevard und in der Carson Street, umist im Südosten von Los Angeles. Hierwar er Kind ohne viel Kindheit, das heißtohne Glück, seine Hände zeigen hinausauf lauter Tatorte. „Hier an der Ecke wur-de ein Freund von mir erschossen“, sagter. „Da drüben hat es einen anderen er-wischt, er wurde erstochen.“ So geht es weiter auf dieser Tour, geis-terhaft, Mares erzählt von einer Schie-ßerei hier, einem Überfall dort, einerSchlägerei, einem Mord. Die Taten sindfünf Jahre her oder acht oder zehn, undMares ist kein Angeber. Er erzählt seineGeschichten nüchtern und so, als versuch-te er das Wunder zu begreifen, dass ernicht selbst erschlagen oder zum Mörderwurde. Abner Mares Martínez ist 26 Jahre alt, TODD BIGELOW / NOVUS SELECTer misst 1,65 Meter, hat eine Reichweitevon 1,73 Metern, und bei der Begegnungwiegt er 61 Kilogramm, das macht zwölf-einhalb Pounds zu viel, sechs Kilo, die erschnell wieder loswerden muss, ohne da-bei Kraft zu verlieren. Am 21. April stehtsein nächster großer Boxkampf an, Super- Aufsteiger Mares in Hawaiian Gardens: Schlachtfelder einer amerikanischen Kindheitbantamgewicht, es geht gegen Eric Morelund um den Weltmeistertitel des WBC- Das nördliche Amerika war jahrelang in den Müllcontainern nach Essen zu su-Verbands. Die Show wird in El Paso statt- nicht besonders gut zu ihm. Als ihn seine chen, nach Fleischpaketen, Milch undfinden, Texas, direkt an der Grenze zu Mutter aus Guadalajara nach Norden ver- Brot, das für die zahlende KundschaftMexiko, also fast in der Heimat, in Abner pflanzte, um das erbärmliche Leben süd- nicht mehr gut genug war.Mares’ eigentlicher Heimat. lich der Grenze gegen ein besseres ein- Ganz am Anfang, sagt Mares, waren Mares ist bekannt in Mexiko, bekannter zutauschen, war er sieben Jahre alt. Die die Ausflüge zu den Hauptstraßen einals in den USA, das wird sich am Publikum Mutter nahm ihre damals sechs Kinder Fest für die Kinder. Sie stellten sich vorablesen lassen. Leute, die sich mit dem und machte sich auf in die Vereinigten McDonald’s-Filialen und dem Food4Less-Boxen auskennen, trauen ihm zu, dass er Staaten von Amerika. Die Familie kratzte Supermarkt auf, vor den Konsumtempelndas Zeug zur Legende hat, dass ein neuer Geld zusammen, um die Schlepper zu be- Amerikas, und machten Fotos von sich,Chávez in ihm steckt, der einst mehr Pro- zahlen, um in wechselnden Autos über „das war unser Disneyland“. Später ver-fikämpfe in Folge gewann als irgendein die grüne Grenze zu gelangen, das war wandelten sich dieselben Straßen, Hin-anderer Boxer, oder der nächste Rubén damals, 1992, einfacher als heute. In der terhöfe und Parkflächen in die Schlacht-Olivares, der als zäher, langlebiger Cham- Luft lag der ewige Frühling Kaliforniens, felder seiner Jugend.pion in der Boxszene unvergessen ist. aber das erbärmliche Leben der Familie Bis vor drei Jahren tobte in Hawaiian Abner Mares könnte in diese Liga auf- Mares sollte jetzt erst richtig beginnen. Gardens ein Bandenkrieg so brutal, dasssteigen, aber er ist zu bescheiden oder Die Mutter, „undocumented“, eine endlich ganze Hundertschaften der loka-zu klug, es selbst laut auszusprechen. Er Mexikanerin ohne Papiere oder nur mit len und der Bundespolizei einrückten, umredet von Hoffnung und harter Arbeit den falschen, eine Frau, die nichts als Spa- Jagd auf gleich 147 Gangster zu machen.und davon, dass es natürlich schön wäre, nisch sprach, fand nur die üblichen Jobs Es war, sagte ein Staatsanwalt damals, dieauch für die Latinos in Nordamerika ein der illegalen Einwanderer, Hilfsarbeiten, größte Anti-Banden-Razzia in der Ge- D E R S P I E G E L 1 6 / 2 0 1 2 51
  • Gesellschaftschichte der USA, und auf die Verfolgtenwarteten reihenweise Verurteilungen zu15, zu 20 Jahren Gefängnis. Die meisten der 63 Leute, die am Tagder Razzia im Mai 2009 festgenommenwurden, kannte Abner Mares. Es warenFreunde, Schulkameraden, ehemalige„große Brüder“ darunter, die Kindern wieihm erzählt hatten, die Schwarzen seiennichts wert und müssten aus dem Ort ver-schwinden, mit allen Mitteln. Drogendealer wurden ausgehoben,Geldwäscher, Autoknacker, Totschläger,die zuvor auf der Suche nach neuen Ta-lenten waren. Sie waren die Ersten, dieAbner Mares entdeckten. Er war klein,aber schnell. Er war dünn, aber stark. Ermachte sich, ein halbes Kind noch, schoneinen Namen als gefährlich guter Schlä-ger. Und seine Aussichten darauf, in denKnast, ins Krankenhaus oder ins Grab zukommen, stiegen stetig. Wer Mares heute beim täglichen Trai-ning zusieht im Boxclub an der 56. Straßevon Maywood, 25 Minuten Autobahn-fahrt nach Süden von Downtown Los An-geles, 30 Minuten Fahrt nördlich von Ha-waiian Gardens, erlebt einen konzentrier-ten, ernsten Kämpfer. Der Club ist einniedriger Zweckbau in einer Gegend, zu-gestellt mit Lagerhallen, in der Nähe Familienvater Mares, Polizeieinsatz gegen junge Latinos in Los Angeles 2006: Er hat diestapeln sich auf gewaltigen Flächen dieSchiffscontainer, umgeschlagen im Hafen Verbände zu vereinen. Mares steht dane- Kong“ Agbeko, überdauerte sein Glückvon Long Beach, dessen Anlagen sich tief ben, bescheiden und klein, eine Sportta- den Abend nicht. Der IBF-Boxverbandin die Stadt fressen. Auch aus Maywood sche über der Schulter, wie ein Schüler, verlangte sofort eine zweite Begegnung,werden fast täglich Überfälle und Einbrü- er sagt: „Ja, Frank, das wäre toll.“ weil Mares reihenweise Tiefschläge abge-che gemeldet, Schlägereien, Diebstähle, Es ist erst die zweite Woche seines Auf- liefert hatte, die der Ringrichter ebenso„das Übliche“, sagt Mares, „this is L. A.“. bautrainings, aber er unterzieht sich schon reihenweise überging. Erst beim Rück- Im Club stehen zwei Boxringe fast einer mörderischen Routine. Wer beim kampf im Dezember, im Honda-Centerraumfüllend nebeneinander. Die Decke Seilspringen mitzählt, hört um die 1500 von Anaheim, holte er sich den Gürtel inder Halle hängt so niedrig, dass sich ihre irgendwann auf, es folgen Schattenboxen, zwölf regulären Runden, aber schon inBalken vom Ringboden aus springend Arbeit an Speed-Bällen, Schlagübungen Runde zwei handelte er sich einen Rissfast erreichen ließen. HipHop-Musik auf den gepolsterten Bauch und die Hän- über dem rechten Auge ein.wummert, drei Dutzend Boxer trainieren de in Pratzen von Clemente Medina, Ma- Mares machte weiter, blutend, wütend,hier, sie trudeln gegen zehn Uhr ein, drü- res’ Coach. „Pam-pam“, schreit Medina, immer vom technischen K. o. bedroht. Amcken zur Begrüßung die Schultern freund- wenn er Doppelschläge einfordert, „pam- Ende fügte er seiner Profi-Bilanz den 23.lich aneinander, alles Latinos, von zwei, Sieg hinzu, bei null Niederlagen und 13drei schwarzen Boxern abgesehen. Knockouts. Er war Weltmeister, und das Es sind schräge Typen darunter wie „Großeinkauf“ bedeutete ist, auch wenn es im Boxsport so vieleDaniel Hernandez, der in den Straßen für seine Familie: Sie Weltmeister gibt, ein großer Titel für einen,von Los Angeles einen Kopfschuss über- der als Kind zum Scheitern verurteilt war.lebt hat, oder Robert Guzman, der mit holte sich das Essbare Weltmeister zu sein hieß, bei künftigenden Marines bis vor kurzem im Irak-Krieg Kämpfen 200 000, 300 000 Dollar Preis-war. Um sie herum lungern Boxpromoter aus dem Müll. geld wert zu sein, Jaguar fahren zu kön-und verliebte Mädchen, die regelmäßig nen, es hieß, dass Plasmafernseher invor die Tür gehen, um Zigaretten zu rau- pam-pam“, wenn er schnelle Rechts-links- Reichweite kamen, Designerklamottenchen und auf Telefonen herumzutippen. rechts-Kombinationen sehen will. und ein eigenes Haus in einer ordentli-Die Umgangssprache hier ist Spanisch. Medina, ein jovialer Mexikaner, von chen amerikanischen Vorstadt. Mares’ Manager schaut vorbei, Frank dem im Web Videos kursieren, die ihn Mares fand seines in Lakewood, einerEspinoza, er fährt vor in einem schwar- als Volkssänger verewigen, sagt über anderen Siedlung im Labyrinth von L. A.,zen Range Rover mit seinem Sohn Fran- seinen Star, er habe nicht unbedingt die sie liegt in direkter Nachbarschaft vonkie, dem kleine Brillanten in beiden Oh- ganz große Schlagkraft. „Aber Abner ist Hawaiian Gardens, nur ein paar Blocksren stecken. Espinoza trägt schwarzes schnell“, sagt Medina, „sehr schnell, er von seiner Kindheit entfernt, und dochHemd und schwarzen Anzug zu hellbrau- hat gute Beine, und vor allem hat er das ist er in eine andere Welt umgezogen. Esnen Schuhen aus Klapperschlangenleder. Herz eines Boxers. Er steht schwere Situa- gibt hier noch eine dünne Mehrheit derEr schwärmt von seinem Champion, er tionen durch, egal wie schwer.“ Weißen, es gibt eine große asiatische undsagt, Abner werde „groß“, vielleicht der Als Mares zum ersten Mal Weltmeister eine noch immer nennenswerte schwarzeerste Boxer, dem es gelingen könnte, in wurde, im vergangenen Sommer, in einer Bevölkerung. Raubüberfälle und Dieb-der Bantamklasse die WM-Gürtel aller wilden Schlägerei gegen Joseph „King stähle, aufgebrochene Autos und Häuser52 D E R S P I E G E L 1 6 / 2 0 1 2
  • TODD BIGELOW / NOVUS SELECT (L.); ROBERT NICKELSBERG / GETTY IMAGES (R.)Bandenkriege erlebt, versucht, das Wunder zu begreifen, dass er nicht erschlagen oder zum Mörder wurde gehören auch hier zum Alltag, aber das als so viele frühere Einwanderer dankt gar nicht kannte. Aber es wurde seine Leben fühlt sich anders an, besser. er nicht dem Land, sondern sich selbst. Rettung. Mexiko war ein Land, das ihn Er hat jetzt einen weißen und einen Er hat es geschafft, das ungefähr be- nicht ablehnte und loswerden wollte, son- asiatischen Nachbarn, und er hat schwar- schreibt seine Haltung, nicht weil, son- dern willkommen hieß. Es war sein Land. ze Freunde. Der Hass auf die Afroameri- dern obwohl er in den USA strandete. Tatsächlich durfte er ein Probetraining kaner, der ihm einst eingebläut wurde Richtig angekommen kann er sich nicht bei der Nationalmannschaft absolvieren, und der sich weiterhin in den Latino-Vier- fühlen. Wenn er in eine Verkehrskontrol- im Jahr 2000 war das, und er durfte blei- teln von Los Angeles entlädt, hat sich bei le gerät, und das passiert häufig, fragen ben als Sparringspartner, der sich bald in ihm durch Begegnungen verflüchtigt. ihn die Polizisten nicht zuerst nach den den Kader hochboxen würde. Er klingt „Wir sind alle nur Menschen“, sagt Mares, Autopapieren, sondern danach, wem der märchenhaft, dieser Aufstieg, Mares muss „wir wollen alle Respekt, und wir haben Wagen gehört. Und er hat Glück, wenn Glück gespürt haben damals, aber er sagt alle dieselbe Würde.“ sie ihn nicht gleich aus dem Sitz ziehen das nicht so, nichts von Glück und Mär- Seine Frau Nathalie, geborene Moreno, und nach Drogen oder Waffen durchfil- chen. Angekommen fühlte er sich, das ja, sitzt daneben, still und schön, eine Mexi- zen. „Ich muss mich rechtfertigen, jedes und zum ersten Mal im Leben führten kanerin auch sie. Sie spricht nur Spanisch, Mal“, sagt Mares. „Dass einer wie ich ein seine Wege nicht geradewegs in den obwohl sie seit Jahren in den USA lebt, großes Auto fährt, ist nicht vorgesehen. Knast oder ins Krankenhaus. ihr Mann will nicht, dass sie arbeiten geht. Das ist nicht richtig in einem freien Land.“ Mit kühler und präziser Aggression „Ich kann für uns sorgen“, sagt Mares, Er hatte im Leben, bei allem Pech, auch erkämpfte er sich stattdessen eine beein- und das ist für einen wie ihn, für einen Glück auf krummen Wegen. Als er, in druckende Amateurbilanz, 112 Siege, nur von ganz unten, ein großer, stolzer Satz. Hawaiian Gardens, mit 15 von der Schule 8 Niederlagen, aber eine davon, die letz- Die erste Tochter kam vor sechs Jahren, flog, ein notorischer Schläger, und die te, musste er ausgerechnet in der ersten die zweite ist gerade vier Monate alt, und Entscheidung darüber anstand, ihn auf Runde des olympischen Turniers von wer den Boxer mit dem Kind und dem eine Sonderschule zu geben, entschieden Athen einstecken, 2004. Mares war 18, er Baby spielen sieht, möchte daran glauben, sich die Eltern dafür, ihn nach Mexiko wurde gelost gegen den Ungarn Zsolt dass sich der amerikanische Traum für zurückzuschicken. Sie setzten ihn, der Bedák, einen klassischen Linksausleger, ihn erfüllt hat. Das Heim der Familie Ma- schon ein Jugendboxer war, in ein Flug- es wurde ein enger Kampf, den Mares res sieht aus wie die Kulisse einer Seifen- zeug, wieder hinaus aus Kalifornien, in nach Punkten verlor. „Ich hatte mich jah- oper, die offene Küche wie aus einem Ka- der irren Hoffnung, er könnte so gut sein, relang auf die Spiele vorbereitet“, sagt talog, es gibt Fernseher in jedem Zimmer, dass er es in den mexikanischen Olym- er. „Ich war am Boden zerstört. Ich woll- vor dem Haus stehen der Jaguar und ein piakader schaffen würde. te eine Medaille holen, ich war sicher, zu GM Tahoe, so groß wie ein Panzer. Mares empfand es als Strafe. Er glaub- gewinnen.“ Nach hinten liegt eine große, schattige te, die Eltern verstießen ihn, weil er ihnen So niedergeschlagen war Mares, dass Terrasse mit gemauertem Barbecue und kein guter Sohn war. Er war gerade 15 ihm in einem Interview danach die Stim- üppiger Hausbar, Spielzeug liegt herum, und schon auf sich gestellt, ein kleiner, me stockte, und die Tränen kamen vor alle Dinge sagen: Abner Mares hat es irgendwie gemischter Mensch, halb Ame- laufender Kamera. Das war, im Unglück, geschafft. Aber ein glühender Amerika- rikaner, halb Mexikaner, der in ein Land sein Glück, denn diese Szene rührte die ner ist nicht aus ihm geworden. Anders kam, das seine Heimat hieß, das er aber Frau von Oscar De La Hoya, Boxpromo- D E R S P I E G E L 1 6 / 2 0 1 2 53
  • Gesellschaft Aber die Wunde heilte, von allein, durch Schonung, und es ging wieder ein bisschen zu wie im Märchen. Nach Mo- naten schlechter Nachrichten gab ihm der Arzt die Erlaubnis, das Training wieder aufzunehmen, und es war die glücklichste Stunde seines Lebens, eine neue Wende im Auf und Ab seiner Biografie. Er durfte wieder um sein Leben kämpfen. Um nach der Zwangspause allen zu zei- gen, dass sie sich künftig in Acht nehmen müssen vor einem neuen, gehärteten Ab- ner Mares, ließ er sich Tücher mit Toten- köpfen bedrucken, die er sich seither um- bindet, wenn er im Tross seines Teams zu stampfender Musik zum Ring marschiert. Und dieser andere, der neue Mares ist noch besser als der alte. Wie gut alles läuft für ihn seit 2009, lässt sich in Hawaiian Gardens erleben, wo er auf der Straße erkannt wird wie TODD BIGELOW / NOVUS SELECT ein weltberühmter Star. Fremde Men- schen winken ihm zu, alte Bekannte trom- meln die Familien zusammen und rufen hinter sich in die Häuser hinein: „Abner ist da! Besuch vom Champion!“ Es kommen Passanten heran und fragenProfi Mares, Trainer Medina: Früher, sagt er, war das Boxen Passion, jetzt ist es Arbeit devot nach der Erlaubnis, sich mit ihm zu fotografieren, nahe seiner alten Schule be-ter in Los Angeles und selbst einer der Im Boxclub wandten sie sich von ihm kommt er es mit einer weinenden Frau zugrößten Faustkämpfer aller Zeiten. ab. Leute, die ihn als falsche Freunde um- tun, die Papiere in ihren Händen reibt und Sie sagte ihrem Mann, er müsse sich schlichen hatten, mieden seinen Blick. ihn bittet, auf Spanisch, etwas für ihrendiesen Mares unbedingt ansehen. Und Seine Promoter standen wohl irgendwie Sohn zu tun, der im Gefängnis sei.das tat De La Hoya, dessen Abbild, in zu ihm, aber was sollten sie anfangen mit Mares hört zu, beruhigend, mit seinenErz gegossen, vor dem Staples Center in einem, der erledigt war. Mares haderte, großen Kinderaugen, in denen zu vielDowntown Los Angeles steht. Auf zehn er weinte an der Schulter seiner Frau wie Traurigkeit sitzt. Einer seiner vielen Brü-Weltmeistertitel kann De La Hoya zu- ein Kind, aber er glaubte auch an seine der war auch gerade im Knast, er sagt:rückblicken, auf eine Goldmedaille für Genesung. Wieder und wieder ging er „Wenn sie mich nicht nach Mexiko ge-die USA, nun ließ er sich Aufnahmen von zum Arzt, und regelmäßig hörte er, es schickt hätten, wäre ich an seiner Stelle.“Mares’ Kämpfen kommen, auch das In- gehe nicht, er könne nicht kämpfen, er Die Brüder, die Schwestern, sie wohnenterview nach der Niederlage in Athen. werde das Augenlicht verlieren. alle noch in der Gegend, Mares wischt Fa- Der Junge, Abner Mares, gefiel ihm. Wenn Mares von dieser Zeit erzählt, milienfotos über sein iPhone. Er fährt zumEr hatte Biss, er war schnell, De La Hoya fährt eine Bitterkeit in seine Züge und Rathaus von Hawaiian Gardens, dementschied, dass er ihn gebrauchen könnte. Worte, die nur schlecht zu seinen 26 Jah- Städtchen geht es besser, seit sich ein Spiel-Mares erzählt vom entscheidenden An- ren passt. Er sagt, bis dahin sei das Boxen casino hier angesiedelt hat. Die Straßenruf wie von einem Wunder. Der große seine Passion gewesen. Seither, sagt er, sind jetzt nachts durchgängig beleuchtet,Boxer lud den kleinen samt seinem Vater und der Bürgermeister, Michael Gomez,ein, zu kommen und gleich die Verträge hat das Richtige getan und sein Rathaus inzu unterschreiben. Und so wurde aus Er weinte wie ein Kind ein einziges Jugendzentrum verwandelt.Abner Mares, dem ehedem chancenlosen an der Schulter seiner Es gibt noch immer Banden. Und esKind aus Mexiko, ein Profiboxer in den gibt noch immer Totschläger, die ihrenUSA. Frau, aber er glaubte an Kleinkrieg der ethnischen Säuberung füh- Er war gut. Er sah gut aus. Er schlug ren. Aber im Rathaus hopsen lustige Mäd-die Gegner, wie sie kamen, er, der Mexi- seine Genesung. chen und junge Männer in Tanzsälen undkaner, gewann und verteidigte zweimal Krafträumen samt Boxring, man kannden nordamerikanischen Meistertitel im sei es nur noch die Arbeit, der er nachge- hier basteln und Pläne schmieden undBantamgewicht. Aber im Oktober 2008, he, um seine Familie zu ernähren. Englisch lernen, das gab es alles nicht, alseine Woche vor dem Kampf gegen Luis Fast ein Jahr lang fiel er aus. Und weil Abner Mares Kind war in Amerika.Melendez in Atlantic City, stimmte mit er Geld verdienen musste, kehrte er zu- Wenn er durch die Flure geht, stolperneinem Auge etwas nicht mehr. rück an seine amerikanischen Anfänge. die Mädchen kreischend zu den Seiten Steven Steinschriber, Augenarzt am Er wurde, wie seine Mutter einst, einer weg, ehe sie sich von ihm AutogrammeMilauskas Eye Institute, ein Mann, dem jener austauschbaren Hilfsarbeiter, die auf ihre Turnschuhe schreiben lassen.Boxer vertrauen, stellte eine Teilablösung nach den Blumen fremder Leute sehen, Halbstarke Jungen suchen die Nähe desder Netzhaut fest. Mares stand, kaum er fand einen Job als Nachtwächter in Boxers, der für sie zum Helden taugt. Eindass seine Karriere richtig begonnen hat- einer Schule. Die Schichten dauerten 14 Mexikaner, der es geschafft hat; der Me-te, vor dem Aus. Nicht nur als Boxer. Er Stunden, und manchmal, auf den leeren xikaner geblieben ist und doch auch einmusste um seine Existenz fürchten, um Fluren, auf seinen nächtlichen Streifen, bisschen Amerikaner geworden. Einirgendein Auskommen, er hatte keinen fürchtete er, der von Olympiasiegen ge- Mensch, der teilhat, auf seine Weise, amPlan mehr für ein Leben in Amerika. träumt hatte, um seinen Verstand. großen, alten amerikanischen Traum.54 D E R S P I E G E L 1 6 / 2 0 1 2
  • Gesellschaft HILDESHEIM Wann ist ein Mann ein Mann? ORTSTERMIN: In Hildesheim kämpft ein Ehemann um seine Anerkennung als Opfer häuslicher Gewalt.F ranco B. sitzt schon einige Minuten rangieren. Es ist nicht die heroischere, er nicht. B. sagt, nach der Sache mit dem lang auf dem Stuhl des Nebenklä- aber womöglich die ehrlichere Strategie. Messer sei ihm klargeworden, dass Ma- gers, als seine Frau in Handschellen Während der Vorbereitung auf den Pro- nuela und er keine Zukunft hatten.hereingeführt wird. Er beobachtet, wie zess gegen Manuela fand er eine Studie Er lernte in Saal 149 viel Neues über diesie eine riesige Sporttasche zu Boden sin- mit dem Titel „Gewalt gegen Männer“. Frau, mit der er so lange zusammen war.ken lässt, als hätte sie soeben nicht den Nicht Mann, sondern Männer. Plural. Er Das Bild von Manuela, wie er sie kannte,Sitzungssaal 149 des Hildesheimer Land- war nicht allein. passte nicht mehr zu der Frau, die im Ge-gerichts betreten, sondern einen Boxclub. Die Staatsanwältin erhebt sich und richtssaal saß. Das Gutachten des psycho-B. blickt auf die Tasche. Sie liegt da wie spricht von einer dissozialen Persönlich- logischen Sachverständigen schilderte ihreein schwerer Dobermann. Er selbst hat keitsstörung und einer narzisstischen Kindheit weniger sonnig, als B. sie kannte.nur eine dünne Umhängetasche dabei, Fehlentwicklung bei der Angeklagten, B. Ihr Vater beherrschte die Familie offenbardie neben ihm an einem Tischbein lehnt, nickt. Wenn man später mit ihm redet, wie ein Despot und schlug seine Frau unddamit sie nicht umkippt. sagt er, dass er immer noch fassungslos seine Tochter, bis Blut spritzte. Franco B. ist gekommen, Manuela macht sich amum die Plädoyers gegen Ma- Tisch gegenüber Notizen aufnuela zu hören, die Frau, losen Zetteln. B. kann nichtmit der er fast sechs Jahre erkennen, was sie schreibt.lang zusammen war. Ihr Er sieht aber ihren kaltenwerden unter anderem Kör- Blick. Er sei froh darüber,perverletzung, Nötigung sagt B., dass Manuela seit ei-und Sachbeschädigung vor- nigen Monaten in einer Psy-geworfen. Die Anklage chiatrie behandelt werde. Erzählt 40 Taten auf, die meis- fühle sich nun sicherer.ten richteten sich gegen B. Neben B. stemmt sichManuela soll ihn verfolgt, ein Mann von seinem Stuhl,geschlagen, getreten, be- er heißt Matthias Doehring,stohlen, gebissen, mit einem B.s Anwalt. Doehring sagt, MICHAEL LÖWA / DER SPIEGELStock verprügelt und ge- sein Mandant habe erst ler-würgt haben. Sie bestreitet nen müssen, dass er nichtfast alles, aber die Indizien nur ein überforderter Ehe-sprechen gegen sie. Einmal mann sei. Die Verwand-konnte B. mit seinem lung von B., dem Verlierer,Handy filmen, wie sie ver- zu B., dem selbstbewusstensuchte, ihn zu überfahren. Nebenkläger B. (r.), Anwalt: Bestohlen, gebissen Opfer, brauchte Zeit. Doeh- B. ist 36 Jahre alt, 1,70 ring nennt das „die Meta-Meter groß und arbeitet als morphose eines Opfers“.Systemanalytiker bei VW Insofern könne das Ge-in Wolfsburg. Kein Job, für den man ge- darüber sei, wie sich seine Frau in eine richtsverfahren eine Befreiung für Francobaut sein muss wie Conan, der Barbar. Tyrannin verwandelte. B. sein. Ein Triumph. So sieht es der An-Seine Ex-Geliebte hat früher Judo trai- Er hatte Manuela vor acht Jahren über walt. B. blickt auf die Tischplatte. Wennniert. B. ist nicht der Typ für Kampfsport. FriendScout24.de kennengelernt und sah er gerade einen Triumph erlebt, dann in-Seine Stimme ist dünn und heiser. An- in ihr eine sympathische, unterhaltsame nerlich. Er lächelt, als ihn Doehring mehr-fangs schämte er sich, über seine gewalt- Frau. Sie verliebten sich, heirateten, zo- mals versehentlich „der Angeklagte“tätige Frau zu sprechen, weil er den Spott gen zusammen. Ein Jahr nach der Hoch- nennt. Er wehrt sich nicht. Er ist der Anti-fürchtete. Als er sich endlich traute, zur zeit begann Manuela sich zu verändern. Grizzly.Polizei zu gehen, glaubte man ihm zu- Sie schimpfte und wurde aggressiv. Als Er will nicht Judo beherrschen müssen,nächst nicht. Er sagt, jetzt wolle er Ge- er beim Frühstück einen Fensterflügel öff- um ein Mann zu sein; er will nicht ver-rechtigkeit. In dem Prozess geht es auch nete, und zwar den falschen, wie sie fand, spottet werden, wenn er zugibt, dass erum ihn als Mann. warf sie ihm eine Kaffeetasse an den das Opfer seiner Frau ist. Nach dem Ende Er schaut hinüber zur Anklagebank. Kopf. Anfangs habe er versucht, mit ihr der zweistündigen Verhandlung tritt erVor einigen Wochen gab es eine Debatte zu sprechen, von Ehemann zu Ehefrau. aus dem Justizgebäude und raucht. Erüber den Zustand des deutschen Mannes, Er wollte mit ihr zu einem Therapeuten wirkt zufrieden. Es sieht so aus, als ober sei zu weich, zu wehleidig, hieß es. Zu gehen, aber das wollte sie nicht. Eines die Metamorphose abgeschlossen sei.wenig Kerl, zu viel Opfer. Einige Frauen Morgens stand er vor der Kaffeemaschine, Das Urteil folgt zwei Tage später. Ma-forderten, die Jungs sollten endlich das als sie ein Messer von hinten in seine nuela, die Täterin, muss mindestens fünfJammern einstellen und zum Grizzly wer- Schulter rammte und erklärte: Biste sel- Jahre lang in die Psychiatrie. B., das Op-den, wie früher. B. will kein Grizzly sein. ber dran schuld. Sie fühlte sich wieder fer, darf ein Opfer sein. Ein Mann.Er beginnt, sich mit der Opferrolle zu ar- provoziert, aber wodurch, sagt er, wisse CHRISTOPH SCHEUERMANN D E R S P I E G E L 1 6 / 2 0 1 2 55
  • „Warum sprichtniemand mit mir?“Barbara Lohmann*, Buchhalterin, 45,NiedersachsenIch war ein lustiger Mensch, bis ich mei-nen jetzigen Job anfing. Ich spürte am ers-ten Tag, dass etwas nicht stimmt. Mor-gens rief ich fröhlich in die Runde, aberkeiner antwortete. Bei Betriebsfeiern tanz-te ich, bis ein Kollege mich warnte, dassalle über mich lästern. Ich bin fleißig undehrgeizig. Warum spricht niemand mitmir? Warum lädt mich niemand ein? Wasist falsch an mir? Ich schlafe schlecht,habe Migräne und denke an Selbstmord.Meine Psychologin sagt, ich solle kündi-gen. Ich traue mich aber nicht.
  • Titel Kollege Feind Rund zwei Millionen Deutsche leiden unter Psychoterror am Arbeitsplatz. Sie werden von Kollegen oder Chefs oft so lange schikaniert, bis sie krank sind. Eine EU-Studie zeigt, dass in sozialen Berufen besonders häufig gemobbt wird. E s fing damit an, dass einige ihrer Sie hat wie viele andere Angst davor, dass Wann die Grenze des Ertragbaren er- Kollegen sie morgens nicht mehr der Psychoterror zunehmen wird, wenn reicht ist, liegt an der Belastbarkeit der grüßten und die Gespräche ver- ihre Kollegen sie erkennen. Ähnlich wie Betroffenen. Es beginnt mit Frust und stummten, sobald sie das Büro betrat. Als die Betroffenen reden auch die meisten Un- Zorn und kann im Suizid enden. sie hörte, man halte sie für eine Schlampe, ternehmen nicht gern darüber, wenn Mit- Mobbing ist weit verbreitet, auch am dachte Barbara Lohmann, viel schlimmer arbeiter krank werden, weil Kollegen oder Arbeitsplatz. Laut der aktuellen „Euro- könne es nicht mehr werden. Dann ent- Vorgesetzte sie systematisch attackieren. päischen Erhebung über die Arbeitsbedin- deckte sie die E-Mail. Es könnte dem Ruf schaden. Viele Firmen gungen“, für die im Jahr 2010 knapp 44000 Sie war auf dem Bildschirm eines Kol- tun so, als gäbe es solche Konflikte nicht. Menschen in 34 Ländern befragt wurden, legen geöffnet, so dass sie jeder lesen konn- Aber natürlich gibt es sie dort, wo Men- hat der Psycho-Krieg am Arbeitsplatz in te, der an dessen Schreibtisch vorbeiging. schen aufeinandertreffen, die einander nicht den vergangenen Jahren zugenommen. Eigentlich wollte Lohmann gar nicht hin- ausweichen können. An den Arbeitsplät- Die Studie, die von der Europäischen Stif- schauen. Sie wusste, dass es falsch war, zen, egal ob bei einer Hilfsorganisation, im tung zur Verbesserung der Lebens- und stehen zu bleiben, aber in der Betreffzeile Sportverein, an der Universität, im Kran- Arbeitsbedingungen (Eurofound) im Auf- stand ihr Vorname. Die Mail war acht Sät- kenhaus oder im Gefängnis. Überall dort, trag der Europäischen Union durchgeführt ze lang, ein Dialog zwischen Kollegen. wo sich Grüppchen und Gruppen bilden, und vergangenen Donnerstag in Brüssel „B. war schon wieder krank“, las Bar- Anführer und Außenseiter, Täter und Opfer, vorgestellt wurde, kommt für Deutschland bara Lohmann auf dem Schirm. auch im Internet. Mobbing tritt in vielen zu einem erschreckenden Ergebnis: 7,8 Antwort: „Aaaach, die Arme. Müssen Varianten auf: Zwei Teenager machen einen Prozent der befragten Deutschen gaben wir jetzt Mitleid haben?“ dritten fertig, bis er sich umbringt; Kollegen an, sie seien am Arbeitsplatz in den letzten „Die hat mich zum Personalgespräch erzählen sich dreckige Witze über die Neue zwölf Monaten diskriminiert worden. Fünf geladen.“ in der Abteilung; oder der Chef will die Jahre zuvor waren es nur 4,5 Prozent. Die „Will sich wieder aufplustern.“ Abfindung sparen und schikaniert einen Frage „Wurden Sie im vergangenen Jahr „Was sonst.“ Angestellten so lange, bis der flieht. am Arbeitsplatz gemobbt oder schika- „Sag Bescheid, ich halt sie fest, damit Es gibt unzählige Möglichkeiten, einen niert“ bejahten 4,6 Prozent, fünf Jahre Du ihr in die Fresse kloppen kannst.“ Menschen so fertigzumachen, dass er zu- zuvor waren es 4,1 Prozent. Hochgerech- „Nicht einmal, mehrmals.“ sammenbricht; man kann ihn ignorieren, net auf die Zahl aller Beschäftigten in Als sich Barbara Lohmann zurück an belächeln, ausgrenzen, aufziehen, hän- Deutschland wären damit mehr als 1,8 Mil- den Platz setzte, zitterten ihre Hände. Sie seln, beschimpfen, anbrüllen, schlagen. lionen Menschen betroffen. wusste nicht, was sie mehr quälte: die Mobbing lässt sich schwer messen, weil Häme der Kollegen oder ihr eigenes sich die Mobbing-Definitionen und -Mess- schlechtes Gewissen, weil sie eine Mail methoden je nach Studie unterscheiden, gelesen hatte, die nicht für sie bestimmt war. Sie tat, was sie in den vergangenen 1,8 Millionen Menschen * zudem müssen sich die wissenschaftli- chen Erhebungen auf Selbsteinschätzun- Jahren immer getan hatte, wenn sie sich sind in Deutschland an ihrem gen der Betroffenen verlassen. Das gilt ausgegrenzt und wie der einsamste Arbeitsplatz von Mobbing betroffen. genauso für Journalisten, die unter Mob- Mensch der Welt gefühlt hatte. Sie ver- bing-Opfern recherchieren. Die Überprü- suchte, die ganze Sache zu vergessen. fung ihrer Geschichten, so ist es auch dem Barbara Lohmann arbeitet in der Buch- haltung eines Autozulieferers in Nieder- 2,3 Milliarden Euro * SPIEGEL bei aller Sorgfalt ergangen, stößt immer an Grenzen. sachsen. Sie ist 45 Jahre alt, eine offene, kosten die deutschen Die Zahlen der EU-Erhebung entspre- eigentlich selbstbewusste Frau, die in ih- chen aber in etwa dem Ausmaß, das auch rer hellen Küche sitzt und die Schuld bei Unternehmen die Fehltage, Mobbing-Forscher wie Dieter Zapf anneh- sich sucht. Warum sind die Kollegen so die durch Mobbing entstehen. men, Arbeitspsychologe an der Universität gemein zu ihr? Was hat sie falsch ge- Frankfurt am Main. Zapf schätzt, dass zwi- macht? Die Fragen quälen sie seit Jahren, schen 3,5 und 4,5 Prozent aller Beschäftig- 20 ProzentMARTIN JEHNICHEN / DER SPIEGEL seit sechs Monaten ist sie in psychologi- * ten betroffen sind. Studien aus den letzten scher Behandlung. Sie hat sich bei dem Jahren gelangten zu ähnlichen Ergebnissen. Gedanken ertappt, Schluss zu machen, aller Suizidfälle werden Die letzte große deutschlandweite Mob- nicht mit dem Job, sondern mit allem. auf Mobbing zurückgeführt. bing-Studie, bezahlt von der Bundesanstalt Wie viele Mobbing-Opfer, die in diesem * Schätzungen: EU, Institut für Markt- und Sozialforschung, Text vorkommen, will Barbara Lohmann Statistisches Bundesamt * Die geänderten Namen sind mit einem Stern gekenn- nicht, dass ihr echter Name genannt wird*. zeichnet, alle anderen sind authentisch. D E R S P I E G E L 1 6 / 2 0 1 2 57
  • Titelfür Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin,kam für das Jahr 2000 zu einer Mobbing-Quote von 5,5 Prozent. Das entsprach da-mals 2,1 Millionen Erwerbstätigen. Rund zwei Millionen Menschen, dieunter dem Psychoterror von Kollegenund Vorgesetzten leiden. Zwei Millionen,die jeden Morgen mit der Angst an ihrenArbeitsplatz gehen, wieder schikaniert,wieder gedemütigt zu werden. Die damitleben müssen, dass die Kollegen sie wieLuft behandeln, sie anbrüllen oder be-lügen. Manche stoßen auf angeblicheNacktbilder von sich in der Firma. Es gibtnicht die eine böse Tat, sondern vieleböse Sticheleien, immer wieder, bis dieMenschen, die zu Zielen dieser Attackenwerden, sich selbst nicht mehr glauben. Es ist ein fieser Psycho-Kampf, der aufden Fluren von Unternehmen, in Tee-küchen und Kantinen ausgefochten wird.Die Wunden und Narben, die in diesemKampf entstehen, sind meistens unsicht-bar. Die Opfer leiden daran umso mehr. Es ist der Krieg der Angestellten. Persönliche Feindschaften, Intrigen, diedem Machtgewinn in der Firma dienensollen, oder nur die Unfähigkeit zu Em-pathie – es gibt viele Motive für Mobbing.Psychologen gehen davon aus, dass auchdie falsche Organisation einer Firma dasMobbing-Risiko erhöhen kann. UnklareZuständigkeiten in Abteilungen, verbun-den mit hohem Zeitdruck, erhöhen denStress in einem Unternehmen und damitdie Wahrscheinlichkeit von psychischenAttacken unter den Mitarbeitern. Wie die Europa-Studie zeigt, hat derZeitdruck im Job aus Sicht der Beschäftig-ten in den vergangenen Jahren zugenom- die durch Mobbing entstehen, kosten die ignorieren sie. Die Betroffenen bleiben da-men. Mehr als 72 Prozent der befragten deutschen Unternehmen jedes Jahr 2,3 her oft allein mit ihren Fragen, so wie Bar-Deutschen gaben an, sie müssten mindes- Milliarden Euro, schätzt das Institut für bara Lohmann, die anfing, an sich selbsttens ein Viertel ihrer Arbeitszeit in sehr ho- Markt- und Sozialforschung. Da die Ur- zu zweifeln: Weshalb sind die Menschenhem Tempo arbeiten, 1995 waren es noch sachen von Depressionen, Angst-, Ess- so böse? Warum tun sie mir so weh?knapp 58 Prozent. Zwar spielt die schwie- oder Schlafstörungen nicht erhoben wer- Im September 1996 hatte sie als Hilfs-rige Wirtschaftslage in den meisten Mob- den, sondern unter „Psychische Störun- kraft bei dem Autozulieferer begonnen,bing-Studien keine große Rolle, dennoch gen“ in der Statistik erscheinen, wissen vier Tage die Woche, drei Stunden amwächst der Arbeitsdruck zumindest subjek- die Krankenkassen nicht, wie hoch die Tag. Sie lebte von ihrem Mann getrennttiv und schafft in vielen Betrieben eine At- Kosten tatsächlich sind. Nach Schätzun- mit ihrem achtjährigen Sohn und war aufsmosphäre, in der Psychoterror gut gedeiht. gen von Eurofound müssen Unterneh- Land gezogen, weil sie sich verliebt hatte. Gemobbt wird überall, jede Branche ist men, in denen vermehrt psychische Ge- Barbara Lohmann freute sich über ihrenbetroffen. Mit Abstand die meisten Opfer walt ausgeübt wird, Produktivitätseinbu- neuen Job. Sie merkte bald, dass sie mitfinden sich aber, so die Ergebnisse der EU- ßen von ein bis zwei Prozent hinnehmen. ihrer Freude in der Abteilung allein war.Studie, im Gesundheits- und Sozialwesen – Einige Firmen haben deshalb begonnen, Ihre drei Kolleginnen in der Buchhal-in weiblich dominierten Arbeitsfeldern. Da- Beschwerdestellen einzurichten und ihre tung seien von Anfang an misstrauisch ge-her sind auch Frauen wesentlich häufiger Führungskräfte in Konfliktmanagement wesen. Vor Arbeitsbeginn standen sie invon Mobbing betroffen als Männer. Beson- zu schulen. Der Autohersteller Ford in der Kaffeeküche und tuschelten, wennders anfällig ist die Pflegebranche. „Mob- Köln hat sich dem Kampf gegen alle Arten Lohmann sich näherte. Anfangs stellte siebing ist Teil des beruflichen Alltags Pfle- von Diskriminierung verschrieben: Wird sich dazu und erzählte von der Scheidunggender“, schreibt die Sozialforscherin Jean- ein schwuler Kollege gehänselt, ein Mitar- in der Hoffnung, wenn sie etwas von sichnette Drygalla, die das Mobbing-Verhalten beiter isoliert oder ein Muslim wegen sei- preisgebe, würden die anderen weichervon Pflegepersonal an sechs deutschen Uni- ner Religion beleidigt, steht ein Anti-Dis- werden. Sie lud die Kolleginnen zumversitätskliniken untersucht hat. Eines ihrer kriminierungs-Team bereit. Es geht nicht Abendessen ein, es gab Datteln mit SpeckErgebnisse: Mobbing trete verstärkt dort darum, Konflikte zu verhindern, sondern und überbackene Tortillas, doch am Tagauf, wo Konflikte nicht gelöst, sondern nur sie zu erkennen und zu lösen, damit sie darauf sei sie wie immer ignoriert worden.oberflächlich geglättet würden. sich nicht verhärten. Das ist jedoch vor- War dieser raue, kühle Umgang üblich? Der Psychoterror kostet nicht nur Ner- wiegend bei großen Firmen üblich. Kleine Bislang hatte sie nur in kleinen Familien-ven. Etliche Betroffene lassen sich mo- und mittlere Unternehmen bearbeiten unternehmen gearbeitet. „Vielleicht istnatelang krankschreiben. Die Fehltage, Konflikte immer noch auf die alte Art. Sie das so in großen Firmen“, dachte sie.58 D E R S P I E G E L 1 6 / 2 0 1 2
  • übergreifende, der Anfeindung, Schikane Kantine, weil sie bei denen keine Angst oder Diskriminierung“ dienende Verhal- hatte, etwas Verkehrtes zu sagen. Zu Hau- tensweisen definiert, die „das allgemeine se fragte sie sich: Was ist falsch an mir?„Er suchte überall Persönlichkeitsrecht oder andere geschütz- Sie litt unter Schlafstörungen und aß te Rechte“ wie die Gesundheit des Betrof- kaum noch. Ihr Hausarzt überwies sie zuFehler und fand fenen verletzen. Juristen und Psychologen einer Psychotherapeutin. Die schrieb siesie irgendwann auch.“ sind sich einig, dass man von Mobbing nur dann sprechen kann, wenn die Schikane drei Wochen krank wegen „chronischer Erschöpfung und starker Depressionen“.Hanne Stern, 62, Sekretärin, Berlin über längere Zeit stattfindet. Gelegent- Barbara Lohmann nahm Tabletten, dieIch habe meinen Beruf geliebt, bis der liche Reibereien oder ein Streit mit dem ihr Leben heller machten, und fasste ei-neue Direktor kam. Ständig klingelte Chef, der sich nach gewisser Zeit beruhigt, nen Entschluss: Sie würde kündigen. fallen nicht darunter. Auch wenn zwei Doch stattdessen bot der Chef ihr diemein Telefon, aber wenn ich den Hörer gleich starke Stellvertreter um den Posten Stelle als Leiterin der Buchhaltung an.abnahm, war keiner dran. Dabei konnte des Abteilungsleiters rangeln, sprechen die Sie fühlte sich geschmeichelt. Vielleichtich auf dem Display seine Nummer Forscher nicht von Mobbing. würde alles besser. Doch es änderte sichdeutlich lesen. Nach einiger Zeit wurde Inzwischen beschäftigt sich in Deutsch- nichts. Die Mitarbeiter hielten Zahlen zu-mir klar: Der will dich fertigmachen. Er land eine Schar von Therapeuten, Orga- rück, so schildert es Barbara Lohmann,ließ mich nicht mehr in die Mittagspau- nisationspsychologen, Rechtsanwälten, sie blockierten Projekte und ließen Fris-se gehen, Fortbildungen strich er. Unternehmensberatern und selbsternann- ten verstreichen. Sie spürte den DruckBegründungen bekam ich von ihm des- ten Mobbing-Experten mit dem Thema. von oben und die Störrigkeit von unten.wegen nicht. Stattdessen suchte er Der größte Teil der Ratgeberliteratur ist Eines Tages stand sie vor dem Computerüberall in meiner Arbeit fast wie ein Be- nach der Jahrtausendwende erschienen: mit der E-Mail, die sie nicht lesen wollte.sessener Fehler und fand sie irgend- „Keine Angst vor Mobbing! Strategien ge- Barbara Lohmann sitzt in ihrer Küche.wann auch. Fast jedes meiner Telefon- gen den Psychoterror am Arbeitsplatz“, Sie sagt, sie ertrage das nicht mehr. Siegespräche belauschte er, und wenn ihm „Achtung: Kollegin. Wie Frauen mit weib- hat Magenschmerzen, Migräneattackeneines zu lange dauerte, brüllte er aus licher Konkurrenz souveräner umgehen und liegt nachts stundenlang wach. Sieseinem Zimmer: Legen Sie jetzt endlich können“ oder „Mobbt die Mobber! So weiß nicht, wie es weitergehen soll.auf! Zum Schluss habe ich mich gar setzen Sie sich gekonnt zur Wehr“. Ge- Ihr Chef sagt: Du musst härter werden.nichts mehr getraut. Ich war völlig ein- messen an der Aufmerksamkeit müssten Ihre Psychologin sagt: Sie müssen dageschüchtert. Das war vor zwölf Jahren. die Ursachen von Dauerkonflikten am endlich weg.Es klingt nach einer langen Zeit, aber Arbeitsplatz erforscht, verstanden und Und wovon soll ich leben?, fragt Bar- MARTIN JEHNICHEN / DER SPIEGELdie Schikanen meines Chefs machen bewältigt sein. Zumindest aber sollte den bara Lohmann.mich bis heute krank. Den Gendarmen- meisten Vorgesetzten bewusst sein, dassmarkt, an dem mein früheres Büro lag, sie Konflikte in ihrer Abteilung erkennen Angriff auf Außenseiterkann ich bis heute nicht betreten. müssen, bevor sie sich verfestigen. Er staune immer noch über die Unfähig- Der Chef von Barbara Lohmann sah keit vieler Chefs, Konflikte zwischen Mit- nicht ihr Problem mit den drei Kollegin- arbeitern zu erkennen, sagt Dieter Zapf, nen, so hat sie es erlebt, er sah stattdessender Mobbing-Forscher. Obwohl spätes- nur die Mitarbeiterin, die sich durch Fleiß tens seit Mitte der neunziger Jahre über Als Barbara Lohmann 1996 die Stelle von den anderen abhob. Ihr wurden Fort- gesundheitsgefährdende Konflikte am Ar- in der Buchhaltung annahm, war Mob- bildungen genehmigt, was ihr nur mehr beitsplatz diskutiert werde, seien etliche bing vor allem ein Thema, mit dem sich Häme brachte. Wie ist es möglich, eifer- Vorgesetzte bei Mobbing hilflos, wenn Journalisten und einige wenige Therapeu- ten die anderen, dass die Neue vom Chef sie es denn überhaupt wahrnähmen. „Die ten beschäftigten; die meisten Psycholo- zu Teamsitzungen mitgenommen wird? meisten wissen, dass es ein Arbeitsschutz- gen nahmen es zunächst nicht ernst. 1993 Neid kann zu Hass versteinern, wenn gesetz gibt, und das war’s.“ war der Ratgeber „Mobbing – Psycho- es niemanden gibt, der eingreift. Barbara Zapf sagt, nur wenn einem Vorgesetz- terror am Arbeitsplatz und wie man sich Lohmann versuchte, ihre Gefühle im ten bewusst sei, dass er Konflikte in sei- dagegen wehren kann“ des deutsch- Büro zu unterdrücken. Mittags ging sie nem Verantwortungsbereich rechtzeitig schwedischen Psychologen Heinz Ley- mit Arbeitern aus der Produktion in die lösen kann und muss, werde er das an sei- mann erschienen. Leymann beschreibt ne Leute auch vermitteln. darin, was mit Menschen geschieht, die Generell gilt: Je schlechter von Kollegen oder Vorgesetzten schika- ein Unternehmen organi- niert wurden. 1996 nahm der Duden den siert ist, je unklarer die Zu- Begriff „Mobbing“ zum ersten Mal auf. ständigkeiten in den Abtei- Barbara Lohmann wusste anfangs gar lungen sind, umso größer nicht, dass sie ein Mobbing-Opfer war. wird die Gefahr, dass Men- Leymann definierte Mobbing damals schen aneinandergeraten, als „negative kommunikative Handlun- weil sie Entscheidungen tref- gen, die gegen eine Person gerichtet sind fen, die auf Widerstand sto- und die sehr oft und über einen längeren ßen. Mobbing habe häufig Zeitraum hinaus vorkommen und damit strukturelle Ursachen. MARTIN JEHNICHEN / DER SPIEGEL die Beziehung zwischen Täter und Opfer Psychologen erkannten kennzeichnen“. Diese Definition haben, das lange nicht. Erst Mitte zum Teil in abgewandelter Form, auch der achtziger Jahre begann andere Forscher übernommen. der Deutschschwede Heinz Das Landesarbeitsgericht Thüringen hat Leymann, die Ursachen 2001 in einem der ersten Urteile dieser Art massiver zwischenmenschli- in Deutschland Mobbing als „fortgesetzte, cher Konflikte am Arbeits- aufeinander aufbauende und ineinander Arbeitspsychologe Zapf: Wer sind die typischen Täter? platz systematisch zu erfor- D E R S P I E G E L 1 6 / 2 0 1 2 59
  • Titelschen. Er hatte durch Zufall das Tagebucheiner 50-jährigen Frau bekommen, diesich umgebracht und zuvor ihre Qualenam Arbeitsplatz aufgeschrieben hatte. Leymann, der 1955 von Niedersachsennach Schweden ausgewandert war, fing an,die sozialen Hintergründe seiner Patientenzu analysieren. Er kam zu dem Schluss,dass etliche von ihnen durch fortgesetzte,monatelange Schikanen und Angriffe vonKollegen oder Vorgesetzten psychischkrank geworden waren. Von Anfang anschlug sich Leymann auf die Seite der Op-fer, wofür ihn Arbeitgeber, Ärzte und sogarGewerkschafter angefeindet hätten. Da-mals habe niemand sehen wollen, dass dasauffällige Verhalten eines einzelnen Mitar-beiters auf dessen Verzweiflung zurückzu-führen war. „Man glaubte lieber, es handlesich um psychiatrische Fälle“, schrieb er. Die Ursachen für Mobbing lagen ausLeymanns Sicht in der Struktur einer Fir-ma, nie in der Persönlichkeit der Betroffe-nen. Für ihn gab es Täter und Opfer, nichtsdazwischen. Mobbing sei aber kein Pro-zess, der sich mit schwarz oder weiß be-schreiben lasse, sagt sein Kollege DieterZapf. Er forscht seit 20 Jahren über diePsychologie in Unternehmen und über dieFragen: Warum quälen manche Menschenihre Kollegen und Untergebenen? Wersind die typischen Opfer, wer die Täter? In vielen Betrieben bildeten sich Grüpp-chen und Koalitionen, die zum Teil Plänegegen andere schmiedeten, weil sie nachKontrolle strebten, hat Zapf herausgefun-den. Überall existierten Intriganten, dieFreude dabei empfänden, ihre Macht mitHilfe von Ränkespielen auszubauen. DerKampf um Macht, Status und Einfluss laufe und schätzen sich selbst als tendenziell Ziel von Attacken werden, hat es oft brutalenie ohne Kollateralschäden ab, auch wenn pünktlicher, gewissenhafter, fleißiger ein Folgen. Soziale Ausgrenzung könne ähn-die Kämpfenden dabei nicht immer einen als jene, mit denen sie zusammenarbeiten. liche Empfindungen hervorrufen wie kör-Kollegen bewusst verletzen wollten. Zudem Dieter Zapf nennt es „das Außenseiterpro- perlicher Schmerz, schreibt die Sozialpsy-gebe es in etlichen Firmen Soziopathen, die blem“. Wer sich als Neuling in einer Firma chologin Naomi Eisenberger von der Uni-extrem schlecht darin seien, die emotionale als leistungsfähiger begreift und sich anders versität Los Angeles. Eisenberger zufolgeBelastbarkeit ihrer Kollegen richtig einzu- verhält als der Durchschnitt der Beschäf- zeigen Menschen, die von anderen ausge-schätzen. Auch persönliche Motive spielten tigten, gilt schnell als Streber. Das genügt grenzt werden, erhöhte Aktivitäten in Hirn-eine Rolle, eine Liebesaffäre im Büro, Al- oft, um zum Opfer gemacht zu werden. regionen, die auch für die Verarbeitung vonkohol- oder Drogenprobleme. Menschen dagegen, die von einer Gruppe physischen Schmerzen zuständig sind. Eine weitere Ursache von Dauerkonflik- als prototypisches Mitglied gesehen werden, Im Büro leiden die Betroffenen oft,ten, sagt Dieter Zapf, seien unsichere Chefs, werden seltener schikaniert. ohne dass sie Hilfe von anderen erwartendie ihre Überlegenheit ständig demonstrie- Anpassung wird belohnt, Andersartig- können. Und wenn mehrere Mitarbeiterren müssten und aggressiv reagierten, so- keit wird bestraft. Diese Logik gilt ver- jeweils ein- oder zweimal im Monat unab-bald sie ihren Selbstwert bedroht sähen. mutlich, seit Menschen sich in Gruppen hängig voneinander einen Kollegen atta-Vielen Führungskräften mangele es an so- zusammenfinden. So lässt sich auch die ckierten, falle es zwar dem Angreifer nichtzialer Kompetenz. Er nennt das Beispiel anscheinend unzerstörbare Neigung er- auf, wohl aber dem Opfer. Genauso gäbeneines Vorgesetzten einer australischen Fir- klären, über andere zu lästern. Der briti- manche Opfer nicht zu, dass sie unter derma, dessen eigenwilligen Führungsstil Zapf sche Psychologe Robin Dunbar hat das Brutalität der Kollegen leiden, weil sie sichmit Kollegen im „British Journal of Ma- Lästern in seiner Untersuchung „Klatsch nicht eingestehen wollten, schwach zu sein.nagement“ beschreibt. Der Mann hatte sich aus evolutionärer Perspektive“ als sozia- Das gilt nicht nur für gering Qualifizierte,angewöhnt, seine Angestellten mit „cock“ les Frühwarnsystem beschrieben: Der sondern auch für leitende Angestellte wieanzusprechen, Schwanz. Es war wohl be- Tratsch halte Menschen fern, die andere Manfred Eggebrecht*.quemer, als sich alle Namen zu merken. Er für ihre Zwecke ausnutzen könnten, ohneversuche nur, sagte der Chef, in der Firma ihnen etwas zurückzugeben. Zum Bei- Im Sterbezimmereine lockere Atmosphäre zu schaffen, „so spiel einen übermotivierten Neuling, der Eggebrecht arbeitete in der Nähe vonwie in einer Kneipe“. die alten Kollegen besonders träge ausse- Hannover als Betriebsleiter in einem Be- Die meisten Täter wissen nicht, dass sie hen lässt. tonwerk und wurde nach 15 Jahren in derTäter sind. Die Opfer grenzen sich dagegen Für eine Gruppe kann Lästern eine prä- Firma von seinem Chef in ein Einzelbürohäufig von der Mehrheit ihrer Kollegen ab ventive Funktion haben, für diejenigen, die versetzt. Über Monate saß er in einem60 D E R S P I E G E L 1 6 / 2 0 1 2
  • Wegen seiner Proteste gab ihm der auf. Zunächst konzentrierte er sich auf Chef drei Abmahnungen. Für Eggebrecht das Feuilleton, dann las er den Finanzteil, war die Absicht klar: Sein Werk sollte die Wirtschaftsseiten und schließlich die„Die Leere fraß kleingespart und er selbst kleingemacht werden. Er wollte sich aber nicht vom Politik. Wenn er die „FAZ“ durchgear- beitet hatte, machte er sich an die „Hil-mich langsam auf.“ neuen Chef zerstören lassen. „Ich gönne es ihm nicht. Ich zeige keine Schwäche.“ desheimer Allgemeine Zeitung“. Gegen zwölf Uhr schob er sich ein FertiggerichtEberhard Hesse, 60, Wenig später habe man ihm mitge- in die Mikrowelle, am liebsten Nürnber-Ex-Betriebsleiter, Berlin teilt, er dürfe das Werksgelände ab sofort ger Rostbratwürstchen. Er habe jeden TagIch weiß jetzt, wie langsam eine Uhr nicht mehr betreten. Es war keine acht Stunden lang dagesessen, sagt Egge-ticken kann. Zehn Jahre lang wartete Kündigung, sondern ein Kaltstellen bei brecht. Mittags nach der Schule schauteich darauf, dass die Sekunden verge- vollen Bezügen. Er bekam den Auftrag, gelegentlich sein Sohn vorbei.hen, die Minuten und Stunden. Jeden in Bayern für seine Firma ein neues Während er im Sterbezimmer versuch-Tag saß ich allein in meinem Büro. Ich Betonwerk aufzubauen, wurde aber auch te, an seiner beruflichen Existenz festzu- von dort wieder abgezogen. Sein Einzel- halten, wurde seine Firma von einem grö-hatte nichts zu tun. Meine Chefs hatten büro in der Nähe von Hannover bezog ßeren Unternehmen aufgekauft. Es kammich nach einem Streit in ein Einzelzim- er im Herbst. „Mein Sterbezimmer“, sagt ein neuer Personalchef, der sich Egge-mer versetzt, in das Sterbezimmer. Das Eggebrecht. brechts Einzelzimmer ansah und sagte, erheißt so, weil da nur die sitzen, die für Der Boden war ausgelegt mit braunem habe nie zuvor etwas so Unmenschlichesdie Firma schon halbtot sind. Keiner Laminat, in der Ecke gab es eine Koch- gesehen. Eggebrecht wurde auf Firmen-dachte, dass ich das so lange aushal- nische. Eggebrecht hat Fotos von dem kosten ein Karriereberater zur Seite ge-ten würde. Aber ich bin ein sturer Zimmer gemacht, weil er die ganze Ab- stellt, der ihn an die Freiheit gewöhnenHund. Wenn es mir dreckig ging, schau- surdität der Situation festhalten wollte. sollte wie einen Häftling, der sich nachte ich auf ein Poster, das im Zimmer Jeden Morgen um acht Uhr betrat er sein seiner Entlassung wieder an den Alltaghing: „Niemals aufgeben“. Die Leere Sterbezimmer, drei Monate lang. Er hatte herantasten muss.fraß mich langsam auf. Deshalb habe nichts zu tun, aber er wollte dem Chef in Eggebrecht hat gegen seine Entlassungich während meiner Einzelhaft für mich der Zentrale auch keinen Grund geben, prozessiert, aber nie darüber nachgedacht,selbst ein Buch über Mobbing geschrie- ihm zu kündigen. Wäre er nicht jeden gegen seinen Chef wegen Mobbing vor-ben. Im Anhang sind alle Krankheiten Morgen ins Büro gegangen, hätte man zugehen. Es hätte ihm vermutlich ohnehinaufgelistet, die ich an mir während der das als Arbeitsverweigerung auslegen wenig genutzt. „Die meisten Mobbing-Zeit im Sterbezimmer festgestellt hat- können, sagt Eggebrecht. Obwohl er gar Klagen enden in Deutschland entweder MARTIN JEHNICHEN / DER SPIEGELte. Bartflechte, Migräne, Herzschmer- keine Arbeit hatte. Immerhin verdiente in Vergleichen, die den Betroffenen eherzen und viele andere. 2004 nahm ich er 105 000 Euro im Jahr, er hatte also et- wenig Geld bringen, oder sie werden ab-die Abfindung und bin weg. Ich wäre was zu verlieren. gewiesen“, sagt der Arbeitsrechtler Martinsonst kaputtgegangen. Morgens setzte er sich an den Schreib- Wolmerath aus Hamm, der über Mobbing tisch, schenkte sich ein Glas Sprudel ein promoviert hat. „Wegen Mobbing zu kla- und schlug die „Frankfurter Allgemeine“ gen, davon rate ich grundsätzlich ab.“ Denn auch wenn Arbeitnehmer heute gesetzlich besser geschützt sind als vor 20 isolierten Zimmer in der dritten Etage ei- Im Visier der Kollegen Jahren, hat sich in der Praxis nes Mehrfamilienhauses, 26 Kilometer „Sind Sie während der ver- Frankreich wenig getan. 2006 beschloss von seiner Firma und den ehemaligen gangenen zwölf Monate am der Bundestag gegen den Wi- Kollegen entfernt. Zu seinen früheren An- Arbeitsplatz gemobbt Belgien 9,5 derstand von FDP und Linken gestellten hatte er Kontaktverbot. Aber worden?“ Prozent das Allgemeine Gleichbehand- noch heute, viereinhalb Jahre nach dem Ende der Isolation, will Eggebrecht nicht Antwort: Ja Niederlande 8,6 der Befragten lungsgesetz, das auch Diskri- minierung am Arbeitsplatz von Mobbing sprechen. Er nennt es nur „dieses Spielchen“. Österreich 7,7 verhindern soll. Die Klagewel- le, vor der Juristen warnten, Bevor sein normales Arbeitsleben ist ausgeblieben. Mobbing-Op- zu Ende ging, hatte er 110 Leute unter 7,2 fer haben nicht von dem Gesetz profitiert, sich, Ingenieure, Maurer, Elektriker, Finnland denn sie müssen beweisen, dass sie über Maler. Eggebrecht sagt, er sei ein stren- lange Zeit regelmäßig attackiert wurden. ger, aber wohlmeinender Chef gewe- 6,2 Umfrage Eurofound 2010, Der Psycho-Krieg, der meist verbal aus- sen. Das Spielchen begann, als ein neu- 43816 Befragte getragen wird, lässt sich aber nur schwer er Geschäftsführer in die Zentrale in Deutschland juristisch wasserdicht belegen. Süddeutschland einzog. Der verlangte von Eggebrecht, er solle seine Leute 4,6 In Großbritannien und den USA sind die Richter weniger anspruchsvoll. 2006 zu effizienterem Arbeiten anhalten, Großbritannien sprach ein Gericht der britischen Sekretä- später sollte er Leute entlassen. Egge- rin Helen Green umgerechnet 1,2 Millio- brecht wehrte und sträubte sich dage- 4,6 nen Euro plus Zinsen zu, weil sie über gen, so gut es ging. Er schlief nachts kaum Jahre von vier Kolleginnen angegriffen noch. Manchmal war er morgens schon EU-27 worden war. Green arbeitete bei der vor Sonnenaufgang im Büro. 4,1 Deutschen Bank in London, wo sie „sys- Sein Chef habe immer mehr verlangt. Dänemark tematischem seelischem Missbrauch“ aus- Eggebrecht musste täglich Zahlen aus sei- gesetzt war, wie Zeugen vor Gericht nem Werk an die Zentrale in Süddeutsch- 3,2 Spanien bestätigten. Erst nach zwei Nervenzusam- land durchgeben, Kosten, Umsätze, Rech- 2,2 Italien menbrüchen hörte sie auf zu arbeiten. Der nungen. Er habe zwar gemurrt, aber ge- 0,9 Richter sagte, Greens Vorgesetzte hätten tan, was von ihm verlangt worden sei. die Augen vor den Angriffen verschlossen, D E R S P I E G E L 1 6 / 2 0 1 2 61
  • Titel„ohne Zweifel in der Hoffnung, das Pro-blem würde von selbst verschwinden“. In Kalifornien bekam die Assistenzärz-tin Ani Chopourian Ende Februar 168 Mil-lionen Dollar wegen fortgesetzter Beläs-tigung am Arbeitsplatz – wahrscheinlichso viel wie in keinem anderen Mobbing-Verfahren. Während des Prozesses berich-tete Chopourian detailliert über ihre Qua-len im Mercy General Hospital von Sa-cramento. Ein Chirurg begrüßte sie mor-gens mit „Ich bin spitz“ und gab ihr einenKlaps auf den Po. Ein anderer nannte sieein „dummes Huhn“, machte abschätzigeBemerkungen über ihre armenischenWurzeln und fragte, ob sie al-Qaida bei-getreten sei. Einmal wurde sie von einemKollegen mit einer Kanüle gestochen. An18 solcher Vorfälle erinnerte sie sich. Siehabe noch nie so eine feindliche Umge-bung erlebt, sagte Chopourian. Der Er-folg ihrer Klage hing auch damit zusam-men, dass ehemalige Kollegen bereit wa-ren, als Zeugen vor Gericht auszusagen. In Deutschland scheitern viele Verfah-ren, weil entweder Zeugen oder Beweisefehlen. 2008 hatte die Versicherungsfach-frau Sule Eisele-Gaffaroglu von ihremArbeitgeber, der R+V Versicherung, einehalbe Million Euro wegen mehrfacherDiskriminierung am Arbeitsplatz gefor-dert. Eisele-Gaffaroglu war die ersteDeutsche, die auf der Grundlage des All-gemeinen Gleichbehandlungsgesetzesklagte. Am Ende bekam sie 10 818 Euro. Der Arbeitsrechtler Wolmerath rät Be-troffenen, ein Mobbing-Tagebuch anzu-legen, in das sie die Angriffe eintragensollen. „Dieses kann Beweisqualität ha-ben, wenn es darum geht, mit dem Ar- legt dann, wie es wäre, ihrer Chefin mit wenn sie aus der Sicht ihrer Vorgesetztenbeitgeber eine außergerichtliche Lösung der flachen Hand ins Gesicht zu schlagen etwas falsch gemacht hatte, wurde siezu verhandeln. Diesen Weg empfehle ich zum Ausgleich für die Erniedrigungen, vor den Augen ihrer Kollegen ange-in der Regel, weil er weniger Kraft kostet die sie ertragen hat. „Ich wünsche ihr schrien. Das ging jahrelang. Einen Be-und erfolgreicher ist.“ Zudem zieht sich alles erdenklich Schlechte“, sagt Anke, triebsrat gab es in der Firma nicht, auchein Vergleich nicht über Jahre hin. setzt aber schnell hinzu: „Nein, man soll keinen Personalrat. Anke wusste keine Wolmerath versteht sich weniger als niemandem etwas Schlechtes wünschen.“ Lösung. „Wo hätte ich fragen sollen, obAnwalt, sondern mehr als Berater der Vier Frauen sitzen ihr gegenüber an das normal ist, was hier passiert?“Betroffenen. „Ich frage zuerst: Wollen einem langen Holztisch, alle duzen ein- Alle nicken, dann erzählt Manuela*Sie bleiben oder gehen?“ Die meisten ander. Jeden Donnerstagabend treffen von den Bildern aus dem Internet. Siewollen gehen. Bei diesen Menschen heizt sie sich hier, im Arbeitslosenzentrum der war neun Jahre lang als kaufmännischeer die Konflikte bei Bedarf weiter an. Er Stadt. Ihre Gruppe haben sie „Gegen Angestellte bei einem Stahlunternehmenprovoziert dann gegebenenfalls Abmah- Psychoterror am Arbeitsplatz“ genannt. beschäftigt, als der Sohn ihres Chefs dienungen, die seinen Mandanten eine Vor- Die fünf sprechen über cholerische und Firma übernahm. Dann sei ihr immerlage zum Ausstieg geben. Wolmeraths unfähige Vorgesetzte, über Krankengeld, mehr Arbeit zugewiesen worden, bis sieZiel ist, sich am Ende mit dem Arbeitge- Hartz IV und Kollegen, die Bilder von auch für die Reinigung der Kaffee- undber auf einen Geldbetrag zu verständigen, halbnackten Frauen aus dem Internet der Spülmaschine zuständig war. Für ihreder „für das ertragene Leid entschädigt“. laden und darüber lachen. Anke erzählt Kollegen war sie die Streberin. Manuela davon, wie sie überflüssig geworden sei, weiß nicht, was zuerst da war: die Aus-Der Wunsch nach Rache nachdem ihre Firma gleich mehrere Auf- grenzung der Kollegen oder das Gefühl,In vielen Städten treffen sich Mobbing- träge verloren hatte. Sie arbeitete in der der Trottel der Abteilung zu sein.Opfer in Selbsthilfegruppen, um über die Niederlassung eines Gebäudereinigungs- Als sie im Sommer im Rock zur ArbeitAngriffe im Büro zu sprechen. Ihnen geht unternehmens und wurde zurück in die kam, luden ihre Kollegen Fotos von Frau-es darum, ernst genommen und nicht an- Zentrale versetzt, als die Auftragslage en mit nackten Beinen aus dem Netz, diegezweifelt zu werden. Sie bestätigen sich schlechter wurde. Seitdem habe ihre sie in der Abteilung herumzeigten, unddarin, dass sie Opfer sind. Chefin sie ganz genau kontrolliert. Ihr sagten, das sei Manuela. Sie wurde aus Eine dieser Selbsthilfegruppen trifft Urlaub sei gestrichen worden, und ihre dem Verteiler ausgeschlossen, wenn Par-sich einmal in der Woche in Moers am Chefin habe auf die Uhr geschaut, wenn tys geplant wurden. Ihre Kollegen be-Niederrhein. Die Frauen reden dort Anke zur Toilette ging. Zum Getränke- schwerten sich beim Chef über sie. Ma-manchmal auch über Rache. Anke* über- automaten durfte sie nicht mehr, und nuela schlief schlecht, und als sie ins Büro62 D E R S P I E G E L 1 6 / 2 0 1 2
  • es immer mehr Verlierer der schönen neu- In Phase eins hilft Schwickerath den Pa- en Arbeitswelt gibt, begeben sich immer tienten, Distanz zu ihrem Job zu schaffen, mehr Betroffene in Behandlung. zu Kollegen und Vorgesetzten. Das ist die„Ich habe niemals Phase, in der die Therapeuten die Patien- Nach dem Psycho-Krieg ten darin bestärken, dass sie vor allemSchwäche gezeigt.“ In Überherrn-Berus, einem kleinen Ort Opfer sind. „Mit den Wölfen heulen“, sa-Manfred Eggebrecht*, Betriebsleiter, 57, im Saarland, hat sich die Klinik Berus gen sie dazu in der Klinik. Ausdauersport,Niedersachsen schon Ende der neunziger Jahre auf die Schwimmen und Laufen sollen dabei hel-In meinem Leben gab es lange Zeit kei- Behandlung von Mobbing-Opfern spezia- fen, genau wie eine Genusstherapie, inne Niederlagen. Ein gutes Abitur, ein er- lisiert. Das Gebäude liegt auf einer An- der die Patienten wieder schmecken, rie-folgreiches Studium, ein guter Arbeits- höhe im Grünen, nicht weit von der fran- chen und fühlen lernen sollen. Dazu kom- zösischen Grenze entfernt. Von den 170 men Einzel- und Gruppengespräche.platz. Dann kam ein neuer Chef und Betten der Klinik sind 20 für Patienten In Phase zwei geht es darum, die eige-machte Druck. Er rief jeden Morgen an reserviert, die der Kleinkrieg am Arbeits- ne Mobbing-Situation zu verstehen. „Wirund wollte die neusten Zahlen wissen. platz so zermürbt hat, dass sie oft über entschlüsseln dabei die Strukturen in ei-Später bellte er ins Telefon, dass Mitar- Monate krankgeschrieben sind. nem Unternehmen, aber auch die indivi-beiter wegmüssten und der Umsatz zu In der Regel muss ein Patient zwei bis duellen Konflikte am Arbeitsplatz“, sagtschlecht sei. Dabei waren die Zahlen drei Monate auf einen Platz warten. Hier- Schwickerath. Ist der Patient mit seinergut, der Umsatz war es auch. Zunächst her kommen Beamte, Lehrer, Bankan- Arbeit über- oder unterfordert? Welcherdachte ich, das ist nur ein Spiel. Außer- gestellte, Pfarrer und Gewerkschaftler. Es Ton herrscht in der Firma? Welche Rolledem muss ein guter Manager Druck aus- gibt wahrscheinlich keine Branche, die hat der Patient bewusst oder unbewussthalten können, und ich habe mich im- nicht vertreten ist. Die Therapeuten ha- eingenommen? Und erst jetzt fragt Schwi-mer als guten Manager gesehen. Ich ben inzwischen mehr als 2000 Mobbing- ckerath, welchen Anteil das eigene Ver-würde niemals Schwäche zeigen, das Opfer behandelt. Die meisten, die in die halten an der Eskalation haben könnte.habe ich mir geschworen. Selbst als mir Klinik Berus kommen, wissen nicht, wie Danach, in Phase drei, müssen sich diemein Vorgesetzter Hausverbot in der sie aus eigener Kraft auf die Beine kom- Patienten entscheiden, wie es nach derFirma erteilte, habe ich mich freundlich men sollen. Therapie weitergehen soll. Sie müssenverabschiedet und dabei gelächelt. Er Unter den Patienten sind Menschen, sich fragen: Kann und will ich in meinenhat mich nicht gebrochen, er hat nicht die an Selbstmord denken, auch das kann Job zurück? Welche Perspektive will ichgewonnen. An Mobbing dachte ich dabei der fortgesetzte Psycho-Krieg auslösen. meinem Leben geben? Erst wenn dieseniemals. Nicht einmal, als ich monate- Schätzungen zufolge geht jeder fünfte Fragen beantwortet sind, beginnt Phase MARTIN JEHNICHEN / DER SPIEGELlang einsam und ohne Arbeit in einem Suizid direkt oder indirekt auf Mobbing vier. Nun simuliert Schwickerath in Rol-Büro hockte, das die Firma in einem zurück. Viele Patienten kommen nach lenspielen Konflikte und beobachtet, wieNachbarort für mich gemietet hatte, und den Schikanen am Arbeitsplatz derart sich die Patienten verhalten. Er trainiertich nur noch ein Verbannter war. hilflos, ängstlich und misstrauisch in der Methoden, mit denen sie heikle Situatio- Klinik Berus an, dass das Personal dazu nen auflösen können. Sie sollen sich aktiv übergegangen ist, jeden Therapieschritt und selbstbewusst im Beruf bewegen. genau zu erklären und zu begründen. Von allen Mobbing-Opfern, die in der Für Mobbing-Opfer sei Transparenz Klinik Berus behandelt wurden, kehrten kam, fragten die Kollegen, ob sie die wichtig, sagt Josef Schwickerath, der nur etwa 20 Prozent an ihre alte Arbeits- Nacht in der Disco durchgetanzt habe. Leitende Psychologe der Klinik. Die The- stelle zurück. Die Mehrheit suchte sich Man erzählte, sie habe Unterlagen ver- rapie soll Menschen, die sich bislang einen neuen Job. Etwa drei Viertel der schwinden lassen. Ihr Chef habe den Un- fremdbestimmt fühlten, neues Selbstver- Patienten profitierten von der Therapie, terstellungen geglaubt und ihr angeboten, trauen geben. Schwickerath hat ein Vier- wie eine Evaluation in Zusammenarbeit gemeinsam den Mülleimer zu durchsu- stufenmodell entwickelt, mit dem er mit Dieter Zapf von der Universität chen, um Belege für ihre Fehler zu finden. seine Patienten Schritt für Schritt auf- Frankfurt gezeigt hat. Zurück bleiben 10 Manuela meldete sich krank. Inzwischen baut, damit sie später in der Lage sind, bis 20 Prozent Untherapierbare, die ein geht sie zur Reha gegen die Gelenk- Konflikte im Büro allein und angstfrei Jahr nach der Behandlung in der Klinik schmerzen, die sie am ganzen Körper zu bewältigen. Berus noch nicht in den Beruf gefunden spürt. Ihren Job hat sie gekündigt. haben. Viele dieser Men- Anke, Manuela und die anderen schen hätten keine positive Frauen nennen sich „Gleichgesinnte“. Sie Perspektive für ihr weiteres teilen ähnliche Erfahrungen. Dazu gehört Leben entwickelt, sagt auch die Skepsis von Freunden und Schwickerath. „Oft kom- Verwandten, ob die Geschichten mit den men auch Probleme im Pri- bösen Chefs auch wirklich so drama- vatleben dazu.“ tisch geschehen sind. An dem Holztisch Er ist sich mit Zapf und wird keine Geschichte hinterfragt. Alles anderen Experten darin ei- wird geglaubt. Die Frauen sind hier, um nig, dass sich Mobbing nicht sich Mut zuzusprechen. Eine profes- dadurch beseitigen lässt, sionelle psychologische Begleitung ist dass man nur die Opfer the- MARTIN JEHNICHEN / DER SPIEGEL das nicht. rapiert. Vielmehr müssten Doch viele Betroffene sind nach Jahren die Unternehmen aktiv ge- des Kleinkriegs so aufgerieben, dass nur gen den Angestelltenkrieg noch Mediziner und Psychologen helfen auf den Bürofluren vorge- können. Überall in Deutschland gibt es hen. Die ersten Firmen ha- Therapieeinrichtungen für Burnout-Pa- ben bereits begonnen, ihre tienten und depressive Langzeitarbeits- Führungskräfte so zu schu- lose, für Stress- und Mobbing-Opfer. Weil Therapeut Schwickerath: „Mit den Wölfen heulen“ len, dass sie in der Lage D E R S P I E G E L 1 6 / 2 0 1 2 63
  • Titel „Problem rein, Deckel zu.“ Verwaltungsangestellte, 39, Süddeutschland Es begann mit einem Streit um Posten nach einer Betriebsratswahl. Die be- treffende Kollegin und ich waren noch nie beste Freundinnen, aber nach der Wahl schoss sie sich auf mich ein. Alle merkten das. Wenn sie mich anbrüllte, duckte ich mich weg und dachte: Wenn du nett zu ihr bist, ist sie auch nett zu dir. Das war naiv. Allmählich verlor ich auch den Kontakt zu den anderen Kolle- gen. Als meine Kollegin dann Chefin des Betriebsrats wurde, ging die Hölle richtig los. Sie kontrollierte mich, hörte Telefonate mit und erzählte, ich hätte die Kaffeekasse gestohlen. Nach zwei Jahren Dauerstreit klappte ich zusam- men. Ich litt an starken Depressionen und nahm zehn Kilo ab. Insgesamt war ich 18 Monate krankgeschrieben und mehrere Monate in psychologischer Be- handlung. In meinem neuen Job nehme ich Konflikte nicht mehr mit nach Hau- MARTIN JEHNICHEN / DER SPIEGEL se, sondern packe sie abends in mei- nen unsichtbaren Mülleimer: Problem rein, Deckel zu. So habe ich gelernt ab- zuschalten.sind, Konflikte unter Mitarbeitern recht- bei Ford Seminare besuchen, in denen 2003 hat das Freiburger Universitätsklini-zeitig wahrzunehmen und zu lösen. sie lernen, dass ein guter Chef seine Mit- kum mit seinen über 10 000 Mitarbeitern Der Vorstand des Autoherstellers Ford arbeiter schätzt, Schwächen toleriert und ein mehrstufiges System installiert, dasin Köln hat deshalb schon vor zehn Jahren Stärken fördert. Auch dadurch hofft Ford, Mobbing frühzeitig erkennen und verhin-eine Vereinbarung mit dem Betriebsrat ge- Diskriminierung abzubauen, was am dern soll. Die Zahl der arbeitsgerichtlichenschlossen. Sie trägt den Titel „Betriebsver- Ende die Effizienz erhöht. „Ein Team, Auseinandersetzungen ist seitdem um 20einbarung über partnerschaftliches Verhal- das gut funktioniert, arbeitet produkti- Prozent gesunken. Doch München undten am Arbeitsplatz“ und hat unter ande- ver“, sagt der Manager Rainer Forst. Freiburg sind derzeit noch Ausnahmen.rem eine Art Anti-Mobbing-Gruppe her- Andere Unternehmen holen sich exter- Und solange die meisten Unternehmenvorgebracht, die aus fünf Betriebsräten ne Berater, die Führungskräften beibrin- den stillen Psycho-Krieg wie ein Tabu be-und fünf Managern besteht. Das Team gen, dass nicht jeder Mitarbeiter, der an- handeln, wird sich für die Betroffenen we-kann Abmahnungen, Versetzungen bis hin ders als die Mehrheit denkt oder fühlt, ein nig ändern. Barbara Lohmann überlegt da-zu Kündigungen empfehlen; bislang wurde Spinner ist. Der Berliner Psychologe Rein- her immer noch, ob sie nicht endlich kün-jede Empfehlung umgesetzt. Viele Ange- hard Hoch hat sich auf die Prävention von digen soll. Anke und Manuela, die beidenstellte waren erst skeptisch, inzwischen Konflikten in Betrieben spezialisiert, er Frauen aus der Selbsthilfegruppe, wollenrespektieren die meisten der rund 24 000 sagt, dass viele Chefs die grundlegendsten sich bald auf die Suche machen nach einemFord-Mitarbeiter die Mobbing-Berater. sozialen Fähigkeiten nicht beherrschten. neuen Job. Nur Manfred Eggebrecht, der Über 200 Anfragen regeln die zehn Mit- Er schaue oft in verlegene Gesichter, drei Monate lang im Sterbezimmer saß,arbeiter im Jahr, außerhalb ihrer Dienst- wenn er Manager frage: Gibt es bei Ihnen hat endlich eine Stelle bei einer Firma ge-zeit. Die Fälle, zu denen sie gerufen wer- ein freundliches Wort am Ende einer Prä- funden, die Garagen verkauft. Er sagt, viel-den, sind oft banal, können aber eska- sentation? Bekommt ein fleißiger Mitar- leicht hätte er sich früher wehren sollen.lieren, wie der Streit um ein geöffnetes beiter einen halben Tag frei, einfach so? SILVIA DAHLKAMP, ÖZLEM GEZER,Fenster zeigte. Mehrere Kollegen konnten Hoch hält deshalb gern Vorträge zum The- SIMONE KAISER, CHRISTOPH SCHEUERMANN,sich nicht einigen, zu welcher Zeit sie lüf- ma „So lobe ich richtig“. ANTJE WINDMANNten wollten. „Am Ende gab es zwei Grup- Auch öffentliche Einrichtungen begin-pen: Die eine war fanatisch für frische Luft, nen, Konflikte zwischen Angestellten Video: Ein Mobbing-Opferdie andere fanatisch dagegen“, sagt die ernst zu nehmen. Die Stadtverwaltung erzählt seine GeschichteBetriebsrätin Katharina von Hebel. Die von München war 1997 eine der ersten Be- Für Smartphone-Benutzer:Konfliktlöser entschärften das Problem. hörden, die eine „Dienstvereinbarung bei Bildcode scannen, etwa mitDazu müssen sämtliche Führungskräfte Mobbing und Schikane“ eingeführt hat. der App „Scanlife“.64 D E R S P I E G E L 1 6 / 2 0 1 2
  • Trends SÜSSIGKEITEN Böse ÜberraschungWer in die USA reist, sollte lieberkeine Kinder-Überraschungseier alsMitbringsel wählen. Das Schokoladen-ei von Ferrero, das ein Spielzeug inseinem Inneren verbirgt, ist in denVereinigten Staaten verboten. Grundist ein Gesetz aus dem Jahr 1938, dasungenießbare Gegenstände in Süßig-keiten verbietet. Damals gab es dieSchokoeier noch gar nicht. Wer gegendie Regelung verstößt, muss mituntertief in die Tasche greifen, denn dieStrafe kann mehrere hundert Dollar OLIVER BERG / DPAbetragen. Für Zoll und Grenzschutzbedeutet das Gesetz vor allem Arbeit:2011 hat die zuständige US-Behörde Windpark in Nordrhein-WestfalenCBP rund 60 000 Ü-Eier aus Koffernund Paketen gefischt. Doch wenn esnach einigen tausend US-Bürgern POSTBANKgeht, könnte diese Skurrilität bald Schmu mit ÖkofondsGeschichte sein: In Online-Petitionenfordern sie „Freiheit für das Ei“. Her-steller Ferrero war für eine Stellung-nahme nicht zu erreichen. Die Postbank, einer der großen Anbie- im Verkaufsprospekt keine detaillierten ter sogenannter Nachhaltigkeitsfonds, Angaben zur Zusammensetzung des hält sich bei der Anlagepolitik offenbar Portfolios macht, kritisiert Ingo Scheu- nicht allzu eng an eigene Vorgaben. len vom Netzwerk Ökofinanz-21 als Laut einer Studie im Auftrag der Grü- „eklatanten Transparenzmangel“. Der nen-Bundestagsfraktion hält der Fonds Anlageberater sieht die Postbank jedoch Postbank Dynamik Vision (Volumen: als Teil eines größeren Problems: Nach 167 Millionen Euro) Aktien von 25 Un- seinen Recherchen entsprechen nur 40 NESTOR BACHMANN / PICTURE-ALLIANCE / DPA ternehmen, die in der Rüstungsindustrie, der in Deutschland angebotenen 289 und 35 Firmen, die in der Atombranche Nachhaltigkeitsfonds den Erwartungen tätig sind. Größter Einzelposten im ver- von ökologisch orientierten Anlegern. meintlichen Ökofonds der Deutsche- Ein Postbank-Sprecher erklärt, dass man Bank-Tochter sind Anteilsscheine des sich bei der Auswahl an internationa- französischen Ölkonzerns Total, der von len Nachhaltigkeitsstandards orientiere, Umweltschützern zum wiederholten und verweist auf die Rechenschaftsbe- Mal kritisiert wird. Dass die Postbank richte des Fonds. REKLAME boten. Sixt hält die Werbung für irreführend, eine Vergleichbarkeit der Humorloser Sixt Mietmöglichkeiten sei nicht gegeben. So biete Tamyca Fahrzeuge von Privatleuten an, Sixt hingegen sei einKaum ein Unternehmen will mit Wer- „Premiumanbieter“. Tamyca argumen-bung derart gezielt provozieren wie tierte zwar, dass manche Beanstandun- PETER KNEFFEL / PICTURE ALLIANCE / DPAdie Autovermietung Sixt. Mehrmals gen „ins Leere“ gingen. Dennoch gabwurden Sixt-Motive mit Unterlas- die Firma vergangene Woche eine teil-sungserklärungen attackiert. Nun aber weise Unterlassungserklärung ab. Sixtschießt ausgerechnet der von Erich sagt: „Als Vorreiter der vergleichen-Sixt gelenkte Mietriese gegen einen den Werbung“ begrüße man entspre-wenig bekannten Carsharing-Anbieter. chende Aktivitäten. „Falsche Anga-Das Start-up Tamyca verglich auf ben, die darauf abzielen, Sixt in einseiner Website, unterlegt mit frechen schlechtes Licht zu rücken, können al-Slogans, Sixt-Preise mit eigenen Ange- Sixt lerdings nicht hingenommen werden.“66 D E R S P I E G E L 1 6 / 2 0 1 2
  • Wirtschaft SOLARBRANCHE um die brutalen Kursverluste vorher, nämlich zwischen 2005 und 2011. „Hart und falsch“ SPIEGEL: Die deutsche Solarbranche scheint am Ende. Seit November mussten sieben namhafte HerstellerConergy-Chef Philip Insolvenz anmelden. Gehen beiComberg, 44, über Conergy auch bald die Lichter aus?den zweifelhaften Comberg: Das sehe ich nicht. Die Bran-Ruhm, als größter che befindet sich in einem knallhartenGeldverbrenner globalen Wettbewerb. Durch die Kür-der Republik zu zung der Solarförderung ist das Um-gelten feld sicher nicht besser geworden. Die Solarbranche ist eine junge Industrie,SPIEGEL: Der Börsenwert Ihrer Firma die extrem schnell, vielleicht zu schnellist 2011 um 87 Prozent eingebrochen. gewachsen ist – und wo sicher sehrWie fühlt man sich als größter Kapital- viele Fehler gemacht wurden. Conergyvernichter am deutschen Aktien- steuert seit 2011 gegen. Mit Erfolg.markt? SPIEGEL: Profitieren nun die letztenComberg: Für unsere Aktionäre ist das verbliebenen Solarhersteller von derzweifellos schmerzhaft. Sie haben in Krise der anderen?fünf Jahren fast ihr gesamtes Kapital Comberg: Wir haben den einen oderverloren. Das basiert vor allem auf ei- anderen harten Schnitt früher gemachtner Reihe von Fehleinschätzungen des als unsere Konkurrenz, das hilft unsalten Managements. Unsere Anteils- jetzt. Wer sich in diesem Umfeld be-eigner müssen das nun leider aus- hauptet, kann von einer Marktbereini-baden. Wir haben 2011 einen Kapital- gung profitieren. Die Nachfrage nachschnitt gemacht, aus unseren Fehlern Solaranlagen ist ungebrochen. Dasgelernt und kommen endlich voran: sehen wir in unseren Auftragsbüchern.Im ersten Quartal dieses Jahres haben SPIEGEL: Derzeit boomen vor allemwir zum ersten Mal seit dem Börsen- asiatische Hersteller. Wird Conergygang mehr eingenommen, als wir bald chinesisch?ausgegeben haben. 2012 wollen wir Comberg: Wir wollen schon jetzt zu-operativ schwarze Zahlen schreiben. sammen mit asiatischen Partnern Auf-SPIEGEL: Die „Bild“-Zeitung hat Sie den- träge akquirieren. Je mehr wir operativnoch zum „Verlierer“ des Tages gekürt. zulegen, desto interessanter werdenComberg: Das ist wirklich hart, zumal wir natürlich für mögliche Partner.es falsch ist. Ich bin erst seit drei Mo- Sinnvollen Gesprächsangeboten wer-naten Vorstandschef, und hier ging es den wir uns nicht verschließen. NAH RUNGSM IT TEL in den Jahren 2000 bis 2009 gab es sechs Bußgeldbescheide über insge- Latexhandschuhe samt 12 750 Euro. Mal fanden die Le- bensmittelkontrolleure eingebackene im Teig Reste von Latexhandschuhen, mal waren Maschinen verunreinigt, oder es gab Schabenbefall. Das zuständigeDie bayerischen Behörden waren viel Landratsamt Freising gestand dies nunfrüher über die gravierenden Hygiene- ein, nachdem es zuvor behauptet hat-mängel bei der Großbäckerei Müller te, „gravierende Mängel erstmals 2010informiert als bisher bekannt. Bereits festgestellt“ zu haben. Unterdessen stockt der Verkauf der insolventen Brotfabrik in Neufahrn bei München. Der vorherige Besitzer Klaus Ostendorf, der die Mängel zu verantworten hatte, scheiterte mit einem Rückkauf. Seiner Firma Backwelt gehören aller- dings eine Backmaschine MARC MÜLLER / DPA im Werk und die EDV-Anla- ge, was nun den Verkauf an Gründertochter Evi Müller und den Münchner BäckerMüller Franz Höflinger verzögert. D E R S P I E G E L 1 6 / 2 0 1 2 67
  • Wirtschaft W E LT W I R T S C H A F T Showdown in WashingtonDie Europäer wollen vom Internationalen Währungsfonds zusätzliche Milliarden, um ihre Schuldenkrise zu bekämpfen. Doch die Schwellenländer widersetzen sich den Plänen. Sie werfen dem Westen vor, seine Macht zu missbrauchen.W enn Wolfgang Schäuble (CDU) „Wir haben unsere Hausaufgaben ge- Grund für Schäubles Zufriedenheit am Donnerstag nach Washing- macht“, lobt der deutsche Finanzminister sind die jüngsten Beschlüsse der Euro- ton aufbricht zur Frühjahrs- sich und seine Kollegen aus der Euro- Gruppe, der Versammlung der Finanzmi-tagung von Internationalem Währungs- Zone. Selten zuvor sei er in den vergan- nister aus den 17 Mitgliedstaaten der Wäh-fonds (IWF) und Weltbank, dann reist genen Jahren mit einem besseren Gefühl rungsunion. Vor zwei Wochen vereinbar-eine Menge Gleichmut und Genugtuung zu einem derart wichtigen internationa- te die Runde in Kopenhagen, die beidenmit. len Finanzgipfel gereist. Rettungsschirme für den Euro breiter zu spannen. 800 Milliarden Euro, umgerech- net mehr als eine Billion Dollar, wollen die Europäer bei Bedarf mobilisieren, um strauchelnde Mitgliedsländer zu stützen. Monatelang hatte IWF-Chefin Chris- tine Lagarde Schäuble und seine Kollegen gedrängt, die Brandmauern für die Euro- Rettung zu erhöhen. Würden sie eine Billion Dollar bereitstellen, sei vom IWF noch einmal so viel für einen globalen Rettungsschirm zu erwarten, versprach sie. Am Donnerstag dimmte sie die Er- wartungen an den Fonds ein klein wenig nach unten, weil die schlimmsten Befürch- tungen nicht eingetreten seien. Jetzt melden die Europäer Vollzug und hoffen auf mehr Geld aus Washington. Schäuble und seine Kollegen kommen mit der Erwartung in die US-Hauptstadt, dass einem größeren Engagement des IWF nichts mehr im Wege stehe. Aber die Hoffnungen könnten trügerisch sein. Ein Selbstläufer jedenfalls sind die zusätzlichen Geldhilfen nicht. Bei vielen der insgesamt 187 Mitgliedstaaten des IWF wächst der Unmut über die An- spruchshaltung des noch immer wohlha- benden alten Kontinents. Viele Politiker ärmerer Weltregionen nehmen den Euro- päern übel, dass sie, obwohl sehr reich, sich nicht selbst zu helfen wissen. Was die Vertreter von Schwellenlän- dern besonders erbost, ist die Tatsache, dass der IWF bislang mehr Geld für euro- päische Pleitestaaten mobilisiert hat als für die Finanzkrisen in Russland, Süd- korea und Mexiko zusammen. Die Hilfen allein für Griechenland summieren sich auf das 23fache der griechischen Kapital- einlage beim Fonds. Nie zuvor in den mehr als 60 Jahren seines Bestehens hat der Fonds ein in Schieflage geratenes GETTY IMAGES Land so großzügig mit Hilfe bedacht. Für die Schwellenländer Brasilien, Russland, Indien, China und Südafrika,IWF-Chefin Lagarde: Die Praxis straft alle großen Pläne Lügen die als sogenannte BRICS-Staaten firmie-68 D E R S P I E G E L 1 6 / 2 0 1 2
  • ren, ist die Freigebigkeit ein weiterer Be- Noch immer steht nicht fest, wann die der 800 Milliarden Euro schon längst ver-leg dafür, dass die alten Industriemächte damals verabredete Erhöhung der Kapi- plant. „Das Verfahren ist sehr undurch-Europas und Nordamerikas die Washing- talquoten für China und Co. in Kraft tritt. sichtig.“toner Organisation als Selbstbedienungs- Noch immer ist unklar, wann die Euro- Entsprechend zurückhaltend sind No-laden verstehen. Sie sind wild entschlos- päer, wie versprochen, zwei Sitze im Exe- gueira Batista und seine Kollegen, wassen, neue Hilfen für Europa wenn schon kutivdirektorium des IWF, dem obersten weitere IWF-Hilfen angeht. Er legt Wertnicht zu verhindern, so doch zu verzögern. Beschlussorgan, abtreten. Dabei sind sie auf die Feststellung, dass seine Regierung Gegen Ende der Woche wird es in der in dem Lenkungsgremium notorisch über- noch keine endgültige Entscheidung ge-US-Hauptstadt zum Showdown kommen. repräsentiert. troffen habe und er sie auch nicht vor-Dabei geht es nicht nur darum, wie die „Die Europäer wollen unsere Hilfe, wegnehmen könne, aber: „Ich halte esWelt kurzfristig aus der Krise findet. Der kommen uns aber bei der IWF-Reform nicht für ausgemacht, dass es schon beiStreit um zusätzliche Hilfen für Europa nicht entgegen“, schimpft Paulo Nogueira der Frühjahrstagung zu einer Bewilligungist nur ein Symptom für viel tiefgreifen- Batista, 57, der Vertreter Brasiliens und kommt.“ Durchaus möglich sei, dass diedere Konflikte. In Wirklichkeit tobt ein acht weiterer lateinamerikanischer Län- Entscheidung erst auf dem G-20-GipfelMachtkampf zwischen alten Industrielän- der im Exekutivdirektorium des IWF. im Juni falle.dern und aufstrebenden Schwellenstaaten „Das ist schon sehr merkwürdig.“ Die BRICS-Länder wollen auf Zeit spie-darüber, wer in einer der wichtigsten Der brasilianische Ökonom ist so etwas len. Ihnen geht es um eine kleine Macht-Institutionen der Globalisierung künftig wie der Rädelsführer der BRICS-Staaten demonstration. Doch ihre Ziele sind weit-das Sagen haben wird. in der Direktorenrunde des IWF. Aus sei- reichender. Sie wollen die Stimmrechte Die Beteiligung am zweiten Rettungs- ner Skepsis gegenüber den Kopenhage- innerhalb des IWF zu ihren Gunsten ver-paket für Griechenland oder die Aufsto- ner Beschlüssen von Ende März macht schieben und den traditionellen Anspruchckung zeitlich befristeter Kreditlinien an er kein Geheimnis. Die Europäer hätten der Europäer auf den Chefsessel derden IWF, mit denen die neuen Hilfen die Rettungsschirme „weniger als verspro- Washingtoner Organisation brechen.finanziert werden sollen, sind für die chen“ aufgestockt. Tatsächlich sind 300 „Der Fonds entspricht nicht mehr denBRICS-Staaten willkomme- Wirklichkeiten des 21. Jahr-ne Anlässe für eine Kraft- Westliche Dominanz hunderts“, sagt Nogueiraprobe. Langfristig geht es Stimmenanteile der Mitgliedstaaten des IWF, in Prozent Batista. „Die Euro-Länderihnen darum, ihr Gewicht missbrauchen ihre Macht imentsprechend ihrer gewach- Japan Sonstige USA IWF“, klagt er. Viel zu vielesenen weltwirtschaftlichen 6,2 35,8 16,8 Mittel und damit auchBedeutung in den Entschei- Risiken konzentrierten sichdungsgremien des Fonds in Europa. In Wirklichkeitwiederzufinden. Ein zähes sei der IWF längst keinRingen für die nächsten Weltwährungsfonds mehr.Jahre ist programmiert. „Wir haben es hier mit Die Marschrichtung der einem Nordatlantik-Wäh-Schwellenländer für die rungsfonds zu tun.“Frühjahrstagung gaben vor EU-27 Der Streit um die Mittel-zwei Wochen die Staats- China 31,0 aufstockung bietet denund Regierungschefs der 3,8 Nachwuchsmächten zudemBRICS-Staaten bei ihrem die Gelegenheit, einen KeilTreffen in Neu Delhi vor. zwischen Amerikaner und„Dringend geboten“ sei, davon: Europäer zu treiben. Tradi-dass ihre Länder eine wich- Russland tionell halten beide eng zu-tigere Rolle im IWF spielen 2,4 Deutschland sammen, etwa wenn es dar-sollten, dass sich ihre wach- 5,8 um geht, einen neuen IWF-sende wirtschaftliche Be- Chef zu küren.deutung auch widerspiegele Indien Frankreich Groß- Italien Diesmal wirkt die Allianzbei Sitz und Stimme in den 2,3 4,3 britannien 3,2 brüchig. Die AmerikanerEntscheidungsgremien der 4,3 wollen kein zusätzlichesOrganisation. Brasilien Geld für den globalen Ret- Eine eindeutige Warnung 1,7 tungsschirm bereitstellen,schickten sie Richtung zudem blockieren sie dieEuropa: Die Bemühungen, Umsetzung der Reformbe-die Ausleihkapazitäten des Zur Krisenbewältigung bewilligteFonds zu erhöhen, könnten IWF-Kredite für ausgewählte Länder, 107,0 schlüsse. Präsident Barack Obama wagt es nicht, dennur von Erfolg gekrönt sein, in Milliarden Dollar US-Kongress noch vor derwenn vereinbarte Reform- Quelle: IWF Griechenland.... 39,3 im Herbst anstehenden Prä-beschlüsse auch umgesetztwürden. 40,1 Portugal ............... 37,8 Irland..................... 29,9 sidentschaftswahl um mehr Geld für den IWF zu bitten. Schon seit Jahren ringen Südkorea ....... 21,1 „Europa kann seine Pro-die Schwellenländer im Indonesien ... 15,0 bleme aus eigener Kraft lö-IWF um mehr Einfluss, der 17,8 Thailand .............. 4,0 sen“, sagt US-Finanzminis- Mexikoihnen 2010 schließlich auch ter Timothy Geithner. „Dervon den etablierten In- IWF kann keinen robustendustriemächten zugestan- Rettungsschirm der Euro-den wurde. Doch die Praxis Länder ersetzen.“straft alle großen Pläne bis- Mexiko-Krise Asien-Krise Euro-Krise Bei dieser Verweigerungs-lang Lügen. 1995/96 1997/98 seit Ende 2009 haltung ist es geblieben. „Die D E R S P I E G E L 1 6 / 2 0 1 2 69
  • amerikanische Regierung hält sich weit- bereitet es keine Schwierigkeiten, die Mit- die Schwellenländer die Beschlüsse so-gehend zurück und hofft, dass in diesem tel für den IWF aufzubringen. Rücksich- wieso nicht. Dafür fehle ihnen die Mehr-Jahr keine weiteren Katastrophen passie- ten auf eine widerspenstige Volksvertre- heit.ren“, heißt es in IWF-Kreisen. tung kennen sie ohnehin nicht. Außerdem spekulieren die Europäer Obama fürchtet, sich dem Vorwurf aus- Die Berliner Bundesregierung beobach- auf das Eigeninteresse der BRICS-Staa-zusetzen, amerikanisches Steuergeld zu tet die Zurückhaltung der Amerikaner ten. Von den zusätzlichen Mitteln sollenverschleudern. Hinzu kommt eine ausge- mit zwiespältigen Gefühlen. „Es ist be- nicht nur die Europäer profitieren, sie ste-prägte Skepsis gegenüber internationalen dauerlich, dass die USA keinen eigenen hen weltweit allen Mitgliedern zur Ver-Organisationen, die die letzte verbliebene Beitrag leisten“, heißt es im Bundesfi- fügung. Geboten scheint das allemal,Supermacht häufig entwickelt. Zu viel in- nanzministerium. Dennoch wollen die denn Untersuchungen des IWF haben er-ternationale Zusammenarbeit verträgt geben, dass auch entlegenste Weltgegen-sich nicht mit der eigenen Vorstellung als den die Auswirkungen der Euro-Krise zuHegemon. „Europa funktioniert spüren bekommen. Bei ihren – im IWF- Die US-Republikaner nutzen die Schul- schon in Europa nicht“, Jargon „Tail Risk“-Szenarien genannten –denkrise der alten Welt zudem als Beleg Projektionen kommen die Experten vondafür, dass das europäische, angeblich so- wettert Obama-Heraus- Fonds-Chefin Lagarde zu dem Schluss,zialistische Wirtschaftsmodell gescheitert dass bei einem Zusammenbruch Spaniensist. „Europa funktioniert schon in Europa forderer Mitt Romney. oder Italiens auch Länder in Lateiname-nicht“, wettert Obamas wahrscheinlicher rika und Asien in Bedrängnis geratenHerausforderer Mitt Romney immer wie- Mitarbeiter von Ressortchef Schäuble könnten. Solche Nebenbeben in ihremder auf den Wahlkampfveranstaltungen – nicht alle Hoffnung fahren lassen. „Wir Hinterhof, so die Hoffnung der Europäer,und will damit Obama treffen, der in sind zuversichtlich, dass die Ressourcen- wollten die BRICS-Staaten bestimmt ver-Amerika ein Wirtschaftsmodell europäi- erhöhung auf der Frühjahrstagung be- meiden. Deshalb würden sie die Mittel-scher Prägung einführen wolle. schlossen wird und die BRICS-Staaten da- aufstockung schon mittragen. Einen Profiteur der amerikanischen Zu- bei mitziehen.“ Was den Umfang der IWF-Hilfen an-rückhaltung gibt es dennoch: China. Zu- Auf ein Koppelgeschäft mit den Schwel- geht, sind die Europäer mittlerweile be-frieden registrieren Offizielle der zweit- lenländern – Hilfe für Europa, im Gegen- scheiden geworden. Das Ziel, eine Billiongrößten Wirtschaftsmacht der Erde, wie zug mehr Mitsprache im IWF – will sich Dollar zu mobilisieren, haben sie aufge-sich die Amerikaner selbst aus dem Spiel die Bundesregierung nicht einlassen. „Es geben. Wenn stattdessen nur 800 Milliar-nehmen. Ihnen kommt jeder Einflussver- gibt keinen unmittelbaren Zusammen- den Dollar zusammenkämen, heißt es beilust der alten Hegemonialmacht gelegen. hang zwischen der aktuellen Anhebung ihren Unterhändlern, sei das doch auch Die Chinesen gebieten über die größ- der Ressourcen und weiteren Reformen „ein schönes Ergebnis“.ten Währungsreserven der Welt. Ihnen beim IWF.“ Dauerhaft aufhalten könnten MARC HUJER, CHRISTIAN REIERMANN
  • Wirtschaft Inzwischen kaufen die bereits erfolg- reichen und durch zahlreiche Finanzie- INTERNET rungsrunden mit reichlich Geld ausgestat- Kapital sucht Superstar teten Internetunternehmen drohende Konkurrenten auf – um sie zu integrieren oder aber schlicht vom Markt zu nehmen. Die Instagram-Übernahme durch Face- book ist extrem, aber trotzdem nur einDie Milliardenübernahme von Instagram durch Facebook ist nur Beispiel. Twitter etwa übernahm jüngst ein Beispiel für das wilde Wettrennen um die nächste die Blog-Plattform Posterous, Groupon den Reisedienst Uptake.Internetsensation. Der Auswuchs einer neuen Spekulationsblase? Mit von der Partie sind zudem auch wieder die Investmentbanken und Wall-E s ist zwar keine Garage, aber auch nun erst richtig heiß: Nicht nur die Be- Street-Investoren, die sich nach der Fi- nicht viel größer: In einem kleinen, wertungen für bereits bekannte Online- nanzkrise aus dem Technologie-Mekka hellgelben Bungalow in der Innen- Unternehmen wie die Blogging-Seite zurückgezogen hatten und nun zurück-stadt von Palo Alto drängeln sich rund 30 tumblr oder die Tagebuch-App Path sind gelockt werden. Das hat den Wettbewerbjunge Programmierer. Ihre Internetseite in den vergangenen Monaten rasant ge- zuletzt enorm befeuert, erzählen führen-zum Austauschen von Fotos hat kein stiegen (siehe Grafik). Auch für noch un- de Investoren im Silicon Valley.Geschäftsmodell, aber schon 20 Millionen bekannte Mini-Firmen mit zwei Mann Und es treibt die Preise: Instagram warNutzer. In den vergangenen Monaten und einer Idee werden schon wieder Mil- erst vor zwei Wochen noch mit 500 Mil-hatten sich erst die Medienberichte über lionen auf den Tisch gelegt. lionen Dollar bewertet worden – eine oh-die wohl heißeste neue Internetanwendungund dann die Gerüchte gehäuft, dass sievielleicht bald von Facebook übernommenwerde. Der Name der Firma: Pinterest. Gekauft hat Facebook vergangene Wo-che dann eine andere Firma: die Handy-App Instagram. Für eine Milliarde Dollar,in Bargeld und Aktienoptionen. Die Ähnlichkeiten zwischen den bei-den Minifirmen sind indes verblüffend.Auch Instagram ist ein Netzwerk für Foto-veröffentlichung und -bearbeitung, mit13 Mitarbeitern, ohne Geschäftsmodell,aber mit weltweit 30 Millionen Nutzern. Instagram und Pinterest gehören zu ei-ner zweiten Welle von sozialen Netzwer-ken, die in den vergangenen gut drei Jah-ren entstanden sind. Sie wollen einerseitsganz anders sein als der Riese Facebook,andererseits aber versuchen, von derNähe zu dem Online-Giganten und sei-nen inzwischen über 800 Millionen Nut-zern zu profitieren. Dutzende solcher Fir-men sind vor allem im Silicon Valley neu POLARIS / LAIFentstanden, finanziert von den zahlrei-chen Risikokapitalgebern vor Ort. Ausdauernd streiten sich deswegen dieExperten, ob sich eine neue Internetblase Instagram-Gründer Krieger, Systrom: Eine Milliarde Dollar für ein bisschen Bildbearbeitungbilde wie einst zur Jahrtausendwende. Esgibt viele Argumente, die dafür sprechen:Börsenfieber, irre Preise, Medienhype um Hip – und hopp! Diese Anwendungen sind noch zu habenkleine Klitschen und die Existenz von Un-mengen billigen Geldes, das global nachAnlagemöglichkeiten sucht. Aber vieles spricht auch gegen die Bla-sen-Theorie: Längst gibt es nicht nur vageGeschäftsideen. Die Großen der Brancheverdienen richtiges Geld. Google ver- Sie sind da, die Bloggers Liebling – Mein liebes Tage- Die Zukunft derkündete vergangene Woche allein fürs digitalen Pinnwände, insgesamt 21 Mrd. buch – ist heute eine Musikindustrie? Derjüngste Quartal einen Gewinn von 2,9 und weit weniger Posts veröffentlichte Smartphone-App und aus Schweden stam-Milliarden Dollar. Und anders als um die spießig als ihre Vor- der amerikanische heißt Path. Es ist mende MusikdienstJahrtausendwende verfügen die Unter- gänger aus Kork. Der Blog-Dienst tumblr. eines der derzeit Spotify bietet fürnehmen, auch die ganz jungen, oft schon amerikanische Dienst bisher. Sein Konkur- gefragten Unter- einen monatlichenüber viele Millionen Kunden. Pinterest gehört rent Posterous wurde nehmen im Silicon Beitrag Zugriff auf Im Vorfeld des demnächst erwarteten zu den meistbe- bereits von dem Kurz- Valley und dürfte Lieder und Alben.Börsengangs von Facebook läuft die Su- suchten Web-Seiten nachrichtendienst Facebook & Co. Wer braucht dache nach der nächsten Internetsensation in den USA. Twitter übernommen. interessieren. noch iTunes? D E R S P I E G E L 1 6 / 2 0 1 2 71
  • Wirtschaftnehin bereits wahnwitzige Summe für einUnternehmen, das noch keinen DollarGewinn gemacht hat. Facebook zahltedas Doppelte. Führende Wagniskapitalgeber wie An-dreessen Horowitz, Sequoia oder Accelzahlen nicht selten zweistellige Millionen-summen für Beteiligungen im Bereichvon zehn Prozent. Dabei spielt kaum eineRolle, ob ein Unternehmen überhaupt ei-nen Plan hat, wie es später einmal Geldverdienen will, betont ein führender Ma-nager einer notorisch verschwiegenen JUSTIN SULLIVAN / GETTY IMAGESVenture-Capital-Firma. Die wichtigsteWährung seien heute die Nutzer. „Nutzer, Nutzer, Nutzer. Je mehr Nut-zer ich habe, umso mehr Geld kann ichmit denen irgendwann verdienen“, sagteSAP-Mitgründer Hasso Plattner im SPIE-GEL-Gespräch (13/2012). Vorhersehbar ist der Erfolg vor allem Facebook-Chef Zuckerbergim Frühstadium von Technologieneugrün- Das Wettrennen anheizendungen nicht. Manche schwächeln trotzscheinbar toller Ideen jahrelang vor sich Wochen sechs Millionen neue Nutzer hin-hin. Für andere dagegen kommt der zu. Dabei ist Pinterest nicht viel mehr alsBoom fast über Nacht. eine Pinnwand im Internet. Instagram etwa wurde erst im Oktober Nutzer stellen Bilderkollektionen zu-2010 von den zwei Stanford-Studenten sammen, die sich um spezielle ThemenMike Krieger und Kevin Systrom gegrün- drehen – von Modetrends über Kuchen-det, entwickelte sich aber schnell zu rezepte bis zu brasilianischer Architektur.einer beliebten App fürs iPhone. Die Die digitalen Collagen können dann, wieSoftware ermöglicht es, per Mobiltelefon bei sozialen Netzwerken üblich, vongeschossene Fotos mit Spezialeffekten Freunden kommentiert und weiteremp-zu bearbeiten und dann mit Freunden fohlen werden. Doch das simple Konzeptzu teilen. trifft scheinbar einen Nerv – vor allem Fotos sind auch einer der Schlüsselfak- bei Frauen, die rund 70 Prozent der Pin-toren von Facebook, sie beeinflussen we- terest-Nutzer ausmachen.sentlich, wie lange Nutzer auf der Seite Anfangs war die Website monatelangbleiben. Eine Anwendung, die das um- fast unbeachtet geblieben. Seit Andrees-geht, ein eigenes Fotonetzwerk, wäre des- sen Horowitz, die führende Risikokapital-halb eine Bedrohung für den Riesen. firma des Silicon Valley, im Oktober bei Zudem ist Instagram eine rein Handy- dem Winzling eingestiegen ist, hat sichbasierte Anwendung. Und dies wiederum die Zahl der Nutzer bereits versieben-ist jenes Terrain, auf dem Facebook seine facht.vielleicht größten Schwächen hat. Die In- Mit besonderem Interesse verfolgte dieternetnutzung verlagert sich vor allem Branche, was die treibende Kraft desbei Jugendlichen immer mehr vom Com- plötzlichen Wachstums war: Nicht, wieputer aufs Handy. Doch bislang greift nur bislang bei fast allen Internetphänome-die Hälfte der Facebook-Nutzer so auf nen üblich, hippe Jugendliche, Studentendie Seite zu. und Computerfreaks in New York oder Vor allem deswegen ist Facebook- San Francisco, sondern insbesondereGründer Mark Zuckerberg lieber bei Hausfrauen aus dem Mittleren WestenInstagram eingestiegen als bei Pinterest, der USA. Von dort stammt auch Pinte-das noch vor vier Wochen von der „New rest-Gründer Ben Silbermann.York Times“ zum „am heißesten dis- In seinen Jugendjahren in Iowa habekutierten Start-up“ gekürt wurde. Aller- er „manisch Insekten gesammelt“, späterdings ist es gut möglich, dass Pinterest sei ihm aufgefallen, dass es viele Gleich-bald für einen ähnlich irrwitzigen Preis gesinnte gibt, die alle möglichen Kollek-von anderen gekauft wird. Die Be- tionen zusammentragen und zur Schaureitschaft von Facebook, ohne große stellen wollen, erzählt Silbermann.Verhandlungen eine Milliarde Dollar zu Für die vielen Investoren auf der Suchebieten, wird das Wettrennen um den nach dem neuen Facebook bedeutet dasnächsten Internethit noch weiter an- wohl, dass es künftig nicht mehr reicht,heizen. sich einfach auf das Silicon Valley zu kon- Pinterest hat dabei gute Chancen, denn zentrieren.kein Online-Angebot hat jemals schneller Das nächste große Internetding kanndie Marge von zehn Millionen Nutzern von überall her kommen, sogar aus dererreicht. Nicht mal Facebook. Allein zu Provinz.Jahresanfang kamen innerhalb von vier THOMAS SCHULZ72 D E R S P I E G E L 1 6 / 2 0 1 2
  • Wirtschaft Die Ware der Hoflieferanten Tierarzneimittelmarkt in Deutschland 2010, in Millionen € 900 Antiparasitika (z. B. Wurmmittel) 127 724 202 Antiinfektiva (z. B. Antibiotika) Biologika (z. B. Impfstoffe)CARSTEN REHDER / DPA 188 197 Quelle: Pharmazeutische 2003 2010 Bundesverband Spezialitäten für Tiergesundheit (z. B. Verdauungs- Antibiotikaverbrauch förderer und Mastschweine: „Die Margen mancher Tierärzte sind höher als die von Kokain-Dealern“ in der Tierhaltung, in Tonnen Salben) VETERINÄRE „Die schreit nach Antibiotika“ „Die Margen mancher Tierärzte sind höher als die von Kokain-Dealern“, sagt Nicki Schirm, seit über 25 Jahren Veteri- när in Hessen. Findet ein Tierarzt ein krankes Küken unter 20 000 Artgenossen, Tierärzte sind zu Handlangern der Massenhaltung geworden – reiche das für eine vorsorgliche Antibio- als Ärzte und Apotheker in Personalunion. Das Geschäft machte tika-Behandlung des kompletten Bestan- des, sagt Schirms Kollege Rupert Ebner viele reich, bedroht aber zunehmend Tier und Mensch. aus Ingolstadt. „Bestandsbetreuung ist heute der Deckname für eine meist will- W enn sich bei der Kuh Almera ner Staatsanwaltschaft sprachen von ei- fährige Medikamentenabgabe“, so Ebner. der Labmagen verdreht hat ner „rollenden Apotheke“. Antibiotika Eine vermeintlich legale Antibiotika-An- oder das Lama-Männchen Ava- sollen auf Euro-Paletten gelagert gewesen wendung werde häufig einfach mit fal- tar auf Tuberkulose untersucht werden sein. Die Tierklinik, sagte ein Ex-Mitar- schen Diagnosen vorgetäuscht. muss, ist Björn Seelig zur Stelle. Er ist beiter damals aus, sei im Prinzip ein Ver- In großen Tierpraxen machen die Tierarzt im Taunus und einer der bekann- sandhandel von Arzneimitteln gewesen – Pharmaerlöse mitunter 80 Prozent des testen Veterinäre der Republik: Nachmit- und die Pharmaindustrie habe sich mit Umsatzes aus. Hauptgründe dafür sind tags in der Vox-Fernsehserie „Menschen, enormen Rabatten bedankt. die Mengenrabatte der Pharmaindustrie Tiere und Doktoren“ stellt er seine Fin- Zwar trieb es das Trio aus dem Taunus und das süße Privileg des Dispensier- gerfertigkeit unter Beweis. besonders dreist, doch bei den Überwa- rechts – eine Sonderregelung des Apo- Es ist eine rührende Idylle, die der Sen- chungsämtern liefen in den vergangenen thekenmonopols. Seit über 150 Jahren der dort inszeniert: Zu sehen sind zupa- Jahren Hunderte ähnliche Fälle auf. Die dürfen die Tierärzte verschreiben und ckende Landtierärzte in Gummistiefeln meisten endeten als Ordnungswidrigkei- gleichzeitig verkaufen – und zwar fast auf Frühlingswiesen mit Lämmern. Star- ten mit kleinen Geldbußen, wenn über- ohne Kontrolle. ke Medikamente? Kommen in dieser haupt. Schuld daran ist ein bisher recht Das allerdings könnte sich nun ändern, Fernsehwelt eher selten zum Einsatz. dehnbares Arzneimittelrecht und ein die Tierärzte sind ins Fadenkreuz der Die Idylle trügt. Viele Kollegen von System, das jene belohnt, die viel ver- Politik geraten. Auslöser waren Unter- Seelig können auch anders. Eine ganze schreiben. suchungen von niedersächsischen und Batterie von Arzneien steht ihnen in der nordrhein-westfälischen Tierbeständen, Hausapotheke ihrer Praxis zur Verfügung. bei denen der massenweise Einsatz von Davon wurde in der Vergangenheit üppig Antibiotika belegt werden konnte. In und flächendeckend Gebrauch gemacht, NRW hatte der Grünen-Umweltminister auch in Seeligs Unternehmen: Vor ein- Johannes Remmel 182 Hühnermast- einhalb Jahren wurden drei Veterinäre bestände untersuchen lassen. Über 90 dieser Praxis zu insgesamt 90 000 Euro Prozent der Tiere waren mit Antibiotika Geldstrafe verurteilt. behandelt worden, viele mehrfach, sie FANDANGO / VOX Sie hatten in großem Stil Medikamente standen quasi unter Dauer-Dope. Andere verkauft, die teils nicht zugelassen waren, bekamen die Mittel nur ein oder zwei und Dutzende Liter Arzneien für Tiere Tage, was wiederum zu kurz ist und den abgegeben, die den Stoff nie hätten be- Tiermediziner Seelig Zulassungsbedingungen widerspricht. kommen dürfen. Ermittler der Wiesbade- Rührende Idylle fürs Fernsehen Dienten die Arzneien also nicht der 74 D E R S P I E G E L 1 6 / 2 0 1 2
  • WirtschaftKrankheitsbekämpfung, sondern der Ga- diesen Funden hatte das Bundesinstitut Wege medikamenteller Behandlungsstra-rantie des Masterfolgs? für Risikobewertung (BfR) Masthühner- tegien“. In Holland, sagt Snoek, seien die Nicht nur die Landwirte, auch die bestände untersucht und in allen resis- Antibiotika allein im Jahr 2011 um 32 Pro-Veterinäre stehen unter Verdacht. Die tente Keime gefunden. Die nicht zu Panik zent reduziert worden. Das war auch nö-zuständige Bundesministerin Ilse Aigner neigenden BfR-Wissenschaftler mahnten tig, denn Hollands Tiere waren so vollge-will deshalb das Arzneimittelgesetz ver- an, die medikamentöse Überversorgung pumpt mit Stoffen wie wohl keine anderenschärfen und das Dispensierrecht für Tier- in der Tierhaltung zu hinterfragen. Lebewesen in Europa. Damit die Praxisärzte „auf den Prüfstand“ stellen. Was den Forschern besondere Sorgen der Niederländer weiterhin auf zweistelli- Die Lobby der Veterinäre konterte be- macht: Immer mehr Erreger – gerade im ge Millioneneinkünfte kommt, sind Snoekreits mit einer Petition zum Erhalt ihres Geflügelfleisch – sind gleich gegen meh- und seine Kollegen dabei, vorsichtshalberPrivilegs. Von Standesehre und Unab- rere Antibiotika immun, darunter sogar schon mal die Umsatzposten zu verschie-hängigkeit ist die Rede. Doch wie unab- gegen Fluorchinolone, die als sogenannte ben: Die Antibiotika-Einnahmen, vorherhängig sind Tierärzte, die etwa bei riesi- Reserveantibiotika eigentlich besonders rund 60 Prozent der Umsätze, sollen hal-gen niedersächsischen Geflügelvermark- sparsam eingesetzt werden sollen. Doch biert, Beratungen und vorbeugende Imp-tern in der Geschäftsleitung sitzen und von Sparsamkeit spürten die Pharmaher- fungen dafür ausgebaut werden.gleichzeitig Geflügelbestände betreuen? steller in den vergangenen Jahren wenig. Die Internetseite von Snoeks Firma Die Verlockung, gerade die lukrativen Allein mit dem Tier-Antibiotikum Baytril, Lintjeshof erlaubt einen Einblick in denAntibiotika etwas laxer abzugeben, als die das etwa bei Puten oft eingesetzt wird, modernen Veterinärmarkt: Sie wirktStandesregeln es vorsehen, scheint groß: wenn nichts mehr wirkt, machte Bayer 2010 nicht wie eine Praxis, sondern wie ein„In neun von zehn Fällen, in denen ein einen Umsatz von 166 Millionen Euro, elf kleiner Konzern: 24 Ärzte arbeiten anLandwirt um Penicillin bittet, bekommt Prozent mehr als im Jahr davor. In Deutsch- sieben Standorten, zwei Filialen sind iner das Medikament sofort, ohne Unter- land kletterte der Umsatz mit Tierarznei- Deutschland. Zum „Praxismachen“ lohntsuchung“, sagt Veterinär Ebner, der jah- mitteln auf 730 Millionen Euro im Jahr. es sich sogar, per Flugzeug Kunden inrelang einer der Spitzenfunk- Polen oder auch Russland zutionäre seiner Branche war. besuchen.Inzwischen arbeitet das Ex- Veterinäre, fordern immerCSU-Mitglied Ebner für die mehr Kritiker, dürfen nichtGrünen an Gesetzesentwür- länger Arzt oder Apothekerfen, die weiter gehen, als die zugleich sein. In Dänemarkseiner ehemaligen Parteikol- und Schweden ist die Dop-legin Aigner: Mengenrabatte pelfunktion längst verboten,auf Medikamente sollen zu- der Medikamentenverbrauchgunsten von Festpreisen ver- deutlich niedriger als in derboten, Beratungsleistungen hiesigen Landwirtschaft. Aufgetrennt von Arzneimitteln Veranstaltungen des Bundes-abgerechnet werden. verbands Praktizierender In der Debatte um das Dis- Tierärzte (BPT) gewinnt man DETLEV SCHILKE / FOTOFINDERpensierrecht geht es um mehr zwar den Eindruck, im Nach-als das Kappen von ein paar barland stünde die Veterinär-Standesprivilegien. Die gene- branche vorm Exitus. Tatsäch-relle Wirksamkeit der Antibio- lich jedoch ist die Zahl dertika steht auf dem Spiel. Es Tierärzte mit etwa tausendgibt nur eine begrenzte Zahl relativ konstant. Der sowiesovon Wirkstoffen, auf die auch Tierschutzaktivisten in Berlin: Klaustrophobische Enge niedrige Antibiotika-GebrauchMenschen angewiesen sind. Je sank 2011 um rund 25 Prozent.mehr davon auch in der Tierhaltung zum 900 Tonnen Antibiotika sind 2010 an Ein Grund dafür ist das neue Gelbe-Kar-Einsatz kommen, desto größer ist die Tiere in Deutschland verfüttert worden. ten-System. Es beruht auf EinsichtnahmeGefahr, dass Keime neue Überlebens- Das sind 116 Tonnen mehr als im Jahr der Behörden in den Antibiotika-Ver-strategien – also Resistenzen – entwickeln. 2005 und mehr als dreimal so viel, wie brauch des einzelnen Landwirts – und auf Viele solcher Erreger entstehen zwar alle Bundesbürger pro Jahr einnehmen. Verwarnungen sowie Betriebsprüfungen.in Krankenhäusern. Auch die Industrie- Bis Ende März hätten die Pharmaherstel- Die BPT-Funktionäre wollen davonmast birgt jedoch ein Übertragungsrisiko. ler ihre Abgabemengen für 2011 eigent- nichts wissen, auf Merkblättern werdenWiderstandsfähige Keime, die für den lich melden müssen. Eine Reihe von Fir- die Mitglieder weiter auf das alte SystemMenschen eine Gefahr bedeuten, ent- men kam dem nicht nach, das zuständige der Massentierhaltung eingeschworen:deckten Tierschützer vom BUND kürz- Bundesamt für Verbraucherschutz und „Eine Beschränkung von Betriebsgrö-lich in Hähnchenfleisch aus dem Super- Lebensmittelsicherheit musste die Anga- ßen“, heißt es, „ist aus fachlicher Sichtmarkt. 10 von 20 Proben großer Pro- ben nun schriftlich einfordern. nicht zu vertreten.“duzenten wie Wiesenhof enthielten Mit der industriellen Massentierhaltung Da scheint selbst der Massentierhal-Keimtypen, die dazu führen können, dass wuchsen auch die Veterinärpraxen, auf tungs-Monolith Wiesenhof weiter. Abein infizierter Patient nicht mehr auf teils gewaltige Maße. In manchen dieser Sommer will er es versuchsweise mitbestimmte Antibiotika anspricht. „Tierkliniken“ arbeiten inzwischen 20, 30 einem neuen Tierwohl-Label, längerer Wiesenhof verwies zwar auf die um- Angestellte. Die tierärztlichen Hausapo- Mast und kleineren Herden versuchen.fangreichen Hygienetests des eigenen Flei- theken sind mitunter auf „Hallengröße Kommen den Schöpfern der deutschensches und auf eine Halbierung des Anti- angewachsen“, berichtet ein hoher Amts- „Goldhähnchen“ womöglich Zweifel anbiotika-Einsatzes in den vergangenen 20 veterinär einer Landeskontrollbehörde. ihrem angestammten Massengeschäft?Jahren. Belege für diese Halbierung blieb Sam de Snoek ist so ein Landtierarzt Das System der Turbomast scheint über-das Unternehmen jedoch schuldig. der neuen Generation, ein Spezialist für reizt. Die aufs manische Fressen gezüch- Sicher, die Entdeckungen des BUND Schweine. Der Holländer referierte gerade teten Tiere, die den ganzen Tag fett- undwaren eine Stichprobe. Doch bereits vor auf einer Tagung in Göttingen über „Neue eiweißhaltiges Kraftfutter in sich reinstop-76 D E R S P I E G E L 1 6 / 2 0 1 2
  • Wirtschaftfen, leben in klaustrophobischer Enge quasimit einer Durchfall-Garantie. Diesen Sys-temmangel versuchen Mäster wie PeterBodmer* aus der Gegend von Vechta seitJahren mit Medikamenten zu beheben. In den nasskalten Monaten Januar undFebruar war wieder „Alarm“ in Bodmers10 000er-Putenställen, seine Tierärztinmusste anrücken. „Die Pute“, sagt Bodmer,sei so anfällig, „die schreit nach Antibio-tika“. Bringt der Nachbar Gülle aus, seider Infekt für seine Tiere von den herbei-gewehten Keimen quasi garantiert. AlsBodmer vor über 20 Jahren begann, wogein gemästeter Truthahn gut 16 Kilogramm.„Heute sind es 23 Kilo, aber das Herz unddie Lunge sind immer noch genauso groß.“ CARSTEN KOALL Es gebe Alternativen, andere Rassen, Waage-Apotheke in Berlindie nicht so schnell wachsen. Aber den„Herrschaften von Wiesenhof und Co.“reiche das nicht. „Die wollen so viel zehn Krebsgenerika, sagt Tamimi. Vorteil:Brustfleisch, dass den Hähnen in den letz- GESUNDHEIT Als Unternehmer können die Apotheker Reibach auften sechs Wochen vor Übergewicht die neben ihrem üblichen Gewinn auch nochBeine wegknicken.“ die Herstellermarge und den Großhan- Das Stallbuch von Bodmer ist voll von delszuschlag einstreichen. RezeptBehandlungen mit Antibiotika. Schon bei Einen ersten Erfolg erzielte Omnicareden Küken aus der Brüterei schienen Pro- im Februar: Als die Barmer GEK die Ver-bleme aufzutauchen. Trotz penibler Prü- sorgung von Krebspatienten in Nord-fungen in den Brutstätten – es gibt sogar rhein-Westfalen ausschrieb, gewann eineBerichte von Eiern, die mit Formaldehyd 51 Apotheker haben eine Pharma- Bietergemeinschaft aus Omnicare-Apo-besprüht und in Antibiotika-Lösung ge- firma gegründet und stellen theken sämtliche elf Gebietslose.taucht werden – bekommt Bodmer mit- nun teure Krebsmedikamente her. Eine eigene Produktionsanlage müssenunter Küken, die nicht ganz fit sind. Dann die Omnicare-Apotheker nicht einmal auf-wird nachgeholfen, wie dieses Mal – und bauen. Denn Generikafirmen lassen ihre Dwie eigentlich immer: Bodmer kann sich er Kreis war illluster: Rund Präparate inzwischen häufig bei Lohnher-nicht erinnern, dass er eine Herde mal hundert Krebsapotheker aus der stellern fertigen, die mal in China, mal inohne Dope durchgebracht hätte. ganzen Republik nahmen die Ein- Spanien oder Deutschland sitzen. In die- In seinem Stallbuch sind mehrere Be- ladung ihres Kollegen Oliver Tamimi an sen Fabriken rollen montags die Pillen fürhandlungen mit Aviapen vermerkt, ei- und reisten nach Bayern, um die zuneh- Hexal vom Band, dienstags die für Ratio-nem Antibiotikum gegen Durchfall, das mende industrielle Herstellung von Che- pharm, mittwochs die für Stada. Geliefertoffenbar nicht recht wirkte und teils viel motherapie-Infusionen zu diskutieren. wird in Original-Firmenverpackungen.zu kurz verwendet wurde. Hinzu kamen Denn diese Produktion bedroht die Ge- Nach Angaben von BranchenkennernPenicilline gegen Schnupfen. Später zog winne der traditionellen Apotheken. bieten Lohnhersteller die Chemo-Medi-seine Tiermedizinerin mit Baytril die Mit keinem anderen Medikament kön- kamente extrem günstig an. Paclitaxel„Notbremse“, so Bodmer. Zwölf Liter nen sie bisher so viel Reibach machen beispielsweise, für das die Krankenkassenließ sie ihm da, die er selbst dosieren wie mit Krebsinfusionen, die sie selbst 980 Euro bezahlen, kann man für 35 Eurokonnte. So viel Einsatz hat seinen Preis: zubereiten. Sie können eine Packung des kaufen. Auf Anfrage weist Tamimi denIm Januar ist Bodmer über 10 000 Euro Wirkstoffs Paclitaxel für 350 Euro einkau- Verdacht der Renditegier von sich. Esfür Medikamente losgeworden. fen, den Krankenkassen dafür aber 980 gehe Omnicare im Interesse der Patienten Ganz im Sinne der Standesregeln war Euro in Rechnung stellen (SPIEGEL darum, die wohnortnahe Versorgungdie Behandlung nicht. Die Veterinärin hat 15/2012). Weil dieses Geschäft so lukrativ sicherzustellen. Denn die industriellenjedoch eine Art Risikoversicherung: Es ist, drängen seit Jahren industrielle Her- Hersteller müssten oft weite Wege zurück-bestehen verwandtschaftliche Verbindun- steller in den Markt. Allein durch ihre legen, um die Infusionen in die Arzt-gen zu einem hohen Amtsveterinär, so Größe können sie die Krebsmedikamente praxen zu liefern. Da manche Stoffe aberdass keine Schwierigkeiten drohen. (Zytostatika) aber noch günstiger einkau- nur wenige Stunden haltbar seien, sei Relativ problemlos läuft es auch wieder fen als ein einzelner Apotheker. damit immer auch ein Risiko verbunden.für einen Praktiker, der vor Jahren als Auf den Besprechungen in Bayern Omnicare liefert zum regulären Apo-„Autobahn-Tierarzt“ bekannt wurde. Er schlug Tamimi, der in Berlin die Waage- thekeneinkaufspreis, ohne großen Rabatt.hatte teils verbotene Hormone und An- Apotheke betreibt, den Kollegen vor, Der eigentliche Gewinn fällt also bei Om-tibiotika an Hunderte Landwirte ver- eine eigene Firma zu gründen. „Wenn es nicare an, die ihn dann an die beteiligtenkauft – meist in Autobahnnähe und oft ein Oligopol gibt, wollen wir nicht über- Apotheken ausschüttet. Schon früher lagohne ein Tier gesehen zu haben. Nach fahren werden.“ 51 Krebsapotheker aus Tamimi das Wohl der Apotheker am Her-seiner Verurteilung 2002 und einem län- ganz Deutschland haben sich seither an- zen. Nach dem Rabattverbot 2006 grün-geren Berufsverbot hat die Regierung von geschlossen, bis Ende des Jahres sollen dete er zum Ärger der Kassen in Öster-Oberbayern ihm gerade erst eine neue es 88 sein. Sie müssen im Schnitt 200 000 reich eine Gesellschaft, über die RabatteBerufserlaubnis erteilt. Euro einzahlen, um Teilhaber der neuen weiterhin möglich waren. Doch seine NILS KLAWITTER Firma namens Omnicare zu werden. Österreich-Aktivitäten hätten sich mit der Die Pharmafirma in Apothekerhand neuen Omnicare erledigt, versichert er.* Name von der Redaktion geändert. verfügt bereits über Zulassungen von MARKUS GRILL78 D E R S P I E G E L 1 6 / 2 0 1 2
  • Wirtschaft allerdings noch nicht rechtskräftig. Hin- Griff ins Meilenkonto R A B AT T P R O G R A M M E tergrund: Die Lufthansa hatte für ihr Bo- Wie viele Prämienmeilen man für Lufthansa- Viel fliegen, nusprogramm Miles & More die Summe Flüge* einlösen muss der einzusetzenden Meilen für Prämien- flüge erhöht. Vorher gesammelte Meilen First-Class-Prämienflüge** wenig Freude waren quasi über Nacht weniger wert. Frankfurt – New York Eggendorfer geht es weniger um die alt 140 000 Anpassung als vielmehr um die mangeln- de Kommunikation der Aktion. Die An- neu 170 000 Der Streit um das kündigung sei nicht rechtzeitig erfolgt. Frankfurt – Singapur Miles & More-Programm der Der E-Mail-Verkehr zeigt nun, dass 180 000 Lufthansa eskaliert: man sich bei der Airline offenbar über den Zeitpunkt der Kundeninformation 210 000 Ein ehemaliger Kunde hat nun durchaus Gedanken gemacht hat: Die Business-Class-Prämienflüge** Strafanzeige eingereicht. Prämienanpassung wurde bereits am Frankfurt – New York 19. Oktober 2010 abgesegnet. In der Nach- 90 000D ie Lufthansa beförderte im vergan- richt heißt es, die Maßnahmen seien noch genen Jahr 65 Millionen Fluggäste. „streng vertraulich“, die Verkündung dür- 105 000 *gilt auch für Tobias Eggendorfer kann für sich fe „nicht zu früh“ erfolgen, „damit die Flüge mit Star- Frankfurt – Singapur Alliance- undin Anspruch nehmen, einer der wenigen Kunden nicht vorab noch viele Tickets mit 120 000 weiteren Airline-Partnernzu sein, die dem Vorstandsvorsitzenden den günstigeren Meilenwerten buchen“. ** zzgl. SteuernChristoph Franz namentlich bekannt sind. Bis heute behauptet die Lufthansa, 135 000 und GebührenUnd das, obwohl Eggendorfer seit seinem man habe korrekt und rechtzeitig infor-Rechtsstreit mit der größten deutschen miert. Tatsächlich erfolgte die Informa- Kennern mäßig beleumundet. Nach wieFluggesellschaft keinen Fuß mehr in Luft- tion eher als eine Art Randnotiz erst ei- vor gilt die Business Class als kaum kon-hansa-Flugzeuge setzt. nen Monat vor der Umsetzung. Zu kurz, kurrenzfähig, die Sitze etwa werden erst Rückblickend hätte wohl auch die Luft- befand das Gericht im Fall Eggendorfer. jetzt nach und nach erneuert.hansa ihn am liebsten nie an Bord be- Es gilt als wahrscheinlich, dass Lufthan- Zudem mosern umsatzstarke Premium-grüßt. Denn Eggendorfer, 36, brockte ihr sa Berufung einlegen wird. „Uns geht es kunden, etwa im Vielfliegerstatus einesmit seiner Klage ein echtes Problem ein, um Rechtssicherheit, denn die ist drin- Senators oder des HON Circle: Auch fürund spätestens seit Donnerstag vergange- gend notwendig für ein Kundenbindungs- sie gelten bald veränderte Regeln beimner Woche eskaliert der Streit mit dem programm dieser Größe“, sagt Harald De- Meilensammeln. Der Status eines HONHamburger IT-Professor. prosse, Leiter von Miles & More. Circle etwa kann dann nur noch mit Busi- Da reichte Eggendorfers Anwalt bei Die Auseinandersetzung trifft die Luft- ness- und First-Class-Tickets erflogen wer-der Staatsanwaltschaft Köln eine Strafan- hansa zu einem ungünstigen Zeitpunkt. den. Dabei sehen die Richtlinien vielerzeige gegen Lufthansa-Manager ein. Der Der Konzern musste 2011 einen Verlust Unternehmen vor, zumindest inner-skurril klingende Vorwurf: gewerbsmäßi- von 13 Millionen Euro ausweisen. Hinzu deutsch oder -europäisch Economy zuger Betrug in 21 Millionen Fällen. Der kommen das Nachtflugverbot in Frankfurt fliegen. Wird dann Business gebucht, kas-Anzeige liegt eine interne E-Mail aus dem am Main und Zoff um die schwer ange- siert der Passagier künftig auch nichtKonzern bei, Eggendorfer sieht damit schlagene Tochterfirma Austrian Airlines. mehr automatisch die doppelte Meilen-seine These von der „gezielten Informa- Mehr als die Hälfte ihres Umsatzes er- zahl. Die Möglichkeit von Upgrades ge-tionsverschleppung“ untermauert. wirtschaftet die Lufthansa-Gruppe mit gen Meilen wird ebenfalls schwieriger. Eggendorfer gewann erstinstanzlich be- Passagieren auf interkontinentalen Stre- Der Senator-Status, an Bord mittlerwei-reits einen Prozess gegen die Fluglinie cken in der Business und First Class. Doch le mehr oder weniger nutzlos, soll hinge-vor dem Landgericht Köln. Das Urteil ist ausgerechnet hier ist das Angebot unter gen entwertet werden. Bisher waren im Normalfall 130 000 Meilen pro Kalender- jahr notwendig, um den Gold-Status zu erreichen. Künftig genügen 100000 Meilen. Das von Ex-Kunde Eggendorfer mit an- gezettelte Vielflieger-Theater dürfte für die Lufthansa auch bei der nächsten Hauptversammlung am 8. Mai zum Pro- blem werden. Schon jetzt gibt es einen Aktionärsantrag, der sich mit einer an- geblich falschen Bewertung von Meilen in der Bilanz beschäftigt. Hintergrund ist ein älteres Verfahren, in dem es heißt, dass die Lufthansa den JÖRG MÜLLER / AGENTUR FOCUS / DER SPIEGEL Gegenwert einer Meile mit 2,77 Cent an- gibt. In der Konzernbilanz hingegen wer- den nur 0,8 Cent pro Meile angesetzt. Was nach Krümeln klingt, summiert sich: Wäre der höhere Wert korrekt, müsste die Airline ihre Rückstellungen für nicht abgeflogene Meilen um vier Milliarden Euro erhöhen. Das Unternehmen bestrei- tet das und hält seine Rückstellungen für ausreichend.Kläger Eggendorfer: Gewerbsmäßiger Betrug in 21 Millionen Fällen? MARTIN U. MÜLLER D E R S P I E G E L 1 6 / 2 0 1 2 79
  • Wirtschaft CHUNG SUNG-JUN / GETTY IMAGESBau von Containerschiffen im südkoreanischen Ulsan: „Das große Spiel ist vorbei“ Containerangebot nach Schätzung des S C H I F F FA H R T Branchendienstes Alphaliner jedes Jahr Opfer des Größenwahns im Schnitt um über sieben Prozent. Die Frachtpreise sind wegen des Über- angebots unter Druck: Eine Kiste mit T-Shirts oder Elektrogeräten von Shang- hai nach Rotterdam zu verschiffen kostete Wie im Rausch orderten die Reeder in Zeiten des Booms Ende März rund 1400 Dollar, vor zwei neue Schiffe. Jetzt sorgen die Überkapazitäten für Jahren waren es noch über 2000. „Diese Krise ist eine rein hausgemachte“, sagt Milliardenverluste, Anleger und Banken verlieren die Geduld. Michael Behrendt, Präsident des Ver- bands Deutscher Reeder und Chef vonW ürde man von der Zahl und der Größenwahn der Branche. Tatsächlich Hapag Lloyd. Die Traditionslinie, die zu Größe ihrer Schiffe auf das Ver- geht es der Schifffahrt vier Jahre nach einem guten Drittel der Stadt Hamburg mögen der Reeder schließen, Beginn der Finanzkrise so schlecht wie gehört, musste ihren geplanten Börsen-man könnte meinen, um die Schifffahrt lange nicht. gang schon dreimal absagen.sei es bestens bestellt. Immer gewaltiger Maersk machte im vergangenen Jahr An ein ständiges Auf und Ab ist diewerden die Containerfrachter, und immer mit seinem Containergeschäft fast 400 Schifffahrt gewöhnt. Ein Schiff zu bauenmehr dieser Giganten fahren über die Millionen Euro Verlust. Die Profite der dauert drei Jahre, wie der Handel sichMeere. deutschen Linien Hapag Lloyd und Ham- bis dahin entwickelt, ist schwer vorher- Acht der weltgrößten Schiffe hat allein burg Süd (Teil des Bielefelder Oetker- zusagen. Mal sind zu viele, mal zu wenigeder Branchenführer Maersk im Dienst, Konzerns) sind eingebrochen, kleinere Schiffe auf dem Markt.jedes 400 Meter lang, 56 Meter breit und Charterreeder ringen ums Überleben. Doch diese Krise ist anders als frühere,20 Stockwerke hoch. Rund 14 000 Stan- Die Fracht- und vor allem Charterprei- es geht nicht um das Überleben der einendardcontainer (TEU) können die Schiffe se reichen zum Teil kaum, um die Kosten oder anderen Reederei, sondern um dastransportieren, alle im typischen Hellblau für den Betrieb der Schiffe zu decken, Geschäfts- und Finanzierungsmodell derder dänischen Reederei gestrichen. Sie viele Reeder können ihre Kredite nichtsind auf der Hauptroute des Welthandels, bedienen. „Der Druck ist enorm, nichtzwischen Asien und Europa, unterwegs. jeder wird dem standhalten“, sagt Nicho- Volle Kraft vorausLange hielt Maersk damit den einsamen las Teller, Chef der E. R. Capital Holding, Kapazitätsentwicklung der weltweitenGrößenrekord. zu der auch die Reederei E. R. Schiffahrt Containerschiffflotte, in Millionen Container* Doch das reicht den Dänen nicht mehr, gehört. „Das große Spiel ist vorbei“,für vier Milliarden Dollar haben sie 20 fürchtet auch ein Schiffsmakler. 19,6neue, noch größere Schiffe bestellt. Stolz Es war ein Spiel mit höchstem Risiko. Prognose 2015 Anstiegverkündet der Konzern auf seiner Web- Wie im Rausch orderten die Reeder in gegenübersite das neue Maß der Dinge: die Triple- der Vergangenheit Container-, Tank- und 2011E-Klasse mit Platz für 18 000 Container. Massengutfrachter, im blinden Vertrauen +27% Fast ein Viertel aller Containerschiffe, darauf, dass die Globalisierung der Bran-die in diesem Jahr auf den Werften, etwa che einen langen Boom bescheren werde.in Südkorea oder China, vom Stapel lau- Dieses Jahr werden Schiffe mit Platz 15,4 31. Dez. 2011fen, sind sogenannte Mega-Liner mit für insgesamt 1,47 Millionen Standardcon-Platz für 10 000 Container und mehr. Bis tainer ausgeliefert. Das sind gut acht Pro- Quelle: * 1 TEU-Container (Twenty-foot Equivalent Unit) Alphaliner2015 werden über 150 der schwimmenden zent mehr als im Vorjahr. Der SeehandelKolosse ausgeliefert. aber wächst nur um rund sechs Prozent. Der erwartete Anstieg der Kapazität von 4,2 Millio- Doch diese Zahlen sind kein Beleg für Entspannung ist nicht in Sicht. In den nen Containern bis 2015 entspricht aneinander-den Boom, sondern ein Zeichen für den kommenden drei Jahren steigt das globale gereiht einer Länge von ca. 25500 Kilometern.80 D E R S P I E G E L 1 6 / 2 0 1 2
  • gesamten deutschen Branche. Die Geld- Für viele deutsche Charterreeder ist Kreditinstitute still und stundeten Zins undquellen, die Deutschland zur Nummer dennoch keine Erholung in Sicht. Lieber Tilgung für zwei, drei Jahre. „Aber dieeins auf dem Containermarkt gemacht machen die Linienreeder erst mal ihre ei- Hoffnung auf eine rasche Erholung hat sichhaben, sind mit dieser Krise auf Jahre genen Schiffe voll, bevor sie zusätzliche nicht erfüllt“, gesteht ein Bankmanager.versiegt. Rund 70 Schiffe von Fonds- anmieten. Frachter, deren Mietverträge Die Geldinstitute sitzen in der Falle.gesellschaften sind nach Angaben des in diesen Tagen auslaufen, werden wegen Ihre Kredite wurden mit Schiffen besi-Branchenexperten Jürgen Dobert insol- des Überangebots zu Dumpingpreisen chert, die massiv an Wert verloren haben.vent, etliche weitere betteln bei ihren An- oder gar nicht weitervermietet: Über 300 Kündigen sie die Darlehen, gehören ih-legern um frisches Geld. Die Mehrheit Containerschiffe lagen im März auf Ree- nen die Schiffe, die sie nur zu Schleuder-der 2500 fondsfinanzierten Schiffe sei de. Vor allem die Nachfrage nach kleine- preisen loswerden können. „Die Bankenüberschuldet, sagt Dobert. ren Schiffen ist zusammengebrochen, die haben derzeit kein Interesse, Schiffe zu Angefeuert durch milliardenschwere Charterpreise sind in den vergangenen verkaufen und damit die Preise weiterSteuererleichterungen, hat die Schifffahrt sechs Monaten um 50 Prozent gefallen. unter Druck zu setzen“, sagt Christianin den vergangenen zehn Jahren einen Für Gewinnausschüttungen an die Anle- Nieswandt, Leiter der Schiffsfinanzierungbeispiellosen Boom erlebt. Mit dem Ver- ger reicht das schon lange nicht mehr, bei der HSH Nordbank, einem der welt-sprechen auf Traumrenditen sammelten aber auch die Kredite, die zum Schiffs- weit größten Geldgeber der Schifffahrt.die Reeder Milliarden bei Besserverdie- kauf zusätzlich aufgenommen wurden, Noch halten die Kreditinstitute im ei-nenden ein, um neue Schiffe zu kaufen. sind davon nicht zu bedienen. genen Interesse still. Hinter den KulissenDie Banken warfen ihnen die zusätzlich Das Kapital vor allem kleinerer Char- forcieren sie eine Konsolidierung: Klei-nötigen Kredite beinahe hinterher. terreeder ist nach der langen Durststrecke nere Reeder sollen unter das Dach grö- Ein Drittel der globalen Flot- ßerer schlüpfen. „Manche In-te ist heute in deutscher Hand. solvenz“, sagt ein Banker,Das Gros der Reeder hat mit „wird sich nach außen eher alsSeefahrt freilich wenig zu tun. Fusion darstellen.“Statt selbst Waren zu trans- Die Charterreederei E. R.portieren, vermieten sie ihre Schiffahrt macht sich derzeitSchiffe an Linien wie Maersk, zum Vorreiter einer Neuord- CHRISTIAN CHARISIUS / PICTURE ALLIANCE / DPAMSC oder Hapag Lloyd, die nung. Sie bietet sich der Bran-nach festem Fahrplan un- che als Auffanglösung an.terwegs sind. Hamburger Char- „Viele Reedereien sind zuterreeder wie Claus-Peter Of- klein, um noch genug Kapital FOTO POLLEX / ACTION PRESSfen, Peter Döhle und E. R. für den Kauf neuer SchiffeSchiffahrt stehen auf der Welt- aufzubringen“, sagt E. R.-Ma-rangliste der Eigner ganz oben. nager Teller. Er kennt das Ge-Auf 430 Reedereien bringt es schäft auch von der anderenDeutschland. Die Geschäfte lie- Seite, Teller saß lange im Vor-fen so gut, dass „alle Panik hat- stand der Commerzbank.ten, nicht genug Schiffe zu be- Reeder Ebel, Behrendt: „Selbstzerstörerisch und dumm“ Wegen des Kapitalmangelskommen“, sagt Behrendt. ist die Zahl der Bestellungen In den fetten Jahren zwischen 2003 und aufgezehrt. Schießen die Anleger kein schon jetzt drastisch gesunken. „Die2008 bestellten die Deutschen über 2000 Geld nach, droht die Pleite. Über hundert Schifffahrt wird sich künftig neu erfindenneue Schiffe zum Teil zu Höchstpreisen. Fonds sind derzeit in Liquiditätsnot, schät- müssen, um noch an Eigenkapital zu kom-Dann kam die Lehman-Pleite, die Welt- zen Experten. „Da wurden Milliarden men“, glaubt Stefan Otto, Chef der Deut-wirtschaft brach ein, die Frachtpreise san- verbrannt. Bis das Vertrauen der Anleger schen Schiffsbank, einer Tochter der Com-ken. Verzweifelt flogen viele Reeder nach wiederkommt, wird eine Weile vergehen“, merzbank. Potentielle neue Geldgeber wieChina und Südkorea und flehten die sagt Hermann Ebel, Chef der Hamburger Pensionskassen oder FinanzinvestorenWerften an, die Auslieferung der Schiffe Schiffsbeteiligungsfirma Hansa Treuhand. hätten keine Lust, den Stahl für einzelnezu verschieben. Nun sind die Fristen aus- Ebel hat in guten Jahren für seine an- Schiffe zu finanzieren, wie die Fondsan-gereizt, die in besseren Tagen bestellten legerfinanzierten Schiffe Sondertilgungen leger in der Vergangenheit. „InvestorenFrachter kommen jetzt auf den Markt. bei der Bank geleistet, um nicht in Not wollen in ganze Flotten investieren oder Um ihre größer werdenden Schiffe aus- zu kommen. Die Exzesse seiner Zunft in die Reedereien selbst, wo sie dann auchzulasten, lieferten sich die Linienreeder sieht er kritisch: „Viele haben keine Re- entsprechendes Mitspracherecht haben.“im vorigen Jahr einen mörderischen Preis- serven bereitgelegt, sondern das Geld lie- Auf der Suche nach frischem Kapitalkampf. Vor allem Maersk und der Bran- ber üppig an die Anleger ausgeschüttet, müssen sich die Reeder wohl an Anlegerchenzweite MSC unterboten sich gnaden- um für neue Fonds zu werben.“ gewöhnen, die nicht nur ihr Geld abliefern.los, alle anderen mussten mitziehen. Zeit- Vor 2008 sammelten deutsche Schiffs- Als Blaupause könnten dabei ausgerech-weilig deckten die Frachtpreise nicht einmal fonds über 2,5 Milliarden Euro Eigenkapital net griechische Reeder dienen. Währendmehr die dramatisch gestiegenen Kosten im Jahr ein, mit Hilfe der Banken konnten das Land unter der Schuldenkrise fast zu-für den Schiffsdiesel. „Selbstzerstörerisch dafür Schiffe im Wert von etwa 6 Milliar- sammenbricht, geht es vielen Schifffahrts-und dumm“ nennt Hapag-Lloyd-Chef Beh- den Euro gekauft werden. Im vergange- firmen erstaunlich gut.rendt das Verhalten seiner Konkurrenten. nen Jahr waren es gerade mal 500 Millio- Einige von ihnen, etwa die Reederei Der Verdrängungswettbewerb hat tiefe nen Euro, ein Fünftel davon Nachzahlun- Costamare, haben den Weg an die BörseSchneisen in die Bilanzen aller Linien- gen für notleidende Fonds. Neues Geld gesucht oder Finanzinvestoren geholt.reeder gerissen, aus purer Not ist nun ist für die Reeder hier nicht zu holen. Die „griechische Lösung“ aber dürfte fürVernunft eingezogen. In den vergangenen Der Markt ist praktisch tot. Und auch deutsche Reeder fürs Erste anders aus-Wochen haben sie die Preise auf der den Banken ist die Lust an Schiffen vergan- sehen: Griechische Konkurrenten suchenAsien-Europa-Strecke angehoben, von gen, viele würden sich lieber heute als mor- gerade den Markt nach günstigen Schif-500 Euro zum Jahreswechsel auf jetzt gen aus dem Geschäft zurückziehen. Als fen ab. Fündig werden sie in Deutschland.etwa 1400 Euro je Container. die Branche 2009 abstürzte, hielten viele ISABELL HÜLSEN D E R S P I E G E L 1 6 / 2 0 1 2 81
  • Panorama Graffito gegen die Formel 1HAMAD / MOHAMMED / REUTERS BAH RAIN „Verhaftet, verhört, gefoltert“ Die Aktivistin Sainab al-Chawadscha, SPIEGEL: Ihr 50-jähriger Vater Abd al- Chawadscha: Das einzige sogenannte 28, über den Protest gegen das Formel- Hadi ist der bekannteste Menschen- Vergehen meines Vaters ist sein Ein- 1-Rennen in ihrem Land rechtsaktivist des Königreichs. Er satz für Freiheit und Demokratie. Des- wurde vor einem Jahr verhaftet und wegen wurde er verhaftet, verhört und SPIEGEL: Die Demonstranten in Bah- befindet sich seit über 60 Tagen im gefoltert. Von dem Prozess, zu dem es rain fordern den Stopp des Formel-1- Hungerstreik. Haben Sie Kontakt zu bald kommen soll, erwarten wir keine Rennens, das für Sonntag angesetzt ist. ihm? Gerechtigkeit. Warum protestieren Sie gegen diese Chawadscha: Wir dürfen ihn schon seit SPIEGEL: Wollte Ihr Vater das Regime internationale Sportveranstaltung? Wochen nicht mehr besuchen, haben stürzen? Chawadscha: Dieses Großereignis wird aber gerade einen kurzen Anruf von Chawadscha: Er hat Demokratie gefor- vom Regime benutzt, um der Welt ihm bekommen. Er konnte kaum spre- dert. Auch ich wurde inhaftiert. Es etwas vorzuspielen. Die Menschen im chen, so schwach ist er. Wir fürchten, reichte den Sicherheitskräften, dass Westen sollen glauben, dass Bahrain er wird bald ins Koma fallen. ich meinen Vater im Militärhospital ein Land ist, dessen Einwohner ein gu- SPIEGEL: Haben Sie Hoffnung auf seine besuchen wollte. Dafür wurde ich tes Leben in Wohlstand und Frieden Freilassung? zwei Tage lang verhört. führen. Wir leiden unter dem Regime, SPIEGEL: Aber der König hat Fehler das unsere Schreie nicht hören will. eingestanden und mit Reformen be- Einwohner von mehr als 20 Orten ha- gonnen. ben sich dem Protest angeschlossen. Chawadscha: Einige kleine Zugeständ- Die Leute sind es leid, nicht ihre Mei- nisse wiegen die Verbrechen nicht auf, nung sagen zu dürfen. die an Demonstranten begangen wur- SPIEGEL: Werden Sie Ihre Proteste auch den, die sich friedlich für ihre Ziele ein- während des Rennens fortsetzen? setzten. Einige haben das mit ihrem Le- Chawadscha: Wir werden nicht schwei- ben bezahlt. Ich bin nicht stolz auf einen gen, nur weil die Formel 1 hier Station König, in dessen Namen getötet wurde. macht. Wir fordern Menschenrechte SPIEGEL: Aber die Proteste sind nicht und Freiheit. friedlich geblieben. Auch einige De- SPIEGEL: Es sind vor allem Schiiten, die monstranten waren gewalttätig. Chawadscha: Diese Ausschreitungen HAMAD / MOHAMMED / REUTERS gegen das sunnitische Herrscherhaus aufbegehren. wurden provoziert. Wir wollen keinen Chawadscha: Ich bin Schiitin und stolz Frieden auf Kosten von Freiheit. Für darauf. Das grüne Band an meinem uns hat die Freiheit Vorrang vor Frie- rechten Arm, das mich als Angehörige den. Wir werden weiter für Selbstbe- dieser Glaubensrichtung ausweist, tra- stimmung und Demokratie kämpfen, ge ich nicht, um mich auszugrenzen. auch wenn die Auseinandersetzung In erster Linie bin ich Bahrainerin. Chawadscha, Ordnungshüterin eskaliert. 82 D E R S P I E G E L 1 6 / 2 0 1 2
  • Ausland IRLAND lmeer Zur Strafe Mitte Tartus Limassol SYRIEN Atlantic- Cruiser- Route ins KlosterMARINETRAFFIC.COM Der Riss zwischen Papst Benedikt aus XVI. und den katholischen Gläubi- Dschibuti 300 km gen auf der Insel vertieft sich. Der Frachtschiff „Atlantic Cruiser“ Vatikan hat den Priester und promi- nenten Kirchenkritiker Tony Flan- SYRIEN Schiffsmakler Torsten Lüddeke von nery angewiesen, sich in ein Kloster der CEG. Bulk Chartering, die für die zurückzuziehen, um dort beim Ge- Deutscher Waffen- Befrachtung der „Atlantic Cruiser“ verantwortlich ist, sagt: „Wir haben frachter gestoppt das Schiff gestoppt, nachdem wir Hin- weise auf die Waffenladung erhielten.“ Es habe sich um eine sogenannte Kurz vor Erreichen des syrischen Ha- Kaltcharter gehandelt, der Frachter sei fens Tartus ist ein deutscher Frachter an die ukrainische Firma White Wale mit Waffen aus Iran gestoppt worden. Shipping in Odessa vermietet worden. Die „Atlantic Cruiser“ der Emdener „Die haben uns als Ladung vor allem Reederei Bockstiegel hatte vor Tagen Pumpen und ähnliche Dinge dekla- im Hafen von Dschibuti von einem ira- riert“, so Lüddeke, „Waffen hätten wir nischen Frachter schweres Militärgerät nie an Bord gelassen.“ Nun werde das und Munition für das syrische Regime 6200-Tonnen-Schiff erst einmal „da übernommen. Am vergangenen Frei- bleiben, wo es jetzt ist“. Die ukraini- tag sollte die Fracht in Tartus gelöscht sche Charterfirma habe darauf bestan- werden – dringend erwarteter Nach- den, dass die „Atlantic Cruiser“ Tartus schub für das Assad-Regime. Durch anlaufe und keine Waffen an Bord Überläufer im syrischen Apparat wur- habe. Nach SPIEGEL-Informationen HANY MARZOUK (O.); GETTY IMAGES (U.) de die Fracht bekannt und die Reede- wollte die Besatzung des Schiffes im rei gewarnt. Am Freitagmittag änderte zypriotischen Limassol Treibstoff bun- die „Atlantic Cruiser“ plötzlich den kern, gab dort aber als Ladung „Waf- Zielhafen, nun sollte der unverdächti- fen und Munition“ an. Daraufhin wur- ge türkische Hafen Iskenderun ange- de die Versorgung verweigert. Die laufen werden. Dann stoppte das Route von Dschibuti nach Tartus ist Schiff etwa 80 Kilometer südwestlich nach Erkenntnissen von Nachrichten- von Tartus und fuhr die nächsten Stun- dienstlern für iranischen Waffennach- den im Kreis. schub nach Syrien bekannt. Flannery, Benedikt XVI. bet über seine angeblichen Taten „nachzudenken“. Kardinal William Levada, Chef der mächtigen Glau- benskongregation, verbot dem Kleri- ZAHL DER WOCHE ker vom Orden der Redemptoristen, weiterhin kritische Artikel zu Politik und Lehren der Kirche zu veröffent- 28 Milliarden Zloty lichen. Zum ersten Mal seit 14 Jahren er- umgerechnet etwa sieben Mil- schien Flannerys Ordenszeitschrift liarden Euro, erhofft sich die jetzt ohne dessen Kolumne. Flanne- polnische Regierung als langfris- ry ist Mitbegründer eines schnell tigen Profit aus der Fußball- wachsenden Priesterbündnisses, das Europameisterschaft, die am sich als Plattform liberalen Wider- 8. Juni in Warschau beginnt. stands gegenüber den Hardlinern in Rom versteht. Die Rebellen be- zeichnen den Zölibat als gescheitert und fordern öffentlich die Priester- weihe für Frauen. Besonders heftig geißelte Flannery die Rolle der Kirche in der Aufarbeitung des Miss- brauchsskandals: Irlands Bischöfe, FORUM / IMAGO sagt er, seien ein „armseliger Fußballstadion in Warschau Haufen“, dem „jedes Führungs- vermögen“ fehle. D E R S P I E G E L 1 6 / 2 0 1 2 83
  • THOMAS KOEHLER / PHOTOTHEKProtestierende Arbeiter vor dem Arbeitsministerium in Rom: Den Preis werden wohl erneut die Jungen bezahlen SCHULDENKRISE Agenda del Sol Weil sie hoch verschuldet und nicht mehr wettbewerbsfähig sind, krempeln Südeuropas Krisenstaaten ihre Arbeitsmärkte um. Manche sehenGerhard Schröders Reformpolitik dabei als Vorbild, andere als abschreckendes Beispiel.D ie zierliche Assunta Linza, 33 Jah- die Börsianer in Mailand hocken fassungs- Sie verdiente 850 Euro im Monat, es re alt, und ihr Vater Giovanni, 60, los vor ihren Bildschirmen, der Risikoauf- war ein Knochenjob, mit Psychologie hat- graumeliert und gedrungen wie schlag auf italienische Staatsanleihen ist te er nichts zu tun, aber sie hatte einenein Bulldozer, sitzen auf dem Familien- auf 5,6 Prozent geklettert, so hoch wie festen Arbeitsplatz – bis das Call-Centersofa in Roms nördlicher Vorstadt. Assun- seit Weihnachten nicht mehr. Und hier vor zwei Jahren begann, nach Albanienta ist ein alter katholischer Name, der Va- auf dem Sofa sitzen Vater und Tochter, abzuwandern. Bis Juni wird Assunta 600ter hat ihn ausgesucht, er steht für die sie sind die Gesichter der Krise. Euro im Monat aus einem staatlichenHimmelfahrt der Mutter Gottes und be- Als Assunta Linza vor fünf Jahren ih- Fonds beziehen und dann wieder auf ih-deutet: die Aufgenommene, die Einge- ren ersten unbefristeten Arbeitsvertrag ren Vater Giovanni angewiesen sein.stellte. „Mein Name ist ein Witz“, sagt unterschrieb, weinte sie vor Glück. Sie 23 Jahre lang hatte dieser als ElektrikerAssunta und lächelt müde. hatte Psychologie studiert mit Prädikats- bei der staatlichen Eisenbahn gearbeitet, Sie hält ein Schreiben in den Händen, examen, anschließend jahrelang schwarz- bis er 1994 in den Ruhestand ging. Damalsseit diesem Morgen ist es amtlich, sie ist gearbeitet und Dutzende Praktika absol- war Giovanni Linza 42, er sollte Platz ma-arbeitslos und bekommt ab Juni keine viert, nun durfte sie in einem Call-Center chen für junge Nachrücker. Er bekamstaatliche Unterstützung mehr. den Kunden eines italienischen Energie- eine satte Abfindung und eine Pension Es ist Mittwochabend vergangener Wo- konzerns erklären, wie sie ihre Gas- und bis an sein Lebensende: 1200 Euro im Mo-che, im Fernsehen laufen die Nachrichten, Stromrechnungen zu lesen haben. nat. Das ist mehr, als seine Tochter je ver-84 D E R S P I E G E L 1 6 / 2 0 1 2
  • Ausland 20,9 SPANIEN ǜÃĬğťğŭƊŅĴĔığÃÅĒĪōĚųōĬğōÃſğšĚğōÃĚšćťŭĴťĔıÚğĚųƊĴğšŭ 20Bittere Kur ǜÃ>œĔłğšųōĬÃĚğťÃ<ŸōĚĴĬųōĬťťĔıųŭƊğť ǜÃ>ŘıōğÃųōĚÃÅšĒğĴŭťƊğĴŭğōÃłŘōōğōÃĴōÃkōŭğšōğıŋğōÃćųťĬğıćōĚğŅŭÃſğšĚğōÅšĒğĴŭťŋćšłŭšğĨœšŋğō ǜÃ^ŭććŭŅĴĔığÃVšČŋĴğōÃĨŸšÃōğųğĴōĬğťŭğŅŅŭğÃ:ųĬğōĚŅĴĔığÃćōÃkōŭğšōğıŋğōĴōÃ^ŸĚğųšœŝćÃǘ 18,4ųōĚÃĚğšÃĚğųŭťĔığ GRIECHENLANDZğĨœšŋſğĬ ǜÃwğĬĨćŅŅÞœōÃ>œıōƊųťĔıŸťťğō ǜÃ)ĴōĨšĴğšğōÃĚğšÃ>ŘıōğDŽÃÅĒťğōłųōĬÃĚğšÃDĴōĚğťŭŅŘıōğ ǜÃ>ćųĨƊğĴŭÞœōÃećšĴĨžğšŭšČĬğōÃſĴšĚÃžğšłŸšƊŭ ǜÃkōłŸōĚĒćšğÃÅšĒğĴŭťžğšŭšČĬğÃſğšĚğōÃĚųšĔıÃvğšŭšČĬğÃŋĴŭßĒŅĴĔığō 15 ÃÃÃÃ<ŸōĚĴĬųōĬťĨšĴťŭğōÃğšťğŭƊŭ PORTUGALArbeitslosenquoten 13,6 ǜÃwğĬĨćŅŅÞœōÃĚšğĴÃĒğƊćıŅŭğōÃkšŅćųĒťŭćĬğōÃųōĚÞĴğšÃ&ğĴğšŭćĬğōin Prozent ǜÃDĴōĚğťŭŅœıōÃſĴšĚÞœšğšťŭÃōĴĔıŭÃğšıŘıŭYųğŅŅğdžÃ)kǗ<œŋŋĴťťĴœō ǜÃ>œĔłğšųōĬÃĚğťÃ<ŸōĚĴĬųōĬťťĔıųŭƊğťDŽÃÅĒťğōłųōĬÞœōÃÅĒĪōĚųōĬğō 11,2 ǜÃećšĴĨžğšŭšČĬğÃĬğŅŭğōÃōĴĔıŭÃŋğıšÃćųŭœŋćŭĴťĔıÃĨŸšÃćŅŅğÚćōĔığō ITALIEN ǜÃ&ĴšŋğōÃťœŅŅğōÃųōŭğšŭćšĴīĴĔığÃ>ŘıōğÃƊćıŅğōÃĚŸšĨğō 9,9 ǜÃğĨšĴťŭğŭğÃÅšĒğĴŭťžğšŭšČĬğÃſğšĚğōÃĨŸšÃĚĴğÃkōŭğšōğıŋğōÃŭğųšğš 9,2 ǜÃğŭšĴğĒťĒğĚĴōĬŭğÃ<ŸōĚĴĬųōĬğōÃſğšĚğōÃĬğĬğōÃÅĒĪōĚųōĬÃŋŘĬŅĴĔı 8,6 ǜÃ^ĔıōğŅŅžğšĨćıšğōÃĒğĴÃÅšĒğĴŭťŝšœƊğťťğō 8,2 erledig 7,7 DEUTSCHLAND t Kernpunkte der Arbeitsmarktreformen 2003 bis 2005 5,9 ǜÃÅųťſğĴŭųōĬÞœōÃ>ğĴıćšĒğĴŭÃųōĚÃDĴōĴǗ:œĒť ǜÃ>œĔłğšųōĬÃĚğťÃ<ŸōĚĴĬųōĬťťĔıųŭƊğťÃųōĚÃĒğĨšĴťŭğŭğšÃÅšĒğĴŭťžğšıČŅŭōĴťťğ ǜÃvğšłŸšƊųōĬÃĚğšÃğƊųĬťĚćųğšÃĚğťÃÅšĒğĴŭťŅœťğōĬğŅĚğť5 ǜÃ^ŭšğōĬğšğÃ<šĴŭğšĴğōÃĨŸšÃĚğōÃÅōťŝšųĔıÃćųĨÃÅšĒğĴŭťŅœťğōųōŭğšťŭŸŭƊųōĬ ÃÃÃǟ^ŝğššƊğĴŭğōDŽÃVšŸĨųōĬÃĚğšÃğĚŸšĨŭĴĬłğĴŭDŽÂųŋųŭĒćšłğĴŭťšğĬğŅōǠà VZL(FL^) ǜÂųťćŋŋğōĨŸıšųōĬÞœōÃÅšĒğĴŭťŅœťğōǗÃųōĚÃ^œƊĴćŅıĴŅĨğÃćųĨ 2005 06 07 08 09 10 11 12 ÃÃÃÃ^œƊĴćŅıĴŅĨğōĴžğćųÃǟ-ćšŭƊÃ0vǠdiente, und dabei hatte der Sohn eines nie zuvor, ein Haus zu bauen, ein grö- sorgte für Gehaltszuwächse – vor allemBauern aus Kalabrien nur die Grundschu- ßeres Auto zu bestellen oder staatliche aber dafür, dass sich nichts an den starrenle absolviert und seinem Vater bei der Wohltaten zu verteilen. Arbeitsmarktgesetzen änderte.Feldarbeit geholfen. So feierten jene, die in Südeuropa Ar- So hat in Europas Süden bis heute ein Es gibt in Europas krisengeplagtem Sü- beit hatten, eine lange Party, die Reallöh- faktisches Kündigungsverbot überdauert,den zahllose Geschichten, die denen von ne stiegen stark an. In Deutschland dage- das zumeist dem Einzelnen, nicht aberAssunta und Giovanni Linza ähneln, und gen stagnierten die Löhne. Es war Ger- der Gesellschaft im Ganzen nutzte. Diees gibt sie nicht nur in Italien. Es gibt sie hard Schröder, der damals mit seiner unschöne Wahrheit, dass Arbeitgeber nurin all jenen Ländern, in denen die Wirt- Agenda-2010-Politik und den Hartz-Ge- dann Jobs schaffen, wenn sie ihre Mit-schaftseliten, die Gewerkschaften und vor setzen einen Umbau des Sozialstaats vor- arbeiter in Krisenzeiten auch entlassenallem die Politiker bis vor kurzem noch exerzierte, der nun auch den Südländern dürfen, wurde ignoriert. So wie in Italien.so taten, als wäre die Globalisierung an bevorstehen dürfte. Unbefristete Vollzeitbeschäftigung undihren Ländern einfach vorbeigezogen. Nach wie vor sind Schröders Arbeits- Kündigungsschutz sind im „bel paese“ bis Erst die Euro-Schuldenkrise hat sie aus marktreformen umstritten: Die Arbeits- heute so gut wie heilig. Sie sind ein so-dieser Illusion gerissen, Staaten wie Ita- losen- und die Sozialhilfe wurden zusam- zialistisches Relikt aus den siebziger Jah-lien, Spanien, Portugal und Griechenland, mengelegt, Langzeitarbeitslose mussten ren. An Italiens großem Tabu, einer Ar-die nun fest im Würgegriff ihrer Schuld- drastische Einschnitte verkraften, die beitsmarktliberalisierung, versuchten sichner stecken und gezwungen sind, ihre Zeitarbeit wurde liberalisiert, und Mini- bereits etliche Links- und Rechtsregierun-Staatsausgaben zu drosseln. Es ist für vie- jobs wurden geschaffen. „Fördern und gen, um dann stets dem Protest der Mas-le der größte politische und gesellschaft- fordern“ nannte das die damalige Bun- sen nachzugeben.liche Einschnitt seit Jahrzehnten. desregierung. Gemeint war, dass den Festgelegt ist der Kündigungsschutz im Dabei hatten diese Länder schon vor Arbeitslosen nun auch schlechtbezahlte Artikel 18 des Arbeitsgesetzes, seit Jahrender aktuellen Krise Probleme mit ihrer Jobs zugemutet wurden. das Symbol im Kampf zwischen Arbeit-Wettbewerbsfähigkeit. Die Exportoffen- Heute haben 41 Millionen Menschen gebern und Gewerkschaften.sive Chinas oder die neue Konkurrenz in Deutschland Arbeit – so viele wie noch 1999 und 2002 wurden zwei Regierungs-aus Osteuropa faktisch zu ignorieren nie, eine späte Genugtuung für Schröder. berater und Verfechter der Arbeitsmarkt-konnte nur deswegen so lange funktio- Dass davon jedoch 23 Prozent im Nied- reformen von der Terrorgruppe „Neuenieren, weil es prosperierende nationale riglohnsektor arbeiten und dass die Real- Rote Brigaden“ erschossen, ihre DrohungMärkte, üppige Überweisungen aus Brüs- löhne in den vergangenen elf Jahren um lautete: „Wer den Artikel 18 anrührt,sel und den Euro gab. Durch die gemein- drei Prozent gesunken sind, ist die andere, stirbt.“ Und Elsa Fornero, 63, Italienssame Währung fielen die Zinsen in Spa- die weniger schöne Seite der Medaille. neue Sozial- und Arbeitsministerin, gehtnien oder Griechenland auf historische In den Ländern Südeuropas gab es in mit sechs Bodyguards vor die Tür, seit sieTiefststände, was einen Boom auf Pump den Jahren vor der Krise keine Zumutun- im Januar eine Briefbombe erhielt – undbeförderte. Es war plötzlich so billig wie gen, im Gegenteil. Der geborgte Boom erstmals Demonstranten gesichtet wur- D E R S P I E G E L 1 6 / 2 0 1 2 85
  • KATHRYN REAM COOK / NEW YORK TIMES / LAIF THOMAS MEYER / DER SPIEGEL Psychologin Linza in Rom, Kauffrau Cruz in Lissabon: Eine ganze Generation droht verschlissen zu werden den mit T-Shirt-Sprüchen wie „Fornero Seither bewarb sich Cruz, wo sie nur den in der Woche arbeiten, in flauen Mo- al cimitero“, Fornero auf den Friedhof. konnte, doch die Arbeitsämter in Portu- naten früher nach Hause gehen. Macht Italiens Ministerpräsident Mario Monti, gal, sagt sie bitter, „vermitteln nicht, die ein Unternehmen Verluste, sollen Ent- 69, wollte den Artikel 18 lockern, um für verwalten nur die wachsenden Scharen lassungen erleichtert werden. Auch die mehr Flexibilität zu sorgen. Betrieben mit der Arbeitslosen“. Sie trägt sich jetzt mit bisher zwei Jahre lang gewährte Arbeits- mehr als 15 Mitarbeitern sollte ermöglicht dem Gedanken auszuwandern, und zwar losenunterstützung von 70 Prozent des werden, Angestellte mit unbefristeten nach Angola, einst eine portugiesische Gehalts wird ab November drastisch ge- Verträgen aus wirtschaftlichen Gründen Kolonie, heute ein afrikanischer Boom- kürzt – nach deutschem Vorbild. zu entlassen – ohne dass ein Arbeitsge- staat – dort wurde Cruz geboren. Es gibt bislang zwar kaum Unterneh- richt auch nach Jahren noch eine Wieder- Portugal, einer der ärmsten Staaten der men, die in der Krise investieren. Und einstellung und eine Abfindung von bis Euro-Zone, liegt am Boden, viele seiner doch stimmen die Maßnahmen, die von zu 27 Monatsgehältern anordnen kann. Bewohner fühlen sich inzwischen selbst der sozialistischen Opposition mitgetra- Der brutalen Alternative, die niemand so kolonialisiert. Im vergangenen Jahr muss- gen werden, den Präsidenten der Euro- sehr wie Assunta und ihr Vater Giovanni te die Regierung Europa um Hilfe bitten, päischen Investitionsbank, Werner Hoyer, Linza verkörpern – geschützte ältere An- um ihren Verpflichtungen nachzukom- zuversichtlich: „Die Lage in Portugal un- gestellte versus junge Prekäre –, sollte men. Doch die Bewilligung eines 78-Mil- terscheidet sich deutlich von der Situation ein Ende gesetzt werden. liarden-Euro-Kredits ist an harsche Spar- in Griechenland.“ Nur Nídia Cruz dürfte, Doch wie schon seine Vorgänger knick- maßnahmen und Strukturreformen ge- bevor die Wirtschaft wieder anspringt, te auch Monti ein. Sein neuer Gesetzes- knüpft, deren Einhaltung von der Troika schon ausgewandert sein. entwurf, den er kurz vor Ostern präsen- aus Europäischer Union, dem Internatio- Noch dramatischer als in Portugal ist tierte, bleibt dabei: Wiedereinstellungen nalen Währungsfonds (IWF) und der Eu- die Lage des Arbeitsmarktes bei seinem per Gericht sind möglich. Und so ist Mon- ropäischen Zentralbank (EZB) überwacht Nachbarn Spanien. Mit fast 24 Prozent tis Reformpolitik kein umfassender Ent- wird. „Die Portugiesen haben noch gar ist das Land Europas Spitzenreiter bei wurf wie die in Italien von vielen bewun- nicht verstanden, was auf sie zukommt“, der Arbeitslosigkeit. Hier ist die Ursache derte Agenda 2010, es ist ein Kompromiss, sagt der Aufsichtsratsvorsitzende einer vor allem in der Immobilienkrise zu su- um den noch lange gerungen wird. Unternehmensgruppe. chen, einer Branche, die dem Land erst Den Preis dafür werden wohl erneut Finanzkrise und Rezession verschärfen traumhaftes Wachstum und dann den alp- die Jungen zahlen. Weil Kündigungen den Spardruck des Staates. Um mehr als traumhaften Absturz bescherte: Da Spa- langjähriger Mitarbeiter entweder unmög- drei Prozent, so die Regierung, werde die nien seit der ersten Stunde im Euro-Ver- lich oder extrem teuer sind, erhalten die Wirtschaft dieses Jahr schrumpfen, es ist bund war, sanken die Hypothekenzinsen jungen Leute allenfalls Zeitverträge. die wohl schlimmste Talfahrt seit dem Anfang des letzten Jahrzehnts auf nie ge- So droht das Problem der Jugendar- Ende der Diktatur 1974. kannte Tiefen. Selbst Arbeiter waren in beitslosigkeit eine ganze Generation zu Tatsächlich ist es dem EU-Land Portu- der Lage, Eigenheime zu erwerben und verschleißen. Wie auch in Portugal. gal nie gelungen, eine stabile Wirtschaft für jedes Kind eine Wohnung als Mitgift Wenn Nídia Cruz, 33, im Armenviertel aufzubauen. Als 2000 die Handelsbarrie- zu kaufen – alles auf Pump. Odivelas am Rande von Lissabon zu Mäd- ren mit China fielen, war die führende Bis 2008 entstanden jährlich etwa chen spricht, die von ihren Lebensgefähr- Textil- und Schuhindustrie nicht mehr 800 000 Wohnungen. Um diesen Boom ten geschlagen werden, macht sie ihnen konkurrenzfähig. Mit der EU-Osterwei- zu bewältigen, holten sich die Spanier Mut, ihre Zukunft selbst anzupacken. Sie terung wanderten viele internationale Millionen Immigranten ins Land. Es war sagt, die Mädchen sollten „einen Beitrag Konzerne ab. Die privaten Haushalte hat- eine profitable Zeit für Leute wie José leisten für ihr Land“, damit sie sich „nütz- ten sich zudem haushoch mit billigen Kre- Ignacio Recoder, 66, der bis vor kurzem lich fühlen“ können. diten verschuldet. einen Familienbetrieb für Schneidema- Das klingt trotzig aus dem Mund der Und so versucht die konservative Re- schinen und Werkzeuge führte. Noch ehrgeizigen jungen Frau, die sich selbst gierung von Pedro Passos Coelho nun vor 2006 beschäftigte er 60 Angestellte und kaum noch heimisch fühlt in ihrem Land. allem, die Produktivität zu steigern: Vier machte zwölf Millionen Euro Umsatz. Cruz verlor ihren letzten Job bei einer Feiertage und drei Urlaubstage wurden Mit der Immobilienkrise brach das Bau- spanischen Firma, die mit der Krise in im März gestrichen, zudem wurde die geschäft ein, Recoder musste 45 Mitarbei- Konkurs ging, sie wurde arbeitslos, erhielt Einführung sogenannter Stundenkonten ter entlassen und Abfindungen in Höhe Sozialhilfe. Ein Fortbildungsstipendium beschlossen, wie sie auch in Deutschland von 2,8 Millionen Euro zahlen. Das traf der EU half ihr schließlich, einen kauf- üblich sind: In Zeiten voller Auftrags- den Madrilenen so schwer, dass er sich in männischen Abschluss zu machen. bücher kann ein Arbeiter bis zu 50 Stun- den Ruhestand zurückzog. Heute halten 86 D E R S P I E G E L 1 6 / 2 0 1 2
  • sein jüngster Bruder und sein Bei der Parlamentswahl am 6.ältester Sohn die Firma am Mai wird er die extreme RechteÜberleben. wählen, „aus Protest“. In der Krise verloren in Spa- Griechenland hat, was dasnien zunächst die Ungeschulten Niveau der Löhne angeht, inihren Job, dann die Arbeitneh- den vergangenen Jahrzehntenmer mit Zeitverträgen. Wer ei- weit über seine Verhältnisse ge-nen unbefristeten Vertrag hatte lebt. Es war nicht das Niedrig-und entlassen wurde, erhielt ei- lohnland, das es gemäß seinernen vergoldeten Handschlag – Wirtschaftsleistung hätte seindas waren eineinhalb Gehälter müssen. Seine ständig wachsen-für maximal 42 Monate, ein Re- den Gehälter wurden von Kre-likt aus Franco-Zeiten. diten finanziert. Die Konsequenz: Feste Stel- Und doch greift das radikalelen sind so rar wie nie, 93 von Kürzungsdiktat der Troika zu100 Arbeitsverträge sind befris- kurz, um die griechische Tragö-tet. Um Spaniens Kleinunter- die zu beheben, denn von ech-nehmern zu helfen, überhaupt ten Wachstumsmaßnahmen istwieder Personal einzustellen, bislang kaum die Rede.verabschiedete die Regierung Ein Gespenst geht um in Süd-von Premier Mariano Rajoy am europa. Oder ist es doch ein gu-12. Februar eine umfangreiche ter Geist? „Europa“, so predigtArbeitsmarktreform. Bundeskanzlerin Angela Mer- Demnach können Unterneh- kel, „kann in der internationa- MIGUEL A. LOPES / DPAmer ohne Zustimmung der Ge- len Konkurrenz mit aufstreben-werkschaften in schwierigen den Mächten wie China oderZeiten Löhne und Abfindungs- Brasilien nur bestehen, wennzahlungen senken, Arbeitszei- es so wettbewerbsfähig wieten verändern und sogar ent- Deutschland wird.“ Doch einelassen. Sie müssen nur nachwei- Junge Arbeitslose in Lissabon: Schlimmste Talfahrt seit 1974 Kanzlerin, die derzeit üppigesen, dass sie in drei aufeinander- Steuergeschenke wie das Be-folgenden Quartalen Einbußen erlitten Dabei ist die Öffnung des Arbeits- treuungsgeld einführen will, taugt nur be-haben. Dem Arbeitnehmer bleibt dann markts in Griechenland nur eine von zahl- dingt zum Vorbild. Es ist eher die Reform-nur der Weg vor das Arbeitsgericht. reichen Baustellen, an denen die Regie- politik ihres Vorgängers Gerhard Schrö- Dass die Erwerbslosenzahlen in den rung arbeitet. Die größte Baustelle ist der der, auf die Schuldenstaaten schauen.kommenden Monaten erneut steigen wer- Staat selbst – und seine ineffiziente Ver- Nur was genau können sie von denden, weiß auch Spaniens Premier. 2012 waltung. Mit einem nicht einmal mehr Deutschen lernen? Den rigiden Kündi-werde „nicht gut“, sagt Rajoy voraus. Er von Experten zu durchblickenden Regel- gungsschutz, der viele kleine Unterneh-rechne damit, dass das Heer der Arbeits- dickicht legt sie das Land lahm. men in Südeuropa knebelt, hat es inlosen bis Jahresende auf sechs Millionen Auch wegen dieser Überregulierung Deutschland so nie gegeben.anschwellen werde. liegt der Arbeitsmarkt darnieder, auch ih- Ob die Reformen schließlich weit ge- Experten fürchten, dass dann eine Kla- retwegen befindet sich das Land im fünf- nug gehen und die Unternehmen dazugeflut auf Spaniens Arbeitsrichter zu- ten Jahr der Rezession. Bei derzeit 21 Pro- bringen, mehr Jobs zu schaffen, wird sichkommt. Obwohl sie dafür nicht ausgebil- zent Arbeitslosigkeit sind die drastischen erst nach der Krise zeigen. Wo diese Jobsdet sind, werden sie anhand von Unter- Lohn- und Gehaltskürzungen vor allem entstehen sollen, ist ebenso unklar. Dennnehmensbilanzen entscheiden müssen, eine simple Sparmaßnahme, um schnell die industrielle Basis, auf der Deutsch-ob sie dem Arbeitnehmer oder dem Ar- Geld in die Staatskasse zu spülen. lands Wirtschaftswachstum beruht, ist imbeitgeber recht geben. Allein, ob aus die- Zu den Strukturreformen in Griechen- Süden des Kontinents deutlich schwächer.sen Maßnahmen überhaupt neue Jobs er- land gehört auch die Liberalisierung der Klar ist nur, dass die Südstaaten ihrenwachsen, ist mehr als ungewiss. bislang geschlossenen Berufsgilden wie Sozialstaat abbauen werden, weil sie ihn Auch in Griechenland wird der Hori- der der Taxifahrer, Anwälte und Apothe- einfach nicht mehr finanzieren können.zont auf lange Zeit düster bleiben, und ker. Mit rund 30 Gesetzesentwürfen hat Widerstände sind vorgezeichnet. Fürnur wenige vermögen dies zurzeit so bit- die Regierung bereits versucht, die über Assunta Linza, die italienische Psycholo-ter in Worte zu fassen wie Athens Über- Jahrzehnte gewachsenen Interessen- gin, ist der verkrustete Arbeitsmarkt ihresgangspremier Loukas Papademos. „Wir geflechte aufzulösen – und lief damit ins Landes zwar ein Übel. Und doch ist auchwerden etwas geben müssen, um nicht Leere: „Sie können von mir aus gern Li- sie gegen die Abschaffung des umstritte-alles zu verlieren“, sagte der Regierungs- zenzen umsonst verteilen“, sagt der Taxi- nen Artikels 18, ohne den sie ihre befris-chef resigniert, bevor ihn die Abgesand- fahrer Athanasios Trakalas. Das bringe tete Unterstützung von 600 Euro im Mo-ten von EU, IWF und EZB im Januar be- nichts, der Markt sei übersättigt. Etwa nat nie bekommen hätte.suchten. Um die Strukturreformen sollte 14 000 Taxen gibt es in Athen, vor ein Erst neulich demonstrierte sie mit ih-es gehen, wieder einmal. Genauer: Um paar Jahren waren es noch 8000. rem Vater auf der Piazza Venezia in Rom.die von der Troika geforderten Änderun- Seit die Menschen immer weniger Geld Linza weiß, dass der wahre Kampf erstgen auf dem griechischen Arbeitsmarkt. haben, gehen sie lieber zu Fuß oder neh- mit der nächsten Generation beginnt. „In So ist geplant, Sonderzahlungen abzu- men die U-Bahn. Früher hat Trakalas im Italien ist die Familie der Wohlfahrtsstaat.schaffen und die stufenweise Gehalts- Sommer bis zu 6000 Euro im Monat ver- Mein Vater unterstützt mich. Die Frageerhöhung nach Dienstjahren vorüber- dient, jetzt sind es höchstens 1500 Euro. ist, wer meine Kinder unterstützen wird.“gehend auszusetzen. Eine Senkung des Die Liberalisierung seiner Branche sei FIONA EHLERS, JULIA AMALIA HEYER,Mindestlohns auf 585 Euro ist bereits be- pure politische Augenwischerei. „Reden CHRISTOPH PAULY, DANIEL STEINVORTH,schlossen. wir lieber über Fußball“, sagt Trakalas. HELENE ZUBER88 D E R S P I E G E L 1 6 / 2 0 1 2
  • Ausland D E B AT T E Neue Mächte, altes Spiel Syriens Schicksal hängt wesentlich von den neo-osmanischen Ambitionen der Türkei ab. Von Timothy Garton AshA n dem Tag, an dem ich in Istanbul eintraf, wurde der Natürlich hat der wortgewaltige und superenergische türki- letzte Spross der osmanischen Herrscherfamilie zu sche Außenminister Ahmet Davutoglu den Vorwurf, er betreibe Grabe getragen. Ihre Kaiserliche Hoheit Fatma Nes- eine „neo-osmanische“ Politik, in aller Form zurückgewiesen,lişah Sultan war noch in einem Palast am Bosporus zur Welt aber er hat auch gesagt: „Ich bin nicht nur der Minister einesgekommen, während ihr Großvater – zumindest nominell – Nationalstaats.“ Der einstige Universitätsprofessor spricht oftüber die Reste eines riesigen, Kontinente überspannenden beredt und ausdauernd über das osmanische Erbe der Türkei.Reiches herrschte. Am Tag nachdem ich wieder abgereist war, Nach einer solchen Vorstellung, die er vor den versammeltentötete Gewehrfeuer von Truppen des syrischen Präsidenten Außenministern der Europäischen Union gegeben hatte, scherz-Baschar al-Assad mehrere Menschen auf türkischem Boden. te einer von ihnen, die EU sei gerade eingeladen worden, sichDie Schüsse verletzten eine Grenze, die es bis zum Ende des dem Osmanischen Reich anzuschließen. Aber selbstredendOsmanischen Reiches gar nicht ge- handelt es sich bei diesem Reich umgeben hatte. eine moderne, verschlankte, republi- Auf den ersten Blick scheint es kei- kanische Version. Sie ist darin jenernen Zusammenhang zwischen den letzten Prinzessin ähnlich, die ihrbeiden Ereignissen zu geben: Das Leben schlicht als „Frau Osmanoglu“erste ist lediglich eine historische Ku- beendete, was man etwa als „Frauriosität, das zweite gehört zu den Osman“ übertragen könnte. (Mandringlichsten politischen und huma- stelle sich vor, wie „Frau Windsor“,nitären Herausforderungen unserer ehemals: the Queen, klingen würdeTage. Mehr als 9000 Menschen wur- in jener britischen Republik, die ichden bisher in Syrien getötet. Weitere nicht mehr erleben werde.)Zehntausende sind verwundet wor- Wesentlicher noch: Die dynami- POLARIS / LAIFden, und, so die Schätzungen, bis zu sche Wirtschaft der Türkei hat be-eine Million Männer, Frauen und deutende Geschäfts- und Handels-Kinder haben innerhalb des Landes interessen in Syrien, während gleich-ihre Wohnorte verlassen müssen Syrische Flüchtlinge in der Türkei zeitig das komplizierte ethnischeoder sind ins Ausland geflohen. Die Erbe des aufgeteilten Osmanischenvon Franzosen und Briten geführte Richtet die türkische Reichs dafür gesorgt hat, dass die ru-militärische Intervention in Libyen helosen Kurden heute auf beiden Sei-wurde durch die glaubhafte Drohung Armee auf syrischem Gebiet ten der türkisch-syrischen Grenze le-von Muammar al-Gaddafi ausgelöst, eine Pufferzone ein? ben. Um gar nicht erst von dem un-er werde unter der Zivilbevölkerung mittelbaren Druck zu reden, den dievon Bengasi ein Massaker anrichten. syrischen Flüchtlinge ausüben undIn Homs hat Assad genau das bereits getan. Er hat den Termin der zu einer immer lauteren Diskussion darüber geführt hat,zum Abzug der syrischen Streitkräfte verstreichen lassen, auf ob die türkische Armee eine Pufferzone oder einen humanitä-den er sich mit dem ehemaligen Uno-Generalsekretär Kofi An- ren Korridor auf syrischem Gebiet einrichten sollte. Es gibt so-nan verständigt hatte. Ob der von Annan ausgehandelte, sehr gar Vorschläge, die Türkei solle einen Bruch von Punkt 1 desfragile Waffenstillstand andauern wird, ist, gelinde gesagt, sehr 1998 geschlossenen Vertrags von Adana konstatieren, nachungewiss. Wenn das Ausmaß der Ermordung von Zivilisten dem Syrien „keinerlei Aktivitäten dulden wird, die von seinemdas einzige Kriterium für eine humanitäre Intervention wäre, Staatsgebiet ausgehen und darauf abzielen, die Sicherheit undhätten wir sie schon vor Wochen beginnen müssen. Verglichen Stabilität der Türkei zu gefährden“. (Dieser Passus richtetemit diesen Gräueln, was wiegt da schon der Tod einer greisen sich ursprünglich gegen eine Unterstützung kurdischer Gruppenosmanischen Prinzessin? wie etwa der PKK.) In Istanbul waren auch unbestätigte Be- Und doch sind die Ereignisse enger miteinander verknüpft, richte darüber zu hören, dass ehemalige Mitglieder türkischerals man denken könnte. Für die Türkei bedeutet es einen gewal- Sondereinheiten inzwischen auf Seiten der Freien Syrischentigen Unterschied, dass das Territorium, das heute Syrien heißt, Armee kämpfen.bis zum Ersten Weltkrieg ein ebenso integraler Bestandteil des DOsmanischen Reiches war wie Irland ein Teil des britischen. och es geht hier um mehr. Wenn ich in Bezug auf eineDieses historische Bewusstsein ist besonders wichtig für die ge- humanitäre Intervention schreibe, dass „wir“ sie schonmäßigt islamistische Regierung der Türkei, deren stellvertreten- vor Wochen hätten beginnen müssen, wird der Leserder Premierminister dann auch am Begräbnis der letzten Enkelin automatisch annehmen, mit „wir“ seien im Wesentlichen west-des letzten Sultans teilnahm. Die Regierungsdoktrin der „stra- liche Mächte gemeint, die bestenfalls im Uno-Auftrag vorgehentegischen Tiefe“ sieht die Türkei in ähnlicher Weise als Regio- und im Allgemeinen höflich als „internationale Gemeinschaft“nalmacht zwischen Europa, dem Nahen Osten und Zentralasien. beschrieben werden. Und es ist ja wahr: Wenn die führenden90 D E R S P I E G E L 1 6 / 2 0 1 2
  • Militärmächte des Westens, allen voran die Vereinigten Staaten, Wenn ein müder Pascha im Jahr 1912 eingeschlafen und erstGroßbritannien und Frankreich, mit bewaffneten Kräften ein- heute wieder aufgewacht wäre, würde die Welt große Über-greifen – was sie in zwei anderen Ecken des ehemaligen Osma- raschungen für ihn bereithalten, von der Existenz postkolo-nischen Reiches bereits getan haben, in Bosnien und im Kosovo –, nialer Staaten bis zu Facebook, von Demokratie bis hin zudann hat das einen transformatorischen Effekt. Aber keine dieser Mobiltelefonen. Doch nach einigen Wochen der AnpassungMächte, am wenigsten Washington, hat bisher in Bezug auf Sy- könnte er sich richtig zu Hause fühlen. Es gibt sie ja noch,rien irgendwelche Interventionsabsichten erkennen lassen. könnte er sagen, diese alten Großmächte, die ihre unterschied- lichen Werte und Interessen öffentlich oder im Geheimen ver-D er amerikanische Präsident Barack Obama und der fran- folgen, damals wie heute Mitspieler in dem bekannten Großen zösische Präsident Nicolas Sarkozy müssen erst einmal Spiel. Wahlen gewinnen. Der britische Premier David Came- Und in der Tat, viele Akteure erscheinen als verkleinerte,ron ist zu sehr damit beschäftigt, Fleischpasteten zu besteuern teilmodernisierte Versionen jener alten Mächte: die Türkeiund Handelsbeziehungen in Fernost auszubauen. Diese west- nunmehr unter Sultan Recep Tayyip Erdogan, Russland unterlichen Führer werden ihre Empörung bekunden und versuchen, dem Joch des Zaren Wladimir Putin, China in den letzten Mo-Wirtschaftssanktionen sowie den diplomatischen Druck mit naten der Herrschaft Kaiser Hu Jintaos, Großbritannien mitHilfe der Uno zu verschärfen, aber irgendwelche Interventionen dem pausbäckigen Ersten Minister Ihrer (1912: Seiner) Majestätnach dem Muster Libyens und des Kosovo sind so bald nicht und so weiter und so fort.zu erwarten. Die Balance unter den Nachbarn Syriens wäre eine ganz an- Unter diesen Umständen werden andere Staaten das Schick- dere, wenn die Europäische Union mit ihrem historisch neu-sal des syrischen Volkes bestimmen. Für die nahe Zukunft artigen Modell gemeinschaftlich ausgeübter Souveränität sichwird die Türkei dabei bedeutsamer sein als Großbritannien, aufgerafft hätte, die Türkei einzubinden, wie sie es schon vorIran relevanter als Deutschland, Saudi-Arabien wichtiger als fast 50 Jahren im Assoziierungsabkommen 1963 zugesichertFrankreich und Russland einflussreicher als Amerika. In Bezug hat. Das aber ist nicht geschehen. In Bezug auf Syrien ist dieauf Syrien werden diese Regionalmächte ihre eigenen natio- Stimme Europas deshalb genauso wenig zu hören wie in sonalen Interessen verfolgen, die nicht nur durch wirtschaftliche vielen anderen Bereichen. Das ist auch ein Grund dafür, dassoder militärische Kriterien vorgegeben werden, sondern auch jetzt das Schicksal der tapferen Aufständischen und der lei-durch kulturelle und ideologische Gegebenheiten. Und so gibt denden Zivilbevölkerung Syriens abhängt vom Wettbewerbes eben das Gerangel zwischen einem schiitischen nachrevo- unterschiedlichster souveräner Mächte um die Vorherrschaftlutionären Iran und einem sunnitischen reaktionären Saudi- in der Region.Arabien, zwischen dem postimperialen Russland und der neo-osmanischen Türkei, vom fernen, aber mächtigen China gar Garton Ash, 56, lehrt Zeitgeschichte und Politik in Oxford undnicht erst zu reden, das über ein entscheidendes Votum im veröffentlichte jüngst die Essay-Sammlung „Jahrhundertwende:Sicherheitsrat verfügt. Weltpolitische Betrachtungen 2000–2010“.
  • Ausland land als normal, und 55 Prozent sagten, der Antisemitismus sei in Deutschland ISRAEL auch nicht schlimmer als anderswo in Verblichene Gespenster Europa. 100 000 Israelis haben inzwischen einen deutschen Pass, 15 000 sollen schon in Berlin leben. Die Zahl der Direktflüge steigt von Jahr zu Jahr, trotzdem sind sie Deutsche Pässe, deutsche DJs und „Made in Germany“: fast immer ausgebucht. In den großen Längst gibt es in Tel Aviv eine junge, selbstbewusste Städten ist es annähernd unmöglich, ei- nen jungen Israeli zu finden, der nicht Generation, für die Deutschland wieder attraktiv ist. schon in Deutschland war oder dorthin will. Vor allem Berlin ziehtI n seiner ersten Nacht in Deutschland sie an, die Stadt, von der schläft der Israeli Tomer Heymann aus einst die „Endlösung“ mit einem Deutschen. Er hat ihn im organisiert wurde, die heuteClub Berghain in Berlin kennengelernt: mit billigen WohnungenAndreas Josef Merk, blond und katho- und dem Versprechen lockt,lisch. Heymann, Regisseur, jüdisch und dass es so schnell nicht lang-schwul, hält ihn zunächst für einen weilig wird. Aber Berlin istSchweden, er denkt, Deutsche müssten nicht einfach nur ein neuesdoch anders aussehen, finsterer vielleicht, New York, es ist mehr: einezackiger, gröber. Bühne, auf der sie ein Rol- Am Morgen danach läuft schon die Ka- lenspiel von Zugehörigkeitmera, und der Israeli fragt den Deutschen: und Identität ausprobierenBist du stolz, Deutscher zu sein? Hast du können. Ein Was-wäre-je mit deinen Großeltern über den Holo- wenn: Was wäre, wenn ichcaust geredet? Nein, sagt der Deutsche, in Deutschland geboren W-FILMaber gut möglich, dass sie Nazis waren. worden wäre. Wer wäre ichDann schweigen sie. Es ist das einzige Dokumentarfilmer Heymann (M.)*: Zwei Minuten Schweigen dann? Wie würde mein Le-Mal, dass sie über dieses Thema reden. ben aussehen? Wenig später reist der Deutsche nach Natürlich ist dieses neueTel Aviv, mit zwei Koffern und einem Verhältnis nicht immer un-One-Way-Ticket. Sie feiern zusammen problematisch. Natürlich istPessach und Weihnachten; der Deutsche nicht alles gut, vergessen,erklärt, wie man Pfannkuchen in der Luft vergeben. Es gibt noch im-wendet, der Israeli, dass man am Holo- mer 17-Jährige mit deut-caust-Gedenktag stillsteht, die Arme eng schen Wurzeln, die zitternam Körper, zwei Minuten Schweigen. Am vor Scham, wenn der Holo-Ende wird ein Film daraus, es ist ein 56- caust in der Schule durch-minütiges Protokoll der neuen Unbefan- genommen wird. Es gibtgenheit zwischen Israelis und Deutschen. andere, die schwören, nie „I Shot My Love“ heißt er, es ist die nach Deutschland zu fahren.Liebeserklärung eines Israelis, dessen Die Erinnerung an den Ho- MARCO-URBAN.DEGroßeltern 1936 aus Berlin flohen, an ei- locaust sei Leitprinzip ihresnen deutschen Tänzer aus Bayern – und Lebens, antworteten kürz-das Bemerkenswerte daran ist: wie nor- lich 98 Prozent der jüdi-mal diese Liebe inzwischen wirkt. „Meschugge“-Party in Berlin: 15 000 zugewanderte Israelis schen Israelis bei einer Um- Ein neuer Umgang miteinander hat frage. Und als das Israelsich da entwickelt, fern der ewigen deut- nach Berlin das Normalste der Welt ist. Chamber Orchestra voriges Jahr in Bay-schen Debatten, in denen alte Männer Für die Deutschland inzwischen nicht nur reuth ein Stück von Richard Wagner spiel-mit ihren Gespenstern ringen und Politi- ein Land wie jedes andere ist, sondern: te, da sorgte das in der Heimat der Musi-ker sich mit Zwangsritualen abmühen, eines der beliebtesten Länder. ker für einen Aufschrei. Aber auch dies:Pflichtbesuch von Jad Vaschem hier, Vor allem geht es um ein Gefühl, um vor allem ein Zeichen für den Wandel,Pflichtbesuch von Dachau dort. Längst ein neues israelisches Selbstbewusstsein weniger für das Beharren. Symbolischergibt es eine neue deutsch-israelische Rea- gegenüber Deutschland, geprägt von Neu- Restwiderstand einer älteren Generation,lität jenseits der Betroffenheitsroutine – gier und Entdeckungsdrang. Die Jungen die sich mit der neuen Entspanntheit derund zwar vor allem in Israel. fordern nicht mehr das stetige Erinnern jungen schwertut. Fast 70 Jahre nach dem Ende des Holo- ein, sondern das Recht, auch mal verges- Tomer Heymann fragt im Film irgend-caust sterben nach und nach die letzten sen zu dürfen. Wer diesen Wandel in Zah- wann seine Mutter: Stört es dich, dassÜberlebenden, das verändert die Sicht len zu fassen sucht, begreift am besten, dein Sohn etwas mit einem Deutschender jüngeren Israelis auf Deutschland. We- wie groß er ist: Ein Viertel der Israelis hat? Nein, sagt sie, gar nicht. Später sagtnig beeinflusst von historischen Tabus, wünschte sich vor zwei Jahren, dass sie: Ihr seid so unterschiedlich. Du solltestbestimmen sie neu, was dieses Land für Deutschland die Fußball-Weltmeister- dir jemanden suchen, der dir ähnlich ist.sie bedeutet. Ein, zwei Generationen sind schaft gewinnen würde. In einer Umfrage Sie meint: einen Juden. Hat er nicht ge-da nachgewachsen, die es nicht mehr von 2009 bezeichneten 80 Prozent die Be- tan, sie sind noch immer zusammen, auchmerkwürdig finden, dass eine Firma wie ziehungen zwischen Israel und Deutsch- sechs Jahre später. Und die Mutter? Fin-Birkenstock in Israel mit „Made in Ger- det das inzwischen gut, denn der jungemany“ wirbt, und für die ein Kurztrip * Mit Partner Andreas Josef Merk, Mutter Noa. Deutsche hat ihr einen Teil ihrer eigenen92 D E R S P I E G E L 1 6 / 2 0 1 2
  • ISRAELIMAGES / AKGStrandleben in Tel Aviv: Das Recht, auch mal vergessen zu dürfenFamiliengeschichte zurückgebracht, der Geschwister, einer davon der Dokumen- spüren, etwa auf einer dieser Berlin-Par-lange verschüttet war. tarfilmer David Fisher, nach Österreich, tys in Tel Aviv. Manchmal reicht dafür Aber die Frage bleibt, ob ein Partner um ihren Vater besser zu verstehen, der eine zum Club umfunktionierte Privat-aus Deutschland für einen Israeli an- nicht viel mehr erzählte als dies: dass er wohnung aus, ein Lagerfeuer auf demgemessen ist, sie wird derzeit in vielen in Auschwitz war. Hunger, Leid, Wag- Dach und darunter eine schwülheißeisraelischen Familien diskutiert. Denn so, gons, Bruchstücke des Grauens, nie mehr. Tanzfläche, wo die Barkeeper NVA-Müt-wie sich immer mehr Israelis nach Doch nach seinem Tod finden die Kin- zen tragen, ein Berliner DJ auflegt undDeutschland aufmachen, so lernen sie der seine Erinnerungen, in denen be- ein Wegweiser steht: Zoologischer Gar-auch mehr Deutsche kennen und lieben. schreibt der Vater, wie er in Hitlers unter- ten, Hamburger Bahnhof, X-Berg.In Tel Aviv sind die Hebräischkurse voller irdischer Flugzeugfabrik schuften musste. Fast schon ein Rausch ist diese Begeis-nichtjüdischer Ausländer, darunter be- Also fahren sie hin, steigen in die Tunnel, terung. Wie ist sonst zu erklären, dasssonders viele Deutsche, die die Sprache um seinem Leidensweg nachzuspüren. Hans Falladas Berlin-Roman „Jeder stirbtihres Partners lernen wollen. So voll, dass Zehn Monate arbeitete der Vater dort, er- für sich allein“ im vergangenen Jahr wo-für sie schon Extraklassen eingerichtet zählen sie einem verblüfften Historiker. chenlang auf den israelischen Bestseller-wurden. Gleichzeitig lernen zahlreiche Ein Wunder, sagt der. Die durchschnittli- listen ganz oben stand, 64 Jahre nach sei-Israelis Deutsch, die Kurse des Goethe- che Überlebensdauer betrug eine Woche. ner Erstveröffentlichung? Dass es in TelInstituts sind begehrt wie nie. So groß ist das Interesse, dass seit Aviv nichts Ungewöhnliches ist, wenn der Es ist kein Zufall, dass das gerade jetzt knapp drei Jahren sogar israelische Frei- deutsche Besucher beim Eiskauf in einpassiert, in dieser dritten Generation, die willige in Deutschland arbeiten, in Kin- Gespräch über Fatih-Akin-Filme verwi-nicht mehr vorrangig damit beschäftigt dergärten, Museen und Jugendzentren. ckelt wird?ist, Israeli zu sein. Ihre Großeltern haben Nicht nur um die Vergangenheit zu er- Hunderte solcher Begegnungen gibt esentweder voller Wut Siemens und Volks- kunden, sondern um der Gegenwart eine in dieser Stadt, jeder Israeli hat seinewagen boykottiert oder zogen es vor, wei- neue Erfahrung, einen neuen Wohnort eigene Geschichte zu Deutschland. Da istterhin ihren Goethe auf Deutsch zu lesen. hinzuzufügen. Einfach weil da der die Lehrerin, die auf dem Handy stolzIhre Eltern mussten das Deutsche aus ih- Wunsch ist, etwas anderes zu erleben, ein selbstgedrehtes Video von ihrerrem Leben verdrängen, um echte Israelis nach der Armee nicht nach Goa zu reisen, Tochter auf einem Konzertabend zeigt.zu werden. Die Enkel ruhen viel sicherer sondern eben nach Berlin. Mit Hingabe singt diese Bertolt Brecht,in ihrer israelischen Identität, und so fällt Wie sehr unterscheidet sich das von das Lied vom Surabaya Johnny aus demes ihnen nun leichter, ihre Wurzeln zu dem, was die deutschen Volontäre in Is- Musical „Happy End“. Oder die jungeerforschen und das Schweigen aufzubre- rael berichten. Sie kommen noch immer Vermieterin, die beim Vertragsabschlusschen, das noch immer in vielen Familien in Scharen, rund tausend jedes Jahr, und erzählt, dass ihre Großmutter gerade soüber das persönliche Leid im kollektiven oft sind sie enttäuscht, hier mit ihrem Süh- dem KZ entronnen sei. Ob sie kurz anru-Horror des Holocaust herrscht. negedanken allein zu sein. Die Israelis fen solle? Und dann schon die Nummer Auch deshalb gibt es gerade jetzt so wollen einfach nicht ständig über den Ho- wählt, die Großmutter an die Deutscheviele Filme, in denen Israelis dokumen- locaust reden. weitergibt, man redet über: Dörfer imtieren, wie sie die lange verschütteten Ge- Diese neue Selbstverständlichkeit im Umkreis von Bremen.schichten ihrer Vorfahren entdecken. In Umgang mit der Vergangenheit verändert Merkwürdig? Ganz normal, ständig„Six Million and One“ etwa fahren vier auch Israel. Das ist an vielen Orten zu passiert das, und nicht nur in Tel Aviv, D E R S P I E G E L 1 6 / 2 0 1 2 93
  • Auslandsondern auch im Moschaw Dischon ganzim Norden, in Jerusalem oder in Beer-scheba am Rande des Negev. FRANKREICH Auf dem Mond Kürzlich beantragte ein israelischerJournalist den deutschen Pass, es wäre sei-ne dritte Nationalität. Yermi Brenner, 32,ist Israeli, US-Amerikaner und bald auchDeutscher, so verspricht es das Grund-gesetz, Artikel 116, Absatz 2: Menschen, Am Sonntag findet der erste Teil der Präsidentschaftswahlendenen im Nationalsozialismus die Staats- statt, nach einem eigenartigen Wahlkampf, in dem viel vonbürgerschaft entzogen wurde, haben einAnrecht auf einen deutschen Pass, ebenso Personen, aber wenig von Wirtschaftsproblemen die Rede war.ihre Nachkommen. Früher hätte man ihn Ain Israel einen Verräter genannt. Wer ei- ls Präsident würde er den Mars In diesem Jahr muss man besondersnen deutschen Pass beantragte, der tat kolonisieren, sagt Jacques Chemi- froh sein um die Außenseiter. Sie verlei-das verschämt. Heute erzählt man das sei- nade, Kandidat der Partei Solida- hen einem Wahlkampf Farbe, dem an-nen Freunden und wird dafür beneidet. rität und Fortschritt, und Barack Obama sonsten etwas Deprimierendes inne- Etwa seit der Jahrtausendwende mit Adolf Hitler zu vergleichen, das finde wohnt. Auf der einen Seite ist da einwächst die Zahl der Israelis mit deut- er auch in Ordnung. Amtsinhaber, der einer Mehrzahl derschem Pass rasant. Für manche ist es eine Vier Millionen Franzosen schauen ihm Franzosen unsympathisch ist und der mitVersicherungspolice gegen Krieg und Ter- dabei zu, am vergangenen Donnerstag, aller Kraft versucht, sie zu überzeugen,ror, für andere eine Frage der Bequem- in der Wahlsendung „Des paroles et des dass nur er das Land führen könne.lichkeit, weil damit oft die Visumpflicht actes“ auf France 2. Später amwegfällt. Manche sehen es als späten Abend kommt die Trotzkistin Na-Triumph. Für Yermi Brenner ist es eine thalie Arthaud an die Reihe. SieFrage der Optionen. Und eine dieser will die freie Marktwirtschaft ab-Optionen ist, eines Tages in Deutschland schaffen und schwärmt von derzu leben, so wie er jetzt erst einmal in Diktatur des Proletariats.New York studieren will. Cheminade und Arthaud sind Ist es schwierig, die Nationalität der bei der ersten Runde der Präsident-Täter anzunehmen? Das ist eine Frage, schaftswahlen am kommendendie wohl nur ein Deutscher stellen kann. Sonntag chancenlos. In UmfragenBrenner selbst stellt sie sich nicht. erhalten sie jeweils ein halbes Pro- Schwer war es nur für den Vater, der zent der Stimmen. Aber sie habenzuerst die deutsche Staatsangehörigkeit je 500 Unterschriften von Bürger-beantragen musste, damit sein Sohn den meistern und Abgeordneten be-deutschen Pass bekommt. Er ist einer die- kommen, gehören damit zu denser typischen Vertreter der zweiten Ge- zehn offiziellen Kandidaten – undneration, aufgewachsen im Schatten des die TV-Sender sind gesetzlich ver-Holocaust und mit dem Schweigen seiner pflichtet, ihnen genau gleich vielMutter. Erst nachdem die Großmutter Redezeit einzuräumen wie Präsi-starb, erfuhr die Familie mehr über sie – dent Nicolas Sarkozy, der in derausgerechnet von einer deutschen For- Sendung ebenfalls nur 16 Minutenscherin. Sie recherchierte die Geschichte lang reden darf.der Großmutter, die in Auschwitz war Der Sieger wird erst am 6. Maiund floh, indem sie vom Zug sprang und feststehen, wenn die beiden best-sich nach Berlin durchschlug, wo ein platzierten Kandidaten in der Stich-Deutscher sie versteckte. wahl gegeneinander antreten – Die deutsche Forscherin ist inzwi- voraussichtlich Präsident Nicolasschen eine Freundin der Familie, und Sarkozy und sein sozialistischer IMAGOder Enkel der Auschwitz-Überlebenden Herausforderer François Hollande.hat in Bayreuth einen Deutschkurs ge- Es ist ein seltsamer Wahlkampf, Präsidentschaftskandidaten Sarkozy, Mélenchon, Hollande:macht. Bald wird er Deutscher sein. Und der in diesen Tagen in seineeigentlich, sagt er, fühle sich das sehr Schlussphase eintritt. Die französischen Auf der anderen Seite ist da der sozia-normal an. Präsidentschaftswahlen haben zwar Ähn- listische Präsidentschaftskandidat Fran- Vieles ist inzwischen so normal in Isra- lichkeiten mit den amerikanischen, weil çois Hollande, der in Umfragen zur Stich-el. Auch dass in der vergangenen Woche sich zwei Politiker um die Macht duellie- wahl seit Monaten deutlich führt, als soli-ein israelischer Anwalt in der Tel Aviver ren. Aber sie haben auch etwas Altertüm- der Pragmatiker gilt, mit seinem Buchhal-Redaktionsvertretung des SPIEGEL an- liches: Fast alle Kandidaten schreiben tercharme die Wähler aber nicht für sichrief und bat, ob man den Kontakt zu staatstragende Bücher, die tatsächlich ge- einnehmen kann. In Umfragen geben bisGünter Grass herstellen könne? Er würde kauft werden; wenn sie im Fernsehen auf- zu zwei Drittel seiner Unterstützer an, vorgern helfen, gegen dessen Einreiseverbot treten, kündigen sie das ihren Wählern allem Sarkozy verhindern zu wollen.nach Israel zu klagen, sogar kostenlos. schwülstig als „Verabredung“ an. Zu den Die Franzosen haben also die WahlDer Meinungsfreiheit wegen. Absonderlichkeiten gehört das Aufgebot zwischen einem Mann, den sie nicht Es wäre zu wünschen, dass es dem An- der Chancenlosen, von den Franzosen mehr wollen, und einem Mann, den siewalt gelänge, und wenn auch nur, damit die „kleinen Kandidaten“ genannt – sie auch nicht so recht wollen.Günter Grass einmal dieses neue Israel sind die geduldeten Hofnarren in einer Das lähmende Gefühl, das den Wahl-erleben könnte. formalisierten Show, an deren Ende das kampf kennzeichnet, hat mit einer weit- JULIANE VON MITTELSTAEDT Volk einen neuen König wählt. gehend unausgesprochenen Tatsache zu94 D E R S P I E G E L 1 6 / 2 0 1 2
  • tun: Wie die Wahl auch ausgehen wird, Steuereinnahmen erhöhen als die Ausga- leichtbekleideten Sängerin: „Jean-Luc, er- alle Programme werden sich binnen Ta- ben verringern. Nicolas Sarkozy will greife die Macht über mich“. gen als Makulatur erweisen. Die Franzo- zwar Einsparungen, er hätte dafür aber Der Kandidat des „Front de gauche“ ist sen werden am 7. Mai, nach der Wahl- schon die letzten fünf Jahre Zeit gehabt. die einzige Überraschung im Wahlkampf: party, mit einem Kater erwachen. Die Kandidaten versuchen stattdessen, Er könnte noch vor der Rechtspopulistin Frankreich ist ein wirtschaftlich kran- die Wähler zu locken mit dem vertrauten Marine Le Pen auf den dritten Platz kom- kes Land. Es hat eine Staatsverschuldung Bild des mächtigen Frankreich, das men. Sie lag vor einem Jahr in Umfragen von 90 Prozent des Bruttoinlandsproduk- Europa seine Meinung aufzwingen kann: vor dem Präsidenten – doch Sarkozy hat tes, seit 1974 gab es kein ausgeglichenes Hollande will den Fiskalpakt neu verhan- wie schon 2007 Teile ihres Programms Budget, die Staatsquote ist die höchste deln, den 25 Staaten geschlossen haben. übernommen und damit viele Wähler der der Euro-Zone: 57 Prozent der Wirt- Sarkozy will die Schengener Abkommen extremen Rechten an sich gebunden. schaftsleistung hängen am Tropf des verschärfen und droht damit, die EU zu Der zweite Star dieser Kampagne war Staats. Die Arbeitslosigkeit beträgt 10 boykottieren. Darin zeigt sich die Sehn- kein Kandidat, sondern ein glatzköpfiger Prozent, und es gibt eine ganze Genera- sucht nach einer Größe, die von genau Wirtschaftsjournalist namens François tion von Migrantenkindern, die in ghet- jener wirtschaftlichen Schwäche bedroht Lenglet. Er erlangte Kultstatus, weil er in toähnlichen Vorstädten aufwachsen und wird, der die Kandidaten wenig entge- der Wahlsendung „Des paroles et des mit dem Arbeitsmarkt kaum in Berüh- genzusetzen haben. actes“ allen Kandidaten vorrechnete, wie rung kommen. Die Wirklichkeitsferne dieses Wahl- unsinnig ihre wirtschaftlichen Vorschläge Sein AAA-Rating von Standard & kampfs verkörpert niemand besser als sind – gern nahm er auch Grafiken zu Poor’s hat das Land bereits verloren. Und der linkspopulistische Kandidat Jean-Luc Hilfe. Damit änderte er zwar nichts an manche Experten und Politiker fürchten, Mélenchon, der in Umfragen für den ers- ihren Illusionsspielchen, führte aber zu- dass die Finanzmärkte als Nächstes die ten Wahlgang, je nach Institut, bis zu 17 mindest ein wenig Realitätssinn ein. Viele Kandidaten reagierten be- leidigt. Sie sind es gewohnt, von französischen Journalisten unter- würfig interviewt zu werden. Kri- tischer Journalismus, wie Lenglet ihn zeigte, ist im Fernsehen selten. Und die Tagespresse teilt sich auf in parteipolitische Lager: „Le Figa- ro“ vertritt die Haltung der Regie- rung und attackiert täglich Hol- lande. Die linke „Libération“ macht Wahlkampf für Hollande. In den meisten französischen Medien gab es in den vergangenen Monaten nur eine Frage: ob Sarko- zy es noch einmal schaffen könne. Sie lässt sich auch eine Woche vor dem ersten Wahlgang nicht beant- worten, aber die Wahrscheinlich- keit, dass ihm der Sieg gelingt, war von Anfang an klein. Sie ist nicht größer geworden. Der Präsident hat nach den At- tentaten von Toulouse und Mon- DENIS ALLARD / REA / LAIF FOTOGLORIA / LUZPHOTO tauban vorübergehend zugelegt in den Umfragen, aber den klaren Vorsprung Hollandes in der Stich- wahl nie aufholen können. Wichtig ist aber auch, welcher KandidatEs ist ein Wahlkampf, dem etwas Deprimierendes innewohnt seine Wähler besser mobilisieren kann. Das wird für Hollande trotz zweitgrößte Volkswirtschaft der Euro- Prozent der Stimmen erhält. Wegen Mé- seines Vorsprungs eine Herausforderung, Zone attackieren könnten. Frankreichs lenchons Erfolg bei linken Wählern könn- weil er keine Begeisterung weckt. Lage ist zwar nicht annähernd vergleich- te der Sozialist Hollande am Sonntag so- Der große Kampf der beiden, von den bar mit der in Griechenland oder Spanien. gar hinter Sarkozy liegen. Medien zelebriert und verstärkt, ver- Aber das Land ist angeschlagen, steigen- Mélenchon will den monatlichen Min- schleiert aber das Eigentliche: Wer auch de Zinsen für seine Anleihen würden die destlohn um 300 auf 1700 Euro erhöhen, gewinnt, Sarkozy oder Hollande, wird Euro-Krise massiv verschärfen. eine Steuer von 100 Prozent auf Jahres- nach der Wahl gezwungen sein, als Präsi- Im Wahlkampf kommt die dramatische einkommen über 360 000 Euro und Frank- dent eine ziemlich ähnliche und sicherlich Lage des Landes kaum zur Sprache – vor reichs Austritt aus der Nato. Er ist ein schmerzhafte Politik zu verfolgen. allem nicht die Maßnahmen, die nötig charismatischer Redner, bei seinen Auf- Bis dahin ist Jacques Cheminade zwar wären, um sie zu beheben. Während der tritten – etwa bei der Bastille in Paris – der bizarrste Kandidat, aber bei weitem Rechnungshof fordert, dass der Staat in schwenken Zehntausende Anhänger rote nicht der einzige, der sich mit seinen Vor- den nächsten fünf Jahren 100 Milliarden Fahnen und singen die „Internationale“. schlägen auf dem Mond befindet. Der Euro sparen müsse, kündigt Hollande 20 Sein Erfolg hat ihn zu einer Art Popstar Aufprall in der Wirklichkeit wird, so oder Milliarden Neuausgaben an und will in gemacht. Der YouTube-Hit der letzten so, hart ausfallen. alter sozialistischer Manier lieber die Tage war das Spaßvideo einer blonden, MATHIEU VON ROHR D E R S P I E G E L 1 6 / 2 0 1 2 95
  • USA Die seltsamen Heiligen Ihr Präsidentschaftsbewerber Mitt Romney istMormone, schon deshalb tun sich die frommen Republikaner mit ihm schwer. Was macht denKern seines Glaubens aus? Von Gerhard Spörl Mormonen-Tempel in Salt Lake City BARBAGALLO / LAIF S iebzehn Jahre lang war Sal Velluto nen Gläubigen ohnehin eine Macht – eine Auch Romney geht mit seinem Glau- der brave Sohn katholischer Eltern. stille Macht, denn die Mormonen machen ben diskret um. Dabei könnte er viel er- Er rauchte nicht, er trank kaum. in der Öffentlichkeit möglichst wenig Auf- zählen über Mormonismus als Glaube Sonntags ging er zur Messe und gehörte hebens um ihren Glauben. und Lebensform. Wie es seine Kirche ver- auch einer katholischen Jugendgruppe Eher zufällig stellte sich heraus, dass langt, ging er zweieinhalb Jahre auf Mis- an: ein Teenager, wie sie ihn sich dort un- der Schauspieler Ryan Gosling („Ides of sion, nach Bordeaux und Paris; seither ten in der süditalienischen Hafenstadt Ta- March“) in einer Mormonen-Familie auf- spricht er ziemlich gut Französisch. rent nur wünschen können. Plötzlich aber wuchs, dass die Schriftstellerin Stephenie Die Familie Romney ist der Kirche seit wurde aus dem Musterknaben ein Rebell. Meyer („Twilight“-Saga) Mormonin ist, Generationen verbunden. Mitts Urgroß- Nein, er trat nicht in die Kommunis- genauso wie die Sängerin Gladys Knight. vater lebte in Mexiko, im Städtchen Ga- tische Partei ein oder schloss sich einer Auch die Hotelfamilie Marriott, der Grün- leana, und hatte fünf Frauen – Polygamie Straßengang an. Aber er setzte sich ab der von JetBlue Airways und General gehörte damals zu den mormonischen von Elternhaus und katholischer Kirche, Brent Scowcroft, Nationaler Sicherheits- Bräuchen. Auch sein Vater wurde dort indem er es einem Freund nachmachte, berater im Weißen Haus unter George H. geboren und kam erst mit fünf Jahren in der den Glauben gewechselt hatte: Er W. Bush, sind Mormonen. Und natürlich die USA; in Mexiko hat Mitt Romney heu- wurde zum Mormonen. der republikanische Präsidentschafts- te noch etliche Cousins und Cousinen. Seit 1984 lebt Velluto dort, wo die Mor- bewerber Mitt Romney, der Barack Oba- Er und seine Frau Ann haben fünf Söh- monen ihr Jerusalem gebaut haben, die ma aus dem Weißen Haus vertreiben ne, die auch mit Mormonen-Traditionen Welthauptstadt dieser merkwürdigen Re- möchte. groß wurden. Dazu gehören Familien- ligion im Westen der USA, in Salt Lake abende mit Lesungen aus dem „Buch City. Mittlerweile ist er 56 Jahre alt und Mormon“, der Bibel der Mormonen. Eine mit einer Mormonin verheiratet. Das Paar typische Mormonen-Familie: bibelfest, hat vier Kinder und führt ein glückliches kinderreich, familienzentriert. Überdies Leben, und das, sagt er, habe natürlich diente Romney seiner Kirche auch als auch mit seiner Religion zu tun: „Sie Laienbischof. Es spricht viel dafür, dass rückt mein Leben in die richtige Perspek- sein Glaube ihm einiges bedeutet. tive. Ich stehe wie auf einer Anhöhe und Solche Details lassen sich in den Bio- kann das Getümmel unter mir in aller grafien über den Kandidaten nachlesen. Ruhe ordnen.“ Romney selbst meidet es, über die Fami- Aus Sicht der Mormonen ist der Italie- liengeschichte und seinen polygamen Ah- ULLSTEIN BILD ner Sal Velluto ein Glücksfall, ein Beweis nen zu sprechen. Erst nach langem Zö- dafür, dass sogar im säkularen Europa gern gab er wenigstens so viel preis, dass noch neue Seelen zu holen sind, nicht er in den vergangenen beiden Jahren sei- nur in Afrika oder Lateinamerika. In den Überfall auf Mormonen-Gründer Smith 1844 ner Kirche insgesamt 4,1 Millionen Dollar USA ist diese Religion mit sechs Millio- Feindseligkeit als Auszeichnung gespendet habe. 96 D E R S P I E G E L 1 6 / 2 0 1 2
  • Ausland Sal Velluto ist ein glühender Anhänger Religion und das Verhältnis der Mormo- Einladung zu einem kleinen Gespräch imRomneys. Er hat seinen Laptop mit- nen zu Amerika, damit die frommen Re- Amtszimmer. Die höflichen Zeilen seiengebracht und führt darauf eine Auswahl publikaner Frieden mit ihm machen. ein Lichtblick gewesen in seinem Daseinseiner Werke vor – Comics, in denen es Wäre Romney Mitglied einer protes- als Missionar, „das sonst fast ausschließ-von kraftvollen Figuren nur so wimmelt, tantischen Mainstream-Kirche, dann wä- lich aus Ablehnung, Zurückweisung undallesamt Abwandlungen von Superman ren die Vorwahlen schon entschieden. So Absagen bestand“, sagt Hinckley.oder Batman, von Spiderman und Thor. aber ziehen sie sich dahin, auch wenn Der Mormonismus ist eine junge Reli-Velluto ist ein gutbeschäftigter Zeichner, Rick Santorum, der einzige ernsthafte gion. Nicht 2000 Jahre Vergangenheit lie-er illustriert Bücher und arbeitet für Gegenspieler, vorige Woche aufgab. Die gen hinter ihr, nicht einmal 200, und anZeitschriften. Und er macht Wahlkampf verbliebenen Rivalen, die Ultrakonser- Feindseligkeit ist sie gewöhnt. Die Familiefür Romney. Auch ihn zeichnet er als vativen Newt Gingrich und Ron Paul, Hinckley gehört zum Uradel dieses Glau-Superman, an dem die Beschuldigungen haben nicht den Hauch einer Chance, bens, der Urgroßvater Hinckley schlosswie Geschosse abprallen. Seine Zeich- aber sie machen weiter. Und die From- sich 1839 Joseph Smith an, dem Gründer-nungen kann man gegen eine Wahl- men in der Partei werden vermutlich bis Propheten der Kirche. Im Städtchen Nau-kampfspende im Internet bestellen. voo, Bundesstaat Illinois, entstan-Stolze 560 000 Dollar haben Velluto den die erste große Siedlung undund seine Freunde schon zusam- der erste große Tempel der Mormo-mengebracht. nen, und in dieser Umgebung ereig- Wie Velluto halten Oligarchen nete sich 1844 auch die große Kata-und Geldgeber der Republikani- strophe der neuen Religion, als Jo-schen Partei Mitt Romney für ihren seph Smith von einem Mob ermor-besten Kandidaten. Romney sieht det wurde, da war er 38 Jahre alt.kantig aus, er war ein erfolgreicher Smith war ein armer Landarbei-Geschäftsmann, und die Olympi- ter, kaum des Lesens und desschen Winterspiele 2002 in Salt Schreibens kundig. Er behauptete,Lake City hat er damals vor kor- ihm seien erst Gott und Christusrupten Funktionären gerettet. Dann und später der Engel Moroni er-wählte ihn ausgerechnet der libera- schienen, und sie hätten ihm denle Bundesstaat Massachusetts zum Weg zu goldenen Platten gewiesen,Gouverneur. Reich, fromm, flexibel: auf denen in einer altägyptischenWer kann ernsthaft etwas gegen so Schrift die neue Religion geschrie-einen Kandidaten haben? ben gewesen sei. Er habe sie nach Das können Baptisten und Evan- göttlicher Weisung „mit einer Pro-gelikale, die in den Südstaaten eine pheten-Brille“ übersetzt.Bastion bilden, und dazu die Tea 1830 erschien das „Buch Mor-Party, die feste Burg des aller- mon“, und der neue Kult fand er-schlichtesten Konservatismus in staunlich schnell Anhänger in die-den USA. Gemeinsam bilden sie ser religiös aufgewühlten Zeit, ineine Mehrheit innerhalb der Repu- der dann auch die Bewegungen derblikanischen Partei, und alle sind Adventisten, der Zeugen Jehovassie voller Misstrauen gegen Rom- und der Pfingstler entstanden.ney, weil er Mormone ist. Mor- Historiker nennen dieses Phäno-monen wie er sind keine Christen, men „die zweite große Erweckungsagen die Traditionalisten, weil Amerikas“, die religiöse Revolution SAL VELLUTOMormonen behaupten, dass Gott 50 Jahre nach der politischen.Mensch war und Menschen Götter Smith hielt Anhänger wie Ur-werden können. Mormonen kön- Romney-Cartoon*: Der Bewerber als Superman großvater Hinckley dazu an, einnen deshalb nicht das ewige Leben neues Jerusalem zu bauen, um diefinden, sagen sie, sondern sind zum ewi- zur letzten Sekunde darauf hoffen, dass Wiederkehr Christi vorzubereiten. Diegen Tod verdammt. Sarah Palin, die Jeanne d’Arc des weißen, Mormonen waren fleißige Siedler, sie bil- Das ist Theologie und hat eigentlich konservativen Amerika, auf ihr Pferd deten eine Arbeits- und Betgemeinschaft,mit Politik wenig zu tun. Dabei gab es steigt und den Mormonen besiegt. sie halfen einander und fühlten sich alsschon einmal einen republikanischen Prä- John F. Kennedy war der erste katholi- Auserwählte. Mit ihrer seltsamen Reli-sidenten, der sich mit etlichen Mormonen sche Präsident. Barack Obama ist der ers- gion erregten sie den Zorn und den Neidumgab: Ronald Reagan, die Ikone des te schwarze Präsident. Und der Mormone der Andersgläubigen, der Methodisten,konservativen Amerika. Unter seinen Mi- Romney schafft es kaum, Kandidat der Baptisten oder Presbyterianer. Die räch-nistern, Botschaftern und Ratgebern gab Republikaner zu werden? ten sich, brannten Tempel und Häuseres viele Gläubige aus der „Kirche Jesu „Wir kennen die Vorurteile über uns“, nieder, teerten und federten die hoch-Christi der Heiligen der Letzten Tage“, sagt Richard Hinckley, „aber wir schlagen mütigen Mormonen und jagten sie davon,wie die Mormonen in voller Schönheit nicht zurück.“ Er sitzt kerzengerade auf erst aus Missouri und dann aus Illinois.heißen. Sie waren überall, und niemand dem Sofa in seinem Büro, alterslose 70 „Unsere Vorväter hatten keine Refor-störte sich ernsthaft daran. Jahre alt. Er spricht Deutsch, denn in jun- mation im Sinn wie Martin Luther, denn Für den souveränen Umgang mit sei- gen Jahren musste er für seine Kirche im sie hielten alle Kirchen seit Christi Auf-nem Glauben ist Romney zu vorsichtig. Ruhrgebiet missionieren. Vor ihm liegt ein erstehung für verdorben. Sie wollten dasAllerdings reden ihm seine Freunde nun Brief, den ihm 1962 der Oberbürgermeister ursprüngliche Christentum wieder auf-zu, er solle damit anfangen, über seinen von Essen schrieb, eine formvollendete richten. Das war ihre Restauration“, er-Glauben zu reden, über die mexikanische zählt Richard Hinckley mit stolzemGeschichte seiner Familie, über die Poly- * „Was dich nicht umbringt, macht dich stärker“ (Illu- Gleichmut. Und da es nach dem altengamie, die damals üblich war, über seine stration: Sal Velluto). jüdischen Gesetz erlaubt war, gehörte D E R S P I E G E L 1 6 / 2 0 1 2 97
  • Ausland Polygamie zu den Bräuchen der syn- zu werden. „Was könnte amerikanischer kretistischen Neureligion. Hinckleys Ur- sein als der Glaube an ewigen Fort- großvater hatte zwei Frauen, Joseph schritt?“, fragt Bagley. Smith hatte erheblich mehr, zwischen 33 Mit seinen Büchern hat Bagley Erfolg, und 44 Frauen, darüber sind die Quellen weil er die Mormonen entzaubert und ih- uneins. nen zugleich Anerkennung zollt. Er ver- Am weitesten in der Familie Hinckley steht sie als soziale Utopisten und Revo- brachte es Richards Vater Gordon. Er war lutionäre, denn Smith und seine Anhän- Präsident der Mormonen, die Nummer ger wollten die Welt verändern, nicht nur eins, der Papst dieser Kirche, Nachfolger interpretieren. „Sie waren hochmütig und des Propheten Joseph Smith, und auch selbstgerecht und machten sich verhasst er verfügte angeblich über besondere in den Städten, in denen sie sich ansie- Gaben. „Gott kommuniziert nach wie vor delten. Sie erzählten den Einheimischen, mit unseren Propheten“, sagt Sohn Ri- sie stammten direkt vom alten Israel ab, chard, „Gott hat das nicht geändert.“ und Gott schenke ihnen dieses Land. Das Gordon Hinckley war 84 Jahre alt, als kam nicht gut an. Außerdem waren sie er zum Propheten aufstieg. Die Mormo- keine Sklavenhalter. Auch das kam nicht nen leisten sich eine Gerontokratie, denn überall gut an.“ der jeweils Älteste im engsten Zirkel der Die Vertreibungen der Mormonen um Nomenklatura, im Rat der „Zwölf Apos- die Mitte des 19. Jahrhunderts nennt tel“, gelangt seit je auf den Thron. Gor- Bagley „den ersten amerikanischen Bür- don Hinckley starb mit 97 Jahren. Auf gerkrieg“. Sie ließen sich nicht einfach ihn folgte Thomas Monson, der heute 84 vertreiben, sie schlugen zurück. „Es gab Jahre alt ist. Massaker auf beiden Seiten“, sagt Bagley. Die Mormonen-Kirche ist demokratisch ausgerichtet, je- der Laie kann jedes Amt über- nehmen, es gibt keine Priester- kaste. Richard Hinckley hat es bis zum Bischof gebracht, der für mehrere Gemeinden zu- ständig ist – und zum Präsiden- ten eines Pfahls, das ist die GEORGE FREY / DER SPIEGEL nächsthöhere Führungsebene. Damit musste er sich begnügen. Er sagt, das sei so in Ordnung. Mit seinem Glauben ist Ri- chard Hinckley im Reinen:Früher lesen: Früher lesen: „Solange die Werte in derSonntag schon ab 8 Uhr auf iPad, iPhone®, Welt dermaßen im Fluss sind, Mormone Richard Hinckley: Zurück zu den UrsprüngenAndroid-Tablets und -Smartphones sowie auf Mac und so lange wird meine KirchePC: einmal anmelden und auf jedem Gerät lesen – wie ein Fels stehen, fest und unbeweg- Und irgendwann begannen die Mormo-egal wo Sie gerade sind. lich“, sagt er zum Abschied. nen damit, Feindseligkeit als Auszeich-Mehr sehen: Mehr sehen: Ja, die Kirche sei wirklich fest und nung zu verstehen.Nutzen Sie Videos, Fotostrecken und unbeweglich, eben ein Monument der Sie zogen so lange nach Westen, bis Selbstbezogenheit, sagt Will Bagley, ein sie in ein Tal mit einem Salzsee kamen,interaktive Grafiken. kleiner Mann mit einem großen Lachen. in den ein Fluss mündete, den sie in An-Mehr hören: Mehr hören: Er ist Historiker, er hat zwei Dutzend lehnung an das alte Israel Jordan tauften.Lauschen Sie Interviews, neuen Songs Bücher über die Kolonisierung des Wes- Eine Kette aus Bergen umgibt die Stadt,oder historischen Tondokumenten. tens Amerikas geschrieben, und in den in der sie ihren Tempel und ihre Ver-Mehr wissen: Mehr wissen: meisten befasst er sich mit den Legenden sammlungshalle errichteten. Das warLesen Sie weiter auf den Themenseiten. der Mormonen. 1847, es gab Indianer, aber keine anderen „Ich bin ein Mormone außer Diensten“, Siedler. Aus Salt Lake City, ihrem Zion,Lassen Sie sich vom Reporter erklären, wie sagt Bagley, 62, und lacht aus vollem Hals. ist eine Stadt geworden, die weniger ame-er recherchiert hat. Er wuchs auf in einer Mormonen-Familie, rikanisch anmutet als andere Großstädte, in der es eher lässig zuging. „Als ich 14 so sauber und so still, wie sie ist. war, bestach mich meine Mutter mit einer Die religiöse Utopie hat sich in eine Handvoll Dollar, damit ich im ,Buch Mor- Institution verwandelt. Aber der Mormo- mon‘ las. Ich hatte eine Schwäche für grie- nismus hat sich nicht vollends an den chische Mythologie, aber ich hatte etwas Mainstream-Protestantismus angepasst, gegen Aberglauben. Dann las ich Mark das verhindert die merkwürdige Theolo- Twains Bemerkungen über die Mormo- gie. So machen sich die Mormonen nach nen, in denen er sagt, das ,Buch Mormon‘ wie vor verdächtig, vor allem bei der sei gedrucktes Chloroform. Ich fand christlichen Konkurrenz, auch wenn sie schon damals, dass er recht hat.“ ebenso konservativ und patriotisch leben Joseph Smith, sagt Bagley, sei ein reli- wie Evangelikale oder Baptisten. „Die giöses Genie gewesen, denn er habe „den Frage ist nur, wann das fromme Amerika Gott der Amerikaner geschaffen“, der es mit den frommen Mormonen seinen Frie- den Gläubigen gestatte, selbst zu Göttern den schließt“, sagt Will Bagley. 98 D E R S P I E G E L 1 6 / 2 0 1 2
  • Ausland Doch wer vergangene Woche im chi- nesischen Internet den Namen Bo Xilai suchte, tat dies oft vergebens: Der rote „Prinzling“ – sein Vater hatte gegen die japanischen Invasoren gekämpft – war zur Unperson geworden. Bereits Mitte März hatte die Pekinger Führung seinen Sturz eingeleitet: Sie setz- te Bo als Parteichef von Chongqing ab, vorigen Dienstag enthob sie ihn auch sei- ner übrigen Ämter. Aber es kam wie so oft im Reich der Mitte: Die Spitzengenossen schwiegen sich darüber aus, welche politischen oder ideologischen Verfehlungen dem früher so gefeierten Funktionär im Einzelnen anzulasten seien. Stattdessen inszenierten sie den Sturz des politischen Rivalen als Kriminalstück, und das vor aller Welt. Peking wirft Bos Ehefrau Gu Kailai, 53, sowie einem Bediensteten vor, den briti- schen Geschäftsmann und Freund der Fa- milie, Neil Heywood, im November 2011 in Chongqing ermordet zu haben. Ruchbar wurde der Fall, nachdem der Polizeichef von Chongqing Anfang Fe- bruar versucht hatte, sich in die USA ab- zusetzen. Angeblich habe Bo Ermittlun- gen gegen seine Frau verhindern wollen. Heywood, so streuen Chinas offizielle Medien, soll eine Art Mittelsmann für Gattin Gu und Bos Sohn Guagua, 24, ge- REUTERS wesen sein. Der Brite hatte Guagua, der inzwischen an der amerikanischen Har-Funktionär Bo, Gattin Gu: Ehrgeizige Politikerfrau, die das Böse verkörpern soll vard-Universität studiert, zu einer Aus- bildung an einer englischen Eliteschule verholfen. Kurz vor seinem Tod sei Hey- CH INA wood in einen Konflikt mit der Bo-Fami- Die roten Kennedys lie geraten. Selbst in der an Rankünen reichen Ge- schichte der Volksrepublik ist eine solche Mordaffäre unerhört. Viele Chinesen er- innern sich aber noch an Maos designier- Pekings Machthaber inszenieren den Sturz des populären Partei- ten Nachfolger Lin Biao, der 1971 in Un- bosses von Chongqing als Kriminal-Affäre – und so erfahren gnade fiel, mit Frau und Sohn im Flug-die Chinesen nebenbei, wie privilegiert die rote Nomenklatura lebt. zeug flohMongolei abstürzte. Gründen über der und aus nie geklärten Diesmal soll eine ehrgeizige Politiker-D ie Parteizeitung „Renmin Ribao“ rupte Beamte verhaften, gab den Armen gattin das Böse verkörpern – so wie einst war des Lobes voll. Gleich auf der billige Wohnungen und befreite sie vom Maos Frau, die Ex-Schauspielerin Jiang ersten Seite rühmte das Sprach- Schulgeld. Und immer wieder griff er auf Qing, die 1976 als Chefin der sogenanntenrohr der chinesischen Führer die Erfolge das Erbe aus den Anfangsjahren der Viererbande verhaftet, für Grausamkei-von Bo Xilai, dem kommunistischen Par- Volksrepublik zurück: In den Parks seiner ten der Kulturrevolution verantwortlichteiboss von Chongqing. Unter Bo strebe Stadt ließ er die Bürger Mao-Lieder sin- gemacht wurde und sich später das Lebendie Metropole mit ihren 32 Millionen Ein- gen. nahm. Jetzt beflügelt die attraktive Guwohnern nach Wohlstand für alle. „Wenn Kailai die Phantasien der Chinesen.man mehr für das Volk tut, gewinnt das Gu war früher eine angesehene Anwäl-Leben an Wert“, zitierte das Parteiorgan tin, sie führte in den USA erfolgreich ei-den derart Gepriesenen. nen Prozess für chinesische Firmen. Zu- Das war Anfang Januar, und es klang, gleich spann sie offenbar ein Netz priva-als erteile Peking dem populären Bo, 62, ter Geschäftsinteressen im Ausland undseinen ideologischen Segen. Genossen im legte sich möglicherweise eine doppelteganzen Land feierten ihn bereits als Heils- Staatsbürgerschaft zu – was in China ver-bringer. boten ist und was ihr Ehemann der Partei Bo hatte radikal die Schattenseiten des hätte anzeigen müssen. REUTERSchinesischen Wirtschaftswunders be- Die Aufdeckung der Bo-Affäre ist fürkämpft – die Korruption und die Kluft die Pekinger Führung nicht ohne Risiko:zwischen Arm und Reich. Bo ließ ein Bo-Vertrauter Heywood im April 2011 Um den politischen Gegner und seinepaar tausend Mafia-Mitglieder und kor- Den Weg an eine Eliteschule geebnet Familie als Kriminelle abzuurteilen, muss100 D E R S P I E G E L 1 6 / 2 0 1 2
  • Ausland listisches Land, in dem das Ge- setz regiert“, tönen die offiziel- len Medien in diesen Tagen – und niemand werde verschont, „unabhängig von seinem Status“. In der Causa Bo geht es aber auch um die Frage, wohin die KP die aufstrebende Supermacht lenken will. Denn in Partei und Staat steht ein Führungswechsel bevor: Im Herbst soll Vizepräsi- dent Xi Jinping Parteichef Hu Jintao beerben und ihm im März 2013 dann auch als Präsident nachfolgen. Der Populist Bo hatte sich mit seinem staatskapitalistischen „Chongqing-Modell“ für einen Spitzenposten im Ständigen Aus- schuss des Politbüros in Stellung gebracht – Chinas wichtigstem Entscheidungsorgan. Auch in Peking und in ande- ren Provinzen hofften linke Ge- nossen, mit Bos Hilfe die Markt- ROPI wirtschaft wieder einschränkenPolizeichef Wang in Chongqing im Juni 2009: „Das Gesetz regiert, unabhängig vom Status“ zu können: „Der wahre Sozialis- mus mit chinesischen Merkma-die KP dem Publikum nebenbei Einblicke des herausgefunden: Gu habe, so heißt len muss von staatlichem Eigentum undin den privilegierten Alltag der Nomen- es, Gelder in Höhe von umgerechnet der Staatswirtschaft beherrscht werden“,klatura gewähren. Die Details, die bereits mehreren hundert Millionen Dollar ins forderte der marxistische Vordenkerjetzt durchsickern und von der chinesi- Ausland transferiert. Sie muss also auch Cheng Enfu in einer Lobeshymne aufschen Internetgemeinde begierig aufge- in China selbst nicht schlecht verdient ha- Chongqing.griffen werden, illustrieren jedoch nicht ben. Möglicherweise stammen diese Sum- Die Politbüro-Prominenz war ebenfallsnur das Leben der Bos, sondern auch das men aus jener Zeit, als Bos Gattin in der eifrig nach Chongqing gepilgert. Zweianderer Elitekader. Hafenstadt Dalian eine Anwaltskanzlei Spitzengenossen allerdings blieben de- So fragen sich viele Chinesen, wie der betrieb und Unternehmern beim Kauf monstrativ fern: Parteichef Hu und Pre-Sohn eines Mannes mit einem eher be- von Immobilien half. Ihr Gatte war zwi- mier Wen. Sie reisten stattdessen wieder-scheidenen Regierungsgehalt an die Lon- schen 1993 und 2000 Bürgermeister von holt in die südchinesische Exportprovinzdoner Harrow-Schule kam, die von der Dalian. Guangdong.Familie ihrer Zöglinge Gebühren von Die Bo-Familie muss damit gerechnet Dort experimentiert der reformfreudi-über 35 000 Euro jährlich verlangt. Stim- haben, dass ihre Geschäfte irgendwann ge Parteiboss Wang Yang, aber auf ganzmen die Details, die seit Tagen zu lesen ans Tageslicht kommen. Steckt dahinter andere Weise: mit noch mehr Marktwirt-sind, ist die Erklärung dafür nicht schwer. die Erklärung, warum der Brite Heywood schaft und mit Basisdemokratie. Im Dorf Bos älterer Bruder, Bo Xiyong, dient tot in seinem Hotel aufgefunden wurde Wukan verzichtete er unlängst darauf, ei-unter dem Pseudonym Li Xueming seit und Bos oberster Polizist später zu den nen Aufstand gegen illegale Landnahmeneun Jahren als Geschäftsführer bei der Amerikanern flüchtete? von der Polizei niederschlagen zu lassen.staatlichen China Everbright Holdings, Eine Schlüsselrolle in der Bo-Affäre Dafür ließ er eine demokratische Wahldie eine der größten chinesischen Banken soll die Firma Dalian Shide spielen, die abhalten, mit spektakulärem Resultat:und weitere Unternehmen kontrolliert. im Ölgeschäft groß geworden ist. Bo soll Einer der Protestierer stieg zum Dorfober-Dort bekommt er ein Jahressalär von deren Boss Xu Ming gefördert haben. Im haupt auf.rund 1,3 Millionen Euro, zusätzlich hält Gegenzug, so heißt es, finanziere Xu nun „Wir müssen wirtschaftliche und struk-er Aktienoptionen in Höhe von fast 19 das Studium von Bos Sohn Guagua in turelle Reformen vorantreiben, vor allemMillionen Euro. den USA – und möglicherweise auch des- die Reform des Führungssystems in Partei Eine Schwester von Bos Gattin Gu wie- sen aufwendigen Lebensstil: Wenn Gua- und Staat“, forderte Premier Wen einenderum soll in Hongkong acht Privatunter- gua sich in Peking aufhält, wird er oft in Tag vor Bos Absetzung im März. „An-nehmen geführt haben. Gu selbst, eine cha- einem roten Ferrari gesichtet. dernfalls würde China seine Problemerismatische Frau, habe sich während der Bo Xilai und Gu Kailai arbeiteten Hand nicht grundsätzlich lösen, und es könnteLondoner Schulzeit ihres Sohnes oft in in Hand, sagen Kenner der Familie, sie sich wieder so eine Tragödie ereignen wieGroßbritannien aufgehalten und gründete waren ein schillerndes Paar. Die „chine- die Kulturrevolution.“dort vor zwölf Jahren eine Firma. Adad sischen Kennedys“ wurden sie genannt. Mit Bos Sturz haben die Reformer umLtd. heißt das Unternehmen, über dessen Dass ein Leben wie das von Bo und Wen die Richtungsdebatte vorerst für sichGeschäftsgebaren ist allerdings kaum etwas seiner Gattin Gu in ihrem Lande möglich entschieden. Aber sie scheuen die offenebekannt. Registriert war die Firma in der ist, wird viele Chinesen nicht überra- ideologische Abrechnung mit dem frühe-Grafschaft Dorset an der englischen Süd- schen. Aber der hohe moralische Ton, mit ren Spitzenmann – weil der in der Parteiwestküste – nicht weit von jenem Ort ent- dem die Führung jetzt über ihren Ex- viele Anhänger besitzt.fernt, in dem die Familie Heywood lebte. Funktionär Bo herfällt, dürfte selbst bei Und so werden Bo und seine Frau wohl Wang Lijun, der ehemalige Polizeichef den über 80 Millionen KP-Mitgliedern ein Fall für die Kriminalpolizei sein.von Chongqing, hatte offenbar Belasten- Spott hervorrufen. China sei „ein sozia- WIELAND WAGNER102 D E R S P I E G E L 1 6 / 2 0 1 2
  • Ausland ABU DHABI Überaus plastisch Wie zwei Deutsche in den Vereinigten Arabischen GLOBAL VILLAGE: Emiraten die Wegwerftüten abschaffen möchtenD er „LuLu Hypermarket“ an der Jobs in Dubai. Die haben sie aufgegeben. Die Wernerys haben eine Stiftung ge- al-Batin-Straße von Abu Dhabi ist „Wir haben das hier gesehen“, sagt The- gründet, „PlasticNotSoFantastic“. Sie or- der Beweis dafür, dass alles gut resa. „Da musste man etwas tun.“ ganisieren Müllsammlungen, touren mitwird in der Welt. LuLu ist ein Ort des Vor ihr liegt das ausgebleichte Gerippe Fotos vom „Tal des Todes“ durch Schu-grenzenlosen, friedlichen Konsums, wo eines Kamels im Sand. Fell, Muskeln, Ge- len. Reden von Papiertüten, Mehrfach-Menschen sanft miteinander shoppen, die webe sind verdorrt. Geblieben sind die verwendung, vom Verzicht auf Valentins-anderswo Angst voreinander haben. An Knochen und der Inhalt des Magens: ein tagsballone. Nicht ohne Erfolg. „Dasder Käsetheke etwa steht ein Herr in der basketballgroßes Knäuel Plastikfetzen, er- Problem sind die Eltern“, sagt TheresaSchlange, bärtig, düster und mit einem staunlich gut erhalten. Die Wernerys nen- Wernery. „Die packen ihren Kindern wei-mächtigen Turban. Aber er reckt nur sei- nen diesen Teil der Wüste das „Tal des terhin alles doppelt und dreifach ein.“ne Wartemarke: 150 Gramm Gewürz- Todes“. Hirten führen ihre Tiere hierher, Vielleicht weil die eigenen Eltern oftquark möchte er, kein Kalifat. wenn die auf Behandlungen nicht mehr noch Nomaden waren, mit Leder als ein- LuLu ist ein Abbild der Golfemirate, reagieren. Wenn ihre Eingeweide vollge- ziger Verpackung.ein durchs Geld zusammengehaltener Mix stopft sind mit Plastiktüten und -flaschen, Sie erzählt von Ruanda, wo einem Plas-aus Fremdheiten. Am Keksregal spricht die nicht ausgeschieden werden können tiktüten schon am Flughafen abgenom-eine bis zum Sehschlitz schwarz Verhüllte und im Magen hart zu Ballen verklumpen. men werden wie Schmuggelgut. In denin ihr Mobiltelefon und be- Emiraten sei man davondeutet ihrer Bediensteten noch weit entfernt. Instumm, mit manikürten Fin- Deutschland auch.gern, welche Ware sie aus Die Bilder der jämmer-dem Regal zu nehmen lich verreckten Kamelehabe. Kurzbehoste „Expa- sind nicht ohne Wirkungtriates“ aus der EU, die geblieben. Kamele sind fürsteuerbefreit ihre Einkaufs- die Emirater, was Eichenwagen füllen, Libyer, Jeme- für die Deutschen sind. Seitniten, Iraner, Syrer, im Akt Januar sind abbaubaredes Kaufens sind die Gren- Plastiktüten vorgeschrie-zen zwischen den Stämmen ben, und in den Super- MARTIN VON DEN DRIESCH / DER SPIEGELund Sekten aufgelöst, der märkten sind die TütenDirham-Geldschein macht jetzt mit grünen Bäumenalle gleich, Herren und bedruckt und dem Appell,Knechte, Alawiten, Sunni- den Planeten zu retten.ten und Schiiten. „Das macht ein gutes Ge- Es gibt Milch aus Saudi- wissen“, sagt Theresa Wer-Arabien und Kartoffeln nery. „Aber es ist genausoaus der Bekaa-Hochebene schlimm.“ Denn auch diedes Libanon, Kokos aus Ehepaar Wernery, verendetes Kamel: Tödliche Kost neuen Tüten zersetzen sichdem Oman, Rindsfilet aus sehr langsam, über MonateAustralien und Brasilien, hinweg, und nur unter Ein-und an den Kassen stehen fluss von UV-Licht und Sau-Philippinerinnen und Bangladescher, die Der Müll der Emirate wird zu Freiluft- erstoff. „Beides gibt es weder in den Mä-alles hilfsbereit in Tüten füllen. deponien in der Wüste gekarrt. Der Wind gen der Kamele noch in den Deponien, In Plastiktüten. Gratis und in jeder trägt die Plastikfetzen weiter, und Kamele wenn dort der Müll zugeschüttet wird.“Menge. Ballenweise werden die Tüten fressen alles, was im Sand einigermaßen Spezielle Recycling-Anlagen wärenfrühmorgens zu den Kassen geschleppt. bunt aussieht. „Es sind sehr neugierige notwendig. Doch auch das glitzernde Du-Die Plastiktüte ist sauber, hygienisch, Tiere“, sagt David Wernery. bai hat davon keine einzige. Außerdempraktisch und glatt anzufassen. Sie ist das Er ist ungefähr zwei Meter groß, hager sind die Emirater stolz auf ihre petroche-Gegenteil von Bangladesch und Pescha- und Sohn eines Tierarztes. Inzwischen, mische Industrie. Öl, Strom, Arbeit sindwar. Sie ist das Signum des Luxus, sie ist sagt er, fänden sich die Plastikknäuel bei billig und Plastiktüten eines der wenigen„komplett überflüssig und schädlich“. fast allen Obduktionen tot aufgefundener im Land selbst hergestellten Güter. Das sagt Theresa Wernery, eine junge, Tiere in der Veterinärpraxis seines Vaters, Es ist schwer, Verzicht zu predigen insehr blonde Deutsche, die in Abu Dhabi bei Rindern, Gazellen, Kamelen. Ein Bal- einem Land, das allgemein als Hyper-aufgewachsen ist. Sie steht etwa 40 Kilo- len wog 58 Kilo. Tödliche Tütenkost. markt verstanden wird, praktisch, glattmeter von der nächsten Hypermarket- Die Umweltbehörde schätzt, dass sich und auf schnellen Verbrauch gegründet.Kasse entfernt hinter einer Sanddüne, ab- bei jedem zweiten vorzeitig verendeten Jetzt gehen die beiden Deutschen erstseits einer Piste Richtung Norden. There- Großtier in der Wüste Plastikreste im Ma- einmal auf Weltreise mit ihrer Plastik-sa und ihr Mann David haben in London gen feststellen lassen. Ähnlich ist es bei Botschaft.und Bonn Jura studiert. Sie hatten gute Delphinen und Wasserschildkröten. ALEXANDER SMOLTCZYK D E R S P I E G E L 1 6 / 2 0 1 2 103
  • Prisma PLANETENFORSCHUNG Keine Palmen auf dem Mars D. HARMS / PICTURE ALLIANCE / WILDLIFE War der Mars immer schon eine Wüs- hin. Neue Klimamodelle zeigen nun tenwelt? Bislang gingen die Astrono- jedoch, dass es auf dem Mars immer men davon aus, dass der Nachbarpla- schon zu kalt war, als dass sich große net der Erde zumindest früher einmal Wassermassen auf seiner Oberfläche von Seen oder gar Ozeanen bedeckt hätten halten können. Bei den wohlRosmarinzweig war. Darauf deuten beispielsweise die seit Jahrmilliarden vorherrschenden riesigen Kanäle auf seiner Oberfläche Minusgraden dürfte es Wasser allen- falls in Form von Eis PHARMAKOLOGI E gegeben haben. Auch für die flussbettartigen Duft-Doping fürs Hirn Kanalsysteme gibt es eine neue Erklärung: Sie könnten entstan-Dass Rosmarinduft Geist und Sinne den sein, als Vulkan-schärft, wird von Esoterikjüngern von ausbrüche die Mars-jeher verbreitet. Nun hat ein seriöser atmosphäre zumindestWissenschaftler nachgewiesen, dass an vorübergehend so weitdieser Legende wirklich etwas dran ist. erwärmten, dass dieDer britische Neurologe Mark Moss Eispanzer in den bergi-setzte Freiwillige unterschiedlich lange gen Regionen schmol-den Aromastoffen der Heilpflanze des zen und sich Sturz-Jahres 2011 aus. Das Ergebnis: Je mehr bäche in die Ebenenätherisches Öl Cineol im Blut gemes- ergossen – aber dassen wurde, desto besser schnitten die war nie von Dauer.Testpersonen bei Denksportaufgaben „Die Hoffnung, dass esab. Schon frühere Untersuchungen hat- auf dem Mars jemals SAURER / BILDAGENTUR ONLINEten gezeigt, dass Cineol über die Na- Ozeane und Palmen-sen- oder Lungenschleimhaut ins Blut strände gegeben habengelangt. Zum Doping fürs Hirn wird könnte, ist zerstoben“,der Rosmarin-Duftstoff offenbar, in- urteilt der US-Welt-dem er den Abbau des wichtigen Bo- Mars raumforscher Stephentenstoffs Acetylcholin verhindert. Clifford. MEDIZIN FRÜHERKENNUNG Herzschäden durch Chemotherapie Autismus bei BabysKrebsmedikamente können dem Herz dicine, die Zulassungsstudien für ein Viele autistische Störungen werdenschwere Schäden zufügen, doch selbst Mittel gegen Nierenkrebs ausgewertet bislang erst sichtbar, wenn Kinder inin angesehenen Medizinzeitschriften haben. Während in den vom Herstel- ihrem Sozialverhalten oder beimwird darüber kaum berichtet. Zu die- ler finanzierten Untersuchungen Erlernen der Sprache auffällig werden.ser Erkenntnis kommen Forscher von schädliche Nebenwirkungen gar nicht Kanadischen und amerikanischen For-der Stanford University School of Me- auftauchten, sprachen die Gutachter schern ist es jetzt gelungen, bereits bei der US-Zulassungsbehörde Säuglingen im sechsten Monat fest- FDA aufgrund derselben zustellen, ob sie ein sehr hohes Autis- Studiendaten Warnungen musrisiko besitzen. Ärzte der „Infant aus: „Die amtlichen Prüfer Brain Imaging Study Network“ unter- berichteten von häufig auf- suchten dafür im Kernspintomografen tretenden Herzproblemen 92 Babys, deren Geschwister bereits bei den klinischen Tests, unter autistischen Störungen leiden. die in den Zulassungsstu- Jene Kinder, bei denen später eine au- dien nicht einmal erwähnt tistische Störung diagnostiziert wurde, wurden“, kritisiert Stan- hatten demnach schon als Säuglinge RONALD FROMMANN / LAIF ford-Kardiologe Ronald dickere und dichtere Nervenfasern ent- Witteles im „Journal of Cli- wickelt. Mit der Frühdiagnose, hoffen nical Oncology“. Trotz der die Wissenschaftler, ließen sich schwere fehlenden Hinweise waren Formen der Störung womöglich abmil- die Studien in Fachblättern dern – etwa durch rechtzeitige Sprach-Krebspatienten bei der Chemotherapie erschienen. und Verhaltenstherapien.104 D E R S P I E G E L 1 6 / 2 0 1 2
  • Wissenschaft · Technik Bike aus Blättern Die Gottesanbeterin sieht so aus, als säße sie auf einem Fahrrad – tatsäch- lich hockt das Insekt aufECO SUPARMAN / CATERS Pflanzenblättern, die dabei sind, sich zu ent- falten. ANTHROPOLOGIE gleiten. Die heute noch in Südalaska lebenden rund 4000 Angehörigen der Walfangboot Volksgruppe wissen über die see- tüchtigen Boote ihrer Vorfahren nur des Alaska-Kriegers noch wenig. „Über 7000 Jahre Erfah- rungen stecken in der Konstruktion dieses Kajaks“, sagt der Anthropologe Forscher sind auf das weltweit einzige Sven Haakanson, selbst ein Alutiiq. bekannte Kajak eines Alutiiq-Kriegers Bei den Analysen wollen die Wissen- aus Alaska gestoßen. Der Fund wird schaftler herausfinden, womit der derzeit im Peabody Museum an der Konstrukteur die Seelöwenhaut im- Harvard University untersucht. Um prägnierte und von welchen Tieren das Jahr 1860 baute der unbekannte die Sehnen stammen, mit denen die PEABODY MUSEUM / HARVARD COLLEGE Mann das Boot, indem er die Häute Häute zusammengenäht wurden. von fünf weiblichen Seelöwen über Auch für einige Strähnen Menschen- ein ausgeklügeltes Holzskelett spann- haar nahe dem Bug interessiert sich te. Mit dem Kajak ging er dann ver- Haakanson: „Vielleicht verkörpern sie mutlich in den Gewässern um Kodiak den Geist einer mächtigen Persön- Island auf Walfang. Die außergewöhn- lichkeit, die dem Eigentümer im Krieg liche Konstruktion mit einem gega- oder beim Walfang half.“ Die heute belten Bug ermöglichte es ihm, beson- lebenden Alutiiq benutzen moderne ders kräftesparend übers Wasser zu Untersuchung des Alutiiq-Kajaks Boote. D E R S P I E G E L 1 6 / 2 0 1 2 105
  • Wissenschaft PSYCHOLOGI E Therapie auf der Todesinsel Die Überlebenden des Massakers von Utøya kämpfen gegen ihr Trauma, indem sie an den Ort des Massenmords zurückkehren. Einige werden im Prozess gegen den Attentäter aussagen. Sie treibt die Frage um: Warum hat er sie verschont?ILJA C. HENDEL / DER SPIEGEL Fähre mit Utøya-Opfern, Überlebende Fevang Smith, Pracon: Während der Überfahrt lachen viele noch – auf dem Rückweg herrscht tiefes E r ist wieder unterwegs zu seiner Er- Seine Schwester Katharina schaut und wäre fast ersoffen.“ Dann legt das schießung, zum dritten Mal schon. Adrian ungläubig von der Seite an. Die Schiff ab und nimmt Kurs auf Utøya. Diesmal will Adrian Pracon, 22, sei- 28-Jährige hat diese Geschichte zuvor An diesem Dienstag Ende März hat ner Schwester Katharina jenen Ort zei- noch nie in all diesen Details gehört. die Jugendorganisation AUF der nor- gen, wo er hätte sterben sollen. Doch jetzt kann ihr Bruder ausführlich wegischen Arbeiterpartei einen Besuch Eigentlich wollte der Mann, von dem erzählen, einfach so, während der Auto- der Überlebenden und deren Angehö- Adrian kurz vor dem Schuss nur die fahrt. Und gleich wird er ihr die Stelle riger auf der Insel organisiert, wo der schwarzen Stiefel sehen konnte, auch ihn zeigen, wo sich das zugetragen hat. Er Rechtsradikale Breivik vergangenen ermorden. „Es ist ganz sonderbar, wie will, dass sie sich ein realistisches Bild Sommer ein Massaker mit 69 Toten ich mich an die Situation erinnere“, sagt von den Szenen machen kann, die ihn angerichtet hat. Es wirkt wie ein gut- Adrian zu seiner Schwester, die neben bis heute verfolgen. organisierter Schulausflug: Ehrenamtli- ihm in seinem silbernen Alfa Romeo sitzt. Adrian, Sohn polnischer Einwanderer, che der AUF verkaufen Karten für die „Alles spielte sich ab wie in Zeitlupe.“ wuschelige braune Haare, erzählt ihr von Überfahrt. Aufgeregt rennen die jungen Oben auf den Bergen liegt an diesem dem Moment kurz vor dem Schuss, als Leute durcheinander, unterhalten sich Frühlingsmorgen noch Schnee, unten sind das Zittern seines Körpers einfach auf- lautstark und knipsen sich mit ihren die Wiesen braun. Die beiden sind spät hörte, als sein Atem stoppte, als er nur Handys. dran; das Boot zum Ort seiner gescheiter- noch spürte, dass sein Herz gegen den Während der Überfahrt nach Utøya ten Hinrichtung läuft gleich aus. Adrian Stein schlug, auf dem er lag. lachen viele noch – auf dem Rückweg drückt auf das Gaspedal, und sein Wagen Hinter der nächsten Biegung kommt herrscht tiefes Schweigen. rast los – wie auf einer Zeitreise neun Mo- die Insel in Sicht, auf der es passierte. Am Die Fahrt zurück an den dunkelsten nate zurück in die Vergangenheit. Anleger wartet schon die kleine Fähre Punkt ihres noch jungen Lebens ist ein Unter der Regenjacke, die seinen Kopf mit dem weißen Kapitänshäuschen. Drei Kampf mit den Bildern, die nicht aus halb bedeckte, sah er am 22. Juli 2011 da- Dutzend junge Leute mit signalroten ihrem Kopf verschwinden wollen, ein bei zu, wie die anderen getroffen wurden, Schwimmwesten sind bereits an Bord der Kampf gegen die Panik, die immer wie- umfielen, ganz langsam. Dann sah er die MS „Thorbjørn“. der in ihnen aufflackert. Die jungen Op- Schuhe von Anders Behring Breivik nä- Auch Adrian streift sich eine über. fer kämpfen zudem mit Schuldgefühlen: her kommen: „Ich spürte die Wärme des „Schwimmwesten!“, sagt er und lacht zy- Warum sind die anderen gestorben, war- heißen Gewehrlaufs.“ nisch auf. „Damals bin ich geschwommen um nicht ich? 106 D E R S P I E G E L 1 6 / 2 0 1 2
  • ILJA C. HENDEL / DER SPIEGEL ILJA C. HENDEL / DER SPIEGELSchweigen Der Ausflug ist Teil einer weltweit ren 4500 Angehörige; dazu noch Ärzte, Schießstand der Polizei, um sich an das einzigartigen Therapie, die dazu dienen Sanitäter, Polizisten und unzählige frei- Geräusch von Kugeln und den Anblick soll, das Geschehene in die eigene Bio- willige Retter. Sie verteilen sich über das von Polizisten zu gewöhnen. grafie einzubauen. Renate Grønvold ganze Land, 165 Gemeinden sind mit der Khalid Taleb Ahmed, 32, schluckt Ta- Bugge, eine 71-jährige Psychologin mit Betreuung von Breiviks Opfern betraut. bletten, um das Bild seines toten Bruders deutschen Wurzeln, gilt als Initiatorin die- Die besondere therapeutische Heraus- Ismail aus dem Kopf zu vertreiben. Wie ser Fahrten. forderung liegt neben dem Ausmaß darin, Ismail dalag, am Fuße des Felsens, die Das vom norwegischen Staat finanzier- dass es vor allem Teenager getroffen hat. blondgefärbten Haare blutrot. Bei seinem te Programm umfasst etwa regelmäßige „Das wohl heikelste Alter“, sagt Bugge, Psychologen lernt Khalid, das Trauma als Besuche der Hinterbliebenen und Über- „um ein solches Trauma zu erleben: Die ein Tor zu betrachten, durch das er gehen lebenden an den Schauplätzen des Ter- Psyche ist noch suchend, kaum gefestigt.“ kann. Er lernt, dass der Film in seinem rors, Treffen auf nationaler und regiona- Jeder von ihnen hat eine eigene Stra- Kopf läuft, er aber die Fernbedienung in ler Ebene, damit sie Gemeinsamkeiten tegie entwickelt, mit dem erlebten Terror der Hand hält und ihn stoppen kann. im Umgang mit dem Schmerz entdecken. umzugehen. Simen Brænden Mortensen Manchen geht es wieder besser, vielen Jeder Überlebende hat in seiner Gemein- etwa, 23 Jahre alt, fährt im Boot gleich nach wie vor sehr schlecht. Auf dem Mit- de einen Ansprechpartner, der helfen soll, nach Adrian: Er war Wachmann und ließ tagsboot setzt Marte Fevang Smith, 18, wenn sich der Zustand verschlechtert. den als Polizisten verkleideten Mörder aus Tønsberg zusammen mit ihrer Mutter Ein Forschungsprojekt dokumentiert auf die Fähre nach Utøya. Monica über. Sie ist ein strahlendes Ge- die Qualität der Traumatherapie – und „Vom Kopf her weiß ich, dass jeder ihn schöpf mit ihren dichten blonden Haaren soll für kommende Fälle Rezepte liefern, durchgelassen hätte, weil er verdammt und den hellblauen Augen. Ihre Mutter wie mit den seelischen Wunden am bes- noch mal aussah wie ein Polizist“, sagt sagt, dass die Tochter im vergangenen ten umzugehen ist. „Für die Wissenschaft der junge Sozialarbeiter. „Trotzdem habe Sommer gerade ihr großes „Aufblühen“ ergibt sich aus der Tragödie eine einzig- ich mich wochenlang schuldig gefühlt.“ erlebt habe – bis auf Utøya eine Kugel artige Chance“, sagt Bugge mit sanfter Jeden Freitag sitzt er bei einer Psycholo- ihren Kopf traf. Sie überlebte nur, weil Stimme. gin, bis vor drei Wochen arbeitete er nur das Projektil das Gehirn um zwei Milli- Rund 700 Hinterbliebene gilt es in ihrer halbtags. meter verfehlte. Trauer zu begleiten. Hinzu kommen 650 Oder Caroline Winge aus Trondheim. Marte hat den Ausflug mit den ande- Überlebende, 66 davon verletzt, und de- Die 19-Jährige wollte am liebsten auf den ren Überlebenden nach Utøya nicht gut D E R S P I E G E L 1 6 / 2 0 1 2 107
  • Wissenschaft verkraftet. Auf der Rückfahrt von der In- auf diesen Moment mit Hoffen und Ban- fanden Marte auf der Toilette wieder, nah- sel schwieg sie lange. Nur zu Hause fühlt gen gewartet: „Schule bietet Alltag, bietet men sie in die Arme, damit der Körper sie sich noch sicher. Ihr Kinderzimmer eine Struktur, die Halt gibt“, und das sei endlich aufhörte zu zucken. „Meine ist übersät mit Kleidern, DVDs und wichtiger als jedes Therapeutengespräch. Freundinnen haben zum Glück immer ex- Schminksachen. „Das zeigen alle aktuellen Forschungs- tra Make-up-Entferner dabei, damit sie In fremden Räumen sucht sie sofort arbeiten.“ meinen verlaufenen Lidschatten weg- nach einem Fluchtweg. Einen vollen Bus Doch schon ein paar Tage nach Schul- wischen können“, sagt Marte. zu betreten wäre für sie unvorstellbar. beginn zerplatzte der Luftballon an ei- Sie konnte sich im Unterricht nicht „Die Situation ist absolut nicht zu kon- nem Geburtstagskuchen, den Schüler mehr konzentrieren, die Buchstaben trollieren“, sagt sie. Seit Utøya ist sie gebacken hatten. „Ich bin rausgerannt“, drehten sich nur noch im Kopf herum. nicht mehr tanzen gegangen. Sie müsste sagt Marte, die in diesem Moment den Schließlich gab sie auf und arbeitet jetzt dann immer an Maria denken. Am Lehrer noch sagen hörte: „Gut, dass wir zwei Tage in der Woche in einem Abend vor dem Massaker hatte sie noch hier keinen Schüler haben, der auf Utøya Kindergarten nicht weit von ihrer Woh- mit ihrer Freundin vor der Bühne von war.“ nung. Utøya getanzt. „Datarock traten auf“, Niemand hatte ihm davon erzählt, dass Psychologen kennen diese Phänomene sagt Marte. „Wenn ich die jetzt im Radio Marte auf der Insel war, auf dem Liebes- bei Traumatisierten; es sind klassische höre, schalt ich sofort ab.“ Breivik hat felsen. So heißt die Anhöhe im Süden der Symptome der posttraumatischen Belas- auch Maria erschossen. Insel, wo sie ansehen musste, wie Breivik tungsstörung. Die Flashbacks können Am Unterricht kann Marte noch nicht zehn Menschen erschoss. durch alltägliche Geräusche wie das laute wieder teilnehmen. „Das geht leider gar Wenige Tage später saß die Schülerin Zuschlagen einer Tür ausgelöst werden. nicht“, sagt die Teenagerin. Sie hat es ver- im Psychologieunterricht, als sie sich ein- Sie starten im Gehirn genau jene emotio- sucht, gleich im August zu Beginn des bildete, wie der Lehrerin plötzlich Blut nale Kaskade wie bei dem ursprünglichen neuen Schuljahres. Renate Bugge hatte über das Gesicht strömte. Ihre Mitschüler traumatischen Erlebnis. 3 Dabei umgeht der Geist den Verstand, dem der Trugschluss auffallen würde. Todespfad 3 Stattdessen springt der für Emotionen zu- Anders Breiviks Weg über die Insel Utøya ständige Teil des Hirns an und schaltet 5 schlagartig auf Panik – der Blutdruck Breiviks steigt, das Herz rast, Schweiß bricht aus. Route Typisch für die akute posttraumatische 1 Anzahl Phase, so beschreibt es Psychologin Bug- Opfer ge, ist die noch bruchstückhafte, unge- Pumpen- ordnete Erinnerung an das Geschehen. 50 m haus „Das Gehirn hat es noch nicht geschafft, 14 22. Juli, ca. 17.10 Uhr die Dinge in eine zeitliche Abfolge zu Breivik geht von der bringen und eine Distanz aufzubauen Fähre an Land zwischen dem schockierenden Erlebnis damals und dem, was heute passiert.“ Cafeteria/ Scheune So vermischt sich in Martes Gedächtnis Versammlungshaus alles zu einem alptraumhaften Strudel: Sanitäre 13 die vielen winzigen Frösche, die am Mor- 10 Anlagen 2 gen vor dem Massaker über den Zeltplatz 1 Fähr- 7 anleger hüpften, die Schüsse und Schreie, der zu- Haupt- fällige Blick auf den Fernseher im Kiosk haus des Krankenhauses, auf dem sie Tage spä- Aufeinandertreffen von Marte Fevang zum Festland ter die Zahl der Toten las. In einem sol- Smith und Breivik ca. 600 Meter chen Zustand bewältigt das Gehirn keine UTØYA großen Leistungen. „Bei Schulaufsätzen, Zelt- 3 lager AFP Grotte 1 2 Schulstube 1 ca. 18.35 Uhr Quelle: „Aftenposten“ Breivik wird gestellt und festgenommen Bergen Utøya 1 NORWEGEN Aufeinandertreffen ak err von Adrian Pracon ag 6 und Breivik Attentäter Breivik nach seiner Festnahme auf Utøya100 km Sk 108 D E R S P I E G E L 1 6 / 2 0 1 2
  • wo verschiedene Gedanken im Gedächt- stellen“, hofft er und schaut auf dienis verknüpft werden müssen, versagt die Rosen, die auf einem improvisiertenKonzentration“, sagt Bugge. Gedenkstein an der Landstraße vor Den Schulen kommt deshalb eine gro- Utøya welken.ße Verantwortung bei der Beobachtung Resilienz, so nennen Wissenschaftlerder Überlebenden zu. Die Lehrer müssen die seelische Widerstandskraft einigerjeden Utøya-Heimkehrer ansprechen, Menschen. Adrian sagt es mit seinen Wor-ihm zu psychologischer Hilfe raten, wenn ten: „Wenn du an dem Punkt bist, wo duseine Leistung abfällt. Niemand soll dir nicht mehr vorstellen kannst, dass diedurch das nationale Hilfsraster fallen. Sonne wieder aufgeht, gibt es doch nichts Marte wollte es zunächst auf eigene Schöneres, als morgens aufzuwachen undFaust versuchen. Mit dem Schreiben eines sie scheinen zu sehen.“Blogs versuchte sie den Schrecken loszu- Doch eine Frage wird ihn wohl nochwerden. Im Winter gab sie ihren Wider- lange beschäftigen. „Manchmal habe ichstand gegen psychologische Hilfe auf. tagelang an nichts anderes denken kön- Der Therapeut, zu dem sie nun geht, nen als daran“, sagt Adrian: „Warum hathat bei ihr eine zunächst esoterisch an- er mich nicht erschossen?“ ILJA C. HENDEL / VISUMmutende Behandlung begonnen, die sich Denn Breivik legte gleich zweimal auf„Eye Movement Desentizitation and Re- ihn an. Das erste Mal begegnete Adrianprocessing“ nennt. Der Patient wird da- ihm zu Beginn des Massakers, am Strand.bei aufgefordert, die belastenden Szenen Plötzlich stand der Attentäter vor ihmwieder aufzurufen. Zugleich bewegt der am Ufer und legte mit mechanischer Prä-Psychologe einen Gegenstand vor dem Überlebender Mortensen zision einen Jugendlichen nach dem an-Gesicht des Patienten und lässt ihn diesen „Ich habe mich schuldig gefühlt“ deren um.mit den Augen verfolgen. Als Adrian an der Reihe war und der Diese Augenbewegung lässt die über- Erfahrungen, wie sie weltweit bei Groß- Attentäter auf ihn zielte, rief Adrian:bordenden Gefühle im Moment des Erin- tragödien gemacht wurden“, sagt Insti- „Nicht schießen!“ Daraufhin ließ Breiviknerns langsam abflachen. Die Funktions- tutsdirektor Atle Dyregrov. Er geht davon den Lauf seines Gewehrs sinken, machteweise der Methode ist ungeklärt, ihre aus, dass mindestens 30 Prozent von ih- kehrt, einfach so. Wie angewurzelt bliebWirksamkeit jedoch in vielen Studien nen länger in Behandlung bleiben wer- Adrian in dem Wasser stehen, das sichnachgewiesen. Auch deutsche Soldaten, den. „Je nachdem, wie gut die Arbeit ist, vom Blut seiner Kameraden rot färbte.die traumatisiert aus dem Afghanistan- die wir in den nächsten Wochen leisten“, Bei der zweiten Begegnung verschonteEinsatz heimkehren, werden so behan- sagt Dyregrov. der Attentäter ihn nicht. Da lag Adriandelt. Doch Marte ist skeptisch: „Ich glau- Die Wissenschaft kennt auch den Fall, auf dem Stein, unter der Regenjacke, undbe da ja nicht wirklich dran“, sagt sie. dass Menschen gestärkt aus einer trau- stellte sich tot. Aber diesmal drückteAndererseits hofft sie natürlich, dass die matischen Erfahrung hervorgehen. War- Breivik ab. „Der Krach der Kugel warTherapie anschlägt. um das so ist, darüber gibt es Theorien. gewaltig“, sagt Adrian. Doch sie verfehl- Im Februar schaute sie Breivik das ers- Männer schaffen es häufiger als Frauen. te den Kopf und durchschlug nur diete Mal wieder in die Augen. Als der At- Es hilft, schon einmal eine Lebenskrise Schulter. „Schmerzen habe ich keine ge-tentäter zum Haftprüfungstermin in den gemeistert zu haben. Auch Adrian Pra- spürt.“Gerichtssaal geführt wurde, sah er zu ihr con hat gute Chancen, dass es ihm ge- Fast alle Überlebenden fühlen sich ir-und den anderen Überlebenden auf der lingt. gendwann schuldig, weil nicht auch sieBesucherbank. Unreif habe er da auf sie Mit gerötetem Gesicht verlässt er die umgekommen sind. Bei Adrian war esgewirkt, und dann erst seine Stimme: Fähre von Utøya. Auf seinen weißen Lei- noch komplizierter. Denn der Attentäter„wie die eines Schlumpfes“. nenschuhen federt er vom Anleger hoch, hatte ihn bei der ersten Begegnung be- Noch vor Ende des Gerichtstermins im Arm seine Schwester Katharina. „Der wusst verschont. Weil er ihn mochte? Die-kollabierte sie. Dabei hatte Marte gehofft, Stein, auf dem ich lag, stand diesmal nicht se Vorstellung wäre kaum auszuhaltender Anblick des Täters in Handschellen unter Wasser“, sagt er. Er konnte ihn end- für Adrian.könnte ihr Sicherheit geben. „Wenn ich lich seiner Schwester zeigen. „Ich glaube, In den Ermittlungsakten stieß Adrianin den Zeugenstand gehe, werde ich ihm dass ich mich distanzierter fühle.“ auf eine Aussage Breiviks, die dessensicher nicht ein zweites Mal gegen- In Norwegen hat es der junge Mann Verhalten erklären könnte. Adrian siehtübertreten“, sagt Marte. „Meine An- mittlerweile zu einiger Berühmtheit ge- jünger aus, als er ist. Hat der Rechtsradi-wältin hat beantragt, dass er vorher aus bracht. Gerade erscheint sein Buch „Herz kale ihn für zu jung gehalten? Ein 14-jäh-dem Saal geführt wird“, sagt sie und gegen den Stein“, das der Autor Erik Møl- riges Mädchen auf der Insel hat er ver-dreht selbstversunken an der Kordel ih- ler Solheim nach langen Gesprächen mit schont, weil es noch nicht so „gehirn-rer Kapuze. ihm aufgeschrieben hat. Die ersten Mo- gewaschen“ sei. Der Prozess gegen Breivik, der diese nate danach waren hart, ihn quälten De- Auch Adrian muss vor Gericht aussa-Woche beginnt, hat die norwegischen Kri- pressionen. „Während der langen Gesprä- gen. Er wagt keine Vorhersage, ob er Brei-senpsychologen in Alarmbereitschaft ver- che mit Erik haben aber die wirren Epi- vik dort die Frage stellen wird, warumsetzt. In Gerichtssälen vom Nordkap bis soden in meinem Kopf begonnen sich zu- dieser beim ersten Mal nicht auf ihn ge-zum Skagerrak wird die Verhandlung sammenzufügen.“ schossen hat. „Ich weiß nicht, ob ich michübertragen – die Liveschaltung dient auch Adrian Pracon glaubt, das Geschehen das trauen werde.“als Test, wie weit die Opfer ihr Trauma tatsächlich in seine Biografie eingebaut GERALD TRAUFETTER, ANTJE WINDMANNbereits verarbeitet haben. zu haben. Er kellnert in einer Bar, be- Nach Schätzungen des Zentrums für zieht von der AUF ein Gehalt und will Video: Ein Opfer kehrt zumKrisenpsychologie an der Universität Ber- jetzt seinen Schulabschluss machen. Spä- Tatort zurückgen hat die Hälfte der Überlebenden psy- ter will er in die Politik gehen. „Ich Für Smartphone-Benutzer:chologische Hilfe in Anspruch genom- glaube, ich kann das Buch mit diesem Bildcode scannen, etwa mitmen. „Das deckt sich recht genau mit den Kapitel meines Lebens bald ins Regal der App „Scanlife“. 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  • Technik wegführen von konventionellen Blech- struktionen sind nur um gut hundert Kilo- AU TOM O B I L E strukturen“, sagt Stefan Plass, bei Evonik gramm leichter, bringen also keine bahn-Schwarzes Blech verantwortlich für die Entwicklung von brechende Gewichtseinsparung. Polymerschäumen. Weit größere Fortschritte – Einsparun- Die Forscher des Chemiekonzerns se- gen von 300 Kilogramm und mehr – sind hen sogar schon ein neues Zeitalter des mit einer Abkehr von metallischem Ma-Ingenieure tüfteln an ultraleichten Karosseriebaus anbrechen; nicht Stahl, terial möglich. CFK gilt gemeinhin als Kunststoffautos. Setzt sich ein sondern Kunststoff soll bald das vorherr- Schlüsselwerkstoff: Er ist mindestens soKonstruktionsprinzip aus der Luft- schende Material sein – ein später Triumph robust wie Stahl, dabei aber nicht einmal des planwirtschaftlichen Automobilbaus halb so schwer – bislang allerdings auch und Raumfahrt durch? der DDR, deren Standardmobil Trabant 50-mal teurer. Ganze Karosserien daraus einst in volkseigene Plaste gekleidet war? wurden bisher nur für Renn- oder exoti-D as Schaustück sieht aus wie der Die Kunststoffkarosse ist jedenfalls der sche Sportwagen produziert. Plastikrohling für einen Garten- einzig erkennbare Weg, ein gravierendes Einzig BMW versucht bislang, ein Mas- teich. Die pechschwarze Wanne Problem des Fahrzeugbaus zu lösen: Mit senprodukt aus diesem Werkstoff herzu-ist so lang und so breit wie ein Auto – die den wachsenden Anforderungen an Si- stellen. Zusammen mit dem Partner SGLMaße sind kein Zufall. cherheit und Komfort sind die Autos kon- Carbon errichtet der Münchner Konzern Der Evonik-Konzern, ein Agglomerat tinuierlich schwerer geworden. derzeit eine Fertigungskette, die diesenaltdeutscher Metall- und Chemieindu- Als VW in den Siebzigern den ersten robusten Kunststoff aus dem Exoten-strien, präsentiert das schlichte Gefäß als Golf erschuf, wog dieser 750 Kilogramm. dasein befreien soll. Im kommenden Jahreine Art Matrix für das Autochassis der Das heutige Modell ist fast eine halbe will BMW ein Elektroauto mit einer CFK-Zukunft: Seine Wände sind etwa finger- Tonne schwerer. Dass ein moderner Golf Karosserie präsentieren, dessen Produk-dick und bestehen aus einem weißen trotzdem weniger verbraucht als sein tionsanlagen für eine größere Serienfer-Schaumkern, umgeben von dünnen Häu- Urahn, ist im Wesentlichen den Fortschrit- tigung ausgelegt sind. Der Herstellerten aus mit Kohlenstofffasern verstärk- ten der Motorentechnik zu verdanken. nennt bisher weder Preise noch Stück-tem Kunststoff (CFK). Der Leichtbau als Entwicklungsziel zahlen. Projektleiter Ulrich Kranz versi- Das Konstruktionsprinzip nennt sich rückt nun in den Vordergrund. Die Her- chert lediglich: „Das wird hier kein Manu-Sandwich; es ist steif und crashfest, hat steller werben inzwischen offensiv mit fakturbetrieb.“sich in der Luft- und Raumfahrt sowie im dem Begriff, ohne jedoch viel in diesem Der CFK-Aufbau soll auf ein Alumi-Yacht- und Sportartikelbau bewährt und Sinne zu leisten. In der Massenproduktion nium-Chassis montiert werden. BMWsoll vermehrt Einzug ins Automobil dominiert noch immer die selbsttragende geht damit weg von der selbsttragendenhalten. „Der Leichtbau-Gedanke muss Karosserie aus Stahlblech. Aluminiumkon- Karosserie und zurück zum zweigeteilten Wagenbau der Auto-Urzeit. Eines der letzten Massenprodukte, die diesem Bau-Spar und fahr prinzip folgten, war der VW Käfer. Auch die Kunststoffexperten von Evo-Leichtbau-Konzepte von nik halten diesen Weg für den richtigen.BMW und Evonik „Einiges spricht dafür, Chassis und Karos- serie wieder zu trennen“, sagt Klaus Hedrich, der dortige Leiter des Auto- mobilteams. Mit dem Aufbau aus reinen mit Kohlenstofffasern ver- Alu-Rahmen CFK-Elementen folgen die Auto-Entwick- stärkter Kunststoff (CFK) ler jedoch ihrer alten Blecharchitektur. Die Evonik-Leute nennen dieses Prinzip Batterien Black Metal; sie halten es für das falsche Rezept. Sandwich-Strukturen, erklären sie, können die gleiche Stabilität zum weitBMW i3 günstigeren Preis erreichen. Der teureAuf einen tragenden Aluminium- CFK werde sparsamer eingesetzt undRahmen wird ein aus CFK könne teilweise durch billigere, glasfaser-geformter Aufbau gesetzt. verstärkte Kunststoffe ersetzt werden. Außenhaut aus Kohle- oder Glas- Als Vorbild, bei dem das Sandwich- faserkunststoffen Rezept bereits umgesetzt wurde, nennt Hartschaumfüllung Hedrich den neuesten Sportwagen der englischen Exotenmarke McLaren – und beleuchtet damit auch gleich das zentrale Problem: Der Weg von der Manufaktur in die Großserie dürfte beim Sandwich- Prinzip noch steiniger sein. Die Herstel- lung solcher Bauteile ist um einiges kom- plexer als das Pressen eines schwarzen Batterien Blechs aus CFK. Evonik-Composit-Entwurf BMW-Entwickler Kranz sieht durchaus Alle wesentlichen Bauteile sind in die Vorteile des Evonik-Ansatzes und hält Sandwich-Bauweise erstellt: Ein spezi- auch eine Umsetzung für möglich: „Für eller Hartschaum wird dabei mit Kohle- solche Lösungen brauchen wir allerdings oder Glasfaserkunststoffen ummantelt. noch ein paar Jahre Vorbereitung.“ CHRISTIAN WÜST110 D E R S P I E G E L 1 6 / 2 0 1 2
  • Wissenschaft I N N O VA T I O N E NIdeen als Waffen Weltweit führen Konzerneeinen Krieg um Software-Patente. Eines der wichtigsten Schlachtfelder ist Deutschland – Verlierer sind oft die Kunden.E s ist ein Kampf der Giganten, es geht um viele Milliarden Euro. Egal wie der Krieg endet, ein Verlierersteht bereits fest: Deutschland. Darf der US-Konzern Microsoft seinaktuelles Windows-Betriebssystem undseine Spielkonsole X-Box weiterhin hier-zulande verkaufen? Oder verletzt er Pa-tente anderer Firmen? Darüber will dasLandgericht Mannheim diese Woche ent-scheiden. Doch egal wie das Urteil ausfällt – vor- OLIVER BERG / DPAsichtshalber verlegt Microsoft die Europa-Vertriebszentrale vom nordrhein-westfä-lischen Düren in die Niederlande; rundhundert Mitarbeiter sind davon betroffen. Es ist nur eine kleine Auseinanderset- X-Box-Spielkonsole von Microsoft: Minenfeld unsichtbarer Risikenzung in einem weltweit geführten Patent-krieg. Auffällig nur: Wenn sich Hightech- Patent überhaupt wirksam ist. Denn diese gibt Jahr für Jahr über 200 000 neue Pa-Riesen wie Apple, Samsung, Motorola, Prüfung liegt beim Bundespatentgericht tentanmeldungen am Europäischen Pa-HTC, Microsoft, LG oder Sony juristisch in München – und sie kann Jahre dauern. tentamt in München. Viele sind schwerzoffen, tun sie das gern in Deutschland – In der schnelllebigen Hightech-Branche verständlich geschrieben. Selbst großewas mit der hiesigen Rechtsprechung zu kann die Trägheit dieses zweigleisigen Unternehmen schaffen es nicht, alle fürtun hat. „Trennungsprinzips“ kleinen Firmen leicht sie relevanten Unterlagen durchzuarbei- Wenn ein Erfinder hierzulande eine das Genick brechen. Ihnen hilft auch nicht, ten, um sicherzustellen, dass man gegenFirma beschuldigt, seine Innovation ab- dass zwei von drei beanstandeten Paten- kein Patent verstößt.“gekupfert zu haben, wird oft per einst- ten erstinstanzlich abgeschwächt oder für So tappen Erfinder durch ein Minen-weiliger Verfügung der Verkauf der strit- nichtig erklärt werden. feld von unsichtbaren Risiken, die ihnentigen Ware untersagt. In anderen Ländern Gegenstand der juristischen Auseinan- um die Ohren fliegen können. Großkon-dagegen verordnen Gerichte eher eine Li- dersetzungen sind oft ohnehin keine ge- zerne können Gerichtskosten oder Um-zenzgebühr als einen Verkaufsstopp. nialen Geistesblitze. Microsoft etwa steht züge ins Ausland leicht verkraften. Etli- Durch diese juristische Härte ist Deutsch- jetzt vor Gericht, weil der Konzern zwei che Mittelständler dagegen fühlen sichland für Großkonzerne zum wichtigen alltägliche Standards verwendet, um die dem rigorosen System hilflos ausgeliefert.Schlachtfeld eines weltweit ausgetrage- fast niemand herumkommt: den Daten- Das Internet-Druckunternehmen Uni-nen Krieges geworden. „Bei uns werden funk WLAN und den Videocodec H.264. tedprint aus Radebeul zum Beispiel wur-etwa tausend Patentverletzungen pro Die Klägerfirma Motorola Mobility war de durch eine Firma auf den BermudasJahr verhandelt“, sagt Klaus Haft, ein Pa- an der Entwicklung beider Techniken be- verklagt. Das „Weltpatentgericht“ in Düs-tentanwalt aus Düsseldorf. „Das macht teiligt – wie viele andere Firmen auch. seldorf verurteilte die sächsischen Unter-rund 60 Prozent aller Fälle innerhalb „Firmen treiben ihre Patentzahlen nehmer zu Schadensersatz und Unterlas-Europas aus.“ hoch, indem sie banale Erfindungen an- sung. Über fünf Jahre später wurde das Besonders Düsseldorf profiliert sich melden oder einzelne Anmeldungen in Bermuda-Patent endgültig für nichtig er-dabei mit etwa 600 neuen Fällen pro Jahr viele einzelne Patente zerstückeln“, klärt. In der Internetbranche ist das eineals Hauptstadt der Patentverletzungs- warnt Joachim Henkel, Wirtschaftspro- halbe Ewigkeit.klagen. In Fachkreisen gelte seine fessor an der TU München. „Viele Firmen „Der Fall zeigt, dass selbst schwacheLandeshauptstadt bereits als Sitz eines legen sich Patentportfolios an, um sie wie Patente scharfe Waffen sein können“,„Weltpatentgerichts“, frohlockte der Waffen zu verwenden. Das artet teilweise sagt Johannes Sommer vom Bundesver-nordrhein-westfälische Justizminister in einen richtigen Rüstungswettlauf aus.“ band Informations- und Kommunika-Thomas Kutschaty (SPD) Ende März – Unter den Kollateralschäden haben tionstechnologie und fordert Reformen.und kündigte sogleich die Einrichtung ei- auch die Nutzer zu leiden: Samsung muss Doch das Bundesjustizministerium hältner dritten Kammer und die Aufstockung die Anzeige von Bildern künstlich ver- das System für „effizient und kompetent“von acht auf elf Richterstellen an. schlechtern, Apple darf aufgrund eines und sieht keinen Änderungsbedarf. Doch der deutsche Sonderweg könnte Urteils auf deutschen iPhones keine eige- Der deutsche Sonderweg dürfte alsoErfinder verunsichern, warnen Kritiker: nen Push-Dienste anbieten. erst enden, wenn ein einheitliches EU-Oft verhängen die zuständigen Land- Henkel warnt, dass das deutsche Pa- Patentsystem kommt. Und das kann Jah-gerichte zwar einen sofortigen Verkaufs- tentrecht in der derzeitigen Form zum In- re dauern.stopp, sie klären jedoch nicht, ob das novationshemmnis werden könnte: „Es HILMAR SCHMUNDT D E R S P I E G E L 1 6 / 2 0 1 2 111
  • Wissenschaft Sie lebt im Ostküsten-Bundesstaat Mary- land, betreibt ein eigenes Blog und er- LIFESTYLE scheint mit ihren psychologisch untermau- Krise im Kleiderschrank erten Bekleidungstipps regelmäßig im US- Fernsehen. In zwei- bis dreiminütigen Filmen klärt sie das Publikum seither über drohende Stilbrüche auf und endet stets mit der- Eine US-Therapeutin legt nicht ihre Patienten selben Formel: „Denk daran, du kannst auf die Couch, sondern deren Garderobe. Ihr Fazit: Wer unter immer noch mehr aus dir machen!“ Zumindest teilweise hat sie selbst seinem Outfit leidet, hat meist ganz andere Sorgen. jene seelischen Untiefen durchlebt, in denen ihre Klienten zu versinken drohen.D ie Kriseninterventionen von Jen- Kleiderschrank-Psychologin zu Hilfe. Früher war sie süchtig nach Marken- nifer Baumgartner, 34, beginnen Nun präsentiert sie eine Sammlung ku- namen wie dem Taschenfabrikanten für ihre Patienten mit einer pein- rioser Fälle der im textilen Niemandsland Louis Vuitton und shoppte in Boutiquenlichen Prozedur. Die hilfesuchenden Frau- Gestrandeten in einem Buch; auch Emp- weit über ihre finanziellen Möglichkeiten.en und Männer müssen zunächst den In- fehlungen, wie sich die Krisen durch Um- Auch kombinierte sie ihre Trophäenhalt ihres Kleiderschranks vor der ameri- wälzungen in der Kleiderkammer lösen nicht immer ganz stilsicher, räumt siekanischen Therapeutin ausbreiten. lassen, liefert sie mit*. selbst ein. Inzwischen hat Baumgartner Dann sichtet Baumgartner den ihr dar- Ursprünglich war die Seelenkundlerin sich ein tragbares Kleidungskonzept ge-gebotenen Klamottenberg mit unnach- auf die Behandlung von Ess- und Angst- schneidert: „Einfache Klassiker, unterstri-sichtiger Strenge. Und versetzt den an störungen spezialisiert. Doch im Gespräch chen durch besondere Accessoires – dasder eigenen Kluft Verzweifelnden häufig mit ihrer in Kleiderfragen verunsicherten bin ich.“ Hohe Absätze gehören für sie un-den finalen Schlag. Schwester ging ihr auf, dass da draußen bedingt dazu. „Machen Absätze eine Frau Kostprobe: „Sarah, dein Wunsch, nie eine bislang gänzlich vernachlässigte Schar hilflos? Komm und versuch mich zu krie-einen Fehler zu machen, immer perfekt Hilfebedürftiger auf Rettung harrte. gen, dann wirst du merken, wie es sich an-auszusehen, hat zu einer leblosen, blut- Baumgartner – langes dunkles Haar, fühlt, einen Zehn-Zentimeter-Stiletto inslosen, leidenschaftslosen Garderobe ge- dunkle Augen – sieht aus, als könnte sie Auge gerammt zu bekommen“, droht sie.führt.“ Oder die Psychologin, die sich von ihren Beruf jederzeit gegen eine Karriere Ihre Patienten versucht die resoluteihren Klienten mit „Dr. B.“ ansprechen als attraktive Serienheldin eintauschen. Analytikerin mit zunächst scheinbar ro-lässt, erklärt: „Wann hast du angefangen,dich hinter deiner Kleidung zu verste- Nachwuchssängerin Popsängerincken? Wann hast du angefangen, nur Boyle Madonnanoch Schwarz zu tragen, um Makel zuüberdecken?“ Aus Sicht von Baumgartner handelt nie-mand auf dieser Welt, der seinen nacktenKörper mit irgendeiner Form von Stoffbedeckt, zufällig: „Jeder von uns versucht,etwas zu verbergen oder zu sagen mit derArt, wie er sich kleidet“, sagt sie. Manche Menschen verirren sich auf die-sem Weg derart, dass ihr Dasein in einerausgemachten Kleiderschrankdepressionmündet: Einer ihrer Patienten war ein al-ternder Sohn, der durch den frühen Toddes Vaters den Platz an der Seite der Mut-ter eingenommen hatte – noch im Ren-tenalter trug er seinen Velour-Overall auf,der zuletzt in den siebziger Jahren alsschick gelten konnte. Oder jene MutterEnde dreißig, die alles Weibliche aus ih-rem Erscheinungsbild getilgt hatte undbevorzugt Sweatshirts mit dem Schriftzugihres Arbeitgebers auf dem Rücken über-streifte. Bemerkenswert auch der Fall einer 26-Jährigen, die partout nicht einsehenwollte, dass Stilettos in Kombination miteinem Minirock von der Breite eines Gür- BETHANY CLARKE / GETTY IMAGEStels für Büro und Kirchgang keine guteWahl sind. KEVIN MAZUR / WIREIMAGE All diesen Betroffenen eilt Baum-gartner seit geraumer Zeit als welterste* Jennifer Baumgartner: „You Are What You Wear.What Clothes Reveal About You“. Da Capo Press,Boston; 252 Seiten; 12,25 Dollar. Prominente Modesünder: „Denk daran, du kannst immer noch mehr aus dir machen!“112 D E R S P I E G E L 1 6 / 2 0 1 2
  • busten Methoden zu kurieren. „Wow, du siehst wirklich entsetzlich aus in dieser Hose“, so begrüßte sie etwa eine Klientin, die mühsam an ihrem Selbstbewusstsein arbeitete. Statt zu kollabieren, entgegnete die Ge- scholtene allerdings kühl: „Nun, wirklich schade, dass du das so siehst.“ Der Dialog war ein sorgsam eingeübtes Rollenspiel. Denn vor kaum etwas haben jene von REBECCA BIXLER PHOTOGRAPHY ihrer Graumäusigkeit befreiten Menschen so viel Furcht wie vor einem beleidigen- den Kommentar zu ihrem Äußeren. Es sei überaus wichtig, sich für diesen Ver- balangriff eine passende Antwort zu über- legen, rät Baumgartner – in der Situation selbst falle einem bestimmt nichts ein. Psychologin Baumgartner: Früher süchtig nach Markennamen Ein Gutteil ihrer Kunden sind Frauen, die ihr Dasein im Schatten ihres allzu „Wie kann eine so unglaubliche Stimme Patientengruppe begangen, so die Exper- drögen Outfits fristen und deshalb von aus dieser Verpackung kommen?“, wun- tin: von jenen Kaufwütigen nämlich, die ihrer Umwelt auch als langweilig abge- derte sich Baumgartner aus der Ferne. in Truhen und Schränken krankhaft Klei- stempelt werden. Als Paradebeispiel die- Die Expertin diagnostizierte den klassi- der horten, ohne diese Stücke auch nur ses Typs gilt Baumgartner die Sängerin schen Fall einer tiefliegenden Identitäts- aus der Verpackung zu holen. Susan Boyle. Die mit Lockenwicklern störung. Aus lauter Angst aufzufallen Diese Geplagten fühlen sich nach dem ondulierte Vorstadtpomeranze fiel als dimmen solche Menschen ihr Erschei- Shopping, als hätten sie eine Beruhigungs- großes Gesangstalent in der britischen nungsbild derart herunter, dass sie para- pille eingeworfen. Baumgartner versucht Casting-Show „Britain’s got Talent“ auf, doxerweise gerade deshalb auffallen. ihnen behutsam zu vermitteln, dass sie pflegte dabei jedoch einen Kleidungsstil, Nicht minder verstörend das krasse einer allzu kostspieligen und auf Dauer der schon vor 30 Jahren altbacken ge- Gegenstück dazu: Jene kecken Omis, die unnützen Strategie der Problemlösung wirkt hat. auch jenseits des 60. Lebensjahres ihre anhängen. Liebe zu Netzstrümpfen und Miniröcken Andere Verirrte wiederum stopfen ihreEntertainer ausleben. Die Kultsängerin Debbie Harry Wohnung zum Verdruss ihrer Angehöri-Gottschalk von der Gruppe Blondie ist ihrem Stil gen mit abgetragenem Plunder voll, den mittlerweile über Jahrzehnte treu geblie- sie beim besten Willen nicht mehr als ben. Schon als 30-Jährige trug sie mit Vor- tragbar in Betracht ziehen dürften. Be- liebe Kleider von der Länge eines T-Shirts denklich findet die Psychologin etwa, und kniehohe Stiefel. wenn 50-Jährige für den Fall der Fälle Inzwischen ist die ergraute Interpretin ihre Umstandskleidung aufbewahren. 66 Jahre alt, und der zur Paarung locken- Der eichhörnchenhafte Sammeltrieb ist de Dress wird zunehmend zum Glaub- vermutlich aber unter allen Menschen würdigkeitsproblem. verbreitet. Der 80/20-Regel folgend, nut- Auch in der Männerwelt ist diese Art zen die meisten Erwachsenen in etwa 80 Paradiesvogel anzutreffen. In Deutschland Prozent der Zeit nur rund 20 Prozent ih- wird die Rolle seit Jahren zuverlässig von rer Garderobe. TV-Moderator Thomas Gottschalk ausge- Noch geringer war wohl die Quote bei füllt. Der gealterte Unterhalter verblüfft jener „Fußball-Mutti“, die sich aufopfe- regelmäßig mit Outfits am Rande des gu- rungsvoll ganz in den Dienst der Familie ten Geschmacks. „Wenn das Erscheinungs- gestellt hatte. Dazu trug sie meist jene bild nicht mit der Person übereinstimmt, bequemen Pullover von den Sportverei- nehmen die Leute als Erstes genau diese nen, in denen ihre Kinder aktiv waren. Unstimmigkeit wahr“, sagt Baumgartner. Als Baumgartner bei ihr nach im Ver- Auch Popsängerin Madonna macht als borgenen schlummernden Resten femini- über 50-Jährige noch immer manisch auf nen Strebens zur Schönheit fahndete, Mädchen. sprudelte alsbald ein in Vergessenheit Dennoch entdeckt die Expertin an geratener Quell. Zur Therapie stellte die dem nach Alterslosigkeit strebenden Star Psychologin ihrer Klientin ein modisch Gutes: Madonna sei „ein wunderbares attraktives Anfängersortiment zusam- Beispiel für jemanden, der sich ständig men, das die aus der Übung Geratene weiterentwickelt“, lobt Baumgartner. beim Kombinieren nicht überforderte. Im schnöden Alltag trifft die Psycho- Dr. B. verrät auch ihre goldenen Re- SASCHA BAUMANN / GETTY IMAGES login dagegen immer wieder auf Mütter, geln, um die schlimmsten Mode-Kata- die sich aus den Kleiderschränken ihrer strophen zu vermeiden: Niemals darf sich pubertierenden Töchter bedienen – oder die Unterwäsche unter Rock oder Hose auf mittelalte Männer, die sich kampflos abzeichnen; von allzu laut klappernden in das Heer beigefarbene Blousons tra- Accessoires ist abzuraten; zu keiner Zeit gender Herren einreihen. sollte Kleidung getragen werden, die mit Das schlimmste Modeverbrechen über- beleidigenden Botschaften bedruckt ist. haupt aber werde von einer ganz anderen FRANK THADEUSZ D E R S P I E G E L 1 6 / 2 0 1 2 113
  • Szene POP Furiose TrauerarbeitIhre phänomenal düsteren, hymni-schen Lieder zu Klavierbegleitungließen die Popwelt vor drei Jahrenrätseln, woher die Schwermut dernoch sehr jungen österreichischenSängerin Anja Plaschg rührt, dieunter dem Namen Soap&Skin auf-tritt. Nun ist Plaschg 22 Jahre alt,wird von Musikfans in vielen euro-päischen Ländern als poetische Lei-densfrau verehrt und versucht mitihrem zweiten Album „Narrow“,wie sie sagt, „einen Befreiungs-schlag“. Sie habe eine seelische Kri- COURTESY OF MOHAMED ALMANIse überstanden und sich wegen De-pressionen behandeln lassen, soPlaschg, „die Erschöpfung ist übermich hergerollt“. Zuletzt trat dieSängerin nur selten auf, in diesenWochen aber will sie unter ande-rem in Hamburg und in Leipzig miteinem großen Ensemble auf die Anonyme Street-Art aus TripolisKonzertbühne kommen. „Narrow“verkauft sich prächtig, mit instän- KUNSTdiger Wucht singt Plaschg dort vom „Schüsse im Hintergrund“Tod ihres Vaters („Wann kommstdu wieder heim?“), von Fernwehund Verlorenheit, dazu gibt es einesehr langsame Version des Achtzi-ger-Jahre-Klassikers „Voyage, voya- Martin Roth, 57, Direktor ausdrückten. Wir würdigen eine Kunstform,ge“. Sie wisse nicht, wie es mit ihr des Victoria and Albert die für die Revolution in Libyen wichtigweitergehen solle, sagt Plaschg. Ein Museum in London, über war, die für die Menschen dort eine echte eine von seinem Haus in- MOMENTPHOTO.DE / BONSSMalereistudium in Wien in der Klas- Bedeutung hat. Wir haben eng mit demse von Daniel Richter hat sie aufge- itiierte Schau mit Werken British Council zusammengearbeitet, eini-geben, in dem preisgekrönten öster- der Street-Art in Libyen, ge libysche Mitarbeiter haben mitgekämpftreichischen Kinofilm „Stillleben“ ist die zunächst in Tripolis in dieser Revolution. Für sie, aber auch fürsie erstmals als Schauspielerin zu zu sehen war und nun das libysche Kulturministerium ist es wich-sehen. Und auch auf der Leinwand nach Bengasi wechselt tig, endlich etwas auf die Beine stellen zuzeigt sie jene außergewöhnliche In- können, wenigstens in einem kleinen Rah-tensität, die ihre Musik auszeichnet. SPIEGEL: Herr Roth, wie war die Resonanz men so etwas wie kulturelles Leben zu auf die Eröffnung Ihrer Schau in Tripolis? ermöglichen. Immerhin war es die erste größere Ausstel- SPIEGEL: Warum fühlt sich ausgerechnet Ihr lung in Libyen seit dem Beginn der Revo- sehr britisches, sehr traditionelles Museum lution. dazu berufen, eine solche Schau zu veran- Roth: Zur Eröffnung war aus Sicherheits- stalten? gründen nur eine überschaubare Menge an Roth: Museen sollten ihre aristokratische Gästen eingeladen, Künstler, Leute, die mit Distanz abbauen. Unser Haus will sich Street-Art ihren Protest ausgedrückt haben, jedenfalls in den Alltag einbringen, und Menschen aus dem Dunstkreis der jetzt ent- das muss nicht nur der britische Alltag stehenden Ministerien. Man muss vorsich- sein. Deshalb besitzen wir übrigens auch tig sein. Auch wenn es sich nicht so gefähr- eine großartige Sammlung von Street-Art. lich anfühlte – wir hörten im Hintergrund Die Idee zu dieser Schau entstand, als immer mal wieder Schüsse, die an die Ge- uns der libysche Kulturminister besuchte. fahr erinnerten. Dann ging alles sehr schnell. Wir sind in SPIEGEL: Wozu diese Ausstellung, wenn Sie ein Land gereist, in dem gerade Zehntau- wegen genau dieser Gefahren nur ein be- sende Menschen umgebracht worden wa- grenztes Publikum erreichen? ren, das traumatisiert ist. Es braucht Hilfe ALEXANDRA FEKETE Roth: Wir verstehen sie als Signal. Unter beim Wiederaufbau, beim Aufbau einer Gaddafi war freie Kunst nicht denkbar. Normalität, Hilfe auch beim Überwinden Umso mutiger waren die Leute, die auf die der Fronten innerhalb der Gesellschaft, Straße gingen und malten, die ihre Haltung egal, woher.Plaschg114 D E R S P I E G E L 1 6 / 2 0 1 2
  • Kultur L I T E R AT U R berichtete, Antisemitismus vorwerfen konnte. Aber auch von den eigenen Walsers letzte Fragen „nach Unverwechselbarkeit trachten- den Sätzen“ ist die Rede, die ihn bis- weilen selbst angeekelt hätten. SoDieser Essay ist lange vor der aktuel- changiert sein Essay zwischen Selbst-len Debatte um das Israel-Gedicht von abrechnung und Selbstbehauptung.Günter Grass entstanden – und doch Schnell wird klar, dass es hier nicht umlässt sich Martin Walsers Buch „Über Rechtfertigung im banalen Sinne geht.Rechtfertigung“ als nachdenklicher Höheres steht an: „RechtfertigungKommentar zur Affäre lesen. Walser, ohne Religion wird zur Rechthaberei“,85, ist wie sein Kollege Grass, 84, ist Walsers neue Überzeugung. Er be-mehrfach wegen politischer Regelver- ruft sich dabei seitenweise auf Philo-stöße und verbaler Grenzverletzungen sophen, Dichter und Kirchenleute. Esin die Kritik geraten. Schon lange ist nicht immer leicht, Walser durchmöchte er raus aus dem „Reizklima diese Stoffsammlung zu begleiten oderdes Rechthabenmüssens“, in ihm bei seinen Gedanken-dem es darum gehe, den Ein- sprüngen zu folgen. Für ihn istdruck zu vermitteln, „man sei die Religion „anspruchsvollerder bessere Mensch“. Und er als jede andere Denk- und Aus-behauptet, dass er sich nun drucksbemühung“. Er fragt,„nicht mehr berühren lasse von was der Mensch gegenüberdem, was der Welt gerade am Gott ist, und antwortet mit denmeisten weh tut“. Auf den ers- Worten des Theologen Karlten Blick bemüht sich Walser in Barth (und Kafka im Sinn):seinem Essay um Selbstrecht- „Wie sollte er je und irgendwiefertigung: Von einem „Schluss- etwas anderes sein als der An-strich“ unter das Holocaust-Ge- Martin Walser geklagte?“ Da ist dann vondenken, wie nach seiner Rede Über Rechtfer- letzten Dingen die Rede – siein der Paulskirche 1998 unter- tigung, eine haben am Ende mit der pro- Versuchungstellt, habe er nie gesprochen. fanen politischen Sphäre nichtsUnd er habe nie begriffen, dass Rowohlt Verlag, mehr zu tun, in der ein mit Reinbek;man ausgerechnet ihm, der als 112 Seiten; „letzter Tinte“ von Grass ver-einer der Ersten 1964 vom 14,95 Euro. fasstes Gedichtpamphlet be-Frankfurter Auschwitz-Prozess heimatet ist. MFA KINO IN KÜRZE „Die Königin und der Leibarzt“ ist ein Historiendrama über die dänische Königin Caroline Mathilde (Alicia Vikander) und ihre Affäre mit dem deutschen Arzt und Aufklärer Johann Friedrich Struensee (Mads Mikkelsen). Nach einem Dreh- buch, an dem Lars von Trier mitschrieb, erzählt Regisseur Nikolaj Arcel von den gesellschaftlichen Umwälzungen des 18. Jahrhunderts, von der teilweisen Ent- machtung des Adels, von Sozialreformen und der Abschaffung der Zensur. Präzise und bewegend beschreibt der Film, wie der Wunsch, eine gerechtere Welt zu schaffen, eine große Liebe entstehen lässt. Leider findet die betuliche Inszenie- rung zu selten die Kraft, die erotischen und politischen Leidenschaften der Figu- ren in Bilder umzusetzen. D E R S P I E G E L 1 6 / 2 0 1 2 115
  • Kultur STREITGESPRÄCH „Abschalten, Digger“ Der Musiker Jan Delay und der Abgeordnete der Piratenpartei Christopher Lauer ringen um den Wert der Kunst im digitalen Zeitalter und die Frage, ob Musik im Internet kostenlos zur Verfügung stehen sollte.Jan Delay ist einer der erfolgreichstenPopmusiker in Deutschland. Wie vieleseiner Kollegen fühlt er sich von der For-derung der Piratenpartei, die Musik-Tauschbörsen im Internet zu legalisieren,bedroht, weil dann kein Musiker mehrvon seiner Arbeit leben könne. Am ver-gangenen Dienstag traf er sich im Ham-burger SPIEGEL-Haus mit dem Piraten-politiker Christopher Lauer, um eineDiskussion weiterzuführen, die der Mu-siker und Schriftsteller Sven Regener(Element of Crime, „Herr Lehmann“)vor vier Wochen losgetreten hatte: DieWeigerung, Musik als ein zu bezahlen-des Gut anzuerkennen, sei „eine Unver-schämtheit“.Delay, 35, ist gebürtiger Hamburger, sei-ne letzten beiden Alben (darunter „WirKinder vom Bahnhof Soul“) standen aufPlatz eins der deutschen Charts; im Maierscheint die Konzert-DVD „Hamburgbrennt“. Lauer, 27, ist Abgeordneter derPiratenpartei im Berliner Parlament undkulturpolitischer Sprecher der Fraktion.SPIEGEL: Herr Lauer, die Piratenpartei for-dert die Legalisierung von Musik-Tausch-börsen im Internet. Das bedeutet, dassnie wieder jemand nur einen Cent für einLied von Jan Delay bezahlen müsste. Wieerklären Sie ihm, dass Sie seine Arbeitoffenbar für wertlos halten?Lauer: Ich sage nicht, dass seine Arbeitwertlos ist. Wir Piraten sagen, dass es kei-nen Sinn hat, Menschen, die sich Musikim Netz herunterladen, zu kriminalisie-ren. Es geht doch um den 15-Jährigen,der kaum Geld hat. Jan, du solltest schongenug Phantasie haben, dir vorzustellen,dass dieser 15-Jährige, der sich heute deinAlbum herunterlädt oder sich etwas vondir umsonst auf YouTube ansieht, denkt:Okay, das ist gute Musik, und später,wenn ich einmal Geld habe, kaufe ichmir eine CD oder gehe zu einem Konzertvon Jan Delay.Delay: Ach ja? Komisch. Die CD-Verkäufehaben sich in den letzten zehn Jahrenfast halbiert. Und jetzt kommt einer vonDas Gespräch führten die Redakteure Thomas Hüetlinund Philipp Oehmke. Kontrahenten Lauer, Delay: „Das System funktioniert nicht mehr, das ist der Ist-Zustand, findet116 D E R S P I E G E L 1 6 / 2 0 1 2
  • der Piratenpartei und sagt, das soll Wer- men hätten. Angebot und Nachfrage – Lauer: Ein Künstler soll seine Urheber- bung für die Musiker sein? Ich verstehe das regelt der Markt nun direkt. rechte natürlich behalten. Der soll nicht jeden 15-Jährigen, der kein Geld hat. Es SPIEGEL: Wie denn? arm werden. Wir sagen, wenn ein Urhe- ist trotzdem eine komische Argumenta- Lauer: Indem die Künstler direkt von ber einen Vertrag mit einem Verwerter tion. Wenn der 15-Jährige sich im Super- den Konsumenten Geld erhalten – durch abschließt, dann bekommt der Verwerter markt eine Flasche Wodka klaut, soll man direkte Bezahlsysteme, durch Verkäufe die exklusiven Nutzungsrechte nur noch das dann auch erlauben, weil der Junge auf Internetplattformen, durch Konzerte. für maximal 25 Jahre. Das heißt, wenn kein Geld hat? Was eben nicht mehr funktioniert, ist das du, Jan, einen Vertrag mit Universal ab- Lauer: Es gibt einen Markt von Konsumen- alte System zwischen Künstlern, Labeln schließt, hat Universal die Nutzungsrech- ten. Die bezahlen Geld für kulturelle Gü- und Konsumenten. Ich verstehe, dass man te nur noch maximal 25 Jahre – und auch ter. Durch das Internet verteilt sich das sich darüber aufregt. Aber das ist der Ist- nur für Vertriebswege, die zum Zeitpunkt Geld nur anders. Unbekanntere Künstler Zustand. Findet euch damit ab. des Vertragsabschlusses bekannt waren. bekommen die Möglichkeit, eine Auf- Delay: Ich finde mich sicherlich nicht da- Das stärkt dich als Künstler. merksamkeit zu erlangen, die sie im klas- mit ab, weil ihr unsere gesamten Urheber- Delay: Ich glaube, ich muss euch Piraten sischen Plattenfirmen-System nie bekom- rechte abschaffen wollt. dringend mal ein paar Dinge erklären. Vieles, was du sagst, ist hart gefährliches Halbwissen. Ihr strickt euch eure Meinun- gen aus irgendwelchen Blog-Posts und Wikipedia-Einträgen zusammen. Aber keiner von euch hat sich 20 Jahre lang im Musikgeschäft bewegt, weder als Schaffender noch als Verkaufender. Bei euch sind die Plattenfirmen immer die Bösen, aber das ist ein Klischee. Was ihr immer vergesst, ist die komplette Infra- struktur, die da dranhängt: Videoproduk- tionen, Studios, all die Zulieferbetriebe, die seit zehn Jahren nur noch sterben, sterben, sterben. Lauer: Für 95 Prozent der Musiker lief es auch ohne das Internet, auch ohne die Piratenpartei nicht gut. Die Urheber- rechtsdiskussion lenkt den Blick auf die Bedingungen, unter denen die meisten Künstler arbeiten. Die in der Künstler- sozialkasse versicherten Musiker verdien- ten im letzten Jahr durchschnittlich nicht einmal 12 000 Euro. Delay: Sorry, aber ihr wollt euch jetzt nicht wirklich zum Rächer der schlechtver- dienenden Künstler aufschwingen? Lauer: Ich will nur nicht die Behauptung gelten lassen, die Piratenpartei wolle die Urheber alle arbeitslos machen. Nach unserer Vorlage bleibt das Urheberrecht beim Urheber. Wir ändern lediglich die Spielregeln zwischen Urheber und Ver- werter. Delay: Nee, Digger. Ihr ändert bitte über- haupt keine Spielregeln. Was du da ge- rade erzählst, verhandelt ein Künstler mit seinem Label. Wenn er einen schlechten Anwalt hat, kriegt er einen schlechten Vertrag. Wenn er schlechte Musik macht, wird er abgezockt. Wenn er gute Musik macht, hat er bessere Chancen, weil man ihn unbedingt signen will. Das hat euch überhaupt nicht zu interessieren, welche Verträge ein Künstler unterschreibt. Lauer: Es geht doch um die Frage, wie man CHRISTIAN O. BRUCH / LAIF / DER SPIEGEL Künstler und Konsumenten zusammen- bringt. Delay: Nein. Kannst du gar nicht. Denn dazwischen sind immer die Verwerter, also die Plattenfirmen, über die ihr so schimpft. Und die brauchen wir auch. Denn wir machen Musik und Kunst. Wir können uns nicht darum kümmern, wieeuch damit ab“ – „Sicherlich nicht“ etwas verkauft wird, wie etwas abge- D E R S P I E G E L 1 6 / 2 0 1 2 117
  • Kulturrechnet wird, wie etwas geschütztwird. Dafür brauchen wir die Ver-werter.Lauer: Wir wollen nicht die Verwer-ter verbieten. Aber die Rolle desVerwerters verändert sich.Delay: Ich werfe denen in der Platten-industrie seit zehn Jahren vor, dassdie nicht auf so etwas wie iTunesgekommen sind. Dass die das ver-pennt haben. Mag alles sein. Aberdie Versäumnisse der Plattenindu-strie sind kein Argument für die Le-galisierung der Tauschbörsen. Al-lein der Begriff ist falsch. Hört sich Musiker Delay, Politiker Lauer: „All die Betriebe, die seit zehn Jahren nur sterben, sterben, sterben“ –so harmlos an. Aber da wird nichtsgetauscht. Da werden meine Lieder für teilt ist, ohne Deep Packet Inspection ab- Delay: Und das findest du in Ordnung?umsonst dupliziert. schalten? Lauer: Auf Tauschbörsen wie Pirate BayLauer: Ja. Aber wir haben eine Bevölke- Delay: Ey, Alter, was? gibt es auch Angebote, die ich legal ebenrung, die benutzt Tauschbörsen. Deswe- Lauer: Also: Wie will man ein solches nicht kaufen kann. Ich gucke zum Bei-gen sagen wir: Tauschbörsen ja. Nur: Wie Netzwerk abschalten, ohne in die Netz- spiel gerade die amerikanische Zeichen-gehen wir damit um? Kriminalisieren wir struktur massiv einzugreifen? Zum Bei- trickserie „Family Guy“. Bei iTunes kanneinen Großteil der jungen Bevölkerung? spiel Jan Delays Lied „Klar“, das ich toll man sich die aktuellen Folgen im Origi-Etwa mit der Two-Strikes-/Three-Strikes- finde, obwohl ich ihn sonst eigentlich nal nicht herunterladen, also gehe ich zuRegelung, die gerade im Gespräch ist und nicht höre … Pirate Bay, wo ich die aus dem amerikani-bedeutet, dass man nach zwei oder drei Delay: Ich hör euch auch nicht. schen Fernsehen aufgenommenen FolgenVergehen den Internetanschluss verliert? Lauer: Dieses Lied habe ich jetzt auf mei- finden kann. Tauschbörsen ermöglichenEs sind Netzsperren im Gespräch, und es ner Festplatte und öffne ein sogenanntes es den Menschen, Kulturgut auszutau-gibt Anwälte, die Abmahnungen über Torrent-Programm. Damit kann sich das schen. Damit helfen sie unbekannteren1500 Euro rausschicken. jeder von mir runterladen. Die Rechner Künstlern, ihre Kunst zu verbreiten.Delay: Da sind wir zum ersten Mal einer fangen also an, die Dateien zu kopieren. Delay: Das hat Kim Schmitz mit Mega-Meinung. Diese Abmahnungen sind so, Eine Kontrollinstanz, die das verhindern upload auch getan. So kannst du nicht ar-als würde man mit einem Baseballschlä- wollte, müsste nun in jedes Datenpaket, gumentieren.ger jedem auf die Fresse hauen, der ein das meinen Computer verlässt, hinein- Lauer: Aber dort steckt ein kommerziellesKaugummi klaut. Das schürt nur den gucken, um festzustellen, was da hin und Interesse dahinter.Hass auf die Plattenindustrie. Es ist ein her geschickt wird. Ein Musikstück von Delay: Bei den Tauschbörsen wie Piratewindiges Geschäftsmodell, das sich ein Jan Delay oder eine Liebes-E-Mail an mei- Bay gibt es auch Bannerwerbung. Wiesopaar Anwälte ausgedacht haben, die von ne Freundin? Tauschbörsen zu legalisieren ist das eine okay, das andere nicht?der Notlage der Künstler und Plattenlabel ist gesamtgesellschaftlich einfacher als der Lauer: Pirate Bay ist eine Suchmaschineprofitieren und richtig Asche machen. Aufbau einer Überwachungsinfrastruktur. für Torrents. Megaupload oder kino.to stel-Die holen sich Niedriglöhner, die für fünf Delay: Websites wie Megaupload von Kim len die Dateien für Geld zur Verfügung.Euro die Stunde in Sweatshops sitzen und Schmitz oder kino.to sind doch auch ab- Delay: Nein. Dort gibt es die Sachen auchIP-Adressen rausfiltern. geschaltet worden. umsonst.SPIEGEL: Wird dieses eingeforderte Geld Lauer: Das sind keine Tauschbörsen. Da Lauer: Aber kino.to ist ein kommerzielleseigentlich an die Künstler ausgeschüttet? werden Musik oder Filme auf eine Web- Angebot, weil sie Werbebanner schalten.Delay: Peinlicherweise habe ich auf mei- Delay: Das tun deine Torrent-Börsen auch.ner letzten Abrechnung auch einen sol- Da hast du immer noch nicht drauf ge-chen Posten entdeckt. Das ist eklig. Ich „Aber, Leute, habt ihr antwortet.will dieses Geld nicht und spende es. Und Lauer: Gut. Jetzt hast du mich.ich glaube, es gibt Bands und Labels, die Lösungen, wisst ihr über- Delay: Um ehrlich zu sein: Bei den meistendamit inzwischen richtig Geld machen. haupt, wovon ihr redet?“ Punkten, die du bisher hier gemacht hast,Lauer: Mit der Zahlungsaufforderung kom- habe ich dich. Ist jetzt nicht böse gemeint,men auch meist Unterlassungserklärungen, Jan Delay aber auch unabhängig von der Urheber-und die werden uns noch richtig um die frage erscheint mir das ganze Piratenpar-Ohren fliegen. Wenn man die unterschreibt, site geladen, und Geld verdienen die tei-Ding, als käme da jemand um die Eckeverpflichtet man sich, beim nächsten Ver- durch Porno-Werbung. Das ist Mafia. Tor- und sagt: Ey, wir sind hier eine Partei undgehen bis zu 250000 Euro zu bezahlen. Wir rent-Tauschbörsen funktionieren anders: es gibt Schokolade für alle umsonst. Undsagen: Es gibt jenseits der Tauschbörsen Da lade ich mir eine Torrent-Datei auf ein paar Nichtwähler sagen: Geil, Scho-genügend Möglichkeiten, wie man den meinen Rechner. Das ist nicht das Lied kolade umsonst, das ist doch mal Politik.Künstlern Geld zukommen lassen kann. oder der Film selbst, sondern nur die Aber, Leute, habt ihr Lösungen? WisstSPIEGEL: Welcher 15-Jährige, der kaum Information, wo es zu finden ist. Im Grun- ihr überhaupt, wovon ihr redet? Ich glau-Geld hat, bezahlt für etwas, das er auch de so etwas wie die Gelben Seiten. Das be euch, dass ihr Ahnung von Computernlegal umsonst haben kann? Was Sie vor- Programm sucht sich von allen Rech- habt, das ist dann aber auch schon alles.schlagen, ist eine Art Almosenwirtschaft. nern und Servern, auf denen die Musik- Lauer: Wir machen zumindest Vorschlä-Lauer: Verstehen Sie doch: Tauschbörsen datei liegt, die Informationen und kopiert ge.kriegt man nicht weg. sie auf meinem Rechner zusammen. Delay: Nee, Digger, die Vorschläge, die duDelay: Doch. Abschalten, Digger. Gleichzeitig stellt mein Rechner die Mu- bisher hier gemacht hast, kann ich alle inLauer: Wie willst du ein Peer-to-Peer- sikdatei wieder anderen Rechnern zur der Luft zerreißen. Soll ich dir mal einNetzwerk, das auf tausend Rechner ver- Verfügung. paar Vorschläge machen?118 D E R S P I E G E L 1 6 / 2 0 1 2
  • Delay: Dieser Song ist noch da. Aber der Musiker, der ihn ge- macht hat, wird keinen zweiten aufnehmen können, weil er mit FOTOS: CHRISTIAN O. BRUCH / LAIF / DER SPIEGEL dem ersten kein Geld verdient hat. Insofern nehmt ihr den Leuten durchaus etwas weg. Meine eigene Biografie als Künstler veranschau- licht das gut: Mit 15 habe ich an- gefangen, Musik zu machen, nur so. Ich ging noch zur Schule, dann Zivildienst, habe weitergemacht mit der Musik, weil es gut lief, dann Studium, und plötzlich hatte„Für 95 Prozent der Musiker lief es schon schlecht, auch ohne Piratenpartei“ ich einen Hit und keine Zeit mehr fürs Studium. Das heißt, ich habe Lauer: Bitte. pitalismuskritisch. Da ist es schwierig, zu nur weitergemacht, weil es, jetzt mal Delay: Du sagst einerseits, man soll die sagen: Ich will, dass die Leute bezahlen. krass formuliert, damals kein Internet Kids, die sich Songs oder Filme bei Pirate Delay: Ich finde nicht, dass Pop per se anti- gab. Hätten sich alle meine Musik einfach Bay oder kino.to besorgen, nicht krimina- kapitalistisch ist. HipHop schon gar nicht. umsonst runtergesaugt, hätte ich aufge- lisieren. Finde ich auch, aber: Wenn du in Lauer: Als ich Regener gehört habe, dach- hört. Dann hätte ich Jura studiert oder einen Laden gehst und ein Duplo klaust te ich, die Forderung nach dem Verbot BWL oder wäre jetzt ein Junkie. und erwischt wirst, bekommst du eine von Tauschbörsen klingt, als wollte man SPIEGEL: Ein junger Künstler kann heute Strafe. So ist das nun mal. Ich fahre seit die Schwerkraft verbieten. Wir leiten vie- nicht mehr von seinen Platten leben? Geburt schwarz. Wenn ich erwischt wer- le unserer Forderungen aus den techni- Delay: Jedenfalls nicht, wenn man wie ich de, zahle ich 60 Euro, und das ist okay. schen Gegebenheiten des Netzes ab. Die Wert auf eine hochwertige Produktion „Superman“-Film runtergeladen, erwischt stehen für uns wie Naturgesetze. Deswe- und aufwendige Videos legt. Heutzutage worden, 60 Euro. Dieses Geld sollte dann gen fällt es Ihnen und vielen anderen verdienst du dein Geld mit Live-Shows, nicht den großen Musikern zugutekom- manchmal schwer, uns zu verstehen. mit Merchandise, oder du stellst dich für men, sondern denen, die unter dem Run- Werbung zur Verfügung. Als ich von mei- tergelade wirklich leiden. Dieter Bohlen nem letzten Album 100 000 Stück ver- und ich bekommen davon nichts. „Tauschbörsen abschaffen – kauft und damit Gold-Status erreicht hat- SPIEGEL: Die Leute sollen ruhig versuchen, te, war ich immer noch im Minus. Sie zu bestehlen, Sie dürfen sich nur nicht das klingt, als wollte man Lauer: Warum? erwischen lassen? Delay: Heute reichen in einer schwachen Delay: Ja. Ich bin doch nicht Lars Ulrich die Schwerkraft verbieten.“ Woche 10 000 Verkäufe, um in Deutsch- von Metallica, der ständig sagt, Klauen ist Christoph Lauer land auf Nummer eins zu gehen. Dafür doof. Ich bin HipHopper. Wir malen nachts war vor 15 Jahren ein Vielfaches nötig. Züge an! Wir klauen Musik und machen SPIEGEL: Uns fällt es schwer, weil Sie als Die Kosten für Marketing sind aber eher daraus neue Musik! Das ist unsere Kunst. Piraten eine Umsonst-Kultur im Netz pro- gestiegen. Es wird viel investiert von der SPIEGEL: Und trotzdem pochen Sie jetzt pagieren, für die es keine Rechtfertigung Plattenfirma, aber das meiste wird mir auf Einhaltung ganz bürgerlicher Grund- gibt: Musik, Filme, auch Journalismus, al- gegengerechnet. Viel bleibt nicht übrig, prinzipien: Bitte bezahlt mich, wenn ihr les darf nichts kosten. vor allem wenn du so aufwendige Videos etwas von mir haben wollt. Lauer: Wir suchen doch nach Lösungen, drehst wie zum Beispiel mein „Oh Jon- Delay: Mir ist es egal, ob die ganze schlech- auch zur Bezahlung von geistigem Eigen- ny“. Da musst du schon ein Platin-Album te Musik aus dem Netz gesaugt wird. tum. Wenn ein Musiker eine Idee für eine haben, also 200 000 Einheiten verkaufen Aber bei den guten Sachen, die mit Herz- Platte hat, kann er die doch im Netz be- wie ich jetzt, damit man am Ende viel- blut gemacht sind, möchte ich, dass die kannt machen und fragen, wer bereit ist, leicht ein bisschen verdient. Leute bezahlen. Und ich finde es nicht dafür zahlen. Lauer: Verkaufst du über iTunes? uncool, das laut auszusprechen. Delay: Der soll mit dem Hut rumgehen? Delay: Klar. Aber von den 99 Cent, die SPIEGEL: Offensichtlich befürchten Musi- Das funktioniert nur, wenn dieser Künst- ein Song dort im Schnitt kostet, gehen ker genau das: als uncool zu gelten, wenn ler schon einen großen Namen hast. Ein gerade mal 15 Prozent an mich, davon sie darauf beharren, dass illegales Kopie- unbekannter Künstler, der Geld für eine muss ich aber noch die Produktion und ren verhindert werden soll. Idee sammelt? Vergiss es. die Musiker bezahlen. Das ist ein Witz. Delay: Alter, das finde ich so schwanzlos. Lauer: Entschuldigung. Wir müssen, was Lauer: Siehst du. Die sollten sich lieber Sorgen darum ma- Bezahlmodelle im Netz angeht, schon ein Delay: Aber du hast dir vorhin eine Ab- chen, keine uncoole Musik zu machen. bisschen experimentieren. Wenn hier mahnung über 1500 Euro eingehandelt. SPIEGEL: Der Berliner Musiker Sven Rege- jeder Vorschlag nur abgeschmettert wird, Lauer: Was? ner hat durch ein Radio-Interview die brauchen wir uns nicht zusammenzuset- Delay: Du hast gestanden, dass du dir Diskussion um die Urheberrechte und die zen. Natürlich machen wir Fehler und „Family Guy“ bei Pirate Bay besorgt Pläne der Piraten neu entfacht. Er hat kennen uns manchmal nicht aus. Aber hast. Ist schon notiert. Das kostet. auch gesagt, dass sich viele Musiker nicht ich hoffe, es kommt rüber, dass wir uns SPIEGEL: Herr Lauer, Herr Delay, wir dan- trauen würden, ihre Meinung zu sagen. mit dem Urheberrecht und den Produk- ken Ihnen für dieses Gespräch. Delay: Ich fand die Wutrede von Sven Re- tionsbedingungen von Kulturschaffenden gener super. Aber ich verstehe nicht, auseinandersetzen. Im Übrigen geht es Animation: Was ein Rockstar warum er die Sorge äußert, dass seine nicht ums Klauen. Wenn ich dir die Kap- wirklich verdient Haltung uncool sein könnte. pe vom Kopf klaue, Jan, dann ist die weg. Für Smartphone-Benutzer: SPIEGEL: Möglicherweise hat er ja recht? Wenn ich einen Song von dir im Netz ko- Bildcode scannen, etwa mit Der Gestus des Pop war immer eher ka- piere, dann ist der aber noch da. der App „Scanlife“. D E R S P I E G E L 1 6 / 2 0 1 2 119
  • Kultur KINO Hamlet in Afrika Nach jahrzehntelanger Pause produziert der Disney-Konzern wieder aufwendige Tierdokumentationen. Als Vorbild für die neuen Dokus über Raubkatzen und Schimpansen dient der Zeichentrickfilm-Klassiker „Der König der Löwen“.D er Regisseur Alastair Fothergill ist ein Gepard, der eine Gazelle hetzt. Titeln, auch im Kino: „Deep Blue“ (2003) kann stundenlang über Tiere re- Die Gazelle ist schnell, aber der Gepard wollten allein in Deutschland 800 000 den, über Schimpansen, Löwen, ist schneller, der Abstand zwischen den Zuschauer sehen, „Unsere Erde“ (2007)Geparden, und darüber, wie Geparden beiden Tieren wird geringer, die Gazelle sogar 3,8 Millionen. Weltweit spielte „Un-sich fortpflanzen, nämlich sehr hastig. schlägt Haken, vergebens. Am Ende er- sere Erde“ 110 Millionen Dollar ein.„Wham, bang, thank you, mam“, sagt Fo- wischt der Gepard seine Beute am Hin- Seit 2008 ist Fothergill nur noch sechsthergill. Doch eigentlich möchte er jetzt terlauf, die Gazelle stürzt, sie rutscht auf Monate pro Jahr für die BBC im Einsatz,erst einmal etwas zeigen, „den Disney- dem Bauch noch ein paar Meter weiter in der übrigen Zeit arbeitet er für Holly-Kill“. und bleibt zufällig genau dort liegen, wood, für den amerikanischen Unterhal- Fothergill steht in einem Safarizelt in wo das Gras einen halben Meter hoch tungskonzern Disney. Drei Filme, so derder Masai Mara, Kenia, einem Natur- ist. Der Gepard springt hinterher, das Deal, muss er Disney liefern. Der erste,schutzgebiet, das die schönsten Afrika- Gras verdeckt, wie er sein Opfer tötet. Es „Im Reich der Raubkatzen“, läuft jetzt inKlischees vereint. Die Masai Mara ist die ist ein bisschen wie bei Shakespeare, den deutschen und britischen Kinos an.Heimat von Löwen, Elefanten, Giraffen wenn Hamlet den hinter einem Vorhang Im nächsten Jahr startet „Schimpansen“.und den Hirten vom Stamm der Masai; verborgenen Polonius ersticht. Naturdokumentationen im Kino, das„Jenseits von Afrika“ mit Meryl Streep Alastair Fothergill, geboren 1960 in ist eine Wachstumsbranche. Mehr als 50und Robert Redford wurde hier gedreht. London, studierter Zoologe, Vater von Jahre nachdem Bernhard Grzimek fürDer Regisseur schaltet einen Flachbild- zwei Söhnen, ist der erfolgreichste Tier- „Serengeti darf nicht sterben“ einen Os-schirm ein, er zeigt ein paar Szenen der filmer der Welt. Jahrelang leitete er die car gewann, ist das Genre wieder populär.neuen Kino-Dokumentation „Im Reich „Natural History“-Abteilung der BBC, die Anders als früher wollen die meistender Raubkatzen“, die sein Team in den Naturdokumentationen für Fernsehsender Tierfilmer die Zuschauer heute nichtvergangenen Wochen ganz in der Nähe in aller Welt produziert. Als Regisseur mehr in erster Linie belehren, sonderngefilmt hat, darunter einen Disney-Kill. verantwortete er Großprojekte wie die unterhalten, Spektakel statt Biologie- Das Wichtigste bei einem Disney-Kill TV-Serien „Unser blauer Planet“ und Unterricht. Wenn Fothergill vom Hub-ist, was man nicht sieht. Was man sieht, „Planet Erde“, die das Genre mit gran- schrauber aus filmt, wie Löwen hinter diosen Bildern und zuvor unvorstellba- Gazellen herhetzen, benutzt er dafür die* Co-Regisseur Keith Scholey, Produzentin Alix Tid- rem Aufwand revolutionierten. Best-of- gleichen Spezialkameras, mit denen inmarsh, Kamerafrau Sophie Darlington in der Masai Fassungen dieser Serien liefen, in Spiel- Hollywood Autoverfolgungsjagden ge-Mara, Kenia. filmlänge und unter leicht veränderten dreht werden. CECILE BURBAN / DISNEY ENTERPRISESRegisseur Fothergill (r.), Kollegen*: Warten auf den Disney-Kill122 D E R S P I E G E L 1 6 / 2 0 1 2
  • WALT DISNEY STUDIOS / KOBAL COLLECTIONGeparden im Film „Im Reich der Raubkatzen“: „Am wichtigsten ist das Casting“ Tierfilme erzählen eine Menge über te Disney ein Hollywood-taugliches Hap- wen“, das ist „Hamlet“ in der Savanne:Menschen, über die, die sie machen, und py End hinzu, Szenen mit spielenden Eis- Ein junger Löwe kämpft um die Machtüber die, die sie gucken. Die Filme spie- bären, badenden Elefanten und fröh- gegen seinen hinterlistigen Onkel, dergeln unsere Ängste, unsere Wünsche. Die lichen Pinguinen. „Manchmal ist es das bereits den Vater des Jungen auf demklaren Regeln der Wildnis, fressen und Paradies“, heißt es dazu im amerikani- Gewissen hat.gefressen werden, faszinieren Großstäd- schen Kommentar, während die letzten Ein Zeichentrickfilm als Vorbild? Fo-ter. Das Paarungsverhalten von Karni- Einstellungen des europäischen Originals thergill sagt, er wolle einen „epischenckeln, das Imponiergehabe von Affen, es einen Eisbären zeigen, der im Meer zu Thriller“ drehen, nur eben mit echtengibt offenbar vieles, in dem der Mensch ertrinken droht, sowie einen verdursten- Raubkatzen, eine Dokumentation mitsich wiedererkennen kann. den Elefanten. Dazu warnt der Sprecher dem Plot eines Spielfilms, mit einer rich- Auch der Disney-Konzern, Heimat von vor den Folgen des Klimawandels. tigen Handlung, zoologisch korrekt, aberDonald Duck, entdeckt gerade das Star- Die treibende Kraft hinter Disneyna- mit Blockbuster-Potential. Die Story:Potential echter Tiere, wieder einmal. In ture ist ein Franzose, Jean-François Ca- Zwei Löwenrudel kämpfen um ein Revier,den fünfziger Jahren präsentierte Walt milleri, im Hauptberuf Frankreich-Chef außerdem geht es um eine Gepardenmut-Disney persönlich hauseigene Dokus wie des Disney-Konzerns. Er erkannte das ter, die ihre Jungen durchzubringen ver-„Die Wüste lebt“, doch später produzierte Potential von Tierdokus, als er 2005 „Die sucht.der Konzern über Jahrzehnte keine eige- Reise der Pinguine“ in die französischen Fothergill und sein Co-Regisseur Keithnen Tierfilme mehr. Kinos brachte. Das Konzept: spektakuläre Scholey erstellten vorab eine Art Wunsch- Inzwischen wurde eine neue Abteilung Tierszenen, so geschnitten, dass sie eine liste mit möglichen Szenen für ihr Doku-für Dokumentationen gegründet, Disney- richtige Handlung ergeben, wie bei einem Drama: Löwen jagen, Löwen kämpfennature. Zum Einstand kaufte man die Spielfilm. Den Vögeln legte man Dialoge gegeneinander, Geparden verteidigen ih-US-Rechte an „Unsere Erde“. Der Film, in den Schnabel, ein Sprecher feierte Pa- ren Nachwuchs und so weiter. Geschicktinternationaler Titel: „Earth“, war längst pa und Mama Pinguin als liebevolle El- montiert, können diese Sequenzen denfertig und bereits in vielen Ländern er- tern, die glückliche Kleinfamilie aus der Eindruck einer in sich abgeschlossenenfolgreich in den Kinos gelaufen. Für das Antarktis. „Die Reise der Pinguine“ spiel- Erzählung vermitteln. Was sich davon voramerikanische Publikum jedoch wurden te weltweit 130 Millionen Dollar ein, bei Ort tatsächlich drehen ließ, das wusstenwichtige Änderungen vorgenommen. nur 8 Millionen Dollar Produktionskosten, die Macher anfangs nicht. Dieses Konzept In Fothergills Original erklärt zu Be- der Regisseur Luc Jacquet gewann einen ist eine Gratwanderung für Tierfilmer, dieginn ein Sprecher, dass vor „Milliarden Oscar. sich der Authentizität verpflichtet fühlenJahren ein gewaltiger Asteroid auf die Als Blaupause für Fothergills „Im Reich und zugleich eine runde, kindgerechteErde gestürzt ist“. In der US-Version fehlt der Raubkatzen“ diente nun der Zeichen- Geschichte erzählen wollen.dieser Satz. Bibeltreue Amerikaner, die trickfilm „Der König der Löwen“ aus „Am wichtigsten ist das Casting“, sagtdie Schöpfungsgeschichte wörtlich neh- dem Jahr 1994, bis heute einer der größ- Fothergill, die Auswahl telegener Tiere.men, sollten nicht verschreckt werden. ten Erfolge des Disney-Studios, im Kino, Zwar sollten die Stars, anders als in „DieUnd für die US-Fassung von „Earth“ füg- auf DVD, als Musical. „Der König der Lö- Reise der Pinguine“, nicht sprechen, aber D E R S P I E G E L 1 6 / 2 0 1 2 123
  • FOTOFINDER / WALT DISNEY STUDIOS / KOBAL COLLECTION CINETEXT / ALLSTAR / DISNEYHauptdarsteller Löwe, Schimpanse in Fothergill-Filmen: Spektakel statt Biologie-Unterrichtes sollten gut wiedererkennbare Charak- machern habe es nicht gegeben, die Ein- Die Handlung wurde entsprechend an-tere sein, an deren Schicksal das Publi- schränkungen seien allen Beteiligten klar. gepasst, der Schwerpunkt liegt jetzt aufkum Anteil nehmen kann. Fothergills Vor- Deshalb der Disney-Kill? Kämpfen und der Beziehung zwischen Oscar und sei-schlag, auch einen Film über Elefanten jagen „ist okay“, sagt Camilleri, solange nem Ziehvater.zu machen, hatte Disneynature-Chef Ca- nicht zu viel Blut zu sehen sei. Bei einer Es ist dunkel im Dschungel, nur wenigmilleri abgelehnt, weil Elefanten „nicht Szene habe man nachträglich per Com- Licht dringt durch die Baumkronen, Re-genug Mimik“ zeigen, um die Zuschauer puter das blutige Maul eines Löwen „ein gen tropft durch die Blätter. „Schimpan-zu fesseln. bisschen geputzt“. „Im Reich der Raub- sen sind so kräftig, dass sie einem Men- Durch Recherchen wusste Fothergills katzen“ zeigt eine domestizierte Wildnis, schen den Arm abreißen könnten“, er-Team von zwei rivalisierenden Löwenru- die dem Weltbild von Disney unterwor- zählt Fothergill. „Zum Glück wissen siedeln, das versprach Action. Der Boss des fen wird. Was nicht passt, wird passend das nicht.“einen Rudels eignete sich zudem perfekt gemacht. Nach einer halben Stunde Fußmarschfür eine Hauptrolle, ein aggressiver alter Schimpansen, die Stars von Fothergills werden die Kundschafter fündig. EineLöwe mit einem sichtbar lädierten Fang- nächstem Film, sind eigentlich besonders Gruppe Schimpansen, allerdings nicht Os-zahn. Im Film heißt das Tier nun „Fang“, ungeeignet als Symbole einer besseren cars Sippe, hockt in 20 Meter Höhe in ei-sein Widersacher „Kali“. Welt. Wie Menschen neigen auch Men- ner Baumkrone, ein kräftiges Männchen, Eine Minute brauchbares Material pro schenaffen zu Gewaltausbrüchen. Außer- ein halbes Dutzend Weibchen, einigeWoche, das ist in etwa das Pensum, und dem haben sie sehr oft Sex. Wenn man Jungtiere. Sie lausen sich, sehr entspannt;so ist es kein Wunder, dass Fothergill auch das Leben von Schimpansen realistisch die Menschen scheinen sie nicht zu be-viele ruhige Szenen auswählt, wunderba- darstelle, „dann wird der Film erst für 18- achten. Irgendwann beginnt das Männ-re Bilder: die Gepardenmama mit ihren Jährige freigegeben“, sagt Fothergill. Sein chen mit einem der Weibchen zu kopu-Kindern, eine kleine Löwin namens Mara, Kameramann filmte, wie Schimpansen lieren.die langsam erwachsen wird. Im Kom- eine andere, kleinere Affenart jagen, die „Das dauert im Durchschnitt sieben Se-mentar beschwört ein Sprecher die Mut- Beute in Stücke reißen und bis auf die kunden“, sagt Fothergill, „wenn sie Glückterliebe, eine heile Welt mit Löwen wie Knochen abnagen. Definitiv kein Disney- hat.“du und ich. Kill, nicht zu gebrauchen. Schimpansen seien wie Porno-Darstel- „Man schützt, was man liebt, und man Ein Großteil des Schimpansenfilms ler, sehr schnell erregt, „wir hatten eineliebt, was man kennt“, sagt Disneynature- entsteht in Uganda; die Fahrt geht von Szene, in der sechs erigierte Penisse zuChef Camilleri. Er meint die Tiere, aber Entebbe am Victoria-See ins Hochland, sehen waren“. Fothergill grinst. „Jean-der Satz trifft auch auf die Marke Disney in das Affengebiet an der Grenze zum François Camilleri war nicht begeistert.“zu. Disney, das ist mehr als ein Firmen- Kongo, acht Stunden über Schlagloch- Der Ober-Affe pinkelt vom Baum her-name, es ist ein Versprechen, das Syno- pisten. unter. Das Zeichen zum Aufbruch.nym für keimfreie Unterhaltung für die Gedreht wird im Kibale National Park, Die Schimpansen klettern am Stammganze Familie. Der global vermarktbare der Heimat mehrerer Schimpansenfami- herunter, nur ein paar Meter von den Be-Film, das ist das Ziel, ein Produkt, das lien. Ursprünglich sollte der Film eine suchern entfernt laufen sie vorbei, breit-sechsjährige Japaner ebenso mögen wie ganz normale Schimpansenkindheit do- beinig wie Fußballprofis. Unter einemGroßmütter in Texas oder Teenager in kumentieren. Ein niedlicher Hauptdar- Busch bleiben sie sitzen, einige schmat-Berlin. steller war bald gefunden, ein kleiner zen, es sieht beinahe aus wie eine ganz Was also kann man zeigen in einem Dis- Affe, den das Team „Oscar“ taufte. Doch normale Großfamilie beim Picknick. Einneynature-Film? Fressen, gefressen wer- dann starb dessen Mutter, was im Urwald kleiner Schimpanse will ausbüxen, er han-den, Geparden-Sex? meist auch den baldigen Tod der Nach- gelt unsicher an einem Ast, ein Weibchen „Wir wollen Eltern, die mit ihren Kin- kommen bedeutet. „Wir standen kurz da- zieht ihn routiniert an die Brust. Ein Idylldern einen solchen Film sehen, nicht in vor, Disney anzurufen und ihnen zu sa- wie in einem Disney-Film.eine Situation bringen, in der sie Fragen gen: Es gibt keinen Film“, sagt Fothergill. Fothergill hockt sich auf den Wald-beantworten müssen, die sie nicht beant- Doch Affe und Affen-Regisseur hatten boden, ein paar Meter von den Affen ent-worten wollen. Wir sind da sehr vorsich- Glück: Ein fremdes Männchen adoptierte fernt. Er beobachtet die Tiere, er lächelt.tig“, sagt Camilleri. Spezielle Absprachen Oscar, „so etwas hat bisher noch nie- Er hat den besten Job der Welt.mit Fothergill und den anderen Filme- mand filmen können“, sagt Fothergill. MARTIN WOLF124 D E R S P I E G E L 1 6 / 2 0 1 2
  • Im Auftrag des SPIEGEL wöchentlich ermittelt vomBestseller Fachmagazin „buchreport“; nähere Informationen und Auswahl- kriterien finden Sie online unter: www.spiegel.de/bestsellerBelletristik Sachbücher 1 (1) Jonas Jonasson 1 (3) Philippe Pozzo di Borgo Der Hundertjährige, der aus dem Ziemlich beste Freunde Fenster stieg und verschwand Hanser; 14,90 Euro Carl’s Books; 14,99 Euro 2 (2) Rolf Dobelli 2 (2) Suzanne Collins Die Kunst des klaren Denkens Die Tribute von Panem – Hanser; 14,90 Euro Tödliche Spiele Oetinger; 17,90 Euro 3 (1) Joachim Gauck 3 (3) Suzanne Collins Freiheit Kösel; 10 Euro Die Tribute von Panem – Gefährliche Liebe Oetinger; 17,95 Euro 4 (4) Hans-Ulrich Grimm Vom Verzehr wird abgeraten 4 (4) Jussi Adler-Olsen Droemer; 18 Euro Das Alphabethaus dtv; 15,90 Euro 5 (14) Harry Belafonte mit Michael Shnayerson 5 Suzanne Collins (5) My Song Die Tribute von Panem – Kiepenheuer & Witsch; Flammender Zorn Oetinger; 18,95 Euro 24,99 Euro 6 (7) Dora Heldt Bei Hitze ist es wenigstens Frieden, Freiheit, nicht kalt dtv; 14,90 Euro Freundschaft: die 7 (10) Arne Dahl Botschaft des großen Gier Piper; 16,99 Euro Entertainers und Bürgerrechtlers 8 (8) Fred Vargas Die Nacht des Zorns 6 (6) Norbert Robers Aufbau; 22,99 Euro Joachim Gauck – Vom Pastor zum 9 (9) Susanne Fröhlich Präsidenten – Eine Biografie Lackschaden Koehler & Amelang; 19,90 Euro Krüger; 16,99 Euro 7 (7) Cid Jonas Gutenrath10 (12) Moritz Netenjakob 110: Ein Bulle hört zu – Aus der Der Boss Notrufzentrale der Polizei Kiepenheuer & Witsch; 14,99 Euro Ullstein extra; 14,99 Euro11 (15) Jussi Adler-Olsen 8 (5) Hans Küng Erlösung Jesus Piper; 19,99 Euro dtv; 14,90 Euro 9 (9) Wibke Bruhns12 (6) Tess Gerritsen Nachrichtenzeit Grabesstille Droemer; 22,99 Euro Limes; 19,99 Euro 10 (8) Bill Mockridge13 (13) Jussi Adler-Olsen Je oller, je doller Schändung Scherz; 14,99 Euro dtv; 14,90 Euro 11 (12) Joe Bausch14 (20) Paulo Coelho Knast Ullstein; 19,99 Euro Aleph Diogenes; 19,90 Euro 12 (19) Dieter Nuhr Der ultimative Ratgeber für alles15 (18) Moritz Matthies Bastei Lübbe; 12,99 Euro Ausgefressen Scherz; 13,99 Euro 13 (16) Heiner Geißler Sapere aude! Warum wir eine neue16 (–) Sarah Lark Aufklärung brauchen Ullstein; 16,99 Euro Die Tränen der Maori-Göttin 14 (10) Carsten Maschmeyer Bastei Lübbe; 15,99 Euro Selfmade Ariston; 19,99 Euro 15 (11) Martin Wehrle Ich arbeite in einem Irrenhaus Neuseeland anno Econ; 14,99 Euro 1899: Eine junge Frau emanzipiert sich 16 (15) Walter Isaacson und studiert Ingenieur- Steve Jobs wissenschaften C. Bertelsmann; 24,99 Euro17 (11) Wolfgang Herrndorf 17 (20) Tomáš Sedláček Sand Die Ökonomie von Gut und Böse Rowohlt Berlin; 19,95 Euro Hanser; 24,90 Euro18 (–) Marc Elsberg 18 (–) Rudi Assauer mit Patrick Strasser Blackout – Morgen ist es zu spät Wie ausgewechselt Blanvalet; 19,99 Euro Riva; 19,99 Euro19 (16) Ursula Poznanski 19 Josef Wilfling (–) Fünf Unheil Heyne; 19,99 Euro Wunderlich; 14,95 Euro 20 (18) Bud Spencer mit Lorenzo De Luca20 (–) Jean-Luc Bannalec Bud Spencer – In achtzig Jahren Bretonische Verhältnisse um die Welt Kiepenheuer & Witsch; 14,99 Euro Schwarzkopf & Schwarzkopf; 19,95 Euro D E R S P I E G E L 1 6 / 2 0 1 2 125
  • Kultur E S S AY Israel und wir und der Islam Von Michael KleebergI ch würde ungern den Eindruck stehen lassen, das Gedicht Armee aufnehmen kann. Vielleicht ist es also so, dass Iran die von Günter Grass sei der einzige oder der typische Beitrag Atombombe nur will, um auf Augenhöhe mit Israel auftreten eines deutschen Schriftstellers zum Konflikt Israels mit Iran, zu können, wie einst die Sowjetunion gegenüber den USA,und möchte daher, soweit es mir möglich ist, ein paar eigene und sich selbst und der ganzen Region den Stolz zurückzu-aus Erfahrungen, Gesprächen und Lektüren hervorgegangene geben, der ihnen so schmerzlich fehlt. Wohlgemerkt: viel-Gedanken zur Diskussion stellen. leicht. Was geschehen würde, wenn Israel und die USA dem- nächst versuchten, die iranischen Atomanlagen zu zerstören,ISRAEL UND DIE DERZEITIGE LAGE darüber lässt sich nur spekulieren, denn nach dem Gesetz derZunächst einmal in aller Deutlichkeit: Wäre ich ein Israeli, wür- Entropie sind die möglichen Folgen viel zu komplex, um inde ich nicht tatenlos zuwarten, bis die von Iran seit langem einem klaren Szenario ausgemalt werden zu können. Bleibenlaut ausgesprochenen Drohungen wir also bei simplen Beobach-gegen Israel wahrgemacht werden tungen:können. Wäre ich ein Israeli, würde Glückte ein solcher Schlag, wäreich alles daransetzen, dass Iran die damit nicht das Regime in TeheranAtombombe nicht bekommt. Wäre beschädigt, das einfach wieder dar-ich ein Israeli, würde ich aus der angehen würde, das Zerstörte neuhistorischen Erfahrung heraus ar- aufzubauen. Das Problem wäre nurgumentieren, dass man, droht ei- verschoben, aber noch virulenternem ein irrer Despot schriftlich und als zuvor.mündlich mit Vernichtung, immer Käme es infolge eines Bombar- URIEL SINAI / GETTY IMAGESdie Alternative hat: ihn ernst zu dements zu Gegenschlägen Irans,nehmen oder nicht. die dann wiederum eventuell eine Ich bin aber kein Israeli, sondern Bombardierung iranischer Städtelebe in einem Land, das von keiner zur Folge hätten, so ist die Chanceiranischen Atomrakete erreicht wer- sehr gering, dass dies das iranischeden könnte. Und obwohl die Bürger Regime kurz- und mittelfristigunseres Landes zur Angst und zum Friedensdemonstranten in Israel schwächen würde. Die ErfahrungFremdängstigen neigen, kann ich da- lehrt das Gegenteil: Die Solidaritäther die Problematik vielleicht mit Droht einem ein irrer Despot mit eines Volks mit seiner Regierunggrößerer Ruhe analysieren, was na- wächst in solchen Fällen. Um Irantürlich aus Sicht der Betroffenen Vernichtung, hat man die Alternative: langfristig am Bau einer Atombom-auch heißt: mit größerer Beliebigkeit. ihn ernst zu nehmen oder nicht. be zu hindern, müsste das Land Die bisherige Geschichte zeigt: ebenso am Boden angegriffen undSeit dem Doppelschlag der Ameri- erobert werden wie der Irak. Waskaner gegen Japan 1945 ist die Atombombe nicht mehr eingesetzt sehr wahrscheinlich ähnliche Folgen hätte: Chaos, Anarchieworden. Nicht von den USA und der UdSSR, trotz Kalten Kriegs, und Bürgerkrieg.nicht von Frankreich, nicht von China, nicht von Indien, nicht Die amerikanische Strategie des „nation building“ durcheinmal von Pakistan. Und wohlgemerkt auch nicht von Israel. Bombardierung und Eroberung des Feindes hat im letzten Die Bombe zu haben und die Bombe zu benutzen ist also Jahrhundert nur in zwei Fällen zur sofortigen Errichtung de-definitiv zweierlei, und wenn ein instabiles Regime wie Pa- mokratischer Staaten geführt: Deutschland und Japan, diekistan bisher nicht annähernd in Versuchung gekommen ist, zuvor (vor ihrem jeweiligen Fall in die Barbarei) zu den zivi-die Hölle loszulassen, scheint die Gefahr, Teheran werde sie lisiertesten Völkern der Welt gehört hatten. Ansonsten ist diegegen Israel einsetzen und damit die definitive Vernichtung Strategie immer schiefgegangen, unter entsetzlichen mensch-des eigenen Landes provozieren, den meisten Beobachtern lichen Verlusten auf allen Seiten.offenbar ein minderes Risiko. Sicher ist, dass ein Schlag gegen Iran den Hass der Anrainer- Wer den islamischen Nahen Osten ein wenig kennt, weiß, staaten auf Israel noch steigern würde; dass der radikale poli-dass seine Staaten und Völker durchweg an einem großen tische Islam noch stärkeren Zulauf bekäme; dass AfghanistanMinderwertigkeitskomplex gegenüber Isra- sofort und Pakistan bald an die Taliban ver-el leiden und mehr noch als von seinem Kleeberg, 52, ist loren wären. Ein wahrscheinliches ErgebnisVerschwinden davon träumen, sich endlich Schriftsteller wäre also, dass Iran zwar zunächst übereinmal auf Augenhöhe mit ihm zu befin- und lebt in keine Atomwaffen verfügen würde, dafürden, was Macht, Effizienz und Tapferkeit Berlin. Zuletzt aber die Taliban in Pakistan.betrifft. Die Hisbollah ist dafür das beste erschien von Alle weiteren Konsequenzen, die auch ULLSTEIN BILDBeispiel, die sich mit großem Stolz rühmt, ihm der Roman über die Region hinausreichen würden, vondie einzige arabische Kampftruppe zu sein, „Das amerikani- Szenarien eines sprunghaften Preisanstiegsderen Disziplin es mit der der israelischen sche Hospital“. für Erdöl und nachfolgenden ökonomi-126 D E R S P I E G E L 1 6 / 2 0 1 2
  • schen Verteilungskämpfen und sozialen Revolten auch in DAS NAHOST-PROBLEM UND DER REST DER WELTEuropa bis zu Vorhersagen über losbrechende Domino-Kriege Ob uns das gefällt oder nicht, ob uns das empört oder nicht:und eine neue Welle islamistischen Terrors, vermag ich mir In weiten Teilen der Welt ist der Holocaust sehr wohl mit denweder genau auszumalen noch ihre Wahrscheinlichkeit einzu- anderen Verbrechen gegen die Menschlichkeit verglichen wor-schätzen. den (was ja nicht heißen muss: gleichgesetzt), die das wahn- sinnig mörderische 20. Jahrhundert erlebt hat, er ist vergli-DER HOLOCAUST UND DIE DEUTSCHE VERANTWORTUNG chen und eingeordnet worden, auf welcher Position der SkalaDie deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel hat gesagt: „Die der Unmenschlichkeit auch immer – und ist Geschichte ge-Sicherheit Israels zu schützen ist Teil der Staatsräson Deutsch- worden.lands.“ Offen gestanden bezweifele ich, dass Frau Merkel be- Die Zeit tut ihr Werk, das sie voller Gleichmut immer tut –wusst war, was sie da gesagt hat. Oder aber sie hat es nur so sie entfernt die Dinge aus dem Gesichtskreis und der Erinne-dahingesagt, im zynischen Bewusstsein, dass niemand kommen rung und lässt ihre Bedeutung und die Mahnungen, die sie ent-und dieses Versprechen einklagen wird. Am allerwenigsten halten, verblassen und vergessen.wird Israel einen solchen Satz in aller Konsequenz ernst Ich glaube, schon heute gibt es nur noch wenige Völker aufnehmen. Dort weiß man, dass die Lieferung von Waffen wie der Erde, für die der Holocaust eine Katastrophe ist, die sieU-Booten und natürlich im Zweifelsfall von Geld und guten noch betrifft: die Israelis, die Juden der Diaspora (vor allemWorten alles ist, was man von Deutschland zu erwarten hat. in den USA), die Deutschen, eine Handvoll westeuropäischer Der quer durch die deutsche Bevölkerung laufende Konsens, Staaten, die Palästinenser. Für alle übrigen haben weder derdass es keine causa gibt, die das Opfer eines deutschen Lebens Judenmord noch der Staat Israel noch überhaupt nur derehren- und sinnvoll machen könnte – denn unser „Nie wieder unruhige Flecken Erde im Nahen Osten eine existentielle Be-Krieg“ heißt ja nichts anderes als „Nie wieder Krieg mit uns“ –, deutung.ist natürlich die Konsequenz des von uns angezettelten und Die Welt bewegt sich langsam von einem Zentrum zum an-verlorenen Zweiten Weltkriegs, in dessen Rahmen der Holo- deren: Waren im 19. Jahrhundert Europa und im 20. Nordame-caust stattfand. Aus ebendiesem rika der Mittelpunkt des Weltge-Holocaust leitet die Bundesrepu- schehens und der Machtkonzentra-blik ihre besondere Verantwor- tion, so deutet manches darauf hin,tung für die Existenz Israels ab, dass sich im 21. Jahrhundert derdie wiederum zu Versprechen Fokus nach Asien verlagern wird.führt, die man gar nicht einhalten Aber weder für China noch für In-will und kann, weil doch die ande- dien oder Korea steht Israel, seinere Konsequenz des Zweiten Welt- Geschichte, seine Zukunft, im Mit-kriegs ist: Nie wieder Krieg. telpunkt des Interesses. Man sieht Manche Deutsche winden sich dort vielleicht mit Genugtuung, dassaus dieser moralischen Zwickmüh- die Konflikte der Region die Kräftele, indem sie Israel an den Pranger der Konkurrenten binden, aber ich ODED BALILTY / APstellen: Wenn dieses Land durch glaube nicht, dass viele verstehen,„Untaten“ oder „Drohungen“ sein warum.Existenzrecht selbst verspielte, Das heißt aber auch: Da zahlrei-dann müssten wir auch nicht mehr che Mächte sich für die Israel-Fragean unserer Verantwortung tragen. Installation in der Ausstellung „Iran“ in Tel Aviv im März nicht interessieren, besteht die Ge-Es reicht diesen Leuten also nicht fahr, dass das Land für die, die sichzu wissen, dass sie das Verspre- Aber: Ein Schlag gegen Iran hieße noch dafür interessieren, irgend-chen ohnehin nicht einhalten wür- wann zum Klotz am Bein wird. Na-den, sie wären am liebsten gänz- auch, dass der radikale politische türlich entwickelt sich Geschichtelich davon entbunden. Islam stärkeren Zulauf bekäme. nie linear, es gibt immer unerwarte- Man sieht: Wann immer Deut- te Sprünge. Aber projiziert man diesche sich mit dem Thema beschäf- derzeitigen Entwicklungen hunderttigen, landen sie früher oder später wieder bei sich. Solche Jahre in die Zukunft, ist die Chance, dass es noch einen StaatVerbündeten sind meist nicht die verlässlichsten – Israel weiß Israel im heutigen Sinne geben wird, nicht groß.das vermutlich am allerbesten. Aber die von Deutschland ins Werk gesetzte Ermordung der ISRAEL UND SEINE NACHBARN SOWIE DIE PALÄSTINENSEReuropäischen Juden hat ja der westlichen Welt nach 1945 erst Natürlich ist Israel, wie viele Araber hetzenderweise argumen-den entscheidenden Anstoß gegeben, das zionistische Projekt tieren, der Brückenkopf des Westens im islamischen Nahenin Palästina zu legalisieren, das 30 Jahre zuvor halbherzige Osten. Es ist die einzige Demokratie der Region, das einzigeund halb verlogene Realisierungsversprechen durch die Briten Land, in dem die Menschenrechte gelten, in dem Rechtssicher-erhalten hatte und das nunmehr ungleich mehr war als nur ein heit herrscht, die Gleichberechtigung von Mann und Frau ge-zionistisches Projekt. sichert ist und in dem es eine freie Presse und das Recht auf Ohne Holocaust kein Staat Israel und ohne Holocaust auch freie Meinungsäußerung gibt. Das einzige andere Land dort,nicht das Selbstverständnis des israelischen Volkes, sich nicht in dem es ähnliche Freiheiten gibt, die aber in ständiger Gefahrnoch einmal, durch niemanden, vernichten zu lassen. Die Er- sind, kassiert oder übergangen zu werden, ist der Libanon.innerung an den Holocaust verbindet also die Bundesrepublik Als der libanesische Dichter Abbas Beydoun, ein Schiit, vormit Israel, wenngleich mit gänzlich unterschiedlichen Konse- einigen Jahren vom französischen Fernsehen gefragt wurde,quenzen für beide Seiten. woran es liege, dass der Libanon so viel liberaler sei als seine Dass die Ermordung der europäischen Juden für das Volk, arabischen Nachbarn, lächelte er bitter und antwortete: „Es istdas sie zu verantworten hat, und für das, das sie erlitten hat, vielleicht ein wenig peinlich, es zu sagen, aber das liegt daran,eine einzigartige Katastrophe und Untat darstellt, ist klar und dass der Libanon kein islamisches Land ist.“wird sich so schnell nicht ändern. Für die meisten anderen Es ist nämlich weniger die arabische Welt an sich, die Israelsbleibt festzustellen, dass der Holocaust diesen Stellenwert nicht Existenz heute in Frage stellt, als der politische Islam. Sowohlmehr hat oder nie gehabt hat. der säkulare Arm der PLO unter Arafat als auch Ägypten und D E R S P I E G E L 1 6 / 2 0 1 2 127
  • KulturJordanien haben den Staat Israel schließlich anerkannt. Das gierungen von jeder Zukunftsperspektive abgeschnitten sindHauptgewicht antiisraelischen Hasses ist von den panarabischen und sich in die Verheißungen des politischen Islam flüchten,Trägern auf die islamistischen übergegangen. wächst über den Maghreb bis tief nach Afrika und auch am Andererseits kenne ich auch unter den europäisch soziali- Indischen Ozean. Ganz gleich wie viele tausend Kilometer dassierten, gebildeten, atheistischen Arabern, die nicht antisemi- jeweilige Land von Israel entfernt ist, die Komponente destisch sind, keinen, der nicht antizionistisch wäre und der, selbst Antizionismus gehört immer dazu.wenn er den Staat Israel als Faktum hinnimmt, dessen Politik Der Arabische Frühling ist das Werk um ihre ökonomischengegenüber den Palästinensern nicht als Apartheidpolitik und Aussichten betrogener urbaner Schichten gewesen, das isla-dessen Außenpolitik gegenüber den Nachbarn nicht als per- mistische Rollback seither beruht auf der Tatsache, dass großemanente aggressive Demonstration der Überlegenheit und Ver- Teile der Bevölkerung in Ländern wie Ägypten, Libyen oderachtung brandmarken würde. auch Syrien wenig Chancen auf Partizipation am Wohlstand Zugleich ist für die arabischen Gesellschaften Israel nach sehen und seit langem vor allem eine organisierte Strukturden USA das zweite große, wenn auch verhasste Vorbild. So kennen, die unterhalb der verkommenen Herrscherkasten prak-reich, so effizient, so frei wie ihre Feinde, von denen sie per- tische Hilfe leistet und zugleich (falsche) utopische Hoffnungenmanent lernen, möchten sie auch sein. Manchmal erscheinen schürt: die Islamisten.mir Israelis und Palästinenser wie die zwei Königskinder, die Da in diesen Ländern keine strukturelle und historische Grund-nicht zueinander kommen können. lage für den Aufbau demokratischer Systeme herrscht, sehr wohl Dabei stimmt der Eindruck von Sprachlosigkeit und Abschot- aber das Bedürfnis nach Veränderung der Verhältnisse, warentung und permanentem Antagonismus gar nicht. Israelische und kürzlich auf einer Tagung in Frankfurt am Main Autoren wie derpalästinensische Wirtschaft und Administration sind eng verfloch- Algerier Boualem Sansal, maghrebinische, ägyptische und syri-ten, der jeweilige Lebensstil färbt ab – de facto kann der eine sche Autoren durchweg der Überzeugung, dass alle diese Länder,gar nicht ohne den anderen. Das palästinensische Volk ist hoch- die die Pest militärisch geprägter Diktaturen hinter sich haben,gebildet, es besitzt den urlevantinischen Handelsgenius – eigent- die Cholera eines islamischen Despotismus durchmachen werden,lich könnte so ein Staatenbund Israel-Großpalästina (mit Jorda- bevor die Chance auf eine demokratische Entwicklung besteht.nien) die erste Boomregion des Na- Der politische Islam ist keinehen Ostens sein. Eigentlich müsste intellektuelle Herausforderung aner es sein. Aber er ist es nicht. die offenen Gesellschaften, son- Es muss also Gruppen geben, die dern eine faktische. Er trifft sie anvon der derzeitigen Situation profi- ihren zwei schwachen Punkten mittieren. Jahrzehntelang haben sich seinen Stärken. Ihrem Glauben anUnrechtsregime der Region mit Mehrheitsentscheidungen und ih-dem Argument der Befreiung Paläs- rer Scheu davor, unverhandelbaretinas von den Juden an der Macht Grundwerte positiv zu besetzen,gehalten, noch heute lenkt in Iran begegnet er mit Bevölkerungs-die Fokussierung auf Israel viele wachstum und eschatologischenMenschen davon ab, das Scheitern Heilsversprechen. Ich habe den fa-des eigenen Regimes wahrzuneh- natischen politisierten Islam in sei-men. Die Bosse der PLO sind fett ner schiitischen Spielart im Haupt-geworden von all den internationa- quartier der Hisbollah in Beirut er- DPAlen Milliarden, die nie bei der Be- lebt, in seiner sunnitischen in Kairovölkerung angekommen sind, die Iranische Kurzstreckenrakete Shahab-1 – und ob er nun Staatsdoktrin istausländischen Waffenexporteure wie in Iran oder heimlich in Berli-verdienen an allen Beteiligten, und Vorbild Israel und USA: So reich, ner Hinterhofmoscheen gepredigtIsrael selbst kann mit der perma- wird, er ist taub für die intellektu-nenten Beschwörung der Umzinge- so effizient, so frei möchten die elle Diskussion.lung vom Konstruktionsfehler des arabischen Gesellschaften auch sein. Ein Blick auf andere Weltregio-eigenen Staates ablenken: der Tat- nen zeigt, dass die Bevölkerungsache nämlich, dass das Land, so- autoritärer Systeme langsam demo-lange es Gegner innerhalb des eigenen Machtbereichs hat oder kratische Rechte einzufordern beginnt, wenn wie in Chinafürchtet, immer mit zweierlei Maß messen wird – sobald es durch ein System aus Geburtenkontrolle und wirtschaftlicheraber keine mehr hätte und darüber hinaus ein von friedlichen Freiheit ihre Bildung, ihre ökonomische Teilhabe und damitNachbarn umgebener Staat mit offenen Grenzen wäre, womög- ihr Bedürfnis nach Rechtssicherheit und Menschenrechtenlich aufhören würde, Israel zu sein, der Staat der Juden. wachsen. Der politische Islam jedoch ist ein Hemmschuh für Denn genau darauf spekulieren diejenigen der feindseligen derartige Entwicklungen. Niemand weiß das besser als das ira-Araber, die langfristig und strategisch denken: auf die Macht nische Bildungsbürgertum, das seit gut 30 Jahren unter einerder Demografie. Gelänge der Frieden und öffnete sich Israel, islamistischen Diktatur lebt, über einen hohen Bildungsgradso wären – das ist ihr Kalkül – die Juden binnen weniger Ge- verfügt, ökonomisch und wissenschaftlich aktiv ist und fürnerationen eine Minderheit in ihrem eigenen, demokratisch relative soziale Sicherheit den Preis permanenter Repressionverfassten Lande, mit allen ganz legalen Konsequenzen, die zahlt, die das menschenrechtsverletzende Regime ausübt.sich aus einer arabischen Bevölkerungsmehrheit ergäben. Und so sollten auch all diejenigen, denen an der Existenz Israels nichts liegt, dessen derzeitigen Konflikt mit Iran offenenDER POLITISCHE ISLAM, DIE DEMOGRAFIE UND WIR Auges betrachten: Hier geht es auch um die Konkurrenz zwi-Blickt man boshaft und ohne Empathie auf die heutige islami- schen der offenen Gesellschaft und ihren Feinden, auch umsche/arabische Welt und fragt, was sie denn Produktives zum den Wettstreit der Systeme zwischen Menschenrechten undWeltganzen beitrage, so kommt man auf zwei Dinge: Erdöl religiösem Recht.und junge Männer. Das Bevölkerungswachstum islamischer Zwei Fragen stellen sich: Ist Israel die offene Gesellschaft,Staaten ist seit einigen Jahrzehnten enorm. für die der Westen ein Exempel gegen den politischen Islam Die Anzahl junger Muslime, die in ihren Ländern gerade statuieren will? Ist Iran der Staat, an dessen Volk und Regimeaufgrund ihrer Masse und der Unfähigkeit der jeweiligen Re- der Westen dieses Exempel statuieren muss?128 D E R S P I E G E L 1 6 / 2 0 1 2
  • Kultur die Totalrenovierung des 2000 Jahre alten Bauwerks, für 25 Millionen, samt Errich- DENKMALSCHUTZ tung eines Besucherzentrums. Roms Bür- Tempel zu vermieten germeister Giovanni Alemanno war be- geistert. Aber dann klagte die Gewerk- schaft der Kulturbeschäftigten, weil sie das Verfahren für gesetzeswidrig hält. Die Renovierungsarbeiten hätten im März In der Staatskrise übernehmen Konzerne die Pflege beginnen sollen, nichts passierte, und der Kulturstätten Italiens. jetzt, als Papst Benedikt XVI. die Karfrei- tagsprozession wie jedes Jahr vor dem Kolosseum abhielt, wurde er wieder sicht-M arco Zambuto kann sich vieles Kultur ist der Rohstoff Italiens, beinahe bar, der Zerfall des Bauwerks: abbrö- vorstellen, er muss es wohl auch so wie das Öl im Orient. 44 Denkmäler ckelnder Mörtel und eine rußgeschwärzte in diesen Tagen. Die antiken Säu- des Weltkulturerbes sind zu besichtigen, Fassade, auf einer verkehrsumtosten Insellen aus dem Tal der Tempel beispielswei- knapp 5000 Museen und 60 000 archäolo- mitten in Rom.se, Jahrtausende alt, eine hellenische Hin- gische Stätten, so viele wie nirgendwo Vorreiter im Kultursponsoring ist Vene-terlassenschaft auf Sizilien, als Logo auf sonst auf der Welt. Aber die Schätze wer- dig. Auch hier erhoffen sich Firmen ausT-Shirts. Ein Symbolbild der griechischen den nicht gepflegt, sondern sich selbst der Luxusbranche einen Imagegewinn.Antike, der Wiege Europas. Heute Trost überlassen: Unter Silvio Berlusconi Die Modemarke Diesel soll die Sanierungund Kaufanreiz in Zeiten der Finanzkrise schrumpfte der Kulturetat in drei Jahren der Rialtobrücke finanzieren; der Dogen-in Athen und Rom. um rund ein Drittel. Sein Finanzminister palast sowie die Seufzerbrücke sind ganz- Zwei Milliarden Euro, das sei der Wert verteidigte die Kürzungen mit den Wor- jährig von gigantischen Tafeln zugehängt,dieser Ausgrabungsstätte, sagt Zambuto, ten: „Ich weiß gar nicht, was ihr habt: auf denen Banken und Modefirmen wieder Bürgermeister von Agrigent auf Sizi- Kultur kann man schließlich nicht essen.“ Bulgari und Guess für sich werben. Dielien. Er will dieses Erbe vermarkten. Zam- Heute werden nur noch 1,4 Milliarden Stadt freute sich, dass der französischebuto, 39, steht auf einer kleinen Bühne, Euro des nationalen Haushalts in die Kul- Luxusunternehmer und Kunstsammlerim Mai sind Kommunalwahlen, er ist tur investiert, das sind nicht mal 0,2 Pro- François Pinault im Palazzo Grassi ein ei-auf Stimmenfang und träumt genes Museum errichten ließöffentlich von einer Verstei- und dass Miuccia Prada ihregerung der Nutzungsrechte, Sammlung in ihrem Palast amvon Großinvestoren aus aller Canal Grande zeigt. VenedigWelt. Nur der Beste bekäme ist mit 400 Millionen Euro heil-den Zuschlag, ruft er. Einer, los verschuldet, die Subventio-der als Gegenleistung in die In- nen aus Rom stecken vor allemstandhaltung der Tempel inves- in dem mindestens fünf Mil-tiert, denn die sei dringend liarden teuren Staudammpro-notwendig. jekt Mose, das die Stadt vor „Italien hat das weltweit den Meeresfluten schützen soll.größte Erbe an Kulturschät- Seit jedoch die Benetton-zen“, ruft Zambuto, „aber wir Gruppe nach dem Erwerb ei- SCAVUZZO / EIDON / ROPItun nichts für ihren Erhalt. nes Eisenbahngebäudes auchDafür ist der Staat zuständig, den Zuschlag bekam für denklar, aber wenn der pleite ist – Fondaco dei Tedesci, die altedann kann Versace durchaus Handelsvertretung deutschereine Lösung sein.“ Zur Not Kaufleute wie der Fugger, pro-auch Louis Vuitton. Hauptsa- Roms Bürgermeister Alemanno, Sponsor Della Valle: Bröckelnde Insel testieren die Venezianer. Auchche, kein russischer Oligarch hier soll ein gigantisches Ein-wie Michail Prochorow, Herausforderer zent. „Anorexie der Kultur“ nennt das kaufszentrum entstehen, Architekt wirdvon Wladimir Putin bei den Präsident- der Schriftsteller Umberto Eco. Rem Koolhaas sein. Nun gibt es Bürger-schaftswahlen im März, der schon Inter- Die zur Neige gehenden staatlichen initiativen, die die Kommerzialisierungesse bekundet haben soll am Kauf des Subventionen, vor denen sich die deut- des öffentlichen Kulturguts kritisierenZeus-Tempels, zu welchem Zweck, wisse sche Kulturhauptstadt Berlin zurzeit so und nicht zulassen wollen, dass die Stadtniemand. Das, sagt Zambuto, ginge dann fürchtet – all das, was gerade in der deut- als Marke nur noch zum Abziehbild ihrerdoch zu weit. Kaufen sei undenkbar, mie- schen Kulturdebatte die Gemüter erhitzt, selbst wird.ten aber möglich, für Modenschauen oder ist in Italien seit Jahren bittere Realität. Ausverkauf der Kultur und gleichzeitigPartys. „Ich kann mir vieles vorstellen“, Unter der neuen Regierung von Mario der Versuch, die Denkmäler dieses Lan-sagt der grinsende Zambuto, „solange die Monti geht es um Schadensminimierung. des zu erhalten, das sind die beiden PoleKasse klingelt.“ In Rom galt Diego Della Valle, 58, als der Diskussion, und nirgendwo wird der Seit die Regierung in Rom den Kultur- Sponsoring-Pionier, jetzt aber droht seine Konflikt so deutlich wie beim Umgangetat radikal zusammengestrichen und die Privatinitiative an der Bürokratie und der mit Pompeji und Herculaneum, den bei-Haushaltssanierung zur Regionalsache ge- Staatshoheit in Sachen Denkmalpflege den antiken Städten, die bei einem Aus-macht hat, stopfen Provinzen und Städte zu scheitern. Der Inhaber der Schuhfirma bruch des Vesuv am 24. August 79 nachihre Löcher dadurch, dass sie Staatsgüter Tod’s setzte sich im vergangenen Jahr ge- Christus zerstört und erst im 18. Jahrhun-verscherbeln, Klöster, Kasernen, etrus- gen weitere Interessenten durch, darunter dert wieder freigegraben wurden.kische Villen, und die Nutzungsrechte an die Billigfluglinie Ryanair und Immobi- Pompeji ist seit den Einstürzen in denPrivatinvestoren vergeben. Sie nennen lienfirmen, und erhielt die Exklusivrechte vergangenen zwei Jahren zum Symbolbilddas Kultursponsoring, darin war Italien für die visuelle Nutzung des Kolosseums eines verfallenden Landes geworden, kul-lange Zeit Schlusslicht in Europa. in Rom. Als Gegenleistung versprach er turell bankrott, lahmgelegt durch die Polit-130 D E R S P I E G E L 1 6 / 2 0 1 2
  • Gladiatoren, deren Dienstlimousinen an- geblich das Doppelte des Kulturetats ver- schlingen. Jährlich kommen knapp drei Millionen Touristen, sie zahlen elf Euro Eintritt, hinzu kommen Subventionen aus Rom, aber die ständig wechselnden Superintendenten verschwendeten das Geld für pompöse Shows oder steckten es in die sechs Millionen Euro teure Beton- restaurierung des Großen Theaters. Immer noch liegt in Pompeji auf dem Weg zur Villa von Marcus Lucretius, dem mächtigsten Geldverleiher der Stadt, ein vor sich hin rottender roter Teppich, den man für einen Besuch Berlusconis ausge- rollt hatte. Er hatte vor ein paar Jahren Pompeji zum Notstandsgebiet erklärt, weil die Stadt von streunenden Hunden und mafiösen Touristenführer-Banden be- herrscht wurde und nur noch ein Bruch-