Der Spiegel 2012 15
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    Der Spiegel 2012 15 Der Spiegel 2012 15 Document Transcript

    • Hausmitteilung7. April 2012 Betr.: Titel, Samenspender, ToreroE s mag auch an der Deutschtümelei der Nazis liegen: Vom Missbrauch des Hei- matbegriffs haben sich die Deutschen bis heute nicht erholt. Wer von Heimat-liebe spricht, setzt sich schnell dem Verdacht aus, nicht so recht ins moderne Lebenzu passen. Doch als SPIEGEL-Autor Dirk Kurbjuweit, 49, und Fotograf MichaelTrippel, 47, durch die Republik reisten, trafen sie auf Menschen, denen Heimatsehr viel bedeutet – wenn auch jeder etwas anderes darunter versteht. Der einemeint Haidenkofen, ein Dorf bei Regensburg, 97 Einwohner; der andere das Inter-net, das seine Welt geworden ist. Kurbjuweit ist in Berlin aufgewachsen und lebtauch heute dort. „Die intensivsten Heimatgefühle hatte ich bis vor kurzem ineinem Spielwarengeschäft in Reinickendorf“, sagt er, „dort habe ich als Kind Stun-den verbracht, mir alles genau angeschaut und eine Menge Dinge mit nach Hausegenommen, aber leider nur in Gedanken.“ Fürihn sei das Geschäft „ein Ort der Träume undSehnsüchte“. Nun sei es geschlossen, „aber dieErinnerungen bleiben“. Mit dem Cover dieser MICHAEL TRIPPEL / DER SPIEGELAusgabe will der SPIEGEL jeder Leserin und je-dem Leser ein Gefühl von Heimat bieten undjedenfalls ein Bild seiner Region. Erstmals wirddas Heft mit dreizehn verschiedenen Titelbildernausgeliefert; elf Motive für elf Regionen Deutsch-lands, dazu ein eigenes Titelbild für Österreichund eines für die Schweiz (Seite 60). Kurbjuweit in HaidenkofenA ls SPIEGEL-Redakteurin Barbara Hardinghaus, 36, von der Freizeitbeschäfti- gung des Niederländers Ed Houben, 42, erfuhr, war sie gespannt auf die Be-gegnung mit ihm: Der Mann spendet Samen, er hat schon 82 Kinder. Frauen ausdem In- und Ausland nehmen via Internet mit ihm Kontakt auf und bitten Houben,mit ihnen zu schlafen. Hardinghaus traf in Maastricht, wo Houben als Stadtführerarbeitet, nicht auf einen Beau, sondern auf einen Mann mit Übergewicht und ohnebesondere Ausstrahlung. „Die Frauen wollen ihn, weil er kein anonymer Samen-spender ist, kein Geld nimmt und die Werte in seinem Spermiogramm sehr gutsind“, sagt die Redakteurin. Sex mit einem Fremden, so Hardinghaus, „sehen sieals reine Notwendigkeit, um sich ihren Kinderwunsch zu erfüllen“ (Seite 52).B evor die SPIEGEL-Redakteure Cathrin Gilbert, 27, und Maik Großekathöfer, 40, den Torero Juan José Padilla, 38, in Spanien aufsuchten, diskutierten siemit ihren Kollegen aus dem Sportressort: Ist das grausame Treiben wirklich eineSportart? Die Redakteure, die ähnliche Diskussionen über Schach, Poker und die Formel 1 geführt hatten, entschieden sich auch diesmal für den interessanten Stoff – spannender als Definitionsfragen er- schien ihnen, wie Padilla die Tierquälerei rechtfertigen würde. Der Torero, dem ein MARCEL METTELSIEFEN / DER SPIEGEL Stier im Oktober das linke Auge ausge- stochen hatte, erzählte, dass er sich als „Tänzer“ empfinde und seine Arbeit als „Kunst“. Als die Redakteure das mörde- rische Schauspiel in den Arenen kritisier- ten, „hatte er es jedoch plötzlich eilig und beendete das Gespräch“, sagt GilbertGroßekathöfer, Padilla, Gilbert bei Jerez (Seite 130).Im Internet: www.spiegel.de D E R S P I E G E L 1 5 / 2 0 1 2 5
    • In diesem Heft Merkel, von der Leyen TitelWie sich das Heimatgefühl der Deutschenverändert hat .................................................... 60Für Österreich: Wie sich der Staat aus derProvinz zurückzieht .......................................... 70Für die Schweiz: Was ein Schweizer imAusland an seiner Heimat vermisst ................... 70 DeutschlandPanorama: Bundesjustizministerin gegenBetreuungsgeld / Schüler verschmähenMensa-Essen / Gerangel um Termin fürBundestagswahl 2013 ......................................... 14Union: Merkel positioniert sich alsKanzlerin der Gerechtigkeit .............................. 18Wirtschaftspolitik: Auf die Stromkundenkommen neue Milliardenkosten zu ................... 22Atomausstieg: Niedersachsens MinisterpräsidentMcAllister fordert den Einstieg des Staatesbeim Netzausbau .............................................. 24Parteien: Sollen die Vorsitzenden der Piratenein Gehalt bekommen? ....................................... 26Karrieren: Die private Griechenland-Mission Aus Schwarz wird Rot Seite 18 SEAN GALLUP / GETTY IMAGESdes FDP-Politikers Chatzimarkakis ................... 28Integration: Junge Migrantinnen flüchtenvor ihren Familien, um selbstbestimmt leben Auf keinen Fall will die Kanzlerin im nächsten Jahr einen Gerechtig-zu können ......................................................... 32 keitswahlkampf führen. Deshalb räumt sie alle sozialpolitischenAlter: Wie aktiv kann sich Walter Scheel noch Streitfälle ab, um der SPD möglichst wenig Angriffsfläche zu bieten.mit der Tagespolitik befassen? .......................... 38Verbrechen: Die Fehler der Polizei im Falldes 18-jährigen Kindsmörders ........................... 40Gesundheit: Fragwürdige Therapiengegen Heuschnupfen ......................................... 42Strafjustiz: Zu viel Aufmerksamkeit fürdie Opfer von Strafverfahren? .......................... 44Bestattungen: Fettleibige Leichname führenzu Störfällen in Krematorien ............................ 48 Grabenkämpfe bei der Deutschen Bank S. 74 Gesellschaft Im Handstreich beenden Anshu Jain und Jürgen Fitschen die Ära Ackermann.Szene: Wal-Bergung in Brasilien / Interview Die Aktionäre jubeln, Politiker und Aufseher begegnen den neuen Chefs mitüber Organspenden und die Grenzen Argwohn. Nun müssen die beiden die Deutsche Bank neu erfinden.der Nächstenliebe ............................................. 50Eine Meldung und ihre Geschichte – wie einsächsischer Zoo den Tod eines prominentenTiers verkraftet .................................................. 51Fortpflanzung: Das seltsame Leben desSamenspenders Ed Houben .............................. 52Ortstermin: Eine Messe in Hannover probt Das Geschäft mit dem Krebs Seite 81 Mit Chemotherapien verdienen Pharmafirmen und Apotheker besondersden Umbau Deutschlands zur Altenrepublik .... 59 gut. Um an die begehrten Rezepte zu kommen, sollen sie bundesweit Wirtschaft Krebsärzte geschmiert haben. Nun ermitteln die Staatsanwälte.Trends: Audi baut Werk in Mexiko / Finanzgruppewill Schlecker kaufen / VerkehrsministerRamsauer über die Folgen desNachtflugverbots ............................................... 72Finanzindustrie: Wohin steuert die DeutscheBank unter Anshu Jain und Jürgen Fitschen? .... 74Steuerhinterziehung: Unbeirrt von Die verstecktenSpionagevorwürfen kaufen deutsche Fahnderneue Daten aus der Schweiz ............................. 79 Mädchen Seite 32Affären: Wie Pharmafirmen und Apotheker Sie wollen westlich unddie Krankenkassen mit Krebsmedikamenten selbstbestimmt leben –ausnehmen ........................................................ 81 doch sie dürfen es nicht. Ausland Manche Migrantinnen wer-Panorama: Ende der Toleranz in den Vereinigten den von ihrer Familie ausArabischen Emiraten / Machtkampf in Mali ..... 86 Deutschland verschlepptUkraine: Der Deal um Julija Timoschenko ........ 88 oder ermordet. Andere flie-Frankreich: Der „Le Monde“-Reporter Philippe hen rechtzeitig und bekom-Ridet über den Wahlkämpfer Sarkozy .............. 91 men sogar eine neue Identi-Griechenland: Pasok-Chef Evangelos Venizelosüber die Reformierbarkeit seines Landes .......... 93 tät. Trotzdem müssen sie POLIZEI / DPAIrak: Hoffen auf den Öl-Boom .......................... 95 ihr neues Leben im Verbor-USA: Die neue alte Rassenfrage ........................ 98 Mordopfer Arzu genen führen, in ständigerGlobal Village: Ein Niederländer wirbt fürs Angst vor Entdeckung.Wandern in Palästina ....................................... 1006 D E R S P I E G E L 1 5 / 2 0 1 2
    • Kultur Szene: Ein Liebeslied aus „Mad Men“ macht Karriere / Wie die Nazis ihre Kunstraubzüge katalogisierten ................................................. 102 Debatte: Das seltsame Frauenbild der Familienministerin Kristina Schröder ........ 104 Literatur: „Oblomow“, der Roman, der den Müßiggang feiert, erscheint endlich in einer Neuübersetzung ..................................... 108 Bestseller ......................................................... 110 Essay: Constanze Kurz vom Chaos Computer Club über das Vorbild der Piraten für andere Parteien ............................................................ 112 Autoren: Der amerikanische Konvertit Michael Muhammad Knight entwirft die Vision eines westlichen Islam ......................................... 114 Debattenkritik: Günter Grass und sein Israel- Gedicht „Was gesagt werden muss“ ................. 117 Wissenschaft · Technik Prisma: E-Books als Anreiz für Lesemuffel / Ecstasy gefährdet Ungeborene ......................... 118 Tauziehen um Timoschenko Seite 88 Archäologie: In Israel wird ein 2500 Jahre altes Bergheiligtum erforscht ..................................... 120 SERGEI CHUZAVKOV / AP Deutschland will die inhaftierte Julija Timoschenko an der Charité Neurologie: Wie ein Schriftsteller plötzlich behandeln lassen. Ob sie nach Berlin kommt, ist offen: In der Ukraine das Lesen verlernte ......................................... 124 verschärft Staatschef Janukowitsch seinen Kurs gegen die Opposition. Automobile: Das neue Elektro-Gefährt von Renault ..................................................... 127 Naturkatastrophen: Tsunami an der deutschen Nordseeküste ................................................... 128 Sport Szene: Überteuerte Hotels bei Fußball-EM in der Ukraine / Wie gerecht ist das Image vonBagdads schwarzer Schatz Seite 95 Spielerfrauen? ................................................. 129 Stierkampf: SPIEGEL-Gespräch mit demNach Jahren des Niedergangs wächst auf Iraks Ölfeldern die Zuversicht. Torero Juan José Padilla über einen Unfall,Fast alle Konzerne haben Verträge mit Bagdad geschlossen – doch sie gehen bei dem ihm ein Bulle das Auge ausstieß, und sein Comeback in der Arena ........................... 130mit der Ölförderung ein hohes Risiko ein: Stabil ist das Land bis heute nicht. Medien Trends: „taz“ macht Gewinn / Niggemeiers Medienlexikon ................................................. 137 Filme: China entdeckt Hollywood –Weltliteratur gegen den Burnout Seite 108 und umgekehrt ................................................ 138Er ist ehrgeizlos und liebt den Müßiggang: Ilja Oblomow, der Titelheld aus Briefe .................................................................. 8Iwan Gontscharows Roman von 1859. Seine Lebensart ist der Gegenentwurf Impressum, Leserservice ................................. 142zum Burnout-Menschen von heute. Jetzt wurde das Buch neu übersetzt. Register ........................................................... 144 Personalien ...................................................... 146 Hohlspiegel / Rückspiegel ................................ 148 Titelbild: Schleswig-Holstein: Dörthe Hagenguth/Agentur Focus; Mecklenburg-Vorpommern: Berthold Steinhilber/laif; Hamburg:Gottes zweiter Peter Bialobrzeski/laif; Niedersachsen: Christian O. Bruch/laif; Berlin: Maurice Weiss/Ostkreuz; Nordrhein-Westfalen: Peter Bialobrzeski/laif/Aus dem Buch „Heimat“, Hatje Cantz Verlag, 2005;Tempel Seite 120 Hessen: Markus Hanke/Visum; Rheinland-Pfalz: Dieter Roeseler/laif; Sachsen: Look-Photo; Baden-Württemberg: Peter Bialobrzeski/laif; Bayern: Berthold Steinhilber/laif; Österreich: Julia Knop/laif; Schweiz:Überraschung im Heiligen Stefan Jaeggi/Keystone/laifLand: 50 Kilometer vomTempel in Jerusalem ent-fernt stand ein mächtigesGegenheiligtum – die Kult- Lauter denkenstätte der Samaritaner, die Jungphilosophen erklä-mit den Juden um die wahre ren uns die Welt. Außer- URIEL SINAI / GETTY IMAGESLehre Gottes stritten. Jetzt dem im UniSPIEGEL:werten Forscher Funde aus wie man Fußballmana-diesem „Haus des Herrn“ ger wird, das Geschäftund Handschriften der Sekte mit den Studienplatz-aus, die als kleine Gemeinde Samaritaner auf dem Berg Garizim klagen und der intimefortexistiert. Job der Sexologen. D E R S P I E G E L 1 5 / 2 0 1 2 7
    • Briefe Preisschwankungen und deren Auswir- kungen auf den Konsum statistisch aus- „Bei diesen Benzinpreisen ist es werten und die zukünftige Preispolitik so festlegen. Daher halte ich auch nichts von Sache des Verbrauchers, ein einer Erhöhung der Pendlerpauschale. Höhere Subventionen führen immer zu kostengünstigeres Verkehrsmittel höheren Preisen. CLEMENS JUNG, BRÜCKEN (RHLD.-PF.) zu wählen. Die Angebote fahren Natürlich rege auch ich mich über die bereits herum. Einfach zugreifen.“ Preispolitik der Ölkonzerne auf. Und doch muss ich an der Tankstelle schmun- zeln, wenn einige ihr offensichtlich neues ERIK SCHNEIDER, FRANKFURT AM MAIN Geländefahrzeug volltanken und sich SPIEGEL-Titel 14/2012 wundern, dass sie mit dem Rechnungs- betrag locker eine Einzimmerwohnung für einen Monat hätten mieten können.Nr. 14/2012, Das Benzin-Kartell – Wie GIORGIO FORLANO, BERLINÖl-Konzerne die Spritpreise manipulieren Ein angenehmer Nebeneffekt dieser Sprit-Nach uns die Sintflut preise ist mir gestern aufgefallen: Auf der Autobahn fahren am hellen NachmittagKann es sein, dass wir Deutsche die bei gutem Wetter, kaum Verkehr unddümmsten Europäer sind, weil wir uns ohne Tempolimit plötzlich (fast) alle Au-die hohen Spritpreise gefallen lassen? Es tofahrer Tempo 120. Das gab’s noch nie. GUIDO OHLENBOSTEL / DER SPIEGEList geradezu lächerlich, dass ein und die- STEFFEN MÜLLER, TUTTLINGEN (BAD.-WÜRTT.)selbe Lieferung an den Tankstellen un-terschiedlich bepreist wird, sogar inner-halb eines Tages. Die Begründung mit Nr. 13/2012, Wenn der eigene Sohnden Spotpreisen in Rotterdam kann das ein Mörder istnicht erklären. Ob Aral, Shell, Total oderandere: Sie erhöhen gleichzeitig auf glei-che Preise – und das Kartellamt meint Tankstelle in Köln Gelebtes Christentumnicht eingreifen zu können!? Gut, dass man auch mal die Opfer auf HUBERT SCHMOLL, WETTER (NRW) die Parklücke kriegt. Deshalb fordert ja der bösen Seite sieht und Mitgefühl der ADAC auch größere Parkhäuser. weckt. Schlimm, dass sich die Geschwis-In einem ambulanten Pflegedienst mit ei- MARK BIHLER, BERLIN ter nur von hinten zeigen können. Schön,nem Fuhrpark von 120 Fahrzeugen wer- dass die Familie die „Bestie“ weiter liebt.den in einem Jahr rund 2,75 Millionen Hohe Energiekosten erhöhen den Inno- Gelebtes Christentum.Kilometer gefahren. Bei einem Durch- vationsdruck, um die Abhängigkeit vom M. LENZEN, MÜNCHENschnittsverbrauch von insgesamt 6,37 Li- Öl zu reduzieren. Darüber hinaus sindtern zahlt ein Pflegedienst allein für den die Spritpreise auch im Hinblick auf die Mirco wird nie wieder draußen spielenSprit 275 000 Euro. Die Höhe der Sprit- Folgekosten für Umwelt und Gesundheit können, nie wieder seine Eltern oder Ge-preise ist ein eminent politisches Thema. viel zu niedrig. Verbreitet ist diese Er- schwister in den Arm nehmen, er darfDenn im Gegensatz zu anderen Unter- kenntnis allerdings nicht in einer Gesell- nicht erwachsen werden, eine Familienehmen, die mit Pkw arbeiten, sind Un- schaft, die nach wie vor von der Auto- gründen. Die letzten Stunden seines kur-ternehmen im Gesundheitsbereich nicht mobilindustrie und ihren Werbebotschaf- zen Lebens müssen schrecklich gewesenvorsteuerabzugsberechtigt. Der Steueran- ten dominiert wird. Dazu kommen noch sein. Mircos Familie wird bis zum Endeteil von über 90 Cent pro Liter schlägt die Trägheit und die Uneinsichtigkeit ihrer Tage mit diesem furchtbaren Verlustalso voll durch. Wenn die Politik nicht vieler Verbraucher. leben müssen. Man sehe es mir als Mutterwill, dass die ambulante Pflege insgesamt DR. HEINZ MESTRUP, MÜNSTER zweier Söhne nach, dass ich nicht verste-an die Wand fährt, muss sie dafür sorgen, hen kann, wie die Familie des Täters tickt.dass sie die unabdingbare Mobilität noch Die Höhe der Preisschwankungen kann Dass auch die Täterfamilie sehr unter die-bezahlen kann. damit zusammenhängen, dass man mit ser Tat leidet, ist nachvollziehbar, aber DR. MARIA PANZER, UNTERHACHING (BAYERN) dem Kaufverhalten der Kunden experi- zum Täter halten? Unvorstellbar. HEIMBEATMUNGSSERVICE mentiert. Man kann mit „Testregionen“ JESSIKA SCHÜTEN, PULHEIM (NRW)Wir verprassen derzeit Erdöl nach demMotto: Nach uns die Sintflut. STEFAN BLUEMER, MÜLHEIM A. D. RUHR Diskutieren Sie im Internet www.spiegel.de/forum und www.facebook.com/DerSpiegelWenn sich die Autofahrer im weltweiteinzigen Land ohne Tempolimit über zu ‣ Titel Was ist Heimat?hohe Spritpreise aufregen, ist das an Ko-mik kaum zu überbieten. Grinsen kann ‣ Krebs Verdienen Apotheker zu vielman auch täglich in deutschen Metropo- an den Medikamenten?len, wenn die überforderte Zahnarztgat- ‣ Sport Ist der Stierkampf mehr alstin den allradgetriebenen Spritmonster- nur Tierquälerei?SUV jenseits der 250 PS nicht mehr in8 D E R S P I E G E L 1 5 / 2 0 1 2
    • BriefeNr. 13/2012, Wie die Piratenpartei das triebswirten hat mit 49,09 Prozent nochpolitische Establishment herausfordert Luft nach oben. Schlimm wird es bei den Ingenieuren: Maschinenbau (9,62 Pro-Im Cyberspace verloren zent), Elektrotechnik (7,81 Prozent), Fahr- zeugtechnik (4,55 Prozent). Das Frauen-Verwegen finde ich, dass die Piraten in quotenproblem hat nichts mit Männernihrem Parteiprogramm für „alle Bürger und nichts mit der Wirtschaft zu tun. Son-jederzeit die volle Kontrolle über ihre In- dern mit einer Frauschaft, die führen will,formationsverarbeitung und Kommuni- aber die dazu nötigen Qualifikationen nicht anbieten kann. MANFRED POWELEIT, ARTLENBURG (NIEDERS.) Frau Reding meint, dass die Menschen viel vernünftiger seien als „wir Politiker“. Zu diesen Menschen rechne ich allerdings STEFAN PUCHNER / DPA auch die Gegner der Quote und beson- ders die betreffenden Unternehmer. Ein Argument wird leider in solchen Diskus- sionen selten gesehen: Der Unternehmer muss die Freiheit behalten, selbst überBundesparteitag der Piraten 2011 sein Personal zu entscheiden. Wir brau- chen mehr Freiheiten und die dazugehö-kation“ erreichen wollen und dazu for- rige Ethik der Verantwortung.dern, „die Macht über Systeme und Da- DIETER BRANDES, HAMBURGten … so breit wie möglich auf alle Bürgerzu verteilen und so ihre Freiheit und Pri- Klarer Punktsieg für Frau Schröder. Ge-vatsphäre zu sichern“. Da ist den Piraten gen den Zeitgeist bietet sie souverän Brüs-im Cyberspace wohl etwas die Bodenhaf- seler Erpressungsversuchen die Stirn.tung verlorengegangen. Aber unterhalt- Warum auch sollten im 21. Jahrhundertsam sind sie schon! Einstellungen und Beförderungen nach JÜRGEN SIEVERS, BÜDELSDORF (SCHL.-HOLST.) Geschlechterzugehörigkeit erfolgen – wa- ren wir da nicht schon mal weiter?Fast alle unserer konkreten Programm- MICHAEL KEMPTER, STUTTGARTpunkte stammen ursprünglich von einfa-chen Parteimitgliedern ohne Amt und Auffällig, dass nur in den Rosinen-Jobswerden dann von meist informellen Ar- nach der Frauenquote gefragt wird, nichtbeitsgruppen weiterentwickelt, bis die jedoch in gefährlichen Berufen, in denenVorlagen beschlussfähig sind. Bei den zu 92 Prozent Männer verunglücken.etablierten Parteien dagegen (gerade beiden Bündnis-Grünen!) ist es genau um-gekehrt; dort brütet die Vorstandschaft MAURICE WEISS / OSTKREUZ / DER SPIEGELfertige „Meinungsvorlagen“ aus, die bes-tenfalls vom Parteitag noch abgenicktwerden dürfen. Die Meinungs- und Wil-lensbildung der Piratenpartei läuft prin-zipiell „von unten nach oben“, wie es ineiner funktionierenden Demokratie auchsein sollte. Ein Pirat hat keine feste Welt-anschauung – ein Pirat, der schaut sichdie Welt an! OLIVER VAILLANT, REGENSBURG Politikerinnen Schröder, Reding PIRATENPARTEI OBERPFALZ Wenn Frauen ihre Kinder mit 25 statt mit 39 bekämen, hätten wir diese Aufstiegs-Nr. 13/2012, EU-Kommissarin Viviane Re- diskussion eher nicht. Eine Vorstandskar-ding und Familienministerin Kristina Schrö- riere beginnt nämlich ab Anfang 40.der über Sinn und Unsinn der Frauenquote RICHARD SCHEDEL, ERLENBACH (BAYERN)Romanistinnen für VW?Sehr viel höher als Frau Redings 60 Pro- Korrekturzent ist die Quote der Hochschulabsol- zu Heft 14/2012ventinnen bei Romanistik (86,43 Prozent), Seite 143, „In der Problemzone“: DieGermanistik (80,94 Prozent) und Anglis- Grafik nennt für den März 2012tik (78, 39 Prozent). Doch was sollen Vor- falsche Marktanteilswerte. Für RTLstand und Aufsichtsrat von VW mit Ro- muss es richtig heißen 17,6 statt 18,2manisten, Germanisten und Anglisten? Prozent und für Sat.1 10,2 statt 9,9VW wird geführt von Kaufleuten und In- Prozent.genieuren. Die Frauenquote bei den Be-10 D E R S P I E G E L 1 5 / 2 0 1 2
    • BriefeNr. 13/2012, Die Mär von der anti- sich die Suizidzahlen ansieht. Es fehlen Nr. 13/2012, Knapp eine Milliarde Euro imsyrischen Verschwörung einfach Therapeuten! Die Patienten, die Jahr für die Berliner Kultur – reicht das? begutachtet werden, müssen unter einemEinreiseverbot aufheben erheblichen Leidensdruck stehen, weil sie sich sonst nicht in die stigmatisierte Be- Berliner LuxusproblemeDie von Todenhöfer zu Syrien festgestell- handlung begeben würden. Bevor wir uns weiter mit den kulturellente „gigantische Desinformationskampa- KERSTIN VOSPOHL, ESSEN Luxusproblemen Berlins beschäftigen,gne“ ließe sich sehr leicht verifizieren: sollten wir die Entwicklung der einstDer Despot von Damaskus müsste dazu Jeder in Psychotherapie investierte Euro so reichen föderalen Kulturlandschaftlediglich das Einreiseverbot für unabhän- spart an anderer Stelle zwei bis vier Euro Deutschlands mit den Zentren Hamburg,gige Journalisten aufheben. an Kosten. Demzufolge kann es nur wün- München, Dresden, Düsseldorf, Köln, Es- PETER BERGER, HEILIGENHAUS (NRW) schenswert sein, wenn Menschen auch mit noch nicht chronifizierten StörungenIm vergangenen Jahr habe ich Herrn To- eine Behandlung bekommen. Die Gesell-denhöfer mehrmals als Videojournalistin schaft sollte sich fragen, warum die Zahlnach Syrien begleitet. Vor Ort haben wir der Hilfesuchenden, der Krankgeschrie-Hunderte Gespräche mit den unterschied- benen und der Erwerbsgeminderten auf- P. PONZIAK / VISION PHOTOSlichsten Menschen geführt. Die von To- grund psychischen Leidens rasant unddenhöfer gemachten Aussagen kann ich permanent steigt, statt diejenigen zu dif-bezeugen. Zwischenzeitlich wurden eini- famieren, die Hilfe anbieten.ge Aussagen Todenhöfers – für die er hier SVEN QUILITZSCH, ZWICKAU (SACHSEN)in Deutschland verhöhnt wurde – auch PSYCHOLOGISCHER PSYCHOTHERAPEUTvon Human Rights Watch, der Arabi-schen Liga und Kofi Annan bestätigt. Bei Dass die Psychotherapeutensitze so un- Geschlossenes Schiller Theater 1993der Recherche ist Todenhöfer akribisch gleich verteilt sind, liegt an der Bedarfs-vorgegangen. Er hat dafür ein hohes Risi- planungsrichtlinie. Viele der jungen Psy- sen und so weiter analysieren und hierko auf sich genommen. Auch im Ge- chotherapeuten würden gern in die struk- wieder Schwerpunkte der Förderung set-spräch mit Assad, bei dem ich anwesend turschwachen Gebiete gehen, wenn es zen. Zum Europa der Regionen passt daswar, hat sich Todenhöfer vehement für dort freie Sitze gäbe. besser als die Konzentration auf einenDemokratie eingesetzt. Umso verwunder- DIETER BEST, LUDWIGSHAFEN national bestimmten Kulturort.licher war die Reaktion in Deutschland. DEUTSCHE PSYCHOTHERAPEUTENVEREINIGUNG PETER SCHMIDT, HAMBURG JULIA LEEB, MÜNCHEN EHEM. BÜRGERSCHAFTSABGEORDNETER Ich habe keinen einzigen Burnout-Patien- ten, sondern behandle etwa 15 Prozent Staatssekretär Schmitz hat recht damit,Nr. 12/2012, Der Mangel an Psycho- „leichte Fälle“, die „nur“ eine Anpas- dass mit kleinen Beiträgen große Wir-therapeuten führt zu langen Wartezeiten sungsstörung haben, circa 50 Prozent kung erzielt werden kann! Warum ent- komplex Traumatisierte, die zum Beispiel zieht seine Landesregierung diese Bei-Bitterer Nachgeschmack eine Borderline- oder dissoziative Stö- rung haben, 10 Prozent Psychose-Kranke, träge der musikalischen Bildung? Auch Niedersachsen hat den Musikunterricht der Rest besteht aus Leuten mit depressi- halbiert, an Baden-Württembergs Grund- ven Störungen, Ängsten und Zwangser- schulen gibt es das Fach Musik gar nicht krankungen. Der reale Bedarf liegt hier mehr. Man stelle sich vor, die Metropo- 170 Prozent höher als die zugelassene An- lenbibliothek auf dem Tempelhofer Feld ACHENBACH PACINI / DER SPIEGEL zahl von Therapeuten. Und dies ist in al- wird vom Regierenden Bürgermeister er- len anderen Ballungszentren genauso. öffnet, während sein Schulsenator den ANKE STAHL, KÖLN Deutschunterricht halbiert! Aus der Sta- tik wissen wir, dass Leuchttürme ohne Die Arbeit mit schwer und schwerst psy- Fundament zum Einsturz neigen. chisch Kranken erfordert höchsten Ein- PROF. HANNO MÜLLER-BRACHMANN, BERLIN satz – nicht nur fachlich, sondern auch Die Redaktion behält sich vor, Leserbriefe – bitte mitPsychologe Thomas Bock in Hamburg emotional. Wer glaubt, dies an fünf Tagen Anschrift und Telefonnummer – gekürzt und auch elek- die Woche von früh bis spät leisten zu tronisch zu veröffentlichen. Die E-Mail-Anschrift lautet:Eine leichte Erkrankung wird – wenn können, wird wahrscheinlich eines Tages leserbriefe@spiegel.denicht richtig und frühzeitig behandelt – selbst behandlungsbedürftig werden. In dieser SPIEGEL-Ausgabe befindet sich im Mittelbundrasch zu einer schweren Erkrankung; es DR. EVA-MARIA GLOFKE-SCHULZ, ROSENHEIM ein 16-seitiger Beihefter der Firma DURAVIT, Hornberg.macht also viel Sinn, auch „leichte“ Fälleanzunehmen, vor allem wirtschaftlich istes erheblich effektiver für das Gemein-wesen, wenn Erkrankungen frühzeitigprofessionell behandelt werden. Aus der SPIEGEL-RedaktionDIPL.-PSYCH. CORNELIA CORDES, SCHLEIDEN (NRW) Verwüstete Landstriche, gequälte Bauern, abgeschlachtete Söldner – mit dramatischen Bildern hat sich der Dreißigjährige Krieg in dasHier entsteht er wieder, der bittere Nach- Gedächtnis der Deutschen eingebrannt. Was 1618 mit dem „Pragergeschmack, dass man sich als depressiver Fenstersturz“ begann, wurde zum europäischen Dauerkonflikt; derPatient mit ein wenig Selbsthilfegruppe, Streit der Konfessionen war nur ein Kriegsgrund unter vielen. ErstSport oder autogenem Training helfen mit dem Westfälischen Frieden kam wieder Ordnung in die politi-soll, damit sich die Psychotherapeuten schen und religiösen Verhältnisse. Historiker und SPIEGEL-Autorenmit ernsthaften Erkrankungen beschäfti- erörtern die Ursachen des Krieges, porträtieren große Gestalten dergen können. Ein Trugschluss, wenn man Zeit und fragen, welches Erbe die Katastrophe hinterlassen hat.12 D E R S P I E G E L 1 5 / 2 0 1 2
    • Panorama PA R T E I E N Stau auf der A 1 bei Hamburg Linker SchwundErstmals seit der Fusion von Linkspar-tei.PDS und WASG im Jahr 2007 istdie Mitgliederzahl der Linken unter70 000 gesunken. Während sich dieZahl in den mitgliederstarken, aberüberalterten Ostverbänden hauptsäch-lich durch Todesfälle dezimiert, leidetdie Linke im Westen unter Austrittenoder Parteiwechseln. Allein in Nord-rhein-Westfalen verlor die Linke imvergangenen Jahr mehr als 500 Mit-glieder. Bundestagsfraktionschef Gre-gor Gysi klagte kürzlich intern, derZustrom aus der SPD und von den Ge-werkschaften sei völlig zum Erliegengekommen. Ihren Höchststand hattedie Partei im Bundestagswahljahr 2009mit mehr als 78 000 Mitgliedern er-reicht. ULRICH PERREY / DPA N O R D R H E I N -W E S T FA L E N Clement pro LindnerDer Ex-Sozialdemokrat Wolfgang Cle- BENZINPREISEment unterstützt die nordrhein-westfä-lische FDP im Landtagswahlkampf.Zehn Jahre nach seinem Abgang alsNRW-Ministerpräsident schlägt sichClement damit auf die Seite seines CDU-Politiker wolleneinstigen Gegners; von 1998 bis 2002hatte er das Bundesland mit einem rot-grünen Kabinett regiert. Derzeit wür- Pendlern helfenden Clement und FDP-Spitzenkandi- Angesichts weiter steigender Benzinpreise wächst in der Union die Bereitschaftdat Christian Lindner die Einzelheiten zur Erhöhung der Pendlerpauschale. Zwar dürfe die Pauschale nicht ständig mitder Zusammenarbeit klären, heißt es Blick auf den Spritpreis angehoben oder gesenkt werden, sagt Unionsfraktions-bei den Liberalen. Die beiden Politi- vize Michael Fuchs. Trotzdem sei eine Entlastung der Pendler geboten. „Wirker kennen sich noch aus der gemein- können von den Leuten nicht verlangen, dass sie 150 Kilometer zum Arbeitsplatzsamen Zeit im Landtag. Seit seinem pendeln, und sie dann mit den Kosten alleinlassen“, sagt Fuchs. Ähnlicher An-Austritt aus der SPD 2008 ist Clement sicht ist Hessens Regierungschef Volker Bouffier. Er will zwar zunächst abwarten,gelegentlich bei der FDP aufgetreten. ob die Bundesratsinitiativen, mit denen die Marktmacht der BenzinkonzerneDer ehemalige Bundeswirtschaftsmi- eingeschränkt werden soll, Wirkung zeigen. „Sollte dies nicht der Fall sein undnister sitzt heute im Aufsichtsrat der eine kritische Grenze erreicht werden, muss man über eine Erhöhung der Pend-RWE Power AG in Essen. lerpauschale nachdenken“, sagt der CDU-Vizechef. Die Parteivorsitzende Angela Merkel hat sich gegen eine solche Erhöhung ausgesprochen. Derweil mahnt der Wirtschaftswissenschaftler Frank Hechtner von der Freien Universität Berlin, dass nur ein geringer Teil der Deutschen von einer Erhöhung der Pendlerpauschale von 30 auf 40 Cent pro Kilometer profitieren würde. Wie seine Auswertung der Steuerstatistik zeigt, machen gerade einmal 30 Prozent MAURICE WEISS / OSTKREUZ / DER SPIEGEL der Steuerpflichtigen die Aufwendungen in ihrer Steuererklärung geltend. „Für die meisten Beschäftigten ist die Pauschale nur relevant, wenn die Arbeit min- destens 15 Kilometer vom Wohnort entfernt liegt“, sagt der Professor. Eine spür- bare Entlastung ergebe sich sogar erst ab einem Arbeitsweg von mindestens 50 Kilometern, den laut Hechtner aber nur zwei Millionen Steuerzahler zurücklegen. Nach seinen Berechnungen käme eine Erhöhung der Pauschale um 10 Cent vor allem den Beziehern hoher Einkommen zugute. Ein Single, der 40 Kilometer pendelt und 2500 Euro brutto verdient, hätte monatlich 24 Euro netto mehr, bei einem Einkommen von 6000 Euro wären es 35 Euro.Clement14 D E R S P I E G E L 1 5 / 2 0 1 2
    • Deutschland FA M I L I E N Justizministerin gegen Betreuungsgeld Im schwarz-gelben Regierungsbündnis ver- Kinder unter 3 Jahren in öffentlich schärft sich der Streit um das Betreuungsgeld. geförderter Tagesbetreuung, Mit Justizministerin Sabine Leutheusser-Schnar- Betreuungsquote renberger spricht sich erstmals ein liberales Mit- glied der Bundesregierung dafür aus, die koali- tionsinterne Vereinbarung zur Einführung des Landkreise Betreuungsgelds platzen zu lassen. Das von der unter CSU geforderte Instrument „passt eigentlich nicht mehr in die Zeit“, sagt die FDP-Politike- 10 % Hamburg rin. Beim Angebot von Kita-Plätzen bleibe Aurich Deutschland weit hinter Ländern wie Schwe- Leer den und Frankreich zurück. Deswegen könne auch keine Rede davon sein, dass Eltern die Berlin Wahlfreiheit zwischen heimischer und externer Hannover Betreuung ihrer Kinder hätten. „Der Ausbau der Kinderbetreuung sollte angesichts der Un- terfinanzierung Priorität haben“, sagt Leut- Oberhausen heusser-Schnarrenberger. Die Ministerin stellt (Stadt) sich damit gegen eine Absprache, die die Par- teichefs von CDU, CSU und FDP im November Dresden Heinsberg Köln im Koalitionsausschuss getroffen haben. Dem- Oberbergischer nach soll das Betreuungsgeld, das Eltern zugute- Kreis kommt, die ihre Kinder nicht in eine öffentlich Euskirchen 60 % und mehr Frankfurt geförderte Kita bringen, zum 1. Januar 2013 am Main eingeführt werden. Pro Monat sind für Kinder Wittenberg im zweiten Lebensjahr 100 Euro vorgesehen, im Salzlandkreis Jahr 2014 soll der Betrag auf 150 Euro für das Börde zweite und dritte Lebensjahr steigen. Der Plan sorgt auch innerhalb der Union zuneh- mend für Unmut. Während in der CDU der Wi- Neuburg- Stuttgart derstand wächst, ist die CSU erzürnt darüber, Schrobenhausen dass Unionsfraktionschef Volker Kauder (CDU) Mühldorf a. Inn München die parteiinternen Kritiker nicht schärfer in die Schranken weist. CSU-Generalsekretär Alexan- der Dobrindt forderte Kauder am vergangenen Dienstag in einem Telefonat zum Einschreiten DEUTSCHLAND auf. Bayerns Sozialministerin Christine Hader- 25% Zielvorgabe 35 % thauer (CSU) ermahnt mögliche Abweichler innerhalb der Union: Die Abstimmung über das Betreuungsgeld sei „keine Gewissensentschei- unter 15 Prozent 15 bis unter 25 25 bis unter 35 35 bis unter 50 50 und mehr dung, die den Fraktionszwang aufhebt“. Quelle: Destatis, 1. März 2011 B U N D E S TA G S WA H L mindestens zwei Wochen Abstand lie- Bundestagswahl müsste in diesem Fall gen. Wegen der bayerischen Sommer- am 29. September stattfinden. Diesen ferien ist der früheste Termin für die Termin lehnt jedoch das Bundesinnen- Schwieriger Termin Landtagswahl der 15. September, die ministerium ab, weil dann bereits die Herbstferien in Hamburg, Berlin undDer bayerische Ministerpräsident Brandenburg beginnen. Andere Sonn-Horst Seehofer und Bundesinnen- tage im September kollidieren eben-minister Hans-Peter Friedrich – beide falls mit Ferienterminen. DennochCSU – rangeln um den Termin für die beharrt die CSU-Fraktion im bayeri-Bundestagswahl 2013. Friedrichs Haus- schen Landtag auf ihrer Position:juristen wollen die Abstimmung für „Beide Wahlen müssen getrennt statt- MAGNUS SETTELE / DAPDden 15. oder 22. September ansetzen. finden, nur so können landespolitischeDas läuft den Plänen der CSU in Mün- Themen zur Geltung kommen“, sagtchen zuwider. Sie rechnet sich für die CSU-Fraktionschef Georg Schmid.bayerischen Landtagswahlen bessere Der Streit soll nun bei einem TreffenChancen aus, wenn zwischen den Ab- der Parteichefs von CDU, CSU undstimmungen im Bund und in Bayern Deutscher Bundestag FDP beigelegt werden. D E R S P I E G E L 1 5 / 2 0 1 2 15
    • Deutschland Panorama E LBVE RTI E FUNG Angst vor dem Wasser ROLAND GEISHEIMER / ATTENZIONE Wegen der von Hamburg geplanten Fahrrinnenvertiefung der Elbe fordert die stromabwärts gelegene Gemeinde Jork eine Erhöhung ihrer Deiche. „Wir rechnen durch die geplante Schüler in Wuppertal Maßnahme mit häufigeren und höhe- ren Sturmfluten und fühlen uns be- droht“, sagt Bürgermeister Gerd VERPFLEGUNG Hubert. Daher müssten die Schutz- wälle gegen den dann schneller flie- ßenden Fluss „dringend erhöht wer- Bäcker statt Mensa den“. Hubert und andere Bürgermeis- ter des Obstanbaugebiets „Altes Land“ prüfen Klagen gegen das Pro- Trotz des teuren Ausbaus von Schulkantinen essen nur 15 Prozent der Schüler jekt, das die Elbe für große Container- regelmäßig in der Mensa. In einem Brief an die Kultusministerkonferenz beklagt schiffe mit einem Tiefgang von bis zu das Deutsche Netzwerk Schulverpflegung, dass nur in gebundenen Ganztags- 14,5 Metern schiffbar machen soll. Be- schulen „respektable Umsatzgrößen“ erreicht würden. An Schulen mit sporadi- denken gibt es auch gegen die einge- schem Nachmittagsunterricht oder mit freiwilliger Ganztagsbetreuung, welche planten Süßwasserreservoirs, die als ebenfalls Essen anbieten, konstatieren die Experten eine „Mensaflucht“ insbe- Ausgleich für eine mögliche Verschie- sondere älterer Schüler. Diese favorisierten „benachbarte Döner- und Bäcker- bung der Salzwassergrenze elbauf- läden“, selbst wenn sie dort mehr bezahlen müssten. Die Kantinen würden den wärts dienen sollen. Es sei fraglich, „gastronomisch vorgeprägten Geschmackserwartungen“ nicht gerecht, heißt es „ob genügend Flächen dafür zur Ver- in dem Brief, außerdem erwarteten Schüler „Auswahl und To-go-Angebote“. fügung stehen“, so Hubert. In dieser Auch eine „signifikante Mehrheit“ der Eltern steht demnach dem Schulessen Woche stimmte die niedersächsische skeptisch gegenüber und behilft sich mit „Snackzugaben oder kleinem Bargeld“. Landesregierung dem Projekt zu und Der Verein, der im November im Bundestag angehört wurde, fordert Steuerver- räumte damit ein entscheidendes Hin- günstigungen für Schulessen sowie Berater, die Ernährungswissen vermitteln. dernis für die Elbvertiefung aus dem Weg. UM FRAGEN Anteil der Haushalte, in denen hafen. Die Umfrage-Institute würden nur per Handy telefoniert wird die Zahlen dann „durch Erfahrung und alte Umfragewerte interpretie- Handys verunsichern 2011, in Prozent Quellen: Bitkom, Eurostat ren“, ihre Ursprungszahlen aber nicht Meinungsforscher 81 78 59 offenlegen, so Behnke. Auch dadurch könne es zu Fehlprognosen wie bei der Wahl im Saarland vor zwei Wo-Das veränderte Telefonierverhalten chen kommen, als Meinungsfor-der Deutschen bereitet Meinungsfor- schungsinstitute SPD und CDU gleich- Tschechien Finnland Slowakeischern große Probleme bei Wahlum- auf sahen, diese am Ende jedoch fastfragen. Viele Bürger buchen zwar über fünf Prozentpunkte auseinanderlagen.Flatrates einen Internetanschluss plus Eine deutliche Diskrepanz erlebtenFestnetznummer, telefonieren aber 47 34 31 die Demoskopen auch bei der Wahlhäufiger mit dem Handy; manche sind zum Berliner Abgeordnetenhaus 2011.über das Festnetz nicht oder nur Die meisten Institute sahen die Pira-schlecht zu erreichen. Ein noch größe- Österreich Italien Spanien tenpartei bei fünf Prozent, bei derres Problem seien die Menschen, die Wahl erreichte diese dann knapp neunbei den Telefon-Stichproben nicht Prozent. Meinungsforscher sehen diemehr mitmachen wollen, so Klaus-Pe- 27 17 13 telefonischen Befragungen mit wach-ter Schöppner, Geschäftsführer von sender Skepsis. Solche Umfragen hät-TNS Emnid. Viele Angerufene haben ten ihre „methodische Unantastbar-unterwegs keine Zeit oder Lust, Aus- EU-Durchschn. Großbritannien Frankreich keit verloren“, sagt Thomas Schwabl,kunft zu geben, andere wollen schlicht dessen Markt- und Meinungsfor-ihre Akku-Ladung schonen. „Stellen- schungsinstitut Marketagent.com aufweise nur zehn Prozent der Angerufe- 12 11 Online-Umfragen setzt. Man müssenen nehmen an einer Umfrage teil“, 2 „durch massive Veränderungen in dersagt Politikwissenschaftler Joachim Kommunikationslandschaft laufendBehnke von der Universität Friedrichs- Deutschland Niederlande Schweden mit Weiterentwicklung rechnen“.16 D E R S P I E G E L 1 5 / 2 0 1 2
    • Deutschland Parteifreundinnen Merkel, von der Leyen UNION Eine Frage der Gerechtigkeit Ob beim Tarifabschluss im Öffentlichen Dienst, dem Mindestlohn oder den Renten – Angela Merkel versucht, alle sozialpolitischen Streitfragen abzuräumen. Sie will der SPD keine Angriffsfläche im nächsten Wahlkampf bieten.RAINER JENSEN / DPA 18 D E R S P I E G E L 1 5 / 2 0 1 2
    • D er Zwischenfall ereignete sich am „Professor aus Heidelberg“ zum Symbol forderern Sigmar Gabriel, Frank-Walter Freitag vor einer Woche. Es war der sozialen Kälte abzustempeln – und Steinmeier und Peer Steinbrück. mittags um kurz vor zwölf, als der seine Herausforderin gleich mit. So knapp Deutlich wurde Merkels Strategie, alsRegierungssprecher die Orientierung ver- war am Ende das Ergebnis, dass sich sich am frühen Samstagmorgen vor einerlor. Steffen Seibert war vor die Front ge- Schröder bei seinem legendären Fernseh- Woche Bundesinnenminister Hans-Peterraten, und er merkte es nicht. auftritt am Wahlabend zunächst noch als Friedrich (CSU) und Ver.di-Chef Frank Was denn die Kanzlerin zum Verhalten Sieger sah. Bsirske nach vierwöchigen Verhandlun-der FDP in Sachen Schlecker sage, wollte Merkel hat aus dieser Beinahe-Nieder- gen die Hand schüttelten. Ein Plus vonein Journalist während der Regierungs- lage ihre Schlüsse gezogen. Einen Wahl- 6,3 Prozent über zwei Jahre für diePressekonferenz wissen, und Seibert trug kampf um die Frage, wer ist der Sozialste Beschäftigten von Bund und Kommunen,vor, was er für die richtige Antwort hielt. im ganzen Land, kann die Union nicht das ist ein Zuschlag, wie es ihn lange„Es gibt Gründe für eine Transfergesell- gewinnen. Nicht gegen die SPD, die pro- nicht gegeben hat. Dabei hatte sich FDP-schaft, und es gibt sehr gute Gründe da- blemlos noch eine Schippe Wohltaten Chef Philipp Rösler noch Mitte Januargegen.“ Nur wenig später meldeten die drauflegen kann. gegen kräftige Lohnerhöhungen ausge-Nachrichtenagenturen: „Merkel stärkt Die Kanzlerin weiß, dass sie angreifbar sprochen. Gerade die LohnzurückhaltungRösler nach Schlecker-Entscheidung den ist. Ihre Regierung hat die Banken nach sei Grundlage für die Erfolge der vergan-Rücken“. der Lehman-Pleite mit Milliarden-Pro- genen Jahre am Arbeitsmarkt gewesen. Irgendetwas war schiefgelaufen. Die grammen gestützt, laufend werden neue, „Dabei sollte man bleiben“, sagte Rösler.Kanzlerin an der Seite des FDP-Chefs? gewaltigere Rettungsschirme für die ma- Angela Merkel sieht das nicht so. Fried-Ein Signal der sozialen Kälte? Das war roden Euro-Länder aufgespannt. Die teu- rich hatte sich schon vor den Tarifver-nicht die Botschaft, die Angela Merkel ren Hilfsaktionen sind unpopulär, und sie handlungen Prokura für einen großzügi-aussenden wollte. Nein, sie konnte sich verschärfen die Gerechtigkeitsdebatte, gen Abschluss eingeholt, Bundesfinanz-sehr wohl eine Auffanggesellschaft für die sich auf einen einfachen Nenner brin- minister Wolfgang Schäuble hatte seinemdie entlassenen Schlecker-Mitarbeiterin- gen lässt: „Warum helft ihr den Bankern, Kollegen signalisiert, dass er gegen einennen vorstellen. Die Kanzlerin kümmert den Schlecker-Frauen aber nicht?“ üppigen Aufschlag für die öffentlich Be-sich um die armen Schlecker-Frauen – Und so versucht Merkel nun systema- diensteten kein Veto einle-dieses Merkel-Bild hätte der Regierungs- tisch, alle Konflikte zu entschärfen, die gen würde. +15,5sprecher verbreiten sollen. Jetzt wurdeer zurückgepfiffen. Verzweifelt versuchte Seibert am Nach- Vermehrte Armut ...mittag, seine Aussage nachzujustieren. Er Veränderung des verfügbaren Einkommens in Deutschlandsei da völlig missverstanden worden. Auf 2010 gegenüber 2000, in Prozentkeinen Fall habe sich die Kanzlerin andie Seite der FDP gestellt. Es war zu spät.Am folgenden Morgen titelte nicht nur Einkommensgruppendie „Süddeutsche Zeitung“: „Merkel bil- 1. (unterstes) +1,1 +1,2 +1,3 Zehntel 2. Zehntel 3. 4. 5. +2,0ligt Nein der FDP zu Schlecker“. Zum Glück der Kanzlerin wurde das – 2,9 – 1,0 6. 7. 8. 9. 10. (oberstes) ZehntelMissgeschick des Regierungssprechers be-reits am Samstag von einer neuen Nach- – 5,7richtenlage überdeckt. Die Merkel-Regie-rung und die Kommunen hatten sich in ... vermehrterder Nacht auf ein sattes Lohnplus für den –10,3 – 9,2 berechnet in Preisen von 2005, Panel Study (SOEP), DIW Berlin Quelle: German Socio-Economic ReichtumÖffentlichen Dienst verständigt. Das ent-sprach sehr viel mehr dem Image, dassich Merkel in diesen Zeiten gern zulegen der SPD einen Anlass für einen Gerech- Dass Städte und Gemeinden über diemöchte. tigkeitswahlkampf bieten könnten. Kos- Zusatzkosten in Milliardenhöhe jammern Denn ihre Strategen im Kanzleramt ten spielen dabei keine Rolle. Dass die und andere Branchen wie die Metall-und in der CDU-Zentrale haben bereits Unionsrechten dabei jammern, nimmt sie arbeitgeber vor der Vorbildfunktion desdas Bundestagswahljahr 2013 im Visier. in Kauf. Der konservative Landesverband Abschlusses warnen, stört Merkels LeuteJede Festlegung wird von nun an unter Hessen hat sich bislang als Gegenpol zu nicht, im Gegenteil: Zufriedene Arbeit-dem Blickwinkel geprüft, ob sie Merkel Merkels Linie verstanden, doch spä- nehmer sind zufriedene Wähler, das istin der Auseinandersetzung mit dem lin- testens seit dem Debakel bei der Frank- die Gleichung im Kanzleramt. „Das istken Lager nutzen oder schaden könnte. furter Oberbürgermeister-Wahl ist klar, nichts anderes als eine Aufschwung-In dieser Perspektive ist alles gut, was die dass die Strahlkraft des rechten Flügels dividende“, sagt ein Merkel-Vertrauter.Kanzlerin an die Seite der Arbeitnehmer begrenzt ist. „Wenn die Wirtschaft wächst, sollen auchstellt. Und alles schlecht, was den Sozial- Geht Merkels Plan auf, tritt im nächs- die Arbeitnehmer etwas davon haben.“demokraten Angriffsfläche für einen Ge- ten Jahr eine Union an, die sich in zen- Anlegen will sich die CDU allenfallsrechtigkeitswahlkampf bieten könnte. De- tralen Positionen kaum noch von der SPD mit betuchteren Bürgern, Steuererhöhun-ren Attacken sollen ins Leere laufen. unterscheidet. Die Sozialdemokraten hät- gen jedenfalls sind für die Partei kein Es ist das Trauma von 2005, das Merkel ten es schwer, ihre Anhänger durch eine Tabu mehr. Mag der ehemalige Finanz-verfolgt. Damals hatte sie nicht rechtzei- starke Polarisierung zu mobilisieren, und minister Steinbrück jetzt auch für einetig gespürt, dass sich die Ära des neolibe- am Ende würde sich die Wahl wohl auf stärkere Belastung der Reichen werben –ralen Zeitgeistes dem Ende zuneigte, und eine einzige Frage verengen: Wer ist der die Union ist längst da.war mit dem Steuervereinfacher Paul bessere Kanzler? Erst kürzlich hatte sich Bundestagsprä-Kirchhof in den Wahlkampf gezogen. Ein Diese Frage beantworten die Deut- sident Norbert Lammert für einen höhe-verhängnisvoller Fehler. schen in allen Umfragen derzeit eindeutig ren Spitzensteuersatz ausgesprochen. Un- Dem amtierenden SPD-Kanzler Ger- zugunsten der Amtsinhaberin, sie liegt terstützt wird er dabei von Vertretern deshard Schröder gelang es mühelos, den weit vor den drei möglichen SPD-Heraus- Sozialflügels der Partei wie der saarlän- D E R S P I E G E L 1 5 / 2 0 1 2 19
    • Deutschland gen, wann Zeitarbeiter in Unternehmen die gleiche Bezahlung wie die Stamm- belegschaft erhalten sollen. Andernfalls, so die Drohung von der Leyens, werde ihr Ministerium die Sache selbst in die Hand nehmen. Die Strategie der sozialen Wärme ist eng mit der CSU abgestimmt. In den ver- gangenen Monaten drängte deren Partei- chef Horst Seehofer die Kanzlerin wie- derholt dazu, sozialpolitische Streitfragen abzuräumen, um der SPD keine Angriffs- fläche zu bieten. „Die Union darf nicht als Partei der sozialen Kälte dastehen“, heißt es in der Münchner Parteizentrale. Auch Seehofer leidet noch unter dem Trauma des missglückten Wahlkampfs STEFFI LOOS / DAPD / DDP IMAGES von 2005. Merkels Wohlfahrtsprogramm hat al- lerdings einen hohen Preis. Allein der Tarifabschluss für die Mitarbeiter des Öffentlichen Dienstes wird den Bund pro Jahr 1,7 Milliarden Euro kosten. Das Be- treuungsgeld, mit dem Merkel die CSUSPD-Politiker Gabriel, Steinmeier, Steinbrück: Attacken sollen ins Leere laufen und Hausfrauen erfreuen will, schlägt mit bis zu 1,9 Milliarden Euro zu Buche, unddischen Ministerpräsidentin Annegret noch vor der Sommerpause durch das noch teurer wird die Rechnung, wenn sichKramp-Karrenbauer und Peter Weiß, Bundeskabinett. Darin enthalten sind die Frauen in der Unionsfraktion durch-dem Chef der Unionsarbeitnehmer im Verbesserungen bei den Erwerbsminde- setzen und im Gegenzug für das unge-Bundestag. „Ich bin für höhere Steuern rungsrenten, bessere Hinzuverdienstmög- liebte Betreuungsgeld die Kindererzie-für Besserverdiener, wenn wir dafür im lichkeiten für Frührentner und eine Zu- hungszeiten stärker bei der Rente ange-Gegenzug Menschen mit kleinen und schussrente für Geringverdiener. rechnet werden. Allein das würde ammittleren Einkommen entlasten“, sagt der. Selbst Erziehungszeiten könnten bald Ende 3,5 Milliarden Euro kosten. Zwar hat die Kanzlerin bisher alle De- stärker bei den Renten angerechnet wer- Im Moment geht es der deutschen Wirt-batten über Steuererhöhungen abge- den, zumindest wenn es nach den Frauen schaft zwar so gut, dass neue Wohltatenblockt. Aber das geschah aus Rücksicht in der Unionsfraktion geht. Als sie vor nicht sofort Löcher in den Haushalt rei-auf die FDP, die schon schwer genug dar- kurzem im Kanzleramt vorstellig wurden, ßen, aber der Bundesetat 2013 zeigt auch,an trägt, dass ihre Steuersenkungsträume beteuerte Merkel, man könne über die wie labil die Lage ist. Schäuble muss 20geplatzt sind. Idee durchaus reden. Auch Finanzminis- Milliarden Euro neue Kredite einplanen, Merkel registriert genau, wie der ter Schäuble fand kürzlich Zeit, um mit obwohl die Steuereinnahmen um fast dreiWunsch in ihrer Partei wächst, die Rei- Prozent auf 257 Milliarden Euro steigenchen zur Kasse zu bitten; ein Obolus für sollen. Verschlechtert sich die Konjunktur,Begüterte wird nun auch in der Regie- Angela Merkel will als wird es schwer, bereits 2016 einen nahezurungszentrale nicht mehr ausgeschlos-sen – und könnte sogar Teil des CDU- fürsorgliche Regierungs- schuldenfreien Haushalt vorzulegen. Merkel stört das nicht. Für sie zählt imWahlprogramms für 2013 werden. chefin dastehen, nicht Moment allein das Wahljahr 2013, und Merkels wichtigste Waffe im Kampf umdie Deutungshoheit beim Thema Gerech- als Kanzlerin der Kälte. da will sie als fürsorgliche Regierungs- chefin dastehen und nicht als Kanzlerintigkeit ist Ursula von der Leyen (CDU). der Kälte. Nichts fürchtet sie mehr alsSie treibt die Diskussion voran, ohne dass der Frauen-Union und von der Leyen den Vorwurf der SPD, kein Herz für dieMerkel selbst zwischen die parteiinternen über das Projekt zu beraten. Armen und Benachteiligten zu haben. ImFronten gerät. Seit von der Leyen im Amt Aus Schwarz wird Rot – das zeigt sich Moment kann sie sich in diesem Punktist, hat sie das Arbeitsministerium zur auch beim Thema Mindestlohn. Während zumindest sicher fühlen.sozialen Wärmestube der schwarz-gelben Merkels Amtszeit wurden mehr Mindest- Denn selbst die Gewerkschaften regi-Koalition ausgebaut. löhne in Deutschland eingeführt als unter strieren Merkels Kurs mit Wohlwollen. Kein Interview, kein Auftritt, bei dem allen sozialdemokratisch geführten Re- Als DGB-Chef Michael Sommer Mitte Ja-ihr nicht das Wort „Gerechtigkeit“ über gierungen zusammen. Beim Projekt eines nuar in einer halb privaten Veranstaltungdie Lippen kommt. „Ich verstehe soziale allgemeinen Mindestlohns befindet sich im Berliner Ensemble seinen 60. Geburts-Gerechtigkeit nicht als Populismus“, sagt die Union auf der Zielgeraden, er soll tag feierte, war das halbe Kabinett an-von der Leyen, und weil der Etat ihres von einer Kommission aus Arbeitgebern getreten, und die Kanzlerin hielt dieHauses 126,5 Milliarden Euro umfasst, und Arbeitnehmern festgelegt werden, Laudatio. Zumindest die Atmosphäre zwi-fällt es ihr auch nicht schwer, „soziale zur Not könnte am Ende ein Schlichter schen Regierung und Arbeitnehmerver-Leitplanken“ zu bauen. entscheiden. Nach Ostern will eine Ar- tretern könnte besser kaum sein. „Merkel Da sind zum Beispiel die 20 Millionen beitsgruppe der Unionsfraktion das Mo- strahlt aus: Sie gehört zu uns“, gibt einRentner. Sie gehören zu den treuesten dell offiziell vorstellen. hochrangiger GewerkschaftsfunktionärWählern der Union, und in diesem Jahr Auch die Zeitarbeiter hat von der leicht amüsiert die Stimmung wieder.wurde ihnen ein Plus von über zwei Pro- Leyen nicht vergessen. Bis zum Sommer MARKUS DETTMER,zent gewährt. Nun schnürt die Ministerin haben Gewerkschaften und Arbeitgeber KONSTANTIN VON HAMMERSTEIN,ein neues Wohlfühlprogramm, es soll noch Schonfrist, um sich darauf zu eini- PETER MÜLLER, RENÉ PFISTER20 D E R S P I E G E L 1 5 / 2 0 1 2
    • DAVID HECKER / DAPDOffshore-Windpark vor der Nordseeinsel Borkum: Ein Land im Öko-Rausch Deutschlands werden im Rekordtempo WIRTSCHAFTSPOLITIK Photovoltaik-Module auf die Hausdächer geschraubt – und die Zuschusskosten den VEB Energiewende Stromkunden aufgebürdet. Für Teile der Wirtschaft entwickelt sich der Umbau der Energieversorgung zu ei- nem gigantischen Subventionsprogramm. Der Atomausstieg wird zur Subventionsmaschine für Industrie- Und die Regierung ist bereit, Milliarden- bosse, Elektrokonzerne und findige Geschäftemacher. beträge in neue Stromtrassen, Stromspei- cher und Stromverteilnetze zu pumpen, Die Kosten und Risiken sollen andere tragen – die Bürger. wo immer sie gebraucht werden. Geld scheint reichlich vorhanden. Denn dassJ ohann der Täufer Philipp Robert Euro im Jahr erlösen lassen – und zwar es am Ende die Bürger sein werden, die Konrad Graf von Walderdorff, Herr ohne großes finanzielles Risiko. über ihre Steuern und Stromgebühren die auf Schloss Dreis bei Wittlich an der Ein Jahr nach Fukushima ist die Bun- Energiewende bezahlen müssen, spielt inMosel, macht neuerdings in Knöterich. desrepublik ein Land im Öko-Rausch. der politischen Debatte bislang nur eineAcht Hektar gräfliche Ländereien sind Kaum eine Woche vergeht, ohne dass untergeordnete Rolle.dieses Jahr für den Anbau der schnell irgendwo der Grundstein für einen Solar- In der Energiebranche vollzieht sichwachsenden Pflanze reserviert. Dem park gelegt oder eine Biogasanlage ein- ein Mentalitätswandel, weg vom Markt,Milchbauern, der hier früher seine Tiere geweiht wird. Windräder schießen in die hin zur Lenkungswirtschaft. Die Unter-weidete, hat der Graf gekündigt. Was die Höhe, an der stürmischen Nordseeküste nehmen sind darauf aus, Investitionskos-Gewinnspanne betrifft, konnten die ebenso wie im Schwarzwald, wo sich ten und Verlustrisiken der AllgemeinheitKühe gegenüber dem Kraut bei weitem vergleichsweise selten ein Lüftchen regt. aufzubürden. Großkonzerne wie E.on,nicht mithalten. Selbst in den sonnenärmsten Regionen Bosch und Siemens, die sonst gern von Als Knöterich-Produzent gehört Wal- freien Märkten schwärmen, rufen beiderdorff zu den Profiteuren der Energie- Stromkosten Dena-Prognose jeder Gelegenheit nach zusätzlichen Sub-politik von Union und FDP. Weil die Bun- bis 2020: ventionen. Der Staat soll es richten. Nur Monatliche Belastungdesregierung beschlossen hat, so schnell eines Durchschnitts- + 20 % die Gewinne des VEB Energiewendewie möglich von Atom- auf Ökostrom haushalts* durch Energie- möchten die Konzerne auch in Zukunftumzusteigen, sind Energiepflanzen zu ei- in Euro wende bedingte gern für sich behalten. Der Wissenschaft-nem lukrativen Geschäft geworden, staat- Steigerung liche Beirat beim Bundeswirtschaftsmi-lich garantierter Fördergelder sei Dank. nisterium spricht von Planwirtschaft. Die Knöterich-Ernte wird zu Biogas 72,77 Durch das Hauruckverfahren beimverarbeitet, welches wiederum der Öko- Atomausstieg hat sich die Bundesregie-stromerzeugung dient. Und Grundbesit- rung den Konzernen ausgeliefert. Der Um-zer Walderdorff hat schon das nächste stieg auf die erneuerbaren Energien sollProjekt im Blick: Windenergie. Hier sind 40,66 unbedingt ein Erfolg werden, doch keiner * bei einem Verbrauchdie Subventionen ebenfalls hoch. Kühl von 3500 kwh im Jahr weiß, wie. Stattdessen haben inzwischenhat er ausgerechnet, dass sich mit einem alle 16 Bundesländer eigene Vorstellungen 2000 2011 Quelle: BDEWeinzigen Windrad mehrere zehntausend entwickelt. Und so wird mancherorts der22 D E R S P I E G E L 1 5 / 2 0 1 2
    • DeutschlandAusbau von „Strom-Autobahnen“ be- ausgestattet werden, die den Bürgern beim nicht mehr lohne, fordern sie nun einenschlossen und andernorts der Aufbau „re- Energiesparen helfen, was für die Allge- Ausgleich für jene Zeiten, in denen ihregionaler Strukturen“. Derweil wächst bei meinheit weitere Kosten von insgesamt Anlagen stillstehen.der Stromversorgung die Gefahr eines bis zu 5,7 Milliarden Euro bedeutet. Besonders angespannt ist die Lage inBlackout. Die Bundesnetzagentur spricht Hemmungen, den Staat um Geld an- Bayern. Wenn 2015 mit Grafenrheinfelddavon, das System sei auf Kante genäht. zugehen, haben weder die Verbandsfunk- ein weiterer Atommeiler vom Netz geht, Wie erpressbar die Politik ist, zeigt sich tionäre noch die Industriebosse. Der Elek- drohen dem Freistaat, der einst 58 Pro-bei den aktuellen Verhandlungen über tronikkonzern Bosch hatte kürzlich zum zent seines Strombedarfs mit Kernkraftdie Frage, wie die geplanten Offshore- Kamingespräch ins Berliner Luxushotel deckte, massive Probleme. Die Staatsre-Windparks vor der Nordseeküste an das Adlon eingeladen. Es gab Rinderfilet und gierung setzt deshalb auf Gaskraftwerke,Stromnetz angeschlossen werden sollen. allerlei Getrüffeltes, ein angemessener die „auf Lastschwankungen kurzfristigZuständig ist der Netzbetreiber Tennet, Rahmen für einen Konzern, der mit 51 reagieren“ könnten. Doch die Energie-ein Konzern, der dem niederländischen Milliarden Euro Umsatz 2011 eines der wirtschaft will die mindestens fünf feh-Staat gehört. Doch das Unternehmen besten Geschäftsjahre seiner Firmenge- lenden Anlagen nur dann bauen, wennzeigt bislang kein Interesse, die Investi- schichte erlebt hat. sie zusätzliche Subventionen erhält undtionskosten von insgesamt 15 Milliarden Doch als die Firmenbosse dann ihre der Bund ein Beschleunigungsgesetz zumEuro aufzubringen, obwohl es mit einer Vorschläge für die Energiepolitik präsen- Kraftwerksbau verabschiedet.garantierten Verzinsung von rund neun tierten, traten sie plötzlich als arme Schlu- Der Berliner EnergiewissenschaftlerProzent rechnen darf. Die Niederländer cker auf. Bosch-Vizechef Siegfried Dais Georg Erdmann, Mitglied der von dersagen, sie seien knapp bei Kasse. Außer- verteilte ein Papier mit „Energiepoliti- Bundesregierung eingesetzten Monito-dem möchten sie ungern die Haftung schen Handlungsempfehlungen“, die stets ring-Gruppe für die Energiewende, sprichtübernehmen für den Fall, dass beim Netz- auf dieselbe Forderung hinausliefen: von einer „Subventionsmaschine“. Holgeranschluss etwas schiefgeht, etwa infolge mehr Staatsknete. Im Bosch-Papier liest Krawinkel, Energieexperte vom Bundes-einer technischen Panne. sich das dann so: „Erhöhung der finan- verband der Verbraucherzentralen sagt: Vor einigen Tagen verhandelten die ziellen Anreize für die Gebäudesanie- „Das Ganze ist eine typische Veranstal-Tennet-Manager deshalb mit den beiden rung“, „stärkere Förderung von Spei- tung zu Lasten Dritter.“für die Energiewende zuständi- Tatsächlich sind es die Bür-gen Bundesministern Philipp ger, die am Ende die RechnungRösler (Wirtschaft) und Nor- bezahlen müssen. Im Gegen-bert Röttgen (Umwelt) über satz zu den stromfressenden In-Sonderkonditionen. Die Bun- dustriebetrieben können sichdesregierung ist zu weitreichen- die Normalverbraucher nichtden Zugeständnissen bereit. von den hohen Preisen be-Das Haftungsrisiko soll, so der freien lassen. Die halbstaat-Plan, weitgehend der deutsche liche Deutsche Energie-Agen-Staat übernehmen. Zur Finan- tur rechnet damit, dass diezierung des Projekts soll außer- Stromkosten der Bürger in dendem die staatliche KfW Ban- nächsten Jahren aufgrund derkengruppe einspringen, ob in Energiewende um ein FünftelForm von Bürgschaften, Kre- steigen werden. Energieexper- THOMAS PETER / REUTERSditen oder einer Beteiligung, te Erdmann aus der Monito-ist noch offen. Niedersachsens ring-Gruppe geht davon aus,Ministerpräsident David McAl- dass der Zuschlag zur Förde-lister bringt eine „neue einheit- rung erneuerbarer Energienliche Netzgesellschaft unter der auf die Stromrechnung von der-aktiven Moderation des Bun- Minister Röttgen, Rösler: Weg vom Markt, hin zur Planwirtschaft zeit 3,59 Cent pro Kilowattstun-des“ ins Spiel (siehe Interview de auf über 6 Cent steigen wird.Seite 24). Tatsächlich erwägt das Wirt- chern“, „Bereitstellung weiterer Förder- Eine Durchschnittsfamilie würde dem-schaftsministerium einen Staatseinstieg mittel für technologische Innovationen“. nach mit fast 200 Euro zusätzlich im Jahrbeim Netzausbau: Es sei denkbar, dass Unterstützt wurde Top-Manager Dais von belastet – und das, nachdem bereits insich die KfW als Miteigentümer ins Spiel einem Lobbyisten des Öko-Instituts. Sel- den vergangenen Jahren die Energieprei-bringt. ten waren sich Großkapital und Müsli- se kontinuierlich nach oben geklettert Mit dem 15-Milliarden-Euro-Projekt Bewegung so einig wie an jenem Abend. sind. Allein 2011 wurde bis zu 800 000zur Verkabelung der Offshore-Windparks Selbst Experten fällt es schwer, den Haushalten der Strom abgestellt, weil sieist es nicht getan. Der Strom muss an- Überblick über die Fördersummen zu be- ihre Rechnung nicht beglichen hatten.schließend übers Land weitertransportiert halten. Zunächst werden die Hersteller Wenn die Bürger nicht mehr in derwerden. Und auch hier soll nach Vorstel- von Strom aus Sonne, Wind und Biomas- Lage sind, die durch Subventionen fürlung der Wirtschaft möglichst die Allge- se im laufenden Jahr mit etwa 18 Milliar- die Industrie verteuerten Strompreise zumeinheit für die Kosten aufkommen. den Euro alimentiert, obwohl der Markt- bezahlen, müssen demnächst wohl auch Der Bundesverband der Energie- und wert ihres Stroms keine 5 Milliarden Euro sie vom Staat unterstützt werden. E.on-Wasserwirtschaft rechnet mit jährlich einer beträgt. Als Nächstes rufen Netzbetreiber Chef Johannes Teyssen schlägt bereitsMilliarde Euro für den Bau neuer Höchst- wie Tennet nach dem Staat, die den vor, „Geringverdienern bei einer weite-spannungsleitungen. Zusätzliche 2,4 bis Strom transportieren müssen. Das wie- ren Verteuerung des Stroms mit staat-3,5 Milliarden Euro pro Jahr seien nötig, derum macht die Betreiber von Gaskraft- lichen Zuschüssen zu helfen“. Und soum das Verteilnetz, das den Strom zu den werken begehrlich. Sie müssen ihre Tur- schließt sich am Ende der Zirkel; die Ener-Bürgern bringt, zu „ertüchtigen“, wie es binen nun ständig hoch- und wieder run- giewende wird zum perfekten Subven-im Fachjargon heißt. Und schließlich müss- terfahren, denn Sonne und Wind liefern tionskreislauf.ten möglichst alle Haushalte mit neuen immer nur zeitweise Elektrizität. Weil ALEXANDER NEUBACHER, CONNY NEUMANN,Stromzählern und Informationssystemen sich dadurch der Betrieb ihrer Kraftwerke STEFFEN WINTER D E R S P I E G E L 1 5 / 2 0 1 2 23
    • Deutschland tun, um unsere industrielle Basis in Deutschland zu erhalten. Und dazu ge- AT O M AU S S T I E G hört auch die energieintensive Industrie. SPIEGEL: Der zuständige Umweltminister „Nörgeln ist keine Tugend“ Norbert Röttgen sieht das anders. Er will die schmutzigen Industrien durch saubere Produktionszweige auf der Basis von Son- nen- und Windstrom ersetzen. Niedersachsens Ministerpräsident David McAllister, 41, über die McAllister: Noch einmal: Deutschland ist Kosten der Energiewende, die Rolle des Staats beim ein Industrieland. Das sieht Norbert Rött- gen genauso. Dazu gehört Hightech, und Netzausbau und die Ängste der Bürger vor neuen Technologien dazu gehören ebenso Lärm und Rauch. Das betone ich als Ministerpräsident einesSPIEGEL: Herr Ministerpräsi- bleiben. Wir müssen auf- Bundeslands, das an so erfolgreichendent, haben Sie schon Ihren passen, dass die Energie- Unternehmen wie Volkswagen oder derStromanbieter gewechselt? preise in Deutschland Salzgitter AG beteiligt ist. Die Energie-McAllister: Privat bin ich nicht zu einer Deindustria- wende ist eben auch ein industriellesKunde bei der EWE AG in lisierung unseres Landes Großprojekt.Norddeutschland und ge- führen. Wir sind Industrie- SPIEGEL: Das Großprojekt kommt aberdenke es zu bleiben. land und wollen es blei- nicht voran. Bis heute ist unklar, wo der CHRISTIAN THIEL / DER SPIEGELSPIEGEL: Viele Bürger sind ben. Das garantiert uns Ar- Strom nach dem Ausstieg aus der Atom-da weniger festgelegt. Sie beitsplätze und gibt den kraft für die deutsche Industrie produziertsehen, wie die Energie- Menschen Sicherheit. und wie er weitergeleitet werden soll.wende die Strompreise in SPIEGEL: Die Deindustriali- McAllister: Nun aber mal langsam. Diedie Höhe treibt, und su- sierung gibt es bereits. Bundeskanzlerin hat die Energiewendechen nach Alternativen. Müssen wir uns damit ab- zu Recht als die größte wirtschaftliche,Können Sie das verstehen? CDU-Politiker McAllister finden, dass energieinten- politische und gesellschaftliche Heraus-McAllister: Strompreise ha- „Krach gehört dazu“ sive Industrien hierzulan- forderung seit der Wiedervereinigung be-ben für die Menschen eine de keine Zukunft haben? zeichnet. Es geht um eine Aufgabe, diebesondere Bedeutung. Das ist mir be- McAllister: Nein, auf keinen Fall. Wir ar- bis ins Jahr 2050 reicht. Diese Aufgabewusst. Und natürlich hat jeder Bürger das beiten auf allen Ebenen sehr intensiv und ist so gewaltig, dass sie nicht im Hand-Recht, seinen Strom dort einzukaufen, erfolgreich daran, dass energieintensive umdrehen erledigt werden kann. Nachwo er ihn am günstigsten bekommt. Des- Unternehmen in Deutschland bleiben. nur knapp einem Jahr haben wir schonhalb ist es gut, dass es einen Wettbewerb Wir sollten froh und dankbar sein, dass sehr wichtige Schritte gemacht. Wir brau-gibt. Die Energiewende entspricht dem Deutschland eine so starke Industrie hat. chen aber noch mehr Mut, Kreativität –Willen der Menschen in Deutschland. Sie Sehen Sie sich Großbritannien an. Dort und auch mehr Dynamik. Nörgeln undberuhte auf einem parteiübergreifenden hat man dem Niedergang der Industrie Dagegensein sind gerade jetzt keine gu-Konsens. Jetzt müssen wir sie gemeinsam über Jahrzehnte tatenlos zugesehen. Heu- ten Tugenden.zum Erfolg führen. Dass das nicht zum te will die Londoner Regierung die ver- SPIEGEL: Was muss geschehen, damit dieNulltarif geht, war allen Beteiligten von lorengegangenen Produktionszweige zu- Energiewende endlich vorankommt?vornherein klar. rückholen und muss feststellen, wie McAllister: Bund und Länder haben PläneSPIEGEL: Die Kosten drohen aber jedes schwer das ist. Wir müssen deshalb alles vorgelegt, wie die erneuerbaren Energienvernünftige Maß zu sprengen. Ende ver-gangenen Jahres haben die steigendenEnergiepreise das Lohnplus der Arbeit-nehmer komplett aufgezehrt. Macht dieEnergiewende die Deutschen ärmer?McAllister: Der Umbau unserer Strom-erzeugung auf erneuerbare Energien magkurzfristig zu Mehrkosten führen. Lang-fristig wird er uns aber große Vorteilebringen. Im Ausbau etwa der Windener-gie stecken gerade für die norddeutschenLänder große Chancen. Außerdem wer-den wir unabhängiger von teuren Energie-importen.SPIEGEL: Da machen die Bürger ganz an-dere Erfahrungen. Die Kosten steigen undsteigen, was vor allem Geringverdienerund Hartz-IV-Empfänger belastet. Brau-chen wir einen Sozialtarif für Strom, wie HANS-GÜNTHER OED / VARIO IMAGESihn E.on-Chef Johannes Teyssen fordert?McAllister: Was früher die Brotpreise wa-ren, sind heute die Energiepreise. Des-halb brauchen wir mehr Wettbewerb.Und ich sehe ein weiteres Problem: DieKosten für die energieintensive Wirt-schaft wie Stahl, Aluminium, Zink, Pa-pier oder Chemie müssen kalkulierbar Bau eines Hochspannungsmastes: „Wir planen mit Hochdruck neue Trassen“24 D E R S P I E G E L 1 5 / 2 0 1 2
    • Deutschlandweiterentwickelt und die Stromnetze ent- anbindungen gesucht werden. Im Mittel-sprechend ausgebaut werden sollen. Zu- punkt solcher Überlegungen stehen frei-gleich wird die Bundesregierung jährlich willige Lösungen auch für die Errichtunggenauestens überprüfen, ob die verein- einer neuen einheitlichen Netzgesellschaftbarten Ziele erreicht worden sind. An- unter der aktiven Moderation des Bundes.fang Juni wollen sich die Ministerpräsi- SPIEGEL: Sie streiten sich mit Tennet nichtdenten mit der Kanzlerin treffen, um eine nur beim Anschluss der Offshore-Wind-erste Bilanz zu ziehen. Dann werden die parks, sondern auch beim Ausbau derweiteren Weichen gestellt. Stromtrassen. Wo liegt das Problem?SPIEGEL: Die Pläne passen doch hinten McAllister: Es gibt drei große Nord-Süd-und vorn nicht zusammen. Bayern und Verbindungen, die alle durch Niedersach-Baden-Württemberg wollen neue Wind- sen gehen. Zwei der Raumordnungsver-parks vor allem im Süden errichten. Sie fahren sind abgeschlossen. Dennoch hatsetzen auf Anlagen in der Nordsee. Wie Tennet bislang nicht die erforderlichenwollen Sie den Streit lösen? Anträge auf Durchführung eines Planfest-McAllister: Es macht mehr Sinn, Wind- stellungsverfahrens vorgelegt.räder dort aufzustellen, wo der Wind kräf- SPIEGEL: Warum nicht?tig weht. Deshalb sind die Küstenlagen McAllister: Unsere Planungen sehen einigeund das offene Meer besser geeignet als Streckenabschnitte vor, in denen dieenge Täler im Schwarzwald. Die Off- Stromkabel unter der Erde verlaufen sol- Spitzen-Piraten Paul (r.)*, Weisband: Keine Polit-shore-Windenergie ist eine Schlüsseltech- len. Es entspricht der Gesetzeslage, dassnologie für die Energiewende. Ohne sie Leitungen, die in weniger als 400 Meterwird das Projekt nicht gelingen. Dies wird Entfernung zu Siedlungen verlaufen, un- PA R T E I E Nkeiner ernsthaft bestreiten. terirdisch verlegt werden müssen. Das istSPIEGEL: Das Problem besteht aber darin,dass der Strom dann über viele hundertKilometer von Nord nach Süd transpor- im Interesse der Menschen auch gut so. Mit dieser Vorgabe hat Tennet Probleme. SPIEGEL: Es gibt viele in der Union, die Ih- Das Ende dertiert werden muss. Derzeit hapert esschon beim Anschluss der Offshore-Wind-parks an das Stromnetz an Land. nen eine Politik nach dem Sankt-Flori- ans-Prinzip vorwerfen. Niedersachsen will mit seinen Offshore-Windparks von Amateure der Energiewende profitieren, aber sei- Der Erfolg der Piraten beruht nen Bürgern keine Lasten zumuten.„Der Umbau unserer McAllister: Das ist falsch. Wir planen mit auch auf ihrem fröhlichen Dilettantismus. Mit ihrer wachsen-Stromerzeugung wird Hochdruck die neuen Trassen. Aber die Proteste der Betroffenen sind doch nach- den Bedeutung stößt dasuns langfristig vollziehbar. Der Netzausbau beeinträchtigt Konzept an seine Grenzen.große Vorteile bringen.“ das Landschaftsbild. Und er könnte dazu E führen, dass der Wert der betroffenen in Abgeordneter der Piratenpartei Grundstücke sinkt. In Niedersachsen hat und ein SPD-Ministerpräsident sit-McAllister: Die fünf norddeutschen Minis- es gegen die Trasse von Wahle nach Meck- zen in einer Talkshow. Es geht umterpräsidenten haben kürzlich in Berlin lar 16 000 Einwendungen von Bürgern ge- die Frage, wofür die Piraten eigentlichmit dem zuständigen Netzbetreiber Ten- geben. Das nehme ich sehr ernst. stehen. Man diskutiert über die Schlecker-net über das Problem gesprochen. Das SPIEGEL: Nach dieser Melodie hat sich Nie- Pleite, die Euro-Rettung, aber es kommtUnternehmen hat verschiedene Zusagen dersachsen auch der CCS-Technologie nicht viel rum dabei. „Bei solchen The-gemacht, sich aber außerstande gesehen, verweigert, bei der CO2 unterirdisch ge- men, wo wir dann tatsächlich auch nichtdie notwendigen Investitionen von etwa speichert wird, um Kohlekraftwerke kli- so viel Ahnung haben, sagen wir: Da spa-15 Milliarden Euro zu finanzieren. maneutral betreiben zu können. Wie soll ren wir uns jetzt erst mal den Kommen-SPIEGEL: Tennet ist doch gesetzlich zum das gehen, wenn alle sagen: Energiewen- tar“, sagt der Pirat. „Wenn das Leben soAnschluss verpflichtet. de ja, aber nicht bei mir? primitiv wäre wie Ihre Argumentation,McAllister: Das stimmt. Aber wenn der McAllister: Von der CCS-Technologie bin dann will ich hier nicht mehr leben“, sagtNetzbetreiber das Geld nicht hat und sein ich nicht überzeugt. Sie ist unausgereift der Ministerpräsident.Eigentümer, der niederländische Staat, und verursacht Riesenängste bei den Men- So wie das Treffen zwischen dem Ber-die erforderlichen Summen ebenfalls schen. Dafür habe ich Verständnis. liner Piraten Christopher Lauer und demnicht aufbringen will, dann muss man SPIEGEL: Es gibt keinerlei wissenschaft- rheinland-pfälzischen Regierungschefüber andere Wege nachdenken. lichen Nachweis, dass CCS gefährlich ist. Kurt Beck in einer ZDF-Talkshow EndeSPIEGEL: Das klingt nach Krediten von der McAllister: Dann sollen andere Bundeslän- März sehen zurzeit viele Begegnungendeutschen Staatsbank KfW. der doch mit der Erprobung voranschrei- zwischen der Piratenpartei und der eta-McAllister: Das wird nicht reichen. Denn ten. Wir in Niedersachsen haben mit den blierten Politik aus. Meistens offenbarenTennet fehlt es nicht an Kreditmitteln, son- Problemen im Zusammenhang mit der die Piraten dabei freimütig ihre Ahnungs-dern an Eigenkapital. Die KfW könnte Endlagerung des Atommülls – mit Gorle- losigkeit, und allmählich müssen sie fest-sich aber zumindest für eine Übergangs- ben, der Asse und dem Schacht Konrad – stellen, dass sie mit ihrem fröhlichen Di-zeit mit geeigneten Beteiligungen engagie- und dem Ausbau der Trassen schon ge- lettantismus an Grenzen stoßen.ren – und zwar als Miteigentümer, nicht nug zu tragen. Wo ist der Beitrag der an- Bislang sind sie mit ihrer demonstrati-als Darlehensgeber. Das Bundeswirt- deren? Das Land Brandenburg zum Bei- ven Unprofessionalität weit gekommen.schaftsministerium sollte gemeinsam mit spiel, das bei der Energieerzeugung auf Nach dem Berliner Abgeordnetenhausdem Bundesumweltministerium diese Fra- Braunkohle setzt und CCS befürwortet, zogen sie auch in Saarbrücken ins Par-ge einmal klären. Mittel- und längerfristig war nicht bereit, in dieser Frage eine Vor- lament ein, im Mai dürften die Landtagemuss aber nach strukturellen Änderungen reiterrolle zu übernehmen.für die Finanzierung der Offshore-Netz- INTERVIEW: PETER MÜLLER, MICHAEL SAUGA * Mit Wahlkampfmanager Lukas Lamla.26 D E R S P I E G E L 1 5 / 2 0 1 2
    • ANKE FLEIG / SVEN SIMON / PICTURE ALLIANCE / DPA (L.); HANS CHRISTIAN PLAMBECK / LAIF (R.) lung übers Netz war kaum zu bewältigen.“ Im Februar gab er den Landesvorsitz auf. Der Anspruch, als Politiker bloß Voll- strecker des Basiswillens zu sein und stän- dig mit allen in Kontakt zu stehen, ist das Besondere an den Piraten. Aber nebenbei ist er kaum noch zu erfüllen. Das merkte auch Marina Weisband, 24, die kürzlich ihren Rückzug als Politische Geschäftsfüh- rerin verkündete – sie ertrug die Doppel- belastung zwischen Parteiamt und Di- plomarbeit nicht länger und litt auch unter dem rauen Ton, der die Oberpiraten oft trifft. Jüngstes Beispiel sind die Hasswel- len gegen Parteichef Sebastian Nerz, der im Netz als „pöbelnder Fuzzi“ und „zwei- ter Helmut Kohl“ verspottet wird. Als Nerz sich gegen das „Mobbing“ der Pira- ten wehrte, erlebte die Partei prompt ei-Karrieristen, keine Hinterzimmerpolitik, kein Personenkult nen neuen Führungsstreit. „Wir haben noch keine Lösung für diese von Schleswig-Holstein und Nordrhein- Altersdurchschnitt der Piraten von 31 auf Probleme“, sagt der frühere Berliner Lan- Westfalen folgen. In einer bundesweiten 36 Jahre angestiegen. Viele ältere Mitglie- deschef Anger. Es werde wohl auf eine Umfrage erreichten die Piraten diese Wo- der wie Paul teilen nicht die Euphorie jun- weitere Professionalisierung der Piraten che ihr Rekordhoch von zwölf Prozent. ger Piraten, die mit der Netzdemokratie hinauslaufen müssen, mit zwiespältigen Zeitgleich mit den Umfragewerten ist alle Probleme der Politik lösen wollen. Folgen. „Ich sehe jetzt schon die Gefahr, auch die Mitgliederzahl der Partei nach „Wir werden nicht in allem immer so- dass sich auch bei uns wieder der ähnliche oben geschossen. Seit der Berlin-Wahl im fort die Basis befragen können“, sagt Paul. Typ durchsetzt wie in anderen Parteien.“ vergangenen September hat sie sich ver- „Eine Fraktion braucht auch eine gewisse Womöglich Leute wie Jens Seipen- doppelt, von 12 000 auf über 24 000. In- Autonomie.“ Für den Wahlkampf hat busch, 43. „Ich habe schon immer macht- zwischen haben die Piraten eine Größe Paul bei seinem Arbeitgeber sofort Son- politisch gedacht“, sagt er. Das Merkwür- und eine Bedeutung erreicht, die einige derurlaub beantragt. Er weiß, dass Politik dige sei, dass bei den Piraten nur wenige ihrer Grundsätze in Frage stellen. vor allem Zeit kostet und dass die Piraten, so dächten. „Taktik und Strategie sind Das Erfolgsrezept der Piraten ist ihr wenn sie langfristig ernst genommen wer- doch ein wesentlicher Teil von Politik.“ Anderssein. Sie wollen keine Hinterzim- den wollen, nicht wirken dürfen wie ein Zwischen 2007 und 2011 war der Infor- merpolitik, keinen Personenkult und kei- Haufen planloser Hobbypolitiker. matiker Seipenbusch zweimal Vorsitzen- ne Polit-Karrieristen. Ihr Mantra heißt „Professionalisierung heißt auch: Ich der der Piraten, seither ist er einfaches Transparenz, ihr politischer Held ist der muss mich sorgenfrei um die Belange der Parteimitglied. „Früher war bei uns die Amateur. Parteiämter sollen nicht bezahlt Bürger kümmern können“, sagt Paul. Er ungeschriebene Regel: Der Chef führt die werden, die Macht soll beim Schwarm ist dafür, dass man mit guter Politik auch Partei. Keiner wollte den Vorstand schwä- bleiben. All das birgt ein Versprechen auf gutes Geld verdient. Ein Führungsamt in chen. Basisdemokratie war nicht wichtig.“ eine bessere Politik, auf Bürgernähe und der Piratenpartei nur ehrenamtlich auszu- Es klingt, als habe Seipenbusch dieses selbstlose Volksvertreter. Aber je größer üben gehe gar nicht. „Wenn Piraten als Konzept ganz gut gefallen. sie werden, desto stärker geraten die Pi- Abgeordnete im Parlament sitzen und Diä- Vor einigen Wochen meldete er sich in raten in den Widerspruch zwischen dem ten bekommen, kann es nicht sein, dass der Partei zurück. Mit 41 anderen Piraten Charme des Laienhaften und der Kom- der Parteivorstand unbezahlt bleibt. Dann gründete Seipenbusch die „Gruppe 42“, plexität des politischen Betriebs. Die Fra- gibt es keine Balance mehr“, sagt Paul. ohne das vorher mit der Basis oder dem ge ist, ob der Amateur in der Politik auf Ihr Erfolg bringt die Piraten in ein Di- Vorstand abzustimmen. Es gab Schlagzei- Dauer erfolgreich sein kann. lemma. Die große Mehrheit der Basis will len, das war das Ziel der Gruppe. Sie for- „Wir müssen unsere Kompetenz bewei- die Aufwandsentschädigung für ihre Füh- dert mehr Engagement bei Netzthemen, sen. Es schadet uns, wenn wir ahnungslos rungsleute auf ein paar hundert Euro be- Urheberrecht und Datenschutz. „Die Par- rüberkommen“, sagt Joachim Paul, 54. grenzen, wenn überhaupt – zu groß ist die tei vernachlässigt ihre Kernbereiche“, Der Biophysiker ist Spitzenkandidat der Sorge, andernfalls auch Karrieristen anzu- sagt Seipenbusch, aber es geht ihm nicht Piraten in Nordrhein-Westfalen und Ver- ziehen, wie es sie bei den etablierten Par- nur um Inhalte. Er will auch an die Macht. fechter des Vollprogramms. „Die Piraten teien gibt. Doch mit der wachsenden öf- Wie ein klassischer Politiker hat Seipen- müssen sich zu allen Themen positionie- fentlichen Aufmerksamkeit ist der Piraten- busch sich ein Thema gesucht und einen ren, auch in der Wirtschafts- und Außen- job ehrenamtlich kaum noch zu stemmen. Aufschlag in den Medien gemacht, um sich politik, und zwar bald. Wir wollen schließ- Gerhard Anger konnte irgendwann für einen Posten zu profilieren. Er möchte lich zur Bundestagswahl antreten, und die nicht mehr. Als er im Frühjahr 2011 den 2014 für die Wahl zum Europaparlament kann ja schneller kommen als 2013.“ Landesvorsitz der Berliner Piraten über- kandidieren und endlich Politik machen Paul ist kein Pirat der ersten Stunde; nahm, ging es recht gemütlich los. Aber in einem bezahlten Amt; die Gruppe 42 wie viele neuere Parteimitglieder gehört nach dem Wahlsieg erlebte Anger, 36, die ist sein Vehikel dorthin. Ein oberer Listen- er nicht zu den Digital Natives, er ist nicht ganz große Überforderung. platz scheint ihm sicher. Es werde nicht mit dem Internet groß geworden. Beim „Plötzlich verhundertfachte sich die leicht, eine Konkurrenz zu ihm aufzubau- Treffen in einem Café in Neuss liegt sein Zahl der Anfragen, von Wählern, Journa- en, sagt Seipenbusch. Amateure hätten die Handy auf dem Tisch, es ist ein zehn Jahre listen, Bürgerinitiativen“, erzählt Anger, Piraten schon genug. Jetzt seien Leute altes Gerät von Samsung mit Antenne und der als Geschäftsführer einer Berliner Soft- dran, die etwas vom politischen Geschäft briefmarkengroßem Bildschirm. Seit der ware-Firma arbeitet. „Das Ausmaß an Er- verstünden. Er sei da ganz entspannt. Berlin-Wahl vor gut sechs Monaten ist der wartungen und an direkter Rückkoppe- MERLIND THEILE D E R S P I E G E L 1 5 / 2 0 1 2 27
    • Deutschland KARRI EREN Dr. Griechenland Das Image des FDP-Europaabgeordneten Jorgo Chatzimarkakis ist ähnlich ramponiert wiedas Image Griechenlands. Nach dem Verlust seines Doktortitels versucht er sich als Vermittler zwischen den Kulturen – und hofft auf einen Neuanfang. Von Markus Feldenkirchen NIKOS CHRISIKAKIS / DER SPIEGELEuropaabgeordneter Chatzimarkakis auf Kreta: „Jetzt ist Schluss, künftig keine Hudeleien mehr“K urz nach der Landung, auf der Süden ringt, reist das Klischee vom trick- glied der Euro-Gruppe, teilen gerade ein Straße von Heraklion nach Agios senden Griechen irgendwie mit. ähnliches Schicksal. Als das Land im vo- Nikolaos, kommt gleich so ein Es ist das letzte Wochenende vor rigen Jahr tief in die Krise rutschte, wurdeGriechenland-Moment. Jorgo Chatzimar- Ostern, als sich Jorgo Chatzimarkakis, 45, Chatzimarkakis der Doktortitel aber-kakis sitzt am Steuer seines Lancia-Miet- Abgeordneter für das Saarland und Sohn kannt. Griechenland hatte bei seinen Bi-wagens und heizt wie ein Irrer die Straße eines Kreters, mit ausgelutschter Kupp- lanzen gemogelt, um sich mit dem Eurohinunter, links die Ägäis, rechts die Berge lung und einem Affenzahn seiner zweiten zu schmücken, er hatte bei seiner Disser-Kretas. Hier sind seine Wurzeln, die Ge- Heimat nähert. Gleich will er den 79. Ge- tation geschlampt, um sich mit einem Ti-danken schweifen zur Familie, die ihn burtstag seines Vaters feiern, am nächsten tel zu schmücken.schon erwartet. Tag dann Ortstermine, Gespräche. Er wol- Nach der Doktorgeschichte sei er im Plötzlich schlägt seine flache Hand auf le als Mittler zwischen den Kulturen wir- Grunde politisch erledigt gewesen, sagtdas Lenkrad. „Betrüger!“ ruft er. „Scheiß ken, sagt Chatzimarkakis am Steuer des er. Chatzimarkakis, im Internet unterBetrüger!“ Er schüttelt den Kopf. „Die Lancia. Gerade jetzt, in der Krise, gebe www.chatzi.de, hat nicht nur seine aka-haben mir gesagt: Ich krieg ’n Upgrade, es viele Missverständnisse zwischen Deut- demische Würde verloren; hinzu kommt,der Wagen sei neu. Aber schauen Sie schen und Griechen. Da wolle er helfen. dass er Mitglied der FDP ist, schlimmerhier.“ Er tritt theatralisch auf die Kupp- Dass diese Mission auch ihm selbst helfen noch: der Saar-FDP. Übler kann es einenlung: „Vollkommen ausgelutscht.“ könnte, erwähnt er erst mal nicht. Politiker derzeit nicht erwischen. Und ei- In diesen Tagen, da Europa mit seiner Chatzimarkakis, Mitglied des Europäi- nen Rettungsschirm hatte bislang auchWährung und dem schwarzen Schaf im schen Parlaments, und Griechenland, Mit- niemand für ihn aufgespannt.28 D E R S P I E G E L 1 5 / 2 0 1 2
    • Was jetzt gut käme, wäre ein Neustart. Sorgerecht zugesprochen, konnte es aber über dem Tisch, ob Griechenland deut-Er müsse den Reset-Knopf drücken, sagt nicht ausfüllen, zu groß waren ihre Pro- scher werden müsse.Chatzimarkakis. Es klingt wunderbar, bleme mit sich selbst. So musste sich der Das Problem mit Deutschland und deraber kann es auch funktionieren? Einfach älteste Sohn um seine Geschwister küm- EU sei, dass dort Regeln aufgestellt wür-zurück auf null? Oder kann man seinem mern. In den Ferien fuhren die Kinder den, die in ganz Europa gelten sollten,Naturell am Ende nicht entfliehen? mit dem Vater nach Kreta, vier Sommer sagt Andreas, der Bruder. Das funktio- „Ich schaue jetzt am liebsten nach lang, dann eröffnete Nikolaos Chatzimar- niere aber nicht. „Wir Mittelmeerleute le-vorn“, sagt Chatzimarkakis, die Hand am kakis ihnen, dass er nicht zurück nach ben nun mal anders. Wir haben Sonne,Steuer, den Blick in die kretische Däm- Deutschland gehen werde. Und dass zwei wir machen Siesta.“ Vielleicht liege damerung. Es bleibt offen, worauf der Satz seiner Söhne, Christo und Andreas, bei das Missverständnis.sich bezieht: auf den Verkehr, sein Land ihm bleiben würden. Er fühlte sich von Und vermutlich wird es verständlicher-oder ihn selbst. seiner Ex-Frau und der deutschen Justiz weise immer ein Problem für die Grie- Der Mietwagen hält vor einer Taverne um seine Kinder betrogen. Jetzt nahm er chen bleiben, sich von Deutschen sagenam Stadtrand von Agios Nikolaos. Drin- sich, was ihm aus seiner Sicht zustand. zu lassen, wo es langgeht. Für sie wird esnen eine innigen Umarmung stets ein wenig wie „Eier“ klin-mit Vater Nikolaos und Bruder gen. Verdenken kann man esAndreas. Auf dem Tisch ein ihnen nicht.Fläschchen Raki, alle fünf Mi- Mit seinem Hintergrund istnuten wird eine neue kretische Jorgo Chatzimarkakis eigent-Delikatesse gebracht, Bauch- lich der ideale Politiker für diespeck, Tintenfisch, Saganaki, Euro-Krise. Er kennt sich bes-am Ende werden es elf ver- tens aus in jenen Kulturen, dieschiedene sein. derzeit Europas Extreme bil- Bald herrscht angenehme Ta- den. Es gebe tatsächlich zu vie- MARO KOURI / POLARIS / STUDIO Xvernenlaune, lautes Plaudern, le Missverständnisse zwischenRaki, Wein, Gelächter, die Kri- Deutschen und Griechen, sagtse muss vorerst draußen blei- er. Und kaum einer kenne sieben. Sein erstes deutsches Wort so gut wie er.sei „Eier“ gewesen, berichtet Am nächsten Tag der erstePapa Chatzimarkakis, ein Praxistest. In einem verrauch-freundlicher Mann mit grau- ten Raum der Arbeiterwohl-schwarzem Haar. Damals, 1943, fahrt von Agios Nikolaos sitzensei ein Mann mit Mofa und der Gewerkschaftsfunktionäre mitUniform der Wehrmacht auf verschränkten Armen vor derden Dorfplatz von Episkopi ge- Brust und lassen sich für dierollt, habe „Eier“ gebrüllt und Krise schulen. Ein Beamerauf die Hühner gezeigt. Weil wirft eine Frage an die Wand:im Dorf niemand Deutsch „Wie begegnen wir der Verar-konnte, habe man dem Mann mung?“ Auf einem abgewetz-flugs ein Huhn geschlachtet. ten Stuhl steht eine gerahmteSohn Jorgo blickt seinen Vater Jesus-Ikone. NIKOS CHRISIKAKIS / DER SPIEGELandächtig an, als höre er die Sofort prasseln Fragen aufGeschichte zum ersten Mal. Chatzimarkakis ein. „Was ha- Der Osten Kretas wurde im ben die Deutschen mit unsZweiten Weltkrieg zunächst vor?“, will ein braungebranntervon den Italienern und später Glatzkopf wissen. Ein anderervon Deutschen besetzt. „Die sagt, ständig würden die LöhneItaliener waren furchtbar. Hal- gekürzt, während im Super-lodris. Geklaut haben sie“, er- Demonstranten in Athen, Mediator Chatzimarkakis in Agios Nikolaos markt die Preise stiegen. „Vorzählt der Vater. Als Besetzter Die Vergangenheit hatte sich schlafen gelegt, nun erwacht sie allem bei Lidl, dem deutschenhabe man gar nicht gewusst, Lidl. Das ist doch kein Zufall!“wie man sich verhalten sollte. Auf die Mit 15 Jahren musste Jorgo Chatzimar- „Warum wollen die Deutschen uns aus-Deutschen hingegen sei Verlass gewesen. kakis sich zum ersten Mal entscheiden, plündern?“, fragt der Mann im weißen„Sie hatten klare Regeln. Wenn man sich zu welcher Kultur er gehören wollte. Soll- Hemd. Im Raum steht der Verdacht, eswidersetzte, konnten sie grausam sein. te er bei den Brüdern auf Kreta bleiben? gebe eine germanische Verschwörung ge-Wenn man sich an sie hielt, ging es einem Sein Herz sei schon damals für Griechen- gen die Griechen.gut.“ Er lächelt. „Im Grunde wie heute.“ land gewesen, sagt er, aber der Verstand Lange war es friedlich zwischen beiden 17 Jahre später standen wieder Deut- habe ihn nach Deutschland geschickt. Völkern. Der Grieche schätzte den Deut-sche in Episkopi, diesmal mit Metermaß Zwischen zwei Schnäpsen lässt sein schen als zuverlässigen Urlauber. Derund Mundspiegel, auf der Suche nach kräf- Bruder Andreas den Blick durch die Ta- Deutsche genoss drei Wochen Leichtig-tigen Arbeitern für die Hochöfen des verne wandern, nur zwei Tische sind be- keit und die Auszeit von sich selbst.Ruhrgebiets. 1960 traf Nikolaos Chatzi- setzt. „Es wird immer leerer hier.“ Früher Nun erscheinen deutsche Magazine mitmarkakis als einer der ersten griechischen hätten die Leute an einem Samstagabend einer Stinkefinger zeigenden Venus vonGastarbeiter in Duisburg ein. Er heiratete sogar vor der Tür gestanden. Die Krise Milo auf dem Titel. Griechische Zeitun-eine Deutsche und zeugte vier Kinder. mache vieles kaputt. Den Alltag. Die Le- gen präsentieren Angela Merkel im Nazi-Dem ersten, 1966 geboren, gab er den Na- bensfreude. Das Griechische. Outfit. Die Vergangenheit hatte sich schla-men seines Vaters, Georgios, kurz: Jorgo. Zu später Stunde, nach vielen Raki und fen gelegt. Nun erwacht sie wieder. Als seine Eltern sich scheiden ließen, noch mehr griechischem Wein, dem Blut Chatzimarkakis ist jetzt in seinem Ele-war Jorgo zehn. Die Mutter bekam das der Erde, schwebt dann wieder die Frage ment, er wird zum Mediator und erklärt D E R S P I E G E L 1 5 / 2 0 1 2 29
    • Deutschlandden Funktionären, dass niemand den ernst, leise, besonnen – zum ersten Mal ne Unterstützung rangen. „Ja, es gab ’neGriechen etwas Böses wolle, auch nicht an diesem Wochenende. Phase, da war ich sehr beliebt in derdie Deutschen. An den hohen Preisen bei „Ich habe lange genug etwas falsch ge- FDP.“ Er habe sich damals keinem derLidl etwa seien griechische Zwischen- macht. Das mit der Doktorarbeit, das war beiden angeschlossen. „Ich fand das …händler schuld, die sich, gedeckt von der gewiss kein Zufall. Aber jetzt ist Schluss. ja, wie soll ich sagen … Ich fand das un-korrupten Politik des Landes, auf Kosten Künftig keine Hudeleien mehr.“ Er presst seriös. Da fehlte mir die Gravitas.“ Erder Bürger bereicherten. die Handflächen vor der Brust aneinan- macht eine kurze Pause. „Das klingt jetzt Die Jammerei bringe nichts. Wenn der, als ringe er sich selbst ein Verspre- vielleicht ein bisschen komisch, wenn ichman wieder auf die Beine kommen wolle, chen ab. Das sei ja das Gute: dass man das sage. Aber es war so.“müsse man sich selbst hinterfragen, sagt etwas ändern könne. Damals flüchtete Chatzimarkakis insChatzimarkakis. Seine Arme fliegen „Ich sag mal: Priming“, sagt Chatzi- Saarland und baute sich eine neue politi-durch die Luft, er wirkt sehr überzeugend, markakis. „Sie kennen Priming?“ Ge- sche Existenz auf. Nun könnte es wiederaufgepumpt mit Leidenschaft. Man müsse meint ist die Kunst, alte Assoziationen, Zeit für einen Wechsel sein, für eine wei-fragen: Was haben wir falsch gemacht? die im öffentlichen Bewusstsein an einer tere Flucht. Mit seiner Saar-FDP wird er jedenfalls nicht mehr weit kommen. Er habe sich vor einiger Zeit eine Fa- miliengruft in Episkopi zugelegt, dem Dorf seines Vaters, erzählt Chatzimarka- kis. „Wenn ich schon nicht in Griechen- land geboren wurde, will ich wenigstens hier begraben werden. Meine Seele ist hier.“ Zwei Grabhälften habe er gekauft, 400 Euro das Stück. Mit Blick aufs Meer. Aber das hat noch Zeit. In einem Athe- ner Restaurant wird jetzt erst mal das neue Griechenland geplant. Um den Tisch sitzen drei feine ältere Griechen und Jorgo Chatzimarkakis. Sie wollen eine Bewegung ins Rollen bringen, eine neue Partei soll entstehen. Ein angesehe- ner Professor, der Romane schreibt, ist dabei, ein ehemaliger General, ein Ver- waltungsexperte, sympathisch, besonnen, THOMAS WIECK seriös. Von der Rückbesinnung auf alte griechische Werte ist die Rede, von der Athenischen Demokratie, für einen Mo- ment scheint alles möglich. Das Wort Pa-FDP-Politiker Chatzimarkakis: „Wir haben wohl beide ein Stigma“ radigmenwechsel fällt oft. Es klingt schlüssig, dass die GriechenWas müssen wir ändern? Wie wollen wir Person oder einem Land kleben, durch am Tisch ihren Wandel lieber selbst inkünftig wahrgenommen werden? „Unse- neue, positive zu ersetzen. Er habe sich die Hand nehmen wollen. Das Wort Pa-re Probleme sind hausgemacht. Wir müs- mit Experten darüber ausgetauscht, mit radigma stammt schließlich von ihnen.sen selbst handeln, es liegt an uns!“ Er Medienberatern, Professoren, Sozialpsy- Ein Manifest ist geschrieben, Promi-sagt „wir“ und „uns“, es klingt, als rede chologen. Er glaubt, einen Weg gefunden nente haben ihre Unterstützung zugesagt.er auch von sich selbst. zu haben, für sich, für Griechenland. Kei- Es soll etwas Solides entstehen, bloß kein Am Ende eines langen Kreta-Tags, ne Hudeleien mehr. Keine Tricks. Ein Schnellschuss. Keine Hudelei. In die Öf-beim Aegean-Airlines-Flug 327 nach Neustart. fentlichkeit wollen sie erst im Mai treten –Athen, ergibt sich endlich die Gelegen- Neulich schlug Chatzimarkakis vor, nach den Parlamentswahlen.heit, über seine eigene Krise zu reden. Griechenland in „Hellas“ umzubenennen, Chatzimarkakis verabschiedet sich, er „Halt die Fresse, du Penner“, ruft Chat- als Zeichen der Rückbesinnung auf hehre muss los zum Flughafen, zurück nachzimarkakis. Er ballt die Faust. „Fresse antike Werte. Bald wird ein Buch erschei- Brüssel. Er sagt noch, dass in den nächs-halten!“ Gemeint sind die Ansagen aus nen, in dem er Wege aus der Krise auf- ten Wochen harte Arbeit vor ihnen liege.dem Bordlautsprecher. Die Begriffe zeigen will. Mit kretischen Freunden hat Die Herren nicken.„Arsch“, „Penner“ und „Scheiße“ sind er zudem eine Website namens „reset- Wieder schwankt Jorgo Chatzimarka-zentral in seinem Wortschatz. Wenn Chat- greece“ entworfen. Er will Griechenland kis zwischen den Kulturen, wie damals,zimarkakis über Leute spricht, die, wie zurücksetzen, zurück auf Los. als 15-Jähriger. Gut möglich, dass er dem-er, gern reden, sagt er: „Scheiße, da hast „Nehmen Sie die Airline hier. Schöne nächst wieder eine Entscheidung fällendu ’ne Stunde ein Kotelett am Ohr.“ Ledersitze.“ Er klopft auf die Kopflehne. muss. Und dass ausgerechnet das kranke „Natürlich war die Doktorarbeit gehu- „Durchaus ansehnliche Stewardessen.“ Er Griechenland ihm helfen wird.delt“, sagt er, als die Lautsprecher schwei- zwinkert einer sehr blonden Frau zu, die Zum Schluss, im Flugzeug, noch diegen. Zwar fühle er sich von der Universi- gerade am Sitz vorbeiläuft. „Na bitte, es Frage, wer wohl die besseren Chancentät Bonn unfair behandelt, zugleich er- geht doch.“ Vielleicht lassen Naturelle habe, auf den Reset-Knopf zu drücken:kenne er seinen eigenen Anteil. „Ich habe sich nicht durch Beschluss ändern. er oder Griechenland?zu sehr gehudelt.“ Am nächsten Tag läuft Chatzimarkakis „Puuhhh“ sagt Chatzimarkakis. Er Dass so der Eindruck „Typisch Grie- über die Straßen Athens, er ist auf dem schaut aus dem Fenster, unter ihm Athen,che“ entstanden ist, könne er nachvoll- Weg zu einer Verabredung. An einer in der Ferne die Akropolis. Nach einerziehen. „Wir haben jetzt wohl beide ein Kreuzung erzählt er, wie Jürgen Mölle- Weile sagt er: „Ich glaube: ich.“Stigma an der Stirn. Das wird wohl lange mann und Guido Westerwelle in Nord- Puhhh. Es wird nicht leicht für Grie-an uns kleben.“ Er wirkt plötzlich sehr rhein-Westfalen vor vielen Jahren um sei- chenland.30 D E R S P I E G E L 1 5 / 2 0 1 2
    • Deutschland I N T E G R AT I O N Abschied zum Ich Sie fliehen vor Unterdrückung, körperlicher Gewalt und Todesdrohungen im Namen der Ehre. Hunderte junger Migrantinnen verstecken sich in Deutschland vor ihrer Familie, um ein selbstbestimmtes Leben führen zu können. Von Antje WindmannB ahar war an einem frühen Wintermorgen geflüchtet, anderthalb Jahre nach demMord an ihrer Mutter. Sie hatteihre kleinen Geschwister für dieSchule fertig gemacht, sie zum Ab-schied auf die Stirn geküsst. IhrOnkel und ihre Brüder schliefennoch. Auf Socken schlich Baharaus der Wohnung, durch das Trep-penhaus. Dann rannte sie um ihrLeben. Heute trägt Bahar, 26 Jahre alt,am liebsten hohe Absätze. Sie hatein gutbesuchtes Café in einerKleinstadt als Treffpunkt be-stimmt. Sie ist dezent geschminkt,hat ihre schwarzen Haare zu ei-nem Knoten geschlungen. Sie lä-chelt unsicher, stellt sich mit jenemNamen vor, der in ihrem neuenPass steht und zu ihrem Schutznicht genannt werden darf. Bahars Familie war 1996 ausdem Irak nach Deutschland ge-kommen. Die ersten beiden Jahrelebte sie in Halle an der Saale, ineiner Hochhauswohnung mit schä-biger Küche. Der Vater sei sich fürdie meisten Jobs zu schade gewe-sen, schlug seine Frau und „drück-te Zigaretten auf ihrer Haut aus“,erinnert sich Bahar. Oft ver-schwand der Vater, monatelang.Bahar vermutet, dass er in krimi-nelle Geschäfte verwickelt war.„Ohne ihn war immer alles fried- Geflohene Mariam: „Bei uns kriegst du einen Ring angesteckt, und deine Zukunft ist bestimmt“lich, einmal haben wir im Park ge-picknickt“, sagt Bahar. Von diesem Tag Die Mutter tot, der Vater verurteilt zu Hunderte Migrantinnen wie Bahar vor ih-gibt es Fotos, die sie bei ihrer Flucht mit- lebenslanger Freiheitsstrafe: Ein Onkel rer Familie versteckt leben. Sie haben al-genommen hat. Jedoch könne sie es oft übernahm das Regime über Bahar und les zurückgelassen, ihr Zuhause, ihrenicht ertragen, sie anzuschauen. ihre fünf Geschwister. Dem Jugendamt Freunde, ihre Angehörigen. Sie wollen In den schönen Zeiten, allein mit den präsentierte er sich fürsorglich. Bevor er sich nicht aufgeben, nicht zerbrechen ansechs Kindern, reifte bei Bahars Mutter zuschlug, drehte er die Musik laut. Die der Unvereinbarkeit ihrer eigenen Wün-der Entschluss, sich von ihrem Despoten Blutergüsse überschminkte Bahar. „Ich sche mit den Erwartungen ihrer Umge-zu trennen. Um sich über das deutsche durfte keine Bücher lesen, mich nicht mal bung. Sie wollen sich nicht den tradiertenScheidungsrecht zu informieren, war sie mehr auf dem Balkon zeigen“, berichtet Werten ihrer Herkunftsregionen anpas-mit Bahar im Rathaus gewesen. Als der sie. „Nur kochen, waschen, putzen.“ sen, sie wollen so leben wie Frauen inVater davon erfuhr, schloss er sich in Anderthalb Jahre hielt Bahar das Skla- westlichen Gesellschaften: frei, selbstbe-einer Sommernacht 2003 mit der Mutter vendasein aus. „Dann wusste ich, entwe- stimmt, emanzipiert.und einem Messer im Schlafzimmer ein. der ich bringe mich um, oder ich gehe.“ Allein die Berliner HilfsorganisationBahar zeigt ihre Hände. Zwei Narben Die Bundesrepublik im 21. Jahrhun- Papatya nimmt im Jahr 60 Mädchen undzeugen vom Versuch, ihre Mutter zu dert, fast 60 Jahre nach dem Zuzug der junge Frauen auf, die wegen kulturellerretten. ersten Gastarbeiter, ist ein Land, in dem Konflikte vor ihrer Familie geflohen sind,32 D E R S P I E G E L 1 5 / 2 0 1 2
    • denen Verschleppung, Zwangsheirat oder Und doch ist Bahar immer noch eine meine Familie uns findet, sind wir tot“,gar der Tod drohten. Im Stuttgarter Gefangene ihrer Familie. Sie muss Men- sagt sie.Schutzhaus Rosa bitten jährlich 80 Leid- schen belügen, auch wenn sie diese in ihr Mariam war drei Jahre alt, als ihre Fa-tragende um Aufnahme. Die Jugendhilfe- Herz geschlossen hat – Freunde, Nach- milie aus dem Libanon nach Deutschlandeinrichtung Yasemin dokumentiert etwa barn, Arbeitskollegen. Jeder, der ihre Ver-zog. Sie hat elf Geschwister, das Leben400 Beratungskontakte, das Online-Portal gangenheit, ihren Geburtsnamen erfährt, der Mädchen war beherrscht von Vor-Sibel mehr als 300 Hilferufe pro Jahr. Der könnte sie gefährden. Bahar lässt keinen schriften und Verboten. Die ältesteVerein peri e. V. will seit 2008 etwa 50 in ihre „Schutzburg“, wie sie ihre Woh- Schwester habe ihr Vater beim Karten-Mädchen und Frauen zur Flucht verhol- nung nennt. Selbst ihren deutschen spielen verzockt, 14 oder 15 sei sie gewe-fen haben. Freund nicht. sen. „Bei uns kriegst du einen Ring ange- Die Liste der Herkunftsländer, aus de- „Er wunderte sich, dass meine Eltern steckt, eine Kette um den Hals, und deinenen die Migrantinnen stammen, ist lang. so tolerant sind, ich sie aber nie besuche.Zukunft ist bestimmt“, erklärt Mariam.Sie kommen aus der Türkei, dem Kosovo, Er ahnte, dass ich etwas verberge“, sagt Dabei habe der Islam, ihre Religion, inaus Albanien, Pakistan, Afghanistan, Iran, Bahar und senkt den Kopf. Als sie sich der Familie keine Rolle gespielt. Es wurde nie gebetet, sie musste sich nicht verhüllen. Der Verzicht auf den Gebets- teppich, aufs Kopftuch oder aufs Fasten, so lehrt Mariams Fall, ist keinerlei Indiz für Liberalität in Familienangelegenheiten. Archai- sche Traditionen und patriarchali- sche Denkmuster geständen den Frauen keinen freien Willen zu, erklärt der Freiburger Psychologie- professor und Ethnologe Jan Kizil- han, 46. Es gebe in schlecht inte- grierten Clans eine „kollektive Ver- ständigung“ darüber, was Frauen tun dürften und was unehrenhaftes Verhalten sei. „Diese Verständi- gung ordnet und regelt das Zusam- menleben.“ Kizilhan ist seit 15 Jah- ren als Gerichtsgutachter auch in Ehrenmord-Prozessen tätig. Die Verhaltensregeln stammen aus Zeiten, in denen es in vielen Herkunftsregionen keine Polizei und keine Rechtsprechung gab, sich die Patriarchen in den Dör- fern eigene Gesetze schmiedeten. „In einigen Familien werden diese bis heute unreflektiert von Gene- ration zu Generation weitergege- ben“, sagt Kizilhan, „und fälschli- RUEDIGER GAERTNER / RUEGA cherweise religiös legitimiert.“ Verletze eine Frau durch ihr Ver- halten eine traditionelle Norm, schade sie dem Ansehen der gan- zen Familie, erklärt der Ethnologe. Das Ansehen ist elementar in die-Beerdigung von Morsal O. 2008: Der Sohn als Vollstrecker der Erziehungsmethoden der Eltern sen Gesellschaften, in denen Frau- en als Besitz des Mannes gelten.und Indien. Vor ein paar Monaten wurde ihm nach einem halben Jahr nicht anver- Mit einem Mann, der diesen nicht unterin einer deutschen Kleinstadt ein Mäd- traut hatte, trennte er sich. Kontrolle hat, macht man ungern Geschäf-chen aus Sri Lanka von ihrem Vater mit Bahar ist mit ihrem Geheimnis allein, te. Er gilt als schwach und unzuverlässig.heißem Wasser verbrüht. Sie hatte sich die 28-jährige Libanesin Mariam kann es Einen solchen Makel kann er wettma-gegen eine Zwangsheirat gewehrt. mit ihrem Freund Thomas, 34, teilen. Vor chen, wenn er sich mit Geld aus seiner Bahar flüchtete in ein Frauenhaus. dreieinhalb Jahren sind sie gemeinsam Schmach herauskauft. Oder wenn er dieDoch die Angst blieb, „an jeder Straßen- vor Mariams Familie geflohen, doch sie Frau – für alle erkennbar – züchtigt. Fürecke sah ich meinen Onkel“. Erschien ihr leben in ständiger Angst vor Entdeckung diese Art, die vermeintlich verletzte Ehrejemand im Bus verdächtig, stieg sie an und den Folgen. „Eine Verwandte wurde wiederherzustellen, erklärt Kizilhan,der nächsten Haltestelle aus, in der Hand von ihrem Mann erschossen, weil sie ihn „gibt es klare Handlungsprogramme“. Imeine Dose Pfefferspray. Viermal hat Ba- verlassen hatte“, berichtet Mariam, „mei- äußersten Fall zählt dazu auch ein Mord –har seit ihrer Flucht inzwischen den ne Familie fand das richtig.“ für den Wissenschaftler „ein soziales undWohnort gewechselt, lebt heute in einer Sie ist eine ruhige junge Frau mit dunk- kein religiöses Phänomen“.Kleinstadt. Sie hat den Realschulab- len Augen und ebenmäßigem Teint. Ih- Laut einer Schätzung der Vereintenschluss geschafft, eine Ausbildung begon- ren Hals färben rötliche Flecken, ver- Nationen werden jährlich weltweit min-nen, macht zurzeit den Führerschein. mutlich Zeichen ihrer Aufregung. „Wenn destens 5000 Mädchen und Frauen im D E R S P I E G E L 1 5 / 2 0 1 2 33
    • Arzu Özmen mit neuer POLIZEI / DPA Identität Der Fall Arzu Sie lebte im Frauenhaus, bekam einen neuen Namen, verän- derte ihr Äußeres. Und doch spürten ihre Geschwister sie auf: In der Nacht zum 1. November wurde Arzu Özmen verschleppt. Elf Wochen später fand man ihre Leiche auf einem Golfplatz. Drei ihrer Geschwister sind wegen Mordes aus niedrigen Be- Opfer Arzu Özmen weggründen angeklagt.POLIZEI Namen der Ehre getötet. In einer Studie haus in einer anderen Stadt, stopfte ein Arzus Anwältin erinnert sich noch ge- im Auftrag des Bundeskriminalamts iden- paar Klamotten in eine Plastiktüte und nau an die erste Begegnung. Es war am tifizierten Kriminologen des Max-Planck- versteckte sich bei Verwandten. Noch am 12. September 2011: „Sie kam in meine Instituts für ausländisches und inter- selben Nachmittag klingelten die Handys Kanzlei und sagte: ‚Guten Tag, ich möchte nationales Strafrecht in Deutschland sie- von Mariam und Thomas im Minutentakt. eine Namensänderung.‘“ Sie sei ruhig, ben bis zehn sogenannte Ehrenmorde „Ich sei eine Schlampe, sie würden aber entschieden gewesen, sagt die Fami- pro Jahr. Die Forscher hatten sich 78 Fäl- mich umbringen“, so gibt Mariam die An- lienrechtlerin, die anonym bleiben möchte. le aus den Jahren 1996 bis 2005 ange- rufe mit leiser Stimme wieder. „Sie hat mich von Beginn an gewarnt: Wer schaut. Nach vier Wochen sah sich das Paar für sie eintrete, müsse damit rechnen, von Kizilhan, der 2006 ein Buch über Eh- erstmals wieder. Mariam konnte nicht ihrer Familie aufgesucht zu werden.“ Der renmorde veröffentlichte, glaubt jedoch, schlafen, war in ständiger Panik. Um nä- Anwältin war klar, dass sie etliche Um- dass die Zahl „mit Sicherheit höher“ sei. her bei ihr zu sein, zog Thomas in eine wege würde gehen müssen, um Arzu eine Sein größter Kritikpunkt: „Nicht nach- Obdachlosenunterkunft, für mehr reichte neue Identität zu verschaffen – und alle vollziehbare und verdeckte Morde wur- das Geld nicht. Sein bester Freund wurde Spuren zu verwischen, die zu der jungen den von den Forschern ebenso wenig ge- zusammengeschlagen, weil er nicht sa- Frau führen könnten. prüft wie vermeintliche Suizide, Unfälle gen konnte, wo Thomas und Mariam Das größte Problem war Arzus ältere und Vermisstenmeldungen.“ waren. Schwester S., die bei der Detmolder Stadt- Die Hilfsorganisation Terre des Fem- verwaltung arbeitete. Durch ihren Job ge- D er Tag, an dem sich Mariam, die jun- mes vermittelte den beiden zunächst ein langte sie an interne Informationen. Und ge Libanesin, in Lebensgefahr begab, Zimmer in einem Schutzhaus. Dann bot über die Adresse der Kanzlei hätte sie war der Tag, an dem sie sich in ihren Chef ein Sozialarbeiter ihnen sein Ferienhaus auf Arzus Aufenthaltsort schließen kön- Thomas verliebte; die beiden arbeiteten im Wald an. Mehr als ein Jahr lang lebten nen. Also bat die Anwältin einen Kolle- in einem Schnellrestaurant. die beiden dort, gedanklich umzingelt gen in Oberhausen, Arzus Geburts- Thomas hatte schon zuvor beobachtet, von Mariams Familie. Bei jedem Kontakt urkunde in Detmold anzufordern. wie Mariams Brüder sie jeden Tag zur mit anderen Menschen fürchteten sie sich Und in der Tat: Kaum hatte der Rechts- Arbeit brachten und abholten. Er spürte, vor Entdeckung. Und vor dem, was dann anwalt dem Wunsch entsprochen, melde- dass sie zu Hause litt. Irgendwann sagte geschehen könnte. Vor dem, was vor we- te sich S. in dessen Kanzlei und schlug er: „Wenn der Moment kommt und du nigen Monaten mit der 18-jährigen Arzu vor, ein Treffen mit Arzu zu arrangieren. gehen willst, ich haue mit dir ab.“ Özmen aus Detmold geschah. Arzus Anwältin fand ein westfälisches Der Moment kam nach einem Jahr Die junge Frau, die der Glaubensge- Standesamt, das die Notlage erkannte. heimlicher Liebe im November 2008. Ma- meinschaft der Jesiden angehört, wurde Mit den aus Detmold über Oberhausen riams Bruder hatte geheiratet, der Braut- am 13. Januar an Rande eines Golfplatzes eingetroffenen Papieren stellte Arzu sich vater wollte im Gegenzug Mariam für sei- in Schleswig-Holstein gefunden. Die dort vor. Zudem legte sie die Strafanzeige nen Sohn. Er war zur Brautschau bei der rechtsmedizinische Untersuchung ergab, gegen ihre Familie sowie eine Stellung- Familie zu Besuch gekommen, hatte sie dass sie mit zwei Kopfschüssen getötet nahme ihrer Anwältin vor, die ihre ge- von Kopf bis Fuß gemustert, ihr Auftreten worden war. Elf Wochen zuvor war Arzu fährliche Lebenslage beschrieb. und ihre Art sich zu bewegen geprüft und von ihren Geschwistern aus der Wohnung „Das Mädchen hatte die deutsche sie am Ende ausgewählt. Aber Mariam ihres deutschen Freundes Alexander, 23, Staatsangehörigkeit, war im Alter von lehnte ab, zum Zorn ihrer Familie. verschleppt worden. drei Jahren eingebürgert worden“, erklärt Drei Minuten habe er überlegt, als Eine verbotene Liebe, eine vergebliche die Standesbeamtin. „Dadurch konnte es Mariam vor ihm stand, sagt Thomas. Er Flucht – Arzus Geschichte ist ebenso tra- seinen Namen nachträglich dem deut- organisierte ihr einen Platz im Frauen- gisch wie typisch. schen Recht angleichen.“ Artikel 47 des 34 D E R S P I E G E L 1 5 / 2 0 1 2
    • Täter Sobair O. Der Fall Morsal Akten des Hamburger Kinder- und Jugendnotdienstes und der Polizei dokumentieren Morsals Leid: die Schläge, dieMARCO ZITZOW / BILD ZEITUNG Unterdrückung, die Todesdrohungen. Und doch hatte sie nie gewollt, dass jemand aus ihrer Familie bestraft wird. Morsal wollte nur, dass die Gewalt gegen sie aufhört – und ein bisschen Toleranz. Am 15. Mai 2008 tötete Sobair O. seine Opfer Morsal O. Schwester mit 23 Messerstichen. Einführungsgesetzes zum Bürgerlichen chen“, sagt Sobair. „Das gehört sich nicht Doch zurück in Deutschland, lebte Gesetzbuch eröffnet diese Möglichkeit. bei uns.“ Es ist ein Satz, der für vieles Morsal wieder so, wie sie es für richtig Arzu Özmen wollte in ihrem neuen Le- herhalten muss. hielt. Manchmal sei sie tagelang nicht ben Emily heißen, Emily Ostermann. Sie Am 15. Mai 2008 tötete Sobair O. seine nach Hause gekommen, habe die Eltern veränderte ihr Äußeres, schnitt sich die Schwester Morsal. Mehr als 20-mal stach und ihn beklaut, behauptet Sobair. „Zwei- Haare kurz, blondierte sie. er mit einem Klappmesser auf die 16-Jäh- mal, dreimal am Tag hat mich meine Mut- Damit keine Mitteilung an die Stadt rige ein, weil sie wie ein deutsches Mäd- ter auf dem Handy angerufen und ge- Detmold ging, verhängte die Standes- chen leben wollte. Morsal verblutete am schrien: Wo ist Morsal? Bring das in Ord- beamtin auf Antrag von Arzu einen Tatort. nung! Alle reden über uns. Du bist schon Sperrvermerk über deren Akte. Laut Pa- Der Vorsitzende Richter am Hamburger wie die Deutschen.“ ragraf 64 des Personenstandsgesetzes ist Landgericht sprach von einer „Tötung aus Sobair senkt seine Stimme, flüstert nun dies zulässig, wenn dem Standesamt Tat- reiner Intoleranz“ und vom Tatmotiv der fast. „Wir wussten, dass sie einen Freund sachen vorliegen, dass eine Person an- verletzten Ehre. Bei der Verkündung des hat. Doch bei uns darf das ein Mädchen dernfalls in Lebensgefahr geraten könnte. Urteils randalierte Sobairs Familie im Saal. einfach nicht.“ Arzu Özmen holte ihre fertigen Papiere Wenn Sobair, nun im Gefängnis, über Und dann gab es den Tratsch von Be- wenige Tage vor ihrer Entführung ab. Morsal spricht, füllen sich seine Augen kannten, die behaupteten, Morsal gehe Zum Verhängnis wurde ihr, dass ihre mit Tränen, von denen man nur schwer auf den Strich. Sehnsucht nach dem Freund am Ende grö- deuten kann, wem sie gelten. Dieser Satz wurde zum Verhängnis, für ßer war als die Angst. Um bei ihm zu Was ist passiert? Sobair zuckt mit den Morsal, für Sobair, für die gesamte Fami- sein, meldete sie sich für die Nacht zum Achseln. „Als ich zu Hause ausgezogen lie. Sobair bat einen Cousin, Morsal zu 1. November im Frauenhaus ab. bin, ging alles den Bach runter. Da hing einem Treffen zu locken. Drei ihrer Geschwister sind inzwischen sie plötzlich mit komischen Leuten rum.“ Sie hätten auf dem Bordstein gesessen, wegen Mordes angeklagt, warten auf den Laut Sobair wurde Morsal im März 2007 erinnert sich Sobair, sie hätten Cola ge- Prozess. Bislang schweigen sie, wer von von den Eltern zu einer Tante nach Af- trunken und geraucht. ihnen Arzu tötete. ghanistan gebracht. „Sie wollten, dass sie Dann habe er sie gefragt: „Stimmt es, lernt, wie sich eine Frau zu verhalten hat“, dass du auf den Strich gehst?“ S obair O. aus Hamburg sitzt wegen ei- nes sogenannten Ehrenmordes eine le- benslange Freiheitsstrafe ab. sagt er. Noch im Flugzeug habe der Vater ihr ein Kopftuch umgebunden, habe Mor- sal ihm erzählt. Sie solle erst mal heiraten, „Das geht dich einen Scheißdreck an“, soll sie geantwortet haben. Er wisse nur noch, dass er dann in die Er war acht Jahre alt, als er mit seiner fünf Kinder kriegen, dann könne sie wie- Tasche gegriffen habe, sagt Sobair. Am Familie nach Deutschland kam. Die Ehe derkommen, habe seine Mutter gesagt. folgenden Tag stellte er sich der Polizei. der Eltern sei ein Tauschgeschäft gewe- Ein Jahr lang musste Morsal in Afgha- Sobair O. blickt auf seine Hände. „Ja, sen, berichtet der heute 27-Jährige. Der nistan bleiben. „Sie hat mich immer an- ich wollte damals die Familienehre schüt- Bruder seiner Mutter habe eine Frau ge- gerufen und gebettelt, dass ich sie wie- zen“, sagt er. „Heute weiß ich: Selbst heiratet, deren Bruder dafür wiederum derhole. Sie war traurig, dass dort keiner wenn sie auf den Strich gegangen wäre, seine Mutter bekommen habe. Deutsch mit ihr sprach“, erzählt Sobair. hätte ich sie nicht töten dürfen.“ Seine Ausbildung zum Einzelhandels- Als er erfahren habe, dass Morsal in Af- Im Fall Morsal betonte das Gericht, kaufmann brach Sobair ab, nachdem er ghanistan verheiratet werden sollte, habe dass die nicht angeklagten Eltern „eine zwei Wochen Jugendarrest verbüßt hatte. er für sie gekämpft, dafür gesorgt, dass hohe moralische Mitschuld“ treffe. Sie Er mochte seinen Arbeitgeber nicht bit- sie zurückkommt. Seine Mutter habe ihm hätten ihren ältesten Sohn möglicher- ten, ihn wieder aufzunehmen. „Ich wollte daraufhin die Verantwortung übertragen, weise „zum Vollstrecker ihrer Erzie- da nicht hin und den Kopf runterma- „dass sie uns keinen Ärger mehr macht“. hungsmethoden gemacht“. Morsals Vater D E R S P I E G E L 1 5 / 2 0 1 2 35
    • Deutschlandwurde wegen Misshandlung von Schutz- manchmal sogar Steckbriefe erstellt, die Einen enormen „sozialen Druck aufbefohlenen zu einer Bewährungsstrafe Clan-Mitglieder bundesweit verteilen. die Familienväter und auf die Söhne“ hatverurteilt. Mit welcher Radikalität die Familien der Psychologe Kizilhan bei seinen Re- vorgehen, erfährt auch Eva K. beinahe cherchen beobachtet. Für die Studie „So-W ie schützt man Migrantinnen vor der Moral, den Regeln, der Verfolgungihrer Familie? Der 53-jährige Sozialarbei- täglich. Im Jugendamt Charlottenburg- Wilmersdorf hat die Leiterin der Hilfe- einrichtung Papatya einmal miterlebt, zialisation und Überzeugungen bei soge- nannten Ehrenmördern“ hat er 21 tür- kischstämmige Männer gesprochen, dieter Johannes M. betreut mehr als ein Dut- wie drei junge Männer plötzlich in das wegen eines Ehrenmordes in Deutsch-zend Migrantinnen, die vor ihrer Familie Behördenzimmer stürmten, eine junge land inhaftiert sind. Kizilhans Fazit: Diegeflüchtet und abgetaucht sind. Zu ihrer Libanesin packten und mitnahmen: „Nie- wenigsten haben typische Merkmale ei-Sicherheit möchte er nicht, dass sein voll-mand hat gewagt, sie aufzuhalten. Wir nes Killers oder Gewalttäters. Meist seienständiger Name veröffentlicht wird. haben ein halbes Jahr nach ihr gesucht. sie von Vätern, Müttern oder der Ge- Vor einiger Zeit hat Johannes M. in ei- Sie ist nie wieder aufgetaucht.“ meinde unter Druck gesetzt worden;nem Schulzentrum in NRW eine Ausstel- Das Leben mit einer neuen Identität, besonders Männer mit wenig Bildung,lung zum Thema Opferschutz organisiert. ohne Familie und Freunde, ist eine un- die selbst Opfer von Gewalt waren, seien„Danach meldeten sich viele junge Mi- menschliche Last. „Es sind allesamt sehr potentielle Täter. Wenn dann noch dasgrantinnen, die es zu Hause nicht mehr angepasste Mädchen, die versuchen, es je- soziale Umfeld fanatisch ist, urteilt deraushielten.“ Er versuche dann immer zu- dem recht zu machen“, sagt Eva K. „Sie Experte, sei die Gefahr eines Ehrenmor-nächst herauszufinden, wie groß der Lei- des groß. sind oft verzweifelt, dass ausgerechnet siedensdruck der Mädchen tatsächlich ist. dieses Leben nicht aushalten konnten.“ 1994 hat der Bundesgerichtshof (BGH)Ob Vermittlungsgespräche helfen könn- Zudem quäle sie die Erkenntnis, dass das entschieden, dass Ehrenmorde als Mordeten oder ob das die Situation nur ver- aus niedrigen Beweggründen einzustufen Ehrgefühl der Eltern größer sei als die Lie-schärfen würde. be zu ihren Töchtern. Jede Zweite sei von sind. Maßgeblich seien die deutschen Bleibt nichts anderes als die Flucht, einer Zwangsheirat bedroht gewesen, jede Rechts- und Wertvorstellungen und nichtrechnet der Sozialarbeiter mit drei Mona- Fünfte habe von einem Ehrenmord in der die einer Volksgruppe, welche die hiesi-ten, um alle Formalitäten zu regeln. „Die Verwandtschaft berichtet. gen Normen nicht anerkenne.Finanzierung ist immer das Dass dem BGH bei wei-größte Problem“, sagt M., tem nicht alle Richter fol-ein Tag in einem Wohnheim gen, zeigt indes die Studiekoste etwa 200 Euro. „Fast des Max-Planck-Instituts imalle Schutzeinrichtungen Auftrag des Bundeskrimi-nehmen erst auf, wenn sie nalamts: Demnach gilt in 25eine Kostenzusage vom Ju- Prozent der Verfahren dasgend- oder Sozialamt ha- Ehrmotiv als strafmildernd.ben“, klagt M., deshalb sei In rund 40 Prozent der un-oft eine intensive Aufklä- tersuchten Fälle wurde garrung der Behörden nötig. nicht geprüft, ob die Ehre In Großstädten mit ei- einen niedrigen Beweg-nem hohen Migrantenanteil grund darstellt.wie Berlin sind die Jugend- Der Karlsruher Strafver-ämter für die Problematik teidiger Gunter Widmaierinzwischen mehr sensibili- erkennt darin eine Ängst-siert als in ländlicheren Re- lichkeit der Richter, „Dingegionen. Doch selbst in der beim Namen zu nennen,Hauptstadt hängen die Hil- weil sie Revisionen vermei-fen für ein Mädchen noch den wollen“. Die unbefrie- CIRA MOROzu oft davon ab, ob ein kun- digende Folge sei, dassdiger Sachbearbeiter sich Taten in ihrer Lebenswirk-des Falles annimmt oder Experte Kizilhan: „Sozialer Druck auf die Väter und Söhne“ lichkeit und gesellschaft-ein ahnungsloser. liche Phänomene in ihrer Vieles liegt im Ermessen der Ämter. Viele der Geflohenen tun sich schwer Häufigkeit nicht angemessen erfasst wür-Hat eine Schutzsuchende noch keine mit ihrer neuen Freiheit. „Sie wurden ja den, so Widmaier.deutsche Staatsangehörigkeit, kann sie in Systemen sozialisiert, die sie bewusst Umso bemerkenswerter ist ein Urteil,im Zuge der Einbürgerung eine neue in Abhängigkeit hielten“, sagt Eva K. das im Dezember 2009 vom LandgerichtIdentität relativ problemlos erhalten. Wie Nach einiger Zeit bei Papatya ziehen sie Kleve gesprochen wurde, im Mordfallviele Tarnidentitäten bundesweit im Jahr oft erst mal in betreute Wohngemein- Gülsüm S. Die 20-jährige Kurdin war vonvergeben werden, wird von den Ländern schaften oder Frauenwohnheime. „Viele ihrem Drillingsbruder mit Ästen erschla-jedoch nicht erfasst. müssen wichtige Lebensfertigkeiten er- gen worden. Ihr Gesicht war so zerstört, Ist mit den Behörden alles geregelt, ver- lernen, zum Beispiel, mit Geld umzuge- dass sie kaum identifiziert werden konnte.einbart Johannes M. einen Fluchttermin. hen“, berichtet die Sozialpädagogin. Das Klever Landgericht entschloss sichDer Sozialarbeiter sitzt dann mit laufen- Der Grad der Unfreiheit, in dem die zu einem bislang einzigartigen Urteil: Esdem Motor im Auto und wartet, dass die Mädchen oder Frauen zuvor gelebt ha- verurteilte nicht nur Gülsüms Bruder we-Bedrohte angerannt kommt. Oft fährt er ben, hänge von zwei Faktoren ab: wie gen Mordes, sondern auch den Vater –Hunderte Kilometer weit, um sie in rela- wenig die Familie in die westliche Kultur obwohl dieser nicht unmittelbar an dertive Sicherheit zu bringen. Er weiß, dass integriert sei und wie viele Brüder über Tat beteiligt war.ihre Familie und Männer hartnäckig nach sie wachten. Denn oft, erklärt Eva K., sol- Markiert das Urteil das Ende einer überihnen suchen. Um den Aufenthaltsort der len die männlichen Geschwister garantie- Jahre falsch verstandenen Toleranz derAbtrünnigen zu ermitteln, werden Men- ren, „dass ihre Schwestern nichts tun, was deutschen Justiz? Jan Kizilhan erhofftschen bedroht, mit Geld bestochen, der Familienehre schaden könnte“. sich zumindest eine Signalwirkung. Denn36 D E R S P I E G E L 1 5 / 2 0 1 2
    • ROLAND WEIHRAUCH / DPA Gedenkstelle bei Rees am Niederrhein Der Fall Gülsüm Die junge Kurdin wurde 2007 zwangsverheiratet. 2008 ver- suchte sie, sich umzubringen. Ihr Bruder erschlug sie 2009, weil sie durch ihr Verhalten die Familienehre verletzt habe. Das Landgericht Kleve verurteilte nicht nur den Bruder wegen Mordes, sondern auch den Vater, obwohl dieser nicht aktivPOLIZEI / DAPD an der Tatausführung beteiligt war. Eine Revision wurde ab- Opfer Gülsüm S. gelehnt, das Urteil ist rechtskräftig. für den Psychologieprofessor ist klar, dass an der Universität Bremen, wäre eine dop- Nur einmal musste sie ihrer Familie es „in den nächsten 10 bis 15 Jahren“ in pelte Staatsbürgerschaft. „Sie fördert nicht noch gegenübertreten. Auf Rat ihrer An- Deutschland mehr Gewaltakte im Namen nur Integration, sondern hätte auch posi- wältin zeigte Mariam ihre Schwester an, der Ehre geben wird. „Wir haben einen tive Effekte auf die Hilfs- und Unterstüt- nachdem sie von ihr am Telefon bedroht nach außen nicht sichtbaren Kampf der zungsmöglichkeiten für die Mädchen und worden war. Weil das zuständige Gericht Migrantengenerationen“, erklärt der Wis- Frauen. Nach einer Verschleppung etwa die Sicherheit der Geflüchteten nicht ge- senschaftler. Die zweite und dritte Gene- hätte man dadurch die rechtlichen Voraus- fährden wollte, nahm Mariam per Video- ration nutzten noch die alten Werte, um setzungen, die Betroffenen wieder zurück konferenz an der Verhandlung teil. Ihr die Herrschaft zu sichern: „Zugleich leh- nach Deutschland holen zu können.“ ängstliches Gesicht war auf drei Bildschir- nen sich immer mehr weibliche Familien- Die Vorteile einer doppelten Staatsbür- men in dem Saal zu sehen. Die Szenerie mitglieder dagegen auf.“ gerschaft lassen sich in Großbritannien ähnelte einem Mafia-Prozess. Kizilhan setzt auf Prävention. Auf Fa- gut beobachten. Dort gibt es eine „Forced Es sei doch nur ein schwesterlicher Rat milien, von denen bekannt ist, dass in ih- Marriage Unit“, eine Abteilung gegen gewesen, empörte sich die Angeklagte. nen Gewalt und Unterdrückung herr- Zwangsheirat. Sie setzt sich aus Mitarbei- Deren Mann verhöhnte das Verfahren schen, sollte die Polizei ein waches Auge tern des Außen- und Innenministeriums von einer der Zuschauerbänke. haben. „Wenn die Beamten dem Patriar- und von sozialen Einrichtungen zusam- Die richterliche Befragung von Mari- chen deutlich machen, dass sie ihn im men. Wird etwa eine junge Frau, die ei- ams älteren Schwestern ergab, dass sie Blick haben, wird der sich scheuen, seine nen britischen Pass besitzt, ins Ausland mit Cousins verheiratet sind. „Das ist nor- Tochter oder Frau zu schlagen, geschwei- verschleppt, verständigt die Abteilung die mal bei uns.“ Sie zeichneten das Bild ei- ge denn zu töten.“ Botschaft des Vereinigten Königreichs vor ner liebevollen, „perfekten“ Familie, in Andere Experten wollen die Strukturen Ort. Diese forscht nach der Verschwun- der jeder machen könne, was er wolle. verändern. Eine Kindergartenpflicht für denen und sorgt mit Hilfe von Sicherheits- „Warum sollte ihre Schwester all das Migranten, damit deren Töchter und Söh- leuten für die Rückführung des Mädchens. auf sich nehmen, wenn sie nichts zu be- ne früh mit den liberalen Lebensformen fürchten hätte?“, fragte die Richterin. Dar- des Westens vertraut werden, wäre so eine Maßnahme. Oder dass Kommunen mehr Zuwanderer einstellen, die in den Ämtern M ariam und Thomas diskutieren oft, wer mehr für den anderen aufgegeben habe. Vorige Woche haben sie geheiratet, auf hatte Mariams Familie keine Antwort, zum ersten Mal herrschte Stille im Saal. Mit dem Urteil setzte das Gericht ein die kulturelle Kompetenz verbessern. sie wollen eine eigene Familie gründen. Zeichen für Mariam. Ihre Schwester wur- Bilkay Öney, Integrationsministerin in Mariam erzählt von dem „echten Zu- de wegen Nötigung zu einer Freiheitsstra- Baden-Württemberg, würde auch jenen hause“, das sie nun hätten, eine Zweizim- fe von sechs Monaten verurteilt, ausge- Frauen gern helfen, die aus dem Ausland merwohnung, irgendwo in Deutschland. setzt zu zwei Jahren auf Bewährung. nach Deutschland zwangsverheiratet wur- Die Möbel stammten aus einer Haushalts- „Sollte meiner Mandantin jetzt etwas zu- den. Ihnen, so die Sozialdemokratin, müs- auflösung, die Wände hätten sie in war- stoßen, sind die Zusammenhänge deut- se früher als erst nach drei Jahren ein ei- men Farben gestrichen, auf das Klingel- licher. Das war ein wichtiger Schritt“, er- gener Aufenthaltstitel zuerkannt werden. schild einen Allerweltsnamen geschrie- klärte Mariams Anwältin noch im Ge- Anders könnten sie sich unmöglich aus ei- ben. Selbst Thomas’ Eltern wissen nicht, richtssaal. ner Gewaltsituation befreien: „Wenn sie wo ihr Sohn ist. Wenn Mariam an ihre kleine Schwester durch eine Trennung in den Augen der Fa- Inzwischen traut sich Mariam schon denkt, muss sie gelegentlich weinen. Es milie die Ehre befleckt haben, können sie mal allein zum Bäcker. „Sich frei bewe- tut ihr leid, sie allein gelassen zu haben. oft auch nicht mehr zurück.“ Die ange- gen zu dürfen, ist für mich der größte Lu- Und wenn sie an ihre Eltern denkt? Ma- messene Lösung, sagt Yasemin Karakaşo- xus“, sagt sie. Sie absolviert jetzt eine riam überlegt einen Moment. „Da ist glu, Professorin für interkulturelle Bildung kaufmännische Ausbildung. Hass“, sagt sie, „und Sehnsucht.“ D E R S P I E G E L 1 5 / 2 0 1 2 37
    • PATRICK SEEGER / PICTURE ALLIANCE / DPA FDP-Ehrenvorsitzender Scheel* mit. Seit etlichen Monaten lebt der ehe- A LT E R malige FDP-Politiker auch nicht mehr permanent zu Hause, sondern alternie- „Schriftlich erarbeitet“ rend in einem Seniorenstift in Bad Kro- zingen, nur wenige hundert Meter von seinem Büro entfernt. „Auch Bundespräsidenten werden alt“, Alt-Bundespräsident Walter Scheel war zuletzt in der Presse lautete ein Gastbeitrag Scheels am 4. Fe- präsent wie lange nicht. Doch viele seiner Äußerungen bruar in der „Süddeutschen Zeitung“. Die Gesellschaft, vor allem die Politik, werden dem greisen Politiker offenbar in den Mund gelegt. heißt es dort, habe „die Pflicht, sich der Würde der Alten anzunehmen“. Wie manK ein Politiker wirft gern den ersten Scheels Zitate drücken aus, was viele mit alten Menschen umgeht, wenn ir- Stein auf einen Bundespräsidenten, Deutsche dachten. Aber dachte, sagte gendwann einmal die Gedächtnisschwä- schon gar nicht einer, der selbst und überblickte er auch, was da unter chen sich offensichtlich als Demenz er-einmal dieses Amt innehatte. Umso mehr seinem Namen veröffentlicht wurde? weisen, ist ein schwieriges Thema, egalerstaunte, dass im vergangenen Dezem- In Berlin wie im südbadischen Bad ob jemand zuvor in der Öffentlichkeitber – nur wenige Tage nachdem die ersten Krozingen, wohin Scheel vor drei Jahren stand oder nicht.Vorwürfe gegen Christian Wulff wegen mit seiner dritten Ehefrau Barbara gezo- Gerade am Beispiel von Prominentendessen Hauskredit laut geworden waren – gen ist, mehren sich die Zweifel: Will und kommt das Thema immer wieder hoch.einer seiner Vorgänger mahnende Worte kann sich der Altliberale wirklich noch Tilmann Jens hat ein Buch geschriebenfand: „Sitten und Gebräuche“, so wurde so aktiv mit den Vorgängen der Tages- über seinen dementen Vater, den großenWalter Scheel, 92, von „Bild am Sonntag“ politik befassen, wie seine zahlreichen Gelehrten Walter Jens. Gunter Sachs, Fo-zitiert, hätten sich seit Gründung der Bun- Interviews, Gastbeiträge und Schirmherr- tograf und Playboy, nahm sich das Leben,desrepublik „leider auch in der Politik sehr schaften den Anschein erwecken? weil er dem Abdriften in die geistigegeändert“; er sei deshalb „besorgt um das Vom SPIEGEL auf die Zitate in „Bild Dämmerung zuvorkommen wollte. UndAmt des Bundespräsidenten“. am Sonntag“ angesprochen, betont Bar- erst kürzlich machte der ehemalige Fuß- Neun Wochen später, kaum war Wulff bara Scheel, 70, „das hat er zu mir per- ballmanager Rudi Assauer seine Krank-zurückgetreten, legte Scheel im selben sönlich gesagt“. Doch was sowohl Scheels heit publik. Das Outing verband der 67-Blatt nach: Er „wünsche“ sich, dass Wulff Büro als auch seine Ehefrau bisher sorg- Jährige mit einer Botschaft an Fans und„klug genug“ sei und „auf seinen Ehren- sam vor der Öffentlichkeit verbargen: Die Medien: Es ist traurig, aber ich kann nichtsold verzichtet“; damit könne er „beim geistige Leistungsfähigkeit des Alt-Bun- mehr für euch da sein.deutschen Volk verlorenes Vertrauen und despräsidenten ist offenbar seit längerem Einer der Auftritte, bei denen manGlaubwürdigkeit zurückgewinnen“. eingeschränkt. „Dass Herr Scheel Ge- Scheel zuletzt noch beobachten konnte, dächtnisstörungen und -schwächen hat, war im vergangenen Mai die Verleihung* Am 6. September 2011 in seinem Büro. ist nicht zu leugnen“, teilt Scheels Büro des nach ihm, dem ersten Entwicklungs-38 D E R S P I E G E L 1 5 / 2 0 1 2
    • Deutschlandhilfeminister der Bundesrepublik, be- Auch wenn „sein Alter ihm doch zu material“, also ältere Stellungnahmen desnannten „Walter-Scheel-Preises“ für be- schaffen macht“, so Höppel, versuche Freidemokraten, zu stützen: „Unsere Ar-sonderes Engagement in der Entwick- Scheel „mit aller Kraft, die Dinge zu er- beit basiert auf Äußerungen, wie Scheellungsarbeit. Offiziell hat Scheel den Preis ledigen. Das Büro und seine Frau helfen sie früher getan hat, und unsere Entschei-überreicht. Tatsächlich wurde Scheel von ihm dabei, so gut es geht“. dungen ergehen größtenteils auf Basisseiner Frau – neben deren imposanter Er- Schwierig wird es für Scheels Bürolei- seines früheren Handelns.“scheinung, im grauen Hosenanzug und ter offenbar dann, wenn sich journalisti- Die gedruckte Realität weicht vonmit einem mächtigen Hut, er noch kleiner sche Anfragen nicht mit der Tagesform diesem Credo aber nicht selten ab. Daund filigraner wirkte, als er ohnehin des Bundespräsidenten von 1974 bis 1979 stößt sich Scheel am 8. Januar in derschon ist – zwar auf die Bühne geleitet. in Einklang bringen lassen. Es sei „nicht „Neuen Zürcher Zeitung am Sonntag“Doch dort verbeugte er sich nur gekonnt, zu leugnen“, erklärt Höppel, „dass in der an der „schleppenden Aufklärungstak-schüttelte Hände und begab sich, auf sei- Eile des Tagesgeschäfts auch Äußerungen tik“ Wulffs, nimmt am 12. März in dernen Stock gestützt, für Erinnerungsfotos autorisiert worden sind, die nicht hätten Wochenzeitung „Das Parlament“ Stel-in Positur. erfolgen dürfen oder die Herrn Scheel lung zu den „wichtigsten Aufgaben des Natürlich stellt sich die Frage, inwie- nicht vorgelegt werden konnten“. neuen Bundespräsidenten“ und äußertweit man den Gesundheitszustand eines Zwar wird Scheel „grundsätzlich“ sich am 18. März gegenüber der „B. Z.Politikers öffentlich ausbreiten darf. „Das (Höppel) immer noch von einem Fahrer am Sonntag“ zu der Frage, ob ein Bun-geht Sie überhaupt nichts an“, beginnt oder seiner Frau in die Büroräume im despräsident Joachim Gauck seine Le-Barbara Scheel das Telefonat, als der Krozinger Rathaus gebracht. Scheel si- bensgefährtin heiraten müsse.SPIEGEL mit ihr über ihren Mann reden gniert, empfängt gelegentliche Besucher, Dass jedenfalls das Interview in derwill, „das ist rein privat.“ Auch Scheels schaut in Zeitungen oder „beschäftigt“ „B. Z. am Sonntag“ an Scheel vorbeilief,Büroleiter Christoph Höppel bittet, „die sich mit Büchern – wie viel er von solcher gibt Höppel zu: „Der Text ist ihm in denBerichterstattung über Gesundheit und Lektüre aufnimmt, ist aber offen. „Er will Mund gelegt.“ Auch wenn der Bundes-Agieren“ Scheels „maßvoll und möglichst an einem gewissen Geschehen nicht mehr präsident a. D. etwa ein Vorwort für einpositiv zu erfüllen“. Der SPIEGEL re- teilhaben“, sagt Barbara Scheel, „er hat Buch schreibe, sei klar, „dass Herr Scheelspektiert dieses Anliegen. ja sein ganzes Leben Politik gemacht.“ sich damit nicht mehr richtig beschäftigen Allerdings wäre der Zustand Scheels Scheels Büro ist voller Erinnerungsstü- kann und will“.nur dann völlig privat, wenn es von cke an sein Leben als Außenminister, Vi- So hat Scheel auch zu einem Text, derScheel keine öffentlichen Äußerungen zekanzler und Staatsoberhaupt. An den jüngst unter seinem Namen in der Rubrikmehr gäbe, zumindest keine zum aktu- Wänden hängen Fotos mit persönlicher „Fremde Federn“ in der „Frankfurter All-ellen Politikgeschehen; wenn er in Wür- Widmung von der Queen und Kaiser Hai- gemeinen“ erschien, bestenfalls kargede schwiege. Doch so ist es Stichworte geliefert. „Einnicht. Weggefährte“, so Höppel, Dabei blockt sein Büro habe Scheel gebeten, zu dempersönliche Kontakte zu Buch „Das Amt und die Ver-Scheel erst mal ab. Wegen gangenheit“ Stellung zu neh-dessen „Wortfindungsschwie- men, das sich mit der Ge-rigkeiten“, erklärt Höppel, schichte des Auswärtigen Am-könne man mit dem Alt-Bun- tes befasst. „Machen Sie maldespräsidenten leider nicht te- was dazu“, habe Scheel gesagtlefonieren, auch „Sprechinter- und noch gebeten, dass zweiviews“ gebe er seit längerem Personen positive Erwähnung PATRICK SEEGER / PICTURE ALLIANCE / DPAnicht mehr. In jüngerer Zeit fänden. Im Übrigen aber seiwar aber nur die „Neue Zür- es Scheel „relativ egal“ gewe-cher Zeitung am Sonntag“ so sen, „was da an Füllmaterialehrlich, ihr Scheel-Interview reinkommt“.mit dem Hinweis zu versehen, Im Fall eines Interviews mitman habe es „aufgrund des Viertklässlern für eine Schü-Gesundheitszustands Scheels lerseite der „Badischen Zei-schriftlich geführt“. tung“ ging die Inszenierung Menschen außerhalb des noch weiter: Das Blatt druckteBüros, die Scheel in den ver- Jubilar Scheel, Ehefrau Barbara*: „Machen Sie mal was dazu“ am 19. November ein Ge-gangenen Monaten gespro- spräch, in dem Scheel lebhaftchen haben, berichten, er habe Mühe, ein le Selassi, dazu das Fell eines Bären, ge- Gegenfragen stellt und das Wissen derordentliches Gespräch zu führen. Höppel schossen auf der Jagd mit Rumäniens frü- Schüler lobt, ein Foto zeigt die beidenbestreitet, dass dies „generell“ so sei, herem Diktator Nicolae Ceauşescu. Schüler mit Scheel in dessen Büro. Auchräumt aber ein, dass „es solche Tage Auf Vergangenes versucht sich auch dieses Interview sei „schriftlich erarbeitet“gibt“. Scheels geistige Leistungsfähigkeit der Büroleiter zu stützen, wenn er als worden, räumt Höppel ein. Das Foto ent-„schwankt“ und hänge sehr „von der Ta- Ghostwriter tätig wird. Seit sieben Jahren stand bei einem gesonderten, auf Plaude-gesform“ ab, so Höppel. Wenn Scheel ist er Scheel vom Bundespräsidialamt zu- rei beschränkten Termin.aber einen guten Tag habe, sei es „die geteilt, ein „guter, lieber Freund“, wie Höppel wirbt um Verständnis dafür,größte Freude“. man im Krozinger Rathaus weiß, ein be- dass Scheels Umfeld nach außen das Bild Solche guten Tage zu erleben ist nicht gnadeter Golfer, der mit Scheel in frühe- des präsenten Altpolitikers aufrechter-einfach. Dem SPIEGEL wurde ein per- ren Zeiten auch etliche Bälle schlug. halte. Es sei „natürlich ein Leichtes“, zusönliches Treffen in Aussicht gestellt, in- Bei Presseanfragen, erklärt Höppel, be- sagen, „der alte Mann kann nicht mehr“.nerhalb von 14 Tagen kam es nicht zu- mühe er sich, „möglichst wenig Tagesak- Man könne aber auch zum Schluss kom-stande. Man müsse Scheel „vorbereiten“, tuelles“ zu sagen und sich auf „Quellen- men, dass Büro „dem Alter entsprechendhieß es aus dem Büro, das sei „schwierig“ ganz vernünftig damit umgeht“.und kurzfristig „absolut unmöglich“. * Am 9. Juli 2011 bei der Feier seines 92. Geburtstags. DIETMAR HIPP D E R S P I E G E L 1 5 / 2 0 1 2 39
    • Deutschland Ein Jahr später bemerkt der Stiefvater, seine DNA festzustellen. Dies ist eigent- VERBRECHEN dass David H. Kinderpornos aus dem In- lich ein übliches Verfahren, wenn es um ternet heruntergeladen hat. Am 26. Sep- den Verdacht sexuellen Missbrauchs geht. Falsches Etikett tember 2011 erstattet er Anzeige und Eine DNA-Analyse wäre hilfreich ge- übergibt der Polizei die Festplatte mit den wesen, da David H. nur einen Tag nach Bildern. David H. besucht da bereits eine seinem Besuch bei der Polizei in EmdenWegen einer Kette von Fehlern der psychiatrische Klinik in Papenburg. Sei- eine Joggerin zu vergewaltigen versucht – Polizei blieb der Pädophile nem Freund erzählte er später, er sei dort und DNA-Spuren hinterlässt. David H. lange unbehelligt – bis wegen eines Selbstmordversuchs behan- In Aurich unterläuft den Beamten zu- delt worden. Nach seinem Aufenthalt in dem ein folgenschwerer Fehler: Sie lassen er die elfjährige Lena tötete. der Psychiatrie meldet er sich am 23. No- die Ermittlungen weiter unter „Besitz von vember in Begleitung eines Betreuers des Kinderpornografie“ laufen, nicht wegenN iedersachsen ist ein großes Land, Jugendamts bei der Polizei in Emden. Er sexuellen Missbrauchs – was strafrechtlich von Göttingen im Süden bis zu berichtet von der Behandlung, seinen se- wesentlich bedeutsamer ist. den Ostfriesischen Inseln sind es xuellen Neigungen und dem Vorfall mit Damit ist eine Weiche gestellt, nachauf der Straße 366 Kilometer. Übers Land der Freundin seiner Schwester. der fortan der Fall David H. als minder-verteilen sich 6 Polizeidirektionen mit 35 Die Polizei leitet jetzt auch ein Verfah- schwer und mindereilig bewertet wird.Inspektionen, 88 Polizeikommissariaten, ren wegen sexuellen Missbrauchs ein. Da Entsprechend schickt Aurich die Akten384 Polizeistationen – und dazu ein Lan- David H. in Krummhörn gemeldet ist, an die „Zentralstelle zur Bekämpfung ge-deskriminalamt in Hannover. fällt sein Fall aber in die Zuständigkeit waltdarstellender, pornografischer oder Doch was geschehen kann, wenn fal- der Polizeiinspektion Aurich. Die Akte sonst jugendgefährdender Schriften“ beische Prioritäten gesetzt und Akten falsch wandert deshalb von Emden nach Aurich. der Staatsanwaltschaft Hannover. Dortetikettiert werden, wenn also Beamte ihr Dieser Umstand wird Folgen haben. arbeiten sechs Staatsanwälte, und sie ha-Handwerk nicht verstehen – all das wurde Denn weder in Emden noch in Aurich ben eine Menge zu tun. Vergangenes Jahrvergangenen Dienstag sichtbar, als die nehmen Beamte eine Speichelprobe, um leiteten sie 1800 neue Verfahren ein.Polizeidirektion Osnabrück Dis- Das Amtsgericht Hannover er-ziplinarverfahren gegen Kolle- lässt, auf Antrag der Staatsan-gen einleitete. waltschaft, am 20. Dezember ei- Der Tod der elfjährigen Lena nen Durchsuchungsbeschluss füraus Emden, mutmaßlich ermor- die Wohnung von David H. –det von einem 18-Jährigen, der und sendet die Akten zurücknur vier Monate zuvor der Poli- nach Aurich. Nicht mal Kopienzei seine Pädophilie offenbart behält die Zentralstelle in Han-hatte, wird für lange Zeit im kol- nover, das geschieht nur bei be-lektiven Gedächtnis bleiben – als deutenden Fällen.ein Fall des Versagens einer Be- Der zuständige Staatsanwalt inhörde. Hannover machte sich einen Ver- Die Analyse der Ereignisse, merk. In drei Monaten wollte erdie auch eine Chronologie der noch einmal in Aurich nachfra-Missverständnisse und Missdeu- gen, wie der Stand der Ermittlun-tungen ist, hat zweifelsfrei ermitt- gen sei. Denn er weiß, dass es oftlungstechnische Fehler zutage ge- Monate dauert, bis die Compu-fördert. Offen bleibt einstweilen terbilder ausgewertet sind.die Frage, ob es „individuelle Allerdings stolperten auch dieFehler“ waren, wie es Landes- Juristen in Hannover nicht dar-polizeidirektor Volker Kluwe be- über, dass in den Akten von se-tont. Oder ob es auch strukturel- xuellem Missbrauch die Redele Probleme waren, wie Rudolf war. Sie gingen womöglich davonEgg, Direktor der Kriminologi- aus, dass sich die Staatsanwalt-schen Zentralstelle in Wiesbaden, schaft Aurich darum kümmernvermutet: „So jemanden kann würde, oder sie übersahen es.man nicht einfach gehen lassen“, Vielleicht wäre Lenas Todsagt Egg. „Junge Pädophile auch nicht zu verhindern gewe-kämpfen und ringen mit ihrer sen, wenn alle Dienststellen rei-Neigung, und sie wissen nicht, bungslos funktioniert hätten. Imwie sie damit umgehen sollen – Zentrum der internen Ermittlun-genau das macht sie besonders gen steht jetzt immerhin, war-gefährlich.“ um der Hausdurchsuchungsbe- Das gestörte Sexualleben des schluss bei der Polizei in AurichDavid H. erkennt seine Familie ein Vierteljahr lang nicht vollzo-erstmals im Herbst 2010. Als sei- gen wurde. Die Staatsanwalt-ne jüngere Schwester eine Freun- schaft ermittelt gegen zwei dor-din zu Besuch hat, überredet er tige Kriminalbeamte wegen desdiese, sich nackt vor ihm auszu- Verdachts der Strafvereitelung DAVID HECKER / DAPDziehen. David fotografiert das im Amt. Dafür müsste aber Vor-siebenjährige Mädchen, bis satz nachgewiesen werden.plötzlich seine Mutter ins Zim- MICHAEL FRÖHLINGSDORF,mer kommt. Sie informiert das ULF HANKE, ANDREAS ULRICH,Jugendamt. Verdächtiger H., Polizeiinspektion Aurich: „Kämpfen und ringen“ ANTJE WINDMANN40 D E R S P I E G E L 1 5 / 2 0 1 2
    • Deutschland aus der chinesischen Medizin gelten, kos- Gerät, das aussieht wie ein Babyphone, GESUNDHEIT tet rund 70 Euro. Andere Pilzsorten, für sind zwei Dioden angebracht, die sich der deren Wirksamkeit es ebenfalls keine wis- Käufer in die Nase stecken muss. Diese Dioden in senschaftlichen Belege gibt, sind schon für 30 Euro zu haben. Wer seine Hoffnung hingegen in eine strahlen „sichtbares kaltes Rotlicht“ auf die Schleimhaut. „Keiner weiß bisher, welche Nebenwirkungen das langfristig der Nase sogenannte Bioresonanztherapie setzt, muss tiefer in die Tasche greifen. Dafür bekommt der Leidende von seinem Hei- mit sich bringt“, sagt Torsten Zuberbier, Leiter der Europäischen Stiftung für Al- lergieforschung. Die Innenseite der Nase Wenn im Frühjahr die Pollen ler eine ausgeklügelte Theorie serviert. sei sehr empfindlich. „Es ist nicht auszu- fliegen, haben dubiose Wunder- Nachzulesen etwa auf der Internetseite schließen, dass dadurch bösartige Wuche- heiler Saison. Mit fragwürdigen der Naturheilpraxis am Wald, die nahe rungen entstehen können.“ Kiel sitzt: Körperzellen unterhalten sich Nebenwirkungsträchtig sind auch Therapien gegen Heuschnupfen demnach „in Form von Lichtblitzen“. Sei Darmspülungen gegen Allergien, wie scheffeln sie Millionen. diese Zell-Kommunikation gestört, könne etwa die Colon-Hydro-Therapie. Wendet ein Naturheiler die Behand-R omina Rösch war 14, als lung falsch an, kann die Darm- die Birke zu ihrem Feind wand verletzt werden, zudem wurde. Von einem Tag ist die Methode nichts für Men-auf den anderen ließ der feine schen mit schwachem Kreislauf.gelbe Pollenstaub ihre Augen Viele Heiler schwören trotz-zuschwellen, die Nase juckte, dem auf die Methode, die etwader Hals kratzte. „An manchen in der Talkshow von TV-Pfar-Tagen war es so schlimm, dass rer Jürgen Fliege vorgestelltich nicht mehr aus dem Haus wurde. Der Darm des Pollen-gehen konnte“, sagt die Medi- opfers wird mehrmals wöchent-zinstudentin aus Mainz. lich mit rund zehn Liter Wasser Jahrelang testete sie diverse ausgespült, die Einläufe habenNasensprays, Augentropfen abwechselnd eine Temperaturund ein Dutzend verschiedener von 21 und 41 Grad Celsius. PHANIE / YOUR PHOTO TODAYTabletten. Es wurde nicht bes- Kosten: zwischen 60 und 90ser. Rösch stieg auf Naturheil- Euro pro Sitzung.kunde um, gab Hunderte Euro „Es gibt leider viel zu vielefür Alternativmedizin aus. Sie obskure Angebote in diesemschluckte täglich drei Esslöffel Bereich, bei denen Vorsicht an-Öl, ließ sich in der Apotheke gebracht ist“, klagt Hans Merk,Tees mischen und suchte einen Kind beim Allergietest: Markt für Wunderlichkeiten Präsident des ÄrzteverbandsHomöopathen auf. Der ver- Deutscher Allergologen. Nachschrieb ihr Globuli, kleine Kugeln in der es zu Allergien kommen. Die Therapeu- seiner Auffassung gibt es nur wenige Re-Glasflasche. „Danach ging es mit dem ten legen den Patienten deshalb Elektro- zepte, die bei Heuschnupfen nachweislichAsthma los“, sagt sie. den an. Die sollen Therapieinformationen helfen. Allgemein empfohlen wird die Be- Mittlerweile lässt sich die 23-Jährige an ein Bioresonanzgerät weiterleiten und handlung mit Medikamenten wie Anti-im Frühjahr eine Cortison-Spritze geben. das Problem beheben. histaminika. „Diese können die Be-Das lindert die Symptome. „Aber gut für Die meisten Anbieter nehmen für ei- schwerden zwar lindern, aber nicht hei-den Körper ist das nicht“, sagt sie. Des- nen „Bioresonanz-Grundtest“ etwa 100 len“, sagt Merk.halb ist Rösch weiter auf der Suche nach Euro, Nachfolgebehandlungen kosten bis Ansonsten rät er zu einer sogenanntender perfekten Therapie, nach dem klei- zu 50 Euro. Den wissenschaftlichen Nach- Hyposensibilisierung. Dabei spritzt dernen Wunder, das den Heuschnupfen killt. weis dafür, dass die Therapie wirkt, konn- Arzt den Betroffenen in regelmäßigen Schätzungen zufolge leiden mehr als te bisher keiner erbringen. Abständen ein Allergenpräparat unter die15 Millionen Deutsche an Pollenallergien. Nicht weniger fragwürdig ist der Ein- Haut. Zum Einsatz kommen auch Tablet-Während für sie ab März die große Qual satz sogenannter Allergie-Nasenlampen. ten oder Tropfen. Im Idealfall reagiertbeginnt, brechen für Wunderheiler und Im Internet werden Exemplare zwischen das Immunsystem irgendwann nicht mehrGeschäftemacher herrliche Zeiten an. 30 und 100 Euro vertrieben. An einem mit einer Abwehrreaktion auf die Pollen.Zwar zahlt keine Krankenkasse die Be- Vielen Patienten geht es Studien zufol-handlung mit Heilpilzen oder Nasenlam- ge danach besser – bei anderen versagtpen, weil deren medizinische Wirkung Verbreitetes Leiden aber auch diese Therapie. Allergikerinnicht nachgewiesen ist. Aus Verzweiflung Allergiker-Anteil in Deutschland,* in Prozent Rösch hatte es jahrelang damit versucht.greifen viele Patienten trotzdem zur Eso- Die Behandlung half genauso wenig wieterikmedizin. Die Kosten tragen sie selbst. Heuschnupfen 20 – 30 die Globuli des Homöopathen. Seriöse Ärzte sehen den Markt für Nun überlegt Rösch, eine Anti-IgE-The-Wunderlichkeiten mit großem Missfallen. Kontaktallergien 7 – 10 rapie zu machen. Durch Spritzen sollenDenn die Allergiker geben nicht nur dabei die Antikörper im Organismus zer-unnötig Geld aus, sie gehen zudem Neurodermitis 5 – 8 *18- bis 65-Jährige; stört werden, die die allergische Reaktionunkalkulierbare Gefahren ein. Den Me- Nahrungsmittel- Mehrfach- auslösen. Die Optimisten unter den Heu- nennungen möglichdizinproduzenten hingegen bringen die allergien 4 – 8 Quelle: schnupfen-Forschern machen der Medi-allergischen Reaktionen der Deutschen Hausstaub- Europäische Stiftung zinstudentin Mut. Einen Haken gibt es milbenallergie 5Gewinne, die so sicher sind wie der Früh- für Allergieforschung trotzdem: Je nach Dosis kostet die The-lingsanfang. Allein eine „Vorteilspackung“ Insektengift- 2–3 rapie zwischen 6000 und 60 000 Euro.von Reishi-Pilzen, die als Wundermittel allergien KATRIN ELGER, CATALINA SCHRÖDER42 D E R S P I E G E L 1 5 / 2 0 1 2
    • Deutschland STRAFJUSTIZ Noch mehr Opferschutz? Im Strafverfahren drehte sich früher alles um den Täter und seine Schuld. Seit einigen Jahren stehen häufig die Opfer und ihre Angehörigen im Mittelpunkt – eine nicht nur segensreiche Entwicklung. Von Gisela FriedrichsenD er Mann hatte seine 39 Jahre alte Niemand wurde mit inhaltsloser Mit- 55. Deutschen Juristentag 1984 in Ham- Ehefrau, Mutter seiner beiden leidsrhetorik abgespeist. Schmacke hätte burg vorgetragen hatte. Darin war bereits Kinder, getötet. Er hatte ihr in ei- nie gesagt, die Getötete sei halt leider die Rede davon, dass das Opfer nunmehrnem Bremer Hotel, wo sie arbeitete, auf- „zur falschen Zeit am falschen Ort“ ge- „in den Vordergrund strafprozessualergelauert und dann mit äußerster Gewalt wesen, wie es in Gerichtssälen oft zu hö- Reformüberlegungen“ trete. Damals be-14-mal auf sie eingestochen. Weil sie mit ren ist, und die Angehörigen damit über gann, was heute die Wiederentdeckungdem Leben besser zurechtgekommen war ihr Leid hinaus auch noch verärgert. des Opfers genannt wird.als er, weil sie sich gegen seine wahnwit- Das Bremer Gericht verhielt sich rich- 1986 wurde das Erste Opferschutzge-zigen Verfolgungsattacken gewehrt hatte, tig. Es behielt die Opfer im Auge, wie es setz beschlossen, das die Beteiligungs-weil er sie hasste und doch nicht von ihr dem Geist der Gesetze zum Opferrecht rechte der Geschädigten stärkte. Einehatte lassen können. entsprach. Denn der Wind in der Gesell- „Kaskade“ von Gesetzen folgte, so der Das Landgericht Bremen ver-urteilte den Mann 2005 wegenMordes, begangen im Zustand er-heblich verminderter Steuerungs-fähigkeit, zu einer Freiheitsstrafevon 13 Jahren. Sachverständigehatten bei ihm eine „schwereAnpassungsstörung“ zur Tatzeitnicht ausgeschlossen. Vorsitzender war Harald Schma-cke, ein Richter von außergewöhn-lichem Einfühlungsvermögen undeinem unbestechlichen Gespür fürfalsche Töne. „Der Fall hat nichtnur großes Leid über eine Familiegebracht“, sagte Schmacke damalsin der Urteilsbegründung. Die Tathabe auch „die Kammer deutlichberührt“. Dieser Richter gab zu er-kennen, was er dachte. Die Hinterbliebenen der Ermor-deten hatten offensichtlich insge-heim auf eine Verurteilung zulebenslang gehofft, was nach Auf- MARTIN OESER / DAPDfassung des Staatsanwalts die ein-zig richtige Antwort auf das Ver-brechen gewesen wäre: „Die Tatschreit geradezu danach!“ Schmacke spürte die Unruhe Gedenken am Tatort: „Das Gericht muss deutlich sagen, wer die Schuld trägt“der Angehörigen und ihre Ent-täuschung, er registrierte, wie sie noch schaft und damit auch in den Gerichts- Bielefelder Rechtslehrer Stephan Barton,während der Begründung angstvoll rech- sälen hat sich im Lauf der vergangenen die eine klare Opferzuwendung zum Zielneten, wann der Angeklagte wohl wieder 20, 30 Jahre gedreht, was die Rolle des hatten. Allein zwischen 1996 und 2006in Freiheit kommen und dann möglicher- Opfers angeht. Heute ist es längst nicht wurde die Strafprozessordnung zu diesemweise neuerlich zu einer Gefahr für die mehr nur Beweismittel zur Überführung Zweck achtmal reformiert.Familie werden würde. Der Vorsitzende des Angeklagten, sondern befindet sich Die Viktimologie als Lehre vom Ver-schloss die Verhandlung, legte die Robe auf bestem Weg, Hauptdarsteller auf der brechensopfer etablierte sich, die forensi-ab und ging mit seinen Mitrichtern auf Bühne des Rechts zu werden. sche Psychologie entdeckte Opferbelange.die aufgewühlten Menschen zu. Er nahm Als Ausgangspunkt dieses Weges gilt Die Sozialpsychologie, die Neuropsy-sie mit in einen Raum des Landgerichts, das Gutachten zur „Rechtsstellung des chologie und vor allem die Psychotrau-wo er mit ihnen sprach, zuhörte und er- Verletzten im Strafverfahren“ des dama- matologie sprangen auf den Zug auf, denklärte. Er ließ sie mit ihren Ängsten nicht ligen Ministerialrats im Bundesjustizmi- nicht nur die verfassungsrechtliche Ord-allein. nisterium, Peter Rieß, das dieser auf dem nung, sondern auch der Zeitgeist antrieb.44 D E R S P I E G E L 1 5 / 2 0 1 2
    • Denn wer sich um den Rechtsfrieden be- Hilfe tat also not. Opferorientierte rem wegen fahrlässiger Tötung eine Frei-mühte, hatte, ob er wollte oder nicht, zur Dienstleistungsangebote entstanden, heitsstrafe auf Bewährung verhängte.Kenntnis zu nehmen, dass zu einer Straf- neue Prozesssubjekte traten auf: die Ne- Ähnlich der Prozess gegen die Ex-RAF-tat der Täter und das Opfer gehören. benklagevertreter und Opferanwälte auf Terroristin Verena Becker, der vor allem Befördert durch die These des Entfüh- Staatskosten. „Opfer sind Kult“, sagt ein deshalb schon eineinhalb Jahre langrungsopfers Jan Philipp Reemtsma, dass Münchner Strafverteidiger. Sie repräsen- währt, weil der Sohn des 1977 ermordetenes ein „Recht des Opfers auf die Bestra- tieren heute, was jedem zustoßen kann. Generalbundesanwalts Siegfried Bubackfung des Täters“ gebe, entwickelte sich Die Debatte über diese neue Situation, keinen Frieden findet, ehe er nicht deneine lebhafte Diskussion über den Stel- die Fachleute als „Paradigmenwechsel“ Namen der Person weiß, die die Waffelenwert des Opfers. Der Bundesgerichts- charakterisieren, dauert, von der Öffent- auf seinen Vater gerichtet hat. Dies aberhof rief zur „Beachtung der Opferbelan- lichkeit kaum beachtet, unvermindert an. wirft die Bundesanwaltschaft Frau Beckerge“ auf und warnte „vor rechtsstaatswid- Doch nach bald drei Jahrzehnten stetiger nicht vor. Gleichwohl dreht sich der Pro-riger Verteidigung des Angeklagten“. Ausweitung scheint der Opferschutz nun zess um kaum etwas anderes.Dies wiederum ließ die Strafverteidiger an seine Grenzen zu stoßen. Geht es Kriminalitätsopfern, die heutefragen, ob damit etwa ihre Arbeitshypo- Mittlerweile sind Strafprozesse neuer rechtlich umsorgt werden wie nie zuvor,these, dass nämlich der Belastungszeuge Art zu verzeichnen, in denen nicht der unter anderem mit Prozessbegleitung,lüge, nun hinfällig sei. Der Hoffnung der Anklagevorwurf im Vordergrund steht, mit eigenen Zeugenzimmern und allerleiOpfer folgte – zu Recht – die Besorgnis sondern die Erfüllung der Erwartungen psychosozialen Maßnahmen, wenigstenseines Verfalls rechtsstaatlich geschützter von Nebenklägern. Der Eindruck, sie be- besser als vor 25 Jahren? Nein, sagt dieBeschuldigtenrechte. Wurden nicht auch stimmten, was und wie verhandelt wird, Rechtspsychologin Renate Volbert: „Esdie Strafen höher, je mehr der Angeklagte drängt sich auf. Im Münchner Demjan- wird beinahe unverändert beklagt, dasszugunsten des Opfers aus dem Fokus der juk-Prozess, so befriedend er für die Hin- die Bedürfnisse von Opfern viel zu wenigAufmerksamkeit schwand? terbliebenen der im Vernichtungslager Berücksichtigung finden und die Verfah- Andererseits: Da gab es die Prozesse um Sobibór ermordeten Juden gewesen sein ren mit unverhältnismäßig hohen Belas-den Düsseldorfer Flughafenbrand mit 17 mag, ging es nicht um einen konkreten tungen verbunden sind.“ Diese Behaup-Toten, das furchtbare Zugunglück von Tatnachweis, sondern letztlich darum, tung aber stütze sich nicht auf empirische Befunde, sondern werde einfach als evident unterstellt. Brauchen wir also doch noch mehr Opferschutz, wie ihn der Gesetzgeber plant? Auch Erwach- senen soll demnach in bestimm- ten Fällen die Konfrontation mit dem Angeklagten im Gericht er- spart bleiben und ihre Verneh- mung auf Video aufgezeichnet werden. Wo aber bleibt dann das Recht des Angeklagten, sich mit dem beschuldigenden Zeugen auseinanderzusetzen, wenn die- ser komplett abgeschirmt wird? Der Umgang mit Opfern, An- gehörigen und Hinterbliebenen gehört zu den sensibelsten und schwierigsten Aufgaben der Ge- richte. An den Universitäten wird er kaum gelehrt, im Referendariat selten geübt. Doch Opfer und Op- ferzeugen bringen eine eigene Perspektive ins Strafverfahren. Ihre Fragen, ihre Wünsche und JÖRG SARBACH Vorstellungen von Gerechtigkeit decken sich nicht mit denen an- derer Beteiligter. Wie lässt sichBremer Gerichtssaal, Vorsitzender Schmacke (hinten M.) 2005: „Die Tat hat die Kammer berührt“ vereinbaren, dass hier der Ange- klagte sitzt, der Anspruch auf dieEschede mit 101 Toten und 88 zum Teil entsprechend dem Wunsch der Opfer Unschuldsvermutung hat, und dort dasschwerst Verletzten, das Inferno in der Glet- dem Vergessen des Holocausts entgegen- Opfer, dem nicht nur etwas angetan wor-scherbahn von Kaprun mit 155 Todesop- zuwirken und den Weg zu bereiten für den sein soll, sondern dessen Leben sichfern, in denen kein Angeklagter zu Frei- weitere Anklagen dieser Art. vielleicht von einem Tag auf den anderenheitsstrafen verurteilt wurde. Aber wer trug Gegen den Vater des Amokläufers von komplett verändert hat? Was ist, wenndenn die Verantwortung?, fragten die Hin- Winnenden hatte die Stuttgarter Staats- dem Angeklagten die Tat nicht nachzu-terbliebenen. Es musste doch jemand anwaltschaft ursprünglich einen Straf- weisen war? Ist der wirklich Geschädigteschuld sein! Waren es etwa die „unglückli- befehl wegen Verstoßes gegen das Waf- dann kein Opfer mehr? Wie geht manchen Umstände“, die sich „verkettet“ hat- fengesetz erlassen wollen. Auf Druck der mit ihm um? Irritierende Fragen.ten, wie die Gerichte urteilten? Die Ange- 43 Nebenkläger und ihrer 19 Anwälte, de- Wolfram Schädler, seit 2004 Bundes-hörigen in ihrer hilflosen Ratlosigkeit wa- nen gerade mal 2 Verteidiger gegenüber- anwalt, hat als Oberstaatsanwalt im hes-ren ob solcher Worte empört und fühlten standen, landete die Sache dann vor dem sischen Justizministerium 1984 zusammensich auch noch von der Justiz geschädigt. Landgericht, das schließlich unter ande- mit dem Psychologen Michael Baurmann D E R S P I E G E L 1 5 / 2 0 1 2 45
    • Deutschland „minderschwerer“?, fragen sie. Warum wird meine Sache eingestellt? Ist die Tat, die an mir begangen wurde, etwa unwe- sentlich? Warum ist eine weitere Aufklä- rung „nicht geboten“? Warum bekommt der Angeklagte eine geringere Strafe, wenn er dem Gericht einen langen Pro- zess erspart? Ist die Befindlichkeit der Richter und ihre Eile, eine Sache zu erle- digen, denn ein Strafmilderungsgrund? CARMEN JASPERSEN / PICTURE ALLIANCE / DPA Das muss erst einmal erklärt werden. Hinterbliebene wollen wissen, was ge- schehen ist und wer die Schuld trägt an dem Verbrechen, das über sie kam. Das Böse soll ein Gesicht haben. In Hamburg wird zurzeit der „Horror-Crash von Ep- pendorf“ verhandelt, ein furchtbarer Ver- kehrsunfall, bei dem der Sozialforscher Günter Amendt, der Schauspieler Diet-„Maskenmann“-Prozess 2011: Fast 20 Jahre Ungewissheit für die Hinterbliebenen mar Mues, dessen Ehefrau sowie die Bild- hauerin Angelika Kurrer ums Leben ge-vom Bundeskriminalamt die erste Opfer- nem Jahr in Krailling die beiden Töchter kommen sind. Es geht um die Frage, obbetreuungsstelle „Hanauer Hilfe“ gegrün- seiner Schwägerin regelrecht abgeschlach- der Angeklagte, ein Epileptiker, schuld-det. „Ich glaubte damals, von Opfern zu tet zu haben. Die Kammer mit dem Vor- haft handelte, als er sich hinters Steuerwissen“, sagt Schädler heute. „Dann sitzenden Ralph Alt hat mit der Mutter setzte. Er hatte schon mehrere Unfällemussten wir feststellen, dass wir nichts der Kinder dreieinhalb Stunden lang ge- verursacht, weil ihn Krampfanfälle ereil-darüber wissen, was in einem Menschen sprochen. Die Öffentlichkeit und der An- ten. Einer der Söhne des Ehepaars Muesvorgeht, dem etwas angetan wurde.“ geklagte waren währenddessen von der sagte, für ihn sei es wichtig, dass die Schädler kennt die Praxis auf den Poli- Verhandlung ausgeschlossen. Wäre die Schuldfrage geklärt werde – um „in derzeirevieren, und er kennt den Umgang traumatisierte Frau, die ihre Kinder ge- Trauer weiterzukommen und irgendwannder Gerichte mit Opfern und ihren Ange- funden hatte, auch im Fall eines Geständ- hoffentlich mal einen Punkt zu finden,hörigen. Zusammen mit Baurmann gab nisses angehört worden? Oder hätte man an dem die Sache abgeschlossen ist“.er 1991 die erste wissenschaftliche Unter- sie womöglich noch mehr „verschont“? Abschließen können – das wünschensuchung über die Bedürfnisse und Erwar- Was wäre für sie besser gewesen? sich viele Leidtragende von Straftaten.tungen von Kriminalitätsopfern heraus, Ein Gericht hat die Tat aufzuklären „Das Gericht muss diesen Menschen sa-die eine Professionalisierung der Ermitt- und den Angeklagten gegebenenfalls zu gen, wer die Schuld trägt, schon um sieler auf diesem Gebiet zur Folge hatte. verurteilen. Beim Opfer hingegen geht es von Selbstvorwürfen zu befreien“, so „Der Bundesgerichtshof fordert inzwi- um anderes. Schweigt ein Angeklagter, Schädler. Es müsse ihnen sagen, wenn esschen eine besondere Fürsorgepflicht zu- was sein nicht verhandelbares Recht ist, denn so war, dass sie keine Mitschuld trü-gunsten des Opfers vom Vorsitzenden ein. fühlen sich Opfer oft missachtet, ja ver- gen. Denn nur dann ließen sich auch ihreTendenz der Gerichte aber: Der Geschä- höhnt. Sie interpretieren dieses Schwei- quälenden Phantasien eindämmen – werdigte soll möglichst von der Hauptverhand- gen als Ausnutzen eines Vorteils, als das wohl was und vor allem warum getan hat.lung verschont bleiben“, stellt Schädler Gegenteil von Reue. Lässt der Angeklag- Ulrich Jahr, Vater eines der Opfer desfest. „Dabei wollen die meisten Opfer te sein Geständnis nur verlesen, lässt er sogenannten Maskenmanns, den dasnicht, dass einfach über ihren Kopf hinweg Reue nur durch seinen Verteidiger vor- Landgericht Stade wegen Mordes an dreibeschlossen wird, sie zu verschonen.“ Er tragen, wird ihm von Opfern meist nicht Jungen zur Höchststrafe verurteilte, hattekritisiert daher die um sich greifende Pra- geglaubt. Da ist der Vorsitzende in der die Ungewissheit, wie sein Sohn von wemxis, einen geständigen Angeklagten, ohne Pflicht. umgebracht worden ist, fast 20 Jahre langdas Opfer zu fragen, auch deshalb mit ei- Geschädigte, meist nicht gerichtserfah- gepeinigt. Er hatte selbst ermittelt, hattener milderen Strafe zu belohnen, weil die- ren, verstehen auch häufig nicht die Spra- der Polizei widersprochen und sich einsem damit eine Aussage vor Gericht er- che des Rechts. Wieso ist mein Fall ein eigenes Bild vom Täter und dessen Vor-spart bleibt. Das sei „Überprotektionismus gehensweise zurechtgelegt,aus falsch verstandenem Mitleid“. das ihn nicht mehr losließ. All Was nützt es denn auch einem Opfer, dies trug er als Zeuge vor Ge-wenn per Absprache ein Verfahren been- richt vor. Der Vorsitzende Be-det wird, ohne dass es sich dazu äußern rend Appelkamp unterbrachkann, weil man es ja verschonen will? ihn nicht, weil es dem Mann„Manche Richter sind froh, wenn sie mit offensichtlich ein dringendesden Opfern nichts zu tun haben müssen. Anliegen war, seine Sicht zuSie können nicht umgehen mit Menschen, schildern. Den Angehörigendenen Schreckliches widerfahren ist, und kann ein Gericht durchaus zu-verschanzen sich dann hinter dem in- hören, ohne die Ohren vorflationär gebrauchten Begriff der angeb- dem Angeklagten zu ver- ALABISO.DE / DER SPIEGELlichen sekundären Viktimisierung“, so schließen.Schädler. „Doch man muss das Opfer an Ulrich Jahr hat durchgehal-der Hauptverhandlung beteiligen, mit ten bis zum Urteil. Er über-ihm arbeiten, nicht es fernhalten.“ lebte es nicht einmal zwei In München steht gegenwärtig der Wochen, dann ereilte ihn einMann vor Gericht, der bestreitet, vor ei- Bundesanwalt Schädler: „Falsch verstandenes Mitleid“ Herzinfarkt.46 D E R S P I E G E L 1 5 / 2 0 1 2
    • Einäscherung Odyssee im Leichenwagen im Jahr pro Anlage vor, sagen die Betrei- ber. Aber ob dies stimmt, kontrollieren die Behörden nicht. Die Branche steht im harten Wettbe- werb. Die Zahl der Krematorien ist rasant gewachsen. 2000 gab es nur rund 100 öf- fentliche Anlagen, derzeit werden 159 ge- zählt, ein Drittel davon privat betrieben, weitere sind in Planung. Dabei sei der B E S TAT T U N G E N Bedarf an Krematorien eigentlich ge- deckt, so Aeternitas, eine Verbraucher- Feuerwehr initiative für trauernde Angehörige. DerSTEPHAN ELLERINGMANN / LAIF Preis für eine Einäscherung ist wegen der Konkurrenz auf rund 300 Euro gesunken. am Sarg Nur im Süden vermuten Investoren noch Potential. Dort müssen sie sich allerdings gegen Bürgerinitiativen durchsetzen, die auch mit dem Problem zu schwerer Lei- chen argumentieren. Die Fettleibigkeit der Deutschen Schadstoffspitzen im Abgas, die Experten Der Ingenieur Hubert Kerber führt im überfordert die bei gelegentlichen Untersuchungen fest- baden-württembergischen Sinsheim-Rei- Krematorien: Die Anlagen stellen. Das Bayerische Landesamt für hen den Protest gegen ein neues Kre- werden ruiniert, Abgase Umwelt ermittelte, dass der erlaubte Mit- matorium an. Er hält Anlagen im Bypass- telwert von 50 Milligramm Kohlenmono- betrieb für „Dreckschleudern“. Beruflich ungefiltert in die Luft geblasen. xid pro Kubikmeter Abgas und Stunde hat Kerber als TÜV-Prüfer mit vielen oft überschritten wird, wenn der Holzsarg Verbrennungsanlagen zu tun, auch mit D er Mitarbeiter des Krematoriums einfällt und sich der Leichnam entzündet. Krematorien. Kerber hat Normen und in Hameln warf noch einen letz- Im September 2009 beispielsweise über- Grenzwerte verglichen und sagt: „Jede ten Blick in den Sarg, bevor er die forderte ein 150 Kilogramm schwerer Müllverbrennung ist strenger reglemen- Holzkiste in den Ofen schob. Es war der Leichnam das Krematorium von Kemp- tiert.“ dritte Leichnam am Morgen des 13. Janu- ten im Allgäu, der Schlot glühte, Rohrtei- Im Krematorium Hamburg-Öjendorf ar, und der wog mehr als 200 Kilogramm. le schmolzen. Die Feuerwehr ging schließ- mussten die Feuerwehrleute im Januar Nur rund zwei Kilogramm Asche sollten lich mit Löschpulver gegen die Glut im 2008 sogar Atemschutzmasken anlegen. übrig bleiben. Doch 15 Minuten später Kamin vor. Bei der Verbrennung eines schwergewich- schlugen Flammen aus dem zehn Meter „Unvorhergesehene Brände passieren tigen Mannes war es zu einer Verpuffung hohen Schornstein des Krematoriums, in vielen Krematorien“, sagt der nieder- gekommen. Dann klemmte auch noch die Teile des Doppelrohr-Edelstahlschlots sächsische Anlagenbauer und Sicherheits- Bypassklappe, und der Qualm konnte schmolzen durch. Der Angestellte bekam gutachter Jochen Sembdner. In solchen nicht über den Schlot entweichen. Bräun- den Brand nicht mehr unter Kontrolle, er Notfällen öffnen sich Klappen hinter den liche Schwaden waberten durchs Gebäu- rief die Feuerwehr. Öfen. Im sogenannten Bypassbetrieb len- de, die Feuerwehr maß erhöhte Werte gif- Die Helfer kühlten den rauchenden ken sie den Qualm samt Dioxinen und tigen Kohlenmonoxids. Das defekte By- Schlot von der Seite. Durch eine Wärme- Furanen, Quecksilber aus Zahnfüllungen, passventil sei sofort ausgetauscht, die bildkamera beobachteten sie, wie sich die anderen Schwermetallen und Feinstaub Ofenanlage runderneuert worden, sagt Hitze im Gebäude ausbreitete: Das Ka- direkt in die Außenluft – an Messinstru- der Betriebsleiter. minrohr glühte bei 600 Grad Celsius. Erst menten und am Filter vorbei. Bypass- Um Schadstoffspitzen zu vermeiden, nach vier Stunden war der Leichnam zu betriebe kommen nur ein- bis zweimal empfiehlt das Bayerische Landesamt für Asche geworden. Umwelt in einer Studie, Särge besonders Deutschlands Übergewichtige machen schwergewichtiger Leichname „mit leicht den Feuerbestattern zu schaffen. Mittler- geöffnetem Deckel“ in den Ofen einzu- weile wird rund die Hälfte aller Verstor- fahren und „anlagenspezifische Gewichts- benen eingeäschert. Die Zahl der fettlei- obergrenzen“ einzuführen. Letztere sol- bigen Deutschen liegt bei 15 Prozent, Ten- len noch in diesem Jahr in die Branchen- denz zunehmend. Die Branche hat sich Richtlinien aufgenommen werden. Die zwar darauf eingestellt, Särge werden in Hersteller sollen das Maximalgewicht der Übergrößen geliefert, Ofentüren für die Leichname festlegen, die in ihren Öfen extragroßen Kisten umgebaut. Aber ein verbrannt werden dürfen. Problem bleibt: Adipöse Körper brennen Doch was passiert dann mit den schwe- wegen ihres hohen Fettgehalts oft so heiß, ren Toten? Die Suche nach einem geeig- dass sie die Anlagen überlasten. Ursache neten Krematorium könnte zur Odyssee für den Schornsteinbrand in Hameln war im Leichenwagen werden. In Frankreich FRIEDRICH W. THIES wohl „extreme Hitze durch hohe Fettver- haben gleich mehrere Krematorien die brennung“, so Carl Schmidt, Betriebslei- Einäscherung einer 140 Kilogramm ter des Krematoriums. schweren Frau abgelehnt. Deren Tochter Wie häufig so etwas vorkommt, weiß klagte daraufhin in der Zeitung „Le Pa- niemand genau. Dabei gelten schwere Schornsteinbrand im Krematorium Hameln risien“ über die postmortale Diskriminie- Leichen seit langem als eine Ursache für „Extreme Hitze durch Fettverbrennung“ rung ihrer Mutter. ULF HANKE 48 D E R S P I E G E L 1 5 / 2 0 1 2
    • Szene Was war da los, Herr Marconi? Alan Marconi, 26, brasilianischer Ret- tungsschwimmer, über die Bergung eines Riesen: „Als ich mit meinen Kollegen ins Schlauchboot stieg, dachte ich, wir würden einen Brydewal zurück aufs offene Meer begleiten. Zunächst hieß es, das Tier würde gerade Junge be- kommen. Erst als wir uns ihm näher- ten, sahen wir, dass es tot war. Wir mussten nun verhindern, dass der Ka- daver an den Strand von Rio de Janeiro gespült wurde, wo Leute ba- deten. Wir waren zu acht und hatten nur das kleine Schlauchboot, der Schlepper war noch nicht in Sicht. Also habe ich mich an die Fluke des Wals gehängt, um das Seil daran fest- zumachen. Ich war traurig, dass der SERGIO MORAES / REUTERS Wal tot war, er stank schon. Es war schwierig, gegen die Brandung anzu- kämpfen, die den 20-Tonnen-Körper in Richtung Strand schob. Wir muss- ten aushalten, bis der Schlepper kam und den Wal raus aufs Meer zog.“ Marconi (an der Fluke) GESUNDHEIT ein Organ erhalten dürfen, die selbst bereit erklärt, bekommt einen Bonus – nicht spenden will? Ich finde, das und genießt Vorrang beispielsweise widerspricht elementaren Gerechtig- vor jemandem, der die Spende„Gedankenlosigkeit mit keitsvorstellungen. für sich selbst ablehnt. Es ist doch einem Preis versehen“ SPIEGEL: Frank-Walter Steinmeier hat im Bundestag gesagt, eine Organ- spende müsse eine selbstlose Spende eine Illusion zu glauben, wir könnten ein knappes Gut kostenfrei verteilen.Hartmut Kliemt, 62, Professor für bleiben. SPIEGEL: Warum braucht AltruismusPhilosophie und Ökonomik an der Kliemt: Selbstlosigkeit an sich ist aus überhaupt einen Belohnungsanreiz?Frankfurt School of Finance, über meiner Sicht kein Wert. Selbstlosigkeit Warum birgt er seinen Wert nicht inOrganspenden und die Grenzen der für die richtigen Dinge ist ein Wert. sich selbst?Nächstenliebe SPIEGEL: Was fordern Sie konkret? Kliemt: Natürlich wollen Menschen das Kliemt: Eine Art Solidaritätsmodell: Gute tun, aber sie wollen sich nichtSPIEGEL: Die Bundesregierung will im Wer sich frühzeitig zur Organspende dadurch, dass sie das Gute tun, aus-Sommer das Transplantationsgesetz nutzen lassen. Deshalbändern, damit sich mehr Menschen als braucht der Beitrag zu kollek-Organspender registrieren lassen, setzt tiven Gütern doch einenaber weiterhin auf Freiwilligkeit. Also Anreiz.auf Nächstenliebe. Reicht das? SPIEGEL: Haben Sie selbstKliemt: Nein, es ist keine gute Idee, die einen Organspendeausweis?Motive exklusiv vorschreiben zu wol- Kliemt: Ja klar, aber ich finde,len. Ich sage: Wer spendenbereit ist, dass das nicht ausreichend ist.soll eine gewisse Bevorzugung erhal- Ich finde, dass ein Zentral-ten, wenn er selbst bedürftig wird. Das register hermuss, um zuist die alte Idee des Versicherungs- dokumentieren, wer spendenvereins auf Gegenseitigkeit. will und wer nicht. Ich spendeSPIEGEL: Was spricht für Ihre Idee? für die Solidarischen, dasKliemt: Dass sie viel gerechter ist. würde ich gern eintragen.Nehmen Sie an, Sie haben zwei gleich- Ich bin dafür, Gedanken- SIPA PRESSgeeignete und gleichbedürftige Per- losigkeit wenigstens mitsonen. Beide brauchen ein Organ. einem gewissen Preis zuWarum soll ausgerechnet die Person Herztransplantation versehen.50 D E R S P I E G E L 1 5 / 2 0 1 2
    • Gesellschaft Keinhase EINE MELDUNG UND IHRE GESCHICHTE: Wie ein Tierpark in Sachsen beinahe weltberühmt wurdeD ie Erste, die von dem schreckli- könnte irriger sein. Tiere sind weder ge- streng zoologisch, um ein Oryctolagus cu- chen Vorfall erfuhr, war Frau mein noch lieb. Sie haben Bedürfnisse, niculus domesticus handelte. Es waren Mildner – Frances Mildner, klein, die man erfüllen, Grenzen, die man re- die Frauen im Tierpark, die die Chancefröhlich, patent, Sachbearbeiterin für Bür- spektieren sollte. Kim, der Leopard, zum witterten: der Keinohrhase! So wie dergerkommunikation im Rathaus zu Lim- Beispiel, der seinen Oberpfleger Uwe erfolgreiche Film, Til Schweiger könntebach-Oberfrohna. Vor ihrem Schreibtisch Dempewolf seit zwölf Jahren kennt, des- die Patenschaft für den kleinen Til über-stand Oberpfleger Dempewolf, er hatte sen Geruch, Gangbild, Stimme, würde nehmen, man würde ihn einladen, einsich gleich ins Auto geworfen und war zu sich sofort auf ihn stürzen, sollte Dempe- leibhaftiger Star, das abgelegeneihr gefahren, jetzt stand er vor ihr, groß wolf den Käfig betreten, ihn wahrschein- L.-O. würde ans Filmgeschäft andocken.und stark, bärtig und trostbedürftig, er lich in Sekunden zerfleischen. Tiere sind Til Schweiger!rang die Hände, während er Einen Tag vor der Pressekon-berichtete, und am Ende hatten ferenz rückte aus Leipzig dersie beide denselben Gedanken: TV-Filmer Sascha D. an, er war,Wie sagen wir’s dem Professor? so schildern ihn die Tierpflege- Und dann war da noch eine rinnen, ein netter Typ, sehr eif-weitere Möglichkeit. Unausge- rig. D. filmte draußen, mit Kin-sprochen, doch nicht abwegig. dern, ohne Kinder, am EndeFünf Tiere lebten ja noch. Man wollte er im Stall ein paar Sze-konnte den Unfall theoretisch nen von Til mit Geschwisternungeschehen machen. Oder es drehen, doch die Kaninchen WOLFGANG THIEME / PICTURE ALLIANCE / DPAzumindest so aussehen lassen. waren inzwischen völlig hyste-Ein neuer Keinohrhase. Eine risch, sie flitzten irre umher.Betäubung, zwei Schnitte. Der Stall ist eng und dämmerig, Eine Entscheidung konnte 2,50 mal 2,50 Meter. D. ging inaber nur der Professor treffen. die Hocke, schimpfte leise, die Limbach-Oberfrohna liegt in Viecher waren überall, und ei-Sachsen, im Südwesten des nes war vom anderen kaum zuLandes, unweit der tsche- unterscheiden, er wollte Sze-chischen Grenze; die Randlage nen auf Kaninchen-Augenhöhe,begreift man hier als Herausfor- Kaninchen Til (r.), Geschwistertier er hielt die Kamera tief undderung. „Come to L.-O.“ heißt machte einen Schritt zurück, esder Slogan der Stadt, man ist machte knacks.stolz auf das Schwimmbad, das Til hauchte mit einemHeimatmuseum, vor allem auf Knacks seine Seele aus, eineden Tierpark. sehr kleine Seele. Die Anlage ist idyllisch. Die Sascha D. war untröstlich, er-Wisente sind zottelig, die Leo- zählen die Leute aus dem Tier-parden elegant. Die Lamas bli- Aus der „B. Z.“ park, die unter Schock standen,cken senil und lüstern, ein paar Dempewolf, die Lehrlinge, dieGehege weiter turnt ein Ara Damen von der Kasse. Ade, Tilkrächzend und zeternd am Draht- Schweiger. Es flossen Tränen.käfig herum. Schulkinder wetzen durchs unbestechlich, unverstellt; darin liegt ihre Allein der Professor blieb gelassen.Gelände. Der Teich wird gerade vergrößert ungeheure Schönheit. So sei es eben in der Natur. Ein Unfall,und ausgeschachtet, hier soll ein Flamingo- Eulenberger weiß allerdings auch, dass Pech. Den Gedanken, einem anderengehege entstehen – man hat große Pläne, man, um einen Tierpark bekannt zu ma- Kaninchen die Ohren abzuknipsen, weistdahinter steht ein Mann, der hier aufwuchs, chen, etwas bieten muss. Die Leute sind Eulenberger von sich. So was habe mandann auswärts Karriere machte, jetzt aber, eben so. Verwöhnt. Ein flauschiger Eisbär nicht nötig. Til liegt in der Tiefkühltruhe,im Ruhestand, zurückgekehrt ist: Prof. Dr. ist Gold wert. Ein schielendes Opossum. eingewickelt in eine weiß-rote Plastiktüte.med. vet. Klaus Eulenberger, Anfang sieb- Oder ein Krake, der Fußballtore vorher- Er soll ausgestopft werden.zig, lange Jahre oberster Tierarzt im Leip- sagen kann. Eine Story, darum geht’s. Ohne den Keinohrhasen-Trubel, er-ziger Zoo, beste Kontakte in alle Zoos der Am 27. Februar gab es im Kaninchen- zählt Eulenberger, wäre Til ohnehin nurWelt, Vorsitzender des Fördervereins. Für stall des Tierparks einen Wurf: sechs Jung- ein kurzes Leben beschert gewesen, nor-die Pfleger, Handwerker, Lehrlinge im tiere, nackt, blind. Für das Tier war es malerweise enden Kaninchen als FutterTierpark ist er „der Professor“. der erste Wurf. Wahrscheinlich hatte es, für die Leoparden. Mindestens einmal in Eulenberger ist der pragmatische Typ. unerfahren, beim Ablecken des Frucht- der Woche brauchen die RaubkatzenEr weiß, dass die Tiere zwar in den Augen wassers dem ersten Neugeborenen die Ganztiernahrung, kein schönes Wort,der Besucher edel oder knuddelig oder Löffel abgebissen. Ein halbwegs wasch- aber so ist es nun mal.wunderschön sind; doch nichts, sagt er, echter Keinohrhase; auch wenn es sich, RALF HOPPE D E R S P I E G E L 1 5 / 2 0 1 2 51
    • Gesellschaft FORTPFLANZUNG Papa Ed Ed Houben ist ein privater Samenspender aus Maastricht, der auch in Deutschland tätig ist. 82 Kinder hat er schon, 10 sind unterwegs. Er möchte kinderlose Frauen glücklich machen – und sich selbst. Von Barbara HardinghausA uf dem Weg zu Kind Nummer 83 such“ heißt Geschlechtsverkehr mit einer wie über ein gutes Backrezept, und er ist tritt Ed Houben in die Ankunfts- Frau, die er aus dem Internet kennt, von der Meisterbäcker. In seinen Augen sind halle D im Flughafen Berlin-Schö- spermaspender.de. Ed Houben ist Samen- die Regeln einfach. Aber eigentlich sindnefeld. Er trägt eine Outdoor-Hose mit spender, er schenkt Frauen seinen Samen, sie komplizierter. Es ist kein einfacherSeitenklappen, einen Fleecepullover und in 80 Prozent der Fälle, sagt er, auch ein Weg, der Weg für kinderlose Frauen zumeinen Rucksack, in dem eine Trinkwas- Kind. „Das ist meine Erfolgsquote.“ Kind.serflasche steckt. „Hallo“, sagt er mit vier- Zehn der Frauen, die er schon zu Müt- „Donogene Insemination“ heißt das,fach betontem „l“, seinem niederländi- tern gemacht habe, seien Ärztinnen. Ge- was offiziell in deutschen Arztpraxen undschen Akzent. Er marschiert gerade auf bildet, das findet Ed Houben, Historiker, Fruchtbarkeitskliniken praktiziert wird,die Bushaltestelle zu. Er will sich beeilen, 42, wichtig. Und gesund, das auch. also „das direkte Einbringen von Samen-die „Wunschmama“ geht zellen eines unbekanntenfrüh schlafen, und sie haben Spenders in die Gebärmutternoch etwas vor. einer Frau mit dem Ziel, un- Eigentlich reist Ed Houben gewollte Kinderlosigkeit zuschon lange nicht mehr zu überwinden“.den Frauen. Eigentlich kom- Ein Heft mit Richtlinienmen die Frauen zu ihm. Aber „zur Qualitätssicherung ines gibt Notfälle wie diesen, Deutschland“ umfasst 36 Sei-11. Zyklustag, also zwei Tage ten. Es stammt von Ärzten,vor dem Eisprung, und die die meisten sind Inhaber ei-Wunschmama hat nieman- ner Samenbank, etwa einden für die Katzen. Dutzend gibt es in Deutsch- Sie wartet in einer kleinen land.Wohnung am anderen Ende Die Praxis dort ist kurz ge-der Stadt. Sie hat das Luft- sagt so: Die Wunschelternbett im Wohnzimmer auf- sind heterosexuell, am bestengeblasen und schöne Unter- verheiratet, sie bleiben demwäsche angezogen. Spender unbekannt. Der Ed Houben sitzt oben im Spender, so wollen es dieDoppeldeckerbus, Linie X7, Richtlinien, ist nicht älter alsvorn. Drei Kinder hat er vierzig, er wird mehrfachschon in Berlin, die anderen untersucht, sein Sperma ent- STOCK RM / F1ONLINE79 leben in anderen Städten, spricht den „Mindestanfor-anderen Ländern, in den Nie- derungen“ in zehn Punkten.derlanden, in Belgien, Spa- Die „praktische Durchfüh-nien, Italien und Neuseeland. rung“ wird dokumentiert,Ihre Namen, Geburtsdaten Menschliche Spermien: 100 Millionen pro Milliliter, darauf ist er stolz das Dokument 30 Jahre auf-und Geschlechter hat Hou- gehoben.ben zu Hause in eine Excel-Tabelle ein- Keine Drogen, kein HIV. Keine Hepa- Die Samenbanken verlangen 3000 bisgetragen. Das älteste Kind ist fast neun titis B und C, keine Syphilis, keine Go- 4000 Euro pro Behandlung und zahlenJahre alt, das jüngste Kind zwei Monate. norrhö oder sonstige Geschlechtskrank- den Spendern, meist sind es Studenten,Er wirft noch ein Pfefferminzbonbon heiten. Keine Chlamydien, also Bakte- knapp hundert Euro pro Portion.nach, gähnt. „So langsam kommt das rien. „Das sind meine Bedingungen.“ Als Ein halbes Jahr dauert es bis zumSchlafhormon durch“, sagt er, „aber Beweis verlangt er ein Gesundheitszeug- ersten Versuch. 1400 Frauen werden,schlafen geht noch nicht.“ nis und schickt selbst auch eins. Und ein so Schätzungen, jedes Jahr in Deutsch- In Rudow steigt er um in die U-Bahn. Spermiogramm vom Arzt. land durch offizielle SamenspendenAm Hermannplatz stoppt der Zug, er Das Spermiogramm zeigt seine Sper- schwanger.muss wieder in einen Bus, Schienener- madichte. Weniger als 20 Millionen pro Andere reisen ins Ausland, zu Klinikensatzverkehr. Das kostet Zeit. Er sieht auf Milliliter Ejakulat bedeuteten „keine gu- in Spanien oder England, wo es einfacherdie Uhr, kurz vor 23 Uhr. „Da ist gleich ten Chancen“. Bei 80 bis 100 Millionen ist, wo es weniger Anforderungen gibt,keine Gelegenheit mehr für Romantik.“ sind die Chancen besser. Er selbst hat 100 wo die Samenbanken gern auch lesbische Für den Abend ist noch ein Versuch Millionen, „oder 110 Millionen“, er lä- Paare als Kundinnen annehmen oder al-geplant, für den Morgen ein zweiter. „Ver- chelt. Er spricht laut, frei durch den Bus, leinstehende Frauen.52 D E R S P I E G E L 1 5 / 2 0 1 2
    • NORBERT MICHALKE / DER SPIEGELSpender Houben in Berlin: „Da ist gleich keine Gelegenheit mehr für Romantik“ Wieder andere schreiben eine Mail Ed Houben selbst sagt, was er mache, Brötchen und Kaffee. „Wollen wir dannnach Maastricht, zu Ed Houben, wo es sei das Natürlichste der Welt, in der Land- mal rübergehen ins Schlafzimmer?“, sag-so gut wie keine Anforderungen gibt. Er wirtschaft nennt man es „Natursprung“, te sie dann.ist die Lösung für diejenigen, die kein also Nachzucht auf die biologisch vorge- Wie viele Versuche er in seinem LebenGeld, keine Zeit, keine Chance haben, sehene Art. schon hinter sich hat, weiß Ed Houbenden offiziellen Weg zu gehen. Aus dem Bus steigt er wieder in eine nicht. Er trifft jeden Monat 10 bis 15 Frau- Es interessiert den Gesetzgeber nicht, Bahn, er fährt noch ein paar Stationen en. Es fing an, als er 29 war, keine Freun-wie in Deutschland ein Kind gezeugt und verschwindet dann mit strammem din hatte und sich eine Familie wünschte.wird. Wie viele Kinder jemand bekom- Schritt über einen Gehweg in die Berliner Er hörte, dass es anderen auch so ging,men darf, ist nicht beschränkt. Ed ist der Nacht. Paaren sogar. Denen, sagt er, wollte erErzeuger einer Großfamilie, was er tut, Am nächsten Tag sitzt er zu einer Art helfen.ist nicht strafbar. Trotzdem lebt er mit ei- Mittagspause in einem Café und trinkt Ed Houben fuhr in eine niederländi-nem Risiko. eine heiße Schokolade. Er ist noch müde. sche Fruchtbarkeitsklinik und gab Samen Zwischen ihm und den Frauen gibt es „Ach, das war eine kurze Nacht“, sagt er. ab. Er gab nach und nach so viel davon,Vereinbarungen, die besagen: keine Er ist 1,90 Meter groß, schwer und schläft dass es, nach vier Jahren, genug war fürRechte, keine Pflichten. Keine Unter- nicht gut auf Luftbetten. Der erste Ver- 25 Kinder. Danach musste er aufhören,haltszahlungen. Sollte es aber eine Frau such am Abend musste ausfallen. Er ist so wollte es das Gesetz. Aber so wolltegeben, die sich das anders überlegt, eine halbe Stunde zu spät angekommen, er es nicht. Er wollte weitermachen. Erwarum auch immer, hätten diese privaten durch den Schienenersatzverkehr. reiste in eine andere Klinik, nach Belgien.Abmachungen vor einem Richter kei- „Da war die Wunschmama nicht froh“, Am Abend beschäftigte er sich weiter mitnerlei Wert. Ed Houben müsste zahlen sagt Houben. „Also versuchen wir es heu- seiner neuen Mission, er saß vor demfür das Kind, in den ersten drei Jahren te tagsüber zweimal.“ Computer, und im Internet fand er einesogar für die Mutter. Der Nachwuchs Den ersten Versuch, sagt Ed, hatten sie Seite für Lesbenpaare mit Kinderwunsch.selbst kann Unterhalt einfordern, irgend- am Morgen. Houben musste früh aufste- Was war eigentlich mit denen?wann, wenn er älter ist, wenn er eine hen. Die Wunschmama fütterte die Kat- In Kleinanzeigen boten sich ihnen Män-Stimme hat. zen und machte Frühstück. Es gab frische ner an. Hans, 28, sportlich. Ed Houben D E R S P I E G E L 1 5 / 2 0 1 2 53
    • Gesellschaftfand das plump. Die meisten Männerwollten Geld, sie wollten anonym bleiben.Er hingegen fand, dass jedes Kind dasRecht habe, schon früh zu erfahren, wersein Vater sei, und nicht erst, wenn esvolljährig ist und sein Recht einklagenkann. Er schrieb den Frauen lange Briefe. Vor fast neun Jahren, so erzählt er indem Berliner Café, wurde er das ersteMal Vater, ganz bewusst. Um das Kindzu zeugen, war er in die Nähe von Ams-terdam gereist. Er nehme kein Geld vonden Wunscheltern, sagt er, nur das Geldfür die Fahrt. 130 Euro zahlt ihm dieWunschmama aus Berlin für den Bus unddie Flüge, plus Kreditkartenaufschlag. Sieverpflegt ihn auch. Während er erzählt,macht sie zu Hause Champignoncreme-Suppe und strammen Max mit Salat, zumMittagessen. Um 14 Uhr muss er wieder da sein. Erzieht seine Uhr an einer silbernen Ketteaus der Seitentasche seiner Outdoor-Hose. Etwas Zeit hat er noch. Er erzählte damals seinem Bruder vom NORBERT ENKER / DER SPIEGELKind bei Amsterdam. Auch seiner Schwes-ter. Sie waren älter, „Alt-Hippies“, „An-archos“, so nennt er sie. Sie beglück-wünschten ihn. Er tue etwas Gutes, sag-ten sie ihm, etwas wie Blutspenden. Er, Spendersamen in einer ReproduktionsklinikEd, verhalf anderen zum Leben. „Am Anfang hatte ich nur niederländi-sche Frauen mit Bechermethode“, sagt er. Sie tut vieles, von dem sie glaubt, dass Sie forschte im Internet, sie erwischte Er unterbricht seine Erzählung, die Zeit es die Chancen erhöhe. Nach jedem zunächst nur Sexseiten. Dann stieß sieist um. Nach dem Mittagessen ist der Versuch bleibt sie 15 Minuten auf dem auf die Seite spermaspender.de undzweite Versuch eingeplant. Rücken liegen, sie trinkt keinen Alkohol, klickte sich durch die Profile der Männer. Einen Tag später kommt eine blonde isst besser, mehr Fett, auch mal ein Eis. Gerhard, 1,83 Meter, 40, Haarvolumen:Frau in ein anderes Berliner Café, die Sie wählt die „natürliche Methode“, also voll; Brillenträger: ja; Spende überregio-Wunschmama. Sie setzt sich und bestellt Sex, mit Männern, die Samen spenden nal möglich: ja; Methode: natürlich;einen Tee. wollen. Familienstand: gebunden. Anzeigentext: Die Frau ist blond, hat große braune „Das sehe ich ganz pragmatisch“, sagt Hallo ich helfe sehr gerne und unkompli-Augen, schmal, sie trägt eine dicke Strick- sie. Sie hat Regeln für den Sex. Sie küsst ziert.mütze, weil sie schnell friert. Sie ist zu ei- den Mann, das ja. Sie zieht schöne Un- Oder: markus1976, 1,72 Meter, 35, Haar-nem Gespräch bereit, solange ihr Name terwäsche an, aber keine sehr schöne. volumen: voll; Körperform: Bauchansatz.nicht bekannt wird. „Und ich wichs ihm keinen und blas ihm Sie entschied sich für einen Polizisten, Sie wirkt leicht, beschwingt. Ob es ge- auch keinen“, sagt sie. Am Ende unter- höhere Laufbahn, zwei Kinder, Gesund-klappt hat, ob sie schwanger ist, weiß sie heitszeugnis. Aber der wollte immer,natürlich noch nicht, „man hat kein Ge- auch an Tagen, an denen sie nicht frucht-fühl“, sagt sie. In zwei Wochen weiß sie „Gerhard, 1,83 Meter, bar war, auf Parkplätzen. Das machte siemehr, an Zyklustag 28, wenn ihre Regeleintritt oder nicht. „Die Zeit bis dahin ist Brillenträger: ja, Methode: skeptisch. Sie traf noch einen Architekten, derimmer wie fliegen“, sagt sie. natürlich“ – so werben schwitzte zu stark. Und einen Salsa-Tän- Sie sieht dann hoch, lächelt scheu undsagt: „War gestern noch echt stressig.“ Männer für sich im Netz. zer, der war nicht zuverlässig. Sie machte ein Jahr Pause und legte schließlich ihr Der erste Versuch am Morgen, sagt eigenes Profil an, „Kleopatra“. Es melde-sie, sei ganz gut verlaufen. Aber am hält sie sich noch mit dem Mann, in den te sich Ed Houben aus Maastricht, mit ei-Nachmittag, beim zweiten Versuch mit 15 Minuten auf dem Rücken. nem langen Brief.Ed, sei es gar nicht mehr gelaufen. Sie Sie kennt die Zeiten und Wege. Sie ist Ed war anders. Ihn traf sie das erstesagt ein paar Sätze, sie alle sollen be- Molekularbiologin, mit Doktortitel, sie Mal im Dezember, seitdem alle vier Wo-schreiben, was schiefgelaufen ist. Zuletzt arbeitete lange in den USA. Sie hat in chen. Ed war zuverlässig, Ed war warm-sagt sie: „Er ist halt nicht mehr in Form ihrem Leben schon kompliziertere Ab- herzig, Ed sprach gut über die Liebe. Dasgekommen.“ läufe erforscht, an Proteinen, sie kennt kannte sie nicht, nicht von anderen Spen- Seit fünf Jahren wünscht sie sich ein sich aus mit Codierungen und DNA-Se- dern, nicht von früheren Freunden undKind. Im Laufe der Zeit ist sie zur Exper- quenzen. nicht einmal von ihren Eltern.tin geworden. „Manche sagen, man solle Sie hatte einige Freunde, aber sie woll- Seit sie Ed kennt, geht sie in keine Dis-ja auch nicht zweimal am Tag. Aber zwei- te früher nie Kinder. Dann war sie 30 Jah- cos mehr und sucht keinen Lebenspartnermal bedeutet, das Sperma ist fünf Stun- re alt, wollte Kinder, hatte aber keinen im Internet. Sie sucht einen neuen Jobden länger im Körper.“ Das erhöhe die Freund. „Wartest du jetzt, bis der Richtige oder wartet auf Ed. Sie lebt ihr Leben imChancen. vorbeikommt?“, fragte sie sich. Rhythmus ihrer fruchtbaren Tage.54 D E R S P I E G E L 1 5 / 2 0 1 2
    • Seiner Mutter erzählte er nichts. NachKünstliche Befruchtung dem Abendessen fuhr er zu den Frauen,in Europa für ... zuerst lebten sie in der näheren Umge- bung, er verschwand in einem Zimmer, GROSSBRITANNIEN NIEDERLANDE kam mit einem gefüllten Becher heraus, ... hetero- übergab den Becher, fuhr wieder zurück sexuelle DÄNEMARK und legte sich stumm in sein Zimmer. Paare 2004 dann traf er auf ein Paar, er Nie-... lesbische derländer und unfruchtbar, sie Südame- Paare rikanerin. Die beiden machten ihm klar, dass sie keinen Becher wollten. Sie ... Single- wünschten sich Intimität und Gefühle für Frauen ihr Kind, wenn es entstehen würde, das TSCHECHIENAnonymität sagte ihm der Ehemann. Dessen Frau lehr-des Samen- te Ed, damals 34, was Leidenschaft ist. spenders Von nun an war es für Ed Houben auch gut ohne Becher. Es verblüffte ihn, denn Quelle: Max-Planck-Institut für ausländisches und auch andere Wunschmamas wollten Sex internationales Strafrecht mit ihm, Lesben und heterosexuelle Frau- ÖSTERREICH en, deren Männer einverstanden waren, SPANIEN die zusahen, spazieren gingen oder fern- sahen, während es geschah. 2005 erzählte er es dann auch seiner Mutter, sie entgegnete ihm nicht viel, 2007 zog sie aus, in ein Haus mit Fahr- stuhl. Seitdem kommen die Frauen zu Ed Houben nach Hause und schlafen im Gäs- DEUTSCHLAND tezimmer, seinem alten Kinderzimmer. Keine eindeutige gesetzliche Regelung. Künstliche Befruchtung üblicherweise nur für hetero- Er wäscht jetzt selbst die Wäsche, seine sexuelle Paare in dauerhafter Beziehung. Keine garantierte Anonymität des Samenspenders. Mutter bügelt nur noch die Hemden und kommt zum Putzen. Zwei- oder dreimal in der Woche fährt er zu ihr zum Essen, „Ed ist so problemlos, den merkt man Vater, ein Schuhverkäufer, hatte seine er hatte sie früher nie umarmt, mittler-gar nicht“, sagt sie. Nur gestern, am Nach- Mutter gerade verlassen. Sein Bruder weile kann er es. An den anderen Tagenmittag, gab es dann doch das Problem. war gestorben, mit 22, er hatte Multiple hat er meist Besuch von den Frauen oderSie wusste, er würde den Flug zurück um Sklerose. Als sie ihn bestattet hatten und Paaren.18 Uhr nehmen müssen, sie hörte die alle weg waren, ging Ed noch einmal zu- In der Küche steht Christiane aus Ber-Kirchturmglocken schlagen, es war 16 rück zu ihm an den Sarg und schwor sich, lin. Sie macht Wirsing mit Hackfleisch.Uhr. Sie entschied sich um, für den Be- nie wieder diesen Schmerz fühlen zu Sie ist 42, ihre Frau, 32, wartet im Gäste-cher, das ging schneller. Sie wickelte den wollen. zimmer, sie will sich nicht zeigen.vollen Becher in ein Handtuch, stellte ihn Es waren die Menschen, die in ihm Die beiden sind das erste Mal nachwarm, auf die Heizung, fuhr mit dem Schmerz auslösen konnten, weil er sie Maastricht gekommen. Sie waren spätFahrrad in die Apotheke, kaufte eine verlieren könnte. Also versuchte er von dran, Zyklustag 13, letzter Tag, letzteSpritze „für die Aufzucht von Hamstern“, nun an, andere Menschen zu meiden. Chance. Sie haben nur einen Versuch un-sagte sie. Sie fuhr zurück, „ich habe mir Er schwänzte die Schule, er wollte zu ternommen, am ersten Abend.das ganz langsam eingeführt und zugese- Hause bleiben, seine Mutter schrieb ihn Christiane hackt Zwiebeln. Sie warhen, dass ich selbst noch einen Orgasmus krank. Er war ein dickes Kind, Realschü- schon einmal verheiratet, sie hat bereitsbekomme“. ler, er ging zum Militärdienst und machte ein Kind. Seit fünf Jahren versuchen sie Auch das erhöhe die Chancen. die Buchhaltung für die Reparatur von und ihre Frau es mit einem gemeinsamen Da war Ed längst weg, zurück zum Lastwagen. Er wurde Zeitsoldat, war sta- Kind. Sie haben ein schönes Zuhause, sieFlughafen, nach Maastricht, in seine klei- tioniert in Deutschland, kehrte zurück würden gern ein Kind adoptieren, sagtne Siedlung mit den Backsteinhäusern, nach Maastricht, studierte Geschichte, Christiane, aber die Chancen für lesbi-wo er die Treppen hinaufstieg bis ins drit- arbeitete als Fremdenführer für die Stadt sche Paare sind schlecht.te Obergeschoss links, Wohnung 8 C. Er und lebte weiterhin bei seiner Mutter. Bis Eine Samenbank wollten sie nie. Aucherwartete am Abend noch Gäste, ein Les- zu diesem Zeitpunkt hatte Ed Houben sie wollen, dass das Kind früh weiß, werbenpaar aus Aachen. Die Methode: nach noch nichts in seinem Leben getan, wo- sein Vater ist. Sie haben zuerst im Freun-Absprache. mit er aufgefallen war. deskreis nachgefragt, in der Schwulensze- Zwei Tage später öffnet er die Tür. Das Und wenn er Frauen traf, waren sie für ne, im Schwul-lesbischen Verein. Sie fan-Lesbenpaar aus Aachen ist noch da, Ed ihn wie aus einer anderen Welt, Bedro- den auch Männer, aber es war schwierig.läuft vor ins Wohnzimmer und legt sich hung und Ikone zugleich. Frauen wollten Sie bezahlten Medikamente, Vitamine fürzurück auf die Chaiselongue vor den gutaussehende, sportliche Jungs, keinen sie. Zuletzt trafen sie einen schwulenFernseher. wie ihn. Mann, 45, „der wirklich auch Vater sein Auf einem Sideboard steht ein digitaler An der Uni hatte Ed manchmal auf Par- wollte“, sagt Christiane. Eineinhalb JahreFotorahmen. Im Zweisekundentakt wech- tys im Vollrausch geknutscht, mehr nicht. versuchten sie alles mit ihm, Becher-seln die Gesichter seiner 82 Kinder. Eigentlich hatte er also keine Erfahrun- methode, Arztmethode, Reagenzglas. Zu- „Doris, Elias, Emily, Emily, Finn“, gen, als er sich im Jahr 2002 auf den Weg letzt stellte sich heraus, dass sich nur nochspricht Ed mit. zu den Frauen machte, die sich nach ei- 20 Prozent seiner Spermien bewegten. In die Wohnung ist er 1979 mit seiner nem Kind sehnten, wie er sich nach den Sie und ihre Frau sind jetzt schlauer,Mutter gezogen, da war er zehn. Sein Frauen sehnte. aber auch pleite. 20 000 Euro haben sie D E R S P I E G E L 1 5 / 2 0 1 2 55
    • Gesellschaft Vietnamesin, und es gibt Frauen, die wol- len ein Geschwisterkind, so wie Pia, die schon ein Kind hat von Ed. Max ist zwei- einhalb Jahre alt, Kind Nummer 59. Sie heißt nicht wirklich Pia, auch sie möchte anonym bleiben. Sie ist 40, sie lebt in einer großen Stadt in Deutschland, sie hatte nur kurze Beziehungen, nach spätestens acht Monaten rastet sie immer aus. In den Kreißsaal ging sie mit ihrem Bruder und ihrem Vater. Sie besuchte Ge- burtsvorbereitungskurse, extra für Sin- gles. Den Schwangerschaftstest kaufte sie bei Schlecker. Zu Ed Houben nach Maas- tricht war sie nur ein einziges Mal gereist. Sie wollte den Becher und allein sein. Im Gästezimmer legte sie sich ein Kissen un- ter den Po, sie machte sich Musik an und Kerzen. „Ich wollte mir selbst ein Kind machen“, sagt sie. Dieses Kind holt Pia jetzt jeden Tag von der Kita ab. Seit Max’ Geburt hat sie allerdings auch fast jeden Tag mit dem Jugendamt zu tun. Sie bezieht Arbeitslosengeld, und den Unterhalt, den eigentlich der Vater EXCLUSIVE PIX / ACTION PRESS zahlen müsste, bekommt sie vom Jugend- amt. Wenn herauskäme, dass ihre An- gaben nicht richtig sind, müsste sie das Geld zurückzahlen, und ihr würde eine Strafanzeige drohen wegen „Leistungs- betrugs“.Werbung für dänische Samenbank: Schon gibt es Aufklärungsbücher für Spenderkinder Die Ämter prüfen das. Pia musste an- geben, mit wem sie alles Sex hatte in demausgegeben für den Wunsch, ein Kind zu ner jungen Frau mit langen braunen Haa- Jahr vor Max’ Geburt. Mitarbeiter aushaben. Also bleibt nur noch Ed Houben. ren, einer hübschen Spanierin, „meine der Unterhaltsstelle nehmen Kontakt aufDer hat sich von seiner Chaiselongue in Freundin“, sagt Ed. zu den Männern. Sie arbeiten wie De-sein Arbeitszimmer bewegt. Im Regal ste- Er betrachtet sie eine Weile und sagt: tektive.hen Geschichtsbücher, auf dem Schreib- „Ja, die war auch mal eine Wunschmama.“ Pia lebt mit dieser Lüge, weil sie dastisch kleine Figuren, eine schwangere Ed kennt sie seit drei Monaten. Sie ist sei- Geld braucht, aber auch das Kind. SieFrau in Miniatur. ne dritte Freundin. Auch die beiden Freun- sagt, sie sei glücklich wie noch nie. Es Er fährt den Rechner hoch. Er liest aus dinnen davor waren Wunschmamas. Die störe sie nicht, dass das Kind 82 Halbge-der Excel-Tabelle mit den Namen vor. Für erste kam nicht klar mit dem, was er tut. schwister hat. Es störe sie auch nicht, dassjedes Jahr hat er die Gesamtzahl neu er- Die zweite hat ihn verlassen, einfach so. Da Ed so viele Frauen hatte. „Er gibt jedermittelt. 2011: elf Geburten. Gesamt: 45 hatte Ed das erste Mal Liebeskummer. einzelnen das Gefühl, einzigartig zu sein“,Mädchen, 35 Jungs. Das ist seine Bilanz. Seitdem er Samenspender ist, erlebt sagt Pia. Wenn ein anderes Kind Max Von zwei Kindern kennt er das Ge- Ed Houben Dinge, die sonst Teenager er- fragt, wo sein Papa sei, antwortet er nicht.schlecht nicht. Die Mütter haben es nicht Zu Hause hat Pia ein Buch für Max,mitgeteilt. Ihr Vater fragt auch nicht nach. ein Aufklärungsbuch für Kinder ab vierDas ist der Deal, mündlich vereinbart. Es 20 000 Euro haben sie für Jahren, sie sehen da ab und zu schon malgibt keine Ansprüche, auf beiden Seiten. Die meisten Mütter wollen Kontakt. ihren Kinderwunsch schon hinein. Das Buch handelt von einer Mama, die keinen Mann hatte, die aberSie schicken Briefe und Fotos zu Weih- ausgegeben. Jetzt bleibt einen freundlichen Mann kannte, der dernachten. Ed Houben schreibt nicht zu-rück, das wäre zu teuer. Auf dem Klo nur noch Ed Houben. Mama seinen Samen gab. Einmal im Jahr besuchen Pia und Maxhängen zwei Kinderkalender. Für den ihren freundlichen Mann. Der freundlichedigitalen Fotorahmen hat er einen Trick leben. Den ersten echten Sex, die erste Mann hat dann ein Lokal in Maastrichtentwickelt, um sich die Namen der Kin- Leidenschaft, die erste Trennung. Und er gemietet und all seine Kinder eingeladen.der besser zu merken, und die Bilder al- lernt, dass es nach dem Schmerz weiter- 15 Kinder kamen beim letzten Treffen,phabetisch sortiert. geht. Als 42-Jähriger holt er nach, was er im Mai saßen sie alle auf einer Terrasse „Im Moment sind zehn Frauen schwan- früher verpasst hat. zusammen. Ed hatte ein Geschenk für je-ger“, sagt er und schließt die Tabelle. Er „Meine Freundin sagt, dass mich das, des Kind, einen kleinen Ball.geht noch schnell auf die Internetseite was ich tue, nur interessanter mache“, Pia sagt, Max sei einmal zu Ed gegan-spermaspender.de. Er findet ein neues sagt er. Sie besuche ihn bald wieder. Noch gen, mit langsamen Schritten, dabei seiGesuch. Er setzt den Namen in eine leere hat es bei ihr mit einem Kind nicht ge- er eigentlich gar kein mutiges Kind. MaxMail, kopiert seinen Brief hinein und klappt. hat sich für einen kurzen Augenblick zudrückt auf „Senden“, während er spricht. Denkt er daran aufzuhören? Für sie? Ed auf den Schoß gesetzt, zu „Papa Ed“.Er schließt den Browser, schließt alle „Nein“, sagt Ed, zögert, „vielleicht.“ Dann sind sie wieder gefahren.Fenster in seinem Computer. Auf der Er sieht im Moment kein Ende. Im Mo- Max hat das Kinn wie Ed, rund undOberfläche flackert nur noch das Bild ei- ment steht er noch in Kontakt mit einer mit einer Delle, wie alle seine Kinder. Er56 D E R S P I E G E L 1 5 / 2 0 1 2
    • hat die Füße wie Ed, groß, auch wie alleKinder. Die Augen sind meistens die derMutter. Die Kinder sind noch klein. Siewerden wachsen, mit jedem Jahr mehrFragen stellen, und sie werden Antwor-ten wollen. Vielleicht wollen sie mehrNähe irgendwann, mehr Liebe. OderUnterhalt. Hat er nie Angst? „Wovor?“, fragt er. Dass sie eines Tages alle vor der Türstehen? „Dann hätte ich das so gewollt“, sagter. Und wenn sie alle Geld wollten vonihm, dann hätte er es gar nicht. Hat er jaauch nicht, für 84 Kinder. Oder mehr. Ed sitzt am Abend in einem Grill-restaurant im Zentrum von Maastricht,er trägt ein grünes T-Shirt mit der Auf-schrift „POLIZEI“, vor ihm liegt ein Ein-Kilo-Steak, er schneidet zufrieden daranentlang, „Mmmmmh“, sagt er und nimmteinen Schluck Rotwein. Er wischt sich dieHände an einer Stoffserviette ab, erkratzt sich mit dem Daumen flüchtig überden dicken Bauch. Sein Gewicht störe ihnnicht, sagt er, nicht mehr. Victoria, Johan-na, sie alle sagten, er sei schön, wie er ist.Von den Frauen, die ihn besuchen,wünscht er sich mittlerweile, dass sie sei-ne Leibspeise kochen, Fleisch auf jedenFall, das ist neu.Er lässt sich jetzt vorherFotos schicken, erwill neuerdings keinedicken Frauen mehr. Es ist auch neu, dass er den Frauennicht mehr die Stadt zeigt. Er ist nichtmehr die ganze Zeit zu Hause, wenn sieda sind. Er lässt sich Fotos schicken, erwill neuerdings keine dicken Frauenmehr, keine zu großen. In 75 Prozent derFälle hat er Sex mit den Frauen. „Meine Freundin meint, ich sei ein Ma-cho“, sagt er. Er spricht als Nächstes überStellungen, die „Missionarsstellung“ unddas „Chinesische Puzzle“. Es gibt Betrei-ber von Internetforen, die ihn einladen,in die USA, als Experten für privates Sa-menspenden. Er redet, schneidet Fleisch, redet.„Mmmmmh“, sagt er. Er wirkt wie imRausch. Als er aufgegessen hat, sieht erauf sein Handy. Er findet eine Antwortvon der Website spermaspender.de. DieFrau, der er am Nachmittag eine Nach-richt geschickt hat, hat geantwortet. Sieschreibt, sie würde ihn gern besuchen. Video: Besuch bei Ed Houben Für Smartphone-Benutzer: Bildcode scannen, etwa mit der App „Scanlife“.58 D E R S P I E G E L 1 5 / 2 0 1 2
    • Gesellschaft HANNOVER Warte nur, bald ORTSTERMIN: In Hannover präsentiert eine Messe den Umbau Deutschlands zur Altenrepublik.D as Alter ist ein ferner, seltsamer schaft, dass sie den Besucher fast augen- ganzen Haus verteilt, registriert mittels Planet, es gibt dort fürsorgliche blicklich erschöpfen. Diese Ausstellung im Boden eingelassener Sensoren, ob der Roboter, mitdenkende Möbel, macht außerdem: Angst.  Bewohner gestürzt ist, und alarmiert ge-künstliche Robben und die saugkräftigs- Auf Plakaten, in Prospekten stehen be- gebenenfalls die Ambulanz.ten Windeln der Welt. Wer dahin will drohliche Zahlen: 2035 wird jeder dritte „Im Alter“, hat Schopenhauer mal ge-oder muss, also jeder irgendwann, soll Deutsche über 60 Jahre alt sein. In we- sagt, „verlässt uns Liebe, Scherz, Reise-erst mal nach Hannover. Hier, auf der nigen Jahrzehnten wird die Zahl der lust und Tauglichkeit für die Gesell-Fachmesse „Altenpflege 2012“, trifft sich Pflegebedürftigen von heute 2,4 auf über schaft.“ Hightech, so das Versprechen derdie Pflegewirtschaft und zeigt, was die 4 Millionen steigen. Im Jahr 2030 werden Pflegewirtschaft, kann vieles davon er-Zukunft bringt. Wie sie sich das vorstellt 200 000 Pflegekräfte fehlen. Bis in 15 Jah- setzen. Der alte Mensch, das Mängel-mit der überalternden Gesellschaft. Wie ren muss Deutschland 2,5 Millionen Woh- wesen, ist technisch optimierungsfähig.man alte Menschen glücklich machen und nungen alterstauglich machen, weil die „Was maunzt die denn so komisch?“dabei Geld verdienen kann.  Leute nicht mehr ins Heim, sondern zu fragt eine Messebesucherin am Stand „Zeig mir das Spiel Soli- D.26 in Halle 4, sie hattaire“, sagt der Mann zur ein weißes Wollknäuel imMaschine. Arm. Paro, die interakti- „Ich starte Solitaire“, ve Betreuungsrobbe, hatantwortet der Roboter.  das Gewicht eines Säug- Auf einem Bildschirm lings, und wenn man sieauf seinem Bauch er- streichelt, fiept und stram-scheint das Spiel Solitaire. pelt sie normalerweiseJetzt könnte der alte freudig. Ein Schlag aufsMensch am Touchscreen Köpfchen, und sie gucktein Spiel spielen, das nicht enttäuscht. Jetzt aber hatzufällig Einzelgänger heißt. sie ein „internes Bedürf- Am Stand des Fraunho- nis“, wie der Verkäuferfer-Instituts demonstriert sich ausdrückt, und muss MICHAEL LÖWA / DER SPIEGELein junger Mitarbeiter den an die Steckdose, AkkuPflegeroboter „Alias“, was leer.für „Adaptable Ambient Paro soll vor allem fürLiving Assistant“ steht. Demenzkranke das echteDer Android, noch nicht Haustier ersetzen, sie kos-marktreif, reicht Erwachse- tet 4800 Euro. „Schade,nen bis zur Brust und hat Betreuungsrobbe Paro: Fiepen, strampeln dass das Ding so teuer ist“,die Figur von Barbamama. bemerkt die Besucherin.Er suche „den Dialog mit „Man kann Paro auch lea-Alleinlebenden“, sagt der sen“, sagt der Mann.Mitarbeiter: „Der Partner ist gestorben – Hause bleiben wollen. Die Richtung ist Der Umbau Deutschlands zur Alten-Einsamkeit. Das soll der Kerl verhindern.“ klar: Immer mehr Alte sollen von immer republik birgt ein gewaltiges Marktpoten-Alias kann nicht nur Medikamente dosie- weniger Personal immer länger in den ei- tial, auf 60 bis 70 Milliarden Euro Umsatz-ren und das Fernsehprogramm aufsagen, genen vier Wänden gepflegt werden.  volumen pro Jahr wird die Pflegebrancheer kann mittels Stimmanalyse auch erken- Also muss man automatisieren. Und schon heute geschätzt. Alles muss schwel-nen, dass der seufzende alte Mensch auf fernüberwachen.  lenlos und altentauglich gemacht werden,dem Sofa traurig ist. Dann sagt er viel- Das „Aufstehbett“ der Firma Göhler Hunderttausende Häuser, ganze Nahver-leicht: „Hey, Herr Entzelmann, rufen Sie wird mittels Knopfdruck vom Bett zum kehrssysteme, auch Spielplätze, das ist diedoch mal Ihre Tochter an!“ Oder er wählt Sessel und erinnert an die mutierenden Entwicklung der letzten Jahre. Statt nurdie Nummer gleich selbst. Alias ist der Science-Fiction-Figuren aus „Transfor- für Kinderspielplätze produziert die FirmaStar der Messe. Am Eröffnungstag hat mers“. Der „Schrank-Butler“ von Häfele Richter jetzt auch für „Generationen-Ak-sich Bundesgesundheitsminister Daniel fährt die oberen, für Rollstuhlfahrer un- tiv-Parks“, auf Illustrationen sieht manBahr mit ihm fotografieren lassen. erreichbaren Fächer automatisch auf Knie- fröhliche ältere Herrschaften über Wackel- 650 Aussteller kämpfen auf 60 000 Qua- höhe herunter. Ein intelligenter Sessel brücken wackeln und auf wetterfestendratmetern in vier riesigen Hallen gegen misst permanent Herzrhythmus und Blut- Xylophonen musizieren, alles vandalis-den Tod. Seltsame Slogans schwirren vor- druck des Sitzenden und informiert wenn musresistent. Und so, mit dem Greis aufbei: „Mobile Pflegedokumentation via nötig die medizinische Überwachungs- der Schaukel, schließt sich der Lebens-Cloud-Computing“, „Der Mensch im zentrale. Der Elektrorollstuhl „Scooter bogen, neigt sich am Ende alles wiederWachkoma als pflegerische Herausforde- M35“ von Mobilis, „ideal für den Innen- zum Anfang hin, der alte Mensch alsrung“, „IT-Lösungen für den Sozial- bereich“, lässt sich mit einer Hand bedie- Kleinkind, abhängig, schutzlos, verspielt.markt“. Fachmessen haben die Eigen- nen. Die Notruftechnik „sens@home“, im GUIDO MINGELS D E R S P I E G E L 1 5 / 2 0 1 2 59
    • Titel „Mein Herz hüpft“Heimat ist mehr als schöne Landschaft und Filmkitsch. Heimat ist ein Hochofen, ein Dorf mit Schornsteinen, ein weißes Zimmer, ein Smartphone, ein patrio-tisches Gefühl, ein Chatroom, ein Mensch. Eine Spurensuche von Dirk Kurbjuweit MAURICE WEISS / OSTKREUZHeimatidyll Berlin (Mauerpark): „Ich mag die Unsortiertheit, die Toleranz, die Subkultur“60 D E R S P I E G E L 1 5 / 2 0 1 2
    • A ls Freddie Röckenhaus mit dem land. Röckenhaus war nicht wohl, als er die den Bildern das Pathos nimmt, aber Hubschrauber über Deutschland im Schneideraum saß, um die Bilder für das hat nicht funktioniert, weil Musik und flog, geriet er in Schwierigkeiten. die ZDF-Serie „Deutschland von oben“ Bilder nicht zusammenpassten. Schließ-Er sah ein schönes Land, ein Land, das auszuwählen. lich hätten sie, sagt Röckenhaus, „hierihm vorkam, als würden die Deutschen „Ich tauge nicht zum Patrioten“, sagt und dort Ironie in die Texte gelegt“.in Wäldern und Parks leben. Selbst die Röckenhaus, 55, „und werde es ange- In Wahrheit hat es nicht viel genützt.großen Städte wirkten aus der Luft grün sichts der Katastrophen, die Deutschland In „Deutschland von oben“ sieht Deutsch-wie Gartenanlagen. Berge, Flüsse, Seen, in seiner Geschichte angerichtet hat, auch land wunderbar aus, Städte, Industrien,alles herrlich, fand Röckenhaus. Die In- nicht mehr werden, das kriege ich nicht Wälder und Wiesen in satten Farben. Rö-dustrieanlagen zeigten aus der Höhe die hin.“ Und nun sollte er den Zauber dieses ckenhaus hat den Deutschen einen neuenfeine Struktur von Skulpturen. Schönheit, Landes zeigen? Er sträubte sich. Er setzte Heimatfilm beschert, der nicht wenigerErhabenheit, zauberhafte Bilder. Gut für sich mit Kollegen zusammen und suchte Schönheit zeigt als seine fiktionalen Vor-einen Filmemacher. nach einem Weg, wie das schöne Deutsch- gänger aus den fünfziger und sechziger Aber konnte er das so zeigen? Durfte land nicht ganz so schön rüberkommen Jahren. Damit muss er nun leben, lebter das? Es ging schließlich um Deutsch- würde. Sie versuchten es mit einer Musik, aber ganz gut damit. Er mag ja sein Land, AKGHeimatidyll Rügen (Gemälde von Caspar David Friedrich, um 1818): „Die Natur ergreift mich umso mächtiger, je mehr ich sie studiere“ D E R S P I E G E L 1 5 / 2 0 1 2 61
    • MICHAEL TRIPPEL / DER SPIEGEL„Zukunftsdorf“ Haidenkofen: „Wenn ich in die Stadt fahre, bekomme ich Kopfschmerzen“aber ein bisschen schwierig ist es halt umso mächtiger, je mehr ich sie studiere“, noch immer verbunden. Und deshalb istauch, immer noch. schrieb der Dichter Friedrich Hölderlin. es manchen ein verdächtiges Wort, es Heimat bleibt ein Thema für die Deut- Zwar waren die Romantiker Aufbruchs- klingt ihnen nach nazihafter Deutsch-schen, ein schwieriges Thema. Im Mai fanatiker, hatten aber bald Heimweh. tümelei oder nach Schmalz und Pathos.kommt das Beste aus „Deutschland von „Wo gehen wir denn hin?“, fragte Novalis Hat Heimat das verdient? Oder ist esoben“ in die Kinos. Und Edgar Reitz, der und gab die Antwort selbst: „Immer nach nicht Zeit, sich vom kollektiven Heimat-die monumentale Trilogie „Heimat“ ge- Hause.“ begriff zu verabschieden, weil der als Kli-dreht hat, arbeitet am vierten Teil, hat Der deutschen Heimat fehlte damals schee vergangener Zeiten praktisch keineinzwischen aber Zweifel, ob dies der rich- die politische Gestalt, es gab viele kleine Bedeutung mehr hat? Vielleicht zählentige Titel ist angesichts deutscher Verhält- Staaten, aber nicht den einen, der alles in der modernen Welt vor allem indivi-nisse. Er findet das Wort anrüchig: „Man zusammenhielt. So richteten sich große duelle Heimatbegriffe, die in der Summewürde sich mit ,Heimat‘ gern ein kleines Sehnsüchte auf den Nationalstaat, der aber auch ein Bild von Deutschland erge-Stück Unschuld erobern in unserer so erst 1871 entstand. Die Folge war ein über- ben können.befleckten nationalen Geschichte“, sagte schießendes Deutschtum, ein Heimatge- Die Heimat des Einzelnen ist in ihrerer dem philosophischen Magazin „Der fühl, das zugleich romantisch und aggres- reduziertesten Form die Erinnerung anblaue Reiter“. siv war. Die Deutschen liebten sich als eine Kellertreppe, die knarzt, an den Ge- Dabei ist es ein schönes Wort. Zu Hau- Volk der Kultur, der Gefühlsseligkeit und ruch eingekochter Marmelade, an dense steckt darin, Heimeligkeit, Vertrautheit, der Naturverbundenheit, und sie verach- Blick auf eine Wäschestange im Hinter-Sicherheit, Geborgenheit, Kindheit. Wer teten Franzosen und Angelsachsen als hof, an einen Satz, den der Vater immerfern der Heimat ist, hat manchmal Heim- kühle Rationalisten. vor dem Abendbrot gesagt hat, an denweh, weil er etwas vermisst. Warum also Die Nazis trieben das auf die Spitze. Weihnachtsbaum, an die Kindheit. Aberkann man nicht nach Herzenslust Heimat Für sie wurde die bäuerliche Familie zu da sich die Welt so rasend schnell verän-sagen, Heimat lieben, Heimat vermissen? einem deutschen Ideal, das sich in dem dert, gibt es womöglich ganz neue For- Kaum ein anderes der schönen Wörter Begriff „Blut und Boden“ ausdrückte. men von Heimat.ist so mit Vergangenheit aufgeladen wie Das dörfliche Prinzip, die Gemeinschaft, Eine Reise sollte klären, was den Deut-dieses, weshalb es wenig Chancen hat, dehnten sie auf die Nation aus. Die Deut- schen dieser Begriff bedeutet, eine Reisesich eine Gegenwart zu erobern. Es gibt schen sollten Volksgemeinschaft in ihrer an sechs Orte und Gespräche mit zwölfeinen kollektiven Begriff von Heimat, der schönen Heimat sein. Menschen. Ihre Aussagen ergeben, aufstark von der deutschen Geschichte ge- Nach dem Krieg war Deutschland nicht den Kern konzentriert, folgende Liste:prägt ist. In den öffentlichen Debatten mehr schön, die Städte waren zermalmt, Haidenkofen ist unsere Heimat, sagengeht es vor allem um diesen Begriff. die Familien dezimiert. Hier setzte in Eva Gerl und fünf Gefährten. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts wurde den fünfziger und sechziger Jahren der Dortmund ist meine Heimat, sagt Fred-das Schöne vergöttlicht, zumal die schöne Heimatfilm an. Er zeigte Gefühlsüber- die Röckenhaus.Landschaft, wie sie in den Bildern von schwang im ländlichen Idyll und spendete Mein Zimmer ist meine Heimat, sagtCaspar David Friedrich zu sehen ist. Die den Deutschen Trost in ihrer hässlich ge- Aylin Selçuk.Romantiker waren ständig verliebt, wordenen Welt. Altötting ist nicht meine Heimat, sagtmanchmal in eine Frau, meistens in deut- All das ist in den kollektiven Heimat- Andreas Altmann. Altötting ist meinesche Landschaften, deutsche Seele, deut- begriff eingeflossen: Natur, Dorf, Familie, Heimat, sagt Herbert Bauer.sche Heimat, sie wollten ein einfaches, Schönheit, Gemeinschaft, Einfachheit. Deutschland ist meine Heimat, sagtaber gemütstiefes und sehnsuchtsreiches Die gute Familie im intakten Dorf in schö- Claus Mauersberger.Leben im Einklang mit der Natur. „Die ner Natur, dazu das Glockengeläut der Das Netz ist eine meiner Heimaten,heimatliche Natur ergreift mich auch Kirchen – damit wird das Wort Heimat sagt Christian Heller.62 D E R S P I E G E L 1 5 / 2 0 1 2
    • MICHAEL TRIPPEL / DER SPIEGELDorfbewohnerin Gerl (M.), Nachbarn: „Da ist es schön, jeder hilft dir gleich“ Die Reise beginnt mit der Frage, ob es treff. Am Tisch sitzt auch eine ehemalige SPIEGEL-UMFRAGEnoch Orte gibt, an denen der klassische Deutsche Zuckerrübenkönigin, Christina HeimatHeimatbegriff gilt. Wo ist das schöne und Rominger, 23, die im Vorstand vom Frau-intakte Dorf, das so idyllisch ist, dass es entreff ist. „Was verbinden Sie vor allem mit demkracht? Eine Antwort sollte die Home- Was ist Heimat für diese Menschen? Begriff Heimat?“page des Wettbewerbs „Unser Dorf soll Sie sagen: „Wenn man sich zu Hauseschöner werden“ liefern. Aber die gibt fühlt.“ – „Wenn man von jedem Men- Wohnort 33 Familiees nicht mehr. Der Wettbewerb trägt jetzt schen akzeptiert wird.“ – „Da ist es schön,einen anderen Namen: „Unser Dorf hat jeder hilft dir gleich.“ – „Wo ich michZukunft“. Das klingt nicht mehr nach Blu- wohl fühle.“ – „Wo ich herkomme.“ Der 31 25men, nach Fachwerk, nach Schönheit. Es Landwirt Albert Rominger, 57, sagt: Freunde 5hat sich offenbar einiges verändert. „Wenn ich in die Stadt fahre, bekomme 12 18 ich Kopfschmerzen.“ Deutschland Geburtsort Die sechs erzählen die Geschichte der 27„Haidenkofen ist intakten, innigen Gemeinschaft. Der erste zum Vergleich:unsere Heimat.“ Kern ist die Familie, Scheidungen gab es ewig nicht, der zweite Kern ist das Dorf. Emnid-Umfrage 1999 Flaches Land, Kartoffel- Sie haben gemeinsam ein neues Spritzen- 64% der Befragten gaben an, dass Heimat äcker, Rübenäcker, Getrei- haus gebaut, sie haben gemeinsam einen im Zeitalter der Globalisierung für sie eher an defelder, in der Ferne zwei Holzsteg über die Laber gebaut, sie haben Bedeutung gewonnen hat. 1999 sagten das Schornsteine. Der Weg gemeinsam eine Kegelbahn gebaut, sie nur 56%. nach Haidenkofen in der haben gemeinsam den ehemaligen Gast- Oberpfalz ist nicht gerade hof in ein Vereinshaus verwandelt, wo „Bewerten Sie die folgenden Aussagen zum bezaubernd, und für das sie sich freitags und sonntags zum Stamm- Thema Heimat auf einer Skala von 0 bis 10.“Dorf gilt das Gleiche. Ein paar Bauern- tisch treffen und ein paar Halbe trinken. 0: stimme über- 10: stimme vollhöfe, schlichte Häuser, Schnapsbrenne- Sie treffen sich in den Vereinen, sie tref- haupt nicht zu und ganz zureien, zu denen die Schornsteine gehö- fen sich in der Kirche, sie feiern regel- Durchschnitt: 8,0ren. Der Ort wirkt nicht herausgeputzt, mäßig Feste, sie sagen, dass sie sich sehrsondern mit Bedacht belassen. Beim gut verstehen und dass es im Dorf nur Ist wichtig für ein Volk.letzten Wettbewerb „Unser Dorf hat Zu- eine Familie gibt, die sich absondert. 7,8kunft“ gewann Haidenkofen eine Gold- Macht aber nichts, sagen sie. Ist Teil meiner Persönlichkeit.medaille. Wenn einer der sechs gesprochen hat, 7,4 Auf die Frage, wie viele Menschen hier sagt der Nächste oft, dass er das genauso Gibt mir Rückhalt und Sicherheit.leben, sagt Eva Gerl: „Zwei sind gerade sieht. Sie nicken und sagen: So ist es. In 4,2gestorben, also 97.“ Sie ist 58 Jahre alt dieser Runde tritt ihre Individualität hin-und die Frau eines Bauern. Zu dem Ge- ter die Gemeinschaft zurück, und das ist Ist eher Vergangenheit als Gegenwart.spräch hat sie noch fünf andere Dorfbe- generell die Idee von Gemeinschaften. 3,6wohner eingeladen, die alle herausgeho- Ist Haidenkofen ein Idyll? „Ja“, sagt Ist etwas für Romantiker.bene Positionen in den Vereinen von Hai- der Landwirt Hermann Gerl, 60. „Na ja“, 1,8denkofen bekleiden, bei der Freiwilligen sagt seine Frau Eva.Feuerwehr, bei der Jagdgenossenschaft, Ihre Gemeinschaft klingt ein bisschen Engt mich ein. TNS Forschung am 27. und 28. März 2012; 1000 Befragte; Angaben in Prozent;beim Fischereiverein und beim Frauen- nach Stress, als müssten sie ständig Farbe an 100 fehlende Prozent: keine Angabe D E R S P I E G E L 1 5 / 2 0 1 2 63
    • MICHAEL TRIPPEL / DER SPIEGELLokalpatriot Röckenhaus: „Ich hatte mitunter das Gefühl, dass man mir das Recht abspricht, diese Heimat so zu lieben“anrühren, Halbe trinken, Kuchen backenund dabei immer dieselben Gesichter „Dortmund ist beitete im schönen Hamburg beim Ma- gazin der „Zeit“ und hatte Heimweh. Diesehen. Aber man muss das Glück dieser meine Heimat.“ anderen Städte erlebte er als Nicht-Dort-Leute nicht dekonstruieren, nur weil mund und versuchte, so oft wie möglichErzählungen vom Glück dazu herausfor- Als Freddie Röckenhaus ein in seiner Heimatstadt zu sein. In Ham-dern. Das Dorf gibt, das Dorf nimmt, und Junge war, balancierte er burg konnte er gegenüber Kollegen stun-diese sechs Haidenkofener machen den auf riesigen Gasröhren von denlang und zunehmend verzweifelt dasEindruck, als gehe es ihnen gut in ihrer einem Stahlwerk zum ande- Lebenswerte seiner Stadt preisen, das vie-Heimat. Ihre Sorge ist nur, dass das Dorf ren. Manchmal überholten le Grün, die herzige Verquatschtheit derschrumpft. Die Älteren erinnern sich ihn Züge, die mit Schlacke Menschen, die Ekstasen im Stadion vonnoch daran, wie 150 Menschen in Hai- beladen waren. Er winkte Borussia Dortmund, erntete aber nur diedenkofen lebten. den Lokführern zu, sie winkten zurück. Arroganz jener Endzwanziger, die sich Haidenkofen stirbt allmählich aus, so Was Röckenhaus von seiner Kindheit vor das, was als cool gilt, gleich zur Heimatwie ganze Landstriche in der Uckermark allem in Erinnerung blieb, ist eine Energie, machen. Nach wenigen Jahren zog er zu-oder im Mansfelder Land. Gasthöfe und die Energie einer Industriestadt, das Wum- rück nach Dortmund. Nun dreht er FilmeLäden schließen, die jüngeren Menschen mern und Fauchen an einem Hochofen, und schreibt für die „Süddeutsche Zei-ziehen weg, Kinder werden nicht gebo- das Rumpeln der Werksbahnen, der rote tung“ über die Borussia.ren, kaum einer siedelt sich neu an. Das Himmel beim Abstich am Abend, die Hit- Es überrascht nicht, dass sich die Ka-deutsche Leben verlagert sich mehr und ze glühender Schlacke, der Rhythmus der mera im ersten Teil der Serie „Deutsch-mehr in die großen Städte. Aber das sind Arbeitsschichten, die eine Stadt leeren land von oben“ ziemlich bald Dortmundnicht Orte für Gemeinschaften, sondern und füllen, die Aura von Menschen, die nähert. Sie kommt aus dem Himmel, undfür Individuen. All das, was in Haiden- mit den großen Elementen arbeiten, Feu- der Zuschauer fliegt gleichsam ins Sta-kofen Heimat ist, Familie, Kirche, Verein, er, Wasser, Luft, Erde. dion hinein, wo gerade die Borussia spieltverliert an Bedeutung. Wenn Freddie Röckenhaus von seiner und, wie schön, ein Tor schießt. Von die- Gleichzeitig scheint die Sehnsucht nach Heimatstadt erzählt, dann geht es um Lie- sem Ereignis kommt der Sprecher irgend-dem Landleben zu wachsen. Knapp be. Das wirkt ein wenig seltsam, wenn wie auf die Entstehungsgeschichte deut-890 000 Menschen kaufen alle zwei Mo- man auf den deutschen Begriff von Hei- scher Städte am Beispiel Dortmunds. Dasnate die Zeitschrift „Landlust“, die eine mat geeicht ist, weil dessen Zentrum die folgt weniger einer Logik als dem Lokal-der erfolgreichsten Neugründungen der Schönheit ist, das Idyll. Röckenhaus liebt patriotismus von Röckenhaus.letzten Jahre ist. Doch zeigt sich darin das Hässliche, aber das sieht er natürlich Mit ihm durch Dortmund zu fahren istnicht der Wunsch nach Rückkehr zur Ge- nicht so. Das Herrliche seiner Kindheit allerdings keine Jubeltour. Er zeigt auchmeinschaft, sondern der Wunsch nach ei- war, sagt er, dass ihn einerseits die Ener- auf hässliche Häuser und erzählt, dassner ländlichen Individualität. Es geht vor gie einer Stahlstadt auflud, dass er ande- ihm lieber wäre, hier lebten mehr Leute,allem darum, für sich selbst eine stilvolle rerseits gleich im Grünen war, wenn er mit denen er geistigen Austausch pflegenHeimeligkeit zu schaffen. Heimat ist dann die Wohnung verließ. Tatsächlich ist das könnte. Im Kreuzviertel, wo bürgerlicheeine Frage der Ausstattung von Haus und Ruhrgebiet auch eine grüne Region. Stahl- Häuser stehen, sagt er, hier sehe es dochGarten, sie wird käuflich. werke, Häuser, Wälder, Zechen, Felder, aus wie in Hamburg-Eppendorf, und das Ohne reale Basis drückt der kollektive Kokereien, Parks bildeten hier früher ein kann vielleicht nur er so sehen.Heimatbegriff nur noch aus, was schön Mosaik. Inzwischen sind Zechen und Er fährt durch die Emschermulde,wäre, würde man anders leben wollen. Stahlwerke aus Dortmund verschwunden. rechts das Stadion, links ein Park, undAber die Mehrheit will nicht anders Freddie Röckenhaus studierte im schö- dann hält er vor zwei Hochöfen, die ein-leben. nen Münster und hatte Heimweh. Er ar- sam dastehen, ohne Stahlwerk, ein rosti-64 D E R S P I E G E L 1 5 / 2 0 1 2
    • MICHAEL TRIPPEL / DER SPIEGELDeutschtürkin Selçuk: „Istanbul ist die Stadt, die ich vermisse, der Wirrwarr, das Hupen“ges Geschlängel, das eine Hässlichkeit nen Teil meiner Identität, Istanbul ist die sein kann, aber viele sahen eine Türkinzeigt, die sich bei längerem Hinsehen in Stadt, die ich vermisse, der Wirrwarr, das in ihr. Und dann sah sie die eben selbst.Schönheit verwandeln kann. Röckenhaus Hupen, das Rauschen des Wassers, die Selçuk wurde hellhörig, wenn übersagt hier, dass es anstrengend war und Gerüche des Essens. Dort kann ich aus „Prügeltürken“ geredet wurde, sie fandist, ein Dortmunder zu sein, dass er im- dem Sachlichen rauskommen und rein nicht mehr, dass Türken nur selbst schuldmer kämpfen muss um Verständnis für ins Emotionale, aber nicht zu sehr. Ich sind, wenn ihr Leben in Deutschland nichtdiese Liebe und dass es manchmal weh muss dann auch bald wieder weg, zurück gelingt, sie fand auch, dass es ihnentut, dieses Verständnis nicht zu finden. in die deutsche Ordnung.“ Ihr Zimmer schwergemacht werde. Als sie 18 war, tatEr hatte mitunter das Gefühl, „dass man liegt in Berlin, in Wilmersdorf, in der sie etwas sehr Deutsches und gründete ei-mir das Recht abspricht, diese Heimat so Wohnung ihrer Eltern. Sie beschreibt es nen Verein. Er heißt „DeuKische Genera-zu lieben“. als „klar und minimalistisch“, ein Riesen- tion“, also die Generation, die zugleich Das liegt am normativen Charakter, bett, ein Riesenschrank, alles weiß. deutsch und türkisch ist. Der Verein küm-den dieser Begriff in Deutschland hat. Hei- Beim Wort Heimat denke sie sofort an mert sich um die Integration junger Men-mat muss für jedermann ersichtlich schön ihr Zimmer, sagt Selçuk. Es ist die unver- schen, sie sollen Deutsche werden können,sein. Dabei hat sie vor allem mit den Prä- fänglichste Heimat, die sie hat. Alles an- sollen sich einfügen in diese Gesellschaft,gungen der Kindheit zu tun. Den einen dere ist ein bisschen kompliziert. ohne ihre türkische Identität preiszugeben.heimelt ein fauchender Hochofen an, den Aylin Selçuk, 23, Studentin der Zahn- Der Anteil von Menschen mit Migra-anderen ein liebliches Alpental. Röcken- medizin, trägt eine Bluse im Leoparden- tionshintergrund liegt in Deutschland der-haus’ Leben war und ist auch ein Aufbe- look, eine Lederjacke und ein Herz am zeit bei einem Fünftel, und er wird weitergehren gegen die deutsche Heimat-Norm. Hals. Ihre Sonnenbrille steckt in ihrem wachsen. Diese Menschen haben zum Als er kürzlich las, dass Dortmund im Haar. Früher war sie Türkin, dem Pass Teil andere Sehnsuchtsorte als deutsch-vergangenen Jahr um 1400 Einwohner ge- nach jedenfalls. Ihre Eltern sind als Ju- stämmige Deutsche – Istanbul, die Sahara,wachsen ist, freute er sich unglaublich. gendliche eingewandert. den Urwald von Vietnam, Mumbai, denFreddie Röckenhaus steht vor den beiden Bis sie 17 war, tat Aylin Selçuk alles, Kaukasus. Und wenn sie trotzdem eintoten Hochöfen, eine Hand liegt auf sei- um nicht Türkin zu sein. Wenn zu Hause Heimatgefühl zu Deutschland entwickeln,ner Brust, und aus seinem Lächeln strahlt über Deutsche und Türken geredet wur- dann ist es wahrscheinlich anders als dasgroßes Glück, aber auch die alte Verle- de, bezog sie stets die Seite der Deut- von Eva Gerl oder Freddie Röckenhaus.genheit, ausgerechnet Dortmund zu lie- schen. Sie sagte, ihr Ursprung sei italie- Es mischt sich mit der Art, wie eine tür-ben. „Mir hüpft das Herz, ehrlich gesagt“, nisch, wenn sie wegen ihrer Haarfarbe kischstämmige oder russlanddeutsche Fa-sagt er. und ihres Teints nach ihrer Herkunft ge- milie lebt. Auch das macht den kollekti- fragt wurde. Das heißt, zunächst sagte ven Heimatbegriff absurd. sie, sie sei aus Berlin. Aber dann folgte Einmal war Aylin Selçuk halb weg aus„Mein Zimmer ist meist die Frage: Woher wirklich? Sie hass- Deutschland. Das war, als Thilo Sarrazinmeine Heimat.“ te das. Wirklich aus Berlin, fand sie, fin- det sie immer noch. seine kruden Thesen über Einwanderer verbreitete. Sie machte ein Praktikum in Im Zimmer von Aylin Sel- Sie bekam einen deutschen Pass, aber England, um herauszufinden, ob sie dort çuk hängen zwei Bilder, die man fragte sie weiterhin nach ihrer Her- leben könne. Aber dann sagte der dama- Istanbul zeigen. Selçuk sagt kunft. Sie spielte Klavier, spielte Handball lige Bundespräsident Christian Wulff, der dazu: „Istanbul ist die im Verein, wurde Klassenbeste, wurde Islam gehöre zu Deutschland. „Wulff hat Stadt, die mich am meisten das fleißigste, ordentlichste und struktu- mich zurückgeholt“, sagt Selçuk, „das ist fasziniert, die mich an mei- rierteste Mädchen unter der Berliner Son- mein Land, mein Bundespräsident, habe ne Identität erinnert, an ei- ne, wurde also so deutsch, wie man nur ich nach seiner Rede gedacht.“ D E R S P I E G E L 1 5 / 2 0 1 2 65
    • MICHAEL TRIPPEL / DER SPIEGELHeimatmensch Bauer: „Barocktheater in Vollendung“ fand das grässlich, Herbert Bauer fand rüchige“ Bilder zeigt, sagt er: Wandel„Altötting ist meine es wundervoll. muss sein.Heimat.“ – „Altötting ist Er leitet heute das Wallfahrts- und Ver- kehrsbüro und ist Vorsitzender vom Oet- Seit Jahrzehnten liest Bauer, was sein ehemaliger Kornett geschrieben hat. Alt-nicht meine Heimat.“ tinger Heimatbund, sein Büro liegt am mann war lange Reporter, nun ist er Rei- Kapellplatz. Ein Kreuz hängt über der seschriftsteller, ein Mann des Abenteuers. Als Herbert Bauer, 58, Sitzecke, auf dem Schreibtisch stehen Bauer bewundert das, Altmann war und Hilfskornett bei den Pfad- Weihnachtsmänner, und Bauer trinkt sei- ist sein Altöttinger draußen in der Welt, findern von Altötting war, nen Kaffee aus einer Tasse, die ein Foto obwohl sie keinen Kontakt miteinander hatte er einen Kornett über zeigt, auf dem er sich vor Papst Benedikt hatten. Das Buch über das Altöttinger sich, den er bewunderte, XVI. verneigt. Scheißleben hat er in einem Zug wegge- vier Jahre älter und „ein Von seiner Jugend in Altötting erzählt lesen, und er sagt, dass er „nachvollzie- Pfundskamerad“, sagt Bau- Bauer so begeistert wie Röckenhaus von hen“ kann, was Altmann empfindet. Eser. Er war einmal zu Hause bei dem Kor- seiner Jugend in Dortmund. Das „Wall- sei tatsächlich übermäßig autoritär zuge-nett, in einem großen Haus, das Bauer fahrtsgeschehen“, sagt er, habe ihn ver- gangen damals in Altötting.als düster empfand, als abweisend, die zaubert, die Pilgerscharen, das ständige Als Altmann im Oktober 2011 zu einerStimmen hallten, er hörte irgendwo Tü- Glockenläuten, Kreuze, Kerzen, festliche Lesung nach Altötting kam, ging Bauerren aufgehen, zugehen. Ihm war ein biss- Mienen, die großen Gottesdienste, an de- hin. Danach sprach er Altmann an. „Eschen unheimlich. nen er selbst beteiligt war, „das war Ba- war durchaus herzlich“, sagt Bauer, „aber Kürzlich, rund 50 Jahre später, hat rocktheater in Vollendung“, sagt Bauer. da ist auch ein Kleinstadtbürger auf einenBauer ein Buch seines ehemaligen Kor- Er fand es „ergreifend“, Altötting hatte Kosmopoliten getroffen.“ Warum er dasnetts gelesen, Titel: „Das Scheißleben für ihn eine Menge Energie. so sieht? „Altmann hat mir dieses Gefühlmeines Vaters, das Scheißleben meiner Als Bauer 16 war, kam ihm seine Hei- gegeben.“Mutter und meine eigene Scheißjugend“. mat zu eng vor. Er ging nach München, Bauer? „Ich weiß nicht genau, viel-Andreas Altmann, 62, hat dieses Buch es war die Zeit von 68, er ließ sich durch leicht ein ehemaliger Mitschüler von mir.“geschrieben, ein Heimatbuch mit negati- das turbulente Schwabing treiben, war Andreas Altmann sitzt in einem Café invem Vorzeichen, ein schwarzer Gesang. bald sozialistisch gesinnt und besuchte ei- Erlangen, wo er gleich eine Lesung hat.Altmann hasst seinen Vater, hasst Alt- nen Stammtisch der Jusos. Später machte Seine Heimat? Ganz sicher nicht Altöt-ötting, hasst die Lehrer und die Pfaffen. er eine Karriere in der Tourismusbranche, ting. Das Wort löst wieder diesen schwar-Sein Vater war von solcher Bosheit, dass kam viel herum in der Welt und dachte zen Gesang aus, diesmal mündlich. Dasich die Mutter in die Hosen machte, gern an Altötting zurück. Als er Vater wird gehasst, gerächt, gedanklich auf Grä-wenn sie seine Stimme hörte. Für den wurde und sich fragte, wie seine Kinder ber gepisst, da entsteht ein PanoptikumSohn gab es Prügel, Missachtung und aufwachsen sollten, endete er bei dem von Jasagern, Betschwestern, Kindesmiss-Lieblosigkeit. Die Lehrer und Pfarrer hat Gedanken: so wie ich. Die Familie zog brauchern. Wenn Altmann redet, brichtAltmann nicht viel anders erlebt. Der nach Altötting. Unruhe aus, er spricht laut, schreit manch-Wallfahrtsort Altötting war seine Hölle, Sein Leben, sagt er, habe einen „schö- mal, sein Gesicht zeigt große Mienen, oftHeimat als Grauen. nen Bogen“ gemacht. Bauer ist nun kon- Abscheu, er zieht die Ärmel seines Pul- Es ist neun Uhr morgens, ein Mönch servativ, aufgeklärt konservativ. Er geht lovers über seine Hände, schiebt sie zu-eilt über den Kapellplatz, die ersten in die Kirche, aber nicht jeden Sonntag. rück, zieht erneut.Pilger und Touristen betrachten die Vo- Ihm gefällt, dass Altötting nicht mehr von Altmann lebt in Paris, er hat dort einetivbilder an der Gnadenkapelle, die der CSU beherrscht wird; die Freien Wäh- Wohnung, aber er sagt, dass er an keinemHändler sortieren ihre Kerzen, Marienfi- ler stellen derzeit den Bürgermeister. Das Abend zu Hause ist. Wenn er nicht großeguren und Kreuze. Kirchtürme ringsum, Internet hilft ihm, aus Altötting geistig Reisen macht, macht er kleine, in Paris,Glockengeläut, Altötting ist die Verdich- herauszukommen, und den Leuten, die für einen Abend, eine Nacht, er zieht los,tung des Katholischen. Andreas Altmann sich aufregen, wenn die Stadtgalerie „an- ins Kino, ins Café, er sagt, dass es in sei-66 D E R S P I E G E L 1 5 / 2 0 1 2
    • MICHAEL TRIPPEL / DER SPIEGELHeimathasser Altmann: „Was machen die Leute immer zu Hause?“nem Viertel zwei Cafés gibt, die 24 Stun- Nicht-Orten ab, an Flughäfen, in Hotels, dens für die Dorfbewohner gesunkenden offen sind. „Was machen die Leute Konferenzräumen. Sie sind auf Flüchtig- sind. Das Internet hat die Provinz ausimmer zu Hause?“, fragt Altmann. „Mei- keit eingerichtet und nicht zu unterschei- ihrer Abgeschiedenheit geholt. Dem mei-ne Heimat ist da, wo es hell ist, wo Frauen den, weshalb sie nicht Heimat sein kön- lensammelnden Kosmopolitismus dersind, die meine Nähe mögen, wo es in- nen. Heimat braucht Dauer, und Heimat Losgelösten steht ein stationärer Kosmo-ternational zugeht.“ ist spezifisch. In den Metropolen domi- politismus der Gebliebenen gegenüber. Bauer spricht langsam, leise, er spricht niert die Architektur internationaler Spit- Als der Weltreisende Andreas Altmannso gelassen, als sei er versöhnt mit allem. zenarchitekten, Norman Foster, I. M. Pei, nach der Lesung in Altötting mit demEs wäre ein bisschen platt zu behaupten, Frank Gehry, Herzog & de Meuron, San- sesshaften Internetnutzer Herbert Bauerdass das gute Heimatgefühl Bauer zu ei- tiago Calatrava. Sie schaffen die neuen sprach, tat er das noch im „Duktus desnem gelassenen Menschen gemacht hat, Sehenswürdigkeiten, die man überall an- Vorsprungs“, wie Sloterdijk diese Art derdas schlechte Heimatgefühl Altmann zu trifft und die kaum noch die Geschichte Arroganz genannt hat. Doch der Vor-einem unruhigen. Altmann weiß aber des Ortes repräsentieren. In den Innen- sprung ist nicht mehr groß.selbst, welches Gewicht Altötting für sein städten dominieren Hennes & MauritzLeben hat: „Der Ort repräsentiert alles, und McDonald’s, und zwar überall in derwas ich nicht will, deshalb ist er so wichtig Welt. Heimelig wird es einem dort nicht. „Deutschland istfür mich.“ Bauer führt ein Heimatleben, Altmann Der Globalisierungsnomade, der nicht nur reist, sondern sich niederlassen kann, meine Heimat.“ein Heimatgegenleben und damit auch muss nach zwei Jahren weiterziehen, Er sagt das wirklich so,ein Leben, das die Heimat geprägt hat. nächster Aufbruch, nächster Job, nächste schnell und klar, ohne großDie Heimat ist eine enorm starke Macht, Stadt. Ein paar Beziehungen aufgebaut, zu überlegen, es kommtder kaum zu entkommen ist. dann geht es schon weiter. Zurücklassen aus ihm raus, weil er es so Altmann ist ein extremes Beispiel für als Lebensform. Das Kontinuum in dieser empfindet. Auf die Frage,den „Losgelösten“, wie das in der Sozio- Rastlosigkeit ist das Smartphone. Zu ihm was seine Heimat sei, sagtlogie heißt. In der modernen Welt sind hat man ständig Kontakt, es beherbergt Claus Mauersberger ausAufbrüche häufig gewünscht oder not- die Bilder der Lieben, kann von überall Luckenwalde: „Deutschland ist meinewendig. Man verlässt sein Dorf, weil man her die Verbindung zur Heimat herstellen Heimat.“anderswo bessere Chancen für sich sieht. und hält das Wissen, das man als Nomade Aus zwei Gründen kommt das überra-Man verlässt sein Land aus dem gleichen braucht, jederzeit parat. Über den Navi- schend. Erstens hat niemand sonst aufGrund. In der globalisierten Welt sollen gator und Apps wie „AroundMe“ kennt dieser Reise spontan mit ähnlichen Wor-die Menschen besonders flexibel sein, mo- man sich überall aus. Wer sein Smartphone ten auf diese Frage geantwortet. Zweitensbil sein, sie sollen ihre Heimaten jederzeit verliert, ist so hilflos wie ein Kind, das hätte Mauersberger vor 25 Jahren einenhinter sich lassen können, räumlich wie nicht nach Hause findet. Es ist die trans- ganz anderen Satz gesagt, diesen nämlich:geistig oder moralisch. portable Heimat der globalisierten Welt. „Die DDR ist meine Heimat.“ Der Philosoph Peter Sloterdijk schreibt Der Rest ist Sehnsucht. Da im Leben Mauersberger, 61, wurde in Sachsen ge-in seinem Buch „Im Weltinnenraum des der Unermüdlichen kaum eine neue Hei- boren, aber „die Partei, obwohl ich nichtKapitals“: „In ihrem Fortgang sprengt die mat entstehen kann, bleibt die Kindheit in der Partei war“, schickte ihn 1975 fürGlobalisierung Schicht für Schicht die der Ort, der die melancholischen Gedan- drei Jahre nach Luckenwalde, südlich vonTraumhüllen des bodenständigen, des ein- ken bindet. Heimweh wird zum epidemi- Berlin. Dort werde er gebraucht, als Leh-gehausten, des in sich selbst orientierten schen Gefühl, dem leider keine Erlösung rer. Im Regen kam er dort an. „Alles warund aus Eigenem heilsmächtigen Kollek- winkt. Beherrschbar ist das nur, wenn grau und irgendwie deprimierend, musstivlebens.“ man es genießt. Für Fernweh dagegen ich sagen“, sagt er. Aber nach den drei Die Globalisierung mutet ihren Noma- gibt es Linderung, dank des Internets. Vir- Jahren fand er Luckenwalde gar nicht soden Aufbrüche ohne Ankünfte zu. Das tuell ist nun jede Reise möglich, weshalb schlecht und blieb. Als 1989 die MauerLeben spielt sich zum großen Teil an die Gefahren des verdummenden Ermü- fiel, war das für Mauersberger in Ord- D E R S P I E G E L 1 5 / 2 0 1 2 67
    • MICHAEL TRIPPEL / DER SPIEGELPatriot Mauersberger: „Die DDR ist ja größer geworden für mich“nung, auch wenn er sein Leben in der sagt dazu einen Satz, der noch überra- drüberflog für seinen Film, glimmte plötz-DDR annehmbar fand. schender kommt als der andere: „Die lich ein bisschen Heimatgefühl auf, aus Mauersberger sagt, dass er dazu neige, DDR ist ja größer geworden für mich.“ der Distanz.das Gute zu sehen. In der DDR sei der Man kennt das eher umgekehrt. Die Bun- Nur zwölf Prozent der Deutschen se-Zusammenhalt gut gewesen, die Solida- desrepublik soll größer geworden sein hen in ihrem Vaterland zuerst die Heimat.rität. Nachdem die Mauer gefallen war, durch Einverleibung der DDR. Da kann man eigentlich entspannt sein.hätten die Leute angefangen, ihre Ellen- Was Mauersberger meint, ist: Die DDR Auch wenn sich Rechtsradikale des Wor-bogen zu benutzen. Ihm gehe es aber war seine Heimat, und jetzt will er das Hei- tes gern bemächtigen, ist es nicht im Mas-auch in seinem neuen Land gut. matgefühl, das er gegenüber der DDR hat- sengebrauch, um einen neuen Nationa- Claus Mauersberger trägt ein olivfar- te, auf ganz Deutschland übertragen. Er lismus auszudrücken. Wenn einer sagt,benes Polohemd, auf das jemand „Claus“ hat da wirklich dran gearbeitet, er zog los, Deutschland sei seine Heimat, so wiegestickt hat, über dem Herzen. Er spricht erst nach West-Berlin, dann in die Pfalz, Claus Mauersberger, ist es oft nur ein wei-langsam, macht Pausen, denkt nach. nach Passau, an den Bodensee, nach Hel- terer individueller Heimatbegriff, nichtAuch Luckenwalde ist seine Heimat, er goland, nach Rothenburg ob der Tauber, schlimm also.ist 1991 dem Heimatverein beigetreten, nach Mallorca. Er hatte das gut erkannt:und nun sieht er mit Trauer, wie die Leute Wer sich Deutschland als Heimat erschlie-wegziehen. Seit der Wende ist die Bevöl- ßen will, muss nach Mallorca fliegen. „Das Netz ist einekerung um 6000 geschrumpft, auf 20 000. Die Straßen sind hübsch renoviert, Mauersberger las die westdeutschen Zei- tungen wie ein Ethnologe, der einen neuen meiner Heimaten.“aber leer, bei McTina’s Schlemmerwelt Stamm kennenlernen will, und mit der Christian Heller, 27, wäresind die Rollläden heruntergezogen, wohl Zeit hat er sich sein neues Deutschland es lieber, man würde die @schon seit Monaten. Aus einem Haus zur Heimat gemacht. Er findet die Land- Schuhe ausziehen, aber erhängt eine Fahne von Borussia Dort- schaften schön, die Städte schön, die Poli- nimmt es hin, dass man siemund. Das Herz von Freddie Röckenhaus tik interessant, die Menschen nett, vor al- anlässt, nachdem ihm versi-würde hüpfen, wenn er das sähe. Es gibt lem die Bayern. Aber enttäuscht ist er auch. chert wurde, sie seien nichtin Luckenwalde offenbar eine größere Er erarbeitete sich den Westen als neuen schmutzig. Nach dieser Be-Sehnsucht nach anderen Heimaten. Eini- Teil seiner Heimat, aber er traf nicht auf grüßung führt er in ein Zimmer, in demge Geschäfte stehen leer, es werde oft ge- Westler, die sich den Osten erarbeiteten. an einer Wand ein Poster mit der Auf-wechselt, sagt Mauersberger bei einem Ein Teil davon ist Ignoranz, ein anderer schrift „Texas Chainsaw Massacre“ hängt.Rundgang. vielleicht ein skeptisches Verhältnis zur Das Fenster ist verdunkelt, zwei giganti- Ein Teil des Lebens in Dörfern und Nation. Mauersberger konnte Deutsch- sche Mehrfachstecker verteilen Strom aufKleinstädten verlagert sich in Einkaufs- land als Heimat annehmen, weil er kein unzählige Kabel. Es gibt einen Beamer,zentren auf der Wiese, Kästen ohne Ei- Problem mit Deutschland hat. Die DDR eine Leinwand, einen großen Fernsehbild-genart, Nicht-Orte, die den Dörfern und sah sich in der Tradition des Antifaschis- schirm, einen kleinen Laptop, einen altenKleinstädten das Leben aussaugen. Der mus, eine Haltung, die einen unbefangen Computer, eine Sammlung Kronkorken,Nicht-Ort von Luckenwalde heißt Markt- macht gegenüber der deutschen Nation, eine Sammlung DVDs, ein Bücherregal,kauf, ein Einkaufszentrum mit der übli- und Mauersberger hat diese Haltung auf einen Stapel mit Matratzen, ein Bett in ei-chen Ausstattung der Massenwelt. Jeder ganz Deutschland übertragen. ner Ecke. Heller hat nur dieses eine Zim-kennt es, auch wenn er nie dort war. Die Bundesrepublik dagegen nahm das mer, dazu eine Küche und ein Bad. Ein Mauersberger wird in Luckenwalde böse Erbe des Nazismus an und arbeitete Hinterhof in Friedrichshain, Berlin.bleiben. Er hat schon einmal eine Heimat die Schuld auf. Deshalb kann jemand wie Er trägt ein blaues T-Shirt, blaue Jeansverloren, die DDR. Aber weil er das Gute Freddie Röckenhaus nicht Patriot sein, und Socken ohne Schuhe. Er hat einensehen will, hat er sich gedacht, es sei nun und er wäre lange nicht auf die Idee ge- eher zufälligen Bart und mittellangesseine Aufgabe, sich ganz Deutschland als kommen, Deutschland seine Heimat zu Haar, das sich frei entfalten kann. HellerHeimat zu erschließen. Mauersberger nennen. Von oben allerdings, als er so sagt: „Ich würde eher für meine Räume68 D E R S P I E G E L 1 5 / 2 0 1 2
    • MICHAEL TRIPPEL / DER SPIEGELNetzbewohner Heller: „Ich bin knapp zur Hälfte elternfinanziert“im Netz auf die Barrikaden gehen als für „Ich habe mehrere Heimaten“, sagt Hel- Für den Losgelösten ist es schwierig, einmein Land.“ ler. Die eine ist Berlin. „Ich mag die Un- neues Heimatgefühl zu entwickeln, weil Er ist in Karlshorst im Osten Berlins sortiertheit, alles ist voll mit Graffiti, ich Heimat auch eine zeitliche Dimension hat.aufgewachsen und nennt sich selbst ein mag die große Toleranz, die Subkultur, Das Wort braucht Dauer, und wer viel rei-„stubenhockerisches Kind“. Fußball mit und ich habe hier ein Sicherheitsgefühl, sen oder oft umziehen muss, bekommtanderen Jungs hat ihn nicht interessiert, ich kann mich durchschlagen, würde die Tage und Jahre nicht zusammen. Hei-erst spielte er am PC, dann kam das Netz heimfinden, wenn man mich hier aussetz- mat wird mehr denn je zur Sehnsucht.zu ihm nach Hause. „Mit elf oder zwölf te. Sehr viel davon zählt auch für meine Für viele Migranten ist es die SehnsuchtJahren hat mehr oder weniger meine In- digitale Heimat. Ich habe auch dort ein nach einer Welt, die nicht deutsch ist. Et-ternetsozialisation begonnen“, sagt Heller. Sicherheitsgefühl, finde mich zurecht, was davon wollen sie sich in Deutschland Heute sieht sein Leben so aus, dass die freue mich der Offenheit.“ erhalten und verändern damit deutscheJalousie meistens unten ist, damit er ei- Die scheint bei einigen Imageboards Heimat. Das Land wird bunt, wird einnen „Lebensrhythmus unabhängig vom erheblich zu sein. Dort wird vor allem bisschen istanbulisch, ein bisschen kasa-Sonnenrhythmus führen kann“. Heller über Bilder kommuniziert, anonym, ohne chisch. Es wird eine neue Heimat, weitsteht mittags auf, tut „die notwendigen Zensur, da die Bilder rasch vernichtet wer- jenseits der deutschen Norm.Dinge in der Kohlenstoffwelt“, einkaufen, den. Der eine setzt ein Foto von seinem Ganz neu ist die Heimat im Internet.waschen, legt sich am Nachmittag wieder Penis rein, berichtet Heller, der Nächste Sie ist weitgehend ortlos, der Chatroomhin, holt sich einen Döner oder brät zwei reagiert mit einer digitalen Verstümme- ist kein Raum, den Caspar David FriedrichMinutensteaks und hat dann zwischen 20 lung, und dann folgt vielleicht eine Serie malen könnte. Und dann ist sie so neuund 6 Uhr seine „kreative Phase“, wie er mit Fotos von Verkehrsunfällen. Jede Hei- doch wieder nicht. Heller sucht Vertraut-sagt. Er programmiert, schreibt, chattet. mat hat ihre dunklen Seiten. heit, sucht Sicherheit, kehrt gern zurückDas alles vom Bett aus. Wovon er lebt? zu den Wurzeln seiner virtuellen Existenz.„Ich bin knapp zur Hälfte elternfinan- So wird der Heimatbegriff einen großenziert“, sagt Heller, der sich stets Mühegibt, die Fragen ernsthaft und genau zu Heimat Mensch Teil seiner geografischen Komponente ein- büßen, nicht aber seine anthropologische.beantworten. Der Rest komme über Vor- Was ist die Bilanz dieser Reise durch deut- Ohne Anbindung geht es nicht. Die Zu-träge und ein Buch herein. sche Heimaten? Weil sich die Kohlenstoff- kunft der Heimat ist der Mensch, dem Wenn Heller über das Netz spricht, welt stark verändert hat, ist der kollek- man vertraut, vielleicht nicht ein Lebenklingt das grundsätzlich nicht viel anders tive Heimatbegriff überholt. Das Dorf lang, aber für ein paar Jahre, ein Mensch,als die Erzählungen aus Haidenkofen. Er schrumpft, und damit schwindet allmäh- mit dem man mailt, chattet, skypt, telefo-sagt: „Ich hänge in verschiedenen Chats lich der Gemeinschaftssinn, der dort teil- niert, meist von unterwegs, manchmalab, wo ich soziale Umfelder habe, die re- weise noch gepflegt wird, in Großfami- von zu Hause aus. Und dem man hin undlativ stabil sind. Es gibt eine gewisse Ver- lien, in Vereinen oder an Stammtischen. wieder begegnet, kohlenstoffmäßig.traulichkeit und Verlässlichkeit.“ In den Das ländliche Leben, das die Romantiker Christian Heller hat das Internet in ei-„Separees“ der Chatrooms würden die und die Nazis so fasziniert hat, spielt ge- ner dialektischen Wendung ein wenig von„Regulars“, also die Stammgäste, „kleine samtgesellschaftlich keine große Rolle seinem Dasein als Stubenhocker befreit.Familien bilden“, er wisse, „wie es funk- mehr. Heute dominieren die Städte, sogar Er hat in seinen Chatrooms Leute ken-tioniert“, und könne sich da „einiger- Dortmund wächst wieder, und Berlin ist nengelernt, die er so nett findet, dass ermaßen locker bewegen“, denn man ver- als Metropole mittlerweile so stark, dass sie nun auch in der realen Welt trifft.wende „eine Insidersprache, es werden es auf das ganze Land abstrahlt.bestimmte Kenntnisse erwartet“. Wenn Zudem entziehen die Nicht-Orte den Video: Dirk KurbjuweitHeller nicht zu Hause ist, chattet er über Kleinstädten das Leben, sie zerstören klas- über seine Heimatsein Smartphone, er ist nie off, immer on. sische Heimat, ohne Heimatgefühle we- Für Smartphone-Benutzer:Diese Zusammengluckerei übertrifft die cken zu können. Als Flughäfen sind sie Bildcode scannen, etwa mitvon Haidenkofen bei weitem. die Relaisstationen des flüchtigen Lebens. der App „Scanlife“. D E R S P I E G E L 1 5 / 2 0 1 2 69
    • Titel Entkernte Heimat Österreich feiert sich als Land der Bodenständigkeit. Doch der Staat, der einst kühn jedes Tal erschloss, zieht sich heute kleinmütig aus der Provinz zurück. Von Bernhard ZandN ichts gegen Linz, Graz und St. Pöl- Seit Jahren zieht der Staat, wie überall Man könnte es einen Fall von europäi- ten – aber wenn es um das Bild in der Provinz, seine Institutionen aus schem Regionalismus nennen – wenn die und Selbstbild der Österreicher dem Salzkammergut ab. Zurzeit sind, in Betroffenen nicht einen viel schlichteren,geht, bringen die zwölf kleinen Gemein- einer zweiten Runde bereits, die Gerichte viel einfacheren Ausdruck wählten: Sieden, die da vor dem Bezirksgericht Bad dran. Das Bezirksgericht St. Gilgen, 1720 reden von der Entkernung und Aus-Ischl vertreten sind, mehr auf die Waage von Mozarts Großvater Wolfgang Niko- dünnung ihrer ländlichen „Heimat“.als manche Landeshauptstadt. laus Pertl gebaut, wurde vor Jahren schon Sie meinen etwas anderes als die „Hei- Otto Kloiber zum Beispiel, 44, ist der geschlossen und nach Thalgau bei Salz- matliebe“, mit der eine rechtspopulisti-Bürgermeister von St. Gilgen, einer Ort- burg verlegt. Nun soll auch Thalgau ge- sche Partei gerade den Innsbrucker Wahl-schaft, die in Deutschlandfast jeder kennt: Hier hatder ehemalige Bundeskanz-ler Helmut Kohl jahrelangmit Frau und Kindern sei-nen Urlaub verbracht. DerSchnappschuss, der Kohl beidem Versuch zeigt, eine Kuhzu streicheln, ist unter Deut-schen eine Österreich-Ikone. Alexander Scheutz, 49,ist Bürgermeister von Hall-statt, einem Dorf, dessenSilhouette so zum Inbegriffalpenländischer Baukunstgeworden ist, dass es einImmobilienentwickler in dersüdchinesischen Provinz Gu-angdong jetzt hat nachbauen IMAGEBROKER / SÜDDEUTSCHER VERLAGlassen. Zwar soll das Projektsich schlecht verkaufen,doch die Weltkulturgemein-de Hallstatt ist heute nochbekannter als vorher. Hannes Heide, 45, regiertseit vier Jahren die ehema-lige kaiserliche Sommer-residenz Bad Ischl, berühmt Weltkulturerbe Hallstatt, Oberösterreich: „Die Leute feiern etwas, das es bald nicht mehr gibt“als Schauplatz einer histori-schen Romanze und eines Heimatfilms, schlossen werden. Das Gericht im steiri- kampf vergiftet. Aber sie haben auchvon dem noch offen ist, wo er mehr öster- schen Bad Aussee wurde 2004 nach Ird- keine Scheu, den von der Linken ironischreichische Identität gestiftet hat – unter ning verlegt (wo, nach dem tödlichen Ski- ausgehöhlten Begriff der Heimat mit Be-den Österreichern selbst oder den Mil- unfall vor drei Jahren, das umstrittene deutung zu füllen.lionen Europäern, welche die „Sissi“-Fil- Urteil gegen den damaligen thüringischen Und die ist reich und vielfältig. Dieme sahen und dann zu Besuch gekom- Ministerpräsidenten Dieter Althaus fiel). „ländliche Heimat“ ist nicht nur, nach au-men sind. Nun fällt auch Irdning dem Sparwillen ßen hin, Österreichs bis heute unerreich- Von Österreich, dem großen Ganzen, zum Opfer. tes und milliardenschweres Argument inist mit keinem Wort die Rede, als die Bür- Das Gericht in Bad Ischl, haben die Bür- der Tourismuswerbung, das obligatori-germeister des Inneren Salzkammerguts germeister des Salzkammerguts jetzt ge- sche Ensemble aus Almsee, grüner Wiesean diesem verregneten Märztag in Ischl schworen, schließt keiner mehr, das bleibt. und Dirndlgwand auf jeder Österreich-stehen und kundmachen: Wir wollen ei- Es ist ein politisch geschickter Schachzug Anzeige.nen eigenen Gerichtsbezirk! Es geht um in einer von der Natur und vom Kaiser- Sie ist zugleich, nach innen, ein Aus-ihre Identität im Allerkleinsten. Es ist der haus einst reich beschenkten Gegend, die druck, der sich von einem ideologischenschlichte, unverblümte Provinzialismus, ihre Privilegien aber allmählich eingebüßt zu einem Lifestyle-Konzept gewandeltder aus ihnen spricht. hat. Kein Landeshauptmann hat sich dem hat. Was den deutschen Lesern das Haus- Aber vielleicht spricht noch etwas an- Schwur entgegengestellt, auch die Justiz- und-Garten-Magazin „Landlust“, ist denderes aus ihnen. ministerin wird sich hüten. Österreichern das noch aufwendiger pro-70 D E R S P I E G E L 1 5 / 2 0 1 2
    • Ich werde das Gefühl nicht los, dass an diesem Idyll etwas die SVP haben diese Debatte gewonnen. Nicht, weil alle Schwei-nicht stimmt. Während Europa in der größten Finanzkrise seit zer ihre Vorstellungen teilen, sondern weil die SVP ihre defen-Jahrzehnten steckt, während europäische Länder zusammen- sive Sicht, dass die Heimat von außen bedroht sei, dem ganzengespart werden und die Jugendarbeitslosigkeit in Spanien gegen Land aufgezwungen hat. Die Angst vor dem Verlust der Heimat50 Prozent steigt, erscheint mir die Schweiz als ein Ort abseits bewegt viele Schweizer tief. Sie gehört nicht einem politischender Realität. Ihr geht es so gut wie kaum je zuvor. In welchem Lager allein. Sie hat das Land dazu getrieben, den EWR-Beitrittanderen Land ließe sich ernsthaft über einen Mindestlohn von abzulehnen, aber auch der Alpeninitiative und dem Verbot4000 Franken diskutieren? Die Schweiz scheint sich vom Rest von Zweitwohnungen zuzustimmen. Vor diesem Hintergrundder Welt entkoppelt zu haben, und obwohl mich freut, dass muss man auch die Annahme der Minarett-Initiative sehenmein Land im Europa der Schulden eine Insel ist, liegt darin und das Verbot von Hochdeutsch in Zürcher Kindergärten.auch etwas Unheimliches. I Wenn ich die Schweiz besuche, spüre ich, dass sich etwas ch bin in Deutschland zum Schweiz-Erklärer geworden.verändert hat, seit ich das Land 2004 verlassen habe. Hinter Wenn ich mich aus der Ferne mit ihr auseinandersetzte,der Fassade gärt eine Angst. Vor der Zukunft, um den Wohl- habe ich oft von ihr geschwärmt, aber ich bin auch oft anstand, um das Geld auf dem Bankkonto, vor den Deutschen ihr verzweifelt. Was ist das für ein Land, dessen Politik nurund der „Massenzuwanderung“. Diese Angst zu spüren macht aus Rückzugsgefechten besteht? Noch ein Abkommen zur Auf-mir die Schweiz fremd. Die Bilder aus dem SBB-Spot erzeugen weichung des Bankgeheimnisses, wieder 10 000 Steuerflücht-dagegen das behütete Gefühl, das mir meine Kindheit in der linge an Amerika verraten. Es ist ein Land, das immer noch ei-Schweiz gab, die Gewissheit, dass einem nichts passieren kann. nen Schritt rückwärts macht, in dem aber niemand eine Idee Die Heimat wird derzeit ja auch sonst unablässig inszeniert für die Zukunft hat. Die Frage, über die niemand spricht, lautet:und von innen bespiegelt, es ist, als ob alle sie ein letztes Mal Wird die Schweiz, wenn das Bankgeheimnis eines Tages ganzfesthalten wollten: Man braucht sich nur die unzähligen Buch- verschwunden sein wird, immer noch so reich sein?deckel anzusehen, von denen das Schweizerkreuz prangt, Sen- Als ich nach Deutschland kam, versuchte ich, von derdungen wie „SF bi de Lüt“ oder Filme wie „Sennentuntschi“. Schweiz zu erzählen, wie ich sie kenne. Von der wahrenOder die urbanen Hipster, die alle Schweiz. Von dieser großen Vor-das Jassen entdeckt haben. stadt zwischen St. Gallen und Lau- Heimat war in der Schweiz nie sanne, die Stiller Has in „Walliselle“ein problematisches Wort. Der besingen, vom helvetischen Mittel-Schweizer mag seine Heimat oder land in seiner melancholischen Ba-liebt sie gar, ob er Christoph Blo- nalität, vom Aargau und vom Shop-cher  oder Jean Ziegler heißt, die pyland. Aber natürlich interessierteFrage war immer nur, auf welche das niemanden.Weise. Blocher erfand in den neun- Welche Heimat meinen wir ei-ziger Jahren den Kampfbegriff „hei- gentlich, wenn wir Heimat sagen?matmüde“, um seine Gegner zu Die Kunst-Schweiz im SBB-Werbe-desavouieren. Ziegler ist der letzte spot rührt mich an, weil sie mich anverbliebene Schweiz-Kritiker. etwas erinnert, dessen Untergang GEISSER / IMAGO In meiner Jugend gab es noch ich selbst befürchte. Aber wenn icheine ganze Reihe von ihnen, im lin- ehrlich bin mit mir selbst, weiß ich,ken Lager, sie sind aus der Mode ge- dass es nicht diese Nostalgie-Schweizkommen. Das Ende der linken Straßenszene zwei Tage vor der Bundesfeier 2010 ist, von der ich mir für die ZukunftSchweiz-Kritik fällt interessanter- am meisten verspreche.weise mit dem Erscheinen des Be- „Es geht dem Land so gut Ich bin groß geworden in derrichts der Bergier-Kommission zu- Nähe von Olten, zwischen Jurahü-sammen, die auf Druck des Aus- wie kaum je zuvor, aber hinter geln, Schnellstraßen und Geleisen.lands die Rolle der Schweiz im der Fassade gärt eine Angst.“ Die Alpen liegen von da aus weitZweiten Weltkrieg untersuchte. am anderen Ende des Nebelmeeres,Wenn die Schweiz von außen ange- das wir an Herbstwochenenden vongriffen wird, sei es von amerikanischen Anwälten oder einem der Belchenflue aus überblickten. In dieser Vorstadt-Schweiz,polternden Peer Steinbrück, rücken alle zusammen. in der die meisten von uns leben, sah eine junge Schweizerin schon vor 20 Jahren nicht mehr unbedingt aus wie die jungeE s gibt noch ein Video, das mich in den vergangenen Wo- blonde Frau im SBB-Spot, weil sie womöglich kroatische, ara- chen rührte: In einem amateurhaften Wahlspot der bische oder thailändische Wurzeln hatte. Die Schweiz war FDP Reinach waren Politiker zu sehen, die im Chor san- schon in meiner Jugend multikulturell, heute liegt der Ausländer-gen: „Gäll du wählsch mi, gäll du willsch mi, mir sind FDP“. anteil bei über 22 Prozent. Das ist die wirkliche Schweiz, nichtDas war alles. Natürlich fällt es leicht, sich über Provinzialität der SVP-Puurezmorge.lustig zu machen. Aber mir schien bemerkenswert, dass sich Das ist die Welt, aus der ein Rapper wie Baba Uslenderin diesem Werk genau das postpolitische Gefühl  ausdrückt, stammt, ein Albaner aus Luzern, der in seinem „Baustellsong“das die Schweizer Politik jenseits der lauten SVP auszeichnet: auf YouTube in gebrochenem Schwyzerdütsch zu HandörgeliEs geht uns gut, lasst uns nicht über die Wirklichkeit reden. rappt, ein bitterironischer Song, der vom Streit zwischen einemWählt uns, wir sagen euch aber nicht, warum. Italiener und einem Albaner auf einer Baustelle handelt. In Wahrheit wissen wir Schweizer seit 20 Jahren, dass es Dieses Video treibt mir nicht die Tränen in die Augen. Abernicht weitergehen wird wie bisher. Es begann mit der Aus- ich weiß, dass es mehr mit der echten Schweiz zu tun hat. Icheinandersetzung über nachrichtenlose Vermögen, es folgten würde Baba Uslender am liebsten bitten, den SBB-Werbespotdie bilateralen Abkommen mit der EU, die Angriffe auf das zu remixen. Das ergäbe ein realistisches Bild der S-Bahn-Bankgeheimnis. Wenn ich den politischen Diskurs der vergan- Schweiz, in der es schon lange nicht mehr idyllisch zugeht, diegenen 20 Jahre zusammenfassen soll, würde ich ihn beschreiben aber voller Energie steckt, in der es manchmal eng ist und dre-als einzigen Streit um das richtige Bild von der Heimat und ckig. Sie hat eine Kraft, die größer ist als die Nostalgie. Das istdarum, wie man sie bewahren kann. Christoph Blocher und die Heimat, die ich vermisse. D E R S P I E G E L 1 5 / 2 0 1 2 71
    • Trends AU TO I N D U ST R I E Ein Audi aus MexikoNach langem Ringen innerhalb desVW-Konzerns hat sich Audi durch-gesetzt: Die Ingolstädter können eineigenes neues Werk in Mexiko errich-ten. Top-Manager des VW-Konzernshatten sich dagegen dafür eingesetzt,dass das Volkswagen-Werk in Chatta-nooga in den USA ausgebaut wird unddie Tochter Audi dort eine Fertigungaufzieht. In der nächsten Sitzung desVW-Aufsichtsrats am 18. April sollendie Audi-Pläne besiegelt werden. Dieneue Fabrik in Mexiko wird ihre Pro-duktion im Jahr 2015 beginnen. Gefer-tigt wird dort die nächste Generationdes Geländewagens Q5. Audi-Chef Ru- JÖRG LANTELMEpert Stadler will damit eine Offensiveauf dem nordamerikanischen Markt Kundinnen beim Einkaufen KONSUM Junge shoppen seltener GETTY IMAGES Leistungsdruck, Stress bei der Arbeit und ein vollgepacktes Freizeitprogramm halten jüngere Verbraucher zunehmend vom Konsumieren ab. Das ist das Er- gebnis einer Untersuchung des Marktforschungsunternehmens GfK. Die unterAudi-Q5-Präsentation Zeitdruck leidenden Jüngeren kauften seltener ein, schreibt die GfK. So sei die Zahl der Shoppingtouren von Studenten, Berufseinsteigern und jungen Familienstarten, Audi liegt dort bislang noch zwischen 2006 und 2011 um 16 Prozent zurückgegangen – und damit mehr alshinter BMW und Mercedes-Benz. Er doppelt so stark wie bei Rentnern oder älteren Alleinstehenden. So entfällt ge-konnte nicht nur Bedenken aus Wolfs- rade noch ein Viertel aller Einkäufe auf die jüngere Zielgruppe. Zudem verändernburg ausräumen, sondern auch die jüngere Konsumenten auch ihr Einkaufsumfeld: Sie geben ihr Geld hauptsächlicheigenen Betriebsräte überzeugen. Der in ihrer unmittelbaren Umgebung aus. Sobald ein Geschäft mehr als fünf MinutenVorstand sichert ihnen zu, dass in von ihrer Wohnung oder ihrem Arbeitsplatz entfernt ist, lassen sie dort „spürbarIngolstadt, wo derzeit unter anderem weniger“ Geld. Und das hat Folgen für den Handel: So sind Discounter wie Lidlder Q5 montiert wird, zum Ausgleich oder Aldi deutlich weniger gefragt als etwa Supermärkte mit ihrem „mundge-ab 2015 ein anderes Modell produziert rechten“ Frischeangebot für die Mittagspause und ihrer Präsenz mitten in denund die Beschäftigung damit gesichert Stadtzentren, so die GfK.wird. F E R R O S TA A L Griechenland und in Portugal mit 62 rund 140 Millionen Euro verdonnert. Millionen Euro geschmiert haben, um Dieser Deal wäre durch eine Revision an lukrative U-Boot-Aufträge zu gelan- der Manager in Gefahr geraten. Die Kuhhandel um Honorar gen. Für die Zusage ihres früheren Ar- beitgebers, die Anwaltskosten zu über- Staatsanwaltschaft hatte angekündigt, in diesem Falle Rechtsmittel gegen dieDer Ferrostaal-Konzern hat in der nehmen, mussten die beiden schrift- vom Gericht verhängte Unterneh-Korruptionsaffäre um den Verkauf von lich versichern, nicht gegen ihre Urteile mensbuße einzulegen. Für Ferrostaal,U-Booten die Anwaltshonorare für in Revision zu gehen. In einem inter- so heißt es, sei es „von großer Bedeu-zwei ehemalige Manager des Unter- nen Papier dazu heißt es, das Unter- tung, dass das Strafverfahren nicht mitnehmens übernommen. Sie waren im nehmen habe „großes Interesse daran, einer höheren Geldbuße endet“. Da-Dezember wegen Bestechung ausländi- dass die Verurteilung sobald wie mög- her war der Konzern offenbar bereit,scher Amtsträger zu jeweils zwei Jah- lich rechtskräftig wird“. Das Münch- seinen Ex-Mitarbeitern „das Recht aufren auf Bewährung, sowie einer Geld- ner Landgericht hatte, ebenfalls im Revision abzukaufen“, wie ein mitstrafe in fünfstelliger Höhe verurteilt Dezember, Ferrostaal im Rahmen der dem Verfahren vertrauter Anwalt sagt.worden. Der frühere Vorstand und der Gewinnabschöpfung aus den U-Boot- Allerdings war die Übernahme der Kos-Ex-Prokurist sollen Amtsträger in Geschäften zu einem Bußgeld von ten gedeckelt – auf jeweils 715 000 Euro.72 D E R S P I E G E L 1 5 / 2 0 1 2
    • Wirtschaft LUFTVERKEHR WIESENHOF „Frankfurt bleibt Drehkreuz“ Ermittler müssenBundesverkehrsminister Peter Ram-sauer, 58 (CSU), über die Folgen des teil könnte vielleicht Türen für neue Kooperationen zwischen deutschen nacharbeitenNachtflugverbots in Frankfurt Flughäfen öffnen. SPIEGEL: Im Koalitionsvertrag ist verein- INGO WAGNER / PICTURE ALLIANCE / DPASPIEGEL: Welche Auswirkungen hat das bart, Ausnahmen vom NachtflugverbotUrteil des Bundesverwaltungsgerichts eher auszuweiten. Wie kann das jetztauf Deutschland als Wirtschaftsstand- überhaupt noch erreicht werden? Wol-ort? len Sie die Lärm-Grenzwerte ändern?Ramsauer: Wirtschaftsinteressen und Ramsauer: Der Koalitionsvertrag sagt,Lärmschutz sind zwei Seiten dersel- dass wir das prüfen. Jetzt muss manben Medaille. Das muss man auch im aber feststellen: Es steht nicht auf derFlugverkehr berücksichtigen. Am 23. Tagesordnung, Ausnahmen auszuweiten.Mai gibt es bei mir im Haus ein Spit- Ein generelles Nachtflugverbot aber Jungtiere in Hühnermastbetriebzengespräch: Fluggesellschaften, Flug- auch nicht. Jeder Flughafen-Standort isthäfen, Länder und Verbände. Die anders – da kann man keine Blaupause Die Generalstaatsanwaltschaft in CelleMenschen muss man bei Infrastruktur- anwenden. Und was den Lärmschutz an- hat sich in ein Tierschutzverfahrenprojekten stärker einbinden, ohne den geht: Die Spielräume hierfür stehen oh- gegen den Geflügelkonzern WiesenhofWirtschaftsstandort Deutschland in nehin regelmäßig auf dem Prüfstand. eingeschaltet und neue ErmittlungenFrage zu stellen. Bei gefordert. In Niedersachsen, der Hei-dem Spitzengespräch mat der Massentierhaltung, gilt einesollen alle Konzepte solche Anweisung als ungewöhnlich.auf den Tisch – ich Konkret geht es um die Zustände aufbin für viele Vor- einer für die Wiesenhof-Gruppe produ-schläge offen. zierenden Hühnerfarm im Jahr 2009.SPIEGEL: Frankfurt Damals machte die Tierschutzorganisa-am Main konkur- tion Peta Aufnahmen von einem fürriert mit Städten wie den Konzern tätigen Arbeiter, der TiereDubai um die Rolle trat, herumschleuderte und ihnen ohneals internationales Betäubung das Genick brach. Auch sei-Drehkreuz. Wird ne Notdurft soll einer der MitarbeiterFrankfurt abgehängt? im Stall verrichtet haben. Die mit demRamsauer: Nein. Fall befasste Staatsanwaltschaft in Ver-Frankfurt muss die den stellte die Ermittlungen ein. Grund:Betriebszeiten opti- Die Bildaufnahmen seien nicht verwert-mal ausnutzen. bar, da sie „rechtswidrig hergestellt“Dann bringt man seien und Persönlichkeitsrechte ver- BERTHOLD STEINHILBER / LAIFschon eine Menge letzten. Nach einer Beschwerde vonVerkehr in die Luft. Peta konnte dieser Argumentation nunFrankfurt bleibt ein offenbar auch die Generalstaatsanwalt-internationales schaft nicht folgen. Wiesenhof hatte dieDrehkreuz – auch Vorwürfe 2010 zurückgewiesen. Fürwenn Nachtstunden eine aktuelle Stellungnahme war diewegfallen. Das Ur- Jet auf dem Flughafen Frankfurt am Main Firma nicht zu erreichen. HANDEL für die Übernahme des Drogerie-Kon- tionsvolumen von insgesamt rund 90 zerns. Allerdings wollen die Investo- Millionen Euro. Das Konzept von Pen- ren sich nicht mit den Schlecker-Kin- ta sieht vor, im besten Fall keine weite- Finanzinvestor will dern Meike und Lars zusammentun. ren Filialen zu schließen und die ver- Schlecker kaufen Die suchen ebenfalls nach einem Co- Investor, um das Unternehmen in Fa- milienhand zu halten. Bei Penta kann bliebenen Jobs zu erhalten. Penta ist in zehn Ländern aktiv und hat eine Bi- lanzsumme von 3,4 Milliarden Euro.Die Private-Equity-Gesellschaft Penta man sich aber allenfalls eine symbo- In Deutschland gehört die Firma H.Investments will bei der insolventen lische Minderheitsbeteiligung der Ge- von Gimborn, ein Hersteller von Tier-Drogeriemarktkette Schlecker einstei- schwister vorstellen. Der Kaufpreis nahrung, zu Penta Investments. In dergen. „Wir haben ein unverbindliches und die Investitionssumme, die Penta Slowakei geriet der Investor zuletzt we-Angebot eingereicht“, bestätigte ein für Schlecker bereitstellen müsste, gen der sogenannten Gorilla-Affäre inPenta-Sprecher. Zu Details wollte er sind noch unklar. Für die Modernisie- die Schlagzeilen: Vermeintliche Geheim-sich nicht äußern. Die tschechisch-slo- rung von rund 3000 Schlecker-Filialen dienstprotokolle legten dubiose Kon-wakische Finanzgruppe ist bisher der würden etwa 30 000 Euro pro Laden takte zur Regierung nahe. Penta sprichteinzig ernstzunehmende Interessent fällig, heißt es. Das ergäbe ein Investi- von einer „Verleumdungskampagne“. D E R S P I E G E L 1 5 / 2 0 1 2 73
    • Wirtschaft MARTIN LENGEMANN / INTRO / FOTOFINDER Designierte Deutsche-Bank-Chefs Fitschen, Jain FINANZINDUSTRI E Bollywood in Frankfurt Der Führungswechsel bei der Deutschen Bank gerät zur absurden Komödie. Vor der Machtübernahme durch Anshu Jain liefern sich Spitzenmanager einen bizarren Kampf um Macht, Ruhm und die Zukunft des Konzerns.74 D E R S P I E G E L 1 5 / 2 0 1 2
    • D ie Beichtstunde ist an einem Sams- tag angesetzt, unter der Woche hat Anshu Jain keine Zeit. Damuss der oberste Investmentbanker derDeutschen Bank kämpfen wie nie zuvorin seinem Leben. Gerade ist der ameri-kanische Immobilienmarkt kollabiert, aufdessen Boom Jain und seine Händler Dut-zende Milliarden Dollar gewettet haben. Also reisen Josef Ackermann, Chef derDeutschen Bank, und sein oberster Risi-komanager Hugo Bänziger an einem Wo-chenende im November 2008 in die GreatWinchester Street in London. Sie wollenhören, welche Horrornachrichten in denfolgenden Wochen aus Jains Reich zu er-warten sind. An dem runden Konferenz-tisch herrscht Weltuntergangsstimmung.Selten hat man die lange als „Regenma- HENNING SCHACHTcher“ gefeierten Investmentbanker sokleinlaut erlebt. Einige sollen aus Angstvor einem totalen Crash privat schonZehntausende Pfund abgehoben undnach Hause geschafft haben. Bankier Ackermann: Allen internen Kandidaten misstraut Vor Bänziger und Ackermann gebensie nun mit Grabesstimmen zu Protokoll, schäfte, die Jains Mannen in den wilden Jain verliert nicht gern. Seine 15 000welche Verluste sie für die Deutsche Bank Zeiten vor der Finanzkrise gemacht ha- Mann starke Armee hat in ihren bestenerwarten. Die Summe ist gewaltig. Dann ben (SPIEGEL 5/2012). Jahren vier Fünftel des Konzerngewinnslesen Bänziger und Ackermann ihre Gift- „Die Alten können nicht loslassen“, be- verdient. Doch er schluckt den Ärger run-liste vor, mit den Maßnahmen, die nun haupten die anderen. Sie sehen in den ter. Ein letztes Mal.als allererste getroffen werden müssen. jüngsten Grabenkämpfen den verzweifel- Als am 7. März durch eine Indiskretion Einer der wichtigsten Punkte: Jain ten Versuch von Ackermann und seinen bekannt wird, dass die neuen Chefs Jainmuss den Eigenhandel drastisch herun- Getreuen, ihren Nachfolgern Steine in und Fitschen zwei langgediente Vorstän-terfahren, in dem seine geschicktesten Fi- den Weg zu legen. de abservieren wollen, ist Schluss mit dernanzakrobaten bislang mit dem Geld der In Deutschlands größtem Geldhaus Zurückhaltung. Die Neuen planten keineBank gezockt haben. Es sind mit die dun- kämpfen drei Männer um ihre Reputa- Revolution, hatten Leute aus ihrem Um-kelsten Stunden seiner Karriere. tion. Jain will unter allen Umständen ver- feld lange verbreitet. Doch was jetzt ge- Heute, knapp dreieinhalb Jahre später, meiden, das Image des kalten Zockers streut wird, wirkt wie ein Umsturz: Derist Jain, 49, wieder ganz oben: Am 1. Juni übergestülpt zu bekommen. Der künftige strenge Risikochef Bänziger muss gehenwird er gemeinsam mit Jürgen Fitschen, Co-Chef Fitschen wehrt sich gegen das und mit ihm drei weitere Manager des63, die Führung der Deutschen Bank Label des Grußonkels. Und Ackermann engsten Führungszirkels, darunter IT-Vor-übernehmen. Seine einstigen Aufpasser, fürchtet um sein Ansehen – als Großban- stand Hermann-Josef Lamberti.Ackermann und Bänziger, werden dann kier, der die Deutsche Bank stabil durch Der erweiterte Vorstand, das sogenann-die Bank verlassen. Und selbst die här- die Finanzkrise lotste und nebenbei als te Group Executive Committee, wird umtesten Zeiten des Investmentbanking-Gu- Retter des Finanzsystems mit den Großen 6 auf 18 Personen ausgebaut und ist inrus werden nun in Erfolge umgemünzt: der Welt verhandelte. Zukunft gespickt mit internationalen Ma-Der frühe Abbau des Eigenhandels, lange Teilweise hat die Auseinandersetzung nagern aus Jains Umfeld. Von „Kehraus“bevor entsprechende Gesetze erwogen den Unterhaltungswert einer Komödie und einem „Durchmarsch der Investment-wurden, zeige doch Verantwortungs- aus den Filmstudios von Bollywood. Doch banker“ ist schnell die Rede.gefühl und Lernfähigkeit des gebürtigen unbeantwortet bleibt dabei eine Frage, Im Handstreich zertrümmern Jain undInders mit britischem Pass, heißt es aus die Aufseher, Politiker und auch die Steu- Fitschen die von Ackermann aufgebautenseinem Umfeld. erzahler stärker bewegt als der Kampf der und über Jahre zementierten Hierarchien. Aktionäre feiern den anstehenden Finanztitanen: Wohin steuert eigentlich Die offiziellen Gremien werden vor voll-Machtwechsel in Deutschlands größtem das Kreditinstitut, das Aufsehern zufolge endete Tatsachen gestellt. AufsichtsräteKreditinstitut als „Befreiungsschlag“. Re- für die Stabilität des Weltfinanzsystems und Vorstandskollegen waren lange ah-gulierer und Politiker allerdings sind alar- so zentral ist wie kaum ein anderes? nungslos, nur Jain, Fitschen, Ackermannmiert. „Jetzt haben wir einen an der Spit- und zuletzt der Präsidialausschuss desze, der die Deutsche Bank als globalen Jains erste Schlappe Aufsichtsrats kannten die Namen der neu-Konzern sieht, der zufällig in Deutsch- Die Suche nach einer Antwort beginnt en Führung.land sitzt“, sagt ein CDU-Politiker, der an einem Wintermorgen im Frankfurter Wer mit den Interna der Deutschensich wie so viele in diesen Tagen zum Hermann-Josef-Abs-Saal. Dort zieht Bank weniger vertraut ist, kann die neuenThema Deutsche Bank nicht namentlich Josef Ackermann ein letztes Mal Bilanz Namen für die Mitglieder einer britischenzitieren lassen will. Und in der Bank über ein Geschäftsjahr. Jain sitzt ein paar Cricket-Mannschaft halten: Grassie, Rit-selbst ist seit Jains Ernennung offener Meter weiter rechts von ihm und lächelt chotte, Leithner, Chadha, Faissola. DieKrieg ausgebrochen. gequält, als Ackermann der internatio- Traditionalisten in der Bank fühlen sich „Die Investmentbanker übernehmen nalen Presse erklärt, Jains Abteilung habe überrumpelt. Sie fragen: „Wo ist Fit-die Macht“, sagen die einen. Sie fürchten, nicht geliefert. Deshalb habe die Bank schen?“dass die Deutsche Bank ihre Wurzeln ver- das Ziel von zehn Milliarden Euro Ge- Natürlich war Fitschen dabei, als derliert, und verweisen auf die dubiosen Ge- winn verfehlt. Masterplan für die neue Bank entstand, D E R S P I E G E L 1 5 / 2 0 1 2 75
    • MachtwechselVeränderungen im Top-Managementder Deutschen Bank Josef Ack e Jürgen Anshu Jain Vorstands rmann vorsitzend - Fitschen Co-Vorstands- er Co-Vorstands- vorsitzenderVorstand AUS SCHEIDEN vorsitzender BLEIBEN Hugo Bänziger Stephan Leithner Stuart Lewis Henry Ritchotte Rainer Neske Stefan Krause Risiko- Hermann-Jose Europa-Geschäft, Risiko- IT, Strategie Privat- und Finanzen Management f Personal, Recht Management Geschäftskunden Lamberti IT, Personal NEU ob en : DPA / DA P D (2x); u n ten : DE UTSCHE BA NK (2x) / P E TE J O NE S / RA I N E R U N K E L / F RA N K DA RC H I N G E R ( 2 x ) / RA I N E R U N K E LErweitertes Führungsgremium Kevin Parker Gunit Chadha Alan Cloete Colin Fan David Folkerts- Robert Rankin Werner Vermögens- Asien-Geschäft Asien-Geschäft Investmentbanking Landau Investmentbanking Steinmüller verwaltung Ökon. Analyse Zahlungsverkehr Weck Michele Faissola Colin Grassie Christian Ricken Richard Walker – noch offen – Seth Wau Pierre de e Vermögens- Großbritannien- Privat- und Ge- Recht Amerika-Geschäft gh Verm ögend Amerika-G den verwaltung Geschäft schäftskunden eschäft Privatkundie Co-Chefs haben jeden einzelnen der men. Doch in die entscheidenden Sitzun- Personalien wie diese haben eine ge-neuen Männer gemeinsam ausgesucht. gen „geht er oft mit dünner Mappe“, wie wisse Logik, andere werfen Fragen auf.Von Jain ist aus dieser Zeit der Satz über- ein Wegbegleiter weiß. Fitschen sei ein Warum müssen für Asien zwei Leute imliefert, er spreche mehr mit Fitschen als Bauchmensch. erweiterten Vorstand sitzen? Warum wur-mit seiner Frau. Und einige der neuen Jain ist ein Kontroll-Freak. So findet de mit Christian Ricken erst ein paar TageManager kann man durchaus Fitschen zu- regelmäßig eine Konferenz zur Einschät- nach den anderen Personalien ein deut-ordnen, der für das weltweite Regional- zung der Lage auf den globalen Märkten scher Privatkundenmanager für das Gre-Geschäft zuständig ist, aber oft auf das statt, zu der Mitarbeiter aus aller Welt mium benannt? Wollten Jain und Fit-Deutschland-Geschäft reduziert wird. per Video zugeschaltet werden. Doch von schen Kritik entkräften, das deutsche Dennoch glauben selbst Leute, die eine offener Diskussion kann keine Rede sein. Geschäft könnte von den Investmentban-Menge von Fitschen halten, er sei von Etwaige Fragen an den Chef müssen im kern an den Rand gedrückt werden?Jain überrumpelt worden. „Es reicht Vorfeld bei seinem Büro eingereicht wer- Seinen Höhepunkt erreicht der Streitnicht, wenn er hinter Jains Leute auch den. Selbst nachts beantwortet Jain ge- um die neue Führung am Vorabend derseinen Haken macht“, sagt ein wirt- schäftliche Mails noch binnen Minuten. entscheidenden Aufsichtsratssitzung. Daschaftsnaher CDU-Politiker. „Jain ist der strategische Kopf“, sagt ein wird bekannt, dass die Bundesanstalt Andere sehen in Fitschen durchaus ein Analyst, der die Bank sei langem beob- für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin)Gegengewicht zu Jain. Immerhin wird er achtet. Und Jain hat Bataillone von loya- eine Schlüsselfigur in Jains Kabinett ab-künftig genauso gut verdienen wie sein len Mitarbeitern hinter sich, „Anshu’s lehnt, den designierten RisikovorstandCo-Chef. Für ihn bedeutet das einen Ge- Army“ werden seine Getreuen genannt, William Broeksmit. Die Spin-Doktorenhaltssprung, Jain muss auf etwas Geld künftig werden sie Schlüsselpositionen be- der neuen Führung hatten ihn als „Dr.verzichten, beide sollen etwas weniger setzen. Der Amerikaner Henry Ritchotte No“ etikettiert, um ihn als knallhartenverdienen als ihr Vorgänger, der zuletzt wird als Mann für Informationstechnolo- Risikomanager und ebenbürtigen Bänzi-mit 9,4 Millionen Euro nach Hause ging. gie die Bank auf Effizienz trimmen. Auch ger-Ersatz zu platzieren. Den BaFin-Leu-Fitschen wird zudem auch künftig das die Strategieabteilung liegt künftig bei ten hatte er zu wenig Führungserfahrung.Deutschland-Geschäft leiten, er wird sich ihm. Michele Faissola, ein Italiener, soll Broeksmit hatte Jain auf vielen Stufenwomöglich an die Spitze des deutschen aus dem Geschäft mit den Superreichen, der Karriereleiter eng begleitet. In denBankenverbandes wählen lassen, und er dem klassischen Fondsgeschäft und den vergangenen drei Jahren kontrollierte erist in Industrie und Politik so gut vernetzt, boomenden börsengehandelten Fonds Risiken jener Handelsgeschäfte, für diewie Jain es auf Jahre hinaus nicht sein die Vermögensverwaltung der Zukunft Jain verantwortlich war. Sollte hier einwird. Fitschen redet gern und schnörkel- schweißen. Bisher waren diese Geschäfte Risikovorstand installiert werden, derlos, er versteht es, Menschen mitzuneh- auf drei unterschiedliche Bereiche verteilt. Jain an der langen Leine lässt?76 D E R S P I E G E L 1 5 / 2 0 1 2
    • Wirtschaft Bänziger hatte zum Missvergnügenmancher Jain-Jünger festgeschrieben,dass die Kundeneinlagen der Postbanknicht als Spielgeld für Zockergeschäfteder Investmentbank dienen dürften. Es ärgert Jain und Fitschen, dass dieLeute glauben, Bänziger habe gehen müs-sen, weil er unbequem war. Das Dümms-te, was sie tun könnten, wäre doch, genaudieses Vorurteil durch eine laxere Risiko-politik zu nähren, heißt es in ihrem Um-feld. Doch die Panne mit Broeksmit hatdas Misstrauen der Aufsicht gegenüber LAUREN LANCASTER / VERASIMAGES / AGENTUR FOCUSder neuen Führung verstärkt. „Es istschon sehr ungewöhnlich, dass die Finanz-aufsicht die Deutsche Bank so bloßstellt“,sagt ein hochrangiger Frankfurter Banker. Unmut herrscht auch im Aufsichtsrat,als er am 16. März in den verspiegeltenZwillingstürmen zusammenkommt. Ausden Medien haben die Kontrolleure dieneue Führungsriege kennengelernt, überdie sie hier und heute abstimmen sollen.Jetzt werden sie Zeugen, wie zerrüttetdie Beziehung zwischen den Managern Handelsraum der Deutschen Bank in New York: Zurück zur Zockerbude?ist, die das Gesicht der Bank zehn Jahregeprägt haben. Auch Ackermann, Jain nehmen. Früher als andere habe er er- so glänzend da, wie Ackermann glaubenund Fitschen sind anwesend. Zunächst er- kannt, wie lange die Finanzkrise dauern machen will. Der – gemessen an der Bi-greift Ackermann das Wort. Er ist aufge- werde, schneller sei ihm klar gewesen, lanzsumme von 2,16 Billionen Euro –bracht wie selten, über die Art und Weise, dass Griechenland seine Schulden nicht größte Finanzkonzern Europas enttäuschtwie der Umbau inszeniert worden ist. So zurückzahlen kann. Manches interpre- seine Aktionäre seit Jahren. Seit Acker-dürfe man verdiente Vorstände wie Bän- tiert Ackermann dabei nachträglich zu mann die Führung übernahm, ist der Bör-ziger und Lamberti nicht bloßstellen. seinen Gunsten um. senwert um 29 Prozent gefallen. Als die beiden Geschassten dazusto- Doch eine Niederlage kann auch der Fragt man Investoren nach der Äraßen, kommt es beinahe zum Eklat. Auf- beredte Vorstandschef nicht wegdiskutie- Ackermann, kommen sie schnell auf diesichtsratschef Clemens Börsig macht stof- ren: Bei der Suche nach einem Nachfolger Defizite zu sprechen. Die Deutsche Bankfelige Bemerkungen über den bevorste- verrannte er sich genauso wie Aufsichts- sei zu hoch verschuldet und habe zu we-henden Abgang der beiden. „Da wäre nig Kapital. Unter den zehn größten eu-Bänziger ihm fast an die Gurgel gegan- ropäischen Kreditinstituten arbeitet nurgen“, sagt einer, der dabei war. Bänziger Die Deutsche Bank die französische Crédit Agricole mit we-läuft rot an und schlägt mit der Hand aufden Tisch. „Und nicht ein Wort des Dan- steht nicht so glänzend niger Eigenkapital und mehr Schulden als die Deutsche Bank. US-Wettbewerberkes“, donnert der Risikomanager. da, wie Ackermann wie Goldman Sachs und Morgan Stanley Bänziger war selbst als Ackermann-Erbe im Gespräch, offenbar in einer Dop- glauben machen will. kommen nach den neuen, strengeren Ka- pitalregeln auf eine Quote von rund zehnpelspitze mit Jain. „Aber Jain wollte das Prozent bezogen auf die Risikoaktiva,nicht“, sagt ein Insider. Aus seiner Ent- ratschef Börsig. Ackermann misstraute al- also etwa Kredite und alle Arten vontäuschung über die Niederlage habe Bän- len internen Kandidaten und versteifte Wertpapiergeschäften, die Banken ma-ziger fortan kein Hehl gemacht, erklären sich auf Ex-Bundesbank-Chef Axel We- chen. Die Deutsche Bank liegt Ende desdie neuen Chefs an jenem Freitag den ber, der es aber vorzog, zur Schweizer Jahres nach Schätzungen von J. P. MorganAufsichtsräten. Deshalb könne man nicht UBS zu wechseln. Die „Kronjuwelen der nur bei 7,4 Prozent.mehr zusammenarbeiten. Zwei Kontrol- deutschen Wirtschaft“ müssten von Wer mit höheren Schulden hantiert,leure stimmen trotzdem gegen die Perso- einem Manager aus diesem Kulturkreis kann in guten Zeiten auf jeden Euro ein-nalpläne, auch das ein ungewöhnlicher bewacht werden, soll Ackermann einmal gesetztes Eigenkapital höhere GewinneVorgang für die Deutsche Bank. gesagt haben. Seine Haltung in der Nach- erzielen. Doch wenn die Märkte verrückt- Doch es ist mehr als ein Manager-Bund, folgefrage haben die Neuen nicht verges- spielen, ist so eine Strategie riskant, esder hier zerfällt. Es ist auch das Ende ei- sen. Als Jain und Fitschen vom Aufsichts- fehlt der Risikopuffer. Nur Banken, diener Ära, der Ära Ackermann. rat berufen wurden, soll ihr Vorgänger wie die Deutsche zu groß sind, um sie stumm geblieben sein. „Nach so vielen pleitegehen zu lassen, können sich einen100 Prozent Shareholder-Value Jahren gemeinsamer Arbeit hätte man er- solchen Kurs erlauben.Als den Höhepunkt seiner Karriere erleb- warten können, dass er den Neuen mal Auch Investoren fordern nun Korrek-te Ackermann ausgerechnet die Finanz- Glück wünscht“, heißt es im Umfeld der turen. „Ackermann hat intern zu viel lie-krise, die 2007 begann und seitdem nicht neuen Führung. Stattdessen sei er mit der genlassen, Loyalität war zuletzt ein wich-richtig aufgehört hat. Spricht er heute Wahrung seines eigenen Ruhms beschäf- tigerer Maßstab als Leistung“, kritisiertüber seine Zeit bei der Deutschen Bank, tigt gewesen. der Manager eines der größten Aktionärehebt er gern hervor, wie recht er mit sei- Zwar erkennen auch Ackermanns Kri- der Bank. Manager wie der Amerikanernen Entscheidungen immer wieder behal- tiker an, dass er die Bank sicher durch Kevin Parker und der Schweizer Pierreten habe, auch wenn sie umstritten waren, die Krise gesteuert habe. Doch steht die de Weck hätten viel früher gehen müssen.etwa seine Weigerung, Staatshilfe anzu- Deutsche Bank in mancher Hinsicht nicht Der eine führte die Vermögensverwal- D E R S P I E G E L 1 5 / 2 0 1 2 77
    • Wirtschaft Die Angst der Deutschen Aber wird das größte deutsche Geldhaus deshalb wieder zur Zockerbude? „Es wird kein Zurück zum wilden Investmentban- king geben“, heißt es aus dem Umfeld Jains und Fitschens beruhigend. Das Pri- vatkundengeschäft solle weiter wachsen, auch in London erkenne man, dass der Kauf der Postbank Gold wert sei, weil die Einlagen Sicherheit geben. Doch erst einmal werden auch bei der Kleine-Leute-Bank weitere Stellen abge- baut. Im Zuge der Integration sollen noch mehrere hundert Arbeitsplätze wegfallen. Allein im Zahlungsverkehr verschwinden voraussichtlich bis 2016 netto 350 Jobs, ROBERT BREMBECK / VISUM / FOTOFINDER bei Kreditabwicklungs- und Kontofüh- rungseinheiten wahrscheinlich weitere 200. Außerdem machen Befürchtungen die Runde, dass in den kommenden Jahren verstärkt Arbeitsplätze ins Ausland ver- lagert werden. Auch in der Politik bleibt man skep- tisch. Manch einer in Berlin sorgt sich,Künftiger Chefkontrolleur Achleitner: Rolle des Vermittlers zwischen Bank und Politik die Deutsche Bank könnte unter dem in- dischen Chef die Verwurzelung im Hei-tung, der andere das Geschäft mit reichen len im Konzern. Seit der Finanzkrise sind matmarkt verlieren. „Inwieweit steht derPrivatkunden. Beide Bereiche werden für die einstigen Regenmacher schwerere letzte deutsche Global Player unter dennun zusammengelegt. Und auch an Lam- Zeiten angebrochen. Analysten erwarten Banken der Politik noch als Ansprech-berti habe Ackermann zu lange festgehal- für Investmentbanken in den nächsten partner zur Verfügung?“, fragt ein CDU-ten. Dem Vorstand für IT und Personal Jahren deutlich kleinere Gewinne. Politiker.werfen Kritiker Versagen bei der Moder- In den USA wurden der Branche be- Deshalb soll künftig ein Österreichernisierung der Infrastruktur vor, einem der stimmte Geschäfte schlicht verboten. die Rolle des Vermittlers zwischen Bankgrößten Kostenblöcke in jeder Bank. Weltweit einigten sich Regulierer auf und Politik übernehmen: Paul Achleitner, Die Aktionäre hatten Ackermann lan- strengere Regeln für das Kapital, mit dem 55. Er soll von Ende Mai an als Aufsichts-ge dafür geliebt, dass er dem Sharehol- Banken Risiken absichern müssen. Das ratschef über die Deutsche Bank wachen.der-Value huldigte und schnittige Ziele trifft die Investmentbanken härter als alle Einst war Achleitner Deutschland-Chefwie jene 25-Prozent-Rendite ausgab, die anderen, weil ihre Handelsgeschäfte be- von Goldman Sachs, seit 2000 ist er Fi-viele Deutsche so empört. Aber sie fin- sonders risikoreich sind. nanzvorstand beim Versicherungskon-den, er habe zuletzt nicht mehr genug Der Handel mit Derivaten, die in der zern Allianz. In seinem Umfeld wird be-dafür getan. Er sei nur noch zu 80 Prozent Bilanz der Deutschen Bank fast 800 Mil- tont, dass er sich aus aktienrechtlichenfür die Aktionäre da gewesen. liarden Euro ausmachen, soll zudem aus Gründen noch vollkommen aus dem Ge- „Anshu Jain ist 100 Prozent Sharehol- den Hinterzimmern auf öffentliche Bör- schehen in Frankfurt heraushalte.der-Value“, sagt ein Investor. Sie erwar- sen geholt und transparenter gemacht Doch Insider versichern, dass er in dieten, dass er die Eigenkapitalrendite, die werden. Das macht auch diese Geschäfte Planspiele Jains natürlich eingeweiht ge-zuletzt nach Steuern nur bei 8,2 Prozent weniger profitabel. wesen sei. Das Schauspiel der vergan-lag, deutlich steigert. Jain und Fitschen Außerdem sitzt die Bank auf Altlasten genen Wochen habe ihn allerdings be-wollen vor allem das Geschäft in Asien aus der Zeit der Finanzkrise. Analysten fremdet.und den USA ausbauen. Sie haben erwarten, dass die neuen Chefs anders In Berlin hoffen viele, dass Achleitneraußerdem Zauberformeln wie „Silos auf- als Ackermann bereit sind, wertlos ge- sich künftig kräftig einmischt – vor allembrechen“ und „Geschäftsbereiche verzah- wordene verschachtelte Finanzprodukte in drei Jahren, wenn Fitschen in den Ru-nen“ nach außen dringen lassen, um an- zur Not auch mit Verlust zu verkaufen. hestand geht und womöglich Jains Allein-zudeuten, was sie vorhaben. In den Oh- So könne das Kapital gestärkt werden. herrschaft beginnt. Denn in der Deutsch-ren der Aktionäre klingt das gut. Doch Wegen der Probleme im Investment- land AG, mit ihren undurchschaubarendahinter steckt vor allem eins: Die Kosten banking müssen sich Jains Truppen wie Netzwerken zwischen Politik, Wirtschaftsollen sinken, vor allem im IT-Bereich. die ganze Branche neu erfinden. Um Ge- und Gewerkschaften, wird Jain noch lan- Arbeitnehmervertreter rechnen in den schäfte an Land zu ziehen, sollen sie künf- ge ein Fremdkörper bleiben.nächsten Jahren mit einem drastischen tig unter anderem mehr Produkte an die Zwar heißt es seit kurzem, der gebürti-Stellenabbau. Denn Großaktionäre ma- hauseigene Vermögensverwaltung und ge Inder, der derzeit noch in London lebt,chen Druck: In den Bereichen Infrastruk- die Privatkunden verkaufen: „Wie kann lerne Deutsch. Zu hören freilich bekamtur und regionales Management, die zum es sein, dass Sal. Oppenheim mehr Ge- man von den vermeintlichen Kenntnissengrößten Teil Lamberti unterstehen, könn- schäft mit Goldman Sachs macht als mit bislang nichts. Als Jain neulich persönlichten 15 Prozent der 35 000 Jobs wegfallen, der Deutschen Bank?“, fragt ein Investor. die Frage gestellt bekam, ob denn die Ge-finden sie. Mehr als 5000 Stellen stehen Auch Postbank-Chef Stefan Jütte kündig- rüchte über den Unterricht stimmten, lä-also auf der Kippe. te kürzlich an, man werde künftig die chelte er nur verschämt, nickte – und sag- Und noch etwas anderes steckt dahin- Fonds der Mutter vorn ins Regal stellen. te kein einziges Wort. Es war einer derter, wenn Jain die Investmentbank mit Bald dürften auch andere Anlagepro- seltenen Momente, in denen Jain unsi-anderen Bereichen stärker verbinden will: dukte aus den Finanzfabriken Jains dort cher wirkte.Sein Bereich ist eine der größten Baustel- landen. MARTIN HESSE, ANNE SEITH78 D E R S P I E G E L 1 5 / 2 0 1 2
    • Wirtschaft A F FÄ R E N Die Krebs-Mafia Nur 400 Apotheken in Deutschland dürfen Chemotherapie-Infusionen zubereiten. Viele werden offenbar seit Jahren von Pharmafirmen geschmiert, damit sie deren Präparate bevorzugen. Die Kassen müssen deshalb Höchstpreise für Medikamente zahlen.E s gibt vermutlich keinen therapien. Bei keiner Therapie zah- Pharmachef in Deutschland, Rund 2,5 Milliarden Euro gaben die Krankenkassen len die Firmen mehr Schmiergeld. der sich so gut beraten lässt 2010 für Krebs-Chemotherapien aus. Krebs ist bis heute für jedenwie Rolf-Dieter Lampey. Als Poli- Menschen eine erschütternde Dia-zisten am frühen Morgen des Durch strengere Rabattregeln könnten sie mindestens gnose. Man kann einen Tumor 200 Millionen Euro29. März 2009 die Geschäftsräume chirurgisch entfernen, man kannseiner Firma Zyo Pharma in Ham- ihn bestrahlen oder ihn mit che-burg durchsuchten, stießen sie einsparen. mischen Wirkstoffen bekämpfen.auf Leitz-Ordner voller „Berater- Patienten, die sich für eine sol-verträge“ mit Ärzten und Apo- che Chemotherapie entscheiden,thekern. bezahlen diese Hoffnung oft mit Zyo Pharma hat sich auf Krebs- zusätzlichem Leid: Ihnen fallenmedikamente spezialisiert. Die Fir- die Haare aus, sie erbrechen stän-ma stellt eine Handvoll Chemothe- dig, bekommen Schwellungenrapie-Präparate selbst her, darüber oder Taubheit an Händen undhinaus beliefert sie Apotheken in Füßen, Juckreiz am ganzen Kör-der ganzen Republik mit Krebs- per, sie fühlen sich vollständig er-medikamenten (Zytostatika). schöpft, sie schwitzen, oder ihr Wozu aber braucht eine solche Mund trocknet aus.Firma Dutzende Berater? Wes- Für Zytostatika-Apotheker ha-halb konnte ein Arzt oder Apo- ben die Chemotherapien dagegentheker jeden Monat mehrere tau- höchst angenehme Nebenwirkun-send Euro „Beraterhonorar“ von gen. Denn mit keiner Arznei ver-Rolf-Dieter Lampey bekommen? dienen sie mehr als mit Infusio- Eine ehemalige Buchhalterin nen für Krebspatienten.von Zyo Pharma lüftete gegen- Wenn ein Patient mit einem Re-über der Polizei das Geheimnis: zept in die Apotheke kommt, er-Sie erklärte, dass es angeblich gar hält der Apotheker normalerweisenicht um Beratung gegangen sei. 6,05 Euro Honorar dafür, dass erDie ganzen Verträge seien nur das Präparat abgibt. Bereitet er aberdazu da, den Ärzten und Apothe- eine Krebsinfusion zu, bekommt erkern „finanzielle Anreize zu bie- 79 Euro. Denn um eine Chemo-ten, die Ware bei uns zu bestel- therapie herzustellen, braucht erlen“. Die Höhe des Honorars einen gesicherten Laborraum, er OBERHAEUSER / CAROhabe sich dabei am Umsatz der muss abhängig vom Gewicht desMedikamente orientiert. Patienten die Wirkstoffmenge be- Das Modell scheint in der Bran- rechnen und das hochgiftige Tro-che verbreitet: Ein Krebspräparat, ckenpulver mit Flüssigkeit mischen.für das die Krankenkasse 1000 Krebspatientin mit Chemo-Infusion: „Schlicht obszön“ Doch der Zuschlag von 79 EuroEuro erstattet, kostet den Apothe- scheint für viele Zyto-Apothekerker im Einkauf offiziell 900 Euro. Tat- und elend verrecken … Dein Ende ist eher ein Trinkgeld. Den eigentlichen Rei-sächlich zahlt der Apotheker aber nur nahe.“ bach machen sie mit der Gewinnspanneetwa 300 Euro. Die Differenz von 600 Der Poststempel zeigt, dass der Brief zwischen ihrem Einkaufspreis und demEuro erhält er über einen „Beraterver- in Hamburg aufgegeben wurde. Bei einer Preis, den sie bei der Kasse abrechnen.trag“ oder andere Kick-backs zurück. erneuten Durchsuchung beschlagnahmte So kann ein Apotheker an einer einzi- Nachdem bekannt wurde, dass die die Polizei das Notebook von Geschäfts- gen Infusionsflasche des Wirkstoffs Pacli-Buchhalterin gegenüber der Polizei ge- führer Rolf-Dieter Lampey. Unter den ge- taxel mehr als 600 Euro verdienen – alsoplaudert hatte, fand sie in ihrem Brief- löschten Dateien fanden die Ermittler den das Hundertfache dessen, was er bei derkasten ein Drohschreiben ohne Absender, wörtlichen Inhalt des Briefs. Abgabe einer Packung Tabletten erhält.computergetippt und anschließend aus- Apotheker ködern, Ärzte schmieren, Diese Gewinne gehören zu den best-gedruckt: „Du bist wirklich ein armes Zeugen bedrohen – ein mieses Image hat gehüteten Geheimnissen der Branche.Schwein, dein Ehemann betrügt dich die Pharmaindustrie schon lange. Aber nir- Die Kosten für Medikamente befindenregelmäßig mit anderen Frauen … Ich gendwo in der Branche wird so verbissen sich trotz aller Spargesetze in schwindel-denke, du solltest den Abgang machen um Marktanteile gekämpft wie bei Chemo- erregender Höhe. Im Jahr 2000 gaben die D E R S P I E G E L 1 5 / 2 0 1 2 81
    • WirtschaftKrankenkassen 20 Milliarden Euro für Pil- ‣ AEP für Epirubicin Hexal (200 Milli-len, Salben und Pülverchen aus, im vori- gramm): 627,17 Euro. Tatsächlicher Ein-gen Jahr waren es fast 30 Milliarden Euro. kaufspreis über Zyo Pharma: 380,00 Mehr als 4 Milliarden Euro haben die Euro.Kassen im Jahr 2010 für Krebsmedika- ‣ AEP für Zyofolin (Calciumfolinat, 1000mente ausgegeben (neuere Zahlen gibt Milligramm): 344,50 Euro. Tatsächli-es nicht), davon 2,5 Milliarden Euro für cher Einkaufspreis: 50,00 Euro.Krebsinfusionen. „Das ist ein Markt, der Hexal teilt auf Anfrage mit, das Ra-für die Kassen undurchschaubar ist“, sagt battverbot des AVWG selbstverständlichder Heidelberger Pharmakologe Ulrich zu achten. Außerdem habe keine Ge-Schwabe. „Wir wissen bis heute nicht, zu schäftsbeziehung mit Zyo Pharma bestan-welchen Preisen die Apotheker wirklich den. Die günstige Ware müsse demnacheinkaufen.“ vom Graumarkt stammen. Die größten Gewinne lassen sich dabei Zytostatika-Apotheken aus dem gan-mit Generika machen, mit Wirkstoffen zen Bundesgebiet bestellten ihre Präpa-wie Paclitaxel, Docetaxel oder Oxali- rate bei Lampey, und bei diesen Rabattenplatin, deren Patentschutz vor Jahren ab- flossen offenbar auch die „Beraterhono-gelaufen ist und die seitdem von jeder rare“ üppig zurück: So stellte eine Apo-Pharmafirma billig hergestellt werden theke in Königstein im Taunus von Maikönnen. 2006 bis April 2007 „Beraterrechnungen“ Neben den Branchenriesen Ratio- über mehr als 38 000 Euro an Zyo Pharmapharm, Hexal oder Stada drängen sich aus. Auf eine Anfrage des SPIEGEL ant-auch kleine Firmen wie Zyo Pharma, Ri- wortete der Anwalt des Apothekers:bosepharm oder Omnicare ins lukrative Zyo-Pharma-Chef Lampey „Mein Mandant ist weder verpflichtetKrebs-Business. Bei Zytoservice, einer „Ich denke, du solltest elend verrecken“ noch geneigt, die von Ihnen gestelltenFirma, die derzeit in den Markt drängt, Fragen zu beantworten.“hält der Finanzinvestor Capiton 40 Pro- nommen die Umgehung des neu gelten- Eine Apotheke in Cottbus kassierte inzent der Anteile. Die Investoren wissen, den AVWG.“ einem einzigen Monat 10 591 Euro „Be-dass die Rohmaterialen meist kostengüns- Eine interne Preisliste der Krebspräpa- raterhonorar“. Bei einer Apotheke intig sind, die Chemos also zu einem Spott- rate von Zyo Pharma aus dem Jahr 2008 Hamm waren es zwischen April 2007 undpreis hergestellt werden können. zeigt, wie viel Geld die Apotheker beim Januar 2008 im Schnitt mehr als 3300 Der Chef eines Pharmakonzerns er- Einkauf eines einzigen Krebsmedika- Euro jeden Monat. In seinen Rechnungenklärt das Modell, er will anonym bleiben. ments sparen konnten. Die 13-seitige Lis- an Zyo Pharma schrieb der ApothekerEr sagt, dass sein Unternehmen die Preise te trägt auf jeder Seite den Hinweis „VER- jeweils: „Für Tätigkeiten für Ihre Firmaum mehr als 50 Prozent senken könnte, TRAULICH – nur zum persönlichen Ge- im Monat … erlaube ich mir zu berech-wenn er dann mehr Umsatz machen wür- brauch!“ Darin sind mehr als hundert nen …“ Keine der Apotheken beantwor-de. Er könnte zum Beispiel Paclitaxel für Preise für Krebsmedikamente aufgelistet: tete Fragen zu den Honorarzahlungen.300 Euro anbieten. Aber dann würden ‣ Offizieller Apothekeneinkaufspreis Es gibt bundesweit nur 400 öffentlichedie Kassen nur noch 400 Euro pro Pa- (AEP) für Paclitaxel Hexal (300 Milli- Apotheken, die Chemotherapien zube-ckung erstatten. Der Apotheker hätte also gramm): 1460,90 Euro. Tatsächlicher reiten dürfen. Allein Zyo Pharma hattenur 100 statt 600 Euro Gewinn. Preis, zu dem Zyo lieferte: 600,00 Euro. mit mindestens 65 von ihnen einen Bera- „Würden wir als Erste die Preise massivsenken, wären wir einem Sturm der Apo-theker ausgesetzt“, sagt der Pharmachef. Das Geschäft mit dem Krebs„Wir kämen in keine Apotheke mehr rein, Welche Margen Apotheker bei der Zubereitung von Chemotherapien erreichen könnenweil wir die Preise kaputtmachen.“ Das Erstaunliche ist, dass den Apothe-kern schon mit dem Arzneiverordnungs- Hospira Hexal ActavisWirtschaftlichkeitsgesetz (AVWG) im Paclitaxel Carboplatin DocetaxelJahr 2006 jeglicher Rabatt, der höher als 300 mg, 50 ml 450 mg 140 mgsieben Prozent war, verboten wurde.Doch dem SPIEGEL liegen mehr als tau- Einkaufspreissend Seiten interner Pharmaunterlagen Pharmagroßhandel 110,00 € 49,00 € k. A.und polizeiliche Ermittlungsakten vor, die Einkaufspreiszeigen, dass das bis 2009 geltende Verbot Apotheken 350,00 € 75,00 € 360,00 €nicht zu mehr Transparenz führte – son- Abrechnungspreisdern offenbar zu einem ausgeklügelten gegenüberSystem illegaler Rückvergütungen. Krankenkasse 980,22 € 236,05 € 945,99 € Genau zu jener Zeit, als das Gesetz in MargeKraft trat, startete Zyo Pharma etwa seine für den Apotheker 630,22 € 161,05 € 585,99 €„Beraterverträge“ mit den Apothekern. Mehrere Außendienstler der Firmaschildern gegenüber der Polizei den Zu-sammenhang: „Den Apothekern wurdenBeraterverträge angeboten, um vorherigbestehende Rabatte, die jetzt nicht mehr Quellen:gewährt werden dürfen, auszugleichen.“ Einkaufspreis Pharmagroßhandel: Preisliste Zyo Pharma vom 13. März 2009; Einkaufspreis Apotheke: Großhändler-Preisliste vom Ein anderer Außendienstler erklärte: 16. Januar 2012; Abrechnungspreis gegenüber Krankenkasse: Hilfstaxe vom 15. März 2012 zuzüglich 79 Euro Zuschlag; Marge für den Apotheker: Eigene Berechnung aus Abrechnungspreis gegenüber Krankenkasse minus Einkaufspreis Apotheken, ohne Mehrwertsteuer„Die Beraterverträge sind im Grunde ge-82 D E R S P I E G E L 1 5 / 2 0 1 2
    • Fällen nicht ausgeführt“, so der Pharma- referent gegenüber den Ermittlern. Die WKV habe praktisch nur als Provision für den Einkauf der Apotheke gedient. Wenn man Dr. Stahl mit diesen Fakten konfrontiert, listet er diverse Beratungs- leistungen auf, die er für Zyo erbracht habe. „Der monatliche Zeitaufwand lag im Bereich von 18-22 Stunden“, teilt er per Fax mit. Außerdem sagt Dr. Stahl, er habe „keinerlei Einfluss auf die Bestel- lungen und den Einkauf des Zytostatika liefernden Apothekers“ genommen. Auch Zyo-Chef Lampey versichert: „Dr. Stahl hat für uns sehr umfangreiche medizinische Ausarbeitungen“ und ande- res erstellt. „Die entsprechenden Ärzte wurden definitiv nicht für etwaige Ver- schreibungen belohnt“, so Lampey. STEINACH / IMAGO Was die Wohltaten für Ärzte angeht, stehen die verschiedenen Unternehmen allerdings in scharfer Konkurrenz. Auch Ribosepharm, die Krebssparte der FirmaApotheke in Berlin: Nebenwirkungen von Haarausfall bis Erbrechen Hikma, stellt eine Vielzahl von Chemo- therapeutika her. Ihr Firmenmotto lautet:tervertrag geschlossen. Jede sechste Zyto- Schließlich konnte Lampey seine Medi- „Das Menschenmögliche tun“.Apotheke in Deutschland hätte sich dem- kamente nur deshalb so günstig anbieten, Die Staatsanwaltschaft München hat einnach auf Rabatt-Deals mit Zyo Pharma weil er selbst günstig eingekauft hat. Laut Ermittlungsverfahren gegen Ribosepharm-eingelassen – dabei gibt es mindestens der „vertraulichen“ Preisliste bezog er im Geschäftsführer Martin Stapf eröffnet, we-ein Dutzend ähnlicher Firmen. Bei den Jahr 2008 eine Flasche Calciumfolinat für gen des Verdachts der Bestechung vonKrebsapothekern stellt sich nicht die Fra- 8,41 Euro – den Kassen wurden dafür Ärzten. Das Pikante an dem Fall: Die In-ge, ob es schwarze Schafe gibt. 431,90 Euro in Rechnung gestellt. Epirubi- formationen, die den Ermittlern vorliegen, Die Frage ist: Gibt es auch weiße? cin (200 Milligramm) bezog er für 80,00 kommen von einem Insider – einem ehe- Zyo-Chef Lampey beharrt auf Nach- Euro, die Kasse zahlte dafür 774,89 Euro. maligen Pharmareferenten von Ribose-frage darauf, dass es sich bei den Bera- Von solchen Margen können selbst pharm. Die 140 Seiten starke Anzeige, dieterverträgen „nicht um Scheinverträge“ Drogenhändler nur träumen. von der AOK Niedersachsen bei dergehandelt habe, weil die Apotheker eine Doch was nützen einem Apotheker die Staatsanwaltschaft eingereicht wurde, lis-„Beratungsleistung erbracht“ hätten. Au- schönsten Preise, wenn er keinen Arzt tet unter anderem 25 Onkologie-Praxenßerdem gebe es „definitiv keinen Zusam- hat, der ihn mit Rezepten versorgt? Ein in ganz Deutschland auf, denen das Un-menhang zwischen rabattierten Waren Krebspatient selbst hat keinen Einfluss ternehmen über eine zwischengeschalteteund Rückflüssen über Beraterverträge“. darauf, welche Apotheke sein Rezept er- Firma die Homepage finanziert haben soll.Schließlich habe das AVWG Rabatte für hält. Er bekommt es noch nicht einmal In einer E-Mail vom 12. Novembereine Chemotherapie-Zubereitung erlaubt, zu sehen, weil der Doktor alles für ihn 2008 teilt der Vertriebsleiter der Ribose-schreibt Lampey. Dies bestreitet Oliver regelt: Die Infusion wird direkt in die Pra- pharm, Michael K., der GeschäftsführungEwald, Sprecher des Bundesgesundheits- xis geliefert und ihm dort verabreicht. mit, zwei Onkologen hätten sich „be-ministeriums, allerdings entschieden. Pharmafirmen ködern deshalb nicht schwert, dass wir die Praxis Homepage Einen Strafbefehl erhielt Lampey bis- nur Apotheker, sondern auch Onkologen einstellen möchten“. Die Firma müsseher nur für seine illegalen Importe von (Krebsärzte). Zyo Pharma etwa hat mit mit weiteren Beschwerden rechnen, „daKrebsmedikamenten. So soll er rund ihnen sogenannte Wissenschaftliche Ko- wir aufgrund der Budgetkürzungen wei-8000 Packungen Gemzar günstig aus operationsvereinbarungen (WKV) ge- tere Homepages kündigen werden“.Ägypten bezogen haben. Mehr als hun- schlossen, die im Grunde wohl genauso Ribosepharm erfuhr erst durch einedert Apotheker aus Deutschland order- funktionierten wie die Beraterverträge. Anfrage des SPIEGEL von dem Ermitt-ten die Ware. Wie lukrativ diese Verträge sind, zeigt lungsverfahren. Zu Details wollte sich die Das Amtsgericht Hamburg verhängte das Beispiel von Dr. Jörg Stahl, dem ehe- Firma nicht äußern.gegen Lampey wegen dieser Importe eine maligen Chefarzt der Krebsklinik Rein- Eines der beliebtesten Mittel, ÄrztenGeldbuße über 480 000 Euro und eine hardshöhe, der jetzt eine Schwerpunkt- Gutes zu tun, sind sogenannte Anwen-Freiheitsstrafe von zwölf Monaten auf Be- praxis für Tumorpatienten betreibt. dungsbeobachtungen (AWB). Sie geltenwährung. Der Unternehmer geht mit ei- Dr. Stahl schickte zwischen März 2004 vielfach als Scheinstudien, bei denen derner Riege aus Top-Anwälten gegen den und Februar 2006 mehr als 20 Rechnungen Arzt für jeden Patienten, dem er ein be-Strafbefehl vor. So behauptet er, der an Zyo Pharma, in denen er „für meine Be- stimmtes Medikament verordnet, mehre-Ägypten-Import stelle keinen Verstoß ge- ratertätigkeit“ pro Monat jeweils zwischen re hundert Euro Honorar erhalten kann.gen das Arzneimittelrecht dar. Das Mi- 2672,64 Euro und 3489,28 Euro forderte. Im vergangenen Jahr deckte der SPIE-nisterium widerspricht dem aber. Der Zyo-Außendienstler, der Dr. Stahl GEL auf, wie die in Leipzig ansässige Fir- Nach jahrelangen Ermittlungen er- betreute, erklärt, dass aus seiner Sicht die ma Oncosachs Ärzte mit solchen Studienscheint Lampey derzeit als der Hauptböse- einzige Aufgabe des Arztes darin bestand, köderte. Oncosachs gehörte damals derwicht der Branche. Doch das zu glauben den Apotheker anzuhalten, seine Medi- Leipziger Apothekerfamilie Krasselt, wur-wäre naiv. Der eigentliche Skandal be- kamente bei Zyo zu ordern. Die Leistun- de inzwischen aber verkauft.steht darin, dass große Teile der Branche gen, die Dr. Stahl in seiner Rechnung Ein 56-jähriger Krebsarzt aus Berlin be-korrupt erscheinen. dann auflistet, „wurden in den meisten richtete, wie ihm eine Mitarbeiterin an- D E R S P I E G E L 1 5 / 2 0 1 2 83
    • Wirtschaft MARTIN JEHNICHEN / DER SPIEGEL (L.); SILVIO BÜRGER / BILD ZEITUNG (R.)Oncosachs-Firmensitz, Razzia bei einer Apotheke in Leipzig: Krebsärzte sollen Geld für Scheinstudien und „Mietzuschüsse“ kassiert habengeboten habe, er könne für jeden Krebs- Umsatz das entspricht pro Praxis und Prä- Die Staatsanwaltschaft Erfurt hat in-patienten 300, 600 oder auch 900 Euro parat. Bräuchte ich bis morgen.“ zwischen Anklage gegen das ehrenwerteextra kassieren, vorausgesetzt er bestelle In Thüringen erwarb ein Zyto-Apothe- Duo erhoben – auch in diesem Fall wegendie Medikamente künftig bei Oncosachs. ker gemeinsam mit einem Onkologen ein Bestechung und Bestechlichkeit im ge- Die Sondereinheit INES der sächsi- Ärztehaus für 2,3 Millionen Euro. Dabei schäftlichen Verkehr nach Paragraf 299.schen Justiz ermittelt wegen des Ver- verfügte der Arzt über gar kein Geld. Er Es ist eine juristische Grundsatzfrage,dachts der banden- und gewerbsmäßigen steckte sogar tief in den Schulden, als er und sie versetzt viele Pharmafirmen der-Bestechung und Bestechlichkeit – nicht die Immobilie erwarb. zeit in Nervosität. Denn der Große Senatnur gegen die Verantwortlichen von On- Für den Apotheker war das aber kein des Bundesgerichtshofs (BGH) will dem-cosachs, die die Vorwürfe stets bestritten Problem. Er schlug dem Arzt einen Deal nächst entscheiden, ob Ärzte als Amts-haben, sondern auch gegen 46 Krebs- vor: Der Doktor solle die Medikamente träger oder Beauftragte der Krankenkas-ärzte. Die Mediziner sollen bis 2008 vor ausschließlich bei ihm bestellen. Im Ge- sen agieren – und deshalb wegen Bestech-allem „Mietzuschüsse“ kassiert haben, genzug übernahm der Apotheker die lichkeit verurteilt werden können.seither soll das Geld mit Hilfe von AWBs Finanzierung der Kredite. Zum Zer- Der Jurist Oliver Pragal hatte diese An-geflossen sein. Ein Arzt soll von 2005 bis würfnis zwischen den beiden kam es of- sicht in seiner Doktorarbeit im Jahr 20052011 mehr als eine halbe Million Euro fenbar, als der Arzt für weitere Ver- vertreten. Es war zwar nur eine Doktor-Schmiergeld erhalten haben, wie der ordnungen 250 000 Euro jährlich forderte. arbeit, aber seither wird das Thema er-Dresdner Oberstaatsanwalt Wolfgang Daraufhin zeigte der Apotheker ihn an, bittert diskutiert. Pharmajuristen legenKlein mitteilt. Mit einer Anklage gegen weil er sich nicht an die Abmachungen dezidiert dar, warum der Arzt als Freibe-die Ärzte wird in den kommenden Wo- gehalten habe. rufler gar nicht bestechlich sein könne.chen gerechnet. Ribosepharm finanzierte ebenfalls Stu-dien, mit denen Ärzte Geld verdienen Sun Hospira Hospirakonnten. Als Mittler beauftragte das Un-ternehmen die Firma rgb Onkologisches Calciumfolinat Epirubicin OxaliplatinManagement GmbH. Deren Geschäfts- 1000 mg 200 mg 100 mgführer schickte am 24. November 2008eine Liste mit 34 onkologischen Praxen Einkaufspreisaus ganz Deutschland an Ribosepharm. Pharmagroßhandel k. A. 100,00 € 60,00 € Aus einer rgb-internen „Honorarliste“ Einkaufspreisvom 1. April 2009 ist ersichtlich, dass ein Apotheken 26,00 € 200,00 € 200,00 €Arzt für diese Studien bis zu 700 Euro „Ho- Abrechnungspreisnorar“ pro Patient erhalten konnte, wenn gegenüberer ihm zum Beispiel Ribosepharm-Präpa- Krankenkasse 211,07 € 497,80 € 342,75 €rate verordnete. rgb-Chef Rainer Göttel Margebestätigt die Zahlungen an Ärzte, betont für den Apotheker 185,07 € 297,80 € 142,75 €aber, dass es sich dabei um Honorar fürseriöse epidemiologische Studien handle.Rund 350 Ärzte machen dabei mit, das seijeder zweite Krebsarzt in Deutschland. Vertriebschef K. schickte die Liste derbeteiligten Arztpraxen noch am selbenTag an eine Kollegin mit der Aufforde-rung: „Könntest du ausrechnen, wie viel84 D E R S P I E G E L 1 5 / 2 0 1 2
    • Doch immer mehr Gerichte haben sich die Einkaufspreise offenzulegen, kaumzuletzt Pragals Ansicht angeschlossen nachkommen. Als beliebteste Ausredenund Ärzte zumindest in erster Instanz bekommt er zu hören: „Urlaub der ver-wegen Bestechlichkeit verurteilt. Zum antwortlichen Person“, „allgemeine Über-Beispiel Hausärzte, die Schecks von Ra- lastung“, „Krankheit“, „laufende wichtigetiopharm erhielten, weil sie deren Präpa- Projekte“ und „andere Apothekenkolle-rate bevorzugten. gen wurden auch nicht gefragt“. In Mannheim hat die Staatsanwalt- Die Taktik ist klar: Wüssten die Kran-schaft drei weitere Pharmaunternehmer kenkassen über die hohen Rabatte derangeklagt, die ähnlich wie Lampey bun- Apotheker Bescheid, würden sie nicht 75desweit Apotheken mit günstigen Import- Prozent erstatten, sondern nur noch 50,medikamenten beliefert haben sollen. 40 oder 20 Prozent der Listenpreise.Die drei sollen dabei seit 2005 in Deutsch- Experten der AOK gehen davon aus,land nicht zugelassene Medikamente aus dass sich allein bei den Chemo-InfusionenArgentinien bezogen haben. mindestens 200 Millionen Euro im Jahr Seine Anklage schließt der Mannhei- einsparen lassen. Die Versorgung dermer Staatsanwalt mit der Bemerkung, Krebspatienten könnte man damit einen ESPEN EICHHÖFER / OSTKREUZdass „der vorliegende Ermittlungskom- großen Schritt nach vorn bringen, sagtplex ein beängstigendes Bild auf eine Viel- Wolf-Dieter Ludwig, einer der angese-zahl deutscher Apotheker wirft“. hensten Krebsärzte der Republik. Nicht immer geht es dabei nur um ille- Er kritisiert seit Jahren die Preise fürgale Profite, manchmal geht es auch um neue Krebsmittel als „schlicht obszön“.den fahrlässigen Umgang mit dem Leben In Ludwigs Abteilung am Helios Klini-von Patienten. Erst vor wenigen Wochen Krebsarzt Ludwig kum Berlin-Buch werden jedes Jahr 3000schlug die US-Gesundheitsbehörde FDA Geld einzusparen ist kein Selbstzweck Tumorpatienten behandelt. Seiner Beob-Alarm, weil das Krebspräparat Avastin, achtung nach fehlt es insbesondere indas die Schweizer Firma Hadicon aus ten. Am 1. März 2012 wurden die Erstat- ländlichen Gebieten an einer guten Zu-Ägypten bezogen hatte und das über Zwi- tungspreise auf 75 Prozent gesenkt. Hause-Versorgung von Patienten, denenschenhändler an 19 Krebsärzte in den Dafür haben die Kassen mit der Hilfs- im Krankenhaus nicht mehr geholfen wer-USA geliefert wurde, gefälscht war. Dem taxe aber eine andere Kröte geschluckt: den kann. „Das ist doch sehr inhuman,Avastin fehlte schlicht der Wirkstoff. Ha- Seither dürfen Zytostatika-Apotheker mit dass eines der reichsten Länder der Weltdicon-Geschäftsführer Klaus-Rainer Töd- den Pharmafirmen frei über die Preise die letzten Monate eines Krebspatiententer beteuert auf Anfrage, selbst „Opfer verhandeln. Den Kassen wurde lediglich nicht mehr menschenwürdig organisiert.“eines Betrugs geworden zu sein“, die das Recht eingeräumt, sich die Einkaufs- Ein Tumorpatient sollte am Ende desAvastin-Fälschung sei „mit unserer Hilfe belege der Apotheker zeigen zu lassen. Lebens eine Fachkraft haben, die täglichaufgedeckt“ worden. Das heißt: Die Rabatte sind jetzt legal. nach ihm schaue, beispielsweise ob er Die Hamburger Polizei interessierte Weil die Apotheker aber weiterhin ihre eine höhere Dosis Schmerzmittel braucht,sich bereits im Jahr 2010 für Hadicon, weil ausgehandelten Einkaufspreise verheim- ob er Sauerstoff benötige oder man Flüs-Lampey andere, nicht aber wirkstofffreie lichen wollen, bleiben offenbar vielfach sigkeit aus dem Rippenfell absaugen müs-Krebsmedikamente aus Ägypten über die alten Kickback-Modelle bestehen. se. Geld einzusparen sei im Gesundheits-diesen Importeur bezog. Diesbezügliche So liefert die Firma Axios Krebsmedi- wesen kein Selbstzweck, sagt ProfessorFragen beantwortete Tödter nicht. Er ste- kamente zu einem hohen Preis an Apo- Ludwig. „Es kommt darauf an, die Mittel,he „nur den zuständigen Behörden für theken. Gleichzeitig schaltet Axios kleine die man hat, am wirkungsvollsten für dieAuskünfte zur Verfügung“. Merkwürdig Werbekästchen, sogenannte Banner, auf Patienten einzusetzen.“nur: Die Hamburger Polizei hat Tödter den Homepages der Apotheken, die dann Doch würden die Kassen eingesparte2010 einen Katalog von acht Fragen ge- erstaunlich hoch honoriert werden. Ein Gelder tatsächlich in eine bessere Versor-schickt. Eine Antwort hat sie bis heute Apotheker räumt ein, dass seine Home- gung von Patienten investieren? Wohlnicht erhalten. Nachdem die Polizei die page am Tag zwar nur zehnmal angeklickt kaum. Wahrscheinlich ändert sich alsoerste Razzia bei Lampey durchgeführt werde, er dennoch von Axios mehr als gar nichts. Nicht mal nach dem Urteil desund die illegalen Importe ermittelt hatte, tausend Euro für Werbung pro Monat kas- BGH. Darauf deuten jedenfalls die Äu-schickte Tödter ein handschriftliches Fax siere. Seine Einschätzung: „Das ist wie ßerungen von Jens Spahn hin, er ist Spre-nach Hamburg: „Lieber Rolf, wie verein- früher: Es wird schlicht die Differenz zwi- cher der Arbeitsgruppe Gesundheit derbart versuchen wir derzeit Euch zu helfen, schen dem Listenpreis und dem echten CDU/CSU-Fraktion.die Ware weiter zu verkaufen. Bei Erfolg Preis ausbezahlt.“ Axios hingegen betont, Mitte Februar war Spahn zu Gast beiüberweisen wir umgehend die erzielten mit den „Werbemaßnahmen keine wie den „1. Münsterischen Gesprächen zumEinnahmen. Gruß, Klaus.“ auch immer geartete Rabattgewährung Gesundheitsrecht“. Das Podium disku- Auch wenn die Krankenkassen die in- durchzuführen“, da die Bannerwerbung tierte besorgt, was wohl passiere, wennternen Preislisten nicht kennen, ahnen sie „ausschließlich dem Beratungs- und Infor- der BGH demnächst tatsächlich entschei-doch, dass sie bei den Krebsmedikamen- mationsbedürfnis der Apotheker und Pa- det, dass Ärzte wegen der Annahme vonten wohl seit Jahren übers Ohr gehauen tienten dient und keinen produktbezoge- Schmiergeld verurteilt werden können.werden. Im Sommer 2009 pochten sie des- nen Bezug besitzt“. Detaillierte Antwor- Der CDU-Politiker nahm den Medizinernhalb darauf, dass die Preise reduziert wer- ten könne die Geschäftsleitung aber erst allerdings ihre Sorge. „Wir werden dasden. Gemeinsam handelte damals der Mitte April nach ihrem Urlaub geben. rechtlich so klarstellen, dass ein solchesSpitzenverband der gesetzlichen Kranken- Unklar ist, ob die Kassen unwillig oder Urteil künftig anders aussehen müsste.“kassen mit dem Deutschen Apothekerver- unfähig sind. Frank-Ullrich Schmidt, beim Auf die schützenden Hände der Politikband eine neue Preisliste aus. Diese „Hilfs- Spitzenverband der gesetzlichen Kranken- können sich Ärzte und Apotheker alsotaxe“ legte fest, dass die Krankenkassen kassen für die Zytostatika verantwortlich, weiterhin verlassen. Den Krebspatientenbei generischen Chemotherapeutika nur schilderte auf einem Vortrag in Berlin, fehlt eine solche Lobby.noch 90 Prozent des Listenpreises erstat- dass die Apotheker seiner Aufforderung, MARKUS GRILL D E R S P I E G E L 1 5 / 2 0 1 2 85
    • Panorama Nach dem Sturz von Staatschef Amadou Toumani Touré durch das Militär und dem Vormarsch der Tuareg-Rebellen befürchten Experten, der Wüstenstaat Mali könne sich zum nächsten afrika- nischen „failed state“, zu einem zweiten Somalia entwickeln. Mali liegt inmitten eines Konfliktgürtels, der sich inzwi- schen südlich der Sahara vom Indischen Ozean bis zum Atlantik erstreckt: So- malia, Südsudan und auch Nigeria ge- hören dazu. Seit dem vergangenen Wo- chenende wird Malis Norden von Tua- reg-Rebellen kontrolliert, unterstützt von Stammesbrüdern, die zuvor im li- byschen Bürgerkrieg gekämpft haben. Im Süden herrschen die Putschisten der Tuareg- Armee. „Eine weitere Zuspitzung der Rebellen Lage ist wahrscheinlich“, sagt Charlotte Heyl, Mali-Expertin des Hamburger MALI Giga-Instituts, „vor allem wenn es kei- nen klar definierten Verhandlungspart- ner für die Rebellen gibt.“ Zudem ha- Zweites Somalia?FERHAT BOUDA ben die verschiedenen Rebellengruppen, die die Armee gemeinsam vertrieben hatten, ihre Kooperation offenbar auf- gekündigt. Nachdem die Tuareg von der Konfliktherde in den Sahel- MNLA (Nationale Bewegung zur Befrei- TUNESIEN Ländern und am Horn von Afrika ung des Azawad) in Timbuktu einmar- MAROKKO Operationsgebiet von „al-Qaida schiert waren, wurden sie tags darauf im Islamischen Maghreb“ (AQMI) von den Islamisten der Ansar al-Din ALGERIEN LIBYEN (Verteidiger des Glaubens) wieder ver- trieben. Die Ansar-al-Din-Anhänger, ebenfalls überwiegend Tuareg, sollen MAURETANIEN MALI enge Kontakte zu den Extremisten der Timbuktu Qaida im Maghreb unterhalten. Die lai- Gao NIGER TSCHAD zistische MNLA strebt nach mehr Au- SUDAN Bamako Mopti tonomie und will sich, eigenen Angaben zufolge, mit den erreichten Geländege- NIGERIA winnen zufriedengeben. Die Glaubens- krieger dagegen wollen die Scharia ein- SÜDSUDAN ÄTHIOPIEN führen und im Süden offenbar die Stadt 1000 km Mopti erobern. In Timbuktu verboten SOMALIA sie Frauen bereits, Hosen zu tragen. KENIA IRAN reicht habe. Experten benutzen diese lösung. Doch auch er beharrt auf dem Formulierung, wenn ein Land über Recht zur Anreicherung für zivile ausreichend niedrig angereichertes Zwecke: Im Gegenzug könne Teheran Fatale Wortwahl Uran verfügt, um zumindest einen Atomsprengkopf zu bauen. Seine An- ein „Maximum an Transparenz“ bie- ten. Bislang hatte Mussawian mit aus- Wird einer der international renom- lage zur Urananreicherung in Natans geprägtem Selbstbewusstsein die Inter- miertesten Vertreter der iranischen hatte Teheran aber erst in jenem Jahr essen Teherans vertreten, etwa als Führung zum Kronzeugen der Ankla- bei der Internationalen Atomenergie- langjähriger Botschafter in der Bundes- ge im Streit um Irans Nuklearpro- behörde in Wien angemeldet. Dem republik. Später war er Vize-Chef- gramm? Der langjährige Spitzendiplo- SPIEGEL sagte Mussawian, in seinem unterhändler in den Verhandlungen um mat Hossein Mussawian, 54, scheint ursprünglichen Text habe er „selbst das Nuklearprogramm und galt dabei nun den Beweis dafür zu liefern, dass nichts von breakout capability ge- als der eigentliche Strippenzieher. Un- Teheran schon vor Jahren genügend schrieben“. Unter dem Begriff verste- ter Mahmud Ahmadinedschad fiel er Uran angereichert und gehortet hat, he er zudem nur die grundsätzliche dann in Ungnade und fand Exil in den um eine Atombombe zu bauen. In ei- Fähigkeit zur Anreicherung, und die USA: Dort lehrt er nun an der Elite- nem Beitrag für eine US-Tageszeitung habe Iran damals durchaus besessen. Universität Princeton. Demnächst er- schreibt Mussawian, dass sein Land be- In seinem Artikel wirbt Mussawian scheint in Amerika sein Buch „Die ira- reits 2002 die „breakout capability“ er- vor allem für eine Verhandlungs- nische Nuklearkrise“. 86 D E R S P I E G E L 1 5 / 2 0 1 2
    • Ausland NORWEGEN G R O S S B R I TA N N I E N Eisiges Faustpfand Datenangriff 2.0 Während die Deutschen noch über die Vorratsdatenspeicherung streiten, plant die Regierung in London eine Verschärfung der britischen Regelung. Schon seit 2009 müssen Telekommuni- kationsunternehmen zwölf Monate lang speichern, wer mit wem, wann, wie lange und wo telefoniert hat. Sie halten auch fest, wer wem E-Mails schickt. In Zukunft aber sollen die Fir- men auch Informationen darüber sam- meln, was ihre Kunden in sozialen Netzwerken wie Facebook tun oder mit wem sie über Internettelefondiens- te wie Skype sprechen und welche STANISLAS FAUTRE / LE FIGARO / LAIF Websites sie besuchen. Polizei, Ge- heimdienste und andere staatliche Stellen sollen auf diese Verbindungs- daten ohne richterlichen Beschluss zu- greifen dürfen – sogar in Echtzeit. Wei- Fjord in Spitzbergen tere Details will Premier David Came- ron bei seiner Regierungserklärung Anfang Mai mitteilen. Doch schonGröße muss nicht der entscheidende schen Rat aufgenommen werden. An jetzt schlägt Cameron und seinem libe-Faktor im Machtspiel der Staaten sein. Norwegen als einem von acht Anrai- ralen Vize Nick Clegg heftige KritikDen Beweis dafür tritt gerade Norwe- nerstaaten führt dabei kein Weg vor- entgegen, gerade aus den eigenen Rei-gen gegen die Supermacht China an. bei, auch Russland hat Bedenken. Au- hen. Die staatliche DatensammelwutNach der Verleihung des Friedens- ßenminister Jonas Gahr Støre beteuert gehe weit über das hinaus, was einernobelpreises an den Dissidenten Liu nun öffentlich, China sei willkommen zivilisierten Gesellschaft gebühre,Xiabao hatte Peking politische Kontak- im Rat, knüpft dies aber an einen Dia- sagte der konservative Abgeordnetete mit dem Fünf-Millionen-Volk ge- log. China hat wegen der großen Roh- David Davies. Aus Angst vor einem in-kappt. Oslo bedient sich nun eines eisi- stoffvorkommen und der verkürzten nerparteilichen Aufstand redet Clegggen Faustpfands: Denn China will als Handelsroute über die Nord-Ost-Passa- bereits davon, über das geplante Ge-ständiger Beobachter in den Arkti- ge starkes Interesse an der Polarregion. setz lieber länger zu debattieren. E M I R AT E Stiftungen hätten, so die Begründung der Machthaber, keinen Rechtsstatus. Die Adenauer-Stiftung und Gallup Klimawandel am Golf können sogar auf eine persönliche Ein- ladung des Kronprinzen von Abu Dha-Mit Dialog und Zivilgesellschaft ist es bi, Scheich Mohammed, verweisen.wie mit Müllhalden: Schon gut, dass es Außerdem hatte Gallup sich als Bera-sie gibt – aber bitte beim Nachbarn, tungsfirma offiziell registriert. Beob-nicht im eigenen Haus. Die Vereinig- achter sehen in dem Vorgang daherten Arabischen Emirate präsentieren eine konservative Wende. Offenbar seisich gern weltoffen und loben die Re- einigen die Modernisierung zu schnellbellionen in Syrien, Ägypten, Tune- gegangen. Zu viele Ausländer, zu vielesien und Jemen. Doch nun ist ein Blogger, zu viele westliche ProjekteKurswechsel zu beobachten. In den und Universitäten. „Diese FraktionHerrscherhäusern von Abu Dhabi und hat nach der Arabellion OberwasserDubai wurde die Parole „Keine Expe- bekommen und will nur noch ihrerimente, keine Toleranz mehr“ ausge- Herrschaft absichern“, sagt ein lang-geben. Trotz des Protestes von Angela jähriger Kenner. Kürzlich wurde derMerkel, Guido Westerwelle und Hilla- Ökonom und Sorbonne-Dozent Nas-ry Clinton bleiben die örtlichen Büros ser Bin Ghaith zusammen mit vier an- VINCENT THIAN / APder Konrad-Adenauer-Stiftung, des deren Bloggern wegen BeleidigungNational Democratic Institute und des des Staatschefs zu mehreren JahrenUmfrageinstituts Gallup endgültig ge- Haft verurteilt, wenn auch sofort be-schlossen, in einigen Fällen müssen gnadigt. Die Blogger hatten lediglichMitarbeiter ausreisen. Die politischen Kronprinz Mohammed von Abu Dhabi mehr politische Teilhabe angemahnt. D E R S P I E G E L 1 5 / 2 0 1 2 87
    • Ausland UKRAINE „Er will sie umbringen“ Deutschland drängt auf Freilassung von Julija Timoschenko – vorher dürfe es keineAnnäherung zwischen der EU und Kiew geben. In Brüssel hat sich die Bundesregierung damit isoliert. Aber Staatschef Janukowitsch treibt tatsächlich ein böses Spiel.R uhe umgibt das Anwesen in der Timoschenko, nur 1,60 Meter groß, Bislang obsiegt die Empörung: Der Kiewer Turowskaja-Straße 13. Die aber selbst von Gegnern anerkennend als Ukrainer Janukowitsch ist isoliert wie ockerfarbene Villa mit angeschlos- „der einzige Mann in der ukrainischen kaum ein zweiter Staatschef auf demsenem Bürogebäude steht im alten Viertel Politik“ bezeichnet, lässt ihm keine Ruhe. Kontinent. „Jeder geht auf die anderePodol, nicht weit vom Ufer des Dnjepr Ihretwegen hat die EU das erste Assozi- Straßenseite, wenn er ihn kommen sieht“,entfernt. Es gibt keine Tafel, kein Na- ierungsabkommen mit der Ukraine auf sagt ein Brüsseler Politiker. Ein früherermensschild, aber an jeder Hausecke Be- Eis gelegt, der Europarat fordert ihre Frei- Botschafter in Kiew ist davon überzeugt,obachtungskameras: Wachleute verfolgen lassung, auch die deutsche Bundesregie- dass sich „Julijas Fall wie eine Schlingedie kleinste Bewegung auf der Straße. rung setzt Janukowitsch unter Druck. Das um den Hals von Janukowitsch“ legt. Uliza Turowskaja 13 – das ist die Adres- ist das Lager der Empörten. Jener, die Sergej Wlassenko ist auch der Anwaltse der Partei Batkiwschtschina, zu meinen, Willkür und politische Verant- Julija Timoschenkos, erst am Tag zuvorDeutsch: Vaterland. Jener Partei, die vor wortungslosigkeit hätten im Lande Janu- war er bei ihr im Gefängnis. Der 45-Jäh-gut sieben Jahren in der Ukraine die Re- kowitschs ein unerträgliches Maß erreicht. rige ist nervös, es hält ihn keine fünfvolution in Orange ausrief. Das andere Lager ist das der Realpoliti- Minuten auf seinem Stuhl. Seit Monaten So still das Hauptquartier in der Tu- ker. Zu ihm zählen jene, die davor warnen, lebt er im immer gleichen Wochenrhyth-rowskaja nach außen hin auch wirkt: Hin- den Umgang mit dem größten Flächen- mus: Montags, mittwochs und manchmalter den Mauern herrscht Aufruhr, erst staat im Osten Europas an das Schicksal auch freitags steigt er morgens ins Flug-recht an diesem Tag. Aus Italien ist die einer einzigen Frau zu binden. Einer Frau, zeug nach Charkow, gegen sechs UhrNachricht eingetroffen, dass Arsen Awa- die zudem keine Dissidentin sei, sondern abends nimmt er die Maschine zurück.kow verhaftet worden ist, in der Klein- eher die weibliche Ausgabe Michail Cho- „Um halb elf bin ich bei Frau Timoschen-stadt Frosinone, nicht weit von Rom. dorkowskis: Auch sie kam früher auf dunk- ko“, erzählt Wlassenko. „Wir dürfen inAwakow war einst Gouverneur des ost- len Wegen zu viel Geld. ein kleines Zimmer gegenüber ihrer Zelle,ukrainischen Gebiets Charkow und dortChef der Vaterlandspartei, jetzt wird ervon der Ukraine über Interpol gesucht –wegen „Amtsmissbrauchs“. In der Parteizentrale tagt ein Sonder-stab, Sergej Wlassenko, Parlamentsabge-ordneter und der wichtigste Anwalt vonBatkiwschtschina, muss bis zum Abendeinen Rechtsbeistand finden, um Awa-kows Auslieferung zu verhindern. Es ist der neueste Schlag, zu dem derukrainische Präsident ausgeholt hat, umBatkiwschtschina zum Verstummen zubringen. Mehrere Ex-Minister der Parteisind bereits in Haft, andere ins ausländi-sche Exil geflohen. Doch Staatschef Wik-tor Janukowitsch gibt keine Ruhe. DieOpposition auszuschalten, jene Leute,die ihn mit ihrer Revolution in Orange2004 daran gehindert hatten, bereits da-mals das Präsidentenamt zu überneh-men – das ist für ihn zur Obsession ge-worden. Aber hat er dieses Ziel eigentlich nichtschon erreicht? Selbst seine ärgste Feindin METODI POPOW / IMAGOist bereits hinter Stacheldraht: Julija Ti-moschenko, 51, die frühere Ministerprä-sidentin und Vorsitzende der Vaterlands-partei, sitzt für sieben Jahre im Charko-wer Frauengefängnis. Auch sie verurteiltwegen „Amtsmissbrauchs“. Politiker Janukowitsch, Merkel: War die Zusage nichts wert?88 D E R S P I E G E L 1 5 / 2 0 1 2
    • AFPAngeklagte Timoschenko mit Tochter Jewgenija vor Gericht im Oktober 2011: „Sie wird sich nicht aus diesem Land absetzen“in dem ein eisernes Bett und ein Stuhl ste- „Sie hat genügend Informationen, dass nicht zurück in die Haftanstalt, sondernhen, weiter nichts. Sie liegt auf jenem Bett, das möglich wäre“, wiederholt ihr An- forderten plötzlich mein Juristendiplomstehen kann sie wegen eines Bandschei- walt, „und deswegen verweigert sie jeg- im Original.“ Er zieht sein iPhone hervor,benvorfalls nicht, ich sitze ihr gegenüber.“ liche Behandlung im Gefängnis.“ Man er hat die Szene per Video festgehalten.Es folgen zweieinhalb Stunden Aktenstu- habe ja 2004 bereits ihren damaligen Ver- Ja, sagt Wlassenko dann noch, seinedium, Mittagspause, und noch einmal drei bündeten, den späteren Präsidenten Wik- Mandantin wolle in die Berliner Charité,Stunden bis nachmittags um fünf. tor Juschtschenko, zu vergiften versucht. aber sie werde sich nicht „aus diesem Meist dreht sich das Gespräch um das „Timoschenko ist seit ihrer Einlieferung Land absetzen“, also nicht um Asyl bitten.nächste Verfahren, das der Generalstaats- im November nicht behandelt worden, Lange hatten deutsche wie westeuro-anwalt am 19. April gegen Timoschenko ihr Rückenleiden hat sich verschlimmert, päische Politiker geglaubt, die stolze Ju-eröffnen will: Es geht um Steuerhinter- eine Heilung wird immer schwieriger.“ lija Timoschenko habe ihre Verhaftungziehung und Veruntreuung staatlicher Wlassenko klopft auf die Akte, die vor und den darauffolgenden Prozess als PR-Gelder in ihrer Zeit als Chefin des Kon- ihm liegt: Es ist das Gutachten des Berli- Veranstaltung genossen – weil sie sich vorzerns „Vereinigte Energiesysteme“. Das ner Charité-Chefs, Professor Karl Max Gericht als ukrainische Jeanne d’Arc prä-war in den neunziger Jahren. Einhäupl, der Timoschenko an einem sentieren konnte. Sie hatten auch ge- Die Akten, 72 Bände, sind fertig. Be- Abend im Februar fünf Stunden lang un- glaubt, dass Janukowitsch nur der Ge-obachter nehmen an, dass das Urteil ge- tersuchen konnte. Eine „sofortige statio- triebene jener Oligarchen sei, die die Ex-nau dann gesprochen wird, wenn das Kas- näre Behandlung“ sei notwendig, steht Premierin bis aufs Blut hassen – weil siesationsgericht endgültig über das erste in dem zwölfseitigen Papier. ihnen in den vergangenen Jahren man-Verfahren entscheidet. In dem wurde der Dass die Kiewer Gefängnisbehörde Ein- ches Filetstück abgenommen habe.Ex-Regierungschefin „Amtsmissbrauch“ lenken signalisiert habe, wie ukrainische Inzwischen sieht es eher umgekehrt aus.beim Abschluss des ukrainisch-russischen Medien berichten, „ist Unfug“, sagt Wlas- Timoschenko, sagt ein Diplomat in Kiew,Gasvertrags im Januar 2009 vorgeworfen. senko. Der stellvertretende Generalstaats- habe den Ernst ihrer Lage begriffen. Janu-Das wäre Mitte Mai der Fall. Die Zeitpla- anwalt sei erst vorige Woche durch kowitsch aber handele auf eigene Faust, ernung ist so angelegt, dass Timoschenko Europa getourt und habe dort verbreitet, wolle seine ärgste Konkurrentin ausschal-auf keinen Fall das Gefängnis verlässt. Timoschenko sei gar nicht krank. „Sie ten. Seine eigenen und die Popularitätswer- „Janukowitsch will Timoschenko um- nennen Schwarz Weiß und Weiß te seiner Partei sind nach zwei Jahren Prä-bringen“, sagt Wlassenko. Schwarz“, sagt der Anwalt, „sie behin- sidentschaft dramatisch abgerutscht, nur Kann man eine Frau umbringen, die der dern ja auch mich, wo sie können: Neu- noch 13 Prozent Zustimmung gab ihmWesten derzeit nicht aus den Augen lässt? lich ließen sie mich nach der Mittagspause jüngst eine Umfrage. Janukowitsch, ein D E R S P I E G E L 1 5 / 2 0 1 2 89
    • AuslandMann, der in jungen Jahren wegen Raubes reisen darf. Es könnte ein neuer Trick des zuweisen, räumt Bogoslowskaja ein, dazuund Körperverletzung im Gefängnis saß ukrainischen Staatschefs sein, den Fall gehöre ein Vorsatz. Aber Timoschenkound nie durch besondere Klugheit aufge- scheinbar zu entschärfen – nur um sich habe ohne Wissen der Regierung gehandelt.fallen ist, kann keine Erfolge vorweisen. Er über die bevorstehende Fußball-Europa- Dann zieht sie Papier um Papier aushat die Schulden der Ukraine gefährlich meisterschaft zu retten. einer Mappe, um Brisanteres zu erzählen:angehäuft, im Umgang mit Russland nicht „Sie glauben doch nicht, dass wir jetzt dass Timoschenko in ihrer Zeit als Ge-den richtigen Weg gefunden und Investoren einfach unsere Gesetze ändern, um Ti- schäftsfrau Schulden beim russischenverschreckt. Janukowitsch fahre die Ukrai- moschenko freizulassen“, entrüstet sich Verteidigungsministerium angehäuft undne „an die Wand“, sagt ein westlicher Be- Inna Bogoslowskaja – „dann stünden wir diese später auf den ukrainischen Staatrater von Ex-Präsident Juschtschenko. erst recht im Ruf einer Bananenrepublik.“ übertragen habe. Dass sie von Moskau Er hat auch im Fall Timoschenko nie Die Juristin Bogoslowskaja ist die spie- abhängig war und von Wladimir Putineine gute Figur gemacht, er hat sich immer gelverkehrte Julija Timoschenko. Sie ist im nächtlichen Vieraugengespräch zuweiter in ihm verheddert, mit Tricks, mit ebenfalls 51 Jahre alt, genauso attraktiv dem Gas-Deal gezwungen wurde. Im Ge-Unaufrichtigkeit, mit Lügen. Viele haben und ebenso brünett wie die frühere Pre- richtsurteil steht nichts davon.inzwischen ihre Erfahrungen mit Januko- mierministerin, bevor die ihr Haar zu Dass Timoschenko in den neunzigerwitsch und dessen Apparat. färben begann. Politisch jedoch steht sie Jahren Agentin des russischen Geheim- Charité-Professor Karl Max dienstes gewesen sei, sagt Bo-Einhäupl ist ein freundlicher, goslowskaja nicht direkt. Aberaber zurückhaltender Mann, der es gilt in der Janukowitsch-Par-die ärztliche Schweigepflicht tei als gesetzt. „Wenn wir diesersehr ernst nimmt. Doch auch er Frau verzeihen, dass sie Milliar-erinnert sich nur ungern daran, denverluste angehäuft hat – wowie er sich in Charkow und kämen wir da hin? Sie ist eineKiew stundenlang mit General- Verbrecherin“, befindet ihre Ge-staatsanwaltschaft und Gefäng- genspielerin. Und schiebt einenisverwaltung herumschlagen erpresserische Botschaft nach:musste, bevor er seine Patientin „Wollen Sie, dass wir wiederüberhaupt zu Gesicht bekam. Richtung Moskau driften, wol- Ingo Lange wiederum, Leiter len Sie ein neues russisches Im-der Adenauer-Stiftung in Kiew, perium?“ Die EU müsse ent-war Zeuge, als Janukowitsch scheiden, ob sie ihre Beziehun-dem Chef der christdemokrati- gen zur Ukraine weiter mit demschen Volkspartei im Europäi- Schicksal Timoschenkos ver-schen Parlament versprach, sei- knüpfe.ne Parlamentsfraktion werde „Alle in der Ukraine wissen,Artikel 365 des Strafgesetzbu- welches Spiel mit Timoschenkoches ändern – was er gegenüber getrieben wird“, sagt der Chef-Angela Merkel wiederholte. Mit redakteur einer Kiewer Zeitung.diesem schwammigen Paragra- Der bauernschlaue Janukowitschfen wird die „Kompetenzüber- wolle die Vorteile einer Zusam-schreitung“ von Politikern kri- menarbeit mit Europa, gleichzei-minalisiert. Er diente dazu, Ti- tig privatisiere er das Land. Ermoschenko wegen des für die allein entscheide, wer wofür ver-Ukraine unvorteilhaften Gas- urteilt und wer begnadigt werde,vertrags mit Russland ins Ge- sein ältester Sohn Alexander, einfängnis zu bringen – obwohl der Banker, regele die wichtigstenRegierungschefin während der Kaderfragen. Janukowitsch pfei-Gaskrise im Winter 2009 gar kei- fe im Notfall auf Europa, ihmne Wahl geblieben war. Die Zu- gehe es nur noch um die Macht. REUTERSsage des Staatschefs gegenüber Timoschenko ist ihm in Kiew soMerkel war nichts wert, seine lästig wie in Berlin.Partei lehnte die Änderung des Skateboarder in Kiew: Ein neues russisches Imperium? Man mag zur Ex-Regierungs-Artikels Mitte November ab. chefin stehen, wie man will, Alles müsse nach Recht und Gesetz ge- auf der anderen Seite der Barrikade. und es mag unglücklich sein, dass ihr Fallregelt werden, betont Janukowitsch fort- Bogoslowskaja leitete jene Parlaments- zum Dreh- und Angelpunkt der west-während. In Berliner Regierungskreisen kommission, welche die Umstände des lichen Ukraine-Politik geworden ist. Wäreerinnert man sich jedoch mit Befremden von Timoschenko geschlossenen Gas- es nicht so, wäre jedoch ein anderer Stol-an seine Bemerkung, Frau Timoschenko abkommens prüfte. Und sie ist die Stim- perstein aufgetaucht.brauche nur 300 Millionen Dollar hinzu- me der Janukowitsch-Partei, wenn diese Setzen sich die Befürworter einer EU-blättern, dann käme sie wieder frei. Gerüchte über Timoschenko lancieren Assoziierung durch – und sie sind derzeit Janukowitschs Unzuverlässigkeit ist der will. Zu treffen ist sie in einem Büro in der Mehrheit, bekäme die UkraineGrund dafür, dass im Kanzleramt Skepsis gleich hinter dem Präsidentenpalast. einen Status wie die Schweiz. Dann siehtherrscht. Auch nach jener Lösung, die Der Vertrag mit Russland, unterschrie- selbst der weißrussische Diktator Luka-Merkels außenpolitischer Berater Chris- ben für zehn Jahre, sei diskriminierend, schenko keine Notwendigkeit mehr, seintoph Heusgen mit Sergej Ljowotschkin, sagt sie: „Wir zahlen Moskau jetzt monat- Land zu demokratisieren. Deswegendem Leiter der Kiewer Präsidialadmini- lich 1,2 Milliarden Dollar fürs Gas, während verwundert es, dass allein die Deutschenstration, ausgehandelt hat: dass Frau Ti- es früher 400 Millionen waren.“ Darin sehe im Fall Timoschenko hart bleiben wol-moschenko „aus humanitären Gründen“ sie Anzeichen eines Staatsverrats – nur sei len.zur Behandlung nach Deutschland aus- die Tatsache des Staatsverrats schwer nach- CHRISTIAN NEEF90 D E R S P I E G E L 1 5 / 2 0 1 2
    • Kandidat Sarkozy MOUSSE / ABACA der Yacht seines Freundes Vincent Bolloré FRANKREICH in maltesischen Gewässern ruinierte. Nach Paris zurückzufliegen, im Flug- Die Sehnsucht zu gefallen zeug des Präsidenten der Republik, ist weder eine Ehre noch eine Auszeichnung. Es ist etwas, das verhandelt werden muss, in SMS und vertraulichen Gesprächen mit Über den Wahlkämpfer Nicolas Sarkozy seinem Presseberater Franck Louvrier. Von Philippe Ridet „Heute nicht“, „ich versuche es, aber eher morgen“, „ich glaube, es klappt eher nicht, ich sage dir später Bescheid“. Lou-Der „Le Monde“-Journalist Philippe Ridet nicht gut, und man kann das jetzt lang- vrier verspricht wenig. Letztendlich istbegleitete 2007 den damaligen Kandidaten sam sehen. François Hollande ist eine es Sarkozy, der entscheidet: „Wenn duNicolas Sarkozy über Wochen im Präsident- Null! Eine Null, verstehst du? Man kann willst, nehmen wir dich mit.“ Ich habeschaftswahlkampf und schrieb anschlie- über Ségolène Royal sagen, was man will, noch nie einen Journalisten gesehen, derßend darüber ein vielbeachtetes Buch. In- aber sie hatte Charisma. Du behältst das die Einladung ausgeschlagen hat. Wäh-zwischen berichtet Ridet, 56, für „Le Monde“ natürlich für dich.“ rend wir uns immer weiter vom Mittel-aus Italien, kehrte aber für die aktuelle Dann setzt er seine Ortsbesichtigung meer entfernen, setzt sich Sarkozy zu mir.Kampagne nach Frankreich zurück und be- in dieser dunklen Halle, die nach Staub, Nachdem ich vier Jahre in seiner direktenobachtete Sarkozy erneut. Der Präsident alten Decken und Holzkisten riecht, fort. Umgebung nicht mehr präsent war, be-offenbarte Ridet in Hintergrundgesprächen 30 Minuten später, nach einer Diskus- komme ich eine Privatlektion. Er nimmtseine Sicht der Dinge, ließ dessen Darstel- sion mit Vertretern der Algerien-Heim- sich eine Stunde Zeit, damit ich alles ver-lung nach Erscheinen des Artikels in Frank- kehrer anlässlich des 50. Jahrestags der stehe: seine Gewissheit zu siegen in „die-reich in Teilen aber dementieren. Unabhängigkeit, steigen wir wieder in ser Wahl, die die überraschendste seit den Bus, der uns zur Promenade des Jahrzehnten sein wird“, vor allem aberB ei allen Wahlkämpfen, die ich be- Anglais in Nizza bringen soll, wo Sarko- will er mich davon überzeugen, dass er gleitete, habe ich zwei unverzicht- zy die Rede des Tages halten wird. ein anderer geworden ist. bare Dinge für den Beruf des poli- Schnell Notizen machen, bevor sich alles Und das stimmt vielleicht sogar, zumin-tischen Berichterstatters gelernt: Erstens, verwischt. dest hat es den Anschein. Fünf Jahre anman sollte sich in den Bussen, die uns Es ist schönes Wetter in Nizza, in die- der Macht, drei Krisen, einige Erfolge undvon einem Termin zum anderen fahren, sem Departement Alpes-Maritimes, das ein noch immer anhaltendes Missver-nicht auf die Sitze über den Rädern set- ihn 2007 mit dem höchsten Stimmen- ständnis mit den Franzosen haben ihnzen. Zweitens, es kann, es darf kein so- anteil gewählt hat. Für Nicolas Sarkozy, wie Leder gegerbt und Spuren hinterlas-genanntes Off-Gespräch, kein vereinbar- dem die Umfragen gerade das Leben sen. Er hat jetzt nicht mehr das Gesichttes Stillschweigen mit Sarkozy geben. schwermachen, kommt eine Reise nach des idealen Schwiegersohns aus Neuilly.Berücksichtigt man beides, ist man ge- Nizza, zwei Tage vor der ersten großen Das graumelierte Haar trägt er ein wenigwappnet. Und so hatte ich, als er mich Wahlkampfveranstaltung in Villepinte länger. Seine leicht erschlaffenden Ge-an jenem Freitag, dem 9. März, an die (Region Ile-de-France), einem Lourdes- sichtszüge haben den verzerrten Aus-Hand nahm und mich in eine Ecke des Besuch für einen Gelähmten gleich. druck der Verachtung und die Anspan-Umzugsunternehmens Démépool zog – Es ist nicht sicher, ob es funktioniert, nung, die Franzosen erobern zu müssen,wo die Sarkozy-Tour 2012 ein paar Stun- aber man muss es versuchen – auch hier verschwinden lassen. Er scheint nichtden Halt machte –, meine Geschichte. an dieser Strandpromenade, wo die Fer- mehr vom Versagen bedroht, sein Sieg Abseits der Truppe seiner Begleiter de- raris flitzen, als wollten sie ihm seine 2007 hat alte Rechnungen beglichen. Diemonstriert Sarkozy Siegesgewissheit. Er „bling-bling“-Jahre vorwerfen, diesen Herausforderungen sind seltener gewor-duzt mich kategorisch: „Ich werde gewin- Wahlsieg, den er mit einem Abend im den. Er hat das Spiel gegen seine Brüdernen, und ich sage dir auch, warum. Er ist Fouquet’s und drei Tagen Kreuzfahrt auf endgültig für sich entschieden, er hat sei- D E R S P I E G E L 1 5 / 2 0 1 2 91
    • Auslandne Mutter verblüfft, die ihm stets die dung auf France 2 mitgeteilt und seinebeiden älteren vorzog, und er hat seinen späte Zerknirschung zur Schau getragenMentor Edouard Balladur gerächt (der wegen des Abends im Fouquet’s , des an-bei den Präsidentschaftswahlen 1995 schließenden Ausflugs auf der Yacht, we-Jacques Chirac unterlag –Red.). Er hat gen seines „Verpiss dich, du Arschloch“-eine neue Frau erobert. Zum ersten Mal Ausrasters (mit dem er auf der Pariserin seiner mehr als 30-jährigen politischen Landwirtschaftsmesse einen Besucher be-Karriere muss er sich nichts mehr bewei- dachte –Red.) und wegen des Versuchs,sen. Das scheint ihn zu erleichtern. seinen Sohn Jean an der Spitze eines Er spricht von sich, wie er es schon im- Staatsunternehmens zu platzieren.mer getan hat, aber er redet nun weniger „Ich habe mich geändert“, will er michschlecht über die anderen. Er fegt die überzeugen. Der Mann, der fünf JahreFragen zu (seinen parteiinternen Kriti- zuvor auf dem Rückflug von der Insel Lakern –Red.) Dominique de Villepin und Réunion sagte, er wolle „Präsident sein“Jean-Louis Borloo vom Tisch. Aber er ist und „Kohle machen“, und der keine Kom-bereit, über die Wahlen zu sprechen: plexe hatte, dies zuzugeben, vertieft sich„Diese Kampagne ist wie ein dahin- nun in die Lektüre und den Genuss dertreibendes Boot. Sie verliert sich in alle Filmklassiker.Richtungen. Aber ihr, die Beobachter, ihr „150 Filme pro Jahr!“, posaunt er her-lebt noch in einem anderen Jahrhundert. aus. Der Regisseur Martin Scorsese, „derIhr werdet euch ein weiteres Mal irren.“ bei uns zu Hause zum Abendessen war“,So ist er eben. Er muss nicht nur seine hat ihm 100 DVDs geschickt. Er zählt deGegner bezwingen, sondern auch noch Sica, Visconti und Buñuel auf. „Wenn dudie Prognosen widerlegen. fernsiehst“, fährt er fort, „dann wachst du Schon 2007 sagte er, dass alle Medien, am nächsten Morgen mit Kopfschmerzen„sogar TF1“ (größter französischer Pri- auf. Ein guter Film aber macht dir gute Lau-vatsender, der seinem Freund, dem Bau- ne.“ Ich erinnere mich an die Zeiten, als erunternehmer Martin Bouygues, gehört ständig betonte, ein Politiker, der nicht fern- –Red.), gegen ihn seien. Aber dieses sehe, „kann die Franzosen nicht kennen“.Mal geht es um seine Niederlage, und er 1995 hatte Jacques Chirac etwas Ähn-selbst spricht bereitwillig über einen mög- liches wie Sarkozy mit Erfolg versucht.lichen Rückzug aus der Politik: „Ich sage Es hieß damals, Chirac höre nur Militär-das nicht nur so, zur Show. Oder siehst musik und lese Krimis. Und auf einmaldu mich etwa als Generalsekretär der interessierte er sich für den indigenen Stamm der Taíno, für japanische Haikus, die Kunst der Naturvölker und Zitate desEr scheint nicht mehr Philosophen Jean Guitton. Das Bild dervom Versagen bedroht. Medien von Jacques Chirac änderte sich, innerhalb von drei Monaten war aus ihmSein Sieg hat alte ein geheimnisvoller „Weiser“ geworden,Rechnungen beglichen. unergründlich und deshalb interessant. Dieselbe Operation ist jetzt in Gang: Sarkozy muss Sarkozy vergessen machen.UMP (Sarkozys konservative Partei, die Im Moment hat er gerade, so sagt er,„Union pour un mouvement populaire“ seine Stefan-Zweig-Phase, er liest den Au- –Red.)? Ich möchte nicht, dass es Zweifel tor von „Rausch der Verwandlung“ undan meinem Einsatz gibt. Ich stehe mit begeistert sich wie ein Teenager für diedem Rücken zur Wand. Wenn man nicht Lektüre der „Verwirrung der Gefühle“.bereit ist, etwas aufzugeben, dann ge- „Die unmögliche Sehnsucht zu gefal-winnt man nichts.“ Aber was bedeutet len“, kommentiert er anschließend, mitdas für den Fall der Niederlage? Er will träumerischem Blick, es ist derselbedarauf nicht antworten – „sonst schreibst Mann, der sich früher lieber aufgehängtdu es noch“ –, aber er lässt die Sehnsucht hätte als zuzugeben, dass er frustriert sei.nach einem anderen Leben erkennen: Und während er seinen Hummersalat„Ich würde Giulia gerne zur Schule brin- mit Jakobsmuscheln herunterschlingt,gen. Das ist gleich bei uns nebenan. Wenn sagt er noch: „Wenn man älter wird, mussich da vorbeikomme und die Familien- man besser werden, das ist die einzigeväter sehe, die auf ihre Kinder warten, Art und Weise zu akzeptieren, dass diedann sage ich mir: ,Schau, das sind deine Zeit vergeht.“zukünftigen Freunde.‘“ Das ist wohl die Aus dem Flugzeug ausgestiegen, schrei-größte List des Storytelling in Wahl- be ich in mein Notizbuch: „Ich habe vorkampfzeiten: Der Ehrgeizige von gestern, fünf Jahren einen präpubertären Jugend-der „jeden Morgen beim Rasieren“ an lichen verlassen, nun finde ich einen jun-die Präsidentschaft dachte, soll innerhalb gen Mann wieder.“ Das sagt er im Übri-von fünf Jahren zu einem Mann gewor- gen selbst von sich: „Ich bin 25 Jahre alt!“den sein, der nicht mehr mit derselben Man muss ihm das natürlich nicht glau-Leidenschaft an die Macht strebt. ben, obwohl man bei Sarkozy nie aus- „Ich bereue“ – hat er ein paar Tage zu- schließen darf, dass es ernst gemeint seinvor den Zuschauern während einer Sen- könnte.92 D E R S P I E G E L 1 5 / 2 0 1 2
    • Venizelos: Das Land braucht jemanden mit Erfahrung und Entschlossenheit, um schwierige Entscheidungen zu treffen. Es geht ja neben all den Milliarden auch darum, dass Griechenland seinen Ruf wiederherstellt. SPIEGEL: Die vergangenen Monate haben vor allem kleineren Parteien Zulauf ver- schafft, die gegen den Kreditvertrag sind. Wird Griechenland dann für Sie nicht un- NIKOS CHRISIKAKIS / AGENTUR FOCUS / DER SPIEGEL regierbar? Venizelos: Die Wähler werden entscheiden. Das Land braucht eine verantwortungs- volle Regierung. Wir müssen ja nicht nur die Beschlüsse unserer Partner umsetzen, sondern eine eigene Agenda für den Um- bau unseres Landes entwickeln. SPIEGEL: Heute ist Griechenland vor allem ein Symbol für den Niedergang. Venizelos: Ja, und das müssen wir schnell ändern. Ich will, dass meine Heimat wie-Sozialistenführer Venizelos: „ Ich will, dass meine Heimat wieder für Hoffnung steht“ der für Hoffnung, Glaubwürdigkeit und Professionalität steht. SPIEGEL: Macht Sie der schlechte Ruf Ihres GRIECHENLAND Landes traurig? Venizelos: Natürlich. Wir sind aber nicht „Das Spiel ist nicht vorbei“ der größte Krisenherd. SPIEGEL: Wie bitte? Venizelos: Griechenland ist ein mittelgro- ßer Staat in Europa, unsere Schulden ma- Pasok-Chef Evangelos Venizelos, 55, verwahrt sich gegen den chen nur 2,5 Prozent der Verbindlichkei- Eindruck, sein Land sei reformunfähig. Er lobt Wolfgang ten aller Mitglieder der Euro-Zone aus. SPIEGEL: Das sieht der deutsche Finanz-Schäuble und erklärt, wie Berlin an Athens Schuldenkrise verdient. minister Wolfgang Schäuble wahrschein- lich anders. Kein Land hat ihn in den ver-SPIEGEL: Herr Venizelos, als Sie im ver- Sozialisten, aber die Partei ist nicht mein gangenen zwei Jahren so beschäftigt wiegangenen Jahr vom Verteidigungs- zum Eigentum. Griechenland.Finanzminister wurden, haben Sie gesagt: SPIEGEL: Was ist Ihr Plan für Griechenland? Venizelos: Wolfgang Schäuble ist in diesen„Jetzt ziehe ich in den wahren Krieg.“ Ist Wo soll Ihr Land in zehn Jahren stehen? Monaten ein Freund von mir geworden.dieser Krieg nun vorbei? Venizelos: Ich will, dass mein Land wieder Wir wollen beide unsere Länder schützenVenizelos: Nein, das zweite Rettungspaket allein über sein Schicksal bestimmen – und das hat naturgemäß zu unterschied-für unser Land ist verabschiedet und der kann – und wir nicht mehr von anderen lichen Prioritäten geführt. EntsprechendSchuldenschnitt geglückt. Das ist nicht finanziell abhängig sind. Dafür müssen unterscheiden sich unsere Ansichten.nur das Ergebnis meiner persönlichen An- wir die Regeln unseres gesamten Staates SPIEGEL: Schäuble hat vorgeschlagen, diestrengungen, sondern eine Leistung aller und der Gesellschaft verändern. Das Wahlen in Griechenland zu verschieben.meiner Kollegen in der Euro-Zone, der Projekt ist sehr ambitioniert: Wir müssen Venizelos: Jeder in der EU respektiert dieVertreter der Europäischen Zentralbank Opfer bringen, dürfen aber auch nicht in Souveränität der Staaten, die Organisa-und des Internationalen Währungsfonds. Hoffnungslosigkeit verfallen. Der erste tion von Wahlen ist eine Frage der natio-Der Rahmen ist nun sicherer, aber das Schritt sind die Neuwahlen, die hoffent- nalen Politik. Da braucht es keinen DruckSpiel ist längst nicht vorbei. Vor uns liegt lich im Mai stattfinden werden. von außen. Die große Mehrheit der Grie-ein langer und schwieriger Weg. SPIEGEL: Den etablierten Parteien droht chen akzeptiert die Notwendigkeit zuSPIEGEL: Sie sind seit Jahrzehnten in der dabei ein Desaster. Bei den letzten Wah- Reformen und will, dass unser Land inPolitik aktiv und haben sich gerade zum len im Oktober 2009 vereinigten Sozia- der Euro-Zone bleibt.Chef der Sozialisten wählen lassen. Nun listen und Konservative noch fast 90 Pro- SPIEGEL: Sind die Deutschen bei der Ret-wollen Sie der Ministerpräsident werden, zent der Stimmen auf sich. Nach aktuel- tung Griechenlands zu hart vorgegangen?der den Neustart Griechenlands verkör- len Umfragen kommen sie gemeinsam Venizelos: Es sollte immer allen Beteiligtenpert. Ist das glaubwürdig? gerade noch auf knapp 40 Prozent. Ist die klar sein, dass wir zwar über Zahlen undVenizelos: Ich bin erst seit 18 Jahren im Zweiparteienherrschaft der vergangenen Reformen verhandeln, dahinter aber im-griechischen Parlament. Der Kandidat vier Jahrzehnte zu Ende? mer Menschen stehen, über deren Schick-der Konservativen, mein Rivale Antonis Venizelos: Wir Sozialisten haben noch vier sal entschieden wird.Samaras, sitzt bereits seit Ende der sieb- Wochen Zeit, um den Leuten klarzu- SPIEGEL: Sie waren neun Monate langziger Jahre im Parlament. machen, dass nur wir einen umfassenden Finanzminister. Wie haben Sie es emp-SPIEGEL: Die Familie des ehemaligen Pre- Vorschlag haben, wie das Land zur Nor- funden, als Bittsteller nach Brüssel zumierministers Georgios Papandreou hat malität zurückkehren kann. reisen?Ihre Partei Pasok über Jahrzehnte domi- SPIEGEL: Bis jetzt sieht es so aus, als woll- Venizelos: Zwischen meinem ersten Tref-niert. Wird die sogenannte Papandreou- ten die Griechen weder von Ihnen noch fen mit den europäischen Kollegen imPartei jetzt zur Venizelos-Versammlung? von Herrn Samaras gerettet werden. Die Juni 2011 und dem letzten Treffen imVenizelos: Nein, ich gehöre keiner poli- Zustimmung zu den Hilfspaketen hat vor vergangenen Monat lag ein sehr langer,tischen Dynastie an. Ich bin Chef der allem Sie viele Sympathien gekostet. schmerzvoller Weg: Zunächst ging es dar- D E R S P I E G E L 1 5 / 2 0 1 2 93
    • Auslandum, überhaupt die Glaubwürdigkeit des lange die notwendige Unterstützung be- SPIEGEL: Sind die Forderungen der TroikaLandes wiederherzustellen. Beim letzten kommen, bis wir wieder an privates Geld zu ambitioniert?Mal war es viel leichter, weil ja die Um- kommen. Venizelos: Ich bin Mitglied einer sozialis-schuldung unter Dach und Fach war. SPIEGEL: Warum tut sich Griechenland mit tischen Partei, aber in den meisten Län-SPIEGEL: Trotzdem findet man in Deutsch- der Umsetzung der von der Troika gefor- dern Europas gibt es konservative Regie-land fast niemanden, der glaubt, dass derten Reformen so schwer? rungen. Deren Auflagen muss ich ak-Griechenland jetzt gerettet ist. Venizelos: Wir hatten zu wenig Zeit. In den zeptieren – zumal Griechenland auchVenizelos: Ich respektiere die öffentliche vergangenen zwei Jahren war viel zu tun. Fehler gemacht hat. Klar ist aber auch:Meinung in Deutschland, aber für mich Überall gab es nur schlechte Nachrichten, Wenn wir einige Elemente des zweitenist der Bericht der Troika entscheidend. Ausgaben, Löhne und Gehälter wurden Hilfspakets wie den Schuldenschnitt undDer beinhaltet nun deutlich realistischere gekürzt, Steuern erhöht. Da fällt es schwer, die niedrigeren Zinskosten früher um-Annahmen als zuvor – und sagt voraus, die Zustimmung der Bevölkerung für die gesetzt hätten, wären wir jetzt schondass unsere Schulden 2020 nur noch rund notwendigen Reformen zu bekommen. weiter.116 Prozent unserer Wirtschaftsleistung SPIEGEL: Sie riskieren aber auch die Un- SPIEGEL: Falls Sie Premierminister werden,entsprechen. terstützung der Geldgeber, wenn Sie die verhandeln Sie das Hilfspaket also nichtSPIEGEL: Das ist noch immer ein sehr ho- wichtigsten Reformziele verfehlen. Ei- nach – so wie es Ihr konservativer Gegnerher Wert, zumal Griechenland im Ver- gentlich hat die Regierung für 2011 Priva- Samaras angekündigt hat?gleich zu anderen Ländern Venizelos: Es gibt alle drei Mo-mit ähnlichen Schuldenquo- nate eine Überprüfung, obten keine wettbewerbsfähige das Programm funktioniert.Wirtschaft hat. Glauben Sie Wir sind bereit, die Vorgabentrotzdem, dass Ihr Land die- umzusetzen, aber sie könnense Verbindlichkeiten tragen auch angepasst werden.kann? SPIEGEL: Griechenland befin-Venizelos: Das sagen zumin- det sich im fünften Jahr derdest die Experten der Troika. Rezession. Es wird gespart,SPIEGEL: Glauben Sie es eben- die Wirtschaft schrumpft.so? Diese Abwärtsspirale kannVenizelos: Acht Jahre sind nur durch Wachstum durch-eine lange Zeit. Bis 2020 brochen werden. Wo soll daskann vieles passieren, das herkommen?wir heute gar nicht erwarten. Venizelos: Einige Leute mö-Wenn sich Griechenland erst gen Vorurteile gegen Grie-einmal berappelt hat, ist eine chenland haben, aber wirsehr dynamische Entwick- werden ihnen zeigen, dasslung möglich. sie unrecht haben.SPIEGEL: Die neuen Staats- SPIEGEL: Aber es ist doch un-anleihen, die Griechenland strittig, dass die Reformennach der Umschuldung aus- viel zu langsam vorankom-gegeben hat, haben bereits men. Im vergangenen Jahrdramatisch an Wert verloren. sollten 30 000 Beamte ent-Venizelos: Die Märkte haben lassen werden, nur 7000 sindein sehr kurzes Gedächtnis. tatsächlich gegangen, dieDas kann sich schnell ändern. meisten davon hätten sichSPIEGEL: In wenigen Jahren eh in den Ruhestand verab- ALKIS KONSTANTINIDIS / DPAwerden etwa 80 Prozent aller schiedet.griechischen Schulden in der Venizelos: Wir wollen uns aufHand öffentlicher Gläubiger Strukturreformen konzen-wie der Europäischen Zen- trieren und allgemeine Kür-tralbank und der Euro-Staa- zungen bei Löhnen und Ren-ten sein. Bekommen alle ihr ten vermeiden. Aber im JuniGeld zurück? müssen wir unsere mittelfris-Venizelos: Natürlich. Der deutsche Steuer- tisierungserlöse in Höhe von fünf Milliar- tige Finanzplanung beschließen, und ichzahler profitiert doch von der guten Geld- den Euro angepeilt – nur ein Drittel da- schließe nicht aus, dass es weitere Kür-anlage der deutschen Regierung. von wurde erreicht. zungen gibt, um die Auflagen des Hilfs-SPIEGEL: Sie finden, die Deutschen sollen Venizelos: Das Privatisierungsprogramm programms zu erfüllen.sich freuen, dass ihre Regierung Griechen- muss schneller vorankommen – und das SPIEGEL: Wird das Volk das dulden, wirdland helfen darf? Ist das Ihr Ernst? wird es auch. Aber wir brauchen auch Athen dann wieder brennen?Venizelos: Ja. Der deutsche Finanzminister die Unterstützung der EU-Kommission. Venizelos: Die Reformen werden schmerz-kann sich fast kostenlos Geld leihen und In einigen Bereichen würde die Regie- haft. Ohne die Unterstützung der Bevöl-gibt es für ein paar Prozent Zinsen an rung gern schneller reformieren, aber die- kerung können wir sie nicht umsetzen.uns weiter. Deutschland hat in den ver- ses Ziel kollidiert mit dem europäischen SPIEGEL: Ist es denkbar, dass Griechenlandgangenen zwei Jahren bereits rund 400 Recht. Das ist ein großes Problem. die Euro-Zone am Ende doch noch ver-Millionen Euro an uns verdient. SPIEGEL: Ein großes Problem wird auch lässt?SPIEGEL: 2015 will Griechenland sich wie- sein, dieses Jahr sogar elf Milliarden Euro Venizelos: Nein, wir erleben gerade dieder an den Finanzmärkten refinanzieren. durch Privatisierungen zu erlösen. kritischste Phase der Rettung unseres Lan-Ist das realistisch? Venizelos: Wir machen Fortschritte. Für des. Wenn wir die durchstehen, wird sichVenizelos: Wir haben ein Bekenntnis aller die staatliche Erdgasgesellschaft Depa diese Frage bald nicht mehr stellen.Mitglieder der Euro-Zone, dass wir so etwa gibt es immerhin 17 Bieter. INTERVIEW: SVEN BÖLL, JULIA AMALIA HEYER94 D E R S P I E G E L 1 5 / 2 0 1 2
    • SCOTT NELSON / AGENTUR FOCUS / DER SPIEGELVerladeterminal bei Basra: „Die müssen schon so ziemlich alles falsch machen, damit dieses Land nicht in ein paar Jahren boomt“ IRAK Der Super-Gigant Seit dem Fall Bagdads wartet die Welt auf das Öl des Irak. Nun, Monate nach dem Abzug des letzten US-Soldaten, hat das Land die Chance zum wirtschaftlichen Durchbruch.Hält einer der größten Ölstaaten der Welt, was sich die Energie-Multis von ihm versprechen?E s ist ein feiner Unterschied zwi- könnte? FC Exxon Samarra? Mobil Basra und die Lagertanks zu reparieren. Zwölf schen Herablassung und Demüti- United? Ein kühner Gedanke. Jahre Sanktionen, die Invasion, der Bür- gung. Welcher Iraker wüsste das Dann, fast eine Stunde nach ihrem gerkrieg danach, die Terroranschläge aufbesser als Hussein al-Schahristani. Zwölf-Uhr-Termin im Adnan-Palast in der Arbeiter, Ingenieure und Anlagen haben Zwei Manager des weltgrößten priva- Hochsicherheitszone von Bagdad, klin- den Aufbau der Ölindustrie um Jahre zu-ten Energiekonzerns ExxonMobil sitzen gelt endlich das Telefon, und die Sekre- rückgeworfen. Bis heute produziert dasim Vorzimmer von Bagdads mächtigstem tärin bittet die beiden Amerikaner mit- Land kaum mehr als die knapp 2,5 Mil-Ölbeamten und warten. Zehn Minuten zukommen. Doktor Schahristani habe lionen Barrel pro Tag, die es schon vorlang halten sie sich aufrecht, jederzeit be- jetzt Zeit für sie. dem Irak-Krieg exportierte.reit aufzuspringen, sobald Schahristani Seit neun Jahren wartet die Welt auf Und bis heute hat das Land kein ver-nach ihnen fragt. Aber Schahristani fragt das Öl des Irak. Seit dem Sturz Saddam bindliches Öl- und Gasgesetz. Araber undnicht. Sie sinken ein wenig zusammen in Husseins 2003 haben Politiker in Bagdad Kurden, Sunniten und Schiiten streitenihren tiefen Fauteuils und fangen an, mit und Washington angekündigt, das Land genauso erbittert um die Verteilung künf-ihren Smartphones zu spielen. Nach einer werde seinen Erdölexport verdoppeln, tiger Ressourcen wie vor fünf Jahren, alshalben Stunde fragen sie ihren irakischen verdreifachen, verfünffachen. Mit seinem das Parlament zum ersten Mal über dasBegleiter, ob etwas nicht stimme. Dann Ölreichtum, hatte Paul Wolfowitz, einer Gesetz beriet.hat die Sekretärin ein Einsehen und ruft der Architekten des Irak-Kriegs, schließ- Vor drei Monaten schließlich hat dereinen Mitarbeiter, um den Besuchern die lich versprochen, werde das Land seinen letzte US-Soldat den Irak verlassen – undZeit zu vertreiben. Sie erzählen ihm von Wiederaufbau selbst finanzieren. mit ihm die Gewissheit, dass im schlimms-ihrer Anreise aus Dubai, über die Fuß- Es waren leere Versprechen. Jahrelang ten aller Fälle eine Armee bereitstünde,ball-Liga von Katar, am Ende wagen sie ist es weder den Irakern noch ihren Be- um das Land vor einem neuerlichen Ver-eine vorsichtige Frage: Ob es wohl denk- satzern gelungen, die vernachlässigten sinken im Bürgerkrieg zu retten.bar sei, dass ein Ölkonzern einmal eine Ölfelder zu entwickeln, die Löcher in den Warum also warten zwei amerikani-Fußballmannschaft im Irak sponsern Pipelines zu stopfen, die Pumpstationen sche Ölmanager aus der ExxonMobil- D E R S P I E G E L 1 5 / 2 0 1 2 95
    • AuslandZentrale in Irving, Texas, so geduldig auf 13 Millionen Barrel – das ist eine ma- und auf Ölbohrinseln vor Kuwait undeinen Termin bei Doktor Schahristani? gische Zahl: Sie ist um eine Million Barrel Iran. Im Frühjahr 2003, erzählt er, sah er Es hat, nach der deprimierenden Ver- höher als die maximale Förderquote Sau- von dort die ersten Cruise Missiles, diegangenheit des Irak, wohl mit der Zu- di-Arabiens, des einzigen Opec-Staates, von US-Zerstörern auf Saddams Irak ab-kunft dieses Landes zu tun, mit seinen der über die sogenannte swing capacity gefeuert wurden. „Ich habe mir damalsnach wie vor atemberaubenden wirt- verfügt: die Fähigkeit, den Ausfall jedes nicht vorstellen können, dass es fast zehnschaftlichen Aussichten: Um mindestens anderen Mitgliedstaates auszugleichen. Jahre dauern würde, bis wir auch hierein Zehntel der heutigen Weltfördermen- Wie viel das Land tatsächlich fördern ernsthaft anfangen zu buddeln.“ge wird der Ölbedarf in den kommenden werde, hänge von der Nachfrage und vom Bei allem Zynismus, den eine Karriere20 Jahren steigen. 90 Prozent dieses Be- Ölpreis ab, sagt Schahristani. Exportiere auf den Ölfeldern dieser Welt in einemdarfs dürften Quellen im Nahen Osten Bagdad auch nur acht Millionen Barrel Menschen hinterlässt – Mallia ist guterund in Nordafrika decken. Die meisten pro Tag, käme das beim derzeitigen Öl- Dinge und hält für sinnvoll, was er hierStaaten dieser Region fördern heute aber preis einer Bruttotageseinnahme von tut: „Der Irak ist doch der Hit in der Öl-am Rande ihrer Kapazität, manche von knapp einer Milliarde Dollar gleich – welt“, sagt er. „Die Chinesen und die In-ihnen stecken mitten in Aufständen und mehr Geld, als das kriegszerstörte Land der brauchen den Stoff, die Iraker habenRevolutionen, anderen steht ein gewalt- in seiner heutigen Verfassung überhaupt ihn. Die müssen schon so ziemlich allessamer Umbruch womöglich noch bevor. in der Lage wäre zu absorbieren. falsch machen, damit dieses Land nicht Der Irak ist das derzeit einzige Land Waren solche Zahlen nach 2003 nicht in ein paar Jahren boomt.“der Region, das die Ressourcen hat, den das Papier wert, auf dem sie standen, lässt Tag und Nacht treibt Mallia von seinemÖlbedarf der kommenden Jahre fast im sich inzwischen auf den Ölfeldern des Bohrturm eine Stange nach der anderenAlleingang zu decken: 115 Milliarden Bar- Irak beobachten, dass die Arbeit tatsäch- in den lehmigen Boden. Zwei Schächterel gesicherte und bis zu 200 Milliarden lich vorangeht. In den Palmenhainen ein hat er gebohrt, die erste Quelle fördertBarrel vermutete Reserven lagern, seit paar Kilometer östlich von Bagdad, einer bereits 2000 Barrel pro Tag, der zweitezwei Jahrzehnten weitgehend unangetas- Gegend, in die sich Ausländer jahrelang Schacht hat in 3600 Meter Tiefe geradetet, in den geologischen Tiefen des Irak. nur in schwerbewaffneten Konvois hin- sein Ziel erreicht. Zwei junge kanadische Hussein Schahristani, 69, vier Jahre auswagten, bohrt mittlerweile Raymond Ingenieure berechnen mit Sonden den zulang Ölminister und Ende 2010 zum Vi- Mallia aus Malta nach dem schweren, erwartenden Ertrag. Es wird Hundertezepremier befördert, hat den Auftrag, nach Schwefel stinkenden Öl des East- solcher Schächte brauchen, bis das East-Iraks gewaltigen Schatz zu heben. Er Baghdad-Feldes. Baghdad-Feld auch nur annähernd aus-weiß, dass die Zeit drängt und dass er auf East Baghdad ist mit mehr als acht Mil- gebeutet werden kann. Da es in dicht-die Hilfe der großen internationalen liarden Barrel förderbarem Öl ein soge- besiedeltem Gebiet liegt, geht die ArbeitÖlkonzerne angewiesen ist. Er scheint nannter Super-Gigant. Ölfelder dieser viel langsamer voran als in den Wüsten-aber auch zu wissen, was er von ihnen Größe gibt es nur ein paar Dutzend auf gebieten des Südirak.verlangen kann. 1979 hat sich der Atom- der Welt, und East Baghdad ist selbst in Sein Vorgesetzter Madschid Abdullah,physiker, ein frommer Schiit, Saddams diesem exklusiven Kreis eine Ausnahme: 61, hat wie Mallia 30 Jahre lang im Aus-persönlichem Befehl widersetzt, ein mi- Ein Teil des Feldes liegt unter der Sie- land gearbeitet; vor einem Jahr entschlosslitärisches Nuklearprogramm aufzubau- ben-Millionen-Stadt Bagdad, unterhalb er sich, endgültig in sein Geburtsland zu-en. Dafür saß er elf Jahre lang im Kerker des im Bürgerkrieg besonders brutal um- rückzukehren. Wäre er erst 30, sagt er,von Abu Ghuraib und wurde gefoltert. kämpften Schiitenviertels Sadr City. hätte er das nicht getan, aber für die Zeit,Schahristani ist berüchtigt für seinen Ei- Raymond Mallia, 54, hat in Libyen und die ihm noch bleibe, gehe er jetzt das Ri-gensinn und seine starken Nerven. Kasachstan gearbeitet, in Bangladesch siko ein, auf ein paar stabile Jahre in sei- Im Frühjahr 2009 schrieb er eine erste ner unsteten Heimat zu vertrauen. „EastRunde von sogenannten Service-Verträ- Baghdad ist für mich das bequemste Öl-gen für Iraks größte Ölfelder aus – Ab- feld meines Lebens: Ich kann nach jederkommen, bei denen die Ölmultis eine Schicht nach Hause fahren und in mei-gewisse Summe pro gefördertes Barrel nem eigenen Bett schlafen.“erhalten, das Öl aber bis zum Verkauf Abdullahs Zuversicht hat keinen poli-Eigentum ihres Gastlandes bleibt. Die tischen Dreh, sie ist die eines Fachmanns.Ausschreibung scheiterte, weil die Multis Öl zu fördern, das weiß er spätestens seitmit den gebotenen Summen unzufrieden seiner Flucht aus dem revolutionären Li-waren und andere Konzessionen wollten byen, reicht allein nicht aus, um eine– Verträge, bei denen sie mit einem Teil nachhaltige Wirtschaft aufzubauen undder Fördermenge entlohnt werden, die einen stabilen Staat zu errichten. Essie dann als Sicherheit für ihre Börsen- braucht ein Mindestmaß an Sicherheitgeschäfte nutzen können. Schahristani und an juristischer und politischer Bere-wurde nur einen einzigen Vertrag los. chenbarkeit. Und es braucht Pipelines, Doch er blieb hart, und in der zweiten Pumpen, Rückhaltedepots und sichere KAMARAN NAJM / METROGRAPHY / DER SPIEGELRunde fügten sich die ersten Ölmultis, in Häfen, um das Erdöl zu exportieren.einer dritten zogen die anderen nach. In- An den Häfen immerhin wird jetzt ge-zwischen bohren alle großen internatio- baut: Anfang März ging an der Mündungnalen Konzerne nach irakischem Öl, die des Schatt al-Arab die erste von vier neu-britische BP und die britisch-niederlän- en Moorings-Stationen in Betrieb – riesi-dische Shell, Lukoil und Gazprom aus gen, an Tiefsee-Bojen montierten Tank-Russland, Italiens Eni, Malaysias Petronas stellen, an denen Ölschiffe befüllt wer-und Chinas CNPC. Sie haben sich ver- den. Bislang verfügte der Irak nur überpflichtet, insgesamt mehr als 100 Milliar- einen funktionsfähigen Ölterminal, vonden Dollar zu investieren und Iraks För- dem das wirtschaftliche Überleben desderkapazität bis 2017 auf 13 Millionen Vizepremier Schahristani ganzen Landes abhing: 95 Prozent desBarrel pro Tag auszubauen. Berüchtigt für seine starken Nerven Staatshaushalts werden aus dem Ölexport96 D E R S P I E G E L 1 5 / 2 0 1 2
    • 48 überwiegend kleinere Firmen in Ira- kisch-Kurdistan. Im November wurde bekannt, dass mit ExxonMobil auch ein erster internatio- naler Ölmulti einen Vertrag mit den Kur- den geschlossen hatte. Hussein Schahris- tanis Stimme wird kalt und schneidend, KAMARAN NAJM / METROGRAPHY / DER SPIEGEL wenn er über die beiden ExxonMobil- Vertreter spricht, die er eine Stunde in seinem Wartezimmer hat sitzen lassen: „Firmen, die solche Verträge schließen, haben kein Recht, auf irakischem Terri- torium zu arbeiten.“ Mehr habe er zu Ex- xon nicht zu sagen. Es ist nicht der Ton, den Unternehmer gern hören, die Milli- Ölarbeiter am East-Baghdad-Feld arden in einem Land investieren, das ge- rade aus einem Bürgerkrieg erwacht ist. Doch die rechtliche Unsicherheit ist einDie größten Ölfelder im Irak abstraktes Problem, verglichen mit einemGeschätzte Reserven in Milliarden Barrel anderen, das dem Aufbau einer moder- Kirkuk nen Ölindustrie täglich im Wege steht:zum Vergleich TÜRKEIGesicherte Reserven in derNordsee: rund 10 Mrd. 8,7 Der Irak ist eines der korruptesten Länder der Welt. Die Forderungen, die Funktio- näre der irakischen Ministerien und Pro- vinzräte bei den Verhandlungen erheben, SYRIEN IRAN sind vielfach so dreist und unverschämt, dass dies sogar erfahrene Geschäftsleute Kirkuk verblüfft. „Ich habe einen Minister erlebt, East Baghdad der schlicht nach zwölf Reisebussen für 8,5 seine private Transportfirma fragte“, sagt ein europäischer Ölmanager. IRAK Vermutlich hängt der Aufstieg der Öl- macht Irak eher von der Entwicklung des Bagdad Landes im Inneren ab als von den großen SAUDI-ARA Majnoon geopolitischen Umbrüchen im Nahen Os- B IEN 12,6 ten. Es wird mehr darauf ankommen, ob in Bagdad endlich Strom aus der Steck- dose kommt, ob sauberes Trinkwasser West Qurna fließt und ein zumindest annähernd ver- I und II lässlicher Beamtenapparat seine Arbeit 21 aufnimmt – als auf die Frage, ob Israel Iran angreift und die Straße von Hormus Basra geschlossen wird. Wenn es dem Irak gelingt, seine Öl- Rumaila produktion in den kommenden zwei Jah- 18 KUWAIT ren zu verdoppeln und eine kritische Masse von etwa fünf Millionen Barrel zu erreichen, dann allerdings wird sich tat- 100 km sächlich eine geopolitische Frage stellen. Wo steht der Irak – seit dem Überfall auf Kuwait vor 22 Jahren aus dem Quoten-finanziert – und 80 Prozent dieses Öls kriegs, als die Arbeit auch hinter den system der Opec ausgeschlossen – unterwurden über die acht Füllstutzen des Bas- Splitterschutzmauern lebensgefährlich den führenden Ölstaaten der Welt? Stelltra-Terminals in die Tanker gepumpt. war, halten die Ölfirmen das Risiko heute er sich auf die Seite der Hardliner, die, Eine andere Bedingung für einen nach- aber zumindest für kalkulierbar. Wie lan- wie Iran, Venezuela und früher Libyen,haltigen Ausbau der Ölindustrie scheint ge das so bleibt, ist nicht vorauszusagen. für einen möglichst hohen Ölpreis strei-im Augenblick ebenfalls annähernd er- Denn zwei andere Bedingungen für ten – oder auf die Seite der Gemäßigten,füllt zu sein: die Sicherheit von Ingenieu- den Aufstieg der Ölmacht Irak sind kei- die wie Saudi-Arabien oder die Vereinig-ren, Anlagen und Nachschub. Zwar leben neswegs erfüllt. Solange Bagdad und die ten Arabischen Emirate an einem mög-und arbeiten die Experten der Ölmultis Regierung der Autonomen Region Kur- lichst stabilen Preis interessiert sind?und ihrer Zulieferer auch heute noch in distan im Norden sich nicht auf ein na- „Da kann ich Sie beunruhigen“, sagtschwerbewachten Camps und meiden je- tionales Ölgesetz geeinigt haben, ist der der ehemalige Ölminister Ahmed Tscha-den Schritt vor den Zaun: Nach wie vor Staat zweigeteilt: Die Zentralregierung labi, einer der einflussreichsten irakischenkommt es im Irak täglich zu Bomben- besteht darauf, dass alle Verträge mit in- Politiker, der einst an der Seite der Ame-anschlägen, politischen Morden und Ent- ternationalen Ölfirmen nur von Bagdad rikaner gegen Saddam Hussein kämpfteführungen; 2011 starben dabei über 4000 ausgehandelt werden. Die Regierung der und mittlerweile als Gefolgsmann Tehe-Zivilisten, weit mehr als während der kurdischen Autonomiezone hat aber rans gilt, „gemäßigt war der Irak nochUmbrüche in Ägypten oder Tunesien. schon 2005 begonnen, an Bagdad vorbei nie.“Gemessen an den Jahren des Bürger- Verträge abzuschließen. Bislang arbeiten BERNHARD ZAND D E R S P I E G E L 1 5 / 2 0 1 2 97
    • Ausland USA Sechs Minuten in FloridaNach dem Tod eines schwarzen Jugendlichen flammt in Amerika erneut der Rassenkonflikt auf. Nun muss ein Gericht entscheiden, ob der Täter überhaupt angeklagt wird.A m 26. Februar um 19.11 Uhr kreuz- chen an die Öffentlichkeit. Es stellte sich ten sich in der umzäunten Sied- heraus, dass die Ermittler wohl Martins lung Twin Lakes an der Oregon Leichnam auf Alkohol- und Drogenspu-Avenue von Sanford, Florida, verhängnis- ren hin untersuchten, nicht aber denvoll die Wege zweier ungleicher Men- Schützen Zimmerman. Der diensthaben-schen. Trayvon Martin, 17 Jahre alt, laut de Mordkommissar der Nacht, Chris Se-Polizeibericht 1,82 Meter groß, kam zu- rino, plädierte dafür, den kurzzeitig fest-rück vom Einkauf in einem 7-Eleven-La- genommenen Zimmerman in Haft zu be-den mit einer Dose Arizona Eistee und halten und wegen Totschlags anzuklagen,einer Tüte Skittles-Kaudragees; George während die Staatsanwaltschaft anordne-Zimmerman, 28, laut Polizei 1,75 Meter te, ihn laufenzulassen.groß, aber bewaffnet mit Aus Notrufen von An-einer 9-mm-Pistole Marke wohnern – und einem beiKel-Tec, ging auf eigene der Polizei gespeichertenFaust Streife in seiner Nach- Telefonat mit dem späterenbarschaft. Sechs Minuten Todesschützen selbst – gehtspäter war Trayvon Martin hervor, dass Zimmermantot. Und einen Monat spä- sein Opfer vor der Tat ver-ter wütet in den USA eine folgte und nicht etwa um-neue Debatte über die alte gekehrt. Im Protokoll sei-Wunde des Rassenkonflikts. nes Anrufs bei der Notruf- Martin war schwarz, ein zentrale steht zu lesen,junger Afroamerikaner aus dass er Martin für einenMiami, der in Sanford, ei- „Typen“ hielt, „der nichtsner schön am Lake Monroe Gutes vorhat“. Später sagtgelegenen Vorstadt Orlan- er, ohne Zusammenhang, APdos, seinen geschiedenen Schütze Zimmerman „diese Arschlöcher kom- Solidaritätsdemonstration für Trayvon Martin inVater besuchte. Zimmer- Amerikanischer Jedermann men doch immer davon“.man war weiß, das heißt, Und auf die Frage, ob er Zustand ihrer Gesellschaft erschrickt. Ver-der Polizeibericht nannte ihn so, ehe sich den Verdächtigen etwa verfolge, sagt er: handelt wird die fortschreitende Bruta-herausstellte, dass seine Mutter eine La- „Yeah“. lisierung eines Landes, in dem sich dietina war, worauf seine Verteidiger fortan Die Eltern des Opfers erfuhren von Hälfte der Bundesstaaten inzwischen Ge-großen Wert legten. solchen Unterhaltungen erst, nachdem setze gegeben hat, die einem Europäer Denn Zimmerman, das ist unstrittig, sie bei den Behörden vorstellig wurden. verrückt vorkommen müssen.erschoss Trayvon Martin an jenem Abend Zwei Wochen nach dem Tod ihres Sohnes, Angefeuert und finanziell gesponsertzwischen 19.16 Uhr und 19.17 Uhr. Auf empört über ausbleibende Nachrichten von der Waffenlobby, war Florida derfreiem Fuß ist er dennoch, und erst am von der Polizei, forderten sie Aufklärung erste Staat in den USA, der sich im JahrDienstag nach Ostern wird sich eine über die näheren Umstände und gaben 2005 – unter seinem damaligen Gouver-Grand Jury, besetzt mit 18 Geschworenen, damit den Anstoß zur nationalen Debatte. neur Jeb Bush, dem Bruder des Ex-Präsi-der Frage widmen, ob gegen ihn Anklage Viel Vertrauen in die Behörden hatten denten George W. – ein neues Gesetz zuzu erheben sei. sie nicht: Den Vater des Opfers, Tracy Fragen der Notwehr bastelte. Aus der gel- Die Frage, die das Land spaltet, lautet, Martin, der mit seiner neuen Verlobten tenden Gesetzeslage, dass es im Gefah-ob Zimmerman die Tat kaltblütig verübte, am Abend des 26. Februar im Kino war, renfall erste Pflicht des Bürgers sei, sichaus rassistischen Motiven gar, oder ob er, suchten die Polizisten von Sanford erst der Gefahr wenn möglich zu entziehen,ganz am Ende von Martin attackiert, aus gar nicht, sondern ließen ihn ahnungslos wurde die markige Parole: „Stand yourNotwehr handelte und folglich, nach ame- zu Bett gehen. Als er sein Kind tags dar- ground“, was ungefähr so viel heißt wie:rikanischem Verständnis, zu einer „ge- auf als vermisst melden wollte, bekam er „Behaupte dich“.rechtfertigten Tötung“ schritt. Besuch von Beamten, die ihm kurzer- Im Gesetz von Florida – dem ähnliche Die bislang bekannten Zeugenaussa- hand ein Foto seines toten Sohnes hin- in 25 weiteren US-Bundesstaaten folgtengen dazu sind widersprüchlich und uner- hielten und um Identifizierung baten. – wird einem Bürger, „der attackiertgiebig. Dasselbe gilt für den Ablauf der Der Furor der Diskussionen, die erst wird“, jetzt bescheinigt, er habe geradepolizeilichen und staatsanwaltlichen Er- aus Solidarität mit den Eltern begonnen „keine Pflicht, sich zurückzuziehen“. Ermittlungen, die in vielen politischen Fern- haben, nun aber in giftigen Streit mit den habe im Gegenteil „das Recht, sich zu be-seh-Talkshows als der eigentliche Skandal Verteidigern Zimmermans münden, er- haupten, Gewalt mit Gewalt zu begegnen,diskutiert werden. Immer neue, verstö- klärt sich damit, dass wenigstens die einschließlich tödlicher Gewalt“, um sichrende Einzelheiten kommen seit zwei Wo- Hälfte der Amerikaner über sich und den vor Tod oder Versehrtheit zu schützen.98 D E R S P I E G E L 1 5 / 2 0 1 2
    • verkreuzen: „Wir können einen schwar- zen Mann im Weißen Haus haben, aber wir können ein schwarzes Kind nicht durch eine Wohnsiedlung laufen lassen.“ Wie weit sich die Debatte hochgeschau- kelt hat, lässt sich auch daran messen, wie seit Wochen die sozialen Netzwerke glü- hen. Eine Online-Petition für die Festnah- me Zimmermans wurde von weit über zwei Millionen Menschen gezeichnet. Im Twitter-Dienst rattern die Kurznachrich- ten in Sachen „#trayvon“ im Minutentakt unter Beteiligung von Justin Bieber und Regisseur Spike Lee, der vergangene Wo- che Zimmermans Adresse weitergetwit- tert hatte, tatsächlich aber eine völlig un- beteiligte Familie der geballten Wut eines digitalen Mobs aussetzte. Auch der „Mann im Weißen Haus“ hat sich eingemischt, mit ruhigen Worten der Empathie. Am Ende einer Pressekonfe- renz sagte US-Präsident Barack Obama, er fühle mit den Eltern, und: Hätte er einen Sohn, „sähe er aus wie Trayvon“. Er empfahl den Amerikanern, den tragi- schen Fall zum Anlass zu nehmen, „ihre Seelen zu erforschen“. Das muss auch für die Feinde Zimmer- mans gelten. Nach allem, was über ihn bekannt ist – er selbst hat sich öffentlich noch nicht geäußert –, ist er ein amerika- nischer Jedermann, der an seine Version von Recht und Ordnung glaubt, gern Poli- zist geworden wäre, aber dann doch nur ein kleiner Versicherungsvertreter wurde. 46-mal hat er in den vergangenen Jahren POLARIS / LAIF den Notruf der Polizei wegen Kleinigkei- ten angerufen, es scheint, er hätte einen guten Blockwart abgegeben.Sanford: „Wir können ein schwarzes Kind nicht durch eine Wohnsiedlung laufen lassen“ Wie Zimmerman nicht nur grundböse war, so war auch Trayvon Martin nicht Derlei Bestimmungen haben, folgt man März zu Kundgebungen nach Sanford nur gut, sondern ein gewöhnlicher Teen- den Berichten der seriösen amerikani- rief, kamen die Menschen zu Tausenden, ager in Amerika. Es kursieren Geschich- schen Zeitungen, Polizei und Justiz derart und das Schauspiel wiederholt sich seit- ten, dass er wochenweise von der Schule verwirrt, dass in der Zwischenzeit selbst her fast täglich irgendwo in den USA. verwiesen wurde, weil er Wände mit Graf- Bandenkriminelle nach Schießereien er- Die Demonstranten tragen Kapuzen- fiti besprühte oder Spuren von Marihuana folgreich auf Notwehr plädieren und auch pullover wie das Opfer, und sie tragen im Rucksack hatte. Ein schlechter Schüler andere Angeklagte als vermeintlich wehr- Schilder, auf denen steht: „Ohne Gerech- war er nicht, es heißt, er habe Pferde ge- hafte Opfer davonkommen, obwohl sie tigkeit kein Frieden“, „Ich bin Trayvon liebt und das Reiten, es gibt schöne Kin- in Wahrheit zu Mördern wurden. Martin!“, „Hundert Jahre Lynchjustiz“. derfotos von ihm als Sportler, am Abend Die Fakten sprechen ein Urteil über Beim ersten Massenaufmarsch in Sanford, seines Todes wollte er das All-Star-Game die Wirkungen – und die Güte – der neu- unter den sich nur vereinzelt Amerikaner der Basketball-Profiliga ansehen, bei dem en Gesetze: In den Jahren vor der Geset- anderer Hautfarbe mischten, sangen Kevin Durant 36 Punkte machte. zesverabschiedung 2005 wurden in Flori- Frauen „We shall overcome“, und Händ- Wenn seine Angehörigen oder deren da im Durchschnitt 34 Fälle „gerechtfer- ler verkauften T-Shirts mit Martins Por- Anwälte nun solche Geschichten über tigter Tötungen“ aus Notwehr gezählt. trät und solche mit der Parole „Arrest den Jungen erzählen, landauf, landab, auf Zwei Jahre nach dem Inkrafttreten der Zimmerman“. allen Kanälen und rund um die Uhr, fühlt Stand-your-ground-Regel sprang ihre In der Luft lag nicht das 21. Jahrhun- sich das absurd an, so als hätte Trayvon Zahl im Staat erstmals auf über 100. Die dert, sondern die kämpferische Stimmung Martin Verteidigung nötig. Aber selbst Bundespolizei FBI hat ermittelt, dass US- der späten sechziger Jahre, samt den in wenn er, in den letzten Sekunden seines Staaten, die neue Notwehrgesetze erlas- die Luft gereckten Rosen in Fäusten und Lebens, aus Wut vielleicht über die grund- sen haben, 53,5 Prozent mehr Tötungen Schildern, auf denen an die Black Pan- lose Verfolgung, doch noch auf seinen aus Notwehr registrieren. thers erinnert wird. Die hier Versammel- Verfolger George Zimmerman losgegan- Trayvon Martins Fall hat die schwarze ten fühlen sich weiterhin als zweitklassige gen sein sollte – er bleibt doch das Opfer. Minderheit im Land aufgewühlt wie Bürger behandelt, ein Gefühl, das die Er wurde, unbewaffnet, erschossen. Den kaum ein vergleichbares Vorkommnis in überwältigende Mehrheit der schwarzen Gesetzgebern in den USA, der amerika- den vergangenen Jahren. Als der bekann- Amerikaner teilt. Prediger Sharpton rief nischen Gesellschaft bleibt es überlassen, te Bürgerrechtler Reverend Al Sharpton am vergangenen Sonntag aus, wie para- das für verhältnismäßig zu halten. über seinen Haussender MSNBC Mitte dox sich die Gefühle in Amerika derzeit ULLRICH FICHTNER D E R S P I E G E L 1 5 / 2 0 1 2 99
    • Ausland MAGHROUR Auf Jesus’ Pfaden Ein niederländischer Diplomat hat den ersten Wanderführer GLOBAL VILLAGE: für das Westjordanland geschrieben.S tefan Szepesi steht auf einer Wiese, gend. Irgendwann professionalisierte er lästina, das ist ein Land, zusammengehal- überall Klatschmohn, wilde Orchi- seine Ausflüge. Er besorgte sich Karten ten von nicht viel mehr als einer Idee. deen, er atmet tief ein. Vor ihm liegt und stellte fest, dass es nur zwei Arten Welcher Tourist sollte durch diesen Irr-das Wadi Maghrour, ein Tal mit Oliven- gibt: die Karten des israelischen Natur- sinn navigieren?baum-Terrassen, manche der Bäume sind schutzverbands, auf Hebräisch, und die Deshalb begann Szepesi, einen Wan-mehr als hundert Jahre alt. Ein Pfad der Uno, in denen die Kontrollpunkte derführer zu schreiben. Drei Jahre langschlängelt sich durch das Tal, rot-weiß verzeichnet sind. Beide hatten wenig mit hat er daran gearbeitet, die letzten zweimarkiert, elf Kilometer lang, Höhenun- der Realität zu tun, die er auf seinen Aus- Jahre in Teilzeit: zwei Tage Nahostquar-terschied: 400 Meter, Schwierigkeitsgrad: flügen entdeckte: gastfreundliche Men- tett, drei Tage Wandern. Als er anfingmittel. schen, ursprüngliche Dörfer, römische zu schreiben, gab es noch Hoffnung auf Szepesi hat diesen Weg entdeckt und Ruinen, fast unangetastet. Frieden. Doch seit fast zwei Jahren stecktbeschrieben: den Wanderweg 23, vom Man könne im Westjordanland hervor- alles fest. Und der Diplomat fragte sich:Dorf Batir bis nach Beit Jala bei Betle- ragend wandern, sagt Szepesi. Es gibt die „Was zum Teufel mache ich hier eigent-hem. Im Westen und im lich? Ich schreibe ein BuchNorden die Grüne Linie, über Wandern in Palä-die Grenze zu Israel, im stina?“Osten der Checkpoint, im Doch das Projekt wuchs.Süden israelische Siedlun- Er warb palästinensischegen. Und mittendrin diese Guides an, rekonstruierteInsel der Ruhe, vermessen Namen von Orten, er über-und von der Unesco für gut redete Gemeinden, die We-befunden, eines Tages ge zu markieren. Es warWeltnaturerbe zu werden. nicht immer einfach. DieWenn nicht Israel hier eine Palästinenser verstandenMauer baut, so wie es ge- oft nicht, was dieser merk-plant ist. würdige Niederländer woll- AMIT SHABI / LAIF / DER SPIEGEL Doch um Politik geht es te. Wenn er nach dem Wegnicht. Es geht um das Wan- fragte, sagten sie: „Immerdern, in der Hand hält Sze- der Straße nach, am bestenpesi ein Buch, es trägt den nimmst du ein Taxi.“ Erunwahrscheinlichen Titel musste erklären, dass er„Walking Palestine“. 25 Ta- den schönsten Weg suchte,geswanderungen für Palä- nicht den schnellsten. Pa-stina mit Routenbeschrei- Autor Szepesi: „Am besten nimmst du ein Taxi“ lästinenser wandern kaum.bungen, Empfehlungen für Er hat in seinem Buch fürRestaurants und Unterkünf- sie kurze Routen erstellt.te. Die Fotos zeigen: Blu- Ein, zwei Stunden: Schnup-men, Vögel, Schmetterlinge, außerdem Wüste, es gibt Berge, schroffe Täler. Eine perwandern in der Heimat. Kilometer 4,9:Klöster, Schafhirten, Menschen auf Eseln. arabische Toskana, zumindest wenn man Restaurant Maghrour. Szepesi hat daraufEs ist ein anderes Palästina als das in den auf einige Grundregeln achtet: auf einen geachtet, dass möglichst oft ein Restau-Abendnachrichten, aber sehr ähnlich dem sicheren Parkplatz fürs Auto und etwas rant an der Strecke liegt. Der BesitzerPalästina, durch das Jesus wanderte. Entfernung zu palästinensischen Städten, tischt warmes Fladenbrot auf, Salate, Szepesi weiß, dass Palästina andere Pro- israelischen Siedlungen und Militäran- gegrilltes Fleisch. Der Niederländer isstbleme hat als Wanderwege. Er kennt diese lagen. hastig, er hat einen Termin bei der palä-Probleme besser als die meisten. Der Nie- Während Szepesi weiterläuft, vorbei stinensischen Tourismusministerin, diederländer, 32 Jahre alt, lebte bis vor kur- an Bauern, die gerade ihre Terrasse neu Exemplare bei ihm bestellen will. Eszem in Ostjerusalem. Er arbeitete als Be- zementieren, erzählt er, dass er Wandern könnte bald sehr viel mehr Wanderer inrater zuerst für die EU, dann für das Nah- immer langweilig fand. Er fuhr lieber Palästina geben.ostquartett, das Frieden zwischen Israel Mountainbike, lief Marathon; aber hier Stefan Szepesi hat inzwischen beimund Palästina stiften soll. Damit war Sze- begann er, das Wandern zu lieben. Nach Nahostquartett gekündigt, er ist seit kur-pesi einer dieser vielen Diplomaten, die einem Jahr dachte er sich, es wäre schön, zem Geschäftsführer der gemeinnützigenPalästina vor allem aus einem Gelände- diese Freude zu teilen. Initiative Abrahamsweg. Die will einenwagen mit CD-Kennzeichen wahrnehmen Bisher fahren die meisten Touristen nur Wanderpfad für Touristen entwickeln,und am Wochenende entweder nach Tel nach Betlehem. Palästina hat zwar viel entlang der biblischen Route AbrahamsAviv oder ans Tote Meer fliehen. zu bieten, aber keiner traut sich her. Das von der Türkei über Syrien und Palästina Er aber setzte sich in sein Auto und liegt auch daran, dass es so zersplittert bis nach Israel, 1200 Kilometer. Szepesifuhr ins Westjordanland. Er stieg aus, wo ist, in Militärgebiete, Siedlungen und wandert jetzt nur noch, Vollzeit.es ihm gefiel, und wanderte durch die Ge- Sperranlagen, in Zonen A, B und C. Pa- JULIANE VON MITTELSTAEDT100 D E R S P I E G E L 1 5 / 2 0 1 2
    • Szene AU S ST E L LU N GE N Schätze in der DamenhandtascheSeine Mutter ist schuld. Sie ließ ihrenSohn nie in ihre Handtasche blicken.Also interessierte sich Hans-Peter Feld-mann, 1941 in Düsseldorf geboren,umso mehr für die Handtaschen frem-der Frauen. Irgendwann, da war er einälterer Herr und ein weltweit erfolg- RON JAFFE / AMC COURTESY EVERETT COLLECTIONreicher Künstler, sprach er sogar ihmunbekannte Damen auf der Straße an.Er überredete sie dazu, ihm ihre Ta-schen zu verkaufen, wobei es ihm vorallem um den Inhalt ging, um Creme-dosen, Kreditkarten, Adressbücher.Nun widmet die renommierte Londo-ner Serpentine Gallery dem Fotogra-fen und Konzeptkünstler eine umfas- Paré in „Mad Men“sende Schau, sie beginnt am Mittwoch nach Ostern, und dort werden FERNSEHEN auch diese Schät- ze zu sehen sein, präsentiert wie archäologische Fundstücke in Küsschen für Don HANS-PETER FELDMANN, VG-BILDKUNST BONN 2012 Vitrinen (bis 5. Der Auftritt ist ein Versprechen, eine Verheißung für Zuschauer in aller Welt. Eine Juni). In jedem schöne Frau in einem sehr kurzen schwarzen Kleid singt ein Lied, und zwar so lasziv, seiner Werke dass sich die Männer um sie herum verlegen an ihren Whiskey-Gläsern festhalten: zeigt Feldmann, Die Szene, in der die kanadische Schauspielerin Jessica Paré auf einer Party den Song dass der Alltag „Zou Bisou Bisou“ vorträgt, war der Höhepunkt der ersten Episode der neuen, fünften nie alltäglich ist. Staffel der Fernsehserie „Mad Men“, die gerade in den USA und Großbritannien an- Um das zu er- gelaufen ist. Paré, 29, spielt Megan, die zweite Gattin von Don Draper (Jon Hamm), kennen, muss dem Werber und Frauenhelden im New York der sechziger Jahre. Die Serie liefert ein man die Dinge präzises Sittenbild jener Epoche, eine perfekte Mischung aus Nostalgie, Reflexion und nur in einen Unterhaltung und eine Erinnerung an die Zeit, als die USA selbst noch als VerheißungFeldmann-David anderen Zusam- galten. „Mad Men“-Erfinder Matthew Weiner sagt, seine Serie zeige, „was Frauen für menhang rü- Männer tun“. Im Fall von Megan Draper alias Jessica Paré versprechen sie „Küsschen“,cken. 2006 hat er Michelangelos be- französisch bisou: „Zou Bisou Bisou“ ist ein Geschenk zum 40. Geburtstag von Donrühmte David-Skulptur aus Metall und Draper. Das Original des Songs aus dem Jahr 1960 arrangierte George Martin, späterKunststoff nachgebildet, bunt ange- Produzent der Beatles. Parés Version dürfte Fernsehgeschichte schreiben, ein Klick-malt und die Kopie vor dem Kölner Hit auf YouTube ist sie schon jetzt und mittlerweile auch als Single erhältlich.Dom aufgestellt. SACH BUCH den das Mittel der dokumentarischen um das Zusammenfinden zweier Ju- Gesprächsmontage, um vom Entste- gendkulturen (West-Berliner Postpunk- hen der letzten ganz großen Jugend- Agonie, Ost-Berliner Breakdance-Vita- Stunde null bewegung, der Techno- und Ravekul- lität), um die Stunde null des heutigen im neuen Berlin tur während der Wende-Jahre in Ber- lin, zu erzählen. Die beiden Autoren haben 20 Jahre danach in langen Ge- Berlin und darum, wie dieses Bündnis eine Stadt eroberte, deren heutiges Zentrum damals nur eine Brache war,Der große deutsche Wende-Roman, sprächen die treibenden Kräfte von da- für die sich niemand zuständig fühlte.immer wieder wird er gefordert und mals sich erinnern lassen. Rund 70 Be- Doch die Geschichte der ersten ge-herbeigesehnt, doch bisher gibt es ihn teiligte kommen zu Wort, Clubbetrei- samtdeutschen Jugendkultur, die die-nicht. Und auch dieses gerade bei ber, Musiker, Künstler, darunter der ses Land bis heute prägt, ist wie jedeSuhrkamp erschienene Buch „Der heutige Star-DJ WestBam oder der in- gute Geschichte auch eine des Schei-Klang der Familie“ ist natürlich nicht zwischen weltberühmte Fotograf Wolf- terns, sie endet unter Bergen vonder große deutsche Wende-Roman, gang Tillmans. Sie haben die Stimmen Kokain, in totaler Zerrüttung – unddoch es kommt ihm nahe. Denn Felix ediert und so geschickt montiert, dass schließlich in der Love-Parade-Kata-Denk und Sven von Thülen verwen- daraus eine Erzählung wird: Es geht strophe von Duisburg.102 D E R S P I E G E L 1 5 / 2 0 1 2
    • Kultur RAU B KU N ST Folianten des „Führers“Knapp 67 Jahre nach Ende des Zwei- Jahrhundert aufgeführt. Die in Lederten Weltkriegs sind in den USA wich- gebundenen Alben waren offenbartige Beweisstücke für den systemati- 1945 von zwei Soldaten der vorrücken-schen Kunstraub des Hitler-Regimes den US-Truppen auf dem „Berghof“wiederentdeckt worden. Wie das Na- Hitlers bei Berchtesgaden entdeckttionalarchiv in Washington mitteilte, und als Kriegssouvenirs mit in die USAhandelt es sich um zwei bislang ver- genommen worden. Die Angehörigenschollene Bände eines umfangreichen der inzwischen verstorbenen Vetera-Raubkunst-Katalogs, in dem der be- nen übergaben die Bände jetzt überrüchtigte „Einsatzstab Reichsleiter Ro- eine Stiftung dem US-Nationalarchiv.senberg“ einst akribisch seine JEAN-HONORÉ FRAGONARD/COURTESY OF ROBERT M. EDSEL AND THE MONUMENTS MEN FOUNDATIONBeutestücke aufgelistet hatte.Im Auftrag des „Führers“ soll-te die Spezialeinheit seiner-zeit in den von Nazi-Deutsch-land besetzten Gebieten ge-zielt Kunstwerke beschlagnah-men, mit denen Hitler späterein eigenes Museum in Linzzu bestücken gedachte. Diejetzt aufgetauchten Folian-ten – Band 7 und 15 des Ro-senberg-Konvoluts – enthaltenFotografien von insgesamt 69geraubten Gemälden und 41kostbaren Möbelstücken, größ-tenteils aus dem Besitz derfranzösischen BankiersfamilieRothschild. Unter anderem istdarin ein Gemälde des franzö-sischen Künstlers Jean-HonoréFragonard („Mädchen mitzwei Tauben“) aus dem 18. Raubkunst-Katalogseite mit Fragonard-Gemälde KINO IN KÜRZE „Monsieur Lazhar“ heißt der neue Lehrer einer Grundschule in Montreal, Kanada, ein melancholisch lächelnder Herr von Mitte fünfzig mit einer Vorliebe für Balzac-Roma- ne, ein Außenseiter in jeder Hinsicht: Er stammt, wie sein Darsteller Mohamed Fellag, aus Algerien. Lazhar muss nicht nur unterrichten, sondern auch Trost spenden. Die Stel- le war vakant, nachdem sich eine Lehrerin in der Schule das Leben genommen hatte. Viele Schüler sind traumatisiert, und auch Lazhar weiß mehr über Tod und Verlust, als er zugeben mag. Der kanadische Regisseur Philippe Falardeau erzählt mit Leichtigkeit und subtilem Humor von den Folgen einer Tragödie – ein kleiner Film mit großem Herzen. „The Grey – Unter Wölfen“ ist, rein zoologisch, ungefähr so stimmig wie das Märchen vom Rotkäppchen. Dramaturgisch folgt der Regisseur Joe Carnahan („Das A-Team“) in seinem Thriller dagegen eher dem Abzählreim über die „Zehn kleinen Negerlein“, angereichert um ein paar schöne Schockeffekte vor grandioser Kulisse. Statt auf zähe Großmütter haben es die Wölfe hier auf die Arbeiter einer Ölfirma abgesehen, deren Flug- zeug in der Wildnis von Alaska abgestürzt ist, mitten in Wolfs Revier. Angeführt von einem Überlebenskünstler (Liam Neeson), kämpfen die UNIVERSUM FILM Männer gegen Hunger, Schneestürme und das Szene aus „The Grey …“ dumpfe Gefühl an, am Ende der Welt sterben zu müssen, ohne dass es jemand merkt. D E R S P I E G E L 1 5 / 2 0 1 2 103
    • Kultur D E B AT T E Selber schuld Sie ist jung, Mutter und seit gut zwei Jahren Ministerin für Familie. Und sie ist gegen die Quote. In einem Buch wirbt Kristina Schröder jetzt für das Frauenglück im Privaten. Von Claudia Voigt MARC-STEFFEN UNGERBuchautorin Schröder: Für Frauen und Familien hat sie noch nicht viel getan104 D E R S P I E G E L 1 5 / 2 0 1 2
    • BORIS ROESSLER / DPA KROHNFOTO.DEMinisterin Schröder in der Bundespressekonferenz, Buch-Cover, Brautpaar Schröder 2010: Das Private soll privat seinE in Buch also. Seit zwei Jahren und terinnen des Familienministeriums zu Denken nicht ins Offene führt. Es ist ihren fünf Monaten ist Kristina Schröder tun, eine davon die zuständige Ministerin. politischen Interessen untergeordnet. die Bundesministerin für Familie, Und was spricht eigentlich gegen politi- Und damit langweilige Rhetorik.Senioren, Frauen und Jugend. Bisher sche Schlussfolgerungen? Der Feminismus, meint Schröder, seikennt man sie vor allem aus zwei Grün- Seit der Jahrtausendwende hat sich für schuld am Ideal der voll berufstätigenden: Sie wurde während ihrer Amtszeit Familien und Frauen in diesem Land vie- Mütter, ein Joch, unter dem viele FrauenMutter. Und sie ist gegen eine gesetzliche les verändert. Die Hausfrauenrepublik in Deutschland litten. Ist das so? Im Welt-Frauenquote von 30 Prozent in Aufsichts- wurde kräftig durcheinandergeschüttelt. bild der Ministerin wird der Feminismusräten und Vorstandsetagen. Darüber hin- Dazu haben auch politische Maßnahmen zudem von einer einzigen Person verkör-aus hat sie sich eingeprägt durch die Ent- beigetragen: der Rechtsanspruch auf ei- pert, von Alice Schwarzer.scheidung, in ihrem Ministerium ein Män- nen Krippenplatz ab 2013, das Elterngeld. Man kann durchaus geteilter Meinungnerreferat einzurichten. Für Frauen und Sogar in der CSU gibt es mittlerweile sein über Alice Schwarzer, aber Schrö-Familie hat sie noch nicht viel getan. Kris- Frauen, die sich zu den Feministinnen zäh- ders Einschätzung bedeutet zu viel dertina Schröder hat deshalb ein Problem. len, Väter schieben vormittags Kinderwa- Ehre. Fast 70 Seiten widmet sie der TiradeEs mangelt ihr an Kontur. Das Buch könn- gen durch die Straßen, in vielen Familien „Feminismus war gestern“. Man fragt sich,te der Versuch sein, gegen ihr eigenes wird nicht mehr mittags, sondern abends wie eine Familien- und FrauenministerinVerschwinden anzuschreiben. warm gekocht, weil die Mutter arbeitet. im Jahr 2012 so dezidiert antifeministisch „Danke, emanzipiert sind wir selber!“ Schröder, es wundert einen leider kaum, eingestellt sein kann.heißt es. Mit Ausrufezeichen. Der Unter- will da mit ihrem Buch politisch nicht an- Die Feministinnen der Generationtitel lautet „Abschied vom Diktat der Rol- knüpfen. Stattdessen beschreibt sie, war- Schwarzer mussten radikale Positionenlenbilder“. Auf dem Cover ist die Ministe- um sie Rollenleitbilder ablehnt. Ganz beziehen, um die alten Rollenbilder zurin abgebildet, sie trägt ein strahlendes Lä- gleich, ob es um Hausfrauen, Karriere- sprengen. Deshalb ist die berufstätigecheln, ein dunkles Jackett, und sie stemmt mütter oder berufstätige Frauen ohne Kin- Frau heute eine Selbstverständlichkeit,die Hände in die Hüften. Das soll vermut- zum Glück. Die Ministerin allerdings er-lich Charme und Kampfeslust signalisieren. kennt in diesem Rollenideal ein Feindbild.Und weil an solch einem Buchtitel lange Kristina Schröder könnte für Doch wer war mit 25 bereits Abgeordnetegetüftelt wird, zeigt das Cover auch, wel-ches Bild die Familien- und Frauenminis- nachwachsende Generatio- des Deutschen Bundestags? Schröders Auseinandersetzung mitterin gern abgeben würde. nen ein Vorbild sein. Aber Alice Schwarzer hat Geschichte. Sie be- Im Vorwort betonen Schröder und ihreCo-Autorin Caroline Waldeck, dass „Dan- sie lehnt das kategorisch ab. gann mit einem SPIEGEL-Interview 2010, in dem die Ministerin Schwarzers Thesenke, emanzipiert sind wir selber!“ nicht et- zu heterosexuellem Sex frei interpretierte,wa im Familienministerium entstanden der geht – diese Leitbilder würden den daraufhin schrieb die Feministin einenist, sondern im Urlaub und während Frauen „samtene Fesseln“ anlegen. Nach offenen Brief, bald war das Thema in derSchröders Mutterschutz. Es muss der Mi- Einschätzung Schröders befinden sich „Bild“-Zeitung.nisterin sehr wichtig gewesen sein. Deutschlands Frauen in einem Leitbilder- Dass Schröder im Februar zugesichert Der Text ist aus der Perspektive von Krieg, der sie am Glücklichsein hindert. hat, den FrauenMediaTurm in Köln finan-Kristina Schröder verfasst, obwohl ihm Und daran, mehr Kinder zu bekommen. ziell abzusichern, in dem die „Emma“-Re-die Erfahrungen der Ministerin und ihrer Um dafür einen Schuldigen zu finden, daktion untergebracht ist und das feminis-Co-Autorin zugrunde liegen, zweier Frau- macht Schröder eine eigenwillige Unter- tische Archiv, kann man nach der Lektüreen Mitte dreißig, „beide bekennende, voll scheidung. Sie grenzt die Frauenbewe- von „Danke, emanzipiert sind wir selber!“berufstätige ‚Rabenmütter‘, die ihr Kind gung gegen den Feminismus ab. Was his- nur als politisches Manöver interpretieren.lieben und Familie für das Wichtigste im torisch untrennbar miteinander verbun- Schröder ärgert sich darüber, dassLeben halten; beide aber frei von der Ab- den ist, wird von der Ministerin getrennt: Schwarzers feministischer Kampf stetssicht, aus der eigenen, privaten Auffassung da die gute Frauenbewegung, dort der davon geprägt war, das Private politischvon einem guten Leben politische Schluss- böse Feminismus, verbissen und rück- zu betrachten. (Wenigstens solange esfolgerungen für das ‚richtige‘ Leben zu wärtsgewandt. nicht um Schwarzers eigenes Leben ging.)ziehen.“ Ist das möglich? Immerhin haben In Porträts ist Schröder als scharfe Den- Die Ministerin dagegen möchte das Pri-wir es hier mit zwei leitenden Mitarbei- kerin beschrieben worden, einzelne Pas- vate wieder zu einer Privatsache machen. sagen in ihrem Buch bestätigen das. Doch „Spätestens mit dem ersten Kind wirdKristina Schröder, Caroline Waldeck: „Danke, emanzi- die Volte, Feminismus und Frauenbewe- jede Frau zur ‚öffentlichen Frau‘ – zupiert sind wir selber!“. Piper Verlag, München; 240 Sei- gung voneinander zu lösen, macht schon einer Person, über deren Privatleben wild-ten; 14,99 Euro. Erscheint am 16. April. zu Beginn des Buchs deutlich, dass ihr fremde Menschen hemmungslos Wert- D E R S P I E G E L 1 5 / 2 0 1 2 105
    • Kultur MICHAEL LATZ / DDP IMAGES / DAPD TIMUR EMEK / DAPD HENNING SCHACHTPolitikerin Schröder auf Dienstreise, nach der Landtagswahl im Saarland, beim Besuch eines Kinderhauses: „Samtene Fesseln der Frauen“urteile fällen dürfen“, schreibt sie. „Hier An einer Stelle im Buch wagt Schröder che Chefs nicht mehr rund um die Uhr ar-tobt vielleicht der letzte Kulturkampf un- 22 Zeilen Offenheit. Abgesichert durch beiten, wären sogar Teilzeit und Karriereserer postideologischen Gesellschaft.“ den Konjunktiv, durch die Möglichkeits- nicht mehr völlig ausgeschlossen. Wenn es nach Schröder ginge, würde form, schreibt sie: „Ich könnte wortreich Nur macht Schröder, die selber vermut-jede Frau ihr Leben „selbst gestalten“. erläutern, wie mein Mann und ich unsere lich mehr als 40 Stunden die Woche ar-Sie würde Fragen nach Vereinbarkeit von Arbeit so organisieren, dass unsere Toch- beitet, überhaupt keine Vorschläge, wieKindern und Berufstätigkeit mit ihrer ter auf die Liebe und Fürsorge ihrer El- aus der rosaroten Idee Wirklichkeit wer-Familie und ihrem Arbeitgeber klären, tern nicht verzichten muss … Ich könnte den könnte. Geht es ihr womöglich nursich nicht länger von Rollenbildern be- beteuern, dass unser Kind selbst dann in um eine Revanche an Ursula von dervormunden lassen, sondern sich „endlich besten (und keineswegs fremden) Hän- Leyen, in deren Ressort die Umstruktu-frei entscheiden“, wie sie leben möchte. den ist, wenn wir beide berufliche Termi- rierung der Arbeitswelt fallen würde? Das Für eine amtierende Familien- und ne wahrnehmen … Ich könnte deutlich wäre dann einfach zynisch.Frauenministerin ist das eine feige Sicht machen, dass ich sofort bereit wäre, mein Ihre einzige Idee zum Thema Teilzeitder Dinge. Schröder enthebt sich jeder Amt als Ministerin aufzugeben, wenn ich kommt einem jedenfalls bekannt vor: Ei-Forderung, politisch etwas zu verändern den Eindruck hätte, dass dies die Voraus- geninitiative. Jeder sollte am besten mitund Strukturen zu schaffen, die den All- setzung für ein glückliches und geborge- seinem Chef reden. Und wenn dies ganztag leichter machen. Kinderbetreuung, nes Aufwachsen meiner Tochter ist.“ viele tun, dann wird sich etwas änderndie Probleme Alleinerziehender, Gehalts- Diese Passage zeigt, wie sehr auch ei- und so weiter und so fort. Was ist nochunterschiede zwischen Männern und ne Familien- und Frauenministerin unter mal Kristina Schröders Beruf? Politikerin?Frauen – alles Privatsache? Das erklärt, der Unsicherheit leidet, vielleicht doch Kummerkastentante? Wenn man ihre Auf-warum sie bisher so untätig war. Eine keine gute Mutter zu sein. Das berühmte forderungen zum persönlichen Engage-Frauenministerin, liebe Frau Schröder, ist schlechte Gewissen. ment weiterdenkt, bedeuten sie nichts an-übrigens auch für die Frauen da. ders, als dass jede Frau, die sich über- Wenn man mit Wissenschaftlerinnen, fordert fühlt von Beruf und Familie, sel-Juristinnen oder mit Unternehmerinnen Was ist noch mal ber schuld ist.redet, die in Deutschland Karriere ge-macht haben, dann sagen viele, dass es Kristina Schröders Beruf? Schröders argumentatives Problem beim Thema Teilzeit liegt in ihrem Neinauch deshalb schwierig war, weil ihnen Politikerin? zur gesetzlichen Quote von 30 Prozent.hierzulande die Vorbilder fehlten. Ofthaben sie erst bei Auslandsaufenthalten Kummerkastentante? Denn deren Umsetzung würde die Ar- beitswelt verändern. Wenn jeder drittejene Frauen kennengelernt, an denen sie Chef eine Frau ist, beeinflusst das zwangs-sich auf ihrem Weg nach oben orientiert Es ist auch eine berührende Passage, läufig die Unternehmenskultur. Aberhaben. weil der Druck spürbar wird, der auf ihr Schröder hat sich festgelegt auf die Flexi- Kristina Schröder könnte für die nach- zu lasten scheint und für den sie als Poli- Quote, und die kommt auch deshalb nichtwachsenden Generationen so ein Vorbild tikerin doch nur eine Antwort kennt: Das in Fahrt, weil der Koalitionspartner FDPsein. Aber sie lehnt diese Rolle katego- Private ist privat. Genau das aber ist es keine gesetzliche Festschreibung will.risch ab. Sie will keine Karrieremutter nicht. Ihre eigene Zerrissenheit zeigt, dass Am Ende empfiehlt Schröder ihrensein, trotz ihres offensichtlichen Ehrgei- dieses Land andere Strukturen und Rea- Lesern die Lektüre eines amerikani-zes, warum sonst hätte sie dieses Buch in litäten braucht, kein Ehegattensplitting, schen Sachbuchs (Marc und Amy Vachon:ihrer freien Zeit geschrieben? Sie könnte sondern Kindergartenplätze. „Equally Shared Parenting“), um sich An-beispielsweise mit dem Vorurteil aufräu- Im dritten Teil schließlich von „Danke, regungen zu holen, wie jeder sein Lebenmen, dass Frauen Ehrgeiz nicht gut steht. emanzipiert sind wir selber!“ beschreibt auf eigene Faust ein bisschen gleichbe-Stattdessen betont sie, dass sie Abend- Schröder ihren politischen Ausweg aus rechtigter gestalten könnte. Soll das eintermine seit der Geburt ihres Kindes nur dem Dilemma vieler Frauen und Männer Scherz sein?in Ausnahmefällen annimmt. zwischen Beruf und Familie: Teilzeitarbeit. 240 Seiten „Danke, emanzipiert sind Es gibt sehr viele Wege, ein Leben mit Spätestens jetzt würde man das Buch gern wir selber!“. Es ist das Buch einer Frau,Kind und Beruf zu gestalten. Was ist so an die Wand pfeffern. Nichts gegen Teil- die denken kann, die sich aber wortreichschlimm daran zu sagen, seht her, dies ist zeitarbeit. Sie kommt den Wünschen vie- verweigert, den Job zu machen, den siemein Weg – um damit zu einem Vorbild ler Angestellter entgegen. Sie ermöglicht angenommen hat: Ministerin für Familiezu werden? Auch ein Spektrum sehr es, in bestimmten Phasen des Lebens ne- und Frauen. Viel wird von ihr nicht blei-unterschiedlicher Rollenbilder bewahrt ben der Berufstätigkeit Kinder zu erziehen ben, womöglich nur das, wovon sie nichtjunge Frauen vor dem Diktat durch we- oder Verwandte zu pflegen. Und wenn in möchte, dass es bleibt: das Kind im Amt,nige, starre Rollenvorstellungen. irgendeiner fernen Zukunft auch männli- das Nein zur Quote.106 D E R S P I E G E L 1 5 / 2 0 1 2
    • Kultur L I T E R AT U R Ein Herrenmensch, aber ein guter Das Dösen auf dem Diwan ist seine liebste Beschäftigung: Oblomow, der Titelheld aus Iwan Gontscharows Roman, entpuppt sich als Gegenmodell zum Burnout-Menschen. Jetzt wurde das Buch endlich neu übersetzt. Eine Meisterleistung. Von Elke SchmitterW arum nicht auf der Chaise- genheit, in der Absichten und Sorgen, Be- dessen Lebensart in einigen Ländern longue lagern, ein Buch auf gehrlichkeiten und Ängste unmerklich in sprichwörtlich geworden ist. „Oblomowe- dem Schoß, Tee oder Wein ne- die Ferne ziehen und sich schließlich auf- rei“ umfasst den Schlummer und das Trö-ben sich, und durch das halbgeöffnete lösen wie Eisschollen auf einem sonnen- deln, die liebenswürdige Apathie und dasFenster den Geräuschen lauschen, die das beschienenen See. Zaudern vor Entscheidung und Tat, dieLeben so macht, den Schritten, Stimmen, Der Experte für diese Praxis heißt Ob- kindliche Seele und die vollkommene Un-dem Verkehr und der Unterhaltung der lomow, ein Held der russischen Literatur, fähigkeit, irgendwas auf die Reihe zu krie-Vögel beiläufig folgen wie den Gedanken,die kommen und gehen. Der Brust ent-ringt sich ein Seufzer, wenn die Gedan-ken an Schmerzliches stoßen, aber siegleiten weiter, zu einer freundlichen Er-innerung, die lächeln macht, in eine sanf-te Dämmerung des Geistes, die man denSchlummer nennt. Empfindungen mar-morieren den Schlaf, das große Sinkenkündigt sich an, eine weiche, wohlige Tie-fe, bis, man weiß nicht, wie, das Erwa-chen beginnt, das Auftauchen aus derDrift in die verlassene Welt, das Räkeln,die mähliche Drehung zurück, bis dieHand den Stoff der Decke wieder fühlt.Man sieht, die Tasse steht noch da, dieKirchenglocken schlagen irgendeine Stun-de an, das Leben räuspert sich wieder,und das Bewusstsein kehrt zurück. Das war einmal. In der Geschichte der Zivilisation istder Schlummer eine verlorene Praxis, wieder Glaube ans Paradies, der Gebrauchvon Messerbänkchen und das Singenbeim Wandern. Die absichtslose Dämme-rung des Geistes ist nicht mehr zeitgemäß,stattdessen trainiert man die Meditation,um dem Burnout zu entgehen. Auch lädtdas normale Sofa nicht mehr zum Dahin-sinken ein. Der Aufwand, den man fürden ungestörten Schlummer treiben müss-te, ist enorm: die Telefone ausschalten,den Computer in den Ruhezustand ver-setzen, die Türklingel irgendwie zur Stre-cke bringen, womöglich andere Men-schen vorsorglich informieren. Ein Wochenendflug nach Dubai istleichter zu organisieren; außerdem stehenUmtrieb und Vorsätzlichkeit in direktem ALEXANDER YAKOVLEV / ITAR-TASSGegensatz zu dem, worum es eigentlichgeht, um das absichtslose Treiben, dasunmerkliche Trudeln, das lautlose Ver-schwinden aus der Welt. Um nichts zu er-reichen. Um nichts zu machen als die Er-fahrung einer unendlich sanften Umfan-* Mit Alexej Agapow im Künstlertheater in Moskau 2003. „Oblomow“-Dramatisierung*: „Nie musste ich mir selber einen Strumpf anziehen“108 D E R S P I E G E L 1 5 / 2 0 1 2
    • nem wohlhabenden Gut, der Oblomowka eben, ist er mit den Genüssen der russi- schen Küche von klein auf vertraut, und all ihre Düfte und Konsistenzen machen ihn nicht nur unmittelbar froh, sondern evozieren dazu noch das Glück einer sorg- losen Kindheit. Und sicher ist es für ihn kein betrüblicher Umstand, dass die Ver- dauung müde macht. So ein selig dämmernder Held macht natürlich noch keinen Roman. Romanautor Der Konflikt, in den sein Autor ihn Gontscharow* treibt, ist kein sozialer. Von den Debatten AKG um die Leibeigenschaft, von den Ideen der russischen Aufklärung ist in „Oblo-gen. Auf gut 700 Seiten widmete der Au- mow“ nur am Rande die Rede; das herr-tor und Staatsbeamte Iwan Gontscharow schende Unrecht treibt den Besitzer von(1812 bis 1891) seiner Figur ein anteil- 300 Seelen nicht um. Er bemüht sich, einnehmendes Porträt, das schon 1859, beim guter Mensch zu sein, auf rein privatwirt-Erscheinen, ein Abgesang auf eine unter- schaftlicher Basis: Er ist aufrichtig undgehende Lebensweise war. lauter, er spricht nicht schlecht von den Denn in ihrer reinsten Form setzt die Leuten seiner Umgebung, er behandeltgediegene Oblomowerei Leibeigenschaft seine Mitmenschen mit Nachsicht undund Vermögen voraus, sie verbietet Auto- Respekt.lärm und Gebrauchsgegenstände aus Plas- Sein leibeigener Diener Sachar ziehttik, reproduzierte Musik und jede Art sich seinen gerechten Zorn nicht zu,von Kommunikation, die schneller ist als wenn er Geschirr fallen lässt, Stuhllehnenein Brief. Sie braucht weitläufige Ge- zerbricht, Kleingeld wie Bratenreste ver-mächer, Chalats, diese orientalischen schwinden lässt oder das StiefelputzenMorgenmäntel, und Stubenmädchen oh- vergisst, sondern bei jenem einen Male,ne Staubsauger, Bäume vor dem Fenster, an dem er sich gewissermaßen gedanklichin denen Vögel ihrer Arbeit nachgehen, vergisst.und den Klang von zitterndem Porzel- Oblomow soll die Wohnung in St. Pe-lan, sie braucht Landschaften mit Hori- tersburg räumen, die er seit vielen Jahrenzont und Geselligkeit, deren Akustik nur bewohnt, was ihm selbstverständlichaus menschlichen Stimmen besteht, sie höchst lästig ist. Nachdem er erfolglosbraucht das Schleifen langer Röcke auf versucht hat, das Problem zu umgehen,Holz und knarrende Türen und schließ- indem er Sachar verbietet, davon zu spre-lich das zufriedene, leise Schnarchen ei- chen, kommt dieser doch wieder daraufnes Menschen auf dem Diwan, am Nach- zurück:mittag in seinen Morgenrock gehüllt. „Was soll ich denn nun dem Verwalter Nun wurde „Oblomow“ neu über- sagen?“setzt**. Nach sieben Übertragungen ins „Worüber?“Deutsche, die letzte ist mehr als 50 Jahre „Na darüber, dass wir umziehen sol-alt, hat sich die Slawistin Vera Bischitzky len.“der großen Sache angenommen, und sie „Fängst du schon wieder damit an?“,präsentiert einen Roman, dessen ruhiger fragte Oblomow überrascht.Fluss, dessen Innehalten und Mäandern Nach einem Wortwechsel über vielein jeder Passage, in jedem einzelnen Minuten, in dem Oblomow seinem Die-Satz im Deutschen fühlbar wird. Die ner erklärt, welche Unzumutbarkeit einversunkene Welt, die sie wiederaufer- Umzug für ihn ist – er muss einen ganzenstehen lässt, kann wieder besichtigt, ge- Tag aus dem Haus, er wird am Abend sei-hört, gefühlt, ertastet, geschmeckt und ne Sachen nicht finden, er muss sich angerochen werden. neue Geräusche und eine ganz neue Aus- Denn Oblomow lebt mit fast allen Sin- sicht gewöhnen –, entschlüpft Sachar dernen (von seiner Erotik ist keine Rede). Satz:Er ist kein Trinker wie so viele russische „Ich habe gedacht, dass ja auch andereHelden, sondern ein Genießer. Piroggen umziehen, die nicht schlechter sind alsmit Pilzen und Suppe mit Gänseklein, wir, da könnten wir’s ja auch tun …“Lachs mit Sauerkraut und getrüffelte „Was? Was?“, fragte Ilja Iljitsch plötz-Hühnchen en Papilotte, Fischpastete und lich verblüfft und richtete sich in seinemAustern, Kalbsbraten und geröstete Grüt- Lehnstuhl auf. „Was hast du gesagt?“ze, Kaffee mit Sahne und Zimt. Umhät- Sachar geriet plötzlich in Verwirrung,schelt von seiner Kinderfrau und seiner denn er wusste nicht, wodurch er seinemMama, einziges Herrschaftskind auf ei- Herrn einen Vorwand für diesen patheti- schen Aufschrei und diese Gebärde gege-* Gemälde von Iwan Nikolajewitsch Kramskoi, 1874.** Iwan Gontscharow: „Oblomow“. Aus dem Russischen ben hatte. Er schwieg.von Vera Bischitzky. Carl Hanser Verlag, München; „Andere, die nicht schlechter sind!“,840 Seiten; 34,90 Euro. wiederholte Ilja Iljitsch entsetzt. „So weit D E R S P I E G E L 1 5 / 2 0 1 2 109
    • Kulturversteigst du dich also! Nun weiß ich we-nigstens, dass ich für dich nichts weiterbin als ein anderer!“ Bestseller Seine superiore Einzigartigkeit ist Oblo-mow derart selbstverständlich, dass ihn Belletristikdie Achtlosigkeit seines Dieners wirklich 1 (1) Jonas Jonasson Der Hundertjährige, der aus demin Rage bringt. Fenster stieg und verschwand „Ich soll ein anderer sein! Haste ich Carl’s Books; 14,99 Euroetwa hin und her, arbeite ich etwa? Esse 2 (2) Suzanne Collinsich vielleicht wenig? Bin ich mager, sehe Die Tribute von Panem – Tödlicheich kümmerlich aus? Fehlt mir etwa ir- Spiele Oetinger; 17,90 Eurogendetwas? Zum Bedienen und fürs Auf- 3 (4) Suzanne Collinsräumen habe ich ja wohl jemanden! Kein Die Tribute von Panem –einziges Mal musste ich mir, solange ich Gefährliche Liebe Oetinger; 17,95 Eurolebe, selber einen Strumpf anziehen, Gott 4 (3) Jussi Adler-Olsensei Dank! Werde ich mich etwa allein ab- Das Alphabethaus dtv; 15,90 Euromühen? Wie komme ich dazu? Und wem 5 (7) Suzanne Collinssage ich das?“ Die Tribute von Panem – Man sieht: ein Herrenmensch. Aber ein Flammender Zorn Oetinger; 18,95 Euroguter. 6 (6) Tess Gerritsen Der, vom Leben verwöhnt, von seinen Grabesstille Limes; 19,99 EuroDienstboten auf Händen getragen, füreine Karriere im großen St. Petersburg 7 (11) Dora Heldt Bei Hitze ist es wenigstensnicht gerüstet ist. Als Jüngling kam er in nicht kalt dtv; 14,90 Eurodie große Stadt, mittelmäßig gebildet, 8 (8) Fred Vargaswohlhabend, ohne reich zu sein, mit je- Die Nacht des Zornsnen unbestimmten, aber hochfliegenden Aufbau; 22,99 EuroPlänen, wie alle in seiner Sphäre sie hat- 9 (10) Susanne Fröhlichten: Man wollte Dichter werden, im LackschadenStaatsdienst eine Position erringen, eine Krüger; 16,99 Euroreiche Frau gewinnen, die natürlich auch 10 (9) Arne Dahlschön wäre, singen und tanzen könnte. GierIrgendwann, nach langen Reisen ins Aus- Piper; 16,99 Euroland, wo man sich bilden würde, ginge 11 (5) Wolfgang Herrndorfman wieder zurück nach Oblomowka, Sandum sich um die Bauern zu kümmern, ih- Rowohlt Berlin; 19,95 Euronen eine Schule zu bauen und überhaupt 12 (19) Moritz Netenjakobdiese Reformen zu machen, von denen Der Boss Kiepenheuer & Witsch; 14,99 Euroallenthalben die Rede war. Man hatteschließlich die Philosophen gelesen und 13 (14) Jussi Adler-Olsen Schändungein paar Zeitungen abonniert. dtv; 14,90 Euro Aber wie mühsam das alles war!Ganze zwei Jahre ging Oblomow bei- 14 (13) Christian Kracht Imperiumnahe täglich ins Amt, dann verlor er die Kiepenheuer & Witsch; 18,99 EuroLust, sich herumkommandieren zu las- 15 (17) Jussi Adler-Olsensen. Er sah seine Mitbewerber um die ErlösungGunst des Vorgesetzten, er nahm ihre dtv; 14,90 EuroManöver und Rankünen, ihre Speichel- 16 (20) Ursula Poznanskileckerei und ihre Wichtigtuerei, den gan- Fünfzen Wucher mit dem sozialen Kapital Wunderlich; 14,95 Eurowahr und sagte sich: Was soll’s, da istmir mein Diwan lieber. Sein Freund Andrej Stolz, Sohn einesDeutschen und Vertrauter von Kindesbei- Thriller um Geocaching,nen an, der ist aus anderem Holz ge- die Schatzsuche per GPS: Ein Salzburgerschnitzt – aus deutschem Hartholze Ermittler-Duo geht aufeben –, der hat auch keine 300 Seelen, Schnitzeljagdmuss also tüchtig sein, ist außerdem tüch-tig aus Freude an der Tüchtigkeit und 17 (12) Javier Maríasgeht hinaus in die Welt, kommt reich und Die sterblich Verliebten S. Fischer; 19,99 Euroerfolgreich wieder und sucht, ihn vomSofa zu zerren. Sogar ins Ausland soll er 18 (18) Moritz Matthies Ausgefressenmitkommen! Scherz; 13,99 Euro Das ist Oblomows erster Konflikt. 19 (15) Daniel Glattauer Dann ist da der lästige Hausbesitzer, Ewig Deinder die Wohnung mitten in Petersburg Deuticke; 17,90 Eurofür seinen Sohn haben will, weil der sich 20 (16) Paulo Coelhoverheiratet hat. Aleph Diogenes; 19,90 Euro Das ist Oblomows zweiter Konflikt.110 D E R S P I E G E L 1 5 / 2 0 1 2
    • Im Auftrag des SPIEGEL wöchentlich ermittelt vom Und schließlich gibt es eine jungeFachmagazin „buchreport“; nähere Informationen und Auswahl- Dame, mit der Stolz ihn bekannt gemacht kriterien finden Sie online unter: www.spiegel.de/bestseller hat, die jene Arie „Casta Diva“ aus „Nor- ma“ so singen kann, dass es ihn zu Trä-Sachbücher nen rührt. Er verliebt sich, zum ersten 1 (1) Joachim Gauck und letzten Mal, sein schläfriges Herz er- Freiheit Kösel; 10 Euro wacht, und für diese Olga steht er mor- 2 (2) Rolf Dobelli gens auf und kleidet sich an, lässt Sachar Die Kunst des klaren Denkens seine Stiefel wienern, zwängt sich in der Hanser; 14,90 Euro Oper auf einen Parkettplatz, liest dicke 3 (5) Philippe Pozzo di Borgo Bücher und macht auf Gesellschaften Ziemlich beste Freunde Konversation. Hanser; 14,90 Euro Das ist Oblomows dritter Konflikt. 4 (3) Hans-Ulrich Grimm Denn er fürchtet das Selbstgefühl der Vom Verzehr wird jungen Dame, er fühlt sich unbeholfen, abgeraten nicht schnell und witzig genug. Sie will Droemer; 18 Euro mit beiden Händen ins Leben greifen, das er nur betrachten mag; sie lechzt nach Taten, wo er sich mit Träumen begnügt; Nichts für Fein- sie strahlt, während er dämmert. Sie be- schmecker: Fakten über die Machen- schämt ihn allein durch ihr Sein. „Solche schaften der Nahrungs- wie mich liebt man nicht.“ mittelindustrie Doch ist es schließlich um beide gesche- 5 (7) Hans Küng hen, in jenem langen Sommer, den Stolz Jesus Piper; 19,99 Euro in Europa verbringt, während Olga und 6 (4) Norbert Robers Ilja Gedichte lesen und unter Birken wan- Joachim Gauck – Vom Pastor zum deln. „An allem ist Andrej schuld: Er hat Präsidenten – Die Biografie uns beiden die Liebe eingeimpft wie die Koehler & Amelang; 19,90 Euro Pocken.“ Und was folgt auf die Liebe? 7 (12) Cid Jonas Gutenrath Eine stille Verlobung. Und was folgt der 110 – Ein Bulle hört zu – Aus der stillen Verlobung, wenn sie offiziell wer- Notrufzentrale der Polizei Ullstein extra; 14,99 Euro den soll? Oblomow müsste aufs Amt, die not- 8 (10) Bill Mockridge Je oller, je doller wendigen Papiere besorgen. Er müsste Scherz; 14,99 Euro seinem Verwalter schreiben, der ihn nach 9 (6) Wibke Bruhns Strich und Faden betrügt, mehr noch: Er Nachrichtenzeit müsste nach Oblomowka reisen, um dort Droemer; 22,99 Euro nach dem Rechten zu sehen, einen neuen 10 (8)Carsten Maschmeyer Verwalter suchen, sich um die entlaufe- Selfmade Ariston; 19,99 Euro nen Bauern kümmern, er müsste einen 11 (13) Martin Wehrle Plan machen und ihn am Ende umsetzen. Ich arbeite in einem Irrenhaus Er müsste, kurz gesagt, erwachsen wer- Econ; 14,99 Euro den, sein Leben in die Hand nehmen. Er 12 (17) Joe Bausch müsste ein anderer werden. Knast Ullstein; 19,99 Euro Hier habt ihr einen Helden, der keiner 13 (16) Gian Domenico Borasio ist. Kein tragisches Opfer, kein rauer, be- Über das Sterben wunderungswürdiger Täter, kein faustisch C. H. Beck; 17,95 Euro Suchender und kein selbstverliebter Er- 14 (–) Harry Belafonte mit Michael Shnayerson oberer. Ein schläfriges, freundliches Kind My Song im Körper eines Mannes, ein Zauderer Kiepenheuer & Witsch; 24,99 Euro und Zögerer, an dessen Grübelsucht kein 15 (11) Walter Isaacson Königreich zu Schaden geht, sondern nur Steve Jobs C. Bertelsmann; 24,99 Euro eine Lebensmöglichkeit. Seit mehr als 150 16 (–) Heiner Geißler Jahren gibt er Rätsel auf, wie man ihn Sapere aude! Warum wir eine neue betrachten soll. Ist er ein Neurotiker, ein Aufklärung brauchen Parasit, ein überflüssiger Mensch? Ein un- Ullstein; 16,99 Euro reifer, Ich-schwacher Egoist? Eine reine 17 (19) Thea Dorn / Richard Wagner Seele, die der Schonung bedarf und sich Die deutsche Seele damit revanchiert, dass sie die Welt eben- Knaus; 26,99 Euro so schont? Ein Trostbild der Untüchtig- 18 (–)Bud Spencer mit Lorenzo De Luca keit, eine liebeswürdige Unschuld? Bud Spencer – In achtzig Jahren um Wer immer sich auf ihn einlässt, ist mit die Welt Schwarzkopf & Schwarzkopf; 19,95 Euro den eigenen Werten konfrontiert, mit 19 (14) Dieter Nuhr dem eigenen Wunsch zu gefallen, etwas Der ultimative Ratgeber für alles Bastei Lübbe; 12,99 Euro zu gelten und nützlich zu sein. Mit der eigenen Urteilssucht. 20 (9) Tomáš Sedláček Die Ökonomie von Gut und Böse Und mit mindestens einer verlorenen Hanser; 24,90 Euro Praxis, beispielsweise dem Schlummern. Was Literatur eben so macht. D E R S P I E G E L 1 5 / 2 0 1 2 111
    • Kultur E S S AY Keine Angst! Warum die anderen Parteien von den Piraten lernen müssen Von Constanze Kurz Kurz, 37, ist Informatikerin und Sprecherin des isten eingefangen und beeinflusst. Oft genug ist es schlicht de- Chaos Computer Clubs ren inhaltliche Zuarbeit, die kostenlos und zur rechten Zeit of- feriert wird, die den Ausschlag für Gesetzesinitiativen gibt. S ie müssen früher auf den politischen Prüf- Die Piraten sind angetreten, vieles davon zu ändern. Dass stand, als sie es selbst vermutet hatten: Es ihnen aus den etablierten Parteien eine Kombination aus Spott,ULLSTEIN BILD scheint nicht unrealistisch, dass in wenigen Ignoranz und neuerdings auch Angst entgegenschlägt, ist nicht Wochen in vier deutschen Landesparlamenten verwunderlich. Besonders beängstigend aus Sicht der in Parla- Piraten-Abgeordnete Platz nehmen werden. In menten vertretenen Parteien muss es sein, dass die Piraten mit den Sonntagsfragen deklassieren die Neulinge ihrem politischen Selbstverständnis, das so ganz anders wirkt die FDP bei weitem und landen bei Werten, die man von Links- als das der bräsig und behäbig wirkenden Konkurrenten, Men- partei oder Grünen gewöhnt ist. Die schen in Scharen mobilisieren. Un- Vergleiche mit dem Entstehen der ter ihnen sind nicht nur besonders grünen Bewegung und deren Einzug viele Erstwähler, sondern auch Men- in die Volksvertretungen hinken schen, die vom politischen System nicht nur bei der Zeitspanne, die längst aufgegeben worden waren. eine Idee wachsen muss, ehe sich Obendrein fällt das Einsortieren ihr vielleicht immer mehr Menschen des Phänomens in das beliebte Rechts- anschließen, sondern vor allem links-Schema schwer. Der gescheiter- beim gedanklichen Unterbau. Wel- te Ex-Generalsekretär der Liberalen, cher Art ist das prinzipielle Umden- Christian Lindner, versuchte es trotz- ken, das Piraten eint und ihnen die dem, als er die Piraten kürzlich die Kraft geben könnte, immer mehr „Linkspartei mit Internetanschluss“ Mitstreiter zu finden? nannte. Schon ein flüchtiger Blick in Die Piraten sind in ihrem Kern die Programme beider Parteien hätte DARMER / DAVIDS technologiebejahend, besonders bei ihm allerdings zeigen können, dass der innerparteilichen Meinungsfin- die inhaltliche Distanz in etwa so groß dung. Eine Vielzahl von Mailing-Lis- ist wie die der heutigen FDP zu ihrem ten, Wikis, Chat-, Internettelefonie- Parlamentssitzung einstigen Wahlziel 18 Prozent. und Social-Media-Kanälen wird für Was aber ist dieses Neue, so Reiz- Austausch, Debatte und Streit ge- „Die Auswüchse der volle an den Piraten? Im Kern ist es nutzt. Die womöglich für die Ent- das Versprechen einer niedrig- wicklung der politischen Kultur fol- parlamentarischen Demokratie schwelligen Möglichkeit zur Mitge- genreichste Technik ist aber ein auf sind offenkundig.“ staltung und politischer Teilhabe, den ersten Blick wenig einladendes auch für Menschen, die nicht die Po- System namens „Liquid Feedback“. litik zu ihrem Lebensinhalt machen Die Idee dahinter beruht auf der Erkenntnis, dass die alten wollen und die nichts zu tun haben mit der Kaste der Berufs- Methoden innerparteilicher Meinungsbildung kein Gefühl von politiker. Liquid Feedback und verwandte Werkzeuge sind das Teilhabe und Gestaltbarkeit mehr erzeugen. Das System aus mächtigste Mittel der Piraten für diese neue Art des Politik- Regionalgliederungen, Delegiertenkonferenzen, Kungelrunden, prozesses. Der Gedanke: Jeder Pirat kann zu jedem Thema Netzwerken und Kommissionen verhindert, dass innovative seine Meinung einbringen, beim Priorisieren der Inhalte mit Ansätze diskutiert werden oder sich gar durchsetzen. entscheiden und darüber abstimmen. Die Auswüchse der parlamentarischen Demokratie, die Po- W litiker und Wähler einander entfremden, sind offenkundig: ie in jeder politischen Organisation sind auch bei den Statt über Inhalte wird über Parteitaktik und Personen gestrit- Piraten nur wenige Mitglieder andauernd aktiv. Nicht ten. Die Sprache gleicht zuweilen der in schlecht synchroni- alle zerbrechen sich permanent den Kopf um heutige sierten Filmen. Gute Ideen werden zu oft abgeschossen und und zukünftige politische Fragen, streiten um Formulierungen begraben, manchmal gar nicht erst diskutiert, weil sie vom fal- und Inhalte und fällen Entscheidungen. Viele arbeiten nur an schen Landesverband oder der falschen Person geäußert wur- einzelnen Themen, die sie besonders interessieren. den oder innerparteilichen Interessen entgegenstehen. Spannend ist jedoch, dass diese Minderheit nach größtmög- Proporzarchitekturen, die Machtgefüge abbilden, prägen licher Offenheit gegenüber Mitstreitern strebt. Ein Neumitglied den politischen Alltag. Entsprechend intellektuell und hand- der Piraten erlebt praktische Politik fundamental anders als werklich dürftig ist die aktuelle Realpolitik. Spitzenkräfte haben Neugenossen anderswo im politischen Spektrum. Unabhängig schon lange keine Zeit mehr zum Durchdringen eines Themas. von Alter, Eloquenz oder Protegés ist der Zugang zum inhalt- Regierende werden nicht nur durch Gefälligkeiten der Lobby- lichen Herz der Partei sofort gegeben. Diese Durchlässigkeit 112 D E R S P I E G E L 1 5 / 2 0 1 2
    • ist prägend und motivierend, ebenso wie die überwiegend po- Außenverhältnis der Partei profilieren, sondern bringt sich amsitive Neugier, die den Piraten allerorten entgegenschlägt. besten mit guten Ideen und Vorschlägen in die digitalen Mei- Das Ideal der Beteiligung ist nicht neu. Emanzipatorische nungsbildungsprozesse ein.politische Bewegungen, zuletzt die Grünen, haben versucht, DMechanismen zu finden, um die Basis kontinuierlich zu betei- er politische Piraten-Ansatz ist also nicht unbedingt inligen und die Kluft zwischen Berufspolitikern und interessierten seinen Themen oder inhaltlichen Forderungen radikal,Mitgliedern nicht zu groß werden zu lassen. Doch Basisbetei- sondern in seiner grundlegenden Infragestellung desligung ist anstrengend, zeitraubend und wird in einer Zeit, in existierenden Politikbetriebes. Die permanente Einbindungder Hektik und Effizienzwahn auch die Politik erfasst haben, der Mitglieder in inhaltliche Entscheidungen ist etwas, wovonals unpraktikabel und zu langsam empfunden. die grünen Basisdemokraten zwar träumten, aber aus prakti- Doch es geht anders, auch ohne eine Petra Kelly: Basisdemo- schen Erwägungen mehr und mehr Abstand nahmen, spätes-kratie im Digitalzeitalter heißt bei den Piraten, dass Anträge tens als es um Koalitionsbildungen und damit um wirklicheonline verfasst, diskutiert, dann optimiert werden. Änderungs- Macht ging.und Gegenanträge werden im selben System eingestellt, jede Die Piraten sind angetreten, einen Versuch der basisdemo-Änderung bleibt bis ins Detail nachvollziehbar. Wenn es nötig kratischen Politikgestaltung zu unternehmen, der sich der Mit-ist, können Entscheidungen über die Position der Partei innerhalb tel des 21. Jahrhunderts bedient, ohne dabei in die Falle desvon wenigen Stunden organisiert und durchgeführt werden. niemals endenden Gelabers ohne bindende Entscheidungen Am Schluss des Prozesses wird der Vorschlag zur landes- zu tappen. Gleichzeitig sollen verholzte Strukturen wie Lan-oder bundesweiten Abstimmung gestellt, jedes Mitglied kann desverbände und Antragskommissionen vermieden werden.seine Stimme abgeben. Es kann aber auch einem anderen, dem Den Vorwurf, sie würden so kein „Vollprogramm“ entwickeln,es vertraut, die Stimme übertragen. Delegation heißt das Ver- können sie gelassen hinnehmen. Denn was das sein soll, dürf-fahren, das fließend ist: Wenn der mit dem Vertrauen Beschenk- ten die Spitzenpolitiker der konkurrierenden Parteien anhandte nicht im Sinne des Stimmdelegators handelt, kann der seine der eigenen Programme kaum zeigen können. Einen visio-Stimme ohne Umschweife wieder entziehen. Die Machtver- nären Gesellschaftsentwurf hat auch von ihnen niemand inhältnisse verflüssigen sich, jederzeit, abhängig vom Thema. petto. Das Versprechen der direkten Partizipation macht die Das Liquid-Experiment hat na- Piraten so attraktiv für die von dertürlich Aspekte, die sich im Laufe Parteipolitik Verdrossenen. Ob dieseiner Nutzung als problematisch politischen Neulinge aus dem Netzherausstellten. Sie sind Gegenstand dieses Versprechen halten können,heftiger Debatten. So ist etwa die ist eine der spannendsten Fragenderzeit bestehende Möglichkeit der des aktuellen Zeitgeschehens. Wennmehrfachen Delegation umstritten. das Experiment scheitert, die jungeJemand, dem die Stimmen von an- Partei im Chaos versinkt oder sichderen übertragen wurden, kann die- Sektierer und Partikularinteressen-se wiederum en bloc weitertransfe- ten ihrer bemächtigen, ist dasrieren, beispielsweise an einen Ex- Modell einer permanenten direk-perten. In der Praxis entstehen ten politischen Online-Beteiligungdurch diese Delegationsketten er- wohl für eine ganze Weile diskre- TOBIAS M. ECKRICHstaunliche Machtballungen bei ein- ditiert.zelnen Piraten, die keine offizielle Die Angst vor der Ochlokratie,Parteifunktion innehaben, jedoch der Herrschaft des Pöbels, ist inde facto die Parteimeinung bestim- Deutschland ohnehin ausgeprägt.men. Zudem ist die mehrfache Piraten-Parteitag Auch das Liquid-System bietet kei-Stimmdelegation nicht unmittelbar ne Garantie für einen hochwertigensichtbar. Dadurch registriert nicht „Das Versprechen der politischen Diskurs. Es funktioniertjeder Abstimmende, dass er bei- nur, wenn eine hinreichend großespielsweise bei einem Thema viele Partizipation macht die Piraten Zahl motivierter Teilnehmer dafürMitglieder hinter sich hat und sein attraktiv für die Verdrossenen.“ sorgt, dass es eine zielführende in-Verhalten wahlentscheidend sein haltliche Debatten- und Entschei-könnte. dungskultur gibt. Das Prinzip der Liquid Democracy ist auch deshalb so span- Die große Chance läge darin, dass die anderen Parteien dienend, weil die Geschäftsordnung der Meinungsbildung direkt faszinierende Möglichkeit zum Neustart der politischen Betei-in Software abgebildet wird, die Regeln der Entscheidungsfin- ligung durch Einbeziehung neuer technischer Möglichkeitendung dadurch zum Betriebssystem der Partei werden. Die in- ebenfalls nutzen. Dazu bedarf es jedoch einer grundlegendennerparteiliche Digitaldemokratie wirft grundlegende Fragen Änderung im Selbstverständnis.nach dem Selbstverständnis des Politikers auf. Früher durchlief Der Anspruch, alles zu kontrollieren und zu steuern, um nurder typische Politiker die parteiinternen Stationen, baute an ja keinen Imageschaden im Koordinatensystem der alten Regelnseiner Hausmacht, war oftmals wortmächtig. Letzteres ist bei aus Profilierung und Geschlossenheit zu riskieren, lässt derzeitBerufspolitikern heute eher die Ausnahme, wie beliebige Bun- noch wenige Experimente zu. Dabei ist es schlicht notwendig,destagsdebatten zeigen. So gelangen vor allem Menschen an dass alle politischen Parteien in Deutschland schnellstmöglichdie politische Macht, die durchsetzungsfähig und in der Lage von den Piraten abkupfern. Die digitale Beschleunigung, vorsind, sogar rückgratlose Kompromisse auszuhandeln und zu allem aber die Herausforderungen, die sich aus den aktuellenvertreten. Hauptsache, es wird nach außen das Bild der Ge- Krisen – Energie, Rohstoffe, Klima, Demografie, Finanzmärkteschlossenheit gewahrt und das, wie sie so gern sagen, „Profil – ergeben, erfordern eine wesentlich breitere Basis von Politik.der Partei geschärft“. Die Überwindung dieser Krisen bedarf kluger, radikaler Ideen Die Piraten setzen ein anderes Ideal. Der idealtypische Pira- und neuer Mechanismen, um den nötigen Rückhalt für die Um-ten-Politiker ist möglichst transparent und kann die im Liquid- setzung zu finden. Nun, da diese Mechanismen vorhanden undSystem ausgearbeitete und abgestimmte Parteimeinung direkt auszuprobieren sind, sollten die anderen Parteien es nicht nurnach außen vertreten. Er muss sich nicht durch Initiativen im den Piraten überlassen, sie anzuwenden und zu verfeinern. D E R S P I E G E L 1 5 / 2 0 1 2 113
    • Kultur AU TO R E N Der Islam-Erneuerer Eigentlich schrieb der amerikanische Konvertit Michael Muhammad Knight nur, um seine eigene Religion zu verstehen. Doch dann wurde aus der Fiktion seines Romans „Taqwacore“ über die Subkultur der Islam-Punks Wirklichkeit. D em amerikanischen Schriftsteller Michael Muhammad Knight eilt ein Ruf voraus. Im Internet kur- sieren Videos, die ihn dabei zeigen, wie er bei einem Konzert Pogo tanzt und dabei eine Burka trägt. Oder wie er mit einer Horde Punks in einem Bus durch Pakistan tourt, immerhin eines der Zen- tren des Kriegs gegen den Terror. Dort legt er sich dann mit konservativen Geist- lichen an und trifft sich mit Kiffern an Sufi-Schreinen. Aus der Nähe, in der amerikanischen Provinz, sieht alles ein wenig anders aus. Knight lebt bei Raleigh, der Hauptstadt von North Carolina, mehrere Universi- täten, mehrere große Gefängnisse, alles ziemlich unvermittelt nebeneinander. Die Zukunft des westlichen Islam hätte man woanders vermutet. Außerdem hat sich der ehemalige Krawallbruder in einen freundlichen Gelehrten verwandelt. Knight studiert Islamwissenschaften in Raleigh. Sein Programm hat sich aller- dings nicht verändert: Michael Muham- mad Knight will den westlichen Islam ver- ändern. Neun Jahre sind vergangen, seit er „Taqwacore“ veröffentlicht hat, seinen Roman, der vom Leben einer fiktiven Gruppe muslimischer Punks in ihrem Haus in Buffalo erzählt, nun ist er auf Deutsch erschienen*. Und auch wenn keine Islamkonferenz, kein sogenannter Islamkritiker und erst recht kein musli- mischer Geistlicher auf die Übersetzung gewartet haben dürfte: Es ist das interes- santeste und wichtigste Buch eines ame- rikanischen Muslims seit der Autobiogra- fie von Malcolm X. Die Lektüre des Korans öffnete Mal- colm X in den fünfziger Jahren die Augen für den Rassismus der US-Gesellschaft und die systematische Diskriminierung des schwarzen Amerika. Mehrere Gene- rationen fanden sich darin wieder. „Taqwacore“ erzählt vom großen Dra-CHARLES HARRIS / DER SPIEGEL ma der islamischen Identität im Westen heute: Wie kann man an eine Religion glauben, die Unterwerfung fordert, wenn * Michael Muhammad Knight: „Taqwacore“. Aus dem amerikanischen Englisch von Yamin von Rauch. Verlag Schriftsteller Knight: „Dieses Buch bin ich“ Rogner & Bernhard, Berlin; 306 Seiten; 19,95 Euro. 114 D E R S P I E G E L 1 5 / 2 0 1 2
    • das ganze sonstige Leben aus Selbstbe- migkeit, und „Core“ wie Hardcore – ist ständig im Konflikt zwischen den Anfor-stimmung aufgebaut ist? Wie bekommt ein Gesprächsbuch, ständig sitzen die derungen, die der Glaube an sie stellt,man einen Glauben, der den Anspruch Figuren zusammen und reden. Warum und den Schwierigkeiten, sie zu erfüllen.hat, den Alltag zu regeln, aber aus dem eigentlich kein Alkohol, fragen sie mit Und am Ende stellen sie fest, dass nicht7. Jahrhundert stammt, mit den Wider- besoffenem Kopf. Wie ist das mit den die Zerrissenheit das Problem ist, sondernsprüchen des Lebens im 21. Jahrhundert Frauen und der Gleichberechtigung? Gibt der Glaube, es dürfte keine Zweifel undzusammen? es eigentlich richtige und falsche Aus- keine Zerrissenheit geben. Es ist ein Buch, das aus dem existen- legungen der heiligen Schrift? Existiert Michael Muhammad Knight, 34, ist ka-tiellen Zweifel heraus entstanden ist. Es ein amerikanischer Islam? Wenn ja, kann tholisch aufgewachsen. Sein Vater warschildert eine Phantasiewelt, das Haus das überhaupt ein echter Islam sein, wenn ein paranoider und gewalttätiger Nazi-hat es nie gegeben, die Personen, die dar- er anders ist als die anderen? Manchmal Rocker, seine Mutter brachte sich mitin leben, auch nicht. Trotzdem dürfte führt die verschleierte Rabeya die Män- ihrem Sohn in Sicherheit, als der kleinekeine Studie über die sogenannte Inte- ner beim Gebet. Ein Song in dieser ima- Michael zwei Jahre alt war. Die beidengrationswilligkeit muslimischer Jugend- ginären Punkwelt heißt „Muhammad was zogen nach Geneva, in eine Kleinstadt,licher im Westen ihren tat- ein paar Stunden von Newsächlichen Gefühlswelten so York City entfernt. Zum Is-nahe kommen wie die Figuren lam findet er über MTV, inaus „Taqwacore“. einem HipHop-Video sieht er Der Erzähler ist Yusef, ein zum ersten Mal Malcolm X.braver und langweiliger Junge, Er will sich durch das Studiumder Ingenieurwissenschaften des Korans auch verändern.studiert und zur Freude seiner Er fängt an, in eine Mo-Eltern in ein Wohnheim voller schee zu gehen, und tritt zumMuslime zieht. Er ist fassungs- Islam über. Mit 17 fährt er fürlos, als er seine neuen Mitbe- zwei Monate ins pakistanischewohner kennenlernt. Islamabad. Dort besucht er Da gibt es Jehangir, den eine Moschee, die mit saudi- KIM BADAWI / GETTY IMAGESSufi-Philosophen mit dem schem Geld finanziert ist, ei-Irokesenschnitt. Er versucht, ne radikal-islamistische BlaseHedonismus und Islam zu- ohne Kontakt zur pakistani-sammenzubringen, und ruft schen Restrealität.manchmal mit der E-Gitarre Knight kommt als Extre-zum Gebet. Dann ist da Ra- mist zurück. Er hängt ein Pla-beya, das Riot-Girl in einer Islam-Punk-Band The Kominas: Auf Tour in Pakistan kat des Ajatollah Chomeinimit Punk-Aufnähern verzier- in seinem Jugendzimmer auften Burka, das die Zeilen des – Mitte der Neunziger. EinKorans, die ihm nicht passen, paar Jahre später wäre esmit einem dicken Filzstift wohl eines von Bin Ladenwegstreicht. Lynn, die weiße gewesen.Konvertitin, sucht nach dem Ein weißer Junge, der überWohlfühl-Islam. Muzammil ist HipHop zum Islam und überMuslim und schwul. Und Pakistan zum Fundamentalis-Umar, der Gewichte stem- mus findet: Vielen westlichenmende Steinzeit-Islamist, mag Konvertiten dürfte es ähnlichweder Frauen noch Schwule, ergangen sein. Konvertitendabei ist er mit seinen Tattoos suchen in der neuen Religionin der Welt der konservativen die Ordnung, die genauen An-Muslime selbst ein Exot. weisungen dazu, wie das Le- Im Gebetsraum des Hauses ben zu leben ist. Viele ziehen MAST IRHAM / DPAhängt eine saudische Fahne, dafür in den Heiligen Krieg.auf die ein Anarchie-A ge- Auch Knight ist einmal kurzsprüht ist. Ein Loch in der davor, nach Tschetschenien zuWand markiert die Gebets- gehen, um gegen die Ungläu-richtung nach Mekka, jemand Indonesische Islam-Punks: Die Polizei schneidet ihnen die Haare bigen zu kämpfen. Er machthat es mit einem Baseball- es nicht.schläger hineingekloppt. Immer läuft a Punk Rocker“, ein anderer „Our Holy Tatsächlich kommen ihm Zweifel. AufPunkmusik, die Bands heißen Vote Hez- Prophet Fingered His Six-Year-Old Bride dem College in Buffalo realisiert er, wiebollah oder Osama Bin Laden’s Tunnel in Her Dirty Ass“. wenig er mit dem Leben klarkommt. ErDiggers. Als der Skandal um die dänischen Mo- kann sich nicht mit Mädchen unterhalten, Es ist eine Outlaw-Gemeinde, diese auf hammed-Karikaturen durch die arabische jede Bar empfindet er als Bedrohung. Ereine Punk-WG zusammengeschrumpfte Welt fegte und die Veröffentlichung der hat ein paar Punk-Freunde, AußenseiterUmma. Ein Labor für den Clash von britischen Ausgabe von „Taqwacore“ an- wie er, aber über Religion kann er mitIslam und westlichem Lebensstil sowie stand, entschied sich der Verlag, das Buch ihnen nicht reden. Die Welt versteht ihnein Modell des Welt-Islam: So unter- zu zensieren. Die deutsche Ausgabe ba- nicht, er versteht die Welt nicht.schiedlich wie die Bewohner sind schließ- siert auf dem amerikanischen Original. So fängt er an, „Taqwacore“ zu schrei-lich auch die verschiedenen islamischen „Taqwacore“ ist das Buch eines Autors, ben. Es beginnt als Gedankenspiel: WasGemeinden. der am Anfang seiner Karriere steht. Es wäre, wenn ich Menschen hätte, mit de- „Taqwacore“ – das Wort setzt sich zu- glüht vor Intensität. Alle Figuren des nen ich mich über meine Zweifel unter-sammen aus „Taqwa“, das heißt Fröm- Buchs leben eine zerrissene Existenz, halten könnte? Was wäre, wenn es ein D E R S P I E G E L 1 5 / 2 0 1 2 115
    • Kultur STRAND RELEASING Szene aus „Taqwacore“-Verfilmung: Kombination aus „Allahu akbar“ und „Fuck you“ Haus gäbe, wo ich mit diesen Leuten zu- nen anschließend die Haare geschnitten sammen wohnen würde? „Dieses Buch werden. bin ich“, sagt Knight. „Ich, wie ich mich Irgendetwas ist dran an dieser Kombi- mit mir selbst unterhalte.“ nation aus „Allahu akbar“ und „Fuck Es dauert eine Weile, bis das Buch sich you“. Vielleicht liegt es an der eigentüm- verbreitet, Knight hat zunächst keinen lichen Geschichte des Islam in den USA. Verlag, er kopiert die ersten Exemplare Anders als in Deutschland (und den meis- per Hand, bindet sie im Copyshop und ten anderen europäischen Ländern) ist verschickt sie an jeden, der eins will. Der der Islam dort nämlich keine Einwande- Punk-Veteran und Ex-Sänger der Dead rerreligion, zumindest nicht ausschließ- Kennedys Jello Biafra nimmt das Buch lich. Ein großer Teil der Muslime dort schließlich in den Katalog seines Platten- sind Afroamerikaner, und ihr Glaube ist versands auf. so amerikanisch, dass die meisten Araber Knight bekommt Post. Dutzende Kids ihn kaum ernst nehmen. melden sich bei ihm, schreiben ihm, dass Dieser schwarze Islam entstand in den sie sich wiedergefunden hätten in seinem dreißiger Jahren in den Ghettos von Chi- Buch, bitten ihn, Kontakt zur Taqwacore- cago und Detroit, ihr bekanntester An-Früher lesen: Früher lesen: Szene herzustellen, fragen, wo sie die hänger ist der Boxer Muhammad Ali. ErSonntag schon ab 8 Uhr auf iPad, iPhone®, Musik der Muslim-Punk-Bands bekom- war in der Nation of Islam, einer umstrit-Android-Tablets und -Smartphones sowie auf men können. tenen Organisation, der auch Malcolm XMac und PC: einmal anmelden und auf jedem Die Szene, die Knight sich in seiner viele Jahre angehörte. Der größte Unter-Gerät lesen – egal wo Sie gerade sind. Verzweiflung ausgedacht hat, entsteht auf schied zum Islam anderswo: Viele BlackMehr sehen: Mehr sehen: einmal wirklich. Bands gründen sich, un- Muslims glauben noch immer, der weißeNutzen Sie Videos, Fotostrecken und ter dem Label Muslim-Punk gehen sie so- Mann sei der „blue-eyed devil“.interaktive Grafiken. gar auf Tour. „Sharia Law in the U.S.A.“ Hier hat sich Knight sein Religions- heißt ein bekanntes Stück, The Kominas verständnis geborgt, beim widerständi-Mehr hören: Mehr hören: die Band, eine Gruppe pakistanisch-ame- gen Glauben des schwarzen Amerika,Lauschen Sie Interviews, neuen Songs rikanischer Punks, ihr Song erinnert an der nicht aus der Tradition lebt, sondernoder historischen Tondokumenten. den Sex-Pistols-Klassiker „Anarchy in the aus der Selbsterfindung. Wo etwa dieMehr wissen: Mehr wissen: U.K.“. Sekte der Five Percenters glaubt, AllahLesen Sie weiter auf den Themenseiten. Knight will bei all der Aufregung nicht lebe in jedem Menschen, deshalb heißeLassen Sie sich vom Reporter erklären, wie abseitsstehen, es ist der Traum eines er auch so: A-L-L-A-H, Arm-Leg-Leg- Schriftstellers, seine Phantasie ist Wirk- Arm-Head.er recherchiert hat. lichkeit geworden. Als die Kominas Kon- Wer weiß, vielleicht entsteht ja irgend- zerte in Pakistan geben, ist Knight dabei, wo im deutschen Neukölln, im engli- ein Dokumentarfilm entsteht. schen Birmingham oder in der PariserJetzt exklusiv in der neuen Ausgabe: Die Bewegung trennt sich rasch von Banlieue gerade Ähnliches? Ein Islam, Mehr als ein Pass? – Videos und Fotos über ihren Wurzeln, einige Bands haben sich der sich von den Absolutheitsansprüchen mittlerweile aufgelöst, andere haben sich seiner verschiedenen Schulen getrennt das Heimatgefühl der Deutschen weiterentwickelt. hat und die Vielfalt gelten lassen kann. Blut im Sand – Video über den einäugigen In Asien blüht die Bewegung auf. So Nicht weil es im Koran steht, sondern Stierkämpfer Juan José Padilla wie die Welt der schwarzen Muslime über weil es der westliche Beitrag zum Welt- HipHop-Songs in Knights Kinderzimmer Islam sein könnte. Samenspender – Video-Besuch bei einem landete und dort ihre eigentümliche Dass es überhaupt möglich sein könn- 82fachen Vater Wirkung entfaltete, ist es heute mit te, so etwas zu beschreiben, das ist das Taqwacore in Burma und Indonesien, wo große Verdienst von Michael Muhammad die Konzerte der Muslim-Punks von der Knights „Taqwacore“. Polizei aufgelöst und den Festgenomme- TOBIAS RAPP 116 D E R S P I E G E L 1 5 / 2 0 1 2
    • Zombies DEBATTENKRITIK : Was taugt das Israel-Gedicht von Günter Grass?B itte nicht schon wieder eine Debat- Grass – aber weil sich, so sieht er das, dort oft genug gesagt. Damit ist Iran erst te, die keine ist. Bitte nicht schon niemand traut, Israel dafür zu kritisieren, mal der Aggressor in dieser Angelegen- wieder eines dieser ewigen deut- dass es bereit ist, einen Präventivkrieg heit – es sei denn, und das ist der Antise-schen Selbstgespräche, die so voller Weh- gegen Iran zu beginnen, bleibt ihm, ganz mitismus, von dem Broder spricht, Günterleidigkeit, Selbsthass und mühsam unter- lutherisch, gerade nichts anderes übrig, Grass wäre der Meinung, dass die Grün-drückter Aggression sind. Bitte nicht als das zu sagen, was er für die Wahr- dung Israels die eigentliche Aggression ist,schon wieder alte Männer, die mit den heit hält: „Das allgemeine Verschweigen gegen die sich Palästinenser und letztlichWorten von gestern und vorgestern auf- dieses Tatbestandes, dem sich mein auch Ahmadinedschad zu Recht wehren.einander einprügeln. Schweigen untergeordnet hat, empfinde Das würde Grass natürlich nie direkt Was ist passiert? Günter Grass hat ein ich als belastende Lüge und Zwang, der sagen, er hat ja auch mit Bedacht und ausGedicht geschrieben, in dem er die Welt Strafe in Aussicht stellt, sobald er Feigheit die Form des Gedichts gewähltretten will und vor allem sich selbst, mit missachtet wird.“ und keinen Essay geschrieben, in dem erdem ganzen klapperigen Pa- argumentieren müsste – sothos, das ihm zur Verfügung kann er immer sagen, Entschul-steht: Es geht um Israel, Iran, digung, aber das hat Verse, diedie Atombombe, ein deutsches sich zwar nicht reimen, aberU-Boot – und Henryk M. Bro- doch Kunst sind.der schrieb in der „Welt“ so- Ob Kunst oder nicht: Diesesfort, dass hier der „Prototyp Gedicht öffnet den Blick aufdes gebildeten Antisemiten“ Grass, den man als selbstge-spricht. recht beschrieben hat und der Schon sind wir mittendrin in sich hier darüber hinaus alseiner Diskussion, die einem we- sehr kalt erweist – so kalt, dassnig sagt über das, was im Na- er sich im Mantel seiner eige-hen Osten passiert, und viel nen, triumphalen Moral wär-darüber, wie sehr die Deut- men muss: „Ich schweige nichtschen immer noch mit ihren mehr, weil ich der HeucheleiGespenstern ringen. des Westens überdrüssig bin“, „Was gesagt werden muss“, schreibt er. „Nur so ist allen,so heißt das Gedicht, das Grass den Israelis und Palästinensern,vergangenen Mittwoch gleich- mehr noch, allen Menschen,zeitig in der „Süddeutschen die in dieser vom Wahn okku-Zeitung“, „El País“ und „La pierten Region dicht bei dichtRepubblica“ veröffentlichte – verfeindet leben und letztlichund schon der Titel ist unfass- auch uns zu helfen.“ JAKOB CARLSENbar verbohrt und anmaßend. Warum uns? Das sind dieGrass tut ja gerade so, als stün- Worte einer Generation, die,de er vor einem Hinrichtungs- scheint es, vor vielen, vielenkommando, das Hemd weit Polit-Lyriker Grass Jahren gestorben ist, Zombiesaufgerissen, um seine Wahrheit seit Kriegstagen, und die sicheiner widrigen Welt entgegen- seither selbst erlösen will. Undzuwerfen. zwar über den Umweg Israel. „Warum schweige ich, verschweige zu Wow. Es ist das gleiche Muster wie bei Das Problem bei diesem Gedicht istlange, was offensichtlich ist“, so beginnt Martin Walser und seiner „Moralkeule“ damit nicht, ob es gut ist oder schlecht,das Gedicht, und wie gut für Grass, dass Auschwitz, und es ist doch immer wieder das lässt sich leicht sagen. Das Problemer diese Frage nicht wirklich mit einer atemberaubend zu sehen, mit welcher ist auch nicht, ob Günter Grass Antisemitkritischen Selbstreflexion beantworten Dreistigkeit es die Männer dieser Gene- ist oder nicht, ich glaube das nicht. Dasmuss, die ihn nur zu dem Hitler-Soldaten ration der heute über 80-Jährigen schaf- Problem ist, dass Grass eine Art vongeführt hätte, der er mal war, und zu dem fen, Ursache und Wirkung zu verdrehen Vereinfachung vorführt, wie sie imganzen Hitler-Irrsinn, den er in seiner Ju- und mit ein paar Sätzen ihre eigene Wirk- deutschen Denken verwurzelt ist undgend eingeatmet hat – wie gut für Grass, lichkeit zu konstruieren. Wir sind die Op- auch von Teilen der Linken in den sieb-dass er die Schuldigen gleich parat hat: fer, wir dürfen nicht sagen, was wir den- ziger Jahren praktiziert wurde – wasdie Opfer, die ihn zwingen, sich zu erin- ken, behaupten sie und schieben damit dann in der Konsequenz zu Antisemitis-nern, und die heute angeblich noch mit die Schuld den eigentlichen Opfern zu. mus führen kann.der Erinnerung Politik machen. Die Ju- Es ist das ewig dämliche Spiel dieser Flak- Grass jedenfalls hat, „gealtert und mitden also, ein Wort, das Günter Grass in helfergeneration. letzter Tinte“, getan, was Grass eben tunseinem Gedicht verdruckst vermeidet. Deshalb noch mal ganz einfach: Iran musste, weil er Grass ist. Und? Hat ihn Dass er „dem Land Israel“ verbunden will, dass Israel von der Landkarte ver- jemand daran gehindert?ist und verbunden „bleiben will“, betont schwindet, das hat der verrückte Führer GEORG DIEZ D E R S P I E G E L 1 5 / 2 0 1 2 117
    • Prisma Fliege hinter Gittern Im Dienste der Wissen- schaft surrt diese Frucht- fliege in einem Feld, das durch Leuchtdioden begrenzt ist. Das Experi- FLORIS VAN BREUGEL ment soll zeigen, wie sich die Tiere orientieren. BILDUNG elektronische Medium im Laufe der ARCHÄOLOGI E Zeit eher das Interesse am Schmö- kern. „Vielleicht vergraben sich Mäd-Starthilfe für Lesemuffel chen in diesem Alter doch einfach Promi-WerbungElf- bis Fünfzehnjährige, die Büchermeiden, bekommen durch E-Book- lieber mit einer Schwarte im Sessel“, meint Studienautorin Dara Williams- Rossi von der Southern Methodist für die ArmeeReader mehr Lust aufs Lesen. Aller- University in Dallas. Anfangs aber Stars aus der Welt des Sports wurdendings gilt die Initialzündung eher für profitierten die früheren Lesemuffel in der Antike offenbar gezielt einge-Jungen als für Mädchen, wie US- beiderlei Geschlechts von der elek- setzt, um junge Männer für den DienstForscher aus Texas bei einer Studie tronischen Einstiegshilfe, berichten in der römischen Armee zu begeistern.mit knapp 200 Schulkindern heraus- die beteiligten Forscher im „Interna- Belegt ist dies zumindest für die Stadtgefunden haben. Während sich die tional Journal of Applied Science and Oinoanda im Südwesten der heutigenmännlichen Teilnehmer der Studie Technology“ – einige der auf den Türkei. Dort warb vor rund 1800 Jah-dauerhaft fasziniert von der Bild- Geschmack gekommenen Schüler ren der erfolgreiche Ringer und Athletschirmlektüre zeigten, verloren die verschlangen binnen zwei Monaten Lucius Septimius Flavianus Flavillia-gleichaltrigen Mädchen durch das vier E-Book-Geschichten. nus Rekruten für die römischen Legio- nen an, wie eine in der Zeitschrift „Anatolian Studies“ veröffentlichte Inschrift verrät. Dem Text zufolge eskortierte Flavillianus die Männer anschließend selbst in die Stadt Hiera- polis. Das Charisma des Ausnahme- kämpfers tat offenbar seine Wirkung: Die Jugend folgte seinem Werben in Scharen. Von den Siegen des Athleten im Ringen und im Pankration, einer RONALD FROMMANN / DER SPIEGEL besonders blutigen Kampfsportart, berichten auch andere Inschriften in der Stadt. „Dank seiner immensen Berühmtheit fiel es Flavillianus wahr- scheinlich leicht, Freiwillige zusam- menzutrommeln“, erklärt Studien- autor Nicholas Milner vom BritishJugendliche E-Book-Leserin Institute in Ankara.118 D E R S P I E G E L 1 5 / 2 0 1 2
    • Wissenschaft · Technik M AT E R I A L F O R S C H U N G Kunststoff mit BlutergussEin Material mit verblüffenden Selbst-heilungskräften haben Forscher bei ei-nem Expertentreffen in den USA prä-sentiert. Der Chemiker Marek Urbanvon der University of Southern Missis-sippi in Hattiesburg hat ein Polymerentwickelt, das bei Kratzern oder Ris-sen ähnlich reagiert wie die menschli-che Haut: Einem Bluterguss vergleich-bar bilden sich rund um die aufgetrete-nen Schäden erst rötliche Flecken; da-nach kann durch Licht ein im Materialenthaltener Reparaturmechanismus DAVID HALL / SEAPHOTOS.COMaktiviert werden, der die zugrunde lie-genden Molekülbrüche selbsttätig kit-tet. „Unser neuer Kunststoff versuchtdie Natur zu imitieren, indem er aufSchäden mit einem sichtbaren Signal Red Irish Lordhinweist und sich anschließend selbsterneuert“, erklärt Urban. Für solchean biologischen Systemen orientierten FOTOGRAFIEWerkstoffe gibt es nach Ansicht derForscher eine Vielzahl von Anwen-dungsmöglichkeiten. Denkbar wärenPlastikgehäuse für Handys oder Lap-tops, bei denen Sprünge von selbst Wunderwelt unter Wasserwieder zusammenwachsen; oder Auto- Kunstwerk oder wissenschaftliche Fotografie? Mit den Bildern, die er in denteile, deren Kratzer in der Sonne ver- Tiefen des Nordpazifiks macht, gelingt David Hall beides. Der Zoologe, leiden-heilen. Und Flugzeugingenieure könn- schaftlicher Taucher und Fotograf aus New York, hat im Laufe von 15 Jahren dieten anhand der roten Flecken an der kalten Gewässer mit der Kamera erforscht und dabei einen Kosmos von uner-Oberfläche entscheiden, ob für Risse hörter Farbenpracht dokumentiert, der jetzt in seinem Band „Unbekannte Kalt-im Material eine simple Lichttherapie wasserwelten“ zu betrachten ist (Frederking & Thaler; 39,95 Euro). Wie Gemäldegenügt oder ob die defekten Teile wirken die Bilder von Algenwäldern; die Wanderungen der Lachse gleichen Or-besser ersetzt werden sollten. gien von Rot und Grün. Und Seenelken, Medusensterne oder der Red Irish Lord, einer der spektakulärsten Fische des Nordpazifiks, leuchten wie psychedelische Kostbarkeiten. „Unter Wasser sind wir unbeholfene Neulinge“, schreibt Hall, der mit seinen Fotomodellen wiederholt Abenteuerliches erlebte: Neugierige Seelöwen etwa, die größten Exemplare rund tausend Kilogramm schwer, umzin- WODICKA / BILDMASCHINE.DE gelten den Eindringling auf einer seiner Expeditionen. Der New Yorker Fotograf rückte auch monströsen Wesen wie dem 2,5 Meter langen Seewolf, gigantischen Quallen oder dem furchterregenden Pazifischen Riesenkraken auf den Leib. Kratzer im „Aufnahmen mit hoher Auflösung“, so Halls Devise, „gelingen nämlich nur, Autolack wenn sich möglichst wenig Wasser zwischen Linse und Motiv befindet.“ DROGEN hat. Die Folgen der Muntermacher- gen- und Handbewegungen zu koordi- pillen zeigen sich demnach schon vier nieren. Ob auch die kognitiven Fähig- Monate nach der Geburt. Die Exper- keiten der Kinder und ihre emotionale Ecstasy schädigt Babys ten registrierten bei den Kindern ge- häuft motorische Entwicklungsdefizite: Reifung aufgrund des Drogenkonsums der Mütter leiden, sollen Nachfolge-Frauen, die während der Schwanger- Einige von ihnen schafften es erst spä- untersuchungen nach dem zwölftenschaft Ecstasy einnehmen, gefährden ter als üblich, den Kopf aus eigener Lebensmonat klären. „Besondersdas Wohlergehen ihres Kindes. Zu Kraft aufrecht zu halten; andere, heißt tückisch“, warnt Studienleiterin Lynndiesem Ergebnis kommt ein internatio- es im Fachblatt „Neurotoxicology and Singer von der Case Western Reservenales Forscherteam, das erstmals die Teratology“, hinkten Gleichaltrigen University in Cleveland, seien dieAuswirkungen der Partydroge auf den hinterher, wenn es darum ging, sich Ecstasy-Risiken „für Frauen, die dieFötus im Mutterleib und auf die späte- vom Rücken auf die Seite zu drehen, Pillen konsumieren und dabei garre Entwicklung des Kindes untersucht mit Unterstützung zu sitzen oder Au- nicht wissen, dass sie schwanger sind“. D E R S P I E G E L 1 5 / 2 0 1 2 119
    • Wissenschaft ARCHÄOLOGI E Gottes vergessene Kinder Das antike Volk der Juden hatte religiöse Konkurrenz. Ausgräber sind nahe Jerusalem auf einen zweiten riesigen Jahwe-Tempel gestoßen – eineISRAELIMAGES / AKG Sensation. Die Erben der ersten Priester leben noch heute am Fuß der Ruinen. G ewandet in einen grauen Mantel, Besonders wichtig: Die Sekte glaubt Gruppe in Holon bei Tel Aviv, wieder 751 sitzt Aaron Ben Ab-Hisda Ben nur an das schriftliche Vermächtnis von Personen zur Gemeinde. Jakob, 85, im Dämmerlicht seines Mose, die fünf Bücher des Pentateuch Die Zunahme erfolgte allerdings nur, Hauses. Er stimmt einen kehligen Singsang (Hebräisch: Tora). Alle anderen Schriften weil man frevelte und das Verbot der an, eine althebräische Litanei. Er trägt Voll- der Bibel lehnen sie ab. Mischehe aufhob. Im Jahr 2004 wurden bart und auf dem Kopf ein rotes Käppi. Historisch gesehen gehören Samarita- fünf heiratswillige Jüdinnen aus der Der Mann ist Hohepriester. Sein Stamm- ner und Juden einem Volk an. Das Alte Ukraine und eine aus Sibirien in die Ge- baum reicht 132 Generationen zurück. Er Testament berichtet, dass zehn der zwölf meinde aufgenommen. sagt: „Ich bin ein Urenkel von Aaron, dem Stämme in der Region Samarien den Staat Dennoch: Wegen der Inzucht gibt es Bruder des Propheten Mose.“ Der lebte Israel gründeten – um 926 vor Christus. vermehrt Erbschäden. Fachblätter haben vielleicht vor über 3000 Jahren. Die beiden anderen Clans lebten weiter Studien über die vergessenen Kinder Got- Die Sekte der Samaritaner, die Aaron südlich im bergigen Juda, mit der Haupt- tes vorgelegt. Sie leiden gehäuft an einer Ben Ab-Hisda anführt, ist so strenggläu- stadt Jerusalem (siehe Karte). Muskelschwäche und dem Usher-Syn- big, dass ihre Mitglieder am Sabbat nicht Die Samaritaner waren also einst in drom („Taubblindheit“). einmal die Heizung anschalten. Sie essen der Mehrheit. In der Antike gab es Ihr Kult aber ist vital. Zum Pessachfest nie Krabben und heiraten nur unterein- 300 000 von ihnen, vielleicht sogar über versammeln sich alle. Die Männer tragen ander. Ihre Frauen gelten während der eine Million. Doch ihr härtestes Gesetz dann weiße Gewänder und begehen ein Menstruation als so unrein, dass sie sie- hätte fast ihren Untergang bedeutet. Es großes Tieropfer. ben Tage in speziellen Räumen abge- lautet: „Niemand von euch darf außer- Auf Kommando schneidet ein Priester schirmt werden. halb des Gelobten Landes siedeln.“ rund 50 Lämmern die Kehle durch. In Draußen, in den Straßen von Kirjat Ergebnis: Während die Juden vor der Strömen fließt das Blut über eine Stein- Luza (bei Nablus), fegt ein kalter Sturm. Drangsal fremder Herrscher in alle Welt rinne in ein Loch, wo es mitsamt dem Das Dorf liegt knapp unter dem Gipfel flohen, verharrten ihre Verwandten vor Gedärm verbrannt wird. Das Fleisch, in des Garizim. Es gibt eine Schule, zwei Lä- Ort und litten unter byzantinischen Ty- einem großen Erdofen gegart, muss noch den, einen Opferplatz. 367 Samaritaner rannen oder grausamen Sultanen. Am in der Nacht gegessen werden. Sonst wird leben dort. Es ist eine kleine Gemeinde. Ende des Ersten Weltkriegs gab es noch es unkoscher. Der Besuch der Synagoge am Samstag 146 von ihnen. Woher aber kommen diese archaischen ist hier Zwang. „Jeder Junge muss genau „Heute geht es uns besser“, sagt der Menschen? am achten Tag beschnitten werden“, er- Greis Aaron Ben Ab-Hisda und schaut Diese Frage interessiert immer mehr klärt der Hohepriester. Nicht vorher, munter aus dem Fenster. Inzwischen ge- Religionswissenschaftler. Neue Erkennt- nicht nachher. hören, zusammen mit einer weiteren nisse belegen, dass die Samaritaner ein 120 D E R S P I E G E L 1 5 / 2 0 1 2
    • Gespaltenes Reich ten vorchristlichen Jahrhundert spalteten sich die Samaritaner als radikale Sekte Die Staaten Israel und Juda ab. In der Bibel treten sie als Eigenbrötler im 10. Jh. v. Chr. und Götzendiener auf, sie sind böse. Der „barmherzige Samariter“ (Lukas Kapitel 10, Vers 25–37) verhält sich eher un- r typisch. ee lm See Der Historiker Flavius Josephus, selbst te Genezareth jüdischen Glaubens, erwähnt, dass die it Abtrünnigen um 330 vor Christus eher M ISRAEL stümperhaft und „in aller Eile“ ein Hei- Jordan 10 Stämme ligtum errichtet hätten, um den Tempel von Jerusalem nachzuahmen. Samaria Berg Ebal Doch nun zeigt sich, dass die Bibel nur Berg Sichem ein Zerrbild liefert. Papyrusrollen aus (Tel Aviv) Garizim Qumran am Toten Meer, aber auch ein (Holon) jüngst auf dem Antikenmarkt aufgetauch- (Westjordanland) Bethel tes Fragment der Bibel zwängen zu einer (Gaza- „völligen Neubewertung“, sagt Schorch. Jerusalem Jericho Den spannendsten Hinweis darauf, wie Streifen) Betlehem die Geschichte wirklich ablief, hat jetzt Jizchak Magen geliefert. Seit 25 Jahren Hebron gräbt der Archäologe abgeschirmt hinter To t e s Sicherheitszäunen auf der Kuppe des Meer windumtosten Garizim. JUDA Seine Befunde, erst zum Teil veröffent- 2 Stämme licht, kommen einer Sensation gleich: Auf dem Berg stand bereits vor 2500 Jahren ein gewaltiges, hell schimmerndes Heilig- heutige tum, umschlossen von einer 96 mal 98 Me- Grenzen ter großen Einfriedung. Die Mauer hatte Möglicher Israels Wanderzug der sechskammrige Tore mit riesigen Holz- Israeliten vor türen. der Eroberung Der Tempel von Jerusalem war zu jener Samaritaner bei einer des Gelobten Zeit allenfalls ein simpler Kubus. 50 km Zeremonie mit Tora-Rolle Landes 400 000 Knochenreste von Opfertieren hat Magen entdeckt. Inschriften weisen die Stätte als „Haus des Herrn“ aus. Aufdüsteres Schicksal erlitten. Einst waren Und er vergleicht die samaritanische Tora einem Silberring prangt das Tetragrammsie die Wächter der Bundeslade und die mit der jüdischen Version. JHWH. Es steht für „Jahwe“.Gralshüter der mosaischen Tradition. „Eigentlich gibt es nur eine wesentliche All das bedeutet: Nur 50 Kilometer vonDoch dann wurden sie Opfer einer Ruf- Abweichung“ erklärt er. Bei den Juden Jerusalem entfernt stand ein gigantischesmordkampagne. gilt Jerusalem als zentraler Kultort, bei Gegenheiligtum. Stefan Schorch steht mit windzerzaus- den Samaritanern ist es der Berg Gari- Was für eine Entdeckung. Unter dentem Haar vor der Synagoge in Kirjat zim. Israeliten brodelte ein Glaubenskrieg, dieLuza. Der Alttestamentler von der Uni- Nur: Welche Tora ist das Original? Die Nation war gespalten. Die Juden hattenversität Halle-Wittenberg kommt oft hier- bisherige Lehrmeinung geht so: Im vier- mächtige Vettern, mit denen sie einenher, meist mit dem Tonband. Er arbeitetwie ein Ethnologe, der ein abgelegenesNaturvolk untersucht. Vor allem sucht Schorch nach heiligenBüchern. Es ist halb acht Uhr morgens. Ein Pries-ter schließt das kleine Gebetshaus aufund verschwindet in einer Nische, die miteinem roten Teppich verhängt ist. Dahin-ter steht ein Panzerschrank, gefüllt mitalten Folianten des Pentateuch. „Un-glaublich“, sagt der Forscher und blättertin einem von ihnen, „ein vollständig er-haltenes Exemplar aus dem 14. Jahr-hundert.“ Er fotografiert jede Seite derSchwarte. Dann wird sie wieder weg-geschlossen. ISRAELIMAGES / AKG Fast jede reiche Familie besaß einstsolch eine kostbare Handschrift. Einigedavon gelangten nach Europa. Der Pro-fessor aus der Lutherstadt studiert dieseTexte. Er prüft jede Zeile, jeden Wortlaut. Ruinen des Jahwe-Tempels auf dem Garizim: 400 000 Knochenreste von Opfertieren D E R S P I E G E L 1 5 / 2 0 1 2 121
    • Wissenschaft AMIT SHABI / LAIF / DER SPIEGEL (L.); POLARIS / LAIF (R.)Hohepriester Aaron Ben Ab-Hisda, samaritanische Gemeinde beim Pessachfest: Das Opferfleisch wird in einem glühenden Erdofen gegartZwist ums Kultmonopol ausfochten. Es blickt über den Fluss hinweg ins Land Fluchbergs“, sagt Schorch, „wollte manging um die Frage: Welchem Ort gebührt der Verheißung, wo „Milch und Honig die ganze Erzählung in ein negativesdie Ehre, Heimstatt und Brandopferplatz fließen“. Licht rücken und dem Garizim seine bib-des Allmächtigen zu sein? Kurz vor seinem Tod erteilt Mose einen lische Legitimation entziehen.“ Noch haben die Forscher längst nicht wichtigen Befehl: Das Volk müsse zuerst Schorch datiert den Eingriff auf diealle Details dieses Konflikts erfasst. Si- zum Garizim ziehen. Sechs Stämme sol- Zeit um 150 vor Christus. Von Betrug magcher ist nur, dass man ihn mit Härte aus- len ihn erklimmen und Segenssprüche ru- der Forscher nicht sprechen, lieber vontrug. Es wurde geeifert, verleumdet, ge- fen. Den anderen sechs Clans obliegt es, einer „Anpassung der Bibel an die eigenemordet – und am Ende sogar die heilige vom benachbarten Zwillingsberg Ebal aus religiöse Sicht“.Schrift verändert. zu fluchen. Nur, wieso setzte sich die Mogelei am Anfangs, so viel ist klar, waren die Sa- Es ist eine Art rituelle Inbesitznahme Ende durch? Warum triumphierte diemaritaner in der stärkeren Position. Denn des Gelobten Landes. Minderheit? Besaßen die Gegner nichtverglichen mit Jerusalem hatte der Gari- Schließlich fordert der Prophet, dass das volkreichere Land? In ihrer Haupt-zim die deutlich älteren Rechte: In der die Israeliten auf dem Garizim ein Hei- stadt Samaria stand bereits um 1000 vorgroßen Erzählung von der Geschichte des ligtum „aus Steinen“ errichten, getüncht Christus ein Palast. Man fand dort Elfen-Auserwählten Volkes nimmt der Berg mit „Kalk“. Denn dies sei „der Ort, den bein. Jerusalem war da noch ein Nest miteine Schlüsselstellung ein. der Herr erwählt hat“. kaum 1500 Einwohnern. Bereits der Stammvater Abraham (der So jedenfalls steht es in den ältesten Die Forschung kann dieses Rätselangeblich um 1500 vor Christus als Wan- Bibelschriften. Es sind brüchige Papyrus- erklären, die Antwort besitzt sogar einderhirte durch den Orient zieht) macht rollen, die vor über 2000 Jahren in Qum- Gesicht: Es trägt einen gekräuselten Kinn-an der Stätte halt, weil ihm Gott in einer ran entstanden und erst kürzlich zur Aus- bart und einen Bronzehelm. Es waren dieherrlichen Vision erscheint. wertung kamen. Assyrer, die ab 732 vor Christus mit Später kommt auch der Patriarch Ja- In der hebräischen Bibel (an der Jeru- Kampfwagen bis zum Mittelmeer vor-kob vorbei, um dort ein Urheiligtum zu salems Priesterschaft womöglich noch rückten und den Staat Israel unterjochten.errichten. sehr lange herumschrieb) hört sich das Bewohner wurden gepfählt und ver- Im 5. Buch Mose tritt der Gipfel end- Ganze plötzlich anders an. Von einem schleppt.gültig in den Brennpunkt: Nach der „erwählten Ort“ ist nicht mehr die Rede. Das schwächte das Land. GewalttäterFlucht aus Ägypten sind die Israeliten 40 Auch das Wort „Garizim“ ist an der waren ins Hauptland des Herrn eingebro-Jahre lang durch die Wüste Sinai geirrt. entscheidenden Stelle gestrichen. Statt- chen. Viele flohen deshalb zu den VetternEndlich erreichen sie von Osten aus den dessen wird der Jahwe-Altar hier auf dem in Juda. Jerusalems Einwohnerzahl stiegJordan. Ihr sterbensmüder Anführer „Ebal“ errichtet. „Durch die Nennung des auf 15 000.122 D E R S P I E G E L 1 5 / 2 0 1 2
    • Gestärkt durch diese Völkerflut, bean- Schließlich eskalierte der Zwist. Imspruchten die Priester dort nun selbst die Jahr 128 vor Christus erklomm der jüdi-Führung in sakralen Dingen. Schon we- sche Fürst Johannes Hyrkanos mit einernige Jahre nach dem Überfall lotste König Armee den Garizim und äscherte dasHiskija alle Israeliten – Juden wie Sama- stolze Heiligtum ein. Die Ausgräber fan- AMIT SHABI / LAIF / DER SPIEGELritaner – zur Wallfahrt nach Jerusalem. den eine „Feuersbrunstschicht“, dazuNur hier seien die Freiheit und die Rein- Pfeilspitzen, Schwerter, Dolche undheit gewahrt, um dem Allmächtigen zu Wurfbleie.huldigen. Das Nachbarland war ja von Die Samaritaner bauten ihren Tempelsaufenden und hurenden Heiden besetzt. nie wieder auf. Fortan schrieben die Sie- Um ihren Anspruch zu unterstreichen, ger (biblische) Geschichte und drängtenersannen die Leute aus dem kleinen Süd- ihre Gegner weiter ins Abseits.reich eine Heilsgeschichte. Demnach re- Alttestamentler Schorch Und doch existieren die „Bewahrer desgierte bereits um 1000 vor Christus der Welche Tora ist das Original? Gesetzes“, wie sie sich selbst nennen, bisUr-König David von Jerusalem aus ein in die Gegenwart fort. Als Mark Twainglänzendes Großreich. Sein Nachfolger Das Buch Esra erzählt gar, dass diese 1867 die Gegend bereiste, traf er auf denSalomo schuf in der Stadt angeblich einen „Feinde“ den Wiederaufbau des zerstör- „traurigen, stolzen Überrest einer einstTempel aus Zedernholz, „vollständig mit ten Jerusalemer Tempels hintertreiben mächtigen Gemeinschaft“, die er anstarr-Gold überzogen“. Über 180 000 Arbeiter wollten – und zwar aus Neid, weil sie kei- te, als wären es „lebende Mastodonten“.hätten sich geplagt, so die Bibel. nen eigenen besessen hätten. Heute geht es den erstaunlichen Alles Unsinn: Vom Sakrosanktum des In Wahrheit stand damals auf dem Frömmlern wieder besser. Sie haben ei-Salomo wurde bis heute nicht ein Stein Garizim längst eine leuchtende Götter- nen Sitz im palästinensischen Parlamentgefunden. festung. Der Archäologe Magen entdeck- und halten Kontakte zur Uno. „Wir wol- Das Ziel der Trickserei aber ist klar: te Schmuck, Silber, ein edles Kosmetikset, len mit allen in Frieden leben“, meint derJudas Priester wollten den Ruhm der ei- auch ein goldenes Glöckchen vom Pracht- Hohepriester Aaron Ben Ab-Hisda.genen Metropole mehren. Und sie lie- gewand eines Hohepriesters. Auch seinen Humor hat der Oberhirteßen keine Gelegenheit aus, ihre Gegner Um 180 vor Christus wuchs der Zere- nicht verloren. Auf die Frage, wie dennmit Schimpf zu belegen: In der Bibel monialbau sogar noch auf eine Größe von das samaritanische Paradies aussehe,werden die Samaritaner fast durchweg etwa 200 mal 200 Metern. Er erhielt eine stockt der Alte kurz. Dann sagt er ver-als üble Leute dargestellt. Auch gelten monumentale Treppe sowie Magazine für schmitzt: „Es muss ein wunderbarer Ortsie als ethnisch unrein, weil sie ihr Blut „Tausende Pilger“. Es gab offenbar Wall- sein. Noch keiner ist zurückgekehrt, ummit dem fremder Kolonisten vermischt fahrten mit Massenandrang. Die Bibel sich zu beschweren.“hätten. übergeht all das mit Schweigen. MATTHIAS SCHULZ
    • Wissenschaft sinnlose Zeichen. Nicht einmal sein ei- genes Tagebuch konnte Engel entziffern. NEUROLOGIE Engel weckte seinen damals elfjährigen Sohn Jacob, rief ein Taxi und fuhr mit Tanz der Buchstaben ihm ins Mount Sinai Hospital. Und tat- sächlich: Die Bilder des Kernspintomo- grafen zeigten in der linken Hirnhälfte eine kleine graue Verfärbung. Engel sah Seit einem Schlaganfall leidet der Krimi-Autor Howard Engel den „kastenartigen Tintenfleck“ und ver-an einer seltsamen Störung: Er kann nicht mehr lesen. Trotzdem stand nur ein Wort: Schlaganfall. In der Stroke Unit erklärten ihm die schreibt er weiterhin Bücher. Seine Zunge hilft ihm dabei. Neurologen, warum die Lettern EMER- GENCY ROOM an der Tür für ihn nichts als sinnlose Striche waren: Der fehlende Blutfluss hatte Millionen Nervenzellen in Engels Gehirn lahmgelegt, die für das Erkennen von Buchstaben wichtig sind. Neurologen nennen es Alexie ohne Agra- phie und meinen damit, dass Engel zwar noch schreiben, aber nicht lesen konnte: Schriftblindheit. Der „Tintenfleck“ hinter der Schläfe ließ Buchstaben tanzen, vernebelte Wör- ter – und hatte weitere unheimliche Fol- gen: Engel vergaß Namen und Gesichter und verirrte sich mehrmals täglich im Krankenhaus. „Es war ein bisschen wie bei Alice im Wunderland“, sagt er heute. „Ich wusste nie, wo ich landen würde, wenn ich mein Zimmer verließ.“ Besonders verwirrend war die so- genannte Seelenblindheit oder visuelle Agnosie – die Unfähigkeit, Dinge sehend zu erkennen: „Ich wusste nicht, ob ich eine Orange, eine Grapefruit, eine Toma- te oder einen Apfel vor mir hatte. Sie wa- ren mir fremd wie exotische Früchte“, so Engel. „Einen Apfel erkannte ich erst, wenn ich an seiner Schale roch.“ Auch zu Hause, nach drei Monaten NADIA MOLINARI / DER SPIEGEL Reha, griff Engel noch daneben. Er fand Thunfischdosen im Geschirrspüler und Bleistiftboxen im Gefrierschrank – oder er goss morgens Orangensaft über sein Müsli. Gesichter, Türen und Wege wur- den mit der Zeit vertraut, die Seelen-Schriftblinder Schriftsteller Engel: Kyrillische Zeichen?, koreanische? blindheit ging vorbei. Das Leseproblem aber blieb.E s ist ein kühler Wintermorgen in auf den 31. Juli 2001. Dabei schien es ein Gerade dieses jedoch war für Engel das Toronto. Howard Engel sitzt an sei- gewöhnlicher Morgen zu sein: Der da- Schlimmste: „Ein Schriftsteller, der nicht nem Schreibtisch und starrt auf den mals 70-Jährige zog sich seinen Bade- lesen kann, ist wie ein Läufer mit gebro-Bildschirm. mantel an, fütterte seine Katze Alice, chenem Bein“, sagt er. Wie sollte er fort- Vor sich sieht der 81-jährige Krimi- kochte Kaffee. Dann holte er die Tages- an schreiben, wenn er doch nicht lesenAutor nur Linien, Kreise und Schnörkel. zeitung von der Veranda. konnte?Dabei ist das, was er da zu entziffern Bilder, Spalten, Schlagzeilen: Auf den Der Fall Engel offenbart, dass beimversucht, doch sein eigenes Manuskript: ersten Blick sah „The Globe and Mail“ Lesen und Schreiben verschiedene Teile„Alles, was ich schreibe, verwandelt sich aus wie immer. Doch Engel stutzte: Was des Gehirns im Team arbeiten. Beimin eine mir unbekannte Schrift, sobald waren das für Zeichen? Kyrillische?, ko- Schreiben wird unter anderem das mo-ich es mir ansehe“, sagt Engel, während reanische? Der Krimi-Autor hielt es für torische Gedächtnis aktiviert. Das visu-er mit dem Zeigefinger einzelne Buch- einen Streich. Dann blätterte er weiter elle Erkennen von Wörtern hingegen, sostaben des Textes nachzeichnet. und wurde nervös: Kein einziger Buch- fanden die französischen Neurowissen- Engel ist weder dement noch blind. stabe erinnerte ihn an das Alphabet, mit schaftler Stanislas Dehaene und LaurentVerstand und Augen arbeiten gut, nur dem er aufgewachsen war. Cohen heraus, vollzieht sich dort, wodass sie eben keine Buchstaben erkennen. Zurück im Haus, griff Engel wahllos auch Gesichter und Gegenstände erkanntSeit bald elf Jahren ist das jetzt schon so. ins Bücherregal. Die „Canadian Encyclo- werden: in einer Hirnregion am unteren Das Übel, das Buchstaben in Stolper- pedia“: unlesbar. Das Kochbuch über die Rand des Schläfenlappens. Für das Lesensteine verwandelte, überfiel den Schrift- französische Küche: nur Hieroglyphen. ist die linke Seite zuständig, Objekte wer-steller im Schlaf, in der Nacht vom 30. „Ulysses“ von James Joyce: nichts als den eher rechts verarbeitet.124 D E R S P I E G E L 1 5 / 2 0 1 2
    • Um Schrift zu entschlüsseln, zerlegt Kopf erwacht die Erinnerung, plötzlich sen ist sehr anstrengend“, sagt er. Fürdieses sogenannte Wortform-Areal die vermag er den Strichen eine Bedeutung Schmöker, die er sonst an einem AbendWörter in ihre Bestandteile – erst in zu geben. Jetzt kann er die Buchstaben gelesen habe, brauche er nun einenBuchstaben, dann in Silben. Hat dieser auch zu Lauten zusammenfassen, ihnen Monat.Teil des Gehirns eine Buchstabengruppe Sinn geben: „L - i - f - e – Life“, sagt er Mit einem Mal hatten Straßen wiederidentifiziert, leitet er sie an die Hör- und lächelnd, Leben. Namen, und Zeitungen waren Nachrich-Sprachzentren weiter. Das erlaubt es dem Wie ein Grundschulkind hangelt sich ten zu entlocken. Begeistert erzählt En-Leser, die Wörter zu begreifen und in den der Schriftsteller von Buchstabe zu Buch- gel von dem Moment, da er die MauerKontext einzuordnen. stabe, von Wort zu Wort. „Jeder einzelne zwischen Sehen und Erkennen nieder- Bricht der Kontakt zum Wortform-Areal Buchstabe erhöht das Gewicht, das ich riss. Es sei gewesen, als erwache sein Ge-ab oder wird es beschädigt, kommt es zur stemmen muss“, sagt er und entziffert hirn aus einem Dornröschenschlaf. PuresSchriftblindheit: Buchstaben und Wörter stockend: „Life. Around. Here. Never. Glück, sagt er. Mittlerweile kommt ererscheinen wie sinnentleerte Symbole. Seems. To. Follow. A. Routine“ (Das manchmal sogar bei den Untertiteln aus- Noch immer, gut zehn Jahre nach dem Leben hier scheint nie einer Routine zu ländischer Filme mit.Schlaganfall, mutet es etwas hilflos an, folgen). Engel ist ein mit Literaturpreisen ge-wenn Engel mit dem Zeigefinger um Einmal, als er sich gerade durch einen ehrter Schriftsteller. Einige seiner Bücherseine haselnussbraunen Augen fährt, als Sherlock-Holmes-Band kämpfte, bemerk- wurden in über zwölf Sprachen übersetzt,male er sich eine Brille ins Gesicht, und te Engel, dass seine Zunge angefangen zwei wurden verfilmt. Auf seinem Kla-sagt: „Hier ist nichts kaputt. Es ist das hatte, sich zu bewegen. Auf der Rückseite vier steht eine Bronzebüste von JamesGehirn, das nicht richtig funktioniert.“ seiner Schneidezähne verfolgte sie die Joyce, auf dem Schemel stapeln sich No- Fast scheint es Engel wie ein Vorteil, Umrisse der Buchstaben – und unverse- ten von Bach. Und überall liegen Bücher:dass er schon vor dem Schlaganfall ge- hens flossen die Wörter schneller.wohnt war, gehandicapt zu sein: Seiner Zeigefinger und Zunge entlocken den Für Lese- und Sprachverarbeitung ist überwiegendlinken Hand fehlen von Geburt an die Buchstaben ihren Sinn, der sich durch die die linke Hirnhälfte zuständig. Das visuelle Wortform-Finger. Dass er Buchseiten mit dem Augen nicht mehr erschließt. areal, das bei Howard Engel durch den SchlaganfallHandrücken umblättern und Texte ein- Zwar ist richtiger Lesefluss so nicht zerstört wurde, wertet zunächst die bildlichen Merk-händig tippen musste, hatte ihn nie daran möglich. Eher ist es, als reihe Engel male der Zeichen aus. Noch unbewusst erkennt derhindern können zu schreiben. Warum in seinem Gehirn Buchstabe für Leser eine Abfolgealso sollte ihn nun die Schriftblindheit Buchstabe wie Bücher in einem bestimmter Buchstaben.davon abhalten zu lesen? Regal aneinander. „Das Le- Aber es war harte Arbeit, sich dieSchrift zurückzuerobern. Den Weg dort-hin hatte Engel bald begriffen: Weil seine Bestimmte Areale derAugen die Wörter nicht erkennen konn- Großhirnrinde verknüpfen primärerten, musste er es mit den Fingern versu- nun die visuell erkannten visuellerchen. Anhand einer Grußkarte führt er es Silben und Wörter mit den Cortexvor: Dicht über das Papier gebeugt, folgt entsprechenden Sprach-der Krimi-Autor mit dem Zeigefinger dem lauten. Der Text wird ge-Schriftzug. Buchstabe für Buchstabe zieht danklich mitgesprochen. Kleinhirner die Linien nach: „L“, „i“, „f“, „e“. Die Bewegung setzt Engels motori-sches Gedächtnis in Gang – und in seinem Weitere Regionen im Frontal- und Schlä- fenlappen erschließenDenksport Lektüre den Wortsinn, oder sie registrieren unverständ-Was im Hirn beim Lesen geschieht liche Ausdrücke. Das Auge bewegt sich in winzigen, vom Kleinhirn gesteuerten Sprüngen über die Zeilen. Durch den Sehnerv gelangen so jeweils bis zu 20 Buchstaben Über die lexikalische Wort- umfassende Informationspakete ins Hirn. bedeutung hinaus erfährt das Sie gelangen wie jede bildliche Gelesene schließlich im Hippo- Wahrnehmung zunächst zum campus und in der Amygdala primären visuellen Cortex. eine Ankopplung an Gedächt- nisinhalte und eine emotionale Färbung. D E R S P I E G E L 1 5 / 2 0 1 2 125
    • WissenschaftHemingway, Homer, Proust und Poe be- Auf diese Weise liest Engel seine Textegleiteten ihn durchs Leben. Früher war Korrektur. Wenn ein Satz holprig klingt,er viel unterwegs, flog für Lesungen um markiert er ihn mit eckigen Klammern.die halbe Welt. Wiederholt sich ein Gedanke, setzt er ei- Jetzt kennen ihn die Nachbarn als den nen Strich mit zwei Punkten neben dieMann, der nicht mehr lesen kann; der Textstelle, ähnlich dem Wiederholungs-Radio hört, statt sich die Zeitung zu zeichen der Notenlehre. NICOLAS TAVERNIER / REA / LAIFkaufen. Und der Wirt in seinem Stamm- Möchte Engel einen Satz dann umfor-café Dooney’s spottet: Wenn Engel über mulieren, orientiert er sich mit Hilfe voneinem Artikel brüte, dann kriege kein Seitenzahlen, Absätzen, kursiv gedruck-anderer mehr die Zeitung. Mit einer ten Wörtern und Anführungszeichen imSeite sei der ja eine ganze Woche be- Text. Nur so kann er schnell die richtigeschäftigt. Stelle finden, ohne die ganze Seite lesen Niemand bemerkt, wie kränkend sol- Hirnforscher Dehaene zu müssen.che Scherze für Engel sind. Kaum einer Kontaktstörung im Wortform-Areal Engel wischt sich mit dem Handrückenkommt auf die Idee, dass sich Unsicher- über die Augen, wärmt sich die Handheit und Scham hinter seinem Lächeln unterbrochen wird. Dann muss sich Engel dann an der Kaffeetasse. Er sieht müdeverstecken und dass ihm der Schweiß den das, was er soeben notiert hat, langsam aus. Zurzeit schreibt er täglich bis zuRücken hinabläuft. wieder zurückerobern, in Bröckchen – so sechs Stunden am 13. Roman seiner Das Schreiben dagegen bereitet Engel als blickte er durch ein Schlüsselloch auf Krimi-Reihe über Detektiv Benny Coo-keine Mühe. Er schreibt viel, fast beiläu- sein eigenes Manuskript. Und oft er- perman – das vierte Buch seit seinemfig. Überall im Haus liegt Schmierpapier schließt sich ihm dabei der Zusammen- Schlaganfall.herum. Er kritzelt auf Briefumschläge, hang nicht. Seit über 30 Jahren schickt Engel sei-Kassenzettel, herumliegende Zeitungen Deshalb kommt mehrmals pro Woche nen Helden Cooperman auf Verbrecher-und in sein „Memory Book“ – ein lila sein alter Freund Grif Cunningham vor- jagd. Bei seinem neuesten AbenteuerBuch, in dem er Gedanken festhält. Es bei. Die beiden sitzen dann im ersten findet der Geheimagent ein altes, vomdient ihm als Tagebuch und Terminpla- Stock zwischen Engels Büchern, Skizzen Wetter verwaschenes Manuskript, das erner, erinnert ihn an Gesprächspartner und Notizen. Es riecht nach alten Mö- entschlüsseln muss. Doch das Papier istund Ideen. „Up“ steht auf dem Buch- beln und frisch gekochtem Kaffee. Am mürbe, fällt auseinander. Coopermandeckel – damit er es stets richtig herum Boden liegen schwere Teppiche, an jeder kann es kaum entziffern.liest. freien Wand stapeln sich Bücher im Re- An seinen Fingern kleben einzelne Schwierig ist das Schreiben erst, wenn gal. Und Cunningham liest und liest und Buchstaben.der Schriftsteller in der Mitte eines Satzes liest. NADINE PONIEWASS
    • Technik Neues Elektrofahrzeug „Twizy“ Verzichtmobil als Trendgefährt? sprechen, werde der Konzern über eine halbe Million solcher Fahrzeuge produ- zieren können. Der Finanzfachmann definierte dieses Ziel offenbar in Unkenntnis der naturwis- senschaftlichen Rahmenbedingungen sei- nes Vorhabens. Die Elektromobile, die Renault und Nissan inzwischen auf den Markt gebracht haben, sind batteriebe- wehrte Standardautos, die trotz teurer und schwerer Akkus nur bescheidene Reichweiten erzielen und obendrein der- art viel Strom fressen, dass auch der Öko- segen ausbleibt. Ghosn hielt es für unnötig, auf dem Weg über die Hybridtechnik den Elektro- antrieb gründlich verstehen zu lernen. SEBASTIEN FEVAL / AFP Nun hat er Produkte wie den Nissan Leaf im Angebot, die zum Preis reisetauglicher Mittelklassewagen den Aktionsradius der städtischen U-Bahn bedienen. Das Stadtmobil Twizy dagegen illu- striert bescheidener und glaubwürdiger, Das Renault-Management bezeichnet wozu der Elektroantrieb bei heutigem AU TOM O B I L E Twizy als „völlig neues Fahrzeugkon- Entwicklungsstand sinnvollerweise taugt. zept“; die Zulassungsbehörden ordnen Es fährt 60 bis 100 Kilometer weit, was Zwitter des den Wagen in der Fahrzeuggattung „Quad“ ein, einer Mischform aus Auto und Motorrad, in der auch diverse Spaß- für ein solches Spaßmobil durchaus aus- reichend ist. Dafür genügt ein Lithium- Akku mit gut sechs Kilowattstunden La- Zeitgeists traktoren amtlich beheimatet sind. Die Einstufung in diese Fahrzeuggattung er- spart es dem Hersteller, jegliche Form dekapazität. Die schweren, aus konventionellen Au- tos abgeleiteten E-Mobile verbrauchen Mit dem spartanischen Strom- von Crash-Sicherheit nachzuweisen. Re- mehr als das Doppelte an Strom und hän- Mobil „Twizy“ präsentiert nault stattete den Twizy immerhin frei- gen beim Nachtanken acht Stunden lang Renault das bislang drolligste willig mit Airbag und Gurten aus und an einer Ladestation, die zudem über verweist auf eine Rohrrahmen-Struktur, eine robuste Sicherung verfügen muss. Resultat einer toll- welche die Insassen „nach Art eines Dem Twizy genügen dreieinhalb Stun- kühnen Elektroauto-Strategie. Sturzhelms“ abschirmen soll. den, auch an einer üblichen Steckdose. Anders als andere Quads hat der Wa- Er ist entsprechend eine weit geringereD ie Idee des maximal reduzierten gen ein Dach und auf Wunsch auch Türen, Belastung für das Netz. Automobils führte in den neunzi- wenngleich ohne Seitenfenster. Vollstän- So ernüchternd es auch sein mag: Rein ger Jahren zur Erschaffung des diger Witterungsschutz mit Heizung und physikalisch ist der Elektro-KabinenrollerSmart. Der kugelige Zweisitzer des Daim- Lüftung, erklären die Konstrukteure, hät- das überzeugendere Konzept, verglichenler-Konzerns gilt seither als das Stadtauto te zu viel Aufwand bedeutet und die Kos- etwa mit einem Strom-Sportler vom Typschlechthin. ten gesprengt. Twizy soll ein zeitgeistrei- Tesla. Renault muss nun der Kunstgriff Dass es noch um einiges kleiner geht, cher Zwitter aus Auto und Motorroller gelingen, das Verzichtmobil als elitäresstellt nun der französische Hersteller Re- sein, wobei vorerst offenbleibt, ob er eher Trendgefährt in Szene zu setzen. Dennnault unter Beweis. In diesem Frühjahr die Vor- oder die Nachteile beider Fahr- auch dieses Elektrofahrzeug ist, gemessenwird er ein Großstadtgefährt in den Han- zeugtypen vereinigt. an seiner Transportleistung, kein billigesdel bringen, das deutlich weniger Ver- Unabhängig von seinem Nutzwert Produkt.kehrsfläche in Anspruch nimmt. Auf taugt das Gefährt jedenfalls als Gradmes- Im Grundpreis von 7690 Euro für dieeinem Standard-Parkplatz sollen drei da- ser für die Chancen und Grenzen der 80-km/h-Version sind weder die halbho-von quer zur Fahrtrichtung abgestellt wer- Elektromobilität – einer Antriebsform, hen Türen noch die Batterie inbegriffen.den können. welcher sich der Firmenverbund aus Re- Renault wird den Akku wie bei anderen Der Wagen heißt „Twizy“, hat auch nault und Nissan kategorisch verschrie- Modellen vermieten, je nach Vertrag zuzwei Sitze, allerdings hintereinander, frei- ben hat wie kein anderer Automobilpro- Monatsraten zwischen 50 und 72 Euro.stehende Räder wie manche Kabinenrol- duzent. Auf ein zehnjähriges Autoleben hoch-ler der Nachkriegsjahre, und er könnte Konzernchef Carlos Ghosn, einst als gerechnet kostet der Twizy damit mehrder Phantasie eines Comic-Zeichners ent- Nissan-Sanierer zur Lichtgestalt aufge- als manch vollwertiger Kleinwagen.sprungen sein. stiegen, hat den baldigen Durchbruch des CHRISTIAN WÜST Twizy fährt rein elektrisch. Es gibt eine Stromantriebs in die Großserienproduk-starke Version mit 13 Kilowatt, die 80 tion zur Schicksalsfrage gemacht. Mit Video: Christian Wüst fährtkm/h erreicht und einen Autoführer- einem Entwicklungsbudget von vier Mil- Renaults neues Elektromobilschein erfordert, sowie eine auf 45 km/h liarden Euro will er Renault und Nissan Für Smartphone-Benutzer:begrenzte, die schon 16-Jährige mit ent- zu führenden Anbietern von Elektroau- Bildcode scannen, etwa mitsprechender Lizenz fahren dürfen. tos machen. Im Jahr 2015, so sein Ver- der App „Scanlife“. D E R S P I E G E L 1 5 / 2 0 1 2 127
    • Wissenschaft Selbst auf der hoch aufragenden Fel- dass keine Berichte über Tote vorliegen. N AT U R K ATA S T R O P H E N seninsel Helgoland sorgte die aus dem „Das grenzt an ein Wunder“, sagt Newig. Nichts auftauchende Welle für Panik. Erklären lässt sich das dadurch, dass die Kochendes Meer „Daß die im Wasser stehenden Frauen Einheimischen großen Respekt vor der Ur- ein jämmerliches Geschrei ausstießen, gewalt des Meeres hatten. Niemand baute wird wohl jeder begreifen“, schrieb die sein Haus früher in Strandnähe. Und als vor Helgoland „Staats und Gelehrte Zeitung des Ham- die Welle auftauchte, funktionierten die burgischen unpartheiischen Correspon- sturmfluterprobten Fluchtreflexe. „Wenn denten“. „Wundersam war es, daß diese ein Tsunami auf den Strand trifft, ist er Geokundler warnen vor einer ängstliche Scene sich bei dem schönsten meist nur noch um die 20 Stundenkilo- unterschätzten Gefahr: Auch Wetter zutrug und daß trotz der schein- meter schnell“, sagt Kelletat. „Wer beim an der deutschen Nordseeküste baren Ruhe das Wasser rund um die Insel Herannahen der Wasserwand davonläuft, zu kochen schien.“ hat reelle Chancen, ihr zu entkommen.“ können Tsunamis auftreten. Auf die unheimliche Naturkatastrophe Weit Schlimmeres wäre seinerzeit pas- ist der Kieler Geografieprofessor Jürgen siert, wenn sich Badegäste am Strand ge-S till ruhte das Meer. Kaum ein Lüft- Newig gestoßen. Zusammen mit seinem sonnt hätten. Aber der Tourismus steckte chen regte sich an jenem warmen Essener Kollegen Dieter Kelletat hat er noch in den Anfängen. Nur in den Hoch- Sommertag auf Sylt. Ohne Hast die erstaunlich präzisen Augenzeugen- sommermonaten Juli und August kamenkehrten die Fischer vom Fang zurück. berichte im „Journal of Coastal Research“ vereinzelt Urlauber auf die Inseln. Kurz vor fünf Uhr nachmittags war es ausgewertet. Nach Überzeugung der Ge- Newig und Kelletat haben bereits ver-mit der Ruhe vorbei. Die Männer hatten lehrten lassen die Beschreibungen nur sucht, den Ursprung des Tsunamis aus-gerade ihre Boote vertäut, als sich am einen Schluss zu: „Unsere Vorfahren wur- findig zu machen. Wie ihre RecherchenHorizont eine Wand aus Wasser auf- den von einem Tsunami heimgesucht“, ergaben, wütete die Riesenwelle nicht nurtürmte. sagt Newig. „So etwas kann jederzeit wie- an der deutschen Küste. Berichte von „Haushoch“, so schilderte es einer von der passieren.“ dem ungewöhnlichen Naturereignis lie-ihnen, rollte die Welle „brausend dem Eine Sensation – denn bislang galten gen auch aus Frankreich, England undStrande zu“. Die Fischer rannten um ihr diese Brecher als Naturphänomene, die den Niederlanden vor. Am heftigstenLeben, retteten sich in die Dünen. Als sie nur am anderen Ende der Welt vorkom- jedoch krachte der Tsunami gegen diezurückschauten, sahen sie noch, „wie dies men. Nach der klassischen Lehrmeinung dänische Küste (siehe Grafik).Ungeheuer mit tobender Gewalt am bleiben die heimischen Badestrände da- Aus der zeitlichen Abfolge lässt sichStrande überbrach und unser Boot hart von verschont. In der flachen Nordsee, rekonstruieren, dass der Tsunami süd-an die Dünenkante schleuderte“. so die Begründung, würden sich die Rie- westlich im Atlantik entstanden sein Ähnliche Dramen spielten sich am 5. senwellen rasch totlaufen. muss. Was die Welle ausgelöst hat, wissenJuni 1858 an der ganzen Nordseeküste „Das ist ein Irrtum“, sagt nun Geowis- die Forscher allerdings noch nicht. „Fürab. Auf der Ostfriesischen Insel Wanger- senschaftler Kelletat. „Schon seit der dieses Datum ist weder ein Seebebenooge riss die Riesenwelle Kinder mit sich, Jahrhundertkatastrophe 2004 in Südost- noch gar ein Meteoriteneinschlag ver-die am Strand spielten. „Ein großes Glück asien wissen wir, dass Tsunamis auch in zeichnet“, erläutert Newig. Für die wahr-von Gott ist es, daß man ihnen gleich hat flachen Gewässern verheerende Wirkun- scheinlichste Ursache halten die Forscherzu Hülfe kommen können“, meldete die gen haben können.“ einen unterseeischen Hangabrutsch, bei„Weser-Zeitung“, „sonst wären sie unfehl- Unfassbar an dem historischen Nord- dem mehrere Kubikkilometer Gestein aufbar verloren gewesen.“ see-Tsunami erscheint aus heutiger Sicht, den Meeresgrund stürzten. Beispielsweise könnte unbemerkt ein Teil einer Ka- Wellen- 6 m 16 Uhr Ringkøbing-Fjord narischen Insel abgebrochen sein. Der Nordsee-Tsunami höhe „Die See stand in den Die beiden Forscher gehen davon am 5. Juni 1858 Dünen ... . Das Wasser aus, dass in früheren Jahrhunderten stieg auf 20 Fuß.“ immer wieder Tsunamis gegen die Nordseeküste brandeten. Doch Schottland wenn es überhaupt Aufzeichnungen 3 Nachmittags trifft sie von Schottland kommend darüber gebe, seien die Riesenwel- auf die dänische und len vermutlich mit gewöhnlichen see 2 Vormittags deutsche Küste. N ord Sturmfluten verwechselt worden. erreicht die Welle 12 Uhr Kelletat: „Das Risiko von Tsunamis den Ärmelkanal Katwijk an der Nordseeküste ist größer als und wird abgebremst. 17 Uhr Sylt bislang gedacht – die Riesenwellen bedrohen eine Region, die jedes 9 Uhr „Es sah aus, als hätten 4m sich Himmel und Wasser Jahr von Millionen Touristen be- Calais zu einer gewaltigen sucht wird.“ Atlantik nach Eine düstere Ahnung hatte schon 6.30 Uhr* Mauer vereint.“ Le Havre 1858 der Landvogt Johann Meyer, der auf Wangerooge miterlebte, wie 1 Der Tsunami sich die Welle mit „donnerähnli- wird irgendwo im 8.30 Uhr Boulogne-sur-Mer chem Getöse“ näherte. „Ich kann Atlantik ausgelöst. „Die Flut zog sich plötzlich zurück dieses Ereigniß nicht anders aus- und leerte den Hafen, kehrte aber legen“, notierte Meyer, „als daß in 2,4 m 200 km innerhalb von fünf Minuten mit großer Macht zurück.“ ferneren Gegenden ein Erdbeben stattgefunden haben muß, was die furchtbare Erschütterung im Wasser * jeweils Beobachterzeit; Quelle: Newig und Kelletat verursacht hat.“ OLAF STAMPF128 D E R S P I E G E L 1 5 / 2 0 1 2
    • Szene Sport EM 2012 Überteuerte Hotels ALEKSEY FURMAN / PICTURE ALLIANCE / DPA EM-Stadion in Kiew Gute und günstige Zimmer im EM-Ausrichterland Ukraine künften wie dem „Victoria“ haben sich die Zimmerpreise auf sind für Fußballfans seit Monaten nur schwer zu bekommen. bis zu 300 Euro pro Nacht fast verdreifacht. Auch in der Kurz vor Beginn des Turniers verschärft sich die Situation Hauptstadt Kiew hat TUI massive Probleme mit Vertrags- um bezahlbare Unterkünfte sogar noch: Zahlreiche ukraini- hotels. Vor wenigen Wochen stürmten Maskierte die Lobby sche Hotelbetreiber steigen aus ihren Verträgen mit dem Reise- der 400-Betten-Herberge „Slawutitsch“ und brachten sie unter veranstalter TUI aus. Der deutsche Konzern hatte als Gene- Kontrolle der „Luschnikow“-Bande, einer berüchtigten Mafia- ralbeauftragter der Europäischen Fußball-Union (Uefa) rund Gruppe. Seither haben sich dort die Zimmerpreise verdoppelt. 14 000 Zimmer in der Ukraine angemietet. Nach Angaben Auf der Homepage des Hotels stand noch Mitte der Woche: von Kiewer TUI-Mitarbeitern wollen viele Hotels nun „hö- „Wir sind gekapert.“ Der deutsche Reisekonzern schreckt here Preise durchsetzen“. Allein in Charkow, wo die Mann- wohl wegen der unsicheren Rechtslage in der Ukraine vor schaft der Niederlande sämtliche Gruppenspiele bestreiten Prozessen gegen abtrünnige Vertragshotels zurück. Auf An- wird, darunter auch die Partie gegen Deutschland am 13. Juni, frage bestätigen Uefa und TUI die Vorgänge, sprechen aber kündigten elf Häuser ihre Abkommen mit TUI auf. In Unter- nur „von einer kleinen Zahl“ problematischer Hotels. Eisenbeis: Das Image des hübschen wurde die Optik wichtiger. Victoria FUSSBALL Dummchens trifft nicht zu. Barbara Beckham oder Sylvie van der Vaart Megert war mit dem Schweizer Natio- sind Stilikonen, die selber Karriere ge- „Mädchen reizt nalspieler Blerim Džemaili zusammen, macht haben. die Aufstiegschance“ auf den ersten Blick bedient sie alle Klischees: Sie nahm an Miss-Wahlen teil und tritt als Losfee SPIEGEL: Streben deshalb viele Mäd- chen ein Leben als Spielerfrau an? Eisenbeis: Es gibt Frau- Sportwissenschaftlerin im Fernsehen auf. Aber en, die über ihre Bezie- und Buchautorin Chris- Megert ist auch Juristin, hung mit einem Profi tine Eisenbeis, 32, arbeitet für eine große populär wurden. Co- ZELLER LENK über das Phänomen Schweizer Bank. leen Rooney bekam CLAUS CREMER / PRESSEFOTO ULMER / PICTURE ALLIANCE / DPA der Spielerfrauen SPIEGEL: Wie hat sich eine Fernsehshow und der Typus der Spieler- einen WerbevertragSPIEGEL: Sie haben sich für Ihr Buch frau entwickelt? mit Nike. Sarah Brand-mit Biografien von Frauen beschäftigt, Eisenbeis: Gaby Schus- ner ist Model, in dendie mit Fußballstars liiert sind. Sie sa- ter oder Bianca Illgner Medien ist sie aber,gen, es gebe keine Frauengruppe mit haben das Image des weil sie mit Bastianschlechterem Image. Warum? Anhängsels aufgebro- Schweinsteiger liiert ist.Eisenbeis: Spielerfrauen werden in der chen und in den achtzi- Mädchen reizt die Auf-Öffentlichkeit belächelt. Sie gelten nur ger und neunziger Jah- stiegschance, dochals Beiwerk der Profis und werden auf ren Verträge für ihre Spielerfrauen könnenihr Leben im goldenen Käfig reduziert. Männer ausgehandelt. sich schwerer selbstSPIEGEL: Sie haben Interviews mit 14 Sie waren der Typ Spie- verwirklichen, die Kar-Partnerinnen von Profis geführt. Wie lerberater. Mit steigen- riere der Fußballerlautet Ihr Fazit? dem Medieninteresse Paar Brandner, Schweinsteiger geht immer vor. D E R S P I E G E L 1 5 / 2 0 1 2 129
    • Sport SPI EGEL-GESPRÄCH „Eine Explosion im Kopf“ Der Torero Juan José Padilla, 38, über seine schwere Verletzung bei einem Stierkampf, die Überwindung der Angst in der Arena und die Kritik von Tierschützern an seinem Gewerbe MARCEL METTELSIEFEN / DER SPIEGEL Stierkämpfer Padilla130 D E R S P I E G E L 1 5 / 2 0 1 2
    • D em Tier hängt die geschwollene Padilla: Ach, so haben Sie das gemeint. SPIEGEL: Als ein Stier Sie am 7. Oktober Zunge aus dem Maul, Speichel Doch, natürlich, wenn ich meinen Beruf in Saragossa fast umgebracht hat, war rinnt in den Sand, sein blutüber- ausübe, habe ich immer Angst. Im Ring es windstill, der Kampf fand in einerströmter Rücken glänzt rot, das Tier begleitet mich die Angst wie mein Schat- überdachten Arena statt. Können Siesteht still im Ring, es atmet schwer, sein ten. Das hat aber nichts mit meinem Un- sich noch erinnern, was genau passiertHerz pumpt rasend. Ihm gegenüber war- fall zu tun, das war vorher auch schon so. ist?tet Juan José Padilla, ein schmächtiger Jeder Torero hat Angst. Padilla: Ich war zu der Zeit sehr sicher aufMann von 38 Jahren, er trägt eine Lei- SPIEGEL: Wovor? dem Platz, ich hatte bis dahin eine gutenenhose mit Nadelstreifen, weißes Padilla: In erster Linie vor dem Publikum. Saison hinter mir, es gab einige kritischeHemd, braune Lederschuhe. Und eine Es erwartet in den Bewegungen Voll- Situationen, die ich aber immer gemeis-schwarze Augenklappe. In den Händen endung von mir. Ich fühle mich verpflich- tert habe. Vielleicht habe ich mich des-hält er einen silbernen Degen und ein tet, den Zuschauern einen guten Kampf halb an dem Tag zu sicher gefühlt. Zurotes Tuch, die Muleta. Das Tier scharrt zu bieten, ich habe die Verantwortung, überlegen. Wie ich schon sagte: Man soll-mit den Hufen, dann greift es an. Das sie zu unterhalten. Aber ich darf auch te vor dem Stier immer Respekt haben.Duell findet auf der Finca los Alburejos nicht den Fehler machen, den Stier zu un- Der Stier kommt, um dich zu fassen. Da-statt, die in der Nähe von für ist er da. Das ist seineMedina-Sidonia liegt, in An- Natur.dalusien. Juan José Padilla, SPIEGEL: War der Stier ag-der Torero, macht ein paar gressiver, als Sie es erwartetroutinierte Schwenks, er di- haben?rigiert das Tier wie eine Ma- Padilla: Es war der zweiterionette. Padilla trainiert an Stierkampf für mich an demdiesem Nachmittag mit Tag. Der Stier, den man mirzweijährigen Kühen; er will zugelost hatte, hieß Mar-herausfinden, ob sie mutig, qués. Er wog knapp 600 Ki-kräftig und ausdauernd sind, logramm, hatte schwarzeser testet, ob sie für die Zucht Fell und war eigentlich ziem-von Kampfstieren taugen. lich zurückhaltend. Kein lei- Anfang