Der spiegel 2012 11
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Der spiegel 2012 11 Der spiegel 2012 11 Document Transcript

  • Hausmitteilung12. März 2012 Betr.: Hollande, Gauck, Identität, SPIEGEL-BücherD as Gespräch mit dem französischen Präsidentschaftskandidaten François Hol- lande, 57, war schon seit langem vereinbart. Da sorgte, in der vorigen Woche,eine SPIEGEL-Meldung für Aufregung im Wahlkampf: Kanzlerin Angela Merkel,57, habe mit wichtigen EU-Regierungschefs vereinbart, Hollande nicht zu empfan-gen – weil der eine Neuverhandlung des europäischen Fiskalpaktes verlangt hatte.Im Pariser SPIEGEL-Büro bestürmten französische Kollegen den KorrespondentenMathieu von Rohr, 34, mit der Bitte um Auskunft. Gemeinsam mit seinem KollegenRomain Leick, 62, traf er Hollande am Mittwoch zum SPIEGEL-Gespräch in dessenWahlkampfzentrale in Paris. Was der Sozialist sagte, wird die Kanzlerin sorgen:Gewinne er die Wahl, so Hollande, werde Frankreich auch in der Europapolitik„einen anderen Weg“ einschlagen (Seite 90). S eit Joachim Gauck, 72, für die Bundespräsi- dentenwahl an diesem Sonntag nominiert wurde, verweigert er sich den Medien: keine Pressekonferenzen, keine Interviews, keine Hintergrundgespräche. SPIEGEL-Autor Markus Feldenkirchen, 36, der Gauck bereits bei dessen erster Kandidatur vor zwei Jahren begleitet hat- te, reiste ihm dennoch hinterher. „Was machen Sie denn hier?“, fragte Gauck seinen Verfolger, CHRISTIAN THIEL / DER SPIEGEL als er ihn in einer Hotellobby im polnischen LódŹ entdeckte. Am nächsten Abend sprachen die beiden an der Bar über Gaucks Zukunft. „Er steht vor der Erfüllung seines Lebenstraums“, sagt Feldenkirchen, „aber ein bisschen mulmigFeldenkirchen, Gauck in LÓdŹ ist ihm auch“ (Seite 30).W ie fühlt sich ein Mann, der im Alter von 70 Jahren erfährt, dass er um seine Identität betrogen wurde? Dass die Frau, die ihn großzog und sich als seineMutter ausgab, ein Leben lang gelogen hat? George Jaunzemis waren schon vorJahrzehnten Ungereimtheiten in seiner Biografie aufgefallen. Doch erst im Renten-alter kam sich der Mann auf die Spur. Er war in Neuseeland aufgewachsen, hattedort auch sein Berufsleben verbracht; seine Mutter hatte ihm verschwiegen, dasser Deutscher ist und aus Magdeburg stammt. Als SPIEGEL-Redakteurin BarbaraHardinghaus, 36, ihn fragte, wo er seine Wurzeln orte, war er ratlos: „Von derErnährung her fifty-fifty, halb Bratwurst, halb Fish & Chips“, antwortete Jaunzemis,„tatsächlich aber habe ich keine Heimat, ich bin eine Summe“ (Seite 52).B iosprit tanken, Müll sortieren oder Vegetarier werden – es gibt vermeintlich viele Möglichkeiten, die Umwelt zu schützen. SPIEGEL-Redakteur AlexanderNeubacher, 43, selbst Biokisten-Käufer, hateiniges auf den Prüfstand gestellt und berichtetdarüber in dieser Ausgabe (Seite 60) und inseinem Buch „Ökofimmel. Wie wir versuchen,die Welt zu retten – und was wir damit anrich-ten“. 33 Phänomene, die selbst Wissenschaftlerrätseln lassen, beschreibt SPIEGEL-ONLINE-Redakteur Axel Bojanowski, 40, im ebenfallsneuen SPIEGEL-Buch „Nach zwei Tagen Regenfolgt Montag“.Im Internet: www.spiegel.de D E R S P I E G E L 1 1 / 2 0 1 2 3
  • In diesem Heft TitelDie Selbstheilungskraft des Herzens – neueStrategien im Kampf gegen den Infarkt ........ 118 DeutschlandPanorama: Schäuble fordert Steuer aufFinanztransaktionen / Linke-Mitglieder zahlenam meisten / Fluglärm macht krank ............... 15Außenpolitik: Die Europäer spielen imIran-Konflikt eine Schlüsselrolle .................... 20Europa: Im SPIEGEL-Gespräch kritisiertEU-Kommissar Günther Oettingerdie deutsche Energiewende ............................ 24Regierung: Unionsfrauen meutern gegendas Nein der FDP zur Quote .......................... 27CSU: Parteichef Horst Seehofer ärgertsich über den geringenEinfluss seiner Hauptstadttruppe ................... 28Karrieren: Der künftige BundespräsidentJoachim Gauck will denDeutschen ihre Ängste nehmen ..................... 30Internet: Autoscout24 bringt Werkstättengegen sich auf ................................................ 35Wahlkampf: Wie die Piraten im Saarland Das Präsidenten-Experiment Seite 30 Mit seinen Begriffen aus Psychologie und Seelsorge wird Joachim Gauck TORSTEN SILZ / DAPDund in Schleswig-Holsteinihre Basis erweitern wollen ............................ 36 als Bundespräsident viele Bürger verwundern. Seine BotschaftenAktivisten: Was wird nach dem FBI-Schlag dürften manche verstören, die ihn noch für „ihren“ Kandidaten halten.aus der Hacker-Bewegung Anonymous? ........ 38Koalition: Unionspolitiker werfen derBundesjustizministerin vor, sie habe eine Studiezur Vorratsdatenspeicherung frisieren lassen ... 42Erziehung: SPIEGEL-Gespräch mit demdänischen Familientherapeuten Jesper Juulüber die Fehler von Eltern und Pädagogen .... 44Wintersport: Liftbetreiber wollen Skiwanderervon den Pisten verbannen .............................. 47 Bei Scheitern Krieg Seite 20 Die Verhandlungen der Kontaktgruppe mit Iran sind die wohl letzte Chance, Gesellschaft eine militärische Auseinandersetzung in der Region zu verhindern. DieSzene: Abendmahl mit Nackten / Erfolgreiche Verantwortung für einen Erfolg der Gespräche liegt jetzt bei den Europäern.Honecker-Memoiren ...................................... 48Ein Video und seine Geschichte –warum ein Kalifornier imFlughörnchen-Outfit sein Leben riskiert ........ 50Identität: Ein 70-Jähriger erforscht seineBiografie und entdeckt ein Verbrechen .......... 52 Schlecker von unten Seite 66Ortstermin: Die Berliner Unterstützer der Diese Woche wird entschieden, welche der 6000 Filialen des Drogerie-syrischen Revolution ...................................... 57 riesen schließen und welchen 13 000 der insgesamt rund 30 000 Beschäftigten gekündigt wird. Drei Betroffene erzählen, wie sie die Pleite erleben. WirtschaftTrends: DGB macht gegen Datenschutzgesetzmobil / Vitaminsäfte enthalten zu viel Folsäure /Interview mit Peter Hintze über die jüngstendeutsch-französischen Kämpfe um EADS ...... 58Nachhaltigkeit: Unsere große Öko-Illusionim täglichen Leben ......................................... 60 Eine Frage derÜbernahmen: Porsche wird die Gerichtenoch lange beschäftigen ................................. 64 MachtHandel: Drei Schlecker-Mitarbeiterinnen –drei Meinungen über den Pleitekonzern ........ 66 Seiten 27, 145Benzin: Taugt das westaustralische Preismodell Kanzlerin Angela Merkelfür deutsche Tankstellen? ............................... 68 will sich mit dem Nein derAffären: Ein krisengeschüttelter Ferrostaal-Manager darf noch mal ran ............................ 69 Liberalen zur FrauenquoteBanken: Neue Milliardenlücken bei nicht abfinden. Notfalls will MICHAEL HÜBNER / ACTION PRESSder Hypo Real Estate ...................................... 72 sie mit dem Thema in den Bundestagswahlkampf 2013 Serie ziehen. SPIEGEL-Redakteu-Die Reichen (Teil III): Ein Finanzmanager, ein rin Elke Schmitter plädiertKonzernchef und ein Internetmilliardär erzählen für die Quote. Sie sei lästigvon ihrem Verhältnis zum Geld ..................... 74 Familienministerin Schröder und undemokratisch, aberWie ein Elite-Internat versucht, eine ganz leider notwendig.normale Schule zu sein .................................. 794 D E R S P I E G E L 1 1 / 2 0 1 2
  • Medien Trends: RTL baut Aufsichtsrat um / Gottschalk wünscht sich eine Sparringspartnerin ............. 81 Debatte: Weshalb der Begriff „Raubkopie“ das Elend der Urheberrechtsdiskussion illustriert .... 82 Handel: Amazon-Partner bieten indizierte Filme an ......................................................... 84 Ausland Panorama: Machtgerangel im Hause Assad / US-Autor Tim Weiner über die Rechtsbrüche des FBI / Europarat kritisiert Ungarns neue Nationale Justizbehörde ................................. 87 Frankreich: SPIEGEL-Gespräch mit Präsident- schaftskandidat Hollande über Kanzlerin Merkels Weigerung, ihn zu empfangen ............. 90 USA: Obamas Kriegsdoktrin ........................... 94 Polen: Geplante Atomkraftwerke provozieren die Deutschen ............................................... 98 Russland: Die Opposition will die Macht in der Hauptstadt .......................................... 100 Golfstaaten: Katars unverzichtbarer Emir .... 102 Obamas Drohnen-Krieg Seite 94 Global Village: Eine Auswanderermesse in Dublin kapituliert vor dem Besucheransturm ........... 108 Im Kampf gegen den Terrorismus übernimmt Barack Obama die zweifel- haften Rechtsgrundsätze seines Vorgängers George W. Bush. Gezielte Sport Tötungen durch Fernlenkwaffen sind heute offizielle Militärdoktrin. Szene: Wasserspringer Patrick Hausding REUTERS über rigide Regeln für Athleten bei Olympia in London / Brauchen Deutschlands Fußball-Manager Ausbildungsstandards? ...... 111 Fußball: SPIEGEL-Gespräch mit dem Dortmunder Trainer Jürgen Klopp über sein Leben im Rampenlicht .......................... 112 Boxen: Wie Weltmeisterin Rola El-HalabiJungbrunnen fürs Herz Seite 118 das Attentat bewältigt, das ihr Stiefvater auf sie verübte .................. 115Mediziner entdecken die Selbstheilungskraft kranker Herzen. So führtkörperliche Aktivität dazu, dass neue Blutgefäße wachsen. Forscher suchen Wissenschaft · Techniknach Wirkstoffen, um die Bildung solcher natürlichen Bypässe zu fördern. Prisma: Nachtfahren gefährlicher als gedacht / Weniger Ausgrabungen in Griechenland ...... 116 Automobile: Die englische Traditionsmarke Morgan wagt die Wiedergeburt des dreirädrigen Sportwagens ....................... 128 Hirnforschung: Warum können sich mancheWie viel Kultur braucht das Land? Seite 136 Menschen an fast jedes Gesicht erinnern? .... 129 Geschichte: Der Absturz einerDas deutsche Subventionssystem steht vor einem Kollaps. Das behaupten Militärmaschine wurde zur Geburtsstundevier Experten und fordern einen radikalen Umbau: Die Hälfte aller Theater, der alpinen Luftrettung ................................ 132Museen und Bibliotheken sollte geschlossen werden. Kultur Szene: Eine beeindruckende Ausstellung von Kriegsfotografien aus Libyen / Historiker Paul Nolte über den Wandel der Demokratie ......... 134 Kulturpolitik: Vier Experten fordern denMit Vollgas Umbau des deutschen Subventionssystems ... 136 Bestseller ..................................................... 140durchs Leben Kunst: SPIEGEL-Gespräch mit den Fotografen Andreas Gursky und Thomas Ruff über die Wahrhaftigkeit von Bildern ............. 142 Seite 112 Gleichberechtigung: Warum die FrauenquoteSein Talent zum Wortführer undemokratisch, aber notwendig ist ............. 145 Autoren: Das Meisterwerk „Parallelgeschichten“habe sich früh abgezeichnet, des Ungarn Péter Nádas ............................... 146sagt der Dortmunder Trainer Verlage: Piper-Chef Marcel Hartges und seineJürgen Klopp im SPIEGEL- Strategie im E-Book-Geschäft ...................... 148Gespräch: „Ich war schon im- Literaturkritik: Die Dramatikerin Dea Lohermer laut.“ Die Unbedingtheit, debütiert eindrucksvoll als Romanautorin mitmit der Klopp seine Ziele „Bugatti taucht auf“ ..................................... 151 FIRO SPORTPHOTObeim BVB verfolgt, verlangt Briefe ............................................................... 6er auch von seinen Profis. Impressum, Leserservice .............................. 152„Wir sind hier, um alles raus- Klopp Register ........................................................ 154zuhauen. Also: Vollgas.“ Personalien ................................................... 156 Hohlspiegel / Rückspiegel ............................. 158 D E R S P I E G E L 1 1 / 2 0 1 2 5
  • Briefe Was, wenn Israel die Schlagkraft der Iraner unterschätzt und erhebliche Opfer hinneh- „Eine Analyse, wie sie derzeit in men muss? Dann wird es wohl kaum bei deutschen Medien nur selten zu finden einem Luftschlag gegen iranische Atom- anlagen bleiben, sondern es wird Krieg ist. Nicht vergessen sollte man aber: mit unbekannter Dynamik geben. Zu glau- Israel verfügt bereits über ein ben, es werde nur die Region destabilisiert, ist entschieden zu kurz gedacht. beträchtliches Kernwaffenarsenal, BERNHARD LANGLOTZ, HAMBURG während das bei Iran selbst nach Der Zuwachs an Destabilisierung in der Einschätzungen westlicher Region durch eine iranische Atombombe Geheimdienste nicht der Fall ist. resultiert aus der Tatsache, dass es dann drei Atommächte in der Region gäbe, und SPIEGEL-Titel 10/2012 DR. HUBERT THIELICKE, AHRENSFELDE (BRANDENB.) nicht etwa daraus, dass einzelne Entschei- dungsträger irrational handeln könnten. HELMUT SUTTOR, FRANKFURT AM MAINNr. 10/2012, Krieg um die Bombe? – Irans Vielleicht sollte man nicht vergessen, wergeheimes Atom-Programm 2002 von wem auf der Achse des Bösen Sind denn israelische und US-Politiker von verortet wurde und die Nahost-Region jeglicher Vernunft verlassen, dass sie durchZurück an den Tisch! um Iran mit Krieg überzogen hat. Dass bei solchen Nachbarschaftsverhältnissen Provokation, Propaganda und Lügen einen Krieg entfachen? Ist es denn nur die irani-Die Signale, die sowohl die israelische als ein Land nach Kernwaffen strebt, braucht sche Seite, die nicht die Wahrheit sagt?auch die iranische Regierung aussenden, heute keinen Diplomaten mehr zu ver- MARIE-LUISE KHAN, HAMBURGsind wohl eher an die eigene Bevölkerung wundern. Vertrauen muss wiederherge-gerichtet: als Demonstration von Stärke stellt werden, beispielsweise über gemein- Das Titelbild suggeriert eine von Iran aus-und Führungsanspruch in der Region. gehende Kriegsgefahr. Tatsächlich ist esDenn sollte Iran die Atombombe eines Israel beziehungsweise die Netanjahu-Tages haben, wäre das Risiko, sie gegen Clique, die den Frieden gefährdet. AlsoIsrael einzusetzen, viel zu hoch. Nicht gehört eigentlich Netanjahus Konterfeinur wegen eventueller Reaktionen, son- auf das Titelblatt.dern auch, weil die Gefahr bestünde, dass ZIV KOREN / POLARIS / STUDIO X KARL WUESTER, KRAILLING (BAYERN)eine Rakete aufgrund unvorhersehbarertechnischer Schwierigkeiten nicht Tel Eine der Lehren der Geschichte ist doch:Aviv, sondern Ostjerusalem treffen, in Wenn Antisemiten einen Massenmord an-jedem Fall aber Tausende oder Zigtau- kündigen, dann werden sie alles unter-sende Palästinenser töten oder verstrah- nehmen, ihr Ziel in die Tat umzusetzen.len würde. Das wäre das Ende aller irani- Unbegreiflich bleibt daher die in der Bun-schen Träume. Israelischer Kampfpilot desrepublik vorherrschende Blindheit, CHRISTOPH MÜLLER-LUCKWALD, BINGEN welche die existentielle Bedrohung Israels same Interessen in Afghanistan oder bei nicht wahrhaben will und die Israelis alsDie Wahrnehmung, wer wen bedroht und der Pirateriebekämpfung im Persischen die eigentlichen Aggressoren darstellt.schon angegriffen hat, ist in Palästina und Golf und am Horn von Afrika. Daher: zu- THORSTEN WILLMANN, LEIPZIGIran eine ganz unterschiedliche. rück an den Verhandlungstisch! FRIEDEMANN UNGERER, WAHLENDOW CHRISTOPH LEISERING, BERLIN Weshalb sind israelische Atomwaffen ein (MECKL.-VORP.) Segen für die Welt, vermeintliche irani- Eine hervorragende, aber auch erschre- sche Nuklearwaffen aber eine Bedro-Atomwaffen in der Hand Irans sind gleich- ckende Analyse. Ein Angriff Israels auf hung? Geht denn von Pakistan, das seitzeitig Waffen gegen sich selbst. Die Sor- die iranischen Atomanlagen und die zu 1998 die Atombombe besitzt und nach-gen Israels sind verständlich, aber sind erwartende Reaktion Irans ist eine Hor- weislich die Taliban mit Waffen versorgt,sie wirklich realistisch? Kein iranisches rorvorstellung. Warum wird der IAEA keine Bedrohung aus? Bedroht von diesenRegime kann es auf ein Hiroshima in Te- der Zugang zu den Anlagen verwehrt, Atommächten und umzingelt von US-Mi-heran ankommen lassen. Denn dies wäre wenn sie doch ausschließlich zivilen und litärbasen, haben Rattenfänger wie Ah-die unweigerliche Folge eines Angriffs friedlichen Zwecken dienen und es daher madinedschad es leicht, die Mehrheit derauf Israel. gar nichts zu verheimlichen gäbe? Iraner hinter sich zu bringen. WILFRIED WIEGAND, NEUBIBERG (BAYERN) DR. REINHARD TILL, BACKNANG (BAD.-WÜRTT.) RAHIM BARADARI, BERLINEin fundamentalistischer Gottesstaat, derden Holocaust leugnet und Israel mit derVernichtung droht, darf niemals die Diskutieren Sie im InternetAtombombe in die Hände bekommen! www.spiegel.de/forum und www.facebook.com/DerSpiegelGewiss, ein israelischer Angriff mag un- ‣ Titel Wie lassen sich Herzprobleme vermeiden?kalkulierbare Folgen haben. Aber was istdie Alternative? Die Mullahs wollen die ‣ Umweltschutz Energiesparbirnen, Dosenpfand,Bombe um jeden Preis. Selbst wenn sich Gelber Sack – was ist sinnvoll, was nicht?die Führung in Teheran am Ende rationalverhalten sollte, kann Israel sich dieses ‣ Kultur Leistet sich Deutschland zu viele TheaterRisiko nicht leisten. und Museen? CHRISTOFER GRASS, FREIBURG IM BREISGAU6 D E R S P I E G E L 1 1 / 2 0 1 2
  • BriefeNr. 9/2012, Deutschland, deine Reichen: Die Anzahl der Spitzenpromotionen imWer sind sie – und warum so viele? Fach Mathematik an der TU Berlin mag auf den ersten Blick sehr befremdlich wir-Fiktive Werte ken, aber die TU ist sowohl Sprecher- hochschule der „Berlin MathematicalManche Zeitgenossen mögen es als Ehre School“, einer im Rahmen der Exzellenz-empfinden, auf einem SPIEGEL-Titel das initiative geförderten Graduiertenschule,Thema „Reichtum in Deutschland“ mit- als auch Sprecherhochschule des DFG-illustrieren zu dürfen. Ich fühle mich dort Forschungszentrums „Matheon – Mathe-reichlich deplatziert, denn ich halte mich matik für Schlüsseltechnologien“. Diemitnichten für reich. Die Verantwortung hohe Berufungsquote von Nachwuchswis-und Schulden für den Wiederaufbau und senschaftlern der beiden Einrichtungendie Erweiterung des neuen Schlosses El- auf Professuren bestätigt die besonderemau sind eine ganz reale Größe, die dort Qualität der beiden Einrichtungen undgeschaffenen Werte heute allenfalls fiktiv. zeigt, dass Ihre These – jedenfalls was dieVon den genannten Millionären und Mil- Qualität der Mathematik an der TU Ber-liardären bin ich in vielerlei Hinsicht weit lin angeht – falsch ist.entfernt. Schloss Elmau ist weder ein PROF. DR. DR. H. C. KURT KUTZLER, BERLINReich der Reichen, noch sind meine sechsKinder in einem Bewusstsein von Armutoder Luxus groß geworden. Reichtum ist Nr. 9/2012, Die Shopping-Reise der CSU-keine Frage des Geldes, sondern eine der Bundestagsabgeordneten Dagmar WöhrlIdeen und des Vertrauens. DIETMAR MÜLLER-ELMAU, ELMAU (BAYERN) Entschuldigung, BurmaNr. 9/2012, Die Universitäten drohenim Kampf gegen abgekupferte Doktor-arbeiten zu scheiternErheblicher SchadenEs geht letztendlich um mehr als um Tür-schilder, weil solche „Plagiats-Doktoren“ THOMAS IMOals Politiker und Ministerialbeamtedurchaus einen erheblichen Schaden an-richten können, indem sie ihre Vorstel- Abgeordnete Wöhrllung von „Forschung“ bei ihrer Arbeitanwenden. Können Plagiatsjäger die Wis- Dagmar Wöhrl, Juristin und Mitglied ei-senschaft retten? Das Zitieren ist ja nicht ner Christlichen Union, offenbart mit ih-das Problem. Bei einer Dissertation müss- rem peinlichen Auftreten einen Charak-te es eigentlich um das Darstellen von ter, der keine Verwendung in öffentlichenForschungsergebnissen gehen. Etwas Ämtern zulässt. Wenn so ein VerhaltenNeues muss erarbeitet, gut begründet und auch noch von Dirk Niebel geduldet oderbelegt werden. Der Doktorvater soll die unterstützt wird, sollte das MinisteriumArbeit betreuen, nicht nur lesen. auf den Prüfstand gestellt werden. JIRI SOBOTA, KRONBERG (HESSEN) HARTMUT KAMIN, NEUENKIRCHEN (MECKL.-VORP.)Im Kampf gegen Plagiate im Wissen- Als Vorsitzende des Entwicklungsaus-schaftsbetrieb werden die Universitäten schusses ist Wöhrl wohl fehl am Platz. Ihrsignifikante Erfolge erzielen, wenn die Auftreten in Rangun spottet jeder Be-Professoren die Betreuung ihrer Dokto- schreibung. Es ist eine Unverschämtheitranden und damit die zwischen ihnen be- von ihr, wenn sie sagt, dass die Opposi-stehende Forschungsbeziehung deutlich tionsführerin Aung San Suu Kyi jahrelangintensivieren. keinen Stress hatte. Die CSU-Abgeordne- HOLGER PILLAU, BERLIN te hat keine Ahnung, wie es San Suu Kyi ergangen ist, als diese 15 Jahre lang den Hausarrest hat ertragen müssen. MATTHIAS SCHWARZ, SULZBACH-ROSENBERG PETER ENDIG / PICTURE ALLIANCE / DPA Ich entschuldige mich beim burmesischen Volk für den Auftritt von Frau Wöhrl und lege ihr nahe, von ihren Ämtern zurück- zutreten. Weiterhin sollte Bundestagsprä- sident Lammert ihre Eignung als Volks- vertreterin überprüfen und nach diesem Vorfall von ihr eine Entschuldigung beim burmesischen Botschafter verlangen.Hochschulabsolventen in Leipzig 2011 HELMUT SCHWARZ, KANDERN (BAD.-WÜRTT.)10 D E R S P I E G E L 1 1 / 2 0 1 2
  • BriefeNr. 10/2012, SPIEGEL-Gespräch mit dem viele Sympathien. Mit dem gefassten Ent-Kunstfälscher Wolfgang Beltracchi und schluss, seine „eigene Kunst“ zu machen,dessen Frau Helene hat Herr Beltracchi sich auf eine lange Reise begeben. Mal sehen, wohin sieKlammheimliche Freude führt. Seine Frau stellt im Interview etwas naiv die Frage: „Sind Pinsel Waffen?“ Ja,Ihr Interview mit den Beltracchis bescher- Pinsel können Waffen sein.te mir einen angenehmen Zustand be- CHRISTIAN HÜBNER, MÜNCHENschwingter Heiterkeit, der mehrere Tageanhielt. Lange nicht mehr so gelacht –ganz famos! Wie sagte Frank Zappa dochso schön: „Art is making something outof nothing and selling it“ (Kunst ist, ausnichts etwas zu machen und es zu ver-kaufen –Red.). THOMAS BUSCH, HEINSBERG (NRW)Mon dieu, wer möchte beim Lesen nichtgern mit Beltracchis Leben tauschen?Dem bigotten Kunstmarkt eine Nase dre-hen, auf einem Amsterdamer Hausbootleben oder im Wohnmobil durch Asienabhängen oder eben auch am Millionen-pool in Freiburg liegen und den französi-schen Wein von der eigenen Propriété vi-ticole dekantieren. Nur in den Knast ge-hen – das ist dann doch ein bisschen zuviel. Andererseits beweist es: In seinenHandlungen war Beltracchi ein Fälscher,in seinem Innersten ist er aber absolut MANFRED ESSERauthentisch – eben ein echter Beltracchi! DR. UWE GRANZOW, FREIBURG I. B.Ihre bisherige Berichterstattung über die Beltracchi-Kunstwerk „14 Fälschungen“Beltracchi-Bande hat uns beeindruckt.Umso befremdlicher ist es, dass W. Bel- Chapeau, Herr Beltracchi! Wenn in diesertracchi nun die Gelegenheit erhält, seine Gesellschaft, die meist nach Schein undSelbstgefälligkeit in so epischer Breite Preis, nicht nach Wert (be)handelt unddarzustellen. Widersprechen müssen wir dadurch in Mediokrität versinkt, viel-dem Artikel, wenn Beltracchi als unser leicht das Prädikat „genial“ zu vergebenGeschäftspartner dargestellt wird. Wir wäre, dann gebührte es ohne Abstrich Ih-kennen Beltracchi nur aus den Medien nen. Sie werden noch deutliche Markenund dem Gerichtssaal, zu keiner Zeit be- in der Malerei setzen.stand Kontakt zu ihm. Die Schwestern H. STEPHAN MEHLE, WARTHAUSENBeltracchi und J. Spurzem hatten die Exis- (BAD.-WÜRTT.)tenz eines (malenden) Ehemannes wohl-weislich verschwiegen. Es ist falsch, wenn Der Kunstmarkt ist entsetzt, und ich emp-der Fälscher behauptet, vor der Auktion finde so etwas wie klammheimliche Freu-eine Expertise bestellt zu haben. Wir ha- de. Sieger ist wieder einmal die Gier,ben natürlich vor der Aufnahme des Ge- nicht die Kunst.mäldes in den Katalog externen Exper- HARTMUT NEUMANN, AACHENtenrat eingeholt und den Sohn von Hein-rich Campendonk konsultiert; dieser war Dank medialer Sensationsgier ist es dervon der Echtheit des Bildes überzeugt. betrogenen und blamierten Kunstwelt ge-Nach der Auktion hat die Werkverzeich- lungen, nicht als totaler Verlierer dazu-nisbearbeiterin in Kenntnis eines Mate- stehen: Ein „echter“ Wolfgang Beltracchirialgutachtens ihre Expertise erstellt. dürfte sich mittlerweile gut verkaufen HENRIK HANSTEIN, KÖLN lassen. Schade nur, dass Bilder auch wei- KUNSTHAUS LEMPERTZ terhin nicht um ihrer Schönheit willen ge- liebt werden!Die Mechanismen des Kunstmarkts sind ROCHUS LAYRITZsehr zutreffend beschrieben. Kaufent- NEUMARKT-ST. VEIT (BAYERN)scheidungen werden häufig getriebendurch Sehnsucht nach Status – die Unsi- Die Redaktion behält sich vor, Leserbriefe – bitte mit Anschrift und Telefonnummer – gekürzt und auch elek-cherheit, eine eigene Entscheidung zu tronisch zu veröffentlichen. Die E-Mail-Anschrift lautet:treffen, ist groß. Insofern hat das Ehepaar leserbriefe@spiegel.deBeltracchi durchaus in künstlerischer Wei-se dem Markt einen Spiegel vorgehalten In der Gesamtauflage befindet sich im Mittelbund einund findet wahrscheinlich deswegen auch vierseitiger Beihefter der Firma Dt. Telekom, Bonn.12 D E R S P I E G E L 1 1 / 2 0 1 2
  • Panorama Deutschland Handelssaal der Frankfurter Börse ULRICH BAUMGARTEN / VARIO IMAGES TRANSAKTIONSTEUER stände zu überwinden“. Schäuble lässt sein Ministerium des- halb einen eigenen Vorschlag für eine Finanztransaktionsteuer Große Lösung ausarbeiten. Seine Steuerabteilung wies er an, eine große Lö- sung anzustreben. Die neue Abgabe soll nach Schäubles Vor- gabe alle Umsätze auf Finanzgeschäfte belasten, Aktien- und Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) und acht Anleiheverkäufe, Währungsgeschäfte sowie sämtliche Deri- seiner europäischen Kollegen forcieren eine Steuer auf Fi- vate darauf. Gleichzeitig sollen die Vorschläge einfacher und nanzprodukte. „Wir sind davon überzeugt, dass eine Finanz- praktikabler sein als die Überlegungen der EU-Kommission, transaktionsteuer auf europäischer Ebene eingeführt werden die vergangenes Jahr ein Konzept vorlegte. Unterdessen sollte“, schreiben sie in einem Brief an die dä- wächst der parteiinterne Druck auf die SPD- nische Finanzministerin Margrethe Vestager. Spitze, dem geplanten EU-Fiskalpakt nur zu- Dänemark hat derzeit die EU-Ratspräsident- zustimmen, wenn sich die Bundesregierung schaft inne. Um eine rasche Entscheidung zu auf eine Finanztransaktionsteuer festlege. Die erreichen, „würden wir es begrüßen, wenn die Jusos fordern den SPD-Vorstand auf, beide Fra- Präsidentschaft den Verhandlungsprozess be- gen miteinander zu verknüpfen. „Solange die schleunigt“, drängen die Unterzeichner, neben Finanztransaktionsteuer blockiert wird, kann Schäuble unter anderem Frankreichs Finanz- die SPD einem Fiskalpakt nicht zustimmen“, minister François Baroin und Italiens Minis- heißt es in einem Beschluss des Juso-Bundes- POLARIS / LAIF terpräsident Mario Monti, der zugleich Finanz- vorstands. „Impulse für Wachstum und Be- minister ist. Bis Mitte des Jahres sollte der Pro- schäftigung können aus einer Spekulationsteu- zess abgeschlossen und Kompromissvorschlä- er finanziert werden“, sagt etwa Ralf Stegner, ge sollten erörtert werden, „um alle Wider- Schäuble SPD-Fraktionschef in Schleswig-Holstein. RÜSTUNG nach will die Luftwaffe im nächsten Luftwaffe nicht plant, den „Euro- Jahrzehnt den Fliegerhorst Büchel in fighter“ für Nuklearwaffeneinsätze zu- Abzug der Atomwaffen Rheinland-Pfalz aufgeben, auf dem die Atombomben derzeit lagern; von den zulassen, zöge sich die Bundesrepublik aus der praktischen Umsetzung der so-Die Bundesregierung rechnet offenbar dort stationierten deutschen „Tornado“- genannten nuklearen Teilhabe in dermit einem Abzug der amerikanischen Kampfflugzeugen sollen die Bomben Nato zurück. „Die BundesregierungAtomwaffen aus Deutschland. Dies im Kriegsfall getragen werden. Das richtet ihre Planung endlich darauf aus,geht nach Angaben des Verteidigungs- Bücheler „Tornado“-Geschwader soll dass der sogenannte Sonderwaffenein-experten der SPD, Hans-Peter Bartels, durch ein „Eurofighter“-Geschwader er- satz in Zukunft nicht mehr zu den Auf-aus Bundeswehr-Unterlagen über die setzt werden, das im niedersächsischen gaben der Bundeswehr gehört“, sagtneue Luftwaffenstruktur hervor. Dem- Wittmund stationiert wird. Weil die Bartels. D E R S P I E G E L 1 1 / 2 0 1 2 15
  • Panorama PA R T E I E N Teure LinkeDie Mitgliedschaft bei der Linken isteine kostspielige Angelegenheit: Wäh-rend die Mitglieder ihrer Partei imSchnitt 135,58 Euro im Jahr überwei-sen, zahlen jene von CDU und vor al-lem CSU deutlich niedrigere Beiträge.Das geht aus den neuen Rechen-schaftsberichten der sechs Bundestags-parteien für das Jahr 2010 hervor. Teiltman die Summe der Beiträge durchdie Mitgliederzahl, bilden die Christ-sozialen mit 59,58 Euro pro Mitglieddas Schlusslicht (siehe Grafik). Mit-glieder der Linken unterstützen ihrePartei durchschnittlich mit mehr alsder doppelten Summe.Beitragszahlungen WOLFGANG KUMM / DPAJahresdurchschnitt je Parteimitglied in EuroQuelle: Rechenschaftsberichte 2010 der Parteien 150 Seehofer, Wulff, de Maizière, Generalinspekteur Wieker bei Großem ZapfenstreichDie Linke120 135,58 Grüne90 124,38 BUNDESPRÄSIDENT 60 FDP 116,89 SPD 30 0 91,07 Begrenzter Luxus CDU 80,99 Die Union will Ex-Bundespräsident Christian Wulff ein Büro nur zeitlich begrenzt auf Staatskosten zugestehen. „Die Amtsausstattung sollte dann enden, wenn Wulff CSU 59,58 wieder eine entgeltliche Tätigkeit aufnimmt“, sagt der für den Etat des Bundes- präsidialamts zuständige Haushaltspolitiker Herbert Frankenhauser (CSU). Diese Einschränkung solle für alle künftigen Präsidenten gleichermaßen gelten. Die Op- position will Wulff erst gar kein Büro samt Sekretärin und Fahrer zugestehen. Er ZAHL DER WOCHE habe dem höchsten Amt im Staat schweren Schaden zugefügt, sagt der SPD-Chef- haushälter Carsten Schneider, „eine Gleichbehandlung mit seinen Amtsvorgängern halte ich nicht für akzeptabel“. Das Bundespräsidialamt, das im Haushaltsausschuss Nur 42 % die Ausstattung beantragen muss, versucht derweil, die Kosten niedrig zu halten – und Wulffs künftiges Büro in einer bundeseigenen Liegenschaft unterzubringen, um Miete zu sparen. der Summe, die Union und FDP im Bundeshaushalt 2011 einsparen woll- ten, wurden tatsächlich nicht ausge- geben. Wie aus Berechnungen des In- stituts der deutschen Wirtschaft her- ENTFÜHRUNGEN nem Bekunden gehören die Kidnapper vorgeht, kamen lediglich 4,7 der 11,2 zum Stamm der Afar und hatten die Deutschen im Januar in der Danakil- Milliarden Euro zusammen, die im so- genannten Sparpaket veranschlagt waren. Auch für 2012 liegt die Regie- Druck statt Geld Wüste verschleppt. Eine Delegation äthiopischer Stammesältester bewegte rung hinter ihrem Plan zurück: Von Die beiden deutschen Geiseln, die in die Afar nun zur Freilassung der Gei- den ursprünglich vorgesehenen Ein- Äthiopien entführt waren, sind offen- seln. Den beiden Deutschen geht es sparungen in Höhe von 19,1 Milliar- bar durch diplomatische Bemühungen den Umständen entsprechend gut. Zu- den Euro ist nicht einmal die Hälfte der Bundesregierung freigekommen – gespitzt hat sich dagegen die Lage ei- umgesetzt. Für das kommende Jahr und anders als bei vielen Entführun- nes entführten deutschen Ingenieurs in decken die konkreten Maßnahmen, gen ohne Lösegeldzahlung. Der Kri- Nordnigeria. Bei einer missglückten die bisher beschlossen wurden, so- senstab im Auswärtigen Amt hatte pa- Befreiungsaktion nigerianischer und gar nur ein Drittel des avisierten rallel mit dem Diktator Eritreas, Isayas britischer Spezialkräfte am vergange- Sparvolumens ab. Die Eckwerte für Afewerki, sowie äthiopischen Stam- nen Donnerstag kamen in dem Land den Haushalt 2013 will das Kabinett mesältesten verhandelt, die jeweils zwei Geiseln ums Leben. Von dem noch im März verabschieden. versprochen hatten, Emissäre zu den Deutschen, der in Kano auf der Straße Entführern zu entsenden. Nach eige- entführt worden war, fehlt jede Spur.16 D E R S P I E G E L 1 1 / 2 0 1 2
  • Deutschland Fremdschämen BUNDESVERSAMM LUNG KOMMENTAR: Von Klaus Brinkbäumer NPD ohne Platz Ein Mensch, der einem Wankenden in immer härter nachtritt? „Der Unersättli- Die Bundestagsparteien streiten den Rücken sticht, einen Fallenden che“, so heißt es nun, und natürlich: darüber, wo die Vertreter der schubst, auf einen Liegenden tritt, ein „Das Volk … hat recht.“ rechtsextremen NPD in der Bun- solcher Mensch ist uns allen zuwider. Man kann jeden Text über Wulff mit desversammlung Platz finden sol- Doch was, wenn sich eine Gesellschaft Worten wie „ja, aber“ doppelbödig aus- len. Bei der letzten Präsidenten- oder der hörbare Teil einer Gesellschaft statten, mit Anmerkungen über Gier wahl hatten die NPD-Vertreter hin- so verhält? Was also sagen die Wochen und Ehrensold oder dem Fazit „selber ter den Grünen gesessen. Eine sol- seit dem Rücktritt Christian Wulffs über schuld“, weil es richtig bleibt: Medien che Platzierung der drei NPD- das Land aus? haben Wulff nicht gejagt, sondern eine Wahlmänner wollen die Grünen Es ist ein Unterschied, ob investigative Affäre recherchiert; Wulff ist nicht ele- diesmal nicht akzeptieren, weil sie Journalisten den Lügen eines amtieren- gant zurückgetreten; und das Militaristi- eine Angehörige eines Opfers der den Politikers und diversen Indizien sche dieses Zapfenstreichs wirkte nord- rechten Terrorzelle „Nationalso- nachgehen und dann, begründet, den koreanisch. zialistischer Untergrund“ unter ih- Charakter dieses Politikers hinterfragen Doch geht es darum noch? ren Wahlleuten haben. Auch CDU – oder ob eine Meute über einen Zu- Man muss auch nicht biblisch werden und CSU wollen Nähe zur NPD rückgetretenen herfällt mit Worten, mit und vom ersten Stein reden, doch wie vermeiden. Unter ihren Wahlleu- Lärm, mit Lust und Hass. Es ist schon viele der wütenden Gnadenlosen wür- ten befindet sich Mevlüde Genç, deshalb ein Unterschied, weil ein Politi- den eigentlich auf Dinge verzichten, die die 1993 beim fremdenfeindlichen ker, der im Amt ist, eine gewisse Härte ihnen juristisch zustehen, mag auch das Brandanschlag in Solingen mehre- verdient, da sich mit seinem Amt Privi- Gesetz, das ihnen ihr Recht gibt, gro- re Angehörige verloren hatte. Auf legien und Ansprüche verbinden. Ein tesk sein? eine Vorstellung der Kandidaten ehemaliger Politiker, der am Boden Für jene, die keine Möglichkeit haben, zu Beginn der Wahl solle verzich- liegt, verdient Milde. Und manchmal selbst zu recherchieren, sollte es genü- tet werden, so eine Überlegung im Mitleid. gen, sich den zurückgetretenen Wulff in Ältestenrat, damit sich der NPD- Was also bedeuten die Vuvuzelas wäh- seinem Haus in Großburgwedel vorzu- Kandidat, der Historiker Olaf rend des Zapfenstreichs, und was bedeu- stellen. Wie sich das alles aus seiner Per- Rose, nicht präsentieren könne. tet diese Wut jener Demonstranten, die spektive anfühlen mag. Wie er wohl nicht in der Lage waren zu erklären, weiterleben wird. Wie er langsam ver- wieso sie demonstrierten? „Es ist ... na steht, dass er, 52 Jahre alt, womöglich ja ... ick weeß ooch nich … eine Schan- nie wieder arbeiten und nicht mal mehr de eben“, so redeten sie, und nicht zum ein Buch schreiben kann, das irgendwer ersten Mal in den Monaten der Wulff- lesen wollte. Und wer Gelegenheit zur Affäre schämte man sich nicht mehr für Recherche hat, wer Wulffs Vertraute fra- Wulff. Denn was will ein Kommentator gen kann, der hört: Sie sorgen sich um MICHAEL KAPPELER / DAPD wie Hans-Ulrich Jörges vom „Stern“ Wulff. Es gehe ihm nicht gut. wirklich sagen, der Wulff wochenlang Jede Gemeinschaft und darum auch verteidigte und dann, als deutlich wur- jede Gesellschaft sollte eine tolerante de, dass Wulff gehen musste, die Mei- Gemeinschaft sein wollen. Eine, die nung wechselte und immer noch und nicht vergisst, was Empathie ist. Plenarsaal vor Bundesversammlung GRÜNE mit persönlichen Kandidaturen ver- enquote unterstreiche. Der NRW-Lan- knüpfen.“ Eveline Lemke, grüne Wirt- desvorsitzende Sven Lehmann bemän- schaftsministerin von Rheinland-Pfalz, gelt „mangelndes Teamwork“ in der „Weitgehend wurscht“ begrüßt Roths Vorstoß dagegen als „richtige Botschaft in die Parteifami- Grünen-Führung – die Mitglieder soll- ten per Urabstimmung die Spitzenkan-Nach der Kandidatur der Parteivorsit- lie“, weil sie die Bedeutung der Frau- didaten bestimmen: „Wenn vier sichzenden Claudia Roth für eine führen- streiten, freut sich die Basis.“ Der hes-de Position im Bundestagswahlkampf sische Partei- und Fraktionschef Tarekist bei den Grünen heftiger Zank aus- Al-Wazir dagegen hält eine Basisbefra-gebrochen. Roth hatte eine männliche gung für ein „Zeichen von Schwäche“Einzelspitze unter Hinweis auf die und sagt: „Wir sind hier nicht bei einerFrauenquote abgelehnt und zugleich Casting-Show.“ Der schleswig-holstei-ihre Kandidatur angemeldet. Ekin De- nische Fraktionschef Robert Habeckligöz, stellvertretende Vorsitzende der wiederum zeigt sich von der DebatteBundestagsfraktion, kritisiert die Par- genervt: Den Wählern der Grünen seiteichefin: „Die Quote verteidigen wir es „weitgehend wurscht, wer an derFrauen besser nicht damit, dass wir sie Roth auf Plakat der Grünen Spitze der Partei steht“. D E R S P I E G E L 1 1 / 2 0 1 2 17
  • Deutschland Panorama SPIEGEL: Welche Folgen hat der Krach? empfiehlt etwa in der Nacht Grenz- Flasbarth: Lärm ist das am stärksten un- werte von 40 Dezibel, in Deutschland terschätzte Umweltproblem in gelten deutlich höhere Werte. Deutschland. Wir wissen durch eine SPIEGEL: Das Meeresrauschen im Ur- Reihe von Studien definitiv, dass er – laub stört nicht, aber wenn zu Hause gerade wenn er nachts auftritt – die in gleicher Lautstärke Autos vorbeirau- Gesundheit schädigt. schen, steigt der Blutdruck? SPIEGEL: Wer an der Schnellstraße oder Flasbarth: Lärm ist eben mehr als nur in der Einflugschneise lebt, stirbt eher? Geräusch. Der Mensch bewertet Ge- MARC DARCHINGER Flasbarth: Er hat ein höheres Risiko. räusche unterschiedlich. Wenn er den Hinzu kommt auch ein ökonomischer Eindruck hat, diese wären vermeidbar Flasbarth Aspekt: Auf europäischer Ebene rech- oder werden sogar absichtlich erzeugt, net man mit Kosten durch Verkehrs- stören sie ihn viel mehr als Geräusche, lärm in Höhe von 40 Milliarden Euro die er als neutral einstuft. U M W E LT pro Jahr, unter anderem durch Ge- SPIEGEL: Das Bundesverwaltungs- sundheitsschäden. Allein im Raum gericht verhandelt in dieser Woche Frankfurt werden nach unseren Schät- über ein Flugverbot in Frankfurt „Höheres Risiko“ zungen in den nächsten zehn Jahren durch Fluglärm zusätzliche Kosten von nachts zwischen 23 und 5 Uhr. Reicht ein solches Verbot aus?Der Präsident des Umweltbundesamts, etwa 400 Millionen Euro nur für die Flasbarth: Erwachsene brauchen nachJochen Flasbarth, 49, über den Krach Behandlung von Herz-Kreislauf-Pa- Empfehlungen der WHO 7,5 bis 8durch Autos, Flugzeuge und Züge tienten entstehen. Stunden Schlaf, Kinder deutlich mehr. SPIEGEL: Es gibt gesetzliche Grenzwer- Deshalb halten wir für stadtnahe Flug-SPIEGEL: In Frankfurt am Main de- te gegen unzumutbare Belastungen. häfen Nachtflugverbote in der Zeitmonstrieren jede Woche Tausende ge- Flasbarth: Die Werte reichen nicht aus, von 22 bis 6 Uhr für notwendig.gen Fluglärm, andernorts protestieren die Belastung ist deutlich zu hoch. Die SPIEGEL: Das sei völlig unrealistisch,die Bürger gegen Güterzüge oder neue Weltgesundheitsorganisation (WHO) meint die Luftverkehrswirtschaft.Umgehungsstraßen. Ist die Belastung Flasbarth: Eine führende Wirtschafts-durch Verkehrslärm in Deutschland nation wie Deutschland wird wohlgestiegen – oder sind die Menschen Lästiger Lärm nicht ganz ohne Nachtflüge auskom-empfindlicher geworden? Wodurch sich die Deutschen men. Die Frage ist aber, ob die überallFlasbarth: Beides. Trotz technischer am meisten gestört fühlen stattfinden müssen. Deshalb brauchenVerbesserungen an Autos, Zügen und wir dringend eine nationale Flugver-Flugzeugen wächst der Lärm allein Straßenverkehr 55% kehrsplanung. Derzeit wird ein unseli-durch die Zunahme des Verkehrs. ger Standortwettbewerb zwischen denGleichzeitig nimmt das Umwelt- und Nachbarschaft 37 % Flughäfen auf dem Rücken der Bevöl-Gesundheitsbewusstsein der Men- Flugverkehr 29 % kerung ausgetragen. Viel vernünftigerschen zu. Nach unseren Umfragen füh- wäre es doch, wenn sich alle Beteilig-len sich 55 Prozent der Deutschen Industrie 28 % ten einigen, dass Verkehr, der unver-durch Straßenlärm belästigt. Bei Flug- meidlich ist, nur noch dort abgewi- Schienenverkehr 22 %lärm ist es jeder Dritte, bei Schienen- ckelt wird, wo er am wenigsten Proble-lärm jeder Fünfte. Quelle: Umweltbundesamt 2010 me bereitet. AT O M E N E R G I E Der Rückbau der Anlagen könnte sich produzieren, weil die Genehmigung auch deswegen verzögern, weil Behäl- fehlt, wie die Firma bestätigte. Die Zu- ter für nicht mehr benötigten Kern- lassung wird nicht vor Ende 2013 er-Rückbau verzögert sich brennstoff fehlen. So kann die Firma GNS derzeit keine Castoren für Brenn- wartet. Für die Lagerung nicht voll- ständig abgebrannter oder beschädig-Ein Jahr nach dem endgültigen Aus elemente aus Siedewasserreaktoren ter Brennelemente gibt es nicht einmalfür acht Atomreaktoren in Deutsch- ein Genehmigungsverfahren.land ist unklar, wann und wie die An- Schon heute führt der Castor-lagen abgebaut werden sollen. Derzeit Engpass zu Problemen: Im still-liegt noch keiner Aufsichtsbehörde ei- gelegten Kraftwerk Brunsbüttelnes Bundeslands ein Antrag auf Still- in Schleswig-Holstein könnenlegung nach dem Atomgesetz vor. Das abgekühlte Brennelementeergibt sich aus einer Umfrage der nicht in einem sicheren Zwi-atompolitischen Sprecherin der Grü- schenlager untergebracht wer-nen im Bundestag, Sylvia Kotting-Uhl, den. Die alten Brennstäbe müs-unter den betroffenen Ländern. Exper- sen vorübergehend im Reaktor-ten vermuten, dass die Betreiber keine druckbehälter lagern. VorigeFakten schaffen wollen, bevor über Woche sorgte das Atomkraft- PATRICK LUXihre Schadensersatzforderungen ent- werk für Schlagzeilen, weil inschieden ist, die sie wegen des Atom- einer Kaverne ein Atommüll-ausstiegs gegen den Bund erheben. Kraftwerk Brunsbüttel fass völlig verrostet war.18 D E R S P I E G E L 1 1 / 2 0 1 2
  • Deutschland AU S S E N P O L I T I K Spiel auf Zeit Die Europäer haben eine Schlüsselrolle im Konfliktmit Iran: Sie sollen Teheran vom Atomkurs abbringen, um einen Krieg zu verhindern. Die bislang glückloseEU-Außenbeauftragte Ashton leitet die Verhandlungen.A ls Catherine Margaret Ashton, Ba- Westen keinen Misserfolg erlauben. Ein roness of Upholland, vor zwei Jah- Scheitern bedeutet wohl Krieg. ren zur europäischen Außenminis- Der israelische Ministerpräsident Ben-terin ernannt wurde, registrierte selbst jamin Netanjahu hat in der vergangenenihr Ehemann die Skepsis. Das Volk habe Woche bei seinem Besuch in Washingtonbei der Nominierung seiner Frau „nicht keinen Zweifel daran gelassen, dass ergerade auf den Straßen getanzt“, räumte Iran mit allen Mitteln am Bau einer Atom-Peter Kellner, der Chef des bekannten bombe hindern will. Auch mit militäri-Umfrageinstituts YouGov, ein. Nach ei- scher Gewalt.nem wenig verheißungsvollen Start be- Obama setzt wie die Europäer darauf,wegte sich Ashtons Reputation weiter in dass Verhandlungen und Sanktionen Te-eine Richtung: nach unten. heran möglicherweise doch zum Umden- Nach anderthalb Jahren war die Bilanz ken bewegen. Er hat aber zugleich klar-der ersten Hohen Vertreterin für die Au- gemacht, dass er Israel unterstützen wer-ßen- und Sicherheitspolitik der EU so de, wenn eine iranische Atombombe sichdürftig, dass offen über ihre Ablösung nur durch einen Angriff verhindern lässt.nachgedacht wurde. „Langsam läuft die „Ich mache keine Eindämmungspolitik“,Zeit ab“, warnte Elmar Brok, der außen- sagt Obama.politische Experte der CDU im Europa- Damit liegt es jetzt an den Europäern,parlament. Der liberale Fraktionschef einen Krieg in einer Region zu verhin-Guy Verhofstadt nannte Ashtons Politik dern, deren Ölvorräte der Treibstoff derschlicht „lächerlich“. Weltwirtschaft sind. In der „internatio- Die Britin mit dem „Charisma eines nalen Kontaktgruppe“ sind zwar nebenCampingplatzes auf der Insel Sheppey“ Deutschen, Briten, Franzosen und Ame-(der britische Journalist Rod Liddle) er- rikanern auch Russen und Chinesen ver-trug die Vorwürfe klaglos. Wenn sie kri- treten. Die Regie liegt aber bei Ashton,tisiert wurde, machte sie brav Notizen. weil Peking und Moskau bremsen und Außenpolitikerin Ashton, Bundeskanzlerin Merkel,Gern las sie vorbereitete Statements ab. Obama wegen der bevorstehenden Prä-Ihre Stärke sei die Arbeit hinter den Ku- sidentschaftswahl nicht frei handelnlissen, behauptete sie. „Ich bin kein wan- kann.delndes Ego, aber verhandeln kann ich.“ Die Europäer sind in einem Punkt ka- In den kommenden Monaten kann tegorisch: Sie lehnen eine militärische Lö-Ashton beweisen, ob das stimmt. Die sung ab. Ein Krieg könnte die ganze Re-Außenbeauftragte hat das derzeit schwie- gion ins Chaos stürzen, fürchten sie. Zu-rigste Mandat in der internationalen dem würden Militärschläge den Bau einerPolitik inne. Sie soll mit Iran über das Bombe allenfalls verzögern, aber nichtumstrittene Atomprogramm verhandeln. verhindern, heißt es im Berliner Auswär- Im Westen zweifelt kaum jemand dar- tigen Amt. Aber was ist, wenn Iran wiean, dass die Führung in Teheran zumin- so oft in der Vergangenheit, nur auf Zeitdest die Fähigkeit zum Bau einer Bombe spielt, um sein Nuklearprogramm unge-erwerben will. Das würde die Machtba- stört vorantreiben zu können?lance in einer der explosivsten Regionen Die Frau, die für die Kontaktgruppeder Welt verändern und vermutlich ein die Gespräche vorbereiten soll, ist eineatomares Wettrüsten auslösen. Ashton Deutsche. Helga Schmid, 51, frühere Bü-muss Poker mit einem hohen Einsatz spie- roleiterin des damaligen Außenministerslen. Gibt es eine Chance, Iran noch von Joschka Fischer und seit über einem Jahrseinen Atomplänen abzubringen? stellvertretende Generalsekretärin des Es gab schon vorher Verhandlungen, Auswärtigen Dienstes der EU. Die Diplo-die alle am Unwillen Irans scheiterten. matin genießt nicht nur das VertrauenDas Land wollte an seinem Atompro- Ashtons. Auch die Bundeskanzlerin un-gramm festhalten. Diesmal kann sich der terstützt sie.20 D E R S P I E G E L 1 1 / 2 0 1 2
  • Bereits in dieser Woche könnte sich Schmid mit Ali Bagheri, dem stellvertre- tenden Verhandlungsführer Teherans, treffen. Das hat sie dem Iraner angeboten. Schmid und Bagheri haben in den ver- gangenen Wochen regelmäßig miteinan- der telefoniert. Es wäre der erste offizielle Kontakt seit dem Scheitern der letzten Verhandlungen im Januar 2011. Ein Tref- fen soll in Genf oder Wien stattfinden. Die Verantwortlichen in Berlin und Brüssel spielen auf Zeit. Die Bundesre- gierung hat nach Gesprächen mit israeli- schen Regierungsvertretern in der ver- gangenen Woche den Eindruck gewon- nen, dass Netanjahu nach den Zusiche- rungen Obamas keinen schnellen Angriff plant. Nach israelischen Medienberichten hat der US-Präsident den Israelis zuge- sagt, bunkerbrechende Munition zu lie- fern, wenn Israel in diesem Jahr nicht an- greift. Israel könnte iranische Anlagen damit selbst dann attackieren, wenn sie in tiefere Bunker verlegt werden sollten. Die Israelis dementieren den Deal aller- dings. Aus Sicht von Deutschen, Briten und Franzosen wäre ein solches Abkommen gut, denn damit wäre etwas Zeit gewon- nen. Und Zeit ist in Krisen ein wertvolles Gut. Deshalb soll es, so die Planung, eine Serie von Gesprächen zwischen Ashton und dem iranischen Chefunterhändler Said Dschalili geben, die sich über meh- rere Monate hinziehen könnten. Offiziell fordert Ashton die iranische Führung auf, ernsthaft zu verhandeln. „Wir wollen keine Gespräche um der Ge- spräche willen“, sagte sie dem SPIEGEL. „Wir brauchen greifbare Fortschritte.“ Doch in Wahrheit hoffen die Europäer darauf, bis über die amerikanische Präsi- REUTERS dentschaftswahl im November hinaus zu verhandeln. Würde Obama wiederge-Irans Präsident Ahmadinedschad: Angst vor Chaos in der Region wählt, müsste er weniger Rücksicht auf seine republikanischen Gegner und die einflussreiche Israel-Lobby nehmen. Der US-Präsident, der ebenfalls keinen An- griff auf Iran will, könnte dann mehr Druck auf Netanjahu ausüben. Neben der Strategie für die Gespräche hat man in den europäischen Hauptstäd- ten auch erste inhaltliche Punkte verein- bart, die den Iranern einen Deal schmack- haft machen sollen. Bislang hat Teheran alle Avancen zurückgewiesen. Dabei geht es ausgerechnet um das Atomkraftwerk von Buschehr. Die Anla- ge ist technisch nicht auf dem neuesten Stand, die Anfänge stammen noch aus der Zeit vor der Islamischen Revolution. Nach der Atomkatastrophe von Fukushi- ma wachsen die Sorgen der Golfanrainer, ABEDIN TAHERKENAREH / DPA aber auch der Iraner, dass das Kraftwerk nicht sicher sei. Die Europäer wollen Iran daher in den Verhandlungen anbieten, den Reaktor technisch aufzurüsten. Außerdem will der Westen Teheran versprechen, Iran politisch und wirtschaft- D E R S P I E G E L 1 1 / 2 0 1 2 21
  • Deutschland In Israel ist man weit weniger optimis- tisch. Netanjahus Sicherheitsberater Jaa- kov Amidror sagt, man müsse darauf vor- bereitet sein, dass die Verhandlungen scheitern würden. Die Israelis fürchten, die Gespräche könnten den Druck auf Iran verringern und die Kriegsdrohung abschwächen. Der israelische Alptraum wäre eine Reihe endloser Verhandlungen, die den Machthabern in Teheran Gele- genheit geben würden, weiter an der Bombe zu bauen. Die Treffen der vergangenen Jahre ge- ben in der Tat kaum Anlass zu Optimis- mus. Seitdem die Internationale Atom- REX FEATURES / ACTION PRESS energiebehörde 2003 erstmals bis dahin verheimlichte Atomanlagen betreten durfte, fühlten sich besonders Europäer und Amerikaner immer wieder von Te- heran an der Nase herumgeführt. So revidierte Iran einen im NovemberGesprächspartner Netanjahu, Obama*: „Wir brauchen greifbare Fortschritte“ 2004 verkündeten Stopp der Urananrei- cherung bereits ein knappes Jahr später.lich zu unterstützen, wenn es den Atom- israelischen Militärschlag wäre Deutsch- Auch das Angebot der EU, das Land beimkurs aufgibt. Die Europäer wollen dann land besonders betroffen. Beitritt zur Welthandelsorganisation zuauch beim Kampf gegen das gewaltige Kein anderer europäischer Staat hat unterstützen, lehnte Teheran ab. Als dieDrogenproblem im Land helfen. sich so eindeutig an die Seite Israels ge- USA, Russland und Frankreich im Okto- Ashton und ihre Ansprechpartner in stellt wie Deutschland. „Die Sicherheit ber 2009 dem Regime anboten, Uran fürden europäischen Hauptstädten hoffen, Israels ist für mich als deutsche Bundes- die zivile Kernkraftnutzung im Auslanddass die Iraner dieses Mal ernsthaft ver- kanzlerin niemals verhandelbar“, hat An- anzureichern, wies Iran die Offerte zu-handeln wollen. Sie weisen darauf hin, gela Merkel 2008 vor der israelischen rück. Anfang vergangenen Jahres brachdass Teheran seine Bereitschaft zu den Ge- Knesset bekannt, „und wenn das so ist, Ashton die Gespräche ab, weil Teheransprächen schriftlich bekundet hat, obwohl dann dürfen das in der Stunde der Be- ganz offen auf Zeit spielte und nicht ernst-sich die Kontaktgruppe schon mit einer währung keine leeren Worte bleiben.“ haft verhandeln wollte.mündlichen Zusage zufriedengegeben hät- Im Auswärtigen Amt war man nicht Offen ist auch, ob die Sanktionen daste. Zudem hätten die Iraner zum ersten glücklich über die Formulierung. Das er- Regime wirklich gefügiger machen. In derMal ihre Bereitschaft erklärt, über alle As- innere an das Versprechen der „uneinge- Bundesregierung fürchten manche, dasspekte des iranischen Atomprogramms zu schränkten Solidarität“, das Bundeskanz- auch das Gegenteil eintreten könnte. Derverhandeln, heißt es in Ashtons Umfeld. ler Gerhard Schröder den USA nach den starke Druck von außen könnte die ver-Das sei ein bedeutender Fortschritt. Terroranschlägen vom 11. September 2001 schiedenen Fraktionen in der Führungs- Im Westen ist man davon überzeugt, elite des Landes zusammenschweißen.dass die jüngsten Sanktionen den Druck Und weil auch weite Teile der Bevölke-auf das Regime in Teheran gewaltig er- Niemand im Westen rung die wirtschaftlichen Folgen der Sank-höht haben. Die Sanktionen hätten Iran durchschaut die tionen spüren, ist es denkbar, dass die ira-an den Verhandlungstisch zurückge- nische Regierung von der Solidarisierungbracht. Niemand möchte zugeben, dass wirklichen Machtverhält- gegen den Westen profitiert.für die scheinbare Konzilianz Teherans Die Verhandlungen werden zusätzlichwomöglich eher die Kriegsdrohungen nisse in Teheran. erschwert, weil niemand im Westen dieIsraels verantwortlich sind. wirklichen Machtverhältnisse in Teheran Doch eines stimmt: Das europäische gegeben habe, hieß es. Damit habe Mer- durchschaut. Gibt es überhaupt eine Frak-Ölembargo wird Iran schwer treffen. Das kel den Israelis weitgehend freie Hand tion, die gegen entsprechende Gegen-Land ist der drittgrößte Exporteur der Welt, eingeräumt, klagt ein Spitzendiplomat. leistungen auf die Bombe verzichten wür-50 Prozent seiner Staatseinnahmen stam- Allerdings sei klar, dass man am Ende in de? „Es ist ein bisschen wie früher diemen aus dem Ölgeschäft. Die EU schätzt, einem solchen Konflikt nicht neutral blei- Kremlologie“, sagt ein hoher Berliner Re-dass Teheran durch das Embargo ein Vier- ben könne. gierungsbeamter.tel seiner Einnahmen verlieren wird. Es war vor allem Merkels Büroleiterin Dennoch gibt es aus europäischer Sicht Benzin hat sich bereits jetzt exorbitant Beate Baumann, die auf das starke Be- keine Alternative zu den Gesprächen.verteuert, der iranische Rial befindet sich kenntnis zu Israels Sicherheit in der Knes- „Diese Verhandlungen sind die allerletzteim freien Fall. Und weil Europa und die set gedrängt hatte. Damit wäre Deutsch- Chance“, sagt der luxemburgische Au-USA die Konten der iranischen National- land im Falle eines Krieges automatisch ßenminister Jean Asselborn. „Wenn siebank eingefroren haben, ist auch der Fi- in der Pflicht, stärker als andere europäi- scheitern, ist ein israelischer Militärschlagnanzverkehr des Landes massiv einge- sche Staaten. „Wenn die Israelis von uns so gut wie sicher. Das müssen wir umschränkt. bei einem iranischen Angriff Abwehr- jeden Preis verhindern.“ Um jeden Preis, Doch sind die Iraner kompromissbe- raketen haben wollen, dann werden wir das heißt für Asselborn: „Selbst wennreit? In Berlin gibt man sich verhalten op- sofort liefern“, heißt es in der Bundesre- wir inhaltlich nicht vorankommen, müs-timistisch. Zweckoptimistisch. Von einem gierung. Und möglicherweise bliebe es sen wir die Verhandlungen am LaufenScheitern der Gespräche und einem nicht bei Abwehrraketen. Kein Wunder, halten.“ dass Berlin seine ganzen Hoffnungen nun JULIANE VON MITTELSTAEDT, RALF NEUKIRCH,* Am vergangenen Montag in Washington. auf die Verhandlungen setzt. CHRISTOPH SCHULT22 D E R S P I E G E L 1 1 / 2 0 1 2
  • JOCK FISTICKEuropapolitiker Oettinger: „Wir müssen die Gartenzaunmentalität abbauen“ SPIEGEL: Wie sicher sind die europäischen SPI EGEL-GESPRÄCH Atomkraftwerke? Oettinger: Noch vor der Sommerpause „Stresstest für alle“ werden wir unseren umfassenden Ab- schlussbericht vorlegen und so für Trans- parenz sorgen. Zuerst haben wir die Be- treiber der Kernkraftwerke in die Pflicht EU-Energiekommissar Günther Oettinger, 58, über seine genommen. Dann haben die nationalen Kritik an der deutschen Energiewende Behörden Prüfungen vorgenommen. Jetzt prüfen zum ersten Mal unsere euro- und die Sicherheit europäischer Atomkraftwerke päischen Teams. Dass Kollegen aus dem Ausland deutsche oder französische Kern-SPIEGEL: Herr Kommissar, hat sich SPIEGEL: Das Problem dürfte sich noch ver- kraftwerke inspizieren, gab es noch nie.Deutschland mit seiner abrupten Energie- schärfen, wenn bis Ende 2022 die restli- SPIEGEL: Luxemburg, Rheinland-Pfalz undwende in Europa isoliert? chen Meiler abgeschaltet werden. das Saarland haben vergangene WocheOettinger: Über den Energiemix darf zwar Oettinger: Bislang wurden acht Kernkraft- die sofortige Abschaltung des französi-jedes Mitgliedsland allein entscheiden, werke älterer Bauart mit einer geringeren schen Kernkraftwerks Cattenom gefor-aber viele Partner sind besorgt, wenn ein Leistung abgeschaltet. Die eigentliche dert, weil das Kraftwerk ein enormesgroßes Land wie Deutschland so eine Herausforderung ist die Stilllegung der Risikopotential berge.Kehrtwende ohne Konsultationen hin- neun größeren Kraftwerke, die noch lau- Oettinger: Ich werde mich zu einzelnenlegt. Und zur Wahrheit gehört, dass fen. Ich erwarte, dass sich die Bundesre- Kernkraftwerken nicht vor unserem Ab-Deutschland die Energiewende ohne gierung dabei eng mit der Europäischen schlussbericht äußern. Sollten die Stress-seine Nachbarn gar nicht vollziehen Union und den Nachbarstaaten abstimmt. tests ergeben, dass ein Meiler nicht sicherkann. Es darf keine Alleingänge geben. ist, muss er nachgerüstet …SPIEGEL: Warum? SPIEGEL: Ein Jahr nach Fukushima haben SPIEGEL: … oder ganz stillgelegt werden?Oettinger: Die Energiewende ist nur mög- die Europäer ganz unterschiedliche Leh- Oettinger: Alles ist möglich.lich, weil Deutschland mit den Nachbar- ren aus der Atomkatastrophe gezogen. SPIEGEL: Auch bei anderen Energiethemenstaaten vernetzt ist. Sie nehmen uns über- Deutschland steigt aus der Atomenergie geht die Bundesregierung auf Konfronta-schüssigen Strom ab, wenn wir zu viel aus, unsere Nachbarn Polen und Frank- tionskurs mit der EU. Wirtschaftsministerproduzieren, oder beliefern uns mit reich planen neue Atomkraftwerke. Wer Philipp Rösler hat in den VerhandlungenStrom, wenn es eng wird. So fließt der gibt die richtigen Antworten? mit Umweltminister Norbert RöttgenWindstrom aus Norddeutschland nicht Oettinger: Wir haben gemeinsam entschie- durchgesetzt, dass Deutschland Ihre neuedirekt nach Süddeutschland, sondern den, dass wir alle 143 Atomkraftwerke in Richtlinie zur Energieeffizienz kippensucht sich seinen Weg durch Polen und der EU einem Stresstest unterziehen und soll. War das ein unfreundlicher Akt?Tschechien, die aber nicht gefragt wor- in einem zweiten Schritt überlegen, ob Oettinger: Wir sind mitten in den Beratun-den sind. wir EU-weite Sicherheitsstandards für gen für ein europäisches Gesetz, um eine den Bau neuer Kernkraftwerke per EU- effizientere Energienutzung europaweitDas Gespräch führten die Redakteure Christoph Pauly Gesetz vorschreiben. Das ist die richtige durchzusetzen. 2020 sollen Einsparungenund Christoph Schult. Antwort. von 20 Prozent erreicht werden. Ich bin24 D E R S P I E G E L 1 1 / 2 0 1 2
  • Deutschlandmit der Position der deutschen Regierungnicht zufrieden, aber nach der Einigungzwischen den beiden Ministern istDeutschland zumindest verhandlungsfä-hig. Nun können die Beratungen im EU-Rat und mit dem EU-Parlament beginnen.SPIEGEL: Sie wollten die Energiekonzernezwingen, ihren Energieabsatz um jährlich1,5 Prozent zu senken. Das hält Röslerfür zu dirigistisch.Oettinger: Wir haben zahlreiche Mitglied-staaten, die das seit Jahren praktizieren.Es funktioniert also im Markt und wirdvon Verbrauchern und Energiewirtschaftakzeptiert. Wir halten an unserem Ver-handlungsziel fest. Deutschland ist zwarein großes Mitgliedsland, aber nicht dasMaß aller Dinge.SPIEGEL: Was machen die Deutschenfalsch?Oettinger: Sie setzen weiterhin stark aufFreiwilligkeit. Das hat aber seit 2007 nichtsonderlich viel gebracht. Wenn wir soweitermachen wie bisher, schaffen wir ge-rade einmal die Hälfte unseres Ziels –nämlich 10 statt 20 Prozent höhere Ener-gieeffizienz. Allein mit freiwilligen Zusa-gen der Industrie und der Länder wird esdaher nicht gehen. Ich setze darauf, dasses im EU-Rat eine Mehrheit für ehrgeizi-ge und verbindliche Maßnahmen gibt.Die dänische Ratspräsidentschaft hat dieEnergiepolitik zu einem Schwerpunktthe-ma gemacht. Ich bin zuversichtlich, dasses zu einer Regelung kommt.SPIEGEL: Rösler nennt das Brüsseler Vor-haben Planwirtschaft.Oettinger: Die Mitgliedstaaten der EU ha-ben sich in der Tat auf drei Ziele geeinigt.Die CO2-Emissionen sollen um 20 Pro-zent sinken. Aus erneuerbaren Energiensollen 20 Prozent kommen, und wir wol-len 20 Prozent mehr Energieeffizienz.Wenn Sie ehrgeizige Ziele für die Ener-giepolitik und die Umwelt erreichen wol-len, hilft die reine Lehre der Marktwirt-schaft nicht. Natürlich würde eine deutli-che Verteuerung der Energie helfen. Aberdas ist sozial ungerecht und würde dieDeindustrialisierung beschleunigen.SPIEGEL: Auch der Bundeswirtschaftsmi-nister will der Industrie helfen.Oettinger: Wir haben in Europa verbindli-che Vorgaben für den Ausstoß von CO2.Die deutschen Autobauer müssen hartkämpfen, aber sie werden sie erreichen.Damit haben wir der Umwelt geholfenund geben gleichzeitig unseren Ingenieu-ren einen Ansporn für Höchstleistungen.Wenn das Ganze über Jahre hinaus mitPlanungssicherheit verbunden wird, pro-fitiert auch die Wirtschaft. In öffentlichenund privaten Gebäuden gibt es ein riesi-ges Potential für Energieeinsparungen.Wenn in Schulen, Kindergärten oder Ka-sernen pro Jahr drei Prozent der beste-henden Gebäudeflächen energieeffizientsaniert würden, hätten wir in 30 Jahrenalle Gebäude saniert. Das gilt einigen D E R S P I E G E L 1 1 / 2 0 1 2 25
  • schon als zu ehrgeizig, aber ich halte das SPIEGEL: Wer soll das bezahlen? Oettinger: Weil wir bislang weitgehend re-für zumutbar. Oettinger: Zum einen können wir den gionale Netze haben. Maximal 150 Kilo-SPIEGEL: Mit wie viel Geld wollen Sie die Griechen anbieten, dass sie EU-Program- meter, am einen Ende das Kraftwerk, amEnergiesparmaßnahmen unterstützen? me zur Co-Finanzierung dafür abrufen. anderen der Verbraucher. Schon inOettinger: Wir schlagen vor, dass in Zu- Zum zweiten können wir mittelfristig un- Deutschland existieren vier Übertra-kunft die europäischen Struktur- und Re- sere Fördermöglichkeiten einsetzen, um gungsnetze, aber keine gesamtdeutschegionalförderprogramme schwerpunktmä- Griechenland schneller mit den Mitglied- Netzstrategie. Nehmen Sie Tennet, denßig diesem Zweck dienen sollen. So wer- staaten zu vernetzen. Zum dritten kön- Betreiber der alten Netze von Viag, Preus-den in den kommenden Jahren viele Mil- nen wir prüfen, ob sich Länder bei der sen-Elektra und Veba. Tennet ist ein nie-liarden Euro abrufbar. Vorgabe, wie viel Prozent erneuerbare derländisches Staatsunternehmen. Um inSPIEGEL: Nervt es Sie, dass Sie immer mit Energien sie aufbauen müssen, auch In- Deutschland zu investieren, benötigt Ten-zwei Ministern in Deutschland verhan- vestitionen in anderen Mitgliedstaaten net eine Kapitalerhöhung. Es wird nichtdeln müssen? anrechnen lassen können. Und die Bun- ganz einfach sein, im holländischen Par-Oettinger: Aus eigener Erfahrung weiß ich, desregierung sollte das Erneuerbare- lament eine Kapitalerhöhung zu bewilli-dass Neuzuschnitte von Ressorts in der Energien-Gesetz öffnen. gen, damit in Deutschland das Netz aus-Amtsperiode einer Regierung schlecht zu SPIEGEL: Deutsche Stromkunden sollen So- gebaut wird. Da bin ich mal auf die Wort-machen sind. Aber ich empfehle Bund laranlagen in Griechenland finanzieren? meldung von Herrn Wilders gespannt …und Ländern, nach den nächs- SPIEGEL: … des populistischenten Wahlen die Energiezu- EU-Skeptikers, auf dessenständigkeit in einem eigenen Unterstützung die Minder-Ministerium zu bündeln. heitsregierung in Den HaagSPIEGEL: Die Solarenergie angewiesen ist.wird von deutschen Strom- Oettinger: Es gibt auch nichtkunden mit Milliarden sub- genug Investitionssicherheit.ventioniert. Nun sollen die Eigentlich wäre der Energie-Subventionen um bis zu 30 sektor eine ideale Geldan-Prozent fallen. Wird das den lage für Lebensversicherer, KIMIMASA MAYAMA / AP / DDP IMAGESAnstieg der Strompreise ein- doch dazu brauchen wir einedämmen? gesamteuropäische Planung.Oettinger: Zumindest ist da- Ein Beispiel: Es ist nicht klug,durch ein Sprengsatz im deut- in der Nordsee jeden Wind-schen Erneuerbare-Energien- park mit dem Land zu ver-Gesetz entschärft worden. binden, aus dem die jeweiligeDas Ziel, die Umlage bei 3,5 Investition kommt. WirCent zu stabilisieren, ist da- brauchten einen Nordseering,durch etwas wahrscheinlicher der mit allen Anrainern ab-geworden. gestimmt ist und auch die ge-SPIEGEL: Ein Lob klingt anders. planten Off-Shore-Kraftwer-Oettinger: Wir haben im Ener- ke einbezieht.giesektor einen Weltmarkt- SPIEGEL: Der Ölpreis steigt im-preis für Öl, für Gas und für mer weiter an. Wie gut ist dieKohle. Der deutsche Strom- EU vorbereitet, wenn dem-preis ist dagegen zu 48 Pro- nächst Iran als Öllieferantzent von der Politik getrieben völlig ausfällt?und gehört zu den höchsten Oettinger: Die EU-Staaten WESTEND61 / VARIO IMAGESin Europa. Das kann zur so- sind unterschiedlich starkzialen Spaltung der Gesell- auf Ölimporte angewiesen.schaft führen und hat bereits Irland und Dänemark gareinen Prozess der Deindu- nicht, Griechenland zu rundstrialisierung eingeleitet. Ich 40 Prozent. Die Fachleuterate der deutschen Politik da- sind zuversichtlich, dass an-her dringend, alles dafür zu Atomunfall in Japan, griechische Solaranlagen: „Partner sind besorgt“ dere Exportstaaten wie Sau-tun, damit der Strompreis di-Arabien willens und innicht weiter steigt. Wir müssen die För- Oettinger: Wenn die Solarproduktion so der Lage sind, Iran als Öllieferanten zuderung europaweit koordinieren und die langfristig kosteneffizienter wird, dann ersetzen.Gartenzaunmentalität abbauen. ja. In anderen Ländern kommen andere SPIEGEL: Sie haben bereits angekündigt,SPIEGEL: Wie soll das funktionieren? Argumente hinzu: Luxemburg hat zum dass Sie gern in die Privatwirtschaft wech-Oettinger: Mittwoch vor einer Woche hat- Beispiel Vorgaben, die es als kleines Land seln würden, wenn 2014 Ihre Amtszeitten wir in der Kommission den grie- nicht erreichen kann. Oder nehmen Sie ausläuft. Stellen Sie sich bereits daraufchischen Premierminister Papademos zu Malta. Dort wird bislang überhaupt kein ein, dass dann eine Große Koalition inBesuch. Er hat uns geschildert, welche Ökostrom produziert. In Valletta wollen Berlin regiert, die einen anderen deut-wichtige Rolle das Thema Energie für die die Malteser wegen ihres historischen schen Kommissar entsenden würde?wirtschaftliche Stabilisierung seines Lan- Stadtbilds keine schwarzen Photovoltaik- Oettinger: Mein Mandat geht bis 2014, unddes spielt. Die Griechen sind derzeit stark platten auf ihren Dächern. darauf stelle ich mich ein. Ich bin dannvon Öl abhängig. Wir sollten dort alte SPIEGEL: Der Stromaustausch zwischen noch zu jung, um in den Ruhestand zuÖlkraftwerke abschalten und die Solar- den Ländern im Süden und im Norden gehen. Dann ist auch eine Aufgabe au-energie aufbauen. Das würde Arbeitsplät- funktioniert nicht richtig. Warum küm- ßerhalb der Politik eine Option.ze schaffen und dem Staat eine verläss- mern sich die europäischen Behörden SPIEGEL: Herr Kommissar, wir danken Ih-liche Einnahmequelle erschließen. nicht um dieses Problem? nen für dieses Gespräch.26 D E R S P I E G E L 1 1 / 2 0 1 2
  • Deutschland REGIERUNG Aufstand der FrauenDas Nein der FDP zur Quote stiftet Unfrieden in der Koalition. DieKanzlerin will mit dem Thema zur Not auch in den Wahlkampf ziehen – gegen die Liberalen.N iederlage? Nein, von einer Nieder- lage will sie nicht sprechen, Nie- derlagen kommen nicht vor im Le-ben der Ursula von der Leyen, schon garnicht am diesjährigen 8. März, dem Welt- TIMUR EMEK / DAPDfrauentag. In den Zeitungen steht, dass DAVIDS / DARMERsich die schwarz-gelbe Koalition endgültigvon dem Ziel verabschiedet, eine gesetz-liche Quote für Frauen in Unternehmenzu fixieren, aber die Arbeitsministerin Kontrahentinnen Schröder, von der Leyen: „Das Thema ist nicht mehr wegzubekommen“mag sich von solch trüben Schlagzeilennicht die Laune verderben lassen. fraktion, Michael Grosse-Brömer, das The- setz über die Präimplantationsdiagnostik. Sie sitzt in ihrem Büro und unterzeich- ma Quote zu beerdigen. Die Fraktion ste- Im Moment deutet nichts darauf hin, dassnet noch schnell eine Urkunde, mit der he doch mit großer Mehrheit dagegen, rief der FDP-Fraktionschef Rainer Brüderlesie eine Mitarbeiterin zur Beamtin auf Le- er in die Runde. Doch der Abgeordnete und sein Unionskollege Volker Kauderbenszeit befördert. Von der Leyen vergisst Marco Wanderwitz warf ein, es gebe auch die Quote zur Gewissensfrage erklären.nicht zu erwähnen, dass die Frau Kinder jede Menge Männer, die eine Quote für Merkels Leute denken deshalb über einhabe, schon wieder so ein Beispiel, dass richtig hielten. Wanderwitz hat inzwi- anderes Szenario nach. Die Frauen in denbeides geht, Familie und Karriere. Ist die schen die „Berliner Erklärung“ unterzeich- Fraktionen von CDU, CSU und FDP ver-Quote tot? Nein, sagt von der Leyen. Si- net, die eine Quote von 30 Prozent für bünden sich und erhöhen so den Druckcherlich, die Nachrichten des Tages seien Frauen in Aufsichtsräten von mitbestim- auf die Führung. Am Ende, so die Hoff-ein Dämpfer. Aber: „Das Thema ist nicht mungspflichtigen Dax-Unternehmen for- nung, kann sich FDP-Chef Rösler demmehr wegzubekommen“ (siehe Seite 150). dert. Zu den Erstunterzeichnerinnen der Drängen der Frauen nicht mehr verwei- Tatsächlich will sich die Union nicht Erklärung gehört das Spitzenpersonal fast gern. Allerdings gleicht der Plan einemmit dem Veto der FDP gegen die Quote aller Bundestagsparteien: SPD-General- Luftschloss, denn in der FDP-Fraktionabfinden. Der Ärger über die Liberalen sekretärin Andrea Nahles, von der Leyen, kann man die Freunde einer Frauenquoteist groß, Parteichef Philipp Rösler wollte Linke-Parteichefin Gesine Lötzsch, Renate an einer Hand abzählen. Die FDP habenicht einmal die sogenannte Flexi-Quote Künast, die Vorsitzende der Grünen-Bun- das Thema Quote immer noch nicht ver-von Familienministerin Kristina Schröder destagsfraktion. standen, klagt Doris Buchholz, die Bun-(CDU) akzeptieren, die bloß eine gesetz- Schon bald wollen die Initiatorinnen desvorsitzende der Liberalen Frauen.lich fixierte Selbstverpflichtung der Un- der Berliner Erklärung bei der Kanzlerin Merkel blickt deshalb auf die Bundes-ternehmen war und damit ein Vorschlag vorstellig werden. Intern denken von der tagswahl 2013. Die Kanzlerin hat schonzur Güte. Auch Angela Merkel ist sauer: Leyen sowie etliche Frauen in der Unions- signalisiert, dass die Quote Teil des Pro-Wenn die Kanzlerin die Quote in dieser fraktion darüber nach, den Schwung der gramms sein soll, mit dem die CDU dasLegislaturperiode nicht mehr durchsetzen Erklärung zu nutzen, um im Parlament Wahljahr bestreiten will. „Spätestens imkann, will sie mit dem Thema Wahlkampf eine Mehrheit für die Quote zu organi- Wahlprogramm muss die Quote veran-machen – zur Not auch gegen die FDP. sieren. „Als Ultima Ratio halte ich einen kert werden“, sagt Maria Böhmer, Vorsit- Noch aber denken die Frauen in der Gruppenantrag für denkbar“, sagt Rita zende der Frauen Union.Unionsfraktion darüber nach, wie sie vor Pawelski (CDU), die Vorsitzende der Zwar bremste Merkel von der Leyen,2013 eine Lösung finden. Die radikale Va- Gruppe der Unionsfrauen im Bundestag. als diese im Januar 2011 starre Vorschriftenriante wäre ein fraktionsübergreifender Ähnlich argumentiert die stellvertretende für Frauen in Führungspositionen verlangtGruppenantrag im Bundestag. Das klingt CSU-Generalsekretärin Dorothee Bär: hatte. Aber das machte sie aus Rücksichttechnisch, würde aber bedeuten, dass sich „Die Selbstverpflichtungen haben nichts auf die FDP und den Koalitionsfrieden.die Quotenbefürworter aus allen Parteien gebracht. Ich sehe keine Lösung mehr, Inzwischen, so heißt es im Kanzleramt,zusammenfänden und ein Gesetz auf den die ohne Gesetz auskommt.“ sei auch Merkel überzeugt, dass sich ohneWeg brächten. Dass auf diesem Weg eine Der Gruppenantrag hat allerdings ei- Druck nichts bewege. Von der Leyen hörtMehrheit zustande käme, ist wahrschein- nen Haken: Er könnte leicht zum Bruch es gern. Beim Kampf um die Quote seilich, denn SPD, Grüne und Linkspartei der schwarz-gelben Koalition führen. sie zwar „unverzichtbar“, sagt sie ganzsind längst für eine Quote, und auch in Denn in der Regel dürfen die Abgeord- ohne falsche Bescheidenheit in ihremden Reihen der Union wächst die Zahl der neten nur dann frei abstimmen, wenn es Büro. Aber ohne Verbündete gehe esUnterstützer, selbst bei den Männern. die Führung erlaubt, und das kommt äu- dann eben doch nicht. In der Arbeitsgruppe Recht versuchte ßerst selten vor. Die Novelle des Paragra- ULRIKE DEMMER, PETER MÜLLER,vergangene Woche der Justitiar der Unions- fen 218 war so ein Beispiel oder das Ge- MERLIND THEILE D E R S P I E G E L 1 1 / 2 0 1 2 27
  • Deutschland MAJA HITIJ / DAPD FRANK OSSENBRINK THOMAS GRABKABerliner Christsoziale Friedrich, Aigner, Ramsauer, Hasselfeldt: Rote Linien entpuppen sich als Wanderdünen ne Stimme gibt, wählt daher auch ein klei- CSU nes Stück Macht in Berlin, entscheidet sich für ein wenig mehr Bayern in der Die mickrigen Vier Hauptstadt. Bundesweit kommt die CSU zwar nur auf 6,5 Prozent der Stimmen, doch wer in Berlin 100 Prozent Aufmerksamkeit Im Kampf um die Macht in Bayern braucht Horst Seehofer erzielt, wird dafür in Bayern meist auch eine starke CSU in Berlin. Doch in der Hauptstadt mit Stimmen belohnt. Doch dafür müsste man in der Haupt- verliert die Partei an Einfluss. Das liegt vor allem am Personal. stadt auffallen. Gerda Hasselfeldt aller- dings denkt anders. Die CSU-Landesgrup-W enn Horst Seehofer in der Öf- kürzlich in kleiner Runde. Zwei, drei penchefin glaubt daran, dass sie die Poli- fentlichkeit über die Berliner Leuchtfeuer müsse die CSU in Berlin tik Angela Merkels auch ohne schrille CSU-Vertreter redet, dann lobt schon zünden. Überschriften beeinflussen kann. Seiter sie meist. Manchmal noch mehr als Doch das ist nicht so einfach. Seehofer einem Jahr ist Hasselfeldt nun schon imsich selbst. Als Speerspitze der Partei in muss mit dem Personal arbeiten, das in Amt, und kein einziges Mal ist es ihr inder Hauptstadt gilt dem CSU-Chef seine Berlin sitzt. Üblicherweise ist die Haupt- dieser Zeit gelungen, eine politischeMinisterriege dann. Als eingeschworene stadt der Ort, an dem bayerische Landes- Nachricht von Gewicht zu produzieren.Truppe eben, die Bayerns Fahne in Berlin politiker Kontur gewinnen. Doch den Findet nicht nur Seehofer.hochhält. mickrigen vier gelingt das nicht. Der Ein- Vor zwei Wochen hätte sie immerhin Im kleinen Kreis dagegen ist von Lob fluss der CSU schrumpft in Berlin. Das die Chance zu einer Schlagzeile gehabt.keine Rede mehr. Die Minister Ilse Aigner, ist keine gute Nachricht für eine Partei, CSU-Innenminister Friedrich hatte dafürHans-Peter Friedrich und Peter Ramsauer die im kommenden Jahr in Bayern ihre plädiert, die Griechen sollten aus demschrumpfen da zu politischen Zwergen zu- Macht verteidigen muss. Und möglichst Euro austreten (SPIEGEL 9/2012). Diesammen, die in den Augen des Chefs vor die absolute Mehrheit zurückgewinnen kargen Sätze sorgten für Entsetzen in derallem eines sind: zu blass. Bleibt noch Ger- will. Koalition, in der CSU allerdings wirktenda Hasselfeldt, die CSU-Landesgruppen- Im Gegensatz zu allen anderen Partei- sie wie ein Akt der Befreiung.chefin. Da fällt selbst Seehofer lange en in Bayern regiert die CSU als eigen- Beim weiß-blauen Stammtisch, demnichts ein. „Welcher Wähler verbindet mit ständige Kraft auch in Berlin mit. Wer wöchentlichen Treff der Hauptstadtjour-diesen Namen ein Thema?“, seufzte er der CSU in Garmisch oder Wunsiedel sei- nalisten mit der Landesgruppenchefin,28 D E R S P I E G E L 1 1 / 2 0 1 2
  • Dabei brauchte die CSU in Berlin in einer der Berliner auf Platz eins der Liste diesen Tagen nichts dringender als einen für den Bundestag. So war es 2009, als Tätigkeitsnachweis. Beim wichtigsten Seehofer gerade zum Ministerpräsidenten Thema, der Euro-Rettung, verschwindet gewählt worden war und Ramsauer Spit- die Partei im Schatten einer übermächti- zenkandidat bei der Bundestagswahl wur- gen Kanzlerin. Bei den Verhandlungen de. Doch jetzt steht für die CSU so viel in Brüssel sitzt die CSU nicht mit am auf dem Spiel, dass sie sich auf die Aus- Tisch. Rote Linien, die die Christsozialen strahlung der Berliner allein lieber nicht bei der Euro-Rettung festsetzen, entpupp- verlassen will. ten sich als Wanderdünen, wie der Euro- Im Franz-Josef-Strauß-Haus, der Kritiker Peter Gauweiler ätzt. Münchner Parteizentrale, reift deshalb Auch jenseits von Krise und Euro ist die Idee, die Wahlkämpfe für die Land- eine Handschrift der Christsozialen bei tags- und Bundestagswahl zu verbinden. der Regierungspolitik nur schwer zu er- Wahrscheinlich liegen die Termine ohne- kennen. Steuersenkungen, die Beseiti- hin eng zusammen. Die Werbung für die gung der kalten Progression, für die die Christsozialen könnte so in beiden Fällen Christsozialen ähnlich vehement wie die ganz auf Seehofer zugeschnitten werden. FDP gefochten haben, stecken im Bun- Für Gerda Hasselfeldt ist die Kandida- desrat fest. Und das Betreuungsgeld für tur eine typische Journalistenfrage. Jetzt, Eltern, die ihre Kinder zu Hause erziehen, anderthalb Jahre vor der Wahl. In ihrem ist selbst in den eigenen Reihen um- Büro hängt eine handgeschnitzte Madon- kämpft. na über dem Schreibtisch. Die gehörte Ein Jahr nach dem Plagiatsrücktritt von schon immer der Landesgruppe. Sonst Karl-Theodor zu Guttenberg fehlt der Mi- aber hat Hasselfeldt mit der Tradition nisterriege der Christsozialen der Glanz, ihrer Vorgänger gründlich gebrochen. „Je- um die inhaltliche Leere zu überdecken. dem war bei meiner Wahl klar, dass ich Die CSU-Ressortchefs leisten bestenfalls keine Krawallmacherin bin“, sagt sie. Die MAURICE WEISS / OSTKREUZ / DER SPIEGEL solide Facharbeit, von Friedrichs Euro- Polit-Folklore am weiß-blauen Stamm- Attacke abgesehen, bleiben sie blass. tisch, Veranstaltungen, in denen vor Ilse Aigner, die Verbraucherschutzmi- allem Wind gemacht wird, all das ist ihr nisterin, fällt vor allem durch ihren wir- zuwider. Doch wo ist sonst die Hand- kungslosen Kampf gegen Facebook auf. schrift der CSU erkennbar? Seehofer hat zudem nicht vergessen, dass Hasselfeldt zögert, nennt das Betreu- sie die Personalspekulationen über die ungsgeld und dann die Solarförderung. Nachfolge des zurückgetretenen bayeri- Da hat die CSU erreicht, dass der Stichtag schen Finanzministers Georg Fahren- für die Kappung der Subventionen ver- schon befeuerte, indem sie sich ungefragt schoben wird. Ein kleiner Sieg, doch weil selbst ins Gespräch brachte. Hasselfeldt ihn nicht groß herausstreicht,wurde Hasselfeldt anschließend gefragt, Und Peter Ramsauer helfen nicht ein- bekommt ihn keiner mit.was sie von Friedrichs Äußerungen halte. mal die Millionen, die er aus dem Ver- Stattdessen hat sich die ChristsozialeFrauen in gestärkten Schürzen trugen kehrsetat verteilen kann, um populär zu auf ein gewagtes Experiment eingelassen.dampfende Kessel mit Weißwürsten auf, werden. Auf dem letzten Parteitag wurde Nach dem Willen Seehofers sollte sie einHasselfeldt rührte etwas Honig in den er fast Opfer der Spontankandidatur des Stück weit zum Gegenpart der KanzlerinTee. Die Landesgruppenchefin war ver- Parteirebellen Gauweiler um den Posten werden. Doch Hasselfeldt suchte lieberschnupft, das Auge tränte nach einer Ope- des CSU-Vizes. Greift er Themen auf, die Merkels Nähe und lobt die „professionel-ration. die Menschen in Bayern wirklich inter- le Zusammenarbeit“. Ein guter Draht zur „Ich empfehle, ihn da selbst zu fragen“, essieren, dann hat ihn oft Seehofer dazu Kanzlerin ist in der Hauptstadt ein wert-sagte sie. gezwungen. So wie bei der Forderung, volles Gut, aber gilt das auch für Has- Hasselfeldt ist lange genug im politi- eine Pkw-Maut einzuführen. selfeldt? Teilnehmer berichten, die CSU-schen Geschäft, um zu wissen, dass es Bleibt der glücklose Innenminister, der Statthalterin habe beim letzten Koali-ihre Aufgabe gewesen wäre, den Kurs der sich um seinen Job ohnehin nicht gerissen tionsausschuss kein einziges Mal denKanzlerin zu attackieren. So wie es See- hat. Dabei könnte man mit dem Thema Mund aufgemacht.hofer an ihrer Stelle sicherlich getan hätte. innere Sicherheit perfekt die konservati- Die legendäre Geschlossenheit derIm Gegensatz zu Ministern ist sie nicht ven Truppen an sich binden. Friedrich CSU ist so dahin. Berlin und Münchender Kabinettsdisziplin unterworfen. Sie aber musste von seinem Parteichef nach wursteln unabhängig voneinander vorkann die Meinung weiter Teile der CSU dem Guttenberg-Rücktritt fast genötigt sich hin, eine gemeinsame Strategie gibtäußern, auch wenn es Merkel nicht passt. werden, vom Landesgruppenvorsitz an es nicht. Ob die CSU die Unionslinie ver- Ein Journalist fragte nach. Ob Fried- die Spitze des Innenministeriums zu tritt oder brachial für bayerische Inter-richs Äußerung am Wochenende vor der wechseln. „Du musst es jetzt machen“, essen eintritt, bleibt so meist dem ZufallAbstimmung über das Griechenland- bestimmte Seehofer. Seitdem fremdelt überlassen.Paket denn geschickt gewesen sei: „Sie Friedrich mit dem Amt, obwohl der Sehr zum Missfallen Seehofers. Wie erhaben doch auch eine eigene Meinung!“ rechtsextreme Terror und die Integra- die Lage einschätzt, bekamen seine Ber- „Ob ich das geschickt finde?“, antwor- tionsproblematik von Muslimen genü- liner kürzlich im Parteivorstand zu spü-tete Hasselfeldt, „auch das will ich nicht gend Betätigungsfelder bieten würden. ren. „Es geht um Bayern“, mahnte See-bewerten.“ Zu allem Überdruss ist eine zentrale hofer da immer wieder. „Ihr Berliner seid Die Journalisten der Nachrichtenagen- Frage bislang nicht beantwortet: Wer wird dazu da, in Berlin bayerische Interessenturen hatten ihre Laptops aufgeklappt die CSU in die Bundestagswahl 2013 füh- zu vertreten, und nicht dazu, uns in Mün-und warteten hungrig auf Nachrichten. ren? Da der CSU-Chef als Ministerprä- chen Berlin zu erklären.“Doch Hasselfeldt weigerte sich zu liefern. sident in Bayern antritt, muss eigentlich PETER MÜLLER D E R S P I E G E L 1 1 / 2 0 1 2 29
  • Deutschland KARRI EREN Deutschland auf der Couch Der künftige Präsident Joachim Gauck blickt auf ein bewegtes Leben zurück und hat sich intensiv mit den eigenen Schwächen beschäftigt. Nun will er ein ganzes Volk an seinen Erfahrungen teilhaben lassen – und ihm die Ängste nehmen. Von Markus FeldenkirchenD er Morgen beginnt mit einem klassischen Freiheitsproblem. Joa- chim Gauck läuft ein weiteres Maldas Frühstücksbuffet des Hotel Andel’sin Lódź entlang, 15 Meter hin, 15 zurück,den Kopf über Lachs, Speck, Forelle ge-beugt, über Cabanossi, Muffins, Müsli, Ei-ersalat, das volle Programm modernerFrühstückskultur, den heillosen Überfluss.Gauck schüttelt den Kopf. So viele Optionen, so viele Entschei-dungen, Müsli oder Muffin, Forelle oderWurst – ja, die Freiheit kann auch an-strengend sein, man muss wissen, wasman will. Gauck weiß es. „Es fehlt die Marmelade“, murmelt er.„Und Eier. Ganz normale Eier. Ich früh-stücke am liebsten Eier und Marmelade.“Es folgt ein weiterer prüfender Blick überdas Buffet. „Keine Marmelade da. Oderhaben Sie hier die Marmelade gesehen?“Er schüttelt den Kopf. „Gibt’s doch nicht.“ Er wendet sich vom Buffet ab und gehtauf eine Kellnerin zu. „Do you haveeggs?“, fragt Gauck. Er kennt den richti-gen Umgang mit der Freiheit. Nach dem Frühstück dann rüber zurUniversität von Lódź, wo er eine Redehält, Thema „Freiheit – Verheißung undpermanente Herausforderung“, im An-schluss ein Essen mit polnischen Freiheits- CHRISTIAN THIEL / DER SPIEGELkämpfern und am Abend, zurück im Ho-tel, die Frage an der Bar, ob Angela Mer-kel eigentlich recht hatte? Damit, dass ernur dieses eine Thema habe, die Freiheit? Mit diesem Einwand hatte ihn dieKanzlerin an jenem Sonntag, noch bevorGauck ungewaschen im Taxi saß, als Kan- Kandidat Gauck: „Mir begegnen Tränen, die ich vorher nicht kannte“didaten verhindern wollen. Das reichenicht für einen Bundespräsidenten, er- Auf-den-Tisch-Hauen, eher ein gauck- wird. Einen, der das Land fordern will, derklärte sie dem CDU-Präsidium am Tele- sches Hauen, sanft, reflektiert, dafür mehr über die Befindlichkeit der Deut-fon. „Eins ist klar: Gauck wird’s nicht.“ umso entschiedener. „Das würde in dem schen zu wissen glaubt, über ihre Ängste „Ich kann gar nicht beurteilen, ob sie Moment aufhören, wenn sie alle von Frei- und Sehnsüchte, als die Deutschen selbst.das so gesagt hat“, sagt Gauck an der Bar heit reden und von Eigenverantwortung, Einen, der Deutschland in seinen Redenin Lódź und deutet in die Tiefen seines dann würde ich die vernachlässigten The- auf die Couch legen wird, der sich selbstCappuccinos. „Das wäre Kaffeesatzlese- men nehmen. Aber die Sozialstaatsdebat- schon zweimal einer Therapie unterzogenrei.“ Er lächelt, natürlich weiß er, was ge- te und die Gerechtigkeitsdebatte sind in hat und dadurch noch selbstbewusster,redet wurde. „Was soll ich sagen? Mein Deutschland nicht unterversorgt.“ noch autonomer wurde, als er es vorherHauptthema ist nun mal die Freiheit. Das An Joachim Gauck und seiner Trotzig- schon war. Einen, der von sich behauptet,ist so. Und wissen Sie was?“ Kurze Pause. keit wird in Zukunft nicht nur Angela Mer- dass er oft spüre, was in Menschen vorge-„Das wird auch so bleiben. Das verspre- kel ihre Freude haben. Die Bundesrepublik he, noch bevor sie es selbst spürten.che ich den lieben Deutschen mal.“ wird am Sonntag einen Präsidenten be- Gauck sitzt auf der Bühne der Comö- Gauck schlägt mit der rechten Faust kommen, der für die einen erfrischend an- die Fürth und kündigt an, was er selbstauf die Bartheke, es ist kein aggressives ders, für die anderen eine Zumutung sein gleich spüren werde. Er liest aus seiner30 D E R S P I E G E L 1 1 / 2 0 1 2
  • Biografie, es ist die letzte Lesung vor und sie nicht zu verdrängen, sich dem studierte Medizin, heute arbeitet er alsSchloss Bellevue. Gleich müsse er ver- Leid, den Verletzungen, sich all dem Oberarzt in der Orthopädie.mutlich wieder weinen, lautet die Ankün- Schmutz zu stellen, den das System der Gaucks Sohn serviert Budweiser-Bier,digung. „Dieses Kapitel hat mich viele Unfreiheit über sie gebracht hatte. Chipsletten und zeigt auf die Fotos unterTränen gekostet. Und es wird mir wieder Als Gauck im Herbst 2000 die Behörde dem Glas des Sofatisches. Auf einem Bildschwer werden, es zu lesen.“ verließ, deren Name sich längst mit sei- sieht man ihn als Baby auf dem Bauch Dann taucht er ein in jene Zeit, als er nem verschmolzen hatte, war er selbst seines Vaters, auf dem nächsten im KreisPfarrer in Rostock war, in den Dezember nicht mehr mit sich im Reinen. Gauck der Familie am Strand des Ostseebads1987, da seine zwei Söhne endlich ausrei- wartete auf Angebote aus der Politik, ge- Wustrow, ein drittes zeigt Vater und Sohnsen durften und er versteinert am Bahn- trieben vom Wunsch nach Anerkennung, bei einem Treffen in Amerika, dem Landsteig stand, sich nichts anmerken ließ und doch er wartete vergebens. „Ich hätte der Freiheit. Ihre Geschichte ist die desseine Frau auf ihre Brust deutete und frag- gern gesehen, wenn mich die Politik ein- verlorenen Vaters.te: „Andere Menschen haben hier ein geladen hätte, etwas Interessantes zu ma- Lange Zeit, sagt der Sohn, sei sein Va-Herz. Was hast du?“ chen“, sagt er heute über diese Zeit. ter weit weniger empathisch und herzlich Gauck atmet schwer ins Für- gewesen, eher ein „Verdrängerther Mikrofon, er kämpft, von vor dem Herrn“.seiner Geschichte gerührt, mit „Diese Warmherzigkeit, diejedem Satz; gleich kommen ihn heute auszeichnet, die hät-dann wohl die Tränen. „Am ten wir als Kinder damals ge-Heiligen Abend 1987 fehlten braucht“, sagt sein Sohn. Frü-zwei Kinder, zwei Schwieger- her aber sei es dem künftigentöchter, drei Enkelkinder. Sie- Bundespräsidenten schwerge-ben der uns liebsten Menschen fallen, seine Kinder zu loben,waren fort, nur vier blieben un- sich mit ihnen zu freuen. „El-ter dem Tannenbaum.“ terliche Liebesbezeugungen, Die Lautsprecher übertra- die gab es bei uns selten. Dasgen ein Schlucken, die Tränen höchste der Gefühle war malschießen in seine Augen, dann eine Hand auf der Schulter.“trinkt er Mineralwasser gegen Wie gepanzert sei der Vaterdie Emotionen. Es ist nicht ihm vorgekommen. JOACHIM GAUCKganz klar, ob es die Trauer von Entschuldigend fügt er hin-damals ist, die in ihm wütet, zu, dass seine Eltern von ihrenoder die Freude, sie überwun- eigenen Eltern auch nur wenigden zu haben. Die Pause dau- Wahlkämpfer Gauck 1990: „Mein Hauptthema ist die Freiheit“ Herzlichkeit erfahren hätten.ert 16 Sekunden. Als Joachim Gauck elf war, „Ich dachte, ich sei früher wurde sein Vater eines Abendscool gewesen“, sagt er dann, von fremden Männern in ei-den wässrigen Blick ins Publi- nem blauen Opel abgeholt undkum gerichtet. „Ich hab mich später nach Sibirien verfrach-zumindest ziemlich cool gege- tet, verurteilt zu zweimal 25ben. Aber in diesem Buch kom- Jahren Gulag. Wo der Vaterme ich in eine Tiefe des Erin- war, ob er noch lebte, erfuhrnerns, die mich an den Rand die Familie nicht. Der Muttermeiner psychischen Möglich- rieten die Behörden, sich schei-keiten bringt. Jedenfalls begeg- den zu lassen, ihr Mann seinen mir Tränen, die ich vorher schließlich ein Spion.nicht kannte.“ Einen Bundes- Vier Jahre später, nach Sta-präsidenten, der sein Inneres lins Tod, stand der Vater wie-so freizügig nach außen kehrt, der vor der Tür, ausgemergelt, JOACHIM GAUCKkannte die Republik bislang in jeder Hinsicht unterkühlt.noch nicht. Er sei glücklich, sagt Chris- Er habe gemerkt, wie wich- tian Gauck, dass sein Vater intig es war, das Buch zu schrei- Sohn Gauck (2. v. r.), Schwester, Eltern 1943: Wenig Herzlichkeit den vergangenen Jahren seineben, erklärt er dem Fürther Defizite aufgearbeitet habe.Publikum. „Als ich durch diese Tränen Damals sei er ganz in sich selbst ver- Als er diesen Prozess abgeschlossen hatte,durch war, ist etwas Wunderschönes pas- sunken und depressiv geworden, sagt sein schrieb Joachim Gauck Briefe an seinesiert. Ich habe gemerkt, dass ich mich als ältester Sohn. Christian Gauck empfängt Kinder und suchte das Gespräch. Das69-jähriger Mann noch mal verändern mit Espadrilles an den Füßen und ent- habe ihnen den eigenen Vater wieder na-konnte. Es hat mir dazu verholfen, ein schuldigt sich erst mal. „Ich musste eben hegebracht, sagt sein Sohn. Wenn manStück näher zu mir zu kommen, zu mei- mit mir selbst auf ein Bier anstoßen.“ Es den früheren Joachim Gauck mit demnen Gefühlen, auch zu meiner verdeck- sind wunderbare Tage, sein Vater wird heutigen vergleiche, dann müsse er sagen:ten, verborgenen Trauer über ein Leben Bundespräsident, und gerade eben hat er „Das ist ein völlig anderer Mensch!“in Unfreiheit.“ den Zuschlag für ein altes Häuschen in Die Folge einer intensiven Beschäfti- Zehn Jahre lang hatte Gauck nach der Blankenese bekommen. Seit er im Winter gung mit sich selbst ist oft nicht nur be-Wende zunächst die Stasi-Unterlagenbe- 1987 mit dem Zug der DDR entkam und wussteres Handeln, sondern auch einhörde geleitet, die größte Therapiebehör- den Vater zurückließ, lebt Christian übersteigertes Selbstbewusstsein. Derde des Landes. Er half vielen Ostdeut- Gauck in Hamburg. Hier konnte er jenen heutige Gauck ist mit sich und seinenschen, nicht ohne sanften Zwang, sich mit Traum verwirklichen, der ihm drüben aus Qualitäten ziemlich zufrieden und teiltihrer Vergangenheit auseinanderzusetzen politischen Gründen verwehrt wurde, er das auch gern mit. Zu Beginn seiner Le- D E R S P I E G E L 1 1 / 2 0 1 2 31
  • Deutschlandsung in Fürth erklärt er dem gen zu Stuttgart 21 oder zur Oc-Publikum, worauf es sich freu- cupy-Bewegung. So haben fasten dürfe: „Ich habe in den letz- alle Parteien, die ihn nun öffent-ten zwei Jahren viele Lesungen lich preisen müssen, in Wahr-gemacht, die alle nicht schief- heit Angst vor ihm.gegangen sind. Und diese heu- In den vergangenen Wochente wird auch nicht schief- bekam Gauck bereits eine Ah- THOMAS TRUTSCHEL / PHOTOTHEK.NETgehen.“ nung von seiner neuen Welt, in Nach der Euphorie, die seine welcher der Hintergedanke weiterste Kandidatur für das Schloss wichtiger ist als der Gedanke. Er,begleitete, ist Gauck als glückli- der lange an sich gearbeitet hat,cher Bürger durch sein Land ge- um seinen Schutzpanzer abzule-reist. Er war versöhnt mit seiner gen, begibt sich nun in ein ReichFamilie, und endlich schlug ihm voller Panzerträger und Panzer-auch jene Aufmerksamkeit und glas. Er wird seine hart erkämpf-Zuneigung entgegen, nach der Bewerber Gauck, Parteichefs*: „Nein, nein, bitte nicht!“ te Freiheit beschneiden müssen,er sich lange gesehnt hatte. Er die innere wie die äußere.las aus seinem Buch, nahm Preise entge- Geschichte des Landes in sich verdichtet. Im Präsidialamt werden künftig Fach-gen und ließ sich für allerlei Vorträge bu- Im Politikbetrieb aber gilt Kontrolle als leute darauf achten, welchen Anzug undchen. Es schien mitunter, als sage er über- oberstes Gebot. Gefährlich ist, wer sagt, welche Krawatte er zu welchem Anlassall zu, bei verschiedensten Firmen, bei was er wirklich denkt. Dass Gauck nicht trägt und ob die Bügelfalten auch scharfBanken und auch bei „alverde“, dem Kun- nur die Wortgewalt, sondern auch den genug sind. Zu seiner letzten Lesung er-denmagazin der „dm“-Drogerien, dessen Mut besitzt, Debatten anzustoßen, die schien Gauck noch mit einer Plastiktüte,Titel er noch im Januar zierte. über Hotelsuiten und Geldmarktkredite die die Aufschrift „Fußball-WM 2006“ „Die Lesungen und Vorträge haben mir hinausgehen, ist jedenfalls gewiss. trug.Spaß gemacht, weil ich ja diesen pädago- Gleich nach seiner Nominierung erhielt Gauck weiß um sein ganz persönlichesgischen Eros habe. Ich möchte, dass die Gauck den dringenden Rat, sich bis zum Freiheitsproblem, es beschäftigt ihnLeute etwas kapieren“, sagt Gauck. Nach Tag seiner Wahl zurückzuhalten, keine schon. Er sitzt auf seinem Barhocker undsolchen Sätzen versteht man besser, war- Pressekonferenzen zu geben, keine Inter- seufzt. „Wenn ich den Politikern bei mei-um Merkel diesen Mann, dessen Biografie views, bloß nicht anzuecken. Angela Mer- ner Vorstellungsrunde sage: Ich werde alsso viele Schnittmengen mit ihrer eigenen kel fürchtete, Abweichler aus ihrer Partei Bundespräsident auch bald so sein wieaufweist, nicht haben wollte. Mit pädago- könnten ihr in der Bundesversammlung ein abgeschliffener Kiesel, weil mir ja die-gischem Eros hat sie es nicht so. wieder mal eins auswischen. Sigmar Ga- se Sarrazin-Geschichte an der Backe „Immer wenn ich in solchen Begegnun- briel fürchtete, der Kandidat könne Thilo klebt, dann reißen sie alle die Arme hochgen war, wo die Leute plötzlich ihr Herz Sarrazin noch einmal „mutig“ nennen. und rufen: ,Nein, nein, bitte nicht!‘“aufschließen, Dinge verstehen und Em- Die Grünen fürchteten freche Bemerkun- Gauck macht die Politiker nach und wirftpathie entwickeln, entstehen empört die Arme in die Luft.Momente von großer Intensi- „Wenn ich aber dieselben Sprü-tät“, sagt Gauck. „Oder pathe- che loslasse wie in der Vergan-tisch gesagt: etwas, das unsere genheit, dann bin ich bald in ei-Seelen nährt.“ ner äußerst misslichen Lage.“ Gaucks Sprache klingt bis- Deshalb werde er der Öffent-weilen wie eine Kreuzung aus lichkeit künftig anders begeg-Eugen Drewermann und Sig- nen müssen, abgewogener. „Ichmund Freud. Er scheut weder bin dann ja nicht mehr der Bür-den hohen Ton noch das Wort ger Gauck, sondern ich bin die„Liebe“, sein Vokabular be- BRD.“dient sich bei politikfernen Be- Wird ihm der Wandel schwer-reichen, der Psychologie, der fallen?Theologie und auch bei Liebes- „Ich denke schon“, sagt er.gedichten. Im politischen Alltag „Ich muss richtig an mir arbei-aber, wo die Sätze zigfach ge- ten, mich beraten lassen. Wel-testet und abgeschmeckt wer- ches ist der Weg, authentischden, war eine solche Sprache zu bleiben und doch nicht wiebislang unerhört. ein Provokateur zu wirken?“ Für den Präsidenten Gauck Kurz nach dem Gespräch anbirgt seine Neigung, anders zu der Bar in Polen beginnt in derreden und frei zu denken, ge- Heimat die beliebteste The-wisse Risiken. Im Zeitalter des rapiestunde im deutschenZynismus und des schnellen Fernsehen. Gast bei „Beck-Überdrusses wird es nicht lange mann“ ist heute Joachimdauern, bis sich einige genervt Gauck. Dass er nicht live im CHRISTIAN THIEL / DER SPIEGELvon ihm abwenden. Studio sitzt, dass eine Wieder- Das größere Risiko ist seine holung früherer Auftritte läuft,innere Unabhängigkeit, gewon- fällt nicht auf.nen aus einer Biografie, die die Wahrscheinlich, weil Gauck am liebsten über die großen* Am 19. Februar bei seiner Vorstellung Themen redet, über Demokra-im Berliner Kanzleramt. Gauck-Sohn Christian: „Das ist ein völlig anderer Mensch“ tie, Freiheit, Eigenverantwor-32 D E R S P I E G E L 1 1 / 2 0 1 2
  • Deutschlandtung. Für Bundespräsidenten ist diese Zeit- Gaucks Freiheitsbegriff jedenfalls wenig tigen Mainstream in ihren Reden Gehörlosigkeit keine schlechte Voraussetzung. anfangen können. Gauck wird ein Präsi- zu verschaffen. Gauck hingegen rät, der Nach Richard von Weizsäcker wird dent für alle sein müssen. Die Kunst wird „Macht eines modischen Zeitgeistes“ zuGauck der erste Präsident sein, dessen darin bestehen, nicht einer wie alle zu widerstehen, und plädiert für wenigerThema tief aus der eigenen Biografie er- werden. Staat. Anders als die ziemlich deutschewächst. Es war kein Zufall, dass Weiz- Die Gefahr, die die Idealisierung der Auffassung, wonach alles besser werde,säcker, der mit Widerstandskämpfern des westlichen Freiheit birgt, hat Gauck in wenn man erst die Gesellschaft verändert20. Juli befreundet war und dessen Vater seiner Biografie aus der Sicht des DDR- habe, ähnelt Gaucks Ansatz dem Credoin Nürnberg als Mitwirkender bei der Bürgers selbst beschrieben. „Der Westen vieler Therapeuten: Die Gesellschaft, inDeportation französischer Juden nach war wie eine Frau, die man als Siebzehn- der du lebst, wirst du nicht ändern. DuAuschwitz verurteilt wurde, 40 Jahre spä- jähriger auf den Sockel hebt und anbetet. kannst nur dich selbst ändern.ter den richtigen hohen Ton traf und den Die Runzeln und Abgründe, die Mängel Im Hörsaal von Lódź zitiert Gauck nunTag der Kapitulation als „Tag der Befrei- und Beschneidungen von Freiheit haben „Die Furcht vor der Freiheit“, das Werkung von dem menschenverachtenden Sys- viele von uns nicht oder nur wie durch des Psychologen Erich Fromm, das er fasttem der nationalsozialistischen Gewalt- einen Schleier gesehen.“ immer zitiert. Angst könnten Deutscheherrschaft“ bezeichnete. Weizsäckers Wie sehr ihn noch heute das Glück gut, erklärt er den Polen. Man könne vonRede wurde später sogar als Langspiel- über die Freiheit beseelt, spürt man am einer „deutschen Nationalkultur“ spre-platte herausgebracht. Seine Nachfolger Vormittag im großen Hörsaal der Univer- chen. Während er redet, lächelt er süf-schafften allenfalls noch Single-Hits mit sität von Lódź. Wie meistens, wenn er fisant. „Der Deutsche fühlt sich beson- ders wohl, wenn er sich unwohl fühlt.“ So wie Gauck einst seine ei- gene Verzagtheit und Depressi- vität überwand, will er nun ein ganzes Volk zu diesem Prozess ermutigen. Er will den Deut- schen die Angst vor der Freiheit nehmen, vor der Unübersicht- lichkeit der offenen Gesellschaft, der Vielfalt der Optionen. Er möchte sie aus ihrer bür- gerlichen Lethargie holen, sie an- spornen zum Engagement, zur Teilnahme am mühsamen Spiel der Demokratie, das weniger an der Qualität der Politiker als an der Faulheit ihrer Teilnehmer, der Bürger, krankt. „Zugang zu aktuellen Glückselementen“, so CHRISTIAN THIEL / DER SPIEGEL Gauck, erwachse nur aus Verant- wortung und Engagement, nicht aus Teilnahmslosigkeit. An der Bar in Lódź ist es spät geworden. Gauck muss zurück nach Deutschland, seine Beglei-Polen-Reisender Gauck*: „Im Vergleich zu Deutschland herrscht hier weniger Verdruss“ ter drängen. Eines aber will er noch sagen. Es falle ihm schwer,Titeln wie „Ruck“ (Herzog), „Monster“ über die Freiheit redet, haftet sein Blick seine jetzige Situation und seine Empfin-(Köhler) oder „Islam“ (Wulff). am hinteren Ende des Saals, wo Decke dungen zu beschreiben, ohne dabei kit- Wie bei allen Menschen aber, die an und Rückwand zusammenfließen, wie an schig zu werden. Und dann wird es natür-den großen Fragen der Menschheit inter- einem leuchtenden Horizont. lich doch etwas kitschig. „Es ist der Herbstessiert sind, neigt Gauck dazu, Alltags- In seiner Rede wird Polen zum Vorbild, meines Lebens, und im Herbst ist in derprobleme geringzuschätzen. Fragen, wie weil es früher als andere Länder des Ostens Kirche Erntedank. Da ist dieses Gefühlhoch die Pendlerpauschale oder die den Schrei nach Freiheit erklingen ließ. des Staunens und der Dankbarkeit, ohneHartz-IV-Regelsätze liegen sollten und Gauck preist ein Land, „das der Freiheit das ich jetzt viele Befürchtungen hätte.was man bei Vogelgrippe machen könnte, in seiner Geschichte den Vorrang vor Si- Das ist so ein großes Amt, da kann manerscheinen ihm, der sich 50 Jahre seines cherheit gegeben hat“ und „dessen Bürger so viele Fehler machen. Aber ich bin mitt-Lebens nach einer freien Gesellschaft weniger Staat entschieden mehr schätzen lerweile anders gegründet. Ich weiß: Dassehnte, banal. Wie Peanuts. als mehr Staat“. Dieses Polen könne gerade ist jetzt so, und ich habe es nicht forciert.“ Das ist die Kehrseite einer leidenschaft- den Deutschen Ängste nehmen und Mut Ist die Präsidentschaft die Krönung seineslichen Politik, die sich stark aus persönli- geben. „Im Vergleich zu Deutschland herr- Lebens? „Ja, das ist schon so“, sagt Gauck.chen Erfahrungen speist. Sie steht immer schen hier in meiner Wahrnehmung weit Er steht auf und will gehen, aber dannunter Verdacht, anderen das persönliche weniger Verdruss und Depressivität.“ fügt er noch etwas an: „Das heißt aberLebensmodell aufzwingen zu wollen. Ein In Deutschland, wo der starke Staat nicht, dass man automatisch glücklich ist,Arbeitsloser, der sich täglich um einen wegen der Finanz- und Währungskrisen wenn man gerade diese Krönung erfährt.“Job bemüht, ohne ihn zu finden, wird mit gerade eine Renaissance erlebt, dürfte Gauck weiß, dass genau wie die Frei- Gaucks Präsidentschaft ein spannendes heit auch das Glück harte Arbeit bedeu-* Am 1. März beim Besuch einer Gedenkstätte für die Experiment werden. Bislang bemühten tet. Er setzt sich ins Auto, auf geht’s, nachOpfer des Nazi-Regimes in Lódź. sich die deutschen Präsidenten, dem geis- Berlin.34 D E R S P I E G E L 1 1 / 2 0 1 2
  • INTERNET Auf Crashkurs Aufruhr im Kfz-Gewerbe: DasOnline-Portal Autoscout24 weitetsein Geschäft aus und macht Prei-se von Inspektionen transparent – mit erstaunlichen Ergebnissen. ARMIN BROSCH / DER SPIEGELM it ihrem neuen Angebot würden sie sich in der Branche nicht nur Freunde machen. So viel warden beiden Geschäftsführern des Online-Portals Autoscout24, André Stark und Al-berto Sanz de Lama, von vornherein klar.Dass der Widerstand jedoch so vehement Autoscout24-Geschäftsführer Stark, Sanz de Lama: „Keine Ahnung, was hinten rauskommt“ausfallen würde, hatten die beiden auchnicht erwartet. und die bislang üppigen Preise purzeln sogar noch drastischer aus. Ein Grund für Seit Wochen bereits hagelt es Proteste lassen. die Unterschiede: Bei Autoscout24 habenund Beschwerden aus der Autobranche. Im sogenannten Werkstattportal von sich auch kleine, oft wenig bekannte Meis-Ganz offen warnt der Zentralverband Autoscout24 müssen Kunden nur noch terbetriebe angemeldet. Sie kalkulierendes Deutschen Kfz-Gewerbes (ZDK) sei- die Marke, den genauen Typ und den Ki- mit deutlich geringeren Margen, Aufschlä-ne Mitgliedsunternehmen vor einer zu lometerstand ihres Wagens eingeben. We- gen und Stundenlöhnen als etwa großeschnellen Anmeldung bei dem Internet- nige Sekunden später hat das Programm Markenhäuser.portal mit Sitz in München. ZDK-Vize- berechnet, welche Inspektion fällig ist, Einer von ihnen ist Carsten Breucker,präsident Wilhelm Hülsendonk schimpfte, welche Teile, welches Öl und welche Ma- der mit seinem Acht-Mann-Betrieb imnun beginne ein ruinöser „Druck auf die terialien dazu benötigt werden. Osten von Düsseldorf seit Jahren gegenPreise“. Bei der Kalkulation müssten die Anschließend erhält der Kunde eine die Übermacht von Großketten wie ATUBetriebe gegenüber Autoscout24 kom- Übersicht mit Werkstätten im Umkreis, und glitzernden Autohäusern ankämpft.plett „die Hosen runterlassen“. Jeder sol- bei denen er per Mausklick einen Inspek- Knapp 59 Euro plus Steuer berechnetle sich „genau überlegen“, ob er bei dem tionstermin vereinbaren kann. Das wäre Breucker für die Werkstattstunde. Beigewagten Spiel mitmachen wolle. nicht weiter spektakulär, gäbe es dazu Markenhändlern, nur wenige Kilometer Was die Branche der Schrauber, Aus- nicht auch noch eine verbindliche Preis- weiter, sind es bereits 119 Euro.beuler und Ölwechsler so in Rage liste – mit verblüffenden Differenzen. Kein Wunder, dass Breucker zu denversetzt, ist ein von der Öffentlichkeit So bietet die billigste Werkstatt im Um- Profiteuren des neuen Werkstattportalsnoch wenig beachteter Pilotversuch des kreis der Landeshauptstadt die Inspek- zählt. Die 49 Euro, die er monatlich anInternetportals in Nordrhein-Westfalen: tion für einen Passat Diesel mit fast Autoscout24 für die Teilnahme bezahlt,Bislang hatte sich Autoscout24 darauf 100 000 Kilometern für rund 258 Euro an. hält er für „gut investiertes Geld“.beschränkt, neue und gebrauchte Fahr- Bei einem der größten Düsseldorfer VW- Die etablierten Autohäuser lassen der-zeuge via Internet zu vermitteln. Nun Händler kostet die gleiche Leistung weit weil in Branchenumfragen verbreiten,will das Unternehmen, eine Tochterfir- mehr als das Doppelte – knapp 548 Euro. dass die Teilnahme an Werkstattportalenma der Deutschen Telekom, auch in den Das ist kein Einzelbeispiel, wissen die Betrieben bislang keine nennenswertenMarkt der Autoinspektionen und Repa- Autoexperten in München. Mangels Vorteile gebracht hätte. Doch schon inraturen einsteigen – ein Geschäft, dem Transparenz ist der Kunde oft der Dum- wenigen Wochen will Autoscout24 seinenseit Jahren schon der Ruch anhaftet, ge- me. Teilweise fallen die Preisunterschiede Dienst auf weitere Teile Deutschlandsnauso undurchsichtig wie teuer ausweiten. Spielraum für nied-zu sein. rigere Preise gibt es genug. Konkrete Kostenvoranschläge Obwohl die Autowerkstättengibt es in dieser Welt selten. Es nur 23 Prozent des Umsatzes inwerde getrickst und geschum- der milliardenschweren Indu-melt, monieren Verbraucher- strie erwirtschaften, heißt es inschützer. „Kunden erleben die einer Studie, sacken sie rundBranche oft als eine riesige Black- 54 Prozent der gesamten Ge-box“, sagt Autoscout24-Mann winne ein. Haupt- und Abgas-Stark. „Man gibt sein Auto vorn untersuchungen, Autopflegeab und hat keine Ahnung, was und Verschrottung sind weiterehinten wieder rauskommt.“ lukrative Spielfelder – auch für Das soll sich mit dem neuen Internetspezialisten wie Auto- OLIVER TJADEN / DER SPIEGELAutoscout24-Service in Zukunft scout24.ändern. Was die Manager in Dort, verrät Manager Stark,den vergangenen Monaten ent- arbeiten derzeit ganze Teamswickelt haben und in NRW ohne daran, den Kfz-Markt mit wei-großes Aufsehen testen, dürfte teren Angeboten rund ums The-den abgeschotteten Markt in ma Auto „zu beglücken“.kurzer Zeit radikal verändern – Werkstattbesitzer Breucker: „Gut investiertes Geld“ FRANK DOHMEN, BARBARA SCHMID D E R S P I E G E L 1 1 / 2 0 1 2 35
  • Unter ihnen sind Kaufleute, mittelständi- sche Unternehmer, eine Sozialarbeiterin WA H L K A M P F mit ihrem fast erwachsenen Sohn. Dem Piraten-Klischee – jung, männlich, mit „Wir sind die Mitmachpartei“ Nerd-Ausstrahlung – entsprechen nur Dennis und sein Parteifreund Benjamin Freiling, die Nummer 24 der Landesliste. Der Rest gehört zur Alterskohorte Bei den Wahlen im Saarland und in Schleswig-Holstein 35 plus. Thorsten Lang etwa, 46, Kauf- könnten die Piraten in beide Parlamente mann, kommt seit drei Monaten zum Stammtisch. „Vor langer Zeit“, so sagt er, einziehen. Sie versprechen ihren Anhängern mehr Beteiligung. habe er sich einmal „von einer sozial- liberal orientierten FDP politisch vertre- D ennis ist 21 Jahre alt und hat ein wo die „Partei der Informationsgesell- ten gefühlt“. Mit den heutigen Liberalen, pausbäckiges Jungengesicht. Laut schaft“ (Eigenwerbung) vom Ende der Ja- „einer Splitterpartei, die es bald nicht Selbstauskunft im „Piratenwiki“, maika-Koalition und den Neuwahlen am mehr gibt“, verbinde ihn nichts mehr. der „Informations- und Koordinations- 25. März kalt erwischt wurden, gilt ihr Was ihn ins Hemingway zieht, sei die plattform“ der Piratenpartei, ist er zu 35 Einzug in den Landtag als wahrscheinlich. Hoffnung, dass die Piraten die Bürger Prozent kosmopolitisch, zu 72 Prozent Um die fünf Prozent pendeln die Umfrage- wirklich beteiligen wollen. „Die Voraus- laizistisch und zu 57 Prozent visionär. werte – und das für eine Truppe, die An- setzungen sind ja da.“ „Erstes piratisches Gedankengut“ will er fang März noch nicht einmal ein Landes- Liquid Feedback etwa, die Internet- bereits am Tag seiner Geburt verspürt programm hatte. abstimmungssoftware der Piratenpartei, haben. Was zieht die Wähler zu einer Partei, die der Stimme jedes Einzelnen mehr Ge- Der Web-Designer wartet am „Piraten- die mancherorts keine arbeitsfähigen hör verschaffen kann, als dies bislang in stammtisch“ im Norderstedter Restaurant Strukturen hat? Was fasziniert sie an Parteien der Fall war (SPIEGEL 9/2012). Hemingway. Dort will er ab 19.30 Uhr Politikneulingen, die nach ihrem Über- Oder Mumble, ein Sprachkonferenz- mit Parteifreunden und Gästen darüber raschungserfolg bei der Wahl zum Berli- programm, mit dem Piraten von zu Hau- reden, wie die Piraten in Schleswig-Hol- ner Abgeordnetenhaus im September se aus mit Gott und der Welt diskutieren stein die „Hinterzimmerpolitik“ der eta- eher durch interne Querelen als durch können – sofern sie über einen Computer, blierten Parteien durch Transparenz und konzentrierte Arbeit im Parlament auf- einen Internetanschluss, ein Mikrofon Bürgerbeteiligung ersetzen wollen. Auf gefallen sind? Wer sind die Menschen, und Lautsprecher verfügen. die Frage eines Journalisten, was er denn die ihre Hoffnungen an eine Partei bin- Claudia Beyer hat es vor wenigen Ta- kurz nach der Entbindung Piratisches in den, die auf ihrem Bundesparteitag mit gen getestet. Die Endvierzigerin wollte sich gespürt habe, grinst er und sagt: „Das Zweidrittelmehrheit die Legalisierung al- hören, was zu ihrem „Steckenpferd be- war fröhlicher Unfug, aber ich sollte das ler Drogen und ein bedingungsloses dingungsloses Grundeinkommen“ debat- mal ändern. So wie es momentan aus- Grundeinkommen für alle beschlossen tiert wird. „Sagen wollte ich eigentlich sieht, wird es ja langsam ernst.“ hat? nix, doch dann hat mich einer angespro- Zwischen fünf und sieben Prozent Den meisten der zehn Mitglieder, Sym- chen und da hab ich mich vor Schreck prognostizieren Meinungsforscher den Pi- pathisanten und Neugierigen, die sich wieder rausgeklickt. Ich hab nur noch raten für die Landtagswahl in Schleswig- Ende Februar am Stammtisch in Norder- gehört, wie der mir hinterhergerufen hat: Holstein am 6. Mai. Auch im Saarland, stedt einfinden, sind diese Themen egal. Nicht weglaufen.“ Klar zum Entern „Welche Partei würden Sie wählen, wenn am kommenden Sonntag Landtagswahl wäre?“ 33 33 in Schleswig-Holstein Infratest-dimap-Umfrage vom 13. bis 16. Februar 16 5 3 3 3 CDU SPD Grüne Piraten Linke FDP SSW 35 36 im SaarlandTIM RIEDIGER / DDP IMAGES / DAPD Infratest-dimap-Umfrage vom 21. bis 22. Februar jeweils 1000 Befragte; 15 Angaben in Prozent; an 100 fehlende Prozent: Sonstige 5 2 Schleswig-Holstein-Wahlkämpfer Schmidt: „Koalitionsverhandlungen per Livestream“ CDU SPD Linke Piraten Grüne FDP 36 D E R S P I E G E L 1 1 / 2 0 1 2
  • Deutschland Die Frau mit der Lockenfrisur und den Wer sich für die Piraten entscheidet, welche der beiden Volksparteien den Mi-strichdünn gezupften Augenbrauen ist wählt zunächst eine andere Form von Po- nisterpräsidenten stellen darf.kein Computer-Nerd. Den Umgang mit litik. Um die Inhalte kann man sich später Die Grünen dümpeln derzeit bei vierden Tools, den Werkzeugen, die sie kümmern. Überdies hätten die Piraten ja Prozent, die FDP bei zwei, ein rot-rotesbraucht, um bei den Piraten mitreden zu auch inhaltlich durchaus etwas vorzuwei- Bündnis hat Maas bereits kategorisch aus-können, hat sie in einer der Schulungen sen, meint Frank Sobolewski, ein selb- geschlossen. Die Wahl am 25. März er-gelernt, die die Partei in loser Folge rund ständiger Elektronikunternehmer aus scheint vielen deshalb als Farce.um ihre Stammtische organisiert. Norderstedt: „Die SPD-Leute in Stegners Vor diesem Hintergrund ist es kein „Da kannst du alles fragen, da schaut Alter haben Dutzende Male gegen Atom- Wunder, dass es die im Saarland mit 347dich niemand schief an, wenn du es nicht raketen demonstriert, die dann doch sta- Mitgliedern nur rudimentär existentenauf Anhieb kapierst“, sagt Beyer. Dieses tioniert wurden. Die Piraten haben mit Piraten mühelos schafften, in nur drei„Ernst-genommen-Werden, dieses wert- ihren Anti-Acta-Demos gleich das ganze Tagen die erforderlichen 900 Unterstüt-schätzende Verhalten“, schwärmt Beyer, Gesetz ausgebremst.“ zer-Unterschriften einzusammeln, um zurwerde auch in den politischen Debatten Genau deshalb könnte auch der Alarm- Wahl antreten zu können. Dabei ist dasgelebt. „Da hast du das Gefühl, die wol- start, den die Partei im Saarland hinlegen Saarland alles andere als ein ideales Pira-len wirklich, dass du dich beteiligst – egal, musste, erfolgreich sein. „Natürlich wäre ten-Revier. Das Land ist überaltert undwie viel Vorwissen du hast.“ es uns lieber gewesen, wir hätten noch ländlich geprägt. Urbane Internet-Nerds Das, so die Sozialarbeiterin, sei auch mehr Vorbereitungszeit gehabt“, sagt Jas- sind hier eine seltene Spezies.der Grund, warum die Piraten es als ein- min Maurer, 22, Auszubildende zur IT- Aber es gibt ein Thema, das den Pira-zige Partei schafften, Jugendliche für Po- Systemkauffrau, Landesvorsitzende und ten Auftrieb gibt. Der allgegenwärtigelitik zu begeistern. „Wir sind halt die Mit- Spitzenkandidatin der saarländischen Pi- Filz. Der war unter Oskar Lafontaine rotmachpartei“, sagt Dennis. Claudia Beyer raten. „Aber wir sind gut vernetzt, und und unter Peter Müller schwarz. Und anund der Rest der Stammtischgäste nicken. für mich ist es keine Frage, dass wir in der Jamaika-Koalition haftete von BeginnEs ist vor allem dieses Gefühl, dass Bür- den Landtag einziehen werden.“ an der Verdacht der Käuflichkeit – dankgerbeteiligung und Basisdemokratie bei „Sechs bis acht Prozent“ hält Maurer der großzügigen Wahlkampfspende einesden Piraten mehr sind als bloße Floskeln, für möglich und verspricht eine „Politik saarländischen Hoteliers und FDP-Politi-das die Stammtischler an diesem Abend der offenen Karten“. Sie will die „Men- kers an die Grünen.in Norderstedt über alle inhaltlichen Dif- schen wieder für die Demokratie begeis- „Transparenz ist ein Thema für alle imferenzen hinweg eint. tern“. Damit treffen Maurer und ihre Saarland“, sagt Michael Hilberer, Land- Stammtische sind im Piraten-Wahl- überwiegend männlichen Kollegen im tagskandidat der Piraten. „Das Erste, waskampf ein wichtiges Element. In den lo- Saarland einen Nerv. Denn die Lust an ich mir im Landtag anschaffe, ist ein Do-ckeren Runden gibt es die Partei für Inter- der herkömmlichen Form der Demokra- kumentenscanner.“ Verträge der öffent-essenten unverbindlich zur Ansicht – und tie ist den Bürgern im kleinsten Flächen- lichen Hand sollen dann im Internet eben-für die Partei gibt es die Chance, ihre der- land der Republik gründlich vergangen. so frei zugänglich sein wie die Protokollezeit noch schmale Basis zu verbreitern. Im Januar hatte CDU-Ministerpräsiden- von Ausschusssitzungen. Es gehe nicht Kritik wie die des schleswig-holsteini- tin Annegret Kramp-Karrenbauer Hals darum, Protestpartei zu sein, sondern derschen SPD-Vorsitzenden Ralf Stegner über Kopf die sogenannte Jamaika-Ko- Basis mehr Einfluss zu ermöglichen.läuft deshalb ins Leere. Der hatte den Pi- alition mit den Grünen und der FDP auf- Auch die schleswig-holsteinischen Pira-raten vorgeworfen, sie hätten kein Pro- gekündigt, um mit Heiko Maas und der ten wollen sich – nach einem Einzug insgramm, und zu landespolitischen Themen SPD eine Große Koalition zu bilden. Das Kieler Landeshaus – nicht mit Klamauksei von ihnen ohnehin nichts zu hören. Volk soll jetzt eigentlich nur entscheiden, und symbolischen Aktionen aufhalten. Mit Kandidaten wie Patrick Breyer und der ehemaligen Grünen-Spitzenpolitike- rin Angelika Beer auf vorderen Listen- plätzen sind die Nord-Piraten weitaus bes- ser aufgestellt als ihre Kollegen in Saar- brücken oder Berlin. Breyer ist Jurist und hat über die sys- tematische Aufzeichnung von Telekom- munikationsdaten für staatliche Zwecke promoviert. Ende Februar gab das Bun- desverfassungsgericht seiner Verfassungs- beschwerde gegen die Speicherung und Herausgabe von Kundendaten teilweise statt. Zuvor war er bereits erfolgreich ge- gen das Gesetz zur Vorratsdatenspeiche- rung nach Karlsruhe gezogen. „Patrick Breyer hat alles, was ein Innen- minister braucht“, sagt Torge Schmidt, Spitzenkandidat der Küsten-Piraten. Ge- fragt, ob dies bedeute, dass seine Partei für eine Koalition zur Verfügung stünde, CHRISTIAN THIEL / DER SPIEGEL lacht er und sagt: „Unter der Bedingung, dass die Koalitionsverhandlungen per Livestream im Internet übertragen wer- den. Dass die anderen Parteien da mit- machen, kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen.“Saarland-Piraten Hilberer, Maurer: „Menschen wieder für die Demokratie begeistern“ SIMONE KAISER, GUNTHER LATSCH D E R S P I E G E L 1 1 / 2 0 1 2 37
  • Deutschland AKTIVISTEN Der Maskenmann des FBI Einer der Wortführer der Anonymous-Bewegung arbeitete monatelang als Informant für US-Ermittler und half, wichtige Mitstreiter zu enttarnen. Ist die Protest- bewegung damit am Ende – oder wird sie nach den spektakulären Festnahmen radikaler?D ie Jacob-Riis-Siedlung im East Vil- men. Sie waren stolz auf die dezentrale, wieder; in den USA gibt es Stiftungen lage gehört zu den ärmeren Ge- führerlose Struktur ihrer Bewegung, auf wie die Electronic Frontier Foundation, genden Manhattans. Zwischen ihre Hacker-Angriffe, die immer für Auf- die ähnliche Ideale verfolgen, es gibt dieTouristenbars und einem Highway leben sehen sorgten – aber nur selten aufgeklärt internationalen Piratenparteien, es gibthier in 19 Backsteinbauten über 4000 wurden. die Enthüllungsplattform WikiLeaks. SieMenschen in Sozialwohnungen, häufig Nun gibt es nicht nur ein neues Gesicht alle treten für ein freies und weithin un-Zuwanderer aus Lateinamerika ohne Job, für Anonymous, sondern mehrere. Es reguliertes Internet ein.Geld und Perspektive. zeigt sich, dass die eigentlich anarchisch- Keine zweite Gruppe aber agiert so ra- Einer von ihnen war Hector Xavier egalitär geprägte Truppe zumindest zeit- dikal und – mitunter – auch so kriminell,Monsegur. Der 28-jährige Arbeitslose weise von einigen führenden Köpfen ge- wie es manche Aktivisten unter der Dach-puerto-ricanischer Abstammung lebte in prägt und radikalisiert wurde. Sie hätten marke Anonymous tun. Hier finden sichApartment 6F und kümmerte sich um die einer gefährlichen Gruppe der Bewegung Mitstreiter zusammen, die alle kreativenbeiden Töchter seiner inhaftierten Tante. „den Kopf abgeschlagen“, feiern US-Er- und destruktiven Möglichkeiten des In-Was er sonst hinter jener Tür trieb, auf mittler sich nun selbst, ihr Zugriff sei „ver- ternets kennen und virtuos mit dem In-der ein abgewetzter Aufkleber der US- nichtend“. strumentenkasten der digitalen Welt um-Flagge prangt, wusste niemand so genau. Ihr Triumph mag vorschnell sein, doch gehen. Bis vorigen Dienstag, als die US-Bun- die Verunsicherung unter den Aktivisten Es ist ein Clan, der schon mal mit jako-despolizei FBI bekanntgab, dass sechs ist groß. Es geht um die Schlagkraft ihrer binischem Furor agiert und früheren so-mutmaßliche Hacker festgenommen wor- Attacken, die künftig womöglich leichter zialen Strömungen gleicht; zum Beispielden seien. Seither wurde Monsegur in der zu entlarven sind; es geht um ihr Selbst- in der Frage, ob „gewaltsame Mittel“ zurRiis-Siedlung nicht mehr gesehen. Sein verständnis, um ihre Ausrichtung zwischen Durchsetzung dieser Anliegen legitimneuer Aufenthaltsort ist geheim, dafür ist bloßer Spaß-Guerilla und „Hacktivismus“ sind. Und wenn ja, wie weit diese Ge-seine doppelte Identität nun weltbekannt. aus politischen Motiven. Und es geht um waltanwendung gehen darf. Monsegur war der Mann hinter der den Korpsgeist der Anonymen. Wem kön- Wie viele andere Bewegungen zuvorMaske, unter dem Pseudonym „The Real nen sie noch trauen, wenn das FBI erfolg- knüpft Anonymous erfolgreich an eineSabu“ entwickelte er sich zu einer der reich V-Leute in ihrer Mitte platziert? Revolutionssehnsucht an, verbindendesführenden Stimmen von Anonymous. Er Etwa ein Jahrzehnt nach ihren Anfän- Symbol ist die Grinsemaske aus der Co-galt als Phantom, war lange einer der gen geraten die Anons in eine Identitäts- mic-Verfilmung „V wie Vendetta“, dasmeistgesuchten Hacker der Welt. krise: Ist die Bewegung durch den FBI- Konterfei des fanatischen katholischen Re- Außerdem war er ein Verräter. Seit ver- Zugriff am Ende? Oder wird sie im Ge- voluzzers Guy Fawkes, der 1605 das eng-gangenem Juni arbeitete Monsegur mit genteil sogar gestärkt, weil immer neue lische Parlament in die Luft jagen wollte.dem FBI zusammen, dank seiner Hilfe Aktivisten nachrücken – getreu ihrem Die Maske tauchte schon beim erstengelang den Fahndern der bislang spekta- Motto: „Wir sind viele. Wir vergeben größeren Anonymous-Projekt auf – demkulärste Schlag gegen eine aggressive nicht. Wir vergessen nicht“? Kampf gegen Scientology. Andere AnonsSplittergruppe des Kollektivs. Wenn in ihrer diffusen Gruppe so et- legten sich mit der mexikanischen Dro- Nun steht die Szene unter Schock, auf was wie ein einendes Moment existiert, genmafia an, sie kaperten aus Protest ge-Twitter wird Sabu wahlweise als „Judas“ ein zentrales Glaubensbekenntnis, dann gen Internet-Reglementierung und staat-oder „Ratte“ beschimpft. Seit Jahren ver- ist es ihre radikale, kämpferische Forde- liche Überwachung die Websites der CIA,stecken sich zahllose Aktivisten, auch rung nach Freiheit. des FBI und des US-Senats, in Europa„Anons“ genannt, erfolgreich hinter der Diese Freiheitsbewegung findet sich machten sie gegen das Urheberrechtsab-Anonymous-Maske und ihren Pseudony- auch in anderen Organisationsformen kommen Acta mobil. Die Namenlosen 2003 Start des Internet- und Bilder- 2010 Nach der Sperrung von forums 4chan, in deren Foren Spendenkonten für Hinter der Bezeichnung „Anonymous“ erste Anonymous-Aktivitäten WikiLeaks protestieren verbergen sich Netzaktivisten aus aller Welt, ihren Anfang nahmen. Anonymous-Anhänger die sich zu unterschiedlichen Aktionen zu- mit Überlastungs-Attacken sammenschließen – etwa dem Kampf gegen 2008 (Denial-of-Service) gegen Abkommen wie Acta, aber auch Hacker-Angriffen Die Bewegung „Project Mastercard, Visa und gegen Regierungen, Behörden und Unternehmen. Chanology“ ruft zu Protesten PayPal. gegen Scientology auf.38 D E R S P I E G E L 1 1 / 2 0 1 2
  • Jeder kann unter dem Label Anony- mous auftreten, das ist Teil der Faszina- tion. Es ist eine Bewegung der Selbster- mächtigung: eine amorphe Masse, die sich nur zu selbstgewählten Schlachten formiert. Nur wenige kennen einander persönlich, im Netz sind Anons unter Pseudonymen unterwegs. In dieser Szene war The Real Sabu alias Hector Xavier Monsegur eine Legende. Allein beim Kurznachrichtendienst Twit- ter, seinem bevorzugten Draht in die Au- ßenwelt, hatte er fast 45 000 Follower aus aller Welt. Monsegur ist, anders als viele Anony- mous-Mitläufer, ein echter Hacker. Schon vor zehn Jahren, so berichtete er seinen Fans in einer Art Online-Sprechstunde ISOPIX SPRL / ACTION PRESS vergangenen Sommer, manipulierte er Websites und hinterließ das Kürzel Sabu als Kennung. Zu Anonymous stieß er nach eigenen Angaben wie viele andere Aktivisten rund um die WikiLeaks-Enthüllungen. DasAnonymous-Erkennungszeichen Fawkes-Maske: „Wir vergeben nicht, wir vergessen nicht“ Schicksal von Julian Assange habe ihn dazu motiviert, den angeblichen Wiki- Leaks-Informanten Bradley Manning be- zeichnete Sabu als „Inspiration“. Laut FBI-Unterlagen bekennt sich Mon- segur tatsächlich schuldig, an der „Opera- tion Payback“ teilgenommen zu haben. Es war diese „Strafaktion“, die Anony- mous erstmals außerhalb der Netzgemein- de eine größere Öffentlichkeit bescherte. Auslöser waren Finanzdienstleister wie PayPal, Visa und Mastercard, die den Zah- lungsverkehr mit WikiLeaks einstellten, nachdem die Enthüllungsplattform zusam- men mit Medien wie dem SPIEGEL diplo- matische Depeschen des US-Außenminis- teriums veröffentlicht hatte. Die Blockade führte zu einem Sturm der Entrüstung auf Twitter und zu einer Attacke auf die Websites der Unterneh- men, die zeitweise nicht mehr erreichbar waren. Der Angriff war die Blaupause für eine beliebte Anonymous-Methode, auch weil sie vergleichsweise einfach ist. Es reicht, eine kleine Software aus dem Netz herunterzuladen, in einer Befehlzei- le eine Ziel-Website einzutippen und POLARIS / STUDIO X dann den Aufrufen via Twitter oder den einschlägigen Anonymous-Chats zu fol- gen: „Fire, fire, fire!“ Wie diese Aktionen zu bewerten sind,Hacker Monsegur alias „Sabu“: „Freunde werden dich am Ende fertigmachen“ ist umstritten. Man kann der AuffassungFebruar 2011 Dezember 2011 März 2012Anonymous hackt die Sicherheitsfirma HBGary Federal Im Zeichen der Splitter- Mit Hilfe der Kooperation desund stellt interne E-Mails und Dokumente ins Netz. gruppe AntiSec wird der LulzSec-Kopfes „Sabu“, der seit US-Informationsdienst Sommer2011 als FBI-InformantMai 2011 Stratfor gehackt. Die Hacker arbeitet, werden mehrere mut-Die Anonymous-Splittergruppe „Lulz Security“ startet einen aggressiven erbeuten rund 860000 maßliche LulzSec-Hacker verhaftet.50-tägigen Hacker-Feldzug, der sich gegen Unternehmen wie Fox und Nin- Kundendaten, damit auch Auch Jeremy H. alias Anarchaostendo richtet. Dem Elektronikkonzern Sony werden mehr als 75 Millionen den Zugang zu etwa 60000 wird festgenommen. Ihm wirft dasKundendaten entwendet. Kurzfristig gelingt es LulzSec-Mitstreitern, Kreditkarten, sowie mehrere FBI vor, maßgeblich am Stratfor-die öffentlich zugängliche Website der CIA zu blockieren. Millionen E-Mails. Hack beteiligt gewesen zu sein. D E R S P I E G E L 1 1 / 2 0 1 2 39
  • via Twitter zu neuen Raubzügen auf. In- terpol habe Anonymous „den Krieg er- klärt“, schrieb Monsegur, „infiltriert sie“. Er beschimpfte die „Scheiß Feds“ als „Feiglinge“ – obwohl er längst die Seiten gewechselt hatte. Offenbar funktionierte der vermeintli- che Staatsfeind als Zuträger so zuverlässig wie als Hacker. Arglos informierten ihn seine Anonymous-Freunde über ihre neu- en Angriffsziele und Erfolge, manchmal lagerten sie auf sein Geheiß ihre Beute sogar auf einem Server, der nur scheinbar REX FEATURES / ACTION PRESS zur Bewegung gehörte – in Wirklichkeit aber vom FBI betrieben wurde. Hatte Monsegur neben der Identifizie- rung anderer Köpfe auch die Aufgabe, die gesamte Bewegung weiter zu radika- lisieren und damit zu diskreditieren? SindLulzSec-Verdächtiger „Topiary“: Der Bewegung Gesichter zuordnen seine wichtigsten Mitstreiter jetzt ent- tarnt, oder droht bald eine weitere Ver-sein, dass sie sich kaum von den Straßen- sich auf die Suche nach dem Gesicht hin- haftungswelle?blockaden und Sit-ins früherer Tage un- ter dem Pseudonym. Wie ernst es den Fahndern ist, hat FBI-terscheiden, dass sie eine neue Protest- Wie bei mysteriösen Serienmördern er- Chef Robert Mueller jüngst klargemacht:form sind, um gegen durchaus kritikwür- stellte das FBI psychologische Profile „Die Bedrohung aus dem Cyberspacediges Verhalten etwa der Finanzkonzerne über die Führungscrew, zu der auch die wird die Bedrohung Nummer eins imzu protestieren – sicher grenzwertig, aber Anons „Topiary“ und „Kayla“ zählten. Land sein.“ Mit aller Härte sollen seineein schweres Verbrechen? Die Ermittler beobachteten ihr Online- Beamten gegen Anonymous vorgehen, in Betroffene und Behörden sind davon Verhalten und analysierten ihren Sprach- enger Zusammenarbeit mit internationa-überzeugt. Staatliche Stellen haben den gebrauch. len Behörden. Erst in der vorvergangenenKampf gegen die Auswüchse der neuen Sie stellten fest, dass The Real Sabu für Woche hatten Ermittler mit der „Opera-Bewegung aufgenommen. Im Sommer die anderen Aktivisten eine Autorität tion Demaskierung“ in Südamerika und2011 nahm das FBI in den USA 14 mut- war, einer, der Ziele benannte, andere Spanien zugeschlagen. Solche Aktionenmaßliche Anonymous-Aktivisten fest, anstiftete oder maßregelte. Sie vermute- zeigen, „dass Kriminalität in der virtuel-nachdem PayPal der Behörde verdächtige ten hinter dem Pseudonym, das auf einen len Welt für die Verantwortlichen realeIP-Adressen übergeben hatte. Auch in bekannten amerikanischen Wrestler an- Konsequenzen hat“, kommentierte einden Niederlanden und Großbritannien spielt, einen Mann mit narzisstischen Nei- Beamter von Interpol.schlugen die Ermittler zu. gungen an der US-Ostküste und lagen da- Was das bedeutet, konnte vorige Wo- Es war der erste großangelegte Versuch, mit nicht falsch. che in Chicago Jeremy H. erleben, derAnonymous weniger anonym zu machen, Doch zum Verhängnis wurde dem Ha- dem FBI durch Monsegurs Hilfe in dieder Bewegung Gesichter zuzuordnen – cker seine Unachtsamkeit. Einmal beweg- Falle ging.und die waren häufig sehr jung. In Groß- te sich Sabu in einschlägigen Foren, ohne Er war offenbar ein führendes Mitgliedbritannien standen die Polizisten im jenes Anonymisierungsverfahren zu ak- der Anonymous-Kadergruppe „AntiSec“,Zimmer eines 16-Jährigen; in den USA er- die vor allem auf Sicherheit spezialisiertewischte es eine 20-jährige Journalistik- Behörden und Firmen im Visier hat undstudentin an der Universität von Nevada, Ihr zentrales Glaubens- über Weihnachten in die Server desdie unter dem Kürzel „No“ aktiv war. Soll- bekenntnis ist die US-Informationsdienstes Stratfor einge-te sie in allen Anklagepunkten schuldig brochen war. Die Hacker hatten dabei un-gesprochen werden, drohen ihr 15 Jahre radikale, kämpferische ter anderem 860 000 Kundendaten ent-Haft und eine Geldstrafe von 500000 Euro. wendet, in 60 000 Fällen sogar samt Kre- Während die Behörden ihren Verfol- Forderung nach Freiheit. ditkartendaten, sowie mehrere Millionengungsdruck spürbar verschärften und die E-Mails. Danach löschten sie die internenJustiz mit drakonischen Strafforderungen tivieren, das er ansonsten stets nutzte. Datenbanken und verkündeten ihre Tatauf Abschreckung setzte, gingen Sabu Das genügte den Ermittlern. Die IP- am 24. Dezember auf Stratfors Website.und einige Gefährten immer radikaler Adresse seines Rechners führte sie direkt Das FBI beziffert den entstandenen Scha-vor. Unter dem Namen „LulzSec“ mach- in die Wohnung 6F in der New Yorker Ja- den auf mehrere Millionen Dollar.ten sie sich als autonome Untergruppe von cob-Riis-Siedlung. Noch während und kurz nach dem An-Anonymous selbständig und starteten eine Monsegur bekannte sich in zwölf Punk- griff prahlte Jeremy H. in Chats mit der50-tägige Hacking-Kampagne, wie sie das ten schuldig. Würde er in allen verurteilt, Aktion. Sabu war FBI-Unterlagen zufolgeInternet bis dahin nicht gesehen hatte. In drohten ihm 124 Jahre und sechs Monate oft dabei oder erhielt die Chat-Protokolleschneller Folge brachen sie unter anderem Haft. Für seine Kooperation wurde ihm später von anderen Beteiligten.in die Server von Konzernen wie Fox, ein weitgehender Strafrabatt in Aussicht Dadurch verfolgten die Ermittler dieSony und Nintendo ein, dann veröffent- gestellt, gegen eine Kaution von 50 000 Tat sozusagen live, sie lasen mit, wielichten sie die privaten Daten von Kunden. Dollar kam er frei. Fortan konnte Sabu Anons ihren Einbruch feierten („Wir ha-Der brachiale Kurs stieß auch innerhalb die eigene Bewegung unterwandern, das ben eine große und ernstzunehmende In-von Anonymous auf erhebliche Kritik. FBI lieferte ihm eine speziell präparierte tel-Firma zerstört“). Und sie sorgten da- Spätestens mit seiner Führungsrolle bei Ausrüstung und überwachte ihn. für, dass Sabu den Angreifern einen Ser-LulzSec hatte Sabu die Aufmerksamkeit Nach außen ließ er sich nichts anmer- ver anbot, auf dem sie ihre gestohlenender Bundespolizisten erregt. Sie machten ken, noch in der vorigen Woche rief Sabu Daten zwischenlagern konnten. So über-40 D E R S P I E G E L 1 1 / 2 0 1 2
  • Deutschlandspielten die ahnungslosen Täter einen Teil FBI-Zugriffs zu verarbeiten. Die Ermitt- Wo ein Kopf abgeschlagen werde, wüch-ihrer Beute direkt an das FBI. ler wirken mit ihrem Coup zufrieden. sen sofort zwei neue nach. Kurz nachdem AntiSec den Coup ver- „Anonymous besteht aus einem kleinen So ähnlich war es auch in der Vergan-meldet hatte, kommunizierte Sabu im Kreis versierter Hacker und einer großen genheit, repressive Maßnahmen der Be-Chat mit Jeremy H. und scherzte: „Ihr Schar von Mitläufern“, sagt ein mit dem hörden haben Aktivisten selten abge-Motherfuckers werdet noch dafür sorgen, Fall vertrauter Beamter. „Dieser kleine schreckt, eher weiter radikalisiert.dass ich durchsucht werde.“ Da saßen die Kreis der echten Hacker ist nun empfind- „Anonymous ist längst über LulzSecFBI-Beamten längst neben ihm. lich getroffen.“ und Sabu hinausgewachsen“, hieß es in Unter Hochdruck arbeiteten sie seither Doch die Behörde muss auch mit pein- einer vielfach weiterverbreiteten Twitter-daran, H. zu enttarnen, was nicht einfach lichen Fragen rechnen. Warum hat sie Botschaft. Der bekannte Anonymous-Ver-war, denn er nutzte mindestens sieben Sabu nicht früher aus dem Verkehr gezo- treter Barrett Brown, bei dem vorige Wo-verschiedene Kürzel und Pseudonyme. gen? Wie konnte sie es zulassen, dass ihr che ebenfalls durchsucht wurde, kündigte Auf Rechnern ihres Informanten Sabu Informant junge Anons zu Straftaten mo- bereits an, das FBI könne eine „größerefanden die Ermittler schließlich entschei- tivierte, die sie ohne ihn womöglich nicht Antwort“ erwarten.dende Hinweise. In älteren Chat-Pro- begangen hätten? Und was ist mit dem Tatsächlich entschieden einige Anony-tokollen konnten sie nachlesen, wie H. Stratfor-Hack, den Sabu mit einem FBI- mous-Mitstreiter noch am Dienstag, ihreSabu von früheren Problemen mit der Server unterstützte – hätten die Beamten Schlagkraft unter Beweis zu stellen. NurPolizei berichtet hatte: Er habe Ärger we- die Veröffentlichung der E-Mails womög- Stunden nach der FBI-Pressemitteilunggen Marihuana-Besitzes bekommen, lich verhindern können? hackten sie die Seite der Sicherheitsfirmaschrieb H., auch sei er in Polizeigewahr- Bei Anonymous rätseln Mitstreiter seit Panda Security – nachdem der For-sam gewesen, weil er auf einer Parteiver- Tagen über ihre Zukunft, in der Szene schungsleiter sich im Firmen-Blog überanstaltung der Republikaner protestiert herrscht eine Mischung aus Unglauben, die FBI-Zugriffe gefreut und prognosti-habe. Verunsicherung und blankem Hass auf ziert hatte, damit würden die ernstzuneh- Solche Puzzleteile führten die Beamten den Verräter. In einschlägigen Kanälen menderen Hacks im Namen der Bewe-zu einem roten Klinkerbau im Chicagoer wird viel über eine bessere Eigensiche- gung wohl Geschichte sein.Süden, dem Wohnsitz des 27-jährigen Je- rung geschrieben und vor allem darüber Die AntiSec-Hacker platzierten auf derremy H. Vom 29. Februar an überwachte spekuliert, was das FBI an weiteren In- Website des Unternehmens einen offenendas FBI das Haus und die Internetverbin- formationen gewonnen haben könnte – Brief an Monsegur: „Verrat ist etwas, dasdungen seiner Bewohner. Der letzte Spit- etwa über die jüngste Zusammenarbeit wir nicht vergeben.“zeleinsatz von Sabu begann. von Anonymous mit WikiLeaks und des- Sabu, der früher manchmal Dutzende Er meldete, wann der Stratfor-Hacker sen Gründer Julian Assange. Nachrichten täglich allein via Twitter ab-online war und wann er sich verabschie- Einen „Abkühlungseffekt“ vermutete feuerte und häufig 16 Stunden täglich on-dete. Die Beamten vor Ort in Chicago umgehend die Anonymous-Expertin line war, schweigt.verglichen das mit den Zeiten, in denen Gabriella Coleman in der „New York Aufmerksame Leser seiner Online-Jeremy H. das Haus verließ; es passte. In Times“. Die Anthropologin von der ka- Sprechstunde aus dem vorigen Septem-der Nacht auf vorigen Dienstag holten nadischen McGill-Universität erwartet, ber hätten vielleicht etwas ahnen können.sie H. ab, dem sie nun nachweisen zu die Bewegung werde nun intensiv reflek- Er riet jungen aufstrebenden Hackern, al-können glauben, dass er unter anderem tieren müssen: „Wer sind wir? Was wollen lein zu arbeiten und in Gruppen auf ma-als „Anarchaos“ und „sup_g“ ein wichti- wir sein?“ ximale Eigensicherung zu achten: „Freun-ger AntiSec-Hacker war. Die ersten Anons allerdings haben die- de werden dich am Ende fertigmachen, Und nun? Beide Seiten, Fahnder und se Phase bereits abgeschlossen, sie ver- wenn sie dazu gezwungen werden.“Hacker, sind jetzt dabei, die Folgen des gleichen Anonymous mit einer Hydra: GEORG DIEZ, MARCEL ROSENBACH D E R S P I E G E L 1 1 / 2 0 1 2 41
  • Deutschland KOA L I T I ON Gutachten nach Wunsch Hat die liberale Justizministerin bei einer Expertise zur Vorrats- STRATO / OBSdatenspeicherung tricksen lassen? Innenexperten der Union werfen ihr Manipulation vor. Speicherzentrale eines Rechenzentrums in Berlin, FDP-Politikerin Leutheusser-Schnarrenberger:A m vergangenen Mittwoch sollte nachdem die vorübergehend eingeführte Doch der 61-jährige Kriminologe sagte Hans-Jörg Albrecht seinen gro- Speicherpflicht entfiel, heißt es darin. Da- ab. Aus terminlichen Gründen. Mitt- ßen Auftritt vor dem Innenaus- mit ist nach Ansicht der Ministerin belegt: wochs, wenn der Innenausschuss gewöhn-schuss des Bundestags haben. Der Chef Die Daten der Bundesbürger müssen lich tage, sei es für ihn grundsätzlichdes Freiburger Max-Planck-Instituts war nicht gehortet werden. schwierig, nach Berlin zu kommen. Eingeladen, um sein Gutachten zur Vorrats- Die Berliner Koalition streitet seit Abgeordneter mutmaßt, die Terminnotdatenspeicherung zu erklären. Diese langem um das Schnüffelinstrument. sei nur vorgetäuscht, tatsächlich habe derEnde Januar publik gewordene Expertise Unionspolitiker und das Bundesinnen- Professor wohl „kalte Füße bekommen“.war eine Steilvorlage für Bundesjustiz- ministerium wollen unbedingt, dass Tele- Denn inzwischen hat ein Papier denministerin Sabine Leutheusser-Schnar- fon- und Internetanbieter die Verbin- Weg in den Innenausschuss gefunden, dasrenberger. dungsdaten ihrer Kunden für sechs Mo- zeigt, mit welchen Tricks in der strittigen Die FDP-Politikerin lehnt die sechsmo- nate speichern. Die FDP-Justizministerin Speicherfrage gerungen wird. Es handeltnatige Speicherpflicht für Internet- und ist ebenso vehement dagegen. Mit der Al- sich dabei um die erste Fassung des Al-Telefonverbindungsdaten strikt ab und brecht-Studie schien sie ein wesentliches brecht-Gutachtens. Leutheusser-Schnar-sah sich durch Albrechts Studie bestärkt. Argument auf ihrer Seite zu haben. Dazu renberger hat sie bislang unter VerschlussEs sei bislang nicht zu belegen, dass die wollten die Befürworter der Speicher- gehalten. Das Papier kommt zu anderenAufklärung von Verbrechen gelitten habe, regelung den Professor befragen. Ergebnissen als die spätere Version.
  • ten, Richtern. Diese berichteten von gra- den befragten Ermittlern zugeschrieben. vierenden Folgen, nachdem das Bundes- Das Justizministerium war zufrieden. verfassungsgericht die Speicherpflicht im Ganz im Gegensatz zu Unionsleuten. März 2010 kassiert hatte. Die Suche nach Verständlich, denn denen gibt Variante TOBIAS KLEINSCHMIDT / PICTURE-ALLIANCE / DPA IP-Adressen und Telefondaten von Ver- eins der Studie Argumentationshilfe. Das dächtigen scheitere nun regelmäßig. Viele Herumfrisieren an der Expertise sei ein Fälle vor allem bei der Kinderpornografie „bemerkenswerter Vorgang“, sagt Innen- blieben „derzeit offensichtlich unaufklär- ausschuss-Chef Wolfgang Bosbach von bar“, schrieben die Wissenschaftler. der CDU. „Offensichtlich war der Bun- Doch als Kriminologe Albrecht diese desjustizministerin die Originalstudie zu Ergebnisse im Sommer 2010 dem Hause positiv.“ Darum habe sie Nachbesserun- Leutheusser-Schnarrenberger präsentierte, gen in ihrem Sinne erwartet. CSU-Innen- fiel er glatt durch. Er habe sich in der Stu- experte Stephan Mayer wirft Leutheus- die zu sehr auf die Wünsche der Ermittler ser-Schnarrenberger gar „Manipulation“Andere Ergebnisse als in der Originalversion konzentriert, vertraglich vereinbarte Leis- vor. Es handele sich bei dem Papier „frag- tungen seien nicht erbracht worden, hieß los um ein Gefälligkeitsgutachten auf Kos- In der 200 Seiten umfassenden Ur- es aus dem Ministerium. Das Max-Planck- ten der Steuerzahler“. Ein Sprecher des sprungsexpertise aus dem August 2010 ist Institut musste nachbessern. Neben zusätz- Justizministeriums wies die Vorwürfe zu- Kritik an der Vorratsdatenspeicherung lichen Daten aus dem Jahr 2009, die in die rück. Die Ergebnisse des renommierten nicht zu finden. Im Gegenteil: Damals Studie einflossen, sollte auf Wunsch des Max-Planck-Instituts sprächen für sich. drängten Albrecht und seine Co-Autoren Hauses Leutheusser-Schnarrenberger ein Institutsdirektor Albrecht war für eine geradezu auf eine Neuregelung der Spei- neuer Schwerpunkt aufgenommen wer- Stellungnahme trotz mehrfacher Anfra- cherpflicht: „In Anbetracht der vielfältigen den. Das Thema: „Ermittlungseffizienz gen bis Freitagabend nicht erreichbar. Einschränkungen, die sich in Deutschland und Aufklärungsquoten“ – und dort wer- Der Streit um die Vorratsdatenspeiche- derzeit bei dem Zugriff auf Verkehrsda- den jetzt jene Fakten betont, die dem Mi- rung geht nun wohl in eine neue Runde. ten ergeben, erscheint der Handlungsbe- nisterium später als Argumente gegen die Und der gerade erst im Kanzleramt de- darf dringend.“ Auf dieses Instrument zu Vorratsdatenspeicherung dienen sollten. monstrierte Koalitionsfriede könnte be- verzichten sei eine „politische Abwägung Das Freiburger Institut lieferte im ver- reits Geschichte sein. „Wenn die FDP zu Lasten der Strafverfolgung“. gangenen Juli die um 92 Seiten erweiterte glaubt, das sitzen wir bis zum Ende der Das Freiburger Max-Planck-Institut hat- Fassung mit deutlich modifizierten Wahlperiode aus“, droht Bosbach, „dann te für die Originalstudie Interviews mit „Schlussfolgerungen“. Frühere Bewertun- erwarte ich von der CDU-Spitze, dass sie Experten aus der Praxis im In- und Aus- gen der Wissenschaftler standen im Kon- das nicht einfach hinnimmt.“ land geführt, mit Staatsanwälten, Polizis- junktiv oder wurden in der Neufassung HUBERT GUDE
  • Deutschland SPI EGEL-GESPRÄCH „Ungeheurer Bildungsdruck“ Der dänische Familientherapeut und Bestsellerautor Jesper Juul, 63, gilt als Verfechter einer entspannten Erziehung. Dabei hat er einiges zu beanstanden: zu viel Pädagogik, zu viele Frauen in Schulen und zu viele Eltern, die ihre Kinder nie allein lassen.SPIEGEL: In Ihrem neuen Buch widmen Sie Mutter oder erfolgreicher Vater fühlensich gemeinsam mit anderen skandinavi- will. Diese Projekteltern wollen ihrenschen Autoren der Herzensbildung*. Ist Kindern so viele Anreize bieten wie mög-es so schwierig, Kinder zu mitfühlenden lich. Danach werden die Kinder süchtig.Wesen zu erziehen? SPIEGEL: Was schlagen Sie stattdessen vor?Juul: Das Beste ist, wenn sie mit echten Juul: Ich war in den vergangenen WochenMenschen aufwachsen und nicht mit auf drei Kontinenten, und überall klagenSchauspielern, die immerzu ihre Eltern- Eltern über Kinder, die dauernd sagen:rolle aufführen. Wer dauernd pädago- Mama, Papa, mir ist langweilig. Die El-gisch handelt, zieht den Nachwuchs zur tern springen dann auf und bieten einenGefühlskälte heran. Solche Kinder erfah- Katalog von Beschäftigungen an. Aberren nie, dass andere Menschen auch Ge- haben Sie schon einmal erlebt, dass Kin-fühle und Grenzen haben. Liebe heißt der sagen: Oh, Punkt sieben von der Listefür sie, im Mittelpunkt zu stehen. gefällt mir? Stattdessen sollten Eltern sa-SPIEGEL: Die wohlmeinenden Eltern, die gen: Ich freue mich darauf zu sehen, was MANFRED WITT / DER SPIEGELauf alles aufpassen, züchten Problemfälle du in einer halben Stunde machst.heran? SPIEGEL: Ziehen Eltern heute ihre KinderJuul: In Dänemark nennen wir sie Cur- zu Tyrannen heran, wie der Psychiaterling-Eltern, weil sie wie beim Eisstock- und Autor Michael Winterhoff schreibt?schießen alle Hindernisse vor ihrem Kind Juul: Ich würde das anders ausdrücken:aus dem Weg räumen. Sie ersparen ihren Es gibt Eltern, die immer den Weg desSöhnen und Töchtern sogar den Anblick Therapeut Juul geringsten Widerstands gehen. Da heißteigener Trauer, etwa beim Tod der Groß- „Kinder wollen kooperieren“ es: Was willst du heute essen?eltern. Solche Kinder wissen nichts über SPIEGEL: Das Kind wird zu viel gefragt?andere Menschen und nichts über sich Juul: Ich bin Familientherapeut, kein Er- Juul: Man kann nicht ein Kind zu viel fra-selbst. Sie wissen nicht, was es heißt, trau- ziehungsexperte. Ich weiß nicht, was das gen. Du kannst auch deine Frau nicht zurig oder frustriert zu sein, sie kennen des- sein soll, gute Erziehung. viel fragen. Man kann nur die falschenhalb kein Mitgefühl. SPIEGEL: Eltern wollen heute nicht in ers- Fragen stellen. Kinder sind überfordert,SPIEGEL: Also sollen Eltern härter sein? ter Linie Gehorsam. Kinder sollen glück- wenn sie zu viel wählen müssen. EinJuul: Solche Kategorien sind sinnlos. Das, lich sein, sozial und lernbereit. Zweijähriger ist nicht in der Lage zu ent-was Väter und Mütter unter Erziehung Juul: Ja, das würden alle unterschreiben: scheiden, was ein gutes Abendessen fürverstehen, wenn sie den Finger und die Wir wollen nette Kinder. Aber eigentlich ihn ist. Er weiß vielleicht, worauf er LustStimme heben, macht auf Kinder ohnehin wollen auch wir Gehorsam, nur ohne Ge- hat: Pizza, Bolognese, Pommes.kaum Eindruck, und wenn, dann höchs- walt. Wir signalisieren: Wenn alle um SPIEGEL: Und was soll er dann bekommen?tens einen schlechten. Von Goethe dich herum zufrieden sind, bist du ein Juul: Das auszuwählen ist Aufgabe der Er-stammt der schöne Satz: So fühlt man nettes Kind. Nur klappt das leider nicht. wachsenen. Wir haben leider zu wenigeAbsicht, und man ist verstimmt. Ähnlich Die Kinder sind dann brav, aber hilflos. Vorbilder, die vorleben, wie man dasgeht es den Kindern. Erziehung findet SPIEGEL: Es ist doch erstaunlich, dass El- ohne Zwang macht. Mein inzwischen er-zwischen den Zeilen statt. tern sich mit der Erziehung so viel Mühe wachsener Sohn wollte im Alter von sie-SPIEGEL: Wodurch also? geben wie nie zuvor, dass es aber trotz- ben oder acht Jahren plötzlich nicht mehrJuul: Wie die Eltern miteinander umge- dem enorm viele Probleme gibt. essen, was ich gekocht habe. Dann habehen, wie sie mit dem Bäcker sprechen, Juul: Die Eltern springen ja ständig um ich ihn mit zum Einkaufen genommen,wie sie zu ihren Verwandten stehen. das Kind herum, die wollen etwas mit und er durfte mit mir aussuchen.Erziehung ist wie Osmose, sie kommt ihm machen. Das arme Kind hat kaum SPIEGEL: Dann gab es Pizza oder Pommes?durch die Haut. Kinder wollen kooperie- eine Minute für sich, es darf sich nie in Juul: Nein. Der Unterschied zu meinenren, sie orientieren sich am Vorbild ihrer einer erwachsenenfreien Zone aufhalten. Käufen war minimal. Beim Essen geht esEltern. SPIEGEL: Warum sind Eltern heute so stark oft nicht um Geschmacksnerven. Es gingSPIEGEL: Wenn es so einfach ist, warum auf ihre Kinder fixiert? um sein Verhältnis zu mir, der kochte.gelten Sie dann manchen Eltern als Heils- Juul: Früher, als unsere Gesellschaft noch Ich bestimmte, was es gab, und bekambringer, als Marke für gute Erziehung? weniger wohlhabend war, waren die Müt- immer viel Lob für meine Kochkünste. ter auch anwesend, nur hatten sie meist Mein Sohn wollte mir zeigen: So ver-* Jesper Juul, Peter Høeg u. a.: „Miteinander. Wie Em- zu tun. Heute sehen viele ihre Eltern- dammt genial bist du gar nicht.pathie Kinder stark macht“. Beltz Verlag, Weinheim schaft als Projekt. Eine sehr egozentrische SPIEGEL: Aber wie gewinnen Eltern Auto-und Basel; 160 Seiten; 14,95 Euro. Sicht, weil man sich dabei als erfolgreiche rität, um etwas durchzusetzen?44 D E R S P I E G E L 1 1 / 2 0 1 2
  • miert, anstatt ein antiautoritäres Zeitalter auszurufen. Was mir an den deutschen Antiautoritären aufstößt: Sie sind sehr autoritär, sie wissen sehr genau, was rich- tig und was falsch ist. Besuchen Sie eine Waldorf-Schule oder einen Montessori- Kindergarten, die sind beinhart. SPIEGEL: Welchen Blick haben Sie auf das deutsche Schulsystem? Juul: Ich bin bisweilen erschrocken. Alle sind traumatisiert. Die Lehrer finden die Schüler schrecklich, die Schüler fühlen sich gegängelt, die Eltern überfordert. Das liegt an dem ungeheuren Bildungs- druck, der in Deutschland zuletzt aufge- baut wurde. SPIEGEL: Bildung ist doch der entscheiden- de Schlüssel für das spätere Leben. Juul: Ja, aber jeder, der sich ein bisschen mit Physik auskennt, weiß, dass Druck Gegendruck erzeugt. Wenn wir ständig unseren Kindern vermitteln, wie wichtig es ist, gut in der Schule zu sein und das Abitur zu machen, dann wirkt das eher kontraproduktiv. Der Schuldruck wird auch in die Familien getragen und macht sie kaputt. Jeden Nachmittag kämpfen Mütter mit ihren Kinder um die Haus- MANFRED SOBOTTKA / KEYSTONE aufgaben, das sind zwei Stunden Hölle. SPIEGEL: Was wäre die Alternative, keine Hausaufgaben? Juul: Hausaufgaben sollten eine Verabre- dung zwischen Lehrer und Schüler sein. Es kommt darauf an, eine gute, funktio- nierende Beziehung zwischen ihnen auf-Kunsterziehung in Düsseldorf 1974: „Die Antiautoritären sind sehr autoritär“ zubauen. Doch stattdessen macht die Schule bei den Hausaufgaben wieder die Eltern verantwortlich. Das ist doch blöde. Dafür sollen die Kinder selbst verant- wortlich sein. SPIEGEL: Funktioniert das Prinzip Eigenver- antwortung auch in kaputten Familien? Juul: Ja, solche Kinder brauchen eben mehr Hilfe von außen. Ich ärgere mich zum Beispiel über das Wort Schulverwei- gerer. Es gibt keine Schulverweigerer. Eine Schule, die nur für die Braven und Guten funktioniert, leistet zu wenig. SPIEGEL: Braucht Deutschland dazu neue Schulformen? Juul: Mich hat sehr überrascht, dass die Hamburger sich in einem Volksentscheid gegen eine Grundschule ausgesprochen MIKE SCHRÖDER / ARGUS haben, in der alle Schüler sechs Jahre gemeinsam lernen. Diese Leute müssen sehr wenig Vertrauen in ihre eigenen Kinder haben, wenn sie nicht glauben, dass die sich in einer gemischten KlasseGegner der Primarschule in Hamburg 2009: „Wenig Vertrauen in die eigenen Kinder“ behaupten können. Aus lauter Angst set- zen sie auf ein Konzept früherer Jahr-Juul: Es geht darum, persönliche Maßstä- autoritär. Und jemandem, der autoritär hunderte: Es gibt Herrscher und Be-be und Überzeugungen vorzuleben. Kin- ist, folgen Kinder höchstens aus Angst. herrschte.der spüren sehr schnell, ob sich jemand SPIEGEL: Wo liegt das rechte Maß zwischen SPIEGEL: Immerhin holt Deutschland beisicher ist. Menschen, die persönliche Au- autoritär und antiautoritär? der Frühpädagogik auf und führt dentorität besitzen, haben normalerweise Juul: Diese Antibewegungen sind ja eine Rechtsanspruch auf einen Kindergarten-wenig Probleme mit ihren Kindern. Ob- deutsche Spezialität. Auch in Dänemark platz für Kinder unter drei Jahren ein.wohl sie genau dasselbe sagen wie Eltern, waren wir unzufrieden mit den autoritä- Juul: In Dänemark ist es selbstverständlich,die diese Autorität nicht haben. Es geht ren Strukturen in den Schulen. Aber in dass Kleinkinder in die Krippe gehen, ge-nicht um Machtdemonstrationen, die sind der Folge haben wir die Schulen refor- nau wie in Norwegen oder Schweden. Bis D E R S P I E G E L 1 1 / 2 0 1 2 45
  • Haben Sie die allein? Die Antwort lautet dann oft: Mein Mann ist viel weg. SPIEGEL: Mit welchen Folgen? Juul: Viele Mütter sind Alleinerziehende, auch wenn der Mann manchmal hilft. Das führt dazu, dass sie bisweilen einen Müt- ter-Chauvinismus entwickeln: Sie haben die Verantwortung, da stört es nur, wenn der Idiot gelegentlich im Weg herumsteht. SPIEGEL: Was sollen Männer tun, die voll berufstätig sind? Juul: Vor allem nicht die Beziehung zu ih- ren Kindern verlieren. Was heißt es denn, wenn ein Manager sagt: Meine Familie GOTTFRIED STOPPEL steht hinter mir. Es heißt doch: Ich stehe neben der Familie, oder, noch schlimmer, die Familie ist unter mir. Sie funktioniert in jedem Fall ohne mich. Später, in derPolizeieinsatz nach Schul-Amoklauf in Winnenden 2009: „Unheimliche Wut“ Pubertät, kommen die Kinder nicht mehr zum Vater, wenn sie einen Erwachsenenzum Alter von 15 Jahren verbringt heute SPIEGEL: Wie sollten Erzieherinnen auf brauchen. Aus solchen fehlenden Bindun-jedes Kind 25 000 Stunden in pädago- Aggressivität reagieren? gen entstehen viele Probleme.gischen Einrichtungen, schärfer gesagt Juul: Gar nicht. Ein Junge hat einem an- SPIEGEL: Sie gelten als Vertreter einer ent-in zwangspädagogischen Einrichtungen. deren sein Spielzeug weggenommen, der spannten Erziehung. Dafür stellen SieUmgerechnet auf die Woche entspricht erste rennt ihm hinterher, sie prügeln ganz schön hohe Ansprüche an Eltern.das dem Arbeitspensum eines Industrie- sich. Die normalste Sache auf der Welt. Juul: Es gibt keine perfekte Familie. Docharbeiters im vorigen Jahrhundert. Kinder müssen die Fähigkeit entwickeln, die größte therapeutische Kraft in unse-SPIEGEL: Das hört sich nicht so an, als ob die die Amerikaner „street smart“ nen- rem Leben ist die Familie.Sie das für Fortschritt halten. nen: Ist der andere stärker als ich, oder SPIEGEL: Das heißt, wenn etwas schief-Juul: Es gibt keine ausreichende For- kann ich ihm eins auf die Nase hauen? läuft, ist die Familie schuld?schung, ob diese Betreuung den Kindern Doch die Mütter rufen dann einander an Juul: Schuld, was heißt schuld? Deutscheschadet. Wir wissen aber, dass rund ein und erzählen, wer wen geschlagen hat. Eltern fragen immer nach der Schuld. Bu-Fünftel der Ein- bis Zweijährigen darun- Eltern müssen ihren Kindern signalisie- limie, Magersucht, Drogenmissbrauch,ter leiden, in die Kita gehen zu müssen, ren: Du musst dich selber schützen. Komasaufen sind Ausdruck einer exis-weil sie Trennungsängste haben. SPIEGEL: Haben die Mädchen weniger Pro- tentiellen Krise, und die hat meist ihrenSPIEGEL: Das ist eine schmerzhafte Zahl, bleme? Ausgang in der Familie. Allerdings neigeninsbesondere für berufstätige Frauen. Sol- Juul: Bei Teenagern haben Mädchen grö- wir auch dazu, unsere Jugendlichen zulen Mütter lieber zu Hause bleiben? ßere Probleme, besonders die, die bis pathologisieren. Wer heute 16 oder 17 ist,Juul: Ich glaube, es ist besser, wenn unsere dahin immer gut funktioniert haben. Ich könnte fast meinen, er sei das größteKinder die ersten drei Jahre mit ihren sage immer: Seid nicht zufrieden mit den Feindbild unserer Gesellschaft. Dabei gabEltern verbringen dürfen, ob mit Mutter stillen Mädchen. Sie haben das geringste es Komasaufen auch schon zu meineroder Vater ist nicht so wichtig. Das ist Selbstbewusstsein. Sie haben sich nie ab- Jugend, und bei den um die 40-Jährigenmeine Meinung, ich weiß, dass sie in gegrenzt und wurden dafür noch be- gibt es viel mehr Trinker.Deutschland politisch inkorrekt ist. Die lohnt. SPIEGEL: Schul-Amokläufer waren frühermeisten Kinder gehen gern in die Kita, SPIEGEL: Mütter, Lehrerinnen, Kita-Be- unbekannt. Einige kommen aus relativaber einzelne leiden. treuerinnen, alle, die Erziehungsverant- intakten Familien und waren vor ihrerSPIEGEL: Können Eltern das erkennen? wortung tragen, scheinen Frauen zu sein. Tat nicht auffällig.Juul: Eltern merken das an den Tonalitä- Wo bleiben eigentlich die Männer? Juul: Ich finde es auffällig, wenn ein Teen-ten, in denen ein Kind weint. Bei den ers- Juul: Die Mehrheit ist leider abwesend, ager sieben, acht, neun Stunden pro Tagten Stufen muss man sich keine Sorgen sie nehmen sich zu wenig Zeit. Wenn ich Computer spielt. Dann hat er den Kon-machen. Aber ein bestimmter Grad Mütter in einer Gesprächsgruppe betreue takt mit seinen Eltern abgebrochen. Vieledrückt echte Ängste aus. Kitas sollten und eine Vorstellungsrunde mache, dann sagen dann, die bösen Ballerspiele seiennicht für alle die Norm sein. heißt es in Deutschland und Österreich schuld. Doch das kommt nicht vom Com-SPIEGEL : Von der Kita über die Grund- meistens: Mein Name ist Julia, ich habe puterspielen. Es kommt daher, dass dieschule bis zum Gymnasium sind die Kin- drei Kinder. Ich frage dann immer zurück: Familie nicht funktioniert und die Kinderder überwiegend mit Frauen zusammen. nicht Widerstandskraft, sondern eine un-Ist das ein Problem? heimliche Wut aufbauen. Wenn Eltern zuJuul: Viele Pädagoginnen können mit der mir kommen und klagen, dass ihr SohnAggressivität von Jungen nicht umgehen. dauernd daddelt, frage ich, ob sie wissen,Die passt nicht in ihr weibliches Werte- wie es ihm geht. Das können die meistensystem. Frauen wollen immer darüber nicht beantworten. MANFRED WITT / DER SPIEGELreden, schon im Kindergarten. Für Jungs SPIEGEL: Den Eltern fehlt das aufrichtigeist dagegen wichtig, immer wieder aufs Interesse an ihren Kindern?Neue eine Hierarchie festzusetzen. Ein Juul: Unser großer Fehler ist, dass wir nurJunge sagte mir einmal: Weißt du, wenn darauf schauen, wie sich jemand verhält,wir Fußball spielen, kann nur einer Mi- nicht darauf, wie es ihm geht. Hinterherchael Laudrup sein, der Star, nicht alle. heißt es dann: Er war immer so nett. Juul (M.), SPIEGEL-Redakteure* SPIEGEL: Herr Juul, wir danken Ihnen für* Cordula Meyer und Jan Friedmann in Aarhus. „So verdammt genial bist du gar nicht“ dieses Gespräch.46 D E R S P I E G E L 1 1 / 2 0 1 2
  • Deutschland WOLFGANG EHN / FOTOFINDER / LOOK-FOTOSkiwanderer im Allgäu: Naturschönheiten zu jeder Tages- und Nachtzeit In Garmisch-Partenkirchen demon- ter lieber in der freien Natur verausgaben WINTERSPORT strierten etwa 60 aufgebrachte Skiwande- als in einem Fitnessstudio. Sporthändler rer kürzlich unter dem Motto „Natur für verkaufen inzwischen 180 000 Paar Tou- Freigeister alle“ gegen die Bayerische Zugspitzbahn, die ihnen die besten Pisten zum Aufge- hen gesperrt hat. „Freiheit für unsere Ber- renskier jährlich. Übliche Abfahrtskier werden drei Millionen Mal abgesetzt, doch das Geschäft stagniert. Weil die Ski- der Alpen ge“ stand auf einem Plakat. Tatsächlich sehen sich die Naturfreunde durch Bay- erns Verfassung bestärkt. Denn Artikel Industrie die meisten freien Hänge zur Piste planiert hat, werde es eng, klagen die Tourengeher. Tourengehen auf Skiern ist 141 regelt den „freien Zugang zu Natur- Beide Seiten haben Juristen engagiert. ein Trendsport geworden. schönheiten“ zu jeder Tages- und Nacht- Der Verband Deutscher Seilbahnen und zeit. Das Betreten von Wald und Berg- Schlepplifte ließ per Rechtsgutachten Doch nun wollen Liftbetreiber weide ist danach „jedermann gestattet“. klären, ob die Skipisten nun freie Natur die Schneewanderer Die Gegenseite beruft sich auf Haf- gemäß Verfassung oder doch eher Sport- von den Pisten vertreiben. tungsfragen, DIN-Normen und auf die stätten seien. Das wenig überraschende Sicherheit. Ergebnis lautet: Per Hausrecht könneD ie Blutspur wurde im weißen Freie Bewegung auf der Piste sei „zu jeder Liftbetreiber die Tourengeher „von Schnee der Olympia-Abfahrt von gefährlich“, sagt Peter Huber, Vorstand der Nutzung seiner Pisten ausschließen“. Garmisch-Partenkirchen gefun- der Zugspitzbahn. Er hat ausgerechnet, Die Abfahrtsstrecke sei eben keine freieden. Sie führte bis zum Parkplatz im Tal. dass an einem normalen Skitag 250 Tou- Natur.Ein Skiwanderer, so spekulierte das hei- rengeher rund 500 000-mal Abfahrern auf Der Deutsche Alpenverein kommt inmische „Tagblatt“ vor vier Wochen, müs- dem Weg ins Tal begegnen. Dabei müsse einem eigenen Rechtsgutachten allerdingsse wohl nachts mit einer Pistenraupe kol- es ja Unfälle geben, meint Huber. Aber zum gegenteiligen Ergebnis. Juraprofes-lidiert sein und sich dann zu seinem Wa- er kann sich nur vage an zwei Unfälle sor Gerrit Manssen von der Universitätgen geschleppt haben. mit Pistengehern in den vergangenen Jah- Regensburg stellte fest, dass der Hang Gruseliges tut sich anscheinend auf ren erinnern. freie Natur sei – Sperrungen seien mithinDeutschlands Bergen. Nicht weit entfernt, Trotzdem sieht er die Tourengeher als rechtswidrig.am Brauneck, soll es im Januar einen ähn- Geisterfahrer, weil sie die Pisten in die Bahnbetreiber Huber hat trotzdemlich rätselhaften Unfall gegeben haben. falsche Richtung benutzten. Sie geisterten schon für 80 000 Euro Verbotsschilder amEin Raupenpilot will nachts ein Paar Tou- zudem nachts zwischen den Pistenbullys Rand der Olympia-Abfahrt platziert. Errenskier mitten auf der Piste gefunden umher und stiegen selbst dann noch auf, regt sich furchtbar auf, wenn zum Bei-haben. Ein Skiwanderer sei gegen das wenn wegen Lawinengefahr gesprengt spiel der Tourengeher Christian PritzlHalteseil des Pistengefährts geprallt und werden müsse. einfach an den Tafeln vorbeimarschiert.habe sich nach dem Crash aus Angst vor Aber natürlich geht es auch um viel Bürger Pritzl hat Briefe ans MinisteriumStrafe ins Unterholz geschlagen. Geld. Die renitenten Naturburschen kau- geschrieben, auf rechtliche Probleme hin- Die Skiwanderer, auch Tourengeher fen keine Liftkarten, benutzen die prä- gewiesen und den Verdacht geäußert,genannt, sind die Freigeister der Alpen, parierten Pisten kostenlos und nehmen dass für die Liftbetreiber wirtschaftlicheweil sie meist abseits der Massen ihre zahlenden Kunden Parkplätze weg. Auch Interessen im Vordergrund stünden. PritzlSpuren durch den Schnee ziehen. Doch Jäger fühlen sich neuerdings von ihnen ge- sagt: „Hier werden in Wildwestmaniernun soll Schluss sein mit der Natur- stört. Angeblich vertreiben die Tourenge- Tatsachen geschaffen.“romantik: Eine Phalanx aus Liftbetrei- her nachts das Wild von den Futterstellen. Das ärgert Huber sehr, vor allem we-bern, Bürokraten und Jägern will den Und Männer wie Huber müssen damit gen des Berufs seines Kritikers. Touren-Puristen des Wintersports, mit denen sich rechnen, dass zunehmend mehr Skiwan- geher Pritzl ist Direktor des örtlichenkaum Geld verdienen lässt, ihre Regeln derer kommen. Tourengehen ist ein Trend, Amtsgerichts.aufzwingen. viele Menschen wollen sich auch im Win- STEFFEN WINTER D E R S P I E G E L 1 1 / 2 0 1 2 47
  • Gesellschaft Szene Was war da los, Herr Ebener? David Ebener, 29, Agenturfotograf, über das Leben: „Bilder mit Nackten, davon handelt eine Ausstellung im Würz- burger Museum am Dom, das fand ich interessant. Das Hauptbild dieser Ausstellung soll an Leonardo da Vin- cis ,Abendmahl‘ erinnern. Wo Jesus wäre, ist der Platz aber leer. Stattdes- sen projiziert ein Beamer das Bild des Betrachters in die Bildmitte; so bin ich auf diesen prominenten Platz ge- kommen. Die Installation soll das Le- ben in Gegensätzen zeigen: jung und alt. Gesund und krank. Schön und hässlich. Der Künstler, Henning von Gierke, nennt es ‚Liebeserklärung an das Leben‘. Manche regen sich auf über diese Nackten, in unmittelbarer Nähe zum Dom, aber mir gefiel das. Denn auch meine Arbeit als Agentur- fotograf ist voller Gegensätze. Nach dem Museum musste ich gleich weiter. DAVID EBENER / DPA Ein Winzer hatte seinen Bruder er- schlagen. Der Winzer stand vor Ge- richt, mein nächstes Motiv.“ Ebener (M.), Gierke-Installation MEMOIREN rungen, die Hitze in der Zelle, er klagt, Schumann: Nicht nur. Wir besetzen dass die Staatsanwaltschaft „ein Gru- aber mit Ostthemen eine Nische. Die selbild“ von ihm male. Er war wegen dritte Auflage von Honecker ist jetzt „Honecker läuft der Todesschüsse an der Mauer ange- raus, wieder 15 000 Exemplare. immer“ klagt. Wollen Sie seinen Ruf retten? Schumann: Ich finde, dass in der Haft- zeit mies mit Honecker umgegangen SPIEGEL: Die gehen alle in den Osten? Schumann: Die meisten Bücher gehen wohl in den Westen.Frank Schumann, 60, Verleger, über wurde. Der Mann war 80, todkrank, SPIEGEL: Was sagt Margot zum Erfolg?einen zuverlässigen Bestsellerautor jeden Tag stand in Zeitungen, um wie Schumann: Sie war skeptisch, nun be- viel das Karzinom in seiner Leber ge- kommt sie viele Mails von Lesern, dasSPIEGEL: Mit einem Tagebuch von Erich wachsen ist. Einfach würdelos. freut sie. Sie lebt in Santiago de ChileHonecker hat es Ihr Verlag auf die SPIEGEL: In Ihrem Verlag erscheinen ganz bescheiden, die Rente ist ja nichtSPIEGEL-Bestsellerliste geschafft. sonst Erinnerungen von Stasi-Vetera- doll, in einem Häuschen, drei kleineSind Sie überrascht? nen oder Bücher, in denen der Mauer- Räume unten, drei oben. Ich hatte dasSchumann: Honecker läuft bei uns bau verteidigt wird. Gefühl, dass die Möbel noch aus derimmer gut. 1994 haben wir seine DDR-Botschaft sind, die Fo-„Moabiter Notizen“ veröffentlicht, lie löst sich von den Press-sein politisches Vermächtnis, das er spanplatten, wie früher.aufschrieb, als er in Berlin-Moabit in SPIEGEL: Wird sie jetzt neueUntersuchungshaft saß. Da haben wir Möbel kaufen?in sechs Wochen 35 000 Stück verkauft. Schumann: Sie wollte keinSPIEGEL: Auch das private Tagebuch Geld, sie versteht das alsschrieb Honecker in der Haft. Wo politische Arbeit. Wirkommt das Material auf einmal her? bringen diese Woche aberSchumann: Im September 2011 habe ich auch ein Buch von ihr her-Margot Honecker, seine Witwe, in Chi- aus: „Zur Volksbildung“. EASTBLOCKWORLD.COMle besucht, weil ich eine Honecker-Bio- Sie bekommt dieselbe Start-grafie machen wollte. Plötzlich holte auflage wie ihr Mann.sie eine Mappe, 400 handgeschriebeneSeiten, das Tagebuch ihres Mannes. Erich Honecker: „Letzte Aufzeich-SPIEGEL: Honecker beschwert sich über nungen“. Verlag Edition Ost, Berlin;die „Klassenjustiz“, seine Schlafstö- Ehepaar Honecker 1987 192 Seiten; 14,95 Euro.48 D E R S P I E G E L 1 1 / 2 0 1 2
  • Gesellschaft Szene Der Fels ist das Limit EIN VIDEO UND SEINE GESCHICHTE: Wie ein Amerikaner seine Depression in Ruhm verwandeltJ eb Corliss stand weit oben auf dem springen. Unter dem Arm der Christus- Südafrika driftete sein Fallschirm in den Tafelberg, auf einem Felsvorsprung. Un- Statue über Rio de Janeiro durchfliegen. Wasserfall hinein. Corliss brach sich drei ter ihm lagen Kapstadt und das Meer. Aus einem Helikopter über China ab- Rückenwirbel, mehrere Rippen, beideCorliss konnte bis zum Horizont sehen. springen und dann durch ein Loch in ei- Füße und das rechte Knie. Es war ein perfekter Tag, sonnig, kaum nem Berg fliegen. Warum macht er das? Was ist so tollWind. Corliss trat an den Rand des Vor- Seine Schwester nennt das gefährlich, daran? Hört er diese Fragen, antwortetsprungs, zählte: „drei, zwei, eins“, dann egoistisch, sie rät ihm, er solle mal dar- Corliss: „Ist schwer zu beschreiben; wiesprang er ins Nichts, den Kopf voran, die über nachdenken, was er ihr und anderen erklärt man einer Jungfrau, was so tollArme seitlich gestreckt, die Beine ge- Familienmitgliedern antue, wenn er sich an Sex ist?“spreizt zu einem V. Zwischen Armen und bei einem seiner Sprünge schließlich um- Wenn er sich trotzdem an einer Er-Beinen spannten sich Tragflächen aus bringe. Corliss ist der Meinung, dass seine klärung versucht, sagt er entweder: „IchStoff, in seinem Wingsuit wollte immer schon fliegen.“glich Corliss einem übergro- Das ist dann die simple Va-ßen Flughörnchen. riante. Während der ersten Meter Die etwas komplexere undfiel er wie ein Stein, aber wahrscheinlich auch wahr-schnell entwickelte sein An- haftigere Erklärung lautet:zug genug Auftrieb, und Cor- Corliss litt als Kind, als Ju-liss ging in einen kontrollier- gendlicher unter schwerenten Gleitflug über. Er filmte Depressionen, und der einzi-seinen Flug mit einer Helm- ge Weg, den er fand, um auskamera, und er wurde auch dem schwarzen Loch, in demgefilmt, von einem Freund, er lebte, rauszukommen, we-der ebenfalls einen Wingsuit nigstens für kurze Zeit, war,trug und ihm in einiger Di- sich in lebensgefährliche Si-stanz folgte. tuationen zu bringen. Mal Eine Anzeige in Corliss’ fing er eine KlapperschlangeHelm meldete, dass er mit und hielt sie als Haustier, malrund 190 Stundenkilometer tauchte er mit Haien. Irgend-durch die Luft schoss. Alles Corliss am Tafelberg wann fing er an, von hohenwar wie erwartet, es gab keine Häusern zu springen. Seineüberraschenden Windböen, Eltern arrangierten sich mitund Corliss steuerte zwei der Obsession ihres Sohnes.Ballons an, die ein weiterer Corliss sieht sich heuteFreund kurz vorher platziert in einer Win-win-Situation.hatte. Sie schwebten an der Überlebt er seine Sprünge,Bergflanke, gut 500 Meter hat er etwas gewagt, was nurentfernt, gehalten von dün- wenige Menschen wagen.nen Schnüren. Sie sollten ihm Stirbt er, muss er sich nichtals Ziel dienen, übungshalber, er wollte Schwester erstens den Mund halten und mehr mit seiner Depression herumpla-testen, wie nah er an eine Felswand her- zweitens nicht versuchen sollte, ihm ein gen.ankam. Ein Ballon war silberfarben, er langes, aber ödes Leben aufzuzwingen. Während seines Flugs vom Tafelbergpendelte etwa zwei Meter über dem Fels. Das sei egoistisch. kam er dem endgültigen Ende seinerDer andere Ballon war schwarz und nur Es sei gut möglich, dass er bei einem Depression ziemlich nahe, er streifte mitetwa einen Meter vom Fels entfernt. Cor- seiner Sprünge sterben werde, er wäre einem Fuß einen Felsen, schlug mit Hüfteliss wollte versuchen, einen der beiden nicht der erste Basejumper, dem das pas- und Oberschenkeln auf die Felskante auf,Ballons mit dem Fuß zu berühren. Im siert, aber ihm gehe nun mal „Qualität überschlug sich mehrmals in der Luft undFlug. Bevor er seinen Fallschirm öffnete. vor Quantität“. konnte nur mühsam seinen Fallschirm Sechs Wochen und drei Hauttransplan- Sechs Freunde hat Corliss in den ver- öffnen.tationen später, mit zwei neuen Schrau- gangenen 15 Jahren verloren. Einer, Dwain Der Aufschlag auf den Fels zerstörteben im rechten Knöchel, sagt er am Tele- Weston, starb, als er zusammen mit Cor- Teile seines Muskelgewebes in den Bei-fon: „Ich war wohl etwas übermütig.“ liss die Royal Gorge Bridge in Colorado nen, außerdem konnten seine Retter ei- Übermütig trifft es nicht so ganz, dieser ansteuerte. Die Absprache war, dass Cor- nen direkten Blick auf eines seinerMeinung sind viele Menschen, wenn sie liss unter der Brücke durchfliegt und Schienbeine werfen. Nach fünf Wochenhören, wie Jeb Corliss, 35, seine Tage Weston über sie hinweg. Weston verkal- im Krankenhaus kehrte Corliss zurückverbringt. kulierte sich. Er flog ein bisschen zu tief. nach Hause, nach Kalifornien. Vom Eiffelturm springen. Von einem Und auch Corliss hatte schon Pech. Bei In drei Monaten will er wieder fliegen.der Petronas Towers in Kuala Lumpur einem Sprung am Howick-Wasserfall in UWE BUSE50 D E R S P I E G E L 1 1 / 2 0 1 2
  • Gesellschaft I D E N T I TÄT Das falsche LebenNoch gibt es Menschen, für die der Zweite Weltkrieg eben erst zu Ende geht. GeorgeJaunzemis suchte lange nach seiner Herkunft, jetzt weiß er, dass er ohne ein Verbrechen von damals ein anderer wäre. Weiß er nun, wer er ist? Von Barbara HardinghausH inter einem Jägerzaun in einer muss seine Biografie noch üben. Er ist Frage nach der Herkunft, sagen Kultur- kleinen Straße von Magdeburg ein alter Mann mit runden Schultern und wissenschaftler, sagen Psychologen, wer- standen sie versammelt, Männer rosiger, weicher Haut. Auf sein T-Shirt de für die Menschen wichtiger in einerin gebügelten Hemden, Frauen in Blusen, sind bunte Palmen gedruckt und der Welt, die unübersichtlich ist, in der Be-sie winkten ihm zu. George Jaunzemis Schriftzug der Stadt, in der er aufgewach- ziehungen oft unverbindlich sind. Dafürstieg aus dem Wagen, er spürte die Arme sen ist, Christchurch in Neuseeland. Von braucht der Mensch genaue Orte und ver-der anderen auf seinen Armen, sie klopf- dort kam er hierher nach Riga, die Winter lässliche Zahlen. Er möchte sich alle Fra-ten ihm auf die Schulter, er hörte ihre sind dunkel, sie dauern sechs Monate, gen beantworten, weil er glaubt, dass dieStimmen nah, fern. Er sah sich um, er Ende April taut der Schnee. Seine Frau, Beantwortung aller Fragen ihn zu seinerkannte diese Menschen nicht, aber viele Vija, hört ihm zu. Ihretwegen lebt er in wahren Geschichte führt. Er will wissen:von ihnen kannten ihn. Lettland, er lernte sie kennen auf der Su- Wie sind meine Eltern, wie meine Ge- Auf der Terrasse hinter dem Haus che nach seinem Leben. schwister? Was ist einzigartig an mir? Wasstand Streuselkuchen bereit, George aß ist meine Identität?ihn, er beantwortete Fragen und stellte George Jaunzemis war auf der Suche,welche, er saß auf dem grünen Kunst- seit seine Mutter 1978 in Neuseelandrasen, hielt die Brille in seinen Händen starb. Sie war Lettin, über seinen Vaterganz fest. Er sah sich ein zweites Mal um, sprach sie kaum, er sei gefallen, im Krieg,er kannte dieses Haus nicht, aber als er sagte sie immer, auch der Rest der Familiespäter im Garten stand und die Obstbäu- sei tot. Es gab Momente, in denen er ihrme ihn umgaben und der Wind wehte, nicht glaubte.dachte er, möglicherweise schon einmal „Mutter: Anna Jaunzemis aus Riga.“an diesem Ort gewesen zu sein. „Vater: Jaunzemis, Offizier, im Krieg Ein halbes Leben lang hatte er ohne gefallen.“Kenntnis seiner Herkunft gelebt, ohne Mit diesen Angaben von George Jaun-das Wissen um Kindheitstage. In diesem zemis machte sich Vija Sarmite, seineMagdeburger Garten kam etwas davon Helferin, an die Arbeit in den Archivenzurück, eine ferne Erinnerung ohne Far- von Riga. Sie suchte nach Georges Vater.be, wie aus einem Traum. Als sie einen passenden Jaunzemis fand, Oft, sagt er, hatte er das Gefühl, dass einen Kapitän namens Alexander, undetwas nicht stimmte an der Erzählung, wusste, wo der begraben war, schrieb Vijadie angeblich sein Leben war. „32 Jahre einen zweiten Brief. George kam nachlang hatte ich gesucht“, sagt Jaunzemis. Riga, sie legten Blumen auf das Grab des Er besaß nicht einmal eine Geburts- Kapitäns.urkunde, es gab keine Spuren und keine Aber der Kapitän, stand auf dem Grab-Vergangenheit. Dann, im 33. Jahr der Su- stein, sei in Australien gestorben. Erche, kam ein brauner Umschlag mit der konnte nicht Georges Vater sein.Post zu ihm nach Riga in Lettland, wo er Kind Jaunzemis 1946 George blieb vier Wochen lang in Lett-lebt, der Umschlag brachte ihn zu diesen Lette? Deutscher? Neuseeländer? land. Er begleitete Vija bei den Recher-Leuten hinter dem Jägerzaun. chen, und manchmal, am Abend, gingen Dieser Umschlag liegt jetzt vor ihm auf Vija Sarmite hatte sich auf eine Anzei- sie im kleinen Park vor dem Plattenbaudem Wohnzimmertisch in seiner Wohnung ge gemeldet, die Jaunzemis im Jahr 2000 spazieren. Vija, Anfang sechzig, seit 30in Riga. George Jaunzemis hat die Daten, in einer Zeitung in Riga aufgegeben hatte. Jahren unglücklich verheiratet, drei Kin-die Orte aus den Dokumenten in diesem Er suche jemanden, der ihm helfen kön- der, alle aus dem Haus. Und George,Umschlag in eine Zeitleiste auf Millime- ne, seine Familie zu finden, schrieb er. Rentner aus Christchurch, davor 27 Jahreterpapier eingetragen, Riga, Magdeburg, „Weil ich eine Vorliebe für Archive habe, lang Oberfeldwebel bei der Royal NewBrüssel, München, Christchurch. Er will antworte ich Ihnen“, schrieb ihm Vija zu- Zealand Airforce, er hatte Flugzeugesich Klarheit verschaffen über sein Leben. rück. repariert, führte nun ein ruhiges Rent- Die Suche hat ein Ende, aber auch die Wer bin ich? Der Mensch möchte wis- nerleben. Einmal in der Woche aß erSehnsucht. Mit 70 Jahren weiß George sen, woher er kommt, wer Mutter, Vater, Fish & Chips aus dem Papierblatt, mit To-Jaunzemis, wer er ist. wer die Großeltern sind. Er möchte eine matenketchup, Mayonnaise, im Gehen. George Jaunzemis spricht leise und vollständige Geschichte erzählen können In Riga besuchte er mit Vija die Archi-langsam über seine Biografie. Er sieht im- über sich, mit einem Anfang und mit ei- ve, sie lud ihn ein zu Kaffee und Schoko-mer wieder auf das Millimeterpapier. Er nem Ende, das ist menschentypisch. Die ladenkuchen, schließlich, am Ende seiner52 D E R S P I E G E L 1 1 / 2 0 1 2
  • INTERNATIONALER SUCHDIENST (L.); REINIS HOFMANIS / DER SPIEGEL (R.)Rentner Jaunzemis in Riga: Kein Pass, keine Geburtsurkunde, keine Spuren, keine Vergangenheit D E R S P I E G E L 1 1 / 2 0 1 2 53
  • Gesellschaft bleib von Opfern der nationalsozialisti- schen Verfolgung und anderen Vermiss- ten aus der Kriegs- und Nachkriegszeit. 2000 Menschen suchen die Mitarbeiter jedes Jahr, und auch sie bestätigen, ihren Zahlen zufolge wachse die Sehnsucht der Menschen, Genaues über ihre Herkunft zu erfahren. Dem Fall Jaunzemis gab die Leiterin der Schicksalsklärung im Oktober 2010 die Nummer T/D-2241576. Sie fand in der Zentralen Namenskartei einen Hinweis auf eine Kindersuchakte. Auf Seite zwei der Akte gab es einen Hinweis auf eine Anna Jaunzemis oder Anna Rause und einen Jungen. Damit lag der Fall auf 128 Seiten vor. Die Mitarbeiter der Abteilung Schick- salsklärung forschten in den Einwohner- meldeämtern von Magdeburg und Berlin, sie recherchierten Telefonnummern, fan- den Freunde, Neffen und Cousins. Sie schickten den braunen Umschlag nach AKG Riga, mit 28 Seiten Dokumenten.Suchaufrufe um 1948: Noch immer Arbeit für die Abteilung „Schicksalsklärung“ Seit George den Umschlag im Brief- kasten fand, weiß er, dass er mit einerRiga-Reise, gab sie ihm für den Rückflug Name wieder auf, die Spalte „Kind“ war falschen Mutter aufgewachsen war, imeinen sehr persönlichen Brief. Er durfte 1944 jedoch leer, kein Kind. Kein Hinweis falschen Land, im falschen Leben.ihn erst im Flugzeug öffnen. Als George auf George, der ja 1941 geboren war. So suchte er sich nun seine Biografiegelandet war, rief er Vija an, er werde so- In diesem Moment, sagt George Jaun- zusammen, rückwärts, Stück für Stück,fort einen Flug zurück buchen. Er ver- zemis, dachte er zum ersten Mal ernst- von der klaren, scharfen Erinnerung zu-kaufte seine Wohnung in Christchurch, haft, dass er vielleicht nicht das Kind je- rück ins Verschwommene, von Riga inverschenkte seine Möbel, packte seine ner Frau war, die er bis dahin für seine Lettland über Christchurch in NeuseelandPlatten und ein paar seiner Kleider ein Mutter gehalten hatte. zurück nach Magdeburg, dem Ort, ausund brach auf zu Vija nach Riga. Vija ließ Vija und er befragten Historiker, sie er- dem er kam.sich scheiden, dann heirateten sie. hielten Passagierlisten mit den Namen von Im Memorial Park von Christchurch George Jaunzemis steht jetzt, als alter Menschen aus Riga, die im Zweiten Welt- liegt ein schwarzer Stein mit der Inschrift:Mann, von seinem Sofa auf und kommt krieg, kurz vor dem Einmarsch der Roten „A DEARLY BELOVED MOTHER“ (Einemit Tellern und Tassen aus der Küche zu- Armee, mit dem Schiff geflüchtet waren. innig geliebte Mutter), „Anna Jaunzemis,rück. Er stellt sie behutsam auf den Tisch, Sie fanden Anna auf einer der Listen, sie 18. Mai 1901 – 1. Mai 1978“. Gut 20 Jahreer legt die Löffel auf Untertassen, schenkt war ins Deutsche Reich, nach Ostpreußen, lang, bevor er nach Riga zu Vija fand, hatteKaffee ein, alles wackelt, auch der alte entkommen, allein, ohne Kind. Im Januar George Jaunzemis oft grübelnd, rätselnd,Mann. Er steht da wie ein Schuljunge, 2010 schließlich schrieben sie dem Inter- zweifelnd an diesem Grabstein gestanden,auf Socken im tiefen Teppich. Er kennt nationalen Suchdienst des Roten Kreuzes hatte sich gefragt, was sie ihm alles nichtdas nicht, Gäste zu bewirten. Er hatte nie in Bad Arolsen. Sie fragten nach Anna erzählt hatte und warum. Seine Mutterwelche, aber er kann es noch lernen, also Jaunzemis, vormals Rauze, den Namen war zuletzt krank gewesen, sie hatte eineübt er. hatten sie aus einem der Archive. Sie frag- Gehirnblutung erlitten. George besuchte Er hat beschlossen, jetzt seine eigene ten nach Akten über George. Sie warteten sie jeden Tag im Krankenhaus, vor oderGeschichte zu leben. Er wusste lange auf die Antwort aus Deutschland, aßen nach seinem Dienst, sie sprach kaum noch,nicht, was an ihm die Gene waren, was Müsli am Morgen, mittags träumte George sie war fast blind.der Einfluss seiner Umwelt war. Jetzt von Fish & Chips. Am Abend sahen sie In den siebziger Jahren in Christchurchweiß er es. fern, „Bingo“, „Glücksrad“. hatten sie zusammen in der Westminster Im Jahr 2002 wandten sich Vija und er Die Abteilung „Schicksalsklärung“ in Street gelebt, seine Mutter arbeitete nichtan die Zentrale Registerstelle für Perso- Bad Arolsen beschäftigt sich mit dem Ver- mehr, seit ihr Sohn das Geld nach Hausenendaten. Sie erfuhren, dass in Riga, der brachte. Sie sah nur fern, er hasste das.Heimatstadt seiner Mutter, in seinem Ge- Und wenn sie stritten und er sauer wurde,burtsjahr 1941 bei den Behörden kein schrie er sie manchmal an und sagte, wasKind mit dem Namen George Jaunzemis er manchmal fühlte: „Du bist nicht meineregistriert worden war. Sie überprüften Mutter!“ Sie schwieg. Sie zappte weiterauch die Krankenhäuser der Stadt, sie durch die Programme.fanden keinen Eintrag. Drei Jahre vor ihrem Tod war George Im Staatsarchiv stießen sie schließlich in ein Reisebüro gegangen und hatte eineauf eine Anna Jaunzemis, ihr Geburtsjahr Reise nach Calais in Frankreich gebucht,war nicht 1901, wie sie angenommen hat- er blieb einen Monat lang. Er war zumten, sondern 1893. Sie war in der Peter- ersten Mal in seinem Leben ausgebro-und Paulskirche getauft worden. Sie fan- chen, und als er zurückkam, war seineden Adressen; im Hausbuch der Alberta Mutter krank und gab ihm die Schuld.Straße 8, eines Altbaus an einer Straße Junge Jaunzemis, Ziehmutter Anna um 1958 Sie kannte so etwas nicht, ihr Sohn warmit Kopfsteinpflaster, tauchte Annas Sie isolierte ihn immer dageblieben, ohne Gäste, allein54 D E R S P I E G E L 1 1 / 2 0 1 2
  • mit ihr. Einmal hatte er eine Frau ken-nengelernt, als er Anfang zwanzig war,eine Chinesin. Sie gingen aus, aber nichtsehr häufig, seine Mutter verbot es ihm.Er blieb allein. Er nahm es hin, so, wie er es als 20-Jähriger hingenommen hatte, im April1961, dass er an seinem ersten Tag bei derLuftwaffe ohne Geburtsurkunde antretenmusste. Die sei in den Kriegswirren ver-lorengegangen, hatte die Mutter gesagt.Er hatte nur ein Zertifikat der Behörden:„Born in Riga (not verified); 18. Novem-ber 1941 (not verified)“. Geboren in Riga,nicht überprüft. Das Dokument sollte sei-ne Identität bestätigen, aber es trug nichteinmal einen Stempel. George wusste als Jugendlicher langenicht, wo Lettland liegt. Seine Muttersprach mit ihm Lettisch, aber er verstandnur hundert Wörter. Ihr Fragen zu stellen ULLSTEIN BILDhatte er sich abgewöhnt, er kannte dieimmer gleiche Antwort: Sein Vater seiOffizier, im Krieg gefallen, sein Brudersei in Sibirien erfroren, seine Schwester Ost-Flüchtlinge, Rote-Kreuz-Schwestern 1945: Millionen Gestrandete in ganz Europaauch. Er hatte keine Familie, nur eineMutter. Sueskanal, an die Hitze auf dem Roten Fenster, irgendwo stieg Nebel auf. Es Die nannte ihn aber nur „George“ und Meer und an die Souvenir-Verkäufer, die gibt auch ein Foto aus jener Zeit, jemandnie „mein Sohn“. Sie küsste ihn nicht. in kleinen Booten ans Schiff kamen“, sagt hatte es ans Rote Kreuz geschickt, dasSie gab ihm keine süßen Speisen. Sie leb- George. dazu aufgerufen hatte, bei der Sucheten zusammen, aber er fühlte sich einsam. George trug Shorts und einen Seiten- nach verschollenen Kindern zu helfen.Sie isolierte ihn. scheitel, als er in Wellington von Bord Dem Absender war diese Frau mit dem Mit fünfzehn hatte George das erste ging, und wenn ihn jemand fragte, wie Kind aufgefallen, er fragte sich, warumMal einen Schulfreund, sein Name war er heiße, sagte er „George Jaunzemis“. die Frau Lettisch sprach. Das Foto, esLaurence. Mit ihm saß George am Nach- Er hatte diesen Namen noch nicht lange. lag später im braunen Umschlag, zeigtmittag am Fluss, mit ihm fuhr er Floß, Er hatte ihn erst seit München, wo seine den Jungen in München an der Kaserne,ihm folgte er zur Luftwaffe. Mutter vor der Ausreise nach Neuseeland zusammen mit Anna, sie liegen auf einer Seine Mutter arbeitete, während drei Jahre lang mit ihm gelebt hatte, 1946 Wiese.George in die Schule ging, am Tage als bis 1949, in einer ehemaligen SS-Kaserne „Alles, was davor war, weiß ich nurDienstmädchen bei einem katholischen in Freimann. „George Jaunzemis/Anna aus den Akten“, sagt er. Erst mit dreiPfarrer, sie fertigte auch Gummiteile für Jaunzemis“, so hatte sie sich und den Jun- oder vier Jahren beginnt der Mensch sichSchuhe in einer Fabrik an, am Abend gen angemeldet. Anna hielt den Jungen zu erinnern, in erinnerten Geschichtenmachte sie weiter, George half ihr, oder eng bei sich, schickte ihn nicht in die zu denken. Manche Details aber speicherter saß auf dem Fußboden und baute Mo- deutsche Schule, hielt ihn von deutschen das Gehirn schon früher ab.dellflugzeuge. Kindern fern. An die Zeit vor München, an Brüssel, Sie sprachen wenig, seine Mutter konn- Die Kaserne in München ist das Erste, erinnert er sich nicht mehr. Nur die Aktente nicht schreiben, sie las ihm nie etwas woran er sich erinnern kann. Er saß am erzählen von Brüssel, von Annas Tat.vor. Manchmal hatte George das Gefühl, „Hier“, sagt George Jaunzemis, „dasdass die Wände um ihn herum einfallen war der Punkt, an dem sie mich mitge-und ihn zerdrücken würden. nommen hat.“ An die Wohnung damals, sagt George, „Kidnapping“, sagt er in breitem neu-der 70-Jährige, könne er sich noch erin- seeländischem Englisch. In seinen Unter-nern. Er dreht an seinem Tisch in Riga lagen steht es auf Seite drei.das Millimeterpapier um und malt sie auf. Direkt nach dem Krieg, das war die„Die Räume waren klein“, sagt er. „Das Zeit, in der Millionen von Entwurzelten,war in der Rugby Street.“ von Flüchtlingen und Vertriebenen, von Oder war es in Darfield? „Displaced Persons“, so hieß es damals, Oder die Orbell Street? durch Europa zogen, Anna war eine von Er bekommt die Stationen aus seinem ihnen. Und auch eine gewisse Gertrud,Leben durcheinander. Er blättert durch die aus Magdeburg kam.die Akten. Sie wissen besser, wo er ge- Die Akten sagen es: Unter den Flücht-wesen ist. Er zog 16-mal um mit seiner lingen in Brüssel, im Sommer 1945, warMutter. Sie war auf der Flucht. auch eine dreiköpfige Kleinfamilie na- Acht Jahre alt war George, als Anna mens Vandevelde: Gertrud, Georges leib-Jaunzemis am 26. Juni 1949 mit ihm Neu- liche Mutter, Albert, sein Stiefvater, undseeland erreichte, mit der „Dundalk er selbst, der dreijährige Sohn.Bay“, 138 Meter lang, die von Triest aus Albert war Belgier, war Zwangsar-in 36 Tagen über die Meere nach Wel- Mutter Gertrud, Stiefvater Albert um 1965 beiter gewesen in Magdeburg, dort hattelington kam. „Ich erinnere mich an den „Sie ist vor zwei Jahren gestorben“ sich die verwitwete Gertrud in ihn ver- D E R S P I E G E L 1 1 / 2 0 1 2 55
  • Gesellschaftliebt. Noch im Mai 1945 hatten sie ge- te nicht hineingehört. Anna habe auch mer als sicher annahmen, nämlich dassheiratet. Sie hatten es mit einem Trans- anderen geholfen. Sie habe mal einer die Erde fest steht, ist in wenigen Augen-port nach Belgien geschafft, in Alberts Gruppe Ungarn, die auch geflüchtet wa- blicken weg gewesen. Was ist, wenn dasHeimat. Weil sie keine Papiere hatten, ren, 100 Pfund geschenkt für Möbel und im eigenen Haus, im eigenen Leben pas-hielt man das Paar bei der Ankunft in Tapeten. siert? George Jaunzemis machte es miss-Brüssel fest. Den Jungen schickten die Und seine leibliche Mutter? Gertrud? trauisch. Auf der Terrasse, im Garten, warBeamten in ein Haus vom Sozialen „Sie ist vor zwei Jahren gestorben.“ er glücklich, aber er hatte auch Angst.Dienst. Eine Frau aus Lettland war auch Als der braune Umschlag in Riga ein- Klaus-Dieter, Gerdas Sohn, konnte vie-dort untergebracht. Sie war 52 Jahre alt, traf, nach 32 Jahren Suche, rief George le Fragen beantworten, aber nicht alle.und ihr Name war Anna Rauze. Sie Jaunzemis als Erstes eine Telefonnummer Es scheint, als ließen sich nie alle Fra-sprach den Jungen an, sie kümmerte sich aus Deutschland an, die darin stand, mit gen beantworten, als gebe es in jeder Er-um ihn. Dann, in einer Nacht, nahm sie Berliner Vorwahl, 030. Es meldete sich zählung noch einen Rest, der wieder eineihn mit. ein Winkler, Klaus-Dieter, aus Berlin- neue Erzählung verlangt. Die Erzählung, Albert kam schnell wieder frei, bei Treptow-Köpenick, er war ein Mitglied die wahre Geschichte, die der Mensch er-Gertrud dauerte es drei Monate. Sie such- der Familie. Es gebe zehn weitere Fami- zählen will, ist kein Gegenstand. Sie ist,ten den Sohn, aber Anna war mit dem lienmitglieder, erzählte der Mann am Te- wie die Identität, nur ein Oberbegriff. SieKind längst weg. Sie floh, erst durch lefon. Die meisten lebten in Magdeburg. lässt sich nicht erarbeiten mit einer Häk-Europa, dann übers Meer, war immer ein Ein paar Tage später setzte George sich chenliste und dann beschreiben.bisschen schneller als die Suchmeldun- mit Vija in einen Bus und fuhr 20 Stunden Warum war Anna wie Gertrud zuerstgen, die ihr folgten. lang dorthin. in Magdeburg und dann in Brüssel? Wer war Anna Jaunzemis? Ein Arbei- Hinter einem Jägerzaun in einer kleinen Kannten sich Anna und Gertrud? Warumterkind aus Riga, sie hatte acht Geschwis- Straße von Magdeburg standen sie ver- hatte Gertrud, die beim Roten Kreuz dieter, arbeitete als Hausangestellte, sie sammelt, Männer in gebügelten Hemden, Suchanfrage gestellt und erfahren hatte,wohnte an 23 Adressen, das ergab die Su- Frauen in Blusen, sie winkten ihm zu. dass ihr Sohn in Neuseeland war, warum hatte sie ihn nicht zu sich geholt? Mochte Albert, der Stiefvater, keine Kinder? George Jaunzemis hat versucht, auch diese Fragen zu beantworten. Er hat ver- sucht, seinen Stiefvater zu sprechen. Aber Albert wollte nicht, nach einem Schlaganfall konnte er kaum mehr reden. Er ließ nur ausrichten, es tue ihm leid. Mehr sagte er nicht. Im vergangenen Sommer starb auch er. George Jaunzemis hat lange nach sei- ner wahren Geschichte gesucht, 32 Jahre lang. Er hat geglaubt, sie gefunden zu ha- ben, in einem Umschlag in seinem Brief- kasten, Daten, Namen von Menschen und Orten. Sie überwältigten ihn zunächst, sie beantworteten viele Frage, die ihn RIVO SARAPIK / EST&OST lange beschäftigt hatten. Weiß er deswegen, wer er ist? „Ich fühle mich jetzt vollständig“, sagt er und lächelt. Er verstehe sich jetzt. Er begreife, warum er in der deutschen Spra-Ehepaar Jaunzemis im Staatsarchiv von Riga: Beschwingt durch Peter Alexander che immer etwas Vertrautes hörte. War- um er immer Bach mochte und Beet-che in den Rigaer Archiven. Es liefen Ver- „Du siehst aus wie deine Schwester“, hoven, und warum er in Neuseeland, amfahren gegen Anna wegen Diebstahls, ihr sagte Klaus-Dieter zu George. „Du hältst anderen Ende der Welt, schon immer be-erster Mann war in Russland gefallen, ihr die Hände auf dem Bauch wie sie.“ schwingt war bei Liedern von Peter Alex-zweiter Mann, er hieß Rauze, trennte Zum ersten Mal erzählte ihm jemand, ander.sich, da war sie 33 Jahre alt und kinderlos. dass es diese ältere Schwester Gerda gab. Als er seine Vergangenheit suchte, fandSie verließ Lettland am 7. Oktober 1944, Gerda, erzählte die Verwandtschaft, war George Jaunzemis seine Zukunft. Ergelangte nach Magdeburg und von dort von ihrer Mutter Gertrud in Magdeburg suchte nach Daten und fand Vija, er weißnach Brüssel. bei der Großmutter zurückgelassen wor- nun auch ihretwegen, wer er ist, Vijas George Jaunzemis zeigt noch ein an- den, als sie 1945 mit Albert und George Mann. Auch, wenn sie weitersuchen inderes Bild, ein Porträt von sich, als kleiner nach Brüssel aufbrach. Wenn Gertrud aus den Archiven, immer dienstags und don-Junge. Es hatte auch im Umschlag gele- Belgien zu Besuch kam, das tat sie gele- nerstags, George mit seiner Brille, Vijagen. Auf dem Bild sah er das erste Mal, gentlich, fragte Gerda nach dem kleinen mit der Lupe, sie wissen, die wahre Ge-wie er ausgesehen hatte als Kind. „Ich Bruder. Die Mutter sagte dann, sie wisse schichte eines Menschen lässt sich nichthabe es nie gewusst“, sagt George. nichts über ihn. nur aus seiner Herkunft erzählen. Denkt er noch an Anna? „Ich habe oft geträumt, eine Schwester George Jaunzemis holt das letzte Pa- „Ich versuche, das zu lassen.“ zu haben“, sagt George. Ihm laufen Tränen pier aus dem braunen Umschlag. Darauf Ist er böse auf sie? über die Wangen. Auch Gerda hat er ver- erfuhr er das erste Mal, wie sein echter „Ich war böse. Jetzt bin ich es nicht passt, in seinen Träumen hat er sie gesehen. Name ist. Er liest aus dem Dokument:mehr.“ Er sagt, Anna sei auch gut gewe- Auch sie ist gestorben, vier Jahre zuvor. „Geboren wurde ich als Peter Thomassen, das sagt er leise. So, als hätte er Als in Japan die Erde bebte, gab es am 28. Oktober 1941 in Ottersleben beiAngst, dass dieser Satz in seine Geschich- Menschen, die sagten: Etwas, das sie im- Magdeburg. So steht es in meinem Pass.“56 D E R S P I E G E L 1 1 / 2 0 1 2
  • Gesellschaft BERLIN Ein Herz für Hama ORTSTERMIN: Wie in einem Berliner Hinterhof am Sturz des syrischen Diktators Assad gearbeitet wirdD ie Adresse muss geheim bleiben, komitees sind die Patenkinder, die er und bekomme ein Komitee im Monat. Ein Ku- sagen sie, weil man auch hier seine Freunde vermitteln. rier sei umgekommen auf seinem Weg, nicht ganz sicher sein kann, in ei- In Abazids Heimatstadt Daraa fing es sonst habe bisher alles funktioniert.nem Berliner Hinterhof, wenn man gegen an, dort gab es die ersten Demonstra- Die Komitees schicken Berichte zurück.Baschar al-Assad kämpft, den syrischen tionen. Abazid ist 38, er kam vor zwölf Die deutschen Paten sollen wissen, wasDiktator. Vom Hinterhof aus betreten Jahren aus Syrien als Student nach mit ihrem Geld geschieht. Perabo öffnetAktham Abazid und zwei deutsche Deutschland und blieb, um dem Militär- ein Dokument. Leute aus Midan, einemFreunde ein Büro, das aussieht wie eine dienst zu entgehen. Er entzog sich der Viertel von Damaskus, haben sich gemel-Abstellkammer. Draußen dämmert es, sie Diktatur, aber ein richtiger Oppositionel- det. 2250 Euro bekamen sie bisher. „Ge-klappen ihre Laptops auf, es gibt Plastik- ler sei er vorher nicht gewesen, sagt er. kauft haben wir Speicherkarten, Mobil-stühle, eine Internetverbindung, mehr Neben ihm sitzt Elias Perabo, 31, er telefone und Sim-Karten, werden zweibrauchen sie nicht. Abazid schreibt drei machte Urlaub mit seiner Freundin in Sy- Internetanschlüsse und vier Telefonrech-Namen auf einen Zettel: nungen bezahlen“, schrei-Hama, Aleppo, Derik. ben sie. Außerdem reiche Drei Städte in Syrien, in das Geld für Drucker, Pa-denen Leute in versteckten pier und die Miete für zweiBüros sitzen wie sie und Wohnungen.auf ihre Hilfe warten. Drei „Die Komitees bekom-Orte, die sie neu aufneh- men nicht mehr Geld, weilmen wollen in ein Hilfspro- sie keine Waffen kaufen sol-gramm für die syrische Op- len“, sagt Abazid. Die Ideeposition, das sie sich aus- sei eine friedliche Revoluti-gedacht haben. on. Er glaube an diese Idee, Die Arabische Liga zog sagt Abazid, noch immer.ihre Beobachter aus Syrien Kontrollieren können siewieder ab, China und Russ- nicht, was mit dem Geld CARSTEN KOALL / DER SPIEGELland verhinderten eine Re- geschieht. Sie müssen selbstsolution gegen Assad im unter Kontrolle stehen.Uno-Sicherheitsrat. Es gibt „Bei uns gibt es 16 ver-jetzt noch die „Freunde Sy- schiedene Sicherheitsdiens-riens“, Politiker aus 60 Län- te“, sagt Abazid. Seit erdern, die versuchen, auf sich aus der Ferne dem Auf-den Diktator einzuwirken. Spendensammler Abazid: Drucker, Papier, Sim-Karten stand in seiner Heimat an- Und es gibt Aktham geschlossen hat, wurdenAbazid und seine Freunde seine Mutter und seinein Berlin. „Adopt a Revo- Schwester bedroht, seinlution“, so haben sie ihr Programm ge- rien, als die Menschen dort anfingen zu Onkel verhört. Und man weiß: Der sy-nannt. Adoptieren Sie eine Revolution. demonstrieren, das Land kannte er vor- rische Geheimdienst greift bis nachSie suchen nach deutschen Pateneltern her nicht. Perabo öffnet eine Karte von Deutschland. Zwei mutmaßliche Spionefür den syrischen Aufstand. Syrien auf seinem Laptop, darauf 26 Assads wurden in Berlin vor kurzem fest- Es gibt solche Patenschaften für Kinder blaue Punkte, so viele Komitees unter- genommen.aus armen Ländern, für Bäume, sogar für stützen sie bisher, fast 85 000 Euro an Aber soll man die Leute in Syrien des-Kästen mit toten Insekten im Berliner Na- Spenden bekamen sie seit Januar, sagt er. halb allein lassen, so wie es der Rest derturkundemuseum kann man Pate werden. An diesem Abend nehmen sie drei wei- Welt macht?Das Prinzip ist dasselbe, die Paten geben tere Komitees auf, drei neue Patenkinder, Auf den Bildschirmen blinkt eine neueGeld, einmal oder regelmäßig, und fühlen Hama, Aleppo, Derik. E-Mail, es ist Freitag, der Tag, an demsich einer Sache verbunden. Hama liegt 50 Kilometer nördlich von viele Syrer erst in eine Moschee gehen, Der syrische Aufstand ist etwas schwie- Homs, der Stadt, in der der Aufstand zum dann auf eine Demonstration, dann insriger zu vermitteln als Kinder oder kran- Krieg geworden ist. In Aleppo, der alten Internet.ke Wälder, aber es geht. Abazid spricht Händlerstadt, bitten Aktivisten um 350 Die Mails sind voller Zahlen, 25 Totevon kleinen Gruppen, die überall vor Ort Euro für Miete, 100 Euro für Lebensmittel in Hama, 16 Tote in Homs, 10 in Hasakah,den Aufstand organisieren. „Revolutions- im Monat. Derik liegt im armen Nord- 3 in Daraa, 4 in Aleppo, 6 in Idlib, so gehtkomitees“ nennen sich diese Gruppen. osten, im Kurdengebiet. Auf Arabisch es weiter, Mail um Mail, Liste um Liste.Sie planen Demo-Routen mit Google heißt der Ort Malikijah. Es ist Freitag. In Syrien sterben dieEarth, filmen mit ihren Handys, stellen In den Untergrund kann man kein Geld Menschen. Es gehe ihm um die Frage,die Filme auf Facebook oder YouTube. überweisen, Helfer schmuggeln die Spen- sagt Abazid, „ob sich jemand für sie inter- Sie tanzen auf den Demos, wenn alles den ins Land, Bargeld, in überschaubaren essiert“.gutgeht, sagt Abazid. Die Revolutions- Beträgen. Mal 700 Euro, mal 900 Euro WIEBKE HOLLERSEN D E R S P I E G E L 1 1 / 2 0 1 2 57
  • Trends DEUTSCH E BANK Hohe AbfindungenAls Durchmarsch der Investmentban-ker lesen die Traditionalisten in derDeutschen Bank den Umbau der Füh-rung unter Anshu Jain und Jürgen Fit-schen. Vergangene Woche war be-kannt geworden, wie die NachfolgerJosef Ackermanns die Bankspitze be-setzen wollen: Sie drängen Risiko-vorstand Hugo Bänziger und Personal-chef Hermann-Josef Lamberti ausdem Vorstand und ziehen ihre Gefolgs-leute nach. Die Führung wird wenigerdeutsch und stärker von Investment-bankern geprägt sein. Allein im Vor-stand sitzen mit Stephan Leithner, Hen-ry Ritchotte und Bill Broeksmit dreineue Investmentbanker mit ausländi-schem Pass. Doch im erweiterten Vor-stand, der künftig 17 Manager umfassensoll, erhält auch die deutsche Fraktion JOCHEN ZICK / KEYSTONEZulauf: Christian Ricken, 45, seit 1996in der Bank, vertritt künftig neben Vor-standsmitglied Rainer Neske das Privat-kundengeschäft. Ricken gilt als Neskes Deutsche-Bahn-Zentrale in Berlin DAT E N S C H U T Z DGB gegen Gesetzentwurf HANNELORE FOERSTER / BLOOMBERG VIA GETTY IMAGES Der Deutsche Gewerkschaftsbund tat. Damit würde der automatisierte (DGB) fordert den Bundestag auf, den Datenabgleich der Deutschen Bahn Gesetzentwurf zum Beschäftigtenda- von 2009 künftig erleichtert. Zudem tenschutz zu stoppen. Mit einem Brief solle das Fragerecht des Arbeitgebers an alle Bundestagsabgeordneten ver- bei Einstellungen ausgeweitet werden schickte DGB-Chef Michael Sommer ebenso wie die Möglichkeit, ärztliche am vergangenen Donnerstag eine Re- Untersuchungen zu verlangen, so die solution des DGB-Bundesausschusses. Befürchtungen des DGB. Der EntwurfJain Der Regierungsentwurf des Innenmi- sei nicht geeignet, so Sommer, „ekla- nisteriums habe nichts mit dem Schutz tante Eingriffe in die Grundrechte vonrechte Hand und soll vor allem die Inte- der Arbeitnehmer zu tun, heißt es dar- Beschäftigten einzuschränken“.gration der Postbank vorantreiben. Da- in: „Die Interessen des Arbeitgebersmit sind nur noch zwei Positionen in an Ausforschung und Überwachungder erweiterten Führung offen. Als werden vielmehr in den VordergrundKandidaten für das Asien-Geschäft gel- gestellt.“ Nach den Datenschutzskan-ten der Inder Ashok Aram und Boon- dalen etwa bei Deutscher Bahn, Tele-Chye Loh aus Singapur. Die Suche kom oder Lidl wird seit Jahren übernach einem Amerika-Chef dürfte noch ein Gesetz debattiert, das festlegt, wel-einige Wochen dauern. Der Ausstieg che Daten ein Arbeitgeber über seinevon Bänziger und Lamberti wird für Beschäftigten sammeln darf. Bereits imdie Bank wohl teuer werden: Intern ist Dezember 2010 lag ein Gesetzentwurf CHRISTIAN THIEL / DER SPIEGELjeweils von einer Abfindung im hohen vor. Der DGB kritisiert , dass das soge-einstelligen Millionenbereich die Rede. nannte Screening, der Abgleich vonBeide haben noch Verträge bis 2014. Mitarbeiterdaten, schon erlaubt wer-Auf den Wechsel an der Spitze stellt den solle, wenn nur das Risiko für be-sich die Bank unterdessen auch kulina- trügerische Handlungen vorliege – undrisch ein: In den Zwillingstürmen eröff- nicht erst bei einer schwerwiegendennet demnächst ein vegetarisches Re- Pflichtverletzung oder bei einer Straf- Sommerstaurant. Anshu Jain isst kein Fleisch.58 D E R S P I E G E L 1 1 / 2 0 1 2
  • Wirtschaft GESUNDHEIT Zu viel Folsäure ist zum Beispiel in der Lage, einen Vitamin-B- 12-Mangel zu verdecken, aus dem dann eine Schädigung des Nervensystems folgen kann. Der Gehalt an Folsäure in frisch Zu viel Folsäure im Saft abgefüllten Vitaminsäften ist laut der Studie so hoch, dass be- reits drei Gläser Saft (0,6 Liter) „die tolerierbare Tageshöchst- Zu viel des Guten kann auch schädlich sein: Das Bundesfor- menge“ überschreiten. Die Unterschiede zwischen den einzel- schungsinstitut für Ernährung hat festgestellt, dass in handels- nen Säften seien bereits von der Abfüllung an erheblich, sagt üblichen Multivitaminsäften die auf der Verpackung angege- ein Mitarbeiter des Instituts für Ernährungsforschung. Weil sich bene Menge an Folsäure im Durchschnitt um 80 Prozent über- Folsäure im Lauf der Monate in den Säften wieder abbaut, schritten ist. Folsäure ist ein lebenswichtiges Vitamin, das dosieren die Hersteller die Menge offenbar zunächst sehr hoch, insbesondere in grünem Salat oder Spinat vorkommt. Aller- damit auch am Ende der Haltbarkeitsspanne noch die auf der dings wird eine Überversorgung zunehmend kritisch gesehen. Verpackung angegebene Menge mindestens enthalten ist. L U F T FA H R T tens: Dieses deutsch-französische Ge- SPIEGEL: Wenn Sie es ernst meinen mit meinschaftsprojekt muss auch in den Ihrem Kampf für deutsche Interessen, beiden Konzernzentralen in Deutsch- müssten Sie nach dem Einstieg der „Faire Balance“ land und Frankreich seinen äußeren Ausdruck finden. Zweitens geht es bundeseigenen KfW bei Airbus eigent- lich einen Vertreter in den Verwal- Peter Hintze, 61, darum, dass wir auch in Deutschland tungsrat schicken. Streben Sie selbst Luft- und Raumfahrt- einen fairen Anteil an den Entwick- das Amt an?HANS-CHRISTIAN PLAMBECK koordinator der lungszuständigkeiten haben wollen, da- Hintze: Ich kann Sie beruhigen: Ich Bundesregierung, über mit nicht nur die Produktion hier statt- werde dort nicht einziehen. Über die den Führungsstreit findet, sondern auch die Entwicklung Konsequenzen einer stärkeren staatli- beim deutsch-fran- neuer Flugzeugtypen. Ich will, dass chen Beteiligung bei Airbus wird aber zösischen Flugzeug- die hochqualifizierten Zulieferer in zu sprechen sein. Als Miteigentümer konzern EADS Deutschland weiterhin einen substan- haben wir eine Vorstellung von der tiellen Beitrag zu Airbus leisten können. Zukunft des Unternehmens. SPIEGEL: Sie fordern, bei der Besetzung SPIEGEL: Ihr Brief an von Managementposten wieder Herrn Enders wurde stärker auf den Proporz zwischen öffentlich und sorgt für Deutschen und Franzosen zu achten. großen Ärger bei EADS. Warum? Noch-Chef Louis Gal- Hintze: Mein industriepolitisches Ziel lois verbat sich bereits ist es, Forschung, Entwicklung und jede Einmischung. Und industrielle Produktion im Flugzeug- nun? bau in Deutschland stark zu halten. Hintze: Unser lebendiges Bei allen fälligen Neuorganisationen Gespräch geht weiter. von EADS sollten wir an dessen Ich habe mit Herrn En- Gründungsidee festhalten: eine faire ders vereinbart, dass wir Balance zwischen Deutschland und uns noch im März zu- Frankreich. sammensetzen und diese ARNE WEYCHARDT / WIRTSCHAFTSWOCHE SPIEGEL: Der neue EADS-Chef Thomas Fragen besprechen. Ich Enders möchte einige ausgewählte respektiere unterneh- Management-Positionen von Otto- mensinterne Entschei- brunn nach Toulouse verlegen. Nun dungen. Ich erwarte wollen ausgerechnet Sie als Politiker aber, dass das Unterneh- ihm vorschreiben, wie er die Firma men auch Verständnis organisieren soll? für das besondere Ver- Hintze: Es geht nicht um einzelne Posi- hältnis der Trägerstaaten tionen, sondern um das Prinzip. Ers- Airbus-Produktionshalle in Toulouse zu EADS hat. F I N A N Z A F FÄ R E N Objekte im In- und Ausland durch- in Ermittlungsakten zum Verfahren ge- sucht, um einem Netzwerk von mut- gen die beiden Ex-Aktionärsschützer maßlichen Börsenbetrügern nachzu- Markus Straub und Tobias Bosler auf. Razzia bei Bekannten spüren. Sie sollen Aktienkurse kleine- rer Firmen gezielt nach oben gedrückt Beide stehen zurzeit in München we- gen ähnlicher Vorwürfe vor Gericht Eine Riege altbekannter Verdächtiger und anschließend Kasse gemacht ha- und wollen einen Freispruch durchset- spielt auch bei den Ermittlungen der ben. Knapp ein Dutzend der gut 30 zen. Einer ihrer früheren Spezls, der Münchner Staatsanwaltschaft wegen Beschuldigten, darunter vor allem Au- ehemalige „Focus Money“-Journalist des Verdachts auf illegale Marktmani- toren von Finanzmedien oder Börsen- Oliver Janich, ist nun erneut ins Visier pulation eine tragende Rolle. Vorver- briefen, wird von den Fahndern schon der Ermittler geraten. Er habe nichts gangene Woche hatten rund 200 Poli- seit längerem beobachtet. Ihre Namen „Widerrechtliches oder Unmoralisches zisten und 11 Staatsanwälte knapp 90 tauchten bereits vor etwa zwei Jahren getan“, beteuert er. D E R S P I E G E L 1 1 / 2 0 1 2 59
  • Wirtschaft N A C H H A LT I G K E I T Deutschland – ein Ökomärchen Die Energiesparbirne endet als Sondermüll, das Hausdämmen fördert Fäulnis, und aus dem Gully dringt Gestank, weil alle am Wasser sparen. Warum wir beim Versuch, die Umwelt zu schützen, chronisch scheitern. Von Alexander NeubacherD ie Deutschen sind für Umwelt- schutz, die Natur liegt ihnen am Herzen. Wir mögen die Tiere unddie Pflanzen, den blauen Himmel und dasMeer. Wir wollen, dass unsere Kinder ineiner intakten Umgebung aufwachsen,und wir gehen mit gutem Beispiel voran.Die Welt soll gerettet werden? Wir sinddabei, wir tun unser Bestes. An uns solles ganz gewiss nicht scheitern. Früher hat Deutschland seinen Nach-barn den Krieg erklärt, heute erklärenwir ihnen, wie sie der Atomkraft ent-sagen. Den Titel des Exportweltmeistershaben wir verloren, im Welt-Fußballreicht es gerade für Platz drei, aber beimgelben Sack macht uns niemand etwasvor. Der saure Regen und das Waldster-ben haben unseren Blick für die Zerstö-rungskraft der Zivilisation von Kindes-beinen an geschärft, auch wenn der deut-sche Wald wider Erwarten überlebt hat. Nun geht es darum, unseren ökologi-schen Fußabdruck zu minimieren. Don-nerstags ist Veggieday, Omas Kurbel-waschmaschine kommt wieder in Mode.Ratgeberseiten im Internet halten Öko-tipps für alle Lebenslagen bereit, von derMondphasen-Kosmetik bis zum Vibratorohne chemischen Weichmacher. Es gibtUrnen aus Maisstärke und Särge aus Pap-pe; so treten wir ökologisch korrekt selbstdie letzte Reise an, eine finale gute Tat,bevor dann alles zu Kompost wird. Wenn etwas der Umwelt dient, entfälltjede Begründungsnotwendigkeit; wo einÖko-Label draufklebt, erübrigt sich jederStreit. Die politischen Parteien sind sichim Prinzip einig: Umwelt kann es nicht 56 Prozentgenug geben. Kein fortschrittlicher Politi-ker will sich dem Verdacht aussetzen, esmangle ihm an ökologischem Bewusstsein, aller Wasserfla-sonst wäre seine Karriere am Ende. schen sind Ein- Weil die Umweltpolitik edle Ziele ver- wegverpackun-folgt, sind Umweltpolitiker gegenüber gen aus Plastik,ihren Kollegen, die sich mit Staatsfinan- ständig werdenzen, innerer Sicherheit oder Rentenbei- es mehr. Das HEIKO SPECHT / IMAGETRUSTtragssätzen herumschlagen, moralisch im Dosenpfand soll-Vorteil. Die positive Aura im Umweltmi- te den Trend stop-nisterium ist so stark, dass sie einen Tech- pen, doch dasnokraten wie Jürgen Trittin in mildes Gegenteil trat ein.Licht tauchte. Der derzeitige Amtsinha- Plastikabfallber Norbert Röttgen, ein kühler Stratege,60 D E R S P I E G E L 1 1 / 2 0 1 2
  • der vor ein paar Jahren gern als Spitzen- Zwang nicht verzichten; das Polizei- und statt nach unten – na und? Wir stellenlobbyist zum Bundesverband der Deut- Ordnungsrecht hält die nötigen Instru- trotzdem im Wandel der Jahreszeiten un-schen Industrie gewechselt wäre, gibt mente bereit. sere Uhren um, erst eine Stunde vor,jetzt den Ökoheiligen, der mit dem Fahr- Ob eine Umweltschutzmaßnahme den dann eine Stunde zurück.rad zur Kanzlerin rollt. gewünschten Erfolg hat, ist dann am Ende Wir kaufen im Bioladen, tanken E10 Im Gesetzgebungsverfahren geht die gar nicht so wichtig. Das Dosenpfand hat und steigen auf Ökostrom um. UnserePolitik die Probleme dann mit bürokra- nicht nur die Dose vom Markt gefegt, son- Häuser sind mit Solardächern gedeckt undtischer Gründlichkeit an. Das Bundes- dern leider auch die ökologisch vorteil- mit Dämmplatten beklebt. Das verschafftumweltministerium ist nicht zufällig aus hafte Mehrwegflasche – aber egal: Das uns ein gutes Gefühl. Die Frage ist nur:einer Abteilung des Bundesinnenminis- Pfand bleibt, wie es ist. Was hat eigentlich die Umwelt davon?teriums entstanden. Weil Umweltschutz Ausgerechnet in den Umweltzonen ex-für Wirtschaft und Verbraucher in der Re- plodieren die Feinstaubwerte – doch was Müllgel mit Belastungen, mindestens aber mit soll’s. Der Plakettenzwang wird ausge- Ich trenne meinen Müll. Vor meiner Haus-Unbequemlichkeiten einhergeht, lässt dehnt. Die Sommerzeit treibt wider Er- tür stehen, symmetrisch geordnet, viersich auf straffe Beplanung, Lenkung und warten den Energieverbrauch nach oben Tonnen: rechts blau für Papier und gelb für Plastik, links braun für Gartenabfälle und grau für den Rest. Das sieht nicht schön aus. Es riecht auch etwas streng, zumal an Sommertagen, wenn ich gern draußen säße. Doch mir ist klar, dass ich Opfer bringen muss. Die deutsche Verpackungsverordnung wird respektiert, das Kreislaufwirtschafts- gesetz hoch geachtet. Joghurtbecher sind „restentleert“, „tropffrei“ und „löffelrein“ zurückzugeben, so steht es in den Regeln des Dualen Systems. Nicht wenige stellen den Becher sogar in die Geschirrspülma- schine, bevor sie ihn in den gelben Sack stopfen. Doch dann passiert etwas Merkwürdi- ges. Mein Joghurtbecher, den ich so lie- bevoll gespült und sortiert habe, wird gar nicht recycelt. Er wird wieder mit dem ganzen anderen Müll zusammengekippt. In einem Ofen. Und dort wird er dann verbrannt. Ja, das ist erlaubt. Genau 36 Prozent des Plastikmülls muss das Duale System „wertstofflich verwerten“, also recyceln, so steht es im Gesetz. Mit den restlichen 64 Prozent kann die Müllfirma machen, was sie will und womit sie das meiste Geld verdient. Der Dreck landet in der Verbrennungsanlage; man spricht von „thermischer Verwertung“. So findet der Kreislauf ein jähes Ende. Der von der Bundesregierung ein- gesetzte Sachverständigenrat für Umwelt- fragen plädiert seit Jahren dafür, das gan- ze System gründlich zu überdenken. Zwei 147 Gramm Mülltonnen würden im Prinzip ausrei- chen, so die Experten: die erste für feuch- ten Abfall wie Essensreste und Windeln, die zweite für den ganzen Rest. Der Müll aus der feuchten Tonne wird zunächst genutzt, um Biogas zu erzeugen, Kohlendioxid ver- und anschließend verbrannt. Der Trocken- ursacht ein müll wird automatisch sortiert und so weit Elektroauto pro wie möglich recycelt. Es handelt sich um Kilometer, wenn ein Konzept, das viele Vorteile hätte. Der es mit herkömm- Bürger hätte weniger Arbeit. Der Umwelt lichem Strom wäre geholfen. Alles würde einfacher. betrieben wird – Doch daraus wird nichts. Stattdessen RICHARD WAREHAM / CARO weit mehr als ein ist jetzt zwischen den privaten Entsor- normales Benzin- gungsunternehmen und den Abfallfirmen fahrzeug. der Kommunen ein Streit darüber ent- Elektroautos brannt, wer für welchen Abfall zuständig ist. Seit kurzem haben wir deshalb eine D E R S P I E G E L 1 1 / 2 0 1 2 61
  • fünfte Tonne, die „Wertstoff- Umso erstaunlicher ist die Re-tonne“. naissance, die das giftige Schwer- Als ich eines Abends von derArbeit kam, stand sie da, grellorange, 240 Liter Fassungsvermö-gen. In unserer Einfahrt ist es 5 Milligramm metall bei uns zu Hause erlebt. Wie alle guten Europäer sind wir dabei, unsere alten Glühbirnen durch moderne Energiespar-noch enger geworden, aber dar- leuchten zu ersetzen. So hat esan werde ich mich bestimmt ge- Quecksilber ste- die Kommission der Europäi-wöhnen. Ich denke darüber nach, cken in einer ein- schen Union verfügt. Dass jedeeine sechste Tonne für das Alt- zelnen Energie- Sparleuchte bis zu fünf Milli-glas anzuschaffen, das wir bis- sparbirne, ein Fall gramm Quecksilber enthält, giltlang provisorisch in einem Kar- für die Sonder- als notwendiges Übel, denn sieton an der Kellertreppe unterge- mülldeponie. verbraucht weniger Strom alsbracht haben. Mit sechs Tonnen Auch die Lampen- herkömmliche Birnen.wäre auch die Symmetrie wie- produktion in Leicht fällt uns der Abschiedderhergestellt. China belastet nicht. Wir mochten die alte Glüh- birne. Wenn man sie anknipste, JOERG KOCH die Umwelt stark. EnergiesparleuchtenWasser brannte sofort das Licht; dasDie Duschkopftechnik hat in den kann man von unseren neuenvergangenen Jahren eine rasante Lampen nicht behaupten. ManEntwicklung vollzogen: weg vom Wasser, den Aromasorten Lavendel, Zitrus und sollte sie auch nicht auf den Boden fallenhin zur Luft, so regelt es die EU-Ökodesign- Fichtennadel beizukommen. Doch in der lassen, denn dann wird die ÖkolampeRichtlinie. Die Zeiten, in denen es genügte, Kanalisation lagern sich auch giftige zum Ökokiller.einfach nur Wasser zu verteilen, sind vor- Schwermetalle wie Kupfer, Nickel und „Eingeatmetes Quecksilber geht übersbei. Heute wird im Innern des Brausekopfs Blei ab. Schwefelsäure greift die Leitun- Blut ins Gehirn“, sagt Gary Zörner vomdurch ein kompliziertes Verfahren ein gen an, lässt Stahl rosten und Beton brö- Labor für chemische Analytik in Delmen-Aerosol erzeugt. Der Feuchtigkeitsanteil seln. Dagegen hilft dann auch kein Deo. horst. „Und jedes bisschen Quecksilberin dem erzeugten Luft-Wasser-Gemisch ist Die Wasserwerke müssen ihre Rohre macht ein bisschen dümmer. Das kann bisso gering und der Luftanteil so hoch, dass und Kanäle jetzt immer kräftig durchspü- zur völligen Geistesgestörtheit führen.“man das Gefühl hat, das Föhnen werde un- len. Was wir oben mit der WC-Stopptaste Wissenschaftler des Umweltbundes-ter der Dusche gleich miterledigt. eingespart haben, pumpen sie unten mit amts haben untersucht, wie gefährlich die Schon unseren Kleinsten bringt die Re- dem Schlauch direkt in die Kanalisation. Energiesparleuchten sind. Sie zerbrachengierung bei, wie wichtig es sei, verant- In das Berliner Leitungsnetz werden an Lampen aus dem Sortiment eines euro-wortungsvoll mit dem kostbaren Leitungs- manchen Tagen eine halbe Million Kubik- päischen Markenherstellers. Anschlie-wasser umzugehen. „Überlege, wie Du meter Leitungswasser zusätzlich abgelas- ßend maßen sie die Giftkonzentration inWasser sparen kannst!“, heißt es auf der sen, um, wie es heißt, die „notwendige der Raumluft, einmal nach fünf Minuten,Kinderseite des Umweltministeriums im Fließgeschwindigkeit“ zu gewährleisten. ein weiteres Mal nach fünf Stunden.Internet. „Duschen ist ökologisch besser Nun ist Deutschland ein wasserreiches Alle gemessenen Werte lagen weit jen-als baden. Dreh den Hahn zu, wenn Du Land. Es verfügt über zahlreiche Flüsse seits des Erlaubten. Teils lag die Queck-Dich einseifst. Lass nie Wasser laufen, und Seen. Die Regenmenge, die vom silber-Belastung um das 20fache überwenn Du es nicht brauchst. Vielleicht Himmel auf Deutschland herabfällt, ist dem Richtwert. Auch nach fünf Stundenkannst Du ja auch etwas kürzer duschen.“ fünfmal größer als der gesamte Wasser- war noch so viel Quecksilber in der Luft, So könnte alles in bester Ordnung sein, bedarf von Mensch und Industrie. Weni- dass die Gesundheit von Schwangeren,wenn es nur ein Problem nicht gäbe: Es ger als drei Prozent der Reserven reichten kleinen Kindern und empfindlichen Men-stinkt. Fäulnisgeruch durchweht unsere aus, um alle Haushalte zu versorgen. schen gefährdet gewesen wäre.Straße. Besonders schlimm ist es im Som- Die naheliegende Lösung unserer Rohr- Wegen des Quecksilbers ist es natürlichmer. Halb Berlin liegt dann unter einer leitungsprobleme wäre, wieder mehr Was- streng verboten, kaputte Energiesparlam-Gaswolke. ser zu verbrauchen. Doch so funktionie- pen in den Hausmüll zu werfen. Eine Ein von den Berliner Wasserbetrieben ren die Deutschen nicht. Wer so lange Nürnberger Entsorgungsfirma hat einegegründetes „Kompetenzzentrum“ ver- darauf gedrillt wurde, beim Duschen mit Maschine erfunden, die jede Birne vor-öffentlichte jüngst eine Liste der beson- einem Minimum an Flüssigkeit auszukom- sichtig zersägt und den Leuchtstoff samtders betroffenen Ecken. Auf Platz eins men, wirft nicht seine Gewohnheiten über Quecksilber absaugt. Die Mixtur wirdsteht ausgerechnet der vornehme Gen- Bord. Die Maßhalte-Appelle haben tiefe dann luftdicht in Tüten verpackt und zudarmenmarkt. Auch der Pariser Platz am Spuren in unserer Psyche hinterlassen. jeweils 300 Kilogramm in blaue TonnenBrandenburger Tor riecht wie ein Windel- verfüllt. Diese werden auf einen Lkw ver-eimer. Und es handelt sich nicht nur um Licht laden und zu einem ehemaligen Salzberg-ein Berliner Problem. In Hamburg, Ros- Quecksilber ist ein gefährlicher Stoff. Es werk im Harz gebracht. Und so landettock und im Ruhrgebiet sind ebenfalls verdampft bei Zimmertemperatur. Schon die Ökobirne schließlich auf einer Son-ganze Stadtteile betroffen. kleine Mengen schädigen Leber, Lunge dermülldeponie unter der Erde, als gifti- Weil wegen unseres geringen Ver- und Gehirn. Der berühmte Doktor Para- ger Altlast bis ans Ende aller Tage.brauchs zu wenig Wasser durch die Rohre celsus hat sich mit Quecksilber versehent-rauscht, verstopft neuerdings die Kanali- lich umgebracht; seither raten Ärzte da- Dämmensation. Fäkalien, Urin und Speisereste flie- von ab, es einzuatmen. Zuerst werden die Putten und Simse vonßen nicht mehr ab. Träge schwappt der der Fassade abgeschlagen. Dann kommenbraune Schlick durch die viel zu breiten Video: Alexander Neubacher der Stuck und die Giebeldreiecke weg.Rohre und entfaltet dort sein volles Aro- über Ökolügen des Alltags Das alte Mauerwerk verschwindet unterma. Für Smartphone-Benutzer: matratzendicken Dämmplatten, Farbe Die Wasserwerke versuchen, dem Ge- Bildcode scannen, etwa mit drauf – fertig ist das Energiesparhaus. Diestank durch Geruchsfilter und Duftgel in der App „Scanlife“. fehlenden Altbauteile werden einfach auf-62 D E R S P I E G E L 1 1 / 2 0 1 2
  • Wirtschaftgemalt. Optisch macht das keinen großen seien. Sie waren die Voraussetzung für ei-Unterschied, jedenfalls von weitem. ÜBERNAHM EN nen 500-Millionen-Euro-Kredit der BNP. Wer mit Albert Schett vom Hamburger Porsche war zu dieser Zeit in aller-Denkmalschutzamt an den historischenBacksteingebäuden am Dulsberg vorbei-spaziert, dem wird der Unterschied zwi- Theoretisch höchster Not. Wenige Tage später, am 24. März, lief ein 10-Milliarden-Euro-Kredit aus. Sollten die Stuttgarter keine neuenschen gedämmten und ungedämmtenHäusern sogar akustisch vorgeführt. „Hö-ren Sie mal“, sagt Schett und pocht gegen brutto Kredite erhalten, drohte der Konkurs. Ein Finanzinstitut gewährte Porsche erst ei- nen neuen Kredit, nachdem der damaligedie Fassaden, die neuerdings aus einer Die Anklage gegen Porsches Ex- Chef Wiedeking angeboten hatte, mit sei-mit Backstein-Imitat beklebten Dämm- Finanzvorstand zeigt: Die nem Privatvermögen zu haften.schicht bestehen: „Klingt ganz hohl.“ juristische Aufarbeitung der alten Vor diesem Hintergrund liegt der Ver-Doch was tut man nicht alles, um ein paar dacht nicht fern, dass Porsche den BankenLiter Heizöl zu sparen. VW-Eroberungspläne geschönte Zahlen präsentiert habe, um Das Problem sind jetzt nur noch die birgt noch jede Menge Ärger. an frisches Geld zu kommen. BNP wollteMenschen, die in den thermo-isolierten sich von Porsche unter anderem bestäti- HHäusern wohnen und ein „mangelhaftes ans Richter lädt Besucher gerade- gen lassen, dass der SportwagenherstellerLüftungsverhalten“ an den Tag legen, wie zu ein, ihn in puncto Modernität bei seinen damaligen Optionsgeschäftenes in einer Broschüre des Bundesbaumi- und Effizienz zu unterschätzen. mit VW-Aktien einen Nettokaufpreis vonnisteriums heißt. Dass jede Isolierung das Das Büro des Stuttgarter Oberstaatsan- 70 Euro je Aktie vereinbart habe. DarausRaumklima verändert, wird leider allzu walts ist vollgestellt mit Regalen, Schrän- errechnete sich allein für diese Geschäfteoft vergessen. Und so breitet sich Schim- ken und einem Schreibtisch, der mit An- ein Kreditbedarf von 4,1 Milliarden Euro.mel aus an Stellen, an denen man es nie bauten gleich mehrfach verlängert wurde. Finanzvorstand Härter bestätigte dieserwartet hätte: im Rollokasten, hinter der Darauf liegen Papierstapel, Mappen und durch seine Unterschrift.Heizung, unter der Fensterbank. Bücher, eine Ordnung ist wohl nur für Oberstaatsanwalt Richter untersuchte Sobald tragendes Gebälk vom Pilz Richter selbst erkennbar. 64 Jahre alt ist die Optionsgeschäfte von Porsche unddurchdrungen ist, muss das Haus aufge- Richter, er leitet die größte Abteilung für kam zu dem Ergebnis, der Kaufpreis dergeben werden, zumal die Dämmplatten Wirtschaftsstrafsachen in Aktien habe bei 93 Euromit der Zeit immer feuchter werden. Deutschland und ermit- gelegen, der Kreditbe-„Das ist dann so, als würden wir bei Kälte telt seit mehr als zwei darf hochgerechnet beieinen klatschnassen Pullover tragen“, be- Jahren gegen die einstigen 5,5 Milliarden Euro. Här-schreibt ein Baufachmann die Lage. „Ja, Porsche-Manager Wende- ter und seine beiden Mit-wir dämmen wie die Weltmeister“, sagt lin Wiedeking und Hol- arbeiter hätten die BNPBoris Palmer, Grünen-Oberbürgermeister ger Härter. demnach getäuscht.von Tübingen, „und, ja, wir verschandeln Drei Ermittlungen Härters Anwältin Anneunseren Gebäudebestand ganz bewusst.“ musste er schon einstel- Wehnert hat das Gutach- len: wegen des Verdachts ten eines renommiertenWas tun? der Marktmanipulation Experten eingeholt. ErEs wäre gut, würden wir unsere Gewiss- durch Aktiengeschäfte, kommt zu dem Ergebnis,heiten ab und zu einem Realitäts-Check wegen des Verstoßes ge- dass 93 Euro allenfallsunterziehen. Falls sich herausstellt, dass gen Insider-Regeln und eine Art theoretischerwir uns geirrt haben, spricht nichts dage- wegen einer verspäteten Bruttokaufpreis gewesengen, einen Schritt zurückzugehen und es Börsenmeldung. Doch seien. Von diesem müss-anders zu versuchen. Ein Dosenpfand, jetzt hat der Oberstaats- ten aber noch gut 20 Euro MARIJAN MURAT / DPAdas ausgerechnet die umweltfreundlichen anwalt Anklage erhoben abgezogen werden, weilMehrwegflaschen aus dem Handel drängt, gegen den einstigen Por- Porsche eine entsprechen-sollte grundlegend reformiert werden, sche-Finanzchef Härter, de Prämie je Option vonebenso die Förderung der ineffizienten einen ehemaligen und ei- der Bank erstattet bekom-Solarenergie, die eine oder andere nen noch bei Porsche be- Manager Wiedeking, Härter 2007 men hätte. In dem Schrei-Dämmvorschrift und der gelbe Sack. schäftigten Finanzmana- Geschönte Zahlen? ben der BNP war aber Niemand sollte gezwungen werden, sich ger. Kreditbetrug sollen ausdrücklich der Netto-giftige Quecksilberleuchten ins Haus zu ho- die drei begangen und dem Unternehmen kaufpreis genannt. Deshalb sei die Bestä-len. Es ist unvernünftig, weitere Atomkraft- mit falschen Angaben ein Darlehen über tigung Härters korrekt gewesen.werke abzuschalten, wenn wir dadurch von 500 Millionen Euro erschlichen haben. Die Auseinandersetzung um dieses De-Atomstrom-Importen aus Frankreich ab- Oberstaatsanwalt Richter hat sich in tail zeigt, wie schwierig die juristischehängig werden. Und solange eine einmal alle Verästelungen der Übernahme- Aufarbeitung der Übernahmeschlachtverwendete Papiertüte eine schlechtere schlacht Porsche-VW hineingearbeitet, Porsche-VW ist. Härters Verteidigerin willÖkobilanz aufweist als eine Plastiktüte, soll- bei der der kleine Sportwagenbauer zu- nun erst einmal erreichen, dass das Land-ten grüne Sittenpolizisten noch einmal dar- erst den großen Weltkonzern schlucken gericht Stuttgart die Anklage in Sachenüber nachdenken, ob es wirklich der Kunst- wollte und dann selbst zur Beute wurde. Kreditbetrug gar nicht annimmt.stoffbeutel ist, den sie verbieten wollen. Beim Punkt Kreditbetrug zeigt Richter, Die BNP hat sich übrigens nie beklagt, Wer im Bioladen einkauft, sich vegan wie penibel er nach Spuren sucht. sie sei falsch informiert worden. Der Krediternährt oder ein Elektroauto fährt, kann In mehreren hundert Aktenordnern, wurde inzwischen zurückbezahlt, Porschedas gern tun. Daraus die Berechtigung ab- welche die Staatsanwaltschaft beschlag- macht weiterhin Geschäfte mit der franzö-zuleiten, man dürfe anderen Leuten eine nahmte, fand sich auch ein Schreiben der sischen Bank. Doch zu den juristischen Be-Lektion in ökologisch korrekter Lebens- französischen Großbank BNP Paribas sonderheiten des Kreditbetrugs zählt, dassführung erteilen, ist indes nicht angebracht. vom 19. März 2009. Darin fragte das Insti- er auch dann strafbar ist, wenn einer BankDie Dinge sind manchmal komplizierter, tut an, ob verschiedene Informationen zur gar kein Schaden entstanden ist.als sie auf den ersten Blick zu sein scheinen. wirtschaftlichen Lage von Porsche korrekt DIETMAR HAWRANEK64 D E R S P I E G E L 1 1 / 2 0 1 2
  • WirtschaftSchlecker-Beschäftigte Soldo, Übler, Weidinger: „Wir haben Anton Schlecker besiegt, theoretisch – es wäre fatal, wenn es sich nicht gelohnt Frauen wie Gunde Weidinger, Tanja HANDEL Übler und Adrijana Soldo. Miss Management Schikane als Methode Eigentlich hat sie immer gern bei Schle- cker gearbeitet, obwohl es Jahre gegeben Zumindest in einem war der Drogerie-Konzern Schlecker seiner hat, in denen Gunde Weidinger mit 17 Zeit voraus: Er beschäftigte überwiegend Frauen. Tausende Abmahnungen überzogen wurde. Wegen Kleinigkeiten: weil sie den „aktiven Ver-bangen jetzt um ihren Job. Drei Schlecker-Frauen – drei Perspektiven. kauf“ unterlassen habe, es also versäumt habe, einen Kunden auf das neue Home-W enn die Rettung des Drogerie- Und obwohl es um insgesamt 30 000 shopping hinzuweisen und ihm den da- Riesen Schlecker etwas mit öf- Jobs geht, bleibt es erstaunlich still im zugehörigen Prospekt in die Hand zu drü- fentlichen Beileidsbezeugungen Land. Kein Wort ist von der Kanzlerin zu cken. Weil sie sich mal bei einer Kolleginzu tun hat, kann Anton Schlecker, 67, sein hören, auch von den zuständigen Minis- krankmeldete, mit der Bitte, es der Vor-Imperium seit vergangenem Donnerstag terien kommt kaum Unterstützung. Selbst gesetzten zu übermitteln, statt es der di-endgültig vergessen. Zur Solidaritäts- der für Ehingen zuständige Ver.di-Mit- rekt zu sagen. Oder weil ihr ein Testkäu-kundgebung in der Ehinger Innenstadt, arbeiter hatte keine Zeit für die Schlecker- fer – und jetzt wird die 46-jährige Filial-dem Schlecker-Sitz, erschienen nur 20, Frauen, er musste woanders einen neuen leiterin wirklich wütend – ein Produktvielleicht 30 Frauen. Betriebsrat beraten. mit abgelaufenem Haltbarkeitsdatum ins 300 Unterschriften für den Erhalt ihrer Liegt das Desinteresse daran, dass An- Sortiment gestellt habe. Minuten späterArbeitsplätze hatten sie am Ende des Ta- ton Schlecker nicht eben zum Sympathie- habe der Vorgesetzte ebenjenes Produktges gesammelt. Und das, obwohl der Pa- träger unter Deutschlands Unternehmern aus dem Regal gezogen und es ihr vorge-triarch nicht nur in Ehingen aufgewach- taugt? Dass die schmuddeligen Filialen halten. Ob sie nicht regelmäßig ihre Re-sen ist, sondern von der schwäbischen auch bei den Kunden zum Schluss kaum gale prüfe? Abmahnung!Kleinstadt aus auch sein Imperium be- noch Anklang fanden? Oder weil fast nur Gunde Weidinger arbeitet seit knappgründete – bis er vor wenigen Wochen Frauen betroffen sind, wie Gesamtbe- 16 Jahren bei Schlecker im fränkischenInsolvenz anmelden musste. triebsratschefin Christel Hoffmann mut- Zirndorf. Sie hat das andauernde Miss- Von den rund 6000 Filialen des Schle- maßt? trauen gegenüber den Mitarbeitern ertra-cker-Imperiums sollen höchstens 3000 üb- Jedenfalls sind es viele Frauen, und sie gen, die Gängeleien, die Geringschätzungrig bleiben, hat Insolvenzverwalter Arndt haben über Jahre hinweg für wenig Geld der Vorgesetzten. „Sie werden nicht fürsGeiwitz angekündigt. Fast jeder zweite gearbeitet und Druck und Schikanen aus- Denken bezahlt, sondern fürs Arbeiten“,Mitarbeiter in Deutschland wird seinen gehalten, weil sie auf den Job angewiesen hieß es, sobald sie einen Vorschlag vor-Arbeitsplatz verlieren. Mitte dieser Wo- sind. Es sind Frauen, die das System mit- trug. Etwa, welche Artikel man vor demche soll bekanntgegeben werden, welche getragen, die daran geglaubt haben. Aber Geschäft präsentieren könne. Oder denStandorte es trifft, wer gehen muss. auch solche, die sich aufgelehnt haben. Wunsch, die Filiale mit mehr als einer66 D E R S P I E G E L 1 1 / 2 0 1 2
  • Dass die Pleite durch Inkompetenz in ne wieder zurück. Doch das Image war der Führung verursacht worden sei, wie irreparabel beschädigt. „Spätestens da Insolvenzverwalter Geiwitz mehr als hätte sich Anton Schlecker öffentlich hin- deutlich sagte, kann Übler nicht erken- stellen und seinen Fehler eingestehen nen. Wie auch, Tanja Übler war schließ- müssen“, sagt Tanja Übler. „Diese vier lich Miss Management, nicht Missmanage- Wochen haben 20 Jahre Arbeit ruiniert.“ ment. Für sie ist noch heute vieles selbstver- ständlich, was bei anderen Kopfschütteln Rebellion und Konflikte auslöst. Etwa, dass in jeder Filiale ein Bild Dass Schlecker heute flächendeckend ei- des Chefs hängen sollte. „Die Mitarbeiter nen Tariflohn zahlt, ist auch ihr Verdienst. müssen ihn doch kennen, wenn er Adrijana Soldo, 40, ist Betriebsratsvorsit- kommt“, sagt sie. zende von Schlecker in Oberasbach. Im Ihrer Meinung nach hat die Pleite einen Mai 2010 bekam sie für ihren „langjähri- anderen Grund: unsauberer Wettbewerb. gen, engagierten Einsatz“ vom bayeri- „Schlecker ist die einzige Drogerie-Kette, schen Erzbischof Ludwig Schick den Preis die Tariflöhne bezahlt hat“, sagt Tanja „Arbeiter für Gerechtigkeit“. Es war ein Übler. 25 bis 30 Prozent des Umsatzes Preis für ihren „Kampf gegen das Patriar- seien für Löhne draufgegangen – und das, chat des Anton Schlecker“, wie Soldo sagt. wo manche Filialen nur Umsätze von „Wir haben Sozialgeschichte geschrie- 12 000 bis 15 000 Euro im Monat machten. ben“, glaubt sie. Noch nie habe eine Be- FOTOS: PETER ROGGENTHIN / DER SPIEGEL Dieser Kostenblock habe das Unterneh- legschaft, die fast ausschließlich aus Frau- men irgendwann erdrückt. Andere Kon- en besteht, eine derartige Bewegung in kurrenten, „die sich jetzt als Retter insze- Gang gesetzt. 1994 gründete Soldo einen nieren“, würden dagegen überwiegend der ersten Betriebsräte bei Schlecker 400-Euro-Kräfte beschäftigen, selbst eine überhaupt. Damals noch gegen erbitter- Vollzeitkraft verdiene kaum mehr als ten Widerstand: Schlecker verweigerte 1300 Euro im Monat – brutto. die Kostenübernahme für Betriebsrats- Nur einen Fehler sieht die Schlecker- seminare, zog die Zeit vom Gehalt ab. Managerin: die geplante Einführung von Betriebsvereinbarungen mussten häufighätte“ Zeitarbeit in den neugegründeten Schle- per Schlichterspruch von Arbeitsgerich- cker-XL-Filialen vor knapp drei Jahren. ten erzwungen werden. Anfangs ging es Person zu besetzen. Denn dann wäre viel- Mit diesen Geschäften, die als eigenstän- darum, überhaupt ein Telefon für jede Fi- leicht auch der 26. Oktober 1998 anders dige GmbH gegründet wurden, um alte liale durchzusetzen, damit die Mitarbei- verlaufen. Tarifverträge auszuhebeln, wollte man terinnen im Notfall erreichbar wären. Gunde Weidinger hatte Frühdienst und Geld sparen. Die Verkäuferinnen, die aus Später ging es um die Bezahlung. Dann nahm ab fünf Uhr morgens die Waren den alten Läden in die neuen übernom- um den Einsatz von Leiharbeiterinnen. entgegen. Um 13 Uhr wurde sie von ihrer men wurden, sollten zum Teil ein halbier- Was Anton Schlecker angeordnet hat, Kollegin abgelöst. Um 16 Uhr kam der tes Gehalt akzeptieren, mussten statt 37,5 sei blind umgesetzt worden, ohne Diskus- Anruf, ihre Filiale sei überfallen worden, Stunden nun 42 Stunden arbeiten, beka- sion, selbst wenn es möglicherweise ge- sie möge bitte wiederkommen, die Kolle- men eine Woche weniger Urlaub und we- gen Gesetze verstieß, sagt die zweifache gin könne nicht weiterarbeiten, weil sie der Weihnachts- noch Urlaubsgeld mehr. Mutter. Dabei hatte sie als Handelsfach- mit einem Messer bedroht worden sei. Ein Vorgehen, das Tanja Übler unter wirtin durchaus Ahnung von der Materie. „Das wäre sicher nicht passiert, wenn wir wirtschaftlichen Gesichtspunkten nach- Sie ahnte, dass sich in diesem Betrieb et- zu zweit in der Filiale gewesen wären.“ vollziehen konnte – im Gegensatz zu vie- was ändern musste. Ausgehalten hat sie all das, weil sie ihre len Mitarbeitern und der Öffentlichkeit. „Schlecker hat unsere Betriebsrats- Kunden hatte, die auch noch zu ihr ge- Doch als im Dezember 2009 auch noch arbeit nie als Mehrwert im Unternehmen halten haben, als Schlecker wegen seiner bekanntwurde, dass mehr als zwei Drittel akzeptiert“, sagt Soldo. „Es ging immer Personalpolitik in die Schlagzeilen geriet. der Beschäftigten der Schlecker XL nur darum, wer mehr Macht hat, wer die Doch auch hier bröckelt die Solidarität: GmbH als Leiharbeitskräfte von einer Konfrontationen länger durchhält, wer Das Mitleid schlägt neuerdings in Häme Firma namens Meniar Personalservice die Taktik des Mobbings und Mürbema- um. Häufig würden sie und ihre Kollegin- GmbH rekrutiert wurden, schlugen die chens geschickter anwendet. Um Inhalte nen gefragt, wann endlich Schluss sei und Wogen hoch. Denn der Gründer und Ge- ging es nie.“ Anton Schlecker, so scheint wann man mit den Schnäppchenpreisen schäftsführer von Meniar war zuvor aus- es, hat seine Beschäftigten immer als Geg- zum Ausverkauf rechnen könne. gerechnet Personalbereichsleiter in der ner begriffen. Schlecker-Firmenzentrale. Das habe sich vor etwa zwei Jahren Das Leiharbeitsunternehmen hatte sei- geändert, etwa seit die Schlecker-Kinder Imagekiller Zeitarbeit nen Sitz allerdings nach Zwickau verlegt, Lars und Meike unter dem Slogan „Fit Tanja Übler ist Schlecker. Die 34-Jährige um offenbar auch den Mitarbeiterinnen for Future“ die Wende einleiteten. Wenn ist Bezirksleiterin, sie exekutierte die Vor- in westdeutschen Filialen nur die niedri- Soldo von den letzten Monaten spricht, gaben, die sie vom Management in Ehin- geren Ostgehälter zahlen zu müssen: teil- sagt sie immer „seit der Wende“ – so wie gen erhielt. Wenn sie redet, ist viel von weise weniger als sieben Euro die Stunde. früher DDR-Bürger, die sich 1989 von der der „Umsetzung der Richtlinien“ die Die Gewerkschaft Ver.di kochte, die Kun- SED-Diktatur befreiten. „Wir waren wirk- Rede, von „rentablem Wareneinsatz“ den blieben fern, Bundesarbeitsministerin lich auf einem guten Weg“, sagt Soldo. und von „Filialen, die man im Griff ha- Ursula von der Leyen schaffte mit einem „Wir haben Anton Schlecker besiegt. ben“ muss. Tanja Übler hat das System Gesetz gegen Missbrauch von Leiharbeit Theoretisch. Es wäre fatal, wenn es sich verinnerlicht, schon ihre Mutter war jah- gar eine „Lex Schlecker“. nicht gelohnt hätte.“ relang Bezirksleiterin bei ihrem heutigen Derart unter Druck, nahm der Konzern SUSANNE AMANN, CATALINA SCHRÖDER, Arbeitgeber. kurze Zeit später, im Januar 2010, die Plä- JANKO TIETZ, FLORIAN ZERFASS D E R S P I E G E L 1 1 / 2 0 1 2 67
  • Wirtschaft Seit 25 Jahren verfolgt Cadd die Ben- zinpreise in seiner Heimat. Nach seiner Beobachtung ist Sprit aufgrund der Preis- bindung in Westaustralien im Schnitt zwei Cent teurer. Das System dort brem- se den Wettbewerb aus, er verliere an In- tensität, und das komme insbesondere den mächtigen Ölgesellschaften zugute. Dafür gibt es Hinweise. Als sich Austra- lien 2008 gegen eine Übertragung des Mo- dells auf das ganze Land entschied, wurde in einer Anhörung darauf verwiesen, dass die Ölkonzerne ausgerechnet in West- australien die größten Gewinnspannen verbuchten. Die kleinen Tankstellen da- gegen zögen den Kürzeren. Axel Graf Bülow, Hauptgeschäftsfüh- rer des Bundesverbandes Freier Tank- stellen, hat dafür eine Erklärung: Mit der Preisbindung verlieren die Stationen die MARC DOZIER / HEMIS.FR / LAIF Freiheit, sofort auf Vorgaben der Kon- kurrenz zu reagieren. Wer sich auf einen zu hohen Preis festgelegt habe, sei der Dumme – und zwar einen ganzen Tag lang. Die Branchenriesen könnten das locker durchstehen, nicht aber dieTankstelle in Australien: Höchstpreise in den Weiten des Landes Kleinen. Verbandsmann Bülow hält daher eine Esso und Co., die an der Zapfsäule zur- Preisbindung nach australischem Vorbild BENZIN zeit ein wildes Preis-Auf-und-Ab veran- für „ziemlichen Unfug“. Er fürchtet einen stalten, die Tour vermasseln, meint er. „Vernichtungspreiskampf“, der zu Lasten Achterbahn in Zuletzt schwankten die Preise bei den Marktführern in Deutschland um bis zu 14 Cent – innerhalb eines Tages. Selbst der unabhängigen Betreiber ginge. In Deutschland beherrschen die zwei Marktführer Aral und Shell fast die Hälfte Zeitlupe am Wochenende verteuern die Ölkon- zerne den Kraftstoff, vor kurzem war dies noch tabu. Solche Ausschläge empfänden des Geschäfts. Sie können es sich am ehesten leisten, ein bisschen teurer zu sein. Ihre Stationen sind meist günstiger Die Spritpreise an deutschen die Autofahrer als frustrierend, hatte das gelegen und bieten ein breiteres Sorti- Tankstellen schwanken Kartellamt bereits im vorigen Jahr in ei- ment, vom Brötchen bis zur Fachzeit-extrem. Das Bundeskartellamt rät ner Studie bemerkt und auf die Verläss- schrift. Viele ihrer Kunden sind Stamm- lichkeit des westaustralischen Modells gäste, denen es nicht allein darum geht, zu einem australischen verwiesen. Nun hat Mundt es erneut ins das billigste Benzin zu tanken. Modell. Doch was taugt das? Gespräch gebracht. Aber taugt das Sys- Diese starke Position spielt „Big Oil“ tem wirklich, um die Preise zu bändigen? aus, in Deutschland wie in Westaustralien.G opal, der freundliche Tankwart Die Verantwortlichen von FuelWatch Auch dort schrecken die Marktführer indischer Herkunft, hat nicht viel behaupten dies jedenfalls. Mehr als 20 nicht vor drastischen Aufschlägen zurück. Zeit. „Draußen wartet Kund- australische Cent betrage zuweilen die Von Mittwoch auf Donnerstag vergange-schaft“, sagt der junge Mann. Seine Sta- Differenz zwischen der billigsten und der ner Woche hat beispielsweise die Tank-tion in Roleystone, gut 30 Kilometer von teuersten Tankstelle im Bundesstaat, eine stelle von Caltex, einer der großen KettenPerth entfernt, gehört an diesem Tag mit Durchschnittsfamilie könne im Jahr gut des Landes, in Stratton bei Perth denumgerechnet 1,12 Euro pro Liter Benzin und gern 600 Dollar sparen – in der Theo- Preis um gleich 17 Cent hochgejazzt. Amzu den billigsten in ganz Westaustralien. rie zumindest. Freitag sank er wieder um 2 Cent.Und das ist kein Geheimnis. In der Praxis fällt dies freilich schwer. Rasant nach oben, dann langsam wie- Grund: Unter der Internetadresse Wer irgendwo in den Weiten der Pilbara- der zurück: Das Muster ist bekannt, inwww.fuelwatch.wa.gov.au können Auto- Wüste Benzin benötigt, hat keine große Westaustralien sind die Ausschläge alsofahrer herausfinden, welche der 556 Wahl und zahlt notgedrungen auch mindestens so intensiv wie hierzulande.Stationen im Bundesstaat den günstigsten Höchstpreise. Nicht nur deshalb hegen Es gibt nur einen Unterschied: Am an-Kraftstoff anbietet. Alle Tankstellen sind Fachleute Zweifel am Sinn des Modells. deren Ende der Welt bewegt sich dieverpflichtet, dem Handelsministerium Don Harding, ein australischer Öko- Spritpreis-Achterbahn gleichsam in Zeit-den Preis zu melden, den sie am nächsten nom, ist in einer Studie zu dem Schluss lupe.Tag verlangen werden. Dann müssen sie gekommen, dass das FuelWatch-System Mit dem australischen Modell hättensich 24 Stunden lang an die eigene Vorga- sogar zu eher höheren Preisen führt. Man die deutschen Autofahrer also kaum et-be halten, sonst droht ihnen ein Bußgeld. sollte es deshalb eher „FoolWatch“ nen- was gewonnen, im Gegenteil: Der Sprit Seit 2001 können die Westaustralier auf nen, lästert er: „Fool“ wie Narr. Auch würde möglicherweise noch teurer, diediese Weise in Ruhe die Spritpreise ver- Alan Cadd, Geschäftsführer der Markt- Preissprünge setzten sich fort. Kartell-gleichen. Das System hat es Andreas forschungsfirma Informed Sources, über- wächter Mundt aber hätte das GegenteilMundt, dem Präsidenten des Bonner Bun- zeugt das Modell keinesfalls. „Wenn es dessen bewirkt, was seine Aufgabe ist:deskartellamts, angetan. Mit solchen fes- so großartig ist, warum übernimmt es den Wettbewerb zu stärken.ten Tageskursen könnte man Aral, Shell, dann keiner?“ ALEXANDER JUNG68 D E R S P I E G E L 1 1 / 2 0 1 2
  • UNTERNEHMEN Spur nach IndonesienDer Ferrostaal-Konzern bemühte MARTIN WESTLAKE / ASIA IMAGES / CORBIS sich nach der Schmiergeldaffäreum ein sauberes Image. Nun rückt ausgerechnet ein Mann an die Spitze, gegen den ermittelt wird.S ollte sich je ein Fahnder den Spaß machen, Top-Ten-Listen aufzustel- len, mit den besten Ausreden oderden besten schauspielerischen Leistungen Indonesische Hauptstadt Jakarta: „Klar und direkt beteiligt“in der Geschichte der Kriminalistik, dannhätte Klaus Lesker einen Platz verdient. GmbH umgewandelt wird. Eine riskante man immerhin 600 000 Dollar erhalten hat-In der Kategorie „Bester Satz im Moment Personalie, denn die Essener Staatsan- te. Aber um diese kleine Sauerei geht esder Verhaftung“. waltschaft lässt mitteilen, sie stecke noch für die Ermittler eher am Rande. Sie inter- Von Lesker ist der Stoßseufzer überlie- tief in den Ermittlungen gegen Lesker. essieren sich mehr dafür, warum die Indo-fert: „Nicht schon wieder!“ Worum es geht, zeigt ein konzerninterner nesier plötzlich doch zahlten und wo die Klang das entsetzt? Genervt? Oder ein- Geheimbericht von 2011, in dem bisher restlichen 5,4 Millionen Dollar blieben.fach routiniert? Jedenfalls fiel der Satz, unbekannte Vorwürfe auftauchen. Auch Es gebe Hinweise, dass sich Ferrostaal-als Münchner Staatsanwälte am 24. März gegen Lesker. Angestellte die Beute mit indonesischen2010 in Leskers Vorstandsbüro bei der Es- Die Spur führt nach Indonesien: Im Regierungsmitgliedern geteilt hätten, heißtsener Ferrostaal AG einmarschierten. Jahr 1996 sollte Ferrostaal dort mit zwei es in dem Konzernbericht. Die hätten zu-Schon im Juli 2009 hatte der Manager un- anderen Firmen einen Windkanal für 152 vor dafür gesorgt, dass die Staatsfirma ihreangemeldeten Staatsbesuch bekommen, Millionen Dollar bauen. Das Geschäft zer- Blockade aufgab. Eine Tochter des frühe-auch damals wegen Korruptionsverdacht. schlug sich, doch dem Konsortium blieb ren Diktators Suharto soll den krummenUnd schon damals saß er kurz darauf ein ein Anspruch auf sechs Millionen Dollar, Deal eingefädelt haben. Und Lesker stehterstes Mal in U-Haft; später wurde das für die eine indonesische Staatsfirma ge- im Verdacht, das alles gedeckt zu haben.Verfahren eingestellt, Lesker zahlte eine radestehen sollte. Die aber stellte sich „Das für Indonesien zuständige frühereGeldbuße von 240 000 Euro. taub. Jahrelang forderte das Konsortium Vorstandsmitglied“ – Lesker – war „klar Bis heute laufen zwei Ermittlungsver- das Geld, jahrelang rührte sich nichts. und direkt daran beteiligt“, stellten diefahren gegen ihn, eines in München, eines 2006 ging dann alles plötzlich ganz Konzernermittler fest. Dafür spreche: Les-in Essen. Umso überraschender, dass nun schnell. Im Oktober verkaufte die Toch- ker habe einen Repräsentanten der Brief-ausgerechnet „Nicht schon wieder“-Les- tergesellschaft Ferrostaal Singapur die kastenfirma schon seit Jahren gekannt,ker an die Spitze des Anlagenbauers mit scheinbar aussichtslose Forderung. Sie habe sich außerdem über den Fortschrittmehr als 4000 Mitarbeitern rückt. Schließ- landete für nur zehn Prozent ihres Wer- der Verhandlungen und die Zahlungenlich kämpft das Unternehmen schon seit tes, rund 600 000 Dollar, bei einer Brief- auf dem Laufenden halten lassen.fast zwei Jahren mit den Folgen einer ge- kastenfirma, die erst einen Monat zuvor Unterdessen ermittelt München weiterwaltigen Korruptionsaffäre. gegründet worden war. Schon im Dezem- wegen „Bestechung im geschäftlichen Mit dem Aufbau einer riesigen Anti- ber zahlten die Indonesier an diese Adres- Verkehr“. Der Manager soll noch vonKorruptionsabteilung sollte seitdem der se die erste Hälfte der Außenstände, den mehr dubiosen Zahlungen gewusst haben.ramponierte Ruf wieder aufgebessert wer- Rest gab es ein Jahr später. „Ich habe mir nichts vorzuwerfen“, sagtden. Und erst kürzlich hat sich der Kon- Gegenüber ihren Konsortialpartnern dagegen Lesker und zeigt sich überzeugt:zern mit der federführenden Staatsan- verschwieg die Ferrostaal-Führung, dass „Zu dieser Ansicht wird auch die Staats-waltschaft München geeinigt, für anwaltschaft kommen.“ Und diealte Sünden 140 Millionen Euro MPC, neue Herrin im Haus Ferro-Geldbuße zu zahlen. staal, stellt ihm das dazu passende Vergangene Woche übernahm Leumundszeugnis aus: „Wir ken-der Hamburger Investor MPC In- nen Dr. Lesker seit vielen Jahren,dustries die Ferrostaal. Damit in denen wir uns von seiner inte-kommt auch ein alter Bekannter gren Persönlichkeit überzeugenzurück, Lesker, der nach der letz- konnten“, beteuert MPC-Gesell-ten Verhaftung seinen Posten in schafter John Benjamin Schroeder, FRANZISKA KRUG / ACTION PRESSEssen auf Druck des Aufsichtsrats der sich künftig die Ferrostaal-Füh-räumen musste – und anschließend rung mit ihm teilt. Die laufendenbei MPC angeheuert hatte. Er wird Ermittlungen würden sicher baldeiner der beiden führenden Vor- eingestellt.stände der Ferrostaal, die in eine Diesen Optimismus teilt bislang allerdings weder die Staatsanwalt-* Mit den MPC-Gesellschaftern Axel und John schaft Essen noch die in München.Benjamin Schroeder im Juli 2008. Beschuldigter Lesker (l.)*: „Integre Persönlichkeit“ JÜRGEN DAHLKAMP, JÖRG SCHMITT D E R S P I E G E L 1 1 / 2 0 1 2 69
  • Wirtschaft meinsam mit seinem Finanzminister einen Anspruch zu erfahren, welche Risi- BANKEN Evangelos Venizelos ausgehandelt hat. ken noch auf die Steuerzahler zukom- Knapp neun Milliarden Euro verlieren men“, sagt Gerhard Schick, Finanzexperte Schmerzhafter die Steuerzahler als Eigner der FMSW der Grünen im parlamentarischen Kon- bei dem schmerzhaften Schnitt. trollausschuss für den Soffin. SPD-Finanz- Damit sind zugleich alle Rechnungen experte Carsten Schneider will in diesem Schnitt hinfällig, die in der Berliner Regierung Monat den neuen Abwicklungsplan sehen. und bei ihrem Bankenrettungsfonds Sof- „Das Versteckspiel muss aufhören.“ fin aufgestellt wurden, nachdem sie die Die Opposition wirft der Regierung vor, HRE 2008 vor dem Kollaps bewahrt und die Bankenverluste außerhalb des Haus- Die Abwicklung der Hypo später aufgespalten hatten. halts zu verstecken. „Wir müssen aufpas- Real Estate wird viel teurer als Die FMSW sollte ihren Wertpapierbe- sen, dass der Bankenrettungsfonds nicht gedacht. In Berlin wachsen stand in Höhe von 176 Milliarden Euro mit zu einem großen Schattenhaushalt wird, die Zweifel, ob die Skandalbank nur 3,9Hoffnung schwindet jetzt ebenso in dem über Griechenland-Umschuldung Diese Milliarden Euro Verlust abbauen. die aus der Jahre Milliardendefizite wie privatisiert werden kann. wie der Traum, die Pfandbriefbank in ab- versteckt werden“, kritisiert Schick. sehbarer Zeit privatisieren zu können. Die üblen Aussichten für die Bad Bank D ie Designer-Villa in der Nobelsied- Bankenexperten halten mittlerweile bei- ließen sich besser ertragen, wenn die lung Son Vida auf der spanischen des für ausgeschlossen. Aus der Bad Bank Schwester HRE privatisiert werden könn- Ferieninsel Mallorca lockt mit kommen düstere Zahlen. te, wie es die Regierung anstrebt. Zwar 3000 Quadratmeter Wohnfläche, acht Nach drei Milliarden Euro Verlust 2010 präsentierte HRE-Chefin Manuela Better Schlafzimmern und ebenso vielen Bädern. werden nach dem Griechenland-Ausfall Anfang März für 2011 einen kleinen Ge- Kaufpreis: 29 Millionen Euro. Anbieter: für 2011 wohl rund zehn Milliarden Euro winn und zeigte sich überzeugt, dass sich Georg Funke, 56, neuerdings Immobilien- Miese anfallen. Gerade haben die FMSW- die Bank verkaufen lässt. Aber Daniel makler. In Deutschland ist er aber weitaus Manager eine neue Analyse ausgearbei- Zimmer von der Universität Bonn, der besser bekannt als Ex-Chef der Skandal- tet, die allein bis 2020 weitere rund zehn schon vor einem Jahr in einem Gutachten bank Hypo Real Estate (HRE). Milliarden Euro Verlust ausweist, wie es einen Verkauf skeptisch beurteilt hatte, Klotz am Bein Verluste der FMS Wertmanagement Die Bad Bank FMSW ist aus der Hypo Real Estate hervorgegangen. Der Banken- rettungsfonds Soffin (und damit der Bund) muss ihre Verluste ausgleichen. Verlust 2010 3 Mrd. € 1. Halbjahr 2011 690 Mio. €YVES HERMAN / REUTERS Verlust durch Schulden- schnitt Griechenlands 8,9 Mrd. € weiterer Verlust bis 2020 laut Abwicklungsplan 10 Mrd. € Griechische Regierungsmitglieder Venizelos, Papademos: Deutsche Steuerzahler verlieren knapp neun Milliarden Euro Während Funke mit seiner neuen Fir- in Berlin heißt. Bad Bank und Soffin wol- hält eine erfolgreiche Privatisierung der ma A1 Villas Mallorca teure Immobilien len sich dazu nicht äußern. HRE zwar grundsätzlich für wünschens- verhökert, gewährten die Nachlassverwal- Verabschiedet ist der sogenannte Ab- wert. „Doch die Chancen auf einen Erfolg ter der HRE zu Hause gerade wieder ei- wicklungsplan noch nicht. Doch immer- sind nach wie vor gering.“ nen kleinen Einblick in die rauchenden hin hat sich das Management mit dem Die Oppositionspolitiker Schneider Ruinen des Geldhauses. Das Institut hatte Soffin, formal Eigentümer der FMSW, und Schick fordern die Regierung deshalb sich einst im Übermaß mit Ramschpapie- nach monatelangem Gehakel geeinigt. unverhohlen auf, den Verkauf aufzuge- ren vom US-Immobilienmarkt und Staats- Die Regierung will allerdings das wahre ben. Und auch in der Regierung wachsen anleihen europäischer Schuldenländer Ausmaß des Desasters lieber so lange wie offenbar die Zweifel an den Plänen. „Wir eingedeckt. möglich unter der Decke halten. sollten das knallhart ökonomisch ent- Mittlerweile wurde das Unternehmen Den ersten – viel zu optimistischen – scheiden: Kommt uns der weitere Betrieb aufgespalten: Die eine, die „gute“ Hälfte, Abwicklungsplan veröffentlichte der oder eine Abwicklung günstiger?“, sagt soll als Deutsche Pfandbriefbank neue Bund bis heute nicht. Der neue Plan gilt FDP-Finanzexperte Florian Toncar. Geschäfte finanzieren und bis 2015 priva- als ambitioniert, aber wenigstens mach- So viel Realitätssinn ist bei Georg Fun- tisiert werden. Die andere ist quasi die bar. Bis alle Altlasten abgewickelt sind, ke auf Mallorca noch nicht eingekehrt. Giftmülldeponie geworden. Sie heißt dürften allerdings Jahrzehnte vergehen. Er habe eine gesunde Bank hinterlassen, FMS Wertmanagement (FMSW) und ist Und im Umfeld der Bad Bank gilt es als ließ er neulich die „Mallorca Zeitung“ eine Bad Bank. Sie muss sich auch an wahrscheinlich, dass auch nach 2020 noch wissen. Erst die Politik habe die HRE mit dem Schuldenverzicht privater Griechen- viele Milliarden Verlust entstehen. ihrem Gerede von einer Zerschlagung in land-Gläubiger beteiligen, den Athens Deshalb wächst der Druck, die Gefah- die Schieflage gebracht. Premierminister Loukas Papademos ge- ren offenzulegen. „Das Parlament hat SVEN BÖLL, MARTIN HESSE 72 D E R S P I E G E L 1 1 / 2 0 1 2
  • Serie SERIE REICHE (III) Ver.di und IG Metall fordern in den globale Top-Ten-Liste des US-Magazins „Forbes“ – mit aktuellen Tarifstreits ein Plus von 6,5 Prozent. Die einem geschätzten Vermögen von 19,2 Milliarden Arbeitgeber sind entsetzt. Zugleich wuchsen die Die Euro. Was von alldem ist gerecht? Und wie erlebt die Gagen von Managern in den vergangenen Jahren Reichen finanzielle Elite der Republik die kapitalismuskriti- teils exorbitant. Und als reichster Deutscher rutsch- schen Debatten? Nach der Kaste der schrillen Reichen te Aldi-Gründer Karl Albrecht jüngst wieder in die (Station 1 bis 3) geht es nun um die eher stillen. Die 1-Prozent-Partei Drei erfolgreiche Endvierziger erzählen von ihrem Verhältnis zum Geld.MIKE WOLFF / PICTURE-ALLIANCE / DPA Neubauten im Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg: Der Club der Besserverdiener hat mehr Mitglieder als die FDP – ist aber unauffälliger 74 D E R S P I E G E L 1 1 / 2 0 1 2
  • Station 4 Reiche wider Willen wird – ob man will oder nicht. Das Gros bereitet. Ihre jüngere Schwester soll im der Leute in Volker Webers Gehaltsregion Sommer in die erste Klasse kommen.Willkommen in der Unterschicht der Ober- will eher nicht. Die 1-Prozent-Partei empfindet dasschicht! Hier werden Häuschen abbezahlt Weber ist Finanzchef einer kleinen Ber- nicht als Abschottung, sondern als Sicher-und die Kinder auf Privatschulen geschickt. liner Firma, die anderen Jungunterneh- heitsmaßnahme. Sie will dem Staat nichtWohlhabend sind immer die anderen. mern auf die Beine hilft. Er kommt sogar zur Last fallen, hat aber auch den Glauben auf ein Gehalt von 142 000 Euro pro Jahr. an großes Verständnis oder gar Unterstüt-Wenn Volker Weber im Bio-Supermarkt Aber das Reichen-Gerede hat er wirklich zung verloren – zumindest wenn es umdie Einkaufsliste seiner Frau abarbeitet, satt, nicht nur weil fast die Hälfte seines Steuer- oder Bildungsfragen geht. Auchmuss er sich nicht über jeden Cent Ge- Gehalts für Steuern und Sozialabgaben Webers Kinder aus erster Ehe können sichdanken machen. Manchmal leistet er sich draufgeht. auf Papa verlassen: Die 22-jährige Tochteram Wochenende auch eine unter Emis- Die obersten zehn Prozent der hiesi- studiert Betriebswirtschaft in Stendal undsionsgesichtspunkten fragwürdige Mon- gen Bevölkerung liefern rund zwei Drit- war vorher auf der Internatsschule Päd-tecristo für 20 Euro, weil ihm die Zigarren tel des Steueraufkommens, die untere agogium in Bad Sachsa (Kosten 1500 Euroeinfach schmecken. Hälfte quasi nichts. „Im Wahlkampf pro Monat). Ihr älterer Bruder ist mit dem Der Kredit für seine 230-Quadratmeter- musste ich mir dennoch oft Anfeindun- Studium fertig, wird aber auch noch un-Doppelhaushälfte in Berlin-Steglitz wird gen anhören in der Art: Die Besserver- terstützt, „wenn er Hilfe braucht“.pünktlich bedient. Aber es nervt ihn doch dienenden hätten einfach keine Ahnung Volker Webers 34-jährige Frau hat ge-enorm, wenn man ihn deshalb schon für davon, wie man über die Runden rade erst ihr zweites juristisches Staats-Oberklasse hält. kommt“, sagt Weber. examen abgelegt. Er muss die Familie al- Reich? Wer? Ich? „Mir geht es nichtschlecht“, sagt der 49-Jährige. „Ich habeein schönes Einkommen und kann mirdas eine oder andere leisten. Aber wir le-ben nicht im Überfluss. Ich bin wirklichalles andere als reich.“ Emotional betrachtet hat Volker Weberrecht. Sozialpsychologen können wunder-bar erklären, dass die eigene Reichtums-Definition nach oben angepasst wird, jehöher man selbst steigt. Rein finanziellallerdings sollte er sich mit seinem Wohl-stand abfinden. Ab einem Jahreseinkom-men von 120 000 Euro brutto gehört manin Deutschland mittlerweile zum obersteneinen Prozent der Bevölkerung. Von wegen „Wir sind die 99 Prozent!“,wie es die Occupy-Bewegung skandiert.Volker Weber ist Teil der 1-Prozent-Par-tei. Die hat deutlich mehr Mitglieder als MAURICE WEISS / DER SPIEGELjene FDP, deren Vize-Landesvorsitzenderer in Thüringen mal war. Und die rund450 000 Mitglieder der 1-Prozent-Parteider Besserverdiener sind mächtig, wennauch völlig verhaltensunauffällig. Alsodas Gegenteil der FDP. Es ist die Liga der niedergelassenen Finanzmanager Weber mit Familie: „Wir leben nicht im Überfluss“Ärzte und IT-Chefs, der gutausgebildetenIngenieure, Unternehmensberater und Ju- Er hat durchaus Träume, für deren Er- lein ernähren. Für ihn bleibt allenfallsristen. Journalisten bei „Zeit“ und „Bild“, füllung ihm schlicht das Geld fehlt. Ein noch die Zigarre zwischendurch. Manch-„Stern“ oder SPIEGEL gehören ebenso Urlaub in Asien oder Lateinamerika zum mal, wenn er mit seiner Familie in derdazu wie erfolgreiche Vertriebsleiter oder Beispiel sei „einfach nicht drin“. Und Mercedes-B-Klasse durch Berlin zuckelt,Fluglotsen. Es ist die Klasse jener Hoff- wenn seine beiden kleinen Töchter in die sagt er deshalb an einer Kreuzung:nungs- bis Leistungsträger, die das Busi- Pferdeshow „Apassionata“ gehen wollen, „Schaut mal, Mädels, da fährt mein Por-ness erledigen und doch meist noch Eco- fängt selbst er an zu rechnen, denn da sche vorbei.“nomy fliegen müssen. braucht seine vierköpfige Familie für Kar- Es ist nur Spaß. Er will sich nicht be- Sie leben in einer Welt, in der man den ten und ein bisschen Verpflegung gleich klagen. Er will aber auch keine VorwürfeBMW X3 oder Audi-Kombi vor dem ein paar hundert Euro. mehr hören, dass es ihm zu gut gehe.Townhouse in Berlin stehen hat, vor der Volker Weber setzt Prioritäten, die für Reich? Reich sind wirklich andere.Altbauwohnung rund um die Hamburger Mitglieder der 1-Prozent-Partei typischAlster oder der Doppelgarage des länd- sind: Er investiert in Bildung. Die Bildung Station 5 Die Top-Angestelltenlichen Einfamilienhauses. Meist ärgert seiner eigenen Kinder, die es mal besserman sich noch über einen Chef, während haben sollen. Noch besser als er, obwohl Sie bekommen Millionen, verlieren aberdie Putzfrau einen schon selbst als Chef er auch da weniger Mittel hat als echte allenfalls den Job, wenn was schiefgeht: Top-betrachtet. Reiche. Manager sind Superstars geworden – mit Ab einem Bruttojahresgehalt von rund Seine siebenjährige Tochter besucht die allen Licht- und Schattenseiten des Ruhms.120 000 Euro gehört man dazu, zur Un- zweite Klasse einer Berliner Privatschule,terschicht der Oberschicht. Es markiert die mit zweisprachigem Unterricht auf Für eine ordentliche Runde Kapitalismus-die Grenze, ab der man Clubmitglied die Tücken einer globalisierten Welt vor- kritik muss René Obermann, Chef der D E R S P I E G E L 1 1 / 2 0 1 2 75
  • Serie WOLFGANG WILDE / ROBA PRESS (L.); FOCKE STRANGMANN / DAPD (R.)Telekom-Chef Obermann*, Teilnehmer des Eiswettfestes in Bremen: „Natürlich gibt es Fehlentwicklungen“Deutschen Telekom AG, nicht lange su- Siemens-Boss Peter Löscher und Josef nanzkapitalismus und Aktienkultur. Daschen. Er hat Volkes Stimme quasi ge- Ackermann von der Deutschen Bank (je Credo dieser Ära: Manager, die am Erfolgheiratet. 8,8 Millionen Euro). Aber es gibt allein ihrer Unternehmen beteiligt werden, sind Einst saß er in Maybrit Illners ZDF- bei dem Geldinstitut noch einige im In- fleißiger. Es gibt inzwischen genug Bei-Talkshow. So lernten die beiden sich ken- vestmentbanking, die dank hoher Boni spiele, die diese These widerlegt haben.nen. Und weil Oskar Lafontaine an jenem mehr verdienen. Ganz unten in der Liste Das Geld macht die klügsten Leute jaAbend nicht wirklich gut war, übernahm hängt Martin Blessing, weil der Bund sei- nicht klüger, manchmal macht es sie nurIllner die Linken-Rolle gleich mit. Auch ne Commerzbank retten musste und des- gieriger.gegen Obermann, der eigentlich ein Be- halb sein Gehalt gedeckelt hat. Es lag bei Kreativ sind viele immerhin bei den Ar-leg dafür ist, dass es eine gesellschaftliche nur 617 000 Euro. gumenten für ihre Bezahlung, zum Bei-Durchlässigkeit von unten nach oben Man hätte gern mit Blessing darüber spiel sagen sie gern: Man müsse im globa-noch gibt. Drei Jahre später haben sich geredet. Aber er wollte über Reichtum len Vergleich bezahlt werden, der weltwei-der Manager und die Moderatorin das Ja- und Vermögensverteilung nicht sprechen. te Personalmarkt dirigiere die Preise.wort gegeben. So wenig wie Nikolaus von Bomhard von Warum eigentlich? So groß ist der Be- Sie entstammt dem Osten, er „einfa- Munich Re, einem der größten Rück- darf britischer oder amerikanischer Kon-chen Verhältnissen“ im Westen: frühe versicherer der Welt. Ein tolles Thema, zerne an deutschen Managern auch wie-Scheidung der Eltern, Tod des Vaters, auf- aber … Alexander Dibelius, Deutschland- der nicht. Oder – weiteres Argument:gewachsen bei den Krefelder Großeltern Chef der Investmentbank Goldman Mein Gehalt legt doch der Aufsichtsratim sozialen Wohnungsbau, Abi mit zu Sachs, ließ seine Sprecherin gleichfalls fest. Das stimmt, wobei in den Kontroll-schlechtem Schnitt, als dass er den Traum abwinken. Und auch der Chef der Axel gremien natürlich auch viele Ex-Managervom Medizinstudium hätte wahrmachen Springer AG, Mathias Döpfner, der eine des eigenen Konzerns oder Top-Leute an-können, Bundeswehr, Ausbildung zum hohe Millionengage erreichen dürfte, derer Unternehmen sitzen.Industriekaufmann bei BMW. Dann mochte nicht über Geld sprechen. Schade, Manche empfinden zumindest einenVolkswirtschaftsstudium, das er erst mit denn Döpfners Boulevardblätter sind Teil ihrer Gage auch einfach als Schmer-einem kleinen Telefonhandels- und Tech- mit Die-da-oben-zocken-uns-nur-ab-Ru- zensgeld: Aufsichtsräte, Aktionäre, Ana-nikbetrieb finanziert und dafür bald sau- fen sonst nicht allzu zögerlich. lysten, Verbände, Medien, Politik, Ge-sen lässt, weil die Firma schnell wächst. An keinem anderen Punkt dieser Reise werkschaften, Konkurrenten und deren Als Telekom-Chef führt der 49-Jährige in die Welt des deutschen Wohlstands gin- PR-Berater – sie alle sind heute potentiel-heute knapp eine Viertelmillion Beschäf- gen so viele Türen zu wie bei den Top- le Gegner von Managern.tigte. Der Geschäftsbericht listet seine Be- Managern der Republik. Aber man muss Bei der Telekom ist das besonders hef-züge akribisch auf: 3,26 Millionen Euro sie vielleicht verstehen: Wer zu marktkri- tig, weil der Bund dort Großaktionär istwaren es 2011. Unteres Mittelfeld im tisch auftritt, wird von den anderen Alpha- und der Konzern folglich immer für ir-Olymp der Vorstandsvorsitzenden jener tieren schnell als Schleimer und Populist gendetwas als Symbol herhalten muss:30 Konzerne, die den Deutschen Aktien- belächelt. Wer alle Exzesse verteidigt, ist von Modernität bis sozialer Kälte.index Dax bilden. beim Volk unten durch, was noch schlim- Es ist Samstagabend, René Obermann Ganz oben rangierten schon 2010 VW- mer ist. Denn sie alle spüren heute ge- steht in Freizeitklamotten in einem voll-Chef Martin Winterkorn (9,3 Millionen), waltigen öffentlichen Druck. besetzten Mainzer Lokal und wird weder Dass Angestellte wie sie Millionen ver- beschimpft noch um ein Autogramm ge-* Am 10. Januar 2011 bei einer Präsentation in der Bon- dienen, ist ja noch keine jahrhundertealte beten. Er fällt auf angenehme Weise nichtner Telekom-Zentrale. Tradition, sondern Nebeneffekt von Fi- auf. Ein Tourist, dessen Tischreservierung76 D E R S P I E G E L 1 1 / 2 0 1 2
  • Dass der Aktienkurs nicht besser steht, ärgert uns natürlich auch, wenngleich sich ein Blick auf die gute Dividende und den starken Cash-flow lohnt, den wir erwirt- schaften. SPIEGEL: Sie haben 50 000 Mitarbeiter in eine Beschäftigungsgesellschaft ausgela- gert. Das bedeutete für viele mehr Arbeit zu schlechteren Konditionen. Obermann: Immerhin gehören diese 50 000 weiterhin zur Telekom, und das zu bes- seren Bedingungen als bei den meisten Wettbewerbern. Ich will unsere teils har- ten Maßnahmen nicht schönreden, aber das Unternehmen hat seither in einem schrumpfenden Markt an Wettbewerbs- fähigkeit deutlich zugelegt. SPIEGEL: In der Öffentlichkeit kommt in ähnlichen Fällen an: Manager, die Löhne kappen oder Leute rausschmeißen, wer- den mit Boni belohnt … Obermann: … was so pauschal nicht stimmt. Unser Aufsichtsrat zum Beispiel achtet – wie wir im Management auch – sehr genau darauf, dass wir sozialverant- wortlich handeln. Und er legt unsere Be- züge im Übrigen fest. SPIEGEL: Werden Telekom-Beschäftigte gut bezahlt?nicht geklappt hat. Seine Frau Maybrit schlagen haben als die meisten vergleich- Obermann: Ich denke schon. Aber nochIllner hilft gerade beim „heute journal“ baren Telekomfirmen in Europa. Wir ar- mal: Wir müssen wettbewerbsfähig sein.auf dem Lerchenberg aus. Er wartet auf beiten in einer Industrie, in der Preise ra- Und wissen Sie, was mich immer wiedersie und hat Zeit für eine neue Runde Ka- sant purzeln und Umsätze zurückgehen. nervt? Die, die am lautesten geschrienpitalismuskritik. Darauf müssen wir jeden Tag antworten, haben über unseren vermeintlichen So- Auch Obermann hat sich überlegt, ob mit Preisanpassungen, neuen Produkten, zialabbau, haben uns auf der anderen Sei-er sich den Fragen stellen soll. Es ist ein- ja, auch mit harten Kostensenkungen. te vorgeworfen, wir seien zu teuer – undfacher, über den missglückten Milliarden- deshalb Verträge gekündigt. Da ist vielverkauf seiner US-Mobilfunksparte zu Scheinheiligkeit im Spiel.sprechen als über Vermögensverteilung Wachsender Abstand SPIEGEL: Würden Sie persönlich eine hö-im Land. Dennoch wird es ein gutes Ge- Durchschnittliches verfügbares here Vermögensteuer akzeptieren?spräch, das sich am Ende auf typische Pro-Kopf-Einkommen pro Jahr Obermann: Ja, damit hätte ich kein Pro-Schlüsselfragen und -antworten reduzie- in Euro* blem, wenn das Geld zum Beispiel fürren lässt. Nirgends ist das Auseinander- eine Art Bildungs-Soli und für besseredriften von Arm und Reich ja so offen- Q der oberen 5 Prozent Chancen von Kindern und Jugendlichensichtlich wie bei den Manager-Gagen: IG Q der unteren 50 Prozent in sozial schwachen Familien genutztMetall und Ver.di fordern aktuell 6,5 Pro- würde. Es gibt in Deutschland immerzent höhere Löhne und Gehälter. Da grei- noch viel zu viel Kinderarmut. Allein infen die Top-Leute anders zu: Allein im Berlin leben über ein Drittel der KinderJahr 2010 haben sich Vorstandsbezüge in in Hartz-IV-Haushalten. Einen Steuer-Deutschland um 22 Prozent im Vergleich Freibrief würde ich der Politik aber nichtzum Jahr davor erhöht. ausstellen.SPIEGEL: Ist das fair, Herr Obermann? SPIEGEL: Wie erleben Sie generell die Po-Obermann: Natürlich gibt es da Fehlent- litik in der Verteilungsdebatte?wicklungen. Deshalb halte ich die Debat- Obermann: Die Kritik an Besserverdienernten über Angemessenheit, Maß und Mitte begann Mitte der neunziger Jahre mit Os-für gut und wichtig, weil sie das Verant- Quelle: DIW kar Lafontaine und dem Vorwurf, die Rei-wortungsbewusstsein aller Akteure schär- *Einkommen nach chen würden alle keine Steuern zahlen.fen. Aufgabe guter Unternehmensführung Steuern, Sozial- SPIEGEL: Da war ja auch etwas dran. beiträgen und Sozial-muss es aber zuallererst sein, so vernünf- transfers, in Preisen Obermann: Aber obwohl viele Steuer-tig zu wirtschaften, dass es der Firma gut- von 2005 schlupflöcher gestopft wurden, hat diegeht, und neben angemessenen Renditen Reichen-Debatte seither an Schärfe ge-auch gute Arbeitsplätze zu sichern. Das wonnen. Politik ist da sehr … wie sollhat doch hierzulande in den vergangenen man sagen …Jahren weitestgehend funktioniert. SPIEGEL: … populistisch?SPIEGEL: Sind Sie persönlich Ihr Geld Obermann: Populär. Sie schaut aus derwert? Der Kurs der Telekom ist in Ihrer Sicht der Normaleinkommen auf die Din-Ära abgerutscht … 12338 45048 12690 62197 ge. Auch Politiker sind ja in der RegelObermann: … wobei Sie fairerweise aner- nicht mit allzu großen Reichtümern ge-kennen müssen, dass wir uns besser ge- 1992 2010 segnet. Da ist die kritische Sicht verständ- D E R S P I E G E L 1 1 / 2 0 1 2 77
  • Serie SVEN SIMON (L.); MAURICE WEISS / DER SPIEGEL (R.)United-Internet-Yacht vor Kiel, Unternehmensgründer Dommermuth: „Boah, dachte ich, jetzt bist du wirklich reich“lich und legitim. Und sie wissen eben Station 6 Die neuen Reichen er dahin kam, wo er heute ist. Sein Presse-auch, was ankommt, selbst wenn ich die sprecher muss draußen bleiben.sozialen Ungleichgewichte in Deutsch- einer neuen Zeit Unternehmer war Dommermuth ei-land noch für vergleichsweise zivilisiert Was stellt man in Montabaur mit einer Mil- gentlich immer – schon in der Handels-halte. Schauen Sie sich die blutigen De- liarde an? Wie verschiebt sich die Ein- schule, als er es nebenbei mit einemmonstrationen in Griechenland oder stellung zum Geld – mit Geld? Und welche Streusalzhandel schaffen wollte. Dum-England an, die Jugendarbeitslosigkeit in Hobbys sind dann erlaubt? merweise stimmten damals weder ZeitSpanien oder das Elend in vielen Ge- noch Ort. Es war Sommer, und in Lim-genden und Bevölkerungsschichten der Ralph Dommermuth macht an diesem burg schneite es sogar im Winter fast nie,USA! Wintertag eine selbst für seine finanziel- so dass es dann doch noch eine WeileSPIEGEL: Wie legen Sie Ihr Geld an? len Verhältnisse unbezahlbare Erfahrung: dauerte mit dem Reichtum. Genauer ge-Obermann: Zum guten Teil in Immobilien Er wird über seinen Reichtum sprechen. sagt, bis er 31 war. Damals stiegen Risiko-und in Telekom-Aktien. Hat er noch nie gemacht. Er ist selbst ge- kapitalfirmen bei ihm ein, DommermuthSPIEGEL: Das ist nicht Ihr Ernst. spannt, wie sich das anfühlt. verkaufte einen Anteil und hatte auf ei-Obermann: Wieso? Das ist für mich bislang Der 48-Jährige aus Montabaur gibt ge- nen Schlag 14 Millionen Mark, die er ein-unterm Strich ein gutes Investment nerell selten Interviews, und wenn, dann fach in die Tasche stecken konnte.gewesen. Ich bin weder Spieler, noch geht es um sein Unternehmenpflege ich einen barocken Lebensstil. United Internet, zu demUnd überschätzen Sie mein Vermögen Marken wie web.de, 60,3 %bitte nicht! GMX und 1&1 gehö- trägt das Spät am Abend ist es wieder da, das ren. Aber heute will reichste ZehntelReich?-Ich?-Nee-Argument. Der Ange- er mal versuchen, der Steuerzahlerstellte Obermann fühlt sich nicht reich. etwas zu erklären,Aber es gibt doch Menschen, die ihr Ver- vielleicht auchmögen nicht mehr kleinreden können. sich selbst. Wie davon: 26,8 % das reichsteWer zahlt die HundertstelEinkommensteuer? 2,9 %Anteile am Gesamtaufkommen zahlt 12,5 %von rund 160 Mrd. €, 2005 das reichste die ärmere Hälfte TausendstelQuelle: DIW, FU Berlin der Steuerzahler78 D E R S P I E G E L 1 1 / 2 0 1 2
  • „Boah, dachte ich, jetzt bist du wirklichreich.“ In den sieben Jahren seit derGründung seiner Firma hatte er fast jedenSamstag und Sonntag gearbeitet und sichnur einmal Urlaub gegönnt – zwischenWeihnachten und Neujahr. Das sei die Klassenziel: Eliteandere Seite, die gern vergessen werde, Wie das Internat Louisenlund mit dem Geld vermögender Elternwenn über Erfolg gesprochen wird. versucht, eine ganz normale Schule zu sein Was machte er? Er arbeitete weiter. Es Imacht ihm immer noch Freude. Er tritt ngeborg Prinzessin zu Schleswig- die Elite von morgen werden. Luxusnicht groß auf, ist in keinem Verein aktiv Holstein gönnt sich bisweilen ei- geht dennoch anders. Man wolle keineund fühlt sich in seinem Heimatort Monta- nen Hauch von Häme, wenn sie Schnöselschule sein, so der Internats-baur wohl. Einmal hat er seinen vier Vor- mit ihrem BMW Cabrio das Kopfstein- leiter Werner Esser, der vorher in Sa-ständen versprochen, wenn die Firma 100 pflaster erreicht. Einmal pro Woche lem unterrichtete.Millionen Mark Gewinn abwirft, werde er fährt sie von Hamburg an die schles- Die Mischung ist ihm wichtig. Man-jedem einen Ferrari spendieren. Als es so wig-holsteinische Schlei. „Nicht sehr che der Schüler (mit ärmeren Eltern)weit war, rief Dommermuth den Händler sportwagenfreundlich“, sagt sie und haben Leistungsstipendien, anderein Mühlheim-Kärlich an, sagte: „Heute ist lächelt die Strapazen weg auf der letz- kommen aus dem Umland, weil Loui-Ihr Glückstag“, und bestellte fünf Ferraris ten Etappe zum Internat Louisenlund, senlund für sie auch einfach eine nahestatt des einen, den er für sich wollte. dessen Trägerstiftung sie anführt. Auf liegende Schule ist. Ein Vorfahr der In einer Ecke seines Büros hat er das der Rumpelstrecke hätten es zumin- Prinzessin habe das Schloss einst ausFoto jenes Moments hängen, als das Quin- dest jene ihrer Schützlinge oder deren schierem Mangel zur Bildungsstättetett die Autos abholte. Er erzählt das ganz Eltern schwer, die mit dem tieferge- umfunktioniert: „Die ersten Schülerruhig und ohne prahlend-raumgreifende legten Porsche kommen. waren drei Brüder mit zwei Paar Schu-Theatralik. Seine hohe Stirn, das weiche Einerseits will sie eben nicht, dass hen“, so ihre Gründungslegende.Gesicht, die langsamen Bewegungen – es die schon auf dem Parkplatz zeigen, Die Zweibettzimmer, in denen diegibt wahrscheinlich Leute, die Dommer- was sie haben (und sie haben oft eine Zöglinge zumeist leben, sind sparta-muth unterschätzen, und man könnte die Menge). Andererseits ist sie auf das nisch geblieben, die Wäsche mussGeschichte mit den Ferraris natürlich Wohlwollen der reichen Eltern durch- selbst gewaschen werden. „Eine Mut-auch sehr hämisch erzählen: wie da einer aus angewiesen. Zwar schicken viele ter sagte mal zu mir, dass ihr Kind eindurchdreht angesichts des Geldes. Vermögende ihre Kinder auch auf ganz solch bescheidenes Zimmer nicht ge- Aber wäre das die Wahrheit? Dommer- normale staatliche Gymnasien. Zwar wohnt sei und darin nicht leben kön-muth findet, dass die Sache komplexer gibt es andere teure Privatschulen wie ne. Ich habe mit dem Schüler gespro-ist. „Das war eine tolle Zeit. Wir haben das fast paramilitärisch anmutende Sa- chen, der das alles völlig in Ordnunggemeinsam an unsere Chance geglaubt lem am Bodensee oder das abgeschie- fand“, so Prinzessin Ingeborg. „Dasund alles gegeben. Als es dann so weit dene Lyceum Alpinum im Schweizer Problem haben oft eher die Eltern alswar, war ich froh und stolz.“ Zuoz, wo das Schuljahr mit rund 70000 die Kinder.“ Er hält sich weder für verschwende- Schweizer Franken zu Buche schlägt – Auf großzügige Helfer ist die Schulerisch noch für geizig. „Natürlich verschie- ohne Extras wie etwa den Einzelzim- dennoch angewiesen: „Das Internatben sich die Verhältnisse im Laufe der merzuschlag. Aber Louisenlund hat macht unter wirtschaftlichen Gesichts-Jahre.“ Das Preis-Leistungs-Verhältnis zumindest in Deutschland einen be- punkten keinen Sinn“, sagt die Prin-muss stimmen. Bei allem. Er kauft seine sonderen Ruf. zessin.Cola nicht an teuren Autobahnraststätten. 320 Schüler werden hier zurzeit von Einfach ist trotzdem manchmal be-Abends achtet er darauf, dass die Lichter 58 Lehrern betreut. In den Klassen sit- sonders teuer: 30 000 Euro zahlen fürin den Büros ausgeschaltet werden, und zen im Schnitt 14 Schüler. In der Frei- Louisenlund jene, die sich das leistennoch immer konnte er sich nicht aufraf- zeit wird gesegelt, Tennis und Hockey können. Pro Schuljahr.fen, die graue Auslegeware in seinem gespielt. Der Bildungsauftrag ist klar: MARTIN U. MÜLLERBüro zu wechseln. Ist doch noch gut. Andererseits steuert er persönlichschon mal 28 Millionen Euro bei, umbeim America’s Cup das erste deutscheBoot zu starten – natürlich unter United-Internet-Flagge. Es war PR, aber Segelnist zugleich Dommermuths einzigesHobby. Schon als junger Mann hatte ereine kleine Jolle. Mittlerweile besitzt ereine Segelyacht und lässt sich nach zwölfJahren gerade in den Niederlanden einneues „Boot“ bauen, wie er das nennt. Nächstes Jahr soll es fertig werden, 142Fuß lang, etwa 43 Meter, und von einersechsköpfigen Crew dann rund um dieUhr betreut. Es gibt weitaus gewaltigere,wobei selbst die größte deutsche im inter- RETO KLARnationalen Vergleich ärmlich wirkt: DerSchraubenmilliardär Reinhold Würth hatsich vor drei Jahren die 85-Meter-Yacht Internatsleiter Esser: Mischung ist ihm wichtig„Vibrant Curiosity“ gegönnt. Preis: rundhundert Millionen Dollar. Wenn Reiche D E R S P I E G E L 1 1 / 2 0 1 2 79
  • Serieeiner in ihren Kreisen zurzeit Auf Unterstützung setzt erbesonders beliebten Leiden- nicht. „Der Staat sollte nichtschaft frönen wie Segeln, genötigt werden, in die Wirt-Pferdezucht oder Kunstsam- schaft einzugreifen, indem ermeln, ist Expertise wichtiger beispielsweise für schlechtals das Geld an sich: Günther wirtschaftende Banken einste-Jauch kann lange Vorträge hen muss“, sagt er. „Und, sor-über Hanglagen halten, seit ry, ich finde, dass ich wirklicher das alte Familienweingut nachhaltig wirtschafte und ge-an der Saar gekauft hat. Julia nug Steuern zahle.“ Er machtStoschek, Gesellschafterin jetzt doch mal eine Rechnungdes milliardenschweren Co- auf, was unterm Strich über-burger Autozulieferers Brose, haupt bei ihm ankommt.hat sich als Sammlerin von United Internet hat im ver-Videokunst international ei- gangenen Jahr vor Steuernnen Namen gemacht und um rund 250 Millionen Euro ver-ihre Passion herum in Düssel- dient. Davon gehen etwa 80dorf gleich ein Museum eröff- Millionen an den Fiskus. Vonnet. Andreas Jacobs aus der dem verbleibenden Netto-gleichnamigen Kaffee-Dynas- gewinn stehen Dommermuthtie ist ein Pferdenarr und gemäß seinem Aktienpaket 79stieg 2010 bei der pleitegegan- Millionen zu. Von diesen wer-genen Galopprennbahn Iffez- den maximal 25 Prozent aus-heim ein. geschüttet, mindestens drei Ralph Dommermuth fährt Viertel bleiben im Konzern.nur winters gern mal in die Das sind für DommermuthBerge. Und weil er sich in St. 18 Millionen, die er wiederumMoritz als Ausländer kein versteuern muss, so dass amHaus kaufen darf, hat er sich Ende beim Gründer undim dortigen Kempinski eine Hauptaktionär „nur“ rund 13Wohnung gepachtet. „Ist das Millionen Euro ankommen.übertrieben? Für einen Nor- Ralph Dommermuths Brudermalverdiener sicher, aber im managt das. Ihm vertraut erVerhältnis zu meinen Mög- blind. Ein Großteil des Geldeslichkeiten überschaubar.“ fließt in Immobilien. Und was Ein bisschen verrückt sei wird daraus später mal? Seitallenfalls das Haus gewesen, sein Sohn mit dem Studiumdas er sich zu seinem 40. Ge- fertig ist, gibt es vom Vaterburtstag am Rande seiner kein Geld mehr. Das warHeimatstadt gebaut hat. Ein- schon immer klar, auch wennfach, weil man in so einer der Filius bereits in einer an-ländlichen Gegend das Geld deren Welt groß wurde. Er trafbeim Verkauf ja nie wieder- Gleichaltrige, die mit 16 vonkriegen würde. Er hat dort Papa den ersten Porsche ge- HORST OSSINGERfünf Hausangestellte, mit we- schenkt bekamen und darüberniger lässt sich das Objekt die Bodenhaftung verloren.nicht unterhalten. Es ist so „Sag mir bitte Bescheid,gebaut, dass der Personalbe- Kunstsammlerin Stoschek: Expertise ist wichtiger als Geld an sich wenn ich mal so ein Idiot wer-reich vollständig abgetrennt de“, sagte Dommermuth ju-ist. Ralph Dommermuth will seine Ruhe, für das Areal zahlen, 75 Hektar Guts- nior, dessen Vater ihm zum 18. Geburtstagwenn er in Shorts durch die Glasfronten gelände mit zwei Kilometern Privatstrand 5000 Euro für einen gebrauchten Ford Fo-des Wohnzimmers auf den künstlich an- und 30 sehr historischen Bruchbuden. cus beisteuerte. In den Sommerferien hatgelegten See hinausschaut. Das Zehnfache steckt er nun rein. er auf dem Bau gejobbt. Gefragt, was er Sein Haus, sein Auto, sein Boot. Bernd Kolb verkaufte seine Firma ID- dort so mache, antwortete er: „Alles, wor-Manchmal fragt er sich dann doch, ob es Media, probiert es heute mit Hotels in auf die polnischen Arbeiter keine Lustnoch ein anderes Leben gibt. Dank der Marrakesch und hält Vorträge zu globalen haben.“ Jetzt lebt er in Berlin und bautInternethysterie um die Jahrtausendwen- Herausforderungen. sich mit Freunden eine eigene Internet-de haben andere ja auch Kasse gemacht. Online-Ära und Aktien-Boom haben firma auf.Jan Henric Buettner etwa hat einst AOL auch in Deutschland viele reich gemacht. Er ist jetzt 25 und erlebt das typischeEurope mitaufgebaut und – nachdem Manche stiegen zumindest rechtzeitig aus. Paradoxon des Erben: Es wird mühsamBertelsmann mit dem Verkauf Milliarden Ralph Dommermuth blieb, als die Blase werden für ihn. Auch weil alle es für soerzielt hatte – den Medienkonzern ver- im Jahr 2000 platzte. Er sparte, strich zu- einfach halten.klagt. Gemeinsam mit einem Partner er- sammen, baute um und wieder auf. Heute MARKUS DETTMER, KATRIN ELGER, MARTIN U. MÜLLER, THOMAS TUMAstritt Buettner 160 Millionen Euro. hat United Internet 5400 Beschäftigte und Jetzt rumpelt er mit einem Aston Mar- ist an der Börse rund drei Milliarden Eurotin („mein Dienstwagen“) regelmäßig von wert. „Wenn morgen meine Welt zusam-Hamburg zur Hohwachter Bucht, wo er menbräche, würde ich mich nach drei Lesen Sie im nächsten Heft:ein komplettes Dorf zum Luxushotel um- Tagen wieder berappeln und mit etwas Wo das alte Geld zu Hause ist – und diebaut. Sieben Millionen Euro musste er Neuem anfangen.“ Angst wächst, es wieder zu verlieren80 D E R S P I E G E L 1 1 / 2 0 1 2
  • Trends Medien ARD Gottschalk wünscht sich eine FrauEntertainer Thomas Gottschalk ist aufder Suche nach einer Sparringspartne-rin. Vorige Woche castete die Redaktionseiner quotenschwachen ARD-Show„Gottschalk live“ mehrere Nachwuchs-kräfte, die dem 61-Jährigen künftig zurSeite stehen könnten. Gottschalk selbstwünsche sich „eine möglichst unbekann-te, freche, kluge Frau“, heißt es ausseinem Umfeld. Sie solle ihm Themen RTL zuspielen, er selbst wäre dann „nicht RTL-Nachrichtensendung mehr Motor“, son- dern könnte „spon- RTL GROUP tan reagieren“ – ähn- lich wie bei „Wet- ten, dass ...?“, wo ihm in seinen letzten beiden Jahren die Zurück zu Bertelsmann METODI POPOW / T & T Schweizerin Michelle Der neue Bertelsmann-Boss Thomas Rabe holt zwei altgediente Manager in Hunziker assistierte. den Konzern zurück. Der frühere Sony-Music-Boss Rolf Schmidt-Holtz, 63, und Freitag und Samstag Ex-Gruner-&-Jahr-Chef Bernd Kundrun, 54, sollen auf der Hauptversammlung dieser Woche sollen am 18. April in den Aufsichtsrat der RTL Group gewählt werden. Kundrun hatteGottschalk in internen Testsen- den Konzern Weihnachten 2008 im Streit um Investitionen verlassen. Schmidt- dungen verschiede- Holtz war Manager der Bertelsmann-Beteiligung Sony-BMG, schied aber nachne neue Konzepte ausprobiert werden. deren Verkauf an Sony aus dem Konzern aus und folgte den Japanern. BeideStrittig ist, ob Gottschalk künftig einen haben in ihrer Bertelsmann-Zeit Fernseherfahrung gesammelt. Schmidt-Holtzoder mehrere Prominente zu Gast ha- war früher Chef des Bertelsmann-Ablegers CLT-Ufa, der Vorgängerin der RTLben soll und wie tagesaktuell die Sen- Group. Kundrun hatte für den Konzern das Pay-TV-Geschäft aufgebaut.dung sein wird. N I G G E M E I E RS M E D I E N L E X I KO N schäftigt ist, vergünstigte Tickets für fern dürfte ihr die Entscheidung leicht- Journalisten auszustellen. Und die an- gefallen sein, demnächst keine Journa- dere Hälfte damit, Reklamationen zu listen-BahnCard zum reduzierten Preis Pres|se|ra|batt beantworten und geduldig zu erklären, dass es zwar die tolle kostenlose mehr anzubieten. Sicherheitshalber nutzte sie dafür den Windschatten derder: total unproblematische Sonder- Pressekarte mit besonderen Vorzügen Debatte um Christian Wulff, in der man-behandlung von Journalisten, die sich nicht mehr gebe, aber das Angebot, che Journalisten beim Sich-Echauffierenvon Sonderbehandlungen nicht die „Silver Card“ mit ähnlichen Vortei- über Vergünstigungen, die der Ex-Bun-beeinflussen lassen. len zu kaufen, auch noch ein besonde- despräsident in Anspruch genommen res Entgegenkommen darstelle. „Sehr hatte, so dicke Backen machten, dassEs ist leicht, das Journalistenleben zu kundenunfreundlich“ nennt das ein ge- man mit dem ganzen Wind von Berlinromantisieren. Dabei ist es oft ein wisser Andreas im Forum. nach Hannover hätte fliegen könnte.Fluch. Allein diese ganzen Privilegien! Schon als Air Berlin vor zwei Jahren be- Der Deutsche Journalisten-VerbandInternetseiten wie www.pressekondi schloss, den Rabatt von 50 Prozent auf wies die Forderung von „Transparencytionen.de bieten einen eindrucksvol- 25 zu halbieren, erkaltete die Bezie- International“ nach einem generellenlen Einblick, welchen Zumutungen hung vieler Profi-Rabattneh- Verzicht auf Presserabatteman sich aussetzen muss, nur weil mer zu der Fluggesellschaft. zurück. Sein Sprecher sagte,man mit seiner Familie für 25 Prozent Man mag sich nicht ausma- das sei „Sache eines jedenweniger in den Urlaub fliegen will. Es len, wie viele freundliche Er- Journalisten, ob er Presse-sind erschütternde Zeugnisse von ver- wähnungen von Air Berlin rabatte annimmt oder nicht.schwendeten Leben in Warteschleifen, in Artikelnebensätzen seit- Da bedürfen wir keiner Be-emotionale Schicksalsberichte über dem weggefallen sind. Die lehrung durch andere Orga-nicht erfüllte Sonderwünsche bei der Sorge muss sich die Deut- nisationen“. Auch wasPlatzwahl im Flugzeug inklusive. sche Bahn unter Rüdiger Transparenz und Selbstkri-Man kann hier leicht den Eindruck Grube (Bild) zum Glück tik angeht, scheinen zumin-bekommen, dass die Hälfte der Presse- mangels freundlicher Erwäh- dest manche Journalistenstelle von Air Berlin nur damit be- nungen nicht machen. Inso- auf Rabatt zu pochen. D E R S P I E G E L 1 1 / 2 0 1 2 81
  • Medien D E B AT T E Raubkopie Das ganze Elend der Urheberrechts-Diskussion steckt in diesem einen Wort. Von Stefan NiggemeierE s ist kein neues Wort: Urheber und Produzenten benut- „Ich kämpfe für die Urheber. Für mich steht bei dieser ganzen zen es seit Jahrzehnten, um den ungenehmigten Vertrieb Novellierung der Schutz des geistigen Eigentums als Existenz- ihrer Produkte zu bezeichnen. Schon Goethe klagte 1775 grundlage aller Wertschöpfer an oberster Stelle, und ich lasseüber den „Raub“ durch einen „unverschämten Nachdrucker“ das nicht ausspielen gegen irgendein diffuses Nutzerrecht.“ Esseiner Werke. Der Ursprung des Begriffs „Raubkopie“ liegt ist bezeichnend, dass diejenigen, deren Interessen hier alsoim Dunkeln, aber die Rechteindustrie hatte ein großes Interesse ganz an den Rand gewischt werden, die sind, die man eigentlichdaran, seinen Übergang in den allgemeinen Sprachgebrauch im Zentrum vermuten sollte: das Publikum, die Kunden.zu fördern. Er ersetzt einen abstrakten Vorgang, die Verletzung Es gab, lange bevor der Satz „content is king“ Mode wurde,von Urheberrechten, durch eine anschauliche Metapher. einen anderen sprichwörtlichen Herrscher. „Der Kunde ist Kö- Metaphern sind mächtig. Sie machen einen Sachverhalt nicht nig“, hieß es damals. Große Teile der Branche haben viele Jahrenur anschaulich; sie bestimmen fundamental, wie wir ihn wahr- blendend damit gelebt, diese Weisheit zu ignorieren. Sie habennehmen. Bilder werden zu Rahmen, ihre Angebote künstlich verknapptinnerhalb deren wir denken. Das Bild oder das, was der Kunde wollte, nurvon der Raubkopie ist falsch. Ein im Paket mit dem angeboten, was derRaub ist im Grundsatz das gewaltsa- Kunde nicht wollte. Nicht der Kundeme Wegnehmen fremder Sachen. Es war König, sondern der eigene Profit.lässt sich schon darüber streiten, ob Dann kam das Internet.beim ungenehmigten Kopieren je- Das eigentlich Zerstörerische die-mandem tatsächlich eine Sache weg- ses Mediums für die alten Geschäfts-genommen wird. Ganz sicher aber modelle war nicht die darin angeblichlässt sich feststellen, dass ihm dabei herrschende „Gratiskultur“. Sondernkeine Gewalt angetan wird. die Macht, die es dem einzelnen Nut- Wenn wir von Raubkopieren spre- zer und möglichen Kunden gab.chen, machen wir aus Menschen, die Wenn der Vertrieb eines Musikstücks WALTRAUD GRUBITZSCH / DPAeinen Inhalt ungenehmigt nutzen, Ge- plötzlich fast nichts mehr kostet, gibtwalttäter. Es wäre eine Illusion, zu es keinen guten Grund, es nur im Pa-glauben, dass der Begriff diese Wir- ket anzubieten, gebündelt mit neunkung nicht hat, nur weil wir das nicht anderen Titeln, auf Metall gebrannt,jedes Mal bewusst mitdenken. Schon in Plastik gesteckt und durch die Weltder Begriff macht die Handlung zu ei- geschickt.nem indiskutablen Akt und legitimiert Messestand auf der „Games Convention“ Es ist nicht so, dass die Menschendrastische Schritte. Selbst das reichte im Internet alles kostenlos wollen.der deutschen Filmindustrie nicht. Sie Nicht der Kunde war König, Aber sie wollen alles, und zwar so-begann im Jahr 2003, flankiert von fort. Sie wollen nicht mehr warten,der Bundes-Filmförderungsanstalt, sondern der eigene Profit. bis ihre amerikanische Lieblingsserieeine Kampagne „Raubkopierer sind Dann kam das Internet. mit Monaten Verspätung in Deutsch-Verbrecher“. „Raubkopierer“ wurden land als DVD oder zum Downloadwie auf einem Steckbrief dargestellt. angeboten wird. Und wenn sie nicht Das Ziel, bei den Angesprochenen ein Unrechtsbewusstsein legal zu bekommen sind, nehmen viele sie auch illegal. Manzu schaffen, dürfte mit solchen Dämonisierungsaktionen höchs- kann das beklagen. Man kann auf das vermeintliche Recht destens insofern erreicht worden sein, dass vielen Menschen be- Produzenten pochen, selbst zu entscheiden, wann, wie und inwusst wurde: Jemand, der so offensichtlich unlauter argumen- welchen Formen er seine Inhalte anbietet. Man muss dann al-tierte, konnte nicht im Recht sein. Das ist ein Grund dafür, lerdings immer höhere Schutzzäune basteln, die Befestigungenwarum der Graben heute so tief ist zwischen den Rechtever- ausbauen, Verstöße verfolgen – zu erheblichen Kosten für diewertern einerseits und einem großen Teil des Publikums ande- Allgemeinheit.rerseits. Die Rechteindustrie – die Verlage, die Filmverleiher, Ddie Plattenfirmen –, sie tut so, als hätte sie ein gottgegebenes ie Alternative wäre: dieses Bedürfnis des Publikums zuRecht, den Umgang mit ihren Werken vollständig zu kontrol- befriedigen. Aus der Nachfrage der Kunden einen Marktlieren. Sie tut so, als wären Schwarzkopien verantwortlich für zu machen. Ihnen das zu geben, was sie wollen, zu ei-ihren Niedergang. Sie tut so, als wären ihre geschäftlichen In- nem Preis, den sie als fair empfinden.teressen identisch mit denen der Allgemeinheit. Und sie fordert, Die Geschichte der Inhalteindustrie ist voll von Beispielendass bei deren Durchsetzung keine Rücksicht auf andere ge- dafür, wie die Branche bewusst darauf verzichtet hat, den Kun-nommen wird. den legale neue Angebote zu machen, etwa für den Online- Kulturstaatsminister Bernd Neumann hat das vor einigen Download von Musik, um die etablierten GeschäftsmodelleWochen auf dem Deutschen Produzententag deutlich gesagt: mit hohen Margen und größerer Kontrolle zu stützen, wie den82 D E R S P I E G E L 1 1 / 2 0 1 2
  • Verkauf von CDs. Es haben dann, als es eigentlich schon zu Nun sollen die Verlage also ein eigenes Leistungsschutzrechtspät war, andere den Markt geschaffen: zum Beispiel Apple bekommen, um dagegen vorgehen zu können. Sie stellen dasmit seinem Online-Musikkaufhaus iTunes. als eine Art Notwehr dar – dabei bedeutet es eine erhebliche Seit Mitte November bietet der Store auch in Deutschland Ausweitung des Eigentumanspruchs. Immerhin hat die Regie-die Möglichkeit, die meisten Songs kostenlos 90 Sekunden lang rung den Verlegerwunsch nicht erfüllt, dass sogar das bloßeanzuhören – vorher war es nur eine halbe Minute. Man darf Ausdrucken einer kostenfrei anwählbaren Online-Nachrichten-davon ausgehen, dass Apple herausgefunden hat, dass sich das seite in Unternehmen kostenpflichtig zu sein habe.positiv auf die Verkaufszahlen auswirkt. Wer hätte das gedacht: Aber die Logik der Verlage und ihres LeistungsschutzrechtsEin größeres kostenloses Angebot scheint zu höheren Verkaufs- lautet: Jeder, der professionell Inhalte anderer verwendet undzahlen zu führen. verwertet, soll dafür zahlen. Das ist ebenso wenig durchsetzbar wie wünschenswert. Medien wären die Ersten, die das wissenA pple beweist, dass es sich auch lohnen kann, einen Kon- müssten. Sie bestehen zu einem erheblichen Teil daraus, die trollverlust hinzunehmen. Seit 2009 enthalten die Stü- Ideen, Gedanken, Produkte, Inhalte anderer kostenlos zu ver- cke, die über iTunes verkauft werden, keinen Kopier- wenden. In besonders krasser Form ist das bei der Art zu sehen,schutz mehr. Theoretisch kann jeder die einmal gekauften wie Online-Medien aus dem Nacherzählen von Talk- oderMusikdateien an all seine Freunde und die halbe Welt weiter- Dschungelshows Kapital schlagen. Im künstlerischen Bereichverteilen. Vermutlich geschieht das sogar gelegentlich. Es ist es noch eindeutiger: Ideen und Inhalte wachsen auf demspricht aber viel dafür, dass der Schaden, der dadurch entsteht, Boden der Inhalte anderer.mehr als ausgewogen wird durch Mehrkäufe dank höherer Ein Grund, warum die Debatten um das Urheberrecht soKundenzufriedenheit: Die Käufer können die legal erstandene furchtbar und fruchtlos sind, liegt darin, dass es missbrauchtMusik ohne frühere Zumutungen frei auf verschiedenen Gerä- wird. Das geplante Leistungsschutzrecht zeigt es. Mit größterten verwenden. Verbissenheit haben die Verlage dafür gekämpft, als wären Doch die digitale Welt steht nicht nur für Kontrollverlust. Angebote wie Google News für die Probleme der Verlage ver-Sie ermöglicht auch die Verwirklichung der kühnsten Kontroll- antwortlich. Sie sind es nicht, und ein Leistungsschutzrechtträume der Produzenten und Veranstalter. Das zeigt sich in wird die Probleme nicht lösen.der Akribie, mit der sie etwa auf You- Gegner wie Google oder dieTube auch kürzeste Ausschnitte ihrer Schwarzkopierer sind willkommeneProgramme löschen lassen. Beson- Sündenböcke für andere Fehler undders eindrucksvoll ist die Technik, die Probleme. Und die Rechteverwerterbeim digitalen Satellitenpaket HD+ sind keine glaubwürdigen Vertretereingesetzt wird. Die Privatsender der Interessen der Urheber. Im Fallkönnen dort nicht nur das Aufneh- der Musikindustrie ist deutlich gewor-men von Sendungen grundsätzlich den, dass die großen Plattenlabel oftunterbinden – was wie ein später Sieg nicht im Interesse der Künstler agie-wirkt, schließlich hatte die Branche ren. Und auch die Zeitungs- und Zeit-Mitte der Siebziger in den USA auch schriftenverlage, die sich angeblichgegen die Aufnahmefunktion am da- so darum sorgen, dass die Arbeit vonmals neuen Videorecorder geklagt. Journalisten auch in Zukunft noch or-Es lässt sich auch das Vorspulen von dentlich bezahlt wird, sind in großer STEFAN BONESS / IPONProgrammen unterbinden, damit die Zahl dadurch aufgefallen, dass sieWerbung nicht übersprungen werden diesen Urhebern Verträge zu ihremkann. Nachteil diktieren wollen, die von Es spricht wenig dafür, dass sich Gerichten als gesetzeswidrig kassiertauf diese Weise dauerhaft auf Kosten wurden.der Kundenzufriedenheit ein Ge- Spaß-Demonstrant 2011 Auch daran scheitert regelmäßigschäft machen lässt. Aber die HD+- die Debatte: dass man denjenigen,Technik spiegelt ganz gut wider, was Menschen im Internet die am lautesten nach einem Ausbaudie Branche ohnehin als ihr Recht an- oder „Schutz“ des Urheberrechts ru-sieht: die vollständige Kontrolle über wollen nicht alles kostenlos. fen, am wenigsten abnehmen kann,die Verwendung ihrer Inhalte. Sie wollen alles sofort. dass sie das Gemeinwohl im Sinn ha- Das zeigt sich im fast mantraarti- ben, dem dieses Recht letztlich die-gen Gebrauch der Formulierung vom nen soll.„geistigen Eigentum“, das es zu schützen gelte. Gemeint sind Verlage oder Sender werden auch in Zukunft nicht überflüssig.damit Urheber- und Verwertungsrechte. Auch beim Begriff Aber ihre Rolle ist in der digitalen Welt erheblich reduziert. Der„geistiges Eigentum“ handelt es sich um eine interessengesteu- Vertrieb der Inhalte ist deutlich weniger aufwendig geworden;erte Metapher. Der Begriff suggeriert, dass sich Ideen und In- sie haben ihr Monopol als Vermittler zwischen Inhalt und Publi-halte in gleichem Maße beherrschen lassen wie körperliche kum verloren. Es ist nur logisch, dass mit dem Bedeutungs- auchDinge, dabei handelt es sich um sehr unterschiedliche Formen ein Umsatzverlust einhergeht, und das versuchen sie mit allenvon Rechten. Mitteln zu verhindern. Christoph Keese, Konzerngeschäftsführer Der Inbegriff des Eigentums ist seine Exklusivität: Mein „Public Affairs“ bei Axel Springer, hat gesagt, dass die BrancheAuto gehört mir und nicht anderen. Ideen und Inhalte aber für „alternative Vergütungssysteme“ offen wäre, die nicht aufvervielfältigen sich beim Teilen. eine rigide Verbreitungskontrolle der Inhalte hinausläuft, wenn Ist der Gedanke vom Inhalt als Eigentum erst einmal eta- sich dadurch die Gewinne der Unternehmen steigern ließen;bliert, lässt sich leicht jeder nicht erwünschte Gebrauch als wenn also mehr „Geld in die Kasse“ der Verlage käme.„Diebstahl“ kriminalisieren. Entsprechend hat Gabor Steingart, Die Sorge dieser Leute ist nicht, dass in Zukunft kein AnreizChefredakteur des „Handelsblattes“, die – noch legale – Praxis mehr besteht, Artikel zu schreiben, Filme zu machen, Büchervon Google diskreditiert, Inhalte von Verlagsangeboten zu verfassen. Ihre Sorge ist es, mit diesen Produkten nichtauffindbar zu machen und mit kurzen Ausschnitten zu aggre- mehr so viel Geld zu verdienen wie bisher. Sie kämpfen nichtgieren. für das Urheberrecht, sondern für ein Profitschutzrecht. D E R S P I E G E L 1 1 / 2 0 1 2 83
  • Medien Postbote den Ausweis des Kunden kon- Auch Spiele wie die Playstation-Baller- HANDEL trolliert. Soweit die Theorie. Doch in der orgie „Killzone III“ lassen sich problemlos Praxis scheren sich zahlreiche Online- ohne Altersprüfung ordern. Sogar Nazi- Verbotene Hiebe Händler offenbar gar nicht um die hier- zulande besonders strengen Jugend- schutzgesetze. CDs werden immer wieder offeriert. Das verbotene Horst-Wessel-Lied, Hymne der NSDAP, konnten Kunden noch im vergan- Händler bei Amazon verstoßen Denn Amazon.de versendet nicht nur genen Jahr herunterladen. Amazon muss- gegen Jugendschutzgesetze: selbst Produkte, sondern bietet auch an- te das Lied entfernen, das Landeskrimi- Horrorfilme können problemlos deren Händlern die Möglichkeit, ihre nalamt Niedersachsen ermittelte. Das Un- Ware auf der Plattform anzubieten. Das ternehmen kam ungeschoren davon, weil bestellt werden. Selbst indizierte Angebot heißt Marketplace; auf Wunsch die Ermittler keinen Vorsatz sahen. DVDs werden verschickt. wickelt der Online-Gigant den Versand Der Online-Riese reagiert auf die neuer- für seine Unterhändler ab. Eine Reihe lichen Vorwürfe nüchtern: Werde manF ilme wie „Man Eater“ verwirren von Testbestellungen bestätigt: Ein gro- darüber informiert, dass verbotene oder nicht mit allzu vielen Dialogen: Ein ßer Teil der bei Marketplace-Händlern indizierte Titel auf Amazon feilgeboten Menschenfresser verspeist in dieser bestellten Pakete mit „FSK 18“-Filmen werden, „entfernen wir die Titel umge-„Kannibalismus-Orgie billigster Machart“ wird nicht – wie vom Gesetzgeber vor- hend und ergreifen gegebenenfalls wei-(„Lexikon des internationalen Films“) geschrieben – als persönliches Einschrei- tere Maßnahmen“. Dafür gebe es einenDiverses und auch einen Fötus. Für das ben zugestellt. Auf einigen Verpackungen Link auf der Produktseite.Machwerk gilt in der Originalversion ein steht der Satz: „Versand durch Amazon – Beim Bundesfamilienministerium siehtdeutschlandweites Verbreitungsverbot. 36248 Bad Hersfeld“. Andere Händler man die praktische Umsetzung des Ju- Trotzdem kann man solchen Horror verschickten gar beschlagnahmte Produk- gendschutzes bei Online-Geschäften „mitohne Probleme kaufen – per Mausklick te, deren Vertrieb in Deutschland verbo- Sorge“. „Verstöße gegen den Jugend-auf Amazons Marketplace. Mehr noch: ten ist. schutz sind keine Kleinigkeit. RechtlichAuch Minderjährige können, sofern sie Ein Verkäufer war besonders dreist: Er ist der Bereich klar definiert – das Pro-das nötige Taschengeld haben, bequem versendete über Amazon eine richterlich blem liegt eher in der praktischen Um- MATT CARDY / GETTY IMAGES APSzene aus dem Computerspiel „Killzone III“, Amazon-Auslieferungslager: „Ohne Verifizierung, Postbote oder Gesichtskontrolle“ordern. Schaut man sich genauer bei Ama- beschlagnahmte Version des Splatter- setzung und der Kontrolle der Vorschrif-zon um, entpuppt sich manches Angebot Streifens „Braindead – Dead Alive“ – ten durch die Aufsichtsbehörden derals Alptraum für Jugendschützer. ohne jede Alterskontrolle. Länder.“ Sebastian Gutknecht, Jurist bei der Egal, wie hart die Ware ist: Etliche Den Kunden gefällt es auf jeden Fall,Arbeitsgemeinschaft Kinder- und Jugend- Amazon-Marketplace-Händler verschi- ohne jede Hürde beinahe alles kaufen zuschutz Nordrhein-Westfalen, sagt: „Es ist cken sie einfach als normales Päckchen können. Nutzer „S. Lenz“ schwärmt imskandalös, dass bei Amazon Marketplace oder Einwurfeinschreiben mit der Post. Amazon-Forum davon, dass er noch nichtindizierte und von der Staatsanwaltschaft Minderjährige brauchen also nur ein ei- mal seinen „Perso an der Haustür“ zü-beschlagnahmte Filme angeboten wer- genes Konto oder eine Kreditkarte, schon cken musste, Nutzer „DVD Junkie“ kannden.“ Geliefert werden Massaker-Filme, landen Gewalt- und Sex-DVDs im heimi- sich ebenfalls nicht erinnern, jemals seinaber auch garantiert nichtjugendfreie Wa- schen Briefkasten. Alter nachgewiesen haben zu müssen.re wie „Lesbian Beauties – Feurige Schön- Bei 49 von 50 SPIEGEL-Testbestellun- „Ohne Verifizierung, Postbote oder Ge-heiten“ oder „Analsex for Lovers“, die gen von Medien ohne Jugendfreigabe per sichtskontrolle, und vor allem ohne extraauf Wunsch ebenfalls unkontrolliert in Standardversand über eine Reihe von Gebühren.“deutschen Jugendzimmern landen. Marketplace-Händlern lieferte die Post Ein anderer Amazon-Kunde glaubt den Der Versandhandel mit Filmen unter oder ein Paketdienst ohne jede Alters- Grund dafür zu kennen, warum vielen„FSK 18“-Klassifizierung ist zwar verbo- kontrolle. Lediglich in einem Fall verhielt Händlern egal ist, wo die Ware landet:ten, es sei denn, der Anbieter stellt zwei- sich der Anbieter gesetzeskonform, bei „Die Marketplace-Verkäufer sind froh,felsfrei sicher, dass der tatsächliche Emp- der Zustellung wurde ein Ausweis ver- wenn sie was verkaufen.“fänger volljährig ist. Etwa, indem der langt. TOBIAS LILL, MARTIN U. MÜLLER84 D E R S P I E G E L 1 1 / 2 0 1 2
  • Panorama Ausland SYRIEN tung vor – „ohne viel Rücksicht auf Ba- schar“, der zwar alle Entscheidungen mittrage, „aber schon früher getan hat, Brutalität und Intelligenz was man ihm sagt“. 1999 hatte der ex- trem jähzornige Mahir bei einem Streit noch auf Schaukat geschossen. Doch in der jetzigen Notlage scheint sich der eingeheiratete Offizier, dem gleicher- maßen Brutalität und Intelligenz nach- gesagt werden, unentbehrlich gemacht zu haben. Wofür auch spricht, dass Ma- hir einen Großteil der 4. Division unter Schaukats Kommando stellte, der den wochenlangen Beschuss der Stadt Homs befehligte. Mahir und Baschar sollen sich dagegen seit Monaten kaum noch begegnet sein, bei Treffen des in- nersten Zirkels sei nur jeweils einer von beiden anwesend, der andere per Tele- fon zugeschaltet. Gänzlich hinter den Kulissen bestimme eine Person den Kurs, die seit Jahren überhaupt nicht mehr in der Öffentlich- keit aufgetreten ist: Anisa Machluf, die Witwe von Hafis al-Assad sowie Mutter von Baschar und seinen Geschwistern. Zeugen verschiedener Treffen mit Ba- schar bestätigen, dass der Präsident in IMAGO kleinem Kreis ständig darüber geklagt Bombenangriff auf Homs habe, sich etwa bei Personalentschei- dungen gegen seine Mutter nicht durch- Seit Beginn des Aufstands vor einem einheit der 4. Division, sowie Assif setzen zu können. Auch sei es die Jahr hat sich die syrische Führungsspit- Schaukat, Vize-Verteidigungsminister Mutter, die die einander beargwöhnen- ze abgeschottet. Was im innersten und Ehemann von Baschars einziger den Sippen zusammenhalte. Insbeson- Machtzirkel des Landes, dem Clan der Schwester Buschra. Sie gäben die Rich- dere Rami Machluf, der milliarden- Assads und Machlufs sowie einiger Ge- schwere Cousin Baschars, wird trotz Ri- neräle, diskutiert und beschlossen wird, valität dringend gebraucht: Mit seinem dringt kaum nach außen. Nach überein- Geld und mit Hilfe Hunderter irani- stimmenden Aussagen ehemaliger Ge- scher Ausbilder sollen die bislang losen schäftspartner der Assads, hoher isla- Einheiten der Schabiha-Milizen zu ei- mischer Kleriker und anderer Insider ner Armeedivision vereint und hochge- KHALED AL-HARIRI / REUTERS ergibt sich jedoch ein ungefähres Bild: rüstet werden. Am wichtigsten aber sei So hat sich innerhalb der etwa ein Dut- Anisas Rolle, ihre Söhne auf Linie zu zend Personen umfassenden Führungs- halten: „Sonst würde Mahir irgend- spitze eine neue Machtachse gebildet, wann wieder durchdrehen und auf Ba- die aus zwei ehemaligen Kontrahenten schar schießen, weil er dessen Dumm- besteht: Baschar al-Assads jüngerem heit nicht mehr erträgt“, so ein Kenner Bruder Mahir, Befehlshaber der Elite- Assad-Brüder Mahir, Baschar, Schaukat (M.) der Familie. UNGARN nur europäischen Standards, sie wür- keinem anderen Mitgliedstaat des Eu- den im Falle einer gerichtlichen Ausein- roparats verfügt eine einzelne Person andersetzung auch das Recht auf ei- über solche Macht“, schreiben die Ver- Abhängige Justiz nen fairen Prozess in Frage stellen, heißt es in dem Bericht. „Die Reform treter der Organisation, zu der 47 Staa- ten gehören. Die Führung des Landes-Die vom rechtskonservativen Premier- als Ganzes bedroht die Unabhängig- richteramts habe „weitgehenden Er-minister Viktor Orbán eingeführte Ver- keit der Justiz“, so das Urteil. Scharfe messensspielraum, der meistens nichtfassung verstößt in ihren Kernpunkten Kritik üben die Autoren auch an dem einer juristischen Kontrolle unter-gegen demokratische Grundrechte. Zu neugeschaffenen ungarischen Landes- steht“. Sobald das Parlament in Buda-diesem Schluss kommt ein bislang ver- richteramt. Dessen im Dezember vom pest einen Leiter eingesetzt habe, be-trauliches Rechtsgutachten der „Vene- Parlament gewählte Leiterin hat das sitze es keine Möglichkeit, diesen zudig-Kommission“ des Europarats, das Recht, Richter zu ernennen, zu verset- kontrollieren. „Der Bericht ist besorg-dem SPIEGEL vorliegt. Entscheidende zen und zu entscheiden, welcher Rich- niserregend“, sagt der CDU-Europa-Teile der Reform widersprächen nicht ter welchen Fall bearbeiten darf. „In abgeordnete Andreas Schwab. D E R S P I E G E L 1 1 / 2 0 1 2 87
  • Panorama GRIECHENLAND Kartoffelverkauf in Thessaloniki Findige Bauern In griechischen Rathäusern werden seit kurzem auch Bestellungen für Kartoffeln entgegengenom- men. 32 Cent kostet das Kilo zum Beispiel in zwei Athener Vororten – das ist etwa um die Hälfte bil- liger als in einem griechischen Supermarkt. Der Grund: Angesichts steigender Lebensmittelpreise haben sich die Bauern vielerorts entschieden, ihre Produkte direkt an die Kommunen zu verkaufen. Zwischenhändler, die die Preise in die Höhe trei- ben, können so von den Verbrauchern umgangen werden. Was als Graswurzelbewegung in der nord- griechischen Region Pieria begann, breitet sich mittlerweile über das ganze Land aus. Nach den Kartoffelbauern entschlossen sich auch Olivenöl- produzenten auf Kreta und nordgriechische Vieh- züchter, auf Zwischenhändler zu verzichten. In fast allen größeren Städten kaufen die Griechen Gemüse, Olivenöl, sogar Fleisch nun direkt vom Bauern. Bei der Vermittlung helfen nicht nur die örtlichen Rathäuser, sondern auch das Internet: Auf der Seite otoposmou.gr können die Ver- braucher direkt bei den Erzeugern bestellen, die ihrerseits davon profitieren, dass das Preisdumping der Großhändler wegfällt; sie bekommen mehr für ihre Ware. Für die Griechen, deren Gehälter weiter gekürzt werden, sind viele Lebensmittel kaum noch bezahlbar: Die Lebenshaltungskosten liegen inzwischen bis zu 30 Prozent höher als in Deutschland. USA zum Machterhalt. Rechtsstaatlichkeit sehr wahrscheinlich, dass sie irgendwo hat nie eine wichtige Rolle gespielt. durch einen US-Server läuft. SPIEGEL: Wie kein anderer verkörpert J. SPIEGEL: Wie reagierte das FBI auf dieAmerikanische Gestapo Edgar Hoover, der die Behörde 48 Jah- re lang führte, das FBI. Wie konnte Forderungen der Bush-Regierung, die Überwachung weiter auszudehnen? Bestseller-Autor Tim ein einzelner Mann so viel Macht er- Weiner: Irgendwann war das Maß voll. Weiner, 55, über das langen? Im März 2004 hatte FBI-Chef Robert FBI und dessen Weiner: Indem er über je- früheren Chef J. Ed- den eine Akte anlegte. JÖRG STEINMETZ PHOTOGRAPHY Hoover 1954 gar Hoover Hoover diente nicht dem Gesetz, er war das Ge- SPIEGEL: In Ihrem setz. Präsident Harry neuen Buch zeich- Truman warf ihm 1945 nen Sie ein düsteres sogar vor, eine amerika- Bild der amerikani- nische Gestapo aufzu- schen Bundespolizei bauen. Doch kein Präsi-FBI. Seit der Gründung vor 103 Jahren dent hatte je den Mut,soll sie kontinuierlich das Gesetz ge- Hoover zu entlassen.brochen haben. Ist sie eine Gefahr für SPIEGEL: Nach den An-den Rechtsstaat? schlägen vom 11. Septem-Weiner: Das FBI war und ist vor allem ber enthüllten Ermittlun-ein Machtinstrument des Präsidenten. gen eines der größtenBislang hat sich noch jeder unserer Überwachungsprogram-Präsidenten als ein Staatschef im me in der Geschichte. ULLSTEIN BILDKrieg gefühlt. Und in diesen Kriegen Weiner: Wenn Sie einewar das FBI ein willkommenes Werk- Mail von Hamburg nachzeug zum Spionieren, Intrigieren und Karatschi schicken, ist es88 D E R S P I E G E L 1 1 / 2 0 1 2
  • Ausland UGA N DA Jagd auf Kony „Kony 2012“ heißt die jüngste Internet- kampagne der US-amerikanischen Hilfsorganisation „Invisible Children“. Ihr Mitgründer, der Filmemacher Jason Russell, hat es sich zur Aufgabe ge- macht, den ugandischen Rebellenfüh- Videoausschnitt aus „Kony 2012“ rer Joseph Kony hinter Gitter zu brin- gen. Der selbsternannte „General Got- in den Kongo fliehen, wo sie nun von tes“ kommandiert noch immer seine ugandischen Soldaten und einer US- „Lord’s Resistance Army“ (LRA), für amerikanischen Spezialeinheit verfolgt die er in den letzten 20 Jahren Tausen- werden. Auch ist seine Truppe auf de Kinder als Soldaten zwangsrekru- wohl einige hundert Mann zusammen- tierte. Russell und seine Mitstreiter geschmolzen. Schon vor zehn Jahren wollen die Welt mit ihrer aktuellen hat Kampala ein Amnestie-Programm Kampagne aufrütteln – und zumindest aufgelegt. Wer seine Waffen abgibt, das kann als erreicht gelten. Denn in- dem wird Straffreiheit gewährt. Tausen- nerhalb von nur vier Tagen hatten sich de Kämpfer gingen auf das Angebot vorige Woche mehr als 70 Millionen ein. Ferner verschweigt der Film, dass Menschen weltweit allein auf den Vi- das ugandische Militär bei der Jagd auf deo-Plattformen wie YouTube und Vi- Kony schwere Menschenrechtsverlet- meo den 30-minütigen Film zur Kam- zungen begangen hat. Afrikanische Me- pagne angesehen. Atemberaubend ist dien haben die Aktion von Invisible auch die Karriere des Hashtags „#Stop- Children deshalb scharf verurteilt. Der Kony“ beim Kurznachrichtendienst ugandische Publizist Angelo Izama Twitter. Nachdem im Film und auf der meint: „Die Kampagne wird vor allem Kampagnen-Website dazu aufgerufen ein Ziel erreichen: Invisible Children wurde, gezielt US-amerikanische Politi- bekannter zu machen.“ SAKIS MITROLIDIS / AFP ker und Prominente mit „#Kony2012“- Botschaften zu fluten, twitterten unter 8. März: anderem Popstars wie Rihanna und Justin Bieber Appelle an ihre zahlrei- 9,45 Mio. Tweets 56,6 ** chen Follower. Zum Ende der ersten über Kony oder mit dem Woche wurde die Kampagne schon in Stichwort „StopKony“ seit 1. März; Quelle: Isaac Hepworth mehr als zehn Millionen Twitter-Beiträ- (Twitter) **Stand: gen erwähnt. 19.00 UhrMueller Bedenken und wandte sich an Die Internetkarriere der KampagneJustizminister Ashcroft. In der glei- wird es als Musterbeispiel für den „vira- 7. März:chen Nacht wurde Ashcroft wegen ei- len Effekt“ wohl in die Lehrbücher 2,5 Mio. Aufrufener lebensgefährlichen Entzündung schaffen – ein merkwürdiger Erfolg, der englischsprachigen 40der Bauchspeicheldrüse notoperiert. denn Kony hat den Kampf eigentlich Wikipedia-Seite über Joseph Kony – zuvorWeil Bush das Programm aber unbe- schon verloren. Anders als der Film waren es im Schnittdingt verlängern wollte, entsandte das suggeriert, ist der Norden Ugandas weniger als 1000Weiße Haus eine Delegation auf die nämlich schon lange nicht mehr das am TagIntensivstation, um Ashcrofts Unter- Schlachtfeld; Kony und seine LRAschrift einzuholen. Als Mueller das mussten vor sechs Jahren von dort inhörte, fuhr er ebenfalls hin. Bushs Ab- die Zentralafrikanische Republik undgesandte standen schon am Bett desMinisters, aber Ashcroft lehnte ab. Es 7. März:war eine Szene wie in einem Mafia- Lauffeuer Popstar RihannaFilm. Unglaublich. Anzahl der Aufrufe der twittert: „#KONY2012 20SPIEGEL: Welchen Einfluss hat die Wahl Videokampagne Spread the word!!!“Obamas auf das FBI gehabt? „Kony 2012“ auf YouTube, und erreicht damit ihreWeiner: In den vergangenen drei Jah- in Millionen* 14,7 Mio. Follower * kumuliertren hat sich einiges zum Guten verän-dert. Zum ersten Mal in der Geschich- 6. März:te des FBI kann man davon sprechen, Der Artikel „Kony 2012“ wird bei derdass sich Freiheit und Sicherheit eini- englischsprachigen Wikipedia eingerichtet. Zwei Tage später gibtgermaßen in einer Balance befinden. es 180 000 Zugriffe.Tim Weiner: „FBI. Die wahre Geschichte einer le-gendären Organisation“. S. Fischer Verlag, Frankfurtam Main; 704 Seiten; 22,99 Euro. 5. März 2012 6. März 7. März 8. März 9. März D E R S P I E G E L 1 1 / 2 0 1 2 89
  • Ausland SPI EGEL-GESPRÄCH„Man wird auf mich hören müssen“ Der französische Präsidentschaftskandidat François Hollande reagiert aufAngela Merkels Weigerung, ihn zu empfangen, und begründet seine Entschlossenheit, im Falle seiner Wahl den europäischen Fiskalpakt neu zu verhandeln. OLIVIER ROLLERKandidat Hollande: „ Es sind nicht ausländische Regierungschefs, die für das französische Volk die Wahlen entscheiden“90 D E R S P I E G E L 1 1 / 2 0 1 2
  • Er gilt in Deutschland als farbloser Un-bekannter, doch François Hollande, dersozialistische Herausforderer von NicolasSarkozy, hat gute Chancen, am 6. Maizum Präsidenten gewählt zu werden. Erist der Mann, vor dem Angela Merkel sichfürchtet, weil er ihr europäisches Ver-mächtnis in Frage stellt. Hollande willden im Dezember von 25 EU-Mitglied-staaten beschlossenen Fiskalpakt zur Ret-tung der Euro-Zone neu verhandeln.Auch aus diesem Grund unterstützt Mer-kel offen Sarkozy, sie hat sich bisher ge- JEAN-CHRISTOPHE VERHAEGEN / AFPweigert, dessen Herausforderer in Berlinzu empfangen. Hollande, 57, war sozia-listischer Parteivorsitzender von 1997 bis2008; ohne je Minister oder Regierungs-chef gewesen zu sein, wäre er nach Fran-çois Mitterrand, unter dem seine Karriere1981 begann, erst der zweite linke Staats-chef der Fünften Republik. Bundeskanzlerin Merkel beim EU-Gipfel in Brüssel: „Wir dürfen nicht so arrogant sein“SPIEGEL: Herr Hollande, wenn Sie am 6. Falls Sie gewählt werden: Könnte Ihr ers- Staatschef Napolitano empfangen. InMai zum Präsidenten Frankreichs gewählt tes Treffen etwas peinlich ausfallen? Brüssel bin ich beim Präsidenten der EU-werden sollten, wohin würde Ihre erste Hollande: Peinlich würde es für niemanden. Kommission und bei AußenministerinAuslandsreise Sie führen? Für mich wäre es die Gelegenheit, ihr Ashton gewesen. Soll ich die Liste fort-Hollande: Nach Berlin, zu Bundeskanzle- deutlich zu machen, was ich will: eine setzen?rin Angela Merkel. Neuausrichtung Europas auf mehr Wachs- SPIEGEL: Wir reden von denen, die sichSPIEGEL: Heißt das, wenn Frau Merkel Sie tum. Das ist eine Notwendigkeit, die der nicht mit Ihnen treffen wollen. Die Mel-vorher nicht sehen wollte, wird sie Sie Fiskalpakt nicht berücksichtigt. dung, dass Frau Merkel und andere Re-nachher empfangen müssen? SPIEGEL: Heißt das, dass Sie wie ein her- gierungschefs Sie nicht treffen wollen,Hollande: Ich zwinge niemanden. Ich habe ausfordernder Sieger aufträten? Oder hat in Frankreich für Aufregung gesorgt.signalisiert: Ich stehe zur Verfügung, falls würde es für Sie eher ein Canossa-Gang? Hollande: Ich habe diesen Artikel im SPIE-es vor der Wahl eine Gelegenheit gibt, ein- Hollande: Weder noch. Ich habe großen GEL nicht geschrieben, da sind Sie meineander zu treffen. Das war nicht möglich. Respekt für Frau Merkel, aber auch für Zeugen. Er hatte jedenfalls zwei Effekte:Ich verstehe Frau Merkels Gründe, sie un- das deutsche Volk, das im September Die Franzosen fragten sich erstens, war-terstützt ja schließlich den Amtsinhaber. 2013 bekanntlich selbst seine Wahl treffen um es diese Absicht gab. Und zweitensSPIEGEL: Hat sie Ihnen eine förmliche Ab- wird. Und jeder weiß, dass ich als Sozia- folgten Dementis. Es sind aber nicht aus-sage zukommen lassen? list gute Verbindungen zur SPD habe. ländische Regierungschefs, die für dasHollande: Nein, aber ich glaube, es hat kei- SPIEGEL: Sie haben nicht nur Frau Merkel, französische Volk die Wahlen entschei-nen Sinn nachzubohren. Ich habe aus- sondern auch andere europäische Regie- den. Vielleicht haben diejenigen mir einenrichten lassen, dass ich bereit wäre, und rungschefs verärgert. Fürchten Sie nicht, Dienst erwiesen, ohne es zu wissen.es gab keine Reaktion. in Europa eine Art Paria zu werden? SPIEGEL: Dominique de Villepin nannteSPIEGEL: Eine demütigende Abfuhr. Hollande: Also wirklich, nein! Ich bin gera- die Unterstützung Sarkozys durch dieHollande: Die Kanzlerin kann natürlich de auf dem Weg zum polnischen Präsi- Kanzlerin „den Kuss des Todes“.frei entscheiden, wie sie sich während des denten Komorowski, in Italien hat mich Hollande: Ich habe Frau Merkel wirklichWahlkampfs in einem großen Partnerland nicht gebeten, auf diese Weise meinewie Frankreich verhalten will. Ich verste- Wahl zu arrangieren. Aber alle kennenhe auch, dass Frau Merkel Herrn Sarkozy Umfrage zur Präsidentschafts- nun meine Haltung zum Fiskalpakt, undunterstützt, sie sind ja in der gleichen wahl in Frankreich nach der Wahl werden sie darauf Rück-konservativen Parteienfamilie. Was zählt, sicht nehmen müssen. Wenn ich Präsident Stimmenanteile der beiden Favoritenist, dass wir im Falle meiner Wahl in der werde, schlägt Frankreich einen anderen im Fall einer Stichwahl*Lage sind, gute Beziehungen zwischen Weg ein als unter Nicolas Sarkozy – undunseren Ländern zu unterhalten. 60 zwar sowohl in der Innenpolitik als auchSPIEGEL: Wirklich kein Groll? François Hollande in der Außen- und Europapolitik. 58Hollande: Nein. Sarkozy und Merkel ha- SPIEGEL: Und so treten Sie jetzt in Frank-ben mal mit mehr, mal mit weniger In- 55 reich als der Kandidat auf, der Deutsch-nigkeit zusammengearbeitet, und mein land die Stirn bietet.Eindruck ist, dass die Kanzlerin und der * sollte keiner der Kandidaten Hollande: Ich bin auch der Kandidat, derPräsident am Ende ein Gleichgewicht in im ersten Wahlgang die weiß, dass die deutsch-französische absolute Mehrheit erreichenihrer Beziehung gefunden haben. Der Freundschaft unverzichtbar für EuropaFiskalpakt, den die beiden zu verant- 45 ist. Und ich werde mich nie zu Äußerun-worten haben, trägt allerdings zweifel- Nicolas Sarkozy gen hinreißen lassen, die ihr schaden. 42los stärker die Handschrift von Frau SPIEGEL: Die gibt es aber. Ihr sozialisti-Merkel. 40 scher Parteifreund Arnaud MontebourgSPIEGEL: Sie haben die Bundeskanzlerin 2011 2012 sagte: „Die Frage des deutschen Natio-verärgert, weil Sie fordern, dass der EU- Okt. Dez. Jan. März nalismus kehrt zurück durch die PolitikFiskalpakt neu verhandelt werden muss, Quelle: LH2 / Yahoo-Umfrage in Frankreich; nach bismarckscher Art, die Frau Merkelder die Staaten zum Sparen verpflichtet. jeweils rund 1000 Befragte; Angaben in Prozent betreibt.“ Distanzieren Sie sich davon? D E R S P I E G E L 1 1 / 2 0 1 2 91
  • AuslandHollande: Ich finde, Helmut Schmidt hat tig. Ich habe mich selbst zu einem aus-darauf beim SPD-Parteitag die beste Ant- geglichenen Budget verpflichtet, zu einerwort gegeben. Unsere beiden Völker, un- besseren wirtschaftlichen Abstimmung.sere politischen Eliten, dürfen nicht in Aber mich stört vor allem, dass im Fis-Nationalismus zurückfallen. Wir dürfen kalpakt gar nichts über Wachstum steht.nicht zu arrogant sein, wozu auch die Und dann gibt es eine Unsicherheit inFranzosen manchmal neigen. Und ein Bezug auf die automatischen Sanktio-großes Land mit einer so herausragenden nen, also auf das, was von den StaatenWirtschaftsleistung wie Deutschland darf verlangt wird, um ihr Defizit zu redu-nicht vergessen, dass es seine Erfolge zieren.auch der Nachfrage der anderen europäi- SPIEGEL: Was wollen Sie denn nun genauschen Länder verdankt. erreichen?SPIEGEL: Sie haben Sarkozy vorgeworfen, Hollande: Einige Bestimmungen solltenFrankreich habe sich Deutschland „un- neu verhandelt werden. Zum Beispiel dieterworfen“. Rolle des Europäischen Gerichtshofs –Hollande: Ich finde, dass Frankreich in letz- ich bin dagegen, dass er in die nationaleter Zeit gegenüber unseren deutschen Budgethoheit eingreifen kann. Kein Par-Freunden nicht deutlich genug gemacht lament kann damit einverstanden sein,hat, wie wichtig es ist, Euro-Bonds ein- einem Gerichtshof zu unterstehen.zuführen als Mittel gegen die Spekula- SPIEGEL: Und was ist mit den automati-tion. Und wie notwendig es ist, die Spar- schen Strafen bei Verstößen?politik durch Wachstum zu ergänzen. Hollande: Die sind notwendig. Was wir mitUnd das zweifellos deshalb, weil mein dem Maastrichter Vertrag erlebt haben, ELODIE GREGOIRE / REA / LAIFLand mit einem besorgniserregend hohen darf sich nicht wiederholen.Defizit zu kämpfen hat, weil eine Rating- SPIEGEL: Warum wollen Sie dann keineAgentur seine Bonität herabgesetzt hat, Schuldenbremse in der Verfassung?und das war nicht gut für ein ausgegli- Hollande: Nicht in der Verfassung, aberchenes Kräfteverhältnis. ich würde dem französischen ParlamentSPIEGEL: Wie wollen Sie das wieder her- ein Gesetz vorschlagen, das vorsieht, dasstellen? Haushaltsdefizit Jahr für Jahr zu verrin- Amtsinhaber Sarkozy: „Er schlägt um sich, erHollande: Ein neugewählter Präsident mit gern, bis wir 2017 ein ausgeglichenes Bud-einer vollen Amtszeit hat zwangsläufig get erreicht haben. Hollande: Deswegen brauchen wir euro-ein größeres Gewicht als ein Präsident SPIEGEL: Wachstum lässt sich nicht per De- päische Anleihen. Dann könnte sicham Ende seines Mandats. Wenn das fran- kret herbeizaubern. Und die EU-Staaten Europa als Institution selbst Geld leihen,zösische Volk meine Position bestätigt, haben kein Geld für Konjunkturprogram- um Wachstumsprojekte anzustoßen, undmuss sie bei den anderen Ländern Gehör me, die in der Vergangenheit ohnehin oft zwar aus den Ersparnissen seiner Bürger.finden. Aus diesem Grund wollte ich die verpufft sind. SPIEGEL: Frau Merkel lehnt Euro-Bondsanderen Staatschefs sehr früh vorwarnen. Hollande: Ja, unsere Staaten haben keine ab, auch weil Deutschland dann höhereMan wird auf mich hören müssen. Spielräume, außer Deutschland. Schuldzinsen zahlen müsste.SPIEGEL: Sie meinen, Sie können dem Rest SPIEGEL: Deutschland soll die Lokomotive Hollande: Ich will auch keine Euro-Bonds,Europas mit Ihrer frischen Legitimation sein? Da überfordern Sie Ihren Partner. mit denen alle Schulden der Euro-Zoneeinen Kurswechsel aufzwingen? Hollande: Sie haben in Deutschland das De- vergemeinschaftet werden, das geht nurHollande: Nicht aufzwingen! In Europa fizit deutlich verringert. Und Sie haben langfristig. Ich will, dass mit Euro-Bondszwingt man niemandem etwas auf. Das noch Wachstumsreserven. Die deutschen zielgerichtete Investitionen in Zukunfts-ist nicht meine Vorstellung und nicht mein Gewerkschaften verhandeln gerade über projekte finanziert werden. Das ist nichtTemperament. Die EU hat immer im Zei- Lohnzuwächse. Mehr Kaufkraft würde in das Gleiche. Reden wir von „Projekt-chen des Respekts, des Gleichgewichts und Deutschland eine Binnennachfrage auslö- bonds“ statt Euro-Bonds.des Vertrauens funktioniert. Ohne Neu- sen, von der auch wir profitieren können. SPIEGEL: So radikal, wie Sie zunächst klan-verhandlung erreichen wir aber unsere SPIEGEL: Und woher soll nun das Geld gen, hören Sie sich jetzt gar nicht mehrZiele nicht. Wer glaubt denn im Ernst, au- kommen, mit dem Sie die Wirtschaft an- an. Haben Sie das falsche Wort gewählt,ßer vielleicht ein paar Leuten in Deutsch- kurbeln wollen? als Sie Neuverhandlungen verlangten?land, dass wir unsere Defizite reduzieren Hollande: Es gibt eine paar Strukturfonds Hollande: Der Amtsinhaber hat ja diesenkönnen, wenn es kein Wachstum gibt? in der EU, die noch über Restmittel ver- Vertrag ausgehandelt, aber das ParlamentSPIEGEL: Frau Merkel bestreitet die Not- fügen. Wir haben zudem die Europäische hat ihn noch nicht ratifiziert. Ich will ei-wendigkeit von Wachstum doch nicht. Investitionsbank. nige Punkte verändern, nicht den ganzenDie Debatte geht darum, auf welchem SPIEGEL: Wenn die EU zahlt, muss immer Pakt aufreißen, aber ich möchte einen Zu-Weg man zu Wachstum gelangt. Deutschland am meisten zahlen. satz zum Thema Wachstum, und der ge-Hollande: Umso besser! Dann hört in den Vertrag hineingeschrieben.haben wir ja einen gemeinsa- SPIEGEL: Selbst der deutsche Sozialdemo-men Ausgangspunkt. krat Peer Steinbrück hat Ihr Ansinnen alsSPIEGEL: Die Bundeskanzlerin „naiv“ bezeichnet.glaubt, dass der Fiskalpakt der Hollande: Herr Steinmeier und Herr Ga-einzige Weg für Europa ist, briel haben inzwischen gesagt, Europadie Schulden abzubauen und neu ausrichten zu wollen sei nicht naiv.den Euro zu retten. Was stört Bei einer Wahl braucht man zum Teil MYR MURATETSie daran? Hoffnung und zum anderen Wagemut.Hollande: Ich will ihn neu ver-handeln. Nicht alles, einige * Mit den Redakteuren Mathieu von Rohr und RomainSachen scheinen mir vernünf- Hollande (r.) beim SPIEGEL-Gespräch*: „Nichts Protziges“ Leick in Hollandes Wahlkampfzentrale in Paris.92 D E R S P I E G E L 1 1 / 2 0 1 2
  • Hollande: Es gibt immer eine Linke, der nichts genug ist. Aber wenn wir jetzt zu viel wollen, scheitern wir. SPIEGEL: Sie wollen alle Einkommen über einer Million Euro pro Jahr mit einer Steuer von 75 Prozent belegen. Ist das kein Populismus von links? Hollande: Schockierend sind nicht die 75 Prozent. Schockierend ist ein Gehalt von mehr als einer Million Euro. Die Vor- standsvorsitzenden der großen börsen- notierten Unternehmen Frankreichs ha- ben sich 2010, mitten in der Krise, die Gehälter um 34 Prozent erhöht. Das ist der Grund meines Vorschlags. In der Kri- se kann man von ihnen Patriotismus ver- langen, zu dem auch Solidarität gehört. SPIEGEL: Wollen Sie nach Sarkozy, der als Präsident der Reichen gilt, der Präsident sein, der die Reichen hasst? Hollande: Ich mag den unanständigen, den unverdienten Reichtum nicht. Dass ein Unternehmer, der etwas geschaffen hat, gut verdient, ist legitim. SPIEGEL: Sarkozy wirft Ihnen vor, den Er- folg zu stigmatisieren. Hollande: Wenn ich das Versagen predigen würde, würde ich Nicolas Sarkozy unter- stützen.benutzt die Themen der extremen Rechten, um zu punkten“ SPIEGEL: Haben Sie die Wahl schon ge- wonnen? Die Umfragen sagen Ihnen ei- SPIEGEL: In den vergangenen Jahren wur- sagen: Deutschland und Frankreich set- nen historisch hohen Sieg um die 58 Pro- de Europa faktisch von einem deutsch- zen auf die Jugend. In der Ausbildung, zent voraus. französischen Direktorium gelenkt, dem in der Wissenschaft, bei den Innovatio- Hollande: Wenn es jene beruhigt, die in Tandem „Merkozy“. Wird das so weiter- nen. Damit könnten wir Europa ein schö- den Hauptstädten Europas gegen mich gehen mit „Merlande“? nes Beispiel geben. Vielleicht könnten mobil machen – in zwei Monaten kann Hollande: Im Augenblick sind wir noch wir vereinbaren, dass die Jugendlichen noch sehr viel passieren. Der Noch-Amts- nicht so weit, dass wir unsere Familien- Praktika in deutschen und französischen inhaber ist ein Kämpfer, er schlägt um namen verschmelzen. Ich bin kein lau- Unternehmen absolvieren, dass wir wie- sich, benutzt die Themen der extremen warmer Europäer. Ich weiß, dass die der vermehrt die Sprache des anderen Rechten, die Immigration, um zu punk- deutsch-französische Freundschaft unver- lernen. Wir könnten auch vereinbaren, ten. Ich werde an meinem Programm da- zichtbar ist, wer auch immer an der Spit- dass wir uns gemeinsam den Heraus- gegen nichts verändern. Und ich werde ze der Staaten steht. Aber wir dürfen forderungen stellen, vor denen unser Pla- billige Polemiken und übermäßige Ag- nicht den Eindruck erwecken, dass es in net steht: der Klimaerwärmung, neuen gressivität vermeiden, ich will die Fran- Europa eine Zweierherrschaft gibt, der Technologien. zosen überzeugen. die anderen folgen müssen. Viele Länder SPIEGEL: Wollen Sie mit einer schönen SPIEGEL: Nach seinem Wahlsieg 1981 hat können das nicht akzeptieren – nicht, Geste die politischen Meinungsverschie- François Mitterrand, Ihr Vorbild, im Pan- dass es eine Führung gibt, aber dass man denheiten verwischen? theon das Grab des großen Reformsozia- ihnen Entscheidungen aufdrückt. Hollande: In der Politik zählen Symbole listen Jean Jaurès besucht. Nicolas Sar- SPIEGEL: Sie streben nicht nur einen neuen viel. Sie bekunden einen Willen und kozy hat im Luxusrestaurant Fouquet’s Fiskalpakt an, Sie haben auch angekün- schaffen neue Realitäten. mit Milliardären gefeiert. Welches Sym- digt, dass Sie den deutsch-französischen SPIEGEL: Frankreich hat Schulden von über bol würden Sie wählen, um zu zeigen, Freundschaftsvertrag von 1963 zum 50- 1700 Milliarden Euro, und Ihr Programm dass Sie ein anderer Präsident sind? Jahr-Jubiläum gern durch einen neuen enthält teure Versprechen. 60 000 neue Hollande: Mitterrand hatte einen Sinn für ersetzen möchten. Ist er denn veraltet? Stellen im Erziehungswesen, Senkung des Symbole, und er war der erste sozialisti- Hollande: Nein, wir wollen ihn gebührend Renteneintrittsalters auf 60 für Franzosen, sche Präsident seit 1958. Er wollte zeigen, würdigen im kommenden Jahr. Der Ely- die früh ins Berufsleben eingetreten sind. dass es eine geschichtliche Kontinuität sée-Vertrag hatte einen stark symboli- Insgesamt wollen Sie 20 Milliarden neu gibt, eine Verbindung mit den großen schen Charakter. Adenauer und de ausgeben. Eine Luftnummer? Figuren der französischen Geschichte. Ich Gaulle haben einen Pakt geschlossen, der Hollande: Alles, was ich vorschlage, ist so- hingegen würde in einer ganz anderen überwand, was uns einmal trennte, und lide finanziert. Auch die 20 Milliarden. Zeit Präsident. Mir ist es wichtig, die der unsere Beziehung auf ein Fundament Am Ende meines Mandats wird ein aus- Nähe zu den Menschen zu behalten. Ich des Vertrauens gestellt hat. Besonders geglichener Haushalt stehen. würde nichts Protziges unternehmen und wichtig scheint mir im Rückblick der Ju- SPIEGEL: Ein linker Rivale hat Sie schon nichts, was die Menschen verletzt, die gendaustausch zwischen beiden Ländern. „Hollandreou“ genannt. In Anspielung nicht für mich gestimmt haben. Trium- SPIEGEL: Warum dann ein neuer Vertrag? auf den früheren sozialistischen Minister- phalismus liegt mir fern. Man ist Präsi- Hollande: Eine Fortschreibung 50 Jahre präsidenten in Athen, der auf einen har- dent aller Franzosen. danach wäre ein eindringliches Signal. ten Sparkurs einschwenken musste. Wer- SPIEGEL: Herr Hollande, wir danken Ihnen Mir würde es vor allem darum gehen zu den auch Sie die Linke enttäuschen? für dieses Gespräch. D E R S P I E G E L 1 1 / 2 0 1 2 93
  • M. MCDERMOTT / POLARIS / STUDIO XPräsident Obama beim Truppenbesuch in Fort Campbell: „Wir halten die Leine sehr kurz“ USA Bushs Erbe Wenn es um Amerikas Sicherheit geht, ist Friedensnobelpreisträger Barack Obama so rücksichtslos entschlossen wie sein Vorgänger. Jetzt ließ er seinen geheimen Drohnenkrieg zur offiziellen Regierungspolitik erklären.D er Präsident sitzt an diesem Mon- Gesetz überschreite, wenn er per Knopf- lig Auskunft. Sorgen um die Rechtmäßig- tagnachmittag im Weißen Haus, druck Menschen töten lasse, die vielleicht keit solchen Tuns müsse sich niemand die Kamera ist auf ihn gerichtet, unschuldig seien? machen: „Wir halten die Leine sehr kurz.“er redet mit handverlesenen Internet- Offen über Amerikas Drohnenkrieg in Es ist das erste Mal, dass der Präsidentnutzern, die sich für eine Gesprächsrunde Pakistan zu reden, war für Regierungs- der Vereinigten Staaten öffentlich überper Video zuschalten dürfen. Es sind eher mitglieder bislang eine Art Geheimnis- das geheime Drohnenprogramm spricht,seichte Themen, über die Präsident und verrat, kein Wort mieden Obamas Mit- so nebenbei, so selbstverständlich, dassBürger sich austauschen, etwa der Segen, arbeiter so panisch wie das Wort „Droh- sich die Frage stellt, ob es ihm gar nichtTöchter zu haben, oder die Frage, ob Ba- ne“. Aber an diesem Montag Ende Januar mehr auffällt, wie brisant seine Worte ei-rack Obama nicht Lust verspüre, vor der findet der Präsident nichts dabei, das Un- gentlich sind. Denn dieser Krieg, sosehrKamera ein Tänzchen aufzuführen. Und wort gleich mehrfach auszusprechen. Bei sich die Amerikaner auch an ihn gewöhntdann, mitten in dieses Geplänkel hinein, dem Drohnenkrieg – dem Einsatz fern- haben, ist ein Tabubruch: Unter Feder-erscheint „Evan aus Brooklyn, New York“ gelenkter, unbemannter Flugkörper, aus- führung des Geheimdienstes CIA werdenim Bild und will wissen, wie es denn um gestattet mit schlagkräftigen Präzisions- irgendwo auf der Welt Menschen perden Drohnenkrieg stehe. Ob der Präsi- waffen – gehe es darum, die Führer von Knopfdruck getötet – ohne Anklage,dent nicht die Grenzen von Moral und al-Qaida auszulöschen, gibt er bereitwil- ohne die Verpflichtung, Beweise für ihre94 D E R S P I E G E L 1 1 / 2 0 1 2
  • AuslandSchuld vorzulegen. Es ist ein Krieg, der kanische Staatsbürger, die eigentlich den Attacke gegen die Vereinigten Staatennicht an die üblichen Regeln gebunden besonderen Schutz der US-Verfassung plane. „In einem solchen Fall hat die Re-ist, der Einsatz eines Tötungskommandos, genießen. Der Erste war der Islamisten- gierung ganz klar die Vollmacht, die USAdas sogar auf eigene Landsleute zielt. Prediger Anwar al Awlaki, geboren in mit tödlicher Gewalt zu verteidigen.“ Eigentlich war Barack Obama angetre- New Mexico, den ein Drohnenangriff im Den Chefjuristen Holder plagt keinten, die „imperiale Präsidentschaft“ von Jemen tötete. schlechtes Gewissen. „Die Verfassung ga-George W. Bush zu beenden, dessen Re- Dass dieser Krieg per Knopfdruck der rantiert ein ordentliches Verfahren“, do-gierung sich eine Machtvollkommenheit Kern einer neuen Obama-Doktrin zur zierte er in Chicago kühl, „aber nicht un-angemaßt hatte, wie es sie seit Richard Kriegsführung sein könnte, fürchteten bedingt ein Gerichtsverfahren.“Nixons Watergate-Skandal nicht mehr ge- Menschenrechtsorganisationen, aber auch Es müssten nur ein paar Voraussetzun-geben hat. So hatte Obama versprochen, US-Strategen schon seit längerem. Vori- gen erfüllt sein, so Holder, um eine „Ziel-das Gefangenenlager Guantanamo zu gen Montag räumte das Team Obama die person“ mittels einer Drohne hinrichtenschließen, die menschenrechtswidrigen letzten Zweifel daran aus, dass die geziel- zu dürfen. Der Gesuchte müsse bei derFoltermethoden zu beenden. Er hatte der te Tötung selbst von US-Bürgern nun- Qaida oder ihren Verbündeten in verant-Geheimniskrämerei der Regierung Bush mehr offizielle Regierungspolitik ist. wortlicher Stellung aktiv sein, also einden Kampf angesagt und deren um- Vor einer Woche nämlich hielt Ameri- „enemy combatant“ sein, ein feindlicherstrittenen Abhörprogrammen. Seine Re- kas Justizminister Eric Holder eine Rede Kämpfer. Er müsse eine Attacke gegengierung sollte transparenter Amerika planen und sich inwerden, offener, ehrlicher, einem Land aufhalten, dasweniger kriegerisch. Obama, den USA Erlaubnis zum Zu-der studierte Verfassungs- schlagen erteilt habe. Undrechtler, wollte Amerika eine Festnahme des Ver-wieder auf die Grenzen des dächtigen müsse zu demRechtsstaats verpflichten. Zeitpunkt nicht möglich Von seinen Versprechen, sein.soviel steht nach drei Jah- Wann eine Bedrohungren im Amt fest, ist wenig genau vorliegt, welche Be-geblieben. Zwar verbot weise regierungsintern nö-Obama die Folterpraktiken tig sind, wie eine Möglich-der Vorgängerregierung, keit zur Festnahme geprüftaber die unbegrenzte Inhaf- werden soll – all dies ließtierung von Terrorverdäch- Holder offen.tigen konnte auch er nicht Diese rechtliche Grau- POLARIS / LAIFabschaffen. Guantanamo ist zone tritt umso deutlicherimmer noch in Betrieb, hervor, je offener Ameri-auch künftig soll es dort kas „Drohnenabhängigkeit“Prozesse vor Militärgerich- Drohne auf einer Startbahn in Afghanistan: Töten auf Knopfdruck („Washington Post“) erkenn-ten geben. Für seine grim- bar wird. 2002 gaben US-Mi-mig harte Haltung im inzwi- litärs für Drohnen rund 550schen wieder weltweit ge- Millionen Dollar aus, heuteführten Anti-Terror-Krieg sind es beinahe 5 Milliardenerntete er Lob ausgerech- Dollar. Tendenz: dramatischnet vom ehemaligen Vize- steigend. Die US-Luftwaffepräsidenten Dick Cheney, trainiert mittlerweile mehrder für alles steht, was Oba- Piloten für Drohnenein-ma einst bekämpfen wollte sätze als für Kampfflieger,(SPIEGEL 39/2011). erst im Herbst wurden neue Wenn es um die nationa- Startbasen bekannt, inle Sicherheit geht, greift der Äthiopien und auf den Sey-Demokrat mindestens eben- chellen.so bedingungslos durch wie Wie kam es zu dieser Be-sein Vorgänger, und viele sa- geisterung für die leisen Kil- ASIF HASSAN / AFPgen, er sei mit seinem Droh- ler? Obama-Kritiker glau-nenkrieg längst den ent- ben, dem Präsidenten kä-scheidenden Schritt weiter- men sie zupass, weil diegegangen. Im Schnitt lässt Beseitigung des Gegnersder Friedensnobelpreisträ- Proteste gegen US-Militäreinsätze in Pakistan: 2300 Menschen exekutiert nun einmal schneller undger jeden vierten Tag eine unkomplizierter sei als Fest-raketenbestückte Drohne aufsteigen, Vor- an der Northwestern University School nahmen von und langwierige Prozessegänger Bush schickte nur an jedem 47. Tag of Law in Chicago – nicht weit entfernt gegen Top-Terroristen. Am Beispiel Osa-eine Drohne los. von jenem Campus, auf dem ein junger ma Bin Laden habe Obama das vor- Über 2300 Menschen haben die Ame- Rechtsdozent namens Barack Obama Stu- exerziert.rikaner schon auf diese Weise exekutiert, denten einst beibrachte, wie Freiheit und „Absurd“ nennen Regierungssprechervornehmlich bei der Jagd auf Taliban, Sicherheit vereinbar bleiben. derlei Spekulationen. Sei eine Ergreifungdie sich im pakistanischen Grenzgebiet Holder machte deutlich, dass ihm die von Terroristen möglich, habe diese stetszu Afghanistan versteckt halten. Auch Sicherheit mittlerweile das höhere Gut Vorrang. Unbestritten ist aber, was Droh-gegen die somalischen Piraten könnte ist. Es sei nicht immer möglich, einen Ter- nen zu so attraktiven Waffen macht: SieObama künftig Drohnen einsetzen. Und roristen mit amerikanischem Pass festzu- können selbst in unwegsamstem Geländezu den Opfern zählen bisher drei ameri- nehmen, dozierte er, während dieser eine zuschlagen, sie versetzen Top-Terroristen D E R S P I E G E L 1 1 / 2 0 1 2 95
  • Auslandin größeren Schrecken als jedes Elitekom- töten oder Erwachsene. Sie töten einfach sagt das Völkerrecht, ist der früheste Zeit-mando, weil sie kaum sichtbar und nahe- alle.“ punkt fürs Zuschlagen. In die „Bewer-zu lautlos sind. Vor allem aber, das ist im Selbst US-Außenministerin Hillary tung“, ob eine solche Bedrohung vorlie-kriegsmüden Amerika von besonderer Clinton und der ehemalige Generalstabs- ge, sagt Holder nun, müsse auch einge-Bedeutung, gefährdet ihr Einsatz das Le- chef Mike Mullen erhoben intern Einwän- hen, ob die „Gelegenheit zum Handeln“ben keines einzigen amerikanischen Sol- de gegen den Drohnenregen auf Pakistan günstig sei, wie groß „der Schaden fürdaten. – die Militärschläge schwächten die ohne- Zivilisten“ wäre, wann die Gelegenheit Obwohl es auch die massive Kritik am hin wackelige Regierung von Präsident verstreichen würde und welche Wahr-Irak-Krieg seines Vorgängers war, die Asif Ali Zardari weiter, argumentierten scheinlichkeit dann noch bestehe, „künf-Obama ins Weiße Haus getragen hatte, sie. Als voriges Jahr Nato-Truppen ver- tige verheerende Attacken auf die Ver-erlaubt ihm nun der aus der Ferne geführ- sehentlich 24 pakistanische Soldaten an einigten Staaten zu verhindern“.te Krieg, den Anti-Terror-Kampf weit ent- der afghanisch-pakistanischen Grenze tö- Wer so redet, sagen die Völkerrechtler,schlossener fortzuführen, als es die meis- teten und Proteste gegen Zardari hoch- könnte auch einen Präventivkrieg vorbe-ten seiner Anhänger erwartet hatten. In kochten, stellte die CIA die Drohnenflüge reiten. Denn der Justizminister sprichtseinem ersten Amtsjahr schickte Obama auf Bitten Islamabads ein. Doch kurz dar- hier Themen an, die sie mit größter Skep-nicht nur mehr Soldaten nach Afghani- auf setzte der Geheimdienst durch, dass sis betrachten: Vorsorgliche Erwägungenstan, er stockte auch die Zahl der CIA- die leisen Killer wieder über Pakistan sur- der Effektivität können keinen Militär-Mitarbeiter in Pakistan auf. ren dürfen. schlag rechtfertigen – sei es gegen einzelne Überdies unterzeichnete der Präsident Peter Singer, Militärexperte der Broo- Terroristen, sei es gegen andere Staaten.den umstrittenen National Defense Au- kings Institution in Washington, sieht in Erst wenn der Gegner seine Waffe er-thorization Act (NDAA). Danach darf das dieser neuen Lust am risikolosen Töten hoben hat, ist ein Angriff „imminent“amerikanische Militär künftig Bürger jeg- die größte Gefahr des Drohnenpro- und kann einen Gewaltakt der Selbstver- teidigung rechtfertigen – dies ist die herr- schende Ansicht unter Völkerrechtlern. Deshalb fürchten die Experten, dass Holders Argumentation für den Anti-Ter- ror-Krieg auch geeignet wäre als Recht- fertigung für mögliche künftige Militär- schläge des Oberbefehlshabers Obama. Der Kölner Völkerrechtsprofessor Claus Kreß, ein international gefragter Kenner des Kriegsrechts made in USA, hält es „nicht für ausgeschlossen“, dass Obamas Chefjuristen bei ihren Rechtfertigungen für den Drohnenkrieg im Hinterkopf be- reits an einen möglichen Präventivschlag gegen ein anderes Ziel gedacht haben könnten – gegen Iran. Denn auch ein militärischer Einsatz ge- REUTERS TV / REUTERS gen das Atomprogramm der Mullahs, den Obama für denkbar hält, wenn nachweis- bar klar ist, dass Iran anders am Bom- benbau nicht mehr gehindert werden kann, wäre juristisch nur mit ErlaubnisKontrollraum in iranischer Atomanlage: Möglicher Präventivschlag gegen ein anderes Ziel? des Uno-Sicherheitsrates möglich. Dessen Zustimmung aber würde wohl am Vetolicher Nationalität überall auf der Welt gramms. „200 Jahre lang waren amerika- der Russen und der Chinesen scheitern.ergreifen und sie ohne Gerichtsverhand- nische Kriegserklärungen immer damit Also käme es darauf an, ob sich die Ver-lung auf unbestimmte Zeit inhaftieren. verbunden, dass so ein Krieg auch US- einigten Staaten gemäß Artikel 51 der Dabei ist höchst umstritten, ob die Tö- Menschenleben kosten würde.“ Das sei Uno-Charta auf ihr „naturgegebenes“tungen per Fernsteuerung Amerikas stra- im Zeitalter der Drohnen ganz anders – Selbstverteidigungsrecht berufen könn-tegischen Zielen wirklich dienen – der und werde die Bereitschaft zu Militär- ten. Dieses aber setzt voraus, dass IranDrohneneinsatz zeigt nämlich bereits un- schlägen erhöhen. quasi seine Waffen gegen Israel odererwünschte Nebenwirkungen. Auch für diese Behauptung bietet die Amerika erhoben hat. Eine geplante, ja Solche Attacken schafften in Ländern Holder-Rede Hinweise. Dass ausgerech- selbst eine gebaute Atombombe wärewie Pakistan jede Menge Märtyrer, warnt net die Obama-Administration zur Dok- nach herkömmlichem Verständnis fürJeffrey Smith, ehemals Chefjurist der trin des weltweiten Kampfes gegen den sich genommen kein unmittelbar bevor-CIA. Immerhin sollen die Drohnen laut Terror zurückkehrt, erzürnt Bürgerrecht- stehender Angriff.Schätzungen siebenmal so viele Mitläu- ler und Friedensaktivisten. Einige Völ- Es sei denn, die Welt der Kriegsrechtlerfer töten wie hochkarätige Terroristen. kerrechtler sorgen sich dagegen über ei- sieht ein: Ein präventiver Schlag gegen Eine Umfrage des Pew Research Cen- nen besonders dubiosen Satz des Justiz- die Atomanlagen Irans ist die letzte Mög-ter ergab, dass 97 Prozent der Pakistaner ministers. lichkeit, die unkontrollierte Verbreitungdie ferngesteuerten Attacken zuwider Die Stelle in der Rede Holders behan- von Nuklearwaffen und die drohendesind. Faisal Shahzad, der im Mai 2010 auf delt die Frage, von welchem Zeitpunkt Vernichtung Israels zu verhindern.dem New Yorker Times Square eine an die Vereinigten Staaten ihr „Recht auf War es das, was Holder der Welt überBombe zu zünden versuchte, antwortete Selbstverteidigung“ mit tödlicher Waf- seine Rechtfertigung des Anti-Terror-auf die Frage nach Gewissensbissen über fengewalt gegenüber Einzelpersonen gel- Kampfes hinaus sagen wollte?mögliche unschuldige Opfer: „Amerikas tend machen können. Ein „imminent THOMAS DARNSTÄDT,Drohnen sehen auch nicht, ob sie Kinder threat“, eine unmittelbare Bedrohung, so MARC HUJER, GREGOR PETER SCHMITZ96 D E R S P I E G E L 1 1 / 2 0 1 2
  • Ausland FOTOS: WITOLD KRASSOWSKI / DER SPIEGELNuklearanhänger Krzemiński vor der Atomruine von Zarnowiec, Gemeindevorsteher Doering: Protest-E-Mails aus Deutschland Produzenten und deutsche Politiker ge- POLEN geneinander aufbringt. Zusätzlich befeu- ert wird die Auseinandersetzung durch Zorn auf die Besserwisser Schiefergasfunde: Geologen haben tief unter der waldreichen Hügellandschaft Pommerns und Kaschubiens, eingeschlos- sen im Gestein, riesige Gasvorräte ausge- Selten haben sich Polen und Deutsche so gut verstanden macht. Außenminister Radek Sikorski wie heute. Doch nun setzt Warschau unbeirrt auf Atomkraft – sieht sein Land schon als das Norwegen Osteuropas. Doch wieder sind es vor al- und weist Belehrungen der Nachbarn zurück. lem deutsche Umweltschützer, die die Euphorie bremsen. Jo Leinen, Umwelt-D ie Straße, die in Polens strahlende ein zunehmend einflussreiches EU-Mit- experte im Europaparlament, fordert, das Zukunft führen soll, ist verrottet, glied verwandelt, die Wirtschaft boomt Spezialverfahren zur Förderung des Erd- überall ragt rostiges Stahlgeflecht und braucht Strom, viel Strom. Und des- gases, das „Fracking“, zu reglementieren.aus dem Beton hervor, einige Platten halb glaubt Bürgermeister Krzemiński, Dabei werden auch Chemikalien ins Ge-sind so weit abgesunken, dass sich tiefe dass sein Jugendtraum doch noch in Er- stein gepresst, die dann ins GrundwasserPfützen gebildet haben. Doch den En- füllung gehen und am Zarnowiec-See ein gelangen können.thusiasmus von Krzysztof Krzemiński Meiler entstehen wird. Er sagt: „Die Koh- Janusz Reiter, als ehemaliger Botschaf-können solche Widrigkeiten nicht er- le wird weniger, der Wind weht schwach ter Polens in der Bundesrepublik mit ei-schüttern. in Polen, und die Sonne zeigt sich selten. nem feinen Sensorium für Stimmungs- Der Bürgermeister des pommerschen Wir brauchen Atomkraft.“ lagen im deutsch-polnischen VerhältnisStädtchens Reda bugsiert seinen grauen Deshalb aber ist Ärger mit dem Nach- ausgestattet, fürchtet, dass ein Streit umPassat zwischen den Schlaglöchern hin- barn im Westen programmiert. Selten in Atomkraft und Schiefergas auf beiden Sei-durch und hält vor einem klapprigen Ma- den vergangenen tausend Jahren haben ten alte Stereotype wiederbeleben kön-schendrahtzaun. Dahinter erheben sich, sich Polen und Deutsche so gut verstan- ne: „Die Energiefrage ist ein hochemo-grüngrau bewachsen, gewaltige Mauern den wie jetzt. Doch als Antwort auf den tionales Politikfeld“, sagt er. „Für vieleaus einer vergangenen Epoche. Entschluss Polens, Atomkraftwerke zu deutsche Umweltschützer geht es ums Hier, 50 Kilometer westlich von Dan- bauen, verabschiedeten Abgeordnete al- Überleben der Menschheit.“zig, am Zarnowiec-See, goss das kommu- ler Fraktionen in den Parlamenten von Die Polen dagegen reagieren empfind-nistische Polen einst die Fundamente ei- Berlin, Brandenburg und Mecklenburg- lich auf Bevormundung – vor allem wennnes Atomkraftwerks, und Krzemiński Vorpommern Appelle an die Nachbarn, sie aus Deutschland kommt. Sie sorgenführte damals eine Brigade. „Es war mein ebenso wie Deutschland auf die Nutzung sich um die Früchte des schmerzhaftenerster Job als Ingenieur“, sagt er, „eine von Nuklearenergie zu verzichten. Transformationsprozesses, haben Angst,schöne Zeit, sehr anspruchsvoll, sehr her- Doch Warschau setzt auch nach der ohne Atomstrom niemals den Lebensstan-ausfordernd.“ Katastrophe von Fukushima unbeirrt auf dard zu erreichen, den die Westeuropäer Doch mit der Wende war alles vorbei. Atomkraft. „Wenn jemand keine Atom- für selbstverständlich halten.Die neuen, demokratischen Machthaber kraftwerke bauen will, dann ist das sein Am Drei-Kreuze-Platz in Warschau re-stoppten den Kraftwerksbau. „1989 haben Problem“, sagt Premier Donald Tusk. sidiert die Kernenergieabteilung des Wirt-wir zugemacht“, sagt Krzemiński. „Eini- Wirtschaftsminister Waldemar Pawlak be- schaftsministeriums. Direktor Zbigniewge Beton- und Stahlteile wurden für ein kräftigte vorige Woche in der „FAZ“, dass Kubacki bittet in ein tristes Besprechungs-paar Groschen verkauft, der Reaktor ging die Entscheidung gefallen sei. Zwei Mei- zimmer, der einzige Wandschmuck be-nach Finnland.“ ler soll der staatliche Energiekonzern steht aus einer Karte, die zeigt: Polen ist Heute hingegen, mehr als 20 Jahre spä- PGE errichten – einen wohl in Zarnowiec umgeben von Atomkraftnutzern. Dieter, hat sich die Lage gründlich verändert. bei Bürgermeister Krzemiński. Skandinavier produzieren Nuklearener-Polen, längst nicht mehr der bettelarme Der Streit um die Kernkraft ist nicht gie, die Balten, die Tschechen, die Ukrai-Bittsteller der Nachwendezeit, hat sich in der einzige Energiedisput, der polnische ner und die Deutschen immerhin einst-98 D E R S P I E G E L 1 1 / 2 0 1 2
  • weilen noch. Die Slowaken und sogar die An manchem Tag treffen bis zu 2500 deutsche Vergangenheit gehört zu unse-Weißrussen wollen demnächst neue Mei- Protest-E-Mails aus dem Nachbarland ein. rer Geschichte“, sagt er.ler bauen. Nur Polen, so glaubt der Chef, Umweltinitiativen aus Brandenburg und Doch seit den Schiefergasfunden ver-hinke mal wieder hinterher. Mecklenburg-Vorpommern bieten die bittet er sich den Einspruch der Umwelt- Kubacki weist darauf hin, dass der Schreiben zum Herunterladen an. schützer von der anderen Seite der Gren-Energieverbrauch des Landes parallel „Wir nehmen alle Einwände ernst“, ze. Zweimal schon hat der staatlichezum Wachstum der Wirtschaft jedes Jahr sagt Kubacki artig, doch es klingt wie eine Gaskonzern Probebohrungen in seinerum vier Prozent steige. Derzeit deckt Klage. Gemeinde unternommen, und zweimalBraunkohle etwa 90 Prozent des Energie- Viele Polen fürchten, von den Deut- wurde Gas gefunden. „In zwei Jahrenbedarfs ab. „Aber wir haben europäische schen trotz ihrer enormen wirtschaft- wird hier hoffentlich in industriellem Maß-Verpflichtungen“, sagt Kubacki. „Wir lichen Erfolge nach wie vor als zurück- stab gefördert werden können“, sagt er.müssen den CO2-Ausstoß reduzieren und gebliebene Hinterwäldler betrachtet zu Polen bezieht sein Erdgas derzeit zuden Energiemix diversifizieren.“ werden, die sich in der Atomfrage eigen- zwei Dritteln vom staatlichen russischen Natürlich werde Warschau erneuerbare sinnig und unbelehrbar zeigen. Gaskonzern. Und Gazprom verlangt vonEnergien fördern, so teuer die auch seien. Besonders erregen sich die Polen, den einstigen Verbündeten höhere PreiseAber das reiche bei weitem nicht aus. Ku- wenn Deutsche und Russen miteinander als von den Geschäftspartnern im Westen.backi versichert, Polen werde das Neueste paktieren – so wie vor fast sieben Jahren. 500 Dollar muss Warschau derzeit fürvom Neuen an Reaktoren kaufen und Damals einigten sich Berlin und Moskau 1000 Kubikmeter Gas aus Russland über-höchste Sicherheitsstandards erfüllen. Er darauf, eine Erdgas-Pipeline durch die weisen, der Rest Europas zahlt nur 300.gibt allerdings zu, dass auch in Polen noch Ostsee an Polen vorbei zu verlegen. Dagegen klagt Polen vor einem interna-niemand weiß, wohin mit dem über Jahr- Kanzler Gerhard Schröder hielt es tionalen Schiedsgericht in Stockholm.tausende strahlenden Atommüll. Und er nicht einmal für nötig, Warschau zu kon- „Die Russen behandeln uns einfach im-räumt ein, dass Umfragen zufolge die Zu- sultieren. Dass Deutsche sie nun auch mer noch wie abtrünnige Untertanen“,stimmung der Polen zur Kernenergie noch daran hindern wollen, ihre eigenen sagt Doering, doch sein Unmut richtetnach Fukushima unter die Marke von 50 Erdgasvorräte zu erschließen, ist aus der sich nicht nur gen Osten.Prozent gesunken sei. Sicht vieler Polen schlicht eine Frechheit. Der Gemeindechef dreht sich in Rich- Trotzdem sagt er: „An der Atomkraft Henryk Doering jedenfalls, Gemeinde- tung Ostsee, wo die deutsch-russische Pipe-geht kein Weg vorbei.“ Selbst wenn er es vorsteher im Flecken Krokowa nördlich line verläuft. Er schlägt sich mit der linkendiplomatisch formuliert, seine Botschaft von Danzig, versteht die Nachbarn nicht Hand in die rechte Armbeuge, der Unter-ist klar: Die Deutschen sollten sich mit mehr, denen er eigentlich wohlgesinnt ist. arm schnellt hoch, die Faust ist zornig ge-Kritik zurückhalten. Schließlich – so sieht An der Schule hat er gegen den Wider- ballt. Er sagt: „Wenn wir erst unser Schie-er das – seien sie auch deshalb so reich, stand der örtlichen Nationalisten deut- fergas fördern, könnt ihr uns alle mal.“weil sie seit 50 Jahren Atomkraft nutzen. sche Inschriften konservieren lassen: „Die JAN PUHL
  • Ausland Die Debatte darüber, wie es nach der Präsidentenwahl vom 4. März weitergeht, RUSSLAND wie die Tatsache zu deuten ist, dass Putin 13 Millionen Stimmen mehr erhielt als Kampf um Moskau seine Partei bei der Parlamentswahl im Dezember, wie Strategie und Taktik im Kampf gegen den Kreml nun zu wählen sind – der Streit darüber schüttelt Russ- Die Kreml-Gegner demonstrieren weiter. Aber wofür? lands Opposition kräftig durch. Darüber ist Streit entbrannt. Das nächste Ziel soll Putin verfolgt das mit Genuss. Seine Erleichterung, die Meinungshoheit zu- heißen: erst einmal die Macht in der Hauptstadt übernehmen. rückerlangt zu haben, wurde am Wahl- abend geradezu physisch spürbar. SofortD as Gesicht von Sergej Parchomen- immer nicht klar, wie das wahre Ergebnis kam wieder der Zyniker in ihm durch – ko ist noch rot vom eisigen Wind, aussieht. und die Verachtung für seine Gegner. der durch Moskau weht. Es ist Parchomenko erzählt von seinem eige- Die Oppositionellen seien nicht malMittwoch vergangener Woche, zehn Uhr nen Wahllokal Nr. 149, in das plötzlich halb so intelligent wie einfache russischeabends, Parchomenko lässt den Tag in ei- 300 Fahrer eines Moskauer Transport- Arbeiter, erklärte er. Die Proteste hättennem Steakhaus am Weißrussischen Bahn- betriebs mit einer Sondergenehmigung auch „keinen Bezug zur Wahl“, die Op-hof ausklingen, dort, wo Moskau schon zur Abstimmung gekommen seien – ihr position habe jetzt einfach mal „in derein bisschen aussieht wie New York. Es Direktor war der Chef des Wahllokals –, Nase gebohrt und entschieden“, dass sieist eher eine Bar, Hunderte junge Leute und wie die fast alle für Putin gestimmt das Ergebnis entgegen ersten Aussagendrängeln sich in ihr, das Steak kostet um- hätten. Oder davon, auf welch wunder- doch nicht akzeptiere. Er pfiff auch kei-gerechnet 35 Euro, aber das stört nieman- same Weise sich in den drei Monaten seit neswegs den Chef seines Wahlstabs zu-den. Wer hier sitzt, gehört zum hippen, der Duma-Wahl die Zahl der Stimmbe- rück, als der öffentlich vom „ungesundenaufstrebenden Moskau. rechtigten in Russland um 622 551 Men- Teil“ des russischen Volkes schwadronier- Der Publizist Parchomenko ist 48 Jahre schen erhöhte. te, der da immer wieder auf die Straßealt, er war Chefredakteur mehrerer Ma- Aber selbst wenn der Kreml bis zu gehe – ein Begriff, der an Stalins Wortgazine, dann Verleger, aber er hat den zehn Prozent der Stimmen gefälscht ha- von den Volksfeinden erinnerte, die esJob erst mal beiseitegelegt, er zieht jetzt ben sollte: Das ändert nichts daran, dass auch physisch auszumerzen gelte.in anderer Mission durch die Stadt. Heute der Sieger dieser Wahl Putin heißt, rein Der brutale Hinterhof-Jargon, den Pu-hat er sechs Stunden lang mit den Spitzen rechnerisch ist sein Sieg legitim. Doch tin nun wieder benutzt, hatte vergangeneder Moskauer Polizei verhandelt, als Ver- schon mit dieser These kann Russlands Woche bei der Montagsdemonstration be-treter der „Liga der Wähler“. Opposition nur schwer leben. reits Wirkung gezeigt: Es kamen weniger Es ging um die Demonstration der Be- Das zeigte sich vergangene Woche wäh- Menschen als sonst. „Die Angst ist wiederwegung „Für ehrliche Wahlen“ am 10. rend der ersten Demonstration nach dem da“, sagt Parchomenko, „viele fürchten,März, die zweite Großveranstaltung der Abstimmungstag auf dem Moskauer dass Putin mit einer neuen Welle der Un-Kreml-Gegner nach der Präsidentenwahl, Puschkin-Platz. „Wir müssen der Wahr- terdrückung auf die Proteste reagiert.“diesmal auf der Einkaufsmeile Nowy Ar- heit ins Auge sehen: Putin hat gesiegt“, Aber das andere Problem ist die Op-bat. Parchomenko hatte der Stadtregie- sagte dort Sergej Mitrochin, der Führer position selbst. Die Leichtigkeit und dierung die Genehmigung für diesen zentra- der sozial-liberal orientierten Jabloko- Ideenfreude, mit der sie im Dezemberlen Ort abgerungen, heute ist er mit den Partei – und wurde dafür ausgepfiffen. auf die Straße ging, scheinen verloren, anPolizeioffizieren die Straße abgegangen,vorbei am Edel-Italiener Wesna, am Pent-house-Stripclub und am RadiosenderEcho Moskwy, bei dem er freitags eineeigene Sendung hat. Mit der Staatsmacht eine Demo auszu-handeln, die sich gegen die Staatsmachtrichtet, das ist ein zäher Kampf. Er wirdnicht um Parolen oder Losungen geführt,sondern darum, wo Metalldetektorenoder Klohäuschen aufzustellen sind undwie viele Menschen auf einem Quadrat-meter stehen dürfen. Exakt zweieinhalb,nicht mehr, so hat die Polizei Parchomen-ko beschieden, und sie hat heute erst ein-mal nur den Bürgersteig freigegeben: 300Meter lang und 20 Meter breit ist er,macht 6000 Quadratmeter, also 15 000Menschen. Erst wenn der 15 001. kommt,würde die Polizei auch den Verkehr amKundgebungsort stoppen. Aber die Pro- JEREMY NICHOLL / LAIFtestler, die zählt die Polizei. Parchomenko und seine Mitstreiterwollen neue Beweise für die Tricksereiendes Kreml vorlegen. Eine Woche nachden „saubersten Wahlen in der russischenGeschichte“ (Putins Stabschef) ist noch Poizeieinsatz auf dem Moskauer Puschkin-Platz am 5. März: Nur noch radikale Rhetorik100 D E R S P I E G E L 1 1 / 2 0 1 2
  • Wie kann eine Opposition, in der Libe- rale neben Linksfrontlern und Rechtsex- tremen stehen, zu einer gemeinsamen Sprache finden? Dass der vergangene Montag in einer Knüppelorgie der Polizei endete, lag auch daran, dass sich Männer wie Nawalny nicht an Absprachen hielten. Viele Oppositionelle sind einander in tiefer Abneigung verbunden, Ex-Präsi- dentschaftskandidat Grigorij Jawlinski und Ex-Vizepremier Boris Nemzow etwa. Nemzow nennt die namhafte Umweltak- tivistin Jewgenija Tschirikowa schon mal „durchgefickt“ und den Schriftsteller Aku- nin einen „Scheißkerl“, weil der nicht sei- ner „Solidarnost“-Bewegung beitrete. Die Situation wird auch dadurch nicht erleichtert, dass sich bei jeder Kundge- bung die soziale Schichtung der Demon- stranten verändert: Immer wieder stoßen neue Gruppen aus der Bevölkerung dazu, andere dagegen kommen nicht mehr. Al- lein die Ankündigung, man wolle im Stadtzentrum ein Zeltstädtchen der Pro- testler errichten, hat viele verschreckt. Denn sofort waren die Bilder vom Regie- rungssturz 2004 in der Ukraine wieder da – im revolutionsgeplagten Russland hat fast jeder vor solchen Wirren Angst. Aber es gebe da doch eine Losung, die zu einer realistischen Leitschnur werden könnte, sagt Publizist Parchomenko durch den Lärm im Steakhaus am Weiß- russischen Bahnhof hindurch: die Losung „Kampf um Moskau“. Die Opposition müsse erst einmal die Hauptstadt erobern. In Moskau haben am 4. März nicht mal 47 Prozent für Putin gestimmt, das ist DAVIDE MONTELEONE / VII weit unter dem Landesdurchschnitt. Als Putin sich 2004 das letzte Mal zur Ab- stimmung stellte, erhielt er auch in der Hauptstadt noch fast 70 Prozent. Nun hof- fen seine Gegner, ihn in Moskau umzin-Triumphator Putin: Die Proteste haben „keinen Bezug zur Wahl“ geln zu können, in dieser Stadt, die ihn so gar nicht mag und die in Wahlbezirkenihre Stelle trat radikale Rhetorik – viele keine neuen Vorschläge, keine neuen For- im Zentrum mehrheitlich für den Milliar-der Kundgebungsredner sanken auf das men des politischen Kampfes, wird sie an där Michail Prochorow stimmte.Niveau der Putin-Mannschaft herab. ihre Grenzen stoßen. Aber wie bitte soll das geschehen? Der namhafte Blogger Alexej Nawalny „Wieder einmal ist der progressive Teil Da die Moskauer Stadtduma nichtschimpfte Putin einen „Schwanz“. Und der russischen Gesellschaft dabei, einen mehr die politischen Verhältnisse in derdie Journalistin Olga Romanowa rief: Sieg zu verspielen“, sagt der Musikkriti- Metropole widerspiegle, müssten die Ab-„Die Gefängnisse haben zu 90 Prozent ker Artjom Troizki. Putin-Gegner wie er geordneten abberufen werden und Ver-für Putin gestimmt, die Verbrecher wis- vermissen vor allem Aussagen, wie die treter der Opposition ins Stadtparlament,sen, wer ihr Pate ist: Putin ab in den Opposition über die Zukunft des Landes sagt Parchomenko. Das solle dann Pro-Knast!“ So mancher Moskauer wandte denkt. Während Putin nach den Dezem- chorow zum Oberbürgermeister wählen,sich daraufhin von den Protestlern ab. ber-Demonstrationen das Volk mit einer der selbst zur Machtübernahme in Mos-„Ich fühlte mich wie in einem paläonto- Serie programmatischer Artikel bom- kau rät und der mit seinem dritten Platzlogischen Museum: Viele ausgestorbene bardierte, schwieg die Opposition. Und bei der Präsidentenwahl auch landesweitArten des rechten und linken politischen das, obwohl an ihrer Spitze einige der einen Achtungserfolg errang.Spektrums waren da zu sehen“, beschwer- besten Intellektuellen des Landes wie der Aus diesem mächtigen Amt heraus, daste sich ein junger Aktivist. Schriftsteller Boris Akunin stehen oder stets ein politisches war und deswegen Es ist ein Irrtum, wenn die radikalen Männer mit Regierungserfahrung. Ledig- noch immer vom Präsidenten besetztOppositionsführer behaupten, sie brauch- lich Blogger Nawalny meldete sich mit wird, könnte man den Angriff auf denten keine neuen Losungen, die Forderung einem dilettantischen Artikel über Russ- Kreml starten. Auch Boris Jelzin habe imnach Neuwahlen reiche, notfalls müsse lands Wirtschaft zu Wort. „Um die Kor- Moskauer Rathaus seinen Kampf gegenman den Protest eben eskalieren lassen. ruption zu bekämpfen, brauchen wir kei- Gorbatschow begonnen.Wenn die Bewegung, die nach der ge- ne Reformen und keine neuen Gesetze“, „Aber dafür braucht es einen langenfälschten Duma-Wahl entstand, jetzt schrieb er, es genüge allein der politische Atem“, sagt Parchomenko.nichts Positives, nichts Konkretes bietet, Wille. CHRISTIAN NEEF, MATTHIAS SCHEPP D E R S P I E G E L 1 1 / 2 0 1 2 101
  • MOHAMMED AL-OSTAZ / ZUMAPRESS.COMEmir Hamad Al Thani (M.) beim Freitagsgebet in Doha: Licht und Erleuchtung für die Gläubigen G O L F S TA AT E N Flüssige Diplomatie Mit seinem Reichtum, seiner Wendigkeit und seinem Fernsehsender al-Dschasira ist Katars Emir Hamad Al Thani zu einem der wichtigsten Politiker des Nahen Ostens aufgestiegen. Seine Agenda ist weniger offensichtlich.D as ist sein Platz. Hier unter den tritte. Ob es die „Konferenz zur Vertei- reichste Land der Welt, mit einem jähr- schweren Lüstern des Ballsaals im digung Jerusalems“ ist, wie Ende Februar, lichen Pro-Kopf-Einkommen von 98 000 Ritz-Carlton, umgeben von Wür- oder das Versöhnungstreffen zwischen Dollar. Es wird die Fußball-Weltmeister-denträgern aus den Nachbarnationen, den Palästinenserfraktionen im Januar. schaft 2022 ausrichten und für mindestensvon Delegierten der Uno und der Arabi- Meist steht am Ende eine „Doha-Dekla- 150 Milliarden Dollar Stadien, Autobah-schen Liga. Er schnurrt geradezu, als der ration“, und wieder ist der Name der nen und eine Metro bauen lassen.Palästinenserpräsident ihn preist als den, Hauptstadt von Katar in die Annalen ge- „Im Namen Gottes …“ Der Emir er-der „das Öl in die Moschee“ bringe, also meißelt. hebt sich zum Mittagessen. Eine massigefür Licht und Erleuchtung sorge unter „Um noch einmal auf das Öl zurück- Gestalt, wenn auch nicht mehr ganz soden Gläubigen. Hier ist Seine Hoheit der zukommen“, sagt Scheich Hamad und imposant wie damals, als Muammar al-Emir von Katar, Scheich Hamad Bin Cha- schildert dann, wie sein Emirat den ab- Gaddafi auf dem Treffen der Arabischenlifa Al Thani, ganz er selbst. Oder besser geriegelten Gaza-Streifen mit Geld und Liga noch Witze über den Bauch desnoch: ganz, wie er sein möchte. Lebensmitteln versorgt. Da murmeln sie Emirs machen konnte. Aber wo ist Gad- Der Ölscheich neuen Typs. Der Global alle zustimmend, die eingeflogenen Ver- dafi jetzt? Und wo der Emir von Katar?Player. Der Mittler zwischen Orient und treter aus Ramallah und dem Jemen, aus Er steht im Zentrum der DiplomatieOkzident. Der Herrscher einer „neuen Marokko und dem neuen Libyen, weil des Nahen Ostens, dort, wo die Entschei-Weltmacht“, wie eine französische Zei- sie wissen, dass sie hier immer Kredit ha- dungen fallen. Er war es, der in der Ara-tung neulich über sein kleines Reich ben werden, im Emirat Katar. bischen Liga die entscheidenden Resolu-schrieb. Eine Halbinsel im Persischen Golf, in tionen gegen Gaddafi durchbrachte und Ernst macht er sich Notizen, das Ge- den Umrissen Dänemarks, allerdings so auch den Einsatz der Nato vorantrieb.sicht mit dem mächtigen Moustache ruht viermal kleiner und ganz aus Sand. 1949 Er war es, der als Erster dazu aufrief, dieauf dem Polster seines Doppelkinns, der wurden hier 16 000 Seelen geschätzt, von syrischen Rebellen mit Waffen zu belie-Goldsaum des Umhangs scheint vor Wür- denen gerade 630 mehr als ihren Namen fern, ja notfalls militärisch einzugreifen,de zu glimmen. Der Emir liebt diese Auf- schreiben konnten. Heute ist Katar das um Baschar al-Assad zu stürzen.102 D E R S P I E G E L 1 1 / 2 0 1 2
  • Ausland Ähnliches tat er auch vor Beginn des Brookings Institution in Doha. „Er achtet Das ist vielen suspekt. Manche vermu-arabischen Frühlings. Er schickte seine darauf, dass er nie alle Eier in dieselbe ten, der Emir habe eine religiöse Agenda,Diplomaten los, um zwischen der Regie- Schale legt.“ um den sunnitischen Islam zu stärken,rung des Sudan und den Rebellen in Dar- Mit seinem Reichtum hat Katar es sich und es ist ihnen unheimlich, wie derfur zu vermitteln, zwischen Eritrea und in einer Nische der Weltpolitik eingerich- Winzling Katar zur „Eroberung der Welt“Äthiopien, zwischen den USA und den tet. Der Emir zahlte, als den libyschen („Le Monde“) ansetzt. In Deutschland istafghanischen Taliban. Nicht immer war Rebellen das Geld ausging, schickte Waf- die Qatar Investment Authority an Volks-er so erfolgreich wie 2008, als er den er- fen und „Mirage“-Jets nach Bengasi. Das wagen (17 Prozent), Hochtief (9 Prozent)neuten Ausbruch eines Bürgerkriegs im neue Ägypten bekam eine halbe Milliar- und Porsche (10 Prozent) beteiligt. VonLibanon verhinderte. Doch für den Emir de Dollar an Hilfe und die Zusage, zehn der Ukraine bis nach Pakistan und Thai-und seinen Staat bedeutete jeder diplo- weitere Milliarden zu investieren. land kauft das Emirat Landwirtschafts-matische Erfolg ein Stück mehr an Aner- Eine Gruppe französischer Multikulti- flächen, investiert in Banken, Tourismuskennung: Ich verhandle, also bin ich. Kommunalpolitiker schrieb kürzlich an und Immobilien. Dohas Diplomatenviertel ist dabei, sich die Botschaft von Katar, der Emir möge In Frankreich pokert Katar um Anteilezu einer Art Mini-Weltorganisation zu den Banlieues helfen, den Pariser Vor- am Luftfahrtkonzern EADS und hält sieentwickeln, wo Gut und Böse bereits am Energiekonzerngleichberechtigt ihre Fahnen Suez, der Dexia-Bank sowie derhissen dürfen. Säkulare Gegner Verlagsgruppe Lagardère. Dazuder somalischen Schabab-Miliz, hat sich der Emir den Fußball-abgewickelte irakische Generä- club Paris Saint-Germain ein-le und ägyptische Muslimbrüder gekauft. „Katar besetzt Posi-fanden hier Zuflucht. Der Emir tionen, die gefährlich für unse-hat die palästinensische Hamas re nationale Unabhängigkeitgedrängt, ihren Sitz von Da- sind“, erklärte die rechtsextre-maskus nach Doha zu verlegen. me PräsidentschaftskandidatinHamas-Führer Chalid Maschaal Marine Le Pen. „Ich sage das inhat schon einen Wohnsitz hier, allem Ernst: Diese Leute sindund auch die Taliban werden in finanzielle Unterstützer von is-Doha bald eine Vertretung auf- lamistischen Fundamentalisten GETTY IMAGESmachen, ihre erste überhaupt. und Scharia-Spinnern.“ Bald könnten sich im Diplo- Stimmt das etwa? Was treibtmatic Club von Doha US-Ge- den Emir wirklich an?neräle von der Air-Force-Basis Skyline von Doha: In die Annalen der Geschichte gemeißelt Scheich Hamad ist der Pro-al-Udeid, Hamas-Strategen und totyp eines Golf-Monarchen derschwarzbetuchte Taliban über zweiten Generation. Geborenden Weg laufen. Es wäre die At- 1952, wuchs er im – noch – be-mosphäre von „Casablanca“. scheidenen Wohlstand einer be- Der Allmächtige hat den Mee- duinischen Herrscherfamilie aufresgrund vor diesem Flecken und wurde auf die britische Mi-Sand mit den größten bekannten litärakademie Sandhurst ge-Gasvorkommen des Planeten schickt. Mit knapp 20 Jahrenversehen. Und leider auch mit kehrte er zurück nach Katar,zwei großen, verfeindeten Nach- das, wie andere Golfstaaten,barn, Saudi-Arabien und Iran. 1971 unabhängig wurde, undDa muss man sich behaupten. avancierte dort alsbald zum Ge- Jahrelang weigerten sich die neralmajor, schließlich zum HAMID JALAUDIN / APSaudis, ihre Grenze zu Katar Oberkommandierenden.vertraglich festzulegen. Der Emir Als sein Vater den Palastsah sich anderweitig nach Bünd- nicht räumen wollte, setzte dernispartnern um und entfaltete ehrgeizige Kronprinz ihn ein-einen diplomatischen Eifer, der Fernsehsender al-Dschasira: Verkünder des Arabischen Frühlings fach ab – was ihm das Herr-den aller anderen arabischen scherhaus der Sauds aus AngstStaaten in den Schatten stellt: Hamad städten, angesichts „der Vernachlässigung vor eigenen Palastrevolutionen bis heuteüberzeugte Washington, ein Hauptquar- durch den französischen Staat“. Katar nicht verziehen hat.tier des US-Zentralkommandos und eine legte umgehend einen Fonds von 50 Mil- Geprägt haben Hamad, wie auch dieder größten amerikanischen Luftwaffen- lionen Euro auf. fast gleichaltrigen Herrscher von Dubai,basen nach Katar zu verlegen, lud aber Über all das berichtet, möglichst live, Abu Dhabi und Bahrain, vor allem dreigleichzeitig Irans Präsidenten Mahmud der Fernsehsender al-Dschasira. Das ist, Erfahrungen: die trüben Jahre zwischenAhmadinedschad zu Arabergipfeln ein. neben seinen Milliarden, das wichtigste dem Suezkrieg und der arabischen Nie- Er bot der Welthandelsorganisation Werkzeug des Emirs Hamad. Al-Dscha- derlage im Sechs-Tage-Krieg, die Herab-WTO seine Hauptstadt als Tagungsort für sira sendet in Arabisch und Englisch und lassung, welche die urbanen Eliten vonVerhandlungen, die „Doha-Runde“, an, hat jetzt einen eigenen Sender für den Kairo, Beirut und Bagdad ihnen als Be-er regte freie politische Foren wie die Balkan sowie Programme für Lateiname- duinensöhnen entgegenbrachten – und„Doha Debates“ an und lud Israelis wie rika und Afrika gestartet. der enorme Reichtum, der ihnen nachdie damalige Außenministerin Zipi Livni Über al-Dschasira verbreitet der ein- der ersten Ölkrise 1973 zuteilwurde.und den heutigen Präsidenten Schimon flussreiche Prediger Jussuf al-Karadawi, Der politische Fixstern dieser Genera-Peres zu Diskussionsrunden ein. Meisterdenker der Muslimbrüder, seine tion war der ägyptische Volksheld Gamal „Der Emir ist der ultimative Realpoli- Botschaften. Scheich Hamad bewundert Abd al-Nasser, der den Arabern zwar kei-tiker“, sagt Ibrahim Scharkieh von der diesen Mann. nen Triumph über Israel bescherte, aber D E R S P I E G E L 1 1 / 2 0 1 2 103
  • Ausland belassen hätte, suchte er den Beistand der Türken; als deutlich wurde, dass Riad den syrischen Diktator Baschar al-Assad stürzen wollte, belebte er die Achse mit Saudi-Arabien wieder. Die Bündnispolitik des Emirs würde einem Bismarck oder Talleyrand zur Ehre gereichen. Man könnte ihn einen Meister der flüssigen Diplomatie nennen. Oder prinzipienlos. Denn bei all seiner revolutionären Pose ist Katar beileibe kein Musterland der Demokratie. Die Be- ratende Versammlung wird vom Emir er- XINHUA / ACTION PRESS nannt und hat noch weniger Einfluss als die saudi-arabische. Das seit Jahren ver- sprochene erweiterte Wahlrecht lässt auf sich warten. Amnesty International spricht von Auspeitschungen und der Ausbeu-Nato-Angriff auf Tripolis im Juni 2011: „Aggressivere Außenpolitik“ tung ausländischer Arbeitsmigranten. Der strenge Islam wahhabitischer Prägung istein Gefühl von Selbstwert verlieh. Mit Rachid al-Ghannouchi, Tunesiens neuer auch in Katar Staatsreligion.Nassers sozialistischen Ideen konnten die starker Mann. Katars Herrscher sieht sich Über die Niederschlagung der Protest-Fürstensöhne nichts anfangen. Sie über- ohnehin an der Spitze der „Arabellion“. bewegung im Königreich Bahrain, an dernahmen seinen arabischen Nationalis- Zum ersten Jahrestag der tunesischen Re- sich auch Katar beteiligte, wurde von al-mus, aber Nasseristen wurden sie nie. volution hielt Hamad in Tunis eine Rede, Dschasira erst gar nicht berichtet. Mit Nassers Erben, Männern wie Mu- die klang, als hätte er selbst am Aufstand Zuletzt ist Scheich Hamad in seinerammar al-Gaddafi, Saddam Hussein oder teilgenommen. Die Revolution müsse neuen Rolle allerdings an Grenzen ge-dem syrischen Diktator Hafis al-Assad, weitergehen, sagte er, er sei bereit, Trup- stoßen. Dem Übergangsrat in Tripolisdem Vater des heutigen Machthabers, pen nach Syrien zu schicken, „um das scheint die Präsenz des Emirs inzwischenverband sie tiefe Abneigung. Die Dikta- Morden zu beenden.“ unheimlich zu werden: „Unsere Brüdertoren, die sich in Tripolis, Bagdad und Katars Allianzen aber wechseln von aus Katar haben uns geholfen. Aber ichDamaskus an die Macht putschten, galten Land zu Land und von Krise zu Krise. In fürchte, Katar wird das gleiche Schicksalihnen als Usurpatoren, und das, was sie Libyen kooperierte er mit Saudi-Arabien, treffen wie Libyen wegen Gaddafis Groß-aus Libyen, Irak und Syrien machten, als um den gemeinsamen Gegner Gaddafi mannssucht“, sagte Libyens Uno-Vertre-ein Ausverkauf wahren Arabertums. loszuwerden; als er bemerkte, dass der ter Abd al-Rahman Schalgham. Der Wunsch, dieses in den Stammes- König von Saudi-Arabien weniger ent- Im Südlibanon wurde der Emir wie eintraditionen der Arabischen Halbinsel schlossen war als er selbst, Jemens da- Held von der Hisbollah empfangen, weilverwurzelte Arabertum wiederzubele- maligen Präsidenten Ali Abdullah Salih er nach dem Krieg 2006 beim Wiederauf-ben, ist eines der stärksten Motive hinter zum Rückzug zu bewegen, verließ er die bau der Städte geholfen hat. Das ist vor-dem politischen Aktivismus des Emirs. Verhandlungen und überließ es Washing- bei: „Seit er sich gegen Assad gestellt hat,Dieser Wunsch habe auch hinter der ton, die Saudis unter Druck zu setzen. ist der Emir im Libanon und in SyrienGründung des Nachrichtenkanals al- Als er erkannte, dass Saudi-Arabien zur Unperson geworden, mitsamt seinemDschasira gestanden, sagt der Palästinen- Ägyptens Mubarak lieber an der Macht Dschasira-Sender“, meint ein deutscherser Ahmed Scheich, einer der ersten Mit- Beobachter in Damaskus.arbeiter und späterer Chefredakteur des IRAN Der Golf-Experte der Konrad-Ade-Senders. KUWAIT IRAN nauer-Stiftung, Thomas Birringer, ver- Mit dem arabischen Frühling hat sich Persischer SAUDI- gleicht Katar mit – „Luxemburg. Ein-die Rolle des Emirs verändert. Vom Ver- Golf ARABIEN schließlich RTL und Jean-Claude Juncker.mittler ist er zum politischen Akteur ge- SAUDI- Aber ein starker Fernsehsender und einworden. „Katar hat eine aggressivere und ARABIEN eifriger Diplomat machen aus einemmöglicherweise riskantere Außenpolitik Gasfeld Kleinststaat noch keine Führungsmacht“.angenommen“, schreibt die ehemalige BAHRAIN Neue Weltmacht? Eher ein Weltmächt-Irak-Beauftragte von George W. Bush, K ATAR le. Auch Katars Staatsfonds ist in absolu- al-Udeid DohaMeghan O’Sullivan. ten Zahlen kleiner als etwa der der Ver- (Militärbasis) Abu Dhabi Jetzt bewährten sich die Freundschaf- einigten Arabischen Emirate. Der Emirten des Emirs – darunter die zum liby- hat keine Divisionen. Seine Armee be- VER. ARAB.schen Scheich Ali al-Salabi, der islamis- steht zum großen Teil aus Söldnern. Als 200 km EMIRATEtische Netzwerke im Osten des Landes OMAN Katar seine „Mirage“-Piloten nach Li-zum Sturz Gaddafis mobilisierte. Die byen schickte, wurden sie von amerika-Aufstände in Tunesien, Libyen, Ägypten nischen und französischen Kampffliegernfanden ihren visuellen Ausdruck auf al- Einwohner ca. 1,7 Millionen begleitet, damit ihnen nichts passiert.Dschasira, der Sender lieferte die Ikonen. davon Katarer ca. 15 % Militärisch kann Katar also wenig inTagelang wurde live vom Tahrir-Platz be- BIP pro Kopf, 2011 98000 Dollar die Waagschale werfen, und realpolitischrichtet. ist das Emirat deswegen eher ein Leicht- zum Vergleich Deutschland 44 600 Dollar An den Checkpoints in Libyen weht gewicht. Aber vielleicht kommt es demdie Fahne Katars noch heute gleichbe- Anteil des Öl- und Gas- Emir darauf gar nicht an. Vielleicht reichtrechtigt neben der eigenen. „Wir erwar- sektors am BIP, 2010 rund 56 % es ihm ja, dass die Schwergewichte seineten nur Gutes von Katar. Es ist ein wahrer Quellen: IWF; Qatar National Bank Freunde sind.Partner im arabischen Frühling“, erklärte ALEXANDER SMOLTCZYK, BERNHARD ZAND104 D E R S P I E G E L 1 1 / 2 0 1 2
  • Ausland DUBLIN Neue Heimat Saskatchewan In Dublin hat eine Auswanderermesse so viel Erfolg, GLOBAL VILLAGE: dass es den Veranstaltern peinlich ist.A lles ging so schnell, da haben Bar- an Hebammen vorbei, Radiologieassis- tionen steigen, und der leergefegte Ar- ry Boyle und seine Freundin, bei- tenten an Bergbauingenieuren, Zahntech- beitsmarkt giert nach gutausgebildeten de aus Dublin, gar nicht richtig niker an Fliesenlegern, alle englischspra- Einwanderern.mitbekommen, wohin es sie nun eigent- chig, alle arbeitslos, unzufrieden oder „Wir brauchen Ihre Zeit, Ihr Talent, Ihrelich verschlagen hat. „Nach Tirnum oder zumindest skeptisch gegenüber ihrer Energie, Ihre Fähigkeiten“, rief Wall in denso“, jubelt Tania Borne, 35. „Nach Ti- Zukunft in Irland – oder in Europa. Saal – wo sich sogleich überwältigte Stillemaro“, sagt Boyle, 37, stolz. „Oder Ti- Und sie trafen auf Menschen wie Brad breitmachte. In Irland herrscht derzeit einemari?“ Wall. „Ich weiß, was Sie durchmachen“, Arbeitslosenquote von 15 Prozent. Egal. Auf jeden Fall liegt beider Zuhau- rief Wall, 46, ihnen vom Rednerpult zu. Immerhin 27 Arbeitgeber aus Saskat-se künftig am anderen Ende der Welt: in Langzeitarbeitslosigkeit oder Emigra - chewan sind ihrem Premier nach DublinNeuseeland. Was sie dort erwartet, wissen tion, dazwischen müssten sie sich ent- gefolgt. Rund 500 Stellen konnten sie ansie nicht, „aber alles ist besser als Irland“, scheiden. „Ich will Ihnen sagen, dass Sas- Ort und Stelle vergeben, vom Schweißerglaubt Boyle. Kinder will bis zum Intensivpfleger,er da haben, Hunde, ein mehr Jobs noch gibt esdickes Auto – und vor al- in naher Zukunft. Ho-lem: „keine finanziellen ward Tierney, 35, istSorgen mehr“. nach langer Arbeitslosig- Seit 20 Jahren arbeitet keit vor 18 Monaten inBoyle als Koch, lange Saskatchewans Haupt-richtete er Traumbuffets stadt Regina ausgewan-an Bord von Kreuzfahrt- dert. „Ich war noch nieschiffen an. Aber sein glücklicher“, berichteteJob ist mies bezahlt, und der Zimmermann jetztaußerdem nimmt ihm seinen Landsleuten. „Esdie am Staatsbankrott gibt überall Arbeit.“ Sei-entlangschrammende Re- ne Frau Sinéad, 40, LAURA HUTTON/PHOTOCALL IRELANDgierung spürbar steigen- stimmte zu. Die beidende Steuern und Abga- kaufen bereits ihr erstesben ab. Krise, Frust und Haus.Angst trieben ihn und Obwohl sich Irlandmehr als 12 000 weitere mühsam aus der Schul-Iren jetzt auf die größte denfalle zu befreienAuswanderermesse, die scheint, werden rundDublin je gesehen hat. Auswanderer Borne, Boyle: „Nach Tirnum oder so“ 50 000 Iren in diesem Für Boyle hat sich das Jahr die grüne Insel ver-Gedränge gelohnt: Zu- lassen, mehr als ein Pro-erst steuerte er den Stand zent der Bevölkerung,des australischen Northern Territory an, katchewan für Sie eine hervorragende genau wie 2011. Ein Ende der Auswan-dann einen von Neuseeland, schon war Wahl ist.“ derungswelle ist nicht absehbar. Wieder,alles klar. In nur vier Wochen soll Boyle Wall ist der Premierminister dieser zen- wie im 19. Jahrhundert, wie in den fünf-in der Hafenstadt Timaru in der Küche tralkanadischen Provinz. Die Krise, die ziger und achtziger Jahren des 20. Jahr-eines neuen Restaurants loslegen, zu ei- den großen Rest der Welt so fest im Griff hunderts, zerreißt die Massenemigrationnem Jahresgehalt von umgerechnet 32 500 hat, ist bei ihm in der Prärie längst ver- ganze Familien.Euro. „Wir werden leben wie König und wunden. China und Indien brauchen, was Keira Murphy, 25, zählt zu jener Mehr-Königin“, sagt der Instant-Emigrant. Saskatchewan in Hülle und Fülle zu bie- heit, die leer ausgegangen ist auf Dublins Die meisten anderen jedoch empfan- ten hat: Agrarprodukte wie Weizen, Erb- Auswanderermesse. Nach vier Jahrenden die „Working Abroad Expo 2012“ sen oder Linsen und Bodenschätze wie Uni unterrichtet sie Englisch für Auslän-mehr als Tragödie denn als Triumph. Öl, Gas, Uran oder Kalisalz. Der Boom, der – nichts, wonach es Kanada, Austra-Selbst der Veranstalter, die kleine irische verspricht er, währe mindestens noch lien, Neuseeland oder auch Irland gelüs-Firma SGMC, hielt den Ansturm der In- eine Generation. tet. Sie muss weg. Doch wohin?teressenten für bedrückend: „So ein An- Der Politiker Wall ist deutlich glück- „Ich gehe wohl nach China zurück“,blick tut einfach weh“, sagte ein Manager. licher dran als der irische Premier Enda sagt die junge Frau tapfer. Südlich vonTausende standen stundenlang Schlange, Kenny. Seit fünf Jahren wächst Saskat- Peking hat sie gerade über ein Jahr langnicht wenige rausgeputzt im Sonntags- chewan so kräftig, also genauso lange, gearbeitet. Dort könnte sie sofort wiederanzug; es war so voll, dass Hunderte abge- wie Irland, der einstige keltische Tiger, anfangen, aber sie fühlt sich da nicht zuwiesen werden mussten. mit der Krise zu kämpfen hat. In Walls Hause. „Chinesen wissen nicht einmal“, Drinnen in der Messehalle schoben sich Paralleluniversum schmelzen Staatsschul- sagt sie, „wo Irland liegt.“dicht an dicht erfahrene Industriemetzger den und Steuersätze dahin, die Investi- MARCO EVERS108 D E R S P I E G E L 1 1 / 2 0 1 2
  • Szene Sport FUSSBALL Studium für Manager Brauchen Deutschlands Fußballmana- ger Ausbildungsstandards? Trainer müssen eine Lizenz vorweisen, die Sportdirektoren und -manager der Bundesliga nicht. Als Oliver Bierhoff, Teammanager der Nationalelf, jetzt ein Managerzertifikat und die Zusam- menarbeit mit einer Universität vor- schlug, löste das eine Debatte aus. Als Anmaßung empfand Liga-Chef Chris- tian Seifert, dass jemand vom DFB die Manager der Bundesliga-Clubs ausbil- den wolle, da sei die Liga zuständig. Einige Bundesliga-Manager verwiesen auf unterschied- liche Anforde- rungsprofile der Clubs. Nun bietet JOERN POLLEX / BONGARTS / GETTY IMAGES die private Fach- hochschule für angewandtes Ma- nagement in Er- ding eine berufs-ACTION PLUS / IMAGO begleitende Maß- nahme über zehn Hausding Monate für ehe- Bierhoff malige Fußball- profis und Funk- WA S S E R S P R I N G E N tionäre an. Zu erwerben ist ein Hoch- schulzertifikat „Soccermanager“, das Programm mit nur zehn Präsenztagen Im Tunnel läuft derzeit das zweite Mal. Die Teil- nehmer, darunter der frühere Bundes- liga-Profi Markus Schroth, nutzen fürs Der Turmspringer Patrick hüpfe gern ins kalte Wasser und du- Seminar Räume des DFB in Frankfurt Hausding, 23, über ein- sche heiß, wegen der Durchblutung. am Main; Bierhoff hat sich dort bereits KOPATSCH / DAPD geschränkte Bewegungs- Das war alles nicht möglich. Wir konn- über die Lehrinhalte informiert. Die freiheit bei den Olympi- ten auch den Wettkampf nicht verfol- Lehrgangsgebühr beträgt 4800 Euro. schen Spielen in London gen. Dabei ist es wichtig zu wissen, Zu den Referenten gehört der Luxem- was die Konkurrenz macht. Bei Olym- burger Anwalt Michael Becker, der SPIEGEL: Kürzlich starteten Sie beim pia in Peking konnten wir uns noch auch als Spielerberater arbeitet, unter Weltcup der Wasserspringer im neuen frei bewegen. anderem für Michael Ballack. Der gilt Aquatics Centre in London. Der Wett- SPIEGEL: Hat sich jemand beschwert? seit seiner Amtsenthebung als Kapitän bewerb war die Generalprobe für Hausding: Springer und Trainer aus an- der Nationalmannschaft nicht als DFB- Olympia, wie fällt Ihr Fazit aus? deren Nationen sind zu den Ordnern Freund. Hausding: Die Wettkämpfe waren per- gegangen und haben gesagt, dass die fekt organisiert, etwas zu perfekt viel- Regeln lächerlich seien. Doch die Ord- leicht. Es gab strenge Regeln für uns ner blieben hart. Beim Vorkampf vom Springer. Wir mussten während des Dreimeterbrett starteten 60 Männer, ZITAT Wettbewerbs in einer Art Tunnel unter alle hockten in dem Tunnel wie beim der Zuschauertribüne sitzen, durften Arzt im Wartezimmer. nur für unseren Sprung herauskom- SPIEGEL: Haben Sie von den Organisa- „Hättest du was Ge- men. Danach sollten wir sofort wieder toren eine Erklärung bekommen? in diesem Gang verschwinden. Das Hausding: Vor dem Weltcup wurden un- scheites gelernt, habe ich noch nie erlebt. SPIEGEL: Inwiefern hat Sie diese Vor- sere Trainer informiert, dass es hohe Sicherheitsvorkehrungen geben werde. wärst du auch Fußball- schrift denn beeinträchtigt? Ich denke nicht, dass solche Regeln mit profi geworden.“ Hausding: Zwischen den Versuchen ha- der Angst vor Attentaten zu erklären ben manche Athleten feste Rituale. sind. Es geht wohl eher darum, dass Ex-Profi Mario Basler, 43, heute Trai- Manche gehen in die Erwärmungs- beim Wettkampf alles ordentlich und ner von Rot-Weiß Oberhausen, in ei- halle, springen auf dem Trampolin. Ich aufgeräumt aussehen soll. ner TV-Talkrunde mit Fans auf Sport1 D E R S P I E G E L 1 1 / 2 0 1 2 111
  • Sport SPI EGEL-GESPRÄCH „Schnauze!“ Borussia Dortmunds Trainer Jürgen Klopp, 44, über bohrende Fragen im Meister- schaftsrennen, laute Ansprachen in der Kabine und sein Verhältnis zu GottSPIEGEL: Herr Klopp, Sie sind ein emotio-naler Trainer. Wie lange dauert es, bisSie sich nach einem Spiel beruhigen?Klopp: Ein Spiel zu verarbeiten, das gehteigentlich recht zügig. Das ist vor demEinschlafen erledigt. Das Bewusste. Wiees im Unterbewusstsein aussieht, kannich nicht sagen. Ich schlafe, ehrlich gesagt,immer gut. Meine Frau sagt zwar manch-mal, ich sei ein bisschen unruhig gewesen,aber das bekomme ich ja nicht mit.SPIEGEL: Und wie sieht dann der nächsteTag aus? Liegen Sie mit leerem Kopf zuHause auf der Couch?Klopp: Och, weiß nicht, leer im Kopf? Dasperfekte Wochenende sieht so aus: frei-tags gewinnen, samstags Bundesliga gu-cken, sonntags zweite Liga gucken. Ichwürde jetzt nicht sagen, dass ich dabeibesonders voll bin im Kopf.SPIEGEL: Legen Sie nie eine Pause vomFußball ein?Klopp: Doch.SPIEGEL: Und was machen Sie dann?Klopp: Ja – nichts. Lesen. Schlafen. Mitmeiner Familie zusammen sein. Wir re-den, wir spielen. Wir haben einen Hund. DEFODI.DEWir gehen spazieren. Ich brauche keineDrogen. Keinen Alkohol. Keine wildenPartys. Ich verbringe ganz normal meineZeit, wie ihr das auch macht. Hoffe ichwenigstens. Ich würde es euch gönnen.SPIEGEL: Sie sind ein gläubiger Mensch.Gehen Sie sonntags in die Kirche?Klopp: Seit ich drüber nachdenke, bin ichgläubig. Bei den meisten Menschen ist esja anders: Wenn sie anfangen zu denken,sind sie es nicht mehr. Ich suche aber kei-nen Trost in meinem Glauben. Das wärepeinlich, dafür ist mein Leben zu gut.Glaube ist ein ständiger Wegbegleiter fürmich, es ist nicht so, dass ich ihn in be-stimmten Momenten besonders brauche.Meine Probleme kriege ich schon selbstgeregelt. Ich bitte Gott auch nicht um Bei-stand für den BVB – das geht gar nicht.SPIEGEL: Manchmal springen Sie vor der FRANK AUGSTEIN / DDP IMAGES / DAPDTrainerbank herum wie ein Verrückter.Macht sich dann der Druck Luft, den Siespüren?Klopp: Ich spüre keinen Druck.SPIEGEL: Schon klar.Das Gespräch führten die Redakteure Maik Große-kathöfer und Gerhard Pfeil.112 D E R S P I E G E L 1 1 / 2 0 1 2
  • Klopp: Ich spüre nur den Druck, den man mer, wollt ihr deutscher Meister werden, Jungs sein lassen, kann ihnen ganz vielsich eben macht, wenn man ein Fußball- die ist so doof. Das will doch jeder. Mich Vertrauen entgegenbringen. Ich weiß,spiel gewinnen will. Seit meinem fünften interessiert nur, wie wir den nächsten dass ich das, was ich mache, kann. AnLebensjahr ist das so. Wenn ich mit dem Gegner schnappen können. Idealerweise jedem Ort der Welt. Meine LeidenschaftFahrrad zum Spiel gefahren bin, wollte überlässt man ihm vor dem Spiel keine stimmt, mein Wille stimmt, mein Know-ich unbedingt gewinnen. Vorteile durch blöde Bemerkungen. Die how, mein Einsatz. Alles ist da.SPIEGEL: Aber nun sind Sie der Trainer können uns alle hypen, wie sie wollen. SPIEGEL: An Selbstbewusstsein mangelt esdes amtierenden deutschen Meisters, und Wir kicken einfach weiter. Ihnen nicht, oder?alle erwarten, dass Sie wieder den Titel SPIEGEL: Sie waren Profi-Fußballer. Wäre Klopp: Es gibt Menschen, die sich beschis-holen. der Spieler Klopp mit dem Trainer Klopp sener finden als ich mich.Klopp: Da sage ich: Ist mir wurscht. Und klargekommen? SPIEGEL: Woher kommt Ihr Talent zumheißt es, wir seien fast unschlagbar, da Klopp: Gut sogar. Ich denke, ich bin ein Schnellredner, zur Rampensau?sage ich: Schnauze! Diese Frage jetzt im- relativ angenehmer Chef. Ich kann meine Klopp: Ich war schon immer laut. Ein biss- chen ein Klassenkasper. Ich war auch Schulsprecher. Das hatte wohl damit zu tun, dass ich ein guter Sportler war, der klassische Fall. Ich war auch kein richtiges Arschloch. Und nicht richtig dumm. Es war für mich nie ein Problem, vorn zu stehen. Aber dass ich dahin wollte – das war nie so. Die Leute denken, ich hätte ein riesiges Sendungsbewusstsein. Stimmt gar nicht. Da können 30 Menschen zu- sammenstehen, 29 reden, und ich höre zu, stundenlang. Da fühle ich mich pu- delwohl. Aber wenn ich der Einzige bin, der quatscht, dann ist es mir völlig egal, ob 29 zuhören oder eine Million. Dass ich das kann, ist Zufall. SPIEGEL: Was muss ein Spieler haben, da- mit Sie ihn nach Dortmund holen? Klopp: Talent, klar. Aber wir sind in der Woche acht-, neunmal zusammen, auf relativ engem Raum, und da einen Voll- idioten dabeizuhaben, nur weil er ein biss- chen besser kicken kann, halte ich für total lästig. Wir sind eine homogene Truppe. LARS BARON / GETTY IMAGES Haben nicht wahnsinnig viele Leute dabei, die nebenher Expressionisten sammeln, bei uns sind alle ähnlich gestrickt. Das ist eine gute Basis. Und dann verhält man sich eben so, wie es sein muss: Man ist freundlich, man ist nett, man ist höflich. Auch mal flapsig. Witzig. Und ich treffe die Entscheidungen. SPIEGEL: Sind Sie autoritär? Klopp: Man kann sich streiten, auch mal anmachen. Aber wenn sich ein Spieler zu wichtig nimmt, haue ich dazwischen. SPIEGEL: Wie? Klopp: Entweder ich schnapp mir den Be- treffenden allein. Oder ich lasse ihn vor der Mannschaft auflaufen. SPIEGEL: Auflaufen? Klopp: Na ja, ich sprech ihn vor allen an- deren an: „Hey, wie hast du denn das ge- meint, was du da in der Presse über die Mannschaft gesagt hast? War ja ein ziem- lich großer Bericht in der Zeitung. Ich hab das aber alles nicht richtig kapiert. MARTIN ROSE / GETTY IMAGES Sag es uns doch noch mal schnell, damit wir das auch verstehen.“ Da ist dann schnell Ruhe. SPIEGEL: Man sollte sich besser nicht mit Ihnen anlegen? Klopp: Anlegen ist ganz schlecht. Trainer Klopp, Dortmunder Spieler „Es geht nicht um die Weltherrschaft“ 113
  • SportSPIEGEL: Wie reagieren Sie, wenn ein Spie- Klopp: Nein. SPIEGEL: Finden Sie? Für Marco Reus hatler in der Halbzeitpause zu Ihnen sagt: SPIEGEL: Götze ist Ihr talentiertester Spie- Ihr Verein 17 Millionen bezahlt, damit er„Trainer, wir müssen umstellen, sonst ler, er leidet an einer Schambeinverlet- zum BVB geht und nicht nach München.wird das heute nichts mehr.“ zung. Das ist eine langwierige, unange- Klopp: Weil es eine schöne Geschichte ist.Klopp: Wenn mir einer so kommt, erlaube nehme Sache. Haben Sie ihn verheizt? Marco ist Dortmunder! Er hat beim BVBich mir schon zu sagen: „Entschuldigung, Klopp: Mario ist durch seinen Laufstil ein in der Jugend gespielt. Dann sehe ich,wer bist du denn? Halt mal die Klappe, bisschen anfälliger. Er hatte auch als Ju- wie er auf dem Platz auftritt, ich sehe sei-bitte!“ gendspieler manchmal Leisten- und Ad- ne Mimik. Sehe, wie er mit Fehlentschei-SPIEGEL: Sie diskutieren nicht gern? duktorenverletzungen. Das ist alles. dungen umgeht. Sehe, wie er sich ein-Klopp: Mein Trainerteam ist das beste, das SPIEGEL: Warum ist der BVB in der Cham- bringt, wie er kämpft, beißt, sich quält.ich mir vorstellen kann, wir machen uns pions League in der Gruppenphase aus- Als er mir schließlich gegenübersaß, er-die ganze Woche Gedanken darüber, wie geschieden? gab sich ein rundes Bild.wir spielen. Das heißt: Wenn es zu einer Klopp: Wir haben nicht das gemacht, was SPIEGEL: Worüber haben Sie beim Vorstel-Planänderung käme, dann würden wir notwendig war, sondern das, was wir geil lungsgespräch mit ihm gesprochen?die festlegen. Wenn ein Spieler eine spon- fanden. Klopp: Auf dem Platz sehe ich, was ich se-tane Idee hat, kann die nicht die gleiche SPIEGEL: Können Sie das erklären? hen will. Jetzt geht es darum, ob ich höre,Substanz haben. Mir ist die Sache viel zu Klopp: Wir dachten, okay, Champions was ich hören will. Wo kommst du her?ernst, ich lasse sie mir nicht durch un- League, tausendmal gesehen, nie dabei Wie war das, als du vor fünf Jahren vonqualifizierte Einwürfe kaputtmachen. gewesen. Jetzt läuft für uns auch mal die Dortmund nach Ahlen gegangen bist?SPIEGEL: Gibt es Geldstrafen bei Ihnen? Musik. Jetzt zeigen wir, wie man richtig Welcher Idiot hat damals …? Ich wollteKlopp: Manchmal. Aber immer angemes- Fußball spielt. Haben wir auch probiert. wissen, welches Gefühl ihn hierhertreibt.sen. Einem jungen Spieler, der noch nicht War cool. Doch dann hat es wumm ge- Es gab ja viele Möglichkeiten für ihn.so viel verdient, dem haue ich gefühlt macht. Das haben wir so nicht erwartet. SPIEGEL: Sie mussten ihn nicht überzeu-hinter die Löffel, wenn er mal das Trai- SPIEGEL: Was denn? gen?ning verschlafen hat. Wenn einer ver- Klopp: Wir hätten viel falsch machen müs-pennt, der 32 Jahre alt ist und schon mal sen, damit es schiefgeht. Bei Reus warKapitän war, dann zahlt der mehr. Aber der Vater dabei. Das ist immer gut, wennich verpacke das dann eher lustig: So, Jun- der Papa mitkommt. Dann entscheidetge, jetzt gehen wir alle auf deine Kosten sich der Spieler immer für uns. Am Endeessen, weil du so blöd bist. des Gesprächs gehen wir einen Deal ein:SPIEGEL: Arbeiten Sie an der Persönlich- Alles, was bisher war, war gut, aber abkeit Ihrer Spieler? jetzt will ich mehr.Klopp: Wie könnte das aussehen? SPIEGEL: Woran orientiert sich der TrainerSPIEGEL: Lies doch mal ein Buch. Geh mal Jürgen Klopp? An Real Madrid? An Bar-ins Theater. Guck über den Tellerrand. celona?Klopp: Ich habe zwei Söhne im Fußballer- Klopp: Pep Guardiola, Barcelonas Trainer,alter. Der eine liest gern, der andere ist der Größte. Ich darf noch viele, vielenicht. Beide sind Supertypen. Beide kom- Jahre nicht in Zusammenhang mit seinemmen zurecht. Und ich habe keinem ge- Namen genannt werden. Und wenn Bar-sagt: Lies doch mal. So halte ich es auch ça gegen Real spielt, dann sitzen wir vor MARCUS BRANDT / DPAmit meinen Spielern. Ich will nur, dass dem Laptop und gucken den Livestreamsie sich in einem Punkt einig sind: Sobald im Internet. Die ganze Mannschaft. Undsie das Vereinsgelände betreten, gibt es alle sind genervt, weil das Bild so ruckelt.nichts, was wichtiger wäre als die Borus- SPIEGEL: Ist das eine Fortbildungsmaß-sia. Wir sind ein Verein auf dem Weg. nahme?Und wer auf dem Weg ist, muss gehen. Nationalspieler Reus Klopp: Nein, es ist ja nicht so, dass Barce-Und wer weit gehen will, muss mehr lau- „Ab jetzt will ich mehr“ lona immer neue Sachen rausbringt. Ge-fen, schneller laufen. Das fordere ich von genpressing wird bei uns auch schon lan-meinen Jungs. Klopp: Etwa in Marseille: Die Spieler dort, ge gespielt. Aber es hilft, wenn ich einemSPIEGEL: Und Ihre Spieler rennen und ren- alles harte Jungs, die mit Personenschutz Spieler sagen kann: Du, schau mal, Bar-nen und rennen. leben, um nicht überfallen zu werden. celona macht das auch.Klopp: Weil es unsere Pflicht ist. Die sind mit allen Abwassern gewaschen. SPIEGEL: Wie gehen Sie damit um, perma-SPIEGEL: Wie halten Ihre Profis diese hoch- Die haben ihren Körper voll reingehauen nent unter Beobachtung zu stehen?tourige Spielweise durch? im Spiel. Dann kommst du nach Piräus: Klopp: Eine meiner größten Stärken istKlopp: Die sind fit. Und aus einer Alltags- eine Stadt wie im Krieg an dem Tag. Alle gesunder Menschenverstand. Ich weiß,laune heraus ist so eine Leistung, wie wir laufen, als ginge es um ihr Leben, die dass ich nicht einfach so einen draufma-sie relativ oft zeigen, nicht möglich. Bei wichsen dich durch die Gegend wie sonst chen kann. Danach strebe ich aber auchuns heißt es: Zack, heute ist wieder Spiel- was. Dabei wollten wir doch nur spielen. nicht. Ich bin seit ziemlich genau elf Jah-tag, High Noon. Wir sind hier, um alles SPIEGEL: Waren Sie naiv? ren Trainer, und ich habe mich in dieserrauszuhauen. Also: Vollgas. Klopp: Erfahrungen kann man sich nicht Zeit null Komma null verändert.SPIEGEL: Man kann mit so einer Vollgas- einreden. Die muss man machen. SPIEGEL: Tatsächlich?mentalität ein Team aber auch aufreiben. SPIEGEL: Borussia Dortmund hat sich zum Klopp: Ich habe mir in diesem relativ auf-Klopp: Wir sind schon in der Lage, Spiele größten Konkurrenten des FC Bayern geblasenen, intensiven Geschäft Freiräu-zu gewinnen, ohne dass jeder 40 Kilome- München entwickelt. Sind Sie in der me geschaffen. Ich will nichts haben, waster rennen muss. Mir geht es darum, dass Lage, dessen Dominanz zu brechen? ich nicht kriegen kann. Ich liebe meinewir in der Lage sind, mehr zu investieren, Klopp: Locker bleiben. Wir sind hier nicht Arbeit, aber ich bin auch gern zu Hause.wenn es nötig wird. bei James Bond, es geht nicht um die Das hilft.SPIEGEL: Von Mario Götze war das offen- Weltherrschaft. Borussia Dortmund hat SPIEGEL: Herr Klopp, wir danken Ihnensichtlich zu viel verlangt. nicht die Möglichkeiten wie die Bayern. für dieses Gespräch.114 D E R S P I E G E L 1 1 / 2 0 1 2
  • GUIDO MENTZ / ACTION PRESS DDP IMAGES / DAPDAbtransport der niedergeschossenen El-Halabi im April 2011 in Berlin, WM-Kämpferin El-Halabi 2009: Er wollte sie zum Krüppel machen Rola stürzte, das Kreuzband und der Me- rapeuten. Sie muss Muskeln aufbauen BOXEN niskus des rechten Knies rissen. Die dritte und abnehmen, sie hat fast zehn Kilo- Kugel traf das linke Knie, die vierte den gramm Übergewicht.Ehre, Liebe, Hass rechten Fuß. Im April will Rola El-Halabi mit ihrem Erst dann hörte der Stiefvater auf. Wi- Coach Jürgen Grabosch wieder mit dem derstandslos ließ er sich festnehmen. Grundlagentraining beginnen. „Langsam,Ihr Stiefvater schoss Rola El-Halabi, „Jetzt siehst du, wozu du mich getrieben dreimal täglich Ausdauer, sechs bis acht Weltmeisterin im Leicht- hast“, sagte er, bevor Polizisten ihn ab- Wochen lang“, sagt Grabosch. Rola werde gewicht, vor einem Kampf nieder. führten. Rola El-Halabi lag in ihrem Blut das schaffen, sie sei schon immer eine am Boden. Kämpferin gewesen, „mental sehr stark“, Nun träumt die Deutsch- Das Familiendrama ging um die Welt. sagt der Trainer. Libanesin von einem Comeback. Wie konnte ein Mann, der seine Stief- Ihre Ärzte am Ulmer Bundeswehrkran- tochter wie sein eigenes Kind geliebt zu kenhaus halten ein Comeback für mög-E lf Narben hat sie am Körper, die haben schien, der der wichtigste Mentor lich, denn Nerven seien nicht zerstört. auffälligsten, streichholzlang, auf ihrer Karriere gewesen war, diese junge Sie wolle zurück in den Ring, sagt Rola der Oberseite und der Innenfläche Frau vor einem WM-Kampf kaltblütig El-Halabi, unbedingt: „Ich habe diesender rechten Hand. Die Haut des Hand- niederschießen? Traum. Ich sehe meine Gegnerin, das Pu-rückens spannt über einer Metallplatte, Die Absicht des Attentats, das wurde blikum, höre meine Einlaufmusik, einensie stabilisiert die Mittelhandknochen. Es schnell klar, war nicht der Tod der Boxe- Gospel.“ist ihre Schlaghand. rin. Die Absicht war ihre Verstümmelung. Hinter dem Tresen des Cafés läuft Kosta Vor knapp einem Jahr war Rola El-Ha- Roy El-Halabi wollte seine Stieftochter Papastergiou, 28, auf und ab. Gestikulie-labi, 26, eine der besten Boxerinnen der zum Krüppel machen. rend spricht er ins Telefon, in einem MixWelt, ihre Titel als Welt- und Europameis- Das Schicksal der Sportlerin ist großer aus Schwäbisch und Griechisch. Ein Künst-terin im Leichtgewicht hält sie noch im- Filmstoff, der längst auch amerikanische ler soll Pin-up-Girls an die Wände des Do-mer. Jetzt sitzt sie in einem Café in Ulm Produzenten interessiert – derzeit verhan- mino malen, es ist kompliziert.und versucht, ihre Rechte zu einer Faust delt Rola El-Halabi über den Verkauf der An ihrem Krankenbett hielt der Griechezu ballen. Es gelingt ihr nicht ganz, der Rechte. Ihre Geschichte erzählt vom Auf- um Rolas Hand an, die beiden wollen baldMittelfinger krampft, er will den anderen stieg einer Immigrantenfamilie aus dem heiraten. Papastergiou ist der Grund, war-Fingern nicht folgen. Die Sehne ist zu Bürgerkriegsland Libanon in Deutschland, um Roy El-Halabi das Leben seiner Stief-kurz, wegen der Platte. einer Familie, deren Bande unzertrennlich tochter zerstören wollte. Er wollte die Kon- Die Ärzte würden das Metall bald ent- scheinen. Und deren Abgründe sich auf- trolle über die junge Frau behalten, er ver-fernen, sagt El-Halabi, dann könne sie tun, als die Boxerin sich in einen jungen bot ihr den Kontakt mit ihrem Freund, erdie Faust wieder schließen. „Das ist das Mann verliebt und mit dem unversöhn- drohte dem Paar mit Gewalt, schon Mo-Wichtigste, wenn ich wieder boxen will.“ lichen Stiefvater bricht. Es ist alles drin: nate vor dem Attentat. Doch Rola wider- Wieder boxen. Ehre, Erfolg, Liebe, Eifersucht, Hass. Und setzte sich. Sie war 25. Papastergiou war Am späten Abend des 1. April 2011 saß blinde Gewalt. der erste Mann, den sie liebte.Rola El-Halabi in einer Kabine der Trab- Die Wände des Cafés in der Ulmer Alt- Ihren Stiefvater hat Rola El-Halabirennbahn Berlin-Karlshorst, ihr WM- stadt sind kahl, das Licht wirkt steril. noch einmal gesehen: im Verhandlungs-Kampf gegen die Bosnierin Irma Balija- Rola El-Halabi hat viel zu tun, wenn das raum des Berliner Landgerichts, das ihngić-Adler stand unmittelbar bevor. Plötz- „Domino“ diese Woche eröffnet werden im November wegen gefährlicher undlich wurde die Tür aufgerissen. Ein Mann soll. Es ist derzeit ihr Projekt, der Stress versuchter schwerer Körperverletzung zustürmte herein, die 9-Millimeter-Pistole ist ihr kaum anzumerken, sie sieht wach sechs Jahren Gefängnis verurteilte.im Anschlag. Ihr Stiefvater. Zwei Men- aus, beinahe erholt, ihr Blick ist offen. Als sie als Zeugin vor Gericht die Tatschen hatte Roy El-Halabi schon nieder- Obwohl die Qualen noch so nah sind. beschrieb, saß er nur wenige Meter linksgeschossen, nun zielte er auf Rola. Nach mehreren Operationen saß sie von ihr. Rola El-Halabi sah ihn nicht an. Die erste Kugel bohrte sich durch den sechs Wochen lang in einem Rollstuhl. „Er ist für mich gestorben“, sagt sie heute,Boxhandschuh und pulverisierte die Mit- Schmerzvoll musste sie das Laufen wie- „er existiert in meiner emotionalen Welttelhandknochen der rechten Hand. Die der lernen, noch immer arbeitet sie drei- nicht mehr.“zweite Kugel durchschlug den linken Fuß, mal in der Woche mit einem Physiothe- SARA PESCHKE D E R S P I E G E L 1 1 / 2 0 1 2 115
  • Prisma Unruhiger Stern Den heftigsten Sonnen- sturm seit fünf Jahren haben Astrophysiker regi- striert. Ausläufer des kosmischen Unwetters erreichten Ende voriger Woche die Erde. NASA / AFP ERFINDUNGEN GESUNDHEIT Flugzwerg mit Überschalltempo Rauchfreie WohnungenFlugzeugbauer von der University of zer mit Mach 1,4 mehr als Schall- Rauchverbote am Arbeitsplatz und in öf-Colorado in Boulder haben einen nur geschwindigkeit erreichen. Spätere fentlichen Räumen führen nicht dazu,50 Kilogramm schweren Deltaflügler Versionen werden nach Angaben der dass Nikotinsüchtige öfter daheim qual-entwickelt, der schneller und weiter Ingenieure bis zu Mach 1,7 schnell men und dadurch ihre Familie den schäd-fliegen soll als alle anderen Fluggeräte sein. Mit geplanten Herstellungskosten lichen Schwaden aussetzen. Erhebungendieser Gewichtsklasse. Bei ersten Tests um die 75 000 Dollar ist der unbe- aus Irland, Frankreich, Deutschland undkönnte der 1,8 Meter lange Düsenflit- mannte Flieger preisgünstig und könn- den Niederlanden zeigen, dass Raucher te als Testvehikel für die auch zu Hause häufiger vor die Tür Flugzeugindustrie nütz- gehen. Einsicht bewiesen der Studie zu- lich sein. Auch meteoro- folge vor allem Paffer, die selbst mit ihrer logische Missionen wä- Abhängigkeit haderten oder bei denen ren mit dem Überschall- ein Neugeborenes in die Familie ge- zwerg nach Meinung kommen war. Damit ist einer der wich- von Chefentwickler tigsten Einwände der Rauchverbotsgegner COURTESY RYAN STARKEY Ryan Starkey möglich: widerlegt: Sie hatten argumentiert, dass „Bei den Einsatzmöglich- durch Verbote im öffentlichen Raum keiten haben wir bisher nichtrauchende Familienangehörige und nur an der Oberfläche vor allem Kinder stärker den Gefahren gekratzt“, erklärt der des Passivrauchens ausgesetzt werdenDeltaflügler (Modell) Luftfahrtingenieur. würden.116 D E R S P I E G E L 1 1 / 2 0 1 2
  • Wissenschaft · Technik ARCHÄOLOGI E Griechen in Not VERKEHRAuch für Ausgrabungen fehlt in Grie-chenland derzeit das Geld. GriechischeArchäologen sind deshalb dazu über- Schlingern bei Nachtgegangen, neue Funde lieber nichtauszugraben, als sie an der Oberflächeverfallen zu lassen. „Mutter Erde istdie beste Beschützerin für unsere Al-tertümer“, erklärte Michalis Tiveriosvon der Aristoteles-Universität Thessa-loniki am Rande eines Kongresses in BERNHARD FREISEN / GLOBAL-PICTURE.NETAthen. Auf sein Betreiben bleibenetwa Reste einer frühchristlichen Kir-che in Thessaloniki unangetastet, dievor zwei Jahren entdeckt worden sind.„Lasst unsere Altertümer in der Erde,damit Archäologen sie 10 000 nachChristus finden können – wenn dieGriechen und ihre Politiker mehr Re-spekt für ihre Geschichte gelernt ha-ben“, forderte Tiverios. Ein weiteresProblem sind Plünderer: Auch für Si- Längere Nachtfahrten mit dem Auto lich stark durch die Nacht, als hättencherheitspersonal, das die Altertümer beeinträchtigen die Fahrtüchtigkeit ge- sie einen Blutalkoholgehalt von 0,5bewacht, ist kaum Geld da. Unlängst nauso stark wie Alkoholgenuss. Zu Promille. Nach drei Stunden ent-machten sich Grabräuber über den an- diesem Ergebnis kommen Forscher aus sprachen die Kursabweichungen 0,8tiken Friedhof von Pella her, der einsti- den Niederlanden und Frankreich, die Promille – dieser Wert nahm aller-gen Hauptstadt des Makedonenreiches männliche Autofahrer mittleren Alters dings auch bei längerer Fahrtdauerunter Alexander dem Großen. Auf zwischen 21 Uhr und 5 Uhr jeweils kaum noch weiter zu. Jeder fünftedem Areal wurden verstorbene Herr- zwei, vier oder acht Stunden lang auf Autounfall in den Industrieländernscher oft mit reichen Goldbeigaben be- die Autobahn schickten. Eine Video- geht nach Angaben der Verkehrsfor-stattet. „Im Jahr 2011 konnten wir dort kamera registrierte dabei zehnmal pro scher auf Ermüdung am Steuer zurück.nicht arbeiten“, klagt Grabungsleiter Sekunde, wie häufig der Wagen vom Für Nachtfahrten empfehlen diePavlos Chrysostomou. „Wir fanden rechten Seitenstreifen abwich. Den Studienautoren deshalb „ein Maxi-aber zehn neue Gruben vor, die nicht Messungen zufolge schlingerten die mum von zwei Stunden ununterbro-wir geschaufelt hatten.“ Fahrer schon nach zwei Stunden ähn- chenen Fahrens“. TIERE lien jedes Jahr zu Zehntausenden aus ihren unterirdischen Winterquartieren schlängeln, um sich bei wüsten Paa- Lockstoff der Nattern rungsorgien ineinander zu verknäueln. Ergebnis des Feldversuchs: Die mit Das Geschlechtshormon Östradiol ver- dem Hormon gedopten Männchen hilft weiblichen Exemplaren der Rot- wirkten auf ihre Geschlechtsgenossen seitigen Strumpfbandnatter zu jenem plötzlich genauso sexy und verführe- aufreizenden Duft, der sie für begat- risch wie die echten Weibchen. tungswillige Männchen so verführerisch macht. Das zeigen Versuche, bei denen US-Forscher von der Oregon State ROBERTA OLENICK / ALL CANADA PHOTOS/CORBIS University wildlebende Schlangenmännchen im Labor manipulierten: Sie implantierten ihnen winzige Kapseln, die das weibliche Geschlechts- HECHTENBERG / CARO hormon enthielten. Im darauffolgenden Früh- jahr setzten sie die Tiere in einer Gegend Kana-Raucher bei Zigarettenpause das aus, in der die Repti- Rotseitige Strumpfbandnattern bei der Partnersuche D E R S P I E G E L 1 1 / 2 0 1 2 117
  • Titel BRYAN CHRISTIE DESIGN Forschungsobjekt Herz (Computersimulation)118 D E R S P I E G E L 1 1 / 2 0 1 2
  • Selbstheilende HerzenIm Kampf gegen den Infarkt rettet die Hochleistungsmedizin viele Menschenleben, doch Heilung bringt sie nicht. Nun beschreiten Ärzte neue Wege in derHerztherapie: Sie setzen auf körpereigene Bypässe – und die Mithilfe der Patienten.D er 54-jährige Dietmar K. aus Köln hat ein krankes Herz und muss trotzdem nicht leiden. Ärzte ha-ben dem Mann schon viermal Engstellenin den Herzkranzarterien mit einem win-zigen, aufblasbaren Ballon aufgedehnt.Um die Gefäße dauerhaft offen zu halten,bauten sie ihm dann Stents ein, winzigeStützröhren aus Metall. Dank der implantierten Gitter strömtedas Blut wie in alten Zeiten, die Enge inder Brust war wie weggeblasen – zumin-dest für ein paar Jahre. Wenn sich derHerzschmerz erneut meldete, vereinbarteDietmar K. den nächsten Termin beimKardiologen. Am vergangenen Dienstagwar es wieder einmal so weit. MICHAEL TIMM / FOTOFINDER Dietmar K. trägt ein helles OP-Hemdund liegt im Herzkatheterlabor der Köl-ner Uniklinik. In seiner rechten Leistesteckt eine Plastikkanüle. Um 9.45 Uhrtritt Chefkardiologe Erland Erdmann, 67,an den Tisch. Er begrüßt Herrn K., undnach ein wenig Small Talk fragt er den Ärzte-Team beim Einsetzen einer Aortenklappe: Wunderdinge im OPPatienten, ob er immer noch rauche. „30 Zigaretten am Tag, wie seit 30 Jah- fach weitet der Arzt die Stelle vor, gibt Wippermann kündigt die sofortige By-ren“, antwortet der Herzkranke. „Das noch mal 10 atü. Plötzlich ist das Gefäß pass-Operation an.“sollten Sie wirklich lassen“, entgegnet vollkommen verschlossen – die Arterie Dietmar K. ist einer von 4000 Men-Erdmann. Es sei nun mal eine Sucht, ist eingerissen. schen, die jedes Jahr im Herzzentrum derrechtfertigt sich Dietmar K. und versucht Um 10.13 Uhr bekommt Dietmar K. Uniklinik Köln einen Herzkatheter be-einen Witz: „Damit aufzuhören, dazu Kammerflimmern. Sein Herz zuckt jetzt kommen. Zudem werden hier Hundertebrauchte man eine gewisse Stärke, einen nur noch, es wirft kein Blut mehr aus, Bypass-Operationen durchgeführt, bei de-Charakter, was weiß ich?“ und es wird nicht mehr durchblutet. Grel- nen nicht mehr zu öffnende Engstellen Der Stent im absteigenden Ast der lin- le Lampen im Raum gehen an, Ärzte und chirurgisch überbrückt werden müssen.ken Herzkranzarterie von Dietmar K. ist Pfleger springen herbei. Einer von ihnen Auf der Intensivstation ist der Atem derzu 80 Prozent verschlossen, das erkennt drückt die Elektroden des Defibrillators, Beatmungsmaschinen zu hören, im licht-Erdmann auf einem Röntgenbildschirm. des Schockgebers, auf den Brustkorb: durchfluteten Atrium wachsen Bäume inDurch Aufblasen eines Ballons will er die Die Stromstöße bringen das flimmernde den Himmel, auf den Gängen hastenStelle wieder freibekommen. Dazu schiebt Herz wieder in Takt. Herr K. guckt ver- Menschen im weißen Kittel.er einen Schlauch durch die Hauptschlag- wundert, die Ärzte rufen: „Er ist wieder Nach außen hin erscheint das Handelnader des rechten Beins bis vor die linke da!“ der Schwestern, Pfleger, Ärztinnen undHerzkammer. An dessen Spitze sitzt der Man möge seine Frau anrufen, bittet Ärzte in diesem Kraftwerk der Herzme-Ballon. Dietmar K. noch, ehe ihn zwölf Hände dizin wie eine einzige Erfolgsgeschichte. Erdmann pumpt ihn auf: Der Druck um 10.15 Uhr in ein Transportbett heben. Früher hätten die meisten Patienten nursteigt, 18 atü, 20 atü, aber der Chefarzt Kaum haben sie ihn in einen Aufzug ge- mit Beschwerden leben können oder wä-sieht nicht zufrieden aus. Von Dietmar schoben, wirft Erland Erdmann die blut- ren längst den Herztod gestorben. HeuteK. ist ein Keuchen zu hören, eine Kran- verschmierten Handschuhe in den Müll- nimmt ihnen die moderne Medizin denkenschwester sprüht ihm Glyceroltrinitrat eimer, setzt sich ins Nebenzimmer, schal- Schmerz und hält sie am Leben.in den Mund, das weitet die Gefäße. tet ein Aufnahmegerät an und diktiert So ist es in Köln und in allen anderen „Der Ballon will in den blöden Stent das Protokoll, das er mit folgenden Wor- großen Städten. Die Zahl der herzchirur-nicht rein“, sagt Erdmann leise und ruft ten beendet: „Der Patient wird in Arzt- gischen Zentren in Deutschland hat sichnach einem Schmerzmittel. Eine halbe begleitung auf die Intensivstation verlegt in den vergangenen 20 Jahren beinaheSpritze wird Herrn K. verabreicht. Mehr- (Aufwachraum vor dem OP). Oberarzt verdoppelt. Die Zahl der Katheterbehand- D E R S P I E G E L 1 1 / 2 0 1 2 119
  • Titel DO C-STO CK Natürlicher Bypass Überbrückung von Gefäßverengungen durch Arteriogenese verengte Arterie Dieser Prozess soll künftig durch neue Therapien und Medi- kamente gezielt gefördert werden. Arterie verengte Arterie Kollaterale Das Blut fließt durch größere Arterien, Wenn sich eine größere Arterie Der Blutfluss bewirkt eine Umwandlung die durch kleine Brückengefäße (Kollate- verengt, wird das Blut zunehmend der Kollateralen in große Arterien. Die Eng- ralen) verbunden sind. In diesen ist der durch die Kollateralen gelenkt. stelle wird so überbrückt und das Gewebe Blutfluss sehr gering. wieder ausreichend mit Blut versorgt.lungen hat sich seit 1990 auf mehr als Mehr als 40 Prozent der Deutschen ster- menschliche Herz, so zeigt sich deutlich,325 000 Eingriffe verzehnfacht. Und zu ben daran. kann verstopfte Gefäße überbrücken, in-den größten Blockbustern der pharma- Namhafte Ärzte fordern deshalb ein dem es um Engstellen herum Umleitun-zeutischen Industrie gehören Medikamen- Umdenken – und können sich dabei auf gen wachsen lässt – wie von Zauberhandte gegen Cholesterin; sie werden mittler- faszinierende Erkenntnisse aus der For- entstehen so natürliche Bypässe.weile von schätzungsweise vier Millionen schung berufen: Selbst dem bereits er- Gestärkt werden die selbstheilendenBundesbürgern geschluckt. krankten Herzen wohnt noch die Fähig- Adern vor allem durch Bewegung. Wer Die Erfolgsgeschichte scheint sich in keit inne, sich selbst zu heilen. Diese Sport treibt, lässt die körpereigenen By-den Zahlen widerzuspiegeln. Die Zahl Selbstheilungskraft wollen die Pioniere pässe sprießen.der Infarkttoten in Deutschland geht Jahr wecken – und so eine Revolution in der Doch die Medizinpioniere bauen nichtfür Jahr zurück – sie ist seit 1980 um fast Herztherapie einleiten. allein auf gesunden Lebensstil. Auch fu-die Hälfte gesunken. Derzeit betreibt die Hochleistungs- turistisch erscheinende Apparate wie eine Das alles nährt die Illusion, Herzerkran- medizin vielfach nur Reparaturen, wenn- an der Berliner Charité entwickeltekungen seien inzwischen ein technisch gleich auf hohem Niveau, und rettet Tau- „Herz-Hose“ sollen zur Bildung der Bio-lösbares Problem, die Ärzte würden es senden Menschen das Leben. Die lebens- Bypässe beitragen. Andere Forscher fahn-schon richten. In Wahrheit werden viele gefährliche Verkalkung der Herzkranz- den bereits nach Medikamenten, die dasder Behandelten niemals mehr gesund. gefäße zu heilen, das gelingt mit Stents wundersame Gefäßwachstum fördernDer größte Feind des Herzens, die Durch- und Pillen allerdings nicht. sollen.blutungsstörungen seiner Gefäße, lässt Gerhard Schuler, Direktor des Leipzi- Wie kaum ein Zweiter hat Erdmannsich durch chirurgische Eingriffe und teu- ger Herzzentrums, vergleicht das Dilem- Glanz und Elend der Herzmedizin miter-re Medikamente nicht aufhalten. ma mit einem Auto, das einen Rostfleck lebt. Während Dietmar K. im OP der Köl- Tatsächlich bleibt die Zahl der Herz- trägt. „Wir können die Stelle ordentlich ner Uniklinik mit einer Vibrationssägekranken hoch. Während die Zahl töd- lackieren, so dass man sie nicht mehr der Brustkorb geöffnet wird, hat sich derlicher Infarkte sinkt, sterben heute viele sieht“, sagt der Kardiologe. „Aber der Chefarzt ein Stockwerk tiefer in seinMenschen an anderen Folgen der Gefäß- Fleck zeigt, dass das Auto an vielen an- Büro zurückgezogen. Wenn der Mannverkalkung: Das Herz schlägt nicht mehr deren Stellen Rost ansetzen wird.“ Seine mit dem stets akkuraten Scheitel Endenormal (Rhythmusstörungen), es ist aus- Kollegen würden Patienten diese Wahr- des Jahres in den Ruhestand geht, blicktgelaugt (Herzinsuffizienz), seine Klappen heit nicht immer verraten. Schuler sagt: er auf eine fast 20-jährige Karriere alsgehen kaputt (Klappenkrankheiten). Hin- „Zu viele Ärzte schenken keinen reinen Chefarzt der Kardiologie zurück.zu kommt eine große Zahl an Schlagan- Wein ein.“ Seine persönliche Bilanz: „Wir habenfällen, bei denen das Gehirn von der Blut- Doch jetzt haben Mediziner damit be- viele Patienten, die ihren Lebensstil über-zufuhr abgeschnitten wird. So bleiben Er- gonnen, neue Wege zu beschreiten. Sie haupt nicht ändern. Denen muss man hel-krankungen des Herz-Kreislauf-Systems setzen darauf, dass der Patient zu seiner fen, und sie wollen, dass man ihnen hilft.die mit Abstand häufigste Todesursache. Heilung beitragen kann. Denn das Sie lassen sich von uns die besten Medi-120 D E R S P I E G E L 1 1 / 2 0 1 2
  • kamente verschreiben und die moderns- Schließlich könnten Statine sogar das Doch all die Triumphe der Herzmedi-ten Therapien angedeihen“, sagt Erd- Herz selbst schädigen, sagt Elisabeth zin helfen nur einem Teil der Patienten.mann. „Sie sagen: ,Nö, mit dem Rauchen Deindl vom Walter-Brendel-Zentrum am Die meisten leiden an der Verkalkungaufhören oder dünner werden, das kann Klinikum der Universität München. Die der Herzkranzgefäße, jener modernenich nicht.‘ Aber wir behandeln ja nur ihre Molekularbiologin ist führend darin, die Volksseuche, die kein Arzt zu heilen ver-Symptome, ihre Erkrankung selbst kön- Selbstheilungskraft des menschlichen mag. Zu den populären Irrtümern der Pa-nen wir Ärzte gar nicht heilen – das ist ja Herzens zu erforschen. Arteriogenese tienten gehört die Überzeugung, einedas Fatale.“ nennen Fachleute das Phänomen, bei Stent-Behandlung verlängere in solchen Im Herzzentrum Leipzig findet Schuler, dem sich winzig kleine Gefäße in taug- Fällen das Leben. „Dabei ändert der65, ähnlich klare Worte. Sein Klinikum liche Adern verwandeln. Doch auf Ein- Stent nichts an der Prognose“, sagt Schu-ist noch größer als das in Köln, wie ein flüsse von außen scheint die Selbsthei- ler. „Die Leute sind immer ganz erstaunt,Trumm aus Glas und Granit steht es am lung empfindlich zu reagieren. „Statine wenn ich ihnen das sage.“Stadtrand. Im Eingangsbereich ist vorigen bewirken da nichts Gutes“, befürchtet Im Gegenteil ist das Einsetzen einesMittwoch kein Sitz mehr frei, auch weil Deindl. „Die natürlichen Bypässe bilden Stents nicht einmal besser als eine The-es noch einmal empfindlich kalt gewor- sich womöglich sogar zurück.“ rapie mit Aspirin, Betablockern und an-den ist im Land. Dann spüren die Men- deren bewährten Medikamenten, wie dieschen die Brustenge, die Angina pectoris, aktuelle Studie in den „Archives of In-besonders deutlich. Millionen Menschen- ternal Medicine“ offenbart. Die Autoren „Wenn wir die Patienten behandeln, schlucken Cholesterin- hatten Daten von 7229 Menschen ausge-dann gehen ihre Schmerzen sofort weg“, wertet, die an Brustenge litten. Sie spür-sagt Schuler. „Sie haben deshalb das Ge- senker – doch den ten ihre Beschwerden zumeist nur beifühl, wir hätten ihre Krankheit geheilt – körperlicher Anstrengung oder emotio-das ist der große Trugschluss.“ meisten hilft das nicht. nalem Stress. Nach vier Jahren waren Die Warnrufe fallen in eine Zeit, in der zwischen beiden Behandlungsarten kaumsich auch in den Fachzeitschriften die Niemand bestreitet die Fortschritte der Unterschiede auszumachen: Von denAnzeichen dafür mehren, dass die Herz- modernen Herzmedizin. Kardiologen Stent-Patienten bekamen 8,9 Prozent ei-medizin in eine falsche Richtung abgedrif- und Chirurgen vollbringen heutzutage nen Herzinfarkt, von den Tablettenschlu-tet ist. In der aktuellen Ausgabe der „Ar- wahre Wunderdinge, sie reparieren an- ckern waren es 8,1 Prozent. Auch diechives of Internal Medicine“ steht eine geborene Herzfehler und retten bei Zahl der Todesfälle in den Gruppen warÜbersichtsarbeit, derzufolge das zuneh- akuten Attacken vielen Menschen das nahezu gleich: 8,9 Prozent aller Stent-Pa-mende Einsetzen von Stents Patienten mit Leben. tienten starben an einem Infarkt und 9,1stabiler Angina pectoris keineswegs bes- Der Wissenschaftshistoriker und Buch- Prozent der Tablettenschlucker.ser hilft als bewährte Medikamente. Das autor Ernst Peter Fischer, 65, wurde vori- Zwar macht der Stent den Patienten„Stenten“, kommentiert die US-Kardiolo- gen September mit einem 40 Zentimeter sofort schmerzfrei, aber nur, wenn keinegin Rita Redberg, werde übertrieben, ob- langen Riss in der Hauptschlagader in die Komplikationen auftreten. Bei einem vonwohl es „keinen bekannten Nutzen hat Klinik für Herzchirurgie des Universitäts- tausend Stent-Behandlungen kommt esund es eindeutige Schäden“ gebe. klinikums Heidelberg eingeliefert. Die zu einem Schlaganfall, einem Herz- Auf der anderen Seite geraten Mittel Chirurgin eröffnete Fischers Frau, es gebe infarkt, Nierenschäden oder einem Ge-zur Absenkung des Cholesterinspiegels, eigentlich kaum mehr Hoffnung – und fäßriss, wie ihn Dietmar K. erlitt.die zunehmend auch von gesunden Men- machte sich ans Werk. Über die ernüchternde Bilanz freuenschen zur Vorbeugung geschluckt werden, Acht Stunden später verfügte der Au- sich die Chirurgen – weil sie mit den Kar-in die Kritik. So warnte die amerikani- tor über eine künstliche Aorta. Er trägt diologen um die Patienten buhlen undsche Arzneimittelbehörde FDA vorver- noch an den Folgen, aber schreibt schon diesen lieber gleich einen Bypass ins Herzgangene Woche vor bislang unbekannten wieder am nächsten Buch. „Ich bin dank- nähen. Aber auch die Chirurgen dokternNebenwirkungen von Statinen. bar“, sagt Fischer, „ich habe überlebt.“ nur den an Symptomen herum. Schon nach einem Jahr sind 10 bis 15 Prozent der Gefäßbrücken verschlackt und ver- stopft. Spätestens nach zehn Jahren ent- stehen in jedem zweiten Bypass Engstel- len oder Verschlüsse. Schließlich wird auch die Rolle des Cholesterins falsch eingeschätzt. Die wachsartige Substanz spielt im Drama Herzinfarkt die Schurkenrolle, weil Cho- lesterin im Ruf steht, die Gefäße zu ver- stopfen. Doch zunächst einmal ist es ein Stoff, ohne den kein Mensch leben kann. So besteht das Gehirn zu zehn Prozent seiner Trockenmasse aus Cholesterin. Es ist so wichtig, dass es die meisten Kör- perzellen selbst herstellen können. Weil sich das Cholesterin nicht im Blut- ZAC MACAULAY / CULTURA / CORBIS serum löst, wird es in sogenannten Lipo- proteinen durch den Körper befördert. Das LDL liefert das Cholesterin überall dorthin, wo es gebraucht wird, unter an- derem zu den Gefäßwänden – Mediziner Herzförderndes Schwimmtraining haben es das „böse“ Cholesterin getauft. Das HDL dagegen kann Cholesterin aus D E R S P I E G E L 1 1 / 2 0 1 2 121
  • Titel Notfallspray zum Weiten der Gefäße Einsetzen eines HerzkathetersKardiologe Erdmann: „Es wird im großen Stil betrogen“den Gefäßwänden aufnehmen – angeb- einen Nutzen haben, die anderen 96 da- Das Problem ist nur: Die meisten Cho-lich ist es das „gute“ Cholesterin. Beide gegen profitieren nicht. lesterinsenker werden heute von Men-Werte werden beim Gesundheitscheck „Der Effekt ist nicht sehr groß“, sagt schen eingenommen, die noch keinengemessen, sie ergeben das Gesamt- Erdmann. „Aber es ist das erste Mal, dass Infarkt hatten. Ob aber die Mittel zurcholesterin. Medikamente nach einem Infarkt über- Vorbeugung taugen, das erscheint frag- Eine Reihenuntersuchung an 760 gesun- haupt etwas bringen.“ Deshalb ver- lich.den Frauen und Männern aus Bayern hat- schreibt er die Mittel, wenn Patienten ei- Die Substanz Ezetimib beispielsweisete einen Durchschnittswert von 245 Milli- nen Herzinfarkt überstanden haben. hemmt die Aufnahme von Cholesteringramm pro Deziliter Blut ergeben. Doch im Darm. In einer klinischen Studie woll-die Nationale Cholesterin-Initiative, ein ten Ärzte nachweisen, dass Ezetimib kalk-privater Interessenverbund von 13 Medi- Cholesterinsenkende haltige Einlagerungen verringert. Dochzinprofessoren, legte vor mehr als 20 Jah- Pharmaka 1471 das Gegenteil trat ein, die Gefäße ver- 1500ren einen Grenzwert von nur 200 fest – dickten, die Verkalkungen nahmen zu.und verwandelte mit diesem Beschluss die Verordnungen von Statinen, Nach Abschluss dieser Studie hat esMehrheit der Deutschen in Risikopatienten. in Millionen definierten die Pharmaindustrie geschickt vermieden, Und selbst diese Norm wurde weiter Tagesdosen, den Nutzen von Ezetimib in einer Ver-abgesenkt – auf 193. Nähme man diesen in Deutschland 1200 gleichsstudie zu testen. Und doch schlu-Grenzwert der europäischen Leitlinien cken rund 300 000 Menschen allein inzur Vermeidung kardiovaskulärer Krank- Deutschland das Mittel – Tag für Tag.heiten ernst, hätten in einer norwegischen „Für das Medikament werden 220 Millio-Untersuchung von den über 50-Jährigen 900 nen Euro im Jahr unsinnig ausgegeben“,mehr als 90 Prozent einen behandlungs- sagt Erdmann. „Hier wird im großen Stilwürdigen Cholesterinspiegel. 783 betrogen.“ Veränderung Die strengen Grenzwerte erfreuen die 2010 gegen- Der Direktor am Kölner HerzzentrumPharmaindustrie. In Deutschland hat sich über 2001 studierte für einen Vortrag wochenlangder Verbrauch von cholesterinsenkenden 518 600 die Literatur über Cholesterinsenker. Er-Statinen in den vergangenen zehn Jahren +184% staunt erkannte er: Viele Mittel verändernfast verdreifacht. Mittlerweile schlucken zwar die Laborwerte, an dem Gesund-schätzungsweise bereits vier Millionen Patienten in heitszustand der Menschen jedoch än-Menschen hierzulande Statine. täglicher dern sie so gut wie nichts. Als er das Er- 300 Doch die meisten von ihnen werden Behandlung, 2010 gebnis seiner Recherchen vor den ver-davon nicht profitieren. Dass Statine das ca. 4 Mio.* sammelten Kollegen vortrug, ging einLeben verlängern können, gilt offenbar Raunen durch das Seminar. *statistischer Wert,nur für Menschen, die nach einem Herz- bezogen auf Standarddosen In der sogenannten Primärprophylaxeinfarkt damit behandelt werden: Wenn für jene Menschen, die noch gar keinen100 von ihnen Statine nehmen, werden 4 2001 2005 2010 Herzinfarkt hatten, ist der Nutzen von122 D E R S P I E G E L 1 1 / 2 0 1 2
  • Ärzte sollten Statine nur mit Vorsicht verschreiben. Mehr noch: Der pharmakologische Ein- griff in die Biologie der Gefäße könnte auch deren Fähigkeit zur Selbstheilung hemmen. Denn das von den Statinen blockierte Schlüsselenzym ist wichtig für die Zelle, unter anderem wird es für das Wachstum natürlicher Bypässe benötigt. „Die Statine zerstören die biochemi- schen Stoffwechselwege, die der Körper braucht, um neue Adern wachsen zu las- sen“, warnt die Biologin Deindl. Die Forscherin erläutert, wie die Arte- riogenese abläuft: In allen Organen be- findet sich neben den großen Arterien ein Geflecht winzig dünner Gefäße, der sogenannten Kollateralen. Kommt es in einer großen Arterie zu einer allmäh- lichen Verengung, etwa durch Kalk- ablagerungen im Alter, dann staut sich FOTOS: HEINER MUELLER-ELSNER / DER SPIEGEL davor das Blut zurück und sucht sich neue Wege – in die Kollateralen hinein. Diese spüren die erhöhte Schubkraft – und können sich nach und nach in große Arterien verwandeln. Diese natürlichen Bypässe bergen das Potential zur Heilung: Schlecht durchblutete Organe lassen sich gleichsam verjüngen – wenn der Kranke dabei mithilft, etwa durch Sport.Intensivstation des Herzzentrums Köln: „Wir behandeln nur die Symptome“ In Experimenten mit Versuchstieren klappt das schon verblüffend gut. Wolf-Statinen folglich umstritten. Die Mittel Unterm Strich hält die Fixierung auf gang Schaper, emeritierter Professor amhemmen ein Schlüsselenzym für die kör- die Cholesterinsenker Menschen davon Max-Planck-Institut für Herz- und Lun-pereigene Cholesterinherstellung, aber ab, Dinge zu tun, die gegen den Herztod genforschung im hessischen Bad Nau-sie haben auch noch unverstandene Ne- tatsächlich helfen. Mit dem Rauchen auf- heim, band Versuchskaninchen den Hin-benwirkungen. Wenn Statine überhaupt zuhören ist sinnvoll, weil Kohlenmono- terlauf mit einem Faden ab. Das Blutirgendeinen Nutzen hätten, urteilt der xid and andere Substanzen aus dem wurde dadurch umgeleitet in Kollatera-Kölner Chefarzt, dann sei der „so klein, Qualm die Gefäße schädigen. Wer ab- len. Anfangs waren diese viel zu eng.dass wir ihn vergessen können“. Die vie- nimmt, der verringert den Blutdruck. Aber mit der Zeit weiteten sie sich – amlen Menschen, die zur Prophylaxe Statine Ende waren die neugewachsenen Blut-nähmen, erhofften sich davon, dass sie brücken im Stande, das abgebundenespäter keinen Herzinfarkt und keinen Wird es irgendwann Bein vollständig mit Blut zu versorgen.Schlaganfall bekämen. Erdmann: „Doch eine Jungbrunnenpille Die natürlichen Bypässe scheinen sichdas ist eine irrige Annahme.“ auf einen biophysikalischen Befehl hin Und schlimmer noch, es mehren sich geben, die hilft, das zu bilden. Wenn das Blut in die Kollate-Hinweise darauf, dass Statine sogar Scha- ralen drückt, entsteht dort ein molekula-den anrichten. Einerseits können sie Mus- kranke Herz zu heilen? res Signal. In den Zellen der Kollateralenkelschmerzen bewirken. Die betroffenen werden bestimmte Gene angeschaltet –Patienten werden deshalb davon abgehal- Nach einem Herzinfarkt, so Erdmann, der Startschuss für eine Kaskade von bio-ten, sich körperlich zu bewegen – obwohl „bringt es viel mehr, den Bauchumfang chemischen Reaktionen, die darin mün-genau das ihre Gefäße stärken würde. im normalen Bereich zu halten als Stati- den, dass die Gefäße dicker und länger Zum anderen können Statine offenbar ne zu nehmen“. werden.das Risiko, am Stoffwechselleiden Typ-2- Ein allzu stark abgesenkter Choleste- Vor allem durch körperliche AktivitätDiabetes zu erkranken, erhöhen und bei rinspiegel könnte das Leben sogar ver- wird die Arteriogenese begünstigt: Im be-älteren Menschen aufs Gedächtnis schla- kürzen. In Japan haben Ärzte mehr als wegten Leib strömt Blut besonders flottgen. Es sind bedenkliche Befunde, die 12 300 Landbewohner in einem Zeitraum und regt die Kollateralen zum Wachsenjetzt zu der aktuellen FDA-Warnung ge- von zehn Jahren untersucht – ausgerech- an. Menschen, die sich viel bewegen, le-führt haben. net in der Gruppe der Menschen mit gen sich deshalb tatsächlich immer wie- Die meisten Patienten ahnen von die- niedrigem Gesamtcholesterin (unter 160) der neue Bypässe.sen Nebenwirkungen nichts. Treuherzig war die Sterblichkeit erhöht. Wer über ein gutes Netz an Kollatera-schlucken sie ihre Tabletten und wiegen Das Ergebnis einer ähnlichen Studie len verfügt, trägt demnach ein Schutz-sich in falscher Sicherheit. Der Kölner mit 12 740 Teilnehmern haben Ärzte aus schild im Herzen. Genau dieser EffektHerzkranke Dietmar K. etwa nahm bis- dem südkoreanischen Seoul Anfang des könnte ein Phänomen erklären, das Ärzteher jeden Tag 40 Milligramm Simvastatin Jahres vorgelegt. häufig beobachten. Viele Menschen ha-und hoffte, so könnten die 30 Zigaretten Auch hier hatten jene Menschen eine ben im Alter zwar Verschlüsse in den gro-am Tag seinen Gefäßen nicht mehr viel erhöhte Sterblichkeit, deren Cholesterin- ßen Herzarterien, sie spüren jedoch keineanhaben. wert unter 160 lag. Die Autoren warnen: Beschwerden – offenbar haben bei ihnen D E R S P I E G E L 1 1 / 2 0 1 2 123
  • Titeldie Kollateralen die Blutversorgung des Ballon im Blutgefäß Trainingsgerät. Neben der Tür steht einPumpmuskels übernommen. Notfallkoffer. Der Konsum von Zigaretten und kör- Stent-Einbringung bei der Gefäßwand Benutzen würde ihn Ulrike Müller, 34,perliches Nichtstun dagegen wirken wie Herzkatheter-Behandlung eine Fachärztin für Innere Medizin undGift auf den Prozess der Arteriogenese. Kardiologie. Sie hat am vorigen Mittwoch Der Zustand der Kollateralen hat ver- Dienst im „Sporthaus“; sie passt auf, dassmutlich auch einen entscheidenden Ein- Ablagerung sich keiner der Männer überanstrengt.fluss darauf, wie gut ein Mensch einen Sie alle haben verkalkte Herzkranz-Herzinfarkt wegsteckt. Ärzte sehen große Ein zusammengefaltetes Gitterröhrchen gefäße und nehmen an medizinischenUnterschiede: Den einen rafft es sogleich (Stent) wird mit dem Ballonkatheter bis zur Studien teil. Vier Wochen lang kommendahin, der andere ist nicht kleinzukrie- verengten Stelle vorgeschoben. sie jeden Tag hierher und rackern sichgen – weil ihn vermutlich sein körper- insgesamt jeweils zweieinhalb Stundeneigenes Sicherheitsnetz rettet. Ballon lang ab. Jede Trainingseinheit wird peni- Wer seine Kollateralen trainiert, lebt Stent bel protokolliert.länger. Eindrucksvoll haben das der Arzt Die Daten sollen den Beweis dafür lie-Christian Seiler, 55, von der Universitäts- Mit dem aufgeblasenen Ballon wird der fern, dass Bewegung eine beginnendeklinik für Kardiologie und Kollegen in Engpass geweitet. Der Stent entfaltet sich. Herzverkalkung umkehren kann. Beein-Bern nachgewiesen, als sie die Daten von druckende Hinweise haben die Leipziger6529 Patienten auswerteten: Die Men- bereits gefunden. In einer früheren Studieschen mit stark ausgeprägten Kollateralen mit 101 Patienten haben sie die eine Hälf-hatten demnach ein 36 Prozent geringeres te wie üblich behandelt – die EngstellenSterberisiko als jene mit schwachen Kol- geweitet und mit Stents versehen. Dielateralen. Der Stent bleibt im Gefäß zurück. anderen jedoch bekamen lediglich das Die erstaunliche Selbstheilungskraft Das Blut kann wieder fließen. Training verordnet.des Herzens lassen der Leipziger Schuler Nach einem Jahr zogen die Kardiologenund seine Kollegen schon heute ihren Wer das Gebäude betritt, dem schlägt Bilanz: Von den Radlern blieben 88 Pro-Patienten zugutekommen. Dazu haben warme Luft entgegen. Im Erdgeschoss zent ohne erneute Beschwerden – bei dendie Mediziner ein ungewöhnliches Labor keucht ein Mann, der eine Atemmaske Stent-Patienten traf das nur auf 70 Pro-aufgebaut. Es ist nicht im Herzzentrum trägt und auf dessen nackter Brust Elek- zent zu. Die bewegte Herzkur war nichtuntergebracht, sondern liegt drei Mi- troden kleben. Unterm Dach strampeln nur wirksamer, sondern auch lediglichnuten zu Fuß entfernt, in einem Endrei- fünf Männer auf Fahrradergometern, ein halb so teuer wie die Apparatemedizin.henhaus des angrenzenden Neubauge- Rothaariger marschiert auf dem Stepper, Nun wollen die Leipziger herausfin-biets. ein siebter schließlich rudert auf einem den, ob der heilsame Effekt des Sports
  • tatsächlich auf der Entstehung natürlicher Der Gefäßmediziner steckt Patienten inBypässe beruht. Zu diesem Zweck ließen eine seltsame, dicke blaue Hose, die aussie 20 Patienten vier Wochen lang trai- aufblasbaren Manschetten besteht. Dasnieren und ermittelten anschließend, in- Beinkleid wird segmentweise aufge-wiefern sich die Durchblutung der Kolla- pumpt – mit der Folge, dass das Blut nachteralen verändert hatte. Das Ergebnis: oben bis ins Herz schießt. Dieser künst-„Bei den Patienten, die gut trainiert ha- lich gesteigerte Blutfluss soll die Kollate-ben, war die Funktionsfähigkeit der Kol- ralen zum Wachstum anregen.lateralen deutlich verbessert“, konstatiert Derzeit testet Buschmann die Appara- HEINER MUELLER-ELSNER / DER SPIEGELSchuler. tur, die er „Herz-Hose“ nennt, an 300 Pa- Sosehr sich die Leipziger Bewegungs- tienten. Seine Studie ist zwar noch nichtforscher über ihre Erkenntnisse freuen, ausgewertet, aber die ersten Ergebnisseso groß ist ihr Frust über das Verhalten stimmen den Mediziner hoffnungsfroh:vieler Patienten. Nach Abschluss einer „Vielen Patienten sind zusätzliche Um-Studie verfallen viele wieder in den alten, gehungskreisläufe gewachsen“, sagt er.bewegungsarmen Trott. Demnächst will Buschmann seine Me- Dabei hatte Jens Schierhold, 47, Kraft- thode Patienten im ganzen Bundesgebietfahrer aus Leipzig, das Training zum Kardiologe Schuler zur Verfügung stellen. Der Charité-For-Schluss sogar gefallen. Der Mann, dessen Mit dem Fahrrad 20 Kilometer zur Arbeit scher plant bereits einen Herz-Hosen-Ver-Herzkranzgefäße „ziemlich verschlossen leih mit Stationen in 20 Städten. Fach-sind“, wie er sagt, kaufte sich deshalb ein helfen, die akut einen Herzinfarkt erlei- ärzte könnten die aufblasbare Büx dortFahrradergometer. Aber irgendwie sei den. Denn bei ihnen kommt die Arterio- buchen, die Kosten sollen die Kranken-das mit der Bewegung „dann bald wieder genese zu spät, wenn sie in normalem kassen übernehmen.Nebensache geworden“. Tempo abläuft. Es dauert Tage und Wo- Dass Menschen mit der Herz-Hose Wie Schierhold träumen viele Men- chen, ehe sich ein natürlicher Bypass neu vorm Fernsehgerät hocken und sichschen davon, die Früchte der Bewegung gebildet hat. Im Falle eines Infarkts aber durchwalken lassen, anstatt sich selbst zuernten zu können, ohne sich anstrengen braucht das Herz binnen Minuten frische bewegen, ist allerdings nicht sein Ziel.zu müssen. Und tatsächlich suchen Herz- Adern. Profitieren würden zudem Patien- Das Gerät soll vor allem als Starthilfe die-mediziner bereits nach Wegen, die na- ten, die aufgrund von Gebrechen und Be- nen, um das Wachstum der Gefäße sotürliche Arteriogenese gezielt herbeizu- hinderungen nicht in der Lage sind, Sport weit anzuregen, bis der herzmaladeführen. zu treiben. Mensch trainieren kann. Das Anschalten der Arteriogenese auf Ein Pionier auf diesem Gebiet ist Ivo Im Klinikum Großhadern verfolgt dieKnopfdruck würde auch jenen Menschen Buschmann, 44, von der Berliner Charité. Biologin Deindl eine andere Strategie,
  • Titel JULIANE WERNERGefäßmediziner Buschmann bei Behandlung eines Patienten mit der „Herz-Hose“: Starthilfe für Herzkranke, die kaum Sport treiben könnenum das Wachstum neuer Gefäße zu för- skeptisch. „Ich kann mir nicht vorstellen, körperliche Verfallserscheinungen tratendern. Die Forscherin sucht nach Wirk- dass es funktioniert“, sagt Karl-Ludwig bei ihnen im Durchschnitt 16 Jahre späterstoffen, mit denen sich die Arteriogenese Schulte, Chefarzt am Gefäßzentrum Ber- auf als bei den trägen Vergleichspersonen.bei Bedarf anschalten lasst. „Wenn wir lin. „Das halte ich für eine Illusion“, sagt James Fries sagt: „Im Großen und Ganzenvon der Natur lernen, wie es geht“, sagt auch der Leipziger Schuler, ein drahtiger sind die Läufer gesund geblieben.“Deindl, „dann können wir dem Herzen Kerl, der jeden Tag 20 Kilometer weit mit Die Vitalität war verbunden mit einembefehlen, neue Adern auszubilden.“ dem Fahrrad zur Arbeit fährt. Die Be- deutlich verlängerten Leben. 21 Jahre In ihrem Labor stehen Flaschen voller wegung könne man nicht pharmakolo- nach Beginn der Studie waren von denIsofluran, einem Narkosegas. Auf der gisch ersetzen, sagt er: „Es gibt keine Läufern nur 15 Prozent verstorben – vonBank liegen Scheren und Zangen. In ei- Abkürzung.“ den trägen Menschen waren zu diesemner Kiste aus Styropor raschelt eine dunk- Allerdings muss auch niemand zum Zeitpunkt schon 34 Prozent tot.le Maus. Eine junge Doktorandin hat dem Spitzensportler werden, wie Bewegungs- So alt wie das Wissen über den Segen,Nager die Hauptarterie des rechten Beins forscher jüngst im britischen Fachmaga- sich zu regen, so alt ist auch die Abnei-abgebunden, dennoch bewegt er sich nor- zin „Lancet“ berichteten. Die Wissen- gung vieler Menschen dagegen – einmal – dem Tier sind natürliche Bypässe schaftler hatten die Gesundheitsdaten Trauerspiel. Der Dichter Goethe hat esgewachsen. Das Blut der Maus muss des- von 400 000 Menschen ausgewertet und in seinem „Faust“ vor mehr als 200 Jah-halb alle notwendigen Botenstoffe ent- dabei festgestellt: Schon wer sich jeden ren in Worte gefasst.halten, die für das Wachstum neuer Ge- Tag 15 Minuten lang körperlich betätigt, Mephisto verrät Faust das Geheimnisfäße erforderlich sind. verringert sein Risiko, am Herzinfarkt zu der Verjüngung: Er brauche bloß auf dem „Wir erforschen, wie der mechanische sterben, um 20 Prozent und verlängert Feld hacken und graben. Doch davon willReiz durch das Abbinden des Beins in sein Leben statistisch gesehen um min- Doktor Faust nichts hören: „Das bin ichbiologische Signale übersetzt wird“, er- destens drei Jahre. nicht gewöhnt, ich kann mich nicht be-läutert Deindl. „Und erstmals scheinen Und es lässt sich noch mehr Lebenszeit quemen, den Spaten in die Hand zu neh-wir diese Schnittstelle zu verstehen.“ hinzugewinnen, hat der Mediziner James men. Das enge Leben steht mir gar nicht Offenbar benötigt die Arteriogenese Fries von der Stanford University in Ka- an.“einen Cocktail von Wuchsstoffen, den die lifornien nachgewiesen. Dazu untersuch- So wie Faust hat es auch Herr K. ausForscher zu einem Medikament weiter- te er 538 Mitglieder eines Lauf-Clubs so- Köln bisher gehalten, nur rettet ihn heuteentwickeln wollen. In fünf bis zehn Jah- wie 423 träge Menschen. Die Probanden die moderne Medizin. Die Notoperation,ren, hofft die Biologin, könne die Mixtur waren zu Beginn der Studie 50 Jahre oder bei der ihm vorige Woche zwei Bypässeerstmals am Menschen getestet werden. älter, und Fries hat jahrelang dokumen- eingenäht wurden, ist gut verlaufen. Wird es also wirklich irgendwann eine tiert, wie es ihnen weiter erging. Der Mann fühlt sich geheilt, bis zurArt Jungbrunnenpille für die Herzver- Das beeindruckende Ergebnis: Die Läu- nächsten Herzattacke.jüngung geben? Andere Experten bleiben fer klagten weit seltener über Gebrechen – JÖRG BLECH126 D E R S P I E G E L 1 1 / 2 0 1 2
  • Technik Neuer Morgan Threewheeler Tugend des Leichtbaus Letzteren ist es auch vorwiegend ge- schuldet, dass die englische Manufaktur mit der Auslieferung des neuen Dreirads um fast ein Jahr in Verzug geriet und die ersten Threewheeler erst in diesem Früh- jahr in den Handel bringen wird. Charles Morgan, der als oberste Firmenmaximen „Ehrlichkeit und Vertrauenswürdigkeit“ nennt, macht kein Hehl aus den Schwie- rigkeiten: „Grundsätzlich“, erklärt er, „ist Automobilbau eine sehr komplizierte Sache.“ Im Besonderen entstanden Komplika- tionen durch die gewaltigen Drehmo- mentspitzen, die der Zweizylindermotor MARTYN GODDARD / CORBIS wie Hammerschläge ins Getriebe sandte. Das Zahnräderwerk (es wurde bei Mazda eingekauft) war diesem Angriff nicht ge- wachsen und musste durch ein Zwischen- element geschützt werden, das „ähnlich wie eine Feder“ (Morgan) die Stoßkraft mildert. Mit dem „Threewheeler“ leistete Fir- Zweifel an der Fahrstabilität, versichert AU TOM O B I L E mengründer Henry Frederick Stanley Morgan, seien unbegründet. Er verweist Morgan einen achtbaren Beitrag zur auf die großen Rennsporterfolge der frü- Springen statt frühen Volksmotorisierung Großbritan- niens. Seine Dreiräder waren günstig und ausgesprochen dynamisch, die schnells- hen Threewheeler, deren wichtigstes Bau- prinzip übernommen wurde: „Zwei Räder müssen nach vorn, sonst geht das nicht rollen ten erreichten über 180 Kilometer pro Stunde. Erst 1936 präsentierte Morgan sein erstes vierrädriges Modell und gut.“ Die Antriebskraft wird wie bei Motorrädern – und auch bei den alten Threewheelern – auf das Hinterrad ge- Die englische Automanufaktur schwenkte bald ganz auf diese allgemein leitet. Das gebe dem Fahrer reichlich Morgan kämpft mit den bewährte Bauart um. Spielraum für „gut kontrollierbare Drifts“, Tücken einer traditionsschweren Heute ist der Manufakturbetrieb in erklärt der Firmenchef, wodurch sich der Malvern, einer Ansammlung eingeschos- Wagen einmal mehr als Spaßmobil qua- Mission – der Wiedergeburt siger Backsteinhallen, der letzte nennens- lifiziere. des dreirädrigen Sportwagens. werte Autoproduzent Großbritanniens, Der Spieltrieb der anvisierten Klientel der nicht im Ruin oder im Besitz eines muss sich allerdings mit der BereitschaftD er Druckknopf, über den der Pilot fremdländischen Großkonzerns endete. verbinden, den Gegenwert eines gutaus- den Abwurf einer Bombe ver- Etwa 180 Mitarbeiter haben dort im ver- gestatteten Mittelklassewagens für ein anlasst, ist in manchen Militär- gangenen Jahr über 700 Sportwagen her- Dreirad ohne Verdeck zu bezahlen. Derflugzeugen mit einer Sicherungskappe gestellt. Das Design der Modelle folgt der Threewheeler wird knapp 40000 Euro kos-bedeckt. Sie muss vor dem Betätigen Formensprache der Vorkriegszeit, die ten und soll, wie andere Produkte der Mar-hochgeklappt werden und soll so ein ver- Aluminiumkarosserie – bei den meisten ke, auch eine gute Investition sein.sehentliches Auslösen verhindern. Modellen noch mit Eschenholzrahmen – Morgan-Fahrzeuge gelten nicht als Den Starter eines Automobils wie ei- der zeitlosen Tugend des Leichtbaus. die zuverlässigsten, zählen aber zu dennen Bombenauslöser zu gestalten und Und diese wird der neue Threewheeler wertstabilsten der Welt, da das Familien-auch so zu nennen erscheint weder prak- nun auf die Spitze treiben. Sein altaero- unternehmen, anders als viele sonstigetisch noch geschmackvoll – im jüngsten nautisches Blechkleid ist ebenfalls aus Exotenmarken, auch in Boomzeiten derProdukt der englischen Sportwagenmar- Leichtmetall; das gesamte Fahrzeug wiegt Versuchung widerstand, die Produktionke Morgan aber nicht unpassend. Es hat nur etwa 500 Kilogramm und soll die sprunghaft anzuheben.drei Räder – vorn zwei, hinten eines – Spurtstärke eines Porsche mit der Spar- Vom Threewheeler will Charles Morganund sieht aus wie die Zweitverwertung samkeit eines Motorrads vereinen. Ange- 600 Exemplare pro Jahr fertigen, dieeines ausgebeinten Jagdflugzeugs der strebt ist der Spurt auf 100 km/h in etwa Gesamtproduktion in Malvern also fastRichthofen-Ära. Angelassen wird es über fünf Sekunden und ein Spitzentempo von verdoppeln. Seine Händler schätzen dieeinen Knopf mit Kappe. Prospektbezeich- mehr als 180 km/h – bei einem Verbrauch Marktchancen des Dreirads vorsichtigernung: „bomb release button“. von etwa fünf Litern auf 100 Kilometer. ein: „Die Gelegenheit, mit so einem Auto Dass das Gefährt im Dienste Britan- Laut Geschäftsführer Charles Morgan, zu fahren“, gesteht ein deutscher Morgan-niens steht, lässt sich mit Dekorbeklebun- Enkel des Firmengründers und Initiator Vertreter, „müssen Sie erst mal erfinden.“gen deutlich machen, die Morgan als Zu- der Dreirad-Renaissance, wird das neue CHRISTIAN WÜSTbehör anbietet. Insignien der Königlichen Gefährt „eher springen als rollen“. FürLuftwaffe nebst fingierten Einschusslö- Vortrieb sorgt ein urwüchsiger V2-Motor Video: Christian Wüst testetchern flankieren die fahrzeugtechnische amerikanischer Herkunft, der wie bei den den Morgan ThreewheelerSpaßoffensive, die obendrein einem Hei- Ur-Morgans geweihartig die Wagenfront Für Smartphone-Benutzer:ligtum der über hundertjährigen Unter- ziert. Seine großen Kolben produzieren Bildcode scannen, etwa mitnehmensgeschichte huldigt. neben 115 PS enorme Rüttelkräfte. der App „Scanlife“.128 D E R S P I E G E L 1 1 / 2 0 1 2
  • CPP / ROPI / CIRIC / FOTOFINDER ROTA / CAMERA PRESS POLARIS / LAIF 1 2 3 ARCHIVIO GBB / CONTRASTO / LAIF P.S.I.BONN / ULLSTEIN BILD BETTMANN / CORBIS 4 5 6Kinderfotos bekannter Persönlichkeiten*: Erfassen Begabte das Gesicht als Ganzes? HIRNFORSCHUNG Superhelden aus dem Museum Ein englischer Wissenschaftler sucht nach Menschen mit einer ungewöhnlichen Fähigkeit: Sie können sich an fast jedes Gesicht erinnern, auch an das von Wildfremden. Die Gedächtnisprofis sollen helfen, nach Verbrechern zu fahnden.D er Forscher, der aussieht wie ein aus seinem Leben ein, etwa die beiden erblickte, wusste er sofort: Das ist Stefani. indischer George Michael, interes- Florida-Reisen. Seine Frau erklärte ihn für verrückt. siert sich seit kurzem sehr für das Im Jahr 2005, anlässlich ihres ersten Doch er behielt recht. „Stefani guckteGehirn seines kleinen Bruders. Hochzeitstags, waren er und seine Frau mich an, als würde ich sie verfolgen wie Durch Zufall fand Ashok Jansari her- nach Orlando geflogen. Am Eingang ei- ein Stalker“, erzählt Jansari. Er vergaßaus, dass dieser eine besondere Begabung nes Freizeitparks gab ihnen eine junge die Begegnung aber schnell wieder. Erhat. Nur hatte sein Bruder davon selbst nie Frau namens Stefani einen kurzen Über- hielt das Ereignis nicht für ungewöhnlich.etwas bemerkt. Erst jetzt, im Nachhinein, blick über das Gelände. Zwei Jahre später Anfang Januar besuchte er seinen Bru-fallen Ajay Jansari seltsame Episoden reisten sie wieder in die Stadt. In einem der, einen Neuropsychologen, um ihn bei Küchengeschäft kauften sie einen Pizza- einem Versuch zu unterstützen. In einer* Die Auflösung folgt auf der nächsten Seite. schneider. Als er die Dame an der Kasse Ecke des Londoner Science Museum hat- D E R S P I E G E L 1 1 / 2 0 1 2 129
  • VATICAN POOL / CONTRASTO / LAIF Jansari, habe ihn einmal für den briti- schen Sänger George Michael gehalten – INDIGO / GETTY IMAGES wegen seines Barts und des Goldohrrings. JEWEL SAMAD / AFP Die meisten Menschen liegen irgendwo zwischen diesen beiden Extremen. Ein Großteil der Gesichtserkennung läuft in 1. Barack Obama 2. Kate Middleton 3. Benedikt XVI. einem kleinen Teil einer Hirnregion na- mens Gyrus fusiformis ab, die auf der Höhe der Ohren liegt. Nimmt sie Schaden, können die Betroffenen Gesichter noch NANCY KASZERMAN / ZUMA PRESS / CORBIS sehen, aber nicht mehr einer Person zu- ordnen. Die Frage ist, ob diese Hirnregion bei Jansaris Bruder und den anderen Su- per-Recognizern stärker vernetzt ist? Und warum erinnern sich die Gesichtserkenner FRANK OSSENBRINK TARGET / FOTEX.DE auch so auffallend gut an Namen und Si- tuationen? Jansari will diesen Fragen nun nachge- 4. Madonna 5. Elvis Presley 6. Angela Merkel hen. Die sieben Hochbegabten, die er im Museum ermittelt hat, sollen jetzt nachte Ashok Jansari sein Experiment aufge- nis gaben die meisten Testpersonen rund allen Regeln der Hirnforschungskunstbaut. Der Forscher lud die Museumsbe- 70 Prozent richtige Antworten. durchleuchtet werden. Seine Erkenntnis-sucher ein, sich auf eine seltene Fähigkeit Jansari schaffte 98 Prozent. Er habe se könnten einmal dazu beitragen, Ge-testen zu lassen, und hoffte, dass so viele sich gefragt, wann es endlich schwieriger sichtsblinden zu helfen oder Computer-wie möglich mitmachen. werden würde. 725 Testpersonen kamen programme für die Gesichtserkennung zu Jansari suchte nach Menschen, die sich insgesamt ins Museum, darunter befan- verbessern, hofft er.an fast jedes Gesicht erinnern können, den sich gerade mal sieben Super-Reco- Doch schon bald könnten sich einigedas sie irgendwann einmal gesehen ha- gnizer – jeder Hundertste. der Gesichter-Genies für die Allgemein-ben – und sei es auch nur einen kurzen Warum ein paar wenige auch auf stark heit nützlich machen, bei der Verbre-Moment auf einer Party, in der U-Bahn verpixelten Bildern noch Gesichter zu er- chensbekämpfung. Bei der Londoner Po-oder im Supermarkt. Der wissenschaftli- kennen vermögen ist bislang ein Rätsel. lizei möchte Detective Chief Inspectorche Fachausdruck dafür lautet „Super- Der Neuropsychologe Jansari vermutet, Mick Neville am liebsten ein Team zu-Recognizer“ und klingt wie aus einem dass sein Bruder und die anderen Super- sammenstellen, das aus diesen Superhel-Helden-Comic. Drei Monate lang fahn- begabten Gesichter eher als Ganzes ver- den besteht.dete Jansari nach den Gedächtnisprofis. arbeiten; sie konzentrieren sich weniger In einer Polizeistation in Central Lon-Er hätte nicht für möglich gehalten, dass auf einzelne Teile wie Nase, Mund oder don sitzt der Mann, der von sich be-auch sein Bruder dazugehören würde. Augen. hauptet, so fleißig Fahndungsfotos zu Ein paar Wochen danach sitzt der neue Anders Menschen, die unter sogenann- sammeln wie Scotland Yard Fingerab-Super-Recognizer in einem Café im Nor- ter Gesichtsblindheit leiden. Die Betrof- drücke. Mick Neville ist ein Mann mitden Londons, seine hochschwangere Frau fenen nehmen nur die Puzzleteile eines Bürstenhaarschnitt, der gern kurze Sätzehockt neben ihm. Im Mai erwarten sie Gesichts wahr und schaffen es nicht, sie spricht, wovon jeder klingt wie ein Be-ihr erstes Kind. Ajay Jansari wackelt auf zu einem sinnvollen Ganzen zusammen- fehl und auch einer ist. Sein Büro ist Lon-seinem Stuhl herum, er sei immer hippe- zufügen. Gesichtsblinde erkennen oft dons Umschlagsplatz für Überwachungs-lig, sagt seine Frau. Sie habe Freunden nicht einmal engste Freunde oder Ver- aufnahmen.von den Testergebnissen erzählen wollen; wandte. Eine solche Patientin, erzählt Viele Stunden Videomaterial zeichnenaber er war dagegen, ihm ist die Sache die Kameras der Metropolitan Police inunangenehm. Vielleicht waren es ja auch London Jahr für Jahr auf, darunter auchalles nur Zufallstreffer. Überfälle, Einbrüche oder Messersteche- Im Museum hatte ihm sein Bruder zu- reien. Kritiker sagen, die Totalüberwa-nächst Jugendfotos von Christina Agui- chung nütze wenig. Mick Neville siehtlera, Tom Hanks, Bill Clinton und ande- das anders: „Wir müssen die Videoüber-ren Berühmtheiten gezeigt. Jansari fiel wachung professionalisieren.“es leicht, die Porträts Menschen zuzuord- Seine Mitarbeiter sitzen zwischennen, deren Gesichter er bislang nur als Pappkartons an alten Rechnern in einemErwachsene kannte (siehe Bilderstrecke). Raum, in dem es nach dem letzten Mit- Der zweite Test dauerte mehrere Run- tagessen riecht. Von hier aus werdenden: Jansari musste sich jeweils das Überwachungsfotos von VerdächtigenSchwarzweißbild eines Mannes einprägen übers Internet verbreitet, zumeist aus Fil-und diesen dann auf einer Reihe von Bil- men herauskopierte Standbilder, dunkel UPPA TRUEBA / PICTURE-ALLIANCE / DPAdern wiederfinden. Der Schwierigkeits- und unscharf.grad für ihn und die anderen Testperso- Was Neville fehlt, sind Menschen, dienen steigerte sich dabei kontinuierlich: perfekt darin sind, Gesichter zu erken-Die gezeigten Gesichter ähnelten einan- nen – und zwar auch dann, wenn die Auf-der zunehmend. Später wurden den Pro- nahmen extrem schlecht sind. Aus diesembanden Porträts gezeigt, die über der Grund hat der KriminalhauptkommissarStirn und am Kinn abgeschnitten waren. die Hirnforschung für sich entdeckt. EinAm Ende sahen die Fotos so verschwom- Psychologe hat schon mit ähnlichen Me-men aus, dass viele Teilnehmer kaum Überwachungszentrale der Polizei thoden wie Jansari erste Polizeibeamtenoch etwas erkennen konnten. Im Ergeb- Menschen als die besseren Maschinen auf diese Fähigkeit getestet.130 D E R S P I E G E L 1 1 / 2 0 1 2
  • Wissenschaft Kommissar Neville vertraut lieber aufMenschen als auf Maschinen. Zwar kön-nen Computer mittlerweile recht zuver-lässig Personen auf Fotos erkennen, aller-dings nur, wenn die Aufnahmen etwastaugen. Und das ist nicht bei vielen Bil-dern der Überwachungskameras der Fall.Häufig sind die Filme unscharf und dieFarben verwaschen. Die Tatverdächtigenziehen die Kapuze tief ins Gesicht. AuchGesichtsausdrücke können einen Compu-ter verwirren. Mick Neville präsentiert auf seinemRechner eine Liste von 20 Mitarbeitern,die ihm heute schon zuverlässig bei derIdentifizierung von Verbrechern helfen.Einer von ihnen heißt Idris Bada. „Idrisist die bessere Maschine“, ruft Mick undhaut auf den Tisch. Bada schweigt lieber. Alles an dem Hü-nen wirkt mächtig, die Hände, die Lippen,der Nacken, alles, nur nicht seine Stimme.Die klingt sanft und leise. Er arbeitet ineiner Polizeistation nahe der teuren Re-gent Street, in der Ferrari und Apple ei-nen Laden haben. Heute am Freitag-abend sammeln sich in den Nebenstraßenvor den Pubs Londons Partygänger. Eskommt zu Ladendiebstählen, Einbrüchenund Schlägereien. Kurz vor acht Uhr ist auf der Wachenoch nicht viel los. Bada fotografiert alleVerdächtigen, die seine Kollegen auf dieWache bringen, nimmt Fingerabdrückeund schaut jede halbe Stunde in die Zel-len, ob es den Insassen gutgeht. Badaschaut durch das Guckloch zu einem hin-ein. Ein Betrunkener, sagt er. Sonntagabend, wenn die Stadt sich be-ruhigt, werden sich auch die Zellen lee-ren. Dann surft Bada während seinerNachtschicht durch die im Netz veröffent-lichten Überwachungsfotos von mutmaß-lichen Straftätern, um zu schauen, ob einalter Bekannter darunter ist: War derMann oder die Frau schon einmal Gastbei ihm in einer Zelle? Vergangenen Monat ist er auf das Fotoeines Mannes gestoßen, der als Betrügergesucht wird. Den habe ich schon mal ge-sehen, erkannte Bada und fand ihn imPolizeicomputer wieder. Er schickte denNamen des Verdächtigen an die Mitarbei-ter von Mick Neville. Pro Monat liefertBada rund drei, vier solcher Hinweise. Esmacht aus ihm, dem Helfer, einen gern-gesehenen Kollegen. Seit kurzem arbeitet Kommissar Nevil-le mit dem Neuropsychologen Jansari zu-sammen. Die Forscher kommen so anweitere Versuchspersonen heran, und dieBeamten erhalten nützliche Tipps aus derWissenschaft. Erste Erkenntnisse der Hirnforscherüberlegt Neville demnächst umzusetzen:Menschen auf bewegten Bildern lassensich viel einfacher identifizieren als aufStandbildern. LAURA HÖFLINGER D E R S P I E G E L 1 1 / 2 0 1 2 131
  • WissenschaftAbgestürzte US-Maschine auf dem Gauligletscher 1946: „Wir halten noch maximal 24 Stunden durch, Verletzte an Bord“ Am 19. November 1946 war die US-Ma- GESCHICHTE schine in München um 13.05 Uhr mit Ziel Marseille gestartet. Alsbald kam Pilot Abflug vom Gletscher Captain Ralph H. Tate junior jedoch von der geplanten Flugroute ab; die „Dakota“ verschwand im Alpennebel. Weil sich etliche hochrangige US-Mili- Mit einer spektakulären Aktion retteten Schweizer Piloten 1946 tärs an Bord befanden, setzte die Suche die Besatzung eines abgestürzten US-Flugzeugs. Jetzt wurde der U. S. Army nach den Vermissten gleich mit voller Kraft ein, war aber zumdiese Geburtsstunde der alpinen Luftrettung erstmals rekonstruiert. Scheitern verurteilt. Denn die Amerika- ner suchten ihre auf Schweizer Boden ab-G ut eine Stunde lang glitt das US- bergauf geradewegs auf eine tiefe Glet- gestürzten Landsleute in den französi- Militärflugzeug „Dakota C-53“ scherspalte zu. Wenige Meter vor dem schen Hochalpen. sanft und ruhig durch die Luft. Abgrund drehte ein Schneestau vor dem Pilot Tate und seine Kameraden hattenNichts deutete auf jene Gewalten hin, von rechten Flügel das Geschoss und brachte keinen Schimmer, wo sie niedergegangendenen die Propellermaschine plötzlich es so zum Stehen. Doch nun riss die waren, und konnten über Funk zur Klä-von einer Sekunde zur anderen erfasst Glückssträhne der zwölf Amerikaner vor- rung wenig beitragen. Mit schweren B-17-werden sollte. erst ab. Bombern, sogenannten Fliegenden Fes- Tückische Turbulenzen schleuderten Fünf Tage und Nächte harrten die im tungen, fahndeten die Amerikaner indas Flugzeug zunächst 300 Meter in die Tiefschnee Gestrandeten im November 5000 Meter Flughöhe nach den Verschol-Höhe, kurz darauf wurde der Flieger wie- 1946 bei minus 15 Grad und eisigen Win- lenen. Deren Lage wurde zunehmendder Hunderte Meter in die Tiefe gedrückt. den auf dem Bergmassiv aus. Dann erst kritisch.Schließlich prallte die Maschine mit vier kam Hilfe – ausgerechnet aus der Luft. Ein Passagier war bei der Bruchlan-Besatzungsmitgliedern und acht Passagie- Rechercheure von SPIEGEL TV haben dung samt Sitz durch die Kabine geschleu-ren an Bord mit Tempo 280 auf den Gauli- gemeinsam mit dem Schweizer Militär- dert worden und hatte sich dabei einengletscher in den Berner Alpen. forscher Roger Cornioley in einem Do- komplizierten Beinbruch zugezogen. An- 25 Minuten lang war der Pilot zuvor im kumentarfilm jene dramatischen Ereig- dere erlitten schwere Prellungen. Hunger,Blindflug auf etwa 3350 Meter Reiseflug- nisse rekonstruiert, die zur spektakulären Durst und Kälte setzten allen gleicherma-höhe über das Gebirge geirrt. Es grenzt Rettung der Verunglückten führten – und ßen zu. Um die Eiseskälte zu überstehen,an ein Wunder, dass das Flugzeug dabei zur Geburtsstunde der alpinen Luftret- rollten sich die Bibbernden in Fallschirmenicht an einer Bergspitze zerschellte, die tung wurden*. ein.dort bis zu 3600 Meter hoch aufragen. Am 21. November, zwei Tage nach Auch beim Aufprall hatten die Reisen- * „Terra X: Notlandung in den Alpen“; Sonntag, 25. dem Start in München, setzte Pilot Ralphden Riesenglück: Die „Dakota“ schlitterte März, 19.30 Uhr im ZDF. H. Tate den verzweifelten letzten Funk-132 D E R S P I E G E L 1 1 / 2 0 1 2
  • spruch der Mannschaft ab: „Wir halten rikaner gewesen, amüsiert sich Geschichts- scherzunge kreisten nun zwei Flieger desnoch maximal 24 Stunden durch. Verletz- forscher Cornioley: „Dazu brauchte man Typs „Fieseler Storch“.te an Bord.“ immer einen rechten Fuß, um das Gas- An Bord befanden sich Hauptmann Dann setzte ein Unwetter ein und pedal zu drücken.“ Victor Hug und Major Pista Hitz, die überbedeckte die Unglücksmaschine mit Von zweifelhaftem Erfolg war auch die der Kolonne eine Meldetasche mit ver-Schnee – von oben war die „Dakota“ nun Mobilmachung der US-Streitkräfte im wegener Botschaft abwarfen: Die beidenkaum noch zu erspähen. Am 22. Novem- Luftraum. Über dem Ort des Absturzes Schweizer Militärpiloten teilten mit, dassber, drei Tage nach dem Absturz, schwand warfen amerikanische Militärflugzeuge sie auf dem Gletscherplateau zu landendie Hoffnung auf Rettung. aus 4500 Meter Höhe Care-Pakete auf die gedachten. Doch plötzlich wendete sich das Blatt eingeschneiten Bruchpiloten und ihre Pas- Die „Störche“ konnten zwar auf fastin einer Weise, wie es kein Hollywood- sagiere hinab. jedem Acker aufsetzen. Eine LandungRegisseur besser hätte inszenieren kön- Nur versank die meiste Fracht unauf- auf schneebedeckter Fläche galt jedochnen. findbar im Schnee oder in Gletscherspal- als kühnes Manöver ohne Beispiel. Auch der Vater des Unglückspiloten ten. Als ein 60 Kilogramm schwerer Koh- Hug und Hitz waren indes keine Ha-war in einem Flieger unterwegs, um nach lensack auf einen Flügel des Wracks der sardeure. Noch während des Zweitender vermissten „Dakota“ zu suchen. Ge- „Dakota“ aufgeschlagen war, wurde den Weltkriegs hatten Schweizer Piloten in-neral Ralph Tate hatte sich in einer mas- Bombardierten mulmig. Einer der Passa- tensiv Starts und Landungen im Schneesigen B-29 bereits enttäuscht auf den giere schrieb eilig mit großen Buchstaben geübt, um für mögliche Notlandungen imRückweg gemacht, als die dröhnende das Wort „FINI“ in den Schnee. Gebirge gerüstet zu sein. Zur Vorberei-Maschine unverhofft den Unglücksort Am Samstagmorgen um 4.15 Uhr setz- tung auf die Rettungsaktion hatten sie Ku-kreuzte. te auch noch das Schweizer Militär eine fen unter die Flugzeuge geschraubt. Der Sofort machte sich die Crew mit einer 80-köpfige Rettungskolonne in Bewegung. Abflug vom Gletscher war in der Praxisroten Signalrakete bemerkbar. Vater Tate Diese Mission befiel kurzzeitig Endzeit- freilich nie zuvor erprobt worden.antwortete mit einer grünen. Die Batterie stimmung, als die wackeren Bergführer Die Bergung gelang auch, weil die „Fie-des Funkgeräts der „Dakota“ war inzwi- gewahr wurden, dass sie mit ihrer Mann- seler Storch“ bereits bei einem Temposchen ausgefallen. Für Sekunden konnte schaft wegen falscher Koordinaten statt von nur 50 Kilometern pro Stunde abhe-Tate junior den Kasten reaktivieren. Am 9 sogar 13 Stunden durch teils brusthohen ben kann. Nach sieben Stunden war deranderen Ende der Leitung erkannte er Schnee stapfen mussten. letzte Passagier der Unglücksmaschineseinen Vater. „Hallo Dad“, rief er. „Hallo Erschöpft, ausgehungert und durch- zum nahegelegenen Militärflughafen Mei-Ralph, wie …“, hörte er noch als Antwort. nässt kamen die Männer nach dem ringen-Unterbach ausgeflogen worden.Dann war die Leitung tot. Gewaltmarsch am Unglücksort an. Die Hier fielen sich General Ralph Tate und Tate wusste nun, dass sein Vater die Begeisterung der Geretteten währte ent- sein Sohn, der einen blutverschmiertenKoordinaten der Absturzstelle anpeilen sprechend kurz. Wie sollte dieser aus- Turban um den Kopf trug, in die Arme.lassen konnte. Umgehend rüsteten die gemergelte Trupp einen 36-stündigen Wie knapp die Verunglückten dem TodUSA zur Rettungsschlacht am Gletscher. Abtransport der teils schwer lädierten entgangen waren, offenbarte sich bereits150 Gebirgsjäger der 88. Division sollten Amerikaner über unwegsames Gelände einen Tag später: Ein schwerer Wetter-mit Jeeps, Krankenwagen und Kettenfahr- hinbekommen? umsturz mit drei Tage währendemzeugen zum Unglücksort vorrücken. In den Morgenstunden des 24. Novem- Schneefall setzte ein. Heimatforscher Cor- Doch die Schweizer fürchteten ein Fi- ber nahm das Drama um die abgestürzte nioley: Von dem abgestürzten Flugzeugasko: Fahrend sei der Berg nicht zu be- „Dakota“ nach fünftägigem Martyrium war danach „weit und breit nichts mehrzwingen, warnten die Einheimischen. Das erneut eine unverhoffte Wendung. Über zu sehen“.sei eben die typische Methode der Ame- dem Rettungstrupp auf der oberen Glet- FRANK THADEUSZ FOTOS: PHOTOPRESS ARCHIV / KEYSTONE ZÜRICH / DPARettungsmaschine „Fieseler Storch“, gerettete Passagiere 1946: Nie zuvor erprobtes Manöver D E R S P I E G E L 1 1 / 2 0 1 2 133
  • Szene L I T E R AT U R Mäuserest Der Mann, der diese Geschichte er- zählt, will selbst keine haben. Er ist noch nicht alt, er scheint gesund zu sein, doch weder Wünsche noch Ziele treiben ihn um. „Ich bin hierherge- kommen, weil ich wollte, daß nichts mehr geschieht. So habe ich mir das vorgestellt: Je weiter im Süden, desto ANDRE LIOHN weniger wird geschehen.“ Hier stehe ich, sagt dieser Pawel in mittleren Jah- Liohn-Foto ren, und sehe dem Leben zu. Der Ort, den Pawel sich ausgesucht hat, ist ei- gentlich schon gestorben. Ein Kreisver- kehr, vier Kreuzungen irgendwo im südlichen Polen; eine Tankstelle, in der man Alkohol kaufen kann, und die Videotheken. Wer Arbeit und Zu- kunft hat, wohnt hier nicht mehr. „Übrig blei- ben diejenigen, die kei- ne Kraft mehr haben. Sie bleiben überall üb- rig und befassen sich mit den Resten. So wie ich.“ Die Reste, mit de- nen Pawel sich befasst, sind harmlos, billig undAndrzej bunt. Es sind die ausran-Stasiuk gierten Kleider vonHinter der Menschen, die ein paarBlechwand Autostunden weiterAus dem Polni- westlich wohnen. „Die JEHAD NGAschen von Renate Sachen kommen alle Jehad-Nga-FotoSchmidgall. aus Europa. Heißt es je-Suhrkamp Verlag,Berlin; 352 Sei- denfalls.“ Europa istten; 22,90 Euro. hier keine rechtliche FOTOGRAFIE Sphäre, keine politische Realität, sondern eine Verheißung von Schnelligkeit und Konsum, die fern ist und bleibt. Europa ist für die anderen. Pawel und Blut an der Wand sein Geschäftspartner Wladek fahren Ein verzweifelter Arzt mit einem Verwundeten, ein Kind auf einer Bahre, Rauchsäulen zu den Frauen in der leeren Ödnis von über der Wüste, jubelnde Rebellen, rote Farbe an der Wand eines Hauses, fast wie mit Ungarn, in den Dörfern Rumäniens einem blutigen Pinsel gemalt – diese Szenen vom Krieg gingen als Fotos um die Welt. und der Ukraine, im bulgarischen Nie- Ab Mai werden hundert davon in vier Ausstellungen dort gezeigt, wo sie entstanden mandsland, um ihnen zu bringen, was sind: in Libyen, in den Städten Tripolis, Bengasi, Zintan und Misurata. Acht preisge- die Mäuse in den Containern übrig ge- krönte Kriegsfotografen haben sich dafür zusammengetan. „Wir haben Schlachten ge- lassen haben. Eine unkalkulierbare sehen, Tod, Zerstörung, Leiden“, meint einer von ihnen, der Brasilianer André Liohn, Liebe bringt sie dabei in Gefahr. Seit 38, der dort vor allem für den SPIEGEL fotografierte. „Wir hoffen, dass jeder sich an 20 Jahren besingt der Pole Andrzej das erinnert, was passierte, damit das Leiden nicht umsonst war.“ Organisationen wie Stasiuk, 51, in grauer Schönheit die „Reporter ohne Grenzen“, libysche Zeitungen und Bürgerrechtler unterstützen die graue, schöne Vergangenheit. Als Me- Ausstellungen, finanziert werden sie auch durch Crowdfunding im Internet. Das lancholiker kann er sein Lebensthema Projekt heißt „Almost Dawn in Libya“ – fast schon Morgendämmerung über Libyen. nicht wählen, aber er variiert die äs- Das war die Überschrift eines Artikels, den ein Reporter der „New York Times“ über thetische Form. In seinem dritten Ro- den Tod zweier Freunde schrieb: Fotografen, die vor einem Jahr in Misurata gestorben man vermählt er seine slawischen Be- sind. Der amerikanische Reporter und Bestsellerautor Sebastian Junger („Der perfekte trachtungen mit einer Krimi-Handlung, Sturm“, „War“) hätte eigentlich mit einem der beiden nach Misurata fahren sollen. so dass der große Gesang auf den Un- Doch es kam etwas dazwischen, Junger fuhr nicht und hat nun den Begleittext für die tergang einer Lebenswelt dramatische Ausstellung geschrieben: Der Tod seiner Freunde in Misurata habe sein Leben geändert; und verzweifelte Töne aufnimmt. Am er will an keine Front mehr gehen. Kein Film, kein Foto, kein Buch sei so viel wert Ende geht die kleine Geschichte gut wie das Leben, so Junger, „aber irgendjemand muss diese Arbeit machen“. aus. Die große ist längst geschehen. 134 D E R S P I E G E L 1 1 / 2 0 1 2
  • Kultur GESCHICHTE „Kreatives Kuddelmuddel“Der Berliner Historiker Paul Nolte, 48, aber auch zurückgestellt werdenüber sein Buch „Was ist Demokratie?“ können, wenn eine Mehrheit ent-(Verlag C. H. Beck), das in dieser schieden hat.Woche erscheint SPIEGEL: Wie sehen Sie die Zukunft der Demokratie?SPIEGEL: Herr Nolte, Sie haben eine Nolte: Optimistischer als andere. IchGeschichte der Demokratie geschrie- finde es großartig, dass die Menschenben. Was haben Sie Neues gelernt? mit der Parole Demokratie auf dieNolte: Dass die Geschichte der Demo- Straße gehen, ob in Kairo, New Yorkkratie viel offener und flüssiger ist, als oder in Stuttgart. Ich finde es beruhi-mir vorher klar war. Wir stehen in gend, dass niemand eine radikaleDeutschland ja unter dem Eindruck, Alternative zur Demokratie sieht. Diedie Demokratie sei zu einer gewissen Monopolstellung der ParlamenteErfüllung gekommen. Dem ist aber scheint allerdings verlorenzugehen, sienicht so. Sie verändert sich ständig. werden aber sicher ein Kern derSPIEGEL: Die Wutbürger mischen sich Demokratie bleiben. Es wird mehrein und wollen ihre Interessen kreatives Kuddelmuddel geben. Wirgegen parlamentarische Entscheidun- sind auf dem Weg zu einer multiplengen durchsetzen. Halten Sie das für Demokratie.gefährlich?Nolte: Nein, das ist eine Fortführungvon Bewegungen der sechziger undsiebziger Jahre, etwa der Studenten-proteste.SPIEGEL: Ist es nicht undemokratisch,wenn – wie im Fall von Stuttgart 21 –Bürger sich einer Volksabstimmungnicht fügen wollen und ihrenWiderstand gegen den neuen Stutt- EDGAR ZIPPEL / IMAGETRUSTgarter Bahnhof fortsetzen?Nolte: Manche der wütenden Bürgermüssen noch zu unterscheiden lernen,was demokratische Entscheidungensind und was ihre eigenen Interessen. NolteDie mögen legitim sein, müssen dann KINO IN KÜRZE „Viva Riva!“ ist ein heftig pulsierender Gangsterfilm aus dem Kongo, in dem um ein paar Fässer Benzin so erbittert gekämpft wird wie um das letzte Wasser auf Erden. Der Zuschauer weiß oft nicht, was schwerer auszuhalten ist – die Brutalität der Männer, die sich gegenseitig massakrieren, oder die Schönheit der Frauen, die den Männern den Verstand raubt. So drastisch der Regisseur Djo Munga, 39, Mord und Folter zeigt, so sinnlich setzt er seine Haupt- darstellerin Manie Malone in Szene. Er macht sie zum Inbild der Anmut in einer Welt voller Gier und Gewalt. So erotische Liebesszenen wie in die- sem Film gab es lange nicht mehr im Kino zu SUMMITEER FILM sehen, sie wirken kostbar in einer Welt, in der jeder Atemzug der letzte sein Malone in „Viva Riva!“ könnte. D E R S P I E G E L 1 1 / 2 0 1 2 135
  • Kultur Seit Jahren klagen Theater, Opern, Biblio- Kulturforschung bei Bonn. Armin Klein, 60, theken und Museen über Kürzungen und die war Dramaturg in Frankfurt am Main, nun zuständigen Minister über die Kosten. Geän- ist er Professor für Kulturmanagement in dert hat sich wenig. Der Kulturbetrieb läuft Ludwigsburg. Pius Knüsel, 54, hat als Re- weiter, die Etats steigen oder bleiben zumin- dakteur für das Schweizer Fernsehen gear- dest gleich. Nächste Woche nun erscheint beitet und ist heute Direktor der Kulturstif- ANDREAS PAVELIC / KNAUS VERLAG ein Buch, das für Aufregung sorgen wird. tung Pro Helvetia. Stephan Opitz, 60, hat „Der Kulturinfarkt“* stellt die Kulturpolitik das Nordkolleg in Rendsburg gegründet dieses Landes grundsätzlich in Frage und und leitet heute das Referat für Kulturelle bietet eine radikale Lösung: Die Hälfte aller Grundsatzfragen im Bildungs- und Kultur- Theater und Museen könnten verschwinden. ministerium von Schleswig-Holstein. Der Haselbach, Knüsel, Opitz, Klein Die Autoren kennen die Materie bestens. SPIEGEL dokumentiert ihre provokanten Dieter Haselbach, 57, leitet das Zentrum für Thesen. K U LT U R P O L I T I K Die Hälfte? Warum die Subventionskultur, wie wir sie kennen, ein Ende finden muss Von Dieter Haselbach, Armin Klein, Pius Knüsel und Stephan OpitzE uro-Krise, Globalisierung, Demo- der Kulturbudgets. Seit 1977 hat sich die Die sechziger Jahre brachten Bewe- grafie, Migration, Digitalisierung – Zahl der Musikschulen knapp verdoppelt, gung. Auf das von Ludwig Erhard ent- die gesellschaftlichen Fliehkräfte seit 1981 die Zahl der Museen knapp ver- wickelte wirtschaftliche Expansionspro-sind ungeheuer. Kirchen werden geschlos- dreifacht. „Soziokultur“ gab es 1977 als gramm („Wohlstand für alle“, 1957) folgtesen, weil es an Gläubigen mangelt, Schu- etablierte und institutionalisierte Einrich- die von Georg Picht („Die deutschelen aufgelöst, weil weniger Nachwuchs tung – zumindest im Westen – eher sel- Bildungskatastrophe“, 1964) inspiriertekommt, Krankenhäuser zusammengelegt, ten, jetzt spannt sich ein flächendecken- politische Forderung „Bildung für alle“um die Kosten zu senken. Die Bundes- des Netz soziokultureller Einrichtungen und Mitte der siebziger Jahre dannwehr wird von der Bürgerwehr zur Be- über das Land. schließlich das kulturpolitische Pendantrufsarmee. Atomkraftwerke werden ab- Natürlich, die Zahlen von damals be- „Kultur für alle“.gestellt, weil sich die Bürger andere Ener- treffen die alte Bundesrepublik, mit der Der Frankfurter Kulturdezernent Hil-gie wünschen. Nur in Kunst und Kultur deutschen Einheit kamen Einrichtungen mar Hoffmann brachte dieses Credo 1979darf sich nichts ändern. Die Welt mag un- aus der DDR hinzu, die Zahl der Theater auf den Punkt: „Jeder Bürger muss grund-tergehen, Deutschland geht ins Theater. etwa verdoppelte sich mit der Vereinigung, sätzlich in die Lage versetzt werden, An- Dabei ist eine Schuldenbremse verab- doch das erklärt längst nicht alles. Unter gebote in allen Sparten und mit allen Spe-schiedet worden, Bund und Länder müs- der Programmhoheit von „Kultur für alle“ zialisierungsgraden wahrzunehmen, undsen ihre Verschuldungen zurückfahren. Es setzte die kulturelle Aufrüstung ein. Die zwar mit einem zeitlichen Aufwand undwäre absurd zu glauben, die Kultur würde kommunalen Kulturhaushalte wuchsen oft einer finanziellen Beteiligung, die so be-davon nicht betroffen. Den kommenden zweistellig, 1979 etwa um 26,5 Prozent. messen sein müssen, dass keine einkom-Aufschrei kennen wir schon: „Die Kultur- Die Nachbarländer Deutschlands standen mensspezifischen Schranken aufgerichtetnation ist in Gefahr!“ „Kultur darf keine dabei nicht zurück. Das Ziel, die Privile- werden.“Ware sein!“ „Theater muss bleiben!“ Ein gien des Establishments zum Komfort aller Der Glaube an die Gestaltungskraft derRitual, tausendmal eingeübt in alten De- zu machen, leuchtete rundum ein. Kultur, an ihr Zusammenhalt und Friedenbatten. Kein neues Argument in Sicht. Wie kam es dazu? Sicherlich hatte sich stiftendes Wesen ist inzwischen erlahmt. Tatsächlich sollte aber nichts so blei- in Deutschland ein großer Nachholbedarf Die 68er wollten den Umgang mit Kunstben, wie es ist. Der staatlich finanzierte aufgebaut. Kulturpolitik hatte sich vom von der Straße her ändern. Doch KunstKulturbetrieb ist ein Patient, der sich Zweiten Weltkrieg bis zum Ende der sech- war, ist und bleibt ein Medium der sozia-nicht für das interessiert, was jenseits sei- ziger Jahre um einen möglichst ewigkeits- len Differenzierung, der Abgrenzung undnes Krankenzimmers geschieht, wie soll- orientierten Wiederaufbau und eine Wie- Ausgrenzung. Den inneren Widerspruchte er auch, dazu ist er viel zu sehr mit derbelebung der Institutionen der Hoch- eines Programms „Kultur für alle“ kannsich selbst beschäftigt. kultur gekümmert. Das „Volk der Richter keine Politik und keine Kulturförderung Seine Geschichte beginnt in den Sieb- und Henker“ wollte durch Kultur wieder beseitigen. Da klingt das Lied vom Kul-zigern. zum „Volk der Dichter und Denker“ wer- turstaat wie eine Hymne auf Besitzstands- den. Der Bezug auf den großen europäi- wahrung.Kultur für alle schen Kulturrahmen, die Weimarer Klas- Als es nach 1989 mit den Haushaltsmit-Mit dem Grundsatz „Kultur für alle“, aus- sik, war bestimmend. Es ging um das teln etwas problematischer wurde, riefengerufen vom Deutschen Städtetag 1973, Wahre, Schöne und Gute. alle nach Kulturmanagement. Funktionä-begannen die Vermehrung der staatli- re, Formulare und Abläufe sollten denchen Kulturbetriebe und das Wachstum * Albrecht Knaus Verlag; 288 Seiten; 19,99 Euro. Status quo sichern und die Fiktion von136 D E R S P I E G E L 1 1 / 2 0 1 2
  • GETTY IMAGES (3); DPA (3); DAPD (5); BARBIRAD (3); IMAGO (2); LAIF (3); ACTION PRESS (2); INTERFOTO; AKG; F1ONLINE; ANZENBERGER; STOCKHAUSEN; ZAPF; WEISFLOGD E RS P I E G E L1 1 / 2 0 1 2 Theater- und Opernbühnen in Deutschland: Und was, wenn es sie wirklich nicht mehr gäbe?137
  • Kultureffizientem Mitteleinsatz erzeugen. EineVerständigung darüber, welche öffentli-chen kulturellen Ziele mit welchen Mit-teln erreicht werden könnten, war nichtgewollt. Kulturpolitik beschränkt sich bisheute darauf, alle Wünsche zu addieren,beraten vom Deutschen Kulturrat. Die kulturelle Flutung Deutschlandswurde stets vom Angebot, nicht von derNachfrage her gedacht. Der Vormarschder geförderten Kultur produziert nichtVielfalt, sondern Konformität – Überein-stimmung mit Fördermatrizen, Projekt- CHRISTIAN JUNGEBLODT / LAIFformaten und vertraglich abgesichertenLeistungen. Und: Die Nachfrage für dieAngebote sinkt, weil sich die Kulturnut-zer nicht vermehrt haben. Besucher undBesucherinnen sind ein kostbares Gut,ihre Aufmerksamkeit zu gewinnen ist teu-er. Noch immer sind es höchstens die ge- Nofretete-Bewunderer in Berlin, Bibliotheksneubau in Stuttgart, Protest gegen Etatkürzungen beimbildeten und gutverdienenden fünf biszehn Prozent der Bevölkerung, die sich digt. Diese Kultur steht für immer. Des- Rückbau und die Diskussion der Frage,für das Hochkulturangebot interessieren. halb strebt jede kulturelle Kraft hierzu- was öffentliche Kulturförderung bewirkenUnd sogar der Erfolg ist paradox: Je öfter lande nach Institutionalisierung, nach soll und wie dies nachhaltig bewerkstel-ein Theaterstück ausverkauft ist, umso Aufnahme in den Kanon des Kulturstaats. ligt werden könnte, sind nicht sexy. Poli-mehr Defizite produziert es. Deshalb strebt jeder Kulturmanager in tiker eröffnen lieber ein neues Museum den Beamtenstatus. oder gründen ein weiteres Festival, alsGefangen in Unmündigkeit In Stein gefügte Einrichtungen stehen nach dem Sinn der Veranstaltung zu fra-Hinter dem Programm „Kultur für alle“ für Macht. Jemand hat sie entworfen, fi- gen. Wo es ans Eingemachte geht, handeltsteht eine mächtige Tradition der deut- nanziert, gebaut. Sie kosten eine Stange man sich nur neue Feinde ein.schen Kulturgeschichte aus dem vorde- Geld – je dicker die Stange, umso größer In den geförderten Institutionen wirdmokratischen 18. Jahrhundert. Bühnen die Macht. Es geht nicht allein um die die Krise der Kulturpolitik als eine Finan-und Museen waren die Schulen des neuen Frage, wie teuer diese oder jene Kunst zierungskrise empfunden, als StagnationBürgers, der sich sonst politisch nicht ar- ist, wie viel eine Ausstellung oder ein oder Rückgang öffentlicher Zuwendun-tikulieren konnte. Dafür ging es um das Musiktheater kosten darf. Die Spanne gen. Doch die Art und Weise, wie der öf-Große und Ganze: um die „ästhetische zwischen Kellertheater und Staatstheater fentliche Kulturbetrieb organisiert ist,Erziehung des Menschengeschlechts“ verweist vielmehr auf den politisch un- wird neuen Herausforderungen nicht ge-(Friedrich Schiller). Das demokratische termauerten Anspruch, dass am einen recht. Der langjährige Direktor der Ham-Projekt des mündigen, selbstbestimmten Ende höchste Kunst entsteht, indem sie burger Kunsthalle, Uwe Schneede, fassteBürgers aber stand von Anfang an im Wi- ihrer Selbstfinanzierung praktisch entho- dies in einer Anhörung der Enquete-Kom-derspruch zum ästhetischen Projekt des ben ist, und am anderen Ende flüchtiges mission „Kultur in Deutschland“ für dieKunstbürgers. Der Kunstbürger muss eine Vergnügen. Dieser Anspruch bleibt den Museen zusammen: Es herrschten „weit-bestimmte ästhetische Qualifikation er- großen Institutionen eingeschrieben. Kei- gehend veraltete Strukturen, zu viel Ver-reichen, die nicht für alle erreichbar sein ne schafft es, gegen ihr Existenzgesetz zu waltung, zu viel Mitsprache von Politikdarf. Sonst würde die Distinktion hinfäl- handeln. und Administration, ein zu starres Haus-lig, die den Kunstbürger erst ausmacht. Es ist so kein Zufall, dass die Exkursio- haltssystem, zu wenig aktive Öffnung Man kann den rasanten Ausbau der nen der deutschen Bühnen ins Antithea- zum Publikum, zu wenig Selbständigkeit,kulturellen Infrastruktur als die letzte ter der siebziger Jahre scheiterten, dass Leistungskontrolle und SelbstbewusstseinOffensive des vordemokratischen Modells die Provokateure der achtziger Jahre heu- im Umgang mit Mäzenen, Sponsoren unddes Kunstbürgers interpretieren. Aller- te Opern inszenieren und im System fest Privatsammlern“.dings ist ein zentrales Axiom von Demo- etabliert sind. Die Provokation war ein Kulturpolitik ist in einer selbstverschul-kratie hinzugekommen: die Freiheit. Al- Sturm im Wasserglas. Immerhin gibt es deten Lähmung. Sie sieht sich in derles muss zulässig sein, jede Aussage und jetzt mehr nackte Haut und originelleres Pflicht, bei sinkenden Haushalten einejede Form. Die Freiheit der Kunst, ge- Dekor, doch Oper bleibt Oper. Noch im- bleibende, ja wachsende Zahl von Struk-dacht als Schutz vor politischer Repres- mer ist sie rituelle Opulenz. Ihr Gewicht turen zu erhalten. Indem sie dies tut, trägtsion, wandelt sich zur Befreiung von der zementiert ihre Macht. sie dazu bei, dass öffentliche Kulturein-Nachfrage, manifest in Institutionen mit richtungen von der privaten KonkurrenzSelbstfinanzierungsgraden von rund 15 Bedeutungserosion abgehängt werden.Prozent. Wir leben im Paradies. Wer Kunst für Einen Ausweg aus der Stagnation gibt Demokratisch mutet der Staat jedem sein Dasein benötigt, findet sie reichlich es nur, wenn es gelingt, das System derBürger, jeder Bürgerin eine Mündigkeit und zu günstigen Preisen. Immer unüber- Kulturförderung neu auszurichten. Es istim Urteilen und im Gestalten seines Le- sehbarer werden die Nebenfolgen: stän- an der Zeit, die Ziele von Kulturförde-bens zu. Die Kulturpolitik spricht sie ihm diges Wachstum der Produktionskosten rung neu zu fassen, dann die Strukturengleichzeitig ab. Sie nimmt ihn an die Lei- bei laufend sinkenden Kartenpreisen (ge- der öffentlichen Kulturförderung umzu-ne der kulturellen Erziehung. schuldet der scharfen Konkurrenz und bauen. Öffentliche Kultur kann von der Die Programme des Kulturbetriebs dem pädagogischen Anspruch), die kul- Kulturwirtschaft lernen. Das Existenz-sind zwar etwas bunter geworden, doch turelle Segregation, die Hinwendung der risiko, welches die privaten Kulturbetrie-das ändert nichts daran, dass er unter al- Jugend zu den digitalen Formen kulturel- be umtreibt, zwingt diese zu ständiger In-len Umständen seine Privilegien vertei- ler Konsumption. Allein, der notwendige novation. Solche Sorgen nehmen Staat138 D E R S P I E G E L 1 1 / 2 0 1 2
  • BACH / ACTION PRESS OLIVER FANTITSCHDeutschen Schauspielhaus in Hamburg: Politiker eröffnen lieber ein neues Museum, als nach dem Sinn der Veranstaltung zu fragen und Kommunen ihren Kulturbetrieben Ausbau, durch Ausweitung der Förder- voll, wenn sie eine Nachfrage finden. weitgehend ab. So angenehm und wär- kreise. Doch angesichts von 13-stelligen Dass es ein solches Angebot gibt, geht mend dies erscheint, so gefährlich ist es. Staatsschulden ist damit wohl Schluss. auf kulturelle, bildungsbezogene, ge- Um eine eigene Zukunftsposition auf- Die vorhandenen institutionellen Struk- schichtliche, sozialpolitische oder staat- zubauen, benötigen kulturelle Einrichtun- turen der geförderten Kultur absorbieren lich-repräsentative Erwägungen zurück. gen eine Vorstellung von sich selbst, ihrer einen zu großen Teil der kulturellen Mit- Öffentliches Geld begünstigt oder vergrö- Rolle und ihrem Markt. Misserfolge wie tel. Durch ihr pures Gewicht verhindern ßert das Angebot in der Absicht, die Erfolge im Markt müssen sich für Kultur- sie Innovation. Ein Rückbau muss kom- Nachfrage zu stimulieren. einrichtungen auswirken, neben aller Sub- men, nicht wegen der wirtschaftlichen Diese Klassifikation spielt in der kul- vention. Dass Kultureinrichtungen im Krise, sondern wegen der Immobilität, in turpolitischen Diskussion derzeit keine Markt erfolgreich agieren können, setzt der das kulturelle System sich befindet. Rolle. Für öffentliche Güter und Dienst- voraus, dass der Markt nicht mit geför- Das wird hart, da die parlamentarische leistungen müsste kulturpolitisch festge- derten Institutionen überbesetzt ist, die Demokratie sich mit neuen Versprechen legt werden, in welchem Umfang und sich gegenseitig das Publikum abjagen leichter tut als mit dem Rückbau, der nach welchen Verfahren sie zu erbringen und sich im Wettrennen um Förderung Wähler kostet. sind. Für meritorische Güter müsste fest- überbieten. Der Rückbau schafft die Gelegenheit, gelegt werden, welchen öffentlichen Zie- Politik hat der geförderten Kultur einen sich über ein paar ordnungspolitische len sie dienen, ob und wie kulturelle immer kostspieligeren Platz eingeräumt, Prinzipien klarzuwerden, auf die unsere Angebote in größerem Umfang oder ver- getrieben vom Wachstumsglauben und Staaten bauen und die auch im Kulturbe- billigt auf dem Markt erscheinen sollen. den sprudelnden Steuern der Boomjahre. reich zur Anwendung kommen sollten. Und es stellt sich auch die Frage, wie viel Die Idee, dass die öffentliche Kultur sys- Klassifiziert man kulturelle Güter in drei Angebotsvermehrung und welche Ver- temrelevant sei, jede Produktionsstätte Kategorien, wird vieles deutlicher. billigung notwendig sind, um diese Ziele unverzichtbar, ist nur ein Versuch, die (1) Wirtschaftsgüter werden von priva- zu erreichen. Immer ist – ein ordnungs- Präsentation der Rechnung hinauszuzö- ten Anbietern auf die Märkte gebracht, sie politischer Grundsatz der sozialen Markt- gern. Kultur profitierte von all den Bla- unterliegen dem Gesetz von Angebot und wirtschaft – eine Lösung, die im Markt sen, die unsere Ökonomie befeuert und Nachfrage. Wenn der Bedarf das Angebot entsteht, dem meritorischen Eingriff vor- die Staatskasse gefüllt haben. „Mehr Kul- übersteigt, spricht man von knappen Gü- zuziehen. tur“ legte sich als glänzendes Dekor über tern und Dienstleistungen. Ist die Nach- Wenn aber von Kultur die Rede ist, den Finanzkapitalismus, der nebenher frage nach einem künstlerischen oder kul- wird immer gleich alles, was ist, für not- fleißig kritisiert wurde; neuerdings auch turellen Gut hoch, das Angebot aber wendig und unverzichtbar erklärt, ohne dafür, dass er nicht mehr funktioniert. Da- knapp und sind die Märkte nicht reguliert, Ziele und Wirkungen von Förderung für macht das Wort von der Wertschöp- so werden die Preise in die Höhe schnellen überhaupt in den Blick zu nehmen. Und fung jetzt die Runde. Kultur, so die Hoff- – das kennt man vom Kunstmarkt. so kann sich noch jedes Angebot hinter nung, könne das Perpetuum mobile sein, (2) An der Herstellung öffentlicher Gü- dem Globalziel „Kultur für alle“ wegdu- das mit unbegrenzter Kreativität die Wis- ter und Dienstleistungen hat der Staat ein cken – ohne weitere Pflichten. sensgesellschaft antreibe. primäres Interesse, er entzieht sie deshalb Was wäre, wenn die Hälfte der Theater Tatsächlich aber ist die Kultur binnen dem Marktmechanismus durch Konkur- und Museen verschwände, einige Archive 40 Jahren zu einem normalen Politikfeld renzausschluss. Archivwesen und Denk- zusammengelegt und Konzertbühnen pri- geworden, in dem bewahrende und ver- malschutz sind in Deutschland und vielen vatisiert würden? 3200 statt 6300 Museen ändernde Kräfte um mittlerweile 9,6 Mil- Ländern Europas gesetzlich gebunden, in Deutschland, 70 staatliche und städti- liarden Euro jährlich ringen. Warum das sachliche Mindeststandards festgelegt. sche Bühnen statt 140, 4000 Bibliotheken besondere Schonung verlangt, ist unbe- (3) Meritorische Güter: Die überwie- statt 8200 – wäre das die Apokalypse? greiflich. gende Anzahl der Förderfälle gehört zu Was, wenn die frei gewordenen Mittel einer dritten Kategorie von Gütern und sich verteilten auf die verbleibenden Die Hälfte genügt Dienstleistungen. Die Kunstausstellung, Einrichtungen, auf neue Formen und Die Gretchenfrage lautet: Wo nimmt Kul- der Theaterabend, die Musikstunde in Medien kultureller Produktion und Dis- turpolitik den Spielraum her, um Zukunft der Musikschule oder der Alphabetisie- tribution, auf die Laienkultur, die Kunst- zu gestalten? Bisher geschah das durch rungskurs in der VHS sind erst dann sinn- ausbildung und eine tatsächlich interkul- D E R S P I E G E L 1 1 / 2 0 1 2 139
  • Kulturturell ausgerichtete kulturelle Bildung?Das hieße, das Mantra der „Kultur füralle“ fallenzulassen, dem Individuum für Bestsellerseine Entwicklung die Selbstverantwor-tung zu überlassen, nachfrageorientierter Belletristikzu produzieren und, am wichtigsten, die 1 (2) Jonas Jonasson Der Hundertjährige, der aus demerneuernden Kräfte zu stärken. So wäre Fenster stieg und verschwandZukunftsfähigkeit wieder Teil der Kultur- Carl’s Books; 14,99 Europolitik. 2 (1) Jussi Adler-Olsen Wenn wir optimistisch schätzen, würde Das Alphabethausdie Halbierung zwei der knapp zehn öf- dtv; 15,90 Eurofentlichen Milliarden in Deutschland frei- 3 (3) Daniel Glattauersetzen. Das wären vielleicht 8000 Einrich- Ewig Deintungen, jede im Schnitt mit einer viertel Deuticke; 17,90 EuroMillion subventioniert. Die Mittel kämen 4 (4) Christian Krachtfünf Zwecken zu, die für Entwicklung, Imperium Kiepenheuer & Witsch; 18,99 EuroZukunftsoptimismus, strukturellen Um-bau und soziale Integration stehen. 5 (5) Dora Heldt Bei Hitze ist es wenigstens Der erste Teil würde dazu dienen, die nicht kalt dtv; 14,90 Euroüberlebende Hälfte der öffentlichen Kul- 6 (6) Paulo Coelhoturinfrastruktur finanziell angemessen Aleph Diogenes; 19,90 Euroauszustatten. Über Bedeutung und An- 7 (7) Jussi Adler-Olsenziehungskraft verfügt nur, was Klasse hat. SchändungKlasse kostet. Ausgestattet mit einem er- dtv; 14,90 Euroweiterten Auftrag, bis zur Übernahme so- 8 (8) Jussi Adler-Olsenzialer Verantwortung im kommunalen ErlösungUmfeld, werden die Institutionen der Zu- dtv; 14,90 Eurokunft nicht günstiger, auch wenn man ih- 9 (–) Javier Maríasnen höhere Selbstfinanzierungsgrade auf- Die sterblicherlegt. Statt nur Intendanten anzustellen, Verliebten S. Fischer; 19,99 Euromüsste man alle paar Jahre auch den Auf-trag der Institutionen in einen Wettbe-werb geben, um Veränderungen jenseits Amouröser Krimi voller Wen-ästhetischer Trends abzuholen. dungen: Täglich beobachtet Den zweiten Teil bekäme die Laienkul- eine junge Frau eintur, die anders als die Institutionen der Ehepaar – bald darauf wird der Mann ermordetHochkultur eine sozial integrative undkulturvermittelnde Funktion wahrnimmt 10 (–) Arne Dahlund Identifikation mit der Gesellschaft Gierherstellt. Hilfe brauchen jene Strukturen, Piper; 16,99 Eurodie Laienkultur ermöglichen und voran- 11 (9)Kerstin Giertreiben. Je knapper die Gemeinden bei Auf der anderen Seite ist dasKasse sind, umso weniger stille Leistun- Gras viel grüner Bastei Lübbe; 12,99 Eurogen erbringen sie für die Amateure. 12 (11) Frank Goosen Der dritte Teil flösse in die noch nicht Sommerfest Kiepenheuer & Witsch; 19,99 Euroexistente Kulturindustrie, die nationaleund globale Ambitionen vereint. Die För- 13 (10) Suzanne Collinsderung digitaler Distribution sowie ein Die Tribute von Panem – Tödliche Spiele Oetinger; 17,90 Euroklares und einfaches Urheberrecht müss-ten dazugehören, Kulturparks und Busi- 14 (–) Moritz Matthies Ausgefressenness-Coaching für Start-ups, günstige Scherz; 13,99 Eurorechtliche und ökonomische Rahmenbe- 15 (13) Stephen Kingdingungen. Kulturindustrie ist mehr als Der AnschlagKunstproduktion und Kunsthandwerk, Heyne; 26,99 Euroweit mehr als Beschäftigung. Sie ist Her- 16 (16) Christopher Paolinistellung und Vertrieb von ästhetischen Er- Eragon – Das Erbe der Machtlebnissen in Warenform mit dem Willen cbj; 24,99 Eurozum Erfolg. Kulturindustrie setzt auf Un- 17 (12) Eugen Rugeternehmergeist. In diesem Projekt liegen In Zeiten des abnehmenden Lichtshöchste Schwierigkeiten. Denn es impli- Rowohlt; 19,95 Euroziert, dass Kunst als Ware auch Kunst ist 18 (14) Ally Condieund dass es nützlich ist, Kulturgelder in Die Flucht – Cassia & Ky, Band 2 FJB; 16,99 Euroeine Ökonomie der Ästhetik zu lenken,die tatsächlich nachfrageorientiert funk- 19 (15) Ursula Poznanski Fünftioniert und dafür besonders innovativ Wunderlich; 14,95 Eurosein muss. 20 (18) Rita Falk Der vierte Teil würde an die Hochschu- Schweinskopf al dentelen für Kunst, Musik, Design verteilt. Sie dtv; 14,90 Euromüssen zu Produktionszentren ausgebaut140 D E R S P I E G E L 1 1 / 2 0 1 2
  • Im Auftrag des SPIEGEL wöchentlich ermittelt vom werden, wo nicht nur Theorie gebüffeltFachmagazin „buchreport“; nähere Informationen und Auswahl- und Konzeptkunst erstellt, sondern im kriterien finden Sie online unter: www.spiegel.de/bestseller Verbund mit Produzenten am Markt – Filmherstellern, Galerien, öffentlichen Sachbücher und privaten Museen, Verlagen, Konzert- 1 (1) Joachim Gauck veranstaltern, Radio- und Fernsehstatio- Freiheit Kösel; 10 Euro nen – die Produkte dem laufenden Wirk- 2 (2) Rolf Dobelli lichkeitstest unterworfen werden. Das Die Kunst des klaren Denkens Hanser; 14,90 Euro wäre das Gegenteil von Elfenbeintürmen 3 (7) Gian Domenico Borasio des europäischen Kultur- und Zukunfts- Über das Sterben skeptizismus, das Gegenteil von Kapellen C. H. Beck; 17,95 Euro für die Anbetung staatlicher Garantien. 4 (6) Walter Isaacson An deren Stelle stünden selektive Syste- Steve Jobs me für Künstler und Kulturmanager, die C. Bertelsmann; 24,99 Euro vom ersten Tag an für diverse Publika 5 (4) Martin Wehrle produzieren und sich als Unternehmer Ich arbeite in einem Irrenhaus erproben. Econ; 14,99 Euro Die letzte Tranche ginge an eine ge- 6 (3) Rudi Assauer mit Patrick Strasser genwartsbezogene kulturelle Bildung: Wie ausgewechselt eine Bildung, die uns türkische Kunst, Riva; 19,99 Euro amerikanische Kulturindustrie oder chi- 7 (–) Hans-Ulrich Grimm nesischen Nationalismus näherbringt. Vom Verzehr wird abgeraten Droemer; 18 Euro Oder andere kulturelle Kräfte, die die Gegenwart gestalten. Sie zu verstehen 8 (5) Hellmuth Karasek Soll das ein Witz sein? ist so wichtig, wie die deutsche Klassik Quadriga; 16,99 Euro oder die Literatur der Vorkriegszeit zu 9 (–) Wibke Bruhns kennen. Was wir derzeit über sie lernen, Nachrichtenzeit stammt höchstens aus der „Tagesschau“. Droemer; 22,99 Euro Also nichts. 10 (10) Dieter Nuhr Der ultimative Ratgeber für alles Ein subsidiärer Schluss Bastei Lübbe; 12,99 Euro Kunst entsteht nicht durch Kulturpolitik. 11 (14) Mark Benecke / Lydia Benecke Doch Kulturpolitik kann das Entstehen Aus der Dunkelkammer des Bösen von Kunst erleichtern. Verstünde sie dies Bastei Lübbe; 14,99 Euro als ihre Aufgabe, wäre der Unterschied 12 (8) Siddharta Mukherjee zur gegenwärtigen Politik groß. Aus der Der König aller Krankheiten – Krebs – eine Biografie Zukunft zurückgeschaut, liegt dieser Un- DuMont; 26 Euro terschied darin, dass das Erlebnis nicht 13 (9) Erich Honecker mehr gerichtet wird, dass der erzieheri- Letzte Aufzeichnungen sche Anspruch wegfällt, dass Kulturpoli- edition ost; 14,95 Euro tik sich keine moralischen Urteile mehr 14 (11) Thea Dorn / Richard Wagner anmaßt. Sie ist weder auf einen idealen Die deutsche Seele Endzustand ausgerichtet, noch ist sie Ad- Knaus; 26,99 Euro vokatin einer bestimmten Ästhetik. Sie 15 (13) Richard David Precht ist ein dynamisches Regelsystem. Um die Wer bin ich – und wenn ja, Dynamik zu erhalten, baut sie auf Wider- wie viele? Goldmann; 14,95 Euro sprüche, statt sie auszublenden. Sie will 16 (12) Edmund de Waal nicht die Zähmung optimieren, sondern Der Hase mit den Bernsteinaugen die Kollision. Zsolnay; 19,90 Euro Heute i