Wolfgang Haupt: Das "Siegerland-Orchester" in seinen Anfängen                        1957 - 1963                    Kreisa...
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InhaltverzeichnisInhaltverzeichnis                                                   3Vorwort                             ...
VorwortEigentlich soll man mit "ich" nicht beginnen, aber hier ist es ein Bekenntnis: ich war vomAugust 1958 bis August 19...
Lebensumstände hinein, die dann (im Rückblick aus dem Ruhestand heraus) erst meineeigentliche "Biografie" ausmachten.Doch ...
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Autor                                       Der Autor Wolfgang Haupt wurde 1935 in Berlin                                 ...
Prolog: Die Orchesterschule - und ihr Ende 1Zwar gab es beim Eintritt des Autors im August 1958 nur noch sehr wenige Orche...
1952 kommt noch das "Symphonische Blasorchester Siegerland" hinzu - und laut einer(leider nicht näher definierbaren) Konze...
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Eigentlich ist es schade, daß nur sehr wenig präzise Unterlagen über die Zeit der"Orchesterschule" erhalten sind. Zwar gib...
Der Beginn der Ära Peter Richter und Anfang des "selbstständigen"Orchesters im Dezember 1957Noch in einer Sitzung am 25. J...
"Freiberuflern", von denen es damals (nach dem Krieg) gerade in Siegen noch vielegegeben haben soll.10Das neue Konzept Ric...
"Einen verheißungsvollen Neuanfang", "eine unerwartete kulturelle Bereicherung", jasogar "das bisher größte Kulturereignis...
aber "logischerweise" mußte es schon bald zu Meinungsverschiedenheiten kommen -und zur Opposition gegen den "Alleinentsche...
Neugierde nach Hilchenbach kamen, schon bald aber, falls das eigene Können esirgendwie zuließ, wieder das Weite suchten. D...
Bis hin zum Beginn des "erweiterten" Orchesters im Oktober 1958Immerhin soll das "neugegründete Orchester" vom Dezember 19...
Umgekehrt spielten die "zurückgebliebenen" Musiker derweil eine Reihe von kleinerbesetzten Konzerten, etwa bei den "Siegen...
Am 24. August 1958 ist Peter Richter Gastdirigent für eines der Kurkonzerte:     "... ich wage nicht, es mir einzugestehen...
Leinwand auf dem Podium zurück geschoben, um Platz für das Orchester zu schaffen.Seitlich gab es ein "Kabuff" für die Note...
ersten Tag des "eigentlichen Beginns" das Orchester Richters "Gegenpol" MichaelScheck fast einmütig als 1. "Orchester-Vors...
Landschaftsverband) nochmals darauf, daß die Schule erhalten bleiben und weiter einNeubau dafür geplant werden müsse.24Man...
Richter weiß das - aber es beginnt zugleich die Zeit seines dauernden      Ungeschicks, seines fast tragischen Versagens i...
fragt erstmals "Sind Sie der Auffassung, daß ich meiner Aufgabe nicht (mehr)gewachsen bin?"27Kuhbier formuliert eine Art k...
Moritz Weiss jedoch bittet seine Kollegen, im bevorstehenden Gespräch mit demOrchester zunächst noch einmal so ausgleichen...
Die sogenannte "Richter-Krise". Rolf Agop wird "KünstlerischerOberleiter"15. - 17. Januar 1959: Sinfoniekonzerte unter Ric...
könne die Idee des Siegerland-Orchesters auch nicht mehr verwirklicht werden. Mansähe sich daher gezwungen, das Orchester ...
frühere Sitzungen: zwar habe man am 12. Januar vor dem Orchester eine weitgehendeKontrolle Richters zugestanden, dies sei ...
übrigen viel seltener auf, als man es laut anderen Darstellungen erwarten müßte; aufihrem Schreibtisch lag wohl vor allem ...
Detmold zu werden. Hierfür mußte entweder sein Vertrag in Dortmund gegen allesErwarten doch noch verlängert werden, oder e...
09. Februar. 1959: Richter fordert darauf hin brieflich die Aufarbeitung seiner finanziellenDinge. Es sei Krankheit und pr...
Landesrat Paasch, der gleichfalls zugegen ist, stellt dafür auch die Zustimmung desLandschaftsverbandes und des WDR in Aus...
Am 15. März 1959 scheint er seiner Sache so sicher zu sein, daß er für seineVorbereitungen die "April-Partituren" verlangt...
21. April 1959: dem Vorstand wird die Nachricht zugespielt, daß Richter kein echtesInteresse an einer Rückkehr habe, wenn ...
Zwischenzeit: bis zur Wahl von Thomas UngarHier zunächst noch eine Anmerkung über Jan Corazolla. Als "stellvertretendenDir...
Geben wir ihm aber wenigstens die Gelegenheit zu einem Schlußwort: "daß das Ganzeeine zutiefst menschliche Tragödie war un...
Sondern es scheint erneut wichtiger gewesen zu sein, daß etwas geschrieben wurde,nicht was.So, wie es bei allen Orchestern...
Orchester mehr als "Tournee-Orchester" verpflichten wollten - und die damit für eineWeile auch Gehör fanden, die Wahl eine...
Eine kurze Entgegnung des Trägers in der folgenden Wochenend-Ausgabe vom 29.August 1959 stellt jedoch nur Richters damalig...
Wolfgang haupt frühes siegerlandorchester
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  1. 1. Wolfgang Haupt: Das "Siegerland-Orchester" in seinen Anfängen 1957 - 1963 Kreisarchiv Siegen-Wittgenstein
  2. 2. 2
  3. 3. InhaltverzeichnisInhaltverzeichnis 3Vorwort 4Autor 7Prolog: Die Orchesterschule - und ihr Ende 8Der Beginn der Ära Peter Richter und Anfang des "selbstständigen"Orchesters im Dezember 1957 12Bis hin zum Beginn des "erweiterten" Orchesters im Oktober 1958 17Die sogenannte "Richter-Krise". Rolf Agop wird "KünstlerischerOberleiter" 26Zwischenzeit: bis zur Wahl von Thomas Ungar 35Die Ära Thomas Ungar 43Erneute Krise 52Erneute Übergangszeit 56Rolf Agop auch als Chef 63Epilog 68Danksagung 73Quellenverzeichnis 74Verzeichnis der Fotos und Abbildungen 76Anmerkungen 77Liste der Mitglieder des "frühen" Siegerland-Orchesters 82 3
  4. 4. VorwortEigentlich soll man mit "ich" nicht beginnen, aber hier ist es ein Bekenntnis: ich war vomAugust 1958 bis August 1960 dritter, stellvertretender erster Flötist, danach bis August1963 Solo-Flötist des damals "Siegerland-Orchester" genannten Orchesters inHilchenbach.In dieser Zeit habe ich noch die zuende gehende "Orchesterschule" erlebt, zu der zwarschon immer ein Orchester gehört hatte, aus der heraus aber seit Oktober 1957 das"Siegerland-Orchester" seinen selbstständigen Weg einschlug. Im Jahr 2007 wurdedeshalb das 50jährige Jubiläum des Orchesters gefeiert.Und habe 1963 noch die Anfänge jener Zeit erlebt, in der der künftige Weg desOrchesters nicht mehr (wie bisher) von der Idee eines reinen "Nachwuchs-Orchesters"(also mit Altersbeschränkungen usw.) bestimmt war, sondern von der Arbeit eines ganznormalen "Berufsorchesters" - wie es noch heute ist.Es war die Zeit der Chefdirigenten Peter Richter (1957 - 1959), Thomas Ungar (1960 -1961) und die der ersten Jahre von Rolf Agop (ab 1962). Agop war aber schon seit 1959"Künstlerischer Oberleiter" gewesen.Es war die Zeit, in der das Orchester zunächst noch seinen Sitz in den ehemaligen"Arbeitsdienst-Baracken" im "Langen Feld" hatte, zum Oktober 1958 in den "Kino-SaalMüller" umzog, um mit Beginn der Spielzeit 1962/ 63 in die jetzt zur "Schützenhalle"umgebauten Baracken ins "Lange Feld" zurückzukehren.Das erste Jahr des Orchesters 1957/ 58 habe ich nur gegen sein Ende hin selbermiterlebt, aber es war bei meinem Eintritt noch so lebendig, daß ich es in diese"Chronik" einbeziehen konnte, als wäre ich dabei gewesen.Vor allem aber: ohne die Orchesterschule hätte es kein "Siegerland-Orchester"gegeben. Auch sie ist mir unvergeßlich geblieben: ich war dort (neben demOrchesterdienst) gegen ihr Ende hin einer der letzten Lehrer für "Theorie" und"Gehörbildung".Auch dies will ich erwähnen: in den Jahren von 1960 bis 63 war ich (zeitweise)"Orchester-Vorstand" und vor allem (die ganze Zeit über) "Gewerkschafts-Delegierter".Ich habe das Ringen der Obrigkeit, aber auch der "Deutschen Orchestervereinigung" umden künftigen Weg des Orchesters auf vielen Sitzungen "hautnah" miterlebt.In Siegen habe ich viel unterrichtet: in den Anfängen der dortigen Musikschule. Icherinnere mich in vielfältiger Weise an das, was der Musiker eine "Mucke" nennt:eigentlich eine "Mugge", ein "musikalisches Gelegenheitsgeschäft". Als es dann (imUnterschied zu vielen, die nur kurze Zeit blieben) volle fünf Jahre wurden, die ich im"Siegerland-Orchester" zubrachte, war ich mehr von diesem Orchester, vom"Siegerland" und sogar von den "Siegerländern" geprägt, als ich es damals wahrhabenwollte. Heute ist es mir wichtig.Doch woher kommt die Faszination, die jene ferne Zeit "in Hilchenbach" noch immerausübt? Wohl aus einer Lebens-Situation heraus, in der wir damals fast alle jung undgleichaltrig waren - und im sozialen Umfeld viel mehr, als es heute der Fall ist, aufeinander angewiesen. Dazu der Idee eines "Nachwuchs-Orchesters" (obwohl siewahrlich noch in den Kinderschuhen steckte) in besonderer Weise verbunden.Im Sommer 1963 bin ich von Hilchenbach weg ins berühmtere (und vielleicht sogarschönere) Baden-Baden gegangen, mehr und mehr in berufliche Aufgaben und 4
  5. 5. Lebensumstände hinein, die dann (im Rückblick aus dem Ruhestand heraus) erst meineeigentliche "Biografie" ausmachten.Doch es war für mich selbstverständlich, daß ich, gleich in der ersten Baden-BadenerZeit, alle Tagebücher, Kalender, Notizen und so weiter, die ich aus Hilchenbachmitgebracht hatte, in einer höchst "persönlich" formulierten "Hilchenbach-Chronik"zusammengefaßt - und dann streng gehütet habe.Immer wieder habe ich, wie so viele, in Hilchenbach Halt gemacht: um mich (mehr oderminder wehmütig) an die "alten Zeiten" zu erinnern. Spätestens mit Beginn der 80erJahre wurde es natürlich immer schwieriger, den eingetretenen Generationswechsel,aber auch die Veränderungen im Ort richtig einzuordnen.Schließlich nahm ich an jenen Treffen der "Ehemaligen" teil, die von 1999 bis 2005 allezwei Jahre stattfanden - und die ich 2001, 2003 und 2005 maßgeblich mitorganisierthabe.Es war nicht von ungefähr, daß sich dort vor allem diejenigen trafen, die die "Anfänge"miterlebt hatten. Und nicht von ungefähr, daß ich mich schon bald meiner "alten"Chronik entsann: in der festen Absicht, daraus eine "neue" Chronik zu machen.Recherchen in den Siegener Archiven waren notwendig: den dortigen Mitarbeitern binich zu großem Dank verpflichtet. Ursprünglich sollte meine "neue" Chronik in das Umfelddes Orchester-Jubiläums 2007 einbezogen werden - nun erscheint sie erst drei Jahrespäter - als "Rückblick im Rückblick". Wichtig war nur eins: die Devise "ein Zeitzeuge,der sich dem Orchester noch immer eng verbunden fühlt, erinnert sich." Dies sollteauch im Vordergrund stehen - nicht so sehr die Vielfalt an "Unterlagen", die mirinzwischen wieder in die Hände gefallen sind.Schon die "alte" Chronik war meiner Frau gewidmet, Flötistin wie ich, die ich inHilchenbach kennen gelernt hatte - und die mit mir nach Baden-Baden gegangen war.Sie starb, als wir gerade die Treffen der "Ehemaligen" ins Leben gerufen hatten. Auchdiese "neue" Chronik ist ihr gewidmet.In dieser "neuen" Chronik" sind alle Daten und Vorgänge, die schon in meinen "alten"Notizen als "sichere Kunde" enthalten waren und sich im Nachhinein auch verifizierenließen, in "normaler" Schrift wiedergegeben; dazu schließlich auch alles, was ichinzwischen als „Kommentar“ glaube hinzufügen zu können.Nur weniges steht noch in kursiver Schrift und ist auch durch Anführungszeichenhervorgehoben: jene Stellen, die ich aus meiner „alten“ Chronik übernahm, weil ich sienach vierzig Jahren als Ausdruck der damaligen Zeit noch immer für typisch hielt.Auch wenn die "Ich-Form" im folgenden zurücktritt hinter die "Meinung des Autors": essollte nie ein historisch genauer, objektiver Bericht werden, sondern mehr die subjektiveStellungnahme eines, der das alles miterlebt hat.Im übrigen: alle damaligen Konzerte des Orchesters aufzuzählen wäre unmöglichgewesen, auch die Erwähnung aller nur einigermaßen wichtigen. Überdies scheinen diefortlaufenden Konzert-Unterlagen des Orchesters aus dieser Zeit nicht mehr vollständigvorhanden zu sein.So mußte ich mich auf die Konzerte beschränken, die (aus meiner Sicht) den Fortgangder Dinge einigermaßen kommentieren und ergänzen.Sinzheim-Winden bei Baden-BadenArbeitsbeginn: nach dem 2. Treffen ehemaliger Mitglieder im September 2001Endfassung: im Frühjahr und Sommer 2007, Endredaktion Frühjahr 2010 5
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  7. 7. Autor Der Autor Wolfgang Haupt wurde 1935 in Berlin geboren, wuchs in der Nähe von Quedlinburg am Harz auf - und studierte dann wieder im heimatlichen ("West") Berlin: Flöte, daneben viele musiktheoretische und musik- wissenschaftliche Fächer. 1958 kam er als Flötist ins "Siegerland- Orchester", das er erst 1963 verließ. Darüber ist in der vorliegenden Chronik viel zu lesen. Anschließend wechselte er als Flötist in das damalige "Symphonie- und Kurorchester Baden- Baden", die heutige "Baden-Badener Philharmonie". Neben dem Dienst hat ihn dort vor allem das 1969 gegründete "Kammermusik- Ensemble Baden-Baden" beschäftigt, in Zu- sammenarbeit mit einer Berliner Konzert- direktion.Ab 1983 stellte er sich mehr und mehr den "organisatorischen undmusikdramaturgischen Notwendigkeiten" zur Verfügung - und wurde dann der erstevollamtliche "Organisator und Dramaturg" des Orchesters am Kurhaus, also das, wasman in Hilchenbach längst "Intendant" nannte.Seit dem (vorzeitigen) Ruhestand beschäftigen ihn jedoch mehr und mehr seine"musikalische Chroniken", wofür Baden-Baden (um mit Fontane zu reden) ja einbesonders "weites Feld" ist.Die in den Anfängen älteste Chronik, die er hiermit vorlegt, betraf aber das "Siegerland-Orchester".Ihre Entwicklung ist im Vorwort ausführlich dargelegt. "Nachdenken" über die früheGeschichte des Siegerland-Orchesters: Der Autor möchte es allen "alten" und "neuen"Mitgliedern des Orchesters, aus dem inzwischen die "Philharmonie Südwestfalen"geworden ist, aber auch allen "Siegerländern" besonders ans Herz legen. 7
  8. 8. Prolog: Die Orchesterschule - und ihr Ende 1Zwar gab es beim Eintritt des Autors im August 1958 nur noch sehr wenige Orchester-Mitglieder, die schon in den Anfängen der "Orchesterschule" dabei gewesen waren. Erhat aber auch anderweitig einige von ihnen kennen gelernt. Vor allem gab es bei seinemEintritt eine große Anzahl von Mitgliedern, die erst später die Orchesterschule für kurzoder länger durchlaufen hatten. So haben sie es erzählt - und so steht es auch in denerhaltenen Unterlagen:Nach Anfängen schon 1946 wurde am 01. April 1947 die "HilchenbacherVolksmusikschule mit Orchesterschule" offiziell eröffnet - und auch ein ersterTrägerverein dafür gebildet.2Sie war vom ehemaligen Militärmusiker Friedrich Deisenroth zunächst "privat" ins Lebengerufen worden; er wurde dabei von der Familie Kindermann unterstützt, die das Hotel"Deutscher Hof" übernommen hatte: im hinteren Hof des Hotels gab es eine (heutekaum noch erkennbare) Holzbaracke als ersten "Sitz" der "Moseckschool" (wie dieHilchenbacher sie nannten) und die zunächst brachliegende Kegelbahn imHintergebäude diente anfangs zum Wohnen und Üben.Es ist die Zeit der noch zerstörten Großstädte - und ihrer Musik-Hochschulen, die erstallmählich wieder in Betrieb gehen. Hilchenbach als Ausbildungsort fernab allenGeschehens erweist sich (zunächst) als sinnvoll. Viele Lehrer unterrichten vor Ort inHilchenbach - oder wohnen sogar dort; zu anderen muß man in den Unterricht fahren.3Nach und nach werden es etwa 80 Schüler, die die "Musikschule" durchlaufen; derAnteil derer, die sich dann doch lieber einem anderen Beruf zuwenden, bleibt allerdingsgroß. Umgekehrt gehören später so namhafte Musiker wie der Solo-Trompeter desSWF, Walther Scholz, zu den "Alt-Hilchenbachern."Nach Vorbild der früheren "Stadtpfeifen" erhalten sie "Lehr-Verträge" und müssen zumErhalt der Schule selber beitragen: so gibt es nach einiger Zeit nicht nur ein "Sinfonie-Orchester", das überall zum Einsatz kommt, sondern auch Tanz-Kapellen, eine Big-Band - und natürlich Blasmusik in jeder Formation.Zunächst aber muß schon 1948 die Schule den "Deutschen Hof" wegen"Lärmbelästigung" der (allmählich zahlreicheren) Gäste räumen - und wird für kurze Zeitim Erholungsheim oberhalb der "Siedlung" untergebracht. Die Währungsreform trifftdann die meisten Schüler wie zu erwarten hart: sie müssen tagsüber in einer derHilchenbacher Fabriken arbeiten, unterrichtet wird erst am Abend.Denn erst 1950 werden die ehemaligen Arbeitsdienst-Baracken im "Langen Feld" für dieMusikschule (und ihr „Internat“) hergerichtet; und wird auch der Träger-Verein"Orchester und Orchesterschule Siegerland-Wittgenstein" noch einmal neu formiert.Geschäftsführer ist seitdem Moritz Weiss.In der Trägerschaft haben sich beide Landkreise (der Landkreis Siegen bzw. der damalsnoch bestehende Kreis Olpe/ Wittgenstein) zusammengefunden, dazu die Stadt Siegenund auch schon das Land NRW bzw. der Landschaftsverband.Da sich das Orchester inzwischen als wichtigster Bestandteil der Schule entwickelt hat,kommt es auch zur neuen Namensgebung "Orchester und Orchesterschule Siegerland-Wittgenstein".So können 1951 die ersten acht Absolventen ihre Prüfung unter einigermaßengesicherten Umständen ablegen. 8
  9. 9. 1952 kommt noch das "Symphonische Blasorchester Siegerland" hinzu - und laut einer(leider nicht näher definierbaren) Konzert-Kritik von 1954 hat das Sinfonie-Orchesterbereits "überall einen guten Ruf" erworben, es werden 40 Musiker als feste Besetzungangegeben.Doch waren nun ganz andere Zeiten heraufgezogen. Schon im Winter 1955/56 feiertman vorzeitig das 10jährige Bestehen: die Bundeswehr war gegründet worden,Musikschul-Leiter Deisenroth geht zum 01. Mai 1956 zurück zur angestammtenMilitärmusik, deren Neuaufbau er übernimmt.Zwar formuliert er vorher das Anliegen der Schule und auch die nötige Weiterführungdes Orchesters in einem Memo vom April 1956 geradezu vorbildlich.Es passieren aber zwei "Pannen": nicht nur der Nachfolger Oskar Tietzel (ein schonetwas älterer Militärmusiker wie Deisenroth) erweist sich von vornherein als nur weniggeeignet - sondern durch ein Versehen wird auch die Stadt Siegen nicht zurVerabschiedung Deisenroths bzw. zum Jubiläumskonzert eingeladen.Es sieht schon hier nach dem "Anfang allen Übels" für die dann allzu schnell folgendeerste "Krise" des Orchesters aus: in Siegen ist man offensichtlich sehr verärgert. Undwohl fest entschlossen, insgeheim nach einem "wirklichen" Nachfolger Ausschau zuhalten: nach einem jüngeren, charismatischen Dirigenten, der den Siegener Uralt-Traumvon einem eigenen Orchester endlich erfüllt.4Schon im Oktober 1956 zeigen sich die Folgen: Deisenroth hat zu viele gute Leute zurBundeswehr mitgenommen, der Zustand der ehemaligen "Arbeitsdienst-Baracken" im"Langen Feld" wird kritisch, die Arbeit unter Oskar Tietzel ist es ohnehin, eine neueRechtsform von Schule und Orchester erscheint mehr und mehr notwendig.Doch noch ein Gutachten vom März 1957 geht davon aus, daß hier eine Doppelfunktionvon Schule und Orchester gegeben sei, die erhalten werden müsse. Es verneint zwardie angestrebte Gemeinsamkeit mit einer "Jugendmusikschule" des Siegerlandes, außernatürlich, daß Hilchenbach die Lehrer zur Verfügung stellen könnte, vor allem beiseltenen Instrumenten. Es stellt aber noch einmal (und damit letztmals) die Impulse fürdie Laienmusik in den Vordergrund, die von Hilchenbach bisher ausgegangen wärenund weiter ausgehen müssten. 9
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  11. 11. Eigentlich ist es schade, daß nur sehr wenig präzise Unterlagen über die Zeit der"Orchesterschule" erhalten sind. Zwar gibt es noch Kostbarkeiten wie die "Lohnbücher",aber zu wenig Material, das genau über das "wann war was?" oder "wer war wann da?"Auskunft geben könnte. Und die wenigen noch einigermaßen "rüstigen" Zeitzeugen desAnfangs konnten dem Autor kaum weiter helfen.5Es muß aber unter dem gestrengen, immer auf Disziplin bedachten Friedrich Deisenrotheine ganz interessante Zeit gewesen sein, in der man (immer unter Berücksichtigungder Nachkriegs-Verhältnisse) in Hilchenbach durchaus auf den künftigen Musiker-Berufvorbereitet werden konnte. Man hat der "Orchesterschule" später (eigentlich bis heute)viel Unrecht getan.Es fällt auf, daß man in sehr unterschiedlicher Art und Weise "Musikschüler" seinkonnte: als "Interner", der auch in der Schule wohnte, als "Externer", der nur zumUnterricht kam; man war (wohl um den Etat der Schule zu dämpfen) mitunter voll "zurBerufsschule abgemeldet" - oder manchmal auch für einige Zeit ganz beurlaubt.Doch muß hier zum Abschluß genügen, daß sich die "Alt-Hilchenbacher" (alsodiejenigen, die für kurz oder lang die Hilchenbacher Orchesterschule absolviert haben)im Rückblick in drei Gruppen unterscheiden lassen: in diejenigen, die beim WeggangDeisenroths schon ihren Abschluß hatten oder die er mit zur Bundeswehr nahm - bzw.die nun doch noch an eine Hochschule wechselten. Dann in die (zahlenmäßig rechtgroße) Gruppe derjenigen, die blieben - und ab 1957 nach und nach ins "Siegerland-Orchester" übernommen wurden.Schließlich in diejenigen, von denen dies "weder/noch" zu berichten ist. Hier sind dieNamen inzwischen Schall und Rauch. Aber noch gegen das Ende der Schule 1958/ 59hin waren es ziemlich viele.Leider ist es inzwischen so geworden: für eine wirklich "lebensnahe" Chronik der"Orchesterschule" ist es heute schon zu spät. Das hat auch der Autor schließlicheinsehen müssen. 11
  12. 12. Der Beginn der Ära Peter Richter und Anfang des "selbstständigen"Orchesters im Dezember 1957Noch in einer Sitzung am 25. Juli 1957 beschäftigte sich der Kreistag in einer Sitzungeindeutig nur mit der "künftigen Finanzierung der Orchesterschule" und dembeabsichtigten Neubau einer Unterkunft.6Das Kultusministerium hätte an die Gewährung von weiteren Zuschüssen die Bedingungeines wirklich qualifizierten neuen Leiters, einer besseren Ausstattung des Lehrkörpersund einer besseren Unterkunft der Schule geknüpft; es hätte auch nochmals angeregt,mit der Orchesterschule die künftige "Jugendmusikschule" des Siegerlandes zuverbinden.Dies bedeutet einen Neubau, so kommt es zum Beschluß, im Jahr 1958 ein neuesGebäude für die Orchesterschule zu errichten und bis dahin ihre künftige Finanzierungsicherzustellen.Von der Einstellung Peter Richters als neuem Leiter ist zu diesem Zeitpunkt noch nichtdie Rede, erst recht nicht von einer beabsichtigten Schließung der Orchesterschule bzw.von einer "Verselbständigung" des Orchesters.Am 01. Oktober 1957 wird er jedoch nicht nur Leiter der "Orchesterschule" inHilchenbach, sondern beginnt auch sofort mit dem Aufbau des "Siegerland-Orchesters",im Untertitel genannt "Junge Deutsche Philharmonie".7 Er erscheint "auf der Bühne", ohne daß es darüber konkrete Unterlagen gibt. Die es miterlebt haben berichten, er sei durch den Geschäftsführer Moritz Weiss als neuer Leiter von Schule und Orchester lediglich vorgestellt worden, irgendein "Auswahlverfahren" hätte es nicht gegeben.8 Der Autor muß fragen: Gab es tatsächlich und von vornherein eine Empfehlung oder Protektion seitens des WDR? Gab es sie durch die Rektoren der erst nach dem Krieg gegründeten, "etwas anderen" Musikhochschulen in Detmold und Freiburg, die sich dem gleichfalls "etwas anderen" Orchester in Hilchenbach eng verbunden fühlten? Oder seitens irgendwelcher "Siegener Kreise", denen dieser (mit Verlaub gesagt) manchmal zwar etwas "verwirrt" erscheinende, offenbar aber sehr geniale "Paradiesvogel" gerade recht kam?9 "Von der Parteien Gunst und Haß verwirrt, schwankt sein Charakterbild in der Geschichte"heißt es im "Wallenstein". Und genau das muß auch für Peter Richter und für die schonbald beginnende "Richter-Krise" (mit allem ihrem Hin und Her) gelten.Bisher hatte das Orchester der "Musikschule" aus den in Hilchenbach und Umgebungwohnhaften Lehrern, dazu den bereits geeigneten Schülern bestanden, aber auch aus 12
  13. 13. "Freiberuflern", von denen es damals (nach dem Krieg) gerade in Siegen noch vielegegeben haben soll.10Das neue Konzept Richters scheint jetzt vor allem gewesen zu sein, daß dieStimmführer des Orchesters nach und nach die bisherigen Lehrer der Musikschuleersetzen sollten - und daß sich bei ihnen ("Studienleiter" genannt) auch alle diejenigenOrchestermitglieder "weiterbilden" konnten, die dies noch wollten.11Mit besonderer Berücksichtigung übrigens auch von Kammermusik, die eine Zeitlangeine wichtige Rolle spielte.Es ergibt sich (aus Sicht des Autors) trotzdem kein klares Bild: die ca. 20 Namen aufden fragmentarischen Gehaltslisten, die sich seit Oktober 1957, wenn auch nur unterviel Mühe, als reine Orchestermitglieder identifizieren lassen, plus 5 unidentifizierbare(darunter vielleicht noch einige bisherige Lehrer) plus ca. 10 Musikschüler, die bereits imOrchester mitwirken konnten, plus ca. 10 Aushilfen (wohl die "Freiberufler" aus Siegen)ergeben zwar die vermutlich 45 Musiker des folgend genannten "1. Konzertes desneugegründeten Orchesters" in Siegen. Aber wie sich das gerechnet hat und vertraglichgeregelt war, und vor allem: Wie das wirklich eine "Neugründung" gewesen sein soll,bleibt etwas unverständlich.12Es scheint vor allem zu stimmen, daß der Status der bisherigen bzw. verbliebenenMusikschüler, soweit sie dann im Orchester mitwirkten, und der Zeitpunkt, zu dem sie"fest" übernommen wurden, nie genau definiert war - und daß auch hier eine typische"Genialität" Richters vorlag.Das "1. Konzert" des "neugegründeten Orchesters" findet am 02. Dezember 1957 inSiegen statt: mit Schuberts "Unvollendeter", Mozarts Konzert für Flöte und Harfe - undder 7. Sinfonie von Beethoven.13 13
  14. 14. "Einen verheißungsvollen Neuanfang", "eine unerwartete kulturelle Bereicherung", jasogar "das bisher größte Kulturereignis in letzter Zeit" nannte es die Presse - und vorallem die Siegener selbst scheinen begeistert und voller Selbstlob gewesen zu sein.Natürlich hatte auch schon jemand vom WDR zugehört.Auf jeden Fall bleibt festzustellen: Das Konzert (und seine beiden Wiederholungen, dievon vornherein terminiert waren, wohl auch stattgefunden haben, wenn auch nicht mehrvor vollem Haus) gilt zurecht als das große, verheißungsvolle Symbol am Beginn des"Siegerland-Orchesters"; es wirkte in der Erinnerung nach, wie kaum ein späteres.Doch noch am 18. Januar 1958 wird im Kreistag zwar festgestellt, daß das "OrchesterSiegerland-Wittgenstein" nun "Siegerland-Orchester" heiße und sich inzwischen als eineeigene Institution vorgestellt habe; es setze sich zusammen aus einer Reihe vonfestangestellten Musikern und einer Anzahl von Schülern; die zunächst noch benötigteVerstärkung könne bereits entfallen.14Aber auch das gehört dazu: bei einer Kreistags-Sitzung im März 1958 geht es nochimmer und ausschließlich um den "Neubau", der für die Weiterführung der"Orchesterschule" notwendig sei.15Ein merkwürdiger Widerspruch. Was war geschehen?Zumindest dies: Es gab von vornherein sehr unterschiedliche Meinungen über den"richtigen Weg" in die Zukunft, auch innerhalb des Orchesters. Es kam zu einem Hinund Her von Gegensätzen, das den Autor noch bei seinem Eintritt im August 1958ziemlich verwirrt und auch etwas hilflos gemacht hat, das aber wohl so typisch für dieganze damalige Zeit war, daß es hier ausführlich erwähnt werden muß.Es gab die "Freiburger Clique" mit dem Oboer Michael Scheck an der Spitze, einem derSöhne jenes legendären Flötisten Gustav Scheck, der nach dem Krieg die für lange Zeitals etwas "neumodisch" geltende Musikhochschule in Freiburg/Br. gegründet hatte.16Auch der Cellist Jan Corazolla war mit einem schon in Berlin erfolgreichen jungenStreichquartett in Freiburg gelandet, war jedoch bereit, das Quartett zu opfern, wenn erdafür nicht nur Cellist, sondern auch 2. Dirigent in Hilchenbach werden könne.Erwähnt werden muß er deswegen: Von ihm (und offenbar nicht Richter, der sie,zunächst noch uneins darüber, was er in Hilchenbach wirklich erreichen wollte, bloßeifrigst übernahm) stammte auch die (angeblich auf Furtwängler zurückgehende) Ideeeines reinen Nachwuchs- bzw. Jugendorchesters, wie sie nun hier verwirklicht werdensollte.17Und ihnen stand auch der Bratschist Bär von Randow nahe, der dann, nach seinerRückkehr viele Jahre später, "Intendant" in Hilchenbach wurde - und dessenorganisatorische Begabung schon damals auffiel: er war der letzte "Leiter" der"Orchesterschule", als diese bis zum Frühjahr 1959 hin "abgewickelt" wurde.Ihnen stand der "Sonderkonzertmeister und Studienleiter" Joseph Märkl nahe, den PeterRichter extra in München aufsuchte, um ihn zur Annahme dieser so wichtigen Funktionab Herbst 1958 zu überreden.18Ein relativ illustrer Kreis, wie er für diese frühe Zeit des Orchesters typisch war, esdanach keinen mehr gegeben hat. Durchaus von einem gewissen Sendungsbewußtseingeprägt, dazu Richter intellektuell weit überlegen. Zwar waren es gerade die"Freiburger", die Richter beim Aufbau des Orchesters maßgeblich zur Seite standen, 14
  15. 15. aber "logischerweise" mußte es schon bald zu Meinungsverschiedenheiten kommen -und zur Opposition gegen den "Alleinentscheidungs-Anspruch", den Richter bald mehrund mehr für sich beanspruchte.Richter selbst hatte umgekehrt in Detmold studiert, an jener Hochschule, die damalsnoch "Nordwestdeutsche Musikakademie" hieß und gleichfalls eine deraußenseiterischen Neugründungen nach dem Krieg war. Dort war er schnell aufgefallen;es gab, als die Ausschreibungen des "Siegerland-Orchesters" in den ersten Monaten1958 bekannt wurden, sogar in Berlin Leute, die dem Autor einen "ziemlichgenialischen" Peter Richter schildern konnten.Auch aus Detmold hatte er Leute mitgebracht: nicht so zahlreich, wie die "Freiburger"und mehr und mehr "für die Mitte" zuständig, aber eine gleichermaßen wichtige Gruppe.Genannt werden muß hier (um alle wichtigen Namen zu erwähnen, ohne die der frühe"Erfolg" Richters und des Orchesters nicht denkbar ist) vor allem der Solo-Flötist KlausDiederich. Er wurde dann, im späteren Verlauf der "Richter-Krise", eine "ausgleichende"Integrationsfigur von hohen Gnaden.Eine dritte, sehr starke "Fraktion" jedoch bildeten die ehemaligen "Orchesterschüler".Durchaus "autoritätsbedürftig", sahen sie in Richter - wie es noch heute bei ihrenErzählungen erkennbar ist - eine Art "Heilsbringer". Ihr "Studium" in Hilchenbach hattesich also doch gelohnt, hatte doch noch eine Zukunft.Das frühe "Siegerland-Orchester" also ein "Versuch eines Versuches" in Richtung einer"demokratischen Mitbestimmung"? Auf jeden Fall erinnert sich der Autor: Der Gegensatzder drei Meinungen und die häufigen Auseinandersetzungen darüber bestimmten fastjedes noch so harmlose Gespräch.Sein Kommentar daher: Kernpunkt aller Gemeinsamkeiten, aber auch allerDiskussionen waren immer jene Ideen, die angeblich auf den großen Dirigenten WilhelmFurtwängler zurück gingen. Auf dessen Überlegungen hinsichtlich eines "Nachwuchs-Orchesters", in dem geeignete junge Musiker (unter Gleichgesinnten und noch mit denselben "Entwicklungs-Problemen" beschäftigt) auf ihren späteren Beruf hin vorbereitetwerden sollten.Sehr ehrenvolle Überlegungen - wie sie dann später vom Deutschen Musikrat in seinen"Jugendorchestern" auch verwirklicht wurden.Doch hat das alles heute einen etwas "altväterlichen" Beigeschmack: nachdem esZeiten geradezu eines Überangebots von Landes- , Bundes- und sonstigen Jugend-Orchestern gegeben hat, dazu nicht nur von "Jungen Deutschen Philharmonien",sondern sogar "Philharmonien der Nationen" bzw. ähnlichen - und nun Zeiten heraufgezogen sind, in denen sich die Bereitschaft der Orchester, junge Musiker einzustellen,fast nur noch auf "Volontäre" erstreckt, die sie angeblich selber ausbilden. Mit allenGründen und Gegengründen.Liest man heute die endlosen Texte des "Siegerland-Orchesters" der damaligen Zeit, siemögen stammen, von wem sie wollen, hat man mehr und mehr den Eindruck, als sei(wieder einmal) das Rad erfunden worden - aber es erwies sich (wieder einmal) aufDauer dann doch nur als viereckig.Denn wie sich so etwas angesichts der tatsächlichen Gegebenheiten und Zwänge im"Siegerland" überhaupt rechnen sollte, steht nirgendwo.Und deshalb noch Kommentar zwei: Natürlich könnte man auch eine "Chronik"schreiben, in der im Vordergrund steht, daß damals viele (allzu viele) zwar aus 15
  16. 16. Neugierde nach Hilchenbach kamen, schon bald aber, falls das eigene Können esirgendwie zuließ, wieder das Weite suchten. Denn die Aussichten, daß im "Siegerland-Orchester" echte künstlerische oder finanzielle Voraussetzungen geschaffen werdenkonnten, die das vorgesehene, mindestens zweijährige "Bleiben" rechtfertigten, waren(zugegebenermaßen) nur gering.Nochmals: solch eine "Chronik" wäre leicht möglich. Aber sie würde nicht dem"Idealismus" gerecht, von dem damals noch (freie Stellen, mit nur wenig Probespiel-Teilnehmern, gab es genug) der Orchestermusiker-Nachwuchs geprägt war. Und erstrecht nicht der Faszination, die (zumindest bis 1961) von einem längeren Bleibengerade in diesem Orchester trotz alledem ausging.Die Diskussion um den "richtigen Weg" eines "Nachwuchs-Orchesters" dauertejedenfalls lange - und wurde selbst dann noch nicht aufgegeben, als das "Siegerland-Orchester" längst andere Wege eingeschlagen hatte.Zu kurz kam dabei die "Orchesterschule", mit der doch alles angefangen hatte. Sie bliebnur als "Faustpfand" der Obrigkeit zurück, die sich eine so schnelle "Verselbständigung"des Orchesters nicht vorgestellt hatte, sie teilweise auch gar nicht wollte, denVeränderungen jedenfalls nur sehr zögernd zustimmte, ihnen für längere Zeit kaumfolgen konnte.Und das stimmt den Chronisten heute etwas wehmütig. Wäre nicht zumindest ein"Nachdenken" darüber, wie man eine Art "Schule" neben dem "Nachwuchs- Orchester"hätte beibehalten können, sehr sinnvoll gewesen? 16
  17. 17. Bis hin zum Beginn des "erweiterten" Orchesters im Oktober 1958Immerhin soll das "neugegründete Orchester" vom Dezember 1957 an bis Ende April1958 schon 22 größere und kleinere Konzert gespielt haben, wie irgendwo voller Stolzvermerkt ist.Vermutlich einschließlich der Wiederholungen, wie sie in Siegen und Weidenau (auch inder Form von "Jugendkonzerten") üblich wurden. Genau ist es nicht mehrauszumachen.19Die wichtigsten, außer dem schon genannten "1. Konzert" in Siegen, scheinen dabei diefolgenden gewesen zu sein:11. Januar 1958: Sinfoniekonzert in Weidenau, u. a. mit der 8. Dvorak24. Januar 1958: ebendort, u. a. mit der "Moldau" von Smetana26. Januar 1958: dasselbe in Kaan-Marienborn06. März 1958: Sinfoniekonzert in Arnsberg, u. a. mit der 7. Beethoven10. März 1958: Sinfoniekonzert in Siegen, u. a. mit der 4. Schumann25. April 1958: wieder in Weidenau, u. a. mit der 5. TschaikowskyDann aber folgt ab Mai 1958 schon die große Zäsur: mehr als die Hälfte des Orchesterswar auf fünf Monate als "Kurorchester" nach Bad Neuenahr verpflichtet worden. "... nach nächtlichem Umsteigen im Hannover und Marburg meine morgendliche Ankunft in Hilchenbach: wegen den Formalitäten im Büro Weiss und dem Kauf eines grauen Anzugs als Dienstkleidung für Neuenahr ..."So beginnt mit dem 29. Juli 1958 dann auch die "alte" Chronik des Autors, die hier (wieeingangs erwähnt) immer ein wenig zitiert werden soll, um sich das Hilchenbach und dieSituation von damals besser vorstellen zu können. "... man sah, wegen den vielen Schleifen, die der Zug fuhr, Hilchenbach schon mehrmals vorher, wollte es aber nicht wahrhaben. Doch dann hielt er genau dort, wo man es befürchtet hatte ..." Am 30. 07. 58 "... mit Peter Richter und Jan Corazolla im Auto nach Neuenahr, dort abends ein größeres Chorkonzert unter einem örtlichen Chorleiter, dem ich aber nur anfangs und sehr müde zuhöre ..." Am 31. 07. 58 "... mein erster Dienst als 3./1. (in Neuenahr 2.) Flötist in einer Umgebung, die mir (als Kontrast zu Berlin) fremd ist, und mit einer Musik, die ich bisher nur wenig kenne, in die ich mich aber sehr schnell finde ..."Die fünf Monate von Mai bis September 1958 als "Kurorchester" in Bad Neuenahr warenaus finanziellen Gründen nötig gewesen; dort feierte man irgendeine "Jubiläums-Saison", die üblicherweise verpflichtete "Kurkapelle" unter dem eigenen (tüchtigen undauch vom Orchester sehr geachteten) "Kurkapellmeister" Wantzen reichte dafür nichtaus.So hatte man stattdessen die "Siegerländer" verpflichtet, die ja für größere Konzertejederzeit durch die in Hilchenbach gebliebenen Mitglieder verstärkt werden konnten.Auch extra (von irgendwoher) einen (etwas dubiosen) "Generalmusikdirektor" als"Musikalischen Oberleiter". 17
  18. 18. Umgekehrt spielten die "zurückgebliebenen" Musiker derweil eine Reihe von kleinerbesetzten Konzerten, etwa bei den "Siegener Schloß(fest)spielen".Alles eine durchaus ehrenwerte Sache - aber sie führte erst recht zu einer tiefenSpaltung des Orchesters, in die nun der Autor (wie gleichfalls schon erwähnt) mittenhinein geriet.Zunächst aber erst gefragt: Warum kam gerade der Autor nach Hilchenbach und ins"Siegerland-Orchester"?Man mag es heute kaum noch glauben: die Berufsaussichten im damaligen "West-Berlin" waren ziemlich schlecht. Zwar gab es "Mucken" und Schüler, dazu viele"Aushilfen", aber die "grenzenlose Freiheit Westdeutschlands" lockte den jungenFlötisten damals genauso, wie die Flüchtlinge aus der "DDR".Als West-Berliner bekam man nicht einmal Probespiel-Einladungen nachWestdeutschland; erst einmal dort sein! hieß es also, dann könnte man vielleicht inRuhe abwarten.So durfte man die Möglichkeit "Siegerland-Orchester" keineswegs auslassen, die sichallerdings mit ähnlichen "Kostengründen" präsentierte, wie die anderen Orchester:indem der schon erwähnte Jan Corazolla das Probespiel "vor Ort" in Berlin abnahm.Ironie des Schicksals jedoch erstens, daß Peter Richter (mit einer sehr merkwürdigenBegründung) nicht den erwarteten Vertrag, sondern nur eine seiner üblichen Postkartenals Bestätigung schickte: der Vertrag würde nachgereicht. Und damit sofort Mißtrauenerweckte über die Zustände, die einen in Hilchenbach erwarteten.Und Ironie des Schicksals zweitens: daß der Autor, eben erst in Neuenahrangekommen, Post aus Berlin erhielt: er könne nun doch eine der Volontärstellenbekommen, mit der die West-Berliner Orchester gerade anfingen, wenigstens ein paargute "Nachwuchs-Musiker" da zu behalten. Es war gleichsam der Beginn jener "Berlin-Förderung", die dann immer größere Ausmaße annahm.Der Autor möge freilich nicht zurückkommen, wenn er sich "im Westen" schon eingelebthätte. "... ich hatte mich bereits eingelebt, ich wollte um keinen Preis zurück auf die "Insel". Also blieb ich ..." "... Vormittagskonzert, Nachmittagskonzert, Abendkonzert, bei schönem Wetter vor dem Nachmittagskonzert noch ein Konzert auf der Promenade ...dabei nur einen Tag frei, an diesem jedoch Frühkonzert, erst dann der ersehnte Radausflug in die Eifel: das war regelrecht Ausbeutung ..."Dazu kam aber eben auch: "... das waren also nicht die Richtigen gewesen, vor denen ich mein Probespiel abgelegt hatte oder die mich in Hilchenbach in Empfang genommen hatten (Scheck, Corazolla und so weiter, damals sämtlich in ihrer Gegenbastion, dem Süßen Konrad wohnhaft). Das waren die Intelligenzler, die sich vor dem Dienst im Bad gedrückt hatten (weil sie vor der Kurmusik Schiß hatten) und angeblich dem Richter halfen, den Neuanfang im Oktober vorzubereiten. Die sog. Bakaluten im Bad fühlten sich jedoch viel eher als diejenigen, von denen alles abhing, sie hätten es lieber gesehen, Richter wäre mit ihnen nach Neuenahr gegangen und dort unter ihrem Einfluß geblieben ..." 18
  19. 19. Am 24. August 1958 ist Peter Richter Gastdirigent für eines der Kurkonzerte: "... ich wage nicht, es mir einzugestehen, aber ich bin von meinen Berliner Mucken-Orchestern her besseres gewohnt - und von Richters genialischem Gehabe grenzenlos enttäuscht ..." "... seine Meldungen über den erweiterten Neuanfang sind aber noch positiv ..."Am 29. August 1958 kommt es (von Neuenahr aus!) zum vielleicht legendärstenAbstecher, der in den frühen Annalen des Orchesters verzeichnet ist: dem nachBerleburg, um dort in einem Bierzelt unter einem keineswegs nüchternen ChordirigentenHaydns "Jahreszeiten" aufzuführen.26. September 1958: im Vorfeld des "Abschlusses der Konzertsaison" (sinnvollerweisemit der "Unvollendeten") ein Orchesterversammlung unter Richter in Neuenahr. "... der die als enttäuschend angesehenen provisorischen Verträge mitbringt und jetzt auch schlechtere Arbeitsbedingungen ankündigen muß, als sie allgemein erwartet wurden ..."Es waren keine "richtigen" Verträge (wie das erhaltene Exemplar des Autors zeigt)sondern nur "Vorverträge" ohne Datum, mit einer nebulösen Absichtserklärung, zum 1.Oktober (anläßlich einer neuen "Rechtsform") einen "endgültigen" Vertrag folgen zulassen - was dann einstweilen unterblieb.Zwar ist wortreich von Aufgaben und Pflichten und sogar schon vom angestrebten"Landessinfonieorchester" die Rede, aber noch immer bedeutet der Inhalt keinerechtsgültige Aussage über die "Gründung" des Orchesters "... Kuriosität: Richter kündigt auch Frauen im Orchester an, was bei Einigen noch immer zu Protesten führt ..."01. Oktober 1958: Rückkehr des Orchesters aus Neuenahr nach Hilchenbach: "... noch glaubt die Mehrheit an die Verlegung des Orchesters nach Siegen ..."Jedoch am 10. Oktober 1958 Probenbeginn des "erweiterten" Orchesters im "KinosaalMüller", der bis zum Sommer 1962 Sitz des Orchesters bleibt; Siegen steht nie mehrernsthaft zur Debatte.Die fensterlose Tristesse und "Weltentrücktheit" des "Kinosaal Müller" ist heuteverschwunden, man kann sie sich kaum noch vorstellen.An manchen Abenden gab es dort wirklich "Kino", der Autor hat dort etliche der damalsberühmten Filme gesehen. Zu den Proben wurden die Stuhlreihen im Parkett und die 19
  20. 20. Leinwand auf dem Podium zurück geschoben, um Platz für das Orchester zu schaffen.Seitlich gab es ein "Kabuff" für die Noten und das obligatorische "Schwarze Brett".Im übrigen hatte das damals noch einigermaßen ehrwürdige "Hotel Müller" über die"Orchesterzeit" hin auf Gäste verzichtet - und seine Zimmer an einigeOrchestermitglieder vermietet. Auch den Autor hat man dort volle vier Jahre lang"beherbergt".Das Orchester war zu diesem Zeitpunkt auf 59 Planstellen verstärkt worden: auf (samt"Sonderkonzertmeister") zehn erste Geigen, acht zweite, je sechs Bratschen und Celli,vier Kontrabässe, dreifaches Holz, vier Hörner, drei Posaunen, Tuba, Pauke,Schlagzeug, Harfe, Dirigent und Sekretärin.Wobei (um es nochmals zu erwähnen) nicht mehr klar wird, wer zunächst nochMusikschüler blieb und erst allmählich "eingegliedert" wurde. 20 Es scheint ein ziemlichkompliziertes Hin und Her gegeben zu haben, um die Zahl 60 nicht zu erreichen,geschweige zu überschreiten.Der 10. Oktober 1958 galt dann aber, schon weil nun erstmals alle Mitglieder demOrchester fest angehörten (bzw. ehemalige Musikschüler waren, die noch festeingegliedert werden sollten) als der "eigentliche" Beginn des Orchesters, das Jahrdavor (trotz seiner legendären Konzerte im Dezember 1957) nur als "Anlaufzeit".Die Orchesterschule fristete seitdem nur noch ein Nebendasein - und sollte (angeblich)so schnell wie möglich aufgelöst werden.Noch glaubte niemand an die schon bald eintretende "Krise" des ja erst"neugegründeten" und nun bereits "erweiterten" Orchesters. Noch wählte an diesem 20
  21. 21. ersten Tag des "eigentlichen Beginns" das Orchester Richters "Gegenpol" MichaelScheck fast einmütig als 1. "Orchester-Vorstand".21Freilich: Die Gerüchte darüber, was "im Hintergrund" wirklich vor sich ging, dazu dasüberraschende "Bleibenmüssen in Hilchenbach", was so kaum jemand erwartet hatte:einige Eingeweihte" schienen es genauer - und ganz anders - zu wissen.Auch die "Abwicklung" der Orchesterschule, für die jetzt nebenher der Bratschist Bärvon Randow als letzter "Leiter" (aber offenbar nur von "Richters Gnaden") zuständigwurde, schien so ganz "astrein" nicht zu sein. Der Autor erinnert sich an eine gewisseHilflosigkeit unter den verbliebenen Schülern, so als wären sie nur noch eine Art"Manovriermasse" gewesen.Erneut ist zu fragen: was war geschehen? Wie stand es wirklich um das Orchester?Schon am 16. Juli 1958 muß es (vielleicht nur in kleinem Kreis?) jene Sitzung gegebenhaben, auf die sich Peter Richter und seine Freunde dann immer wieder berufen haben:In Gegenwart (oder nur in Kenntnis?) auch der Vertreter von Kultusministerium undLandschaftsverband scheint dabei das "Auslaufen der Schule" zugunsten nur noch desOrchesters zumindest "angedacht" worden zu sein.22Dies hatte jedoch zur Unruhe innerhalb der Trägerschaft und vor allem auch zuMeinungsverschiedenheiten zwischen Richter und dem Geschäftsführer derTrägerschaft, Moritz Weiss, Hilchenbach geführt.So muß Richter, in mehreren Sitzungen, die vom 05. September 1958 an stattfinden, zuseinen künftigen Vorhaben Stellung nehmen.23Er erklärt sinngemäß, daß die Orchesterschule in der bisherigen Form keine Zukunftmehr habe - und er die Notwendigkeit eines Neubaus nicht mehr befürworten könne.Trotz weitgehender Sympathie der Stadt Siegen (die sich tatsächlich ein eigenesOrchester erträumt? Die vehemente Verfechter des "genialen Künstlertums" Richters inihren Reihen hat?) und auch der Siegerländer Industrie ist man allseitig über dieseDeutlichkeit entsetzt - und wirft Richter vor, er habe die Trägerschaft über seine wahrenAbsichten nicht rechtzeitig in Kenntnis gesetzt bzw. keine klare Linie gezeigt.Zwar beruft sich Richter auch auf seine fortlaufenden Besprechungen mit Moritz Weiss,von denen er fest geglaubt hätte, daß ihr Inhalt sofort weitergeleitet worden wäre. Weissbestreitet aber die Verbindlichkeit und Ernsthaftigkeit dieser Besprechungen - und derLandkreis beharrt darauf, daß die Sache in dieser Klarheit im Juli nicht erörtert wordensei.Salopp ausgedrückt: hier war offenbar "eine Jungfer zu ihrem Kind" gekommen.Die Situation führte zumindest dazu, daß die Musiker nicht die angekündigten Verträgebekamen, sondern daß man vorerst bei den schon erwähnten "Absichtserklärungen"verblieb. Und daß das Orchester vorerst nicht (wie es Richter immer wieder versprochenhatte) nach Siegen ging, sondern seinen Sitz in Hilchenbach behielt.Am 09. Oktober 1958 (am Vortag des eigentlichen Beginns des Orchesters in seinererweiterten Besetzung!) einigt man sich (im Einvernehmen auch mit dem Land und dem 21
  22. 22. Landschaftsverband) nochmals darauf, daß die Schule erhalten bleiben und weiter einNeubau dafür geplant werden müsse.24Man erklärt die Forderungen und Absichten Richters für "übertrieben" - und stärkt dersich mehr und mehr um Moritz Weiss formierenden "Opposition" den Rücken.Das war dann spätestens die Geburtsstunde der "Richter-Krise" - und der Autor erinnertsich deutlich an die Unruhe, die schon von den ersten Tagen im "Probenlokal Müller" animmer mehr zu spüren war. Zwar sind (wie auch an anderer Stelle erwähnt) vieleUnterlagen aus der "Frühzeit" dieser Krise nicht mehr vorhanden. Aber stimmt esüberhaupt, sind sie wirklich (so jedenfalls die Darstellung des Stadtarchivs Hilchenbach)bei der späteren Auflösung des "Büro Weiss" nicht in den zuständigen Archiven inSiegen, sondern auf dem Sperrmüll gelandet?Man kann sich trotzdem aus dem, was in den beiden Siegener Archiven (wenn auch inunübersichtlicher "Abheftung") übrig geblieben ist, ein eindeutiges Bild machen. Auchwenn es dem, was heute, nach fast 50 Jahren, von Richter bzw. von seinen Getreuennacherzählt wird, in keiner Weise entspricht.11. Oktober 1958: ein "Männerchor-Konzert" in Siegen steht dort am Anfang des "Neubeginns".18. Oktober 1958: erstmals "Carmina burana" in Offenbach23. Oktober 1958: Sinfoniekonzert unter Richter in Witten: mit der "großen" g-moll- Sinfonie von Mozart und der 5. Tschaikowsky. "... zunächst läuft alles so gut, daß uns ein Stein vom Herzen fällt ..."29. Oktober 1958: erstes Konzert seit dem "Neubeginn" unter Richter in Siegen, wiedermit der "großen" g-moll von Mozart und der 4. Sinfonie von Bruckner "... wir sind hinterher alle erschrocken: es gelingt erstmals nicht, Unsicherheit und Nervosität hatten sich allseits breit gemacht ..."Am 05. November 1958 entsteht dennoch, trotz allen Spannungen, ein Trägerverein aufneuer Grundlage, wird damit der selbständigen Entwicklung seit Oktober 1957 und auchder Erweiterung des Orchesters seit Oktober 1958 wenigstens einigermaßen Rechnunggetragen.25Zum Vorstand des Vereins "Siegerland-Orchester e. V." gehören künftig derOberkreisdirektor des Kreises Siegen-Wittgenstein, der Oberstadtdirektor von Siegensowie ein Vertreter der Siegerländer Unternehmerschaft. Moritz Weiss, auch alsVertreter der Stadt Hilchenbach, bleibt Geschäftsführer.Jedoch weiterdauernde, spürbare Unruhe, sowohl bei den Proben wie auch in denKonzerten. Keine gute Sache für besonders "empfindsame" junge Musiker, wie es derAutor damals noch gewesen ist!17. November 1958, nach sehr vielen Proben: ein weiteres Sinfoniekonzert unter PeterRichter in Siegen (u. a. mit den "Bildern einer Ausstellung") das der WDR aufnimmt unddann auch überträgt. „... es gibt sehr geteilte Meinungen darüber - und genau das hat dann endgültig (nun auch innerhalb des Orchesters) die Krise um Richter ausgelöst ... Und 22
  23. 23. Richter weiß das - aber es beginnt zugleich die Zeit seines dauernden Ungeschicks, seines fast tragischen Versagens in einer Situation, die er nicht wahrhaben will, die ihm mehr und mehr entgleitet ...".26Zwar glaubt er noch am 21. November 1958 bei einem (als sensationell empfundenen)Konzert in Siegen zusammen mit dem "Orchester Kurt Edelhagen" alle Trümpfe in derHand zu haben.Am 12. Dezember 1958 kommt es aber zur entscheidenden Zusammenkunft vonKreisdirektor Kuhbier, Moritz Weiss, Richter und dem Orchestervorstand (mit Scheck alsSprecher) wegen der entstandenen Problematik. Scheck widerspricht RichtersForderungen nach "Alleinherrschaft"; man diskutiert den schlechten Eindruck derRundfunkübertragung des Konzertes mit den "Bildern der Ausstellung" - und Richter 23
  24. 24. fragt erstmals "Sind Sie der Auffassung, daß ich meiner Aufgabe nicht (mehr)gewachsen bin?"27Kuhbier formuliert eine Art künstlerischen Beirat der Stimmführer, der künftigmitbestimmen soll; bei Meinungsverschiedenheiten entscheidet allein die Trägerschaft.Dem muß schließlich auch Richter zustimmen.Vor allem wird nochmals klargestellt, daß Richter allein keinerlei Maßnahmen mehrtreffen darf, die Verpflichtungen des Trägers zur Folge haben.Also zunächst auch keine Zusagen mehr für Konzerte und Engagements geben,keinerlei Entscheidungen über Neueinstellungen oder Kündigungen von Musikern mehrtreffen darf? Genau geht das daraus nicht hervor, scheint aber so beabsichtigt gewesenzu sein.19. Dezember 1958: in einer Vorstandssitzung der Trägerschaft wird alles bestätigt. Manwill zwar an Richter festhalten, vor allem, "weil bei einer Trennung Schwierigkeitenhinsichtlich der Finanzierung auftreten würden", aber die "Differenzen" sollen jetzt durchklare Dienstanweisungen und durch deutliche Richtlinien zur Abgrenzung allerZuständigkeiten ausgeräumt werden.28Da ist es zum ersten Mal definitiv: das Schreckgespenst, daß die finanziellen Zusagendes Landes und des WDR allein an die Person Richters geknüpft sein könnten. Wiegesagt "könnten". Es stimmte nicht. Es gibt in den Unterlagen keinerlei konkreteHinweise. Leider läßt sich heute nicht mehr feststellen, wer dieses "Gespenst" und auswelchem Grund an die Wand gemalt hatte.Natürlich ist Richter alles andere, als einverstanden. In der "alten" Chronik des Autorssteht ausdrücklich, "... daß es um diese Zeit aussah, als würde er über Nacht hinschmeißen, um sich heimlich abzusetzen ..."Und er verliert jetzt auch den Autor, als einen bis dato zwar sehr naiven, oft zweifelnden,aber eigentlich noch sehr begeisterten Anhänger:19. Dezember 1958: Weihnachtsoratorium unter Richter in Witten "... ich sage ihm (teils noch immer von ihm fasziniert, teils im guten Glauben, ich könnte ihn beeinflussen) die erbetene organisatorische Assistenz bereits für die Chorproben in Witten zu, bekomme dann später eine Grippe, fahre dennoch zur Aufführung mit, habe aber kurz vorher einen Herzanfall: so daß für die Aufführung kein 1. Flötist vorhanden ist. Wütende und vor allem beleidigende Ausfälle Richters - und viel Aufmerksamkeit seitens der Opposition, die mich ermahnt, endlich einmal nachzudenken ..."02. Dezember 1959: Richter fordert und praktiziert (trotz Verbots) weiterhin seinenEntscheidungsanspruch in allen personellen Dingen. So verlangt er z. B. am 08. Januar1959 von Moritz Weiss die fristlose Entlassung Märkls, der ihm mehr und mehr dieGefolgschaft verweigern will.2909. Januar 1959: Corazolla verlangt daher umgekehrt (in einem Brief an dieTrägerschaft, im Vorfeld einer geplanten Diskussion zwischen Orchester undTrägerschaft am 12. Januar) in aller Deutlichkeit, Richter als menschlich nicht mehrgeeignet anzusehen.30 24
  25. 25. Moritz Weiss jedoch bittet seine Kollegen, im bevorstehenden Gespräch mit demOrchester zunächst noch einmal so ausgleichend wie möglich vorzugehen; dasGespräch soll für die künftige Weiterarbeit des Orchesters entscheidend sein.Fast sieht es aus, als sollte jetzt erst darüber entschieden werden, ob das Orchesterwirklich als "gegründet" und "existent" anzusehen ist, oder ob alles bisherige nur ein"ungültiger Versuch" war, den man jederzeit widerrufen könnte. "... überall wird diskutiert und verdächtigt, man kann sich kaum noch auf die Musik konzentrieren, die Zukunft erscheint völlig ungewiss ..." 25
  26. 26. Die sogenannte "Richter-Krise". Rolf Agop wird "KünstlerischerOberleiter"15. - 17. Januar 1959: Sinfoniekonzerte unter Richter in Weidenau "... es werden, ohne daß es irgendjemand für möglich hält, seine letzten Konzerte als Chef des Orchesters ..."Vorausgegangen war am 12. Januar das schon erwähnte "Gespräch" zwischenTrägerschaft und Orchester im "Probenlokal Müller".31Es blieb keineswegs als eine "besonders gelungene Veranstaltung" in Erinnerung, alsdas "klärende Gespräch", das nun notwendig war. Die Herren des Träger-Vorstandeshatten die Mahnung ihres Mitgliedes Moritz Weiss, so ausgleichend wie nur möglichvorzugehen, wohl nicht ganz ernst genommen. Sie standen zwar in allen Fragen Redeund Antwort, schienen aber die tiefe Kluft, die sich im Orchester aufgetan hatte, zuverkennen - und wollten es wohl eher mit einem "Machtwort" halten - so ähnlich wie"wenn jetzt nicht Ruhe ist, fackeln wir nicht mehr lange".Umgekehrt schien ihnen endgültig klar geworden zu sein, daß man diese "Ruhe" nurunter strengen Auflagen auch für Richter erreichen konnte.Dazu gehörte als Skurrilität sogar, daß man ihm die Einstudierung einer Oper (für die erbereits Sänger nach Hilchenbach eingeladen hatte) strengstens untersagt.Es scheint im übrigen noch eine "inoffizielle" Fortsetzung des "Gesprächs" zwischenTräger und nur der "Richter-Partei" gegeben zu haben. Darüber ist in den Protokollenzwar kaum etwas enthalten. Sonst aber läßt sich Richters überlieferte Äusserung, daßer auch "zu einer Verkleinerung des Orchesters aus finanziellen Gründen bereit wäre,wenn man ihn nur weiter gewähren ließe" nicht richtig einordnen - und vor allem nichtdas berühmte Wort von Moritz Weiss, das dann lange die Runde machte, nämlich "...wer das Geld hat, hat die Macht, daran müssen Sie sich gewöhnen, und ich habe dasGeld!" Den sonst so vorsichtigen Moritz Weiss hatte man wohl "in Rage" gebracht, er wollte vermutlich nur an den Kern der Dinge erinnern. Vielleicht hat er ja auch nur gesagt "wir haben das Geld".32 Ein "Machtwort" war jedenfalls nicht das richtige "Mittel der Wahl". Der Lernprozess, der jetzt dringend hätte folgen müssen, wäre nicht nur für Richter selbst oder für die verschiedenen Gruppierungen im Orchester, sondern auch für die "Obrigkeit" äußerst wichtig gewesen.Die Vertreter der Opposition gegen Richter (Scheck, Corazolla, Märkl und einige andere,im Orchester genannt "die Clique" und dann offiziell "die Neun") verließen das"Gespräch" jedenfalls eher - und unterschrieben noch am Abend einen bereitsvorbereiteten Brief. Man schildert noch einmal die ursprünglichen Ziele, sei aber zu derErkenntnis gelangt, daß Richter die Erwartungen nicht erfüllt habe, unter seiner Leitung 26
  27. 27. könne die Idee des Siegerland-Orchesters auch nicht mehr verwirklicht werden. Mansähe sich daher gezwungen, das Orchester zu verlassen - und diesen Brief alsKündigung anzusehen.33Eines der großen, wenn auch später etwas umstrittenen Ereignisse in der Geschichtedes frühen Orchesters! Auf jeden Fall ist zu sagen: Richters bald verbreitete Meinungvon "unverschämten Lügen", die im Brief stünden, wird schon bei oberflächlicherLektüre völlig unverständlich. Nicht der Brief als solcher hatte die von niemandem soerwarteten Folgen, sondern allein Richters voreilige und schlecht beratene Reaktiondarauf. Sie hätte wohl noch jeden Arbeitgeber auf der Welt zur "sofortigen Beurlaubung"veranlaßt.18. Januar 1959: der Brief der "Neun" war an Moritz Weiss gegangen und von diesemoffiziell an Oberstadtdirektor Seibt weitergereicht worden; Seibt übergab ihn dann (wohlanlässlich einer für diesen Tag sofort einberufenen Vorstandssitzung) an Richter zurStellungnahme.34In der Sitzung (mit Seibt, Kuhbier, Simony, Weiss, dazu Richter und Diederich) ist Seibtfür Richter, Weiss (sehr erregt) gegen ihn. Richter und Diederich müssen die Sitzungzunächst wieder verlassen; Weiss verteidigt dann weiter die "Neun" ("und zehn weitere,die hinter ihnen stünden"), Simony aber weiter Richter - und behauptet auch dessenRückhalt bei der Industrie.Als Richter und Diederich wieder hinzu kommen, stellt jetzt Richter ultimativ sein Bleibeninfrage. Nur mühselig einigt man sich auf den Kompromiß, den WDR (Dr. Krutge) alsSchiedsrichter anzurufen.Der Autor kann gar nicht anders, als so ausführlich von jenen legendären Ereignissen zuberichten, die ihm noch so lebendig in seiner Erinnerung sind:19. Januar 1959: Abfahrt zu "Carmina burana" in Offenbach. Da es die Wiederholungeines Konzertes ist, das schon am 18. Oktober stattgefunden hatte, der Chordirigentauch schon wieder zu einer Probe in Hilchenbach gewesen war, ist in Offenbach nureine "Verständigungsprobe" mit dem Chor notwendig.So hält Richter zunächst eine Orchesterversammlung ab, auch sie eine derlegendärsten in der frühen Geschichte des Orchesters.35Auf ihr verliest Diederich den Brief der "Clique" - und formuliert dann die Haltung desübrigen Orchesters: die „Neun“, jetzt mit Haupt zehn, sollen ausgeschlossen werden,man stehe einmütig hinter Richter. Diederich läßt schließlich eine Liste zur Unterschriftherumgehen.36Noch von Offenbach aus wird viel telefoniert (Scheck mit Moritz Weiss, der die"Ausgeschlossenen" ermahnt, unbedingt weiter Dienst zu tun, Richter mit dem SiegenerBaurat Simony) und auf der Rückfahrt gibt es einen nächtlichen Halt in Butzbach, beidem Richter dem Orchester durch Diederich ausrichten läßt, daß Siegen denOrchesterbeschluß voll bestätigt habe, anders lautenden Gerüchten solle keinerleiGlauben mehr geschenkt werden.37Es fällt offenbar auch der Zusatz, daß man sich bereits auf einen Vorstandsbeschlußdes Trägers dazu stützen könne.Dies war dann der entscheidende Schritt, den Richter zu weit gegangen war. Dennsofort verteidigt sich Weiss in einem Brief an die Vorstandskollegen und erinnert an 27
  28. 28. frühere Sitzungen: zwar habe man am 12. Januar vor dem Orchester eine weitgehendeKontrolle Richters zugestanden, dies sei nun aber in der Praxis nicht mehr möglich. Esgäbe "Hunderte von solchen Vorfällen" in der Vergangenheit. Auch die Darstellung der"Neun" als "gemeine Lügner" sei so nicht hinnehmbar.38Als Scheck ihm am folgenden Tag über "Butzbach" berichtet, schreibt er noch einenweiteren Brief - und verlangt die sofortige Entscheidung jetzt.21. Januar 1959: der Vorstand beschließt die Lösung des Dienstverhältnisses mitRichter - und teilt es ihm mündlich mit.39Es beginnt damit auch die Zeit, in der Scheck (neben seinem Dienst als Solo-Oboer)das Amt eines "vorläufigen Verwaltungsleiters" in aller Öffentlichkeit ausübt. Dies warwohl vor allem in seinem engen Vertrauensverhältnis zu Moritz Weiss begründet.Auf Moritz Weiss muß deshalb kurz eingegangen werden: als Hilchenbacher Fabrikantund dort lange Zeit Bürgermeister war er geschäftsführendes Vorstandsmitglied schonbeim Träger der Orchesterschule gewesen und wurde es dann auch beim Träger desOrchesters.Michael Scheck über ihn heute: "... obwohl er in eine ihm fremde Welt eingetreten war,versuchte gerade er, für das Orchester Sympathie und finanzielle Mittel aufzubauen. Dieinternen Querelen müssen ihm total unverständlich, mehr noch, ein Greuel gewesensein."So brauchte er natürlich einen Ratgeber, dem er voll vertrauen konnte - und hatte ihn inder Person von Michael Scheck gefunden; dies offenbar schon seit längerer Zeit.4022. Januar 1959: Weiss hat an Konzertmeister Hartig einen Text zur Verlesung vor demOrchester gegeben, daß man mit Richter vereinbart habe, seine Stellung sofortaufzugeben. "Ruhe (so sinngemäß) sei jetzt die erste Bürgerpflicht".4129. Januar 1959: der Vorstand stellt "amtlich" fest, daß das Beschäftigungsverhältnis mitRichter seit dem 21. Januar gelöst sei, und teilt es ihm jetzt auch schriftlich mit.4201. Februar 1959: Doch nun gibt es mehr und mehr Briefe seiner Siegener Freunde, diean "Gott und die Welt", vor allem aber an Dr. Krutge vom WDR, der ja Schiedsrichtersein soll, gerichtet sind. Wortreich wird versucht, die Dinge aus der Sicht Richters klar zustellen.43Und gibt es umgekehrt auch die (heute etwas peinlich wirkenden) Erkundigungen derTrägerschaft über Richter bei seinen früheren Arbeitgebern in Hagen und Wuppertal.44Natürlich gibt es am 03. Februar 1959 auch eine Besprechung im Kultusministerium, imBeisein von Dr. Schmücker (Ministerium), Dr. Krutge (WDR), Paasch(Landschaftsverband) und den Träger-Vorständen.45Die "Externen" bedauern zunächst, daß sie nicht mehr gehört worden wären - undstellen die Vorgänge als "unter Künstlern üblich" dar. Krutge behauptet erneut, daß erdie Befürwortung von weiteren Zuschüssen allein auf die Person Richters hin aufgebauthabe. Es kommt auch zur Sprache, daß sich der zu weit abgelegene StandortHilchenbach nicht bewährt habe, eine "Cliquenbildung" sei dort unvermeidlich gewesen.Die "Externen" werden sehr "deutlich", sie kanzeln die Trägervorstände beinahe ab.Dr. Schmückers und Dr. Krutges Reaktionen jedoch waren so zu erwarten - und warenallzu vordergründig. Der Name der Frau Dr. Schmücker taucht in den "Quellen" im 28
  29. 29. übrigen viel seltener auf, als man es laut anderen Darstellungen erwarten müßte; aufihrem Schreibtisch lag wohl vor allem der "Fall Agop", von dem gleich die Rede seinwird.Die graue Eminenz des Dr. Krutge hingegen bewegte sich mehr und mehr auf Glatteis.Zwar war er wohl eine im Hintergrund sehr treibende Kraft - und vor allem der FördererRichters schlechthin. Aber wenn er weiterhin mit der Bindung der Zuschüsse "an diePerson Richters" argumentierte, während doch nach den üblichen Regeln allein diesesungewöhnliche Orchester im Mittelpunkt hätte stehen müssen: kann man ihm kaumfolgen. Und das hat er dann wohl ziemlich bald eingesehen.46Viel eher ist hier ein (vorsichtiges) Wort über den Baurat Simony angebracht, der als"Adlatus" des Siegener Oberstadtdirektors Seibt an fast allen Sitzungen teilnahm. Abernicht über ihn persönlich, sondern über ihn als den profiliertesten Vertreter jenerSiegener Kreise, die in Richters Bestrebungen (wie schon erwähnt) wohl einen altenTraum verwirklicht sehen wollten (ein eigenes Orchester und womöglich auch Theaterzu haben, wie es z. B. Hagen, Solingen und Remscheid längst hatten) und ihn deshalbso enthusiastisch unterstützten.47Michael Scheck: "die vorherrschende Subjektivität der Siegener high society wirktesich immer wieder zum Nachteil des Orchesters aus. Denn diese Leute hatten Gewichtund Stimme in den politischen Gremien, oder konnten sie zumindest beeinflussen."48Vom Verwaltungsjuristen Kuhbier scheint (bei Gelegenheit aller genannten Gespräche)im übrigen die Feststellung zu stammen, daß die juristischen Gründe für eine "fristloseEntlassung" allemal ausgereicht hätten, man sei sich aber über eine "grundsätzlicheKündigung" zum 31. März 1959 und eine Gehaltsfortzahlung bis zu diesem Termin einiggeworden.Ob die "Fehlleistungen" Richters tatsächlich für eine "fristlose Entlassung" ausgereichthätten, mag dahin gestellt bleiben. Auffallend ist, wie schnell man nach dem rettendenStrohhalm bloß einer "fristlosen Beurlaubung" gegriffen hat. Aber das Kind war nun inden Brunnen gefallen, die Situation blieb völlig verfahren. Und so war die Bühne frei fürden nächsten "Helden" in der Geschichte des Orchesters.Am 04. Februar 1959 springt der Dortmunder GMD Rolf Agop ein und leitet alsVertretung für Richter ein Sinfoniekonzert in Siegen (u. a. mit den "Weber-Metamorphosen" von Hindemith).Agops nun beginnenden Unterlagen49 zufolge war er am 22. Januar telefonisch gebetenworden, für das Konzert einzuspringen.Neu und überraschend für ihn kann das aber nicht gewesen sein, es gibt auch keinerleiHinweise darauf, von wem er angerufen wurde - eher darauf, daß es sich um eine"Angelegenheit" handelte, die schon "von längerer Hand" vorbereitet worden war.50War es also schon schwierig zu erklären, wie Richter eigentlich "auf der Bühne" inHilchenbach erschien, ergibt sich bei Agop genau dasselbe.Auf jeden Fall: Agops "Einspringen" wird als die "Wende" angesehen. Und sie beginntso "blumig", wie es eben die Ausdrucksweise des unvergessenen Rolf Agop gewesenist: Er sei "händeringend vom Siegerland-Orchester darum gebeten worden."Die vom Autor vermutete und auch dunkel erinnerte Wahrheit aber lag wohl eher dort,daß Agop damals vor allem um ein Ziel bemüht war: noch "richtiger" Professor in 29
  30. 30. Detmold zu werden. Hierfür mußte entweder sein Vertrag in Dortmund gegen allesErwarten doch noch verlängert werden, oder es mußte sich eine Aufgabe wie dieses"Nachwuchs-Sinfonie-Orchester" ergeben, das in die richtige Richtung zielte.51So war er denn vermutlich schon sehr früh informiert - und hatte seine Fühler schon zueinem viel früheren Zeitpunkt ausgestreckt.Zwar bestätigt er, "daß sich Richter Dinge erlaubt hätte, die ihm so nicht zustanden, vorallem in vertraglicher Hinsicht" - aber er spricht eben schon gleich nach dem Konzertauch davon, daß zwar Richter "unbedingt zurückgeholt werden" solle (´er sei ja imübrigen sein Schüler gewesen), ihm aber "ein erfahrener Künstler zumindest in denersten kritischen Wochen quasi übergeordnet werden müsse."´ "... zunächst sind erst einmal völlig freie Tage bis Anfang März. Man fängt an, wieder in Ruhe zu üben - und bekommt eine erste Ahnung davon, in welch schöne Landschaft man da eigentlich verschlagen worden ist ..." "... derweil aber Drohungen der Richter-Seite, man würde gleichfalls kündigen, wenn Richter nicht zurückberufen würde ..." "... irgendwie kam man eben doch noch nicht zur Ruhe ..."Am 05. Februar 1959, dem Tag nach dem Siegener Sinfoniekonzert unter Agop:außerordentliche Sitzung des Kulturausschusses des Kreistages, bei der alles gründlichzur Sprache kommt, und Kreisdirektor Kuhbier noch einmal die Entwicklung "bis zumheutigen Stande" vorträgt. In der "sehr lebhaften" Debatte wird deutlich, daß es keineMehrheit dafür gibt, an der Person Richters als allein Verantwortlichem festzuhalten. Nurdrei Ausschußmitglieder sprechen sich dafür aus, sieben dagegen, drei enthalten sich.52Insofern wird begrüßt, daß nach dem gestrigen Konzert noch ein Gespräch mit Agopstattgefunden hätte, in dem er sich sehr positiv über das Orchester, aber auch übereinzelne Mitglieder der "Neun" geäußert und dies auch sofort Herrn Dr. Krutge mitgeteilthabe.Auf die spontane Frage, ob er als "Oberaufsicht" für eine Weiterarbeit Richters zuVerfügung stehen würde, habe er seine Bereitschaft bekundet.Man spricht sich sofort für diese Lösung aus, zumal sie auch ein Einvernehmen mitMinisterium, Rundfunk und Landschaftsverband verspricht, fordert Seibt zu den nötigenVerhandlungen mit der Stadt Dortmund auf - und beschließt einstimmig. 30
  31. 31. 09. Februar. 1959: Richter fordert darauf hin brieflich die Aufarbeitung seiner finanziellenDinge. Es sei Krankheit und privates Mißgeschick gewesen, daß ein Treffen mit Agopbisher noch nicht vereinbart werden konnte; Agop hätte ja aber gebeten, erst dann zueiner Aussprache und nach Hilchenbach zurück zu kommen, wenn er wieder gesundsei.53Schon hier fordert er jedoch seine "Herrschaft" allzu deutlich zurück, er formuliertsarkastisch, daß er "offenbar nur unter Aufsicht" wieder vor das Orchester treten dürfe.Und redet zwar von einer Neuordnung und von einem "Schlußstrich", meint aber ganzoffensichtlich: zu seinen Gunsten. Vor allem: gegen die "Neun". Das drang bis insOrchester vor. Der Autor erinnert sich um diese Zeit an erste "Friedensgespräche", mitdem Inhalt, daß Richter aus seinen Fehlern offenbar nicht lernen wolle, ganz einfach,weil er es grundsätzlich nicht könne.Viel wichtiger aber, als dies alles: um diese Zeit gibt es auch eine etwas bedenklicheSitzung des Finanzausschusses des Kreistages. 54Dem Sinn nach wird festgestellt: die "Sanierung" des Orchesters erfordere inzwischeneine viel höhere Summe, als erwartet. Es sei also zu überlegen, ob das Orchester "injedem Fall" gerettet werden solle. Ein "Nachwuchsorchester" sei auch nicht Aufgabe desSiegerlandes allein. Umgekehrt sei eine Reduzierung der Orchesterstärke und damit dieRückkehr zu den Verhältnissen der "Musikschule" ebenso wenig machbar. DasEinvernehmen mit Ministerium, WDR und Landschaftsverband sei daher unerläßlich.Dann kommt es, was man kaum in die Öffentlichkeit dringen ließ: eine finanzielle"Probezeit" von zwei Jahren sei das Äußerste, dem man zustimmen könnte.55Die Trägerschaft jedoch bleibt optimistisch: inzwischen hatte Agop auch brieflichzugestimmt, lag die Zustimmung aus Dortmund vor - und hing jetzt alles davon ab, obRichter mit einer "Oberaufsicht" Agops einverstanden war. Ein Neubau in Hilchenbachsei vorerst unnötig geworden; notfalls könne das Orchester in die Halle in Kaan-Marienborn ausweichen.56Man entschließt sich jedoch (wohl angesichts der vielfältigen Gerüchte, Meinungen undGegenmeinungen) künftig alles "streng vertraulich" zu behandeln. So gibt es am 12.Februar 1959 (laut Agop erst am 13. Februar 1959 und dann "ganztägig") bereits dienotwendigen Besprechungen: zwischen Agop und dem Trägervorstand, dasselbe imBeisein Richters, dann zwischen Agop und dem Orchester, dasselbe im Beisein desTrägervorstandes.57Die Ergebnisse sollen die Grundlage für ein ausführliches Gespräch zwischen Agop undRichter sein. Eingeschlossen ist schließlich auch eine "außerordentliche, nicht-öffentliche" Kreistags-Sitzung, deren Inhalt tatsächlich als "vertraulich" ausgegebenwird. Einziger Punkt der Tagesordnung: das Weiterbestehen des Orchesters.Agop ist anwesend, spricht sich gleich zu Beginn deutlich für den Erhalt des Orchestersaus, ist bereit (falls der Kreistag heute zustimme) die "Oberleitung" (im Klartext "diekünstlerische Verantwortung, die Programmgestaltung und die Schlichtung vonStreitigkeiten") zu übernehmen, dies (was immer er damit meinte) ohne "materielleForderungen"; daraufhin sei auch das Orchester "einstimmig" bereit, Frieden zu machenund einen erneuten Versuch mit Peter Richter zu unternehmen. 31
  32. 32. Landesrat Paasch, der gleichfalls zugegen ist, stellt dafür auch die Zustimmung desLandschaftsverbandes und des WDR in Aussicht. Moritz Weiss, der sich von dereigentlichen Geschäftsführung künftig mehr zurückziehen will, legt außerdem dar, daßso auch ein verwaltungsmäßiger Neuanfang des Orchesters möglich werde.Als Agop und die "Externen" dann den Saal verlassen haben, erwähnt Moning noch,daß er die "fristlose Entlassung" bereits zurückgenommen habe (womit also endlich derStatus der bloßen Beurlaubung hergestellt war) und daß die noch fehlenden Teile(Kuratorium, Satzung usw.) einer künftigen Trägerschaft endlich in die Wege geleitetworden seien.Es liest sich wie die eigentliche, nachgeholte Orchestergründung. Und das ist sieirgendwie auch gewesen: nun hatte nicht nur die Realität die Trägerschaft eingeholt,sondern hatte erstmals auch die Trägerschaft Anschluß an die Realität gefunden - undbekannte sich zuversichtlich zur Existenz eines selbständigen Orchesters. OhneFortbestand der Orchesterschule.Ob dabei nochmals das Wort gefallen ist, daß man jetzt "den Frieden erzwingen müsse,sonst aber das Orchester auflösen", ist nicht genau auszumachen. Der Autor hält esheute für eine sofortige "Propaganda" der Richter-Seite. "... darüber waren wir aber alle erschrocken - und skeptisch, ob Richter zustimmen würde bzw. wie das funktionieren sollte. Einzig seine tatsächliche Rückkehr unter Agops Oberaufsicht war jetzt der springende Punkt ..."Für den 18. Februar 1959 war dann das entscheidende, direkte Gespräch zwischenAgop und Richter vereinbart; es gab sogar schon einen Entwurf für denvertragsmäßigen Teil. Richter aber erscheint nicht, es findet nicht statt.58Die für den 28. Februar 1959 geplante "Wieder-Einführung" Richters wird also abgesagt.Richter wird außerdem verboten, bis zur Rückkehr Agops von einer Reise und einemdaher erst für den 6. Mai(!) angesetzten neuen Gesprächstermin nach Hilchenbach zukommen oder mit dem Orchester in irgendeiner Weise Kontakt aufzunehmen.59Vor seiner Reise gibt es am 04. März 1959 noch ein vielgelobtes Sinfoniekonzert unterAgop in Iserlohn, mit der "großen C-Dur" von Schubert. "... Agop bestätigt bei dieser Gelegenheit Corazolla als Vertreter im künstlerischen Bereich - und Scheck in seinen organisatorischen Aufgaben. Er läßt aber andererseits einen neuen Orchestervorstand wählen, in dem erneut nur die Richter-Seite vertreten ist ..." "... ein nicht immer zu verstehendes, aber wie sich zeigte: sehr geschicktes Taktieren, es wird zum Anfang der tatsächlichen Beruhigung ..."13. März 1959: Richter (jetzt und dann weiterhin mit dem Absender des heimatlichenElternhauses in Lübeck) widerspricht plötzlich und erklärt sich generell mit demgeplanten Ablauf der Dinge nicht einverstanden; er dreht auch den Spieß um: Agop seivoreingenommen, sei beeinflußt worden - und habe seine (Richters) terminlicheGegenvorschläge von vornherein nicht akzeptiert. Er "droht" sogar mit Konsequenzen,oder deutet sie zumindest an.60 32
  33. 33. Am 15. März 1959 scheint er seiner Sache so sicher zu sein, daß er für seineVorbereitungen die "April-Partituren" verlangt, und nun wieder von "Entscheidungs-Befugnissen" redet.19. März 1959: sogar Seibt weist Richter jetzt in einem "eingeschriebenen" Vorstands-Brief scharf zurecht. Richter habe nach dem Treffen am 12. Februar akzeptiert, wasauch die Grundlage für das Treffen mit Agop am 18. Februar sein sollte: einenwirklichen Schlußstrich, nach dem alles Vorherige nicht mehr zur Debatte stünde. DasGespräch am 18. Februar, sei aber leider nicht zustande gekommen. Die Rückkehr vonAgop müsse jetzt abgewartet werden. Richters Briefe vom 13. und 15. März seien sonicht hinnehmbar, würde er sie aufrecht erhalten, sähe der Vorstand keine Möglichkeitmehr, das Vertragsverhältnis neu zu begründen. "... alle sind neugierig, ob Richter die ihm gestellten Bedingungen jetzt noch annimmt - vor allem aber besorgt darüber, ob seine Stelle (zusammen mit der eines Verwaltungsleiters) sonst wirklich neu ausgeschrieben wird (wie es mehr und mehr verlautet) oder ob es doch noch zur angedrohten Auflösung des Orchesters kommt ..."Doch schon am 04. April 1959 treffen sich Agop und Richter überraschenderweise inKöln, Krutge/ WDR scheint diesen Termin möglich gemacht zu haben und moderiert ihn:man hatte sich also doch noch einigen können.61Sah Agop plötzlich ein, daß auch er allzu unbeherrscht reagiert hatte?11. April 1959: Jan Corazolla "muß" in einem Brief an den Vorstand monieren, daß sichdie "Neun" zwar zum Bleiben bereit gefunden hätten, jedoch nur, wenn sich Richtergrundsätzlich und positiv ändere. Dies habe er aber auch seit dem Gespräch mit Agopnicht getan, er habe das Übereinkommen nachweislich bereits gebrochen.62Zwar wird Corazolla leider nicht konkret, doch sein "Kernpunkt" dabei ist neu: erverweist darauf, daß sich die Diskussion um Richter ausschließlich auf das"menschliche" verlagert habe, über das "künstlerische" sei noch gar nicht geredetworden. Dies aber sei das Entscheidende.63Er hat das offenbar auch an Agop geschrieben und ihm seinen Brief an den Vorstandbeigefügt. Agop antwortet am 20. April 1959 zunächst noch etwas zurückweisend: daßman Richter nun erst recht die Chance einer Rückkehr geben müsse, dann würde sichsofort und deutlich erweisen, ob er dies auch nutzen könne. Es ist aber deutlich zuspüren, daß er über die "künstlerische Seite" Richters bisher noch gar nicht vielaussagen kann - oder will.64So ganz unrecht, wie man es damals glauben machen wollte, hatte Richter mit seinem"Taktieren" nicht: inzwischen redet Agop kaum noch davon, daß es schon deswegeneine "nur vorübergehende Unterordnung" sein würde, weil er, Agop, ja eigentlich garkeine Zeit hätte und auf das Wohlwollen seiner Obrigkeit in Dortmund angewiesen sei.In Wahrheit hatte er offenbar sehr viel Zeit, und so war wohl damals schon entschieden,daß die "künstlerische Oberleitung" auf Dauer und sogar unter einem neuen Dirigentenfortbestehen würde. 33
  34. 34. 21. April 1959: dem Vorstand wird die Nachricht zugespielt, daß Richter kein echtesInteresse an einer Rückkehr habe, wenn er nicht allein verantwortlich sein dürfe undsich Agop unterordnen müsse; dies würde er dann nur heucheln, es würde ihm dann"nur noch ums Geld gehen“. 65Daraufhin muß der Vorstand (im Einvernehmen mit Agop) sehr schnell reagiert haben,obwohl kaum noch Unterlagen darüber vorhanden sind. Schon im Vorfeld oder erst beiProbenbeginn anläßlich eines Konzertes am 25. April 1959 in Niederdresselndorf erfährtdas Orchester, daß nicht Richter, der es als erstes Konzert nach seiner Rückkehr leitensollte, dirigieren würde, sondern Agop, und daß Richter nicht mehr zurückkehrt.Am 29. April 1959 kann Oberstadtdirektor Seibt auch Krutge/ WDR davon überzeugen,daß Richter seine Äußerungen tatsächlich so getan hätte - und zwar in einem Telefonatmit Bremer vor dessen Einstellungsgespräch.66Die Entscheidung brachte also ein telefonisches Gespräch zwischen Arne Bremer, demdesignierten neuen Verwaltungsleiter des Orchesters, und Peter Richter, das auchstattgefunden haben muß, weil selbst Richter es später immer wieder erwähnt hat.Leider wird nur nicht ganz klar, von wem es ausging. Der Autor meint allerdings, daßdieser heikelste Punkt der Entwicklung lieber offen bleiben sollte.Bremer solle es den Siegenern ausdrücklich so mitteilen: wird Richter wohl seinen(vermutlich sehr ungeschickten) Sätzen am Telefon hinzugefügt haben, und Bremer hates dann offensichtlich auch getan.Erst viel später (der Autor hat es erst unter dem Datum 28. Januar 1960 gefunden) wirdRichter behaupten, daß er es so nur sinngemäß gesagt habe (etwa: helfen Sie mir, daßich wenigstens etwas künstlerische Entscheidungsfreiheit behalte, damit ich nicht nurdes Geldes wegen zurückkommen muß) und wird hinzufügen, daß es dafür Zeugengäbe.Das ist, samt den unbenannten Zeugen, vom ganzen Vorgang her nicht glaubhaft, dieoffizielle Version scheint zu stimmen. Erstaunlich ist also nur, daß Bremer dieseunüberlegten Äußerungen überhaupt weitergegeben hat: ausgerechnet Bremer, derdoch (seiner Art gemäß und gemäß seiner Auffassung von seiner künftigen Arbeit) vonvornherein "um Ausgleich" bemüht war.Daher ist zu fragen: bleibt das (aber auch nur das) also übrig von der legendären, bisheute immer wieder erwähnten "Intrige", über die Richter schließlich "gestolpert" sei:daß man Bremer überredet hat, sein Telefonat mit Richter so "ungeschminkt"weiterzugeben?67Das Spiel war aus - und Richter muß es sehr schnell erfahren haben. Ob es alsReaktion darauf wirklich zu dem kam, was Richter in einem Brief an den Autor später"eine Verzweiflungstat meinerseits" nannte, "die dann im Krankenhaus undmonatelangem Genesenmüssen endete", soll hier nicht näher untersucht werden. Zwarhat der Autor darüber einige Unterlagen gefunden. Aber was bleibt, wäre dann nurMitleid.68 34
  35. 35. Zwischenzeit: bis zur Wahl von Thomas UngarHier zunächst noch eine Anmerkung über Jan Corazolla. Als "stellvertretendenDirigenten" hatte ihn Peter Richter schon bald nicht mehr anerkannt - wie dann auchThomas Ungar nicht und (ab 1962 als Chef) auch nicht Rolf Agop. Er wurde später inKöln zunächst "Organisator" des "Rheinischen Kammerorchesters", erst dann dessenDirigent. Leider starb er viel zu früh. Als "Chef" in Hilchenbach, was er wohl gerngeworden wäre, war er nicht denkbar. Aber man mag ihn sehen, wie man will: als "Chef-Ideologe" hat er sich um das Orchester verdient gemacht, wie kaum ein anderer.6904. Mai 1959 und damit zurück zu jenem folgenreichen Telefongespräch: erst jetzt wehrtsich Agop auf einer Sitzung mit dem Vorstand und den hinzugezogenen Fachleutengegen eine Rückkehr Richters. Man beschließt, das Vertragsverhältnis nicht neu zubegründen, sondern einen neuen Dirigenten zu suchen.70Agop lehnt auch für die Zwischenzeit eine weitere Chance für Richter "um des liebenFriedens willen" ab. Richters Vertrag wird daher (allerdings unter Wahrung der Bezügebis einschließlich September) endgültig aufgelöst."Richters Vertrag": immer wieder (wie bei allen Orchestermitgliedern) muß man fragen,ob er überhaupt rechtsgültig vorhanden war. Agop spricht außerdem mehrfach von"großer Sorge um die gesundheitliche Zukunft" Richters. Davon, daß Richter in Detmoldeine Weile sein Schüler gewesen sei (offenbar hatte Agop zumindest in der Zeit, als erChef in Herford war, in Detmold einen Lehrauftrag) spricht er jetzt kaum noch.14. Mai 1959: Auch der erweiterte Vorstand, das Kuratorium, stellt sich hinter diesenBeschluß.Es sei nicht möglich, daß Richter in dieser Zwischenzeit in irgendeiner Form nochKonzerte des Orchesters dirigiere. Er solle bis zum 25. Mai mitteilen, ob ereinverstanden sei, sonst müsse man sich auf den Rechtsstandpunkt stellen.Auch Dr. Krutge schien dem inzwischen zugestimmt zu haben, mit der RegierungsrätinDr. Schmücker hatte Agop ohnehin ein internes Einvernehmen hergestellt.14. Mai 1959: Richter wird dies alles brieflich mitgeteilt. Zwar hält sein Vater diesen Briefzunächst noch zurück - oder leitet ihn erst verspätet an seinen Sohn weiter. So stimmtRichter (angeblich noch in der Klinik und inzwischen "gezwungen" zur Unterschrift) erstam 22. Mai 1959 schriftlich zu.Richter behauptet bis heute sinngemäß, daß das noch offenstehende, weil bisSeptember weitergewährte Gehalt (das er dringend benötigt hätte) ohne dieseUnterschrift sonst nicht ausgezahlt worden wäre; die Frist für ein arbeitsgerichtlichesVerfahren "war ja inzwischen wohlweislich abgelaufen".71Seine Vorwürfe jedenfalls , daß alles "unkorrekt" zugegangen sei, dauern bis heute an,sie standen auch noch bei den Treffen der "Ehemaligen" ab 1999 im Mittelpunkt."Unkorrektheiten" jedoch lassen sich aus den Unterlagen so nicht herauslesen. Einweiteres Attest der Klinik hätte auf jeden Fall Aufschub bedeutet. Und so ist es beivielem, was er und seine Freunde noch immer behaupten.72 35
  36. 36. Geben wir ihm aber wenigstens die Gelegenheit zu einem Schlußwort: "daß das Ganzeeine zutiefst menschliche Tragödie war und ist, will wohl niemand wahrhaben."In der Sitzung vom 5. Mai war auch der Einstellung von Arne Bremer als neuer (ersterrichtiger, erster vollbezahlter) Verwaltungsleiter (amtlich sogar "Verwaltungsdirektor")endgültig zugestimmt worden.Zwar klaffen im Etat weiterhin große Lücken, das Orchester soll aber nun doch in vollerStärke erhalten bleiben - und die Dirigentenstelle (endlich ist es amtlich) neuausgeschrieben werden. "... Agop bleibt völlig Herr der Situation; er ist der hochverehrte Meister, der umwerfend gut probiert und in jeder Situation die Belange des Orchesters vertritt ..."So vor allem am 20. Mai 1959 in Darmstadt, wo das Orchester erstmals zu den "Tagenfür Neue Musik und Musikerziehung" eingeladen worden ist.In der Folgezeit ist jedoch noch immer nicht viel Dienst: viele Konzerte (und damitEinnahmen) waren infolge der "Richter-Krise" nicht zustande gekommen, nur einigeChorleiter hatten notgedrungen abgewartet. Auch jene Neuverpflichtung nachNeuenahr, die eine Weile die Gemüter erregte, kam nicht zustande - doch kam nunumgekehrt der noch immer hochgeschätzte Kurkapellmeister Wantzen wenigstens füreinige "Wiener Abende" nach Hilchenbach und ins Siegerland. "... wir knüpfen also wieder dort an, wo wir waren, als wir von Neuenahr aufbrachen, und versuchen, zu vergessen ..."Am 08. Juli 1959 schließlich kommt es zum (wegen seiner hochsommerlichen Hitzeunvergeßlichen) Sinfoniekonzert unter Christoph Stepp auf der Bundesgartenschau inDortmund, der damit den Reigen der Probedirigate eröffnet.Der Abschluß vor der Sommerpause ist ein Serenaden-Konzert unter Dr. Krutge(höchstpersönlich!) am 17. Juli 1959 im Hof des Oberen Schlosses in Siegen - dazueine anschließende Einladung des Vereinsvorstandes an das Orchester.Das Ende der Orchesterschule ist zwar offiziell, aber das Orchester bleibt bestehen undbekommt eine nunmehr erweiterte finanzielle Trägerschaft. "Verwaltungsdirektor"Bremer nimmt seinen Dienst auf.So stellt es auch Dr. Krutge dar, der (obwohl er doch eigentlich die Rückkehr Richterszur Bedingung des WDR gemacht hatte) weiterhin regelmäßige "Sendekonzerte" desOrchesters verspricht. Und auch andere steigen mit ins Boot, vor allem die Rektoren(bzw. ihre Vertreter) der Hochschulen in Detmold, Köln und Freiburg. Sie bilden ein"Kuratorium", das an der Dirigentenentscheidung beteiligt werden und den "richtigen"Weg in die Zukunft formulieren soll.Viele, sehr viele "Texte" über dieses "Experiment" eines idealistisch gesinnten"Nachwuchsorchesters" sind auch damals wieder entstanden - bis hin sogar zu einerersten, höchst spektakulären "Bildfolge mit Text" in der "HörZu".73Liest man das heute, so erschrickt man immer wieder vor so viel (mit Verlaub gesagt)Klugscheißerei. Nicht nur, weil die eigentlichen Belange der Siegener bzw.Hilchenbacher (und ihr geschilderter, fortdauernder Konflikt untereinander) dabei bloßübertüncht wurden, der Konflikt brach dann unter Thomas Ungar gleich wieder auf. 36
  37. 37. Sondern es scheint erneut wichtiger gewesen zu sein, daß etwas geschrieben wurde,nicht was.So, wie es bei allen Orchestern überall in solchen Fällen der Fall ist. Merke: solcheTexte verlieren sehr schnell an Aussagekraft. Sie sind heute fast unverständlich.Wirklich aussagekräftig auf Dauer bleiben eigentlich nur ein paar Fotos, einige Gesten,einige Gesichter hier und da, hingeworfene Notizen, einige Momente in irgendwelchenKonzerten. So kommt es dem Autor vor.Irgendwann in dieser Zeit war dann die "Musikschule" tatsächlich und endgültig"abgewickelt" worden; konnten die allerletzten Schüler noch "weitergereicht" oder sogarbeim Orchester "aufgefangen" werden. "... die Baracken im "Langen Feld" stehen nun wieder leer, werden nur noch teilweise als billiges Wohnquartier einiger unentwegter Orchestermitglieder benutzt ..."74 "... doch es hält sich natürlich das unausrottbare Mißverständnis der alteingesessenen Hilchenbacher, wir wären noch immer die Jongs von de Moseckschool ..."Das Orchesterbüro zieht in das winzige (heute längst verschwundene) Haus in derRotenberger Straße (in der Nähe des Probenlokals "Müller") um. "... Agop erreicht in dieser Zeit auch den endgültigen Frieden im Orchester. Zwar bleibt bestehen, daß Scheck, Corazolla und Märkl eine Art Beirat für ihn bilden (was später zur nächsten, zur Ungar-Krise beiträgt), aber die vor allem von Scheck durchgesetzte Wahl Bremers ist eigentlich schon die letzte Aktion der Clique ..."Umgekehrt stecken nun auch die Eiferer "pro Richter"zurück, so daß sich eine gemäßigte Haltung in der Mittedurchsetzt.Christoph Stepp (der jedoch zu hohe Forderungen stellt, dieman ihm erst später in Ludwigshafen erfüllen wird), derältliche GMD Georg C. Winkler (ehemals Kiel undSondershausen) und Frithjof Haas (damals schon inKarlsruhe, aber erst als "Kapellmeister") waren dienamhaftesten unter den immerhin 34 Bewerbern, die AgopEnde Juni auflisten konnte.75Die interessantesten hatten sich dann bis zur Sommerpauseschon ein erstes Mal vorgestellt. Nur der eigentliche FavoritAgops, Günther Weissenborn aus Göttingen, hielt sich nochbedeckt - und die späteren Favoriten des Orchesters(Thomas Ungar, damals noch im Umfeld der "PhilharmoniaHungarica" tätig, sowie Thomas Baldner, dessen Weg sichnicht mehr nachvollziehen läßt) hatten noch nichtentschieden, ob sie sich auch wirklich bewerben wollten.Hinzu kamen im übrigen schon damals Außenseiter, die das 37
  38. 38. Orchester mehr als "Tournee-Orchester" verpflichten wollten - und die damit für eineWeile auch Gehör fanden, die Wahl eines ständigen Chefs hinausschoben.Inzwischen war es der "Jahrhundert-Sommer" 1959 geworden; nie wieder hat der Autorso schöne - und endlich wieder "entspannte" - Wochen in Hilchenbach erlebt, wie sienun ins Land zogen.Doch gegen Ende der Sommerpause meldet sich auch Richter noch einmal zu Wort: miteinem "Leserbrief", der fast ganzseitig in der Wochenend-Ausgabe der "Westfalenpost"vom 22. August 1959 erscheint.76 38
  39. 39. Eine kurze Entgegnung des Trägers in der folgenden Wochenend-Ausgabe vom 29.August 1959 stellt jedoch nur Richters damalige Äußerung (er käme "bloß um desGeldes wegen" zurück) in den Mittelpunkt.77Der Kreistag beschäftigt sich dann aber noch ausführlich mit dem "Leserbrief", dadessen Wirkung "außerordentlich" gewesen sei; dies allerdings nicht in der Richtung, dieRichter erwartet habe, sondern mehr in Richtung einer allgemeinen "Verwirrung".Die "außerordentliche" Wirkung des Leserbriefes kam vor allem deswegen zustande,weil er jetzt tatsächlich noch erschien: nachdem jedermann wußte, daß er längstangekündigt war - und im Vorfeld (wie schon erwähnt) von sehr vielen Briefen Richtersund seiner Freunde an alle möglichen Leute begleitet wurde.Auf fast 100.000 DM Schulden sei im übrigen zu beziffern, was Richter durch dieeigenmächtige Ausweitung auf 59 Mitglieder plus Dirigent plus Verwaltungsleiter, alsoauf 61 "Kräfte" angerichtet habe; es sei zu befürchten, daß die Summe durch die"dirigentenlose Zeit" auf 120.000 anwachsen werde.78 Doch schon in dernichtöffentlichen Sitzung am 17. September 1959 gibt der Kreistag wieder Entwarnung:die finanzielle Situation könne (dank des WDR) bis Ende des Jahres doch nochausgeglichen, unter das "Thema Richter" daher endgültig ein Schlußstrich gezogenwerden.Der Ruf des Orchesters habe nicht gelitten; seine Unterbringung hätte allerdingsdahingehend geregelt werden müssen, daß bis auf weiteres noch im "Saal Müller"geprobt würde, weil noch keine Einigkeit über den künftigen Standort gefunden sei.Vorerst sei die billigste Lösung die wahrscheinlichste, nämlich die gründlich renoviertenund umgestalteten Baracken "Im langen Feld" von der Stadt Hilchenbach anzumieten.Da der vom Land geforderte Neubau so schnell nicht möglich gewesen sei, sei es auchrichtig gewesen, die Orchesterschule aufzulösen. Dies sei nun abgeschlossen. LandratBüttner stellt nochmals klar, daß Agop zur festen Auffassung gelangt sei, daß Richternicht mehr vor das Orchester treten dürfe, also habe man sich endgültig von Richtergetrennt; nach seinem Leserbrief sei man zwar der Meinung gewesen, "scharf" undausführlich antworten zu müssen, es sei aber nur zu einer kurzen Richtigstellunggekommen: in der Absicht, erst im Wiederholungsfall Klarheit zu schaffen. 39

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