Rezension "Die Gründung und die Gründer"
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Rezension "Die Gründung und die Gründer"

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Peter Kunzmann rezensiert die Festschrift der Universität Siegen anlässlich des 40. Gründungsjubiläums

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Rezension "Die Gründung und die Gründer" Rezension "Die Gründung und die Gründer" Document Transcript

  • Universität Siegen (Hrsg.) Die Gründung und die Gründer: Ein Rückblick auf die Anfänge der Universität Siegen 1972 - 1980 Siegen : universi, 2012 271 Seiten ISBN 978-3-936533-6 € 19,90 RezensionDas Dezimalsystem ist eine segensreiche Erfindung, ohne die sich der nostalgischeBildungsbürger im Dschungel vergangener Ereignisse schwer zurechtfinden würde. Um beimKaffeekränzchen, am Stammtisch oder im Heimatvereinskreis angeregt parlieren zu können,nachdem die Gegenwartskrisen als Tagesordnungspunkte abgehakt sind, bedarf es derrunden Jubiläen. Diese reihen sich zum Glück so nahtlos aneinander, dass der sanft dahin-plätschernde Fluss des Konversierens nie unterbrochen zu werden braucht: Irgend etwas vor10, 25, 50, 100, 200 ... Jahren Geschehenes findet der Geschichtsfreund immer. Die Historiewird zum Abreißkalender einer nie erschöpfbaren Folge von Jubelfesten; was zwischen denmit Leuchtfarbe markierten „besonderen“ Jahren liegt, kann da nicht auch noch beachtetwerden. Wozu also „40 Jahre Universität Siegen“? Die Null ist eine Konzession an dieJubiläumsmentalität, man hätte auch 38 oder 42 wählen können – bis zum Fünfzigstenwarten aber nicht.Wenn Menschen zu Gründern neuartiger Institutionen werden, stehen sie gewöhnlich seiteiniger Zeit im Beruf, haben vielfältige Erfahrungen gesammelt, sich bewährt, vielleicht auchEinfluss gewonnen, sind andererseits längst noch nicht etabliert, bequem oder auch resig-niert genug, um sich auf keine Neuanfänge und Herausforderungen mehr einlassen zuwollen. Kurzum: Es sind meist Menschen zwischen der Mitte des vierten und dem Anfangdes fünften Lebensjahrzehnts. Vierzig Jahre nach Errichtung der Gesamthochschule habensich die Reihen dieser Generation schon zu lichten begonnen, aber noch weilen viele unteruns, die als Zeitzeugen befragt werden können und den Respekt der Jüngeren für ihrLebenswerk empfangen sollen. Zehn Jahre später, wenn wieder einmal ein konventionelle-res Jubiläum ansteht, wird das nicht mehr der Fall sein. Diese Überlegung war motivierendgenug, gerade jetzt einen „Rückblick auf die Anfänge“ vorzulegen.Als „Herausgeber“ firmiert keine natürliche Person, sondern die Universität – womit sich demSpitzenfunktionär des Hauses, wie es in solchen Fällen Brauch ist, die Gelegenheit zu einemVorwort bietet. Hochamtliche Prologe muss man ja normalerweise nicht lesen und erst rechtnicht rezensieren; wenn sich ersteres aber versehentlich doch ergibt, wird man zuweilen mitwundersamen Blüten am Baum der Erkenntnis belohnt, die – auch wenn es das Haupt-geschäft aufhält – den geschätzten Mitbürgern nicht ganz vorenthalten werden sollten.„Derzeit bestreitet wohl kaum jemand mehr, dass eine Verwissenschaftlichung der Gesell-schaft notwendig ist“, erfährt man (S. 8) von Holger Burckhart, der seine Brötchen alsprofessioneller = professoraler Philosoph verdient hatte, bevor er Siegener Rektor wurde.Seltsamerweise fällt dem Rezensenten niemand aus seinem engeren Bekanntenkreis ein,
  • der diese angebliche Notwendigkeit nicht bestreiten würde, aber vielleicht verkehrt er bloß inden falschen Kreisen. Die These an sich ist natürlich nicht neu. Weisheiten wie diesebefruchteten beispielsweise auch die Lehrpläne der DDR-Schule und -Hochschule, welcheihrerseits Vollstrecker der (wie so ziemlich alles vor und neben Hegel einschließlich seinerselbst “vom Kopf auf die Füße gestellten“) Aufklärungsphilosophie waren. „Verwissenschaft-lichung“ (Man genieße das Wort!) lässt sich mit vielem treiben: Kriegsführung, Massentier-haltung, massenmediale Volksverdummung etc. – es funktioniert ja zweifellos, und wer willbehaupten, dass hier eine andere Wissenschaft am Werke sei, als diejenige, welche dieGesellschaft insgesamt, die Schöne Neue Welt, nach den Vorstellungen des Neo-Aufklä-rungsphilosophen Burckhart uniformieren soll. Die einzige zur Verfügung stehende Wissen-schaft ist Menschenwerk – aber Menschen, Aufklärer ebenso wie ihre Opponenten, sindkeine wissenschaftlichen Versuchsapparaturen. Aufklärerische Illusionen klammerten sichschon an alle möglichen Früchte der Wissenschaften: Mal wurde in der völkerverbindendenEisenbahn das endlich anbrechende Heil der Menschheit gesehen, mal in der die Glühlampeund das Ferngespräch schenkenden Elektrizität, mal in der Schutzimpfung oder der Anti-Baby-Pille oder neuerdings im Internet. Wahrlich, an „Verwissenschaftlichung“ mangelt esder Gesellschaft seit zwei Jahrhunderten nicht – nur handelt es sich dabei, soweit kollektiveAneignungsprozesse ins Spiel kommen, eher um eine Verpseudowissenschaftlichung. Dieseist immerhin das kleinere Übel gegenüber der Alternative (die gewisse Verfechter habendürfte): Das Einpflanzen extern programmierbarer Gehirnstimulatoren würde die Gesellschaftin ein wissenschaftlich zuverlässiger handhabbares System verwandeln helfen. Handhabbardurch wen?Auch ohne bis auf weiteres von künstlich-intelligenten Gehirnimplantaten bedroht zu seinund hoffentlich ohne in den Verdacht weltverschwörerischer Paranoia zu geraten, lässt sichnach dem künftigen Weg der Gesellschaft im allgemeinen und der Universität im besonderenfragen, wenn auf der Prioritätenliste ihrer Eliten „Verwissenschaftlichung“ an erster Stellesteht, nicht aber (wozu Kulturpessimisten wie dem Rezensenten allerdings auch manchesSkeptische einfallen würde) „Persönlichkeitsbildung“ – individuelle Erweckung zum Ethosstatt kollektiver Einschläferung.Die historisch interessierten Leser dieser Zeilen könnten sich vom rektoralen Bonmot zumNachdenken über „Verwissenschaftlichung der Geschichte“ anregen lassen. Was unterschei-det Geschichte vom real Geschehenen? Welche Rolle – die der Magd oder die des Diktators– sollte der Wissenschaft beim erkenntnismäßigen Verwandeln von Geschehenem in Ge-schichte zukommen? Können Personen, die über Vergangenes lediglich aus zweiter Handnach wissenschaftlichem Kalkül belehrt werden, sich ihrer selbst als historische Akteurebewusst werden? Wie sollen Menschen – um auf die bekannte Frage des gebürtigenFreudenbergers Hans-Ulrich Wehler zu verweisen – „aus der Geschichte lernen“, wenn„Geschichte“ mit den als Orientierungshilfen im historischen Dickicht entworfenen wissen-schaftlichen Erklärungsmodellen gleichgesetzt wird?Nach dem Vorgeplänkel nun aber zur Sache.„Den Anstand wahren!“ Dafür hatte Johannes Rau 1985 anlässlich eines Wahlkampfes inZeitungsanzeigen geworben. Diese Forderung gilt auch für das Besprechen eines Buches,dessen Thematik dem „Vater der Gesamthochschulen“ einst so vertraut gewesen war. Undnachdem das – es sei nicht verschwiegen – mit großer Skepsis erwartete Werk nun erschie-nen ist, stellt der Rezensent fest, dass ihm der Verzicht auf unterhaltsame aber boshafteUnanständigkeiten gar nicht schwerfällt. „Bücher haben ihre Schicksale“, heißt es so schön:
  • Damit sich dieses für die vorliegende Publikation auch erfüllt, soll sie ihren Weg hinaus in dieWelt friedlich ziehen können und vor dem Aufbruch zwar nicht totgeschwiegen, aber auchnicht totrezensiert werden.Die Festschrift ist – auch wenn sich der institutionelle Herausgeber ein wenig in den Vorder-grund geschoben hat – eine Gemeinschaftsproduktion zweier der Universität Siegen seitetlichen Jahren nahestehender Wissenschaftler: Sabine Hering, Sozialpädagogik-Professo-rin und ausgewiesene Expertin auf dem Gebiet der – wie es modern heißt – „GenderStudies“ (u.a. Mitgründerin des Archivs der Deutschen Frauenbewegung in Kassel) und KurtSchilde, promovierter Historiker mit dem Arbeitsschwerpunkt sozialgeschichtlicher Aspekteder NS-Zeit. Wer von den Hintergründen des Projekts anfangs am Rande Kenntnis erlangthatte, wird nicht darüber erstaunt sein, dass zwei – um es vorsichtig auszudrücken – derhochschulgeschichtlichen Forschung bislang nicht leidenschaftlich ergebene Autoren nunausgerechnet das vielschichtige Thema „Gesamthochschule“ für sich entdeckt haben: DieFestschrift ist schlicht ein Auftragswerk, anscheinend im akademischen Freundeskreis ange-regt und Anfang des Jahres 2009 vom damaligen – historisch aufgeschlossenen – RektorRalf Schnell offiziell zum 40. Gedenktag erbeten. Der Versuchung, eine maßstabsetzendeMonographie mit Referenzcharakter für die zukünftige bildungs-, hochschul- und regional-geschichtliche Forschung anbieten zu wollen, sind die Autoren erfreulicherweise nichterlegen. In dem nur etwa dreijährigen Zeitrahmen für das Einarbeiten in einen sehr sperrigenStoff und das Ausarbeiten eines dem Anlass würdigen Exponats wäre jeder Versuch, einegroßangelegte „Geschichte der Universität Siegen“ zu produzieren, illusorisch gewesen.Entstanden ist eine recht sympathische Jubiläumsschrift, eine Reminiszenz an die Veteranender Gründungszeit, von diesen sicherlich als ein Kleinod universitärer Erinnerungskulturdankbar empfangen.Was als durchaus eigenständiges Druckwerk auftritt, ist genaugenommen „das Buch zumFilm“, nämlich die um einige Beigaben angereicherte Sammlung transkribierter, primäraudiovisuell vorliegender Interviews. Diesen vorangestellt wurde zur Einstimmung lediglicheine kompakte „Gründungsgeschichte“ (S. 11-35), die den mit der Materie nicht vertrautenLesern (falls es solche geben sollte) einen Überblick verschafft.Sicherlich ist es eine schwierige Gratwanderung, auch dem heterogenen Publikum jenseitsder engeren Zielgruppe gerecht werden zu wollen und dies obendrein innerhalb des selbst-gewählten Rahmens einer knappen Einführung. Hier und dort müssen zwangsläufigWünsche offenbleiben. Einem jüngeren Leserkreis (etwa heutigen Siegener Studierenden)würde es nicht leichtfallen, anhand bildungspolitischer Extrakte eine Beziehung zu deneinstigen Anliegen der studierenden Elterngeneration zu entwickeln. Für Leser, die keinealteingesessenen Siegerländer sind, wäre es vielleicht interessant, Genaueres über dieseinerzeitigen örtlichen Verhältnisse und besonders über die Mikrostandortwahl zu erfahren.Gerade dieses Thema ist allerdings in der Region legendenumwoben, so dass, wer sich nurauf das „kollektive Gedächtnis“ und nicht auf objektive Quellen stützt, leicht auf Abwegegerät. Zum Beispiel hatte die Stadt Siegen Ende 1969 nur 10 Tage nach dem Kreis ihreneigenen Anspruch auf eine Universität artikuliert, wie auch die Initiative für eine regionale(den Kreis einschließende) „Aktionsgemeinschaft Universität Siegen“ ein Vierteljahr spätervon ihr ausging – ein gegenüber dem Landkreis geringeres oder gar fehlendes Interesse, wiees in den Interviewfragen immer wieder suggeriert wird, lässt sich also kaum behaupten.Auch dass die Stadt sich „nicht entschließen konnte, einen angemessenen Bauplatz anzu-bieten“ (S. 18), gehört ins Reich der Fabel. Sie hätte ja gerne, konnte aber nicht. Entgegender landläufigen Meinung eröffnete dies nun aber keinen Kalten Krieg zwischen den Siege-
  • ner und Hüttentaler Verwaltungen, denn die Entscheidungsträger in der Siegmetropolewaren (vielleicht im Gegensatz zu manchen lokalpatriotischen Stammtischrunden)einsichtsvoll genug, um die einzige realisierbare Option mitzutragen.Die Ausführungen zur Landespolitik mussten um der angestrebten Kürze willen ebenfalls aufdie an sich wünschenswerte Tiefe verzichten, was dann auch, weil nicht erfragt, durch dieInterviews nicht kompensiert wird. Bei einer großzügiger dimensionierten Darstellung würdeein guter Ansatzpunkt ja durchaus die (dann besser korrekt, d.h. nicht nach der Sekundär-literatur zitierte) Äußerung des – übrigens damals für den Hochschulbereich gar nicht mehrzuständigen – Kultusministers Holthoff zur Schließung von PH-Abteilungen (S. 17) sein.Verständlich wird sie nur im Kontext der ins „Nordrhein-Westfalen-Programm 1975“ einge-gangenen Hochschulausbaupläne des 1. Kabinetts Kühn. In dem Zusammenhang ist danndie Trendwende von der Metropolisierung zur Regionalisierung (2. Kabinett Kühn, nun mitWissenschaftsminister Rau) aufschlussreich für die politische Szene vor 40 Jahren, womanches Konzept mehr Anklang beim „Gegner“ als im eigenen Lager fand. So stand etwadie Forderung progressiver Vertreter der CDU nach einer Universitätsgründung im Sieger-land (besonders vom ehemaligen Kultusminister Paul Mikat erhoben) längst im Raum, bevorJohannes Rau in die Position gelangte, von der bisherigen sozialliberalen Kabinettspolitikabweichende Ideen verwirklichen zu können.Im übrigen ist es nicht verkehrt, sich hin und wieder darauf zu besinnen, dass die politischePraxis in diesem Staat auf Gewaltenteilung beruht. Zu sagen, „für die Entwicklung desGesamthochschulmodells in NRW“ sei das Wissenschaftsministerium „zuständig“ gewesen(S. 12), beschreibt nur die eine Seite der Medaille. Wer Verständnis für die Hochschulreformder 1960er/70er Jahre sucht, kommt am Landtag schlichtweg nicht vorbei, wo neben inter-essanten Gladiatorenkämpfen (im Plenum) eben auch ernsthafte konzeptionelle Arbeit (imKulturausschuss) geleistet wurde. Der Landtags-Kulturausschuss war übrigens der Ort, anden Abgeordnete der zu integrierenden Bildungsstätten eingeladen worden waren, um sichzum Entwurf des Gesamthochschulentwicklungsgesetzes auszusprechen (Anhörung am12.4.1972; aus dem Siegerland und Gummersbach waren neben H.-G. Vitt die HerrenWitthöft, Rimbach, Roth sowie Studentenvertreter Wagner angereist). Ein Jahr zuvor hatteRau seine (sicherlich im Ministerium kollektiv erarbeiteten) „Thesen“ vorgelegt und ausdrück-lich um Stellungnahmen der potentiell betroffenen Einrichtungen gebeten. Schon im Sommer1970, kurz nach der Amtsübernahme, waren die Pädagogischen Hochschulen aufgefordertworden, Kommentare zum „Aufbau- und Strukturplan für die Gründung neuer Universitäten“abzugeben; die eingehenden Stellungnahmen führten mit dazu, gegen Ende des Jahres dasvon Heinz Kühn goutierte Konzept der „Erziehungswissenschaftlichen Universitäten“ fallen-zulassen und sich für regional gestreute Gesamthochschulen zu entscheiden. So verständ-lich und nachvollziehbar es natürlich ist, dass die damaligen Praktiker „sich vor Ort über-gangen fühlten“ (S. 22) – Wer fühlt sich von seinen Dienstherren nicht übergangen? – solltedoch auch daran erinnert werden, dass gerade die Gesamthochschulerrichtung nicht als einParadebeispiel für etatistischen Machtmissbrauch in Anspruch genommen werden kann.Die Fokussierung des Blicks auf gewisse hervorstechende Charakteristika der Gesamthoch-schulkonzeption hat leicht zur Folge, dass die historische Dimension des Unternehmens –quasi der „Reformgeist an sich“ – übersehen wird. Der Intention nach sollte diese Konzeptioneine Abkehr von dem in den Vorjahren beschrittenen Weg der separierten Reformen (mal fürVolksschüler, mal für Ingenieurschüler, mal für angehende Lehrer) einleiten. Die Integrationdes tertiären Bereichs war nicht als isolierte Maßnahme beabsichtigt; sie sollte (nach denVorstellungen Evers‘, Raus und Gleichgesinnter) in enge Beziehung zu Reformen des
  • Sekundarbereichs (Integration von Hauptschulen, Realschulen, Gymnasien, Berufsschulen)gebracht werden. Gesehen wurde auch – worauf aus den Kultus- und Wissenschaftsressortsheraus freilich kein Einfluss genommen werden konnte – die Reformbedürftigkeit des Öffent-lichen Dienstes mit seinem rigiden Berechtigungswesen, Verbeamtungstheater und Besol-dungsunrecht. Erst eine Humanisierung dieses Bereichs hätte letztendlich auch die Gesamt-schulen und Gesamthochschulen ihr volles Potential entfalten lassen; doch wäre hierzu eingesamtgesellschaftlicher Wertewandel erforderlich gewesen, auf den der im pietistischenWuppertal sozialisierte „Bruder Johannes“ vielleicht gehofft haben mag, der sich aber offen-sichtlich nicht einleiten ließ (und lässt). Dies alles in den Blick gefasst, wird deutlich, was hiereigentlich gescheitert und nicht einmal über erste Anfänge hinausgelangt war. Darüber kannauch das Beschwören formaler Übereinstimmungen zwischen damaligen und heutigen Orga-nisationsdetails nicht hinwegtäuschen. Es mag ja sein, dass konsekutive Studienmodelle,wie sie in den Reformjahren um 1970 entworfen worden waren, viel Ähnlichkeit mit demaktuellen Bachelor-Master-System aufweisen. Solche Formalismen schönzureden, verstelltaber nur den Blick auf die unterschiedlichen Intentionen hinter beiden Prozessen. OhneZweifel waren auch diejenigen Protagonisten der 1960er/70er Jahre, die es wirklich ernst mitder Bildungsreform (als Katalysator für erhoffte gesamtgesellschaftliche Reformen) meinten,„Kinder ihrer Zeit“ und keine Heroen, aber zugestehen kann man ihnen immerhin den gutenWillen, das Ideal der Humanität in die bildungspolitische Sphäre hineinzutragen. Mit dertechnokratischen Hochschulglobalisierung, die sich des Namens der ehrwürdigen Bologne-ser Universität bemächtigte, hat das nun gar nichts zu tun.(Als kleine Abschweifung sei auf die – einige Jahre vor dem Anstoß des „Bologna-Prozes-ses“ – anlässlich der 900-Jahr-Feier dort initiierte „Magna Charta der Universitäten“ hinge-wiesen, ein Bekenntnis abendländischer und außereuropäischer Hochschulen zu den Tradi-tionen humanitärer Bildung und deren Bewahrung unter den Herausforderungen der Zukunft– fraglos eine völlig nutzlose Gesinnungserklärung, die nichtsdestotrotz seit 1988 von bislanginsgesamt 752 offensichtlich auch Zweckfreies schätzenden Universitätsrektoren und -präsi-denten unterzeichnet worden ist, darunter 30 Repräsentanten deutscher Universitäten, alterwie neuer Gründungen, einschließlich Duisburg/Essen und Paderborn. Siegen ist nichtdabei, warum auch, will man doch hier die Gesellschaft verwissenschaftlichen und keineSentimentalitäten pflegen.)Wer aus der Perspektive eines der fünf Gründungsstandorte schreibt, wird leicht versuchtsein, eine gewisse regionale Selbstbezogenheit nicht zu hinterfragen. Die legislatorischeErrichtung von Gesamthochschulen in NRW und die Planung einer davon im Siegerlanddurch regionale Gremien sind, wie man sagt, zwei Paar Schuhe. Hier zu differenzieren, istfür das Verständnis des landespolitischen „Regionalisierungsprinzips“ wichtig. Dieses bedeu-tete eben gerade nicht, die am lautesten rufenden unterversorgten Regionen mit demGeschenk einer Hochschule ruhigzustellen. Neue Universitäten sollten, worauf schon PaulMikat ein paar Jahre vor 1972 hingewiesen hatte, nicht gebaut werden, „um den Städteneine Freude zu machen“. Die Bewilligung konkreter Makrostandorte konnte – daran ließ auchder Wissenschaftsminister nie einen Zweifel – allein das Ergebnis zentral vorgenommenerkomplexer Landesplanungen sein, ausgehend von prognostizierten Studierendenzahlen,Wanderbewegungen, gegenseitigen Beeinflussungen benachbarter Gründungen (z.B.:Würde eine Gesamthochschule in Paderborn der selbst noch am Aufbaubeginn stehendenUniversität Bielefeld das Wasser abgraben?), sekundären Effekten für den Strukturwandelund so fort. Keine Überredungkraft hatte die persönliche Meinung von Stadtvätern, ihreKommune sei besser als andere für die Ansiedlung einer Hochschule geeignet. Für die
  • Doppelstadt Siegen/Hüttental und die vier übrigen dann gewählten Kandidaten traf dies,anders als für die vielen sonstigen Bewerber jener Zeit (insgesamt sollen es um die 40 gewe-sen sein), in der Tat zu, deshalb bekam das Siegerland eine Gesamthochschule (übrigensnicht, weil es „calvinistisch“ war und ein Gegengewicht zum katholischen Paderborn herge-stellt werden sollte, wie sich Manfred Zabel – S. 209 – zu erinnern glaubt). Des Biedenkopf-Lohmar-Gutachtens hätte es zur Beeinflussung der Landesregierung gar nicht bedurft; esdiente mehr der regionalen Selbstvergewisserung, ob man ein solches Großprojekt auch„stemmen“ könne. Die für das Ministerium relevante Datenbasis lieferte ein von ihm wohl-weislich außerhalb der Landesgrenzen in Auftrag gegebenes wissenschaftliches Gutachten(Arbeitsgruppe Standortforschung an der Universität Hannover).Mit dem bewussten (natürlich der gewünschten Kompaktheit geschuldeten) Ausblenden desbildungspolitischen Geschehens vor der Thematisierung des Gesamthochschulmodells wirdin Kauf genommen, dass ein wirklich abgerundetes Bild der Siegerländer Hochschul-geschichte nicht vermittelt werden kann. Nachdem sich das Land erst einmal grundsätzlichfür den Weg der Regionalisierung entschieden hatte, war die Gründung einer Gesamthoch-schule im Siegener Raum nahezu unvermeidlich (was den Wert der ihr dargebrachtenregionalen Bemühungen ja nicht schmälert), da sie sich aus längst geschaffenen Voraus-setzungen ableitete. Es gab in Nordrhein-Westfalen Anfang 1971 genau fünf Kommunen(wenn man Siegen und Hüttental hier als Einheit sehen will), die 1. selbst oder im nahenEinzugsbereich über keine Universität verfügten, 2. eine Pädagogische Hochschul-Abteilungbeherbergten, 3. demnächst durch Zusammenschluss mehrerer höherer Fachschulen Sitzeiner Fachhochschule werden sollten und 4. (was Hagen ausschloss) auf Jahre hinaus einwachsendes Studierendenaufkommen erwarten ließen. Diese genau fünf Kommunenwurden nach dem Willen der Landesregierung und natürlich (worüber trotz der anders moti-vierten Ablehnung des GH-Entwicklungsgesetzes durch die CDU-Opposition parteiüber-greifender Konsens herrschte) auch des Landtags dafür vorgesehen, die Reformen in NRWein Stück weit voranzubringen. Es hätte schwerwiegender Argumente seitens der Städte,etwa des Fehlens geeigneter Grundstücke bedurft, um sich diesem vom Land gewünschtenAufbauwerk entziehen zu können. Im Siegerland zum Beispiel wäre ein am Haardter Bergvon frustrierten Häuslebauern angezettelter Bürgerkrieg vermutlich überzeugend genug fürdie Aufgabe des Projekts gewesen. Die Entscheidungsspielräume waren für die kommuna-len Körperschaften und Aktionsgemeinschaften 1971, als in Düsseldorf das Quintett derHochschulen neuen Typs zusammengestellt wurde, durchaus bescheiden. Ob sie nununbedingt wollten oder nicht, die Fünf hätten dazugehört; glücklicherweise wollten sie es alle.Die in der Konsequenz entscheidenden Weichen waren zu dieser Zeit längst gestellt worden.Um die Leistungen der regionalen Reformkräfte angemessen würdigen zu können, müsstedie Gründung der Siegener Gesamthochschule in einem offeneren zeitlichen Rahmenbetrachtet werden. Zum Beispiel hätte es ohne das jahrelange Festhalten am Wunsch nachsowohl einer Pädagogischen Hochschule als einer Ingenieurschule für Maschinenwesen inden 1950er/60er Jahren später keine Gesamthochschule gegeben. Ohne die geduldigen undzeitweise demütigenden Auseinandersetzungen mit gewissen Haubergsgenossen zu Beginndes Städtebauprogramms am Haardter Berg Anfang der 1960er Jahre hätte die HüttentalerVerwaltung weder für die PH noch für die GH Grundstücke anbieten können. In Gummers-bach hätte das Misslingen des lange verfolgten Ingenieurschulplans (1963 verwirklicht) dasEntstehen einer Einrichtung vereitelt, ohne die vermutlich Siegen nicht Sitz einer Fachhoch-schule geworden wäre. (Die oberbergische Außenabteilung steuerte mit ca. 1000 Studieren-den ein Drittel bei. Dass Gummersbach, bis 1983 dazugehörend, in der Festschrift weit-
  • gehend unerwähnt bleibt, werden die dort tätig gewesenen noch lebenden „Gründer“ sicher-lich mit Enttäuschung registrieren.)Gern würde der Rezensent an dieser Stelle zusammenfassend sagen, die 25seitige „Grün-dungsgeschichte“ werfe mehr Fragen auf, als sie und die nachfolgenden Interviews beant-worten – gern, weil mit dem Entdecken von Frag-Würdigem die Bildung beginnt. Wenn dieDarstellung solches bewirkt, hat sie womöglich nicht ihren beabsichtigten, wohl aber einennoch edleren Zweck erfüllt. Jedoch lehrt die Erfahrung, dass der Neugier des literarisch über-sättigten Publikums durchaus Grenzen gesetzt sind. Wo sich keine unmittelbare Betroffen-heit einstellt, wird die Lektüre meist folgenlos absolviert und zum nächsten zufällig präsentenText übergegangen.Es ist ja das grundsätzliche Manko jeder Darstellung historischer Abläufe, dass den Empfän-gern wesentlich mehr Einzelheiten vorenthalten als mitgeteilt werden und die Auswahl nichtsie selbst frei und im Einklang mit ihren spezifischen Interesse-Nuancen vornehmen, son-dern der Vermittler nach seinen Kriterien. So entsteht „Geschichte aus zweiter Hand“, welcheje nach dem Grad der „Verwissenschaftlichung“ die Rezipienten entweder gleichgültig lässtoder ihnen das trügerische Gefühl gibt, etwas verstanden zu haben, ohne dass sie es sichselbst erarbeiten mussten. Zwischen ihnen und den Zeugnissen der Vergangenheit stehtimmer die Subjektivität des Vermittlers (Achtung: Der Rezensent ist auch einer!), sei es alsFilter für faktische Informationen, sei es als Übersetzer von Mannigfaltigkeit in abstrahierteLehrsätze. Schreibende Historiker können diesem Dilemma schwerlich entrinnen, aber eswird sie im besten Fall stets an ihre Verantwortung mahnen: Da es sich nun einmal nichtvermeiden lässt, die Leser zu manipulieren, sollte man es wenigsten so quellenbasiert wiemöglich tun. Freilich entspricht das zähneknirschend-geduldige Durchforsten von Archiven,die Kärrnerarbeit, dem dynamischen Naturell mancher Historiker eher wenig. Wer selbst demalten Schlachtruf „Ad fontes!“ mit Blut, Schweiß und Tränen Folge zu leisten versucht, wirdauf saloppere Annäherungen an die Historie mit großem Misstrauen blicken, zumal dann(was aber bei der Festschrift nicht der Fall ist), wenn sich unter dem Mantel der Geschichtenur „Brot und Spiele“ verbergen.Doch bevor dies allzusehr in Schwafelei ausartet, wenden wir uns hurtig dem Hauptteil desBuches zu, den Interviews.Diese stellen einen gewichtigen Versuch dar, „Oral History“ in die Geschichtsschreibung derUniversität einzubeziehen. Respektabel ist dies allemal, sind doch von Mensch zu Menscherzählte Geschichten ein Ferment der historischen Bewusstwerdung. „Oral History“ –meistens, aber nicht erschöpfend, mit „Geschichte von unten“ assoziiert – ist das Instrumentzur Aufarbeitung der nicht oder zumindest nicht adäquat verschriftlichten Aspekte menschli-chen Treibens, solange noch Zeitgenossenschaft besteht. Ihr Gegenstand kann das Lebender sogenannten „kleinen Leute“ sein, die wenig materielles Erinnerungsgut hinterlassen,aber auch das der „größeren“, wenn etwa mentalitätsgeschichtliche Fragen interessieren. Sowird man über die Befindlichkeiten deutscher Professoren und Fachhochschuldozenten um1972 in der Tat am meisten erfahren, wenn man sie einfach reden lässt. Vergleichsweisewenig kann „Oral History“ zur institutionsgeschichtlichen Thematik im engeren Sinne beitra-gen, abgesehen von stets willkommenen Anekdoten, sofern es den Fragenden gelingt,solche hervorzulocken. Moderne Institutionen sind durchweg kollektive Schöpfungen undwährend des Entstehens auf die Absicherung kommunikativer Prozesse durch Schriftlichkeitangewiesen. Dem bei Großprojekten überwältigenden Corpus dokumentierter Überlieferung(die natürlich nicht mit der Sekundärliteratur zu verwechseln ist) wird aus persönlicher, nach
  • Jahrzehnten ohnehin oft trügerischer Rückschau selten etwas bis dato Unbekanntes aberWichtiges hinzufügbar sein. Solche verschütteten Erinnerungen bei Gesprächspartnern danndurch geschicktes Fragen vielleicht doch freizulegen, setzt eine sehr souveräne Kenntniseben jener verschriftlichten Geschehnisse voraus – sowohl um für die offensive Gesprächs-führung gerüstet zu sein, als auch um das Erinnerte mit dem überlieferten Kontext in dierechte verifizierte Beziehung bringen zu können.Damit ist freilich nur gesagt, dass Interviews den durch Aufarbeitung des reichen archivi-schen Quellenmaterials möglichen Kenntnisstand über die Gesamthochschulerrichtungheute nicht mehr spektakulär bereichern. Das dürfte aber primär auch gar nicht die Moti-vation der Befragungen gewesen sein. Man könnte sie im Anklang an den ein wenig peinli-chen Slogan der Siegener Universität „Zukunft menschlich gestalten“ (Die Gegenwart dem-nach nicht???) unter das Motto stellen „Das Menschliche in der Vergangenheit verstehen“.Dies ist nicht ganz so trivial, wie es klingt. Obwohl natürlich erkundende Gespräche zunächstdarauf hinzielen sollten, konkrete, in der jüngeren Vergangenheit wirkende oder sogar etwasgründende Persönlichkeiten zu verstehen, kann dies nicht die letzte Erfüllung von „OralHistory“ sein. Die menschliche Gesellschaft war und ist kein wissenschaftlich organisiertesLaboratorium und Geschichte weder Versuchsprotokoll noch daraus abgeleitete Theorie.Geschichte kann sich ebenso wenig im Sammeln und Sortieren protokollierter Fakten (der„Quellen“ im weitesten Sinne, schriftlicher wie mündlicher) erschöpfen, wie sie sich vonTheorieentwürfen reglementieren lassen darf. Die gegenwärtige Gesellschaft, in der gefragtwird, ist qualitativ nichts anderes, als die vergangene Gesellschaft, aus der die Antwortenerhofft werden: eine Bühne für das aktive Handeln und passive Behandelt-Werden vonMenschen (die „Taten und Leiden“, wie es Goethe nannte) in der Spannung zwischen indivi-dueller Behauptung und kollektiver Vereinnahmung. Die konventionelle Frage „Wie ist etwasobjektiv gewesen?“ führt noch nicht über die virtuelle Grenze der Zeit hinaus, obgleich siesehr komplexe Glasperlenspiele anregen kann. Existentielle Bedeutung für Menschen in derGegenwart erlangt Geschichtserkenntnis erst, wenn sie die menschlichen Irrungen undWirrungen in der Vergangenheit verstehen hilft. Dann könnte aus der Geschichte vielleicht (!)sogar gelernt werden. Soweit das Ideal.Wer die gedruckten Interviews liest, wird sich bewusst sein, dass es Nachschriften sind;solche können nicht die Lebendigkeit leibhafter Gespräche abbilden, wie es Filmaufnahmenmöglich ist. (Die Mitschnitte werden voraussichtlich später auf DVD veröffentlicht.) Leiderfehlen im Buch Auskünfte über den Charakter der sicherlich stattgefundenen redaktionellenBearbeitung. Sind die Niederschriften gekürzt, sind sie geglättet? Geben sie die spontanenRedebeiträge wieder oder nachträglich autorisierte Versionen? Wurden noch mehr Inter-views als die 18 transkribierten geführt und wenn ja, nach welchen Kriterien erfolgte dieEndauswahl? Das Fehlen von Hintergrundinformationen macht es schwer, die Kollektiongerecht zu beurteilen. Den Lesern wird ja kaum eine gewisse Unausgewogenheit entgehen,die sich vielleicht versehentlich ergeben hat, womöglich aber auch durch Sachzwängebedingt war. Ohne Frage wäre es gar nicht möglich gewesen, jeden voraussichtlich inter-essanten Gesprächspartner einzubeziehen. Auch 18 solcher Befragungen, zum Teil mitReisen verbunden, haben zweifellos mehr Mühe und Aufwand erfordert, als viele einsiedle-risch über Akten brütende Historiker (oder Rezensenten) zu investieren bereit gewesenwären. Die eine oder andere Persönlichkeit, von der zu vermuten ist, dass sie eigentlichinterviewt werden sollte, hat dies nicht mehr erlebt, weil sie im Laufe der letzten drei Jahreverstorben ist. Es könnte gelegentlich auch persönliche Gründe gegeben haben, für ein
  • Gespräch nicht zur Verfügung zu stehen. Über die Auswahl mag man sich also wundern,sollte jedoch nicht zu viel hineininterpretieren.Natürlich fällt auf, dass nur eine einzige Frau zu Wort kommt, welche zugleich auch noch dieeinzige Vertreterin des nichtwissenschaftlichen Gesamthochschulpersonals ist. Frauen anden Herd oder allenfalls an die Schreibmaschine? Solcher Gesinnung sind die Autoren nunwirklich nicht zu verdächtigen! Wie immer diese Diskrepanz (Altrektor Rimbach hätte tadeln-de Worte gefunden) verursacht sein mag, illustriert sie jedenfalls treffend die Situation zurGründungszeit der Gesamthochschule. Nicht einmal 5 % der 1972/73 in Siegen tätigenHochschullehrer waren Frauen; deren Domäne bildete der Verwaltungsbereich, vor allem derSchreibdienst, denn Leitungsposten waren natürlich ausnahmslos maskulin besetzt.Die Wahl der Gesprächspartner (1 Rektor, 2 Kanzler, 1 Landrat, 1 IHK-Präsident, 2 hoheMinisterialbeamte, daneben etliche Professoren) könnte den Eindruck einer ausgeprägtenHerrschaftsfreundlichkeit seitens der Festschriftautoren erwecken, was aber sicherlich einFehlurteil wäre, würde man doch bei Frau Hering und Herrn Schilde anhand ihrer Lebens-läufe ein eher gemäßigt „linkes“ Selbstverständnis vermuten. Gleichwohl kommt natürlich dieTatsache zu kurz, dass die Gründungszeit der Gesamthochschule noch mehr umfasste alshöchst anspruchsvolle wissenschaftliche Unternehmungen. Die Belastungen dürften in denvon Bauarbeiten und Umzügen begleiteten Anfangsjahren für die Mitarbeiter aus Technikund Verwaltung besonders groß gewesen sein und ihre Verdienste um das Aufbauwerk,soweit sie sich an individuellem Engagement messen lassen, nicht minder respektabel alsdie des wissenschaftlichen Personals. Es kann bezweifelt werden, ob dieser Gruppe dieBefragung einer einzelnen „Alibi-Sekretärin“ das Gefühl gibt, an der Festtafel willkommen zusein.Freuen darf man sich mit den Autoren darüber, dass es ihnen gelungen ist, Dietrich Küchen-hoff und Hans Engel, seinerzeit Gruppenleiter und Regionalreferent im Wissenschaftsmini-sterium, als Zeitzeugen zu gewinnen: Man spricht ja oft leichthin abfällig von der „Ministerial-bürokratie“ und verbindet damit vielleicht die regelmäßig wiederkehrenden Signaturen unteramtlichen Schriftstücken. Durch den Auftritt der beiden sympathischen älteren Herren wirdman daran erinnert, dass auch hinter den Düsseldorfer Bürotüren ganz normale Menschenihrem Tageswerk nachgingen.Auf einen aus seiner Sicht schwerwiegenden Mangel hinzuweisen, bleibt dem Rezensentennicht erspart. Die integrierten Gesamthochschulen sollten drei Kategorien tertiärer Bildungs-einrichtungen zu neuen Einheiten verschmelzen. Wenn in der Siegener Rückschau nur zweiDritteln des Trios Beachtung geschenkt wird, ergibt sich ein sehr unvollständiges, wenn nichtverzerrtes Bild der Gründung und hat dies zur Folge, dass sich eine wichtige Gruppe derGründer brüskiert fühlen muss. Ohne die Existenz und Bewährung der PädagogischenHochschule wäre im Siegerland keine Gesamthochschule entstanden. Dass ihre Integrationnicht reibungslos ablaufen würde, dürfte damals niemanden überrascht haben: Die Vertreterder PH kamen gewissermaßen zwischen den Stühlen der übergeleiteten Fachhochschul-dozenten, die für sie eine eher fremde Welt repräsentierten, und der berufenen Universitäts-professoren, von denen sie sich nicht recht ernstgenommen fühlten, zu sitzen. In einemRückblick auf die Gründung und die Gründer hätten sie, neben den beiden anderenPersonengruppen, nicht fehlen dürfen. Wenn sie womöglich auch als ein etwas komplizierterPartner im Dreiergespann wahrgenommen wurden (wie es z.B. im Gespräch mit BertholdStötzel anklingt), wäre es nur recht und billig gewesen, an das von ihnen eingebrachtePositive zu erinnern. Die Lehrerausbildung war ein Standbein der Gesamthochschule, und
  • an ihrem wohl guten Ruf hatten sicherlich die den Paradigmen der PH verpflichtetenKollegen einen besonderen Anteil. Welche Konflikte gab es zwischen den von klassischenphilosophischen Fakultäten nach Siegen berufenen Hochschullehrern und den im gleichenFach arbeitenden PH-Professoren mit ihrem mehr lebensnah-didaktischen Ansatz? Trifft eszu, dass die Universitätsleitung auch noch Jahrzehnte später lieber an Traditionen wie dieder Wiesenbauschule erinnert werden möchte als an die der PH? Wie viel von der Pädagogi-schen Hochschule Westfalen-Lippe, Abteilung Siegerland, wirkt heute noch in der UniversitätSiegen nach, was hat sich nicht durchgesetzt oder ist mit „Bologna“ verschwunden? Wasließe sich nach den Erfahrungen von 8 + 40 Jahren – mit erweitertem Blick auf die preußi-schen Reformen der Lehrerausbildung um 1926, ohne die das Phänomen „PädagogischeHochschule“ kaum zu verstehen ist, den künftigen Siegener Pädagogen mit auf den Weggeben? Aus der Festschrift ist all dies nicht zu ersehen, und das betrübt den Rezensentenebenso, wie es manchen Leser enttäuschen wird.Freundliche Neugier und ein vorgefertigter Katalog recht allgemein gehaltener Fragen genü-gen noch nicht, um jedes Interview mit dem bestmöglichen Ergebnis abzuschließen. Einedenkbare Alternative zu netten solitären Plaudereien wäre gewesen, jeweils zwei oder drei inihren Ansichten vermutlich divergierende Zeitzeugen zu behutsam moderierten Streitgesprä-chen einzuladen. Natürlich hängt der Ertrag eines Interviews auch immer von Temperamentund Erfahrungshintergrund des Befragten ab, so wie der Aussagewert für den Leser ingewissem Maße durch persönliche Faktoren wie Sympathie oder nähere Bekanntschaftbeeinflusst wird. Deshalb soll hier gar nicht erst versucht werden, die einzelnen Beiträge zucharakterisieren.Das menschliche Gedächtnis hat bekanntlich seine Tücken, und es wäre sehr erstaunlich,bei dem insgesamt so umfangreichen Rückblick auf vor mehreren Jahrzehnten erlebteGeschehnisse nicht die eine oder andere faktische Ungereimtheit zu entdecken. Durch nochsorgfältigere Endredaktion hätte gewiss vermieden werden können, manches Irreführendean die Öffentlichkeit weiterzugeben. Wenn etwa die Chronologie durcheinander gerät (z.B. S.208), sollte das für gut vorbereitete Bearbeiter leicht erkennbar sein; wenn sich in derErinnerung Tatsache und Wunschbild unglücklich vermischt haben (S. 182), hätte man dasdurch einen Blick in die alten Protokolle unschwer aufklären können. Aber es muss jetzt nichtargwöhnisch nach Haaren in der Festtagssuppe geforscht und jedes Versehen oberlehrer-haft zur Sprache gebracht werden. Die Interviews sind keine Examen. Wer sie liest, wird denBefragten das gleiche zugestehen, was er im Zeugenstand für sich selbst beanspruchenwürde, nämlich dass Irren menschlich ist.Vorhin ist von den Interviews als einem „Versuch“ die Rede gewesen, und das war nichtdespektierlich gemeint. Geschichte als bewusstes Nachzeichnen von Geschehenem ist einstetiger Prozess, nichts innerhalb von drei Jahren oder der Lebensspanne von PersonenAbzuschließendes. Sie hat Werkstattcharakter. Der einzelne Beiträger kann – auch wenn erfür sich selbst nach Vollendung streben mag – letztendlich doch nur „Versuche“ unterneh-men und darauf hoffen, dass sich irgendwo in der großen Werkstatt Kollegen zur Weiterfüh-rung des Begonnenen angeregt fühlen werden.Zu den Anhängen: Das „Personenglossar“ (S. 215-250), eine anerkennenswerte Fleißarbeit,bringt Biogramme der Interviewpartner und zahlreicher weiterer im Kontext mehr oder minderrelevanter Persönlichkeiten. Manche, die eher als andere dazugehören würden, fehlen – wassich natürlich leicht monieren lässt, wenn man selbst von der sich irgendwann unweigerlicheinstellenden „Betriebsblindheit“ nicht betroffen war. (Was würden Freud und die Gleich-
  • stellungsbeauftragte dazu sagen, dass sämtliche männliche Rektoren von Woll bis Burckhartaufgenommen wurden, nicht aber Frau Hantos? Ekkehard Birnstiel, den letzten Leiter derHöheren Wirtschaftsfachschule, hätte man nicht vergessen sollen, zumal der alte Herr dasBuch wahrscheinlich noch in die Hand bekommen wird. Auf die „PH-Abstinenz“ ist obenschon eingegangen worden.)Die Erstellung des 20seitigen Literaturverzeichnisses („zur Geschichte des Gesamthoch-schulmodells / Universität Siegen“) dürfte, wie es solche Hilfsmittel nun einmal erfordern,dem Kompilator einige Mühe abverlangt haben – für die er keinen angemessenen Dankernten wird: Lesern, die einen eher feuilletonistischen Zugang zur Thematik suchen, mussdas Verzeichnis überfrachtet erscheinen; zur Vorbereitung systematischer Recherchenwürde man auf umfänglichere Bibliografien zurückgreifen.Ein paar Worte noch zu Äußerlichkeiten, denn das Auge isst bekanntlich mit – besondersdann, wenn leicht verdauliche Speisen serviert werden, bei denen scharfe Zähne undätzende Magensäure nicht viel zu tun bekommen.Die ebenso schlichte wie geschmackvolle Aufmachung und die handwerklich solide Herstel-lung des Bandes verdienen hervorgehoben zu werden; sie entsprechen dem Anlass des Ent-stehens. Als für alternde Knaben wie ihn gerade noch zumutbar empfand der Rezensent dieSchriftgröße – ein Ärgernis dürfte sie aber für die im achten oder neunten Lebensjahrzehntstehenden Leser sein, denen als Angehörigen der Gründergeneration das Buch ja auf denGabentisch gelegt worden ist. Die bildliche Ausstattung wurde – hoffentlich nicht mit Rück-sicht auf das calvinistische Erbe des Verlagsortes – sehr karg gehalten; außer kleinenPorträts der Interviewten mit dem Charme von Passbildern gibt es nichts. Eine Festschriftaber, in der nur gelesen werden kann, ist wie ein Fest, bei dem nur geredet wird. Wäre nichtder eine oder andere Gesprächspartner bereit gewesen, seine alten Fotoalben zu öffnen?„Die Gründung und die Gründer“ ist ein Buch, das – Welch eine Binsenweisheit! – unter derHand anderer Autoren und Redakteure anders ausgefallen wäre. „Anders“ könnte heißen:dieses oder jenes Detail prononcierter auszuarbeiten, bei mancher Ansicht die Perspektivedes Frosches gegen die des Vogels zu tauschen oder umgekehrt, hier und dort die glatteOberfläche aufzurauhen, den einen oder anderen Nebenschauplatz zu erkunden ... –„anders“ heißt nicht zwangsläufig: als Ganzes besser.Das Buch wendet sich zunächst einmal an die im Titel genannte Zielgruppe. Wer zu den„Gründern“ gehörte, wird seine eigenen Erfahrungen sicherlich – ob schwarz auf weiß oderzwischen den Zeilen – reflektiert finden, wird sich in seiner Empfindung, Profiteur oderVerlierer gewesen zu sein, bestätigt fühlen. Die Aufmerksamkeit dieses überschaubaren, vonJahr zu Jahr mehr schwindenden Publikums ist der Festschrift zu recht sicher. Die außerhalbder Festgemeinde stehenden Interessenten sollten sich klarmachen, was diese Veröffent-lichung nicht sein will und deshalb auch nicht ist: weder eine sensationslüsterne Enthüllungs-story noch eine historische Dokumentation, wie sie Universitäten nach mehrhundertjährigemBestehen herauszugeben pflegen. Alles in allem ist es ein anständiges Buch geworden, dasmit anständigen Worten auf seinen Weg zu den Lesern geschickt werden kann.Damit sei es geschlossen und das Auge noch für einen Moment am Einband erquickt,dessen Farbgebung natürlich, wer würde daran zweifeln, der schönen blauen Sieg ebensowie dem ewig strahlenden Himmel über der Universität nachempfunden ist. Peter Kunzmann