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Zwischenbilanz
 

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    Zwischenbilanz Zwischenbilanz Document Transcript

    • Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis. Herausgegeben von Isop GmbH, Otto Rath und Mariella Hahn Netzwerk Basisbildung und Alphabetisierung in Österreich, In.Bewegung
    • Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis. Herausgegeben von Isop GmbH, Otto Rath und Mariella Hahn Netzwerk Basisbildung und Alphabetisierung in Österreich, In.Bewegung
    • IMPRESSUM INHALT 9 Claudia Schmied 48 Mari Steindl Vorwort Vom Lernen zur Bildung und vom Wissen zur Macht 10 Otto Rath Oder von der Teilnahme zur Integration und der Vielfalt als Potenzial Vorwort 54 Werner Lenz Grundbildung ist auch Bildung Niemand ist ungebildet — Bildung braucht Neubestimmung! 60 Gudrun Biffl Basisbildung Voraussetzung für die persönliche Entfaltung und den wirtschaftlichen Erfolg in einer Wissensgesellschaft. Über die Bedeutung der Basisbildung im gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Wandel 66 Peter Schlögl Lernergebnisse MENSCHEN Was das Schreiben von Lernergebnissen in und rund um Bildungsorganisationen auslöst 18 Peter Stoppacher Der Stigmatisierung entkommen Lesen, schreiben, rechnen wie andere auch 74 Peter Stoppacher Zielgruppenwissen als Vor-In.Bewegung ist eine Partnerschaft bestehend aus 14 aussetzung für maßgeschnei- 24 Monika KastnerEinrichtungen. Sie hat sich zum Ziel gesetzt, die Ent- derte Basisbildungsangebote Potenziale von Lehr-Lern-Prozessenwicklung eines österreichweit flächendeckenden und Eine praxisrelevante regionale Analyse in in Basisbildungskursen quantitativer und qualitativer Hinsichtqualitätsgesicherten Angebotes der Basisbildung und Al-phabetisierung Erwachsener voranzutreiben und zu un- Die Rekonstruktion von subjektiven Handlungen und Deutungen fördert das Verstehen vonterstützen. Als zentrale Ansprechstelle wurde das Alfa- Lehr-, Lern- und BildungsprozessenTelefon Österreich (0810 20 0810) eingerichtet. Partner:VHS Stadtbibliothek Linz, ISOP GmbH, Die KärntnerVolkshochschulen, Bildungs- und Heimatwerk Niederös- 30 Elke Dergovicsterreich, abc Salzburg, ÖGB Landesorganisation Ober- Verschiedene Menschen,österreich, Steirische Volkswirtschaftliche Gesellschaft, verschiedene Sprachen — ein KursDie Wiener Volkshochschulen — VHS 21, NOWA, LLL- Eine Dokumentation zu Kursen für ErwachseneGmbh, Wirtschaftskammer Österreich, Bundesarbeits- mit nicht ausreichender Basisbildungkammer, Ländliches Fortbildungsinstitut Oberösterreich, mit unterschiedlichen ErstsprachenAMS Steiermark. Koordiniert wird die Partnerschaft vonder ISOP (Innovative Sozialprojekte) GmbH. In.Bewegungwird gefördert aus Mitteln des Europäischen Sozialfonds 36 Alfred Berndlund aus Mitteln des Bundesministeriums für Unterricht, Von der Angebots- zurKunst und Kultur. Zielgruppenorientierung Marketing in der BasisbildungHerausgeber: Isop GmbH, Otto Rath und Mariella Hahn und Alphabetisierung 82 Norbert HolzerFür den Inhalt verantwortlich: Nach neun Jahren Schulpflicht: Ba-Mag. Otto Rath, Dreihackengasse 1, 8020 Graz BILDUNG sisbildung „Nicht genügend“ Die Schulbiografie von Menschen mitLayout + Grafik: Johannes Gellner www.gellner.at 42 Konrad Paul Liessmann Basisbildungsdefiziten dargestellt Stätten der Lebensnot? am Bereich MathematikFotorechte: siehe Seite 218 Über die Gegenwart unserer BildungsanstaltenSeite 4 Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis. Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis. Seite 5
    • INHALT INHALT90 Otto Rath 124 Max Mayrhofer 180 Alfred Berndl Basisbildung und Gesundheit Qualität in der Basisbildung Agents of Change Der Faktor Bildung im Kreislauf von sozialer Zum Versuch der Umsetzung von Professionalisierung von MultiplikatorInnen und gesundheitlicher Ungleichheit Qualitätszielen mittels Balanced Scorecard in der Basisbildung 132 Rosmarie Zarfl 186 Brigitte Bauer Lernstandserhebung in der Basis- „Wenn du für eine Sache brennst, bildung und Alphabetisierung springt manchmal ein Funke über …“ Theorie und Praxis der prozessorientierten Gespräche und Zusammenarbeit Lernstandserhebung in Österreich. mit EntscheidungsträgerInnen und PolitikerInnen — ein Erfahrungsbericht 146 Sonja Muckenhuber Von der Kompetenzfeststellung zur Kompetenzorientierung Kompetenzdiskussion in der Grundbildung oder Grundbildung in der Kompetenzdiskussion 154 Heide Cortolezis Gender Mainstreaming.BESCHÄFTIGUNG Mit oder ohne Diversity? Oder besser Diversity Managing oder am besten98 Marion Höllbacher Gender Diversity Managing. Oder Mainstreaming? Peter Härtel Aufnahmekriterien Ergebnisse einer Befragung steirischer Ausbildungsbetriebe zu Anforderungen in der Lehrlingsaufnahme STRATEGISCHE PARTNER102 Marion Höllbacher 194 Michael Tölle Peter Härtel Bundesarbeitskammer Unterstützen — Begleiten — Vernetzen Fünf Jahre Bewegung QualiCoach Basisbildung — Modell eines Begleiters an der Schnittstelle Schule — Beruf 196 Margarete Gross Arbeitsmarktservice104 Isabella Penz Basisbildungsangebote: ein Hand- Jump — Jugendliche mit Perspektive lungsfeld des Arbeitsmarktservice Basisbildung für Lehrlinge im betrieblichen Kontext 198 Manuela Jachs-Wagner PRAXIS Ländliches Fortbildungsinstitut112 Christina Wimmer Damit Wissen wachsen kann ... Christian Wretschitsch 162 Wolfgang Jütte Basisbildung in Koopera- Netzwerkmanagement Die qualitative Gestaltung von Netzwerkkulturen tion mit Betrieben als professionelle Handlungsaufgabe ORGANISATIONS- Eine Argumentationsgrundlage BESCHREIBUNGEN 168 Mariella Hahn 201 In.Bewegung PartnerorganisationenQUALITÄT Rosmarie Zarfl Die Vielfalt der Innovation120 Antje Doberer-Bey 218 Fotorechte Innovative Zugänge in der Basisbildung und Auf dem Weg zu TrainerInnenprofil und Alphabetisierung Erwachsener in Österreich Qualitätsstandards für die Basisbildung Ein Erfahrungsbericht 174 Christine Spindler Beate Wittmann Teilhabe durch Bildung Politische Bildung in der BasisbildungSeite 6 Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis. Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis. Seite 7
    • BM Dr. Claudia Schmied Bundesministerium für Unterricht, Kunst und Kultur Die Frage der Chancengleichheit in unserer Gesellschaft Initiativen wie „In.Bewegung“ haben in den letzten Jahren ist zu allererst eine Frage des Bildungszugangs. Viele Jahre einen entscheidenden Beitrag dazu geleistet, die Bedürf- wurde diese Chancengleichheit in der österreichischen nisse bildungsferner Personen ins Bewusstsein der Öffent- Erwachsenenbildung mit dem Nachholen von Bildungs- lichkeit zu rücken und Basisbildung als grundlegende Vor- abschlüssen gleichgesetzt, und die bildungspolitischen aussetzung für Chancengerechtigkeit im Erwachsenenalter Schwerpunkte reichten dementsprechend von den Schu- zu positionieren. Viele der Erkenntnisse und Erfahrungen, len für Berufstätige bis hin zu speziellen Förderprogram- welche von den kooperierenden Einrichtungen der Initia- men im Rahmen des „Zweiten Bildungswegs“. tive „In.Bewegung“ gewonnen wurden, stellen heute einen bundesweiten Standard für die erfolgreiche Programmge- Heute wissen wir, wie wichtig es ist, für bildungsbenach- staltung im Bereich Basisbildung dar. teiligte Personen zunächst einmal attraktive Angebote zum Erwerb grundlegender Kompetenzen und Fertigkeiten be- Ich freue mich, dass „In.Bewegung“ als eine vom Unter- reitzustellen, um ihnen den Einstieg in weiterführende Bil- richtsministerium und dem „Europäischen Sozialfonds“ dungs- und Qualifizierungsprozesse überhaupt erst zu er- gemeinsam geförderte Initiative derart erfolgreich ist und möglichen. Basisbildung, die lange Zeit ein „Randthema“ die Ergebnisse aus der österreichischen Erwachsenenbil- sowohl in der fachlichen als auch politischen Diskussion dungslandschaft nicht mehr wegzudenken sind. Die vor- darstellte, ist damit ins Zentrum aller zeitgemäßen Überle- liegende Publikation betrachte ich deshalb weniger als gungen zur Erwachsenenbildung gerückt. Bilanz über den aktuellen Stand der Basisbildung in Öster- reich, sondern vielmehr als Ermutigung, den begonnenen Die Komplexität dieses Bereichs, die Vielfalt der Be- Weg konsequent weiter zu verfolgen und Basisbildung im dürfnisse und Interessen der Zielgruppen sowie die hohe Interesse der Betroffenen qualitativ und quantitativ weiter Wechselwirkung mit sozial- und arbeitsmarktpolitischen auszubauen. Aspekten machen die Programmgestaltung im Bereich Ba- sisbildung zu einer der größten Herausforderungen im ge- Ich danke allen KoordinatorInnen, TrainerInnen und Be- samten Bildungsbereich. Jene 50.000 Personen, welchen raterInnen, die im Bereich Basisbildung tätig sind, für ihr laut „Statistik Austria“ die grundlegendsten Qualifikati- enormes Engagement und wünsche viel Erfolg für die wei- onen fehlen und die über keinerlei Schulabschluss verfü- tere Tätigkeit. Ich bin überzeugt, dass diese wertvolle Bil- gen, machen dabei nur die Spitze des Eisbergs aus. Phäno- dungsarbeit einen wesentlichen Baustein für ein chancen- mene wie sekundärer Analphabetismus und Dyskalkulie gerechteres Österreich darstellt. sind auch unter Personen, welche einen positiven Pflicht- schulabschluss aufweisen, und sogar unter Personen, wel- che eine weiterführende Berufsausbildung absolviert ha- ben, erschreckend weit verbreitet.Seite 8 Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis. Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis. Seite 9
    • VORWORT I Rath Rath I VORWORT ruf. Zugänge und Modelle werden im Kapitel 3, das sich Wiederkehrendes Thema der Basisbildung und Alphabe- mit dem Thema Basisbildung im beruflichen Kontext be- tisierung ist die Fragestellung, in welchen Kontexten Kurse schäftigt, beleuchtet. In diesem Zusammenhang kommt für Menschen mit Deutsch als Erstsprache und für Men- auch den Gewerkschaften eine zunehmend bedeutende schen mit einer anderen Erstsprache gemeinsam ange- Rolle zu. Theoretisch untermauert wurde das Thema Ba- boten werden. Damit setzt sich Elke Dergovics in ihrem sisbildung an anderer Stelle als Thema der Gewerkschaf- Beitrag „Verschiedene Menschen, verschiedene Sprachen ten von Oskar Negt.2 – ein Kurs“ auseinander. Sie stellt eine Dokumentation zu Kursen für Erwachsene mit nicht ausreichender Basisbil- Basisbildung und Alphabetisierung orientieren sich im- dung mit unterschiedlichen Erstsprachen vor und prä- mer an der Zielgruppe. Damit sprechen wir von einem Teil sentiert Modelle und Rechercheergebnisse aus Deutsch- der Bevölkerung, der hauptsächlich negative Schulerfah- land, England und Österreich, Hintergrundinformationen rungen gemacht hat, für den Bildung an sich kein Motiv und Diskussionspunkte von ExpertInnen als Grundlage darstellt. Damit diese Personen für Bildungsprozesse über- für eine qualitätsvolle Konzeption und Umsetzung von ge- haupt nachhaltig gewonnen werden können, brauchen sie meinsamen Kursangeboten im Bereich Basisbildung und ein qualitativ hochwertiges Angebot, welches sicherstellt, Alphabetisierung. dass frustrierende Lernerfahrungen nicht reinszeniert wer- den. Diesem Zugang entsprechend wird das Thema der „Wie erreichen wir die Zielgruppe?“ ist eine der zent- Qualitätsentwicklung intensiv ausgeleuchtet. ralen Fragestellungen in der Arbeit mit bildungsfernenOtto Rath Beziehungen, nicht Trennungen sind die Zukunft des Denkens und der Innovation. Gruppen, zu denen Erwachsene mit geringer Basisbil-Gesamtkoordinator von In.Bewegung, ISOP GmbH Bernhard von Mutius Welche Rahmenbedingungen und Organisationsfor- dung in den meisten Fällen gehören. Alfred Berndl gibtotto.rath@isop.at men die Basisbildung braucht und von welchen Erfahrun- in seinem Beitrag „Von der Angebots- zur Zielgruppeno- gen Anbieter der Erwachsenenbildung profitieren kön- rientierung. Marketing in der Basisbildung“ erste Antwor- nen, zeigt das fünfte Kapitel zur Organisation und Praxis ten. Analysiert man die Bewerbungen von Kursangeboten der Basisbildung. Wissen wird zunehmend in Netzwerken von Bildungsanbietern der Basisbildung und Alphabeti- und durch Teilung produziert, entsprechend widmet sich sierung, fällt auf, dass nach wie vor die angebotenen Leis- dieses Kapitel nicht nur der Einzelorganisation, sondern tungen sehr stark nach außen kommuniziert werden. Ver-Zukunft Basisbildung. der Arbeit in Netzwerken. einfacht gesagt konzentrieren sich viele Bildungsanbieter in der Akquise von TeilnehmerInnen zu stark auf ihre An- Bilder der Zielgruppe gebote und zu wenig auf den Nutzen und die Motive derVorwort zur Zwischenbilanz Der Beitrag von Peter Stoppacher „Der Stigmatisierung entkommen“ basiert vor allem auf qualitativen Inter- Menschen. Anbieter, die die Motive und Bedarfe der po- tenziellen KursteilnehmerInnen kennen, analysieren und views mit BasisbildungsteilnehmerInnen, die im Rahmen in der Planung und Durchführung von Kursmaßnahmen der begleitenden Evaluierung von In.Bewegung durchge- mitbedenken, legen den Grundstein für ein für die Ziel-Gemeinsam Basisbildung denken und die Frage nach den Größenordnungen spielen eine führt wurden. Er beschäftigt sich mit den steigenden An- gruppe annehmbares Angebot. Ein Netzwerk der Basisbildung bildet sich heraus. Einrich- Rolle (diese Themen wurden auch schon im Tagungs- forderungen an das Individuum, mit den Größenordnun-tungen der Erwachsenenbildung, Expert/innen, Trainer/ bericht Perspektive: Bildung von Arthur Schneeberger gen und den Folgen mangelnder Basisbildung, die meist Bildungspolitische Annäherungeninnen, Universitäten, Sozialpartner, Politiker/innen, Be- und Lorenz Lassnigg beleuchtet1), sondern auch die schon in der Schulkarriere angelegt sind. Unter den Fol- Der Beitrag „Stätten der Lebensnot“ von Konrad Paulamte und Medien beschäftigen sich zunehmend mit die- Schnittstellen zu anderen gesellschaftlichen Bereichen gen wirkt die Stigmatisierungserfahrung am nachhaltigs- Liessmann setzt sich kritisch mit dem Bildungsbegriff undsem Thema und treiben die Diskussion inhaltlich voran. wie Arbeitsmarkt, Schule und Gesundheit. Aktuelle bil- ten weiter, diese beeinflusst etwa auch die Lernbilder der dem aktuellen Verständnis von Bildung, das häufig an denUnterstützt wird diese Entwicklung vom Projekt „in.Bewe- dungspolitische Diskussionen wie die Umsetzung von erwachsenen LernerInnen. Am Ende des Beitrags werden Erfordernissen der Ökonomie orientierte Qualifizierunggung“ des Netzwerks Basisbildung und Alphabetisierung Lernergebnisorientierung und die Relevanz eines nati- Fallbeispiele geschildert, die Lebenswelten und Lebens- meint, auseinander. Die Funktion der Schule im Bildungs-in Österreich, das mit dieser Publikation nach fünfjähriger onalen Qualifikationsrahmens für das Thema Basisbil- erfahrungen von Erwachsenen mit mangelnder Basisbil- diskurs beleuchtet er historisch. Schulen werden auch ak-Tätigkeit eine Zwischenbilanz zieht. dung prägen den Diskurs mit. dung verdeutlichen. tuell zu „Stätten der Lebensnot“, dies liegt u.a. an dieser Funktionalisierung und an der Tatsache, dass die Schule Zentrale Handlungsfelder des Themas Basisbildung spie- Mit der stärkeren Orientierung des Diskurses in Rich- Monika Kastner fokussiert in „Potenziale von Lehr- zunehmend zu dem Ort wird, der alle Probleme lösen soll,geln sich in der vorliegenden Publikation. Im Fokus der An- tung Kompetenzen und Qualifizierung drängt sich der LernProzessen in Basisbildungskursen“ mikrodidaktische die andernorts nicht gelöst werden.strengungen stehen die Teilnehmer/innen in den Kursen funktionale Aspekt von Bildung stark in den Vordergrund Aspekte von Lehr-Lern-Prozessen aus der Perspektive vonder Basisbildung und Alphabetisierung, an der Zielgruppe und wird auch in der Arbeit am Thema Basisbildung Teilnehmenden und Kursleitenden. Die datenbasierte Re- Mari Steindl leistet nicht nur eine kritische Betrachtungorientieren sich die Entwicklung von Angeboten, die Öf- nicht ausgeblendet. In.Bewegung setzt in diesem Zusam- konstruktion von subjektiven Handlungen und Deutun- der Wissensgesellschaft, indem sie vor allem mit der Vor-fentlichkeitsarbeit, die Methodik. Damit Erwachsene mit menhang seine Aktivitäten in Bezug zur Arbeitsbiografie: gen verweist auf die Bedeutung der achtsamen Wahr- stellung aufräumt, dass das Produktionsmittel „Wissen“nicht ausreichender Basisbildung auch genau das Angebot Erste Probleme auf dem Arbeitsmarkt durch nicht aus- nehmung der Voraussetzungen von Erwachsenen, die tatsächlich für jede/n offenstünde, sondern auch einen we-bekommen, das sie brauchen, beschreiben wir ein mög- reichende Bildung ergeben sich schon am Übergang von Bildungsbenachteiligung erfahren haben. Somit verdeut- sentlichen Beitrag zur Auswirkung der Kulturalisierung auflichst klares Bild ihrer Lebenswelt, ihrer Motive, ihrer Nut- der Schule in die Berufsausbildung, sie setzen sich in der lichen die Interpretationsergebnisse die Verantwortung, den Basisbildungsdiskurs. Sie zeigt wesentliche Parame-zenerwartungen. Im ersten Kapitel nähert sich die Publika- Lehre fort und führen letztlich zu Schwierigkeiten im Be- die im Lehrhandeln in kompensatorischen Lehr-Lern- ter des Konzeptes Kultur und beleuchtet die Relevanz die-tion daher den Bildern der Zielgruppe an. Prozessen übernommen wird, und erhellen Potenziale ser Diskussion für die Basisbildung. Basisbildung wird als 1 Arthur Schneeberger: Basisbildungsdefizite: Probleme der Erfassung, sozioökonomi- von Basisbildung. Chance gesehen, die eigene Perspektive zu verändern, Ba- sche Auswirkungen und Möglichkeiten der Gegensteuerung. In: Perspektive: Bildung. Basisbildung und Alphabetisierung sind ein wesent- Tagungsdokumentation. Hg. vom Netzwerk Basisbildung und Alphabetisierung 2007. sisbildung kann einen Raum für Teilnahme und Mitbestim-licher Teil des bildungstheoretischen und bildungs- Lorenz Lassnigg: „Lifelong Learning“ einmal anders: Grenzen wirtschaftsorientierter Pa- 2 Oskar Negt: Gewerkschaften vor neuen bildungspolitischen Herausforderungen. In: mung schaffen, wenn die entsprechenden Rahmenbedin- radigmen und Strategien und ihre Alternativen. In: Perspektive: Bildung. Tagungsdoku- Perspektive: Bildung. Tagungsdokumentation. Hg. vom Netzwerk Basisbildung und Al-politischen Diskurses. Nicht nur Definitionsversuche mentation. Hg. vom Netzwerk Basisbildung und Alphabetisierung 2007. phabetisierung 2007. gungen gesichert werden.Seite 10 Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis. Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis. Seite 11
    • VORWORT I Rath Rath I VORWORT Grundbildung ist kein starres, sondern ein aktives Funda- übertragbaren Modells für die Zielgruppenanalyse. Die Er- an der Schnittstelle Schule – Wirtschaft zur frühzeitigen Be- wicklungsschritte dargestellt. Anschließend werden kurzment, konstatiert Werner Lenz im Artikel „Grundbildung gebnisse dieser Arbeit werden in seinem Beitrag dargestellt. gleitung von Jugendlichen mit nicht ausreichenden Basis- die verschiedenen Ebenen der Qualitätssicherung und dasist auch Bildung“. Sie ist in das Leben der Menschen ver- bildungskenntnissen ist eine präventive Maßnahme für die TrainerInnenprofil skizziert. Ein Resümee und der Blick aufwoben und weiteres Lernen geschieht verknüpfend und Norbert Holzer, Friederike Lenart, Hubert Schaupp wid- beschriebene Zielgruppe, um Jugendliche mit dem nötigen die längerfristigen Ergebnisse runden diesen Beitrag ab.vernetzend. Ergänzend zum formalen und institutionali- men sich der Frage, wie es sein kann, dass die Schule aus- „Werkzeug“ auszurüsten, das ihnen ermöglicht, selbststän-sierten Lernen werden informelle Lernprozesse bedeut- reichende Kompetenzen in den Kulturtechniken nicht si- dig den Übergang von Schule zur Wirtschaft zu bewältigen. Die Standards bilden einen inhaltlichen Orientierungs-sam. Nicht Bildungsabschlüsse, sondern was Menschen chern kann: „Nach neun Jahren Schulpflicht: Basisbildung Jugendliche erhalten durch die QualiCoach die Möglichkeit rahmen, das Qualitätsentwicklungskonzept liefert ein un-wirklich können, bekommt mehr Aufmerksamkeit. Bil- ‚Nicht genügend‘.“ Um diese Lernentwicklung zu beschrei- herauszufinden, was sie wollen, was sie können und wie sie terstützendes Gerüst für die konkrete Implementierungdung, als lebensintegrierter Prozess, ist öffentliches Gut ge- ben, spannen die Autor/innen einen Bogen vom Schulein- es schaffen, das zu erreichen. von Qualität in das pädagogische Handeln der anbietendenworden und unterliegt öffentlichem Interesse. Die Aussage, gangsbereich bis zum Schulaustritt. Dargestellt wird die Einrichtungen. Max Mayrhofer beschreibt dieses Systemniemand ist ungebildet, soll dazu beitragen, jedes Lernen Entwicklung exemplarisch für den Bereich Mathematik, da Ist der Einstieg in eine Lehre geschafft, werden oft trotz- im Beitrag „Qualität in der Basisbildung. Zum Versuch derzu achten und Bildung nicht bestimmten Themen oder dieser Bereich in den Unterstützungsangeboten oft noch dem Unterstützungsangebote im Basisbildungsbereich Umsetzung von Qualitätszielen mittels Balanced Score-Gruppen vorzubehalten. Die Umsetzung des Menschen- eine untergeordnete Rolle einnimmt. Genauer beleuch- benötigt. Isabella Penz berichtet vom Projekt „Jump – Ju- card.“. Er befasst sich mit der Frage, wie pädagogischerechts auf Bildung liegt in der Verantwortung von Indivi- tet wird der Schuleingangsbereich, der Übergang von der gendliche mit Perspektive. Basisbildung für Lehrlinge im Qualität in Einrichtungen, die Basisbildung und Alphabe-duen und Gesellschaft. Volksschule in die Hauptschule/AHS, sowie der Schulaus- betrieblichen Kontext“, das diesen Support entwickelt hat. tisierung anbieten, entwickelt und Qualitätsziele umge- tritt bzw. das Ende der Schulpflicht. Für alle drei Bereiche Der vorliegende Artikel beschreibt ein Projekt der Volks- setzt werden können. Aufgezeigt werden auch die Ergeb- Gudrun Biffl liefert im Beitrag „Basisbildung – Vorausset- werden empirische Untersuchungen und konkrete Fallbei- hochschule Kärnten. Darin wurde erstmalig ein Bildungs- nisse und Erfahrungen aus dem Versuch der Umsetzungzung für die persönliche Entfaltung und den wirtschaft- spiele angeführt und kommentiert. konzept für Lehrlinge mit mangelnden Basisbildungs- von Qualitätszielen mittels einer zu diesem Zweck von denlichen Erfolg in einer Wissensgesellschaft“ einen histori- kenntnissen entwickelt und in das bestehende duale Partnern in In.Bewegung entwickelten Balanced Scorecard.schen Aufriss der Entwicklung des Bildungsdiskurses und Das Thema Basisbildung ist systemisch zu betrachten, Ausbildungssystem integriert. Im ersten Teil des Artikelswidmet sich anschließend der Funktion von Basisbildung. dieses Postulat ist nicht neu. Konkrete Zusammenhänge werden die praktische Durchführung und die Umsetzung Erfolgreiche Basisbildungsarbeit steht und fällt mit derDiese sieht Biffl in der sozioökonomischen Integration in an der Schnittstelle Bildung – Gesundheit beleuchtet Otto in den Ausbildungsstätten (Berufsschulen und Ausbil- richtigen Einschätzung und Erhebung der individuellenGesellschaft, Arbeit und Weiterbildung. Basisbildung wird Rath im Artikel „Basisbildung und Gesundheit. Der Faktor dungszentren) beschrieben. Der zweite Teil widmet sich Kenntnisse der Teilnehmenden. In.Bewegung – Netzwerkals Herausforderung für Individuen, Betriebe und Bil- Bildung im Kreislauf von sozialer und gesundheitlicher dem Outcome des Projektes. Dazu werden einerseits die Basisbildung und Alphabetisierung hat österreichische Er-dungseinrichtungen betrachtet, das Problem selbst liegt Ungleichheit“. Basisbildungsmängel stellen Menschen Evaluationsergebnisse aus dem Projekt herangezogen und hebungskonzepte und -instrumente erhoben und darge-weniger in der Verantwortlichkeit des Individuums, son- vor existenzbedrohende Schwierigkeiten. Der Artikel andererseits die konkreten Erfahrungen des Projektteams. stellt, die Ergebnisse präsentiert Rosmarie Zarfl im Beitragdern in der der Gesellschaft und ihrer Bildungseinrichtun- nimmt eine Bestandsaufnahme des Zusammenhanges „Prozessorientierte Lernstandserhebung in der Basisbil-gen. Eine Überforderung dieser Systeme sieht Biffl vor al- Basisbildung und Gesundheit vor und lehnt sich dabei an Wie gewerkschaftliches Engagement zur Förderung der dung und Alphabetisierung in Österreich“. Zudem wurdenlem im Thema Migration. ein Modell an, das von der Wechselwirkung zwischen so- Basisbildung von Mitarbeiter/innen beitragen kann, zeigt Empfehlungen bzw. Leitlinien beschrieben, die in allen zialer und gesundheitlicher Ungleichheit ausgeht (Mielck, die ÖGB Landesorganisation Oberösterreich. Christina Partnerinstitutionen von In.Bewegung Beachtung finden. Der Beitrag von Peter Schlögl mit dem Titel „Lernergeb- 2005). Die einzelnen Wirkungszusammenhänge dieses Wimmer und Christian Wretschitsch haben Kommunika- Als Good Practice werden das Erhebungskonzept sowienisse. Was das Schreiben von Lernergebnissen in und rund Modells werden an der Schnittstelle Basisbildung und Ge- tionskonzepte und Kurse entwickelt, die im betrieblichen ausgewählte Erhebungsinstrumentarien von ISOP Neu-um Bildungsorganisationen auslöst“ versucht anhand der sundheit fokussiert. Aus der Bestandsaufnahme werden Kontext funktionieren. In ihrem Beitrag „Basisbildung in start Grundbildung präsentiert.aktuell bekannten Strukturelemente eines kommenden mögliche Interventionsmaßnahmen abgeleitet. Kooperation mit Betrieben. Warum es sich für Unterneh-nationalen Qualifikationsrahmens abzuschätzen, in wel- men lohnt – Eine Argumentationsgrundlage“ beschrei- Sonja Muckenhuber widmet sich dem Thema der Kompe-cher Weise sich Innovationsbedarfe und -potenziale für Basisbildung und Beschäftigung ben sie Konzepte und Kommunikationsstrategien. Basis- tenzfeststellung: „Von der Kompetenzfeststellung zur Kom-die Bildungsarbeit im Allgemeinen und für die Basisbil- Am Übergang Schule – Berufsausbildung entscheidet bildung ist eine Grundlage, die jeder Mensch braucht, um petenzorientierung. Kompetenzdiskussion in der Grund-dung im Speziellen ergeben. Das Schlüsselkonzept besteht sich oft, wie dramatisch sich geringe Basisbildung aus- längerfristig aktiv am gesellschaftlichen und beruflichen bildung oder Grundbildung in der Kompetenzdiskussion“.in den sogenannten Lernergebnissen, die ein neues Para- wirkt. Marion Höllbacher und Peter Härtel berichten in Leben teilnehmen zu können. Mangelnde Basisbildung ist Trotz allgemeiner Verwirrungen, die mit unterschiedlichs-digma von Bildungsplanung und -praxis darstellen. Wer- ihrem Beitrag „Aufnahmekriterien für Lehrlinge. Was Lehr- sowohl individuell als auch gesellschaftlich mit negativen ten Definitionen des Kompetenzbegriffes einhergehen,den diese konsequent umgesetzt, erschöpfen sie sich nicht lingsausbildner/innen wollen“, welche Kompetenzen not- Folgen verbunden. Möglichst viele Basisbildungsangebote sind Kompetenzfeststellungsverfahren oder zumindestin einer semantischen Neufassung bestehender Lernziele, wendig sind, um einen Ausbildungsplatz zu erhalten. Ein in die Praxis umzusetzen, erfordert auch neue Wege und Kompetenzorientierung ein Muss für jede Bildungseinrich-sondern stellen ein kohärentes Steuerungsinstrument von Kriterienkatalog auf Basis der neuen österreichischen Bil- neue Kooperationen. Mit seinem Engagement in der Ent- tung, die auf Innovation und Qualität setzt. Für den Grund-Bildungsarbeit dar. dungsstandards zu den Anforderungen der Wirtschaft hilft wicklungspartnerschaft In.Bewegung will der Österreichi- bildungsbereich gelten neben der Verabredung auf eine den Jugendlichen, einen Eindruck davon zu bekommen, sche Gewerkschaftsbund einen aktiven Beitrag dazu leisten. einheitliche Definition noch andere spezifische Herausfor- Auf den regionalen Diskurs bezieht sich Peter was von ihnen erwartet wird. Fachliche Kompetenzen in derungen. Erwachsene in Grundbildungskursen kommenStoppacher: „Zielgruppenwissen als Voraussetzung für Mathematik, Deutsch und Englisch sowie überfachliche Entwicklung von Qualität von sich aus meist nicht auf die Idee, dass sie über Kom-maßgeschneiderte Basisbildungsangebote. Eine praxisre- Kompetenzen (persönliche Kompetenzen, Sozialkompe- Die Frage, was Qualität in der Basisbildung eigentlich sei, petenzen verfügen könnten. Sie suchen in der Regel nichtlevante regionale Analyse in quantitativer und qualitativer tenzen) wurden in steirischen Betrieben erhoben, bewer- wurde in einem kooperativen Prozess der Anbieter in Ös- aktiv nach Angeboten zur Kompetenzfeststellung und kön-Hinsicht“. Zielgruppenanalysen bilden die Voraussetzung tet und in einem Handbuch zusammengefasst. Aufgelis- terreich durch das Formulieren von Qualitätsstandards be- nen herkömmliche Verfahren, die hohe Schriftsprachkom-für Angebotsentwicklungen – Lebenslagen, Bedürfnisse, tet nach den 30 beliebtesten Lehrberufen wird dargestellt, antwortet. Die Standards beschreiben ein Orientierungs- petenz voraussetzen nur mit unterstützender BegleitungMotive und Hoffnungen der Zielgruppe zu kennen, erhöht welche Kompetenzen im jeweiligen Beruf wichtig sind. system. Antje Doberer-Bey liefert einen Erfahrungsbericht nutzen. In diesem Beitrag wird die Suche nach einem Kom-die Chancen auf eine erfolgreiche Akquisition. Im Rahmen zur Formulierung der Standards: „Auf dem Weg zu Trainer/ petenzmanagementinstrument beschrieben, das den Er-des Kooperationsprojekts „Basisbildung Oberes Murtal“ Zusätzlich zur Analyse bietet die Steirische Volkswirtschaft- innenprofil und Qualitätsstandards für die Basisbildung“. wartungen der Zielgruppe gerecht wird.wurde der Versuch unternommen, in der Region ein sol- liche Gesellschaft auch Lösungen. Marion Höllbacher und In diesem Beitrag wird der Prozess beschrieben, der imches praxisrelevantes quantitatives und qualitatives Wissen Peter Härtel beschreiben unter dem Titel „Unterstützen – Be- Zeitraum von 2005 bis 2007 zu den Qualitätsstandards für Ein zentrales Qualitätsthema stellt auch für die Basis-als Basis für eine zielgruppenadäquate Angebotsentwick- gleiten – Vernetzen. QualiCoach Basisbildung – Begleiter am die Basisbildung und zur ersten Formulierung eines Trai- bildung das Thema Gender Mainstreaming dar. Heidelung zu gewinnen. Ein Schwerpunkt dabei war die Ent- Übergang“ das Modell eines Agents am Übergang: Die Ent- nerInnenprofils geführt hat. Ausgehend von der damali- Cortolezis zeigt in ihrem Beitrag „Gender Mainstrea-wicklung und Erprobung eines auch auf andere Regionen wicklung und Pilotierung eines „QualiCoach Basisbildung“ gen Lage werden die Zielsetzungen und die einzelnen Ent- ming – Mit oder ohne Diversity? Oder besser DiversitySeite 12 Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis. Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis. Seite 13
    • VORWORT I Rath Rath I VORWORTManaging oder am besten Gender Diversity Managing. liefert Einblicke in das konkrete methodische Konzept ei- bereitungsarbeiten für die Gespräche, deren zentrale Bot- Anbieter unterstützen. Durch seine pluralistische Konst-Oder Mainstreaming? Zu Konzepten und Begriffen der nes entsprechenden Angebotes. Mit kreativen Schulungen schaften, No-goes und mögliche Handlungsoptionen. Ge- ruktion ist es in der Lage, unterschiedliche Zugänge zumGleichstellungspolitik“, dass Gender Mainstreaming zur politischen Bildung wollen wir Menschen mit gerin- lungene erste Gespräche markieren einen entscheidenden Thema abzubilden. Das Netzwerk verfügt durch die darinohne Diversity Mainstreaming gar nicht gedacht werden ger Basisbildung gewinnen, politisches Interesse mit Lust Punkt in der Aufbauarbeit. Sie können den Beginn einer vertretenen Einrichtungen über die umfassendste Praxiser-kann, und tritt gegen ein Entweder – Oder in dieser Dis- zu verbinden und sich gemeinsam mit anderen in gesell- langjährigen Zusammenarbeit mit EntscheidungsträgerIn- fahrung in der Basisbildung und Alphabetisierung Erwach-kussion an. Sie stellt die Frage, ob hier Rauchbomben der schaftliche Themen einzuarbeiten. Wir möchten unseren nen bedeuten. sener in Österreich. In.Bewegung kooperiert österreichweitBegrifflichkeit gezündet werden: Ist mit dem leichthändi- TeilnehmerInnen vermitteln, dass es möglich ist, Politik zu mit PartnerInnen auch über den Bereich der traditionel-gen Jonglieren mit neuen Begrifflichkeiten der Anspruch gestalten. Ergänzt werden diese Beiträge durch einen umfangrei- len Erwachsenenbildung hinaus. Das Netzwerk verstehtverbunden, einen Paradigmenwechsel in der Gleichstel- chen Informationsteil, der über die Organisationen und die sich anbieter- und fördergeberübergreifend als eine Inter-lungspolitik einzuleiten? Könnte man es als paradigma- Multiplikator/innen spielen beim Thema Basisbil- entwickelten Ergebnisse und Produkte informiert. Weitere essengemeinschaft von Einrichtungen, die Basisbildungs-tisch betrachten, dass statt von sozialer Ungleichheit von dung und Alphabetisierung eine wesentliche Rolle. Um Informationen zum Thema sind auf der Website des Netz- und Alphabetisierungskurse anbieten, und von Einrich-Diversity gesprochen wird; dass Gleichstellungsorientie- das Handeln dieser Personen zu professionalisieren werks zu finden (www.alphabetisierung.at) sowie am Alfa- tungen, die inhaltliche Schnittstellen in der Basisbildungrung stellenweise abgelöst wurde von einer Quality, für und ihnen auch die Möglichkeit zu geben, ein Bild ih- Telefon Österreich, wo Interessierte von ausgebildeten Be- zu den Anbietern definieren (Sozialpartner, AMS, formalederen Beförderung es keinen politischen Auftrag braucht, res Handlungsfeldes klarer zu beschreiben, wurde ein rater/innen informiert werden. Bildungseinrichtungen wie Universitäten, Pädagogischesondern ein Award verliehen wird; und – last but not least in Großbritannien entwickeltes Konzept auf Österreich Hochschulen etc.).– dass politisches Handeln begonnen hat, sich in eine Ak- übertragen. Dieser Transfer wird von Alfred Berndl im In.Bewegung — ein Projekt destivität zu verwandeln, die sich gern mit einem Begriff wie Beitrag „Agents of Change. Professionalisierung von Netzwerks Basisbildung und Qualitätsentwicklung ist ein zentrales Thema – die Qua-Managing beschreibt? Multiplikator/innen in der Basisbildung“ dargestellt. Alphabetisierung in Österreich lität wird im Rahmen des entwickelten Qualitätsentwick- Eine der wesentlichen Herausforderungen in der Basis- Das Netzwerk betrachtet Basisbildung als Beitrag zu einer lungssystems permanent verbessert, vorangetrieben durchOrganisation und Praxis der Basisbildung bildung ist das nicht diskriminierende Ansprechen von demokratischen Gesellschaft und als eine Möglichkeit für internen Know-how-Transfer und durch die Kooperation Eine zentrale Position des Netzwerks Basisbildung und Personen mit Defiziten in den Kulturtechniken. Ein Er- das Individuum, sich in der Gesellschaft entfalten zu kön- mit externen SpezialistInnen. Die inhaltlichen Entwick- Alphabetisierung stellt das vernetzte Arbeiten dar. Diese folg versprechender Ansatz in der Unterstützung oder nen. Bildung ist ein Menschenrecht, das Netzwerk tritt da- lungen folgen ebenfalls dem internen System der Quali- Position wird von Wolfgang Jütte bestätigt, der sich in Vermittlung von Menschen mit geringer Bildung ist für ein, dass in Österreich jeder Mensch die Möglichkeit tätsentwicklung und gewährleisten einen effizienten Res- seinem Beitrag dem Nutzen von Netzwerken widmet: die Aus- und Weiterbildung von MultiplikatorInnen zu hat, ein Angebot der Basisbildung in Anspruch zu nehmen, sourceneinsatz – das Rad muss nicht immer wieder neu„Netzwerkmanagement. Die qualitative Gestaltung von Agents of Change. Diese Personen arbeiten an unter- ohne sich dafür schämen zu müssen. Konkret arbeiten un- erfunden werden. Anbieter können die Entwicklung aus- Netzwerkkulturen als professionelle Handlungsaufgabe“. schiedlichen Schnittstellen zur Basisbildung und haben sere Entwicklungen darauf hin, dass österreichweit flä- lagern, Synergien nutzen und von den vergrößerten Wis- Mit der zunehmenden Projektförmigkeit im pädagogi- direkten Kontakt zur Zielgruppe. Agents werden selbst chendeckende, qualitätsgesicherte Alphabetisierungs- und sens- und Netzwerkressourcen profitieren. Im Netzwerk schen Feld und dem allgemeinen Bedeutungszuwachs von aktiv, planen Maßnahmen für Menschen mit Bedarf an Basisbildungsangebote für Erwachsene möglich werden.3 integrierte Anbieter verpflichten sich zur Beteiligung am netzwerkförmigen Arrangements rücken Fragen des Ma- Basisbildung und setzen diese auch um. Die von In.Bewegung entwickelten und/oder unterstützten Qualitätsentwicklungsprozess des Netzwerks (Implemen- nagements und des Monitoring von Netzwerken stärker in Angebote orientieren sich an den Motiven der Kund/innen tierung des Qualitätsentwicklungssystems, Teilnahme an den Vordergrund. In diesem Beitrag werden Gestaltungsas- Letztlich leben neue Themen vom Engagement und der und stiften einen klaren Nutzen in ihren privaten und be- den Qualitätskonferenzen, Entwicklung und Umsetzung pekte angesprochen, die für die Qualität von Netzwerken Kompetenz sowohl von gut aufgesetzten Strukturen, aber ruflichen Handlungsräumen. Damit diese Angebote von von Qualitätszielen). zentral sind. Dazu zählen u.a. die Entscheidung für Netz- auch von einzelnen Menschen. Brigitte Bauer beschreibt allen InteressentInnen in Anspruch genommen werdenwerktypologien und Entwicklung von Netzwerk-strategien, ihre eigenen Erfahrungen, die sie in den letzten Jahren bei können, entwickelt In.Bewegung Maßnahmen zur flächen- Die im Netzwerk tätigen Einrichtungen bieten (unter an- die Grenzen der Steuerbarkeit, die Gestaltung von Span- der Entwicklung und Implementierung von Angeboten der deckenden Information. Die realisierte Öffentlichkeitsar- derem) Kurse an, die Lesen, Schreiben, Rechnen und IKT nungsverhältnissen, der Umgang mit Diversität, die For- Basisbildung und Alphabetisierung gemacht hat. „Wenn du beit verhindert weitere Diskriminierungen. zum Inhalt haben. Diese Kurse sind an den Qualitätsstan- mierung einer Netzwerkkultur und die Entwicklung von für eine Sache brennst, springt manchmal ein Funke über. dards orientiert, verwenden erwachsenengerechte Me- Nachhaltigkeitsstrategien. Gespräche und Zusammenarbeit mit Entscheidungsträger- Basisbildung ist ein Thema für alle Menschen in unserer thodik und Materialien. Sie sind bedarfsorientiert und Innen und PolitikerInnen“ lautet der Titel ihres Erfahrungs- Gesellschaft, ungeachtet der Erstsprache, der Staatsbür- maßgeschneidert, der Zugang zu den Angeboten ist nied- Netzwerke fördern nicht nur die Entwicklung von Qua- berichts: Welche Informationen brauchen Entscheidungs- gerschaft oder der Nationalität. Eine Segmentierung er- rigschwellig. Der Begriff „Analphabetismus“ wird nicht ver-lität, sie fördern auch Innovationen. Mariella Hahn und trägerInnen/PolitikerInnen zum immer noch verdeckten folgt erst in der Entwicklung von maßgeschneiderten An- wendet. In der Kommunikation nach außen wird auf eineRosmarie Zarfl haben innovative Modelle der Basisbil- Thema „Erwachsene mit Basisbildungsbedarf“? Wie und geboten, wo gegebenenfalls auch Differenzierungen in der positiv konnotierte Sprache in der Beschreibung des Phä-dung in Österreich erhoben und stellen diese in ihrem Bei- womit kann das Interesse von EntscheidungsträgerInnen Methodik und der Kommunikation notwendig sind. Als nomens und der Angebote geachtet. Entdramatisierungtrag mit dem Titel „Die Vielfalt der Innovation“ vor. In Ös- geweckt werden, damit sie sich im Idealfall später langfris- mittelbare Kund/innen des Netzwerks werden alle Perso- und Normalisierung wird in der Öffentlichkeitsarbeit ver-terreich gibt es zahlreiche neuartige Ideen, die umgesetzt tig für das Thema einsetzen? Viele Fragen stellen sich für nen außerhalb des formalen Schulsystems (nach absolvier- folgt (etwa durch das Vermeiden von verzerrten Stimmenwerden, um unseren Teilnehmer/innen das Lernen zu er- AkteurInnen, die am Beginn ihrer Basisbildungstätigkeit ter Schulpflicht) bzw. Personen an den Schnittstellen von oder Balken über den Augen in Fernsehbeiträgen). Dasleichtern. Diese Innovationen waren bislang nicht allen zu- stehen und erstmals Angebote in einer Region nachhaltig formalem Schulsystem und der Erwachsenenbildung de- Alfa-Telefon Österreich und die damit verbundene Websitegänglich. Im Rahmen von In.Bewegung wurden im Teilpro- verankern wollen. finiert. Unmittelbare Kund/innen des Netzwerks sind EB- bieten Kund/innen eine effiziente Schnittstelle zwischenjekt 11 (Gesamtkoordination) innovative Zugänge in der Einrichtungen innerhalb und außerhalb des Netzwerks Angeboten, Informationen und der Nachfrage. Daher wer-Basisbildung und Alphabetisierung in Österreich erhoben, Der vorliegende Beitrag beschreibt Zugänge und Wege, die (von GF bis zu den Trainer/innen), Fördergeber/innen und den diese zentralen Dienstleistungen von allen Einrich-und über 30 Innovationen werden in diesem Artikel darge- sich in der Kommunikation mit PolitikerInnen/Entschei- Einrichtungen im formalen Bildungssystem. tungen des Netzwerks genutzt, unterstützt und beworben.stellt. So vielfältig die österreichische Basisbildungsland- dungsträgerInnen über die Jahre hinweg als zielführend er- Umgekehrt vermittelt das Alfa-Telefon Österreich anbie-schaft, so vielfältig die Innovationen. wiesen haben, und auch jene, die gut zu vernachlässigen Das Netzwerk sieht seine Mission darin, nützliche Unter- terneutral Kurse aller Anbieter, die über ein Qualitätsent- sind. Langjährige Erfahrung im Aufbau von Basisbildungs- stützungsleistungen und Tools zu entwickeln und anzubie- wicklungssystem verfügen. Das Netzwerk bietet einen Nut- Mangelnde Basisbildung wird immer wieder in Verbin- strukturen, die vielen Gespräche mit Organisationsbera- ten, die den Erwerb der Kulturtechniken Lesen, Schreiben, zen für die beteiligten Einrichtungen, indem Strukturen fürdung gebracht mit mangelnder politischer Partizipation. terInnen, Marketing- und BasisbildungsexpertInnen und Rechnen und den Einsatz der Informations- und Kommu- Vernetzung und Austausch auf allen Ebenen zur VerfügungDer Erfahrungsbericht von Christine Spindler und Beate nicht zuletzt die Gespräche mit den Entscheidungsträger- nikationstechnologien für Erwachsene und die Arbeit der gestellt werden.Wittmann mit dem Titel „Teilhabe durch Bildung. Politi- Innen selbst sind Grundlage dieses Beitrags. Ein Blick in 3 Eine Übersicht über die von In.Bewegung entwickelten Ergebnisse und Produkte befin-sche Bildung in der Basisbildung – ein Erfahrungsbericht“ die Praxis der konkreten Aufbauarbeit beschreibt die Vor- det sich in dieser Publikation (Seiten 201 – 217). Otto Rath, Mai 2010Seite 14 Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis. Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis. Seite 15
    • MENSCHEN Peter Stoppacher Monika Kastner Elke Dergovics Alfred BerndlSeite 16 Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis. Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis. Seite 17
    • MENSCHEN I Stoppacher I Der Stigmatisierung entkommen Der Stigmatisierung entkommen I Stoppacher I MENSCHEN • würden sich nach einem harmlosen zeuge notwendig. Auf dem Arbeitsmarkt haben sich die An- Unfall „am liebsten verkriechen“, forderungen an Qualifikationen und Kompetenzen massiv weil Sie das Aufnahmeformular im Spital nicht ausfüllen können erhöht. Gewisse Grundfähigkeiten werden einfach voraus- gesetzt, auch wenn sie in der täglichen Arbeitsroutine nicht • fürchten den Tag, an dem Ihr „Enkerl“ Sie gebraucht werden sollten. Selbst in der Landwirtschaft hat bitten wird: „Oma, kannst du mir das mittlerweile die Digitalisierung massiv Einzug gehalten. vorlesen“, und Sie ablehnen müssen Inzwischen wird ein Großteil der Landwirtschaften nicht • bewegen sich mit Ihrem Fahrzeug nur innerhalb mehr im Haupt-, sondern im Nebenerwerb bewirtschaftet, der Grenzen Ihrer „kleinen Welt“, in der Sie für jede zusätzliche Tätigkeit, für Förderanträge, neue Her- nicht auf die Entzifferung von Wegweisern stellungs- und Vertriebswege werden zumindest Basisbil- und Ortsnamen angewiesen sind dungskompetenzen benötigt. In all diesen Situationen laufen Sie Gefahr, Ihre „Komfort- Verschiedene empirische Befunde und unmittelbare Kon- zone“, also jenes Terrain, in dem Sie sich einigermaßen si- frontationen mit der Problematik in Betrieben, Behörden, cher bewegen können, zu verlassen. Aber gibt es diese Institutionen, arbeitsmarktpolitischen Einrichtungen etc. Komfortzone für Sie eigentlich wirklich? Sind Sie nicht machen zunehmend klar, dass die Zahl derjenigen, die ständig gefährdet, im Alltag, in der Arbeit, im Familienkreis, nicht ausreichend für Erfordernisse des aktuellen Arbeits- beim Arzt, im Amt, im Kaufhaus oder beim Ausflug mit Ih- marktes und der gesellschaftlichen Teilhabe „gerüstet“ sind,Peter Stoppacher ren Freunden, sich eine Blöße zu geben und wieder ein- trotz der bestehenden neunjährigen Schulpflicht beträcht-Ko-Geschäftsführer von IFA mal bestätigt zu bekommen, dass Sie für vieles, wie so oft lich ist. Annähernd zwischen 10% bis 20% der erwachse-stoppacher@ifa-steiermark.at in der Schule oder von den Eltern gehört, „eh zu blöd“ sind? nen Bevölkerung beherrschen Kulturtechniken wie Lesen Vielleicht haben Sie auch deswegen von gezielter Weiter- und Schreiben nicht im erforderlichen Ausmaß2. Sie sind bildung abgesehen, wozu auch, haben Sie noch immer mit oben skizzierten „Grenzerfahrungen“, mit vielfältigen im Ohr: „Du schaffst das nicht und wirst das sowieso nicht Hürden im Alltag, auf dem Arbeitsmarkt, mit beschränk- brauchen.“ Wenn irgendwie möglich, beginnen Sie sich ab- ten Möglichkeiten, sich „die Welt anzueignen“ und sich in zukapseln, aus „panischer Angst“, dass Ihr Versteckspiel ihr auch den eigenen Ansprüchen gemäß adäquat bewe- auffliegen könnte. Sie ziehen sich aus der Gesellschaft zu- gen zu können, konfrontiert. Zur Risikogruppe gehören vor rück, um kritische Momente möglichst zu vermeiden, Ihrer allem Personen, die höchstens über einen Pflichtschulab-Der Stigmatisierung entkommen Meinung nach können Sie ohnehin mit den meisten ande- schluss verfügen und daher oft nur in diversen Hilfstätig- ren nicht mithalten. Und während andere sich vom Durch- keiten und prekären Berufsfeldern unterkommen. Einmal schnitt abheben und etwas Besonderes sein wollen, ist es erworbene Basisbildungskompetenzen gehen häufig auchLesen, schreiben, rechnen wie andere auch Ihr dringlichster Wunsch, auch „zur Masse zu gehören“, Le- sen und Schreiben zu können, Grundrechnungsarten, viel- wieder verloren, zum einen, weil Geringqualifizierte kaum an betrieblicher Weiterbildung partizipieren, zum andern, leicht auch eine Fremdsprache zu beherrschen, mitreden weil sie diese Fähigkeiten im Berufsleben nur selten oder zu können, einfach einen selbstverständlichen allgemei- gar nicht brauchen.Dieser Beitrag basiert vor allem auf qualitativen Inter- „alles auswendig zu lernen“, und das Lernen steht nen Standard zu erreichen und „jemand zu werden, der in „wie ein unüberwindbares Gebirge“ vor Ihnenviews mit BasisbildungsteilnehmerInnen, die im Rahmen der Gesellschaft etwas wert ist“. Wenn Basisbildungsprobleme auch in unterschiedlichender begleitenden Evaluierung von In.Bewegung durchge- • müssen Ihrem Chef, der Sie als verlässliche gesellschaftlichen Schichten auftreten können, so zeigen und sorgfältige Arbeitskraft schätzt undführt wurden. Er beschäftigt sich mit den steigenden An- Basisbildungsanforderungen vielerlei Befunde, dass Bildungsferne und Bildungsarmut deswegen zur Vorarbeiterin befördern will,forderungen an das Individuum, mit den Größenordnun- mitteilen, „lieber einfache Arbeiterin ohne und Risikofaktoren nach wie vor vererbt werden. Die Ausbildung der Eltern,gen und den Folgen mangelnder Basisbildung, die meist allzu viel Verantwortung bleiben“ zu wollen, vor In einer schrift- und wissensbasierten Gesellschaft bil- der sozialökonomische Hintergrund, der Wert, der Bildungschon in der Schulkarriere angelegt ist. Unter den Folgen allem, weil Sie Angst haben, neue (schriftliche) den grundlegende Kulturtechniken1 wie Lesen, Schreiben, im Elternhaus beigemessen wird, sowie die ökonomischewirkt die Stigmatisierungserfahrung am nachhaltigsten Anforderungen nicht bewältigen zu können Rechnen ein unerlässliches Werkzeug, um „mithalten“ zu Leistbarkeit von Bildung prägen in einer ersten Phase dasweiter, diese beeinflusst etwa auch die Lernbilder der er- • haben Ihrem Arbeitskollegen wieder einmal können. Im Alltagsleben werden Schreib- und Lesekennt- Bildungsverhalten. In späteren Lebensphasen verhindernwachsenen LernerInnen. Am Ende des Beitrags werden das Falsche aus dem Lager gebracht, weil nisse beim Lesen von Beipackzetteln von Medikamenten, negative Schul- und Lernerfahrungen, damit verbundeneFallbeispiele geschildert, die Lebenswelten und Lebenser- Sie nur mit Mühe die Bezeichnungen Fahrplänen oder Bedienungsanleitungen für Haushaltsge- Ängste und Blockaden oder ein nicht unmittelbar ersicht-fahrungen von Erwachsenen mit mangelnder Basisbildung erahnten und reden sich wieder darauf räte, für die Benützung digitalisierter Maschinen und Ge- licher Nutzen von Bildung für das eigene Leben weitereverdeutlichen. aus, schlecht verstanden zu haben räte ebenso benötigt wie für das Ausfüllen von Formularen, Lernschritte. Entscheidend für Bildungsprozesse ist kurz • haben vom möglichen Arbeitgeber in einer für unterschiedliche Bankgeschäfte, Urlaubsbuchungen zusammengefasst, unter welchen historischen und so- Stellen Sie sich vor, Sie hören beinahe täglich von der Wis- Textilfabrik, nachdem er Ihr Abschlusszeugnis oder Bestellungen im Versandhandel oder im Gasthaus. zialen Umständen jemand geboren, aufgewachsen, zur sensgesellschaft, von der Notwendigkeit des lebenslangen der Hauptschule, 2. Klassenzug, kurz Ohne diese Kenntnisse ist auch die Unterstützung der ei- Schule gegangen ist und welche Berufskarrieren einge- Lernens, von „Karriere mit Lehre“ sowie von der Gefahr, überflogen hat, zu hören bekommen: „Da genen Kinder im Kindergarten und in der Schule kaum schlagen werden konnten. Die gesellschaftliche Benachtei- haben wir aber eine ganz Gescheite“„hinten zu bleiben“, wenn Sie nicht ständig dazulernen. möglich. Für ehemals einfache Hilfsarbeitsplätze wie bei- ligung von Bildungsfernen und Geringqualifizierten zeigt Oder Sie haben den alten Spruch im Gedächtnis: „Was • verärgern Ihren AMS-Betreuer, weil Sie die spielsweise im Lager, in der Produktion oder im Gemein- sich daran, dass sie auf dem Arbeitsmarkt die geringste Er- Anreise zum Kursort nicht geschafft haben, es Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr.“ Und Sie dedienst sind nun logistische Kenntnisse oder Know-how werbsquote und das höchste Arbeitslosigkeitsrisiko haben auf dem Bahnhof nicht gewagt haben, nach • erinnern sich beim beruflichen Wiedereinstieg für die Bedienung verschiedenster Maschinen und Fahr- und am meisten von Armut gefährdet sind. dem richtigen Zug zu fragen, selbstverständlich und der notwendigen Neuorientierung mit Ihr Manko auch Ihrem Betreuer nicht mitteilen 1 Zu einer ausreichenden Basisbildung werden heute zumeist auch EDV-Wissen, Fähig- 2 Vgl. dazu eine exemplarische Zielgruppenanalyse in: Silvia Paierl, Peter Stoppacher (IFA keiten der raschen Informationsbeschaffung und -verarbeitung, Lernbereitschaft und Steiermark), Peter Webhofer, Alfred Berndl (Isop): Zielgruppen, Bedarfe und regionale Schrecken an Ihre Schul- und Lehrzeit, an die konnten und er Ihnen daraufhin wegen Lernfähigkeit mit Betonung des selbstständigen Lernens sowie Kommunikationskompe- Ansätze. Eine Untersuchung im Rahmen des Kooperationsprojekts „Basisbildung Obe- Mühe und den Einsatz in vielen Nächten, um Verweigerung das Arbeitslosengeld gesperrt hat tenzen gezählt. res Murtal“. Graz: IFA 2009.Seite 18 Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis. Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis. Seite 19
    • MENSCHEN I Stoppacher I Der Stigmatisierung entkommen Der Stigmatisierung entkommen I Stoppacher I MENSCHEN Werden am Ende der Pflichtschule grundlegende Kultur- verhältnissen und/oder waren Pflege- oder auch Heimkin- zu verringern. Das erfordert ein Lernsetting, das anwen- Beispiele betreffen LernanfängerInnen, die beiden letztentechniken nur mangelhaft beherrscht, so ist die Wahrschein- der. Oft wuchsen sie auf dem Land auf5, auch ihre Eltern dungsorientiert beim konkreten Bedarf und beim unmit- LernerInnen mit einem etwas höheren Einstiegsniveau.lichkeit sehr gering, dass dieses Versäumnis jemals aufgeholt hatten wenig Zugang zu Bildung und konnten sie daher telbaren Nutzen, bei funktionellen Kriterien und nicht beiwerden kann. Einerseits, weil es nur wenige für ihre Bedürf- in der Schule kaum unterstützen. Eine häufige Erfahrung abstrakten allgemeinen Lehrplänen ansetzt7. Oft geht es „Eventuell mit 40 noch was Neues anfangen“nisse maßgeschneiderte Angebote gibt, andererseits, weil von „AnfängerInnen“ ist es, dass niemand sich um sie küm- auch darum, aus der Schulzeit und Kindheit stammende Frau E., 38 Jahre, verheiratet, ein Kind, kommt aus „tris-die Kompetenzen Geringqualifizierter nicht ausreichen, um merte, die Schule war gegenüber der Mithilfe bei der Arbeit Blockaden zu reduzieren und über neue Lernzugänge mehr ten Verhältnissen“, ihre Mutter konnte selbst nur ihren Na-erfolgreich lernen zu können. Vor allem können sie schwer oft nachrangig, nicht selten wurden sie in die Sonderschule Sicherheit im Gebrauch grundlegender Kulturtechniken zu men schreiben, schämte sich dafür und „traute sich daherdazu bewegt werden, ihre Defizite zu outen und eines der „abgeschoben“ und damit noch mehr „abgestempelt“. Bei vermitteln und damit breitere Anwendungsmöglichkeiten kaum raus“. Die älteren Geschwister lebten im Heim, Fr. E.wenigen Angebote in Anspruch zu nehmen. anderen LernanfängerInnen führten unbemerkte Ein- zu erschließen. Mit der Thematisierung von Fortschritten konnte bei der Mutter bleiben und machte mit ihr nach ih- schränkungen (Gehör- oder Sehbeeinträchtigungen), Lern- und Lernerfolgen – „ganz wichtig war es, dass ich gesehen rer Scheidung viele Umzüge mit. Ihr Stiefvater war selbstAusgangsniveaus und Lernziele schwächen, Folgeerscheinungen von Erkrankungen, Un- habe, auch ich kann noch was schaffen“ – gelingt es auch Waisenkind, ihr Vater und die Mutter waren Alkoholiker. An Wenn „Lesen und Schreiben zur Hürde werden, verwan- fällen, lange andauernden Krankenhausaufenthalten oder immer wieder, ihr häufig geringes Selbstwertgefühl in Be- jedem Wohnort waren sie „völlige Außenseiter“. Ihr einzigesdelt sich das Leben in einen Spießrutenlauf“, war anlässlich häufige Ortswechsel während der ersten Schuljahre dazu, zug auf ihre Arbeits- und Lernfähigkeit entscheidend zu Vorbild war der „Opa, ein Flugzeugtechniker, ein gebildeterdes Weltalphabetisierungstages in einer österreichischen dass sie „immer weiter hinten“ blieben, den „Anschluss“ stärken. Mann, der arbeitete, für die Familie sorgen konnte und im-Tageszeitung3 zu lesen. Dieser hat allerdings unterschied- und die „Lust und Freude am Lernen“ verloren. Ihre Be- mer zufrieden und ausgeglichen war“.liche objektive und subjektive Ausformungen. Personen nachteiligung wurde in der Schule rückblickend noch ver- Die Lernbilder der „AnfängerInnen“ sind beinahe durch-mit mangelnder Basisbildung sind eine äußerst hetero- stärkt: „Kommst mit, ist’s gut, sonst bleibst, wo du bist.“ Eine gehend von Diskriminierungs- und Stigmatisierungser- In der Schule erhielt sie weder durch die Mutter nochgene Zielgruppe. Sofern es gelingt, sie wieder für erneute weitere Gruppe der LernanfängerInnen sind jene „dequa- fahrungen gekennzeichnet, die in der häufig zu hörenden durch den Stiefvater Unterstützung. Trotzdem hatte sie inLernprozesse zu gewinnen, kommen sie mit divergieren- lifizierten“ Personen, die zwar die Hauptschule absolviert Kurzformel „du bist eh zu blöd“ in Erinnerung geblieben der ersten Klasse „nur lauter Einser und war begeistert vomden Ausgangskompetenzen, Lernzielen und Lernmotiven. und in weiterer Folge auch eine Berufsausbildung erfolg- sind. Vielfach wurde diese Fremdzuschreibung internali- Buchstabenschreiben“. Später, durch viele Umzüge bedingt,Je nach Lebenssituation und konkreten Alltagserfordernis- reich abgeschlossen haben, in anschließenden Berufskar- siert, manchmal abgeschwächt: „Wahrscheinlich war ich verlor sie den Anschluss, und der schulische Absturz be-sen bestehen auch unterschiedliche Vorstellungen darüber, rieren aber „nie schreiben und rechnen“ mussten, „das war zu faul.“ Lernen wird mit Schule, Anstrengung, Prüfung, gann, in der Schule wurde sie als dumm abgestempelt. Inwas mit der Verbesserung von Basisbildungskompetenzen die Aufgabe des Vorarbeiters, da hab ich beinahe alles ver- Versagen in Verbindung gebracht. „Es war nie ein Spaß und Erinnerung ist ihr vor allem der Stress aus der Schulzeit, „jaerzielt werden soll. Diese unterschiedlichen Erwartungen, gessen und hab so schlampert geschrieben, dass ich’s selbst immer hat’s geheißen, bleib endlich sitzen.“ Resultat dieser alles richtig zu schreiben“. Stand der Lehrer hinter ihr, warInteressen und Nutzebenen sollten sowohl bei der Infor- nicht mehr entziffern konnte.“ Erfahrungen und des „ohnehin feststehenden Urteils“ war das unmöglich, und jedes Mal bestätigte sich, dass sie „so-mation der Zielgruppen als auch bei der Gestaltung der An- zumeist, dass die „Lust am Lernen“ verloren ging. wieso versagt“. Schule war dann stets „eine Qual und Pla-gebote im Mittelpunkt stehen.4 Befragte der zweiten Gruppe, jene der „fortgeschrittene- ckerei und mit Abstempelung verbunden, die Lust und ren LernerInnen“6 in Basisbildungsangeboten mit (massi- Auch die Erinnerung der „fortgeschrittenen Einsteiger- Neugier gingen verloren“. Am Ende der Schulzeit konnte Neben den „AnfängerInnen“, denen es aus unterschied- ven) Schwächen in Teilbereichen (z.B. „ein Riesenproblem Innen“ in Basisbildungskursen an die Schule und die Be- sie gerade ihren Namen schreiben. Nach der Schule be-lichen Gründen in der Pflichtschulzeit nicht gelungen ist, in der Arbeit war es, was Schriftliches verfassen zu müssen, rufsausbildung ist zumeist durch eine „Riesenangst als ei- gann sie zu arbeiten, erlebte aufgrund ihres schlechtenBasiskenntnisse des Lesens und Schreibens zu erlernen, das Lesen war problemlos“), bringen ihre Unsicherheiten, nes der schlimmsten Probleme“ geprägt: „Wenn ich was Abschlusszeugnisses etliche demütigende Bewerbungssi-und die beinahe bei „null“ beginnen müssen, gehören auch Lernängste und ihre geringe Selbsteinschätzung bezüglich vorlesen musste, hab ich einen Druck im Kopf bekommen tuationen. Bis zur Geburt ihrer Tochter hat sie viele JahrePersonen mit graduell abgestuften „Schwächen“ in Teilbe- ihrer Lernfähigkeit, die oft den Eindruck fehlender Motiva- und ich war wie versteinert“ oder „meine Stimme versagte in einer Schuhfabrik „geschichtelt, gut verdient, viel ge-reichen dazu. „Lücken“ oder Unsicherheiten können Recht- tion oder von Nichtwollen erweckt, weit weniger mit sozia- fast vor Angst, es nicht zu können.“ Ein Ausweg, dem zu spart“ und immer versucht, ihre Kenntnisse im Selbststu-schreibung, Orthografie, Grammatik, Satzkonstruktion, len und familiären Faktoren, sondern vor allem mit negati- entkommen, bestand oft im sturen Auswendiglernen des dium aufzubessern, auch „um es einmal besser zu machenFormulierungsfähigkeiten, Grundrechnungsoperationen, ven Schul- und Lernerfahrungen in Verbindung. Stoffes, „Wort für Wort und nächtelang, es war eine richtige als meine Mama“. Als sie im Fernsehen einen Bericht überein einigermaßen „flüssiges Lesen“ und Textverständnis Qual“. Vor allem bei Wiedereinsteigerinnen, die nach lang- einen möglichen Kurs sah – „endlich, endlich, ich hätte ingenauso betreffen wie Merk- und Lerntechniken, Wieder- Stigmatisierung als Grunderfahrung jähriger Kinderpause nicht mehr im alten Beruf weiterar- Tränen ausbrechen können“ – nutzte sie diese Möglichkeitgabefähigkeiten z.B. beim Vorlesen oder Vortragen, bei beim Lernen beiten können oder wollen, bilden diese Erfahrungen auch sofort. Zu diesem Zeitpunkt stufte sie sich selbst „ungefährschriftlichen Zusammenfassungen im privaten und beruf- Bei aller Unterschiedlichkeit der Zielgruppen von Basis- schwerwiegende Lern- und Weiterbildungshürden. auf Level Volksschulende“ ein. Sie will vor allem ihr Kindlichen Kontext, etwa wenn mit der Zeit und mit steigender bildungsangeboten in Bezug auf ihre Lebenssituation, Aus- besser unterstützen können und eventuell mit „40 nochVerantwortung im Beruf die Notwendigkeit schriftsprachli- gangsniveaus und Lernziele gibt es auch eine gemeinsame Das oft schwierige Lernumfeld und das Unverständnis, das was Neues anfangen“. Eine gute Basisbildung und insbe-cher Kommunikation zugenommen hat und es – bei Pro- Konstante, die bei bildungspolitischen Strategien für die Lernbemühungen entgegengebracht wird, verdeutlicht die sondere die intendierte Verbesserung der Noten im Haupt-tokollen, in Meetings oder bei internen Weiterbildungen – Zielgruppe die größte Schwierigkeit bereitet – nämlich die Erfahrung eines Hilfsarbeiters, der seinen Eltern und Ge- schulzeugnis sieht sie als Voraussetzung für weitere Kursedarum geht, „Gedanken und Sätze vom Kopf richtig auf das Angst, sich bloßzustellen, wiederum „als Dummerl“ abge- schwistern und Bekannten „mit Stolz“ seine Lernfortschritte und Weiterbildungen.Papier zu bringen“. In Zusammenhang mit der Diskussion stempelt zu werden und sich als nicht vollwertiges Mitglied präsentierte: „Sie haben anfangs nur gelacht, was willst duum das korrekte „Wording“ im Basisbildungsbereich ist zu unserer Gesellschaft preisgeben zu müssen. Auch wenn denn, willst du Bürgermeister werden, wenn du fertig bist?“ Die Erfahrung im Kurs, dass sich jemand um sie und ihreerwähnen, dass gerade Personen mit Schwächen und/oder Personen mit Basisbildungsschwächen durchaus erfolg- Schwierigkeiten annahm, war ihr neu und sie fühlte sichDisfunktionalitäten in Teilbereichen den Begriff „Analpha- reich im Beruf stehen, gehören sie – so eine Vertreterin ei- Lebenswelten „fast wie im Himmel“. Wichtig sei es vor allem gewesen, ihrebetismus“ als eine weitere Herabsetzung erleben, was nicht ner Bildungseinrichtung – vor allem durch ihre Ängste und Abschließend sollen noch einige Fallbeispiele die Lebens- psychische Blockade zu sehen und ihr „den Druck wegzu-selten dazu führt, dass Angebote nicht genützt werden. Unsicherheiten zu den gesellschaftlichen „Randwandlern“. welten und Lernerfahrungen von Personen mit Basisbil- nehmen“. Ihrer Tochter kann sie mittlerweile die Regeln der In dieser Hinsicht haben Basisbildungsangebote neben der dungsdefiziten verdeutlichen. Dabei stehen der subjektive Rechtschreibung erklären, die Panikattacken, sobald etwas Vor allem unter den befragten „AnfängerInnen“ tritt die Vermittlung der vor allem für AnfängerInnen sehr wichti- Entstehungszusammenhang der Basisbildungsprobleme, in Gegenwart anderer zu schreiben ist, sind verflogen.soziale Benachteiligung deutlich als entscheidender Faktor gen Grundkenntnisse vielfach die Funktion, Unsicherhei- die Folgen für die Eigenwahrnehmung, die Einschränkun-zutage: Sehr viele stammen aus problematischen Familien- ten und Ängste in der Verwendung von Schrift und Sprache gen durch mangelnde Basisbildung, Lernziele sowie bis- 5 Derzeit zeichnet sich allerdings in Bezug auf die räumliche Benachteiligung ein Trend lang erreichte Erfolge im Mittelpunkt. Die ersten beiden3 Kleine Zeitung vom 14. September 2008, S. 36. ab, dass vor allem in manchen städtischen Teilbereichen die größten Anteile an Jugendli-4 Planerische Grundlagen über Zielgruppen, ihre Erwartungen und ihren konkreten Be- chen mit massiven Basisbildungsdefiziten registriert werden. 7 Z.B. im Sinne einer in Großbritannien forcierten„critical literacy“, die die Beschäfti-darf sowie die Faktoren, die eine Weiterbildung für sie attraktiv machen könnten, stehen 6 Zu dieser Gruppe zählen auch LernerInnen mit Migrationshintergrund, aber ausrei- gung mit Alltagstexten vom Zeitungsartikel über ein Formular bis zum Bewerbungs-selten zur Verfügung. Eine Hilfe für die Angebotsentwicklung könnte eine Vorrecherche chenden Kenntnissen der deutschen Sprache, die gewisse Kompetenzen verbessern wol- schreiben inkludiert und über unterschiedlichste Maßnahmen die Etablierung funktio-über potenzielle TeilnehmerInnen im lokalen und regionalen Kontext bieten. len, um weitere Ausbildungen anschließen zu können. naler Sprachstandardsfördern soll. Siehe: Der Standard vom 6./7. September 2008, S. 4.Seite 20 Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis. Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis. Seite 21
    • MENSCHEN I Stoppacher I Der Stigmatisierung entkommen Der Stigmatisierung entkommen I Stoppacher I MENSCHEN„Wenn du hinfällst, darfst du ben beim Vorlesen, die Stimme veränderte sich, ich wollte er sich bereits sechs Jahre lang beworben hatte. Im Ver-nur nicht liegen bleiben“ nur nicht als Dummerl abgestempelt werden“. lauf der Jahre hat er es in dieser Firma vom Hilfsarbeiter Der Autor Herr B., knappe 50 Jahre, mittlerweile selbstständiger Ver- zum Angestellten gebracht. Jährlich konnte er dank ver- Dr. Peter Stoppachertreter, nutzt seit Jahren Basisbildungsangebote, derzeit ist In der Schule galt sie als „ganz gute Schülerin“, sie hat ständnisvoller Vorgesetzter, die ihn als Hilfsarbeiter „un- 1957 in Anger, Oststeiermark, geboren; während des Stu-er im Fortgeschrittenenkurs, seine Frau weiß nichts von stets „alles punktgenau auswendig gelernt, mit so viel Mühe, üblich viel förderten“, an diversen betrieblichen Weiterbil- diums (Germanistik und Soziologie) unterschiedliche berufliche Erfahrungen in der Grundstoffindustrie (Alu-seinen Problemen. dass der Spaß am Lernen verschwunden ist“ und auch nur dungen teilnehmen. Je weiter er sich „raufgearbeitet“ hatte, minium, Talkum), im Baugewerbe etc. Seit 1985 sozial- „wenig hängen“ blieb. In der Lehrzeit für einen anspruchs- desto deutlicher wurden ihm aber seine Grenzen, vor allem wissenschaftliche Forschungstätigkeit; ehrenamtlicher In der Schule schaffte er es in der damals noch achtjähri- vollen Beruf erlebte sie das Lernen noch belastender. „Ich in der Rechtschreibung und beim Formulieren von Sät- Bewährungshelfergen Volksschule der kleinen, ländlichen Gemeinde bis zur 6. hab keine Ruhe gegeben, bevor ich nicht alles Wort für Wort zen: „Sobald ich etwas schreiben soll, denke ich daran, wie IFA Steiermark (Institut für ArbeitsmarktbetreuungKlasse. Das Urteil seines Lehrers lautete, „er begreift nichts, aufsagen konnte, das wurde zur richtigen Qual.“ Den Ab- ich das schaffen soll, wie ich was richtig formuliere.“ Seine und -forschung Steiermark. Sozialwissenschaftliche For-aber es ist egal, es geht auch ohne.“ Seine Eltern haben das schluss schaffte sie bravourös und blieb bis zur Kinder- Ängste führten dazu, dass er sich immer mehr abkapselte, schung und Entwicklung)so hingenommen, ohne den Versuch, ihn zu unterstützen pause in ihrer Lehrfirma. Nach langer Berufspause war ihr seine Schwächen konnte er geschickt verbergen. Für Stan- www.ifa-steiermark.atund zu fördern. Ab und zu „durfte“ er ihn die nächste Klasse eine Rückkehr aber nicht möglich, da ihr Chef keine Teil- dardtexte griff er auf Musterbriefe, -sätze und -textblöcke, stoppacher@ifa-steiermark.ataufsteigen, damit der Altersunterschied nicht zu groß zeitarbeit gestattete und sich in „Zehn Jahren viel verän- Wörterbücher etc. zurück, in Fällen, wo keine Vorlagen zurwürde, und es laut seinem Lehrer ohnehin „wurscht war, dert hat, vor allem in der EDV“. Bei einem AMS-Berufsori- Verfügung standen, half ihm seine Frau. Unverzüglich not-wo er sitzt“. Wegen seiner Leistungen in der Schule wurde entierungskurs hatte sie aufgrund ihres Lernstils und ihrer wendige Rundmails, längere Briefe, Besprechungsproto-er „als Depperl abgestempelt, ausgelacht – ich fühlte mich Ängste „totale Schwierigkeiten, mitzukommen, es gab kein kolle oder das Schreiben an der Tafel bzw. auf Flipcharts beials der letzte Mensch.“ Nach der Schule war er Hilfsarbei- Skriptum, nichts, was ich hätte lernen können“. Beim Mit- Seminaren erlebte er „sehr mühsam“, Fehler versuchte erter auf dem Bau, lebte „extrem versteckt und zurückgezogen“ schreiben war sie zu langsam, sodass ihre Mitschrift als mit „Schmäh zu übertünchen“.und hatte niemanden, dem er sich anvertrauen konnte. Lernunterlage untauglich war. Ähnlich erging es ihr bei ei-Anerkennung erwarb er sich über seine praktischen Kennt- nem EDV-Kurs, wo sie letztendlich auch „an ihren eigenen Die ständige Angst, „mich einmal nicht durchschum-nisse, vor allem beim „Auffrisieren der Mopeds“, später im Ansprüchen gescheitert“ sei. Eine berufliche Umorientie- meln zu können und als Versager abgestempelt“ zu wer-Motorradklub. Mithilfe eines eingeweihten Freundes, mit rung mit dem für sie notwendigen Lernpensum traute sie den, führte ihn zur Überzeugung, „etwas tun zu müssen,dem er gemeinsam lernte und die Übungsbeispiele immer sich nicht zu, das „nächtelange Auswendiglernen geht mit um damit fertig zu werden“. Nach erfolglosen Erkundigun-wieder durchging, schaffte er den in der Region unerlässli- Familie und Kindern nicht mehr, das Lernen stand wie ein gen bei verschiedenen Stellen hat er mit seiner Frau eineschen Führerschein, „aber es hat schon Kopfweh gemacht“. Gebirge vor mir“. Tages auf dem Stadtplatz ein „Plakat ‚PC, Rechtschreibung,Am wirksamsten in allen Lernsituationen war für ihn aber Rechnen’ entdeckt, sich herangepirscht, es umkreist“ und ei-seine stets hohe Aufmerksamkeit. Seine Lesekenntnisse hat Über eine Veranstaltung zum „Tag der Frau“ hat sie vom nige Tage bis zur Entscheidung überlegt: „Was erzähle icher über Zeitungen, Bücher etc. verbessert. Das Schreiben Angebot in ihrer Region erfahren, das sie schlussendlich dort? Wird es terminlich passen, mit Familie und Arbeit ver-blieb sein großes Problem, das er „immer wieder kreativ auch nutzte. Sie hat vor allem darauf abgezielt, das „Lernen einbar sein?“ Mit dem Erreichten nach nur einem Semes-und offensiv verstecken“ konnte. So zum Beispiel während zu lernen, die Merkfähigkeit zu verbessern, einen Stil zu ent- ter ist er sehr zufrieden. Durch das individuelle EingehenAuslandsreisen mit seiner Motorradrunde, wo er „als Prak- wickeln, der hilft, das Wichtige aus Informationen rauszuho- der TrainerInnen auf seine Bedürfnisse und das (fast) täg-tiker“ sich stets „um die Maschine kümmerte“, alles Schrift- len, sie zu verstehen und wiedergeben zu können“. Ihr alter liche Üben zu Hause und die wöchentlichen Kurseinheitenliche von seinen BeifahrerInnen erledigen ließ. Lernstil war für sie auch „ein berufliches Hindernis, weil ich sind seine Unsicherheiten in gewissen Situationen deutlich mir so nur wenig zutraute, ich habe Ewigkeiten gebraucht“. geringer geworden und er „durchblickt“ nun einigermaßen Nach dem Bundesheer war er viele Jahre Lkw-Fahrer in ei- Mittlerweile hat sie wieder Freude am Lernen, durch spe- „das System mitsamt seinen Regeln [der Rechtschreibungner großen Baufirma. „Schreibkenntnisse“ waren nicht so zielle Auseinandersetzungen mit Lerntechniken kann sie und Grammatik]“. Den Kurs sieht er als „Startschuss, weilwichtig, er konnte sich mit Vorlagen, Wörterbüchern, Orts- nun auch „Gehörtes besser verstehen, merken und wie- ich nicht erwarte, neun Jahre Schulversäumnis in ein paarnamen aus dem Telefonbuch etc. helfen. Während dieser dergeben“. Als wesentlichen Erfolg betrachtet sie es auch, Monaten aufzuholen.“Zeit wurde er einmal im Winter zum „Stempeln“ geschickt. dass das „Selbstvertrauen, dass ich was weiterbringen kann,Da er den Antrag nicht ausfüllen konnte, ist er nicht mehr wenn ich es richtig angehe“ gestiegen ist und die Neugierdehingegangen und hat auf das Arbeitslosengeld „verzichtet“. auf Neues langsam die Versagensangst verdrängt. Aufgrund seiner Erfahrungen, was es im Dorf und am „Gedanken und Sätze vomStammtisch heißt, nicht „für voll genommen zu wer- Kopf auf das Papier“den“, hat er sich bis heute gehütet, über seine Probleme Herr J., knapp 45 Jahre, verheiratet, zwei Kinder, kommtzu sprechen und ist froh, dass er außerhalb seiner Re- aus einer Familie, in der die Kriegswirren und Waisenhaus-gion ein entsprechendes Basisbildungsangebot gefun- aufenthalte kaum Zeit und Möglichkeiten für Bildung lie-den hat. Nach ersten Zweifeln, was so ein Kurs bringen ßen. Die Eltern konnten ihn daher auch nicht fördern. Herrkönne, hat er sich doch angemeldet, um „wieder aufzu- J. kann sich nicht erinnern, jemals Geschichten vorgelesenstehen und nicht liegen zu bleiben“, und beurteilt diesen bekommen oder Auszählreime kennengelernt zu haben.ersten Schritt als den wichtigsten überhaupt. „Damit hast Das „Stillsitzenbleibenmüssen von heute auf morgen“, ge-du schon gewonnen.“ gen das er von Anfang an „rebelliert“ hat, war eines seiner ersten Probleme in der Schule. Mit Ach und Krach schaffte„Das Lernen steht wie ein Gebirge vor mir“ er die Volksschule, in der Hauptschule stieg er in der zwei- Frau W., 32 Jahre, verheiratet, vier Kinder, hat schon lange ten Klasse aus, „verständnisvolle Lehrer“, die ihn „motiviert“mit sich gerungen, ob sie etwas gegen ihre auch beruflich und „gefördert“ haben, waren die Ausnahme. Nach Hilfstä-hinderlichen Versagensängste unternehmen soll. Schon in tigkeiten in verschiedenen Fabriken im Versand, als Nacht-der Schule „verschwammen vor lauter Angst die Buchsta- portier, am Fließband kam er zu einer Großfirma, bei derSeite 22 Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis. Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis. Seite 23
    • MENSCHEN I Kastner I Potenziale von Lehr-Lern-Prozessen in Basisbildungskursen Potenziale von Lehr-Lern-Prozessen in Basisbildungskursen I Kastner I MENSCHEN Paul Bélanger weist mit seinem Konzept „Intimacy of lear- und Teilnehmer zu Wort. Die Rekonstruktion von subjekti- ning“ darauf hin, dass Lernen nicht lebensbegleitend und ven Handlungen und Deutungen zielt darauf ab, die Pers- lebensweit sein kann, wenn es nicht auch lebenstief ist (vgl. pektive der lernenden Erwachsenen nachzuvollziehen. Bélanger 2009, S. 23). Diese innere Seite des Lernens ist die „dritte Dimension“ des Lernens. So ist das Lernen über die Bewusstwerdungs- und Bewältigungsprozesse Lebensspanne die erste Dimension; die zweite Dimension Anhand der Episoden einer Teilnehmerin lässt sich der ist die Breite des Lernens (lebensweit), die alle Aspekte des Prozess der Bewusstwerdung und der Bewältigung eines Lebens und somit auch alle Lernformen umfasst (siehe hinderlichen Glaubenssatzes – aufgrund der in ihrer Kind- oben); der tiefe Blick in die Individualebene der Lernen- heit diagnostizierten Legasthenie, nicht vorlesen zu kön- den ist die dritte Dimension (vgl. Nuissl 2009, S. 3): „Ler- nen (vgl. TNin 7, 28 – 323) – nachzeichnen. Zu Beginn ihrer nen bleibt eine innere, private, intime Erfahrung“ (Bélan- Teilnahme erfährt sie die Gruppe als Freiraum, der es ihr ger 2009, S. 22). ermöglicht, am Geschehen teilzuhaben: Der vorliegende Beitrag basiert auf einer Forschungsar- „[…] wenn du die sechs Wochen kennst, geht es dann beit zu bildungsbenachteiligten Erwachsenen; im Rahmen schon. Aber gleich am Anfang. Ich habe einfach dieser Forschungsarbeit wurden Teilnehmer/innen und gesagt: Ich les nicht. Ich meine, und die, die Gruppe, Kursleiter/innen von Basisbildungskursen1 in den Blick da wird das auch so angenommen. Du musst ja nichts genommen. Ziel war die Rekonstruktion von subjektiven machen, nicht? Also, ich les nicht. Es hat mich keinerMonika Kastner Handlungen und Deutungen, um damit das Verstehen von gefragt, warum ich nichts vorlese. Alle haben irgend-Assistenzprofessorin an der Universität Klagenfurt Lehr-, Lern- und Bildungsprozessen in der Basisbildung zu wie einen Absatz gelesen oder so, so Situationen wasmonika.kastner@uni-klu.ac.at fördern; die Forschungsarbeit fokussierte insbesondere mi- sie gar nicht, ein anderer denkt sich nicht einmal krodidaktische Aspekte und lässt sich somit als Beitrag zur irgendetwas, und für mich, ich kriege Schweißaus- erwachsenenpädagogischen Lehr-Lern-Forschung verste- brüche, alle Zustände, nicht. Ich meine, es ist eigent- hen (Kastner, in Vorbereitung). Wird Weiterbildung in dem lich nur da drinnen wahrscheinlich.“ (TNin 7, 91–97) oben skizzierten umfassenden Sinn verstanden, dann ist jede Teilnahme beeinflusst von vorhergehenden Lernak- Ihr Glaubenssatz – „und ich habe schon immer mein Pro- tivitäten und Lernerfahrungen, womit die lebenstiefe Di- blem, dass ich nichts vorlesen kann“ (TNin 7, 22) – wird mension von Lernen angesprochen ist. Erwachsene, die an brüchig. Sie erkennt ihre eigene hinderliche WahrnehmungPotenziale von Lehr-Lern-Prozessen Basisbildungskursen teilnehmen, haben Bildungsbenach- („nur da drinnen wahrscheinlich“) und erinnert sich an teiligung erfahren. Der Begriff der Benachteiligung lässt früher erhaltene Hinweise. Ihre Schwester hat sie wieder- die Entwicklungsbedingungen, die Erwachsene aktuell und holt darauf aufmerksam gemacht, dass ihre Überzeugungin Basisbildungskursen als Kinder und Jugendliche im familialen, sozialen, schuli- schen, ausbildungs- und berufsbezogenen System vorfin- möglicherweise nicht der Realität entspricht. Sie erlebt nun in ihrer Gruppe, dass dem Vorlesen mit einer gewissen Ge-Die Rekonstruktion von subjektiven Handlungen und Deutungen den bzw. denen sie ausgesetzt waren, nicht außer Acht. Aus Bildungsbenachteiligung können Basisbildungsbedarfe/- lassenheit begegnet wird:fördert das Verstehen von Lehr-, Lern- und Bildungsprozessen bedürfnisse resultieren. Ich lehne mich hier an die von „[…] aber das rede ich mir vielleicht selbst ein. Das Ekkehard Nuissl vorgenommene pointierte Differenzie- sagt meine Schwester auch oft. Da sagt sie: Du bildest rung an: „Unter Bedarf wird gemeinhin die ‚objektivierte’ dir das ein irgendwie, nicht. Weil sie verliest sich auch Seite von Bedürfnis verstanden. Bedürfnis folgt dem indi- teilweise, der ist das wurscht, na, da habe ich mich viduellen Interesse, Bedarf der gesellschaftlichen Notwen- verlesen. Ich meine, wenn die in der Gruppe lesen,Der Beitrag fokussiert mikrodidaktische Aspekte von ist permanent zu vollziehen: im regulären Schul- und digkeit (oder was man dafür hält).“ (Nuissl 2000: 16) verliest sich sicher jeder einmal irgendwie oder. DieLehr-Lern-Prozessen aus der Perspektive von Teilneh- Hochschulsystem als sogenanntes formales Lernen, das denken sich nicht einmal was.“ (TNin 7, 119–123)menden und Kursleitenden. Die datenbasierte Rekonstruk- zu anerkannten Abschlüssen führt (vor allem im Rah- Lernprozesse intion von subjektiven Handlungen und Deutungen verweist men der schulischen und beruflichen Erstausbildung), Später im Interview berichtet sie, dass sie „auch schonauf die Bedeutung der achtsamen Wahrnehmung der Vo- als sogenanntes nichtformales Lernen, das insbeson- Basisbildungskursen: zweimal da einfach vorgelesen“ (TNin 7, 357) hat – ihr ge-raussetzungen von Erwachsenen, die Bildungsbenachtei- dere Lernaktivitäten in Angeboten der Erwachsenen-/ exemplarische Beispiele lingt das vormals Undenkbare, nämlich in der Gruppe vor-ligung erfahren haben. Somit verdeutlichen die Interpre- Weiterbildung sowie angeleitetes Lernen am Arbeits- zulesen. Die durch die Diagnose Legasthenie errichtetetationsergebnisse die Verantwortung, die im Lehrhandeln platz umfasst und als sogenanntes informelles Lernen, Im Folgenden werden Lernprozesse in Basisbildungskur- Barriere wird überwunden; der Befund, der Entwicklungin kompensatorischen Lehr-Lern-Prozessen übernommen das intentional erfolgt und somit selbstgesteuert und sen anhand von exemplarischen Beispielen aus dem Da- verunmöglicht hat, wird von ihr aktiv außer Kraft gesetzt.wird, und erhellen Potenziale von Basisbildung. selbstorganisiert vollzogen wird, beispielsweise das Le- tenmaterial2 fokussiert; dabei kommen Teilnehmerinnen sen von Fachzeitschriften oder das zielgerichtete Ler- Ein Teilnehmer zitiert auf die Frage nach von ihm wahrge-Lernen: lebensbegleitend — 1 An dieser Stelle möchte ich mich herzlich bei den beiden Basisbildungseinrichtungen nen von Kolleginnen und Kollegen (vgl. Statistik Aust- (aus Gründen der Wahrung der Anonymität der Interviewpartnerinnen und Interview- nommenen Fortschritten im Lernen seine Kursleiterin, die partner muss die Nennung der beiden Einrichtungen unterbleiben) bedanken, die mich ria 2009, S. 84f.). Das Lernen „en passant“ (Reischmann ihn offenbar wiederholt darauf aufmerksam macht, sichlebensweit — lebenstief 1995, S. 200) geht nicht auf eine Lernintention als solche bei meiner Forschungsarbeit unterstützt haben; ein besonderer Dank gilt meinen Inter- viewpartnerinnen und Interviewpartnern. nicht selbst herabzusetzen: Lebenslang zu lernen wird als Anforderung an uns he- zurück, sondern vollzieht sich gleichsam als Nebenpro- 2 Der Forschungsarbeit lag der Ansatz der Grounded Theory zugrunde (Glaser/Strauss 2005 [1967]). Von Juli 2007 bis November 2007 wurden in zwei Basisbildungseinrichtun- derungen durchgeführt. Die Interpretationsergebnisse verdichteten sich zu folgendenrangetragen und ist während unseres gesamten Lebens dukt einer nicht auf Lernen abzielenden Handlung (vgl. gen insgesamt 24 episodische Interviews mit Teilnehmerinnen und Teilnehmern, neun Schwerpunkten: gelungene Zugänge zum Basisbildungskurs, Lehrhandeln – das Kursge- leitfadengestützte Interviews mit Kursleiterinnen und Kursleitern sowie ein offenes In- schehen aus der Perspektive der Kursleitenden, Lernprozesse – das Kursgeschehen ausvorgesehen. Es wird „nicht nur ununterbrochen (‘le- ebd., S. 201). Dieses Lernen zeichnet „das Bild des Aktiv- terview mit einer Sozialarbeiterin geführt. Ein Jahr nach der Durchführung dieser Da- der Perspektive der Teilnehmenden, Effekte der Teilnahme und Bedingungen des Gelin-bensbegleitend’), sondern auch überall (‚lebensweit’) seins, des Voranschreitens, aber auch des ungeplanten tenerhebung wurde im Sommer/Herbst 2008 eine weitere Datenerhebung vorgenom- gens (siehe dazu ausführlich Kastner, in Vorbereitung). men, dabei wurde die Frage fokussiert, wie es den befragten Teilnehmenden währendgelernt“ (Wiesner/Wolter 2005, S. 21). Diese Aktivität Vorbeikommens“ (ebd., S. 203). des vergangenen Jahres ergangen ist. Im Dezember 2008 wurde ein leitfadengestütztes 3 Dieser Beleg verweist auf die Zeilen 28 bis 32 des mit Teilnehmerin 7 geführten Inter- Interview mit einem Vertreter des Arbeitsmarktservice (AMS) aus dem Geschäftsfeld För- views (die geführten Interviews wurden chronologisch nummeriert).Seite 24 Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis. Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis. Seite 25
    • MENSCHEN I Kastner I Potenziale von Lehr-Lern-Prozessen in Basisbildungskursen Potenziale von Lehr-Lern-Prozessen in Basisbildungskursen I Kastner I MENSCHEN „[…] sie sagt eh immer, ich tue mich selber immer so ich muss lesen, wann ich muss schreiben. Und ich computergestützte Führerscheinprüfung bestanden und er halt eingegangen. Vielleicht findet man einen ande- bekritteln. Ich mache zwar jetzt schon wieder zu wenig weiß, ich könnte nicht was machen. Für mich wirk- kann vorhandene Mathematikkenntnisse auffrischen: ren Weg, wo du das besser hören kannst oder besser und so, daheim auch und das. Aber wenn ich mir halt lich war traurig.“ (TNin 6, 29–36) verstehen kannst, ja.“ (TN 10, 93–96) so Sätze durchlese und ich habe alles begriffen, dann „Angefangen habe ich mit Rechnen. Also einfach rech- denke ich mir, und dass ich den ganzen Sinn weiß Das sprichwörtliche Glück im Unglück eröffnet ihr den Zu- nen, einfach wieder hineinzukommen. Äh, beim zwei- Ein weiterer Teilnehmer wird durch Angebote zur Aus- davon, ich, ich habe was geschafft.“ (TN 5, 281–284) gang zum Basisbildungskurs: Sie wird von einer aufmerksa- ten Mal habe ich eine Einschulung am Computer weitung von Lerninhalten in seinem vordringlichen Lern- men Trainerin über Basisbildungsangebote informiert (vgl. gehabt. Ja, und dann auch wieder Rechnen. Bruch- ziel bestärkt: Hier wird ein Prozess der Bewusstwerdung sichtbar, dass TNin 6, 36–43). Die in der arbeitsmarktpolitisch organisier- rechnen. Ich habe gar nicht mehr gewusst, dass es daser nämlich dazu neigt, seine Leistungen nicht zu würdigen. ten Schulung durchlebte intensive Überforderung mag zu gibt, das Bruchrechnen. […] Aber an dem Tag hab ich „[…] ich will nur schreiben lernen. Ehrlich gesagt.Seine Einschätzung über erzielte Lernfortschritte beim Le- ihrem Gefühl der eigenen Unzulänglichkeit („so wie ich bin noch herausgekriegt wie und das freut mich irrsinnig. Und das ziehe ich auch durch. Weil sie schon ab undsen verdeutlicht das wachsende Vertrauen in seine Fähig- deppert“) beigetragen haben. […] Ich habe momentan nicht gewusst, wie man divi- zu gesagt haben: Möchtest du nicht auch einmal amkeiten, was auf einen beginnenden Bewältigungsprozess diert und [die Kursleiterin] hat es mir dann gezeigt und Computer arbeiten? Habe ich gesagt: Nein. (er lacht)schließen lässt. Anhand der folgenden Episode lässt sich auch zeigen, wie dann ist das dann wieder gegangen.“ (TN 9, 80–124) Lassen wir‘s. Ja, ein paar, einmal bin ich schon beim stabil hinderliche Selbstbilder sein können. Der befragte Computer, das war auch interessant, da kann ich Anhand der Episode einer Teilnehmerin kann gezeigt wer- Teilnehmer beschreibt, wie seine Glaubenssätze – „böse An bestehenden Interessen und vorhandenen Kenntnis- auch nichts sagen, das war auch interessant! Aberden, dass sie die Herausforderung annimmt, eine Aneig- Hintergedanken“ – bereits vollzogene Fortschritte zunichte sen anzuknüpfen, verdeutlicht erfolgreiche Abstimmungen nur, ich meine, ich meine, wenn ich, wenn ich, wennnungsperspektive zu entwickeln. Damit ist gemeint, dass die machen und ihn zurückwerfen: im Lehr-Lern-Prozess. ich, wenn ich dabei sitzen müsste, würd‘s mir, meineVorstellung über die eigene Fähigkeit zur aktiven Aneignung ich, auch nix machen, aber nur, ich weiß nicht, das istneuer Wissensinhalte und neuer Fertigkeiten erst ausgebil- „Das ist ja ganz ein böser, böser, böser Hintergedan- Während sich ein Teilnehmer auf sein vordringliches Ziel nicht mein Ding!“ (TN 15, 724–729)det werden muss: ken, dass du immer wieder sagst: Nein, das kann ich vorbereitet, hält seine Kursleiterin das nächste Ziel präsent, so und so nicht. Für dich selbst. Du bewertest dich indem sie das gemeinsam zu erarbeitende Lernvorhaben Dieser Aushandlungsprozess wirkt stärkend in Hinblick auf „Am Anfang, ich habe, ICH selber diese Gefühl, so wie selbst, nicht. […] das ist wie ein kleines Teuferl im in Aussicht stellt: die eigene Zielsetzung. Er interessiert sich für Computer, er ich bin deppert oder, warum ich kann nicht, ja? […] Hintergedanken, was immer arbeitet: Ach, du bist zu hat berichtet, dass er sich ein altes Gerät organisiert hat, um Aber ich selber, ich habe dieses Gefühl am Anfang dumm. Und du kannst es aber schon besser! Aber das „Ja, jetzt hab ich so viel zu tun wegen dem Führerschein dessen Funktionsweisen auszuprobieren (vgl. TN 15, 679– gehabt. Wenn, warum ich könnte es nicht mit die will dich immer wieder zurückholen und sagen: Okay, […] und sie hat gemeint, wenn ich den Führerschein 694). Berührungsängste dürften somit nicht der Grund für Buchstaben. Ich habe viele Probleme mit die Buch- du kannst es nicht, du hast es nie können, also warum dann hab, dass wir dann halt das Schreiben probieren die Ablehnung des Angebotes gewesen sein. Er entscheidet staben am Anfang. Ich weiß nicht, wo ist die richtige sollst du es jetzt können? Das sind schon böse Hinter- und so. Ich hoffe, dass ich, so viel was ich brauch, dann sich in diesem Aushandlungsprozess jedoch für das Schrei- Buchstaben, hm. […] Und ich habe mit dieses Gefühl, gedanken, von dir selbst, nicht. […] Das hat einfach auch zusammenbringe.“ (TN 5, 463–468) ben und somit für sein ursprüngliches Bildungsbedürfnis. ich bin nicht normal, ja? Und dann später nach der mit deinem Selbstwert was zu tun.“ (TN 22, 517–529) Zeit, ich habe gelernt, und die Situation war immer Diese in Aussicht gestellte begleitete Erweiterung („wir“) Aspekte des Lehrhandelns: besser und immer besser. […] Und dieses Gefühl, ich Der Teilnehmer erklärt, wie er sich selbst immer wie- von Lerninhalten – vom Lesen zum Schreiben – leistet einen habe früher gehabt, warum ich kann‘s nicht? […] mit der abwertet. Hier offenbart sich die Prozesshaftigkeit der Beitrag zum eigenen Wollen; den nächsten Schritt zu setzen exemplarische Beispiele der Zeit, ich habe geschaut – du könnte nicht anders Stärkung des Selbstwertgefühls4, die über einen längeren und im Lernprozess voranzuschreiten, wird vorstellbar. Die Interpretationsergebnisse zu Aspekten der Lernpro- früher! Natürlich, ich bin nicht hier aufgewachsen. Zeitraum hinweg kontinuierlich erfolgen muss; durch die zesse aus Sicht der befragten Teilnehmenden beinhalten Ich bin groß gekommen hier, ich muss von vorne. So behutsame und kontinuierliche Stärkung des Selbstwert- Ein Teilnehmer berichtet von Aushandlungsprozessen in implizit Aussagen über das Lehrhandeln, das heißt über wie jede anders, wenn kommen in eine fremdes Land, gefühls könnte sich der innere, feste Kern einer gestärkten Hinblick auf die Auswahl von Lerninhalten: „Na ja, wir ma- die Gestaltung der Lehr-Lern-Prozesse durch die Kurslei- wo sie nicht diese Sprache kennt und nicht so schrei- Persönlichkeit entwickeln. chen uns das aus meistens.“ (TN 10, 132) Mittels Abstim- terinnen und Kursleiter. Im Folgenden werden einige As- ben, überhaupt nicht. Aber die Gefühle, habe ich mungen basierend auf ausprobierendem Lehrhandeln und pekte des Lehrhandelns aus Sicht der Kursleitenden exem- gehabt auf mich selber.“ (TNin 6, 296–314) Abstimmungs- und Aushandlungsprozesse dessen Reflexion können Fortschritte in Hinblick auf indivi- plarisch dargestellt. Die Episoden der befragten Teilnehmenden verdeut- duelle Verstehens- und Aneignungsprozesse erzielt werden: Im Prozess des Lernens im Basisbildungskurs erfährt sie lichen die Kursgestaltung als Abstimmungs- und Aus- Stärkung der Teilnehmendenihr Veränderungspotenzial; sie hat eine Vorstellung eines ler- handlungsprozesse. Abstimmung wird verstanden als „(T) Und das ist halt für mich viel, dass ich draufkomme, durch Zuwendungnenden Selbst entwickelt, wenn sie sagt: „Ich denke einmal Prozess individueller Förderung unter Beachtung der Vo- wie kann ich das ändern und wie kann ich mir das bes- Die Stärkung der Teilnehmenden durch Zuwendung istso, alles muss was lernen. Und niemand kommt in die Welt raussetzungen der Teilnehmerin/des Teilnehmers. Aus- ser merken. ein wesentlicher Aspekt des Lehrhandelns. Diese Stär-und weiß alles.“ (TNin 6, 201f) Vor der Basisbildungskurs- handlung wird verstanden als die Beteiligung der Teil- (I) Ahm, ahm/also darüber denken Sie nach, wie Sie es? kung scheint die notwendige Basis für Lehr-Lern-Pro-teilnahme hat sie an einer arbeitsmarktpolitisch organisier- nehmenden an der Gestaltung der Lehr-Lern-Prozesse. (T) Ja, wir reden ja auch miteinander, ja. Wie könnte zesse zu schaffen.ten Schulung teilgenommen. Im ersten Moment hat sie sich Diese Abstimmungs- und Aushandlungsprozesse eröff- man was verändern, wie es, wie ich das verstehenüber diese für sie neue Möglichkeit gefreut. Während der nen Entwicklungsräume. könnte. […] Ich weiß nicht genau, wie man das, es nen- Bei einigen der befragten Kursleitenden ist als grundle-Teilnahme hat sie ihre Einschränkungen in ihrem sprachli- nen soll. Irgendwas, der eine tut sich dort einfach, ver- gende Haltung das uneingeschränkte und offene Anneh-chen Ausdrucksvermögen und ihre schriftsprachlichen Ein- Am Beispiel der Schilderungen des folgenden Teilnehmers steht SO besser, versteht SO besser.“ (TN 10, 117–124) men der Teilnehmenden feststellbar; so beschreibt einschränkungen jedoch als extrem belastend erlebt: lassen sich erfolgreiche Abstimmungsprozesse feststellen. Kursleiter die Teilnehmerin/den Teilnehmer als Ausgangs- Er ist erst seit knapp zwei Monaten im Kurs und beschäftigt Diese vielfältigen Erklärungen ermöglichen ihm das Ver- punkt seines Lehrhandelns: „[…] ich habe mich gefreut und ich möchte was sich vor allem mit dem Rechnen und der Computer-Bedie- stehen und die Aneignung und sind ein wesentlicher Fak- machen, was Neues, war neugierig. Aber in der ande- nung, denn dafür interessiert er sich am meisten (vgl. TN 9, tor für seine Zufriedenheit: „[…] also ich orientiere mich nicht an irgendwas, was ren Situation mehr war traurig auch, wenn ich könnte 89f). An diese beiden Inhalte kann er offenbar anknüp- irgendwo geschrieben steht […], sondern ich pro- überhaupt nicht schreiben, ich könnte mit die Buch- fen; schließlich hat er vor Beginn seiner Kursteilnahme die „Vor allem, dass nicht so runter rennt wie in der biere […] in einem Gespräch dann Kontakt zu finden, staben überhaupt nichts, ja. […] und wirklich, ich Schule. Zack, zack, die Benotung. Oh Maria, oh, eh ja. Und dann das einmal irgendwie anzugehen, so wie war wirklich traurig, ich war, ich habe fast immer nur 4 Das Selbstwertgefühl ist eine „generalisierte wertende Einstellung gegenüber dem schon dreimal erklärt und noch allerweil nicht kön- es einfach passend ist. […] So am Anfang ist für mich Selbst“ (Zimbardo/Gerrig 2004, S. 634); diese Einstellung beeinflusst Stimmung und per- geweint. Immer wann ich muss was sprechen, wann sönliche und soziale Verhaltensweisen (vgl. ebd.). nen, ja. Das heißt, da wird halt eingegangen. Da wird einfach nur einmal der Mensch da. Und da einmal zuSeite 26 Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis. Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis. Seite 27
    • MENSCHEN I Kastner I Potenziale von Lehr-Lern-Prozessen in Basisbildungskursen Potenziale von Lehr-Lern-Prozessen in Basisbildungskursen I Kastner I MENSCHEN schauen und das dann irgendwie in Einklang zu brin- ken Interesse am Wohlergehen der Teilnehmenden geleitet: Das sitzt ganz, ganz tief. Und weil wir halt in unse- Literatur gen dann [mit den Zielen und Vorgaben der Einrich- rer Gesellschaft uns ja auch mit dem […] was wir Bélanger, P. (2009), Stichwort: „Intimacy tung], wie man das dann hinkriegt.“ (KL D, 92–995) „Jetzt nicht unbedingt vor allen [der Gruppe], aber wenn nicht können und diese Leistung, die irgendjemand of learning“ – eine gesellschaftliche wir, wenn ich mit jemandem alleine bin, frage ich auch. irgendwo NICHT bringt, mehr anprangern als […] Herausforderung. In: DIE Zeitschrift für Der Kurs ist somit ein gestaltbarer Aktionsraum, der sich Weil ich mir denke, dadurch kriege ich vielleicht auch dieses Anerkennende.“ (KLinF, 314-317) Erwachsenenbildung. Heft 2, S. 22–23.um die Teilnehmerin/den Teilnehmer zentriert. Zuwendung ein paar Dinge raus, die gerade wichtig sind, die er viel-bedarf einer achtsamen Haltung. In diesem Zusammenhang leicht jetzt gerade können muss oder können, können Sie spricht damit implizit den Ansatz der Ressourcenorien- Bélanger, P. / Brandt, P. (2009), (An-)Fragen an Paul Bélanger und seine Qualifizierungbeschreibt dieser Kursleiter eine Stärke, die er bei Teilneh- will, ja. Und ja […] mich interessiert es auch. Also ich tierung an. Gemeinsam mit den Teilnehmenden wird ein des Lernens als „intimate“. Auf denmenden wahrnimmt – die oftmals vorhandene „Offenheit“ will, ich will das wissen, wie es ihnen auch geht und ob kritischer Blick auf gesellschaftliche Zuschreibungen, die „Eigensinn“ kommt es an. In: DIE Zeitschrift(KLerD, 510) und „Zugänglichkeit“ (KLerD, 843) der Teilneh- sie sich wohlfühlen.“ (KLinA, 444-448) weniger die Ressourcen und mehr die Schwächen fokus- für Erwachsenenbildung. Heft 2, S. 24–25.menden vereinfacht wesentlich die Schaffung eines Vertrau- sieren, entwickelt: „Und das sitzt so tief. Ich meine, so total Glaser, B. G. / Strauss, A. L. (2005 [1967]),ensverhältnisses für eine gemeinsame Basis: Eine Kursleiterin beschreibt als ihre wichtigste Eigen- therapeutisch arbeiten wir ja nicht und trotzdem glaube ich, Grounded Theory. Strategien qualitativer schaft die „Begeisterung für alles, was an Lernfortschrit- dass es […] heilsam ist. […] Und heilend zu erfahren, es gibt Forschung, 2. Aufl. Bern: Hans Huber. „Das ist einfach ein Wert, wenn man das hat. Ich mag ten kommt“ (KLinB, 95f.). Diese Begeisterung ist nur mög- diese […] Zuschreibungen.“ (KLinF, 302–305) das, und ich weiß das zu schätzen […] also, ich finde lich, wenn die Fähigkeit zur Perspektivenübernahme Kastner, M. (in Vorbereitung), da irgendwie immer sehr leicht hin. Und das gefällt gegeben ist, wenn also individuelle Leistungen wahrge- Wenn also die Wahrnehmung und Entkräftung von Glau- Bildungsbenachteiligte Erwachsene – Basisbildung und das Potential der vitalen mir. […] ICH bewerte das auch als Stärke […] ja, diese nommen und gewürdigt werden: „Weil jemand, der jetzt benssätzen dazu führen kann, dass sich die Einstellung ge- Teilhabe. Klagenfurt: Habilitationsschrift, Offenheit, sodass man da leichter Zugang findet.“ zusammenlauten lernt, ja. Das, was für mich selber ein- genüber dem Selbst positiv verändert, dann ist das ein we- Universität Klagenfurt. (KLerD, 508-529) fach kein Problem ist, mag für den ein immenser Weg sein, sentlicher Beitrag zur Stärkung der Teilnehmenden. bis er dort hinkommt.“ (KLerD, 477ff.) Es ist diese acht- Nuissl, E. (2000), Einführung in die Erwachsene, die Bildungsbenachteiligung erfahren haben, same Haltung, die es ermöglicht, alle Lernschritte unein- Resümee: Basisbildung und Weiterbildung. Zugänge, Probleme und Handlungsfelder. Neuwied; Kriftel: Luchterhand.leben oder lebten vielfach in belastenden Lebenszusam- geschränkt anzuerkennen:menhängen; diese wirken in das Kursgeschehen hinein. Das vitale Teilhabe Nuissl, E. (2009), Die dritte Dimension. In: DIEaufmerksame Zuhören und dadurch Anteil zu nehmen ist „[…] dass man auch diese kleinen Sachen anerkennt. Weil Die Interpretationsergebnisse verdeutlichen die Verant- Zeitschrift für Erwachsenenbildung. Heft 2, S. 3.ebenfalls eine Form der Zuwendung, die sich über die Schaf- für diese Leute sind das keine kleinen, für uns sind das wortung, die mit der Tätigkeit des Lehrhandelns in kom- Reischmann, J. (1995), Die Kehrseitefung von Gesprächsräumen vollzieht: kleine Dinge, aber für jemanden, der langzeitarbeitslos pensatorischen Lehr-Lern-Prozessen übernommen wird. der Professionalisierung in der ist, irgendwohin pünktlich zu kommen […] die schaffen Paul Bélanger hat gezeigt, dass das Konzept der „Intimacy Erwachsenenbildung. Lernen „en passant“ – „Wo ich dann merke einfach, sie müssen da unbedingt das oft nicht. […] Und dass man da sagt: Okay, für den ist of learning“ auf die „Dimension der Schädigung von Bil- die vergessene Dimension. In: Grundlagen jetzt einmal reden darüber und dann geht erst wieder das total schwierig und für den ist es eine super Leistung. dungsbiographien“ (Bèlanger/Brandt 2009, S. 24) verweist. der Weiterbildung. Heft 4, S. 200–204. was. Dann, dann funktioniert das Aufmachen irgend- Und das sage ich ihm auch.“ (KLinH, 427-432) Achtsamkeit im Lehrhandeln bedeutet, Teilnehmende tat- Statistik Austria (Hrsg.) (2009), wie wieder so. Zuerst ist der Kopf so voll mit diesen sächlich in ihrer Einzigartigkeit und ihrer Gewordenheit Erwachsenenbildung. Ergebnisse des Adult Dingen, die so unlösbar scheinen. Und dann, wenn Glaubenssätze wahrnehmen und entkräften wahrzunehmen, ihre Voraussetzungen, Bedürfnisse und Education Survey (AES). Wien: Verlag Österreich. das einmal, zumindest ein Teil weg ist, na dann, dann Hinderliche Glaubenssätze tauchen wiederholt in den Interessen anzuerkennen und als bestimmende Größe im Wiesner, G. / Wolter, A. (2005), Einleitung. geht halt wieder irgendwas anderes hinein sozusa- Lehr-Lern-Prozessen auf. Hierbei geht es darum, Verän- didaktischen Handeln zu akzeptieren. Der empathische In: Wiesner, G./Wolter, A. (Hrsg.). Die gen.“ (KLinG, 360-363) derung zu initiieren. Die Entkräftung von Glaubenssätzen Zugang ermöglicht es, Teilnehmende zu verstehen und ge- lernende Gesellschaft. Lernkulturen und die nachhaltige Stärkung der Teilnehmenden nimmt lingende Lehr-Lern-Prozesse zu gestalten; tragfähige Bin- und Kompetenzentwicklung in Achtsamkeit und feinfühliges Vorgehen bewahren Teil- längere Zeit in Anspruch: dungen wirken sich hierbei förderlich aus. der Wissensgesellschaft, S. 7–44.nehmende vor Frustrationserfahrungen; dabei handelt es Weinheim; München: Juventa.sich um eine indirekte Form der Stärkung: „[…] immer wieder kommt es heran. Ja, das weiß ich Die Lehr-Lern-Prozesse sind zum Wohl der Teilnehmen- Zimbardo, P. G. / Gerrig, R. J. (2004), Psychologie. ja schon, dass das immer wieder kommt und dann den angelegt und können für erlittene Ausschlusserfahrun- 16. Aufl. München: Pearson Studium. „Weil das ist immer so ein heikler Punkt, weil ich zähle ich einfach auf, ganz, wie es halt ist, was alles gen entschädigen. Die individuelle Basis der Teilnehmen- merke, wenn jemand spürt, da kommt er nicht mehr gelernt wurde. Also, einfach meine Sicht der Tatsa- den wird durch Stabilisierung und Stärkung gesichert; die mit oder so. Das kann so, ich meine, es verändert chen […] und das ist vielleicht auch interessant, ja, solcherart erworbene innere Sicherheit ermöglicht die Ent- sich sofort der Gesichtsausdruck, und ich merke, das dass ja was passiert ist.“ (KLerC, 404-409) wicklung von Vertrauen in die eigene Lernfähigkeit. Viele reicht ein Stück tiefer noch, so Selbstwert und so wei- der befragten Teilnehmenden berichteten mit Lebendig- ter. Und das ist so ein Punkt, wo ich merke, da passe Die Übernahme einer anderen Sichtweise auf das eigene keit und Freude von ihrer Teilnahme; diese Effekte betref- ich voll auf. […] Man muss immer tasten. Ist das jetzt Lernen – dass eben der Kursleitende bereits erfolgte Lern- fen als gefühlsbetonte Qualität den persönlichen Bereich Die Autorin angemessen oder nicht.“ (KLerD, 227 – 232) schritte wahrgenommen hat, diese rekapitulieren kann und der Teilnehmenden. Zur Beschreibung des Phänomens des Ass.Prof.in Dr.in Monika Kastner positiv bewertet – muss von den Teilnehmenden erst nach gefühlten Zuwachses an Lebensqualität wurde das Konzept lehrt und forscht seit 2004 an der Universität Klagenfurt; Das Interesse an der Lebenswelt der Teilnehmenden hat und nach in ihre Selbstwahrnehmung integriert werden. der vitalen Teilhabe entwickelt (siehe dazu Kastner, in Vor- Arbeitsschwerpunkte: Bildungsbenachteiligte Erwach-auch pragmatische Gründe, schließlich sollen individuelle bereitung). Erwachsene, die Bildungsbenachteiligung er- sene und lebensbegleitende Bildung; Evaluation undBildungsbedarfe/-bedürfnisse bearbeitet werden. Dieses Teilnehmende erleben mitunter ein Gefühl der Unterle- fahren haben, haben ein Recht auf Lehr-Lern-Prozesse, die Qualität, Projektmanagement, qualitative Forschungs-Interesse trägt durch die solcherart erfahrene Aufmerksam- genheit, weil sie sich im Vergleich als defizitär wahrneh- es im Sinn einer wahrhaften Wiedergutmachung ermögli- methoden; Grundausbildung in Themenzentrierter In-keit und Zuwendung zur Stärkung bei. Eine Kursleiterin men: „Die anderen SIND einfach besser, wenn sie DAS chen, erlittene Benachteiligungen bearbeiten und damit teraktion (TZI);nimmt beispielsweise in vertraulichen Gesprächen eine [die Kulturtechniken] besser können“ (KLinF, 300f.). Diese auch verarbeiten zu können. Basisbildungskurse, die ei- Universität Klagenfurt, Institut für Erziehungswissen-fragende Haltung ein, um möglichen Lerninhalten auf die Kursleiterin relativiert das gefühlte Defizit: nen Beitrag zur Stärkung der Persönlichkeit leisten und schaft und Bildungsforschung, Abteilung für Erwachse-Spur zu kommen; darüber hinaus wird sie von einem star- dadurch die Entwicklung von Freude an eigenen Lernpro- nen- und Berufsbildung „[…] also das wirklich zu glauben: Ich bin ein tol- zessen fördern, sind letztlich als ein Akt ausgleichender Ge- www.ifeb.uni-klu.ac.at5 Dieser Beleg verweist auf das mit Kursleiter D geführte Interview (die Interviews wur-den mit A bis I bezeichnet). ler Mensch, auch wenn ich DAS nicht so gut kann. rechtigkeit zu verstehen. monika.kastner@uni-klu.ac.atSeite 28 Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis. Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis. Seite 29
    • MENSCHEN I Dergovics I Verschiedene Menschen, verschiedene Sprachen — ein Kurs Verschiedene Menschen, verschiedene Sprachen — ein Kurs I Dergovics I MENSCHEN nen besser sind als die sogenannten „gemischten“ Kurse ner Teilnehmerin, die in der Türkei geboren wurde, einen oder umgekehrt. Konflikt austrägt, so wird dieser oft schnell interkulturel- ler Konflikt genannt. Doch können nicht andere Problem- Vorgehensweise felder dahinter liegen? Kann der Auslöser vielleicht eine Es wurden zwölf Interviews in Österreich, Deutschland Geschlechterspannung sein? Kann es der große Altersun- und England1 mit AnbieterInnen/TrainerInnen von Kursen terschied sein? Kann es der unterschiedliche Ausbildungs- mit Erstsprachenvielfalt und eine umfassende Literaturre- stand sein? cherche durchgeführt. Begleitend dazu hat ein ExpertIn- nengremium2 an der Analyse der Ergebnisse gearbeitet und Die Nutzung der „kulturellen Brille“ kann einer Kultura- diese einem gemeinsamen Reflexionsprozess unterzogen. lisierung zuarbeiten, „die Individuen ganz auf ihre kultu- relle oder nationale Herkunft festlegt und beispielsweise Der folgende Text umfasst essenzielle Ergebnisse des Re- übersieht, dass die Eingebundenheit in kulturelle Praxen, chercheprozesses. Dargestellt werden die wichtigsten Dis- die den faktischen oder imaginierten Kontext einer ehe- kussionspunkte und Fragestellungen, die ausschlaggebend mals subjektiv bedeutsamen Zugehörigkeit bezeichnet ha- für gelingende Kurse für Personen mit deutscher und an- ben mögen, aktuell nicht mehr die gleiche Gültigkeit besit- deren Erstsprachen sein können. Vertiefende Infos gibt zen“ (Mecheril in Auernheimer 2008, S. 32). Dies würde im es im Handbuch des Teilprojektes (downzuloaden unter konkreten Fall eine Zuschreibung an die Ehemänner von www.alphabetisierung.at). türkischen Frauen sein, dass sie ihre Frauen nicht in Basis-Elke Dergovics bildungskurse kommen lassen, obwohl in Wirklichkeit viel-Ehemalige Teilprojektkoordinatorin Vermessung des Themas leicht die Frau gar nicht möchte. Dies kann dann auch derim Projekt In.Bewegung; Vielfach wird von Kursen für Menschen aus verschiede- „Selbstethnisierung“ (Bommes in Auernheimer 2008, S. 50)Die Wiener Volkshochschulen nen Kulturen gesprochen, und da stellt sich bei genaue- entsprechen, d.h., die Frau könnte diese Vorurteile als Aus-elke.dergovics@gmx.net rem Hinsehen die Frage: Was ist mit Kultur gemeint? Wa- rede für ihren Nicht-Kursbesuch verwenden. rum wird dieser Faktor als Differenzierungskriterium herangezogen? In den meisten Situationen sind kulturelle Differenzen im Sinne ethnischer Unterschiede konstruiert und nur eine Paul Mecheril (Mecheril in Auernheimer 2008, S. 22) be- unter mehreren Differenzen, z.B. Geschlecht, Alter, Bildung, zieht sich auf Fran-Olaf Radtke und stellt fest, „dass nicht Familienstand. Ebenso kann es zur Erwartung von kulturel-Verschiedene Menschen, die Zugehörigkeit zu einer ‚anderen’ Kultur, sondern As- len Konflikten kommen, weil bestimmte Bilder gewissen pekte sozialer Benachteiligung und Diskriminierung zur Kulturen zugeschrieben werden, doch im Kurs selbst ent- Positionierung von Migranten und Migrantinnen inner- wickelt sich kein Konflikt. Kulturalisierung kann auch alsverschiedene Sprachen — ein Kurs halb und außerhalb der Funktionssysteme der Gesellschaft, etwa dem Erziehungssystem, führen“. Schutz vor Veränderung gesehen werden und erfüllt somit einen Zweck in der jeweiligen Handlung.Eine Dokumentation zu Kursen für Erwachsene mit nicht Diese Perspektive bestätigte sich in den Recherchen und Genau zu hinterfragen ist ebenso der Begriff der Migran-ausreichender Basisbildung mit unterschiedlichen Erstsprachen den Interviews. In den Kursen führen Spannungen zwi- tin/des Migranten. Dieser kann viele verschiedene Perso- schen verschiedenen gesellschaftlichen Schichten oder un- nengruppen umfassen: Menschen mit Deutschkenntnis- terschiedliche Bildungserfahrung eher zu Konflikten als sen, die schon einige Zeit in Österreich sind, Menschen unterschiedliche „Kulturen“. So kann es schwieriger sein, ohne jegliche Deutschkenntnisse, die kürzer oder längerGemeinsame Basisbildungskurse für Personen deutscher Bisher wurden Kurse für Menschen mit deutscher Erst- das Gemeinsame im Kurs für eine Ärztin aus Russland und in Österreich sind, Menschen, die hier geboren und in dieund anderer Erstsprache: Modelle und Rechercheergeb- sprache und Kurse für MigrantInnen oft getrennt ange- einen Hauptschulabsolventen aus Österreich zu finden als Schule gegangen sind, deren Eltern jedoch aus einem an-nisse aus Deutschland, England und Österreich Hinter- boten, diese Struktur spiegelt auch die Entstehungsge- zwischen einem Menschen mit wenig Basisbildung aus deren Land kommen, Menschen, die die Schule teilweise ingrundinformationen und Diskussionspunkte von ExpertIn- schichte der Basisbildung in Österreich wider. Zu Beginn Serbien und einem Menschen mit wenig Basisbildung aus Österreich und teilweise im Ausland besucht haben.nen als Grundlage für eine qualitätvolle Konzeption und war es wichtig, explizit Kurse für Menschen mit deutscher Österreich. Unterschiedliche Lern- und Lebenserfahrun-Umsetzung von gemeinsamen Kursangeboten im Bereich Erstsprache anzubieten, um die Gesellschaft für den beste- gen können zu Diskussionspunkten werden. Das Lernen Bei der Diskussion um Kurse für Personen mit deutscherBasisbildung und Alphabetisierung. henden Bedarf zu sensibilisieren. wird erschwert, wenn eine Person das Gefühl hat, durch und anderen Erstsprachen ist es daher von großer Wich- andere im Lernen behindert zu werden, und das kann viele tigkeit, genau zu klären, wer mit den Kursen angespro- Gemeinsame Kurse für TeilnehmerInnen mit deut- Ziel des Teilprojektes Gründe haben. Die Zuschreibung auf die „Kultur“ als Kri- chen werden soll, und für wen sie weniger geeignet sind,scher und anderer Erstsprache gewinnen in Öster- Organisationen erhalten für die Maßnahmenplanung von terium (und oftmals ist eigentlich nur Nation/Ethnie ge- da die Lerninhalte, die Methodik/Didaktik und das Kurs-reich, zunehmend an Raum. Immer mehr Institutio- gemeinsamen Kursen für Menschen mit Deutsch als Erst- meint) ist somit eine Verstärkung der Kulturalisierung und angebot insgesamt nur für gewisse Personengruppen pas-nen bieten gemeinsame Kurse für beide Zielgruppen sprache oder als Zweitsprache im Bereich Basisbildung und verdient es deshalb, genauer betrachtet zu werden. send sind (das bezieht sich nicht nur auf die Gruppe deran, es zeigt sich somit auch eine Veränderung der Ba- Alphabetisierung Hintergrundinformationen und Erfah- MigrantInnen).sisbildungsangebote aufgrund von gesellschaftlichen rungswissen und damit mehr Kompetenzen für die quali- Oftmals werden vor allem Konflikte in Gruppen, in derTransformationsprozessen. tätvolle Umsetzung dieser Kurse. Das ist das Ziel des Hand- Menschen aus verschiedenen Kulturen vertreten sind (ver- Im Rahmen der Vielfalt der Personengruppe der Migran- buches, das für aktuelle oder zukünftige AnbieterInnen, kürzt oft Ethnien oder Nationen), als kulturelle Konflikte tInnen wird auch deutlich, welch unterschiedliche Bedeu- Dies war mit der Grund, warum sich die Volkshochschule TrainerInnen und interessierte Personen verfasst wurde. dargestellt. Wenn ein Teilnehmer aus Österreich mit ei- tung die Sprache und somit die Erstsprache, die Erstspra-Floridsdorf (Die Wiener Volkshochschulen GmbH) mit die- 1 die aus England stammenden Interviews wurden per mail durchgeführt chen und die Zweitsprache haben können – und das nichtsem Thema im Rahmen der Entwicklungspartnerschaft Nicht-Ziel ist eine Bewertung, ob Kurse nur für Men- 2 im ExpertInnengremium waren Angelika Rainer, Andrea Gschwindl, Christine Schu- nur für MigrantInnen. Menschen, die in Österreich in ei- bert, Elke Dergovics, Eva-Maria Kreuzhuber, Mari Steindl, Lisa Kolb-Mzalouet, MichaelIn.Bewegung II auseinandergesetzt hat. schen mit deutscher Erstsprache oder nur für MigrantIn- Schürz, Monika Ritter, Imke Mohr vertreten nem regionalen Dialekt aufgewachsen sind, lernen mit derSeite 30 Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis. Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis. Seite 31
    • MENSCHEN I Dergovics I Verschiedene Menschen, verschiedene Sprachen — ein Kurs Verschiedene Menschen, verschiedene Sprachen — ein Kurs I Dergovics I MENSCHENSchriftsprache eine neue Sprache und somit auch eine Art tuation schon beschäftigen – vereinfacht gesagt: wie lange ihr confident in both” (Carpentieri, 2007, S. 9). Menschen identifizieren und verorten sich durch MusterZweitsprache. Bei Menschen, die in einem anderen Schrift- Stigma schon andauert. Unter diesem Aspekt wird deutlich, subjektiver Praxis, die einer Kultur zugeschrieben wer-system aufgewachsen sind, ist es von Bedeutung, ob sie dass das Lebensalter ein ausschlaggebender Faktor für das Eine fundierte Ausbildung für die Arbeit mit Menschen den. Dieser Aspekt hebt die Kulturalisierung nicht auf,in diesem System alphabetisiert worden sind oder nicht. persönliche Empfinden von Belastung durch mangelnde Ba- mit deutscher Erstsprache und für die Arbeit mit Migran- sondern ergänzt die Sichtweise. Somit arbeiten wir im-Dies kann im Lernprozess berücksichtigt werden. In Grup- sisbildung sein kann. tInnen ist die Basis für gelingendes Lernen. Gut wäre es si- mer mit Menschen, die im Spannungsfeld der Anerken-pen mit Personen deutscher und anderen Erstsprachen hat cherlich, wenn im Teamteaching aller Bedarf abgedeckt nung von sozialer Zugehörigkeit und individueller Ein-Sprache eine Bedeutung, und deshalb ist es auch wichtig, Grundlegende Aspekte zur wird (Sprachenlernen, Situation für Menschen mit deut- zigartigkeit zu finden sind, und die KursleiterInnen selbstüber die Macht der Sprache zu reflektieren. Gesellschaft- scher Erstsprache etc.). Alleine die Ausbildung reicht je- sind wiederum im gleichen Spannungsfeld zu finden.lich gesehen, steht Sprache immer auch in einem gewissen Planung und Durchführung doch nicht als Grundlage für die gelingende Arbeit mit Paul Mecheril erwähnt die „Kompetenzlosigkeitskom-Verhältnis zu Macht. Verena Plutzar vom Institut für Ger- von Kursangeboten beiden Zielgruppen. Jegliche Interaktion basiert auf dem petenz“. Diese „meint ein professionelles Handeln, dasmanistik an der Universität Wien formulierte in den Unter- Menschenbild, mit dem die TrainerInnen in den Dialog mit auf Beobachtungskompetenz für die von sozialen Akteu-lagen zum Lehrgang „Interkulturelle Kommunikation“ des Kursziele den TeilnehmerInnen gehen. ren zum Einsatz gebrachten Differenzkategorien gründetInterkulturellen Zentrums Wien folgende Beschreibung Die genaue Ausformulierung der Kursziele (vor allem im und das von einem Ineinandergreifen von Wissen undvon Wirkweisen der Machtverhältnisse über die Sprache: Erstgespräch) kann hilfreich sein, um abzuklären, ob der Oftmals wird in Fortbildungen zur interkulturellen Kom- Nicht-Wissen, von Verstehen und Nicht-Verstehen her- Kurs für die Person passend ist. Kurse der Basisbildung ste- petenz das instrumentelle Verständnis von interkulturel- vorgebracht wird, ein Ineinandergreifen, in dem die Sen-Machtverhältnisse werden über Sprache definiert, indem hen vorrangig für Angebote für Lesen, Schreiben, Rechnen, ler Kompetenz (Wissen um Kulturen, Kennzeichen von sibilisierung für Verhältnisse von Dominanz und Diffe- • bestimmt wird, wer sprechen darf IKT. Wird der Begriff der Basisbildung jedoch weiter gefasst, diesen etc.) forciert. Diese rein technologisch-instrumen- renz in einer handlungsvorbereitenden Weise möglich ist“ und wer schweigen muss, so sind oftmals auch soziale Kompetenz, Lernen lernen, In- telle Verwendungsperspektive hebt jedoch die pädagogi- (Mecheril in Auerheimer 2008, S. 32). Diese Kompetenz- tegration etc. Thema. Die anbietende Institution sollte so- sche Situation auf. „Soll die Situation aber weiterhin als losigkeitskompetenz als Basis von erfolgreicher Arbeit • über jemanden gesprochen wird, mit vorab überlegen: Was sind die genauen Ziele in un- pädagogische verstanden und behandelt werden, kommt ist nicht einforderbar, aber ausbildbar und könnte somit • mit jemandem nicht gesprochen wird oder so seren Kursen? Warum möchte ich Kurse für Personen mit die durch typisiertes Wissen und Routinehandeln nicht zentraler Inhalt in den Ausbildungen der KursleiterInnen gesprochen wird, dass jemand es nicht versteht, deutscher und anderen Erstsprachen anbieten? Wie sehr überbrückbare Differenz als konstitutives Kennzeichen in der Basisbildung sein. • das Sprechen von jemandem nicht ernst fördern/hindern meine Kursziele gewisse Personengrup- allen pädagogischen Handelns in den Blick“ (Meche- genommen wird und ungehört bleibt. pen im Lernen? ril in Auerheimer 2008, S. 24). Interkulturelle Kompetenz Parallel zur Frage der Ausbildung steht natürlich die zeigt sich nicht in einfachen rezeptartigen Handlungs- Frage nach der Unterstützung der kontinuierlichen Arbeit. Diese Machtverhältnisse wirken nicht nur bei Menschen Förderungen anweisungen. Professionelles Handeln basiert viel mehr Hilfreich ist mit hoher Wahrscheinlichkeit ein Austauschmit unterschiedlichen Erstsprachen. Auch Menschen mit In den Interviews wurde deutlich, dass gewisse Förder- auf einem grundlegenden reflexiven Verständnis, in dem im Team. Dieser kann im Rahmen von Teamsitzungendeutscher Dialektsprache kennen Situationen, in denen sie schienen an spezielle Personengruppen gekoppelt sind, das eigene Handeln, die Rahmenbedingungen und Kon- stattfinden oder angeleitet in Intervisionen oder Supervi-nicht ernst genommen werden, weil sie Dialekt sprechen. und bei Kursen mit Erstsprachenvielfalt ist somit zu beden- sequenzen beleuchtet werden. Solch ein Verständnis von sionen Platz finden. Die Arbeit im Spannungsfeld von oft- ken, wie alle TeilnehmerInnen zu einem geförderten Kurs- interkultureller Kompetenz würde auch beinhalten, dass mals sehr unterschiedlichen Individuen erfordert konti- Prinzipiell kann die bisherige Erfahrung mit Sprache so- platz kommen können. die KursleiterInnen reflektieren, inwieweit es zu einer Re- nuierliche Reflexion und Austausch mit KollegInnen, umwohl positiv als auch negativ sein. Das Erlernen des Deut- produktion der Machtverhältnisse zwischen Mehrheits- immer wieder andere Sichtweisen kennenzulernen undschen als Zweitsprache beinhaltet für MigrantInnen auch KursleiterInnen und Minderheitsgesellschaft kommt, die im Gebäude der dadurch den eigenen Handlungsspielraum zu vergrößern.eine Positionierung zur Erstsprache. Wenn die Migration KursleiterInnen haben in den Kursen eine wichtige Rolle. Über- und Unterordnung zu verorten sind. Dies gilt natürlich nicht nur für sehr heterogene Gruppenerst kürzlich stattgefunden hat, dann ist eine Phase der Wie sie mit den TeilnehmerInnen umgehen, wie sie Gren- in der Basisbildung – der Austausch der KursleiterInnenNeuorientierung aktuell und die neue Sprache spielt darin zen ziehen, wie sie kommunizieren, wie sie nachfragen Interkulturelle Professionalität, die wir von den Kurslei- untereinander ist auch in den Qualitätsstandards zu fin-eine nicht unbedeutende Rolle. oder schweigen beeinflusst das Kursgeschehen und den terInnen erwarten, ist der Versuch, sich Wissen zu erarbei- den –, sondern für alle Kursangebote. Lehr- und Lernprozess. Sie sind Vorbilder für die sozi- ten über die anderen, ohne den Rest des Nicht-Wissens zuSchulerfahrung ale Interaktion und kompetent in der Lernförderung der überspringen. „Verstehen des Anderen ist ein (koloniales) Abschließend kann man sagen, dass von KursleiterIn- Früher dominierte oftmals das Argument der unter- TeilnehmerInnen. Phantasma“ (Mecheril in Auerheimer 2008, S. 30). Ich halte nen in Kursen für Menschen mit Deutsch als Erstspracheschiedlichen Schulerfahrung in den Diskussionen um die mich an die Beschreibung von interkultureller Kompetenz oder Zweitsprache sehr viel gefordert wird und sie sehrTrennung der Zielgruppen. Heutzutage ist es so, dass viele In den Interviews wurde immer wieder betont, dass Kurs- von Mecheril. Darin gibt es zwei Bereiche der interkultu- viele Kompetenzen im Bereich der interkulturellen Kom-MigrantInnen auch in Österreich die Schule besucht haben, leiterInnen entscheidend sind für das Klima im Kurs und rellen Kompetenz: das Wissen über Dominanz- und Diffe- munikation und Interaktion vorweisen müssen. Steindl,und Schulerfahrung in den Heimatländern teilweise sehr dieses wiederum entscheidend ist für das gelingende Mit- renzphänomene einerseits und das differenztheoretische Leiterin des Interkulturellen Zentrums in Wien, hat viertraumatisierend sein kann, wenn sie mit Gewalt und Macht- einander der TeilnehmerInnen in ihrer Diversität. Eine Wissen andererseits. wichtige Punkte der interkulturellen Kompetenzen fol-missbrauch verbunden ist. Natürlich macht es einen Unter- große Flexibilität in den Methoden ist förderlich für das Ge- gendermaßen zusammengefasst3:schied, ob jemand gar keine oder schon Schulerfahrung hat. lingen der Kurse. Die Zusammensetzung der Kursgruppen Dominanzstrukturen sind auf zwei Ebenen wirksam: auf • Fähigkeit zu Perspektivenwechsel und OffenheitDer kurzfristige Ansatz, dass MigrantInnen kaum Schulerfah- für Personen mit deutscher und anderen Erstsprachen ver- der Ebene der „Erfahrungsrealität” der TeilnehmerInnen für Veränderungen der eigenen Perspektiverung und alle Menschen mit deutscher Erstsprache in der Ba- ändert die Anforderungen an die TrainerInnen. und der Ebene „der professionellen Beziehung”. Domi-sisbildung negative Schulerfahrung haben, ist jedoch zu pau- nanzkultur meint, „dass unsere ganze Lebensweise, unsere • Reflexion der eigenen Vorurteile und Stereotypenschalisierend und konnte in den Interviews widerlegt werden. Dies zeigt sich auch in England, wie in einem Text über Selbstinterpretation sowie die Bilder, die wir von anderen • Fähigkeit entwickeln, Unsicherheiten auszuhaltenEs gibt sowohl Menschen mit deutscher Erstsprache, die nicht ESOL (English for speakers of other languages) deutlich entwerfen, in Kategorien der Über- und Unterordnung ge-notwendigerweise nur negative Schulerfahrungen gesam- wird: „One of the key challenges in Skills for Life is the fasst sind (Mecheril nach Rommelspacher 2008, S. 31). • Vorsicht vor Kulturalisierungmelt haben, und es gibt MigrantInnen, die in Österreich in placement of bilingual and multilingual learners on the Wenn KursleiterInnen bewusst die oben genanntendie Schule gegangen sind oder negative Schulerfahrungen im right programmes for them, particulary at Entry 3 and Le- Differenztheoretisches Wissen weist darauf hin, dass es Punkte reflektieren, so ist dies sicherlich eine gute Grund-Heimatland gesammelt haben und für die der Wiedereinstieg vel 1. NRDC research finds a clear need to open boundaries nicht hilfreich ist, den Begriff der Kultur total abzulehnen. lage für eine respektvolle und gleichbehandelnde Kurslei-ins Lernen eine Auseinandersetzung mit den negativen Erleb- between ESOL and literacy, and for more professional de- Kulturelle Differenzen weisen auf zentrale alltagsweltli- tung im Bereich der Basisbildung.nissen bedeutet. Gemeinsam ist den Menschen, unabhängig velopment. Most literacy and ESOL teachers belong to one che Konzepte hin, die es den Menschen erleichtern, sichvon ihrer Herkunft, wie lange sie sich mit der belastenden Si- tradition or another, but we now need teachers who are wechselseitig zu identifizieren und zu beschreiben. Die 3 aus Trainingsunterlagen des Lehrgangs „Interkulturelle Kompetenz“Seite 32 Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis. Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis. Seite 33
    • MENSCHEN I Dergovics I Verschiedene Menschen, verschiedene Sprachen — ein Kurs Verschiedene Menschen, verschiedene Sprachen — ein Kurs I Dergovics I MENSCHENKursprinzipien Anregungen Literatur Die Autorin In den Kursangeboten der Basisbildung wird prinzipiell Paul Mecheril (2008) bringt den Begriff der Kompetenz- Auernheimer, G. (2008), Interkulturelle Mag.a Elke DergovicsteilnehmerInnenzentriert und alltagsorientiert gearbei- losigkeitskompetenz in die Diskussion um interkulturelle Kommunikation, mehrdimensional betrachtet, Sonder- und Heilpädagogin, zertifizierte Erwachsenen-tet. Dieses Konzept kommt Kursen für Personen mit deut- Kompetenz und sieht diesen als ein implizites Qualitäts- mit Konsequenzen für das Verständnis vonscher und anderen Erstsprachen sehr entgegen. Sie soll- kriterium zur Einschätzung interkultureller Bildungsange- bildnerin, Suchtberaterin und Entspannungstrainerin, interkultureller Kompetenz. In: Auernheimer, Motopädagogin, Bereichsleitung der Basisbildung anten ressourcenorientiert und zukunftsorientiert gestaltet bote. Diese macht er an drei Fragen fest (Mecheril in Au- Georg (Hrsg.) (2008): Interkulturelle Kompetenz der VHS 21 2007–2009sein und die Lernatmosphäre sollte offen und entspannt erheimer 2008, S. 25), die wir als Ideen zur Planung von und pädagogische Professionalität. 2.sein. Dies inkludiert die offene Raumgestaltung, den Um- Angeboten nutzen können: aktualisierte und erweiterte Auflage, Wiesbaden: Die Wiener Volkshochschulen GmbH    HS Floridsdorf /Vgang der KursleiterInnen mit den TeilnehmerInnen, das VS Verlag für Sozialwissenschaften. www2.vhs21.ac.at/2.bw • „Wie reflektieren interkulturelle Bildungsangebote alphabasis@vhs21.ac.atGesprächsklima. Bommes, M. (1990), „Die meisten türkischen Lebenslagen unterschiedlicher Personengruppen als Eingangsvoraussetzung des professionellen Väter sind so“. In: Informationsdienst Die Differenzierung der Gruppe sollte über Lernziele Handelns von Mitgliedern dieser Gruppe? zur Ausländerarbeit, H.4, S. 33–38.und nicht über Kulturen passieren, um Kulturalisierung zu Carpentieri, JD (2007), Five years on. Research,vermeiden, und Methodenvielfalt ermöglicht eine große • Wie reflektieren Bildungsangebote die development and changing practice.Bandbreite an Arbeitsmöglichkeiten für die TeilnehmerIn- Problematik des Kulturbegriffs? National Research and Developementnen. Das Prinzip der Lernwerkstatt könnte ein erfolgrei- Center for adult literacy and numeracy. • Wie gehen die Angebote mit derches in Kursen mit Erstsprachenvielfalt sein. Unmöglichkeit der Technologisierung Diehm, I. / Radtke, F. O. (1999), Erziehung pädagogischen Handelns auch und gerade und Migration. Eine Einführung. Möglicher Einzelunterricht begleitend zu den Kur- in interkulturellen Kontexten um?“ Stuttgart: Kohlhammer.sen hat sich in der Recherche als förderlich gezeigt (BHWNiederösterreich)4 und könnte zum Beispiel Raum für die Diese drei Fragen bieten eine gute Grundlage zur Selbst- Mecheril, P. (2008), „Kompetenzlosigkeitskompetenz“. PädagogischesArbeit am strukturellen Sprachenlernen geben. reflexion von zukünftigen AnbieterInnen, um abzuklären, Handeln unter Einwanderungsbedingungen. ob Kurse für Menschen mit deutscher und anderer Erst- In: Auernheimer, Georg (Hrsg.) (2008): Sprachvergleiche im Kurs bringen Mehrsprachigkeit als sprache richtig in der Einrichtung verortet sein werden. Interkulturelle Kompetenz und pädagogischepositives Thema in die Gruppe und können das Entdecken Professionalität. 2. aktualisierte undvon Regeln fördern. In Österreich ist oftmals ein monolin- Die oben genannten Punkte zeigen einige Faktoren auf, erweiterte Auflage, Wiesbaden: VSgualer Habitus vorzufinden, und die Thematisierung von die für das Gelingen von Kursen mit Erstsprachenviel- Verlag für Sozialwissenschaften.Mehrsprachigkeit kann neue Blickwinkel eröffnen. falt förderlich sein können. Im Laufe der Recherche wurde Steindl, M., „Interkulturelle Kommunikation deutlich, dass es jedoch auch noch offene Forschungsge- und Konfliktlösung“ doku.cac.at/ In gemeinsamen Kursen für beide Zielgruppen könnte die biete und Fragen im Bereich dieser Kurse gibt, wie z.B. interkulturellekommunikation.pdfKennenlernphase eine wichtige Bedeutung haben, da hier • Evaluation der LernergebnisseVorurteile abgebaut werden können. Als Konzept zur Be-trachtung der Kennenlernphase eignet sich die „Human • ist spezielle Didaktik/Methodik sinnvoll –Needs Theorie“ (vgl. Mari Steindl „Interkulturelle Kommu- wenn ja, wie sollte sie aussehen?nikation und Konfliktlösung“). Der Ansatz geht zurück auf • Sensibilisierung der TrainerInnen für Kurse mitJohn Burton; dessen Theorie wurde im kanadischen Insti- Personen deutscher und anderen Erstsprachentut für Konfliktlösung von Vern Redekop und Bob Burton • Einsatz von TrainerInnen mit anderer alsweiterentwickelt. deutscher Muttersprache in den KursenWerbung Gemeinsame Kurse für Personen deutscher und ande- Der Bereich der Werbung und TeilnehmerInnenakquise rer Erstsprachen haben in Österreich eine recht kurze Ge-sollte für Kurse mit Erstsprachenvielfalt gut geplant sein, schichte und sind noch ein weites Forschungsgebiet mitda verschiedene Zielgruppen angesprochen werden. Men- viel Entwicklungspotenzial.schen mit deutscher Erstsprache und Bedarf an Basisbil-dung sind schwer durch Werbung zu erreichen, deshalb istes wichtig, dass bei Kursen für beide Zielgruppen expliziterwähnt wird, dass sie sowohl für Menschen mit deutscherErstsprache als auch für Menschen mit anderer Erstspra-che konzipiert sind.4 Bildungs- und Heimatwerk Niederösterreich, Projektpartner von In.BewegungSeite 34 Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis. Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis. Seite 35
    • MENSCHEN I Berndl I Von der Angebots- zur Zielgruppenorientierung Von der Angebots- zur Zielgruppenorientierung I Berndl I MENSCHEN benssituationen gemacht haben, sehen für sich keine Vor- Folgende Methoden zur Ermittlung von Bedarfen haben teile im Besuch eines Kurses oder einer Maßnahme, sie sich in der Praxis bewährt: tendieren eher dazu, Situationen zu vermeiden, in denen • Einzelinterviews mit TeilnehmerInnen ihr vermeintlicher Schwachpunkt sichtbar wird. von Basisbildungsmaßnahmen Auch Ludwig Kapfer legt bei seiner Definition von Mar- • Fokusgruppen mit MultiplikatorInnen keting den Fokus auf die Bedürfnisse und Sehnsüchte von • Befragung von Erwachsenenbildungsanbietern Menschen, bringt aber den Faktor Unternehmen stark ins • Austausch mit TrainerInnen der Basisbildung Spiel: „Marketing sorgt dafür, dass das Unternehmen vom Markt her gestaltet wird. Marketing sorgt dafür, dass Wün- Die Motive der Zielgruppen sche, Hoffnungen und Sehnsüchte aller Menschen im sind unterschiedlich Markt ermittelt, gesammelt, ernst genommen und bei al- Was bewegt Menschen, einen Basisbildungskurs zu len Planungen beachtet werden.“ (Kapfer, 2005b, S. 2) Kap- besuchen? Welche Motivation gibt es, den schwierigen fers Modell ist ein ganzheitliches Modell, das sich auch im ersten Schritt zu wagen? Die Erfahrungen mit Kursteil- Non-Profit- und im Bildungsbereich als zielführendes In- nehmerInnen haben gezeigt, dass Basisbildung nicht strument bewährt hat. Im Mittelpunkt der Betrachtungen Selbstzweck ist, sondern ein Transportmittel, um Ziele stehen die Bedürfnisse und Motive der Menschen. Diese zu erreichen. Vom sicheren Beherrschen der Kulturtech- Bedürfnisse zu kennen und danach alle Angebote und niken erwarten sich unsere TeilnehmerInnen einiges:Alfred Berndl Maßnahmen auszurichten, ist der Kern dieses Marketing- Einen Lehrabschluss zu schaffen, keine Angst vor demTeilprojektkoordinator im Projekt Konzeptes. Ein erster Schritt dieses Modells ist ein Wech- Entdecktwerden zu haben, die Kinder in der Schule un-In.Bewegung, ISOP GmbH sel des Blickwinkels: Weg von einem standardisierten und terstützen zu können, einen Arbeitsplatz zu finden oderalfred.berndl@isop.at bildungsbürgerlichen Verständnis dafür, was Menschen ihn zu behalten, sich nicht mehr „dumm“ zu fühlen. Das lernen sollen, hin zu bedürfnisorientieren, flexibel auf die bedeutet für die Kommunikation: Der Erwerb der Basis- Bedarfe der Lernenden eingehenden Maßnahmen. Dieses bildung unterstützt dich bei der Erreichung deiner per- Ernstnehmen der Bedarfe der Menschen mit niedriger Bil- sönlichen Ziele. dung ermöglicht einen Einstieg in das lebensbegleitende Lernen und leistet damit einen wichtigen Beitrag zur sozi- Der erhoffte Nutzen entscheidet alen Gerechtigkeit und Chancenangleichung. Marketing ist Es ist wichtig, zwischen dem erwarteten und dem erhoff-Von der Angebots- zur somit mehr als das Erstellen einer Broschüre zur Kursbe- ten Nutzen zu unterscheiden. Der Nutzen, den Teilneh- werbung oder einer Presseaussendung zum Welttag der Al- merInnen von einer Maßnahme erwarten, stimmt mit dem phabetisierung. Es muss gelebt werden in dem Bestreben, überein, was im Prospekt versprochen oder in einem Ver-Zielgruppenorientierung das bestmögliche Produkt mit der größtmöglichen Quali- tät zu entwickeln. Die Kenntnis der Bedarfe der KundInnen trag vereinbart wurde. Dieser Nutzen muss geliefert wer- den, ansonsten gibt es Kritik und Reklamation.Marketing in der Basisbildung und Alphabetisierung und das Wissen um die Auswirkungen fehlender Basisbil- dung in vielen anderen Lebensbereichen ist dabei der Aus- Der erhoffte Nutzen hingegen wird nicht deklariert, er gangs- und Mittelpunkt. steht in keinem Prospekt oder scheint in keinem Vertrag auf. Bildungserwerb bringt eine (erhoffte) erhöhte Akzep- Im Bildungsbereich hat sich die Orientierung an den Be- tanz, bessere Chancen, mehr Anerkennung oder sogarAnalysiert man die Bewerbungen von Kursangeboten von nur Verkaufen, Verkaufen ist nur die Spitze eines Eisbergs, dürfnissen noch nicht ganz durchgesetzt. Produkte und mehr Liebe. Dieser Nutzen wird wahrscheinlich nicht soBildungsanbietern der Basisbildung und Alphabetisierung, der sich Marketing nennt. Der Gesamtprozess des Marke- Angebote werden noch immer meist nach Förderschwer- offen ausgesprochen, spielt aber eine große Rolle bei derfällt auf, dass nach wie vor die angebotenen Leistungen tings ist letztlich eine Denkhaltung, die das gesamte un- punkten bzw. Segmentierungen der Zielgruppe nach de- Wahl von Leistungen und Produkten.sehr stark nach außen kommuniziert werden. Vereinfacht ternehmerische Handeln beeinflusst. Die klassische De- mografischen Aspekten (Alter, Region, Geschlecht) entwi-gesagt konzentrieren sich viele Bildungsanbieter vor al- finition von Marketing zielt sehr stark auf den Aspekt der ckelt und angeboten. Die Orientierung nach Bedürfnissen Ein erfolgreiches Angebot istlem in der Akquise von TeilnehmerInnen zu stark auf ihre Befriedigung von Kundenbedürfnissen ab: „Marketing ist der Zielgruppen bedeutet eine vollkommene Veränderung teilnehmerInnenzentriertAngebote und zu wenig auf den Nutzen und die Motive der ein Prozess im Wirtschafts- und Sozialgefüge, durch den der Produktenwicklung und der strategischen Ausrichtung Sind die Bedarfe und Hoffnungen des Zielgruppenseg-Menschen. Anbieter, die die Motive und Bedarfe der po- Einzelpersonen und Gruppen ihre Bedürfnisse und Wün- von Bildungsinstitutionen. ments, das wir ansprechen möchten, so gut wie möglichtenziellen KursteilnehmerInnen kennen, analysieren und sche befriedigen, indem sie Produkte und andere Dinge analysiert, fließen die gewonnenen Erkenntnisse in diein der Planung und Durchführung von Kursmaßnahmen von Wert erzeugen, anbieten und miteinander tauschen.“ In der Beschäftigung mit Marketing in der Basisbildung Entwicklung der Kurse und Maßnahmen ein. Auch dortmitbedenken, legen den Grundstein für ein für die Ziel- (Kotler / Armstrong / Saunders / Wong, 2007, S. 30) haben sich folgende Punkte als Schlüsselbereiche für eine stellen wir die TeilnehmerInnen in den Mittelpunkt. Dergruppe annehmbares Angebot. erfolgreiche Planung von Maßnahmen erwiesen: Weg zur erfolgreichen Vermittlung von Bildungsinhalten Beschäftigt man sich allerdings mit den Themen Öffent- führt über die Fokussierung und Transparenz der indivi- • Eine genaue Analyse des Umfeldes Es gibt in Einrichtungen der Erwachsenenbildung wohl lichkeitsarbeit, Sensibilisierung und TeilnehmerInnen- duellen Stärken. Viele TeilnehmerInnen kommen mit sehr ist für die Kommunikation undkaum einen Begriff, der so ambivalent betrachtet wird wie akquisition in der Basisbildung, merkt man rasch, dass wenig Selbstvertrauen in die eigenen Lernfähigkeiten zum Angebotsplanung unerlässlich.der des Marketings, leitet er sich doch von dem im Neoli- es grundsätzlich eine auf die Zielgruppen zugeschnittene, Kursangebot. Ihre bisherigen Bildungserfahrungen sindberalismus in Misskredit geratenen Wort „Markt“ und den individualisierte und niederschwellig annehmbare Maß- • Eine Analyse der Motive und Bedürfnisse der meist negativ. Viele haben ausschließlich die Pflichtschuledamit assoziierten Profit- und Gewinnbegriff ab. Für viele nahme braucht, um Menschen zu erreichen und sie zu mo- Menschen, die angesprochen und motiviert als Ort des Bildungserwerbes erlebt. Ein Ort, an dem sie diesteht der Begriff für Verpackung ohne Inhalt, schönreden tivieren, in Bildungsprozesse überhaupt einzusteigen. Be- werden sollen, ist essenziell. Je genauer die geforderten Leistungen nicht erbringen konnten. Deshalbund leere Versprechungen und ist somit negativ besetzt sonders Personen, die noch keine positiven Erfahrungen Motive, eine Maßnahme zu besuchen benannt ist es gerade zu Beginn wichtig, das Selbstvertrauen mit po- sind, desto größer sind die Chancen, potenzielleund abzulehnen. Marketing ist allerdings immer mehr als mit Bildung und der günstigen Auswirkung auf ihre Le- sitiven Lernerfahrungen zu steigern. KursteilnehmerInnen zu motivieren.Seite 36 Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis. Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis. Seite 37
    • MENSCHEN I Berndl I Von der Angebots- zur Zielgruppenorientierung Von der Angebots- zur Zielgruppenorientierung I Berndl I MENSCHENTrainerInnen spielen eine zentrale nachzuholen. Das Angebot soll also den Eltern beides ge- Wir bestimmen selbst über beiten an der Qualität des Angebotes, an der VerbesserungRolle in der Öffentlichkeitsarbeit ben können: einerseits selbst Basisbildung zu erwerben das Erscheinungsbild der Maßnahme und tragen damit letztendlich natürlich Ausgebildete und erfahrene BasisbildungstrainerInnen und andererseits die Kinder in der Schule unterstützen zu Wie sich ein Projekt, eine Maßnahme oder eine Organi- auch zur positiven Entwicklung der kommunizierten Bilderverfügen über eine Reihe von Fähigkeiten und Fertigkeiten, können. Der Wunsch, sich selbst als gute, unterstützende sation nach außen darstellt, ist entscheidend für die An- bei. Der Zusatznutzen einer professionellen Projektabwick-die Qualität ihrer Arbeit entscheidet über das öffentliche Eltern sehen zu können, bildet ein starkes Motiv für ei- nehmbarkeit der Angebote. Diese müssen für potenzielle lung liegt auf der Hand. Eine Maßnahme, die kontinuier-Bild des Angebotes. Gerade in der Einstiegsphase gilt es, nen Kurs. Folglich sollten Kurse auch darauf ausgerichtet TeilnehmerInnen so konzipiert sein, dass sich niemand als lich auf dem neuesten Stand der Pädagogik, Didaktik unddie neuen Lernenden zu begleiten und zu beraten. Um den sein, diese Wünsche zu treffen. Flexible Unterrichtszeiten Analphabet „outen“ muss und damit weiter diskriminiert TeilnehmerInnenzentriertheit steht, spiegelt ein professi-TeilnehmerInnen von Anfang an Ängste zu nehmen und am Vormittag, begleitende Kinderbetreuung, Unterstüt- wird. Das Erscheinungsbild der eigenen Organisation, der onelles Bild nach außen. TeilnehmerInnen fühlen sich alspositive Lernerfahrungen zu ermöglichen, müssen Trainer- zung und Hilfestellung für Eltern bei schulischen Belangen. MitarbeiterInnen, der Kurs- oder Beratungsangebote und KundInnen ernst genommen. ProjektentwicklerInnen, dieInnen in der Lage sein, den Lernprozess der TeilnehmerIn- Tipps und Tricks, um erfolgreich durch die Schule zu kom- ihre Wirkung nach außen entscheiden darüber, ob Men- bei der Planung die laufende Qualitätsentwicklung dernen individuell zu begleiten. Von einer Ressourcenfeststel- men. Regelmäßiger Austausch mit anderen Eltern. All diese schen sich trauen, den ersten Schritt zu machen und das Maßnahme mitdenken, erleichtern den TeilnehmerInnenlung ausgehend, werden gemeinsam mit den Lernenden Maßnahmen und Angebote rund um das Thema Basisbil- Bildungsangebot anzunehmen. TeilnehmerInnen, Part- den Zugang zu den Angebotenein Lehr- und Lernplan erstellt und Ziele vereinbart. Um dung werden dazu führen, diesen Personen einen starken nerInnen und MultiplikatorInnen sollen angesprochenSchreibimpulse für neue LernerInnen zu initiieren, haben Zusatznutzen anzubieten. und motiviert werden, Teil einer guten und positiven Maß- Wenn man über die Erscheinung nach außen spricht,sich ein biografischer Ansatz und ein starker Bezug zum nahme zu sein. Die Analyse unterschiedlicher, nachfolgend sollte man sich auch mit der eigenen Organisation kritischAlltag der TeilnehmerInnen sehr bewährt. „Endlich stehe Öffentlichkeitsarbeit ist mehr als die dargestellter Qualitätsbereiche hilft, ein ganzheitliches Er- auseinandersetzen. Organisationen im Erwachsenenbil-ich mit meinen Fähigkeiten und Ressourcen im Mittel- Erstellung von Foldern und Plakaten scheinungsbild zu prägen. dungsbereich, die sich mit Basisbildung beschäftigen, ha-punkt. Ich kann in meinem Tempo lernen.“ Empfang, Erstkontakt, Infrastruktur, Erreichbarkeit des ben unterschiedliche Abläufe und Prozesse. Nicht nur die Angebotes, Räume. Diese Dinge prägen maßgeblich das Eine zentrale Rolle in der Außenwahrnehmung spielen Infrastrukturen der Anbieter sind höchst unterschiedlich,Die Macht der Empfehlung Bild, das KundInnen von uns haben. Im Bereich Basisbil- die angebotenen Leistungen. Die Qualität der Angebote auch das Design des Angebotes und das Ansprechen ein- Menschen mit Bedarf Basisbildung überlegen oft sehr dung ist der Erstkontakt mit den potenziellen Teilnehmer- entscheidet maßgeblich darüber, ob die TeilnehmerInnen, zelner Zielgruppensegmente sind unterschiedlich. Die An-lange, ob sie ein Kursangebot annehmen. Schließlich be- Innen ein sehr sensibler und entscheidender Punkt. Sehr die FördergeberInnen, die PartnerInnen und die Öffent- sprüche an die Flexibilität der Organisation und das imsteht die Gefahr, dass sie ihr Defizit nicht länger geheim- oft steht vor dem ersten Telefonanruf, dem ersten Fragen lichkeit gewonnen werden können. Sind die Leistungen Basisbildungsbereich unbedingt notwendige individuelle,halten können. Sie sind besonders unsicher, weil es gilt, oder der ersten Beratung ein langer (oft jahrelanger!) Pro- flexibel und auf die Ansprüche der verschiedenen Beteilig- teilnehmerInnenzentrierte Angebot stehen oft im Wider-Hemmschwellen zu überwinden. Ein sehr starkes Argu- zess des Überlegens. Künftige TeilnehmerInnen verstecken ten abgestimmt, werden sie erfolgreich angenommen. Um spruch zu den in anderen Bereichen üblichen Vorgehens-ment für die Teilnahme an einer Maßnahme ist die Emp- in der Regel ihre Bildungsdefizite aus Angst vor Stigmatisie- die Qualität Leistungen sicherzustellen, werden die An- weisen. Die Herausforderung für ein erfolgreiches Basis-fehlung durch eine Person, der man vertraut. Im Bildungs- rung, sie bauen sich Helfersysteme (PartnerInnen, Freun- sprüche und Bedarfe der TeilnehmerInnen evaluiert. Kurs- bildungsangebot wird sein, die sonst üblichen Abläufe undbereich hat deshalb das Empfehlungsmarketing eine sehr dInnen, Familie ...) auf, nur um nicht enttarnt zu werden. orte, Kurszeiten und Kursräume sind auf die Bedarfe abge- Prozesse der eigenen Organisationen so zu verändern, dasswichtige Bedeutung, kaum ein Bildungsangebot wird ohne Wenn eine Person sich nun entschließt, den ersten Schritt stimmt. Die in der Basisbildung notwendige Möglichkeit ausgehend von den Ansprüchen und Bedarfen der Teilneh-vorherige Einholung von Referenzen im eigenen Bekann- zu tun, wäre es fatal, diese Person nicht rasch, kompetent der Einzelberatung zu Beginn und auch während der Un- merInnen ein maßgeschneidertes Angebot entwickelt wird.tenkreis gebucht. Empfehlungsmarketing besteht aus zwei und einfühlsam zu beraten. Im ersten Schritt soll Vertrauen terrichtsphasen ist ebenso gewährleistet wie die Möglich-Elementen: aufgebaut und müssen Berührungsängste abgebaut wer- keit, in unterschiedlichen Gruppensettings zu arbeiten. Eine starke Rolle im Zugang zu den Zielgruppen spielen • Die Steuerung von Empfehlungen und die den. Eine entspannte Atmosphäre, ruhige Beratungsräume Unterschiedlichen Zielgruppensegmenten wird Rechnung die Medien. Eine positive, wertschätzende Berichterstat- Vermeidung negativer Mundpropaganda. und ein gemeinsames Erarbeiten von Zielen geben Sicher- getragen, wie zum Beispiel besondere Angebote für allein- tung baut Hemmschwellen ab und wirkt motivierend auf heit. Für viele ist die Einstiegsberatung überhaupt der erste erziehende Eltern, Jugendliche bei der Arbeitssuche oder zukünftige KundInnen. Die Darstellung von Menschen mit • Das Herstellen persönlicher und vertrauensvoller Schritt in eine Fortbildung im Erwachsenenalter. Teilneh- Menschen, die in zweiter oder dritter Generation in Öster- fehlender Basisbildung zeigt oft das Bild einer bedürftigen Beziehungen zu Kunden, Meinungsführern und merInnenzentrierte Kursangebote, Eingehen auf Wünsche reich leben. Person, die sich mehr recht als schlecht durchs Leben mo- Kooperationspartnern (vgl. Friedrich, 2004, S. 16). und Bedürfnisse der TeilnehmerInnen sowie Einzelbera- gelt. Dieses Bild trägt zur weiteren Stigmatisierung bei und Gelingt es einer Einrichtung, über ihre Bildungsange- tung in der Anfangsphase sind wesentliche Erfolgsfakto- Ein weiterer entscheidender Teil des Erscheinungsbildes wirkt abschreckend. Ein positiv motivierendes Bild wäre:bote neue interessante soziale Kontakte zu vermitteln, so ren. Diese hohe Qualität hilft auch bei der Suche nach Part- wird geprägt durch die Einstellungen der MitarbeiterInnen, Die sich verändernde Welt und die neuen Anforderungenstellt dies beispielsweise einen relevanten Zusatznutzen für nerInnen, FördergeberInnen und MultiplikatorInnen. Wer TrainerInnen und ProgrammgestalterInnen. Um ein klar an das Individuum gelten für uns alle, sie sind kein Spezifi-KundInnen dar. „Einen begeisterten Kunden, der unaufge- möchte nicht bei einem besonderen, Erfolg versprechen- erkennbares, professionelles und somit positives Bild nach kum einer stigmatisierten Gruppe. Durch das Aufholen vonfordert Mundpropaganda für Sie betreibt, bekommen Sie, den und speziell auf unser Umfeld abgestimmten Angebot außen zu senden, ist es wichtig, dass alle Beteiligten inner- Basisbildung können Menschen diesen geänderten Anfor-wenn Sie mehr bringen, als er erwartet hat. So einfach ist dabei sein? halb der Organisation die Leitlinien und Missionen des Un- derungen gerecht werden.das.“ (Friedrich, 2004, S. 55) ternehmens annehmen und leben. Hier spielt vor allem Die in der nachfolgenden Tabelle dargestellten acht Qua- die Vielfältigkeit in den Fachkompetenzen des Teams eine Die Präsentationen der Leistungen und der OrganisationMenschen in sensiblen Lebensphasen sind litätsbereiche sollen regelmäßig daraufhin untersucht wer- große Rolle. SpezialistInnen für verschiedene Bereiche der spielen eine Rolle in der Außensicht. Für die Basisbildungbesser motivierbar (Ehetreiber, 2006, S. 10) den, welches Bild sie nach außen vermitteln bzw. vermit- Basisbildung (Didaktik/Methodik des Unterrichts, Teilneh- gilt wieder: Die Verwendung einer nicht diskriminierenden TeilnehmerInnen, die sich in Übergängen in ihren Biogra- teln sollen: merInnenakquisition, Verhandlungen mit FördergeberIn- Sprache ist ein Schlüsselfaktor. Positives Bildmaterial, dasfien befinden, sind bildungs- und lernwilliger, daher also Leitlinien Prinzipien, Philosophie, Menschenbild nen, Pflege oder Aufbau von Netzwerken, Öffentlichkeits- die Erreichung von Zielen symbolisiert, wirkt motivierendeinfacher ansprechbar. Solche Übergänge sind z.B. berufli- arbeit ...) transportieren dieses professionelle Bild. auf die Zielgruppe. Leistungen Produkte, Service, Preische Neuorientierungen, Wechsel des Wohnsitzes, Schulein- Personen Einstellungen, Kompetenzen, Auftretentritt, Trennungen oder das Entwachsen der eigenen Kinder Die Kultur der Zusammenarbeit innerhalb der Organisa- Netzwerke spielen erwiesenermaßen eine zentrale Rolle Gemeinsame Ziele, Kommunikation,oder Migration. Beispiel Familienlernen: Das Bemühen um tion wird sehr stark von außen wahrgenommen. Die Kom- in der Öffentlichkeitsarbeit und in der Darstellung nach Kultur Kooperationdie gute Beziehung zum Kind wird für die Eltern im Vorder- munikation nach innen und außen ist ein wesentlicher Pa- außen. Besonders Netzwerke haben verschiedene Funkti- Organisation Strukturen, Abläufe, Mittel/Methodengrund stehen. Wie wir aus den Fokusgruppen gelernt ha- rameter für den Umgang mit KundInnen. Regelmäßige onen, über die Klarheit bestehen muss. PR Marktbeziehung, öffentliche Rolle, Auftrittben, gibt es hier einen sehr guten Anknüpfungspunkt zu Teamsitzungen, Intervision, Supervision, der Besuch vonden TeilnehmerInnen: der Schuleintritt des Kindes. Dies Präsentation Design, Events, Medien Weiterbildungen oder der Austausch mit ExpertInnen ausist eine sensible Phase, in der Eltern eine besonders starke Partner Netzwerke, Kontakte, Einrichtungen anderen Institutionen ermöglichen ein permanentes Ar-Motivation haben, gemeinsam mit dem Kind Versäumtes Tabelle 1: Das Erscheinungsbild (vgl. Kapfer, 2005, S 38)Seite 38 Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis. Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis. Seite 39
    • MENSCHEN I Berndl I Von der Angebots- zur ZielgruppenorientierungMarketing dient dem Menschen Literatur Die Menschen innerhalb der Organisation gestalten und Kotler, P. / Armstrong, G. / Saunders, J. / Wong, V.prägen die Bilder, die nach außen wandern. Wenn also von (2007), Grundlagen des Marketing. München:strategischer Planung gesprochen wird, ist es unerlässlich, Pearson Studium, 4. aktualisierte Aufl.die handelnden Personen (von den TrainerInnen über dieProgrammgestalterInnen bis zu Menschen aus der Orga- Kapfer, L. (2005), Handbuchnisation, die in anderen Bereichen arbeiten) in Planungs- Marketing. Graz: Gupeprozesse miteinzubeziehen. Gemeinsame Ziele, Visionen, Friedrich, K. (2004), Empfehlungsmarketing.Leitlinien und Einstellungen sollten auch außen wahrge- Neukunden gewinnen zum Nulltarif.nommen werden. Im Mittelpunkt der Überlegungen ste- Offenbach: Gabal, 4. völlig überarbeitetehen immer die Menschen, für die eine Maßnahme ent- und aktualisierte Aufl.wickelt wird. Gerade Personen mit geringer Basisbildung Ehetreiber, C. / Kapfer, L. / Veigel, B. (2006),haben oft noch keine positiven Bildungserfahrungen sam- Durchführung von Fokusgruppen für die BILDUNGmeln können, viele haben sich jahrelang versteckt, um Entwicklung von Kommunikationsstrategiennicht entdeckt zu werden. Die Menschen überlegen lange, zum Thema „Alphabetisierung undbis sie den ersten Schritt tun. Für sie das beste und am bes- Grundbildung“ im Rahmen des Moduls 3 der EQUAL-Entwicklungspartnerschaftten erreichbare Angebot bereitzustellen, ist der Sinn von In.Bewegung. Endbericht. GrazMarketing in der Basisbildung. Konrad Paul Liessmann Der Autor Mari Steindl Werner Alfred Berndl Alfred Berndl ist Koordinator des Teilprojektes Agents Lenz Gudrun Biffl Peter of Change und Mitarbeiter der Gesamtkoordination bei In.Bewegung sowie Koordinator der Angebotsentwick- Schlögl Peter Stoppacher Norbert Holzer Otto Rath lung im Projekt Basisbildung Oberes Murtal. ISOP GmbH www.isop.at alfred.berndl@isop.atSeite 40 Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis. Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis. Seite 41
    • BILDUNG I Liessmann I Stätten der Lebensnot? Stätten der Lebensnot? I Liessmann I BILDUNG wenn auch nicht alleiniges – Kriterium für die Qualität von unangemessen. “Halbbildung” hatte dies Theodor W. Ad- Bildungseinrichtungen fungiert dann auch folgerichtig die orno genannt.2 Fraglich aber bleibt, ob im Gegenzug Bil- Nähe zum Arbeitsmarkt. Die Nützlichkeit erworbenen Wis- dung tatsächlich auf Lebensnähe, Praxisrelevanz und eine sens und angeeigneter Kompetenzen für berufliche Kar- am Kriterium des ökonomischen Nutzens orientierte Aus- rieren einerseits und für die Erfordernisse einer dynami- bildung reduziert werden kann. Das Problem beginnt schen globalisierten Wirtschaft andererseits werden zum schon damit, daß der Begriff des “Nutzens” selbst höchst entscheidenden Gesichtspunkt, an dem sich letztlich die vage ist und oft nicht mehr als divergierende gesellschaft- Lehrpläne von Volksschulen ebenso zu orientieren haben liche Interessen beschreibt, die sich zudem rasch ändern. wir die Curricula universitärer Studiengänge. Man spricht Abgesehen davon hatte Bildung aus guten Gründen immer zwar noch von “Bildung”, meint aber in aller Regel eine an eine bestimmt Distanz zum Leben zur Voraussetzung. Oder, den Erfordernissen der Ökonomie orientierte, effizient und um es mit den Worten des mittlerweile vergessenen Bil- kostengünstig gestaltete “maßgeschneiderte” Qualifizie- dungsphilosophen H. J. Heydorn zu sagen: “Wäre Bildung rung von Menschen, also ihre “Ausbildung”. Leben im Sinne des unmittelbaren Lebensvorganges, so könnte sie dem Leben überlassen bleiben.”3 Bildung, wie Dieser Prozeß läßt sich an zahlreichen Indizien ablesen. immer man sie inhaltlich auch genauer bestimmen wollte, Die große Bedeutung, die Lebensnähe, Praxisorientierung hatte in den klassischen Konzeptionen aus guten Gründen und Verwertbarkeit in unterschiedlicher Ausprägung auf mit Freiheit und Muße, mit Konzentration und Kontempla- allen Ebenen gewonnen haben, spricht eine ebenso deut- tion, mit Distanz und Spiel zu tun. Dort, wo schon an denKonrad Paul Liessmann liche Sprache wie die Verdrängung von Inhalten und Diszi- Organisationsformen von Bildungsinstitutionen abzulesenProfessor für Philosophie an der Universität Wien plinen, die dem Verdacht ausgesetzt sind, nur totes, nutzlo- ist, daß es nur noch um Wettbewerb und Erfolg, um Effizi-konrad.liessmann@univie.ac.at ses oder bestenfalls luxuriöses Wissen zu vermitteln. In der enz und Praktikabilität geht, handelt es sich, nach den Wor- Rede von den “Orchideenfächern” schlägt sich dies ebenso ten von Friedrich Nietzsche, offenbar um keine Stätten der nieder wie in den Lehr- und Studienplänen, die perma- Bildung, sondern um “Stätten der Lebensnot”. nent in Hinblick auf die Vermittlung wirklich brauchba- rer Kenntnisse und Fähigkeiten durchforstet und deshalb Stätten der Lebensnot also. Dazu einige Anmerkungen. ständig umgestaltet werden müssen. Alte Sprachen, die Im Jahre 1872 hatte der junge Friedrich Nietzsche, soeben Künste, Literatur, aber auch Mathematik und Geschichte als Professor für alte Sprachen an die Universität Basel be- sowie die Grundlagen- und Geisteswissenschaften sehen rufen, in mehreren öffentlichen Vorträgen Über die Zu-Stätten der Lebensnot? sich so ständig unter dem Damoklesschwert nicht einlös- kunft unserer Bildungsanstalten räsoniert. In diesen Refle- barer Nützlichkeitserwartungen. Nur in Verbindung mit xionen, denen Nietzsche die etwas konstruierte literarische dem Versprechen auf Anwendung ist deren Existenz zu si- Form eines belauschten Dialogs zwischen einem Philoso-Über die Gegenwart unserer Bildungsanstalten chern, und so mutiert die Literatur – zur Medienwissen- schaft und die Theologie zu einem Kompetenzzentrum phen und seinem hitzigen Schüler gegeben hatte, kons- tatierte der junge Altphilologe eine unendliche Differenz für pastorale Dienstleistungen. Aber auch die Konzeption, zwischen den Anmaßungen, denen sich eine humanisti- Als Friedrich Nietzsche in seiner Baseler Zeit über Bil- unter anderem Vorurteile, Diskriminierungen, Arbeitslo- Schule als Lebensraum zu deuten und jeden Bildungsgang sche Schule mehr oder weniger freiwillig aussetzte und ih-dung sprach, gab er diesen Vorträgen den Titel “Über die sigkeit, Hunger, Aids, Inhumanität und Völkermord ver- eher als interdisziplinäres, praxisnahes Projekt, denn als rer, daran gemessen, oft nur allzu erbärmlichen Realität.Zukunft unserer Bildungsanstalten.” Zukunft ist ein offener hindert, die Herausforderungen der Zukunft bewältigt und disziplinierten, geistigen Aneignungsprozeß zu initiieren Dem Anspruch nach, so Nietzsche, will die höhere SchuleBegriff, und es wäre verführerisch, diesen so zu bestimmen, nebenbei auch noch Kinder glücklich und Erwachsene be- und zu organisieren, zollt diesem Anspruch ihren Tribut. ja wirklich “Bildung” vermitteln, gar “klassische Bildung”,daß man Nietzsches Zukunft als unsere Gegenwart begreift. schäftigungsfähig gemacht werden sollen. Gerade weil dies Daß nun in jedem Curriculum mit großem rhetorischen in der Realität aber sah die Sache für den jungen Philolo-Der von Nietzsche schon damals konstatierte und extrapo- alles nicht geht, wurde und wird in kaum einem Bereich so- Aufwand die arbeitsmarkttauglichen Qualifikationen auf- gen anders aus: “Das Gymnasium [erzieht] nach seiner ur-lierte Gegensatz zwischen den Notwendigkeiten von praxi- viel gelogen wie in der Bildungspolitik.1 gezählt werden müssen, die ein Mensch nach dem Durch- sprünglichen Formation nicht für die Bildung, sondern fürsorientierten Ausbildungsprozessen und der Idee der Bil- laufen eines Bildungsangebotes angeblich oder wirklich die Gelehrsamkeit und [es nimmt] neuerdings die Wen-dung könnte dann auch als jene Dichotomie beschrieben Ist heute von Bildung die Rede, dann denkt deshalb auch erwirbt, stellt in diesen Zusammenhang eine logische Kon- dung, als ob es nicht einmal mehr für die Gelehrsamkeit,werden, an der sich allemal die Frage nach dem Stellenwert fast niemand mehr an die neuhumanistischen Ideale, die sequenz dar, die zudem den Vorteil hat, daß man sich über sondern für die Journalistik erziehn wolle.”4 Was Nietzschevon Bildung entscheidet. mit diesem, im deutschen Sprachraum erst seit dem spä- Bildungsinhalte kaum mehr den Kopf zerbrechen muß, da befürchtete, ist natürlich längst eingetreten: Das Gymna- ten 18. Jahrhundert gebräuchlichen Begriff einstens asso- diese durch das, was – angeblich – gerade gebraucht wird, sium erzieht mittlerweile nicht nur zur Journalistik, son- Natürlich: Über Bildung wird nach wie vor gerne und viel ziiert waren. Im gegenwärtigen Diskurs fungiert “Bildung” vorgegeben werden. dern auch mit Hilfe der Journalistik. Medien im Unterrichtgesprochen. In keinen Bereich des Lebens wurde seit der eher als Sammelbegriff für all jene Lern- und Trainingspro- heißt das dann.Entwicklung moderner Gesellschaften soviel Hoffnung ge- zesse, denen sich die Menschen unterziehen müssen, um Nun wäre es Unsinn zu leugnen, daß Ausbildungspro-setzt wie in den der Bildung. Bildungsgipfel und Bildung- im Kampf um die knapper und anspruchsvoller werden- zesse und eine breite Palette von Ausbildungsmöglichkei- Allerdings: Das war von Nietzsche keine Anklage, son-soffensiven lösen einander ab, Bildungsreformen und Bil- den Arbeitsplätze mithalten zu können. Die Wettbewerbs- ten für eine moderne Gesellschaft von allergrößter Bedeu- dern ein Befund. Das Humboldtsche Gymnasium verfehltedungsdiskussionen bestimmen das öffentliche Leben, und rhetorik spielt deshalb im Bildungsdiskurs mittlerweile tung sind. Ebenso scheint klar, daß eine Bildungsidee, die schlicht sein Ziel, weil dieses unerreichbar schien: “Einedie bildungsfernen Schichten bereiten den gebildeten Eli- eine entscheidende Rolle, wie die Individuen stehen auch sich in einem kulturell verhärteten Wissen erschöpft, das wahrhaft ‘klassische Bildung’ ist etwas so unerhört Schwe-ten große Sorgen. Bildung war und ist nämlich das Vehikel, die Bildungsinstitutionen in einem Konkurrenzverhältnis, bestenfalls einmal dazu taugte, die gesellschaftliche Stel- res und Seltenes und fordert eine so complizirte Begabung,mit dem Unterschichten, benachteiligte Frauen, Migran- das durch künstliche Maßnahmen wie periodische Tests, lung von Eliten symbolisch zu codieren, mit Fug und Recht 2 Theodor w. Adorno: Theorie der Halbbildung. Gesammelte Schriften Bd. 8, Frankfurt/ten, Außenseiter, Behinderte und unterdrückte Minder- Evaluationen und Rankings noch verschärft wird. Als ein – obsolet genannt werden kann. Das Bildungswissen des Bil- Main 1980, S. 93ff.heiten emanzipiert und integriert werden sollen, Bildung dungsbürgers, das sich im Nachbeten eines Kanons und 3 Heinz Joachim Heydorn: Zur Aktualität der klassischen Bildung. In: Bildungstheoreti- sche Schriften Bd. 1, Frankfurt/Main 1980, S. 308gilt als begehrte Ressource im Kampf um die Standorte der 1 Zum selbstillusionierenden Vokabular der Bildungsbranche vgl. Agnieszka Dzierz- in einem unausgewiesenen Zitatenschatz erschöpfte, war bicka/Alfred Schirlbauer (Hg.): Pädagogisches Glossar der Gegenwart. Von Autonomie 4 Friedrich Nietzsche: Sämtliche Werke. Kritische Studienausgabe, hg. von Giorgio ColliInformationsgesellschaft, Bildung ist das Mittel, mit dem bis Wissensmanagement. Wien 2006 nicht nur unnütz, sondern seiner eigenen Idee gegenüber und Mazzino Montinari (KSA), München 1980, Bd. 1, S. 677Seite 42 Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis. Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis. Seite 43
    • BILDUNG I Liessmann I Stätten der Lebensnot? Stätten der Lebensnot? I Liessmann I BILDUNGdaß es nur der Naivetät oder der Unverschämtheit vorbe- zerfallende Familien, letzter Ort emotionaler Kommunika- einen physischen Ekel zu empfinden, so gebt es nur auf, in der Schule und nur in der Schule geübt werden. Heutehalten ist, diese als erreichbares Ziel des Gymnasiums zu tion, mehr oder weniger hilflose Agenten der sozialen, poli- nach Bildung zu streben...”10 pflegt man aus diesem Befund den gegenteiligen Schlußversprechen.”5 Von Allgemeinbildung, Bildung überhaupt tischen und psychischen Erziehung, Drogen- und Aidspro- zu ziehen: Was nicht immer schon der Praxis verschwistertläßt sich mittlerweile ähnliches sagen. Und eine Mischung phylaxeinstitution, erster Therapieplatz und vor allem: Sie Der physische Ekel vor der journalistischen Sprache: und durch diese abgeschliffen ist, braucht erst gar nicht ge-aus Naivität und Unverschämtheit kennzeichnet nach wie sind eine Problemlösungsanstalt für die ungelösten Fragen Welcher Pädagoge wagte es noch, dies als das erste Bil- lernt zu werden. Daher auch das Mißtrauen gegenüber Fä-vor jeden allgemeinen Bildungsanspruch. Das eigentlich der Erwachsenenwelt, von der Umweltverschmutzung bis dungsziel des Deutschunterrichts, ja der höheren Bil- chern, in denen Formen des Denkens oft spielerisch erfah-Verstörende an Nietzsche war und ist schlicht die Behaup- zu den Kriegen, von der Integration der Migranten bis zum dungsanstalten überhaupt zu formulieren? Sprache im ren und geübt werden können, die keinen unmittelbarentung, daß Bildung schlechthin an Individuation gebun- Kampf der Kulturen, vom Elend der Dritten Welt bis zur Zu- Sinne Nietzsches ernst zu nehmen bedeutete überdies Bezug zu einer Praxis haben: Alte Sprachen, Philosophie,den und schlechterdings nicht verallgemeinerungsfähig kunft der Europäischen Union. Man kann sich manchmal nicht nur, sie in ihrer syntaktischen Differenziertheit und Mathematik, klassische Literaturen, Kunst und Musik. Alleist. Wird dies dennoch versucht, so sind für Nietzsche die des Eindrucks nicht erwehren, daß eine Reihe der Prob- semantischen Ausdrucksbreite zu beherrschen, sondern Versuche, diesen Fächern ihre Legitimität zu bewahren, in-unausweichlichen Konsequenzen klar: “Die allergemeinste leme, die die Erwachsenen nicht lösen können oder lösen auch den Respekt vor ihrer Geschichte, die Achtung ih- dem auf deren Nützlichkeit für das anstrengende Leben inBildung ist eben die Barbarei.”6 Wie wenige hat Nietzsche wollen, den Schulen überantwortet wird. Nichts ist verrä- rer gewordenen Struktur, die auch und gerade deshalb ein der Wettbewerbsgesellschaft verwiesen wird, mögen be-die Hände in die Wunde der Idee der Allgemeinbildung ge- terischer als der Satz: Damit muß man in der Schule begin- getreuliches Spiegelbild der Entwicklung einer Kultur ist müht sein, sind letztlich aber nur peinlich.legt. Sofern es dieser um das Individuum und seine Entfal- nen. Dahinter steckt der Glaube, daß den Schulen nahezu und deren Höhen ebenso aufbewahrt wie deren Tiefen.tung geht, läßt sie sich schlechterdings nicht verallgemei- überirdische Kompetenzen als Problem- und Konfliktlö- Das konnte und kann natürlich nie bedeuten, die Sprache Was darüber hinaus bei einer Reduktion von Bildung aufnern. Dort, wo sie tatsächlich zu einer allgemeinen Bildung sungsanstalten zugeschrieben werden können. Soviel zum auf einem Entwicklungsstand einfrieren zu wollen – Nietz- Ausbildung verloren gehen könnte, wird klar, wenn manwird, muß sie sich dem einzelnen und seinen Möglichkei- angeblichen realitätsorientierten Pragmatismus der Bil- sche, selbst ein Sprachschöpfer von Rang, wäre solches sich an der Bestimmung der Differenz von Bildung undten gegenüber gemein verhalten. Kein höheres Bildungs- dungspolitik. Das bedeutet aber auch: Alles müssen Schu- nie in den Sinn gekommen. Das kann aber auch nicht be- Ausbildung orientiert, wie sie Peter Bieri vorgeschlagen hat:wesen, das von diesem Widerspruch frei geblieben wäre. len heute sein, nur eines dürfen sie nicht mehr sein: Schule! deuten, die Ausdrucks- und Differenzierungsmöglichkei- “Bildung ist etwas, das Menschen mit sich und für sich ma- ten der Sprache jedem beliebigen Modernismus und jeder chen: Man bildet sich. Ausbilden können uns andere, bil- Das alles bedeutet natürlich nicht, daß es nicht Stätten Stätten der Bildung waren für Nietzsche nämlich der Ge- zeitgeistigen Reformattitüde zu opfern, wie fortschritt- den kann sich jeder nur selbst. Das ist kein bloßes Wort-der Ausbildung geben kann, ja geben muß, in denen Men- gensatz zu Anstalten der Lebensnot. Orte, die nicht von lich und globalisiert sich diese auch immer geben mag. In spiel. Sich zu bilden, ist tatsächlich etwas ganz anderes, alsschen auf Berufe, auf mehr oder weniger stereotype Hand- den Dürftigkeiten und Bedürftigkeiten des Lebens und den zeitgemäßer Fassung, ohne Nietzsches schneidende Pole- ausgebildet zu werden. Eine Ausbildung durchlaufen wirlungs- und Arbeitsabläufe vorbereitet und in sozialen und Sachzwängen der Politik und Ökonomie geprägt sind, son- mik, ließe sich dieser Gedanke mit den Worten des Ber- mit dem Ziel, etwas zu können. Wenn wir uns dagegen bil-kommunikativen Kompetenzen ausgebildet werden müs- dern Orte der Freiheit, und dies deshalb, weil diejenigen, liner Philosophen Peter Bieri auch wie folgt formulieren: den, arbeiten wir daran, etwas zu werden – wir streben da-sen. Das wußte natürlich schon Nietzsche: “Ich für meinen die sich dort als Lehrende und Lernende befinden, frei vom “Überhaupt ist der Gebildete einer, der vor bestimmten nach, auf eine bestimmte Art und Weise in der Welt zu sein.”Theil kenne nur einen wahren Gegensatz, Anstalten der Bil- Zwang zur Nützlichkeit, zur Praxisrelevanz, zur Lebens- Dingen Ekel empfindet: vor der Verlogenheit von Werbung Im Gegensatz zu vielen sieht Bieri dann auch kein Problemdung und Anstalten der Lebensnoth: zu der zweiten Gat- nähe, zur Aktualität sein sollten. Mit einem Wort: Es waren und Wahlkampf; vor Phrasen, Klischees und allen Formen darin, die wesentlichen Dimensionen von Bildung auchtung gehören alle vorhandenen, von der ersten aber rede die Orte der Muße. Damit hatte Nietzsche der Schule nur der Unaufrichtigkeit; vor den Euphemismen und der zy- inhaltlich zu bestimmen: Selbstorientierung, Aufklärung,ich.”7 Das meint allerdings nicht, daß der junge Nietzsche ihren ursprünglichen Wortsinn zurückgegeben. Schule läßt nischen Informationspolitik des Militärs; vor allen For- historisches Bewußtsein, Artikuliertheit, Selbstbestim-diese Stätten der Lebensnot gering geschätzt hätte. “Glaubt sich über das lateinische schola auf das griechische scholé men der Wichtigtuerei und des Mitläufertums, wie man mung, moralische Sensibilität und poetische Erfahrungalso ja nicht, meine Freunde, daß ich unseren Realschulen zurückführen und meinte ursprünglich ein “Innehalten in sie auch in den Zeitungen des Bürgertums findet, die sich gelten ihm als jene Faktoren, an denen sich die Bildungs-und höheren Bürgerschulen ihr Lob verkümmern will: ich der Arbeit”. Die Weisheit der Sprache ist oft eine größere als für den Ort der Bildung halten.”11 prozesse von Menschen orientieren sollten. Bildung ist soehre die Stätten, an denen man ordentlich rechnen lernt, es sich unsere sprachvergessene Kultur träumen läßt: Eine nicht denkbar ohne Neugier, ohne Leidenschaft, ohne Re-wo man sich der Verkehrssprachen bemächtigt, die Geo- Schule, die aufgehört hat, ein Ort der Muße, der Konzentra- Und das Denken? Nietzsche konnte in Menschliches, All- flexion und Selbstreflexion, ohne Wertung und Bewertung,graphie ernst nimmt und sich mit den erstaunlichen Er- tion, der Kontemplation zu sein, hat aufgehört eine Schule zumenschliches noch ebenso schlicht wie aufreizend ohne das Wagnis, sich durch das, was man im Bildungspro-kenntnissen der Naturwissenschaft bewaffnet.”8 Man achte zu sein. Sie ist in der Tat auch in einem sehr unmittelbar er- schreiben: “Die Schule hat keine wichtigere Aufgabe, als zeß erfährt, verändern zu lassen. Ausbildung hingegen ori-auf die Verben: lernen, bemächtigen, ernst nehmen, be- fahrbaren Sinn eine Stätte der Lebensnot geworden. Und in strenges Denken, vorsichtiges Urtheilen, consequentes entiert sich an operationalisierbaren Kenntnissen und Fä-waffnen! Diese Schulen, die zu Recht an den Erfordernis- dieser dominieren dann die Projekte und Praktika, die Er- Schliessen zu lehren: desshalb hat sie von allen Dingen higkeiten, die nicht in Hinblick auf ihr bildendes Potential,sen und Bedürfnissen des praktischen Lebens orientiert fahrungen und Vernetzungen, die Exkursionen und Aus- abzusehen, die nicht für diese Operationen tauglich sind, sondern in Hinblick auf die Einsetzbarkeit des Menschenund am Nutzen für dieses Leben und seinen Kämpfen ge- flüge. Zeit zum Denken gibt es nicht. zum Beispiel von der Religion. Sie kann ja darauf rechnen, für verschiedene Zwecke vermittelt und geübt werden.messen werden können, sind eben keine Bildungsanstal- daß menschliche Unklarheit, Gewöhnung und Bedürfnissten im eigentlichen Sinn des Wortes, sondern Stätten der Im Zentrum einer kontemplativ orientierten Schule aber später doch wieder den Bogen des allzustraffen Denkens Das Interesse an anderen Kulturen, an Sprachen, Werthal-Ausbildung, des Trainings, des Erwerbs von durchaus wich- stehen für Nietzsche nicht Inhalte, sondern – darin ist er abspannen.”12 Abgesehen von der Invektive gegen die Reli- tungen, Religionen und Lebensweisen wird unter einemtigen und lebensdienlichen Kompetenzen. Nietzsche for- ganz modern – zwei Vermögen, heute Kompetenzen ge- gion, in der Nietzsche natürlich recht hat – als Glaube ist die Bildungsanspruch zum Beispiel nicht nur aus einem “not-derte deshalb auch nicht, daß generell Schulen zu höheren nannt: Sprechen und Denken. Und hier lagen für ihn auch Religion keine Sache des Denkens, deshalb kann es in einer wendigen” strategischen Kalkül gespeist werden – weil manBildungsanstalten werden oder deren Aufgaben überneh- die Defizite der sogenannten Bildungsstätten seiner Zeit: wirklichen Bildungsstätte nur eine religionswissenschaftli- etwa mit den Angehörigen einer anderen Kultur Geschäftemen sollten. Er beklagt lediglich, daß solche Stätten der Bil- “In Summa: das Gymnasium versäumt bis jetzt das aller- che Propädeutik, die in alle großen religiösen Systeme ein- machen will –, sondern auch das eigene Weltbild verän-dung nicht (mehr) existierten erste und nächste Objekt, an dem die wahre Bildung be- führt, geben, aber keinen konfessionell gebundenen Reli- dern und den eigenen Standpunkt relativieren. Vorausset- ginnt, die Muttersprache: damit fehlt ihm der natürliche gionsunterricht -, zeigt sich in diesen Überlegungen auch zung aller Bildung ist so in der Tat eine Neugier auf das, was Stätten der Lebensnot sind mittlerweile unsere Schu- fruchtbare Boden für alle weiteren Bildungsbemühungen.”9 eine Menschenkenntnis, die viele angebliche Bildungsex- in der Welt ist, eine Neugier, die sich weder der schon vonlen aber auch in einem weit über Nietzsches Analyse hin- Deshalb kann Nietzsche, Karl Kraus antizipierend, den perten oft so schmerzlich vermissen lassen: Gerade weil Ludwig Wittgenstein kritisierten wissenschaftlichen Sen-ausgehenden Sinn: Die Not des Lebens zwingt sie mittler- Gymnasien seiner Zeit höhnisch zurufen: “Nehmt eure die Alltäglichkeit des Lebens die Genauigkeit des Denkens, sationslust noch dem Eroberungs- und Verwertungsdrangweile dazu, alles an Aufgaben anzunehmen, was durch die Sprache ernst! ... Hier kann sich zeigen, wie hoch oder wie die nur in der Muße, im relativ sorgenfreien Spiel gedeihen ganz unterordnet. Daß Menschen von diesen AmbitionenGesellschaft an sie herangetragen wird: Sie sind Ersatz für gering ihr die Kunst schätzt und wie weit ihr verwandt mit kann, wieder abschleifen wird, kann diese guten Gewissens völlig frei sein könnten, wäre in der Tat zu viel verlangt. Daß der Kunst seid, hier in der Behandlung unserer Mutterspra- 10 Nietzsche, KSA 1, S. 676 man die Welt aber auch unter anderen Gesichtspunkten5 Nietzsche, KSA 1, S. 6826 Nietzsche, KSA 1, S. 668 che. Erlangt ihr nicht so viel von euch, vor gewissen Worten 11 Peter Bieri: Wie wäre es, gebildet zu sein? Festrede, gehalten an der Pädagogischen Hoch- als den von Marktanteilen betrachten und erfahren kann – schule Bern am 4. November 2005. www.phbern.ch/fileadmin/Bilder_und_Dokumente/7 Nietzsche, KSA 1, S. 717 und Wendungen unserer journalistischen Gewöhnungen 01_PHBern/PDF/051104_Festrede_P._Bieri.pdf, abgerufen am 7.12.2008, S. 7 wer, der einmal etwa der Faszination des Schönen unterlag,8 Nietzsche, KSA 1, S. 716 9 Nietzsche, KSA 1, S. 683 12 KSA 2, S. 220 wollte dies leugnen?Seite 44 Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis. Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis. Seite 45
    • BILDUNG I Liessmann I Stätten der Lebensnot? Bildung hat deshalb viel mit den ästhetischen Dimensio- dungslosigkeit”, zumindest der Verzicht auf verbindlichenen unseres Lebens zu tun. Vielleicht ist die “Geschmacks- geistige Traditionen und klassische Bildungsgüter, zu einerbildung” wirklich eines der grundlegenden Modelle für Tugend geworden zu sein, die es dem Einzelnen ermög-Bildungsprozesse überhaupt. Daß die Kunst und die Aus- licht, rasch, flexibel und unbelastet von “Bildungsballast”einandersetzung mit ihr in vielen klassischen Bildungs- auf die sich stets ändernden Anforderungen der Märkte zudiskursen – man denke nur an Friedrich Schiller – eine so reagieren.große Rolle spielten, hat unter anderem mit einer Erfah-rung zu tun, die man paradigmatisch an Kunstwerken ma- In dem Maße aber, in dem Bildung im humanistischenchen kann: Daß es Dinge gibt, die um ihrer selbst willen be- Sinne nicht als private Idiosynkrasie, sondern als notwen-achtet, geachtet und bewundert werden können, ohne daß dige Voraussetzung einer Gesellschaft erscheint, die sichdaraus ein anderer Nutzen als eben diese Erfahrung gezo- an der Idee der Würde und Autonomie des Menschen ori-gen werden könnte. Und wenn die These von Immanuel entieren will, bleibt die Frage nach den Chancen authen-Kant stimmt, daß die Würde des Menschen letztlich darin tischer Bildung eine öffentliche Angelegenheit. Man mußihre Wurzel hat, daß jeder Mensch als vernunftbegabtes sich aber im Klaren darüber sein, daß das Gelingen von Bildung in ZahlenWesen sich selbst als Zweck setzen kann und deshalb auch Bildungsprozessen weder an Standards gemessen noch 70% der Ausbildner/innen von Lehrlingen halten dasden anderen Menschen nie nur als Mittel, sondern auch als an Erfolgsquoten welcher Art auch immer überprüft wer- Begründen von Rechenschritte und das Verstehen vonZweck an sich betrachten muß, dann wird klar, welche Be- den kann. Ob es in den Stätten der Lebensnot – andere Lösungswegen für eine wichtige Kompetenz.deutung diese ästhetische Erfahrung zweckfreier Schön- gibt es nicht mehr – für diese Bildung zumindest noch eine 19% der Lehrlinge erfüllen diese Aufgabe gut/sehr gutheit für eine humane Bildung haben muß. Chance gibt, läßt sich allein daran ablesen, welche Erfah- rungsmöglichkeiten neben der sinnvollen und notwendi- 5,1% der Bevölkerung mit max. Pflichtschulabschluss haben innerhalb Der Zusammenhang zwischen Bildung und Autonomie gen Ausbildung den Menschen zusätzlich noch eingeräumt der letzten 4 Wochen an einem Kurs oder einer Schulung teilgenommen.machte dann auch immer den eigentlichen politischen werden. Anders formuliert: Die Qualität von Bildungsein- 13,1% der Bevölkerung haben innerhalb der letzten 4 WochenKern der neuhumanistischen Bildungsidee aus. Die Forde- richtungen wäre auch danach zu beurteilen, wie viel Frei- an einem Kurs oder einer Schulung teilgenommen.rung, daß allen Menschen zumindest der Zugang zur Bil- heit, wie viel Risiko, wie viel Neugier, wie viel ästhetischedung möglich gemacht werden müsse, hat nicht nur den Erfahrung, wie viel Nutzloses, wie viel Schönes, ja: wie viele 46,8% der Personen, deren Lesekompetenz das Niveau 1 (von 5) nichtGedanken zur Voraussetzung, daß man ohne bestimmte Seitensprünge sie erlauben. übersteigt, sind in keinen politischen Organisationen, Vereinen,Kenntnisse und Fähigkeiten im Wettbewerb nicht bestehen religiösen Gruppen oder im Bereich der Freiwilligenarbeit aktiv.kann; mindestens so wichtig ist, daß nur eine Bildungs- (Erschienen in: Axel H. / Kartheininger M. (Hg.): Bildung 15% der Personen mit maximal Pflichtschulabschluss habenidee, die daran festhält, daß etwas um seiner selbst willen als Mittel und Selbstzweck. Korrektive Erinnerungen wi- in den letzten 5 Jahren keinen Zahnarzt konsultiert.geschätzt und geachtet werden kann, die Voraussetzung der die Verengung des Bildungsbegriffs. Freiburg / Mün-für eine wechselseitige Anerkennung in Würde ist. Ein Bil- chen: Alber 2009 (Reihe Praktische Philosophie Bd. 38),dungsbegriff, der auf Verfahren und Techniken von Ausbil- S. 146 – 156) Weltweite Analphabetenrate 2006: 16 Prozent, dies entspricht 776 Millionen Menschen, zwei Drittel davondungsgängen reduziert wird, ist nicht schlechterdings in- sind Frauen. Über ein Viertel lebt in Indien.human. Er vergißt aber, daß Menschsein mehr bedeutet,als beschäftigungsfähig zu sein. Teilt man allerdings die Unterscheidung von Bildung undAusbildung, wie sie Peter Bieri vorschlug, so ergeben sichdaraus auch einige interessante Konsequenzen für die Or-ganisation von Bildungsprozessen. Da wir uns nur selbstbilden, aber von anderen ausgebildet werden können, kön-nen, in einem strikten Sinn, nur Ausbildungsprozesse orga-nisiert, kontrolliert und operationalisiert werden. Nur wasjemand kann, kann überprüft werden, nicht, wie jemandin der Welt ist. In der Transformation unserer Bildungssys-teme in effiziente Ausbildungsstätten liegt deshalb durch-aus eine gewisse Logik. Was sich hartnäckig noch immerBildung nennt, orientiert sich deshalb nicht mehr an den Der AutorMöglichkeiten und Grenzen des Individuums zur seiner Univ.Prof. Dr. Konrad Paul LiessmannSelbstbildung, auch nicht an den invarianten Wissens- geb. 1953, Professor für Philosophie an der Universi-beständen einer kulturellen Tradition, schon gar nicht tät Wien, Vizedekan der Fakultät für Philosophie undam Modell der Antike, sondern an externen Faktoren wie Bildungswissenschaft der Universität Wien und wis-Markt, Beschäftigungsfähigkeit, Standortqualität und tech- senschaftlicher Leiter des „Philosophicum Lech“. Zu-nologischer Entwicklung, die nun jene Standards vorgeben, letzt sind erschienen: Theorie der Unbildung. Die Irrtü-die der “Gebildete” erreichen soll. Unter dieser Perspek- mer der Wissensgesellschaft (2006; TB 2008); Schönheittive erscheint die “Allgemeinbildung” genauso verzichtbar (2009)wie die “Persönlichkeitsbildung”. In einer sich rasch wan- Institut für Philosophie der Universität Wiendelnden Welt, in der sich Qualifikationen, Kompetenzen homepage.univie.ac.at/konrad.liessmannund Wissensinhalte angeblich ständig ändern, scheint “Bil- konrad.liessmann@univie.ac.at Quellen: Steirische Volkswirtschaftliche Gesellschaft, Zeitschrift für internationale Politik, Bundesamt für Statistik (Schweiz), Statistik AustriaSeite 46 Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis. Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis. Seite 47
    • BILDUNG I Steindl I Vom Lernen zur Bildung und vom Wissen zur Macht Vom Lernen zur Bildung und vom Wissen zur Macht I Steindl I BILDUNG grant Education wurden unter anderem die Verbesserung Deprivation bei Haushalten mit mindestens einem auslän- der Teilnahme und der Qualität an der Elementarbildung, dischen Mitglied1 an und stellt fest, dass mehr als ein Vier- die Sicherung adäquater Sprach(en)unterstützung für alle tel dieser Haushalte aus finanziellen Gründen keinen Inter- SchülerInnen, die Verbesserung der Lehr- und Lernset- netanschluss haben. tings, sowie die Einbindung von Eltern und Communitys (www.oecd.org/edu/migration) empfohlen. Ein ganzheit- Die Frage des Zugangs zu Wissen und respektive die Kon- licher Blick auf die Basisbildung muss daher immer wie- trolle des Zugangs zu Wissen werden noch ein wichtiges der auch Versäumnisse und verpasste Einstiege in Lernpro- Thema der Gesellschaft werden, weil in der Wissensgesell- zesse im formalen Bereich thematisieren. schaft Wissen zwar als eine Form des Kapitals gesehen wird, es aber kein Kapital im bisher bekannten Sinn darstellt. Der Viele Studien sehen in der sozioökonomischen Lage der wesentliche Unterschied besteht für Gorz (2004 S. 72) in Familien die Ursachen für die Bildungsbenachteiligung von der Tatsache, dass Wissen nicht akkumuliert, sondern ge- Kindern und Jugendlichen (www.bildungsinformation.at/ teilt wird und erst durch die Mit-Teilung seine volle Wir- themen/interkulturelle_eb/). kung entfaltet. … vom Zugang zu Wissen und Nichtwissen Ein weiterer Aspekt der Wissensgesellschaft ist der Um- Wir leben heute in einer sich sehr schnell verändernden gang mit Nichtwissen, den Beck in seinen Buch Weltrisiko- Gesellschaft, Erkenntnisse, die gestern getroffen wurden, gesellschaft sehr ausführlich beschreibt. Beck (2008 S. 48)Mari Steindl sind heute in den allgemeinen Kanon übergegangen. Dies geht davon aus, dass durch die technologischen Mittel eine gilt auch für den Begriff der Wissensgesellschaft, dessen gemeinsame Gegenwart entsteht und die Sorge um dasGeschäftsführerin des Interkulturellen Zentrums in Wien Anerkennung heute allgemein gültig ist. Drucker (2001 S. Ganze zu einer Kondition politischen Handelns wird. „Le-mari.steindl@iz.or.at 2) war einer der Pioniere, die Wissen als die wichtige öko- ben in der Weltrisikogesellschaft heißt mit unüberwind- nomische Ressource der postkapitalistischen Gesellschaft lichem Nichtwissen leben …“ (Beck 2008 S. 211). Obwohl beschrieben und somit auch den Begriff der Wissensgesell- auch Beck übersieht, dass durchaus nicht alle Menschen schaft mitgeprägt haben. Gorz (2004 S. 22) verweist in sei- online und vernetzt sind, erscheint das Postulat vom Um- nem Buch „Wissen, Wert und Kapital. Zur Kritik der Wissen- gang mit Nichtwisssen ein Teil der Debatte um die Wissens- sökonomie“ auf einen Ausspruch des Personalmanagers gesellschaft zu sein, indem die Rolle der ExpertenInnen in von DaimlerChrysler, der das Herz der Wertschöpfung den Hintergrund tritt und die Teilnahme aller (vgl. BeckVom Lernen zur Bildung und nicht mehr in der materiellen, sondern in der immateriel- 2008 S. 228) bei der Lösung der Probleme der Gesellschaft len Arbeit sieht. Diese Aussage ist auch deswegen bezeich- zum Leitmotiv wird. Schneider (2006 S. 123) empfiehlt da- nend für eine Wissensgesellschaft, weil die Automobilin- her Menschen, die Wissen managen möchten, „Nichtwis-vom Wissen zur Macht dustrie bisher als primär „materielle“ Branche betrachtet wurde. „Die immaterielle Dimension der Produkte gewinnt sen als Grundhaltung“, weil die Akzeptanz des Nichtwis- sens ihrer Meinung nach Lernprozesse in Gang setzt. AuchOder von der Teilnahme zur Integration eine viel größere Bedeutung als ihre materielle Wirklich- keit, und ihr symbolischer, ästhetischer oder sozialer Wert wenn Schneider und Beck dies nicht im Zusammenhang mit Alphabetisierung oder Basisbildung sehen, so ist derund der Vielfalt als Potenzial übertrifft den Gebrauchwert und verwischt den Tausch- Ansatz der Palavertheorie und Nichtwissen als Ausgangs- wert” (Gorz 2004 S. 51). Ein Beispiel dafür erleben wir im punkt von Lernprozessen schon Praxis in der Basisbildung Zusammenhang mit der Finanzkrise und die derzeit sehr (vgl. Bauer 2007; vgl. Muckenhuber 2007) stark kritisierten Bonuszahlungen für Bankmanager, deren Die Grundfrage dieses Essays ist „Wie wird in der Basisbil- informellen Netzwerke. Umso mehr sind auch Menschen Leistung eine messbare Basis und Gegenwerte vermissen. … von der Kulturalisierung der Gesellschaftdung mit Veränderung und Vielfalt“ umgegangen. Im wirt- mit Migrationsgeschichte, die in Basisbildungsaktivitäten Nicht erst seit der Postmoderne sind die Begriffe Identität,schaftlichen Bereich steht dazu Diversitätsmanagment auf involviert sind oder sein werden, von dieser gesellschaftli- Grenzenlosigkeit, „Upward Mobility“ (Drucker 2001 S. 2) Differenz und Diversität Themen, die den wissenschaftli-der Tagesordnung, im Bildungsbereich begegnet es uns im chen Diskriminierung betroffen. Zusätzlich erschwerend und die Tatsache, dass jeder Zugang zu den Produktions- chen Diskurs bestimmen. Immer mehr sind dies Begriffe,Zusammenhang mit Gendermainstreaming und Diversi- dazu kommt, dass es trotz der Wissensgesellschaft und mitteln hat, dies sind laut Drucker die Merkmale die die die gesellschaftliche Debatten, politische Programme undtätsmainstreaming. Basisbildung und Bildung insgesamt der lebenslang lernenden Menschen weniger Angebote für Wissensgesellschaft charakterisieren. Während es zu den Kulturdebatten prägen. Gerade auf die kulturelle Diver-sind nicht erst heute gesellschaftspolitische Faktoren (vgl. Weiterbildungsmaßnahmen für Niedrigqualifizierte gibt ersten beiden Merkmalen, die Drucker für die Wissensge- sität, ausgelöst durch Immigration, konzentrieren sichRath, 2007 S. 3 – 4). Der Ausspruch „Wissen ist Macht“ geht (vgl. Rath 2007 S. 5 – 6). sellschaft beschreibt, weitgehende Zustimmung gibt, so heute politische Kontroversen (Bauböck 1996 S. 8). Die Fra-auf den Philosophen Francis Bacon um 1600 zurück und er wird der letzte Punkt von verschiedenen Autorinnen und gen „Kann Identität ohne Differenz gedacht werden?“ oderdient nach wie vor vielen Generationen als Ansporn zum … was Hänschen nicht lernt, das Autoren durchaus kritisch gesehen, weil der Zugang zum „Führt jede Identitätspolitik zu Differenz?“ sind längst nichtLernen. Wissen ist Macht und doch gilt dies nicht für alle lernt Hans nimmermehr Produktionsmittel Wissen keineswegs für jeden offen steht. mehr Fragen, die nur in der Philosophie gestellt werden, inin Österreich lebenden Menschen gleichermaßen. Neuste Die Besetzung der Universitäten zu Ende des Jahres Gorz (2004 S. 39) postuliert, dass in der Wissensökonomie adaptierter Form sind sie Teil alltäglicher Debatten.Studien zeigen (vgl. Gächter 2007) (vgl. Biffl 2007) (vgl. 2009 hat in Österreich die Bildungsdiskussion wieder ver- die Kontrolle des Zugangs zu Wissen entscheidend seinSprung 2008), dass Migrantinnen und Migranten mit ei- stärkt in den Mittelpunkt gestellt, wie sie auch immer wie- wird, und er sieht in der Kontrolle des Zugangs zu Wissen Marshall Sahlins vergleicht die Zugehörigkeit zu einer Kul-nem Universitätsabschluss mehrheitlich unter ihrer Qua- der bei Pisaergebnissen, 2 Stunden mehr im Klassenzim- eine Umwandlung immaterieller Güter in Scheinkapital. tur heute mit der Zugehörigkeit zu einer Klasse im vorigenlifikation beschäftigt bzw. arbeitslos sind. Dafür gibt es mer etc. aufflammt. Tatsache ist, dass die Misserfolge in Der Zugang zu Wissen und neuen Kommunikationstech- Jahrhundert. Menschen, konkret ArbeiterInnen, wurdenverschiedenste Ursachen, wie die Nicht-Anerkennung uni- der Bildungspolitik im Schulbereich die Grundvoraus- nologien ist auch im Zusammenhang mit Migrantinnen durch die Zugehörigkeit zur Arbeiterklasse zu geschichtli-versitärer Ausbildungen aus dem Ausland, die Diskriminie- setzungen für die Basisbildung von Erwachsenen darstel- und Migranten relevant. Die Statistik Austria führt in ihrem chen Wesen, zu Akteuren in dieser Geschichte mit gemein-rung aufgrund der Zugehörigkeit zu einer bestimmten eth- len. In einem im Dezember 2009 präsentierten Bericht im März 2009 erschienenen Bericht zu „Einkommen, Ar- 1 Ein ausländisches Mitglied pro Haushalt bedeutet eine Person aus einem nichtnischen Gruppe, den hörbaren Akzent und die fehlenden der OECD aus einer Vergleichsstudie zum Review on Mi- mut und Lebensbedingungen“ eine sehr hohe sekundäre EU-/EWR-Land.Seite 48 Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis. Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis. Seite 49
    • BILDUNG I Steindl I Vom Lernen zur Bildung und vom Wissen zur Macht Vom Lernen zur Bildung und vom Wissen zur Macht I Steindl I BILDUNGsamen Wertvorstellungen und Zielen. Durch die Einteilung organisationen von verschiedenen ethnischen Gruppen, gen, in welchen Räumen und in welcher Umgebung Ba- Literaturin Klassen wurde eine Differenzierung aufgrund ökono- die strukturell gefördert werden (Samad 1997 S. 253 – 255). sisbildung stattfindet ist eine Grundvoraussetzung für die Bauböck, R. / Heller A. / Zolberg A. R. (Hrsg.)mischer Möglichkeiten geschaffen. Der Klassenkampf zur Ob diese Formen nur eine neue Art im Umgang mit kultu- Schaffung eines sozialen Raums, in dem Teilnahme und (1996), The Challenge of Diversity. IntegrationAbschaffung der Klassen basierte auf einer Ideologie, und reller Diversität sind oder ob sie eine grundsätzliche Än- Mitbestimmung Lernprinzipien sind. Neue Ansätze in der and Pluralism in Societies of Immigration. Wien.die MitstreiterInnen für den Klassenkampf waren eine Ge- derung des Zusammenlebens bedeuten, kann, so Samad, Lerntheorie schlagen einen Paradigmenwechsel vor zu Ler-sinnungsgemeinschaft, die ihre Geschichte schrieb. Heute noch nicht beurteilt werden. nen durch Tun, begleitetes Entdecken und Lernen durch Bauer, B. (2007), Wenn sich Türen öffnenmacht die Zugehörigkeit zu einer Kultur Menschen zu Ak- Involvieren (vgl. Scardamalia u. Bereiter 2007)(vgl. Zim- … oder: Wie Frauen sich eines ihrer Grundrechte erobern. Einblicke in dieteurInnen, die ihre Geschichte bestimmen. Der Unter- Kulturelle Identität verhandeln mer 2004). Diese Ansätze werden m. E. heute in der Basis- Alpabetisierungs- und Basisbildungsarbeitschied zwischen den zwei Prozessen liegt in der Moral, weil und Vielfalt als Potenzial bildung schon praktiziert und sollten in Zukunft ausgebaut des AlphaBetisierungsCentrum Salzburg.die Einteilung in Klassen auf einer moralisch-politischen Die Herausforderung, die sich stellt, ist es, kulturelle Dif- werden. Besonders die Erfahrung der Teilnahme, die Erfah- Perspektiven. Magazin Erwachsenenbildung.Grundlage basiert, während die „Symbole, Werte und die ferenzen zu verhandeln, ohne eine Fixierung auf diese rung, dass meine Fähigkeiten und mein Wissen gefragt sind Ausgabe Nr. 1. 2007. S. 10-1-9.Geschichte einer Kultur“ einfach präsent sind und keiner kulturellen Differenzen zu provozieren. Die vorhandene und die Gemeinschaft weiterentwickeln helfen, ist eine Er- Beck, U. (2008), Weltrisikogesellschaft. Aufideologischen Prüfung unterliegen (Sahlins 1999 S. 415). Vielfalt und die sich aus der Verhandlung von Identitäten fahrung, die in der Basisbildung vermittelt werden sollte. der Suche nach der verlorenen Sicherheit. ergebene Vielfalt sind ein Potenzial und eine Chance für 1st ed. Frankfurt/Main: Suhrkamp. Robert Miles sieht das Problem darin, dass in unserer Ge- Weiterentwicklung und Veränderung. Diese Herangehens- Für manche Trainerinnen und Trainer in der Basisbildungsellschaft heute kulturelle Unterschiede die vorherrschen- weise erfordert es, Unterschiede und Gemeinsamkeiten zu sind diese Ansätze nicht neu, allerdings geht es bei diesen Biffl, G. (2006), Erwerbstätigkeit und Arbeitslosigkeit: die Bedeutung vonden Parameter sind, um Menschen und Gruppen Eigen- benennen, es erfordert eine Auseinandersetzung mit dem Ansätzen nicht nur um die Gestaltung der Kurse und Lehr- Einbürgerung, Herkunftsregionschaften zuzuschreiben. Diese naturalisierten Differenzen Begriff Kultur und es erfordert eine Auseinandersetzung gänge selbst, sondern auch um die Rahmenbedingungen, und Religionszugehörigkeit. In:dienen dann als Grundlage der Hierarchisierung (Miles im Umgang mit Unsicherheiten. Parekh Bhikhu (2006) be- wie die Fragen der Abschlüsse, der Benotung, die Art der 2. Österreichischer Migrations- und1998 S. 10). Rassismus beginnt mit der Interpretation von nennt Irrtümer, die im Zusammenhang mit Kulturkonzep- Teilnahme einzelner Personen etc. Lave und Wenger (2007) Integrationsbericht 2001–2006, S. 265–281.Unterschieden, denn es gibt keine realen, abgrenzbaren ten immer wieder verbreitet werden. Unter anderen kriti- definieren Lernen als einen Prozess sozialer Beteiligung, in Claussen, D. (1994), Was heißtethnischen und kulturellen Unterschiede zwischen West- siert er den holistischen Ansatz von Kultur, wie auch das dem es eine legitime periphere Partizipation geben kann, Rassismus? Darmstadt.deutschen und Ostdeutschen, Ungarn und Polen (Claussen Thema der Unterscheidbarkeit von Kulturen. Ebenso kri- entscheidend ist die Intention einer Person (sichtbar durch1994 S. 20).2 Kulturalismus oder kulturellen Fundamenta- tisch sieht Parekh die Ethnisierung von Kulturen und den Sprache, Verhalten etc.), durch einen Entwicklungsprozess Doberer-Bey, A. (2007), Qualitätsentwicklunglismus nennt Stolcke (1995 S. 1 – 22) den neuen Rassismus, vorherrschenden Kulturdeterminismus, der auch in der ein Teil einer bestimmten Gemeinschaft zu werden, zum in der Basisbildung und die Professionalität der TrainerInnen. Perspektiven.der im Unterschied zum alten Rassismus vor allem auf kul- alltäglichen Praxis immer wieder zu finden ist. Es ist eine Akteur zu werden. Magazin Erwachsenenbildung.turelle Differenzen zurückgreift und sie naturalisiert. Die Chance, den Begriff Kultur selbst zum Thema zu machen, Ausgabe Nr. 1. 2007. S. 03-1-10.Frage, wie wir mit kultureller Diversität umgehen, ist eine Selbstverständlichkeiten im Zusammenhang mit Kultur in- TrainerIn — ein Teil der lernenden CommunityFrage, die sich auf den verschiedensten Ebenen stellt, im frage zu stellen und gemeinsam mit kulturellen Faktoren In dem Magazin der Erwachsenenbildung mit dem Drucker, P. (2001), The Next Society. TheHaus, im Wohnviertel, im Arbeitsleben, in der Wirtschaft, auch wieder soziale, politische und wirtschaftliche Fakto- Schwerpunkt „Basisbildung – Herausforderung für den Economist, November 01, 2001.in den Medien, im Staat und in der Europäischen Union. ren zu thematisieren. Die Infragestellung von Kultur wird Zweiten Bildungsweg“ wurden von einzelnen AutorInnen Gächter, A. (2006), Qualifizierte EinwanderinnenRainer Bauböck unterscheidet in Bezug auf kulturelle Di- von TeilnehmerInnen in der Basisbildung nicht immer mit Kompetenzen für TrainerInnen in der Basisbildung be- und Einwanderer in Österreich und ihreversität zwischen linguistischer Diversität und religiöser Freuden aufgenommen werden, weil für viele die ethnische schrieben (vgl. Doberer-Bey 2007). Die Fähigkeit eines po- berufliche Stellung: S. 1–56. July 23, 2006.Diversität. Erstere ist, so Bauböck, eher ein Problem in den Zugehörigkeit auch Identität und Stolz bedeutet, und doch sitiven Umgangs mit (kultureller) Diversität wurde als eine www.zsi.at/attach/desk-dp.pdf.USA3 und letztere in Europa. Der Umgang mit kultureller ist diese Auseinandersetzung eine Chance zu einem neuen der Kernkompetenzen benannt. Dies ist sicher eine wich- Gorz, A. (2004), Wissen, Wert undDiversität hängt nicht zuletzt vom Kulturverständnis, das Miteinander zu kommen, in dem Vielfalt als Potenzial er- tige Kompetenz, die die Arbeit in den Gruppen fördert. Kapital. Zur Kritik der Wissensökonomie.vertreten wird, ab. lebt werden kann. 1st ed. Zürich: Rotpunktverlag. Basierend auf den oben beschriebenen Ansätzen möchte Lave, J. / Wenger, E. (1998), Communities Angesichts der Kulturalisierung unserer Gesellschaft kon- Die Thematisierung im Umgang mit Unsicherheiten ist ich hier noch einmal dafür plädieren, dass die Trainerin, of Practice: Learning, Meaning, andzentrieren sich die Ursachen von sozialen Konflikten und eine weitere Herausforderung. Dies zu lernen und da- der Trainer sich als Teil der lernenden Community invol- Identity: Cambridge University Press.Verteilungsungerechtigkeiten auf kulturelle Unterschiede. für persönliche und kollektive Strategien zu entwickeln, viert, der oder die zu bestimmten Zeitpunkten eine leh- Miles, R. (1998), Geschichte desObwohl es in der Praxis viele Arten des Multikulturalismus ist auch ein wichtiges Ziel in interkultureller Bildung. Erst rende Rolle einnimmt und zu anderen Zeitpunkten eine Rassismus. In: Burgmer, Christoph (Hrsg.).gibt (Werbner 1997 S. 262), ersetzt das Konzept des Multi- ein entspannter Umgang mit Neuem und Fremdem lässt Rolle der/des Lernenden. Diese Haltung impliziert, dass Rassismus in der Diskussion. Berlin.kulturalismus im Wesentlichen die Pluralität der Interes- die Chance auf Begegnung und neue Erfahrungen zu. Sich auch die TeilnehmerInnen über Wissen, Fähigkeiten undsen durch eine Pluralität der Abstammung, dies stellt einen auf eine neue Perspektive einzulassen, die nicht nur ein- Kompetenzen verfügen, die für alle eine Bereicherung dar- Muckenhuber, S. (2007), Mehr als Lesen und Schreiben – Alphabetisierung undNährboden für religiösen und kulturellen Fundamentalis- fach als andere Perspektive neben der eigenen steht, son- stellen können. Ein Ansatzpunkt in der Basisbildung kann Basisbildung an der Volkshochschule Linz.mus dar (Samad 1997 S. 244). Eine Rückkehr zu einer farb- dern die auch die eigene Perspektive verändert, erfordert sein, die eigenen Stärken und Fähigkeiten zu benennen Perspektiven. Magazin Erwachsenenbildung.und kulturblinden Sozialpolitik würde allerdings dazu füh- Mut und Offenheit. Basisbildung ist eine Chance, dass sich und dadurch ein Bewusstsein über die Vielfalt von Fähig- Ausgabe Nr. 1. 2007. S. 11-1-8.ren, dass die Bedürfnisse ethnischer Minderheiten wieder Menschen auf diesen Perspektivenwechsel einlassen. Um keiten und Wissen zu schaffen. Dies ist auch eine Möglich-an die letzte Stelle der politischen Agenda rücken (Samad diese Fragestellungen in der Basisbildung zu thematisieren, keit für die TrainerInnen sich als Teil der Community mit Parekh, B. (2006), Rethinking Multiculturalism. Cultural Diversity and Political Theory. New York.1997 S. 25). Die Kritik am Multikulturalismus hat dazu ge- ist es notwendig, Vertrauen zu schaffen. bestimmtem Wissen und Fähigkeiten einzubringen. Undführt, dass neue Modelle der Inkorporation vorgeschla- eines ist sicher: Auch lesende, schreibende, rechnende Rath, O. (2007), Netzwerk Basisbildunggen und diskutiert werden, wie zum Beispiel einen Dialog Basisbildung, ein Raum für Menschen können von Menschen, die ihren Alltag mit an- und Alphabetisierung in Österreich:zu führen, der die gemeinsame Kultur bereichert und neue Teilnahme und Mitbestimmung deren Fähigkeiten als Lesen, Schreiben oder Rechnen be- Hintergründe, Bestandsaufnahme, Perspektiven. Magazin Erwachsenenbildung.Formen der Hybridität kreiert, oder die Bildung von Dach- Eine weitere Herausforderung für die Basisbildung ist die wältigen, einiges lernen. Ausgabe Nr. 1. 2007. S. 02-1-14.2 Sprache und reale politische, wirtschaftliche und soziale Verhältnisse und deren Aus- Schaffung eines Raumes, in dem Menschen voneinanderwirkungen auf das Leben der Menschen sind Unterschiede, die aber auf keinen Fall ver-absolutiert und in Verbindung mit einer Staatsangehörigkeit gebracht werden können. und miteinander lernen können. Und dabei geht es nicht nur um Ausstattung, im Sinn von personellen Ressourcen3 Dabei geht es weniger darum, dass es zu viele Sprachen gibt, sondern mehr darum,dass in den südlichen Staaten der USA Spanisch zur dominanten Sprache wird. und Räumlichkeiten, aber es geht auch darum. Die Fra-Seite 50 Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis. Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis. Seite 51
    • BILDUNG I Steindl I Vom Lernen zur Bildung und vom Wissen zur Macht Sahlins, M. (1999), Two or three things I know about culture. In: The Journal of the Royal Anthropological Institute, Volume 5, Number 3, S. 399 – 421. Samad, Y. (1997), The Pluar Guises of Multiculturalism: Conceptualising a Fragmented Paradigm. In: Modood, Tariq (Hrsg.). The Politic of Multiculturalism in the New Europe. Chapter 13. Scardamalia, M. / Bereiter, C. (2007), Knowledge Building – Theory, Pedagogy and Technology. In: Sawyer, R.K., The Cambridge Handbook of The Learning Sciences, S. 97–115. Brief an die Politik 1 Ich wünsche mir, dass in Österreich Grundbildung neu überdacht wird. Schneider, U. ( 2006), Erfolg durch Nichtwissen: Ein Lob der Ignoranz. Ein Es gibt immer noch zu viele Kinder und Erwachsene ernst gemeinter Titel? Wien: Eigenverlag. die durch unser Bildungssystem fallen. Zu viele Österreicher haben eine schlechte Ausbildung, sei Sprung, A. (2008), Man lernt nie aus? es aus welchen Gründen auch immer, da sollte unser Land MigrantInnen in der Weiterbildung am Beispiel mehr Unterstützung und finanzielle Hilfe für Weiterbildung Österreichs. Bildungsforschung 5 (1): S. 1–17. geben. Unsere Lehrer müssen bessere Pädagogen sein. Stockle, V. (1995), Talking Culture. New Es ist ja so, dass sich Menschen für ihre schlechte Bildung meist schämen, Boundaries, New Rhetorics of Exclusion sie werden in unserer Gesellschaft nicht angenommen, schlecht akzeptiert. in Europe. In: Current Anthropology. Es sollte mehr Lehrpersonal für Erwachsene zur Verfügung stehen. Volume 36. Number 1. S. 1 – 22. Gerade diesen Menschen eine Weiterbildung zu ermöglichen wäre Werbner, P. (1997), Introduction: The Dialectics eine gute Sache, dann kann sich ein Staat „Sozialstaat“ nennen. of Cultural Hybridity. In: Werbner Pnina und Gute Grundbildung steht für ein gutes soziales Netzwerk und Tariq Modood (Hrsg). Debating Cultural Hybrity. das wünsche ich mir für Österreicher, für Europäer. Multi-cultural Identities and the Politics of Menschen mit guter Ausbildung: Antiracism. London u. New Jersey. S 1 – 26. sind sozial stärker, Zimmer, G. (2004), Aufgabenorientierung: finden leichter einen Arbeitsplatz, Grundkategorien zur Gestaltung expansiven Lernens. In: Faulstich, P Ludwig, J. (Hrsg.) .; haben mehr Selbstwertgefühl, Expansives Lernen. Baltmannsweiler: haben einen besseren Weitblick, Schneider-Hohengehren. S. 54 – 67. kommen nicht so leicht in die Notstandsfalle, können sich eine bessere eigene Meinung bilden, … Die Autorin Mag.a Mari Steindl, MA Brigitte Binder, 46 Geschäftsführerin des Interkulturellen Zentrums, Sozial- Kursteilnehmerin und Kulturanthropologin, Studium des Angewandten Wissensmanagments. Entwicklung und Durchführung von Lehrgängen, Seminaren und Trainings zum Bereich Interkulturelle Kompetenzen. Interkulturelles Zentrum www.iz.or.at mari.steindl@iz.or.atSeite 52 Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis. Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis. Seite 53
    • BILDUNG I Lenz I Grundbildung ist auch Bildung Grundbildung ist auch Bildung I Lenz I BILDUNG ist es ein Leichtes und eine Freude, darauf auf- und auszu- dungsabschlusses, vor allem eines akademischen, bringt bauen. Mit ähnlichen Vorstellungen setzte sich der Schul- erst den entsprechenden Respekt. weg fort. Griechisch und Latein galten als Grundlage für den Erwerb von Fremdsprachen – doch seltsam, erst ver- Informell gebildet schwand das Griechische aus den Lehrplänen, dann ver- In den letzten Jahren, mit der Öffnung des Zugangs zum sickerten die Lateinstunden. Trotzdem sprechen die Ju- höheren Bildungswesen sowie mit der Verabschiedung gendlichen heute mehr, besser und vor allem akzentfreier vom klassischen Bildungsgut aus dem Lehrplan der höhe- Fremdsprachen. Die jungen Generationen erhalten kom- ren Schulen, beginnt ein Umdenken. Vor allem ein Arbeits- munikativen Sprachunterricht, fahren als Austauschschü- markt, der nicht nur auf Zeugnisse schaut, sondern auf die lerInnen, als UrlauberInnen, als Au-pair ins Ausland oder tatsächlichen Qualifikationen und Kompetenzen von Mit- begegnen uns zweisprachig perfekt, weil sie migrations- arbeiterInnen, beachtet nicht bloß die institutionell ver- freudige Eltern haben. mittelte Bildung bzw. die entsprechenden Zertifikate. Nun tritt auch außerinstitutionell erworbenes Wissen und Kön- In dieser Gruppe der SchülerInnen und Jugendlichen nen in den Vordergrund. Wir sprechen von informellem mit Migrationshintergrund finden sich gehäuft schulische Lernen, das ohne Anleitung am Arbeitsplatz, zu Hause, an Misserfolge. Fehlt hier die Grundbildung, die unsere Schule anderen Lernorten wie etwa in einer Bibliothek oder durch nicht vermitteln kann? Oder gibt es eine Grundbildung, ein Lektüre erfolgt. Meist geht es selbstorganisiert und selbst- Fundament bei diesen Jugendlichen, zu dem die schuli- gesteuert vor sich.Werner Lenz schen Angebote keine Verbindung herstellen können?Professor für Erziehungswissenschaften an der Karl-Franzens-Universität Graz Wir sollten davon ausgehen, dass solche Lernprozesse,werner.lenz@uni-graz.at Dieses Bild vom Hausbau ist wohl nicht haltbar. Lernen ist die sehr wohl zur Bildung beitragen, bei allen Menschen ein integrierender Prozess des Wahrnehmens, Aufnehmens erfolgen, nur zu wenig beachtet und wahrgenommen wer- und ständigen Verarbeitens. Mit Bezug auf die Erkennt- den. Fragt man – und Sie können das gerne überprüfen – nisse der Gehirnforschung, die das „Organ“ des Lernens zu wie viel von dem, was Menschen können, außerhalb des ergründen sucht, sehen wir Lernen heute als ein Vernetzen. Bildungswesens gelernt wurde, so beträgt die Antwort: zwi- Wir bauen nicht hinzu, wir häufen nicht an, sondern wir schen 60 und 70 Prozent. Wir sollten deshalb institutiona- verknüpfen und verbinden Neues mit Vorhandenem. lisierte Lernprozesse mehr in Verbindung und in ihrer Be- deutung für selbstständiges Lernen und eigenständigeGrundbildung ist auch Bildung Welcher Beitrag kann geleistet werden, um dieses Vernet- Bildung der Individuen sehen. In diesem Sinn kann Basis- zen und die Motivation zum Weiterlernen anzuregen? bildung als Voraussetzung und Anregung verstanden wer- den, eigenständig Bildungsprozesse fortzusetzen.Niemand ist ungebildet — Bildung braucht Neubestimmung! Defizitär gebildet Grundbildung haben Personen, die erfolgreich gesell- Gerade das informelle Lernen, das uns von Geburt an be- schaftliche Mindestanforderungen, die an die Beherr- gleitet, lässt nicht zu, von ungebildeten Menschen zu spre- schung der Schriftsprache und der Grundrechenarten ge- chen. Alle Menschen entwickeln sich – manche mit mehr,Grundbildung ist kein starres, sondern ein aktives Funda- dern länger aufgehalten hatten. Doch ich lernte zu überle- bunden sind, erfüllen. In Österreich setzt man dies mit manche mit weniger schulischer oder universitärer Erfah-ment. Sie ist in das Leben der Menschen verwoben und ben. Da ich die Straßennamen nicht lesen konnte, merkte dem Hauptschulabschluss gleich. Wer dieses Niveau nicht rung. Meine Meinung lautet: Niemand ist ungebildet! Da-weiteres Lernen geschieht verknüpfend und vernetzend. ich mir die Zahl der Kreuzungen oder Ampeln, die Farben erreicht, sieht sich verschiedenen Bezeichnungen ausge- mit nehme ich vom Defizitdenken Abstand und gesteheErgänzend zum formalen und institutionalisierten Lernen der Häuser, die Architektur. Ich zählte die Stationen in der setzt, die diese defizitäre Lage beschreiben: den Menschen Entwicklung zu, egal, welchen institutionel-werden informelle Lernprozesse bedeutsam. Nicht Bil- Bahn, um wieder zum Ausgangspunkt zurückzukommen. • Analphabeten, len Bildungsweg sie durchlaufen haben.dungsabschlüsse, sondern was Menschen wirklich können, Ich fand heraus, wie viel ich mit nonverbaler Kommunika- • Bildungsabstinente,bekommt mehr Aufmerksamkeit. tion erreichen konnte. Gerne kaufte ich im Supermarkt ein. Standesbildung Mit Esswaren und anderen Produkten verstand ich mich • Schulversager, Herkunft und Vermögen bestimmten bei der EtablierungBildung, als lebensintegrierter Prozess, ist öffentliches sprachlos. • Lernungewohnte, unseres Bildungswesens vor etwa zweihundert Jahren die ge-Gut geworden und unterliegt öffentlichem Interesse. Die • Personen mit Lernschwierigkeiten, sellschaftliche Stellung. Das Bürgertum stellte dem „Adel desAussage, niemand ist ungebildet, soll dazu beitragen, je- War ich in dieser Zeit ungebildet? • Bildungsferne, Blutes“ den „Adel des Geistes“ entgegen. Ein brauchbarerdes Lernen zu achten und Bildung nicht bestimmten The- Fehlte mir nur der kulturelle Code? • Menschen mit Schriftsprachenproblemen, Mensch, der mutig, gerecht, vernünftig, ehrenhaft und wahr-men oder Gruppen vorzubehalten. Die Umsetzung des Welche Grundbildung hätte mir in kurzer Zeit den Zugang • lernungeübte Erwachsene. heitsliebend handelt, war Ziel der bürgerlichen Schule undMenschenrechts auf Bildung liegt in der Verantwortung zu japanischer Schrift und Sprache geschaffen? Universität. Nicht die Zufälligkeit der Geburt, die Qualität dervon Individuen und Gesellschaft. Es scheint mir notwendig, von solchen Bezeichnungen Bildung sollte dem individuellen Lebenslauf Gestalt geben. Bildung auf festem Grund? Abstand zu nehmen. Ansonst erhält diese Personengruppe Nicht durch Vererbung, sondern durch Bildung und LeistungAnalphabet auf Zeit Lesen, Rechnen, Schreiben. Das klingt einfach. Ich habe den Status von Hilfsbedürftigen, die sich um sich selbst sollte der Zugang zu höheren Ämtern, zu gesellschaftlicher In meinem Leben als Erwachsener war ich zehn Mo- das in der Volksschule gelernt. Später habe ich erfahren, nicht autonom kümmern können. Macht und politischem Einfluss geregelt werden.nate lang lokaler Analphabet. So lange hielt ich mich zwi- sie wird auch Grundschule genannt: mit dem Unterton,schen 2000 und 2001 an einer japanischen Universität als dort werde, wie bei einem Bauwerk, der Grundstein gelegt, Ein neutraler Begriff lautet: Personen mit geringer for- Den Wunsch des Bürgertums, „nach oben“ zu kommenForschungsprofessor auf. Mein dort erworbenes Vokabu- der Grund aufbereitet und gefestigt, auf dem alles andere maler Qualifikation. Es stellt diese Personen auch aus dem begleitete der Wunsch, sich „nach unten“ abzugrenzen: Ge-lar sowie die dort erlernten Schriftzeichen waren rudi- aufbaut. Schatten des Bildungsdünkels. Noch immer ist mit dem gen den Anspruch der Arbeiterklasse auf demokratischementär. Englisch oder Deutsch zu gebrauchen, blieb auf Etikett Bildung eine Klassifizierung und Wertschätzung Beteiligung an der Macht diente Bildung – die Gymnasial-den Glücksfall beschränkt, die wenigen KollegInnen oder In diesem Fall wird menschliches Lernen wie ein Haus- verbunden. In deutschsprachigen Ländern kommt noch bildung mit Matura – als „natürliche“ Barriere, die die ZahlStudierenden zu treffen, die sich in entsprechenden Län- bau betrachtet. Wenn das Fundament solide gefestigt ist, die institutionelle Anerkennung hinzu – die Höhe des Bil- der Aufsteiger regulierte, kontrollierte und klein hielt. Bil-Seite 54 Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis. Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis. Seite 55
    • BILDUNG I Lenz I Grundbildung ist auch Bildung Grundbildung ist auch Bildung I Lenz I BILDUNGdung wurde zu dem, was man gelesen und gelernt haben Bildung wird öffentliches Gut Bildungspolitik kann beitragen, Bildungswege zu öffnen. Kinder bringen gute Voraussetzungen für selbstverant-musste. Mit dem Bildungskanon war eine neue soziale Bar- Ein Unterschied zu früher ist bemerkenswert. Bildung gilt „Niemand ist ungebildet“ will sagen, dass Kinder und Er- wortetes Lernen mit. Sie sind nicht ungebildet – es machtriere entstanden. heute nicht nur als private Angelegenheit, sondern auch wachsene individuell unterschiedliche Voraussetzungen aber den Eindruck, als würde ihnen auf einem mühsamen als öffentliches Gut. Sich zu bilden und weiterzubilden, ist und Erfahrungen mitbringen. Pädagogisches Ziel ist es, in- Bildungsweg durch Schule und Universität die Freude am Den Menschen am Fuße der gesellschaftlichen Pyramide zu einer Verpflichtung gegenüber der Gesellschaft gewor- dividuelle Hilfe zur Selbsthilfe zu geben. Die Mentalität des Lernen und die Lust an der Kreativität genommen (vgl. Sal-wurde ein bestimmtes Maß an Bildung zugestanden, das, den. Ökonomie und Demokratie brauchen Menschen, die Mensch-ärgere-dich-nicht-Spiels, hinausschmeißen und cher, 2008).was sie brauchten, um ihre Arbeit und Pflichten zu erfüllen Wissen und Selbstverantwortung schätzen. Doch Bildung wieder an den Anfang versetzt werden, ist nicht angebracht.– aber nicht zu viel, um sie nicht mit ihrer Situation unzu- als öffentliches Gut ist nicht gleich verteilt. Die formale Kinder erwerben und entfalten ständig ihr Wissen, ihr Ur-frieden werden zu lassen. Sozialer Aufstieg durch Bildung Gleichheit des Zugangs zu Bildungseinrichtungen ist nicht Erziehung und Lernen dienen der Vorbereitung und An- teil, ihre Verantwortung – sie sind nicht ungebildet, son-war Einzelnen möglich, aber insgesamt sollte die gesell- genug. Den individuellen Voraussetzungen, der individu- passung an gesellschaftliche Lebensformen. Aber nicht dern befinden sich am Anfang eines lebenslangen Bil-schaftliche Struktur erhalten bleiben. ellen Vorbildung der Schülerinnen und Schüler wird nicht nur! Jedes Kind und jeder Erwachsene ist auch eine Per- dungsprozesses. Sie entfalten ihre Lebensenergie – dazu ausreichend Genüge getan. Sie kommen nicht ungebildet sönlichkeit, die sich im Prozess des Sichbildens befindet. brauchen sie Freiräume und Grenzen. Sie brauchen Er-Bildung am Ende? in die Klassen und Schulen. Doch indem sie gleich behan- „Niemand ist ungebildet“ bedeutet für ErzieherInnen und wachsene, die mit ihnen diese Freiräume erkunden, sie Bildung bezeichnet einen Prozess und ein Ergebnis: sich delt werden, wird ihren jeweiligen Fähigkeiten, ihrer Indi- Lehrende in Kindergärten, Schulen, Hochschulen und Er- auf Schönheiten und Gefahren aufmerksam machen, mitbilden und das Gebildetsein – eine Entwicklung und einen vidualität zu wenig entsprochen. So entsteht durch Gleich- wachsenenbildung: Wir sollen Kinder und Erwachsene als ihnen Grenzen vereinbaren, Orientierung geben, Hilfe zurStatus. Der Latinist Manfred Fuhrmann verweist auf die heit Ungleichheit. Gerade weil sie schon gebildet sind, weil sich bildende Personen achten und beitragen, damit sie Selbsthilfe bieten und Kinder in ihrer SelbstverantwortungUnterscheidung zwischen Gebildeten und Ungebildeten, sie schon Individualität und Identität ausgebildet haben, ihre eigene Entwicklung, ihre eigene Lebenswelt mitgestal- achten.die so alt wie das Bürgertum selbst ist. Er meint bezüglich dürfen diese nicht übergangen werden. ten können.Bildung: „Sie setzte sich im 18. Jahrhundert durch und be- „Niemand ist ungebildet“ will schließlich sagen: Bildungs-anspruchte seither größeres Gewicht als alle die Einteilun- Wir wissen heute: Die Erstausbildung reicht nicht aus, wir Die gesellschaftlichen Veränderungen, die wir zurzeit er- maßnahmen sind von institutionellen Beschwernissen zugen der europäischen Menschheit, die bis dahin den Pri- sind auf ständige Weiterbildung angewiesen. Das Beste, leben, machen eines klar. Wir können nicht vorhersagen, entlasten. Wer lernen soll, eigene Wege zu gehen, um seinmat innegehabt hatten, als die von Adel und Bürgern, von was die Schule mitgeben kann, ist eine positive Einstellung für welche beruflichen Anforderungen wir unsere Jugend kreatives Potenzial zu entfalten, wird Vorschriften, Kontrol-Klerikern und Laien, von Christen und Juden, von Katho- zum Lernen. Nicht einen bestimmten Wissensstoff zu be- ausbilden sollen – wir wissen nicht, wie die Welt in drei- len, Prüfungen bedrückend empfinden. Bildungsprozesseliken und Protestanten: Die ‚Gesellschaft‘ bestand im bür- wältigen, steht im Vordergrund. Wichtig ist das Selbstver- ßig Jahren beschaffen sein wird. Die täglichen Nachrichten brauchen ein leichtes und heiteres Gemüt sowie achtsa-gerlichen Zeitalter aus Gebildeten, und die Ungebildeten trauen in die eigene Lernfähigkeit, die positive Erfahrung, zeigen aber, dass die sozialen Gegensätze, die religiösen men Umgang.waren von ihr ausgeschlossen.“ (Fuhrmann, 1999, S. 28) eigenverantwortlich lernen zu können. Spannungen, die kulturellen Differenzen und die Umwelt- probleme in absehbarer Zeit nicht verschwinden, sondern Pädagogische Bildungsaufgabe ist es, Menschen zu stär- „Niemand ist ungebildet“ verweist auf das Ende der bür- Das bringt neue Aufgaben für die Schule, für Lehrerin- sich sogar vergrößern werden. Um in dieser Welt zu beste- ken, sie bei ihren lebensbegleitenden Lernprozessen zugerlichen Epoche. Schon im 19. Jahrhundert ist, wie zu- nen und Lehrer. Sie sollen Kinder ermutigen, ihr jeweiliges hen, um ihre Konflikte zu verstehen und um die Lebensbe- betreuen und zu ermutigen. Das ist gar nicht so schwer,vor erwähnt, der politische und aufklärerische Anspruch Lernpotenzial zu erproben, ihr Selbstvertrauen zu fördern, dingungen zu verbessern, brauchen wir Mut und Fantasie, wenn wir davon ausgehen, dass niemand gänzlich unge-des bürgerlichen Bildungsideals verlöscht – geblieben wa- ihre Freude und Neugier, sich zu bilden, anregen. Schu- soziales Mitgefühl und intellektuelle Kreativität. Wir brau- bildet ist. Deshalb brauchen wir Erwachsene nicht „lebens-ren schöngeistige, historische Orientierung und das Ler- len, die am Leben Anteil haben, Schulen als Lebensraum, chen organisatorisches Geschick und Verständnis für kom- länglich“ zu belehren. Es genügt, Bedingungen zu schaffen,nen alter Sprachen. Naturwissenschaftliche Kenntnisse, Schulen, in die Kinder gerne gehen, sind gefragt – Schu- plexe Zusammenhänge, Neugier, Freude am Lernen und die es den Menschen erlauben, sich selbst weiterzubilden.ökonomisch verwertbare Qualifikationen und aktuelle len, in denen Lehrerinnen und Lehrer gerne unterrichten. am Problemlösen. Wer schon Kinder und Jugendliche als „sich Bildende“, alsFremdsprachen haben mit jeder Gymnasialreform den tra- Lehrende, die wissen, dass sie mit Kindern zu tun haben, Menschen, die „nicht ungebildet“ sind, achtet, fördert de-ditionellen Bildungskanon zurückgedrängt. die nicht ungebildet sind, mit Kindern, die sich schon im Die Kraft der Kinder ren Selbstwertgefühl, deren Selbstvertrauen, deren Selbst- Prozess von Bildung und Weiterbildung befinden. „Mache Kinder vermehren vom ersten Lebenstag an ihr Wissen, ständigkeit und deren Selbstbewusstsein – grundlegende Eine Deregulierung ist vor sich gegangen: Einst galt der deine Kinder nicht mutlos!“ mag als Leitmotiv gelten. üben ihr Urteil, festigen ihre Verantwortung, formen ihre Voraussetzungen, um andere Menschen zu achten und zuBildungskanon für wenige, jetzt konsumieren ihn viele Identität – sie sind nicht ungebildet. Familienerziehende, respektieren.oberflächlich und in Teilen. Der langsame Abschied vom Unterschiede achten! KindergärtnerInnen und LehrerInnen werden mit ihrenhumanistischen Gymnasium seit den Sechzigerjahren des Die Gefahr der Ungleichheit durch Gleichbehandlung ist Aufgaben ziemlich allein gelassen. Allenfalls gibt es unqua- Bilden statt belehren20. Jahrhunderts beendete letztlich die Schulung im forma- nicht zu unterschätzen. Respekt vor Individualität bewirkt, lifizierte Vorwürfe oder überzogene Forderungen. In mei- In der modernen Arbeitswelt reicht die Erstausbildunglen Umgang mit antiken Sprachen. Damit kam ein Kernbe- das ist kein Widerspruch, einen Beitrag zum sozialen Ler- ner Generation lautete die Motivation durch die Erwachse- nicht mehr aus. Weitere Qualifizierung, Ausbau der erwor-reich der bürgerlichen Bildung an sein Ende. nen. Denn Unterschiede sind zu achten und nicht in einem nen: „Lerne, damit du es einmal besser hast als wir!“ Heute benen Kompetenzen sowie Umgang mit zunehmender naiven Wettbewerb gegeneinander auszuspielen. Wer der stehen Kinder oft unter dem Druck, einen übersättigten Komplexität der Arbeitsaufgaben und neuen Situationen Heute wählen Schulkinder, beeinflusst von ihren Eltern, Ideologie huldigt, es gehe nur darum, „beste SchülerInnen“ materiellen Standard nicht zu unterschreiten, den ihre El- erfordern ständige Anpassungs- und Lernprozesse. Diese aktuelle Fremdsprachen. Latein überlebt im Randbereich. und NobelpreisträgerInnen hervorzubringen, vergisst, dass tern erreicht haben. Soziales Mitgefühl und Verständnis, gehen großteils am Arbeitsplatz vor sich.„Niemand ist ungebildet“ meint, dass ein verbindlicher Ka- jeder Mensch etwas Besonderes ist. Individuelles zu ent- Mitleid und Nachsicht spielen als Werte kaum eine Rolle. non, ein Maßstab für das, was gekonnt und gewusst wer- decken und Individuelles zu fördern, ist Bildungsaufgabe. Der Ansporn lautet: „Lerne, damit du dir einmal leisten Als wichtige Eigenschaft und als Basis allen Weiterlernens den soll, um als gebildet zu gelten, nicht mehr existiert. Das ist eine Absage an zu frühe Selektion, das spricht für kannst, was wir dir in deiner Jugend bieten!“ wird die Fähigkeit angesehen, lernfähig und lernbereit zuVerlust und Befreiung. Es besteht die Herausforderung, neu das Bemühen, die Stärken jedes Kindes zu erkennen und sein. Lernen des Lernens ist ein oft genanntes Element der zu bestimmen, was wir unter Bildung verstehen. Es ergibt zu entfalten. Für diese Anliegen einzutreten, liegt bei Eltern, Kinder erfahren ihre Bildung – durchaus im Sinne von Grundbildung. Deshalb ist nicht gleichgültig, welche insti- sich die Chance, auf die diskriminierende Unterscheidung ErzieherInnen, Lehrenden und BeraterInnen – dazu gehört Formung – in einer ziemlich lieblosen mit ökonomischem tutionalisierten Bildungswege wir durchlaufen. Das öster- in Gebildete und Ungebildete ganz zu verzichten. Das eu- aber auch ein Wandel des gesellschaftlichen Bewusstseins: Erfolg spekulierenden Welt. Ab dem ersten Lebenstag neh- reichische Bildungssystem verpflichtet bis zum 15. Lebens- ropäische Erbe ist wichtig, doch für eine demokratische Das Prinzip „fördern statt auslesen“ achtet die Würde aller men sie auf, was sie umgibt. Alles bildet sie – sie bilden sich jahr den Unterricht – wer studiert, besucht bis zu weiteren Gesellschaft ist es nicht mehr zeitgemäß, das Wissen dar- Menschen in jedem einzelnen Menschen. durch alles (vgl. Hentig, 1996). Ihr Wissen und ihr Verhal- zehn Jahren Schule und Universität. Etwa 40 Prozent eines über zu einem Qualitätsfaktor hochzustilisieren. „Niemand ten, ihre Urteilskraft, ihre Einstellungen, ihre Gefühle bil- Jahrganges absolvieren die Matura. Wir wissen: Höhere Ab- ist ungebildet“ versteht sich als demokratischer Hinweis, den sich ab früher Kindheit – sie sind zu keinem Zeitpunkt schlüsse verringern die Gefahr der Arbeitslosigkeit und er- unterschiedliche Wissensgebiete gleichwertig zu achten ungebildet. lauben einen höheren Lebensstandard. und zu lehren.Seite 56 Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis. Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis. Seite 57
    • BILDUNG I Lenz I Grundbildung ist auch Bildung Grundbildung ist auch Bildung I Lenz I BILDUNG Inzwischen wissen wir, ausreichend empirisch belegt, und die Zahl der Schulabgänger/-innen ohne Schulab- Literatur Der Autordass die soziale und kulturelle Herkunft das Lernen des schluss wird nicht geringer. Die PISA-Studie belegte, dass Fuhrmann, M. (1999), Der europäische o.Univ.Prof. Dr. Werner LenzLernens, die Motivation, den Schulerfolg und letztlich die in Deutschland 10 % der 15-Jährigen bezogen auf ihre Le- Bildungskanon des bürgerlichen Werner Lenz, geboren 1944, lehrt und forscht an der Uni-Wahl der Bildungswege beeinflussen. Ähnlich wie im deut- sefähigkeit das unterste Kompetenzniveau nicht erreichen, Zeitalters. Frankfurt/Main: Insel Verlag.schen verlassen auch im österreichischen Bildungssystem, weitere 13 % nicht die Kompetenzstufe 1.“ versität Graz und ist in der außeruniversitären Bildungs- Göhlich, M. / Zirfas, J. (2007), Lernen. arbeit tätig. Seit 2007 leitet er die neu gegründete Fakul-so zeigen die PISA-Studien, jährlich zehn bis 15 Prozent der Ein pädagogischer Grundbegriff. tät für Umwelt-, Regional- und Bildungswissenschaft.Fünfzehnjährigen die Schule mit Lese- und Schreibschwie- Diese Gleichgültigkeit der Bildungspolitik wird nicht Stuttgart: Kohlhammer. Karl-Franzens-Universität Grazrigkeiten. Das sind in Österreich über 10.000 Jugendliche, durch Appelle beseitigt. AnalphabetInnen haben keine Hentig, H. v. (1996), Bildung. Ein Essay. Institut für Erziehungs- und Bildungswissenschaftendie von der Schule kommend, schlechte Bedingungen für Lobby und gehen verständlicherweise für ihre AnliegenArbeitsmarkt und Lebensgestaltung haben. nicht auf die Straße. Sie versuchen ihre Situation vor den München, Wien: Hanser Verlag. www.uni-graz.at/werner.lenz werner.lenz@uni-graz.at Menschen ihrer nächsten Umgebung in Alltag und Beruf zu Lenz, W. (2004), Niemand ist ungebildet. Beiträge In Deutschland, stellt Mona Motakef fest, werden auf- verbergen. Bernhard Schlink hat in seinem verfilmten Buch zur Bildungsdiskussion. Münster: LIT-Verlag.grund der PISA-Studie 23 Prozent des Jahrgangs der Fünf- „Der Vorleser“ ein literarisches Zeichen gesetzt. Motakef, M. (2008), Das Menschenrecht aufzehnjährigen wegen ihrer Leseschwäche zu einer Risiko- Alphabetisierung in Deutschland. In: Bildunggruppe gezählt. „Diese Jugendlichen sind in Deutschland Bildung als Menschenrecht und Erziehung, 61. Jg., Heft 2, S. 187–201.zwar in die Schule gegangen, haben im Laufe ihrer AnalphabetInnen entwickeln eigene Strategien, um sich Salcher, H. (2008), Der talentierte SchülerSchullaufbahn jedoch nicht ausreichend schreiben, le- durch das Leben zu schlagen. Trotzdem haben sie das Ge- und seine Feinde. Salzburg: Ecowin Verlag.sen und rechnen gelernt. Sie sind zum größten Teil männ- fühl, individuell von wichtigen Lebensbereichen und Be-lich, relativ arm und besuchen Haupt- oder Sonderschu- rufschancen ausgeschlossen zu sein. Über die Erfolge Schlink, B. (1999), Der Vorleser.len. Funktionaler Analphabetismus ist vor allem eine Frage von Bildungsarbeit mit Analphabeten können wir bei Mo- Zürich: Diogenes Verlag.der sozialen Herkunft und damit ein Problem mangelnder nika Wagener-Decroll nachlesen (ebd.): „Die meisten sind Wagener-Drecoll, M. (2008), 1978–2008. 30 JahreChancengerechtigkeit. Wenn Kinder und Jugendliche bei- selbstbewusster geworden, haben ihr Leben in die Hand Alphabetisierung und Grundbildung an derspielsweise in relativer Armut aufwachsen und zudem ei- genommen, sich wieder auf einen Arbeitsplatz bewor- Bremer Volkshochschule – Ein persönlichernen Migrationshintergrund aufweisen, ist es statistisch ge- ben, haben den Führerschein gemacht oder sogar den Rückblick. In: Grotlüschen, A./Beier, P. (Hrsg.).sehen wahrscheinlich, dass sie in ihrer Schullaufbahn in Hauptschulabschluss.“ Zukunft Lebenslangen Lernens. StrategischesDeutschland scheitern.“ (Motakef, 2008, S. 189) Bildungsmonitoring am Beispiel Bremens (S. 163–178). München: Bertelsmann Verlag. Daraus ist erkennbar, dass sich die Vermittlung der Basisbildung wird meist mit dem Erwerb der Lese- und Grundbildung nicht nur auf die Kenntnis des Alphabets be-Schreibfähigkeit gleichgesetzt. Dementsprechend irritie- zieht, sondern die gesamte Persönlichkeit mit ihren emoti-rend sollten die PISA-Ergebnisse sein. Eine Antwort liegt onalen und intellektuellen Dimensionen einschließt.in der Verbesserung der Schulqualität, in der Reform derLehrerbildung, in der Auswahl der LehrerInnen sowie in Grundbildung fördern bedeutet also, bei einem bereits er-der erhöhten Verantwortung von SchulleiterInnen. Eine reichten Entwicklungsstand eines Menschen anzuschlie-andere Antwort im Ausbau der elementaren Bildung oder ßen. Der neue Erwerb von Kenntnissen und Fähigkeiten istFrühkindpädagogik – das betrifft die Lern- und Bildungs- somit kein simpler Zubau, sondern eine Leistung der Inte-prozesse von Kindern bis zum Schuleintritt. In diesem Zu- gration und Transformation. In Anschluss an Göhlich undsammenhang werden die Professionalisierung des päda- Zirfas (2007, S. 181 ff.), die die pädagogischen Dimensi-gogischen Personals sowie dessen bessere Bezahlung und onen des Lernens hervorheben, geht es darum zu lernen,erhöhte Wertschätzung diskutiert. Eine bildungspolitische wie wir etwas wissen, etwas können, wie wir leben und ler-Maßnahme besteht in der Etablierung der ersten Profes- nen lernen.sur in Österreich für Frühkindpädagogik an der Universi-tät Graz. Wissenschaftliche Expertise soll in Forschung und Wir dürfen die Verantwortung für den Erwerb von Ba-Lehre sowie in der Professionalisierung des Personals zur sisbildung nicht allein den Betroffenen überlassen. Es giltVerfügung stehen. heute als Menschenrecht, sich die Fähigkeiten, an der Ge- sellschaft teilzuhaben, zu erwerben, um von ihr zu profi-Bildung — Integration und Transformation tieren und sie mitzugestalten. Dazu gehören eben Lesen, Monika Wagener-Drecoll, seit über drei Jahrzehnten an Schreiben, Rechnen, Kenntnisse, einen Computer zu be-der Volkshochschule in Bremen mit dem Thema Alphabe- nutzen, einen Führerschein zu erwerben … wir merken, estisierung und Grundbildung befasst, schreibt im Rückblick ist nicht leicht, eine Grenze zu finden, was zur Grundbil-auf ihre Berufstätigkeit (2008, S. 176): „Mit Beginn meiner dung gehört.Berufstätigkeit vor 30 Jahren hatte ich damit gerechnet,dass meine Arbeit in der Alphabetisierung Deutscher sich Wenn wir Bildung als einen lebensintegrierten Prozessirgendwann überholen würde. Ich konnte mir nicht vor- verstehen, so folgt: Grund- und Basisbildung fördern indi-stellen, dass Politiker tatenlos zusehen, wenn weiter junge viduelle Entwicklung und die Kraft, eigenständig weitereMenschen ohne ausreichende Lese- und Schreibkennt- Lern- und Bildungsprozesse auf sich zu nehmen. Alphabe-nisse unsere Schulen verlassen. tisierung ist eine, aber keine unwesentliche Station unter vielen auf dem Bildungsweg. Ich habe mich getäuscht: Das Thema Analphabetismushat nichts an Aktualität verloren: nach wie vor werdenfunktionale Analphabeten aus unseren Schulen entlassen,Seite 58 Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis. Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis. Seite 59
    • BILDUNG I Biffl I Basisbildung Basisbildung I Biffl I BILDUNG Erst mit dem Beginn der Industrialisierung kam das Zeit- und sich das nötige Wissen zu verschaffen, um ein eigen- alter der Volksbildung. Die Massenalphabetisierung, die ständiges Leben zu führen. in den meisten europäischen Ländern im 18. Jahrhun- dert einsetzte, war eine Vorbedingung für die Umsetzung Basisbildung ist in diesem Sinne ein integraler Bestand- der Produktionsmöglichkeiten, die sich aus der industri- teil des lebensbegleitenden Lernens. Daher gewinnt ellen Revolution und der maschinellen Fertigung eröffne- die Erwachsenenbildung in Ergänzung zum System der ten. Bildung für alle bedeutete die Vermittlung elementarer Erstausbildung an Bedeutung. Das spiegelt sich in der eu- Kulturtechniken wie Lesen, Schreiben und Rechnen. Darü- ropäischen Strategie der Bündelung der Förderprogramme ber hinaus wurden dem Bildungsstreben der Massen enge der allgemeinen und beruflichen Bildung in einem über- Grenzen gesetzt. Selbst ein so moderner Autor wie Man- greifenden Konzept des Lebenslangen Lernens (EK 2009) deville, der im Eigennutz eine wichtige Triebfeder für den ebenso wie in dem Schwerpunkt der UNESCO auf der welt- wirtschaftlichen Fortschritt sah (1724/1957), warnte vor weiten Förderung der Literalisierung (UN-Weltdekade der den „Armenschulen” (siehe Busche (2001) über Mande- Literalisierung 2003–2012). ville). Er war gemeinsam mit vielen anderen der Meinung, dass das ‚Volk’ nur so viel ‚Bildung’ braucht, wie notwendig Basisbildung als Voraussetzung für ist, um es effektiv in den Wirtschafts- und Produktionspro- sozioökonomische Partizipation zess zu integrieren. Da in der Frühphase der Industrialisie- Eine stärkere Einbindung bislang bildungsferner Schich- rung vor allem Arbeitskräfte mit einfachen Qualifikationen ten in die Basisbildung ist in einer WissensgesellschaftGudrun Biffl gebraucht wurden, war die Gesellschaft auch nicht bereit, nicht nur eine Voraussetzung für den Erhalt ihrer finanzi-Professorin an der Donau-Universität Krems, über die Basisbildung hinaus berufliche und allgemeine ellen Unabhängigkeit, sondern auch für ihre Handlungsfä-Leiterin des Departments: Migration und Globalisierung Bildung zu organisieren und zu finanzieren. higkeit als verantwortungsbewusste Mitglieder in einer rei-gudrun.biffl@donau-uni.ac.at fen Zivilgesellschaft. Personen mit geringer Bildung sind Erst mit der zunehmenden Spezialisierung und Techno- stark armutsgefährdet (Till-Tentschert 2007). Sie haben logisierung der Industriegesellschaften im Zusammen- überdurchschnittlich hohe Arbeitslosenquoten und kom- wirken mit der Demokratisierung der Gesellschaften und men meist nicht in den Genuss von Weiterbildung, da diese dem Erstarken der Arbeiterbewegung wurde das Recht auf ein gewisses Maß an Basisbildung voraussetzt (Behringer eine umfassende Bildung festgeschrieben. Mit dem Recht et al. 2009). auf Bildung und dem Ausbau der Bildungssysteme hoffteBasisbildung man, die sozialen Ungleichgewichte, die eng mit dem Bil- Aber auch die Bewältigung der täglichen Anforderungen dungsgrad der Bevölkerungsgruppen verbunden waren, des Lebens setzt zunehmend Kenntnisse im Lesen und abzubauen. Bis heute konnte zwar die Sozialhierarchie Schreiben komplexer Texte und in der Bewältigung vonVoraussetzung für die persönliche Entfaltung und den über eine Verbesserung der Bildungschancen verringert, je- doch nicht aufgehoben werden. Die soziale Herkunft der mehr oder weniger komplexen Rechenaufgaben voraus. Abgesehen von der Alltagsbewältigung ist es auch für diewirtschaftlichen Erfolg in einer Wissensgesellschaft. SchülerInnen ist in Österreich in stärkerem Maße für die Erhaltung der Beschäftigungsfähigkeit in einer wissensba-Über die Bedeutung der Basisbildung im Schullaufbahn und den Lernerfolg verantwortlich als in an- deren Ländern, etwa Skandinavien, USA, Kanada und Aus- sierten Gesellschaft und Wirtschaft notwendig, die erwor- benen Fähigkeiten laufend an geänderte Anforderungengesellschaftlichen und wirtschaftlichen Wandel tralien (OECD 2004/2006A). Die soziale Mobilität über Bil- anzupassen. In der Folge stehen nicht nur die Individuen dung ist in der Folge in Österreich vergleichsweise gering. und die Betriebe vor großen Herausforderungen, sondern vor allem auch die Bildungseinrichtungen. Mit dem Entstehen der „Wissensgesellschaft” (etwa Mitte Bildung hat einen besonderen Stellenwert in unserer Ge- harrlichkeit des sozialen Hintergrunds der SchülerInnen des 20. Jahrhunderts), die von der Informations- und Kom- Sie werden zunehmend zu gesellschafts- und wirtschafts-sellschaft. Sie dient einerseits der Selbstentfaltung und in den verschiedenen Aus-Bildungsbereichen. Aus histori- munikationstechnologie getragen wird – und ähnliche re- politischen Akteuren, die mit knappen Ressourcen wirt-der Erhöhung des Selbstwertgefühls – in der Sprache der scher Perspektive gab es in vorindustriellen Gesellschaften volutionäre Änderungen in der Arbeitsorganisation, den schaften und zugleich wachsenden Ansprüchen gerechtÖkonomie ist Bildung daher ein Konsumgut –, anderer- nur eine zahlenmäßig verschwindend kleine Elite, die Zu- Produktionsmethoden und den beruflichen Anforderun- werden müssen (steigende Bildungspartizipation beiseits bestimmt sie das wirtschaftliche Produktionspoten- gang zu Bildung und künstlerischer Erziehung hatte. Eine gen zur Folge hat wie die vormalige industrielle Revolu- gleichzeitig knappen öffentlichen Budgets). Die Heraus-zial der Gesellschaft – sie ist daher ökonomisch gesehen überregionale Bildungsschicht kommunizierte unterein- tion –, gewinnt Bildung, insbesondere die Basisbildung, an forderungen werden komplexer: einerseits, weil unsereauch ein Investitionsgut. Das gilt nicht nur für den Ein- ander in einer Bildungssprache und Schrift, von der die lo- Bedeutung. Gesellschaften immer älter und multikultureller werdenzelnen sondern auch für die Gesellschaft als Ganzes. Je kale Bevölkerung ausgeschlossen war. Das Bildungswissen (angebotsseitiger Wandel), andererseits, weil die Anforde-höher der Bildungsgrad, desto höher ist die Beschäfti- stand in keinem Zusammenhang mit den beruflichen Fach- Bei der Basisbildung geht es in der Wissensgesellschaft rungen an die Menschen in der Arbeitswelt immer speziali-gungs- und Einkommenssicherheit des Menschen. Ge- kenntnissen, die notwendig waren, um die Versorgung der aber nicht mehr primär um das Lernen elementarer Kul- sierter werden (nachfrageseitiger Wandel).samtwirtschaftlich gesehen steigt mit dem Bildungsgrad Bevölkerung mit lebensnotwendigen Produkten zu sichern turtechniken, sondern auch um den Erwerb der Grund-der Gesellschaft das wirtschaftliche Produktionspotenzial (Crone 1989/2000). Das Fachwissen, das für die Herstellung kenntnisse im Umgang mit der Informations- und Kom- Wie also bei der Wissensvermittlung vorgehen und die Fä-und damit die gesamtwirtschaftliche Produktivität und von Gütern und Dienstleistungen erforderlich war, wurde munikationstechnologie und der Fähigkeit, sich in higkeiten vermitteln, die die Menschen in die Lage verset-Wettbewerbsfähigkeit. innerhalb von Familien oder Zünften weitergegeben. Der gesellschaftliche, wirtschaftliche, kulturelle und politi- zen, sich laufend neu zu definieren und an den geänderten Zugang zu den nach Sozialstatus strukturierten Elementen sche Prozesse einzubringen. Basisbildung geht somit über Anforderungen zu orientieren? Wichtig ist sicherlich, dass Bildung ist aber auch ein Statussymbol. Das lässt sich des Bildungssystems war somit eng definiert: Personen, die Wissensvermittlung hinaus. Es ist ein Integrationskon- Lernen Freude macht. Die Personengruppen, die heute alsam Sozialstatus beim Zugang zu den diversen Elementen außerhalb des Adels oder des Bürgerstands waren, wie etwa zept, das sicherstellt, dass alle Menschen in der Lage sind, bildungsfern bezeichnet werden, haben die Freude am Ler-des Bildungssystems im Laufe der menschlichen Entwick- Taglöhner, Mägde oder Knechte, hatten keinen Zugang zu auf gesellschaftliche und berufliche Herausforderungen, nen verloren, ja sie haben oft sogar Angst davor. Sie wie-lungsgeschichte ebenso veranschaulichen wie an der Be- formaler, strukturierter Aus- und Weiterbildung. die sich im Wandel der Zeit ändern können, zu reagieren der zu motivieren, Freude am Lernen zu entwickeln, bedarfSeite 60 Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis. Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis. Seite 61
    • BILDUNG I Biffl I Basisbildung Basisbildung I Biffl I BILDUNGgroßer Anstrengungen, insbesondere auch einen anderen die zu Hause gesprochen wird, einen Einfluss auf den schu- Bevölkerung in entwickelten Industrieländern wie Kanada, nen Pflichtschulabschluss aufwiesen (1,2 Millionen), ist derUmgang mit den Lernenden. Neue Lehr- und Lernmetho- lischen Erfolg haben, sind derartige Strukturfaktoren in der USA, Norwegen und der Schweiz im Jahr 2003 Schwierigkei- Anteil derzeit um zehn Prozentpunkte geringer (800.000,den sind angesagt und neue, als angenehm empfundene Analyse zu berücksichtigen. ten beim Lesen und Verstehen von Texten und beim Meis- -32 % gegenüber 2001).Lernumgebungen. tern der Anforderungen im Lebensalltag haben. Österreich Aus Abbildung 2 ist ersichtlich, dass auch nach Berück- hat erst jüngst an einer derartigen OECD-Erhebung teilge- Eine Differenzierung der Zahl der Personen mit höchs- Die Verantwortung für die geringen Bildungsgrade und sichtigung der Unterschiede im Sozialstatus der Einwande- nommen; Daten stehen aber noch nicht zur Verfügung. Ein tens Pflichtschulabschluss nach Geburtsland im Mik-Lernerfolge bestimmter Personengruppen liegt somit beim rungspopulation und der Aufnahmebevölkerung die erste Blick auf die Bildungslage der österreichischen Bevölke- rozensus zeigt, dass Personen aus anderen EU(27)-Mit-gesellschaftlichen System. Wenn jemand die Ausbildung und zweite Generation MigrantInnen eine schlechtere Per- rung im Jahr 2008 (Statistik Austria, Mikrozensus 2008) zeigt gliedstaaten (Mitgliedstaaten ausschreiben?) seltener alsabbricht, oder sie erst gar nicht aufnimmt, so ist das nicht formanz haben als die Einheimischen. Dies gilt vor allem aber, dass der Anteil der 25- bis 64-jährigen Bevölkerung mit ÖsterreicherInnen diesen geringen Bildungsgrad haben,primär ein Versagen der Person, sondern ein Versagen der für Belgien, Dänemark, die Niederlande, Schweiz, Deutsch- Pflichtschule als dem höchsten Ausbildungsgrad 17,4 % aus- nämlich knapp 10 % (rund 28.000) gegenüber 14 % der Ös-Gesellschaft und ihrer Bildungseinrichtungen. Sie hat es ver- land und Österreich. Auffällig ist, dass es in Österreich kaum macht. Personen mit diesem Bildungsgrad werden meist als terreicherInnen (536.000). Im Gegensatz dazu haben 41 %absäumt, die Potenziale der Einzelnen zu fördern, das Inte- zu einer Verbesserung der schulischen Fähigkeiten (Mathe- bildungsfern bezeichnet. Man nimmt an, dass sie mit großer der Personen aus dem ehemaligen Jugoslawien (ohne Slo-resse am Lernen aufrechtzuerhalten oder ganz einfach die matik) der zweiten Generation gegenüber der ersten Ge- Wahrscheinlichkeit Lernhemmnisse haben und ähnliche wenien) und 72 % der Personen aus der Türkei diesen ge-Rahmenbedingungen für ein erfolgreiches Lernen zu schaf- neration kommt, während das in der Schweiz und Holland, Schwierigkeiten im Umgang mit Texten und Rechenaufga- ringen Bildungsgrad (110.000 respektive 88.000). Unter denfen. Das Versagen des österreichischen Bildungssystems vor allem aber in Schweden, doch der Fall ist. Deutschland ben sowie im Lösen von Alltagsproblemen wie die bildungs- ‚sonstigen’ Zuwanderern der ersten Generation haben ge-kann anhand der Bildungssituation der Jugendlichen mit schwimmt in dem Zusammenhang gegen den Strom, in- fernen Personen in den oben genannten Ländern. In Abso- mäß Mikrozensus 2008 24 % maximal einen Pflichtschulab-Migrationshintergrund besonders klar verdeutlicht werden. dem die zweite Generation eine schlechtere Performanz in lutzahlen handelt es sich hier um rund 800.000 Personen schluss (37.000), wobei Personen aus Asien, dem Vorderen Mathematik (nach Bereinigung um Sozialstatus) hat als die gemessen an der gleichaltrigen Bevölkerung von 4.584.000. Orient und Afrika eher einen geringen Bildungsgrad auf- So werden Jugendliche mit Migrationshintergrund häufig erste Generation. In den Ländern, in denen die erste und Davon ist ein Drittel im Ausland geboren (263.000), also weisen, kaum aber Personen aus Amerika oder Ozeanien.in Sonderschulen gegeben, vor allem Kinder von MigrantIn- zweite Generation der SchülerInnen einen ähnlich hohen erste Generation MigrantInnen. Unter den MigrantInnennen aus der Türkei und dem früheren Jugoslawien. Aus Ab- sozioökonomischen Status haben wie die Einheimischen, so haben im Schnitt 32 % höchstens Pflichtschulabschluss. Abbildung 3: Anteil der 25- bis 64-jährigen Personen mitbildung  1 ist ersichtlich, in welchen Elementen des Schul- etwa Kanada und Australien, gibt es keine Performanzunter- maximal Pflichtschulabschluss an der 25- bis 64-jährigensystems der Anteil der SchülerInnen mit nicht-deutscher schiede zwischen Einheimischen und Einwanderern. Von den 800.000 25- bis 64-jährigen Personen haben ge- Bevölkerung nach GeburtslandMuttersprache bzw. ausländischer Staatsbürgerschaft be- mäß Mikrozensus rund 6 % keinen Hauptschulabschluss, 90sonders hoch ist. Demzufolge liegt der Anteil der SchülerIn- Abbildung 2: Anteil der 15-jährigen SchülerInnen in aus- d.h., knapp 50.000 sind entweder AbsolventInnen einer Son- 80nen mit nichtdeutscher Muttersprache im Schuljahr 2006/07 gewählten OECD-Ländern, die zu Hause eine andere als die derschule, SchulabbrecherInnen oder Personen, die die 70im Durchschnitt aller Schulen in Österreich bei 15,3 Prozent. Unterrichtssprache sprechen bzw. einen Migrationshinter- Hauptschule ohne positiven Abschluss verlassen haben. 60In den Sonderschulen ist der Anteil am höchsten, mit 26,5 grund aufweisen (2003) Umgelegt auf die Bevölkerung sind das etwas über 1 % der 25- 50Prozent, und in den berufsbildenden Pflichtschulen (Lehre) bis 64-Jährigen. Das ist ein bedeutend geringerer Wert als In % Unterschiede in der Leistung in Mathematik zwischen 40am geringsten mit 7,9 Prozent. Unterschiede in der Leistung in Mathematik zwischen einheimischen und SchülerInnen mit einheimischen und SchülerInnen mit Migrationshintergrund nach Berücksichtigung des die Schulstatistik vermuten lässt, derzufolge etwa 5 % einer Migrationshintergrund Bildungsniveaus und des Berufsstatus der Eltern Australien Kohorte keinen positiven Hauptschulabschluss haben. 30 Abbildung 1: Anteil der SchülerInnen in Österreich mit Österreich Belgien 20nichtdeutscher Muttersprache und nichtösterreichischer Kanada Dänemark Da es sich beim Mikrozensus um eine Selbstauskunft han- 10Staatsbürgerschaft – Schuljahr 2006/07 Frankreich Deutschland delt, dürfte die Zahl der Personen ohne Pflichtschulab- 0 Insgesamt Österreich EU 27 o. Ö ehem. Jugoslawien o. Sl. Türkei Sonstige Luxemburg Niederlande schluss aus verschiedenen Gründen unterschätzt werden. Quelle: Statistik Austria, eigene Berechnungen VZ 2001 MZ 2008 Hingegen könnte die Schätzung der Zahl der Personen ohne SchülerInnen SchülerInnen 30,0 Neuseeland mit Einheimische mit Einheimische Migrations- SchülerInnen Migrations- SchülerInnen hintergrund schneiden hintergrund schneiden Norwegen besser ab besser ab Hauptschulabschluss mittels der Schulstatistik etwas über- Die Verteilung der Personen mit maximal Pflichtschul- schneiden schneiden 26,5 besser ab besser ab Schweden 25,0 Schweiz USA höht sein, nicht zuletzt, da die Erwachsenenbildung das abschluss auf die Bundesländer ist nicht gleichmäßig. Der OECD-Durchschnitt 20,0 20,3 18,7 18,2 20,4 Hong-Kong-China Nachholen des Hauptschulabschlusses ermöglicht. In die Anteil der 25- bis 64-jährigen Personen mit einfacher Bil- Macao-China 15,4 15,3 Russische Föderation Gegenrichtung wirkt allerdings die Zuwanderung, die Per- dung an der gleichaltrigen Bevölkerung ist in VorarlbergIn % 15,0 12,1 14,0 -30 -10 10 30 50 70 90 Unterschiede in der Leistung in Mathematik 110 -30 -10 10 30 50 70 90 Unterschiede in der Leistung in Mathematik 110 sonen nach Österreich brachte, die keinen mit dem öster- mit 22 % am höchsten und in Kärnten mit 12 % am gerings- 11,4 11,7 10,0 9,8 9,1 Quelle: OECD PISA 2003 2. Generation 1. Generation reichischen Hauptschulabschluss vergleichbaren Bildungs- ten (Abbildung 4). 8,4 abschluss haben bzw. deren Abschluss in Österreich nicht 7,9 5,8 5,2 5,0 3,3 Die PISA-Daten verdeutlichen, dass das Faktum der Zu- als gleichwertig anerkannt wird. Aus der amtlichen Statistik 0,0 wanderung einen Einfluss auf den Erfolg der Kinder mit Mi- kann der genaue Bildungsgrad der ersten Generation Zu- Volksschule Hauptschule Sonderschule Polytech. AHS BHS BMS Berufsbildende Alle Schultypen Pflichtschule grationshintergrund im Schulsystem des Aufnahmelandes wanderer nicht eruiert werden, da eine tiefere Untergliede-Quelle: bm:ukk, eigene Berechnungen nicht deutsche Muttersprache nicht österreichische Staatsbürgerschaft hat. Es dauert offenbar länger als eine Generation, um mit rung des Bildungsgrads ‚höchstens Pflichtschulabschluss’ den Einheimischen im Schnitt gleichzuzie­ en. h kaum vorgenommen wird. In diesem Sinne ist der Mikro- Die starke räumliche Konzentration von MigrantInnen in zensus 2008 eine Ausnahme; er liefert Anhaltspunkte übereinigen Schulen Wiens – eine klare Mehrheit der SchülerIn- Es sind aber nicht nur Personen mit Migrationshinter- die Zusammensetzung dieser Bildungsgruppe, eine exaktenen einen nichtdeutschsprachigen Migrationshintergrund – grund, die einen Förderbedarf im Bereich der Bildung, ins- Quantifizierung der Population ohne positiven Pflichtschul-hat Anforderungen an das Schulsystem (Be­ leitlehrerInnen, g besondere der Basisbildung, haben. abschluss ist allerdings nicht möglich.Integrationshilfen) gestellt, mit denen das System zum Teilüberfordert war. Größenordnung des Bedarfs an Aus einem Vergleich der Zahlen des Mikrozensus und der Basisbildung in Österreich Volkszählung 2001 wird ersichtlich (Abbildung 3), dass sich Im internationalen Vergleich liegt Österreich den PISA- Internationale Erhebungen zu der Literalität und der Fä- der Bildungsgrad der 25- bis 64-jährigen Bevölkerung inErgebnissen zufolge (OECD, 2006B) schlecht, was die Bil- higkeit, mit den Anforderungen des täglichen Lebens zu- den sieben Jahren zwischen den Erhebungen merklich ver-dungschancen von Jugendlichen mit Migrationshintergrund rechtzukommen (Adult Literacy and Life Skills Survey, OECD bessert hat. Während zum Zeitpunkt der Volkszählung 2001anbelangt. Da der Sozialstatus der Eltern und die Sprache, 2000), zeigen, dass 10 % bis 20 % der der 16- bis 65-jährigen noch 26 % der 25- bis 64-jährigen Bevölkerung maximal ei-Seite 62 Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis. Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis. Seite 63
    • BILDUNG I Biffl I Basisbildung Basisbildung I Biffl I BILDUNG Abbildung 4: Anteil der Personen mit höchstens Pflicht- schule abgeschlossen hat, bei 50.000 liegt – das ist die Per- Literatur Die Autorinschulabschluss im Alter von 25 bis 64 Jahren nach sonengruppe, die sich im Mikrozensus dazu bekannt hat Behringer, F. / Käpplinger, B. / Pätzold, G.Bundesländern (das entspricht 1,1 % aller 25- bis 64-Jährigen) oder ob die (Hrsg.) (2009), Betriebliche Weiterbildung – Univ.Prof.in Mag.a Dr.in Gudrun Biffl 35 Zahl bei 140.000 liegt, das sind nämlich 3 % aller 25- bis der Continuing Vocational Training Seit 2008 Professorin an der Donau-Universität Krems, 64-Jährigen. Zu der letzten Zahl kommt man, wenn man Survey (CVTS) im Spiegel nationaler Leiterin des Departments: Migration und Globalisie- 30 den Prozentsatz der Jugendlichen in der PISA-Erhebung, und europäischer Perspektiven, rung; davor wissenschaftliche Mitarbeiterin des ös- 25 die als funktionale Analphabeten bezeichnet werden, auf Zeitschrift für Wirtschaftspädagogik – terreichischen Instituts für Wirtschaftsforschung. For- 20 die Gesamtpopulation hochrechnet. Die Zahl der Perso- Beihefte (ZBW-B, Band 22, 1. Auflage), schungsschwerpunkte im Bereich des Arbeitsmarktes, nen ohne Hauptschulabschluss, die mithilfe der Schulsta- Stuttgart, Franz Steiner Verlag. der Bildungs- und Migrationsforschung.In % 15 tistik geschätzt werden kann, liegt noch etwas höher (5 % Busche, H. (2001), Von der Donau-Universität Krems, 10 der 25- bis 64-jährigen Bevölkerung, d.h. 233.000). Diese Bedürfnisbegrenzungsmoral zur Department für Migration und Globalisierung 5 Zahl dürfte aber der Wahrheit wohl am nächsten kommen, Bedürfniskultivierungsmoral – Alte www.donau-uni.ac.at/mig wenn man den Bedarf an Basisbildung in Österreich quan- Ethik und neue Ökonomie bei Bernard gudrun.biffl@donau-uni.ac.at 0 Österreich Burgenland Nieder- österreich Wien Kärnten Steiermark Ober- österreich Salzburg Tirol Vorarlberg tifizieren will. Mandeville, in: Archiv für Rechts- undQuelle: Statistik Austria, eigene Berechnungen VZ 2001 MZ 2008 Sozialphilosophie Vol. 87, S. 338–362. Schlussfolgerungen Crone, P. (1989/2000), Pre-Industrial Die Rangordnung der Bundesländer in Bezug auf den Der Versuch der Quantifizierung des Bedarfs an Basisbil- Societies: New Perspectives on theBildungsgrad hat sich über die Zeit verschoben, der un- dung zeigt, dass es einer Kombination von Maßnahmen Past, Oxford, Blackwell Publishers.terste bzw. oberste Rang wurde allerdings nicht davon be- bedarf, um die bildungsfernen Personengruppen mit den Europäische Kommission (2009), Eintroffen. Besonders markant war die Verbesserung des Bil- Qualifikationen auszustatten, die sie brauchen, um den einheitliches Dach für die Programmedungsgrads der Bevölkerung im Burgenland (von 30 % auf Alltag besser zu meistern und am gesellschaftlichen und zur allgemeinen und beruflichen19 % HilfsarbeiterInnenqualifikationsanteil). Oberöster- politischen Alltag voll teilzuhaben. Allein die regional sehr Bildung (http://ec.europa.eu/education/reich und Tirol haben denselben Entwicklungsschritt ge- unterschiedlichen Gegebenheiten bezüglich des Alters der lifelong-learning-programme/doc78_de.htm)nommen und ihren HilfsarbeiterInnenanteil von 28 % auf Betroffenen und ihrer ethnisch-kulturellen Zusammenset- Mandeville, B. (1924/1957), The Fable20 % reduziert. Der unterschiedliche Bildungsgrad der Be- zung einerseits und der räumlichen Verteilung der Bevölke- of the Bees: or, Private Vices, Publicvölkerung nach Bundesländern ist zum Teil eine Folge der rung und der Wirtschaftsdynamik andererseits legen nahe, Benefits, with a commentary by F. B.Zuwanderung, zum Großteil aber eine Folge der Bildungs- dass unterschiedliche und kultursensible Herangehens- Kaye, 2. Auflage 1957, Oxford.politik, die stark von der Wirtschaftsstruktur und ihrer Dy- weisen entwickelt werden müssen. OECD (2006A), Assessing Scientific,namik beeinflusst wird. Reading and Mathematical Literacy, A Framework for PISA 2006, Paris. Weder die regionale Struktur der Personen mit maximal OECD (2006B), Where immigrant studentsPflichtschulabschluss noch der Anteil der MigrantInnen succeed: A comparative review of performancenach Bundesländern ist ein ausreichender Indikator für and engagement in PISA 2003, Paris.den regionalen Nachholbedarf an Basisbildung. Dies vorallem deshalb, weil Einheimische in den einzelnen Bun- OECD (2004), Lernen für die Welt von morgen, Erste Ergebnisse von PISA 2003, Paris.desländern in unterschiedlichem Maße maximal Pflicht-schule haben bzw. keinen Pflichtschulabschluss haben und OECD (2000), Literacy in the Informationweil sich der Bildungsgrad der MigrantInnen zwischen den Age: Final report of the Internationalverschiedenen Herkunftsregionen stark unterscheidet und Adult Literacy Survey, OECD, Statisticsdie Verteilung der MigrantInnen auf die diversen Bundes- Canada, Paris, OECD Publishing.länder je nach Herkunftsregion anders ist. So kommt etwa Till-Tentschert, U. (2007), Was ist Armut? in: Th.der Großteil der MigrantInnen in Kärnten aus dem frühe- Tomandl, W. Schrammel (Hg.), Sicherung vonren Jugoslawien, insbesondere Bosnien-Herzegowina und Grundbedürfnissen. Wiener Beiträge zu Arbeits-Kroatien, während der Großteil der Zuwanderer in Tirol und Sozialrecht. Wien, Braumüller Verlag.und Vorarlberg aus der Türkei kommt. Wien hat eine be-sonders heterogene Zuwanderung, allerdings mit einigenSchwerpunkten wie dem früheren Jugoslawien (vorwie-gend aus Serbien) und der Türkei. Die jüngere Zuwande-rung in Wien kommt aber vor allem aus den neuen EU-Mit-gliedsstaaten (12) und ferneren Ländern. Jedes Bundesland hat einen Bedarf an Basisbildung. Esbedarf aber unterschiedlicher Maßnahmen, wenn man derHeterogenität der Personengruppen nach ethnisch-kultu-rellem sowie sprachlichem Hintergrund Rechnung tragenwill. Gemäß Erhebung unter den Bundesländern erhal-ten derzeit pro Jahr etwa 751 Personen eine Basisbildung.Das ist im Vergleich zum Bedarf eine sehr geringe Zahl, un-abhängig davon, ob die Personenzahl, die keine Pflicht-Seite 64 Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis. Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis. Seite 65
    • BILDUNG I Schlögl I Lernergebnisse Lernergebnisse I Schlögl I BILDUNG politische Festlegungen (etwa den gemeinsamen Minis- gleich gewisse Abschottungsreflexe, insbesondere der terratsvortrag von Frau BM Schmied und Herrn BM Hahn hochschulischen Bildung, dazu geführt haben, dass es für am 18. November 2009) für die aktuelle Legislaturperiode die Levels sechs bis acht einen eigenen akademischen Pfad abgesichert. geben wird. Der österreichische Referenzrahmen soll – wie auch der Auffällig war in der Diskussion um die Eckpfeiler und Europäische – acht Lernniveaus umfassen sowie eine Ori- Prinzipien des kommenden nationalen Qualifikations- entierung an sogenannten Lernergebnissen, als Grundlage rahmens, dass die Diskussionen stark um auch schon bis- für die Zuordnung, mit sich bringen. Diese beiden Festle- her umstrittene Aspekte der Bildungspolitik kreisten und gungen wurden in den nationalen Konsultationsprozessen sich intensiv auf die Levels vier bis sieben konzentrierten, zum EQR und einem möglichen NQR nicht problematisiert, d.h. um die Abschlüsse der oberen Sekundarstufe bzw. die wenngleich auch die möglichen Wirkungen nicht absehbar Eingangslevels zu hochwertigen Aus- und Weiterbildun- waren und vielleicht auch weiterhin nicht sind. gen. Um die Stufen ein bis drei, die zentrale Qualifikatio- nen der österreichischen Bildungslandschaft wie etwa den Weiters war es ein Ziel, einen über alle Bildungssektoren Hauptschulabschluss umfassen werden, kam keine wahr-Peter Schlögl hinweg gespannten Rahmen zu entwickeln und somit bis- nehmbare Diskussion zustande (mit Ausnahme einzelnerGeschäftsführender Institutsleiter des öibf her weitgehend unabhängig gesteuerte Bereiche der nati- Stellungnahmen, etwa von In.Bewegung). Dies überraschtpeter.schloegl@oeibf.at onalen Bildungs- und Qualifikationslandschaft vergleich- auch deshalb, da – aus arbeitsmarktpolitischer Sicht – dies barer zu machen und in Beziehung zu setzen. So etwa das relevante Qualifikationslevels der KundInnen des Arbeits- berufliche und allgemeine Bildungswesen, die Weiterbil- marktservice darstellen, verfügen doch rd. 45 % aller Kun- dung, aber auch fachlich abgegrenzte Felder wie die Ge- dInnen des AMS über keine über die Pflichtschule hinaus- sundheits- oder Sozialberufe, die eigengesetzliche Rege- gehende Qualifikation (Jännerwerte, AMS 2010). Und auch lungen aufweisen, mit dem übrigen Bildungswesen zu für die Bildungsarbeit der Basisbildungseinrichtungen sind integrieren. Dies ist grundsätzlich auch gelungen, wenn- hier die wesentlichen Handlungsfelder zu sehen.Lernergebnisse Die Beschreibung der Niveaus des Europäischen Qualifikationsrahmens erfolgtWas das Schreiben von Lernergebnissen in und durch Deskriptoren, die – so der Anspruch – die Lernergebnisse benennen.rund um Bildungsorganisationen auslöst Kenntnisse Fertigkeiten Kompetenz Niveau 1 grundlegendes grundlegende Fertigkeiten, Arbeiten oder Lernen unterDer gegenständliche Beitrag versucht anhand der aktu- hat. Wenngleich eine Empfehlung kein verbindliches In- Zur Erreichung von Niveau 1 Allgemeinwissen die zur Ausführung einfacher direkter Anleitung in einemell bekannten Strukturelemente eines kommenden nati- strument des Europäischen Rechts darstellt, wie etwa die erforderliche Lernergebnisse Aufgaben erforderlich sind vorstrukturierten Kontextonalen Qualifikationsrahmens abzuschätzen, in welcher Richtlinie zur Anerkennung von BerufsqualifikationenWeise sich Innovationsbedarfe und –potenziale für die Bil- (diese regelt die Gleichhaltungen von bestimmten regle- Niveau 2 grundlegendes Faktenwis- grundlegende kognitive und Arbeiten oder Lernen unterdungsarbeit im Allgemeinen und für die Basisbildung im mentierten Berufen etwa im Gesundheitssektor, 2005/36/ sen in einem Arbeits- oder praktische Fertigkeiten, die Anleitung mit einem gewis- Zur Erreichung von Niveau 2Speziellen ergeben. Schlüsselkonzept dabei bilden die so- EG) so wird damit dennoch die Erwartung verbunden, dass erforderliche Lernergebnisse Lernbereich zur Nutzung relevanter Infor- sen Maß an Selbstständigkeitgenannten Lernergebnisse, die ein neues Paradigma von die Bildungssysteme der 27 Mitgliedsstaaten sowie die mationen erforderlich sind, um Aufgaben auszuführenBildungsplanung und –praxis darstellen. Werden diese Qualifikationen der rund 500 Millionen BürgerInnen Euro- und Routineprobleme unterkonsequent umgesetzt, erschöpfen sie sich nicht in einer pas transparenter werden, insbesondere für ArbeitgeberIn- Verwendung einfacher Re-semantischen Neufassung bestehender Lernziele, son- nen, aufnehmende Bildungseinrichtungen und nicht zu- geln und Werkzeuge zu lösendern stellen ein kohärentes Steuerungsinstrument von letzt für die BürgerInnen selbst.Bildungsarbeit dar. Niveau 3 Kenntnisse von Fakten, eine Reihe von kognitiven Verantwortung für die Im Zusammenhang mit der politischen Entscheidung zur Grundsätzen, Verfahren und praktischen Fertigkeiten Erledigung von Arbeits- Zur Erreichung von Niveau 3Die Qualifikationsrahmen als Impulsgeber Einführung eines Europäischen Qualifikationsrahmens erforderliche Lernergebnisse und allgemeinen Begriffen zur Erledigung von Aufgaben oder Lernaufgabeneines Paradigmenwechsels kam in Österreich, ohne grundsätzliche Diskussion, die in einem Arbeits- oder und zur Lösung von Proble- übernehmen, bei der Lösung Lernbereich men, wobei grundlegende von Problemen das eigene Die Vergleichbarkeit von Bildungsabschlüssen und den Debatte um einen nationalen Qualifikationsrahmen (NQR) Methoden, Werkzeuge, Ma- Verhalten an die jeweiligenKompetenzen von BürgerInnen ist eine rund dreißigjäh- auf, dessen Entwicklung als logische Konsequenz eingefor- terialien und Informationen Umstände anpassenrige Baustelle in Europa. Mit dem Instrument eines Euro- dert oder auch implizit angenommen wurde. Dieser soll ausgewählt und angewandtpäischen Qualifikationsrahmens (EQR) wurde durch den künftig die Grundlage einer objektiven und nachvollzieh- werdenEuropäischen Rat sowie das Europäische Parlament dies- baren Zuordnung der österreichischen Qualifikationenbezüglich eine Initiative gesetzt, die in diesem Feld an Um- zum Europäischen Rahmen sein. Die Konzeptionsarbeiten Abbildung 1: Niveaubeschreibungen 1 – 3 des Europäischen Qualifikationsrahmens, Quelle: Empfehlung des Europ. Rates und des Parlaments 2008fang und Wirkung ein noch nicht da gewesenes Ausmaß an diesem NQR stehen noch am Beginn, sind jedoch durchSeite 66 Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis. Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis. Seite 67
    • BILDUNG I Schlögl I Lernergebnisse Lernergebnisse I Schlögl I BILDUNG Wichtig in der Nutzung dieser Niveaubeschreibungen im Lernergebnisse — Begriffe men implementiert werden, lassen diese eventuell nicht ergebnisorientierung in der Hochschulbildung befassenZuge eines nationalen Zuordnungsverfahrens ist, dass im- und Zusammenhänge2 mehr den uneingeschränkten Raum der Orientierung an (z.B. Kennedy 2007; Moon 2002; Moon 2004). Die dort aus-mer wieder in den Blick genommen wird, dass keine natür- Den VertreterInnen des Bildungswesens ist die Arbeit mit individuellen oder Gruppeninteressen zu – zumindest so- gewiesenen Prinzipien lassen sich auch auf die beruflichelichen Personen, die unterschiedliche Kompetenzprofile Lern- und Bildungszielen tägliches Geschäft. Liegt mit der fern damit bestimmte Nachweise verbunden sind. Bildung übertragen.vorweisen, in einen künftigen Qualifikationsrahmen ein- Orientierung an Lernergebnissen nunmehr ein tatsäch-geordnet werden. Sondern vielmehr, wie der Name Qua- licher Paradigmenwechsel vor oder ist es quasi alter Wein Ungeachtet dessen haben Lernergebnisse in den Diskus- Was ist nun gemeint, wenn von Lernergebnissen gespro-lifikationsrahmen schon ausweist, Qualifikationen der in neuen Schläuchen? Werden aus Lernzielen künftig se- sionen um den Europäischen sowie um den Nationalen chen wird? Lernergebnisorientierung findet gegenwärtigGegenstand der Zuordnung darstellen. Dieser so alltägli- mantisch umgeformte intendierte Lernergebnisse oder hat Qualifikationsrahmen einen zentralen Stellenwert einge- auf verschiedenen Ebenen des Bildungssystems statt, dabeiche Begriff wird aber unterschiedlich gedeutet, und des- diese Innovation auch eine Tiefenwirkung, die Bildungs- nommen. Diese sollen in Form von Deskriptoren, differen- sind Ansprüche, Ziele und Konsequenzen unterschiedlich:halb weist das Dokument zum EQR eine Definition dazu politik und -praxis nachhaltig beeinflussen wird? Im Fol- ziert in die drei Dimensionen Kenntnisse, Fertigkeiten undauf. Das Dokument zum Europäischen Qualifikationsrah- genden wird keine funktionsbasierte Typologie von Lern- Kompetenz, den jeweiligen Ertrag von Lernprozessen be- Lernergebnisorientierung aufmen fasst die Schlüsselbegriffe Qualifikationsrahmen und ergebnissen (vgl. CEDEFOP 2009, S. 60ff) vorgenommen, schreiben lassen und damit die Grundlage für die sektoren- der UnterrichtsebeneQualifikation relativ pragmatisch. Ein Qualifikationsrah- sondern stärker auf die konkrete Planungsarbeit im Rah- und institutionenübergreifende Vergleichbarkeit von Qua- Lernergebnisse beziehen sich auf kleine Einheiten vonmen wird dort als „ein Instrument für die Klassifizierung men des Bildungsprozesses eingegangen. Lernergebnisse lifikationen darstellen. Lernprozessen wie Unterrichtsgegenstände oder -module.von Qualifikationen anhand eines Kriteriensatzes zur Be- oder learning outcomes (LO) sind aktuell in aller Munde Dabei geben sie den Minimalstandard an, den Lernende er-stimmung des jeweils erreichten Lernniveaus (...)“ (Emp- und aus den zahlreichen Schlüsseldokumenten der euro- Erste Einschätzungen dazu, wie instruktiv ausformulierte reichen müssen, um ein Modul/einen Gegenstand positiv zufehlung des Europ. Rates und des Parlaments 2008: 1, Ang. päischen und nationalen Bildungspolitik nicht mehr weg- Lernergebnisse für eine Einstufung in ein künftig gestuf- absolvieren (threshold standard). Wichtig ist hier die direkte1) ausgewiesen, eine Qualifikation als „das formale Ergeb- zudenken (vgl. die Bologna-Deklaration 1999 und ihre tes Rahmenmodell sind, zeigen, dass die Begrifflichkeiten Verbindung zwischen Lernergebnis und Bewertungskrite-nis eines Beurteilungs- und Validierungsprozesses, bei Folgedokumente, die Empfehlung zu den acht Schlüssel- oder semantischen Formate nicht eindeutig sind und ana- rien. Dazu bedarf es spezifischer Formulierungen in Formdem eine dafür zuständige Stelle festgestellt hat, dass die kompetenzen 2005, das Papier zum Aktionsplan Adult Lear- log dem Kompetenzbegriff eine deutliche Domänenspezi- von überprüfbaren Statements. Für Lernende wird dadurchLernergebnisse einer Person vorgegebenen Standards ent- ning 2007, die Empfehlung zu einem Europäischen Qua- fität aufweisen. Beispielsweise ist in verschiedenen lernziel- auch transparent, was von ihnen in welcher Weise gefordertsprechen“ (Empfehlung des Europ. Rates und des Parla- lifikationsrahmen 2008 u.v.m.). Diesem nahezu schon oder lernergebnisformulierten Katalogen das – gar nicht wird (vgl. Kennedy 2007, S. 23; Moon 2004, S. 15ff).ments 2008: 1, Ang. 1)1. Die Verwendungsweise im österrei- inflationären Gebrauch stehen eher bescheidene konzep- seltene – Aktivverb „analysieren“ in vier verschiedenen Stu-chischen Diskurs folgt bis dato jedoch keiner stringenten tionelle Grundlagen zu learning outcomes gegenüber. Viel- fen (der Bloom‘schen Lernzieltaxonomie) zu finden. Dies Lernergebnisorientierung aufWeise und lässt eine konsequente Trennung von Qualifi- fach handelt es sich um knappe Beschreibungen, was LO gibt einen Eindruck davon, dass ein rein deduktives Vorge- Qualifikationsebenekation, Kompetenz und Zertifikat nicht erkennen. Der Be- im pädagogischen Gefüge aber auch darüber hinaus leis- hen, die Klassifikation aus den Beschreibungen heraus vor- Abschlüsse können ebenfalls lernergebnisorientiertegriff Qualifikation wird so oft in alltagstauglichen, aber ten können bzw. welchen Ansprüchen – formal oder päda- zunehmen, nicht zum Ziel führen wird können. Vielmehr Beschreibungen darüber beinhalten, was Lernende nachunterschiedlichen Anwendungsweisen verstanden, ihm gogisch-didaktisch – LO gerecht werden sollen. werden relevante Kontextinformationen (Domäne, Lernni- Abschluss eines Bildungsprogramms wissen, verstehenpraktisch-empirische Bedeutung (etwa in der Bevölke- veaus, …) erforderlich sein, um eine zuverlässige Interpre- und in der Lage sind zu tun. Die Formulierung solcher Er-rungs- und Arbeitslosenstatistik) zugemessen, als Selbst- Die Definition, wie sie in der Empfehlung des Rates und tation der jeweiligen Formulierung vornehmen zu können gebnisse eines Bildungsprogramms (programme outco-verständlichkeit aufgefasst (vgl. Rigby and Sanchis 2006: des Parlaments zum Europäischen Qualifikationsrahmen bzw. eine ex ante Setzung, welche Ansprüche an Lerner- mes) kann der von Lernergebnissen auf der Unterrichts-24) und manchmal auch synonym mit dem Begriff Kompe- zur Anwendung kommt, ist pragmatisch und formal. Lern- gebnisse gesetzt werden bzw. wie diese etwa in einem pro- ebene (learning outcomes) von der Struktur her ähnlichtenz verwendet. Ohne hier auf die unterschiedlichen Aus- ergebnisse werden definiert als „Aussagen darüber, was ein fessionellen Kontext zu interpretieren sind. sein, es bestehen aber wesentliche Unterschiede: Ergeb-prägungen des fachlichen Diskurses seit den 1970er-Jahren Lernender weiß, versteht und in der Lage ist zu tun, nach- nisse eines Bildungsprogramms beschreiben einen grö-hinweisen zu können, soll ein Aspekt als zentral heraus- dem er einen Lernprozess abgeschlossen hat. Sie werden Wissenschaftliche Auseinandersetzung ßeren Ausschnitt des Lernens, weshalb sie nicht unmit-gestellt werden, nämlich, dass Qualifikationen zumeist – als Kenntnisse, Fertigkeiten und Kompetenzen definiert“ Der Ansatz, Ergebnisse als Kriterium für die Bewertung telbar mit Bewertungskriterien in Zusammenhang stehen.und auch in der Definition des Europäischen Dokuments (Europäische Kommission 2008, S. 11). des Lernens heranzuziehen, entstammt ursprünglich dem Sie müssen nicht notwendigerweise direkt mit den Lern-– nicht als personale Eigenschaft, sondern als soziales Kon- praktischen Anliegen des Arbeitsmarkts, die Arbeitsmarkt- ergebnissen der einzelnen Gegenstände/Module in Bezie-strukt figuriert werden. Qualifikationen werden – von dafür Gleichzeitig ist zu beobachten, dass das Konzept learning relevanz von beruflichen Qualifikationen und somit die hung gesetzt werden, da das Gesamtergebnis einer Aus-zuständigen Stellen – als solche benannt und deren Stan- outcomes in verschiedenen Bildungssektoren unterschied- Beschäftigungsfähigkeit zu verbessern. Gleichzeitig wird bildung durch Wechselwirkungen der Prozesse etwa überdards festgelegt. Hier sind wir beim Kern der Problematik liche Akzeptanz findet. So ist es in der beruflichen Bil- dieser Ansatz vielfach als Indikator – und gleichermaßen den einzelnen Lernertrag hinausreichen kann. Ergebnisseangelangt, dass nämlich in der Erwachsenenbildung und dung grundsätzlich nichts Ungewöhnliches, zu definieren Antrieb – für einen Paradigmenwechsel im Lern-/Lehrver- eines Bildungsprogramms beziehen sich daher auch nichtdamit auch in der Basisbildungsarbeit mit Erwachsenen in und zu beschreiben, was Absolventinnen und Absolven- ständnis gesehen: von traditionellen, behavioristisch/kog- auf einen Minimalstandard (threshold standard), son-Österreich keine zuständigen Stellen benannt und autori- ten wissen und können. In den Feldern Allgemeinbildung nitiven, inputorientierten Ansätzen zu handlungsorientier- dern auf eine/n typische/n oder durchschnittliche/n Ab-siert sind. und Hochschulbildung gibt es durchaus kritische Positio- ten, konstruktivistischen, ergebnisorientierten Ansätzen solventIn (vgl. Moon 2004, S. 28). Sie beziehen sich auf nierungen, die den individuellen Entwicklungs- oder Bil- (vgl. CEDEFOP 2009, S. 41). Bereits im Zuge der Curricul- das Endergebnis eines Lernprozesses und ermöglichen Erstes Zwischenergebnis ist demnach, dass unklar ist, wer dungsprozess dadurch eingeengt sehen und es als system- umreform der 1970er-Jahre wurde verstärkt die Perspektive durch Verwendung der entsprechenden Niveau-Deskrip-Standards für Basisbildung in Österreich festlegt, und es fremd einstufen, von ex ante festlegbaren Ergebnissen zu der Lernenden hervorgehoben und lernzielorientierte an- toren die Einordnung eines Bildungsprogramms in dendeshalb für die Bildungspraxis auch nicht möglich ist, Ler- sprechen. Besonders prekär erscheinen aus diesen Positio- stelle von lehrzielorientierten Lehrplänen propagiert. Wäh- Referenzrahmen.nergebnisse zu formulieren, die vor dem Hintergrund die- nen heraus dann klarerweise solche LO-Konzepte, die auch rend sich Lernziele jedoch weiterhin auf Inhalt, Richtungser Standards interpretiert werden und einem künftigen gleich nur solche learning outcomes formuliert sehen wol- und Intention des zu Vermittelnden und damit auf die Per- Für die Formulierung von Lernergebnissen wird häufigQualifikationsniveau im nationalen Qualifikationsrahmen len, die auch valide überprüfbar sind. spektive der Lehrenden beziehen, nehmen Lernergebnisse die Taxonomie nach Bloom (1956) bzw. ihre Erweiterungzuordenbar sind. Selbstverständlich liegen Ergebnisse aus eher das Endverhalten der Lernenden in den Blickpunkt nach Anderson und Krathwohl (2001) verwendet, die ur-den Lehr- und Lernprozessen vor, jedoch ist eine NQR-re- Auch in der Erwachsenenbildung wird eine Ausbalancie- (vgl. Schermutzki 2008, S. 6). sprünglich als Lernzieltaxonomie erarbeitet wurde. Taxo-levante Beschreibung gegenwärtig nicht möglich. rung der dort oftmals propagierten Teilnehmerorientie- nomien stellen ein nützliches Hierarchisierungsinstrument rung mit der Lernergebnisorientierung herzustellen sein. Im Hochschulbereich hat das Konzept einer Lerner- für die Formulierung von Lernergebnissen dar, Kompeten-1 Es ist davon auszugehen, dass im künftigen Qualifikationsrahmen nicht Profile einzel- Denn wenn Lernergebnisse als handlungsleitende Prinzi- gebnisorientierung seit Längerem stark an Bedeutung zen lassen sich so unter Berücksichtigung von verschiede-ner Personen, die ja auch Kombinationen von grundsätzlich unabhängigen Qualifikatio- pien der Planung und Umsetzung von Bildungsmaßnah- gewonnen, hier liegen einige Arbeiten vor, die sich auf nen Niveaustufen klassifizieren. Bloom unterscheidet dreinen darstellen können, sondern ausschließlich die entsprechenden Qualifikationen (bzw.genauer deren Nachweise) eingeordnet werden. 2 Dieser Abschnitt folgt weitestgehend der Darstellung in Schlögl, Peter et al. 2009 praktisch-analytischer Ebene mit der Umsetzung von Lern- Dimensionen des Lernens – kognitiv, affektiv und psycho-Seite 68 Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis. Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis. Seite 69
    • BILDUNG I Schlögl I Lernergebnisse Lernergebnisse I Schlögl I BILDUNGmotorisch –, welche wiederum in hierarchisch angeordnete Wie kommt man nun vom NQR zum Lernergebnis? Moon Fragen an die BildungsarbeitKategorien geteilt sind. Diesen Kategorien sind jeweils Ver- schlägt nachfolgend abgebildetes Modell für die Ent- in der Basisbildungben zugeordnet, welche die Dimension und Kategorie des wicklung von Modulen in der Hochschulbildung vor, mit Die wesentliche Funktionsweise des geplanten Qua-Lernens repräsentieren. Sie bieten den generischen Rah- welchem die Beziehung zwischen Niveaustufe, Lerner- lifikationsrahmens ist es, Qualifikationen (bzw. derenmen, der je nach Kontext erweitert werden kann. Dahinter gebnissen, Bewertungskriterien, Bewertungsmodi und Nachweise) in einem sektorenübergreifenden Schemasteht Blooms Verständnis von Lernen als Prozess, bei dem Lehrmethoden sichergestellt wird (vgl. Moon 2004, S. 2ff). zu verorten. Diese Verortung soll auf der Grundlage derdie Denkprozesse der Lernenden auf die jeweils nächste mit der Qualifikation verbundenen Lernergebnisse er-Stufe geleitet werden sollen (vgl. Adam 2004, S. 8). In Bezug folgen. Daraus erwachsen mehrere Fragen, die abschlie-auf die Einordnung in einen Referenzrahmen kann somit ßend demonstrativ ausgewiesen werden sollen, ohne dendas zu erreichende Niveau festgelegt und die Lehr-/Lern- Anspruch auf Vollständigkeit und abschließende Behand-prozesse können entsprechend gestaltet werden. lung zu stellen. Die Beantwortung dieser Fragen stellt eine komplexe Herausforderung für das gesamte Feld der Wenngleich die Verwendung einer hierarchischen Ka- Basisbildung dar und ist gewiss keine Hausaufgabe für dietegorisierung suggeriert, dass Fähigkeiten oder Kompe- Bildungseinrichtungen allein. Vielmehr wäre es Aufgabetenzen unabhängig vom Kontext ausgedrückt werden der Bildungspolitik, ein Gefäß für die strukturierte Dis-können, weist Moon darauf hin, dass die Beurteilung ko- kussion dieser Fragen anzubieten.gnitiver Fähigkeiten, wie beispielsweise Analysieren, sehr • Verfügt die Basisbildung über einewohl von der Komplexität des zu analysierenden Materi- zuständige Stelle, die autorisiert ist,als abhängig ist (vgl. Moon 2004, S. 11f ). Das Lernniveau institutionenübergreifende Standards festzulegen?kann hierbei also nur durch Information darüber ange- Wer müsste bei der Konstituierung einer solchenzeigt werden, worauf sich eine Fähigkeit bezieht. Die Ver- unbedingt eingebunden werden, und auf welchewendung solcher Kategorien bietet aber auch den Vorteil, Abbildung 2: Modell für die Entwicklung von lernergebnisorientierten Modulen Grundlagen könnte sie ihre Arbeiten stützen? Quelle: Moon 2002, S 37dass durch formulierte Lernergebnisse Bereiche identifi-ziert werden können, die zur Entwicklung bestimmter Fä- Wie in Abbildung 2 dargestellt, bilden einerseits die Ni- • Wie ließen sich Lernergebnisse von Basisbildung in operationalisierter Breitehigkeiten/Kompetenzen beitragen. veau-Deskriptoren (level descriptors) für die Zuordnung und Tiefe verhandeln und zu einem breit in den Referenzrahmen und andererseits die Ziele des Mo- akzeptierten Ergebnis gelangen? Die wesentliche Bedeutung der Lernerfolgsfeststellung duls (aim of module) den Ausgangspunkt. Für die Formu-(assessment) im Lehr-/Lernprozess hebt Kennedy hervor, lierung von Lernergebnissen können entweder vorhan- • In welcher Form wären Qualifikationsnachweisedenn Lernende lernen nicht, was im Lehrplan steht, son- dene generische oder auch für den jeweiligen Fachbereich für die Basisbildung möglich und sinnvoll, derendern, was sie erwarten, geprüft zu werden (hidden agenda). angepasste Deskriptoren verwendet werden. Die Lerner- Grundlage über triviales PrüfungshandelnBei der Verwendung von Lernergebnissen kann diese Er- gebnisse werden entsprechend dem Niveau des Referenz- hinausgeht und gleichzeitig zielgruppenadäquatekenntnis genutzt werden: Indem Lernergebnisse beschrei- rahmens formuliert (write learing outcomes) und sind so und verlässliche Feststellungsinstrumente und -verfahren umfasst? Wie wird sichergestellt, dassben, welche Leistung von Lernenden für einen Lernerfolg eindeutig zuordenbar. Die Lernergebnisse implizieren die die eingesetzten Feststellungsverfahren dieerwartet wird – und, wenn damit die Intention des Lehr- Bewertungskriterien für die Überprüfung des Lernerfolgs; explizit gemachten Lernergebnisse belegen?plans abgebildet ist, wird automatisch der Lehrplan gelernt darauf abgestimmt müssen Bewertungsmethoden entwi-(vgl. Kennedy 2007, S. 19f ). ckelt werden, um eine geeignete Überprüfung des Errei- • Welche Rahmenbedingungen brauchen chens der Bewertungskriterien zu gewährleisten. Bewer- Bildungseinrichtungen, wenn sie für das Gut formulierte Lernergebnisse sollten daher folgende drei tungsmethoden können dabei für verschiedene Zwecke Erreichen der intendierten Lernergebnissewesentliche Elemente enthalten (vgl. Moon 2004, S. 14): entwickelt werden, beispielsweise für laufendes Feedback Mitverantwortung übernehmen (müssen)? • Ein aktives Verb, das ausdrückt, was Lernende am an die Lernenden. Auf Basis dieser Überlegungen wird nun • Welche Form der Lernergebnisbeschreibung Ende eines Lernprozesses wissen oder können eine geeignete Lehrstrategie bestimmt, die die Lernenden reicht über das interne Qualitätsmanagement (z.B. kann ... erklären, kann … analysieren) dabei unterstützt, die Lernergebnisse bzw. die in den Be- hinaus und wird auch für die Lernenden bzw. – um Rechtsansprüche auszuschließen wertungskriterien angegebenen Mindesterfordernisse zu zu einem motivationsorientierten und – was erwartet wird, dass Lernende am Ende erreichen. Wichtig ist die Stimmigkeit der Beziehungen fortschrittsorientierten Instrument? eines Lernprozesses wissen oder können, zwischen den einzelnen Elementen, welche mit Bedacht- Antworten auf diese Fragen dieser oder verwandter Form nahme auf verschiedene Ansprüche (z.B. von Lernenden, werden, will das Angebot der Basisbildung seinen Weg in • Angaben über den Gegenstand bzw. darüber, Lehrenden, Arbeitsmarkt und Wirtschaft, Effizienz) reflek- den künftigen Qualifikationsrahmen gehen, zu finden sein. worauf sich dieses Können bezieht, tiert und weiter adaptiert werden müssen. Insofern handelt es sich nicht um eine Übung im Trocken- • Angaben über die erforderliche Art der Leistung schwimmen, sondern um die Vorarbeiten einer Profilie- (in Bezug auf Kontext oder auf Bildungsstandards) Zweites Zwischenergebnis ist demnach, dass Lernergeb- rung und Positionierung im Gesamtsystem der Lernarran- zum Nachweis des Lernerfolgs (z.B. einen nisse, wollen sie auf Qualifikationsebene Resonanz auslö- gements in Österreich und Europa. allgemeinen Überblick geben, tiefergehendes sen, aber nicht allein das Ergebnis eines Ausverhandlungs- Verständnis für … anhand von … demonstrieren). prozesses von Interessengruppen sein, ist ein strategischer innerorganisatorischer pädagogischer und didaktischer In- novationsprozess einzuleiten, der gleichzeitig Akzeptanz in den relevanten Bildungsumwelten (Arbeitsmarkt, formales Bildungssystem) herzustellen versucht.Seite 70 Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis. Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis. Seite 71
    • BILDUNG I Schlögl I LernergebnisseLiteratur Der Autor Europäische Union (2008), Empfehlung Mag. Peter Schlögl des Europäischen Parlaments und des Geschäftsführender Institutsleiter des öibf, Rates zur Einrichtung des Europäischen Forschungsschwerpunkte: europäische und nationale Qualifikationsrahmens für lebenslanges Lernen, Berufsbildungspolitik, professionelle Beratungsdienste Amtsblatt der Europäischen Union, 2008/C 111/01 im Bildungswesen, lebenslanges Lernen Adam, S. (2004), Using Leaning Outcomes: Österreichisches Institut für Berufsbildungsforschung A Consideration of the Nature, Role, www.oeibf.at Application and Implications for European peter.schloegl@oeibf.at Education of Employing Learning Outcomes at the Local, National and International Levels. Edinburgh: Scottish Executive. AMS Österreich (ed) (2010), Arbeitsmarkt & Hr. E., 42 Jahre, kommt aus einer Familie, die der Schule kaum großen Wert Bildung. Jänner 2010. Wien: AMS Österreich BGS. beigemessen hat. Nach der Pflichtschule begann er als Hilfsarbeiter und Anderson, L. / Krathwohl, D. (eds) (2001), war in diversen Hilfsjobs bis zu einem Arbeitsunfall vor einigen Jahren, der A Taxonomy for Learning, Teaching, and für ihn körperliche Arbeit unmöglich gemacht hat, tätig. Das Schreiben Assessing: A Revision of Bloom’s Taxonomy of fiel ihm so schwer, dass er kaum „sein eigenes Gekritzel“ entziffern konnte, Educational Objectives. New York: Longman. dementsprechend war Weiterbildung kein Thema, die Aufstiegschancen waren minimal. Er selbst versuchte alles zu vermeiden, wo „Schreiben Bloom, B. (1956), Taxonomy of Educational notwendig war und niemand hat mein Problem gewusst.“ Den Objectives. The Classification of Basisbildungskurs, wohin er nach einem erfolglosen und frustrierenden Educational Goals. Handbook I: Cognitive Bewerbungstraining vom AMS geschickt wurde, sieht er als ersten Schritt Domain. New York: Longmann. für eine berufliche Neuorientierung. Im dritten Jahr ist sein Schwerpunkt CEDEFOP (ed) (2009), Der Perspektivwechsel Englisch, nachdem er Schreiben und den PC „ganz gut“ beherrscht. hin zu Lernergebnissen. Politik und Praxis in Europa. Luxemburg: Amt für Veröffentlichungen der Europäischen Union. Kennedy, D. (2007), Writing and Using Learning Outcomes. A Practical Guide. Cork: University College Cork. Moon, J. A. (2002), The module & programme development handbook: a practical guide to linking levels, learning outcomes & assessment. London: Routledge. Moon, J. A. (2004), ‚Linking Levels, Learning Outcomes and Assessment Criteria’. online: www.aic.lv/bolona/Bologna/Bol_semin/ Edinburgh/J_Moon_backgrP.pdf (3.5.2010) Rigby, M. / Sanchis, E. (2006), ‚Das Qualifikationskonzept und dessen gesellschaftliche Konstruktion’. europäische zeitschrift für berufsbildung, 26 Nr. 37–2006/1, S. 24–38. Schermutzki, M. (2008), ‚Learning outcomes – Lernergebnisse: Begriffe, Zusammenhänge, Umsetzung und Erfolgsermittlung. Lernergebnisse und Kompetenzvermittlung als elementare Orientierungen des Bologna- Prozesses’. In Handbuch Qualität in Studium und Lehre: Evaluation nutzen, Akkreditierung sichern, Profil schärfen. Benz, Winfried (ed) Berlin: S. 1–30. Schlögl, P. / Stock, M. / Proinger, J. / Riebenbauer, E. / Slepcevic-Zach, P. (2009), ‚... und die Bildungswelt ist doch rund! Expertise zu einer lernergebnisorientierten und systematischen Verschränkung aktueller bildungspolitischer Steuerungsinstrumente in der Berufsbildung der schulischen oberen Sekundarstufe’. Wien: ÖIBF. Quelle: Befragung durch Peter StoppacherSeite 72 Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis. Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis. Seite 73
    • BILDUNG I Stoppacher I Zielgruppenwissen Zielgruppenwissen I Stoppacher I BILDUNG ein solches Angebot die maßgeschneiderte Antwort auf in- gion ein solches praxisrelevantes quantitatives und qua- dividuelle, auf den Arbeitsalltag abgestimmte praktische litatives Wissen als Basis für eine zielgruppenadäquate Bedürfnisse und orientiert sich zugleich an regional nach- Angebotsentwicklung zu gewinnen. Ein Schwerpunkt dabei gefragten und verwertbaren Qualifikationen. war die Entwicklung und Erprobung eines auch auf andere Regionen übertragbaren Modells für die Zielgruppenana- Im Rahmen des Kooperationsprojekts „Basisbildung Obe- lyse. Das Annäherungsmodell und exemplarische Ergeb- res Murtal“ wurde der Versuch unternommen, in der Re- nisse stehen im Zentrum der folgenden Zusammenfassung. Zielgruppenanalyse: ein Annäherungsmodell Internationale Ergebnisse und Indikatoren – Allgemein –Peter StoppacherKo-Geschäftsführer von IFAstoppacher@ifa-steiermark.at Nationale bildungsspezifische Ergeb- nisse und Indikatoren – Allgemein –Zielgruppenwissen als Voraussetzung für Ableitung von Risikogruppenmaßgeschneiderte Basisbildungsangebote Regionaler KontextEine praxisrelevante regionale Analyse in  Bevölkerung Regionale bildungsspezifische Pflichtschule  Wirtschaftquantitativer und qualitativer Hinsicht  Arbeitsmarkt Daten Berufsausbildung – Risikogruppen – Beruf/Beschäftigung Ableitung ZielgruppeZielgruppenanalysen bilden die Voraussetzung für An- zen, um mit den Anforderungen einer schriftorientiertengebotsentwicklungen — Lebenslagen, Bedürfnisse, Mo- Wissensgesellschaft mitzuhalten, variieren beträchtlich,tive und Hoffnungen der Zielgruppe zu kennen, erhöht verweisen aber auf einen enormen Handlungsbedarf. Auch Abb. 1: Annäherung an die Zielgruppedie Chancen auf eine erfolgreiche Akquisition. Im Rah- über die konkreten Bedürfnisse der Zielgruppe gibt esmen des Kooperationsprojekts „Basisbildung Oberes Mur- kaum verwertbare Analysen.tal“ wurde der Versuch unternommen, in der Region ein Zur Einschätzung der Zielgruppengröße in der Region auf die Region zu „übertragen“. Abschließend wurde aussolches praxisrelevantes quantitatives und qualitatives Für eine Angebotsentwicklung ist ein genaues Wissen wurde folgende Herangehensweise gewählt: Zunächst den derart bestimmten regionalen Risikogruppen die an-Wissen als Basis für eine zielgruppenadäquate Angebots- über die Zielgruppen, ihre Lebenslagen und Bedürfnisse wurden internationale Ergebnisse und Indikatoren er- nähernde Größe der Zielgruppen unter Verwendung be-entwicklung zu gewinnen. Ein Schwerpunkt dabei war die und vor allem ihre Wünsche und Hoffnungen, die dazu füh- fasst, hierauf Daten und Sekundärstatistiken auf natio- stimmter Referenzwerte abgeleitet. Nach derzeitigen Er-Entwicklung und Erprobung eines auch auf andere Regi- ren könnten, dass sie Basisbildungsprobleme nicht länger naler Ebene aufgearbeitet. Aus den internationalen und kenntnissen bieten, wie später noch dargelegt wird, dieonen übertragbaren Modells für die Zielgruppenanalyse. verstecken, sondern Angebote in Anspruch nehmen, not- nationalen Daten wurden relevante „Risikoindikato- Ergebnisse von „PISA“ für Jugendliche und junge Erwach-Die Ergebnisse dieser Arbeit werden im folgenden Beitrag wendig. Angebote müssen erfahrungsgemäß so gestaltet ren“ für geringe Basisbildung abgeleitet, die mit regiona- sene und jene von „ALL“ für Erwachsene die relevantestendargestellt. sein, dass sie trotz negativen Lern- und Schulerfahrungen len Bildungs- und Strukturdaten sowie mit Einschätzun- Referenzwerte. Verwendet wird der jeweilige Wert für die und Angst vor neuerlichem Misserfolg für die Zielgruppe gen und Erfahrungen von ExpertInnen in der Region, die Lesekompetenz, da ausreichende Kompetenzen in diesem Seit Pisa steht mangelnde Basisbildung im Mittelpunkt „ansprechend“ sind. Das betrifft das methodisch-didakti- mit mangelnder Basisbildung konfrontiert sind, gekop- Bereich auch die wichtigste Voraussetzung sind, um in ei-zahlreicher Debatten. Die Angaben über die Zahl der Men- sche Setting, das Eingehen auf Lernziele und Lernmotive pelt wurden. In vielen Fällen war es notwendig, Ergeb- ner schriftbasierten Gesellschaft überhaupt „mithalten“schen mit nicht ausreichenden Basisbildungskompeten- sowie die „Bewerbung“ der Angebote. Im Idealfall enthält nisse für das Bundesland Steiermark oder für Österreich zu können.Seite 74 Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis. Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis. Seite 75
    • BILDUNG I Stoppacher I Zielgruppenwissen Zielgruppenwissen I Stoppacher I BILDUNG Idealtypisch sollte mit dieser Vorgehensweise ein im- aus denen die verwendeten Referenzwerte zur Ableitung modell eine geringe Formalqualifikation, erfasst über die noch immer höher als jener der Männer, die geschlechts- mer engmaschigeres Netz an Informationen über die Ziel- des Basisbildungsbedarfs stammen, skizziert. Abschlie- höchste abgeschlossene Ausbildung „Pflichtschule“ (mit spezifische Differenz hat sich aber deutlich verringert.5 Von gruppe geschaffen werden. In der Realität zeigten sich ßend werden konkrete Ergebnisse dieses übertragbaren und ohne Abschluss), verwendet werden. Sonstige statis- den 25- bis 34-Jährigen haben derzeit nur mehr 13 % (15 % aber beträchtliche Schwierigkeiten, die nur mittels diver- Verfahrens am Beispiel der westlichen Obersteiermark tische Indikatoren für Basisbildungsdefizite stehen, sieht der Frauen und 11 % der Männer) keine weiterführende ser Hilfskonstruktionen überbrückt werden konnten. Ein- vorgestellt. man von schulischen Erfolgen und Misserfolgen ab, nicht Ausbildung nach der Pflichtschule absolviert. zelne internationale oder nationale Ergebnisse beziehen zur Verfügung. Mit einer geringen Formalqualifikation sich auf unterschiedliche Facetten von Basisbildung. Sie Risikoindikatoren für steigt das Risiko, bildungsfern zu bleiben, weiterführende Regional gibt es deutliche Unterschiede. Bevölke- lassen sich weiters weder hinsichtlich der Erfassungs- Bildungsprozesse sind bei dieser Gruppe selten. Das be- rungsgruppen mit bloßer Pflichtschulausbildung sind zeitpunkte noch hinsichtlich der Datenqualität unmit- geringe Basisbildung trifft formale berufliche und betriebliche Weiterbildungs- überdurchschnittlich im ländlichen Raum konzentriert. telbar verbinden und erlauben kaum eine direkte Über- Bestimmende Faktoren dafür, ob jemand zur Risiko- aktivitäten, das informelle Lernen im beruflichen Kontext Diese räumliche Differenzierung trifft klar auf die ältere tragung auf Regionen mit spezifischen Eigenheiten. Eine gruppe mit geringer Basisbildung gehört, sind nach in- und ebenso Alltagsgewohnheiten und (kulturelle) Freizeit- Bevölkerung zu, für die jüngere Bevölkerung zeichnet quantitative Ableitung und Übertragung der oft groben ternationalen1 und nationalen Bildungsforschungser- beschäftigungen, bei denen Basisbildungskompetenzen sich eine neue Entwicklung insofern ab, als die größten„Schätzgrößen“ auf die Region scheitert schon allein an gebnissen, beispielsweise über das Bildungsniveau der zumindest geübt werden können. Anteile an PflichtschulabsolventInnen in Städten regist- unterschiedlichen Begrifflichkeiten, Erfassungsmethoden, Bevölkerung, die Weiterbildungsbeteiligung, Erfolge im Bil- riert werden.-zeitpunkten und -inhalten und der damit einhergehen- dungsverlauf etc., vor allem die individuelle Sozialisation PflichtschulabgängerInnen sind bei formalen oder infor- den mangelnden Vergleichbarkeit. und die schulische Primärbildung. Der sozialökonomische mellen Weiterbildungsaktivitäten unterrepräsentiert und Trotz des Anstiegs des Bildungsniveaus der Bevölkerung Status der Familie, der Wert der Bildung im Elternhaus, die lernen kaum präventiv oder aktiv. Zum Teil beenden sie die insgesamt ist nach wie vor – wie verschiedene Erhebungen Diverse in der Öffentlichkeit kursierende Zahlen haben in ideellen Zugänge zur Bildung, ökonomische Bildungsbar- Schule nur „mit Ach und Krach“ und verbinden mit Lernen belegen – eine starke soziale Selektivität des österreichi-der politischen Diskussion die Funktion, die Handlungs- rieren sowie die regional gegebene Bildungsinfrastruk- oft nur negative Erinnerungen, Überforderung und Misser- schen Bildungssystems gegeben. Für Kinder aus bildungs-notwendigkeiten zu verdeutlichen, und dienen als Kataly- tur prägen in einer ersten Phase das Bildungsverhalten. folge. Allerdings ist darauf hinzuweisen, dass auch Perso- fernen Haushalten oder aus Familien mit Migrationshin-sator für politische Gegenstrategien. Darüber hinaus aber Gleichgültigkeit im Elternhaus, fehlende bzw. auch nicht nen mit höheren Formalausbildungen durch einen oft jah- tergrund ist ein Bildungsaufstieg vergleichsweise schwierig.leiden sie oft an analytischer Unschärfe und sind für die mögliche Hilfe bei schulischen Problemen, Entmutigung, relangen Nichtgebrauch von grundlegenden kulturellenkonkrete Arbeit im regionalen Umfeld nur wenig hilfreich. geringe mündliche Kommunikation und (aktive) Ausein- Techniken wie Lesen, Schreiben, Rechnen etc. in die Ziel- Im Annäherungsmodell ist es auf Ebene der Gesamtbe-Ähnliches gilt auch für nationale Daten, deren einfache andersetzung mit unterschiedlichen Fragestellungen, an- gruppe fallen können. Die Wahrscheinlichkeit einer nicht völkerung im erwerbsfähigen Alter notwendig, das Bil-Übernahme durch Stadt-Land-Unterschiede und vor allem statt dessen vorwiegend rezeptive Freizeitgestaltung (Fern- ausreichenden Basisbildung ist aber nach allen vorliegen- dungsniveau in den unterschiedlichen Alters-6 oder Berufs-die überproportionale Bedeutung von Ballungsräumen sehen, Computerspiele) färben auf die Lernfähigkeit und den Untersuchungen deutlich kleiner. gruppen etc. zu berücksichtigen.nicht den regionalen Gegebenheiten gerecht wird. Lernbereitschaft ab. Das Bildungsniveau der Wohn- Referenzwerte für die Aber auch regionale Daten lassen nicht automatisch Nach der Schulzeit beeinflussen vor allem Anforderun- Schlussfolgerungen auf die Zielgruppe zu. Ein Ausstieg aus gen im Berufsleben die Bildungsaktivitäten und/oder die bevölkerung in Österreich Zielgruppenannäherung der Hauptschule ohne weiterführende Ausbildung bedeu- Aufrechterhaltung oder Verbesserung bereits erreichter Ba- Sowohl die Volkszählungen als auch die Mikrozensus- Die Kernrisikogruppe für geringe Basisbildung umfasst tet genauso wenig, dass Basisbildungsprobleme vorliegen sisbildungskompetenzen. Die Primärbildung prägt auch Arbeitskräfteerhebungen belegen, dass sich der Bildungs- im Annäherungsmodell Personen, die höchstens über den müssen, wie umgekehrt mit dem Abschluss einer Lehre folgende Weiterbildungsaktivitäten. Für das nonformale stand der Gesamtbevölkerung sukzessive verbessert hat. Pflichtschulabschluss verfügen. Um den Anteil unter ih- oder einer Mittleren Schule von einer ausreichenden Ba- Lernen gibt es dazu klare Ergebnisse, aber auch in Bezug Über die Jahre sinkt der Anteil derjenigen, die als höchste nen mit mangelnder Basisbildung abschätzen zu können, sisbildung ausgegangen werden kann. Regionale Daten auf das informelle Lernen liegt es auf der Hand, dass Per- abgeschlossene Ausbildung nur über den Pflichtschulab- werden die Ergebnisse folgender Erhebungen als Referenz- sind vor allem wegen institutioneller und gesellschaftlicher sonen mit geringer Basisbildung auch nur eingeschränkt schluss verfügen, zugleich nehmen die AbgängerInnen von werte herangezogen.„Verschleierungstendenzen“ oft nur begrenzt aussagekräf- selbstständig lernen bzw. sich notwendige Informationen höheren Schulen (besonders der berufsbildenden) sowie tig: So spiegeln Abschlussnoten von Pflicht- oder Berufs- beschaffen können. Berufliche Tätigkeiten, bei denen die Hochschulen und Universitäten zu. Aktuell weist nur mehr Adult Literacy and Life Skills Survey (ALL) schulen oft nicht den tatsächlichen Wissensstand wider. Notwendigkeit von lebenslangem Lernen gering ist, beruf- ungefähr ein Fünftel3 maximal einen Pflichtschulabschluss Die „Adult Literacy and Life Skills Survey“ (ALL) maßVorhandene bildungsbezogene Daten bieten daher oft nur liche Dequalifizierung, prekäre Beschäftigungsverhältnisse, auf. Jüngere EinwohnerInnen und solche ohne Migrations- im Anschluss an die „International Adult Literacy Sur- einen groben Orientierungsrahmen. nicht benötigtes und/oder praktiziertes informelles Lernen hintergrund haben ein deutlich höheres Bildungsniveau. vey“ (IALS) Lesekompetenzen als Fähigkeit, zusammen- erhöhen das Risiko der Bildungsferne und damit von Ba- Eine Ursache dafür ist, dass vor allem die weibliche Bevöl- hängende Texte zu lesen, und als Fähigkeit, mit schema- Um genauere regionale Dimensionen zu erfassen und Im- sisbildungsschwierigkeiten. Eine bessere Erstausbildung kerung im Lauf der Zeit vermehrt das weiterführende Bil- tischen Darstellungen umzugehen, sowie Kompetenzenpulse für eine weitere Planung zu gewinnen, wurden Erfah- erhöht die Chance auf Partizipation auf dem Arbeitsmarkt, dungsangebot in Anspruch nahm und nimmt. Allerdings in der Alltagsmathematik als allgemeine Rechen- sowierungen mit der Problematik in der Region direkt eruiert. In auf anspruchsvolle Tätigkeiten und höhere Einkommen. ist die weibliche Bildungsbeteiligung noch immer von ei- Problemlösungskompetenz.7diesem Zusammenhang waren vor allem qualitative Inter- Umgekehrt haben Niedrigqualifizierte ein wesentliches hö- ner sehr eingeengten Wahl der besuchten Schulen undviews mit ExpertInnen in der Region von Bedeutung. Be- heres Arbeitslosigkeitsrisiko oder sind von der Gefahr der Studienrichtungen geprägt. Mädchen beenden zwar noch Österreich beteiligte sich an ALL und IALS nicht. Amfragt wurden VertreterInnen von Institutionen und Orga- dauerhaften Exklusion aus dem Arbeitsmarkt bedroht, ihre immer vermehrt ohne weitere Ausbildung ihre Pflicht- ehesten vergleichbar sind diesbezüglich die Daten desnisationen mit unmittelbaren Kontakten zur Zielgruppe Armutsgefährdung ist wesentlich höher. Nach wie vor wird schulzeit, Buben haben aber in Bezug auf das „schulische Nachbarlandes Schweiz mit einem Anteil an „schwachen“(Weiterbildungseinrichtungen, Interessenvertretungen, ar- in „Problemfamilien“ Armut und Bildungsferne weiterver- Lernen“ den Nachteil, dass in ihrer Sozialisation Kultur- LeserInnen von ca.16 % unter den 16- bis 65-Jährigen in derbeitsmarktpolitischer Einrichtungen, Gemeinden, Behör- erbt, weil die Bildungschancen in Österreich noch immer techniken oft einen geringeren Stellenwert haben wie bei deutschsprachigen Wohnbevölkerung. Bei Personen mitden, Schulen, Betrieben u.ä.m.). ungleich verteilt sind.2 Mädchen.4 höchstens Pflichtschulabschluss (Sekundarstufe I) lag die- 5 Vgl. dazu: Frank Landler: Die Qualifikationsstruktur der österreichischen Bevölkerung Im Folgenden werden zunächst kurz die Risikoindikato- Als einzig relativ harter Indikator, der mit mangelnder Ba- Im untersten Bildungssegment, das Personen mit maxi- im Wandel. Wien: Österreichische Akademie der Wissenschaften 2008, S.145 ff.ren für geringe Basisbildung dargestellt. Hierauf wird auf sisbildung in Verbindung steht, kann für das Annäherungs- mal Pflichtschulabschluss einnehmen, ist der Frauenanteil 6 So haben nach dem Mikrozensus 2007 bei den Männern 13 % aller 25- bis 64-Jährigen und 11 % der 25- bis 34-Jährigen „nur“ den Pflichtschulabschluss, bei den Frauen sinddas Bildungsniveau in Österreich eingegangen, vor allem, 3 Vgl. dazu: Bildung in Zahlen 2007/2008. Schlüsselindikatoren und Analysen. Statistik das 24 % aller 25- bis 64-Jährigen und 15 % der 25- bis 34-Jährigen. 1 Vgl. z.B.: PISA (Programme for International Student Assessment), IALS (International Austria: Wien 2009, vor allem S. 82 ff.da die Formalqualifikation im Annäherungsmodell ei- Adult Literacy Survey), ALL (Adult Literacy and Life Skills Survey). 7 Siehe: Philip Notter, Claudia Arnold, Emanuel von Erlach, Philippe Hertig: Lesen undnen zentralen Stellenwert besitzt. Anschließend werden 4 Vgl. dazu: Josef Bacher: Soziale Ungleichheit und Bildungspartizipation im weiterfüh- Rechnen im Alltag. Grundkompetenzen von Erwachsenen in der Schweiz. Nationaler Be- 2 Vgl. dazu: Regional ungleiche Bildungschancen. In: kontraste. Presse- und Informati- renden Schulsystem Österreichs. In: Österreichische Zeitschrift für Soziologie (ÖZS), 28 richt zu der Erhebung ‚Adult Literacy & Life Skills Survey’. Hrsg. vom Bundesamt für Sta-die beiden internationalen Erhebungen PISA und ALL, onsdienst für Sozialpolitik. Heft 6, Juli 2007, S. 5. Jahrgang, Nr. 3, S. 3-33. tistik (BFS). Neuchatel 2006, S. 10 ff.Seite 76 Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis. Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis. Seite 77
    • BILDUNG I Stoppacher I Zielgruppenwissen Zielgruppenwissen I Stoppacher I BILDUNGser Anteil bei 24 %, in der Sekundarstufe II nur mehr bei 9 %. „PIRLS“ (Progress in International Reading Literacy markt bedroht. Sie haben nach Erfahrungen von AMS-Be- Beschäftigte mit Basisbildungsdefiziten finden sich vorNach soziodemografischen Merkmalen korrelierten die Study) erfasste 2006 die Lesekompetenz von 9- bis 10-Jäh- raterInnen kaum Chancen auf einen Lehrplatz. Basisbil- allem unter geringqualifizierten ArbeitnehmerInnen. Ge-Kompetenzniveaus stark mit der Ausbildung der Testper- rigen und zeigte für Österreich einen Anteil an „Risiko- dungsprobleme seien unabhängig vom Geschlecht zum rade sie sind durch den wirtschaftlichen Strukturwan-sonen, dem Alter, der Sprache sowie der geografischen schülerInnen“ mit schwachen Lesekompetenzen von 16 %. Teil extrem auffällig bei Jugendlichen aus „unteren sozialen del mit neuen Arbeitsorganisationsformen und Arbeits-Herkunft. Empirisch wurde auch der starke Einfluss der Stimmen diese Ergebnisse, kann daraus gefolgert werden, Schichten ohne Unterstützung zu Hause“ und bei „Jugendli- prozessen in den letzten Jahren immer mehr unter Drucksozialen Herkunft unterstrichen, unabhängig vom eige- dass zwischen dem Ende der Volksschule und dem Ende chen der zweiten Generation“. Durch geänderte Berufsbil- geraten. Im Zuge des Wandels hin zu einer Dienstleis-nen Bildungsstand und der eigene Bildungsdauer hängen der gesetzlich vorgesehenen Schulpflicht die diesbezügli- der und Anforderungen sei für diese Risikogruppen auch tungs- und Informationsgesellschaft steigt zwar auch diedie erreichten Werte substanziell von der Ausbildung der chen Kompetenzen nicht gestiegen, sondern – im Gegen- ein Lehrabschluss in ehemals einfachen Feldern kaum zu Nachfrage nach einfachen Dienstleistungen ohne berufs-Eltern ab. Zwischen dem erreichten Bildungsniveau und teil – weiter gesunken sind. schaffen. Bei vielen Jugendlichen mit einem Hauptschul- spezifische Ausbildung, aber Mindestqualifikationen imden Kompetenzen in allen Erhebungsbereichen ergab abschluss würden die Noten den tatsächlichen Kenntnis- Bereich Basisbildung und sozialkommunikative Kompe-sich ein eindeutiger Zusammenhang. Am schlechtesten Modellhafte Ergebnisse in der stand auch beschönigen. Probleme werden vor allem bei tenzen werden als selbstverständlich vorausgesetzt. Nachschnitten stets SchulabbrecherInnen bzw. Pflichtschulab- Grundrechnungsarten, beim sinnerfassenden Lesen, beim Erfahrungen von Weiterbildungsinstitutionen findet ge-gängerInnen ab, die jeweils nur Level eins oder zwei bei westlichen Obersteiermark Erfassen von Diskussionen wahrgenommen. rade im unteren Ausbildungssegment „lebenslanges Ler-insgesamt fünf Levels erreichten. Abschließend werden einige exemplarische Ergebnisse nen nicht statt“. der Zielgruppenanalyse in der westlichen Obersteier- Die zweite Gruppe subsumiert Personen, die sich in der Ein eindeutiger Zusammenhang besteht auch zwischen mark dargestellt. Die Region besteht aus den drei Bezir- Phase der beruflichen Ausbildung befinden oder befin- Wenn sich Rahmenbedingungen oder Arbeitsprozessedem Alter und der gemessenen Literalität: Je jünger die ken Murau, Judenburg und Knittelfeld mit insgesamt etwas den könnten. Zum einen sind das Jugendliche, die mit ändern, wird das eingeschränkte EntwicklungspotenzialTestpersonen, desto besser waren ihre Ergebnisse, wobei über 100.000 EinwohnerInnen. Der Kernraum ist eine alte einer Berufsausbildung begonnen, diese aber abgebro- von MitarbeiterInnen mit Basisbildungsproblemen sicht-die schlechteren Leistungen weniger auf biologische Fakto- Industrieregion im „Strukturwandel“, besonders die ländli- chen haben, zum anderen sind es jene, die eine Lehre bar. In der Region bestehen Arbeitsplätze für Geringqua-ren, sondern auf historische Veränderungen und Lebenszy- chen Gebiete kämpfen auch mit einer hohen Abwanderung. absolvieren, in den Berufsschulen aber ungenügende lifizierte im Bau- und Baunebengewerbe, Tourismus,klen zurückzuführen sind. Entscheidend sei es, unter wel- Basisbildungskompetenzen zeigen. Durch eine unzurei- Handel und in der Reinigung. Aber auch bei unterneh-chen historischen Umständen verschiedene Altersgruppen Regionale Ziel- bzw. Risikogruppen chende Basisbildung sind sie in ihrer weiteren berufli- mensnahen Dienstleistungen (Sicherheitsdienste, Ar-geboren, aufgewachsen, in die Schule gegangen sind Die Spezifikation der Zielgruppen in der Region erfolgte chen Entwicklung eingeschränkt. In regionalen Berufs- beitskräfteüberlassung) und in der Land- und Forstwirt-und gelebt haben und in welchen Lebensphasen sie sich nach der Teilhabe auf dem Arbeitsmarkt. Basisbildungs- schulen wird das Problem der fehlenden Basisbildung schaft werden noch Hilfskräfte benötigt. Eine spezifischebefinden.8 mängel werden vor allem auf dem Arbeitsmarkt sichtbar, immer häufiger wahrgenommen. Besonders SchülerIn- und in der Diskussion um einen Basisbildungsbedarf oft daneben auch vermehrt bei unterschiedlichen Behörden nen der dritten Leistungsgruppen in den Hauptfächern übersehene Gruppe sind Selbstständige mit geringem Bil-PISA und Institutionen mit unmittelbarem „Parteienverkehr“ zeigten „erschreckende Mängel“. dungsabschluss. Vor allem mit der Erleichterung des Zu- Die PISA-Studien der OECD messen alltags- und berufs- wie z.B. Gemeinden, Sozialhilfebehörden, Beratungsstellen, gangs zum freien Gewerbe und den „neuen Selbstständi-relevante Kenntnisse und Fähigkeiten 15- bis 16-jähriger Kindergärten etc. Hier sind am ehesten auch Zugänge zu Die dritte Gruppe ist nach der Phase der Berufsausbil- gen“ sowie den „Ein-Personenbetrieben“ dürfte sich ihrSchülerInnen. In einer schriftbasierten Gesellschaft ist die den Zielgruppen möglich, am schwierigsten ist das zweifel- dung auf dem Arbeitsmarkt aktiv. Dabei sind vor allem ar- Anteil erhöht haben.Lesekompetenz eine Basisvoraussetzung für die Bewälti- los bei jenen, die aus unterschiedlichen Gründen gar nicht beitslos oder arbeitsuchend vorgemerkte niedrigqualifi-gung von allgemeinen gesellschaftlichen und beruflichen auf dem Arbeitsmarkt partizipieren. zierte Personen und Geringqualifizierte in Beschäftigung Eine spezifische weitere, vierte Gruppe sind nicht (mehr)Anforderungen in vielen Lebensbereichen. Besonders Per- zu unterscheiden. erwerbstätige Personen. Dabei handelt es sich vor allemsonen in der niedrigsten Stufe im Bereich Lesekompetenz Auf dem Arbeitsmarkt werden durch mangelnde Basis- um ausschließlich Haushaltsführende, PensionistInnen,werden daher zur Risikogruppe gezählt. Trotz mancher me- bildung sowohl individuelle Chancen der Betroffenen als Bei arbeitslos Vorgemerkten ist eine Einschätzung des Personen mit Behinderungen sowie Sozialhilfebeziehe-thodischer und inhaltlicher Kritik vor allem in Bezug auf auch betriebliche Entwicklungen eingeschränkt. Auch in Basisbildungsbedarfs nach Aussagen von VertreterIn- rInnen. Offensichtlich werden Defizite vor allem bei Be-die Stichprobenzusammensetzung gelten die Erkenntnisse Gemeinden, Behörden und Institutionen, bei denen ver- nen des AMS schwer möglich. Das „Verstecken“ funk- hörden und diversen Beratungs- und Betreuungseinrich-über Bildungsvererbung, Regionalstruktur und Schultypen schiedene Anträge eingebracht werden, wird die Problema- tioniere auch bei Beratungsterminen so gut wie in den tungen, bei Ansuchen um Förderungen oder Sozialhilfe,als aufschlussreich für das Bildungssystem. tik wahrgenommen, und es wird versucht, „unaufdringlich“ Betrieben selbst. Defizite seien nur über Zufälle zu er- bei Jugendwohlfahrtsmaßnahmen, in Kindergärten, und ohne die Betroffenen bloßzustellen, Hilfe zu leisten. kennen, wenn etwa eine Unterschrift zu leisten, ein Schulen oder medizinischen Einrichtungen. Ein mögli- Österreich hatte 2003 und 2006 einen vergleichsweise Direkte Möglichkeiten, auf Basisbildungsmängel zu reagie- Formular auszufüllen ist oder schriftliche Informati- ches Basisbildungsproblem sprechen die VertreterInnenrelativ hohen Anteil von ca. 21 % an Jugendlichen, die im ren, sind vor allem in arbeitsmarktpolitischen Maßnahmen onen weitergegeben werden. Am Arbeitsplatz falle es dieser Stellen aber kaum an, weil sie „die Leute ja nicht vorBereich Lesekompetenz nur Level eins erreichten, wobei gegeben und werden ansatzweise auch genützt. In Berufs- oft erst bei Umstrukturierungen und Umstellungen im den Kopf stoßen oder in eine peinliche Situation bringen“die Anteile der Risikogruppen sich stark nach dem Schul- schulen sind zwar gravierende Probleme ersichtlich, es ist Arbeitsprozess auf, dass jemand Schwierigkeiten beim wollen. Insgesamt sei zu bemerken, dass das soziale Ge-typus unterschieden. So trat die Lese-Risikogruppe insbe- aber bei der Dichte des Lehrplans kaum die Zeit für Kor- Lesen und Schreiben habe. Oft hätten KollegInnen be- fälle stärker werde, immer mehr Menschen hätten offen-sondere in den Polytechnischen Schulen (54 %) und Be- rekturmaßnahmen gegeben. In vielen Betrieben werden stimmte Arbeiten übernommen und so beim Verste- sichtliche Schwierigkeiten, einen Meldezettel richtig aus-rufsschulen (39 %) auf, Berufsbildende mittlere Schulen ebenso Bildungsmängel festgestellt, die aber die Arbeit cken der Basisbildungsprobleme mitgeholfen. zufüllen, manche könnten kaum ihre Wohnadresse undlagen genau im Durchschnitt, in höheren Schulen waren nicht immer unmittelbar belasten. ihr Geburtsdatum richtig schreiben.nicht ausreichende Leseleistungen marginal. Insgesamt Zu den besonderen Risikogruppen gehören Langzeitar-dokumentiert PISA auch die negativen Folgen der frühen Das Annäherungsmodell an die Zielgruppen umfasst fol- beits- bzw. Langzeitbeschäftigungslose. Eine Umschulung Abschließend soll beispielhaft das konkrete quantitativeAuslese im österreichischen Schulsystem mit ihren „leis- gende arbeitsmarktbezogene, sich zum Teil überlappende oder Berufsausbildung wird von BetreuerInnen des AMS Ausmaß ausgewählter Zielgruppen in der Region darge-tungshemmenden Verstärkungseffekten“ (etwa durch die Risikogruppen: und von Betroffenen selbst häufig als nicht sinnvoll bzw. stellt werden. Im Sinne einer Übertragbarkeit auf andereLeistungsgruppen in den Hauptschulen). Befragte mit ei- möglich eingestuft. Sie hätten ohne Erfolg bereits ver- Regionen werden dabei exemplarische Bevölkerungsgrup-ner Vorqualifikation Hauptschule schnitten signifikant Eine erste Gruppe sind jene Personen, die nach der Be- schiedene arbeitsmarktpolitische Maßnahmen absolviert pen mit höchstens Pflichtschulabschluss sowie die verwen-schlechter ab als jene, die die AHS-Unterstufe besuchten. endigung der Schulpflicht auf den Arbeitsmarkt drängen, und gelten daher als „ausgeschult“. Zum Teil handle es deten Referenzwerte angeführt.86 % der Lese-Risikogruppe haben eine Hauptschulkarri- die aber aufgrund ihrer schulischen Erfolge vermehrt auf sich um Vorgemerkte, die „10, 15 Jahre weg von der Schuleere hinter sich. Zugangshürden stoßen. Das sind vor allem AbgängerIn- und vom Lernen sind und im Beruf Lesen, Schreiben, Rech-8 Vgl. dazu: Lesen und Rechnen im Alltag. Grundkompetenzen von Erwachsenen in der nen ohne positiven Abschluss oder mit einem mit vorwie- nen kaum gebraucht haben“.Schweiz, a.a.O., S. 22 ff. So lag in der deutschsprachigen Schweiz der Anteil der Personen gend schlechten Noten. Langfristig sind sie von prekärenmit niedrigstem Lesekompetenzniveau in den Altersgruppen bis 45 Jahre bei ca. 10 %, inden beiden darauffolgenden Alterskohorten bei ca. 20 %. Beschäftigungskarrieren oder der Exklusion vom Arbeits-Seite 78 Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis. Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis. Seite 79
    • BILDUNG I Stoppacher I Zielgruppenwissen Bevölkerungsgruppen Referenzwert Regionale mit höchstens Zielgruppengröße Pflichtschulabschluss Jugendliche im Übergang zwischen Ausbildung und Erwerbsleben AbgängerInnen von 54 % für Polytechnische Schulen (PISA) ca. 90 SchülerInnen jährlich Polytechnischen Schulen 15- bis 25-Jährige in berufsvorbereitenden 54 % für Polytechnische Schulen mindestens ca. 130 Personen jährlich Maßnahmen des AMS (PISA) als Untergrenze Lehrlinge 39 % Lese-Risikogruppe (PISA) ca. 670 Personen Arbeitslos vorgemerkte Personen Bildung in Zahlen TeilnehmerInnen in 24 % mit schwachen mindestens 190 Personen jährlich Zahl der Briefe, die Charles Darwin im Laufe Qualifizierungsmaßnahmen des AMS Lesekompetenzen (ALL) seines Lebens geschrieben hat: 7591 langzeitarbeitslose 24 % mit schwachen Lesekompetenzen ca. 20 Personen jährlich Zahl der Briefe, die Albert Einstein im Laufe„bildungsfernere“ Transitkräfte (ALL) als Untergrenze seines Lebens geschrieben hat: 14500 Zahl der geschäftlichen E-Mails, die jeder vernetzte Arbeitsplatz Geringqualifizierte selbstständig und unselbstständig Beschäftigte weltweit im Durchschnitt pro Tag erhält: 126 Beschäftigte im Bau- und 24 % mit schwachen ca. 1.000 Personen Baunebengewerbe, im Tourismus, in Lesekompetenzen (ALL) Täglicher Fernseh-, Internet- und Computerspielkonsum unternehmensnahen Dienstleistungen eines Zehnjährigen in Norddeutschland aus bildungsferner sowie in der Land- und Forstwirtschaft Einwanderer-Familie am Wochenende in Minuten: 340 (Neue) Selbstständige 24 % mit schwachen ca. 140 Personen Täglicher Fernseh-, Internet- und Computerspielkonsum einer Lesekompetenzen (ALL) Zehnjährigen in Süddeutschland aus deutscher Familie, in der mindestens ein Elternteil Abitur hat, am Wochenende in Minuten: 54 Nichterwerbstätige im Haupterwerbsalter Nichterwerbstätige (Elternkarenz, 24 % mit schwachen ca. 790 Personen Anteil der Zehnjährigen, die für das Gymnasium empfohlen werden und dauerhafter Arbeitsunfähigkeit, Lesekompetenzen (ALL) ausschließlich Haushaltsführende) deren Eltern maximal einen Hauptschulabschluss haben, in Prozent: 4 Anteil der Zehnjährigen, die für das Gymnasium empfohlen werden und von denen mindestens ein Elternteil Abitur hat, in Prozent: 72 Der Autor Dr. Peter Stoppacher 1957 in Anger, Oststeiermark geboren; während des Stu- diums (Germanistik und Soziologie) unterschiedliche berufliche Erfahrungen in der Grundstoffindustrie (Alu- minium, Talkum), im Baugewerbe etc. Seit 1985 sozial- wissenschaftliche Forschungstätigkeit; ehrenamtlicher Bewährungshelfer IFA Steiermark (Institut für Arbeitsmarktbetreuung und -forschung Steiermark. Sozialwissenschaftliche For- schung und Entwicklung) www.ifa-steiermark.at stoppacher@ifa-steiermark.at Quelle: brand eins WirtschaftsmagazinSeite 80 Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis. Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis. Seite 81
    • BILDUNG I Holzer I Basisbildung „Nicht genügend“ Basisbildung „Nicht genügend“ I Holzer I BILDUNG Voraussetzungen führt das zu mechanisch reprodu- können, da die Streuung sehr gering ist und alle Kinder zierbaren Scheinkompetenzen, die weder im privaten die erforderlichen Lernvoraussetzungen mitbringen. noch im beruflichen Kontext benutzbar sind. Dem stehen Klassen gegenüber, in denen viele Kinder Entwicklungsrückstände aufweisen und die Leistungs- Entwicklungsunterschiede im unterschiede extrem groß sind. Das könnte bedeuten, dass in solchen Klassen auch bei einer Doppelbeset- Schuleingangsbereich zung und einem Unterricht von hoher Qualität nicht Die Entwicklungsunterschiede von SchulanfängerIn- alle Kinder dort abgeholt werden können, wo sie stehen. nen sind enorm. In einer Untersuchung von Lenart/ Holzer/Schaupp wurden 2005 in 21 Schulklassen die VolksschullehrerInnen stehen also sehr unterschiedli- Vorläuferfähigkeiten von SchulanfängerInnen für die chen Herausforderungen gegenüber, was die Lernvor- Bereiche Lesen/Schreiben und Mathematik erhoben. aussetzungen ihrer SchülerInnen betrifft. Unter den Das folgende Diagramm in Abbildung 1 zeigt die Leis- derzeitigen Rahmenbedingungen ist anzunehmen, dass tungsverteilung für den Bereich Mathematik. Aus die- nicht alle Klassen „effizient unterrichtbar“ sind. Ent- ser Grafik ist ersichtlich, dass es zwischen den einzel- wicklungsrückstände im Bereich der Sprache, der Mo- nen Klassen beachtliche Unterschiede hinsichtlich der torik, der Wahrnehmung und der sozial-emotionalen Lernausgangslage und der Streuung innerhalb der Klas- Kompetenzen lassen sich nicht mit einem kurzen „In-Norbert Holzer sen gibt. Daraus lassen sich zwei Extreme beschreiben: tensivtraining“ oder ausschließlich durch offene Lern-Lehrbeauftragter an der KPH Graz angebote beheben, sondern brauchen langfristige,für Didaktik der Mathematik • Es gibt Klassen von SchulanfängerInnen, diagnosegeleitete Interventionen. Eine solche umfas- in denen nur einige wenige Kinder übernorbert.holzer@aon.at sende Förderarbeit ist mit den gegebenen schulischen optimale Lernvoraussetzungen verfügen und gleichzeitig die Streuung von sehr Ressourcen flächendeckend als unrealistisch einzu-Ko-AutorInnenFriederike Lenart und Hubert Schaupp gut entwickelten Voraussetzungen bis zu schätzen. Damit werden in der Folge durchaus erkenn- gravierenden Entwicklungsrückständen reicht. bare Probleme nicht entsprechend bearbeitet und weitergeschleppt. • Es gibt Klassen, in denen fast ausschließlich Kinder mit gut entwickelten Langzeitstudien von Weinert, Klicpera/Gasteiger-Klic- Lernvoraussetzungen sind und dieNach neun Jahren Schulpflicht: pera, Krajewsky und anderen belegen, dass Lernprob- leistungsschwächsten Kinder sich auf einem durchschnittlichen Niveau befinden. Diese leme ohne gezielte, individuelle Intervention langfristig weiter bestehen (vgl. Klicpera/Gasteiger-Klicpera 1998,Basisbildung „Nicht genügend“ leistungsfähigen Klassen weisen also gleichzeitig eine besonders geringe Streuung auf. S. 222). Krajewski untersuchte 153 Kindergartenkinder hinsichtlich relevanter mathematischer Vorläuferfähig-Die Schulbiografie von Menschen mit Basisbildungsdefiziten keiten und verfolgte ihre Entwicklung bis zum Ende der Grundschulzeit.dargestellt am Bereich Mathematik „Das mengen- wie das zahlenbezogene Vorwissen konnten als spezifische Vorläuferfertigkeiten schuli- scher Mathematikleistungen identifiziert […] werden.Es gibt ausreichend Daten und Fakten dafür, dass es zum Schulaustritt. Dargestellt wird die Entwicklung Kinder, die im Kindergartenalter an den Aufgaben zumunserem Schulsystem nicht gelingt, allen Abgänge- exemplarisch für den Bereich Mathematik, da dieser Mengen- und Zahlenvorwissen gescheitert sind, warenrInnen eine Basisbildung zu vermitteln, die in unserer Bereich in den Unterstützungsangeboten oft noch eine auch diejenigen, die später in der Schule Probleme imZeit und in unserer Gesellschaft für eine selbststän- untergeordnete Rolle einnimmt. Genauer beleuchten mathematischen Anfangsunterricht hatten und einedige Lebensbewältigung und Lebensgestaltung erfor- möchte ich den Schuleingangsbereich, den Übergang Rechenschwäche zeigten.“ (Krajewski 2003, S. 211).derlich ist. Die empirischen Daten kommen sowohl von von der Volksschule in die Hauptschule/AHS sowie deninternationalen Vergleichsstudien als auch von Erhe- Schulaustritt bzw. das Ende der Schulpflicht. Für alle Lernstandsanalyse beimbungen aus dem Bereich der Wirtschaft. Wenn nun in drei Bereiche werden empirische Untersuchungen undÖsterreich mit viel finanziellem und personellem Auf- konkrete Fallbeispiele angeführt und kommentiert. Übergang von der Volksschulewand die Etablierung von Bildungsstandards im Sinne Abb. 1: Leistungsverteilung mathematischer Vorläuferfähigkeiten von 21 Schulklas- sen zu Schulbeginn 2005 (Steiermark). Auf der waagrechten Koordinate ist jeweils in die Hauptschule /  HS Aeiner „Outputmessung“ vorangetrieben wird, so ist Die Untersuchungen belegen, dass es der Volksschule die Anzahl der richtig gelösten Beispiele dargestellt, auf der senkrechten Koordi-davon einmal lediglich eine Bestätigung von ohnehin nicht gelingt, Entwicklungsrückstände von Schulan- nate die Anzahl der Kinder. Untersuchungen am Ende der Volksschule bzw. beim Das Klassendiagramm 1. Reihe / 2. Spalte ist ein Beispiel für eine Klasse mit wenigbekannten Fakten zu erwarten. fängerInnen aufzuarbeiten. Insgesamt scheinen die leistungsstarken Kindern und einer großen Streuung. Eintritt in die Sekundarstufe I bestätigen die Stabili- Das Klassendiagramm 3. Reihe / 5. Spalte ist ein Beispiel für eine Klasse mit vielen Rahmenbedingungen eher ein „Weiterschieben der leistungsstarken Kindern und einer geringen Streuung. tät von Lernproblemen. Mit den von Lenart/Holzer/Wie kommt es nun dazu, dass SchülerInnen nach neun Probleme“ zu begünstigen. Die Hauptschule ist da- Schaupp entwickelten Eggenberger Rechentests kannJahren Schulpflicht nicht über ausreichende Kompe- durch bei einem Teil ihrer SchülerInnen mit gravieren- das Lernstandsprofil vor allem der SchülerInnen im un-tenzen im Bereich Lesen, Schreiben, Mathematik und den Lernrückständen konfrontiert, die bis in die zweite Für die Unterrichtsrealität haben diese Daten be- teren Viertel der Normalverteilung sehr differenziert er-im Umgang mit Informationstechnologien verfügen? Volksschulstufe zurückreichen. In der Regel werden trächtliche Folgen. Demnach gibt es Klassen, die auch fasst werden. Die folgende Tabelle zeigt den Aufbau desUm diese Lernentwicklung zu beschreiben, möchte ich trotzdem die Lehrplaninhalte der Sekundarstufe I im mit einer SchülerInnenzahl von 25 ohne größere Prob- ERT 4+ (Ende 4. Schst. bis Halbjahr 5. Schst.) und dieeinen Bogen spannen vom Schuleingangsbereich bis Unterricht durchgenommen. Aufgrund der fehlenden leme alleine von einer Lehrperson unterrichtet werden erfassten Inhalte.Seite 82 Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis. Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis. Seite 83
    • BILDUNG I Holzer I Basisbildung „Nicht genügend“ Basisbildung „Nicht genügend“ I Holzer I BILDUNGTabelle 1: Skalen und Faktoren des ERT 4+ ein Schüler/eine Schülerin z.B. bei den Zahlennachbarn SchülerInnen unter einem Prozentrang von 16 sind erfah- von den sechs Beispielen nur zwei richtig, so kann mit gro- rungsgemäß nicht in der Lage, dem Unterricht ihrer Schul- Faktor Skalenbenennung Erfassungsinhalt Aufgabenbeschreibung ßer Wahrscheinlichkeit davon ausgegangen werden, dass stufe zu folgen, da ihnen wesentliche Voraussetzungen da- Zahl vor und nach einer von 100 SchülerInnen im selben Alter nur 16 SchülerIn- für fehlen. A1 (Zahlennachbarn) Zahlenraumorientierung gegebenen Zahl aufschreiben nen ein gleiches oder noch schlechteres Ergebnis erzielen, Fehlende Zahl in einer alle übrigen ein besseres. Löst jemand mehr Beispiele rich- Insgesamt könnte man dieses Ergebnis 1 A 2 (Zahlenreihen) Logische Zahlenabfolgen Zahlenreihe einsetzen tig als der kritische Wert angibt, so gehört er leistungsmä- folgendermaßen interpretieren: Mathematische ßig nicht mehr zu den unteren 16 Prozent der von einer Re- Mechanische Abläufe wie der Algorithmus der schrift- Ordnungsstrukturen Grafisch dargestellte Menge mit Tausendern, Hundertern, chenschwäche betroffenen österreichischen Schülerschaft. lichen Addition oder Subtraktion sind auch für schwa- A 3 (Menge-Zahl–Zuordnung) Menge-Zahlrepräsentanz che SchülerInnen eintrainierbar. Bei den Geldmaßen ist Zehnern und Einern als Zahl aufschreiben Tabelle 2: Skalen des ERT 4+ wohl der alltägliche Zugang der förderliche Faktor. Beim Additionen und und kritische Werte Auswendiglernen der 1x1-Reihen stoßen aber schon ei- Addieren / Subtrahieren Subtraktionen, z.B.: nige an die Grenzen ihrer Merkfähigkeit, woraus sich un- A 4 (Rechnen halbschriftlich) Nr. Skalenbenennung Max. Punkte krit. Werte halbschriftlich vermeidlich Probleme bei der schriftlichen Multiplikation 14 000 + 3 000 = _____ 1 Zahlennachbarn 6 ≤2 2 Zahlenreihen 6 ≤2 und Division ergeben. Maßumwandlungen erfordern ein Additive und subtraktive A 5 (Rechnen mit Platzhalter) Operatives Rechenverständnis 3 Menge-Zahl-Zuordnung 6 ≤3 entsprechendes Faktenwissen (Wie viele Gramm hat ein Ergänzungen 4 Rechnen halbschriftl. 6 ≤2 Kilogramm?) und eine sichere Orientierung im Stellen- Schriftliche Additionen mit 5 Rechnen m. Platzhalter. 6 ≤2 wertsystem. Textaufgaben sind ohne ein tragfähiges Ope- B 6 (Addieren schriftlich) Addieren nach Algorithmus 2 2 bzw. 3 Summanden rationsverständnis nicht lösbar. Oberflächlich betrachtet 6 Addieren schriftlich 5 ≤3 Algebraische Strukturen scheint beim Unterricht der Schwerpunkt zu sehr auf ein Subtrahieren nach 7 Subtrahieren schriftlich 5 ≤3 B 7 (Subtrahieren schriftlich) Schriftliche Subtraktionen Algorithmus 8 Multiplizieren 5 ≤2 mechanisches Eintrainieren von mathematischen Fertig- 9 Dividieren 5 ≤1 keiten gelegt zu werden und zu wenig auf ein wirkliches Schriftliche Multiplikationen Multiplizieren nach 10 Geldmaße 5 ≤3 Verständnis der grundlegenden mathematischen Konzepte. B 8 (Multiplizieren) mit zweistelligem Algorithmus Multiplikator 11 Zeitmaße 5 ≤1 12 Längenmaße 5 ≤2 Diese Testergebnisse liefern eine Eingrenzung der Symp- Schriftliche Divisionen mit B 9 (Dividieren) Dividieren nach Algorithmus 13 Flächenmaße 5 =0 tome und ermöglichen so ein gezieltes „Symptomtraining“. ein- bzw. zweistelligem Divisor 14 Massenmaße 5 ≤2 Bei einer vertiefenden Einzeldiagnose kann sich jedoch C 10 (Geldmaße) Geldmaßbeziehungen Maßbeziehungen > < = 15 Textrechnungen 8 ≤2 auch herausstellen, dass bei einigen Beispielen zwar ein (Angewandte Mathematik) richtiges Ergebnis ausgerechnet wurde, aber ein Verständ- Umwandlungsaufgaben, C 11 (Zeitmaße) Zeitmaßbeziehungen z.B.: 147 min = ___h ___min nis des mathematischen Konzeptes trotzdem nicht gege- Umwandlungsaufgaben, Betrachtet man nun die kritischen Werte, so sieht man, ben ist. Häufig werden Missverständnisse und Fehlvorstel- 3 C 12 (Längenmaße) Längenmaßbeziehungen z.B.: 12 000 m = ___km dass bei den einzelnen Skalen unterschiedlich viele Bei- lungen in Bezug auf Rechenoperationen, Stellenwert und Größenbeziehungen spiele gelöst werden müssen, um nicht zu den unteren 16 weitgehend fehlende Vorstellungen von Größen (Maßein- Umwandlungsaufgaben, C 13 (Flächenmaße) Flächenmaßbeziehungen Prozent zu gehören. Damit wird ersichtlich, in welchen Be- heiten) sichtbar. Dazu zwei Beispiele: z.B.: 600 dm² = ____m² reichen die österreichischen SchülerInnen am Beginn der C 14 (Massenmaße)* Massenmaßbeziehungen Umwandlungsaufgaben, fünften Schulstufe über gute Kompetenzen verfügen und Beispiel 1: Stellenwert z.B.: 1t = ___kg in welchen Bereichen nur sehr eingeschränkte Kenntnisse Eine Schülerin am Ende der vierten Schulstufe wird in ei- 4 Lösen von Textaufgaben, vorhanden sind. Zur Interpretation der Ergebnisse muss ner außerschulischen Fördereinheit aufgefordert, mit Ma- C 15 (Textrechnungen) Textaufgaben vorweg noch betont werden, dass alle Aufgaben dem Lehr- terial die Menge 14 zu legen. Dazu steht ihr Stellenwert- Angewandte Mathematik Ergebnis aufschreiben plan und somit dem Soll-Plan dieser SchülerInnengruppe material in Form von Einerwürfeln, Zehnerstangen und entsprechen. Hunderterplatten zur Verfügung. Sie legt eine Zehner- Für die Normierung des ERT 4+ wurden die Testergeb- Die Tests geben keine genaue Auskunft darüber, ob eine stange und vier Einerwürfel dazu. Der Trainer beginnt dienisse von 808 SchülerInnen verrechnet. Bei der Testent- Schülerin/ein Schüler mit ihrem/seinem Leistungsniveau • Die Stärken liegen eindeutig beim schriftlichen Menge 14 mit Einerwürfel zu legen. Daraufhin stellt diewicklung wurden die einzelnen Beispiele im Rahmen von im durchschnittlichen oder überdurchschnittlichen Be- Addieren und Subtrahieren sowie bei den Schülerin fest: „So geht das aber nicht!“ Auf die Frage desmehreren Voruntersuchungen in ihrem Schwierigkeitsgrad reich liegt. Diese förderdiagnostische Zugangsweise unter- Geldmaßen. Hier werden von 84 Prozent mehr Trainers, warum das so nicht geht, antwortet sie: „Wir müs- als drei von fünf Beispielen richtig gelöst.so lange angepasst, dass sie vom überwiegenden Teil der scheidet sich somit deutlich von Bildungsstandards, bei sen in der Schule immer Zehnerstangen nehmen!“SchülerInnen gelöst werden konnten. Bei den Beispielen denen ein Leistungsniveau vorgegeben wird. Bei einer Test- • Absolute Schwachstellen sind das Dividieren, diewurde auch darauf geachtet, dass sie in ihrer Aufgabenstel- konzeption im Sinne der Bildungsstandards sind aus den Zeitmaße und die Flächenmaße. Hier müssen von Erst im Laufe einer längeren Diskussion und dem Durch-lung genau in der Art und Weise waren, wie sie in den häu- Ergebnissen nur mehr sehr bedingt Fördermaßnahmen fünf Beispielen nur zwei richtig gelöst werden; bei arbeiten von mehreren Beispielen lässt sich die Schülerinfig verwendeten Schulbüchern vorkommen. Die Lösungs- ableitbar. den Flächenmaßen reicht sogar ein Beispiel, um davon überzeugen, dass „vierzehn“ auch mit vierzehn ein-wahrscheinlichkeiten der einzelnen Items bewegen sich nicht mehr zu den unteren 16 Prozent zu gehören. zelnen Würfeln gelegt werden kann.zwischen rund 40 Prozent und 90 Prozent. Durch diese An- Ein Nebenprodukt der Entwicklung der Eggenberger Re- • Auch das Bearbeiten von Textaufgaben musspassung des Schwierigkeitsgrades an das untere Leistungs- chentests ist eine Erfassung des IST-Standes der österrei- zu den Schwachstellen gerechnet werden (vonniveau liefert der Test mit seinen Ergebnissen ein nützli- chischen Schülerschaft im Bereich Mathematik von der ers- acht Beispielen müssen drei gelöst werden).ches Profil für die SchülerInnen des unteren Viertels der ten bis zur fünften Schulstufe. Dazu nun einige ErgebnisseNormalverteilung. Für diese Gruppe werden dadurch die für den Beginn der fünften Schulstufe. In der Tabelle 2 sind • Bei den übrigen Skalen wirdindividuellen Stärken und Schwächen deutlich erkennbar. neben der Skala jeweils die maximal erreichbare Punkte- ersichtlich, dass von rund 16 Prozent der österreichischen Schülerschaft nurSo ist es möglich, aus den Testergebnissen ganz konkrete zahl und ein kritischer Wert angegeben. Der kritische Wert weniger als die Hälfte der vorgegebenenFörderschwerpunkte abzuleiten. entspricht einem Prozentrang von 16. Das bedeutet: Hat Beispiele richtig gelöst werden kann.Seite 84 Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis. Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis. Seite 85
    • BILDUNG I Holzer I Basisbildung „Nicht genügend“ Basisbildung „Nicht genügend“ I Holzer I BILDUNGBeispiel 2: Subtraktion Was lernen schwache Die Tabelle 3 zeigt das Profil einer dritten Leistungsgruppe einem PR von 27 knapp darüber. Bei der oben beschriebe- Ein Schüler am Ende der vierten Schulstufe wird aufgefor- zu Beginn der fünften Schulstufe. Der Prozentrang der „Ma- nen Testkonzeption verfügt somit kein Kind über die Lehr-dert, die Rechnung 8-5 = auszurechnen. Er schreibt ohne SchülerInnen in der Haupt- thematischen Leistung“ (Spalte ganz rechts) zeigt, dass alle planvorgaben der vierten Schulstufe der Volksschule. Beilange zu überlegen als Ergebnis die Zahl 3 dazu. Anschlie-ßend wird er aufgefordert, diese Rechnung mit Material zu schule in Mathematik dazu? SchülerInnen im Grunde im unteren Leistungsviertel liegen (respektive Fehlervarianz). Ein einziges Ergebnis liegt mit den Kindern mit einem Prozentrang von 0 und 1 sind Lern- rückstände von zwei bis drei Schuljahren anzunehmen.zeigen. Dazu legt er acht Würfel untereinander und dane- Testergebnisse mit dem ERT 4+ zeigen, dass sich in denben fünf Würfel. Auf die Frage, wie er jetzt zu seinem Ergeb- dritten Leistungsgruppen der Hauptschule fast ausschließ- Tab. 3: Klassenprofil einer 3. Leistungsgruppe der Hauptschule (ländlicher Bereich)nis von „3“ komme, antwortet er: „Da muss ich hier die 5 lich rechenschwache Kinder befinden. Bei Einzeldiagno-wegnehmen und von den 8 auch noch einmal 5. Dann blei- sen werden häufig Lernrückstände sichtbar, die bis in die ERT 4+ Klassenprofilben 3 übrig.“ Auch bei zwei weiteren Beispielen bleibt er zweite Volksschulstufe zurückreichen.beim gleichen Handlungsablauf. Er legt immer beide Zah- Klasse: HS LG 3 Datum: Sept.len der Subtraktion und nimmt den Subtrahenden zwei- Übliche Defizite Name Faktor 1 Faktor 2 Faktor 3 Faktor 4 Mathem. Leistungmal weg. Auf die Frage, ob er denn die zweite Zahl über- • Zahlenraum 10 ist nicht vollständig automatisiert Ordnungsstrukturen Algebraische Größenbeziehungen Anwendunghaupt legen müsse, antwortet er: „Ja sicher, da stehen ja Strukturen (Textrechnen)zwei Zahlen!“ • Stellenwertverständnis ist nur Maximal- 18 32   25   8   83   oberflächlich verfügbar werte Es stellt sich in weiterer Folge heraus, dass er das Kon-   RW PR RW PR RW PR RW PR   PR • Zehnerüber- und -unterschreitungzept der Addition einfach auch auf die Subtraktion über- N.N. 8 10 24 38 17 53 5 63 54 27 werden zählend gelösttragen hat. N.N. 16 69 19 15 12 15 3 27 50 18 • 1x1-Reihen müssen mühsam errechnet werden N.N. 6 6 11 1 3 0 1 7 21 0 Denkweisen dieser Art sind keine Einzelfälle, sie wer- • Operationsverständnis für Multiplikation N.N. 13 35 20 18 15 32 1 7 49 12den nur in der herkömmlichen Unterrichtsweise sehr oft und Division ist nicht gegebennicht erkannt. N.N. 6 6 16 6 5 1 1 7 28 1 • Nur teilweise realitätsbezogene Vorstellungen N.N. 10 15 29 82 12 15 2 14 53 25 Würde man den ERT 4+ noch mit Aufgabenstellungen er- von Maßeinheiten und Probleme bei N.N. 17 84 18 12 16 41 2 14 53 25gänzen, die auch das zugrunde liegende mathematische deren Umwandlung (Es bereitet z.B. N.N. 15 56 16 6 11 10 1 7 43 11Konzept überprüfen, würde sich der Prozentsatz der auf- häufig Probleme, zwischen Umfang und Flächeninhalt zu unterscheiden) N.N. 9 12 17 9 9 5 0 2 35 1fälligen SchülerInnen wahrscheinlich noch weiter erhöhen.                      Kommentar zur Volksschule Was passiert nun mit solchen Kritische ≤ 10 ≤ 16 ≤ 19 ≤ 16 ≤ 12 ≤ 16 ≤2 ≤ 16 ≤ 48 ≤ 16 Kindern in der Hauptschule? Werte • Unter den derzeitigen Rahmenbedingungen scheint es der Volksschule nicht möglich zu sein, Entwicklungsrückstände von Auf der Basis der erhobenen Daten fehlen ihnen wesentli- SchulanfängerInnen aufzuarbeiten. che Voraussetzungen für die Erarbeitung des Mathematik- Auch hier ist wieder zu bedenken, dass bei vielen Aufga- Das Ergebnis stoffes der ersten Klasse in der Hauptschule. Hauptschul- benstellungen ein rein mechanisch errechnetes Ergebnis 9 SchülerInnen konnten einen • Langzeitstudien zeigen eindeutig, dass es nicht Subtraktion lehrerInnen stehen diesen Tatsachen oft ratlos gegenüber. zu einer richtigen Lösung führt, ohne dass der Rechenvor- Text dazu verfassen ausreicht, den Kindern einfach mehr Zeit zu In der Regel wird trotzdem mit den Inhalten des HS-Lehr- gang verstanden worden wäre. Im Rahmen einer BAC-Ar- Multiplikation 5 SchülerInnen konnten einen geben. Ohne gezielte langfristige Interventionen planes weitergearbeitet. Nachdem den SchülerInnen aber beit an der KPH Graz wurde einer Hauptschulklasse (am Text dazu verfassen bleiben die Lernprobleme aufrecht. die basalen Konzepte aus der Volksschule fehlen, haben sie Ende der fünften Schulstufe) zu den vier Grundrechnungs- Division 1 SchülerIn konnte einen Text dazu verfassen • Nur durch das Anbieten von Material nur die Möglichkeit, sich – so weit es geht – Abläufe aus- arten jeweils ein einfaches Beispiel aus der zweiten Schul- in freien Unterrichtsformen ist das wendig zu merken und zu reproduzieren. Da sich die An- stufe vorgegeben: 4+7 = / 18–9 = / 4x9 = / 32:8 = Auch in der ersten Schulstufe der AHS sind in vielen Klas- Problem ebenfalls nicht lösbar. zahl der mathematischen Fakten und Prozeduren von sen einzelne SchülerInnen mit einer ähnlichen Symptoma- Schulstufe zu Schulstufe ständig erhöht, werden diese im- Die SchülerInnen wurden aufgefordert, diese Rechnun- tik anzutreffen. • Die derzeitige rechtliche Regelung des Schuleingangsbereiches scheint ein mer häufiger miteinander verwechselt und es wird immer gen zu lösen und sich anschließend dazu eine Geschichte „Weiterschieben“ der Probleme zu begünstigen. schwieriger, im richtigen Moment zu einem Aufgabentyp auszudenken, die den operativen Rechenprozess wider- Kommentar zur Hauptschule die gesamte entsprechende mathematische Prozedur ab- spiegeln sollte. Für die Addition wurde eine „Beispielge- • Die Hauptschule (auch die AHS) ist mit zurufen, zuzuordnen und auszuführen. Deshalb ist es dann schichte“ vorgegeben. einer wachsenden Gruppe von SchülerInnen notwendig, vor einer Schularbeit nur eine begrenzte An- konfrontiert, die grundlegende Konzepte der zahl von Abläufen gut einzutrainieren. Bei der Schularbeit Es handelte sich um eine Integrationsklasse, die aus 16 Volksschule nur sehr eingeschränkt beherrscht. selbst müssen sie dann genau in der geübten Form kom- SchülerInnen bestand. Es waren fünf Mädchen und elf Kna- men, da sie bei geringfügigen Änderungen nicht mehr er- ben. Von den elf Knaben wurde einer nach dem Schwerstbe- • Diese Gruppe erhält häufig ein Lernangebot, das aufgrund fehlender Voraussetzungen nur in kannt werden. Dass auch intensiv geübte Prozeduren im- hindertenlehrplan und einer nach dem allgemeinen Sonder- Form von „eintrainierten Abläufen“ angeeignet mer wieder vergessen werden, ist ein weiteres verlässliches schullehrplan unterrichtet. Weiters befand sich ein Schüler und mechanisch reproduziert werden kann. Phänomen in diesem Zusammenhang. mit einem Verhaltens-SPF in dieser Klasse, der aber nach An- gaben der Lehrer keine Leistungsdefizite hatte. • Die Folge davon ist die mühsame Aneignung von „Scheinkompetenzen“, die nicht für die praktische Lebensbewältigung oder für berufliche Anforderungen benutzbar sind.Seite 86 Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis. Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis. Seite 87
    • BILDUNG I Holzer I Basisbildung „Nicht genügend“ Basisbildung „Nicht genügend“ I Holzer I BILDUNGSchulaustritt und sowohl während ihrer Hauptschulzeit als auch in der Poly- Kommentar zum Schulaustritt Literatur technischen Schule in der dritten Leistungsgruppe. Es wirdBerufseinstieg hier nicht das vollständige Unterrichtsgespräch wiederge- • Die Hauptschule ist mit Lernrückständen konfrontiert, die bis in die zweite Hollerer, L.; Seel, A. (2005) (Hrsg), Schultütenkinder. Herausforderung am Dr. Peter Härtel schreibt in einer Studie der Steirischen geben werden, sondern nur die wesentlichen Schritte einer Schulstufe der Volksschule zurückreichen Übergang Kindergarten:Schule. Graz: Leykamvolkswirtschaftlichen Gesellschaft: „Österreich ist im in- Einzelförderung. Geleitet von den Antworten der Schülerin – auch im ländlichen Bereich. Höllbacher, M.; Fülle, S.; Härtel, P. (2009),ternationalen Vergleich sehr erfolgreich, was die Einglie- wird die ursprüngliche Aufgabenstellung immer wieder ad- „Aufnahmekriterien für Lehrlinge“ Ergebnissederung junger Menschen in weitere Bildungs- und Berufs- aptiert, bis schließlich die relevante Förderebene erkenn- • HauptschullehrerInnen sind sowohl von den einer Befragung steirischer Betriebe. Studie Rahmenbedingungen als auch auf didaktisch-wege betrifft. Der hohe Anteil – ca. 80  % – Jugendlicher bar wird. im Rahmen der Entwicklungspartnerschaft methodischer Ebene mit diesen Anforderungenzwischen 15 und 19 Jahren, die sich in berufsbildenden Bil- In.Bewegung II Netzwerk Basisbildung und überfordert und oft alleine gelassen.dungswegen befinden – sowohl vollzeitschulisch als auch Beispiel 3: Schlussrechnung Alphabetisierung E-1.1-060. Graz: Steirischedual – ist dafür eine wesentliche Voraussetzung.“ (Höllba- • Die in der Sekundarstufe vermittelten Volkswirtschaftliche Gesellschaft Aufgabe:cher 2009, S. 5) mathematischen Inhalte scheinen sich nur Holzer, N.; Lenart, F.; Schaupp, H (2010), ERT 3+ 5 Dosen kosten 2,90 E. Wie viel kostet eine Dose? teilweise mit den Anforderungen aus der Eggenberger Rechentest. Diagnostikum für Nicht möglich! Berufswelt zu decken. Dies bedarf aber noch Dyskalkulie für das Ende der 3. Schulstufe bis Aus dieser an sich positiven Darstellung lässt sich aber ab- Vermutung: Division mit Dezimalbrüchen einer genaueren empirischen Abklärung. Mitte der 4. Schulstufe. Bern: Huber, Hogrefe AGleiten, dass doch rund 20 Prozent an dieser Eingliederung wird nicht beherrscht. Kilcpera, Ch.; Gasteiger-Klicpera B. (1998),scheitern oder zumindest ein mittel- oder langfristiges • Hinsichtlich der effizienten alltäglichen Psychologie der Lese- und Schreibschwierigkeiten.Problem in ihrer Lebensgestaltung haben. In dieser Studie Aufgabenstellung zur Überprüfung der Vermutung: Lebensbewältigung würde der Mathematikstoff Entwicklung, Ursachen, Förderung.wurden 338 Betriebe hinsichtlich ihrer Aufnahmekriterien 5 Dosen kosten 2 E der ersten sechs Schulstufen genügen; bei Weinheim: Psychologie Verlags Unionfür Lehrlinge befragt. Diese befragten Betriebe sind insge- leistungsschwachen SchülerInnen würde Nicht möglich! Krajewski, K. (2003), Vorhersagesamt für über 2.000 Lehrlinge verantwortlich. es vermutlich sinnvoll sein, sich darauf zu Vermutung: Es sind nur Divisionen ohne Rest möglich. beschränken, dieses aber nachhaltig zu sichern. von Rechenschwäche in der Grundschule. Hamburg: Kovac Das Ergebnis: Persönliche und soziale Kompetenzen ste- Aufgabenstellung zur Überprüfung der Vermutung: • Durch das Festhalten am Lehrplan werden Lenart, F.; Holzer, N.; Schaupp, H. (2007),hen an erster Stelle. Dazu zählen Zuverlässigkeit, Sorgfalt 4 Dosen kosten 2 E häufig nur mechanisch reproduzierbare Heterogenität im Schuleingangsbereich.und Leistungsbereitschaft bei den persönlichen Kompe- Das kann im Kopf ausgerechnet und erklärt werden Scheinkompetenzen erworben. Das hat in Unveröffentlichte Langzeitstudie übertenzen und gute Umgangsformen und Teamfähigkeit bei (50c + 50c + 50c + 50c = 2 E). Es ist aber nicht möglich der Regel bei den betroffenen Jugendlichen die Entwicklung der Leistungsstreuungden sozialen Kompetenzen. An dritter Stelle liegt bereits die entsprechende Division dazu anzugeben. Frustration und Resignation zur Folge. von Schulbeginn bis Ende der zweitendie Mathematik, etwa gleichauf mit „stabilen Familienver- Schulstufe. Graz: KPH Graz Vermutung: Durch den alltäglichen Umgang mithältnissen“. Danach erst folgen die Bereiche Deutsch undEnglisch. Wobei Englisch eine sehr untergeordnete Rolle zu Geldmünzen kann diese Aufgabe gelöst werden. Ein Operationsverständnis der Division ist nicht gegeben. Schlussbemerkung Lenart, F.; Holzer, N.; Schaupp, H. (2008), ERT 2+ Eggenberger Rechentest. Diagnostikum fürspielen scheint. Für den Bereich Mathematik wird ausge- Ähnliche Lernentwicklungen könnten auch im Bereich Dyskalkulie für das Ende der 2. Schulstufe bisführt: „Am wichtigsten war den befragten UnternehmerIn- Aufgabenstellung zur Überprüfung der Vermutung: Lesen und Rechtschreiben aufgezeigt werden. Eine „Out- Mitte der 3. Schulstufe. Bern: Huber, Hogrefe AGnen, dass Jugendliche Kopfrechnen, schätzen, runden kön- 12 : 3 = putmessung“, wie sie mit den Bildungsstandards ange- Schaupp, H.; Holzer, N.; Lenart, F. (2007), ERT 1+nen und Maßeinheiten kennen. Demgegenüber steht, dass Kann sofort im Kopf ausgerechnet werden. Eine strebt wird, kann allein keine Veränderung bewirken. Hier Eggenberger Rechentest. Diagnostikum fürnur ca. ein Drittel der Jugendlichen ausreichend über diese entsprechende Materialhandlung kann nicht dürfte wohl eine gediegene, langfristige Zusammenarbeit Dyskalkulie für das Ende der 1. Schulstufe bis demonstriert werden, und es ist auch nicht möglich, zu Mitte der 2. Schulstufe. Bern: Huber, Hogrefe AGKenntnisse verfügt. Das Begründen von Rechenschritten von schulischen und außerschulischen Kräften erforder-sowie das Verstehen von Lösungswegen werden von 70 % dieser Rechnung eine Sachsituation zu beschreiben. lich sein. Aber auch wenn es uns überraschenderweise ge- Schaupp, H.; Holzer, N.; Lenart, F. (in Konsequenz: Die Bearbeitung der ursprünglichen Vorbereitung), ERT 4+ Eggenbergerder AusbildnerInnen mit sehr wichtig oder wichtig einge- lingen sollte, vorbildliche Rahmenbedingungen und ei- Aufgabenstellung ist vorläufig abzubrechen. Rechentest. Diagnostikum für Dyskalkulieschätzt, die tatsächliche Kompetenz der Lehrlinge jedoch nen qualitativ hochwertigen Unterricht flächendeckend Es kann sofort an einem grundlegenden für das Ende der 4. Schulstufe bis Mitte dernur von knapp 19 % als sehr gut oder gut bewertet.“ (Höll- umzusetzen, wird es vermutlich eine Gruppe von Schüler- 5. Schulstufe. Bern: Huber, Hogrefe AG Operationsverständnis der Division gearbeitet werden.bacher 2009, S. 27) Innen geben, die den Anforderungen unserer Gesellschaft Schilcher, S. (2009), Lernstandsanalysen nicht entsprechen werden. Wir werden uns auf jeden Fall als Ausgangslage für den inklusiven Diese Einschätzungen durch UnternehmerInnen und Solche Arbeitssequenzen werden immer wieder durch der Frage stellen müssen, welchen Platz wir diesen Men- Mathematik-Unterricht – Offenes Lernen alsAusbildnerInnen decken sich weitgehend mit den Er- intensive Gefühle und durch Aussagen wie „Ich kann halt schen zuweisen. Voraussetzung für Inklusion. Unveröffentlichtegebnissen von Voruntersuchungen von Lenart/Holzer/ Mathematik nicht“ unterbrochen. BAC-Arbeit an der KPH GrazSchaupp im Rahmen der Testentwicklung des ERT 8+.Der ERT 8+ ist ein gemeinsames Entwicklungs- und For- Insgesamt kann für diese SchülerInnengruppe angenom-schungsprojekt der KPH Graz und ISOP mit dem Ziel, Ba- men werden, dass anwendungsorientierte mathematischesisbildnerInnen ein ökonomisches und förderdiagnosti-sches Lernstandserfassungsinstrument für den Bereich Aufgabenstellungen nicht lösbar sind, weil grundlegende Konzepte aus der Volkschule nicht verfügbar, sondern bes- Der AutorMathematik zur Verfügung zu stellen. tenfalls mechanisch reproduzierbar sind. Die meisten die- Dipl.Päd. Norbert Holzer Lehrbeauftragter an der KPH Graz für Didaktik ser SchülerInnen haben zudem aufgrund ihrer Lernbiogra- der Mathematik und den Akademielehrgang Bestätigt können diese Daten auch durch konkrete Erfah- fie das Vertrauen in ihr eigenes Denken verloren. „Förderung bei Legasthenie/Dyskalkulie“. Mitarbeiterrungen aus der Einzelförderung von Jugendlichen werden. an Forschungsprojekten zu Rechenschwäche/Exemplarisch möchte ich hier eine Sequenz aus der Arbeit Dyskalkulie. Mitautor der Eggenberger Rechentests.mit einer Schülerin der Polytechnischen Schule wieder- Mitarbeiter des Regionalen Fachdidaktikzentrumsgeben. Die Einzelförderung wurde initiiert, da die Schü- für Mathematik und Geometrielerin erfreulicherweise eine Zusage für eine Lehrstelle als KPH GrazKfz-Mechanikerin hatte, aber dafür völlig unzureichende www.kphgraz.atmathematische Kenntnisse aufwies. Diese Schülerin war norbert.holzer@aon.atSeite 88 Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis. Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis. Seite 89
    • BILDUNG I Rath I Basisbildung und Gesundheit Basisbildung und Gesundheit I Rath I BILDUNG Soziale Ungleichheit (Unterschiede in Bildung, Berufsstatus, Einkommen) Unterschiede in Unterschiede Unterschiede den gesundheitlichen in den Bewältigungs- in der Belastungen ressourcen gesundheitlichen (z.B. Belastungen am (z.B. soziale Unterstützung) Versorgung Arbeitsplatz) (z.B. Arzt-Patient-Kommunikation)Otto Rath Unterschiede beim Gesundheits- und KrankheitsverhaltenGesamtkoordinator von In.Bewegung, ISOP GmbH (z.B. Ernährung, Rauchen, Compliance)otto.rath@isop.at Gesundheitliche Ungleichheit (Unterschiede in Morbidität und Mortalität) Quelle: Mielck 2000 (auf Basis von Elkeles/Mielck 1997)Basisbildung und Gesundheit sene mit geringer Basisbildung krank, hat deshalb keinen Arm und Reich — gesunde GesellschaftenDer Faktor Bildung im Kreislauf von sozialer Job oder ist privat unglücklich. Der Bildungsgrad ist auch nicht allein verantwortlich für soziale und gesundheitliche Untersuchungen zum Zusammenhang von Gesund- heit und sozialer Struktur der Gesellschaft führen zu ähn-und gesundheitlicher Ungleichheit Ungleichheit, daher reichen Maßnahmen im Bereich der Bil- lichen Erkenntnissen, wie wir sie aus soziologischen Stu- dung allein auch sicher nicht aus, um diese Ungleichheiten dien, etwa zur Arbeitslosigkeit oder Armut, und vor allem zu verändern. Maßnahmen müssen an mehreren Systemen auch aus bildungssoziologischen Untersuchungen kennen:Basisbildungsmängel stellen Menschen vor existenzbe- ziale Ungleichheit bewirkt auch Unterschiede in der Ver- ansetzen und aufeinander abgestimmt sein. Je weiter sich die Schere zwischen Armen und Reichen indrohende Schwierigkeiten. Der Artikel nimmt eine Be- sorgung, etwa in der Kommunikation zwischen Arzt und einer Gesellschaft öffnet, desto stärker kommt soziale Be-standsaufnahme des Zusammenhanges Basisbildung und Patient, wenn gesundheitsrelevante Informationen nicht In der Beschreibung der benachteiligten Bevölkerungs- nachteiligung zum Tragen. Die PISA-Studie zeigt, dass jeneGesundheit vor und lehnt sich dabei an ein Modell an, das beim Empfänger ankommen. Die genannten Faktoren be- gruppen ist es wichtig, horizontale und vertikale Merkmale Länder mit den geringsten Differenzen zwischen den bes-von der Wechselwirkung zwischen sozialer und gesund- einflussen darüber hinaus das Gesundheitsverhalten, je zu kombinieren. Unter vertikaler sozialer Ungleichheit wer- ten und den schlechtesten Leistungen insgesamt am bes-heitlicher Ungleichheit ausgeht (Mielck, 2005). Die ein- niedriger der soziale Status ist, desto gesundheitsriskanter den Unterschiede in Bildung, Beruf und Einkommen ver- ten abschneiden.zelnen Wirkungszusammenhänge dieses Modells werden ist das Verhalten: Die Lebensweise ist weniger gesundheits- standen, sie bewirkt eine Einordnung in eine soziale Hierar-an der Schnittstelle Basisbildung und Gesundheit fokus- fördernd, Anweisungen der Ärzte werden nicht verstanden chie. Horizontale soziale Ungleichheit bezieht sich auf Alter, Sozialer Zusammenhalt verbessert die Gesundheit, wiesiert. Aus der Bestandsaufnahme werden mögliche Inter- und nicht befolgt, Vorsorgeuntersuchungen werden weni- Geschlecht, Nationalität, Familienstand etc. (Mielck, 2005, S. Autoren wie Marmot und Wilkinson immer wieder beto-ventionsmaßnahmen abgeleitet. ger in Anspruch genommen. In weiterer Folge manifestie- 8.) Spezifische Beschreibungen der Problemlagen werden nen: Sozialer Zusammenhalt – definiert als die Qualität der ren sich diese Parameter in gesundheitlicher Ungleichheit, erst durch dieses Vorgehen möglich – mangelnde Basisbil- sozialen Beziehungen und das Vorhandensein von Vertrauen,Der Kreislauf von sozialer und die ihrerseits weitere soziale Ungleichheit bedingt. dung wirkt etwa bei Migrant/innen noch stärker benachtei- gegenseitigen Verpflichtungen und Respekt in der Gemein-gesundheitlicher Ungleichheit ligend als bei Personen mit deutscher Muttersprache. schaft oder in der Gesellschaft – hilft, die Menschen und ihre Soziale Ungleichheit lässt sich über die Parameter Bil- Bildung wirkt in diesem Kreislauf durch die systemischen Gesundheit zu schützen. Ungleichheit führt zum Zerfall gu-dung, Berufsstatus und Einkommen und deren systemi- Zusammenhänge mit Berufsstatus und Einkommen, unter Auch wenn in der soziologischen Diskussion betont wird, ter sozialer Beziehungen. Gesellschaften mit großen Ein-sches Zusammenwirken darstellen. Diese Ungleichheit anderem über den Faktor Arbeitslosigkeit, spielt aber auch dass keine klar unterscheidbaren sozialen Schichten mehr kommensunterschieden verfügen über geringeren sozialenführt zu unterschiedlichen Belastungen einerseits und zu an den einzelnen beschriebenen Elementen des Kreislaufs vorhanden sind, lässt sich nachweisen, dass Personen aus Zusammenhalt und erleben mehr Kriminalität. Ein großesunterschiedlichen Bewältigungsressourcen in Bezug auf von Armut und Krankheit eine Rolle, indem sie Schwierig- den unteren Statusgruppen kränker sind und kürzer leben. Maß an wechselseitiger Unterstützung schützt die Gesund-Gesundheit andererseits, wobei es nicht nur um die objek- keiten verstärkt: So ist Bildung etwa eine wichtige Ressource, Empirische Erhebungen legen nahe, dass mangelnde Basis- heit, wohingegen der Zusammenbruch von sozialen Bezie-tiven Belastungen des Menschen geht, sondern auch um die die Bilanz mit den Belastungen positiv verändern kann, bildung hauptsächlich in den unteren Statusgruppen vor- hungen als Folge wachsender Ungleichheit das Vertrauenseine Möglichkeiten, mit diesen Belastungen umzugehen. Bildung spielt auch eine zentrale Rolle in der Arzt-Patienten- kommt, und die Kombination aus schlechter Bildung, Leben beeinträchtigt und das Ausmaß an Gewalt erhöht. (MarmotMit anderen Worten: Entscheidend ist die Bilanz aus ge- Beziehung. Menschen mit geringer Bildung tragen also ein an der Armutsgrenze und Krankheit definiert de facto eine & Wilkinson, S. 27f.)sundheitlicher Belastung und Bewältigungsressourcen. So- höheres Gesundheitsrisiko. Trotzdem ist nicht jeder Erwach- sozial benachteiligte Schicht in unserer Gesellschaft.Seite 90 Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis. Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis. Seite 91
    • BILDUNG I Rath I Basisbildung und Gesundheit Basisbildung und Gesundheit I Rath I BILDUNGUnterschiede in den Belastungen nagerkrankheit. Soziale und psychologische Umstände sierte und überdauernde Einstellungsdisposition, wonach der erwachsenen Bevölkerung in den Vereinigten Staaten Die jährlich erscheinenden Statistiken zur Armutsge- können langfristig Stress hervorrufen. Andauernde Sor- man den Herausforderungen des Lebens gewachsen ist) nicht ausreichen, um Gesundheitsinformationen zu ver-fährdung in Österreich weisen sich kaum verändernde gen, Unsicherheit, geringe Selbstachtung, soziale Vereinsa- mit der sozialen Schicht, wird stärker mit dem Alter, bei stehen und entsprechend zu handeln. Wolf definiert HealthProblemlagen aus. Ein wesentlicher Faktor, der mit ei- mung und fehlende Möglichkeiten, am Arbeitsplatz, selbst- Männern mit besserer sozialer Position. Literacy folgendermaßen: „... the degree to which indivi-ner hohen Armutsgefährdung einhergeht, ist die Bil- bestimmt arbeiten zu bekommen, atypische/unsichere duals have the capacity to obtain, process and understanddung. Personen mit nur Pflichtschulabschluss haben Beschäftigungsverhältnisse wirken sich einschneidend auf Der oft geäußerte Verdacht, dass Menschen mit geringer basic information and services needed to make appropri-ein Armutsrisiko von 18 %. (www.armutskonferenz.at/ den Gesundheitszustand aus. Diese psychosozialen Risi- Basisbildung und statusniedrigere Personen allgemein we- ate decisions regarding their health. […] Reading ability isaktuelle_Zahlen_zu_Armut_06_03.doc accessed 18.12.2009) ken akkumulieren sich im Laufe des Lebens und machen es niger soziale Unterstützung geben/erhalten als statushö- one of the most fundamental components of health liter- wahrscheinlicher, dass die Menschen psychisch erkranken here, lässt sich allerdings nicht belegen. In der Arbeit mit acy.” (Wolf et al., 2005, S. 1947) Begrenzte Health Literacy Mit niedrigem Qualifikationsniveau korreliert gesund- und vorzeitig sterben.[…] Für die Industrieländer gilt, dass Menschen mit geringer Basisbildung trifft man häufig auf war schon vorher in den Zusammenhang mit der Inan-heitsriskante Beschäftigung – durch die hohe physische diese Gesundheitsprobleme um so häufiger zu beobachten Menschen, die über ein funktionierendes soziales System spruchnahme von vorsorgenden Maßnahmen, verzöger-und psychische Belastung: Körperlich schwere Tätig- sind, je weiter unten jemand gesellschaftlich rangiert. (Wil- verfügen. In der Arbeit mit dieser Gruppe wird diese Res- ter Diagnostik, dem Verständnis des eigenen Gesundheits-keiten mit einer hohen Gefahr von Abnützung und Ver- kinson, Marmot S. 13) source noch zu wenig wahrgenommen und könnte wesent- zustandes, dem Befolgen ärztlicher Anweisungen und denschleiß, mangelndes Bewusstsein für notwendige Sicher- lich besser genutzt werden. Selbstmanagement-Fähigkeiten gebracht worden. Geringeheitsvorkehrungen etc. führen häufig zu Krankheiten, Unterschiede in den Ressourcen Health Literacy war auch mit höheren Kosten des Gesund-etwa des Stützapparates. Lange Zeit war der Bauarbeiter, Aus dem oben Gesagten ergibt sich, dass Menschen mit Grundsätzlich lässt sich allerdings schon beobachten, heitssystems in Verbindung gebracht worden. Die Ergeb-der mit 40 Jahren aufgrund der körperlichen Abnützung geringer Basisbildung hohen gesundheitlichen Belastun- dass diese Gruppe durch die prekären Arbeitsverhältnisse nisse der Studien von Wolf et al. bestätigten diese Annah-nicht mehr in der Lage ist, seinen Beruf auszuüben, ein gen ausgesetzt sind. Nach dem Modell von Mielck spielen und durch das Armutsrisiko in großer Gefahr schwebt, die men: Menschen, denen es an Health Literacy mangelt,Paradebeispiel für das Phänomen des „sekundären An- aber nicht die Belastungen allein, sondern auch die Res- vorhandenen sozialen Ressourcen zu verlieren, und es gibt leiden deutlich häufiger an chronischen Erkrankungen undalphabetismus“: Körperlich eingeschränkt und arbeits- sourcen eine wesentliche Rolle. Mielck räumt in diesem einige Hinweise darauf, dass diese Menschen weniger in Behinderungen, verfügen über weniger „Gesundheitswis-los wird eine Umschulung des AMS notwendig, dort stellt Zusammenhang ein, dass es zum Einfluss der Ressourcen das soziale Leben ihrer Community integriert sind, bei- sen“, haben schlechtere Selbstmanagement-Fähigkeiten,sich heraus, dass er sein ganzes Berufsleben lang nicht auf den gesundheitlichen Status noch wenig an empiri- spielsweise seltener Mitglieder in Vereinen und kommuna- achten weniger auf Prävention und sind häufiger im Spital.mit Schrift in Berührung gekommen ist und daher ver- schen Untersuchungen gibt. So ist beispielsweise. nahelie- len Gruppen sind. Die Schweizer Studie „Lesen und rech-lernt hat, zu lesen und zu schreiben. gend, dass soziale Unterstützung oder der „Sense of Cohe- nen im Alltag“ führt als Aktivitäten der Partizipation u.a. Mit dem Thema Health Literacy ist die Frage der gesund- rence“ wesentlichen Anteil an der Gesundheit haben, der an: Besuch von bzw. Teilnahme an kulturellen und sport- heitlichen Versorgung direkt verbunden. Diese Probleme Ein hohes Gesundheitsrisiko ergibt sich allerdings auch wissenschaftliche Nachweis ist noch zu führen. lichen Anlässen, politische Partizipation, Verfolgen von Ta- setzen aber nicht nur bei den Patient/innen an, sondernaus dem „Job-strain“. Damit wird eine spezifische Ar- gesaktualitäten, religiöse Gruppen, politische Organisati- auch beim Gesundheitssystem und bei den Ärzt/innen.beitsbelastung beschrieben, die hohe Anforderung und Die Gesundheitsförderung und die Erwachsenenbildung onen, Vereinstätigkeit und Freiwilligenarbeit. (ALL, 2006,niedrigen Handlungsspielraum kombiniert. „In mehre- sind sich einig, dass ein wesentliches Instrument im Kampf S. 84) Diese Studie zeigt: je höher die Bildung und das Ein- Unterschiede in der Informationren empirischen Studien konnte belegt werden, dass die- gegen soziale und gesundheitliche Ungleichheit die Kon- kommen, desto aktiver sind die Menschen in Vereinen und Die Erwachsenenbildung kann empirisch zeigen, dassser „Job-strain“ ein wichtiger Risikofaktor für koronare zentration auf die Ressourcen ist. Sowohl Bildungsmaß- Gruppen. Sie belegt auch, dass Menschen mit ungenügen- Menschen mit geringer Basisbildung schwerer an Infor-Herzkrankheiten ist, ...“ (Mielck, 2005, S. 50) Mielck zi- nahmen als auch Maßnahmen der Gesundheitsförderung den Lesekompetenzen in geringem Umfang in Gruppen mationen zur Gesundheit kommen als besser Gebildete.tiert in diesem Zusammenhang einen Ansatz zur Erklä- fokussieren die Stärkung der Ressourcen und meinen da- aktiv sind. Es wird als Hinweis auf soziale Isolation gedeu- Mangelnde Health Literacy zeigt sich u.a. in der Unfähig-rung der koronaren Herzkrankheiten, die die „berufliche mit nicht nur die individuellen, sondern auch die struktu- tet, dass 46,8 % auf Kompetenzniveau 1 (das niedrigste Ni- keit, einen Beipacktext zu verstehen, eine Tatsache, dieGratifikationskrise“ in den Mittelpunkt stellt, die Diskre- rellen Ressourcen. Über geringe individuelle Ressourcen veau von 5) in keiner Gruppe aktiv sind. der International Adult Literacy Survey am Beispiel despanz zwischen hoher beruflicher Verausgabung und nied- verfügen die niedrigste Ausbildungsgruppe (Pflichtschul- Aspirin-Beipacktextes gezeigt hat. Menschen mit gerin-riger Belohnung. Wilkinson und Marmot weisen in Bezug absolvent/innen und Erwachsene mit geringer Basisbil- Health Literacy ist eine weitere zentrale Ressource. Sie be- ger Basisbildung sind aber darüber hinaus auch nur sehrauf Arbeitsplatzstudien darauf hin, dass Selbstbestimmung dung), die niedrigste berufliche Ebene, die niedrigste Ein- zeichnet „die kognitiven und sozialen Kompetenzen, die eingeschränkt in der Lage, Informationen des Gesund-am Arbeitsplatz ein wesentlicher Faktor der Gesundheit kommensschicht sowie Migrant/innen und Ausländer/ die Motivation und Fähigkeit der Individuen bestimmen, heitssystems, Informationen der Gesundheitsförderungist: Wenn man am Arbeitsplatz nur wenig Entscheidungs- innen. Als wesentliche individuelle Ressourcen werden Zugang zu Informationen zu finden, diese Informationen und allgemeine Informationen zur Gesundheit – und seienspielraum hat, läuft man verstärkt Gefahr, Rückenschmer- persönliche Kompetenzen, Selbstsicherheit, Steuerungs- zu verstehen und zu gebrauchen auf eine Art, die dazu bei- es trivialisierte Informationen auf den Gesundheitsseitenzen zu bekommen, häufig krank zu sein und an Herz-Kreis- möglichkeiten, persönliche Einstellungsdispositionen und trägt, eine gute Gesundheit zu fördern und zu bewahren“. der Zeitungen – zu bekommen. Ein weiteres Paradoxon,lauf-Krankheiten zu erkranken. Diese Risiken sind offenbar die spirituelle Dimension betrachtet. (WHO) Gemeint ist, dass Personen in der Lage sind, bei- dem sich Erwachsene mit geringer Basisbildung stellenunabhängig vom psychologischen Profil der Untersuchten. spielsweise die am Beipackzettel gemachten Angaben zu müssen: Sie haben ein höheres Gesundheitsrisiko, werden(Wilkinson & Marmot, S. 21) Bildung wird vor allem von den ohnehin schon besser verstehen und auch motiviert sind, sich dementsprechend aber von der Gesundheitsförderung weniger erreicht. „[...] Gebildeten als Ressource genutzt. Je niedriger der Bil- zu verhalten. Menschen mit geringer Basisbildung verfü- höher Gebildete und besser Qualifizierte informieren sich Der Arbeitskontext selbst kann für Menschen mit geringer dungsabschluss, desto niedriger die Beteiligung an Bil- gen nur eingeschränkt über ausreichende Gesundheits- häufiger über Gesundheit. Informationsquellen sind in ers-Basisbildung äußerst belastend sein, nicht nur durch das dungsprozessen. Statistik Austria zeigt, dass Menschen mündigkeit (Health Literacy) und sind für gesundheitsbe- ter Linie Zeitungen, Zeitschriften und Bücher sowie Radiooben beschriebene Risiko infolge hoher körperlicher Be- mit maximal Pflichtschulabschluss seltener an Kursen zogene Themen nicht sensibilisiert. Lesenkönnen ist eine und Fernsehen. ( Freidl, 2001, S. 27) Gesundheitserziehunglastung und den Job-strain, sondern auch durch den Stress, und Schulungen teilnehmen. Im Jahr 2006 haben 5,1 % der zentrale Komponente der Health Literacy. ALL zeigte, dass bzw. -aufklärung erfolgt nach wie vor schriftlich auf einemder durch (drohende) Arbeitslosigkeit und dem damit ver- Bevölkerung mit maximal Pflichtschulabschluss inner- schlechte Lesekompetenzen sich über mangelnde Infor- Niveau, das Erwachsene mit schlechten Lesekompeten-bundenen Armutsrisiko ausgelöst wird. Belastende Fakto- halb der letzten vier Wochen an Kursen oder Schulungen mation negativ auf die Gesundheit auswirken oder beste- zen nicht verstehen. Daher profitiert die gesellschaftlicheren resultieren weiters aus der Zugehörigkeit zur untersten teilgenommen. Der Schnitt liegt bei 13,1 %. (Statistik Aus- hende Krankheiten verlängern. (ALL 2006, S. 90) Gruppe, die diese Vorsorge am nötigsten braucht, am we-sozialen Schicht und dem damit häufig verweigerten Zu- tria, 2008.) Als weitere Ressource, die mit steigendem Bil- nigsten. Gesundheitsvorsorge braucht Grundbildung.gang zu sozialer Anerkennung und dem Mangel an sozialer dungsgrad und mit höherer Bildung stärker wird, gilt die Den Zusammenhängen von Health Literacy und Gesund-Zufriedenheit. Überzeugung, sein Leben selbst steuern zu können, etwa heitsstatus gingen Michael Wolf et al. nach, die Ergebnisse Es lässt sich an dieser Stelle eine weitere Parallelität zwi- auf die eigene Gesundheit selbstständig einwirken oder wurden 2005 publiziert. Ein Ausgangspunkt war die Bil- schen Bildung und Gesundheit festmachen: Gut gebildete Der Stress ist ungleich verteilt, entgegen der landläufi- seinen Arbeitskontext selbst steuern zu können. Ebenso dungsstudie National Adult Literacy Survey, in der konsta- Menschen nehmen eher weitere Bildungsangebote in An-gen Meinung handelt es sich dabei nicht nur um eine Ma- steigt der Kohärenzsinn (nach Antonovsky die generali- tiert wurde, dass die Lese- und Rechenkenntnisse von 48 % spruch, höher Gebildete und besser Qualifizierte infor-Seite 92 Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis. Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis. Seite 93
    • BILDUNG I Rath I Basisbildung und Gesundheit Basisbildung und Gesundheit I Rath I BILDUNGmieren sich häufiger über Gesundheit. In beiden Fällen ziale Ungleichheit wirkt sich auf unterschiedliche gesund- Die Erwachsenenbildung und das Bildungssystem ins- höht auch die Effizienz von Maßnahmen der Gesundheits-spielt die Art der Information eine zentrale Rolle: Sowohl heitliche Belastungen aus: Je niedriger die soziale Schicht gesamt könnten einen vernünftigen Beitrag auf der Ebene förderung und verhindert eine unbeabsichtigte Öffnungdas klassische Angebot der Erwachsenenbildung als auch ist, desto höher ist die Belastung. Bei Menschen aus den un- der Ressourcen leisten und zwar sowohl auf der individu- der Schere durch Gesundheitsförderung. Basisbildungdie Gesundheitsförderung richten sich – mehr oder weni- teren sozialen Schichten ist häufig nicht nur die Belastung ellen Ebene, durch Stärkung der Ressource Bildung, als und Gesundheitsförderung haben nicht nur die Heraus-ger unbewusst – an die Mittelschicht, diese Angebote tra- sehr hoch, sondern es ist auch die Bilanz zwischen den Be- auch auf der Ebene der Umwelt, durch Bildungsmaßnah- forderung zu bewältigen, durch eine Fokussierung der Mo-gen dadurch nolens volens zu einer weiteren Öffnung der lastungen und den Ressourcen negativ. Menschen aus unte- men und Maßnahmen im Bereich Capacity Building (ein tive und Nutzenerwartungen den Zugang zur Zielgruppegesellschaftlichen Schere bei. Menschen der unteren Sta- ren sozialen Schichten verfügen häufig nicht über die zent- Zugang, der sich sowohl in der Gesundheitsförderung als zu finden, sondern auch kompatible Vorstellungen, wastusgruppen brauchen andere Botschaften, andere Medien rale Ressource Bildung. Gleichzeitig gibt es Unterschiede in auch in der Literalisierung wiederfindet: Capacity Building mögliche Maßnahmen betrifft. Auch in der Verbesserungund schließlich auch ein anderes Angebot. Dies bedeutet der medizinischen Versorgung, einerseits durch mangelnde ist eine Strategie der UNESCO im Rahmen der Literacy De- der Kommunikation mit den sozial Benachteiligten bie-wesentlich mehr Aufwand und ist in der Folge auch kos- Health Literacy, die im ursächlichen Zusammenhang mit cade 2003-2012). ten sich gemeinsame Arbeitsfelder an. So könnte man sichtenintensiver. Der Grund für den lückenhaften Informa- mangelnden Lesekompetenzen steht, aber auch durch eine dem notorischen Problem des Beipacktextes auf unter-tionsfluss liegt nicht nur an der mangelnden Kompetenz nicht zielgruppenorientierte Kommunikation des Gesund- Zusammenhänge zwischen niedriger Bildung und Ge- schiedliche Weise gemeinsam nähern, über die Textierung,der Menschen mit geringer Basisbildung. Der Mangel an heitssystems mit den Menschen. Alle diese Faktoren haben sundheit sind vielfältig und systemisch verbunden. Zum Schriftgröße, die Verwendung von Piktogrammen bis hinsprachlichen, interkulturellen und sozialen Kenntnissen in einen Einfluss auf das Gesundheitsverhalten, das in unteren Nutzen der Betroffenen ist es besser, auch Unterstützungs- zu innovativeren Lösungen wie die Nutzung von Handyspräventiven, kurativen und rehabilitiven Gesundheitsein- sozialen Schichten tendenziell riskanter ist. angebote systemischer anzulegen als bisher. Das erfordert und Bilderkennungstechnologie kombiniert mit Audiosoft-richtungen stellt eine zusätzliche Hürde dar. stärkere Synergien zwischen den Systemen Bildung, Ge- ware. Natürlich könnte man auch die Ärzt/innen und Apo- Maßnahmen sundheit, Arbeit. Zu oft ist der Zusammenhang von Bildung theker/innen sensibilisieren. Sie haben dasselbe ProblemUnterschiede im Verhalten Benachteiligungen ziehen soziale Folgekosten nach sich, und Gesundheit weder den Entscheidungsträger/innen wie sehr viele andere Multiplikator/innen: Sie kommen Je geringer der soziale Status, desto häufiger ist auch ge- Ungleichheit schwächt nicht nur das soziale Gefüge und und Multiplikator/innen in regionalen und kommunalen gar nicht auf die Idee, dass der Mensch, dem sie gerade einsundheitsriskantes Verhalten zu beobachten. Der Wiener schadet der Gesundheit, sondern erhöht auch die Verbre- Strukturen noch den Betroffenen selbst klar. Die Erwach- Arzneimittel verschreiben oder verkaufen, sie gar nicht ver-Gesundheits- und Sozialsurvey zeigt, wie andere Studien chensraten und die Gewaltbereitschaft. Die negativen so- senenbildung hat in diesem Zusammenhang die Möglich- steht. Dies betrifft natürlich nicht nur den Beipacktext, diesauch, dass Nikotingenuss und soziale Schichtung Korre- zialen Auswirkungen, die sich auch an den Schnittstellen keit, die Ressourcen Bildung und Know-how bei allen be- betrifft vor allem auch die Frage einer verständlichen Diag-lationen aufweisen: Untere Bildungs- und Berufsgruppen Arbeit, Bildung und Gesundheit zeigen, würden nahelegen, teiligten Personengruppen zu stärken. nose und den daraus folgenden Interventionsmaßnahmen.rauchen mehr, was sich in Wien beispielsweise darin zeigt, dass gegensteuernde Maßnahmen dahingehend angelegt Vielleicht geht es in vielen Fällen weniger um Compliancedass die Gruppe der Raucher/innen in Arbeiter/innenbe- sein müssten, dass sich die Schere zwischen den gesell- Die in der Ottawa-Charta der WHO (1986. Ottawa-Charta als um simples Verstehen.zirken mit höherem Ausländer/innenanteil am größten ist. schaftlichen Extremen schließt. „Betrachtet man eine Reihe zur Gesundheitsförderung) entwickelte Strategie „Gesund- unterschiedlicher Beispiele für gesunde, sozial ausgewogene heitsförderung“ zielt darauf ab, Menschen ein höheres Maß Letztlich bleiben die angerissenen Maßnahmen unwirk- Nicht jedes Suchtverhalten korreliert mit sozialer Schicht. Gesellschaften, so scheinen sie alle ein wichtiges gemeinsa- an Selbstbestimmung über ihre Gesundheit zu ermögli- sam und soziale Benachteiligung bleibt bestehen, solangeMielck zitiert Studien, die zeigen, dass sich Alkoholsucht mes Merkmal aufzuweisen – sie alle verfügen über sozialen chen und sie zur Stärkung ihrer Gesundheit zu befähigen. die Maßnahmen des Bildungs- und Gesundheitssystemsquer durch alle Schichten zieht, es also keinen signifikan- Zusammenhalt. Sie haben ein ausgeprägtes Gemeinschafts- Damit dies möglich wird, müssen ihre Ressourcen stärker nicht eingebettet werden in systemisch angelegte politi-ten Zusammenhang zwischen sozialer Lage und Alkohol- leben. [...] Der Individualismus und die Werte des Marktes wahrgenommen und erweitert werden. Die Strategie „Ge- sche Maßnahmen, etwa in den Bereichen Beschäftigungkonsum gibt. Vgl. Mielck, 2005, S. 65f.) werden von einer sozialen Ethik eingedämmt.“ (Wilkinson, sundheitsförderung“ geht von den Grundsätzen Empow- und Armutsbekämpfung. Eine gesunde Gesellschaft, in der 2001, S. 5) „Unter den entwickelten Ländern weisen nicht erment, Vernetzung, Partizipation, Chancengleichheit und es ausreichend gut ausgebildete Menschen gibt, die eine Bei der Vorsorgeuntersuchung zeigt sich ein klareres Bild: die reichsten den besten Gesundheitszustand auf, sondern Nachhaltigkeit aus und schafft damit Schnittstellen zur Er- High Road Economy umsetzen können, und die als ge-Frauen und Männer mit Lehr- oder Universitätsabschluss jene, in denen die Einkommensunterschiede zwischen Reich wachsenenbildung. Menschen mit geringer Basisbildung sunde Gesellschaft soziale Sicherheit gewährleisten kann,waren im letzten Jahr je zu 30 % bei einer Vorsorgeunter- und Arm am geringsten sind. Ungleichheit und relative Ar- haben das Gefühl, einen geringen Einfluss auf externe Fak- ist als nachhaltiger Wirtschaftsstandort attraktiv.suchung, wohingegen die Hälfte der Männer mit Pflicht- mut zeitigen absolute Auswirkungen: sie erhöhen die Sterbe- toren zu haben. Je geringer die Basisbildung ist, desto we-schulabschluss noch nie an einer Vorsorgeuntersuchung raten.“ (Wilkinson, S. XIX) niger können sie ihre soziale Umwelt als rational versteh- „Wenn es zweckmäßig ist und gelingen soll, dass sich dieteilgenommen hat. Über 50 % waren in den letzten fünf bar, geordnet, strukturiert, konsistent und vorhersehbar Einkommens- und Vermögensschere in Österreich nicht wei-Jahren fünfmal oder öfter bei Zahnärzt/innen – mit Aus- Maßnahmen zur sozialen Integration können nicht nur einschätzen, desto weniger haben sie das Gefühl, über aus- ter öffnet, wodurch zunehmender sozialer und politischernahme der Personen mit Pflichtschulabschluss: 15 % von am Individuum angesetzt werden, wenn man nachhal- reichend Ressourcen zu verfügen, die zur Bewältigung ei- Sprengstoff entsteht, dann ist ein breites Bekenntnis zu einerihnen haben in den vergangenen 5 Jahren keinen Zahn- tige Verbesserungen erzielen möchte, diese Forderung be- ner Aufgabe/eines Problems notwendig/adäquat sind, und gerechten Verteilung des gemeinsam Erwirtschafteten erfor-arzt konsultiert. (Freidl, 2001, S. 28.) Einen Zusammenhang trifft sowohl das Gesundheits- als auch das Bildungssystem. desto weniger können sie eine Situation als Herausforde- derlich, zu einer neuen Kultur des Teilens, der Rücksicht-zwischen sozialer Schicht und Gesundheitsverhalten zeigt Mielck stellt dar, dass Maßnahmen zur Verringerung der rung einschätzen. Mit anderen Worten: ihre Gesundheit nahme auf und Solidarität mit Schwächeren in der Gesell-sich beim Thema Ernährung und Bewegung. Obere und gesundheitlichen Ungleichheit beim Individuum ansetzen leidet in den von Antonovsky beschriebenen Bereichen schaft, eines respektvollen Umgangs mit Mensch und Natur.mittlere Schichten beachten Empfehlungen zu gesunder können – ein Zugang, der bislang hauptsächlich genutzt der comprehensibility, der manageability und der me- „(Armuts- und Reichtumsbericht 2004, S. 90)Ernährung häufiger: weniger Innereien, häufiger Salat, ro- wurde –, oder aber an der Umwelt. Beide Ansatzpunkte ha- aningfulness. Mit dem Konzept der Kontrollüberzeugunghes Gemüse, Müsli. Untere soziale Schichten ernähren sich ben dabei eine Belastungsdimension – das Ziel ist es, die gesprochen, dominiert eindeutig die externe über die in-riskanter: Butter, Zucker, Kartoffeln, Fleischprodukte wer- Belastungen zu verringern – und eine Ressourcendimen- terne Kontrollüberzeugung, das bedeutet, sie glauben eherden stärker verwendet. Sportliche Betätigung hat dagegen sion, diese sollen gestärkt werden. Die Studie „Soziale Un- nicht daran, dass sie ihr Schicksal selbst in der Hand habenweniger Wert: Personen nahe oder unter der Armutsgrenze gleichheit und Gesundheit“ fordert Maßnahmen auf meh- und selbst mit ihrem Einsatz darüber entscheiden können,betätigen sich seltener sportlich. (Vgl. Mielck, 2005, S. 60– reren Ebenen: „Besonders wichtig ist es daher, anhaltende ob sie Ziele erreichen oder nicht. Vielmehr sehen sie sich63; Freidl, S. 26f.) Armut, Langzeitarbeitslosigkeit sowie dauerhafte Über- in Abhängigkeit von externen Faktoren wie dem Schicksal, schuldung als bedeutsame krankheitsverursachende Fak- von anderen Personen etc. Die vorangegangenen Ausführungen folgen der These, toren zu erkennen, und diese ursächlichen Determinantendass Bildung und Gesundheit eng zusammenhängen: Bil- zu bekämpfen. [...] Von gleichrangiger Bedeutung sind sozi- Wie Alfred Berndl in dieser Publikation ausführt, werdendung wird als ein Parameter der sozialen Ungleichheit be- ale Maßnahmen wie etwa das Beibehalten des allgemeinen Maßnahmen der Basisbildung nur angenommen, wenn sietrachtet, gemeinsam mit den Faktoren Einkommen und Bildungsniveaus oder Verbesserungen der Wohnsituation, aus den Bedürfnissen der Zielgruppe heraus und nicht ausBerufsstatus, wobei mangelnde Bildung sehr häufig niedri- da diese das Gesundheitsverhalten positiv beeinflussen.“ den Motiven der Anbieter entwickelt werden. Dieser radi-gen Berufsstatus und hohes Armutsrisiko bewirkt. Diese so- (Pochobradsky, 2002, S.V) kal zielgruppenorientierte und aufsuchende Zugang er-Seite 94 Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis. Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis. Seite 95
    • BILDUNG I Rath I Basisbildung und GesundheitLiteratur Amtsblatt der Europäischen Gemeinschaften OECD (1995), Literacy, Economy vom 21.11.2002, Analphabetismus und and Society. Results of the first soziale Ausgrenzung. C284E/343ff. Online im International Literacy Survey. Paris. Internet: http://eur-lex.europa.eu/LexUriServ/ OECD (1997), Literacy Skills for the LexUriServ.do?uri=OJ:C:2002:284E:03 Knowledge Society. Further Results from the 43:0346:DE:PDF (accessed 30.10.2008). International Adult Literacy Survey. Paris. Arbeitsmarktservice Österreich (August Pochobradsky E. / Habl C. / Schleicher B. 2008), Arbeitsmarkt und Bildung. (2002), Soziale Ungleichheit und Wien. www.ams.at/_docs/001_am_ Gesundheit. Hrsg. vom Österreichischen bildung_0908.pdf (accessed 30.10.2008). Bundesinstitut für Gesundheitswesen. Wien. Bundesamt für Statistik (2006), Lesen und Statistik Austria (Hrsg.) (2006), Einkommen, BESCHÄFTIGUNG Rechnen im Alltag. Grundkompetenzen von Armut und Lebensbedingungen. Erwachsenen in der Schweiz (ALL). Nationaler Ergebnisse aus EU-SILC 2004. Bericht zur Erhebung. Neuchatel 2006. Statistik Austria (2008), Bildung in Europäischer Rat (2000), 23. und 24. März Zahlen 2006/07. Schlüsselindikatoren 2000. Schlussfolgerungen des Vorsitzes. und Analysen. Wien 2008. Marion Höllbacher Online im Internet: www.europarl.europa.eu/ summits/lis1_de.htm [Stand 15.5.2007] Steiner M. (2006), Empirische Analyse für die Programmplanung ESF 2007–2013. Peter Härtel Isabella Freidl W. / Stronegger W.-J. / Neuhold C. (2001), Studie im Auftrag des bm:bwk, Wien. Gesundheit in Wien. Wiener Gesundheits- und Sozialsurvey. Hrsg. vom Magistrat der Stadt Wien. WHO (2004), Soziale Determinanten von Haider G. / Schreiner C. (2006), Die PISA-Studie. Wien: Böhlau. Gesundheit. Die Fakten. Redigiert von Wilkinson, Richard; Marmot, Michael. Penz Christina Wimmer Christian Wretschitsch Zweite Ausgabe, Kopenhagen. Höferl A. / Pöchhacker P. (2004), Armuts- Wilkinson R. G. (2001), Kranke und Reichtumsbericht für Österreich. Gesellschaften. Soziales Gleichgewicht Österreichische Gesellschaft für Politikberatung und Gesundheit. Wien und New York. und Politikentwicklung. www.diezukunft. at/media/diezukunft/de_at/cover/ Wolf M. S. / Gazmararian J. A. / Baker D. W. Armutsbericht.pdf. [accessed 30.10.2008] (2005). Health Literacy and Functional Health Status among Older Adults. In: Mielck A. (2005), Soziale Ungleichheit Arch Intern Med, Vol 165, September 26 und Gesundheit. Einführung in die 2005, S. 1946-1952. (Download von www. aktuelle Diskussion. Bern: Huber. archinternmed.com am 27.9.2008). Negt O. (2007), Gewerkschaften vor neuen Zilian, H. J. (2007), Unglück im Glück. Überleben bildungspolitischen Herausforderungen. in der Spaßgesellschaft. (Bibliothek der Unruhe Vortrag im Rahmen der Konferenz und des Bewahrens, Bd II) Graz: Styria „Perspektive:Bildung am 9. März 2007 in Wien. Der Autor Mag. Otto Rath geboren 1963, Studium Germanistik und Anglistik. Trainer und Teacher Trainer für Deutsch als Fremdsprache in der Slowakei, Ungarn und Österreich. Lektor an der Technischen Universität Budapest. Mitbegründer des österreichischen Netzwerks für Basisbildung und Alphabetisierung. Bildungsmanager. Koordinator des Netzwerks Basisbildung und Alphabetisierung in Österreich. ISOP GmbH www.alphabetisierung.at otto.rath@isop.atSeite 96 Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis. Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis. Seite 97
    • BESCHÄFTIGUNG I Höllbacher / Härtel I Aufnahmekriterien Aufnahmekriterien I Höllbacher    ärtel I BESCHÄFTIGUNG /H Eine wesentliche Grundlage dafür ist die „Basisbildung“, der Befragung und retournierten die ausgefüllten Fragebö- also die sichere Beherrschung jener grundlegenden Fertig- gen, dies ergibt eine Beteiligung an der Befragung von 13 %. keiten und Fähigkeiten, auf die jede weitere Bildung auf- bauen kann und muss. Dazu zählen sowohl der Umgang In Abstimmung mit Dr. Krainer und Fr. Stiger, Lehrlings- mit Wort und Schrift, mit Zahlen sowie die sogenannten stelle der Wirtschaftskammer Steiermark, wurden 30 un- „Schlüsselqualifikationen“, also persönliche und soziale Ei- terschiedliche Lehrberufe ausgewählt. Berücksichtigung genschaften, die man – nicht nur – im beruflichen Umfeld fanden dabei Lehrberufe, in denen steiermarkweit jeweils benötigt. mehr als 50 Lehrlinge ausgebildet werden. Nicht zuletzt hat PISA aufgezeigt, dass vielfach gravie- Lehrlinge nach Betriebsgröße rende Defizite bestehen, die vielen jungen Menschen des- Im Zuge der Erhebung wurde darauf geachtet, dass lehr- halb den Weg in weitere Ausbildungswege verbauen, da sie lingsausbildende Betriebe aller relevanten Betriebsgrö- den Anforderungen, die eine berufliche Ausbildung heute ßen (nach Anzahl der Beschäftigten) Berücksichtigung stellt, nicht ausreichend entsprechen. finden. Ohne den Anspruch einer exakten Entsprechung zur steirischen Betriebsgrößenverteilung zu erheben, gibt Die Entwicklung von Bildungsstandards in der Schule die Struktur der erfassten Ausbildungsbetriebe die steiri- bietet nun einen hervorragenden Ansatzpunkt, die Ergeb- sche Ausbildungslandschaft gut wieder. Ca. zwei Drittel nisse schulischer Bildungsarbeit mit den Anforderungen der erfassten Betriebe befinden sich in der Kategorie bisMarion Höllbacher Peter Härtel der betrieblichen Berufsausbildung zu vergleichen und da- 49 Beschäftigte, ca. ein Drittel darüber. Die generelle Auf-Teilprojektkoordinatorin im Projekt In.Bewegung; Geschäftsführer der Steirisch raus Schlüsse für die weitere Verbesserung der Vorberei- teilung männlich/weiblich entspricht mit ca. 70 % männ-Steirisch Volkswirtschaftliche Gesellschaft Volkswirtschaftlichen Gesellschaft tung und der Übergänge junger Menschen, von der Schule lich zu ca. 30 % weiblich ziemlich genau der Ausbildungs-marion.hoellbacher@stvg.com ph@stvg.com in Ausbildung und Beruf, abzuleiten. situation insgesamt. Hintergrund zur Studie Lehrberufe im Trend Im Zuge der Vorbereitung der Erhebung wurde in Zusam- Ausgangssituation menarbeit mit der Wirtschaftskammer darauf Wert gelegt, Jährlich verlassen in Österreich rund 16.000 Jugendli- nicht nur den häufigst gewählten Lehrberufen gerecht zu che die Pflichtschule ohne ausreichende Kompetenzen werden, sondern darüber hinaus gezielt Berufe anzuspre-Aufnahmekriterien in Lesen, Schreiben und Rechnen, um damit weitere Bil- chen, die Ausbildungsplätze bieten können, Zugangsmög- dungs- und Ausbildungsprozesse stützen und entwickeln lichkeiten eröffnen und, insbesondere in Hinblick auf die zu können. Damit werden sie auch den Anforderungen der Genderherausforderung, Mädchen Zugang zu nicht traditi-Ergebnisse einer Befragung steirischer Ausbildungsbetriebe Wirtschaft nicht gerecht, und der Eintritt in das Berufsle- ben wird zur besonderen Herausforderung. onellen Berufen eröffnen können.zu Anforderungen in der Lehrlingsaufnahme Die Anzahl der erfassten Lehrberufe bzw. von Be- Diese Zahlen werden aus den im Rahmen des Mikro- trieben mit entsprechenden Ausbildungsplätzen ent- zensus von Statistik Austria erhobenen Schulabschlüssen spricht daher nicht 1:1 der Ausbildungssituation ins- abgeleitet. gesamt, sondern ist in Hinblick auf die Orientierung junger Menschen und Zugangsmöglichkeiten gewichtet Es handelt sich um Jugendliche, deren Grundkenntnisse zu interpretieren.Ein Kriterienkatalog auf Basis der neuen österreichi- Die Studie in Mathematik, Deutsch und Englisch so mangelhaft sind,schen Bildungsstandards zu den Anforderungen der Wirt- dass davon ausgegangen werden kann, dass diese Jugend- Lehrlingsauswahlschaft hilft den Jugendlichen einen Eindruck davon zu Allen jungen Menschen die Chance zu bieten, nach Been- lichen bereits in der Überleitungsphase mit größeren He- 77 % der befragten Betriebe gaben an, in den nächstenbekommen, was von ihnen erwartet wird. Fachliche Kom- digung der Pflichtschulzeit eine weitere qualifizierte Aus- rausforderungen konfrontiert werden als Gleichaltrige mit Jahren wieder Lehrlinge aufnehmen zu wollen, es werdenpetenzen in Mathematik, Deutsch und Englisch sowie bildungs- und Berufslaufbahn zu ergreifen, ist eines der ausreichenden Basisbildungskenntnissen. Auch ist die seitens der befragten Betriebe in der nächsten Zeit mindes-überfachliche Kompetenzen (persönliche Kompetenzen, vorrangigen Ziele der Bildungspolitik, auch der Wirtschafts- Möglichkeit in Betracht zu ziehen, dass eine Überleitung in tens 660 Lehrstellen angeboten.Sozialkompetenzen) wurden in steirischen Betrieben er- und Beschäftigungspolitik. die Arbeitswelt durchaus gelingen kann, der Erhalt des Ar-hoben, bewertet und in einem Handbuch, zusammenge- beitsverhältnisses durch zu schlechtes Abschneiden in der Um Lehrstellen optimal besetzen zu können, haben Be-fasst. Aufgelistet nach den 30 beliebtesten Lehrberufen Österreich ist im internationalen Vergleich sehr erfolg- Berufsschule jedoch bedroht wird. triebe regionale Schulen und Institutionen als Koopera-wird dargestellt, welche Kompetenzen im jeweiligen Beruf reich, was die Eingliederung junger Menschen in weitere tionspartner/innen gewinnen können. Vor allem die Po-wichtig sind. Bildungs- und Berufswege betrifft. Der hohe Anteil – ca. Ergebnisse lytechnischen Schulen und die Hauptschulen stellen im 80 % – Jugendlicher zwischen 15 und 19 Jahren, die sich in Für den vorliegenden Bericht wurden steirische Aus- schulischen Bereich die wichtigsten Kooperationspartner/ In einer im Mai 2008 durchgeführten Erhebung wurden berufsbildenden Bildungswegen befinden – sowohl voll- bildungsbetriebe zu Anforderungen in der Lehrlingsauf- innen dar. Das AMS wurde als wichtigster Partner auf insti-Lehrlingsausbilder/innen in der Steiermark zu den Aufnah- zeitschulisch als auch dual – ist dafür eine wesentliche nahme in den fachlichen sowie in persönlichen/sozialen tutioneller Ebene genannt.mekriterien befragt. Gleichzeitig wurde erhoben, mit wel- Voraussetzung. Bereichen befragt. Als Basis für die Bereichsfragen dientenchem Wissen, Fähigkeiten und Fertigkeiten Jugendliche die österreichischen Bildungsstandards für Mathematik, Befragt zur Bedeutung der Auswahlkriterien gabensich um eine Lehrstelle bewerben. Die Gesamtheit der Er- Jeder junge Mensch, der eine Ausbildungsstelle ergrei- Deutsch und Englisch. mehr als 2/3 der Lehrlingsausbilder/innen an, dass dergebnisse ließ auf eine deutliche Diskrepanz zwischen der fen will und keine findet, ist jedoch einer zu viel. Zusätzli- persönliche Eindruck während des Berufspraktikums,Erwartungshaltung der Lehrlingsausbilder/innen und dem che Anstrengungen sind daher erforderlich, um das Ziel der Im Mai 2008 wurden 2.556 Fragebögen an lehrlingsausbil- gefolgt vom Eindruck beim Bewerbungsgespräch amErfüllungsgrad vonseiten der Jugendlichen schließen. „Bildungsgarantie bis 18“ tatsächlich umzusetzen. dende Betriebe verschickt. 338 Betriebe beteiligten sich an wichtigsten sind.Seite 98 Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis. Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis. Seite 99
    • BESCHÄFTIGUNG I Höllbacher / Härtel I Aufnahmekriterien Aufnahmekriterien I Höllbacher    ärtel I BESCHÄFTIGUNG /H Eine in diesem Zusammenhang wesentliche Aussage be- Soziale Kompetenzen Empfehlungentrifft den Umstand, dass die Lehrstelle nicht besetzt wird, Ähnlich wie bei den persönlichen Kompetenzen sind Aus der Gesamtheit der Ergebnisse lässt sich eine großesollte dafür der geeignete Lehrling nicht gefunden werden. auch die Sozialkompetenzen ein für den/die Unternehmer/ Diskrepanz zwischen Erwartungshaltung aufseiten derDies gaben 43 % der befragten Betriebe an. in entscheidendes Kriterium. Auch hier werden diese von Ausbilder/innen und dem tatsächlich vorhandenen Wis- den Bewerber/innen in weit höherem Maße erfüllt, als dies sen aufseiten der Jugendlichen erkennen. Empfehlun-Anforderungen an die Lehrlinge bei den formalen Kriterien der Fall ist. Bei der Teamfähig- gen können in Richtung Informationsarbeit bei Aus- Ein Gesamtüberblick über die Rückmeldungen betreffs keit sogar von 82 % der Bewerber/innen. bilder/innen, Schulen und Jugendlichen (Workshops),der Anforderungen an Lehrstellenbewerber/innen gemäß Unterstützungsarbeit bei Auswahlprozessen und intensi-der Struktur der Bildungsstandards scheint darauf hinzu- Anforderung an Kompetenzdomainen verer Auseinandersetzung mit dem Wunschberuf aufseitenweisen, dass diese die realen Erfordernisse in der betriebli- Domaine sw/w % vorhanden % pp der Jugendlichen – unterstützt durch das Handbuch „Lehr-chen Berufsausbildung recht gut abbilden können. persönliche Kompetenz 96,3 54,4 41,9 berufsanforderungen“ und den QualiCoach – abgeleitet Sozialkompetenz 95,8 65,0 39,8 werden. Das Handbuch „Lehrberufsanforderungen“ wurde Insgesamt ergibt sich ein Bild einer realistischen Erwar- Deutsch 80,3 41,8 38,5 als Instrument für Lehrer/innen, aber auch für Eltern undtungshaltung der ausbildenden Betriebe an Lehrstellen- Mathematik 63,2 21,3 41,9 Jugendliche entwickelt, um sich, basierend auf einem Am-bewerber/innen hinsichtlich jener Kompetenzen und Englisch 36,0 25,2 10,8 pelsystem, mit den im Lehrberuf der Wahl gefordertenQualifikationen, die Pflichtschulabgänger/innen erfüllen Kompetenzen auseinanderzusetzen. Auf diese Weise ent-können müssten; hinsichtlich der tatsächlichen vorhan- stehen realistische Vorstellungen von den Anforderungen,denen Kenntnisse und Kompetenzen ergeben sich jedoch Vergleich Bedeutung — vorhandene Kompetenz die an sie gestellt werden, und die Jugendlichen könnenzum Teil beträchtliche Diskrepanzen. Nach den jeweils drei wichtigsten Unterdomainen sich gezielt auf die Lehrstellensuche vorbereiten. in den Kompetenzbereichen. Unübersehbar ist die überragende Bedeutung der persön- die 3 wichtigsten sw/w % vorhanden % pplichen und sozialen Kompetenzen für Lehranfänger/innen, Unterdomaineneinige davon werden in relativ hohem Maße erfüllt, die Er- Deutsch 95,7 52,3 43,4 Die AutorInnenhebung weist jedoch auf erheblichen Entwicklungsbedarf Mathematik 86,7 26,3 60,4 Dipl.Päd.in Marion Höllbacherin wesentlichen Bereichen dieser Bildungs- und Persön- seit zehn Jahren im Bereich der Berufsorientierung tätig,lichkeitsdimension hin. seit fünf Jahren mit den Herausforderungen von Jugend- Kommentar — Konklusionen — Konsequenzen lichen beschäftigt, die mit ungenügenden Lese-, Schreib-Mathematik Die überragende Bedeutung der Sozial- und persönli- und Mathematikkenntnissen ausschulen; neuer Aufgaben- Am wichtigsten war den befragten Unternehmer/innen, chen Kompetenzen ist offensichtlich und bedarf keiner bereich ist die Berufsbildung im transnationalen Bereichdass Jugendliche Kopfrechnen, Schätzen, Runden können weiteren Erläuterung. Die Differenz zwischen Anforde- Steirische Volkswirtschaftliche Gesellschaftund Maßeinheiten kennen. Demgegenüber steht, dass nur rungen und der Einschätzung vorhandener Kompetenzen www.stvg.atca. ein Drittel der Jugendlichen ausreichend über diese hinsichtlich dieser Kompetenzdomainen ist mit über 40 marion.hoellbacher@stvg.comKenntnisse verfügt. Das Begründen von Rechenschritten bzw. 30 Prozentpunkten beträchtlich, im Bereich Sozial-sowie das Verstehen von Lösungswegen werden von 70 % kompetenz jedoch geringer als in anderen Basisbildungs- Mag. Dr. Peter Härtelder Ausbilder/innen als sehr wichtig/wichtig eingeschätzt, bereichen (persönliche Kompetenz und Mathematik). ist langjähriger Geschäftsführer der Steirischen und Ös-sind jedoch nur zu knapp 19 % sehr gut/gut vorhanden. terreichischen Volkswirtschaftlichen Gesellschaft und ist Die Anforderungen an Deutsch sind im Schnitt in allen zuständig für strategische Vernetzung, Verbreitung undDeutsch Betrieben und Berufen deutlich höher als in Mathematik, Projektierung an den Übergängen Schule – Wirtschaft. Zuhören können, sinnerfassend lesen, an die Situation ange- was auf starke Unterschiede hinsichtlich einzelner Berufe, Steirische Volkswirtschaftliche Gesellschaftpasst sprechen sowie Schreiben als Hilfsmittel zu verwenden Betriebe bezüglich Mathematik schließen lässt (siehe auch www.stvg.atfordern nahezu 95  der Betriebe. Lediglich zur Hälfte können % Detailauswertung Berufe). Die Abweichung von Anforde- ph@stvg.comLehrlinge diese Voraussetzungen sehr gut/gut erfüllen. rungen und die Einschätzung vorhandener Kompetenzen ist jedoch in Mathematik mit über 40 Prozentpunkten nochEnglisch höher als in Deutsch (knapp 40 Prozent). Im Allgemeinen sind die Leistungsanforderungen in Eng-lisch deutlich geringer als in Deutsch oder Mathematik. Dieses Bild verschärft sich, wenn man die jeweils dreiDas Verstehen unkomplizierter Texte sowie grundlegender wichtigsten Unterdomainen in Deutsch und MathematikDinge sind die wichtigsten Kriterien für Unternehmer/in- hinsichtlich Anforderungen und vorhandener Kompe­nen. Diese werden zu mehr als 30 % seitens der Bewerber/ tenzen vergleicht. Hier ist in Mathematik mit einer Dif-innen sehr gut/gut erfüllt. ferenz von über 60 Prozent­ unkten eine geradezu dra- p matische Diskrepanz in wesentlichen KompetenzfeldernPersönliche Kompetenzen festzustellen, während in Deutsch – bei einem sehr ho- Die Anforderungen an die persönlichen Kompetenzen hen Bedeutungslevel von über 95 Prozent – die Diskre-sind die höchsten im Verhältnis zu allen anderen Krite- panz zwischen Bedeutung und vorhandenen Kompe­rien. In allen Punkten – von Genauigkeit bis Zuverlässig- tenzen in den drei wichtigsten Unterdomainen sichkeit – liegt die Anforderung bei nahezu 100 %. Im Vergleich nicht wesentlich von der Gesamt­ ituation in Deutsch szu den formalen Kriterien (Mathematik, Deutsch, Englisch) unterscheidet – was auf eine gleichmäßig hohe Bildungs-werden diese Anforderungen absolut in höherem Maße er- und Kompetenzentwicklungsherausforderung in dieserfüllt, mit vergleichbarer Differenz zu den Anforderungen. Domaine hinweist.Seite 100 Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis. Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis. Seite 101
    • BESCHÄFTIGUNG I Höllbacher / Härtel I Unterstützen — Begleiten — Vernetzen Unterstützen — Begleiten — Vernetzen I Höllbacher    ärtel I BESCHÄFTIGUNG /H bzw. erst gar keine zu bekommen, ist für diese Jugendli- In der Arbeit des QualiCoach ist es wichtig, den Jugendli- chen ein hemmender Faktor bei der Lehrstellensuche. Den chen zu verdeutlichen, dass es ausschließlich um sie und Jugendlichen ist oft bewusst, dass ein verändertes Lernver- ihre Zukunft geht. Ziel ist, die Jugendlichen dabei zu unter- halten aus dieser Situation führen könnte, sie sind aber nicht stützen, ihre Stärken kennenzulernen und diese bewusst in der Lage, etwas zu ändern, da sie nicht wissen wie und die bei der Lehrstellensuche einzusetzen. Aus der Kenntnis der Inanspruchnahme von Hilfe/Unterstützung nicht „cool“ ist. eigenen Stärken resultiert mehr Selbstbewusstsein. Unsicherheit Mit dem steigenden Selbstbewusstsein steigt auch die Jugendliche mit mangelnden Basiskompetenzen haben in unternehmerische Kompetenz der Jugendlichen, die als der Folge meist ein schwaches Selbstwertgefühl und sind eine der Schlüsselkompetenzen für lebensbegleitendes sich praktischer Stärken nicht bewusst. Dieses mangelnde Lernen definiert wurde. Unternehmerische Kompetenz Selbstwertgefühl führt oft dazu, dass die Lehrstellensu- hilft den Jugendlichen nicht nur in deren täglichem Leben che sehr lange verzögert wird, womit sich die Chancen zu Hause, sondern auch am Arbeitsplatz. Sie erlangen die auf einen Lehrplatz weiter verringern. Große Unsicherheit Fähigkeit, ihr Arbeitsumfeld bewusst wahrzunehmen und herrscht bezüglich der Anforderungen der Wirtschaft: „Was Chancen zu ergreifen. Unternehmerische Kompetenz be- erwartet der Betrieb von mir?“ Aber nicht nur mangelndes deutet auch, Projekte zu planen und umzusetzen und be- Grundwissen erschwert diesen Jugendlichen den Zugang stimmte Ziele zu erreichen. Im Falle des QualiCoach be- zu Lehrstellen. Durch die jeweiligen Lebensbiografien kann deutet dies z.B. einen Plan zur Erreichung einer LehrstelleMarion Höllbacher Peter Härtel die Entwicklung der in unserer Gesellschaft so notwendi- zu erstellen und diesen umzusetzen. Eine weitere we-Teilprojektkoordinatorin im Projekt In.Bewegung; Geschäftsführer der Steirisch gen „Soft Skills“ oft nicht ausreichend unterstützt werden – sentliche Kompetenz, die gemeinsam mit der/dem Qua-Steirisch Volkswirtschaftliche Gesellschaft Volkswirtschaftlichen Gesellschaft ein weiteres Hemmnis auf dem Weg zur Lehrstelle. liCoach trainiert wird, ist das Einschätzen der eigenen Fä-marion.hoellbacher@stvg.com ph@stvg.com higkeiten und Stärken. Jugendliche auf Lehrstellensuche sind in mehrfacher Hin- sicht in einer schwierigen Situation. Zum einen ist da die Umsetzung Unsicherheit in Bezug auf die berufliche Zukunft. Zum an- Nach allgemeiner positiver Zustimmung und der klaren deren spielen alle altersbedingten Faktoren eine Rolle (cool Unterstützung seitens der Direktion und des Lehrerkol- sein, nicht auf andere hören wollen, alles selbst am besten legiums, wurde das Projekt QualiCoach an der PTS Graz wissen etc.). Verstärkend kommt hinzu, dass sich gerade in Anfang November 2008 gestartet. In der Phase der beruf-Unterstützen — Begleiten — Vernetzen dieser Lebensphase die Rolle der Eltern verändert und ein lichen Orientierung nicht nur auf die Unterstützung sei- Abnabelungsprozess stattfindet. Ratschläge der Eltern wer- tens der Schule zählen zu können, sondern durch einen den von vornherein abgelehnt. Es kommt aber auch vor, QualiCoach Unterstützung bei der Berufsfindung zu er-QualiCoach Basisbildung — Modell eines Begleiters dass Eltern zwar gerne unterstützen würden, aber selbst nicht wissen wie, da das dazu notwendige Wissen über den halten, schafft für Jugendliche einen Anreiz. Die Schüler/ innen nehmen die Chance der Klärung vieler Fragen, diean der Schnittstelle Schule — Beruf Arbeits- und Bildungsmarkt nicht vorhanden ist. Erschwert im Zusammenhang mit schulischen Leistungen, betriebli- wird die Situation dann, wenn die Eltern ihrerseits über chen Erwartungen und ihrem persönlichen Wunschberuf keine ausreichende Basisbildung verfügen und Bildung/ stehen gerne an. Ein im Rahmen des Projektes entwickel- Ausbildung somit keine Themen in der Familie sind. tes Kompetenzenportfolio unterstützt die Dokumenta- tion der eigenen Fortschritte und kann den Bewerbungs- Die Arbeit des QualiCoaches unterlagen beigefügt werden. Abgerundet wird die ArbeitDie Entwicklung und Pilotierung einer „QualiCoach Ba- Ausbildungsbetriebe setzen voraus, dass der positive Ab- „QualiCoaches Basisbildung“ sind Personen, die mit dem des QualiCoach durch die Kompetenzenworkshops undsisbildung“ an der Schnittstelle Schule — Wirtschaft zur schluss der Pflichtschule einem bestimmten Bildungs- Schulsystem eng zusammenarbeiten und Veränderungen die Kompetenzenrallye1.frühzeitigen Begleitung von Jugendlichen mit nicht aus- niveau entspricht. Viele Betriebe legen Wert auf ein gutes bei den beteiligten Akteur/innen einleiten können. „Quali-reichenden Basisbildungskenntnissen ist eine präventive Zeugnis, und sie stellen fest, dass aufgrund der rückläufigen Coaches Basisbildung“ sind Unterstützer/innen, Begleiter/ EmpfehlungenMaßnahme für die beschriebene Zielgruppe, um Jugendli- Schüler/innenzahlen der Andrang der hervorragenden bis innen, Mentoren/innen betroffener Jugendlicher, die sen- Aus der bisherigen Arbeit des QualiCoach lässt sich er-che mit dem nötigen „Werkzeug“ auszurüsten, das ihnen guten Bewerber/innen nicht mehr so groß ist. Jugendliche sibel und motivierend mit den Jugendlichen arbeiten und sehen, dass Jugendliche die Unterstützung sehr zu schät-ermöglicht, selbstständig den Übergang von der Schule mit Defiziten in – für die jeweiligen Betriebe – wichtigen durch auf die Bedürfnisse der einzelnen Jugendlichen ab- zen wissen. In den Einzelgesprächen mit dem QualiCoachzur Wirtschaft zu bewältigen. Jugendliche erhalten durch Grundkenntnissen (Mathematik, Deutsch und Englisch) gestimmte Methoden zum Empowerment beitragen. „Qua- erfahren sie eine Wertschätzung, die ihnen oft vorenthal-die QualiCoach Basisbildung die Möglichkeit herauszufin- sowie in sozialen und persönlichen Kompetenzen erhal- liCoaches Basisbildung“ nehmen mit den Jugendlichen ten wird. Die Auseinandersetzung mit dem „Wunschberuf“den, was sie wollen, was sie können und wie sie es schaf- ten schwerer eine Chance auf dem ersten Arbeitsmarkt und Kontakt auf und erarbeiten gemeinsam mit ihnen ihre Stär- und das Kennenlernen der Anforderungen, die es zu beste-fen, das zu erreichen. sind daher Zielgruppe für das Projekt In.Bewegung II. ken und Fähigkeiten. Gemeinsam werden geeignete För- hen gilt, sind die Herausforderungen, die sich Jugendliche dermaßnahmen ausgewählt. stellen müssen. Hier muss Unterstützung ansetzen – sei es Die Entwicklung und Pilotierung einer „QualiCoach Ba- Betroffenen Jugendlichen ist ihre Situation oft bewusst, vonseiten der Schule oder extern, um zu einem gelingen-sisbildung“ an der Schnittstelle Schule — Wirtschaft zur d.h., sie können realisieren, dass ihre schlechten schuli- Der Erstkontakt mit dem QualiCoach erfolgt über die den Übergang Schule – Wirtschaft beizutragen. Unterstüt-frühzeitigen Begleitung von Jugendlichen mit nicht aus- schen Leistungen Auswirkungen auf die Berufswahl haben. Schule. Die Jugendlichen werden über das Angebot infor- zende Maßnahmen wie z.B. der QualiCoach oder Tools, diereichenden Basisbildungskenntnissen ist eine präventive Die meisten Jugendlichen mit nicht ausreichenden Basis- miert und können dann entscheiden, ob sie dieses anneh- sowohl Jugendlichen als auch Lehrer/innen zur VerfügungMaßnahme für die beschriebene Zielgruppe, um Jugend- bildungskenntnissen legen ihre Berufswahl dementspre- men möchten. Die Zusammenarbeit mit dem QualiCoach gestellt werden können ebenfalls dazu beitragen.liche mit dem nötigen „Werkzeug“ auszurüsten, das ihnen chend an, sie entscheiden sich für scheinbar eher „einfa- erfolgt auf freiwilliger und vertraulicher Basis. Die Bespre-ermöglicht, selbstständig den Übergang von der Schule zur che“ Lehrausbildungen (Friseur/in, Tischler/in, Maurer/ chungen können entweder in der Schule oder in einem pri- 1 Die Kompetenzrallye wurde im Rahmen der Arbeit der QualiCoach entwickelt und um-Wirtschaft zu bewältigen. in  ...). Angst, die begehrte Lehrstelle wieder zu verlieren vaten Umfeld stattfinden, je nach Wahl des Jugendlichen. fasst vier Module, die der Kompetenzstärkung von Jugendlichen dienen.Seite 102 Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis. Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis. Seite 103
    • BESCHÄFTIGUNG I Penz I Jump — Jugendliche mit Perspektive Jump — Jugendliche mit Perspektive I Penz I BESCHÄFTIGUNG zubieten. Im Projekt „Jump – Jugendliche mit Perspektive“ formation zum Thema folgende Ausbildungsstätten bzw. wurde erstmalig pilotmäßig ein Konzept für Lehrlinge mit Berufsschulen, am Projekt teilzunehmen: mangelnden Basisbildungskenntnissen entwickelt und an • Fachberufsschulzentrum Spittal an der das bestehende duale Ausbildungssystem angepasst. In Drau (Lehrberufe: Metallberufe, Holzberufe, den Jahren 2008 und 2009 haben in ganz Kärnten an ver- Handelsberufe) schiedenen Berufsschulen und Ausbildungszentren 193 Lehrlinge speziell auf ihre Bedürfnisse und Lehrberufe ab- • ÖGB Ausbildungszentrum für gestimmte Unterstützung und Betreuung erhalten. Maschinenbautechniker Krumpendorf (Lehrberufe: MaschinenbautechnikerIn) Hauptziel des Projektes war es, Kärntner Lehrlinge mit • Kelag-Lehrlingsschule St. Veit an der Glan mangelnden Kenntnissen in den Grundkulturtechniken (Lehrberufe: ElektroinstallationstechnikerIn, durch ein entsprechendes Angebot beim Erreichen des Bürokaufleute, MaschinenbautechnikerIn und Lehrabschlusses zu unterstützen. MetallbearbeitungstechnikerIn) Darüber hinaus wurde das Ausbildungspersonal in das • Ausbildungszentrum Wolfsberg Projekt eng miteinbezogen. Für AusbildnerInnen sowie Be- (Lehrberufe: MaschinenbautechnikerIn, ZerspanungstechnikerIn, rufsschullehrerInnen wurde ein maßgeschneidertes Wei- MaschinenfertigungstechnikerIn, Metallberufe terbildungsangebot entwickelt und angeboten, um dieseIsabella Penz für den Umgang mit der Zielgruppe zu schulen. Dem Aus- allgemein)Leiterin der VHS Feldkirchen/St. Veit bildungspersonal sollte Wissen über die Hintergründe und Auch andere Berufsschulen hatten an einer Teilnahme In-i.penz@vhsktn.at Besonderheiten der Zielgruppe vermittelt sowie Wissen teresse. Hier konnte jedoch leider kein Kursmodell gefun- über zielgruppengerechte Methoden und Lehrmaterialien den werden, das sich in das bestehende Ausbildungssystem im Unterricht bereitgestellt werden. integrieren ließ. Es handelte sich hierbei um Berufsschulen mit Jahreslehrgängen, d.h., die Lehrlinge besuchen ganz- Basisbildung für Lehrlinge — aber wie? jährig einmal pro Woche die Berufsschule und kommen Die Innovation des Projektes „Jump – Jugendliche mit Per- aus allen Regionen Kärntens. spektive“ besteht darin, dass das Weiterbildungsangebot in Kooperation mit den Lehrlingsausbildungsstätten durch- Der Lehrgang „Jump —Jump — Jugendliche mit Perspektive geführt wurde. Das Basisbildungsangebot konnte in das bestehende Ausbildungssystem integriert werden. Jugendliche mit Perspektive“ Rahmenbedingungen und UmsetzungBasisbildung für Lehrlinge im betrieblichen Kontext Den Kick-off zum Projekt lieferte ein Informations- und Sensibilisierungsworkshop für alle interessierten Direkto- Nach der erfolgreichen Initiierung der Kooperationen war ein weiterer wesentlicher Schritt, die potenziellen Teilneh- ren (ausschließlich Männer) der Ausbildungsstätten. Bei mer und Teilnehmerinnen auf das Lehrgangsangebot auf- diesem Treffen hatten die TeilnehmerInnen erstmalig die merksam zu machen bzw. sie für die Teilnahme zu gewin- Möglichkeit, sich zum Thema „Basisbildungsbedarf von nen. Zur Zielgruppe von Jump zählten Lehrlinge (ab 15 Lehrlingen“ zu informieren und auszutauschen. Sämtliche Jahre) mit geringer Basisbildung. Für die Akquisition vonDer vorliegende Artikel beschreibt ein Projekt der Volks- Laut PISA-Studie 2006 können 21,5 Prozent der 15-Jäh- Leiter meldeten einen Bedarf am beschriebenen Basisbil- Lehrlingen mussten zunächst innerbetriebliche Vernetzun-hochschule Kärnten mit dem Titel „Jump — Jugendliche rigen elementare Leseaufgaben nicht routinemäßig lö- dungsangebot an. gen aufgebaut werden. Die Leiter der Ausbildungsstättenmit Perspektive”. Darin wurde erstmalig ein Bildungskon- sen. Sie haben zum Beispiel Schwierigkeiten, in einfachen sowie einzelne BerufsschullehrerInnen und AusbildnerIn-zept für Lehrlinge mit mangelnden Basisbildungskennt- Texten Informationen zu lokalisieren, einfache Schluss- Im nächsten Schritt wurde an allen interessierten Berufs- nen erfüllten dabei eine entscheidende Rolle und übernah-nissen entwickelt und in das bestehende duale Ausbil- folgerungen zu ziehen oder die Hauptidee eines gut ge- schulen und Ausbildungszentren eine ausführliche Bedarfs- men die Bewerbung und die Erstauswahl der potenziellendungssystem integriert. Im ersten Teil des Artikels wird kennzeichneten Textteils zu erkennen. Das bedeutet, dass erhebung durchgeführt. Ebenso wurde der Kontakt zum TeilnehmerInnen. Die Freiwilligkeit der TeilnehmerInnendie praktische Durchführung und Umsetzung in den Aus- gut jede/r fünfte österreichische Schüler/in gegen Ende Landesschulrat für die Berufsschulen in Kärnten hergestellt. wurde als Voraussetzung vereinbart. Bei der Gewinnungbildungsstätten (Berufsschulen und Ausbildungszentren) der Pflichtschulzeit nur unzureichend sinnerfassend le- Auch dieser signalisierte große Unterstützungsbereitschaft von Lehrlingen war ein sensibler Umgang notwendig, dabeschrieben. Der zweite Teil widmet sich dem Outcome sen kann. Ebenso viele, nämlich 21 Prozent der 15-Jährigen, für das Projekt. Bereits zu Beginn zeigte sich, dass die Inte- bei keinem der Beteiligten der Eindruck entstehen sollte,des Projektes. Dazu werden einerseits die Evaluationser- weisen eine mangelnde Mathematikkompetenz auf. Da- gration in das bestehende Ausbildungssystem eine große dass es sich beim Zusatzangebot um einen Nachhilfekursgebnisse aus dem Projekt herangezogen und andererseits durch können das private und das gesellschaftliche Leben Herausforderung werden würde, da die Berufsschulzeiten für besonders leistungsschwache Schüler und Schülerin-die konkreten Erfahrungen des Projektteams. beeinträchtigt werden. für die Lehrlinge generell sehr knapp bemessen sind. Sei- nen handle. Von Anfang an wurde den Betroffenen versi- tens des Landesschulrates wurde deshalb klargestellt, dass chert, dass alle Gespräche und später der Verlauf des Lehr- In der Diskussion um die Lehrlingsausbildung wird Demzufolge erreicht jährlich eine Vielzahl an Jugendli- keine Unterrichtsstunden aus der Berufsschulzeit für Basis- ganges vertraulich behandelt würden und Außenstehende,häufig der Bildungsstand der Jugendlichen bemängelt: chen nicht die vorgeschriebenen Bildungsziele der Pflicht- bildungskurse zur Verfügung stehen würden. Die Kurszei- wie Direktoren oder Vorgesetzte, über keine Kursdetails derImmer mehr Firmen klagen, dass sie keine geeigne- schule. Diese haben massive Schwierigkeiten, den Einstieg ten fanden daher während der praktischen Ausbildungszeit Teilnehmerinnen informiert werden würden.ten Lehrlinge fänden, weil diese zu geringe Kenntnisse in das Berufsleben zu schaffen bzw. darin erfolgreich und statt. In einem Ausbildungszentrum mit integriertem Inter-in den Bereichen Mathematik und Deutsch aufwiesen. nachhaltig bestehen zu können. nat wurde die Kurszeit auf die Zeit der Studierstunde gelegt. Während der Projektlaufzeit wurden 31 BasisbildungskurseGut qualifizierte ArbeitnehmerInnen sind jedoch die Ba- durchgeführt. Die Laufzeit eines Lehrganges betrug größten-sis eines Unternehmens, um in einer Arbeitswelt des ra- Um dem korrigierend entgegenzuwirken, ist es daher not- Letztendlich entschieden sich nach Abschluss der Be- teils 32 Einheiten. Bei einer Gruppengröße von meist sechsschen technologischen und gesellschaftlichen Wandels wendig, Lehrlingen mit Basisbildungsbedarf zusätzlich darfserhebung, der Klärung sämtlicher Rahmenbedin- bis acht TeilnehmerInnen gab es an diesem Angebot insge-bestehen zu können. zur Lehrlingsausbildung maßgeschneiderte Trainings an- gungen bzw. nach erfolgreicher Sensibilisierung und In- samt 186 Teilnahmen. Werden die Teilnahmen auf Kopfzah-Seite 104 Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis. Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis. Seite 105
    • BESCHÄFTIGUNG I Penz I Jump — Jugendliche mit Perspektive Jump — Jugendliche mit Perspektive I Penz I BESCHÄFTIGUNGlen umgerechnet (da einige Jugendliche mehrere Kurse be- aktuellen Berufsschulstoffes bis hin zu gar keinen Er- Die Erfolgskriterien: Ergebnisse ihnen wichtig, dass sie nicht zu einem anderen Ort fahrensuchten), so ergibt sich eine TeilnehmerInnenanzahl von 141 wartungen. Mit jedem/jeder TeilnehmerIn wurde ge- der begleitenden Evaluation mussten. Das wäre für manche nicht vorstellbar bzw. nichtPersonen (122 männlich und 19 weiblich). meinsam mit den TrainerInnen ein persönlicher Lern- Die Kurse wurden begleitend evaluiert, eine umfassende organisierbar gewesen. plan entwickelt, den diese bei Bedarf auch während der Evaluationsdokumentation liegt vor. Für die Befragung Die Kurse fanden direkt in den Ausbildungsstätten statt. Kurszeit ändern konnten. wurde in Zusammenarbeit mit der externen Evaluations- (Ad 3) Die Kurse wurden zu verschiedenen TageszeitenDass das Kursangebot in der gewohnten Umgebung der person und der Projektkoordination ein standardisierter angeboten. Die Gesamtzufriedenheit war bei Lehrlingen,Lehrlinge bzw. am Arbeitsplatz im Betrieb stattfand, un- Das Rahmencurriculum1 im Überblick Gesprächsleitfaden entwickelt. Befragt wurden sowohl die die das Training tagsüber absolvieren konnten, jedoch et-terstützte maßgeblich den großen Erfolg des Projektes, • Mathematik Lehrlinge als auch die Leiter der Ausbildungsstätten. was größer als bei jenen, die den Kurs am Abend (in derda die gute Erreichbarkeit des Lernortes besonders für (u.a. Grundrechnungsarten, Kopfrechnen, Studierstunde) besuchten. Diese gaben teilweise an, siebildungsferne MitarbeiterInnen wichtig ist (vgl. Kuwan Brüche und Potenzen, Maße und Zu Projektbeginn wurden folgende hätten die Zeit der Studierstunde lieber anders genutzt.2002, S. 188). Masseberechnungen, Volumens- und Erfolgskriterien formuliert: Flächenberechnungen, Prozentrechnen Es zeigt sich, dass die Integration in das Ausbildungssys- und Schlussrechnungen, Dezimalzahlen) 1. Die planmäßige Durchführung der Lehrgänge Wie bereits oben erwähnt, fanden die Kurse hauptsäch- tem leichter möglich ist, wenn die Berufsschulzeit geblockt mit der geforderten TeilnehmerInnenanzahl.lich während der praktischen Ausbildung statt. Der op- ist. In den Ausbildungszentren war die Organisation der • Deutsch (Laut Erstantrag waren vier Lehrgänge mittimale Kursstart lag vor Beginn der Berufsschulzeit. Da- insgesamt 42 Lehrlingen vorgesehen.) Kurse wesentlich einfacher. (u.a. neue deutsche Rechtschreibung,durch konnten die Lehrlinge optimal auf die Aufnahme Doppellaute, Groß-/Kleinschreibung,des bevorstehenden Berufsschulstoffs vorbereitet werden. das/dass, Kommasetzung, Grammatik, 2. Die Ausbildungsstätten stellen einen Ein kompakter Stundenplan der Lehrlinge erleichtert die Lesen und Textverständnis) Schulungsraum für die Kurse zur Verfügung. Organisation. Hilfreich ist es, wenn die Berufsschule ein- Als Trainer und Trainerinnen wurden ausschließlich mal die Woche nur bis 15:00 Uhr dauert, um dann im An- • Lernen lernen (u.a. Zeitmanagement 3. Die Kurse können in das bestehendePersonen mit entsprechenden Qualifikationen (Fach- Ausbildungssystem integriert werden. schluss den Grundbildungskurs anbieten zu können. und Lernmethoden)kompetenz, Beratungs- und Methodenkompetenz sowiepersonale und soziale Kompetenz) ausgewählt. Im Aus- • Einzeltraining 4. Die Kurse weisen eine geringe Drop-out-Quote auf. (Ad 4) Es haben nur vier Lehrlinge einen Kurs vorzeitig ab-wahlgespräch wurde mit der Projektleiterin ausführlich Einzeltrainingsstunden nach gebrochen. Die Evaluationsgespräche zeigten insgesamt, 5. Der berufliche bzw. private Nutzen istdie Motivation von Jump und der Zielsetzung, die mit Bedarf für Einzelpersonen dass die Jugendlichen mit dem Angebot durchwegs zu- für die TeilnehmerInnen gegeben.dem Bildungsangebot verfolgt wird, erläutert. Wichtig war, frieden gewesen waren und einen hohen beruflichen Ge- • Einzelcoachingdass das Bildungs- bzw. Lernverständnis der TrainerInnen 6. Der Kurs zielt neben der Stärkung der winn durch die Teilnahme sahen. Es ist anzunehmen, dass Unterstützung und Beratung inzur emanzipatorischen und förderlichen Zielvorstellung Grundfertigkeiten auch auf die Verbesserung sich die geringe Ausstiegsrate auch dadurch ergab, dass der Bezug auf die Lebens-, Bildungs- undpasste und den Qualitätsstandards entsprach, die für die der Kenntnisse im Bereich IKT (Informations- Kurs in das Ausbildungssystem der Jugendlichen integriert Berufsplanung der LehrlingeAlphabetisierungs- und Basisbildungsarbeit in der Ent- und Kommunikationstechnologien) ab. war. Die Lehrlinge sahen die Möglichkeit eines Ausstiegeswicklungspartnerschaft In.Bewegung erarbeitet worden Die Lerninhalte orientierten sich an folgenden didak- 7. Die TrainerInnen verwenden verschiedene eigentlich gar nicht. Darüber hinaus lag es nicht im Ein-waren (vgl. Doberer-Bey 2007). tischen Prinzipien: Zielgruppen- und TeilnehmerIn- erwachsenengerechte Lehr- und Lernmethoden. flussbereich der Projektkoordination, inwiefern die Leiter nenorientierung, Freiwilligkeit der Beteiligung, Lebens- der Ausbildungsstätten eine Teilnahme forcierten. Das Rahmencurriculum der Lehrgänge wird nachste- weltbezug/Praxisbezug, selbstgesteuertes Lernen sowie 8. Die teilnehmenden Lehrlinge sind insgesamthend beschrieben. Die TrainerInnen führten mit den Individualität und Empowerment. Gerade in Hinblick mit dem Bildungsangebot zufrieden. Die (Ad 5) Die Ergebnisse der Evaluation konnten den NutzenLehrlingen ein Erstgespräch, um einerseits die Erwar- auf die besonderen Lebenserfahrungen und die bisheri- Berufsschulleistungen verbessern sich und die deutlich bestätigen. Die Lehrlinge haben sich durch die Selbstsicherheit der TeilnehmerInnen steigt, z.B.tungen und individuellen Rahmenbedingungen abzuklä- gen (schulischen) Lernerlebnisse der Jugendlichen war Teilnahme an den Kursen nicht nur fachlich in den Berei- durch das Erkennen der eigenen Lernfähigkeit.ren und andererseits den Lehrlingen Sicherheit zu ver- die Gestaltung eines erwachsenengerechten Lernprozes- chen Mathematik oder Deutsch verbessert, sondern es fielmitteln. Am ersten Kurstag wurden die Erwartungen der ses für die erfolgreiche Beteiligung besonders erforderlich. 9. Die Leiter der Ausbildungsstätten sind ihnen aufgrund des Kursbesuches leichter, allgemein denTeilnehmerInnen ausführlich besprochen und die kon- Das pädagogische Konzept von Paolo Freire diente dabei mit dem Bildungsangebot zufrieden. Lehrstoff zu bewältigen. Den Lehrlingen fiel es durch denkreten Lerninhalte gemeinsam mit den TeilnehmerInnen als Grundlage (vgl. Freire 1973 und 1977). Im Mittelpunkt Kursbesuch außerdem auch leichter, den Zusammenhangerarbeitet. stand besonders die berufliche Situation der Jugendli- Die nachstehende Zusammenfassung der zentralen Er- zwischen Theorie (Berufsschule) und Praxis (Werkstätte) chen. Die TrainerInnen konzentrierten sich allerdings gebnisse der Evaluation beschreibt, dass die anfangs for- herzustellen. Durch die Erweiterung der Methodenkompe- Aufgrund der kurzen Laufzeit der Kurse erfolgte zumeist nicht nur auf die Vermittlung von kognitiven Lehrinhal- mulierten Erfolgskriterien erfüllt werden konnten: tenz im Bereich „Lernen lernen“ konnte das Selbsthilfepo-eine Entscheidung, sich entweder ausschließlich auf Ma- ten, sondern es wurden auch die sozialen, emotionalen tenzial der Lehrlinge erkennbar erhöht werden.thematik oder Deutsch zu konzentrieren. Diese Entschei- und lebensweltlichen Ebenen berücksichtigt. Die Trainer- (Ad 1) Bald nach Projektstart zeigte sich, dass der Bedarfdung war vom Ausbildungsschwerpunkt der Jugendlichen Innen versuchten, den individuellen Lernprozess der Ju- an Grundbildung bei den Lehrlingen derart hoch ist, dass Besonders Lehrlinge des ersten Lehrjahres sahen einenabhängig. Lehrlinge in technischen Berufen hatten dabei gendlichen zu begleiten. eine Ausweitung der geplanten Kurse notwendig war. Eine hohen Nutzen, da die TeilnehmerInnen im Grundbildungs-einen deutlich höheren Bedarf an Unterstützung im Be- genehmigte Antragsänderung ermöglichte es, dass anstatt kurs den Hauptschulstoff nachholen bzw. auffrischenreich Mathematik. Ebenso wurden die Trainingsinhalte Als Lernunterlagen wurden ausschließlich erwachse- der vorgesehenen 42 Lehrlinge 141 einen Grundbildungs- konnten. Dadurch konnte das gesamte Lehrjahr raschermit den BerufsschullehrerInnen und AusbildnerInnen ab- nengerechte Materialien verwendet. Hier fand eine enge kurs besuchen konnten. auf ein einheitliches Niveau gebracht werden. Die Lehr-gestimmt. Wichtig war es, stets einen beruflichen Nutzen Zusammenarbeit mit den Ausbildungsstätten statt. Sämt- linge aus dem ersten Lehrjahr gaben an, dass ihnen da-für alle Beteiligten zu erreichen: Alle Lerninhalte des Rah- liche Schulbücher und Fachunterlagen wurden den Trai- (Ad 2) Alle Kurse fanden planmäßig direkt in den Räum- durch die Angst und die Unsicherheit vor der Berufsschulemencurriculums wurden auf die Berufspraxis der Lehr- nerInnen zur Verfügung gestellt und dienten zur Orien- lichkeiten der Ausbildungsstätten statt. Den Lehrlingen genommen wurde.linge abgestimmt. tierung. Die meisten Trainingsunterlagen mussten jedoch kam es sehr entgegen, dass das Training vor Ort stattfand von den TrainerInnen erst für die jeweilige Person bzw. und in die Ausbildung integriert war. Der betriebliche Lern- Die Erwartungen der Lehrlinge waren breit gestreut, Gruppe entwickelt bzw. adaptiert werden. ort erleichterte die Kursteilnahme wesentlich, da keine ex-von sehr spezifischen Hilfestellungen (z.B. Legasthe- tra Wege in Kauf genommen werden mussten und dernietraining, Orientierung am Berufsschulstoff, Vorbe- Lernort für die Jugendlichen vertraut und bekannt war. 1 Das Curriculum kann als Dokument angefordert werden unter i.penz@vhsktn.at.reitung auf Schularbeiten) über die Bearbeitung des Darin wird umfassend das Grundbildungsangebot für Lehrlinge dokumentiert. Viele der Lehrlinge waren begrenzt mobil, und so war esSeite 106 Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis. Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis. Seite 107
    • BESCHÄFTIGUNG I Penz I Jump — Jugendliche mit Perspektive Jump — Jugendliche mit Perspektive I Penz I BESCHÄFTIGUNGDer Nutzen aus Sicht der Lehrlinge ben sich viele subjektive Lernerfolge für die Teilnehmer- verständnis wurde erhöht und sie hatten weniger Schwie- angebot auch Personen von Ausbildungsstätten teilge-„Das Wissen, was man hier lernt, wird man immer brauchen Innen. Lehrlinge aus dem Deutschtraining berichteten rigkeiten bei Prüfungen und bei der Beantwortung von nommen haben, in denen keine Grundbildungskurse imkönnen. Vielleicht muss ich meinem Bruder oder meinem ei- aufgrund des Kursbesuches über eine geringere Fehlerhäu- Fragen. Ebenso verbesserten sich die Rechtschreibung und Rahmen von Jump stattfanden. Die Seminare konntengenen Sohn, wenn ich einmal einen habe, diese Themenin- figkeit bei Schularbeiten und eine allgemein verbesserte die Lesefähigkeit bei einigen TeilnehmerInnen. auch einzeln besucht werden. Für die TeilnehmerInnenhalte, die ich hier gelernt habe, einmal erklären.“ Rechtschreibung sowie besseres Textverständnis. Wichtig entstanden keine Kosten. Insgesamt haben 43 Ausbild- war für die Jugendlichen auch die Möglichkeit, einmal eine Die Sicht der Leiter nerInnen und BerufsschullehrerInnen das Bildungsange-„Ich war schulisch ziemlich schlecht und habe durch den Präsentation zu üben, einerseits für die Berufsschule, an- „Der Lehrherr kann sich nun mit der Berufsausbildung bot in Anspruch genommen. Die TeilnehmerInnen sahenKurs große Fortschritte überall gemacht.“ dererseits aber auch für den Umgang mit KundInnen. auseinandersetzen und muss nicht erst die Grundqualifika- durch den Besuch einen hohen beruflichen Nutzen. tionen nachholen, den Hauptschulstoff nachholen.“„Ich habe ein besseres Verständnis für alle Themenge- Aus dem Mathematiktraining berichteten die Lehrlinge Empfehlungenbiete bekommen.“ über eine Verbesserung des logischen Denkens, vor allem „Die Anforderungen für die Lehrlinge haben sich verändert, Bisherige Erfahrungen machen deutlich, dass der Un- aber wurde über Verbesserungen in den Grundrechnungs- es fehlt ihnen aber auch einfach die Basis. Früher haben die terstützungsbedarf für Lehrlinge mit mangelnden Grund-„Ich arbeite jetzt lieber in der Werkstätte, weil ich jetzt ver- arten sowie beim Kopfrechnen berichtet. Lehrlinge die Grundrechnungsarten gekonnt, heute nicht bildungskenntnissen äußerst groß ist. Mit zunehmen-stehe, von was gesprochen wird.“ mehr (…) Es ist viel mehr Betreuung der Lehrlinge notwen- der Bekanntheit des Projektes nahmen die Anfragen von TeilnehmerInnen über Mathematik dig. Die guten Jugendlichen gehen in die Schule.“ weiteren Berufsschulen, Ausbildungszentren und Firmen (Ad 6) Laut Projektantrag war auch der Einsatz des Com- „Besser geht es nicht. Vorher habe ich einen 4er gehabt und kontinuierlich zu. In Folge wurden bereits weitere Grund-puters als Lerninhalt geplant, besonders die Vermittlung jetzt einen 1er.“ „Mir ist aufgefallen, dass die Angst, in der Werkstatt mit bildungskurse für Lehrlinge außerhalb des Projektes erfolg-von Teilen des Office-Programmes. Dafür gab es jedoch Mathematik konfrontiert zu werden, kleiner geworden ist.“ reich durchgeführt. Finanziert werden diese über den Bil-keinen Bedarf. Bereits in der Phase der Bedarfserhebung „Sehr gut, das habe ich sehr gut brauchen können, deswegen dungsgutschein der Arbeiterkammer Kärnten, wodurch fürsignalisierten alle Leiter der Ausbildungsstätten, dass dieJugendlichen mit der Arbeit am Computer sehr gut zu- bin ich jetzt positiv in Mathe.“ Die Sensibilisierung von die Lehrlinge keine Kosten für den Besuch von Grundbil- dungskursen entstehen. Aufgrund dieser Finanzierung istrechtkommen. Darüber hinaus ist der Erwerb des ECDL „Ja, das ist schon gut, jetzt kann man schneller was ausrechnen.“ BerufsschullehrerInnen es möglich, die Umsetzung des vorliegenden Bildungskon-ein fixer Bestandteil der Lehrlingsausbildung. Der Com-puter wurde zwar als Lernmedium genutzt und in die Trai- Die Erwartungen der TeilnehmerInnen wurden durchaus und AusbildnerInnen zepts relativ einfach in andere Bundesländer zu transferie- ren. Das erfolgreiche Kurskonzept spiegelt sich auch darin,nings integriert (z.B. durch den Einsatz von Lern-Program- erfüllt. Die Mehrheit der Befragten brachte zum Ausdruck, Neben dem Unterstützungsangebot für Lehrlinge wurde dass das Projekt 2008 für den Staatspreis für Erwachsen-men), es kam jedoch zu keinem expliziten IKT-Training. dass ihr Bedarf genau getroffen wurde. Die Anwendbarkeit im Rahmen des Projektes Jump auch ein Fokus auf die enbildung nominiert wurde. Darüber hinaus wurde Jump des Gelernten wurde von den TeilnehmerInnen gesehen. Weiterbildung von Personen, die in der Lehrlingsausbil- 2009 bereits zweimal als Good-Practice-Beispiel aus Öster- (Ad 7) In den Gesprächen äußerten die TeilnehmerIn- Durch den Kursbesuch profitieren sie in der Berufsschule, dung tätig sind, gelegt. LehrlingsausbildnerInnen und Be- reich ausgewählt. Einmal vom Deutschen Bundesverbandnen sehr große Zufriedenheit mit den TrainerInnen. Von in der praktischen Arbeit sowie im KundInnenkontakt. rufsschullehrerInnen arbeiten nahezu täglich mit Jugend- Alphabetisierung und Grundbildung e.V./Projekt „Chancenden Befragten kamen durchwegs sehr positive Rückmel- lichen mit mangelnden Basisbildungskenntnissen. Um erarbeiten“ und ein weiteres Mal vom Grundtvig-Projektdungen. Besonders der individuelle und wertschätzende (Ad 9) Alle Leiter waren mit der Organisation der Kurse dem Ausbildungspersonal den Zugang zur Zielgruppe und „Moleya“.Umgang wurde hervorgehoben. Der partnerschaftliche sehr zufrieden. Die Zusammenarbeit zwischen dem Schul- die Arbeit mit ihnen zu erleichtern, sind eine Sensibilisie-Umgang im Lernkontext war für die Jugendliche eine völ- und dem Projektteam wurde sehr positiv gesehen. Die rung zum Thema und eine methodisch-didaktische Schu- Grundbildung für Lehrlinge bzw. betriebliche Grundbil-lig neue Erfahrung. In einigen Kursen stellte sich ein ho- Kurse liefen reibungslos ab und für die Leiter bzw. Mitar- lung unabdingbar. Das Projekt hat sich deshalb auch zum dung muss daher als ein wesentlicher Bestandteil der Er-hes Vertrauensverhältnis ein. Die Jugendlichen sprachen beiterInnen ergab sich wenig zusätzlicher Aufwand. Die Ziel gesetzt, Personen aus der Lehrlingsausbildung ein ad- wachsenenbildung angesehen werden. Auch für die Zukunftteilweise sehr offen mit den TrainerInnen, für sie hatte das gesamte Koordination und Organisation der Kurse wurde äquates Weiterbildungsangebot anzubieten. Dafür wurde soll ein niederschwelliger Zugang für betroffene Arbeitneh-persönliche Verhältnis zum/zur TrainerIn eine besonders vom Projektteam übernommen. Dies war seitens der Di- ein Weiterbildungskonzept in Abstimmung mit den Aus- mer und Arbeitnehmerinnen gewährleistet werden. Allegroße Bedeutung. Ausdrücklich oft erwähnt wurden die rektoren eine wichtige Bedingung zur Teilnahme gewesen. bildungsstätten entwickelt. Das Bildungsangebot wurde Evaluationsergebnisse und Erfahrungen aus bisherigen Pro-Freundlichkeit und Empathie der TrainerInnen und deren in Kooperation mit der Pädagogischen Hochschule aus- jekten der VHS Kärnten zeigen, dass Grundbildung für Mit-Geduld, dass sie auf alle Fragen und Wünsche eingehen Mit den ausgewählten TrainerInnen waren sie sehr zu- geschrieben, sodass die teilnehmenden Personen arbeits- arbeiterInnen dem betrieblichen Erfolg insgesamt absolutwürden, sowie die abwechslungsreiche und erwachse- frieden, diese zeigten ein hohes Maß an Engagement und rechtlich abgesichert waren. zuträglich ist. Mit dem Projekt „Jump – Jugendliche mit Per-nengerechte Gestaltung der Trainingsstunden. Die Zufrie- Kooperationsbereitschaft. Mit den behandelten Kursin- spektive“ konnte deutlich gezeigt werden, dass die Teilhabe-denheit mit dem Klima in der Gruppe wurde ebenso sehr halten waren die Leiter zufrieden. Aus Sicht der Ausbil- Die geplanten Kursinhalte wurden in einer Fokusgruppe chancen auf lebenslanges Lernen für bildungsbenachteiligtehoch eingeschätzt. dungsleiter wurden nicht nur jene Inhalte bearbeitet, die zu Projektbeginn konkretisiert. Nachstehende Seminare Jugendliche nachhaltig erhöht werden können. die Lehrlinge von der Pflichtschule nicht mitgebracht bzw. Workshops im Gesamtausmaß von 80 Unterrichtsein-TeilnehmerInnen über die TrainerInnen hatten, sondern auch die Themen der Berufsschule. Die heiten wurden angeboten und durchgeführt: Die Lehrlingsausbildung steht in Österreich insgesamt auf„Er hat immer ein offenes Ohr für jeden Teilnehmer.“ Lehrlinge sind in den Fächern Mathematik und Deutsch • Sensibilisierung und Hintergründe zum einem sehr hohen Niveau und genießt international ein sehr selbstsicherer geworden und holten versäumten oder ver- Thema Alphabetisierung und Basisbildung hohes Ansehen. Das Image der Lehre konnte durch eine„Mir gefällt, dass sie alles erklären kann und zwar so, dass gessenen Lernstoff auf. Dadurch war es möglich, dass Reihe von Maßnahmen, wie z.B. Lehre mit Matura, deut-man es auch versteht“. der Unterricht in der Berufsschule homogener ablaufen • Berufliches Coaching für die Arbeit mit lich erhöht werden. Wichtig ist aber auch der Blick auf das Jugendlichen mit Basisbildungsbedarf konnte, da die Lehrlinge schneller auf ein gleiches Niveau andere Ende der Fahnenstange. Jährlich verlassen in Öster-„Auch nach dem Kurs opfert er seine Freizeit. Um noch offene gebracht werden konnten. • Wie stelle ich den Basisbildungsbedarf fest? reich rund 20.000 Jugendliche die Pflichtschule ohne aus-Fragen von Teilnehmern zu beantworten. Die nicht alles ver- • Zielgruppengerechte Methodik und Didaktik reichende Grundbildungskenntnisse. Diese haben großestanden haben oder noch was wissen wollen.“ Auch eine positive Veränderung der TeilnehmerInnen Schwierigkeiten in der Arbeitswelt bestehen zu können. wurde seitens der Leiter wahrgenommen. Die Leistungen • Motivation von Jugendlichen Auch dieser Gruppe von Jugendlichen muss ein Bildungs- mit Basisbildungsbedarf„Bei uns gibt es eine Wohlfühlatmosphäre.“ der teilnehmenden Lehrlinge verbesserten sich und sie angebot gemacht werden, damit sie nachhaltig auf dem Ar- konnten auch besser und flexibler den Zusammenhang Die Seminare erfolgten geblockt und wurden terminlich beitsmarkt bestehen und zum wirtschaftlichen Erfolg der (Ad 8) Die Zufriedenheit mit dem Bildungsangebot lag in zwischen Theorie und Praxis herstellen. Die Teilnehmer- mit den Ausbildungsstätten abgestimmt. Besonders her- Unternehmen beitragen können. Das Projekt Jump konnteallen Gruppen auf einem sehr hohen Niveau. Daraus erga- Innen wurden deutlich besser im Kopfrechnen. Das Text- vorzuheben ist, dass am beschriebenen Weiterbildungs- den Jugendlichen diese Perspektive geben.Seite 108 Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis. Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis. Seite 109
    • BESCHÄFTIGUNG I Penz I Jump — Jugendliche mit PerspektiveLiteratur Doberer-Bey, A. (2007), Qualitätsstandards für die Alphabetisierung und Basisbildung. Wien: In.Bewegung, Netzwerk Basisbildung und Alphabetisierung in Österreich Brief an die Politik 2 Freire, P. (1973), Pädagogik der Unterdrückten. Analphabetismius, und das in Österreich, Bildung als Praxis der Freiheit. Reinbeck bei ich finde das ist ein Unwort das für alle Arten von Lernschwächen Hamburg: Rowohlt Taschenbuch Verlag eingesetz wird. Wenn ich diese Zahlen höre, die darüber immer wieder Freire, P. (1977), Erziehung als Praxis der veröffentlicht werden, so fährt mir der kalte Schauer über den Rücken. Freiheit. Beispiele zur Pädagogik der Ich kann es nicht glauben, dass es bei uns so viele Menschen Unterdrückten. Reinbeck bei Hamburg: gibt, die weder lesen noch schreiben oder rechnen können. Rowohlt Taschenbuch Verlag Ja sicher, es wird schon einen kleinen Prozentsatz Kuwan, H. (2002), Weiterbildung von geben, bei denen das Wort Analphabet zutrifft. „bildungsfernen“ Gruppen. In: Brüning, Ist es nicht ein Armutszeichen für ein Land wie unseres, für unser Gerhild; Kuwan, Helmut: Benachteiligte Schulsystem und für unsere Lehrer. Es ist mir schon bewusst, dass man und Bildungsferne – Empfehlungen nicht den Lehrern alleine die Schuld zuweisen kann und darf? für die Weiterbildung. Bielefeld: Wenn jemand eine Lernschwäche hat, wird das bei uns noch Bertelsmann, S. 119–201(Teil 2) immer nicht richtig gefördert, es wird dafür zu wenig Geld bereitgestellt. Aber warum liegt es immer am lieben Geld? Vor allem denke ich, ist „Lernschwäche“ noch immer ein Tabuthema in unserer Gesellschaft, weil man auch gleich diese Unwort „Analphabet“ einsetzt. Die Autorin Eltern schämen sich einzugestehen das ihre Kinder eine Schwäche haben. Lehrer müssten für ein Kind mit Schwächen mehr Zeit Mag. Isabella Penz a aufwenden, aber ist nicht gerade auch das die Aufgabe eines Lehrers? Leiterin der VHS Feldkirchen/St. Veit; Modulkoordinato- rin in der Entwicklungspartnerschaft In.Bewegung. Ge- Ist es so schlimm, wenn man einem Kind einige Stunden, boren 1975 in Feldkirchen/Kärnten; Ausbildung zur So- wenn auch unbezahlt, weiterhilft. Gehört das nicht zur zialpädagogin, Studium der Soziologie und Pädagogik Zivilcourage und ist es nicht ein beglückendes Gefühl, wenn an der Universität Wien; seit 2001 in verschiedenen Lei- man ein lernschwaches Kind ein Stück weiterträgt? tungspositionen in der Erwachsenenbildung tätig. Ich glaube, wenn Kinder vom Lehrer eine besondere Einsatzfreude Verein „Die Kärntner Volkshochschulen“ erfahren, so sind meist auch diese bereit sich zu bemühen und die Freude an der Schule wird gesteigert. Denn Lehrer, die sich für einzelne Kinder, www.vhsktn.at vielleicht in Zusammenarbeit mit den Eltern einsetzen, sind meist von i.penz@vhsktn.at den Schülern und der Gesellschaft sehr geschätzte Lehrer und die Früchte daraus sind meist eine gute Klasse mit einem besonderen Zusammenhalt. Lehrer hätten bestimmt öfter ein Glücksgefühl und müssten sich dadurch nicht so oft mit der neuen Volkskrankheit „Burn Out“ herumschlagen. Denn helfen macht glücklich. Vor allem finde ich, müssten diese Tabuthemen: Lernschwäche, Legastenie usw. besser erklärt und aufgearbeitet werden. Ich wünsche mir, dass das Wort Analphabetismus nicht so ziellos verwendet wird. Es gibt viele Menschen die dadurch verletzt werden und noch größere Probleme mit der Aufarbeitung ihrer Lernschwäche haben. Brigitte, 46 KursteilnehmerinSeite 110 Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis. Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis. Seite 111
    • BESCHÄFTIGUNG I Wimmer /Wretschitsch I Basisbildung in Kooperation mit Betrieben Basisbildung in Kooperation mit Betrieben I Wimmer  Wretschitsch I BESCHÄFTIGUNG / Bildung als Voraussetzung zur chen sie dazu an Information, Schulung, Zeit etc.? Welche Erhaltung der Arbeitsfähigkeit Unterstützung/Kooperation durch Bildungsanbieter ist Bildung, und damit ist zunehmend das lebenslange Ler- notwendig? nen gemeint, ist eine Voraussetzung, um die eigene Ar- beitsfähigkeit zu erhalten. Dem Wandel der Zeit und den Kernaufgabe der Belegschaftsvertretungen ist es, als ak- Entwicklungen in Unternehmen entsprechend „mitlernen“ tives Bindeglied zwischen Unternehmen, Betroffenen und zu können, setzt aber jenes Fundament an Basisbildung Bildungsanbietern zu fungieren. Aufgrund ihrer bestehen- voraus, auf das Weiterbildungsangebote der Erwachsen- den Aufgaben und der geregelten Stellung im Betrieb ha- enbildung und betriebliche Schulungsmaßnahmen übli- ben sie nicht nur den guten Kontakt zur Zielgruppe und cherweise aufbauen. Gelingt es nicht, diese „Bildungslü- Kenntnisse über betriebliche Gegebenheiten, sondern cke“ zu schließen, bedeutet dies für die Betroffenen, von können in ihrer Rolle als „betriebliche Sozialmanager“ für persönlicher und vor allem von beruflicher Entwicklung diese Zielgruppe auch tatsächlich etwas bewirken. ausgeschlossen zu sein, was längerfristig zum Verlust der Arbeitsfähigkeit führen kann. Dabei sind die Ursachen für Die mögliche Unterstützung für Bildungsanbieter durch fehlende Basiskompetenzen ebenso vielfältig wie die Hin- die BetriebsrätInnen umfasst vor allem: dernisse, diese eigenständig aufzuholen. • Informationen über das Zielgruppenpotenzial Viele Erfahrungen zeigen, dass eine aktive Unterstützung • Arbeitsfelder und betrieblicheChristina Wimmer Christian Wretschitsch der Betroffenen für einen Wiedereinstieg in den persönli- Rahmenbedingungen (z.B. Schichtarbeit) klärenTeilprojektkoordinatorin im Projekt In.Bewegung, Projektmitarbeiter des Basisbildungsprojektes Fit², chen Bildungsprozess notwendig ist. Gerade, weil Arbeit im • Vorgespräche und Kontakte zurÖGB Oberösterreich ÖGB Oberösterreich Kontext so vielfältiger Lebensdimensionen steht, ist sie ein Unternehmensleitung bzw. mit den zuständigenchristina.wimmer@projekt-fit2.at edu.more@aon.at geeigneter Ausgangspunkt und ein starkes Motiv, um indi- personalverantwortlichen Führungskräften viduelle Lernbarrieren zu überwinden. • Informationsweitergabe an die Zielgruppen • Ansprache potenzieller TeilnehmerInnen Eine neue Aufgabe für Gewerkschaften als „Vertrauensperson“ Auch wenn die Ursachen für mangelnde Basiskompeten- zen nicht aus dem Spannungsfeld ArbeitgeberInnen – Ar- • Koordination von beratenden Erstgesprächen beitnehmerInnen stammen, sollten die Gewerkschaften • Information direkter Vorgesetzter undBasisbildung in Kooperation mit Betrieben die gezielte Förderung von Basisbildung als eine „neue Auf- Absprachen über mögliche Unterstützungen gabe“ wahrnehmen. In Anknüpfung an die über viele Jahre und Rücksichtnahmen (z.B. Arbeitszeiten) bewährte österreichische Form der Sozialpartnerschaft • Organisatorische Unterstützung beiEine Argumentationsgrundlage könnten die Gewerkschaften ihr Gewicht zur Verringerung der vielfältigen, negativen Auswirkungen mangelnder Bil- der Kursabwicklung bei firmeninternen Kursen (z.B. Raumorganisation, PC etc.) dung einbringen. • Ansprechpartner/innen bei Problemen und jeglichen Belangen rund um Basisbildung ist eine Grundlage, die jeder Mensch losigkeit mit all ihren negativen Begleiterscheinungen aus, Die Ziele der Gewerkschaften dabei sind, das Thema Basisbildungbraucht, um längerfristig aktiv am gesellschaftlichen und sondern belasten und gefährden auch unsere gesellschaft- „ihren“ ArbeitnehmerInnenberuflichen Leben teilnehmen zu können. Mangelnde Ba- lichen Strukturen erheblich. Ständig wachsende Sozialaus- • eine Chance auf einen Wiedereinstieg Erfahrungen aus den Projektensisbildung ist sowohl individuell als auch gesellschaftlich gaben führen unweigerlich zu Sozialabbau, Verdrängungs- ins lebenslange Lernen zu geben, In.Bewegung I und IImit negativen Folgen verbunden. Möglichst viele Basisbil- wettbewerb führt zu Feindbildern und Ausgrenzung, an Vielen BetriebsrätInnen war dieses Thema und vor al-dungsangebote in die Praxis umzusetzen, erfordert auch den gesellschaftlichen Rand gedrängt zu werden, macht • den Erhalt der Beschäftigungsfähigkeit zu fördern, lem ein aktiver Umgang damit neu. Die Rolle als „Agent fürneue Wege und neue Kooperationen. Mit seinem Engage- anfällig für Angstparolen, um nur einige Punkte zu nennen. • berufliche Entwicklungsmöglichkeiten Basisbildung“ erfordert ein ausreichendes Hintergrund-ment in der Entwicklungspartnerschaft In.Bewegung will zu eröffnen, wissen und einen sensiblen Umgang – vor allem mit dender Österreichische Gewerkschaftsbund einen aktiven Bei- In den folgenden Überlegungen wurde der Fokus auf das • mehr Sicherheit in der persönlichen Betroffenen. Zur Vorbereitung einer erfolgreichen Zusam-trag dazu leisten. Zusammenspiel von Basisbildung und Arbeit gelegt. Lebensplanung zu geben. menarbeit war es unumgänglich, im Vorfeld eine Sensibi- lisierungs- und Informationsphase mit folgenden Schwer-Ist Basisbildung in Arbeit, ein wesentlicher Faktor für ein Leben in Würde Die Erfahrungen aus den Projekten In.Bewegung I und II zeigen, dass mit Unterstützung von Betriebsrätinnen und punkten durchzuführen:Betrieben eine Aufgabe Arbeit bildet eine wesentliche Grundlage für ein Leben in Betriebsräten ein sehr effizienter Zugang zur Zielgruppe • Allgemeine Informationen über das Problem mangelnder Basisbildung in Österreichder Gewerkschaften? Würde. In einer leistungsorientierten Gesellschaft bedeu- tet Arbeitslosigkeit nicht nur eine generelle Verschlechte- möglich ist. Vertrauensvolle AnsprechpartnerInnen, beruf- licher Kontext und die Berücksichtigung und Nutzung be- • Entstehung und typische Folgen für dieEntwicklungen in der Arbeitswelt rung der Lebensumstände, sondern sie geht auch einher trieblicher Rahmenbedingungen, vorzugsweise mit Unter- Betroffenen (Lerngeschichten, Armutsgefährdung, Betrachtet man die wirtschaftlichen Entwicklungen der mit dem Verlust von Anerkennung und gesellschaftlicher stützung der Unternehmensleitung, sind dabei wesentliche Gesundheit, Lebenserwartung,letzten Jahre, so kann festgestellt werden, dass gerade Ar- Wertschätzung. Von Sozialleistungen abhängig zu sein, Erfolgsfaktoren. Vermeidungsstrategien, Ängste undbeitsplätze für ungelernte bzw. schlecht ausgebildete Per- sich die Teilhabe am „normalen“ gesellschaftlichen Leben Schutzbedürfnis, Alltagssituationen etc)sonen verstärkt verloren gehen. Mangelnde Basisbildung nicht mehr leisten zu können, mit all seinen Auswirkun- Die Rolle der • Beispiele von Lebensbiografien Betroffenerist ein Grund dafür, dass Menschen den erhöhten Anfor- gen auf das persönliche Umfeld, führen häufig zum Ver- BelegschaftsvertreterInnen und Erfolgsbeispiele von KursbesucherInnenderungen nicht nachkommen können. Die Folgen wirken lust der Selbstachtung bis hin zum totalen Rückzug aus Welche Möglichkeiten haben BetriebsrätInnen, ihre Kol-sich nicht nur auf individueller Ebene in Form von Arbeits- dem gesellschaftlichen Leben. legInnen in der Basisbildung zu unterstützen? Was brau-Seite 112 Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis. Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis. Seite 113
    • BESCHÄFTIGUNG I Wimmer /Wretschitsch I Basisbildung in Kooperation mit Betrieben Basisbildung in Kooperation mit Betrieben I Wimmer  Wretschitsch I BESCHÄFTIGUNG / • Typische Vorurteile und deren Aufklärung Diensthuber vom ÖGB- Oberösterreich. Aufgrund des bil- Investitionen und Nutzen aus Vorbereitung der Kontaktaufnahme dungspolitischen Rückschrittes unter Margaret Thatcher mit Unternehmen • Sensibler sprachlicher Umgang und die Vermeidung von Begriffen, entwickelte sich eine besonders große Gruppe schlecht unternehmerischer Perspektive Um mögliche Wege für ein Engagement von Unterneh- die zu Stigmatisierungen führen ausgebildeter ArbeitnehmerInnen. Die starken negativen Warum lohnt es sich für Unternehmen, Basisbildungsan- men in der Basisbildung zu eröffnen, sind deren Rahmen- könnten, z.B. Analphabet wirtschaftlichen Auswirkungen hatten zur Folge, dass das gebote im eigenen Betrieb anzubieten? Welche Unterstüt- bedingungen und Verhaltensprämissen zu beachten. (Das Thema Basisbildung sowohl von der Politik als auch von zungen und Anreize können Unternehmen ihren Mitar- heißt nicht, mit allem einverstanden zu sein, sondern meinNutzen für BetriebsrätInnen den Gewerkschaften massiv in Angriff genommen wurde. beiterInnen anbieten, um deren Motivation zu fördern, an Gegenüber besser zu verstehen und die richtigen Argu- Im Folgenden sind Argumente und Gründe aufgelis- Wie der Entwicklungsstand zum Thema Basisbildung im einem Basisbildungskurs teilzunehmen? mente für mein Anliegen zu finden.):tet, die von BetriebsrätInnen und Gewerkschaftsvertrete- betrieblichen Kontext in Österreich ist, zeigt folgender Ver- • Klarheit über das eigene Angebot. Was kannrInnen in Gesprächen und Diskussionen genannt wurden, gleich, der im Rahmen der transnationalen Zusammenar- Die betriebliche Situation ich anbieten und für wen? Was brauche ichwarum sie Basisbildung im betrieblichen Kontext als sinn- beit gezogen worden ist. Für die Zusammenarbeit mit Unternehmen stellt sich dazu? Was möchte ich vom Unternehmen?voll erachten und unterstützen. primär die Frage, welche Motive Unternehmen bzw. de- Wie wäre der konkrete Ablauf etc.? England Österreich ren verantwortliche Führungskräfte haben könnten, um Basisbildung in betrieblichem Themen der AlphabetisierungImagegewinn durch eine aktive Rolle: Kontext ist seit Jahren (Amts- und Basisbildung werden im sich mit dem Thema Basisbildung überhaupt auseinan- • Möglichst umfassende Informationen antritt Tony Blair) ein Thema. betrieblichen Kontext kaum derzusetzen. Betriebe holen sich üblicherweise jenes Per- über den Betrieb sammeln. Dies ist die • Die BetriebsrätInnen können aktiv ein Basis für ein erfolgreiches Gespräch. Wer wahrgenommen. sonal, welches bereits die notwendigen Kompetenzen ent- Angebot zur persönlichen Förderung bist du und worüber reden wir? von MitarbeiterInnen anbieten. Basisbildung ist ein zentrales Die Themen werden erst lang- sprechend den betrieblichen Erfordernissen mitbringt. Thema der Gewerkschaften. sam aufgegriffen. Die Verantwortung für die „Arbeitsfähigkeit“ und die da- • Es stärkt die Position gegenüber der • Unternehmen müssen betriebswirtschaftlich Die Maßnahmen werden von BetriebsrätInnen sind in ih- mit verbundenen Kompetenzen liegen aus ihrer Sicht vor- handeln, um selbst langfristig bestehen Unternehmensleitung, wenn die allen Beteiligten getragen. Die rer Funktion als betriebli- BetriebsrätInnen Maßnahmen fördern, zugsweise bei den ArbeitnehmerInnen selbst. Betriebliche zu können. Welcher Nutzen kann Wirkung wird dadurch erheb- che Bildungsbeauftragte eher die auch dem Betrieb nützen. lich verstärkt. Einzelkämpfer/innen. Weiterbildung dient vor allem einer kontinuierlichen Ent- entstehen und von Interesse sein? Basisbildung ist fixer Bestand- Basisbildungsangebote müs- wicklung des Unternehmens und erst in zweiter Linie der • Die Belegschaft nimmt dieses Engagement positiv • Wie sieht die Arbeitssituation in der Region aus? teil der Arbeit. sen über Einzelprojekte orga- Förderung einzelner Personen. Besonderes Interesse be- wahr, da nun auch für die Basisbildungsdefizite Wie leicht bekommt man Arbeitskräfte? Wie hoch nisiert werden. steht dabei vor allem an der Entwicklung von Führungs- ist der Anreiz, sich um seine MitarbeiterInnen Bildungsmaßnahmen angeboten werden. BetriebsrätInnen haben sich Es existiert noch kaum Erfah- kräften und FacharbeiterInnen. zu sorgen und etwas zu investieren? • Die GewerkschaftsvertreterInnen machen nicht entsprechende Kompetenzen rung zu dieser Thematik. nur etwas für große Gruppen, die zur Stärkung angeeignet und Erfahrungen Im Bereich der Basiskompetenzen ist die Gefahr beson- • Unternehmen sind Teil der gesellschaftlichen der eigenen Position wichtig sind, sondern gesammelt. Strukturen und unterliegen damit auch einer ders groß, dass sich Betriebe für Fördermaßnahmen nicht setzen sich auch für schwächere Gruppen ein. Basisbildung ist kein Ta- Wenn sie sich zu ihren Lese- soziokulturellen Beurteilung (z.B. Image, gute/r buthema mehr. Betroffene und Schreibproblemen be- zuständig fühlen und eher einen Personalwechsel bevor- Arbeitgeber/in, umweltfreundlich, gesundeVeränderung der persönlichen Wahrnehmung: können sich offen dazu be- kennen, empfinden sie meist zugen. Gespräche mit personalverantwortlichen Füh- Produkte, gutes Arbeitsklima etc.) Wie möchte • Die Auseinandersetzung mit diesem Thema kennen. Dies erleichtert die große Scham. Alphabetisie- rungskräften zeigten, dass sie Personen, die über keine das Unternehmen wahrgenommen werden? Arbeit wesentlich. rung wird eher als Tabuthema ausreichende Basisbildung verfügen, erst gar nicht be- macht nicht nur sensibler für diese Zielgruppen, gesehen, das erschwert die Worauf legt es Wert? Was für ein Bild möchte sondern generell für die Probleme, Anliegen und konkrete Arbeit erheblich. schäftigen wollen. Durch den minimalen Aufwand, der es unbedingt vermeiden? Hinweise findet man Bedürfnisse der Mitmenschen/der KollegInnen. Der Begriff Basisbildung kann bei der Einstellung von gering qualifizierten Arbeitneh- häufig in Informations- und Werbematerialien neu konnotiert werden und ist merInnen betrieben wird, kommt dies in der Praxis den- oder branchenspezifischen Problemstellungen. • Die Selbstreflexion über eigene Schwächen und Bedürfnisse wird gefördert. nicht a priori stigmatisierend. noch vor. Dies zeigt sich aber meist erst dann, wenn be- • Führungskräfte haben neben ihrer Funktion triebliche Anforderungen von diesen MitarbeiterInnen auch Eigeninteressen: Arbeitsaufwand,Risiken für BetriebsrätInnen Rückmeldungen von BetriebsrätInnen nicht erfüllt werden können. Zeitbudget, persönlicher Status, Image etc. Großes Interesse am Thema und hohes Engagement lie- Erste Erfahrungen von BetriebsrätInnen in der betriebli-ßen kaum negative Erwartungen und Risiken aufkommen. chen Basisbildung führten zu folgenden Rückmeldungen: Führen im besten Fall wiederholte Arbeitsplatzeinschu- • Führungskräfte sind auch (nicht nur privat)Folgende Punkte kamen vereinzelt zur Sprache: lungen nicht zum gewünschten Ergebnis, wird in der Re- Menschen. Was sie in ihrer Führungsfunktion • Wer stets in einer weitgehend gesicherten Position gel die Kündigung ausgesprochen. Leider wird in der (klare Zuständigkeiten und Verantwortung) nicht • Arbeitsüberlastung, wenn schon gelebt hat, kann sich die Lebensumstände Folge häufig ein sehr negatives Bild von diesen Mitarbei- wahrnehmen müssen, können sie als „Mensch“ mehrere Projekte gleichzeitig laufen von Betroffenen kaum vorstellen. trotzdem tun. Ein Appell an die soziale (oder terInnen gezeichnet. Mangelnder Lernwille, Unfähigkeit • Vorwurf, dass sich BetriebsrätInnen um Leute • Einen Zugang zum Thema finden die meisten auch moralische) Verantwortung greift, wenn bis hin zur Faulheit werden unterstellt. Dass häufig feh- überhaupt, nur hier. Als individueller Mensch kümmern, die ohnehin nicht lernen wollen vor allem über die emotionale Ebene. lende Basiskompetenzen die eigentliche Ursache für das Anerkennung zu bekommen, ist ein sehr starkes • Gefahr, bei Informationsmangel nicht richtig • Man muss Betroffenheit herstellen. Ein reales Scheitern der Betroffenen sind, wird meist nicht erkannt Motiv und oft ein Hauptschlüssel zum Erfolg. damit umgehen zu können Bild über das tägliche Leben schildern. bzw. kommt gar nicht als Möglichkeit im Bewusstsein der (Unterstützung durch Informationen • Man muss erkennen, wie Biografien verlaufen verantwortlichen Führungskräfte vor (es folgt häufig der • Zeit ist generell Mangelware! zum Umgang mit Vorurteilen!) und die „Abwärtsspirale“ funktioniert. Gut vorbereitete, klare Informationen Verweis auf die Schulpflicht). sind daher absolut notwendig. • Vorwurf:„Warum kümmert ihr euch um die paar • Leider gibt es kein Patentrezept. Jeder versucht Leute, … wäre doch wichtiger, wenn ihr ...“ nach seiner persönlichen Erfahrung und Weiters konnten wir feststellen, dass der Begriff Basis- • Lösungsvarianten für zu erwartende Probleme • Befürchtung, dass die Führungskräfte Einschätzung der Dinge, das Beste zu machen. kompetenzen als ein relativ breit gefächerter Begriff im sollten bereits vorbereitet sein. Führungskräfte nicht „mitspielen“ werden Sinne von „Kompetenzvoraussetzungen für …“ verwen- wollen meist schnell entscheiden. Bekannte • Der Erfolg hängt auch von der betrieblichen Standardlösungen sind nicht immer die besten, det wird. Dementsprechend sollte unbedingt auf eine Verankerung des Betriebsrates und gute Lösungen fallen aber nicht vom Himmel.Internationale Beobachtungen und Vergleiche der Unternehmenskultur ab. Begriffsklarheit im Gespräch mit Personalisten geachtet Dieser Beitrag entstand infolge eines Besuchs der eng- werden. • Betriebliche Abläufe sollten möglichstlischen Gewerkschaft (TUC) als transnationaler Partner wenig gestört werden. Dies bedeutet immervon In.Bewegung I. Interviewpartner war Kollege Rudolf Mehraufwand in den jeweiligen Abteilungen.Seite 114 Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis. Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis. Seite 115
    • BESCHÄFTIGUNG I Wimmer /Wretschitsch I Basisbildung in Kooperation mit Betrieben Basisbildung in Kooperation mit Betrieben I Wimmer  Wretschitsch I BESCHÄFTIGUNG / • BetriebsrätInnen können in vielen Punkten Basisbildung schafft unter anderem genau diese „Ba- Größere Unabhängigkeit auf welcher Maßnahme teilnehmen? Wie gut ist die Ziel- entscheidend helfen! Sie kennen nicht nur die KollegInnen, sondern auch die Arbeitsprozesse sis“. Diese Grundkompetenzen sind das Fundament, wenn dem Arbeitsmarkt gruppenansprache gelungen? Was waren fördernde vs. und vor allem die Unternehmenskultur. auch in einer großen Bandbreite, auf dem Erwachsenenbil- Die interne Entwicklung notwendiger Kompetenzen, ein hemmende Formulierungen? Die gewonnenen Erkennt- dungsmaßnahmen normalerweise konzipiert werden. Be- gutes Betriebsklima und eine damit verbundene geringere nisse der Evaluation müssen in den laufenden Planungs-Welcher Nutzen entsteht für Unternehmen triebliche Basisbildung trägt somit wesentlich zu einer er- Personalfluktuation verringern die Abhängigkeit vom Ar- prozess eingebunden werden, um die gewünschte Wir-durch Förderung der Basisbildung? folgreichen Personalentwicklung bei. beitsmarkt. Erhöhte Flexibilität, Lernfähigkeit und Lern- kung erzielen zu können. Um Betriebe für mehr Engagement in der Basisbildung bereitschaft ermöglichen einen effizienteren Umgang mitzu gewinnen, muss ein Nutzen für das Unternehmen ent- Qualitätsverbesserung und sich ändernden betrieblichen Anforderungen. Darüber hi- Organisatorische Rücksichtnahmestehen. Im Folgenden wurden einige wesentliche Faktoren Vermeiden von Fehlern naus haben attraktive Arbeitgeber/innen eine größere Aus- auf Kurszeitenunternehmerischen Interesses beleuchtet. Auch wenn nur geringe Qualifikationen für einen Tä- wahlmöglichkeit bei der Neubesetzung von Arbeitsplätzen. Eine besondere Schwierigkeit stellt meist die Festle- tigkeitsbereich vorausgesetzt werden, führt ein Mangel Sie müssen nicht suchen, sie werden gesucht. gung möglicher Kurszeiten dar. Unter Umständen ist an Basiskompetenzen zu erhöhtem Aufwand. Beispiele: es daher notwendig, dass für den Zeitraum einer Maß- Leistungsfähig- Nichtverstehen von Arbeitsanweisungen und sonstigen Empfehlenswerte Investitionen nahme eine organisatorische Rücksichtnahme erforder- keit und Flexibilität schriftlichen Arbeitsunterlagen, unsicherer Umgang mit des Unternehmens lich ist. Überstunden, Außendienste oder Schichtwech- fördern EDV-Systemen, Sicherheitsbestimmungen, Ausweichre- Im Vergleich zu sonstigen Personalentwicklungsmaßnah- sel sind eventuell mit den Kurszeiten nicht vereinbar. In größere betriebliche Unabhängigkeit Weiterbildung aktionen bei befürchteter Überforderung, erhöhtes Un- men ist der Aufwand zur Förderung von Basisbildung sehr diesen Fällen sind die betroffenen Führungskräfte mit vom erleichtern Arbeitsmarkt fallrisiko etc. gering, da für die Kursmaßnahmen selbst häufig auch öf- einzubeziehen, um Konflikte zu vermeiden. Ein schicht- fentliche Fördergelder zur Verfügung stehen. Trotzdem arbeitgerechtes Modell könnte folgendermaßen aus- Verbesserung der Kommunikation hängt betriebliche Basisbildung vom Engagement und der sehen: Statt einer großen Lerngruppe mit zwei Trainer- Mangelnde Kompetenzen führen zu Unsicherheit. In ent- Unterstützung des Unternehmens ab. Innen werden zwei Kleingruppen jeweils vor und nach Qualitäts- Image, betrieblicher verbesserung sprechenden Situationen neigen Betroffene dazu, sich eher einem Schichtwechsel angeboten. Die TeilnehmerIn- Betriebsklima, Nutzen von und das zurückzuziehen, sich passiv zu verhalten. Eine konstruk- nen können gemäß ihrer Arbeitszeit flexibel bestimmen, Attraktivität Basisbildung Vermeiden fördern tive Kommunikation wird dadurch erheblich erschwert. wann sie den Kurs besuchen. Erfahrungen aus der Praxis von Fehlern Anteil der Kurszeit als Arbeitszeit, Anreize Basisbildung fördert nicht nur die Kompetenzen, sondern zeigen, dass die Gruppengrößen trotzdem relativ kons- auch die Selbstsicherheit und das Zutrauen, sich aktiv ein- tant sind. zubringen und unterstützt damit auch die betrieblich not- Verantwortungs- Verbesserung übernahme, der wendige Kommunikation. Unterstützung Kursraum zur Verfügung stellen Identifikation, Kommunikation Kursraum zur durch Leitung Loyalität Verfügung und Es wirkt sich in vielen Fällen vorteilhaft aus, wenn Schu- Bindung an steigern das Bindung an das Unternehmen festigen stellen, ev. Investitionen zur Belegschafts- lungen in betriebseigenen Räumlichkeiten stattfinden mit PCs Förderung von vertretung Unternehmen Weiterbildung festigt in der Regel auch die Bindung an können. Der Wegfall von Wegzeiten, passenden Fahrge- betrieblicher festigen das Unternehmen. Durch Bildungsangebote wird auch Basisbildung legenheiten und den dafür notwendigen Pufferzeiten er- Wertschätzung und Anerkennung zum Ausdruck ge- leichtern die Teilnahme oft entscheidend. In Abstimmung bracht. Es signalisiert den MitarbeiterInnen, dass sie ge- mit den TrainerInnen bzw. der Bildungseinrichtung istLeistungsfähigkeit und Flexibilität fördern braucht werden und der Betrieb längerfristig auf ihre auf eine geeignete Größe und Ausstattung (PCs) zu ach- Bestehende Potenziale werden oft erst durch entspre- Mitarbeit baut. organisatorische ten. Kursräume bzw. Rahmenbedingungen sind auch ein Rücksichtnahme Zeit für Planungchende Schulungen erkannt und für das Unternehmen auf Kurszeiten und Evaluierung Ausdruck der Wertschätzung gegenüber den Teilnehmer-nutzbar. Mehr Selbstsicherheit und Kompetenz bei der Verantwortungsübernahme, Innen bzw. dem beigemessenen Wert der Maßnahme.Durchführung übertragener Aufgaben steigern die Pro- Identifikation und Loyalität steigernduktivität, erhöhen die Übernahme von Verantwortung Betriebliche Bildung vermittelt den MitarbeiterInnen die Anrechnung von Kurszeit alsund verringern Fehlleistungen. Mehr Selbstvertrauen Botschaft: Ich werde langfristig gebraucht; man traut mir Arbeitszeit — und besondere Anreizefördert auch die Veränderungsfähigkeit und -bereit- etwas zu; ich bin es dem Betrieb wert, man vertraut mir; ich Unterstützung durch Leitung und Ein Wiedereinstieg in den Bildungsprozess ist für „bil-schaft. Flexiblere Einsatzmöglichkeiten und die Fähig- gehöre dazu. Dies erhöht die Identifikation mit dem Unter- Belegschaftsvertretung dungsferne“ Personen durch eine Reihe von Hürden ge-keit, sich Veränderungen anzupassen, gehen damit Hand nehmen und steigert das „Wir-Gefühl“. Eine starke Identifi- Sollen alle positiven Faktoren betrieblicher Bildung zum kennzeichnet. Fehlende positive Erfahrungen lassen denin Hand. kation fördert die Übernahme von Verantwortung und die Tragen kommen, muss sie tatsächlich als gewollte Maß- Wert persönlicher Weiterbildung zu Beginn oft schwer er- Loyalität dem Unternehmen gegenüber. Dies wirkt sich z.B. nahme von allen mitgetragen werden. Bildung ist auch kennen, wodurch die Bereitschaft, selbst etwas zu inves-Betriebliche Weiterbildung erleichtern in einer hohen Bereitschaft aus, auch schwierige betrieb- eine betriebliche Investition, die auf vielen unterschiedli- tieren (Zeit, Geld, organisatorischer Aufwand, …), eher ge- Betriebliche Weiterbildung ist zunehmend auch in Ar- liche Situationen gemeinsam durchzustehen (z.B. Kurzar- chen Ebenen wirken kann (siehe Nutzendarstellung). Eine ring ist. Zusätzliche Anreize in der Einstiegsphase könntenbeitsbereichen mit niedrigen Qualifikationsanforde- beit bei schlechter Auftragslage). „halbherzige“ Investition (Unterinvestition) führt oft zum diese Hürde überwinden helfen.rungen notwendig. EDV-Systeme, Qualitätssicherung, gegenteiligen Ergebnis.Sicherheitsbestimmungen, Unfallverhütung, Arbeitsan- Image, Betriebsklima, Attraktivität fördern Direkte Kosten für Basisbildungsmaßnahmen werdenweisungen etc. sind nur einige Stichworte, die zeigen, in Basisbildungsangebote zeigen auch MitarbeiterInnen der Zeit für Planung und Evaluierung weitgehend durch Förderungen gedeckt (Förderungen vonwelchen Bereichen Schulungen erforderlich sind, um Ar- unteren Lohnbereiche, dass sie wichtig sind, ernst genom- Wie bei jeder Investition ist eine gute Planung der halbe Einzelpersonen und betriebliche Förderungen). In diesebeitsprozesse effizient zu gestalten. Alle gängigen Schu- men werden und einen wesentlichen Beitrag zum Unter- Erfolg. Ebenso sollte zumindest eine strukturierte Nach- Zielgruppe werden im Vergleich zu anderen Berufsgrup-lungskonzepte setzen aber ein gutes schriftsprachliches nehmenserfolg leisten. Dies fördert ein positives Betriebs- betrachtung – im Sinne einer Selbstevaluation – durchge- pen ohnehin nur geringe Investitionen getätigt. DarüberVerständnis und die Übung im Umgang mit Lernmateri- klima, steigert das Image und erhöht die Attraktivität der führt werden. Neben den Inhalten der Bildungsmaßnah- hinaus wäre es empfehlenswert, das betriebliche Interessealien und Arbeitsmethoden voraus. Sind diese Vorausset- Firma als Arbeitgeberin. men und den organisatorischen Rahmenbedingungen durch zusätzliche Anreize zum Ausdruck zu bringen. Derzungen nicht gegeben, führen betriebliche Schulungen ist vor allem eine geeignete Kommunikation mit den Kreativität sind hier kaum Grenzen gesetzt.kaum zum gewünschten Ergebnis. Zielgruppen und deren Vorgesetzten zu planen und zu evaluieren. Wer darf/soll zu welchen Bedingungen anSeite 116 Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis. Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis. Seite 117
    • BESCHÄFTIGUNG I Wimmer /Wretschitsch I Basisbildung in Kooperation mit Betrieben„Ich bin es dem Betrieb wert!“ • Anrechnung von Kurszeit als Arbeitszeit. Dies kann auch in einem prozentuellen Anteil vereinbart werden. • Zusätzliche Urlaubszeit: Kurszeit(-anteile) umgerechnet auf Urlaubstage • Bildungsgutscheine für weiterführende Kurse bei einem Bildungsanbieter • Unterstützende Lehr- und Lernmittel (auch Gutscheine – diese können oft über den Einkauf organisiert werden) • Kleine Anerkennungen als Zeichen der QUALITÄT Wertschätzung: Pausengetränke, Obstkorb, USB-Stick bei EDV-Kursen etc.Resümee Neben der Qualität der Bildungsmaßnahmen stellt sichvor allem die Frage, wie wir bildungsferne Menschen er- Antje Doberer-Bey Max Mayrhofer Rosmariereichen und welche Unterstützung sie brauchen, um wie-der in den Bildungsprozess einzusteigen bzw. einsteigen Zarfl Sonja Muckenhuberzu können. Wir haben versucht, einen Lösungsweg zu be-schreiben und Argumente dafür anzuführen. Arbeit undBildung, zwei wesentliche Lebensgrundlagen, Kooperationals Basis für gemeinsamen Erfolg, Wertschätzung und Ver-trauen als Grundlage sozialer Gemeinschaft. Heide Cortolezis Die AutorInnen Christina Wimmer, Bakk.Komm. Projektleiterin des ÖGB Basisbildungsprojektes Fit², Studium der Kommunikationswis- senschaft Universität Salzburg Österreichischer Gewerkschaftsbund Lan- desorganisation Oberösterreich www.oegb.at christina.wimmer@projekt-fit2.at Christian Wretschitsch Projektmitarbeiter des ÖGB Basisbildungsprojektes Fit²; selbst. Berater für Organisationsberatung und Coaching Österreichischer Gewerkschaftsbund Lan- desorganisation Oberösterreich www.oegb.at edu.more@aon.atSeite 118 Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis. Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis. Seite 119
    • QUALITÄT I Doberer-Bey I Auf dem Weg zu TrainerInnenprofil und Qualitätsstandards für die Basisbildung Auf dem Weg zu TrainerInnenprofil und Qualitätsstandards für die Basisbildung I Doberer-Bey I QUALITÄT Zielsetzungen rungen der Praxis. Ziel der Qualitätsstandards war es, die Grundlagen zur 5). Interviews mit TrainerInnen in den Umsetzungsmo- Entwicklung der Qualität auf allen Ebenen der Alphabeti- dulen der Entwicklungspartnerschaft In.Bewegung (Salz- sierungs- und Basisbildungsarbeit zu schaffen. Im Sinne burg, Kärnten, Oberösterreich) – wie 4). der begünstigten Zielgruppen sollten sie mittelfristig rea- lisiert werden und die Grundlage der Politiken und Finan- 6). Interviews mit KursteilnehmerInnen in den Maßnah- zierungspläne sein, um dauerhaft die Qualität von Bera- men der Umsetzungsmodule (Pongau, Klagenfurt, Steyr, tungs- und Kursangeboten zu garantieren. Linz) über ihre Erfahrungen in den Kursen. Qualitätsstandards 7). Workshop mit österreichischen ExpertInnen aus • geben Orientierung und sind dem Burgenland, aus Vorarlberg, Tirol und Wien (VHS Steuerungsinstrument bei der Meidling) und mit PartnerInnen der Entwicklungspartner- Planung, Entwicklung und Umsetzung schaft In.Bewegung I sowie diverse Diskussionsrunden im von Basisbildungsangeboten; internen Kreis der Entwicklungspartnerschaft. • wirken der Benachteiligung aller Personengruppen entgegen und fördern Das gewonnene reichhaltige Material bildete die Grund- deren gesellschaftliche Integration; lage für die Qualitätsstandards und das TrainerInnenprofilAntje Doberer-Bey • fördern die Gleichstellung von Frauen sowie für ein erstes Berufsbild.doberer-bey@aon.at und Männern au dem Arbeitsmarkt und in der Gesellschaft; Die Qualitätsstandards • stellen einen Referenzrahmen zur Bewertung Die Ergebnisse der Recherche, insbesondere aus England geplanter Maßnahmen für die öffentliche Hand dar; und der Schweiz, zeigten, dass die Qualität von Angeboten • beschreiben die Bedarfe zielführender auf drei Ebenen zu sichern ist: auf der Ebene der instituti- Basisbildungsangebote und den daraus onellen Rahmenbedingungen, der Angebotskonzepte und abzuleitenden finanziellen Aufwand. der TrainerInnen. Der Entwicklungsprozess 1.) Die institutionellen RahmenbedingungenAuf dem Weg zu TrainerInnenprofil und Die Qualitätsstandards und das TrainerInnenprofil wur- Zunächst ist eine Strategie zur Implementierung eines kon- tinuierlichen Angebotes erforderlich, die sowohl gezielte Öf-Qualitätsstandards für die Basisbildung den auf der Grundlage der Expertise von Fachkräften aus dem Inland und dem Ausland entwickelt, wobei Konzepte fentlichkeitsarbeit als auch die Vernetzung mit wichtigen MultiplikatorInnen und für die Zielgruppen relevanten Part-Ein Erfahrungsbericht aus England, der Schweiz und aus Deutschland Berück- sichtigung fanden. Die Entwicklung erfolgte über folgende nerInnen umfasst. Wichtig sind weiters eine zielgruppenad- äquate Ausstattung, die den Zugang zu PC und Internet Schritte: ebenso umfasst wie ansprechende, erwachsenengerechte Räumlichkeiten, die das Arbeiten in unterschiedlichen Lern- 1). Internetrecherche im In- und Ausland: Vorhandene settings ermöglichen. Um den niederschwelligen Zugang zuIn diesem Beitrag wird der Prozess beschrieben, der im zeichnen sich dadurch aus, dass sie einerseits die gesell- Konzepte von Qualität und Beschreibungen von TrainerIn- gewährleisten, muss die Kommunikation und Eingangsbe-Zeitraum von 2005 bis 2007 zu den Qualitätsstandards schaftlichen Anforderungen und Bedingungen für partizi- nenqualifikationen wurden recherchiert. ratung den Bedürfnissen der Zielgruppen angemessen sein.für die Basisbildung und zur ersten Formulierung eines pative Lebensformen berücksichtigen und andererseits die Hierzu zählt auch eine ausgewiesene und einschlägig quali-TrainerInnenprofils geführt hat. Ausgehend von der da- Zugangsbarrieren reduzieren, indem sie individuell maß- 2). ExpertInnen-Interviews: Erfahrene KollegInnen aus fizierte Ansprechperson, die für Erstberatung und laufendemaligen Lage werden die Zielsetzungen und die einzelnen geschneidert sind und die Lernenden in Anknüpfung an den erwähnten Ländern wurden persönlich interviewt: Beratung zur Verfügung steht.Entwicklungsschritte dargestellt. Anschließend werden ihre biografischen Voraussetzungen maximal fördern. In- Jane Mace (Forschung, Konzeptentwicklung, TrainerIn-kurz die verschiedenen Ebenen der Qualitätssicherung nerhalb der qualitativ abzusichernden Parameter rückten nenausbildung) und Alison Hay (Evaluation von Maß- 2.) Die Angeboteund das TrainerInnenprofil skizziert. Ein Resümee und die TrainerInnen als zentrale AkteurInnen sehr schnell ins nahmen und Beratung) aus England; Heidi Ehrensperger Angebote der Basisbildung erfordern individuelle Lern-der Blick auf die längerfristigen Ergebnisse runden diesen Blickfeld und mit ihnen die Frage nach ihrem professionel- (Qualitätssicherung, Organisationsentwicklung, Traine- zielfeststellungen in der Eingangsphase sowie umfassendeBeitrag ab. len Profil. Beide Themenbereiche waren somit von Beginn rInnenausbildung) und Sylvia Herdeg (TrainerInnenaus- (Lern-)Beratungsleistungen. Kenntnisse und Kompetenzen, an eng miteinander verknüpft. bildung, Unterrichtspraxis und Autorin) aus der Schweiz; persönliche Ziele und Lebensrealitäten der TeilnehmerInnenAusgangslage Marion Döbert (Unterrichtspraxis, Koordination und Ex- bilden die Grundlage des gemeinsam zu entwickelnden Lern- Im sogenannten „Teilprojekt 2“ sollte ich die Entwicklungs- pertin des deutschen Bundesverbands Alphabetisierung) planes. Dabei gestaltet sich die Zielfindung und Zielentwick- Als sich die Gründungsmitglieder des Netzwerks Basis- arbeit an der Volkshochschule Wien Floridsdorf realisieren, aus Deutschland. lung als dialogischer Prozess, der die Lernbereitschaft undbildung1 im Herbst 2004 zusammenfanden, um die Ein- unterstützt von der Projektpartnerin Christine Schubert im Autonomie der TeilnehmerInnen fördert und die Vorausset-reichung des ersten EQUAL-Projektes In.Bewegung I BHW Niederösterreich. Ich verfügte über langjährige Erfah- 3). Sichtung einschlägiger Literatur zung für die Integration in nachhaltige Lernprozesse darstellt.(2005–2007) vorzubereiten, war bald klar, dass eine der rung in den verschiedenen Bereichen der Basisbildung undzukünftigen Herausforderungen für das Arbeitsfeld die Alphabetisierung, war Anbieterin der ersten TrainerInnen- 4). Interviews mit TrainerInnen und AbsolventInnen In den Kursen werden erwachsenengerechte Materia-Qualität sein würde. Qualifizierte Basisbildungsangebote ausbildung und zusätzlich über EU-Projekte mit internatio- der Lehrgänge zur Ausbildung von Alphabetisierungspä- lien eingesetzt, die auf Lernziele der TeilnehmerInnen abge- nalen ExpertInnen vernetzt. Hieraus ergaben sich günstige dagogInnen I und II am Bundesinstitut für Erwachsenen- stimmt sind. Die angewandten Methoden sind vielseitig und1 Brigitte Bauer abc-Salzburg, Antje Doberer-Bey VHS 21 Floridsdorf, Mag. LeanderDuschl VHS Linz, Mag.a Sonja Muckenhuber VHS Linz, Mag. Otto Rath ISOP GmbH. Voraussetzungen für die Realisierung des Vorhabens. bildung in Strobl über ihre Erfahrungen und die Anforde- bieten ein breites Spektrum an Lernmöglichkeiten. Eine re-Seite 120 Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis. Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis. Seite 121
    • QUALITÄT I Doberer-Bey I Auf dem Weg zu TrainerInnenprofil und Qualitätsstandards für die Basisbildung Auf dem Weg zu TrainerInnenprofil und Qualitätsstandards für die Basisbildung I Doberer-Bey I QUALITÄTgelmäßige Evaluierung ist ebenfalls Bestandteil qualitätsgesi- TrainerInnenprofil Resümee und Ausblick Literaturcherter Angebote. und Berufsbild Die bis 2007 als vorläufiges Produkt ausgearbeiteten Qua- Boyd, S. (2005), The Skills for Life3.) Die TrainerInnen Qualifizierte TrainerInnen der Basisbildung zeichnen sich litätsstandards bildeten eine solide Grundlage für die Ent- Initiative. In: Basic Skills Professional An die Professionalität von Basisbildungs- und Alpha- durch Kompetenzen in folgenden Bereichen aus: allgemei- wicklung eines Systems zur Umsetzung von Qualitätszie- Development, Issue 2, S. 4–5. London.betisierungstrainerInnen wird ein besonders hoher An- nes Wissen und Verständnis, Fachkompetenz und perso- len, das in der Folge mit In.Bewegung II im Rahmen des Doberer-Bey, A. (2007), Qualitätsstandardsspruch gestellt, sind sie doch ein zentrales Element für nale Kompetenz. Teilprojekts 10 umgesetzt werden konnte und das ebenfalls für die Alphabetisierung unddas Gelingen der Integration der Zielgruppen in Lern- in dieser Publikation beschrieben ist. Basisbildung. Herausgegeben vonprozesse und in das lebensbegleitende Lernen. Sie tra- Allgemeines Wissen und Verständnis der Entwicklungspartnerschaftgen wesentlich zur Entwicklung und zum Erfolg der Ler- Professionelles Handeln gründet auf dem Verständnis und Betrachten wir heute das Ergebnis der damaligen An- In.Bewegung – Netzwerk Basisbildungnenden bei. Wissen der verschiedenen Wirkungszusammenhänge, wie strengungen, ist festzustellen, dass wesentliche Ziele er- und Alphabetisierung in Österreich. die Bedeutung von Basisbildungsdefiziten im gesellschaft- reicht wurden (Stand 12/2009): Als Expertinnen und Experten für die Vermittlung der lichen Kontext, deren soziale, ökonomische und kulturelle Doberer-Bey, A. (2007), Berufsbild – • Die Politik bekennt sich zu Bestrebungen, TrainerInnenprofil für die BasisbildungKulturtechniken und Literalität fördern sie auch die Ent- Auswirkungen auf die Betroffenen oder die Implikationen möglichst vielen BürgerInnen einen und Alphabetisierung mit Erwachsenenwicklung personaler Kompetenzen, wie Selbstorganisa- für das Lehren und Lernen. Aber auch die Ursachen und kostenlosen und niederschwelligen Zugang deutscher Erstsprache. Herausgegebention, Lernen lernen oder Kommunikation. Neben ihrer Hintergründe oder die Kenntnis der nationalen Rahmenbe- zur Basisbildung zu ermöglichen. von der EntwicklungspartnerschaftFachlichkeit müssen sie in der Lage sein, einen Perspek- dingungen für die Basisbildung gehören zur Professionalität. In.Bewegung – Netzwerk Basisbildungtivenwechsel zu vollziehen und das Lernangebot in ei- Basisbildung und (Bildungs-)Konzepte sind jeweils vor dem • Eine gesetzliche Grundlage für die und Alphabetisierung in Österreich.nem partizipativen Prozess mit den Lernenden zu pla- Hintergrund der gesellschaftlichen Gegebenheiten zu reflek- Implementierung von qualitätsgesichertennen und zu entwickeln, unter Berücksichtigung der tieren, und die Anspruchserwartungen der Arbeitswelt und Angeboten wird geschaffen und Döbert, M. et al. (2001), Qualitätssicherung Rahmenrichtlinien für die Förderung von in der Alphabetisierung. Positionspapier.jeweils individuellen Ressourcen, Ziele und Interessen. des Alltagslebens sind in die Konzepte zu integrieren. Maßnahmen werden festgeschrieben („Initiative www.alphabetisierung.de/fileadmin/Auf diese Weise stärken sie die Fähigkeiten zum autono- Grundbildung“ 2008–2010, bm:ukk). files/Dateien/Downloads_BV/men und selbstorganisierten Lernen. Fachkompetenz Qualitatssicherung_Positionspapier.pdf Fachkompetenz gliedert sich in theoretisches Wissen (z.B. • Eine angemessene finanzielle Unterstützung Basisbildung mit Erwachsenen heißt demnach auch, Ansätze der Alphabetisierung und Basisbildung; sprachwis- jener Institutionen, die ihre Angebote mit den von Küchler, F. / Meisel, K. (Hrsg.) (2000),Brücken zu schlagen zwischen früheren Lernerfahrun- senschaftliche Grundlagen; Lerntheorie; Gendermainstrea- Qualitätsstandards abstimmen, ist vorgesehen. Herausforderung Qualität.gen und neuen Möglichkeiten, zwischen Versagensängs- ming, Diversity und Evaluationskonzepte; Legasthenie und Dokumentation der Fachtagung • Eine flächendeckende Angebotsentwicklung wird „Qualitätssicherung in der Weiterbildung“ vomten und den eigenen Stärken und Potenzialen. Basisbil- Dyskalkulie), in Methodik und Didaktik (Kompetenzfeststel- durch neue Richtlinien des Bundesministeriums 2. bis 3. November 1999. DIE, Deutsches Institutdung bedeutet eine Umdeutung des Selbstbildes und lung, Entwicklung der (Erst-)Lese- Schreib-, Rechen- und für Unterricht, Kunst und Kultur unterstützt. für Erwachsenenbildung.die Eröffnung neuer Perspektiven – über die zu entwi- IKT-Kompetenz sowie Methoden der Lernberatung) und in Bielefeld: Verlag W. Bertelsmannckelnden Kulturtechniken. Hier unterscheiden sich Ba- praktische Umsetzungskompetenz (Leitung von Gruppen, Für eine neue Phase ab 2011, mit geänderten Förderstruk- www.die-bonn.de/esprid/dokumente/sisbildungskurse von sonstigen Kursen der Erwachsen- Steuerung von Lernprozessen, produktorientiertes Arbeiten, turen, verfügt das Arbeitsfeld durch die vom Ministerium doc-1999/kuechler99_01.pdfenbildung und Schulungsmaßnahmen: Sie sind eine Förderung interkultureller Kompetenz, lösungsorientierter für Unterricht, Kunst und Kultur und ESF über die ProjekteArt ‚Einstiegsmedium’ in Lernprozesse, eine sensible Umgang mit Konflikten etc.). von In.Bewegung I + II – Netzwerk Basisbildung und Alpha- Liebald, C. (2000), QualitätsmanagementSchnittstelle, an der sich entscheidet, ob Lernen posi- betisierung finanzierte Entwicklungsarbeit nun über ein in der Weiterbildung. Ein Leitfaden für die Praxis. Weiterbildung Materialien.tiv und als sinnvoll erlebt wird und der aufgewendeten Personale Kompetenz solides Fundament. Auch wenn nicht immer im erwünsch- Hrsg. v. Landesinstitut für Schule undMühe wert ist. Bestimmte persönliche und soziale Grundhaltungen sind ten Umfang und in jedem Punkt die angestrebte Ausrich- Weiterbildung. Bönen: Kettler. für erfolgreiches berufliches Handeln ebenso ausschlag- tung gelingt, so ergeben sich doch insgesamt Schritte in die Die drei genannten Ebenen beeinflussen sich gegensei- gebend wie die fachliche Kompetenz. Hierzu zählen bei- richtige Richtung. NRDC, National Research and Developmenttig und sind nicht voneinander zu trennen. Die entwi- spielsweise (Selbst-)Reflexivität und Lernbereitschaft, Kol- Centre for Adult Literacy and Numeracyckelten Standards sind zwar unterschiedlich zu gewich- legialität und Kooperation, Zentriertheit auf Lernen und (2005), Study of the impact of theten, doch jeder ist zu beachten und in seiner Wirkung LernerInnenautonomie sowie Gerechtigkeit, Gleichheit Skills for Life learning infrastructure on learners. www.nrdc.org.ukwahrzunehmen, und zwar zum Wohle und Nutzen derTeilnehmerInnen in den Kursen. und Integration (vgl. Boyd, 2005). Auch Fähigkeiten wie Kommunikationsfreudigkeit, Flexibilität und Belastbar- Die Autorin Schermann, N. (2005), Fehler, freundliche keit sowie Konfliktfähigkeit oder Humor sind wichtige Ele- Antje Doberer-Bey Kulturen und Qualität. Zum Aufbau und zur Das entwickelte Konzept für die Standards beruht auf mente einer gelingenden Lernprozessbegleitung. Aufbau der Basisbildung an der Volkshochschule Flo- Sicherung einer fehlerfreundlichen Kultur ridsdorf, Wien. Leiterin des Lehrgangs universitären in sozialen Dienstleistungsorganisationen.einem Verständnis von Qualität als einem mittelfristig zu Charakters zur „Ausbildung von Alphabetisierungs- und In: Fasching, H., Lange, R. (Hrsg.), Sozialplanenden Prozess, der über die Phasen der Qualitäts- Lernprozesse sind ein Kontinuum, sie enden auch nach BasisbildungspädagogInnen“ am bifeb, Strobl. Mit- Managen. Grundlagen und Positionen desentwicklung und der Qualitätssicherung zur Umsetzung langjähriger Praxiserfahrung nicht. Eine Haltung, die diese glied der ministeriellen Arbeitsgruppe „Basisbildung & Sozialmanagements zwischen Bewahren undvon Qualitätsstandards führt (vgl. Schermann, 2005; Do- Sicht widerspiegelt, ist Voraussetzung für die Professionali- Grundkompetenzen“. Staatspreis für Erwachsenenbil- radikalem Verändern. Wien, Bern: Haupt.berer-Bey, 2007). sierung in einem Arbeitsfeld, in dem es darum geht, Men- dung 2009, Kategorie „ErwachsenenbildnerIn 2009“. schen auf dem Weg zum Lernen zu unterstützen und zu be- Seit 1. Jänner 2008 in Alterspen- Tröster, M. (Hrsg.) (2000), Spannungsfeld gleiten, sodass sie Freude daran entwickeln können. Nur so sion und freiberuflich tätig. Grundbildung. Deutsches Institut kann die Inklusion in Prozesse des lebensbegleitenden Ler- für Erwachsenenbildung DIE. doberer-bey@aon.at nens gelingen. Bielefeld: BertelsmannSeite 122 Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis. Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis. Seite 123
    • QUALITÄT I Mayrhofer I Qualität in der Basisbildung Qualität in der Basisbildung I Mayrhofer I QUALITÄT setzten Minimalanforderungen an Einrichtungen, Angebote tigt wurde. Sie wurden weiters als verlässliche Referenz und Trainer/innen garantieren Fördergebern ein Mindest- anerkannt, um Vergleichbarkeit unter Basisbildungsein- maß an Return für eingesetzte Ressourcen. richtungen zu ermöglichen. Wobei trotz des Netzwerkge- dankens von In.Bewegung Vergleichbarkeit zum Zwecke Von Qualitätsstandards zur einer möglichen Kooperation oder des Austausches von Know-how zwischen den Basisbildungseinrichtungen Umsetzung von Qualitätszielen nicht immer als nützlich bzw. erstrebenswert angesehen Die im Zuge von In.Bewegung I definierten Standards wur- wird. Sich in der Förderlandschaft vor der Konkurrenz den im Folgeprojekt In.Bewegung II (2007–2010) bereinigt bestehender oder potenzieller Basisbildungseinrichtun- und nach allgemeinen Kriterien der Zieldefinition überar- gen zu behaupten – in diesem Kontext ist wohl der in der beitet. Die Überarbeitung der Standards aus In.Bewegung I internen Evaluierung häufig geäußerte Wunsch nach ei- und die Entwicklung eines Modells, das sowohl die organi- ner objektiven externen Überprüfung der organisations- sationsinterne Selbstevaluierung und Umsetzung der Stan- internen Prozesse, einem Audit, zu sehen. Auch ist man dards mittels Balanced Scorecard (BSC) vorsieht als auch der Auffassung, dass eigene Standards und ein eigenes eine externe, jedoch vom Netzwerk Basisbildung und Al- System nur dann sinnvoll wären, wenn die Erreichung phabetisierung koordinierte Evaluierung in Form eines eben dieser (Mindest-)Standards durch eine unabhän-Max Mayrhofer „Kollegialen Dialogs“ sowie die Auszeichnung für beson- gige netzwerkexterne Zertifizierungsstelle überprüftTeilprojektkoordinator im Projekt dere Bemühungen um Qualität in einzelnen Bereichen der werden würde. Von einem ursprünglich vorgesehenenIn.Bewegung, ISOP GmbH Basisbildung auf drei Levels im Netzwerk beinhaltet, wur- externen Audit wurde jedoch aus Gründen der Redun-max.mayrhofer@isop.at den im Rahmen von In.Bewegung II von ISOP GmbH koor- danz und entstehender Mehrkosten Abstand genommen. diniert. An der Entwicklung beteiligt waren Projektpartner LQW – www.artset-lqw.de – etwa ist ein kostengünstiges, (VHS Linz, Kärntner VHSs, BHW NÖ, abc Salzburg, ÖGB auf Bildungseinrichtungen zugeschnittenes Verfahren, Landesorganisation OÖ, StVG, VHS Floridsdorf und ISOP das gelungenes Lernen in den Mittelpunkt stellt. Alle GmbH) sowie externe Vernetzungspartner (Vorarlberger Einrichtungen des Netzwerks Basisbildung und Alphabe- VHSs, VHS Tirol, Burgenländische VHSs). tisierung sind überdies bereits durch eines der gängigen Qualitätssicherungsverfahren zertifiziert (ISO, LQW ).Qualität in der Basisbildung Die „neuen“ Standards haben sich in der Diskussion um Qualität in der Basisbildung und in der nun vorlie- Die Qualitätsstandards wurden in In.Bewegung in soge- genden Form einer Checkliste zur Selbstevaluierung für nannten Qualitätsklausuren einvernehmlich von den maß-Zum Versuch der Umsetzung von Qualitätszielen die Basisbildungsarbeit als nützlich und sinnvoll erwie- sen, wie in einer im November 2009 zum Thema Qua- geblichen Expert/innen für Basisbildung und Alphabetisie- rung in Österreich festgelegt. Sie sind keinesfalls statisch,mittels Balanced Scorecard lität in In.Bewegung II erfolgten internen Evaluierung sondern müssen auch in Zukunft permanent weiterentwi- von an der Entwicklung und Erprobung der Umsetzung ckelt werden, um den sich ändernden Rahmenbedingun- der Standards mittels BSC beteiligten Personen bestä- gen zu entsprechen.Der folgende Beitrag befasst sich mit der Frage, wie päda- gegebene Publikation der Qualitätsstandards (Doberer-Bey, Abb. 1:gogische Qualität in Einrichtungen, die Basisbildung und 2007) erfolgte mit Abschluss des Projekts. Die nun EndeAlphabetisierung anbieten, entwickelt und Qualitätsziele 2009 vorliegenden überarbeiteten Qualitätsstandards ba- Eine Erhebung der Kenntnisse, Fertigkeiten und Kompetenzen der Teilnehmer/innenumgesetzt werden können. Aufgezeigt werden auch die Er-gebnisse und Erfahrungen aus dem Versuch der Umsetzung sieren demnach auf den Erkenntnissen und der gemeinsa- men Übereinkunft nationaler Expert/innen (Doberer-Bey, Standard Nr. 14 findet in den angebotenen Inhalten (z.B. Lesen, Schreiben, Mathematik, IKT) statt. Es liegt ein Erhebungskonzept vor und die Ergebnisse sind dokumentiert.von Qualitätszielen mittels einer zu diesem Zweck von den Bauer, Muckenhuber, Rath u.a.), aber auch auf den Ergeb- mögliche Fragestellungen: Beschreibung des IST-Standes: Instrumente: Dokumentation:Partnern in In.Bewegung entwickelten Balanced Scorecard. nissen einer in In.Bewegung I durchgeführten Umfrage un- ter internationalen Expert/innen (Mace, Herdeg, Döbert, Bitte hier einfügen Bitte hier einfügen Bitte hier einfügenQualitätsstandards Hubertus u.a). Welche Kenntnisse, Fertigkeiten undfür die Basisbildung Die Standards verstehen sich primär als globale Qualitäts- Kompetenzen werden erhoben? Der Start zur Definition von Qualitätsstandards für die Ba- ziele, als Übereinkunft und Richtlinie zum Zweck der selbst- Wie und wann werden diesesisbildung und Alphabetisierung in Österreich erfolgte 2005 verantwortlichen Optimierung organisationsinterner, für erhoben?im Rahmen des EQUAL-Projekts In.Bewegung I und im Auf- die pädagogische Qualität von Basisbildung und Alphabe- Welches Konzept zurtrag des Ministeriums für Bildung, Wissenschaft und Kul- tisierung relevanter Rahmenbedingungen. Sie dienen aber Erhebung von Kenntnissen, Fertigkeiten undtur. In der Entwicklungspartnerschaft In.Bewegung I waren auch der Vergleichbarkeit von Basisbildungseinrichtungen Kompetenzen liegt vor undösterreichische Erwachsenenbildungseinrichtungen ver- und deren Angeboten und vermögen durch die im Zuge des wie wird gewährleistet, dass die Trainer/innen diesestreten, die über langjährige Erfahrung in der Arbeit im Be- Entwicklungsprozesses erfolgte Abgleichung von Begrifflich- kennen und anwenden?reich Basisbildung und Alphabetisierung verfügten und so- keiten und von für Basisbildung essenziellen Inhalten undmit Expertise in die Aufgabe einbringen konnten. Die erste, Prozessen die Qualitätsdiskussion auf eine gemeinsame Ba-von der Entwicklungspartnerschaft In.Bewegung I heraus- sis zu stellen. Die im Zuge der Entwicklung ebenfalls festge- Bewertung des IST-Standes: (Standard ist nicht erreicht = 0 / ansatzweise erreicht = 1 / teilweise erreicht = 2 / umfassend erreicht = 3) 0Seite 124 Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis. Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis. Seite 125
    • QUALITÄT I Mayrhofer I Qualität in der Basisbildung Qualität in der Basisbildung I Mayrhofer I QUALITÄT Abb. 2: Abb. 3: • Die Prozesse der Anbieter sind über • Die Prozesse der Anbieter sind ein gängiges System (ISO, LQW etc.) über ein gängiges System (ISO, und ein externes Audit zertifiziert. LQW etc.) und ein externes Audit • Das QE_Modell Basisbildung wird zertifiziert. umgesetzt und die Entwicklung QE_Modell Basisbildung pädagogischer Qualität • Das QE_Modell Basisbildung gewährleistet. wird umgesetzt und die • Der Kollegiale Dialog wird nicht Entwicklung pädagogischer gesucht, es findet keine externe Qualität gewährleistet. Evaluierung statt und Know-how wird • Der Kollegiale Dialog bringt zurückgehalten Sicherheit und schafft die Basis für den Transfer und Austausch von Know-how. • Die Prozesse der Anbieter sind über • Die Prozesse der Anbieter sind über ein gängiges System (ISO, LQW etc.) ein gängiges System (ISO, LQW etc.) und ein externes Audit zertifiziert. und ein externes Audit zertifiziert. • Die pädagogische Qualität der • Die pädagogische Qualität der Basisbildungs- und Basisbildungs- und ISO, LQW etc. Alphabetisierungsangebote wird nicht Alphabetisierungsangebote wird nicht entwickelt. entwickelt. • Anbieter stehen im offenen • Strategische Kooperationen werden Wettbewerb. Know-how wird eingegangen. Know-how wird zurückgehalten. ausgetauscht. Evaluierungsebene Wettbewerb Kooperation Partnerebene Das Sichbewegen zwischen dem Absolutheitsanspruch wie Service-, Support- und Systemqualität. Andererseits Vielfalt der im Non-Profit-Bereich angesiedelten Basis- rung als Ist- und die für jeden einzelnen Standard beschrie-von Standards und der damit verbundenen vermeintli- wurde damit auch die Erfahrung gemacht, daß gerade bildungseinrichtungen des Netzwerks einerseits und der benen vier Indikatoren (Level 0, 1, 2, 3) als anzustrebendechen Schaffung einer objektiven Bewertungsgrundlage ei- einrichtungsübergreifende Standards eher darauf abziel- Art der Durchführung und Gestaltung der Basisbildungs- Zielwerte.nerseits und der prozesshaften Auseinandersetzung mit In- ten, Bestehendes festzuschreiben. Diese Debatte wurde der angebote in diesen Einrichtungen, seien es Regelpro-halten und Zielen der Basisbildung andererseits stellte eine ständigen Anforderung, in dem sich rasch verändernden gramme oder zeitlich begrenzte Projekte, andererseits zu Obgleich der Entwicklungsarbeit allgemeine Prämissen1besondere Herausforderung in der Qualitätsdiskussion im Umfeld der Weiterbildung die Qualität kontinuierlich entsprechen vermochten. zugrunde gelegt wurden, zeigte sich während der TestphaseNetzwerk Basisbildung und Alphabetisierung dar. Diese Di- weiterzuentwickeln, nur unzureichend gerecht. Insofern die Gefahr „unechter“ Einstiege in die Balanced Scorecard,chotomie bildete den Hintergrund der Entwicklungsarbeit ist es nur konsequent, daß heute stärker von der Quali- Die BSC wird von In.Bewegung II mit Einschränkungen die im NPO-Sektor häufig vorkommen (Beyer, 2002, S. 84.).zum Thema Umsetzung von Qualität bzw. In-Gang-Setzen tätsentwicklung gesprochen wird, bei der Qualität nicht als Umsetzungsinstrument vorgeschlagen. Einerseits isteines Entwicklungsprozesses in In.Bewegung II. Oder an- statisch festgeschrieben, sondern ein systematischer Pro- das Instrument geeignet, dieser Vielfalt gerecht zu werden Vor allem in den größeren an der Testphase teilnehmen-ders ausgedrückt und wie bereits vor geraumer Zeit von Ex- zeß in Gang gesetzt wird, der Qualität aus professioneller und die Wahrscheinlichkeit systematischer Entwicklung den Erwachsenenbildungseinrichtungen, in denen Ba-pert/innen des DIE als „Trend 2: Von der Standardisierung Sicht und aus der Sicht der Adressaten immer wieder neu und Umsetzung von Qualität zur Gewährleistung „gelunge- sisbildung nur einen Teil des Angebotes ausmacht, ergabzur E