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Leich fau-ps-copernicanische-wende-handout-15

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  • 1. FAU-Proseminar: Die Copernicanische Wende – Ein Motiv zur Entstehung derneuzeitlichen Naturwissenschaft, 15. Sitzung, Do 09.02.12, Pierre Leich_________________________________________________________________„Rehabilitation“Bereits Leibniz bemühte sich um eine Rehabilitation der Copernicanischen Theorieund notiert im Jahr 1699: Als ich in Rom war, habe ich mit verschiedenen bedeutenden und einflußreichen Männern gesprochen und sie gebeten, sich doch in dieser ganz ungefährlichen Sache der Freiheit der Wissenschaft anzunehmen und dafür zu sorgen, daß das Verbot der Lehre von der Bewegung der Erde entweder aufgehoben oder doch außer Gebrauch gesetzt wird. Ich zeigte, daß es im eigensten Interesse der Römischen Kirche läge, sich nicht dem Vorwurf auszusetzen, sie beschütze die Unwissenheit und den Irrtum. Da jene meine Ratschläge höflich anhörten, so hoffe ich, daß die alte Freiheit wiedergewonnen werden kann, deren Unterdrückung so sehr die ausgezeichneten Talente unter den Italienern schädigt.1Erst am 14. Juni 1734 befasst sich das Hl. Offizium wieder mit Galilei wegen derBeurteilung eines Denkmals in der Kirche Santa Croce für Galilei. Bestellte Gutachterwollten dem Vorhaben kein Hindernis in den Weg legen, sofern nur die Inschrift derheiligen Kongregation rechtzeitig bekanntgegeben würde, damit diese darüberentscheiden könne. Die Kongregation des heiligen Offiziums bestätigte diesesGutachten am 16. Juni 1734.2Am 12. März 1737 wurden die Überreste Galileis mit großer Feierlichkeit undkirchlichem Gepränge in das neue Mausoleum verlegt3 und mit jenen seines letztenSchülers Viviani vereinigt, der seinen Erben testamentarisch die Errichtung einesDenkmals auferlegt hatte.1744 wurde mit kirchlicher Zustimmung in Padova eine Neuausgabe4 der WerkeGalileis veranstaltet, die neben Urteil und Schwur den Aufsatz „Über das Weltsystemder alten Hebräer“ des Paters Calmet enthielt, worin die auf unsere Weltordnung sichbeziehenden Stellen der Heiligen Schrift in der herkömmlichen katholischenAuslegungsweise interpretiert wurden. Im Dialogo wurden stark behauptendePassagen hypothetisch gefasst.Am 10.5.1757 beschließt die Indexkongregation, das Dekret von 1616 wegzulassen,was durch Papst Benedict XIV. am 11. Mai 1757 bestätigt wird. Einige namentlichaufgeführten Bücher von Copernicus, Kepler, Galilei, Foscarini u.a. bleiben allerdingsverboten bzw. nur mit Verbesserung publizierbar.1765 gelang es bei seinem Aufenthalt in Rom selbst dem berühmten französischeAstronomen Lalande5 nicht, die Wegstreichung des Galilei’schen Werkes von derListe der verbotenen Bücher zu erwirken. Der Kardinal-Präfekt der lndex-Kongregation1 Zitiert nach Ludwig Bieberbach, Galilei und die Inquisition, München 1938, S. 139.2 Vgl. Karl von Gebler, Galileo Galilei und die römische Curie. Nach den authentischen Quellen, hg. v. G. Peers, Essen (erstmals erschienen als Die Acten des Galilei’schen Processes, Stuttgart 1877), Anhang Dokument XXVIII.3 Siehe die Exhumationsurkunde, Op. XV. S. 407-409.4 Opere di Galileo Galilei divise in quattro Tomi, in questa nuova edizione accresciute di molte cose inedite, hg. v. Abbate Toaldo, Padova 1744.5 Vgl. Jérôme de Lalande, Traité d’astronomie, Paris 1792, S. 421.
  • 2. wandte ein, es liege gegen Galilei ein Urteilsspruch der Kongregation des heiligenOffiziums vor, der zuerst abgeändert werden müsste. Papst Clemens XIII. schienzwar geneigt, aber es geschah nichts und so waren selbst bei der Ausgabe desIndex von 1819 jene fünf namentlich genannten Werke aufgeführt.1820 wendet sich der Priester und Professor der Optik und Astronomie amRömischen Archivgymnasium Joseph Settele an Papst Pius VII. um Druckerlaubnisfür sein Werk über Optik und Astronomie, welches in seinem zweiten Band dieBewegung der Erde als Tatsache darstellt. Er führt in seiner Eingabe aus: Das kopernikanische System bietet sich heute anders dar als zu der Zeit Galileis, da es verurteilt wurde. Seit die Schwere der Luft [durch Torricelli 1643] entdeckt wurde, braucht man von der Annahme der Erdbewegung nicht mehr die Absurditäten zu befürchten, an die man seinerzeit dachte. Da die Sonne im Brennpunkt  der elliptischen Planetenbahnen steht, befindet sie sich nicht im Mittelpunkt der Welt. Da sie eine Rotation und vielleicht auch eine Translationsbewegung besitzt, ist sie nicht unbeweglich. Bald nach der Verurteilung wurde gestattet, die Lehre des Kopernikus als eine Hypothese anzunehmen. […] Nach Galilei sind viele Bücher über die kopernika- nische Lehre erschienen, insbesondere die Naturphilosophie Newtons. Sie wurden aber nicht verboten. Man müßte also jetzt sagen, daß die Päpste durch anderthalb Jahrhunderte hin den Irrtum hätten weiter schleichen lassen, ohne ihm entgegenzutreten. Die Nutation, die Aberration, die jährliche Parallaxe der Fixsterne, die Ostabweichung beim Fall der schweren Körper sind Tatsachen zugunsten des Kopernikus.6Der Papst überwies die Appellation an das heilige Offiziums, das in der Sitzungvom 16. August 1820 entschied, dass Settele in seinem Buch die copernicanischeMeinung als bestimmt aufstellen und behaupten dürfe. Pius VII. approbierte denBeschluss daraufhin anstandslos. Der Palastmeister Philipp Anfossi wies jedochenergisch auf den Widerspruch zu dem Dekret vom 5. März 1616 hin.Dies veranlasste das Kardinalskollegium die Einstellung der Kirche zum wissen-schaftlich längst etablierten Heliozentrismus zu überdenken. Am 11. September 1822beschloss das heilige Offizium das folgende Dekret, dem der Papst Pius VII. am 25.September 1822 seine Zustimmung gab: Die erlauchten Kardinäle beschlossen, daß im Sinne der Dekrete der Indexkongre- gation von 1757 und 1820, jetzt und künftig der Palastmeister nicht mehr die Pflicht hat, die Erlaubnis zum Druck und zur Veröffentlichung solcher Werke zu verweigern, welche die Bewegung der Erde und die Ruhe der Sonne gemäß der heute bei Astronomen allgemein üblichen Auffassung behandeln, wofern nichts anderes gegen diese Werke vorliegt.7Seit 1835 entfielen im Indexkatalog sämtliche diese Frage behandelnden Schriften(auch De Revolutionibus und der Dialogo). Ohne Galilei zu erwähnen anerkanntePapst Leo XIII. am 18.11.1893 in der Enzyklika Providentissimus Deus dessenArgumente über die Beziehung von Wissenschaft und Offenbarung der Bibel: Da eine Wahrheit unmöglich einer anderen Wahrheit widersprechen kann, darf man sicher sein, daß ein Irrtum in der Deutung der heiligen Worte oder bei einem anderen Diskussionsgegenstand nur behauptet wurde.86 Zitiert nach Ludwig Bieberbach, Galilei und die Inquisition, München 1938, S. 116f.7 Zitiert nach Ludwig Bieberbach, Galilei und die Inquisition, München 1938, S. 121.8 Leonis XIII Pont. Max., Acta, vol. XIII, 1894, S. 361; zitiert nach: Johannes Paul II., Ansprache an die Päpstliche Akademie der Wissenschaften am 31. Oktober 1992; in: Johann Dorschner, Der Kosmos als Schöpfung, Plauen 1994, S. 221 (erstmals erschienen in L’Osservatore Romano [dt. Wochenausgabe], 22. Jg., Nr. 46 vom 13. November 1992, Beitrag XXXVIII, 1992).
  • 3. Im Jahr 1965 hob Paul VI. beim Zweiten Vatikanischen Konzil den Index librorumprohibitorum auf.Kurz nach seinem Amtsantritt bekannte Papst Johannes Paul II. (Wojtyla) am 10.November 1979, „Galilei hatte – das kann nicht bestritten werden – von Männern undEinrichtungen der Kirche viel zu leiden“.In der Gedenkfeier zu Ehren Einsteins 100. Geburtsjahr sagte er weiter: Galilei hat wichtige Regeln von erkenntnistheoretischem Charakter formuliert, die sich als unentbehrlich erweisen, wenn man die Heilige Schrift und die Wissenschaft in Einklang bringen will. In seinem Brief an die Großherzoginmutter von Toskana, Christine von Lothringen, bekräftigt er noch einmal die Wahrheit der Schriften: „Nie kann die Heilige Schrift lügen, vorausgesetzt allerdings, wir erfassen ihre wahre Bedeutung. Letztere ist – wiewohl nicht zu leugnen – sehr verborgen und sehr verschieden von jener Bedeutung, die der reine Wortlaut verkündet.“ (Edizione Nazionale der Werke Galileo Galilei, Bd. V, S. 315.) Galilei führt das Prinzip einer Interpretation der heiligen Bücher ein, die zwar über den buchstäblichen Sinn hinausgeht, aber mit der Absicht und der literarischen Art des jeweiligen Buches in Übereinstimmung steht. Es sei notwendig, so versichert er, daß „die klugen Männer, die sie erläutern“, ihre wirkliche Bedeutung darlegten. Die kirchliche Lehre erkennt die Pluralität der Auslegungsregeln für die Heilige Schrift an. Seit Pius’ XII. Enzyklika Divino afflante Spiritu lehrt sie sogar ausdrücklich das Nebeneinander verschiedener literarischer Stile in den heiligen Büchern und deshalb die Notwendigkeit, sie entsprechend des besonderen Charakters eines jeden auszulegen.9Bei einem naturwissenschaftlichen Symposium bemerkte der Papst 1983: Der Beistand des Heiligen Geistes garantiert keinerlei Erklärungen über die physische Beschaffenheit der Welt.10Um das gestörte Verhältnis von Wissenschaft und Glauben aufzuarbeiten, wurde aufInitiative des Papstes am 3.7.1981 eine ‘Kommission zum Studium der Ptolemäisch-Kopernikanischen Kontroverse im 16. und 17. Jahrhundert’ eingesetzt, die zu einerRevision des „Falles Galilei“ führen sollte. In vier Arbeitsgruppen wurden dieexegetischen, kulturellen, wissenschaftlichen und rechtsgeschichtlichen Aspektebeleuchtet.11Das Abschlusskommuniqué überreichte der Koordinator, Kardinal Paul Poupard,dem Papst im Rahmen der jährlichen Arbeitstagung der Päpstlichen Akademie derWissenschaften am 31. Oktober 1992.In seiner folgenden Ansprache stellte Johannes Paul II. dem naturwissenschaftlichenWissen das Offenbarungswissen gegenüber und empfiehlt in der „hermeneutischenFrage“ – wie dieses Wissen in Einklang zu bringen sei – Galileis Position wie sie inden Briefen an Castelli und Christina von Lothringen zum Ausdruck kam: In derAuslegung der Heiligen Schriften ist ein Irrtum möglich. Hinsichtlich der „pastoralenFrage“ – wie sich die Kirche Neuem gegenüber verhalten soll, wenn die BotschaftGottes berührt scheint – bittet er die Öffentlichkeit um Nachsicht, betrachtet es aber9 Zitiert nach Emilio Segrè, Die großen Physiker und ihre Entdeckungen. Von den fallenden Körpern zu den Quarks, München/Zürich 1997 (erstmals erschienen als From Falling Bodies to Radio Waves. Classical Physicists and Their Discoveries, New York 1984), S. 52.10 Zitiert nach: Hansjakob Strehle, Die Kirche dreht sich doch. Der Fall Galilei - eine verspätete Revision, Die Zeit, Nr. 46 (6.11.1992), Hamburg 1992, S. 57, Sp. 1.11 Paul Poupard, Galileo Galilei: 350 ans d’histoire, Tournai 1983; Galileo Galilei: Toward a Resolution of 350 Years of Debate, 1633-1983, Pittsburgh 1987.
  • 4. als „eine Pflicht der Theologen, sich regelmäßig über die wissenschaftlichenErgebnisse zu informieren, um eventuell zu prüfen, ob sie diese in ihrer Reflexionberücksichtigen oder ihre Lehre anders formulieren müssen.“12 Für die Beziehungbeider Bereiche entwirft er das Bild einer horizontalen Entfaltung in Kultur,Wissenschaft und Technik sowie eine vertikale Richtung, in der der Mensch die Welttranszendiere und seine Beziehung zu Gott gestalte. Die vom kopernikanischen System hervorgerufene Umwälzung machte also eine Reflexion darüber notwendig, wie die biblischen Wissenschaften zu verstehen sind, ein Bemühen, das später überreiche Früchte für die modernen exegetischen Arbeiten bringen sollte, die ferner in der Konzilskonstitution Dei Verbum eine Bestätigung und neuen Impuls erhalten haben. […] Wenn die heutige Kultur von einer Tendenz der Wissenschaftsgläubigkeit gekenn- zeichnet ist, war der kulturelle Horizont der Zeit des Galilei einheitlich und von einer besonderen philosophischen Bildung geprägt. Dieser einheitliche Charakter einer Kultur, der an sich auch heute positiv und wünschenswert wäre, war einer der Gründe für die Verurteilung des Galilei. Die Mehrheit der Theologen vermochte nicht formell zwischen der Heiligen Schrift und ihrer Deutung zu unterscheiden, und das ließ sie eine Frage der wissenschaftlichen Forschung unberechtigterweise auf die Ebene der Glaubenslehre übertragen.1312 Johannes Paul II., Schmerzliches Mißverständnis im “Fall Galilei” überwunden, Forschung & Lehre, 1 (1994), Heft 3, S. 94 (gekürzte Übersetzung aus L’Osservatore Romano, 22. Jg., Nr. 46, Beitrag XXXVIII, 13. November 1992).13 Johannes Paul II., Ansprache an die Päpstliche Akademie der Wissenschaften am 31. Oktober 1992; in: Johann Dorschner, Der Kosmos als Schöpfung, Plauen 1994, S. 219f. (erstmals erschienen in L’Osservatore Romano [dt. Wochenausgabe], 22. Jg., Nr. 46 vom 13. November 1992, Beitrag XXXVIII 1992).

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