Prävention von Leistenverletzungen bei
professionellen Australian-Rules-Football-Spielern
Klinische Perspektivstudie über ...
Training. Während unbedeutendere Pathologien also undefi-
niert bleiben, erfasst die Datenbank alle Fälle von Leistenver-
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E Innenrotation der Hüfte: Sie wurde in Rückenlage mit Hüfte
und Knie in jeweils 90 Position gemessen. Die Innenrota-
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Die spezifische Aktivierung (Re-education) des M. transversus
abdominis – anfänglich in Rückenlage und dann im Stehen –
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Bass und Connell [1] evaluierten 200 Patienten mit anterioren
Leistenschmerzen und berichteten, dass bei ihnen der M. tens...
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Praevention

  1. 1. Prävention von Leistenverletzungen bei professionellen Australian-Rules-Football-Spielern Klinische Perspektivstudie über 8 Jahre Prevention of Groin Injuries in the Elite Australian Rules Footballer 8 Year Clinical Perspective Autoren J. J. W. Boyle1, 2 , K. Withers1 , K. P. Singer2 Institute 1 Fremantle Football Club, Western Australia 2 Centre for Musculoskeletal Studies, School of Surgery, The University of Western Australia Schlüsselwçrter l" Muskeldysbalance l" Leistenverletzung l" Becken l" Australian Rules Football Key words l" muscle imbalance l" groin injury l" pelvis l" Australian Rules Football eingereicht 21.8.2007 akzeptiert 16.10.2007 Bibliografie DOI 10.1055/s-2008-1027572 Manuelle Therapie 2008; 12: 131–135 Georg Thieme Verlag KG Stuttgart · New York · ISSN 1433-2671 Korrespondenzadresse Dr. J. J. W. Boyle Fremantle Football Club, Fremantle Oval Parry Street, Fremantle WA6160 Western Australia jeff_boyle@fremantlefc.com.au Einleitung ! Seit 1992 lässt die Australian Rules Football Lea- gue (AFL) eine Studie über die Verletzungen von Spielern durchführen und von 1997 an wurde jeder Spielausfall eines als Senior (Spie- ler mit viel Erfahrung) geführten Spielers wäh- rend der Hauptsaison registriert [8]. Um auch Daten über Rookies (Anfänger) und die Final- spiele zu berücksichtigen, erfolgte 2001 eine Erweiterung dieser Datenerhebung. Der Saison- report 2006 repräsentierte das 15. aufeinander- folgende Jahr der Verletzungsüberwachung, wobei während der letzten 10 Jahre die Daten aller 16 Teams aufgezeichnet wurden [8]. Australian Rules Football ist nicht mit Fußball (Soccer) vergleichbar und erinnert Europäer eher an Rugby. Das Spiel stellt enorme Anforderungen an den Athleten: Er muss oft mit maximaler Ge- schwindigkeit sprinten, aber auch ausdauernd im Zurücklegen längerer Strecken sein, wobei es häu- fig die Richtung zu ändern und Agilitätskompo- nenten wie das Ballfangen zu beherrschen gilt. Außerdem kommt es häufig zu Kontakten und Zu- sammenstçßen mit gegnerischen Spielern. Der Spieler muss sowohl einen ovalen Ball mit dem Fuß schießen, mit der Hand wie im Handball drib- beln als auch springen kçnnen, um einen hohen Ball aus der Luft zu fangen. Den Kampf um die Meisterschaft im Australian Rules Football organisiert die AFL. Diese Liga umfasst 16 Teams, die aus jeweils ungefähr 44 männlichen Berufsathleten bestehen. Während des Spiels befinden sich pro Team 18 Spieler auf dem Spielfeld und 4 weitere auf der Reser- vebank, die in fliegendem Wechsel ins Spiel kommen kçnnen. Ein Spiel dauert 4-mal 20 min plus die durch Spielunterbrechungen verlorene Zeit. Die Abmessungen des Spielfelds umfassen 110 – 155m in der Breite und 135 – 185m in der Länge. Normalerweise wird auf Gras gespielt. Im Hinblick auf die Anzahl verletzungsbeding- ter Spielerausfälle in der AFL nehmen Leisten- verletzungen hinter Zerrungen der ischiokrura- len Muskulatur den 2. Platz ein und treten sogar çfter auf als Rupturen des vorderen Kreuz- bands [8]. Die ALF-Verletzungsdatenbank regis- triert neben anderen alle Leistenverletzungen, die zum Ausfall eines Spielers führen, enthält je- doch keine Daten über die Nichtteilnahme am Zusammenfassung ! Beim Australian Rules Football (AFL) sind Leisten- verletzungen eine weit verbreitete Funktions- stçrung. Derartige Verletzungen umfassen Schambeinentzündung, Adduktorentendinopa- thie, Adduktorenmuskelzerrung, Leistenhernie und Läsionen benachbarter Sehnen, Beckenüber- lastung, Avulsionsfrakturen sowie Zerrungen der Hüft- und unteren Bauchmuskulatur. Der Artikel stellt einen effektiven Behandlungs- ansatz bei Leistenverletzungen dar, der über ei- nen Zeitraum von 8 Jahren implementiert wur- de und zu einer 74,9%igen Verbesserung im AFL-Wettkampf führte. Abstract ! In the Australian Rules Football (AFL) competi- tion groin injuries are a common disabling problem. Such injuries include osteitis pubis, adductor tendinopathy, adductor muscle strains, inguinal hernias, conjoint tendon lesions, pelvic stress, avulsion fractures as well as lower ab- dominal and hip flexor strains. This paper outlines an effective management ap- proach for groin injuries, implemented over an 8 year period, which contributed to a 74.9 percent better outcome within the elite AFL competition. Boyle JJ et al. Prävention von Leistenverletzungen… Manuelle Therapie 2008; 12: 131–135 Originalarbeit 131 Heruntergeladenvon:FHCampusWien.Urheberrechtlichgeschützt.
  2. 2. Training. Während unbedeutendere Pathologien also undefi- niert bleiben, erfasst die Datenbank alle Fälle von Leistenver- letzungen, die signifikant genug waren, um zur Nichtteilnahme an einem Hauptsaisonspiel führen. Für den Zeitraum von 1999 bis 2006 konnte jedes Team pro Saison durchschnittlich mit 3,2 neuen Leistenverletzungen rechnen, die in 12,3 Spielerausfäl- len resultierten. Grund zu grçßerer Besorgnis war die im Sai- sonbericht 2006 ausgewiesene Rezidivrate von 28% bei Leis- tenpathologien. Die Bezeichnung Leistenpathologie umfasst alle Fälle von Schambeinentzündung, Adduktorsehnenverlet- zung, Adduktormuskelzerrung, Leistenbruch und damit ver- bundene Sehnenläsionen, Beckenüberlastung, Avulsionsfrak- turen sowie Zerrungen der Hüftflexoren und unteren Bauchmuskeln. Die vorliegende Studie berichtet über die Ergebnisse eines ein- zigartigen prophylaktischen Programms zur Minimierung von Leistenverletzungen, das für den Fremantle Football Club ent- wickelt und 8 Jahre lang in der AFL getestet wurde. Sein Prinzip besteht darin, die Stabilität des Lenden-Becken-Bereichs durch spezifische Muskelaktivität zu stärken und falsche Bewegungs- muster vorherzusagen und zu korrigieren, um diese Stabilisie- rung zu maximieren und so Leistenverletzungen zu verhindern. Methode ! Das einzigartige Programm zur Prophylaxe von Leistenverlet- zungen wurde vom Fremantle Football Club (FFC) im Novem- ber 1998 als Teil der Vorbereitung auf die Saison 1999 (März bis September) instituiert, nachdem ein Pilotprogramm wäh- rend der Saison 1998 erfolgreich getestet worden war. Wäh- rend der folgenden 8 Spielzeiten (1999 – 2006) blieb das Pro- gramm zur Verletzungsvorbeugung unverändert, obwohl die für Kraft- und Konditionstraining verantwortlichen Mitarbeiter des FFC während dieses Zeitraums ausgetauscht wurden und sich die allgemeinen Konditionsprogramme von Saison zu Sai- son unterschieden. Die gesammelten Verletzungsdaten stammen aus den Jahren 1999 – 2006, wobei jedoch nur der Zeitraum während der Hauptsaison berücksichtigt wurde. Über Spielerausfälle auf- grund von Leistenverletzungen wurde die ALF gemäß ihrer Richtlinien unterrichtet. Dann fand ein Vergleich zwischen den FFC-Daten und dem Durchschnitt der anderen 15 AFL- Teams im selben Zeitraum auf Grundlage der im AFL-Verlet- zungsbericht des Jahres 2006 enthaltenen Daten statt [8]. Das prophylaktische Programm war in 5 Kategorien unterteilt: E Beckensymmetrie: Alle Spieler wurden vor Saisonbeginn un- tersucht, wobei zur Bewertung von iliosakraler Bewegung und Position die Muskelenergieprinzipien dienten. Die Mes- sung der Symmetrie der vorderen oberen Darmbeinstachel (SIAS) und der Schambeinsymphyse erfolgte durch Palpation. Um die passive akzessorische Bewegung des Iliums zum Sak- rum zu bewerten, wurde ein posteriores und leicht superiores Gleiten des Iliums ausgeübt, während sich der Spieler in der Rückenlage befand (Squish test). Abnormalitäten beim Test wurden mit Muskelenergie-Behandlungsprinzipien thera- piert [3]. Anschließend wurden die Spieler mit normalen Be- funden 1-mal wçchentlich, diejenigen mit abnormalen Ergebnissen jeden Tag getestet. Zudem wurden auch alle Spieler täglich getestet, die während der Haupt- oder Vorsai- son Leistensymptome aufwiesen, bis diese auskuriert waren. E Core stability: Alle Spieler erhielten im Rahmen des vorsai- sonalen Screening-Prozesses eine Ultraschalluntersuchung (Real time ultrasound imaging, RTUS) bezüglich korrekter Kernstabilität des Rumpfes (Core stability). Die korrekte Kernstabilität wurde als isolierte tonische Kontraktion des M. transversus abdominis definiert, die unabhängig von den Mm. obliquus abdominis stattfindet und durch RTUS [5] so- wohl in Rückenlage als auch im Stand verifizierbar ist. Glei- chermaßen fand die Ultraschalluntersuchung des M. multifi- dus [5] auf aktive tonische Kontraktion in Bauchlage und in Sitzpositionen statt. Bei abnormalen Befunden erfolgte die Therapie nach dem Protokoll von Richardson et al. [10] mit- hilfe von RTUS-Biofeedback, bis sich normale Ergebnisse ein- stellten. Während dieser Zeit waren Football und Konditions- programme eingeschränkt. Alle Spieler, die während der Hauptsaison Leistensymptome aufwiesen, wurden einer er- neuten Bewertung unterzogen. E Beckenmuskelgleichgewicht: E Kraftmessungen: Die Bewertung der Kraft/Ausdauer des M. glutaeus medius fand in Seitenlage statt (l Abb. 1), wobei der Spieler das Bein kontrolliert und ohne zusätz- liches Gewicht bis in die Horizontale anheben und dann exzentrisch in die Ausgangsstellung absenken sollte. Wurde das erreicht, sollte er diese Bewegung mit jedem Bein 25-mal wiederholen. Als Standardtraining für das Team galten 25 Wiederholungen mit einem zusätzlichen, am Knie befestigten Gewicht von 2,5 Kilo, 2-mal pro Wo- che als prophylaktisches Kraft-Ausdauer-Protokoll. Die Spieler, die diesen Standard nicht erreichen konnten, ab- solvierten ein modifiziertes Footballprogramm, bis sie dazu in der Lage waren. Des Weiteren wurden die Spieler gebeten, in der Bauch- lage den Oberschenkel durch eine Hüftextensionsbewe- gung vom Behandlungstisch abzuheben (l Abb. 2). Be- wertet wurde die Muskelgruppe, die die Bewegung initiierte, und wie der Rumpf seine Position beibehielt [11]. Das Resultat galt als normal, wenn der M. glutaeus maximus die Bewegung mit sekundärer Unterstützung durch die ischiokrurale Muskulatur und die Adduktor- muskeln bei normaler Rumpfstabilität initiierte. Abnor- male Ergebnisse beinhalteten z.B.: verzçgerte Kontrakti- on des M. glutaeus maximus bei früher Aktivierung entweder des M. adductor magnus und/oder der ischio- kruralen Muskelgruppe sowie exzessive Aktivität der langen Rückenextensoren und/oder Beckenkippung nach vorne. Sie wurden durch elektrische Stimulation des M. glutaeus maximus therapiert, bis normale Ergeb- nisse eintraten. E Längenmessungen: Unter Verwendung der Thomas-Test- position erfolgte die Bewertung der Länge von M. iliop- soas, M. rectus femoris und M. tensor fasciae latae. Das Er- gebnis war akzeptabel, wenn sich die Hüfte so weit extendieren ließ, dass der Oberschenkel in eine horizonta- le Position gebracht werden konnte. Davon ausgehend galt der der M. rectus femoris als akzeptabel, wenn sich das Knie auf 100 flektieren ließ. Die Länge des M. tensor fas- ciae latae wurde als akzeptabel betrachtet, wenn der Ober- schenkel auf 10 über der Mittellinie adduziert werden konnte. Spieler, die diese Ergebnisse nicht erreichten, ab- solvierten unter Leitung des Team-Physiotherapeuten täg- lich ein spezielles Dehnungsprogramm mit 2 – 3 Wieder- holungen von 60 Sekunden Dauer pro Muskelgruppe. Boyle JJ et al. Prävention von Leistenverletzungen… Manuelle Therapie 2008; 12: 131–135 Originalarbeit132 Heruntergeladenvon:FHCampusWien.Urheberrechtlichgeschützt.
  3. 3. E Innenrotation der Hüfte: Sie wurde in Rückenlage mit Hüfte und Knie in jeweils 90 Position gemessen. Die Innenrota- tionsbewegungen beider Hüften galten als symmetrisch, so- lange sie nicht weniger als 20 verzeichneten. E Funktionelle Aufgaben: Alle Spieler sollten ihr Bein im Stehen auf 90 Hüftflexion anheben und bei leichter Aktivität des M. transversus abdominis (wie oben beim RTUS-Biofeedback be- schrieben) auf dem anderen Bein stehen (l Abb. 3). Anschlie- ßend wurde die Bewegung mit dem anderen Bein wiederholt. Ein normales Bewegungsmuster war das kontrollierte Anhe- ben des Knies, ohne dass sich das Becken oder der Rumpf von der Mittellinie wegbewegten. Ipsilaterale Seitenneigung des Rumpfes über dem belasteten Bein galt als Überaktivität der langen Rückenextensoren und des M. quadratus lumborum bei schlechter Kernstabilität des Rumpfes (Core stability; l Abb. 4a). Bei der Hüftflexionsbewegung im Stehen mit Kon- traktion des M. transversus abdominis wurde ein seitliches Wegkippen des Beckens über dem belasteten Bein als Schwä- che des M. glutaeus medius interpretiert (l Abb.4b). Bei allen Spielern wurden fehlerhafte Bewegungsmuster durch unge- fähr 15 bis 20 Wiederholungen pro Bein 2-mal pro Woche kor- rigiert, bevor zu sportspezifischen Aufgaben übergegangen wurde. Ergebnisse ! Während der Spielzeiten 1999 – 2006 absolvierte der Fremant- le Football Club einschließlich der Finale 182 Spiele. Unter Be- rücksichtigung der Tatsache, dass sich die Anzahl der Spieler von Saison zu Saison leicht unterschied, entspricht dies 7698 Spieleinsätzen in diesem Zeitraum. Insgesamt kam es zu 26 Spielerausfällen aufgrund von Leistenverletzungen, verglichen mit den durchschnittlich 103,6 Spielerausfällen der übrigen 15 Teams der AFL (l Tab. 1). Diskussion ! Im Verlauf von 8 Spielzeiten in der australischen Football-Pro- filiga hatte der Fremantle Football Club insgesamt 26 Spieler- ausfälle aufgrund von Leistenverletzungen im Gegensatz zu durchschnittlich 103,6 Ausfällen pro Team bei den anderen 15 Teams der AFL im selben Zeitraum [8]. Ein Vergleich der beiden Zahlen ergibt, dass das prophylaktische Programm zur Prävention von Leistenverletzungen zu einem um 74,9% bes- seren Ergebnis führte. Die Bewertung und Behandlung von Ilium- und Schambeinasym- metrie durch Muskelenergietechniken waren der Ausgangspunkt für das Präventionsprogramm. Bei Football-Spielern wurden die Verkürzung des M. tensor fasciae latae oft mit einer durch Mus- kelenergie-Bewertungsmethoden festgestellten Außenrotation (Outflare) des Iliums und die Verkürzung des M. rectus femoris und des M. sartorius mit einer anterioren Rotation der ipsilatera- len Beckenhälfte assoziiert. Die Korrektur dieser Abnormalitäten der Iliumstellung veränderte die anschließenden Messungen der Muskelkraft und der Muskellänge in der Beckenregion. Daher er- folgte die Korrektur vor den Tests des Beckenmuskelungleichge- wichts. Anscheinend besteht eine Assoziation zwischen diesen Befunden einer verkürzten Muskellänge eher am Schuss- als am Standbein. Abb. 2 Bewertung des Muskelinitiationsmusters für die Hüftextension in der Bauchlage. Der M. glutaeus maximus sollte zuerst kontrahieren, während die ischiokrurale Muskulatur und die Adduktoren die Bewegung unterstützen und die tiefen Rückenextensoren die Rumpfposition stabili- sieren. Abb. 3 Der Sportler soll die Hüfte im Stehen auf 90 flektieren, wäh- rend er auf dem ande- ren Bein steht und der M. transversus abdomi- nis leicht kontrahiert ist. Abb. 1 Der Spieler befindet sich in der Seitenlage und soll das Bein bis zur Horizontalen anheben und exzentrisch in die Ausgangsstellung absenken. Die Bewegung soll kontrolliert und ohne zusätzliches Gewicht stattfinden. Anschließend soll der Spieler die Bewegung insgesamt 25-mal mit jedem Bein wiederholen. Die Steigerung des Programms besteht darin, ein zu- sätzliches Gewicht am Knie anzubringen. Boyle JJ et al. Prävention von Leistenverletzungen… Manuelle Therapie 2008; 12: 131–135 Originalarbeit 133 Heruntergeladenvon:FHCampusWien.Urheberrechtlichgeschützt.
  4. 4. Die spezifische Aktivierung (Re-education) des M. transversus abdominis – anfänglich in Rückenlage und dann im Stehen – galt in diesem Programm zusammen mit der kontrollierten, auf Ausdauer basierenden Kontraktion des M. multifidus als substanzieller Faktor für den Erfolg sowohl der Prävention als auch der Rehabilitation von Spielern mit Leistenverletzungen. Cowan et al. [2] berichteten von einer Verzçgerung der Akti- vierung des M. transversus abdominis beim aktiven Anheben des gestreckten Beins in Rückenlage bei Personen mit lange bestehenden Leistenschmerzen, wohingegen es keine Unter- schiede zwischen dem Einsetzen der Aktivität des M. obliquus internus abdominis, des M. obliquus externus abdominis und des M. rectus abdominis gab. Die Kokontraktion des M. transversus abdominis und des M. multifidus entwickelte sich zur Grundlage spezifischer Übungs- programme bei Schmerzen im unteren Rückenbereich [9]. Dies kçnnte auch bei der Prävention von Leistenverletzungen eine signifikante Rolle spielen. Richardson et al [10] stellten fest, dass die unabhängige Kontraktion des M. transversus abdomi- nis die Stabilität des Iliosakralgelenks (ISG) in einem signifi- kant grçßeren Ausmaß erhçht als eine Bracing-Aktion, an der alle seitlichen Bauchmuskeln beteiligt sind. Bei professionellen Australian Rules Football-Spielern scheint die Überaktivität des M. rectus abdominis, der Mm. obliquus abdominis externus und internus und der langen Rückenextensoren ein häufig auf- tretendes fehlerhaftes Bewegungsmuster zu sein. Auch über ei- nen Zusammenhang bei Sportlern zwischen Veränderungen im ISG, wie sie sich anhand degenerativer Veränderungen nach- weisen lassen, und degenerativen Veränderungen der Scham- beinsymphyse (z.B. Schambeinentzündung) durch Überlastung wurde berichtet [7]. Was kommt zuerst, die Leistenschmerzen und die veränder- ten Bewegungsmuster oder die veränderten Bewegungsmus- ter, die bei asymptomatischen Sportlern bereits präsent sind und sich in der Folge als Leistenschmerzen manifestieren? Das hier umrissene prophylaktische Programm wurde ange- wendet, um durch Screening-Protokolle entdeckte abnormale Bewegungsmuster bei professionellen Australian Rules Foot- ball-Spielern zu korrigieren, bevor Symptome von Leisten- schmerzen auftreten. Es war interessant festzustellen, wie viele Profi-Football-Spie- ler entweder beim Gehen oder beim Laufen Trendelenburg-ar- tige Anzeichen aufweisen. Die Schwäche des M. glutaeus me- dius, insbesondere der hinteren Fasern, bei Sportlern, die bei Kniebeugen das Ein- bis Zweifache ihres Kçrpergewichts tra- gen kçnnen, führte dazu, dass der Programmschwerpunkt auf dieser Muskelgruppe liegt. Die Sportler waren bei den ersten isolierten Tests des M. glu- taeus medius nicht in der Lage, das Gewicht ihres Beins in die 1. Testposition anzuheben. Es wurde davon ausgegangen, dass der M. glutaeus medius vom kurzen, überaktiven und starken M. tensor fasciae latae inhibiert wird, was häufig bei Personen mit geschwächtem M. glutaeus medius zu beobachten ist. Abb. 4 Funktioneller Test der Hüftflexion im Ste- hen. a Ipsilaterale Seitneigung des Rumpfes, die mit schlechter Kernstabilität des Rumpfes (Core stability) und exzessiver Muskelaktivität der langen Rückenextensoren assoziiert wird. b Seitliches Ab- sinken des Beckens, das mit einer Schwäche des M. glutaeus medius am Standbein assoziiert wird. Tab. 1 Spielerausfälle des Fremantle Football Club (FFC) aufgrund von Leistenverletzungen während der Spielzeiten 1999 – 2006, und durchschnittliche Spieler- ausfälle der anderen 15 Teams der Australian Rules Football (AFL; [8]). Das beschriebene Präventionsprogramm wurde während der Saison 1999 erstmals ange- wendet. 1997 1998 1999 2000 2001 2002 2003 2004 2005 2006 FFC 43 18 0 0 3 7 8 1 0 7 AFL 15,7 13,6 10,0 8,0 14,3 16,6 14,0 14,1 11,9 14,7 Boyle JJ et al. Prävention von Leistenverletzungen… Manuelle Therapie 2008; 12: 131–135 Originalarbeit134 Heruntergeladenvon:FHCampusWien.Urheberrechtlichgeschützt.
  5. 5. Bass und Connell [1] evaluierten 200 Patienten mit anterioren Leistenschmerzen und berichteten, dass bei ihnen der M. tensor fasciae latae im Durchschnitt zweieinhalbmal so groß war wie bei asymptomatischen Freiwilligen. Sie kamen zu der Schluss- folgerung, dass die Ursache für die anterioren Leistenschmerzen eine Tendinopathie des M. tensor fasciae latae war. Außerdem wurde gefolgert, dass ein vergleichbares Muskelun- gleichgewicht zwischen dem M. iliopsoas (stark/angespannt) und dem M. glutaeus maximus (schwach/inhibiert) besteht. Untersuchungen der Rekrutierungsmuster der Hüftextension in Bauchlage ergaben, dass eine Verzçgerung der Aktivität des M. glutaeus maximus oft von einer Überaktivität der ischio- kruralen Muskulatur, des M. adductor magnus und der langen Rückenextensoren begleitet wird. Hungerford et al. [6] beschrieben bei Personen mit Schmerzen im ISG ein verzçgertes Einsetzen der elektromyografischen Aktivität des M. multifidus und des M. glutaeus maximus im Standbein während der Hüftflexion und äußerten die Vermu- tung, dass eine Veränderung der Strategie zur Stabilisierung des Lenden-Becken-Bereichs die Gewichtübertragung durch das Becken unterbrechen kçnnte. Vor allem fiel auf, dass bei den Betroffenen das Einsetzen der elektromyografischen Akti- vität des M. biceps femoris früher stattfand. Vermutliche spielt die Schwäche der beiden Gesäßmuskeln bei der Überaktivität der Adduktoren eine Rolle und verstärkt da- her die Torsionsbelastung im Bereich der Symphyse. Die Kräfti- gung der Adduktoren bei Sportlern mit Schambeinentzündung ist nur bei chronischer Verletzung erforderlich, d.h. wenn eine allgemeine Dekonditionierung dieser Muskelgruppe vorliegt. Tatsächlich wird davon ausgegangen, dass die Dehnung der Ad- duktoren durch myofasziale Entspannungstechniken, insbeson- dere der tiefen hinteren Fasern des M. adductor magnus, ein Faktor bei der Prävention oder Reduzierung von Leistensymp- tomen ist. Die Analyse der Laufbewegungen anhand grundlegender Bewe- gungsprinzipien (z.B. Hüftflexionsbewegung im Stehen) stellte den erfolgreichen 1. Test des Umerziehungsprogramms zur Kernstabilität des Rumpfes und Beckenstabilität dar. Dieser funktionelle Test gibt Auskunft über fehlerhafte Bewegungs- muster. Die Korrektur der Muster ist vor dem Übergehen zu grundlegendem Lauf-, Sprung- und Agilitätstraining mit seitli- cher Bewegung essenziell. Die Koaktivierung der entsprechen- den Rumpf- und Gesäßmuskeln erhçht die Kompression und Steifheit im Bereich des ISG [10], und die Umerziehung dieser Bewegungsmuster zu funktionellen Aufgaben lässt sich auf sportspezifische Fertigkeiten übertragen. Schlussfolgerungen ! Obwohl das prophylaktische Programm Leistenverletzungen bei australischen Profi-Football-Spielern nicht vollständig ver- hindern kann, legt die Erfahrung der Autoren den Schluss nahe, dass seine Prinzipien von Nutzen sind. Mçglicherweise lässt sich das Programm auch auf andere Sportarten mit Schussakti- vitäten übertragen (z.B. Fußball). Eine Weiterentwicklung des Programms erfordert die Untersu- chung komplexer sportspezifischer Fertigkeiten, wie z.B. das Schießen eines Balls aus vollem Lauf. Entsprechende Studien müssen die wichtige Rolle der dynamischen Kernstabilität des Rumpfes und der Beckenstabilität bewerten. Literatur 1 Bass CJ, Connell DA. Sonographic findings of tensor fascia lata tendino- pathy: another cause of anterior groin pain. Skeletal Radiology 2002; 3: 143–148 2 Cowan SM, Schache AG, Brukner P et al. Delayed onset of transversus abdominus in long standing groin pain. Medicine and Science in Sport and Exercise 2004; 36: 2040–2045 3 Greenman PE. Principles of manual medicine. Baltimore: Williams Wilkins, 1996 4 Hides JA, Stokes MJ, Saide M et al. Evidence of lumbar multifidus mus- cle wasting ipsilateral to symptoms in patients with acute/subacute low back pain. Spine 1994; 19: 165–174 5 Hides JA, Richardson R, Jull GA et al. Ultrasound imaging in rehabilita- tion. Australian Journal of Physiotherapy 1995; 41: 187–192 6 Hungerford B, Gilleard W, Hodges P. Evidence of altered lumbopelvic muscle recruitment in the presence of sacroiliac joint pain. Spine 2003; 28: 1593–1600 7 Major NM, Helms CA. Pelvic stress injuries: the relationship between osteitis pubis (symphysis pubis stress injury) and sacroiliac abnorma- lities in athletes. Skeletal Radiology 1997; 26: 711–717 8 Orchard J, Seward H. AFL Injury Report 2006 – Australian Football League. www.afl.com.au 9 Richardson CA, Jull G, Hodges P et al. Therapeutic exercise for spinal segment stabilization in low back pain. London: Churchill Living- stone, 1999 10 Richardson CA, Snijders CJ, Hides JA et al. The relation between the transversus abdominus muscles, sacroiliac joint mechanics and low back pain. Spine 2002; 27: 399–405 11 Sahrmann SA. Diagnosis and Treatment of movement impairment syndromes. St Louis: Mosby, 2002 Boyle JJ et al. Prävention von Leistenverletzungen… Manuelle Therapie 2008; 12: 131–135 Originalarbeit 135 Heruntergeladenvon:FHCampusWien.Urheberrechtlichgeschützt.

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