Einleitung
Im 1. Teil dieser Artikelserie wurde ausgehend von ersten Syn-
drombeschreibungen [5] hin zu einem therapiespez...
Klinische Funktionsanalyse
Die Deutsche Gesellschaft für Funktionsdiagnostik und -therapie
in der Zahn-, Mund- und Kieferh...
Abb. 2 Auskulta-
tion der Kiefergelen-
ke (evtl. mit Stetho-
skop; mit
freundlicher Geneh-
migung von Dr.
Wolfram Widmaier...
lyse (Gerber-Resilienztest, Kompression/Traktion in der Statik). Bei
gravierenden Dysfunktionszuständen mit morphologische...
tischen Möglichkeiten der Computertomographie (CT) und vor al-
lem der Magnetresonanztomographie (MRT) zur Darstellung der...
Arthroskopie
Die von Ohnishi 1974 erstmals für die Kiefergelenke beschriebe-
ne Methode erlaubt bei bis zu 97% der Patient...
te das CMS20-JawMotionAnalysis-System der Fa. Zebris (Isny)
sein (Abb.18a u. b). Es basiert auf der computergestützten, be...
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symptomatik des Kiefergelenks und MRT-Diagnostik....
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  1. 1. Einleitung Im 1. Teil dieser Artikelserie wurde ausgehend von ersten Syn- drombeschreibungen [5] hin zu einem therapiespezifischen mo- dernen Diagnoseschema [1, 16] mit der Möglichkeit, zukünftige Entwicklungen und Erkenntnisse problemlos integrieren zu kön- nen, der lange Weg der zahnärztlichen Funktionsdiagnostik erör- tert. Dieser 2. Teil veranschaulicht nun die praktische Durchfüh- rung der klinischen Funktionsanalyse sowie die erweiterten Untersuchungsmöglichkeiten und diskutiert kritisch bekannte Untersuchungsmethoden. Diagnostik Die zahnärztliche Funktionsuntersuchung will eine Antwort auf die Frage geben, ob beim betroffenen Patienten eine Okkluso- pathie, eine Myopathie und/oder eine Arthropathie vorliegt. Des Weiteren sind Screening-Tests mit Hinweisen auf notwendige konsiliarische Befunderhebungen und Behandlungen im Sinne einer Nebendiagnose (Orthopädie) zu berücksichtigen. Nicht vergessen werden sollten auffällige Differenzialdiagnosen, die nicht in direktem Zusammenhang mit der kraniomandibulären Dysfunktion (CMD) stehen. Zur systematischen Befunderhebung mit automatisierten Konsil- und Therapieempfehlungen sind heute bereits sehr anwenderfreundliche Softwareprogramme er- hältlich (z.B. CMDfact 2.0). Am Beginn der zahnärztlichen Funktionsuntersuchung steht neben dem zahnärztlichen Befund die klinische Funktionsana- lyse, die bei Bedarf durch bildgebende und andere Verfahren er- gänzt wird. Kraniomandibuläre Dysfunktion – Diagnostik und Therapie aus der Sicht des Zahnarztes Teil 2: Zahnärztliche klinische Funktionsanalyse und erweiterte UntersuchungsmöglichkeitenE. Ludwig Craniomandibular Dysfunction – Diagnosis and Therapy from a Dentist’s Viewpoint – Part 2: Dental Clinical Functional Analysis and Extended Examination Possibilities Institutsangaben Universitätsklinikum Ulm, Abt. für zahnärztliche Prothetik Korrespondenzadresse Dr. med. dent. Elmar Ludwig · Universitätsklinikum Ulm, Abt. für zahnärztliche Prothetik · Albert-Einstein-Allee 11 · D-89070 Ulm · E-mail: elmar.ludwig@uniklinik-ulm.de Manuskript eingetroffen: 15.09.2006 · Manuskript akzeptiert: 16.09.2006 Bibliografie Manuelle Therapie 2006; 10: 243–250 Georg Thieme Verlag KG Stuttgart · New York DOI 10.1055/s-2006-927249 ISSN 1433-2671 Zusammenfassung Der 2. Teil der Beitragsserie veranschaulicht die praktische Durchführung der klinischen Funktionsanalyse sowie die erwei- terten Untersuchungsmöglichkeiten. Außerdem werden bekann- te Untersuchungsmethoden kritisch diskutiert. Schlüsselwörter Kraniomandibuläre Dysfunktion · klinische Funktionsanalyse · bildgebende Verfahren · Axiographie Abstract The second part of this series illustrates the practical application of clinical functional analysis as well as advanced examination options. In addition, common methods for diagnosis are critically discussed. Key words Craniomandibular dysfunction · clinical functional analysis · imaging methods · axiography Originalarbeit 243 Heruntergeladenvon:FHCampusWien.Urheberrechtlichgeschützt.
  2. 2. Klinische Funktionsanalyse Die Deutsche Gesellschaft für Funktionsdiagnostik und -therapie in der Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde (DGFDT) stellt für den interessierten Zahnarzt auf ihrer Homepage ein Erfassungs- formular Funktionsstatus mit Anleitung zur Anwendung als Download zur Verfügung (www.dgzmk.de). Der 1. Teil des Funktionsstatus erfragt biografische Ereignisse (Unfall mit Kopf-Hals-Beteiligung), Arztkontakte anderer Fach- richtungen (Internist – Polyarthritis, HNO – Nasennebenhöhlen- entzündungen, Orthopäde – Wirbelsäulenerkrankungen) sowie zahnärztliche Vorbehandlungen (Kieferorthopädie, Zahnersatz, funktionelle Vorbehandlungen) und schließt mit einer genaue- ren Charakterisierung der bestehenden Schmerzen (Art, Häufig- keit, Dauer) unter Zuhilfenahme visueller Analogskalen. Der 2. Teil des Funktionsstatus umfasst die eigentliche klinische Funktionsanalyse (Abb.1). Neben der Palpation und Auskulta- tion der Kiefergelenke (Abb. 2) werden auch bestimmte Muskel- gruppen palpatorisch beurteilt und im Sinne der manuellen Strukturanalyse untersucht (Abb. 3). Danach erfolgt die Beurtei- lung der Unterkieferbeweglichkeit (Abb. 4) sowie der vertikalen Kieferrelation über die so genannte Ruheschwebehaltung. Dabei wird der Patient aufgefordert, zunächst zuzubeißen und an- schließend den Unterkiefer unter Lippenschluss entspannt hän- gen zu lassen. Nach mehrmaliger Wiederholung zur Übung kann die vertikale Kieferrelation als Interokklusalabstand (IOA; Norm: 2–3 mm) gemessen werden. Nach diesen extraoralen Befunden erfolgt die Analyse der hori- zontalen Kieferrelation bzw. statischen Okklusion. Von besonde- rem Interesse sind hier neben fehlenden Kontakten (Nonokklusi- on) Frühkontakte (Primärkontakte), die eine ventrale, retrale und/oder laterale Verlagerung des Unterkiefers aus der Schluss- bissposition bewirken und sich bei aufrechter Kopf-Körper-Hal- tung passiv manuell geführt ohne retrale Forcierung mithilfe von Okklusionsfolie identifizieren lassen (Abb. 5). Bei der Beurteilung der dynamischen Okklusion ist vor allem da- rauf zu achten, ob einzelne Zahnpaare die schlussbissnahen Gleit- bewegungen im Sinne eines Gleithindernisses ungünstig beein- flussen (Hyperarbeitskontakte auf der Laterotrusionsseite bzw. Hyperbalancekontakte auf der Mediotrusionsseite; Abb. 6 u. 7). Um eine gesteigerte parafunktionelle Aktivität zu beurteilen, wer- den schließlich Abrasionen, keilförmige Defekte sowie Wangen- und Zungenimpressionen erfasst. Nach Ansicht des Autors sollte besonders auf Lockerungen einzelner Zähne geachtet werden, da hier meist versteckte Primärkontakte oder Gleithindernisse vorlie- gen, die z.B. bei der Eingliederung keramisch verblendeter Kronen nicht ausreichend reduziert wurden (Abb. 8). Der 2. Teil des Funktionsstatus endet mit der Entscheidung für eventuelle weitere konsiliarische Untersuchungen, einer Ver- dachtsdiagnose und der vorläufigen Festlegung geeigneter the- rapeutischer Maßnahmen. Im Hinblick auf die Initialdiagnose muss der Zahnarzt folgende 3 Fragen beantworten: – Vertikale Kieferrelation über die Bestimmung des Interokklu- salabstands (IOA): Ist der Biss zu hoch oder zu niedrig? – Horizontale Kieferrelation (statische Okklusion) über die Identifizierung von Primärkontakten bzw. ausgeprägten Schlussbisskontakten in der Front: Ist der Unterkiefer im Schlussbiss zur Seite, vor allem aber nach ventral oder nach retral verlagert? – Dynamische Okklusion über die Identifizierung von Gleithin- dernissen: Bestehen im schlussbissnahen Bereich Hyper- arbeits- bzw. Hyperbalancebahnen? Fehlerbeispiel: Vertikale Kieferrelation Ein auffällige senile Mimik, eventuell mit Faulecken im Bereich der Mundwinkel bei gleichzeitig großem IOA, fehlende oder stark abgenutzte Seitenzähne bzw. okklusale Stufen können myoarthropathische Beschwerden verursachen (Abb. 9a u. b, Abb.10). Fehlerbeispiel: Horizontale Kieferrelation/statische Okklusion Ausgeprägte Kontakte im Bereich der Oralflächen überkronter, meist keramisch verblendeter Oberkieferfrontzähne, mögli- cherweise mit Lockerungen der Pfeilerzähne können durch die Retralverlagerung des Unterkiefers im Schlussbiss einen Kom- pressionsschmerz in den Kiefergelenken erklären. Durch Dis- kusverlagerungen bedingte Gelenkgeräusche sind auch ohne Bisshöhenverlust zu beobachten (Abb.11 u. 12). Primärkontakte im Seitenzahnbereich (z.B. nach kieferorthopädi- scher Therapie aufgrund nicht korrigierter Gleithindernisse im Be- reich der Kauflächen) können unter anderem eine Ventralverlage- rung des Unterkiefers provozieren (Abb.13a u. b) und infolge gesteigerter parafunktioneller Aktivität myopathische Beschwer- den, Zahnlockerungen, Rezessionen am Zahnfleisch, keilförmige Defekte und Abrasionsschliffflächen verursachen. In diesen Fällen kommen kurative zahnärztlich therapeutische Maßnahmen infrage, sollten aber erst durchgeführt werden, wenn sichergestellt ist, dass Bisslageveränderungen nicht auf allgemeine Haltungsfehler (Beckenschiefstand, Skoliose) zurückzuführen sind. Aus diesem Grund schlägt der Autor hier grundsätzlich ein physio- therapeutisches bzw. orthopädisches Konsil vor. Erweiterte Bildgebung: Schüller/Computertomographie/ Magnetresonanztomographie Bei Verdacht auf eine kraniomandibuläre Dysfunktion kann zusätz- lich zu den klassischen zahnärztlichen Röntgenbefunden auf der Grundlage von Panoramaschicht- (OPT) und Mundfilmaufnahmen die Kiefergelenkaufnahme nach Schüller durchgeführt werden. Da- bei verläuft der Strahlengang von der gegenüberliegenden Seite in Annäherung zur Längsachse des Kondylus (258 kranial, 108 dorsal; Abb.14). Diese mundgeschlossene („Fest zubeißen!“) Aufnahme- technik muss immer im Seitenvergleich bewertet werden und ist bei Verdacht auf Kompression, Distraktion, Retral- bzw. Ventral- verlagerung des Kondylus nicht allein beweisend (Abb.15a u. b), sondern dient der Ergänzung bzw. Bestätigung der klinischen Ana- Ludwig E. Kraniomandibuläre Dysfunktion – … Manuelle Therapie 2006; 10: 243–250 Originalarbeit 244 Heruntergeladenvon:FHCampusWien.Urheberrechtlichgeschützt.
  3. 3. Abb. 2 Auskulta- tion der Kiefergelen- ke (evtl. mit Stetho- skop; mit freundlicher Geneh- migung von Dr. Wolfram Widmaier, Ulm). Abb. 5 Beurteilung der statischen Okklusion zur Identifizierung von Primärkontakten (nicht retral forciert). Abb. 4 Bestim- mung der maximalen Schneidekanten- distanz (mit freund- licher Genehmigung von Dr. Wolfram Widmaier, Ulm). Abb. 3 Palpation des M. masseter (Beurteilung immer im Seitenvergleich; mit freundlicher Genehmigung von Dr. Wolfram Wid- maier, Ulm). Abb. 6 Abklärung von Hyperarbeits- bzw. Hyperbalan- cebahnen durch „Knirschen auf den Backenzähnen“. Kontrolle mit Okklu- sionsfolie. Abb. 7 Schliffflä- chen auf Goldguss- restaurationen infol- ge ungenügender Einpassung bei Ein- gliederung (Pfeile; männlich, 36 J.). Abb. 8 Abklärung von Zahnlockerun- gen aufgrund von Primärkontakten mithilfe von Okklusi- onsfolie und manu- ellem Gegendruck. Abb. 1 Instrumentarium für die zahnärztlich klinische Funktions- analyse. Ludwig E. Kraniomandibuläre Dysfunktion – … Manuelle Therapie 2006; 10: 243–250 Originalarbeit 245 Heruntergeladenvon:FHCampusWien.Urheberrechtlichgeschützt.
  4. 4. lyse (Gerber-Resilienztest, Kompression/Traktion in der Statik). Bei gravierenden Dysfunktionszuständen mit morphologischen Ver- änderungen, wie z.B. einer Randzacke des Kondylus bzw. Erosio- nen der Gelenkpfanne oder hohe Kollumfrakturen, ist eine sichere diagnostische Aussage möglich (Abb.16a–c). Zur Reduzierung der Strahlenbelastung lassen sich heute mittels moderner Orthopanto- mographiegeräte entsprechende Funktionsaufnahmen anfertigen. In den letzten 20 Jahren wurden durch Steigerung der Auflösung und dreidimensionale Rekonstruktion der Datensätze die diagnos- Abb. 9 a, b Zu niedriger Biss (männlich, 61 J.). a Interokklusalabstand (IOA) ca. 8 mm infolge sekundärer Abrasion im Oberkiefer- frontzahnbereich. b IOA ca. 8 mm infolge Stützzonenverlust im Oberkiefer rechts und links. a b Abb. 11 a, b Re- tralverlagerung des Unterkiefers mit Dis- kusverlagerung nach ventral (dunkelblau) infolge überkon- turierter Oralflä- chenkonfigurationen von Kronen bzw. Brücken in der Ober- kieferfront und gleichzeitigem Hö- henverlust im Sei- tenzahnbereich. Abb. 10 Okklusionsstufe im Unterkiefer als Ursache für einen Biss- höhenverlust. Abb. 14 Strahlengang der Röntgenkiefergelenkaufnahme nach Schüller (mit freundlicher Genehmigung von Dr. Wolfram Widmaier, Ulm). Abb. 12 Überkonturierte Oralflächenkonfigurationen mit Glanz- schliffflächen (Pfeile), die so nur bei Goldgussrestaurationen sichtbar sind (männlich, 59 J.). Abb. 13 a, b Ven- tralverlagerung des Unterkiefers auf- grund von Primär- kontakten im Sei- tenzahnbereich (männlich, 18 J.). a Manuell geführte Primärkontaktsitua- tion. b Habituelle Schlussbisssituation. Ludwig E. Kraniomandibuläre Dysfunktion – … Manuelle Therapie 2006; 10: 243–250 Originalarbeit 246 Heruntergeladenvon:FHCampusWien.Urheberrechtlichgeschützt.
  5. 5. tischen Möglichkeiten der Computertomographie (CT) und vor al- lem der Magnetresonanztomographie (MRT) zur Darstellung der Knorpelanteile der Kiefergelenke stark verbessert [15]. Die patien- tenbezogene Outcome-Effektivität, also die Frage, ob die Patienten durch den Einsatz dieser Maßnahmen wirklich profitieren, muss jedoch kritisch gesehen werden. So besteht keine gute Korrelation zwischen Gelenkschmerzen und bildgebenden Befunden [3, 17, 25], und eine röntgenologische Gelenkspaltverminderung erlaubt keine zuverlässige Aussage über den Zustand des Gelenkknorpels [7]. Bei Patienten mit Kiefergelenkschmerzen und Dysfunktionen ohne rheumatische Grunderkrankung hinken die Röntgenbefunde den akuten klinischen Erscheinungen deutlich hinterher [24]. Auch moderne MRT-Aufnahmetechniken lassen keine Voraus- sagen für Gelenkschmerzen aufgrund nachweislich dargestellter Diskusverlagerungen zu [11, 33]. In habitueller Okklusion der Zäh- ne finden sich bei Patientenkollektiven in bis zu über 80% anterio- re Verschiebungen. Diese können allerdings in 20–35% der Fälle auch bei asymptomatischen Personen beobachtet werden [13, 18, 19, 21, 28, 38]. Bis zum heutigen Tag werden Effusionen (Gelenker- güsse) sowie kernspintomographische Befunde des retrodiskalen Gewebes und im Bereich des kondylären Knochenmarks als bild- gebende ¾quivalente für Gelenkschmerz sehr unterschiedlich be- urteilt [4, 9, 11, 14, 21, 26, 30–32, 34, 35, 38–40]. „Bildgebende Verfahren werden oft als Sündenböcke herangezo- gen, wenn die klinische Untersuchung nicht die Diagnose offen- bart. Auch werden sie als Friedensstifter benötigt, um dem for- dernden Patienten deutlich zu machen, dass nichts unterlassen und alles getan wurde“ [12]. In diesem Sinne setzt der Autor er- weiterte bildgebende Verfahren nur ein, wenn es gilt, einen Tu- morprozess auszuschließen. Abb. 16 a–c Sichere Diagnosen. a Erosion der linken Gelenkpfanne. b Randzacke Kondylus links. c Hohe Kollumfraktur mit muskelzug- bedingter Verlagerung des rechten Kondylus nach ventral, medial und kaudal (Pfeile). Abb. 15 a, b Seitenvergleich Kiefergelenk rechts und links. Verdachts- diagnose Retralverlagerung des linken Kondylus (Pfeile). Ludwig E. Kraniomandibuläre Dysfunktion – … Manuelle Therapie 2006; 10: 243–250 Originalarbeit 247 Heruntergeladenvon:FHCampusWien.Urheberrechtlichgeschützt.
  6. 6. Arthroskopie Die von Ohnishi 1974 erstmals für die Kiefergelenke beschriebe- ne Methode erlaubt bei bis zu 97% der Patienten eine exakte Di- agnosenstellung hinsichtlich „der Oberflächenbeschaffenheit und Position des Diskus, sein Lageverhalten bei Bewegungen des Unterkiefers sowie den Zustand (Elastizität), die Ausdeh- nung und die Beweglichkeit der Aufhängungsbänder“ [22, 27]. Aufgrund des operativen Risikos sollte die Arthroskopie aber nur bei den Patienten angewendet werden, bei denen konser- vative Maßnahmen keine Linderung der Beschwerden verschaf- fen; dann allerdings besteht im Gegensatz zur Schichtbilddiag- nostik zugleich die Möglichkeit, therapeutisch im Sinne eines Debridement oder einer Lavage tätig zu werden bzw. abzuschät- zen, ob offenchirurgische Verfahren angezeigt sind [22]. Instrumentelle Funktionsanalyse Die instrumentelle Funktionsanalyse ermöglicht im Vorfeld ei- ner indizierten Einschleiftherapie, den Substanzabtrag im Be- reich der Zähne darzustellen. Die okklusalen Fehler des Patien- ten werden über Abformungen, einen Gesichtsbogen und ein Bissregistrat bei passiv manuell geführtem Kieferschluss in auf- rechter Kopf-Körper-Haltung schädelgelenkbezüglich im Artiku- lator dargestellt. Über sukzessiven Abtrag an den Gipsmodellen erfolgt eine kontrollierte Absenkung zum Zwecke der Harmoni- sierung der statischen Okklusion. Dieses Schleifprotokoll erlaubt eine Prognose über das Ergebnis der Einschleiftherapie und im Vergleich zu einem 2. unbeschadeten Modellsatz eine anschauli- che Grundlage zur Aufklärung des Patienten. Die Maßnahme ist nach Ansicht des Autors nur bei Verdacht auf eine Ventralver- lagerung des Unterkiefers sinnvoll. Der Grad einer Retralverlage- rung lässt sich nicht darstellen, weil die fehlerhafte Schlussbiss- position pathologisch angepasst ist, vom Patienten also beim Schließen stets spontan eingenommen wird. Orthopädie Eine konsiliarische Vorstellung beim Orthopäden ist bei Fehlhal- tung oder bei Verdacht auf eine Fehlfunktion der (Hals-) Wirbelsäule angezeigt [1]. Das grundsätzliche Verständnis des Zahnarztes der „Funktionsketten“ ist wünschenswert, da in der „Manualmedizin schon immer Wechselwirkungen zwischen dem Atlas und dem Kreuzdarmbeingelenk, also dem obersten und dem untersten Glied der Wirbelsäule, beschrieben wurden“ [6]. Fink et al. [8] schließen die „Beweiskette“ unter dem Hinweis auf die funktionelle Verbindung zwischen einer Okklusionsstö- rung und Dysfunktionen sowohl der Zervikal- als auch der Sak- roiliakalregion. Erst dieses Wissen lässt beispielsweise den Zusammenhang einer funktionellen Beinlängendifferenz bei Langstreckenautofahrern erkennen. Die Identifizierung von Blockierungen und die Untersuchung der Haltung bzw. Laxizi- tät mit den jeweilig differenzierten Techniken übersteigen im Normalfall weit die Kompetenzen des Zahnarztes. Er sollte aber wenigstens das von Danner [6] und Ahlers [2] beschriebe- ne Ortho-Screening anwenden (Abb.17). Nicht akzeptabel ist die gängige Praxis, den auf dem Stuhl sitzen- den Patienten zu begrüßen und zu verabschieden. Die Fehlfunk- tionszustände betroffener Patienten verraten sich oft durch den Gang und die Art und Weise, wie sie sich hinsetzen und vor allem wieder aufstehen. Axiographie, Elektromyographie Zum Erfassen der Unterkieferbewegungen kommen mecha- nisch bzw. elektromechanisch gekoppelte Systeme wie auch berührungslose optoelektronische bzw. elektromagnetische Messsysteme zur Anwendung [10, 20, 23, 29, 36]. Das zurzeit am weitesten entwickelte System mit sehr komplexen funk- tionsdiagnostischen und -therapeutischen Möglichkeiten dürf- ≤ ≤ Orthopädische Befunde seitlich Orthopädische Befunde frontal Maß: 2 Handdicken Abstand vom Lot Abb. 17 Orthoscreening zur Indikationsstellung eines orthopädi- schen bzw. manualtherapeutischen Konsils. Abb. 18 a, b CMS20JMA-System der Fa. Zebris (Isny) zur Erfassung von Unterkiefer- bewegungen (gelenkferne Sensorik). Klebe- elektroden im Bereich der Kaumuskulatur erlauben zusätzlich elektromyographische Messungen. Ludwig E. Kraniomandibuläre Dysfunktion – … Manuelle Therapie 2006; 10: 243–250 Originalarbeit 248 Heruntergeladenvon:FHCampusWien.Urheberrechtlichgeschützt.
  7. 7. te das CMS20-JawMotionAnalysis-System der Fa. Zebris (Isny) sein (Abb.18a u. b). Es basiert auf der computergestützten, ber- ührungslosen Laufzeitunterschiedmessung von Ultraschall- impulsen. Eine paraokklusale Fixierung der Sendeeinheit er- laubt die Messung schlussbissnaher Bewegungen (Abb.19). Erst dadurch werden unter Lastfunktion die Resilienzspielräu- me der Kiefergelenke vollständig erfasst (Abb. 20a u. b). Ein View-Recorder und eine 3D-Darstellung zeigen dem Patienten anschaulich und wiederholbar die pathologischen Veränderun- gen im Bewegungsablauf (Abb. 21a u. b). Klebeelektroden im Bereich der Kaumuskulatur stellen zusätzlich die Aktivitäts- potenziale (Elektromyographie) dar. Die Anwendung dieser Systeme ist jedoch sehr aufwändig (Gerä- teaufbau, Fixierung der paraokklusalen Halterung) und die Tech- nik sehr empfindlich (Fixierung der Kopfhalterung, Einfluss von Magnetfeldern und Schallquellen). Außerdem sollte die Interpre- tation der Messdaten erfahrenen Anwendern überlassen bleiben. Ausblick Von der Diagnose zur Therapie – der 3. Teil (Heft 1/07) konzent- riert sich anhand verschiedener Patientenbeispiele auf die Indika- tionsstellung und Durchführung notwendiger Vorbehandlungs- maßnahmen und schließlich definitiver zahnärztlicher – auch interdisziplinärer – Behandlungsstrategien auf der Basis der im 1. Teil beschriebenen therapiespezifischen Diagnosen unter Zuhil- fenahme der oben genannten Befundbausteine. Der Autor möchte abschließend auf einen gemeinsamen Work- shop in Kooperation mit niedergelassenen Physiotherapeuten am 12./13.1. 2007 hinweisen, Infos unter: elmar.ludwig@unikli- nik-ulm.de. Literatur 1 Ahlers MO, Jakstat HA, Hrsg . Klinische Funktionsanalyse. Interdiszip- linäres Vorgehen mit optimierten Befundbögen. Hamburg: dentaCon- cept, 2001 2 Ahlers MO. Funktionsdiagnostik – Systematik und Auswertung. Zahn- ärztl Mitt 2004; 94: 2934–2943 3 Beattie PF, Meyers SP, Stratford P et al. Associations between patient report of symptoms and anatomic impairment visible on lumbar mag- netic resonance imaging. Spine 2000; 25: 819–828 a b Abb. 20 a, b Bewe- gungsspielräume des Kiefergelenks. a Bei Leerfunktion kraftfrei gelenkge- führte kurvilineare Bahnen (blau). b Bei Lastfunktion (Para- funktion) neuromus- kulär induzierte Be- wegungsfelder (blau). Abb. 21 a, b Anschauliche 3D-Darstellung der Bewegungsabläufe. Abb. 19 Paraokklusale Fixierung für Messung der schlussbissnahen Bewegungen. Ludwig E. Kraniomandibuläre Dysfunktion – … Manuelle Therapie 2006; 10: 243–250 Originalarbeit 249 Heruntergeladenvon:FHCampusWien.Urheberrechtlichgeschützt.
  8. 8. 4 Behr M, Schmidt H, Leibrock A et al. Vergleich von klinischer Schmerz- symptomatik des Kiefergelenks und MRT-Diagnostik. Dtsch Zahnärztl Z 1996; 51: 416–419 5 Costen JB. A syndrome of ear and sinus symptoms dependent upon disturbed function of the temporomandibular joint. Archives of Otola- ryngology, Rhinology and Laryngology 1934; 43: 15 6 Danner HW. Orthopädische Einflüsse auf die Funktion des Kauorgans. In: Ahlers MO, Jakstat HA (Hrsg). Klinische Funktionsanalyse – Inter- disziplinäres Vorgehen mit optimierten Befundbögen. Hamburg: den- taConcept, 2000 7 Fife RS, Brandt KD, Braunstein EM et al. Relationship between arthros- copic evidence of joint space narrowing in early osteoarthritis of the knee. Arthritis Rheum 1991; 34: 377–382 8 Fink M, Tschernitschek H, Wähling K et al. Einfluss okklusaler Ver- änderungen auf die Funktion der Wirbelsäule. ZWR 2004; 113: 314 9 Goizueta AC, Monje F, Muæoz M et al. Effusion in magnetic resonance imaging of the temporomandibular joint: a study of 123 joints. O Oral Maxillofac Surg 1998; 56: 314–318 10 Goodson JM, Johannsen E. Analysis of human mandibular movements. In: Myers HM (Hrsg). Monographs in oral science. Basel: Karger, 1975 11 Haley DP, Schiffman EL, Lindgren BR et al. The relationship between clinical and MRI findings in patients with unilateral temporomandi- bular joint pain. J Am Dent Ass 2001; 132: 476–481 12 Howard JA. Imaging techniques for the diagnosis and prognosis of TMD. J Ca Dent Ass 1990; 18: 61–71 13 Hugger A. Der Einsatz der Kernspintomographie (KST) zur Unter- suchung der Kiefergelenke – eine Studie an anatomischen Präparaten, Probanden und Patienten mit Funktionsstörungen des Kausystems [Dissertation]. Düsseldorf: Universität Düsseldorf, 1991 14 Hugger A, Kordaß B, Assheuer J et al. Konzepte zur kernspintomogra- phischen Untersuchung der Kiefergelenke. Dtsch Zahnärztl Z 1994; 49: 489–494 15 Hugger A. Bildgebende Diagnostik bei Schmerzsymptomatik im Kie- fergelenkbereich. Der Schmerz 2002; 16: 355–364 16 Hugger A, Bollmann F, Kerschbaum T et al. Reliability of Clinical Signs in Patients with Temporomandibular Disorders and Its Dependence on the Number of Examiners in a Calibration Study. J Orofac Pain 2004; (Submitted) 17 Hupfer O. Das lumbale Facettensyndrom: Klinische Unterschiede zwi- schen Arthritis und Arthrose der Intervertebralgelenke nach kernspin- tomographischer Betrachtung [Dissertation]. Düsseldorf: Universität Düsseldorf, 1998 18 Katzberg RW, Westesson PL, Tallents RH et al. Anatomic disorders of the temporomandibular joint disc in asymptomatic subjects. J Oral Maxillofac Surg 1996; 54: 147–153 19 Kircos LT, Ortendahl DA, Mark AS et al. Magnetic resonance imaging of the TMJ disc in asymptomatic volunteers. J Oral Maxillofac Surg 1987; 45: 852–854 20 Klett R. Elektronisches Verfahren für die Kiefergelenkdiagnostik. 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