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Ist traditionelle Ausbildung heute noch etwas wert? Beispiel Eisenbahn: Mit der Liberalisierung des Marktes haben sich die Gesetzmäßigkeiten im Schienenverkehr gravierend verändert. Waren vor rund......

Ist traditionelle Ausbildung heute noch etwas wert? Beispiel Eisenbahn: Mit der Liberalisierung des Marktes haben sich die Gesetzmäßigkeiten im Schienenverkehr gravierend verändert. Waren vor rund 20 Jahren die Voraussetzungen und Regelungen glasklar - und für die in der Hauptsache staatlichen Bahnen geschaffen, so haben die Veränderungen des Marktes nicht nur die Bedingungen des Wettbewerbs umgestaltet, sondern greifen auch gravierend in den Arbeitsalltag der Beschäftigten ein. „Qualifikation am Zug" - eines der Themen in der mopinio 1/13.

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  • 1. Ausgabe 01 / 2013Qualifikationam Zug
  • 2. EditorialEditorial Es ist schwieriger als gedacht, wenn man meint, dass zuständige Ministerien und Behörden ausreichend reagieren, wenn es darum geht, prekären und teils gefährlichen Machenschaften entgegenzuwirken. So hat mobifair zum Beispiel schon mehrmals nachgewiesen, dass Lokführerscheine eigentlich problem- los im Internet zu bestellen sind. Auf eine entsprechende parlamentarische Anfrage des Bundestagsabgeordneten Martin Burkert, welche Maßnahmen die Bundesregierung dagegen ergreift, antwortet der zuständige parlamenta- rische Staatssekretär: „Die Triebfahrzeugführerscheine werden stets durch die Bundesdruckerei hergestellt“. Zu der weiteren Frage, wie die Qualität der Qua- lifizierung von Triebfahrzeugführern gewährleistet und vor allem auch kontrol- liert werde, versteckt sich das Ministerium hinter dem Entwurf einer Triebfahr- zeugführerschein-Prüfungsverordnung, die von Europa gefordert ist und nun national umgesetzt werden muss. Man weist darauf hin, dass hier alles gere- gelt sei und das Eisenbahnbundesamt über umfangreiche Kontrollrechte ver- füge. Gleichzeitig aber beantragt das gleiche Ministerium eine Verschiebungder zwingenden Umsetzung dieser europäischen Verordnung, um an dem althergebrachten System festzuhalten. In der Zeit des Nichthandelns wachsen weiter irgendwelche dubiosen Ausbildungsschulen am Markt, die ihren Reichtumim Abgrasen von Bildungsgutscheinen sehen. Und es fahren weiter irgendwelche unkontrollierten Lokführer durch dieGegend, von denen niemand weiß, ob ihre Fahrberechtigungen ausreichen. Dieser gefährliche Virus, der es leichter macht,eine Lok bewegen zu dürfen als ein Moped, greift schnell um sich und raubt die Qualität von Eisenbahnberufen. Er machtsich auch anderen Arbeitsbereichen im und um den Zug bemerkbar. Da geht es um den Bordservice genauso wie umZugbegleiter oder Kundenbetreuer. Sicherheitsstandards und Fahrpersonal ist derzeit nicht nur ein Hauptthema unsererArbeit sondern auch eines dieser mopinio-Ausgabe. Viel Spaß und Nachdenklichkeit beim Lesen. Helmut Diener, GeschäftsführerAus dem Inhalt Titelthema: mobifair intern: Qualifikation Am Zug Dumpinghai bei vodafone......... S. 9 Eisenbahnerberufe: Was ist traditi- onelle Ausbildung wert.......... S. 4 Projekt Arbeitnehmerfreizügigkeit abgeschlossen.......................... S. 11 Mitbestimmung: Ist die Betriebsverfassung noch mobifair bescheinigt WISAG aktuell?..................................... S. 8 vorbildliche Standards..............S. 14 Personenbeförderungsgesetz Meldungen................................ S. 16 Zum Billigtarif durch die Republik.................................... S. 10 Impressum Herausgeber: Kontakt: Geschäftsführer: Redaktion: Druck: mobifair e. V. 069 / 271 39 96-6 Helmut Diener Brigitte Klein/ alpha print medien AG Westendstraße 52 info@mobifair.eu (verantwortlich) Tobias Lipser Kleyerstraße 3 60325 Frankfurt www.mobifair.eu presse@mobi- 64295 Darmstadt fair.eu Eingetragen im Vereinsregister Frankfurt am Main: VR 13555 3
  • 3. FahrpersonalIst für Eisenbahnerder Zug abgefahren?Mit der Liberalisierung des Eisenbahnmarktes haben sich die Gesetzmäßigkeiten imSchienenverkehr gravierend verändert. Waren vor rund zwanzig Jahren die Vorausset-zungen und Regelungen glasklar – und für die in der Hauptsache staatlichen Bahnengeschaffen, so haben die Veränderungen des Marktes nicht nur die Bedingungen desWettbewerbs umgestaltet, sondern greifen auch gravierend in den Arbeitsalltag derBeschäftigten ein.Die Anforderungen an die Eisenbahner und Eisenbahner­innen haben sich gewandelt, doch die Ausbildungen hal­ Traditionelles Berufsbild wankt –ten nicht mehr Schritt. Wurde vor zwanzig Jahren noch mobifair fordert Maßnahmenpaketvor allem durch die staatliche Bahn ausgebildet und so­mit auch Ausbildungsstandards festgelegt, unterlaufen Für die Unternehmen, die gewissenhaft und qualitativinzwischen viele private Anbieter die Vorgaben und bie­ hochwertig ausbilden, wird dies im Wettbewerb immerten „preiswerte“ Ausbildungen im Schnelldurchlauf an. stärker zu einem Nachteil. Der Preiskampf im Schienen­Die Folge: Das klassische Berufsbild wird zunehmend markt fördert Billigangebote. Immer mehr EVU steigernaufgeweicht. Der ehemalige „Traumberuf“ Lokführer ist daher die eigene Wettbewerbsfähigkeit einseitig auf Ko­teilweise bereits zum Anlernjob verkommen. sten der Beschäftigten und der Sicherheit. Für dubiose Ausbilder bietet die Situation zudem gute Geschäfts­Auch das Fahrpersonal im Zug fordert zum Beispiel eine möglichkeiten.Aufwertung seines Berufsbildes und standardisierteAusbildungen und Prüfungen. Für die Beschäftigten im Mit Bildungsgutscheinen der Bundesagentur für ArbeitBereich des Borddienstes gilt: nur noch wenige – ob Kun­ lassen sich lohnende Gewinne erzielen, der Erfolg derdenbetreuer oder Zugbegleiter – haben die klassische Ausbildung spielt nur noch eine Nebenrolle. Das GeldAusbildung als Kaufmann/frau im Eisenbahnverkehr fließt und die Standards bestimmt das Unternehmen.vorzuweisen (KfV) vorzuweisen. Funktionsausbildungen Interessenten werden darauf hingewiesen, dass sie sichnach Bedarf sind auch hier schneller und billiger. Dabei zuerst arbeitslos melden sollen, damit Zuschüsse dersind genau diese Beschäftigten diejenigen mit dem mei­ Bundesagentur angefordert werden können. Ausbildungsten Kundenkontakt – und damit auch diejenigen, die bei als Geschäft. Damit wandern Ausbildungszeiten in denProblemen an vorderster Front stehen und als erste den Keller und die Qualifikationen lassen nach.Unmut der Fahrgäste erleben. Mit einer schlechten Aus­bildung ungenügend gerüstet, sind in diesen Situationen Nach Informationen von mobifair bildet mittlerweileSchwierigkeiten vorprogrammiert. „Arbeitgeber lassen auch eine kirchliche Institution Lokführer aus.zu, dass die Mitarbeiter als billige Fußabtreter behandelt 4 mopinio 01/2013
  • 4. Fahrpersonalmobifair fordert ein Gesamtpaket von Maßnahmen, um rern eine Senkung der Lohnstandards derzeit verhin­zum einen solide Ausbildungsstandards und zum an­ dert, wird immer mehr versucht, den Qualitätsanspruchderen den sicheren Betrieb zu gewährleisten. „Von der des Berufs zu drücken. Zu weiche GesetzesregelungenEignungsprüfung, der Ausbildung, der Prüfung, den Vo­ oder gar Lücken durch unzureichende Kontrollen be­raussetzungen wie Strecken- und Fahrzeugkenntnisse, günstigen prekäre Arbeitsbedingungen, die auch dieden Nachweisen über Fortbildungen bis hin zu den Sicherheit im Schienenverkehr gefährden können. DazuKontrollen muss eine Neuregelung erfolgen“, sagt Hel­ gehören auch Arbeitszeitregelungen – ganz besondersmut Diener. Im Rahmen der Liberalisierung des Eisen­ auf dem Führerstand.bahnmarktes wurden viele Vorschriften nicht den neuenMarktentwicklungen gemäß angepasst, kritisiert er. Ins­besondere im Güterverkehr – hier gibt es beispielsweisekeine ausreichenden Kontrollen der vorgeschriebenenund notwendigen Aufgaben, die vor Abfahrt eines Zugesdurchgeführt werden müssen.Damit unterliegen viele Regelungen der Verantwortungder einzelnen Unternehmen. Was unter anderem dazuführt, dass Eisenbahnmitarbeiter, auch wenn sie etwasicherheitsrelevante Probleme bei Zügen bemerkt ha­ben, keine Möglichkeit haben, solche Beobachtungen zumelden.Im Bereich der Lokführer, sind die Missstände, wie Re­chercheergebnisse von mobifair zum Thema „TatortFührerstand“ zeigen, zum Teil besonders gravierend. Daeine breite Tarifbindung und die Nachfrage nach Lokfüh­ 5
  • 5. Fahrpersonalmobifair will eine Erhöhung der Kontrolldichte, um pro­ mangelnder Kontrollen schwierig, handfeste Nachweiseblematische Arbeitseinsätze zu verhindern. Dabei ist zu erbringen. Zum Beispiel beginnen die Lokführer ihrees auch wesentlich, erläutert Diener, ein Instrument zu Tour an ausländischen Bahnhöfen und steigen irgendwoentwickeln, das prekäre Störmeldungen – wie etwa die wieder ab. Ob sie die erforderliche Ausbildung oder Stre­Beobachtung einer unordentlichen oder zweifelhaften ckenkenntnis haben, ausreichende Deutschkenntnisse,technischen Vorbereitung oder nicht ausreichender wie lange sie unterwegs waren – das sind Fragen, dieSprachkenntnisse von Lokführern – ermöglicht. Ein offen bleiben. Um einen sicheren Betrieb zu garantieren,weiteres Ziel liegt in der Unterstützung der Formulie­ müssen mehr Kontrollen her, fordert mobifair. Nur mitrung und Begleitung einer Gesetzesinitiative und deren einer digitalen Fahrerkarte und den damit registriertenUmsetzung als Ergebnis der Recherche „Tatort Füh­ Daten können diese Frage beantwortet werden.rerstand“ (Ausbildung, Arbeitszeit, Fahrerkarte, Lok­führerschein, selbständige Lokführer). Dabei steht die Auch bedarf es klarer Regelungen, wer die Kontrollenrechtliche Absicherung der Beschäftigten im Fokus, die vornimmt. Für die Einhaltung der Schutzbestimmungensicherheitsrelevante Versäumnisse erkennen. Hier müs­ aus dem Arbeitszeitgesetz wären die Länder zustän­sen Handlungsoptionen und Verantwortlichkeiten klar dig. Allerdings erklären die sich für den Schienenver­abgegrenzt werden. kehr nicht zuständig. Betriebliche oder technische Fragen sind beim Eisenbahn-Bundesamt angesiedelt.Wie rücksichtslos Unternehmen von ihren Beschäftigen Dort allerdings klagt man über Überlastungen. Effekt:Arbeitseinsätze verlangen, zeigen Recherchen von mo­ Kontrollen sind Mangelware. Hier entsteht Lohn- undbifair besonders im Bereich Güterverkehr. Ganz oben auf Sozialdumping, meint mobifair, eine Verletzung vonder Liste: Verstöße gegen Arbeitszeitregelungen. Beson­ Schutzgesetzen und letztendlich eine Gefährdung desders im grenzüberschreitenden Verkehr ist es aufgrund Eisenbahnverkehrs. 6 mopinio 01/2013
  • 6. FAhrpersonalSparen auf Kosten der SicherheitWas kostet die Sicherheit? Unter Umständen zu viel, meint jedenfalls die Bundesregierung und hat bei der Euro-päischen Kommission mal beantragt, eine Kosten-Nutzen-Analyse durchzuführen, um festzustellen, ob es denntatsächlich nötig ist, die ab Herbst auch für Inlandsstrecken vorgeschriebenen Triebfahrzeugführerscheine ein-zuführen. Man könnte doch schließlich auch die bisherigen Fahrberechtigungen nach der VDV-Schrift 753 weiteranwenden.mobifair-Geschäftsführer Helmut Diener: „Damit ver­sucht die Bundesregierung, ihrer Verpflichtung zureffektiven Kontrolle der Führerscheinvergabe zu ent­fliehen“. Die konsequente Umsetzung der EU-Triebfahr­zeugführerscheinverordnung wäre ein erster wichtigerSchritt auf dem langen Weg, den Wildwuchs in diesemBereich zu bekämpfen, meint er. Immer noch kann einLokführerschein nach VDV-Schrift ohne weitere Kon­trollen einfach im Internet bestellt werden. „Hier wirddas auf Sicherheit basierende System Schiene eklatantausgehöhlt“. Mit dem Vorstoß der Regierung in RichtungEU würden genau die schwarzen Schafe unterstützt, dieschon in der Vergangenheit die Ausbildungsdauer malschnell ihrem eigenen Bedarf an Triebfahrzeugführernangepasst hätten, so Diener. Anstatt nachhaltige Per­ die EU-Kommission auf, dieser Anfrage eine klare Absa­sonalpolitik zu betreiben, werde nur auf die kurzfristige ge zu erteilen. Die TriebfahrzeugführerscheinrichtlinieLösung von Engpässen geschielt. muss für alle Eisenbahnfahrzeugführer gelten – auch im Regionalverkehr. Es darf keine Zwei-Klassen-Ausbil­Eine Aufweichung der vorgesehenen EU-Standards kann dung geben. Und: „Die Sicherheit auf der Schiene mussund darf nicht hingenommen werden. mobifair fordert an erster Stelle stehen“. Berthold Jungkunz, MEINUNG Prüfungsausschuss- Mitglied bei der IHK Liebe Kollegen, die EVU können aufatmen! Hier geht es doch vorrangig um einen sicheren Bahnbetrieb. Die EVU sollen also eine Kosten-Nutzen-Analyse vornehmen. Um den gesellschaftlichen Nutzen bzw. den Anspruch der Ein Stück wie aus einem Tollhaus. B ­ ürger auf einen sicheren Bahnbetrieb. Wie sollen die EVU denn Kosten darstellen, wenn sie nicht Wie soll ein EVU diesen “Nutzen” quantifizieren? wissen, wie hoch diese künftig sind? Müssen sie die Kosten für Es wird national also alles beim” Alten” bleiben. Wildwuchs die Ausbildung für 6, 9 oder 12 Monate ansetzen? beim ­ ührerschein, soziales Dumping. F Wie hoch sind die Kosten für den Erwerb der Streckenkenntnis? Mit ziemlicher Sicherheit dürfte dieses “Einknicken” des Relativ einfach wäre eine Gegenüberstellung der Kosten für B ­ undesministeriums für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung ­­ den ­ rwerb der Fahrberechtigung nach 753 und den künftigen E auf eine “tolle” Lobby-Arbeit der EVU u.a. zurückzuführen sein. Kosten. Ist aber, wie dargestellt, nicht möglich. Vielleicht kommt diese Entwicklung dem Ministerium aber auch Und wie den Nutzen gegenüberstellen? Wie sollen die EVU den gelegen. Denn, obwohl die entsprechende Rechtsverordnung Nutzen quantifizieren? auf den 07. Mai 2011 datiert, sah sich dieses nach inzwischen Was eigentlich ist “Nutzen”? fast zwei Jahren nicht in der Lage, die von ihm geforderte Dieser kann doch nicht auf die materielle Komponente­ P ­ rüfungsordnung zu erarbeiten. re­duziert werden. 7
  • 7. MItbestimmungIst die Betriebsverfassungnoch aktuell?mobifair wird sich im Rahmen eines Projektes mit dem Thema „Moderne Mitbestimmung“ befassen. Die Rahmen-bedingungen für Betriebliche Mitbestimmung sind eng verbunden mit den jeweiligen Unternehmensstrukturenund –kulturen. Hier hat es in den letzten Jahrzehnten erhebliche Veränderungen gegeben, ohne dass es rechtlicheAnpassungen im Bereich der Mitbestimmung gab. Vor allem im Verkehrsbereich hat der aufkommende Wettbe-werb Entwicklungsimpulse innerhalb der Unternehmen freigesetzt. Die Rahmenbedingungen für Betriebs- undPersonalräte, Schwerbehindertenvertretungen und Jugend- und Ausbildungsvertretungen haben sich entspre-chend deutlich verändert.Kennzeichen dieser Entwicklung sind die Auseinander­ Randbelegschaften charakterisiert. Die Beschreibungsetzungen um Outsourcing, Aufspaltung und ständige folgt den Tendenzen, dass vermehrt Leiharbeiter, Werk­Reorganisation von Unternehmensstrukturen. verträge oder andere Formen der externen Flexibilisie­ rung Einfluss auf die Zusammensetzung der Belegschaf­Im Gleichklang damit haben die Betriebsräte einen er­ ten genommen haben. Allerdings ist festzuhalten, dassweiterten Gestaltungs- und Handlungsspielraum bei der die Mitbestimmungsrechte in diesen Bereichen nicht mitUmsetzung von Tarifverträgen erhalten, v. a. durch tarif­ den Entwicklungen in den Unternehmen Schritt gehal­vertragliche Öffnungsklauseln. Aber nicht in allen Be­ ten haben.reichen wurden die Betriebsräte entsprechend auf dieseneuen Möglichkeiten vorbereitet. Im Bereich der sich verändernden Unternehmenskultur liegt eine neue Herausforderung für Betriebsräte in denDieser Trend geht einher mit neuen Arbeitszeitmodellen z. T. angewandten partizipativen Managementkulturen.und gravierenden Veränderungen in der Zusammenset­ Mit neuen Beteiligungs- und Diskussionsformen sollenzung der Belegschaften. So stellen die modernen und hier Beschäftigte informell in Diskussionsprozesse ein­stärker am Individuum orientierten Arbeitszeitmodelle bezogen werden und zum Teil wird die traditionelle Mit­auch die Frage nach den Mitbestimmungsrechten der bestimmung dadurch ausgehebelt.Betriebsräte neu. Dabei ist festzustellen, dass bei kol­lektiven Arbeitszeitlösungen die Mitbestimmungsrechte Durch diese Veränderungen stehen Betriebsräte, Ge­der Betriebsräte eine Intervention erlauben, diese aber werkschaften und Arbeitgeber immer wieder vor derbei einer Individualisierung der Arbeitszeitmodelle nicht Frage, wie Mitbestimmung diesen Herausforderungenmehr übertragbar ist. gegenübertreten kann und welche Entwicklungen not­ wendig sind, damit gemeinsam die besten LösungenDie Veränderungen in der Zusammensetzung der Beleg­ für Unternehmen und Beschäftigte gefunden werdenschaften werden durch eine Aufspaltung in Stamm- und können.Schwerpunkte des Projekts „Moderne Mitbestimmung“: •  berblick über strukturelle Veränderungen in Unternehmen der Verkehrswirtschaft im Rahmen des Ü Wettbewerbs und Aufzeigen von entsprechenden Trends. •  ufzeigen von Herausforderungen für moderne Mitbestimmungsstrukturen. A •  rörterung der Folgen der Entwicklung der Schichtplanung der letzten Jahrzehnte auf weitere Teile der E Personalpolitik eines Unternehmens. Welche Faktoren bedingen sich hier gegenseitig? •  elche Auswirkungen hat eine individuelle Arbeitszeitplanung auf die Mitbestimmungsrechte und Prozesse? W Was ist rechtlich vorgeschrieben und was in der Realität umsetzbar? 8 mopinio 01/2013
  • 8. MitbestimmungDas Projekt verfolgt zwei Ziele:Erstens sucht es Antworten auf die Frage, wie betrieb­ Welche Konsequenzen hat es, wenn der Betriebsrat beiliche Mitbestimmung sich verändern muss, um den neu­ der Ressourcenplanung nur ein Mitwirkungsrecht hat,en Herausforderungen gewachsen zu sein. Das bezieht wenn der mitbestimmungspflichtige Teil der Schichtpla­auch die Frage ein, welche Rahmen neu angepasst wer­ nung stärker individualisiert wird und nicht mehr direktden müssen. vom Arbeitgeber vorgenommen wird?Zweitens sucht es Antworten auf die Frage, welche Fol­ Auch soll geprüft werden, ob das aktuelle Betriebsver­gen für die betriebliche Mitbestimmung eine Individuali­ fassungsgesetz noch den Notwendigkeiten der heutigensierung der Arbeitszeit und eine sich ständig wandelnde Arbeitssituation und den sich daraus ergebenden Mitbe­Unternehmensstruktur mit sich bringen. stimmungsmöglichkeiten entspricht.Dumping-Hai gegenStellenabbau bei vodafoneGemeinsam mit der Verkehrsgewerkschaft EVG protestierte mobifair gegen den geplanten Umzug des StandortsEschborn/Sulzbach von vodafone. Rund 360 Arbeitsplätze sind von dem Vorhaben betroffen, das der Betriebsratals „verdeckten Stellenabbau durch Verlagerung“ bezeichnet.Statt in Eschborn sollen die betroffenen Mitarbeiter Statt Ideen zur Zukunft des Standortes Eschborn zu ent­künftig in der Firmenzentrale in Düsseldorf eingesetzt wickeln, sind Verlagerungen und Stellenabbau geplant,werden. Für diejenigen, die ihren Lebensmittelpunkt im kritisiert mobifair – und das bei einem UnternehmenRhein-Main-Gebiet haben, nach Einschätzung der Ge­ das derzeit dicke Gewinne einstreicht. Der vodafone-Be­werkschaft nicht zumutbar. Anlass zur Demonstration in triebsrat wurde entsprechend deutlich und spricht vonKönigstein war der Besuch von Jens Schulte-Bockum, „menschenverachtender Vorgehensweise“.Deutschland-Chef des Unternehmens, der das neueFirmen­ rogramm One vorzustellte. p 9
  • 9. busZum Billigtarifdurch die RepublikMit konkurrenzlos niedrigen Reisepreisen gingen sie an den Start: seit Beginn des Jahres rollen die Linien-Fern-busse durch Deutschland. Wer frühzeitig bucht, kann zu Ticketpreisen von unter zehn Euro fast quer durch dieRepublik fahren. MeinFernbus, DeinBus und die Deutsche Touring gehören zu den ersten größeren Anbietern derFernstrecken, ADAC und Deutsche Post planen einen gemeinsamen Einstieg in den potentiell lukrativen Markt fürdas kommende Jahr.Niedrige Ticketpreise bedeuten auch niedrige Löhne, Stellungnahmen und Informationen vorlagen, kritisiertbefürchtet mobifair. Schließlich ist Lohndrückerei ein mobifair. Kein Gedanke daran, Unternehmen, die sichbeliebtes Mittel, um Konkurrenten preislich unter­ ieten b auf dem Markt tummeln wollen, auf Einhaltung von Ar­zu können. Bereits jetzt gibt es deutsche Busunter­ beitszeitregelungen oder Sozialstandards zu verpflich­nehmen, die auf ihren Strecken innerhalb der Bundes­ ten. „Damit kann der Dumping-Wettbewerb ungehindertrepublik nur noch ausländische Busfahrer einsetzen – loslegen“, meint Diener, „‚preiswerte‘ Fahrer aus demselbstverständlich mit Bezahlung zum Lohnniveau der Ausland machen niedrige Reisetarife erst möglich“.jeweiligen Heimatländer und nicht etwa deutschen Tarif­bedingungen. Wie aus Recherchen von mobifair hervor­ Die Neufassung des Personenbeförderungsgesetzesgeht, hat bereits ein großer deutscher Busunternehmer war von Beginn an umstritten. Kritiker monieren auchangekündigt, seine Fahrer künftig vom Arbeitsmarkt in Wettbewerbsverzerrungen. So fordert beispielsweisePortugal zu holen. der Vorsitzende der Gewerkschaft EVG, Alexander Kirch­ ner, Kostengerechtigkeit. Es könne nicht sein, dass dieDer Busmarkt ist heiß umkämpft und entsprechend groß Eisenbahnen pro gefahrenem Kilometer Trassenge­der Druck auf die Beschäftigten. Da gibt es auch im Re­ bühren zu zahlen hätten, die Fernbusse aber keine Mautgionalverkehr nicht viel zu Lachen. So hat im vergange­ entrichten müssten.nen Jahr die Omnibusgesellschaft Franken GmbH, OVF,ihren Mitarbeitern ein unmoralisches Angebot gemacht. mobifair fordert unter dem Motto „Billiglöhne Unver­Unbefristete Arbeitsverträge gebe es nur noch, wenn die züglich Stoppen" eine Initiative im Busbereich. Es istBeschäftigten zu einer Tochtergesellschaft wechseln, höchste Zeit, allgemeinverbindliche Tarifverträge aufhieß es. Dort wird allerdings deutlich weniger bezahlt dem Weg zu bringen. Der Bundesverband Deutscherals bei der OVF, die zum Deutsche Bahn Konzern gehört. Omnibusunternehmer ist besonders gefordert, auf sol­„Wenn das die Kreativität der Bahn ist, um dem Wettbe­ che Machenschaften einzuwirken, wenn die Busbranchewerb zu begegnen, dann sollten sich die Führungskräfte sauber und anständig bleiben soll, sagt Helmut Diener.über so wenig Einfallsreichtum schämen“, sagte mobi­ Er appelliert an den Verband, darauf einzuwirken, dassfair-Geschäftsführer Helmut Diener bei einer Demons­ unfaire Mitbewerber vom Markt verschwinden.tration gegen die OVF-Pläne im November in Erlangen.Heute die Absenkung und morgen der Einsatz mit Bus­fahrern aus Billiglohnländern, warnte er.Eine Befürchtung, die auf dem großen Kuchen Fernbus­linienmarkt, der gerade erst verteilt wird, umso aktu­eller ist. Denn bei der Neufassung des Personenbeför­derungsgesetzes, das die Liberalisierung des Markteserst ermöglichte, hat die Politik die Arbeitnehmerrechteund den fairen Wettbewerb großzügig ignoriert. Wich­tige Aspekte wie der Schutz von Lohn- und Sozialstan­dards wurden einfach nicht berücksichtigt, obwohl den Abgeordneten vor der Entscheidung entsprechende 10 mopinio 01/2013
  • 10. Projektemobifair-Projekt „Arbeitnehmerfreizügigkeit“vor dem AbschlussSeit dem 1. Mai 2011 heißt es für Bürger der EU-Staaten Estland, Lettland, Litauen, Polen, Tschechien, Slowenien,Slowakei und Ungarn „Weg frei auf den deutschen Arbeitsmarkt“, es gilt die volle Arbeitnehmerfreizügigkeit.Nicht wenige Arbeitnehmer dieser Staaten haben daraufhin den Weg nach Deutschland beschritten, ein man-cherseits befürchteter Massenzustrom von Billigarbeitskräften aber, so ein Fazit des nunmehr abgeschlossenenmobifair-Projektes „Arbeitnehmerfreizügigkeit“, ist ausgeblieben. Die Bahnbranche sowie der Bereich der ihrangeschlossenen Dienstleister, so eine weitere Schlussfolgerung der Untersuchung, zeigten sich fast unbeein-flusst von dieser Entwicklung.Bis zum 1. Mai 2011 war es dem Gros der Arbeitneh­ U ­ ngarns vollständig offen. Wer nun mit dem Ablauf dermer der osteuropäischen EU-Beitrittsländer des Jah­ Frist einen massenhaften Zustrom osteuropäischer Bil­res 2004 nur sehr beschränkt möglich, eine Beschäfti­ ligarbeitskräfte nach Deutschland erwartet hatte, wur­gung in Deutschland aufzunehmen. Befürchtungen, eine de schnell eines Besseren belehrt. Zwar stiegen vonzu schnelle Öffnung des inländischen Arbeitsmarktes diesem Tage an die Zuwanderungs- und Erwerbstätig­könnte zu weitreichenden negativen Effekten auf diesem keitsraten von Bürgern dieser Staaten in Deutschlandführen, hatten die deutsche Politik damals dazu veran­ deutlich an, dennoch blieben die Zahlen weit hinter vie­lasst, den Bürgern der neuen Mitgliedsstaaten den un­ len im Vorfeld aufgestellten Prognosen zurück, so dasseingeschränkten Zugang zum deutschen Arbeitsmarkt man heute insgesamt von einer moderaten Entwicklungerst nach einer Übergangsfrist von insgesamt sieben sprechen kann. Das Institut für Arbeitsmarkt- und Be­Jahren zu gewähren („2+3+2-Modell“ – siehe Kasten). rufsforschung (IAB) der Bundesagentur für Arbeit bei­Mit Datum 1. Mai 2011 war diese Übergangsfrist abge­ spielsweise rechnete mit jährlich 100.000 bis 137.000laufen, seither steht der deutsche Arbeitsmarkt auch Arbeitsmigranten. Das Institut der deutschen Wirtschaftallen Arbeitnehmern Estlands, Lettlands, Litauens, (IW) veranschlagte gar die Ankunft von 800.000 Arbeits­Po­lens, Tschechiens, Sloweniens, der Slowakei und migranten bis Ende 2012. Stichwort: „2+3+2-Modell“ Im Vorfeld der EU-Osterweiterung wurde vertraglich Phasen vor. Alt-EU-Mitgliedsländer, die sich für eine vereinbarte, dass jedes Alt-EU-Mitgliedsland eine Beschränkung des Zuganges auf ihren Arbeitsmarkt bis zu sieben Jahre andauernde Übergangsfrist ein- entschieden, konnten dies zunächst für zwei Jah- führen dürfe, dass sogenannte „2+3+2-Modell“, wäh- re vollziehen. Anschließend war eine Verlängerung renddessen die jeweiligen nationalen Bestimmungen der Zugangsbeschränkung auf weitere drei Jahre zur Zuwanderung weiterhin gelten würden bzw. kein möglich sowie nach Ablauf dieser Frist eine letztma- freier Zugang zu den inländischen Arbeitsmärkten lige Beschränkung für nochmals zwei Jahre, sprich bestünde. Das „2+3+2-Modell“ sah eine Unterglie- „2+3+2“. derung der siebenjährigen Übergangsfrist in dreiDie Realität aber zeichnete ein anderes Bild: Die Netto­ g ­ erade mal auf 45.114 Personen und belief sich Endezuwanderung1 erhöhte sich in der Tat nur sehr mode­ 2012 auf 55.650 Personen. Führt man sich in Anbetrachtrat. Betrug der Wanderungsüberschuss aus den acht dessen noch einmal die prognostizierten Werte vom IABosteuropäischen Beitrittsländern 2010, also ein Jahr (jährlich 100.000 bis 137.000 Arbeitsmigranten) und demvor dem Inkrafttreten der vollen Arbeitnehmerfreizü­ IW (800.000 Arbeitsmigranten bis Ende 2012) vor Augen,gigkeit insgesamt 36.761 Personen, so stieg er bis Ende zeigt sich, wie verhältnismäßig bescheiden die Zuwan­2011, nach sieben Monaten freien Arbeitsmarktzugang, derung im Endeffekt doch ausgefallen ist. Die Nettozuwanderung ist der Saldo aus Zuwanderung minus Abwanderung innerhalb eines bestimmten Zeitraumes.1 11
  • 11. ProjekteWendet man sich der Entwicklung bzw. dem Zuwachs Prognosenwerte des IAB oder des IW erreicht, so dassbei den sozialversicherungspflichtigen Beschäftigungs­ man kaum von einer überraschenden sowie übermäßi­verhältnissen zu, präsentiert sich zwar ein etwas anders gen Zunahme sprechen kann. Was bei dieser ZunahmeBild, dennoch bleibt der Grundtenor der Aussage, dass zudem beachtet werden muss ist, dass sie sich ursäch­es keinen Massenzustrom von osteuropäischen Billig­ lich nicht primär auf die Zuwanderung aus den achtarbeitskräften auf den deutschen Arbeitsmarkt gegeben osteuropäischen Beitrittsländern zurückführen lässt.hat, bestehen. Zweifellos kann und muss der Anstieg In Anbetracht dessen, dass der Anstieg der Beschäfti­bei den sozialversicherungspflichtigen Beschäftigungs­ gungsverhältnisse deutlich höher ausfällt als die Netto­verhältnissen von Bürgern aus den acht osteuropä­ zuwanderung während dieser Zeitspanne, ist vielmehrischen Beitrittsländern nach dem 1. Mai 2011 als durch­ davon auszugehen, dass viele der jetzigen osteuropä­aus bemerkenswert eingestuft werden – von Juni 2010 ischen Arbeitnehmer bereits vor dem Inkrafttreten derbis Juni 2011 stieg ihre Anzahl von 155.571 auf 197.016 vollen Arbeitnehmerfreizügigkeit in Deutschland lebten,(Plus 27%) und im darauffolgenden Jahr auf 279.000 bis dahin aber noch in keinem Beschäftigungsverhältnis(Plus 41%), dennoch wurden auch hier wieder nicht die gestanden haben oder selbstständig waren.Anzahl der sozialversicherungspflichtig beschäftigten Bürger aus den EU-Staaten Estland, Lettland, Litauen,­Polen, Tschechien, Slowenien, Slowakei und Ungarn in Deutschland 2010 – 2012 (Ende Juni des jeweiligen ­Jahres) Quelle: Bundesagentur für Arbeit, Statistik Bundes­ agentur für Arbeit, Berechnung mobifairDie zehn wichtigsten Beschäftigungsbranchen für Ar­ zu speziell, als das sie viel Beschäftigungspotential fürbeitnehmer aus Estland, Lettland, Litauen, Polen, Tsche­ Arbeitsmigranten bieten könnten. Mehr Potential in die­chien, Slowenien, der Slowakei und Ungarn in Deutsch­ sem Zusammenhang bietet dagegen der der Bahnbran­land sind im untenstehenden Überblick erfasst. Anhand che angeschlossene Dienstleistungssektor, allerdingsdieser Auflistung wird deutlich, dass die Bahnbranche ergaben die Recherchen hier, dass dieser Bereich durchvon den Auswirkungen der vollen Arbeitnehmerfreizü­ das Inkrafttreten der vollen Arbeitnehmerfreizügigkeitgigkeit kaum betroffen ist. Die Tätigkeitsfelder im Bahn­ ebenso kaum tangiert wurde.sektor erweisen sich in vielfältiger Hinsicht aber auch Die zehn wichtigsten Hauptbeschäftigungsbranchen für Arbeitnehmer aus den EU-Staaten ­Estland, Lettland, Litauen, Polen, Tschechien, Slowenien, Slowakei und Ungarn in Deutschland 2012 1. Erbringung wirtschaftlicher Dienstleistungen 7. Baugewerbe 2. Land- und Forstwirtschaft 8. wissenschaftliche und technische 3. Verarbeitendes Gewerbe Dienstleistungen (freiberuflich) 4. Gastgewerbe 9. häusliche Dienstleistungen 5. Handel, Instandhaltung und Reperatur KfZ. 10. Erziehung und Unterricht 6. Gesundheits- und Sozialwesen Quelle: Bundesagentur für Arbeit, Hintergrundinformation – Auswirkungen der uneingeschränkten ­Arbeitnehmerfreizügigkeit ab dem 1. Mai auf den Arbeitsmarkt, Berichtsmonat Juni 2012 12 mopinio 01/2013
  • 12. projekteDie Gründe für die insgesamt eher verhalten verlaufene Jahren verbessert, so dass die Bereitschaft, das eigeneEntwicklung im Gefolge der Öffnung des deutschen Ar­ Heimatland zu verlassen, nicht mehr so ausgeprägt istbeitsmarktes sind vielfältig. So kann zum einen davon wie zuvor. Desgleichen zeitigt auch in diesen Staaten derausgegangen werden, dass zahlreich migrationswillige demografische Wandel seine Folgen und entsprechendBürger aus diesen Staaten bereits in andere Staaten, sind viele Unternehmen und Regierungen aktiv bemüht,wie Irland, Großbritannien und Schweden ausgewandert ihre Arbeitskräfte im Lande zu halten. Nicht zu unter­waren, in Länder also, die weit früher als Deutschland schätzen sind ebenfalls Sprachbarrieren und Unter­ihre nationalen Arbeitsmärkte geöffnet hatten. Zum an­ schiede in den Bildungs- und Ausbildungssystemen, diederen haben sich auch in vielen dieser Länder selbst häufig vom Schritt der Arbeitsmigration nach Deutsch­die wirtschaftlichen Verhältnisse in den vergangenen land abhalten.Projektfazit: Der groSSe „Run“ von Billigarbeitskräften aus Osteuropa ist aus-geblieben – Bahnbranche zeigt sich kaum berührtInsgesamt und branchenübergreifend betrachtet, be­ Zeitarbeitsbranche sowie durch die im Arbeitnehmer-wertet das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsfor­ Entsendegesetz (AEntG) festgeschriebenen tariflichenschung der Bundesagentur für Arbeit die Auswirkungen Mindestlöhne ein gewisser Schutz gegen Lohndumpingder Arbeitnehmerfreizügigkeit positiv. Die Arbeitsmark­ gegeben, dennoch bleibt das Phänomen Lohndumping intintegration der Neuzuwanderer ist gut gelungen, durch diesem Zusammenhang keine Ausnahmeerscheinung.die zusätzliche Beschäftigung haben sich gesamtwirt­ Insbesondere über Werkverträge mit osteuropäischemschaftliche Gewinne für die deutsche Volkswirtschaft Personal versuchen derzeit viele Unternehmen, die Löh­ergeben und auch die Sozialversicherungssysteme und ne zu drücken und die Lohnuntergrenzen in der Zeit­die öffentlichen Finanzen profitieren von dem Anstieg arbeitsbranche sowie die tariflichen Mindestlöhne imder sozialversicherungspflichtigen Beschäftigung. Die­ Arbeitnehmer-Entsendegesetz zu umgehen. Der Marktse grundsätzlich positive Einschätzung darf jedoch nicht boomt und immer mehr Personaldienstleister bietendarüber hinweg täuschen, dass in vielen Branchen im­ neben der „traditionellen“ Leiharbeit verstärkt osteu­mer wieder gravierende Fälle von Lohn- und Soziald­ ropäisches Personal über Werkverträge an. Von diesemumping bei Arbeitnehmern aus den osteuropäischen Boom der Werkverträge geht heute die größte Gefahr fürBeitrittsländern auftreten. Zwar ist durch die allge­ die Lohn- und Sozialstandards im Kontext der vollen Ar­meinverbindlich eingeführten Lohnuntergrenzen in der beitnehmerfreizügigkeit in Deutschland aus.Beratungsstellenfür ausländische ArbeitnehmerSchlechte Bezahlung, miese Unterkünfte, Sprachpro- und Arbeitnehmer aus den mittel- und osteuropäischenbleme – ausländische Arbeitnehmer, besonders wenn EU-Staaten auf dem deutschen Arbeitsmarkt durchzu­sie nur kurzzeitig in Deutschland arbeiten, haben mit setzen. Die Beratungsstelle ist Teil eines Projektes, dasvielen Schwierigkeiten zu kämpfen. In Mainz hat nun mit Mitteln der Stiftung Soziale Gesellschaft – Nachhal­eine Beratungsstelle, die speziell Anlaufstelle für tige Entwicklung gefördert wird. Das BeratungsangebotWanderarbeiterInnen sein soll, eröffnet. wird von Mihai Balan, Organisationssekretär des EVW (Europäischer Verein für Wanderarbeiterfragen) durch­Rheinland-Pfalz ist ein typisches Einsatzgebiet für Sai­ geführt. Balan arbeitet auch im DGB-Projekt „Fairesonarbeitskräfte, beispielsweise in den Weinanbau­ Mobilität“, das Kooperationspartner von mobifair ist.regionen. Landesweit lag ihr Anteil im Jahr 2010 bei Beratungsstellen von Faire Mobilität für ausländische23,3 Prozent. Die neue Beratungsstelle dient dazu, die Arbeitnehmer in Deutschland gibt es in Berlin, FrankfurtWanderarbeiterinnen und -arbeiter in ihrer Mutterspra­ am Main, Hamburg, München und Stuttgart. Im Märzche über ihre Rechte aufzuklären und zu beraten. Ziel 2013 wird in Dortmund der sechste Anlaufpunkt desist es, faire Arbeitsbedingungen für Arbeitnehmerinnen Projektes eröffnet. 13
  • 13. mobifair internZertifizierungmobifair bescheinigt WISAGvorbildliche StandardsAls erstes Unternehmen der Sicherheitsbranche wurde die WISAG Sicherheit & Service Holding GmbH & Co. KGmit ihren elf regionalen Gesellschaften von der mobifair Zertifizierungs- und Beratungs-GmbH mit dem mobifair-Sozialzertifikat ausgezeichnet. Damit bescheinigt mobifair der WISAG die unbedingte Einhaltung fairer Arbeits-bedingungen und sehr gute Lohn- und Sozialstandards.„Wir sind sehr stolz darauf, als erster Sicherheitsdienst­leister die mobifair-Zertifizierung erhalten zu haben.Ob im Objektschutz, bei Großveranstaltungen oder imÖffentlichen Personennahverkehr – unsere Mitarbei­ter leisten Tag für Tag Enormes. Als werteorientiertesFamilienunternehmen ist es für die WISAG daher eineSelbstverständlichkeit, geltende Bestimmungen sowieLohn- und Sozialstandards einzuhalten. Das ist für unsdie Grundlage unserer Kultur der Wertschätzung“, be­tont Eduard C. Kutyma, Geschäftsführer der WISAG Si­cherheit & Service Holding GmbH & Co. KG.„Gerade im sensiblen Bereich der Sicherheitsdienstlei­stungen muss garantiert werden, dass ordentliche Ar­ Mit der Verleihung des Sozialzertifikats bestätigt mo­beitsbedingungen eine Selbstverständlichkeit sind. Denn bifair der WISAG, dass hohe Standards eingehaltendie Sicherheit im persönlichen und beruflichen Umfeld werden und darüber hinaus die Arbeitsschutz- und Ar­derjenigen, die für die Sicherheit anderer sorgen, sollte beitszeitbestimmungen angewendet und gewissenhaftjeden Cent wert sein. Gerade hier darf nicht auf Kosten kontrolliert werden. Die mobifair Zertifizierung GmbHder Beschäftigten gespart werden", erklärte Karl-Heinz prüft Unternehmen auf die Einhaltung gesetzlicher Be­Zimmermann, Geschäftsführer der mobifair GmbH, der stimmungen, einschlägiger Richtlinien und die Anwen­die Auszeichnung überreichte. dung von Lohn- und Sozialstandards. i Terminhinweis: mobifair-Beiratssitzung 2013 Am 18. Juli 2013 findet in Fulda im Hotel Esperanto die jährliche Beiratssitzung von mobifair statt. Auf dem Programm der Veranstaltung stehen unter anderem auch die Verleihung des Fairnesspreises an Guntram Schneider und eine Diskus­ sion zum Thema Tariftreue. 14 mopinio 01/2013
  • 14. mobifair internPeter StruckEr war ein Freund klarer Worte, zeigte Rückgrat und Geradlinigkeit – bei Berufspolitikern ein eher seltenes Phä-nomen. Am 19. Dezember 2012 ist Peter Struck im Alter von 69 Jahren gestorben. Der Sozialdemokrat, geboren1943 in Göttingen, und bis zu seinem Tod Vorsitzender des Vorstands der Friedrich-Ebert-Stiftung, konnte auf einelange erfolgreiche Karriere zurückblicken. 29 Jahre lang war er Mitglied des Bundestags, insgesamt acht JahreVorsitzender der SPD-Fraktion.Als Parlamentarier prägte Struck das so genannte „Strucksche Gesetz“, laut dem keine Vorlage den Bundestagso verlässt, wie sie ins Parlament eingebracht wurde. Damit stellte er die Macht der Abgeordneten gegenüber derRegierung klar. Bis heute berufen sich Parlamentarier immer wieder darauf. Von 2002 bis 2005 war er Verteidi­gungsminister der Bundesrepublik. Der DGB-Vorsitzende Michael Sommer würdigte ihn als einen im positiven Sinnestreitbaren Zeitgenossen, der sich immer mit Leidenschaft, Fairness und Verantwortungsbewusstsein seinen Auf­gaben gestellt habe.Peter Struck war Träger des mobifair-Fairnesspreises für seinen Erfolg als Schlichter in der Tarifauseinander­setzung um einen Branchentarifvertrag für die Schiene und ein erklärter Unterstützer der Ziele von mobifair. Mitihm verliert die deutsche Politik einen engagierten Streiter für soziale Gerechtigkeit. Wir werden sein Andenkenbewahren. Auszug aus der Tagesordnung Ab 10.30 Uhr: Übergabe des mobifair Fairnesspreises an Guntram Schneider, Minister für Arbeit, Integration und Soziales des Landes Nordrhein-Westfalen. Ab 13:00 Diskussionsveranstaltung zum Thema: „Tariftreue – Allheilmittel gegen Lohn- und Sozialdumping?“ Teilnehmer: Guntram Schneider, Alexander Kirchner (Eisenbahn- und Verkehrsgewerk- schaft EVG), Dr. Thorsten Schulten (Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliches Institut der Hans-Böckler-Stiftung, WSI), Dr. Walter Arnold (CDU), NN (FDP), Gerhard Ameis (Nürnberger Wach- und Schließgesellschaft mbH) Moderation: Uli Röhm (Wirtschaftsredakteur und Fernsehjournalist) 15
  • 15. Tarifverhandlungen 2013Mit Forderungen zwischen fünf und 6,6 Prozent gehen giewirtschaft in die Verhandlungen. Die IG Metall will indie Gewerkschaften in die Tarifrunde 2013. Wie das der Holz- und Kunststoffindustrie fünf Prozent mehr fürWirtschafts- und Sozialwissenschaftliche Institut (WSI) die Beschäftigten, die IG Bau fordert 6,6 Prozent. Zwi­der Hans-Böckler-Stiftung mitteilte, laufen in diesem schen fünf und sechs Prozent Plus für die KolleginnenJahr Tarifverträge für rund 12,5 Millionen Beschäftigte und Kollegen will die Gewerkschaft NGG erreichen. Dieaus. Für den öffentlichen Dienst der Länder lautet die Verhandlungen für den öffentlichen Dienst wurden mitt­Forderung 6,5 Prozent, mit dieser Zahl gehen auch die lerweile nach den ersten Gesprächsrunden ergebnislosEisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft für den Schie­ abgebrochen, die Arbeitgeberseite legte kein Angebotnenbereich und sowie ver.di und die IG BCE für die Ener­ vor. Die Gewerkschaften riefen zu Warnstreiks auf.Kein Dauereinsatz für LeiharbeiterDas Landesarbeitsgericht Berlin-Brandenburg hat triebsrat kann seine Zustimmung verweigern. Begrün­einem klagenden Betriebsrat Recht gegeben, der seine dung des Gerichts: Auch wenn das Gesetz eine zeitlicheZustimmung zum Dauereinsatz von Leiharbeitnehmern Höchstdauer der Arbeitnehmerüberlassung nicht regeleauf einem regulären Arbeitsplatz verweigert hat. Der Ar­ und dem Arbeitgeber daher ein Einsatz von Leiharbeit­beitgeber wollte auf Dauer eingerichtete Arbeitsplätze nehmern weitgehend erlaubt sei, dürfe der Einsatz je­mit jeweils befristet eingestellten Leiharbeitnehmern doch nicht auf Dauerarbeitsplätzen erfolgen. Dass diebesetzen. Das verstößt gegen das Arbeitnehmerüber­ Beschäftigung des jeweiligen Leiharbeitnehmers vorü­lassungsgesetz urteilten die Richter des LAG, der Be­ bergehend erfolgen soll, sei dabei unerheblich. „Anti-Stress-Verordnung“ gefordert Der „Stressreport Deutschland die krankheitsbedingten Ausfälle vorrangig auf Arbeit zurückzu- 2012“, den die Bundesanstalt für durch psychische Belastung in den führen, sagte ihr Präsident Hundt. Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin vergangenen 15 Jahren angestie- Seiner Meinung nach liegt es da- vorgelegt hat, spricht eine deut- gen. Bei einem von Arbeitsmini- ran, dass Ärzte diese Art Erkran- liche Sprache. Knapp die Hälf- sterin von der Leyen angeregten kungen häufiger diagnostizierten. te der Erwerbstätigen bemerkt Treffen zwischen Ministerium, Der DGB wirft den Arbeitgebern eine Zunahme von Stress- und Gewerkschaften und Arbeitgeber- eine „Blockade-Haltung“ vor und Termindruck in den vergange- verband im Januar konnte man bleibt bei seiner Forderung nach nen zwei Jahren. Zwangsläufige sich dennoch nicht auf eine ge- einer „Anti-Stress-Verordnung“, Folge von psychischer Belastung meinsame Erklärung zum Thema mehr Mitbestimmung und Sankti- sind Krankheiten und Burn-out. verständigen. Die Arbeitgeber- onen gegen diejenigen Unterneh- Um mehr als 80 Prozent sind sta- seite bezweifelt die Zahlen. Es sei men, die das Arbeitsschutzgesetz tistischen Erhebungen zufolge falsch, psychische Erkrankungen nicht einhalten. 166 mopinio 01/2013