MiPo'11: Im Spannungsfeld von Kooperation und Konkurrenz: Warum so viele Webplattformen ungenutzt bleiben (Matthias Finck)
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Die Verteilung von Informationen innerhalb eines Großkonzerns ist ein wesentlicher Aspekt zur Stei-gerung der Wettbewerbsfähigkeit. Eine besondere Relevanz gilt dabei aktuellen Ergebnissen von ...

Die Verteilung von Informationen innerhalb eines Großkonzerns ist ein wesentlicher Aspekt zur Stei-gerung der Wettbewerbsfähigkeit. Eine besondere Relevanz gilt dabei aktuellen Ergebnissen von Projekten aus Forschung- und Entwicklung. Innovationen die gerade aus solchen Querschnittsbereichen resultieren, haben oftmals einen weitreichenden Nutzen – über die unter-nehmensinternen Grenzen der einzelnen Bereiche und Produkte hinweg.
Der nachfolgende Beitrag beschäftigt sich mit der gezielten Aufbereitung von Projektergebnissen aus Forschung & Entwicklung und deren bereichsübergreifenden, internen Kommunikation anhand eines Anwendungsbeispiels. Dabei werden die innerhalb der Daimler AG eingesetzten Medien und die sich dadurch ergebenden Informationsflüsse vorgestellt sowie auf die Informationsbrüche eingegangen.

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MiPo'11: Im Spannungsfeld von Kooperation und Konkurrenz: Warum so viele Webplattformen ungenutzt bleiben (Matthias Finck) MiPo'11: Im Spannungsfeld von Kooperation und Konkurrenz: Warum so viele Webplattformen ungenutzt bleiben (Matthias Finck) Document Transcript

  • Im Spannungsfeld von Kooperation und Konkurrenz: Warum so viele Webplattformen ungenutzt bleiben Dr. Matthias Finck, effective WEBWORK GmbH1 ZusammenfassungAnhand zweier Fallbeispiele virtueller Netzwerke werden Faktoren erarbeitet, warum es trotz alsoptimal empfundenen Softwareunterstützung nicht immer gelingt, die Nutzung von webbasiertenKooperationsplattformen in einem zufriedenstellenden Maße zu intensivieren.Als drei Hindernisse für eine erfolgreiche Nutzung werden (1) Diskrepanzen zwischen der Vorstellungeiner gleichberechtigten Kooperation und der im Netzwerk tatsächlich geltenden Handlungspraxiseiner unterschwelligen Konkurrenz, (2) dem schwer zu erreichenden Gleichgewicht zwischen Gebenund Nehmen sowie (3) dem sogenannten Kaltstartproblem einer leeren Plattform herausgearbeitet.In diesem Beitrag werden anschließend Hinweise gegeben, wie Mitarbeiter – nicht nur virtuellerNetzwerke – zur Aktivität und zum Austausch auf solchen Plattformen motiviert werden können, umeine nachhaltige Nutzung zu etablieren und die genannten Hindernisse zu überwinden.Dieser Beitrag ist eine zusammenfassende Darstellung der Erkenntnisse verschiedenerForschungsarbeiten, an denen der Autor im Zusammenhang mit dem VIRKON-Projekt beteiligt war(Finck et al. 2005, Finck et al. 2006, Finck et al. 2007, Finck & Janneck 2008, Janneck et al. 2006).2 HintergrundIn diesem Beitrag dienen zwei Fallbeispiele virtueller Netzwerke, die im Rahmen des BMBF-Forschungsprojekts VIRKON von 2004 bis 2007 untersucht wurden, als Untersuchungsgegenstand.Das Kürzel des Forschungsprojekts VIRKON steht für: "VIRKON - Arbeiten in virtuellen Konstrukten,Organisationen und Netzen". Das BMBF-Projekt aus dem Förderprogramm "InnovativeArbeitsgestaltung - Zukunft der Arbeit" untersuchte den Einsatz von webbasiertenKooperationsplattformen zur Unterstützung von Freelancern. Ziel des Verbundprojektes war es, dieArbeitsbedingungen von freiberuflich in Netzwerken agierenden WissensarbeiterInnen in einer breitangelegten Untersuchung im Sinne webgestützter Aktionsforschung zu erfassen und zu analysieren.2.1 Die FallbeispieleDie zwei Fallbeispiele, die als empirischen Untersuchungsfeldes dieses Beitrages dienen, sindNetzwerke freiberuflicher Wissensarbeitern aus dem Bereich Informatik- und Management-Consulting, Organisationsentwicklung, Beratung und Training (vgl. Finck et al. 2006): Netzwerk A, gegründet 1997, versteht sich als „Pool für Berater zum Austausch von Kenntnissen, Erfahrungen und Arbeitsergebnissen und zum Aufbau neuen Fachwissens und innovativer persönlicher und sozialer Fähigkeiten“. Das Netzwerk setzt sich aus ca. 20 Personen mit interdisziplinären Expertisen in verschiedenen Themenfeldern der Informations- und Kommunikationstechnologie zusammen. Es bietet Beratungs- und Fortbildungsangebote für Freiberufler an und ermöglicht den Mitgliedern die Vermarktung ihrer Leistungsangebote über die Netzwerkkontakte. Zum Informationsaustausch finden alle
  • zwei Monate Workshops statt, dazu monatliche Treffen am Kamin und Arbeitsgruppentreffen zu speziellen Themen. Zur Kooperations- und Kommunikationsunterstützung erprobte A vor dem Start des Forschungsprojekts verschiedene Systeme, die allerdings kaum genutzt wurden. Netzwerk B ist ein wesentlich kleineres Netzwerk, bestehend aus ca. 5-10 Personen. Gegründet 1999, bietet das Netzwerk Dienstleistungen aus dem Bereich Organisations- und Personalentwicklung, Beratung, Training und Coaching an. Im Gegensatz zu A bildet B ein homogenes Netzwerk von Personen ähnlicher sozialwissenschaftlich orientierter Ausbildung und zeichnet sich durch eine sehr geringe Formalisierung und Struktur aus. Zum Austausch finden neben regelmäßigen, generelle Fragen im Netzwerk betreffenden Workshops immer wieder relativ spontane Treffen zur Abstimmung einzelner Projekte statt. Zur technischen Unterstützung wurde in B längere Zeit auf LOTUS NOTES gesetzt. Doch wie bei A kristallisierte sich auch hier eine sehr geringe Nutzung heraus (vgl. Finck & Janneck 2008).2.2 MethodikUm Einsichten in die Nutzung von Kooperationsplattformen in den Netzwerken zu erhalten, wurdemethodisch auf eine Triangulation verschiedener quantitativer und qualitativer Methoden wieFragebögen, Einzel- und Gruppeninterviews, Analysen von Nutzungsstatistiken und begleitendeBeobachtung gesetzt (vgl. Flick 1998, Mayring 2003).Um die subjektiven Perspektiven und Erfahrungen der Netzwerkmitglieder und die Dynamik imNetzwerk in den Vordergrund zu rücken, wurden drei etwa einstündige Gruppeninterviews mitinsgesamt 15 Mitgliedern der beiden Freelancer-Netzwerke durchgeführt, die anhand einesLeitfadens moderiert wurden. Zwei dieser Interviews wurden mit Einverständnis der Befragten aufTonband aufgenommen und transkribiert, das dritte Interview wurde von Hand mitprotokolliert. DieInterviews wurden im Sinne einer zusammenfassenden qualitativen Inhaltsanalyse (Mayring 2003)ausgewertet.Zusätzlich wurde der Umgang der Netzwerkmitglieder mit der jeweiligen Kooperationsunterstützungim Zeitraum von über einem halben Jahr begleitet und der Umgang mit der Plattform sowie dieKonsequenzen hinsichtlich der Dynamik im Netzwerk mit einzelnen Mitgliedern in mehrerenWorkshops gemeinsam reflektiert.Ergänzend füllten alle Beteiligten einen Fragebogen aus, durch den zusätzliche Faktoren quantitativerfasst wurden. Die dort erhobenen Daten zur Mediennutzung bestätigen die Interviewergebnisse,brachten interessanterweise inhaltlich jedoch kaum neue Erkenntnisse. Letztlich wurde die Nutzungder Systeme durch die Auswertung technischer Nutzungsdaten – wie z.B. Nutzungsstatistiken –ergänzt.3 Entwicklung einer optimale Kooperationsunterstützung?!Beide Netzwerke hatten zum Zeitpunkt des Forschungsprojektes bereits Erfahrungen im Umgang mitKooperationsplattformen gesammelt, die sich allerdings alle als wenig erfolgreich herausstellten.Aufgrund dieser Ausgangssituation wurde in Absprache mit den Netzwerkmitgliedern entschieden,eine neue Kooperationsplattform einzuführen, die den Anforderungen des Netzwerks entsprechendkontinuierlich weiterentwickelt werden sollte. Als Prototyp für die partizipative Weiterentwicklungdiente die webbasierte Kooperationsplattform CommSy, die grundlegende Kommunikations- undKooperationswerkzeuge zur Verfügung stellte.
  • 3.1 Ein partizipativer Entwicklungsprozess als Basis1Zu Beginn des Entwicklungsprozesses stand eine ausführliche Kontexterkundung. Auf einem Kick-Off-Workshop, an dem nahezu alle Netzwerkmitglieder teilnahmen, stellten wir dieEntwicklungsmethodik – partizipativer Prozess, schnelles Prototyping (vgl. Floyd et al. 1989) – vorund besprachen das weitere Vorgehen mit den Netzwerkmitgliedern. Unter Verwendung vonGruppeninterviews und ergänzenden Fragebögen wurden Daten zur Arbeitssituation derFreiberufler, der organisatorischen Praxis im Netzwerk, den Kommunikationsmustern, denErfahrungen mit bisherigen Plattformen und den Anforderungen an die Informationstechnologie imNetzwerk erhoben. Abschließend wurden in einem Brainstorming Hoffnungen, Möglichkeiten undbisherige Probleme im Zusammenhang mit dem Einsatz einer Kooperationsplattform gesammelt.Auf eine ausführliche Analyse der Arbeitsabläufe mittels einer Beobachtung der Nutzer amArbeitsplatz musste verzichtet werden, weil konkrete Arbeitsabläufe im Netzwerk erst mitEinführung der Plattform entwickelt wurden: Bisherige Systeme waren nicht genutzt worden. Dieinformelle Arbeit im Netzwerk war somit weit von der beabsichtigten entfernt und zeitlich zudemsehr stark mit der selbstständigen Tätigkeit verwoben – ein typisches Phänomen bei der Gestaltungvon Software für neue bzw. noch wenig bekannte Nutzungskontexte.3.2 Widerspruch zwischen formuliertem und erlebtem EntwicklungserfolgDie regelmäßigen Evaluationen der jeweiligen Systemversionen der neuen Plattform lieferten einstetig positives Ergebnis hinsichtlich der Systemgestaltung. Das System wurde von der großenMehrheit der Befragten als sinnvolle Unterstützung für die Netzwerkarbeit angesehen und alseinfach zu benutzen bezeichnet, Handhabungsprobleme traten kaum auf. 8 7 Das System war 6 eine sinnvolle Unterstützung 5 Das System ist einfach zu benutzen 4 n Es sind häufiger Probleme 3 aufgetreten Die Mehrheit 2 beteiligt sich regelmäßig 1 0 stimmt stimmt stimmt stimmt nicht wenig eher sehr Abb. 1: BefragungsergebnisseTrotzdem nutzten die Mitglieder die Plattform mehrheitlich – wenn überhaupt – nur passiv (lesend)und beteiligten sich kaum an der aktiven Bereitstellung von Inhalten (Abbildung. 1). Diese weiterhingeringe Nutzungsintensität führte sowohl bei den wenigen aktiven Netzwerkmitgliedern als auch beiden Entwicklern zu Frustration (vgl. Finck et al. 2005).1 Ausführliche Beschreibung des Entwicklungsprozesses bei Janneck et al. 2006.
  • 4 Gründe für die Nutzungshemmnisse4.1 Verzerrte Leitbilder bei der Plattformnutzung2Die Ergebnisse der Anforderungsermittlung im Entwicklungsprozess zeigten eine starke Betonungeiner gleichberechtigten, nichthierarchischen Form der Zusammenarbeit und der Bedeutung desgegenseitigen Vertrauens in der von freiwilligem Engagement geprägten Kooperation (vgl. Finck etal. 2005, Janneck et al. 2005, Finck et al. 2006).Auf dieser Basis entstand das Leitbild einer gleichberechtigten Kooperation als Grundlage für dieEntwicklung einer Systemvision (vgl. Beyer & Holtzblatt 1997). Übertragen auf die Gestaltung derKooperationsunterstützung führten diese sozialen Voraussetzungen zu Gestaltungsanforderungen,die eine gleichberechtigte Teilhabe und unbeschränkten Zugang zu Informationen als wesentlicheErfolgskriterien auswiesen.Um die Diskrepanz zwischen der positiven Bewertung der Plattform und der geringen Nutzung aufden Grund zu analysieren, wurden die Interaktionsstrukturen im Laufe der Zusammenarbeit imNetzwerk einer weiteren Analyse unterzogen, u.a. durch teilnehmende Beobachtung auf Netzwerk-Workshops. Hierbei wurde eine Kluft zwischen dem kommunizierten Leitbild und der alltäglichenPraxis im Netzwerk deutlich: Die Zusammenarbeit im Netzwerk wurde statt von der propagiertengleichberechtigten Kooperation von einem starken informellen Hierarchiegefälle geprägt und dieNetzwerkmitglieder standen in einem impliziten Konkurrenzverhältnis zueinander, das durch dieschlechte wirtschaftliche Situation noch verschärft wurde.Vor diesem Hintergrund wird die geringe Nutzung verständlich: In dieser unklarenKooperationssituation ergeben sich – abgesehen von wenigen konkreten, gemeinsam bearbeitetenAufträgen – kaum Kooperationsanlässe, zudem ist in einer Konkurrenzsituation die Bereitstellungökonomisch relevanter Inhalte auf der Kooperationsplattform nicht problemlos. Vordergründig galtes ein rein kooperatives Szenario zu unterstützen, tatsächlich befanden sich die Teilnehmer aber ineiner permanenten – wenn auch unterschwelligen – Konkurrenzsituation. Dadurch entstand aucheine Befürchtung, dass kein Gleichgewicht zwischen Geben und Nehmen bei der Plattform existierenkönnte.4.2 Das Gleichgewicht zwischen Geben und Nehmen3So stellte sich dann als ein wichtiger Grund für die Zurückhaltung bei der Erarbeitung gemeinsamerInformationsressourcen die von den Mitarbeitern geäußerte Befürchtung, mehr Zeit, Aufwand oderInformationen in die Beteiligung zu investieren, als sie an Nutzen zurückbekommen. DieseBefürchtung führte zu der paradoxen Situation, dass die Nutzung der Plattform als wichtig undgewinnbringend angesehen wurde, die Bereitschaft zur Beteiligung jedoch gering war.Wichtig war den Beteiligten eine mittelfristige Ausgeglichenheit zwischen Geben und Nehmen,sowohl im Hinblick auf die Mediennutzung als auch allgemein auf den Umgang im Netzwerk: „Wenn man sich austauscht, darf das nicht so einseitig sein. Es kann schon mal einseitig sein, aber man darf nicht irgendwann das Gefühl haben, man wird ausgenutzt.“ – „Ich hab schon die Erfahrung gemacht, dass es vielen Leuten wichtig ist, dass es ein Geben und Nehmen ist.“2 vgl. Janneck et al. 20063 vgl. Finck et al. 2005
  • – „Das kann asymmetrisch stattfinden – sagen wir, ich kriege jetzt was von ihm, aber ich habe für dich etwas anzubieten.“ (Interviewaussagen)Bezogen auf Kooperationsplattformen bedeutet das, dass eigene Beiträge wahrscheinlicher werden,wenn man sich selber etwas von der Nutzung verspricht.In der Praxis erschien es jedoch auf der Seite der aktiveren Mitglieder so, dass Aktivität fastausschließlich von ihnen selbst erzeugt wurde. Das führte zu Frustrationserlebnissen, weil (zumindestteilweise zu Unrecht, wie im vergangenen Abschnitt gezeigt) vermutet wurde, dass die passiverenTeilnehmer die Plattform gar nicht benutzen oder lediglich Ergebnisse abgreifen: „ ...dann passiert viel auf der Plattform, und dann ist es auch interessant, zu unterschiedlichen Zeiten, also dann, wenn es einem passt, sich darauf zu begeben und Informationen zu holen oder zu geben. Wenn wenige das nur nutzen, ist wenig Bewegung drauf, und die Erfahrung, ich guck dahin und es war doch nichts, führt dazu, dass man sich daraus zurückzieht.“ (Interviewaussagen)Die Angst vor einem Ungleichgewicht zwischen Geben und Nehmen bezieht sich dabei vor allem aufökonomisch relevante Inhalte. Zwar wurde in unseren Interviews die Wichtigkeit des Netzwerks alsHalt gebende soziale Struktur betont – wie sich auch im Leitbild wiederspiegelt, jedoch bezieht sichdie Nutzung der Plattform fast ausschließlich auf Inhalte mit ökonomischem Nutzen. So warenbeispielsweise auf der Kooperationsplattform im Untersuchungszeitraum lediglich drei der über 40eingestellten Materialien privater Natur (wie etwa private Fotografien), alle übrigen beschäftigen sichmit ökonomischen Themen.Das mangelnde Vertrauen in eine ausgewogene Plattformnutzung und das Gefühl, dass eineAnfangsinvestition sich gegenüber den anderen Beteiligten nicht ausgleichen würde, führte zu einemweiteren typischen Problem – dem Kaltstartproblem.4.3 Das Kaltstartproblem4Ein weiterer Grund für die geringe Nutzung der Plattform lag in dem Fehlen eines konkretenNutzungsanlasses bzw. eines konkreten Nutzungsinteresses, das von der Mehrzahl derNetzwerkmitglieder geteilt wurde: “Wenn es keine richtige Kooperation gibt, ist keine Plattform nötig.” – “...wo es einen klaren inhaltlichen Weg und ein Thema gibt, an dem gearbeitet wird, (...), fand ich das sehr effizient und funktionsfähig. In dem Moment, wo der inhaltliche Bearbeitungsprozess zu Ende war, zogen sich alle wieder daraus zurück”. (Interviewaussagen)Die Nutzung wurde von wenigen Einzelakteuren getragen, die auch an der Auswahl und derGestaltung der Plattform maßgeblich beteiligt waren. Sie bemühten sich, durch die Bereitstellungvon interessanten Inhalten über die Plattform Nutzungsanreize zu schaffen, wurden darin aber vonden übrigen Mitgliedern nicht ausreichend unterstützt, so dass das Kaltstartproblem bestehen blieb: “Wenn das nur wenige nutzen, ist wenig Bewegung darauf, und die Erfahrung, ich guck` dahin und es war doch nichts, führt dazu, dass ich mich zurückziehe.” (Interviewaussage)4 vgl. Finck et al. 2007
  • Da das Aufbereiten eigener Inhalte für die Plattform jedoch als sehr aufwändig bewertet wurde undunklar blieb, welcher eigene Nutzen langfristig zu erwarten war, kamen kaum neue Inhalte hinzu, dieeinen breiteren Nutzungsanreiz bieten könnten – ein Teufelskreis. Erschwerend bei diesenFallbeispielen kommt hinzu, dass die Befragten durch die Organisationsform des Netzwerks alsfreiwilligem Zusammenschluss wenig Möglichkeiten sahen, verbindliche Verpflichtungeneinzufordern: Sämtliche Aktivitäten im Netzwerk beruhen auf freiwilligem Engagement, das imZweifelsfall den beruflichen Verbindlichkeiten untergeordnet werden musste. PrinzipiellerZeitmangel war ein in diesem Zusammenhang häufig genannter weiterer Grund für die Nicht- oderWenig-Nutzung der Plattform.4 Tipps für eine erfolgreiche Plattformgestaltung und -nutzungDie Erfahrungen der Fallbeispiele zeigen, dass eine geeignete Technologieauswahl bzw. -entwicklungein wichtiger Faktor für die erfolgreiche Nutzung ist, dass es darüber hinaus aber andere nicht-technische Faktoren gibt, die noch viel stärker für Erfolg oder Misserfolg ausschlaggebend seinkönnen. Es gilt also sowohl technische als auch soziale Faktoren bei der Einführung einerwebbasierten Kooperationsplattform zu berücksichtigen.4.1 Niedrigschwellige, flexible Gestaltung als GrundvoraussetzungDie Untersuchung der beiden Fallbeispiele zeigte, dass vor allem in selbstorganisierten Netzwerkenmit einem hohen Maß an Freiwilligkeit, Kooperationsplattformen nur dann eine Unterstützungdarstellen, wenn der Zu- und Umgang für die Mitglieder möglichst niedrigschwellig ist. Andernfallsverzichten die Beteiligten auch im Bewusstsein möglicher Nachteile eher auf die Verwendung solcherSysteme. Aus dieser Forderung an Niedrigschwelligkeit lassen sich Implikationen für die Gestaltungableiten:Einfacher Zugang: Die Plattform zur Netzwerkunterstützung sollte möglichst einfach zu benutzensein. Eine Orientierung an Basisfunktionalitäten, die flexibel für verschiedene Zwecke nutzbargemacht werden können, trägt hierzu bei.Gleichberechtigte Teilhabe: Die flachen Netzwerkhierarchien sollten ihre Entsprechung in einereinfachen Rechtestruktur finden, die eine gleichberechtigte Teilhabe der Mitglieder ermöglicht. Dasfür die Zusammenarbeit nötige Vertrauen der Mitglieder muss über soziale Aushandlungsprozessegefördert werden (vgl. Vereinbarung von Nutzungskonventionen).Flexible Anpassung an Netzwerkstrukturen: Die Gestaltung des Systems muss die dynamischen,themen- und projektorientierten Teambildungsprozesse und Aktivitäten im Netzwerk unterstützen,indem insbesondere die Mitglieder und ihre Qualifikationen sowie die im Netzwerk bearbeitetenThemenfelder abgebildet und flexibel (um-) strukturiert werden können.Einbettung in die vorhandene Infrastruktur: In einem selbstorganisierten Netzwerk muss mit einerinhomogenen informationstechnischen Ausstattung der Beteiligten gerechnet werden. Dieeingesetzte Technologie sollte daher plattformunabhängig sein und sich mit etabliertenKommunikationsmedien und -kanälen zu einer Gesamtinfrastruktur ergänzen (vgl. Finck et al. 2005).4.2 Bewusste Begleitung des TechnologieaneignungsprozessesWenn die technischen Anforderungen an die Plattformgestaltung erfüllt sind, dann ist der Momentder Plattformeinführung zentral für den nachhaltigen Erfolg. Zum Einen gilt es genau zu beobachten,ob sich durch die Plattformeinführung Eigenschaften des Netzwerks vergegenständlichen, die zuvor
  • von dem Mitgliedern nicht gesehen wurden – wie das Missverhältnis zwischen Kooperation undKonkurrenz in unserem Beispiel. Hier bedarf es einer sehr aufmerksamen Beobachtung imEinführungsprozess.Zum Anderen bedarf es einer Vereinbarung von Nutzungskonventionen. Um eine die Wahrung derInteressen der Gesamtgruppe zu ermöglichen, ist die Vereinbarung von Konventionen, die einenMittelweg zwischen unterschiedlichen Nutzungsweisen finden, unabdingbar. So kann z. B. zwischender unterschiedlichen Nutzung einer Plattform als Pull- oder Push-Medium vermittelt werden, indembestimmte Mindestnutzungsintervalle vereinbart werden. Um sicherzustellen, dass wichtige Beiträgesofort wahrgenommen werden, könnte auf diese dann ausnahmsweise zusätzlich per E-Mailhingewiesen werden, oder man richtet eine spezielle Mailingliste ein, über die jene Mitglieder, dieeine E-Mail-Benachrichtigung wünschen, erreicht werden können, während die übrigen von der E-Mail-Flut „verschont“ bleiben. Weitere Bereiche, in denen die Vereinbarung vonNutzungskonventionen notwendig ist, reichen von den Zugangsvoraussetzungen über den Umgangmit (vertraulichen) Informationen, bestimmte Mindestleistungen bei der Nutzung, die inhaltlicheStrukturierung der Plattform, Form und Benennung von Beiträgen u. ä. bis hin zu eventuellenSanktionen bei Verstößen gegen die vereinbarten Regeln. All diese Maßnahmen tragen dazu bei,Verlässlichkeit und Vertrauen bei der Nutzung zu etablieren.Dabei ist es wichtig, dass allen Mitgliedern die Möglichkeit gegeben wird, sich an der Aushandlungder Nutzungskonventionen gleichberechtigt zu beteiligen, um eine hohe Akzeptanz der Maßnahmenzu erreichen. Die erzielten Vereinbarungen sollten in geeigneter Form transparent und für alleBeteiligten zugänglich festgehalten werden.4.3 Moderation der NutzungIst der Aneignungsprozess erfolgreich abgeschlossen, so sind zentrale Anforderungen an eineModeration der Nutzung bereits erbracht. Zwei der drei unterscheidbaren Phasen („Vorbereitung derNutzung“ und die “Begleitung der anfänglichen Nutzung“ ) sind zentraler Bestandteil desModerationsprozesses im Rahmen der Technologieaneignung. Aber auch danach ist einepermanente Moderation der Plattform von Nöten, um z.B. das sogenannte Chaosproblem zuvermeiden, bei dem anfänglich stark wachsende Inhalte wegen mangelnder Strukturierung imErstellungsprozess zu einer wachsenden Unübersichtlichkeit führen und damit zu einernachlassenden Akzeptanz der Plattform (siehe Abb. 2).Die Untersuchungen zeigen, dass in Netzwerken immer bestimmte Personen die Rolle desModerators übernehmen, auch wenn diese nicht explizit so benannt ist. Häufig handelt es sich dabeium besonders engagierte und aktive Mitglieder, die sowohl Administrations- und Supportaufgabenübernehmen als auch inhaltliche Impulse geben. Sie leisten damit einen wichtigen Beitrag zuEntwicklung und Akzeptanz der Plattform (Pape et al. 2002). Dabei ist es hilfreich, wenn diese Rollenicht nur implizit übernommen, sondern explizit benannt und bestimmten Personen zugewiesenwird, da ihre Tätigkeit andernfalls von den übrigen Mitgliedern unter Umständen ambivalentbeurteilt oder sogar als Anmaßung verstanden wird (Pape et al. 2002).In vielen Fällen kann es auch sinnvoll sein, die als Aufgabe der Moderation externen Expertenzuzuweisen. Dadurch werden eventuell auftretende Vorurteile gegenüber dem netzwerkinternenModerator – wie z.B. einer Stärkung der eigenen Position im Netzwerk durch Ausnutzung besondererTechnikexpertise vermieden.
  • Abb. 2: Moderationsaufgaben und Nutzungsvariationen4 FazitWebbasierte Kooperationswerkzeuge in Netzwerken zu etablieren ist eine vielschichtige, und vorallem nicht allein technische Aufgabe. Natürlich spielt die Gestaltung der Software eine zentraleRolle. Sie ist aber nur notwendige, keine hinreichende Bedingung.So machen die Fallbeispiele z.B. deutlich, wie die Orientierung an einem gleichermaßen von Nutzerwie Softwareentwickler erlebten, aber letztlich im Arbeitsprozess nicht gelebten und damit nicht derArbeitsorganisation entsprechenden Leitbild zu falschen und unbefriedigenden Softwarenutzungführen kann. Die Betreuung der Technologieaneignungsprozesse und die Steigerung der Akzeptanzbei den Teilnehmern sind zentrale Aufgaben.Letztlich sind die Erkenntnisse natürlich auf virtuelle Freelancernetzwerke bezogen. Und einigebesondere Herausforderungen, wie z.B. das hohe Maß an Freiwilligkeit und gleichberechtigterKooperation lassen sich nicht 1:1 auf z.B. Mitarbeiternetzwerke in Unternehmen abbilden. Dennochsind grundlegende Probleme wie das Gleichgewicht zwischen Geben und Nehmen oder eineunterschwellige Konkurrenzsituation recht gut übertragbar. Und somit dürften die Ergebnisse diesesPapier eine breitere Anwendbarkeit haben, als nur auf den begrenzten in den Fallbeispielendemonstrierten Kontext.
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