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Improvisation in der Zeit
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Zeit, Beschleunigung, Hektik und Stress - die Faktoren, die Improvisation immer notwendiger machen. Am Ende wird Improvisation diese Elemente der Postmoderne womöglich zum Verschwinden bringen.

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    Improvisation in der Zeit Improvisation in der Zeit Document Transcript

    • 29.06.09 Die Zeit tags Beschleunigung, Lebenstempo, soziale Beschleunigung, technologische Beschleunigung, Gegenwart, Verhangenheit, Zukunft, Timing, Psychologie der Zeit, Zeitmanagementsysteme, Planungen, Zögern, Serendipity, Entscheidungen, Windows of opportunity, Schweigen, Rasender Stillstand vs. Flow, Risikomanagement Risiken und Nebenwirkungen Unser Leben ist voll von Unsicherheiten und Unerwartetem. Wie in guten Geschichten, die wir gerne lesen, in die wir geradezu hinabtauchen und alles um uns herum vergessen, genauso verzweigen sich Handlungsstränge, entwickeln sich Seitenhandlungen in unserem Leben. Im Idealfall werden Sie wieder auf einen Hauptast zurückgeführt. Manchmal ergeben sich aus spontanen Situation neue Chancen für unser gesamtes Leben und manchmal kann ein falsches Wort dazu beitragen, dass sich unser Leben in eine gänzlich ungewollt Richtung entwickelt. Manchmal bleiben einzelne Erlebnisse auch einfach nur einzelne Episoden. Was auch immer für Auswirkungen die Folge sind: alles was wir erleben hat einen mehr oder weniger großen Zeitbedarf. Wir leben in der Zeit. Dabei haben wir nur ein begrenztes Zeitkontingent auf Erden. Am Ende steht der Tod. Da wir nicht wissen, was uns danach erwartet, haben wir lediglich unser bislang für uns bekanntes Leben als Maßstab. Wir müssen es hier und jetzt leben. Womöglich bietet sich uns keine zweite Gelegenheit. Selbst im Falle einer Wiedergeburt, wäre unser Leben, das wir jetzt leben einmalig. Spätestens mit der Aufklärung verabschiedeten Wir uns von einem Leben nach dem Tod. Auch wenn es früher lediglich die Optionen Himmel oder Hölle gab, so ging es zumindest auf jeden Fall irgendwie weiter. Diese Garantie kann uns heute auch die Kirche nicht mehr geben. Mit dem tief in uns vorhandenen Wissen um unsere Vergänglichkeit begeben wir uns tagtäglich in eine Welt hinaus, die viele Möglichkeiten für uns bereit hält. Aber auch Risiken. Über unsere Gesellschaft als Risikogesellschaft wurde an anderer Stelle schon vieles geschrieben. Lediglich soviel: Wir haben mit unserem aktiven Eingreifen in unsere Umwelt nicht zu deren Komplexitätsreduzierung beigetragen. Im Gegenteil: Mit all der Ausdifferenzierung unserer politischen, ökonomischen und vor allem wissenschaftlichen Systemen wissen wir heute umso mehr, dass wir eigentlich nichts wissen. Unser Nichtwissen wird lediglich von einer Unmenge an Teilwissen, Expertenmeinungen, ästhetischen Darstellungsformen und der Hoffnung auf finale Erkenntnisse überdeckt. Mit dieser unterschwellig vorhandenen Unsicherheit ist denn auch die zunehmende Mathematisierung vieler Wissenschaftsdisziplinen zu erklären. Natürlich scheint ein gesellschaftliches oder biologisches Phänomen umso vollständiger und richtiger beschrieben, sofern es sich mathematisch, logisch stringent und somit zwingend erklären lässt. Dass dies oft nur deshalb der Fall ist, weil ein reduziertes, vereinfachtes Modell zugrunde liegt, sei dabei einmal dahingestellt. Viel faszinierender an der mathematischen Beschreibung von sozialen oder biologischen Vorgängen ist die damit einhergehende Vorhersagbarkeit. Ist erst einmal ein Algorithmus gefunden, auf dem das jeweiligen Verhalten der Elemente basiert, so werden diese im wahrsten Sinne des Wortes berechenbar. 1
    • 29.06.09 Bewertungsverfahren und Wahrscheinlichkeiten Aus diesem Vorgehen ergeben sich allerdings mindestens zwei weitere Probleme: zum einen stellt sich die Frage nach der vollständigen Abbildung aller komplexen Wirkungszusammenhänge des jeweils beschriebenen Phänomens. Selbst kompliziertes Berechnungsverfahren (oder vielleicht gerade komplizierte Berechnungsverfahren) weisen Unzulänglichkeiten auf. Auch sie sind vereinfachte Annahmen. An irgendeiner Stelle zieht unser Gehirn stets einen Strich. Abgrenzungen werden vorgenommen. Wissenschaftliches Arbeit besteht auch heute noch zum größten Teil darin, Unterscheidungen vorzunehmen. Abzugrenzen, handhabbar zu machen und zu definieren. Doch jede Grenzziehung schließt, mehr oder weniger gut begründet den Rest der Welt aus. Je feiner unsere Messinstrumente werden – wobei natürlich die Computerisierung/Mathematisierung eine große Rolle spielt – desto mehr sehen wir Grenzen unserer bisherigen Modelle: Newton, Einstein, Heisenberg. Die Grenzen unseres Wissens wurden bislang stets nur verschoben – warum dies zukünftig anders sein wird, vermag wohl niemand zu sagen. Diese Überlegungen führen uns direkt zum zweiten, kritische Punkt: wie sollen wir mit all den gewonnenen Erkenntnissen umgehen? Tagtäglich erleben wir es am eigenen Leibe: wir surfen gedankenverloren im Internet, durch Tonnen an Nachrichten und pseudo-wichtigen Informationen, wir hören von nahenden Klimakatastrophen und Kriegen, sehen Bilder von Menschenschlangen auf Behördengängen und erfahren von Hochzeiten in Königshäusern. Wir müssen uns mit Fragen über unsere Alterssicherung auseinander setzen, gleichzeitig einen kostengünstigen Internetanbietern finden und einen Urlaub planen. Vieles können wir dabei falsch machen. Aber auch richtig. Doch wo finden wir Bewertungsinstanzen dafür? Wann ist oder war eine Entscheidung richtig? Für was müssen wir in der Zukunft planen? Das Internet stellt uns hier und jetzt eine Menge an Informationen zur Verfügung, die frühere Generationen über ein ganzes Leben hinweg verteilt für sich bewerten mussten. Und selbst dieser Vergleich untertreibt noch. Der Aspekt der Bewertung beinhaltet allerdings noch ein weiteres kritisches Element: unseren individuellen, sehr eingeschränkten, kognitiven Umgang mit Informationen. Wir neigen zum Beispiel dazu, exponentielle Entwicklungen zu unterschätzen. Ein beliebtes Beispiel ist dabei die Geschichte des Königs, der sein gesamtes Land verlor, weil er einem Höfling versprach, die gesamte Menge Reis zukommen zu lassen, die dabei entstünde, wenn die Startmenge von einem Korn von Brettfeld zu Brettfeld verdoppelt werden würde. Es ergibt sich dabei folgende Zahl: 9.223.372.036.854.775.808 oder neun Trillionen zweihundertdreiundzwanzig Billiarden dreihundertzweiundsiebzig Billionen sechsunddreißig Milliarden achthundertvierundfünfzig Millionen siebenhundertfünfundsiebzig Tausend achthundertundacht. Unterstellen wir unserem Wissen ebenfalls ein exponentielles Wachstum so sehen wir, dass wir womöglich bereits an die Grenze des fassbaren für unser Gehirn geraten sind. Auch hier kann uns das Schachbrett erneut zur Illustration reichen: Die Erfahrung zeigt, dass bei einer Schachstellung im Durchschnitt dreißig bis vierzig Züge möglich sind (bei der wissenschaftlichen Untersuchung von Phänomenen bieten sich bereits hier weit mehr als lediglich 40 Möglichkeiten des wissenschaftlichen Zugangs). Mein Gegner (der wissenschaftliche Wettbewerber oder der Begründer der bislang geltenden Theorie) kann auf jeden Zug mit etwa genauso vielen Zügen antworten, und dann kann ich wieder auf jeden seiner Züge antworten usw. Schon wenn wir die Partie nur so lange verfolgen, bis jede Seite etwa fünfundzwanzig Spielzüge gemacht hat (in der Wissenschaftsgeschichte sind um einiges mehr „Spielzüge“ gemacht worden), müssen wir mindestens 3050 . Nehmen wir an, jedes Atom auf der Erde sei ein Computer, der nur diese Schachstellung berechnet, und das in der Zeitspanne, in der das Licht einen Millimeter zurücklegt. 2
    • 29.06.09 Eine kurze Rechnung zeigt, dass dieser wirklich hoch entwickelte Computer mehrere Millionen Jahre brauchen würde, bis er all diese Fälle untersucht hätte. (aus; Laslo Merö, S. 134) Somit wären wir erneut beim Aspekt der Zeit gelandet. Natürlich müssen auch wir stets zwischen verschiedenen Möglichkeiten auswählen. Wo gehen wir einkaufen? Welche Versicherung schließe ich ab? Welche Kriterien benötige ich dafür? Würden wir alle Möglichkeiten akribisch durcharbeite und uns dann wohl begründet für eine entscheiden, wir wären absolut handlungsunfähig. In den meisten Fällen, sammeln wir bis zu einem bestimmten Punkt Informationen und treffen dann aufgrund vorhandener Bewertungsschemata, sogenannten Heuristiken unsere Entscheidungen. Ähnliches wird bei der Programmierung von Schachcomputern getan, indem diese Programmteile erhalten, die dem Abkürzen von Berechnungsprozessen dienen. Dies geschieht zum einen durch die Nutzung umfangreicher Datenbanken, in denen Spielzüge verschiedener Großmeister gespeichert sind und mit denen die jeweilige Situation auf dem Spielfeld abgeglichen wird. Hinzu kommen Wahrscheinlichkeitsalgorythmen und andere Verfahren, mit deren Hilfe die Entscheidungsfindung für den Computer beschleunigt wird. Auch wir arbeiten, mehr oder weniger bewusst mit Wahrscheinlichkeiten bei der Abschätzung von Auswirkungen, die unser Handeln in unsere Umwelt erzeugt. Wie wahrscheinlich ist es, dass sie nein sagt, wenn ich sie zur Party einlade? Werde ich den Job kriegen? Was kann passieren, wenn ich mich für die Versicherungspolice von der Firma xyz entscheide, statt für zyx? Wie das Resultat unserer Überlegungen aussieht kann im Einzelfall sehr unterschiedlich sein – so unterschiedlich wir die Leben, die wir Leben. Je mehr Gemeinsamkeiten Menschen haben (sozialer Status, Bildung, kulturelles Umfeld, Familienstand etc.) umso ähnlicher sind die Bewertungsschemata. Wenn allerdings viele Menschen um einen herum ähnlich denken und handeln, so findet man seine Bewertungsschemata automatisch eher bestätigt, als wiederlegt. Doch spätestens mit dem Aufkommen satellitengestützter Fernsehübertragungen und dem Internet merken wir, dass es eine Vielzahl an anderen Weltbildern gibt. Eine Vielzahl an Bewertungsschemata. Eine Vielzahl an „richtig“. Eine Vielzahl an „falsch“. Diese Wahrnehmungen können nur mit zwei Reaktionspolen beantwortet werden: entweder radikalisieren wir unsere Schemata und sehen sie als die allein richtigen oder wie öffnen uns für andere Sichtweisen und lassen uns damit automatisch auf Unsicherheiten ein. Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft Zukunft beinhaltet stets Unsicherheit. Trotz aller Informationsvielfalt: wir werden keinen Ort, keine Webiste und kein theoretisches Modell finden, dass uns mit 100iger Sicherheit etwas über die Zukunft sagen wird. Doch wie sieht es mit den anderen beiden Formen unsere Zeitstruktur aus? Wenn wir genau hinschauen, erkennen wir, dass es dort nicht viel besser aussieht. Die Gegenwart ist ein Konstrukt von nachweislich maximal 3 sekündiger Dauer. 3 Sekunden umfasst das, was wir Gegenwart nennen, das hier und jetzt. Nicht sonderlich viel für etwas, was wir leben wollen. In der Gegenwart zu leben ist ein mindestens genauso schwieriges Unterfangen, wie die Zukunft vorherzusagen. Bleibt uns noch unsere Historie. Seit unsere Geburt haben wir viel erlebt. Sehr viel. Mit zunehmenden Alter haben wir auch von Ereignissen erfahren, die weit, weit vor unserer Geburt statt gefunden haben. Wir haben erfahren, wie das Land, in dem wir heute leben geologisch, politisch und wirtschaftlich entstanden ist. Wir haben mehr und mehr über unsere Familie erfahren, haben Freunde gefunden, sind Beziehungen eingegangen. Doch wie genau hat uns all das beeinflusst? An welche Geschehnisse in unserem Leben können wir uns nicht mehr so leicht erinnern und warum? Haben sich die Dinge wirklich so zugetragen, wie wir sie abrufen, wenn wir einen Geruch wahrnehmen, uns ein Foto anschauen oder 3
    • 29.06.09 uns mit unseren Freunden unterhalten? Geschichtsbücher beschreiben historische Ereignisse durchaus unterschiedlich, je nachdem, wer sie geschrieben hat und aus welchem Land der Autor kommt. Wir sehen: auch die Vergangenheit steht auf sehr, sehr wackeligen Beinen. Schneller schneller, immer schneller Bei all diesen beschriebenen Unsicherheiten, Wahrscheinlichkeiten, unklaren Zukünften, kaum vorhandenen Gegenwarten und vielfachen Sichtweisen auf die Vergangenheit wird uns erst deutlich, was für eine unbeschreibliche Kraft es sein muss, die uns in all dem Chaos sinnvolles Handeln erblicken lässt, die uns unsere Leben leben lässt. Bereits die kurze, skizzenhafte Beschreibung dessen, was wir vermeintlich als sicher erachten macht deutlich, dass die Menschheit es in ihrer Geschichte tatsächlich geschafft hat, mehr oder weniger bewusste Methoden zu entwickeln, die uns die Möglichkeit verschaffen, trotz der uns umgebenen Unsicherheit handlungsfähig zu sein. Durch diese Handlungsfähigkeit haben wir immer mehr Einfluss auf unsere Umwelt genommen. Vordergründig haben wir dadurch wiederum unsere Fähigkeiten zur Unsicherheitsreduzierung ausgebaut. Allerdings nur vordergründig. Durch unser Eingreifen in die Umwelt, um sie berechenbarer zu machen, ist sie für uns komplexer geworden. Zum einen, weil wir mit Funktionsweisen der Natur konfrontiert werden, die wir noch nicht einmal im Ansatz verstehen, zum anderen weil wir selbst komplexe Systeme schaffen, deren Einwirken auf andere Systeme nicht absehbar sind. Darunter fallen die Computertechnologie, die Biotechnologie und viele weitere. Aber auch geisteswissenschaftliche Disziplinen, wie die Volkswirtschafts- und die Betriebswirtschaftslehre (die zunehmend durch Mathematisierung und Formalisierung zu den Naturwissenschaften, vor allem der Königsdisziplin, der Mathematik aufschliesen wollen – Ökonometrie, Spieltheorie, Finanzmathematik etc.) schaffen mittlerweile komplexe Systeme, wie z.B. die Finanzmärkte und hoch ausdifferenzierte Logistik-Systeme. Das faszinierende und gleichzeitig erschreckende an diesen Entwicklungen ist, dass damit auch eine Beschleunigung eben jener Entwicklungen einhergeht. Wir erleben um uns herum eine nie zuvor da gewesene Beschleunigung auf vielerlei ebenen. Die bislang akribischste Analyse der betroffenen Bereiche liegt in der Arbeit „Beschleunigung“ von Hartmut Rosa vor. Rosa, Professor für Soziologie an der Universität Jena destilliert in seiner Untersuchung drei Bereiche heraus, die sich gegenseitig antreiben und verstärken. Zum einen erleben wir eine technologische Beschleunigung. Immer mehr Technologien werden entwickelt und kommen in immer kürzeren Abständen auf den Markt. Auch ihre Unterscheidungsmerkmale lassen sich anhand von Zeit zusammenfassen: Immer mehr Daten können gespeichert, immer schneller abgerufen und schneller verarbeitet werden. Dies gilt für tragbare mp3 Player ebenso wie für Grafikkarten, Mobiltelefone und medizinische Geräte. Diese Beschleunigungen haben ihrerseit Auswirkungen darauf, dass es immer schneller neue Anwendungsfelder und neue Technologien gibt. Doch wie bereits im Nebensatz angedeutet, ist die Entwicklung von Technologien mittlerweile kein Selbstzweck mehr von Wissenschaftlern, die tief in ihren Laboren forschen, sondern werden zunehmend auf ihrer Vermarktbarkeit hin untersucht. Die wirtschaftliche Verwertbarkeit mit ihren eigenen Beschleunigungslogiken, wie z.B. steigenden Renditezielen und just-in-time-Prozesse in hierarchiereduzierenden Netzwerklogistiken, treibt die Forschung und Entwicklung vor sich her. Als zweites Feld der gesellschaftlichen Beschleunigung markiert Rosa den zu beobachtenden sozialen Wandel. Immer mehr Spezialisierungen und Ausdifferenzierung verknappen die zur Verfügung stehende Zeit. Was als tayloristische Arbeitsteilung begann, um eben jenen Effekt der Zeitersparnis zu erreichen, führt bei zunehmender Ausdifferenzierung zu einem steigenen Bedarf an Kommunikation und Absprachen – betriebswirtschaftlich betrachtet fallen Transaktionskosten an, 4
    • 29.06.09 die dem eigentlichen Produktionsprozess zugeschlagen werden müssen. Während Produktionskosten durch Rationalisierungen, Outsourcing etc. reduziert, bzw. ausgelagert wurden, werden nun zunehmend die dazu notwendigen Transaktionskosten ins Visier genommen. Während Telekommunikationskosten und Informationsverarbeitungskosten zusammen mit Moore´s Law stetig fallen, nehmen die Kosten zu, die anfallen, wenn Menschen ihre Arbeitszeit zur Verfügung stellen, um eben jene Kostenreduzierungen zu planen, zu organisieren, durchzuführen und zu überwachen. Somit wird es kurz über lang notwendig sein, die Kommunikation über effizientere Kommunikation kommunikativ zu managen. Die dafür notwendigen Technologien und damit anfallenden Kosten sind nicht annähernd heute absehbar geschweige denn in ihrem Umfang kalkulatorisch erfassbar. Doch die Komplexität nimmt nicht allein in einer vertikalen Form zu, indem zunehmend Instanzen über Instanzen wachen, die kaum noch überschaubar sind, sonder es findet auch eine horizontale Ausdifferenzierung statt. Es entwickeln eich immer mehr Branchen, berufliche Spezialisierungen und Funktionen in Organisationen oder generell in Märkten. Sicherlich verschwinden auch alte Berufe, netto bleibt allerdings ein Wachstum an notwendigem Spezialistenwissen, was spätestens bei der Vielfalt an neuen Bachelor- und Masterstudiengängen an den Hochschulen deutlich wird. Ein Mehr an Spezialisten heißt ebenfalls ein Mehr an Kommunikationsbedarf zwischen Verantwortlichen in Projekten in Unternehmen, Forschungsprojekten und gesellschaftlichen Fragen. Je mehr Abstimmungsprozesse stattfinden müssen umso geringer erscheint uns die zur Verfügung stehende Zeit. Dies geht uns allerdings nicht nur im Berufsleben so, sondern auch im privaten Kontext. Wenn wir uns Samstag Vormittag in der Familie engagieren, am Nachmittag im Verein, abends uns mit Freunden treffen, Sonntag die Eltern besuchen und in der Woche für unterschiedliche Projekte und somit auch verschiedene Menschen arbeiten, so wird uns schnell klar, dass wir selbst in uns mehrere Rollen vereinbaren müssen. Für den einen ist es das Engagement im Klassik-Club, für den anderen im Clan des aktuellen Online-Games. Wo und wieviel wir uns auf unterschiedliche Art und Weise engagieren, hängt nicht zuletzt von unserem sozialen Umfeld ab und davon, was den Menschen in unserem Umfeld wichtig ist und was nicht. Dieser Gedanke führt direkt zum dritten Bereich: die Beschleunigung unseres Lebenstempos durch die Vielfalt an Wahlmöglichkeiten, die wir haben. Gehen wir ins Kino oder schauen wir zuhause einen Film? Auf welcher Internetplattform buchen wir unseren Urlaub? Wohin möchte ich mich qualifizieren? Jede Entscheidung für etwas beinhaltet stets Entscheidungen gegen Alternativen. Allerdings ist es in den seltensten Momenten der Fall, dass die Optionen gänzlich aus unserem Handlungsumfeld hinausfallen. In der Regel stellen sie sich wieder hinten an, als mögliche erneute Wahlmöglichkeiten. Auch wenn ich ein Studium der Physik begonnen habe, theoretisch habe ich immer noch die Möglichkeit, Sportwissenschaften zu studieren. Dies macht mir die Entscheidung auch nachträglich nicht unbedingt leichter. Ein verpasster Film im Kino kann immer nochmal im Heimkino geschaut werden und die Reiseplanung die in diesem Jahr zugunsten Spanien und zu Ungunsten vieler anderer Möglichkeiten ausfiel hat beim nächsten Mal die gleichen Ausgangsvoraussetzungen. Es besteht sogar die Möglichkeit, dass es bei der nächsten Entscheidungsrunde bereits weitere Optionen gibt. Während sich unsere ausgeschlossenen Optionen häufig erhalten bleiben, kommen fortlaufend neue hinzu – aufgrund von technologischen Entwicklungen oder aufgrund von neuen Berufsoptionen, Tätigkeitsfeldern (soziales, ökologisches Engagement etc.). 5
    • 29.06.09 Die Zeit und wir Auf den amerikanischen Historiker Frederick Mumford ist die Feststellung zurückzuführen, dass die Erfindung der Uhr die eigentliche Grundlage für die industrielle Revolution darstellt und weniger die der Dampfmaschine. Erst das getaktete Erscheinen der Arbeiter am Fließband, die in Relation zur gebrauchten Zeit gemessene Ausbringungsmengen der Maschinen und die zeitlich aufeinander abgestimmte Fahrpläne von Zügen und Schiffen sorgten dafür, dass die Erfindung von Dampfkraft betriebenen Maschinen ihre volle Wirkung entfalten konnten. Die eigentliche Revolution lag allerdings nicht daran, dass nunmehr vorhandenen Technologien und Verhaltensweisen von Menschen besser gemessen werden konnten, vielmehr war es der Sachverhalt, dass die Menschen, die vom Land in die Städte zogen ihre eigenen Verhaltensweisen änderten, ja ändern mussten. Der Maschinentakt gab nunmehr den Arbeitstakt vor. Zwischen 1800 und 1850 kam es zu Sabotageakten der Maschinen, ja sogar zu Ausschreitungen gegen Fabrikbesitzer und Erfinder. Die sogenannten Maschinenstürmer traten in den Industrienationen Frankreich, England und Deutschland auf den Plan und wurden mit brutalster Härte niedergeschlagen. Bei den Protesten wendeten sich die Menschen natürlich nicht allein gegen die Vorgabe des Arbeitsrhythmus durch die Maschinen – es ging auch um Niedriglöhne und die Billigkonkurrenz aus den mit besseren Maschinen ausgestatteten Nachbarländern. Aber auch für deren Entwicklung hatte es im Vorfeld die Erfindung der Zeitmesser geben müssen. Der Umgang mit Zeit, die Messung von Zeit hat elementaren Einfluss auf unsere Art zu leben. Dabei ist es allerdings wichtig, zu beachten, dass eben jene chronologische, erfasste und dargestellte Zeit nur eine Form des Zeiterlebens ist. Wir erfahren Zeit spätestens mit unserer Geburt mit dem Moment des Wartens. Sobald wir Hunger verspüren, erleben wir, dass es dauern kann, bis dieser gestillt wird. Wir erleben Tages- und Nachtzeiten, die dem Tag seine circa 24 Stunden geben. Tagsüber ist, neben unseren getakteten Terminen, die Nahrungsaufnahme ein Taktgeber – des nächtens erleben wir sich abwechselnde Schlafphasen. Unser Körper besteht aus Blutkreisläufen, unseren Zellen regenerieren sich und unser Verdauungssystem unterliegt auch zeitlichen Rhythmen. All diese großen und kleinen, bewussten oder unbewussten Elemente sind teilweise mit eigenen Zeiten versehene Abläufe, die synchronisiert werden müssen. Jetlag ist eine der extremsten Formen, in denen wir erleben, was passiert, wenn wir unser eingespieltes Zeitempfinden durcheinander bringen. Reisen wir durch verschiedenen Zeitzonen und bringen somit unsere inneren Abläufe in Konflikt mit einem verschobenen Zeiterleben in unserer Umwelt, so müssen erst fein abgestimmte biologische und chemische Verschaltungen in unserem Körper neu justiert werden. Diese Chronobiologie spielt allerdings auch in unserem alltäglichen Zeiterleben eine wichtige Rolle. Wir wir alle aus eigenem Erleben wissen, gibt es Menschen, die gerne morgens aufstehen und produktiv sind – wieder andere laufen erst in den Abendstunden zur Höchstform auf. Es gibt Menschen, den fällt eine lineare, strukturierte Planung leicht und wieder andere brauchen förmlich das Chaos, um funktionieren zu können. Neben Erziehung, soziales Umfeld und der Einfluss von Gelerntem im Kindergarten und der Schule, spielt die körpereigenen Chemie eine nicht zu unterschätzende Rolle dabei, wie wir uns in der Zeit organisieren können. Spätestens hier nun wird deutlich, dass jeder Mensch auf seine ganz individuelle Art mit Veränderungen des Zeiterlebens umgeht. Stress wird von jedem Menschen anders war genommen. Daher sind die Empfehlungen, wie man damit umgehen sollte auch so vielfältig und reichen von meditativen Entspannungsübungen bis hin zu hochgradig strukturierten Zeitmanagementsystemen. Keines dieser Systeme kann für sich in Anspruch nehmen, allein selig machend zu sein, geschweige denn jedem Menschen gleich hilfreich zu sein. Im Kontext der weiter oben ausgeführten 6
    • 29.06.09 Beschleunigung wird der Ruf nach Techniken für eine bessere zeitliche Organisation allerdings immer lauter – auf allen Ebenen. Zeitmanagement Der einzelne Mensch steht dabei schon fast am Ende einer langen Kette an Entwicklungen. Die tayloristische Zeitmessung führte über bürokratische Organisationsstrukturen (die zu diesem Zeitpunkt zunächst eine Beschleunigung mit sich brachten) hin zu Prozessoptimierungen und just- in-time Produktions- und Logistiksysteme. In einer 24 Stunden, 7 Tage die Woche-Ökonomie kommt es darauf an, Wirtschaftsprozesse immer feiner und genauer zu takten. Nie zuvor galt time is money so sehr, wie heute. In Bruchteilen von Sekunden werden Milliardentransaktionen an den Finanzmärkten durchgeführt und der Rest der Wirtschaft hat dieses Prinzip als Leitbild stets vor Augen. Es wird outgesourced (was letztendlich lediglich eine Auslagerung des Zeitproblems darstellt), digital vernetzt und softwaretechnisch verschaltet. SAP und andere Business-Software brachte das Realtime-Prinzip der Kennzahlenabfrage in die Firmenwelt. Doch nicht allein im Unternehmenskontext wird versucht Zeit zu managen. Auch im privaten Umfeld hat der Planer längst Einzug genommen. Egal ob digital oder klassisch Papier: Zunehmend sind wir damit konfrontiert, unsere beruflichen Termine mit den privaten abzustimmen. Selbst der nicht in den Kontext großer Firmen eingebundene Freiberufler hat mittlerweile eine Vielzahl an Online-Tools zur Verfügung, um sich selbst im Zusammenspiel mit anderen zu organisieren: seien es Kalenderfunktionen oder die Möglichkeit, gemeinsame Termine mit einer Vielzahl von anderen zu organisieren. Der Ratgebermarkt ist kaum mehr zu überlicken in seiner Vielzahl an Ameisen-, Bären und anderen Strategien. Trotz der Vielfalt weisen in der Regel alle Zeitmanagement-Ratgeber ein wesentliches Manko auf: sie unterscheiden in der Regel nicht zwischen individuellen, biochemischen Problemen bei der Zeitplanung und leicht handhabbaren Schwierigkeiten bei der mangelhaften Anwendung von Zeitmanagement-Techniken, wie z.B. dem Einsatz von Priorisierungen, Kalenderfunktionen und Aufgabenlisten. Workaholics hilft es kaum, noch bessere Zeitmanagement-Strategien zu nutzen, bei ihnen liegt das Problem viel tiefer. Gleiches gilt für leidenschftliche Prokrastinateure, also Menschen, die oft und gerne zu erledigende Aufgaben immer weiter aufschieben. Auch hier liegt das Problem nicht darin, dass sie das ABC-Prinzip nicht verstanden hätten. Hinzu kommt ein weitere Dilemma: Zeitplanung sieht eine Beschäftigung mit der Zukunft vor. Wenn wir Aktivitäten, Ziele, die es zu erreichen gilt, planen, dann beschäftigen wir uns zwangsläufig mit Zukünftigem. Wenn wir dann beginnen, die notwendigen Schritte einzuleiten, leben wir für diese Zukunft. Dabei vernachlässigen wir allerdings das Gegenwärtige. Was umgibt uns bereits? Was können wir bereits genießen? Lassen wir uns allerdings zu sehr auf das ein, was wir bereits haben, so verlieren wir unsere Zukunft aus den Augen, leben allein für den Moment und denken nicht daran, was unser Handeln für zukünftige Generationen für Auswirkungen haben kann. Die zunehmende, künftige Überschuldung bei immer mehr Anschaffungen wird nicht gesehen und die eigene Versorgung im Alter beiseite geschoben. Leben wir im Moment, vernachlässigen wir die Zukunft. Planen und leben wir auf die Zukunft hin ausgerichtet, verpassen wir die Dinge im Leben, die uns hier und jetzt bereits umgeben. Dieses Dilemma kann kein noch so intelligentes Zeitmanagement-System auflösen. Die Fragen nach der Art zu Leben, ob in der Gegenwart oder der Zukunft ist vielmehr eine Frage, wie wir die Welt um uns wahrnehmen und welche Lebensphilosophie wir daraus für uns entwickeln. Immer schnellere Veränderungen in der uns umgebenden Umwelt können als ein rasender Stillstand empfunden werden oder als Flow-Erlebnis, indem wir mit all unseren Kenntnissen und Fähigkeiten bis an 7
    • 29.06.09 unsere Grenzen gefordert sind, und zeitnah Rückmeldungen über die Auswirkungen bekommen. Auf der anderen Seite haben unsere Handlungen nicht nur aktuelle Auswirkungen sondern auch in der Zukunft. Diese sind allerdings nur sehr schwer vorauszusehen und in einer zunehmend vernetzten Welt allenfalls zu erahnen. Bereits in den 80ern empfahl der Kognitionspsychologe Dietrich Dörner den Einsatz von Computersimulationen, um unser komplexes Denken zu trainieren. Einen erheblichen Vorteil, den Simualtionsprogramme gegenüber der Realität aufweisen ist das zeitnahe Feedback über Auswirkungen, die das Handeln hat. Jahrelange Zeiträume werden komprimiert und zu Sekunden. Natürlich sind auch Simulationen nur vereinfachte mathematische Modelle unserer Welt und können niemals alle Zusammenhänge berücksichtigen. Aber allein schon, um zu einem bessere Verständnis von komplexen Wirkungsweisen zu kommen, können Simulation hilfreich sein – bestes Beispiel dafür sind oft gespielte und bekannte Handelssimulationen, aber auch soziale Simulationen und Evolutionsspiele. Planungsunsicherheiten Eine Vielzahl an Rollen, die wir auskleiden müssen, immer mehr Produkte und Services, die in immer kürzerer Zeit zur Auswahl stehen, und organisatorische Anforderungen im Berufsleben sorgen dafür, dass wir immer öfter damit scheitern, wenn wir versuchen, unser Leben zu planen. Was auf Tagesbasis noch möglich ist, gerät auf Monatsebene schon ins Schwanken – Jahre oder gar Jahrzehnte sind mittlerweile kaum mehr zu überblicken. Was auf einer professionellen Ebene bei Projektplanungen durch zusätzliche Ressourcen, immer komplexeres Risikomanagement oder Budgetausweitung noch aufgefangen werden kann, ist im Kontext unseres ganz persönlichen Daseins nicht möglich. Wir können unser Leben nicht von anderen leben lassen. Auch nicht Teile daraus. Wir haben 24 Stunden. Nicht mehr und nicht weniger. Doch mit der Frage nach unseren Lebensverläufen stellen sich auch Identitätsfragen. Wie kann ich einen roten Faden in meinem Leben erkennen, wie eine Karriere planen, wenn ich in der Hauptsache reagiere statt zu agieren? Wie kann ich meine persönliche Lebensgeschichte entwickeln, wenn so viele Faktoren mir in die Quere kommen können? Bereits im Kapitel zum Geschichten erzählen haben wir gesehen, dass Geschichten heute anders erzählt werden. Als Bruchstücke. Fetzen von Szenen, die für uns wichtig sind. Wir werden uns mehr und mehr bewusst, dass es nicht die eine Identität gibt. Je nach Menschen, mit denen wir zu tun haben, nach Situationen, nach Kontexten verhalten wir uns unterschiedlich, leben wir andere Facetten unserer Persönlichkeit aus. Wir spielen mit uns. Doch wir brauchen auch ein festes Bezugssystem. Freunde, die uns für das, was sie in uns sehen gern haben. Eine Ausbildung, die man vorzeigen kann und einen Job, in dem man Geld verdient und der immer noch sehr stark unser Selbstbild prägt. Doch inwieweit können wir diese Etappen und Verbindungen zu anderen Menschen planen? War es nicht schon immer so, dass sich viele neue Wege durch Zufall ergeben haben? Durch eben jene Menschen, denen wir über den Weg gelaufen sind und mit denen wir in Kontakt geblieben sind? Wir mussten Entscheidungen treffen, die uns eine Tür geöffnet und andere verschlossen haben. Trauern wir diesen Chancen nach oder haben wir uns für die richtige Option entschieden? All diese Mechanismen der Lebensweggestaltung, all diese Fragen haben sich auch schon frühere Generationen gestellt. Der große Unterschied: die Transparenz über die zur Verfügung stehenden Möglichkeit war nie zuvor so groß wie heute. Natürlich haben auch die Möglichkeiten an sich zugenommen, wie bereits weiter oben ausgeführt worden ist, aber die eigentliche Schwierigkeit resultiert daraus, dass wir um die Optionen wissen. Doch das allein wäre womöglich noch nicht so schlimm, wenn wir mit der richtigen Wahl nicht so allein gelassen werden würden. Wenn wir all die Möglichkeiten und Chancen nicht wahr nehmen, 8
    • 29.06.09 dann liegt das allein an uns – so wird es zumindest aktuell medial und gesellschaftlich dargestellt. Wir sind unseres Glückes Schmied. Wir ganz allein. Erreichen wir einen erstrebenswerten Bildungsabschluss nicht, so haben wir uns nicht genug angestrengt. Leiden wir unter unserer Studienwahl, so hätten wir uns doch besser informieren können. Sind wir arbeitslos, so haben wir wohl nicht die erforderliche Leistung erbracht oder haben es schlicht und ergreifend bislang nicht geschafft, irgendwo unter zu kommen. Es liegt an uns. Angeblich. Kommunikation und Kreativität Das wir als soziale Wesen allerdings in eine Umwelt eingebunden sind, die wir nur zum Teil beeinflussen können, wird dabei vernachlässigt. Natürlich könnten man versuchen, sich für die Matheprüfung mehr anzustrengen. Genauso richtig ist es aber auch, dass es gänzlich andere Unterrichtsformen, Prüfungsmöglichkeiten und generell andere Formen des Lernens gibt, als eben jene eindimensional eingeforderte, der sich der Schüler oder die Schülerin unterzuordnen hat. Die Lösung eines Problems liegt im Auge des Betrachters. Auch auf die zunehmenden Planungsunsicherheiten in unserem Leben gibt es keine Patentlösung. Was allerdings dabei zwangsläufig mehr uns mehr zum Einsatz kommen wird sind zwei sehr menschliche Fähigkeiten: Kommunikation und Kreativität. Wenn es darum geht, sich in einem hochdynamischen sozialen Umfeld zu Verorten, so müssen wir mit anderen Menschen kommunizieren. Dies aus zweierlei Gründen: um die anderen Menschen in ihren jeweiligen momentanen Verhaltensweisen zu Verstehen und um uns über die Wahrnehmung unseres Verhaltens Rückmeldung zu holen. Die Zukunft entsteht im hier und jetzt mit anderen Menschen zusammen. Wenn wir mit anderen Menschen kommunizieren, können Ungereimtheiten entstehen. Wir haben unser Leben gelebt und die anderen ihres. Wollten wir sie vollkommen verstehen, müssten wir ihr Leben gelebt haben, ihre Erfahrungen gesammelt haben, ja ihr genetisches Erbe und ihr Verhalten mitbringen. Wir können nicht verstehen, wir können versuchen zu akzeptieren und die Erfahrung für uns nutzbar zu machen. Dabei hilft uns kreatives Denken. Mit Erfahrungen zu spielen, Erlebnisse mit anderen Menschen mit anderen eigenen Erfahrungen zusammen zu bringen, Wissen rekombinieren. Gerade in Zeiten, in denen wir nicht wissen, was uns bevorsteht, müssen wir kreatives Handeln lernen. Wir müssen spontan reagieren und uns dabei gleichzeitig bewusst darüber sein, wieso wir so handeln. Der Soziologe Niklas Luhmann schrieb, dass gesellschaftlichem Wandel stets ein Wandel im Kommunikationsverhalten vorausgeht. Das Internet bietet die Möglichkeiten dazu. Timing und Intuition Mobile Kommunikationsmedien, ständige Verfügbarkeit des Internets, verschiedenste Formen der Fortbewegung – all das ermöglicht es uns im Laufe unseres Lebens Tausenden von Menschen zu begegnen. Jede Begegnung bietet die Möglichkeit zur Kommunikation, zum kreativen Umgang mit Möglichkeiten, als Türöffner oder als Einbahnstraße. Da wir immer weniger Planungssicherheit haben, wird es zukünftig immer mehr auf den einzelnen Moment ankommen. Im richtigen Moment das richtige tun. Natürlich klingt dieser Satz trivial und doch beinhaltet er eine hochkomplexe Verhaltensweise. Woher wissen wir, wann genau wir was zu tun haben? Wann ist der richtige Moment? Wann ist es sinnvoll, noch einen kurzen, kleinen Moment zu zögern, wann sollten wir sofort handeln? Ja, es gibt sie, die sogenannten „Windows of opportunity“ - die Zeitfenster in denen etwas 9
    • 29.06.09 geschehen muss, damit es Erfolg hat. Doch wann sind diese offen? In der Geschichte der Produkt- und Dienstleistungsinnovationen sieht man überdeutlich, dass es oftmals mehrere Erfinder gab. Zu teilweise nicht weit auseinander liegenden Zeitpunkten. Die einen wurden berühmt. Von denen anderen kennt man heutzutage kaum mehr den Namen. Wieso hatten die einen das Glück, den richtigen Zeitpunkt besser einzuschätzen, als die anderen? Oder war es wirklich nur Glück, Zufall? Auch hier ist keine abschließende Antwort möglich. Einen wesentlichen Aspekt macht dabei jedoch wohl die individuelle Intuition aus. Doch mit Intuition ersetzen wir nur ein Fragezeichen durch ein anderes. Was ist Intuition? Zeit zu Schweigen Unter den letzten beiden Überschriften „Kommunikation und Kreativität“ uns „Timing und Intuition“ sind vier Begrifflichkeiten eingeführt worden, die bislang wenig bis kaum erklärt worden sind. Sie wurden nur angerissen. Aber sie sind zentral für dieses Buch. Bis hierhin war es das erklärte Ziel, die Veränderungsprozesse zu beschreiben, die unsere Gesellschaft momentan durchläuft. Die zunehmende Vernetzung, veränderte Formen des Erzählens und Beschleunigungserfahrungen sind Perspektiven auf jene Veränderungen, die wir wahrnehmen. Teilweise können es unterschiedliche Perspektiven auf ein dieselben Phänomene sein. Alle Perspektiven lassen sich im Grunde auf drei Bausteine reduzieren: die Art und Weise, wie wir kommunizieren, unseren Umgang mit der menschlichen Kreativität und unsere Zeitwahrnehmung. Unsere Netzwerke beeinflussen alle drei Elemente und diese verändern wiederum unsere Netze, in denen wir uns bewegen. Wir kommunizieren mehr und aufgrund immer verschiedener Medien, unsere Kreativität wird von all den Einflüssen inspiriert und kann gleichzeitig von vielen Menschen wahrgenommen werden – sei es durch die Texte, die wir online stellen oder die Gespräche, die wir am Handy führen. Die Wahrnehmung von Beschleunigung wiederum vervielfacht unsere Verbindungen, wir treffen immer häufiger unterschiedliche Menschen. Wie bereits aufgezeigt, verändert sich auch die Art und Weise, wie wir Geschichten erzählen, wie strukturiert und kreativ diese sind und eben wir wir in ihnen mit Zeit umgehen – im Kino wie auch in Fernsehserien und Filmen werden kaum noch lineare Erzählstränge genutzt, während wir die Beschleunigung durch Echtzeiterzählungen im Fernsehen auch dort erleben. Immer mehr, immer schneller. Rasender Stillstand oder die ultimative Möglichkeit sich und alle Facetten der eigenen Persönlichkeit leben zu können, die letztendliche Flow-Erfahrung? Bevor wir uns im zweiten Teil dieses Buches tiefergehend mit unser Kommunikation, Kreativität, Intuition und Timing beschäftigen, möchte ich noch einen Begriff einführen, unter dem all diese Begrifflichkeiten zusammengefasst werden können: Improvisation. Klappen Sie das Buch nun zunächst einmal zu. Verschnaufen Sie ein paar Minuten. Schließen Sie die Augen und lassen Sie ihre Gedanken fließen. Für mich ist es nun erst einmal an der Zeit zu Schweigen. Danach wird vieles anders sein. 10