Your SlideShare is downloading. ×
Geographisches Institut der Universität Bonn
Obersemiar A/B - Katastrophenvorsorge und Natur-Kultur-Interaktionen (WS 2005...
Adrian Pfahlsberger                                           Humanökologie: Inhalt – Ziele – Perspektiven
               ...
Adrian Pfahlsberger                                                  Humanökologie: Inhalt – Ziele – Perspektiven
        ...
Adrian Pfahlsberger



               „Der Mensch hat die Fähigkeit, vorauszublicken und vorzusorgen, verloren.
          ...
Adrian Pfahlsberger



 Durch diese Tendenz der Ökologisierung wurden Teilbereiche verschiedenster
 Wissenschaftszweigen g...
Adrian Pfahlsberger



                      Zeit          Disziplin              Vertreter               Konzepte
       ...
Adrian Pfahlsberger


         •    SHE (Society for Human Ecology) www.societyforhumanecology.org/index.html

    Human e...
Adrian Pfahlsberger




 Bisher hat die ungesteuerte Evolution des Forschungsfeldes jedoch nicht zu einer
 übergreifenden ...
Adrian Pfahlsberger




       2.1. Das Konzept der Gesellschaftlichen Naturverhältnisse

 Das komplexe und dynamische 'Be...
Adrian Pfahlsberger




       3. Gesellschaftlicher Stoffwechsel und Kolonisierung von Natur

  “The realm of the born –a...
Adrian Pfahlsberger



 in verdauliche Nahrungsprodukte rückverwandeln (in Jäger- und Sammlergesellschaften,
 sowie einfac...
Adrian Pfahlsberger



 Mensch, erhält einen "Doppelcharakter", der in der Literatur auch oft als Hybrid bezeichnet
 wird....
Adrian Pfahlsberger



       Natur ist daher die materielle Umwelt der Gesellschaft, also eine Restgröße. Natur ist
     ...
Adrian Pfahlsberger



 Die Entwicklung der Informationstheorie und damit die Grundlage der modernen
 Computertechnik war ...
Adrian Pfahlsberger



       6. die Welternährung

 Das 20.Jahrhundert zerfällt umwelthistorisch in zwei Phasen: Die Zeit...
Adrian Pfahlsberger



 unser Klima, unsere Atemluft und damit unsere Gesundheit und es kommt zu saurem Regen
 und Waldste...
Adrian Pfahlsberger



 Abschliessend noch ein paar Worte und Fakten zum Welternährungsproblem. Wenngleich
 über dreißig L...
Adrian Pfahlsberger



 kulturelles Erbe können wir zukünftigen Generationen hinterlassen? Lässt sich soziale
 Nachhaltigk...
Adrian Pfahlsberger



 Solche Grenz- oder Eingriffswerte sind Konventionen in die unsere normativen Urteile
 einfliessen....
Adrian Pfahlsberger



  Mensch muss somit über Konzepte verfügen, mit diesem so nicht erwarteten umzugehen,
  jene der re...
Adrian Pfahlsberger



 erkenntnistheoretischen Sinne soll dieses Konzept konsistent sein und über ein möglichst
 sinnvoll...
Adrian Pfahlsberger



 Die Dynamik sozialer und bio-physikalischer Veränderungen erfordert
 Kommunikationsformen, die ein...
Adrian Pfahlsberger



      •     das Aufeinanderbeziehen und Koordinieren unterschiedlicher Interessen und
            A...
Adrian Pfahlsberger




 Abschliessend soll ein Weg der Annäherung an Naturphänomene und auch deren
 Beschreibung in der W...
Adrian Pfahlsberger



 können, zu befreien. Hierbei ist die Form der Annäherung entscheidend. Um besser mit Natur
 'kommu...
Adrian Pfahlsberger



 unter dem Eintrag Erde ('di') finden sich Berge, Hügel, Felsen, Steine, Ströme, Schluchten,
 Seen ...
Adrian Pfahlsberger                                      Humanökologie: Inhalt – Ziele – Perspektiven


 10. Literatur

  ...
Upcoming SlideShare
Loading in...5
×

Humanökologie_Pfahlsberger

2,373

Published on

Published in: Education
0 Comments
0 Likes
Statistics
Notes
  • Be the first to comment

  • Be the first to like this

No Downloads
Views
Total Views
2,373
On Slideshare
0
From Embeds
0
Number of Embeds
0
Actions
Shares
0
Downloads
0
Comments
0
Likes
0
Embeds 0
No embeds

No notes for slide

Transcript of "Humanökologie_Pfahlsberger"

  1. 1. Geographisches Institut der Universität Bonn Obersemiar A/B - Katastrophenvorsorge und Natur-Kultur-Interaktionen (WS 2005/06) Leitung: Prof. Dr. R. Dikau Humanökologie und Soziale Ökologie Inhalte – Ziele – Perspektiven Autor: Adrian Pfahlsberger
  2. 2. Adrian Pfahlsberger Humanökologie: Inhalt – Ziele – Perspektiven Oberseminar A/B: Katastrophenvorsorge und Natur-Kultur-Interaktionen (WS 2005/06) Leitung: Prof. Dr. R. Dikau "Der Mensch hat eine Geschichte, da er die Natur verändert. Und diese Fähigkeit gehört zur Natur des Menschen. Der Gedanke ist, dass von allen Kräften, die den Menschen bewegen und ihn neue Gesellschaftsformen erfinden lassen, die bedeutendste Kraft; seine Fähigkeit ist, sein Verhältnis zur Natur zu verändern, indem er die Natur selbst verändert." Maurice Goudelier Einleitung In dieser Arbeit sollen wichtige inhaltliche Konzepte sowie sozial-ökologische Ziele und Perspektiven zu einer nachhaltigen Entwicklung unserer Gesellschaft behandelt und einführend erläutert werden. Die Humanökologie bzw. Soziale Ökologie lässt sich einer neuartigen Form von Wissenschaft zuordnen, die dem Prinzip einer transdisziplinären Forschungspraxis folgt. So wird Wissen hierbei aus verschiedensten Disziplinen, wie Soziologie, Geografie, Geschichte, Ökologie, Philosophie, Psychologie aber auch Technik und Architektur, zunächst gesammelt und dann je nach Forschungsobjekt oder -projekt miteinander verknüpft und integriert, um zu neuem interdisziplinärem Wissen zu gelangen. Dies geschieht auch oft in Verbindung mit nicht-wissenschaftlichen Interessengruppen und Akteuren um eine möglichst praktische bzw. alltagspragmatische Tauglichkeit zu gewährleisten. Es soll zunächst kurz auf die Wurzeln und die Entwicklung der sozial-ökologischen Forschung seit den zwanziger Jahren des 20. Jahrhunderts eingegangen werden. Danach sollen der Forschungstyp und wichtige inhaltliche Begriffe und Konzepte geklärt und beschrieben werden. Darauf aufbauend werden einige ökologische Krisenphänomene unseres 'post-modernen' Planets genannt, welche eine große Herausforderung an eine integrative und transdisziplinäre Forschung stellen; besonders in einer heute immer noch so schwer vorhersagbaren und von einer wachsenden Anzahl an Jahrhundertereignissen heimgesuchten Welt. Wichtige Fragen in diesem Zusammenhang der Risikoforschung bzw. des Risikomanagements sind z.B. Kann die physisch-materielle Welt ursächlich auf die soziale Welt einwirken? – Wie können Aspekte wie Natur, Technologie, Umwelt und lokale Kontexte in humangeografische Untersuchungen integriert werden? oder - Mit welchen theoretischen Ansätzen können die Dichotomien zwischen Individuum und Umwelt oder zwischen Kultur und Natur überwunden werden? Zur Beantwortung dieser Fragen sollen zum Schluss sozial-ökologische Perspektiven im Kontext von Nachhaltigkeit, kognitiver Integration und Evaluation thematisiert werden. 10/2005
  3. 3. Adrian Pfahlsberger Humanökologie: Inhalt – Ziele – Perspektiven Oberseminar A/B: Katastrophenvorsorge und Natur-Kultur-Interaktionen (WS 2005/06) Leitung: Prof. Dr. R. Dikau Inhalt Einleitung 1.) Zur Geschichte einer neuen Wissenschaft ...........................…..………………………1 2.) Sozialökologie als neuer Forschungstyp .……………………………………………… 4 2.1. Das Konzept der gesellschaftlichen Naturverhältnisse .…………………… 6 3.) Gesellschaftlicher Stoffwechsel und Kolonisierung von Natur .……………………… 7 3.1. Begriffsverständnis .……………………………………………………………..…. 7 3.2. Theoretische Konzepte und Anschlussfähigkeit .…………………………… 8 3.3. Der Verlust der Planbarkeit .………………………………………………10 4.) Ökologische Krisenphänomene der Neuzeit .……………………………………….....11 5.) Sozial-Ökologische Perspektiven und Nachhaltigkeit .………………………………..14 5.1. Partizipationsforschung und nachhaltige Entwicklung .……………………18 5.2. Kognitive Integration und Evaluation ..……………………………………19 6.) Mit Natur reden – statt über sie .…………………………………………………………20 7.) Fazit .………………………………………………………………………………………..23 Literatur …......................................................................................................................24
  4. 4. Adrian Pfahlsberger „Der Mensch hat die Fähigkeit, vorauszublicken und vorzusorgen, verloren. Er wird am Ende die Erde zerstören.“ Albert Schweitzer 1. zur Geschichte einer neuen Wissenschaft Die Humanökologie bzw. Soziale Ökologie ist eine neuartige wissenschaftliche Disziplin, dessen Ursprung in der ebenfalls noch relativ jungen Wissenschaft der Ökologie begründet liegt. Die Ökologie wurde im Jahre 1866 von E.HÄCKEL als Denkkonzept begründet. Es dauerte relativ lang bis das Ökologiekonzept HÄCKELs zu einer eigenständigen biologischen Teildisziplin weiterentwickelt wurde. Ökologische Gesellschaften wurden erst ab 1913, zunächst in England und USA gegründet. In den 1920er Jahren kam es zu einem ersten Höhepunkt in der Rezeption des Ökologiekonzepts. Eine wichtige Quelle der Inspiration war dabei die Klimax- und Sukzessionsforschung, die sich mit der zeitlichen Entwicklung von Pflanzengesellschaften befasst. Mit den Konzepten Dominanz und Invasion boten diese Arbeitsrichtungen der Bioökologie gleichsam die Basismetapher für die Sozialökologie der "Chicagoer Schule". Hier fand erstmals eine direkte Übertragung von Elementen des naturwissenschaftlichen Ökologiekonzepts auf die Sozialwissenschaften statt. Nach dieser sozialwissenschaftlichen Neuinterpretation des Ökologiekonzepts in den 1920er und 1930er Jahren setzte dann in den verschiedenen Wissenschaften vom Menschen ein Prozess ein, den man als eine erste Ökologisierung des wissenschaftlichen Denkens bezeichnen könnte. In nahezu allen Humanwissenschaften lassen sich Einzelansätze erkennen, dessen Vertreter überzeugt waren, Fragestellungen des eigenen Faches durch den Einsatz ökologischer Konzepte angemessener behandeln zu können. Dabei kam es bald zu ersten interdisziplinären Vernetzungen und Querverbindungen zwischen den ökologisch orientierten Arbeitsbereichen. Man kann diese Ökologisierung auch als Bestreben der Einzelwissenschaften ansehen, ihre spezifischen Fragestellungen auf eine stärker ganzheitlich orientierte und übergreifende Weise zu formulieren. Ein typisches "Ökologisierungsprodukt" war z.B. der Forschungsansatz der Tragfähigkeitsstudien. In der Medizin entdeckte man im Rahmen epidemiologischer Studien, dass die physische und soziale Umwelt des Menschen ein bedeutsamer pathogener Faktor ist. In der Anthropologie bildete sich als eigenständige Forschungsrichtung die Kulturökologie, die seit den 1950er Jahren besonders durch das Kulturkernkonzept (1955) von J.STEWARD und die Erforschung der Beziehung "indigener"/"primitiver" Kulturen zu ihrer natürlichen Umwelt Berümtheit erlangte. Zudem ist der kulturmaterialistische Ansatz eines M.HARRIS zu nennen, der davon ausgeht das Verschiebungen im spezifischen Gefüge: Produktion- Ressourcen-Reproduktion Nachhaltigkeitsprobleme erzeugt. Besonders intensiv war die Ökologisierung in der Psychologie ausgeprägt. Es entstanden gleich mehrere Neuansätze: die "ökologische Psychologie" von R.G. BARKER (1968), die Ökologische Wahrnehmungstheorie von J.GIBSON (1979) und die Umweltpsychologie. 1
  5. 5. Adrian Pfahlsberger Durch diese Tendenz der Ökologisierung wurden Teilbereiche verschiedenster Wissenschaftszweigen gleichsam ökologisch überprägt (Abb.1). Dabei wird der Begriff der Humanökologie zur Charakterisierung des Arbeitsfeldes verwendet(Abb.2). Abb.1: Ökologisierung der Humanwissenschaften Abb.2: Stellung der Humanökologie Quelle: Weichhart (2005): http://homepage.univie.ac.at/peter.weichhart/Homepage/Forschung/HumEc/HumanoekologieAbb.gif Die Situation ändert sich als in den 1960er Jahren das sogenannte "Umweltproblem" als generelles gesellschaftliches Problem wahrgenommen wurde und in der öffentlichen und politischen Diskussion plötzlich einen hohen Stellenwert erhielt. Als symbolischer Ansatzpunkt für die Ausdifferenzierung einer auch institutionell greifbaren Humanökologie wird immer wieder R.CARSONs Buch "Der stumme Frühling" (1962) genannt, dass auch für die Entwicklung der "politischen Ökologie" (also der verschiedenen Grünbewegungen ) und der neueren Naturschutzbewegungen eine wichtige Rolle spielte. Die ausgehenden 1960er und der Beginn der 1970er Jahre können somit als Gründerzeit einer Institutionalisierung und Konsolidierung der Humanökologie angesehen werden. In jener Zeit tauchte erstmals die Idee einer bewussten und gezielten Vernetzung, Interdisziplinarisierung und fachlichen Integration der beteiligten Wissenschaften auf. Im Jahre 1974 legte G.L.YOUNG einen umfassenden Forschungsbericht zum Thema vor, in dem er die historischen Verbindungslinien zwischen den Arbeiten der 1920er Jahre und dem Neubeginn Ende der 1960er Jahre herausarbeitete. Anschliessend begann man damit die Humanökologie als eigenständiges Forschungsfeld zu etablieren, in dem man genuin humanökologische Denkmodelle, Terminologiesysteme und Theorieansätze entwickelte. Allerdings war den beteiligten Akteuren klar, dass dieses Fach nicht auf die gleiche Weise organisatorisch strukturiert werden könne wie alle anderen wissenschaftlichen Fächer und es kam auch niemand auf die Idee sie gar als übergreifende Universalwissenschaft zu konzipieren. Durch das Entstehen interdisziplinärer Organisationen, die mit dem ausdrücklichen Ziel gegründet wurden, bei der Erforschung von Mensch-Umwelt- Interaktionen Fachgrenzen zu überschreiten, konnten dabei vorhergehende Defizite zunehmend abgebaut werden. Im Folgenden sollen in einer Tabelle die zeitliche Entwicklung führender Vertreter verschiedener Konzepte, sowie die Entstehung der wichtigsten Vereinigungen und Institutionen, schematisch zusammengefasst werden. Tabelle 1: Paradigmenwandel und Vertreter der Humanökologie/Sozialen Ökologie (eigene Zusammenstellung) 2
  6. 6. Adrian Pfahlsberger Zeit Disziplin Vertreter Konzepte 1866 E.HÄCKEL Wechselbeziehungen Ökologie 1909 J. von ÜXKÜLL aller Organismen Natur; Bevölkerung; R.PARK Materielle & immaterielle Kultur "Chicagoer Schule" 1920 Sozialökologie Symbiose, Dominanz, E.W. BURGESS Sukzession, Invasion, R. McKENZIE Segregation -Ökologisierung- 1930 Humanökologie C.W.THORNTHWAITE Interdisziplinarität M.SAHLINS Determinismus vs. Possibilismus L.WHITE 1950 Kulturökologie J.STEWARD Kulturkernkonzept M.HARRIS Kulturmaterialismus "Umweltproblem" 1960 Soziale Ökologie "Eco-racism" G.YOUNG - Ökologische R.G.BARKER Wahrnehmungstheorie 1970 Psychologie J.GIBSON R.CARSON 1980 Politische Ökologie R.BAHRO "Grünbewegung" - naturwissenschaftlich P.EHRLICH IPAT-Modell 1990 - BOYDEN Gefährdung der ökologische Ökosysteme Humanökologie heute Geographie als ZEV NAVEH Total Human Ecology P.WEICHHART Landschaftsökologie Humanökologie D.STEINER Akteursnetzwerktheorie I n B.L.TURNER Globalisierung s Global-Change- P.RASKIN globale Szenarien t Forschung K.KELLY i t u Institutionen t • iIFF (Institut für Interdisziplinäre Forschung ung Fortbildung) der Universitäten Wien, o Klagenfurt, Graz und Innsbruck, Abt. Soziale Ökologie www.iff.ac.at/socec/ • n ISOE (Institut für Sozial-Ökologische Forschung) www.isoe.de • a DGH (Deutsche Gesellschaft für Humanökologie) www.dg-humanoekologie.de • lHÖZ (Humanökologisches Zentrum) der TU Cottbus www.sozum.tu-cottbus.de/Hoez/main.html • SAGUF (Schweizer Akademische Gesellschaft für Umweltforschung und Ökologie) i www.saguf.scnatweb.ch s • "Arbeitsgruppe Humanökologie" der ETH Zürich unter der Leitung D.Steiners ( aufgelöst ) • iHuman Ecology Department der FU Brüssel www.vub.ac.be/MEKO e • Abt. Humanökologie der Uni Göteborg • rCHEC (Commonwealth Human Ecology Council) www.chec-hq.org • u EDRA (Environmental Design Research Asociation) www.edra.org n g 3
  7. 7. Adrian Pfahlsberger • SHE (Society for Human Ecology) www.societyforhumanecology.org/index.html Human ecology "must involve cooperation of geography, sociology, demography, anthropology, social psychology, economics and other natural sciences as well [...]. Human ecology can (not) be a subdivision of sociology or anthropology [...]. The development of human communities and the interrelations of these communities with the totality of the environment is the concern of human ecology." C.W. Thornthwaite 2. Sozialökologie als neuer Forschungstyp Seit nunmehr etwa fünf Jahren fördert das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) sozial-ökologische Forschungsprojekte. In einem 'Rahmenkonzept' wird dabei beschrieben was unter Sozialer Ökologie zu verstehen ist und welche Themen und Probleme im Zentrum der Forschung stehen sollen. Dieses 'Rahmenkonzept' basiert auf einem Gutachten des Instituts für sozial-ökologische Forschung (ISOE) – und dieses wiederum auf langjährigen Forschungserfahrungen, seit dessen Gründung im Jahre 1989. Doch die Arbeiten des ISOE bilden nur ein Segment in einem dynamischen, inzwischen recht heterogenen Forschungsfeld. Die Konturen des Feldes der sozial-ökologischen Forschungspraxis treten hervor, wenn man den hier dominierenden Forschungstyp genauer charakterisiert und von anderen abgrenzt; das Schlagwort hierfür ist problemorientierte Forschung. Es ist somit unumstritten, dass die Soziale Ökologie (ähnlich der Umwelt- und Risikoforschung) zu jenem neuen Typus einer transdisziplinären, an gesellschaftlichen Problemen orientierten Forschung gehört, die sich an der Schnittstelle von Wissenschaft, Politik, Wirtschaft und Öffentlichkeit formiert hat. Sie folgt damit dem Trend, den die Wissenschaftsforschung als Übergang von einer traditionellen disziplinären Wissenschaft (`mode 1´) zu einem neuen Modus der Wissensproduktion (`mode 2´) beschreibt und international diskutiert (BECKER 2003). Diesem neuen Modus werden folgende allgemeine Merkmale zugeschrieben: • Die gesellschaftliche Wissensproduktion findet immer stärker in unterschiedlichen gesellschaftlichen Anwendungskontexten statt. • Er ist auf ausserakademische gesellschaftliche Probleme gerichtet. • Er ist transdisziplinär verfasst und erfolgt somit in vielfältigen vernetzten und heterogenen organisatorischen Formen und in Kooperation von Wissenschaftlern mit unterschiedlichen gesellschaftlichen Akteuren. • Die Forschung wird in bewusster sozialer Verantwortung betrieben • Er entwickelt eine spezifische Reflexivität und eigene Formen der Qualitätskontrolle. 4
  8. 8. Adrian Pfahlsberger Bisher hat die ungesteuerte Evolution des Forschungsfeldes jedoch nicht zu einer übergreifenden theoretischen Orientierung und auch nicht zu einer allgemein anerkannten und zentrierenden wissenschaftlichen Problematik geführt und somit bleibt es, auch bei einer eindeutigen Zuordnung zum 'mode 2'-Forschungstypus, polymorph, von grosser Themenvielfalt, von heterogenen theoretischen Ansätzen, methodischen Zugängen und vielfältigen Praxisbezügen und Interessenlagen gekennzeichnet (BECKER 2003). Die Arbeitsdefinition ist in erster Linie die definitorische Fassung eines inhaltlichen Konsenses. In Zusammenarbeit von Wissenschaft und Politik wurde eine Definition des Forschungsfeldes gefunden, die sowohl forschungspragmatisch handhabbar als auch theoretisch interpretierbar ist: "Soziale Ökologie ist die Wissenschaft von Beziehungen der Menschen zu ihrer jeweiligen natürlichen und gesellschaftlichen Umwelt […]. Ziel der Forschung ist es, Wissen für gesellschaftliche Handlungskonzepte zu generieren, um die zukünftige Reproduktions- und Entwicklungsfähigkeit der Gesellschaft und ihrer natürlichen Lebensgrundlagen sichern zu können" aus: Sozial-ökologische Forschung – Rahmenkonzept für einen neuen Förderschwerpunkt. Gutachten des ISOE (1999, S.13). Die Definition impliziert eine komplexe Forschungssituation, und zwar 1. dadurch, dass ein Geflecht von Beziehungen untersucht werden soll; 2. dadurch, dass es sich dabei um Beziehungen zwischen Gesellschaft und Natur handelt, die immer sowohl sozial als auch ökologisch ausgeprägt sind; 3. dadurch, dass die gesellschaftlichen Regulationsformen dieser Beziehungen oft tiefgreifend gestört sind; 4. dadurch, dass die Regulation der Beziehungen zwischen Gesellschaft und Natur für die Reproduktions- und Entwicklungsfähigkeit der Gesellschaft und ihrer natürlichen Lebensbedingungen als entscheidend angesehen werden (BECKER 2003). Die Explikation der einzelnen Bestimmungen und deren begriffliche Fassung ist auf verschiedene Weise möglich, so wird die Humanökologie definitorisch ganz nahe an die Soziale Ökologie herangerückt: "Die Humanökologie ist eine neuartige wissenschaftliche Disziplin, deren Forschungsgegenstand die Wirkungszusammenhänge und Interaktionen zwischen Gesellschaft, Mensch und Umwelt sind. Ihr Kern ist eine ganzheitliche Betrachtungsweise, die physische, kulturelle, wirtschaftliche und politische Aspekte einbezieht." aus: Humanökologie. Ursprünge-Trends-Zukünfte. SERBSER (2004) Das schwierigste Problem innerhalb der sozial-ökologischen Forschung versteckt sich in der Frage: Was bedeutet es epistemologisch und ontologisch, Beziehungen zwischen Gesellschaft und Natur zu untersuchen? Die Forschung richtet sich dann nämlich nicht auf voneinander unabhängige Dinge, sondern auf Relationen, die eine problematische Existenzform besitzen. Mit dem Konzept der gesellschaftlichen Naturverhältnisse, dass im folgenden näher skizziert werden soll, hat sich hierfür eine begriffliche Form ausgearbeitet. 5
  9. 9. Adrian Pfahlsberger 2.1. Das Konzept der Gesellschaftlichen Naturverhältnisse Das komplexe und dynamische 'Beziehungsgeflecht' von Gesellschaft, Mensch und Natur wird vielfach mittels einer metaphorischen Sprache beschrieben: Stoffwechsel zwischen Mensch und Natur; gesellschaftlicher Metabolismus sind Beispiele hierfür. Mit dem Terminus 'gesellschaftliche Naturverhältnisse' des ISOE lässt sich das Objekt der Forschung allgemeiner bezeichnen und zugleich eingrenzen. Das ISOE bezeichnet mit diesem Begriff zusammenfassend das Geflecht der vermittelnden Beziehungen und Verhaltensformen zwischen Individuen, Gesellschaft und Natur sowie die sich darin herausbildenden Muster. In jedem Fall handelt es sich um historisch variable Beziehungen, die in unterschiedlichen Handlungsbereichen sowohl zur "äußeren" Natur als auch zur "inneren" Natur der Individuen aufgebaut werden. Das Konzept wurde nicht aus einem allgemeinen Prinzip hergeleitet, sondern rekursiv mit empirischen Studien über konkrete ökologische Krisenphänomene entwickelt. Betrachtet man die Formen und Praktiken, in und mit denen Gesellschaften ihr Verhältnis zur Natur stofflich regulieren und kulturell symbolisieren, dann wird deutlich, dass es so etwas wie 'basale Naturverhältnisse' gibt, welche gewissermaßen anthropologisch vorbestimmt aber hochgradig kulturell geprägt sind. Sie entsprechen weitgehend jenen Grundbedürfnissen, ohne deren ausreichende Befriedigung menschliches Leben nicht möglich ist: Wie andere Lebewesen auch, brauchen die Menschen Nahrungsmittel und Wasser, Schutz vor Hitze, Kälte und Feinden, Möglichkeiten der Fortbewegung und der Fortpflanzung. Gegenüber anderen Lebewesen zeichnen sich Menschen durch Arbeit und Produktion einerseits, sowie Möglichkeiten zur kulturellen Symbolisierung andererseits aus. Deshalb ist das Spektrum basaler Naturverhältnisse breiter als die biologischen Lebensfunktionen. Deren Regulierung ist sowohl für die individuelle als auch für die gesellschaftliche Reproduktion unverzichtbar. Dabei spielen Arbeit und Produktion einerseits und Sexualität und Fortpflanzung andererseits eine besondere Rolle, denn ohne sie wäre die Evolution des gesellschaftlichen Lebens nicht möglich. Deshalb bestimmen deren Regulationsordnungen die Formen in denen gesellschaftliche Naturverhältnisse reguliert werden. Sie begrenzen quasi den Raum möglicher Regulationsweisen. Produktions- und Geschlechterverhältnisse sind in diesem Sinne strukturierende Verhältnisse. Die Frage, wie Störungen der Regulationsformen gesellschaftlicher Naturverhältnisse begriffen, empirisch untersucht und mathematisch modelliert werden können, kennzeichnet die wissenschaftliche Problematik der sozial-ökologischen Forschung. Eine derartig komplexe Problematik lässt sich nur bewältigen, wenn unterschiedliche Problemwahrnehmungen, Wissensbestände, Methoden und Praktiken von Akteuren aus verschiedenen sozialen Zusammenhängen und wissenschaftlichen Disziplinen aufeinander bezogen und miteinander verknüpft werden. Die bisherigen theoretischen Versuche greifen entweder alle mehr oder weniger stark auf die Tradition der Kritischen Theorie zurück oder sie benutzen systemwissenschaftliche Konzepte. In der methodischen Dimension rücken hierbei kognitive und soziale Integrationsprobleme ins Zentrum der Forschung. Im ISOE werden derzeit gesellschaftliche Naturverhältnisse als stark gekoppelte sozio-ökologische Systeme beschrieben und versucht zu modellieren und es wird hier v.a. auf die neuere Komplexitätsforschung zurückgegriffen (BECKER 2003). 6
  10. 10. Adrian Pfahlsberger 3. Gesellschaftlicher Stoffwechsel und Kolonisierung von Natur “The realm of the born –allthat is natural- and the realm of the made-all that is humanly constructed- are becoming one. Machines are becoming biological and the biological is becoming engineered.” Kevin Kelly Immer stärker greifen Gesellschaften in Lebensprozesse ein, um sich natürliche Systeme nutzbar zu machen. Während so die Möglichkeiten zur technischen Beherrschung der Natur zunehmen, werden die Folgeprobleme gleichzeitig immer augenfälliger und immer weniger abschätzbar. Das bisher anschaulichste und populärste Symbol für die technische Beherrschbarkeit der Natur trägt ein Fell und hat den Namen Dolly. Die mediale Aufregung war groß, bot doch Dolly einen Anlaß, v.a. auch in der Öffentlichkeit, Chancen und Risiken der Biotechnologie zu thematisieren. Doch Dolly markiert nur einen Meilenstein in einem kontinuierlichen Prozess, der darauf abzielt, tiefer und tiefer in natürliche Systeme einzugreifen, diese technologisch zu überformen und letztlich einen größtmöglichen Nutzen aus ihnen zu ziehen (HABERL 1998). Vor allem solche bio-technologischen Errungenschaften machen uns auf eine Entwicklung aufmerksam, die in ihren Grundzügen schon vor über 10.000 Jahren, also zur neolithischen Revolution, begonnen hat; zu dieser Zeit kam es zu dem Übergang von zwei grundsätzlich verschiedenen Formen der Wechselwirkung zwischen Gesellschaften und ihrer natürlichen Umwelt: von der Wirtschaftsweise der Jäger- und Sammlergesellschaften zu jener der Ackerbaugesellschaften. Im Folgenden sollen nun anhand der durch mehrjährige gemeinsame Arbeit des Wiener Teams Soziale Ökologie des Instituts für interdisziplinäre Forschung und Fortbildung (IFF) entstandenen und gereiften Theorien des gesellschaftlichen Stoffwechsels (oder Metabolismus) und der Kolonisierung, Kernbegriffe erklärt, sowie die wichtigsten einführenden konzeptualen Ansätze und Trends herauskristallisiert werden. 3.1. Begriffsverständnis Der erste Begriff, gesellschaftlicher Stoffwechsel hat seine Wurzeln bei MARX, der Arbeit als Bewerkstelligung des Stoffwechsels zwischen Mensch und Natur beschreibt. Moderner ausgedrückt geht gesellschaftlicher Stoffwechsel von Gesellschaft "als offenem System, das aus der Biosphäre Ressourcen aufnimmt, diese transformiert und wieder an die Biosphäre abgibt" aus (FISCHER-KOWALSKI, 2003). Gesellschaftlicher Metabolismus ist etwas historisch Variables; SIEFERLE spricht von sozial- metabolischen Regimes, die man bestimmten Subsistenzweisen zuschreiben kann. Man kann diese auch quantifizieren in Tonnen und in Joule, sowie in Materialqualitäten auf der Input- und Outputseite. Im einfachen Fall, "basic metabolism", bleibt die Gesellschaft im wesentlichen auf die naturalen Prozesse angewiesen, die ihre Ausscheidungsprodukte wieder in irgendeiner Form 7
  11. 11. Adrian Pfahlsberger in verdauliche Nahrungsprodukte rückverwandeln (in Jäger- und Sammlergesellschaften, sowie einfachen Agrargesellschaften). Der "extended metabolism" hingegen hat sich dem Problem der Knappheit, das dem "basic metabolism" eigen ist, entledigt, indem er Ressourcen von ausserhalb der Biosphäre hereinholte, v.a. fossile Brennstoffe, dann aber die Abprodukte an die Biosphäre abgibt (in Industriegesellschaften). Daher bewältigt dieser (zumindest vorübergehend) die Knappheitsprobleme, die es vorher gab, generiert dafür aber "Verschmutzungsprobleme". Abb.3: Der Zusammenhang von Ökologie und Ökonomie Quelle: Bundeszentrale für politische Bildung (www.bpb.de/ files/59WIAR.jpg) Der zweite Begriff Kolonisierung beschreibt "dauerhafte und intendierte Beeinflussungen naturaler Prozesse durch die Gesellschaft als Vorleistung für die Befriedigung gesellschaftlicher Ansprüche" (FISCHER-KOWALSKI, 2003). Die Bezeichnung orientiert sich an colonus (lat. für Bauer) und es handelt sich nicht um einen wertenden, sondern einen analytischen Begriff. Er besagt, dass Gesellschaft in einer hartnäckigen und gezielten Anstrengung naturale Systeme verändert in kolonisierte Systeme, oder anders gesagt, bestimmte Parameter der naturalen Prozesse verändert, um bestimmte Leistungen von diesen Systemen zu bekommen. Kolonisierung richtet sich folglich immer auf eine Art Widerstand. Die kolonisierten Systeme sind im Ergebnis immer fragiler als die naturalen Systeme, aus denen sie hervorgehen und tendieren zur Renaturierung, z.B. durch die natürliche Sukzession von Pflanzenarten. Die Kolonisierung der Natur steht hierbei in einem engen Zusammenhang mit den materiellen und energetischen Austauschprozessen einer Gesellschaft mit ihrer natürlichen Umwelt, eben dem gesellschaftlichem Stoffwechsel. 3.2. Theoretische Konzepte und Anschlussfähigkeit Es soll nun die konzeptionelle Beschreibung eines 'Makromodells der Interaktionen sozialer mit natürlichen Systemen' skizziert werden, dass Gesellschaft in einem Überlappungsbereich von naturalen und kulturalen Wirkungen positioniert. Gesellschaft und somit auch der 8
  12. 12. Adrian Pfahlsberger Mensch, erhält einen "Doppelcharakter", der in der Literatur auch oft als Hybrid bezeichnet wird. Es lassen sich hieraus metabolische Interaktionen beschreiben, die im Austausch von Materie und Energie bestehen; als deren Vorraussetzung dienen kolonisierende Interventionen, mittels derer Gesellschaften naturale Systeme dauerhaft in einem erwünschten Zustand zu halten streben (FISCHER- KOWALSKI, 2003). Das Modell soll Angemessenheit sowohl am kategorialen Rahmen natürlicher Systeme, als auch am kategorialen Rahmen sozialer Systeme zeigen. Es soll zudem epistemiologisch konsistent, interdisziplinär anschlussfähig und interkulturell und zeitlich vergleichbar sein. Das heisst zusammenfassend, dass dieses Konzept eine gute Basis ist von etwas wie Ko-Evolution sozialer und natürlicher Systeme zu reden. Dies kann grafisch in die Form einer "mind-map" zur Sozialen Ökologie gebracht werden (Abb.4). Umweltprobleme bzw. Probleme einer nachhaltigen Entwicklung entstehen durch bestimmte physische Interaktionen zwischen sozialen und natürlichen Systemen; hieraus ergibt sich ein zentrales Erkenntnisinteresse: Wie kann man physische Interaktionen zwischen rezenten und historischen Gesellschaften und ihren materiellen Umwelten theoretisch und empirisch beschreiben? Abb.4: Mind-Map Soziale Ökologie Quelle: FISCHER-KOWALSKI (2004) In: SERBSER (2004): Humanökologie. • Verhältnis Gesellschaft-Natur: In der systemtheoretisch orientierten Sozialwissenschaft wird Gesellschaft als ein selbstrefenzielles System beschrieben, dass seine eigenen Grenzen generiert. Somit betrachten wir Gesellschaft als ein System, das sowohl symbolische als auch materielle Teile enthält, die sich funktionell von der Umwelt abgrenzen: 1. Das Symbolische durch Kommunikation (siehe LUHMANN) 2. Das Materielle durch das Ausmaß der gesellschaftlichen Kontrolle über materielle und energetische 'stocks and flows' (siehe FISCHER-KOWALSKI & SIEFERLE) 9
  13. 13. Adrian Pfahlsberger Natur ist daher die materielle Umwelt der Gesellschaft, also eine Restgröße. Natur ist einfach "Nicht-Gesellschaft" und somit ein anthropozentrischer, vorgeformter und vorbelasteter Begriff. Unser Bild von Natur ist von Naturwissenschaft und Technik derart geprägt, dass Erklärungs- durch Handlungs- und Konstruktionsmodelle ersetzt werden. Indem die Gesellschaft versucht, Wissen über die Natur zu erlangen, schafft sie sich ihre Natur – Natur bestimmt durch die gesellschaftliche Praxis. • Verhältnis Gesellschaft-Technik/Technologie: Der konkrete Metabolismus einer Gesellschaft und die Art und Weise, wie Gesellschaften ihre natürliche Umwelt kolonisieren, werden durch eine Reihe sozialer wie naturaler Parameter beeinflußt. Technologie, als die Verschmelzung von Technik und Wissenschaft, Praxis und Wissen, ist einer dieser Parameter; weitere wären Ressourcenverfügbarkeit, Produktionsverhältnisse, Populationsgröße oder Arbeitsteilung. Gesellschaften sind charakterisiert durch Macht- und Kommunikationsstrukturen. Beide unterliegen momentan einem rasanten Prozess der Maschinisierung, d.h. menschliche Leistungen, die Gesellschaft formieren, werden auf Maschinensysteme ausgelagert. Der Kommunikations- und Medienbereich ist eine technische Domäne; maschinelle Warenwirtschaftssysteme, die die Produkt- und Geldströme kontrollieren, sind keine Utopien mehr. Es sind Technologien, die über das Funktionieren globaler Finanzmärkte entscheiden. In einer Welt unterschiedlichster Wertvorstellungen und Lebensstile bleibt die Technologie das einzige stabile Band, das die Menschen auf der Erde verbindet (WEISZ&KOTZMANN 1998). Die Technologie ist das gesellschaftskonstituierende Element unserer Gesellschaft, der technologischen Zivilisation. In der technologischen Zivilisation werden folglich gleichzeitig Freiräume und Zwänge für gesellschaftliche Entscheidungen geschaffen. 3.3. Der Verlust der Planbarkeit “For the world of our own making has become so complicated that we must turn to the world of the born to understand how to manage it.[...] Our future is technological; but it will not be a world of gray steel. Rather our technological future is headed toward a neo-biological civilization.” Kevin Kelly Heute zeichnet sich ein neuer Schub an Kolonisierung ab: Der Aufschwung der biochemischen, biologischen und ökologischen Forschung eröffnet immer neue Perspektiven des Eingriffs in Lebensprozesse. Diese können auf allen möglichen Massstabsebenen auftreten und reichen vom Genom, der DNA bis hin zum Versuch globaler Eingriffe in biochemische oder meteorologische Zyklen. Sie betreffen nicht nur die Produktion neuer Materialien oder Ressourcen, sondern dienen der Schaffung von Infrastruktur und inzwischen sogar der Beseitigung von Endprodukten des gesellschaftlichen Stoffwechsels. Neben der Gentechnologie gibt es einen zweiten Bereich technologischen Entwicklung, der das Potential hat, die gesellschaftliche Organisation und die wirtschaftliche Produktion fundamental zu revolutionieren: die Informationstechnologie. 10
  14. 14. Adrian Pfahlsberger Die Entwicklung der Informationstheorie und damit die Grundlage der modernen Computertechnik war eng mit der genetischen Grundlagenforschung verknüpft, z.B. waren Methoden der Kryptographie, der Wissenschaft von der Entschlüsselung von Geheimschriften, von entscheidender Bedeutung für die Entzifferung des genetischen Codes. Der US-amerikanische Computerexperte Kevin Kelly stellte in seinem vielbeachteten Buch "Out of Control" die These auf, dass der Unterschied zwischen der Biosphäre, der Welt des Geborenen, und der Technik, der Welt des Gemachten, immer kleiner werde. Kelly prophezeit, dass Computerprogramme und andere, ähnlich komplexe technische Systeme, in Zukunft nicht mehr durch bewusste Planung, sondern eher durch eine Art "Züchtung" entwickelt werden können. (HABERL 1998) Die Wechselwirkungen zwischen Gesellschaft und Natur werden auf diese Weise immer komplizierter, die Kolonisierung unüberschaubarer und gleichzeitig sinkt die Abschätzbarkeit der Folgewirkungen dieser kolonisierenden Eingriffe. Schon jetzt zeichnet sich ab, dass die Anwendung gentechnischer Methoden in der Landwirtschaft weitreichende gesellschaftliche und wirtschaftliche Folgewirkungen hat, zum Beispiel die wachsende Bedeutung von Saatgutfirmen oder die Entwicklung von integrierten Paketen aus Saatgut mit speziell geeigneten Dünge- und Spritzmitteln. Angesichts solcher tiefreichenden Veränderungen stellt sich auch die Frage nach neuen Interventionsstrategien. Betrachten wir Gesellschaft als ein selbstreferenzielles System, d.h. als ein System, das sich mit sich selbst beschäftigt, das sich auf sich selbst bezieht und sich selbst steuert. Darüberhinaus sind Gesellschaftssysteme in hohem Maße funktionell ausdifferenziert in eine Vielzahl von - wieder selbstrefenziellen – Subsystemen. Jedes dieser Subsysteme hat seine Aufgabe innerhalb der Gesellschaft zu erfüllen. Aufgrund dieser Selbstrefenzialität der Subsysteme ist Steuerung von aussen, d.h. über Systemgrenzen hinweg (z.B. von der Wissenschaft in die Ökonomie) nur beschränkt möglich. Intervention muss deshalb bei gesellschaftlicher Selbstbeobachtung ansetzten. Ein Interventionsansatz ist somit z.B. die Bereitstellung von Umweltinformationen, die mit ökonomischen Überlegungen verknüpft sind (WEISZ&KOTZMANN 1998). Deshalb soll im nächsten Teil dieser Arbeit, auf die wichtigsten Umweltprobleme bzw. ökologischen Krisenphänomene der Neuzeit eingegangen werden, deren transdisziplinäre und v.a. praktische Bewältigung bei aller Grundlagenforschung und Theorienbildung, auch innerhalb der sozial-ökologischen Forschung, leider manchmal zu kurz kommt. 4. Ökologische Krisenphänomene der Neuzeit An dieser Stelle sollen einige ökologische bzw. umweltrelevante Krisenphänomene thematisiert werden, deren Beschleunigungsprozess massgeblich durch die Sesshaftwerdung des Menschen vor ca. 10.000 Jahren einsetzte: 1. die Bevölkerungsentwicklung 2. das Rohstoffproblem 3. die Energieversorgung und die dabei erzeugten Emissionen 4. das Abfallmanagement 5. das Artensterben und die damit verbundene Einschränkung von natürlichen Lebensräumen und 11
  15. 15. Adrian Pfahlsberger 6. die Welternährung Das 20.Jahrhundert zerfällt umwelthistorisch in zwei Phasen: Die Zeit von ca 1850-1950 ist die Phase der Industriegesellschaft. Die Zeit ab 1950 wird als „Konsumgesellschaft“, „postindustrielle Gesellschaft“ oder ähnliches bezeichnet. Wir haben es also mit zwei sozial- ökologischen Sonderfällen zu tun, beide auf Basis fossiler Energie: die erste Phase auf Basis von Kohle, die zweite auf Basis von Erdöl und Erdgas. Um 1800 lebten eine Milliarden Menschen auf der Welt. Nach 130 Jahren erfolgte eine Verdopplung und nach weiteren 45 Jahren bereits die nächste (4 Mia – 1975). 1987 wurde die 5 Milliarden-Grenze erreicht und im Juli 2005 sind es nach CIA – World Factbook2005 6.446.131.400 Menschen. Da der Vorgang des demografischen Übergangs nicht überall gleichzeitig abläuft, wird die Diskrepanz zwischen schnell sinkender Sterberate und langsam sinkender Geburtenrate immer größer, so dass sich das Wachstum während der letzten 200 Jahre immer mehr beschleunigte. Die jährliche Wachstumsrate hat in den frühen 1960er Jahren mit knapp 2% ihren höchsten Wert erreicht und fällt seitdem langsam ab. Etwa 90% des Bevölkerungszuwachses der nächsten Jahrzehnte wird in den Entwicklungsländern stattfinden. Im Rahmen der Prognosen zum Bevölkerungswachstum bzw. der Tragfähigkeitsbeurteilung (sowohl global als auch regional) ist eine wichtige Frage, auf welche Maximalwerte die Weltbevölkerung ansteigen wird und wann dies sein wird. Es scheint immernoch oftmals so, als ob der Mensch, im Fall der nicht-erneuerbaren Rohstoffe, sich schwer tut einzusehen, dass das was heute in scheinbarem Überfluss vorhanden ist, in Wirklichkeit Teil einer begrenzten Ressource ist. In den letzten 20 Jahren hat sich der Zuwachs der Verbrauchsraten zwar geringfügig reduziert, er steigt aber noch an. Ein wichtiger v.a. ökonomischer Aspekt ist die Ergiebigkeit einer Lagerstätte. Zudem ist Wasser ein Rohstoff, dessen Begrenztheit erkennbar wird (siehe Sahel- oder andere klimatologisch-ökologische Übergangszonen). Die wichtigsten, nicht erneuerbaren, fossilen Energieträger sind Kohle (Steinkohle und Braunkohle), Erdöl und Erdgas. Die Kohlenvorräte sind zur Zeit noch relativ umfangreich, die Erdgas- und Erdölvorräte werden jedoch mehr oder weniger Mitte dieses Jahrhunderts gewaltige Knappheitsprobleme aufweisen. Die grössten Erdölvorkommen der Welt sind in Form von Ölsanden und Ölschiefern gebunden, deren Abbau aber teuer und aufwendig ist und zudem gewaltige Umweltbelastungen verursacht. Die Erdölvorräte der USA gehen z.B. seit 1970 zurück. Nachdem die USA bis 1950 Selbstversorger waren, müssen sie seitdem immer mehr Öl importieren, 1990 bereits 50%. Da Erdgas von allen fossilen Energieträgern am schadstoffärmsten ist, wird es heutzutage vermehrt eingesetzt und ersetzt z.T. bereits Erdöl. Die erforderliche Erhöhung der Produktion führt jedoch durch einen beschleunigten Abbau der Vorräte zurück in den Teufelskreis. Die Suche nach alternativen Energieträgern, die eben nicht so schnell erschöpft werden, wie Sonne, Wind, Erdwärme, Biomasse oder Wasser spielt eine immer wichtigere Rolle. Als Massenenergieträger mit einer relativ hohen Energiedichte sind fossile Energieträger aber immer noch leicht gewinnbar und es gibt zudem kaum Lagerprobleme. Desweiteren stellen sie die Ausgangsstoffe für viele chemische Synthesen dar, auf die sich die gesamte Petrochemie stützt und die weltweit einen Anteil von 90% an der Erzeugung organischer Chemikalien hat. Neben landschaftszerstörenden Effekten bei der großtechnischen Gewinnung dieser Energieträger und Unfällen, die sich beim Transport ereignen (z.B. Ölpest), sind die Hauptprobleme bei der Nutzung die dabei freiwerdenden Gase (v.a. CO, SO und NO). In kurzer Zeit werden hohe Schadstoffmengen frei, die davor in geologischen Zeiträumen gebunden wurden. Dies hat vielfältige und äusserst komplexe Auswirkungen auf 12
  16. 16. Adrian Pfahlsberger unser Klima, unsere Atemluft und damit unsere Gesundheit und es kommt zu saurem Regen und Waldsterben. Pro verbrannter Tonne Kohle werden 3,2t Kohlendioxid frei, pro t Erdöl ca. 2,8t. Pro gewonnener Energieeinheit ist die CO2-Emission aus Erdgas jedoch nur halb so groß wie aus Kohle und Erdöl. In der BRD stammt gut 35% des abgegebenen CO2 aus Kraftwerken und etwa 25% werden im Verkehr emittiert. Eine Lösung des CO2-Problems könnte darin bestehen, den durch die Vegetation gebundenen CO2-Anteil zu erhöhen. Ein globales Aufforstungsprogramm könnte bereits innerhalb weniger Jahre Auswirkungen zeigen und gleichzeitig andere Probleme lösen (z.B. Erosion, Desertifikation, Bau- und Brennholzmangel). Gegenwärtig überwiegen global aber noch immer Abholzungen, sodass das CO2-Problem, in Form des globalen Klimawandels durch den verstärkten Treibhauseffekt, eher verschärft wird. Das Abfallmanagement, v.a. die Beseitigung der nicht-verwertbaren Restprodukte unserer ökonomisch orientierten Industrie-/ Konsumgesellschaft, oder jener der 'Entwicklungsländer', spielt bei der anhaltenden Bevölkerungs- und Wirtschaftsentwicklung eine weitere wichtige Rolle. So sind die Abfälle, die im produzierenden Gewerbe (Bauwirtschaft, Industrie, Energiewirtschaft etc.) anfallen, extrem heterogen zusammengesetzt. Je nach Klassifikation werden 1-10% der Industrieabfälle als Sondermüll betrachtet, in den USA und Spanien sogar die Hälfte. Die meisten dieser produktionsspezifischen Abfälle sind ungefährlich bei der Ablagerung, ihr Hauptproblem ist jedoch ihre große Menge. Interessant ist zudem, dass Sondermüll in Deutschland zu knapp 60% von der chemischen Industrie erzeugt wird. Kapazitätsprobleme führen dazu, dass vorhandene Deponien immer schneller gefüllt werden und somit ein wachsender Druck auf die Flächen entsteht, die möglicherweise als Deponie geeignet wären. Bekannt wurde der jahrelange Streit um die weltweit einzigartige Fossilienfundstelle Grube Messel bei Darmstadt, die Deponie werden sollte, so dass paläontologische Forschung nicht mehr möglich gewesen wäre. Ein wichtiges Thema ist auch die Behandlung bzw. Entsorgung von Schwermetallen (v.a. Quecksilber, Cadmium, Blei, Chrom, Kupfer, Zinn und Zink), Bioziden oder radioaktiven Abfällen und ihre Wirkung auf den Menschen. Das Aussterben von Arten ist im Laufe der Evolution ein genauso natürlicher Vorgang wie die Entstehung neuer Arten. Die moderne, durch den Menschen verursachte Vernichtung von Arten zeichnet sich aber durch drei Besonderheiten aus. 1. Einzelne Tiergruppen (z.B. Krokodile, Großkatzen, bestimmte Großsäuger, jagdbares Wild) sind besonders betroffen. 2. Durch den gleichzeitigen Zugriff auf viele Ökosysteme sind ganze Lebensgemeinschaften betroffen. 3. Die Geschwindigkeit dieser Vorgänge ist atemberaubend schnell. V.a. die nacheiszeitliche Expansionsphase des Menschen ist mit einem schnellen und gleichzeitigen Aussterben vieler Großsäuger verbunden. Der Ausrottungsprozess hielt aber auch danach an und läuft derzeit sogar mit höherer Geschwindigkeit weiter. Jagd zum Nahrungserwerb spielt keine so grosse Rolle mehr, oft werden einzelne Arten aus Tradition gezielt bejagt (z.B. Meeresschildkröten, Frösche etc.). Häufig sind die Felle oder Häute der Tiere, v.a. wenn diese selten sind, begehrt (Großkatzen, Schlangen, Krokodile). Einige Tiere werden aus recht mystischen Gründen bejagt, meist um bestimmte Wundermittel (z.B. gegen Krebs, Aphrodisiaka o.ä.) herzustellen. Die Trophäenjagd, der Tierhandel und das Sammeln tragen zur Auslöschung von lokalen Populationen, aber auch von Arten noch weiter bei. Mag die Bedrohung einer großen Tierart auch spektakulär sein, der überwiegende Teil des Artensterbens wird durch die Vernichtung oder Umgestaltung ganzer Lebensräume verursacht. 13
  17. 17. Adrian Pfahlsberger Abschliessend noch ein paar Worte und Fakten zum Welternährungsproblem. Wenngleich über dreißig Länder den Bevölkerungsanteil der Unterernährten um über 25% senken konnten, sind die globalen Bemühungen zur Bekämpfung von Hunger und Unterernährung in den Entwicklungsländern mit Blick auf die Millennium- Entwicklungsziele bisher nicht ausreichend. Die Situation in Afrika zeigt, dass zunehmend Unruhen und Kriege zu chronischem Hunger führen. Von den 852 Mio. Hungernden weltweit in 2000/2002 leben 815 Mio. in den Entwicklungsländern, 28 Mio. in Ländern mit im Übergang befindlichen Wirtschaftssystemen und 9 Mio. in Industriestaaten. Der Großteil der Nahrungsmittelnotfälle in 2003/2004 lag in Afrika und betraf lang andauernde Krisen von durchschnittlich neun Jahren Dauer, die durch Dürre, kriegerische Konflikte bzw. eine Kombination von beiden verursacht wurden. Seit den achtziger Jahren ist die Zahl der jährlichen Hungerkatastrophen von durchschnittlich 15 auf über 30 angestiegen. Zum anderen hat sich in diesem Zeitraum die Ursache der Krisen von überwiegend natürlichen Katastrophen auf zunehmend vom Menschen verursachte Hungersnöte verschoben. In Afrika zeigt sich, dass Länder mit stabilen wirtschaftlichen und politischen Strukturen mit Hilfe von Präventions- und Hilfsprogrammen deutlich effektiver mit Dürre- und Überflutungskatastrophen umgehen als Länder, in denen wirtschaftlicher Zusammenbruch und kriegerische Konflikte die politischen Programme und nötige Infrastruktur unterbrechen oder zerstören. Gezielte und effektive Interventionen (z.B. durch Ernährungsprogramme in Schulen) könnten die weltweite Kindersterblichkeit um zwei Drittel reduzieren und zu einer Unterbrechung des genannten Kreislaufs führen. Sechs der zehn weltweit wichtigsten Risikofaktoren für Tod und Behinderung stehen in unmittelbarem Zusammenhang mit Hunger und Mangelernährung. Die zukünftigen Folgekosten des Hungers sind um ein Vielfaches höher als es das heute nötige Engagement wäre. Jedes Jahr, das der Hunger auf seinem jetzigen Niveau bestehen bleibt, kostet die Weltgemeinschaft mehr als 500 Mrd. US Dollar an aktuellem Kapitalwert. Somit lautet die zentrale Frage nicht, ob wir uns ein sofortiges entschlossenes Handeln gegen den Hunger leisten können, sondern ob wir es uns leisten können, nicht zu handeln. 5. Sozial-Ökologische Perspektiven und Nachhaltigkeit „Future is the time when you will regret that you haven´t done what you could today” chinesisches Sprichwort Die Herausforderung der nächsten Jahre besteht in der Einlösung des Anspruchs der Rio- Konferenz, die Zukunft unserer Gesellschaft nach den Prinzipien der ökologischen, ökonomischen und sozialen Nachhaltigkeit zu gestalten. Dies bezeichnen wir mit dem Bild der drei Säulen der Nachhaltigkeit. Die Aufgabenstellung einer ökologischen Nachhaltigkeit im Sinne eines Schutzes natürlicher Ressourcen für künftige Generationen ist – wenn auch im Einzelnen noch nicht ausdiskutiert – weitgehend unstrittig. Die Aufgabenstellung einer ökonomischen Nachhaltigkeit kann – obwohl von einigen als reines Börsengeschäft betrachtet – im Sinne der Ökonomie des ganzen Hauses und als globale Aufgabe aufgefasst werden, zumal diese augenscheinlich an die zukünftige Verfügbarkeit natürlicher Ressourcen gebunden ist. Die Frage hingegen, welche Kriterien wir zur Verständigung über soziale Nachhaltigkeit hinzuziehen, bleibt weitgehend unbeantwortet. Was soll in diesem Sinne gestaltet und erhalten werden? Welch 14
  18. 18. Adrian Pfahlsberger kulturelles Erbe können wir zukünftigen Generationen hinterlassen? Lässt sich soziale Nachhaltigkeit durch eine Verträglichkeitsprüfung an bestimmten Grenzen festmachen, etwa der Höhe der Arbeitslosigkeit, der Ausprägung der Armut und sozialer Ungleichheit (gender – class – ethnicity) oder den Ausmaßen sozialer Ausgrenzung? Können wir Sozialverträglichkeit ähnlich messen wie die Umweltverträglichkeit einer Maßnahme, etwa in Bezug auf Belastung und Grenzwerte des Grundwassers (SERBSER 2004)? Im Folgenden soll v.a. anhand des von SERBSER entwickelten Denkrahmens zur societalen Nachhaltigkeit die Möglichkeit der Humanökologie, die sich ja mit dem Wechselspiel zwischen Mensch und Umwelt, zwischen Gesellschaft und Biosphäre beschäftigt, diskutiert werden, zur Intergration der verschiedenen Dimensionen der Nachhaltigkeit beizutragen. Die Idee der societalen Nachhaltigkeit kann somit auch als Herausforderung an die Humanökologie der Zukunft angesehen werden. Bei diesem Ansatz wird bewusst ein Rückgriff auf das Mosaik von Konzepten und Ansätzen der Tradition der Chicagoer Schule der Soziologie (v.a. PARK & MEAD) gewählt und vor diesem Hintergrund ein Operationalisierungsversuch societaler Nachhaltigkeit unternommen, mit dem Ziel als gemeinsamer Denkrahmen (framework of thinking) in den Sozialwissenschaften zu dienen und gleichzeitig die Anschlussfähigkeit zu anderen Disziplinen herzustellen. In Analogie an die ersten beiden Säulen der Nachhaltigkeit gehen wir davon aus, dass es sich bei sozialer Nachhaltigkeit um die Aufrechterhaltung des menschlich sozialen Seins handelt oder mit anderen Worten, dass der Mensch, seiner Art gemäß als gesellschaftliches Wesen, sich seiner Lebensbedingungen nicht berauben darf – weder seiner natürlichen noch seiner gesellschaftlichen Ressourcen. Deutlich wird aber auch, v.a. durch die unsystematischen Aufzählungen verschiedener Autoren in der Soziologie, dass es bisher keine einheitliche Auffassung darüber gibt, was überhaupt das 'Soziale' ist, d.h. welche Bereiche, Elemente und Qualitäten es umfasst. Unklar bleibt zudem, ob die soziale Dimension von Nachhaltigkeit eigenständige und unabhängige Zielsetzungen beinhaltet oder nur als Unterstützung für einen ökologisch-ökonomischen Transformationsprozess zur Nachhaltigkeit dienen soll. Betrachtet man nun die Versuche einer Operationalisierung, so sind dies häufig nur Kataloge von Kriterien, wie z.B. der Arbeitslosigkeit, des Sozialhilfeempfangs, allgemein der Armut bzw. des Wohlstandes, mangelnder Schulbildung, einer zu hohen oder zu niedrigen Geburtenrate oder gar die Qualität zwischenmenschlicher Kommunikation in einer Gesellschaft. In diesem Sinne wird so in Analogie zum Umweltschutz nach Grenzwerten gesucht, die eine Art Gefahrenalarm auslösen und uns dann zu präventivem oder schadenbeseitigendem Handeln veranlassen. Nur ist eben die Frage, ob es auf diese Weise gelingen kann, zu einer sozialen Nachhaltigkeit zu gelangen. Ab welcher Quote ist beispielsweise Arbeitslosigkeit nicht mehr nachhaltig oder ab welcher Quote von Einkommensarmut müssen wir einschreiten und wie? SERBSER ist der Meinung, dass es sich bei solchen Quoten um Wertungen und Beurteilungen handelt z.B. beim aktuellen Thema "Soziale Stadt" – von Verhältnissen, die wir als 'sozial problematisch' empfinden. Armut, insbesondere ihre Konzentration, widerspricht hiernach unserem eigenem Selbstverständnis von Gesellschaft. Ökologisch gesehen, sieht das jedoch ganz anders aus. Denn Armut bedeutet, dass die Stoffdurchsätze vermutlich viel geringer sind. Die Aktionsräume sind kleiner, der Gesamtumsatz ist ökologisch 'optimaler'. Wohlstandsverhalten hingegen bleibt trotz Schulung unseres Umweltbewusstseins, Mülltrennung und Bioernährung im Vergleich hierzu immer 'suboptimal'. 15
  19. 19. Adrian Pfahlsberger Solche Grenz- oder Eingriffswerte sind Konventionen in die unsere normativen Urteile einfliessen. Diese können dann aber auch nur für unsere Gesellschaft Gültigkeit beanspruchen, denn wir wissen, Armut, insbesondere ökonomische Armut ist ein relativer Begriff. Damit fehlt aber einem solchen Vorgehen auch die Basis globaler Gemeinsamkeit, wie sie im Grundprinzip der drei Säulen der Nachhaltigkeit angedacht ist (SERBSER 2004). Rio steht in diesem Zusammenhang als Versuch allgemeine, internationale und dauerhafte Standards auszuhandeln. Ein solcher allgemeiner Standard sozialer Nachhaltigkeit kann nur gefunden werden, wenn wir: 1. über die grundsätzlichen Vorraussetzungen der Existenz von Gesellschaft nachdenken; 2. über die zukünftigen Vorraussetzungen nachdenken und 3. dies in einer Perspektive tun, welche die wechselseitige Wirkung von Mensch und Umwelt, Gesellschaft und Natur einbezieht – eine humanökologische Perspektive einnimmt. Damit suchen wir nicht nur nach Kriterien sozialer Nachhaltigkeit sondern nach den ganzheitlichen Vorraussetzungen einer societalen Nachhaltigkeit. Es geht somit nicht nurmehr um die sozialen Fragen und deren generelle Grundlagen in der Gesellschaft, sondern um eine Soziologie in humanökologischer Perspektive, welche im Sinne von Rio das Verhältnis von Mensch/Gesellschaft und Natur ganzheitlich aufgreift und gleichzeitig anschlussfähig macht. Aufbauend auf Konzeptgruppen eines PARK fasst SERBSER zentrale Themenfelder der Gesellschafts- und Sozialwissenschaften, die als Grundlage seines Operationalisierungsversuchs dienen, zusammen. Diese bezeichnet er als soziales Handeln, Raum, Stoffwechsel, Sozialität (soziale Einheiten), soziale Ungleichheit, soziale Vielfalt und schliesslich sozialer Wandel (vgl. Abb.6). Von diesem Grundgerüst kehrt er zu der Frage zurück, welche Vorraussetzungen gegeben sein müssen, damit Gesellschaften bzw. Menschen als natürliche und gesellschaftliche Wesen existieren zu können. Im ökologischen Sinne, nämlich dass sich ein biologisches Wesen in seiner Art nachhaltig erhalten kann, hat ihn das zu sieben formalpragmatischen Vorraussetzungen geführt. Formal sind diese, weil sie für alle höheren Lebewesen Allgemeingültigkeit haben müssen; pragmatisch, da sie sich auf den Nutzen für eine Erhaltung beziehen. Hierzu gehören im Einzelnen z.B. die territoriale Gebundenheit – der Lebensraum, das Biotop; geeignete Nahrung – artgerechter Stoffwechsel; Aktionsbasisfähigkeiten – wie z.B. Erkennen und Wiedererkennen (einer Nahrung); Bewältigung von Umweltveränderungen – Evolution; Sozialität – Partnerwahl und Aufzucht der Jungen; Dominanz – Revierbehauptung und Umgang mit Fressfeinden; schliesslich Diversität und Symbiose – die Eingebundenheit in die Biozönose (vgl. Abb.5). Im nächsten Schritt wird gefragt, wie sich durch Hineinnahme der kulturellen Ordnung dieser Denkrahmen verändert. Diese gesellschaftliche Seite zeigt Abbildung 6. Auch der Mensch hat Basisregeln der Aktion, die hier als Soziales Handeln bezeichnet sind. Dieses Handeln ist an Intentionen orientiert, und d.h. dass zusätzlich ein 'Erwartungsfahrplan' vorhanden sein muss. Selbst in stabilen gesellschaftlichen Ordnungen wird dieser durch heteronome Systemstrukturen durchkreuzt, d.h. das Erwartete tritt nicht genau so ein wie erwartet. Der 16
  20. 20. Adrian Pfahlsberger Mensch muss somit über Konzepte verfügen, mit diesem so nicht erwarteten umzugehen, jene der retrospektiven Deutung. Abb.5: ökologische Ordnung societaler Nachhaltigkeit Abb.6: kulturelle Ordnung societaler Nachhaltigkeit Quelle: Humanökologie. Ursprünge-Trends-Zukünfte. SERBSER (2004) Fundamental dabei ist die Fähigkeit zur Bedeutungszuschreibung, welche eng mit der Benutzung von Symbolsystemen (v.a. Sprache) zusammenhängt. Wiederum hiermit verbunden sind die Vorraussetzungen zur Konstitution sozialer Einheiten. Unter sozialer Einheit wird die Organisation der personalen Identität, die von sozialen Gruppen und schliesslich auch von Gesellschaften ausgeht, verstanden. Insbesondere kann sich personale Identität nur in Bezug auf eine Gruppe bilden. Alle sozialen Gruppen benötigen zur Entwicklung ihrer Selbstidentität die Abgrenzung von anderen Gruppen. Die situativen Gegebenheiten unserer Umwelt befinden sich in einer ständigen Veränderung. Damit sind wir beim Prozess der Transformation und des sozialen Wandels, dessen ständige Dis-, Re- und Neuorganisation der drei sozialen Einheiten und den damit verbundenen Wandel THOMAS (1958) am Beispiel der Migranten erklärte (SERBSER 2004). Diese drei Bereiche formaler Vorraussetzungen societaler Erhaltung – Soziales Handeln, Transformation und Konsitution sozialer Einheiten sind weitgehend bekannt und können als geklärt gelten. Schwieriger wird es in Bezug auf Konzepte zu den Begriffen Raum, gesellschaftlicher Stoffwechsel, Diversität und Dominanz, auf deren Diskussion innerhalb dieser Arbeit, soweit es nicht geschehen ist, aber nicht weiter eingegangen werden kann. Es kann also von einem skizzenhaften Denkrahmen gesprochen werden, der es uns ermöglicht, gesellschaftliche Situationen in Bezug auf Nachhaltigkeit oder Nichtnachhaltigkeit besser bestimmen zu können, ohne nur auf normative Quoten zurückzugreifen. Im 17
  21. 21. Adrian Pfahlsberger erkenntnistheoretischen Sinne soll dieses Konzept konsistent sein und über ein möglichst sinnvolles und systematisches Begriffsgerüst verfügen, um das so wichtige Thema der Nachhaltigkeit zu behandeln. Zudem soll es auch kulturell und historisch übergeordnet gültig sein und gewissermaßen einen heuristischen Rahmen für unser Denken bilden. Folgen wir dem Konzept einer societalen Nachhaltigkeit, so muss man akzeptieren, dass es eine Vielfalt und insofern auch Ungleichheit zwischen den verschiedenen sozialen Einheiten – sowohl individuell als auch unter den Gruppen – gibt und geben muss. Es muss über das Maß der Ungleichheit auch im Sinne von Armut und Wohlstand eine gemeinsam akzeptierte Konvention geben, wenn diese nicht zu einer nicht-nachhaltigen Situation einer Gesellschaft führen soll. Das bedeutet aber auch, dass diese Konvention der Beteiligung aller Gruppen einer Gesellschaft bedarf. 5.1. Partizipationsforschung und nachhaltige Entwicklung Partizipation und Kooperation gelten als zentral für den gesellschaftlichen Verständigungs- und (Selbst-)Organisationsprozess – neben ökonomischen Anreizinstrumenten, politischen Steuerungsmöglichkeiten und informativ-erzieherischen Ansätzen. Mit Blick auf das Leitbild nachhaltiger Entwicklung zeichnen sich somit neue Herausforderungen für die Partizipationsforschung ab. Die Geschichte der Demokratie als Form gesellschaftlicher (Selbst-)Organisation ist auch die der Beteiligung immer weiterer Bevölkerungskreise an kollektiven Meinungs-, Willensbildungs- und Entscheidungsprozessen. In Demokratien sind konventionelle Partizipation v.a. durch Wahlen und nichtkonventionelle Partizipation durch Demonstrationen und Proteste charakterisiert (HEINRICHS 2005). In den 1960er Jahren führten Forderungen nach einer Demokratisierung der Demokratie zu einer "partizipatorischen Revolution". In der Folge wurden besonders bei umweltrelevanten Großtechnik- und Infrastrukturprojekten politische Beteiligungsmöglichkeiten institutionalisiert. Zwei Gründe werden für eine Erweiterung repräsentativer Demokratie um partizipative Elemente ins Augenmerk genommen: Zum einen ist es aus ethisch-normativer Sicht gut, wenn möglichst viele Menschen an Entscheidungen teilhaben können, die ihre Lebenswelt betreffen. Zum anderen wird aus funktional-analytischer Perspektive darauf verwiesen, dass das repräsentative politische System die Problembearbeitung nur noch unzureichend leisten könne. Beide Gründe weisen darauf hin, dass weitere Bevölkerungs- und Akteurkreise stärker in gesellschaftspolitische Such-, Lern-, und Gestaltungsprozesse zu involvieren sind, um der gestiegenen Komplexität pluralistischer Wissensgesellschaften gerecht zu werden (HEINRICHS (2002)). Dieser Erkenntnis folgend wurde eine neue Partizipationswelle ausgelöst; international angestoßen durch die Agenda 21 der Vereinten Nationen. Das Spektrum reicht von der stärkeren Beteiligung von zivilgesellschaftlichen Akteuren (NGOs) an internationalen Konferenzen und Verhandlungen über erweiterte Informationsrechte von Betroffenen und Bürgern bis zur Beteiligung von Interessengruppen und Bürgern in lokalen Agenda-21- Prozessen und planungsorientierten Bürgerformen. Kritiker partizipatorischer Verfahren mahnen hingegen v.a., soziale Ungleichheiten (Macht, Ressourcen) in der Diskussion nicht aus dem Blick zu verlieren. Dennoch erscheint die Institutionalisierung von erweiterten Partizipations- und Kooperationsformen gerade für die kollektive Selbstveränderung über das 'Was' und 'Wie' einer nachhaltigen Entwicklung unabdingbar. 18
  22. 22. Adrian Pfahlsberger Die Dynamik sozialer und bio-physikalischer Veränderungen erfordert Kommunikationsformen, die eine kooperative (Selbst-)Verständigung und Entscheidungsfindung unter der Bedingung von Wissens-, Werte-, und Interessenpluralismus ermöglicht, um interdependente und zeitlich-räumlich distanzierte Effekte effizient und effektiv zu bearbeiten. Im Kontext nachhaltiger Entwicklung geht es um das Ziel, die antizipatorische Wissenskommunikation und Entscheidungsfindung unter kognitiver Unsicherheit und normativer Ambivalenz zu verbessern. Jedoch kann die verstärkte Nutzung partizipativer bzw. kooperativer Nachhaltigkeitskommunikation die erkannten Probleme nicht einfach lösen – damit sie einen integrativen Beitrag zur systembezogenen Problemlösung leisten kann, ist ein weites Forschungs- und Entwicklungsfeld zu bearbeiten (HEINRICHS 2005). 5.2. Kognitive Integration und Evaluation In dem Maße, wie die Rede von der Transdisziplinarität zunimmt, wächst die Unsicherheit darüber, was mit dem Wort gemeint und mit seiner Verwendung beabsichtigt wird. Für die Praxis einer transdisziplinären Forschung wie der Sozialen Ökologie erwachsen daraus zunehmend Schwierigkeiten, wenn es z.B. um das Definieren von spezifischen Qualitätskriterien geht oder um einen reflexiven Zugang zur eigenen Forschungspraxis. Transdisziplinarität ist immer auf etwas bezogen, steht in Verbindung mit konkreten gesellschaftlichen Problemlagen. Praktischer Problembezug und kognitive Integrationanforderungen bilden den Kontext für eine spezifische – transdisziplinäre – Weise der Erzeugung neuen Wissens, auf die umso mehr zurückgegriffen werden muss, je neuartiger das zu lösende Problem und je unsicherer das verfügbare wissenschaftliche Wissen für mögliche Problemlösungen ist. In transdisziplinären Forschungsprojekten des ISOE werden zwei Integrationsbewegungen aufeinander bezogen: das Synthetisieren von einzelnen praktischen Lösungsansätzen zu einer konsistenten, 'systemischen' Problemlösung und die Synthese differenten Wissens zu einer übergreifenden 'epistemischen' Struktur. Forschungspraktisch bedeutet dieses (selektive) Verknüpfen zwischen zwei bereits integrierten Objekten: • Beide Aspekte, der Beitrag zur praktischen Problemlösung für Akteure und der Beitrag zum wissenschaftlichen Fortschritt, werden als Teil einer Forschungsdynamik begriffen; man spricht hier von einer Problemtransformation. • Innerhalb dieser Forschungsdynamik können dann entsprechend der empirischen Vielfalt und Heterogenität von Forschungsprozessen verschiedene Typen von transdisziplinären Forschungsprojekten unterschieden werden – z.B. stärker grundlagen- oder stärker anwendungsorientierte Projekte. Der transdisziplinäre Forschungsprozess ist dabei durch eine komplexe Integrationsproblematik charakterisiert, nämlich durch: • Das Verknüpfen von wissenschaftlichem und alltagspragmatischem Wissen zu einer übergreifenden kognitiven Struktur (Wissensintegration) 19
  23. 23. Adrian Pfahlsberger • das Aufeinanderbeziehen und Koordinieren unterschiedlicher Interessen und Aktivitäten (soziale und organisatorische Integration) • das Überführen sprachlicher Ausdrucksmöglichkeiten und kommunikativer Praktiken in eine gemeinsame Redepraxis (kommunikative Integration) • das Umgestalten verschiedener technischer Lösungselemente zu einem nachhaltig funktionsfähigen Sachsystem (technische Integration). Diese Dimensionen sind nicht getrennt angeordnet, sondern stellen verschiedene Dimensionen von kognitiver Integration dar (JAHN 2005). In den letzten Jahren gewinnt zudem das Instrument der Evaluation in immer mehr Bereichen der Gesellschaft an Bedeutung. Einige Wissenschaftler sehen in diesem Trend den Ausdruck eines sich wandelnden Verhältnisses zwischen Wissenschaft und Gesellschaft: Die Wissenschaft wird von der Gesellschaft aufgefordert Rechenschaft über die in sie "investierten" Aufwendungen abzulegen. Evaluationen wirken dabei auch als Steuerungsanreize, indem die Evaluierten ihre Arbeit wenigstens zum Teil auf das ausrichten, was in den Evaluationen positiv beurteilt wird. Besonders für die Praxis der Evaluation gilt, dass die augenscheinliche Heterogenität immer wieder Grund zur Irritation ist; Unterschiede in der Evaluierungspraxis bestehen nicht nur zwischen den drei deutschsprachigen Staaten und ihren Förderungsprogrammen der Nachhaltigkeitsforschung (schweizerisches Schwerpunktprogramm Umwelt (SPPU), österreichische Kulturlandschaftsforschung und unter anderen die sozial-ökologische Forschung des BMBF), sondern auch innerhalb Deutschlands zwischen diversen Förderern, zwischen universitärer Forschung und anderen Forschungsinstitutionen sowie zwischen Natur- und Sozialwissenschaften (SMREKAR u.a. 2005). Kritik an der gängigen Evaluation zielt auf eine zu einseitige Beurteilung von Forschungsleistungen. Als oft überschätztes Evaluationskriterium ist die Anzahl wissenschaftlicher Publikationen und deren Zitationshäufigkeit zu nennen. Will die transdisziplinäre Forschung, wie sie ja die Humanökologie bzw. Soziale Ökologie ist, solchen Anforderungen gerecht werden, muss sie: Die Komplexität eines Problem berücksichtigen; die Diversität von Perspektiven eines Problems und seine Gestalten berücksichtigen; reflexiv vorgehen und unter nicht-idealisierten Bedingungen forschen. Ein nicht gerade leichtes Unterfangen in einem noch relativ neuartigen Wissenschaftszweig, dem es mit Bedacht und dem Anspruch einer wahrhaft nachhaltigen Entwicklung zu begegnen gilt. 6. Mit Natur reden – statt über sie "Je mehr Zeit man sinnend in der Natur verbringt, umso besser werden die Sinne geschult, umso intensiver wird man sehen, riechen, hören, tasten, schmecken. Und immer deutlicher wird man den schalen Ersatzcharakter der medialen Welt spüren, die Abschirmung durch den Bildschirm." Jürgen Gerdes 20
  24. 24. Adrian Pfahlsberger Abschliessend soll ein Weg der Annäherung an Naturphänomene und auch deren Beschreibung in der Wissenschaft thematisiert werden, der auf einen jüngst erschienen Aufsatz von Jürgen GERDES (2005, Mit der Natur reden – statt über sie. In: GAIA 14/2) zurückgreift und zu dem einige signifikanten und einführenden Begriffe des Naturverständnisses im vormodernen China (vgl. LINCK 1999) beitragen können. Natur gehört zu den umstrittensten Selbstverständlichkeiten unserer Zeit. Alleine in dem Begriff "Naturwissenschaft" z.B. stellt sie sich uns modernen Menschen in Gestalt von Computer-Messdaten vor und hat dann nichts mehr mit anderen Anschauungen von Natur, etwa dem Rauschen des Windes in den Blättern oder dem Mond, der die Nacht erhellt, gemein. Einigkeit herrscht nur darüber, dass sich heute Mensch und Natur, v.a. in unserer abendländischen Kultur, in weiten Teilen umgekehrt zueinander verhalten, als es jahrtausendelang der Fall war. Die Technik bzw. Technologie, die den Menschen aus seiner Abhängigkeit von der Natur befreien sollte, hat inzwischen derart überhandgenommen, dass eine wie auch immer geartete Natur in vielerlei Kontexten nun vor dem Menschen beschützt und bewahrt werden soll. Unsere Fähigkeit, uns Natur für unsere privaten Zwecke zunutze zu machen, hat eben doch natürliche Grenzen. Sind wir aber eben nicht auch Teil der Natur? Und können und sollen wir als solcher nicht ihren "Gesetzen" folgen? Es gibt jedoch in Bezug auf die "Vorbildfunktion" von Natur auch keine eindeutige Antwort. Mal ist sie Vorbild, mal ist sie es nicht. Mal kann sie nährende Mutter sein, mal gnadenlose Bestie. GERDES ist der Meinung, und dieser schliess ich mich aus voller Überzeugung an, dass die umweltethische Diskussion und Gedanken zum menschlichen Naturverhältnis, der Rückbesinnung auf ihren lebendigen Ursprung bedürfen. Zudem bezweifelt er, dass wir ohne Exkursionen in die Gegenwart der Sinne dem "Multiversum" Natur gerecht werden und man die menschliche Wahrnehmung, deren fragmentarischer Charakter ja bekannt ist, nicht leichtfertig zum Maß von Zielbestimmungen nichtmenschlicher Organismen macht. Die eingangs beschriebene Vielschichtigkeit und "Ziellosigkeit" der Natur macht vielleicht auch deutlich, dass nicht alles, wie unsere kulturelle und religiöse Tradition es lange naiv vorausgesetzt hatte, auf uns hin geschaffen und gerichtet ist. Wir sind Teil einer Welt, einer Sphäre. Wir sind Teil eines Prozesses, den wir nicht hervorgebracht haben und innerhalb dessen wir ziemlich spät auftauchen. Wir können lediglich Formen verändern, aber wir können keine Kräfte erzeugen, die nicht schon in der Materie schlummern. Der Mensch mag groß sein im Spiegel seines Bewusstseins, aber er ist unendlich klein in den Weiten der Galaxien. Die Menschheit ist eine kurze Etappe auf einem langen Weg des Werdens und Vergehens. Dass wir das erkennen können, ist unsere Größe, dass wir nicht entsprechend leben, sondern diese Etappe noch mutwillig verkürzen, ist unsere Schmach. Indem wir entlang unseres Bewusstseins eine harte, artefaktische Trennung zu anderen Arten vollziehen, definieren wir uns selbst als unnatürlicher, als wir es sind. Wir schließen uns selbst aus, um uns dann zu beklagen, dass wir leider ausgeschlossen seien. In Wirklichkeit aber sind wir das nicht. Die Natur kennt tausend Übergänge und nicht den einen großen Sprung, der uns allem entfremdet, uns mit dem Einsetzen des Bewusstseins zu Naturopponenten wider Willen macht. Der abendländische Mensch wird sein Geisterreich, seine Parzelle, seine Mediumhöhlen verlassen und wieder stärker in das Reich der Natur, in das konkrete Naturerlebnis eintauchen müssen, um sich aus dem kollektiven Wahnsinn, gegen die Natur leben zu 21
  25. 25. Adrian Pfahlsberger können, zu befreien. Hierbei ist die Form der Annäherung entscheidend. Um besser mit Natur 'kommunizieren' zu können, müssen wir zuerst aufhören, beständig Selbstgespräche (v.a. auch innerliche) zu führen, als einzelne wie auch im Kollektiv. Wir müssen still werden, leer werden, zuhören lernen. Nur so können wir das Wesen des Anders-Artigen aufnehmen. Natur muss dabei sowohl vom Joch idealisierter Erhöhung, z.T. entstanden durch Angst, als auch dem verniedlichender Sentimentalität befreit werden. Theoretisch und in einem absoluten Sinn können wir uns als von Natur vollkommen Abhängige betrachten, weil ja unser ganzes Sein mit allen seinen Phänomenen letztlich auf sie zurückgeht. GERDES folgt etwas abstrakt, dass das Wort, biblisch gesprochen, im Fleisch bleiben müsse; es darf sich nicht zu sehr von der Körperlichkeit lösen, wenn es ihr gerecht werden will. Dies soll nun, anhand des vormodernen Naturverständnisses (wobei viele Werte heute immer noch tradiert sind) Chinas, zu der Schließung des Kreises, einiger sozial- ökologischer Perspektiven und deren Aussagekraft, führen. China gilt ja von Europa aus gesehen als das ganz Andere. Aber es lohnt sich v.a. durch die Vielzahl an Material einen Blick auf die Geschichte des 'Reichs der Mitte' zu richten. So reicht das Material von Ausgrabungsbefunden über agrarwirtschaftliche Handbücher bis hin zu Landschaftsmalerei und –dichtung. Somit sind sich einige Sinologen einig, dass wenn es für irgendein Gebiet der Welt möglich sein sollte, so etwas wie eine 'historische Ökologie' zu schreiben, dann China. Die signifikantesten chinesischen Begriffe zur Naturwahrnehmung, lassen sich im Wesentlichen fünf Kategorien zuordnen: 1. Natur als Kosmos 2. Natur als Wildnis 3. Natur als Agrikulturlandschaft 4. Landschaft als ästhetische Kategorie 5. Garten- und Parklandschaft Das Gegensatzpaar Natur-Kultur wird im chinesischen als "Das-von-selbst-so-Seiende" und "Das-vom-Menschen-Gemachte" verstanden. Es kann hier im Rahmen dieser Arbeit bedauernswerterweise nur noch etwas genauer auf die 'Natur als Kosmos' eingegangen werden. In diesem Kontext begegnen wir den Begriffen 'ziran' (Das-von-selbst-so-Seiende), 'dao' (Weltengrund/Urprinzip), 'tiandi' (Himmel und Erde), 'tian' (Himmel/Natur), 'chizhihua' (die Wandlungen des chi), 'wanwu' (alle Wesen und Dinge) und 'wuxing' (Fünf Wandlungsphasen: Holz, Feuer, Erde, Wasser und Metall). Das-von-selbst-so-Seiende ist kennzeichnend für das dao als letzten Bezugspunkt im Kosmos, als Weltengrund oder Weltgesetz. Himmel und Erde bzw. yin und yang stehen für den bereits zweifach differzierten Kosmos. Der in seiner Polarität wahrgenommene Kosmos bildet sich aus dem Undifferenzierten, dem Chaos, in dem alle Vielfältigkeiten der Welt potentiell angelegt sind. Dem Himmel bzw. yang und der Erde bzw. yin werden jeweils Helligkeit und Dunkelheit, Trockenheit und Feuchtigkeit, Hitze und Kälte sowie die vier Jahreszeiten zugeordnet. Als solche zielen yin und yang auf kosmische Atmosphären, welche die Menschen umhüllen und in ihrer Befindlichkeit, dem Zustand von Gesundheit und Krankheit, beeinflussen. Als Himmel und Erde manifestiert sich der Kosmos zugleich auch als tast- und sichtbare Realität. So sind chinesische Enzyklopädien unter dem Eintrag Himmel ('tian'): Sonne, Mond, Sterne, Wolken, Wind, Schnee, Regen, Tau, Donner, Blitz, Nebel und Regenbogen abgehandelt; 22
  26. 26. Adrian Pfahlsberger unter dem Eintrag Erde ('di') finden sich Berge, Hügel, Felsen, Steine, Ströme, Schluchten, Seen und Staub. Durch einen intensivierter 'Dialog' mit der Natur, jenseits unserer tradierten abendländischen Hybris kann meiner Meinung hinreichend erfahren werden, wie wir besser mit anderen Menschen, Arten und Lebensformen koexistieren können. Je mehr Zeit man in der Natur verbringt, desto mehr werden die Sinne geschult. Die Nähe zur Natur bringt einen vielleicht auch der eigenen Natur näher, v.a. der eigenen Körperlichkeit. Und wie wir inzwischen hoffentlich gelernt haben; dass unsere Beziehung zu Natur mindestens genauso wichtig ist wie ihre Beschreibung; dass wir vor lauter Beschreibung die Beziehung verloren haben und dass es heutzutage eher darauf ankommt, diese stärker zu pflegen, als immer differenzierter auszuarbeiten. 7. Fazit Ich hoffe, mit meiner Darstellung Anhaltspunkte dafür geliefert zu haben, was eine human- oder sozialökologisch angelegte transdisziplinäre Wissenschaft leisten kann und wie die eingangs erwähnten Fragen behandelt und beantwortet werden können. Zudem kann hier auch festgestellt werden, inwiefern diese Wissenskonzepte darüber hinausgehen, was eine allgemeine Gesellschaftstheorie der Soziologie oder was eine Thematisierung der Umweltfolgen gesellschaftlichen Handelns für sich genommen zu leisten imstande ist. Worauf die Humanökologie abzielt, ist die Interdependenz sozialer und natürlicher Systeme, theoretisch und empirisch. So lässt sich z.B. das Kolonisierungskonzept konkret auf die Risikoforschung anwenden. Die klassische Risikoforschung sagt, wir laufen in ein Risiko hinein, in dem wir naturale Systeme verändern, die sich dann unerwartet verhalten und “zurückschlagen“. Demgegenüber kann man mit dem Kolonisierungskonzept ein Risikoverständnis verfolgen, dass wir dadurch, dass wir naturale Systeme verändern, ein hohes Maß an Selbstbindungen erzeugen, uns also zu einer Menge an Organisationsleistungen zwingen. Dies verstärkt sich letztendlich zu einer Art Wettrennen mit immer neuen – besseren Organisationsformen. Das bedeutet, das Risiko dann nicht mehr auf der naturalen Seite ist, sondern auf der gesellschaftlichen Seite; unser gesellschaftliches Organisationsvermögen wird stärker herausgefordert oder gar überfordert. Wir haben die Erkenntnisse der Evolutionstheorie zumindest zur Kenntnis zu nehmen, die besagen, dass wir eine Spezies unter Millionen sind, dass der kaleidoskopartige Baum des Lebens viele Äste, Spitzen und Blüten hat, und dass alle Arten, die heute leben, eine lange Entwicklungsgeschichte hinter sich haben und mit uns hier in der Gegenwart angekommen sind, weil sie den Kampf ums Überleben genauso erfolgreich bestanden haben wie wir selbst. Der Dialog mit Natur treibt uns den Reduktionismus umso gründlicher aus, je intensiver wir ihn führen. Mit der Entscheidung für ein naturgemäßeres Leben werden wie Sicherheiten aufgeben müssen – aber Freiheiten gewinnen; werden wir weniger aus Fremden leben können – dafür aber den Reichtum des Eigenen entdecken; werden wir weniger haben – dafür aber mehr sein. Indem wir die Nähe zur Natur wollen und herstellen, können wir wirklichkeitsgerechter die Frage beantworten, wie wir uns ihr gegenüber verhalten können und sollen; und das werden für jeden nachvollziehbare Schritte sein: hinaus in die Natur – den Ort unseres Werdens und unseres Vergehens – unsere tiefste Heimat. 23
  27. 27. Adrian Pfahlsberger Humanökologie: Inhalt – Ziele – Perspektiven 10. Literatur Becker, E. (2003): Soziale Ökologie: Konturen und Konzepte einer neuen Wissenschaft. In: Matschonet, G. & A. Gerber (Hrsg.): Wissenschafts- theoretische Perspektiven für die Umweltwissenschaften, S. 165-195. Weikersheim. Becker, E. & T. Jahn (2003): Umrisse einer kritischen Theorie gesellschaftlicher Naturverhältnisse. Download: http://www.isoe.de/ftp/darmstadt.pdf Carlson, R. (1962): Der stumme Frühling. München. Fischer-Kowalski, M. (2003): Gesellschaftlicher Stoffwechsel im Raum. Auf der Suche nach einem sozialwissenschaftlichen Zugang zur biophysischen Realität. In: Meusburger u.a. (Hrsg.) (2003): Humanökologie. Ansätze zur Überwindung der Natur-Kultur-Dichotomie. Erdkundliches Wissen 135, S.157-285. Stuttgart. Fischer-Kowalski, M. (2004): Gesellschaftliche Kolonisierung natürlicher Systeme. In: Serbser (Hrsg.) (2004): Humanökologie. Ursprünge – Trends – Zukünfte. S.306-325. München. Gerdes, J. (2005): Mit der Natur reden – statt über sie. In: GAIA 14/2, S.90-94. Gethmann, C.F. (2005): Partizipation als Modus sozialer Selbstorganisation? In: GAIA 14/1, S.32-33. Haberl, H. (1998): Kolonisierung von Natur. In: Haberl, H.; Kotzmann, E.; Weisz, H.: Technologische Zivilisation und Kolonisierung von Natur. Wien, New York. Springer, iff-Texte Bd, 3. S.34-40. Heinrichs, H. (2005): Partizipationsforschung und nachhaltige Entwicklung. In: GAIA 14/1, S.30-31. Jahn, T. (2005): Soziale Ökologie, kognitive Integration und Transdisziplinarität. In: Technikfolgenabschätzung – Theorie und Praxis, Nr.2, S.32-38. Jung, C.G. (1976): Die Archetypen und das kollektive Unbewusste. Olten und Freiburg. Kelly, K. (1994): Out of Control. London. Linck, G. (1999): Naturverständnis im vormodernen China. In: Sieferle, R. & H. Breuninger(Hrsg.)(1999): Natur-Bilder. Wahrnehmungen von Natur und Umwelt in der Geschichte. S. - … Frankfurt. Meusburger, P. & T. Schwan (Hrsg.) (2003): Humanökologie. Ansätze zur Überwindung der Natur-Kultur-Dichotomie. Erdkundliches Wissen 135. Stuttgart. Nentwig, W. (1995): Humanökologie. Fakten – Argumente – Ausblicke. Berlin. Serbser, W. (Hrsg.) (2004): Humanökologie. Ursprünge – Trends – Zukünfte. München. Sieferle, R.P. (1997): Rückblick auf die Natur. München. Smrekar, O., Pohl, C. & S. Stoll-Kleemann (2005): Evaluation: Humanökologie und Nachhaltigkeitsforschung auf dem Prüfstand. In: GAIA 14/1, S.73-76. Weisz, H. & E. Kotzmann (1998): Zentrale Thesen. In: Haberl, H., Kotzmann, E. & Weisz, H.: Technologische Zivilisation und Kolonisierung von Natur. Wien, New York: Springer, iff-Texte Bd. 3, S.64-70. Wilhelm, R. & C.G. Jung (1986): Geheimnis der goldenen Blüte – Das Buch vom Bewusstsein und Leben. Köln. Links: • http://www.sozial-oekologische-forschung.org/ • http://www.denis.bund.de/ http://www.conservation.org • http://www.pages.unibe.ch/ • http://www.quarks.de/dyn/4172.phtml (alle zuletzt besucht am 26.09.2009) 24

×