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    žIžek   der autoritäre kapitalismus ist der gewinner der krise žIžek der autoritäre kapitalismus ist der gewinner der krise Document Transcript

    • Philosoph Žižek "Der autoritäre Kapitalismus ist derGewinner der Krise"Der Philosoph Slavoj Žižek ist einer der wortgewaltigsten Kritiker desKapitalismus. Im Interview erzählt er, warum er wenig von den Protestenin London und Madrid hält.Quelle: http://www.zeit.de/kultur/2011-08/slavoj-zizek-interview© Andy MiahDer Philosoph Slavoj Žižek in Liverpool, 2008ZEIT ONLINE: Herr Žižek, leben wir "in der Endzeit", wie der Titel Ihresletzten Buchs, dem bislang nur auf Englisch erschienenem Buch Living inthe End Times, suggeriert?Slavoj Žižek: Ich enttäusche Sie jetzt wahrscheinlich: Ich bin kein linkerTriumphalist, der eine perverse Lust aus Leid zieht. Wenn ich in meinemBuch von "Endzeit" spreche, geht es mir nicht um einzelne Katastrophen.Es geht mir um die Krise des globalen Kapitalismus aus der Perspektiveeiner Kritik der politischen Ökonomie. Auf verschiedenen Ebenen –Ökologie, Biogenetik, intellektuelles Eigentum und neuen Formen vonApartheid – steuern wir auf einen Nullpunkt des Kapitalismus zu. Diegrößte Utopie ist heute, dass wir dieses System mit ein paar kosmetischenVeränderungen unendlich lange aufrechterhalten können.ZEIT ONLINE: Worin besteht die augenblickliche Krise des Kapitalismus?Slavoj Žižek
    • Slavoj Žižek, geboren 1949, ist ein slowenischer Philosoph undPsychoanalytiker, der mittlerweile hauptsächlich auf Englisch schreibt.Seine Schwerpunkte sind Hegel, Marx und Lacan. Er gilt als einer derwichtigsten Theoretiker der radikalen Linken. Zuletzt erschien von ihm aufDeutsch Gewalt - Sechs abseitige Reflexionen.Žižek: Da der Kapitalismus heute keinen äußeren Feind mehr hat, stößt eran seine inneren Grenzen. Dies geschieht vor allem im Hinblick auf dieFrage der Ökologie und die des intellektuellen Eigentums. In beidenBereichen wird das Privateigentum als universelles Prinzip infrage gestellt.In beiden Bereichen sind wir mit Gemeingütern konfrontiert, die sich nichtin diesen Kategorien denken lassen. Bei Luft und den Meeren zum Beispielist das offensichtlich, aber auch in Computernetzwerken finden sichähnliche Phänomene. Dort handelt es sich fast um klassischen historischenMaterialismus. Die Produktionsmittel haben sich gewandelt und erfordernneue gesellschaftliche Modelle.ZEIT ONLINE: Sind die Unruhen in London ein Teil der Suche nach neuenModellen jenseits des Kapitalismus?Žižek: Nein, ganz bestimmt nicht. Ich teile da auch nicht die Bigotterievieler Linker, die im selben Atemzug die Gewalt verdammen, in dem siefür Verständnis für diese Leute werben – etwa was soziale Ursachenanbelangt. Nein. Was man hier sieht, ist genau die post-ideologischeGesellschaft, wie die Neoliberalen sie so gerne wollten. Zygmunt Baumanwar auf dem richtigen Weg, als er von der Randale unbrauchbarerKonsumenten sprach. Es handelt sich um enttäuschte Konsumenten, dieeiner perversen Form des Konsums, einem Karneval der Zerstörung,nachgehen. In viel schlechteren Situationen haben es Menschen geschafft,sich politisch zu organisieren, was hier vollkommen misslang.ZEIT ONLINE: Das gelang den "Empörten" in Spanien zum Beispielbesser.Žižek: Die "Empörten" sprechen etwas an, das interessant ist. DieNachfrage des Kapitalismus nach hochausgebildeten Arbeitskräften hatdazu geführt, dass man eine Klasse überqualifizierter Arbeitsloser schuf,die nicht nur arbeitslos sind, sondern ganz und gar unanstellbar. Aber alsich ihr Manifest las, konnte ich darin keine konkreten Entwürfe fürAlternativen finden. Minimallöhne sind etwa nur ein Versuch, denKapitalismus zu retten, so wie Almosen, nur Forderungen nachGerechtigkeit … – aber an wen sind diese Forderungen letztlich gerichtet?Obwohl "die Empörten" der gesamten politischen Klasse misstrauen,richten sie ihre Forderungen an den Staat! Diese Menschen rufenausschließlich nach einem neuen Herrn. Lassen Sie mich ein grausamesGedankenexperiment machen: Würde sich ein ehrlicher, gemäßigterFaschist diesen Forderungen nicht anschließen?
    • ZEIT ONLINE: Als bekennender Kommunist sollte Ihnen doch einegewisse Form von Etatismus sympathisch sein.Žižek: Ich bin kein Kommunist in diesem Sinne, auch nicht was den real-existierenden Sozialismus anbelangt. Ich war selbst mit am Umsturzdieses Systems beteiligt und bin diesbezüglich nicht nostalgisch. DerKommunismus ist für mich keine Antwort, sondern ein Problem – dasimmer noch ungelöste Problem, wie wir eine Organisationsform für dieGemeingüter, die Commons, finden können. Was die Lösung diesesProblems angeht, bin ich sehr bescheiden und auch pessimistisch.ZEIT ONLINE: Wie beurteilen Sie die politische Bewältigung der Euro-Krise?" Die immigrantenfeindliche Politik ist heute die größte Gefahr fürdas europäische Erbe"Žižek: Das Auseinanderbrechen der wirtschaftlichen und politischenEinheit Europas muss unter allen Umständen vermieden werden. DieGriechen sollten jetzt nicht Europa für ihre politischen Problemeverantwortlich machen. Sie haben jahrelang einer gefährlichen Mischungaus Klientelismus und Wohlfahrtstaat gefrönt, die ihre Grenzen erreichthat. Aber das größte Problem ist Europa selbst. "Was will Europa?", lautetdie Frage – um Freuds "Was will das Weib?" zu paraphrasieren. Dieheutige Krise ist eine Krise des technokratischen Brüsseler Modells vonEuropa. Nur eine erneuerte Linke kann Europa retten.ZEIT ONLINE: Welche Rolle können Philosophen dabei spielen?Žižek: Philosophen bieten keine Lösungen an. Wir sind keine Spezialisten.Wie Deleuze einmal sagte – dem ich sonst sehr kritisch gegenüber stehe –können wir lediglich die Fragen auf eine neue Weise stellen, die über denKonsens hinausgeht. Viele angebliche Entscheidungsfragen, etwa diezwischen Neoliberalismus und Wohlfahrtstaat und die zwischenMultikulturalismus und geschlossenen Kulturräumen sind nicht so einfachwie sie vielfach behandelt werden. Es sind letztlich die falschen Fragen,die diese falschen Alternativen schaffen.ZEIT ONLINE: Inwiefern?Žižek: Nehmen Sie zum Beispiel die europäische Identität, wie sie dieRechtspopulisten heute fordern. Europa ist nicht nur Imperialismus undKolonialismus, sondern auch Demokratie, Gleichheit und Emanzipation.Selbst im Christentum können sie viele emanzipatorische Ideenentdecken. Ist zum Beispiel der Heilige Geist nicht das erste Modell eineregalitären Gemeinschaft? In diesem Sinne bin ich auch für eine neueeuropäische Leitkultur. Die angeblichen Verteidiger Europas durchimmigrantenfeindliche Politik sind heute die größte Gefahr für dieses
    • europäische Erbe – sie, nicht die armen Muslime sind die wirklichenBarbaren innerhalb unserer Tore.ZEIT ONLINE: Sie haben selbst den Untergang des real-existierendenSozialismus erlebt. Die Situation ist heute vor allem deshalb eine andere,weil es keinen ideologischen Gegner gibt, an dem sich die Oppositionorientieren könnte.Žižek: Da haben Sie prinzipiell Recht. Man sollte aber nicht vergessen,dass das Resultat des Umbruchs der Neunziger nicht unbedingt daswiderspieg " zumBeispiel wollte nicht den Kapitalismus. Es ging um Forderungen nach mehrGerechtigkeit, Solidarität und Freiheit. Wie so oft hat sich hier eine genuinrevolutionäre Situation in ihr Gegenteil verwandelt. Ähnliches können Sieheute in Ägypten sehen. Meine Wette ist, dass eine Allianz zwischendenselben Militärs, die schon unter Mubarak die Macht hatten, und denMuslimbrüdern zustande kommt. Unter denen wird dann ein Kuhhandelstattfinden. Nach dem Motto: Wir lassen euch eure Privilegien, wenn ihruns unsere Ideologie lasst. Sehr deprimierend ist das.ZEIT ONLINE: In Ihrem Buch In der Endzeit leben kritisieren Sieinsbesondere Kants Zum ewigen Frieden als die Blaupause einer liberalenOrdnung zwischen Rechtsstaatlichkeit und Ökonomie. Weshalb das?Žižek: Wenn Kant diese neue Weltordnung des "Ewigen Friedens" ohneeinen äußeren Feind konzipiert, dann heißt das nur, dass der Feind in ihrüberall ist. Heute sehen wir die Auswirkungen davon in der Art und Weise,wie sich der Westen in den letzten Dekaden als Weltpolizei gebärdete, alsob es schon einen Weltstaat gäbe. Wie wir heute überall sehen können, istdie Kehrseite dieses "Ewigen Friedens" der permanente Krieg gegendiejenigen, die als eine Gefahr für den Frieden wahrgenommen werden.Der Krieg gegen den Terror ist die Wahrheit des ewigen Friedens.ZEIT ONLINE: War die Herabstufung der USA-Bonität nicht einhistorischer Einschnitt, die diese Art des Unilateralismus beendete?Žižek: Man sollte das nicht überbewerten, aber ja. Wir sind in einermultipolaren Welt angekommen. Ironischerweise ist der Abstieg der USAals alleiniger Supermacht ein Resultat der Bush-Regierung. Auch hier istdas "Ende der Geschichte" in sein Gegenteil umgeschlagen: Das wirklicheErfolgsmodell ist heute nicht mehr die westliche Demokratie, sondernKapitalismus plus autoritäre Regierung. Ähnlich war es in England zur Zeitder Industrialisierung, das seine Dynamik eben daraus bezog, dass dieAdeligen und damit die alten autoritären Machtstrukturen noch eine großeRolle spielten. Der jetzige Wandel zur Multipolarität ist also nicht nur zubegrüßen. China und Indien, die die deutlichsten Gewinner in dieser neuenmultipolaren Konstellation sind, müssen heute selbst das Ziel anti-imperialistischer Kritik sein, etwa was Chinas Politik in Myanmar undIndiens Umgang mit der maoistischen Opposition anbelangt.
    • ZEIT ONLINE: Es gibt also keinen notwendigen Zusammenhang zwischenKapitalismus und Menschenrechten wie ihn viele Ideengeschichtlernahelegen?Žižek: Nein, absolut nicht. Der autoritär geführte Kapitalismus ist derGewinner der jetzigen Krise. Er ist heute die größte Gefahr für Demokratieund Menschenrechte. Es ist außerordentlich ironisch, dass heute, nachdem Triumph des Kapitalismus über den Kommunismus, dieKommunisten, die an der Macht blieben, die besten Manager desKapitalismus sind. Dreißig Jahre nachdem Deng Xiaoping sagte, dass nurder Kapitalismus China retten könne, gebärden sich die politische Führerdes Westens, als ob nur China den Kapitalismus retten könnte. Hegelhätte diese Umkehrungen geliebt!