Your SlideShare is downloading. ×
Die ideale welt
Upcoming SlideShare
Loading in...5
×

Thanks for flagging this SlideShare!

Oops! An error has occurred.

×
Saving this for later? Get the SlideShare app to save on your phone or tablet. Read anywhere, anytime – even offline.
Text the download link to your phone
Standard text messaging rates apply

Die ideale welt

222
views

Published on


0 Comments
0 Likes
Statistics
Notes
  • Be the first to comment

  • Be the first to like this

No Downloads
Views
Total Views
222
On Slideshare
0
From Embeds
0
Number of Embeds
0
Actions
Shares
0
Downloads
1
Comments
0
Likes
0
Embeds 0
No embeds

Report content
Flagged as inappropriate Flag as inappropriate
Flag as inappropriate

Select your reason for flagging this presentation as inappropriate.

Cancel
No notes for slide

Transcript

  • 1. Die ideale WeltEin Artikel aus Brandeins, Nr. 1/2009 über die Soziokratie und dieKonsentmethodeQuelle: http://www.brandeins.de/archiv/magazin/-afc796490a/artikel/die-ideale-welt.htmlNicht Titel und Position entscheiden. Sondern Argumente. Das gibt es nurin der Utopie, nicht im Unternehmen?In den Niederlanden setzen das Firmen in die Praxis um und nennen esSoziokratie.- Ein kleines Dreieck und daneben noch eins, zwei, drei, vier. Unten alsofünf kleine Dreiecke. Darüber ein großes und über diesem ein mittelgroßesDreieck. Der Filzstift saust über das Papier. Kreuze, wo sich die Linien derDreiecke überschneiden. Zack, Pfeil, links oben, neben das mittelgroßeDreieck kommt nun ein Viereck. Er wirbelt herum, die grau meliertenLocken fliegen, sein kunterbunt geringelter Schal hüpft auf der Brust."Können Sie mir", sagt er und schiebt dabei seine schwarze Brille zurNasenwurzel, "bis hierhin folgen?"Groningen, Damsterdiep 231. Ein altes Haus, das malVerwaltungsgebäude eines Landguts war, als auf den Feldern ringsumnoch keine Backsteinhäuschen mit Vorgärten standen. Ein schönes Büro,hell, eckige Lounge-Sessel aus den siebziger Jahren, an der Wandabstrakte Kunst. Und neben dem großen Schreibtisch, vor einer Tafel,steht Marten Disberg und erklärt die Soziokratie. Was gar nicht so einfachist. Weshalb Disberg geduldig referiert, wiederholt, ergänzt, zum Regalläuft, im Wörterbuch blättert, wenn ihm die englische oder deutscheVokabel fehlt, oder seine Sekretärin als Dolmetscherin dazubittet. Zurückzum Lounge-Sessel, vor zur Tafel, Lounge-Sessel, Regal, Tafel.Man muss Disberg nicht lange zuschauen, um zu erkennen, dass ihm dieBühne Spaß macht. Sein Vater war Kunstmaler, die Eltern bezeichnet erals Linke, die den revolutionären Helden der Zeit huldigten. Mao. FidelCastro. Black Power. "Ich bin ein Kind der 68er", sagt Disberg, der alsSozialarbeiter begann und danach eine Ausbildung zum Bibliothekarmachte. Kurz vor seinem Abschluss kürzte das Kultusministerium dasBudget für Büchereien. Keine Jobs mehr für junge Bibliothekare. Disberggründete mit zwei Studienkollegen eine Firma, die sie Reekx nannten."Adviseurs en dienstverleners in informatievoorziening", wie auf derVisitenkarte steht. Mit anderen Worten: Reekx berät und betreutOrganisationen bei Aufbau, Archivierung oder Digitalisierung ihrerDatenbanken. 2007 erwirtschafteten 70 Angestellte 2,5 Millionen EuroUmsatz. Seit 1993 führen sie sich soziokratisch - mit Disberg als Direktor.
  • 2. Die Soziokratie hat eine lange Geschichte. Der Begriff leitet sich ab vomlateinischen Socius (Begleiter) und dem griechischen kratein (regieren).Zuerst verwendet ihn der französische Philosoph Auguste Comte, derBegründer der modernen Soziologie, Mitte des 19. Jahrhunderts. Danachwird der Nationalökonom John Stuart Mill mit ihr in Verbindung gebracht,später die Soziologin Mary Parker Follett, die herausfindet, dass der Erfolgeines Unternehmens abhängig ist davon, wie sehr sich eine Belegschaftmit der Firma identifiziert. Doch erst der niederländische ReformpädagogeKees Boeke entwickelt ein praxisnahes soziokratisches Modell. Boeke, einQuäker, der im Geld die Wurzel allen Übels sieht, ist überzeugt, dass dieDemokratie die Hoffnungen der Menschen enttäuschen werde. Er fordertein System von Gleichwertigkeit und Konsens, das er in seiner SchuleWerksplaats Kindergemeenschap bei Utrecht anwendet.Womit wir bei Gerard Endenburg wären. Der ging bei Boeke zur Schule,wie übrigens auch Beatrix Wilhelmina Armgard, Prinzessin von Oranien-Nassau, und ihre Geschwister. Beatrix wurde später Königin derNiederlande, Endenburg studierte Elektrotechnik und Radartechnologieund übernahm 1968 das Elektro-technik-Unternehmen seiner Eltern. Ermachte daraus eine Firma mit 150 Beschäftigten, die hauptsächlichelektronische Anlagen für Hochseeschiffe herstellte. Doch währendEndenburg Elektrotechniek BV wuchs und wuchs, suchte der junge Chef -geprägt von Boekes Idealen, beeindruckt von den Gesetzen derKybernetik - nach dem perfekten Führungsstil. Er fragte sich: Ist einUnternehmen nicht ein simpler Regelkreis, ähnlich dem Zusammenspielvon Heizkessel, Thermostat und Heizkörper? Was, wenn der Thermostat,die leitende Einheit, versagt und dem Heizkörper, der ausführendenEinheit, befiehlt, zu heizen, heizen, heizen? Auf 120, 130, 150 Grad. Wergreift ein? Stoppt jemand den Thermostaten? Wenn nicht, platzt derHeizkessel, versagt das System.Wir schreiben das Jahr 1970. Endenburg ist 36 Jahre alt und kommt zudem Schluss, er müsse sein Unternehmen umkrempeln. Weg mit derautokratischen Herrschaft, er will ein System absoluter Gleichwertigkeit,Transparenz und Gewinnbeteiligung. Er verordnet seiner Firma ein selbstentwickeltes Modell der Soziokratie. 1974 gründet er das SociocratischCentrum, das dieses Modell ständig verbessern und verbreiten soll. Esliegt nicht an der Soziokratie, dass Endenburgs Firma 1976 in Not gerät.Die Kundschaft, meist mittlere Werften, lässt immer häufiger in Asienproduzieren, irgendwann bestellt sie überhaupt nichts mehr. Endenburgwill 60 Beschäftigte entlassen, sieht keinen anderen Ausweg, denSozialplan hat die Gewerkschaft schon abgesegnet. Da meldet sich beieiner Versammlung der Schlosser Jan de Groot zu Wort und sagtsinngemäß, die Bewältigung einer Krise sei Gemeinschaftsaufgabe.So zieht die Belegschaft, ob Ingenieur, Elektroniker, Monteur EDV-Experteoder Verwaltungsangestellter, los, um Aufträge zu akquirieren. Sie fragenauf Baustellen, ob sie preisgünstig Leitungen installieren dürfen, sprechenwahllos Unternehmen an. Nach sieben Monaten sind die Auftragsbücher
  • 3. wieder voll. Endenburg muss niemanden entlassen, vielmehr zusätzlicheLeute einstellen und hat neue Betätigungsfelder gefunden, etwaNotstromanlagen und radargestützte Sicherungssysteme. Die Firma machtSchlagzeilen in der Wirtschaftspresse. Es heißt, Endenburgs Erziehung zurMitverantwortung habe sich bewährt. Das "Manager Magazin" schreibt1990: "Mit seiner Führung der dritten Art zwischen Diktatur undDemokratie ... macht Endenburg zunehmend Furore." Er wird Professor ander Twente-Universität, erhält Einladungen aus Harvard und Cambridge.Weltkonzerne wie Shell und Philips suchen seinen Rat, selbst die Nasa unddie US-Luftfahrtbehörde FAA fragen an.Wenn Disberg heute Dreiecke malt, so gehen diese zurück auf EndenburgsModell. Darin entsprechen die kleinen Dreiecke den Basiskreisen, also denAbteilungen; das größere Dreieck dem sogenannten Leitungskreis, dasmittelgroße darüber dem Topkreis, der Geschäftsführung. Nur dass alldiese Kreise miteinander verknüpft sind. Jeder Kreis wählt Delegierte, dieim nächsthöheren Kreis vertreten sind. Dieser Kreis wiederum wählt denLeiter des unter ihm liegenden Kreises. In allen Kreisen werden dieEntscheidungen auf der Basis von Consent getroffen. Dieserniederländische Begriff, der sich mit Einwilligung oder Zustimmungübersetzen ließe, ist nicht Konsens, völlige Übereinstimmung. Consentbedeutet: Eine Entscheidung wird getroffen, wenn niemand mehrbegründete Einwände vorbringen kann. Jede Entscheidung wird möglichstschnell ausgeführt. Die Ergebnisse werden soziokratisch kontrolliert. AlleLeiter und Delegierten werden alle zwei Jahre neu gewählt.Jede Stimme zählt, jeder ist Teilhaber, so wird das Wissen derMitarbeiter für die Firma erschlossenNicht Position und Titel entscheiden, sondern Argumente. Nicht Macht,sondern Verstand und Expertise. Jede Meinung ist wertvoll. Jeder kannalles werden, jeden Posten besetzen innerhalb der Organisation. Einungelernter Arbeiter kann durch Wahl bis in den Topkreis vorrücken. Einrevolutionärer Ansatz. Und - das war Endenburg besonders wichtig - dieStimme des Kapitalgebers hat nicht mehr Gewicht als die des Büroboten.Alle sollen äquivalenter Teil des Unternehmens sein. Konsequenterweisesoll es ihnen auch zu gleichen Teilen gehören. "Mir wurde klar", sagteEndenburg einmal, "dass eine Firma Menschen besitzt, die Sklaverei waraber abgeschafft." Das wäre in Disbergs Zeichnung das Viereck links obenneben dem Topkreis; es symbolisiert die Stiftung, der das Unternehmengehört und die Anteilsscheine an die Belegschaft ausgibt. Gewinne werdenin die Firma investiert oder als Boni an alle verteilt. Endenburgs Credo:"Die Soziokratie lebt von der Anerkennung des Individuums. Sie kenntkeine Gewinner und Verlierer, nur Lösungen."Es gebe keine bessere Möglichkeit, befand der Professor für Philosophie ander Universität Twente, Doede Nauta, um in einer Organisation "dasKnow-how der Menschen zu erschließen". Bei Reekx in Groningen könnensie diese These durch ihre Erfahrung bestätigen. "Ich war vorher bei zwei
  • 4. Agenturen für Zeitarbeit, einer Kindertagesstätte, bei derStadtverwaltung", erzählt Annemieke Verhoeff, zuständig fürPersonaleinsatz, "und überall herrschte Frustration, weil man nicht inEntscheidungen involviert war, unsinnige Prozeduren verfolgt wurden."Die Kollegen, so Verhoeff, pendelten zwischen Anarchie undTeilnahmslosigkeit: "Hier habe ich einen Platz für meine Meinung, jederwird gehört, außerdem verdiene ich mehr als überall, wo ich vorher war."Bruno Tans, Finanzchef bei Reekx: "Soziokratie bringt mehr Motivation,mehr Effizienz. Friktionen werden schneller abgebaut, Konfliktekanalisiert. Ich sehe nur Vorteile." Und Disberg hat festgestellt: "Es ist einSystem und eine Kultur. Es prägt dich als Mensch, es fördert dieEntwicklung deiner Persönlichkeit."Rotterdam, Prins Pieter Christiaanstraat 61, in einem Gewerbegebietzwischen Apartmentblöcken. Ein Flachbau mit viel Glas. In einem leerenGroßraumbüro im ersten Stock sitzt Annewiek Reijmer zwischen leerenTischen. In den nächsten drei Stunden wird kein Telefon klingeln, nur einBesucher erscheinen, offenbar ein alter Bekannter. Das hat man sichanders vorgestellt. Reijmer ist Direktorin des Sociocratisch Centrum,Endenburgs Kaderschmiede und PR-Zentrale. Von hier aus sollte dieSoziokratie die Wirtschaft erobern. Aber hat sie das nicht getan? Hattensie nicht eine Reihe großer einheimischer Firmen für die Soziokratiegewinnen können? Shell etwa führte sie in der Sicherheitsabteilung ein.War nicht ein Teil der niederländischen Polizei soziokratisch umgestaltetworden? Gab es nicht eine US-amerikanische Holding aus derStahlbranche, Firmen in Kanada und Brasilien, die sich unterweisenließen? Sie hatten sogar eine eigene Zeitschrift: "Argumenten".Über all das könnte man reden, doch Reijmer, groß, blond, ist zwar einefreundliche, aber auch resolute Dame. Nicht jede Frage wird beantwortet.Manche Antwort verliert sich in Umschreibungen. Um die "acht, neun,zehn" zertifizierte Management-Berater, so Reijmer, arbeiteten ständig fürdas Centrum. "50 bis 100", sagt Rijmer auf die Frage, wie viele FirmenSoziokratie in den Niederlanden praktizieren. Im Nachsatz stellt sichheraus, dass sie es nicht genau weiß. Vielleicht hat sie zu oft davonerzählt, um darin noch einen Nachrichtenwert zu erkennen. Vielleicht auchnicht.Soziokratie schafft die Hierarchien nicht ab. Sie funktioniert sienur umGut, wenigstens ein paar Beispiele: Reekx natürlich; Wheels4All, eineFirma, die Carsharing anbietet und 1400 Mitglieder hat. Momentanarbeiten sie für eine Schule, die Lehrer ausbildet. Shell nicht mehr, dakamen neue Manager, die das Experiment stoppten. Doch das Interesse,sagt Reijmer, sei immer noch groß. Und sie habe noch nie ein Projektpräsentiert, ohne dass die Leute "enthusiastisch gewesen wären". Oftsagten Unternehmer: "Wenn ich das gewusst hätte, hätten wir wenigerProbleme." Von hinten brummt es: "Werde ich gebraucht?"
  • 5. Gerard Endenburg kommt herein. Er ist ein kleiner, gedrungener Mann, 74Jahre alt inzwischen, das Haar hell wie Butter. Er trägt ein lachsfarbenesHemd, schwarze Hosenträger. Natürlich setzt er sich, ohne die Antwort aufseine Frage abzuwarten. Endenburg fummelt einen Keks aus derBlechdose auf dem Tisch und doziert. Wo er schon überall war. Was eralles gemacht hat. Wen er dabei getroffen hat. In Florenz habe er derPolizei die Struktur der Mafia erklärt. Den Managern von ABN Amro habeer sagen müssen, sie wüssten, "wie man Geld bewegt und damitRiesengewinne macht, aber nicht, wie man eine Organisationausgewogen, gerecht und effizient steuert". Den Leuten von der Weltbankwiederum hat er vorgetragen, was seiner Meinung nach falsch ist an derWeltwirtschaftsordnung. Einmal um die ganze Welt mit der Soziokratie imGepäck. Was er in Pakistan gemacht hat, wird nicht ganz klar, außer dasser unfreiwillig in einer Filiale von McDonalds landete.Viel Stoff, wild zusammengerührt. Doch der Tenor ist stets der gleiche:Die meisten Experten verstehen Endenburg nicht. Sie verstehen nicht,dass für ihn Consent nichts mit Veto zu tun hat, sondern mitsubstanziellem Einspruch. Sie begreifen nicht, dass Soziokratie keineAntithese zu Demokratie oder Diktatur sein soll, denn sie erlaubt ebensodiktatorische wie mehrheitlich beschlossene Entscheidungen, "sie mussaber nicht, letztlich ist sie eine leere Methode". Und die Experten erkennennicht, dass die Soziokratie Hierarchien nicht abschafft, sondern nurumfunktioniert. Entscheidend, so Endenburg, sei allein, was die Menschenin den Regelkreisen aus ihr machten. Er sagt: "Das Leben ist eindynamischer Prozess, doch in der Arbeitswelt werden wir überall mitstarren Modellen konfrontiert, konditioniert auf Ja und Nein, Oben undUnten, dominiert von Computern, die genauso programmiert sind. Dabeibrauchen wir immer mehr ein System, das Flexibilität fördert."Wenn es nach Isabell Dierkes geht, dann dauert es nur zehn Minuten, undschon erkennt man, "welch grandioses Potenzial in der Soziokratie steckt".Bei ihr war das jedenfalls so vor drei Jahren. Dierkes arbeitete alsTrainerin für Gewaltfreie Kommunikation (GfK) und erfuhr, dass derBegründer der GfK, ein gewisser Marshall Rosenberg, für eineinternationale Dachorganisation ein nicht autokratisches Führungssystemsuchte. Dabei geriet er an die Soziokratie. Dierkes besorgte sich Material,las sich ein und wusste: "Das gibt mir eine Antwort auf viele Fragen."Derart begeistert, kontaktierte sie das Sociocratisch Centrum inRotterdam. Das schickte Pieter van der Meche, einen Management-Berater, der einen Vortrag hielt. Schließlich begann Dierkes, dieUnterlagen des Centrums, die nur in Niederländisch und Englisch erhältlichwaren, ins Deutsche zu übersetzen. Dazu musste sie ein Wort erfinden:Konsent. "Das Englische macht einen Unterschied zwischen consent undconsensus, das Deutsche nicht."Eine Frau, eine Mission. Inzwischen ist Dierkes dabei, sich in Rotterdamals Beraterin zertifizieren zu lassen. Gleichzeitig baut sie in Lübbecke,Ostwestfalen, wo sie lebt, ein soziokratisches Zentrum auf. Ein Kollege,
  • 6. den sie über die GfK kennenlernte, Christian Rüther, arbeitet parallel aneiner Niederlassung in Wien. Sie veranstalten Konsent-Spielabende, bietengemeinsam Seminare, Beratungen und Schulungen für Unternehmen an.Dierkes sagt: "Noch fahre ich durch die Lande und versuche, den Leuteneinen Geschmack zu vermitteln." Rüther sagt: "Noch sind wir damitbeschäftigt, die Soziokratie überhaupt bekannt zu machen." Bei Dierkeshat sich ein Hersteller von Naturkosmetika gemeldet, ein kleinerAutozulieferer, ein Zahntechniklabor, bei dem ein Niederländer beschäftigtist, der die Soziokratie aus seiner Heimat kennt. Dierkes: "Es gibtInteresse, doch letztlich fehlt den Unternehmen noch der Mut. Wirbräuchten einen Pionier, wie es Endenburgs Firma in den Niederlandenwar."Aufstieg in einer soziokratischen Firma: vom Büroboten zumDirektorEndenburg Elektrotechniek BV residiert gegenüber vom SociocratischCentrum. Prins Pieter Christiaanstraat 50. Vor 40 Jahren hat Piet Sliekerbei Endenburg als Bürobote angefangen, heute ist er Direktor. Slieker hatdie Entwicklung des Unternehmens zur Hightech-Experimentierwerkstattmitgestaltet, er hat die Soziokratisierung von Beginn an miterlebt. Er sitztin seinem Büro im Erdgeschoss, zwei Türen links neben der Rezeption,und erzählt von den Problemen der Anfangsjahre. Erst dachte dieBelegschaft, die Soziokratie sei "ein Trick der Geschäftsleitung". Dannsperrte sich der Betriebsrat, der um seinen Einfluss fürchtete, schließlichschaltete sich die Gewerkschaft ein, die den ihr angebotenen Sitz imTopkreis ablehnte. Erst die Gewinnbeteiligung, im Schnitt zweiMonatsgehälter jährlich, sorgte für Entspannung. Das kapierte jeder.Slieker sagt: "Mal ehrlich, wer versucht, die Soziokratie zu verstehen,kann sich die Gehirnwindungen brechen." Wie sagte Verhoeff von Reekx:"Du kannst sie nicht sehen, schmecken, riechen, es gibt keinen Crash-Kurs, der dich vorbereitet, du steckst aber vom ersten Tag an voll drin."Das mag beigetragen haben zum Scheitern des ersten Versuchs beiEndenburg. Slieker sagt, gerade die Leute in den Basiskreisen seienimmer passiver geworden. 1984 starteten sie den zweiten Versuch,diesmal mit mehr Schulung und Vorbereitung der Belegschaft. Diesmal liefes besser, der Betriebsrat löste sich von selbst auf. Doch inzwischen hatdie Soziokratie bei Endenburg ein Eigenleben entwickelt, das auch derErfinder nicht vorhersehen konnte. Gerard Endenburg ist längst nur nochexternes Mitglied im Topkreis und erfährt als Beobachter, wie politischeEntscheidungen weiter soziokratisch, operative Entscheidungen jedochautoritär gefällt werden. Slieker deutet auf den Zuckerkorb auf seinemKonferenztisch: "Wir dürfen nicht über jede Zuckertüte diskutieren, wennes um den Korb geht." Ob jemand bereit ist, an Schaltbrettern fürfranzösische Atomkraftwerke zu arbeiten, wird aber weiter soziokratischdiskutiert. Sliekers Fazit: "Man braucht für die Soziokratie einen langenAtem, und sie muss von oben kommen. Ohne die Überzeugung imTopkreis ist es sinnlos."
  • 7. Oben ist das Stichwort. Wer sich das Weltwirtschaftsgewitter dieser Tageanschaut, könnte vermuten, in den Chefetagen der Unternehmen werdeverzweifelt nach Leitbildern für die Zukunft gefahndet. " Jetzt sehen wir,was passieren kann", sagt Reijmer, "wenn jemand starr und stupide 20Prozent Rendite auf das Investment fordert, ohne Rücksicht auf dieNachhaltigkeit der Organisation." Van der Meche meint: " Jetzt sehen wir,dass autokratische Systeme zu Katastrophen führen können, weil dieMitarbeiter aus Angst um ihren Arbeitsplatz, Frustration oderGleichgültigkeit wider besseres Wissen alles mitmachen." Jetzt sieht man,was passiert, wenn der Thermostat überdreht? Der Heizkessel explodiert?Endenburg sagt: "Ich habe nichts gegen Kapitalismus, er hat gute Seiten."Wenn jemand die Welt retten könne, dann die großen Unternehmen."Aber man kann als Unternehmer nicht nur die Interessen des Kapitalsverfolgen, die Interessen der Arbeitnehmer sind auch da, und sie sindgenauso relevant, sonst kippt alles."Wenn man van der Meche glaubt, hat das Umdenken in den Chefetagenbereits begonnen. Neulich habe er mit einem Topmanager von Unilevergesprochen: "Die haben begriffen, dass etwas falsch läuft, dass es sonicht weitergeht." Reijmer sagt: "Warum in einer Organisation nur einigeGehirne benutzen und nicht alle Gehirne?" Das gelte, sagen beide, imÜbrigen auch für die Politik. Rüther sagt: "Wenn die Mehrheit entscheidet,wird die Minderheit komplett ausgeschlossen." Die Soziokratie integrieredagegen alle Meinungen. Und Endenburg sagt: "Es ist doch absurd, einReferendum abzuhalten über eine Verfassung für die EU. Das ist nicht mitJa oder Nein zu beantworten." Die Zeit sei reif für die Soziokratie, sagensie übereinstimmend. Es müsse sich nur noch das Denken ändern. "Manhat uns konditioniert auf ein System", sagt Endenburg, "und wir glaubennun unerschütterlich, dass es richtig ist nach dem Motto: Eins plus eins istzwei." Ist es nicht so? Endenburg: "Doch, eins plus eins ist zwei,manchmal jedenfalls, meistens nicht."Nur wer Macht aufgibt, erzielt Ergebnisse notfalls durch deneigenen RückzugIn Groningen, Dampsterdiep 231, saust nicht mehr der Filzstift über dasPapier. Es gäbe zwar noch viel zu erklären, doch es gibt auch viel zuerzählen. Von der Sehnsucht der Menschen, die Disberg in der Soziokratiewiedererkennt: "Alle für ein Ziel, das ist ein schönes, inspirierendesGefühl, wir brauchen gemeinsame Ziele." Aber auch von der Gier derMenschen und ihrer Sucht nach Macht. "Wer Soziokratie in einerOrganisation praktizieren will", sagt er, "muss Macht aufgeben, nicht dieMacht seiner Überzeugungskraft, seiner Expertise, sondern die Über-Macht, die ihn trotz Unwissenheit und Inkompetenz unantastbar macht."Aber wie schwer das sei, wisse man ja, wenn man sich ansehe, was ausden Helden seiner Eltern geworden sei, als sie endlich Macht hatten. Mao,Fidel, Ho Chi Minh. "Alles ist eine Frage des Charakters", sagt Disberg,"aber das ist die Stärke der Soziokratie. Sie verändert den Charakterderjenigen, die in sie involviert sind."
  • 8. Dazu ein Beispiel. Ein Problem in einem Basiskreis bei Reekx belastete dasganze Unternehmen. Der Leiter des Basiskreises schlug die Lösung selbstvor. Es war seine Entlassung. Der Kreis akzeptierte. Disberg: "Das war einemotionaler Moment, aber er wusste, wir wussten, es ist besser für dieGemeinschaft." Dazu passt, was van der Meche sagt: "Man behauptetgern, das Verhalten von Menschen ändere sich nicht; ich sage, Menschenkönnen sich ändern, wenn sich Systeme ändern."Demnächst wird übrigens wieder gewählt bei Reekx. Es geht auch um diePosition des Direktors. Disberg sagt: "Ich bin nicht Superman. Dieanderen müssen zu der Ansicht kommen, dass ich der bestmöglicheDirektor bin, andernfalls schmeißen sie mich raus." Aus demUnternehmen, das er erdacht, gegründet, zum Erfolg geführt hat. SeineChancen, den Posten zu behalten? Nicht so schlecht, glaubt er, "aber einwenig Angst hat man immer". -