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Uns Ärzte stört, dass wir heute eine implizite Rationierung im        zu arbeiten. Zweitens gibt es eine Reihe gesetzliche...
„Mehr Ärzte müssen nicht                               automatisch mehr ärztliche                               Dienstleis...
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[PDF] "Wir Ärzte müssen politischer werden": G+G-Interview mit Dr. Frank Ulrich Montgomery, Präsident der Bundesärztekammer
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  1. 1. INTERVIEW28 Ausgabe 11/11, 14. Jahrgang
  2. 2. „ ir Ärzte müssen W politischer werden“ Der Neue an der Spitze der Bundes­ ärztekammer ist ein alter Hase in der eigentlich wollen: ein freiheitliches Gesundheitssystem. Deshalb Gesundheitspolitik. Langweilig dürfte fand ich das Zitat von Olof Palme sehr gut. es mit Dr. Frank Ulrich Montgomery Sie haben nach Ihrer Wahl zum Präsidenten der Bundesärz­ tekammer erklärt, unter Ihrer Führung werde sich die Ärzte­ aber nicht werden – der Radiologe aus schaft stärker einmischen. Bei welchen Themen? Montgomery: Eines vorneweg: Die Bundesärztekammer hat sich Hamburg hat sich viel vorgenommen. immer in die Gesundheitspolitik eingemischt. Das war auch Vor allem möchte er den knapp 400.000 unter meinem Vorgänger Jörg-Dietrich Hoppe so. Sein größtes Verdienst ist, dass er viele ethische Themen angepackt hat. Er Ärzten in Deutschland eine kräftige hat sich nicht gescheut, kontroverse Fragen anzusprechen, die im Grenzbereich von Ethik und Ökonomie liegen. Ich erinnere Stimme im Chor der vielen im Gesund- etwa an die Debatte um die Priorisierung medizinischer Leis- tungen. Das Schwergewicht meiner Arbeit wird notgedrungen heitswesen sein. Bei welchen Themen darauf liegen zu vermeiden, dass wir Ärzte zur Mangelverwaltung im Gesundheitswesen missbraucht werden. Wir wollen statt- die Kammer mitreden will, sagt dessen mit eigenen Vorschlägen verhindern, dass Mangel über- haupt entsteht. Dazu müssen wir Ärzte politischer werden. Wir Montgomery im ­ espräch mit G+G. G müssen uns in Finanzierungs­ ragen und Finanzierungsprobleme f der gesetzlichen wie der privaten Krankenversicherung ein­ mischen, damit eine Mangelsituation erst gar nicht entsteht. Herr Dr. Montgomery, kommt Ihnen folgendes Zitat bekannt vor: „Unsere Politik sollte sein wie eine Freiheitsbewegung. Haben Sie einen Vorschlag parat, wie eine zukunftsfeste Finan­ Unser Ziel ist Freiheit vom Druck der äußeren Verhältnisse, so zierung der gesetzlichen Krankenversicherung aussehen könnte? weit wie möglich.“ Montgomery: Grundsätzlich brauchen wir mehr Eigenverant- Montgomery: Ja, das hat Olof Palme in einer viel beachteten wortung der Versicherten. Hinter einem neuen Finanzierungs- Rede Anfang der 1950er Jahre gesagt, als er in der Sozialdemo- system muss ein anderes Verantwortungssystem stecken, also kratie Schwedens nach vorne kam. Das Zitat steht auf der eine andere Haltung der Patienten. Persönlich halte ich eine Art Startseite meiner Homepage im Internet. prämiengesteuerte Volksversicherung versehen mit einem So­ zialausgleich über Steuern für sinnvoll. Das ist gerecht und Können Sie uns erläutern, was Sie mit Freiheit vom Druck der würde in der Bevölkerung ein anderes Nachfrageverhalten äußeren Verhältnisse bezogen auf das Gesundheitswesen meinen? gegen­ ber Ärzten induzieren, und bei Ärzten ganz andere Struk- ü Montgomery: Gerade die Ärzteschaft fühlt sich extrem äußeren turdebatten in Gang setzen. Das ist freilich nicht von heute auf Zwängen ausgesetzt. Die Politik muss deshalb dafür sorgen, dass morgen umsetzbar, aber sollte eine langfristige Perspektive sein. wir Ärzte nicht immer weiter und tiefer in solche Zwänge hin-Fotos: Marc-Steffen Unger eingeraten. Politik, die nur daran interessiert ist, das Gesund- Die Debatte um Priorisierung, die Sie schon erwähnten, steht heitssystem mit immer mehr Paragrafen immer kleinteiliger zu also weiter auf der Agenda der Bundesärztekammer? organisieren, entmündigt am Ende sowohl die Patienten wie Montgomery: Natürlich. Jörg-Dietrich Hoppe hat den Aufschlag auch uns Ärzte. Sie schafft auch nicht das, was die Menschen dazu gemacht. Ich werde die Diskussion weiter vorantreiben. Ausgabe 11/11, 14. Jahrgang 29
  3. 3. Uns Ärzte stört, dass wir heute eine implizite Rationierung im zu arbeiten. Zweitens gibt es eine Reihe gesetzlicher Regelungen,Gesundheitswesen erleben. Diese schleichende Rationierung ist die bewirken, dass Ärzte weniger arbeiten müssen. Und drittensdurch Budgetsystematiken und Leistungsbeschränkungen steigt der Anteil der Ärztinnen kontinuierlich. Frauen stellenverursacht. Und wie das so ist bei Budgets: Sind sie aufgebraucht, über die gesamte Lebens­ rbeitszeit hinweg gesehen weniger amuss der Arzt dem Patienten Leistungen vorenthalten. Dies Arbeitszeit zur Verfügung als Männer. Außerdem gibt es einegeschieht heute noch nicht in einem dramatischen Ausmaß, aber wachsende Zahl älterer, multimorbider Patienten. Diese habenes geschieht. Es passiert zufällig und wird stets verlagert auf die einen deutlich höheren Behandlungsbedarf. Nimmt man allpersönliche Ebene Arzt und Patient, wo es nicht hingehört. Das diese Faktoren zusammen, erklärt sich, warum wir trotz einerfinde ich nicht gut. Wir brauchen stattdessen eine gesamtgesell- höheren Zahl von Ärzten einen Mangel an Ärzten haben.schaftliche Debatte über Priorisierung. Wie lässt sich ärztliche Versorgung auf dem Land künftigDas dürfte eine schwierige Debatte werden. sicherstellen? Geht das nur über Honoraranreize?Montgomery: Eine extrem schwierige Diskussion sogar – auch Montgomery: Nicht nur, mit Honoraranreizen und effektivererdeshalb, weil sie von der früheren Bundesgesundheitsministerin Versorgung allein lässt sich das Problem nicht lösen. Wir brau-Ulla Schmidt ideologisch total aufgeladen wurde. Ich erinnere chen auch eine größere Attraktivität des Lebens auf dem Land.daran, dass Frau Schmidt, nachdem das Thema Priorisierung Ein Arzt, der sich in der Uckermark niederlassen möchte, will,auf dem Ärztetag 2009 in Mainz von Jörg-Dietrich Hoppe auf dass seine Partnerin dort einen guten Arbeitsplatz und sein Kinddie Agenda gesetzt wurde, als erste Politikerin auf uns drauf eine gute Kita oder eine gute Schule findet.gehauen hat, um dann selbst ein paar Monate später eine klas-sische Priorisierungs-Entscheidung zu treffen: die Vergabe von Und was halten Sie davon, Ärztehonorare in überversorgtenImpfstoffen gegen die damals kursierende Schweinegrippe. Wenn Gebieten zu kürzen?es am Anfang nicht gleich für alle reicht, dann muss entschieden Montgomery: Bestrafung ist definitiv der falsche Weg. Honorar­werden, wer es zuerst kriegt. Klar ist: Die Frage der Priorisierung abschläge würden nur zu neuen Verteilungskämpfen innerhalbist keine, die in drei, vier Wochen entschieden ist. Das ist ein der Ärzteschaft führen. Außerdem erleben wir gerade bei derThema, das uns Jahre beschäftigen wird – beschäftigen muss. Diskussion über das Versorgungsstrukturgesetz, dass die Krite- rien für die Definition von Über- und Unterversorgung nichtDie Regierungskoalition hat ein Versorgungsstrukturgesetz mehr aktuell sind.vorgelegt. Die Diagnose lautet Ärztemangel. Aus einer Statistikder Kassenärztlichen Bundesvereinigung geht hervor: Wir haben Eine engere Kooperation von Ärzten mit nicht-ärztlichenheute 138.000 niedergelassene Ärzte, vor 20 Jahren waren es Gesundheitsberufen ist heute wichtiger denn je. Unterschreibt100.000. Damals war von einer „Ärzteschwemme“ die Rede, das auch der Präsident der Bundesärztekammer?heute wird ein „Ärztemangel“ festgestellt. Wie passt das zu­ Montgomery: Sofort und uneingeschränkt! Die Delegation be­sammen? stimmter Leistungen von Ärzten an medizinische Assistenz­ erufe bMontgomery: Die Bundesärztekammer hat nachgewiesen, dass kann angesichts begrenzter Ressourcen helfen, eine gute wohn-mehr Ärzte nicht automatisch mehr ärztliche Dienstleistungen ortnahe Versorgung aufrechtzuerhalten. Das Patientenrecht aufbedeuten. Im Zeitraum von 2000 bis 2007 ist die Zahl der eine Behandlung nach Facharztstandard muss allerdings beiÄrzte in Deutschland zwar um sieben Prozent gestiegen. Insge- allen arzt-entlastenden oder arzt-unterstützenden Konzeptensamt stellten die Ärzte aber zuletzt 1,8 Prozent weniger Arbeits- gewährleistet bleiben. Die Substitution von Ärzten – also Ersatzzeit zur Verfügung. Wie lässt sich das erklären? Erstens: Die von Ärzten durch weniger qualifizierte Berufsgruppen – undÄrzte sind nicht mehr bereit, 80 Stunden und mehr die Woche die Lockerung des Arztvorbehaltes für Diagnostik und Therapie 30 Ausgabe 11/11, 14. Jahrgang
  4. 4. „Mehr Ärzte müssen nicht automatisch mehr ärztliche Dienstleistung bedeuten.“lehnen wir dagegen im Interesse von Patientensicherheit, Ver- von AOK, Weisse Liste und BARMER GEK für das qualitativsorgungsqualität und Rechtssicherheit strikt ab. bessere Instrument – auch, weil auf Freitextfelder verzichtet wird. Im Übrigen können auch Ärzte Honig daraus saugen, wenn sieBleiben wir beim Thema Versorgungsqualität. Wenn Sie als die Ergebnisse für das interne Qualitätsmanagement nutzen.Ärztevertreter einen Versorgungsvertrag mit einer Kranken­ asse kaufsetzen dürften, was stünde drin – was nicht? Ein Thema, das die Menschen umtreibt, ist die Organspende.Montgomery: Mit Sicherheit dürfte nicht drinstehen, dass das Was ist zu tun, damit mehr Spenderorgane zur Verfügung stehen?Morbiditätsrisikos auf die Ärzte übertragen wird. Das Morbi- Montgomery: Wir müssen die Menschen abholen, die sich fürditätsrisiko hat klassischerweise der Versicherer zu tragen. An- Organspende aussprechen, aber ihre Bereitschaft noch nichtsonsten müssen die Dinge, die in einem solchen Vertrag stehen, dokumentiert haben. Knapp 70 Prozent der Menschen in un-auch leistbar sein. Ich halte viele Haus- und Facharztverträge, serem Land sind bereit, nach ihrem Tod Organe oder Gewebedie gemacht werden, für durchaus vernünftig. zu spenden. Aber nur 17 Prozent haben einen Organspendeaus- weis. Wir unterstützen deshalb den Vorschlag von Bundesge-Sollte ein solcher Vertrag auch eine qualitätsorientierte Vergütung sundheitsminister Daniel Bahr, die Kassen dazu zu verpflichten,– sprich Pay for Performance – enthalten? ihre Versicherten bei der Ausgabe der elektronischen Gesund-Montgomery: Wenn sich beide Seiten auf exakte Kriterien für heitskarte über die Organspende zu informieren und zu einerPerformance verständigen können, ja. Aber bei der Definition Erklärung über die Spendenbereitschaft aufzufordern. Aussolcher Kriterien haben wir große Schwierigkeiten. Zudem – und unserer Sicht ist es unerlässlich, dass eine Erklärung zur Organ-da kommt ein wenig meine Hamburger Kaufmanns-Denke spende regelmäßig nachgefragt wird. Die Bundesärztekammerdurch – funktioniert Pay for Performance nur, wenn am Anfang hat deshalb auch ein Modell für eine Selbstbestimmungslösunginvestiert wird. Nichts ist gefährlicher als eine gute Geschäftsidee entwickelt, das genau diese Vorschläge beinhaltet. √ohne anständige Anfangsinvestition. Das Interview führte Thomas Hommel.Versicherte von AOK und BARMER GEK können seit Maiihren Haus- und Fachärzten im Internet Zeugnisse ausstellen.Nächstes Jahr will auch die Techniker Krankenkasse beimArztnavigator einsteigen. Ein großer Schritt in Richtung mehrTransparenz im Gesundheitswesen?Montgomery: Es ist kein Geheimnis, dass die Ärzteschaft an- Zur Personfänglich gegen Bewertungsportale im Internet war, da wir un- Dr. Frank Ulrich Montgomery kam am 31. Mai 1952 in Hamburg alsdifferenzierte, unsachliche Schmähungen befürchteten. Gleich- Sohn einer Hausärztin und eines britischen Offiziers zur Welt. Nach demwohl ist das Internet kein Raum, der sich durch drakonische Abitur studierte er Medizin in Hamburg und Sydney. 1979 promovierte er, 1986 machte er seinen Facharzt für Radiologie und wurde Oberarzt amWorte eingrenzen lässt. Deshalb haben wir entschieden, dass Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf. Von 1987 bis 2007 war Mont-wir konstruktiv mitwirken wollen an einem Portal, das sachliche gomery 1. Vorsitzender der Klinikärztegewerkschaft Marburger Bund undBewertungen ermöglicht. In diesem Sinne haben wir auch auf setzte nach einem wochenlangen Streik Gehaltserhöhungen in zwei­den Arztnavigator von AOK und Weisse Liste eingewirkt. Heu- stelliger Höhe für die Klinikmediziner durch. Von 2007 bis 2011 warte sind wir mit dem Ergebnis einverstanden. Beim Arztnavigator Montgomery Vize-Präsident der Bundesärztekammer, seit Juni 2011 stehthandelt es sich um ein objektives, die Bedürfnisse der Patienten er der Kammer als Präsident vor. Frank Ulrich Montgomery ist verheiratetabbildendes Frageinstrument. Im Vergleich mit dem Arztportal mit einer niedergelassenen Allgemeinärztin und hat zwei Kinder.des Verbandes der Ersatzkrankenkassen halte ich den ArztnaviAusgabe 11/11, 14. Jahrgang 31

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