• Share
  • Email
  • Embed
  • Like
  • Save
  • Private Content

Loading…

Flash Player 9 (or above) is needed to view presentations.
We have detected that you do not have it on your computer. To install it, go here.

Like this document? Why not share!

Nachhaltige Raumentwicklung

on

  • 2,151 views

Gerlind Weber - Materialie zur Ringvorlesung „Lernende Regionen“ – SS 2005

Gerlind Weber - Materialie zur Ringvorlesung „Lernende Regionen“ – SS 2005

Statistics

Views

Total Views
2,151
Views on SlideShare
2,151
Embed Views
0

Actions

Likes
0
Downloads
11
Comments
0

0 Embeds 0

No embeds

Accessibility

Categories

Upload Details

Uploaded via as Adobe PDF

Usage Rights

© All Rights Reserved

Report content

Flagged as inappropriate Flag as inappropriate
Flag as inappropriate

Select your reason for flagging this presentation as inappropriate.

Cancel
  • Full Name Full Name Comment goes here.
    Are you sure you want to
    Your message goes here
    Processing…
Post Comment
Edit your comment

    Nachhaltige Raumentwicklung Nachhaltige Raumentwicklung Document Transcript

    • Österreichisches Institut für Erwachsenenbildung (www.oieb.at) / TU-Wien Materialie zur Ringvorlesung „Lernende Regionen“ – SS 2005 Gerlind Weber „Nachhaltige Raumentwicklung“ 1. Grundsätzliches “Der Mensch ist träge, eigennützig und intelligent“, sagt eine Volksweisheit. Diese Eigen- schaften gilt es besonders im Auge zu behalten, wenn es um die Entwicklung und Umsetzung neuer gesellschaftsrelevanter Leitbilder geht. So fragt zunächst der Durchschnittsbürger: “Warum soll ich mich überhaupt mit einem neuen Anspruch auseinandersetzen?“ Zweitens: “Was bringt er mir? Und drittens: “Wie kann ich in den Genuss der damit für mich verbunde- nen Vorteile kommen?“ Die Politik muss imstande sein, Antworten auf diese Fragen geben zu können, um neuen ge- sellschaftsrelevanten Denkansätzen, wie den von der nachhaltigen Entwicklung, tatsächlich zum Durchbruch verhelfen zu können. Die vorliegende Arbeit versteht sich deshalb als Versuch, in der hier gebotenen Kürze wissen- schaftlich fundierte Antworten auf die oben aufgeworfenen Fragen zu liefern und sich dabei Schritt für Schritt dem mit dem Paradigma der Nachhaltigkeit verbundenen Denken anzunä- hern. Dabei sollen die räumlichen Auswirkungen von sustainable development im Vorder- grund der einschlägigen Reflexionen stehen. 2. Vom Umweltschutz zur nachhaltigen Entwicklung Die Trägheit des Menschen verlangt zunächst nach einer Erörterung, warum der ihm vertraute Umweltschutz von dem ihm noch fremden Anspruch der Nachhaltigkeit überhaupt abgelöst werden soll. Sich mit letzterem auseinanderzusetzen, kostet ihn Zeit und Energie, ist also mit Aufwand verbunden, den er nur eingeht, wenn er von der Notwendigkeit der Fortentwicklung des Bekannten überzeugt werden kann: 2.1 Die Schwächen des Umweltschutzes herkömmlicher Prägung • End-of-pipe-Orientierung Der Umweltschutz herkömmlicher Prägung ist nachsorgenorientiert und versteht sich als bloße “Reparatur an der Natur“. Zum Schutz der Natur wurden und werden z.B. auf exis- tierende Techniken schadstoffemissionsvermeidende Technologien aufgestülpt. So not- wendig diese Strategie als erste Reaktion auf die zunehmende Luft-, Boden- und Wasser- verschmutzung war und ist, so führt sie doch aufgrund folgender Punkte in eine wirt- schaftliche Sackgasse: End-of-pipe-Technologien führen zu einer Verteuerung der existierenden Technik, setzen die Effizienz der Basistechnik herab und machen letztere mehr reparaturanfäl- lig. Sie verursachen zusätzlichen Verbrauch von Ressourcen bei gleichem Output. Sie setzen falsche Signale: es gelten nicht jene Unternehmen als umweltfreundlich und fortschrittlich, die ressourcensparend produzieren, sondern jene, die Emissionen er- zeugen, aber einzelne Schadstoffe herausfiltern.
    • Österreichisches Institut für Erwachsenenbildung www.oieb.at / TU-Wien – Ring-VO Lernende Regionen / SS 2005 Gerlind Weber – Nachhaltige Raumentwicklung Die “Verschmutzerwirtschaft“ wird durch eine “Saubermacherwirtschaft“ ersetzt, was keinen volkswirtschaftlichen Wohlstandsgewinn bringt. Der nachsorgende Umweltschutz setzt auf Ordnungsrecht hinsichtlich der Durchset- zung seiner Ziele. Ordnungsregelungen legen aber die Versuchung bei den Adressaten nahe, sie zu umgehen. Die dadurch erforderlichen Kontrollen seitens der öffentlichen Hand kosten Geld. • Monokausale Betrachtung Umweltschädigungen werden als Einzelereignisse angesehen, die durch Einzelmaßnah- men jeweils einer Lösung zugeführt werden sollen. Beispielsweise wurde als Reaktion auf die Problematik des sauren Regens der Katalysator für Autos eingeführt, ohne damit Prob- leme, wie das ständig steigende Verkehrsaufkommen und die damit verbundene Gefahr des Verkehrskollapses, die zunehmende Verlärmung, das erhöhte Unfallrisiko und den wachsenden Ressourcenverbrauch zu entschärfen. Monokausale Lösungsansätze sind in Summe deshalb kritisch zu bewerten, weil sie eine strukturkonservierende Wirkung erzeugen, d.h., dazu beitragen, umweltschädigende Vor- gangsweisen im Wirtschafts- und Gesellschaftssystem weiterhin aufrecht zu erhalten. • Hohe Kosten-Wirksamkeitsdiskrepanz Umweltsanierungen sind unverhältnismäßig teurer als Umweltvorsorgemaßnahmen. Das Verhältnis beträgt zwischen 3:1 bis 16:1. Das heißt, es konnte schlüssig nachgewiesen werden, dass jeder in die Umweltvorsorge investierte Euro 3 bis 16 Euro an Umweltsanie- rungskosten spart. Insbesondere fällt dabei ins Gewicht, dass die Umwelttechnik ab einem gewissen Wirkungsgrad unverhältnismäßig teuer wird. • Medienspezifische Problemorientierung Die nachsorgende Umweltstrategie nimmt sich wesensgemäß der Umweltprobleme nur an, wenn Schäden an Mensch und/oder Natur akut, messbar oder nachweisbar auftreten und die Öffentlichkeit - meist mit Unterstützung der Medien - eine Lösung des jeweils aufgezeigten Missstandes verlangt. Das Setzen von geforderten ad hoc–Maßnahmen birgt aber latent die Gefahr der ungewollten bloßen Problemverschiebung in sich, die verschie- dener Art sein kann: - Intermedial: die Umweltbelastung wird von einem Umweltmedium in ein anderes verfrachtet (z.B. vom Wasser über den Klärschlamm in den Boden); - Interregional: das Umweltproblem wird von einem Ort zu einem anderen Ort “abge- schoben“ (z.B. “Mülltourismus“, Verschieben atomaren Abfalls von Zwischenlagern zu Endlagern); - Intergenerativ: Umweltschäden treten zeitlich verzögert auf, was dazu genützt wird, die Lösung des Problems auf nachfolgende Generationen abzuwälzen (z.B. die Klima- veränderung, Altlasten). • Trennung von Ursachen- und Wirkungsebene 2
    • Österreichisches Institut für Erwachsenenbildung www.oieb.at / TU-Wien – Ring-VO Lernende Regionen / SS 2005 Gerlind Weber – Nachhaltige Raumentwicklung Um die Umweltprobleme anzugehen, wurden in Westeuropa ab den späten sechziger Jah- ren letzten Jahrhunderts eigene Umweltbehörden auf den verschiedenen Verwaltungsebe- nen eingerichtet. Dies erfolgte, ohne gleichzeitig Kompetenzverschiebungen aus anderen Fachressorts vorzunehmen. Die Folge war eine Desintegration zwischen Ursachen- und Wirkungsebene dahingehend, als in einem Fachressort mitunter jene Entscheidungen ge- troffen werden, zu deren Beseitigung später die Umweltbehörden eingeschaltet werden. Durch die weitgehende Herausnahme der Sanierungskompetenz und –pflicht aus den die Umweltschäden verursachenden Ressorts geht für diese aber der Anreiz- bzw. der Prob- lemdruck verloren, der sie dazu veranlassen könnte, selbst vorsorgende Strategien für eine langfristige Sicherung der ökologischen Grundlagen einzuleiten. • Fazit: Keine Verbesserung der ökologischen Gesamtsituation Heute zeigt sich, dass der nachsorgende Umweltschutz weder den fortgesetzten raubbau- artigen Zugriff auf die endlichen natürlichen Ressourcen noch die steigenden Umweltbe- lastungen hintanhalten konnte. Das heißt, der herkömmliche Umweltschutz war und ist nicht in der Lage, Mensch und Natur aus der “Zwickmühle“ zu viel Rohstoffinput/zu viel Schadstoffoutput tatsächlich zu befreien. Die additiven Umweltschutzmaßnahmen können wesensgemäß nur einer Schadensbe- grenzung dienen, nicht aber eine fortgesetzte Schädigung des Naturhaushalts verhindern, was bereits zum Überschreiten ökologischer Belastbarkeitsgrenzen führt. Der Umwelt- schutz traditioneller Prägung befindet sich wesensgemäß immer in der Defensive, indem er stets reagiert, aber nicht aktiv gestaltet. Aufgrund all der genannten Gründe kann der Ausweg für eine Verbesserung der ökologi- schen Gesamtsituation nicht in einer Intensivierung des herkömmlichen Umweltschutzes liegen, sondern nur in einem grundlegenden Wandel von der additiven zu einer integrier- ten Umweltpolitik. 2.2 Die Grundstrukturen des Konzepts der nachhaltigen Entwicklung Um die zunehmenden Umweltprobleme weltweit in den Griff bekommen zu können, müssen die gesellschaftlichen und ökologischen Entwicklungsverläufe generell an den ökologischen Folgewirkungen orientiert, d.h., an der Endlichkeit und Erschöpfbarkeit der natürlichen Res- sourcen ausgerichtet werden. Mit anderen Worten: Es muss sich die Einsicht durchsetzen, dass langfristig eine sozio-ökonomische Entwicklung nur innerhalb eines dauerhaft funktions- fähigen Naturhaushaltes möglich ist. Dies bedingt, dass bei allen gesellschafts- und wirt- schaftsrelevanten Entscheidungen immer die Umweltauswirkungen mitzuberücksichtigen und die absolut geltenden ökologischen Belastungsgrenzen zu respektieren sind. Für diesen ganzheitlichen Denkansatz steht das Schlagwort der nachhaltigen Entwicklung (respektive von sustaniable development). Es wurde 1989 durch den UN-Bericht “Our Com- mon Future“ etabliert, der nach der Vorsitzenden der Kommission, die diesen Bericht erarbei- tet hat, im Fachjargon als “Brundtland-Report“ benannt wird. Der Brundtland-Report beschreibt ganz allgemein nachhaltige Entwicklung als “eine Ent- wicklung, die die gegenwärtigen Bedürfnisse befriedigt, ohne die Zukunftschancen nachfol- gender Generationen zu schmälern.“ Hinter diesem Anspruch steht demnach: - ein koevolutionäres Mensch-Natur-Konzept 3
    • Österreichisches Institut für Erwachsenenbildung www.oieb.at / TU-Wien – Ring-VO Lernende Regionen / SS 2005 Gerlind Weber – Nachhaltige Raumentwicklung - ein sozialwissenschaftliches Bedürfniskonzept und - ein naturwissenschaftliches Konzept der begrenzten Welt. 4
    • Österreichisches Institut für Erwachsenenbildung www.oieb.at / TU-Wien – Ring-VO Lernende Regionen / SS 2005 Gerlind Weber – Nachhaltige Raumentwicklung • Die drei Grundcharakteristika nachhaltiger Entwicklung In seinen Grundzügen lässt sich das Leitbild der nachhaltigen Entwicklung wie folgt charakte- risieren: Erstens: Integration ökologischer, sozialer und ökonomischer Aspekte Das Konzept der nachhaltigen Entwicklung versteht sich als eine auf den Erhalt der Natur- funktionen ausgerichtete Optimierung des Zusammenwirkens von Natur, Gesellschaft und Wirtschaft. Charakteristisch für diesen Ansatz ist das systemische Denken, das davon ausgeht, dass Umweltprobleme nur dadurch gelöst werden können, wenn Gesellschaft und Wirtschaft die Restriktionen, die die Natur vorgibt, in ihre Entscheidungen so integrieren, dass ein Fließ- gleichgewicht zwischen ökologischer Stabilität, hoher Lebensqualität und wirtschaftlicher Wettbewerbsfähigkeit erreicht und langfristig gehalten werden kann. Die Integration ökologischer, gesellschaftlicher und ökonomischer Aspekte kann wie folgt veranschaulicht werden: Wirt- Natur schaft Gesellschaft Abb. 1: Natur, Gesellschaft und Wirtschaft als unterschiedliche Ebenen eines einheitlichen Gesamtsystems Die Abbildung soll ausdrücken, dass die Natur der umfassendste Systembereich ist, innerhalb dessen die Gesellschaft ein Subsystem darstellt, von dem wiederum die Wirtschaft einen in- tegrierten Bestandteil bildet. Die Abbildung symbolisiert, dass die Natur, das heißt, die begrenzte Belastbarkeit und Trag- fähigkeit ihrer Ökosysteme, jenen anthropogenen Handlungsspielraum vorgeben, innerhalb dessen sich eine Gesellschaft entsprechend ihrer vorherrschenden Werte und Ziele vielfältig entwickeln kann. Diese vom Natursystem ableitbaren Begrenzungen werden auch als “ökolo- gische Leitplanken“ oder als “ökologischer Korridor“ der gesellschaftlichen und wirtschaftli- chen Entwicklung bezeichnet. Als Subsystem der Gesellschaft stellt die Wirtschaft jenes Mit- tel dar, das der Befriedigung der menschlichen Ansprüche dient und daher sowohl an den ge- sellschaftlichen Bedürfnissen als auch an dem übergeordneten ökologischen Rahmen ausge- richtet sein muss. 5
    • Österreichisches Institut für Erwachsenenbildung www.oieb.at / TU-Wien – Ring-VO Lernende Regionen / SS 2005 Gerlind Weber – Nachhaltige Raumentwicklung Die Pfeile zwischen den einzelnen Teilsystemen stellen nicht nur die starken Wechselbezie- hungen zwischen Natur, Gesellschaft und Wirtschaft dar, sondern sollen auch darauf hinwei- sen, dass gerade die Schnittstellen zwischen den drei Bereichen so zu gestalten sind, dass ein dauerhaftes Zusammenwirken ohne Gefährdung der Funktionsfähigkeit bzw. der Stabilität auch nur eines Bereiches möglich wird. Nachhaltige Entwicklung kann somit nur dann er- reicht werden, wenn jeder der drei Systembereiche dauerhaft stabil ist. Diese Stabilität ist je- doch nicht im statischen Sinne zu verstehen, sondern setzt die ständige Anpassung an Verän- derungen voraus. Zweitens: Integration der Umweltpolitik in sozio-ökonomische Entwicklungsverläufe Das Konzept der nachhaltigen Entwicklung fokussiert in seinen Bestrebungen um Verbesse- rung der Umweltsituation nicht mehr bloß die Umweltmedien (Boden, Wasser, Luft), sondern setzt auf eine auf den Erhalt der Umwelt ausgerichtete sozio-ökonomische Entwicklung. Die- ser Wechsel des Betrachtungswinkels ist mit einer drastischen Komplexitätszunahme auf der Ziel- und Mittelebene verbunden, was Konsequenzen nach sich zieht: Offenheit: Die zahllosen Zusammenhänge und Rückwirkungen zwischen Natur, Ge- sellschaft und Wirtschaft verunmöglichen, dass eine auf Nachhaltigkeit ausgerichtete Politik die gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Entwicklungen in allen Details vor- ausplanen kann. Es muss daher von einer grundsätzlichen Offenheit der Entwick- lungsverläufe ausgegangen werden, was gleichzeitig eine Abkehr von anthrozentri- schen Machbarkeitsansprüchen bedeutet. Geringe Eingriffstiefe: Um trotz der Offenheit gravierende Fehlentwicklungen ver- meiden zu können, ist bei den Gestaltungsmaßnahmen eine möglichst geringe Ein- griffstiefe in funktionierende ökologische, gesellschaftliche oder ökonomische Sys- temabläufe anzustreben. Damit soll sichergestellt werden, dass Maßnahmen, die sich im Laufe der Entwicklung als falsch herausgestellt haben, wieder aus dem jeweiligen Systemkontext herausgenommen werden können, ohne das betreffende System zu ge- fährden. Breite Mitbestimmung: Alle diejenigen Personen und Institutionen, die einen Ein- fluss auf die gesellschaftliche und wirtschaftliche Entwicklung haben, werden zu Ak- teuren der Nachhaltigkeitspolitik. Der Bogen spannt sich dabei etwa von den Ent- scheidungsträgern im Kleinen (z.B. Konsumenten, “Häuselbauern“), die durch ihre vielen individuellen Entscheidungen in Summe gesehen eine ähnliche zentrale Bedeu- tung besitzen wie die Entscheidungsträger im großen (z.B. Politiker, Großunterneh- men), bei denen zwar weniger Entscheidungen, diese aber mit einer größeren Reich- weite getroffen werden. Vor diesem Hintergrund gewinnt die Notwendigkeit einer möglichst breiten Mitbestimmung und Mitwirkung bei den einschlägigen Verände- rungsprozessen eine Aufwertung. Drittens: Dominanz des Prinzips der Selbstorganisation Nachhaltige Entwicklung baut auf dem Prinzip der Selbstorganisation auf. Dies gründet auf dem Umstand, dass komplexe Systeme nicht von außen gestaltet werden können, sondern nur von innen durch die Nutzung der diesen Systemen immanenten Eigendynamik. Das heißt, nachhaltige Entwicklung lässt sich nicht als “Patentrezept von oben“ verordnen, sondern be- darf eines ständigen Diskurses der Gesellschaft, der immer nur vorläufige und hypothetische Zwischenbestimmungen ergeben kann. Nachhaltigkeit hat demgemäss den Charakter eines 6
    • Österreichisches Institut für Erwachsenenbildung www.oieb.at / TU-Wien – Ring-VO Lernende Regionen / SS 2005 Gerlind Weber – Nachhaltige Raumentwicklung Leitbildes, dessen (Teil-)Ziele im Rahmen eines ständigen diskursiven Prozesses einer lau- fenden Überprüfung, Verbesserung und gegebenenfalls Korrektur oder Erweiterung unterlie- gen. Die Vorstellung darüber, was nachhaltige Entwicklung im Konkreten ist, ist im starken Maße zeit-, situations-, kultur- oder wissensabhängig. Wichtig ist dabei immer nur die wech- selseitige Abstimmung der ökologischen, gesellschaftlichen und ökonomischen Aspekte und eine entsprechende Koordination der zu setzenden Maßnahmen. Aus der offenen Konzeption von Nachhaltigkeit ergibt sich auch die Notwendigkeit instituti- onenübergreifender Diskurse innerhalb der, respektive zwischen den verschiedenen Gruppen und Akteuren aus Gesellschaft und Wirtschaft. Damit dieser wechselseitige Austausch frucht- bringend verlaufen kann, setzt dies auf allen Seiten das Selbstverständnis einer “lernenden Organisation“ voraus. Dies bedeutet, dass die gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Einzel- akteure und Gruppen einerseits aktiv für sich Impulse für eigene Veränderungs- und Erneue- rungsprozesse suchen und andererseits die Bereitschaft haben, Impulse für Lernprozesse an- derer abzugeben. 3. Das Leitbild nachhaltiger Raumentwicklung 3.1 Grundsätzliches Gegenwärtig steckt das Konzept der nachhaltigen Entwicklung in der schwierigen Phase des Übergangs vom Wissen zum Handeln, vom Leitbild zur Umsetzung. Dieser Umstand bringt die räumliche Dimension dieses Anspruchs ins Spiel. Dies aufgrund der Tatsache, dass Le- bensräume immer Rückschlüsse auf den jeweiligen geistigen, kulturellen und zivilisatorischen Status einer Gesellschaft zulassen. Dies bedingt den Schluss, dass auch eine nach Nachhaltig- keit strebende Gesellschaft sich in hohem Maße über Gestaltung und Funktion von Räumen ausdrücken wird. Das heißt, ein sich in Richtung Nachhaltigkeit entwickelndes Gemeinwesen wird immer auch entsprechende räumliche Leitbilder formulieren und danach trachten, diese Schritt für Schritt umzusetzen. Der Raum als Lebensraum des Menschen ist so wesentliche Auswirkungsebene, aber auch zentraler Impulsgeber nachhaltiger Entwicklung. Aufgrund dieser Einsichten ist es nur konsequent, dass aus dem Leitbild nachhaltiger Ent- wicklung nun ein Leitbild nachhaltiger Raumentwicklung abgeleitet wird. In wenigen Worten zum Ausdruck gebracht, geht es dabei bei letzterem um die Frage, wie die einzelnen Daseins- grundfunktionen des Menschen ausgestaltet sein müssen, dass die räumlichen Folgewirkun- gen dauerhaft den ökologischen Rahmenbedingungen entsprechen und gleichzeitig ein gutes Leben ermöglichen. Das Leitbild nachhaltiger Raumentwicklung konzentriert sich demnach auf die Suche nach entsprechenden gesellschaftlichen und individuellen Lebensstilen und den daraus resultierenden Anforderungen an die Lebensraumgestaltung und –organisation einer- seits sowie auf Fragen der ökologischen Belastbarkeit von Räumen anderseits. 3.2 Ökologische Anforderungen an die nachhaltige Raumentwicklung Die Raumentwicklung der letzten Jahrzehnte wurde fast ausschließlich auf die Ansprüche von Gesellschaft und Wirtschaft ausgerichtet. Hingegen blieben die Anforderungen des natürli- chen Systems weitgehend unbeachtet. Inzwischen wird jedoch zunehmend erkannt, dass eine intakte, funktionsfähige Natur die Grundlage jeder gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Entwicklung darstellt und ihrer langfristigen Erhaltung oberste Priorität beizumessen ist. So- mit ist die bisherige Sichtweise umzukehren: Die Anforderungen des ökologischen Systems sind vorderhand auszuloten und gelten in der Folge als absolut zu respektierende Leitplanken der gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Entwicklung. 7
    • Österreichisches Institut für Erwachsenenbildung www.oieb.at / TU-Wien – Ring-VO Lernende Regionen / SS 2005 Gerlind Weber – Nachhaltige Raumentwicklung Die ökologischen Anforderungen an eine nachhaltige Raumentwicklung sind prinzipiell aus zwei verschiedenen Blickwinkeln heraus zu betrachten: - Ökosystemare Sichtweise: sie stellt den Systemcharakter der Natur in den Mittelpunkt der Betrachtung - Ökomediale Sichtweise: sie stellt die einzelnen Umweltmedien in den Mittelpunkt der Betrachtung. 3.2.1 Ökosystemare Anforderungen Folgende ökosystemare Voraussetzungen müssen über die Zeiten hinweg gewährleistet wer- den, damit natürliche Systeme bestehen können: • Erhaltung der natürlichen Dynamik Natürliche Systeme befinden sich ständig in Veränderung. Sie streben zum einen permanent nach einem Zustand ökologischer Stabilität. Dieses Ziel kann nur dadurch erreicht werden, indem jedes Ökosystem fließend von einem Gleichgewichtszustand in einen anderen zu wechseln imstande ist, um sich dadurch z.B. auf neue Umfeldkonstellationen einstellen zu können. Zum anderen strebt jedes natürliche System nach seiner Weiterentwicklung im Sinne der Erhöhung seiner inneren Komplexität, weil eine hohe Vielfalt von Systemelementen und deren Beziehungen untereinander Stabilität verspricht und damit eine höhere Resistenz ge- genüber externen Einflüssen möglich wird. Insgesamt heißt dies: je höher die Vielfalt eines Systems ist, desto mehr unterschiedliche Zu- stände kann es einnehmen und umso mehr Möglichkeiten besitzt es, auf Veränderungen des Umfeldes zu reagieren. Bei Raumnutzungsentscheidungen ist dementsprechend auf eine größtmögliche Erhaltung der in einem Ökosystem vorhandenen Vielfalt zu achten. • Wahrung der ökologischen Stabilität Unter ökologischer Stabilität wird einerseits die Fähigkeit eines Ökosystems verstanden, Stö- rungen von außen zu widerstehen und zum anderen die Fähigkeit zu seiner Regeneration, wenn es von einer Störung betroffen ist. Prinzipiell wird die ökologische Stabilität durch das Maß der genetischen Vielfalt in einer Population bestimmt. Für raumrelevante Nutzungsentscheidungen heißt dies, dass nicht ausschließlich der anthro- pogene Bedarf, sondern die Empfindlichkeit des jeweils betroffenen Ökosystems einen Nut- zungseingriff rechtfertigt oder nicht. • Einhaltung von Belastungsgrenzen Jedes Ökosystem hat die Fähigkeit, einen bestimmten Grad an Belastungen zu tolerieren, oh- ne seine immanenten Strukturen und Funktionen zu verändern. Wie weit eine Belastung an die Grenzen der Belastbarkeit eines natürlichen Systems heranreicht, hängt zum einen von den spezifischen Toleranzen jedes einzelnen Systems und zum anderen von Art, Intensität und Dauer der Belastung ab. 8
    • Österreichisches Institut für Erwachsenenbildung www.oieb.at / TU-Wien – Ring-VO Lernende Regionen / SS 2005 Gerlind Weber – Nachhaltige Raumentwicklung Eine langfristige Beständigkeit der Ökosysteme und der Ökosphäre kann nur dann gesichert werden, wenn die anthropogenen Raumnutzungsansprüche die Belastbarkeitsgrenzen nicht überschreiten. Damit diese Bedingung erfüllt werden kann, müssen insbesondere zwei Forde- rungen beachtet werden: einerseits die prinzipiell schonende und sparsame Entnahme von natürlichen Ressourcen und anderseits die Respektierung der prinzipiell beschränkten Ab- sorptionsfähigkeit der Ökosphäre. • Sicherung der ökosystemaren Funktionen Jedes Ökosystem erbringt für den, respektive die Menschen eine Vielfalt an Funktionen: die Produktionsfunktion = die Bereitstellung erneuerbarer Rohstoffe, die Trägerfunktion = das Tragen menschlicher Aktivitäten und Strukturen sowie die Aufnahmefähigkeit menschlicher Abfälle, die Informationsfunktion = die Gewinnung von Informationen über den Zustand der natürlichen Umwelt sowie über vorbildlich gestaltete Produktionsprozesse, die Regulationsfunktion = die Erhaltung der Stabilität des Ökosystems, die ästhetische und Erholungsfunktion = die sinnliche Erfahrung von Natur; sie wird durch Vielfalt, Eigenart und Natürlichkeit bestimmt. Werden diese Umweltfunktionen über das systemadäquate Ausmaß beansprucht und dadurch das Ökosystem zerstört, so ist dieser Verlust unwiederbringlich. Damit dies vermieden wer- den kann, ist eine Ökologisierung der menschlichen Raumnutzungsmuster anzustreben. 3.2.2 Ökomediale Anforderungen Die Umweltmedien Wasser, Boden, Luft sowie Flora und Fauna stellen die Bestandteile von Ökosystemen dar und sind daher in die “ökosystemare Sichtweise“ gedanklich schon einbe- zogen worden. Aufgrund ihrer herausragenden Bedeutung als “Lebensmedien des Menschen“ ist jedes Medium für sich noch zu beschreiben: • Wasser Wasser erfüllt folgende Funktionen: Elementares Lebensmittel für Mensch und Tier Essentieller biologischer Produktionsfaktor Medium für die Lösung und den Transport von Stoffen und für zahlreiche Stoffwech- selfunktionen Medium für die Energiegewinnung Lebensraum für zahlreiche Tier- und Pflanzenarten Faktor in der Klimaregulation und -beeinflussung. Zum Schutz der Hydrosphäre und zur dauerhaften Sicherstellung der Wasserversorgung in ausreichender Quantität und Qualität sind insbesondere folgende Ziele anzustreben: Erhaltung des ökologischen Potenzials der Gewässer (z.B. durch Schutz des natürli- chen Gewässerraumes vor weiteren Verbauungen); Reduzierung umweltgefährdender Wasserschadstoffe (z.B. durch Beschränkung des Verkaufs von wassergefährdenden Stoffen); 9
    • Österreichisches Institut für Erwachsenenbildung www.oieb.at / TU-Wien – Ring-VO Lernende Regionen / SS 2005 Gerlind Weber – Nachhaltige Raumentwicklung Schutz der Grund- und Quellwasserreserven (z.B. durch Nutzungsverbot von Tiefen- wässern); Verringerung des Wasserverbrauchs (z.B. durch verstärkten Einsatz von Brauchwas- sersystemen). • Boden Der Boden erfüllt folgende Funktionen: Lebensraumfunktion z.B. für Bodenorganismen, Bestandteil von Lebensräumen für Lebensgemeinschaften Produktionsfunktion von Nutzpflanzen Hydrologische Regelungsfunktion z.B. durch Einfluss auf den Landschaftswasser- haushalt, auf die Speicherung von Wasser, auf die Grundwasserneubildung Transformationsfunktion: z.B. Humusbildung durch Auf- und Umbauprozesse Filterfunktion z.B. werden Fremdstoffe festgehalten, ausgefällt oder umgeformt Archivfunktion für die Erd- und Kulturgeschichte Standortfunktion für Gebäude und Infrastrukturanlagen Landschaftsfunktion durch Prägung der Landschaftsformen. Der Schutz des Bodens als endliche Ressource in quantitativer und qualitativer Hinsicht ist zu sichern. Das heißt unter anderem Weitgehendste Sicherung der natürlichen Bodenbeschaffenheit Verringerung von anthropogenen Einträgen in Böden Verringerung der Boden- und Flächenversiegelung Bekämpfung der Bodenerosion. • Luft Die Hauptfunktionen der Luft sind: Faktor im Wetter- und Klimageschehen Schutz vor schädlicher UV-Strahlung Atmungsmedium aller Lebewesen. Die vordringlichsten Schutzziele für die Atmosphäre sind: drastische Reduktion des Einsatzes fossiler Energieträger wie Kohle, Erdöl und Erd- gas bevorzugter Einsatz von CO2-neutralen erneuerbaren Energieträgern wie von Holz, Pflanzenölen und Sonnenenergie drastische Reduktion des Verbrauchs naturnaher Flächen. • Flora und Fauna Die Pflanzen- und Tierwelt erfüllt folgende Funktionen: Sicherung der biologischen Vielfalt und damit der Stabilität von Ökosystemen Nahrungsgrundlage Speicher genetischer Informationen 10
    • Österreichisches Institut für Erwachsenenbildung www.oieb.at / TU-Wien – Ring-VO Lernende Regionen / SS 2005 Gerlind Weber – Nachhaltige Raumentwicklung Träger bestimmter Funktionen in Ökosystemen. Ein umfassender Artenschutz muss bei folgenden Maßnahmen ansetzen: Sicherung, Erweiterung und Vernetzung von Flächen mit großer ökologischer Bedeu- tung Grundsätzlich schonende Landnutzung Spezieller Schutz gefährdeter Pflanzen- und Tierarten Genereller Schutz von Lebensgemeinschaften und Artenkollektiven. 3.3 Soziale Anforderungen an die nachhaltige Raumentwicklung Bei Betrachtung der gesellschaftsrelevanten Dimension nachhaltiger Raumentwicklung ist davon auszugehen, dass die räumlichen Entwicklungstrends grundsätzlich als Resultate der Lebensweise der Mitglieder einer Gesellschaft zu deuten sind. Daraus folgt, dass nur eine Gesellschaft, die eine dauerhaft umweltverträgliche Gestaltung ihrer Lebensweise anstrebt, imstande ist, nachhaltige Raumentwicklungsmuster zu entwickeln und umzusetzen. Dement- sprechend ist hier die Frage zu klären, welche vorherrschenden kulturprägenden Werthaltun- gen und Normen charakteristisch für eine nachhaltige Lebensweise sind. 3.3.1 Grundwerte eines nachhaltigen Lebensstils Es sind sieben Grundwerte, die als “soziale Leitprinzipien“ zur Errichtung einer nachhaltigen Gesellschaft anzusehen sind. Sie müssen von den Individuen, aber auch der Gesellschaft “ver- innerlicht“ werden, um nachhaltige Raumentwicklungen hervorbringen zu können: • Dematerialisierung Die Priorität dieses Wertes entspringt der Erkenntnis, dass in unseren Breiten der übliche Verbrauch von Rohstoffen und Energie auf Dauer nicht aufrecht zu erhalten ist. In der Fachwelt setzt sich immer mehr die Erkenntnis durch, dass eine nachhaltige Entwicklung eine Reduktion der Stoffströme um den Faktor 10 bezogen auf den status quo erfordert. Dass dieses Ziel mit den Ansprüchen an Lebensqualität und Wohlstand durchaus verein- bar ist, zeigt ein fiktives Beispiel: Verdoppelung der Nutzungsdauer eines Produktes (z.B. durch dessen Reparierbarkeit) Recycling des Zweieinhalbfachen der Materialmenge (z.B. durch Fraktionierbarkeit der Stoffe) Halbierung der Materialeinsatzmenge bei der Herstellung (kleine, leichte Produkte). Der Anspruch auf Dematerialisierung muss durch zwei einander ergänzende Strategien gleichzeitig verfolgt werden: Suffizienzstrategie: sie verfolgt die Frage des “Wieviel ist genug?“, das heißt, sie hin- terfrägt, welche Güter und Dienstleistungen zur Sicherung eines “guten Lebens“ ü- berhaupt notwendig sind. Dies schließt die Feststellung mit ein, dass in vielen Fällen ein “Weniger“ an Materiellem ein “Mehr“ an Lebensqualität bedeuten kann. Die Suf- fizienzstrategie zielt deshalb auf eine Bedürfnisreduktion vor allem dort ab, wo Güter und Dienstleistungen keinen positiven Beitrag zu einem nachhaltigen Lebensstil leis- ten. Suffizienz bedeutet eine neue Genügsamkeit, die aber nichts mit Mangel, sondern etwas mit der Erkenntnis zu tun hat, dass man ohnehin ausreichend versorgt ist. 11
    • Österreichisches Institut für Erwachsenenbildung www.oieb.at / TU-Wien – Ring-VO Lernende Regionen / SS 2005 Gerlind Weber – Nachhaltige Raumentwicklung Effizienzstrategie: sie verfolgt die Frage, wie die unverzichtbaren Güter und Dienst- leistungen unter größtmöglicher Sparsamkeit in Bezug auf Ressourcenverbrauch und Vermeidung von Schadstoffen herzustellen, zu nutzen und zu entsorgen sind. Dieses Ressourcenmanagement ist heute die dominierende Umweltvorsorgestrategie. Beispie- le hiefür sind die Entwicklung schadstoffärmerer Produkte. Auch die Änderung des Nutzerverhaltens (z.B. die Begründung von Fahrgemeinschaften) kann zur Steigerung der Ressourceneffizienz beitragen. Der Dematerialisierungsanspruch erfordert eine Kombination von Effizienz- und Suffi- zienzstrategien. Bloße Effizienzsteigerung kann zur Überkompensation von Einspareffek- ten durch Wachstumseffekte führen (z.B. erhöhte Luftschadstoffbelastungen aus dem Au- toverkehr durch steigendes Verkehrsaufkommen trotz umweltfreundlicherer Fahrzeuge), während reine Suffizienzstrategien auf unzureichende gesellschaftliche Akzeptanz treffen können. • Natürlichkeit Mit diesem Grundwert der Nachhaltigkeit verbindet sich der Anspruch der bevorzugten Nut- zung sich natürlich regenerierender Quellen, der Orientierung an den Kreisläufen der Natur sowie der Verfolgung des Prinzips des Recyclings. Jedes Produkt, jede Funktion und jede Organisation soll mit der Biologie von Mensch und Natur vereinbar sein und deren Gesetz- mäßigkeiten entsprechen. Natürlichkeit und Lebensqualität sind über die Ästhetik miteinander verbunden. Die Ästhetik des Natürlichen zeigt den Weg zu einer nachhaltigen Lebensraum- gestaltung. • Entschleunigung Dieser Anspruch zielt auf die Anpassung der Geschwindigkeit gesellschaftlicher und ökono- mischer Abläufe sowie individueller Lebensstile an die natürlichen Zeitrhythmen. Zunehmend leidet die Gesellschaft in unseren Breiten unter der fortlaufenden Beschleunigung, die ihre Ursache in der immer schnelleren technisch-ökonomischen Entwicklung hat. Neben ökologi- schen Krisenerscheinungen sind die immer dichtere Abfolge von beruflichen und privaten Aktivitäten (Stress in Beruf und Freizeit), von Produktgenerationen oder die Kurzlebigkeit von Informationen symptomatisch für die Akzeleration. Dass diese Entwicklung in die “Be- schleunigungsfalle“ führt, wird inzwischen auch von der Wirtschaft erkannt. Sie erfährt Nachteile daraus, dass die immer kürzeren Produktzyklen nicht mehr gewährleisten, dass die Entwicklungskosten neuer Produkte finanziell amortisiert werden können. Im Zusammenle- ben führt die wachsende Veränderungsgeschwindigkeit zu Spannungen zwischen den Genera- tionen, weil immer weniger Gemeinsamkeiten in der Alltagskultur die (Großeltern) – Eltern– Kind–Beziehungen verbindet. Entschleunigung bedeutet die Wiederentdeckung der Langsamkeit und zielt auf einen konse- quenten Abbau von zeitbedingten Zwängen. Qualitäten wie Langlebigkeit, Dauerhaftigkeit, Stabilität, Besonnenheit, Muße u.a.m. gewinnen unter dem Prätext der Nachhaltigkeit an Ge- wicht. Im räumlichen Kontext bedeutet Verlangsamung eine bewusste Favorisierung der räumlichen Nähe bei der Nutzungsverteilung und eine Abkehr von der energieintensiven Be- schleunigung von Verkehrssystemen. 12
    • Österreichisches Institut für Erwachsenenbildung www.oieb.at / TU-Wien – Ring-VO Lernende Regionen / SS 2005 Gerlind Weber – Nachhaltige Raumentwicklung • Vielfalt Dieser Anspruch will den herrschenden Trend in Richtung Funktionstrennung und der daraus resultierenden Spezialisierung von Räumen entgegenwirken. Die zunehmende Nutzungsent- flechtung beruht auf der immer hochgradigeren Arbeitsteilung postindustrieller Gesellschaf- ten. Für jede der menschlichen Daseinsgrundfunktionen gibt es dafür festgelegte Orte, wo die jeweilige Tätigkeit innerhalb eines fix vorgegebenen Rahmens intensiv ausgeübt wird. Vielfalt steht in der Natur für ökologische Stabilität und Anpassungsfähigkeit von Ökosyste- men. Sie bedeutet im menschlichen Zusammenleben Krisensicherheit, Lebendigkeit und Effi- zienz durch Kurzwegigkeit und Mehrfachnutzung. Im räumlichen Kontext bedeutet sie eine Absage an räumliche Monostrukturen und stattdessen das Bemühen um mannigfaltige Funk- tionsverflechtungen. • Identität Sie bildet sich aus dem Zusammenspiel von Individualität, sozialem Eingebundensein und kultureller Verankerung. Sie ist Individualismus ohne Egozentrismus. Gerade heute, wo die herkömmlichen Identitätsstifter, nämlich Nationalstaat, Beruf und Familie, als wichtige Be- zugspunkte individueller Identitätsbildung zunehmend ihre Bedeutung verlieren, ist es wich- tig, neue aufzubauen. In diesem Zusammenhang bietet sich die Region als adäquate Bezugs- einheit an. Ihre jeweilige Entwicklung soll sich am Gewachsenen und an der Tradition orien- tieren, ohne die Notwendigkeit zur steten Veränderung aus den Augen zu verlieren. • Kreativität Sie ist Voraussetzung für das Auffinden alternativer Sichtweisen und Denkschemata, denn Kreativität bildet die unverzichtbare Basis für die Entwicklungsfähigkeit von Systemen. Es braucht sie, um das unhinterfragte Forschreiben bestehender Entwicklungstrends zu verhin- dern, um sich aus sogenannten “Sachzwängen“ zu befreien, um Lösungen im Sinne einer qua- litativen Entwicklung ohne quantitatives Wachstum erwirken zu können oder, um die Res- sourcen aus Regionen im Sinne der Nachhaltigkeit einsetzen zu können. • Sicherheit Sie zählt zu den zentralsten und komplexesten Bausteinen des menschlichen Bedürfnisspekt- rums. Will die Menschheit auch auf lange Sicht in eine sichere Zukunft gehen, so muss sie zweifelsfrei fundamentale Änderungen in ihren Werthaltungen und in ihrer Wirtschaftsweise vornehmen. Die großen Gefahrenpotenziale liegen heute kaum mehr in der natürlichen Um- welt, sondern in der Kultursphäre, dass heißt in der Lebensweise der Industriegesellschaften. Der Unterschied zu den Lebensrisiken vergangener Epochen besteht hier in der Mittelbarkeit der Bedrohungen, die der instinktiven Wahrnehmung und der intuitiven Abwehr entzogen sind. Die Erfassung zivilisatorischer Risiken und ein Dagegensteuern kann nur über eine entspre- chende Bewußtseinsbildung erfolgen. Merkmale einer sicherheitsfördernden Entwicklung sind z.B. grundsätzliche Behutsamkeit bei Eingriffen in die Natur, konsequente Gesundheits- und Gefahrenvorsorge, Förderung der wirtschaftlichen Selbstständigkeit von Regionen im Sinne einer aktiven Krisenvorsorge, Förderung von solidarischem Verhalten u.a.m. 13
    • Österreichisches Institut für Erwachsenenbildung www.oieb.at / TU-Wien – Ring-VO Lernende Regionen / SS 2005 Gerlind Weber – Nachhaltige Raumentwicklung 3.3.2 Nachhaltige Ausgestaltung der Daseinsgrundfunktionen Gesellschaftlich als bedeutsam erkannte Werte können nur im Alltagsleben der Bevölkerung verwirklicht werden. Dementsprechend ist hier darzulegen, wie die oben genannten Grund- werte der Nachhaltigkeit auf die raumrelevanten menschlichen Daseinsgrundfunktionen ein- wirken und diese entsprechend modifizieren: • Wohnen Im Rahmen eines nachhaltigen Lebensstils stellt die Wohnung den räumlichen Lebensmittel- punkt dar. Voraussetzung dafür ist, dass Wohnung und Wohnumfeld die Möglichkeit bieten, Grundbedürfnisse und persönliche Wünsche zu erfüllen, eigenen Lebensinteressen nachzuge- hen und soziale Kontakte zu ermöglichen. Ziele für das Wohnen unter dem Nachhaltigkeitsaspekt sind beispielsweise: Engmaschige Vernetzung des Wohnens mit den anderen Daseinsgrundfunktionen; Durchmischung des Wohnens mit verträglichen anderen Raumnutzungen; Bedachtnahme auf Elemente der Versorgungssicherheit im Hinblick auf Ernährung, Energie, im Krankheitsfall etc.; Beachtung von Prinzipien wie optimierter Flächeneinsatz, Niedrigenergie- und Leichtbauweise, Einsatz von heimischen Materialien, natürliche Belichtung bei der Gebäudeplanung u.ä.m.; Priorität von Sanierung und Ausbau bestehender Bausubstanz vor Neubau; Anpassung des Wohnbaustandortes und der Gebäudeform an natürliche Gegebenhei- ten; Alten- und Behindertengerechtigkeit des Baues; Anpassung an das historisch gewachsene soziale und kulturelle Umfeld im Sinne einer traditionsorientierten Entwicklungsfähigkeit; Vernetzung des Wohninnenbereiches mit dem Wohnumfeld nach dem Motto “im Gar- ten wohnen – die Natur ins Zimmer holen“; Individuelle Gestaltungsmöglichkeit persönlicher Frei- und Rückzugsräume, jedoch mit Einbettung in das Ganze (“Einheit in der Vielfalt“). • Arbeit Positive Anknüpfungspunkte in Richtung nachhaltige Gestaltung von Arbeit sind im gegen- wärtigen Umbruch der Arbeitswelt durchaus erkennbar. So fördert der Wertewandel die Etablierung ganzheitlicher Arbeitsformen, was Selbstentfaltung und Identifikation mit dem Arbeitsergebnis begünstigt. Mit der wachsenden Dienstleistungsorientierung verbindet sich ferner eine zunehmende Entmaterialisierung der Wertschöpfung. Die Informationstechnologie macht prinzipiell eine Dezentralisierung gewisser Betriebsabläufe möglich, sie begünstigt die Entstehung dezentraler Arbeitsplätze und trägt zur Überwindung der scharfen Trennung von Arbeitswelt und Familie bei. Anforderungen an eine nachhaltige Arbeitswelt sind beispielsweise: Forcierung von Erwerbsarbeitsplätzen in der Nähe des Wohnortes. Dazu kann gerade im ländlichen Raum eine endogene Regionalentwicklung zur Schaffung von Arbeits- plätzen fern wirtschaftlicher Zentren beitragen; 14
    • Österreichisches Institut für Erwachsenenbildung www.oieb.at / TU-Wien – Ring-VO Lernende Regionen / SS 2005 Gerlind Weber – Nachhaltige Raumentwicklung Bewusstseinsbildung der Konsumenten dahingehend, jene Produkte und Dienstleis- tungen nachzufragen, die aus der Nähe kommen; Aufwertung des informellen Arbeitssektors, also Umorientierung in der Fixierung auf die Erwerbsarbeit hin zur Eigen- und Beziehungsarbeit (Nachbarschaftshilfe, Vereins- arbeit); Verbesserung der Integration von Berufs- und Privatsphäre durch flexible Arbeitsplät- ze, die räumlich und zeitlich an individuelle Verhältnisse anpassbar sind. Flexibilisie- rung heißt, dass Technik und Arbeitsorganisation sich dem jeweiligen Menschen an- passen und nicht umgekehrt; Kreation und Organisation ganzheitlicher Arbeitsformen; Freihalten von Gestaltungsspielräumen und Mitbestimmungsmöglichkeiten am Ar- beitsplatz als Grundlage einer befriedigenden Arbeitssituation; Ausbau der Gesundheits- und Sicherheitsvorsorge am Arbeitsplatz. Forcierung des Grundsatzes: Risikoreduktion statt Gefahrenzulagen; Auf Nachhaltigkeit ausgerichtete wirtschaftspolitische Weichenstellungen, wie eine ökologische Steuerreform, zum Schutz der regionalen Wirtschaft durch Verteuerung von Transport und Energieverbrauch. • Freizeit Ein großes Hoffnungspotenzial für eine nachhaltige Freizeitgestaltung liegt im Verschwinden der ehemals scharfen Trennlinien zwischen Freizeit und Erwerbsarbeit. Wurden in der Ver- gangenheit an beide Sphären ganz unterschiedliche Erwartungen geknüpft, so wollen heute immer mehr Menschen sowohl bei der Arbeit als auch in der Freizeit Selbstverwirklichung und -entfaltung erleben. Ziele für die Funktion Freizeit unter dem Nachhaltigkeitsaspekt sind beispielsweise: Errichtung eines freizeitgerechten Wohnumfeldes als Basis für stressfreien Freizeitge- nuss. Eine abwechslungsreiche Freizeitgestaltung (Ruhe, Bildung, Kreativität, Sport etc.) soll primär durch die Nutzung der Umgebungsvielfalt erzielt werden; Vermeidung von lebensqualitätsbeeinträchtigenden “Freizeitmonokulturen“; Erhöhung des Anteils konsumfrei verbrachter Freizeit (z.B. Gartenarbeit, Wandern) Favorisierung von Naturerleben mit möglichst geringem technischen Aufwand; Propagierung risikoarmer Sportarten zur Erholung ohne Gefahr; Soziale Einbindung des Freizeitverhaltens stärken (Freizeit als Gemeinschaftserleb- nis); Aufwertung der realen gegenüber der virtuellen Welt (z.B. wirkliches Erleben anstatt TV, Gesellschaftsspiele statt Computerspiele). • Ernährung Die Art und Weise wie der Mensch das Grundbedürfnis Ernährung deckt, hat zum einen per- sönliche Auswirkungen auf sein Wohlbefinden und seine Gesundheit und zum anderen kommt über diese Individualentscheidungen die vorherrschende Ernährungsweise einer Ge- sellschaft zustande. Letzteres bestimmt wieder in einem beträchtlichen Ausmaß die Art der Nahrungsmittelverarbeitung sowie die ökonomische und ökologische Situation in der Land- bewirtschaftung. Anforderungen an eine nachhaltige Ernährungsweise sind beispielsweise: 15
    • Österreichisches Institut für Erwachsenenbildung www.oieb.at / TU-Wien – Ring-VO Lernende Regionen / SS 2005 Gerlind Weber – Nachhaltige Raumentwicklung Aufwertung des Gesundheitsbewusstseins als persönlicher Identitätsbestandteil; Etablierung einer “slowfood-Kultur“ zur Förderung geistiger, seelischer und sozialer Gesundheit; Forcierung von naturverträglich produzierten Lebensmitteln aus der Region, ein- schließlich der engen Verbindung zwischen Nahversorgung und heimischer Landwirt- schaft (Ziel: das in der Nähe erzeugte Produkt aus dem nahen Geschäft); Wertigkeitssteigerung der Ernährung durch Erhöhung des pflanzlichen Anteils. Mehr Saisongerechtigkeit durch Berücksichtigung des jahreszeitlich unterschiedlichen An- gebots an heimischen Lebensmitteln; Renaissance bzw. Entwicklung einer Esskultur; Essen als soziales und kommunikati- ves Ereignis. • Konsum Die Versorgung mit Gütern des täglichen Bedarfs ist im Raum der EU im Prinzip gelöst und damit ist die materielle Basis für die Vereinbarkeit individueller Existenzansprüche mit einer zukunftsverträglichen Gesamtentwicklung im Sinne einer kulturell-zivilisatorischen Evolution des Menschen geschaffen. Charakteristika einer nachhaltigen Konsumwelt sind beispielsweise: Persönlichkeit und Identität als Eckpfeiler eines neuen Konsumentenleitbildes: Selbst- bestimmtheit, Informiertheit, Bedarfs- statt Modeorientierung charakterisieren den au- tonom entscheidenden Konsumenten; Nutzen hat Vorrang vor Besitz. Vielfältige Gebrauchsmodelle (z.B. Car-sharing) schaffen Alternativen zum Erwerb von Produkten; Ersatz von Konsum durch Naturerlebnisse; Befreiung von Ersatzbefriedigung durch Konsum; der Status wird mittels Persönlichkeit und weniger mit materiellen Symbolen zum Ausdruck gebracht; Aufrechterhaltung der Nahversorgung sowie Vorrang heimischer Produkte als Teil der Wahrnehmung der Verantwortung für die Kulturlandschaft; Neue Kriterien für “nachhaltige Produktqualität“: lange Nutzungsdauer, Reparierbar- keit, längere Produktzyklen, Aufrüstung statt Neukauf, Multifunktionalität von Pro- dukten sowie langfristige Gebrauchssicherheit (lange Verfügbarkeit von Ersatzteilen und Zubehör etc.) gewinnen an Bedeutung; Orientierung an ökologischen Produktinformationen als maßgebliches individuelles Kaufkriterium; Verständnis des Haushalts als produktive Einheit. Der Haushalt wird nicht nur als Konsumgemeinschaft interpretiert, sondern als produktive Einheit, die Leistungen wie Kindererziehung, Nachbarschaftshilfe, Fertigstellung von Vor- und Halbfertigproduk- ten erbringt. • Bildung Während Mobilität die Daseinsgrundfunktionen räumlich-physisch verbindet, sorgt Bildung für ihre geistig-abstrakte Vernetzung zu einer Ganzheitlichkeit. So setzt ein nachhaltiger Le- bensstil das Erkennen von Zusammenhängen und Phänomenen voraus, die über die primäre Sinneswahrnehmung und unmittelbare Lebenserfahrung hinausgehen. 16
    • Österreichisches Institut für Erwachsenenbildung www.oieb.at / TU-Wien – Ring-VO Lernende Regionen / SS 2005 Gerlind Weber – Nachhaltige Raumentwicklung Merkmale eines zukunftsorientierten Bildungswesens sind beispielsweise: Förderung des vernetzten Denkens; Vermittlung eines Wert- und Grenzenbewusst- seins; Förderung der Überschaubarkeit des Wissens; Neuer Stellenwert von Solidarität, Verantwortung und Demokratie: Zum Beispiel brauchen die neu abzuschließenden sozialen Verträge zur Alterssicherung bei verän- dertem Altersaufbau und der Wahrung der Lebensrechte kommender Generationen neben materiellen und organisatorisch-systembezogenen Weichenstellungen einen ge- sellschaftlichen Grundkonsens, dessen tragfähige Säule Ethik und Werterziehung bil- den. Wandel der leistungs- zu einer selbstwertorientierten Schulkultur; Aufwertung von Persönlichkeitsbildung, Forcierung sozialer Kompetenz, inklusive Gesundheits- und Risikobewusstseins sowie Vermittlung positiven Denkens; Wecken und Entwickeln von Problemlösungskompetenz; Forcierung des “Dualismus“ im Sinne einer ausgewogenen Entwicklung beider Ge- hirnhälften, das heißt Abkehr von der “linkshemisphärischen“ Orientierung; Verbin- dung von “Kopfarbeit“ mit allen sonstigen Fähigkeiten des Menschen; Herstellung eines Bezuges zur regionalen Erfahrungswelt, Schaffung neigungs- und eignungsgerechter Bildungsangebote im Wohnumfeld; Verknüpfung der Bildung mit anderen Lebensbereichen (z.B. “Bildungsurlaub“). • Mobilität Bei der Mobilität ist im Prinzip das planerische Instrumentarium bekannt, das dazu eingesetzt werden könnte, um den motorisierten Individualverkehr einzuschränken. Was noch fehlt, ist ein entsprechendes Mobilitäts- und Verkehrsverhalten der Menschen, um die Akzeptanz die- ser Lösungen zu erhöhen. Eine Auseinandersetzung mit Mobilität sollte daher weniger voll- ziehenden und mehr normentwickelnden Charakter entfalten. Elemente der Mobilität unter dem Aspekt der Nachhaltigkeit sind beispielsweise: Räumliches Nebeneinander aller Lebensbereiche zum Abbau von Mobilitätszwängen. Weniger Mobilität hätte mehrere wünschenswerte Effekte: Entstehen lokaler Arbeits- plätze und Forcierung der Entwicklung endogener Wirtschaftspotenziale durch ver- stärkten Konsum regionaler Produkte wegen des Wegfalls langer Transportwege; po- sitive Auswirkung auf Lebensqualität, Gesundheit und Wohlbefinden aufgrund ver- minderter Verkehrsfolgen; Entwicklung von intraregionalen Bindungen und Bezie- hungsnetzen; Mobilität soll räumliche nicht durch zeitliche Nähe, die durch Beschleu- nigung im Verkehrssystem erreicht wird, ersetzen; Substitution von Mobilität durch Kommunikation; Ausnützen organisatorischer Möglichkeiten zur umweltgerechten Befriedigung des Mobilitätsbedürfnisses (z.B. Begründung von Fahrgemeinschaften); Erhaltung, Attraktivierung und Ausbau von lokalen und regionalen Fuß- und Radwe- genetzen; Erweiterung der Sicherheitsdimension im Verkehrswesen, das heißt, einer Optimie- rung des Gesamtsystems ist gegenüber der Maximierung in einzelnen Bereichen der Vorzug zu geben; Sicherheit, Komfort und fehlerfreundliche Technologien sind dem Faktor “Geschwin- digkeit“ vorzuziehen. 17
    • Österreichisches Institut für Erwachsenenbildung www.oieb.at / TU-Wien – Ring-VO Lernende Regionen / SS 2005 Gerlind Weber – Nachhaltige Raumentwicklung Zusammenfassend lässt sich sagen, dass eine Fortentwicklung der Lebensstile in Richtung Nachhaltigkeit auf eine dauerhafte Stabilisierung der Gemeinwesen auf den verschiedenen Organisationsstufen – gewissermaßen von der Familie bis zur supranationalen Ebene – hin- ausläuft und zudem das einzelne Individuum einen Gewinn an Lebensqualität und Lebenser- füllung daraus ziehen kann. Nachhaltige Entwicklung verspricht ein “gutes Leben“, das in seinem Anspruch über das bloße “viel Haben“ hinausgeht. 4. Nachhaltige Raumstrukturen 4.1 Grundsätzliches Ausgehend von der Einsicht, dass durch die physische und organisatorische Struktur von Räumen sehr entscheidend Lebensstile verändert werden, ist hier zu fragen, welche zukunfts- fähigen Erscheinungsformen der räumlichen Entwicklung nachhaltige Lebensstile fördern bzw. diese Schritt für Schritt hervorbringen. Dies geschieht unter Einbeziehung der Forde- rung, dass dabei die genannten ökologischen Ziele gewahrt werden. Ferner ist zu bedenken, dass hier die ökonomischen Aspekte weitgehend mit den inhaltlichen Ausformungen des Le- bensstils verbunden sind, weil im Konzept der nachhaltigen Entwicklung “die Wirtschaft“ bloß eines der zentralen Mittel zur Realisierung zukunftsverträglicher Lebensweisen darstellt (und nicht umgekehrt die Lebensweise der Menschen ein Ergebnis vorderhand ökonomischer Zielvorstellungen ist). Eine nachhaltige Wirtschaft entwickelt sich durch entsprechend verän- derte makroökonomische Rahmenbedingungen einerseits und durch eine geänderte Nachfrage anderseits. Die nachfolgende Beschreibung, wie bei gegenwärtigem Wissensstand nachhaltige Raum- strukturen zu charakterisieren sind, ist nicht dahingehend zu missinterpretieren, dass derartige Strukturen “von oben her“ verordnet werden sollten und Bestehendes weichen müsste, son- dern, dass sich durch Bewusstseinsbildung und Anreize, nach und nach die Lebensstile im vorausgehenden Kapitel dargelegten Sinn verändern und parallel dazu auch Schritt für Schritt die Raumstrukturen. 4.2 Nachhaltige Entwicklung der Siedlungsstrukturen Siedlungen, also die durch Bauten und Anlagen dominierten räumlichen Strukturen, sind zentraler Ausdruck und zugleich Rahmenbedingung für die vielfältigen Lebensäußerungen der Menschen als Individuen als auch als Teile der Gesellschaft. Die gebaute Umwelt ist demnach immer physischer Ausdruck des technologischen Entwicklungsstandes, des jeweils vorherrschenden ökonomischen Imperativs, des ökologischen “Gewissens“ sowie der domi- nierenden sozialen, ästhetischen und ethischen Strömungen einer Gesellschaft. Dementspre- chend wird “sustainable development“ nur Hand in Hand mit Veränderungen im Siedlungs- wesen erreicht werden können. Aus regionaler Sicht ist davon auszugehen, dass sich nachhaltige Raumstrukturen nur auf Ba- sis eines möglichst eigenständigen und stabilen ländlichen Raumes einerseits und auf nicht wuchernden, aber vitalen Städten anderseits realisieren lassen. Stadt und Land sind gerade in ihrer gewachsenen physischen und soziokulturellen Gegensätzlichkeit als einander prinzipiell ergänzende Raumphänomene zu erkennen, die miteinander gleichberechtigte “symbiotische“ Austauschbeziehungen verschiedenster Art auf möglichst kurzem Wege pflegen sollen. 18
    • Österreichisches Institut für Erwachsenenbildung www.oieb.at / TU-Wien – Ring-VO Lernende Regionen / SS 2005 Gerlind Weber – Nachhaltige Raumentwicklung 4.2.1 Ländliche Siedlungsstrukturen Folgende Ziele und Maßnahmen fördern die nachhaltige Entwicklung in ländlich geprägten Siedlungsräumen: • Mehrfachnutzungen begünstigen Multifunktionelle Raumnutzung: Die am Land dominierende Form des Ein- oder Zweifamilienhauses bietet in der Regel genug Platz, um die anzustrebende Aufwer- tung des Eigenarbeitsanteils räumlich zu bewältigen, aber auch um in Hinkunft ver- mehrt von zu Hause aus Erwerbstätigkeiten nachzugehen; Aufbau multifunktioneller Läden: neue Chancen ergeben sich durch Zusammenlegung von Versorgungseinrichtungen, die für sich allein in Dörfern nicht mehr überlebensfä- hig sind. Zum Beispiel Funktionskonzentration durch Gemischtwarenhandel, kombi- niert mit Post, Lotto-Toto, Annahmestelle für Putzereien, Schuhreparaturen, Fax- und Fotokopierstelle etc.; “fliegende“ Dienstleister: “fahrende“ Greißler, mobile Bauernmärkte, mobile Alten- und Krankenversorgungen etc. • Abhängigkeit vom motorisierten Individualverkehr abbauen – Fußläufigkeit auf- bauen Aufbau von Widerständen gegen den motorisierten Individualverkehr im Straßennetz ländlicher Siedlungen und Dörfer; Aufbau neuer Beförderungsformen: Forcieren von Fahrgemeinschaften, Carsharing, Rufbus, Bürgerbus u.ä.; sorgfältigere Gestaltung der Straßenräume und Plätze; Konditionierung der Kinder auf die Nähe sowie auf das Gehen und Radeln. • Flächenverbrauch drastisch reduzieren Wirksame aktive Bodenpolitik; Kostenwahrheit bei der Erschließung; Förderung der baulichen Entwicklung “nach innen“; Förderung flächensparender Bauformen. • Ressourceneinsatz und Außenabhängigkeit reduzieren Sparsamkeit, Sauberkeit, Unabhängigkeit und Nähe müssen die Leitprinzipien bei der Ver- und Entsorgung werden. Die bedeutet beispielsweise für die: Energieversorgung: Grundsatz muss es sein, die am entsprechenden Ort vorhandenen Energiequellen so zu nützen, dass man mit möglichst wenig Fremdenergie auskommt; das wird z.B. erreicht durch Verstärkte Beachtung mikroklimatischer Faktoren bei Baulandausweisungen; 19
    • Österreichisches Institut für Erwachsenenbildung www.oieb.at / TU-Wien – Ring-VO Lernende Regionen / SS 2005 Gerlind Weber – Nachhaltige Raumentwicklung Anordnung und Ausformung der Baukörper entsprechend optimaler Sonnenener- gienutzung; Vermeidung von offenen Bauformen; Absoluter Vorrang erneuerbarer Energieformen aus der Region; Erstellung örtlicher Energiekonzepte. Wasserver- und –entsorgung Keine Mischkanalisationen, vielmehr Sammlung und Gebrauch respektive Versi- ckerung des Regenwassers vor Ort; Staffelung der Wassertarife nach Pro-Kopf-Verbrauchsquoten; Abwassergrundgebühren nach Lage des Gebäudes. Grundsätzlich sind die “kommunalen Dienste“ so weit wie möglich zu entkommunalisieren und zu entkommerzialisieren und in die Selbstverantwortung und Selbstorganisation der Bür- ger und Betriebe zurückzuführen. Die daraus erwachsenden Vorteile sind: Entlastung der öf- fentlichen Haushalte, Stärkung des informellen Arbeitssektors und dessen gesellschaftliche Aufwertung, Ausbau von tätigen Nachbarschaften und Problembewusstsein sowie Reduktion der Außenabhängigkeit. • Abkehr vom utilitaristischen Denken Es sollen verstärkt folgende Grundsätze Beachtung finden: “Das Schöne kommt vor dem Nur- Nützlichen“ und “das Beständige kommt vor dem Nur-Modernen“. Das heißt beispielsweise: Anknüpfen an und Weiterentwicklung von regionsspezifischen Siedlungstraditio- nen und Bauformen; Möglichst hoher Einsatz von regionsbürtigen Materialien; Verwendung natürlicher Materialien, die durch Altern an Qualität gewinnen und problemlos entsorgt werden können; Verwendung qualitativ hochwertiger, aber nicht teurer Materialien; Renovierung und Sanierung alten Bau- und Infrastrukturbestandes geht vor Abriss und Neubau; Propagierung der Ästhetik der Einfachheit und Sparsamkeit; Wertschätzung von kreativen Eigenleistungen und traditionellen (Handwerks-) Fertigkeiten. Ökosiedlung Dunkelsteiner Wald Lage: Das Projekt Ökosiedlung Dunkelsteiner Wald befindet sich an den südöstlichen Ausläufern des Niederösterrei- chischen Granithügellandes. Der Ort Obritzberg liegt zwischen 400m und 500m Seehöhe im Bezirk St. Pölten. Geprägt ist das Gebiet durch Waldwirtschaft und Viehzucht, weiter im Osten herrschen Ackerbau mit Viehhal- tung vor. Projektbetreiber: die Bewohner der Ökosiedlung Dunkelsteiner Wald Projektziel: Folgende Ziele sollen mit diesem Projekt erreicht werden: Leistung eines Beitrags zur Nachhaltigkeit und zum Klimaschutz Realisierung des neuesten Stands der Technik zu ökonomisch vertretbaren Kosten, basierend auf internatio- nalen Erfahrungen Entstehungsgeschichte des Projektes: 20
    • Österreichisches Institut für Erwachsenenbildung www.oieb.at / TU-Wien – Ring-VO Lernende Regionen / SS 2005 Gerlind Weber – Nachhaltige Raumentwicklung Begonnen hat dieses Projekt mit insgesamt 5 Familien, die den sie verbindenden Wunsch nach einer ökologi- schen und nachhaltigen Bauweise ihres Eigenheims verwirklichen wollten. Gemeinsam wurde die Idee formu- liert, alle zu dessen Realisierung notwendigen rechtlichen Fragen im Vorfeld abgeklärt und im Frühjahr 1993 ein geeignetes Grundstück zur Errichtung einer Siedlung aus Niedrigenergiehäusern gefunden. Anschließend wurde ein Architekt beauftragt und mit dem Projekt begonnen. Stand der Dinge: Die Ökosiedlung Dunkelsteiner Wald umfaßt 2 Gebäude mit 420m² Wohnfläche und insgesamt 6 Wohneinhei- ten, welche zur Verringerung des Energieverbrauchs in Form von Reihenhäusern mit kuppelförmigem Dach angelegt sind. Zur Ermöglichung einer optimalen passiven Sonnenenergienutzung wurden die exakt nach Süden ausgerichteten und am höchsten Punkt des Grundstücks erbauten Häuser zusätzlich noch um ein Geschoß in der Höhe versetzt. An ihrer Südseite dienen große Fenster und Wintergärten der Belichtung und der Wärmeaufnahme. Um Energieverluste aufgrund der exponierten Lage zu vermeiden, sind die Gebäude, mit Ausnahme der Südsei- te, in das Erdreich eingeschüttet und begrünt. In das Erdreich, das nicht nur als Windschutz, sondern auch als Wärmepuffer dient, wird Überschußwärme aus den Sonnenkollektoren und Wintergärten eingebracht. Dieser Erdkollektor dient als Energiespeicher, der zudem einen verringerten Aufwand an Isoliermaterial für die Haus- dämmung bedingt. Aufgrund der ausgeklügelten Bauweise sowie natürlicher Isolationsmaterialien werden die Transmissionsverluste auf ein Minimum reduziert und somit eine wichtige Maßnahme zur Einsparung der Ener- giekosten bewirkt. Zur Gewährleistung weiterer Energieeffizienz ist eine automatische Be- und Entlüftung der Wohnungen einge- baut, dessen Rohrkanalsystem einerseits der Lüftung, andererseits der Wärmerückgewinnung aus der Abluft dient. Umgekehrt wirkt dieses System im Sommer kühlend. Die am Dach angebrachte Sonnenkollektor-Anlage dient sowohl der Raumheizung als auch der Warmwasser- aufbereitung. Wand– und Fußbodenheizungen optimieren die Wärmeabgabe, aufgrund dessen wird schon bei vergleichsweise niedrigen Temperaturen Behaglichkeit empfunden. Durch den Einsatz stromsparender Geräte kann der jährliche Strombedarf niedrig gehalten werden. Auch im Bereich der Mobilität wurden energie- und klimaschonende Maßnahmen gesetzt, wie z.B. die Verringe- rung der Arbeitswege durch Integration von Arbeitsräumen in die Wohnsiedlung, Vermeidung weiterer Auto- fahrten aufgrund von Selbstversorger-Gärten, gemeinschaftlicher Einkäufe bzw. Lieferungen sowie des Mehrge- nerationen-Wohnens (Wegfall von Besuchsfahrten). Eine weitere Maßnahme zur Ressourcenschonung ist die Filterung und Sammlung des Niederschlagswassers, das für die Gartenbewässerung und (solar erwärmt) für die Waschmaschine verwendet wird. Das Abwasser aus Bädern, Küchen und Toiletten wird in einer Pflanzenkläranlage gereinigt und als „Grauwasser“ auf den Grünflä- chen verregnet sowie zur WC-Spülung verwendet. So findet auf dem gesamten Grundstück ein geschlossener Wasserkreislauf statt, der lediglich durch eine geringe Trinkwassereinspeisung ergänzt wird, jedoch kein Abwas- ser nach außen hin abgibt. Das Projekt selbst ist bereits realisiert, jedoch findet zur Zeit eine wissenschaftliche Begleitforschung statt, die sich mit der Evaluierung der einzelnen Komponenten des Energiekonzeptes befaßt. Zukunftsperspektiven: Für die Zukunft sind diverse Verbesserungen, wie z.B. die Optimierung der Heizung geplant, da es immer wie- der kleinere Anfälligkeiten gibt. Weiters soll im Bereich des „Wasser-Moduls“ ein in Österreich zum ersten Mal verlegter Drainageschlauch zum Einsatz kommen, der das geklärte Abwasser wieder der Biosphäre zuführt. Bedeutung des Projektes für die Nachhaltigkeit: Das Projekt Ökosiedlung Dunkelsteiner Wald zeichnet sich durch den äußerst sparsamen Umgang mit Ressour- cen aus, ohne dabei die Lebensqualität der Siedlungsbewohner zu beeinträchtigen. Dieses Projekt ist somit der gelebte Beweis für die Aussage: „Reich ist nicht nur, wer viel hat, sondern auch, wer wenig braucht.“ Kontakt: Ökosiedlung Dunkelsteiner Wald / Wohnprojekt Hotzenplotz Company Ges.n.b.R Michael Bockhorni Tel.: 0043 / 2786 / 29 09 59 Neustift 26/2 Fax.: 0043 / 2786 / 31 05 314 A-3123 Obritzberg E-mail: m.bockhorni@netway.at Internetadresse: http://www.municipia.at Suchwort: „Ökolsiedlung Dunkelsteiner Wald“ 4.2.2 Städtische Siedlungsstrukturen 21
    • Österreichisches Institut für Erwachsenenbildung www.oieb.at / TU-Wien – Ring-VO Lernende Regionen / SS 2005 Gerlind Weber – Nachhaltige Raumentwicklung Da die weitgehende Bestandsschonung vorhandener Baustrukturen sowohl aus ökologischen (Ressourcenschonung), finanziellen (sparsamer Mitteleinsatz), sozialen (Schonung ange- stammter Interessen) und rechtlichen Gründen (Eigentumsschutz) ein Ziel nachhaltiger Stadt- entwicklung ist, heißt das, dass es auch unter dem Paradigma der Nachhaltigkeit keine “ho- mogene“ Stadt geben kann. Realistischerweise muss an die derzeitige stadträumliche Nut- zungsverteilung in den einschlägigen Überlegungen angeknüpft und innerhalb dieses sehr starren Rahmens nach kleinen, meist unspektakulären Verbesserungen Ausschau gehalten werden: a) Citybezogene Maßnahmen durch Dachgeschossausbauten Rückholung der stark verdrängten Wohnnutzung: keine weitere Umnutzung von Wohnungen; Einsatz aktiver und passiver Sonnenenergienutzung; Begünstigung der Versickerung und Verdunstung von Regenwasser; Optimale Ausnutzung der oft minimalen Grünraumpotenziale (Fassaden-, Hof- und Dachbegrünungen). b) Alltagsstadtbezogene Maßnahmen • weitere Zurückdrängung des motorisierten Individualverkehrs absoluter Baustopp von Einkaufszentren in Agglomerationsrandlage, um das autoab- hängige Einkaufen und den weiteren Kaufkraftabfluss “auf die grüne Wiese“ zu ver- hindern; Schaffung positiver Nutzungsanreize für leerstehende Wohnungen und Unterstützung des Wohnungstausches; Forcierung der Umnutzung, der Bebauung und der baulichen Sanierung von brachge- fallenen innerstädtischen Arealen; Sicherstellung der Nutzungsmischung bei der Nachnutzung. • (Re-) Integration innerstädtischer Grünoasen Innenhof-, Fassaden-, Dach- und Tiefgaragenbegrünungen; Nutzung von Baulücken als (temporäre) öffentliche Erholungsflächen; Verbesserung der Wohnraum-Freiraumrelationen durch Umwidmung und -gestaltung von Verkehrsräumen zu Ruhe-, Spiel- und Sportflächen; Reintegration offener Wasserläufe in das Stadtgefüge. • Ressourceneinsatz und Außenabhängigkeit reduzieren Nachbesserung beim baulichen Wärmeschutz forcieren; Solarenergienutzung und Abwärmenutzung anstreben; Möglichkeit stadtteilbezogener Kompostierung prüfen. • Stadterweiterung nach innen begünstigen Anlage von Baulückenkatastern; aktives Baulückenmanagement verfolgen; Dachgeschossausbauten, maßvolle Aufstockungen und Standardverbesserungen von Altbauwohnungen forcieren; 22
    • Österreichisches Institut für Erwachsenenbildung www.oieb.at / TU-Wien – Ring-VO Lernende Regionen / SS 2005 Gerlind Weber – Nachhaltige Raumentwicklung Gezielter Abbau städtebaulicher Barrieren wie Überbauung von Bahnanlagen, Einhau- sung bzw. Überplattung hochfrequentierter Straßenzüge, Eröffnung von Passagen; keinen Perfektionismus anstreben, sondern die entsprechenden Spielräume für ein allmähliches Anwachsen, Verändern und Aneignen zulassen; Einsatz von Materialien mit möglichst kleinem “ökologischen Rucksack“; Realisierung von Demonstrationsprojekten zur Nachhaltigkeit, die zeigen, dass nach- haltige Raumstrukturen nicht nur “ökologisches Flickwerk“ sind, sondern ein umfas- sendes städtebauliches Konzept mit hoher individueller und gemeinschaftlicher Le- bensqualität. c) Stadtrandbezogene Maßnahmen Wesensgemäß setzen die großflächig spezialisierten Stadtteile am Stadtrand einer Verände- rung in Richtung Nachhaltigkeit den größten siedlungsstrukturellen Widerstand entgegen. • Beschränkung des ungezügelten Stadtwachstums Festlegen eines robusten Freiraumgerüsts um den Stadtkörper und rechtliche wie fak- tische Tabuisierung dieser Flächen; Vorrangiges Ausschöpfen der Nachverdichtungsmöglichkeiten nach innen; Verzicht auf weitere Großprojekte “auf der grünen Wiese“, wie Einkaufszentren, Frei- zeitparks, große monofunktionale Wohn, respektive Gewerbesiedlungen. • Maßnahmen bei monofunktionalen Gebieten mit Geschosswohnungsanlagen Nachverdichtungspotenziale, verbunden mit einer Aufwertung der betreffenden Ge- biete beteiligungsorientiert prüfen und bei Akzeptanz der angestammten Bewohner nützen; Anlage von Mietergärten auf den verbleibenden Freiflächen; Nutzerfreundliche Umgestaltung der Freiflächen; Zur Verfügungstellung von Gemeinschaftsräumen (Werkstätten, Musikproberäume, Jugendtreffs); Gezielte Ansiedlung von Arbeitsplätzen; Umrüsten in der Energieversorgung und Energiesparmaßnahmen konsequent verfol- gen. Generell sind jene Nachbesserungen in den monofunktionalen Wohngebieten zu forcieren, die - den Selbstorganisationsgrad der Bewohner fördern - die Außenabhängigkeit bei der Ver- und Entsorgung abbauen - den Material- und Energiedurchsatz verringern und - die Multifunktionalität fördern. Ökologisch Wohnen Lage: Das Projekt mit dem Namen Ökologisch Wohnen befindet sich in Österreich, im Bundesland Salzburg. Die Landschaftsformen und die damit verbunden Seehöhen variieren in diesem Bundesland sehr stark. Im Norden beträgt die Seehöhe zwischen 400m und 500m und steigt Richtung Süden bis über 3000m an. Geprägt ist das Bundesland Salzburg sowohl durch die Land- und Forstwirtschaft als auch durch den Tourismus. Projektbetreiber: die Umwelt-Abteilung der Salzburger Landesregierung 23
    • Österreichisches Institut für Erwachsenenbildung www.oieb.at / TU-Wien – Ring-VO Lernende Regionen / SS 2005 Gerlind Weber – Nachhaltige Raumentwicklung Projektziel: Folgende Ziele sollen mit diesem Projekt erreicht werden: Reduktion des Strom-, Heizenergie- und Wasserverbrauchs Verringerung der Abfallmenge (konsumbedingter Müll) Reduktion der Betriebskosten Erhöhung der Lebensqualität Das eigentliche, übergeordnete Ziel dieses Projektes ist: Breite Bewußtseinsbildung durch Aufzeigen der Realisierbarkeit der oben angeführten Zielrichtungen Projektentwicklung: Begonnen wurde dieses Projekt 1999 mit einer Ausschreibung in der Regionalzeitung (Gratiszeitschrift) „Salz- burger Fenster“. Gesucht waren Familien, die in Modellhaushalten aufgrund einfacher Maßnahmen den Verbrauch von Energieträgern, Wasser sowie der kosumbedingten Abfallmenge meßbar verringern sollten. In Folge meldeten sich 15 Familien, die daraufhin zu den Themen Wohnraum, Heizung, Haushaltsgeräte, Ener- gie- und Wasserverbrauch, Mobilität, Konsum sowie Abfall befragt wurden. Aus dem Bewerberkreis wurden Ende Oktober 1999 4 „Teilnehmer-Familien“ ausgewählt, wobei auf eine mög- lichst repräsentative Mischung von Familiengröße, Wohnort, Hausform und –alter sowie genutzten Energieträ- gern geachtet wurde. Zu Beginn der einjährigen Aufzeichnungsperiode (1.1. - 31.12.2000) erhielten die Teilnehmer-Familien neben schriftlichen Unterlagen eine umfassende Energiesparberatung sowie von Firmen zur Verfügung gestellte Ener- giesparlampen und Wassersparprodukte (Wasserspareinsätze an Armaturen und in Spülkästen). Während des Jahres 2000 notierten die Teilnehmer-Familien wöchentlich ihre Verbrauchszahlen, um sie mit den Vorjahreswerten zu vergleichen. Diese Aufzeichnungen dokumentierten tatsächlich meßbare Einsparungen, insbesondere bei Strom und Frischwasser. Erstaunlich gering waren die wöchentlich anfallenden Abfallmengen, verglichen mit den Durchschnittswerten pro Einwohner im Bundesland Salzburg. Stand der Dinge: Durch laufende Berichterstattung in der Zeitschrift „Salzburger Fenster“ sollen möglichst viele Haushalte dazu motiviert werden, dem Beispiel der Projekt-Teilnehmer zu folgen und aktiven Umweltschutz, verbunden mit finanziellen Vorteilen, zu betreiben. Zukunftsperspektiven: Nach Abschluß des Projektes und Auswertung der Aufzeichnungen ist für Anfang 2001 eine Präsentation der Ergebnisse der Bewußtseins-Kampagne „Ökologisch Wohnen“ vorgesehen. Bedeutung des Projektes für die Nachhaltigkeit: Dieses Projekt ist bezüglich der Nachhaltigkeit von besonderer Bedeutung, da es folgende Merkmale aufweist: Geringere Betriebskosten: der Einspareffekt ist direkt und für jeden einzelnen Haushalt spürbar Entlastung der Umwelt: die Schonung der Ressourcen kommt der Umwelt zugute Mehr Wohlbefinden: Bemühungen um Verbrauchseinsparungen führen oft auch zur Steigerung der Behag- lichkeit im Wohnraum, da zugleich störende Effekte wie etwa Zugluft, zu niedrige Oberflächentemperaturen der Außenwände, Schimmelbildung, unnötiger Lärm oder blendendes Licht beseitigt werden. Kontakt: Dipl.-Ing. Dr. Robert Gross Tel: 0043 / 662 / 8042-4415 Land Salzburg, Umweltschutz Fax: 0043 / 662 / 8042-4167 Postfach 527, A-5010 Salzburg E-mail: robert.gross@land-sbg.gv.at Internetadresse: http://www.land-sbg.gv.at • Maßnahmen bei monofunktionalen Industrie- und Gewerbegebieten Primat der Bestandsschonung bei der Umnutzung; Verwendung gut dämmender, alterungsfähiger und recyclebarer Baumaterialen mit möglichst kleinem “ökologischen Rucksack“; “Durchlässigkeit“ monofunktionaler Betriebsbaugebiete für andere Nutzungen forcie- ren, wie Öffnung von Kantinen, Parkplätzen, Versammlungssälen und Besprechungs- räumen für betriebsfremde Nutzer; Durchmischung mit verträglichen Nutzungen forcieren; Bündelung von Unternehmen zwecks gemeinsamer Nutzung von Know-how und Inf- rastruktur; Handwerkerhöfe, Gewerbeparks, Intelligence-Centers u.a.m.; 24
    • Österreichisches Institut für Erwachsenenbildung www.oieb.at / TU-Wien – Ring-VO Lernende Regionen / SS 2005 Gerlind Weber – Nachhaltige Raumentwicklung durchgrünte, sorgfältige Freiraumgestaltung; Aufbau von Stadt-Land-Partnerschaften zwischen Industrie- und Gewerbebetrieben einerseits und nahen Lebensmittel- bzw. Rohstoffproduzenten anderseits; Einsatz erneuerbarer Energieformen forcieren und Energiesparmaßnahmen ausschöp- fen. 4.3 Nachhaltige Entwicklung der Arbeitsstättenstruktur Die Orientierung der Arbeitsplatzpolitik am Anspruch der Nachhaltigkeit strebt nach einer Dezentralisierung des Wirtschaftsgeschehens und bedeutet, jene Weichenstellungen tenden- ziell zu begünstigen, die eine Aufwertung der regionalen Wirtschaftsebene erwarten lassen. Eine Regionalisierung des Wirtschaftsgeschehens heißt, dass ein weitaus größerer Teil des regionalen Bedarfs als derzeit an Gütern und Dienstleistungen durch Nutzung regionaler Ar- beitskraftpotenziale und regionaler Ressourcen (insbesondere in den Bereichen Dienstleistun- gen, Energieversorgung, Lebensmittelversorgung, Bauwesen) gedeckt wird und dass ein grö- ßerer Teil des regionalen Einkommens vor Ort zirkuliert, anstatt aus der Region abzufließen. Eine Regionalisierung der Arbeitsstättenstruktur lässt sich durch kurz-, mittel- und langfristig anzusteuernde Maßnahmen umsetzen. Sie zielen insgesamt darauf ab, den gegenwärtigen Trend der zunehmenden Konzentration des Wirtschaftsgeschehens auf die Ballungsräume entgegenzuwirken und ländliche Räume ökonomisch zu stärken. Insbesondere sind hier zu nennen: • Ökologische Steuerreform Die mit einer ökologischen Steuerreform ausgelöste Verteuerung von Energie zieht auch ei- nen Anstieg der Transportkosten nach sich, was kurze Wege im Wirtschaftsgeschehen ten- denziell begünstigen würde. Von einer ökologischen Steuerreform wäre auch zu erwarten, dass sie die erneuerbaren Energieträger gegenüber den fossilen begünstigt. Dies würde zusätz- lich Arbeitsplätze in der Biomassegewinnung und –verwertung bedeuten. • Sicherung einer leistungsstarken Land- und Forstwirtschaft Im Streben nach einer nachhaltigen Entwicklung kommt der Agrarwirtschaft eine Schlüssel- funktion zu, indem sie wichtige Versorgungs-, Erholungs- und Ausgleichsleistungen für die Gesellschaft erbringt. Ziel muss es deshalb sein, die bäuerlichen Einkommen zu sichern und gleichzeitig eine naturverträgliche Bewirtschaftung zu gewährleisten. Bausteine auf dem Weg dazu sind: Erhöhung des Wertschöpfungsanteils bei der Produktionsfunktion durch Veredelung, Verarbeitung und Aufbau neuer Absatzwege für Lebensmittel; Aufbau von Erwerbskombinationen landwirtschaftlicher und nichtlandwirtschaftlicher Betriebszweige (z.B. Altenbetreuung am Hof, Kombination Holzgewinnung mit Holz- verarbeitung); Forcierung der touristischen und freizeitorientierten Dienstleistungen (Urlaub am Bauernhof, Reiterhof, Bauerncafé); Durchführung von kommunalen Diensten (Schneeräumung, Grünraumpflege, entgelt- liche Landschaftspflege); Nahwärmeversorgung (Energiedienstleister); Erzeugung von erneuerbaren Rohstoffen (Holz, Flachs, Hanf). 25
    • Österreichisches Institut für Erwachsenenbildung www.oieb.at / TU-Wien – Ring-VO Lernende Regionen / SS 2005 Gerlind Weber – Nachhaltige Raumentwicklung • Förderung des Dienstleistungssektors In ländlichen Räumen gibt es – außerhalb der Tourismusgebiete – erhebliche Tertiärisie- rungsdefizite. Dies führt oft zur Abwanderung der jungen, qualifizierten Bevölkerung, da die- se in der Regel zu Dienstleistern ausgebildet sind, das heißt Qualifikationen haben, die derzeit auf dem Land noch zuwenig nachgefragt werden. Das sind beispielsweise gesellschaftlich wertvolle Tätigkeiten, die durch ihre Bindung an Orte, Anlässe und Personen nicht exportier- bar sind, nicht wegrationalisiert werden können und dezentral anfallen. Dazu zählen folgende zukunftsträchtige Aufgabenbereiche: Soziale Aufgabenbereiche: Hilfen für Haushalte bzw. landwirtschaftliche Betriebe, Alten-, Behinderten-, Kinder- und Krankenbetreuung; Ausbildnerische Aufgabenbereiche: berufliche Weiterbildung, postgraduale Ausbil- dung, Erwachsenenbildung; Landespflegerische Aufgabenbereiche: Pflege, Sicherung, Sanierung von Böden, Landschaftsräumen, Wäldern, Ökosystemen, Wasserreserven u.ä.m.; Aufgaben aus dem Bereich der Ressourcenschonung: Energieberatung, Aufbau von Alternativenergieversorgungen etc.; Kulturpflegerische Aufgaben: Stadt- und Dorferneuerung, Denkmalpflege. Ökofit.kmu Feldbach Lage: Das Projekt Ökofit.kmu Feldbach befindet sich in Österreich, im Oststeirischen Hügelland, etwa. 35km von der Landeshauptstadt Graz entfernt. Die Gemeinde Feldbach liegt zwischen 300m und 400m Seehöhe im gleichna- migen Bezirk. Geprägt ist dieses Gebiet neben der Land- und Forstwirtschaft durch kleinere und mittlere Wirt- schaftsunternehmen. Projektbetreiber: STENUM GmbH, Graz Projektziel: Ziel dieses Projektes ist es, einen wesentlichen Beitrag zur Entwicklung der Region Feldbach in eine „ökologi- sche Musterregion“ zu leisten. Entstehungsgeschichte des Projektes: Das Projekt Ökofit.kmu (Ökologischer Bezirk Feldbach durch integrierte Technik. kleine und mittlere Unter- nehmen) verstand sich als konsequente Fortführung des zuvor abgeschlossenen Projektes „ÖKOFIT I“. In die- sem wurde versucht, die Grundlagen einer ökologisch und ökonomisch nachhaltigen Regionalentwicklung zu erarbeiten und aufzuzeigen. Das Projekt „ÖKOFIT I“ erzielte über den Bezirk hinaus folgende wirksame Ergeb- nisse: - Eine Systematik der Analyse von Regionen in der Größe eines Bezirkes im Hinblick auf eine nachhaltige Entwicklung - ein Konzept für ökologische Industrie- und Gewerbeparks als Entscheidungsgrundlage für zukünftige Be- triebsansiedlungen, die sich in die ökonomische und ökologische Situation von Gemeinden und Regionen einpassen bzw. diese verbessern - eine Dokumentation des Potenzials der Region in ökologischer und ökonomischer Hinsicht für eine nachhal- tige Entwicklung. Die an diesem Projekt teilnehmenden 15 kleinen und mittleren Betriebe wurden in einem ersten Schritt zu Mus- terbetrieben, sowohl in ihrer Branche als auch in ihrer Region, entwickelt. Sie geben jährlich eine Bilanz über erbrachte Umweltleistungen sowie eine Vorausschau der nächsten Umweltvorhaben des Betriebes ab. Durch die Zusammenführung dieser Betriebe in gemeinsamen Workshops wurde ein branchenintegrierendes Diskussions- und Problemlösungsforum geschaffen, das in einem zweiten Schritt des Projektes die Basis für betriebliche Netzwerke und Kooperationen bildete. Die Bezeichnung als „Pilotprojekt“ war für Ökofit.kmu deshalb so zutreffend, da ein Projektansatz verfolgt wur- de, der in folgenden Punkten innovativ war: - Herstellung eines Regionalbezuges unter den einzelnen Betrieben - Anwendung eines Workshopmodells, an dem 15 Betriebe aus unterschiedlichen Branchen teilnahmen - Implementierung des „Vorsorgenden Umweltschutzes“ als wesentliches Handlungsprinzip in den Betrieben 26
    • Österreichisches Institut für Erwachsenenbildung www.oieb.at / TU-Wien – Ring-VO Lernende Regionen / SS 2005 Gerlind Weber – Nachhaltige Raumentwicklung - Erstmalige Anregung von Netzwerken und Kooperationen unter den Betrieben im Zusammenhang mit um- weltrelevanten Projekten - Erstmalige Aufnahme von Entsorgungs- und Energieversorgungsunternehmen in die Projektgruppe eines umweltrelevanten Projektes - Parallele Einrichtung eines projektbegleitenden Netzwerkes mit wichtigen regionalen Akteuren (z.B. Kam- mern), zwecks Informationsaustausches. Stand der Dinge: Das Projekt wurde 1999 mit einer Veranstaltung abgeschlossen. Die Laufzeit betrug 2 Jahre (1997 bis 1999). Zukunftsperspektiven: Aufgrund der positiven Projektergebnisse sowie der guten persönlichen Kontakte, die mit den Unternehmen in der Region aufgebaut werden konnten, soll ein „ÖKOFIT-Klub“ installiert werden, um die Betriebe auf dem bereits eingeschlagenen Kurs der Nachhaltigkeit zu halten und weiter zu betreuen. Bedeutung des Projektes für die Nachhaltigkeit: Ökofit.kmu war ein Pilotprojekt, das durch die Anwendung einer neuen Projektmethode – regionalbezogen, branchenübergreifend, betriebliche und überbetriebliche Ansätze in einem Workshopmodell vereinend – und durch die Anbindung an die Prinzipien der lokalen Agenda 21 (Integration wichtiger Akteure, wie Entsorger und Versorger in das Projektteam sowie Bildung eines regionalen Begleitnetzwerkes) die Region Feldbach zu einer Insel der Nachhaltigkeit ansatzweise entwickelte. Kontakt: Dr. Heinz Peter Wallner Tel.: 0043 / 316 / 367156-50 Geidorfgürtel 21 Fax: 0043 / 316 / 367156-13 A-8010 Graz E-mail: office@stenum.at bzw. h.p.wallner@stenum.at Internetadresse: http://www.stenum.at • Herausbildung neuer Arbeitsformen Langfristig zielt die nachhaltige Entwicklung auf die ausgewogene Mischung von Erwerbs- und Eigenarbeit ab. In der Praxis läuft dieser Anspruch auf erheblich verkürzte Erwerbszeiten, auf eine deutliche Aufwertung informeller Arbeit und eine Auflösung der Grenzen zwischen Erwerbsarbeit, Eigenarbeit und Freizeit hinaus. Diese Entwicklung besteht beispielsweise aus folgenden Bausteinen: Entstehung neuer Formen der Selbstständigkeit; Mischung von Ausbildungs-, Selbstversorgungs- und Jobphasen über das Leben; Entstehung neuer Formen der Subsistenzwirtschaft, des Tausches, der gegenseitigen Hilfe jenseits der Geldwirtschaft; teilweise Entkoppelung von Erwerbsarbeit und Einkommen. Insgesamt würde diese Entwicklung mehrere Effekte nach sich ziehen: - Entlastung der Arbeitsmärkte - Positive ökologische Effekte durch Substitution von Ressourcen durch Arbeit - Steigerung der individuellen und gesellschaftlichen Lebensqualität - Kostenentlastung der öffentlichen Hand. • Dezentralisierung von Arbeitsplätzen durch Einsatz von Informationstechnologien Aus Sicht der nachhaltigen Entwicklung erweist sich ein Aspekt der Telearbeit als von beson- derer Relevanz: Es handelt sich um eine Arbeitsform, die einen Beitrag zur Dematerialisie- rung der Wertschöpfung durch Substitution von Produkten durch Dienstleistung leistet. Dies 27
    • Österreichisches Institut für Erwachsenenbildung www.oieb.at / TU-Wien – Ring-VO Lernende Regionen / SS 2005 Gerlind Weber – Nachhaltige Raumentwicklung allerdings mit der Einschränkung, dass die erforderliche Hardware in Herstellung und Entsor- gung material- und energieintensiv ist. Folgende für die Raumentwicklung relevante Erwartungen knüpfen sich an den Einsatz der Informationstechnologien: Ermöglichung von Arbeitsleistungen, unabhängig von einem Betriebsstandort und kann daher den Arbeits- und Familienbereich wieder zusammenführen; Stärkung regionaler Arbeitsplatzvielfalt; Stärkung des Dienstleistungssektors im ländlichen Raum; Abbau der Schere zwischen angebotenen und nachgefragten Qualifikationen vor allem in ländlichen Gebieten, womit Pendelvolumen und Abwanderungsdruck reduziert werden. Telearbeit und Tele-Service-Center Lage: Das Projekt Telearbeit und Tele-Service-Center befindet sich im Süden der Bundesrepublik Deutschland, im baden-württembergischen Dorf Sternenfels auf einer Seehöhe von ca. 300m. Die Landschaft ist geprägt durch Wald und Weinberge. Projektbetreiber: die Gemeinde Sternenfels in Baden-Württemberg (BRD) Projektziel: Das übergeordnete Ziel dieses Projektes ist Die Entwicklung der Orte Diefenbach und Sternenfels zu lebendigen Gemeinwesen mit einer guten, öffent- lichen Infrastruktur und Versorgung in einer intakten, lebenswerten Umwelt Dies bedeutet im Detail: Die Schaffung neuer Arbeitsplätze im Dorf bzw. in der näheren Umgebung Die Verhinderung der Abwanderung von Dienstleistungen aus dem ländlichen Raum sowie die Entwicklung neuer Lösungen für die Kooperation von Verwaltung und Wirtschaft Entstehungsgeschichte/Projektentwicklung: Die Gemeinde Sternenfels wurde 1974 im Zuge der Gemeindereform aus den Orten Sternenfels (1800 Einwoh- ner) und Diefenbach (950 Einwohner) gebildet. Diefenbach war bzw. ist durch die Landwirtschaft und den Weinbau geprägt, Sternenfels durch seine gewerbliche Vergangenheit. Innerhalb von 15 Jahren gingen in Sternenfels fast drei Viertel aller gewerblichen Arbeitsplätze verloren. Das Dorf drohte, bedingt durch die strukturelle Veränderung in der Landwirtschaft und den allgemeinen Verlust von Arbeitsplätzen im produzierenden Bereich, mehr und mehr zu einer „Pendlergemeinde“ zu werden Um der Gefahr, ein reines Schlaf- und Wohndorf zu werden, zu begegnen, beschäftigte sich die Gemeinde Ster- nenfels intensiv mit der innerörtlichen Erneuerung. Aufgrund der Erkenntnis, dass Informations- und Kommuni- kationstechniken derzeit große Zukunftschancen haben, konzentrierte man sich beim Bemühen um neue Arbeits- plätze auf diese Technologie. Derzeitiger Stand: Die Bausteine des wirtschaftlichen Lebens in Sternenfels stellen derzeit vier Einrichtungen dar: Das Innovations- und Gründungszentrum dient als Anlaufstelle für Personen, die an einer Existenzgründung interessiert sind. Neben geeigneten Räumlichkeiten für junge Unternehmen bietet es die notwendige technische Infrastruktur und eine Reihe von Serviceleistungen (Beratung in der Gründungsphase, kompetente Begleitung in den ersten Jahren des Unternehmens, Vermittlung von Kontakten zu regionalen Wirtschaftsunternehmen sowie zu Experten aus Wirtschaft, Wissenschaft und Verwaltung und die Nutzung neuer Ebenen der Vermarktung durch den gemeinsamen Auftritt auf Messen und Ausstellungen). Das Tele-Service-Center versteht sich als Dienstleister für kleinere und mittlere Unternehmen sowie Existenz- gründer. Unter anderem werden Telemarketing, Kundenberatung, Telefonservice und Erledigung von Sekretari- atsleistungen geboten. Dabei wird modernste Technologie eingesetzt. 28
    • Österreichisches Institut für Erwachsenenbildung www.oieb.at / TU-Wien – Ring-VO Lernende Regionen / SS 2005 Gerlind Weber – Nachhaltige Raumentwicklung Die Akademie Sternenfels begleitet die Menschen im ländlichen Raum mit einem breiten Angebot an Kursen, Seminaren sowie Trainingsmaßnahmen unter Einsatz neuer Lernformen wie Tele-Lernen, um Lernen unabhän- gig von Zeit und Ort zu ermöglichen. Das „Komm-in“-Konzept ist als ein Informations-, Kommunikations- und Dienstleistungsmittelpunkt zu verste- hen, der virtuelle und persönliche Kontakte ermöglicht. Kompetenz aus den Zentren wird erstmals virtuell durch Videokonferenz-Technik in den ländlichen Raum transferiert, um den Bürgern Fahrten und Zeit bei Behörden- gängen und sonstigen Erledigungen zu ersparen und überhaupt bestimmte Dienste im Ort erstmals zu ermögli- chen. Hier finden die Bürger Arbeitsamt, Kommunalverwaltung, Post, Landratsamt, Tageszeitungen, Bank, Immobilien, Reisebüro, Telefondienstleistungen, Versicherungsdienste und Polizei. Zukunftsperspektiven: Mit den oben erwähnten Einrichtungen des „TeleGIS Innovationscenters“ nimmt Sternenfels eine Vorreiterrolle für den ländlichen Raum ein. Jene Einrichtungen sollen daher als Modell für andere ländliche Gemeinden dienen und zur Nachahmung anregen. Ziel ist die Schaffung von 1000 Arbeitsplätzen, wovon bereits zwei Drittel einge- richtet sind. Bedeutung des Projektes für die Nachhaltigkeit: Alle Aktivitäten, die im Zuge der Dorfentwicklung in Sternenfels durch den Gemeinderat umgesetzt wurden (dazu gehören neben dem Thema „Arbeiten“ auch noch die Bereiche „Wohnen“ und „Erholen“), sind im Vorfeld mit der Bevölkerung entwickelt worden. Für viele Entwicklungsfragen im ländlichen Raum ist die Gemeinde Sternenfels seit 1977 Modellgemeinde. Tradition und Fortschritt, Ökologie und Ökonomie, Dorf und Landschaft sind die Wurzeln der ganzheitlichen Dorfentwicklung, einer nachhaltigen Entwicklung im Sinne der Agenda 21. Kontakt: Gemeindeverwaltung Sternenfels Maulbronner Str.7, A-75447 Sternenfels Tel: 0049 / 7045 / 970 4000 Internetadresse: http://www.sternenfels.org/flash.htm 4.4 Nachhaltige Entwicklung der Landschaftsstruktur 4.4.1 Integrierter Naturschutz Das Konzept der nachhaltigen Entwicklung folgt dem Konzept des integrierten Naturschut- zes, das sich mit der Frage auseinandersetzt, wie die Erfordernisse des Schutzes der Natur von vornherein bei allen Planungen, Entscheidungen und Handlungen in allen Lebensbereichen und auf allen Konkretisierungsebenen der Naturnutzung mitbedacht werden können. Dieser Ansatz knüpft an die Einsicht an, dass weder der Staat noch die Industrie alleine die Umwelt- probleme zu lösen imstande sind. Vielmehr muss jedem Bürger bewusst werden, dass er durch seinen Lebensstil unmittelbar auf die Umwelt einwirkt. Bausteine des Umbaues einer nachsorgend-additiven zu einer vorsorgend-integrierten Natur- schutzpolitik sind beispielsweise: Integration des Naturschutzes in das staatliche Handeln: Der neue Naturschutz ist kein Verhinderungsinstrument mehr, sondern eine “Strategie der besseren Lösung“. Jedes Ressort, jede Abteilung berücksichtigt den Schutz der Natur in allen ihren Entschei- dungen mit; Integration des Naturschutzes in das Alltagshandeln: Ein integrierter Naturschutz ist auf breiter gesellschaftlicher Ebene nur zu erreichen, wenn deutlich gemacht wird, dass Umweltqualität auch Lebensqualität bedeutet. Um dies zu erreichen, müssen so- wohl die entsprechenden ökonomischen Anreize als auch bewusstseinsbildende Maß- nahmen gesetzt werden, wie beispielsweise: - Internalisierung der negativen externen Kosten in das Wirtschaftsgeschehen 29
    • Österreichisches Institut für Erwachsenenbildung www.oieb.at / TU-Wien – Ring-VO Lernende Regionen / SS 2005 Gerlind Weber – Nachhaltige Raumentwicklung - Besteuerung umweltschädigender Aktivitäten - Umweltbildung auf allen Bildungs- und Ausbildungsstufen - Propagierung eines Naturschutzaspekte berücksichtigenden Lebensstils durch die Medien. Steinbacher Dörrobst und Natursäfte Lage: Das Projekt Steinbacher Dörrobst und Natursäfte befindet sich in Österreich, in der Oberösterreichischen Ge- meinde Steinbach an der Steyr. Sie liegt am Nordrand der Alpen, zwischen 380m und 1200m Seehöhe im Bezirk Kirchberg an der Steyr. Geprägt ist die Landschaft dieses Gebietes vor allem durch Ackerbau mit Viehhaltung, aber auch durch Wald. Projektbetreiber: die Gemeinde Seinbach an der Steyr Projektziel: Folgende Ziele sollen mit den Projekten „Steinbacher Dörrobst“ und „“Steinbacher Natursäfte“ erreicht werden: Sicherung der landschaftsprägenden Streuobstgärten und Obstbaumreihen Erhaltung alter regionaler Obstsorten Verbesserung der bäuerlichen Wertschöpfung Entwicklung neuer Produkte für eine gesunde Ernährung Entstehungsgeschichte des Projektes: Die Grundlage für die Projekte Steinbacher Dörrobst und Steinbacher Natursäfte bilden die umfangreichen Obstbaumbestände und die Vielzahl der noch vorhandenen alten Obstbaumsorten. Im Rahmen der Vorbereitung einer Apfelausstellung konnten mehr als 120 verschiedene Apfelsorten im Gemeindegebiet entdeckt werden, die es daraufhin durch neue Formen der wirtschaftlichen Nutzung dauerhaft zu sichern galt. Damit war die Idee für diese beiden Projekte geboren. Stand der Dinge: Die beiden Projekte Steinbacher Dörrobst und Natursäfte sind zwei von etwa 50 Projekten, die in Steinbach an der Steyr im Zuge der seit 1987 stattfindenden Dorferneuerung realisiert wurden. Die dabei anhand eines brillan- ten Entwicklungskonzeptes umgesetzte, wertorientierte Gemeindeentwicklung, die gleichzeitig Basis für eine innovative, nachhaltige Regionalentwicklung darstellte, ist bekannt unter dem Namen „Der Steinbacher Weg“. Diesem Entwicklungskonzept liegt das Prinzip der Ganzheitlichkeit zugrunde, womit gemeint ist, dass soziales Miteinander, Arbeiten und Wirtschaften sowie Erhalten des kulturellen Erbes und der intakten natürlichen Um- welt eine innere Einheit bilden. Die Gemeindeentwicklung basiert daher auf folgenden vier gleichermaßen un- verzichtbaren Säulen, auf die sich alle Projekte und Umsetzungsaktivitäten beziehen: „Dorfgemeinschaft und Lebensqualität“, „Kultur“, „Arbeit und Wirtschaft“ sowie „Umwelt“. Die Projekte Steinbacher Dörrobst und Steinbacher Natursäfte sind im Themenbereich „Arbeit und Wirtschaft“ beinhaltet, dessen Aufgabe die Verbesserung der dörflichen Wertschöpfung ist. Zur Erreichung dieses Zieles sind folgende Maßnahmen vorgesehen: - Förderung kleiner Kreisläufe sowie Nutzung eigener Stärken und Ressourcen - Stärkung der Kooperation der Wirtschaftsträger (Produzenten-Nahversorgung-Konsumenten) - Vorrang der Nähe bei Menschen und Gütern - Schaffung eigener Arbeitsplätze sowie Gründung neuer zukunftsorientierter Betriebe. Gleichzeitig wird mit den beiden Projekten Steinbacher Dörrobst und Natursäfte auch das Ziel des Themenbe- reiches bzw. der Säule „Umwelt“ erfüllt, in der die Sicherung des natürlichen Erbes im Vordergrund steht. Die Umsetzung erfolgt durch Erhaltung sowohl der kleinstrukturierten naturnahen Kulturlandschaft als auch der na- turnahen bäuerlichen Landwirtschaft. Projekt „Steinbacher Dörrobst“: Nach dem Zusammenschluß von 8 Bauern zur „ Arge Steinbacher Dörrobst“ 1990 und Errichtung von drei Dörrobstkammern, einem Arbeits- und Verkaufsraum sowie einem Lagerraum werden seit 1991 Äpfel, Birnen und Zwetschken – ungespritzt und handgepflückt – zu „Steinbacher Dörrobst“ verarbeitet. Hauptabnehmer sind Seminar- und Gasthäuser, Fachgeschäfte, Bauernmärkte und Sporteinrichtun- gen. Projekt „Steinbacher Natursäfte“, das aufgrund der Erfolge des Steinbacher Dörrobstes entstanden ist. Seit dem Zusammenschluß von 12 Bauern zur gemeinsamen Erzeugung und Vermarktung von „Steinbacher Natursäften“ im Jahr 1996 werden Fruchtsäfte in fünf Sorten erzeugt: Apfel naturtrüb, Birne naturtrüb, Apfel- Holunder, Apfel Johannisbeere und Birne-Johannisbeere. Diese Säfte werden naturrein, ohne Zucker und chemi- 30
    • Österreichisches Institut für Erwachsenenbildung www.oieb.at / TU-Wien – Ring-VO Lernende Regionen / SS 2005 Gerlind Weber – Nachhaltige Raumentwicklung sche Zusätze, durch Pasteurisieren haltbar gemacht. Aufgrund ihres „märchenhaft“ guten Geschmacks ist das Rotkäppchen ihr Markenzeichen. Zukunftsperspektiven: Durch weitere Investitionen, wie beispielsweise Produktionsanlagen und Vermarktungseinrichtungen, ist eine künftige Steigerung der Wertschöpfung im Dorf zu erwarten. Außerdem sollen diese beiden Projekte (im Zuge des Gesamtprojektes „Der Steinbacher Weg“) anderen Ge- meinden als Vorbild dienen und zur Nachahmung anregen. Bedeutung des Projektes für die Nachhaltigkeit: Die Besonderheit der Projekte Steinbacher Dörrobst und Natursäfte bezüglich der Nachhaltigkeit läßt sich an den Projektergebnissen ablesen: Erhaltung der Kulturlandschaft sowie der Landwirtschaft: durch die dauerhafte Sicherung von 160 ha bzw. 800 ha naturnaher Kulturlandschaft wird eine jährliche Verarbeitung von 15.000 kg Frischobst zu Dörrobst sowie 350.000 kg Obst zu Natursäften ermöglicht Verbesserung der bäuerlichen Wertschöpfung: aufgrund des oben genannten Umsatzes kam es zur Schaf- fung eines Zusatzeinkommens für 8 bzw. 50 Bauern durch höhere Obstpreise Nutzung eigener Stärken und Ressourcen sowie Kommunikation und Kooperation in der Bevölkerung: durch Vermarktung der erzeugten Obst-Produkte wurde für den Ort ein beachtlicher Werbeeffekt erzielt. Die weitere Bedeutung für die Nachhaltigkeit stellt jedoch der Umstand dar, dass durch diese beiden Projekte alle oben erwähnten (auf Nachhaltigkeit aufbauenden) Ziele erreicht wurden. Kontakt: Oberösterreichischer Verein für Entwicklungsförderung Gabriele Preundler Pfarrhofstraße 1 Tel.: 0043 / 7257 / 84 11 A-4594 Steinbach an der Steyr Fax.: 0043 / 7257 / 84 55 Internetadresse: http://www.municipia.at Suchwort: „Steinbacher Weg“ 4.4.2 Extensivierung der Landbewirtschaftung Das Konzept der nachhaltigen Entwicklung setzt auf eine Neuausrichtung der Agrarpolitik, die sich zum Ziel setzt, zu einer flächendeckenden Nutzungsextensivierung zu kommen und dabei besonderes Augenmerk auf die ökosystemaren Zusammenhänge zu richten. Bausteine der Extensivierung der landwirtschaftlichen Produktion sind beispielsweise: Einschränkung des Einsatzes von Dünge- und Pflanzenschutzmitteln durch - Abgabe auf mineralische Stickstoffdünger - Erweiterung der Fruchtfolge - Mechanische Bekämpfung von Wildkräutern - Verbesserung der Lebensbedingungen für Nützlinge. Forcierung der Umstellung auf eine ökologische Landbewirtschaftung, was heißt: - maximale Nutzung des betriebseigenen Stoffkreislaufes - prinzipieller oder zumindest weitgehender Verzicht auf chemisch synthetisierte Produktionsmittel - Verwendung von Hilfs- und Pflegemitteln, die natürlichen Ursprungs sind. Eine Umstellung auf den ökologischen Landbau setzt einen entsprechenden Wertewandel voraus. Daher spielen eine auf den Werten der nachhaltigen Entwicklung ausgerichtete Aus- und Weiterbildung, eine einschlägige Information der in der Landwirtschaft tätigen Personen und Initialförderungen eine wichtige Rolle. 31
    • Österreichisches Institut für Erwachsenenbildung www.oieb.at / TU-Wien – Ring-VO Lernende Regionen / SS 2005 Gerlind Weber – Nachhaltige Raumentwicklung Flächenstilllegungen: Ziel von Flächenstilllegungsprogrammen müsste es sein, insbesondere die ökologisch wertvollen Biotope (z.B. für den Grundwasser- oder Artenschutz) aus jeglicher wirt- schaftlichen Nutzung herauszunehmen und eine langfristige Stilllegung zu garantieren. Errichtung von Biotopverbundsystemen Die als Folge der intensiven Agrarbewirtschaftung mit naturnahen Landschaftselemen- ten kaum mehr ausgestatteten Agrarlandschaften müssen mit jenen naturnahen Ele- menten wieder “eingeräumt“ werden, die in Quantität und Qualität einen intakten Landschaftshaushalt versprechen. Dabei ist ein ökologisches Verbundsystem anzu- streben, was heißt, dass die unterschiedlichen naturnahen Biotope untereinander ver- netzt sein sollen. Solide “Ökobrücken“ sorgen für eine Verbesserung der agrarökolo- gischen Situation, eine Verbesserung des Lokalklimas sowie des Erosionsschutzes und bedeuten eine Bereicherung des Landschaftsbildes. Umstellung der Tierhaltungen - Senkung des gesetzlichen Obergrenzen für Massentierhaltungen - Koppelung der Tierhaltung an die Fläche (maximal 2 Großvieheinheiten/ha land- wirtschaftliche Nutzfläche) - generelles Verbot des Einsatzes von Wachstumsförderern und Antibiotika - Umstellung auf Tierhaltungsformen, die auch eine Verwertung extensiv genutzter Futterflächen ermöglichen. Genereller Verzicht auf ertragsfördernde Meliorationsmaßnahmen wie Fluss- und Bachregulierungen, Ent- oder Bewässerungsmaßnahmen, Wirtschaftswegebau, Gelän- dekorrekturen, Zerstörung naturnaher Landschaftselemente, Vergrößerung der Schläge u.a.m.; Verbesserung der Effektivität des Maschineneinsatzes - Aufbau von landwirtschaftlichen Maschinenringen - bevorzugter Einsatz kleinerer, multifunktioneller Landwirtschaftsmaschinen. 4.4.3 Integrativer Tourismus Das Konzept der nachhaltigen Entwicklung setzt auf eine qualitative Tourismusentwicklung, deren Eckpunkte sind: - die Lebensqualität der Einheimischen - das Wohlbefinden der Gäste - die Achtung der natürlichen Umwelt - die wirtschaftliche Entwicklung der betreffenden Region. Ein an den Grundsätzen der Nachhaltigkeit orientierter Tourismus geht ferner davon aus, dass ein sozial- und umweltgerechter Fremdenverkehr in eine neue Art der Lebensführung insge- samt eingebettet sein muss. Denn nur ein entsprechend sensibilisierter und konditionierter 32
    • Österreichisches Institut für Erwachsenenbildung www.oieb.at / TU-Wien – Ring-VO Lernende Regionen / SS 2005 Gerlind Weber – Nachhaltige Raumentwicklung Gast frägt ein touristisches Angebot nach, das den Grundwerten der Nachhaltigkeit gerecht wird. KäseStrasse Bregenzerwald Lage: Das Projekt mit dem Namen KäseStrasse Bregenzerwald befindet sich im westlichsten Bundesland von Öster- reich, in Vorarlberg. Die Gemeinde Alberschwende liegt 8km nordöstlich von Dornbirn im Bezirk Bregenz zwi- schen 700m und 1200m Seehöhe. Landschaftlich ist dieses Gebiet durch die auslaufenden Alpen geprägt und wirtschaftlich durch die Land- und Forstwirtschaft (Viehzucht und Waldwirtschaft) sowie durch den Tourismus. Projektbetreiber: Verein KäseStrasse Begenzerwald, Alberschwende Projektziel: Folgende Ziele sollen mit diesem Projekt erreicht werden: Eine gemeinsame Positionierung und Vermarktung der Region als spezielle Käseregion in enger Zusam- menarbeit mit Tourismus, Landwirtschaft und Öffentlichkeit Die Weiterentwicklung der Käsekultur und die Stärkung des qualitativen Angebots in Verbindung mit Er- lebnis und Bildung von Partnerschaften Stärkung der regionalspezifischen Kultur und somit Leistung eines wesentlichen Beitrages zur Erhaltung der Kulturlandschaft. Entstehungsgeschichte des Projektes: Die Herstellung von erstklassigem Hartkäse in der Berglandschaft der Region hat lange Tradition und erfolgt seit Jahrhunderten unter teils schwierigsten Bedingungen. Erzeugt wurde der Käse von den Bauern auf der Alpe und in kleinen Dorfsennereien und von den sogenannten „Käsegrafen“ bereits im 19.Jahrhundert erfolgreich expor- tiert. Durch die Öffnung der Märkte (vor allem nach dem Beitritt Österreichs zur EU 1995) geriet diese kleinstruktu- rierte, ökologische Landwirtschaft unter Druck. Man war gezwungen, die Entwicklung der Region und ihre landwirtschaftliche Produktion neu zu überdenken. Mit der berufsgruppen- und branchenübergreifenden Kooperation von mehr als 200 Betrieben aus Tourismus und Landwirtschaft, bäuerlichen Familien und regionalen Händlern wurde schließlich das Projekt „KäseStrasse Bregenzerwald“ ins Leben gerufen. Stand der Dinge: Mit der Bezeichnung „KäseStrasse Bregenzerwald“ ist nicht eine einzelne Straße gemeint, es sind vielmehr – in Anlehnung an die Weinstrassen – mehrere Straßenzüge als „KäseStrasse Bregenzerwald“ beschildert, welche von milchproduzierenden bäuerlichen Familienbetrieben über Käsemacher bis hin zu sogenannten Käsewirten führen. Mit der „KäseStrasse Bregenzerwald“ wollen alle beteiligten Betriebe den Bekanntheitsgrad der Region Bregenzerwald erhöhen, den Verkauf der besonderen Erzeugnisse der Region steigern, die Besucherzahlen im Bregenzerwald verbessern sowie die Kooperationsbereitschaft in der Region fördern. Die Produktion des Käses in kleinen dörflichen Sennereibetrieben und die Herstellung der Produkte aus einer rein silofreien Bewirtschaftung ist einzigartig in Europa. In 20 kleinen Dorfsennereien und auf 150 Milchalpen werden 30 Käsesorten hergestellt, die direkt bei den Herstellern sowie in ausgewählten Lebensmittelgeschäften angeboten werden. Als Besonderheit wird von mehreren Sennereien durch Schauteile transparente Einsicht in die Käseverarbeitung geboten. Ein europäisches Novum stellen außerdem die Käsewirte des Bregenzerwaldes dar, die sich in der Angebotsges- taltung bei Speisen in ihren über 40 Gastronomiebetrieben dem Käse verschrieben haben. Somit ist heute der Bregenzerwald mit seinen Schausennereien und seiner Käsevielfalt eine kulinarische Erleb- niswelt. Weiters werden regionale Partnerschaften von der KäseStrasse Bregenzerwald initiiert und aufgebaut, wie bei- spielsweise mit der Weinregion Retzerland im niederösterreichischen Weinviertel, indem Wein und Käse gegen- einander ausgetauscht werden. Zusätzlich organisieren der Verein „KäseStrasse Bregenzerwald“, der Bregenzer Tourismus und die Gemeinden der Region etliche Veranstaltungen, welche zahlreiche Facetten im Umfeld von Milch und Käse aufzeigen und immer wieder Traditionelles mit Modernem verbinden. Das Projekt wurde bei der EXPO 2000 in Hannover vorgestellt. Zukunftsperspektiven: Für die kommenden Jahre sind folgende Projekte vorgesehen: - Aufbau einer regionalen Logistikstruktur aufgrund betrieblicher Kooperation zur Steigerung der regionalen Wertschöpfung sowie der Qualitätskontrolle und –sicherung. - Sortimenterweiterung unter der Vorlage höchster Qualitätsansprüche 33
    • Österreichisches Institut für Erwachsenenbildung www.oieb.at / TU-Wien – Ring-VO Lernende Regionen / SS 2005 Gerlind Weber – Nachhaltige Raumentwicklung - Nationale / internationale Vermarktung durch die Erschließung neuer Märkte, Marktanalysen und einem Internetshop - Imageaufbau / Kommunikation nach innen und außen durch Transparentmachen der Käsestrasse und ihrer Ziele in der Region und in den Ballungszentren, Vermarktung der landwirtschaftlichen Produkte in Zusam- menhang mit der Tourismusregion Bregenzerwald, etc. - Erhaltung überregionaler Partnerschaften Bedeutung des Projektes für die Nachhaltigkeit: Bewusstseinsbildung: mit der Entwicklung der „KäseStrasse Bregenzerwald“ wird die Besonderheit und Einzigartigkeit ländlicher Produktion aus der Region am Markt hervorgehoben. Betriebliche Kooperation: durch die Kooperation von Landwirtschaft, Handel und Tourismus soll die Absi- cherung der Beschäftigung durch Wertschöpfungssteigerung in der Talschaft erreicht werden. Regionale Kooperation: durch gezielte Vermarktung in „Partnerregionen“ sollen der Bekanntheitsgrad und das Image der Region gesteigert werden, zudem sind positive ökonomische Effekte damit verbunden Kontakt: Verein zur Förderung Bregenzerwälder Käsekultur Dr. Elisabeth Wagner Wehrborn Tel:. 0043 / 5512 / 26 099 Mühle 534 Fax.: 0043 / 5512 / 26 0999 A-6863 Egg, Vorarlberg E-mail: natur@kaesestrasse.at Internetadresse: http://www.kaesestrasse.at • Maßnahmen in den intensiv touristisch genutzten Regionen Generell sind in den Gebieten mit Massentourismus mit der Bevölkerung Strategien zu entwi- ckeln, die ökonomisch aus der touristischen Monostruktur führen und gleichzeitig auf eine Entlastung von Mensch und Natur hinauslaufen. Bausteine dazu sind beispielsweise keine Erweiterung der touristischen Infra- und Suprastruktur; Förderung von Kapazitätsrücknahmen etwa bei Betten bzw. Aufstiegshilfen; Förderung des gezielten Aufbaues von nichttourismusgebundenen Arbeitsplätzen; Verzicht auf die Abhaltung publikumsintensiver Großveranstaltungen (sog. “Events“); Keine Errichtung von Freizeitgroßanlagen “auf der grünen Wiese“; Keine weitere Errichtung von Zweitwohnsitzen, stattdessen Unterstützung der Umnut- zung von Zweitwohnsitzen zu Dauerwohnsitzen; Aktive Bodenpolitik zugunsten der Dauersiedler; Forcierung bodensparender Bebauungsformen und Sicherung der Böden von hoher Bonität für die Landwirtschaft; Bonussystem für Gäste, die mit öffentlichen Verkehrsmitteln anreisen; Einrichtung autofreier Zonen; Einführung generell von Tempo 30–Zonen im Sied- lungsraum; Schaffung von Ruhegebieten; Entzerrung der Reiseströme (z.B. durch entsprechende Ferienstaffelung in den Regio- nen, Preisgestaltung); Ausschöpfung der Kooperationsmöglichkeiten zwischen Tourismusbetrieben, Land- wirtschaft und Gewerbe; Bewusstseinsbildung bei Gästen und Einheimischen, dass langfristig gesehen nur eine hohe Umwelt- und Landschaftsqualität die Wettbewerbsfähigkeit im Tourismusge- schäft sichern kann. • Maßnahmen in Gebieten, die heute noch kaum touristisch genutzt werden 34
    • Österreichisches Institut für Erwachsenenbildung www.oieb.at / TU-Wien – Ring-VO Lernende Regionen / SS 2005 Gerlind Weber – Nachhaltige Raumentwicklung In den touristischen Hoffnungsgebieten ist das Bewusstsein zu entwickeln, dass die Zukunfts- chance nicht im Kopieren der Jahrzehnte zurückliegenden Entwicklungen der Massentouris- musregionen liegen kann, sondern nur in der Etablierung eines mehr regions-, sozial- und umweltverträglichen touristischen Angebots, wie Einsicht, dass die Tourismuswirtschaft als Teil einer vielfältigen Regionalwirtschaft zu interpretieren ist; daher Absage an lebens- und umweltqualitätsbeeinträchtigende touristische Monokulturen; Beschränkung der Gästebetten auf die Zahl der Dauersiedler in der Gemeinde/Region; Verzicht auf ressourcenverzehrende touristische Infrastrukturen wie Aufstiegshilfen, Mega-Centers etc.; Entwicklung des Bekanntheitsgrades über Umweltqualitätskriterien wie Autofreiheit, Umweltgütesiegelbetriebe, Familienfreundlichkeit; Kooperation der Tourismusbetriebe mit der Landwirtschaft und dem regionalen Ge- werbe; “Exklusivität“ des Ferienortes resultiert aus Authentizität, einem limitierten Angebot und durch Schlichtheit; Entwicklung von Spezialisierungen im Angebot, die dieses Image unterstützen wie Gesundheit, Bildung, Wellness; keine risikoreichen Sportarten im Angebot; hohe Professionalität und Kreativität; keine Ausbeutung von Gästen (materiell) und Gastgebern (immateriell); Erarbeitung von integrativen Tourismuskonzepten, die in Richtung nachhaltige Regi- onalentwicklung wirken; entsprechender Umbau des Förderungswesens. Viktor Kaplan-Akademie für Zukunftsenergien Muerz Lage: Das Projekt Viktor Kaplan-Akademie für Zukunftspenergien Muerz befindet sich in Österreich, im Bundesland Steiermark. Der Ort Mürzzuschlag liegt in einer Talfurche zwischen 400m und 500m Seehöhe im gleichnamigen Bezirk. Das Gebiet rund um die Gemeinde ist land- und forstwirtschaftlich geprägt (Viehzucht und Waldwirt- schaft/Jagd), Mürzzuschlag selbst befindet sich in einem alten Industriegebiet (Eisen- und Stahlerzeugung). Projektbetreiber: Viktor Kaplan-Akademie für Zukunftsenergie muerz GmbH Projektziel: Folgende Ziele sollen mit diesem Projekt erreicht werden: Errichtung eines naturwissenschaftlich-technischen Bildungskomplexes (als Themenpark), der sich den umweltverträglichen Zukunftsenergien widmet. Dabei sollen die Themen Energie, Bildung und Freizeitwirt- schaft (Tourismus) miteinander verbunden werden. Setzung von Bewusstseinsbildungsmaßnahmen sowohl durch die vor Ort erzielte Energiegewinnung aus erneuerbaren Energieträgern als auch durch die Informationsweitergabe darüber an die Bürger. Entstehungsgeschichte des Projektes: Viktor Kaplan, der 1876 in Mürzzuschlag geboren wurde und die ersten 10 Jahre seines Lebens in dieser Stadt sowie im nahen Neuberg an der Mürz verbrachte, war die führende Persönlichkeit, die auf dem Gebiet der Ener- gieerzeugung aus Wasserkraft Vorbildliches leistete (Entwicklung einer weltweit im Einsatz befindlichen Nie- derdruckturbine). 1995 wurde die „Viktor Kaplan-Akademie für Zukunftsenergien Muerz GmbH“ gegründet, die in ihren Vorha- ben an die Pionierleistungen in Sachen Energiegewinnung anknüpfen will. Stand der Dinge: Die Viktor Kaplan-Akademie für Zukunftsenergien wird sich als Themenpark den Aufgabenbereichen (Modu- len) Lehre, Forschung, Freizeitwirtschaft sowie Pilot- und Demonstrationsanlagen widmen. Das Modul Lehre wird der Ausgangspunkt der Viktor Kaplan-Akademie sein, welcher durch eine Kooperation zwischen Universitätsinstituten, die sich den Fragen der Energiegewinnung und –nutzung widmen, Fachhoch- schulen und Berufsbildenden Höheren Schulen eingerichtet wird. 35
    • Österreichisches Institut für Erwachsenenbildung www.oieb.at / TU-Wien – Ring-VO Lernende Regionen / SS 2005 Gerlind Weber – Nachhaltige Raumentwicklung Im Kontext mit den Pilot- und Demonstrationsenergiegewinnungsanlagen werden im Modul Forschung auch spezielle Forschungsvorhaben möglich, welche gemeinsam mit wissenschaftlichen und industriellen Partnern aus dem In- und Ausland abgewickelt werden sollen. Das Modul Freizeitwirtschaft besteht unter anderem aus einer ständigen, auf einem touristisch wirksamen Kon- zept beruhenden Ausstellung, einer wiederhergestellten alten Mühle mit in Funktion befindlichem Mühlrad, die als Gaststätte Verwendung findet, einem Energiespielplatz, einem begehbaren „Wasservorhang“, sowie einem mit Sonnenenergie betriebenen Brunnenpumpensystem. Das Modul Pilot- und Demonstrationsanlagen umfaßt 11 Anlagen (Wasserkraft, Windkraft, Solarenergie, Bio- prozess, Stirling-Motor und Biogas) sowie drei Brennstoffzellen, die mit Wasserstoff als idealen speicherbaren Energieträger eine wichtige Option für die künftige Energieumwandlung darstellen. Zukunftsperspektiven: Das Projekt soll in vier Stufen verwirklicht werden und im Jahr 2003 abgeschlossen sein. Bedeutung des Projektes für die Nachhaltigkeit: Die besondere Bedeutung dieses Projektes für die Nachhaltigkeit liegt darin, dass mehrere Zwecke miteinander verknüpft werden und auf diese Weise ein synergetischer Effekt erzielt wird. Die Bereiche alternative Energie- gewinnung und Bildung werden mit touristischen Ambitionen verbunden, was für dieses Projekt eine Vereini- gung von neuen, innovativen Lösungen darstellt. Das Projekt Viktor Kaplan-Akademie für Zukunftsenergien Muerz eröffnet die Möglichkeit, eine breite Bevölke- rungsschicht (Studenten, Schüler, Touristen/Besucher) hinsichtlich zukunftsfähiger Energiegewinnung und -nutzung anzusprechen und trägt somit zu einem besseren Verständnis sowie zu einer größeren Sensibilisierung für erneuerbare Energieträger und für die Energiegewinnungspotenziale vor Ort in der Bevölkerung bei. Kontakt: kunsthausmuerzzuschlag gesmbh Tel.: 0043 / 3852 / 562 00 Wiener Straße 35 Fax.: 0043 / 3852 / 562 09 8680 Mürzzuschlag am Semmering, Steiermark E-mail: kunst@kunsthaus.muerz.at Internetadresse: gerade in Arbeit 4.5 Nachhaltige Entwicklung der Infrastruktur Die Infrastruktur dient der Vernetzung der bereits abgehandelten Daseinsgrundfunktionen. Die für eine nachhaltige Raumentwicklung entscheidende Kernfrage lautet daher: Wie muss die Infrastruktur im Sinne der Nachhaltigkeit weiterentwickelt werden und wie muss die ent- sprechende Vernetzung gestaltet sein? 4.5.1 Sicherung der Nahversorgung Rascher Zugang zu Gütern und Dienstleistungen des täglichen Bedarfs, wie zu Nahrungsmit- teln, Getränken, Hygieneartikeln, Zeitungen und Zeitschriften, Tabakwaren, Arzt, Postdienst, Lotto-Toto-Annahmestellen gehören zu den Grundbedürfnissen der Menschen. Um ein “gutes Leben“, vor allem auch den Nicht-Motorisierten zu sichern, ist eine Grundversorgung auf kurzem Wege unabdingbar. Bausteine zur Sicherung der Nahversorgung sind beispielsweise: Bewusstseinsbildung der Konsumenten im Sinne von “Fahr nicht fort, kauf im Ort“; Zusammenlegung von Versorgungseinrichtungen, die für sich allein nicht überlebens- fähig sind, wie Gemischtwarenhandel mit Dienstleistungen wie Post, Lotto-Tot- Annahmestellen, Annahmestelle für Putzereien, Filmentwicklung etc.; Aufbau von Bürgerläden und Bauernläden; Beseitigung rechtlicher Barrieren für “fliegende Händler“; Propagierung der Direktvermarktung der Bauern; Kooperation zwischen Nahversorgern und Landwirten (Shop in Shop-Angebot). 36
    • Österreichisches Institut für Erwachsenenbildung www.oieb.at / TU-Wien – Ring-VO Lernende Regionen / SS 2005 Gerlind Weber – Nachhaltige Raumentwicklung Lebensqualität durch Nähe Lage: Das Projekt mit dem Namen Lebensqualität durch Nähe befindet sich in Österreich, in der Oberösterreichischen Region „Steyr-Kirchdorf“. Die Gemeinde Kirchdorf liegt im gleichnamigen Bezirk auf einer Seehöhe von 450m. Die Landschaft rund um Kirchdorf ist geprägt durch Viehzucht und Waldwirtschaft. Westlich davon befinden sich Betriebe der Eisen- und Metall- sowie der Bauindustrie. Den Flußläufen von Krems und Steyr nach Norden folgend, gelangt man in Ackerbau mit Viehzucht geprägtes Gebiet. Projektbetreiber: Studiengesellschaft für Projekte zur Erneuerung der Strukturen (SPES = lat. Hoffnung), Schlierbach, Oberöster- reich Projektziel: Folgende Ziele sollen mit diesem Projekt erreicht werden: In-Gang-Setzung von Prozessen zur nachhaltigen Sicherung und Verbesserung der Lebensqualität im Ort durch - Schaffung von Bewußtsein für die Problematik und die eigene Gestaltungskraft jedes Einzelnen - Weckung der Eigenverantwortung des Bürgers - Motivation zur Eigeninitiative Entstehungsgeschichte des Projektes: In vielen, vor allem ländlichen Gemeinden ist aufgrund der steigenden Motorisierung der Menschen der Trend entstanden, die Lebensbedürfnisse (Versorgung mit Nahrungsmitteln, Kultur, Medizin, Arbeitsplatz, etc.) außer- halb des Heimatortes zu befriedigen. Je nach Angebot werden dafür unterschiedliche Distanzen zurückgelegt. Durch diese Vorgangsweise werden sukzessive Nahversorgungs-Strukturen gerade in Landgemeinden aufgelöst, was nach und nach zum umfassenden Verlust an Lebensqualität in den Regionen führt. Aufgrund des Umstandes, dass auch die Region „Steyr-Kirchberg“ von einer derartigen Entwicklung bedroht war, rief sie als Gegenmaßnahme das Projekt „Lebensqualität durch Nähe“ ins Leben. Stand der Dinge: Lebensqualität bedeutet die Versorgung auf kurzem Wege mit - qualitativ hochwertigen Lebensmitteln aus der Region, die einen kurzen Transportweg hinter sich haben - Arbeitsplätzen (zur Vermeidung langer Pendlerstrecken, die die Freizeit verkürzen) - naturnahen Erholungsräumen - intakten Sozialgefügen, wo sich Einheimische und Gäste gleichermaßen wohl fühlen sowie - das Vorhandensein diverser Einrichtungen im medizinischen, kulturellen und sozialen Bereich Durch eine solch gut funktionierende Infrastruktur ist auch der Werterhalt von Häusern und Grundstücken gesi- chert. Die Durchführung des Projektes erfolgt in den Schritten „Bewußtseinsbildung der Bürger“, „Gestaltung von Rahmenbedingungen“ sowie „Maßnahmenumsetzung“, wobei auf einen ganzheitlichen und umfassenden Pro- jektansatz, auf Bürgerorientiertheit und auf die Einbindung möglichst vieler Menschen geachtet wird. Der Bewusstseinsbildungsprozess, der über einen Zeitraum von 1 bis 1 ½ Jahren verläuft, wird von speziell ausgebildeten Betreuern des Projektbetreibers „SPES“ angeleitet. Zur Prozeßeinleitung sowie zur Aufrechterhal- tung des Bewußtseins werden Kommunikationsmittel, wie Broschüren, Bierdeckel oder Aufkleber, eingesetzt. Zukunftsperspektiven: Durch die Aktion „Lebensqualität durch Nähe“ kam es zu einem positiven Investitionsklima, wodurch Arbeits- plätze in der Region geschaffen wurden und werden. Auf diese Weise kann die Region „Steyr-Kirchdorf“ als Modellregion für nachhaltiges Wirtschaften und Han- deln zur Nachahmung anregen und anderen Regionen und Gemeinden als Vorbild dienen. Bedeutung des Projektes für die Nachhaltigkeit: Dieses Projekt stellt die Initialzündung für einen ganzheitlichen Erneuerungsprozeß des Ortslebens dar. Es weist folgende Besonderheiten im Hinblick auf die Nachhaltigkeit auf: Geringe Zwangsmobilität durch die Nähe der Nahversorger, (wie Bauern, Lebensmittelhändler, Gastrono- miebetriebe, Trafikanten, Ärzte, Vereine, Schulen, Kirchen, Post, etc.) Erhöhung der Wertschöpfung in der Region (durch Sicherung von Arbeitsplätzen) Kaufkraftbindung aufgrund der Erhaltung der Ortsstrukturen durch bewußte Nutzung des Einzelhandelsan- gebotes Kontakt: 37
    • Österreichisches Institut für Erwachsenenbildung www.oieb.at / TU-Wien – Ring-VO Lernende Regionen / SS 2005 Gerlind Weber – Nachhaltige Raumentwicklung SPES Bildungs- und Studiengesellschaft m.b.H. Tel.: 0043 / 7582 / 82 123-55 A-4553 Schlierbach 19 Fax.: 0043 / 7582 / 82 123-49 E-mail: spes@spes.co.at Internetadresse: http://www.spes.co.at 38
    • Österreichisches Institut für Erwachsenenbildung www.oieb.at / TU-Wien – Ring-VO Lernende Regionen / SS 2005 Gerlind Weber – Nachhaltige Raumentwicklung 4.5.2 Aufbau zukunftsfähiger Verkehrsstrukturen Realistischerweise wird der Trend des stetig weiter wachsenden Güter- und Personenver- kehrsaufkommens nicht allein durch planerische Maßnahmen gebrochen werden können, sondern nur durch eine parallel dazu laufende Veränderung der herrschenden gesellschaftli- chen und wirtschaftlichen Entscheidungsmuster in Richtung nachhaltiger Lebensstil. Bausteine auf dem Weg zu einer nachhaltigen “Verkehrswende“ sind: A) Güterverkehr • Reduktion der Transportwege der Wirtschaft Propagierung der Vorzüge eines Lebensstils der neuen Bescheidenheit; Entmaterialisierung des Wirtschaftsgeschehens; Höhere Besteuerung von Energie und natürlichen Ressourcen; Forcierung des Auf- bzw. Ausbaues regionaler und lokaler Wirtschaftskreisläufe; Erhöhung der innerbetrieblichen Fertigungstiefe von Produkten; Aufbau einer effizienten Transportlogistik (Fahrzeugpools, Logistikzentralen). • Durchführung der unvermeidbaren Gütertransporte auf eine für Mensch und Umwelt ver- trägliche Weise Zunehmende Verlagerung des Gütertransports im Mittel- und Langstreckenbereich auf die Schiene, in Pipelines, auf Schiffe; Verbesserung des kombinierten Verkehrs z.B. durch weniger zeitaufwendige Verlade- techniken, Einführung von Mobilitätsmanagement auf betrieblicher Basis etc. B) Personenverkehr • Vermeidung von Personenverkehr als politisches Leitbild Propagierung eines mußehaften Lebensstils, dessen Kern die Nähe als ein wesentli- ches Lebensqualitätsmerkmal ist; Unterstützung von verkehrsvermeidenden Maßnahmen wie Fahrgemeinschaften, Carsharing, Telekonferenzen; Anhebung der Treibstoffpreise, so dass diese die wahren Kosten des motorisierten Verkehrens und den Zukunftswert von Erdölprodukten wiedergeben; Belastung der variablen, von der Fahrleistung abhängigen Kosten; Baulandwidmungen nur im fußläufigen Einzugsbereich von Bahn- oder Bushaltestel- len; Hintanhaltung von Zersiedelung; Abkehr von einer nachfrageorientierten Straßenbaupolitik; Belassen von Verkehrswiderständen; Aufwertung des Wohnumfeldes. Autofreie Mustersiedlung Lage: Das Projekt Autofreie Mustersiedlung befindet sich in Österreich, in der Bundeshauptstadt Wien. Die Siedlung liegt in Floridsdorf, dem 21.Wiener Gemeindebezirk, am linken Donauufer zwischen 150m und 200m Seehöhe. 39
    • Österreichisches Institut für Erwachsenenbildung www.oieb.at / TU-Wien – Ring-VO Lernende Regionen / SS 2005 Gerlind Weber – Nachhaltige Raumentwicklung Geprägt ist dieses Gebiet durch städtische Bebauung mit dazwischen liegenden Freiräumen sowie verkehrsrei- chen Straßen, die zudem durch eine gute Erschließung mit öffentlichen Verkehrsmitteln gekennzeichnet sind. Projektbetreiber: Christoph Chorherr (Initiator); die Stadt Wien Projektziel: Ziel dieses Projektes ist es, in Stadtteilen von Wien das Wohnumfeld durch Neubau von Wohneinheiten ohne Garagenstellplatz und mit geringem eigenen Au- toverkehrsaufkommen zu fördern die durch den Wegfall des sonst rechtlich zwingend angeordneten Baus von Garagen eingesparten Kosten in umweltfreundliche Wohnungsstrukturen zu investieren. Entstehungsgeschichte des Projektes: Das Projekt basiert auf einer 1995 eingebrachten Initiative eines Abgeordneten der Grünen im Wiener Gemein- derat. Noch im selben Jahr erfolgte die Ausschreibung für eine autofreie, 250 Wohneinheiten umfassende Mustersied- lung im Bezirk Floridsdorf, in der 25 Carsharing-Standplätze und in weiterer Folge ebenso viele Auto-Parkplätze vorgesehen waren. Im Juni 1999 wurde den Mietern und Interessierten das im Jahr zuvor ausgearbeitete Carsharingkonzept präsen- tiert. Mieterwünsche wurden sowohl im Zuge eines Mitgestaltungsprozesses in der Planung als auch mit Hilfe von Fragebögen ermittelt und in der weiteren Konzeption des Bauprojektes berücksichtigt. Diese autofreie Mustersiedlung wurde zu Beginn des Jahres 2000 besiedelt. Stand der Dinge: Die Siedlung ist mit einem eigenen Carsharing-Unternehmen ausgestattet, das Autos zur Verfügung stellt, die gegen Bezahlung von allen Mietern benutzt werden können. Angeboten werden außerdem spezielle Nutzungsta- rife zu bestimmten Zeiten, kombinierte Nutzungskarten sowie die Verwaltung von Autozubehör (Fahrradträger, Kindersitze, etc.). Aufgrund der geringen Nachfrage werden derzeit vom Carsharing-Unternehmen lediglich 4 Fahrzeuge bereitge- stellt, deren Auslastung immer noch geringer ist als jene der standardisierten Carsharing-Fahrzeuge. Städtische Mobilität ist sowohl aufgrund der Lage des Siedlungsstandortes in geringer Entfernung zu öffentli- chen Verkehrsmitteln (eine Straßenbahn- und zwei U-Bahnlinien), der Nähe zu einem Erholungsgebiet als auch einer gut funktionierenden Nahversorgung (Einkaufsmöglichkeiten, Kindergarten und Schule) ohne ständige Autonutzung gewährleistet. Zukunftsperspektiven: DENZELDRIVE bietet ab 2001 den Carsharing-Standortplatz in der „Autofreien Mustersiedlung“ auch öffent- lich an (bisher war die Nutzung nur den Mietern möglich). Zudem wird den Siedlungsbewohnern der gesamte DENZELDRIVE-Fuhrpark (mit knapp 170 Fahrzeugen in ganz Österreich) zur Verfügung gestellt. Das Projekt Autofreie Musterstadt soll als Modellbeispiel zur Nachahmung anregen. Bedeutung des Projektes für die Nachhaltigkeit: Dieses Projekt weist folgende Besonderheiten im Hinblick auf die Nachhaltigkeit auf: Partizipation der Bevölkerung: aufgrund der in das Projekt miteinbezogenen Bürgerbeteiligung sowie der offenen Informationsübermittlung durch das Carsharing-Unternehmen, stieg die Bereitschaft der Mieter und Interessenten, das Carsharingkonzept mitzugestalten. Kosten- bzw. Ressourceneinsparung: durch die Einführung des durch den Wiener Landtag beschlossenen Flexibilisierungsparagraphen kann von der bisherigen „1:1 Stellplatzverordnung“ (pro Wohnung ein Auto- Parkplatz) abgewichen werden. In diesem Fall bedeutet das die Einsparung des Baus von 225 Autoabstell- plätzen. Dies zeigt außerdem die Möglichkeit des sparsamen Umgangs mit der Ressource „Boden“, der auf diese Weise unversiegelt bleiben kann. Förderung des öffentlichen Verkehrs: daraus resultiert die Leistung eines Beitrages zur Ressourcen- und Umweltschonung (Reduktion des MIV-Aufkommens, von Abgasemissionen, von Staus und Ozonbelastung), was der Erhöhung der Lebensqualität dient. Kontakt: DENZELDRIVE Carsharing GmbH Mag. Dr. Peter Novy Tel.: 0664 – 30 21 681 Erdbergstr. 189 Fax.: 0664 – 77-30 21 681 A-1110 Wien E-mail: peter.novy@assist-novy.at Internetadresse: http://www.denzeldrive.at 40
    • Österreichisches Institut für Erwachsenenbildung www.oieb.at / TU-Wien – Ring-VO Lernende Regionen / SS 2005 Gerlind Weber – Nachhaltige Raumentwicklung • Verlagerung des unvermeidbaren Personenverkehrs auf sozial- und umweltverträgliche Mobilitätsformen im Lang- und Mittelstreckenbereich Substitution von Flugreisen im Mittel- und Langsteckenverkehr durch die Schiene, er- zielt durch eine Attraktivitätssteigerung bei Tarifgestaltung, Image, Service und Aus- stattung der Bahn; Weiterentwicklung der Bahn zum Mobilitätsdienstleister; Abkehr von der bedarfsorientierten Straßenausbaupolitik; Bemautung von Langstrecken auf Autobahnen; Kein weiterer Ausbau von Flughäfen. Gerade im Mittel- und Langstreckenbereich sind die Wirkungen verkehrsplanerischer und -politischer Maßnahmen realistischerweise als äußerst beschränkt einzuschätzen. Besonders wichtig ist daher, in diesem Teilsegment des Verkehrs die Bewusstseinsbildung voranzutrei- ben, dass Mobilität als Lebensstilfrage abzuhandeln ist. Dies heißt beispielsweise: keine He- roisierung von Ferne, Geschwindigkeit, Kilometerfresserei, vielmehr Propagierung der Le- bensqualität durch Nähe, durch Langsamkeit, durch Bescheidenheit; Erkennbarmachung der Vorteile von weiniger Verkehr im persönlichen Bereich, wie mehr Sicherheit, mehr Wohn- qualität, mehr Impulse für die nahe Wirtschaft; Bewusstmachen, dass Langsamkeit im Ver- kehr auch langfristig die Mannigfaltigkeit der Raumnutzungen wieder zusammenführen wür- de. • Stärkung des Umweltverbundes im Kurzstreckenbereich Aufbau von Widerständen gegen den motorisierten Individualverkehr im Straßennetz; Einrichtung von verkehrsfreien Zonen; Konsequente Parkraumbewirtschaftung; Rigorose Geschwindigkeitsbeschränkungen (Tempo 30 im Siedlungsraum); Rückbau von Fahrbahnen unter Anlage von Grünstreifen, Rad- und Fußwegen; Aufbau neuer Beförderungsformen wie Fahrgemeinschaften, Carsharing, Sammelta- xis, Citybusse etc.; keine Umwege für Fußgänger; sorgfältigere Gestaltung der Straßenräume, sodass diese zum Zufußgehen einladen; Stopp weiterer Zersiedelung; Maßvolle Dichte der Bebauung und Nutzungsmischung; Bevorzugte Wohnungsvergabe an in der Nähe Arbeitende; Konzentration der Siedlungsentwicklung auf die Haltestellenbereiche öffentlicher Verkehrsmittel (z.B. Bahnhofsüberbauungen für Schulen, Universitäten, Dienstleis- tungsunternehmen); Regionalorientierung bei der Versorgung; Konditionierung der Kinder auf die Qualität von Nähe, auf das Gehen und Radeln. 4.5.3 Dezentralisierung und Effizienzsteigerung in der Energieversorgung Um dem Prinzip der Nachhaltigkeit zu entsprechen, muss ein Energiesystem zwei grundsätz- liche Forderungen erfüllen: Einerseits muss eine nachhaltige Energiewirtschaft auf langfristig verfügbaren (erneuerbaren) Energiequellen aufbauen und anderseits müssen die mit der Energieumwandlung verbunde- nen Massenströme möglichst gering und – in menschlichen Zeitmaßstäben gemessen – ge- schlossen sein. 41
    • Österreichisches Institut für Erwachsenenbildung www.oieb.at / TU-Wien – Ring-VO Lernende Regionen / SS 2005 Gerlind Weber – Nachhaltige Raumentwicklung Bausteine einer an der Nachhaltigkeit orientierten Energiepolitik sind dementsprechend: • Bottom-up-Entwicklung von integrierten Energiekonzepten Für Regionen und Gemeinden bestehend aus einer Bestandsaufnahme und Analyse der derzeitigen Energieversorgungssituation (hin- sichtlich Energieversorgungssysteme, Siedlungsstruktur, Gebäudezustand, Verkehrs- ströme und –infrastruktur, Emissionssituation etc.); Ermittlung der Energieeinsparmöglichkeiten; Abschätzung der benötigten Energie-Dienstleistungen innerhalb des Planungshori- zonts; Abschätzung der Substitutionsmöglichkeit fossiler durch erneuerbare Energien; Umsetzungsstrategien (ökonomische, technologische, bewusstseinsbildende Maßnah- men). Kernstücke einer energiebewussten nachhaltigen Raumentwicklung sind etwa: • energiebewusste Siedlungsentwicklungsplanung Schaffung kompakter, nutzungsvielfältiger Siedlungskörper, um verkehrsvermeidend zu wirken; Orientierung der Siedlungserweiterung an den Haltestelleneinzugsbereichen von Bahn und Bus; Optimale Standortwahl für Gebäude, wie südexponierte trockene Hanglagen; Vermei- dung von Kaltluftseen, Nebelstaulagen, windexponierten Lagen; Vermeidung freistehender Baukörper; Energetisch sinnvolle Gestaltung der Freiflächen (z.B. Pflanzung von Laubbäumen, Windschutzhecken). • energieeffiziente Gebäudeplanung und –sanierung Einführung eines “Eigenenergienachweises“; Interpretation der bauordnungsrechtlich festgelegten Energiekennzahlen und k-Werte als Mindeststandards; Reduktion des gebäudebezogenen Energieverbrauchs durch wärmetechnische Sanie- rungsmaßnahmen (z.B. durch Fenstersanierung, Einhausung etc.) sowie durch Ener- gieträgersubstitution; Ost-West-Firstausrichtung und Steildächer der Gebäude bei Neubau für Installierung von Sonnenkollektoren; Energiebewusste Raumaufteilung (z.B. nach Süden exponierte Wohnräume, Anlage von Wintergärten und Loggien); Forcierung der Solararchitektur und des Konzepts der Niedrigenergiehäuser; Bewusstseinsbildung über Energieeinsparpotenziale durch energiebewusstes Nutzer- verhalten; Nutzung der Abwärme. • bevorzugter Einsatz ortsbürtiger erneuerbarer Energien Zu den endogenen regenerativen Energienutzungspotenzialen zählen insbesondere windhöffi- ge Gegenden, Waldflächen der Anteil solartechnisch nutzbarer Potenzialflächen, das Wasser- 42
    • Österreichisches Institut für Erwachsenenbildung www.oieb.at / TU-Wien – Ring-VO Lernende Regionen / SS 2005 Gerlind Weber – Nachhaltige Raumentwicklung kraftreservoir, Umgebungswärme, das Aufkommen energiewirtschaftlich verwendbarer forstwirtschaftlicher Reststoffe und landwirtschaftlicher Ernterückstände. Windpark Spörbichl Lage: Das Projekt mit dem Namen Windpark Spörbichl befindet sich in Österreich, im Oberösterreichischen Granithü- gelland des Mühlviertels zwischen 500m und 1100m Seehöhe im Bezirk Freistadt. Geprägt ist dieses Gebiet vor allem durch die Land- und Forstwirtschaft. Das Klima ist rauh und windig. Projektbetreiber: Neue Energie GmbH, Freistadt Projektziel: Die Ziele, die mit diesem Projekt erreicht werden sollen, sind folgende: Schaffung eines Projektes für die Nutzung erneuerbarer Energieträger sowie deren wirtschaftlich sinnvolle Verbreitung Verankerung dieser Idee in der Bevölkerung die Möglichkeit für einen möglichst großen Personenkreis, an einem solchen Windprojekt mitzuwirken die tatkräftige Unterstützung des Widerstandes gegen das tschechische Atomkraftwerk Temelin (welches nur 70km Luftlinie von Freistadt entfernt liegt und an klaren Tagen von örtlichen Erhebungen aus sichtbar ist) durch Aufzeigen von Alternativen. Entstehungsgeschichte des Projekts: Entstanden ist das Projekt aus der Idee, ein Windrad zu bauen. Aufgrund des in Spörbichl vorherrschenden Win- des ist die Standortwahl schließlich auf dieses Dorf gefallen. Im zweiten Schritt wurden von Dezember 1996 bis Februar 1998 Windmessungen durchgeführt, welche die Erkenntnis brachten, dass die Umsetzung der Idee auch wirtschaftlich durchführbar ist. Daraufhin erfolgte die Gesellschaftsgründung (Neue Energie GmbH), welche nötig war, um die Planung zu beauftragen, die Verträge mit den Grundbesitzern abzuschließen, ein Flächenwidmungsplan-Verfahren zur Erlangung der Widmung „Windkraftanlage“ einzuleiten, ein Ansuchen um nationale Förderungen für Alternativ-Energieprojekte zu stel- len, Verträge über die Stromabnahme abzuschließen und den Auftrag an den Windanlagen-Hersteller Vestas zu vergeben. Die Gesellschaft Neue Energie GmbH besteht aus 11 Gesellschaftern, die die Unternehmensleitung darstellen, wobei einer von ihnen der Geschäftsführer ist. Der Großteil der Kapitalaufbringung erfolgt durch eine „offene Kapitalgesellschaft“, in der 100 atypische, stille Gesellschafter (Bürgerbeteiligung) mit 1 bis 10 Anteilen zu je 30.000 Schilling an diesem Projekt beteiligt sind. Letztere haben kein direktes Mitspracherecht, sondern werden durch 3 Beiräte vertreten. Insgesamt hat das ge- samte Projekt ein Volumen von 20 Millionen Schilling. Projektbeginn war am 1.Dezember 1999. Stand der Dinge: Zur Zeit sind 2 Windräder in Betrieb, die jeweils 660 kW Leistung erzielen. Die prognostizierte Stromerzeugung liegt bei ca. 2 GWh/Jahr, was dem Jahresstrombedarf von ca. 550 Haushalten entspricht. Weiters werden durch das Windkraftwerk ungefähr 700.000 Liter Erdöl eingespart sowie die CO2-Emissionen um 1820 t/Jahr reduziert. Abgegolten wird der produzierte Strom, der ans Netz geliefert wird, mit garantierten Einspeisetarifen. Die Le- benszeit dieser Anlage, die mit der Projektlaufzeit gleichzusetzen ist, beträgt ca. 30 Jahre bei einer Amortisati- onszeit von 15 Jahren. Zukunftsperspektiven: Aufgrund der positiven Erfahrung mit diesem Projekt plant die Neue Energie GmbH, zu expandieren. Zur Zeit werden bereits Windmessungen an 2 anderen Standorten durchgeführt. Weitere Standorte werden für derartige Windanlagen gesucht. Geplant ist, dass auch bei den zukünftigen Projekten die Bürger in Form der Bürgerbetei- ligung miteinbezogen werden. Bedeutung des Projektes für die Nachhaltigkeit: Dieses Projekt weist folgende Besonderheiten im Hinblick auf die Nachhaltigkeit auf: Offene Kapitalgesellschaft: durch sie wurde die Voraussetzung geschaffen, die Bürger in die Projektfinan- zierung einzubinden. Dadurch, dass dem Projekt aufgrund dieser finanziellen Bürgerbeteiligung die Unter- stützung einer breiten Basis sicher war, wurden die Vorhaben, die Umwelt- und Klimaschutzanliegen in der Bevölkerung zu verbreiten, bedeutend erleichtert bzw. forciert. Mit dem Kauf eines Anteils ist es möglich, den Jahresstrombedarf eines durchschnittlichen Haushaltes der Region rechnerisch zu decken. Somit trug dieses Projekt durch seine Bewusstseinsbildungsmaßnahmen maßgeblich zum Verständnis und zur Sensibi- lisierung für erneuerbare Energieträger und den Umweltschutz bei. 43
    • Österreichisches Institut für Erwachsenenbildung www.oieb.at / TU-Wien – Ring-VO Lernende Regionen / SS 2005 Gerlind Weber – Nachhaltige Raumentwicklung Windanlage im Binnenland: Windanlagen werden häufiger an Meeresküsten errichtet, da dort die Windstär- ken höher sind als im Binnenland Beitrag zu internationalen Klimaschutzzielen Nutzung alternativer Energieträger Internationale Charakter: bei diesem Projekt handelt es sich um ein länderübergreifendes Projekt mit Öster- reich und Tschechien, da einer der 11 Gesellschafter aus Tschechien stammt und ein Mitglied der tschechi- schen „Anti-Temelin-Bewegung“ ist. Kontakt: Mag. Johann Moser (Geschäftsführer von Neue Energie GmbH) E-mail: h.moser@eduhi.at Internetadresse: http://www.jomo.org/windenergie • Ausschöpfung der Energiesparpotenziale Reduktion des Nutzenergiebedarfes: das heißt zum Beispiel bei der Raumwärme: Be- nutzerverhalten verbessern, Wärmedämmung und passive Solarenergienutzung des Gebäudes ausschöpfen; Effiziente Umwandlung von End- in Nutzenergie: durch technische Lösungen wie zum Beispiel durch Kraft-Wärmekopplung, Energiesparlampen, Wärmerückgewin- nungstechnologien; Wirksame Umwandlung von Primär- in Endenergie: hier sind technologische aber auch organisatorische Lösungen gefordert. • Ausschöpfen der regionalen und kommunalen Handlungspotenziale Erstellung von regionalen Energiebilanzen (Erfolgskontrolle) in regelmäßigen Ab- ständen; Einführung einer bautenbezogenen “Energiebuchhaltung“; Einrichtung von Energiefonds zur Förderung nachhaltiger Energieanwendungen z.B. Gewährung von “Umsteigeprämien“; Sensibilisierung der Bevölkerung für die persönlichen Vorteile bei energiegerechtem Verhalten (Durchführung von Energiespar-Wettbewerben, entsprechende Tarifgestal- tung); Weiterentwicklung der Energieversorgungsunternehmen zu Energiedienstleistern. 5. Implementierung Das Konzept der nachhaltigen Raumentwicklung soll und kann einem Gemeinwesen nicht “von oben“ verordnet werden, sondern erfordert die schrittweise Verwirklichung im Rahmen von gesellschaftlichen Selbstorganisationsprozessen. Dementsprechend gehört auch zur Ei- genart dieses Konzeptes, dass die Partizipation der Betroffenen bei der Konzeptentwicklung auf lokaler und/oder regionaler Ebene einen zentralen und unverzichtbaren Bestandteil dar- stellt. Um Modelle von raumrelevanten Selbstorganisationsprozessen in der Praxis umsetzen zu können, müssen zum einen die lokalen und regionalen Akteure in die Lage versetzt werden, Interesse an derartigen Prozessen zu entwickeln und ihre Teilnahme nach demokratischen Spielregeln im Dienste der Sache zu nützen. Zum anderen bedarf es des Aufbaues institutio- neller Rahmenbedingungen, die auf die Implementierung des Konzepts der Nachhaltigkeit gerichtet sind. 44
    • Österreichisches Institut für Erwachsenenbildung www.oieb.at / TU-Wien – Ring-VO Lernende Regionen / SS 2005 Gerlind Weber – Nachhaltige Raumentwicklung 5.1 Voraussetzungen selbstorganisierter nachhaltiger Raumentwick lungsprozesse • Information Information ist eine unabdingbare Voraussetzung für jede Form der Mitwirkung und Zusam- menarbeit. Im Idealfall erfolgt der Informationsaustausch in einer allen potenziellen Akteuren zugänglichen Sprache, mittels direkter Informationskanäle, bei gleichzeitiger Verhinderung einer rein rollenspezifischen Interpretation der vorhandenen Informationen. • Motivation Motivation bedeutet, Anreize zur Kooperation und Mitarbeit zu setzen. Dabei gilt es zu be- denken, dass jede “Akteursgruppe“ von verschiedenen Ausgangspunkten in die Zusammenar- beit geht. Insbesondere gilt es, Ängste und Sorgen, die möglicherweise Vorbehalte gegen eine Mitarbeit hervorrufen, ernst zu nehmen, aber auch diese zu relativieren. • Bildung Zu Prozeßbeginn sind den regionalen Akteuren über die Bedeutung des Konzepts der nach- haltigen Entwicklung sowie die Wichtigkeit der Umsetzung innerhalb des eigenen Lebensstils und Lebensraumes zu vermitteln. Zu Beginn des Entwicklungsprozesses sollen einerseits alle Beteiligte den gleichen Wissenstand über Ausgangssituation, absehbare Ansatzpunkte einer Weiterentwicklung im Sinne der Nachhaltigkeit haben. Anderseits muss jeder Beteiligte die Chance haben, jederzeit in den Prozess sein spezifisches Wissen einbringen zu können. • Kommunikation Kommunikation unter möglichst vielen relevanten Akteuren einer Region ist die Grundvor- aussetzung für eine nachhaltige Entwicklung vor Ort. Es ist wichtig, dass in regelmäßigen Abständen Kontakt zu den verschiedenen Akteuren gehalten wird beziehungsweise, dass sie sich gegenseitig über Vorkommnisse, Fortschritte oder Probleme informieren. Damit die Kommunikation möglichst störungsfrei gelingen kann, ist die Ausbildung einer gemeinsamen Sprache Grundvoraussetzung. • Spielregeln Damit ein fairer Prozess entstehen kann, sind Spielregeln, die das Verhalten der eingebunden- en Subjekte regelt und die von einer impliziten Ethik geprägt sind, erforderlich. Diese Spiel- regeln müssen von allen Beteiligten anerkannt werden. So müssen beispielsweise Planer und Politiker grundsätzlich von der Sinnhaftigkeit der Beteiligung regionaler Akteure als Pla- nungsprinzip überzeugt sein. 5.2 Schaffung institutioneller Rahmen für nachhaltige Entwicklung – Agenda 21-Prozesse Nur innerhalb eines institutionellen Rahmens können Entwicklungsprozesse im Dienste der Nachhaltigkeit in Gang gesetzt und am Laufen gehalten werden. Dabei kann der Kurswechsel in Richtung auf die Nachhaltigkeit entweder durch bereits bestehende Aktionsprogramme wie 45
    • Österreichisches Institut für Erwachsenenbildung www.oieb.at / TU-Wien – Ring-VO Lernende Regionen / SS 2005 Gerlind Weber – Nachhaltige Raumentwicklung die Dorferneuerung auf lokaler Ebene oder die endogene Regionalentwicklung auf regionaler Ebene organisatorisch vollzogen werden. Der “Brundtland-Report“ regte jedoch an, eine eigene organisatorische Schiene, speziell für die nachhaltige Entwicklung in den Gemeinden, ins Leben zu rufen. Dazu heißt es wörtlich: “Kommunen errichten und verwalten die wirtschaftliche, soziale und ökologische Infrastruk- tur. Als Politik- und Verwaltungsebene, die den Bürgern am nächsten ist, spielen sie eine ent- scheidende Rolle bei der Information und Mobilisierung der Öffentlichkeit für eine nachhalti- ge Entwicklung ........ . Jede Gemeinde soll in einen Dialog mit ihren Bürgern, örtlichen Orga- nisationen und der Privatwirtschaft eintreten und eine “Lokale Agenda 21“, ein Leitbild für eine nachhaltige Entwicklung beschließen.“ Die Lokale Agenda 21 (LA 21) ist demnach ein Leitbild, dessen Erstellung durch formalen Beschluss der kommunalen Entscheidungsträger unter größtmöglicher Mitarbeit von Privat- personen, Vereinen und Unternehmen zustande gebracht werden soll und an deren Umsetzung Bürger, Wirtschaft, Verwaltung und Politik beteiligt sind. Die “LA 21“ versteht sich als Er- gänzung zum etablierten Gemeindeentwicklungsinstrumentarium. Durch Kooperation mehrerer “Agenda 21-Gemeinden“ soll in weiterer Folge dem Leitbild der Nachhaltigkeit auch auf regionaler Ebene zum Durchbruch verholfen werden. Dies kann auf Basis einer “Regionalen Agenda 21“ geschehen. 6. Schluss Nachhaltige Raumentwicklung wurde hier als die Schaffung der räumlichen Voraussetzungen für einen neuen, zukunftsfähigen Lebensstil gedeutet. Damit das hier Konzipierte letztlich in entsprechendes Handeln mündet, ist eine Bereitschaft zur Veränderung jedes einzelnen von uns erforderlich. Ein Dichter findet dafür folgende Worte: Wir brauchen nicht so fort zu leben, wie wir gestern gelebt haben. Macht euch von dieser Anschauung los, und tausend Möglichkeiten laden uns zu neuem Leben ein.“ Christian Morgenstern 46