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George Orwell - 1984 (Roman, Deutsch)

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Der Roman über die Zerstörung des Menschen durch ein tyrannisches System wurde zum Jahrhundertbuch. George Orwells Klassiker über den finsteren Überwachungsstaat. Heute sind wir näher an "1984" als …

Der Roman über die Zerstörung des Menschen durch ein tyrannisches System wurde zum Jahrhundertbuch. George Orwells Klassiker über den finsteren Überwachungsstaat. Heute sind wir näher an "1984" als jemals zuvor!

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  • 1. 1
  • 2. GEORGE ORWELL 1984 Roman 2
  • 3. „In einer Zeit des Universalbetruges ist die Wahrheit zu sagen eine revolutionäre Tat!“ George Orwell Original Autor: George Orwell Titel: Nineteen Eighty-Four Jahr: 1948Übersetzung aus dem Englischen, 1950 Überarbeitete Fassung 3
  • 4. VorwortMit seinem Roman „1984“ hat George Orwell schon vorJahrzehnten ein Zeichen gegen die drohende Gefahr einesglobalen Überwachungsstaates und einer Weltdiktatur gesetzt.Heute sind die von Orwell beschriebenen Tendenzen schonwesentlichen deutlicher zu erkennen, denn der „gläserne Bürger“und das Aufkommen überstaatlicher Gebilde sind keine Fiktionmehr.Hatte Orwell noch die Schreckensvision eines globalenBolschewismus vor Augen, so wurde diese inzwischen durch dieGlobalisierung und die Bestrebungen gewisser Kreise, eine„Weltregierung“ unter ihrer Kontrolle einzurichten, abgelöst.Die Gefahr des weltweiten Überwachungsstaates, der zugleichNationen, Völker, Traditionen und Kulturen aufzulösen versucht,ist demnach keineswegs gebannt. Im Gegenteil: Sie tritt gerade inunserer Gegenwart in bester orwellscher Manier zu Tage.Als Orwell seinen Roman im Jahre 1948 schrieb, wollte er eineWarnung aussprechen und das ist ihm auch gelungen. Es soll einjeder Leser von „1984“ selbst ins Nachdenken kommen und sichvor allem die Frage stellen: Wer sind die Kräfte, die in unsererheutigen Zeit den Überwachungsweltstaat durchsetzen wollen?Wer hat die Macht dazu? Wer kontrolliert z.B. die SupermachtUSA durch die Beherrschung der Banken und Medien? Undwelche Mächte stehen hinter der schrankenlosen Globalisierung,Kapitalisierung, Völkerentrechtung, Nationenauflösung undInternationalisierung der Welt?Es dürfte in George Orwells Sinne sein, wenn die Leser seinesBuches vor allem auch die heutige Weltpolitik und ihretreibenden Kräfte kritisch betrachten. Manfred Becker, 2008 4
  • 5. Erster Teil Erstes KapitelEs war ein klarer, kalter Tag im April, und die Uhren schlugengerade dreizehn, als Winston Smith, das Kinn an die Brustgepresst, um dem rauen Wind zu entgehen, rasch durch dieGlastüren eines der Häuser des Victory-Blocks schlüpfte, wennauch nicht rasch genug, als daß nicht zugleich mit ihm ein Wirbelgriesigen Staubs eingedrungen wäre.Im Flur roch es nach gekochtem Kohl und feuchten Fußmatten.An der Rückwand war ein grellfarbiges Plakat, das für einenInnenraum eigentlich zu groß war, mit Reißnägeln an der Wandbefestigt. Es stellte nur ein riesiges Gesicht von mehr als einemMeter Breite dar: das Gesicht eines Mannes von etwafünfundvierzig Jahren, mit dickem schwarzen Schnauzbart undansprechenden, wenn auch derben Zügen. Winston ging dieTreppe hinauf. Es hatte keinen Zweck, es mit dem Aufzug zuversuchen. Sogar zu den günstigsten Stunden des Tagesfunktionierte er nur selten, und zurzeit war tagsüber derelektrische Strom abgestellt. Das gehörte zu den wirtschaftlichenMaßnahmen der in Vorbereitung befindlichen Hasswoche. DieWohnung lag sieben Treppen hoch, und derneununddreißigjährige Winston, der über dem rechtenFußknöchel dicke Krampfaderknoten hatte, ging sehr langsamund ruhte sich mehrmals unterwegs aus. Auf jedemTreppenabsatz starrte ihn gegenüber dem Liftschacht das Plakatmit dem riesigen Gesicht an. Es gehörte zu den Bildnissen, die sogemalt sind, daß einen die Augen überallhin verfolgen. »DerGroße Bruder sieht dich!« lautete die Schlagzeile darunter. 5
  • 6. Drinnen in der Wohnung verlas eine klangvolle Stimme eineZahlenstatistik über die Roheisenproduktion. Die Stimme kamaus einer länglichen Metallplatte, die einem stumpfen Spiegelähnelte und rechter Hand in die Wand eingelassen war.Winston drehte an einem Knopf, und die Stimme wurdedaraufhin etwas leiser, wenn auch der Wortlaut noch zuverstehen blieb. Der Apparat, ein sogenannter Televisor oderHörsehschirm, konnte gedämpft werden, doch gab es keineMöglichkeit, ihn völlig abzustellen. Smith trat ans Fenster, eineabgezehrte, gebrechliche Gestalt, deren Magerkeit durch denblauen Trainingsanzug der Parteiuniform noch betont wurde.Sein Haar war sehr hell, sein Gesicht unnatürlich gerötet, seineHaut rau von der groben Seife, den stumpfen Rasierklingen undder Kälte des gerade überstandenen Winters.Die Welt draußen sah selbst durch die geschlossenen Fenster kaltaus. Unten auf der Straße wirbelten schwache Windstöße Staubund Papierfetzen in Spiralen hoch, und obwohl die Sonne strahlteund der Himmel leuchtend blau war. schien doch alles farblos,außer den überall angebrachten Plakaten. Das Gesicht mit demschwarzen Schnurrbart blickte von jeder beherrschenden Eckeherunter.Ein Plakat klebte an der unmittelbar gegenüberliegendenHausfront. »Der Große Bruder sieht dich!« hieß auch hier dieUnterschrift, und die dunklen Augen bohrten sich tief inWinstons Blick. Unten in Straßenhöhe flatterte ein anderes, aneiner Ecke eingerissenes Plakat unruhig im Winde und ließ nurdas Wort „Engsoz“ bald verdeckt, bald unverdeckt erscheinen. Inder Ferne glitt ein Helikopter zwischen den Dächern herunter,brummte einen Augenblick wie eine Schmeißfliege und strichdann in einem Bogen wieder ab. Es war die Polizeistreife, die denLeuten in die Fenster schaute. Die Streifen waren jedoch nichtschlimm. Zu fürchten war nur die Gedankenpolizei.Hinter Winstons Rücken schwatzte die leise Stimme aus demTelevisor noch immer von Roheisen und von der weit über dasgesteckte Ziel hinausgehenden Erfüllung des neunten 6
  • 7. Dreijahresplans. Der Televisor war gleichzeitig Empfangs- undSendegerät. Jedes von Winston verursachte Geräusch, das überein ganz leises Flüstern hinausging, wurde von ihm registriert.Außerdem konnte Winston, solange er in dem von derMetallplatte beherrschten Sichtfeld blieb, nicht nur gehört,sondern auch gesehen werden. Es bestand natürlich keineMöglichkeit festzustellen, ob man in einem gegebenenAugenblick gerade überwacht wurde. Wie oft und nach welchemSystem die Gedankenpolizei sich in einen Privatapparateinschaltete, blieb der Mutmaßung überlassen.Es war sogar möglich, daß jeder einzelne ständig überwachtwurde. Auf alle Fälle aber konnte sie sich, wenn sie es wollte,jederzeit in einen Apparat einschalten. Man mußte in derAnnahme leben, und man stellte sich tatsächlich instinktiv daraufein, daß jedes Geräusch, das man machte, überhört und, außer inder Dunkelheit, jede Bewegung beobachtet wurde. Winstonrichtete es so ein, daß er dem Televisor den Rücken zuwandte.Das war sicherer, wenn auch, wie er wohl wußte, sogar einRücken verräterisch sein konnte.Einen Kilometer entfernt ragte das Wahrheitsministerium, seineArbeitsstätte, wuchtig und weiß über der düsteren Landschaftempor. Das also, dachte er mit einer Art undeutlichen Abscheus.war London, die Hauptstadt des Luftstützpunkts Nr. 1, der amdrittstärksten bevölkerten Provinz Ozeaniens.Er versuchte in seinen Kindheitserinnerungen nachzuforschen,ob London schon immer so ausgesehen hatte. Hatten da immerdiese langen Reihen heruntergekommen aussehender Häuser ausdem neunzehnten Jahrhundert gestanden, deren Mauern mitBalken gestützt, deren Fenster mit Pappendeckeln verschalt undderen Dächer mit Wellblech gedeckt waren, während ihreschiefen Gartenmauern kreuz und quer in den Boden sackten?Und diese zerbombten Ruinen, wo der Pflasterstaub in der Luftwirbelte und Unkrautgestrüpp auf den Trümmern wucherte,dazu die Stellen, wo Bombeneinschläge eine größere Lückegerissen hatten und trostlose Siedlungen von Holzbaracken 7
  • 8. entstanden waren, die wie Hühnerställe aussahen? Aber es führtezu nichts, er konnte sich nicht erinnern; von seiner Kindheit hatteer nichts nachbehalten als eine Reihe greller Bilder ohneHintergrund, die ihm zumeist unverständlich waren.Das Wahrheitsministerium – Miniwahr, wie es in „Neusprech“,der amtlichen Sprache Ozeaniens, hieß – sah verblüffendverschieden von allem anderen aus, was der Gesichtskreisumfaßte. Es war ein riesiger pyramidenartiger, weißschimmernder Betonbau, der sich terrassenförmig dreihundertMeter hoch in die Luft reckte. Von der Stelle, wo Winston stand,konnte man gerade noch die in schönen Lettern in seine weißeFront gemeißelten drei Wahlsprüche der Partei entziffern:KRIEG BEDEUTET FRIEDENFREIHEIT IST SKLAVEREIUNWISSENHEIT IST STÄRKEDas Wahrheitsministerium enthielt, so erzählte man sich, inseinem pyramidenartigen Bau dreitausend Räume und eineentsprechende Zahl unter der Erde. In ganz London gab es nurnoch drei andere Bauten von ähnlichem Aussehen und Ausmaß.Sie beherrschten das sie umgebende Stadtbild so vollkommen,daß man vom Dach des Victory-Blocks aus alle vier gleichzeitigsehen konnte. Sie waren der Sitz der vier Ministerien, unter dieder gesamte Regierungsapparat aufgeteilt war, desWahrheitsministeriums, das sich mit dem Nachrichtenwesen, derFreizeitgestaltung, dem Erziehungswesen und den schönenKünsten befaßte, des Friedensministeriums, das dieKriegsangelegenheiten behandelte, des Ministeriums für Liebe,das Gesetz und Ordnung aufrechterhielt, und des Ministeriumsfür Überfluß, das die Rationierungen bearbeitete. Ihre Namenlauteten in Neusprech: Miniwahr, Minipax, Minilieb, Minifluß.Das Ministerium für Liebe war das furchterregendste von allen.Es hatte überhaupt keine Fenster. Winston war noch nie imMinisterium für Liebe gewesen und ihm auch nie, sei es nur auf 8
  • 9. einen halben Kilometer, nahe gekommen. Es war unmöglich, esaußer in amtlichem Auftrag zu betreten, und auch dann mußteman erst durch einen Irrgarten von Stacheldrahtverhauen undversteckten Maschinengewehrnestern hindurch. Sogar die zu denBefestigungen im Vorgelände hinaufführenden Straßen warendurch gorillagesichtige Wachen in schwarzen Uniformengesichert, die mit schweren Gummiknüppeln bewaffnet waren.Winston drehte sich mit einem Ruck um. Er hatte die ruhigeoptimistische Miene aufgesetzt, die zur Schau zu tragen ratsamwar, wenn man dem Televisor das Gesicht zukehrte. Er ging querdurchs Zimmer in die winzige Küche. Indem er zu dieserTageszeit aus dem Ministerium weggegangen war, hatte er aufsein Mittagessen in der Kantine verzichtet, andererseits wußte er,daß es in der Küche nichts zu essen gab außer einem StückSchwarzbrot, das für den nächsten Tag als Frühstück aufgehobenwerden mußte. Er nahm eine Flasche mit einer farblosenFlüssigkeit aus dem Regal, die dem schmucklosen weißen Etikettnach Victory-Gin war. Das Getränk strömte einen faden, öligenGeruch aus, wie chinesischer Reisschnaps. Winston goß sich fasteine Teetasse voll davon ein, stellte sich auf den zu erwartendenSchock ein und würgte es wie eine Dosis Medizin hinunter.Sofort lief sein Gesicht krebsrot an, und das Wasser trat ihm indie Augen. Das Zeug schmeckte wie Salpetersäure, und manhatte beim Herunterschlucken das Gefühl, eins mit demGummiknüppel über den Hinterkopf zu bekommen. EinenAugenblick später hörte jedoch das Brennen in seinem Magenauf, und die Welt begann rosiger auszusehen. Er zog eineZigarette aus einem zerknitterten Päckchen mit der AufschriftVictory-Zigaretten, doch unvorsichtigerweise hielt er siesenkrecht, worauf der Tabak heraus auf den Fußboden rieselte.Mit der nächsten hatte er mehr Glück. Er ging ins Wohnzimmerzurück und setzte sich an ein links vom Televisor stehendesTischchen. Dann zog er aus der Tischschublade einenFederhalter, eine Tintenflasche und ein dickes, unbeschriebenes 9
  • 10. Diarium in Quartformat mit rotem Rücken und marmoriertenEinbanddeckeln hervor.Aus irgendeinem Grunde war der Televisor in seinemWohnzimmer an einer ungewöhnlichen Stelle angebracht. Stattwie üblich an der kürzeren Wand, von wo aus er den ganzenRaum beherrscht hätte, war er an der Längswand gegenüber demFenster eingelassen. An seiner einen Seite befand sich die kleineNische, in der Winston jetzt saß und die vermutlich beim Bau derWohnung für ein Bücherregal bestimmt gewesen war. Wenn ersich so in die Nische setzte und vorsichtig im Hintergrund hielt,konnte Winston, wenigstens visuell, außer Reichweite desTelevisors bleiben. Er konnte zwar gehört, aber, solange er inseiner Stellung verharrte, nicht gesehen werden. Dieungewöhnliche Anlage des Zimmers war zum Teil für denGedanken verantwortlich, zu dessen Verwirklichung er jetztschritt.Doch auch das Tagebuch, das er soeben aus der Schubladehervorgezogen hatte, war mit daran schuld. Es war ein ganzbesonders schönes Tagebuch. Sein milchweißes Papier, schon einwenig vergilbt, war von einer Qualität, wie sie seit wenigstensvierzig Jahren nicht mehr hergestellt worden war. Er hatte jedochGrund zu der Annahme, daß „das Buch“ noch weit älter war. Erhatte es in der Auslage eines muffigen kleinen Altwarengeschäftsin einem der Elendsviertel der Stadt (in welchem Viertel, hätte erjetzt nicht mehr sagen können) liegen gesehen und war sofortvon dem brennenden Wunsch beseelt worden, es zu besitzen.Von Parteimitgliedern wurde erwartet, daß sie nicht ingewöhnlichen Läden einkauften (»Geschäfte auf dem freienMarkt machten«, wie die Formel lautete), aber die Vorschriftwurde nicht streng eingehalten, denn es gab verschiedene Dinge,wie Schuhbänder oder Rasierklingen, die man sich unmöglichauf andere Weise beschaffen konnte. Er hatte einen raschen Blickdie Straße hinauf- und hinuntergeworfen, dann war erhineingeschlüpft und hatte „das Buch“ für zwei Dollar fünfzigerstanden. Damals hatte ihm noch kein Zweck dafür 10
  • 11. vorgeschwebt. Er hatte es schuldbewusst in seiner Mappeheimgetragen. Selbst unbeschrieben war es schon ein gefährlicherBesitz.Nun war er im Begriff, ein Tagebuch anzulegen. Das war nichtillegal (nichts war illegal, da es ja keine Gesetze mehr gab), aberfalls es herauskam, war er so gut wie sicher, daß es mit dem Todeoder zumindest fünfundzwanzig Jahren Zwangsarbeitslagergeahndet werden würde. Winston steckte eine Stahlfeder in denHalter und feuchtete sie mit der Zunge an. Die Feder war einvorsintflutliches Instrument, das selbst zu Unterschriften nurnoch selten verwendet wurde, und er hatte sich heimlich und miteiniger Schwierigkeit eine besorgt, ganz einfach aus dem Gefühlheraus, daß das wundervolle glatte Papier es verdiente, mit einerrichtigen Feder beschrieben, statt mit einem Tintenblei bekritzeltzu werden. Tatsächlich war er nicht mehr gewöhnt, mit der Handzu schreiben. Abgesehen von ganz kurzen Notizen war es üblich,alles in den Sprechschreiber zu diktieren, aber das war natürlichin diesem Fall unmöglich. Er tauchte die Feder in die Tinte undstockte noch eine Sekunde. Ein Schauer war ihm über denRücken gelaufen. Der erste Federstrich über das Papier war dieentscheidende Handlung. In kleinen unbeholfenen Buchstabenschrieb er: 4. April 1984.Er lehnte sich zurück. Ein Gefühl völliger Hilflosigkeit hatte sichseiner bemächtigt. Zunächst einmal war er sich durchaus nichtsicher, daß jetzt wirklich das Jahr 1984 war. Es mußte um dieseZeit herum sein, denn er wußte mit einiger Gewissheit, daß erselbst neununddreißig Jahre alt war, und er glaubte, 1944 oder1945 geboren zu sein. Doch heutzutage war es nie möglich, einDatum auf ein oder zwei Jahre genau zu bestimmen.Für wen, fragte er sich plötzlich, legte er dieses Tagebuch an? Fürdie Zukunft, für die Kommenden. Sein Denken kreiste einenAugenblick um das zweifelhafte Datum auf der ersten Seite undprallte dann jäh mit dem Wort „Gedankendelikt“ aus demNeusprech zusammen. Zum erstenmal kam ihm die Größe seinesVorhabens zum Bewußtsein. Wie konnte man sich mit der 11
  • 12. Zukunft verständigen? Das war ihrer Natur nach unmöglich.Entweder ähnelte die Zukunft der Gegenwart, dann würde manihm nicht Gehör schenken wollen; oder sie war anders geartet,dann war seine Darstellung bedeutungslos.Eine Zeitlang saß er da und starrte töricht auf das Papier. DerTelevisor hatte jetzt schmetternde Militärmusik angestimmt. Eswar seltsam, daß er nicht nur die Gabe der Mitteilung verloren,sondern sogar vergessen zu haben schien, was er ursprünglichhatte sagen wollen. Seit Wochen hatte er sich auf diesenAugenblick vorbereitet, und es war ihm nie in den Sinngekommen, daß dazu noch etwas anderes nötig sein könnte alsMut. Die Niederschrift als solche hatte er für leicht gehalten.Brauchte er doch nichts weiter zu tun, als die endlosen hastigenSelbstgespräche zu Papier zu bringen, die ihm buchstäblich seitJahren durch den Kopf geschossen waren. In diesem Augenblickjedoch war sogar das Selbstgespräch verstummt. Außerdem hattedas Ekzem an seinen Krampfadern unerträglich zu juckenangefangen. Er wagte nicht, daran zu kratzen, denn dannentzündete es sich immer. Die Sekunden verstrichen. Nichtsdrang in sein Bewußtsein als die unbeschriebene Weiße des vorihm liegenden Blattes, das Hautjucken über seinem Knöchel, dieschmetternde Musik und eine leise Benebeltheit, die der Ginverursacht hatte.Plötzlich begann er überstürzt zu schreiben, ohne recht zuwissen, was er zu Papier brachte. Seine kleine kindlicheHandschrift bedeckte Zeile um Zeile des Blattes, wobei er baldauf die großen Anfangsbuchstaben und zum Schluß sogar auf dieInterpunktion verzichtete:„4. April 1984. Gestern Abend im Kino. Lauter Kriegsfilme. Einsehr guter, über ein Schiff von Flüchtlingen, das irgendwo imMittelmeer bombardiert wird. Zuschauer höchst belustigt durcheine Aufnahme von einem großen dicken Mann, den einHelikopter verfolgt, zuerst sah man ihn sich durchs Wasserwälzen wie ein Nilpferd, dann sah man ihn durch das 12
  • 13. Zielfernrohr des Hubschraubers, dann war er ganz durchlöchertund das Meer rund um ihn färbte sich rosa, und er versank soplötzlich, als sei das Wasser durch die Löcher eingedrungen.Zuschauer brüllten vor lachen als er unterging.Dann sah man ein Rettungsboot voll kinder mit einemhubschrauber darüber, eine frau mittleren Alters, saß mit einemetwa drei jähre alten knaben im bug. Kleiner junge brüllte vorangst und verbarg seinen kopf zwischen den brüsten als wollte erganz in sie hineinkriechen und die frau legte die arme um ihnund tröstete ihn. obwohl sie selbst außer sich vor angst warbedeckte sie ihn so gut wie möglich als glaubte sie ihre armekönnten die kugeln von ihm abhalten, dann warf derhubschrauber eine 20-kilo-bombe zwischen sie schrecklichesaufblitzen und das ganze schiff zersplitterte wie streichhölzer,dann gab es eine wundervolle aufnahme von einem kinderarmder hoch, hoch und immer höher hinauffliegt in die luft einhubschrauber mit einer kamera vorn in der kanzel muß ihmnachgeflogen sein und es gab viel beifall aus den parteilogen abereine frau unten wo die proles sitzen fing plötzlich an radau zumachen und zu schreien man hätte so was nicht vor kindernzeigen sollen es sei nicht recht vor kindern bis die polizei siehinauswarf ich glaube nicht daß ihr etwas passierte niemandkümmert sich darum was die proles sagen typischeprolesreaktion sie können nie…“Winston hörte zu schreiben auf, auch weil er einenSchreibkrampf bekam. Er wußte nicht, was ihn veranlaßt hatte,diese Flut von Gestammel aus sich herauszuschleudern. Aber dasmerkwürdige war, daß ihm dabei eine vollständige Erinnerungso deutlich zum Bewußtsein gekommen war, daß es ihm fast sovorkam, als habe er sie niedergeschrieben. Nun erkannte er, daßdieser andere Vorfall an seinem plötzlichen Entschluß schuldwar, nach Hause zu gehen und heute sein Tagebuch zu beginnen. 13
  • 14. Dieser Vorfall hatte sich heute Morgen im Ministeriumzugetragen, wenn man von etwas so Nebelhaftem überhauptsagen konnte, daß es sich zugetragen hat.Es war kurz vor elf, und in der Registrierabteilung, in derWinston arbeitete, hatte man die Stühle aus denGemeinschaftsräumen geholt und sie in der Mitte des Saales demgroßen Televisor gegenüber aufgestellt, in Vorbereitung auf die„Zwei-Minuten-Hass-Sendung“.Winston nahm gerade seinen Platz in einer der Mittelreihen ein,als zwei Personen, die er vom Sehen kannte, mit denen er abernoch nie ein Wort gewechselt hatte, unerwartet in den Raumtraten. Die eine davon war ein Mädchen, dem er oft auf denGängen begegnet war. Er kannte ihren Namen nicht, wußte aber,daß sie in der Abteilung für Prosa- Literatur beschäftigt war.Vermutlich – denn er hatte sie manchmal mit ölverschmiertenHänden und mit einem Schraubenschlüssel gesehen – hatte siedort eine technische Funktion an einer derRomanschreibmaschinen.Sie war ein unternehmungslustig aussehendes Mädchen vonetwa siebenundzwanzig Jahren, mit üppigem schwarzen Haar,sommersprossigem Gesicht und raschen, muskulösenBewegungen. Eine schmale, scharlachrote Schärpe, dasAbzeichen der „Jugendliga gegen Sexualität“, war mehrmals umdie Taille ihres Trainingsanzuges gewunden, gerade eng genug,um die Rundung ihrer Hüften hervorzuheben. Winston hatte sievom aller ersten Augenblick an nicht ausstehen können. Er wußteauch, weshalb. Es war wegen der Atmosphäre von Hockeyplatz,kaltem Baden, Gemeinschaftswanderung und allgemeinerGesinnungstüchtigkeit, mit der sie sich zu umgeben wußte.Die Frauen, und vor allem die jungen, gaben immer die blindergebenen Parteianhänger, die gedankenlosen Nachplapperer,die freiwilligen Spitzel ab, mit deren Hilfe man wenigerLinientreue aushorchen konnte. Aber dieses Mädchen imBesonderen machte ihm den Eindruck, gefährlicher als diemeisten zu sein. Einmal, als sie auf dem Gang aneinander 14
  • 15. vorbeigekommen waren, hatte sie ihn mit einem Seitenblickgestreift, der ihn zu durchbohren schien und der ihn für einenAugenblick mit blankem Entsetzen erfüllt hatte. Ihm war sogarder Gedanke durch den Kopf gegangen, sie könnte eine Agentinder Gedankenpolizei sein, was freilich sehr unwahrscheinlichwar. Trotzdem fühlte er weiterhin, sooft sie in seine Nähe kam,eine merkwürdige Unsicherheit, die zu gleichen Teilen mit Angstund mit Feindschaft gemischt war.Die andere Person war ein Mann namens OBrien, ein Mitgliedder Inneren Partei und Inhaber eines so wichtigen und derAllgemeinheit entrückten Postens, daß Winston nur eineundeutliche Vorstellung davon hatte. Ein kurzes Geflüsterdurchlief die um die Stühle herumstehende Gruppe, als sie denschwarzen Trainingsanzug eines Mitglieds der Inneren Parteiherankommen sah. OBrien war ein großer, grobschlächtigerMann mit dickem Nacken und einem derben, humorvollen undbrutalen Gesicht. Ungeachtet seines wuchtigen Äußeren lag eingewisser Charme in seiner Art, sich zu bewegen. Er hatte eineManier, seine Brille auf der Nase zurechtzurücken, die seltsamentwaffnend und auf eine merkwürdige Weise zivilisiert wirkte.Es war eine Geste, die einen, wenn überhaupt noch jemand insolchen Begriffen gedacht hätte, an einen Edelmann aus demachtzehnten Jahrhundert hätte erinnern können, der seinemGegenüber die Schnupftabaksdose anbot.Winston hatte OBrien vielleicht ein Dutzend Mal in etwa ebensovielen Jahren gesehen. Er fühlte sich aufrichtig zu ihmhingezogen, und das nicht nur, weil ihn der Gegensatz zwischenOBriens höflichen Manieren und seinem Preisboxertypusfesselte. Es beruhte vielmehr auf einem heimlich gehegtenGlauben – oder vielleicht nur der Hoffnung –, daß OBrienspolitische Strenggläubigkeit nicht vollkommen sei. Etwas inseinem Gesicht flößte unwiderstehlich diesen Gedanken ein. Unddoch stand in diesem Gesicht eigentlich weniger mangelndeStrenggläubigkeit als einfach Intelligenz geschrieben. Jedenfallssah er wie ein Mensch aus, mit dem man reden konnte, wenn 15
  • 16. man es fertig brachte, dem Televisor ein Schnippchen zuschlagen, und ihn allein zu fassen bekam. Winston hatte nie dengeringsten Versuch gemacht, seine Vermutung auf ihreRichtigkeit hin zu prüfen: praktisch gab es auch keineMöglichkeit dazu. OBrien warf in diesem Augenblick einen Blickauf seine Armbanduhr, sah, daß es fast elf Uhr war, und beschloßoffenbar, in der Abteilung Registratur zu bleiben, bis die Zwei-Minuten-Hass-Sendung zu Ende war.Er setzte sich auf einen Stuhl in derselben Reihe wie Winston,zwei Plätze von ihm entfernt. Eine kleine aschblonde Frau, die inder Abteilung neben Winston beschäftigt war, saß zwischenihnen. Das Mädchen mit dem schwarzen Haar saß unmittelbardahinter.Im nächsten Augenblick brach ein scheußlicher, knirschenderKreischlaut, als ob eine riesige Maschine völlig ungeölt liefe, ausdem großen Televisor am Ende des Raumes hervor. Es war einLärm, bei dem einen eine Gänsehaut überlief und sich dieNackenhaare sträubten. Die Hass-Sendung hatte begonnen.Wie gewöhnlich war das Gesicht Immanuel Goldsteins, desParteiverräters, auf dem Sehschirm erschienen. Da und dort imZuschauerraum wurde gezischt. Die kleine aschblonde Frau stießein aus Furcht und Abscheu gemischtes Quieken hervor.Goldstein war der Renegat, der große Abtrünnige, der frühereinmal, vor langer Zeit (wie lange es eigentlich her war, daranerinnerte sich niemand mehr genau), einer der führendenMänner der Partei gewesen war und fast auf einer Stufe mit demGroßen Bruder selbst gestanden hatte, um dann mitkonterrevolutionären Machenschaffen zu beginnen, zum Todeverurteilt zu werden und auf geheimnisvolle Weise zuverschwinden.Die Programme der Zwei-Minuten-Hass-Sendung wechseltenvon Tag zu Tag, aber es gab keines, in dem nicht Goldstein dieHauptrolle gespielt hätte. Er war der erste Verräter, der frühesteBeschmutzer der Reinheit der Partei. Alle später gegen die Parteigerichteten Verbrechen, alle Verrätereien, Sabotageakte, 16
  • 17. Ketzereien, Abweichungen gingen unmittelbar auf seineIrrlehren zurück. Irgendwo lebte er noch und schmiedete seineRänke: vielleicht irgendwo jenseits des Meeres, unter dem Schutzseiner ausländischen Geldgeber, vielleicht sogar – wiegelegentlich gemunkelt wurde – in einem Versteck in Ozeanienselbst.Winstons Zwerchfell zog sich zusammen. Nie konnte er dasGesicht Goldsteins sehen, ohne in einen schmerzlichenWiderstreit der Gefühle zu geraten. Es war ein mageresJudengesicht mit einem breiten, wirren Kranz weißer Haare undeinem Ziegenbärtchen – ein gerissenes und irgendwieeigentümlich verächtliches Gesicht, dessen lange dünne Nase, aufderen Ende eine Brille saß, eine Art seniler Blödheitauszustrahlen schien.Es ähnelte einem Schafsgesicht, und auch die Stimme hatte etwasSchafsmäßiges. Goldstein ließ seinen üblichen giftigen Angriffgegen die Lehren der Partei vom Stapel – einen so übertriebenenund verdrehten Angriff, daß ihn ein Kind hätte durchschauenkönnen, und doch gerade hinreichend glaubhaft, um einen mitdem alarmierenden Gefühl zu erfüllen, daß andere Menschen,die weniger vernünftig waren als man selbst, sich dadurchvielleicht verführen lassen könnten.Er schmähte den Großen Bruder, klagte die Tyrannei der Parteian, forderte sofortigen Friedensschluß mit Eurasien, trat fürRede-, Presse-, Versammlungs- und Gedankenfreiheit ein, schriehysterisch, die Revolution sei verraten worden – und alles das ineiner überstürzten, vielsilbigen Ansprache, die eine Art Parodiedes üblichen Stils der Parteiredner war und sogar einige Wortedes Neusprech enthielt: praktisch mehr Neusprech-Worte, als sieirgendein Parteimitglied normalerweise im wirklichen Lebenangewendet hätte.Und die ganze Zeit marschierten, für den Fall, daß man noch imgeringsten Zweifel sein könnte, was sich in Wahrheit hinterGoldsteins widerlicher Phrasendrescherei verbarg, hinter seinemKopf auf dem Schirm des Televisors die gewaltigen Kolonnen der 17
  • 18. eurasischen Armee vorbei. Es waren endlose Reihen brutalaussehender Männer mit ausdruckslosen Mongolengesichtern,die an die Oberfläche des Sehschirms heranbrandeten undwieder zerflossen, um von anderen, genau gleichen, abgelöst zuwerden. Der sture rhythmische Marschtritt der Soldatenstiefelbildete die Geräuschkulisse, von der Goldsteins blökende Stimmesich abhob.Ehe die Hassovation dreißig Sekunden gedauert hatte, brachenvon den Lippen der Hälfte der im Raum versammeltenMenschen unbeherrschte Wutschreie. Das selbstzufriedeneSchafsgesicht auf dem Sehschirm und die erschreckende Wuchtder dahinter vorbeiziehenden eurasischen Armee waren einfachzuviel: außerdem weckte der Anblick oder auch nur der Gedankean Goldstein schon automatisch Abscheu und Zorn.Er war ein dauerhafteres Hassobjekt als Eurasien oder Ostasien,denn wenn Ozeanien mit einer dieser Mächte im Krieg lag, sobefand es sich gewöhnlich mit der anderen im Friedenszustand.Das merkwürdige aber war, daß Goldsteins Einfluß, wenn erauch von jedermann gehasst und verachtet wurde, wenn auchtagtäglich und tausendmal am Tag auf Rednertribünen, durchden Televisor, in Zeitungen, in Büchern seine Theorienverdammt, zerpflückt, lächerlich gemacht, der Allgemeinheit alsder jammervolle Unsinn, der sie waren, vor Augen gehaltenwurde – daß trotz alledem dieser Einfluß nie abzunehmen schien.Immer wieder warteten neue Opfer darauf, von ihm verführt zuwerden. Nie verging ein Tag, an dem nicht nach seinenWeisungen tätige Spione und Saboteure von derGedankenpolizei entlarvt wurden.Er war der Befehlshaber einer großen Schatten-Armee, einesUntergrund-Verschwörernetzes, das sich den Sturz derRegierung zum Ziel setzte. Der Name der Organisation sei »DieBrüderschaft«, so hieß es. Auch flüsterte man von einemschrecklichen Buch, einer Zusammenfassung aller Irrlehren,dessen Verfasser Goldstein war und das heimlich da und dortzirkulierte. Es war ein Buch ohne Titel. Die Leute sprachen 18
  • 19. davon, wenn überhaupt, einfach als von »dem Buch«. Aber manwußte von derlei Dingen nur durch vage Gerüchte. Weder »DieBrüderschaft« noch »das Buch« wurden, wenn es sich vermeidenließ, von einem gewöhnlichen Parteimitglied erwähnt.In der zweiten Minute steigerte sich die Hassovation zur Raserei.Die Menschen sprangen von ihren Sitzen auf und brüllten mitvollem Stimmaufwand, um die zum Wahnsinn treibendeBlökstimme, die aus dem Televisor kam, zu übertönen. Die kleineaschblonde Frau war im Gesicht rot angelaufen, und ihr Mundöffnete und schloß sich wie bei einem an Land geworfenen Fisch.Sogar OBriens großes Gesicht war gerötet. Er saß sehr geradeaufgerichtet auf seinem Stuhl, seine mächtige Brust hob undsenkte sich, als stemme er sich dem Anprall einer Wogeentgegen.Das schwarzhaarige Mädchen hinter Winston hatte angefangen»Schwein! Schwein! Schwein!« hinauszuschreien und ergriffplötzlich ein schweres Neusprechwörterbuch und schleuderte esgegen den Bildschirm. Es traf Goldsteins Nase und prallte vonihm ab; die Stimme redete unerbittlich weiter. In einem lichtenAugenblick ertappte sich Winston, wie er mit den anderen schrieund trampelte. Das Schreckliche an der Zwei-Minuten-Hass-Sendung war nicht, daß man gezwungen wurde mitzumachen,sondern im Gegenteil, daß es unmöglich war, sich ihrer Wirkungzu entziehen. Eine schreckliche Ekstase der Angst und derRachsucht, das Verlangen zu töten, zu foltern, Gesichter miteinem Vorschlaghammer zu zertrümmern, schien die ganzeVersammlung wie ein elektrischer Strom zu durchfluten, so daßman gegen seinen Willen in einen Grimassen schneidenden,schreienden Verrückten verwandelt wurde.Und doch war der Zorn, den man empfand, eine abstrakte,ziellose Regung, die wie der Schein einer Blendlaterne von einemGegenstand auf den anderen gerichtet werden konnte. So war füreinen Augenblick der Hass Winstons durchaus nicht gegenGoldstein gerichtet, sondern im Gegenteil gegen den GroßenBruder, gegen die Partei und die Gedankenpolizei. Und in 19
  • 20. solchen Augenblicken schwoll sein Herz über für den einsamen,verachteten Abtrünnigen auf dem Sehschirm, diesen einzigenVerfechter von Wahrheit und Vernunft in einer Welt der Lügen.Und doch fühlte er sich im nächsten Augenblick wieder eins mitden ihn umgebenden Menschen, und alle Behauptungen überGoldstein schienen ihm wahr. In solchen Augenblickenverwandelte sich seine geheime Abneigung gegen den GroßenBruder in Verehrung, und der Große Bruder schien dazustehenals ein unbesieglicher, furchtloser Beschützer, der sich wie einFelsen gegen die anbrandenden asiatischen Horden stemmte,während Goldstein ihm trotz seiner Vereinsamung, seinerHilflosigkeit und der Zweifel, die sich allein schon an seintatsächliches Vorhandensein knüpften, wie ein unheilvollerBetörer vorkam, der es lediglich durch die Macht seiner Stimmefertig brachte, die Fundamente der Zivilisation zu zerstören.In manchen Augenblicken war es sogar möglich, seinen Hassdurch einen Willensakt da oder dorthin zu lenken. So gelang esWinston plötzlich, durch eine heftige Anstrengung, ähnlich der,mit der man in einem Alptraum seinen Kopf vom Kissen losreißt,seinen Hass von dem Gesicht auf dem Sehschirm auf das hinterihm sitzende dunkelhaarige Mädchen zu übertragen. Lebhafte,berückende Vorstellungen huschten ihm durch den Sinn. Erwürde sie mit einem Gummiknüppel zu Tode prügeln, sie nacktan einen Pfahl binden und sie mit Pfeilen durchlöchern, gleichdem heiligen Sebastian. Er würde sie vergewaltigen und ihr imAugenblick der höchsten Lust die Kehle durchschneiden.Deutlicher als zuvor war er sich auch bewußt, warum er siehasste. Er hasste sie, weil sie jung, hübsch und geschlechtsloswar, weil er mit ihr ins Bett gehen wollte und daraus nie etwaswerden würde, denn um ihre reizende, biegsame Taille, die einenzur Umarmung aufzufordern schien, wand sich nur die verhextescharlachrote Schärpe, das aufreizende Symbol der Keuschheit.Die Hasswelle erreichte ihren Höhepunkt. Goldsteins Stimmewar tatsächlich zu einem Blöken geworden, und einenAugenblick lang verwandelte sich sein Gesicht in das eines 20
  • 21. Schafes. Dann blendete das Schafsgesicht in die Gestalt eineseurasischen Soldaten über, der riesig und furchtbar mitratternder Maschinenpistole auf den Besucher zuzuschreiten undaus der Fläche des Sehschirms herauszuspringen schien, so daßmanche der Zuschauer in der ersten Reihe auf ihren Sitzenzurückprallten. Aber im gleichen Augenblick, während jedemMunde ein tiefer Seufzer der Erleichterung entfuhr, zerschmolzdie feindliche Gestalt in das Gesicht des Großen Bruders mitseinen dunklen Haaren und seinem Schnurrbart, das Macht undgeheimnisvolle Ruhe ausstrahlte und mit seiner riesigen Größefast den ganzen Sehschirm ausfüllte.Niemand verstand, was der Große Bruder sagte. Es waren nurein paar Worte der Ermutigung, Worte, wie sie im Kampflärmeiner Schlacht ausgestoßen werden, nicht im einzelnenunterscheidbar, die aber einfach dadurch, daß sie ausgesprochenwerden, die Zuversicht wiederherstellen. Dann zerrann dasGesicht des Großen Bruders wieder, und statt seiner erschienenin klaren großen Buchstaben die drei Parteiwahlsprüche:KRIEG BEDEUTET FRIEDENFREIHEIT IST SKLAVEREIUNWISSENHEIT IST STÄRKEAber das Gesicht des Großen Bruders schien sich noch einigeSekunden auf dem Sehschirm zu behaupten, so als sei derEindruck, den es auf der Netzhaut aller Zuschauerhervorgebracht hatte, zu lebhaft, um sogleich zu verlöschen. Diekleine Frau hatte sich über die Lehne des vor ihr stehendenStuhles nach vorne geworfen. Mit einem bebenden Flüstern, daswie »Mein Retter!« klang, breitete sie die Arme dem Sehschirmentgegen. Dann barg sie ihr Gesicht in den Händen.Offensichtlich sprach sie ein Gebet.Jetzt stimmten alle Versammelten einen kraftvollen, langsamenund rhythmischen Sprechchor an: »G-B! G-B! G-B!« 21
  • 22. Wieder und immer wieder, sehr langsam, mit einer langen Pausezwischen dem ersten G und dem zweiten B – in einemfeierlichen, murmelnden, seltsam ungestüm wirkenden Ton, sodaß man als Begleitung das Stampfen nackter Füße und dasdumpfe Dröhnen von Tamtams zu hören glaubte.Vielleicht dreißig Sekunden lang fuhren sie damit fort. Es war einRefrain, den man oft in Augenblicken überwältigender Erregunghörte. Zum Teil war es eine Art Hymne auf die Weisheit undMajestät des Großen Bruders, mehr aber noch ein Akt derSelbsthypnose, ein absichtliches Übertönen des Bewußtseinsdurch das Mittel rhythmischen Lärms. Winston fühlte eine Kältein seinen Eingeweiden. Während der Zwei-Minuten-Hass-Sendung konnte er nicht umhin, gleichfalls dem allgemeinenDelirium anheim zufallen, aber dieser unmenschliche Singsang»G-B! G-B!« erfüllte ihn immer mit Abscheu. Natürlich stand erden übrigen nicht nach; etwas anderes wäre unmöglich gewesen.Seine Gefühle zu verschleiern, sein Gesicht zu beherrschen, zutun, was jeder tat, gebot schon der Instinkt. Aber es gab eineZeitspanne von einigen Sekunden, in der ihn der Ausdruckseiner Augen in bedenklicher Weise hätte verraten können. Undgenau in diesem Augenblick ereignete sich das Bedeutsame –wenn es sich wirklich ereignete.Er fing flüchtig OBriens Blick auf. OBrien war aufgestanden. Erhatte seine Brille abgenommen und war gerade im Begriff, siewieder mit seiner charakteristischen Geste aufzusetzen. Aberdazwischen lag der Bruchteil einer Sekunde, währenddessen sichihre Augen begegneten, und in diesem winzigen Zeitraum wußteWinston – ja, er wußte es!, daß OBrien das gleiche dachte wie er.Eine unmißverständliche Botschaft war zwischen ihnenausgetauscht worden. Es war, als hätten ihre beiden Denkweltensich aufgetan und als strömten durch ihre Augen die Gedankenvon dem einen in den anderen über.»Ich halte es mit dir«, schien OBrien zu ihm zu sagen. »Ich weißgenau, was in dir vorgeht. Ich kenne deine ganze Verachtung,deinen Hass, deinen Abscheu. Aber hab keine Angst, ich stehe 22
  • 23. auf deiner Seite!« – Dann war der Blitz des Einverständnisseserloschen, und OBriens Gesicht war ebenso undurchdringlichwie das aller anderen.Das war alles gewesen, und er war schon nicht mehr sicher, ob essich wirklich zugetragen hatte. Derartige Zwischenfälle hattennie eine Fortsetzung. Sie hielten lediglich den Glauben – oder dieHoffnung – in ihm lebendig, daß es außer ihm noch andereFeinde der Partei gab. Vielleicht waren die Gerüchte von großenUntergrundverschwörungen doch wahr – vielleicht existierte»Die Brüderschaft« wirklich! Trotz der endlosen Verhaftungen,Geständnisse und Hinrichtungen konnte man nie sicher sein, daß»Die Brüderschaft« nicht lediglich eine sagenhafte Erfindungwar.An manchen Tagen glaubte er daran, an anderen nicht. Es gabkeinen greifbaren Beweis, nur flüchtige Andeutungen, die allesoder nichts bedeuten konnten: Bruchstücke erlauschterGespräche, verwischte Aufschriften an Abortwänden – odereinmal, wenn zwei Freunde sich trafen, eine kleine Bewegung derHände, die einem Verständigungszeichen ähnlich sah. Alles warnur eine Mutmaßung: sehr wahrscheinlich hatte er sich das allesnur eingebildet. Er war an seinen Arbeitsplatz zurückgegangen,ohne OBrien noch einmal anzusehen. Der Gedanke, ihre kurzeFühlungnahme weiter zu verfolgen, war ihm kaum durch denSinn gegangen.Es wäre unvorstellbar gefährlich gewesen, selbst wenn er gewußthätte, wie er das machen sollte. Eine oder zwei Sekunden langhatten sie einen zweideutigen Blick getauscht – und damitSchluß. Aber sogar das war ein denkwürdiger Augenblick in derabgeschlossenen Einsamkeit, in der man zu leben gezwungenwar.Winston rappelte sich hoch und setzte sich gerade. Er mußterülpsen. Der Gin rumorte in seinem Magen. Sein Blick richtetesich wieder auf das Blatt. Er entdeckte, daß er, während er inhilflosem Grübeln dagesessen, gleichzeitig automatischweitergeschrieben hatte. Und zwar war es nicht mehr die gleiche 23
  • 24. verkrampfte Handschrift von vorhin. Seine Feder warbeschwingt über das glatte Papier geglitten und hatte in großerklarer Blockschrift hingemalt:NIEDER MIT DEM GROSSEN BRUDER! NIEDER MIT DEMGROSSEN BRUDER! NIEDER MIT DEM GROSSEN BRUDER!Immer wieder schrieb er es, fast über eine halbe Seite hinweg.Unwillkürlich durchzuckte ihn ein furchtbarer Schrecken. Daswar im Grunde töricht, denn dasNiederschreiben gerade dieser Worte war nicht gefährlicher alsder erste Schritt, ein Tagebuch anzulegen; und doch fühlte er sicheinen Augenblick lang versucht, die beschriebenen Seitenherauszureißen und die ganze Sache aufzugeben.Er tat es jedoch nicht, weil er wußte, daß es zwecklos war. Ob er„nieder mit dem Großen Bruder“ hinschrieb oder nicht, machtekeinen Unterschied. Ob er mit dem Tagebuch fortfuhr oder nicht,machte keinen Unterschied. Die Gedankenpolizei würde ihntrotzdem erwischen. Er hatte – auch wenn er nie die Federangesetzt hätte – das Kapitalverbrechen begangen, das alleanderen in sich einschloß. Gedankenverbrechen nannten sie es.Gedankenverbrechen konnte man auf die Dauer nicht geheimhalten. Man konnte vielleicht eine Weile, oder sogar Jahre lang,schlaue Winkelzüge machen, aber früher oder später kamen sieeinem doch darauf.Immer war es nachts – die Verhaftungen fanden unabänderlichnachts statt. Das plötzliche Hochfahren aus dem Schlaf, die derbeHand, die einen an der Schulter packte, die Lichter, die einem dieAugen blendeten, der Kreis harter Gesichter um das Bett. In derüberragenden Mehrzahl der Fälle fand keineGerichtsverhandlung statt, kein Bericht meldete die Verhaftung.Die Menschen verschwanden einfach, immer mitten in der Nacht.Der Name wurde aus den Listen gestrichen, jede Aufzeichnungvon allem, was einer je getan hatte, wurde vernichtet; daß manjemals gelebt hatte, wurde erst geleugnet und dann vergessen. 24
  • 25. Man war ausgelöscht, zu nichts geworden; man wurde„vaporisiert“, wie das gebräuchliche Wort dafür lautete.Einen Augenblick überfiel ihn eine Art Nervenkrise. Er begann infliegendem, krakeligem Gekritzel zu schreiben:»sie werden mich erschießen wenn ich nicht aufpasse sie werdenmich mit einem genickschuß erschießen wenn ich nicht aufpassenieder mit dem großen bruder sie erschießen einen immer mitgenickschuß mir ist es egal nieder mit dem großen bruder…«Er lehnte sich in seinen Stuhl zurück, ein wenig beschämt übersich selbst, und legte den Federhalter hin. Im nächstenAugenblick fuhr er heftig zusammen. Es klopfte jemand an dieTür.Schon! Er saß mucksmäuschenstill da, in der vergeblichenHoffnung, der Draußenstehende könnte nach einem einmaligenVersuch weggehen. Aber nein, das Klopfen wurde wiederholt.Das Schlimmste, was er tun konnte, war zu zögern. Sein Herzklopfte wie eine Pauke, aber sein Gesicht war, vermutlich auslanger Gewohnheit, ganz ausdruckslos. Er stand auf und gingschweren Schrittes zur Tür. Zweites KapitelWährend er die Hand auf die Türklinke legte, sah Winston, daßer das Tagebuch offen auf dem Tisch hatte liegen lassen. „Niedermit dem Großen Bruder!“ stand da über die halbe Seite hinweg inBuchstaben, die beinahe groß genug waren, um durch das ganzeZimmer leserlich zu sein. Es war eine unvorstellbare Dummheit.Aber er stellte fest, daß er es sogar in seinem Schrecken nichtüber sich gebracht hatte, das weiße Papier dadurch zu besudeln,daß er das Buch zuklappte, solange die Tinte noch naß war. 25
  • 26. Er hielt den Atem an und öffnete die Tür. Sofort durchflutete ihneine warme Welle der Erleichterung. Draußen stand einefarblose, zerknittert aussehende Frau mit strähnigem Haar undtiefgefurchtem Gesicht.»Ach, Genosse«, begann sie mit leidender Jammerstimme, »mirwar so, als ob ich Sie heimkommen hörte. Könnten Sie wohlherüberkommen und sich eben mal unsern Ausguss in der Kücheansehen? Er ist verstopft und…«Es war Frau Parsons, die Frau des Nachbarn auf dem gleichenFlur. (Die Geschlechtsbezeichnung »Frau« wurde von der Parteinicht gern gesehen – man erwartete, daß man alle Leute mit»Genosse« oder »Genossin« anredete –, aber bei einigen Frauengebrauchte man das Wort ganz unwillkürlich.)Sie war eine Frau von etwa dreißig Jahren, sah aber viel älter aus.Man hatte den Eindruck, daß sich in den Falten ihres GesichtsStaub angesetzt hatte. Winston folgte ihr durch den Gang. Solcheeigenhändigen, unfachgemäßen Reparaturarbeiten waren einefast alltägliche Last. Der Victory-Block war ein alter, etwa um dasJahr 1930 gebauter Wohnungskomplex und ging langsam in dieBrüche. Dauernd bröckelte der Verputz von Decken undWänden, die Leitungsrohre platzten bei jedem starken Frost, dasDach ließ Wasser durchsickern, sobald es schneite, dieZentralheizung war gewöhnlich nur unter halbem Druck, wennsie nicht aus Sparsamkeitsgründen ganz abgestellt war.Reparaturen mußten, wenn man sie nicht selbst machte, vonabgelegenen Ämtern genehmigt werden, die es fertig brachten,sogar das Wiedereinsetzen einer Fensterscheibe zwei Jahrehinauszuzögern.»Ich komme natürlich nur, weil Tom nicht zu Hause ist«,murmelte Frau Parsons unbestimmt vor sich hin.Die Wohnung der Parsons war größer als die von Winston undauf eine andere Art schäbig. Alles sah hier abgestoßen undniedergetrampelt aus, so als seien die Räume eben von einemgroßen wilden Tier heimgesucht worden. Sportgeräte –Hockeyschläger, Boxhandschuhe, ein aus den Nähten geplatzter 26
  • 27. Fußball, eine verschwitzte, umgekrempelte Turnhose – lagensämtlich über den Fußboden verstreut, und auf dem Tisch warein Durcheinander von schmutzigem Geschirr und eselsohrigenSchulbüchern. An den Wänden hingen knallrote Wimpel derJugendliga und der sogenannten „Späher“, nebst einem Plakatvom Großen Bruder in Großformat.Auch hier schwebte der übliche Kohlgeruch, der dem ganzenHaus anhaftete, in der Luft, aber er war von einem schärferenSchweißdunst geschwängert, nach dem Schweiß eines – wie manvom ersten Schnuppern an wußte, wenn man auch schwer denGrund dafür hätte sagen können – im Augenblick abwesendenMenschen. In einem ändern Zimmer versuchte jemand im Taktder Militärmusik, die noch immer aus dem Televisor dröhnte, aufeinem Kamm mit darüber gespanntem Toilettenpapier zu blasen.»Es sind die Kinder«, sagte Frau Parsons mit einem halbfurchtsamen Blick auf die Tür. »Sie sind heute nicht aus demHaus gekommen. Und natürlich …«Sie hatte eine Angewohnheit, ihre Sätze mittendrin abzubrechen.Der Küchenausguss war fast bis zum Rand voll mit schmutzig-grünlichem Wasser, das schlimmer als alles andere nach Kohlstank. Winston kniete nieder und untersuchte das gebogeneVerbindungsstück des Ableitungsrohres. Er verabscheutemanuelle Arbeit sehr, und es war ihm schrecklich, sich bücken zumüssen, weil das fast immer einen Hustenanfall bei ihm auslöste.Frau Parsons machte ein hilfloses Gesicht.»Freilich, wenn Tom daheim wäre, würde er es im Nu inOrdnung bringen«, meinte sie. »Solche Sachen machen ihm Spaß.Er ist so geschickt mit seinen Händen, wirklich, er ist sogeschickt, der Tom.«Parsons war Winstons Kollege im Wahrheitsministerium. Er warein rundlicher, jedoch sehr beweglicher Mann von entwaffnenderDummheit, ein Klotz voll törichter Begeisterung – einer vondiesen ergebenen Gimpeln, die niemals eine Frage stellen undvon denen – mehr sogar noch als von der Gedankenpolizei – derBestand der Partei abhing. Mit fünfunddreißig Jahren war er erst 27
  • 28. kürzlich sehr ungern aus der Jugendliga ausgeschieden, und eheer in die Jugendliga aufgerückt war, hatte er es fertiggebracht, einJahr über das satzungsgemäß festgesetzte Alter hinaus bei denSpähern zu verbleiben. Im Ministerium wurde er auf einemuntergeordneten Posten verwendet, für den kein Verstand nötigwar, doch war er andererseits ein führender Mann beimSportausschuß und allen anderen Ausschüssen, denen dieOrganisation von Gemeinschaftswanderungen, spontanenDemonstrationen, Sparwerbewochen und überhaupt jede Artfreiwilligen Einsatzes unterstand. Er erzählte einem voll ruhigenStolzes, während er seiner Pfeife kleine Rauchwölkchenentlockte, daß er in den letzten vier Jahren jeden Abend imGemeinschaftshaus erschienen sei.Ein durchdringender Schweißgeruch folgte ihm wie einunfreiwilliges Zeugnis für die Angestrengtheit seines Lebensüberallhin und schwebte sogar nach seinem Weggehen noch imZimmer.»Haben Sie einen Schraubenschlüssel?« fragte Winston undmachte sich mit der Schraubenmutter am Verbindungsstück zuschaffen.»Einen Schraubenschlüssel«, sagte Frau Parsons und wurdesofort unsicher. »Ich weiß nicht. Vielleicht, daß die Kinder…«Man hörte Schuhgetrampel und einen neuen Trompetenstoß aufdem Kamm, als die Kinder ins Wohnzimmer hereinstürmten.Frau Parsons brachte den Schraubenschlüssel. Winston ließ dasWasser ablaufen und entfernte angeekelt den Pfropfenmenschlicher Haare, der die Röhre verstopft hatte. Er reinigteseine Hände so gut er konnte in dem kalten Leitungswasser undging in das andere Zimmer zurück.»Hände hoch!« schrie eine wilde Stimme.Ein hübscher, robust aussehender Junge von neun Jahren warhinter dem Tisch hervorgesprungen und bedrohte ihn mit seinerautomatischen Kinderpistole, während seine um etwa zwei Jahrejüngere Schwester mit einem Stück Holz dieselbe Geste machte.Beide waren mit den kurzen blauen Hosen, den grauen Hemden 28
  • 29. und dem roten Halstuch bekleidet, aus denen die Uniform derSpäher bestand. Winston hob seine Hände über den Kopf, abermit einem unbehaglichen Gefühl, denn der Junge gebärdete sichso bösartig, als ob es wirklich mehr als ein Spiel war.»Sie sind ein Verräter!« schrie der Junge. »Sie sind einGedankenverbrecher! Sie sind ein eurasischer Spion! Icherschieße Sie, ich werde Sie vaporisieren, ich werde Sie in dieSalzbergwerke verbannen!«Plötzlich sprangen beide um ihn herum und schrien »Verräter!«und »Gedankenverbrecher!«, wobei das kleine Mädchen ihremBruder jede Bewegung nachmachte.Es war irgendwie erschreckend, gleich den Freudensprüngen vonTigerjungen, die bald zu Menschenfressern herangewachsen seinwerden. Es war etwas von berechnender Wildheit im Auge desJungen, ein ganz offensichtliches Verlangen, Winston zu schlagenoder zu treten, und das Bewußtsein, schon beinahe groß genugdazu zu sein. Ein Glück, daß er keine richtige Pistole in Händenhielt, dachte Winston.Frau Parsons Blicke huschten nervös von Winston zu denKindern und wieder zurück. In dem besseren Licht desWohnzimmers bemerkte er voller Mitleid, daß es tatsächlichStaub war, was sich in ihren Runzeln eingenistet hatte.»Sie sind so laut«, sagte sie. »Sie sind enttäuscht, weil sie nichtausgehen und sich das Hängen ansehen können, daher kommt eswohl. Ich bin zu beschäftigt, um mit ihnen hinauszugehen, undTom kommt nicht rechtzeitig von der Arbeit heim.«»Warum können wir nicht gehen und das Hängen sehen?«brüllte der Junge mit seiner kräftigen Stimme.»Hängen sehen! Hängen sehen!« leierte das Mädchen, das nochimmer herumsprang.Einige eurasische Gefangene, denen Kriegsverbrechen zur Lastgelegt wurden, sollten an diesem Abend im Park gehängtwerden, fiel Winston ein. Dergleichen fand etwa einmal imMonat statt und war ein beliebtes Schauspiel. Kinder verlangtenimmer, dazu mitgenommen zu werden. Er verabschiedete sich 29
  • 30. von Frau Parsons und ging zur Tür. Er war aber noch keine sechsStufen die Treppe hinuntergestiegen, als ihn etwas mitfurchtbarer Wucht höchst schmerzhaft in den Nacken traf. Eswar, als sei ihm ein rotglühender Draht ins Fleisch gestoßenworden. Er fuhr gerade noch rechtzeitig herum, um zu sehen,wie Frau Parsons ihren Sohn durch die Wohnungstürhineinzerrte, während der Junge eine Schleuder einsteckte.»Goldstein!« schrie ihm der Junge nach, während sich die Türhinter ihm schloss. Was Winston am betroffensten machte, warder Ausdruck hilfloser Angst im Antlitz der Frau.Als er in seine Wohnung zurückgekehrt war, ging er rasch hinterden Televisor und setzte sich wieder an den Tisch. Er rieb seinenimmer noch schmerzenden Nacken. Die Musik aus dem Televisorwar verstummt. Stattdessen verlas eine forsche militärischeStimme mit einer Art brutalen Behagens eine Beschreibung vonder Bewaffnung der neuen Schwimmenden Festung, die soebenzwischen Island und den Faröer-Inseln vor Anker gegangen war.Mit diesen Kindern, dachte Winston, mußte die arme Frau einHöllenleben haben. Noch ein, zwei Jahre, und sie würden sie Tagund Nacht nach Anzeichen nachlassender Parteitreue bespitzeln.Fast alle Kinder waren heutzutage schrecklich. Am schlimmstenvon allem war jedoch, daß sie mit Hilfe von solchenOrganisationen wie den Spähern systematisch zuunbezähmbaren kleinen Wilden erzogen wurden. Und dochweckte das in ihnen keineswegs die Neigung, sich gegen dieParteidisziplin aufzulehnen.Die Umzüge, die Fahnen, die Wanderungen, das Exerzieren mitHolzgewehren, das Brüllen von Schlagworten, die Verehrung desGroßen Bruders – alles das war für sie ein herrliches Spiel. Ihreganze Wildheit wurde nach außen gelenkt, gegen dieSystemfeinde, gegen Abweichler, Verräter, Saboteure,Gedankenverbrecher. Es war für Leute über dreißig nahezunormal, vor ihren eigenen Kindern Angst zu haben. Und das mitgutem Grund, denn es verging kaum eine Woche, in der nicht inder Times ein Bericht stand, wie ein lauschender kleiner Angeber 30
  • 31. – »Kinderheld« lautete die gewöhnlich gebrauchte Bezeichnung –eine kompromittierende Bemerkung mit angehört und seineEltern bei der Gedankenpolizei angezeigt hatte.Der durch das Geschoß der Schleuder verursachte Schmerz warvergangen. Winston griff unentschlossen zum Federhalter undfragte sich, ob ihm wohl noch etwas für sein Tagebuch einfallenwürde. Plötzlich dachte er von neuem an OBrien.Vor Jahren – wie lange war es her? Es mußte vor sieben Jahrengewesen sein – hatte er geträumt, er gehe durch ein stockdunklesZimmer. Und jemand, der seitlich von ihm saß, hatte, als ervorüberkam, gesagt: »Wir wollen uns wiedersehen, wo keineDunkelheit herrscht.«Er sagte das ganz ruhig, fast nebenbei – als eine Feststellung, keinBefehl. Er war weitergegangen, ohne stehen zubleiben. Dasseltsame war, daß damals, im Traum, die Worte keinen großenEindruck auf ihn gemacht hatten. Erst später und allmählichhatten sie anscheinend eine Bedeutung angenommen. Er konntesich jetzt nicht mehr erinnern, ob es vor oder nach dem Traumwar, daß er OBrien zum erstenmal gesehen hatte; so wenig wieer sich entsann, wann er zum erstenmal jene Stimme als dieOBriens identifiziert hatte. Jedenfalls war es für ihn jetzt dieStimme OBriens. OBrien hatte aus der Dunkelheit zu ihmgesprochen.Winston hatte nie genau herausfinden können – auch nach demflüchtigen zweideutigen Blick von heute morgen konnte erdessen nicht sicher sein –, ob OBrien ein Freund oder ein Feindwar. Aber das schien nicht einmal viel auszumachen. Zwischenihnen herrschte ein Einverständnis, das wichtiger war alsZuneigung oder Parteizugehörigkeit.»Wir wollen uns wiedersehen, wo keine Dunkelheit herrscht«,hatte er gesagt. Winston wußte nicht, was das zu bedeuten hatte,sondern nur, daß es sich auf irgendeine Weise bewahrheitenwürde.Die Stimme aus dem Televisor brach ab. Ein Fanfarenstoßschmetterte klar und schön durch die stille Luft. Die Stimme fuhr 31
  • 32. rasch und krächzend fort: »Achtung! Achtung! Soeben ist eineSondermeldung von der Malabar-Front eingetroffen. UnsereStreitkräfte in Süd-Indien haben einen glänzenden Sieg erfochten.Ich bin zu der Durchsage ermächtigt, daß die kriegerischeOperation, von der wir gleich berichten werden, das Kriegsendein errechenbare Nähe rücken dürfte. Es folgt jetzt dieSondermeldung…“Das bedeutet nichts Gutes, dachte Winston. Und tatsächlich, nacheiner blutrünstigen Schilderung der vollständigen Vernichtungeiner eurasischen Armee, bei der riesige Zahlen von Toten undGefangenen genannt wurden, kam die Ankündigung, daß abnächster Woche die Schokoladeration von dreißig auf zwanzigGramm herabgesetzt werden sollte.Winston mußte noch einmal aufstoßen. Die Wirkung des Ginsverflüchtigte sich und ließ ein Gefühl der Erschlaffung zurück.Der Televisor stimmte – vielleicht um den Sieg zu feiern, oderaber um die Erinnerung an die Schokoladenkürzung zuübertönen – die schmetternden Klänge von »Ozeanien, meinLand, für Dich mit Herz und Hand« an. Vom Zuhörer wurdeerwartet, daß er dabei stramme Haltung annahm. Aber an seinemderzeitigen Platz war Winston nicht sichtbar.Die Hymne wurde von leichterer Musik abgelöst. Winston tratans Fenster, mit dem Rücken zum Televisor. Der Tag war nochimmer kalt und klar. Irgendwo in der Ferne explodierte eineRaketenbombe mit dumpfem, widerhallendem Dröhnen. Zurzeitfielen wöchentlich etwa zwanzig bis dreißig Stück auf London.Drunten auf der Straße klappte der Wind das zerrissene Plakathin und her, und das Wort Engsoz war abwechselnd sichtbar undunsichtbar. Die heiligen politischen Grundsätze von Engsoz:Neusprech, Doppeldenk, die Verwandlung der Vergangenheit.Ihm war, als wandle er durch Wälder auf dem Meeresgrund, ineine ungeheuerliche Welt verirrt, in der er selbst das Ungeheuerwar. Er war allein. Die Vergangenheit war tot, die Zukunftunvorstellbar. Welche Gewißheit hatte er, daß auch nur eineinziger lebender Mensch auf seiner Seite stand? Und warum 32
  • 33. sollte die Herrschaft der Partei nicht ewig dauern? Wie eine ArtAntwort fielen ihm die drei Wahlsprüche auf der weißen Frontdes Wahrheits-Ministeriums ein:KRIEG BEDEUTET FRIEDENFREIHEIT IST SKLAVEREIUNWISSENHEIT IST STÄRKEEr zog ein Fünfundzwanzig-Cent-Stück aus der Tasche. Auchhier waren in winziger, klarer Schrift die gleichen Deviseneingestanzt, während die Kehrseite der Münze den Kopf desGroßen Bruders zeigte. Sogar auf der Münze verfolgten einen dieAugen. Von Geldmünzen, Briefmarken, Bucheinbänden, Fahnen,Plakaten, Zigarettenschachteln – von überall verfolgten sie einen.Immer wurde man von den Augen beobachtet, von der Stimmeeingehüllt. Im Wachen und im Schlafen, bei der Arbeit oder beimEssen, im Haus oder außer Haus, im Bad oder im Bett – es gabkein Entrinnen. Nichts gehörte einem außer den paarKubikzentimetern im eigenen Schädel.Die Sonne war weitergerückt, und die unzähligen Fenster desWahrheits-Ministeriums, auf die ihre Strahlen nicht mehr fielen,sahen grimmig wie die Schießscharten einer Festung aus.Winstons Herz verzagte angesichts dieser riesig sichhochtürmenden Pyramide. Die Pyramide – dieses Symbol wurdevon den Herren Ozeaniens häufig verwendet, wie es Winstonkurz in den Sinn kam.Dieser Betonmoloch war zu unerschütterlich, um erstürmt zuwerden, tausend Raketenbomben vermochten ihn nicht zuzertrümmern. Wieder fragte er sich, für wen er sein Tagebuchschrieb.Für die Zukunft, für die Vergangenheit – für ein Zeitalter, dasvielleicht nur ein Traum war. Ihn erwartete nicht allein der Tod,sondern vollständige Austilgung. Das Tagebuch würde zu Asche,er selbst zu bloßem Rauch verbrannt werden. Nur dieGedankenpolizei würde das von ihm Geschriebene lesen, ehe sie 33
  • 34. es aus der Welt und aus der Erinnerung tilgte. Wie konnte manan die Zukunft appellieren, wenn keine Spur von einem, nichteinmal ein Stückchen Papier mit ein paar darauf gekritzeltenanonymen Worten hinübergerettet werden konnte?Im Televisor schlug es vierzehn Uhr. In zehn Minuten mußte eraufbrechen. Um vierzehn Uhr dreißig mußte er zurück an derArbeit sein.Merkwürdigerweise schien ihn das Schlagen der vollen Stundemit neuem Mut erfüllt zu haben. Er war ein einsamer Gast aufdieser Erde, der eine Wahrheit verkündete, die niemand jemalshören würde. Aber solange er sie verkündete, war auf einegeheimnisvolle Weise der rote Faden nicht abgerissen. Nichtindem man sich Gehör verschaffte, sondern indem man sichunversehrt bewahrte, gab man das Erbe der Menschheit weiter.Er kehrte an den Tisch zurück, tauchte seine Feder ein undschrieb:»Einer Zukunft oder einer Vergangenheit, in derGedankenfreiheit herrscht, in der die Menschen voneinanderverschieden sind und nicht jeder für sich lebt – einer Zeit, in deres Wahrheit gibt und das Geschehene nicht ungeschehengemacht werden kann, schicke ich diesen Gruß aus einemZeitalter der Gleichmachung und der Vereinsamung, demZeitalter des Großen Bruders, dem Zeitalter desZwiegedankens.«Er war bereits tot, überlegte er. Es schien ihm, als habe er erstjetzt, seit er angefangen hatte, seine Gedanken formulieren zukönnen, den entscheidenden Schritt getan. Die Folgen jederHandlung sind schon in der Handlung selbst beschlossen. Erschrieb: »Das Gedankenverbrechen zieht nicht den Tod nach sich:das Gedankenverbrechen ist der Tod!«Jetzt aber, seit er sich als einen toten Mann betrachtete, wurde eswichtig, so lange wie möglich am Leben zu bleiben. Zwei Fingerseiner rechten Hand waren mit Tinte bekleckst. Gerade durcheine solche Kleinigkeit konnte man sich verraten. Einschnüffelnder fanatischer Eiferer im Ministerium (vermutlich 34
  • 35. eine Frau: so jemand wie die kleine Aschblonde oder dasschwarzhaarige Mädchen aus der Literatur-Abteilung) konntesich zu wundern anfangen, warum er während der Mittagspausegeschrieben, warum er eine altmodische Stahlfeder benützt undwas er geschrieben hatte – um dann an zuständiger Stelle einenWink zu geben. Er ging ins Badezimmer und schrubbte dieTintenflecke sorgfältig mit der sandigen dunkelbraunen Seife, dieeinem die Hand wie Schmirgelpapier aufscheuerte und deshalbfür seinen Zweck geeignet war.Er legte sein Tagebuch in die Schublade. Der Gedanke, es zuverstecken, war völlig sinnlos, aber er konnte wenigstensVorkehrungen treffen, um sich zu vergewissern, ob es entdecktworden war. Ein zwischen die Seiten gelegtes Haar war zuaugenfällig. Mit der Fingerspitze pickte er ein gerade nocherkennbares weißliches Staubkörnchen auf und legte es auf dieEcke des Einbands, wo es herunterfallen mußte, wenn jemanddas Buch berührte. Drittes KapitelWinston träumte von seiner Mutter. Er mußte, so überlegte er,zehn oder elf Jahre alt gewesen sein, als seine Mutterverschwunden war. Sie war eine große, würdevolle, ziemlichstille Frau mit gemessenen Bewegungen und wundervollenblonden Haaren gewesen.Seinen Vater hatte er undeutlicher in Erinnerung: dunkelhaarigund hager, immer in eleganten dunklen Anzügen (Winstonentsann sich insbesondere seiner sehr dünnen Schuhsohlen) undmit einer Brille. Die beiden mußten offenbar bei einer der erstengroßen Säuberungsaktionen ums Leben gekommen sein. ImTraum saß seine Mutter an einem Platz tief unter ihm, seine 35
  • 36. kleine Schwester in den Armen. Er erinnerte sich an seineSchwester nur noch als an ein winziges, schwächliches, immerlautloses Kind mit großen, aufmerksamen Augen. Beide blicktenzu ihm empor. Sie befanden sich an einer Stelle unter der Erde –etwa auf dem Grunde eines Ziehbrunnens oder in einem sehrtiefen Grab –, aber der Fleck, auf dem sie saßen, sank, obwohlbereits tief unter ihm gelegen, selbst noch immer tiefer nachunten ab. Sie waren in der Kajüte eines sinkenden Schiffes undblickten durch das immer dunkler werdende Wasser zu ihmempor.Noch war Luft in der Kajüte, noch konnten sie einander sehen,aber die ganze Zeit sanken sie tiefer, immer tiefer hinunter in diegrünen Wasser, die sie im nächsten Augenblick für immer demBlick entziehen mußten. Er weilte in Licht und Luft, während siein den Tod hinuntergezogen wurden, und sie waren dortdrunten, weil er hier oben war. Er wußte es, und auch sie wußtenes, und er konnte dieses Wissen in ihren Gesichtern lesen. Es warkein Vorwurf, weder in ihren Gesichtern noch in ihren Herzen,nur das Bewußtsein, daß sie sterben mußten, damit er am Lebenblieb, und daß dies zur unausweichlichen Ordnung der Dingegehörte.Er konnte sich nicht erinnern, was eigentlich geschehen war, aberer wußte in seinem Traum, daß das Leben seiner Mutter undseiner Schwester irgendwie für das seine geopfert worden war.Es war einer jener Träume, die in der charakteristischenVerkleidung des Traumes doch eine Fortsetzung des seelischenErlebens sind und in denen einem Tatsachen und Gedanken zumBewußtsein kommen, die auch nach dem Erwachen neu undwertvoll erscheinen. Die Erkenntnis, die Winston jetzt plötzlichdämmerte, war, daß der Tod seiner Mutter vor dreißig Jahren aufeine Weise traurig und tragisch gewesen war, die es heutzutagenicht mehr gab.Tragik, erkannte er, gehörte einer vergangenen Zeit an, als esnoch ein Eigenleben, Liebe und Freundschaft gab und dieMitglieder einer Familie, ohne nach dem Grund zu fragen, 36
  • 37. füreinander eintraten. Die Erinnerung an seine Mutter nagte anseinem Herzen, denn sie war aus Liebe zu ihm gestorben, als erselbst noch zu jung und eigensüchtig war, um ihre Liebe zuerwidern, und weil sie sich irgendwie – auf welche Weise,erinnerte er sich nicht mehr – einem Treuegedanken geopferthatte, an den sie persönlich und unerschütterlich geglaubt hatte.Derlei konnte heutzutage nicht mehr vorkommen, das begriff er.Heutzutage gab es Angst, Hass und Leid, aber keine starken undwertvollen Gefühle, keine tiefen und echten Schmerzen mehr. Alldas schien er in den großen Augen seiner Mutter und seinerSchwester zu lesen, mit denen sie ihn durch das grüne Wasseraus einer Tiefe von vielen hundert Klafter ansahen, dabei immertiefer versinkend.Plötzlich stand er auf einer abgemähten Wiese, auf der federndenGrasnarbe; es war ein Sommerabend, und die Strahlen deruntergehenden Sonne vergoldeten die Erde. Die Landschaft, dieer sah, kehrte so oft in seinen Träumen wieder, daß er nie ganzsicher war, ob er sie nicht in Wirklichkeit gesehen hatte. In seinerwachen Vorstellung nannte er sie das „Goldene Land“.Es war eine alte, von Kaninchen bevölkerte Weide, durch die einFußpfad lief, mit da und dort einem Maulwurfshügel. In derunregelmäßigen Baumreihe jenseits der Wiese wiegten sich dieZweige der Ulmen leise in der sanften Brise, und ihre Blätterwogten in dichten Büscheln wie Frauenhaar. In der Nähe war,wenn auch außer Sicht, ein klarer, träge dahinfließender Fluß, indessen seichten Buchten unter den Weidenbäumen sichWeißfische tummelten.Das Mädchen mit dem dunklen Haar kam über die Wiese auf ihnzu. Mit einer einzigen Bewegung riss sie sich das Kleid herunterund warf es verächtlich beiseite. Ihr Leib war weiß und weich,aber er weckte kein Verlangen in ihm, ja er sah ihn kaum an. Wasihn in diesem Augenblick ganz erfüllte, war die Bewunderungfür die Gebärde, mit der sie ihre Kleider weggeschleudert hatte.Mit ihrer Grazie und Unbekümmertheit schien sie eine ganzeKultur abzutun, eine ganze Denkordnung, so, als könnten der 37
  • 38. Große Bruder, die Partei und die Gedankenpolizei mit einereinzigen herrlichen Armbewegung weggewischt werden. Auchdas war eine der alten Zeit angehörende Geste. Winston wachtemit dem Wort »Shakespeare« auf den Lippen auf.Der Televisor ließ einen ohrenbetäubenden Pfeifton hören, der ingleicher Höhe dreißig Sekunden lang anhielt. Es war Punktsieben Uhr fünfzehn, Zeit zum Aufstehen für alleBehördenangestellten. Winston wälzte seinen Körper aus demBett – er schlief nackt, denn ein Mitglied der Äußeren Parteierhielt nur dreitausend Kleiderpunkte im Jahr – und ergriff einüber dem Stuhl liegendes graufarbenes Unterhemd und einekurze Sporthose. In drei Minuten begann die Morgengymnastik.Doch im nächsten Augenblick krümmte er sich unter einemheftigen Hustenanfall, der ihn fast immer kurz nach demErwachen überfiel.Seine Lungen wurden dadurch so vollständig leergepumpt, daßer erst wieder Atem schöpfen konnte, indem er sich der Längenach auf den Rücken streckte und ein paar tiefe Atemzügemachte. Seine Adern waren unter der Anstrengung des Hustensgeschwollen, und die Krampfaderknoten hatten angefangen zuschmerzen.»Gruppe der Dreißig- bis Vierzigjährigen!« kläffte eine schrilleFrauenstimme. »Gruppe der Dreißig- bis Vierzigjährigen. Bitte,auf die Plätze! Dreißig- bis Vierzigjährige.«Winston nahm stramme Haltung vor dem Televisor an, aufdessen Schirm bereits das Bild einer ziemlich jungen, mageren,aber muskulösen Frau in einem Kittel und Turnschuhenerschienen war.»Arme beugt und streckt!« legte sie los. »Im Takt, bitte! Eins,zwei, drei, vier! Eins, zwei, drei, vier! Los, Genossen, ein bisschenlebhafter! Eins, zwei, drei, vier! Eins, zwei, drei, vier! . . .«Der von dem Hustenanfall verursachte Schmerz hatte inWinstons Gehirn noch nicht ganz den Eindruck verwischt, densein Traum auf ihn gemacht hatte, und unter den rhythmischenBewegungen der Gymnastik wurde dieser wieder lebhafter. 38
  • 39. Während er mechanisch seine Arme beugte und streckte, wobeisein Gesicht den beflissen begeisterten Ausdruck zur Schau trug,der für die Morgengymnastik Vorschrift war, versuchte er sich inGedanken zurück in die unklare Zeit seiner frühen Kindheit zuversetzen. Das war äußerst schwierig. Schon bei den fünfzigerJahren trübte sich jede Erinnerung. Wenn es keine äußerlichenAnhaltspunkte gab, an die man sich halten konnte, verlor sogarder Verlauf des eigenen Lebens seine deutlich umreißbareKontur.Man entsann sich großer Geschehnisse, die sehr wahrscheinlichgar nicht stattgefunden hatten, erinnerte sich an Einzelheiten vonVorfällen, ohne ihre Atmosphäre wiederherstellen zu können,und es gab lange leere Zeitabschnitte, mit denen man überhauptnichts anzufangen wußte. Damals war alles anders gewesen.Sogar die Namen der Länder und ihre Gestalt auf der Landkartewaren anders gewesen. Luftflottenstützpunkt Nr. 1 zum Beispielhatte zu der Zeit als es noch Nationen gab eine andereBezeichnung gehabt: er hatte England oder Großbritanniengeheißen, wenn auch London, wie er ziemlich sicher zu seinglaubte, immer London genannt worden war.Winston konnte sich nicht genau an einen Zeitpunkt erinnern, indem seine Heimat nicht in einen Krieg verwickelt gewesen wäre,aber offenbar hatte es doch zwischendurch, während seinerKindheit, eine ziemlich lange Friedensperiode gegeben; denneine seiner frühesten Erinnerungen betraf einen Luftangriff, derfür jedermann vollkommen überraschend gekommen zu seinschien.Vielleicht handelte es sich um die Zeit, als die Atombombe aufColchester gefallen war. Er erinnerte sich nicht an den Luftangriffselbst, entsann sich aber, wie die Hand seines Vaters die seinigeumklammert hielt, als sie hinunter, immer tiefer und tieferhinunter an einen Ort tief unter der Erde geeilt waren, immer imKreis auf einer spiralförmigen Treppe, die unter seinen Sohlenleise geklirrt und schließlich seine Beine so ermüdet hatte, daß erzu jammern begann und sie stehen bleiben und ausruhen 39
  • 40. mußten. Die Mutter, in ihrer langsamen, verträumten Art, kamein gutes Stück hinter ihnen drein. Sie trug sein Schwesterchen –oder vielleicht auch nur ein Bündel Decken: er war nicht sicher,ob seine Schwester damals schon geboren war. Endlich waren siean einen überfüllten Ort gekommen, den er als einenUntergrundbahnhof erkannt hatte.Menschen kauerten überall auf dem steingepflasterten Fußboden,und andere saßen, dicht zusammengedrängt, übereinander aufden Eisenträgern. Winston, sein Vater und seine Mutter fandeneinen Platz auf dem Boden, und dicht neben ihnen saßen Seite anSeite ein alter Mann und eine alte Frau auf einem Eisenträger.Der alte Mann hatte einen guten schwarzen Anzug an, eineschwarze Reisemütze war über seinem sehr weißen Haar aus derStirn gerückt; sein Gesicht war blaurot, und seine blauen Augenstanden voller Tränen. Er roch heftig nach Gin, den seine Haut anStelle von Schweiß auszudünsten schien, und man hätte glaubenkönnen, auch die Tränen, die aus seinen Augen rollten, seienpurer Gin.Aber abgesehen von seiner leichten Betrunkenheit, litt er auchunter einem echten und unerträglichen Kummer. In seinemkindlichen Verstand begriff Winston, daß soeben etwasSchreckliches, etwas Unverzeihliches und nie wiederGutzumachendes geschehen war. Es schien ihm auch, als wisseer, was es war. Jemand, den der alte Mann lieb hatte, vielleichteine kleine Enkelin, war getötet worden.Alle paar Augenblicke rief der alte Mann von neuem aus: »Wirhätten ihnen nicht trauen dürfen. Hab ichs nicht immer gesagt,Muttchen? Das hat man davon, daß man ihnen vertraut hat. Ichhab es immer gesagt. Wir hätten diesen Lumpen nicht trauensollen.«Aber welchen Lumpen man nicht hätte trauen sollen, darankonnte sich Winston jetzt nicht mehr erinnern.Seit dieser Zeit nämlich war der Krieg buchstäblich einDauerzustand geworden, wenn es sich auch genaugenommennicht immer um den gleichen Krieg handelte. Mehrere Monate 40
  • 41. während seiner Kindheit hatten in London selbst wirreStraßenkämpfe getobt, an einige davon erinnerte er sich nochlebhaft. Aber die geschichtliche Entwicklung genau zu verfolgenund zu sagen, wer jemals wen bekämpfte, wäre vollständigunmöglich gewesen, denn keine schriftliche Aufzeichnung odermündliche Überlieferung erwähnte je eine andere Konstellationals die gegenwärtig gültige.So war zum Beispiel in diesem Augenblick, um das Jahr 1984(man schrieb tatsächlich das Jahr 1984), Ozeanien mit Eurasien imKriegszustand und mit Ostasien verbündet. In keiner öffentlichenoder privaten Verlautbarung wurde je zugegeben, daß die dreiMächte jemals anders gruppiert gewesen seien. In Wirklichkeitwar es, wie Winston sehr wohl wußte, erst vier Jahre her, daßOzeanien Ostasien bekriegt und mit Eurasien ein Bündnis gehabthatte. Aber das war nur ein kleiner Schimmer historischenWissens, den er auch nur besaß, weil seine Erinnerung noch nichthinreichend kontrollierbar war. Offiziell hatte nie eineVeränderung in der Kombination der Partner stattgefunden.Ozeanien führte mit Eurasien Krieg: also hatte Ozeanien immermit Eurasien Krieg geführt. Der augenblickliche Feind stellteimmer das Böse an sich dar, und daraus folgte, daß jedevergangene oder zukünftige Verbindung mit ihm undenkbarwar.Das Schrecklichste, überlegte er zum zehntausendstenmal,während er seine Schultern mit schmerzender Anstrengungzurückriß (sie machten jetzt, die Hände auf den Hüften, einigeRumpfbeugen, eine Übung, welche die Rückenmuskeln stärkensollte) – das Schrecklichste war, daß einfach alles wahr oderfalsch sein konnte. Wenn die Partei sich so in die Vergangenheiteinmischen und von diesem oder jenem Ereignis behauptenkonnte, „es habe nie stattgefunden“ – war das nicht wirklichfurchtbarer als Folter und Tod?Die Partei sagte, Ozeanien sei nie mit Eurasien verbündetgewesen. Er, Winston Smith, wußte seinerseits, daß Ozeaniennoch vor nicht länger als vier Jahren mit Eurasien verbündet 41
  • 42. gewesen war. Aber wo war dieses Wissen verankert? Nur inseinem eigenen Bewußtsein, das unausweichlich bald in Staubzerfallen mußte. Und wenn alle anderen die von der Parteiverbreitete Lüge glaubten – wenn alle Aufzeichnungen gleichlauteten –, dann ging die Lüge in die Geschichte ein und wurdeWahrheit. Denn die Mächtigen kontrollierten die Medien unddamit auch das Bewusstsein der Massen. Sie schriebenGeschichte und hatten allein die Mittel dazu.»Wer die Vergangenheit beherrscht«, lautete die Parteiparole,»beherrscht die Zukunft! Wer die Gegenwart beherrscht,beherrscht die Vergangenheit!«Und doch hatte sich die Vergangenheit, so wandelbar sie vonNatur aus sein mochte, nie gewandelt. Das gegenwärtig Wahreblieb wahr bis in alle Ewigkeit. Es war ganz einfach. Es warnichts weiter nötig als eine nicht abreißende Kette von Siegenüber das eigene Gedächtnis. „Wirklichkeitskontrolle“ nannten siees; im Neusprech hieß es „Doppeldenk“.»Rührt euch!« kläffte die Vorturnerin, ein wenig freundlicher.Winston ließ die Arme sinken und füllte seine Lungen langsammit Luft. Seine Gedanken schweiften in die labyrinthische Weltdes Doppeldenk ab.Zu wissen und nicht zu wissen, sich des vollständigenVertrauens seiner Hörer bewußt zu sein, während man sorgfältigkonstruierte Lügen erzählte, gleichzeitig zwei einanderausschließende Meinungen aufrechtzuerhalten, zu wissen, daßsie einander widersprachen, und an beide zu glauben; die Logikgegen die Logik ins Feld zu führen; die Moral zu verwerfen,während man sie für sich in Anspruch nahm. So behauptete man,Demokratie sei unmöglich, wobei die Partei jedoch zugleich dieHüterin der Demokratie war.Und man sollte vergessen, um es sich dann, wenn man esbrauchte, wieder ins Gedächtnis zurückzurufen, und es hierauferneut prompt wieder zu vergessen; und vor allem, demVerfahren selbst gegenüber wiederum das gleiche Verfahrenanzuwenden. 42
  • 43. Das war die äußerste Spitzfindigkeit: bewusst die Unbewusstheitvorzuschieben und dann noch einmal sich des eben vollzogenenHypnoseaktes nicht bewusst zu werden! Allein schon dasVerständnis des Wortes Doppeldenk setzte eine doppelbödigeDenkweise voraus.Die Vorturnerin hatte sie wieder zum Stillstehen aufgerufen.»Und jetzt wollen wir mal sehen, wer von uns seine Zehenberühren kann!« sagte sie betont munter. »Aus den Hüftenheraus beugt, Genossen. „Eins! Zwei! Eins! Zwei!“Winston war diese Übung schrecklich, da sie ihm von den Fersenbis ins Gesäß einen stechenden Schmerz verursachte und oft miteinem erneuten Hustenanfall endete. Ihm vergingen diehalbwegs freundlichen Gedanken.Die Vergangenheit, überlegte er, war nicht nur verändert,sondern rundweg ausgelöscht worden. Denn wie konnte man dieoffensichtlichste Tatsache beweisen, wenn es – außer in dereigenen Erinnerung – keine andere Aufzeichnung darüber gab?Er versuchte sich zu erinnern, in welchem Jahr er zum erstenmalvom Großen Bruder gehört hatte.Er glaubte, es mußte im Laufe der sechziger Jahre gewesen sein,aber es war unmöglich, der Tatsache sicher zu sein. In denGeschichtsdarstellungen der Partei figurierte der Große Bruderselbstverständlich als Führer und Hüter der Revolution von ihrenersten Anfängen an. Seine Heldentaten waren allmählich zeitlichzurückverlegt worden, bis sie bereits in die sagenhafte Welt dervierziger und dreißiger Jahre zurückreichten, als die Kapitalistennoch mit ihren seltsamen zylindrischen Hüten in großenschimmernden Automobilen oder Pferdewagen mit seitlichenGlasfenstern durch die Straßen Londons fuhren.Man wußte nicht, wie viel an dieser Legende wahr und wie vielerfunden war. Winston konnte sich nicht einmal erinnern, zuwelchem Zeitpunkt die Partei selbst erstmalig in Erscheinunggetreten war. Er glaubte nicht, das Wort Engsoz jemals vor demJahre 1960 gehört zu haben, aber es war möglich, daß es in seiner 43
  • 44. alten Form – nämlich als »Englischer Sozialismus« – schon frühergebräuchlich gewesen war.Alles löste sich in Nebel auf. Manchmal freilich konnte man einedeutliche Lüge festnageln. Es war zum Beispiel nicht wahr – wiein den Parteigeschichtsbüchern behauptet wurde –, daß die Parteidie Flugzeuge erfunden hatte. Er erinnerte sich an Flugzeuge vonseiner frühesten Kindheit an. Aber man konnte nichts beweisen.Es gab keinen Beweis. Nur einmal in seinem ganzen Leben hatteer den unverkennbaren dokumentarischen Beweis einerGeschichtsfälschung in Händen gehalten. Und das war damals,als…»Smith!« schrie die giftige Stimme aus dem Televisor. »6079Smith W.! Ja, Sie meine ich! Tiefer bücken, wenn ich bitten darf!Sie bringen mehr fertig, als was Sie da zeigen. Sie geben sichkeine Mühe. Tie-fer, bitte! So ist es schon besser, Genosse.Rühren, der ganze Verein, und alle mal herschauen!«Heißer Schweiß war Winston plötzlich am ganzen Körperausgebrochen. Sein Gesicht blieb vollkommen undurchdringlich.Nur keine Unlust verraten! Niemals entrüstet sein! Ein einzigesZucken in den Augen konnte einen verraten. Er stand da und sahaufmerksam zu, während die Vorturnerin ihre Arme über denKopf gehoben hatte und dann – man konnte nicht gerade sagenanmutig, aber mit erstaunlicher Exaktheit und Tüchtigkeit – einetiefe Rumpfbeuge machte, wobei sie ihre vorderstenFingerglieder unter ihre Zehen schob.»Bitte, Genossen. So möchte ich das bei Ihnen sehen. Schauen Siemir noch einmal genau zu. Ich bin neununddreißig und habe vierKinder. Obacht jetzt!«Sie beugte sich wieder. »Sie sehen, die Knie sind bei mirdurchgedrückt. Sie alle können das, wenn Sie wollen«, fügte siehinzu, während sie sich aufrichtete. »Jeder Mensch unterfünfundvierzig Jahren ist durchaus imstande, seine Zehenspitzenzu berühren. Wir haben nicht alle den Vorzug, an der Frontkämpfen zu dürfen, aber wenigstens können wir uns alle inbester Form erhalten. Denkt an unsere Jungens an der Malabar- 44
  • 45. Front! Und an die Matrosen auf den Schwimmenden Festungen!Denkt nur mal daran, was die auszuhalten haben. Jetzt versuchenSie es noch einmal. So ists besser, Genosse, so ists schon vielbesser«, fügte sie ermutigend hinzu, als es Winston in einerheftigen Tauchbewegung zum erstenmal in mehreren Jahrengelang, mit durchgedrückten Knien seine Zehen zu berühren. Viertes KapitelMit dem tiefen, unbewussten Seufzer, den bei Beginn seinerTagesarbeit auszustoßen ihn nicht einmal die Nähe desTelevisors hindern konnte, zog Winston den Sprechschreiber ansich heran, blies den Staub aus dem Mundstück und setzte seineBrille auf. Dann öffnete er vier kleine Papierrollen, die bereits ausder Rohrpost an der rechten Seite seines Schreibtischesherausgeschossen waren, und heftete sie mit Klammernzusammen.In den Wänden des Büroraumes waren drei Löcher angebracht.Rechts von dem Sprechschreiber eine kleine Rohrpoströhre fürschriftliche Mitteilungen; links eine größere für Zeitungen; und inder Seitenwand, für Winston in bequemer Reichweite, ein großer,durch ein Klappgitter geschützter länglicher Schlitz.Dieser Schlitz diente als Papierkorb, und ähnliche Schlitze warenzu Tausenden oder Zehntausenden über das ganze Gebäudeverteilt, nicht nur in jedem Zimmer, sondern in kurzenAbständen auf jedem Gang. Aus irgendeinem Grunde hießen siedie „Gedächtnis-Löcher“. Wußte man, daß ein Dokument zurVernichtung bestimmt war, oder sah man auch nur ein StückAbfallpapier herumliegen, war es eine automatische Handlung,das Schutzgitter des nächstbesten Gedächtnis-Locheshochzuklappen und das Papier hineinzuwerfen, woraufhin es 45
  • 46. von einem warmen Luftstrom zu den riesigen Verbrennungsöfenfortgewirbelt wurde, die in den geheimen Tiefen des Gebäudesverborgen waren.Winston las die vier Zettel, die er aufgerollt hatte. Jeder enthielteine nur eine oder zwei Zeilen umfassende Botschaft in demabgekürzten Jargon, der im Ministerium für interne Zweckebenutzt wurde und der nicht eigentlich aus der Neusprechbestand, aber viele einzelne Worte der Neusprech enthielt. Sielauteten: „Times vom 17. 3. 84: G B Rede Fehlbericht Afrikarechtstellt. Times vom 19. 12. 83: Voraussagen 3 jp 4. Quartal 83Falschdruck verbessert Neuausgabe. Times vom 14. 2. 84: Miniflufehlzitiert Schokolade rechtstellt. Times vom 3. 12. 83: Bericht GBTagesbefehl doppelplusungut nennt Unpersonen totalumschreibtanteordner.“Mit einem leisen Gefühl der Befriedigung legte Winston die letzteBotschaft beiseite. Es war eine verzwickte undverantwortungsvolle Aufgabe und besser erst am Schluss zuerledigen. Die anderen drei waren Routineangelegenheiten, wennauch die zweite vermutlich ein langweiliges Durchackern vonZahlenlisten erfordern würde.Winston schaltete auf dem Televisor »Frühere Nummern« einund verlangte die entsprechenden Ausgaben der Times, dieschon nach ein paar Augenblicken aus der Rohrpostanlageherausglitten. Die Botschaften, die er erhalten hatte, bezogen sichauf Zeitungsartikel oder Meldungen, die aus diesem oder jenemGrunde zu ändern oder, wie die offizielle Phraseologie lautete,„richtigzustellen“ für nötig befunden wurde.So ging z. B. aus der Times vom 17. März hervor, daß der GroßeBruder in seiner Rede am Tage vorher prophezeit hatte, dieSüdindien-Front würde ruhig bleiben, aber in Nordafrika würdebald eine eurasische Offensive losbrechen. In Wirklichkeit jedochhatte das eurasische Oberkommando seine Offensive inSüdindien angesetzt, und in Afrika hatte Ruhe geherrscht.Deshalb mußte eine neue Fassung der Rede des Großen Brudersgeschrieben werden, die eben das voraussagte, was wirklich 46
  • 47. eingetreten war. Im zweiten Falle hatte die Times vom 19.Dezember die offiziellen Voraussagen der Produktionverschiedener Gebrauchsgüter während des vierten Quartals von1983 publiziert, das gleichzeitig das 6. Quartal des neuntenDreijahresplans war.Die heutige Ausgabe enthielt einen Bericht der tatsächlichenProduktion, aus dem hervorging, daß die Voraussagen in jederSparte grob unrichtig waren. Winstons Aufgabe bestand nundarin, die ursprünglichen Zahlen richtig zustellen, indem er siemit den späteren in Übereinstimmung brachte. Was die dritteBotschaft betraf, so bezog sie sich auf einen ganz einfachenIrrtum, der in ein paar Minuten eingerenkt werden konnte. Nochim Februar hatte das Ministerium für Überfluß ein Versprechenverlautbaren lassen (eine »kategorische Garantie« hieß deroffizielle Wortlaut), daß während des Jahres 1984 keine Kürzungder Schokoladeration vorgenommen werden würde.In Wirklichkeit sollte, wie Winston nun wußte, Ende dieserWoche die Schokoladeration von dreißig auf zwanzig Grammherabgesetzt werden. Man brauchte nun nichts weiter zu tun, alsstatt des ursprünglichen Versprechens eine warnende Äußerungzu unterschieben, daß es vermutlich nötig sein würde, die Rationim Laufe des Monats April zu kürzen.Nachdem Winston von jeder der Botschaften Kenntnisgenommen hatte, heftete er seine sehsprechgeschriebenenKorrekturen an die jeweilige Ausgabe der Times und steckte siein den Rohrpostzylinder. Dann knüllte er, mit einer fast völligunbewußten Bewegung, die ursprüngliche Meldung und alle vonihm selbst gemachten Notizen zusammen und warf sie in dasGedächtnis-Loch, um sie von den Flammen verzehren zu lassen.Was in dem unsichtbaren Labyrinth geschah, in dem dieRohrpoströhren zusammenliefen, wußte er nicht im einzelnen,sondern nur in großen Umrissen. Wenn alle Korrekturen, die ineiner Nummer der Times nötig geworden waren, gesammelt undkritisch miteinander verglichen worden waren, wurde diese 47
  • 48. Nummer neu gedruckt, die ursprüngliche vernichtet und an ihrerStelle die richtiggestellte Ausgabe ins Archiv eingereiht.Dieser dauernde Umwandlungsprozeß vollzog sich nicht nur anden Zeitungen, sondern auch an Büchern, Zeitschriften,Broschüren, Plakaten, Flugblättern, Filmen, Liedertexten,Karikaturen – an jeder Art von Literatur, die irgendwie vonpolitischer oder ideologischer Bedeutung sein konnte. Einen Tagum den anderen und fast von Minute zu Minute wurde dieVergangenheit mit der Gegenwart in Einklang gebracht. Aufdiese Weise konnte für jede von der Partei gemachte Vorhersageder dokumentarische Beweis erbracht werden, daß sie richtiggewesen war; auch wurde nie geduldet, daß man eineVerlautbarung oder Meinungsäußerung aufhob, die denaugenblicklichen Gegebenheiten widersprach.Die ganze Historie stand so gleichsam auf einemauswechselbaren Blatt, das genauso oft, wie es nötig wurde,radiert und neu beschrieben werden konnte. In keinem Fall wärees möglich gewesen, nach Durchführung des Verfahrensnachzuweisen, daß eine Fälschung vorgenommen worden war.Die größte Gruppe der Abteilung Registratur, weit größer als dieWinstons, bestand aus Personen, deren Aufgabe lediglich war,alle Ausgaben von Büchern, Zeitungen und anderenDruckerzeugnissen ausfindig zu machen und zu sammeln, dieaußer Gebrauch gesetzt und vernichtet werden mußten.Eine Nummer der Times, die vielleicht infolge von Änderungenin der politischen Gruppierung oder der vom Großen Bruderausgesprochenen irrtümlichen Prophezeiungen ein Dutzend Malneu abgefaßt worden war, stand noch immer mit ihremursprünglichen Datum versehen in ihrem Regal, und es gab aufder ganzen Welt keine andere Ausgabe, die mit ihr inWiderspruch hätte stehen können. Auch Bücher wurden immerwieder aus dem Verkehr gezogen und neu geschrieben und ohnejeden Hinweis auf die vorgenommenen Veränderungen neuaufgelegt. Sogar die geschriebenen Weisungen, die Winstonerhielt und deren er sich in jedem Fall nach Gebrauch sofort 48
  • 49. entledigte, sprachen nie aus oder ließen durchblicken, daß eineFälschung vorgenommen werden sollte: immer wurde nur vonWeglassungen, Irrtümern, Druckfehlern oder falschen Zitatengesprochen, die im Interesse der Genauigkeit richtiggestelltwerden mußten.In Wirklichkeit, so dachte er, während er die Ziffern der Angabendes Ministeriums für Überfluß neu einsetzte, war es auch nichteinmal eine Fälschung. Es war lediglich die Einsetzung einesUnsinns an Stelle eines anderen. Der größte Teil des Materials,das man bearbeitete, hatte keinerlei Relation zur Wirklichkeit,nicht einmal die Relation, die eine direkte Lüge zur Wahrheit hat.Die Statistiken waren in ihrer ursprünglichen Fassung genausowohl eine Ausgeburt der Phantasie wie in ihrer berichtigtenForm. Sehr häufig wurde erwartet, daß man sie nach eigenemErmessen zurechtstutzte. So hatten zum Beispiel die Voraussagendes Ministeriums für Überfluß die Schuhproduktion für einVierteljahr auf 145 Millionen Paare geschätzt.Die tatsächliche Produktion wurde mit 62 Millionen angegeben.Winston jedoch setzte, als er die Vorhersage neu schrieb, dafür 57Millionen ein, um so die übliche Behauptung zu ermöglichen, dieQuote sei übererfüllt worden. In jedem Fall aber kamenzweiundsechzig Millionen der Wahrheit nicht näher alssiebenundfünfzig oder einhundertfünfundvierzig Millionen. Sehrwahrscheinlich waren überhaupt keine Schuhe produziertworden. Noch wahrscheinlicher war es, daß niemand wußte, wieviel Schuhe produziert worden waren, oder daß sich überhauptniemand darum kümmerte.Man wußte nur so viel, als daß jedes Vierteljahr auf dem Papierastronomische Zahlen von Schuhen produziert wurden, währendetwa die Hälfte der Bevölkerung Ozeaniens barfuß lief. Und sowar es mit jeder Gattung berichteter Tatsachen, ob es sich nunum große oder kleine handelte. Alles löste sich in einer Welt desleeren Scheins auf, in der zuletzt sogar die gültige Jahreszahlunsicher geworden war. Winston warf einen Blick durch denSaal. Auf dem entsprechenden Platz auf der anderen Seite ging 49
  • 50. ein kleiner, pedantischer, dunkelhäutiger Mann namens Tillotsonbeflissen seiner Arbeit nach, eine entfaltete Zeitung auf denKnien, den Mund ganz dicht an der Muschel desSprechschreibers. Er sah so aus, als versuche er, was er sagte, alsGeheimnis zwischen ihm und dem Televisor zu bewahren. Erblickte auf, und seine Brille warf ein feindseliges Aufblitzen zuWinston herüber.Winston kannte Tillotson kaum und hatte keine Ahnung, mitwelcher Arbeit er beschäftigt war. Die Angestellten derRegistratur sprachen nicht gerne über ihre Tätigkeit. In demlangen, fensterlosen Saal mit seiner doppelten Reihe von Nischenund seinem endlosen Rascheln von Papier und Summen vonStimmen, die in die Sprechschreiber sprachen, saßen ein gutesDutzend Menschen, die Winston nicht einmal dem Namen nachkannte, obwohl er sie tagtäglich auf den Gängen hin und hereilen oder während der Zwei-Minuten-Hass-Sendunggestikulieren sah.Er wußte, daß in der Nische neben ihm die kleine Frau mit demaschblonden Haar tagein, tagaus damit beschäftigt war, aus derPresse die Namen von Menschen herauszusuchen und zustreichen, die vaporisiert worden waren und die maninfolgedessen so behandelte, als hätten sie niemals existiert.Darin lag eine gewisse Abgebrühtheit, denn erst vor zwei Jahrenwar ihr eigener Mann vaporisiert worden.Ein paar Nischen weiter saß ein milder, untüchtiger, verträumterMensch namens Ampleforth, mit stark behaarten Ohren undeinem erstaunlichen Talent, mit Reimen und Versmaßen zujonglieren, der dazu angestellt war, geänderte Texte –»endgültige Fassungen«, wie es hieß – von Gedichtenherzustellen, die ideologisch anstößig geworden waren, die manaber aus diesem oder jenem Grunde in den Gedichtsammlungenbeibehalten wollte. Und dieser Saal mit seinen etwa fünfzigAngestellten war nur eine Unterabteilung Registratur. Neben,über und unter ihnen waren andere Schwärme von Angestelltenmit einer unvorstellbaren Vielfalt von Arbeiten beschäftigt. Da 50
  • 51. waren die großen Druckereien mit ihren Hilfsredakteuren, ihrendrucktechnischen Fachleuten und ihren hervorragendausgestatteten Ateliers für Fälschungen von Photographien.Da war die Tele-Programm-Abteilung mit ihren Ingenieuren,ihren Produktionsleitern und ihrem Stab von Schauspielern, diespeziell im Hinblick auf ihr Imitationstalent ausgewählt wordenwaren. Da gab es die Heerscharen von Bibliothekaren, derenAufgabe lediglich darin bestand, Listen von Büchern undZeitschriften aufzustellen, von denen eine Neuauflage hergestelltwerden mußte. Da waren die großen Lagerräume, in denen diekorrigierten Druckerzeugnisse aufbewahrt, und die verstecktenVerbrennungsanlagen, in denen die ursprünglichen Ausgabenvernichtet wurden. Und irgendwo saßen ganz anonym dieleitenden Hirne, die den ganzen Betrieb koordinierten und diepolitischen Richtlinien festlegten, nach denen dieses Bruchstückder Vergangenheit aufbewahrt, jenes gefälscht und ein anderesaus der Welt geschafft wurde.Und doch war die Registraturabteilung als solche nur eineinzelner Zweig des Wahrheitsministeriums, dessenHauptaufgabe ja nicht darin bestand, die Vergangenheitentsprechend zu frisieren, sondern die Bürger Ozeaniens mitZeitungen, Filmen, Lehrbüchern, Televisor-Programmen,Theaterstücken, Romanen – mit jeder nur vorstellbaren Art vonNachrichten, Belehrung oder Unterhaltung zu versorgen, vonDenkmälern angefangen bis zum täglichen Kernspruch, vomlyrischen Gedicht bis zur biologischen Abhandlung, von derKinderfibel bis zum Wörterbuch der Neusprech. Und dasMinisterium mußte nicht nur die mannigfachen Bedürfnisse derPartei befriedigen, sondern den ganzen Arbeitsgang noch einmalauf dem niedrigeren Niveau des Proletariats wiederholen. Es gabeine Reihe von besonderen Abteilungen, die sich mit derproletarischen Literatur, mit Musik, Theater und Varieté fürProletarier befaßten.Dort wurden minderwertige Zeitungen, die fast nichts als Sport,Verbrechen und astrologische Ratschläge enthielten, reißerische 51
  • 52. Fünf-Cent-Romane, von Sexualität strotzende Filme undsentimentale Schlager hergestellt, die vollkommen mechanischmit Hilfe einer Art Kaleidoskop, des sogenannten „Versificators“,abgefaßt wurden.Es gab sogar eine ganze Unterabteilung – „Porno-Ro“ hieß sie inder Neusprech –, die sich mit der massenhaften Erzeugung derniedrigsten Art von Pornographie befaßte, die in versiegeltenVerpackungen versandt wurde und von keinem Parteimitglied,außer den in der betreffenden Abteilung beschäftigten, betrachtetwerden durfte. Drei Mitteilungen waren aus der Rohrpostanlagegeglitten, während Winston an der Arbeit war; aber es handeltesich um einfache Dinge, und er hatte sie erledigt, ehe er durch dieZwei-Minuten-Hass-Sendung unterbrochen wurde. Als dieHassovation zu Ende war, ging er in seine Nische zurück, schobden Sprechschreiber auf die Seite, putzte seine Brille und machtesich an die Hauptarbeit, die er an diesem Morgen zu bewältigenhatte.Winstons größte Freude im Leben war seine Arbeit. Das meistewar langweilige Routine, aber es gab doch auch so schwierigeund knifflige Aufgaben darunter, daß man sich darin wie in denTiefen mathematischer Probleme verlieren konnte – feineFälschungen, bei denen man von nichts anderem geleitet wurdeals seiner Kenntnis der Prinzipien des Engsoz und dem eigenenEinfühlungsvermögen dafür, was die Partei von einem erwartete.Winston war in diesen Dingen tüchtig. Gelegentlich war er sogarmit der Umarbeitung von völlig in der Neusprech verfaßtenLeitartikeln der Times betraut worden. Er rollte die Mitteilungauf, die er vorher beiseite gelegt hatte: „Times vom 3. 12. 83:Bericht GB Tagesbefehl doppelplusungut nennt Unpersonentotalumschreibt anteordner.“In der alten umständlichen Sprache hieß das ungefähr soviel wie:Der Bericht über den Tagesbefehl des Großen Bruders in derTimes vom 3. Dezember 1983 ist äußerst unbefriedigend underwähnt heute nicht mehr lebende Personen. Noch einmal völlig 52
  • 53. neu schreiben und Ihren Entwurf an höherer Stelle vorlegen, eheer im Archiv abgelegt wird.Winston las den beanstandeten Artikel durch. Der Tagesbefehldes Großen Bruders hatte offenbar hauptsächlich in einemLoblied auf die Leistung einer als SFZZ bekannten Organisationbestanden, die für die Matrosen auf den SchwimmendenFestungen Zigaretten und andere Zubehöre des täglichen Lebenslieferte. Ein gewisser Genosse Withers, ein prominentes Mitgliedder Inneren Partei, war mit namentlicher Erwähnung geehrt undmit der Zweiten Klasse des Ordens für besondere Verdiensteausgezeichnet worden.Drei Monate später war die SFZZ plötzlich ohne Bekanntgabeeines Grundes aufgelöst worden. Man durfte annehmen, daßWithers und seine Geschäftsteilhaber jetzt in Ungnade gefallenwaren, jedoch war in der Presse oder durch den Televisor keinBericht darüber erfolgt. Das war zu erwarten gewesen, da esnicht üblich war, politische Sünder vor Gericht zu stellen oderöffentlich anzuklagen.Die großen Säuberungsaktionen, bei denen es sich um Tausendevon Menschen handelte, mit öffentlichen Verhandlungen vonVerrätern und Gedankenverbrechern, die dann Geständnisseihrer abscheulichen Verbrechen ablegten und darauf hingerichtetwurden, waren besondere Schaustellungen, die nicht öfter alseinmal alle Jahre stattfanden.Gewöhnlich verschwanden Menschen, die sich das Mißfallen derPartei zugezogen hatten, ganz einfach, und man hörte nie wiederetwas von ihnen. Man erhielt nie auch nur die leisesteAndeutung, was aus ihnen geworden war. In manchen Fällenwaren sie vielleicht nicht einmal tot. Etwa dreißig Menschen, dieWinston persönlich gekannt hatte, abgesehen von seinen Eltern,waren im Laufe der Zeit auf diese Weise verschwunden.Winston schubberte sich mit einer Heftklammer die Nase. In derNische jenseits des Ganges saß Genosse Tillotson noch immergeheimnistuerisch über seinen Sprechschreiber gebeugt. Er hobeinen Augenblick den Kopf: wieder das feindselige Blitzen der 53
  • 54. Brille. Winston fragte sich, ob Genosse Tillotson mit der gleichenArbeit wie er beschäftigt war. Das war durchaus möglich.Ein so kniffliges Stück Arbeit würde niemals nur einemSachbearbeiter anvertraut werden: es andererseits einemAusschuß vorzulegen, wäre mit dem öffentlichen Eingeständnisgleichbedeutend gewesen, daß eine Fälschung vorgenommenwerden sollte. Sehr wahrscheinlich bemühte sich jetzt ein ganzesDutzend Menschen darum, die beste Abwandlung von dem zufinden, was der Große Bruder in Wirklichkeit gesagt hatte. Undbald darauf würde dann ein Großkopfeter aus der Inneren Parteidiese oder jene Fassung auswählen, sie erneut herausgeben unddas komplizierte Getriebe der notwendig werdendenRichtigstellung auf anderen Gebieten in Gang setzen, worauf dieausgewählte Lüge ins Archiv eingehen und zu Wahrheit werdenwürde.Winston wußte nicht, warum Withers in Ungnade gefallen war.Vielleicht wegen Bestechlichkeit oder wegen Unfähigkeit.Vielleicht wollte sich auch der Große Bruder lediglich eines allzubeliebten Untergebenen entledigen. Vielleicht hatte Withers oderein ihm Nahestehender sich ketzerischer Ansichten verdächtiggemacht. Oder vielleicht – und das war dasAllerwahrscheinlichste – war das Ganze nur geschehen, weilSäuberungsaktionen und Vaporisierungen nun einmal zu dennotwendigen Maßnahmen der Regierungsmaschinerie gehörten.Der einzige Schlüssel lag in den Worten »nennt Unpersonen«,was darauf hinwies, daß Withers bereits tot war. Man konntenicht ein für allemal annehmen, daß dies der Fall war, wennMenschen festgenommen wurden. Manchmal wurden sie wiederentlassen und ein oder zwei Jahre in Freiheit geduldet, ehe siehingerichtet wurden. Ganz unvermutet trat ein Mensch, den manseit langem für tot gehalten hatte, bei einer öffentlichenGerichtsverhandlung wieder in gespenstische Erscheinung, wo erdann Hunderte andere durch seine Zeugenaussage belastete, eheer, diesmal für immer, von der Bildfläche verschwand. 54
  • 55. Withers jedoch war bereits eine Unperson. Er war nichtvorhanden: er war nie vorhanden gewesen. Winston entschied, esgenüge nicht, einfach die Tendenz der Rede des Großen Brudersauf den Kopf zu stellen. Es war besser, man ließ sie von etwashandeln, das überhaupt nichts mit ihrem ursprünglichen Themazu tun hatte.Er konnte die Rede in die übliche Anklage gegen Verräter undGedankenverbrecher verwandeln, aber das war ein bißchen zunaheliegend; andererseits würde es die Registratur zu sehrüberlasten, wenn man einen Sieg an der Front oder einenTriumph der Überproduktion während des neuntenDreijahresplanes erfinden wollte. Das Richtigste war schon einreines Phantasiegebilde. Plötzlich schwebte ihm, fix und fertig,die Phantasiegestalt eines gewissen Genossen Ogilvy vor, der vorkurzem unter heldenhaften Umständen im Kampf gefallen war.Manchmal kam es vor, daß der Große Bruder seinen Tagesbefehldem Gedächtnis eines einfachen, dem Mannschaftsstandangehörenden Parteimitglieds widmete, dessen Leben undSterben er als ein der Nachahmung würdiges Beispiel hinstellte.An diesem 3. Dezember also sollte er des Genossen Ogilvygedenken. Zwar gab es keinen Menschen dieses Namens auf derWelt, aber ein paar gedruckte Zeilen und zwei gefälschtePhotographien würden ihn schnell und ohne große Mühe insLeben rufen.Winston überlegte einen Augenblick, zog dann denSprechschreiber zu sich heran und begann in dem vertrauten Stildes Großen Bruders zu diktieren. Dieser Stil, zugleich militärischund pedantisch, war infolge eines Kniffes, Fragen zu stellen undsie sofort zu beantworten (»Welche Lehre lernen wir daraus,Genossen? Die Lehre, die auch eines der Grundprinzipien vonEngsoz ist, nämlich dass…«), sehr leicht nachzuahmen.Im Alter von drei Jahren hatte Genosse Ogilvy kein anderesSpielzeug als eine Trommel, eine Maschinenpistole und einFlugzeugmodell in die Hand nehmen wollen. Sechsjährig war er– infolge einer besonderen Genehmigung ein Jahr früher, als nach 55
  • 56. den Statuten zulässig – den Spähern beigetreten; mit neun Jahrenwar er Truppführer geworden.Mit elf hatte er seinen Onkel bei der Gedankenpolizei angezeigt,nachdem er eine Unterhaltung belauscht hatte, die ihmverbrecherische Tendenzen zu haben schien. Mit siebzehn war erBezirksleiter der Jugendliiga gegen Sexualität geworden.Mit neunzehn hatte er eine Handgranate erfunden, die vomFriedensministerium übernommen und bei ihrer erstenVersuchsweisen Anwendung mit einem Schlag einunddreißigeurasische Gefangene getötet hatte. Mit dreiundzwanzig war erim Kampf gefallen. Von feindlichen Düsenjägern auf einem Flugmit wichtigen Depeschen über dem Indischen Ozean verfolgt,hatte er den eigenen Leib mit dem Bord-MG beschwert und warsamt den Depeschen aus dem Flugzeug ins Meer gesprungen –ein Tod, sagte der Große Bruder, den man unmöglich ohneNeidgefühle betrachten konnte.Der Große Bruder fügte ein paar Worte über die Lauterkeit undUntadeligkeit von Genosse Ogilvys Leben hinzu. Er war einvollständiger Abstinenzler und Nichtraucher gewesen, hattekeine andere Erholung als eine tägliche Stunde auf demTurnplatz gekannt und das Gelübde abgelegt, unverheiratet zubleiben, da er Ehe- und Familiensorgen für unvereinbar mit dertäglich vierundzwanzigstündigen Pflichterfüllung hielt. Erkannte keinen anderen Gesprächsstoff als die Grundlehren desEngsoz und kein anderes Lebensziel als die Vernichtung deseurasischen Feindes und die Unschädlichmachung von Spionen,Saboteuren, Gedankenverbrechern und aller Arten von Verräternund anderen unsauberen Elementen.Winston schwankte, ob er dem Genossen Ogilvy den Orden fürbesondere Verdienste verleihen sollte. Am Schluß entschied ersich dagegen, wegen der unnötigen Richtigstellungen, die dasmit sich bringen würde.Noch einmal schielte er kurz zu seinem Rivalen in dergegenüberliegenden Nische hinüber. Etwas schien ihm mitGewißheit zu sagen, daß Tillotson mit der gleichen Aufgabe 56
  • 57. beschäftigt war wie er selbst. Man konnte nicht wissen, wessenLösung schließlich angenommen wurde, aber er fühlte eine tiefeÜberzeugung, daß er den Vogel abschießen würde. GenosseOgilvy, vor einer Stunde noch im Schoße des Nicht-Gedachten,war jetzt eine Tatsache. Es fiel ihm ein, daß man seltsamerweiseToten Gestalt geben konnte, nicht aber Lebenden. GenosseOgilvy, der nie in der Gegenwart gelebt hatte, lebte jetzt in derVergangenheit, und wenn erst einmal die Tatsache der Fälschungvergessen war, würde er ebenso authentisch und ebensonachweislich vorhanden sein wie Karl der Große oder JuliusCäsar. Fünftes KapitelIn der tief unter der Erde liegenden, niedrigen Kantine rückte dieSchlange der Mittagsgäste nur langsam voran. Der Raum warbereits gedrängt voll, und es herrschte ein betäubender Lärm.Von dem Herd hinter dem Ausgabetisch stieg der dicke Dampfeines Eintopfgerichts auf, mit einem säuerlich-metallischenGeruch, der die Dünste des Victory-Gins nicht ganz überdeckte.Am Ende des langen Raumes nämlich befand sich eine kleineBar, nur eben eine Nische in der Wand, wo man ein großes GlasGin für zehn Cents kaufen konnte.»Da ist ja der Mann, den ich suche«, sagte eine Stimme hinterWinstons Rücken.Er drehte sich um. Es war sein Freund Syme, der in derForschungsabteilung arbeitete. Vielleicht war »Freund« nichtganz das richtige Wort. Man hatte heutzutage keine Freunde,man hatte Genossen; aber es gab Genossen, deren Gesellschaftangenehmer war als die anderer. Syme warSprachwissenschaftler, ein Spezialist für »Neusprech«. Er gehörte 57
  • 58. zu der riesigen Gruppe von Fachleuten, die jetzt mit derZusammenstellung der elften Ausgabe des Wörterbuchs derNeusprech betraut waren. Er war ein winziges Kerlchen, kleinerals Winston, mit dunklem Haar und großen, hervortretendenAugen, die traurig und spöttisch zugleich dreinblickten und imGespräch das Gesicht des Gegenübers genau zu durchforschenschienen.»Ich wollte dich fragen, ob du vielleicht ein paar Rasierklingenhast«, sagte er.»Nicht eine!« versicherte Winston mit gleichsam schuldbewußterHast. »Ich habe überall welche aufzutreiben versucht. Es gibtkeine mehr.«Beständig wurde man von allen Leuten nach Rasierklingengefragt. In Wirklichkeit hatte Winston noch zwei unbenutztegehortet. Seit Monaten schon herrschte Mangel an diesemArtikel. Alle Augenblicke fehlte es an einem notwendigenGebrauchsartikel, den die Parteiläden nicht liefern konnten.Manchmal waren es Knöpfe, manchmal Stopfwolle, dann wiederSchnürsenkel; zurzeit waren es Rasierklingen. Man konnte sie,wenn überhaupt, nur dadurch bekommen, daß man mehr oderweniger heimlich den »freien« Markt abgraste.»Ich habe seit sechs Wochen die gleiche Klinge benützt«, setzteWinston lügnerisch hinzu.Die Schlange machte einen neuen Ruck vorwärts. Erst als sie zumStehen kam, drehte er sich wieder Syme zu. Jeder von ihnennahm ein fettiges Metalltablett von einem auf der Ecke desAusgabetisches stehenden hochaufgetürmten Stoß.»Hast du gestern zugeschaut, wie die Gefangenen aufgehängtwurden?« fragte Syme.»Ich hatte zu arbeiten«, sagte Winston leichthin. »Ich werde esmir wohl im Kino ansehen.«»Ein sehr ungenügender Ersatz«, meinte Syme und blickteWinston forschend an. Seine spöttischen Augen glitten überWinstons Gesicht. »Ich kenne dich!« schienen die Augen zusagen. 58
  • 59. »Ich sehe durch dich hindurch. Ich weiß sehr wohl, warum dunicht hingegangen bist, um dir das anzusehen.«Auf eine intellektuelle Art und Weise war Syme verbissenorthodox. Er konnte mit einer unangenehm genießerischenBefriedigung von Bombenangriffen auf feindliche Dörfer, vonden Gerichtsverhandlungen und Geständnissen derGedankenverbrecher und den Hinrichtungen in den Kellern desLiebesministeriums sprechen.Wenn man sich mit ihm unterhalten wollte, so mußte man ihnvor allem von diesen Themen ablenken und ihn möglichst in einGespräch über die technischen Eigentümlichkeiten derNeusprech verwickeln, ein Thema, über das er fesselnd und vollSachkenntnis plaudern konnte. Winston drehte den Kopf einwenig zur Seite, um dem forschenden Blick der großen dunklenAugen zu entgehen.»Es war recht interessant, das Hängen«, sagte Syme inErinnerung daran. »Ich finde, es beeinträchtigt die Sache sehr,wenn man ihnen die Füße zusammenbindet. Ich sehe sie gernestrampeln. Und vor allem muß am Schluß die Zungeherausblecken, blau – ganz zart hellblau. Das ist eine Einzelheit,die mir gefällt.«»Der nächste, bitte!« rief der weißbeschürzte Prole mit derSchöpfkelle.Winston und Syme schoben ihre Tabletts über den Ausgabetisch.Jedem wurde mit einem raschen Schwung seine Einheitsmahlzeitzugeteilt: ein Eßgeschirr voll eines rosagrauen Eintopfes, einStück Brot, ein Würfel Käse, ein Becher Victory-Kaffee ohneMilch und eine Sacharin-Tablette.»Dort unter dem Televisor ist ein Tisch frei«, sagte Syme.»Nehmen wir uns im Vorbeigehen einen Gin mit.«Der Gin wurde in henkellosen Porzellanbechern ausgegeben. Siezwängten sich durch den gedrängt vollen Raum und stellten ihreSchüsseln auf die Metallplatte des Tisches, auf dessen einer Eckejemand eine Pfütze von Eintopf hinterlassen hatte, einenschmutzig-nassen Brei, der wie Erbrochenes aussah. Winston hob 59
  • 60. seinen Ginbecher in die Höhe, hielt einen Augenblick inne, umMut zu sammeln, und stürzte das ölig schmeckende Zeughinunter. Nachdem er die Tränen niedergekämpft hatte, die ihmin die Augen gestiegen waren, merkte er plötzlich, daß erhungrig war. Er begann gehäufte Löffel des Eintopf-Gerichtesherunterzuschlingen, in dessen schlüpfriger Masse auch Würfeleines schwammigen, rosafarbenen Zeugs auftauchten, dasvermutlich ein Kunstfleischprodukt war.Keiner der beiden sprach ein Wort, bis sie ihr Eßgeschirr geleerthatten. An dem Tisch links von Winston, ein wenig hinter ihm,sprach jemand rasch und pausenlos – ein unangenehmesGeplapper, das wie das Quaken einer Ente durch das allgemeineGetöse des Raumes drang.»Wie gehts mit dem Wörterbuch vorwärts?« fragte Winston miterhobener Stimme, um den Lärm zu übertönen.»Nur langsam«, sagte Syme. »Ich bin jetzt bei den Adjektiven. Esist sehr interessant.«Bei der Erwähnung des Neusprech war er sofort lebhaftgeworden. Er schob seine Schüssel beiseite, ergriff mit der einenseiner zarten Hände sein Stück Brot und mit der ändern denKäse; dabei beugte er sich über den Tisch, um nicht schreien zumüssen.»Die Elfte Ausgabe ist die endgültige Fassung«, erklärte er. »Wirgeben dem Neusprech seinen letzten Schliff – wir geben ihm dieForm, die es haben wird, wenn niemand mehr anders spricht.Wenn wir damit fertig sind, werden Leute wie du die Spracheganz von neuem erlernen müssen. Du nimmst wahrscheinlich an,neue Worte zu erfinden. Ganz im Gegenteil! Wir merzen jedenTag Worte aus – massenhaft, zu Hunderten. Wir vereinfachen dieSprache auf ihr nacktes Gerüst. Die Elfte Ausgabe wird keineinziges Wort mehr enthalten, das vor dem Jahr 2050 entbehrlichwird.«Er biss hungrig in sein Brot, und nachdem er zwei Bissengeschluckt hatte, fuhr er mit pedantischer Leidenschaft zusprechen fort. Sein mageres, dunkles Gesicht hatte sich belebt, 60
  • 61. seine Augen hatten ihren spöttischen Ausdruck verloren undwaren fast träumerisch geworden.»Es ist eine herrliche Sache, dieses Ausmerzen von Wörtern.Natürlich besteht der große Leerlauf hauptsächlich bei den Zeit-und Eigenschaftswörtern, aber es gibt auch Hunderte vonHauptwörtern, die ebenso gut abgeschafft werden können. Eshandelt sich nicht nur um die sinnverwandten Worte, sondernauch um Worte, die den jeweils entgegengesetzten Begriffwiedergeben.Welche Berechtigung besteht schließlich für ein Wort, das nichtsweiter als das Gegenteil eines anderen Wortes ist? Jedes Wortenthält seinen Gegensatz in sich. Zum Beispiel ›gut‹: Wenn du einWort wie ›gut‹ hast, wozu brauchst du dann noch ein Wort wie›schlecht‹?›Ungut‹ erfüllt den Zweck genauso gut, ja sogar noch besser,denn es ist das haargenaue Gegenteil des anderen, was man bei›schlecht‹ nicht wissen kann. Wenn du wiederum eine stärkereAbart von ›gut‹ willst, worin besteht der Sinn einer ganzen Reihevon undeutlichen, unnötigen Worten wie ›vorzüglich‹,›hervorragend‹ oder wie sie alle heißen mögen? ›Plusgut‹ drücktdas Gewünschte aus; oder ›doppelplusgut‹, wenn du etwas nochStärkeres haben willst. Freilich verwenden wir diese Formenbereits, aber in der endgültigen Neusprech gibt es einfach nichtsanderes.Zum Schluss wird die ganze Begriffswelt von Gut und Schlechtnur durch sechs Worte – letzten Endes durch ein einziges Wort –gedeckt werden. Siehst du die Schönheit, die darin liegt,Winston? Es war natürlich ursprünglich eine Idee vom G. B.«,fügte Syme hinzu.Ein mattes Aufleuchten huschte bei der Erwähnung des GroßenBruders über Winstons Gesicht. Trotzdem stellte Syme soforteinen Mangel an Begeisterung fest.»Du weißt Neusprech nicht wirklich zu schätzen, Winston«, sagteer beinahe traurig. »Selbst wenn du in ihr schreibst, denkst dunoch immer in der Altsprache. Ich habe ein paar von den 61
  • 62. Artikeln gelesen, die du gelegentlich in der Times schreibst. Siesind recht gut, aber es sind doch nur Übertragungen. Dein Herzhängt noch an der Altsprache, mit allen ihren Unklarheiten undunnützen Gedankenschattierungen. Dir geht die Schönheit derWortvereinfachung nicht auf. Weißt du auch, dass Neusprech dieeinzige Sprache der Welt ist, deren Wortschatz von Jahr zu Jahrkleiner wird?«Nein, Winston wußte das nicht. Er lächelte, wie er hoffte, miteinem anerkennenden Ausdruck, ohne daß er zu sprechen wagte.Syme biß wieder ein Stück Schwarzbrot ab, kaute kurz und fuhrdann fort: »Siehst du denn nicht, daß Neusprech kein anderesZiel hat, als die Reichweite des Gedankens zu verkürzen?Zum Schluß werden wir Gedankenverbrechen buchstäblichunmöglich gemacht haben, da es keine Worte mehr gibt, in denenman sie ausdrücken könnte. Jeder Begriff, der jemals benötigtwerden könnte, wird in einem einzigen Wort ausdrückbar sein,wobei seine Bedeutung streng festgelegt ist und alle seineNebenbedeutungen ausgetilgt und vergessen sind. Schon heute,in der Elften Ausgabe, sind wir nicht mehr weit von diesemPunkt entfernt.Aber der Prozeß wird immer weitergehen, lange nachdem wirbeide tot sind. Mit jedem Jahr wird es weniger und immerweniger Worte geben, wird die Reichweite des Bewußtseinsimmer kleiner und kleiner werden. Auch heute besteht natürlichkein Entschuldigungsgrund für das Begehen einesGedankenverbrechens. Es ist lediglich eine Frage der Selbstzucht,der Wirklichkeitskontrolle.Aber schließlich wird auch das nicht mehr nötig sein. DieRevolution ist vollzogen, wenn die Sprache geschaffen ist.Neusprech ist Engsoz, und Engsoz ist Neusprech!«, fügte er miteiner Art geheimnisvoller Befriedigung hinzu. »Hast du schoneinmal bedacht, Winston, daß um das Jahr 2050 kein Menschmehr am Leben sein wird, der ein solches Gespräch, wie wir eseben führen, überhaupt verstehen könnte?« 62
  • 63. »Außer…«, wollte Winston einwenden, aber er brach ab. Es lagihm auf der Zunge zu sagen: »Außer den Proles«, aber er hieltsich zurück, da er nicht ganz sicher war, ob eine solcheBemerkung nicht in gewisser Weise unorthodox gewesen wäre.Syme hatte jedoch erraten, was er sagen wollte.»Die Proles sind keine Menschen!«, sagte er beiläufig. »Mit demJahr 2050 – aber vermutlich schon früher – wird jede wirklicheKenntnis der Altsprache verschwunden sein. Die gesamteLiteratur der Vergangenheit wird vernichtet worden sein – unddamit auch die alte Kultur dieses Landes.Chaucer, Shakespeare, Milton, Byron werden nur noch inNeusprech-Fassungen vorhanden sein, und damit nicht einfachumgewandelt, sondern zu dem Gegenteil von dem verkehrt, wassie waren. Selbst die Parteiliteratur wird eine Wandlung erfahren.Sogar die Leitsätze werden anders lauten. Wie könnte einLeitsatz wie ›Freiheit ist Sklaverei‹ bestehen bleiben, wenn derBegriff Freiheit aufgehoben ist? Das ganze Reich des Denkenswird anders sein. Es wird überhaupt kein Denken mehr geben –wenigstens was wir heute darunter verstehen. Strenggläubigkeitbedeutet: nicht mehr denken – nicht mehr zu denken brauchen.Strenggläubigkeit ist Unkenntnis.«Eines Tages, dachte Winston plötzlich aus innersterÜberzeugung, wird Syme vaporisiert werden. Er ist zu gescheit.Er sieht zu klar und spricht zu offen. Die Partei sieht solcheMenschen nicht gerne. Eines schönen Tages wird erverschwinden. Es steht in seinem Gesicht geschrieben.Winston war fertig mit seinem Brot und seinem Käse. Er drehtesich auf seinem Stuhl ein wenig zur Seite, um seinen BecherKaffee zu trinken. Am Tisch links von ihm sprach der Mann mitder kreischenden Stimme noch immer unbarmherzig weiter.Eine junge Frau, vielleicht seine Sekretärin, die mit dem Rückenzu Winston dasaß, hörte ihm zu und schien allem, was er sagte,eifrig beizustimmen. 63
  • 64. Von Zeit zu Zeit fing Winston Bemerkungen auf wie »Ich glaube,Sie haben vollkommen recht, ich bin ganz Ihrer Meinung«, dieeine jugendliche und ziemlich törichte Frauenstimme vorbrachte.Aber die andere Stimme schwieg keinen Augenblick still, auchnicht, wenn das Mädchen einmal sprach. Winston kannte denMann vom Sehen, doch wußte er nicht mehr von ihm, als daß ereinen wichtigen Posten in der Literaturabteilung bekleidete. Erwar ein Mann von etwa dreißig Jahren, mit einem muskulösenHals und einem großen, beweglichen Mund.Sein Kopf war ein wenig zurückgebeugt, und infolge desWinkels, in dem er dasaß, fingen seine Brillengläser das Licht aufund zeigten Winston zwei blanke Scheiben statt der Augen. Dasetwas Gespenstische an der Sache war, daß es fast unmöglichwar, ein einziges Wort des aus seinem Munde hervorbrechendenRedeschwalls zu verstehen. Nur einmal fing Winston einenGesprächsfetzen auf: »…vollständige und endgültige Ausrottungdes Goldsteinismus…« – sehr rasch und gleichsam in einemStück, wie eine fertiggegossene Druckzeile, hervorgestoßen.Der Rest war nur ein Geräusch, quak-quak-quak. Und dochkonnte man, auch ohne zu verstehen, was der Mann sagte, sichüber den Grundton nicht im Zweifel sein. Mochte er nunGoldstein beschuldigen und strengere Maßnahmen gegenGedankenverbrecher und Saboteure fordern, mochte er gegen dieGrausamkeiten der eurasischen Streitkräfte wettern, mochte erden Großen Bruder oder die Helden an der Malabar-Frontlobpreisen – es blieb sich alles gleich.Man konnte sicher sein, was immer er sagte, daß jedes seinerWorte streng orthodox, reinster Engsoz war. Während Winstondas augenlose Gesicht betrachtete, dessen Unterkiefer schnellauf- und zuklappte, hatte er ein merkwürdiges Gefühl, daß dieskein richtiger Mensch, sondern eine Art Puppe war. Hier sprachnicht das Gehirn eines Menschen, sondern sein Kehlkopf. Wasdabei herauskam, bestand zwar aus Worten, aber es war keinemenschliche Sprache im echten Sinne; es war ein unbewußt 64
  • 65. hervorgestoßenes, völlig automatisches Geräusch, wie dasQuaken einer Ente.Syme war einen Augenblick verstummt und zeichnete mit demStiel seines Löffels ein Muster in die Eintopf-Reste. Die Stimmeam Nebentisch quakte pausenlos weiter, gut hörbar trotz desgroßen Getöses ringsum.»Es gibt ein Wort im Neusprech«, sagte Syme, »ich weiß nicht, obdu es kennst: Entenquak. Es ist eines von den interessantestenWörtern, die zwei gegensätzliche Bedeutungen haben. EinemGegner gegenüber angewandt, ist es eine Beschimpfung;gebraucht man es von jemandem, mit dem man einer Meinungist, dann ist es ein Lob.«Fraglos wird Syme vaporisiert werden, dachte Winston vonneuem. Er dachte es mit einem gewissen Bedauern, obwohl ergenau wußte, daß Syme ihn verachtete und keineswegsbesonders mochte, ja, daß er durchaus imstande war, ihn beimgeringsten Anlaß als Gedankenverbrecher zu denunzieren.Etwas an Syme stimmte nicht ganz. Ihm fehlte etwas: Takt,Zurückhaltung, ein rettendes Quentchen Dummheit. Man konnteihn nicht als unorthodox bezeichnen. Er glaubte an dieGrundsätze des Engsoz, verehrte den Großen Bruder, jubelteüber Siege, hasste politisch Unkorrekte nicht nur eifrig undunermüdlich aus Überzeugung, sondern wohlinformiert, miteinem Scharfblick, wie ihn ein gewöhnliches Parteimitglied sonstnicht besaß. Dennoch hatte er immer etwas Anrüchiges.Er sagte Dinge, die besser ungesagt blieben, er hatte zu vieleBücher gelesen und war ein Stammgast im Café»Kastanienbaum«, dem Treffpunkt der Maler und Musiker. Esgab kein Gesetz, nicht einmal ein ungeschriebenes, das denBesuch dieses Cafés untersagte, und trotzdem war dieses Lokaleinigermaßen übel beleumundet.Die alten, in Mißkredit geratenen Parteiführer hatten dortverkehrt, ehe sie schließlich liquidiert worden waren. Goldsteinselbst, erzählte man sich, war dort vor Jahren oder Jahrzehntenmanchmal gesehen worden. Symes Schicksal war unschwer 65
  • 66. vorauszusehen. Und doch war kein Zweifel, daß Syme, wenn er –und sei es auch nur für die Dauer von drei Sekunden – die wahreNatur von Winstons geheimen Absichten erkannt hätte, ihnsofort an die Gedankenpolizei verraten würde. Freilich hätte dasauch jeder andere getan; aber Syme mit größerer Bestimmtheit alsdie meisten. Eifer allein genügte noch nicht. Der strenge Glaubehandelte unbewusst.Syme blickte auf. »Da kommt Parsons«, sagte er und stützte seineEllbogen auf die metallische Tischplatte. Etwas im Ton seinerStimme schien hinzuzufügen: »Dieser blöde Kerl.«Tatsächlich bahnte sich Parsons, Winstons Wohnungsnachbar imVictory-Block, seinen Weg durch den Raum – ein dickbäuchiger,mittelgroßer Mann mit blondem Haar und einem froschartigenGesicht.Mit fünfunddreißig Jahren setzte er bereits am Nacken und anden Hüften Fettpolster an, seine Bewegungen waren jedochtemperamentvoll und jungenhaft. Seine ganze Erscheinung wardie eines hochaufgeschossenen Knaben, so sehr, daß man sich ihn– obwohl er den vorschriftsmäßigen Trainingsanzug trug –schwerlich anders als in den kurzen blauen Hosen, dem grauenHemd und dem roten Halstuch der Späher vorstellen konnte.Wenn man sich im Geiste sein Bild vor Augen hielt, sah manimmer nackte Knie und rundliche Unterarme mitaufgekrempelten Hemdärmeln. Parsons kehrte auchunweigerlich zu kurzen Hosen zurück, sobald ihm eineGemeinschaftswanderung oder eine sonstige Form vonLeibesübungen den geringsten Anlaß dafür bot.Er begrüßte die beiden mit einem munteren »Hallo, hallo!« undsetzte sich an den Tisch, wobei ein intensiver Schweißgeruch vonihm ausströmte.Auf seinem ganzen rosaroten Gesicht standen Schweißtropfen.Seine Fähigkeit zu schwitzen war unbegrenzt. ImGemeinschaftshaus konnte man immer an der Feuchtigkeit desSchlägergriffs feststellen, ob er vor einem Tischtennis gespielthatte. Syme hatte ein Blatt Papier hervorgezogen, auf dem eine 66
  • 67. lange Reihe Worte standen, und studierte sie aufmerksam, wobeier einen Tintenbleistift zur Hand nahm.»Schauen Sie nur, wie er während der Mittagspause arbeitet«,sagte Parsons und gab Winston einen Rippenstoß. »Das nenne ichEifer! Was haben Sie denn da, alter Junge? Vermutlich etwas, dasein bißchen über meinen Horizont hinausgeht. Smith, alter Junge,jetzt muß ich Ihnen sagen, warum ich hinter Ihnen her bin. Es istwegen des Beitrags, den Sie mir noch nicht gestiftet haben.«»Um welchen Beitrag handelt es sich?« fragte Winston undtastete automatisch nach Geld. Ungefähr ein Viertel seinesGehaltes mußte man für freiwillige Beiträge zeichnen, die sozahlreich waren, daß man sie kaum auseinanderhalten konnte.»Für die Hass-Woche. Sie wissen ja, die Haussammlung. Ich binVertrauensmann für unseren Block. Die ganze Stadt soll imFestschmuck prangen – es wird eine Riesensache werden. Ichkann Ihnen sagen, es wird bestimmt nicht meine Schuld gewesensein, wenn der gute alte Victory-Block nicht den reichstenFahnenschmuck in der ganzen Straße aufzuweisen hat. Sie habenmir zwei Dollar versprochen.«Winston fischte zwei fettig-schmutzige Scheine aus der Tascheund überreichte sie Parsons, der den Betrag mit der sauberenHandschrift des Ungebildeten in ein kleines Notizbuch eintrug.»Bei der Gelegenheit, alter Junge«, meinte er, »wie ich höre, hatmein kleiner Lauselümmel gestern mit seinem Katapult nachIhnen geschossen. Ich habe ihm eine tüchtige Abreibung dafürerteilt. Ich sagte ihm, ich würde ihm das Ding wegnehmen, wenner es noch einmal tut.«»Er war wohl ein wenig verstimmt, weil er nicht zu derHinrichtung gehen durfte«, sagte Winston.»Ei nun – das zeigt den richtigen Geist, finden Sie nicht auch?Mutwillige kleine Lausejungen sind sie, alle beide, aber an Eifermangelt es bei ihnen wahrhaftig nicht! Sie haben nichts anderesim Kopf als die Späher – und den Krieg natürlich. Wissen Sie,was mein kleines Mädel letzten Samstag getan hat, als ihrFähnlein einen Gemeinschaftsausflug nach Berkhamsted machte? 67
  • 68. Sie stahl sich mit zwei anderen Mädchen aus der Reihe undheftete sich den ganzen Nachmittag an die Fersen einesmerkwürdig aussehenden Mannes. Sie folgten ihm zwei Stundenlang, mitten durch den Wald, und als sie nach Amersham kamen,übergaben sie ihn der Polizeistreife.«»Warum haben sie das getan?« fragte Winston ein wenigverblüfft.Parsons fuhr triumphierend fort: »Mein Sprößling hatte erkannt,daß er irgendwie so eine Art Feindagent war – er konnte zumBeispiel mit dem Fallschirm abgesetzt worden sein. Aber nunkommt der springende Punkt, alter Junge.Was glauben Sie, was ihr zuerst an ihm aufgefallen ist? Siemerkte, daß er eine merkwürdige Sorte Schuhe anhatte. Sie sagte,sie habe noch nie zuvor jemanden solche Schuhe tragen sehen.Daher bestand die Wahrscheinlichkeit, daß es sich um einenfeindlichen Spitzel handelte. Allerhand Köpfchen für einensiebenjährigen Dreikäsehoch, was?«»Was wurde aus dem Mann?« fragte Winston.»Ach, das kann ich Ihnen natürlich nicht sagen. Aber ich wäredurchaus nicht verwundert, wenn…« Parsons machte dieBewegung des Gewehranlegens und deutete mit einemZungenschnalzen den Schuß an.»Gut!« sagte Syme zerstreut, ohne von seinem Papieraufzublicken.»Natürlich können wir uns kein Risiko leisten«, stimmte Winstonpflichtschuldig bei.»Schließlich haben wir nun einmal Krieg«, meinte Parsons.Wie zur Bestätigung seiner Worte erscholl ein Fanfarenstoß ausdem gerade über ihren Köpfen angebrachten Televisor. Diesmalwar es jedoch nicht die Verkündigung eines militärischen Sieges,sondern lediglich eine Meldung des Ministeriums für Überfluß.»Genossen!« rief eine eifrige jugendliche Stimme. »Achtung,Genossen! Wir haben herrliche Nachrichten für euch! Wir habendie Erzeugungsschlacht gewonnen! Die jetzt abgeschlossenenamtlichen Berichte über die Produktion aller Kategorien von 68
  • 69. Gebrauchsgütern zeigen, daß der Lebensstandard im Vergleichzum vergangenen Jahr sich um nicht weniger als zwanzigProzent erhöht hat. In ganz Ozeanien fanden heute morgenspontane Demonstrationen statt, bei denen die Arbeiter aus denFabriken und Büros herausmarschierten und mit Fahnen durchdie Straßen zogen, um dem Großen Bruder ihre Dankbarkeit fürdas neue, glückliche Leben zum Ausdruck zu bringen, mit demuns seine weise Führung beschenkt hat. Hier folgen einige derendgültigen Zahlen: Lebensmittel…«Der Satz »unser neues, glückliches Leben« kehrte mehrmalswieder. Es war in letzter Zeit ein Lieblingsausdruck desMinisteriums für Überfluß geworden. Parsons, dessenAufmerksamkeit durch den Fanfarenstoß geweckt worden war,saß in einem Zustand von gähnendem Ernst und belehrterLangeweile da. Er vermochte den Zahlen nicht zu folgen, warsich aber bewußt, daß sie irgendwie einen Grund zurBefriedigung boten. Er hatte eine große, verschmutzte Pfeifehervorgeholt, die bereits bis zur Hälfte mit verkohltem Tabakangefüllt war.Mit der Tabakration von hundert Gramm in der Woche konnteman seine Pfeife selten bis zum Rand füllen. Winston rauchteeine Victory-Zigarette, die er sorgfältig waagrecht hielt. Die neueZuteilung wurde erst morgen fällig, und er hatte nur noch vierZigaretten übrig. Für den Augenblick hatte er seine Ohren denentfernteren Geräuschen verschlossen und lauschte demRedeschwall, der aus dem Televisor drang. Es stellte sich heraus,daß sogar Demonstrationen stattgefunden hatten, um demGroßen Bruder für die Erhöhung der Schokoladeration aufzwanzig Gramm in der Woche zu danken.Dabei war erst gestern, so überlegte Winston, bekanntgegebenworden, daß die Ration auf zwanzig Gramm die Wocheherabgesetzt würde. War es möglich, daß die Leute das nach nurvierundzwanzig Stunden schlucken würden? Ja, sie schlucktenes. Parsons schluckte es mühelos, mit der Dummheit eines Tieres.Das augenlose Geschöpf am Nebentisch schluckte es fanatisch, 69
  • 70. leidenschaftlich, mit der blindwütigen Sucht, jeden ausfindig zumachen, zu denunzieren und zu vaporisieren, der behauptenwollte, vergangene Woche habe die Ration dreißig Grammbetragen.Auch Syme schluckte es – allerdings auf eine komplizierte Art,bei der das Doppeldenk hineinspielte. Stand er demnach alleinda, war er der einzige, der ein Gedächtnis hatte?Immer noch tönten die frei erfundenen Statistiken aus demTelevisor. Im Vergleich zum vergangenen Jahr gab es mehr zuessen, mehr Kleidung, mehr Häuser, mehr Möbel, mehrKochtöpfe, mehr Heizmaterial, mehr Schiffe, mehr Flugzeuge,mehr Bücher, mehr Neugeborene – mehr von allem außerKrankheit, Verbrechen und Wahnsinn.Jahr um Jahr, von einer Minute zur anderen erlebte alles einenrasenden Aufstieg. Wie vorher Syme, hatte Winston jetzt seinenLöffel ergriffen und manschte in den farblosen Speiseresten aufdem Tisch herum, wobei er einen langen Streifen zu einemMuster auszog. Voll Ingrimm dachte er über die physischeBeschaffenheit des Lebens nach. War es schon immer sogewesen? Hatte das Essen immer so geschmeckt?Er blickte sich in der Kantine um. Ein niedriger, gedrängt vollerRaum, dessen Wände durch die Berührung unzähliger Leiberschmutzig geworden waren. Verbeulte Metalltische und Stühle,so eng zusammengerückt, daß man sich im Sitzen mit denEllenbogen berührte. Verbogene Gabeln, am Rand abgestoßenesGeschirr, grobe weiße Becher, auf allen Flächen fettglänzend,Schmutz in jedem Sprung. Und ein säuerlicher Geruch überallem, zusammengesetzt aus schlechtem Gin, minderwertigemKaffee, leicht metallisch schmeckendem Eintopf und unsauberenKleidern.Immer regte sich im Magen und auf der Haut ein Protest – dasGefühl, um etwas betrogen worden zu sein, worauf man einAnrecht hatte. Zwar hatte er keine Erinnerung an etwaswesentlich anderes. Soweit er sich genau zurückzuerinnernvermochte, hatte es nie wirklich genug zu essen gegeben, hatte 70
  • 71. man nie Socken oder Unterhosen besessen, die nicht voll Löcherwaren, war das Mobiliar immer schadhaft und wackeliggewesen, waren die Zimmer ungenügend geheizt, dieUntergrundbahn überfüllt, die Häuser verfallen, das Brot dunkel,der Tee eine Rarität, der Kaffee schauderhaft, die Zigaretten zuwenig gewesen. Nichts war billig oder reichlich vorhandengewesen außer dem synthetischen Gin.Und obwohl man das alles mit dem Älterwerden natürlichschlimmer empfand, war es nicht ein Zeichen, daß dies nicht dienatürliche Ordnung der Dinge sein konnte, wenn einem stets dasHerz weh tat bei der Unbehaglichkeit, dem Schmutz und demMangel, den endlosen Wintern, den verfilzten Socken, den niefunktionierenden Fahrstühlen, dem kalten Wasser, der sandigenSeife, den zerbröckelnden Zigaretten, den künstlichenNahrungsmitteln mit ihrem chemischen Geschmack?Warum empfand man das als so unerträglich, wenn man nichteine altererbte Erinnerung in sich trug, daß die Dinge einmalganz anders gewesen waren?Er sah sich noch einmal in der Kantine um. Fast jeder einzelnewar häßlich, und wäre auch häßlich gewesen, wenn er etwasanderes als den gleichförmigen blauen Trainingsanzug getragenhätte. Am anderen Ende des Raumes saß allein an einem Tischein kleiner, einem Käfer merkwürdig ähnlicher Mann und trankseine Tasse Kaffee, wobei seine Äuglein argwöhnische Blicke voneiner Seite zur anderen warfen.Winston betrachtete die ihn umgebenden Gestalten. DieMehrzahl der Menschen im Luftflottenstützpunkt Nr. 1, war,soweit er es beurteilen konnte, klein, dunkel und häßlich. Es warmerkwürdig, wie dieser käferartige Typ in den MinisterienÜberhand nahm: kleine, rundköpfige, untersetzte Menschen, dieschon in jungen Jahren korpulent wurden, mit kurzen Beinen,raschen zappeligen Bewegungen und gedunsenenundurchdringlichen Gesichtern mit sehr kleinen Augen. DieserTyp schien unter der Herrschaft der Partei am besten zugedeihen. 71
  • 72. Die Meldung des Ministeriums für Überfluß endete mit einemerneuten Fanfarenstoß und wurde durch Blechmusik abgelöst.Parsons, durch das Zahlenbombardement zu vager Begeisterungaufgerüttelt, nahm seine Pfeife aus dem Mund.»Das Ministerium für Überfluß hat dieses Jahr wahrhaftig Großesgeleistet«, sagte er mit einem wissenden Kopfnicken. »Bei derGelegenheit, Smith, alter Junge, Sie haben nicht zufällig ein paarRasierklingen, die Sie mir ablassen könnten?«»Nicht eine«, sagte Winston. »Ich benütze selber seit sechsWochen dieselbe Klinge.«»Ach so – ich dachte nur, ich wollte Sie mal fragen, alter Junge.«»Tut mir leid«, sagte Winston.Die quakende Stimme vom Nebentisch, die während derMeldung des Ministeriums vorübergehend zum Schweigengebracht worden war, hatte wieder mit voller Lautstärkeloszulegen begonnen. Aus irgendeinem Grunde mußte Winstonplötzlich an Frau Parsons mit ihrem Wuschelhaar und dem Staubin ihren Kummerfalten denken. In zwei Jahren würden ihreKinder sie bei der Gedankenpolizei denunzieren. Frau Parsonswürde vaporisiert werden. Syme würde vaporisiert werden.Winston würde vaporisiert werden. OBrien würde vaporisiertwerden. Parsons dagegen würde nie vaporisiert werden.Das augenlose Wesen mit der quakenden Stimme würde nievaporisiert werden. Die kleinen käferartigen Menschen, die sonichtssagend durch die labyrinthischen Gänge der Ministerienhuschten – auch sie würden nie vaporisiert werden. Und dasMädchen mit dem dunklen Haar, das Mädchen aus derLiteraturabteilung – auch sie würde niemals vaporisiert werden.Es schien ihm, als wisse er instinktiv, wer mit dem Lebendavonkommen und wer vernichtet werden würde: wenn manauch nicht ohne weiteres sagen konnte, welcher Faktor eigentlichdas Überleben entschied.In diesem Augenblick schrak er heftig aus seiner Träumerei auf.Das Mädchen am Nebentisch hatte sich halb umgedreht und ihnangeblickt. Es war das Mädchen mit dem dunklen Haar. Sie sah 72
  • 73. ihn mit einem verstohlenen Seitenblick, aber mit merkwürdigerEindringlichkeit an. In dem Moment, in dem ihre Augen sichbegegneten, wandte sie sich wieder ab.Winston brach der Schweiß aus allen Poren. Ein furchtbarerSchreck durchzuckte ihn. Zwar ließ er fast sofort nach, aber esblieb eine nagende Ungewißheit zurück. Warum beobachtete sieihn? Warum verfolgte sie ihn dauernd? Unglücklicherweisekonnte er sich nicht entsinnen, ob sie bereits bei seinem Kommenan diesem Tisch gesessen hatte oder erst nachher erschienen war.Auf alle Fälle hatte sie sich gestern, während der Zwei-Minuten-Hass-Sendung, unmittelbar hinter ihn gesetzt, obwohl dazu keinezwingende Notwendigkeit bestand. Sehr wahrscheinlich hatte siein Wirklichkeit die Absicht gehabt, ganz genau hinzuhören undsich davon zu überzeugen, ob er auch laut genug in dasBeifallsgeschrei einstimmte.Sein erster Gedanke kam ihm wieder: vermutlich war sie nichtwirklich ein Mitglied der Gedankenpolizei, andererseits stellteneben gerade die Amateurspitzel die größte Gefahr von allen dar.Er wußte nicht, wie lange sie ihn schon angesehen hatte,vielleicht immerhin fünf Minuten, und es war möglich, daß ersein Gesicht nicht völlig in der Gewalt gehabt hatte. Es warschrecklich gefährlich, seine Gedanken schweifen zu lassen,wenn man bei einer öffentlichen Veranstaltung oder inReichweite eines Televisors war.Die geringste Kleinigkeit konnte einen verraten. Ein nervösesZusammenzucken, ein unbewußter Angstblick, die Gewohnheit,vor sich hinzumurmeln – alles, was den Verdacht desUngewöhnlichen erwecken konnte, oder daß man etwas zuverbergen habe. Einen unpassenden Ausdruck im Gesicht zuzeigen (zum Beispiel ungläubig dreinzuschauen, wenn ein Siegverkündet wurde), war jedenfalls schon an sich ein strafbaresVergehen. Es gab sogar ein Neusprechwort dafür:Gesichtsverbrechen.Das Mädchen hatte ihm wieder den Rücken zugewandt.Vielleicht verfolgte sie ihn nicht wirklich, oder es war nur ein 73
  • 74. Zufall, daß sie zwei Tage hintereinander so nahe von ihmgesessen hatte. Seine Zigarette war ausgegangen, und er legte sievorsichtig auf den Tischrand. Er würde sie nach der Arbeit fertigrauchen, wenn inzwischen nicht der Tabak herausgefallen war.Sehr wahrscheinlich war die Person am Nebentisch ein Spitzelder Gedankenpolizei, und sehr wahrscheinlich war er in dreiTagen in den Krallen des Liebesministeriums – aber einenZigarettenstummel durfte man nicht vergeuden! Syme hatte seinBlatt Papier zusammengefaltet und in die Tasche gesteckt.Parsons hatte wieder zu schwatzen angefangen.»Habe ich Ihnen eigentlich erzählt, alter Junge«, sagte erkichernd, das Pfeifenmundstück zwischen den Zähnen, »wiemeine beiden Sprößlinge den Rock der alten Marktfrau in Brandgesteckt haben, weil sie gesehen hatten, wie sie Würste in einPlakat mit dem Bild vom G. B. einwickelte?Schlichen sich von hinten an sie heran und legten mitZündhölzern Feuer an. Haben sie recht bös verbrannt, nehm ichan. Kleine Lauser, was? Aber scharf wie Schießhunde!Heute bekommen sie bei den Spähern eine erstklassigeVorschulung – sogar noch besser als zu meiner Zeit. Was glaubenSie, womit sie neuerdings die Kinder ausgerüstet haben?Hörrohre, um damit durch Schlüssellöcher zu lauschen! MeineKleine brachte gestern Abend eins mit nach Hause. Sie probiertees an unserer Wohnzimmertür aus und stellte fest, daß siedoppelt so gut damit hören konnte, als wenn sie einfach das Ohrans Schlüsselloch legte. Natürlich ist es nur ein Spielzeug,verstehen Sie mich recht. Aber jedenfalls lenkt es ihre Gedankenauf die richtige Fährte, nicht wahr?«In diesem Augenblick kam aus dem Televisor ein schrillesPfeifen. Es war das Zeichen, wieder an die Arbeit zu gehen. Alledrei Männer sprangen auf, um sich in das Gewühl vor denFahrstühlen zu stürzen, und aus Winstons Zigarette fiel derrestliche Tabak heraus. 74
  • 75. Sechstes KapitelWinston lehnte sich zurück und starrte gegen die Decke. Dannergriff er den Federhalter und schrieb in sein Tagebuch: „Es warvor drei Jahren. An einem dunklen Abend, in einer engenSeitenstraße in der Nähe eines der großen Bahnhöfe. Sie standunweit von einem Torweg unter einer Straßenlaterne, die nurspärliches Licht gab. Sie hatte ein junges, sehr stark geschminktesGesicht. Eigentlich war es die Gesichtsbemalung mit ihrermaskenhaften Weiße, was mich anzog, und die brennend rotenLippen. Die Frauen von der Partei schminken sich nie. Es warniemand sonst auf der Straße, und kein Televisor. Sie sagte zweiDollar. Ich…“Es war im Augenblick zu schwierig weiter zuschreiben. Er preßtedie Finger auf die geschlossenen Augen und versuchte, das Bildwieder heraufzubeschwören, das ihm in seiner Erinnerungvorschwebte. Er verspürte ein fast unüberwindliches Verlangen,mit vollem Stimmaufwand einen Schwall unflätiger Wortehinauszuschreien. Oder mit dem Kopf gegen die Wand zurennen, den Tisch umzuwerfen und das Tintenfaß aus demFenster zu schleudern – irgendetwas Gewaltsames, Lautes oderSchmerzhaftes zu tun, um die quälende Erinnerungauszulöschen.Der schlimmste Feind, mit dem man es zu tun hatte, überlegte er,waren die eigenen Nerven. Jeden Augenblick konnte die innereSpannung sich in einem äußeren Symptom verraten. Ihm fiel einMann ein, an dem er vor ein paar Wochen auf der Straßevorbeigegangen war: ein ganz alltäglich aussehender Mann, einParteimitglied von fünfunddreißig oder vierzig Jahren, ziemlichgroß und mager, eine Aktentasche unterm Arm. Sie waren einpaar Meter voneinander entfernt gewesen, als die linkeGesichtshälfte des Mannes plötzlich in krampfhafte Zuckungengeriet. Das gleiche hatte sich noch einmal gerade in dem 75
  • 76. Augenblick wiederholt, als sie aneinander vorbeigekommenwaren: es war nur ein kurzes Zittern, ein Zucken, so schnell wiedas Klicken eines Fotoapparats, aber offenbar chronisch. Ererinnerte sich, daß er damals gedacht hatte: Der arme Teufel istgeliefert! Und das Erschreckende daran war, daß es sichhöchstwahrscheinlich um einen unbewußten Vorgang handelte.Die allergrößte Gefahr war, im Schlaf zu sprechen. Soviel erwußte, gab es keine Möglichkeit, sich dagegen irgendwie zuschützen.Er schöpfte Atem und fuhr fort zu schreiben: „Ich ging mit ihrdurch den Torweg und über einen Hinterhof in eine imErdgeschoß gelegene Küche. An der Wand stand ein Bett und aufdem Tisch eine sehr tief herabgeschraubte Lampe. Sie…“Er war nervös. Er hätte am liebsten ausspucken mögen. Zugleichmit der Frau in der Küche dachte er an Katherine, seine Frau.Winston war verheiratet – oder jedenfalls verheiratet gewesen;vermutlich war er es noch, denn soviel ihm bekannt war, warseine Frau nicht gestorben. Ihm kam es vor, als atme er wiederden warmen, stickigen Geruch in der ebenerdigen Küche, einenGeruch aus Ungeziefer, schmutziger Wäsche und miserablembilligen Parfüm, aber dennoch verlockend, denn keine Frau vonder Partei benützte jemals Parfüm, auch hätte man sich dasüberhaupt nicht vorstellen können. Nur die Proles benütztenParfüm. In seiner Vorstellung war dieser Geruch untrennbar mitUnzucht verbunden.Als er mit dieser Frau gegangen war, hatte das seinen erstenFehltritt seit ungefähr zwei Jahren bedeutet. Der Umgang mitProstituierten war natürlich verboten, aber es war eine derVorschriften, die man gelegentlich zu übertreten wagen konnte.Es war gefährlich, aber es war keine Angelegenheit auf Lebenund Tod. Mit einer Prostituierten erwischt zu werden, konnte biszu fünf Jahren Zwangsarbeitslager bedeuten; aber nicht mehr,wenn man keinen weiteren Verstoß begangen hatte. Und das warrecht einfach, wenn man nur vermeiden konnte, in flagrantiertappt zu werden. In den ärmeren Vierteln wimmelte es von 76
  • 77. Frauen, die bereit waren, sich zu verkaufen. Manche waren sogarfür eine Flasche Gin zu haben, der nicht für die Proles bestimmtwar. Stillschweigend neigte die Partei sogar dazu, dieProstitution zu fördern, als ein Ventil für Instinkte, die sich nichtvöllig unterdrücken ließen.Die bloße Ausschweifung wurde nicht wichtig genommen,solange sie flüchtig und freudlos blieb und nur die Frauen derunterdrückten und verachteten Klasse daran teilnahmen. Einunverzeihliches Verbrechen dagegen war die Unzucht zwischenParteimitgliedern. Doch obwohl dies auch zu den Verbrechengehörte, deren sich die Angeklagten in den großenSäuberungsprozessen unabänderlich schuldig bekannten, sokonnte man sich doch nur schwer vorstellen, daß dergleichenwirklich vorkam.Das Ziel der Partei war nicht nur, das Zustandekommen engerBeziehungen zwischen Männern und Frauen zu verhindern, diesie vielleicht nicht mehr übersehen konnte. Ihre wirkliche,unausgesprochene Absicht ging dahin, den sexuellen Akt allerFreude zu entkleiden.Nicht so sehr die Liebe als vielmehr die Erotik wurde als Feindbetrachtet, sowohl in wie außerhalb der Ehe. AlleEheschließungen zwischen Parteimitgliedern mussten von einerzu diesem Zweck aufgestellten Kommission genehmigt werden,und diese Genehmigung wurde – obwohl dieser Grundsatz niedeutlich festgelegt worden war – immer verweigert, wenn dasfragliche Paar den Eindruck machte, körperlich zueinanderhingezogen zu sein. Der einzig anerkannte Zweck einer Heiratwar, Kinder zum Dienst für die Partei zur Welt zu bringen.Zudem wurde überhaupt das Vorhandensein verschiedenerGeschlechter im Grunde aggressiv ignoriert und verleugnet.Der Fortpflanzungsakt selbst hatte als eine unbedeutende undleicht anrüchige Sache zu gelten, wie ein Klistier. Auch daswurde nie deutlich ausgedrückt, doch auf indirekte Weise jedemParteimitglied von Jugend an eingeimpft. Es gab sogarOrganisationen wie die Jugendliga gegen Sexualität, die für das 77
  • 78. vollkommene Zölibat beider Geschlechter eintraten. Alle Kindersollten durch künstliche Befruchtung („Kunstsam“ hieß das imNeusprech) gezeugt und in staatlichen Anstalten großgezogenwerden. Winston wußte sehr wohl, daß dies nicht ganz ernstgemeint war, aber es paßte zu der allgemeinen Ideologie derPartei.Die Partei versuchte das Sexualgefühl abzutöten oder doch zuverbiegen und in den Schmutz zu ziehen. Er wußte nicht, warumdas so war, aber es schien natürlich, daß es so sein sollte. Undsoweit es die Frauen betraf, waren die Bemühungen der Parteiweitgehend erfolgreich. Er dachte wieder an Katherine. Es mußtewohl neun, zehn – fast elf Jahre her sein, seit sie sich getrennthatten. Es war merkwürdig, wie selten er an sie dachte. Er konntetagelang vergessen, daß er überhaupt verheiratet gewesen war.Sie hatten nur ungefähr fünfzehn Monate zusammengelebt. DiePartei duldete keine Scheidung, befürwortete aber in Fällenkinderloser Ehen die Trennung.Katherine war ein großes blondes Mädchen, von sehr geraderHaltung und mit herrlichen Bewegungen. Sie hatte ein kühnes,adlerhaftes Gesicht, ein Gesicht, das man versucht war, ideal zunennen, bis man herausfand, daß so gut wie nichts dahintersteckte. Schon sehr bald während seiner Ehe war er zu derAnsicht gelangt – vielleicht auch nur, weil er sie genauer kannteals die meisten anderen Menschen –, daß sie geistig dasdümmste, gewöhnlichste und leerste Wesen war, dem er jebegegnet war. Sie hatte keinen Gedanken im Kopf, der nicht einSchlagwort gewesen wäre, und es gab keinen Blödsinn, aber auchkeinen einzigen, den sie nicht gefressen hätte, wenn die Partei ihnihr auftischte. Er gab ihr im Stillen den Spitznamen »Die altePlatte«. Und doch hätte er mit ihr zusammenleben können, wennnicht – die Erotik gewesen wäre.Sobald er sie berührte, schien sie zurückzuzucken und zuerstarren. Wenn man sie umarmte, war es genauso, als umarmteman eine Holzpuppe. Und seltsamerweise hatte er sogar, wennsie ihn an sich preßte, das Gefühl, als stoße sie ihn gleichzeitig 78
  • 79. mit aller Kraft von sich weg. Sie lag mit geschlossenen Augen da,weder widerstrebend noch miterlebend, sondern nur sichfügend. Es war äußerst hinderlich und nach einer Weile geradezuschrecklich. Aber selbst dann hätte er es fertiggebracht, mit ihrzusammenzuleben, wenn sie sich dahin geeinigt hätten, daß jederfür sich blieb. Aber merkwürdigerweise lehnte gerade Katherinedas ab.Sie mußten, nach ihrer Ansicht, wenn irgend möglich, ein Kindzur Welt bringen. So vollzog sich der Vorgang weiterhin ganzregelmäßig einmal in der Woche, wenn es nicht geradeunmöglich war. Sie pflegte ihn sogar am Morgen daran zuerinnern als an etwas, das an dem betreffenden Abend getan undnicht vergessen werden durfte. Sie hatte zwei Bezeichnungendafür, die eine hieß »an unser Baby denken«, und die andere»unsere Pflicht gegenüber der Partei erfüllen« (ja, diesenAusdruck hatte sie tatsächlich gebraucht).Bald schon entwickelte sich bei Winston ein Gefühl ehrlicherAngst, wenn der betreffende Tag nahte. Aber glücklicherweisekam kein Kind, und zu guter Letzt war sie einverstanden, denVersuch aufzugeben. Und bald darauf gingen sie auseinander.Winston seufzte hörbar. Wieder ergriff er seinen Federhalter, unddann schrieb er weiter in das Tagebuch: „Sie warf sich aufs Bett,und sofort, ohne jede Vorbereitung, raffte sie in der gemeinsten,abscheulichsten Weise, die man sich vorstellen kann, ihren Rockhoch. Ich…“Er sah sich wieder in dem trüben Lampenlicht stehen und spürtein seiner Nase den Geruch nach Wanzen und billigem Parfüm. Inseinem Herzen stieg ein Gefühl der Niedergeschlagenheit undReue auf, das in diesem Augenblick sogar mit dem Gedanken anden weißen Leib Katherines verschwamm, den die hypnotischeMacht der Partei für immer hatte zu Eis erstarren lassen. Warummußte es immer so sein? Warum konnte er nicht eine Frau fürsich haben, statt dieser schmutzigen Schlampen, in Abständenvon Jahren? 79
  • 80. Aber ein wirkliches Liebeserlebnis war ein nahezuunvorstellbares Ereignis. Die Frauen aus der Partei waren sichalle gleich. Die Enthaltsamkeit war ihnen ebenso tief eingeimpftwie die Treue zur Partei. Durch sorgfältige frühzeitige Lenkung,durch Sport und Kaltwasser, durch den ganzen Unsinn, derihnen in der Schule, bei den Spähern und in der Jugendligaeingetrichtert wurde, durch Vorträge, Paraden, Lieder,Parteischlagworte und Militärmusik war ihnen jedes natürlicheGefühl ausgetrieben worden.Wenn sein Verstand ihm auch sagte, daß es Ausnahmen gebenmüsse, glaubte sein Herz doch nicht daran. Diese Frauen warenalle, genau wie die Partei es haben wollte, nicht zu erschüttern. Eraber wünschte sich, sogar noch sehnlicher, als geliebt zu werden,diese Tugendmauer niederzureißen, und wäre es auch nur eineinziges Mal in seinem Leben. Der Akt der geschlechtlichenVerschmelzung, wenn er glückhaft vollzogen wurde, war ein Aktder Auflehnung. Die Begierde war ein Gedankenverbrechen.Sogar Katherine geweckt zu haben – wenn ihm das je gelungenwäre –, hätte als Verführung gegolten, obwohl sie seine Frau war.Aber der Schluß der Geschichte mußte zu Papier gebrachtwerden. Er schrieb: „Ich schraubte die Lampe hoch. Als ich sie beiLicht sah…“Nach der Dunkelheit war ihm das schwache Licht derParaffinlampe sehr hell erschienen. Zum erstenmal konnte er dieFrau richtig sehen. Er hatte einen Schritt auf sie zu gemacht undwar dann, erfüllt von Begierde und Angst, stehen geblieben. Erwar sich qualvoll der Gefahr bewußt, die er damit auf sichgenommen hatte, daß er hier hereingekommen war. Es war sehrwohl möglich, daß ihn eine Streife beim Herauskommen abfing:vielleicht warteten sie in diesem Augenblick schon draußen vorder Tür. Wenn er nun fortging, ohne zu tun, weswegen ergekommen war. Es war sehr wohl möglich, daß ihn eine Streifebeim Herauskommen abfing: vielleicht warteten sie in diesemAugenblick schon draußen vor der Tür. Wenn er nun fortging,ohne es zu tun… 80
  • 81. Es mußte niedergeschrieben, mußte gebeichtet werden. In dervollen Flut des Lampenlichts hatte er plötzlich erkannt: die Frauwar uralt. Die Schminke in ihrem Gesicht war so dickaufgetragen, daß es aussah, als könnte sie Sprünge bekommen,wie eine Maske aus Pappe. In ihrem Haar waren weiße Strähnen.Aber die grausigste Einzelheit war, daß ihr halbgeöffneter Mundnichts enthüllte als eine schwarze Höhle. Sie hatte überhauptkeine Zähne.Hastig schrieb er mit kritzeligen Zügen: „Bei Licht gesehen, warsie eine ganz alte Frau, wenigstens fünfzig Jahre alt. Aber ich ließmich nicht abschrecken und tat es trotzdem…“Wieder presste er die Finger gegen seine Augenlider. Endlichhatte er es hingeschrieben. Aber es half nichts, die Therapie hattenicht gewirkt. Sein Verlangen, mit lauter Stimme unflätige Wortehinauszuschreien, war genauso heftig wie je zuvor. Siebentes Kapitel„Wenn es noch eine Hoffnung gibt“, schrieb Winston, „so liegtsie bei den Proles!“Wenn es eine Hoffnung gab, so mußte sie einfach bei den Prolesliegen, denn nur dort, in diesen unbeachtetdurcheinanderwimmelnden Massen, die 85 Prozent derBevölkerung Ozeaniens ausmachten, konnte jemals die Kraftentstehen, das System zu zerschlagen. Von innen her konnte diePartei nicht gestürzt werden. Ihren Feinden, wenn sie überhauptFeinde hatte, bot sich keinerlei Möglichkeit,zusammenzukommen oder auch nur einander zu erkennen.Sogar wenn die legendäre »Brüderschaft« wirklich existierte, wasimmerhin möglich war, blieb es doch unvorstellbar, daß ihre 81
  • 82. Mitglieder sich jemals in größerer Anzahl als zu zweien oderdreien versammeln konnten.Ein Blick in die Augen, eine Modulation der Stimme bedeuteteschon Rebellion; das Äußerste war ein geflüstertes Wort. Aberdie Proles, wenn sie sich nur ihrer Macht bewusst werdenkönnten, hätten es gar nicht nötig, eine Verschwörunganzuzetteln. Sie brauchten nur aufzustehen und sich zu schütteln,wie ein Pferd, das die Fliegen abschüttelt. Wenn sie wollten,konnten sie die Partei morgen in Stücke schlagen. Sicherlichmußte ihnen früher oder später der Gedanke dazu kommen! Unddoch…Er erinnerte sich, wie er einmal eine volkreiche Straßehinuntergegangen war, als sich ein mächtiges Geschrei vonHunderten von Stimmen – Frauenstimmen – in einer dicht vorihm gelegenen Seitenstraße erhob. Es war ein großer, furchtbarerAufschrei des Zorns und der Verzweiflung, ein tiefes, lautes»Oooh!«, das wie eine Glocke weiterdröhnte.Sein Herz hatte ausgesetzt. Es ist soweit! hatte er gedacht. EineVolkserhebung! Die Proles wachen endlich auf! Als er die Stelleerreicht hatte, sah er einen Pöbelhaufen von zwei- oderdreihundert Weibern sich mit tragischen Mienen, als seien sie diedem Untergang geweihten Passagiere eines sinkenden Schiffes,um die Verkaufsstände eines Straßenmarktes drängen. Aber imgleichen Augenblick löste sich die allgemeine Verzweiflung ineine Menge einzelner Zänkereien auf.Es stellte sich heraus, daß an einem der Stände Blechpfannenverkauft worden waren. Armselige, schäbige Dinger – aberKochgeschirr jeglicher Art war immer schwierig zu bekommen.Nun war der Vorrat unerwarteterweise schon erschöpft. DieFrauen, denen es geglückt war, ein Stück zu ergattern, versuchtensich mit ihren Blechpfannen, von den übrigen gestoßen undgedrängt, davonzumachen, während Dutzende von anderen vordem Verkaufsstand lärmten, die Verkäuferin der Bevorzugungbeschuldigten und behaupteten, sie habe irgendwo noch mehrBlechpfannen in der Reserve. Ein erneutes Geschrei brach aus. 82
  • 83. Zwei aufgedunsene Frauenspersonen, von denen der einen dieFrisur aufging, hielten dieselbe Blechpfanne fest und versuchten,sie einander aus der Hand zu reißen. Einen Augenblick zerrtenbeide daran, dann brach der Stiel ab. Winston beobachtete sieangeekelt. Und doch, welche fast erschreckende Macht hatte füreinen kurzen Augenblick aus diesem Schrei aus ein paar hundertKehlen geklungen! Warum konnten sie niemals über etwasWichtiges so aufschreien?Er schrieb: „Sie werden sich niemals auflehnen, solange sie sichnicht ihrer Macht bewußt sind, und erst nachdem sie sichaufgelehnt haben, können sie sich ihrer Macht bewußt werden.Außerdem sind sie in der Masse ohne Geist und es fehlt ihnen einAnführer…“Das hätte beinahe einem der Parteilehrbücher entnommen seinkönnen, überlegte er. Die Partei erhob natürlich Anspruchdarauf, die Proles aus der Knechtschaft befreit zu haben. Vor derRevolution waren sie von den Kapitalisten schmählichunterdrückt worden, man hatte sie hungern lassen undausgepeitscht, Frauen mußten in den Kohlenbergwerken arbeiten(Frauen arbeiteten übrigens in Wirklichkeit noch immer in denKohlenbergwerken), Kinder waren im Alter von sechs Jahren andie Fabriken verkauft worden.Aber gleichzeitig lehrte die Partei, getreu den Grundsätzen desDoppeldenk, die Proles seien von Natur aus minderwertigeGeschöpfe, die durch die Anwendung von einigen wenigeneinfachen Verordnungen wie die Tiere im Zaum gehalten werdenmußten. In Wahrheit wußte man sehr wenig über die Proles. Manbrauchte nicht viel zu wissen. Solange sie nur arbeiteten und sichfortpflanzten, waren ihre übrigen Lebensäußerungen unwichtig.Sich selbst überlassen wie das Vieh, das man auf die WeidenArgentiniens hinaustreibt, waren sie zu einem ihnen offenbarnatürlichen Lebensstil, einer Art alter Überlieferung,zurückgekehrt. Sie wurden geboren, wuchsen in der Gosse auf,gingen mit zwölf Jahren an die Arbeit, durchlebten eine kurzeBlütezeit körperlicher Schönheit und sinnlicher Begierde, 83
  • 84. heirateten mit zwanzig, alterten mit dreißig und starben zumgrößten Teil mit sechzig Jahren. Schwere körperliche Arbeit, dieSorge um Heim und Kinder, kleinliche Streitigkeiten mitNachbarn, Kino, Fußball, Bier und vor allem Glücksspiele fülltenden Rahmen ihres Denkens aus.Es war nicht schwer, sie unter Kontrolle zu halten. Nur ein paarAgenten der Gedankenpolizei bewegten sich ständig unter ihnen,um falsche Gerüchte zu verbreiten und diejenigen zu notierenund verschwinden zu lassen, die vielleicht gefährlich werdenkonnten.Aber es wurde kein Versuch unternommen, die Proles mit derPartei-Ideologie vertraut zu machen. Es war nichtwünschenswert, daß sie ein starkes politisches Bewußtseinhatten. Von ihnen wurde nur ein primitiver Gehorsam verlangt,an den man gegebenenfalls appellieren konnte, wenn sie sich miteiner Verlängerung ihrer Arbeitsstunden oder einer Kürzung derRationen abfinden mußten.Und sogar, wenn sie einmal unzufrieden wurden, führte ihreUnzufriedenheit zu nichts, denn da sie ganz ohne einen leitendenGedanken waren, richtete sich diese Unzufriedenheit nur aufbelanglose jeweilige Übelstände. Die größeren Übelständeentgingen unweigerlich ihrer Aufmerksamkeit. Die großeMehrheit der Proles hatte nicht einmal einen Televisor in ihrerWohnung. Selbst die gewöhnliche Polizei mischte sich nur sehrwenig in ihre Angelegenheiten. Es gab in London ein weitverbreitetes Verbrechertum, eine ganz in sich geschlossene Weltvon Dieben, Straßenräubern, Prostituierten, bekanntenRauschgift- und Schwarzhändlern. Aber da sich das alles nurunter den Proles abspielte, war es ohne Bedeutung.In allen ethischen Fragen ließ man sie ihrer alten Tradition folgen.Der sexuelle Puritanismus der Partei wurde ihnen nichtaufgezwungen. Außerehelicher Geschlechtsverkehr bliebunbestraft, Scheidungen waren erlaubt. Selbst die Ausübungeiner Religion wäre gestattet worden, wenn die Proles irgendwiedas Bedürfnis oder den Wunsch danach zum Ausdruck gebracht 84
  • 85. hätten. Sie waren über jeden Verdacht erhaben. Wie einSchlagwort der Partei es ausdrückt: »Proles und Tiere sind frei.«Winston beugte sich vor und kratzte vorsichtig seineKrampfaderknoten, die wieder zu jucken angefangen hatten. DerPunkt, auf den man unausweichlich immer wieder zurückgeführtwurde, war die Unmöglichkeit, sich ein Bild von dem Leben vorder Revolution zu machen.Er zog aus der Schublade ein Geschichtsbuch für Schulkinderhervor, das er von Frau Parsons entliehen hatte, und begann einStück daraus in sein Tagebuch abzuschreiben: „In den altenZeiten vor der glorreichen Revolution war London nicht dieherrliche Stadt, als die wir es heute kennen. Es war ein düsterer,schmutziger, armseliger Ort, wo kaum jemand genug zu essenund Tausende von armen Menschen keine Schuhe an ihrenFüßen und nicht einmal ein Dach überm Kopf hatten, unter demsie schlafen konnten.Kinder in Euerm Alter mußten zwölf Stunden am Tag fürgrausame Arbeitgeber schuften, die sie mit Peitschen schlugen,wenn sie zu langsam arbeiteten, und ihnen nur trockenes Brotund Wasser zu essen gaben. Aber inmitten dieser schrecklichenArmut gab es ein paar große, schöne Häuser, die von denReichen bewohnt wurden, die bis zu dreißig Dienstboten zu ihrerBedienung hatten. Diese Reichen nannte man Kapitalisten. Siewaren dicke, häßliche Menschen mit bösen Gesichtern, wie derauf der nächsten Seite Abgebildete. Er trägt, wie Ihr seht, einenlangen schwarzen Rock, der Gehrock genannt wurde, und einenkomischen, glänzenden Hut von der Form eines Ofenrohrs, derZylinder hieß.Das war die Kleidung der Kapitalisten, und niemand sonst durftesie tragen. Den Kapitalisten gehörte alles, was es auf der Weltgab, und alle anderen Menschen waren ihre Sklaven. Sie besaßendas ganze Land, alle Häuser, alle Fabriken und alles Geld. Wennjemand ihnen nicht gehorchte, ließen sie ihn ins Gefängniswerfen oder nahmen ihm die Arbeit weg, damit er verhungerte.Wenn ein gewöhnlicher Mensch mit einem Kapitalisten sprach, 85
  • 86. mußte er sich ducken und vor ihm katzbuckeln, seine Mützeabnehmen und ihn mit »Gnädiger Herr« anreden. Der Häuptlingder Kapitalisten wurde König genannt und…“Aber er kannte diese alte Leier schon. Es würde sich dieBeschreibung der Bischöfe mit ihren Batistärmeln anschließen,der Richter in ihren Hermelinroben, des Prangers, des Blocks, derTretmühle, der neunschwänzigen Katze, des Banketts desLondoner Oberbürgermeisters und des Brauchs, dem Papst denSchuh zu küssen. Auch hatte es so etwas wie das sogenannte „jusprimae noctis“ gegeben, was vermutlich nicht in einemKinderlehrbuch stehen würde. Das war ein Gesetz, nach demjeder Kapitalist das Recht hatte, mit jedem in seinen Fabrikenbeschäftigten Mädchen zu schlafen. Er konnte nicht sagen, wieviel von all dem Lüge war.Es mochte wahr sein, daß es dem Durchschnittsmenschen heutebesser ging als vor der Revolution. Der einzige Gegenbeweis warder stumme Protest im eigenen Innern, das instinktive Gefühl,daß die Bedingungen, unter denen man lebte, unerträglich warenund früher anders gewesen sein mußten. Es fiel ihm auf, daß daswirklich Charakteristische des heutigen Lebens nicht seineGrausamkeit und Unsicherheit, sondern einfach seine Nacktheit,seine Schäbigkeit, seine Ruhelosigkeit war.Das Leben hatte, wenn man um sich blickte, nicht nur keinerleiÄhnlichkeit mit den Lügen, die aus dem Televisor strömten,sondern entsprach nicht einmal den Idealen, wie sie die Parteiaufstellte. Ein großer Teil des Lebens spielte sich, selbst für einParteimitglied, auf einer neutralen und unpolitischen Ebene abund bestand darin, sich mit langweiliger Arbeit abzuplagen, sicheinen Platz in der Untergrundbahn zu erobern, eine zerrisseneSocke zu stopfen, eine Sacharintablette zu erbetteln, einenZigarettenstummel aufzubewahren.Das von der Partei propagierte Ideal war etwas Großes,Schreckliches, Gleißendes – eine Welt aus Stahl und Beton, eineWelt riesiger Maschinen und furchtbarer Waffen – mit einerBevölkerung aus Kriegern und Fanatikern, die völlig geschlossen 86
  • 87. voranmarschierte, immer mit den gleichen Gedanken und dengleichen Schlachtrufen. Eine Welt, in der alle pausenlosarbeiteten, kämpften, siegten, verfolgten – dreihundert MillionenMenschen, alle mit den gleichen Gesichtern.Die Wirklichkeit aber waren zerfallende, heruntergekommeneStädte, durch deren Straßen unterernährte Menschen indurchlöcherten Schuhen schlichen und in deren notdürftigausgebesserten Häusern aus dem neunzehnten Jahrhundertwohnten, wo es immer nach Kohl und schadhaften Aborten roch.Alles verrottete und verkam, während aus einem ehemals großenVolk eine kulturlose, verdummte Sklavenmasse geworden war.Ihm war, als sähe er eine Vision von London als einer riesigenTrümmerstadt, einer Stadt von Millionen Kehrichthaufen, unddahinter ein Bild von Frau Parsons, einer Frau mit durchfurchtemGesicht und verwuschelten Haaren, die hilflos an einemverstopften Ausguß herumhantierte.Er bückte sich und kratzte wieder an seinem Knöchel. Tag undNacht knatterte einem der Televisor die Ohren voll mitStatistiken, aus denen hervorging, daß die Menschen heutzutagemehr zu essen, mehr anzuziehen, bessere Wohnungen und einebessere Freizeitgestaltung hatten – daß sie länger lebten und ihreArbeitszeit kürzer war, daß sie größer, gesünder, kräftiger,glücklicher, klüger, gebildeter waren als die Menschen vorfünfzig Jahren.Kein Wort davon konnte je belegt oder widerlegt werden. DiePartei behauptete zum Beispiel, gegenwärtig könnten 40 Prozentder erwachsenen Proles lesen und schreiben: vor der Revolution,hieß es, habe die Zahl nur 15 Prozent betragen. Die Parteibehauptete, die Kindersterblichkeit belaufe sich jetzt nur noch aufeinhundertundsechzig pro Tausend, wählend sie vor derRevolution dreihundert betragen habe – und so ging es weiter.Es war ein ewiges Jonglieren mit zwei Unbekannten. Es konntesehr gut möglich sein, daß buchstäblich jedes Wort in denGeschichtsbüchern, sogar das, was man unbedenklich hinnahm,frei erfunden war. Es brauchte ein Gesetz wie das „jus primae 87
  • 88. noctis“ oder ein Wesen wie den Kapitalisten oder eineKopfbedeckung wie den Zylinderhut nie gegeben zu haben.Alles löste sich in Nebel auf. Die Vergangenheit war ausradiert,und dann war sogar die Tatsache des Radierens vergessen, dieLüge war zur Wahrheit geworden. Nur einmal in seinem Lebenhatte er – post factum, darauf kam es an – den greifbaren,unverkennbaren Beweis einer Fälschung gehabt. Er hatte ihnganze dreißig Sekunden in seinen Händen gehalten. Es mußte imJahre 1973 gewesen sein – jedenfalls war es um die Zeit herum,als er und Katherine sich getrennt hatten. Aber das Datum,worauf es dabei ankam, lag noch sieben oder acht Jahre weiterzurück.Die Geschichte begann eigentlich um die Mitte der sechzigerJahre, der Zeit der großen Säuberungsaktionen, in der dieursprünglichen Führer der Revolution ein für allemal beseitigtworden waren.Um das Jahr 1970 war keiner von ihnen mehr übrig, außer demGroßen Bruder selbst. Alle anderen waren inzwischen alsVerräter und Konterrevolutionäre überführt worden. Goldsteinwar geflohen und hielt sich irgendwo verborgen, und von denanderen waren ein paar einfach verschwunden, während dieMehrzahl nach aufsehenerregenden Schauprozessen hingerichtetworden war, bei denen sie Geständnisse ihrer Verbrechenablegten. Unter den letzten Überlebenden waren drei Männernamens Jones, Aaronson und Rutherford. Um das Jahr 1965herum mußten auch diese drei verhaftet worden sein. Wie eshäufig vorkam, blieben sie ein Jahr oder länger verschwunden, sodaß man nicht wußte, ob sie überhaupt noch lebten, und warendann plötzlich wieder aus der Versenkung hervorgeholt worden,um sich in der üblichen Weise selbst anzuschuldigen.Sie hatten sich des Einverständnisses mit dem Feind schuldigbekannt (auch damals war Eurasien der Feind), derUnterschlagung öffentlicher Gelder, des Mordes anverschiedenen alten Parteimitgliedern, einer Verschwörunggegen die Führerschaft des Großen Bruders, die lange vor 88
  • 89. Ausbruch der Revolution begonnen hatte, und endlich anSabotagehandlungen, die den Tod von Hunderttausenden vonMenschen herbeigeführt hatten. Nachdem sie sich dieser Dingeangeklagt hatten, waren sie begnadigt, wieder in die Parteiaufgenommen und mit bedeutsam klingenden Posten betrautworden, die in Wahrheit nur Sinekuren waren. Alle drei hattenumfangreiche kriecherische Erklärungen in der Timesveröffentlicht, in denen sie die Gründe für ihren Treuebruch imEinzelnen auseinander setzten und sich zu bessern versprachen.Einige Zeit nach ihrer Freilassung hatte Winston alle drei sogarim Café »Kastanienbaum« gesehen. Er entsann sich desgebannten Entsetzens, mit dem er sie aus den Augenwinkelnbeobachtet hatte. Sie waren weit älter als er, Überbleibsel auseiner vergangenen Welt, beinahe die letzten großen Gestalten ausder heroischen Anfangszeit der Partei.Der Zauber der Untergrundbewegung und des Bürgerkriegesumwob sie noch ein wenig. Er hatte das Gefühl – wenn damalsauch schon Tatsachen und Daten zu verschwimmen begannen –,daß er ihre Namen Jahre vor dem des Großen Bruders gekannthatte. Aber zugleich waren sie Geächtete, Feinde, Parias, die mitabsoluter Sicherheit in ein oder zwei Jahren der Vernichtunganheim fielen. Kein Mensch, der einmal in die Hände derGedankenpolizei gefallen war, kam schließlich heil davon. Siewaren Leichen auf Urlaub.Kein Mensch saß an einem der Tische in ihrer unmittelbarenNähe. Es war nicht ratsam, auch nur in der Nachbarschaft solcherLeute gesehen zu werden. Sie saßen schweigend vor ihrenGläsern mit Gin, dem hier, als Spezialität des Cafés, ein Aromavon Gewürznelken beigesetzt war.Das Aussehen Rutherfords hatte von den dreien den tiefstenEindruck auf Winston gemacht. Rutherford war früher einberühmter Karikaturist gewesen, dessen schonungsloseZeichnungen vor und nach der Revolution dazu beigetragenhatten, die Massen aufzupeitschen. Selbst jetzt noch erschienen ingroßen Abständen seine Witzzeichnungen in der Times. Sie 89
  • 90. waren lediglich eine Imitation seiner früheren Technik undmerkwürdig leblos und unüberzeugend. Es war ein ewigesWiederkäuen der alten Themen: Elendswohnungen,verhungernde Kinder, Straßenschlachten, Kapitalisten mitZylinderhüten – sogar auf den Barrikaden schienen dieKapitalisten noch an ihren Zylinderhüten festzuhalten, einendloses, hoffnungsloses Bemühen, die Vergangenheit wiederaufleben zu lassen.Er war ein unförmig großer Mann mit einer fettigen grauenMähne, einem pickeligen, gedunsenen Gesicht und dickenNegerlippen. Er mußte einmal riesig stark gewesen sein; jetzt warsein schwerer Körper gebeugt, zerbrochen, aufgeschwemmt undlöste sich in seine Bestandteile auf. Er schien vor den Augen desBetrachters auseinander zufallen, wie ein ins Rutschen geratenerSandberg.Es war die stille Stunde um fünfzehn Uhr. Winston konnte sichnicht mehr erinnern, wieso er gerade zu dieser Zeit in das Cafégekommen war. Das Lokal war fast leer. Aus dem Televisorrieselte Blechmusik. Die drei Männer saßen fast regungslos inihrer Ecke, ohne auch nur ein Wort zu sprechen. Unaufgefordertbrachte der Kellner neue Gläser mit Gin. Neben ihnen auf demTisch stand ein Schachbrett mit aufgestellten Figuren, aber diedrei spielten nicht. Und dann ereignete sich, vielleicht im Ganzeneine halbe Minute lang, etwas Merkwürdiges mit denTelevisoren. Das eben gespielte Musikstück änderte sich, nichtallein in der Melodie, auch in der Klangfarbe. Es kam etwashinein – aber es war schwer zu beschreiben, was es war. Einseltsam gebrochener, schmetternder, höhnischer Klang: Winstonnannte es bei sich einen gelben Klang.Und dann sang eine Stimme aus dem Televisor das alte Liedchen:Under the spreading chestnut tree, I sold you and you sold me,There lie they, and here lie we, Under the spreading chestnuttree...Die drei Männer machten keine Bewegung. Aber als Winstoneinen heimlichen Blick auf Rutherfords verfallenes Gesicht warf, 90
  • 91. sah er, daß dessen Augen voller Tränen standen. Und jetztbemerkte er zum erstenmal mit einem innerlichen Schaudern,daß sowohl Aaronson als Rutherford gebrochene Nasenbeinehatten.Kurze Zeit darauf wurden alle drei aufs Neue verhaftet. Es stelltesich heraus, daß sie vom Augenblick ihrer Entlassung an sich inneue Verschwörungen eingelassen hatten. Bei ihrer zweitenVerhandlung bekannten sie sich noch einmal zu ihren altenVerbrechen, nebst einer ganzen Reihe neuer. Sie wurdenhingerichtet und ihr Schicksal als Warnung für spätereGenerationen in den Partei-Annalen aufgezeichnet.Etwa fünf Jahre danach, im Jahre 1973, als Winston ein BündelDokumente aufrollte, die gerade aus der Rohrpostleitung aufseinen Schreibtisch geplumpst waren, stieß er auf einenZeitungsausschnitt, der offenbar zwischen die anderen Papieregeraten und dann vergessen worden war. Als er ihn glatt strich,erkannte er sofort seine Bedeutung. Es war eine herausgerissenehalbe Seite aus einer etwa zehn Jahre altenTimes – die obere Hälfte des Blattes, so daß noch das Datumdarauf war - und enthielt ein Bild der Delegierten bei irgendeinerParteiveranstaltung in New York. Deutlich im Mittelpunkt derGruppe hervorgehoben standen Jones, Aaronson undRutherford.Sie waren leicht zu erkennen; außerdem standen ihre Namendarunter auf dem Begleittext. Der springende Punkt war nun,daß bei beiden Verhandlungen alle drei Männer gestandenhatten, sich zu diesem Zeitpunkt auf eurasischem Gebietbefunden zu haben. Sie seien von einem geheimen Flughafen inKanada zu einem Zusammentreffen irgendwo in Sibiriengeflogen, hätten mit Mitgliedern des eurasischen GeneralstabsBeratungen gepflogen und ihnen wichtige militärischeGeheimnisse verraten. Das Datum hatte sich WinstonsGedächtnis eingeprägt, weil es zufällig mit dem Sommeranfangzusammenfiel. Aber die ganze Sache mußte noch an zahllosen 91
  • 92. anderen Stellen aufgezeichnet sein. Es gab nur eine möglicheSchlussfolgerung: die Geständnisse waren Lügen.Natürlich war das an sich keine neue Entdeckung. Sogar damalshatte Winston keinen Augenblick geglaubt, daß die bei denSäuberungsaktionen Hingerichteten wirklich der Verbrechenschuldig seien, deren man sie bezichtigte. Hier aber handelte essich um einen greifbaren Beweis; hier hielt er ein Fragment derausgetilgten Vergangenheit in Händen, wie einen fossilenKnochen, der in der verkehrten Gesteinsschicht aufgetaucht warund eine geologische Theorie zunichte machte. Wenn dasDokument auf irgendeine Weise der Welt bekannt gemacht undseine Bedeutung erklärt werden konnte, genügte es, um diePartei in Atome zu zersprengen.Er hatte ruhig weitergearbeitet. Sobald er gesehen hatte, was dasBild darstellte und was es bedeutete, hatte er es mit einemanderen Blatt Papier zugedeckt. Glücklicherweise war derZeitungsausschnitt beim Aufrollen mit der Rückseite demBlickfeld des Televisors zugekehrt gewesen.Er legte seine Schreibunterlage auf die Knie und schob seinenStuhl zurück, um möglichst weit von dem Televisor abzurücken.Ein ausdrucksloses Gesicht zu bewahren, war nicht schwer, undmit einer entsprechenden Willensanstrengung konnte man sogarseine Atemzüge beherrschen; nicht aber das Pochen des Herzens,und der Televisor war durchaus empfindlich genug, um esaufzufangen. Er ließ seiner Berechnung nach zehn Minutenverstreichen, die ganze Zeit gequält von der Angst, ein Zufall –ein plötzlich über seinen Schreibtisch wehender Zugwind zumBeispiel – könnte ihn verraten. Dann warf er das Bild, ohne esnoch einmal aufzudecken, zugleich mit einigen anderenPapierabfällen, in das Gedächtnis-Loch. Eine Minute später wares wahrscheinlich schon zu Asche zerfallen.Das lag zehn, elf Jahre zurück. Heute hätte er das Bild vielleichtaufbewahrt. Es war seltsam, daß die Tatsache, es in Händengehalten zu haben, für ihn sogar heute noch von Bedeutung war,obwohl doch das Bild selbst ebenso wie das darauf festgehaltene 92
  • 93. Ereignis so weit zurücklag. War die Macht der Partei über dieVergangenheit weniger groß, fragte er sich, weil ein Beweisstück,das nicht mehr existierte, wenigstens einmal existiert hatte?Heute jedoch wäre das Bild, selbst wenn man es wieder ausseinen Aschenresten rekonstruieren könnte, wohl kein Beweismehr. Bereits damals, als er es entdeckte, befand sich Ozeaniennicht mehr im Kriegszustand mit Eurasien, und die drei totenMänner hätten folglich Ozeanien an Agenten von Ostasienverraten haben müssen. Seitdem waren andere Konstellationeneingetreten, zwei oder drei, er konnte sich nicht erinnern, wieviele. Sehr wahrscheinlich waren die Geständnisse wieder undwieder umgeschrieben worden, bis die ursprünglichen Tatsachenund Daten nicht mehr die geringste Bedeutung hatten. Nichtgenug, daß die Vergangenheit sich veränderte, ihre Veränderungwar fortlaufend und unaufhörlich. Mit dem Gefühl einesAlptraums bedrückte ihn am meisten, daß er nie ganz begriffenhatte, warum der ganze riesige Schwindel überhaupt vollzogenwurde. Die unmittelbaren Vorteile einer Fälschung derVergangenheit waren offensichtlich, aber das letzte, ureigentlicheMotiv war schleierhaft. Er griff wieder zu seinem Federhalterund schrieb: Das Wie verstehe ich, aber nicht das Warum.Er fragte sich wie schon oft, ob er wahnsinnig geworden war.Vielleicht war ein Wahnsinniger nichts weiter als eineMinderheit, die nur aus einem Menschen bestand. Es hatte eineZeit gegeben, in der es als Zeichen von Wahnsinn galt, zuglauben, die Erde drehe sich um die Sonne; heute war esWahnsinn, zu glauben, die Vergangenheit stünde ein für allemalfest. Er stand vielleicht ganz allein da mit diesem Glauben, wenner aber allein war, dann war er ein Wahnsinniger. Aber derGedanke, wahnsinnig zu sein, beunruhigte ihn weniger als diefurchtbare Vorstellung, daß auch er Unrecht haben konnte.Er nahm das Geschichtsbuch für Kinder zur Hand undbetrachtete das Bildnis des Großen Bruders auf dem Titelblatt.Die hypnotischen Augen starrten in die seinen. Es war, als drückeeinen eine zwingende Kraft nieder – etwas, das einem in den 93
  • 94. Schädel eindrang, das Gehirn bombardierte, einem die eigenenÜberzeugungen austrieb, einen fast dazu brachte, nicht längerdem Zeugnis der eigenen Sinne zu trauen. Zu guter Letzt würdedie Partei verkünden, daß zwei und zwei gleich fünf sei, undman würde es glauben müssen. Unausweichlich mußte sie früheroder später diese Behauptung aufstellen: ihre Lage fordertelogisch diese letzte Folgerung. Nicht nur der Wert der Erfahrung,sondern überhaupt das Vorhandensein einer gegebenenWirklichkeit wurde von der Philosophie der Parteistillschweigend geleugnet.Die größte aller Ketzereien war der gesunde Menschenverstand.Und das Furchtbare war nicht, daß sie einen umbrachten, wennman anders dachte, sondern daß sie vielleicht Recht hatten. Dennwie können wir schon wissen, ob zwei und zwei wirklich vier ist?Oder ob das Gesetz der Schwerkraft stimmt? Oder ob dieVergangenheit unveränderlich ist? Wenn beides, Vergangenheitund Außenwelt, nur in der Vorstellung existieren und man dieVorstellung einfach beherrschen kann – was dann?Aber nein! Seine Zuversicht schien sich plötzlich von selbst zufestigen. Ihm war das Gesicht OBriens in den Sinn gekommen,ohne durch eine offensichtliche Gedankenassoziationheraufbeschworen zu sein. Er wußte mit größerer Gewissheit alszuvor, daß OBrien auf seiner Seite stand. Er schrieb dasTagebuch für OBrien – er schrieb es an OBrien gewissermaßen:es war wie ein endloser Brief, den niemand je lesen würde, deraber an einen bestimmten Menschen gerichtet und von demGedanken an ihn belebt war.Die Partei lehrte einen, der Erkenntnis seiner Augen und Ohrennicht zu trauen. Das war ihr entscheidendes, wichtigstes Gebot.Ihm sank der Mut, als er an die riesige Macht dachte, die gegenihn gerüstet stand, die Leichtigkeit, mit der ihm jederParteiintelligenzler bei einer Debatte eine Abfuhr erteilen konnte,an die ausgeklügelten Argumente, die er nicht zu verstehen,geschweige denn zu widerlegen vermochte. Und dennoch war erim Recht! Sie hatten Unrecht und er hatte Recht. Das 94
  • 95. Handgreifliche, das Einfache und das Wahre mußten verteidigtwerden. Binsenwahrheiten sind wahr, daran wollte er festhalten!Die stoffliche Welt ist vorhanden, ihre Gesetze ändern sich nicht.Steine sind hart, Wasser ist naß, jeder Gegenstand, den manlosläßt, fällt dem Erdmittelpunkt zu. Mit dem Gefühl, zu OBrienzu sprechen und einen wichtigen Grundsatz aufzustellen, schrieber: Freiheit ist die Freiheit zu sagen, daß zwei und zwei gleichvier ist. Sobald das gewährleistet ist, ergibt sich alles andere vonselbst. Achtes KapitelIrgendwo vom Ende eines Hausflurs drang der Duft geröstetenKaffees – echten Kaffees, nicht Victory- Kaffees – auf die Straße.Winston blieb unwillkürlich stehen. Vielleicht zwei Sekundenlang fühlte er sich in die halbvergessene Welt seiner Kindheitzurückversetzt. Dann schlug eine Tür ins Schloß und schien denDuft so unmittelbar und abrupt wie einen Ton abzuschneiden.Er war mehrere Kilometer weit auf hartem Pflaster gelaufen undseine Krampfadern rebellierten. Zum zweitenmal innerhalb vondrei Wochen hatte er einen Abend im Gemeinschaftshausversäumt: eine gewagte Unbesonnenheit, denn man konntesicher sein, daß im Gemeinschaftshaus sorgfältig Buch geführtwurde, wie oft man dort erschien.Im Prinzip hatte ein Parteimitglied keine Freizeit und war, außerim Bett, niemals allein. Es wurde von ihm erwartet, daß es, wennes nicht arbeitete, aß oder schlief, an einer Parteiunterhaltungteilnahm; irgend etwas zu tun, das einen Hang zum Alleinseinverriet, auch nur für sich einen Spaziergang zu machen, warimmer ein wenig gefährlich. Es gab ein Neusprechwort dafür,das „Selbstleben“ hieß und Individualismus und 95
  • 96. Schrullenhaftigkeit bezeichnete. An diesem Abend aber hatte ihnbeim Verlassen des Ministeriums die milde Aprilluft verlockt.Der Himmel war von einem wärmeren Blau, als er es in diesemJahr bisher gesehen hatte, und plötzlich waren ihm der lange,lärmende Abend im Gemeinschaftshaus, die langweiligen,anstrengenden Spiele, die Vorträge, die knarrende, mit Gin geölteKameradschaft unerträglich vorgekommen. In einer plötzlichenRegung hatte er an der Omnibushaltestelle kehrtgemacht undwar in das Labyrinth Londons hineingewandert, erst nach Süden,dann nach Osten, dann wieder nach Norden, sich in unbekanntenStraßen verlaufend und gleichgültig, welche Richtung ereinschlug.»Wenn es eine Hoffnung gibt«, hatte er in sein Tagebuchgeschrieben, »so liegt sie bei den Proles.«Diese Worte wollten ihm nicht aus dem Sinn, sie waren wie dieFeststellung einer geheimnisvollen Wahrheit und zugleich eineroffensichtlichen Absurdität. Er befand sich irgendwo in demunübersichtlichen, schmutzfarbenen Elendsviertel nordöstlichder früheren St.-Pancras-Station und schritt einekopfsteingepflasterte Straße mit kleinen zweistöckigen Häusernentlang, deren windschiefe Türen auf gleicher Höhe mit demStraßenpflaster lagen und irgendwie sehr überzeugend anRattenlöcher erinnerten.Da und dort zwischen den Pflastersteinen standen dreckigeWasserpfützen. Aus den dunklen Hauseingängen und den nachbeiden Seiten abzweigenden Gäßchen flutete ein erstaunlichesGewimmel von Menschen her und wieder zurück – üppigaufgeblühte Mädchen mit dick bemalten Lippen, junge Burschen,die ihnen nachstellten, und aufgedunsene, schwerfällige Weiber,die einem vor Augen führten, wie eben diese Mädchen in zehnJahren aussehen würden; außerdem alte zusammengekrümmteGeschöpfe, die mit auswärts gerichteten Füßen dahinschlurften,und verwahrloste barfüßige Kinder, die in den Pfützen spieltenund bald darauf, auf die wütenden Schreie ihrer Mütter hin, 96
  • 97. auseinander stoben. Etwa ein Viertel der Fenster in der Straßewar zerbrochen und mit Brettern verschlagen.Die meisten Menschen schenkten Winston keineAufmerksamkeit; ein paar musterten ihn mit vorsichtigerNeugier. Von zwei koloßartigen Weibern, die ihre ziegelrotenUnterarme über der Schürze verschränkt hielten und vor einerToreinfahrt miteinander tratschten, fing Winston imNäherkommen Gesprächsfetzen auf.»Ja, sag ich zu ihr, ist recht schön und gut, sag ich. Aber wärenSie an meiner Stelle gewesen, hätten Sie dasselbe getan, was ichgetan hab. Meckern ist leicht, sag ich, aber meine Sorgen sindnicht Ihre Sorgen.«»Ach, natürlich«, meinte die andere, »so ist es. Genau so ist es.«Die schrillen Stimmen verstummten plötzlich. Die Frauenmusterten ihn in feindseligem Schweigen, als er vorüberging.Doch war es nicht eigentlich Feindseligkeit, sondern nur so etwaswie Vorsicht, ein schnelles Wittern beim Wechsel einesunbekannten Tieres. Der blaue Trainingsanzug derParteimitglieder konnte in einer solchen Straße kein gewohnterAnblick sein. Im Grunde war es unklug, sich an solchen Ortenblicken zu lassen, wenn man nicht nachweislich etwasDienstliches dort zu tun hatte. Die Streifen konnten einenanhalten, wenn man ihnen zufällig in die Arme lief. »Kann ichIhren Ausweis sehen, Genosse? Was machen Sie hier? Wannhaben Sie Ihren Arbeitsplatz verlassen? Ist das Ihr üblicherNachhauseweg?« Und so weiter und so weiter.Nicht, daß es eine Verfügung dagegen gegeben hätte, anders alsauf dem gewöhnlichen Weg heimzugehen: aber es war, wenn dieGedankenpolizei es erfuhr, schon genug, um dieAufmerksamkeit auf einen zu lenken.Plötzlich war die ganze Straße in heller Aufregung. Von allenSeiten ertönten Warnungsschreie. Menschen huschten wieKaninchen in die Hauseingänge. Unmittelbar vor Winston stürzteeine junge Frau aus einem Hauseingang heraus, riß ein winziges,in einer Wasserlache spielendes Kind an sich, wickelte ihre 97
  • 98. Schürze darum und sprang wieder zurück, alles in einer einzigenBewegung. Im gleichen Augenblick lief aus einer Seitengasse einMann in einem schwarzen Anzug auf Winston zu und zeigteaufgeregt hinauf zum Himmel.»Ein Dampfer!« schrie er. »Paß auf, Kumpel! Gleich bumst es.Hau dich hin!«»Dampfer« war der Spitzname, mit dem die Proles ausirgendeinem Grunde die Raketenbomben bezeichneten. Winstonwarf sich rasch mit dem Gesicht nach unten auf die Erde. DieProles hatten fast immer recht mit solchen Warnungen. Sieschienen eine Art Instinkt zu besitzen, der sie ein paar Sekundenim Voraus warnte, daß eine Rakete herannahte, obwohl dieRaketengeschosse angeblich schneller waren als der Schall.Winston legte die Arme über den Kopf. Ein Krach ertönte, so daßdie Straßendecke zu bersten schien, und ein Hagelschauer vonleichten Gegenständen prasselte auf Winstons Rücken herab. Alser aufstand, entdeckte er, daß er mit Glassplittern übersät war,die von dem nächstgelegenen Fenster stammten.Er ging weiter. Die Bombe hatte, zweihundert Meter weiter dieStraße hinunter, eine Häusergruppe zerstört. Eine schwarzeRauchfahne hing am Himmel, darunter eine Wolke vonMörtelstaub, in der sich bereits, rings um die Trümmer, eineMenschenmenge sammelte. Vor ihm auf dem Pflaster lag einkleiner Mörtelhaufen, in dessen Mitte er ein hellrotes Rinnsalunterscheiden konnte. Als er näher kam, erkannte er, daß es eineam Handgelenk abgetrennte Menschenhand war. Abgesehen vondem blutigen Stumpf war die Hand so völlig ausgeblutet, daß sieeinem weißen Gipsabguß glich.Er schleuderte das Ding mit dem Fuß in den Rinnstein und bogdann nach rechts in eine Seitenstraße ab, um aus der Mengeherauszukommen. In drei oder vier Minuten hatte er die Gegendmit dem Bombenschaden hinter sich gelassen, und dastrübseligschmutzige Gewirr belebter Straßen zog sich weiter, alshabe sich nichts Besonderes ereignet. Es war fast zwanzig Uhr,und die von den Proles besuchten Kneipen waren gedrängt voll. 98
  • 99. Aus ihren abgegriffenen, unablässig auf- und zuschlagendenKlapptüren drang ein Geruch nach Urin, Sägemehl undsäuerlichem Bier. In einem Winkel hinter einer vorspringendenHausfront standen drei Männer dicht beieinander; der mittlerehielt eine aufgeschlagene Zeitung in der Hand, die beidenanderen blickten ihm über die Schultern. Noch bevor er nahegenug herangekommen war, um den Ausdruck ihrer Gesichterzu unterscheiden, erkannte Winston schon an der Körperhaltungihre Spannung.Offenbar lasen sie eine ungemein wichtige Nachricht. Er warnoch ein paar Schritte von ihnen entfernt, als die Gruppeplötzlich auseinander fiel, während zwei der Männer in heftigenWortwechsel gerieten. Einen Augenblick lang wollte es soaussehen, als sollte es zu einer Schlägerei kommen.»Kannst du denn deine Ohren nicht aufmachen, wenn ich dir wassage? Ich sag dir doch, keine Zahl auf sieben hat jemalsgewonnen, seit über vierzehn Monaten.«»Aber sicher hat sie gewonnen!«»Nein, keine Spur. Zu Hause hab ich den ganzen Kram seit überzwei Jahren mitgeschrieben. Ich trag die Ergebnisse immerhaargenau ein. Und ich sag dir, keine Zahl mit sieben amSchluß…«»Und doch hat eine mit sieben gewonnen! Ich kann dir ziemlichgenau die Nummer sagen, die letzten Stellen waren vier, null,sieben. Das war im Februar – zweite Februarwoche.«»Laß dich einpökeln mit deinem Februar! Ich hab es allesschwarz auf weiß. Und ich sag dir, keine Zahl…“»Ach, halts Maul!« sagte der dritte.Sie sprachen über die Lotterie. Als er dreißig Meterweitergegangen war, schaute Winston noch einmal zurück. Siestritten mit roten, aufgeregten Gesichtern noch immer. DieLotterie mit ihren wöchentlichen Auszahlungen riesiger Gewinnewar das einzige öffentliche Ereignis, dem die Proles ernstlicheAufmerksamkeit schenkten. 99
  • 100. Man durfte annehmen, daß im Leben von etlichen MillionenProles die Lotterie den hauptsächlichen, wenn nicht den einzigenInhalt bildete. Sie war ihre Lust, ihr Steckenpferd, ihr Trost, ihrgeistiger Ansporn. Sobald es sich um die Lotterie handelte,schienen sogar Leute, die kaum lesen und schreiben konnten, zuverzwickten Berechnungen und erstaunlichenGedächtnisleistungen fähig.Eine ganze Kategorie von Menschen verdiente ihrenLebensunterhalt lediglich durch den Verkauf von Systemen,Vorhersagen und Glücksfetischen. Winston hatte selbst nichts mitder Abwicklung der Lotterie zu tun, die dem Ministerium fürÜberfluß unterstand, aber er wußte sehr wohl (in der Parteiwußte es jedermann), daß die Gewinne größtenteils nur auf demPapier standen. Nur kleine Beträge wurden wirklich ausbezahlt,während die Gewinner der Haupttreffer frei erfundene Personenwaren.Da es zwischen den einzelnen Teilen Ozeaniens keinefunktionierenden Verbindungsmöglichkeiten gab, war dasunschwer einzurichten. Und doch, wenn es eine Hoffnung gab,so lag sie bei den Proles. Daran mußte man festhalten. In Wortenausgedrückt klang es vernünftig; sah man aber die Menschen an,denen man auf der Straße begegnete, dann wurde es zu einerFrage des Glaubens.Die Straße, in die er eingebogen war, führte den Hügel hinunter.Es kam ihm vor, als sei er schon einmal in dieser Gegendgewesen und als müsse nicht weit entfernt eineHauptverkehrsader vorbeigehen. Aus dem Ungewissen vor ihmdrang der Lärm lauter Stimmen. Die Straße machte eine Biegungund lief dann in einigen Stufen aus, die zu einer engen Gassehinunterführten, in der auf ein paar Verkaufsständen welkesGemüse feilgeboten wurde. In diesem Augenblick erinnerte sichWinston, wo er war. Die Gasse mündete in eine Hauptstraße,und nach der nächsten Biegung, keine fünf Minuten entfernt,kam der Altwarenladen, in dem er das Buch mit denunbeschriebenen Seiten gekauft hatte, das nun sein Tagebuch 100
  • 101. war. Und in einem kleinen Papierwarengeschäft nicht weit vonhier hatte er seinen Federhalter und die Flasche Tinte erstanden.Er blieb einen Augenblick am oberen Ende der Stufen stehen. Aufder anderen Seite der Gasse war eine schäbige kleine Kneipe,deren Fenster wie vereist aussahen, während sie in Wirklichkeitnur dick mit Staub überkrustet waren. Ein uralter Mann,vornüber gebeugt, aber noch rüstig, mit einem weißenSchnurrbart, der sich wie die Rückenflosse eines Stichlingssträubte, stieß die Schwingtür auf und ging hinein.Während Winston beobachtend dastand, ging ihm durch denSinn, daß der alte Mann, der wenigstens achtzig Jahre alt seinmußte, bei Ausbruch der Revolution schon in den bestenMannesjahren gestanden hatte. Er und ein paar Leute seinerGeneration waren die letzten noch lebenden Bindeglieder zu derverschwundenen Welt des Kapitalismus.In der Partei waren nicht mehr viele Menschen übrig, derenWeltanschauung vor der Revolution geformt worden war. Dieältere Generation war meistenteils bei den großenSäuberungsaktionen der 1950er und 60er Jahre beseitigt worden,und die paar Überlebenden waren längst zu völliger geistigerUnterwerfung terrorisiert worden.Wenn es noch einen lebendigen Menschen gab, der imstandewar, einem einen wahrheitsgetreuen Bericht von denVerhältnissen in der ersten Hälfte des Jahrhunderts zu geben, sokonnte das nur ein Prole sein. Plötzlich fiel Winston wieder dieStelle ein, die er aus dem Geschichtsbuch in sein Tagebuchübertragen hatte, und ein toller Impuls ergriff von ihm Besitz. Erwürde in die Kneipe gehen, mit dem alten Mann Bekanntschaftschließen und ihn ausfragen. Er würde zu ihm sagen: »ErzählenSie mir von Ihrem Leben, aus Ihrer Kindheit. Wie sah es damalsaus? War alles besser als heute? Oder war es vielleichtschlechter?«Rasch, um erst gar keine Angst aufkommen zu lassen, stieg er dieStufen hinunter und überquerte die schmale Gasse. Es warnatürlich einfach Wahnsinn. Wie gewöhnlich, gab es kein 101
  • 102. ausdrückliches Verbot, mit den Proles zu sprechen und ihreKneipen aufzusuchen, aber es war ein viel zu ungewöhnlichesVerhalten, um unbemerkt zu bleiben. Wenn eine Streife erschien,konnte er vielleicht einen Anfall von Unwohlsein vorschützen,aber es war nicht wahrscheinlich, daß man ihm glauben würde.Er stieß die Tür auf, und ein fürchterlicher, käsiger Geruch nachsaurem Bier schlug ihm entgegen. Bei seinem Eintritt sank dasStimmengewirr auf etwa eine halbe Lautstärke herab.Hinter seinem Rücken konnte er fühlen, wie jedermann seinenblauen Trainingsanzug anstarrte. Eine Partie Pfeilwerfen, die amanderen Ende des Lokals im Gange war, kam gute dreißigSekunden zum Stillstand. Der alte Mann, dem er nachgegangenwar, stand an der Theke und war in einen Wortwechsel mit demWirt verwickelt, einem stämmigen, hakennasigen jungen Mannmit ungeheuren Unterarmen. Eine Gruppe von Leuten, die mitihren Gläsern in der Hand dastanden, beobachtete die Szene.»Ich hab Sie höflich genug gebeten, oder vielleicht nicht?« sagteder alte Mann, wobei er kampflustig seine Schultern reckte. »UndSie wollen mir weismachen, Sie hätten keine Pinte in der ganzenelenden Bude?«»Wieviel, zum Teufel, ist überhaupt eine Pinte?« sagte der Wirt,indem er sich, auf die Fingerspitzen gestützt, weit über die Thekebeugte.»Hört euch das an! So was schimpft sich Wirt und weiß nichteinmal, was eine Pinte ist! Eine Pinte ist die Hälfte von einemViertel, und vier Viertel sind eine Gallone. Nächstens muß ichIhnen noch das Abc beibringen.«»Noch nie davon gehört«, sagte der Wirt kurz angebunden.»Liter und Halbliter, das ist alles, was wir ausschenken. Dort, vorIhnen auf dem Bord, stehen die Gläser.«»Ich möchte eine Pinte«, sagte der alte Mann beharrlich. »Siekönnten mir genauso gut eine Pinte einschenken. Wir kanntendiese blöden Liter nicht, als ich ein junger Mann war.«»Als Sie ein junger Mann waren, lebten wir alle noch auf denBäumen«, sagte der Wirt mit einem Seitenblick auf die Gäste. 102
  • 103. Eine Lachsalve brach los, und die durch Winstons Eintrittverursachte Verlegenheit schien überwunden. Das mit weißenBartstoppeln übersäte Gesicht des alten Mannes war leichtgerötet. Vor sich hinbrabbelnd wandte er sich von der Theke wegund prallte gegen Winston. Dieser fing ihn sanft am Arm auf.»Darf ich Sie zu einem Glas einladen?« fragte er.»Sie sind ein Gentleman«, sagte der andere und reckte wiederseine Schultern. Er schien Winstons blauen Trainingsanzug nichtbemerkt zu haben.»Eine Pinte!« fügte er angriffslustig an den Schenkkellner hinzu.»Eine Pinte Dunkles.«Der Wirt ließ zwei Halbliter dunkelbraunes Bier in dicke Gläserzischen, die er in einem Eimer unter der Theke ausgespült hatte.Bier war das einzige Getränk, das man in den Proles-Kneipenbekommen konnte. Die Proles sollten keinen Gin trinken, wennsie ihn sich auch praktisch recht leicht beschaffen konnten. DasPfeilwerfen war jetzt wieder voll im Gange, und dieMenschengruppe an der Theke hatte über Lotterielose zusprechen begonnen.Winstons Anwesenheit war für eine Weile vergessen. Unter demFenster stand ein kleiner Abstelltisch, wo er und der alte Mann,ohne Furcht, belauscht zu werden, plaudern konnten. Es warschrecklich gefährlich, aber auf alle Fälle war kein Televisor indem Lokal, eine Tatsache, deren sich Winston gleich beimHereinkommen vergewissert hatte.»Er hätte mir ruhig eine Pinte einschenken können«, brummteder alte Mann, während er hinter seinem Glase Platz nahm. »Soist es mir zuwenig. Und ein ganzer Liter ist wieder zuviel. Erschlägt mir auf die Blase. Ganz abgesehen vom Preis.«»Seit Sie ein junger Mann waren, müssen Sie großeVeränderungen erlebt haben«, sagte Winston, um erst einmalvorzufühlen.Die blassblauen Augen des alten Mannes wanderten von derScheibe der Pfeilwerfer zur Theke und von der Theke zu der Tür 103
  • 104. mit der Aufschrift »Männer«, als wäre von den Veränderungendie Rede, die sich in der Wirtsstube vollzogen hatten.»Das Bier war besser«, sagte er schließlich. »Und billiger! Als ichein junger Mann war, kostete das Bier – Braunbier pflegten wir eszu nennen – vier Pence die Pinte. Das war freilich vor demKrieg.«»Welcher Krieg war das?« fragte Winston.»Ein Krieg ist wie der andere«, sagte der alte Mannverschwommen. Er hob sein Glas, und seine Schultern recktensich wieder. »Auf Ihr Wohl!«Der scharf vorspringende Adamsapfel an seinem mageren Halsmachte eine erstaunlich schnelle Bewegung auf und ab, und dasBier war verschwunden. Winston ging an die Theke und kam mitzwei weiteren Halblitergläsern zurück. Der alte Mann schienseine Bedenken gegen den ganzen Liter vergessen zu haben.»Sie sind sehr viel älter als ich«, sagte Winston. »Sie müssenschon ein erwachsener Mann gewesen sein, ehe ich geborenwurde. Sie können sich sicher erinnern, wie es vor der Revolutionausgesehen hat. Menschen in meinem Alter wissen wirklich garnichts von dieser Zeit. Wir können nur in Büchern davon lesen,und was in den Büchern steht, stimmt vielleicht nicht.Ich wüßte gerne Ihre Meinung darüber. In denGeschichtsbüchern wird behauptet, daß das Leben vor derRevolution vollständig anders gewesen sei als heute. Dieschreckliche Unterdrückung, Ungerechtigkeit, Elend – schlimmerals alles, was wir uns vorstellen können. Hier in London hatte diegroße Masse des Volkes von der Wiege bis zum Grabe nie genugzu essen.Die Hälfte der Menschen besaß nicht einmal Schuhe an denFüßen. Sie arbeiteten zwölf Stunden am Tag, gingen mit neunJahren von der Schule ab, schliefen zu zehnt in einem Zimmer.Und gleichzeitig gab es einige wenige, nur ein paar Tausend –Kapitalisten wurden sie genannt –, die reich und mächtig waren.Ihnen gehörte alles, was man nur besitzen konnte. Sie wohnten ingroßen prächtigen Häusern mit dreißig Dienstboten, fuhren in 104
  • 105. Automobilen und vierspännigen Wagen umher, trankenChampagner, trugen Zylinderhüte…«Der alte Mann wurde auf einmal lebendig. »Zylinder!« rief eraus. »Komisch, daß Sie das erwähnen. Dasselbe fiel mir erstgestern ein, ich weiß nicht, warum. Ich dachte nur eben, daß ichseit Jahren keinen Zylinder mehr gesehen hab. Einfach von derBildfläche verschwunden sind sie. Das letzte Mal, daß ich einenauf hatte, war beim Begräbnis meiner Schwägerin. Und das war –nun, ich könnte Ihnen das Datum nicht nennen, aber es mußfünfzig Jahre her sein. Natürlich war er nur für die Gelegenheitausgeliehen, Sie verstehen.«»Das mit den Zylindern ist nicht sehr wichtig«, sagte Winstongeduldig. »Der springende Punkt ist, daß diese Kapitalisten –zusammen mit ein paar Juristen, Pfarrern und so weiter, die vonihnen lebten – die Herren dieser Erde waren. Alles war für sie da.Die anderen – das einfache Volk der Arbeiter – waren ihreSklaven. Sie konnten mit ihnen machen, was sie wollten. Siekonnten sie nach Kanada verschiffen wie das liebe Vieh. Siekonnten mit ihren Töchtern schlafen, wenn es ihnen paßte. Siekonnten die Leute mit einem Ding, das die neunschwänzigeKatze hieß, auspeitschen lassen. Man mußte vor ihnen die Mützeziehen. Jeder Kapitalist ging mit einem Trupp Lakaien umher,die…«Der alte Mann wurde wiederum lebhafter. »Lakaien!« sagte er.»Das ist auch ein Wort, das ich ewig nicht mehr gehört habe.Lakaien! Das versetzt mich richtig nach damals zurück, doch,bestimmt. Ich erinnere mich – ach, es ist furchtbar lange her –, daging ich manchmal am Sonntagnachmittag in den Hydepark, umdie Brüder ihre Reden schwingen zu hören.Heilsarmee, Katholiken, Juden, Inder – alles war vertreten. Undda war ein Apostel – nee, ich könnte nicht mehr sagen, wie erhieß, aber ein wirklich mitreißender Redner, ja, mitreißend, daswar er. Er besorgte es den Burschen nicht schlecht.›Lakaien‹, sagte er, ›Lakaien der Bourgeoisie! Speichellecker derherrschenden Klasse!‹ Parasiten! Das war ein anderes 105
  • 106. Lieblingswort von ihm. Und Hyänen – er hat sie ohne weiteresHyänen genannt. Er sprach natürlich von der Labour-Partei,verstehen Sie.«Winston hatte das Gefühl, daß sie aneinander vorbeiredeten.»Was ich wirklich wissen wollte«, sagte er, »war, ob Sie dasGefühl haben, daß jetzt mehr Freiheit herrscht als in jenen Zeiten?Werden Sie mehr wie ein Mensch behandelt? In den alten Zeitenwaren die Reichen, die Leute an der Spitze…«»Das Oberhaus!«, warf der alte Mann aus seiner Erinnerung indie Debatte.»Das Oberhaus, wenn Sie so wollen. Was ich nun gerne wissenmöchte: Waren diese Leute imstande, einen deshalb alsTieferstehenden zu behandeln, einfach, weil sie reich waren undman selber arm? Ist es zum Beispiel Tatsache, daß man sie mit›Gnädiger Herr‹ anreden und die Mütze abnehmen mußte, wennman an ihnen vorüberkam?«Der alte Mann schien angestrengt nachzudenken. Er trank erstungefähr ein Viertel seines Bieres aus, ehe er antwortete.»Ja«, sagte er dann, »sie sahen es gerne, wenn man vor ihnen andie Mütze griff. Das verriet so was wie Respekt. Mir behagte daspersönlich auch nicht, aber ich habs nur zu oft getan. Man mußteeben, wie man wohl sagen würde.«»Und war es üblich – ich führe nur das an, was ich inGeschichtsbüchern gelesen habe –, war es bei diesen Leuten undihren Bedienten üblich, einen vom Bürgersteig einfach herunterin den Rinnstein zu stoßen?«»Einer von ihnen hat mich einmal gestoßen«, sagte der alteMann. »Ich erinnere mich noch daran, als wäre es gesterngewesen. Es war am Abend nach einer Ruderregatta – die Leutewaren immer ganz außer Rand und Band, am Abend nach einerRuderregatta –, und ich renne auf der Shaftesbury Avenue ineinen jungen Burschen hinein. Der war ein richtig feiner Herr –steifes Hemd, Zylinder, schwarzer Mantel. Er schwankte imZickzack übern Gehsteig, und ich bumse aus Versehen gegen ihn.Sagt er: ›Können Sie nicht aufpassen, wo Sie gehen?‹ sagt er. Sag 106
  • 107. ich: ›Glauben Sie, Sie haben das verdammte Trottoir alleingepachtet?‹ Sagt er: ›Ich dreh dir den Kragen um, wenn du frechwirst.‹Sag ich: ›Sie sind besoffen. Gleich melde ich Sie der Polizei.‹ Undwollen Sie mirs glauben oder nicht, er legt mir die Hand auf dieBrust und gibt mir einen Stoß, daß ich um ein Haar unter einenBus geflogen wäre. Na, ich war damals noch jung und wollte ihmgerade eine langen, da . . .«Ein Gefühl der Hilflosigkeit überkam Winston. Die Erinnerungdes alten Mannes war weiter nichts als ein Kehrichthaufen vonEinzelheiten. Man hätte ihn den ganzen Tag ausfragen können,ohne eine einzige vernünftige Auskunft zu bekommen. DieGeschichtsdarstellungen der Partei konnten zur Hälfte wahr sein;ja, sie konnten sogar vollkommen wahr sein. Er machte einenletzten Versuch.»Vielleicht habe ich mich nicht deutlich ausgedrückt«, meinte er.»Was ich sagen wollte, ist folgendes: Sie sind schon lange aufdieser Welt. Sie haben die Hälfte Ihres Lebens vor der Revolutiongelebt. Im Jahre 1925 zum Beispiel waren Sie schon erwachsen.Würden Sie nach dem, woran Sie sich noch erinnern können,sagen, daß das Leben 1925 besser oder schlechter war als heute?Wenn Sie wählen könnten, würden Sie lieber damals als heuteleben wollen?«Der alte Mann blickte nachdenklich auf die Zielscheibe desWurfspiels. Bedächtiger als zuvor trank er sein Bier aus. Dannsprach er mit einem duldsamen, philosophischen Ausdruck imGesicht, als habe ihn das Bier milde gestimmt.»Ich weiß, was Sie von mir erwarten. Sie wollen hören, daß ichlieber wieder jung wäre. Die meisten Menschen würdenantworten, wenn man sie fragt, sie wären lieber wieder jung.Man ist bei Kräften und Gesundheit, wenn man jung ist.Wenn man in mein Alter kommt, ist man nie mehr so ganz inForm. Ich habe manchmal bös an meinen kranken Füßen zuleiden, und meine Blase macht mir furchtbar zu schaffen. Sechs-oder siebenmal in der Nacht muß ich raus. Andererseits sind da 107
  • 108. wieder große Vorteile, wenn man ein alter Mann ist. Man hatnicht mehr dieselben Sorgen. Kein Ärger mit den Weibern, das istschon sehr viel wert. Ich war fast dreißig Jahre mit keiner Fraumehr zusammen, ob Sies glauben oder nicht. Hatte keinVerlangen danach, das ist das Beste daran.«Winston lehnte sich gegen den Fenstersims zurück. Es hattekeinen Zweck, weiterzumachen. Er wollte gerade noch einmalBier bestellen, als der alte Mann plötzlich aufstand und hastig indas stinkende Pissoir in der Ecke des Lokals schlurfte. Derzusätzliche halbe Liter machte sich bemerkbar.Winston saß noch ein paar Minuten da und starrte in sein leeresGlas. Kaum wurde er sich bewußt, daß ihn seine Füße wiederhinaus auf die Straße trugen. In höchstens zwanzig Jahren,überlegte er, würde die große und einfache Frage: »War dasLeben vor der Revolution besser als heute?« ein für allemalunbeantwortet bleiben müssen.Im Grunde war sie bereits heute nicht mehr zu beantworten, dadie paar verstreuten Überlebenden der alten Welt nicht imstandewaren, das eine Zeitalter mit dem anderen zu vergleichen. Sieerinnerten sich wohl einer Unzahl bedeutungsloser Dinge, an denStreit mit einem Arbeitskollegen, die Suche nach einer verlorenenFahrradpumpe, den Ausdruck auf dem Gesicht einer längstverstorbenen Schwester, die Staubwirbel an einem windigenMorgen vor siebzig Jahren: aber alle wirklich aufschlußreichenTatsachen waren ihrem Gesichtskreis entschwunden.Sie waren wie die Ameisen, die wohl kleine, aber keine großenGegenstände erkennen können. Und wenn es keine Erinnerungmehr gab und alle schriftlichen Berichte gefälscht waren – wennes soweit war, dann mußte die Behauptung der Partei, dieLebensbedingungen der Menschen verbessert zu haben, als wahrhingenommen werden, weil es keinen Maßstab mehr gab, denman hätte anlegen können, und nie mehr einen geben würde.In diesem Augenblick kam sein Gedankengang plötzlich zumStillstand. Er blieb stehen und blickte hoch. Er befand sich ineiner engen Gasse mit ein paar unbeleuchteten Läden, die 108
  • 109. zwischen Wohnhäusern verstreut lagen. Unmittelbar überseinem Kopf hingen drei verfärbte Metallkugeln, die aussahen,als wären sie einmal vergoldet gewesen. Es kam ihm so vor, alskenne er die Stelle. Natürlich! Er stand vor dem Altwarenladen,in dem er das Tagebuch gekauft hatte.Ein jähes Erschrecken durchzuckte ihn. Es war schon hinreichendgewagt gewesen, das Buch überhaupt zu kaufen, und er hattesich geschworen, nie wieder in die Nähe des Ladens zu gehen.Und doch hatten ihn in dem Augenblick, als er seinen Gedankenzu schweifen erlaubt hatte, seine Füße ganz von selbst wiederhierher getragen. Gerade gegen solche selbstmörderischenImpulse hoffte er sich zu wappnen, indem er das Tagebuchbegann.Gleichzeitig bemerkte er, daß der Laden, obwohl es fasteinundzwanzig Uhr war, noch immer offengehalten wurde. Indem Gefühl, drinnen weniger aufzufallen, als wenn er auf demGehsteig blieb, trat er durch die Tür ein. Falls gefragt wurde,konnte er glaubhaft versichern, daß er sich nach Rasierklingenerkundigt habe.Der Ladenbesitzer hatte gerade eine Petroleumlampeangezündet, die einen unsauberen, aber anheimelnden Geruchverbreitete. Er war ein etwa sechzigjähriger Mann, gebrechlichund vornüber gebeugt, mit einer langen, gutmütigen Nase undmilden Augen, die von den dicken Brillengläsern ganz verzerrtwurden. Sein Haar war fast weiß, aber seine Augenbrauen warenbuschig und noch dunkel. Seine Brille, seine zarten,umständlichen Bewegungen und seine altmodische schwarzeSamtjacke verliehen seiner Erscheinung einen intellektuellenAnstrich, als sei er ein Literat oder vielleicht ein Musiker.»Ich erkannte Sie schon auf der Straße«, sagte er sofort. »Sie sindder Herr, der das Poesiealbum gekauft hat, nicht wahr? Das warein herrliches Papier, wirklich herrlich. SogenanntesCrèmepapier, so sagte man früher. So ein Papier wird nicht mehrhergestellt seit – oh, ich möchte sagen, seit fünfzig Jahren.« 109
  • 110. Er sah Winston über seine Brillengläser hinweg an. »Kann ichIhnen mit etwas Bestimmtem dienen? Oder wollten Sie sich nureben mal umsehen?«»Ich kam gerade vorbei«, sagte Winston zögernd. »Wollte nureben mal hereinschauen. Ich suche nichts Bestimmtes.«»Um so besser«, sagte der andere, »denn ich glaube, ich hätte Sienicht zufrieden stellen können.«Er machte eine entschuldigende Bewegung mit seiner weichenHand. »Sie sehen ja selbst: der Laden ist leer, möchte man sagen.Unter uns gesagt, der Antiquitätenhandel ist so gut wie erledigt.Keine Nachfrage mehr, und auch kein Angebot. Möbel,Porzellan, Glas – alles geht langsam in die Brüche. Und dieMetallgegenstände sind natürlich größtenteils eingeschmolzenworden. Ich habe seit Jahren keinen Messingleuchter mehrgesehen.«Das enge Ladeninnere war in Wirklichkeit ungemütlichvollgekramt, aber es gab fast keinen Gegenstand von demgeringsten Wert darin. Der freie Raum auf dem Fußboden warsehr beschränkt, da rings an den Wänden entlang zahlloseverstaubte Bilderrahmen aufgeschichtet waren. Im Schaufensterstanden Tragbrettchen voll Schrauben und Nägeln, abgenutztenMeißeln, Federmessern mit abgebrochenen Klingen, verrostetenUhren, die wohl niemals wieder gehen würden, und demverschiedenartigsten Schund. Nur auf einem Tischchen in einerEcke lag allerlei netter Krimskrams – lackierteSchnupftabakdosen, Achatbroschen und dergleichen –, Dinge,die so aussahen, als könnte sich etwas Interessantes darunterbefinden. Als Winston zu dem Tischchen hinüberschlenderte, fielsein Blick auf einen runden, glatten Gegenstand, der sanft imLampenlicht schimmerte, und er nahm ihn in die Hand.Es war ein schweres Stück Glas, auf der einen Seite abgerundet,auf der anderen flach, also fast eine Halbkugel. Ein besondersweicher Ton, als wäre es aus Regenwasser, haftete sowohl derFarbe wie der Beschaffenheit des Glases an. In seinem Innernwar, durch die runde Oberfläche vergrößert, ein seltsames, 110
  • 111. rosafarbenes Gebilde zu sehen, das an eine Rose oderSeeanemone erinnerte.»Was ist das?« fragte Winston entzückt.»Eine Koralle«, sagte der alte Mann. »Sie muß aus dem IndischenOzean stammen. Man pflegte sie gleichsam ins Glas einzubetten.Das wurde vor über hundert Jahren so gemacht. Vielleicht sogarschon vor längerer Zeit, nach ihrem Aussehen zu schließen.«»Es ist ein sehr schöner Gegenstand«, meinte Winston. »Etwassehr Schönes«, sagte der andere anerkennend. »Heutzutage gibtes nicht viele Dinge, von denen man das sagen könnte.«Er hustete. »Nun, sollten Sie es zufällig kaufen wollen, soüberlasse ich es Ihnen für vier Dollar. Ich kann mich einer Zeiterinnern, wo ein solches Stück acht Pfund gebracht hätte, unddamals waren acht Pfund – nun ich kann es nicht umrechnen,jedenfalls eine Menge Geld. Aber wer hat heutzutage noch etwasübrig für echte Antiquitäten – für die wenigen, die es noch gibt?«Winston bezahlte sofort die vier Dollar und steckte den begehrtenGegenstand in seine Tasche. Was ihn daran fesselte, war nicht sosehr seine Schönheit, sondern ein gewisses Etwas, das ihmanhaftete und darauf hinzudeuten schien, daß er einem anderen,grundverschiedenen Zeitalter angehörte.Das weiche, regenwasserartige Glas war nicht wie eingewöhnliches Glas, und er hatte so etwas noch nie gesehen. DerGegenstand war durch seine offenbare Nutzlosigkeit doppeltanziehend, obwohl er erraten konnte, daß er vermutlich einmalals Briefbeschwerer gedacht war. Er wog sehr schwer in seinerTasche, aber zum Glück bauschte er sie nicht sehr auf. Es warauffallend, sogar kompromittierend für ein Parteimitglied,dergleichen in seinem Besitz zu haben. Alles Alte – und damitalles Schöne – war immer ein wenig verdächtig. Der alte Mannwar merklich liebenswürdiger geworden, nachdem er die vierDollar bekommen hatte. Winston wurde klar, daß er sich auchmit drei oder sogar zwei zufriedengegeben hätte.»Oben ist noch ein anderes Zimmer, das Sie vielleicht gernebesichtigen möchten«, sagte er. »Es steht nicht viel drin. Nur ein 111
  • 112. paar Möbelstücke. Wenn wir hinaufgehen, wird eine Lampe alsBeleuchtung genügen!«Er zündete eine andere Lampe an und ging mit gebeugtemRücken voran die steile, ausgetretene Treppe hinauf, und weiterdurch einen winzigen Flur in ein Zimmer, das keinen Ausblickauf die Straße, sondern auf einen gepflasterten Hof und einenWald von Schornsteinen hatte. Winston bemerkte, daß die Möbelnoch so aufgestellt waren, als wäre das Zimmer bewohnt. EinTeppichstreifen lag auf dem Fußboden, ein paar Bilder hingen anden Wänden, und ein tiefer, durchgesessener Lehnstuhl war anden offenen Kamin gerückt. Eine altmodische Standuhr untereinem Glassturz und mit einem Zwölferzifferblatt tickte auf demKaminsims. Unter dem Fenster stand, fast ein Viertel desZimmers einnehmend, ein riesiges Bett, auf dem noch dieMatratzen lagen.»Wir wohnten hier, bis meine Frau starb«, sagte der alte Mann,halb um Entschuldigung bittend. »Jetzt verkaufe ich die Möbeleins nach dem anderen. Das hier ist ein prachtvollesMahagonibett, oder es wäre jedenfalls prächtig, wenn man dieWanzen herausbekommen könnte. Aber Sie werden vermutlichfinden, daß es zuviel Platz einnimmt.«Er hielt die Lampe hoch, um den ganzen Raum zu beleuchten,und in dem warmen, gedämpften Licht sah das Zimmermerkwürdig einladend aus. Durch Winstons Kopf huschte derGedanke, daß es vermutlich ganz leicht sein würde, das Zimmerfür ein paar Dollar in der Woche zu mieten, wenn man nur dieGefahr auf sich zu nehmen wagte.Es war ein toller, unmöglicher Einfall, den er gleich daraufwieder fallen ließ; aber das Zimmer hatte in ihm so etwas wieHeimweh, eine Art alter Erinnerung, geweckt. Es kam ihm vor,als wüßte er genau, wie man sich fühlte, wenn man in einemsolchen Zimmer im Lehnstuhl neben einem offenen Feuer saß,mit den Füßen gegen das Kamingitter und einem Teekessel aufdem Kaminbord: ganz allein, ganz sicher, ohne jemand, der einenbeobachten, ohne eine Stimme, die einen verfolgen konnte kein 112
  • 113. anderer Laut als das Summen des Kessels und das freundlicheTicken der Uhr.»Und keinen Televisor…«, murmelte er unwillkürlich.»Oh«, sagte der alte Mann, »ich habe nie eins von diesen Dingenbesessen. Zu teuer. Ich habe offenbar auch nie ein Bedürfnisdanach verspürt. Dort drüben in der Ecke sehen Sie ein hübschesKlapptischchen. Sie müßten allerdings neue Scharniere anbringenlassen, wenn Sie es aufgeklappt benützen wollen.«In der anderen Ecke stand ein kleines Bücherregal, auf dasWinston bereits losgesteuert war. Es enthielt nichts als Schund.Das Auskämmen und Vernichten der Bücher war in den Proles-Vierteln mit der gleichen Gründlichkeit wie in allen anderenbesorgt worden.Es war höchst unwahrscheinlich, daß es irgendwo in Ozeaniennoch ein Exemplar eines vor 1960 gedruckten Buches gab. Nochimmer die Lampe in den Händen, stand der alte Mann vor einemBild in einem Rosenholzrahmen, das auf der anderen Seite desKamins hing, dem Bett gegenüber.»Falls Sie zufällig Interesse an alten Stichen haben sollten«, finger vorsichtig an. Winston trat näher, um das Bild genauer zubetrachten. Es war der Stahlstich eines ovalen Gebäudes mitrechtwinkeligen Fenstern und einem kleinen Turm in der Mitte.Ein Eisengitter lief um das ganze Gebäude, und im Hintergrundwar offenbar eine Art Standbild. Winston betrachtete es einigeAugenblicke. Es kam ihm irgendwie bekannt vor, wenn er sichauch an das Standbild nicht erinnern konnte.»Der Rahmen ist an der Wand befestigt«, sagte der alte Mann,»aber ich kann ihn losschrauben.«»Ich kenne das Gebäude«, sagte Winston schließlich.»Es ist heute eine Ruine. Es steht mitten auf der Straße vor demJustizpalast.«»Stimmt. Beim Großen Gerichtshof. Es wurde zerbombt im Jahre– ach, vor vielen Jahren. Es ist einmal eine Kirche gewesen. St.Clements Dane hieß sie.« Er lächelte, wie um Verzeihungheischend, als sei er sich bewußt, etwas leicht Lächerliches zu 113
  • 114. sagen, und fügte hinzu: »Oranges and lemons, say the bells of St.Clements!«»Was soll das bedeuten?« fragte Winston. »Ei nun – ›Oranges andlemons, say the bells of St. Clements‹. Das war ein Abzählreim,den wir sangen, als ich noch ein kleiner Junge war. Wie erweitergeht, erinnere ich mich nicht. Ich weiß nur, daß es amSchluß heißt: “Here comes a candle to light you to bed, herecomes a chopper to chop off your head.”Es war so eine Art Ringelreihen. Die Kinder hielten die Armehoch, damit man drunter durchgehen konnte, und wenn man zu›Here comes a chopper to chop off your head‹ kam, ließen sie dieArme sinken, und man war gefangen. Es waren lauter Namenvon Kirchen. Alle Londoner Kirchen kamen drin vor – diebekanntesten, meine ich.«Winston fragte sich, aus welchem Jahrhundert die Kirchestammte. Es war immer schwierig, das Zeitalter eines LondonerGebäudes zu bestimmen. Alles Große und Eindrucksvolle wurde,wenn es einigermaßen neu aussah, automatisch als ein Neubauder Revolution in Anspruch genommen, während alles, wasoffenkundig früheren Datums war, einer dunklen undunbestimmten Epoche zugeschrieben wurde, die man alsMittelalter bezeichnete.Von den Jahrhunderten des Kapitalismus wurde so getan, alshätten sie nichts von irgendwelchem Wert hervorgebracht. Vonder Architektur konnte man ebenso wenig Geschichte ablesenwie aus den Büchern. Statuen, Inschriften, Denkmäler,Straßennamen – alles, was Licht auf die Vergangenheit werfenkonnte, war systematisch abgeändert worden. So hatte mandiesem Land seine Vergangenheit und damit zugleich seineIdentität geraubt.»Ich wußte gar nicht, daß es eine Kirche war«, sagte Winston.»Es stehen in Wirklichkeit noch eine ganze Menge Kirchen«,sagte der alte Mann, »wenn sie auch anderen Zwecken zugeführtwurden. Wie ging doch jetzt gleich dieser Reim weiter? Ach, ich 114
  • 115. habs! ›Oranges and lemons, Say the bells of St. Clements, Youowe me three farthings, Say the bells of St. Martins...”Sehen Sie, soweit bringe ichs zusammen. Ein Farthing war einekleine Kupfermünze, ungefähr wie ein Cent.«»Wo stand St. Martins?« fragte Winston.»St. Martins? Es steht noch. Am Victory-Square, neben derBildergalerie. Ein Gebäude mit einer Art dreieckiger Vorhalle,einem Säulenvorbau und großen, breiten Stufen, diehinaufführen.«Winston kannte das Gebäude gut. Es war ein Museum für dieAusstellung von verschiedenartigem Propagandamaterial: vonverkleinerten Modellen von Raketengeschossen, SchwimmendenFestungen, Wachsnachbildungen feindlicher Greueltaten unddergleichen.»St. Martins in the Fields wurde die Kirche damals immergenannt«, ergänzte der alte Mann, »obwohl ich mich an keineFelder in dieser Gegend erinnern kann.«Winston kaufte das Bild nicht. Es wäre als Besitztum sogar nochbelastender gewesen als der gläserne Briefbeschwerer undunmöglich nach Hause zu tragen, wenn man es nicht aus demRahmen herauslöste. Aber er blieb noch ein paar Minuten undunterhielt sich mit dem alten Mann, der übrigens, wie erherausfand, nicht Weeks hieß, wie man nach der Aufschrift aufdem Ladenschild hätte annehmen können, sondern Charrington.Herr Charrington, stellte sich heraus, war ein Witwer vondreiundsechzig und hatte dreißig Jahre lang in diesem Ladengewohnt.Diese ganze Zeit über hatte er die Absicht gehabt, den Namenüber dem Schaufenster zu ändern, war aber doch nie dazugekommen. Wahrend ihrer ganzen Unterhaltung wollte Winstonder nur halb erinnerte Kinderreim nicht aus dem Kopf gehen.Oranges and lemons, say the bells of St. Clements. You owe methree farthings, say the bells of St. Martins! Es war seltsam: wennman es vor sich hinsagte, hatte man die Illusion, tatsächlichGlocken läuten zu hören, die Glocken eines verschollenen 115
  • 116. Londons, das doch noch da oder dort, ganz entstellt undvergessen, vorhanden war. Von einem geisterhaften Kirchturmnach dem ändern glaubte er das Geläut zu hören. Dabei hatte er,soviel er sich erinnern konnte, in Wirklichkeit noch nie im LebenKirchenglocken läuten hören.Er verabschiedete sich von Herrn Charrington und stieg alleindie Treppe hinunter, um den alten Mann nicht merken zu lassen,daß er erst einen forschenden Blick auf die Straße warf, ehe er ausder Tür trat. Er hatte innerlich bereits beschlossen, nach einerentsprechenden Wartezeit – vielleicht nach einem Monat – dasRisiko auf sich zu nehmen und den Laden nochmals zubesuchen. Es war vielleicht nicht gefährlicher, als einenGemeinschaftsabend zu schwänzen.Die eigentliche Tollkühnheit war gewesen, überhaupt nocheinmal hierher zu kommen, nachdem er das Diarium gekaufthatte und nicht wissen konnte, ob man dem Ladeneigentümertrauen durfte. Aber seis drum…!Ja, er dachte noch einmal, er würde wiederkommen. Er würdeandere Reste von schönem Tand kaufen. Er würde den Stich vonSt. Clements Dane erstehen, ihn aus dem Rahmen nehmen undunter der Bluse eines Trainingsanzugs versteckt nach Hausetragen. Er würde auch noch die übrigen Strophen diesesKinderreims aus Herrn Charringtons Gedächtnis herauslocken.Sogar der wahnwitzige Plan, das Zimmer im Obergeschoß zumieten, durchzuckte für einen Augenblick seinen Kopf. FünfSekunden lang vielleicht machte ihn seine Hochstimmungunvorsichtig, und er trat, ohne auch nur vorher zur Sicherungeinen Blick durchs Fenster zu werfen, hinaus auf die Straße. Erhatte sogar zu einer improvisierten Melodie zu summenangefangen: »Oranges and lemons, Say the bells of St. Clements,You owe me three farthings, Say the…«Plötzlich erstarrte sein Herz zu Eis, und seine Knie wurdenwachsweich. Eine Gestalt im blauen Trainingsanzug kam ihm,keine zehn Meter entfernt, auf der Straße entgegen. Es war dasMädchen der Literaturabteilung, das Mädchen mit dem dunklen 116
  • 117. Haar. Die Beleuchtung war schlecht, aber er konnte sie ohneweiteres erkennen. Sie blickte ihm gerade ins Gesicht und gingdann rasch weiter, als habe sie ihn nicht bemerkt.Ein paar Sekunden war Winston wie gelähmt und konnte keinenFuß vor den anderen setzen. Dann bog er nach rechts ab undschritt rasch aus, ohne im ersten Augenblick zu merken, daß er inder verkehrten Richtung ging. Eines stand jedenfalls fest. Es gabkeinen Zweifel mehr, daß das Mädchen ihm nachspionierte. Siemußte ihn verfolgt haben, denn es war nicht glaubhaft, daß sieaus reinem Zufall am selben Abend durch dieselbe obskureHintergasse kam, kilometerweit von allen Vierteln entfernt, indenen Parteimitglieder wohnten. Es wäre ein zu großer Zufallgewesen. Ob sie wirklich eine Agentin der Gedankenpolizei oderlediglich ein von übertriebenem Diensteifer inspirierter Amateur-Spitzel war, blieb sich so ziemlich gleich. Es genügte, daß sie ihnbeobachtete. Vermutlich hatte sie ihn auch in die Kneipehineingehen sehen.Ihm wurde das Gehen schwer. Der gläserne Gegenstand in seinerTasche schlug bei jedem Schritt an seine Hüfte, und er dachtehalb und halb daran, ihn herauszuziehen und wegzuwerfen. DasSchlimmste waren seine Leibschmerzen. Ein paar Augenblickelang hatte er das Gefühl, er würde sterben, wenn er nicht baldeine Toilette erreichte. Doch in einem solchen Viertel gab es wohlkeine öffentlichen Bedürfnisanstalten. Dann lösten sich dieKrämpfe und ließen nur einen dumpfen Schmerz zurück.Die Straße war eine Sackgasse. Winston blieb stehen undüberlegte ein paar Sekunden unschlüssig, was er tun sollte. Dannkehrte er um und ging den Weg zurück. Im Kehrtmachen fiel ihmein, daß das Mädchen erst vor drei Minuten an ihmvorbeigekommen war und er sie laufend vermutlich einholenkonnte. Er konnte sich an ihre Fersen heften, bis sie eineverlassene Gegend erreicht hatten, und ihr dann mit einemPflasterstein den Schädel einschlagen. Der Glasgegenstand inseiner Tasche war schwer genug dazu. Aber er ließ diese Ideesofort wieder fallen, denn schon der Gedanke an irgendeine 117
  • 118. körperliche Anstrengung war ihm unerträglich. Er brachte eseinfach nicht fertig, zu laufen und zu einem Schlag auszuholen.Außerdem war sie jung und kräftig und würde sich verteidigen.Er dachte auch daran, noch zum Gemeinschaftshaus zu eilen unddort bis zur Sperrstunde zu bleiben, um sich wenigstens einteilweises Alibi für den Abend zu verschaffen. Aber auch das warunmöglich. Eine tödliche Ermattung hatte sich seiner bemächtigt.Er wollte nichts weiter als nach Hause gehen, sich hinsetzen undausruhen.Es war nach zweiundzwanzig Uhr, als er seine Wohnungerreichte. Um dreiundzwanzig Uhr dreißig würde der Lichtstromvon der Hauptleitung her abgeschaltet werden. Er ging in dieKüche und goß fast eine ganze Teetasse voll Victory-Ginhinunter. Dann ging er zu dem Tisch in der Nische, setzte sichund zog das Tagebuch aus der Schublade. Aber er schlug es nichtsofort auf. Aus dem Televisor kreischte eine blecherneFrauenstimme ein kollektivistisches Arbeitslied. Er saß da undstarrte, in dem Versuch, die Stimme aus seinem Bewußtseinauszuschalten, den marmorierten Buchdeckel an.Nachts holten sie einen, immer in der Nacht. Das Richtige war,sich umzubringen, ehe sie einen abholten. Zweifellos gab esMenschen, die das taten. Viele Fälle von Verschwinden waren inWirklichkeit Selbstmorde. Aber man brauchte den Mut derVerzweiflung, um sich in einer Welt, in der Feuerwaffen oder einrasch wirkendes Gift vollkommen unmöglich zu beschaffenwaren, selbst zu töten.Er dachte mit Staunen an die biologische Sinnlosigkeit vonSchmerz und Angst, an den erbärmlichen Verrat desmenschlichen Körpers, der immer genau in dem Augenblick inSchwäche verfällt, in dem man von ihm eine besondereAnstrengung benötigt. Er hätte das dunkelhaarige Mädchen zumSchweigen bringen können, wenn er nur rasch genug gehandelthätte, aber gerade infolge der Größe der ihm drohenden Gefahrhatte er die Fähigkeit zum Handeln verloren. Es kam ihm zuBewußtsein, daß man in Momenten höchster Gefahr nie gegen 118
  • 119. einen von außen kommenden Feind ankämpft, sondern immernur gegen den eigenen Körper. Sogar jetzt, trotz des Gins, machteder dumpfbohrende Schmerz in seinem Bauch einzusammenhängendes Denken unmöglich.Und in allen scheinbar heldischen oder tragischen Lagen,erkannte er, ist es das gleiche. Auf dem Schlachtfeld, in derFolterkammer, auf einem untergehenden Schiff werden dieentscheidenden Dinge, um derentwillen man kämpft, immervergessen, weil der Körper sich vordrängt, bis er die ganze Weltausfüllt. Und selbst wenn man nicht vor Angst gelähmt ist odernicht vor Schmerz aufschreit, ist das Leben immer ein Kampf,von einem Augenblick zum ändern, gegen Hunger oder Kälteoder Schlaflosigkeit, gegen einen verdorbenen Magen oder einenschmerzenden Zahn.Er schlug sein Tagebuch auf. Es war wichtig, jetzt etwasniederzuschreiben. Die Frau im Televisor hatte ein neues Liedangestimmt. Ihre Stimme schien sein Gehirn wie zackigeGlassplitter zu durchbohren. Er versuchte an OBrien zu denken,für den, an den er sein Tagebuch geschrieben hatte, aberstattdessen begann er darüber nachzudenken, was mit ihmgeschehen würde, nachdem ihn die Gedankenpolizei abgeführthatte. Es wäre ja nicht so schlimm, wenn sie einen gleichumbrächten.Man war darauf gefaßt, getötet zu werden. Aber vor dem Tod(niemand sprach von diesen Dingen, und doch wußte sie jeder)kam erst das unvermeidliche Erpressen von Geständnissen: dasHerumkriechen auf dem Boden und das Um-Gnade-Flehen, dasKrachen zermalmter Knochen – die eingeschlagenen Zähne unddie blutigen Haarbüschel.Warum mußte man das durchmachen, da doch das Ende immerdas gleiche war? Warum war es nicht möglich, ein paar Tageoder Wochen aus seinem Leben einfach zu streichen? Niemandentging jemals der Entdeckung, und niemand hatte je verfehlt,ein Bekenntnis abzulegen. Hatte man erst einmal einGedankenverbrechen begangen, so war es sicher, daß man nach 119
  • 120. einer bestimmten Zeit tot war. Warum mußte einen dann diesesEntsetzliche, das doch nichts änderte, im Schoße der Zukunfterwarten?Er versuchte, mit ein wenig mehr Erfolg als zuvor, sich das BildOBriens vorzustellen. »Wir werden uns wiedersehen, wo keineDunkelheit herrscht«, hatte OBrien zu ihm gesagt. Er wußte, wasdas bedeutete, oder glaubte es zu wissen. Der Ort, an dem keineDunkelheit herrscht, war die erträumte Zukunft, die man nieerleben würde, deren man aber durch Vorausschau ingeheimnisvoller Weise teilhaftig werden konnte.Aber während die Stimme aus dem Televisor ihm die Ohren volldröhnte, konnte er den Gedankengang nicht weiter verfolgen. Ersteckte sich eine Zigarette an. Prompt fiel die Hälfte des Tabaksheraus auf seine Zunge, ein bitter schmeckender Staub, der sichnur schwer wieder ausspucken ließ. In Gedanken schwebte ihmdas Gesicht des Großen Bruders vor und verdrängte dasOBriens. Genau wie er es vor ein paar Tagen getan hatte, zog ereine Münze aus der Tasche und betrachtete sie. Das Gesichtstarrte zu ihm empor, ernst, ruhig, beschützend, doch welchesLächeln mochte sich hinter dem dunklen Schnurrbart verbergen?KRIEG BEDEUTET FRIEDENFREIHEIT IST SKLAVEREIUNWISSENHEIT IST STÄRKEWie Grabgeläute fielen ihm wieder diese Worte ein… 120
  • 121. Zweiter Teil Erstes KapitelEs war mitten am Vormittag; Winston hatte seine Arbeitsnischeverlassen, um auf die Toilette zu gehen. Da kam eine einzelneGestalt vom anderen Ende des langen, hellerleuchteten Gangesauf ihn zu. Es war das dunkelhaarige Mädchen.Vier Tage waren seit dem Abend verstrichen, als sie ihm vor demAltwarenladen begegnet war. Während sie näher kam, bemerkteer, daß sie den rechten Arm in einer Schlinge trug, die man ausder Entfernung nicht erkennen konnte, weil sie von der gleichenFarbe wie ihr Trainingsanzug war. Vermutlich hatte sie sich dieHand gequetscht bei der Bedienung eines der großenKaleidoskope, in denen die Grobeinstellung der ersten Fassungvon Romanen hergestellt wurde. Das war in derLiteraturabteilung ein wohl ziemlich häufiger Arbeitsunfall.Sie waren vielleicht noch vier Meter voneinander entfernt, als dasMädchen stolperte und fast ihrer ganzen Länge nach hinfiel. Einschriller Schmerzensschrei entrang sich ihrer Brust. Sie mußtegerade auf den verletzten Arm gefallen sein. Winston bliebstehen. Das Mädchen hatte sich auf den Knien aufgerichtet. IhrGesicht war milchweiß geworden, und der Mund hob sich inlebhafterem Rot als vorher von ihrer Blässe ab. Mit einemflehentlichen Ausdruck, der mehr nach Angst als nach Schmerzaussah, blickten ihre Augen in die seinen.Ein seltsames Gefühl regte sich in Winstons Herzen. Zu seinenFüßen lag ein Feind, der ihm nach dem Leben trachtete; zugleichaber auch ein Mensch, der von Schmerzen gequält wurde undsich vielleicht einen Knochen gebrochen hatte. Instinktiv war er 121
  • 122. herbeigeeilt, um ihr zu helfen. In dem Augenblick, als er sie aufden verbundenen Arm fallen sah, war ihm gewesen, als fühlte erden Schmerz am eigenen Leibe.»Haben Sie sich verletzt?« fragte er.»Es ist nichts. Nur mein Arm. Es wird gleich wieder gut sein.« Siesprach, als stocke ihr das Herz. Jedenfalls war sie sehr bleichgeworden.»Sie haben sich hoffentlich nichts gebrochen?«»Nein, mir fehlt nichts. Es tat einen Augenblick weh, das istalles.« Sie streckte ihm ihre freie Hand entgegen, und er half ihrauf. Sie hatte wieder etwas Farbe bekommen und schien sichbedeutend besser zu fühlen.»Es ist nichts«, wiederholte sie kurz. »Ich verspürte nur einenStich im Handgelenk. Danke, Genosse!« Und damit ging sie sounbeschwert in der gleichen Richtung weiter, als sei tatsächlichnichts geschehen.Der ganze Zwischenfall konnte keine halbe Minute gedauerthaben. Seine Gefühle durch nichts zu verraten, war fürjedermann zu einer Instinkthandlung geworden, und überdieshatten sie gerade vor einem Televisor gestanden, als die Sachepassierte. Trotzdem war es Winston nicht leichtgefallen, einenflüchtigen Ausdruck der Überraschung zu unterdrücken, denn inden zwei oder drei Sekunden, in denen er ihr aufhalf, hatte dasMädchen ihm etwas in die Hand gedrückt. Es stand außer Frage,daß sie das absichtlich getan hatte. Es war ein kleiner und flacherGegenstand. Als er die Toilette betrat, schob er ihn in seineTasche und befühlte ihn mit den Fingerspitzen. Es war einviereckig zusammengefaltetes Stückchen Papier.Während er vor dem Becken stand, gelang es ihm nach einigemFingern, den Zettel auseinander zufalten. Offenbar stand eineNachricht darauf. Einen Augenblick fühlte er sich versucht, ihnin eine der Kabinen mitzunehmen und auf der Stelle zu lesen.Doch das wäre eine unverzeihliche Torheit gewesen, wie er wohlwußte. Es gab kaum einen anderen Ort, an dem man so sichersein konnte, dauernd durch den Televisor überwacht zu werden. 122
  • 123. Er ging an seinen Arbeitsplatz in seine Nische zurück, warf dasZettelchen nachlässig unter die anderen auf dem Schreibtischliegenden Papiere, setzte sich die Brille auf und zog denSprechschreiber zu sich heran. »Fünf Minuten«, sagte er zu sichselbst; »mindestens fünf Minuten.« Sein Herz klopfteerschreckend heftig in seiner Brust. Zum Glück war die Arbeit,mit der er gerade beschäftigt war, eine reine Routinesache, dieRichtigstellung einer langen Zahlenliste, und erforderte keineangestrengte Aufmerksamkeit.Was immer auf dem Papier geschrieben stand, mußte eine Artpolitische Bedeutung haben. Soweit er es beurteilen konnte, gabes zwei Möglichkeiten. Die eine, weit wahrscheinlichere, bestanddarin, daß das Mädchen, ganz wie er gefürchtet hatte, eineAgentin der Gedankenpolizei war. Er wußte zwar nicht, warumdie Gedankenpolizei gerade diesen Weg wählen sollte, einemihre Weisungen zugehen zu lassen, aber vielleicht hatte sie ihreGründe dafür. Auf dem Zettelchen konnte eine Drohung stehen,eine Vorladung, die Aufforderung, Selbstmord zu begehen, eskonnte auch irgendeine Falle sein. Aber es gab eine andere, nochtollere Möglichkeit, und sie ließ sich nicht verscheuchen, wenn erauch vergebens versuchte, sie aus seinen Gedanken zuverbannen. Daß nämlich die Nachricht überhaupt nicht von derGedankenpolizei kam, sondern von einer ArtUntergrundbewegung.Vielleicht gab es »Die Brüderschaft« doch! Vielleicht gehörte dasMädchen ihr an! Kein Zweifel, der Gedanke war absurd, aber erwar ihm sofort durch den Kopf geschossen, als er das StückchenPapier in seiner Hand spürte. Erst ein paar Minuten später warihm die andere, wahrscheinlichere Möglichkeit in den Sinngekommen. Und sogar jetzt noch – wenn ihm auch sein Verstandsagte, daß die Botschaft vermutlich den Tod bedeutete –, sogarjetzt konnte er noch immer nicht daran glauben, und erklammerte sich an eine unvernünftige Hoffnung. Sein Herzklopfte, und nur mühsam konnte er ein Zittern seiner Stimme 123
  • 124. vermeiden, während er seine Zahlen in den Sprechschreiberhineinmurmelte.Er rollte den erledigten Stoß Papiere zusammen und steckte ihnin die Rohrposttrommel. Acht Minuten waren verstrichen. Erschob die Brille auf der Nase zurecht, seufzte und zog dasnächste Bündel Akten zu sich heran, auf dem das Zettelchen lag.Er strich es glatt. In einer großen, unbeholfenen Handschriftstand darauf: Ich liebe Sie.Mehrere Sekunden lang war er zu verblüfft, um das belastendePapier in das Gedächtnis-Loch zu werfen. Als er es endlich tat,konnte er – obwohl er sehr gut die Gefahr eines zu lebhaftbekundeten Interesses kannte – nicht der Versuchungwiderstehen, es noch einmal zu lesen, nur um sich zuüberzeugen, ob diese Worte wahrhaftig dastünden.Den übrigen Vormittag fiel ihm das Arbeiten sehr schwer.Schwieriger noch, als seine Aufmerksamkeit auf eine Reihelangwieriger Arbeiten zu konzentrieren, war die Notwendigkeit,seine Aufregung vor dem Televisor verbergen zu müssen.Ihm war, als brenne ein Feuer in ihm. Das Mittagessen in derheißen, oft überfüllten, lärmenden Kantine war eine Tortur. Erhatte gehofft, während der Mittagspause ein wenig allein zu sein,aber wie es das Unglück wollte, ließ sich der blonde Parsonsneben ihm auf einen Stuhl plumpsen, wobei seine scharfeSchweißausdünstung beinahe den metallenen Eintopfgeruchverdrängte. Er schwatzte unaufhörlich von den Vorbereitungenfür die Hass-Woche. Er war besonders begeistert über einen zweiMeter breiten Kopf des Großen Bruders aus Papiermaché, der zuder Veranstaltung von dem Späher-Fähnlein seiner Tochterangefertigt wurde.Das Lästige war, daß Winston bei dem Stimmengewirr kaumhören konnte, was Parsons sagte, und ihn dauernd bitten mußte,die eine oder andere seiner belanglosen Bemerkungen zuwiederholen. Nur einmal konnte er einen flüchtigen Blick auf dasMädchen werfen, das am anderen Ende des Raumes an einemTisch mit zwei Kolleginnen saß. Sie schien ihn nicht gesehen zu 124
  • 125. haben, und er vermied es, nochmals in die gleiche Richtung zublicken.Der Nachmittag war erträglicher. Sofort nach dem Essen traf einhöchst kniffliges Stück Arbeit ein, das mehrere Stunden inAnspruch nahm und es notwendig machte, alles andere beiseitezu legen. Es bestand darin, eine Reihe von zwei Jahrezurückliegenden Produktionsziffern so zu verfälschen, daß einprominentes Mitglied der Inneren Partei, das gerade in Ungnadegefallen war, dadurch in Mißkredit gebracht wurde. Es war eineArbeit, in der Winston sich besonderes Geschick erworben hatte,und für über zwei Stunden vermochte er das Mädchenvollständig aus seinem Denken auszuschalten.Dann kehrte die Erinnerung an ihr Gesicht zurück, und mit ihrein rasendes, schier unerträgliches Verlangen, allein zu sein. Eheer nicht allein sein konnte, war es unmöglich, über diese neueWendung der Dinge nachzudenken. Heute war für ihnPflichtabend im Gemeinschaftshaus.Er schlang in der Kantine eine nach nichts schmeckende Mahlzeithinunter, eilte dann fort zum Gemeinschaftshaus, nahm an demfeierlichen Unfug einer sogenannten »Diskussionsgruppe« teil,spielte zwei Partien Tischtennis, stürzte mehrere Glas Ginhinunter und ließ eine halbe Stunde einen Vortrag über dasThema »Engsoz und seine Beziehungen zum Schachspiel« übersich ergehen. Innerlich wand er sich vor Langeweile, aber zumersten Male seit einiger Zeit hatte er nicht das Bedürfnis verspürt,den Gemeinschaftsabend zu versäumen. Beim Anblick der dreiWorte »Ich liebe Sie« war der Wunsch, am Leben zu bleiben, neuin ihm erwacht, und plötzlich schien es töricht, in Kleinigkeitensich einer Gefahr auszusetzen. Erst um dreiundzwanzig Uhr, alser daheim war und im Bett lag – in der Dunkelheit, in der mansogar vor dem Televisor sicher war, solange man sich stillverhielt –, konnte er ungestört nachdenken.Es galt ein technisches Problem zu lösen: wie konnte er wohl mitdem Mädchen in Verbindung treten und ein Stelldichein mit ihrverabreden? 125
  • 126. Die Möglichkeit, daß sie ihm nur eine Falle stellen wollte, zog ernicht mehr in Betracht. Er wußte auf Grund ihrerunverkennbaren Aufregung, als sie ihm den Zettel ausgehändigthatte, daß dem nicht so war. Offensichtlich war sie vor Angstvöllig durcheinander gewesen, was durchaus erklärlich war.Auch kam ihm nicht einen Augenblick lang in den Sinn, ihreAnnäherungsversuche zurückzuweisen. Erst vor fünf Nächtenwollte er ihr in Gedanken mit einem Pflasterstein den Schädeleinschlagen; aber das hatte nichts zu bedeuten.Er dachte an ihren nackten, jugendlichen Körper, wie er ihn inseinem Traum gesehen hatte. Er hatte geglaubt, sie sei wie alledie anderen, den Kopf vollgestopft mit Lügen und Hass, der Leibein einziger Eisklumpen. Eine Art Fieber befiel ihn bei demGedanken, er könnte sie verlieren, der junge weiße Leib könntesich ihm entziehen. Mehr als alles andere fürchtete er, sie könntees sich noch einmal anders überlegen, wenn er nicht rasch mit ihrin Beziehung trat. Aber die technische Schwierigkeit, sie zutreffen, war enorm. Es war, als wollte man beim Schachspieleinen Zug machen, nachdem man bereits matt gesetzt wordenwar. Wohin man auch den Blick wandte, wurde man vomTelevisor beobachtet.Tatsächlich waren ihm schon in den ersten fünf Minuten,nachdem er den Zettel gelesen hatte, alle Möglichkeiten, sich mitihr in Verbindung zu setzen, durch den Kopf geschossen. Jetztaber, da er zum Nachdenken Muße hatte, prüfte er sie nocheinmal eine nach der anderen, als lege er sich eine Reihe vonInstrumenten zurecht.Offensichtlich konnte eine Verständigung, wie sie heute Morgenstattgefunden hatte, nicht wiederholt werden. Hätte sie in derRegistraturabteilung gearbeitet, so wäre es verhältnismäßig leichtgewesen; aber er hatte nur eine sehr ungenaue Vorstellung, inwelchem Teil des riesigen Gebäudes die Literaturabteilung lag,und erst recht keinen Vorwand, dorthin zu gehen. Hätte ergewusst, wo sie wohnte und um welche Zeit sie ihrenArbeitsplatz verließ, dann hätte er es einrichten können, ihr 126
  • 127. irgendwo auf dem Heimweg zu begegnen. Aber der Versuch, ihrvom Büro bis zum Haus nachzugehen, war nicht ratsam, denn erhätte ein Herumstehen vor dem Ministerium mit sich gebracht,und das wäre vermutlich aufgefallen. Einen Brief durch die Postzu schicken, kam auch nicht in Frage. Es war ein offenesGeheimnis, daß üblicherweise alle Briefe vor der Zustellunggeöffnet wurden. Es schrieben praktisch auch nur wenig LeuteBriefe. Für die Mitteilungen, die man sich gelegentlich zu machenhatte, gab es vorgedruckte Postkarten mit einer Anzahl vonSätzen, von denen man die nichtzutreffenden durchstrich.Überdies wußte er ja nicht einmal den Namen des Mädchens,geschweige denn ihre Adresse. Schließlich kam er zu demSchluß, daß der sicherste Ort die Kantine blieb. Wenn er sie alleinan einem Tisch irgendwo in der Mitte des Raumes, nicht zu nahevon einem Televisor und inmitten des alles übertönendenStimmengewirrs erwischen konnte – und seien dieseVorbedingungen auch nur dreißig Sekunden lang gegeben –, sokonnte es möglich sein, ein paar Worte mit ihr zu wechseln.Während der folgenden Woche war das Leben wie ein quälenderTraum. Gleich am Tage darauf erschien sie erst in der Kantine, alser aufbrechen mußte, weil die Sirene bereits ertönte. Vermutlichwar sie einer späteren Schicht zugeteilt worden. Sie gingen ohneeinen Seitenblick aneinander vorbei. Am nächsten Tage saß sie zuder üblichen Zeit in der Kantine, aber zusammen mit dreianderen Mädchen und unmittelbar unter einem Televisor. Dannerschien sie drei schreckliche Tage lang überhaupt nicht mehr.Winston schien an Körper und Geist von einer unerträglichenÜbersensibilität heimgesucht zu werden, er war wie aus Glas, sodaß jede Bewegung, jeder Laut, jede Berührung, jedes Wort, daser aussprechen oder anhören mußte, zur Qual wurde.Sogar im Schlaf konnte er sich nicht völlig von ihrem Bildfreimachen. Während dieser Tage rührte er sein Tagebuch nichtan. Am ehesten fand er noch eine Erleichterung in seiner Arbeit,bei der er seinen Kummer manchmal für volle zehn Minutenvergessen konnte. Er hatte nicht die leiseste Ahnung, was aus 127
  • 128. dem Mädchen geworden war. Er konnte keine Erkundigungennach ihr anstellen. Sie konnte vaporisiert worden sein, konnteSelbstmord verübt haben oder ans andere Ende von Ozeanienversetzt worden sein: Am schlimmsten und wahrscheinlichstenvon allem war die Möglichkeit, daß sie es sich vielleicht andersüberlegt und beschlossen haben konnte, ihm künftig aus demWeg zu gehen.Am folgenden Tag tauchte sie wieder auf. Ihr Arm steckte nichtmehr in der Schlinge, stattdessen hatte sie einen Pflasterverbandum ihr Handgelenk. Seine Erleichterung bei ihrem Anblick warso groß, daß er nicht umhin konnte, sie ein paar Sekunden langunverwandt anzublicken. Am Tag darauf wäre es ihm um einHaar gelungen, mit ihr zu sprechen. Als er in die Kantine kam,saß sie ganz allein an einem ziemlich weit von der Wandentfernten Tisch. Es war noch früh und der Raum nicht sehr voll.Die Schlange der Essenfassenden rückte langsam voran, bisWinston fast am Ausgabetisch stand, dann aber geriet sie fürzwei Minuten ins Stocken, weil vorne jemand sich darüberbeschwerte, seine Sacharintablette nicht erhalten zu haben. Nochaber saß das Mädchen allein, als Winston sein Tablett ergriff undauf ihren Tisch zusteuerte. Er ging wie zufällig auf sie zu,während seine Augen nach einem Platz am Tisch hinter ihrAusschau hielten. Sie war vielleicht drei Meter von ihm entfernt.Noch zwei Sekunden, und es würde soweit sein.Da rief hinter ihm eine Stimme: »Smith!« Er tat, als höre er nicht.»Smith!« wiederholte die Stimme lauter. Es half nichts. Er mußtesich umdrehen.Ein dumm aussehender junger Mann namens Wilsher, den erkannte, forderte ihn mit einem Lächeln auf, sich auf einen freienPlatz an seinem Tisch zu setzen. Es war nicht ratsam, dieEinladung abzulehnen. Nachdem er einen Bekannten getroffenhatte, konnte er nicht einfach hergehen und sich an einen Tischmit einem Mädchen ohne Begleitung setzen, das war zuauffallend. Er nahm mit einem freundlichen Lächeln Platz. Dasdumme Blondgesicht strahlte ihn an, während Winston sich in 128
  • 129. Gedanken ausmalte, wie er mit einer Spitzhacke darauflosschlug. Ein paar Minuten später war der Tisch des Mädchensbesetzt.Aber sie mußte bemerkt haben, wie er auf sie zukam, undvielleicht verstand sie den Wink. Am nächsten Tag trug er Sorge,frühzeitig zu kommen. Tatsächlich saß sie an einem Tisch anungefähr der gleichen Stelle, und wieder allein. Unmittelbar vorihm in der Schlange stand ein kleiner, zappeliger, käferartigerMann mit einem flachen Gesicht und winzigen argwöhnischenAugen. Als Winston mit seinem Tablett von der Theke wegging,sah er, daß der kleine Mann geradewegs auf den Tisch desMädchens zusteuerte. Wieder sanken seine Hoffnungen. Aneinem etwas weiter entfernten Tisch war zwar auch noch einPlatz frei, aber der kleine Mann sah nicht so aus, als ob er sich dieBequemlichkeit des nächsten und am wenigsten besetztenTisches entgehen lassen würde.Mit erstarrtem Herzen ging Winston hinter ihm drein. Es hattenur Zweck, wenn er das Mädchen allein sprechen konnte. Indiesem Augenblick gab es einen scherbenklirrenden Krach. Derkleine Mann lag auf allen vieren, sein Tablett war ihm aus derHand geglitten, zwei Bäche von Suppe und Kaffee ergossen sichüber den Fußboden. Er rappelte sich mit einem bösen Blick aufWinston auf, den er offenbar im Verdacht hatte, ihm ein Beingestellt zu haben. Aber nichts weiter passierte. Fünf Sekundenspäter saß Winston mit pochendem Herzen am Tisch desMädchens.Er sah sie nicht an. Er stellte sein Tablett ab und begann sofort zuessen. Zwar kam alles darauf an, schnell zu sprechen, ehe jemandanders an den Tisch kam, aber eine schreckliche Beklemmunghatte von ihm Besitz ergriffen. Eine Woche war vergangen, seitsie sich ihm zum erstenmal genähert hatte. Vielleicht hatte sieihren Sinn geändert. Ja, sie mußte ihn geändert haben! Es warunmöglich, daß diese Geschichte gut ausging; so etwas gab esnicht im wirklichen Leben. Vielleicht hätte er überhaupt keinWort über die Lippen gebracht, wenn er nicht in diesem 129
  • 130. Augenblick Ampleforth, den Dichter mit den behaarten Ohren,mit einem Tablett in Händen unbeholfen in dem Lokalherumgehen und nach einem Sitzplatz hätte suchen sehen. Inseiner etwas unbestimmten Art war Ampleforth Winston zugetanund würde sicherlich an seinem Tisch Platz nehmen, wenn er ihnerblickte. Es blieb ihm vielleicht nur eine Minute zum Handeln.Beide, Winston und das Mädchen, aßen eifrig weiter. Was siehinunterschlangen, war ein dünnes Eintopfgericht, eineBohnensuppe. Mit einem leisen Murmeln begann Winston zusprechen. Keiner von beiden blickte auf; ohne Unterbrechunglöffelten sie das wässrige Zeug und wechselten zwischendurchmit leiser, gleichförmiger Stimme die nötigsten Worte.»Wann gehen Sie von der Arbeit weg?«»Achtzehn Uhr dreißig.«»Wo können wir uns treffen?«»Victory-Square, beim Denkmal.« »Dort wimmelt es vonTelevisoren.«»Das macht nichts, bei dem Gedränge.«»Brauchen wir ein Zeichen?«»Nein. Kommen Sie erst zu mir herüber, wenn Sie mich mitten inder Menschenmenge sehen. Und sprechen Sie nicht mit mir.Bleiben Sie nur in meiner Nähe.«»Wann?«»Neunzehn Uhr.«»Gut.«Ampleforth hatte Winston nicht erspäht und setzte sich an einenanderen Tisch. Doch die beiden sprachen nicht mehr miteinanderund vermieden es, soweit das für zwei am selben Tisch sichGegenübersitzende möglich war, einander nochmalsanzublicken. Sie beendete rasch ihre Mahlzeit und stand auf,während Winston sitzen blieb, um eine Zigarette zu rauchen.Winston fand sich vor der verabredeten Zeit am Victory-Squareein. Er ging um den Sockel der riesigen kannelierten Säuleherum, auf deren Spitze das Standbild des Großen Bruders genSüden blickte, wo er die eurasischen Flugzeuge (vor ein paar 130
  • 131. Jahren waren es die ostasiatischen gewesen) in der Schlacht umden Luftflottenstützpunkt Nr. 1 besiegt hatte. In der Straßegegenüber stand ein Reiterdenkmal, das Oliver Cromwelldarstellen sollte.Fünf Minuten nach der vereinbarten Zeit war das Mädchenimmer noch nicht erschienen. Wieder befiel Winston die gleichefürchterliche Angst. Sie würde nicht kommen, sie hatte es sichanders überlegt! Langsam ging er die Nordseite des Platzeshinauf und empfand eine Art wehmütiger Freude beim Anblickder St.-Martins-Kirche, deren Glocken einst, als sie noch Glockenhatte, »You owe me three farthings« geläutet hatten.Plötzlich sah er das Mädchen an dem Denkmal stehen, scheinbarin die Lektüre eines Plakates vertieft, das spiralförmig um dieSäule herum lief. Ehe sie nicht von mehr Menschen umgebenwar, konnte er sich ihr nicht gefahrlos nähern; rund um dasDenkmal waren Televisoren angebracht. Aber in diesemAugenblick ertönte von links her lautes Stimmengewirr und dasRattern schwerer Wagen. Plötzlich schien alles über die Straße zulaufen. Das Mädchen bog rasch um die steinernen Löwen am Fußdes Denkmals und lief der Menge nach. Winston folgte ihr. ImLaufen entnahm er einigen Ausrufen, daß ein Transporteurasischer Gefangener auf der anderen Seite des Platzes unterschwerer Bewachung vorübergefahren wurde.Schon verkeilte eine dichte Menschenmenge die Südseite desPlatzes. Winston, der sich normalerweise aus jedem Gedrängeherauszuhalten versuchte, stieß und drängte sich seinen Wegdurch die Menge. Bald stand er auf Armeslänge von demMädchen entfernt, doch war der Weg von einem riesigen Prolesund einem fast ebenso riesigen Weibsstück, vermutlich seinerFrau, versperrt, die zusammen einen schier undurchdringlichenFleischwall zu bilden schienen. Winston schob sich weiterseitwärts, und mit einem heftigen Vorstoß gelang es ihm, seineSchulter zwischen die beiden zu zwängen. Einen Augenblick wares, als ob seine Weichteile zwischen zwei muskulösen Hüftenzermalmt werden sollten, dann hatte er sich leicht schwitzend 131
  • 132. durchgearbeitet. Er stand jetzt Schulter an Schulter neben demMädchen; beide blickten starr geradeaus.Eine lange Kolonne Lastwagen, auf denen verteiltWachmannschaften mit wie aus Holz geschnitzten Gesichternstanden, die Maschinenpistolen griffbereit, rollte langsam dieStraße entlang. Drinnen drängten sich eng zusammengepferchtkleine gelbgesichtige Männer in fadenscheinigen graugrünenUniformen. Ihre traurigen Mongolengesichter blickten völligteilnahmslos über die Seitenwände der Lastwagen. Gelegentlichhörte man bei einem Ruck des Wagens ein metallisches Klirren:sämtliche Gefangenen waren an den Füßen gefesselt. EineWagenladung trauriger Gesichter nach der anderen rolltevorüber. Winston war sich ihrer bewußt, obwohl er sie nurzeitweilig zu sehen bekam. Die Schulter und der rechte Arm desMädchens waren an ihn gepreßt. Ihre Wange war ihm fast sonahe, daß er ihre Wärme spüren konnte. Genau wie damals inder Kantine hatte sie sofort die Situation in die Hand genommen.Sie begann zu sprechen, fast ohne die Lippen zu bewegen, miteinem bloßen Murmeln, das in dem Stimmengewirr und demGeratter der Lastwagen unterging.»Können Sie mich verstehen?«»Ja.«»Können Sie sich am Sonntag Nachmittag freimachen?«»Ja.«»Dann hören Sie gut zu. Sie müssen es genau behalten. Sie fahrenzum Paddington-Bahnhof…«Mit einer verblüffenden, geradezu militärischen Genauigkeiterklärte sie ihm den Weg, den er einzuschlagen hatte. Eine halbeStunde Bahnfahrt; wenn er aus dem Bahnhof herauskam, mußteer sich links halten, zwei Kilometer die Straße entlang; dann kamein Gattertor ohne Oberteil; ein Weg über ein Feld; ein vergrasterPfad; ein Fußweg zwischen Büschen hindurch; ein abgestorbener,moosbewachsener Baum. Es war, als habe sie die ganzeLandkarte im Kopf.»Können Sie das alles behalten?« murmelte sie schließlich. 132
  • 133. »Ja.«»Sie gehen nach links, dann rechts, dann wieder links. Und dasTor hat oben keine Balken.«»Ja. Um welche Zeit?«»Gegen fünfzehn Uhr. Vielleicht müssen Sie warten. Ich kommeauf einem anderen Weg hin. Sind Sie sicher, daß Sie sich an alleserinnern?«»Ja.«»Dann gehen Sie so rasch wie möglich von mir weg.«Das hätte sie ihm nicht zu sagen brauchen. Aber gerade jetztkonnten sie sich nicht aus der Menge herauswinden. Noch immerfuhren die Lastwagen vorbei, während die Menschen nochimmer begierig zuschauten. Am Anfang hatte man ein paar Pfui-und Nieder-Rufe gehört, doch nur von den Parteimitgliedernunter der Menge, und sie hatten bald aufgehört. Inzwischen wardie Bevölkerung Ozeaniens zwar auf dem besten Wege ein Breiverschiedenster, entwurzelter Völker zu werden, aber dennochgafften die Leute die unglücklichen Gestalten auf den Lastwagenan, als hätten sie noch nie ein schlitzäugiges Gesicht gesehen.Dennoch wusste man nicht, was aus den Gefangenen werdenwürde, abgesehen von den wenigen, die als Kriegsverbrechergehängt wurden. Die übrigen verschwanden ganz einfach,vermutlich in Zwangsarbeitslagern. Die rundenMongolengesichter wurden jetzt von schmutzigen, bärtigen,erschöpften Gesichtern mehr europäischen Gepräges abgelöst.Über stoppelige Backenknochen hinweg blickten Winston Augenan, manchmal mit seltsamer Eindringlichkeit, dann waren siewieder verschwunden. Die unter Bedeckung fahrende Kolonneging ihrem Ende zu. Im letzten Lastwagen konnte er einenälteren Mann sehen, dessen Gesicht ein einziges Gestrüpp grauerHaare war; er stand aufrecht da, die Hände vor sich verschränkt,als sei er gewohnt, sie in Fesseln zu tragen. Es war höchste Zeitfür Winston und das Mädchen, sich zu trennen. Im letztenAugenblick aber, während die Menge sie noch fest eingekeilt 133
  • 134. hielt, tastete ihre Hand nach der seinigen und gab ihr einenflüchtigen Druck.Obwohl es nicht länger als zehn Sekunden gedauert habenkonnte, schien es eine lange Zeit, daß ihre Hände sich umspannthielten. Er fand Zeit, jede Einzelheit ihrer Hand in sichaufzunehmen. Er erforschte ihre langen Finger, die schöngeformten Nägel, die arbeitsharte Innenfläche mit ihrer Reihevon Schwielen, das weiche Fleisch unter dem Handgelenk. Alleindurch Befühlen ihrer Hand hätte er sie wiedererkannt.Gleichzeitig aber fiel ihm ein, daß er nicht wußte, welche Farbeihre Augen hatten. Vermutlich waren sie braun, aber brünetteMenschen hatten manchmal blaue Augen. Den Kopf zu drehenund sie anzusehen, wäre eine unvorstellbare Torheit gewesen.Ihre Hände hielten sich umklammert, ungesehen in dem dichtenGedränge, während sie unentwegt geradeaus starrten, und stattder Augen des Mädchens blickten Winston die Augen des altenGefangenen traurig aus einem Gewirr grauer Haare an. Zweites KapitelWinston suchte sich seinen Weg längs des von Licht und Schattenüberspielten Fußpfades; jedes Mal, wenn die Büsche sich teilten,trat er in ganze Lachen goldenen Lichts. Zur Linken, unter denBäumen, war der Boden übersät von blauen Glockenblumen. DieLuft berührte die Haut wie ein Kuß. Es war der zweite Tag desMonats Mai. Von irgendwo tiefer im Herzen des Waldes schlugdas Gurren der Ringeltauben weich und verschwommen an seinOhr.Es war noch ein wenig früh. Die Fahrt war ohne Schwierigkeitenvonstatten gegangen; das Mädchen war so augenscheinlichwohlbeschlagen, daß er weniger Angst empfand, als er 134
  • 135. normalerweise hätte haben müssen. Vermutlich konnte man sichdarauf verlassen, daß sie einen sicheren Ort kannte. ImAllgemeinen durfte man nicht annehmen, auf dem Lande sehrviel sicherer als in London selbst zu sein. Freilich gab es in derNatur keine Televisoren, aber es bestand immer die Gefahrverborgener Mikrophone, die eine Stimme auffangen und so zurFeststellung des Sprechers führen konnten; außerdem war esnicht leicht, eine Vergnügungsreise zu machen, ohneAufmerksamkeit auf sich zu lenken. Für Entfernungen vonweniger als hundert Kilometern brauchte man zwar keinebesondere Eintragung in seinen Paß, aber manchmal trieben sichauf den Bahnhöfen Streifen herum, die die Papiere jedesaufgegabelten Parteimitglieds prüften und peinliche Fragenstellten.Diesmal aber waren keine Streifen aufgetaucht, und auf demWeg zum Bahnhof hatte er sich durch vorsichtiges Umblickenüberzeugt, daß niemand ihn verfolgte. Der Zug war voller Prolesgewesen, dank des sommerlichen Wetters in besterFerienstimmung. Das Abteil der Holzklasse, in dem er gesessenhatte, war bis zum Bersten von einer einzigen riesigen Familiebesetzt, die von einer zahnlosen Urgroßmutter bis zu einemkaum geborenen Wickelkind hinausfuhr, um einen Nachmittagbei Verwandten auf dem Land zu verbringen und, wie sieWinston offenherzig erklärten, etwas Schwarzmarkt-Butter zuhamstern.Das Gestrüpp lichtete sich, und eine Minute später kam er an denschmalen Weg, von dem sie gesprochen hatte; es war im Grundenur eine Fährte, die das Vieh zwischen den Sträuchernausgetreten hatte. Er besaß keine Uhr, aber es konnte noch nichtfünfzehn Uhr sein. Die Glockenblumen standen so dicht, daßman nicht vermeiden konnte, darauf zu treten. Er kniete niederund begann ein paar zu pflücken, teils um sich die Zeit zuvertreiben, teils aus der undeutlichen Vorstellung heraus, daß esganz nett wäre, dem Mädchen zur Begrüßung ein paar Blumenanbieten zu können. 135
  • 136. Er hatte schon einen großen Strauß zusammengebracht und sogden zarten süßlichen Duft ein, als ihn ein Geräusch in seinemRücken erstarren ließ: das unverkennbare Knacken von Zweigenunter dem Gewicht einer Schuhsohle. Er pflückte weiter seineGlockenblumen. Es war das Klügste, was er tun konnte.Vielleicht war es das Mädchen, vielleicht aber war er dochverfolgt worden. Sich umzublicken war ein Beweis schlechtenGewissens. Er pflückte Blume auf Blume. Dann legte sich eineHand auf seine linke Schulter.Er blickte auf. Es war das Mädchen. Sie schüttelte den Kopf,offenbar zum Zeichen, daß er sich still verhalten solle, dann teiltesie die Büsche und schlug rasch den schmalen Pfad ein, der inden Wald hineinführte. Offensichtlich hatte sie diesen Weg schonfrüher einmal begangen, denn sie wich mit Kennerschaft denmorastigen Stellen aus. Winston ging hintendrein, noch immerseinen Blumenstrauß in der Faust. Sein erstes Gefühl war das derErleichterung, aber als er den kräftigen, schlanken Leib vor sichhergehen sah, mit der scharlachroten Schärpe geschmückt, diegerade eng genug anlag, um die Rundung ihrer Hüften zubetonen, bedrückte ihn ein Minderwertigkeitsgefühl sehr heftig.Selbst jetzt schien es noch recht wahrscheinlich, daß sie, wenn siesich umdrehte und ihn ansah, ihren Entschluß ändern würde. Diewürzige Luft und das saftige Grün der Blätter schüchterten ihnein. Schon auf dem Weg vom Bahnhof hatte er sich imMaiensonnenschein schmutzig und bleich wie eine Kellerpflanzegefühlt, wie ein rechter Stubenhocker, die Poren von demLondoner Staub und Ruß verstopft. Es kam ihm zumBewußtsein, daß sie ihn bis jetzt noch nie bei hellem Tageslichtunter freiem Himmel gesehen hatte.Sie kamen jetzt zu dem umgestürzten Baum, der von ihr erwähntworden war. Das Mädchen sprang darüber hinweg und teilte miteinigem Kräfteaufwand das scheinbar lückenlose Gebüsch. AlsWinston ihr nachkam, entdeckte er, daß sie auf einer natürlichenLichtung standen, einem kleinen, von Tannenbäumchen 136
  • 137. vollkommen eingeschlossenen Stück Rasen. Das Mädchen bliebstehen und wandte sich um.»Wir sind da«, sagte sie. Er blickte sie an, mehrere Schritte vonihr entfernt stehen bleibend. Noch wagte er nicht, näher zukommen.»Ich wollte in dem Unterholz nicht sprechen«, fuhr sie fort, »fürden Fall, daß dort ein Mikrophon versteckt ist. Ich glaube es zwarnicht, aber es könnte doch sein. Es besteht immer dieMöglichkeit, daß einer von diesen Schweinen unsere Stimmeerkennt. Hier sind wir geborgen.« Er hatte noch immer nicht den Mut, näher an sie heranzutreten.»Ja, sind wir hier geborgen?« wiederholte er töricht. »Doch,schauen Sie die Bäume an.«Es waren junge Eschen, die vor einiger Zeit abgeholzt waren undjetzt wieder zu einem Wald dünner Stämme ausgeschlagenhatten, von denen keiner stärker war als ein Handgelenk. »Hierist kein Stamm, der dick genug wäre, um ein Mikrophon darin zuverstecken. Außerdem war ich schon einmal hier.«Sie machten nur Konversation. Er war ihr jetzt näher gekommen.Sie stand sehr gerade aufgerichtet vor ihm, mit einem leiseironischen Lächeln um die Mundwinkel, als überlege sie, warumer eigentlich so lange brauche, zur Tat zu schreiten. DieGlockenblumen waren wie von selbst zu Boden gefallen. Erergriff ihre Hand.»Würden Sie für möglich halten«, sagte er, »daß ich bis zu diesemAugenblick nicht gewußt habe, welche Farbe Ihre Augen haben?«Sie waren braun, stellte er fest, von einem ziemlich hellen Braun,mit schwarzen Wimpern. »Und können Sie, nachdem Sie gesehenhaben, wie ich wirklich ausschaue, meinen Anblick nochertragen?«»Ja, ohne weiteres.«»Ich bin neununddreißig Jahre alt. Ich habe eine Frau, die sichnicht scheiden läßt. Außerdem habe ich Krampfadern. Und fünffalsche Zähne.«»Das ist mir vollständig egal«, sagte das Mädchen. 137
  • 138. Im nächsten Augenblick – und es wäre schwierig gewesen zusagen, wie es zugegangen war – lag sie in seinen Armen. Anfangsempfand er nichts als reine Ungläubigkeit. Der jugendlicheKörper schmiegte sich an seinen, der dichte Schöpf ihres dunklenHaares lag vor seinem Gesicht; und nun hatte sie ihm das Gesichtzugewandt, und er küsste ihren üppigen roten Mund. Sie hattedie Arme um seinen Nacken geschlungen, nannte ihn Schatz,Liebling, Geliebter. Er hatte sie zu sich herab auf die Erdegezogen, sie war ganz Hingabe, er konnte mit ihr machen, was erwollte. Aber in Wahrheit hatte er keine körperliche Empfindung,außer der engen Verbundenheit.Alles, was er fühlte, war Staunen und Stolz. Er freute sich überdas, was geschah, aber empfand kein körperliches Verlangen.War es, weil es so plötzlich kam, weil ihre Jugend und Anmut ihnerschreckten, weil er zu sehr daran gewöhnt war, ohne Frauen zuleben – er hätte den Grund nicht nennen können. Das Mädchenraffte sich auf und zupfte eine Glockenblume aus ihrem Haar. Siesetzte sich, eng an ihn geschmiegt, den Arm um seine Hüftegelegt.»Mach dir nichts draus, Liebster. Es hat keine Eile. Wir habenden ganzen Nachmittag vor uns. Ist das nicht ein prächtigesVersteck? Ich fand es, als ich mich einmal auf einemGemeinschaftsausflug verlaufen hatte. Wenn jemand kommensollte, kann man ihn auf hundert Meter Entfernung hören.«»Wie heißt du?« fragte Winston.»Julia. Ich weiß, wie du heißt. Winston – Winston Smith.«»Wie hast du das herausgefunden?«»Ich glaube, ich bin in solchen Sachen tüchtiger als du, meinSchatz. Sag mir, was hast du an dem Tag von mir gedacht, als ichdir den Zettel zusteckte?«Er fühlte sich nicht versucht, ihr etwas vorzulügen. Es war sogareine Art Liebesbeweis, gleich das Schlimmste zuzugeben.»Mir war dein Anblick höchst zuwider«, gestand er. »Ich wolltedich am liebsten vergewaltigen und danach ermorden. Noch vorzwei Wochen dachte ich ernstlich daran, dir mit einem 138
  • 139. Pflasterstein den Schädel einzuschlagen. Wenn ich dir die volleWahrheit sagen soll: Ich dachte, du seist bei derGedankenpolizei.«Das Mädchen lachte belustigt und nahm das offenbar alsKompliment für ihre vorzügliche Tarnung hin. »Bei derGedankenpolizei! Das kannst du doch nicht wirklich geglaubthaben?«»Na, vielleicht nicht gerade das. Aber deiner ganzen Erscheinungnach – bloß weil du jung und frisch und gesund bist, du verstehstdoch – dachte ich, daß du vermutlich…«»Du hast mich also für ein gutes Parteimitglied gehalten. OhneFehl, in Wort und Tat. Fahnen, Umzüge, Schlagworte, Sport,Gemeinschaftswanderungen – das ganze Zeug. Und du hastgeglaubt, daß ich dich, wenn ich nur die geringste Möglichkeitdazu gehabt hätte, als Gedankenverbrecher denunzieren undumbringen lassen würde?«»Ja, so etwas Ähnliches. Viele junge Mädchen sind so, weißt du.«»Dieses elende Ding ist daran schuld«, sagte sie und riss die roteSchärpe der Jugendliga gegen Sexualität herunter undschleuderte sie über einen Zweig.Dann, als habe sie das Berühren ihrer Hüften an etwas erinnert,suchte sie in den Taschen ihres Trainingsanzugs und brachte einTäfelchen Schokolade zum Vorschein. Sie brach es in zweiHälften und gab Winston ein Stück davon. Schon bevor er esgenommen hatte, erkannte er am Geruch, daß es eine sehrungewöhnliche Schokolade war. Dunkel und glänzend, und inSilberpapier eingewickelt. Schokolade war gewöhnlich einstumpfbraunes bröseliges Zeug, dessen Geschmack, sofern manihn überhaupt beschreiben konnte, dem Rauch eines Müllfeuersglich. Früher einmal hatte er allerdings Schokolade gekostet, vonder gleichen Art wie das Stück, das sie ihm gab. Der erste Hauchihres Duftes hatte eine Erinnerung in ihm geweckt, die er nichtfestnageln konnte, die aber mächtig und beunruhigend war.»Wo hast du das her?« fragte er. 139
  • 140. »Vom schwarzen Markt«, sagte sie leichthin. »Eigentlich gehöreich zu der Sorte Mädchen, bei denen der Schein trügt. Ich bintüchtig im Sport. Ich war Truppenführerin bei den Spähern. Ichbin dreimal in der Woche ehrenhalber für die Jugendliga tätig.Ich habe Stunden um Stunden damit verbracht, ihre blödsinnigenAnschläge in ganz London anzukleben. Bei Umzügen trage ichein Ende der Transparente. Ich sehe immer vergnügt aus unddrücke mich vor nichts. Immer mit den Wölfen heulen, ist meineParole. Es ist die einzige Möglichkeit, ungeschoren zu bleiben.«Das erste Stückchen Schokolade war auf Winstons Zungezergangen. Es schmeckte vorzüglich. Aber immer noch rumortean der Oberfläche seines Bewußtseins diese Erinnerung an etwasdeutlich Empfundenes und doch nicht genau Umreißbares, wieein Gegenstand, den man nur mit einem Augenwinkel erfaßt. Erschob diese Erinnerung von sich und war sich nur bewußt, daßsie einem Ereignis galt, das er gerne, doch vergeblichungeschehen gemacht hätte.»Du bist sehr jung«, sagte er. »Du bist zehn oder fünfzehn Jahrejünger als ich. Was hat dich nur an einem Mann wie michanziehen können?«»Es war etwas in deinem Gesicht. Ich dachte, ich sollte es wagen.Ich habe einen guten Blick dafür, wer nicht dazugehört. Sobaldich dich sah, wußte ich, daß du gegen sie bist.«Sie, stellte sich heraus, bedeutete in ihrem Munde die Partei undvor allem die Innere Partei, über die sie mit einem unumwundenhöhnischen Hass sprach, der Winston ganz unsicher machte,obwohl er wußte, dass sie hier noch am ehesten in Sicherheitwaren.Was ihn bei ihr verblüffte, war die Derbheit ihrer Sprache. VonParteimitgliedern wurde erwartet, daß sie keine Flüchegebrauchten, und Winston selbst fluchte sehr selten, wenigstensnicht laut. Julia jedoch schien die Partei, und besonders dieInnere Partei, nicht erwähnen zu können, ohne Worte von derSorte zu gebrauchen, die man an modrigen Gassenmauern mitKreide angeschrieben findet. Das war ihm nicht unangenehm. 140
  • 141. Es war lediglich ein Symptom ihrer Auflehnung gegen die Parteiund entsprach ihrer ganzen Art; irgendwie schien es natürlichund gesund, wie das Schnauben eines Pferdes, das den Geruchvon schlechtem Heu in die Nüstern bekommt. Sie hatten dieLichtung verlassen und wanderten wieder durch den von derSonne gefleckten Schatten, die Arme umeinander gelegt, sooftder Weg breit genug war, um Seite an Seite zu gehen. Er merkte,wie viel weicher ihre Hüfte sich anzufühlen schien, seitdem dieSchärpe fort war. Sie unterhielten sich nicht lauter als imFlüsterton. Außerhalb der Lichtung, sagte Julia, wäre es besser,beim Gehen zu schweigen. Nun waren sie an den Rand desGehölzes gekommen. Sie blieb stehen.»Geh nicht aus der Deckung hinaus. Jemand könnte unsbeobachten. Wir sind gut aufgehoben, solange wir hinter denBüschen bleiben.«Sie standen im Schatten von Haselnußsträuchern. Das durch dieBlätter filternde Sonnenlicht war noch warm auf ihrenGesichtern. Winston blickte auf das drüben liegende Feld, undein seltsames, leises Erschrecken des Wiedererkennensdurchzuckte ihn. Er kannte es vom Sehen. Ein altes, abgemähtesWeideland mit einem Fußpfad, der quer hindurchführte, und daund dort ein Maulwurfshügel. In der unregelmäßigen Hecke ander anderen Seite wiegten sich die Zweige der Ulmen geradenoch wahrnehmbar in der leichten Brise, und ihre Blätter flirrtenleise in dichten Büscheln wie Frauenhaar. Sicherlich mußteirgendwo in der Nähe, aber außer Sichtweite, ein Bach mitgrünen Gumpen sein, in dem sich Weißfische tummelten.»Gibt es hier nicht einen Bach in der Nähe?« flüsterte er. »Stimmt,ein Bach ist da. Er fließt am Rande des nächsten Feldes. Es sindFische darin, große, fette Kerle. Man kann sie in den Gumpenunter den Weiden schwimmen sehen, wie sie mit ihren Flossenrudern.«»Es ist beinahe wie das Goldene Land«, murmelte er.»Welches Goldene Land?« 141
  • 142. »Kein bestimmtes. Eine Landschaft, die ich manchmal im Traumgesehen habe.«»Schau!« flüsterte Julia.Eine Drossel hatte sich keine fünf Meter entfernt von ihnen aufeinem Ast fast in ihrer Augenhöhe niedergelassen. Vielleichthatte sie die beiden nicht bemerkt. Sie war in der Sonne, währenddie beiden im Schatten standen. Sie spreizte die Flügel, legte siesorgfältig wieder zurecht, duckte einen Augenblick den Kopf, alsmachte sie der Sonne eine Verbeugung, und begann dann ihrenJubelgesang hinauszuschmettern.In der Nachmittagsstille war die Kraft der Stimme geradezuverblüffend. Winston und Julia standen bezaubert Arm in Arm.Der Gesang ging weiter, Minute auf Minute, mit erstaunlichenVariationen, ohne sich ein einziges Mal zu wiederholen, fast alswollte der Vogel ihnen seine Virtuosität beweisen. Manchmalverstummte er für ein paar Sekunden, spreizte von neuem seinGefieder und faltete es wieder zusammen; dann blähte er seinegesprenkelte Brust und stimmte von neuem sein Lied an.Winston beobachtete ihn mit heimlicher Bewunderung. Wemzuliebe, für welchen Zweck, sang dieser Vogel? Kein Weibchen,kein Nebenbuhler beobachtete ihn. Was veranlaßte ihn, sich amRande des einsamen Wäldchens niederzulassen und seine Musikins Nichts zu schmettern?Er fragte sich, ob vielleicht doch irgendwo in der Nähe einMikrophon verborgen war. Er und Julia hatten nur im Flüstertongesprochen, ihre Worte würde es nicht auffangen, sondern nurden Gesang der Drossel. Vielleicht lauschte am anderen Ende desApparates ein kleiner, käferartiger Mann aufmerksam – lauschtegerade auf das hier.Aber langsam vertrieb die Flut der Musik alle Grübeleien ausseinem Denken. Es war, als ergösse sie sich wie eine flüssigeMasse über ihn und verschmölze mit dem durch das Blattwerksickernden Sonnenlicht. Er hörte zu denken auf und überließ sichganz seinen Empfindungen. Der Mädchenleib in seinem Armfühlte sich weich und warm an. Er zog sie an sich, so daß sie 142
  • 143. Brust an Brust lagen; ihr Körper schien mit dem seinen zuverschmelzen. Wo immer seine Hand hintastete, war alles weichund nachgiebig wie Wasser. Ihre Lippen fanden sich; es war ganzanders als die harten, festen Küsse, die sie vorher getauschthatten. Als ihre Gesichter wieder voneinander abließen, seufztenbeide tief. Der Vogel erschrak und flog mit einemFlügelschwirren davon.Winston legte die Lippen an ihr Ohr. »Komm!« flüsterte er.»Nicht hier«, flüsterte sie zurück.»Gehen wir wieder in die Lichtung zurück. Dort ist es sicherer.«Rasch bahnten sie sich, während die Zweige hin und wiederknackten, ihren Weg zu der Lichtung zurück. Sobald sie in demvon Tannenbäumchen umgebenen Rund angelangt waren, drehtesie sich um und sah ihn an. Beide atmeten heftig, aber dasLächeln um ihre Mundwinkel war wieder erschienen. Sie standda und sah ihn einen Augenblick an, dann tastete sie nach demReißverschluß des Trainingsanzuges. Und wahrhaftig – es warfast wie ein Traum! Fast ebenso schnell wie in seiner Phantasiehatte sie sich die Kleider vom Leibe gerissen und schleuderte siebeiseite, mit der gleichen herrlichen Bewegung, als ob damit eineganze Zivilisation weggewischt zu werden schien. Ihr Körperschimmerte weiß in der Sonne. Doch einen Augenblick langblickte er nicht auf ihren Körper; seine Augen waren von demsommersprossigen Gesicht mit seinem leisen, kecken Lächelngefangen. Er kniete vor ihr nieder und nahm ihre Hände in seine.»Hast du das schon früher getan?«»Natürlich. Schon hundertmal – oder jedenfalls sehr oft.«»Mit Parteiangehörigen?«»Ja, immer mit Parteiangehörigen.«»Mit Leuten aus der Inneren Partei?«»Nein, nicht mit diesen Schweinen. Trotzdem gibt es natürlichviele, die das möchten, wenn sich ihnen nur halbwegs eineMöglichkeit bieten würde. Sie sind nicht so heilig, wie sie tun.«Sein Herz jubelte. Sie hatte es schon so oft getan; er wünschtesich, es wäre hundert- oder tausendmal gewesen. Alles, was auf 143
  • 144. Verderbtheit hinwies, erfüllte ihn immer wieder mit einer wildenHoffnung. Wer weiß, vielleicht war die Partei unter ihrerOberfläche faul und angekränkelt, vielleicht war ihr Kult vonTüchtigkeit und Selbstkasteiung einfach ein Schwindel, hinterdem sich das Laster verbarg. Was hätte er darum gegeben, dieganze Bande mit Lepra oder Syphilis anzustecken! Alles, was zurVerrottung beitrug, was schwächte, unterminierte! Er zog sie zusich herunter, so daß sie von Angesicht zu Angesicht knieten.»Hör zu. Je mehr von ihnen du gehabt hast, desto mehr liebe ichdich. Begreifst du das?«»Vollkommen.«»Ich hasse die Unschuld, ich hasse das Bravsein! Ich will nicht,daß es noch irgendwo eine Tugend gibt. Ich will, daß alle Leutebis ins Mark verderbt sind.«»Nun, dann dürfte ich die Richtige für dich sein, Liebling. Ich binbis ins Mark verderbt.«»Tust du es gerne? Ich meine, nicht nur mit mir: sondern einfachdie Sache an sich?«»Ich finde es herrlich.«Das wollte er vor allem hören. Nicht nur die Liebe zu einemMenschen, sondern der animalische Trieb, die einfache, blindeBegierde: Das war die Kraft, die die Partei in Stücke sprengenwürde. Er zog sie ins Gras, zwischen die herabgefallenenGlockenblumen. Diesmal stand keine Hemmung im Wege. Dannverlangsamte sich das Auf und Ab ihrer Brust zu normalemRhythmus, und in seliger Hilflosigkeit sanken sie auseinander.Die Sonne schien heißer geworden. Sie waren beide schläfrig. Erstreckte die Hand nach dem abgeworfenen Trainingsanzug ausund deckte sie, so gut es ging, damit zu. Fast gleich daraufschlummerten sie ein und lagen etwa eine halbe Stunde lang imSchlaf.Winston erwachte zuerst. Er setzte sich auf und betrachtete dassommersprossige Gesicht, das noch friedlich schlafend auf ihrenHandteller gebettet dalag. Von ihrem Mund abgesehen, konnteman Julia eigentlich nicht schön nennen. Um die Augen herum 144
  • 145. waren ein oder zwei Krähenfüße, wenn man genau hinsah. Daskurze dunkle Haar war ungewöhnlich dicht und weich. Es fielihm ein, daß er noch immer nicht ihren Nachnamen und ihreAdresse wußte.Der junge, kräftige Körper, der jetzt im Schlaf so hilflos dalag,weckte in ihm ein mitleidiges Beschützergefühl. Aber dieunbewußte Zärtlichkeit, die er unter dem Haselnußstrauch, beimLied der Drossel empfunden hatte, wollte sich nicht wiedergenauso einstellen. Er schob den Trainingsanzug beiseite undbetrachtete nachdenklich ihren weißen, weichen Leib. Früher,mußte er denken, sah ein Mann den Leib eines Mädchens an undfand ihn begehrenswert, und damit Schluß! Aber heutzutage gabes so etwas wie eine reine Liebe oder reine Lust überhaupt nichtmehr. Keine Gefühlsregung war ungebrochen, denn alles war mitAngst und Hass durchsetzt. Ihre Umarmung war ein Kampfgewesen, der Höhepunkt ein Sieg. Es war ein gegen die Parteigeführter Schlag. Ein politischer Akt. Drittes Kapitel»Wir können noch einmal hierher kommen«, meinte Julia. »ImAllgemeinen darf man es riskieren, ein Versteck zweimal zubenutzen. Aber natürlich nicht in den nächsten ein oder zweiMonaten.«Sobald sie aufgewacht war, hatte sich ihr Benehmen geändert. Siewurde flink und sachlich, zog ihre Kleider an, schlang sich diescharlachrote Schärpe um die Hüften und begann dieEinzelheiten für die Rückfahrt zu besprechen. Ihr das zuüberlassen, erschien einem ganz natürlich.Sie besaß offenbar eine praktische Geschicklichkeit, die Winstonfehlte, und anscheinend auch eine umfassende Kenntnis der 145
  • 146. ländlichen Umgebung Londons, die sie auf zahllosenGemeinschaftswanderungen gesammelt hatte. Der Weg, den sieihm für die Rückkehr empfahl, war ein ganz anderer als der, aufdem er hergekommen war, und ließ ihn an einer anderenBahnstation herauskommen.»Fahre nie auf dem gleichen Weg nach Hause, auf dem duhergekommen bist«, riet sie ihm, als verkünde sie einenwichtigen, allgemein gültigen Lehrsatz. Sie würde als ersteaufbrechen, und Winston sollte eine halbe Stunde warten, ehe erihr nachkam.Sie hatte ihm einen Ort genannt, an dem sie sich vier Tage späterabends nach der Arbeit treffen konnten. Es war eine Straße ineinem der ärmeren Viertel, in der es einen sogenannten FreienMarkt gab, auf dem gewöhnlich Lärm und Gedränge herrschte.Sie würde sich dort zwischen den Verkaufsständen herumtreibenund so tun, als suche sie nach Schnürsenkeln oder Nähgarn.Wenn sie die Luft für rein hielt, würde sie sich bei seinemKommen die Nase schnäuzen; andernfalls sollte er, als kenne ersie nicht, an ihr vorübergehen. Doch mit ein wenig Glück würdees im Gedränge gefahrlos sein, eine Viertelstunde miteinander zusprechen und eine neue Verabredung zu treffen.»Und jetzt muß ich gehen«, sagte sie, sobald er die ihmgegebenen Weisungen memoriert hatte. »Ich muß um 19.30 Uhrzurück sein. Ich muß zwei Stunden für die Jugendliga gegenSexualität opfern – Handzettel verteilen oder so was Ähnliches.Ist es nicht eine Schande? Bürste mich mal ab, ja, sei so gut! Habich auch keine Zweige im Haar? Bist du auch sicher? Dann lebwohl, Liebling, auf Wiedersehen!«Sie warf sich in seine Arme, küsste ihn leidenschaftlich undbahnte sich einen Augenblick später ihren Weg durch dasTannengestrüpp, worauf sie ganz lautlos im Wald verschwand.Noch immer hatte er weder ihren Namen noch ihre Adresse inErfahrung gebracht. Aber das machte nichts, denn es warsowieso undenkbar, daß sie sich jemals unter einem Dach 146
  • 147. begegnen oder eine schriftliche Mitteilung miteinanderaustauschen würden.Es ergab sich jedoch, daß sie nie zu der Waldlichtungzurückkehrten. Im Laufe des Mais fanden sie nur noch eineinziges Mal Gelegenheit zu einem intimen Beisammensein. Daswar in einem anderen Versteck, das Julia kannte, demGlockenturm einer Kirchenruine, die in einer fast völligverlassenen Gegend lag, wo vor dreißig Jahren eine Atombombeniedergegangen war.Aber der Weg dorthin war sehr gefährlich. Die übrige Zeitkonnten sie sich nur auf der Straße treffen, jeden Abend an eineranderen Stelle und nie für länger als für eine halbe Stunde. Aufder Straße war es gewöhnlich möglich, miteinander zu sprechen,wenn man ein bestimmtes Verfahren einhielt. Während sie durchdas Gedränge gingen, niemals dicht nebeneinander und ohnejemals einander anzusehen, führten sie eine merkwürdige,bruchstückweise Unterhaltung, die wie die Strahlen einesLeuchtturms aufzuckte und erlosch, beim Auftauchen einerParteiuniform oder eines Televisors jäh ins Stocken geriet, dannMinuten später mitten in einem Satz wiederaufgenommen undebenso plötzlich unterbrochen wurde, wenn sie an dervereinbarten Stelle auseinander gingen, um am nächsten Tag fastohne Überleitung weitergeführt zu werden. Julia schien ganz andiese Art Unterhaltung gewöhnt zu sein, die sie das»Abzahlungssystem« nannte.Sie war auch erstaunlich geschickt darin, ganz ohneLippenbewegung zu sprechen. Nur ein einziges Mal währendeines Monats abendlicher Zusammenkünfte sollte es ihnengelingen, einen Kuß zu tauschen. Sie gingen gerade wortlosdurch eine Nebenstraße (Julia sprach niemals in Nebenstraßen),als ein betäubender Krach ertönte, die Erde barst und derHimmel sich verfinsterte; Winston fand sich zerschunden underschrocken auf dem Boden liegen. Eine Raketenbombe mußte innächster Nähe niedergegangen sein. Plötzlich sah er nur wenigeZentimeter entfernt das Gesicht Julias, totenblass, weiß wie Kalk. 147
  • 148. Sogar ihre Lippen waren vollkommen weiß. Sie war tot! Erst alser sie an sich preßte, entdeckte er, daß er ein lebenswarmesGesicht küßte und nur eine puderartige, bröselige Staubschichtseinen Lippen im Weg war. Ihre Gesichter waren dicht mitMörtel überzogen.An manchen Abenden kamen sie an ihren Treffpunkt undmußten ohne ein Zeichen hintereinander hergehen, weil geradeeine Streife um die Ecke gebogen kam oder ein Helikopter überihnen schwebte. Aber auch wenn es weniger gefährlich gewesenwäre, bestanden noch genug Schwierigkeiten, die Zeit für einRendezvous zu erübrigen. Winstons Arbeitswoche hatte sechzigStunden, und Julias war sogar noch länger; ihre freien Tageschwankten je nach der Dringlichkeit der Arbeit und deckten sichselten. Julia jedenfalls hatte kaum einen Abend ganz für sich. Sieverwandte erstaunlich viel Zeit auf den Besuch von Vorträgenund die Teilnahme von Demonstrationen, teilte Flugschriften fürdie Jugendliga gegen Sexualität aus, nähte Fahnen für die Hass-Woche, sammelte für den Sparfeldzug und dergleichen mehr. Soetwas machte sich bezahlt, meinte sie; es war die beste Tarnung.Wenn man die kleinen Gesetze einhielt, konnte man gegen diegroßen verstoßen. Sie veranlasste Winston sogar, noch einenseiner freien Abende zu opfern, indem er sich als Helfer bei derMunitionsstückarbeit verpflichtete, die von den eifrigenParteimitgliedern freiwillig verrichtet wurde. So verbrachteWinston an einem Abend jeder Woche vier fürchterlichlangweilige Stunden mit dem Zusammenschrauben vonMetallstückchen, die vermutlich Bestandteile vonBombenzündern waren – in einer zugigen, schlecht beleuchtetenWerkstatt, wo das Hämmern sich trostlos mit der Musik aus denTelevisoren vermischte.Als sie sich in dem Glockenstuhl des Kirchturms trafen,ergänzten sie die Lücken ihrer bruchstückweisenUnterhaltungen. Es war ein glühendheißer Nachmittag. Die Luftin dem kleinen, viereckigen Raum über den Glocken wardrückend und erstickend und roch durchdringend nach 148
  • 149. Taubenmist. Sie saßen stundenlang auf dem staubigen, mitschmutzigem Reisig bedeckten Fußboden und plauderten; vonZeit zu Zeit stand einer von ihnen auf und warf einen Blick durchdie Schießscharten, um sich zu überzeugen, daß niemand kam.Julia war sechsundzwanzig Jahre alt. Sie wohnte in einem Heimmit dreißig anderen jungen Mädchen zusammen. (»Immer indem Weibergestank! Wie ich die Frauen hasse!«) Und sie war,wie er vermutet hatte, an den Romanschreibemaschinen in derLiteraturabteilung beschäftigt. Sie liebte ihre Arbeit, die in derHauptsache in der Handhabung und Bedienung eines starken,aber sehr komplizierten Elektromotors bestand. Sie war nichtbesonders intelligent, aber manuell geschickt und gut mit demMaschinellen vertraut. Sie konnte den ganzen Arbeitsgang derZusammenstellung eines Romans beschreiben, angefangen vonden durch das Planungskomitee herausgegebenen Richtlinien biszu den letzten, von der Umschreibe-Gruppe aufgesetztenGlanzlichtern. Aber sie hatte kein Interesse an dem Endprodukt.»Ich mache mir nicht viel aus Büchern«, sagte sie. Sie waren einArtikel, der hergestellt werden mußte, wie Marmelade oderSchuhbänder.Sie hatte keinerlei Erinnerung an die Zeit vor den sechzigerJahren; der einzige Mensch in ihrem Umkreis, der häufig von derZeit vor der Revolution gesprochen hatte, war ein Großvater, derverschwunden war, als sie acht Jahre alt wurde. In der Schulewar sie Anführerin der Hockey-Mannschaft gewesen und hattezwei Jahre hintereinander den Leichtathletikpreis gewonnen. Siewar Truppführerin bei den Spähern und Hilfssekretärin bei derKinderliga gewesen, bevor sie in die Jugendliga gegen Sexualitäteintrat.Ihr Führungszeugnis war immer vorzüglich gewesen. Sie warsogar dazu ausersehen worden – und das war ein untrüglichesZeugnis für eine gute Führung –, in der Unterabteilung derLiteratur-Abteilung zu arbeiten, die billige pornographischeErzeugnisse zum Verkauf bei den Proles herstellte. Dort war sieein Jahr geblieben und hatte in Zellophan gewickelte Broschüren 149
  • 150. mit Titeln wie »Liebe und Hiebe« oder »Eine Nacht in einemMädchenpensionat« produzieren helfen, die heimlich vonJugendlichen aus dem Proletariat gekauft wurden, armenAhnungslosen, die damit etwas gesetzlich streng Verbotenes undim geheimen Hergestelltes zu erstehen glaubten.»Was sind das für Bücher?« fragte Winston neugierig.»Ach, wüster Schund. Sie sind eigentlich sehr langweilig. Es gibtnur sechs mögliche Verwicklungen in der Handlung, die immernur ein bisschen abgeändert werden. Ich war natürlich nur anden Kaleidoskopen beschäftigt. Nie bei der Umschreibe-Gruppe.Ich bin nicht literarisch genug, mein Lieber – nicht einmal dazuwürde es reichen.«Mit Erstaunen erfuhr er, daß in der Pornoabteilung außer demLeiter der Abteilung nur Mädchen beschäftigt wurden. Man gingdavon aus, daß die Männer, die sich erotisch nicht so leichtbeherrschen konnten wie Frauen, größere Gefahr liefen, durchden Schmutz, mit dem sie sich abgeben mussten, verdorben zuwerden.»Sie nehmen dort nicht einmal gern verheiratete Frauen an«,fügte Julia hinzu. »Bei Mädchen wird immer vorausgesetzt, daßsie rein sind. Na, ich bin es jedenfalls nicht.«Sie hatte als Sechzehnjährige ihre erste Liebesaffäre mit einemsechzig Jahre alten Parteimitglied gehabt, einem Mann, der späterSelbstmord beging, um der Verhaftung zu entgehen.»Und das war ein Glück«, fügte Julia hinzu, »sonst hätten siemeinen Namen von ihm herausbekommen, wenn er gestandenhätte.«Ihm waren zahlreiche andere gefolgt. In ihren Augen stellte sichdas Leben sehr einfach dar. Man wollte es sich selbst soangenehm wie möglich machen; »sie«, das heißt die Partei, wollteeinen daran hindern; also übertrat man die Gesetze, wo man nurkonnte.Julia schien es ebenso natürlich zu finden, daß »sie« einem allesVergnügen rauben wollte, wie daß man selbst versuchte, sichnicht erwischen zu lassen. Sie hasste die Partei und sprach das in 150
  • 151. den derbsten Worten aus, aber sie übte generell keine Kritik anihr. Von den Punkten abgesehen, wo ihr eigenes Leben damit inKonflikt kam, hatte sie keinerlei Interesse an den Doktrinen derPartei. Winston bemerkte, daß sie niemals Neusprechwortebenutzte, außer den wenigen, die in die Umgangsspracheeingegangen waren.Sie hatte nie etwas von der »Brüderschaft« gehört und lehnte esauch ab, an ihr Vorhandensein zu glauben. Jede Art organisierterAuflehnung gegen die Partei, die ja notwendigerweisefehlschlagen mußte, hielt sie für dumm. Gegen die Gesetze zuverstoßen und dabei selbst am Leben zu bleiben – darauf kam esan. Er fragte sich mit einem unbestimmten Gefühl, wie vieleMenschen ihres Typus es wohl unter der jüngeren Generationgeben mochte – Menschen, die in die Welt der Revolutionhineingewachsen waren und nichts anderes kannten, die diePartei als etwas so Unabänderliches wie den Himmel zu ihrenHäuptern hinnahmen, ohne sich gegen ihre Autoritätaufzulehnen, sondern ihr einfach auswichen, wie ein Hasehakenschlagend einem Hunde zu entkommen sucht.Sie sprachen nicht über die Möglichkeit einer Heirat. Sie lag zufern, um sich überhaupt damit zu beschäftigen. Man konnte sichkeinen Prüfungsausschuß vorstellen, der eine solche Verbindungjemals genehmigen würde, selbst wenn Winston seine FrauKatherine irgendwie hätte loswerden können. Es war zwecklos,sich das auch nur auszumalen.»Wie war eigentlich deine Frau?« fragte Julia. »Sie war – kennstdu das Neusprechwort gutdenkvoll? Es bedeutet: von Natur ausorthodox, unfähig, einen Unvorschriftsmäßigen Gedanken auchnur zu fassen.«»Nein, ich kannte das Wort nicht. Aber diese Sorte Menschenkenne ich nur zu gut.«Er begann ihr die Geschichte seiner Ehe zu erzählen, aberseltsamerweise schien sie das Wesentliche davon bereits zukennen. Sie beschrieb ihm, als habe sie es selber miterlebt odergefühlt, wie Katherines Körper erstarrte, sobald er sie nur 151
  • 152. berührte, und wie sie ihn selbst dann noch mit ihrer ganzen Kraftvon sich wegzustoßen schien, wenn ihre Arme eng um ihngeschlungen waren. Es bereitete ihm keine Schwierigkeit, mitJulia über solche Dinge zu sprechen: Katherine war jedenfallslängst keine schmerzliche Erinnerung mehr, sondern nur nocheine unangenehme.»Ich hätte es noch aushallen können, wenn nicht eine Sachegewesen wäre«, sagte er.Und er erzählte ihr von der frigiden kleinen Zeremonie, die ihnKatherine gezwungen hatte, allwöchentlich in der gleichen Nachtauszuführen.»Es war ihr greulich, aber nichts in der Welt hätte sie dazubringen können, es bleiben zu lassen. Sie nannte es immer – aberdas errätst du nie.«»Unsere Pflicht gegenüber der Partei«, sagte Julia prompt.»Woher weißt du das?«»Ich war schließlich auch in der Schule, mein Lieber.Aufklärungsunterricht für junge Mädchen über sechzehn, einmalim Monat. In der Jugendbewegung desgleichen. Sie trichterneinem das Jahre hindurch ein. Und ich kann wohl behaupten, daßsie in vielen Fällen Erfolg damit haben. Aber man weiß esnatürlich nie; die Menschen sind so scheinheilig.«Und sie begann sich weiter über das Thema auszulassen. Bei Juliadrehte sich alles um ihre eigene Sinnlichkeit. Sobald dieseirgendwie im Spiel war, konnte sie außerordentlich scharfsinnigsein. Im Gegensatz zu Winston war ihr ein Licht über deneigentlichen Zweck der strengen Parteidoktrin in sexuellenDingen aufgegangen. Sie wurde aufrechterhalten, nicht nur weildie Sexualität sich eine Welt für sich zu schaffen verstand, dieaußerhalb der Kontrolle der Partei lag, so daß sie nachMöglichkeit unterdrückt werden mußte, sondern vor allenDingen, weil die sexuelle Enthaltsamkeit zur Hysterie führte unddamit ein erstrebenswertes Ziel erreicht wurde, denn dieseHysterie konnte in Kriegsbegeisterung und Führerverehrungumgewandelt werden. Julia drückte das folgendermaßen aus: 152
  • 153. »Beim Liebesspiel verbraucht man Energie, und hinterher fühltman sich glücklich und pfeift auf alles andere. Das können sienicht ertragen. Sie wollen, daß man ständig zum Platzen mitEnergie geladen ist. Dies ganze Auf- und Abmarschieren, Hurra-Brüllen und Fahnenschwenken ist weiter nichts als sauergewordene Sinnlichkeit. Wenn man innerlich glücklich ist, kannman weder über den Großen Bruder noch den Drei-Jahres-Plan,die Zwei-Minuten-Hass-Sendung und den ganzen übrigenSchwindel in Begeisterung geraten!«Das war sehr richtig, dachte Winston. Es bestand einunmittelbarer, enger Zusammenhang zwischen Enthaltsamkeitund politischer Strenggläubigkeit.Hätte man sonst Furcht, Hass und fanatischen Glauben, wie siedie Partei bei ihren Mitgliedern voraussetzte, in der richtigenWeißglut erhalten können, wenn man nicht einen mächtigenUrtrieb auf Flaschen zog, um ihn als Treibstoff zu benutzen? DerSexualtrieb war für die Partei gefährlich, und sie hatte gelernt,ihn in ihren Dienst zu spannen. Ähnlich war man mit demFamiliensinn verfahren. Die Familie konnte zwar nicht völligabgeschafft werden, ja, man ermutigte die Leute sogar, in einerfast altmodischen Weise an ihren Kindern zu hängen. Die Kinderdagegen wurden systematisch gegen ihre Eltern aufgehetzt; manbrachte ihnen bei, sie zu bespitzeln und jeden ihrer Verstößegegen die Disziplin zu melden. Das Familienleben war inWirklichkeit zu einer Erweiterung der Gedankenpolizeigeworden, zu einem Mittel, um jedermann Tag und Nacht vonintim vertrauten Angebern bespitzeln zu lassen.Er mußte wieder an Katherine denken. Sie hätte ihn fraglos beider Gedankenpolizei denunziert, wenn sie nicht zu dummgewesen wäre, um an seinen Ansichten etwas Unorthodoxes zubemerken. Was sie ihm in diesem Augenblick ins Gedächtniszurückrief, war die erstickende Schwüle des Nachmittags, dieihm den Schweiß auf die Stirn getrieben hatte. Er begann Julia zuerzählen, was sich vor elf Jahren an einem ähnlichen drückendheißen Sommertag ereignet hatte. 153
  • 154. Es hatte sich drei oder vier Monate nach ihrer Heirat zugetragen.Katherine und er hatten sich auf einer Gemeinschaftswanderungim Herzen von Kent verlaufen. Sie waren nur ein paar Minutenhinter den anderen zurückgeblieben, hatten dann aber einefalsche Richtung eingeschlagen und fanden sich plötzlich amRand einer aufgelassenen Kalkgrube stehen. Der Boden stürztejäh zu einer Tiefe von zehn oder zwanzig Meter ab; unten lagengroße Felsentrümmer. Weit und breit war kein Mensch zu sehen,den sie nach dem Weg hätten fragen können.Sobald Katherine merkte, daß sie den Weg verloren hatten,wurde sie sehr unruhig. Auch nur für einen Augenblick vomlärmenden Haufen der anderen Ausflügler getrennt zu sein, gabihr das Gefühl, ein Unrecht zu begehen. Sie wollte auf dem Weg,den sie gekommen waren, zurücklaufen und in der anderenRichtung ihr Glück versuchen. Aber in diesem Augenblickentdeckte Winston ein paar Stauden Pfennigkraut, die in denVorsprüngen des Gesteins unter ihnen Wurzel geschlagen hatten.Eine von den Stauden war zweifarbig, sie trug offenbar violetteund ziegelrote Blüten am selben Stamm. Er hatte noch nie vorheretwas Derartiges gesehen und rief Katherine herbei, um sich dasanzusehen.»Schau, Katherine. Schau mal diese Blumen. Diese Staude da, fastunten auf dem Grund. Sie hat zwei verschiedene Farben, siehstdu es?«Sie hatte sich bereits zum Gehen gewandt, kam aber ziemlichverdrießlich für einen Augenblick zurück. Sie beugte sich sogarüber den Rand der Grube, um zu sehen, worauf er deutete. Erstand ein wenig hinter ihr und hielt sie, um ihr Halt zu geben, amGürtel fest. In diesem Augenblick kam ihm plötzlich zumBewusstsein, wie vollkommen allein sie waren. Nirgends eineMenschenseele, kein Blatt regte sich, nicht einmal ein Vogel warzu sehen. An einem solchen Ort war die Gefahr eines irgendwoverborgenen Mikrophons sehr gering, und selbst wenn esinstalliert wäre, würde es nur ein Geräusch verzeichnen. Es warum die heißeste, schläfrigste Nachmittagsstunde. Die Sonne 154
  • 155. brannte auf sie herunter, der Schweiß kitzelte sein Gesicht. Dawar ihm der Gedanke gekommen…»Warum hast du ihr nicht einen tüchtigen Stoß versetzt?« sagteJulia. »Ich hätte es getan.«»Ja, Liebling, du schon. Ich hätte es auch getan, wenn ich derselbeMensch gewesen wäre wie heute. Das heißt, vielleicht hätte ich esgetan – ich bin mir nicht sicher.«»Tut es dir leid, daß du es nicht getan hast?«»Ja. Im Grunde bedaure ich es.«Sie saßen Seite an Seite auf dem staubigen Fußboden. Er zog siean sich. Ihr Kopf lag auf seiner Schulter, der angenehme Duftihres Haares überstäubte den Geruch nach Taubenmist. Sie warsehr jung, dachte er, sie erwartete noch etwas vom Leben, siebegriff nicht, daß es nichts hilft, einen unbequemen Menschen ineinen Abgrund zu stoßen.»In Wirklichkeit hätte es nichts geändert«, sagte er. »Warumbedauerst du dann, es nicht getan zu haben?«»Nur weil mir das Handeln lieber geworden ist als dasHerumsitzen mit Händen im Schoß. Doch bei dem Spiel, das wirspielen, können wir nicht gewinnen. Die eine Art vonFehlschlägen ist besser als die andere, das ist alles.«Er fühlte ein Zucken des Widerspruchs in ihren Schultern. Siewidersprach ihm immer, wenn er etwas Derartiges sagte. Siewollte es nicht als ein Naturgesetz hinnehmen, daß der einzelneimmer unterliegt. Einesteils war ihr bewusst, daß sie zumUntergang verurteilt war, daß früher oder später dieGedankenpolizei sie verhaften und töten würde, doch mit einemanderen Teil ihres Denkens hielt sie es irgendwie für möglich,eine geheime Welt aufzubauen, in der man leben konnte, wie eseinem gefiel. Dazu brauchte man nur Glück, Schlauheit undDreistigkeit. Sie begriff nicht, daß es so etwas wie Glück nichtgab, daß der einzige Sieg in der fernen Zukunft lag, langenachdem man gestorben war, daß man von dem Augenblick an,in dem man der Partei den Kampf ansagte, besser daran tat, sichals Leiche zu betrachten. 155
  • 156. »Wir sind die Toten«, sagte er.»Wir sind doch noch nicht tot«, meinte Julia nüchtern.»Noch nicht körperlich. Aber in sechs Monaten, einem Jahr -möglicherweise fünf Jahren. Ich habe Angst vor dem Tod. Du bistnoch jung, also fürchtest du ihn vermutlich noch mehr als ich.Begreiflicherweise werden wir ihn so lange wie möglichhinausschieben. Aber es ist nur ein sehr geringer Unterschied.Solange wir Menschen Menschen sind, bleiben sich Tod undLeben gleich.«»Ach, Unsinn! Mit wem möchtest du lieber ins Bett gehen, mitmir oder einem Skelett? Bist du nicht froh, daß du lebst? Fühlstdu nicht gerne: Das bin ich, das ist meine Hand, das ist meinBein, ich bin wirklich, bin greifbar, ich lebe! Liebst du das nicht?«Sie warf sich herum und presste ihren Busen gegen ihn. Erkonnte ihre reifen, festen Brüste durch ihren Trainingsanzughindurch spüren. Ihr Körper schien etwas von seinerJugendfrische und Lebenskraft an ihn abzugeben.»Doch, das liebe ich«, sagte er.»Dann hör auf, vom Sterben zu reden. Und jetzt paß auf, Liebster,wir müssen unser nächstes Wiedersehen vereinbaren. Wirkönnen ebenso gut wieder zu der Stelle im Wald gehen. Wirhaben lange genug pausiert. Aber diesmal mußt du auf einemanderen Weg hingehen. Ich habe mir alles ausgedacht. Du fährstmit dem Zug – aber schau her, ich werde es dir aufzeichnen.«Und in ihrer praktischen Art scharrte sie den Staub zu einemkleinen Quadrat zusammen und begann mit einem Zweig auseinem der Taubennester eine Landkarte auf den Boden zuzeichnen. 156
  • 157. Viertes KapitelWinston blickte sich in dem schäbigen kleinen Zimmer über Mr.Charringtons Laden um. Neben dem Fenster war das riesige Bettmit zerrissenen Wolldecken und einem unbezogenen Kopfkissenaufgemacht. Die altmodische Uhr mit dem Zwölferzifferblatttickte auf dem Kaminsims. In der Ecke, auf dem Klapptischchen,schimmerte der Glasbriefbeschwerer, den er bei seinem letztenBesuch gekauft hatte, sanft aus dem Halbdunkel hervor.Auf dem Kaminvorsatz standen ein zerbeulterBlechpetroleumkocher, ein Kessel und zwei Tassen, die Mr.Charrington zur Verfügung gestellt hatte. Winston zündete denKocher an und setzte Wasser auf. Er hatte einen Briefumschlagvoll Victory-Kaffee und ein paar Sacharintabletten mitgebracht.Die Zeiger zeigten auf zwanzig nach sieben: demnach war es alsoin Wirklichkeit 19.20 Uhr. Um 19.30 Uhr wollte sie kommen.Verrückt, verrückt, hämmerte sein Herz unaufhörlich: Es wareine bewußte, unverantwortliche, selbstmörderischeVerrücktheit. Von allen Verbrechen, die ein Parteimitgliedbegehen konnte, war keines so unmöglich geheimzuhalten wiedieses. Genaugenommen war ihm der Gedanke zum erstenmalwie eine Vision durch den Sinn gegangen, als er denBriefbeschwerer sich in der Platte des Klapptisches spiegeln sah.Wie vorausgesehen, hatte Mr. Charrington keine Schwierigkeitenbeim Vermieten des Zimmers gemacht.Er war offensichtlich erfreut über die paar Dollar, die ihm daseinbringen würde. Auch nahm er keinen Anstoß daran, nochwurde er unangenehm vertraulich, als sich herausstellte, daßWinston das Zimmer für ein Liebesabenteuer benötigte.Stattdessen blickte er unbestimmt vor sich hin und sprach inallgemeinen Wendungen mit einer so zurückhaltenden Miene,daß man das Gefühl hatte, er sei überhaupt so gut wie unsichtbargeworden. 157
  • 158. Unter sich zu sein, meinte er, sei etwas sehr Schätzenswertes.Jeder Mensch sollte ein Plätzchen haben, wo er gelegentlich zuzweit allein sein könne. Und wenn der Betreffende ein solchesPlätzchen gefunden habe, so sei es nur eine ganz gewöhnlicheAnstandspflicht jedes anderen, sein Wissen darüber für sich zubehalten. Er fügte sogar hinzu – und dabei schien er sich vollendsin nichts aufzulösen – , daß das Haus zwei Eingänge habe, vondenen einer durch den Hinterhof hinaus auf ein Seitengäßchenführe. Draußen vor dem Fenster sang jemand. Winston lugteunter dem Schutz des Musselinvorhangs hinaus. Die Junisonnestand noch hoch am Himmel, und drunten auf dem besonntenHof stapfte ein Monstrum von Frau, wuchtig wie eineromanische Säule, mit stämmigen roten Unterarmen und einerum ihre Taille gebundenen Sackleinwandschürze, zwischeneinem Waschfass und einer Wäscheleine hin und her, auf der sieeine Reihe viereckiger weißer Dinger aufhängte, die Winston alsKinderwindeln erkannte. So oft ihr Mund nicht durchWäscheklammern verschlossen war, sang sie mit mächtiger,tiefer Altstimme: »Es war nur ein tiefer Traum, Ging wie einApriltag vorbei-ei, Aber sein Blick war leerer Schaum, Brach mirdas Herz entzwei-ei!«Das Lied wurde während der letzten Wochen von ganz Londongeträllert. Es war einer von zahlreichen ähnlichen Schlagern, diefür die Proles von einer Unterabteilung der Fachgruppe Musikherausgegeben wurden. Der Wortlaut dieser Lieder wurde ohnejedes menschliche Zutun von einem sogenannten »Versificator«zusammengestellt. Aber die Frau sang so melodiös, daß aus demfürchterlichen Blödsinn beinahe ein hübsches Liedchen wurde. Erkonnte den Gesang der Frau und das Scharren ihrer Schuhe aufden Steinplatten hören, die Rufe der Kinder auf der Straße undirgendwo in weiter Ferne das leise Dröhnen des Verkehrs; unddoch schien ihm das Zimmer merkwürdig still, weil es keinenTelevisor enthielt.Verrückt, verrückt, dachte er von neuem. Es war unvorstellbar,daß sie diesen Treffpunkt länger als ein paar Wochen benutzen 158
  • 159. konnten, ohne ertappt zu werden. Aber die Versuchung, einenUnterschlupf zu haben, der wirklich ihnen gehörte, unter einemfesten Dach und leicht erreichbar, war für sie beide zu großgewesen. Nach ihrem letzten Treffen im Glockenturm ließ sicheine Zeitlang kein Stelldichein ermöglichen. Die Zahl derArbeitsstunden war im Hinblick auf die kommende Hass-Wocheradikal heraufgesetzt worden. Sie fand erst in mehr als einemMonat statt, aber die damit verbundenen umfangreichen undvielfältigen Vorbereitungen bürdeten jedermann Sonderarbeitauf. Endlich gelang es den beiden, sich am selben Tag einenfreien Nachmittag zu verschaffen.Sie waren übereingekommen, wieder zu der Waldlichtung zugehen. Am Abend vorher trafen sie sich kurz auf der Straße. Wiegewöhnlich sah Winston Julia kaum an, als sie in der Mengeaufeinander zusteuerten, aber nach dem kurzen Blick, den er ihrzuwarf, kam es ihm so vor, als sei sie bleicher als gewöhnlich.»Es ist nichts damit«, murmelte sie, sobald sie es für ungefährlichhielt, zu sprechen. »Mit morgen, meine ich.«»Wieso?«»Morgen Nachmittag. Ich kann nicht kommen.«»Warum nicht?«»Das übliche. Es ist diesmal zu früh losgegangen.«Einen Augenblick lang packte ihn heftiger Ärger. Während derMonate ihrer Bekanntschaft hatte sich seine Einstellung zu ihrgeändert. Anfangs hatte nur wenig echte Sinnlichkeit mitgespielt.Ihr erstes intimes Beisammensein war für ihn lediglich eineWillensanstrengung gewesen. Aber nach dem zweiten Mal wares anders geworden.Der Duft ihres Haares, der Geschmack ihres Mundes, dieBerührung ihrer Haut schienen ihn ganz und gar, ja selbst die ihnumgebende Atmosphäre durchdrungen zu haben. Sie war für ihnein körperliches Bedürfnis geworden, etwas, das er nicht nurbrauchte, sondern worauf er ein Recht zu haben meinte. Als sienun sagte, sie könne nicht kommen, hatte er das Gefühl, von ihrbetrogen zu werden. Aber gerade in diesem Augenblick wurden 159
  • 160. sie im Gedränge aneinander gepreßt, und ihre Hände fanden sichwie zufällig. Sie versetzte seinen Fingerspitzen einen raschenDruck, der nicht um Begehren, sondern um Liebe bat.Ihm wurde bewußt, daß eine solche Enttäuschung beimZusammenleben mit einer Frau eine normale, immerwiederkehrende Erscheinung sein mußte. Und plötzlich empfander eine tiefe Zärtlichkeit, wie er sie vorher nicht für sie gefühlthatte. Er wünschte, sie wären ein altes, seit zehn Jahrenverheiratetes Ehepaar. Er wünschte, er ginge mit ihr wie ebenjetzt durch die Straßen, aber offen und ohne Angst, um sich dabeiüber alltägliche Dinge zu unterhalten und alles Mögliche für denHaushalt einzukaufen. Vor allem aber wünschte er. sie hätten einFleckchen Erde, wo sie allein miteinander sein konnten, ohne dieVerpflichtung zu fühlen, bei jedem Zusammensein gleich ins Bettgehen zu müssen.Nicht gerade in diesem Augenblick, aber irgendwann im Lautedes folgenden Tages war ihm der Gedanke gekommen. Mr.Charringtons Zimmer zu mieten. Als er Julia diesen Vorschlagmachte, hatte sie mit unerwarteter Bereitwilligkeit zugestimmt.Sie wußten beide, daß es ein Wahnsinn war. Es war, als täten siebeide absichtlich einen Schritt näher an ihr Grab heran. Währender wartend auf dem Bettrand saß, dachte er von neuem an dieKellergewölbe des Liebesministeriums. Es war merkwürdig, wieeinem dies unausweichliche Schicksal immer wieder zumBewußtsein kam. Da lag es nun auf der Lauer als sichereVorbestimmung, ein Vorspiel des Todes, auf das man mitneunundneunzig Prozent Wahrscheinlichkeit rechnen konnte.Man konnte ihm nicht entrinnen, aber man konnte es vielleichthinausschieben: und doch legte man es stattdessen immer wiederdarauf an, durch eine bewusst gewollte Handlung den Aufschubzu verkürzen.In diesem Augenblick vernahm man einen raschen Schritt auf derTreppe. Julia kam ins Zimmer gestürzt. Sie trug eineWerkzeugtasche aus derbem braunen Segeltuch, mit der er siemanchmal im Ministerium hatte hin und her laufen sehen. Er 160
  • 161. sprang auf, um sie in seine Arme zu schließen, aber sie befreitesich ziemlich hastig, zum Teil wohl, weil sie noch immer dieWerkzeugtasche hielt.»Nur eine Sekunde«, sagte sie. »Laß dir nur eben zeigen, was ichmitgebracht habe. Hast du was von diesem schauerlichenVictory-Kaffee mitgebracht? Das dachte ich mir. Du kannst ihnwegschmeißen, denn wir brauchen ihn nicht. Da, schau her.«Sie ließ sich auf die Knie nieder, klappte die Tasche auf und warfein paar Schraubenschlüssel heraus, die obenauf lagen. Darunterkam eine Anzahl säuberlich in Papier gewickelter Päckchen zumVorschein. Das erste Päckchen, das sie Winston reichte, fühltesich merkwürdig und doch irgendwie bekannt an. Es war miteiner schweren, feinkörnigen Masse angefüllt, die bei derBerührung jedem Druck nachgab.»Doch nicht etwa Zucker?« fragte er. »Echter Zucker. KeinSacharin, sondern Zucker. Und hier ist ein Laib Brot – richtigesWeißbrot, nicht unser elender Dreck – und ein TöpfchenMarmelade. Und da ist eine Dose Milch – aber jetzt pass auf!Darauf bin ich wirklich stolz. Ich mußte es in ein StückSackleinwand einwickeln, weil…«Aber sie brauchte ihm nicht zu sagen, warum sie es eingewickelthatte. Der Duft erfüllte bereits das Zimmer, ein reicher, würzigerDuft, der wie ein Hauch aus seiner Kindheit war, dem man aberauch heute noch begegnete, wenn er manchmal durch eine Gassezog, ehe irgendeine Tür ins Schloß fiel, oder in einerverkehrsreichen Straße in der Luft hing, einem einen Augenblickin die Nase stieg und sich dann wieder verflüchtigte.»Kaffee«, murmelte er, »echter Kaffee.« »Es ist Kaffee für dieInnere Partei. Ich habe ein ganzes Kilo davon mit«, sagte sie.»Wie bist du zu all diesen Dingen gekommen?«»Es sind alles Sachen für die Innere Partei. Es gibt nichts, wasdiese Schweine nicht haben; einfach nichts. Aber natürlich klauendie Kellner, die Dienstboten und die Angestellten, und . . . schauher, ich habe auch ein Päckchen Tee.« 161
  • 162. Winston hatte sich eben niedergehockt. Er riß eine Ecke desPäckchens auf. »Echter Tee! Keine Brombeerblätter!«»Es gab in letzter Zeit haufenweise Tee. Sie haben Indien erobertoder so etwas Ähnliches«, sagte sie beiläufig. »Aber hör zu,Liebster. Tu mir den Gefallen und dreh dich drei Minuten um.Geh und setz dich auf die andere Seite vom Bett. Tritt nicht zunah ans Fenster. Und dreh dich nicht um, ehe ich dirs nichtsage.«Winston starrte versunken durch den Musselinvorhanghindurch. Unten im Hof ging die Frau mit den geröteten Armennoch immer zwischen dem Waschzuber und der Wäscheleine hinund her. Sie nahm gerade wieder zwei Klammern aus dem Mundund sang mit gefühlvoller Stimme: »Man sagt, die Zeit heile alles,Es heißt, man kann alles vergessen, Aber vom Schmerz meinesFalles, Von dem bleib ich ewig besessen!«Sie schien das ganze törichte Lied auswendig zu können. IhreStimme schwebte sehr melodisch mit dem lauen Sommerlüftchendaher, von einer Art glücklicher Melancholie erfüllt. Man hattedas Gefühl, es hätte der Frau nichts ausgemacht, wenn derJuniabend nie ein Ende gehabt und der Wäschevorratunerschöpflich gewesen wäre, und wenn sie tausend Jahre soweitermachen konnte: Kinderwindeln aufhängen und kitschigeLieder dabei singen. Dabei fiel ihm ein, daß ermerkwürdigerweise nie ein Parteimitglied allein und spontanhatte singen hören. Es hätte sogar ein wenig unorthodox, wieeine gefährliche Schrullenhaftigkeit gewirkt, so als ob manSelbstgespräche führte. Vielleicht mußten die Menschen erst naheam Verhungern sein, um für sich allein singen zu können.»Jetzt darfst du dich umdrehen«, sagte Julia.Er drehte sich um und hätte sie eine Sekunde lang fast nichterkannt. Eigentlich hatte er erwartet, sie nackt vor sich zu sehen.Aber sie war nicht nackt. Ihre Verwandlung war vielerstaunlicher. Sie hatte sich geschminkt.Sie mußte in einen Laden in den Prolesvierteln geschlüpft seinund eine ganze Ausrüstung von Toilettenartikeln gekauft haben. 162
  • 163. Ihre Lippen waren tiefrot, ihre Wangen bedeckte ein Hauch vonRouge, ihre Nase war gepudert; sogar unter die Augen warirgendetwas getupft, das sie glänzender erscheinen ließ. Es warnicht sehr geschickt gemacht, aber Winstons Ansprüche in diesenDingen waren keineswegs hochgeschraubt. Er hatte nie zuvor einweibliches Parteimitglied geschminkt gesehen oder es sich auchnur geschminkt vorstellen können. Julias Erscheinung hatte sichin verblüffender Weise verschönt. Mit nur wenigen Farbstrichenan den richtigen Stellen war sie nicht nur sehr viel hübscher,sondern vor allem viel weiblicher geworden. Ihr kurzes Haar undder knabenhafte Trainingsanzug erhöhten nur die Wirkung.Als er sie in seine Arme schloß, stieg ihm eine Wellesynthetischen Veilchendufts in die Nase. Er erinnerte sich an dasHalbdunkel einer Wohnküche im Erdgeschoß und an dieschwarze Mundhöhle einer Frau. Genau das gleiche Parfüm hattesie benutzt; aber im Augenblick schien das nichts auszumachen.»Parfüm auch!« rief er aus.»Ja, Liebster, auch Parfüm. Und weißt du, was ich als nächstesmache? Ich versuche, irgendwo einen richtigen Frauenrockaufzutreiben, und ziehe ihn mir anstatt dieser scheußlichenHosen an. Ich werde seidene Strümpfe tragen und Schuhe mithohen Absätzen! In diesem Zimmer will ich eine Frau sein, keineGenossin.«Sie streiften ihre Kleider ab und stiegen in das riesigeMahagonibett. Er zog sich zum erstenmal in ihrer Gegenwartganz aus. Bisher hatte er sich zu sehr seines bleichen, magerenKörpers mit den an den Waden hervortretenden Krampfadernund dem entfärbten Fleck über seinem Fußknöchel geschämt.Das Bett hatte kein Laken, aber die Wolldecke, auf der sie lagen,war dünn und weich, und die Größe und Federung des Betteserstaunte sie beide.»Es wimmelt sicher von Wanzen, aber wen kümmert das schon?«sagte Julia.Man sah heutzutage nirgendwo Doppelbetten, außer in denWohnungen der Proles. Winston hatte in seiner Knabenzeit 163
  • 164. gelegentlich in einem geschlafen; Julia hatte noch nie zuvor ineinem gelegen, soweit sie sich erinnern konnte.Sie sanken gleich für eine Weile in Schlummer. Als Winstonaufwachte, waren die Zeiger der Uhr bis fast auf neunvorgerückt. Er rührte sich nicht, denn Julia schlief noch, ihrenKopf in die Biegung seines Armes gebettet. Der größte Teil derSchminke hatte sich auf sein Gesicht und das Kissen übertragen,aber ein zarter roter Fleck betonte noch immer die Schönheit ihrerWange. Ein goldgelber Strahl der untergehenden Sonne glitt überdas Bettende und fiel auf den Kocher, auf dem das Wasserlebhaft sprudelte. Drunten im Hof hatte die Frau zu singenaufgehört, aber gedämpfte Kinderrufe drangen von der Straßeherein.Er fragte sich verschwommen, ob es wohl in der verpöntenVergangenheit ein normales Erlebnis gewesen war, als Mann undFrau so in der Kühle des Sommerabends unbekleidet im Bett zuliegen, der Liebe zu frönen, wenn man Lust dazu verspürte, zusprechen, was einem gerade einfiel, nicht zum Aufstehengezwungen zu sein, sondern einfach dazuliegen und denfriedvollen Geräuschen von draußen zu lauschen. Konnte eseinmal eine Zeit gegeben haben, wo das selbstverständlichschien? Julia erwachte, rieb sich die Augen und richtete sich aufden Ellenbogen auf, um nach dem Petroleumkocher zu sehen.»Das halbe Wasser ist verkocht«, sagte sie. »Ich stehe gleich aufund mache Kaffee. Wir haben noch eine Stunde Zeit. Wann wirdin eurem Block das Licht ausgeschaltet?«»Um dreiundzwanzig Uhr dreißig.«»Im Heim um dreiundzwanzig Uhr. Aber man muß schon früherzu Hause sein, weil…Huch! Mach, daß du wegkommst, duBiest!«Sie machte plötzlich eine Drehung im Bett, hob einen Schuh vomBoden auf und warf ihn wuchtig mit einer jungenhaftenArmbewegung in die Ecke, mit der gleichen Bewegung, mit derer sie an jenem Vormittag während der Zwei-Minuten-Hass-Sendung das Wörterbuch nach Goldstein hatte schleudern sehen. 164
  • 165. »Was ist los?« fragte er erstaunt.»Eine Ratte. Ich sah, wie sie ihre ekelhafte Schnauze hinter derHolzleiste hervorstreckte. Dort drüben ist ein Loch. Jedenfallshabe ich ihr einen tüchtigen Schrecken eingejagt.«»Ratten!« murmelte Winston. »In diesem Zimmer!«»Sie treiben sich überall herum«, sagte Julia gleichgültig,während sie sich wieder hinlegte. »Im Heim haben wir sogarwelche in der Küche. In manchen Teilen Londons wimmelt esvon ihnen. Wusstest du, daß sie an kleine Kinder herangehen?Doch, bestimmt, das tun sie. In manchen von diesen Straßenwagen die Frauen ihre Kinder nicht zwei Minuten allein zulassen. Die großen braunen machen das. Und das Scheußlichsteist, daß die Biester…«»Hör auf!« sagte Winston, die Augen fest geschlossen.»Liebster! Du bist ja ganz blaß geworden. Was fehlt dir? Wird dirvon ihnen schlecht?«»Von allen Scheußlichkeiten der Welt sind Ratten…«Sie preßte sich eng an ihn und umschlang ihn mit ihren Gliedern,wie um ihn mit der Wärme ihres Körpers zu beruhigen. Eröffnete die Augen nicht gleich wieder. Ein paar Augenblicke langhatte er das Gefühl gehabt, von neuem in den Angsttraumversetzt zu werden, der ihn sein ganzes Leben hindurch von Zeitzu Zeit verfolgt hatte. Es war immer so ziemlich dasselbe. Erstand vor einer Mauer aus Dunkelheit, jenseits der etwasUnerträgliches lauerte, etwas, das zu schrecklich war, um seinenAnblick noch erträglich sein zu lassen. Im Traum war dabei seintiefstes Gefühl immer, daß er sich etwas vormachte, daß er inWirklichkeit genau wußte, was hinter der dunklen Mauer war.Mit einer unerhörten Anstrengung, als reiße er sich ein Stück ausdem eigenen Gehirn, hätte er das Verborgene sogar ans Lichtzerren können. Er wachte immer auf, ohne zu erfahren, was eseigentlich war: aber irgendwie hing es damit zusammen, wovonJulia gesprochen hatte, als er sie unterbrach.»Verzeih«, sagte er, »es ist nichts. Ich kann nun einmal Rattennicht ausstehen, das ist alles.« 165
  • 166. »Mach dir keine Sorgen, Liebster, wir werden die elenden Biesterhier nicht hereinlassen. Ich werde das Loch mit etwas Sackleinenzustopfen, bevor wir gehen. Und wenn wir das nächste Malherkommen, bring ich Gips mit und schmiere es ordentlich zu.«Schon war der dunkle Augenblick der Panik halb vergessen.Etwas beschämt über sich selbst setzte er sich auf, gegen dasKopfteil des Bettes gestützt. Julia stand auf, zog ihrenTrainingsanzug an und machte den Kaffee. Der aus dem Topfaufsteigende Duft war so stark und betäubend, daß sie dieFenster schlössen, damit niemand draußen es merken undvielleicht neugierig werden konnte.Doch fast noch besser als der Geschmack des Kaffees war dieseidige Weiche, die ihm der Zucker verlieh, etwas, das Winstonnach Jahren des Sacharins nahezu vergessen hatte. Eine Hand inder Tasche, in der anderen ein Marmeladebrot, ging Julia imZimmer umher, betrachtete gleichgültig das Büchergestell, zeigteihm, wie man den Klapptisch am besten reparieren könnte, ließsich in den abgenutzten Lehnstuhl fallen, um zu sehen, ob erbequem war, und untersuchte mit einem nachsichtigen Lächelndie komische zwölfziffrige Uhr. Sie brachte den gläsernenBriefbeschwerer herüber ans Bett, um ihn bei besserem Lichtbetrachten zu können. Er nahm ihn ihr aus der Hand, wie immerfasziniert von der gedämpften, regenwasserartigenBeschaffenheit des Glases.»Wozu ist das deiner Ansicht nach?« fragte Julia.»Ich glaube, es hat kein ›Wozu‹ – ich meine, ich glaube nicht, daßes jemals einem Zweck gedient hat. Das mag ich so gerne daran.Es ist ein Stückchen Geschichte, das sie zu verfälschen vergessenhaben. Es ist, wenn man sie zu lesen versteht, eine Botschaft ausder Zeit vor hundert Jahren.«»Und dieses Bild dort drüben« – sie deutete mit dem Kopf nachdem Stich an der gegenüberliegenden Wand –, »ist das auchhundert Jahre alt?« 166
  • 167. »Noch mehr. Zweihundert würde ich sagen. Man weiß es nicht.Man kann heutzutage unmöglich das Alter irgendeiner Sachefesthalten.«Sie ging hinüber, um es näher zu betrachten. »Da hat das Biestseine Nase herausgestreckt«, sagte sie dabei und versetzte geradeunter dem Bild der Holzleiste einen Tritt. »Was ist das für einGebäude? Ich habe es schon irgendwo gesehen.«»Eine Kirche – jedenfalls war es früher eine. St. Clements Danehieß sie.« Die Verszeile, die Mr. Charrington ihn gelehrt hatte, fielihm wieder ein, und er fügte halb sehnsüchtig hinzu: »Orangesand lemons, say the bells of St. Clements!«Zu seinem Erstaunen ergänzte sie den Reim: »You owe me threefarthings, Say the bells of St. Martins, When will you pay me?Say the bells of Old Bailey...Ich weiß nicht, wie es danach weitergeht. Aber jedenfalls erinnereich mich, wie es schließt: ›Here comes a candle to light you tobed, here comes a chopper to chop off your head!‹«Es war wie die zwei Stichworte eines Erkennungszeichens. Aberes mußte nach »the bells of Old Bailey« noch ein anderer Verskommen. Vielleicht konnte man ihn aus Mr. CharringtonsErinnerung ausgraben, wenn er gerade in der richtigenStimmung war.»Wer hat dir das beigebracht?« fragte er.»Mein Großvater. Er sagte es mir immer vor, als ich ein kleinesMädchen war. Er wurde vaporisiert, als ich acht Jahre alt war –jedenfalls verschwand er spurlos. Ich würde gern wissen, waseine Zitrone ist«, fügte sie sprunghaft hinzu. »Orangen habe ichgesehen. Es sind so runde gelbe Früchte mit einer dicken Schale.«»Ich kann mich auch noch auf Zitronen besinnen«, sagteWinston. »Sie waren in den fünfziger Jahren etwas ganzGewöhnliches. Sie waren so sauer, daß schon allein beim Riechender Mund zusammengezogen wurde.«»Ich wette, hinter diesem Bild sind Wanzen«, sagte Julia. »Ichwerde es gelegentlich herunternehmen und tüchtigsaubermachen. Ich glaube, es ist langsam Zeit zum Aufbrechen. 167
  • 168. Ich muß anfangen, mir diese Schminke abzuwaschen. Wieschade! Hinterher werde ich dir den Lippenstift vom Gesichtabwischen.«Winston blieb noch ein paar Minuten länger liegen. Im Zimmerwurde es immer dunkler. Er drehte sich dem Lichte zu undstarrte auf den gläsernen Briefbeschwerer. Das unerschöpflichInteressante daran war nicht so sehr das Stück Koralle als dasInnere des Glases selbst. Es hatte eine solche Tiefe, dabei war esfast so durchsichtig wie Luft. Es war, als wäre die Oberfläche desGlases die Himmelskuppel, die eine winzige Welt mit ihrerganzen Atmosphäre einschloss. Er hatte das Gefühl, als könnte erin sie hineintreten, ja, als lebe er in Wirklichkeit darin, zusammenmit dem Mahagonibett und dem Klapptisch, der Uhr, demStahlstich und dem Briefbeschwerer selbst. So glich derBriefbeschwerer dem Zimmer, in dem er sich befand, und dieKoralle seinem Leben und dem Julias, das im Herzen desKristalls gleichsam wie für die Ewigkeit im Panzer lag. Fünftes KapitelSyme war plötzlich verschwunden. Eines Morgens fehlte er beider Arbeit: ein paar gedankenlose Leute sprachen über seinFortbleiben doch am nächsten Tag erwähnte ihn niemand mehr.Drei Tage später ging Winston in die Vorhalle seiner Abteilung,um auf dem Anschlagbrett etwas nachzusehen.Einer der Anschläge bestand aus einer gedruckten Liste desSchachkomitees, dem Syme angehört hatte. Sie sah fast genausoaus wie vorher – keine Zeile war durchgestrichen –, aber sie warum einen Namen kürzer geworden. Das genügte. Syme hatteaufgehört zu existieren oder richtiger: Er hatte nie existiert. 168
  • 169. Das Wetter war von einer Backofenhitze. Im Labyrinth desMinisteriums zwar behielten die fensterlosen Räume ihreautomatisch geregelte Normaltemperatur bei, draußen aberversengte einem das Pflaster beinahe die Schuhsohlen, undwährend der Hauptverkehrsstunden war in der Untergrundbahndie Stickluft grauenhaft. Die Vorbereitungen für die Hass-Wochewaren in vollem Gange, und die Belegschaften aller Ministerienmachten Überstunden.Umzüge, Versammlungen, Paraden, Vorträge, Ausstellungen,Filmvorführungen, Fernsehprogramme – alles das mußtevorbereitet, Tribünen mußten erbaut, Bilder zur öffentlichenVerbrennung hergestellt, Parolen geprägt, Lieder verfasst,Gerüchte in Umlauf gesetzt und Fotografien gefälscht werden.Julias Gruppe in der Literaturabteilung war von derRomanproduktion abgezogen worden und arbeitete mitHochdruck an der Fertigstellung einer Serie von Flugschriften.Winston verwandte neben seiner sonstigen Arbeit täglich vieleStunden darauf, im Archiv aufbewahrte frühere Nummern derTimes nachzuprüfen und Angaben darin abzuändern undzurechtzufrisieren, die in Reden zitiert werden sollten. Spät inder Nacht, während Scharen lärmender Proles die Straßenbevölkerten, hing eine merkwürdige fieberhafte Stimmung überder Stadt. Raketenbomben krachten öfter als je zuvor, undmanchmal erfolgten in weiter Ferne riesige Explosionen, die sichniemand erklären konnte und über die wilde Gerüchte imUmlauf waren.Das neue Lied, das zum Hauptschlager der Hass-Wochebestimmt war (es hieß schlechthin »Der Hassgesang«), warbereits fertig und wurde unablässig aus den Televisorengeschmettert. Es hatte einen wilden, kläffenden Rhythmus, dernicht eigentlich als Musik bezeichnet werden konnte, sondernnur wie Trommelschläge klang. Von Hunderten von Stimmenzum Gleichschritt marschierender Füße gebrüllt, klang eswahrhaft erschreckend. 169
  • 170. Doch die Proles hatten Gefallen daran gefunden, und auf denmitternächtlichen Straßen machte es dem noch immer populären»Man sagt, die Zeit heile alles« starke Konkurrenz. DieParsonskinder bliesen es zu allen Tag- und Nachtzeiten bis zumAuswachsen auf einem Kamm und einem Blatt Toilettenpapier.Winstons Abende waren ausgefüllter denn je. Von Parsonszusammengetrommelte Freiwilligentrupps schmückten dieStraße für die Hass-Woche, nähten Fahnen, malten Plakate,richteten Fahnenstangen auf den Dächern auf und spanntenunter Lebensgefahr Seile für Spruchbänder und Wimpel über dieStraße. Parsons brüstete sich, allein am Victory-Block würdenvierhundert Meter Fahnentuch flattern.Er war ganz in seinem Element und glücklich wie ein Fisch imWasser. Die Hitze und die körperliche Arbeit hatten ihm einenVorwand geliefert, des Abends wieder zur Tracht der kurzenHose und des offenen Hemdes zurückzukehren. Er war überallgleichzeitig, zog, schob, sägte, hämmerte, legte mit Hand an undermunterte jedermann mit kleinen Witzchen undkameradschaftlichen Ermahnungen, während aus jeder Falteseines Körpers der scharfe Geruch eines scheinbarunerschöpflichen Schweißvorrats strömte.Ein neues Plakat war plötzlich in London aufgetaucht. Es hattekeinen Begleittext, sondern stellte nur die drei oder vier Meterhohe, erschreckende Gestalt eines eurasischen Soldaten dar, dermit ausdruckslosem Mongolengesicht und riesigen Stiefeln, eineMaschinenpistole im Anschlag, auf den Beschauer zumarschierte.Die Mündung des perspektivisch verkürzten Laufes schien, auswelchem Gesichtswinkel man das Plakat auch betrachtete, immergeradewegs auf den Beschauer gerichtet.Das Plakat war an jeder freien Mauer angeklebt, so daß es sogardie Bilder des Großen Bruders an Zahl übertraf. Die Proles, diegewöhnlich der Politik gleichgültig gegenüberstanden, wurdendadurch in einen ihrer periodischen Ausbrüche vonKriegseuphorie versetzt. Die Raketenbomben hatten, als wolltensie hinter der allgemeinen Stimmungsmache nicht zurückstehen, 170
  • 171. mehr Menschen als sonst getötet. Eine fiel auf ein vollbesetztesKino im Stadtteil Stephney, wobei mehrere hundert Opfer unterden Trümmern verbrannten. Die gesamte Bevölkerung derUmgegend nahm an der umständlichen, gründlich organisiertenBeisetzung teil, die Stunden dauerte und eine wahreProtestkundgebung war. Eine andere Bombe fiel auf einunbebautes Terrain, das als Spielplatz diente, und riß mehrereDutzend Kinder in Stücke.Erneute Protestkundgebungen fanden statt, ein BildnisGoldsteins wurde symbolisch verbrannt, viele hundert Plakatemit dem eurasischen Soldaten wurden spontan abgerissen und indie Flammen geworfen, und eine Anzahl Läden wurde in demTumult geplündert. Dann verbreitete sich ein Gerücht, daßSpione die Salven der Raketenbomben mit Hilfe von Radiowellenlenkten, worauf das Haus eines alten Ehepaars, dem manpolitische Nonkonformität nachsagte, in Brand gesteckt wurdeund die beiden in den Flammen umkamen.Jetzt, seit Winston einen sicheren Unterschlupf, fast ein Zuhausehatte, schien es kaum noch eine so große Unbequemlichkeit, daßsie sich nur selten und immer nur für ein paar Stunden treffenkonnten. Wichtig war allein, daß es das Zimmer über demAltwarenladen überhaupt gab. Zu wissen, daß es unversehrt aufsie wartete, war fast so gut, wie sich darin aufzuhalten. DasZimmer war eine Welt für sich, ein Schlupfwinkel derVergangenheit, in dem sich längst ausgestorbene Tiere tummelnkonnten. Mr. Charrington, dachte Winston, war auch so einausgestorbenes Tier. Bevor er ins obere Stockwerk hinaufging,blieb Winston gewöhnlich stehen, um ein paar Minuten mit Mr.Charrington zu plaudern.Der alte Mann schien selten oder nie aus dem Haus zu gehen undandererseits so gut wie keine Kunden zu haben. Er führte eingespenstisches Leben zwischen dem winzigen, dunklen Ladenund einer noch winzigeren, nach dem Hof hinaus gelegenenKüche, wo er seine Mahlzeiten zubereitete und wo es unteranderem ein unglaublich altes Grammophon mit einem riesigen 171
  • 172. Schalltrichter gab. Er schien sich über die Gelegenheit zu einerUnterhaltung zu freuen. Wenn er zwischen seinen wertlosenTrödlerwaren mit seiner langen Nase, der dicken Brille und dengebeugten Schultern in seiner Samtjacke umherging, sah er eherwie ein Sammler als wie ein Händler aus. Mit einer etwas mattenLeidenschaft fingerte er an diesem oder jenem Stück seines altenKrimskrams herum – einem Flaschenstöpsel aus Porzellan, dembemalten Deckel einer zerbrochenen Schnupftabaksdose, einemunechten Medaillon mit der Haarlocke eines längst verstorbenenKindes –, ohne Winston jemals zum Kauf, sondern nur zurBewunderung aufzufordern. Wenn man mit ihm sprach, war es,als lausche man dem Zirpen einer ausgeleierten Spieldose. Erhatte aus den Winkeln seines Gedächtnisses noch ein paar Zeilenaus vergessenen Reimen hervorgeholt.»Mir kam nur eben der Gedanke, es könnte Sie vielleichtinteressieren«, pflegte er mit einem um Verzeihung heischenden,kurzen Lachen zu sagen, wenn er eine neue Verszeile aufsagte.Aber er konnte sich nie an mehr als an ein Zeilenpaar mit einemReim erinnern.Winston und Julia wußten – und in gewisser Weise verließ siedieses Bewußtsein nie –, daß ihr Treiben hier nicht lange dauernkonnte. Es gab Zeiten, in denen die über ihnen hängendeTodesdrohung so greifbar schien wie das Bett, auf dem sie lagen,dann klammerten sie sich mit einer verzweifelten Sinnlichkeitaneinander, wie eine verdammte Seele nach dem letztenStrohhalm der Lust greift, wenn in fünf Minuten ihr letztesStündlein schlägt.Aber es gab auch Zeiten, in denen sie sich nicht nur in Sicherheitwiegten, sondern sich auch ganz der Illusion hingaben, daß ihrZustand von Dauer sei. Solange sie sich in diesem Zimmeraufhielten, konnte ihnen – so fühlten beide – nichts Schlimmeswiderfahren. Der Anmarschweg war zwar schwierig undgefährlich, aber das Zimmer selbst war eine Freistatt. Es war fürWinston, als ob er in das Innere seines Briefbeschwerers geblickthätte, mit dem Gefühl, es sei möglich, in diese gläserne Welt 172
  • 173. einzudringen und dann, wenn man erst einmal darin war, derZeit Einhalt zu gebieten. Oft überließen sie sich Wunschträumenvon einer Flucht. Ihr Glück würde ewig währen, und sie würdenganz einfach für den Rest des ihnen zugemessenen Lebenseinander weiter lieben wie bisher. Oder Katherine würde sterbenund ihnen würde durch vorsichtiges Manövrieren gelingen, sichzu heiraten. Oder sie würden gemeinsam Selbstmord begehen;oder von der Bildfläche verschwinden, ihr Äußeres bis zurUnkenntlichkeit verändern, im Dialekt der Proles sprechenlernen, in einer Fabrik arbeiten und ihr Leben unentdeckt inirgendeiner Hintergasse zu Ende leben. All das war, wie sie sehrwohl wußten, barer Unsinn. In Wirklichkeit gab es keinEntrinnen. Sogar den einzig durchführbaren Plan, nämlichSelbstmord zu verüben, beabsichtigten sie nicht wirklichauszuführen.Von Tag zu Tag und von Woche zu Woche weiterzumachen, eineGegenwart zu genießen, die keine Zukunft hatte, schien einunüberwindlicher Instinkt zu fordern, genauso wie die Lungeneines Menschen immer weiter atmen, solange noch Luft da ist.Manchmal sprachen sie davon, sich offen gegen die Parteiaufzulehnen, ohne jedoch eine Ahnung zu haben, wie der ersteSchritt dabei aussehen sollte. Sogar wenn es die legendäre»Brüderschaft« in Wirklichkeit gab, blieb doch die Schwierigkeit,den Weg zu ihr zu finden.Er erzählte ihr von dem seltsamen Einverständnis, das zwischenihm und OBrien herrschte oder vielmehr zu herrschen schien,und von dem Verlangen, das er manchmal verspürte, ganzeinfach vor OBrien hinzutreten, ihm zu gestehen, daß er einFeind der Partei sei, und ihn um seine Hilfe zu bitten.Merkwürdigerweise kam das Julia nicht als ein vorschnellerSchritt vor. Sie pflegte die Menschen nach ihrem Gesicht zubeurteilen, und es schien ihr natürlich, daß Winston auf Grundeines einzigen Blickwechsels OBrien für vertrauenswürdig hielt.Außerdem nahm sie als sicher an, daß jeder – oder doch fast jeder 173
  • 174. – die Partei insgeheim hasste und gegen die Gesetze verstieß,sobald er glaubte, das ungestraft tun zu können.Aber sie bezweifelte entschieden, daß es eine weitverzweigte,organisierte Gegenbewegung gab oder geben konnte. DieGeschichten von Goldstein und seiner Untergrundbewegung,meinte sie, wären völliger Unsinn, den die Partei zu ihrenZwecken erfunden hatte und von dem man nur so tun mußte, alsglaubte man ihn.Unzählige Male hatte sie bei Parteiversammlungen undspontanen Kundgebungen mit vollem Stimmenaufwand dieHinrichtung von Menschen gefordert, deren Namen sie nie zuvor gehört hatte und an deren angebliche Verbrechen sie nicht imEntferntesten glaubte. Wenn Schauprozesse stattfanden, hatte sieihren Platz unter der Abordnung der Jugendliga eingenommen,die von morgens bis abends vor dem Gerichtsgebäude Stellungbezog und in Abständen in den Ruf ausbrach: »Tod denVerrätern!«Während der Zwei-Minuten-Hass-Sendung tat sie sich immer vorallen anderen darin hervor, Verwünschungen gegen Goldsteinauszustoßen. Trotzdem hatte sie nur ganz unklare Vorstellungendavon, wer Goldstein überhaupt war und welche Doktrin erangeblich vertrat. Sie war nach der Revolution aufgewachsenund zu jung, um sich noch an die ideologischen Kämpfe derfünfziger und sechziger Jahre zu erinnern. So etwas wie eineunabhängige politische Bewegung ging über ihrVorstellungsvermögen hinaus: Die Partei blieb ein für allemalunbesiegbar. Sie würde immer da sein, und alles würde immer sobleiben, wie es war. Man konnte sich nur durch geheimenUngehorsam dagegen auflehnen oder höchstens durch einzelneTerrorakte – indem man jemand umbrachte oder etwas in dieLuft sprengte.In mancher Beziehung sah sie viel klarer als Winston und warweit weniger für Parteipropaganda empfänglich. Als er einmalzufällig in irgendeinem Zusammenhang die Rede auf den Krieggegen Eurasien brachte, verblüffte sie ihn, indem sie ganz 174
  • 175. beiläufig sagte, ihrer Meinung nach gebe es diesen Kriegüberhaupt nicht. Die täglich in London einschlagendenRaketenbomben würden vermutlich von der RegierungOzeaniens selbst abgefeuert, »nur um die Leute in Furcht undSchrecken zu halten«.Das war ein Gedanke, der ihm buchstäblich noch nie in den Sinngekommen war. Sie weckte auch so etwas wie Neid in ihm durchihre Bemerkung, sie habe alle Mühe, während der Zwei-Minuten-Hass-Sendung nicht lachend herauszuplatzen. Sie stellte aber dieParteidoktrin nur in Frage, wenn sie irgendwie ihr eigenes Lebenberührte. Oft nahm sie die amtliche Phantasiedarstellung einfachdeshalb bereitwillig hin, weil ihr der Unterschied zwischenWahrheit und Lüge ganz unwichtig schien. Sie glaubte zumBeispiel, wie man es ihr in der Schule beigebracht hatte, daß diePartei das Flugzeug erfunden habe. (Während seiner eigenenSchulzeit Ende der fünfziger Jahre, erinnerte sich Winston, hattedie Partei nur Anspruch auf die Erfindung des Helikopterserhoben; eine Generation später würde sie auch noch dieDampfmaschine als ihre Erfindung beanspruchen.) Und als er ihrerzählte, es habe schon vor seiner Geburt und lange vor derRevolution Flugzeuge gegeben, war ihr diese Tatsache völliguninteressant. Was lag im Grunde schon daran, wer dasFlugzeug erfunden hatte?Fast noch größer war die Enttäuschung für ihn, als er auf Grundeiner zufälligen Bemerkung feststellte, daß sie sich nichterinnerte, daß Ozeanien vor vier Jahren Krieg mit Ostasien undFrieden mit Eurasien gehabt hatte.Sie betrachtete zwar den ganzen Krieg als fingiert, hatte aberoffenbar überhaupt nicht bemerkt, daß der Name des Feindessich geändert hatte.»Ich dachte, wir hätten immer mit Eurasien Krieg gehabt«, sagtesie leichthin.Es erschreckte ihn ein wenig. Die Erfindung des Flugzeugsdatierte lange vor ihrer Geburt, aber die Verlagerung des Kriegeshatte erst vor vier Jahren stattgefunden, geraume Zeit nachdem 175
  • 176. sie erwachsen war. Er rechnete ihr das etwa eine Viertelstundelang vor. Zum Schluß gelang es ihm, ihr Erinnerungsvermögensoweit zu wecken, bis sie sich undeutlich entsann, daß einmalOstasien und nicht Eurasien der Feind gewesen war. Aber dieseFeststellung kam ihr noch immer unwichtig vor.»Was liegt schon daran?« sagte sie ungeduldig. »Immer ist es einblöder Krieg nach dem anderen, und man weiß, daß die Berichtesowieso alle erlogen sind.«Manchmal sprach er mit ihr über die Registraturabteilung unddie schamlosen Fälschungen, die er dort beging. Solche Dingeschienen sie nicht zu entsetzen. Sie fühlte bei der Vorstellung, wieLügen zu Wahrheit wurden, nicht den Abgrund, der sich damitvor ihren Füßen auftat. Er erzählte ihr die Geschichte von Jones,Aaronson und Rutherford und dem bedeutungsvollenZeitungsausschnitt, den er in Händen gehalten hatte. Sie machtekeinen großen Eindruck auf sie. Zuerst entging ihr sogar derspringende Punkt der ganzen Geschichte.»Waren es Freunde von dir?« fragte sie.»Nein, ich habe sie nie gekannt. Sie waren Mitglieder der InnerenPartei. Übrigens viel ältere Männer als ich. Sie gehörten noch deralten Zeit an, der Zeit vor der Revolution. Ich kannte sie kaumvom Sehen.«»Warum machst du dir dann Gedanken darüber? Die ganze Zeitwerden doch Menschen umgebracht, oder nicht?«Er versuchte, es ihr begreiflich zu machen. »Hier handelt es sichum einen besonderen Fall. Es handelt sich nicht nur darum, daßirgendeiner umgebracht wurde.Bist du dir bewußt, daß die Vergangenheit, vom gestrigen Tageangefangen, tatsächlich ausgelöscht ist? Wenn sie noch irgendwofortbesteht, so nur in ein paar leblosen Gegenständen, die denMund nicht auftun können, wie dieses Stück Glas dort.Buchstäblich wissen wir bereits so gut wie nichts von derRevolution und den Jahren vor der Revolution. JedeAufzeichnung wurde vernichtet oder verfälscht, jedes Buchüberholt, jedes Bild übermalt, jedes Denkmal, jede Straße und 176
  • 177. jedes Gebäude umbenannt, jedes Datum geändert. Und diesesVerfahren geht von Tag zu Tag und von Minute zu Minuteweiter. Die geschichtliche Entwicklung hat aufgehört. Es gibt nurnoch eine unabsehbare Gegenwart, in der die Partei immer Rechtbehält. Freilich weiß ich, daß die Vergangenheit gefälscht ist, aberich könnte es niemals beweisen, sogar in den Fällen, wo ich dieFälschung selbst vorgenommen habe.Nachdem die Sache einmal getan ist, bleibt nie ein Beweisstückzurück. Der einzige Beweis lebt in meinem Geist, und ich habenicht die geringste Gewißheit, daß auch nur ein einziger Menschauf der Welt die gleiche Erinnerung hat. Nur in diesem einen Fallhabe ich einen wirklichen handgreiflichen Beweis nach demGeschehnis besessen, und zwar zwei Jahre danach.«»Und wozu war das gut?«»Zu nichts, denn ich warf ihn ein paar Minuten später fort.Passierte es mir heut, würde ich ihn aufbewahren.«»Ich nicht«, meinte Julia. »Ich bin zwar durchaus bereit, einRisiko einzugehen, aber nur wenn es sich lohnt, nicht für einenAusschnitt aus einer alten Zeitung. Was hättest du schon damitanfangen können, selbst wenn du es behalten hättest?«»Vielleicht nicht viel. Aber es war ein Beweisstück. Es hättevielleicht da und dort einige Zweifel geweckt, falls ich gewagthätte, es jemandem zu zeigen. Wenn ich mir auch nicht vorstellenkann, daß wir zu unseren Lebzeiten etwas ändern können, sokann man sich doch denken, daß da und dort kleineWiderstandsgruppen entstehen – kleine Gruppen von ein paarMenschen, die sich zusammenschließen und die dann langsamgrößer werden und sogar ein paar Aufzeichnungen hinterlassen,so daß die nächste Generation da weitermachen kann, wo wiraufgehört haben.«»Die nächste Generation geht mich nichts an, mein Lieber. Michinteressieren nur wir.«»Du bist eine Revolutionärin von der Taille abwärts«, sagteWinston. 177
  • 178. Sie fand das ungemein witzig und warf ihm entzückt die Armeum den Nacken. Die Spitzfindigkeiten der Parteidoktrininteressierten sie nicht im Geringsten. Wenn er von denGrundgesetzen des Engsoz, dem Doppeldenk, der Wandelbarkeitder Vergangenheit, der Leugnung einer objektiven Wirklichkeitsprach und Neusprechworte zu verwenden begann, wurde siegelangweilt und verwirrt und sagte, sie kümmere sich nie umsolche Dinge. Man wisse doch, daß das alles Unsinn sei, warumsich also den Kopf damit beschweren? Sie wußte, wann man»Hurra« und wann man »Nieder« schreien mußte, und das seialles, was man brauche.Wenn er darauf bestand, weiter über diese Themen zu sprechen,hatte sie die aufreizende Gewohnheit, jedesmal einzuschlafen. Siegehörte zu den Menschen, die zu jeder Tages- und Nachtzeit undin jeder Lage schlafen können. Während er so mit ihr sprach,wurde er sich bewußt, wie leicht es war, sich den Anschein derStrenggläubigkeit zu geben und dabei nicht die leiseste Ahnungzu haben, was Strenggläubigkeit überhaupt bedeutete. Ingewisser Weise ließen sich diejenigen am leichtesten von derParteidoktrin überzeugen, die ganz außerstande waren, sie zuverstehen.Diese Menschen konnte man leicht dazu bringen, dieoffenkundigsten Vergewaltigungen der Wirklichkeithinzunehmen, da sie nie ganz die Ungeheuerlichkeit des vonihnen Geforderten begriffen und überhaupt nicht genügend anpolitischen Fragen interessiert waren, um zu merken, wasgespielt wurde. Dank ihrer Unfähigkeit, zu begreifen, blieben sieganz unbeschadet. Sie schluckten einfach alles, und dasGeschluckte schadete ihnen nichts weiter und ließ nichts zurück,genau wie ein Getreidekorn unverdaut durch den Magen einesVogels hindurchgeht. 178
  • 179. Sechstes KapitelEndlich war es soweit. Die erwartete Botschaft war gekommen.Sein ganzes Leben lang, schien es ihm, hatte er darauf gewartet.Er ging den langen Gang im Ministerium hinunter und warbeinahe gerade an der Stelle angekommen, an der Julia ihm denZettel in die Hand gedrückt hatte, als er merkte, daß jemand vongrößerer Statur unmittelbar hinter ihm herging. Der Betreffende,wer immer es sein mochte, ließ ein leises Hüsteln hören, offenbarals Einleitung zu einem Gespräch. Winston blieb unvermitteltstehen. Es war OBrien.Endlich standen sie sich von Angesicht zu Angesicht gegenüber,und sein erster Impuls war davonzulaufen. Sein Herz klopfteheftig. Er hätte kein Wort hervorbringen können. OBrien jedochwar ruhig weitergegangen, er legte einen Augenblick freundlichdie Hand auf Winstons Arm, so daß sie jetzt nebeneinanderhergingen. Er begann mit der eigentümlich ernstenLiebenswürdigkeit zu sprechen, die ihn von der Mehrzahl derInneren Parteimitglieder unterschied.»Ich hatte schon immer auf eine Möglichkeit gehofft, mit Ihnenzu sprechen«, sagte er. »Ich las kürzlich einen IhrerNeusprechartikel in der Times. Sie haben ein lebhafteswissenschaftliches Interesse für Neusprech, wie ich wohlannehmen darf?«Winston hatte sich wieder einigermaßen in der Gewalt. »Nicht sosehr ein wissenschaftliches«, sagte er. »Ich bin nur ein Amateur.Es ist nicht mein Fach. Ich hatte nie etwas mit der eigentlichenGestaltung der Sprache zu tun.«»Aber Sie schreiben sehr gewählt«, sagte OBrien. »Das ist nichtnur meine Meinung. Ich sprach unlängst mit einem Ihrer Freundedarüber, der zweifellos ein Fachmann ist. Sein Name ist mir imAugenblick entfallen.« 179
  • 180. Wieder gab es Winston einen schmerzlichen Stich im Herzen.Unmöglich konnte es sich hier um etwas anderes handeln als umeine Anspielung auf Syme. Aber Syme war nicht nur tot, er warvollkommen beseitigt worden, eine Unperson. Jede deutlicheAnspielung auf ihn wäre lebensgefährlich gewesen. OBriensBemerkung mußte offensichtlich als Zeichen, als ein Stichwortgemeint gewesen sein. Indem sie so gemeinsam ein kleinesGedankenverbrechen begingen, hatte er sie beide zu Komplizengemacht. Sie waren langsam weiter den Ganghinuntergeschlendert, jetzt aber blieb OBrien stehen.Mit der merkwürdigen, entwaffnenden Freundlichkeit rückte erseine Brille zurecht. Dann fuhr er fort: »Was ich eigentlich sagenwollte, war, daß ich in Ihrem Artikel auf zwei Worte gestoßenbin, die außer Kurs gesetzt worden sind, doch erst seit ganzkurzer Zeit. Haben Sie die zehnte Ausgabe des Neusprech-Wörterbuches gesehen?«»Nein«, antwortete Winston. »Ich dachte, sie ist noch nichterschienen. Wir in der Registratur benutzen noch immer dieneunte.«»Die zehnte Ausgabe soll meines Wissens auch erst in einigenMonaten erscheinen. Aber ein paar Exemplare wurden bereitsverteilt. Ich besitze selbst eines. Es interessiert Sie vielleicht, eseinmal anzusehen?«»Sehr sogar«, sagte Winston und erkannte sofort, worauf dashinauswollte.»Manche Neuerungen sind höchst genial. Zum Beispiel dieVerminderung der Zeitwörter – das wird Ihnen, glaube ich,besonders gefallen. Passen Sie auf, soll ich einen Boten mit demWörterbuch zu Ihnen schicken? Aber ich fürchte, ich vergesse daswieder. Vielleicht könnten Sie es zu einer Ihnen passenden Zeit inmeiner Wohnung abholen? Warten Sie, ich gebe Ihnen meineAdresse.«Sie standen vor einem Televisor. Etwas zerstreut tastete OBrienzwei seiner Taschen ab und zog dann ein kleinesledergebundenes Notizbuch und einen goldenen Tintenstift 180
  • 181. hervor. Unmittelbar unter dem Televisor, so daß jeder Beobachteram anderen Ende des Apparates sehen konnte, was er schrieb,kritzelte er eine Adresse, riß das Blatt heraus und überreichte esWinston.»Ich bin an den Abenden gewöhnlich zu Hause«, sagte er. »Wennnicht, gibt Ihnen mein Diener das Wörterbuch.«Er war gegangen, während Winston stehen blieb, das Blatt Papierin den Händen, das diesmal nicht versteckt zu werden brauchte.Trotzdem prägte er sich sorgfältig das darauf Geschriebene einund warf es ein paar Stunden später mit lauter anderen Papierenin das Gedächtnis-Loch.Sie hatten sich allerhöchstens zwei Minuten miteinanderunterhalten. Es gab nur eine Interpretation für diese Begegnung.Sie war in die Wege geleitet worden, um Winston die AdresseOBriens wissen zu lassen. Das war notwendig, denn nur durchdirektes Befragen konnte man herausfinden, wo jemand wohnte.Es gab keine Adressbücher irgendwelcher Art.»Sollten Sie mich einmal sprechen wollen, so bin ich dort zufinden«, hatte OBrien zu ihm gesagt. Vielleicht war sogarirgendwo in dem Wörterbuch eine Mitteilung versteckt. Abereines war jedenfalls gewiß. Es gab die Verschwörung, von der ergeträumt hatte, und er war mit ihren Ausläufern in Berührunggekommen.Er wußte, daß er früher oder später OBriens Aufforderungnachkommen würde. Jedenfalls hatte eine vor Jahren begonneneEntwicklung nunmehr Gestalt angenommen. Der erste Schrittwar ein geheimer, ungewollter Gedanke gewesen, der zweite derBeginn des Tagebuchs. Er war von Gedanken zu Wortengeschritten, und jetzt von Worten zu Taten. Die letzte Episodewürde sich im Liebesministerium abspielen. Er hatte sich damitabgefunden. Das Ende lag schon im Anfang beschlossen. Aber eswar etwas Erschreckendes, oder, genauer gesagt, es war wie einVorgeschmack des Todes – so als wäre man schon etwas wenigerlebendig. Sogar während er mit OBrien sprach, hatte seinenKörper ein eisiger Schauer überrieselt, als ihm die Bedeutung der 181
  • 182. Worte zum Bewusstsein gekommen war. Er hatte das Gefühl, inein dumpfes Grab hinabzusteigen; und es wurde ihm dadurchnicht viel leichter gemacht, daß er schon immer gewußt hatte, dasGrab sei da und warte auf ihn. Siebentes KapitelWinston war mit tränennassen Augen aufgewacht. Juliaschmiegte sich schlaftrunken an ihn und murmelte etwas wie:»Was ist los?«»Ich habe geträumt…«, begann er und stockte. Es war zuverworren, um es in Worte zu kleiden.Da war einerseits der eigentliche Traum, damit aber war eineErinnerung verknüpft, die ihm in den paar Sekunden nach demErwachen nicht aus dem Kopf gehen wollte.Er legte sich mit geschlossenen Augen zurück, noch immer in derAtmosphäre des Traumes befangen. Es war ein weitläufiger,leuchtender Traum, in dem sein ganzes Leben vor ihmausgebreitet zu sein schien, wie eine Landschaft an einemSommerabend nach dem Regen. Alles hatte sich im Innern desgläsernen Briefbeschwerers abgespielt, aber die Oberfläche desGlases war die Himmelskuppel, und innerhalb der Kuppel waralles von klarem sanften Licht durchflutet, in dem man in endloseFernen blicken konnte.Im Traum war auch die Armbewegung vorgekommen – ja, siespielte in gewissem Sinne die Hauptrolle darin – , die seineMutter und dreißig Jahre später die Frau in der Wochenschaugemacht hatte, die Armbewegung, mit der sie den kleinen Jungenvor den Kugeln zu schützen versuchte, ehe die Helikopter siebeide in Fetzen schossen. 182
  • 183. »Weißt du«, sagte er, »daß ich bis zu diesem Augenblick geglaubthabe, meine Mutter ermordet zu haben?«»Warum hast du sie ermordet?« sagte Julia, noch aus dem Schlafheraus. »Ich habe sie nicht ermordet. Nicht wirklich.« In demTraum hatte er sich an das flüchtige Bild seiner Mutter erinnert,wie er sie zuletzt gesehen hatte,und während der paar Augenblicke des Erwachens waren ihmalle die kleinen damit zusammenhängendenBegleitumstände wieder eingefallen. Es war eine Erinnerung, dieer viele Jahre sorgfältig aus seinem Bewußtsein verbannt habenmußte. Er konnte das Datum nicht genau bestimmen, aber ermußte damals schon zehn, zwölf Jahre alt gewesen sein.Sein Vater war zu einem früheren Zeitpunkt verschwunden; wieviel früher, konnte er sich nicht mehr erinnern. Deutlicherentsann er sich der ungeordneten, unsicheren Lebensumständeder damaligen Zeit: der immer wiederkehrenden Paniken beiLuftangriffen und der Flucht in die Untergrundbahnhöfe, derüberall herumliegenden Schutt- und Trümmerhaufen, der an denStraßenecken angeschlagenen unverständlichen Proklamationen,der Umzüge von Jugendlichen, die alle mit gleichfarbigenHemden bekleidet waren, der riesigen Menschenschlangen vorden Bäckerläden, des abgehackten Knatterns derMaschinengewehre in der Ferne – vor allem aber der Tatsache,daß es niemals genug zu essen gab.Er entsann sich der langen Nachmittage, die er mit anderenJungen damit verbracht hatte, die Mülltonnen und Abfallhaldenzu durchsuchen, um Kohlstrünke, Kartoffelschalen undmanchmal sogar vertrocknete Brotkrusten herauszuklauben, vondenen sie sorgfältig die Kohlenasche abschabten. Und auch, wiesie auf das Vorbeikommen von Lastautos gewartet hatten, diegewisse Fernfahrten machten und von denen man wußte, daß sieViehfutter geladen hatten; manchmal fielen, wenn sie anschlechten Stellen über die Straßenlöcher holperten, ein paarÖlkuchenbrocken herunter. 183
  • 184. Als sein Vater verschwand, war seiner Mutter weder Erstaunennoch Kummer anzumerken, es ging lediglich eine plötzlicheVerwandlung mit ihr vor. Sie schien völlig erloschen. Sogar fürWinston war es offensichtlich, daß sie auf ein Ereignis gefaßt war,das nach ihrer Meinung unausweichlich kommen mußte. Sie tatalles Notwendige – kochte, wusch, nähte, machte die Betten,fegte den Fußboden, staubte den Kaminsims ab – immer sehrlangsam und unter Vermeidung jeder überflüssigen Bewegung,wie eine zum Leben erwachte Gliederpuppe. Ihr großerwohlgestalteter Körper schien ganz natürlich in Ruhestellung zufallen. Stundenlang saß sie beinahe regungslos auf dem Bett undstreichelte seine kleine Schwester, ein winziges, kränkliches, sehrstilles Kind von zwei oder drei Jahren, mit einem vor Magerkeitaffenähnlichen Gesicht. Nur manchmal schloß sie Winston in ihreArme und preßte ihn lange Zeit wortlos an sich. Er merkte trotzseiner Jugend und seiner Selbstsucht, daß dies etwas mit dem nieausgesprochenen Ereignis zu tun hatte, das früher oder spätereintreten mußte.Er erinnerte sich an das Zimmer, in dem sie wohnten, einendunklen, dumpfigen Raum, der zur Hälfte von einem Bett miteiner hellen Steppdecke ausgefüllt schien. In der Wandnischewaren ein Gaskocher und darüber ein Brett, auf demNahrungsmittel lagen, und draußen auf dem Flur gab es einAusgussbecken aus braunem Steingut, das mehrere Mietergemeinsam benützten. Er sah noch den statuenhaften Körperseiner Mutter vor sich, wie er sich über den Kocher beugte, umetwas in einem Kochtopf umzurühren. Vor allem erinnerte er sichan seinen ständigen Hunger und die erbitterten selbstsüchtigenKämpfe bei den Mahlzeiten.Er pflegte seine Mutter immer wieder vorwurfsvoll zu fragen,warum es denn nicht mehr zu essen gab, er schrie sie an (ererinnerte sich sogar noch an den Klang seiner Stimme, dievorzeitig zu mutieren begann und sich manchmal merkwürdigüberschlug) oder versuchte es mit einem weinerlichen Tonfall,um mehr als den ihm zustehenden Anteil zu erhalten. Seine 184
  • 185. Mutter war gerne bereit, ihm mehr als seinen Anteil zu geben. Siefand es selbstverständlich, daß »der Junge« die größte Portionbekommen sollte; aber soviel sie ihm auch gab, er verlangteunabänderlich nach mehr.Bei jeder Mahlzeit flehte sie ihn an, nicht egoistisch zu sein unddaran zu denken, daß sein Schwesterchen krank sei und auchetwas zu essen brauche, aber es half nichts. Er schrie zornig,wenn sie ihm nichts mehr austeilte, er versuchte, ihr die Schüsselund den Löffel aus der Hand zu reißen, er holte sich einzelneBissen vom Teller seiner Schwester. Er wußte, daß er die beidenanderen damit zum Verhungern verurteilte, aber es war nichtsdagegen zu machen; er hatte sogar das Gefühl, er habe ein Rechtdazu. Der nagende Hunger in seiner Magengrube schien ihmeine hinreichende Rechtfertigung. Und wenn seine Mutter nichtaufpaßte, stahl er zwischen den Mahlzeiten von den armseligenLebensmittelvorräten auf dem Wandbrett.Eines Tages wurde eine Schokoladeration verteilt. Seit Wochenoder Monaten hatte es keine Zuteilung mehr gegeben. Sieerhielten zu dritt ein Täfelchen im Gewicht von zwei Unzen(damals rechnete man noch nach Unzen), das offensichtlich indrei gleiche Teile geteilt werden sollte. Plötzlich hörte sichWinston, als vernehme er die Stimme eines fremden Menschen,mit schallender Stimme fordern, man solle ihm das ganze Stückgeben. Seine Mutter ermahnte ihn, nicht so habgierig zu sein. Einlanges, nicht enden wollendes Hin und Her mit Geschrei,Gejammer, Tränen, Vorwürfen und Feilschen war die Folge.Seine winzige Schwester, die sich genau wie ein kleines Äffchenmit beiden Ärmchen an seine Mutter klammerte, saß dabei undsah ihn über deren Schulter hinweg mit großen traurigen Augenan.Schließlich brach seine Mutter drei Viertel von der Schokoladeab, gab sie Winston und das letzte Viertel seiner Schwester. DasKind nahm es und sah es mit müdem Blick an; vielleicht wußte esgar nicht, was es war. Winston stand dabei und beobachtete eseinen Augenblick. Dann riß er mit einem plötzlichen raschen 185
  • 186. Sprung seiner Schwester die Schokolade aus der Hand undsuchte die Tür zu erreichen.»Winston! Winston!« rief ihm seine Mutter nach. »Komm her!Gib deiner Schwester die Schokolade zurück!«Er blieb stehen, kam aber nicht zurück. Die ängstlichen Augender Mutter waren auf sein Gesicht gerichtet. Sogar in diesemMoment noch dachte sie an das bewußte Ereignis, das baldeintreten mußte und das ihm rätselhaft war. Da seine Schwestergemerkt hatte, daß man ihr etwas weggenommen hatte, war siein ein schwaches Wehklagen ausgebrochen. Seine Mutter legteden Arm um das Kind und preßte sein Gesicht an ihre Brust.Etwas an dieser Gebärde sagte ihm, daß seine Schwester baldsterben müsse. Er machte kehrt und rannte die Treppe hinunter,in der Hand die sich auflösende Schokolade.Er sollte seine Mutter nie wiedersehen. Nachdem er dieSchokolade verschlungen hatte, schämte er sich ein wenig vorsich selber und trieb sich mehrere Stunden auf der Straße herum,bis ihn der Hunger heimtrieb. Als er nach Hause kam, war seineMutter verschwunden. Das war zu jener Zeit bereitsNormalzustand geworden. Außer seiner Mutter und Schwesterfehlte nichts im Zimmer. Sie hatten keine Kleider mitgenommen,nicht einmal den Mantel seiner Mutter. Bis zum heutigen Taghatte er keine Gewißheit, ob seine Mutter tot war. Es wardurchaus möglich, daß sie nur in ein Zwangsarbeitslagerverschickt worden war.Was seine Schwester anbetraf, so konnte sie, wie Winston selbst,in ein Heim für elternlose Kinder (Auffanglager zur Ertüchtigungwurden sie genannt) gesteckt worden sein, die als eine Folge desBürgerkriegs entstanden waren; vielleicht war sie auchzusammen mit der Mutter in ein Arbeitslager verschickt odereinfach irgendwo sich selbst und dem Tod überlassen worden.Sein Traum stand noch ganz frisch in seinem Gedächtnis, vorallem die einhüllende, schützende Armbewegung, in der dietiefere Bedeutung enthalten zu sein schien. Es fiel ihm einanderer Traum ein, den er vor zwei Monaten gehabt hatte. Darin 186
  • 187. hatte seine Mutter genau wie hier mit dem fest an siegeklammerten Kind auf dem armseligen Bett mit der weißenDecke, tief unter ihm, und mit jedem Augenblick noch tieferversinkend, in einem untergehenden Schiff gesessen und ihnunverwandt durch das immer dunkler werdende Wasserangeblickt.Er erzählte Julia die Geschichte von dem Verschwinden seinerMutter. Ohne die Augen aufzumachen, wälzte sie sich in einebequemere Lage.»Vermutlich warst du damals ein widerliches kleines Miststück«,sagte sie ausdruckslos. »Alle Kinder sind Miststücke.«»Ja, aber der springende Punkt an der Geschichte…« An ihrenAtemzügen war zu merken, daß sie wieder im Begriff wareinzuschlafen.Er hätte gerne weiter von seiner Mutter gesprochen. Nach allem,was er von ihr behalten konnte, nahm er nicht an, daß sie eineungewöhnliche, geschweige denn eine besonders intelligenteFrau gewesen war. Und doch war an ihr etwas Edles, eine Artvon Lauterkeit, ganz einfach, weil sie sich selber treu gebliebenwar. Ihre Gefühle kamen tief aus ihrem Inneren und konntennicht von außen her verändert werden.Es wäre ihr nie in den Sinn gekommen, eine Handlung fürbedeutungslos zu halten, weil sie keinen praktischen Zweckhatte. Wenn man jemanden liebte, so liebte man ihn, und wennman ihm schon nichts anderes zu geben hatte, so schenkte manihm seine Liebe. Als das letzte Stückchen Schokolade fort war,hatte seine Mutter das Kind in ihre Arme geschlossen. Das hattekeinen Zweck, änderte nichts, schaffte nicht mehr Schokoladeherbei, konnte weder den Tod des Kindes noch ihren eigenenverhindern. Aber ihr schien es das Natürliche, so zu handeln. DieFlüchtlingsfrau in dem Boot hatte auch den kleinen Jungen mitihren Armen gegen den Kugelregen abgeschirmt, was nicht mehrausrichten konnte als ein Blatt Papier.Die Partei aber suchte einem mit teuflischer Gewalt einzureden,bloße Regungen des Gefühls seien ohne Bedeutung, während sie 187
  • 188. einen gleichzeitig aller, materiellen Freuden des Lebens beraubte.War man erst einmal in ihren Klauen, so bestand buchstäblichkein Unterschied mehr, ob man etwas fühlte oder nicht fühlte,was man tat oder was man unterließ. Was auch geschehen war,eines Tages verschwand man von der Bildfläche, und weder vondem einzelnen Menschen noch von dem, was er getan, warjemals wieder etwas zu hören. Man wurde einfach aus derGeschichte gestrichen.Zwei Generationen früher wäre das dem Menschen nicht soungeheuer wichtig vorgekommen, denn damals versuchten sienicht, die Geschichte zu ändern. Sie ließen sich durchselbstauferlegte Sittengesetze lenken, die von ihnen nicht in Fragegestellt wurden. Wichtig waren nur menschliche Beziehungen:eine vollkommen zweckfreie Tat, eine Umarmung, eine Träne,ein zu einem Sterbenden gesprochenes Trostwort konnten an sichwertvoll sein. Die Proles, kam ihm plötzlich zum Bewußtsein,hatten sich diesen Zustand bewahrt. Sie waren nicht einer Parteioder einem Land oder einer Idee ergeben, sondern sich selbertreu. Zum erstenmal in seinem Leben verachtete er die Prolesnicht, dachte an sie nicht lediglich als an eine dumpfe Kraft, dieeines Tages erwachen und die Welt erneuern würde. Die Proleswaren menschlich geblieben. Sie waren nicht innerlich verhärtet.Sie hatten sich die primitiven Gefühle erhalten, die er mitbewußtem Bemühen wiedererlernen mußte. Und bei diesenÜberlegungen fiel ihm ohne erkennbaren Zusammenhang ein,wie er vor ein paar Wochen eine abgerissene Hand auf demPflaster liegen gesehen und sie mit einem Fußtritt in denRinnstein geschleudert hatte, als wäre sie ein Kohlstrunkgewesen.»Die Proles sind Menschen«, sagte er laut. »Wir sind keineMenschen.«»Warum nicht?« fragte Julia, die wieder aufgewacht war.Er dachte eine Weile nach. »Ist dir je bewußt geworden«, sagte er,»daß es für uns das Beste wäre, einfach von hier wegzugehen,bevor es zu spät ist, und wir einander nie mehr wiederzusehen?« 188
  • 189. »Ja, Lieber, ich habe manchmal daran gedacht. Aber trotzdem tueich es nicht.«»Wir hatten bis jetzt Glück, aber es kann nicht mehr lange soweitergehen. Du bist jung. Du siehst vorschriftsmäßig undharmlos aus. Wenn du Menschen wie mir aus dem Wege gehst,bleibst du vielleicht noch fünfzig Jahre am Leben.«»Nein. Ich habe mir alles überlegt. Was du tust, das tue ich auch.Und sieh bitte nicht zu schwarz. Ich bin recht geschickt darin, amLeben zu bleiben.«»Wir können vielleicht noch weitere sechs Monate – vielleichtnoch ein Jahr – beisammen bleiben, man kann es nicht wissen.Zum Schluß werden wir mit Gewissheit getrennt. Bist du dirbewußt, wie schrecklich allein wir sein werden? Wenn sie unserst einmal in den Klauen haben, gibt es nichts, buchstäblichnichts, was wir füreinander tun könnten.Wenn ich ein Geständnis ablege, erschießen sie dich, und wennich mich zu gestehen weigere, erschießen sie dich genauso.Nichts, was ich mir zu tun oder zu sagen oder zu verschweigenvornehmen kann, kann deinen Tod auch nur um fünf Minutenhinausschieben. Wir werden nicht einmal voneinander wissen,ob wir noch leben oder schon tot sind. Wir werden vollkommenmachtlos sein. Wenn auch selbst das nicht den geringstenUnterschied ausmacht, so kommt es doch einzig und alleindarauf an, daß wir einander nicht verraten.«»Wenn du damit das Geständnis meinst«, sagte sie, »so werdenwir es nur allzu bald ablegen. Alle gestehen sie. Man kann nichtsdagegen machen. Sie foltern einen.«»Ich meine nicht: gestehen. Ein Geständnis ist kein Verrat. Wasman sagt oder tut, ist nicht wichtig: es kommt darauf an, wasman fühlt. Wenn sie mich soweit brächten, dich nicht mehr zulieben – das wäre wirklicher Verrat.«Sie überlegte. »Das bringen sie nicht fertig«, sagte sie schließlich.»Das ist das einzige, was sie nicht können. Sie können dichzwingen, alles zu sagen – alles –, aber sie können dich nicht 189
  • 190. zwingen, es zu glauben. Sie haben keine Macht über deinInneres.«»Nein«, gab er ein wenig hoffnungsvoller zu, »nein, das istwirklich wahr. Sie haben keine Macht über dein Inneres. Wenndu fühlen kannst, daß es sich lohnt, ein Mensch zu bleiben, sogarwenn damit praktisch nichts erreicht wird, hast du ihnen dochein Schnippchen geschlagen.«Er dachte an den Televisor mit seinem nimmer ruhenden Ohr. Siekonnten einen Tag und Nacht bespitzeln, aber wenn man aufseiner Hut war, konnte man sie überlisten. Bei all ihrer Schlauheithatten sie doch nicht das Geheimnis gelöst, die Gedanken einesanderen aufzuspüren. Vielleicht war es anders, wenn man ihnentatsächlich in die Hände gefallen war.Man wußte nicht, was innerhalb des Liebesministeriums vor sichging, aber man konnte es erraten: Folterungen, Drohungen,hochempfindliche Apparate, um die Reaktion der Nerven zuregistrieren, langsames Mürbemachen durch Schlafentzug,Einzelhaft und Dauerverhöre. Tatsachen jedenfalls konnte mannicht geheim halten. Sie konnten durch Nachforschungenfestgestellt, konnten durch Foltern aus einem herausgepreßtwerden.Wenn es aber darum ging, nicht etwa am lieben, sondern einMensch zu bleiben, welchen Unterschied machte das dannletzten Endes aus? Sie konnten die Gefühle eines Menschen nichtändern; ja, man konnte sie nicht einmal selbst ändern, sogarwenn man es wollte.Sie konnten bis zur letzten Einzelheit alles aufdecken, was mangetan, gesagt oder gedacht hatte. Aber die innerste Kammer desHerzens, deren Regungen sogar für einen selbst ein Geheimniswaren, blieb unbezwinglich. 190
  • 191. Achtes KapitelSie hatten es getan, sie hatten es endlich getan! Das Zimmer, indem sie standen, war länglich und sanft beleuchtet. Der Televisorwar zu einem leisen Gemurmel gedämpft; die Üppigkeit desdunkelblauen Teppichs erweckte in einem den Eindruck, als treteman auf Samt. Am anderen Ende des Raumes saß OBrien aneinem Tisch unter einer grün abgeschirmten Lampe, mit einerMenge Papiere zu beiden Seiten vor sich. Er hatte nicht einmalaufgeblickt, als der Diener Julia und Winston hereinführte.Winstons Herz klopfte so heftig, daß er zweifelte, ob er würdesprechen können. Sie hatten es getan, sie hatten es endlich getan –war alles, was er denken konnte. Es war ein waghalsigesUnternehmen gewesen, auch nur herzukommen, und reinerWahnsinn, gemeinsam zu kommen, wenn sie auch getrennteWege eingeschlagen und sich erst vor OBriens Haustür getroffenhatten. Aber allein schon an einen solchen Ort zu gehen,erforderte den Mut der Verzweiflung. Nur bei höchst seltenenGelegenheiten konnte man einen Blick in die Wohnungen derInneren-Partei-Mitglieder werfen oder auch nur einen Fuß in dasStadtviertel setzen, in dem sie wohnten.Die ganze Atmosphäre des riesigen Wohnblocks, die Pracht unddie Ausmaße von allem, die ungewohnten Gerüche nach gutemEssen und gutem Tabak, die geräuschlosen und unglaublichrasch auf und ab gleitenden Aufzüge – alles das wareinschüchternd. Obwohl er einen triftigen Vorwand für seinKommen hatte, wurde er bei jedem Schritt von der Furchtverfolgt, ein uniformierter Wachposten könnte plötzlich um dieEcke biegen, seinen Ausweis verlangen und ihn hinausweisen.OBriens Bedienter hatte jedoch die beiden ohne weitereUmstände hereingelassen. Er war ein kleiner, dunkelhaarigerMann in weißer Jacke, mit einem rautenförmigen, vollkommenausdruckslosen Gesicht, das einem Chinesen hätte gehören 191
  • 192. können. Der Korridor, durch den er sie führte, war mit einemweichen Läufer belegt, die Wände waren cremefarben tapeziertund weiß getäfelt, alles glänzte vor makelloser Sauberkeit.Auch das war einschüchternd. Winston konnte sich nichterinnern, jemals einen Flur gesehen zu haben, dessen Wändenicht durch die Berührung menschlicher Körper verschmutztwaren. OBrien hielt einen Zettel in Händen und schien ihnaufmerksam zu studieren. Sein massiges Gesicht, dasheruntergebeugt war, so daß man die Nasenlinie nicht sehenkonnte, sah zugleich furchteinflößend und klug aus. Vielleichtzwanzig Sekunden lang saß er unbeweglich da. Dann zog er denSprechschreiber zu sich heran und machte in dem hybridenJargon der Ministerien eine Durchsage: »Punkt eins Komma fünfKomma sieben vollweise gebilligt Stop Vorschlag von Punktsechs doppelplus lächerlich betreffs Denkverbrechen streichtStop unsofort plusvoll Unterlagen abwartweise Maschinerie obenStop Ende.«Er erhob sich bedächtig von seinem Stuhl und kam über denlautlosen Teppich auf sie zu. Ein wenig von derBeamtenatmosphäre schien mit den Neusprechworten von ihmabgefallen zu sein, aber sein Gesichtsausdruck war finsterer alsgewöhnlich, so als wäre es ihm nicht erwünscht, gestört zuwerden. Zu der Furcht, die bereits von Winston Besitz ergriffenhatte, kam plötzlich noch so etwas wie ganz gewöhnlicheVerlegenheit hinzu. Es schien ihm durchaus möglich, daß er ganzeinfach einen dummen Irrtum begangen hatte.Denn welchen Beweis hatte er in Wirklichkeit, daß OBrien einpolitischer Verschwörer war? Nur einen getauschten Blick undeine einzige zweideutige Bemerkung: darüber hinaus lediglichseine eigenen, auf einen Traum gestützten Hoffnungen. Erkonnte nicht einmal zu dem Vorwand Zuflucht nehmen,gekommen zu sein, um das Wörterbuch zu entlehnen, denn indiesem Fall war es unmöglich, Julias Anwesenheit zu erklären.Als OBrien am Televisor vorbeikam, schien ihm etwaseinzufallen. Er blieb stehen, machte einen Schritt zur Seite und 192
  • 193. drehte an einem an der Wand angebrachten Knopf. Man hörteein kurzes Knacken. Die Stimme war verstummt.Julia stieß einen kurzen Laut, eine Art überraschtes Quieken aus.Trotz aller seiner Ängste war Winston zu verblüfft, um denMund halten zu können.»Sie können ihn ja abstellen!« sagte er.»Ja«, sagte OBrien, »wir können ihn abstellen. Wir haben diesesVorrecht.«Er stand jetzt vor ihnen. Seine mächtige Erscheinung überragtedie beiden, und der Ausdruck seines Gesichts war noch immerundurchdringlich. Er wartete, ein wenig streng, daß Winstonsprechen sollte, aber was sollte dieser schon sagen? Sogar jetztnoch war es undenkbar, daß der andere nur ein vielbeschäftigterMann war, der sich ärgerlich fragte, warum man ihn gestörthatte. Niemand sprach. Nachdem der Televisor abgestellt war,schien in dem Zimmer eine tödliche Stille zu herrschen. Miterdrückender Langsamkeit verstrichen die Sekunden.Krampfhaft hielt Winston seinen Blick weiter in den OBriensgerichtet. Dann verzog sich das grimmige Gesicht plötzlich zudem, was man den Anflug eines Lächelns hätte nennen können.Mit seiner charakteristischen Bewegung rückte OBrien seineBrille auf der Nase zurecht.»Soll ich es sagen oder wollen Sie?« sagte er.»Ich will es aussprechen«, sagte Winston sofort. »Das Ding dortist auch wirklich abgestellt?«»Ja, alles ist abgeschaltet. Wir sind allein.«»Wir sind hier hergekommen, weil…« Er hielt inne, da er sichzum erstenmal der Unklarheit seiner Beweggründe bewußtwurde. Da er nicht wirklich wußte, in welcher Form erUnterstützung von OBrien erwartete, war es nicht leicht zusagen, warum er hergekommen war.Er fuhr fort, wobei er sich bewußt war, daß seine Worte sowohlschwach als auch bombastisch klingen mußten: »Wir glauben,daß es eine Verschwörung, eine Art Geheimorganisation, diegegen die Partei tätig ist, gibt und daß Sie damit zu tun haben. 193
  • 194. Wir wollen ihr beitreten und für sie arbeiten. Wir sind Feinde derPartei. Wir glauben nicht an die Doktrin von Engsoz. Wir sindGedankenverbrecher. Wir sind auch Ehefrevler. Wir sagen Ihnendas, weil wir uns Ihnen ganz auf Gnade oder Ungnade ausliefernwollen. Wenn Sie wünschen, daß wir uns noch auf irgendeineandere Art und Weise belasten, sind wir auch dazu bereit.«Er stockte und warf einen Blick über seine Schulter aus demGefühl heraus, die Tür habe sich geöffnet. Richtig, der kleine,gelbgesichtige Diener war, ohne anzuklopfen, hereingekommen.Winston sah, daß er ein Tablett mit einer Karaffe und Gläserntrug. »Martin ist einer von den unsrigen«, sagte OBrien gelassen.»Bringen Sie die Gläser hierher, Martin. Stellen Sie sie auf denrunden Tisch. Haben wir genügend Stühle? Dann können wiruns ebenso gut setzen und gemütlich reden. Holen Sie sich aucheinen Stuhl für sich selbst, Martin. Hier handelt es sich umGeschäftliches. Betrachten Sie sich die nächsten zehn Minutennicht als Diener.«Der kleine Mann setzte sich und machte es sich einigermaßenbequem, aber doch in einer bedientenhaften Art, der Art einesKammerdieners, dem ein Vorrecht eingeräumt wird. Winstonbetrachtete ihn von der Seite. Es kam ihm zum Bewußtsein, daßdas ganze Leben dieses Mannes Schauspielerei war und er es alsgefährlich empfand, auch nur einen Augenblick aus der Rolle zufallen. OBrien ergriff die Karaffe am Halse und füllte die Gläsermit einer dunkelroten Flüssigkeit.Sie weckte in Winston dunkle Erinnerungen an etwas vor langerZeit an einer Hauswand oder einer Reklamefläche Gesehenes –eine riesige, aus elektrischen Glühbirnen zusammengesetzteFlasche, die sich zu neigen und aufzurichten und ihren Inhalt inein Glas zu leeren schien. Von oben gesehen, sah das Getränk fastschwarz aus, aber in der Karaffe schimmerte es rot wie ein Rubin.Es hatte einen sauersüßen Geruch. Er sah, wie Julia ihr Glasergriff und mit offen eingestandener Neugier daran schnupperte. 194
  • 195. »Man nennt es Wein«, erklärte OBrien mit einem leisen Lächeln.»Sie haben sicherlich schon davon in Büchern gelesen. Nicht vieldavon sickert bis zur Äußeren Partei durch, fürchte ich.«Sein Gesicht wurde wieder ernst, und er hob sein Glas: »Ichglaube, es ist wohl angebracht, daß wir damit beginnen,miteinander anzustoßen. Auf das Wohl unseres Retters: Hochlebe Immanuel Goldstein!«Winston hob sein Glas mit einer gewissen Ungeduld. Wein waretwas, von dem er gelesen und geträumt hatte. Wie der gläserneBriefbeschwerer oder Mr. Charringtons halberinnerte Reimegehörte er der ausgetilgten romantischen Vergangenheit an, derguten alten Zeit, wie er sie in seinen geheimen Gedanken zunennen pflegte. Aus irgendeinem Grunde hatte er immergeglaubt, Wein habe einen äußerst süßen Geschmack, ähnlich wieBrombeermarmelade, und eine unmittelbar berauschendeWirkung. In Wirklichkeit war das Getränk, als er es nunschluckte, ausgesprochen enttäuschend. In Wahrheit hinterließes, nach Jahren des Gin-Trinkens, kaum einen Geschmack aufseiner Zunge. Er stellte das geleerte Glas hin.»Es gibt Goldstein also?« sagte er.»Ja, diesen Menschen gibt es, und er lebt. Wo, weiß ich nicht.«»Und die Verschwörung – die Organisation? Besteht sie wirklich?Ist sie nicht nur eine Erfindung der Gedankenpolizei?«»Nein, sie besteht wirklich. Die ›Brüderschaft‹ wird sie von unsgenannt. Sie werden nie sehr viel mehr von der Brüderschafterfahren, als daß es sie gibt und daß Sie ihr angehören. Ich werdegleich darauf zurückkommen.« Er sah auf seine Armbanduhr.»Es ist unklug, sogar für Mitglieder der Inneren Partei, denTelevisor länger als eine halbe Stunde abzustellen. Sie hättennicht zusammen herkommen sollen, und Sie müssen getrenntfortgehen. Sie, Genossin« – und er nickte Julia mit dem Kopf zu –,»gehen zuerst. Wir haben noch etwa zwanzig Minuten zurVerfügung. Sie werden verstehen, daß ich damit beginnen muß,Ihnen gewisse Fragen zu stellen. Um es kurz zu machen: Wassind Sie bereit zu unternehmen?« » 195
  • 196. Alles, wozu wir imstande sind«, sagte Winston.OBrien hatte eine kleine Drehung auf seinem Stuhl gemacht, sodaß er jetzt Winston vor sich hatte. Er ließ Julia fast unbeachtetund schien es als selbstverständlich anzunehmen, daß Winstonauch in ihrem Namen sprechen konnte. Einen Augenblickklappten die Lider über seine Augen. Er fing an, seine Fragen mitlangsamer, ausdrucksloser Stimme zu stellen, so, als handle essich um eine Schablone, eine Art Abhören aus dem Katechismus,bei dem er die meisten Antworten schon im voraus kannte.»Sie sind bereit, Ihr Leben zu opfern?«»Ja.«»Sie sind bereit, einen Mord zu begehen?«»Ja.«»Sabotageakte zu begehen, die vielleicht den Tod von Hundertenvon unschuldigen Menschen herbeiführen?«»Ja.«»Ozeanien an die Feindmächte zu verraten?«»Ja.«»Sie sind bereit, zu betrügen, zu fälschen, zu erpressen, dieGesinnung von Kindern zu verderben, süchtigmachendeRauschgifte unter die Leute zu bringen, die Prostitution zuermutigen, Geschlechtskrankheiten zu verbreiten – alles zu tun,was dazu angetan ist, das Chaos zu fördern und die Macht derPartei zu untergraben?«»Ja.«»Wenn es zum Beispiel irgendwie unseren Interessen dienlichsein sollte, einem Kind Schwefelsäure ins Gesicht zu schütten –sind Sie dazu bereit?«»Ja.«»Sie sind dazu bereit, Ihre bisherige Persönlichkeit aufzugebenund für den Rest Ihres Lebens als Kellner oder Hafenarbeiterdurchs Leben zu gehen?«»Ja.«»Sie sind bereit, Selbstmord zu verüben, wenn und wann wirIhnen das befehlen?« 196
  • 197. »Ja.«»Sie sind also beide bereit, sich zu trennen und einander niewiederzusehen?«»Nein!« fiel Julia ein.Es kam Winston vor, als sei eine lange Zeit verstrichen, ehe erantwortete. Einen Augenblick schien er sogar der Spracheberaubt gewesen zu sein. Seine Zunge brachte keinen Lauthervor, während sie immer wieder die Anfangssilben erst deseinen, dann des anderen Wortes zu formen versuchte. Ehe er esnicht ausgesprochen hatte, wußte er nicht, welches Wort er sagenwürde.»Nein«, sagte er schließlich.»Sie taten gut daran, mir das zu sagen«, sagte OBrien. »Es istnotwendig für uns, alles zu wissen.«Er wandte sich Julia zu und fügte mit einer ein wenigausdrucksvolleren Stimme hinzu: »Begreifen Sie auch, daß er,selbst wenn er am Leben bleibt, das möglicherweise als ein ganzanderer Mensch tut? Wir könnten gezwungen sein, einen völliganderen Menschen aus ihm zu machen. Sein Gesicht, seine Art,sich zu bewegen, die Form seiner Hände, die Farbe seiner Haare– ja sogar seine Stimme wären anders. Und auch Sie selbstkönnten ein anderer Mensch geworden sein. Unsere Chirurgenkönnen einen Menschen bis zum Nichtwiedererkennenverändern! Manchmal ist das nötig. Manchmal amputieren wirsogar ein Glied.«Winston konnte nicht umhin, noch einmal einen verstohlenenBlick auf Martins Mongolengesicht zu werfen. Er konnte keineOperationsnarben darauf entdecken. Julia war um eineSchattierung bleicher geworden, so daß die Sommersprossenhervortraten, aber sie sah OBrien tapfer an. Sie murmelte etwas,das wie Zustimmung klang.»Gut. Dann wäre das in Ordnung.«Eine silberne Zigarettendose stand auf dem Tisch. Mit eineretwas zerstreuten Miene schob OBrien sie den anderen hin,nahm selbst eine Zigarette, stand dann auf und begann langsam 197
  • 198. hin und her zu gehen, so, als könnte er stehend besser denken. Eswaren sehr gute Zigaretten, prall gefüllt, mit einem ungewohntenfeinen Papier. OBrien blickte wieder auf seine Armbanduhr.»Sie gehen jetzt besser zu Ihrer Arbeit, Martin«, sagte er. »In einerViertelstunde schalte ich ein. Sehen Sie sich die Gesichter dieserGenossen an, bevor Sie gehen. Sie werden sie wiedersehen. Ichvielleicht nicht.«Genau wie sie es vorher an der Eingangstür getan hatten,huschten die schwarzen Augen des kleinen Mannes über ihreGesichter. Keine Spur von Freundlichkeit sprach aus seiner Art.Er prägte sich ihre Erscheinung ein, aber er empfand keinInteresse für sie, so wenig wie er sich anmerken ließ, daß erkeines empfand. Der Gedanke schoß Winston durch den Kopf,daß ein künstlich zusammengenähtes Gesicht vielleicht seinenAusdruck verändern konnte. Ohne ein Wort oder einen Grußging Martin hinaus, indem er leise die Tür hinter sich schloß.OBrien schlenderte auf und ab, eine Hand in der Tasche seinesschwarzen Trainingsanzugs, in der anderen die Zigarette.»Sie werden verstehen, daß Sie im Dunkeln kämpfen werden. Siewerden immer im Dunkeln sein. Sie erhalten Befehle und habenihnen zu gehorchen, ohne das Warum zu wissen. Später werdeich Ihnen ein Buch senden, aus dem Sie die wahre Natur derGesellschaftsordnung, in der wir leben, und die strategischenMaßnahmen, durch die wir sie zerstören wollen, kennenlernen.Wenn Sie das Buch gelesen haben, sind Sie in die Brüderschaft alsMitglieder aufgenommen.Aber abgesehen von den allgemeinen Zielen, für die wirkämpfen, und den jeweiligen augenblicklichen Aufgaben,werden Sie nie etwas wissen. Ich sage Ihnen, daß dieBrüderschaft existiert, aber ich kann Ihnen nicht sagen, ob ihreMitgliederzahl hundert oder zehn Millionen beträgt. Aus Ihrempersönlichen Wissen heraus werden Sie nie imstande sein zusagen, ob sie auch nur ein Dutzend Anhänger hat.Sie werden drei oder vier Mittelsmänner kennen, die von Zeit zuZeit ersetzt werden, je nachdem sie verschwinden. Da ich der 198
  • 199. erste bin, mit dem Sie in Berührung kamen, bleibt es dabei. WennSie Befehle erhalten, kommen sie von mir. Wenn wir es für nötigbefinden, uns mit Ihnen in Verbindung zu setzen, so geschiehtdas durch Martin. Wenn Sie zu guter Letzt erwischt werden,dann werden Sie gestehen. Dagegen läßt sich nichts machen.Aber Sie werden sehr wenig anderes zu gestehen haben als das,was Sie selbst getan haben. Sie werden nicht imstande sein, mehrals ein halbes Dutzend unwichtiger Menschen zu verraten.Vermutlich werden Sie nicht einmal mich verraten. Wenn essoweit ist, bin ich vielleicht tot oder ein anderer Mensch miteinem anderen Gesicht geworden.«Er fuhr fort, über den weichen Teppich hin und her zu gehen.Trotz der Schwere seines Körpers bewegte er sich mit einerauffallenden Grazie. Sie äußerte sich sogar in der Bewegung, mitder er seine Hand in die Tasche steckte oder seine Zigarette hielt.Mehr noch als den der Kraft erweckte er einen Eindruck derVertrauenswürdigkeit und eines leise mit Ironie gefärbtenVerständnisses. Wie ernst er sich auch geben mochte, so hafteteihm doch nichts von der sturen Unentwegtheit des Fanatikers an.Wenn er von Mord, Selbstmord, Geschlechtskrankheit,amputierten Gliedmaßen und veränderten Gesichtern sprach, sogeschah es mit einem leisen Unterton von Spott.»Das läßt sich nicht vermeiden«, schien seine Stimme zu sagen,»das müssen wir unerbittlich tun. Aber wir tun es nicht mehr,wenn erst das Leben wieder lebenswert sein wird.«Eine Welle der Bewunderung, fast der Verehrung, wallte inWinston für OBrien auf. Für einen Augenblick hatte er dieSchattengestalt Goldsteins vergessen. Wenn man OBriensmächtige Schultern und sein derbgeschnittenes, unschönes unddoch so gewinnendes Gesicht ansah, konnte man sich unmöglichvorstellen, er könnte jemals eine Niederlage erleiden. Es gabkeine Kriegslist, der er nicht gewachsen war, keine Gefahr, die ernicht vorhersah. Sogar Julia schien beeindruckt. Sie hatte ihreZigarette ausgehen lassen und lauschte gespannt. OBrien fuhrfort: »Sie werden Gerüchte vom Vorhandensein der Brüderschaft 199
  • 200. gehört haben. Zweifellos haben Sie sich Ihr eigenes Bild von ihrgemacht. Sie haben sich vermutlich eine weitverzweigteUntergrundbewegung von Verschwörern vorgestellt, die sichheimlich in Kellern treffen, Mitteilungen an Häusermauernkritzeln und einander an Losungsworten oder einem besonderenHändedruck erkennen.Nichts dergleichen gibt es. Die Mitglieder der Brüderschaft habenkeine Mittel, einander zu erkennen, und es besteht keineMöglichkeit, daß ein Mitglied mehr als ein paar sehr wenige alsihm persönlich bekannt nennen könnte. Goldstein selbst könnteder Gedankenpolizei, wenn er ihr in die Hände fiele, keinevollständige Mitgliederliste oder sonst einen Hinweis geben, aufGrund dessen sie sich eine vollständige Liste beschaffen könnte.Eine solche Liste existiert nicht.Die Brüderschaft kann nicht ausgerottet werden, weil sie keineOrganisation im üblichen Sinne ist. Nichts als eine unaustilgbareIdee hält sie zusammen.Sie werden nie etwas anderes zu Ihrer Stütze haben als die Idee.Ihnen werden keine Kameradschaft und keine Ermutigung zuteil.Wenn Sie schließlich erwischt werden, erfahren Sie keine Hilfe.Wir helfen unseren Mitgliedern nie. Höchstens, wenn esunumgänglich ist, daß einer zum Schweigen gebracht wird,können wir gelegentlich eine Rasierklinge in eine Gefängniszelleeinschmuggeln. Sie werden sich daran gewöhnen müssen, ohnesichtbare Ergebnisse und ohne Hoffnung zu leben. Sie werdeneine Weile tätig sein, dann werden Sie verhaftet werden, gestehenund sterben. Das sind die einzigen für Sie greifbaren Ergebnisse.Es besteht keine Möglichkeit, daß zu unseren Lebzeiten einesichtbare Veränderung eintritt.Wir sind die Toten. Unser einziges wirkliches Leben liegt in derZukunft. Wir werden daran teilhaben als ein Häuflein Staub undverwester Gebeine. Aber in wie weiter Ferne diese Zukunft liegt,weiß niemand. Es kann in tausend Jahren sein. In der Gegenwartist nichts anderes möglich, als den Bereich der Gesundung Schrittum Schritt zu vergrößern. Wir können nicht als Gesamtheit 200
  • 201. vorgehen. Wir können nur unsere Erkenntnisse von Mensch zuMensch, von Generation zu Generation weitergeben. InAnbetracht der Gedankenpolizei gibt es keinen anderen Weg.«Er hielt inne und blickte zum drittenmal auf seine Armbanduhr.»Es ist nachgerade an der Zeit für Sie zu gehen, Genossin«, sagteer zu Julia. »Warten Sie. Die Karaffe ist noch halbvoll.« Er fülltedie Gläser und hob sein eigenes Glas am Stiel.»Auf was soll es diesmal sein?« sagte er, noch immer mit demgleichen leisen Anflug von Ironie.»Auf den Untergang der Gedankenpolizei? Auf den Tod desGroßen Bruders? Auf die Freiheit unseres Heimatlandes? Auf dieZukunft?«»Auf die Vergangenheit!«, sagte Winston.»Die Vergangenheit ist wichtiger«, pflichtete OBrien ernst bei.Sie leerten ihre Gläser, und einen Augenblick später stand Juliaauf, um zu gehen. OBrien nahm eine kleine Schachtel von einemSchränkchen herunter und reichte ihr eine flache weiße Tablette,die er sie auf die Zunge zu legen aufforderte. Es war wichtig,meinte er, nicht nach Wein zu riechen, wenn man hinausging: dieFahrstuhlführer waren sehr aufmerksame Beobachter. Sobaldsich die Tür hinter ihr geschlossen hatte, schien er ihrVorhandensein vergessen zu haben. Er ging noch ein- oderzweimal im Zimmer hin und her, dann blieb er stehen.»Es gibt noch Einzelheiten zu besprechen«, sagte er. »Ich nehmean, Sie haben irgendein Versteck?«Winston berichtete von dem Zimmer über Mr. CharringtonsLaden. »Das wird für den Augenblick genügen. Später werdenwir etwas anderes für Sie finden. Es ist wichtig, sein Versteckhäufig zu wechseln. Inzwischen sende ich Ihnen ein Exemplarvon „dem Buch“ – sogar OBrien, bemerkte Winston, schien dieWorte so auszusprechen, als wären sie in Kursivschriftgeschrieben –, »von Goldsteins Buch, Sie verstehen, so bald wiemöglich. Es kann ein paar Tage dauern, ehe ich eines in dieHände bekommen kann. Es gibt nicht viele Exemplare, wie Siesich wohl denken können. Die Gedankenpolizei macht Jagd 201
  • 202. darauf und vernichtet sie fast ebenso rasch, wie wir sie druckenkönnen. Das hilft ihr aber nur sehr wenig. Das Buch istunvernichtbar. Wäre auch das letzte Exemplar verlorengegangen,so könnten wir den Inhalt doch Wort für Wort wiedergeben.Haben Sie eine Mappe bei sich, wenn Sie an Ihre Arbeit gehen?«fügte er hinzu.»In der Regel, ja.«»Wie sieht sie aus?«»Schwarz, sehr schäbig. Mit zwei Tragriemen.«»Schwarz, zwei Tragriemen, sehr schäbig – gut. An einem dernächsten Tage – ich kann kein genaues Datum angeben – wirdeine der Mitteilungen unter Ihren Vormittagsarbeiten einverdrucktes Wort enthalten, und Sie müssen um eineRichtigstellung bitten. Am nächsten Tag gehen Sie dann ohneIhre Mappe an die Arbeit. Im Laufe des Tages wird Sie auf derStraße ein Mann am Arm berühren und sagen: ›Ich glaube, Siehaben Ihre Mappe fallen lassen.‹ Die Mappe, die er Ihnen danngibt, wird ein Exemplar von Goldsteins Buch enthalten. Sie gebenes binnen vierzehn Tagen zurück.«Sie schwiegen einen Augenblick. »Es bleiben nur noch zweiMinuten, ehe Sie gehen müssen«, sagte OBrien. »Wir werden unswiedersehen – falls wir uns wiedersehen…«Winston blickte zu ihm auf. »An dem Ort, wo keine Dunkelheitherrscht?« sagte er zögernd.OBrien nickte, ohne Verwunderung zu verraten. »An dem Ort,wo keine Dunkelheit herrscht«, sagte er, so als habe er dieAnspielung verstanden. »Und inzwischen, gibt es noch etwas,was Sie sagen möchten, bevor Sie gehen? Eine Botschaft? EineFrage?«Winston überlegte. Es schien keine Frage mehr zu geben, die erhätte stellen wollen: noch weniger verspürte er Lust,hochtrabende Phrasen zu stammeln. Statt etwas, das unmittelbarmit OBrien oder der Brüderschaft zu tun hatte, ging ihm einverschwommenes Bild von dem düsteren Schlafzimmer, in demseine Mutter ihre letzten Tage verbracht hatte, und dem kleinen 202
  • 203. Zimmer über Mr. Charringtons Laden mit dem gläsernenBriefbeschwerer und dem Stahlstich in seinem Rosenholzrahmendurch den Sinn. Auf gut Glück sagte er: »Haben Sie zufälligjemals einen alten Reim gehört, der ›Oranges and lemons, say thebells of St. Clements‹ anfing?«Wieder nickte OBrien. Mit einer Art ernster Höflichkeit ergänzteer die Strophe: »Oranges and lemons, say the bells of St.Ctements, You owe me three farthings, say the bells of St.Martins, When will you pay me? say the bells of Old Bailey,When l grow rich, say the bells of Shoreditch.«»Sie kennen den letzten Vers!« rief Winston aus.»Ja, ich kenne den letzten Vers. Und jetzt, fürchte ich, ist es Zeitfür Sie zu gehen. Aber warten Sie. Lassen Sie mich Ihnen liebereine von diesen Tabletten geben.«Als Winston aufstand, reichte ihm OBrien die Hand. Seinkräftiger Griff drückte Winstons Handteller bis auf den Knochen.Bei der Tür blickte Winston zurück, aber OBrien schien bereitsim Begriff, ihn aus seinem Gedächtnis zu streichen. Er wartetemit der Hand an dem Knopf, mit dem man den Televisoreinschaltete. Hinter ihm konnte Winston den Schreibtisch mitseiner grüngeschirmten Lampe, den Sprechschreiber und das mitPapieren vollgehäufte Drahtablegekörbchen sehen. Die Sachewar erledigt. In dreißig Sekunden, kam ihm zum Bewußtsein,würde OBrien wieder bei seiner unterbrochenen, wichtigenArbeit für die Partei sein. Neuntes KapitelWinston war von einer gallertartigen Müdigkeit. Gallertartig wardas richtige Wort. Es war ihm von selbst in den Sinn gekommen.Sein Körper schien nicht nur eine gelatineartige Weichheit, 203
  • 204. sondern auch eine ebensolche Durchsichtigkeit angenommen zuhaben. Er hatte das Gefühl, würde er die Hand hochhalten, dannkönnte er das Licht hindurchscheinen sehen. Sämtliche roten undweißen Blutkörperchen waren ihm durch eine riesigeArbeitsüberlastung abgezapft worden, so daß nur diezerbrechliche Struktur von Nerven, Knochen und Haut übriglieb.Alle Empfindungen waren übersteigert. Sein Trainingsanzug riebseine Schultern wund, das Straßenpflaster schmerzte seineFußsohlen, sogar das Öffnen und Schließen einer Hand bedeuteteschon eine Anstrengung, die seine Gelenke knacken ließ.In den letzten fünf Tagen hatte er mehr als neunzig Stundengearbeitet. Das gleiche galt von jedem anderen im MinisteriumBeschäftigten. Jetzt war alles erledigt, und er hatte bis morgenfrüh buchstäblich nichts mehr, auch nicht die geringste Arbeit fürdie Partei zu tun. Er konnte sechs Stunden in seinemSchlupfwinkel und weitere neun daheim in seinem Bettverbringen. Langsam ging er in dem mildenNachmittagssonnenschein eine schmutzige Straße in Richtungauf Herrn Charringtons Laden hinunter, mit einem wachsamenAuge für mögliche Streifen, aber, ohne es begründen zu können,in der festen Überzeugung, daß an diesem Nachmittag für ihnkeine Gefahr bestand, von jemand angehalten zu werden. Dieschwere Mappe, die er trug, stieß bei jedem Schritt gegen seinKnie und jagte ihm einen kribbelnden Schauer die Haut seinesBeins hinauf und hinunter. In ihr war „das Buch“, das jetzt seitsechs Tagen in seinem Besitz war und das er noch nichtaufgemacht, ja noch nicht einmal angesehen hatte.Am sechsten Tag der Hass-Woche, nach den Umzügen, denAnsprachen, dem Beifallsgeschrei, dem Liederabsingen, denStandarten, den Maueranschlägen, den Filmvorführungen, denplastischen Darstellungen, dem Trommelschlagen undTrompetengeschmetter, dem Gleichschritt marschierender Füße,dem Knirschen der Raupenketten von Panzern, demMotorengedröhn von Flugzeugstaffeln, den Salutschüssen derGeschütze – nach sechs solchen Tagen, als die Erregung der 204
  • 205. Gemüter ihren Höhepunkt erreicht hatte und der allgemeineHass auf Eurasien zu solcher Siedehitze geschürt worden war,daß die Menge, wenn sie Hand an die zweitausend eurasischenKriegsverbrecher hätte legen können, die am letzten Tag derVeranstaltung öffentlich gehängt werden sollten, sieunweigerlich in Stücke gerissen hätte – genau in diesemAugenblick wurde bekannt gegeben, Ozeanien befinde sichkeineswegs im Kriegszustand mit Eurasien. Ozeanien befindesich im Kriegszustand mit Ostasien. Eurasien war einVerbündeter.Selbstverständlich wurde nicht zugegeben, daß eineVeränderung eingetreten war. Es wurde lediglich ganz plötzlichund überall gleichzeitig bekannt gemacht, daß Ostasien und nichtEurasien der Feind sei. Winston nahm gerade an einerKundgebung teil, die auf einem der im Mittelpunkt von Londongelegenen Plätze stattfand, als diese Bekanntgabe erfolgte. Es warNacht, und die weißen Gesichter und roten Banner warengespenstisch vom Scheinwerferlicht angestrahlt.Auf dem Platz drängten sich mehrere tausend Menschen,darunter ein Zug von etwa tausend Schulkindern inSpäheruniform. Auf einer mit scharlachrotem Stoff drapiertenRednerbühne hielt ein Sprecher der Inneren Partei, ein kleiner,hagerer Mann mit unverhältnismäßig langen Armen und einemgroßen, kahlen Schädel, über den ein paar dünne Haarsträhnengelegt waren, eine feierliche Rede an die Menge. Eine kleineRumpelstilzchengestalt, verkrümmt von Hass, hielt er mit einerHand das Mikrophon, während die andere, riesig am Ende einesknochigen Armes, sich drohend in die Luft über seinem Kopfkrallte. Seine durch den Lautverstärker metallisch gefärbteStimme brüllte eine endlose Aufzählung von Greueltaten,Massenabschlachtungen, Verschleppungen, Plünderungen,Vergewaltigungen, Gefangenenfolterungen, Bombardierung vonZivilisten, Lügenpropaganda, unprovozierten Angriffen,gebrochenen Verträgen heraus. 205
  • 206. Es war fast nicht möglich, ihm zuzuhören, ohne zuerst überzeugtund dann empört zu werden. Alle paar Augenblicke kochte dieWut der Menge über, und die Stimme des Redners ging in einemwilden tierischen Gebrüll unter, das hemmungslos aus tausendKehlen hervorbrach.Die wüstesten Wutschreie kamen von den Schulkindern. DieAnsprache war seit etwa zwanzig Minuten im Gange, als ein Boteauf die Rednertribüne eilte und dem Sprecher ein Zettel in dieHand gedrückt wurde. Er entfaltete und las ihn, ohne seine Redezu unterbrechen. Nichts in seiner Stimme oder in seinemGehaben änderte sich, auch nichts im Inhalt seiner Rede, dochplötzlich lauteten die Namen anders. Ohne daß Worte gefallenwären, durchlief die Menge eine Welle des Verstehens.Ozeanien befand sich im Krieg mit Ostasien! Im nächstenAugenblick begann eine ungeheure Geschäftigkeit. Die rotenFahnen und Plakate, mit denen der Platz dekoriert war, stimmtensämtlich nicht mehr. Gut die Hälfte davon stellte die falschenGesichter dar. Es war Sabotage! Die Agenten Goldsteins warenam Werk gewesen!Ein lärmendes Zwischenspiel setzte ein, bei dem Anschläge vonden Mauern gerissen, Fahnen zerfetzt und zertrampelt wurden.Die Späher vollführten Wunder an Tatkraft darin, auf Dächer zuklettern und von den Kaminen flatternde Spruchbänderabzuschneiden. Aber in ein paar Minuten war alles zu Ende. DerSprecher, noch immer mit einer Hand das Mikrophonumklammernd, die Schultern vorgebeugt, die freie Hand in dieLuft gekrallt, war unbeirrt in seiner Rede fortgefahren. Noch eineMinute, und die wilden Wutschreie brachen erneut aus derVolksmenge hervor. Die Hassdemonstration nahm genau wievorher ihren Fortgang, nur daß die Zielscheibe sich geänderthatte.Winston war nachträglich besonders davon beeindruckt, daß derSprecher tatsächlich mitten im Satz nicht nur ohne zu stockenvon einer Richtung in die andere umgeschaltet, sondern nichteinmal den Satzbau abgewandelt hatte. Aber augenblicklich 206
  • 207. beschäftigten ihn andere Dinge. Im Augenblick der Verwirrung,als die Plakate abgerissen wurden, hatte ihn ein Mann, dessenGesicht er nicht sehen konnte, auf die Schulter geklopft undgesagt: »Verzeihung, ich glaube, Sie haben Ihre Mappe fallenlassen.«Zerstreut und wortlos griff er nach der Mappe. Er wußte, daßTage vergehen würden, ehe sich ihm die Möglichkeit bot, einenBlick hineinzuwerfen. Sofort nach Beendigung derDemonstration ging er zum Wahrheitsministerium, obwohl esmittlerweile fast dreiundzwanzig Uhr war. Die gesamteBelegschaft des Ministeriums hatte dasselbe getan. Die bereitsaus den Televisoren tönenden Befehle, die sie auf ihre Postenzurückriefen, wären kaum nötig gewesen.Ozeanien lag im Krieg mit Ostasien: Ozeanien war immer mitOstasien im Krieg gelegen. Ein Großteil der politischen Literaturder letzten fünf Jahre war jetzt vollkommen unbrauchbargeworden. Berichte und Aufzeichnungen aller Art, Zeitungen,Bücher, Flugschriften, Filme, Sprechplatten, Fotografien – allesmußte mit Blitzesschnelle richtiggestellt werden. Wenn auchkeinerlei Direktiven erlassen wurden, so wußte man doch, daßdie Abteilungsleiter wünschten, binnen einer Woche solltenirgendwo mehr eine Anspielung auf den Krieg mit Eurasienoder das Bündnis mit Ostasien übriggeblieben sein. Es war eineRiesenarbeit, die noch dadurch erschwert wurde, daß dieerforderlichen Prozeduren nicht bei ihrem wahren Namengenannt werden durften. Jedermann in der Registraturabteilungarbeitete achtzehn von den vierundzwanzig Stunden des Tages,mit zwei hastigen dreistündigen Schlafpausen. Strohsäckewurden aus den Kellern heraufgebracht und überall auf denGängen ausgebreitet.Die Mahlzeiten bestanden aus Victory-Kaffee und belegtenBroten, die von dem Personal der Kantine auf Wägelchenherumgefahren wurden. Jedesmal, wenn Winston für eine seinerSchlafpausen die Arbeit unterbrach, versuchte er seinenSchreibtisch von allen Arbeiten aufgeräumt zu hinterlassen, um 207
  • 208. jedesmal, wenn er mit verquollenen Augen und gerädert amganzen Leib zurückgeschlichen kam, einen neuen Schauer vonPapierröllchen vorzufinden, der die Schreibtischplatte wie eineSchneewehe bedeckt hatte, den Sprechschreiber zur Hälftebegrub und auf den Fußboden überfloß, so daß seine ersteTätigkeit immer darin bestand, sie zu einem sauberen Haufen zuordnen, um Platz zum Arbeiten zu haben.Am schlimmsten von allem war, daß es sich durchaus nicht nurum mechanische Arbeiten handelte. Oft genügte es, lediglicheinen Namen durch einen anderen zu ersetzen, aber jeder inEinzelheiten gehende Tatsachenbericht erforderte Sorgfalt undPhantasie. Sogar die geographischen Kenntnisse, über die manverfügen mußte, um den Krieg von einem Weltteil in denanderen zu verlegen, waren beträchtlich.Am dritten Tag schmerzten ihn die Augen unerträglich, undseine Brillengläser mußten alle paar Minuten geputzt werden. Eswar wie ein Kampf mit einer zermürbenden körperlichenAufgabe, etwas, das man zwar zu tun sich weigern konnte unddas man sich doch mit einer nervenüberreizten Beflissenheit zubewältigen bemühte. Soweit er überhaupt Zeit hatte, sich daranzu erinnern, störte es ihn nicht, daß jedes von ihm in denSprechschreiber gemurmelte Wort, jeder Strich seinesTintenbleistifts eine bewußte Lüge war. Er war ebenso wie jederandere in der Abteilung darauf bedacht, die Fälschungvollkommen zu machen. Am Morgen des sechsten Tages nahmder Papierröllchenregen ab. Eine ganze halbe Stunde lang kamnichts aus der Rohrpostleitung heraus; dann noch einmal eineRolle, dann nichts.Überall um etwa die gleiche Zeit nahm die Arbeit ab. Ein tieferund – so wie die Dinge lagen – geheimer Seufzer durchlief dieAbteilung. Eine Riesenleistung, die nie erwähnt werden durfte,war vollbracht. Jetzt war es für niemand mehr möglich, durchdokumentarische Beweise zu belegen, daß der Krieg mit Eurasienjemals stattgefunden hatte. Schlag zwölf Uhr wurde unerwartetbekannt gegeben, alle im Ministerium Beschäftigten hätten bis 208
  • 209. morgen früh frei. Winston, noch immer die Mappe mit dem Buchbei sich tragend, die er während der Arbeit zwischen seine Füßegestellt und beim Schlafen unter seinen Körper geschoben hatte,ging nach Hause, rasierte sich und schlief fast in seinem Bad ein,obwohl das Wasser kaum mehr als lauwarm war.Mit einer Art wollüstigen Knackens seiner Gelenke stieg er dieTreppe über Herrn Charringtons Laden hinauf. Er war müde,aber nicht mehr schläfrig. Er öffnete das Fenster, zündete denverdreckten kleinen Petroleumkocher an und stellte einen TopfWasser für den Kaffee auf. Julia würde gleich kommen;derweilen konnte er sich dem Buch widmen. Er setzte sich in denzerschlissenen Lehnstuhl und schnallte die Riemen der Mappeauf.Ein schwerer schwarzer Band, unfachmännisch gebunden, ohneNamen oder Titel auf dem Einband. Auch der Druck sah einwenig unregelmäßig aus. Die Seiten waren an den Eckenabgegriffen und fielen leicht auseinander, so als sei das Buchdurch viele Hände gegangen. Die Überschrift der ersten Seitelautete:THEORIE UND PRAXIS DES OLIGARCHISCHENKOLLEKTIVISMUSVon Immanuel Goldstein1. Kapitel Unwissenheit ist Stärke„Seit Beginn der geschichtlichen Überlieferung, und vermutlichseit dem Ende des Steinzeitalters, gab es auf der Welt drei sozialeKlassen: die Ober-, die Mittel- und die Unterschicht – gemäß derallgemeinen Geschichtsbetrachtung des Kollektivismus. Siewaren mehrfach unterteilt, führten zahllose verschiedeneNamensbezeichnungen, und sowohl ihr Zahlenverhältnis wieihre Einstellung zueinander wandelten sich von einemJahrhundert zum anderen: Die Grundstruktur der menschlichenGesellschaft jedoch hat sich nie gewandelt. Sogar nach 209
  • 210. gewaltigen Umwälzungen und scheinbar unwiderruflichenVeränderungen hat sich immer wieder die gleiche Ordnungdurchgesetzt, ganz so wie ein Kreisel immer wieder dasGleichgewicht herzustellen bestrebt ist, wie sehr man ihn auchnach der einen oder anderen Seite neigt. Die Ziele dieser dreiGruppen sind miteinander vollkommen unvereinbar…“Winston hielt mit dem Lesen inne, hauptsächlich um sichgenießerisch die Tatsache vor Augen zu halten, daß er inGeborgenheit und Sicherheit las. Er war allein: kein Televisor,kein Ohr am Schlüsselloch, kein nervöser Zwang, über dieSchulter hinter sich zu blicken oder die Buchseite mit der Handzu bedecken. Die milde Sommerluft streichelte seine Wange. Vonirgendwo weit her drangen gedämpfte Kinderlaute; im Zimmerselbst kein Geräusch außer dem insektenhaften Ticken der Uhr.Er setzte sich tiefer in seinen Lehnstuhl zurück und legte dieFüße auf das Kamingitter. Es war Seligkeit, war Zeitlosigkeit.Plötzlich, wie man es manchmal mit einem Buch macht, von demman weiß, daß man am Schluß jedes Wort lesen und noch einmallesen wird, schlug er es an einer anderen Stelle auf und stieß aufdas dritte Kapitel. Er fuhr zu lesen fort:3. Kapitel Krieg bedeutet FriedenDie Aufteilung der Welt in drei große Superstaaten war einEreignis, das bereits vor der Mitte des zwanzigsten Jahrhundertsvorauszusehen war und auch tatsächlich vorausgesehen wurde.Die treibenden, geheimen Kräfte hinter den Kulissen derWeltpolitik hatten zwar ursprünglich einen die gesamte Erdeumfassenden Superstaat unter ihrer Kontrolle einrichten wollen,doch diese Entwicklung wurde durch die Dreiteilung zunächstzurückgeworfen, da sich innerhalb dieser Kräfte Spannungenund Meinungsverschiedenheiten bezüglich der Vorgehensweisezur Erreichung dieses Endziels ergeben hatten. 210
  • 211. Mit der Einverleibung Europas durch die bolschewistischeSowjetunion und des Britischen Empires durch die VereinigtenStaaten waren bereits zwei von den drei heute bestehendenMächten in Erscheinung getreten. Die dritte Macht, Ostasien,zeichnete sich erst nach einem weiteren Jahrzehnt verworrenerKämpfe und Unabhängigkeitsbestrebungen als deutliche Einheitab. Die Grenzen zwischen den drei Superstaaten sind anmanchen Stellen willkürlich, an anderen schwanken sie je nachKriegsglück, aber im Allgemeinen folgen sie geographischenGegebenheiten.Eurasien umfaßt den gesamten nördlichen Teil der europäischenund asiatischen Landmasse von Portugal bis zur Bering-Straße.Ozeanien umfaßt Süd- und Nordamerika, die Inseln imAtlantischen Ozean einschließlich der Britischen Inseln,Australien und den südlichen Teil von Afrika.Ostasien, kleiner als die beiden anderen und mit einer wenigerfestumrissenen Westgrenze, umfaßt China und die südlich davongelegenen Länder, die Japanischen Inseln und einen großen, aberfluktuierenden Teil der Mandschurei, der Mongolei und Tibets.In der einen oder anderen Gruppierung liegen diese dreiSuperstaaten ständig miteinander im Krieg, wie sie sich auchwährend der letzten fünfundzwanzig Jahre dauernd bekämpften.Krieg ist jedoch nicht mehr der verzweifelte Vernichtungskampfwie in den Anfangsjahrzehnten des zwanzigsten Jahrhunderts. Erist ein Waffengang mit beschränkten Zielen zwischenKämpfenden, die nicht die Macht besitzen, einander zuvernichten, keinen materiellen Kriegsgrund haben und durchkeinen echten ideologischen Unterschied getrennt sind. Das willnicht besagen, daß die Kriegführung oder die vorherrschendeEinstellung dazu weniger blutrünstig oder ritterlich gewordenwäre.Im Gegenteil, die Kriegshysterie wütet ständig und allgemein inallen Ländern, und Untaten wie Notzucht, Plünderung,Kindermord, Verschleppung ganzer Bevölkerungsteile in dieSklaverei, dazu Repressalien gegen Gefangene, die sogar soweit 211
  • 212. gehen, sie bei lebendigem Leib zu sieden und zu verbrennen,werden als normal und, wenn sie von der eigenen Seite und nichtvom Feind begangen werden, als verdienstlich angesehen. Abermit ihrem Leben ist nur eine sehr geringe Anzahl von Menschen,größtenteils hochgeschulte Spezialisten, unmittelbar in dieKriegshandlungen verwickelt, und die durch sie verursachtenVerluste an Gefallenen sind verhältnismäßig gering.Der Kampf, wenn überhaupt einer stattfindet, spielt sich an denundeutlich umrissenen Grenzen ab, deren Lage der einfacheMann nur mutmaßen kann, oder im Bereich der SchwimmendenFestungen, die strategische Punkte der Seewege einnehmen. Inden Zivilisationszentren bedeutet der Krieg nur eine dauerndeKürzung der Gebrauchsgüter und den gelegentlichen Einschlageiner Raketenbombe, der vielleicht ein paar Dutzend Menschenzum Opfer fallen.Der Krieg hat in der Tat sein Wesen völlig gewandelt. Genauergesagt haben sich die Gründe, um derentwillen Krieg geführtwird, in der Rangordnung ihrer Wichtigkeit geändert.Beweggründe, die bereits in bescheidenen Ausmaßen bei dengroßen Kriegen zu Beginn des zwanzigsten Jahrhundertsmitsprachen, sind jetzt an die erste Stelle gerückt und werdenbewußt anerkannt und in Rechnung gestellt.Um das Wesen des gegenwärtigen Krieges zu verstehen – denntrotz der alle paar Jahre erfolgenden Umgruppierung handelt essich immer um denselben Krieg –, muß man sich vor allemvergegenwärtigen, daß er unmöglich entschieden werden kann.Keiner der drei Superstaaten könnte, sogar unterZusammenschluß der beiden anderen, endgültig unterworfenwerden. Sie sind zu gleichmäßig stark und ihre natürlichenVerteidigungsmittel zu gewaltig. Eurasien ist durch seineriesigen Landflächen geschützt, Ozeanien durch die Ausdehnungdes Atlantischen und des Pazifischen Ozeans, Ostasien durch dieGebärfreudigkeit und den Fleiß seiner Bewohner.Zweitens gibt es in materieller Hinsicht nichts mehr, um das mankämpfen könnte. Mit Einführung der Autarkie, bei der 212
  • 213. Produktion und Verbrauch aufeinander abgestellt sind, ist dieJagd nach Absatzmärkten, die eine Hauptursache früherer Kriegewar, beendet, während der Wettstreit um Rohstoffe keineExistenzfrage mehr ist.Jedenfalls ist jeder der drei Superstaaten so groß, daß er fast allevon ihm benötigten Materialien innerhalb seiner eigenenGrenzen finden kann. Soweit der Krieg einen unmittelbarenwirtschaftlichen Zweck hat, ist es ein Krieg um Arbeitskräfte.Zwischen den Grenzen der Superstaaten und nicht in dauerndemBesitz eines derselben liegt ein annähernd viereckiges Gebiet,dessen Ecken von Tanger, Brazzaville, Darwin und Hongkonggebildet werden und das etwa ein Fünftel derGesamtbevölkerung der Erde enthält.Um den Besitz dieser dichtbevölkerten Landstriche und den dernördlichen Eiszone geht der dauernde Kampf der drei Mächte. Inder Praxis beherrscht keine der Mächte jemals das gesamtestrittige Gebiet. Teile davon wechseln dauernd den Besitzer, unddie durch einen plötzlichen verräterischen Einfall geglückteInbesitznahme dieses oder jenes Gebietsteiles bestimmt denendlosen Wandel der Mächtegruppierung.Sämtliche strittigen Gebiete enthalten wertvolle Mineralschätze,und manche von ihnen erzeugen wichtige pflanzliche Produktewie Gummi, der in klimatisch kälteren Landstrichen durchverhältnismäßig kostspielige Methoden synthetisch erzeugtwerden muß. Aber vor allem enthalten sie ein unerschöpflichesReservoir billiger Arbeitskräfte.Welche Macht Äquatorial-Afrika oder die Länder des mittlerenOstens oder Südindien oder den Indonesischen Archipelbeherrscht, hat damit Hunderte von Millionen schlecht bezahlterund schwer arbeitender Kulis zu ihrer Verfügung. Die mehr oderweniger offen auf die Stellung von Sklaven herabgedrücktenBewohner dieser Gebiete gehen dauernd von dem Besitz deseinen Eroberers in den des anderen über und werden ähnlich wieKohlenbergwerke oder Ölquellen ausgebeutet, in dem Wettlauf,mehr Waffen zu produzieren, das vorhandene Gebiet zu 213
  • 214. vergrößern, über mehr Arbeitskräfte zu verfügen, und endlos soweiter. Man muß dabei im Auge behalten, daß der Kampf niewirklich über die Randgebiete der umstrittenen Territorienhinausgeht.Die Grenzen Eurasiens verlaufen schwankend zwischen demStromgebiet des Kongo und der Nordküste des Mittelmeers. DieInseln des Indischen Ozeans werden ständig von Ozeanien odervon Ostasien erobert und zurückerobert. In der Mongolei ist dieTrennungslinie zwischen Eurasien und Ostasien nie festumrissen. Rund um den Pol erheben alle drei Mächte Anspruchauf riesige Gebiete, die faktisch weitgehend unbewohnt undunerforscht sind. Aber das politische Gleichgewicht der Kräftebleibt stets so ziemlich das gleiche, und das Gebiet, welches dasKernland jedes Superstaates bildet, bleibt immer unangetastet.Überdies ist die Arbeitskraft der um den Äquator angesiedeltenausgebeuteten Völker für die Weltwirtschaft nicht wirklich nötig.Sie tragen nichts zum Weltgedeihen bei, denn ihre gesamteProduktion dient Kriegszwecken, und das Ziel, warum ein Kriegvom Zaun gebrochen wird, besteht unabänderlich darin, besserfür den nächsten Krieg gerüstet zu sein.Durch ihre Arbeitsleistung ermöglichen dieSklavenbevölkerungen eine Intensivierung der dauerndenKriegsführung. Aber wären sie nicht vorhanden, so wäre dieStruktur der Weltgesellschaftsordnung und das Verfahren, durchdas sie sich erhält, nicht wesentlich anders.Das Hauptziel der modernen Kriegführung (in Übereinstimmungmit den Prinzipien des Doppeldenks wird dieses Ziel von denleitenden Köpfen der Inneren Partei gleichzeitig anerkannt undnicht anerkannt) besteht in dem Verbrauch der maschinellenErzeugnisse, ohne den allgemeinen Lebensstandard zu heben.Seit Ende des neunzehnten Jahrhunderts war in der industriellenGesellschaftsordnung das Problem immer latent, was man mitder Überproduktion von Verbrauchsgütern anfangen sollte.Gegenwärtig, da wenige Menschen auch nur genug zu essenhaben, ist dieses Problem offensichtlich nicht dringlich und wäre 214
  • 215. es vielleicht auch ohne das Einschalten von künstlichenVernichtungsprozessen nicht geworden.Die Welt von heute ist ein armseliger, hungerleidender,jämmerlicher Aufenthaltsort, verglichen mit der Welt von vor1914, und das gilt noch in verstärktem Maße, wenn man sie mitder imaginären Zukunft vergleicht, die die Menschen jener Zeiterwarteten. Anfangs des zwanzigsten Jahrhunderts gehörte dieVision einer zukünftigen unglaublich reichen, über Mußeverfügenden, geordneten und tüchtigen Gesellschaftsordnung –einer schimmernden antiseptischen Welt aus Glas, Stahl undschneeweißem Beton – zum Vorstellungsbild nahezu jedesgebildeten Menschen. Wissenschaft und Technik entwickeltensich mit wunderbarer Geschwindigkeit, und die Annahme schiennatürlich, daß sie sich immer weiterentwickeln würden.Das war jedoch nicht der Fall, teils infolge der durch eine langeReihe von Kriegen und Revolutionen verursachten Verarmung,teils weil wissenschaftlicher und technischer Fortschritt voneinem durch Erfahrung gestützten Denken abhingen. Die heutein Ozeanien herrschenden Kräfte haben allerdings an einerKultur des Wissens keinerlei Interesse. Im Gegenteil: Sie habendie ehemals hoch entwickelten Nationen Europas durchjahrzehntelange, innere Zersetzung zerstört und anschließenddurch ihre Revolution verwüstet und zertrümmert. Mit demNiedergang und dem Zerfall der technisierten Nationen undVölker Europas und dem Untergang der früher europäischgeprägten Vereinigten Staaten kam auch der Zerfall der übrigenWelt, die in den Strudel des damit entstandenen Machtvakuumshineingesogen worden ist.Im Ganzen genommen ist die Welt von heute demnachprimitiver, als sie es vor fünfzig Jahren war. Lediglich Verfahren,die mit Kriegführung oder Polizeibespitzelungzusammenhängen, entwickelten sich im beschränkten Maßeweiter, aber Experiment und Erfindung haben so gut wieaufgehört, und die Verheerungen der Revolution und des darauffolgenden Atomkrieges wurden nie wieder ganz wettgemacht. 215
  • 216. Nichtsdestoweniger sind die der Maschine, also derIndustrieproduktion, innewohnenden Gefahren noch immervorhanden. Von dem Augenblick an, als die Maschine zumerstenmal in Erscheinung trat, war es für alle denkendenMenschen klar, daß die Notwendigkeit der Mühsal erledigt war.Wenn die Maschine wohlüberlegt mit diesem Ziel vor Augen inDienst gestellt wurde, dann konnten Hunger, Überstunden,Schmutz. Elend, Unbildung und Krankheit in ein paarGenerationen überwunden werden. Und tatsächlich hob dieMaschine, ohne für einen solchen Zweck eingesetzt zu werden,sondern durch eine Art automatischen Prozeß, indem sie nämlicheinen Überfluss produzierte, den zu verteilen sich manchmalnicht umgehen ließ, während eines Zeitraums von ungefährfünfzig Jahren am Ende des neunzehnten und am Anfang deszwanzigsten Jahrhunderts den Lebensstandard desDurchschnittsmenschen sehr beträchtlich.Aber es war auch klar, daß ein allgemein wachsender Wohlstanddas Bestehen einer geordneten Gesellschaft bedrohte, jatatsächlich in gewisser Weise ihre Auflösung bedeutete. In einerWelt, in der jedermann nur wenige Stunden arbeiten mußte, inder jeder genug zu essen hatte, in einem Haus mit Badezimmerund Kühlschrank wohnte, ein Auto oder sogar ein Flugzeugbesaß, in einer solchen Welt wäre die augenfälligste undvielleicht wichtigste Form der Ungleichheit bereitsverschwunden. Wurde dieser Wohlstand erst einmalAllgemeingut, so bedeutete er keine Vorzugsstellung mehr.Es war zweifellos möglich, sich eine Gesellschaftsordnungvorzustellen, in der Wohlstand im Sinne von persönlichem Besitzund Luxusartikeln gleichmäßig verteilt war, während die Machtin den Händen einer kleinen privilegierten Schicht lag. Aber inder Praxis würde eine solche Gesellschaftsordnung niemals langeBestand haben und die leitenden Kräfte der Weltpolitik wollendies auch in keiner Weise, denn ihre Macht liegt in derBeherrschung des Geldes und der Rohstoffe begründet. 216
  • 217. Zu einer ackerbautreibenden Vergangenheit zurückzukehren,wie es einige Denker zu Anfang des zwanzigsten Jahrhundertserträumten, war keine ausführbare Lösung.Sie stand im Widerspruch mit der fast auf der ganzen Weltgleichsam instinktiv gewordenen Mechanisierungstendenz, undaußerdem war jedes industriell zurückgebliebene Land inmilitärischer Hinsicht hilflos und dazu verurteilt, direkt oderindirekt von seinen fortschrittlichen Rivalen beherrscht zuwerden.Auch war es keine befriedigende Lösung, die Massen dadurch inArmut zu erhalten, daß man die Herstellung vonGebrauchsgütern abdrosselte, wie es in den Jahren vor derRevolution kurzzeitig versuchte. In vielen Ländern ließ mandamals die Wirtschaft zum Stillstand kommen, die Felder bliebenunbebaut, veraltete Maschinen wurden nicht ergänzt, große Teileder Bevölkerung wurden der Arbeit entfremdet und durchstaatliche Unterstützung gerade noch am Leben gehalten. Aberauch das brachte militärische Schwäche mit sich, und da diedamit verbundenen Opfer offensichtlich unnötig waren, erhobsich unvermeidlich eine Opposition.Das Problem bestand darin, die Räder der Industrie sich weiterdrehen zu lassen, ohne den wirklichen Wohlstand der Welt zuerhöhen. Verbrauchsgüter mußten zwar produziert, durften abernicht unter die Leute gebracht werden. Und in der Praxis war dereinzige Weg, dieses Ziel zu erreichen, eine immerwährendeKriegführung. Zudem hatte sich diese Ausgangslage nach demEntstehen eines rivalisierenden Ost- und Westblocks und demAufkommen Ostasiens ohnehin ergeben.Die Hauptwirkung des Krieges ist demnach heute dieZerstörung, nicht notwendigerweise von Menschenleben,sondern von Erzeugnissen menschlicher Arbeit. Der Krieg ist einMittel, um Materialien, die sonst dazu benützt werden könnten,die Massen zu bequem und damit auf lange Sicht zu intelligentzu machen, in Stücke zu sprengen, in die Stratosphäre zuverpulvern oder in die Tiefe des Meeres zu versenken. Sogar 217
  • 218. wenn nicht wirklich Kriegswaffen zerstört werden, so ist ihreFabrikation doch ein bequemer Weg, Arbeitskraft zuverbrauchen, ohne etwas zu erzeugen, was konsumiert werdenkann. In einer Schwimmenden Festung zum Beispiel steckte eineArbeitsleistung, mit der man mehrere hundert Frachtschiffebauen könnte. Am Schluß wird sie als überholt abgewrackt, ohnejemals jemandem wirklichen Nutzen gebracht zu haben, und miteinem weiteren riesigen Arbeitsaufwand wird eine neueSchwimmende Festung gebaut. Im Prinzip dienen dieKriegsanstrengungen dazu, jeden Überschuß, der vielleicht nachBefriedigung der unerläßlichen Bedürfnisse der Bevölkerungverbleiben könnte, aufzuzehren.In der Praxis werden die Bedürfnisse der Bevölkerung immerunterschätzt, mit dem Ergebnis, daß eine chronischeVerknappung der Hälfte aller lebenswichtigen Güter herrscht;aber das wird als Vorteil angesehen. Es ist gewollte Politik, sogardie privilegierten Gruppen am Rande der Not zu halten, denn einallgemeiner Verknappungszustand hebt die Bedeutung vonkleinen Privilegien hervor und vergrößert so den Unterschiedzwischen einer Gruppe und einer anderen. An demLebensstandard zu Anfang des zwanzigsten Jahrhundertsgemessen, führt selbst ein Mitglied der Inneren Partei ein hartes,arbeitsreiches Leben.Dennoch sieht seine Welt durch die paar Vorzüge, deren er sicherfreut – seine große, gut eingerichtete Wohnung, den besserenStoff seiner Anzüge, die bessere Qualität seines Essens, Trinkensund Tabaks, seine zwei oder drei Dienstboten, sein Privatautooder Helikopter –, anders aus als die eines Mitglieds der ÄußerenPartei, und die Mitglieder der Äußeren Partei genießen einenähnlichen Vorteil im Vergleich mit den von uns als »Proles«bezeichneten, entwurzelten Massen.Die soziale Atmosphäre gleicht der einer belagerten Stadt, in derder Besitz eines Stückes Pferdefleisch den Unterschied zwischenReichtum und Armut bedeutet. Gleichzeitig läßt dasBewusstsein, im Kriegszustand und deshalb in Gefahr zu sein, es 218
  • 219. als die natürliche, unvermeidliche Bedingung für ein Weiterlebenerscheinen, die gesamte Macht in die Hände einer kleinenGruppe von Mächtigen zu legen.Der Krieg erfüllt nicht nur, wie man sehen wird, das notwendigeZerstörungswerk, sondern erfüllt es auch in einer psychologischannehmbaren Weise.Im Prinzip wäre es ganz einfach, die überschüssige Arbeit derWelt dadurch verpuffen zu lassen, daß man Tempel undPyramiden baut, Löcher gräbt und sie wieder zuschüttet, odersogar große Mengen von Gütern erzeugt und sie dann verbrennt.Aber damit wäre nur die wirtschaftliche, nicht aber diegefühlsmäßige Basis für die heutige Gesellschaftsordnunggeschaffen. Es geht hier nicht um die Moral der Massen, derenEinstellung unwichtig ist, solange sie fest bei der Arbeit gehaltenwerden, sondern um die Moral der Partei selbst.Sogar von dem einfachsten Parteimitglied wird erwartet, daß esin engen Grenzen fähig, fleißig, ja sogar klug ist, jedoch ist esebenfalls unerlässlich, daß der Betreffende ein gläubiger undunwissender Fanatiker ist, dessen hauptsächlicheGefühlsregungen Angst, Hass, Speichelleckerei und wilderTriumph sind.Mit anderen Worten, es ist notwendig, daß er eine demKriegszustand entsprechende Mentalität besitzt. Es spielt keineRolle, ob wirklich Krieg geführt wird, und da keinentscheidender Sieg möglich ist, kommt es nicht darauf an, obder Krieg gut oder schlecht verläuft. Es ist weiter nichts nötig, alsdaß Kriegszustand herrscht.Die verstandesmäßige Zweiteilung, die die Partei von ihrenMitgliedern verlangt und die leichter in einer Kriegsatmosphärezustande kommt, ist heute fast allgemein, aber je höher in denRängen man hinaufkommt, desto deutlicher wird sie. Gerade inder Inneren Partei sind Kriegshysterie und Feindhass amstärksten vertreten. In seiner Eigenschaft als Verwalter derMächtigen muß ein Mitglied der Inneren Partei oft wissen, daßdieser oder jener Punkt der Kriegsmeldungen unwahr ist, und er 219
  • 220. mag sich häufig bewusst sein, daß der ganze KriegSpiegelfechterei ist und entweder nicht stattfindet oder aus ganzanderen als den angeblichen Gründen ausgefochten wird: Aberdieses Wissen wird leicht durch die Anwendung desDoppeldenks neutralisiert.Mittlerweile schwankt kein Inneres Parteimitglied einenAugenblick in seinem mystischen Glauben, daß der Krieg echt istund mit einem Sieg enden muß, bei dem Ozeanien als derunbestrittene Beherrscher der ganzen Welt hervorgeht.Alle Mitglieder der Inneren Partei glauben an diese kommendeEroberung wie an einen Glaubensartikel. Sie wird entwederdadurch erreicht, daß man langsam mehr und immer mehrGebiete erobert und so eine erdrückende Machtüberlegenheitaufbaut, oder durch die Entdeckung einer neuen Waffe, gegendie es kein Abwehrmittel gibt.Die Suche nach neuen Waffen geht ununterbrochen weiter undist eine der wenigen übriggebliebenen Tätigkeiten, in denen derErfinder- oder Forschergeist sich Luft machen kann. In Ozeanienhat heutigen Tages die Wissenschaft im althergebrachten Sinnefast aufgehört zu existieren, denn die zu einer höheren Kultur,Technologie und Zivilisation fähigen Völker zerfallen in immerschnellerem Maße.Im Neusprech gibt es kein Wort für »Wissenschaft«! Dieempirische Denkweise, auf der alle wissenschaftlichenErrungenschaften der Vergangenheit fußten, widerspricht denfundamentalsten Prinzipien von Engsoz. Und sogar eintechnologischer Fortschritt wird nur erzielt, wenn seineErzeugnisse in irgendeiner Weise zur Beschränkung dermenschlichen Freiheit benützt werden können.In allen nutzbringenden Künsten steht die Welt entweder stilloder macht sogar einen Rückschritt. Die Äcker werden mitPferdepflug bestellt, während Bücher maschinell geschriebenwerden. Aber in lebenswichtigen Dingen – womit in WirklichkeitKrieg und Polizeibespitzelung gemeint sind – wird die 220
  • 221. empirische Einstellung auch heute noch ermutigt oderwenigstens geduldet.Die beiden Ziele der Partei und der sie leitendenHintergrundmächte sind, die ganze Erdoberfläche zu erobernund ein für allemal die Möglichkeit unabhängigen Denkensauszutilgen. Infolgedessen gibt es zwei große Probleme, derenLösung die Partei anstrebt. Das eine ist, die Gedanken einesanderen Menschen zu entdecken, ohne daß er sich dagegenwehren kann. Und das andere besteht in der Auffindung einesVerfahrens zur Tötung von mehreren hundert MillionenMenschen in ein paar Sekunden ohne vorhergehende Warnung.Soweit es noch wissenschaftliche Forschung gibt, ist dies ihrHauptgegenstand.Der heutige Wissenschaftler ist entweder eine Mischung vonPsychologe und Inquisitor, der mit ungewöhnlicherSorgfältigkeit die Bedeutung von Gesichtsausdrücken, Gebärdenund Stimmschwankungen studiert und die zu wahrheitsgemäßenAussagen zwingenden Wirkungen von Drogen, Schock-Therapie,Hypnose und körperlicher Folterung erprobt. Oder er ist einChemiker, Physiker oder Biologe, der sich nur mit solchen Fragenseines Spezialfaches beschäftigt, die auf die Vernichtung desLebens Bezug haben.In den ausgedehnten Laboratorien des Friedensministeriums undden großen, in den brasilianischen Wäldern oder deraustralischen Wüste oder auf den abgelegenen Inseln derAntarktis verborgenen Versuchsstationen sind Gruppen vonFachleuten unermüdlich am Werk. Manche sind lediglich mit derBewegungs-, Unterbringungs- und Verpflegungskundezukünftiger Kriege beschäftigt. Andere dagegen erfinden größereund immer größere Raketengeschosse, Explosivstoffe von immerverheerenderer Wirkung und immer undurchdringlichererPanzerung. Wieder andere suchen nach neuen und tödlicherenGasen oder auflösbaren Giften, die in solchen Mengen produziertwerden können, um damit die Vegetation ganzer Kontinente zu 221
  • 222. vernichten, oder nach Krankheitsbakterien, gegen die es keinimmun machendes Gegenmittel gibt.Andere bemühen sich, ein Fahrzeug zu konstruieren, das sichunter der Erde wie ein Unterseeboot unter Wasser fortbewegt,oder ein Flugzeug, das von seinem Stützpunkt so unabhängig istwie ein Segelschiff. Andere erforschen sogar noch ferner liegendeMöglichkeiten, wie zum Beispiel die Sonnenstrahlen in Tausendevon Kilometern im Raum entfernt aufgehängten Linsen zusammeln, oder durch Anzapfen des glühenden Erdinnerenkünstliche Erdbeben und Flutwellen hervorzurufen.Aber keines dieser Projekte kommt jemals der Verwirklichungnahe, und keiner der drei Superstaaten erlangt jemals einbedeutendes Übergewicht über die anderen. Nochbemerkenswerter ist, daß alle drei Mächte in der Atombombebereits eine weit gewaltigere Waffe besitzen, als einer ihrerderzeitigen Versuche jemals hervorzubringen verspricht. Wennauch die Partei gemäß ihrer Gewohnheit die Erfindung für sich inAnspruch nimmt, so traten die Atombomben bereits in denJahren nach 1940 erstmalig in Erscheinung und wurden zumerstenmal in großem Umfang etwa zehn Jahre späterangewendet. Zu der Zeit wurden einige hundert Bomben aufIndustriezentren, hauptsächlich im europäischen Rußland,Westeuropa und Nordamerika abgeworfen.Die dadurch erzielte Wirkung war, daß die führenden Kräftehinter den drei Superstaaten zu der Überzeugung gelangten, einpaar Atombomben mehr würden das Ende jeder geordnetenGesellschaft und damit ihrer eigenen Macht bedeuten. Danachwurden, obwohl nie ein formelles Abkommen getroffen oderangedeutet wurde, keine Atombomben mehr abgeworfen.Alle drei Mächte fahren lediglich fort, Atombomben herzustellenund sie für die entscheidende Gelegenheit aufzuspeichern, vonder sie alle glauben, daß sie früher oder später kommen wird.Und inzwischen ist die Kriegskunst dreißig oder vierzig Jahre sogut wie zum Stillstand gekommen. Helikopter werden mehrbenützt als früher, Bombenflugzeuge wurden größtenteils durch 222
  • 223. selbstgesteuerte Geschosse ersetzt, und das leicht verwundbarebewegliche Schlachtschiff ist der nahezu unversenkbarenSchwimmenden Festung gewichen; aber sonst hat sich wenigweiterentwickelt. Der Tank, das Unterseeboot, das Torpedo, dasMaschinengewehr, sogar das gewöhnliche Gewehr und dieHandgranate sind noch immer im Gebrauch. Und ungeachtet derendlosen in der Presse und durch den Televisor gemeldetenGemetzel fanden die verzweifelten Schlachten früherer Kriege, indenen oft sogar in ein paar Wochen Hunderttausende oder sogarMillionen von Menschen getötet wurden, nie eine Wiederholung.Keiner der drei Superstaaten unternimmt je eine Kriegshandlung,die das Gefahrenmoment einer ernsten Niederlage in sichschließt. Wenn eine große Kriegshandlung unternommen wird,so handelt es sich gewöhnlich um einen Überraschungsangriffgegen einen Verbündeten.Die Strategie, die alle drei Mächte verfolgen oder zu verfolgenglauben, ist die gleiche. Sie zielt darauf ab, sich durch einZusammenwirken von Kampfhandlungen, Verhandeln undzeitlich wohlberechnetem Verrat einen Ring von Stützpunkten zuschaffen, der den einen oder anderen der rivalisierenden Staatenvollkommen einkreist, und dann mit diesem Rivalen einenFreundschaftspakt zu schließen und so viele Jahre friedlicheBeziehungen mit ihm zu unterhalten, daß jeder Argwohneinschläft. Während dieser Zeit können mit Atombombengeladene Raketengeschosse an allen strategisch wichtigenPunkten gehortet werden; am Schluß werden sie alle gleichzeitigmit so verheerender Wirkung abgeschossen, daß eineWiedervergeltung unmöglich gemacht ist.Dann ist es Zeit, mit der übriggebliebenen Weltmacht inVorbereitung eines neuen Angriffs einen Freundschaftspakt zuschließen. Dieses Schema ist, wie kaum gesagt zu werdenbraucht, ein unmöglich zu verwirklichender Wunschtraum.Außerdem kommt es nie zu Kampfhandlungen, außer in den umden Äquator und den Pol gelegenen umstrittenen Gebieten: niewird ein Einfall in feindliches Gebiet unternommen. Das erklärt 223
  • 224. die Tatsache, daß an manchen Stellen die Grenzen zwischen denSuperstaaten willkürlich gezogen sind. Eurasien zum Beispielkönnte leicht die Britischen Inseln, die geographisch einenBestandteil Europas bilden, erobern. Oder andererseits wäre esfür Ozeanien möglich, seine Grenzen bis zum Rhein oder sogarbis zur Weichsel vorzuschieben.Doch das würde das System aus dem Gleichgewicht bringen,denn inzwischen haben sich die drei Superstaaten, derenführende Gruppen in einem schwankenden Verhältnis vonheimlicher Zusammenarbeit und offener Rivalität stehen, mit derPattsituation abgefunden und zugleich erkannt, das sienotwendig ist, um ihre Macht im Inneren aufrecht zu erhalten.Und noch eine Tatsache kommt hinzu, nämlich jene, daß dieLebensbedingungen in allen drei Superstaaten fast genau diegleichen sind. In Ozeanien wird die herrschendeWeltanschauung als Engsoz bezeichnet, in Eurasien heißt sieNeo-Bolschewismus, und in Ostasien wird sie durch einchinesisches Wort ausgedrückt, das gewöhnlich mit Sterbekultübersetzt, vielleicht aber treffender mit Auslöschung des eigenenIchs wiedergegeben wird. Vor allem die bolschewistischenBeherrscher Eurasiens und die führenden Kräfte Ozeanienskommen aus der gleichen Wurzel, wenn sie heute auch Rivalenim Kampf um die Weltmacht sind.Der einfache Bewohner Ozeaniens darf hingegen nichts von denGrundsätzen der beiden anderen Lebensanschauungen wissen,wird aber gelehrt, sie als barbarische Verstöße gegen Moral undgesunden Menschenverstand zu verabscheuen. In Wirklichkeitsind die drei Lebensanschauungen kaum voneinanderunterscheidbar, und die gesellschaftlichen Einrichtungen, zuderen Stütze sie dienen, unterscheiden sich überhaupt in keinerWeise. Überall findet sich der gleiche pyramidenförmige Aufbau,die gleiche Verehrung eines halbgöttlichen Scheinperson, diegleichen, durch und für dauernde Kriegführungvorgenommenen Sparmaßnahmen. 224
  • 225. Daraus folgt, daß die drei Superstaaten nicht nur einander nichtüberwinden können, sondern auch keinen Vorteil davon hätten.Im Gegenteil, solange sie in gespanntem Verhältnis zueinanderstehen, stützen sie sich gegenseitig wie drei aneinander gelehnteGetreidegarben. Und wie gewöhnlich, sind sich die herrschendenGruppen aller drei Mächte dessen, was sie tun, gleichzeitigbewusst und nicht bewusst.Ihr Leben ist der Welteroberung gewidmet, sie wissen aber auch,daß es notwendig ist, daß der Krieg ewig und ohne Endsiegfortdauert. Inzwischen macht die Tatsache, daß keine Gefahreiner Eroberung besteht, die Verleugnung der Wirklichkeitmöglich, die eines der besonderen Merkmale von Engsoz undseinen rivalisierenden Denksystemen ist. Hier muß das bereitsfrüher Gesagte wiederholt werden, wonach der Krieg dadurch,daß er zu einem Dauerzustand wurde, seinen Charaktergrundlegend geändert hat.In früheren Zeiten war ein Krieg fast seiner Definition nach schonetwas, das früher oder später zu einem Ende kam, gewöhnlich inForm eines klaren Sieges oder einer ebensolchen Niederlage.Auch war in der Vergangenheit der Krieg eines der Hauptmittel,um die Verbindung der menschlichen Gesellschaften mit dergegebenen Wirklichkeit aufrechtzuerhalten. Alle Machthaber inallen Zeitaltern haben stets versucht, ihren Anhängern ihreWeltbilder einzuimpfen, aber sie konnten es sich nicht leisten,eine Illusion zu ermutigen, die dazu angetan war, die militärischeStärke zu beeinträchtigen.Solange eine Niederlage gleichbedeutend war mit Verlust derUnabhängigkeit oder ein anderes unerwünschtes Ergebnis imGefolge hatte, mußte man ernstliche Vorkehrungen gegen eineNiederlage treffen. Greifbare Tatsachen konnten nicht außer Achtgelassen werden.In Philosophie, Religion, Ethik und Politik mochten wohl zweiplus zwei gleich fünf sein, aber wenn es sich um die Konstruktioneines Gewehrs oder eines Flugzeugs handelte, dann mußte esgleich vier sein. Untüchtige Nationen wurden immer früher oder 225
  • 226. später vernichtet, und der Kampf um die Leistungsfähigkeiterlaubte keine Illusionen. Außerdem mußte man, umleistungsfähig zu sein, aus der Vergangenheit lernen können, wasbedeutet, daß man eine ziemlich genaue Vorstellung von demhaben mußte, was sich in der Vergangenheit zugetragen hatte.Zeitungen und Geschichtsbücher waren freilich immer gefärbtund einseitig, aber Fälschungen von der heute üblichen Artwären unmöglich gewesen. Der Krieg war eine sichereBürgschaft für Vernunft, und was die herrschenden Klassenbetrifft, vielleicht das wichtigste aller Schutzmittel. SolangeKriege gewonnen oder verloren werden konnten, konnte keineKlasse ganz verantwortungslos sein.Aber wenn der Krieg buchstäblich ein Dauerzustand wird, dannhört er auch auf, gefährlich zu sein. Wenn Krieg einDauerzustand ist, dann gibt es so etwas wie eine militärischeNotwendigkeit nicht mehr. Technischer Fortschritt kannaufhören, und die offenkundigsten Tatsachen können geleugnetoder außer Acht gelassen werden.Wie wir gesehen haben, werden für Kriegszwecke zwar nochForschungen angestellt, die man als wissenschaftlich bezeichnenkönnte, aber in der Hauptsache handelt es sich dabei umPhantasiegespinste, und die Tatsache, daß sie kein Resultatzeitigen, ist unwichtig. Leistungsfähigkeit, sogar militärischeLeistungsfähigkeit, ist nicht mehr notwendig. Nichts in Ozeanienist leistungsfähig außer der Gedankenpolizei. Da jeder der dreiSuperstaaten uneinnehmbar ist, stellt jeder von ihnen im Effekteine Welt für sich dar, in der fast jede Gedankenverdrehungungestraft begangen werden kann.Die Wirklichkeit macht sich nur durch den Druck derAlltagserfordernisse bemerkbar – die Notwendigkeit zu essenund zu trinken, zu wohnen und sich zu kleiden, es zu vermeiden,Gift zu schlucken oder aus einem Dachfenster hinauszusteigen,und dergleichen. Zwischen Leben und Tod und zwischenkörperlichem Wohlbehagen und körperlichem Schmerz bestehtwohl noch ein Unterschied, aber das ist auch alles. Abgeschnitten 226
  • 227. von der Berührung mit der Außenwelt und der Vergangenheit,gleicht der Bürger Ozeaniens einem Menschen iminterplanetarischen Raum, der keinen Anhaltspunkt hat, inwelcher Richtung oben oder unten ist.Die Machthaber eines solchen Staates sind so absolut, wie es diePharaonen oder Caesaren nicht sein konnten. Sie müssenverhindern, daß ihre Anhänger in einer Zahl verhungern, diegroß genug ist, um unbequem zu werden, und dafür Sorgetragen, daß sie auf dem gleichen Tiefstand militärischer Technikstehen bleiben wie ihre Rivalen. Sind aber erst einmal dieseMinimalforderungen erfüllt, dann können sie der Wirklichkeitjede von ihnen gewünschte Gestalt geben.Der Krieg ist demnach, wenn wir nach den Maßstäben frühererKriege urteilen, lediglich ein Schwindel. Es ist das gleiche wie dieKämpfe zwischen gewissen Wiederkäuern, deren Hörner ineinem solchen Winkel gewachsen sind, daß sie einander nichtverletzen können.Wenn er aber auch nur ein Scheingefecht ist, so ist er doch nichtzwecklos. Durch ihn wird der Überschuss von Gebrauchsgüternverbraucht, und er hilft die besondere geistige Atmosphäreaufrechtzuerhalten, die die Mächtigen benötigen, umunangetastet zu bleiben.Der Krieg ist jetzt, wie man sehen wird, eine rein innenpolitischeAngelegenheit. In der Vergangenheit kämpften Gruppen oderNationen, wenn sie auch ihr gemeinsames Interesse erkennenund deshalb die Zerstörungswirkung des Krieges beschränkenmochten, doch eine gegen die andere, und immer brandschatzteder Sieger den Besiegten. Heutzutage kämpfen sie überhauptnicht gegeneinander.Der Krieg wird von jeder herrschenden Gruppe gegen ihreeigenen Anhänger geführt, und das Kriegsziel ist nicht,Gebietseroberungen zu machen oder zu verhindern, sondern dievon ihnen beherrschten Massen weiterhin unter Kontrolle zuhaben. 227
  • 228. Infolgedessen ist schon das Wort »Krieg« irreführend geworden.Es wäre vermutlich richtig zu sagen, der Krieg habe dadurch, daßer ein Dauerzustand wurde, aufgehört zu existieren. Dercharakteristische Druck, den er zwischen dem späterenSteinzeitalter und dem anfänglichen zwanzigsten Jahrhundertauf die Menschen ausgeübt hat, ist verschwunden und wurdedurch etwas ganz anderes ersetzt. Die Wirkung wäre die gleiche,wenn die drei Superstaaten, anstatt einander zu bekämpfen,übereinkämen, in dauerndem Friedenszustand zu leben, wobeijeder Block sein Territorium erhält und die dort herrschendenGruppen weiterhin an der Macht bleiben.Denn in diesem Falle wäre jeder Superstaat eine in sichabgeschlossene Welt, für immer von dem hemmenden Einflußeiner von außen drohenden Gefahr befreit, während dieherrschenden Kräfte der Blöcke zugleich die Völker der Erdezusammen beherrschen würden. Ein wirklich dauerhafter Friedewäre das gleiche wie dauernder Krieg. Das ist – wenn auch diegroße Mehrheit der Parteimitglieder es nur in einem seichterenSinne versteht – der tiefere Sinn des Parteischlagwortes: Kriegbedeutet Frieden.Winston unterbrach einen Augenblick seine Lektüre. Irgendwo inweiter Ferne donnerte eine Raketenbombe. Das Glücksgefühl, mitdem verbotenen Buch allein in einem Zimmer zu sein, in dem eskeinen Televisor gab, hatte ihn noch nicht verlassen. Einsamkeitund Geborgenheit waren Wohltaten, die sich irgendwie mit derMüdigkeit seines Körpers, der Weichheit des Stuhles, demdurchs Fenster kommenden leisen Luftzug, der seine Wangestreichelte, vermischten. Das Buch fesselte oder, genauer gesagt,beruhigte ihn. In gewissem Sinne sagte es ihm nichts Neues, aberdas gehörte zu seinem besonderen Reiz. Es schilderte, was aucher gesagt hätte, wenn er seine wirren Gedanken hätte ordnenkönnen. Es war das Produkt eines Geistes, der dem seinigenähnelte, nur daß er viel, viel stärker, systematischer und wenigerverängstigt war. Die besten Bücher, erkannte er, sind die, welche 228
  • 229. einem vor Augen führen, was man bereits weiß. Er hatte geradezum ersten Kapitel zurückgeblättert, als er Julias Schritte auf derTreppe hörte und von seinem Stuhl aufsprang, um sie zuempfangen. Sie stellte ihre braune Werkzeugtasche auf denBoden ab und warf sich in seine Arme. Es war mehr als eineWoche her, seitdem sie einander zuletzt gesehen hatten.»Ich habe das Buch«, sagte er, als sie sich voneinanderfreimachten.»So, hast dus? Schön«, sagte sie ohne viel Interesse und knietefast sogleich neben dem Petroleumkocher nieder, um Kaffee zumachen.Sie kamen erst wieder auf das Thema zurück, als sie bereits einehalbe Stunde im Bett lagen. Der Abend war gerade kühl genug,daß es sich lohnte, die Steppdecken hochzuziehen. Von druntenerschallte der vertraute Gesang und das Scharren von Schuhenauf den Steinplatten. Die muskulöse Frau mit den roten Armen,die Winston bei seinem ersten Besuch dort gesehen hatte, warfast ein Inventarstück des Hofes.Es schien keine Tagesstunde zu geben, zu der sie nicht zwischenWaschzuber und Wäscheleine hin und her ging, wobei sie sichabwechselnd mit Wäscheklammern den Mund vollstopfte undschmalzige Lieder anstimmte.Julia hatte sich auf die Seite gekuschelt und schien bereits imBegriff einzuschlafen. Er griff nach dem Buch, das auf demFußboden lag, und setzte sich, gegen das Kopfteil des Bettesgelehnt, auf.»Wir müssen es lesen«, sagte er. »Du auch. Alle Mitglieder derBrüderschaft müssen es lesen.«»Lies du es«, sagte sie mit geschlossenen Augen. »Lies es lautvor. Das ist die beste Methode. Dann kannst du es mir gleichdabei erklären.«Die Uhrzeiger deuteten auf sechs, was soviel hieß wie achtzehnUhr. Sie hatten noch drei oder vier Stunden vor sich. Er stütztedas Buch gegen seine Knie und begann zu lesen: 229
  • 230. 1. Kapitel Unwissenheit ist StärkeSeit Beginn der geschichtlichen Überlieferung, und vermutlichseit dem Ende des Steinzeitalters, gab es auf der Welt gemäß derkollektivistischen Ideologie drei soziale Gruppen: die Ober-, dieMittel- und die Unterschicht. Sie waren mehrfach unterteilt,führten zahllose verschiedene Namensbezeichnungen, undsowohl ihr Zahlenverhältnis wie ihre Einstellung zueinanderwandelten sich von einem Jahrhundert zum anderen: DieGrundstruktur der menschlichen Gesellschaft jedoch hat sich niegewandelt. Sogar nach gewaltigen Umwälzungen und scheinbarunwiderruflichen Veränderungen hat sich immer wieder diegleiche Ordnung durchgesetzt, ganz so wie ein Kreisel immerwieder das Gleichgewicht herzustellen bestrebt ist, wie sehr manihn auch nach der einen oder anderen Seite neigt…»Julia, bist du noch wach?« fragte Winston.»Ja, Liebster, ich höre. Lies weiter. Es ist wundervoll.«Er fuhr zu lesen fort: Die Ziele dieser drei Gruppen sindmiteinander vollkommen unvereinbar. Das Ziel der Oberen ist,sich da zu behaupten, wo sie sind. Das der Mittelklasse, mit denOberen den Platz zu tauschen. Das der Unteren, wenn sieüberhaupt ein Ziel haben – denn es ist ein bleibendesCharakteristikum der Unteren, daß sie durch die Mühsal zuzermürbt sind, um etwas anderes als hin und wieder ihrAlltagsleben ins Bewusstsein dringen zu lassen –, besteht darin,alle Unterschiede abzuschaffen und eine Gesellschaft ins Lebenzu rufen, in der alle Menschen „gleich“ sind.So wiederholt sich die ganze Geschichte hindurch ein in seinenGrundlinien gleicher Kampf wieder und immer wieder. Währendlangen Zeitspannen scheinen die Oberen sicher an der Macht zusein, aber früher oder später kommt immer ein Augenblick, indem sie entweder ihren Selbstglauben oder ihre Fähigkeit, strengzu regieren, oder beides verlieren. Dann werden sie von denAngehörigen der Mittelklasse gestürzt, die die Unteren auf ihreSeite ziehen, indem sie ihnen vormachen, für Freiheit und 230
  • 231. Gerechtigkeit zu kämpfen. Sobald sie ihr Ziel erreicht haben,drängen die Angehörigen der Mittelklasse die Unteren wieder inihre alte Knechtschaftsstellung zurück, und sie selber werden dieOberen. Bald darauf spaltet sich von einer der anderen Gruppenoder von beiden eine neue Mittelgruppe ab, und der Kampfbeginnt wieder von vorne. Von den drei Gruppen gelingt es nurden Unteren nie, auch nur zeitweise ihre Ziele zu erreichen.Es wäre eine Übertreibung, zu sagen, daß im Verlauf derGeschichte kein materieller Fortschritt erzielt worden sei. Sogarheutzutage, in einer Periode des Niedergangs, ist derDurchschnittsmensch physisch besser daran, als er es vor einpaar Jahrhunderten war. Aber keine Steigerung des Wohlstandes,keine Milderung der Sitten, keine Reform oder Revolution hat dieGleichheit der Menschen jemals auch nur um einen Millimeternähergebracht. Vom Gesichtspunkt der Unteren aus hat keingeschichtlicher Wandel jemals viel anderes bedeutet als eineÄnderung der Namen ihrer Herren.So war es auch im Falle der kollektivistischen Revolution, inderen Verlauf der Superstaat Ozeanien erst entstanden ist. Warendie heute herrschenden Kräfte schon zu Beginn des 20.Jahrhunderts in den ehemaligen Vereinigten Staaten, Englandund in den meisten Staaten Europas im Besitz der Geldmachtund der Presse, so waren auch sie es, die letztendlich diekollektivistische Revolution durchführten und finanzierten.Sie brachten sich damit vollständig in den Besitz aller materiellenGüter und Rohstoffe der wichtigsten Nationen der Erde undbegannen nun diese diktatorisch zu beherrschen. Die Auflösungaller Traditionen, Kulturen und Völker ist eine bereits seit langemgeplante Folge der kollektivistischen Revolution.In der Vergangenheit war die Notwendigkeit einerhierarchischen Gesellschaftsform bereits die von den Oberenvertretene Doktrin gewesen. Sie war von Königen, Adeligen undPriestern, den mit der Rechtsprechung Betrauten und ähnlichenLeuten, die von ihnen schmarotzten, gepredigt und gewöhnlichdurch Versprechungen einer Vergeltung in einer imaginären 231
  • 232. Welt jenseits des Grabes schmackhafter gemacht worden. DieMitte hatte immer, solange sie um die Macht kämpfte, Parolenwie Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit im Munde geführt.Jetzt jedoch begann die Auffassung menschlicher Brüderlichkeiteiner Kritik von Menschen unterzogen zu werden, die noch keineherrschende Stellung innehatten, sondern lediglich hofften, baldsoweit zu sein.In der Vergangenheit hatte die Mitte Revolutionen unter demBanner der Gleichheit gemacht und dann eine neue Tyranneiaufgerichtet, sobald die alte gestürzt war. Die neuenMittelgruppen proklamierten ihre Tyrannei im Voraus. Dieseunzufriedene Mitte wurde jedoch schon von Beginn an von denim Hintergrund herrschenden Kräften instrumentalisiert und zurRevolution angestachelt.Der Sozialismus, eine Theorie, die anfangs des neunzehntenJahrhunderts auftauchte und das letzte Glied einerGedankenkette war, die zu den Sklavenaufständen des Altertumszurückreichte, war noch heftig von dem Utopismus vergangenerZeitalter infiziert. Aber in jeder von 1900 an sich geltendmachenden Spielart von Sozialismus wurde das Ziel, „Freiheitund Gleichheit“ einzusetzen, immer unumwundener aufgegeben.Die neuen Bewegungen, die um die Mitte des Jahrhundertsauftauchten, nämlich Engsoz in Ozeanien, Neo-Bolschewismus inEurasien, Sterbekult, wie er gewöhnlich bezeichnet wird, inOstasien, setzten es sich bewußt zum Ziel, Unfreiheit undUngleichheit zu einem Dauerzustand zu machen.Diese neuen Bewegungen gingen natürlich aus den alten hervorund neigten dazu, deren Namen beizubehalten und ihrenIdeologien Lippenlob zu zollen. Aber alle zielten darauf ab, demFortschritt Einhalt zu gebieten und die Geschichte in einementsprechenden Augenblick für immer zum Stillstand zubringen. Das übliche Ausschlagen des Pendels sollte noch einmalvor sich gehen, und dann sollte es stehen bleiben. Wiegewöhnlich sollten die Oberen von den Mittleren verdrängtwerden, die damit die Oberen wurden. Aber diesmal würden die 232
  • 233. Oberen durch eine bewusste Strategie imstande sein, ihreStellung für immer zu behaupten. Zudem standen hinter denRevolutionären ja die im Hintergrund herrschenden Kräfte derinternationalen Finanz, so dass die Staatsoberhäupter, die ja auchschon vor der Revolution von jenen abhängig waren, in gewisserHinsicht nur formal entmachtet wurden.Demnach hatte die durch die kollektivistische Revolutiongefestigte und mit brutaler Gewalt verteidigte Stellung inWahrheit die Aufgabe, den hinter den Revolutionären stehendenKräften die Herrschaft über die Völker dauerhaft zu sichern.Die neuen Lehren traten nun infolge der Anhäufung historischenWissens und des zunehmenden Verständnisses für Geschichte,das es vor dem neunzehnten Jahrhundert kaum gegeben hatte, inErscheinung. Die zyklische Bewegung der Geschichte war jetzterkennbar oder schien es wenigstens zu sein. Und wenn sieerkennbar war, dann konnte man sie auch ändern. Aber derhauptsächliche, tiefere Grund lag darin, daß bereits anfangs deszwanzigsten Jahrhunderts ein allgemein gleich hoher Wohlstandtechnisch möglich geworden war.Es ist jedoch eine bewiesene Tatsache, daß die Menschen nicht„gleich“ sind in ihren angeborenen Begabungen und daß für dieErfüllung bestimmter Aufgaben eine Auswahl der von Natur ausFähigen getroffen werden mußte, durch die einzelne gegenüberanderen bevorzugt wurden.Aber es bestand dennoch keine wirkliche Notwendigkeit mehrfür größere Besitzunterschiede. In früheren Zeiten warenBesitzunterschiede nicht nur unvermeidbar, sondern sogarerwünscht gewesen. Ungleichheit war der Preis der Zivilisation.Mit der Weiterentwicklung der maschinellen Produktion ändertesich jedoch die Sachlage. Sogar wenn die Menschen noch die eineoder andere Arbeit selbst verrichten mußten, so brauchten siedoch nicht mehr auf verschiedenen sozialen oder wirtschaftlichenStufen zu stehen.Deshalb war vom Gesichtspunkt der neuen Gruppen, die imBegriff standen, die Macht zu ergreifen, Besitzgleichheit kein 233
  • 234. erstrebenswertes Ideal mehr, sondern vielmehr eine Gefahr, dieverhütet werden mußte. In primitiveren Zeitaltern, als einegerechte und friedliche Gesellschaftsordnung tatsächlich nichtmöglich war, war es ganz leicht gewesen, daran zu glauben. DieVorstellung eines irdischen Paradieses, in dem die Menschenohne Gesetze und ohne harte Arbeit in einemVerbrüderungszustand leben sollten, hatte der menschlichenPhantasie Tausende von Jahren vorgeschwebt. Und diese Visionhatte sogar noch einen gewissen Einfluß auf jene Gruppenausgeübt, die in Wirklichkeit aus jeder geschichtlichenVeränderung Vorteile zogen.Die Erben der französischen, englischen und amerikanischenRevolutionen hatten teilweise an ihre eigenen Phrasen von„Menschenrechten“, „freier Meinungsäußerung“, „Gleichheit vordem Gesetz“ und dergleichen mehr geglaubt und hatten sogarihr Verhalten bis zu einem gewissen Grade davon beeinflussenlassen.Das irdische Paradies war genau in dem Augenblick in Mißkreditgeraten, in dem es sich verwirklichen ließ, wobei die treibendenKräfte der Weltpolitik natürlich niemals selbst an diese Parolengeglaubt hatten und sie lediglich dazu benutzten, umrevolutionäre Unruhen zu schüren und ihre eigene totaleHerrschaft über die Völker aufzurichten.Jede neue politische Theorie, wie immer sie sich nannte, führteschließlich zu Klassenherrschaft und Reglementierung. Und beider ungefähr um das Jahr 1930 einsetzenden Vergröberung dermoralischen Auffassung wurden Praktiken, die seit langemaufgegeben worden waren, in manchen Fällen seit Hundertenvon Jahren – wie Inhaftierung ohne Gerichtsverhandlung, dieVerwendung von Kriegsgefangenen als Arbeitssklaven,öffentliche Hinrichtungen, Folterung zur Erpressung vonGeständnissen, das Gefangennehmen von Geiseln und dieDeportation ganzer Bevölkerungsteile –, nicht nur wiederallgemein, sondern auch von Menschen geduldet und sogarverteidigt, die sich für aufgeklärt und fortschrittlich hielten. 234
  • 235. Erst nach einem Jahrzehnt der Bürgerkriege, Revolutionen undGegenrevolutionen in allen Teilen der Welt traten Engsoz undseine Rivalen als sich voll auswirkende politische Doktrinenhervor. Welche Gruppe in dieser Welt fortan die Macht ausübensollte, war gleicherweise offensichtlich gewesen. Die neueHerrenschicht setzte sich zum größten Teil aus Bürokraten,Wissenschaftlern, Technikern, Gewerkschaftsfunktionären,Propagandafachleuten, Soziologen, Lehrern, Journalisten undBerufspolitikern zusammen, die als Verwalter und Handlangerder hinter ihnen stehenden wirklichen Fädenzieher derWeltpolitik fungierten.Diese Menschen, die aus dem Lohn empfangenden Mittelstandund der gehobenen Arbeiterschaft stammten, waren durch diedürre Welt der Monopol-Industrie und das gesellschaftlicheChaos zusammengeführt worden. Mit ihren Gegenstücken infrüheren Generationen verglichen, waren sie wenigerbesitzgierig, weniger auf Luxus versessen, mehr nach bloßerMacht hungrig, und vor allem sich ihres Handelns mehr bewußtund mehr darauf bedacht, die Opposition zu vernichten.Dieser letztere Unterschied war grundlegend. Im Vergleich mitder heute herrschenden waren alle Tyranneien derVergangenheit lau und unwirksam.Die herrschenden Gruppen waren immer bis zu einem gewissenGrade von liberalen Ideen infiziert und damit zufrieden gewesen,überall ein Hintertürchen offen zu lassen, um nur dieoffenkundige Tat ins Auge zu fassen und sich nicht darum zukümmern, was ihre Untertanen dachten. Sogar die katholischeKirche des Mittelalters war, nach neuzeitlichen Maßstäbengemessen, duldsam. Ein teilweiser Grund hierfür war, daß in derVergangenheit keine Regierung die Macht besaß, ihre Bürgerunter dauernder Überwachung zu halten. Die Erfindung derBuchdruckerkunst machte es jedoch leichter, die öffentlicheMeinung zu beeinflussen, und Film und Radio förderten diesenProzeß noch weiter. Mit der Entwicklung des Fernsehens und beidem technischen Fortschritt, der es ermöglichte, mit Hilfe 235
  • 236. desselben Instruments gleichzeitig zu empfangen und zu senden,war das Privatleben zu Ende. Jeder Bürger oder wenigstens jederBürger, der wichtig genug war, um einer Überwachung für wertbefunden zu werden, konnte vierundzwanzig Stunden des Tagesden Argusaugen der Polizei und dem Getrommel der amtlichenPropaganda ausgesetzt gehalten werden, während ihm zugleichalle anderen Informationsquellen verschlossen blieben.Jetzt, zum ersten Mal, bestand die Möglichkeit, allen Untertanennicht nur vollkommenen Gehorsam gegenüber dem Willen desStaates, sondern auch vollkommene Meinungsgleichheitaufzuzwingen. Nach der revolutionären Periode der fünfzigerund sechziger Jahre gruppierte sich die menschliche Gesellschaftwie immer wieder in eine Ober-, eine Mittel- und eineUnterschicht.Aber die neue Oberschicht handelte anders als ihre Vorläufer,nicht aus dem Instinkt heraus, sondern wußte, was nötig war, umihre Stellung zu behaupten. Man war seit langemdahintergekommen, daß die einzig sichere Grundlage einerOligarchie im Kollektivismus besteht. Wohlstand und Vorrechtewerden am leichtesten verteidigt, wenn sie Gemeinbesitz sind.Die sogenannte »Abschaffung des Privateigentums«, die um dieMitte des Jahrhunderts vor sich ging, bedeutete in derAuswirkung die Konzentration allen Besitzes in den Händengenau jener, die die Revolution bereits vorbereitet, finanziert unddurchgeführt hatten.Als einzelnem gehört keinem Parteimitglied etwas, außer seinerunbedeutenden persönlichen Habe. Kollektiv gehört in Ozeaniender Partei alles, da sie alles kontrolliert und über die Erzeugnissenach Gutdünken verfügt. In den auf die Revolution folgendenJahren konnte sie nahezu widerstandslos diese beherrschendeStellung einnehmen, da das ganze Verfahren als eineKollektivhandlung hingestellt wurde. Man hatte immerangenommen, daß nach der Enteignung der Kapitalistenklasseder Sozialismus nachfolgen müsse: Und die Kapitalisten warenfraglos enteignet worden. Fabriken, Bergwerke, Land, Häuser, 236
  • 237. Transportmittel – alles war ihnen weggenommen worden: undda diese Dinge nicht mehr Privateigentum waren, folgte, daß sieöffentlicher Besitz sein mußten. Engsoz, der aus der früherensozialistischen Bewegung hervorging und das Erbe ihrerPhraseologie antrat, hat in der Tat den Hauptpunkt dessozialistischen Programms zur Durchführung gebracht, mit demvorhergesehenen und gewünschten Ergebnis, daß wirtschaftlicheUngleichheit zu einem Dauerzustand wurde.Aber die Probleme, eine derartige Gesellschaftsordnung fürimmer einzusetzen, liegen tiefer. Es gibt nur vier Möglichkeiten,auf die eine herrschende Gruppe der Macht verlustig gehenkann. Entweder wird sie von außen überwunden; oder sie regiertso ungeschickt, daß die Massen zu einer Erhebung aufgerütteltwerden; oder sie läßt eine starke und unzufriedene Mittelschichtaufkommen; oder aber sie verliert ihr Selbstvertrauen und dieLust am Regieren. Diese Gründe wirken nicht vereinzelt, und inder Regel sind alle vier von ihnen in gewissem Grade vorhanden.Eine herrschende Gruppe, die sich gegen sie alle schützenkönnte, bliebe dauernd an der Macht. Letzten Endes ist derentscheidende Faktor die geistige Einstellung der herrschendenGruppe selbst.Nach Mitte des gegenwärtigen Jahrhunderts war die erste Gefahrin Wirklichkeit verschwunden. Jede der drei Mächte, die sichheute in die Welt teilen, ist faktisch unüberwindlich und könntenur durch langsame Änderungen in der Zusammensetzung ihrerBevölkerung, die eine Regierung mit weitgehender Macht leichtabwenden kann, überwindlich gemacht werden. Die zweiteGefahr ist ebenfalls nur eine theoretische. Die Massen revoltierenniemals aus sich selbst heraus und lehnen sich nie nur deshalbauf, weil sie unterdrückt werden. Tatsächlich werden sie sich,solange man ihnen keine Vergleichsmaßstäbe zu haben erlaubt,überhaupt nie auch nur bewußt, daß sie unterdrückt sind.Die immer wiederkehrenden Wirtschaftskrisen vergangenerZeiten waren vollständig unnötig und dürfen jetzt nichteintreten, aber andere und ebenso grundlegende Verschiebungen 237
  • 238. können eintreten und treten ein, ohne politische Folgen zu haben,denn es gibt keinen Weg, auf dem sich die Unzufriedenheit lautäußern könnte. Was das Problem der Überproduktion anbelangt,das in unserer Gesellschaftsordnung seit der Entwicklung derMaschinentechnik latent war, so ist es durch den Kunstgriffdauernder Kriegführung gelöst worden (siehe drittes Kapitel),die sich auch als nützlich erweist, um die allgemeine Moral zurnötigen Hochstimmung anzufeuern.Daher besteht von dem Gesichtspunkt unserer gegenwärtigenMachthaber aus die einzige wirkliche Gefahr in der Abspaltungeiner neuen Gruppe von begabten, nicht genügend ausgefüllten,machthungrigen Menschen und dem Zunehmen vonFreiheitsdrang und Skeptizismus in ihren eigenen Reihen. DasProblem ist daher sozusagen erzieherischer Natur. Es bestehtdarin, dauernd das Denken sowohl der leitenden Gruppe alsauch der größeren, unmittelbar nach ihr folgenden ausführendenGruppe zu formen. Das Denken der Massen braucht nur innegativer Weise beeinflusst zu werden.Wenn man diesen Hintergrund kennt, so könnte man sich, wennes einem nicht schon bekannt wäre, das Aussehen derallgemeinen Struktur der Gesellschaft Ozeanienszusammenreimen. An der Spitze der Pyramide steht der GroßeBruder, wobei er gleichzeitig symbolisch für die im Hintergrundherrschenden Kräfte steht. Der Große Bruder ist unfehlbar undallmächtig. Jeder Erfolg, jede Leistung, jeder Sieg, jedewissenschaftliche Entdeckung, alles Wissen, alle Weisheit, allesGlück, alle Tugend werden unmittelbar seiner Führerschaft undEingebung zugeschrieben. Niemand hat je den Großen Brudergesehen.Er ist ein Gesicht an den Litfasssäulen, eine Stimme am Televisor.Wir können billigerweise sicher sein, daß er nie sterben wird, undes besteht bereits beträchtliche Unsicherheit in bezug auf dasDatum seiner Geburt. Der Große Bruder ist die Vermummung, inder die Partei vor die Welt zu treten beschließt. Seine Funktionbesteht darin, als Sammelpunkt für Liebe, Furcht und Verehrung 238
  • 239. zu dienen, Gefühle, die leichter einem einzelnen Menschen alseiner Organisation entgegengebracht werden. Nach dem GroßenBruder kommt die Innere Partei, die ihrer Zahl nach nur sechsMillionen Mitglieder oder etwas weniger als zwei Prozent derBevölkerung Ozeaniens umfaßt.Nach der Inneren Partei kommt die Äußere Partei, die, wennman die Innere Partei als das Gehirn des Staates bezeichnet,berechtigterweise mit dessen Händen verglichen wird. Danachkommen die dumpfen Massen, die wir gewöhnlich als »dieProles« bezeichnen, der Zahl nach ungefähr fünfundachtzigProzent der Bevölkerung.In der Bezeichnung unserer früheren Klassifizierung sind dieProles die Unterschicht; denn die Sklavenbevölkerung deräquatorialen Länder, die ständig von einem Eroberer zumanderen wechseln, ist kein dauernder und notwendiger Teil derStruktur. Die Proles selbst sind ein in sich nicht einheitlicher Breiaus Individuen verschiedenster Herkunft, die kein festeskulturelles oder nationales Volksbewusstsein mehr haben unddaher kaum fähig zu einem gemeinsamen Widerstand sind.Im Prinzip ist die Zugehörigkeit zu diesen drei Gruppen nichterblich. Das Kind von Eltern, die zur Inneren Partei gehören, istin der Theorie nicht in die Innere Partei hineingeboren. DieAufnahme in eine der beiden Gliederungen der Partei findet aufGrund einer im Alter von sechzehn Jahren abzulegendenPrüfung statt.Auch gibt es dort keine Rassenunterschiede, so wenig wie eineausgesprochene Vorherrschaft einer Provinz gegenüber eineranderen. Juden, Neger, Südamerikaner von rein indianischemGeblüt sind in den höchsten Stellen der Partei zu finden.Die Schaffung einer wurzellosen, dienenden Masse ohne Rassen-,Geschlechts- und Volkszugehörigkeit, wie auch ohne kulturelleIdentität, ist zudem das erklärte Ziel der Partei, denn dieUneinheitlichkeit der Masse ist stets gegenüber der starrenEinheitlichkeit der ozeanischen Führungsschicht im Nachteil. 239
  • 240. In keinem Teil Ozeaniens haben die Bewohner das Gefühl, einevon einer fernen Hauptstadt aus regierte Kolonialbevölkerung zusein. Ozeanien hat keine Hauptstadt, und sein nominellesOberhaupt ist ein Mensch, dessen Aufenthaltsort niemand kennt.Abgesehen davon, daß Englisch seine Umgangssprache ist undNeusprech seine Amtssprache, ist es in keiner Weise zentralisiert.Seine wahren Machthaber bleiben immer die Gleichen, währendihre direkten Diener, also die Angehörigen der Inneren undÄußeren Partei, durch ihre Ideologie fest verbunden sind.Demnach ist unsere Gesellschaft geschichtet, und zwar sehrstreng geschichtet nach einer Ordnung, die auf den ersten Blicknach den Richtlinien der Vererbung ausgerichtet zu sein scheint.Es gibt weit weniger Hin und Her zwischen den verschiedenenGruppen, als unter dem Kapitalismus oder sogar in denvorindustriellen Zeitaltern stattfand. Zwischen den beidenGliederungen der Partei findet ein gewisser Austausch statt, abernur gerade so viel, um zu gewährleisten, daß Schwächlinge ausder Inneren Partei ausgeschlossen und ehrgeizige Mitglieder derÄußeren Partei unschädlich gemacht werden dadurch, daß manihnen emporzusteigen erlaubt.Proletariern wird in der Praxis nicht gestattet, in die Parteiaufzurücken. Die begabtesten unter ihnen, die möglicherweiseeinen Unruheherd schaffen könnten, werden ganz einfach vonder Gedankenpolizei vorgemerkt und liquidiert. Aber dieserStand der Dinge ist nicht notwendigerweise ein Dauerzustand,auch ist er kein Prinzip. Die Partei ist keine Klasse imalthergebrachten Sinne des Wortes. Sie zielt nicht darauf ab, dieMacht auf ihre eigenen Kinder als solche zu übertragen; nurwenn es keinen anderen Weg gäbe, die fähigsten Menschen ander Spitze zu halten, so wäre sie durchaus bereit, eine ganz neueGeneration aus den Reihen des Proletariats zu rekrutieren. In denkritischen Jahren trug die Tatsache, daß die Partei keine erblicheKörperschaft war, viel zur Ausschaltung der Opposition bei. EinSozialist vom alten Gepräge, der darauf gedrillt worden war,gegen etwas, das man »Klassenvorrechte« nannte, zu kämpfen, 240
  • 241. nahm an, was nicht erblich ist, könne auch nicht dauernd sein. Ererkannte nicht, daß die Kontinuität einer Oligarchie keineleibliche zu sein braucht, auch hielt er sich nicht mit derÜberlegung auf, daß erbliche Adelsherrschaften immer kurzlebigwaren, während allen Menschen zugängliche Organisationen wiedie katholische Kirche manchmal Hunderte oder Tausende vonJahren Bestand hatten.Das Wesentliche der oligarchischen Herrschaft ist nicht dieVererbung vom Vater auf den Sohn, sondern der Fortbestandeiner gewissen Weltanschauung und einer gewissenLebensweise, die von den Toten den Lebenden aufoktroyiertwerden. Eine herrschende Gruppe ist so lange eine herrschendeGruppe, als sie ihre Nachfolger bestimmen kann. Der Partei gehtes nicht darum, ewig ihr Blut, sondern sich selbst ewig zubehaupten. Wer die Macht ausübt, ist nicht wichtig,vorausgesetzt, daß die hierarchische Struktur immer dieselbebleibt.Alle für unsere Zeit charakteristischen Überzeugungen,Gewohnheiten, Geschmacksrichtungen, Meinungen, geistigenEinstellungen sind in Wirklichkeit dazu bestimmt, das Mystischeder Partei aufrechtzuerhalten und zu verhindern, daß die wahreNatur der heutigen Gesellschaftsordnung erkannt wird.Leibliche Auflehnung oder jeder auf Auflehnung abzielendeSchritt ist gegenwärtig nicht möglich. Von den Proletariern istnichts zu befürchten. Sich selbst überlassen, werden sie vonGeneration zu Generation und von Jahrhundert zu Jahrhundertfortfahren zu arbeiten, Kinder in die Welt zu setzen und zusterben, nicht nur ohne jeden Antrieb, zu rebellieren, sondernohne sich auch nur vorstellen zu können, daß die Welt anderssein könnte, als sie ist.Zudem sind sie ein geistloser Brei ohne jede Art von Führung. Siekönnten nur gefährlich werden, wenn die fortschreitendeEntwicklung der industriellen Technik es notwendig machensollte, ihnen eine höhere Erziehung angedeihen zu lassen; aber dadie militärische und merkantile Konkurrenz keine Bedeutung 241
  • 242. mehr hat, ist das Niveau der öffentlichen Erziehung im Sinkenbegriffen. Welche Ansichten die Massen vertreten oder nichtvertreten, wird als belanglos angesehen. Man darf ihnen getrostgeistige Freiheit einräumen, denn sie haben keinen Geist.Andererseits kann bei einem Parteimitglied auch nicht diekleinste Meinungsabweichung in der unbedeutendsten Fragegeduldet werden.Ein Angehöriger der Partei lebt von der Geburt bis zum Todeunter den Augen der Gedankenpolizei. Sogar wenn er allein ist,kann er nie sicher sein, ob er wirklich allein ist. Wo er auch seinmag, ob er schläft oder wacht, arbeitet oder ausruht, in seinemBad oder in seinem Bett liegt, kann er ohne Warnung und ohnezu wissen, daß er beobachtet wird, beobachtet werden. Nichts,was er tut, ist gleichgültig.Seine Freundschaften, seine Zerstreuungen, sein Benehmengegen seine Frau und seine Kinder, sein Gesichtsausdruck, wenner allein ist, die von ihm im Schlaf gemurmelten Worte, sogar dieihm eigentümlichen Bewegungen seines Körpers, alles wird einerpeinlich genauen Prüfung unterzogen. Nicht nur jedes wirklicheVergehen, sondern jede Schrullenhaftigkeit, sie mag noch sounbedeutend sein, jede Gewohnheitsänderung, jede nervöseAbsonderlichkeit, die möglicherweise das Symptom einesinneren Kampfes ist, können unweigerlich entdeckt werden.Er hat keine freie Wahl in keiner wie immer gearteten Hinsicht.Andererseits ist sein Verhalten weder gesetzlich noch durch klarformulierte Verhaltungsvorschriften geregelt.In Ozeanien gibt es kein Gesetz. Gedanken und Taten, die densicheren Tod bedeuten, wenn sie entdeckt werden, sind nichtformell verboten, und die endlosen Säuberungsaktionen,Festnahmen, Folterungen, Einkerkerungen und Vaporisierungenwerden nicht als Strafe für wirklich begangene Verbrechenverhängt, sondern sind lediglich die Austilgung von Menschen,die vielleicht einmal in der Zukunft ein Verbrechen begehenkönnten. Von einem Parteimitglied wird nicht nur verlangt, daßes die richtigen Ansichten, sondern daß es auch die richtigen 242
  • 243. Instinkte hat. Viele der von ihm gefordertenGlaubensbekenntnisse und Einstellungen sind nie deutlichfestgelegt worden und könnten nicht festgelegt werden, ohne diedem Engsoz anhaftenden Widersprüche aufzudecken. Wenn erein von Natur strenggläubiger Mensch ist (im Neusprech einGutdenker), dann wird er unter allen Umständen wissen, ohnenachdenken zu müssen, was der richtige Glaube ist oder wieseine Empfindung aussehen soll.Aber auf alle Fälle macht ihn eine sorgfältige Schulung, die er inder Jugend durchgemacht hat und die von denNeusprechwörtern Verbrechenstop, Schwarzweiß undDoppeldenk umrissen ist, nicht willens und unfähig, zutiefschürfend über irgendein Thema nachzudenken.Von einem Angehörigen der Partei wird erwartet, daß er keinePrivatgefühle hat und seine Begeisterung kein Erlahmen kennt.Man nimmt von ihm an, daß er in einer dauernden Hassrasereigegenüber Systemfeinden und inländischen Verrätern lebt, überSiege frohlockt und sich vor der Macht und der Weisheit derPartei beugt.Die durch sein schales, unbefriedigendes Leben hervorgerufeneUnzufriedenheit wird mit Bedacht nach außen gelenkt und durchEinrichtungen wie die Zwei-Minuten-Hass-Sendung zerstreut.Und die Betrachtungen, die zu einer skeptischen undauflehnenden Haltung führen könnten, werden im Voraus durchseine schon früh erworbene innere Schulung abgetötet. Die ersteund einfachste Stufe in der Schulung, die sogar kleinen Kindernbeigebracht werden kann, heißt im Neusprech Verbrechenstop.Verbrechenstop bedeutet die Fähigkeit, gleichsam instinktiv aufder Schwelle jedes gefährlichen Gedankens haltzumachen.Es schließt die Gabe ein, ähnliche Umschreibungen nicht zuverstehen, außerstande zu sein, logische Irrtümer zu erkennen,die einfachsten Argumente mißzuverstehen, wenn sieengsozfeindlich sind, und von jedem Gedankengang gelangweiltoder abgestoßen zu werden, der in eine ketzerische Richtungführen könnte. Verbrechenstop bedeutet, kurz gesagt, schützende 243
  • 244. Dummheit. Aber Dummheit allein genügt nicht. Im Gegenteilverlangt Rechtgläubigkeit in vollem Sinne des Wortes eineebenso vollständige Beherrschung der eigenen Gedankengänge,wie sie ein Schlangenmensch über seinen Körper besitzt.Die ozeanische Gesellschaftsordnung fußt letzten Endes auf demGlauben, daß der Große Bruder allmächtig und die Parteiunfehlbar ist. Aber da in Wirklichkeit der Große Bruder nichtallmächtig und die Partei nicht unfehlbar ist, müssen dieTatsachen unermüdlich von einem Augenblick zum anderenentsprechend zurechtgebogen werden. Das Schlagwort hierfürlautet „Schwarzweiß“.Wie so viele Neusprechworte hat dieses Wort zwei einanderwidersprechende Bedeutungen. Einem Gegner gegenüberangewandt, bedeutet es die Gewohnheit, im Widerspruch zu denoffenkundigen Tatsachen unverschämt zu behaupten, schwarzsei weiß. Einem Parteimitglied gegenüber angewandt, bedeutetes eine redliche Bereitschaft, zu sagen, schwarz sei weiß, wenn esdie Parteidisziplin erfordert. Aber es bedeutet auch die Fähigkeit,zu glauben, daß schwarz gleich weiß ist, und darüber hinaus zuwissen, daß schwarz weiß ist, und zu vergessen, daß man jemalsdas Gegenteil geglaubt hat. Das verlangt eine ständige Änderungder Vergangenheit, die durch das Denkverfahren ermöglichtwird, das in Wirklichkeit alles Übrige einschließt und imNeusprech als Doppeldenk bekannt ist.Die Änderung der Vergangenheit ist aus zwei Gründennotwendig, deren einer untergeordnet und sozusagenvorbeugend ist. Der untergeordnete Grund besteht darin, daß dasParteimitglied, ähnlich wie der Proletarier, die gegenwärtigenLebensbedingungen zum Teil deshalb duldet, weil er keineVergleichsmöglichkeiten besitzt. Er muß von der Vergangenheitabgeschnitten werden, ganz so, wie er auch vom Auslandabgeschnitten werden muß, weil es notwendig ist, daß er glaubt,besser daran zu sein als seine Vorfahren, und daß sich dasDurchschnittsniveau der materiellen Bequemlichkeit dauerndhebt. Aber der bei weitem wichtigere Grund für die Änderung 244
  • 245. der Vergangenheit ist die Notwendigkeit, die Unfehlbarkeit derPartei zu garantieren.Nicht nur müssen Reden, Statistiken und Aufzeichnungen jederArt ständig mit den jeweiligen Erfordernissen in Einklanggebracht werden, um aufzuzeigen, daß die Voraussagen derPartei in allen Fällen richtig waren. Sondern es darf auch nie eineVeränderung in der Doktrin oder in der politischen Ausrichtungzugegeben werden. Denn seine Ansicht oder gar seine Politik zuändern, ist ein Eingeständnis der Schwäche. Wenn zum BeispielEurasien oder Ostasien (welches es auch sein mag) der Feind vonheute ist, dann muß dieses Land schon immer der Feind gewesensein. Und wenn die Tatsachen anders lauten, dann müssen dieTatsachen eben geändert werden. Auf diese Weise wird dieGeschichte dauernd neu geschrieben. Diese Fälschung derVergangenheit von einem Tag auf den anderen, die vomWahrheitsministerium durchgeführt wird, ist für den Bestanddes Regimes ebenso notwendig wie die von dem Ministerium fürLiebe besorgte Unterdrückungs- und Bespitzelungstätigkeit.Die Veränderlichkeit der Vergangenheit ist die Grundlehre vonEngsoz. Vergangene Geschehnisse, wird darin bedeutet, habenkeinen objektiven Bestand, sondern leben nur in schriftlichenAufzeichnungen und im Gedächtnis der Menschen weiter. DieVergangenheit sieht so aus, wie es die Aufzeichnungen und dieErinnerungen wahrhaben wollen.Und da die Partei alle Aufzeichnungen vollkommen unter ihrerKontrolle hat, so wie sie auch die Denkweise ihrer Mitgliederunter ihrer ausschließlichen Kontrolle hat, folgt daraus, daß dieVergangenheit so aussieht, wie die Partei sie darzustellen beliebt.Auch folgt daraus, daß die Vergangenheit, wenn sie auchwandelbar ist, doch nie in einem besonderen Einzelfallabgewandelt wurde.Denn wenn sie in der im Augenblick benötigten Form neugeschaffen worden ist, dann ist eben diese neue Version dieVergangenheit, und eine andere Version kann es nie gegebenhaben. Das gilt auch dann, wenn ein und dasselbe Ereignis, wie 245
  • 246. es häufig vorkommt, im Laufe eines Jahres mehrmals nichtwiedererkennbar abgeändert werden muß. Die Partei ist jederzeitim Besitz der wirklichen Wahrheit, und klarerweise kann dieWirklichkeit nie anders ausgesehen haben als jetzt. Man wirdsehen, daß die Kontrolle über die Vergangenheit vor allem vonder Schulung des Gedächtnisses abhängt. Dafür zu sorgen, daßalle schriftlichen Aufzeichnungen sich mit der Forderung desAugenblicks decken, ist eine lediglich mechanische Handlung.Aber man muß sich auch daran erinnern, daß Ereignisse in dergewünschten Form stattfanden.Und wenn es nottut, seine Erinnerungen umzuordnen oder mitschriftlichen Aufzeichnungen willkürlich umzuspringen, danngilt es zu vergessen, daß man das getan hat. Das Verfahren, wieman das macht, ist ebenso erlernbar wie jedes andereGeistestraining. Die Mehrzahl der Parteimitglieder hat es gelerntund jedenfalls alle diejenigen, die sowohl klug als auchrechtgläubig sind. In der Altsprache wird es, recht unverhohlen,als »Wirklichkeitskontrolle« bezeichnet. In der Neusprech heißtes Doppeldenk, wenn auch Doppeldenk noch viele andereBedeutungen hat.Doppeldenk bedeutet die Gabe, gleichzeitig zwei einanderwidersprechende Ansichten zu hegen und beide gelten zu lassen.Der Parteiintellektuelle weiß, in welcher Richtung seineErinnerungen geändert werden müssen. Er weiß deshalb auch,daß er mit der Wirklichkeit jongliert. Aber durch das Einschaltenvon Doppeldenk beschwichtigt er sich auch dahingehend, daßder Wirklichkeit nicht Gewalt angetan wird. Das Verfahren mußbewußt sein, sonst würde es nicht mit genügender Präzisionausgeführt werden, es muß aber auch unbewußt sein, sonstbrächte es ein Gefühl der Falschheit und damit der Schuld mitsich.Doppeldenk ist der eigentliche Wesenskern von Engsoz, denndas grundlegende Verfahren der Partei besteht darin, einebewußte Täuschung auszuüben und dabei eineZweckentschlossenheit zu bewahren, wie sie restloser Ehrlichkeit 246
  • 247. eignet. Bewußte Lügen zu erzählen, während man ehrlich an sieglaubt; jede Tatsache zu vergessen, die unbequem geworden ist,um sie dann, wenn man sie wieder braucht, nur eben so lange, alsnotwendig ist. aus der Vergessenheit hervorzuholen; dasVorhandensein einer objektiven Wirklichkeit zu leugnen und dieganze Zeit die von einem geleugnete Wirklichkeit in Betracht zuziehen – alles das ist unerläßlich notwendig.Allein schon beim Gebrauch des Wortes Doppeldenk ist esunumgänglich, Doppeldenk auszuüben. Denn indem man dasWort gebraucht, gibt man zu, daß man mit der Wirklichkeitwillkürlich umspringt; durch einen erneuten Akt vonDoppeldenk löscht man dieses Wissen aus; und so unbegrenztweiter, wobei die Lüge der Wahrheit immer um einen Sprungvoraus ist. Letzten Endes war die Partei mit Hilfe desDoppeldenks imstande – und wird nach allem, was wir wissen,Tausende von Jahren weiterhin imstande sein –, den Lauf derGeschichte aufzuhalten.Alle Oligarchien der Vergangenheit sind entweder deshalb derMacht verlustig gegangen, weil sie verknöcherten oder weil sieerschlafften. Entweder wurden sie dumm und anmaßend,versäumten, sich den veränderten Umständen anzupassen, undwurden gestürzt. Oder sie wurden liberal und feige, machtenKonzessionen, wenn sie hätten Gewalt anwenden sollen, undwurden wiederum gestürzt.Sie stürzten, heißt das, entweder durch ihr Verschulden oderohne ihr Verschulden. Die Partei hat das Verdienst, einDenkverfahren erfunden zu haben, bei dem beide Einstellungennebeneinander möglich sind. Und auf keiner anderenverstandesmäßigen Basis konnte der Herrschaft der Partei Dauerverliehen werden. Wenn man herrschen und sich an derHerrschaft behaupten will, muß man das Wirklichkeitsgefühlzurechtrücken können. Denn das Geheimnis der Herrschaftbesteht darin, den Glauben an die eigene Unfehlbarkeit mit derGabe zu verbinden, von den Fehlern der Vergangenheit zulernen. 247
  • 248. Es braucht wohl kaum gesagt zu werden, daß die spitzfindigstenFachleute im Doppeldenk die sind, die Doppeldenk erfundenhaben und wissen, daß es ein großes geistiges Betrugsmanöverist.In unserer Gesellschaftsordnung sind diejenigen, die am bestenwissen, was gespielt wird, auch am weitesten davon entfernt, dieWelt so zu sehen, wie sie tatsächlich ist. Im Allgemeinen gilt, jetiefer der Einblick, desto größer die Verblendung; je klüger, destoweniger vernünftig. Das wird deutlich illustriert durch dieTatsache, daß die Kriegshysterie an Heftigkeit zunimmt, je höherman auf der sozialen Stufenleiter hinaufkommt. Diejenigen,deren Einstellung zum Krieg der Vernunft am nächsten kommt,sind die unterworfenen Menschen der umstrittenen Gebiete.Für diese Menschen ist der Krieg einfach ein dauerndes Unglück,das wie eine schreckliche Flutwelle über sie hin und her braust.Welche Seite siegt, ist für sie völlig gleichgültig. Sie sind sichbewußt, daß eine Änderung der Machtherrschaft lediglichbedeutet, daß sie die gleiche Arbeit wie bisher für neue Herrenverrichten müssen, die sie in der gleichen Weise wie die altenbehandeln. Die etwas bessergestellten Arbeiter, die wir als »dieProles« bezeichnen, werden sich nur gelegentlich des Kriegesbewußt. Wenn es erforderlich ist, können sie in Furcht- undHassrasereien versetzt werden, aber sich selbst überlassen, sindsie imstande, lange Zeit zu vergessen, daß Krieg herrscht.In den Reihen der Partei, und vor allem der Inneren Partei, ist dieechte Kriegsbegeisterung zu finden. An die Eroberung der Weltglauben am festesten diejenigen, die wissen, daß sieundurchführbar ist. Diese merkwürdige Verknüpfung vonGegensätzen – Wissen mit Unwissenheit, Zynismus mitFanatismus – ist eines der Hauptmerkmale der ozeanischenGesellschaft.Die offizielle Ideologie wimmelt von Widersprüchen, auch dort,wo keine praktische Notwendigkeit für sie besteht. So verwirftund verleugnet die Partei jeden Grundsatz, für den diesozialistische Bewegung ursprünglich eintrat, und tut das im 248
  • 249. Namen des Sozialismus. Sie predigt eine Verachtung derArbeiterklasse, für die es in den vergangenen Jahrhunderten keinBeispiel gibt, und sie bekleidet ihre Mitglieder mit einer Uniform,die ursprünglich den Handarbeitern vorbehalten war und ausdiesem Grunde eingeführt wurde.Sie unterminiert systematisch die Solidarität der Familie undbenennt ihren Führer mit einem Namen, der ein unmittelbarerAppell an das Familiengefühl ist. Sogar die Namen der vierMinisterien, von denen wir regiert werden, grenzen in ihreroffenen Umkehrung der Tatsachen an schamlosen Hohn.Das Friedensministerium befaßt sich mit Krieg, dasWahrheitsministerium mit Lügen, das Ministerium für Liebe mitFolterung und das Ministerium für Überfluß mit Einschränkung.Diese Widersprüche sind nicht zufällig, auch entspringen sienicht einer gewöhnlichen Heuchelei: Es ist die wohlüberlegteAnwendung von Doppeldenk. Denn nur dadurch, daßWidersprüche miteinander in Einklang gebracht werden, läßtsich die Macht unbegrenzt behaupten. Auf keine andere Art undWeise konnte der alte Zyklus gebrochen werden. Wenn dieGleichheit der Menschen für immer vermieden werden soll –wenn die Oberen, wie wir sie genannt haben, dauernd ihren Platzbehaupten sollen, dann muß die vorherrschendeGeistesverfassung staatlich beaufsichtigter Irrsinn sein.Aber hier taucht eine Frage auf, die wir bis zu diesem Augenblickso gut wie außer Acht gelassen haben. Sie lautet: Warum soll dieGleichheit der Menschen vermieden werden? Angenommen, derMechanismus des Verfahrens wurde richtig geschildert: Was istder Beweggrund für diesen großangelegten, genau vorgeplantenVersuch, die Geschichte an einem bestimmten Zeitpunkt zumStillstand zu bringen?Hier kommen wir zu dem tiefsten Geheimnis. Wie wir gesehenhaben, hängt das Mystische der Partei, vor allem der InnerenPartei, von dem Doppeldenk ab. Aber tiefer als dieses liegt derursprüngliche Beweggrund, der nie untersuchte Instinkt, derzuerst zur Machtergreifung führte und danach Doppeldenk, 249
  • 250. Gedankenpolizei, dauernden Kriegszustand und all das andereDrum und Dran mit sich brachte. Dieser Beweggrund besteht inWahrheit darin…“Winston wurde sich der Stille bewußt, so wie man sich einesneuen Geräusches bewußt wird. Es kam ihm vor, als sei Julia seiteiniger Zeit sehr still gewesen. Sie lag, von der Hüfte aufwärtsnackt, auf ihrer Seite, die Wange auf ihre Hand gebettet, währendeine dunkle Locke über ihre Augen fiel. Ihre Brust hob undsenkte sich langsam und regelmäßig.»Julia!« Keine Antwort. »Julia, bist du wach?«Keine Antwort. Sie schlief. Er klappte das Buch zu, legte esbehutsam auf den Boden, streckte sich lang aus und zog dieBettdecke über sie beide. Er hatte, überlegte er, das letzteGeheimnis noch immer nicht gelöst. Er verstand das Wie, aber erverstand nicht das Warum. Das 1. Kapitel wie das 3. Kapitel hatteihm in Wirklichkeit nichts enthüllt, was er nicht schon wußte; eshatte lediglich Ordnung in das Wissen gebracht, das er bereitsbesaß.Aber nachdem er es gelesen hatte, wußte er besser als zuvor, daßer nicht verrückt war. Zu einer Minderheit zu gehören, selbst zueiner Minderheit von einem einzigen Menschen, stempelte einennoch nicht als verrückt. Hier war die Wahrheit und dort war dieUnwahrheit, und wenn man sogar gegen die ganze Welt an derWahrheit festhielt, war man nicht verrückt.Ein gelber Strahl der untergehenden Sonne fiel schräg durchsFenster und auf das Kissen, Er schloss die Augen. Die Sonne aufseinem Gesicht und der glatte Körper des Mädchens, der seineneigenen berührte, gab ihm ein beruhigendes, einschläferndes,vertrauensvolles Gefühl. Er war in Sicherheit, alles war schönund gut.Im Einschlafen murmelte er vor sich hin: »Geistige Gesundheit istkeine statistische Angelegenheit« und hatte das Gefühl, dieseFeststellung enthalte eine tiefe Weisheit. 250
  • 251. Zehntes KapitelEr erwachte mit dem Gefühl, lange Zeit geschlafen zu haben,aber ein Blick auf die altmodische Uhr belehrte ihn, daß es erstzwanzig Uhr dreißig war. Er lag eine Weile da und döste; danndrang vom Hof unten die übliche tiefe Singstimme herauf: »Eswar nur ein tiefer Traum, Ging wie ein Apriltag vorbeiii, Abersein Blick war leerer Schaum, Brach mir das Herz entzweiii!«Das törichte Lied schien sich seine Beliebtheit bewahrt zu haben.Man hörte es noch immer überall. Es hatte den Hassgesangüberlebt. Julia wachte bei diesen Tönen auf, räkelte sichgenießerisch und stieg aus dem Bett.»Ich bin hungrig«, sagte sie. »Machen wir uns noch einen Kaffee.Verflixt! Der Kocher ist ausgegangen, und das Wasser ist kalt.«Sie nahm den Kocher hoch und schüttelte ihn. »Kein Brennstoffmehr drin.«»Wir können sicher welchen vom alten Charrington bekommen.«»Das Komische ist nur, daß ich mich überzeugt hatte, daß er vollwar. Ich ziehe rasch meine Sachen an«, fügte sie hinzu.»Es scheint kälter geworden zu sein.« Winston stand gleichfallsauf und zog sich an.Die unermüdliche Stimme sang weiter: »Man sagt, die Zeit heilealles, Es heißt, man kann alles vergessen, Aber vom Schmerzmeines Falles, Von dem bleib ich ewig besessen!«Während er den Gürtel seines Trainingsanzuges zumachte,schlenderte er hinüber zum Fenster. Die Sonne mußte hinter denHäusern untergegangen sein; sie schien nicht mehr in den Hof.Die Steinplatten waren feucht, als seien sie soeben gewaschenworden, und er hatte das Gefühl, als sei auch der Himmelgewaschen worden, so frisch und blaß war das Blau zwischenden Kaminrohren. Ohne zu erlahmen, ging die Frau unten hinund her, verkorkte und entkorkte ihren Mund mitWäscheklammern, sang und schwieg wieder und hängte mehr 251
  • 252. und mehr und immer noch mehr Windeln auf. Er fragte sich, obsie Wäsche zum Erwerb ihres Lebensunterhalts annahm oderlediglich die Sklavin von zwanzig oder dreißig Enkelkindernwar.Julia war neben ihn getreten; zusammen blickten sie in einer ArtBezauberung hinunter auf die stämmige Gestalt. Wie er die Frauin ihrer charakteristischen Haltung betrachtete, ihre dicken Armezur Wäscheleine emporgehoben, während ihre mächtigen, aneine Stute erinnernden Hinterbacken sich wölbten, kam es ihmzum erstenmal zum Bewußtsein, daß sie schön war. Es war ihmnie vorher in den Sinn gekommen, der Körper einerfünfzigjährigen Frau, der durch Geburten zu monströsenAusmaßen gedunsen und dann durch Arbeit vergröbert undverhärtet war, bis seine grobe Haut der Schale einer überreifenRübe ähnelte, könnte schön sein. Aber dem war so und, dachteer, warum auch nicht?Der feste, umrißlose Körper, der wie ein Granitblock war, unddie rauhe rote Haut verhielten sich zu einem Mädchenleibgenauso wie die Hagebutte zur Heckenrose. Warum sollte mandie Frucht geringer schätzen als die Blume?»Sie ist schön«, murmelte er.»Sie misst leicht einen Meter um die Hüften herum«, meinte Julia.»Das ist ihre Art von Schönheit«, sagte Winston.Sein Arm umspannte mühelos Julias biegsame Taille. Von derHüfte bis zum Knie schmiegte sich ihr Körper an den seinen. Ausihren Leibern würde nie ein Kind hervorgehen. Das war etwas,was sie nie tun konnten. Nur von Mund zu Mund, von einemEingeweihten zum anderen, konnten sie das Geheimnisweitergeben.Die Frau da unten wußte von nichts, sie bestand nur aus starkenArmen, einem warmen Herzen und einem fruchtbaren Leib. Erfragte sich, wie viele Kinder sie wohl geboren hatte. Es mochtenleicht fünfzehn sein. Sie hatte ihre vielleicht ein Jahr währendekurze Blütezeit einer Wildrosen-Schönheit durchlebt und wardann plötzlich aufgegangen wie eine befruchtete Frucht, war 252
  • 253. hart, rot und derb geworden, und dann hatte ihr Leben ohneUnterbrechung dreißig Jahre hindurch aus Waschen,Reinemachen, Flicken, Kochen, Fegen, Putzen, Nähen,Schrubben, Wäschewaschen, erst für Kinder, dann fürEnkelkinder, bestanden.Am Ende von alledem sang sie noch immer. Die geheimnisvolleVerehrung, die er für sie empfand, war irgendwie vermischt mitdem Anblick des hellen, wolkenlosen Himmels, der sich hinterden Kaminrohren in grenzenlose Ferne erstreckte.Wenn es eine Hoffnung gab, dann lag sie bei den Proles! Ohnedas Buch zu Ende gelesen zu haben, wußte er, daß darinGoldsteins letzte Botschaft bestehen mußte. Die Zukunft gehörteden Proles. Aber konnte er sicher sein, daß die Welt, die sieaufbauten, ihm, Winston Smith, nicht ebenso fremd sein würdewie die Welt der Partei? Nein, denn letzten Endes würde es einegeistig gesunde Welt sein.Früher oder später würde es dahin kommen, die Kraft würdesich ihrer bewußt werden. Die Proles waren unsterblich, darankonnte man nicht zweifeln, wenn man diese tapfere Gestalt imHof ansah. Zu guter Letzt würden sie erwachen. Und bis essoweit war – wenn es auch tausend Jahre dauern mochte –,würden sie trotz aller Unbilden sich am Leben erhalten wie dieVögel und von Leib zu Leib die Lebenskraft weitergeben, an derdie Partei nicht teilhatte und die sie nicht umbringen konnte.Irgendwann würde die Tyrannei fallen und dann würde eineneue Welt entstehen aus dem Rest, der übrig geblieben war.»Erinnerst du dich«, sagte er, »an die Drossel, die uns an jenemersten Tag am Rand des Wäldchens etwas vorsang?«»Sie sang nicht für uns«, sagte Julia. »Sie sang zu ihremVergnügen. Noch nicht einmal das. Sie sang nur eben.«Die Vögel sangen, die Proles sangen, aber die Partei sang nicht.Doch einige Reste würden übrigbleiben. Einige wenige Klugeund Starke würden am Ende doch aus der gesichts- undgeistlosen Masse emporsteigen und ein neues Zeitalterbegründen können. Aus ihrem mächtigen Schoß mußte eines 253
  • 254. Tages ein Geschlecht wissender Menschen hervorgehen. Ihr seiddie Toten; die Zukunft gehört ihnen. Aber man konnte teilhabenan dieser Zukunft, wenn man den Geist lebendig erhielt, so wiesie den Leib lebendig erhielten, und die geheime Lehreweitergab, daß zwei und zwei gleich vier ist.»Wir sind die Toten«, sagte er.»Wir sind die Toten«, betete Julia getreulich nach.»Ihr seid die Toten!«, sagte eine eiserne Stimme hinter ihnen.Sie fuhren auseinander. Winston fühlte seine Eingeweide zu Eiserstarren. Er konnte rund um die Iris von Julias Augen das Weißesehen. Ihr Gesicht hatte sich milchiggelb verfärbt. Das noch aufjedem Backenknochen vorhandene Rouge hob sich scharf ab, fastwie ohne Zusammenhang mit der Haut darunter.»Ihr seid die Toten«, wiederholte die eiserne Stimme.»Es kam hinter dem Bild hervor«, flüsterte Julia.»Es kam hinter dem Bild hervor«, sagte die Stimme. »Bleibtgenau da stehen, wo ihr seid. Macht keine Bewegung, ehe es euchbefohlen wird.«Es war soweit, endlich war es soweit! Sie konnten nichts machen,außer dazustehen und einander in die Augen zu starren. Auf unddavon zu laufen, das Haus zu verlassen, ehe es zu spät war – einsolcher Gedanke kam ihnen gar nicht. Unvorstellbar, der eisernenStimme von der Wand nicht zu gehorchen. Man hörte einSchnappen, so als sei ein Haken zurückgedreht worden, und dasKrachen splitternden Glases. Das Bild war auf den Bodengefallen, so daß der dahinter angebrachte Televisor zumVorschein kam.»Jetzt können sie uns sehen«, sagte Julia.»Jetzt können wir euch sehen«, sagte die Stimme. »Stellt euch indie Mitte des Zimmers. Stellt euch Rücken an Rücken.Verschränkt die Hände hinter euren Köpfen. Berührt einandernicht.«Sie berührten einander nicht, aber es kam ihm vor, als könnte erJulias Körper zittern fühlen. Oder vielleicht war es nur das 254
  • 255. Zittern seines eigenen. Er konnte mit Mühe verhindern, daß seineZähne klapperten, aber er hatte keine Gewalt über seine Knie.Unten im Hof und im Haus war ein Geräusch von trampelndenStiefeln zu hören. Der Hof schien voll mit Menschen zu sein.Etwas wurde über die Steine geschleift. Der Gesang der Frau warjäh abgebrochen. Man hörte ein langes, rumpelndes Klirren, soals sei der Waschzuber über den Hof geschleudert worden, unddann ein Durcheinander ärgerlicher Rufe, das mit einemSchmerzensschrei endete.»Das Haus ist umzingelt«, sagte Winston.»Das Haus ist umzingelt«, sagte die Stimme.Er hörte Julia die Zähne aufeinander beißen. »Ich glaube, wirkönnen ebenso gut voneinander Abschied nehmen«, sagte sie.»Ihr könnt ebenso gut voneinander Abschied nehmen«, sagte dieStimme. Und dann fiel eine andere, grundverschiedene Stimme,eine leise, gebildete Stimme, von der Winston den Eindruckhatte, sie bereits früher gehört zu haben ein: »Und bei derGelegenheit, weil wir gerade bei dem Thema sind: Here comes acandle to light you to bed, here comes a chopper to chop off yourhead!«Etwas prasselte hinter Winstons Rücken aufs Bett. Die Spitzeeiner Leiter war durchs Fenster geschoben worden und hatte denRahmen zertrümmert. Jemand kletterte durchs Fenster herein.Die Treppen herauf hörte man wildes Fußgetrappel. Das Zimmerwar voll kräftiger Männer in schwarzen Uniformen, miteisenbeschlagenen Stiefeln an den Füßen und Gummiknüppelnin den Händen.Winston zitterte nicht mehr. Sogar seine Augen bewegten sichkaum. Es galt nur eines: stillzuhalten, stillzuhalten und ihnenkeinen Vorwand zu bieten, einen zu schlagen! Ein Mann mit derglattrasierten Kinnlade eines Preisboxers, in dem der Mund nurein Schlitz war, blieb vor ihm stehen und wippte seinenGummiknüppel nachdenklich zwischen Daumen undZeigefinger. Winston begegnete seinem Blick. 255
  • 256. Das Gefühl der Nacktheit, mit seinen hinter dem Kopfverschränkten Händen und sein Gesicht und Körper völligungeschützt, war nahezu unerträglich. Der Mann streckte dieSpitze einer weißen Zunge heraus, leckte über die Stelle, wo seineLippen hätten sein sollen, und ging dann weiter. Ein erneutesKrachen erfolgte. Jemand hatte den gläsernen Briefbeschwerervom Tisch genommen und ihn auf der Kaminplatte in Stückegeschlagen.Das Korallenstückchen, ein winzigkleiner rosafarbener Ast wieein Zuckerkringel von einer Torte, rollte über die Bodenmatte.Wie klein, mußte Winston denken, wie klein es doch war! Hinterihm ein Keuchen und ein dumpfer Aufschlag, und er erhielteinen heftigen Stoß gegen den Fußknöchel, der ihn beinahe ausdem Gleichgewicht warf. Einer der Männer hatte Julia einenFaustschlag in die Magengrube versetzt, was sie wie einTaschenmesser zusammenklappen ließ. Sie wand sich am Boden,nach Luft ringend. Winston wagte nicht, seinen Kopf auch nurum einen Millimeter zu drehen, aber manchmal geriet ihrbläuliches, atemschnappendes Gesicht in sein Blickfeld.Sogar in seiner Herzensangst war es, als könnte er den Schmerzam eigenen Leib spüren, den unerträglichen Schmerz, derdennoch weniger vordringlich war als das Ringen nach Luft. Erwußte, wie das war: der schreckliche, qualvolle Schmerz, der dieganze Zeit da war, dem man aber noch nicht nachgeben konnte,denn vor allem anderen mußte man Atem schöpfen.Dann hoben zwei von den Männern sie an Knien und Schulternhoch und trugen sie wie einen Sack aus dem Zimmer. Winstonkonnte einen flüchtigen Anblick von ihrem Gesicht erhaschen: eswar verwüstet, gelb und verzerrt, die Augen geschlossen undnoch immer mit etwas Rouge auf jeder Wange. Das war dasletzte, was er von ihr sah.Er stand unbeweglich da. Noch hatte ihn niemand geschlagen.Gedanken, die sich ungewollt einstellten, aber völliguninteressant schienen, begannen ihm durch den Kopf zuhuschen. Er fragte sich, ob sie auch Herrn Charrington 256
  • 257. festgenommen hatten. Und was hatten sie mit der Frau im Hofgetan? Er merkte, daß er dringend Wasser lassen mußte, und warein wenig erstaunt darüber, denn er hatte das erst vor zwei oderdrei Stunden getan.Er bemerkte, daß die Uhr auf dem Kaminsims auf neun zeigte,was soviel bedeuten sollte wie einundzwanzig Uhr. Aber dasLicht schien zu hell. War es an einem Augustabend umeinundzwanzig Uhr nicht schon dunkler? Er fragte sich, ob nichtam Schluß er und Julia sich in der Zeit geirrt – einen Tagüberschlafen und gedacht hatten, es sei zwanzig Uhr dreißig,während es in Wirklichkeit genau acht Uhr dreißig am nächstenMorgen war. Aber er verfolgte den Gedanken nicht weiter. Eswar nicht interessant.Auf dem Gang näherte sich jetzt ein anderer, leichterer Schritt.Herr Charrington kam ins Zimmer. Das Benehmen derschwarzuniformierten Männer wurde plötzlich unterwürfiger.Auch in Herrn Charringtons Äußerem hatte sich etwasverändert. Sein Blick fiel auf die Splitter des gläsernenBriefbeschwerers.»Diese Splitter aufheben!«, sagte er scharf.Ein Mann bückte sich, um zu gehorchen. Der LondonerVorstadtakzent war verschwunden; Winston war sich plötzlichdarüber im Klaren, wessen Stimme es war, die er vor ein paarAugenblicken am Televisor gehört hatte. Herr Charrington hattenoch immer seine alte Samtjacke an, aber sein Haar, das fast weißgewesen war, hatte sich in Schwarz verwandelt. Auch trug erkeine Brille. Er warf nur einen einzigen scharfen Blick aufWinston, so als stelle er seine Identität fest, und schenkte ihmdann keine Aufmerksamkeit mehr. Er war noch erkennbar, aberer war nicht mehr derselbe Mensch. Sein Körper hatte sichgestrafft und schien größer geworden zu sein. Sein Gesicht hattenur geringfügige Veränderungen erfahren, die trotzdem einevollständige Verwandlung herbeigeführt hatten.Die schwarzen Augenbrauen waren weniger buschig, die Faltenverschwunden, die ganze Physiognomie schien sich verändert zu 257
  • 258. haben; sogar die Nase wirkte kürzer. Es war das aufgeweckte,kalte Gesicht eines Mannes von etwa fünfunddreißig Jahren. Eskam Winston zum Bewusstsein, daß er zum erstenmal in seinemLeben wissentlich einem Mitglied der Gedankenpolizeigegenüberstand. 258
  • 259. Dritter Teil Erstes KapitelEr wußte nicht, wo er sich befand. Wahrscheinlich war er imMinisterium für Liebe; aber es bestand keine Möglichkeit, sich zuvergewissern.Er befand sich in einer hohen, fensterlosen Zelle mit Wänden ausschimmernden weißen Kacheln. Verborgene Lampendurchfluteten sie mit kaltem Licht, und ein leises, ständigsummendes Geräusch war zu hören, von dem er annahm, daß esetwas mit der Lüftung zu tun hatte. Eine Bank oder Pritsche,gerade breit genug, um darauf zu sitzen, lief rings um die Wandund war nur bei der Tür unterbrochen. Am Zellenende, der Türgegenüber, war eine Klosettschüssel ohne hölzernen Sitzangebracht. Ein Televisor war an jeder der vier Wändevorhanden.Ein dumpfer Schmerz in der Magengegend quälte ihn. Er hattesich von dem Augenblick an bemerkbar gemacht, als man ihn inden geschlossenen Gefängniswagen gesteckt und weggefahrenhatte. Aber er war auch hungrig, er fühlte einen nagenden,krankhaften Hunger. Es mochte vierundzwanzig Stunden hersein, seit er zuletzt etwas gegessen hatte – oder auchsechsunddreißig. Er wußte noch immer nicht und würde esvermutlich nie wissen, ob es Morgen oder Abend gewesen war,als man ihn festnahm. Seit seiner Verhaftung hatte er nichts mehrzu essen bekommen.Er saß so unbeweglich da, wie er konnte, mit über dem Knieverschränkten Händen auf der schmalen Bank. Er hatte bereitsgelernt, still dazusitzen. Machte man unerwartete Bewegungen, 259
  • 260. so wurde man durch den Televisor angeschrien. Aber seinVerlangen nach etwas Essbarem wurde immer heftiger. Vorallem gelüstete ihn nach einem Stück Brot. Er glaubte sich zuerinnern, daß in der Tasche seines Trainingsanzugs ein paarBrotkrumen waren. Er kam auf diesen Gedanken, weil ihn vonZeit zu Zeit etwas am Bein zu kitzeln schien – daß noch einanständiges Stück Rinde darin steckte. Schließlich war seinVerlangen, sich davon zu überzeugen, stärker als seine Furcht. Erschob seine Hand in die Tasche.»Smith!« schrie eine Stimme aus dem Televisor. »6079 Smith W.!In der Zelle Hände aus der Tasche!«Er saß wieder still da, seine Hände über dem Knie verschränkt.Bevor man ihn hierher gebracht hatte, war er an einen anderenOrt gebracht worden, der ein gewöhnliches Gefängnis oder einvon den Polizeistreifen benutzter vorübergehender Gewahrsamgewesen sein mußte. Er wußte nicht, wie lange er dort gewesenwar; jedenfalls einige Stunden; ohne Uhr und ohne Tageslichtwar es schwer, die Zeit abzuschätzen. Es war ein lärmender,übelriechender Ort gewesen. Man hatte ihn in eine Zelle gesteckt,die der ähnelte, in der er sich jetzt befand, aber grauenhaftschmutzig und ständig mit zehn bis fünfzehn Menschen belegtwar.Die Mehrzahl davon waren gemeine Verbrecher, aber es gab einpaar politische Gefangene unter ihnen. Er hatte still gegen dieWand gelehnt dagesessen, zwischen schmutzigen Leibernherumgestoßen, zu sehr mit seiner Angst und seinenLeibschmerzen beschäftigt, um großes Interesse an seinerUmgebung zu nehmen. Aber er gewahrte doch den erstaunlichenUnterschied im Verhalten gegenüber den Partei-Gefangenen undden anderen.Die Partei-Gefangenen waren immer stumm und voll Furcht,aber die gewöhnlichen Gefangenen schienen nichts undniemanden zu scheuen. Sie schrien dem WachpersonalBeschimpfungen zu. wehrten sich wütend, wenn ihre Sachenbeschlagnahmt wurden, schrieben unflätige Worte auf den 260
  • 261. Fußboden, aßen eingeschmuggelte Nahrungsmittel, die sie ausgeheimnisvollen Verstecken ihrer Kleidung hervorzogen, undschrien sogar den Televisor nieder, wenn er die Ordnungwiederherzustellen versuchte. Andererseits schienen manche vonihnen auf gutem Fuß mit den Wachen zu stehen, nannten sie beiSpitznamen und versuchten Zigaretten durch das Guckloch inder Tür zu schieben. Die Wachen wiederum behandelten diegewöhnlichen Gefangenen mit einer gewissen Nachsicht, auchwenn sie derb mit ihnen umspringen mußten. Es wurde viel vonden Zwangsarbeitslagern geredet, und die meisten Gefangenenerwarteten, dorthin verschickt zu werden.Es war »erträglich« in diesen Lagern, reimte er sich zusammen,solange man gute Beziehungen hatte und den ganzen Rummelkannte. Es herrschte dort Bestechung, Bevorzugung undorganisiertes Verbrechertum aller Art, es gab Homosexualitätund Prostitution, es gab sogar aus Kartoffeln heimlichgebrannten Schnaps. Die Vertrauensposten bekamen nur diegewöhnlichen Verbrecher, besonders Gewaltverbrecher undMörder. Alle schmutzigen Arbeiten wurden von den Politischenverrichtet.Es war ein dauerndes Kommen und Gehen von Gefangenen allerArt: von Rauschgifthändlern, Dieben, Straßenräubern,Schwarzhändlern, Trunkenbolden, Prostituierten. Manche vonden Betrunkenen waren soaußer Rand und Band, daß die anderen Gefangenen sichzusammentun mußten, um sie zu überwältigen. Ein riesigesWrack von einem Weib, etwa sechzigjährig, mit großenHängebrüsten und dicken, aufgerollten weißen Haarlocken, diebei ihrem Kampf aufgegangen waren, wurde, mit Füßen undHänden um sich schlagend und schreiend, von vier Wachenhereingetragen, die sie jeder an einem Ende festhielten. Sie rissenihr die Schuhe herunter, mit denen sie ihnen Tritte zu versetzenversuchte, und schleuderten sie Winston in den Schoß, so daßihm fast die Schenkelknochen brachen. Die Frau rappelte sichhoch und schrie ihnen »Verfluchte Sauhunde!« nach. Dann, als 261
  • 262. sie merkte, daß sie auf etwas Unebenem saß, rutschte sie vonWinstons Knien herunter auf die Bank.»Verzeihung, mein Schatz«, sagte sie. »Ich hätte mich nicht aufSie gesetzt, aber die Kerls schmissen mich da hin. Sie wissennicht, wie man eine Dame behandelt.« Sie brach ab, tätschelteihre Brust und rülpste.»Verzeihung«, sagte sie, »ich hab noch nicht alle Sinnebeieinander.«Sie beugte sich vor und erbrach sich ausgiebig auf den Fußboden.»So ists besser«, sagte sie und lehnte sich mit geschlossenenAugen zurück. »Nie es drunten lassen, sag ich immer. Rausdamit, solange es noch frisch im Magen ist.«Sie kam wieder zu sich, drehte sich um, um nochmals einen Blickauf Winston zu werfen, und schien sofort eine Vorliebe für ihn zufassen. Sie legte einen dicken Arm um seine Schulter und zog ihnnäher zu sich, wobei sie ihm Bierdunst und den Geruch vonErbrochenem ins Gesicht atmete.»Wie heißt du, Schatz?« sagte sie.»Smith«, antwortete Winston.»Smith?« sagte die Frau. »Das is komisch. Ich heiße auch Smith.Denk mal«, fügte sie sentimental hinzu, »ich könnte deine Muttersein.«Ja, dachte Winston, sie könnte seine Mutter sein. Sie warungefähr im gleichen Alter und von entsprechenderKörpergröße, und es war wahrscheinlich, daß sich die Menschennach zwanzig Jahren in einem Zwangsarbeitslager einigermaßenveränderten.Sonst hatte niemand mit ihm gesprochen. In erstaunlichem Maßeignorierten die gewöhnlichen Verbrecher die Partei-Häftlinge.»Die Politischen« nannten sie sie mit einer Art uninteressierterVerachtung. Die Partei-Häftlinge schienen Angst zu haben, mitjemand zu sprechen, und vor allem, miteinander zu sprechen.Nur einmal, als zwei Parteiangehörige, beides Frauen, auf derBank eng aneinander gepresst wurden, hörte er zufällig in demallgemeinen Stimmengewirr ein paar hastig geflüsterte Worte, 262
  • 263. und zwar war es eine Anspielung auf etwas, das als »Zimmereins-null-eins« bezeichnet wurde, was er nicht verstand.Es mochte zwei oder drei Stunden her sein, daß man ihn hierhergebracht hatte. Der dumpfe Schmerz in seinem Magen hörtenicht auf, aber manchmal wurde es besser und dann wiederschlimmer, und seine Gedanken waren je nachdem in die weitereZukunft oder nur auf den Augenblick gerichtet.Wenn er schlimmer wurde, dachte er nur an den Schmerz und ansein Verlangen nach Essen. Ließ er nach, so befiel ihn eine Panik.Es gab Augenblicke, in denen er die Dinge, die mit ihmgeschehen würden, mit solcher Deutlichkeit voraussah, daß seinHerz raste und sein Atem stockte. Er fühlte die Schläge vonGummiknüppeln auf seinen schützend erhobenen Armen undeisenbeschlagene Stiefel gegen seine Schienbeine. Er sah sich aufdem Fußboden herumkriechen und zwischen eingeschlagenenZähnen hervor um Gnade flehen.An Julia dachte er kaum. Er konnte sein Denken nicht auf siekonzentrieren. Er liebte sie und würde sie nicht verraten; aberdas war nur eine Tatsache, die ihm so vertraut war wie dieRegeln der Arithmetik. Er empfand keine Liebe für sie, und erfragte sich sogar kaum, was wohl mit ihr geschah. Häufigerdachte er an OBrien, und zwar mit einer flackernden Hoffnung.OBrien mußte wissen, daß er verhaftet worden war.Die Brüderschaft, hatte er gesagt, versuchte nie, ihre Mitgliederzu retten. Aber da war die Rasierklinge; sie würden dieRasierklinge schicken, wenn sie konnten. Er würde ungefähr fünfSekunden Zeit haben, ehe die Wachen in die Zelle hereinstürmenkonnten. Die Klinge würde mit schneidender Kälte in ihneindringen, und sogar die Finger, die sie hielten, würden bis aufden Knochen durchgeschnitten werden. Alles hing von seinemhinfälligen Körper ab, der zitternd vor dem kleinsten Schmerzzurückschreckte.Er war nicht sicher, ob er die Rasierklinge benützen würde, sogarwenn sich ihm die Möglichkeit bot. Es war natürlicher, voneinem Augenblick auf den anderen zu leben, weitere zehn 263
  • 264. Minuten Leben mit der Gewißheit hinzunehmen, daß ihn amEnde die Folterung erwartete.Manchmal versuchte er, die Porzellankacheln an den Wändender Zelle zu zählen. Es mußte ganz leicht sein, aber er verzähltesich immer wieder an der einen oder anderen Stelle. Noch öfterfragte er sich, wo er sich wohl befand und welche Tageszeit eswar. In dem einen Augenblick hatte er das sichere Gefühl,draußen sei heller Tag, im nächsten war er ebenso sicher, daßstockfinstere Dunkelheit herrschte. Hier an diesem Ort, wußte erinstinktiv, wurde nie die künstliche Beleuchtung ausgeschaltet.Es war der Ort, an dem es keine Dunkelheit gab: Er erkanntejetzt, warum OBrien die Anspielung verstanden zu haben schien.Im Ministerium für Liebe gab es keine Fenster. Seine Zelle konnteim Innersten des Gebäudes gelegen sein oder hinter seinerAußenmauer, zehn Stockwerke unter dem Erdboden oder dreißigdarüber. Er versetzte sich im Geist von Ort zu Ort und versuchtegefühlsmäßig zu entscheiden, ob er sich hoch droben in der Luftbefand oder tief unter der Erde begraben war.Von draußen kam das Dröhnen marschierender Stiefel. DieStahltür öffnete sich mit einem Klirren. Ein junger Offizier, eineschmucke schwarzuniformierte Gestalt, die von Kopf bis Fuß vonpoliertem Leder zu glänzen schien und deren bleiches, strenggeschnittenes Gesicht wie eine Wachsmaske war, trat forschdurch den Türeingang. Er gab den draußen stehenden Wachenein Zeichen, den von ihnen geführten Gefangenenhereinzubringen. Der Dichter Ampleforth torkelte in die Zelle.Die Tür schloß sich klirrend wieder.Ampleforth machte ein paar unsichere Bewegungen von einerSeite zur anderen, so als schwebe ihm etwas von einer anderenTür vor, durch die er hinaus müsse. Dann begann er in der Zellehin und her zu gehen. Er hatte Winstons Anwesenheit noch nichtbemerkt. Seine verwirrten Augen starrten etwa einen Meter überWinstons Kopfhöhe auf die Wand. Er war ohne Schuhe; großeschmutzige Zehen lugten aus den Löchern in seinen Sockenhervor. Auch war er seit mehreren Tagen nicht mehr rasiert. Ein 264
  • 265. struppiger Bart bedeckte sein Gesicht und verlieh ihm dasAussehen eines Straßenräubers, das schlecht zu seinemaufgeschossenen zarten Körper und seinen nervösenBewegungen paßte.Winston richtete sich ein wenig aus seiner Lethargie hoch. Ermußte mit Ampleforth sprechen und es auf sich nehmen, durchden Televisor angebrüllt zu werden. Es war sogar denkbar, daßAmpleforth der Bote mit der Rasierklinge war.»Ampleforth«, sagte er. Aus dem Televisor erfolgte keinAnbrüllen. Ampleforth blieb ein wenig verblüfft stehen. SeineAugen richteten sich langsam auf Winston.»Ach, Smith!« sagte er. »Sie auch!«»Weswegen sind Sie hier?«»Um Ihnen die Wahrheit zu sagen…« Er setzte sich linkischWinston gegenüber auf die Bank. »Es gibt nur ein Verbrechen –oder nicht?« sagte er.»Und haben Sie es begangen?«»Offenbar ja.« Er legte eine Hand an seine Stirn und presste einenAugenblick seine Schläfen, so als versuche er sich an etwas zuerinnern.»Diese Dinge passieren eben«, begann er unbestimmt. »Es ist mirgelungen, mir einen Fall ins Gedächtnis zurückzurufen – einenmöglichen Fall. Es war zweifellos eine Unklugheit. Wir stellteneine definitive Ausgabe der Gedichte Kiplings zusammen.Ich ließ das Wort ›Gott‹ am Ende einer Verszeile stehen. Ichkonnte nicht anders!« fügte er nahezu ungehalten hinzu, indemer das Gesicht hob, um Winston anzusehen. »Es war einfachunmöglich, die Verszeile zu ändern. Der Reim endete mit ›Trott‹.Wissen Sie, daß es in unserer ganzen Sprache nur äußerst wenigeReime auf ›Trott‹ gibt? Tagelang zerbrach ich mir den Kopf. Esgab einfach keinen anderen Reim.«Sein Gesichtsausdruck änderte sich. Der Ärger verschwanddaraus, und einen Augenblick sah er fast zufrieden aus. Eine Artgeistiger Hochstimmung, die Freude des Pedanten, der eine 265
  • 266. nutzlose Tatsache entdeckt hat, leuchtete durch den Schmutz unddas Haargestrüpp.»Ist Ihnen jemals in den Sinn gekommen«, sagte er, »daß dieganze Entwicklung der englischen Dichtkunst durch die Tatsachebestimmt wurde, daß es in der englischen Sprache nicht genugReime gibt?«Nein, dieser besondere Gedanke war Winston nie gekommen.Auch kam er ihm, unter den gegebenen Umständen, nicht sehrwichtig oder interessant vor.»Wissen Sie, was für eine Tageszeit es ist?« fragte er.Ampleforth machte wieder ein erschrockenes Gesicht. »Ich habenoch kaum darüber nachgedacht. Man verhaftete mich – es kannzwei, vielleicht drei Tage her sein.«Seine Blicke huschten über die Wände, so als hoffe er halbwegs,irgendwo ein Fenster zu finden. »Hier an diesem Ort besteht keinUnterschied zwischen Tag und Nacht. Ich kann mir nichtvorstellen, wie man die Zeit berechnen könnte.«Ein paar Minuten unterhielten sie sich oberflächlich, dann, ohneoffensichtlichen Grund, gebot ihnen ein Befehl aus dem TelevisorSchweigen. Winston saß still da, mit übereinandergelegtenHänden. Ampleforth, der zu groß war, um bequem auf derschmalen Bank sitzen zu können, rutschte zappelig von einerSeite auf die andere, verschränkte seine langen Hände erst umdas eine Knie, dann um das andere. Der Televisor raunzte ihn an,sich ruhig zu verhalten. Die Zeit verstrich. Zwanzig Minuten,eine Stunde – es war schwer zu beurteilen. Wieder erklangdraußen das Geräusch von Schritten. Winstons Eingeweidezogen sich zusammen. Bald, sehr bald, vielleicht in fünf Minuten,vielleicht jetzt, würde das Stiefelgetrampel bedeuten, daß dieReihe an ihn gekommen war.Die Tür öffnete sich. Der junge Offizier mit dem kalten Gesichttrat in die Zelle. Mit einer kurzen Handbewegung deutete er aufAmpleforth.»Zimmer 101!«, sagte er. 266
  • 267. Ampleforth schritt schwerfällig zwischen den Wachen hinaus,sein Gesicht war ein wenig beunruhigt, jedoch ohne zu begreifen.Eine scheinbar lange Zeit verstrich. Der Schmerz in WinstonsBauch war wieder erwacht.Sein Denken kreiste rund und rund um dieselbe Bahn, wie eineKugel, die immer wieder in die gleiche Reihe von Löchern fällt.Er kannte nur sechs Gedanken: Seine Leibschmerzen; ein StückBrot; das Blut und das Wehgeschrei; OBrien; Julia; dieRasierklinge. Seine Eingeweide krampften sich erneutzusammen; die schweren Stiefel näherten sich. Als die Türaufging, wehte der von ihr hervorgerufene Luftzug einendurchdringenden kalten Schweißgeruch herein. Parsons trat indie Zelle. Er hatte eine kurze Khakihose und ein Sporthemd an.Diesmal war Winston so verblüfft, daß er alle Vorsicht vergaß.»Sie hier!« sagte er.Parsons warf Winston einen Blick zu, aus dem weder Teilnahmenoch Erstaunen, sondern nur Jammer sprach. Er begann mitruckhaften Bewegungen hin und her zu gehen, offensichtlichunfähig, sich ruhig zu verhalten. Jedesmal, wenn er seineplumpen Knie durchdrückte, sah man, daß sie zitterten. SeineAugen hatten einen aufgerissenen, starren Blick, so als könnte ersich nicht enthalten, nach etwas in der näheren Umgebung zustieren.»Weswegen sind Sie hier?« fragte Winston.»Gedankenverbrechen!« sagte Parsons, fast unter Schluchzen.Der Ton seiner Stimme drückte gleichzeitig ein vollständigesEingeständnis seiner Schuld als auch eine Art ungläubigenEntsetzens aus, daß ein solches Wort überhaupt auf ihnAnwendung finden konnte.Er blieb vor Winston stehen und begann sich eifrig bei ihm zubeschweren: »Sie glauben doch nicht, daß sie mich erschießenwerden, nicht wahr, alter Junge? Sie erschießen einen doch nicht,wenn man nicht wirklich etwas verbrochen hat – sondern nur inGedanken, wofür man nichts kann? Ich weiß, daß sie einem einanständiges Verhör gewähren. Ach, darin habe ich volles 267
  • 268. Vertrauen zu ihnen! Sie werden ja meinen Personalakt kennen.Sie wissen, was für ein Mensch ich war. Auf meine Art keinschlechter Kerl. Kein sehr großes Licht freilich, aber beflissen. Ichhabe mein Bestes für die Partei zu tun versucht, das hab ichdoch, nicht wahr? Ich werde mit fünf Jahren davonkommen,glauben Sie nicht? Oder auch mit zehn Jahren? Ein Mann wie ichkönnte sich in einem Arbeitslager sehr nützlich machen. Siewerden mich doch nicht erschießen, nur weil ich einmal entgleistbin?«»Sind Sie schuldig?« fragte Winston.»Natürlich bin ich schuldig!« schrie Parsons mit einemkriecherischen Seitenblick nach dem Televisor.»Sie glauben doch nicht, daß die Partei einen unschuldigenMenschen verhaften würde?« Sein Froschgesicht wurde ruhigerund nahm sogar einen ein wenig scheinheiligen Ausdruck an.»Gedankenverbrechen ist etwas Schreckliches, alter Junge«, sagteer salbungsvoll. »Es ist etwas Heimtückisches. Es kann einenüberkommen, sogar ohne daß man es weiß. Wissen Sie, wie esmich überkommen hat? Im Schlaf! Ja, das ist Tatsache. Da warich, plagte mich, versuchte das meinige zu leisten – und hattekeine Ahnung, daß ich überhaupt je etwas Böses im Kopf hatte.Und dann fing ich an, im Schlaf zu sprechen. Wissen Sie, wasman mich sagen hörte?«Er senkte die Stimme wie jemand, der aus ärztlichen Gründengezwungen ist, eine Unschicklichkeit auszusprechen.»›Nieder mit dem Großen Bruder!‹ Ja, das sagte ich! Sagte esimmer wieder, wie es scheint. Unter uns, alter Junge, ich bin froh,daß man mich ertappt hat, ehe es weiterging. Wissen Sie, was ichsagen werde,wenn ich vor Gericht stehe? ›Danke euch‹, werde ich sagen,›danke euch, daß ihr mich gerettet habt, ehe es zu spät war.‹«»Wer hat Sie angezeigt?« fragte Winston.»Es war mein Töchterchen«, sagte Parsons mit einer Art vonbetrübtem Stolz. »Sie lauschte am Schlüsselloch. Hörte, was ichsagte, und gleich am nächsten Tag lief sie zu den Streifen. 268
  • 269. Allerhand tüchtig für einen Dreikäsehoch von sieben Jahren, he?Ich hege deshalb keinen Groll gegen sie. Tatsächlich bin ich stolzauf sie. Es beweist jedenfalls, daß ich sie in dem richtigen Geisterzogen habe.«Er ging noch ein paar Mal erregt hin und her, wobei er mehrmalseinen sehnsüchtigen Blick auf die Klosettschüssel warf. Dannstreifte er plötzlich seine kurze Hose herunter.»Entschuldigen Sie, alter Junge«, sagte er. »Ich kanns nicht mehraushallen. Schuld ist das ewige Warten.«Er pflanzte seinen dicken Hintern auf die Klosettschüssel.Winston bedeckte sein Gesicht mit den Händen.»Smith!« schrie die Stimme vom Televisor. »6079 Smith W.!Hände vom Gesicht. In den Zellen gibt es keine bedecktenGesichter.«Winston ließ die Hände sinken. Parsons benützte den Abtrittgeräuschvoll und ausgiebig. Es stellte sich dann heraus, daß dieSpülung kaputt war, und die Zelle stank noch stundenlangnachher abscheulich.Parsons wurde abgeführt. Neue Gefangene kamen und gingen ingeheimnisvoller Weise. Einmal wurde eine Frau nach »Zimmer101« beordert und schien, wie Winston wahrnahm, ohnmächtigzu werden und sich zu verfärben, als sie die Worte hörte. Es kameine Zeit, zu der es, wenn es Morgen gewesen war, als er hierhergebracht wurde, jetzt Nachmittag sein mußte.Es befanden sich sechs Gefangene in der Zelle, Männer undFrauen. Alle saßen sehr still da. Winston gegenüber saß ein Mannmit einem kinnlosen Gesicht mit vorstehenden Schneidezähnen,das genau wie das eines großen harmlosen Nagetiers aussah.Seine dicken, fleckigen Backen bildeten nach unten solcheTaschen, daß es einem schwer fiel, nicht zu glauben, er habe dortkeine Speisevorräte versteckt. Seine hellgrauen Augen huschtenängstlich von einem Gesicht zum anderen und wandten sichrasch wieder ab, wenn er jemandes Blick begegnete. 269
  • 270. Die Tür öffnete sich, und ein anderer Gefangener wurdehereingebracht, dessen ganze Erscheinung Winston einaugenblickliches Frösteln verursachte.Er war ein alltäglicher, unbedeutend aussehender Mann, der einIngenieur oder sonst ein Techniker hätte sein können. Aber dasErschreckende war die Abzehrung seines Gesichts. Es war wieein Totenschädel. Infolge seiner Magerkeit sahen der Mund unddie Augen unverhältnismäßig groß aus, und die Augen schienenvon einem mörderischen, unversöhnlichen Hass gegen jemandoder etwas erfüllt.Der Mann setzte sich ein kleines Stück weit von Winston entferntauf die Bank. Winston sah ihn nicht mehr an, doch das gequälte,totenkopfartige Gesicht schwebte ihm in Gedanken so deutlichvor, als hätte er es gerade vor Augen gehabt. Plötzlich merkte er,was los war. Der Mann starb vor Hunger. Der gleiche Gedankeschien fast gleichzeitig jedem in der Zelle zu kommen. Rings umdie Bank regte sich eine ganz leise Empörung.Die Blicke des kinnlosen Mannes huschten dauernd hinüber zudem Mann mit dem Totenschädelgesicht, wandten sichschuldbewußt weg und wurden von einem unwiderstehlichenZwang wieder angezogen. Jetzt begann er unruhig auf seinemSitz hin und her zu rutschen. Endlich stand er auf, schwankteschwerfällig hinüber durch die Zelle, steckte die Hand tief in dieTasche seines Trainingsanzugs und hielt dem Mann mit demTotenschädelgesicht verlegen ein verschmutztes Stückchen Brothin.Ein wütendes, ohrenbetäubendes Gebrüll kam aus demTelevisor. Der kinnlose Mann sprang zurück. Der Mann mit demTotenschädelgesicht hatte rasch die Hände auf den Rückengelegt, so, als wollte er der ganzen Welt vor Augen führen, daß erdie Gabe zurückwies.»Bumstead!« brüllte die Stimme. »2713 Bumstead J.! Lassen Siedas Stück Brot fallen!« Der kinnlose Mann warf das Stück Brotauf den Boden. 270
  • 271. »Bleiben Sie stehen, wo Sie sind«, sagte die Stimme. »Gesicht zurTür. Rühren Sie sich nicht.«Der kinnlose Mann gehorchte. Seine großen Hängebackenzitterten unbeherrscht. Die Tür sprang klirrend auf. Als der jungeOffizier hereinkam und beiseite trat, tauchte hinter ihm einkleiner untersetzter Wachmann mit riesigen Armen undSchultern auf. Er nahm vor dem kinnlosen Mann Aufstellung,und dann, auf ein Zeichen des Offiziers hin, landete er einenfurchtbaren Faustschlag mit Unterstützung der ganzen Wuchtseines Körpergewichts gerade auf den Mund des kinnlosenMannes. Die Gewalt des Hiebes schien ihn fast vom Boden zulüpfen. Sein Körper wurde durch die Zelle geschleudert und vondem Klosettbecken aufgehalten. Einen Augenblick lag er wiebetäubt da, während dunkles Blut aus seinem Mund und seinerNase sickerte. Ein ganz leises Wimmern oder Winseln, dasunbewusst zu sein schien, entrang sich ihm. Dann rollte er aufdie Seite und richtete sich unsicher auf Hände und Knie auf.Unter einem Strom von Blut und Speichel fielen die beidenHälften einer Gebißplatte aus seinem Mund. Die Gefangenensaßen ganz still, ihre Hände über den Knien verschränkt.Der kinnlose Mann kletterte auf seinen Platz zurück. Sein Mundwar zu einer formlosen kirschroten Masse mit einem schwarzenLoch in der Mitte geschwollen. Von Zeit zu Zeit tropfte ein wenigBlut auf die Brust seines Trainingsanzugs. Seine grauen Augenhuschten noch immer von Gesicht zu Gesicht, schuldbewussterdenn je, so, als wollte er herausfinden, wie sehr ihn die anderenwegen seiner Erniedrigung verachteten.Die Tür öffnete sich. Mit einem kleinen Wink bezeichnete derOffizier den Mann mit dem Totenschädelgesicht.»Zimmer 101«, sagte er. Neben Winston war ein keuchendesAtmen zu hören, und eine Aufregung entstand. Der Mann hattesich auf die Knie geworfen und hob die gefalteten Hände.»Genosse! Herr Offizier!« schrie er. »Sie brauchen mich nichtdorthin zu bringen. Hab ich euch nicht bereits alles gesagt? Waswollt ihr noch wissen? Es gibt nichts, was ich nicht gestehen 271
  • 272. würde, nichts! Sagen Sie mir, was es sein soll, und ich gestehe esauf der Stelle. Schreiben Sie es nieder, und ich unterschreibe –alles! Nur nicht Zimmer 101!«»Zimmer 101«, sagte der Offizier tonlos. Das schon sehr bleicheGesicht des Mannes nahm eine Farbe an, die Winston nicht fürmöglich gehalten hätte. Es war deutlich, unmissverständlich eineSchattierung von Grün.»Machen Sie alles mit mir!« schrie er. »Ihr habt mich seit Wochenhungern lassen. Macht weiter damit und laßt mich sterben.Erschießt mich. Hängt mich auf. Verurteilt mich zufünfundzwanzig Jahren.Ist sonst noch jemand da, den ich angeben soll? Sagt nur, wer esist, und ich sage alles aus, was ihr wollt. Es ist mir gleich, wer esist oder was ihr mit ihm anfangt. Ich habe eine Frau und dreiKinder. Das größte davon ist noch keine sechs Jahre alt. Ihr könntsie alle nehmen und ihnen vor meinen Augen die Gurgelnabschneiden, und ich will dabeistehen und zuschauen. Aber nichtZimmer 101!«»Zimmer 101!« sagte der Offizier. Der Mann blickte außer sichrundum die anderen Gefangenen an, so, als schwebe ihm derGedanke vor,ein anderes Opfer an seine Stelle setzen zu können. Seine Augenblieben an dem zerschlagenen Gesicht des kinnlosen Manneshaften. Er reckte einen mageren Arm.»Den da solltet ihr nehmen, nicht mich!« rief er. »Sie haben nichtgehört, was er gesagt hat, nachdem man ihm das Gesichtzerschlagen hat. Geben Sie mir die Möglichkeit, und ichwiederhole Ihnen jedes Wort davon. Er ist es, der gegen diePartei ist, nicht ich.«Die Wachen traten vor. Die Stimme des Mannes steigerte sich zueinem Schreien. »Sie haben ihn nicht gehört!« wiederholte er.»Etwas am Televisor war nicht in Ordnung. Er ist der, den Siewollen. Nehmen Sie ihn, nicht mich.«Die zwei stämmigen Wachleute waren stehen geblieben, um ihnan den Armen zu ergreifen. Aber gerade in diesem Augenblick 272
  • 273. warf er sich auf den Boden der Zelle und umklammerte eines dereisernen Beine der Bank. Er hatte ein wortloses Geheulangestimmt, wie ein Tier. Die Wachen griffen zu und versuchtenihn loszureißen, aber er hielt sich mit erstaunlicher Kraft fest.Vielleicht zwanzig Sekunden lang zerrten sie an ihm. DieGefangenen saßen still da, die Hände auf ihren Knien gefaltet,und blickten geradeaus vor sich hin. Das Geheul hörte auf; derMann hatte keinen Atem mehr übrig, außer um sich festzuhalten.Dann ertönte eine andere Art von Schrei. Ein Tritt von demStiefel eines Wachmannes hatte die Finger seiner einen Handgebrochen. Sie stellten ihn auf die Beine.»Zimmer 101!«, sagte der Offizier.Der Mann wurde hinausgeführt. Er ging schwankend, sein Kopfwar vornüber gesunken, so leckte er an seiner zermalmten Hand;sein Kampfgeist war gebrochen. Eine lange Zeit verging. Wenn esMitternacht gewesen war, als der Mann mit demTotenschädelgesicht abgeführt wurde, dann war es jetzt Morgen.War es aber Morgen gewesen, dann war es jetzt Nachmittag.Winston war allein und war seit Stunden allein gewesen. Es wareine solche Qual, auf der schmalen Bank zu sitzen, daß er oftaufstand und umherging, ohne aus dem Televisor angeschrieenzu werden. Das Stück Brot lag noch immer dort, wo der kinnloseMann es hingeworfen hatte. Anfangs kostete es eine harteAnstrengung, nicht darauf hinzublicken, aber nun wich derHunger dem Durst. Sein Mund war klebrig, und er empfandeinen schlechten Geschmack.Das summende Geräusch und das unveränderte weiße Lichtverursachten eine Art von Ohnmacht, ein Gefühl der Leere inseinem Kopf. Er stand auf, weil der Schmerz in seinen Knochennicht mehr erträglich war, um sich dann sofort wiederhinzusetzen, weil er zu schwindlig war, um sicher auf den Füßenzu stehen. Sobald er sich ein wenig in der Gewalt hatte, befiel ihnwieder die Angst. Manchmal dachte er mit einer schwachenHoffnung an OBrien und die Rasierklinge. Es war denkbar, daßdie Rasierklinge in seinem Essen versteckt kam, wenn er 273
  • 274. überhaupt jemals etwas zu essen erhielt. Unbestimmter dachte eran Julia.Irgendwo litt sie, vielleicht noch schlimmer als er. Sie schrievielleicht in diesem Augenblick vor Schmerz. Er dachte: »Wennich Julia dadurch retten könnte, daß ich meine eigene Qualverdoppele, würde ich es tun? Ja, ich täte es.«Aber das war nur ein verstandesmäßiger Entschluss, den er indem Bewusstsein faßte, daß er es tun sollte. Er empfand ihnnicht. Hier, an diesem Ort, konnte man nichts empfinden, außerQual und dem Vorauswissen der Qual. War es außerdemmöglich, aus welchem Grund auch immer zu wünschen, dereigene Schmerz möge sich vergrößern, wenn man ihn auchwirklich erlitt? Aber diese Frage war noch nicht beantwortbar.Wieder näherten sich Stiefel. Die Tür öffnete sich. OBrien kamherein. Winston starrte auf seine Füße. Der Schreck des Anblicksließ ihn alle Vorsicht außer Acht lassen. Zum erstenmal seitvielen Jahren vergaß er, daß ein Televisor da war.»Sie haben auch Sie erwischt!« rief er.»Sie erwischten mich schon vor geraumer Zeit«, sagte OBrien miteiner sanften, fast bedauernden Ironie.Er trat beiseite, hinter ihm trat ein breitbrüstiger Wachmann miteinem langen schwarzen Gummiknüppel in der Hand hervor. Ja,erkannte er jetzt, er hatte es immer gewußt. Aber jetzt war keineZeit, daran zu denken. Alles, wofür er Augen hatte, war derGummiknüppel in der Hand des Wachsoldaten. Er konnteüberallhin treffen: auf den Scheitel, die Ohrspitze, den Oberarm,den Ellbogen. Den Ellbogen!Er war, fast gelähmt, auf die Knie gesunken, während er mitseiner anderen Hand den getroffenen Ellbogen umklammerte.Alles war zu gelbem Licht explodiert. Unfaßlich, einfachunfaßlich, daß ein Schlag solchen Schmerz verursachen konnte!Es wurde lichter, und er konnte die beiden anderen sehen, wie sieauf ihn herabblickten. Der Wachmann lachte über seineVerkrümmungen. Eine Frage jedenfalls war beantwortet. Nie, auskeinem Grunde der Welt, konnte man eine Vergrößerung des 274
  • 275. Schmerzes wünschen. Von dem Schmerz konnte man nur eineshoffen: nämlich, daß er aufhörte.Nichts auf der Welt war so schlimm wie körperlicher Schmerz.Angesichts des Schmerzes gibt es keine Helden. Es gibt es keineHelden, dachte er wieder und immer wieder, während er sich aufdem Boden wand und vergeblich seinen kraftlosherunterbaumelnden Arm streichelte. Zweites KapitelEr lag auf etwas, das sich wie ein Feldbett anfühlte, außer daß eshöher vom Boden entfernt und daß er auf irgendeine Weisedarauf gefesselt war, so daß er sich nicht rühren konnte. Licht,das stärker als gewöhnlich schien, fiel auf sein Gesicht. OBrienstand neben ihm und blickte gespannt auf ihn herab. An deranderen Seite stand ein Mann in einem weißen Mantel, eineInjektionsspritze in der Hand.Sogar nachdem er die Augen geöffnet hatte, nahm er seineUmgebung nur allmählich in sich auf. Er hatte den Eindruck, indieses Zimmer aus einer ganz anderen Welt, einer Art von tiefunter ihr gelegenen Unterwasserwelt, empor zutauchen. Wielange er dort unten gewesen war, wußte er nicht. Seit demAugenblick seiner Festnahme hatte er weder Dunkelheit nochTageslicht zu sehen bekommen. Außerdem waren seineErinnerungen unzusammenhängend. Es hatte Zeitspannengegeben, in denen das Bewusstsein – sogar die Art vonBewusstsein, die man im Schlaf hat – vollkommen ausgeschaltetgewesen war und sich nach einer Zwischenpause der Leerewieder eingeschaltet hatte. Aber ob diese Zwischenpausen Tageoder Wochen oder nur Sekunden währten, konnte er nicht sagen.Mit jenem ersten Schlag auf den Ellbogen hatte der Alptraum 275
  • 276. begonnen. Erst später sollte er erfahren, daß alles, was damalsgeschah, lediglich ein Vorspiel, ein Schabloneverhör war, demfast alle Gefangenen unterworfen wurden. Es gab eine langeReihe von Verbrechen – Spionage, Sabotage und dergleichen –,deren sich jeder von Anfang an schuldig bekennen mußte. DasGeständnis war eine Formalität, wenn auch die Folterung echtwar. Wie oft er geschlagen worden war, wie lange die Prügeleienfortgesetzt wurden, konnte er sich nicht erinnern.Immer fielen fünf oder sechs Männer in schwarzen Uniformengleichzeitig über ihn her. Manchmal bearbeiteten sie ihn mit denFäusten, manchmal mit Gummiknüppeln, dann wieder mitStahlruten oder mit den Stiefeln. Es gab Zeiten, wo er sich aufdem Boden herumwälzte, schamlos wie ein Tier, seinen Körperhierhin und dorthin duckte in einem endlosen, hoffnungslosenBemühen, den Fußtritten auszuweichen, und damit nur mehrund immer noch mehr Fußtritte in seine Rippen, seinen Bauch,auf seine Ellbogen, gegen seine Schienbeine, in seine Hoden, aufsein Steißbein herausforderte. Es gab Zeiten, in denen es weiterund immer weiter ging, bis ihm nicht das grausam, verrucht undunverzeihlich erschien, daß die Wachen nicht abließen, ihn zuschlagen, sondern daß er sich nicht dazu zwingen konnte, dasBewusstsein zu verlieren.Es gab Zeiten, in denen ihn der Mut so im Stich ließ, daß er sogarschon vor Beginn der Prügelei um Gnade zu schreien anfing, indenen allein schon der Anblick einer zum Schlag erhobenenFaust genügte, um ihn ein Geständnis wirklicher und erfundenerVerbrechen hervorsprudeln zu lassen. Es gab andere Zeiten, woer sich vornahm, nichts zu gestehen, so daß jedes Wort zwischenSchmerzgekeuche aus ihm herausgepresst werden mußte, und esgab Zeiten, wo er jämmerlich einen Kompromiß zu schließenversuchte, in dem er zu sich selbst sagte: »Ich will gestehen, abernoch nicht gleich. Ich muß so lange standhalten, bis der Schmerzunerträglich wird. Noch drei Schläge, noch zwei Schläge, unddann sage ich ihnen, was sie wollen.« 276
  • 277. Manchmal wurde er geschlagen, bis er kaum mehr stehenkonnte, dann wie ein Sack Kartoffeln auf den Steinboden einerZelle geworfen und ein paar Stunden in Ruhe gelassen, um sichwieder zu erholen, und dann herausgeführt und erneutgeschlagen.Es gab auch längere Erholungspausen. Er entsann sich ihrerundeutlich, denn er hatte sie meist schlafend oder in stumpferBetäubung verbracht. Er erinnerte sich an eine Zelle mit einerPritsche, einem aus der Wand herausragenden Gestell und einerblechernen Waschschüssel, ferner an Mahlzeiten, bestehend auswarmer Suppe, Brot und manchmal Kaffee. Er erinnerte sicheines mürrischen Friseurs, der ihm das Kinn zu schaben und dieHaare zu schneiden kam, und geschäftsmäßiger, unbarmherzigerMänner in weißen Mänteln, die ihm den Puls fühlten, dasFunktionieren seiner Reflexe prüften, ihm die Augenliderhochhoben, ihn mit sachlichen Fingern nach einem gebrochenenKnochen abtasteten und ihm Injektionsnadeln in den Armstießen, damit er schlafen konnte.Die Prügeleien wurden weniger häufig angewandt, in derHauptsache als Drohung, als ein Schreckmittel, dem er in jedemAugenblick wieder ausgeliefert werden konnte, wenn seineAntworten unbefriedigend ausfielen.Die ihn Verhörenden waren jetzt keine Rohlinge in schwarzerUniform, sondern Partei-Intellektuelle, kleine rundliche Männermit raschen Bewegungen und blitzenden Brillengläsern, die ihn,einander ablösend, in Zeitspannen von – wie er glaubte, dennsicher konnte er es nicht sagen – zehn oder zwölf Stundenunaufhörlich bearbeiteten.Diese ihn jetzt Vernehmenden sorgten dafür, daß er ständig unterder Betäubung eines leisen Schmerzes stand, aber in derHauptsache verließen sie sich nicht auf den Schmerz. Sieschlugen ihn wohl ins Gesicht, verdrehten ihm die Ohren, rissenihn an den Haaren, ließen ihn auf einem Bein stehen, erlaubtenihm nicht, Wasser zu lassen, hielten ihm blendendes Licht vordas Gesicht, bis ihm die Tränen aus den Augen liefen; aber alles 277
  • 278. das diente nur dazu, ihn zu demütigen und ihm die Kraft zumWiderstand und zu vernünftigem Denken zu nehmen.Ihre wirkliche Waffe war das unerbittliche Verhör, das weiterund immer weiter ging, Stunde um Stunde, das ihn aus demKonzept brachte, ihm Fallen stellte, alle seine Worte verdrehte,ihn bei jedem Schritt der Lügen und des Widerspruchs schuldigerklärte, bis er aus Beschämung sowie aus nervöser Erschöpfungzu weinen anfing. Manchmal weinte er ein halbes Dutzend Malim Verlauf einer einzigen Vernehmung. Die meiste Zeit schrieensie ihn mit Schimpfnamen an und drohten ihm bei jedem Zögern,ihn wieder den Wachen auszuliefern. Manchmal aber ändertensie plötzlich ihre Tonart, nannten ihn Genosse, ermahnten ihn imNamen von Engsoz und dem Großen Bruder und fragten ihnkummervoll, ob er denn sogar jetzt noch nicht genügend Treueder Partei gegenüber aufbringen könnte, um zu wünschen, dasgetane Unrecht wieder gutzumachen.Wenn seine Nerven nach stundenlangem Verhör in Fetzenwaren, dann konnte ihn sogar diese Mahnung zu triefendenTränen bringen. Am Schluß erledigten ihn die quälendenStimmen gründlicher als die Stiefel und Fäuste der Wachen. Erwurde nur noch zu einem Mund, der etwas stammelte, und einerHand, die unterschrieb, was man von ihm wollte. Er hatte nurnoch einen Wunsch, nämlich herauszufinden, was sie wollten,das er gestehen sollte, um es dann rasch zu gestehen, ehe dieQuälerei von neuem anfing.Er bekannte sich schuldig der Ermordung führenderParteimitglieder, der Verbreitung aufrührerischer Flugschriften,der Unterschlagung öffentlicher Mittel, des Verrats militärischerGeheimnisse und der Sabotage aller Art. Er bekannte, bereits imJahre 1968 ein von der Regierung Ostasiens bezahlter Spiongewesen zu sein. Er bekannte sich als einen religiös Gläubigen,einen Bewunderer des Kapitalismus und eines sexuellPervertierten. Er bekannte, seine Frau ermordet zu haben,obwohl er wußte – und seine Befrager wissen mußten –, daßseine Frau noch am Leben war. Er bekannte, seit Jahren in 278
  • 279. persönlicher Verbindung mit Goldstein gestanden zu haben unddas Mitglied einer Untergrundorganisation gewesen zu sein, derfast jeder Mensch, den er nur je gekannt hatte, angehört hatte.Es war leichter, alles zu gestehen und Gott und die Welt mithineinzuverwickeln. Außerdem war in gewisser Weise alleswahr. Es war wahr, daß er ein Feind der Partei gewesen war, undin den Augen der Partei bestand kein Unterschied zwischenGedanken und Taten.Es gab auch noch andere Erinnerungen. Sie hoben sich in seinemDenken unzusammenhängend ab, wie rings von Dunkelheitumgebene Bilder.Er befand sich in einer Zelle, die entweder dunkel oder hellgewesen sein mochte, denn er konnte nichts als nur ein paarAugen unterscheiden. In seiner Nähe tickte langsam undregelmäßig ein Apparat. Die Augen wurden größer undleuchtender. Plötzlich schwebte er aus seinem Sitz empor, tauchtein die Augen und wurde aufgesogen.Er war unter blendendem Licht auf einen von Skalenscheibenumgebenen Stuhl festgeschnallt. Ein Mann in weißem Mantel lasdie Skalen ab. Draußen hörte man das Getrampel schwererStiefel. Die Tür öffnete sich klirrend. Der Offizier mit demWachsmaskengesicht marschierte, von zwei Wachen gefolgt,herein.»Zimmer 101!«, sagte der Offizier.Der Mann im weißen Mantel drehte sich nicht um. Er sah auchWinston nicht an; er blickte nur auf die Skalen. Er wälzte sicheinen riesigen Gang von einem Kilometer Breite hinunter, dervon strahlendem, goldenem Licht erfüllt war, brüllend vorLachen und mit Aufwand seiner ganzen Stimme Geständnissehinausschreiend.Er gestand alles, sogar die Dinge, die er unter der Folter zuverschweigen fertiggebracht hatte. Er berichtete seine ganzeLebensgeschichte einer Zuhörerschaft, die sie bereits kannte. Mitihm wälzten sich die Wachen, die anderen Verhörenden, dieMänner in weißen Mänteln, OBrien, Julia, Herr Charrington, alle 279
  • 280. zusammen vor Lachen brüllend den Gang hinunter. EtwasSchreckliches, das im Schoß der Zukunft gelegen hatte, warirgendwie übersprungen worden und nicht Wirklichkeitgeworden. Alles war schön und gut, es gab keinen Schmerzmehr, die letzte Einzelheit seines Lebens war bloßgelegt,verstanden und vergeben.Er fuhr von der Pritsche hoch, in der halben Gewissheit, OBriensStimme gehört zu haben. Während seines ganzen Verhörs hatteer, obwohl er ihn nie gesehen hatte, das Gefühl gehabt, OBrienstehe unmittelbar neben ihm, er sei es, der alles leitete. Er sei es,der die Wachen auf Winston hetzte und der sie daran hinderte,ihn zu töten. Ihm war, als entschied OBrien darüber, wannWinston vor Schmerz schreien, wann er seine Erholungspausehaben, wann er etwas zu essen bekommen, wann er schlafensollte und wann die Drogen in seinen Arm eingespritzt werdensollten. Er stellte die Fragen und bestimmte die Antworten. Erwar der Peiniger, der Beschützer, der Inquisitor, der Freund.Und einmal – Winston konnte sich nicht erinnern, ob es imnarkotischen oder im Normalschlaf oder gar in einemAugenblick des Wachzustandes war – murmelte ihm eineStimme ins Ohr: »Keine Angst, Winston, du bist in meiner Hut.Sieben Jahre habe ich dich beobachtet. Nun ist der Wendepunktgekommen. Ich werde dich retten, dich zum Rechten führen.« Erwar nicht sicher, ob es OBriens Stimme war; aber es war diegleiche Stimme, die in jenem anderen Traum vor sieben Jahren zuihm gesagt hatte: »Wir werden uns an einem Ort treffen, wokeine Dunkelheit herrscht.«Er erinnerte sich nicht, daß sein Verhör jemals ein Endegenommen hätte. Es kam eine Zeitspanne, wo alles schwarz war,und dann hatte die Zelle oder das Zimmer, in dem er sich nunbefand, langsam um ihn herum Gestalt angenommen. Er lag fastflach auf dem Rücken und war außerstande, eine Bewegung zumachen. Sein Körper wurde an jedem in Frage kommendenPunkt niedergehalten. Sogar sein Hinterkopf war auf irgendeineWeise festgeklammert. OBrien blickte ernst und fast traurig auf 280
  • 281. ihn herunter. Sein Gesicht sah von unten gesehen derb undabgespannt aus, mit Säcken unter den Augen und müden Linienvon der Nase zum Kinn. Er war älter, als Winston gedacht hatte;er war vielleicht achtundvierzig oder fünfzig Jahre alt. SeineHand lag auf einer Skala mit einem Hebel darauf, mit rings umdie Scheibe angeordneten Zahlen.»Ich sagte Ihnen«, erklärte OBrien, »wenn wir uns wieder träfen,würde es hier sein.«»Ja«, sagte Winston.Ohne jede Warnung, außer einer kleinen Bewegung von OBriensHand, durchflutete eine Schmerzenswelle seinen Leib. Es war einerschreckender Schmerz, denn er konnte nicht sehen, was vorsich ging, und hatte das Gefühl, als würde ihm eine todbringendeVerletzung zugefügt. Er wußte nicht, ob sich der Vorgangwirklich abspielte oder die Wirkung elektrisch hervorgebrachtwurde; aber sein Leib wurde aus der Form gedehnt, die Gelenkelangsam auseinandergezerrt. Obwohl der Schmerz den Schweißauf seiner Stirn hatte ausbrechen lassen, war doch dasSchlimmste vor allem die Angst, sein Rückgrat sei im Begriff,auseinander zureißen. Er biß die Zähne zusammen und atmeteangestrengt durch die Nase in dem Bemühen, sich so lange wiemöglich still zu verhalten.»Sie haben Angst«, sagte OBrien, der sein Gesicht beobachtete,»daß im nächsten Augenblick etwas birst. Sie fürchten besonders,daß es Ihr Rückgrat sein könnte. Ihnen schwebt lebhaft das Bildvor, daß die Rückenwirbel auseinander schnappen und dasRückenmark zwischen ihnen heraustropft. Das sind IhreGedanken, stimmts, Winston?«Winston antwortete nicht. OBrien drehte den Hebel auf derScheibe zurück. Die Schmerzenswelle ebbte fast ebenso schnellab, wie sie gekommen war.»Das wäre Stärke vierzig«, bemerkte OBrien. »Sie können sehen,daß die Zahlen auf dieser Skala bis hundert reichen. Wollen Siebitte während unserer ganzen Unterhaltung daran denken, daßes in unserer Macht steht, Ihnen in jedem Augenblick und in 281
  • 282. jedem von mir gewünschten Grad Schmerz zuzufügen. Wenn Siemir Lügen auftischen oder irgendwelche Ausflüchte zu machenversuchen, oder auch nur sich dümmer stellen, als Sie sind,werden Sie sofort vor Schmerz aufschreien. Haben Sieverstanden?«»Ja«, sagte Winston.OBriens Art und Weise wurde weniger streng. Er rücktenachdenklich seine Brille zurecht und machte ein paar Schrittehin und her. Als er sprach, war seine Stimme sanft und geduldig.Er sah aus wie ein Arzt, ein Lehrer, ja sogar wie ein Priester,mehr darauf bedacht, zu erklären und zu überreden, als zubestrafen.»Ich gebe mir Mühe mit Ihnen, Winston«, sagte er, »denn beiIhnen lohnt sich die Mühe. Sie wissen sehr wohl, was mit Ihnenlos ist. Sie wußten es seit Jahren, wenn Sie es auch nicht wissenwollten. Sie sind geistesgestört. Sie leiden an einemGedächtnisdefekt. Sie sind außerstande, sich wirklicherGeschehnisse zu erinnern, und reden sich ein, sich an andereGeschehnisse zu erinnern, die nie stattfanden.Zum Glück ist das heilbar. Sie haben sich nie davon geheilt, weilSie es nicht wollten. Es bedurfte einer kleinenWillensanstrengung, die zu machen Sie nicht willens waren.Sogar jetzt halten Sie an Ihrer moralischen Krankheit fest in demWahn, sie sei eine Tugend. Nun wollen wir mal ein Beispielhernehmen. Mit welcher Macht ist Ozeanien augenblicklich imKriegszustand?«»Als ich verhaftet wurde, befand sich Ozeanien im Kriegszustandmit Ostasien.«»Mit Ostasien. Richtig. Und Ozeanien hat sich immer imKriegszustand mit Ostasien befunden, nicht wahr?« Winstonschöpfte Atem.Er machte den Mund auf, um zu sprechen, und sprach dann dochnicht. Er konnte seinen Blick nicht von der Skala wegwenden.»Die Wahrheit, bitte, Winston. Ihre Wahrheit. Sagen Sie mir, wasSie sich zu erinnern glauben.« 282
  • 283. »Ich erinnere mich, daß wir uns eine Woche vor meinerVerhaftung überhaupt noch nicht im Krieg mit Ostasienbefanden. Wir hatten ein Bündnis mit Ostasien. Der Krieg wargegen Eurasien gerichtet. Dieser hatte vier Jahre gedauert.Vorher…“OBrien gebot ihm mit einer Handbewegung Einhalt. »Einanderes Beispiel«, sagte er. »Vor einigen Jahren hatten Sie untereiner tatsächlich sehr ernsten Selbsttäuschung zu leiden. Sieglaubten, drei Männer, drei ehemalige Parteimitglieder namensJones, Aaronson und Rutherford – Männer, die wegenHochverrat und Sabotage hingerichtet wurden, nachdem sie dasdenkbar umfassendste Geständnis abgelegt hatten –, seien derVerbrechen, deren sie angeklagt wurden, nicht schuldig.Sie glaubten, einen unumstößlichen dokumentarischen Beweisgesehen zu haben, wonach ihre Geständnisse falsch waren. Esspielte da eine gewisse Fotografie eine Rolle, bezüglich der Sieeine Halluzination gehabt hatten. Sie glaubten, sie tatsächlich inHänden gehalten zu haben. Es war eine Fotografie ungefähr wiediese da.«Ein länglicher Zeitungsausschnitt war zwischen OBriens Fingernzum Vorschein gekommen. Vielleicht fünf Sekunden lang befander sich in Winstons Gesichtswinkel. Es war eine Fotografie, undes bestand keine Frage, was sie darstellte. Es war die Fotografie.Es war ein anderer Abzug der Aufnahme von Jones, Aaronsonund Rutherford bei der Parteifunktion in New York, auf der ervor elf Jahren zufällig gestoßen war und die er sogleichvernichtet hatte.Nur einen Augenblick hatte er einen Blick darauf werfen können,dann war sie wieder fort. Aber er hatte sie gesehen, hatte siefraglos gesehen! Er machte eine verzweifelte, qualvolleAnstrengung, seine obere Körperhälfte zu befreien. Es warunmöglich, sich auch nur um einen Zentimeter in irgendeinerRichtung zu bewegen. In diesem Augenblick hatte er sogar dieSkala vergessen. Er wollte nur noch einmal die Fotografie inHänden halten oder sie wenigstens sehen. 283
  • 284. »Sie ist vorhanden!« rief er.»Nein«, sagte OBrien.Er ging durchs Zimmer. In der Wand drüben befand sich einGedächtnis-Loch. OBrien hob das Schlitzgitter. Ungesehenwirbelte das leichte Stückchen Papier in dem Warmluftzugdavon; es verschwand in einem Aufflammen. OBrien wendetesich von der Wand ab.»Asche«, sagte er. »Nicht einmal identifizierte Asche. Staub. Es istnicht vorhanden. War nie vorhanden.«»Aber es war vorhanden! Ist vorhanden! Es ist in meinerErinnerung vorhanden. Ich erinnere mich daran. Sie erinnern sichdaran.«»Ich erinnere mich nicht daran«, sagte OBrien.Winstons Mut sank. Das war Doppeldenk. Es überkam ihn einGefühl vollständiger Hilflosigkeit. Wenn er hätte sicher seinkönnen, daß OBrien log, dann hätte das nichts ausgemacht. Aberes war durchaus möglich, daß OBrien das Bild wirklichvergessen hatte. Und wenn dem so war, dann hätte er bereitsvergessen, daß er geleugnet hatte, sich an sie zu erinnern, undauch den Vorgang des Vergessens vergessen. Wie konnte mansicher sein, daß es nur Betrug war? Vielleicht konnte dieseverrückte Korrektur nach unseren Wünschen wirklich imVerstand vor sich gehen: das war der Gedanke, der ihnniederschmetterte.OBrien blickte prüfend auf ihn hinunter. Mehr als je sah er auswie ein Lehrer, der sich mit einem widerspenstigen, abervielversprechenden Kinde Mühe gibt.»Es gibt einen Partei-Wahlspruch bezüglich der Kontrolle derVergangenheit«, sagte er.»›Wer die Vergangenheit kontrolliert, der kontrolliert dieZukunft; wer die Gegenwart kontrolliert, der kontrolliert dieVergangenheit‹«, wiederholte Winston folgsam.»›Wer die Gegenwart kontrolliert, der kontrolliert dieVergangenheit‹«, sagte OBrien mit einem zustimmenden 284
  • 285. Kopfnicken. »Sie sind der Meinung, Winston, daß dieVergangenheit eine tatsächliche Existenz hat?«Wieder bemächtigte sich Winstons das Gefühl der Hilflosigkeit.Seine Augen suchten rasch die Skala. Nicht nur wußte er nicht,ob »ja« oder »nein« die richtige Antwort war, die ihn vorSchmerz bewahren würde; er wußte nicht einmal, welcheAntwort ihm die richtige schien.OBrien lächelte leise. »Sie sind kein Metaphysiker, Winston«,sagte er. »Bis jetzt hatten Sie nie in Betracht gezogen, was mitExistenz gemeint ist. Ich will es deutlicher ausdrücken. Existiertdie Vergangenheit konkret – im Raum? Gibt es irgendwo einenOrt, eine Welt greifbarer Dinge, wo die Vergangenheit noch inErscheinung tritt?«»Nein.«»Wo dann existiert die Vergangenheit, wenn überhaupt?«»In Aufzeichnungen. Sie ist niedergeschrieben.«»In Aufzeichnungen. Und?«»Im Denken. Im Gedächtnis der Menschen.«»Im Gedächtnis. Nun, dann also gut. Wir, die Partei,kontrollieren alle Aufzeichnungen, und wir kontrollieren alleErinnerungen. Demnach also kontrollieren wir dieVergangenheit, oder nicht?«»Aber wie könnt ihr die Menschen daran hindern, sich an Dingezu erinnern?« rief Winston, der wieder einen Augenblick dieSkala vergaß. »Es geschieht unwillkürlich. Man kann nichtsdagegen tun. Wie könnt ihr das Gedächtnis kontrollieren? Meineshabt ihr nicht kontrolliert!«OBriens Verhalten wurde wieder streng. Er legte die Hand aufdie Zahlenscheibe. »Umgekehrt«, sagte er. »Sie haben es nichtkontrolliert. Das hat Sie hierher gebracht. Sie sind hier, weil Sie esan Demut, an Selbstdisziplin haben fehlen lassen. Sie wollten denAkt der Unterwerfung nicht vollziehen, der der Preis ist fürgeistige Gesundheit. Sie zogen es vor, ein Verrückter, eineMinderheit von einem einzelnen zu sein. Nur der geschulte Geisterkennt die Wirklichkeit, Winston. 285
  • 286. Sie glauben, Wirklichkeit sei etwas Objektives, äußerlichVorhandenes, aus eigenem Recht Bestehendes. Auch glauben Sie,das Wesen der Wirklichkeit sei an sich klar. Wenn Sie sich derSelbsttäuschung hingeben, etwas zu sehen, nehmen Sie an,jedermann sehe das gleiche wie Sie. Aber ich sage Ihnen,Winston, die Wirklichkeit ist nicht etwas an sich Vorhandenes.Die Wirklichkeit existiert im menschlichen Denken undnirgendwo anders. Nicht im Denken des einzelnen, der irrenkann und auf jeden Fall bald zugrunde geht: nur im Denken derPartei, die kollektiv und unsterblich ist.Was immer die Partei für Wahrheit hält, ist Wahrheit. Es istunmöglich, die Möglichkeit anders als durch die Augen derPartei zu sehen. Diese Tatsache müssen Sie wieder lernen,Winston. Dazu bedarf es eines Aktes der Selbstaufgabe, einesWillensaufwandes. Sie müssen sich demütigen, ehe Sie geistiggesund werden können.«Er wartete ein paar Augenblicke, wie um das Gesagte erst einmalwirken zu lassen. »Erinnern Sie sich«, fuhr er fort, »in IhrTagebuch geschrieben zu haben: ›Freiheit ist die Freiheit zusagen, daß zwei und zwei vier ist‹?«»Ja«, sagte Winston.OBrien hob seine linke Hand hoch, den Handrücken Winstonzugekehrt, den Daumen versteckt und die vier Fingerausgestreckt. »Wie viele Finger halte ich empor, Winston?«»Vier.«»Und wenn die Partei sagt, es seien nicht vier, sondern fünf – wieviele sind es dann?«»Vier.«Das Wort endete mit einem Schmerzensschrei. Der Zeiger derZahlenscheibe schnellte auf fünfundfünfzig hoch. Winston waram ganzen Leib der Schweiß aus allen Poren getreten. Die Luftdrang in seine Lungen und brach als dumpfes Stöhnen wiederdaraus hervor, dem er sogar nicht durch Zusammenbeißen derZähne Einhalt gebieten konnte. OBrien beobachtete ihn, noch 286
  • 287. immer die vier Finger erhoben. Er zog den Hebel zurück.Diesmal wurde der Schmerz nur um ein geringes gemildert.»Wie viele Finger, Winston?«»Vier.«Die Nadel stieg auf sechzig.»Wie viele Finger, Winston?«»Vier, vier! Was kann ich denn anderes sagen? Vier!«Die Nadel mußte noch einmal geklettert sein, aber er sah nichthin. Er hatte nur das ernste, strenge Gesicht und die vier Fingervor Augen. Die Finger erhoben sich vor seinen Augen wieSäulen, riesig, verschwommen und scheinbar schwankend, aberunverkennbar vier.»Wie viele Finger, Winston?«»Vier! Hören Sie auf, hören Sie auf! Nicht mehr weiter! Vier!«»Wie viele Finger, Winston?«»Fünf! Fünf! Fünf!«»Nein, Winston, das hat keinen Zweck. Sie lügen. Sie glaubennoch immer, es seien vier. Wie viele Finger, bitte?«»Vier! Fünf! Vier! Was Sie wollen. Nur hören Sie auf, hören Sieauf mit der Quälerei!«Unversehens saß er aufgerichtet da. OBriens Arm um seineSchultern gelegt. Er hatte vielleicht ein paar Sekunden dasBewußtsein verloren gehabt. Die Fesseln, die seinen Körperniedergehalten hatten, waren gelockert. Er fror heftig, schlottertehaltlos, seine Zähne klapperten, und Tränen rollten seineWangen herab. Einen Augenblick klammerte er sich an OBrienwie ein kleines Kind, seltsam getröstet durch den um seineSchultern gelegten schweren Arm. Er hatte das Gefühl, OBriensei sein Beschützer, der Schmerz sei etwas von außen, von eineranderen Quelle Kommendes, und OBrien werde ihn davorbeschirmen.»Sie sind langsam im Lernen, Winston«, sagte OBrien sanft.»Was kann ich dagegen machen?« stieß er unter Schmerzenhervor. »Was kann ich dagegen machen, dass ich sehe, was ichvor Augen habe? Zwei und zwei macht vier.« 287
  • 288. »Manchmal, Winston. Manchmal macht es fünf. Manchmal drei.Manchmal alles zusammen. Sie müssen sich mehr Mühe geben.Es ist nicht leicht, vernünftig zu werden.«Er legte Winston auf das Streckbett nieder. Seine Glieder wurdenwieder umklammert, aber der Schmerz war abgeflaut, und dasZittern hatte aufgehört; er fühlte sich nur noch kalt und schwach.OBrien gab mit dem Kopf dem Mann im weißen Mantel einZeichen, der während des ganzen Verhörs unbeweglichdagestanden hatte. Der Mann im weißen Mantel beugte sichhinunter und blickte aufmerksam in Winstons Augen, befühlteseinen Puls, legte ein Ohr an seine Brust, klopfte ihn da und dortab. Dann nickte er OBrien zu.»Noch einmal«, sagte OBrien.Der Schmerz durchflutete Winstons Körper. Der Zeiger mußteauf siebzig, fünfundsiebzig stehen. Diesmal hatte Winston dieAugen geschlossen. Er wußte, daß die Finger noch immererhoben und daß es noch immer vier waren. Es kam nur daraufan, irgendwie am Leben zu bleiben, bis der krampfartigeSchmerz vorüber war. Er war sich nicht mehr bewußt, ob erschrie oder nicht. Der Schmerz ließ wieder nach. Er öffnete dieAugen. OBrien hatte die Hebel zurückgedreht.»Wie viele Finger, Winston?« »Vier. Ich glaube, es sind vier. Ichwürde fünf sehen, wenn ich könnte. Ich versuche, fünf zu sehen.«»Was wollen Sie: mir einreden, Sie sähen fünf, oder sie wirklichsehen.«»Sie wirklich sehen.«»Noch einmal«, sagte OBrien.Der Zeiger war vielleicht bei achtzig, neunzig. Winston konntesich nur in Abständen entsinnen, warum der Schmerz da war.Hinter seinen verdrehten Augenlidern schien ein Wald vonFingern sich in einer Art Tanz zu bewegen, sich zu verflechtenund wieder aufzulösen, einer hinter dem anderen zuverschwinden und wieder zu erscheinen. Er versuchte, sie zuzählen, ohne sich erinnern zu können, warum er das tat. Erwußte, daß es unmöglich war, sie zu zählen, und daß das 288
  • 289. irgendwie mit der geheimnisvollen Gleichheit zwischen fünf undvier zusammenhing. Der Schmerz ließ wieder nach. Als er dieAugen öffnete, sah er noch immer das gleiche: zahllose Fingerglitten immer noch wie sich bewegende Bäume wechselweisenach beiden Seiten vorüber. Er schloß wieder die Augen.»Wie viele Finger halte ich hoch, Winston?«»Ich weiß nicht, weiß es nicht. Sie töten mich, wenn Sie nocheinmal einschalten. Vier, fünf, sechs – ganz ehrlich gesagt, ichweiß es nicht.«»Schon besser«, sagte OBrien.Eine Nadel drang in Winstons Arm. Fast im gleichen Augenblickdurchflutete eine wonnige, wohltuende Wärme seinen ganzenKörper. Der Schmerz war bereits halbwegs vergessen. Er öffnetedie Augen und blickte dankbar zu OBrien. empor. Beim Anblickdieses ernsten, tiefgefurchten Gesichts, das so hässlich und soklug war, schien sich ihm das Herz umzudrehen. Hätte er sichbewegen können, er hätte eine Hand ausgestreckt und sie aufOBriens Arm gelegt. Noch nie hatte er ihn so tief geliebt wie indiesem Augenblick, und nicht nur deshalb, weil er den Schmerzabgestellt hatte.Das alte Gefühl, daß es im Grunde nichts ausmachte, ob OBrienein Freund war oder ein Feind, hatte sich wieder eingestellt.OBrien war ein Mensch, mit dem man reden konnte. Vielleichtwill man nicht so sehr geliebt als verstanden sein. OBrien hatteihn fast bis zum Wahnsinn gefoltert, und nach einer kleinenWeile würde er ihn mit Bestimmtheit dem Tod überliefern. Dasbedeutete nichts. In gewissem Sinne ging alles das tiefer alsFreundschaft, sie waren Engvertraute: irgendwie gab es, obwohldas vielleicht nie mit Worten ausgesprochen wurde, eine Ebene,auf der sie sich begegnen und miteinander reden konnten.OBrien blickte auf ihn hinunter mit einem Gesichtsausdruck, dernahe legte, er habe vielleicht den gleichen Gedanken im Sinn. Alser sprach, war es in einem leichten Unterhaltungston.»Wissen Sie, wo Sie sich befinden, Winston?« fragte er. 289
  • 290. »Nein, ich weiß es nicht. Aber ich kann es mir denken. ImMinisterium der Liebe.«»Wissen Sie, wie lange Sie hier gewesen sind?«»Ich weiß es nicht. Tage, Wochen, Monate – ich glaube, es sindMonate.«»Und warum, glauben Sie, bringen wir die Menschen hierher?«»Um sie zu einem Geständnis zu zwingen.«»Nein, das ist nicht der Grund. Versuchen Sies noch einmal.«»Um sie zu bestrafen.«»Nein!« rief OBrien.Seine Stimme hatte sich plötzlich verändert, und sein Gesicht warplötzlich ernst und eifrig geworden. »Nein! Nicht nur, um IhrGeständnis zu erpressen, so wenig um Sie zu bestrafen. Soll ichIhnen sagen, warum wir Sie hierher gebracht haben? Um Sie zuheilen! Um Sie geistig gesund zu machen! Merken Sie sich,Winston, daß niemals ein Mensch, den wir hier an diesen Ortbringen, unsere Hände ungeheilt verlässt. Uns interessieren nichtdiese dummen Verbrechen, die Sie begangen haben. Die Parteikümmert sich nicht um die offene Tat: nur der Gedanke ist unswichtig. Wir vernichten nicht nur unsere Feinde, sondern machenandere Menschen aus ihnen. Verstehen Sie, was ich damitmeine?«Er neigte sich über Winston. Sein Gesicht sah riesig aus durch dieNähe und so von unten gesehen furchtbar hässlich. Außerdemwar es von einer Art Verzückung, einer verrücktenÜberspanntheit verzerrt. Wieder verließ Winston der Mut. Wennes möglich gewesen wäre, hätte er sich tiefer in das Streckbettverkrochen. Er war sicher, daß OBrien im Begriff stand, ausreiner Lust an dem Hebel zu drehen. In diesem Augenblickjedoch wandte OBrien sich weg. Er machte ein paar Schritte aufund ab. Dann fuhr er weniger heftig fort: »An erster Stelle gilt esfür Sie zu verstehen, daß es hier kein Märtyrertum gibt. Sie habenvon den Religionsverfolgungen in der Vergangenheit gelesen. ImMittelalter gab es die Inquisition. Sie war ein Versager. Sie 290
  • 291. unternahm es, die Ketzerei auszutilgen, und endete damit, sie zuverewigen.Für jeden Ketzer, den man auf dem Scheiterhaufen verbrannte,standen Tausende andere auf. Warum das? Weil die Inquisitionihre Feinde in der Öffentlichkeit tötete und sie tötete, weil sienoch unbußfertig waren: recht eigentlich sie deshalb tötete, weilsie unbußfertig waren.Die Menschen starben, weil sie ihren wahren Glauben nichtaufgeben wollten. Natürlich fiel der ganze Ruhm dem Opfer zu,und die ganze Schande kam auf den Inquisitor, der sieverbrannte. Später, im zwanzigsten Jahrhundert, kamen diesogenannten totalitären Regierungen. Die Bolschewistenverfolgten Ketzerei grausamer, als die Inquisition es jemals getanhatte.Und sie glaubten, von den Fehlern der Vergangenheit gelernt zuhaben; jedenfalls wußten sie, daß man keine Märtyrer machendurfte. Ehe sie ihre Opfer zu einer öffentlichen Verhandlungbrachten, ließen sie es sich wohlbedacht angelegen sein, ihreHaltung zu brechen. Sie zermürbten sie durch Folter undEinzelhaft, bis sie verachtungswürdige, kriechende, armseligeWürmer waren, die alles bekannten, was man ihnen in den Mundlegte, sich mit Schande bedeckten, einander bezichtigten und umGnade winselnd sich einer hinter dem anderen zu verschanzenversuchten. Und doch hatte sich nur nach ein paar Jahren dasgleiche wiederholt.Die Getöteten waren Märtyrer geworden, und ihreEntwürdigung war vergessen. Und wieder frage ich Sie: Wie kamdas? Erstens einmal, weil die von ihnen gemachten Geständnisseoffensichtlich gewaltsam erpresst und unecht waren. Wirbegehen keine solchen Fehler. Alle Geständnisse, die hierabgelegt werden, sind