Bengs biotech region und cluster nch 05-2011_bcnp
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    Bengs biotech region und cluster nch 05-2011_bcnp Bengs biotech region und cluster nch 05-2011_bcnp Document Transcript

    • 538 ÍChemiewirtschaftU Von der Bioregion zum Biotechcluster Holger Bengs Deutschland hat fünf international wettbewerbsfähige Biotechregionen: München, Berlin, Heidelberg, das Rheinland und Frankfurt. Größe zieht Erfolg nach sich: Forschungsförderung, Unternehmen und privates Kapital. Doch weiteres Kapital und kritische Masse sind nötig. G Deutschland ist eine der führen- nen und mittleren Unternehmen Urknall des Unternehmertums den Biotechnologie-Regionen welt- (KMU) von weniger als 4000 Mit- weit. Die Aussage mag erstaunen arbeitern auf 14 950. Das entspricht G Eine Studie der Deutschen Bank angesichts von nur 31 600 im Jahr einem Wachstum von knapp zehn nennt als Grund für die wachsende 2009 gezählten Mitarbeitern,1) wo- Prozent jährlich über 14 Jahre. Biotechindustrie den Bioregio- von mehr als die Hälfte (16 650 Noch besser ist das Bild beim Wettbewerb, den seinerzeit Zu- Mitarbeiter) bei großen Chemie-, Umsatz im gleichen Zeitraum: Er kunftsminister Jürgen Rüttgers Pharma- und Saatgutherstellern stieg von 0,3 Mrd. Euro im Jahr losgetreten hatte.2) Im Jahr 1995 biotechnisch beschäftigt ist. Allein 1996 auf 2,2 Mrd. Euro im Jahr begann damit die öffentliche For- im amerikanischen San Diego, ei- 2010, steigert sich also jährlich um schungsförderung der Biotech- ner der produktivsten Biotech-Re- 14,5 Prozent. Reifere Industrien nologie auf Bundesebene: Weg gionen weltweit, arbeiten 14 500 können da nicht mithalten. Selbst vom Gießkannenprinzip wurden Menschen.2) Von der Spitzenpositi- nach dem Krisenjahr 2009 bringt es die Regionen mit einem Themen- on der USA ist Deutschland also die wesentlich reifere chemische fokus und einer hohen Dichte von noch weit entfernt, gehört aber mit Industrie nur auf eine Umsatzstei- Forschungskompetenz und Indus- Großbritannien und Frankreich zu gerung von 2,5 Prozent [Nachr. trie gefördert, um die Strukturen den Verfolgern. Chem. 2011, 59, 109]. weiter auszubauen. Nach ame- Die Fakten in Deutschland sind: rikanischem Vorbild sollten sich Von 1996 bis zum Jahr 2010 stieg kritische Massen bilden – mit al- die Zahl der Mitarbeiter in den klei- lem Notwendigen, um neue Unter- nehmen zu gründen: Anwälte, Pa- tentanwälte, Gründungsberater Biotechcluster Name Ziele und Laboreinrichter nebst Labor- BioRN Zellbasierte und molekulare Personalisierte Medizin gegen Krebs; immobilien für die schnelle Aus- (Heidelberg, etwa Medizin in der Metropolregion im Jahr 2008: 1. Biotechclustersieger gründung aus der Hochschule. 80 Unternehmen) Rhein-Neckar Die einst mit dem Bioregio- m4 Biotech und Pharma, Personalisierte Medizin und Wettbewerb in die Bioregionen (München, etwa Wissenschaft, Kliniken sowie zielgerichtete Therapien 120 Unternehmen) Clustermanagement, München München-Martinsried, Rheinland, Medical Valley EMN Medical Valley – Europäische Biotechnologie für neue Rhein-Neckar und Jena investier- (Nürnberg, etwa Metropolregion Nürnberg Therapiesysteme; Sieger der 2. Runde ten 90 Mio. Euro haben entschei- 150 Unternehmen) dende Impulse geliefert: Von 100 CI3 Cluster für individualisierte Immuntherapeutika und Diagnostika Biotechnologie-Unternehmen in (Mainz, etwa Immunintervention – für Tumorleiden, Autoimmun- Deutschland im Jahr 1996 stieg die 50 Unternehmen) Immunopolis erkrankungen und Infektionen; Anzahl auf 531 im Jahr 2009. Bewerber zur 3. Wettbewerbsrunde Die Zahl neuer Unternehmen ist Cluster in Deutschland mit Bezug zur Biotechnologie. 3,6) Die jeweils angegebene Zahl von Unternehmen umfasst zwar nicht der entscheidende Para- alle an einem Thema arbeitenden Unternehmen und Verbände, geht also weit über Biotechnik hinaus. meter, um die Wirtschaftskraft ei- Nachrichten aus der Chemie | 59 | Mai 2011 | www.gdch.de/nachrichten
    • Chemiewirtschaft ÍBlickpunktU 539ner Branche zu beurteilen. DieBundesförderungen haben aberDeutschland Biotech-Unterneh-mertum als solide Voraussetzungfür weiteres Wachstum beschert.So förderte die Initiative „Biopro-file“ im Jahr 2000 Regionen in Nie-dersachsen, Berlin und Baden-Württemberg mit insgesamt50 Mio. Euro. Zu den neuesten Initiativen desBundes gehört „Bioindustrie“, diedieses Jahr bundesweit Projektezur industriellen Biotechnik mitinsgesamt 60 Mio. Euro unter-stützt. Viele Diplom-, Master- undDoktorarbeiten haben einen öko-nomischen Wert. Das dürfte einigeGrundlagenforscher überraschthaben. Es gibt nicht nur die Uni-versitäts- oder Industriekarriere,sondern verantwortliche Ausbil-dung weist auch auf die Möglich-keit des dritten Pfades hin: Selb-ständigkeit und Unternehmertum.Ein Naturwissenschaftler verfügtmit seinem technischen Know-how über eine grundsolide Basisdafür. Wie er einen Geschäftsplanschreibt und Partner findet, trai-niert er in Businessplan-Wett-bewerben wie dem Science4LifeVenture Cup. Unter den Gewinnern des Spitzenclusterwettbewerbs im letzten Jahr sind die Biotechcluster BioRN, Medical Valley EMN und m4.Privates Kapital weiterhin knapp Passend zur deutschen Risiko- hingegen läuft die weitere Stär-G Die deutsche Biotechszene ist scheu – Biotechnologie ist schlecht kung und Konzentrierung in dengeprägt von vielen Dienstleis- und Börsengänge sind es auch – Bioregionen. Heute heißen sietungsunternehmen und Zuliefe- gab es seit dem Jahr 2007 kein Ini- Cluster; das sind Regionen derrern. Dass viele dieser kleinen Un- tial Public Offering mehr, d. h. es kurzen Wege, die sich nicht scheu-ternehmen – die Hälfte der 531 Be- gab keine Aktienerstausgabe an ei- en, die fehlenden Bindeglieder lo-triebe hat weniger als zehn Mit- ner deutschen Börse zur Finanzie- kaler Wertschöpfungsketten anzu-arbeiter – bereits profitabel sind, rung von biopharmazeutischen siedeln, um die Produktivität zuändert nichts daran, dass etliche Unternehmen. steigern – in Städten Regierungs-davon weiter Kapital brauchen. bezirken und Bundesländern (Ta- Wer neue Medikamente er- belle).forscht braucht Genialität, Geduld Konzentration setzt sich fort Inzwischen entwickelt sich einund Geldgeber. Hier ist Deutsch- G Bei der Beteiligungsfinanzie- erfreulicher, bundesländerüber-land jedoch Biotech-Entwick- rung muss die Politik nachbessern greifender Trend: Der Cluster fürlungsland: 315 Mio. Euro im Jahr und auch die steuerliche For- individualisierte Immuninterventi-2009, davon 51 Mio. Euro För- schungsförderung fehlt bisher, um on (CI3) bereitet im Schulter-derung, 122 Mio. Euro Kapital- kleinen Unternehmen über die ers- schluss mit dem Rhein-Main-Ge-erhöhungen und nur 142 Mio. Eu- ten Jahre der Unprofitabilität hin- biet seine Bewerbung am Spitzen-ro Venture-Capital-Finanzierun- wegzuhelfen. Immerhin nehmen clusterwettbewerb der Bundes-gen sind ein Armutszeugnis ge- sie ein hohes Risiko auf sich, um regierung vor.3) Die Abbildungmessen an der Leistungsstärke der die Menschen gesund zu erhalten. zeigt die Gewinner des Wett-deutschen Volkswirtschaft. Das sollte etwas wert sein. Gut bewerbs vom letzten Jahr. §Nachrichten aus der Chemie | 59 | Mai 2011 | www.gdch.de/nachrichten
    • 540 ÍBlickpunktU Chemiewirtschaft Schon heute bieten Rheinland- Thomas Seuß beantwortet Fragen zum Patentrecht Pfalz und Hessen 51 KMU, die sich ausschließlich mit Biotechnologie befassen. Das ist nur etwas weniger Neuheit und erfinderische Tätig- als der Großraum Berlin mit 54. Hopfen und Malz keit). Sollte Ihr Unternehmen für Die Regionen Hessen und Rhein- verloren? die Ertragsoptimierung auf derarti- land-Pfalz zeichnet jedoch die Nä- ge biotechnologische Methoden he zur Pharmaindustrie aus: Fast zurückgreifen, dann könnten Sie 40 Prozent der 260 Mitglieder des Patentschutz beantragen. Bundesverbands der Pharmazeuti- Für die Fälle der rein biologischen schen Industrie dürften mit einer Züchtungen, das heißt bei Pflan- zweistündigen Autofahrt erreich- zen, die durch übliche Kreuzungs- bar sein.5) Nähe zur Abnehmer- verfahren neu gewonnen werden, industrie bedeutet Effizienz, Pro- gilt, dass diese dem Patentschutz Thomas Seuß duktivität und Wohlstand. Patentanwalt prinzipiell nicht zugänglich sind. Dies gilt auch dann, wenn im Rah- Frage Ich arbeite in einem men des biologischen Verfahrens Unnötige Cluster? 50: biotechnologisch aus- technische Hilfsmittel verwendet G Cluster sind ein unnötiges Pri- gerichteten Unterneh- werden, z. B. diagnostische Verfah- vileg der Biotechnologie-Indus- men und beschäftige mich mit der ren auf biotechnologischer Basis trie? Das ist nicht richtig: In Stutt- Optimierung des Ertrages be- (wie Qualitäts- oder Quantitäts- gart clustern sich seit langem Un- stimmter Nutzpflanzen mittels bestimmungen von Inhaltsstoffen ternehmen der Automobilbranche, biotechnologischer Methoden. der Pflanzen). Nur am Rande sei in Frankfurt die Banken und in Je- Unsere Arbeitsergebnisse sollten angemerkt: In einem solchen Fall na die optische Industrie.2) patentiert werden. Ich habe gele- könnte natürlich das Diagnosever- Auch aus technischer Sicht lässt sen, dass das Europäische Patent- fahren patentfähig sein. sich Wachstum prophezeien. Denn amt die Patentierbarkeit der erhal- Für den Fall, dass Sie an derartigen, die moderne Biotechindustrie ist tenen Pflanzen verneint hat und durch konventionelle Zuchtmetho- 35 Jahre alt. In dieser Zeitspanne frage mich daher, ob ich unsere Ar- den erzeugten Pflanzen arbeiten, schaffte es die Automobilindustrie beitsergebnisse zum Patent an- wären Ihre Arbeitsergebnisse je- von Carl Benz dreirädrigem Mo- melden soll. doch nicht notwendigerweise ohne torwagen zu Henry Ford und der Antwort: Schutz: Einer der Gründe, warum Fließbandproduktion des Modells T. In der Tat musste sich die große Be- derartige Methoden vom Patent- Heute sehen Autos anders aus.4) schwerdekammer des Europäi- schutz ausgenommen werden, ist Die Frage ist: Schaffts die Bio- schen Patentamtes kürzlich wieder das spezielle Sortenschutzrecht, technologieindustrie schneller als mit der Patentierbarkeit bio- das neue Pflanzenzüchtungen die Automobilindustrie? (techno)logischer Verfahren und de- schützt. Dieses Sortenschutzrecht ren Produkte beschäftigen. Die in existiert sowohl auf nationaler Ba- Holger Bengs, ist promovierter Chemiker, dem Verfahren aufgeworfenen Fra- sis (für Deutschland), als auch für Kaufmann und Geschäftsführer von BCNP gen hat die Kammer sehr ausführ- die gesamte EU. Consultants, ehemals Dr. Holger Bengs Bio- lich analysiert und es würde mich Wie Sie sehen: Hopfen und Malz tech Consulting, in Frankfurt am Main. bengs@bcnp-consultants.com nicht wundern, wenn die Wieder- sind nicht prinzipiell verloren, un- gabe hiervon in der Presse unklar abhängig davon, ob sie biologisch Referenzen: gewesen wäre. In der Sache hat die oder biotechnologisch hergestellt 1) Die deutsche Biotechnologie-Branche Kammer versucht, eine Abgren- werden; es kommt allerdings auf 2010, biotechnologie.de, im Auftrag des zung zu treffen zwischen Verfah- die Umstände des Einzelfalls an, Bundesministerium für Bildung und For- ren, die im Wesentlichen biologisch welches Schutzrecht hier mögli- schung (neue Zahlen werden voraussicht- lich in QII/2011 veröffentlicht). und solchen, die biotechnologisch cherweise zur Anwendung kom- 2) Oliver Rakau, Deutschlands Biotechnolo- durchgeführt werden. Für biotech- men könnte. In jedem Fall gilt es, gieregionen, Deutsche Bank Resarch, 10. nologische Verfahren, bei denen bei- alle Voraussetzungen des jeweili- Januar 2011. spielsweise Gensequenzen durch gen Schutzrechtes zu erfüllen. 3) www.ci-3.de technische Mittel in das Erbgut ei- Fragen für Thomas Seuß an: nachrichten@ 4) www.bpi.de 5) Holger Bengs, IHK WirtschaftsForum ner Pflanze eingeführt werden, ist gdch.de. Telefonische Beratung über www. 07./08.2010, S. 8 – 9. der Patentschutz nach wie vor prin- gdch.de/ks/service/rechtsberatung/patent 6) www.bmbf.bund.de zipiell zugänglich, wenn sämtliche recht.htm. Alle Beiträge dieser Serie in anderen Patentierungsvorausset- MyGDCh und: http://va. gdch.de/spez_ zungen erfüllt sind (unter anderem angebote/my_recht/patentrecht.asp Nachrichten aus der Chemie | 59 | Mai 2011 | www.gdch.de/nachrichten