Entwicklung eines Instrumentes zur Messung von komplexer Problemlösefähigkeit im Klassenraum
Karsten D. Wolf & Eveline Wuttke
(1) Zielsetzung/Forschungsfrage
Die Förderung von komplexer Problemlösefähigkeit wird zunehmend als integraler Bestandteil der beruflichen Ausbildung verstanden. Der Kenntnisstand zur Evaluation von komplexer Problemlösefähigkeit im schulischen Kontext (Klassenraum) ist gering.
In diesem Beitrag wird die Entwicklung eines neuen Instrumentes MAPS (Measurement and Assessment of Problem Solving) mit folgenden Zielen beschrieben
- Messung komplexer Problemlösefähigkeit mit Papier und Bleistift;
- Inhaltsspezifische (curriculare) Problemstellung mit hoher unterrichts-bezogener Valididät;
- hohe Auswertungsökonomie;
- hohe Objektivität und Reliabilität bei der Bewertung auch durch weitgehend ungeschulte Nutzer (self-explanatory rubrics);
- Nutzbarkeit für Self- und Peer-Assessment;
- Befähigung von Lehrkräften zur Erstellung von Problemstellungen.
(2) theoretisches Bezugssystem
Das Instrument basiert auf zentralen Ansätzen zur Definition „idealtypische“ Problemlöseschritte (Bransford/Stein, Dörner, Sembill).
In der psychologischen Forschung werden zur Messung von Problemlösefähigkeit im Allgemeinen entweder Selbstauskünfte der Lernenden erhoben (STÄUDEL, DIRKSMEIER) oder wie in der PISA Studie die statische Problemlösefähigkeit per standardisierten Aufgaben. Mit beiden Ansätzen können aber weder die fachspezifische Problemlösekompetenz erfasst werden, noch wird gemessen, wie gut die Lernenden in ihrem beruflichen Umfeld tatsächlich Probleme lösen.
Bei MAPS erhalten die Lernenden speziell konstruierte schriftliche komplexe Problembeschreibungen mit Leitfragen und sollen dazu schriftliche Lösungen anfertigen. Die Bewertung erfolgt mittels eines Rubrik-Scorebogens, der sich an den Modellen erfolgreichen Problemlösens orientiert.
(3) Methoden/Techniken der Forschung
Zur Evaluation von MAPS wurden zunächst in einer Pilotstudie die Reliabilität (Interrater-Reliabilität) sowie die Validität (Zusammenhang mit den AIT Werten) geprüft (erscheint im EJVT).
In einer aktuellen Untersuchung werden in 3 studentischen Gruppen (n=35, 51, 63) eine kursspezifische MAPS-Problemstellung zunächst geschrieben und dann Self- und Peer-Assessments durchgeführt. In einer Gruppe wird vor den Self- und Peer-Assessments eine Expertenlösung vorgestellt, in einer weiteren Gruppe wird das Bewertungsrubrik gesondert erläutert, und in jeder Gruppe werden randomisiert Variationen in der Problemstellung (Ich- vs. Berater-Perspektive, Anzahl der Leitfragen) durchgeführt. Die Lösungen sowie die Self- und Peer-Assessments werden mit Experten-Bewertungen verglichen, um folgende Fragen zu beantworten:
- Wie valide sind die Self- und Peer-Assessments?
- Wie lange benötigen die Teilnehmer für die Assessments?
- Wie wichtig sind die Erläuterungen?
- Welche Effekte haben die Variationen?
(4) Ergebnisse/Schlussfolgerungen
In der ersten Pilotstudie konnte eine sehr hohe Interrater-Reliabilität (Cohen's Kappa von 0,89) bestätigt werden und die Korrelationskoeffizienten stehen durchgängig für einen mittleren bis hohen Zusammenhang zwischen den beiden Instrumenten (MAPS und AIT). Ausgewählte Auswertungsergebnisse der aktuellen Untersuchung liegen zur Tagung vor.
(5) wissenschaftliche/praktische Relevanz
Das sich in Entwicklung befindende Instrument MAPS könnte dazu beitragen, eine Lücke in der praktischen Messung von spezifischer komplexer Problemlösekompetenz in komplexen Lehr-Lern-Arrangements zu schließen.
Literatur
Bransford, J. D./ Stein, B. S. (1993): The IDEAL Problem Solver (2nd Edition). New York: W. H. Freeman.
Sembill, D. (1992). Problemlösefähigkeit, Handlungskompetenz und emotionale Befindlichkeit. Göttingen: Hogrefe.
Sembill, D. Wolf, K. D./ Wuttke, E./ Schumacher, L. (2002). Self-organized Learning in Vocational Education. In: Beck, K. (Hrsg.): Teaching-Learning Processes in Vocational Education. Foundations of Modern Training Programmes. Frankfurt: Peter Lang, S. 267-295.
Wuttke, E. (1999): Motivation und Lernstrategien in einer selbstorganisationsoffenen Lernumgebung. Eine empirische Untersuchung bei Industriekaufleuten. Dissertation. Frankfurt: Peter Lang. less
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