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Jörissen, Identität vs. Bildung
 

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Skript zum Vortrag unter http://www.slideshare.net/joerissen/identitt-vs-bildung

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    Jörissen, Identität vs. Bildung Jörissen, Identität vs. Bildung Document Transcript

    • Identität vs. Bildung? Vortrag auf der 1. Arbeitstagung des Promotionskollegs "Gestalten und Erkennen" Bildungszentrum Wildbad-Kreuth, 13. Juli 2011 Vortragsfolien unter http://www.slideshare.net/joerissen Benjamin Jörissen, Univ. Erlangen-NürnbergDa es sich bei dem vorliegenden Text um ein rohes Vortragsskript handelt, ist dieZitation dieses Textes in wissenschaftlichen Werken - trotz cc-Lizenz - nicht erwünscht.Für zitierfähige Texte siehe: http://joerissen.name/publikationen/EinleitungLeitfrage: Womit haben wir es zu tun beim Identitätsbegriff, und wie gestaltet sich dasSpannungsfeld zwischen Identität und Bildung?Eher historisch-pädagogisch argumentiert zur selben Fragestellung Zirfas in Zirfas/Jörissen: Phänomenologien der Identität, der diese Problematik im Ausgang vonbildungstheoretischen Klassikern - Rousseau vs. Humboldt - entfaltet und aufzeigt, wiehier die Bruchlinie von Identitätslogik versus Differenzlogik eine tragende Rolle spielt. 1
    • Diese Bruchlinie motiviert auch meinen Vortrag, wobei ich jedoch in der Gegenwart,und bei gegenwärtigen Bildungskonzeptionen, ansetzen möchte.Im folgenden Vortrag wird eine eher metatheoretische stark gemacht Perspektive, alsoeine Reflexion auf das, was wir (wissenschaftlich, oder auch: diskurspolitisch) tun,wenn wir im Kontext von Bildung von "Identität", oder etwa sogar in einem ähnlichenSinne von "Identitätsbildung" sprechen. 2
    • "Problemwolke mit Nebelbildung"Fragen und RechtfertigungsproblemeWas bedeutet die Annahme oder Behauptung, jemand habe eine Identität? ⁃ Dass jemand ein einheitliches "Ich" besitzt oder vielmehr: ist? (Ich -> . ,oder ?, der Punkt unter dem Fragezeichen) ⁃ Dass ein solches formal bestimmtes Ich in der Zeit mit ich identisch bleibt?( :.:.:.:.:.:.:.:.:.: ) ⁃ Dass jemand diese Einheit von Eigenschaften, und nicht anderer, ist? (A=A) ⁃ Dass jemand in diesem Sinne immer derselbe ist? (A (t1) = A (t2) = A (t3) =… = A) ⁃ Dass jemand in einer Entwicklungslinie oder -logik derselbe bleibt? ( A0 =A1 = A2 = A3 … ) ⁃ Dass jemand nicht entfremdet ist, sondern sich mit etwas oder jemandemidentifizieren kann? Dass jemand einen festen Platz in der Welt innehat und mit sich"eins" ist? A (innen) = A (außen) ⁃ Dass derjenige weiß, wer er ist? (Und was bedeutet dieses "Wissen", wer ruftes hervor, auf welche Frage genau ist es eine Antwort?) . -> A !! ⁃ Dass jemand eine identifizierbare Person ist? . <- B, C, D, E ⁃ Dass jemand eine von anderen anerkannte - also mit einem bestimmtenStatus, dem eine soziale Rang- oder Wertordnung entspricht, anerkannte - Person ist?A <- B, C, D, E ⁃ Dass jemand eine Meta-Position zu seinen sozialen Rollen einnehmen kann,und in dieser Meta-Position sich immer gleich bleibt? (Wer bleibt gleich, worin bestehtdiese Gleichheit, wenn nicht ein bloß formal gedachtes Ich?) ⁃ Dass es jemandem "gelungen" ist, eigene Vorstellungen (von sich) mitgesellschaftlichen Vorstellung auszubalancieren? (Und wäre das nicht eher eineprozessuale und auch prekäre Form von Integration, Äquilibration oder Systembildungals eine, die als Selbstgleichheit, gelten kann? ⁃ Oder aber ist Identität das Ergebnis einer Krise, die uns erlaubte, uns imRahmen einer Geschichte des Sich-verlierens und Wieder-gewinnens zu "finden"? Was 3
    • aber wäre die Identität gewesen, die ich vor einer Krise hatte, in welchem Sinne genaubin ich nach der Krise noch derselbe?-- Und wie könnte man dies bzw. eines davon, empirisch feststellen? --Oder wir nehmen an, Identität (in einem reichhaltigeren Sinn als der bloßen zeitlichenGleichheit eines Ichs oder der raumzeitlichen Selbigkeit eines Körpers, der von einemfiktionalen Beobachter als Person beobachtet wird) sei gar keine empirisch-deskriptiveKategorie, sondern ein eher oder sogar rein normativer Begriff, der einenmöglicherweise idealen, wenn auch wahrscheinlich unerreichbaren Zustandbeschreibt. Normative Bestimmungen bedürfen - als Grundlage sozialen, insbesondereinstitutionellen Handelns - besonderer Rechtfertigung: man darf erwarten, dass dieinvolvierten Modelle und die an ihrer Durchsetzung beteiligten Institutionen genauwissen, worauf sie abzielen. Ist Identität also etwas, das "gebildet" werden kann undsoll? Oder eher "konstruiert"? Oder "entwickelt"? Muss sie aus einem "Selbst", um einennicht minder schillernden Begriff einzuführen, - aus einem irgendwie eingefalteten,eingekapselten Selbst irgendwie herausentwickelt oder ausgewickelt werden (und nachwelchen Maßstäben, und was hätte es mit "Identität" im Wortsinn zu tun, diese vonaußen gesetzte Entwicklung zu Normen hin? Muss dieses merkwürdige Innere nachMaßgabe der je spezifischen Deutungsmuster einer jeweiligen kulturell-historischenSituation verstanden und geformt werden - und wenn ja, wieso ausgerechnet dieserKultur und nicht einer anderen?Wäre "Identität" also eine normative Kategorie, so stellt sich die Frage: Was wollen wirdenn eigentlich genau von denen, die Identität herausbilden sollen, und wie könnenwir dies rechtfertigen?-- Wer über Identität spricht, scheint viele Entscheidungen treffen zu müssen.Das Schema der Identitätsbegriffe1. Dimension: subjektive vs. objektive Identität. Differenzieren zwischen subjektiver,im individuellen Bewußtsein lokalisierter’ Identität und objektiver, gesellschaftlicher,qua sozialer Position oder Lebenslage verorteter Identität. An zentraler Stelle (derIndividualisierungsdebatte) wurde diese Unterscheidung von U. Beck geltend gemacht.Erstere erschließt sich allein aus dem Handeln des Individuums; letztere besteht im 4
    • wesentlichen in Form institutionalisierter Informationen über ein Individuum, die manzwar aus seinem Handeln abzuleiten bestrebt sein mag, jedoch damit nicht verifizierenkann, weil es sich um objektive (oder intersubjektive) gesellschaftliche Tatsachenhandelt. Als subjektive Identitätsbegriffe in unserem Sinn können beispielweisesozialpsychologische (Selbstkonzept’) betrachtet werden. Historischer Bezug:Bereits Locke hatte implizit zwischen inneren Aspekten (Selbstbewußtsein und Personi.S.v. Individualität’) und äußeren Aspekten (Identität des Körpers) unterschieden; auchLeibniz Monadenlehre sah die Individualität der Monade (innere, subjektive Identität)als Reflex ihrer Stellung im Kosmos (äußere, objektive Identität).2. Dimension: numerische vs. qualitative Identität. Die Einheit des Selbstbewußtseins,das sich im Ich ausspricht, weist keine Qualitäten auf, sondern ist eine rein formale. Sieist quantitativ-numerisch, insofern sie darauf abstellt, etwas als Eines (Descartes’ rescogitans, Lockes Self, Leibniz’ Monade; bzw. im Falle des Ausbleibens der Einheiteben als Diffuses, in die Vielheit zerstreutes wie Kants vielfärbiges Selbst’) zucharakterisieren. Hingegen sind Eigenschaften, die Individuen zugesprochen werden(die denominations intrensiques bei Leibniz, die eigene individuelle Natur’ beiRousseau) oder die es sich selbst zusprechen kann, per se qualitativer Natur. Dieseswie von Tugendhat verwendete Kriterium geht auf Strawsons Diskussion vonqualitativer vs. numerischer Identität zurück.3. Dimension: synchrone vs. diachrone Identität. Identität wird sehr häufig alssynchron (also primär unzeitlich) gedachter Begriff angetroffen; am diachronen Polentspricht diese Dimension der oben vorgestellten Selbigkeit’ i.S. Angehrns (1985).ElementarkategorienDie acht Kombinationen (welche also elementare Identitätskategoriendefinieren) lauten im einzelnen:1) subjektive numerische synchrone Identität2) subjektive numerische diachrone Identität3) subjektive qualitative synchrone Identität4) subjektive qualitative diachrone Identität5) objektive numerische synchrone Identität6) objektive numerische diachrone Identität 5
    • 7) objektive qualitative synchrone Identität8) objektive qualitative diachrone IdentitätKategorie 1) Subjektive numerische IdentitätSubjektive numerische Identität ist das (formale, inhaltslose) Selbstbewußtsein, wieetwa das Ich bei Leibniz, Kant oder Fichte, welches sich durch zwei formendePrinzipien, nämlich innere Einheit bzw. Synthesis und Abgrenzung nach außen,auszeichnet, so daß eine numerisch einheitliche Struktur resultiert, die sich überdiesdurch Selbstbezüglichkeit und Widerspruchsfreiheit auszeichnet. DieserIdentitätsbegriff versteht sich als diametraler Gegensatz zu subjektiver Diffusion,Grenzverwischung und Vielheit.In den zeitgenössischen Identitätsbegriffen findet sich diese elementareIdentitätskategorie sehr häufig, zumindest als Moment. Dies gilt offensichtlich für die inder Tradition der klassischen Bewußtseinsphilosophie stehenden Philosophen (etwa D.Henrich 1970, U. Pothast 1971, M. Frank 1991) sowie in Teilaspekten für diepsychoanalytischen oder nachfolgenden Begriffe der Ich-Identität’ (beispielsweise E.H.Erikson 1973 und Habermas 1976).Kategorie 2): "Subjektive numerische diachrone Identität"Als exemplarische historische Variante dieser Kategorie mag wiederum Kantstranszendentales Ich genannt werden, diesmal in seiner Eigenschaft als diachronsynthetisierendes, selber invariables Prinzip.Könnte man bei der synchronen Variante vielleicht von subjektiver Kohärenzsprechen, so ließe sich die diachrone Variante als subjektive Konstanz oder Kontinuitätumschreiben.Hierunter kann demnach auch der zeitlich-biographische psychodynamischeKohärenzaspekt verstanden werden, so dass der Eriksonsche Begriff der persönlichenbzw. Ich-Identität v.a. auch hier verortet werden sollte. Der Ausdruck personaleIdentität’ wird auch von G. Böhme (1996) im Sinne der zeitlichen Kohärenzverwendet, was in (kategorialer) Übereinstimmung stünde mit den gleichermaßen hiereinzuordnenden diversen psychopathologischen, psychophysiologischen und 6
    • biologischen Theorien über Selbstbewußtsein und Ich’ (Pöppel 1993, Kuhlmann 1996,Hildt 1996).Kategorie 3) Subjektive qualitative synchrone IdentitätSubjektive qualitative synchrone Identität bezeichnet die subjektiv erfahrbareInnenwelt. Vergleichbar den dénominations intrensiques bei Leibniz, kann man hierein Eigenschaftsbündel im Sinne eines subjektiven Begriffs von Individualität ansetzen.Sozialpsychologische Identitätstheorien werden, wo sie nicht formalenKohärenzaspekten den Vorzug geben, vorrangig diese Inhalte unter dem Titel Identitätansprechen, wie z.!B. G.H. Meads Konzept der verschiedenen me’s, die die Identität(Self) einer Person inhaltlich ausmachen. Die Einheit des Self besteht aus den vomSelf umfaßten Qualitäten (mes’). Als Nachfolger des me bzw. Self ist hier auch derBegriff der Rollenidentität’ zu nennen (z.!B. Habermas 1976). Von soziologischer Seitewäre hier außerdem der Titel personale’ oder persönliche’ Identität’ zu verorten (z.!B.Dreitzel 1968, Habermas 1973, Döbert/Nunner-Winkler 1975, Geulen 1989, zuerst1977) – man achte auf die völlig andere Bedeutung des Begriffs bei G. Böhme(Kategorie 2) – sowie die kategorial sehr ähnliche Verwendung des WortesIndividualität’ bei Habermas (1992) oder auch bei Schimank (1985). Eine ebensoqualitative Dimension bieten schließlich der psychoanalytische Begriff des Selbst’ unddie psychologische Kategorie des Selbstkonzepts’ (vgl. Filipp (Hrsg.) 1979).Kategorie 4): subjektive qualitative diachrone IdentitätDie Thematisierung der qualitativen zeitlichen Dimension folgt häufig dem Motiv derEinheit in der Veränderung’, oftmals in Verbindung mit Identitätskonzepten derKategorie 2). Identitätsbildung hat also, wie Erikson bereits anmerkte, einen zeitlichensubjektiv-synthetischen (insofern formalen) Ich’-Aspekt als auch einen zeitlichenobjektiv-inhaltlichen Selbst’-Aspekt.Eine begrifflich klare Formulierung qualitativ konstituierter temporaler Identität findetsich bei Geulen (1989):"[...] ein Subjekt ist mit sich in der Zeit identisch, wenn es im Ziel [der intentionalenHandlung, B.J.] einen zukünftigen und für es selbst relevanten Zustand als zukünftigenund für es selbst relevanten intendiert bzw. wenn es in einem erreichten Zustand nochdas Ziel wiedererkennt, das es früher intendiert hatte." 7
    • In dieser Perspektive kann eine kognitive zeitliche Ich-Identität (Kategorie 2) allenfallsals notwendige, aber nicht mehr als hinreichende Identitäts-Bedingung verstandenwerden. Man könnte diese Kategorie mit dem Leibnizschen Titel der moralischenIdentität’ kennzeichnen.Kategorie 5) objektive numerische IdentitätDie objektive numerische Identität bezeichnet den Einheitsaspekt der topischen(qualitativ verorteten) Identitäten, z.!B. die Einheit (räumlich) und den Fortbestand(temporal) als derselbe Körper oder die (synthetisierte) Einheit der sozialen Position.Wie beim Begriff der subjektiven numerischen Identität stellt sein objektives PendantKohärenz nach innen und Abgrenzung nach außen sicher. Habermas (1992) grenztdiese objektiv-numerische Kategorie unter dem Titel der Singularität’ gegen seinen(qualitativen) Begriff der Individualität ab, um dem Mißverständnis der Verwechslungmit dem – in der Tat in diese Kategorie 5) gehörenden – Individualitätsbegriffs deranalytischen Philosophie (Strawson 1972, Tugendhat 1979) abzuhelfen.Ebenfalls fallen hierunter die Identitätsbegriffe mit deiktisch-identifikativer Funktion.Bei Goffman ist beispielsweise ein numerisch verstandener Individualitätsbegriff zufinden, der nicht mit den qualitativen verwechselt werden darf. Irritierenderweisebetitelt Goffman diesen als "persönliche Identität", was Assoziationen anPersönlichkeitsfindung’ i.S.v. Selbstverwirklichung auslösen mag. Jedoch zieltGoffman mit diesem Begriff lediglich auf die feststellbare Einmaligkeit i.S. der exakten(forensischen) Identifizierbarkeit, etwa durch Fingerabdrücke: "Persönliche Identität hatfolglich mit der Annahme zu tun, daß das Individuum von allen anderen differenziertwerden kann und daß rings um dies Mittel der Differenzierung eine einzigekontinuierliche Liste sozialer Fakten festgemacht werden kann [...]" (ebd.).Kategorie 6) objektive numerische diachrone IdentitätDie diachrone Variante dieses Identitätsbegriffs spielt v.a. in der analytisch-philosophischen Diskussion von Identität eine Rolle, nämlich dem von Strawsonentfalteten und Tugenhat aufgenommenen Gedanken, daß die (numerische) Identitäteines Individuums bzw. irgendeines Gegenstandes allein durch Sicherung derraumzeitlichen Kontinuität desselben festzustellen sei – dieser Identitätsbegriff 8
    • entspricht der klassischen Fassung bei Locke.Möglicherweise ist hierunter auch Habermas’ (1976) Verständnis von natürlicherIdentität’ einzuordnen.Kategorie 7) Objektive qualitative synchrone IdentitätObjektive qualitative synchrone Identität bezeichnet die Position innerhalb einesobjektiven (üblicherweise sozialen, kulturellen oder ökonomischen) Bezugssystems,weswegen man diese Kategorie als soziale Identität betiteln könnte. Hierunter fällt dersich von Durkheim herleitende Gedanke einer objektiven Individualisierung quaTeilname an verschiedenen Gesellschaftsbereichen, der ganz ähnlich auch bei Simmel(1983) auftaucht. Der Begriff der sozialen Identität findet sich zunächst bei Goffmanwieder und in der Folge bei Habermas (1973) und Geulen (1989, zuerst 1977).Der Individualitätsbegriff, mit U. Beck als "historisch-soziologische, alsgesellschaftsgeschichtliche Kategorie verstanden, als Kategorie, die in der Tradition derLebenslagen- und Lebenslaufsforschung steht", ist in Abgrenzung zum subjektivenIdentitätsbegriff (ebd.) hier zu verorten.Kategorie 8) Objektive qualitative diachrone Identität’Objektive qualitative diachrone Identität’ kann als objektive Variante der moralischenIdentität’ (Kategorie 4) verstanden werden. Hier konstituiert sich nicht ein Subjekt alsKontinuierliches, indem es seine zukünftigen bzw. vergangenen Handlungsintentionenals seine identifiziert, sondern es konstituiert sich die Identität einer Person desöffentlichen Austauschs (z.!B. des Handels), die ihre geäußerten Willensbekundungenund Vereinbarungen (Verträge) durch die Zeit hindurch aufrecht erhält. Dabei ist derAspekt bewußtseinsmäßiger, persönlicher oder moralisch-intentionaler Identitätunerheblich; es handelt sich somit um den zeitlichen Aspekt der Identität der Personim juristischen (vertragsrechtlichen) Sinn.Auf der Basis der hier vorgenommenen exemplarischen Zuordnungen (und nur imRahmen der hier getroffenen Auswahl) lassen sich die abstrakten Kategoriengebräuchlicheren Topoi zuordnen (quasi rückübersetzen’). Diese könnten wie folgtgekennzeichnet werden: 9
    • 1) Ich-Identität i.S. der Einheit des Ichs2) Ich-Identität i.S. der zeitlichen Selbigkeit des Ichs3) personale Identität i.S.v. subjektiver Individualität4) moralische’ Identität5) forensische’ Identität (Produkt objektiver Identifizierung)6) raumzeitliche Identität7) soziale Identität8) juristische’ Identität 10
    • Das Problem der verdeckten NormativitätHistorizitätDiese enorme Vielfalt von Vorstellungen über das Individuum hat ist natürlich kein"Unfall der Geistesgeschichte", sondern hat seine guten Gründe. WissenschaftlicheModelle über die "Form von" Individuen sind als Diskursphänomen nichts Beliebiges;in ihnen kommt ein Doppeltes zum Ausdruck. Sie verweisen einerseits auf ihrediskursiven Möglichkeitsbedingungen – also die anerkannten Erklärungsmuster überdas, was ein Individuum ist, derer sie sich bedienen und die sie wiederum weitergebenund dabei auch transformieren. Die klassischen Konzepte zur Beschreibung vonIdentitätsentwicklung sind aus – jeweils unterschiedlichen – historischen und sozialenKontexten hervorgegangen. Sie antworten, wie Hermann Veith in seiner historisch undzugleich metatheoretisch angelegten Studie über das "Selbstverständnis des modernenMenschen" des 20. Jahrhunderts im Detail dargelegt hat, in je spezifischer Weise aufdie Problemlagen, Bedürfnisse und Erkenntnisinteressen ihrer Zeit (Veith 2001).Andererseits kondensieren sich in ihnen die individuellen und zeitgeschichtlichtypischen Entwicklungsgeschichten, in welchen sich Selbstverhältnisse jeweilsausprägen, zu Modellen und Typiken.Theorien der Persönlichkeit und der Identität unterliegen somit einer doppeltenHistorizität, die sich einerseits der soziohistorischen Lage und andererseits denjeweiligen kulturellen Entwürfen von Kindheit, Entwicklung etc. verdankt. Je"adäquater" solche Modelle die sie interessierenden Phänomene beschreiben, destomehr können sie im Rückblick einen dokumentarischen Charakter gewinnen, der diejeweiligen Geschichten im Kontext ihrer soziohistorischen Bedingungenrekonstruierbar werden lässt. Freuds These der infantilen Sexualität lässt sich auf dieseWeise vor dem Hintergrund der viktorianischen Gesellschaft lesen; G.!H. Meadsuniversalistisches Identitätsmodell entstand im Kontext der sozialen Problemlagen dermultikulturellen Einwandererstadt Chicago im späten 19. Jahrhundert; E.!H. Eriksonsgestuftes Krisenmodell lässt sich in seiner Normativität vor dem Hintergrund einesnachkriegsbedingten Stabilisierungs- und Konsolidierungsdrucks, der sich in einem"Verlangen nach Normalität" (ebd., S. 207) niederschlug, betrachten. 11
    • Ich will mit dieser Feststellung nicht etwa auf eine rigide historisierende Relativierungvon Identitätskonzeptionen hinaus. Sicherlich sind Rückgriffe auf klassischeTheoriemodelle legitim, zumal sie die Chance der Neuinterpretation und Revision, alsogleichsam um die Bearbeitung der (historischen) Differenz zur Vorlage und mithin derSelbstverortung, bieten. Jedoch bestand zumindest lange Zeit eine vorherrschendePraxis, klassische Modelle jenseits ihres Zeitkerns als "gültige" Beschreibungsmodellevon Identität bzw. Identitätskonstitutionsprozessen zu sehen. Wir würdendemgegenüber dafür plädieren, klassische Identitätstheorien zunächst einmal im SinneVeiths als Ausdruck gesellschaftlicher Praxen der Selbstbeobachtung undSelbstthematisierung zu betrachten und sie in diesem Sinne "einzuklammern". Löstman sie aus diesem Kontext, so läuft man Gefahr, ihre normativen Grundlagen alsHypothek zu übernehmen.Geht man noch einen Schritt weiter und verwendet solche Theorien lediglich aufgrundihrer Erklärungsmacht dazu, ein dekontextualisiertes positives Wissen, ein pädagogischoder politisch umsetzbares Handlungswissen über Individuen zu erzeugen, bestehteine potenzierte Gefahr normativer oder sogar sozialtechnologisch orientierterTheoriebildung – einer "großen (psychosozialen) Erzählung" mit normierenden Folgen.Denn solche Erzählungen entfalten ihre gesellschaftliche Wirkung über das ihnenimplizite Versprechen der Erreichbarkeit von Identität: Entwicklungsgeschichten sindNarrationen über das Gelingen oder Misslingen von Identität, und ihre implizitenAnthropologien legen die Bedingungen, die Kriterien oder Regeln dafür fest, was alsGelingen oder als Scheitern gelten kann. Auf diese Weise wird die Identitätstheorieselbst – über den Weg gesellschaftlicher Diskurse und (pädagogischer und anderer)Institutionen – ein wichtiger Faktor von Prozessen der Identitätskonstitution.FiktionalitätBildungstheoretisch ergiebig sind unter den genannten nur solcheIdentitätskonzeptionen, die ein Subjekt mit einbeziehen - weder ist die juristischePersonalität, noch die philosophische Frage der zeitlichen Gleichheit von Individuen,noch etwa die Frage nach der Identität Verstorbener sonderlich anschlussfähig. Geradediese aus der Subjektperspektive argumentierenden Modelle sind jedoch empirisch 12
    • nicht beobachtbar (sondern allenfalls rekonstruktiv erfassbar, wobei sowohlVorstellungen einer Kohärenz und Kontinuität in einem strengen Sinne in qualitativ-empirischer Forschung kaum "nachweisbar" sein dürften. Eher würde manunterschiedliche Grade von Fragmentierung und Diskontinuitäten finden, die mitverschiedenen, heterogenen Strategien in einen Zusammenhang gebracht werden -oder auch nicht).Wenn aber Identität in diesem Sinne empirisch nicht aufweisbar ist, so KlausMollenhauer, so kann es sie nur als Fiktion geben (1983, S. 158). Allerdings handelt essich nicht um "bloße" Fiktion, sondern sozusagen um eine funktionale. Mollenhauerschreibt ihr zwei bildungstheoretisch bedeutsame Eigenschaften zu:Erstens sei die Fiktion der Identität eine notwendige Bedingung des Bildungsprozesses,"denn nur durch sie bleibt er in Gang. Identität ist eine Fiktion, weil mein Verhältnis zumeinem Selbstbild in die Zukunft hinein offen, weil das Selbstbild ein riskanter Entwurfmeiner Selbst ist" (ebd.). Aus der Sicht des Individuums bezeichne Identität dasVerhältnis zum eigenen Selbstbild und als solches etwas, an dem "Zweifel immerangebracht" seien (ebd., S. 159). Solchermaßen ist Identität eine notwendige Fiktion,weil sie in Form ihrer Infragestellung – in Form von Identitätsproblemen –bildungswirksam ist.Als zweiten fiktionalen Aspekt an der Identität hebt Mollenhauer die Konstrukthaftigkeitvon Identität als wissenschaftlichem Beobachtungsmodell hervor. Tatsächlich, soMollenhauer, lasse sich das Selbstverhältnis von Kindern ja nicht unmittelbarbeobachten; "es kann nur aus den Spuren, die es hinterläßt, erschlossen werden. Unddie Regeln, denen wir dabei folgen, können wir nirgend andersher gewinnen, als ausuns selbst und den Analogien. Deshalb ist hier das Irrtumsrisiko außerordentlichgroß" (ebd., S. 160). Die Frage ist allerdings, ob sich tatsächlich "Irrtümer", alsowissenschaftliche Unfälle, in die Beobachtungen einschreiben, oder nicht vielmehrblinde Flecke mit systematischem Stellenwert: kulturelle Imaginationen überEntwicklung und Entfaltung, gesellschaftliche Diskurse, Ideologien und Weltsichten.Annette Stroß (1991; 1992) hat dieser Argumentation noch einen wichtigen Aspekt 13
    • hinzugefügt, indem sie Identität ebenfalls als fiktionale Kategorie ansieht, derenRelevanz allerdings nicht zuletzt aus ihrer Wirkungsmächtigkeit als (etwapädagogische) Leitkategorie resultiert: Identität ist mithin nicht eine dem Individuumimmanente, bildungswirksame Fiktion und nicht nur ein theoretisches Konstruktakademischer Diskurse. Sie ist ein Konstrukt, das (erst) durch gesellschaftliche undpädagogische Praxen seine Relevanz für Individuen erhält. Identität wird aus solcherPerspektive als Zumutung erkennbar (Böhme 1996), als etwas an uns Herangetragenes,zu dem wir uns so oder so verhalten müssen (Treuhänder-Identität, Marquard 1979).Identitätsdiskurs und Identitätspolitik erweisen sich als untrennbar miteinanderverflochten. Der (nunmehr erkannte) real wirkungsmächtige, jedoch fiktive Status derIdentität und weiterer pädagogischer Begriffe müsste auf seine Konsequenzen hinuntersucht werden (Analyse der Diskurse und pädagogischen Praxen um Identität).Bsp: Balance-IdentitätWie man sieht, stellt das Konzept der Identität nicht nur ein Erklärungsschema dar, alsoeine "neutrale" Reflexionsgrundlage zur Analyse von Entwicklungsprozessen. Alskulturelle in Sozialisations-, Erziehungs- und Bildungsprozessen wirksame Leitideeerfährt das Individuum insofern Identität nicht (oder zumindest nicht nur) als eineirgendwie "innere" Entwicklungsnotwendigkeit, sondern nicht zuletzt als Entwicklungs-oder Bildungsaufgabe. Die Ausblendung dieses konstruktiven Charakters bewirkt, dassIdentitätsbegrifflichkeiten der theoretischen Ebene implizit normativ, und auf derpraktischen bzw. identitätspolitischen Ebene normierend und normalisierend wirkt.Dies lässt sich am Beispiel des Konzepts ausbalancierter Identität, das in den 1970Jahren zu den avanciertesten Modellen gehörte, nachzeichnen. Den Kern des Balance-Modells bildet der Gedanke, dass das Individuum im Idealfall seine eigene (kognitive,emotionale etc.) Perspektive im sozialen Raum kommunikativ geltend macht. Diedamit gegebenen Geltungsansprüche müssen argumentativ validiert werden, und dazumüssen sie universalen Charakter aufweisen (der "zwanglose Zwang des besseresArguments"). Anders gesprochen: sie müssen sich "allgemein machen". DiesesAllgemein-machen geschieht in einem doppelten Prozess: Erstens wird die subjektivePerspektive auf intersubjektive Begriffe gebracht und dabei entsprechend zu etwasanderem, als sie vorher war. Zweitens wird das somit auf einen universalen Nenner 14
    • gebrachte Eigene sozial anschlussfähig und somit potenzieller Gegenstand sozialerAnerkennung, also der externenen Validierung und Regulation, die das Individuumwiederum aus seiner Perspektive interpretiert und zu dem es sich wiederum imInteraktionsprozess verhält.Man könnte Theorien der Balance-Identität als Kompositmodelle bezeichnen, weil ihrhervorstechendes Charakteristikum die Integration von Theorien unterschiedlichsterProvenienz und Ausrichtung in ein, wie man sagen könnte, sozial-anthropologischesHybridmodell darstellt – das zugleich insgesamt als anthropologisches "Normalmodell"fungiert. Das Individuum wird darin als 1. sozial-kommunikatives, 2. rational-kognitives und 3. emotional-voluntatives Gebilde verstanden. Die auf diese Weiseanalytisch sauber voneinander getrennten Bereiche lassen sich dann auf der Basis vonTheorien getrennt behandeln, die in ihrem eigenen Bereich (allerdings nur dort)ausgesprochen mächtig sind. Für die soziale Komponente der Identität etwa rekurriertman auf George Herbert Mead und Erving Goffman; für den voluntativen Teil auf(Sigmund oder Anna) Freud und für den kognitiven Part auf die kognitiveEntwicklungstheorie Jean Piagets und die moralkognitive Theorie Lawrence Kohlbergs.Diese Bezugstheorien wurden nun primär unter dem Blickwinkel ihreremanzipatorischen Potentiale rezipiert und dabei, so der Bildungsphilosoph AlfredSchäfer, zu "moralisch aufgeladene[n] und daher anstrebenswerten[n] Prinzipien desSich-Verhaltens" umgeformt (Schäfer 1999, S. 109): "Aus der Rollendistanz, dieGoffman als eine praktische Notwendigkeit jenseits einer Prinzipienreflexion einführte[…], wurde sehr schnell die gesellschaftskritische Distanz des souveränen Individuums.Aus dem analytischen Modell der Rollenübernahme Meads wurde so die normativgewendete Empathie des sozialen Subjekts romantischer Provenienz. Und aus derDifferenz zwischen Erwartung und Interpretation, die als solche nicht aufhebbarscheint, wurde die Notwendigkeit der Ambiguitätstoleranz […]." Entsprechend wurdeaus dem zwischen den Triebansprüchen des ES und den Gesetzen der ÜBER-ICHeingekeilten, stets prekären ICH der Freudschen Psychoanalyse das prinzipiell zurKompetenz entwickelbare starke, quasi emanzipationstaugliche ICH der Ich-Psychologie Anna Freuds. 15
    • Die analytische Aufteilung der Bezugstheorien im Modell gestatten somit eineRegulation nicht nur innerhalb der nun als getrennt konzipierten Sphären, sondernauch der Bereiche untereinander. Diese lassen sich durch Gewichtung einerKomponente bestimmten Theorieinteressen anpassen (Habermas vs. Geulen). 16
    • Identitätslogik vs. DifferenzlogikIdentitätslogik als Gemeinsamkeit von Bildungs- und IdentitätsbegriffeKlassische Identitätsmodelle, von denen das Balance-Identität eines derFortgeschrittensten und Differenziertesten darstellt, folgen, wie man sagen könnte,einer Identitätslogik. Sie zielen auf ein Feld familienähnlicher Vorstellungen wieKonstanz, Kontinuität, Kohärenz, Substrathaftigkeit (das allen VeränderungenZugrundeliegende), Selbigkeit und Unverwechselbarkeit.In der Geschichte der Erziehungswissenschaft sind Bildung und Identität lange Zeitkonkurrente Begrifflichkeiten gewesen: im Rahmen der "realistischen Wende" (Roth)löste der Identitätsbegriff den als elitär und demokratietheoretisch nicht unbelastetempfundenen Bildungsbegriff faktisch ab; die Wiederentdeckung des BIldungsbegriffsEnde der 1980er Jahre wies den Identitätsbegriff in sozialisationstheoretischeSchranken.Dabei bestanden durchaus Strukturähnlichkeiten. Vielleicht konnte der Identitätsbegriffgerade deswegen beanspruchen, die als überkommen wahrgenommenenBildungsbegriffe der geisteswissenschaftlichen Pädagogik zu ersetzen (oder zubeerben), weil er beanspruchen konnte, einige ihrer zentralen Versprechen in einezeitgemäße Form zu bringen:Bildung -> Identität:Menschwerdung -> Mündigkeit, Kommunikationskompetenz, Sozialkompetenz,PartizipationsfähigkeitVerschränkung von Individualität + Teilhabe am Allgemeinen -> GesellschaftlicheIntegration durch Balance von Ich und Gesellschaft im Individuumgelingende Kultivierung -> gelingende Sozialisation (eines aktiv gedachten Subjekts in"Auseinandersetzung mit seiner sozialen, kulturellen und materiellen Umwelt")Was beide damals konkurrenten Modelle damit - bei aller Verschiedenheit - in formalerHinsicht gemeinsam hatten, ista) Ein weltorientierter Entwicklungsgedanke (der als Grundlage dient)b) Ein dynamisches Gleichgewicht zwischen Einzelnem und Welt, an derenHerstellung das Individuum wesentlich beteiligt ist, 17
    • c) Stabilität und zugleich Fortschritt der subjektiven und objektiven Verhältnisse(Kontinuitätsmodell).Das bürgerliche Programm der Aufklärung scheint, sei es in den frühen, noch nichtzum kanonisierten Distinktionsinstrument heruntergekommenen Bildungskonzeptenoder in der antielitären Form der emanzipativen Identitätsmodelle, die Möglichkeit vonIdentität voraussetzen zu müssen (oder dies jedenfalls zu glauben). Kaum ein Zufall,dass die unterschiedlichen Identitätskritiken sämtlich zugleich Aufklärungskritiken sind.Ich betone vor diesem Hintergrund deshalb das Gemeinsame, nämlich die dominanteIdentitätslogik sowohl des aufklärischen Bildungsgedankens als auch desemanzipativen Identitätsgedankens, weil m.E. beide Begriffe in seit den 1990er Jahreneine bis heute anhaltende differenztheoretische Wende durchlaufen haben, die siezugleich in ein erheblich dynamischeres und fruchtbares Verhältnis zueinander setzt.Differenztheoretische IdentitätskritikWie sehr die Identitätskonzeptionen der 70er und der 80er Jahre - mit Auswirkungenbis heute - eigentlich bereits entwickelte differenztheoretische Gedanken ausblendeten,wird am Modell der Balance-Identität gut sichtbar.Zunächst muss man sehen, dass auch identitätslogische Modelle vom Individuum - wiedas Modell der Balanceidentität - Aspekte der Differenz nicht ignorieren (können). ImGegenteil fungiert in ihnen Differenz als Movens einer Bewegung hin zur Identität; derDifferenzgedanke wird jedoch letztlich unter den Einheitsgedanken subsumiert (inempirisch fragwürdiger Weise, wie Mollenhauer aufzeigte): Identität wird quasi alsIdentität von Differenzen verstanden.Das Balance-Identitätsmodell fokussiert beispielsweise - als kritisch-gesellschaftsorientiertes Theorieprojekt - primär auf (kommunikative, soziale,partizipative …) Kompetenzen: die Zielbestimmung ist dabei ein in gewisser Hinsicht"fertiges", mit allem Notwendigen ausgestattetes, reflexives, kritisches,ambiguitätstolerantes und insofern stabiles Individuum. 18
    • Differenzaspekte werden in dieser Subsumption unter Kohärenzaspekte erheblichgeglättet:Was etwa bei Freud noch als unstillbarer Triebanspruch, im Instenzenmodell als das Eseinen wesentlichen Aspekt des Persönlichkeitsmodells ausmachte, wird nun zumbloßen Gegenstand kommunikativer, genauer: expressiver Sprechakte im Rahmen eineruniversalistischen Verständigungstheorie abgeflacht (vgl. Habermas 1983). DasFreudsche ICH, eingekeilt zwischen den ungezügelten Impulsen des ES, den rigidenGesetzen der ÜBER-ICH und den Anforderungen der Außenwelt, weicht dem starken,entwickelbaren, kompetenten Ich der Ich-Psychologie Anna Freuds.Wo bei Mead die Einheit des self unmittelbar von der Einheit des gesellschaflichenGanzen abhängig war - mit der Folge, dass gesellschaftliche Widersprüche undAntagonismen aus Meadscher Sicht ein einheitliches self unmöglich machten, wurdediese bei Mead explizit de facto differente Figur als Norm gelesen, die sich jenseitsaller Widersprüche über die Einheit des intersubjektiven sprachlichen Symbols und diesynthetisierende Kraft eines entwickelten Ichs herstellen lasse.Die ausgreifende Kritik der älteren Frankfurter Schule an der Kategorie der Identität -von Horkheimer/Adorno in der Dialektik der Aufklärung auf das moderne Individuumbezogen, in Adornos Negativer Dialektik zu einer fundamentalen Erkenntniskritikausgeweitet - spielt in den emanzipatorischen Modelle der neueren Frankfurter Schulepraktisch keine Rolle.Gleichfalls findet zunächst keine Auseinandersetzung mit den unterschiedlichendifferenztheoretischen Ansätzen der französischen Postmoderne, insbesondere Foucaultund Derrida, statt; die spätere Diskussion zwischen Habermas und Foucault hinterlässtidentitätstheoretisch keine Spuren in der Theorie des kommunikativen Handelns.Somit ergibt sich hierzulande die Situation, dass der Identitätsbegriff zumindest imwissenschaftlichen Mainstream bis in die 1980er Jahre keine tiefergehendedifferenztheoretische Weiterentwicklung erfuhr, so wie dies in der französischenPostmoderne und im angelsächsischen Raum in den Gender- und später den 19
    • Postcolonial-Studies der Fall war.Erst im Zuge der modernisierungstheoretischen Zeitdiagnosen der 80er und 90er Jahre(Beck; Giddens) wurde Identität zunehmend als paradoxales lebensweltliches Problemerkannt. Die Überlastung der Einzelnen in den enttraditionalisierten undunübersichtlichen Verhältnissen hochkomplexer Gesellschaften, so deren Diagnose,führe zu Fragmentierungen, als deren Gegenmittel narrative und andere Strategien derWiederherstellung von Kohärenz und Kontinuität in den Mittelpunkt gestellt wurden.Identität wurde zu einer reaktiven Kategorie, die deutliche Spuren ihrer Bruchlinienaufweist: Bastelexistenzen (Hitzler/Honer) und Patchwork-Identitäten (Keupp).Die verloren gegangene Einheit der Identität wird dabei nicht unbedingt begrifflich-theoretisch ratifiziert, sondern eher empirisch festgestellt. Die Feststellung, dassIdentität unter Bedingungen der Moderne nicht mehr konsistent herstellbar sei, istjedenfalls etwas anderes als eine grundlagentheoretische Dekonstruktion von Identitätselbst, wie sie "off-mainstream" (avant la lettre) von Nietzsche und Freud, explizit vonHeidegger, Adorno, Derrida, Foucault, Butler und vielen anderen AutorInnen betriebenwurde. 20
    • Bildung und IdentitätIdentitäts- vs. differenzlogische Bildungsforschung am Beispiel derBiographieforschungDieses paradigmatische Spannungsverhältnis zwischen identitäts- unddifferenzorientiertem Denken lässt sich nun auch in der neueren Bildungstheorieverfolgen; so etwa anhand des Themas der biographisch-narrativen Identität; derIdentität also als reflexives Projekt unter Bedingungen in Modernisierungsdynamiken.Der moderne, formale Bildungsbegriff der Hamburger Biographieforschung um RainerKokemohr (zu dessen Schülern Winfried Marotzki und Hans-Christoph Koller zählen),beobachtet Bildung gerade in solchen Transformationsprozessen, in denen esIndividuen gelingt, den überkomplexen objektiven Lebensverhältnissen komplexere(flexiblere, angemessenere, viablere) Wahrnehmungsmuster entgegenzusetzen. Inbiographischen Narrationen spielen Identitätsvorstellungen zwar immer noch eineRolle - so etwa als Kohärenz der biographischen Erzählung -, jedoch werden dieseimmerhin stark verzeitlicht, prozessorientiert und vor allem als hochgradig individuellgedacht. Dennoch bleibt eine normative Identitätslogik bestehen, insofern Bildung imGelingen der Transformationen der Welt- und Selbstwahrnehmung erkannt wird, alsowiederum in einem, wenn auch individualisierten und risikotheoretisch gewendeten,Balance-Modell.Erst Ende der 1990er Jahre legt Koller eine (ebenfalls vor dem Hintergrund derempirischen Biographieforschung begründete) Bildungstheorie vor, die im Anschluss anJ-F Lyotard nicht mehr auf Kohärenz und Konsistenz, sondern auf subversiveDifferenzstrategien in der biographischen Erzählung schaut. Koller kritisiert einen -wenn nicht den - zentralen methodischen Grundsatz der "alten" Biographieforschungder 1980er Jahre, namentlich die Annahme eines repräsentativen Verhältnisses von(objektivem) Lebenlauf und (narrativ konstruierter) Biographie, die Fritz Schütze als"Erzählzwänge" bezeichnet hatte. Koller hingegen geht es nicht um den authentischen,wahren, unverschleierten Lebenslauf, sondern um ein zugleich wahrhaftiges undtransformatives Verhältnis - um Strategien eines "anderen Erzählens", in dessen Zentrum 21
    • die komplexen Differenzen stehen, die in der biographischen Narration durchrhetorische Figuren wie Metapher, Metonymie, Synekdoche, Ironie etc. werden. Damitliegt in der hier beobachteten (und theoretisierten) Erzählhaltung eine grundsätzlicheOffenheit, die sich nicht auf die Fest-Stellung einer authentischen, "wahren" und amLebenslauf "objektiv überprüfbaren" Identität verpflichten lässt, und die im Übrigenauch nicht der Identitäts-Zumutung einer vom Individuum herzustellenden Balancefolgt. Dem subjektivierenden Machtaspekt des biographischen Sprechens in seinemBekenntnischarakter (Hahn/Kapp 1987) wird damit eine narrative Öffnungsstrategieentgegengehalten, die entsprechend mit einer Form von Identität einhergeht, dieebenso unabgeschlossen ist.Das biographische Selbstverhältnis wird mithin auf der Basis offenerer Formen vonIdentität konzipiert, auf Formen der "Repräsentation im Zeichen des Analogen" (wieKoller im Anschluss an Ricoeur formuliert). Es geht dabei eher um Selbst-Analogien alsum Verpflichtungen zur Selbst-Gleichheit; mithin um Formen von Identität, die imZeichen des Tentativen, Subversiven, Experimentellen und Ästhetischen stehen.Phänomenologien der Identität: Ein differenztheoretischer Blick auf IdentitätKollers biographietheoretischer Ansatz steht exemplarisch für die Art und Weise, in derdifferenztheoretische Modelle von Bildung und Identität fruchtbar aufeinander bezogenwerden können.Die identitätstheoretischen Beiträge der letzten 10, 20 Jahre haben eine enorme, unddurchaus heterogene Vielfalt an Phänomenen aufgezeigt und diskutiert, die durchwegaus bildungstheoretischer Sicht hochgradig relevant sind. Identität wird zur multiplenChiffre der Thematisierung lebensweltlicher Differenzerfahrungen, die begrifflich zwarnicht auf einheitliche Prinzipien reduziert werden können, die jedoch untereinanderFamilienähnlichkeiten aufweisen.----Ich - Körper - Geschlecht - Sexualität - Entwicklung - Anerkennung - Bildung - Mimesis- Bild - Performanz - Selbstfremdheit - Unsagbarkeit - Existenzialität - Negativität -Fragmentarität - Hybridität - Transkulturalität - Biographie - Medialität - Virtualität -Gehirn - …---- 22
    • Damit ist Identität de facto zu einem Begriff geworden, der es erlaubt, dieHeterogenität lebendiger Erfahrung im Bezug auf die sie vollziehenden Individuenunter Bedingungen der globalisierten Moderne zu bündeln. Identität selbst ist dabeinicht mehr (fruchtbar) als begrifflich identisch, zu fassen, sondern auch begrifflich zueinem selbstähnlichen Phänomen geworden, so wie sie das Selbstverhältnis vonMenschen eher als Kontagion mit sich denn als Kohärenz und Kontinuität fasst. Undvielleicht liegt gerade hierin ein Bildungsprogramm, das mein Kollege Jörg Zirfas wiefolgt zum Ausdruck bringt:"Identität als Ähnlichkeit zu verstehen, heißt das Selbst als Metapher zu begreifen:Identität ist mehr ein Bild, denn ein Begriff. Im: Das sieht mir ähnlich klingt auch dasÄhnlichwerden, das Anähneln an. Traditionell verstanden als göttliche Anähnlichung,als imago dei, sollte der Mensch zu dem werden, was er immer schon war: EbenbildGottes. Modern ist man ein imago sui, ein individuelles Bild, dem man versucht, mehroder weniger gerecht zu werden. Während Gleichheit streng über Ein- und Ausschlüssegeregelt wird, ist die Ähnlichkeit stärker an Anschlüssen und Zusammenhängeninteressiert." (Zirfas/Jörissen: Phänomenologien der Identität, Wiesbaden 2007, S. 250) 23