Corinna Bath: Lecture im Rahmen von eGender

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  • + sAncArlchen sAn cArlchen 9 months ago
    Danke für’s bereitstellen - tolle übersicht zur feministischen technikkritik. besonders die vielen fragen sind sehr hilfreich!

    lg sAn
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Corinna Bath: Lecture im Rahmen von eGender - Presentation Transcript

  1. Gender in User Interfaces? Zur Vergeschlechtlichung technologischer Artefakte und den Möglichkeiten eines De-Gendering Corinna Bath Institute for Advances Studies on Science, Technology and Society in Graz
  2. Backlash: Gender Mainstreaming aktuell in deutschen Medien
    • „ Gender Mainstreaming will nicht nur die Lage der Menschen ändern, sondern die Menschen selbst“ (René Pfister im Spiegel 1/2007)
    • Gender-sensible Pädagogik bei Jungen als „Zerstörung der Identität“
    • Butler würde behaupten, dass Geschlechtsidentität eine Fiktion sei, eine „Komödie“
    • Ziel von GM sei „politische Geschlechtsumwandlung“ (FAZ Redakteur Volker Zastrow)
    • GM sei ein „Sieg der Bürokratie über die Vernunft“
    • PolitikerInnen verträten „Interessen von Lesben“ (Zastrow) – im Gegensatz zu denen der „normalen“ Hausfrau und Mutter
  3. Gender Mainstreaming oder Feministische Politik?
    • „… überrascht, wie säuberlich das Stichwort „feminist politics“ die Diskurse trennt und sortiert. … praxisorientierte Gender-ExpertInnen und die theoretisch versierten VertreterInnen einer kritischen feministischen (Sozial-)Wissenschaft [bewegen sich] in getrennten diskursiven Arenen, in Netzwerken und Diskussionszusammenhängen, zwischen denen es kaum Überschneidungen gibt… je unterschiedliche Begriffe repräsentieren und signalisieren, worum es geht und was auf der Agenda steht: Gender Mainstreaming oder Feministische Politik?“ (Wetterer/Saupe 2004)
  4. Begriffe: gender oder Feminismus?
    • „ [Joan Scotts] Fazit lautet, dass der Begriff Gender , der zu Beginn der Frauen- und Geschlechterforschung von außerordentlichem Nutzen war, inzwischen durch seine unterschiedslose Verwendung derart bedeutungslos und nichts sagend geworden ist, dass er sein analytisches Potential ebenso verloren hat wie seine politische Sprengkraft. Wahlweise verwendet als Synonym für Sex, Gender, Frauen, Frauen & Männer oder schlicht geschlechtsspezifische Unterschiede taugt er nicht länger als effektives Werkzeug und Ausgangspunkt der Kritik. … Was heute die kritischen von den mainstream-Diskursen trennt, ist – in Theorie wie politischer Praxis – der Begriff Feminismus. (Wetterer/Saupe 2004)
  5. Überblick
    • Einleitung
    • Annahmen über Geschlechterforschung in der Informatik: Was hat Geschlecht mit Technologie zu tun?
    • Das Technische ist politisch: Wie wird Geschlecht in informationstechnologische Artefakte eingeschrieben?
    • Möglichkeiten des De-Gendering: Worin kann eine „feministische Technikgestaltung“ bestehen?
    • Diskussion
  6. 2. Geschlechterforschung in der Informatik: Gängige Annahmen
    • Geschlechterforschung = Frauenförderung: Mehr Frauen in die technischen Studiengänge und Berufe (liberaler Ansatz)
    • Frauen müssen das Defizit aufholen
    • Ursache der Geschlechterungleichheit: Technikdistanz, Frauen hinken (behindert durch stereotype Rollenzuschreibungen) der technischen Entwicklung hinterher
    • Lösung: Gleichstellungssprogramme, Ausbildung, Aufklärung …
  7. Geschlechterforschung in der Informatik: Gängige Annahmen II
    • es ginge darum zu zeigen, dass Frauen anders oder besser sind (Differenzansatz)
    • Betroffenheitsansatz „von Frauen für Frauen“
    • Weibliche Aneigungsweise von Technik
    • Geschlechtspezifische Programmierstile
    • Frauen denken konkret und gebrauchswertorientiert
    • Frauen nutzen Technik anders als Männer
  8. Geschlechterdifferenzen in der User Interface-Gestaltung
  9. Gängige Annahmen: Probleme
    • Das Problem wird bei den Frauen gesucht
    • Technik erscheint geschlechtsneutral
    • Essentialismus
    • Zementierung der Differenz
    • Ergebnisse der neueren Geschlechterforschung (seit 1990) und feministischen Wissenschaftskritik werden ausgeblendet
    • Die Informatik als Technologieproduzentin wird ebenso wenig hinterfragt wie die Softwareentwicklungsprozesse und Artefakte
  10. 3. Das Technische ist politisch!
    • „ Do artefacts have politics?“ - „Do artefacts have gender?“
    • Zwei techniksoziologische Beispiele:
    • Die in den 1930er Jahren von Richard Moses gebauten Brücken zwischen New York und Long Island (Winner 1980)
    • Der Berliner Schlüssel (Latour 1992)
  11. Der Berliner Schlüssel
  12. Einschreibung des Sozialen in Technologien
    • Berliner Schlüssel: Einschreibung der Verhaltensnorm „Schließe die Tür hinter dir zu!“, ersetzt die WächterIn/ HauswartIn
    • Richard Moses Brücken: zu Stahl gewordener Ausdruck sozialer Ungleichheit, ersetzen Verbotstafeln an den Stränden: „Zutritt für Schwarze verboten!“
    • Das Soziale wird in die Artefakte verlagert und damit „unsichtbar“, die eingeschriebene Norm ist nicht mehr gesellschaftspolitisch verhandelbar. (vgl. Heintz 1995)
  13. Inscription and De-Scription
    • „ It makes sense that technical objects have political strenght. They may change social relations, but they also stabilize, naturalize, depolitize, and translate these into other media. After the event, the processes involved in building up technical objects are concealed. The causal links they established are naturalized. There was, or so it seems, never any possibility that it could have been otherwise.“ (Madeleine Akrich 1992)
  14. Das Technische ist politisch – und vergeschlechtlicht
    • Auch Software und IT kann Denkwege und Handlungsoptionen ermöglichen, aber auch verschließen („configuring the user“, vgl. Woolgar 1991)
    • Z.B. Handlungsoptionen von Frauen in typischen „Frauen“berufen
    • Z.B. Möglichkeit, Geschlecht als soziale-kulturelle Konstruktion zu begreifen
  15. Wie wird Geschlecht in informationstech-nologische Artefakte eingeschrieben?
    • Einschreibung geschlechtsspezifischer Arbeitsteilung
    • Einschreibung vermeintlicher Abwesenheit von Geschlechterverhältnissen (Objektivität, Neutralität)
    • Einschreibung von („männlichen“) Träumen der Entwickler
    • Einschreibung von (geschlechtsspezifischen) Annahmen über NutzerInnen
    • Einschreibung von Geschlechter- und anderen Differenzen
  16. I. Einschreibung geschlechts-spezifischer Arbeitsteilung
    • „ Invisible work“ wird oft von Frauen ausgeführt oder ihnen zugeschrieben (Star 1991)
    • „ Invisible work“ ist nicht in Softwaresystemen repräsentiert
    • Gut untersuchte Bereiche: typische „Frauen“arbeitsplätze wie Sekretariate, Krankenpflege, Bibliotheken (Wagner, Winker, Green/Owen/Pain)
    • Einschreibung von Arbeitsteilung, Organisationsstruktu-ren, Normierung von Abläufen, Definitionen von Arbeit etc., die geschlechtsspezifisch konnotiert sind bzw. geschlechtshierarchisch organisiert sind
  17. I. Einschreibung geschlechts-spezifischer Arbeitsteilung
    • Technikgestaltung ist zugleich Arbeitsgestaltung
    • Ziel: Sichtbarmachung, Anerkennung und organisatorische Umstrukturierung sogenannter „Frauenarbeit“ durch IT-Einsatz/ Empowerment von Frauen in der betrieblichen Hierarchie
    • Ziel: technisches Empowerment von Frauen (in Bezug auf technische Kompetenz)
  18. II. Einschreibung vermeintlicher Abwesenheit von Geschlecht
    • Technische Artefakte/ Produkte gelten als ‚rational‘,‚wertfrei‘ und ‚geschlechtsneutral‘
    • Das Implizite, Unaussprechliche, Nichtformali-sierbare kann oft nicht mit traditionellen Methoden der Software-Entwicklung erfasst werden (vgl. Bowker/Star 1999, Bsp. Humor).
    • Möglichkeiten und Grenzen technischer Repräsentierbarkeit von Wissen bzw. Information
    • Bsp.: Das Programmierparadigma der Objektorientierung (Crutzen 2000)
  19. Ein- und Ausschlüsse in der Wissensordnung
    • Klassifizierungen und Standardisierungen in/ durch Technologie als unsichtbare Bausteine der sozialen Ordnung.
    • Politische Entscheidungen über Einschluss und Ausschluss werden unsichtbar.
    • Deren (soziale, gesellschaftliche etc.) Folgen unter dem Deckmantel der Objektivität verborgen bleiben (vgl. Bowker/Star 1999).
    • Ziel: Feministische Wissenschaftskritik fordert Kontex-tualisierung, Situierung, Parteilichkeit/ Parteinahme, Verantwortung
    • Soziale Ein/Ausschlüsse sollen sichtbar und damit verhandelbar gemacht werden
  20. III. Einschreibung („männlicher“) Träume der Entwickler
    • Technikentwicklung wird primär von einer homosozialen spezifischen Gruppe von Männern getragen: politische, ökonomische Entscheidungen, Forschung, technische Planung, konkrete Umsetzung etc.
    • Technische Produkte sind von den Perspektiven dieser Menschen geprägt: Erfahrungen, Lebenswelt/ Lebenssituation, Werte,
    • Selbstverständnisse
    • Bsp. „Smart Houses“:
  21. Bsp. Smart House
  22. Smart Houses als ‚toys for the boys‘
    • Prototypen intelligenter Häuser: Frage nach der Repräsentation von Hausarbeit und nach der Zielgruppe des Produkts (Berg 1994)
    • Ausgrenzung traditioneller Hausarbeit in den Funktionalitäten
    • Die Entwickler imaginieren sich selbst als potentielle Käufer/ Nutzer der Häuser: „It‘s the technology-as-such, the way artefact function in technological terms, that fascinates the designers... The target consumer is implicitly the technical interested man, not unlike the stereotype of the computer hacker“(Berg 1994)
  23. IV. Einschreibung von Annahmen über NutzerInnen
    • Frühe Textverarbeitungssysteme im Vergleich (Hofmann 1997)
    • Textautomat: Die imaginierte Adressatin ist die ewige Anfängerin (weibliche Schreibkraft = „dumm“)
    • Textverarbeitung mit Tastatursteuerung: Nutzerbild: „technische Expertin“ (weibliche Schreibkraft = professionelle Typistin)
    • grafische Benutzungsoberfläche: Nutzerbild: „der Gelegenheitsschreiber“ (männliche ‚knowledge worker‘, Manager und Sachbearbeiter)
  24. Die Schreibarbeiterin als Expertin
  25. Der Dilettant als Leitfigur
  26. Geschlechtseinschreibung in Textverarbeitungssystemen
    • Verschiedene Ausdeutung von „weiblichen Schreibkräften“
    • ‚ configuring the user‘: Handlungsoptionen werden durch Software strukturiert (unterstellte Kompetenzen, Vorsichtsmaßnahmen gegenüber Fehlbedienung)
    • Bruch mit altem Klischee „männlicher Technikkompetenz“ in zwei von drei Fällen
    • Unterschiedliche Konzeptionen und Organisation von Schreibarbeit
  27. V. Repräsentation von Geschlechts- und anderen Differenzen Aus der Misswahl der digital Beauties (Miss Digital World 2006)
  28. Blickverhalten
  29. Sexualisierter Chat
    • User: Ich finde dich toll!
    • Cornelia: Da werde ich gleich ein bisschen rot. Danke.
    • User: Bist du eine richtige Frau?
    • Cornelia: Naja, schauen Sie mich an!
  30. V. Repräsentation von Geschlechts- und anderen Differenzen
    • Körperliche/grafische Repräsentationen von Geschlecht
    • Geschlechtsstereotypes Blickverhalten
    • Sexualisiertes Kommunikationsverhalten
    • Repräsentation von wissenschaftlichen Konstruktionen von Geschlechterdifferenz
  31. Digitale Bilder des menschlichen Körpers/ Gehirns
    • Bsp. Virtual Human Project: Darstellung des gesamten männlichen Körpers, aber nur der Reproduktionsorgane der Frau (Schmitz 2003, Nicoleyczik 2004)
    • Bsp. Visualisierung „lebendiger“ Gehirne in den Neurowissenschaften: Geschlechterdifferenz hängt von Grenzwerten und Algorithmen ab (Kaiser 2004)
    • Digitale Bilder prägen den Blick (was wir sehen können)
    • Sie gaukeln vor zu sehen, „was wirklich ist“.
  32. Wie wird Geschlecht in informationstech-nologische Artefakte eingeschrieben?
    • Einschreibung geschlechtsspezifischer Arbeitsteilung
    • Einschreibung vermeintlicher Abwesenheit von Geschlechterverhältnissen (Objektivität, Neutralität)
    • Einschreibung von („männlichen“) Träumen der Entwickler
    • Einschreibung von (geschlechtsspezifischen) Annahmen über NutzerInnen
    • Einschreibung von Geschlechter- und anderen Differenzen
  33. 4. De-Gendered Information Technologies?
    • Ausgehend von diesen Mechanismen der Einschreibung von Geschlecht und den Erkenntnissen der Geschlechterforschung:
    • Gibt es Möglichkeiten eines De-Gendering?
    • Worin kann eine „feministische“ Technikgestaltung bestehen?
    • Welche Gestaltungsansätze der Informatik lassen sich dafür heranziehen?
  34. I. Geschlechtsspezifische Strukturen im Anwendungsbereich
    • Welche strukturelle und geschlechtlich konnotierte Arbeitsteilung findet sich im Anwendungsbereich?
    • Wie anerkannt ist die Arbeit und wie wird sie bewertet?
    • Welche Arbeit wird informatisch modelliert, repräsen-tiert, klassifiziert? Welche ist sichtbar?
    • Wessen Tätigkeit wird unterstützt? Wessen Tätigkeit wird automatisiert?
    • Besteht die Möglichkeit ‚invisible work‘ sichtbar zu machen und als geschlechtshierarchisch erkannte Strukturen aufzubrechen?
  35. II. Repräsentation von Wissen und Informationen
    • Welche Informationen sind in einem Informations-system repräsentiert? Wem sind diese zugänglich und wem nützlich?
    • Welches Wissen wird ausgegrenzt? Was lässt sich prinzipiell nicht formalisieren und modellieren?
    • Welche Personen, Sachverhalte, Zusammenhänge etc. werden durch die Modellierung repräsentiert oder ausgeschlossen? Was ist „denkbar“? Bestehen Möglichkeiten der Denk- und Handlungserweiterung?
    • Bleiben Verantwortlichkeiten sichtbar?
  36. III. Zugrunde liegende Fragestellungen und Interessen
    • Welche Problemdefinitionen liegen den techni-schen Lösungen, Visionen und Leitbildern zugrunde? Wem nützt die (neue) Technologie?
    • Welche Lebens- und Arbeitssituationen soll sie unterstützen? Wessen Träume würden damit realisiert?
    • Umgekehrt: Worin bestehen gegenwärtig die relevanten sozialen, gesellschaftlichen und globalen Probleme? Wie werden/ ließen sich diese informationstechnologisch unterstützen? Kann Gender hier als „Eye-opener“ dienen?
  37. IV. Zielgruppen und Annahmen über (potentielle) NutzerInnen
    • Wer gehört zur Zielgruppe des Produktes? Welche Fähigkeiten, Bedarfe, Interessen und Ressourcen werden den zukünftigen NutzerInnen unterstellt?
    • Auf welchen grundsätzlichen Annahmen über die Nutzung bzw. die Zielgruppe beruht die Software?
    • Welche Konzepte menschlichen Verhaltens allgemein gehen dabei ein?
    • Welche kulturellen und sozialen Normen werden mit der konkreten Gestaltung der Benutzungsschnitt-stelle transportiert?
  38. V. Repräsentationen von Geschlecht
    • Wessen Körper, Gesten, etc. werden repräsentiert? Gibt es stereotype Visualisierungen?
    • Wie wird die Mensch-Maschine-Interaktion konzeptualisiert? Welche Konzepte zwischenmenschlicher Kommunikation und welche Beziehungsmodelle werden dazu genutzt?
    • Welche Konzepte oder Ergebnisse anderer Disziplinen werden verwendet und dargestellt? Sind diese bereits vergeschlechtlicht? Wie werden sie durch die technische Darstellung transformiert? Was wird suggeriert?
    • Auf welchen Konzepten menschlichen Wissens, Lernens und Handelns beruht die technische Implementierung?
    • Ist es möglich, Vergeschlechtlichungsprozesse sichtbar zu machen oder ad absurdum zu führen?
  39. De-Gendering?
    • Analyse der Einschreibungen von Geschlecht als Ausgangspunkt: der Fortschreibung von Ungleichheit durch technische Artefakte entgegenwirken
    • „ Using Gender to undo Gender“ (Lorber 2000): Ziel, das zweigeschlechtliche Klassifikationssystem von Grund auf in Frage stellen und aus der Welt zu schaffen
    • „ Undoing Gender“ (Butler 2004)
  40. Methoden kritischer Technologie-gestaltung als Ausgangspunkt?
    • Partizipative System-Entwicklungsmethoden
    • Critical Technical Practice
    • Design for Experience
    • Reflective Design
    • Wie können diese Ansätze modifiziert werden, um Einschreibungen von Geschlecht(erhierarchie) in Technik zu verhindern, Zweigeschlechtlichkeit zu hinterfragen und die Kategorie Geschlecht im Sinne der neueren Geschlechterforschung kritisch zu reflektieren?
  41. I. Participatory Design, Skandinavische Schule
    • Seit den 1970er Jahren
    • gewerkschaftsorientiert, marxistisch
    • Ziel: Empowerment der Arbeitenden: den betrieblichen Hierarchien entgegenwirken, die „Modelmacht“ der TechnikgestalterInnen berücksichtigen
    • Seit den 1980er Jahren feministische Ansätze
    • Ziel: Empowerment von Frauen: Erweiterung der Technikkompetenz, bessere Arbeitsbedingungen, Gleichheit am Arbeitsplatz
  42. I. Participatory Design, Skandinavische Schule
    • Beteiligung der NutzerInnen am Systementwicklungsprozess von Beginn an (Problemdefinition, Anforderungsanalyse)
    • Design should be done with users, not for or by them
    • Technikgestaltung ist Gestaltung (der Bedingungen) von Arbeit
    • Gegenseitige Lernprozesse (User und Designer)
    • Design for skill, not for automation
  43. II. Critical Technical Practice
    • Synthese von kritischer Reflektion und Technologieproduktion (Agre 1997)
    • Vorgehen: 1. identifiziere die Kernmetaphern im Feld, 2. bemerke, was bei der Arbeit mit diesen Metaphern, marginalisiert wird, 3. invertiere die Metaphern (bring the margins to the center), 4. implementiere die Alternative technisch
    • Beispiel: Metaphern der Künstlichen Intelligenzforschung: Verschiebung von „abstrakter Kognition“ zu „situierter Handlung“ (Suchman 1987)
  44. II. Critical Technical Practice
    • Das, was im Systemdesign marginalisiert wird, ist häufig das, was mit Weiblichkeit assoziiert wird
    • CTP hat das Potential zu zeigen, dass implizite (u.a. geschlechtliche) Annahmen, die der Technikentwicklung zugrunde liegen, nicht neutral sind, und wirkt Ausschlüsse insofern entgegen
  45. III. Reflective Design
    • Integriert Participatory Design, CTP und andere kritische Gestaltungsansätze
    • „ our everyday values, practices, perspectives, and sense of agency and self are strongly shaped by forces and agendas of which we are normally unaware, such as the politics of race, gender, and economics. Critical reflection provides means to gain some awareness of such forces as first step toward possible change“ (Phoebe Sengers et al. 2005)
  46. Reflective Design
    • „ design for opportunities“ statt „design for requirements“
    • „ Designers should use reflection to re-understand their own role in the technology design process.“
    • „ Designers should support users in reflecting on their lives. “
    • „ Design for experience“
  47. IV. Design for Experience
    • Ein neuer Ansatz der Human-Computer Interaction-Forschung
    • Fokus auf NutzerInnen und ihre subjektiven Erfahrungen
    • Ziel: die NutzerInnen (emotional) in die Interaktion zu involvieren
    • Der Umgang mit den neuen Systemen soll vor allem Spass machen, motivieren und nützlich sein, statt NutzerInnen nur möglichst effizient bei der Lösung von Arbeitsaufgaben zu unterstützen
  48. Design for Experience
    • Ein innovativer Ansatz, der sich abzugrenzen versucht von:
    • traditionellen Software Engineering Methoden (d.h. Participatory Design)
    • traditionellen HCI Methoden, insb. von Usability Tests
    • dem vorherrschenden Objektivismus
    • einem simplen Sender-Empfänger-Modell
  49. Design for Experience: keine traditionelle HCI
    • „ Usability traditionally focuses on goals such as effectiveness, efficiency, safety, utility, learnability, and memorability. These objective usability goals contrast with user experience goals, which cover subjective qualities such as being fun, rewarding, motivating, satisfying, enjoyable, and helpful. Usability goals and user experience goals often stand in complex relationships, involving tradeoffs like safety vs. fun or efficiency vs. enjoyability. ” (Höök et al. 2004)
  50. Design for Experience: Kein Objektivismus
    • „ No averaging – No normal user. “
    • “ we are not looking for the average user reaction. … the statistical averaging and laboratory simplifications necessary for reliable scientific statements may wash out all the details that interest us.“ (Höök 2004, 135)
    • Dem wird die Komplexität und Vielfalt gelebter Erfahrungen gegenüber gestellt
  51. Design for Experience: Kein Objektivismus
    • Erfahrungen der NutzerInnen keine Eigenschaft des Systems, sondern etwas, das während der Interaktion entsteht
    • „ Rather than experience as something to be poured out into passive users, we argue that users actively and individually construct human experiences around technology. They do so through a complex process of interpretation, in which users make sense of the system in the full context of their everyday experience.” (Sengers et al. 2004)
  52. Design for Exp.: kein simples Kommunikationsmodell
    • Bedeutung zwischen NutzerIn und System wird nicht zwischen Individuen transferiert, sondern die Beteiligten (menschliche wie nicht-menschliche Akteure) konstruieren diese aktiv und gemeinsam („Ko-Konstruktion von Wissen“).
    • Kommunikation lässt sich nicht als Übertragung diskreter Zustände von einem Sender zu einem Empfänger auffassen. Sie ist vielmehr ein ständiger Prozess, in dem Bedeutung koordiniert, ausgehandelt und hergestellt wird.
    • Interpretationsleistungen, welche die NutzerInnen bei der Interaktion mit dem System erbringen, werden betont
  53. Design for Experience als kritischer Ansatz
    • Die VertreterInnen des Ansatzes verstehen sich als Teil der „critical design community which asks …: what messages are implicit in our designs? How do users reappropriate and alter the meaning of technologies? What are our social responsibilities as designers with respect to how users come to interpret and respond to our designs?” (Sengers et al. 2004).
    • Das System soll so gestaltet sein, dass es offen bleibt für multiple Interpretationen
  54. Design for Experience: Zusammenfassung
    • Bewusste kritische Reflektion impliziter Annahmen in der Technikgestaltung
    • Wendet sich gegen objektivistische und empiristische Wissenschaftsverständnisse
    • Fokussiert auf subjektive Erfahrungen der NutzerInnen mit Hilfe qualitativer Methoden (situierte Technologiegestaltung)
    • Erlaubt vielfältige und widersprüchliche Interpretationen (Konstruktivistische Epistemologie)
    • => notwendige Voraussetzung für eine „feministische“ Technologiegestaltung
  55. Design for Experience aus feministischer Sicht
    • Abkehr von der Abbildidee, die zur Wiederholung des Bestehenden (soziale Normen, Stereotype, vermeintliche Geschlechterdifferenzen) zwingt,
    • => Eröffnet die Möglichkeit, auch „Geschlecht“ als soziale Konstruktion, d.h. nicht-essentialistisch zu denken
    • => ermöglicht Verschiebungen in Festschreibungen heteronormativer Zweigeschlechtlichkeit
    • => räumt genau diejenigen Widerstände innerhalb der Informatik aus dem Weg, die gegenwärtig eine kritische, feministische Technikgestaltung methodologisch, ontologisch und epistemologisch behindern.

+ jakobjakob, 3 years ago

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