Der Wahnsinn hat Methode
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Philosoph Hans Poser eröffnete den 3. Deutschen Designerkongress mit einem Ausflug in die Hintergründe von Kreativität. Wie entstehen Ideen, wann wird der Mensch zum Gestaltenden?

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Der Wahnsinn hat Methode Der Wahnsinn hat Methode Document Transcript

  • 1Hans Poser (TU Berlin) 5.3.12/11.01.12/Ars inveniendi/Entwerfen Essen 06.docEntwerfen als Wissenschaft? Zur Frage einer Ars inveniendi heute1. Der Wahnsinn hat MethodeDesign – der Wahnsinn hat Methode? Gewiss, denn mit ‚Wahnsinn‘ ist Kreativität gemeint,die unverzichtbar ist, um in neuen Intuitionen Nie-Dagewesenes im Reiche der Ideen undMöglichkeiten geradeso wie in den zwei oder drei Dimensionen der raumzeitlichen Wirklich-keit zu erschaffen. Das aber ist ein irrationaler Vorgang, weil er sich nicht auf methodisch-rationale Flaschen ziehen lässt. Ein Technikwissenschaftler sagte scherzhaft: „Ihr Philosophenseid doch Meister im Definieren. Definieren Sie mir mal ganz genau, was Kreativität ist, dasProgrammieren schaffe ich dann schon.“ Damit ist der Nagel auf den Kopf getroffen; dennließe sich Kreativität genau definieren, also auf anderes zurückführen, wäre das Ergebnisgerade nichts Neues und Kreatives.‚Methode‘ hingegen ist bei allem Design, allem Entwerfen unverzichtbar – wie sollte es sonstgelingen, eine Lösungsidee für etwas, für ein gegebenes Problem zu entwickeln. Damit ergibtsich etwa folgendes Bild: Wahnsinn Methode Kreativität Wissenschaft – undefinierbar – methodisch nicht fassbar theoretische Seite praktische Seite – nicht-rational kognitiv normativ geniale Lösung regelhafte LösungDieses Spannungsverhältnis von Kreativität und Methode ist konstitutiv für alle Formen desEntwerfens, das vom einfachsten Fall der modifizierenden Anwendung bis hin zum radikalNeuen reicht – sei es nun ein unbekanntes mathematisches Theorem mit Beweis, eine bahn-brechende naturwissenschaftliche Hypothesenbildung, eine unerwartete Konzeption im Berei-che der Normen und Werte, eine technologische Novität, eine ungeahnte architektonischeFormensprache oder auch eine erstmalige Designlösung für einen Gebrauchsgegenstand.
  • 2Wie aber soll beides, Kreativität und Methodik des Entwerfens, zusammengehen können?Wieso soll es dann eine Wissenschaft des Erfindens, eine Ars inveniendi überhaupt gebenkönnen?Ars inveniendi, die Kunst des Erfindens – dieser Begriff geht zurück auf Cicero und beziehtsich dort auf die Rhetorik, genauer: auf das Suchen und Finden von überzeugenden Argu-menten.1 In der Renaissance erfuhr diese Vorstellung eine Ausweitung zunächst zu einer Arscombinatoria, die für alle Bereiche des Entwickelns, also auch für neue Wissenschaften ge-radeso wie für das Entwerfen von Technik, von Maschinen einen Weg ebnen sollte.Das ist ein faszinierender Gedanke – und manche Zeichnungen Leonardo da Vincis (1452 –1519) im Codex Madrid muten so an, als folgten sie ihm in immer neuen Differenzierungenvon elementaren Machinenelementen, deren Zusammensetzung jede überhaupt mögliche Ma-schine hervorzubringen erlaubt. Doch ist eine solche Hoffnung nicht gänzlich abwegig? Wiesoll bloße Kombinatorik zu wirklich durchbrechend Neuem führen? Gibt es nicht genug grau-enhafte Beispiele, die das widerlegen? Mit Schrecken denkt man an all die auf gleiche Weiselangweiligen neuen Gebäude, die wohl unter Verwendung des selben Computerprogramms inden letzten Jahren nicht nur in Berlin entstanden sind.Nun hat Wolfgang Amadeus Mozart (1756 – 1791) – und nicht allein er – schon gegen 1787in seiner „Anleitung so viel Walzer oder Schleifer mit zwei Würfeln zu componiren so viel manwill ohne musikalisch zu seyn noch etwas von der Composition zu verstehen“ (KV3 Anh.294d) eine Anweisung geliefert. Am PC lässt sich das heute für jeden auch ohne Würfel erle-digen – der Zufallsgenerator leistet die Zusammensetzung.2 Da kann ja nur Unsinn heraus-kommen, mag man denken; doch das Ergebnis klingt tatsächlich nach Mozart – aber verge-bens sucht man nach einer Melodie, einem Thema, nach einer Struktur, die hinaus ginge überdie ABA-Form des Menuetts, die traditionelle Taktanzahl und eine angedeutete Coda.Dennoch haben viele Zeitgenossen vor und nach Mozart ähnliche musikalisch-kombinatori-sche Regelwerke vorgeschlagen. Warum also nicht auch im Bereich der Technik, der Archi-tektur und des Design? Nötig ist die Auszeichnung von Grundelementen wie etwa die Takte,dazu Prinzipien der Zusammenfügung, wie sie Mozart in Matrizenform niedergelegt hat; wirdnicht gewürfelt, so bleiben sogar Gestaltungsmöglichkeiten offen. Die Wissenschaft beginntdarum bei der Freilegung dieser Ausgangsbedingungen. Ob dabei für für den DesignerBrauchbares herauskommen mag, bleibt offen – denn genau der Mozartschen Methode hatsich Friedensreich Hundertwasser bei seinem Siebdruck Homo Humus come va 10001 Nights,gedruckt in 10.002 Exemplaren und dank des Zufallsgenerators in jeweils anderen Farb-zusammenstellungen…1 Cicero, De inventione.2 Programm unter http://sunsite.univie.ac.at/Mozart/dice/
  • 32. Projekte einer Ars inveniendi: G.W. Leibniz und Chr. WolffDer Gedanke, man müsse eine Ars inveniendi für alle Wissenschaften, also auch für die gestal-tenden Wissenschaften wie die Technik entwickeln, geht auf Gottfried Wilhelm Leibniz (1646 –1716) zurück. Er ist überzeugt, die „mater aller inventionen“ in der Ars inveniendi gefunden zuhaben, weil bei einer bloßen Kombinatorik zu viele unsinnige Verknüpfungen entstehen. Ernotiert, die Ars inveniendi sei „die Leitung der Gedanken, jegliche Art unbekannter Wahrheit zuermitteln“.3 Es geht also nicht um ein Menuett, sondern um Wahrheit als Grundbedingung allerWissenschaftlichkeit. So gibt er 1676 zehn Regeln an, denen die Ars inveniendi zu folgen hat.4 ImKern lassen sie sich als Methodenkanon so zusammenfassen: Ein gegebenes Problem ist in der Analyse mindestens so weit zu zerlegen, dass sich unabhängige Teilprobleme ergeben. Diesen Teilproblemen sind bekannte Lösungen in Gestalt wahrer Prinzipien zuzuord- nen, die entweder aus der Erfahrung stammen oder aus dem Denken.5 Für alle diese Teile sind angemessene Zeichen und deren Verknüpfungsregeln zu ent- wickeln; dabei soll möglichst eine Abbildung in die Arithmetik gesucht werden. Nun folgt eine systematische Synthese, ausgehend von den bereits als wahr erkannten Prinzipien, sodass sich eine zutreffende Lösung des Ausgangsproblems ergibt. Weitere Zusammensetzungen führen unabhängig vom ursprünglichen Ausgangspunkt zu weiteren neuen Erkenntnissen.Zeichen ist dabei sehr allgemein zu verstehen – es geht nicht um Buchstaben, sondern auchum Noten der Musik, um bildhafte Zeichen wie Hieroglyphen, um Symbole – entscheidend istjedoch, dass sie nicht allein stehen dürfen, sondern nach Regeln miteinander verknüpft sind.Damit schulden wir Leibniz die Einsicht, dass jede inventio, jeder Entwurf auf drei entschei-denden Elementen basiert, der Problemanalyse, der zu Neuem führenden Synthese und diebeides allererst ermöglichende Verwendung von Zeichen und deren Verknüpfung; anderswäre eine rationale Problemlösungsstrategie nicht möglich. Leibnizens mathematischenebenso wie seine technologischen Problemlösungen zeigen zugleich, dass hierbei wesentlichkreative Momente eingehen, von der Entwicklung geeigneter Symbole über fruchtbare Analy-sen bis zu ideenreichen Synthesen. Mehr noch, entscheidende normative Elemente in bildendie Leibnizsche Voraussetzung einer Ars inveniendi: Alle menschlichen Erfindungen, Ent-wicklungen und Entwürfe sollen abzielen auf einer Vervollkommnung des Menschen, derGesellschaft, der Welt.Konkreter wird es bei Christian Wolff (1679 – 1754). Er ergänzt das Leibniz-Modell um dieForderung nach einer Methode der Variation. Doch um zu bislang Unerkanntem vorstoßen3 De Encyclopedia nova conscribenda, A VI.4, N. 81, S. 345.4 De la Sagesse, A VI.3, N. 896, S. 670-672.5 De Synthesi et Analysi universali seu Arte inveniendi et judicandi, A VI.4, N. 129, S. 543.
  • 4zu können, bedarf es überdies der Artificia heuristica, also heuristischer Regeln.6 Diesebetreffen bereits die Problemanalyse, weil ein Problem sich nicht wie ein Fahrrad in wohl-bestimmte Einzelteile zerlegen lässt, sondern im Blick auf die Problemlösung höchst eigen-ständiger Ansätze bedarf. Seither gehören heuristische Regeln zur Grundausstattung jederProblemlösungsstrategie, auch wenn kreative Lösungen mit ihnen nicht zu gewinnen sind.Jede Entwurfswissenschaft muss hierbei ihre eigenen Regeln und Methoden haben. Regelnaber sind anders als Naturgesetze nicht wahr oder falsch – sie sind effektive Handlungsan-weisungen. Auf diese Weise ist eine ganz wesentliche Differenz zwischen Naturwissen-schaften und Gestaltungswissenschaften eingeführt.Damit sind wir durchaus den gestaltenden Wissenschaften näher gekommen; denn gerade fürdas Bauwesen gibt Wolff der Ars inveniendi folgend Regeln an. Etwas weiteres Neues tritthinzu, denn ein Gebäude verlangt die Erfüllung zahlreicher wertender Bedingungen, etwasicher zu sein und schön. Doch überzeugt von einer alles durchwaltenden Rationalität glaubtWolff, hierfür vernunftgemäße Kriterien angeben zu können. Spätestens an dieser Stelle wirddie Spannung sichtbar, die sich zwischen kreativen neuen Ideen und einer Regelbefolgungauftut: Kein wie immer geartetes Regelsystem kann die Kreativität ersetzen – darum ist Geniegefordert.3. Systematische Heuristik: Johannes MüllerDie sich abzeichnende Schwierigkeit hat im 19. Jahrhundert zu einer großen Breite von Kon-struktionslehren der neuen Technischen Hochschulen geführt, getragen von dem Gedanken,es müsse möglich sein, das technische Entwerfen, also Engineering design, auf eine solidewissenschaftliche Basis zu stellen – denn wie soll es Technikwissenschaften geben können,wenn das nicht gewährleistet ist? Diese Bemühungen ziehen sich bis in die 60er Jhre des ver-gangenen Jahrhunderts. Ein besonders charakteristischer Vertreter sei herangezogen, weil erausdrücklich die Überzeugung formuliert, das von ihm angegebene methodische Verfahrenlasse sich auf alle Bereiche des Entwerfens ausdehnen. Es handelt sich um Johannes Müller(1921 – 2008), der sich 1966 mit der methodologischen Untersuchung Operationen und Ver-fahren des problemlösenden Denkens in der technischen Entwicklungsarbeit in Leipzig habi-litierte. Nachfolgend vertrat er das Konzept einen Systematischen Heuristik.Müller stellt seinen Untersuchungen ein Leibnizzitat voran: „Nichts ist wichtiger, als dieQuellen des Erfindens zu sehen, die nach meiner Meinung interessanter sind als die Erfindungselbst.“ Er ist überzeugt, dass eine „schöpferische Leistung auf der Anwendung von Operato-ren bzw. Algorithmen basiert, die bei Kenntnis der objektiven Struktur des Problem- undSachverhalts […] theoretisch entwickelt werden können.“7 Folgerichtig geht es ihm um dieFreilegung dieser Operationen und Algorithmen, die in Regelschemata verknüpft werden.Dabei nimmt er als Grundmuster den Regelkreis von Abb. 1 an, der Schritt für Schritt zu6 Psychologia empirica, § 469.7 Habil.-Schr., Manuskript, Vorwort, S. I.
  • 5einem komplexen Schema erweitert wird. Dieses soll den gedanklichen Weg des Lösungs-prozesses nicht im Sinne eines Rezeptes, sondern seiner Struktur erfassen. Er zielt darauf,einen „rationellen“ Weg der Problematisierung an die Stelle des Herumprobierens zu setzen.Oder mit Müller: Es geht um „die Verfahren bzw. Algorithmen des konstruierenden Denkens,das die vom Menschen zu schaffende Wirklichkeit vorwegnimmt“.8 Operatoren O heuristische Algorithmen A Methodologie Operationen VerfahrenProblem P Problemauflösung PAAbb. 1: Johannes Müller, Regelkreis der MethodologieAlle Schritte Müllers werden in einer quasi-algorithmischen Abfolge vorangetrieben. Zu-gleich deutet er die Überzeugung an, sein Modell lasse sich „auf alle Bereiche“ anwenden, „indenen menschliche praktische Tätigkeit zunächst gedanklich vorweggenommen wird“.9 Dasmag fraglos für Bereiche gelten, in denen eine klar zu kennzeichnende und begrenzbareSachlage gegeben und das vorliegende Problem scharf umrissen ist. Doch wie steht es umgänzlich neue, kreative Lösungsideen? Nachträglich mögen sie sich immer in Algorithmeneinfangen lassen – doch so bricht die alte Spannung wieder auf.Müllers Zugehensweise gehört zu den strukturalistischen und systemtheoretischen Ansätzen,wie sie für die 60er und 70er Jahre des vergangenen Jahrhunderts charakteristisch waren.Ihnen und der Weiterentwicklung bis heute hat Claudia Mareis ein materialreiches Werkgewidmet, das allerdings weniger der techniktheoretischen Seite gewidmet ist – also demenglischen technikorientierten konstruktiven engineering design – als vielmehr dem deut-schen Verständnis von Design in der Nähe des künstlerischen Entwurfs. Ihre Grundthese lau-tet, diese deutsche Richtung sei sachgerecht als Wissenskultur aufzufassen; deshalb seien „Fragen nach den konstitutiven Wissensbeständen des Design ohne die Betrachtung von diskursübergreifenden denkhistorischen und soziokulturellen Entwicklungs- zusammenhängen sowie [...] ohne vergleichende und praxisnahe Analyse von konkre-8 Habil.-Schr., Manuskript, S. 11.9 Habil.-Schr., Manuskript, S. 156.
  • 6 ten gestalterischen Praktiken und materialen Darstellungsformen nicht zu beantwor- ten.“10Claudia Mareis’ Diagnose bezüglich der Wissenskultur ist zutreffend – auch die Ars inveni-endi und ihre Nachfolger wurden nicht im luftleeren Raum konzipiert: Leibniz und Wolffwollten die Menschen und die Welt vervollkommnen, die Theorien des 19. Jahrhunderts soll-ten die Anwendung verbessern, Müller integriert gesellschaftliche Normen, Werte und Forde-rungen in sein strukturalistisches Konzept und will die ganze Entwicklungsforschung daranausrichten. Doch all das enthebt uns nicht der Aufgabe, das Problem des Entwerfens weiter zuanalysieren. Um eine neue Perspektive zu gewinnen, soll deshalb nachfolgend ein andersgearteter Zugang gewählt werden.4. Problemlösen in der Perspektive des WissensAuf dem Hintergrund der historischen Skizze lassen sich nun die Elemente eines auf Neuesgerichteten Entwurfs klar zusammentragen: Der Ausgang von einer Problemsituation verlangtderen Analyse, die zu lösbaren Teilproblemen führt. Die Analyse selbst enthält bereits krea-tive und heuristische Anteile. Die jeweiligen Lösungen schlagen sich in jeweils fachspezifi-schen Regeln nieder, die in der Anwendung auf den spezifischen Fall einer Interpretationbedürfen. Der nächste Schritt besteht in einer Synthese der Teillösungen zu einer Gesamt-lösungsidee. All dieses geschieht im Rahmen einer wertgebundenen Zielausrichtung. – DieseElemente seien nun auf ihre Voraussetzungen beleuchtet.4.1 ErkenntnisbedingungenJede Aufgabe, vor der ein Ingenieur, Architekt oder Designer steht, ist ein Problem, also einFall von Nichtwissen. Das Problem verlangt eine Lösung, mithin im Kleinen wie im Großeneinen Entwurf. Doch wie ist damit umzugehen? Zunächst lässt sich das Nichtwissen in einerFrage ausdrücken – es ist also nicht inhaltsleer, sondern genauer bestimmbar. Darum kannLeibniz von einer Problemanalyse ausgehen, die gerichtet ist und zu lösbaren Teilproblemenführen soll. Doch diese Analyse beruht auf erkenntnistheoretischen Voraussetzungen, dieerfüllt sein müssen: 1. Theoretische und praktische Vernunft im Sinne Kants, ebenso Lernfähigkeit; 2. heuristisches Denken im Sinne der Suche nach Lösungsregeln und ihrer Adaption, 3. teleologisches Denken im Sinne einer Orientierung auf ein Ziel durch ein Denken in Mitteln, Zwecken und Funktionen, und 4. reflektierende Urteilskraft im Sinne des Vermögens, zu einem gegebenen Besonderen – die faktische Problemlage – ein Allgemeines – das Lösungsprinzip – zu finden.Dieses vierte Vermögen beinhaltet zugleich Zieloffenheit – denn das Besondere, also diegegebene Problemlage, muss gerade nicht zwingend zu einem bestimmten Ziel als Lösungführen, sondern kann, wie Leibniz das in seinem Verständnis von Synthese hervorhebt,10 Claudia Mareis: Design als Wissenskultur. Interferenzen zwischen Design- und Wissensdiskursen seit 1960.Bielefeld: Transcipt 2011, S. 399.
  • 7durchaus mehrere Lösungen haben. Diese Offenheit ist entscheidend für die Möglichkeit kre-ativer Lösungen.4.2 ProblemlösungswissenVermögen allein reichen nicht aus – sie müssen geübt und mit Inhalten gefüllt werden. Darumtreten konkrete Formen des Wissens hinzu: 1. Sachverhaltswissen als Wissen um die Ausgangs-Sachlage, 2. theoretisches Wissen als ein differenziertes Fachwissen, 3. praktisches Handlungswissen (know how), 4. Wissen um die jeweiligen Realisierbarkeitsbedingungen und Realisierungsmöglich- keiten, und schließlich 5. normatives Wissen um die zu erfüllenden individuellen und gesellschaftlichen Nor- men und Werte einschließlich des Wissens um eine Modifikation der Ziele im Blick auf diese Normen und Werte, falls das erforderlich ist.Das Nichtwissen ist also in einem Raum von Sachverhaltswissen, theoretischem und prakti-schen Handlungswissen wie schließlich normativem Wissen lokalisiert. Dieses alles machtdas Problemlösungswissen aus, das – anders als Kreativität oder Genialität – erlernbar ist unddeshalb an den Fachhochschulen und Universitäten vermittelt werden kann und muss. Dasaber (und genau hierauf kommt es an) ist zugleich die Voraussetzungen kreativer Lösungen!Alle diese Vermögen und Wissensformen sind bei jeder menschlichen Handlung gegeben.Die Besonderheit der Design- und Technikwissenschaften besteht nun darin, dass sie diesezwar auf der Handlungsebene voraussetzen, jedoch auf der Wissenschaftsebene in Gestalt vonBegriffsverknüpfungen als Theorieelemente in Form von Zeichenverknüpfungen in Allge-meinheit zu behandeln trachten.4.3 MöglichkeitsdenkenDoch mit wissen was der Fall ist, praktischem wissen wie, kausalem wissen warum und nor-mativem wissen wofür ist es nicht getan – um zu einer Lösung zu gelangen müssen dieseAnteile zu etwas jeweils Neuem zusammengeführt werden. Denn alles Entwerfen beginnt imRaume der Möglichkeiten. Möglichkeiten – das muss nicht etwas sein, das es bereits in derraumzeitlichen Wirklichkeit gibt, sondern das dem Denken, der Welt der Ideen angehört. Nunhat sich im Bereich des Möglichkeitsdenkens Entscheidendes gerade in Zusammenhang mitder Technik gewandelt. Natürlich beruht jede Handlungsentscheidung auf der Vorstellung vonMöglichkeiten und dem Abwägen zwischen ihnen. Das gilt geradeso in jedem Einzelschrittdes Entwerfens. Neu ist jedoch, dass wir heute nicht Technologien für einen bestimmtenGebrauch konzipieren, sondern für ein weites Spektrum von Möglichkeiten. Backsteine wur-den im Mittelalter als Formsteine für eine bestimmte zu errichtende Kirche gebrannt – heutestehen sie als Möglichkeitsangebot im Baustofflager. Doch das ist keineswegs so herausfor-dernd wie die Entwicklung eines Computers, einer Computersoftware oder gar eine Produkti-onsstrasse mit Industrierobotern, die beim Modellwechsel einfach umprogrammiert werden:Was da entwickelt wird, ist eine Möglichkeit für Möglichkeiten, die noch gar nicht fest liegen.So ist das Denken in iterierten Modalitäten ablesbar nicht nur an jenen virtuellen Welten, in
  • 8denen das alter ego mit realem Geld virtuelle Gegenstände anschaffen kann, sondern – vielbedeutsamer – auch in Simulationen der möglichen Folgen einer technologischen, landespla-nerischen oder Architektur und Design gestaltenden Entscheidung: Der Leibnizsche Gottwählte unter möglichen Welten des Reichs der Ideen die beste, um sie zu erschaffen. Dermenschliche Schöpfer wählt unter den im Leibnizschen Ideal der Mathematisierung entwor-fenen möglichen Folgen denjenigen Ablauf, den er für den besten hält. So hat das Entwerfenselbst einen doppelten modalen Charakter: Möglichkeiten werden virtuell verwirklicht, umdann eine Entscheidung zu treffen; dabei mag es sich wiederum selbst vielfach um bereitzu-stellende Möglichkeiten handeln – sei es nun ein neues Transportsystem, ein multifunktiona-les Gebäude, die Simulation mögliche Entwurfsvarianten oder ein neues Datennetzwerk infast virtuellen Clouds. Genau hierin liegt die Besonderheit von Entwerfen als Wissenskulturheute.5. FazitGrundsätzlich anders als eben beschrieben scheinen die Dinge zu liegen, wenn Kreativität imVollsinne des Wortes einbezogen werden soll: Dort versagt jede Methodenlehre – was jedeWissenschaft jedoch bereit stellen kann und muss, sind die Wissensformen, die das Prob-lemlösungswissen ausmachen. So sind alle erkenntnistheoretischen Bedingungen geradesowie alle Formen des Wissens vorauszusetzen; ebenso hat es den Brückenschlag vom Reichder Ideen zur Verwirklichung in der raumzeitlichen Wirklichkeit seit Menschengedenkengegeben – aber ein regelgeleitetes methodisches Vorgehen liegt im Falle der Kreativitätgerade nicht vor, auch wenn die erarbeiteten Voraussetzungen unabdingbar sind. So lässt sicheine Zusammenführung beider Seiten etwa so skizzieren: Wahnsinn Methode Kreativität Wissenschaft – undefinierbar – methodisch nicht fassbar theoretische Seite praktische Seite – nicht-rational kognitiv normativ methodische Variation eingehende Voraussetzungen: heuristische Regeln Erkenntnisbedingungen Problemlösungswissen Möglichkeitsdenken Geniale und zugleich regelkonforme Lösung
  • 9Deshalb ist die Weiterentwicklung dieser Designwissenschaften als Wissenschaften unver-zichtbar. Zugleich allerdings ist eine Offenheit für Neues die zwingende Voraussetzung: DieWissensvermittlung darf also keinesfalls zementierend wirken. Alle Kreativitätsforschung hatallenfalls aufgezeigt, dass sich eine fruchtbare Atmosphäre in Arbeitsgruppen ebenso als för-derlich erweisen kann wie brain storming. Schiller hingegen soll sich mehr auf einen faulen-den Apfel im Schreibpult verlassen haben. Jedenfalls versagt dort jede Methodenlehre.Wie schon Christian Wolff festhielt, besteht Ingenium – also Kreativität – in der Verknüpfungvon bislang nie zusammengebrachten Möglichkeiten. Ein Genie verbindet entfernte, bislangnie verbundene Möglichkeiten. Was, wenn man Fußball-Stadion und Spaghetti Bologneseverbindet? Genau so etwas muss es gewesen sein, das die Baseler Architekten Herzog & deMeuron zum Pekinger Vogelnest des Olympia-Nationalstadion geführt hat.Doch gilt es mit Leibniz daran zu erinnern, dass wir die Verantwortung für kreative Lösungengeradeso wie für heuristisch gewonnene Entwürfe und ihre Folgen tragen. Das wiederum ver-pflichtet uns, alles Entwerfen in den Dienst der Vervollkommnung zu stellen – um unser allerLebenswelt willen.