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Teil I: Aufnahme eines Gesprächs mit Onkel Oskar:1

Oskar: Ich stamme aus Radomsk [poln. Radomsko]… eigentlich nicht a...
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[Oskar erzählt, wie:] aus dem Sand, der mit Wasser gewaschen wurde. Der leichte,
dünne [Quarz-] Sand wurde heraussiebt...
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Ja, sie wurden ausgeschliffen mit Mustern. Die Glasmuster waren unterschied-
liche Sorten, z. B. wurden so mattierte S...
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und Waren gehabt, die man brauchte, es war dort ja auch die Tischlerei oder
Schlosserei, und man brauchte Nägel usw. E...
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Tscherkessenwein [poln. „Czerkieskie“], der ohne Zucker war. Er mochte ihn
trinken, es hat ihm aber nicht geschadet, o...
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Oskar: Ja, Hessed le-Avrom. Und dieser Schloyme [….?] alle diese Bücher.
Avrom aber nicht… Die Geschichte, die dann pa...
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Als der Graf krank war, hat er ihm [Lebek] die Schlüssel zum Hof und sogar zu
dem Kontor gegeben, in dem alle Sachen g...
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Es ergab sich eine Gelegenheit, [zum nunmehr genesenen Rebben zu fahren], denn es
war der Todestag eines grossen Rabbi...
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Ein Mal ist… es gab dort so ein staniec [klingt polnisch: das Wort „staniec“, existiert
aber nicht, es heißt richtig „...
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[Onkel Oskar erzählt dann gelegentlich lachend über den Besuch des Grafen, sein Neffe lacht
mit:] Der Großgrundbesitz...
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führen [stützen], er fürchtete schon, dass man ihn ergreift [einsperrt], zwei
Berater des Grafen führten ihn in den R...
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fühlen begann, dank dessen, dass es ihm nun besser ging im Vergleich zu dem,
was vorher war, und es ihm genügte, dass...
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sagt er, er braucht 450 Rubel die Woche, 500 oder 450 Rubel die Woche, drei
Wochen auf diese Weise…. zahlt man ihn au...
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dort auch reich geworden war, sagte, Lebek [?] sollte sogar noch ein paar
Glasspressen mehr kaufen… Er war ein reiche...
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Und man hatte eine Mikwe gemacht [gemeint hier ist sicherlich eine Badestelle, kein
rituelles jüdisches Bad in der Fa...
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Antwort: nein.
Der reichste Mann in Polen damals war Szaje Prywes aus Warschau […?],
Warschau. Er genoß das größte An...
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war auch ein Architekt. Auf jeden Fall, als der Großvater starb, begann zwi-
schen den Kindern […ein Streit?] die ein...
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Zwischenfrage: es war einer deiner Onkel?
Oskar: Ja, ein Onkel. Dieser Schlojme hatte noch keine Kinder, später hatte...
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Oskar: Ja, die ältesten waren aus den früheren Ehen. Die zwei waren vom Alter
her nicht…, sie waren klein, der Urgroß...
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Man gab ihnen Namen und man richtete sich dabei nach dem Beruf. Verstehst
du, zum Beispiel gab es Sandler, Sandler wa...
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gehabt. Er [Herschel?] hat eine genommen [geheiratet], so eine hässliche, das war
so eine Frau, sie hieß… Schajndl [d...
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Zwischenfrage: Was ist geschehen mit den Feldern und den Gütern?
Oskar: Man hat alles verkauft, alles als Ganzes verk...
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[Eli Niemiec?] war in jener Zeit in Tomaszow und hat angefangen ein diesem
Gebiet ein bisschen zu lernen … er hatte d...
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rze?], Ele Podświerkie. Neben dem…. auch Hesbe [?] hieß Ele Podschwerker …
er hieß Hesbe [in Wirklichkeit], wurde abe...
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Uncel OskarüBersetzung Radomsko Endversion

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  1. 1. 1 Teil I: Aufnahme eines Gesprächs mit Onkel Oskar:1 Oskar: Ich stamme aus Radomsk [poln. Radomsko]… eigentlich nicht aus Ra- domsk selbst, sondern aus… Jaschin [poln. Jasień], bei Radomsk, so ein… Ziwschenfrage: Ein kleines Schtetl? Oskar: Nein, ein Dorf. Zwischeneinwurf: Ein Dorf. In dem Dorf gab es eine Glasfabrik, die von dem Grafen, dem polnischen Grafen Hodliczki [?] gegründet wurde. Er hatte die Glashütte [Glasfabrik], in der 400 Arbeiter gearbeitet haben, außerdem hatte er noch ein Gut neben Jaschin, es hieß in Rendzin [Rędzin?] Frage: Das ist im Jahr 18…? Oskar: Nein, wenn ich davon spreche, handelt es sich so um [das Jahr] 1823. Und das zweite Gut hatte nichts mit der Glasabrik zu tun, es war bekannt für die schönsten Obstplantagen und so weiter, wohin Menschen zu gehen pflegten, um Früchte [Obst] zu kaufen. Es war eine sehr schöne Natur. Frage: In Jaschin? Oskar: Nein, in Rendzin. Zwischeneinwurf: Rendzin. Oskar: Ja, in Jaschin war die Natur auch sehr schön, vielleicht noch schöner, aber Obst und solche Dinge gab es nicht, es gab etwas ganz anderer Art. Die Glasfabrik…man weiß ja, dass Glas aus Sand gemacht wird. Und dort gab es einen so seltenen Sand, er war so eine Sorte feinsten Sandes, den man sehr… Zwischeneinwurf: Leicht. Oskar: …Leicht schmelzen konnte. Und das alles hat der Graf für die Glasfabrik gefördert. Wie er das tat usw. … Ich weiß es nicht… gebohrt haben die Polen, die wollten polnischen Sand, die Polen waren Patrioten… Man machte Glas. Und der Prozess des Glasmachens war nicht einfach… Man machte also dort in Jaschin die Glasfabrik [sie wurde 1918 liquidiert, aber in Jasień existiert bis heute eine Glashütte, unter dem Namen HSG „Rozalia“, E.G.]. In der Fabrik gab es zwei Sorten Glas… 1 Bemerkungen der Übers. sind in eckigen Klammern und in kleinerer Schrift. Da Onkel Oskar offenbar ein schon betagter Mann ist, spricht er nicht immer sehr deutlich und klar – er nuschelt vor sich hin, stottert, spricht stark dialektal (Dialekt von Russisch Polen), manchmal mit englischen oder polnischen (auch nicht immer korrekten) Einsprengseln, verschluckt Wörter, erzählt eher elliptisch und assoziativ, redundant, mit vielen „und-Sätzen“ und nicht stringent, bringt oft Personen und Orte durcheinander, korrigiert sich gelegentlich, so dass man seinen Geschichten nicht immer ganz folgen kann und auf Vermutungen aus dem Kontext heraus angewiesen ist. Hinzu kommt, dass der Neffe den Onkel Oscar gelegentlich unterbricht und sie dann gleichzeitig sprechen, was ebenfalls der Verständlichkeit abträglich ist. Daher wird stellenweise frei und dem Sinn gemäß übersetzt, denn nicht immer ist eine wörtliche Übersetzung möglich. Meistens folge ich aber seiner Diktion – es ist keine literarisch anspruchsvolle Übersetzung. Sie ist auch leider noch wegen der schlechten Aufnahmequalität immer noch teilweise fragmentarisch geblieben. Die Punkte… bedeuten v. a. Denkpausen, oder mit Fragezeichen versehen, Unklarheiten. E. Grözinger.
  2. 2. 2 [Oskar erzählt, wie:] aus dem Sand, der mit Wasser gewaschen wurde. Der leichte, dünne [Quarz-] Sand wurde heraussiebt, vom groben getrennt und zusammen ge- schaufelt in so einer Kiste, man goss die ganze Zeit Wasser darauf, und der dün- nere, leichtere Sand blieb oben, der dickere, schwerere unten. Mit einer Walze und Schaufeln bearbeitete man den dünnen Sand, und weggeschaufelt den groben Sand. Der feinere Sand war für Tischglas bestimmt, Gläser etwa, die bessere Qualität, der andere… Zwischeneinwurf: bessere Qualität… Oskar: Ja, bessere Qualität, der gröbere dafür für billigere, wie etwa Flaschen und ähnliches. Es heißt, dass die Gegend von Jaschin samt dem dortigen Sand, sich gut für die Glasindustrie eignete und darauf spezialisiert war. Außerdem brauchte man viel Kohle, um Glas zu schmelzen, welches mittels Gas geschmolzen wurde. Das Gas kam aus dem Teil [des Geräts] heraus, mit dem man das Glas schmolz. Dafür brauchte man sehr viel Kohle. Die Kohle wurde nach Jaschin von Radomsk transportiert, welches zehn Werst entfernt war. Es gab dort keine Chaussee [Landstraße], es waren die polnischen, schrecklich matschi- gen Wege [Polnisch, nicht ganz korrekt: „polska droga straszne zabłoto….“] schwierig waren, und es war schwer, darauf zu fahren. Also war man gezwun- gen, Kohle mit Torf zu vermischen, Torf hinzuzufügen. Torf, denn dort gab es solche Wiesen, auf denen wuchs…[Oskar verbessert sich:] wo man Torf gestochen hatte, welches man der Kohle beigeschüttet hat und man heizte damit. Zwischenfrage: Damit es billiger wird, ja?... Oskar: Um Kohle zu sparen, weil es nicht leicht war, sie zu bekommen, und die Qualität davon war schön [gut]. So hatte der Graf [Poln.: „Hrabia“] sein Ziel erreicht. Es gab 400 Arbeiter in Jaschin, aber die ganze Produktion, neunzig Prozent davon, gingen nach… Russland. Polen hat damals zu Russland gehört [In Wahrheit gehörte nur eines der drei Teile Polens gehörte seit den polnischen Teilungen im 18. Jahrhundert zu Rußland, die anderen beiden Teile gehörten je bis 1918 zu Preußen und zu Österreich]. Russland war sehr gross und nahm alles. Es gab dort zwei Sorten Glas, gepresste Gläser, welche nach dem Muster, das man gemacht hatte, gepresst wurden [Der Neffe fragt zwischendurch und Oskar zeigt ihm einige Zeit lang, welches Glas geblasen und welches gepresst war, und erklärt das mit dem Muster – es raschelt im Hintergrund]. Zwischenbemerkung: Eine billige Geschichte. Oskar: Ja, das gepresste war billiger. Es wurde so aufgeblasen. In der Schleiferei wurde es zugeschnitten und geschnitzt [geschliffen]. Das billigere Glas platzte auch leichter und wurde dann in die Fabrik zurückgeschickt. Man hatte es nochmals gebrannt, geschmolzen. Zum Beispiel platzt das billigere platzt so weg… [Es folgt eine Aufnahmepause von c. 8:00-8:34]. Und oft… es wurde in spezielle Kis- ten gesteckt…, in denen es solche Löcher gab… Sie wurde extra angefertigt… Man hat außerdem Gläser mit verschiedenen Mustern gemacht, ausgeschliffen. Es war nicht so wie bei Kristallen, die wurden aus Blei gemacht. Der Neffe: Ja, ich weiß.
  3. 3. 3 Ja, sie wurden ausgeschliffen mit Mustern. Die Glasmuster waren unterschied- liche Sorten, z. B. wurden so mattierte Streifen darauf gemacht. In der Fabrik gab es die Schleiferei und die Malabteilung. Man machte z. B. Blumenvasen und bemalte sie auf unterschiedliche Weise, mit Gold usw. Mein Vater konnte das, Glas bemalen. Es stand dort eine solche Maschine, die man… Zwischeneinwurf: drehte Oskar: drehte, und mit der man z. B. die Goldränder aufmalte. Der eine Arbeiter hat das Ornament gemacht, der andere ein anderes – etwa zwei Blätter, etc., verschiedene Leute haben am Fließband das Glas… [er verwendet hier ein poln. Wort: „taśmowe“, was aber nicht die vollständige Bedeutung des Wortes wiedergibt] bearbeitet und Muster darauf gemalt. Mein Vater war ein Fachmann auf diesem Gebiet und musste später andere Leute darin anleiten, wie diese Ornamente auf das Glas eingeschmolzen werden, usw. Er hat dort schwer gearbeitet. Aber er war ein Fachmann. Es waren Juden, Polen und Tschechen, die dort gearbeitet haben. Die Glasmacher waren angelernte Leute aus dem Dorf. Und für den Glassud brauchte man auch Pottasche, welches aus dem Ausland eingeführt und eingearbeitet wurde, weil es dort vor Ort nicht gab… Nein, nicht aus dem Ausland, aber woanders her hat man’s gebracht. Dann hat man die Pottasche zerkleinert, es waren ja verschiedene Stücke, härtere, größere und kleinere. Sie wurden gemischt, in eine Wanne hineingetan, zusammen mit dem Sud und es hat eine Zeitlang gedauert, bis die Glasmasse…. fertig war. Der Grossvater hat das gemacht, die Pottasche zerkleinert…, der Urgrossvater. Zwischeneinwurf: Er hat zerstoßen… Ja, die Pottasche zerstoßen, und die Söhne. Frage: Wann war das? Das war in älteren Zeiten, so um 1923, vor 1923 [hier fragt der Neffe nach und Onkel Oskar korrigiert sich:] natürlich 1823, einige Jahre lang ging das so. Ich kannte ihn nicht. Zwischenfrage: wie hieß er? Onkel Oskar: Hrabia Hodliczki [eine polnische Grafenfamilie dieses Namens habe ich nicht gefunden, daher müsste der Name anders lauten] Einwand des Neffe: Nein, der Grossvater. Oskar: Der [Ur]Grossvater hieß Dov Leib, Dov Leib Fischmann [poln. Schreib- weise Fiszman]. Auf Polnisch nannte man ihn Lebek [poln. Entsprechung der Ver- kleinerungsform Leibl], von Leib, Potaschnik. Zwischenbemerkung: Weil er Pottasche zerkleinerte? Oskar: Ja. Lebek war ein jüdischer Arbeiter, der Pottasche zerstieß, die Söhne haben mitgearbeitet. Man zerkleinerte die Pottasche neben dem Hof, wo der Graf wohnte und wo sich sein großes Büro [„office“] befand. Zwischenfrage: Hrabia Hodliczki hieß er? Oskar: Beim Hrabia Hodliczki gab es ein großes Büro. Man hatte Ware dorthin gebracht und gewogen, in diesem Büro, z. B. etwa zweihundertsechzig Pfund Pottasche. Man hat es dort gehalten, zweihundertsechzig Pfund! Das war eine „heilige“ Ware [d. h. sehr wertvoll]. Andere Menschen haben dort andere Artikel
  4. 4. 4 und Waren gehabt, die man brauchte, es war dort ja auch die Tischlerei oder Schlosserei, und man brauchte Nägel usw. Es war dort ständig viel los aber es ist bei ihm nie was passiert – es waren vielleicht zweihundertsechzig und danach [hat es sich herausgestellt, dass es vielleicht] auch zweihundertsechzig und halb [Pfund der wertvollen Pottasche]. Keiner hatte es nötig, irgendetwas weg zu nehmen [stehlen?], zudem hat der Urgrossvater immer aufgepasst [?]. Er [der Urgrossvater] war ein sehr großer, ehrlicher Mann, er hat ausgesehen ein bisschen wie ein, er war ein bisschen ein… Soloveytshik [? eine kleine Nachtigall, im übertragenen Sinne – gemeint seine kleine, zarte Statur oder im Sinne von leichtsinnig?], war [aber] stets in Ordnung [korrekt?] gewesen. Und die Kinder auch, aber nicht alle Kinder – da gab es mal dies und das. Der älteste hieß Duvid [David], das war ein Ingenieur von großem Verstand, und der zweite hieß Uscher [Ascher], der war mein Grossvater. Ich wurde nach ihm benannt, weil er nicht mehr lebte. Die nachfolgenden waren Schloyme [Salomon] und Avrum [Abraham] und… Herschel. Das war die Dynastie. Die Schwester [?] hieß Horka [?], ich weiß nicht, mehr ist mir nicht bekannt. Sie haben gearbeitet, die Pottasche zerkleinert - und er hieß ja Lebek Potasch- nik und hat es immer gemacht… Man hat auch mit der Kohle zu tun gehabt, die man von Radomsk brachte. Es war so eine Plattform, man hat die Kohle mit der Waage gewogen, und sie dann ausgeschüttet und aufgeschrieben, wie viel es war. Einer, der „Pisarz“ [auf Polnisch „Schreiber“], er hieß Pisarz, dieser Artikel war seine Aufgabe, zu notieren, wie viel Kohle man gebracht hat. Man hat ja die Kohle ständig gebracht, man musste das Glas mischen, Arbeit für die vierhundert Arbeiter. Und man hat alles weggebracht, die Wagen mit Glas wurden nach Radomsk geschickt, tagtäglich, über zwanzig Fuhren Glas nach Radomsk. Es wurde gepackt, in Stroh. Die Leute packten das Glas danach in Stoff ein. Zwischenfrage: In Lumpen? [poln. „szmaty“] Nein, nicht in Lumpen, es waren Säcke. Immer zwanzig Gläser in Stroh ver- packt, damit nichts zerbricht. So ist es raus gegangen… und der Agent… [Verkaufsvertreter], einer hieß Ginzburg, weiss ich, aus Odessa, war da tätig. Frage: Ein Jude? Ein Jude, er war ein Vertreter, einer [ein anderer] war Tscherkesse – woher [er kam] erinnere ich mich nicht mehr, auch ein [weiterer] einheimischer jüdischer Tscherkesse [wohl ein Jude aus dem Kaukasus] war da. Wenn Tscherkessen in den Ort einreisten, steckten sie ein [kauften?]… Zwischenfrage: Messer? Nein, die Kohlen [Unklar. Möglich eher: Gewehr-], Kugeln [?]. Der Ginzburg aus Odessa hatte einen Kontor dafür. Die Tscherkessen haben dort [wohl bei ihm in Odessa] Flaschen gekauft, es gab dort eine Tscherkessen [ -armee?, klingt hier nach dem hebräischen Wort „tsawa“, mit polnischem Adjektiv: „tsawa czerkieskie“]. Und jedes Mal, wenn ein Jahr um war, hatte mein Vater, ich erinnere mich, hatte er mit ihnen zu tun [er kurierte sich wohl in Odessa], denn er hatte ein Lungenleiden und hatte auch immer ein Paar Fässchen Alkohol mitgebracht, kleine Fässchen
  5. 5. 5 Tscherkessenwein [poln. „Czerkieskie“], der ohne Zucker war. Er mochte ihn trinken, es hat ihm aber nicht geschadet, obwohl er auch ein bisschen Diabetes gehabt hat… Das war der Vater. Die Geschichte beginnt damit, dass der Großgrundbesitzer, dem die Fabrik gehört hat, einen Traum hatte [hier unterbricht ihn der Neffe, spricht dazwischen, und es ist undeutlich – fragt: war das mit etwas mit dem Gang zum Rabbi?] Oskar: Ja, er hatte einen Traum, vom Rebben. Der Großgrundbesitzer war krank, litt an Krebs [„cancer“]. Er fuhr jedes Jahr…im Winter in die Schweiz zur Kur für einige Monate, er war ein reicher Magnat. Sein Sohn war ein Doktor [Arzt], wollte nicht in Jaschin sein, sondern war zu der Zeit beim Gouverneur in Warschau im… es hieß „Lazienkis“, Lazienki Palast [„Łazienkowski Pałac“], als sein „Adjutant“, Zwischenruf: Ein Leibarzt, Oskar: ja, als Leibarzt. Aber er [der kranke Graf?] wollte auf keinen Fall hinfahren und erfand immer Ausreden, um nicht nach Warschau zu fahren, wie z. B. es waren keine Leute da, du weißt schon, allerlei solche Geschichten, wobei doch Leute da waren [die sich während dieser Zeit um die Fabrik hätten kümmern können?], und […?] es müsste dort ein ordentlicher Mensch [nach dem Rechten sehen können?]… und überhaupt…. [Der folgende Abschnitt ist nicht ganz klar:]Und der Leib Fischmann [der Urgroßvater] war ein sehr frommer Mann und glaubte an [dass der Rebbe den Reichen heilen würde?] den Tiferet [s.u] Schloyme. Also musste der Rebbe nach Möglichkeit [zum Grafen ?] hinausfahren, aber er hatte noch gehabt […?], der Rebbe konnte nicht gehen, er hat gehalten an der Wiese, man musste eine Pferdekutsche mieten. Es gab dort Pferdekutschen, denn die Wege waren nicht gepflastert und voller Matsch. Die [Kutschen] hatten zwei, drei… keine Stufen, so eine Art Treppchen. Der Rebbe, der krank war, konnte aber nicht gut darauf steigen und einmal, der Urgroßvater war dabei, ist er irgendwie ausgerutscht. Aber er [der Urgroßvater?] wagte den Rebben, eine so eine ehrwürdige Gestalt nicht anzu- fassen [zu stützen]. Der Rebbe der es ihm nicht übel nahm [?], war also krank, konnte nicht gehen. Zwischenfrage: Der Rebbe [hasidisches Oberhaupt] war doch auch ein Rabbiner [gemeint ist, ein Gelehrter], Oskar: Ah, ja [natürlich]. Frage: wie hieß er? Oskar: Er hieß Tiferet Schloyme [die berühmten Rabbiner werden oft nach ihrem Hauptwerk genannt], der Rebbe hieß Schloyme Rabinowitsch [wohl der Radomsker hasidische Rabbi Schlomo Ha-Cohen Rabinowicz, 1801-1866], weil er Bücher verfasste, wie das berühmte Buch „Tiferet Schlomo“ [oder Schloyme, Klassiker der hasidischen Literatur]. Sein Sohn hieß Avrum, Hessed l’Avrom [oder Avrom] auch ein großer Gelehrter, und sein Sohn hat ein ebenfalls berühmtes Buch „Hessed le- Avraham“ [1843-1892] publiziert. Zwischeneinwurf: Hessed le-Avrom.
  6. 6. 6 Oskar: Ja, Hessed le-Avrom. Und dieser Schloyme [….?] alle diese Bücher. Avrom aber nicht… Die Geschichte, die dann passiert ist, undeutlicher Zwischenruf stört an dieser Stelle hat noch mit einem Litauer zu tun [? - die Litauer Juden galten als Feinde des Hasidismus], welcher gerade gekommen war nach […?]. Es war der Berliner, der böse … [Berliner Juden galten ebenfalls als Feinde des Hasidismus wegen der Haskala, der Aufklärungsbewegung, der sie anhingen. In Deutschland entstand auch im 19. Jahrhundert die jüdische religiöse Reformbewegung, weshalb die osteuropäischen Hasidim Deutschland verteufelten. Onkel Oskar spricht in diesem Zusammenhang über „jetser ha-ra“, eigentlich den bösen Trieb, aber hier als Teufel gemeint]. Zwischenfrage: Waren es die Deutschen oder richtige Finnnen[?]. Oskar: Es waren die Deutschen, die gekommen waren… Zwischenfrage: zum Sohn des Rebben[?] Ja, Anajniki [?] Frage: Anajniki? Oskar: Ja, das heisst bei ihnen [Avrum?]. Also, da er [der Graf] krank war, fuhr er ins Ausland. Neben dem Hof gab es ein großes Büro, wo die Auslieferungen gemacht wurden. Wenn er weg fuhr, hatte er die Schlüssel zum Hof überlassen… Zwischenfrage: Wem, dem Groß- eh, dem Urgroßvater? Oskar: bei Leib, Lebek Potaschnik, gelassen. Als Lohn gab er ihm dazu noch etwas Kohle, Eisen, Stroh, also solche Dinge, die man gebraucht hat. Das alles hatte er genommen. Und er [Lebek] hat dann als „pisarzyst“ [kein korrektes poln. Wort für eine Art Schreiber, eher Lagerist gemeint – es gibt nur „pisarz“, Schreiber] ein Büchlein über Lohn und Arbeit und all diese Dinge geführt, das er immer bei sich hatte im Büro. Als einmal, so sagte er, der Rebbe sehr schwach war, so sehr, dass er die Tora nicht lesen konnte…, es war Sabbat und er konnte nicht einmal ins Lehrhaus gehen, so sehr… Zwischeneinwurf: krank Oskar: krank war er. Es war eine schlimme Sache. Geld hatte er nicht, wie andere richtige [d. h. amtierende und bezahlte] Rabbiner, und Leute brachten ihm allerlei Sachen, der eine Fleisch, ein anderer Fisch, Früchte und so weiter – die, die das machten, waren alles Juden, die ein entsprechendes Geschäft hatten… ein Schneider hatte ihm Hosen genäht, so war es. Er [der Rebbe] wollte das alles nicht, er saß im Lehrhaus und lernte [heilige Schriften], er war ein außergewöhn- licher „Kopfmensch“ [Gelehrter] und ein „richtiger Mensch“ [im Sinne von edel und gut, das höchste Lob für einen Juden] der, wenn er eine Predigt hielt, die so lehrreich war, dass wer schon viel verstand, zu ihm kam und noch mehr verstanden hat. Und alles war [natürlich] absolut koscher, Milch- und Fleischprodukte getrennt. Wenn man zu ihm kam, gab es die schönen Früchte aus Rendzin, die man ihm mitgebracht hatte, und süße Sachen [für die Besucher], die ihn am Leben erhalten sollten.
  7. 7. 7 Als der Graf krank war, hat er ihm [Lebek] die Schlüssel zum Hof und sogar zu dem Kontor gegeben, in dem alle Sachen gewogen wurden. Es standen Farben dort und verschiedene solche Dinge, die man so in der Fabrik benötigte, wie auch Formen, um Glas zu pressen usw., du verstehst. Er hat es alles geführt, war so eine Art „Ministerpräsident“, es gab auch „Minister“ für das und für jenes. Als man ihn in Pension schickte, hat er auch ein bisschen nebenher als Melamed [religiöser Grundschullehrer] Kinder unterrichtet, bekam auch manchmal Mahlzeiten [? als Kostgänger, von den Eltern gespendet, was üblich war], so war das, du weißt wie es ist. [Der folgende Abschnitt ist nicht ganz klar:] Ein Mal war er [Lebek? oder der Rebbe?] so schwach, und so überlegte er, zum Rebben zu gehen. Ich [!? – wohl er, Onkel Oskar referiert die Gedanken des Lebek in erster Person:] hatte ja die Schlüssel im Garten … und das Büro war zu…, es waren Bäume da und ein Aufzug [?] war dort auch… Ausnahmsweise hat er sie [die Schlüssel?] dort gelassen [?]. Also ist er dort [beim Rebben] angekommen und man schickte eine Kutsche aus… Jaschin. … Außer ihm war niemand dort, man weiß nichts Genaues, meine liebe Mutter hat das alles erzählt. Der Vater erzählte nicht viel. Und da die Mutter Geschich-ten zu erzählen liebte, hat sie die ganze Geschichte vielleicht… Zwischenruf: ausgeschmückt. Oskar: Ja, ausgeschmückt, hier und da… Man hatte ständig Geschichten erzählt, meistens am Sabbat, man hat sich unterhalten, z. B. über den Zaddik [ein From- mer, so nannte man auch den hasidischen Rebben], was er so alles gemacht hat, man kam z. B. auf den Lebensunterhalt zu sprechen, man saß in dem grossen Zimmer [Wohnzimmer], hielt Mittagsschlaf. Geld hatte man keines, für gar nichts, nur die Mutter hat ein Paar Hosen gemacht, man brachte Hefezopf [d. h. Sabbatbrot, Challe], man hatte keinen Fisch [traditionelle Sabbatspeise, aber teuer], so war’s eben damals am Sabbat… Aber als Kind war man Luxus nicht gewöhnt. Aber er war ein ehrlicher Mensch, sagte sie… [Der folgende Abschnitt und sein Zusammenhang ist unklar, daher etwas fragmentarisch wiedergegeben]: Einmal sagte er [?], nebbich waren da Gäste ……. bei dem Grafen und irgendwelche Juden, die da waren….. Es kam öfter vor [?], dass ein Jude kam, aber im Allgemeinen war dort kein Jude, ein Jude ist [gilt als] ein Dieb … Es war so. Einmal, sagte sie, hat der Rebbe leider... die Kutsche genommen, es war so ein schlechtes Jahr, so ein Missstand, und der Wagen ist in dem Sumpf stecken geblieben und konnte nicht raus … Es war so eine Situation… Die Ma- ma sagte […?] und Vater sagte nur ein Wort: wenn Schlojme [einer der Söhne von Lebek?/Tiferet Schlojme? gerettet worden wäre ?]… und Mama sagte: Schlojme [wurde gerettet?]. Also, und Gott hat uns geholfen. Es hat gedauert zwei, drei Wochen, der Rebbe… Zwischenruf: ist wieder zu sich gekommen Oskar: er ist wieder ganz zu sich gekommen. Und die Hasidim [Anhänger des Rebben], die von der Geschichte gehört haben, …. sagten, dass solche Dinge nicht möglich seien, dass der Rebbe wieder zu sich gekommen ist [es war ein Wunder] …Tora …. und noch andere da…[?]
  8. 8. 8 Es ergab sich eine Gelegenheit, [zum nunmehr genesenen Rebben zu fahren], denn es war der Todestag eines grossen Rabbiners, ich weiß nicht wessen. Man hatte dort beim Rebben eine große Feier gemacht und der Rebbe hat aus diesem Anlass Verschiedenes veranstaltet. Eine Menge Hasidim aus der ganzen Umgegend kam angefahren. Es war keine leichte Sache. Und es gab dort eine grosse Halle [? er sagt hier wieder „office“, also beim Grafen?], man stellte… dort hat man Stroh ausgelegt und sie haben dann darauf geschlafen. Der Rebbe hat [manchen Leuten?] weiße Bettwäsche gegeben, manche schliefen in den Häusern…der Rest auf Latten, bedeckt mit Stroh… Man übernachtete bei einigen Hasidim … Es war sehr dunkel bei Nacht dort und es gab auch lustige Situationen. Man feierte auch Sabbatmahl dort. [Oskar erzählt die längere Begebenheit weiter, wobei einige Abschnitte weniger verständlich sind und daher dem Sinn nach wiedergegeben]: Alles war voll, sie mussten ja auch mal rausgehen, also durch Fenster, Türen… es gab ein Gedränge… Es waren junge Leute, einer hat den anderen geschubst… … und man durfte am Sabbat ja… Zwischenruf: kein Licht anmachen Oskar: kein Licht anmachen. Es war auf dem Besitz des Großgrundbesitzers und man hatte die Tür zum Büro des Grafen aufgestoßen und kaputt gemacht, oh je…[und die vielen Hasidim, die auch – rituell - betrunken waren, haben dort nicht wenige andere Schäden angerichtet, zum Beispiel], und es gab dort uralte Skulpturen, sie befanden sich dort seit jeher (poln. „Od dziada pradziada“, wörtl. seit den Vorfahren, seit der Urzeiten] und man hat die Skulpturen zerbrochen. Das, neben der zerbrochenen Tür, hat den Urgroßvater in große Not gebracht, aber der eine hat den anderen geschubst, du weißt wie es ist, es war finster, und als man dort fälschlicherweise herumlief, zerbrachen die Skulpturen. Man versuchte später alles wieder in Ordnung zu bringen, was aber unmöglich war. Der eine oder der andere Hasid half dem [nunmehr] verzweifelten Urgroßvater. Hinter der zweiten Tür gab es eine große Weide [?], ein Paar Menschen saßen dort herum, es gab dort so ein Gewässer, man hat herum gesessen… es hieß der Schlossplatz… Zum Schluß haben sie die zweite Tür aufgestoßen… und betrunken waren sie ja auch…Der Urgroßvater, der ja die Schlüssel zu allem hatte [und dafür verantwort- lich war] lamentierte und wußte nicht, was nun zu tun wäre, wer den Schaden reparieren werden würde. Er war verzagt. Aber der Rebbe sah es und redete auf ihn ein, dass er nicht allein dafür verantwortlich war und dass der Schöpfer der Welt helfen wird, das sei so das Leben. Nach der Rede des Rebben beruhigte er sich etwas. Aber er wusste, dass die Angelegenheit mit den Schlüsseln damit noch nicht vorbei war. Am nächsten Tag halfen ihm die Hasidim, die einzeln eintrudelten, aufzuräumen. Es ging zwar etwas durcheinander zu, so das er wieder verzagte, aber es gelang ihnen doch einigermaßen die Türen zu reparieren und manches noch, was beschädigt wurde, denn es gab ja Werkzeug – es gab ja dort eine Tischlerei und eine Schlosserei… Aber die alten Skulpturen [der Vorfahren? Es klingt nach Sobieski, polnische Adelsfamilie, im 17. Jahrhundert wurde Jan III. Sobieski König] des Grafen konnte man nicht vollständig wiederherstellen [?]…
  9. 9. 9 Ein Mal ist… es gab dort so ein staniec [klingt polnisch: das Wort „staniec“, existiert aber nicht, es heißt richtig „stanica“, eine Grenzstation], wo Eichen wuchsen und es Bänke gab, wo man sitzen konnte, wenn man wartete … Der Graf hat bezahlt, damit der Rebbe zu ihm kommt, aber der Zug ist weggefahren und der Rebbe ist dort geblieben… Es gab solche Blümchen dort …[?]. Wie es passiert ist, weiß ich nicht…es war nicht gewöhnlich, aber vermutlich… [wollte der Rebbe nicht hinfahren?] Aber so war es. Egal, er hatte bezahlt, nun muss aber der Groß- grundbesitzer, der Graf hatte bezahlt selbst [zum Rebben] kommen. Dort hatte es aber noch keine Bahn gegeben. Bis zur Grenze gab es eine Bahn, aber dort ab der russischen Grenze konnte die Bahn, welche aus dem Ausland kam, nicht auf die Schiene. Russland hat das so gehalten… Wer aus dem Ausland fuhr, da gab es ausländische Schienen nur bis zur russischen Grenze … und weiter führte eine Landstrasse, und man musste dann auf dem Ochsenwagen fahren. Man schickte die Wagen auf den Weg, die Ochsen grasten dort auf den Wiesen, um Kräfte zu sammeln, und so sind sie zwölf Kilometer gefahren, fünf Kilometer weiter trafen sie auf die zweite Partie, und so ging es bis nach Hause [es war also ein mühsamer Weg]. [Zusammenfassend, sinngemäß: da der Rebbe nun doch nicht mit dem Zug zum Großgrund- besitzer hingefahren ist, ist wohl der Großgrundbesitzer zu ihm gefahren, dessen Besuch Lebek vermittelte, denn:] Also ist zwei Wochen später der Graf kommen, der Rebbe wurde nämlich gesund. Nun, nachdem sie sich begrüßt haben, trug Leib [Lebek], der auch gesund geworden war, ihm den Wunsch des Grafen vor. Aber der Rebbe weigerte sich zunächst, zögerte, [wahrscheinlich war er gerade deshalb an der Grenzstation geblieben und nicht weiter gefahren] hörte ihm zwar zu, hatte aber lange große Bedenken: „Er macht es nicht!“, denn wenn die Sache [einem Nichtjuden mit jüdischer Wunderkunst zu helfen] nicht gelingt, würde es schlimme Konsequenzen für die Juden haben … Zwischenfrage: Hat er das gesagt? Oskar: Ach was…, , da ein Pole nicht judenfreundlich war… Er [wer?] hat zugehört, da gestanden… Zwischenfrage: Hat er nicht geglaubt?... Oskar: Darum ging es nicht, geglaubt hatte er ja… aber er wusste, wenn [Reden durcheinander] der Rebbe sich doch überlegte…[es war nicht einfach, aber der Rebbe ließ sich schließlich doch noch überreden]. Schließlich fuhr Lebek im Großen und Ganzen dann mit Freude ab. Er wusste, dass es eine nicht ungefährliche Angelegenheit war [Oskar erzählt hier so, als ob er die Gedanken des Rebben gekannt hätte, entweder zitiert er seine Mutter oder hat selbst das Talent zum Fabulieren…], aber vielleicht musste er sich keine Sorgen machen, denn einen Segen zu geben, ist so eine Sache, nach Gottes Ermessen [?]. Vielleicht wird Gott doch helfen. Lebek, der ja Fachmann in der Fabrik des Grafen gewesen war [und sich die Geschichte mit den Schäden am Besitz des Grafen ereignet hatte], wollte, dass der Rebbe dem Grafen doch seinen Segen geben möchte und Gott hatte ja seine Gnade erwiesen, denn der Rebbe sei doch selbst nach so einem solchen schweren Unfall gesund geworden…
  10. 10. 10 [Onkel Oskar erzählt dann gelegentlich lachend über den Besuch des Grafen, sein Neffe lacht mit:] Der Großgrundbesitzer ist also gekommen, wurde dort in den Saal geführt, man hat Laternen angezündet, ein paar Kilometer lang [entlang des Weges] Later- nen Zwischenruf: aus Glas… aus speziellem Glas, in die Löcher gesteckt und angezündet. Ich nehme an, den ganzen Weg entlang, auf dem der Großgrundbesitzer anreiste. Man hat den löcherigen Weg mit Sand aufgefüllt und geebnet, man tat, was man konnte, damit der Besuch glücklich verläuft. [Allen war bewusst, was auf dem Spiel stand]. Sie warteten auf dem Hof. Die Höfe wurden auch gründlich geputzt, man hatte die Wannen hervorgeholt, sie wurden geschrubbt, so dass sie schöner noch wa- ren als je zuvor… alles hat gebadet und es wurde alles gewaschen… [er sagt es humorvoll, und beide lachen:] Es waren dort ja sowjetische [er sagt poln. „sowjecki“ - gemeint sind russische… d. h. primitive oder negative Zustände?]. Das alles, damit der Großgrundbesitzer nicht in Ohnmacht fällt und die Nichtjuden [nichts auszusetzen haben]… Lebek Potaschnik hatte befürchtet [war sehr angespannt, was Oskar lachend erzählt], dass die [seine] Juden so wie er sie sonst kannte, wie „die wilden Tiere“ [also etwas ungehobelt und ungepflegt] erscheinen, was den eventuellen Antisemiten Vorwand liefern könnte. Man sollte ihn herholen, Zwischenruf: Lebek Potaschnik… Lebek Potaschnik sollte kommen. Und die Frau, ich erinnere mich nicht [wie sie hieß], Vale-, Vale-, Valerie [?], war mitgekommen, sie war auch aufgeregt die ganze Zeit, alle waren sehr aufgeregt, es war alles sehr aufregend. Ja, und damals, als der Großgrundbesitzer kam, ist auch der Arzt aus Warschau, der gute Sohn, mitgekommen. Sie sagte [die Frau des Grafen?], sie käme nur selten… In Radomsk war sie. Dort hat sie gewohnt [?], aus Koletz [?] kam sie, so hieß er [der Ort?]. Dort [beim Rebben] war sie mit, ist [sie?] ein bisschen herumgegangen, bekam ein Stückchen Ochsen [-fleisch?] und schaute sich alles an, sah, dass man sich auch überall aufregte [?]. Und…. er [der Graf] lief so herum und sagte [plötzlich], bringt ihn mir hierher, den Lebek! Aber der Lebek war nicht da, Lebek war weg, Zwischenruf: Ist weggelaufen… er ist weggelaufen, es gab dort Wälder. Man rief nach ihm, musste ihn suchen. [Nicht klar geworden, warum er weglief: aber Lebek hatte wohl Angst, weil er, der Graf ihm wegen der angerichteten Schäden während der Jahrzeit-Feierlichkeiten böse sein würde] Man konnte nicht wissen, denn der Ärger über ihn - es war ja der „sowjetische“ [d. h. russische] Zar an der Macht [der die Juden verfolgte]… es hätte Gründe geben können, denn der [Graf] war schließlich doch ein Millionär… er hatte eine solche Fabrik [welche Ware nach Russland lieferte], das schöne Glas hat er über viele Jahre gemacht und wurde dadurch reich... Also, schließlich hatte man ihn [Lebek] gefunden [der Neffe redet dazwischen, unverständlich], man schickte nach ihm, hat ihn gepackt…und ihn zurück ge- bracht, man musste ihn führen, er konnte kaum laufen. Er sollte sich noch bisschen beruhigen… sich ausruhen, er hatte doch Angst… Man musste ihn
  11. 11. 11 führen [stützen], er fürchtete schon, dass man ihn ergreift [einsperrt], zwei Berater des Grafen führten ihn in den Raum, er hat bereits ausgesehen wie ein halber Toter, so heißt es… Er hatte nicht geschlafen, nicht geruht, vermutlich machte er sich auch Sorgen um die Kinder und die Frau. Ein Wachmann führt ihn durch eine Tür, es war so ein Hotel, dort sitzt der Großgrundbesitzer auf einer Bank und schaut so… Dabei sah er, dass er [Lebek] nicht derselbe [wie sonst] war und sagt zu ihm [zusammenfassend]: er machte ihm Vorwürfe, dass er, wo er doch so krank gewesen ist, so etwas tun konnte, wie das mit der Tür, und er sich seinetwegen noch mehr aufregen musste… Draußen warteten die Frau und die Kinder und [fühlten sich als wäre es] der 9. Av [Tisha b’-Av, der größte Trauertag des jüdischen Jahres, an dem Gott den Israeliten befahl, 40 Jahre in der Wüste zu wandern, und an dem an die Zerstörung der beiden Jerusalemer Tempel und der Beginn der jüdischen Diaspora gedacht wird. Tischa b’-Av wird von den Haisidim als nationaler Trauertag für alle Tragödien des jüdischen Volkes betrachtet, an dem man streng fasten muss. Doch es gibt auch dabei den Gedanken an die Erlösung durch den zu erwartenden Messias.], denn [sie fürchteten, dass], wer weiß, wenn es streng zuging, er sogar Hiebe hätte kriegen können, es war nicht unüblich, weiß du, so zwanzig Schläge [als Strafe] zu verabreichen… Aber … der Sohn [der Arzt] hat ihn beruhigt, und hat sich [nun zugunsten von Lebek] eingemischt… Er hat irgendetwas von Antisemiten gesagt, die da gewesen sein sollten. Denn der Sohn war ein sehr feiner, ein intelligenter, feiner Sohn, und hat dabei den Vater belogen – wo er doch ein Arzt war, der nicht lügt [von dem man annimmt, dass er immer die Wahrheit sagt und der Graf fand, dass die Geschichte glaubwürdig klang, aber hier geschah wohl das Wunder der Gottes-Hilfe, auf die die Frommen immer vertrauen, weil er die Schläge schließlich doch nicht bekam], hat etwas über eine Brücke geredet, und so den Vater beschwichtigt. Aufnahme Teil II: Onkel Oskar Oskar: Er [Lebek wohl] hat sich gegenüber dem Großgrundbesitzer nicht ganz schuldig bekannt, ich weiß nicht…eben nicht ganz daran schuldig … [Er hat versucht, sich herauszureden, indem] er nur erzählte, dass es um den Rebben ging, er war ein heiliger Rebbe für die Juden, und als es ihm [ihrem Rebben] besser ging, haben die Hasidim aus Anlaß des Todestags [jenes Rebben] eine Feier veranstal- tet. Es waren viele junge Menschen dabei, ohne Verstand, ohne Gehirn, und da sie nachts nicht draußen laufen konnten [weil es dunkel war und sie sich nicht zurechtfanden], sie waren ja ‚große Helden’, ist die Geschichte eben so passiert. Sie haben Unfug getrieben, und so ist die Begenbenheit passiert, dabei haben sie gegen die Tür gedrängt [wohl zum Büro], man weiß sonst, dass man nicht drän- geln soll, und so haben sie die Tür aufgebrochen. Einer meinte noch das wäre die richtige Tür nach Außen gewesen, sie haben ja nichts gesehen, und sie hatten sich aber eben verlaufen. Sie haben dann bemerkt, dass sie in die Irre gegangen waren, wollten da raus, und dabei hatten sie das alles zerbrochen… [Geflüster] Das war also die Geschichte, aber er [Lebek] hat gegenüber dem Großgrundbesitzer doch noch eine Sache zugegeben: Als er sich besser zu
  12. 12. 12 fühlen begann, dank dessen, dass es ihm nun besser ging im Vergleich zu dem, was vorher war, und es ihm genügte, dass es ihm nun besser geworden sei, sagt er, glaube ich [d.h. glaubt er] nämlich, dass Gott dir helfen wird, dass es besser wird und du ein anderer Mensch wirst. Und er sagt, du wirst sehen, Gott wird dir helfen. Dass einer einem solchen Gerechten [Zaddik] geholfen werden konnte, ist die reinste Gnade [„Chessed“] überhaupt. Da[s] sagte der […?] Großgrundbesitzer, er saß da und hat sich noch ein bisschen die Nase gerieben, und den Kopf auch…. Er hat ja vorher nicht be- straft, wiewohl das, was im Zusammenhang mit dem Rebben getan wurde [die Feier?], nicht richtig war … Und sagt[e], es ist [eben] so eine Sache. Und der Arzt, der Pole, er war ja auch schon etwas verärgert, dass er [sein Vater?] noch nicht ruhig wurde, um des Friedens willens, sagte zum Vater …. Zwischenfrage: Ein bisschen besser? Ein bisschen besser, ja, ein bisschen besser. Ja sagt er [der Sohn], Vater, glaube, es ist noch nicht alles, du bist jetzt ganz gesund, alles ist auf dem richtigen [?] Platz … Stell dir vor, sagt er, es wäre der Kopf zerbrochen worden, und das ohne Absicht, wärest du deinen Kopf losge- worden … Er war ein guter Mensch [nicht klar, ob hier der Sohn gemeint ist, oder ob Onkel Oskar weiter wiedergibt, was der Sohn über Lebek sagte]… es sind ehrliche Leute, keine Schwindler, keine Ganoven, keine dieser Art … [es gibt solche,] ob bei den Nichtjuden oder Juden, siehst Du… Und er sagt weiter, die waren deshalb bei Nacht in die Fabrik gegangen, weil… man da ja [Ware] genommen und geliefert hat, ständig ging man da rein… Und jetzt kommt heraus, dass er [Lebek?] krank sei… Und so redete er die ganze Zeit, bis der Graf [?] sagte: [zu ihm]: du bist doch noch der Alte… Ich wohne doch in den Lazienki [im Lazienki-Palais], sagt er [der Sohn], Du wärest dort unter meiner [ärztlichen] Aufsicht, ... ich sehe … wir sind zusammen, ich kenne Dich - Du bist doch schon ein Mensch [wieder ganz hergestellt], Du könntest jetzt weg fahren, so weit wie die Schuhe tragen [?], verkaufe das alles… Verkaufe es an Deine Söhne [?]. Du wirst sehen, wenn Du es verkaufst, würdest Du Geld haben, um es zu bezahlen. Und… er [der Graf? Oben heißt es ja, er war ein Millionär]] war… er war ein Spieler, ging auf die Jagd…. er war…ein Mann die- ser Sorte … Er trieb sich mit Anajniki [?], mit diesem Grafen und jenem herum …Er hat Roulette gespielt hat… und all so Dinge. Sie hatten kein Geld, aber er führte das Geschäft doch solide. Also haben sie dort bekannt gegeben, dass es verkauft werden soll, er gab eine Annonce über den Verkauf auf [er sagt hier „ogłosze“, Poln. heißt es jedoch richtig „ogłoszenie“]. Als man sie ihm an den Tisch brachte [?], Hier redet der Neffe dazwischen, unverständlich hat er sie nicht bezahlt und hatte deswegen Schwierigkeiten bekommen, später hatte er deswegen mit der Polizei zu tun, anstatt es zu verkaufen [?]. Dann hat man spekuliert. Einmal bei Nacht ist ihm eingefallen eine Geschichte: er sagte… Ich brauche kein […?], ich habe doch bezahlt, … ein ehrlichen Mann ist Lebek,
  13. 13. 13 sagt er, er braucht 450 Rubel die Woche, 500 oder 450 Rubel die Woche, drei Wochen auf diese Weise…. zahlt man ihn aus… [und er führt] die Fabrik… Zwischenruf: auf die Weise Oskar: Man zahlt ein bisschen von dem Gewinn … Und die Söhne kamen da zusammen, versammelten sich… Und der Sohn [der Arzt?] setzte sich dafür ein… auf eine außergewöhnliche Weise. Er sagte, erstens braucht man kein Stempel- geld [Gebühren] zu bezahlen, man musste eine Abgabe [Amtssteuer] bezahlen, es hieß früher Stempelgeld, eine Einschreibegebühr [poln.] „opłata stemplowa“ hatte es in Polen geheißen. […?] Und die Regierung hat für das, was er in der Fabrik produzierte, und für die vielen Leute, die dort waren, eine solche Abgabe genommen, man musste die „opłata stemplowa“ bezahlen. Der Sohn sagte aber: das kostet kein Geld, weil er beim Gouverneur war [er sagt poln. „Gubernator“, bei dem er Leibarzt war?] dort in Koldolo [?], und er hat gesagt, das sei dem Vater zu Liebe, Gott bewahre, er braucht später eine Pension, ich brauche später nicht mehr nach […?] zu fahren, ich [d.h. der Sohn, der Gouverneur?] habe die „oplata stemplowa“ bezahlt. Also, man hat gerechnet, am morgen sagt er [der Graf?] lasst uns rechnen, was übrig bleiben wird, vielleicht wird doch etwas Geld übrig bleiben. Dann sagt er, dass das Geld davon, was er [wohl Lebek] fürs Essen braucht, die Rubel, was er so als ein Melamed [jüd. Elementarschullehrer], so ein Lehrer braucht, das sei bloß so eine Kleinigkeit, ein paar Rubel [?]. Aber vielleicht lässt er sich überhaupt darauf ein? Da sagt er [der Sohn?]: Vater, du weißt, dass hier nicht ein einziger Groschen fehlen darf. Auf diese Weise will er, falls er mehr Gewinn machen muss, dann wird er sich bemühen das zu tun und mit der Fabrik zu verdienen… Es war… [?]. Man hat gewöhnlicher Weise die Fabrik die ganze Woche über [ohne freie Tage] in Betrieb gehalten. Mehr noch als früher [?] hatte er [der Graf] von Mal zu Mal so Launen [„Kapricen“], man musste die Launen des Großgrundbesitzers ertragen, er hatte nichts zu tun, außer sich aufzuregen: man müsste das so und so machen. Und der Lebek [?] hat da gestanden und sagte immer: Ja, ja, Herr Graf [er sagt hier poln. „Tak, tak, panie hrabia“], und damit hatte es sich schon. Der Großgrundbesitzer [?] hat hier einen Fehler gemacht, denn er wusste, dass Lebek ein größerer Fachmann als er war, dem man keine Anweisungen geben soll, denn der Jude [poln. „Żyd“, kann auch pejorativ benutzt werden] hatte mehr Verstand in diesen Dingen als er. Dann schickte man nach einem Notar [poln. „Rejent“], man hat die zwei Güter Jaschin und Rendzin überschrieben - sie wurden auf Leib Fischmann über- schrieben und er bezog daraus [hier korrigiert sich Onkel Oskar, unverständlich], eh, er nahm [?] eine Art Pension für [?] das Glas und das ganze Geld… Es gab dort überhaupt nichts mehr zu tun, es war nichts, die Fabrik arbeitete schon fast von allein, es gab mehr Käufer für das Glas, man brauchte sich nur darum zu kümmern, dass das Glas auch bezahlt wird… Es ging mehr [die Nachfrage war größer], man lieferte mehr Glas… und Ginzburg, der Vertreter in Odessa, der
  14. 14. 14 dort auch reich geworden war, sagte, Lebek [?] sollte sogar noch ein paar Glasspressen mehr kaufen… Er war ein reicher Mensch… Zwischeneinwurf unverständlich Er [Lebek?] hat ihm das Glas zum Verkauf überlassen, es war ihm ganz egal [?], das war außergewöhnlich [?], und er war [dabei] geblieben. Indem er keinen einzigen Groschen verschwendete, ist er der Eigentümer der Fabrik geblieben. [Ohne Übergang spricht er nun vom Onkel Schlojme:] Und der Onkel Schlojme, Onkel Schlojmes Fabrik – als der Onkle Schlojme sagte, dass er nicht… Hier spricht der Neffe dazwischen, daher sind Onkel Oskars Worte unverständ- lich; Frage auch nicht ganz verständlich, etwa: Hat er die Fabrik/ wurde die Fabrik vom Onkel Schlojme gemietet? Oskar: Nein, nein, ich erinnere mich sogar bis zum heutigen Tag, wie er [wer?] sagte „Wuuu“, so… [wohl beeindruckt, als er die Fabrik sah], denn sie waren [bei der Übernahme der Leitung durch/von Onkel Schlojme – das ist unverständlich?] durch die große Fabrik gegangen, die Hallen, wo das Glas gemacht wurde, waren sehr groß, weil es dort zwei sehr große Räume gab. Es wurden zwei Sachen zusammengestellt, dort hat man das billige Glas gemacht und dort hatte man das teuere Glas geschmolzen. Nasakes [?] hat es geheißen, die Nasakes waren die Röste, auf welche in der Fabrik die Kohlen Zwischenruf unverständlich hinausfielen, von den Gittern, denn man hat ja bei der Glasherstellung mit der Kohle gearbeitet, dadurch ist es besser geschmolzen. Die Kohlen, es hieß der Koks, hat man in der Fabrik später dazu genutzt, Zwischenruf unverständlich Oskar [erzählt etwas unzusammenhängend von der Arbeit, die in der Fabrik damals gemacht wurde:]… und man nannte es so beim Großgrundbesitzer…[?] und der Koks war noch mal…, in einem… Mörser [? Hier sagt es das hebr. Wort dafür, „Machtesch“] … man hat angefangen zu machen, und man machte eine Rolle [?]… Damals, als er, Fischmann, das [die Manufaktur auf die Art] gesteuert hat, war es 1823, es war so ein oder zwei Jahre, dann war es schon, ja, doch möglich geworden … alles zu machen mit dem Koks [?], mit ein paar Briketts …. [?] Nur ein Mal, wenn man es [das Glas?] herausnimmt – man war ständig bereit, es war ständig bereit [war ständig in Betrieb] – nur ein Mal im Jahr musste man die Stücke, wo die „doniec“ [Tontöpfe] saßen, umstellen, rausnehmen, …das Skelett… das Teil, aus dem man die Töpfe machte, ist aus Schamotte, Du weißt, ein „doniec“ ist …[er meint wohl den feuerfesten Ton, aus dem man auch Blumentöpfe, poln. „donica“ macht] und das andere war eine Wanne [poln. „Wanna“] so hieß es. Es gab dort [wohl auf dem Fabrikgelände] eine besondere Kammer….. eine richtige Kammer[?] haben sie selber gemacht und ein Arbeiter hat dort ständig… [Onkel Oskar beendet oft seine angefangenen Sätze nicht, und geht zu einer anderen Sache über], und sie haben dort auf den Rösten Kartoffeln gebraten, die jemand dorthin gebracht hat, es war so... Einmal brachte einer einen Hering, ob es ein Pole war, was weiß ich ...
  15. 15. 15 Und man hatte eine Mikwe gemacht [gemeint hier ist sicherlich eine Badestelle, kein rituelles jüdisches Bad in der Fabrik, denn eine Mikwe muss nach strengen religiösen Vorschriften gebaut werden, vom Grundwasser oder einem anderen natürlich fließenden Wasser gespeist], und um eintauchen zu könne.., haben sie so Wasser dort angebracht, du weißt schon, es war dort zwar dunkel, aber es war eine schöne „Tarike“ [d. h. Türkenbad?]. Zwischenfrage: und war es eine schöne „tarike“? Oskar: Das war sie. Und es war ein türkischer Krieg [wahrscheinlich einer der zahlreichen türkisch-russischen Kriege, hier eventuell der von 1828 – 1829 der allerdings auf dem Territorium des heutigen Rumänien stattfand und mit der Niederlage der Türken endete, aber Onkel Oskar erzählt:] und gegen Ende [des Kriegs] kamen irgendwelche Türken Kriegs [-Gefangene, die zur Arbeit in der Fabrik eingezogen wurden?], fünf oder vier, ich weiß nicht. Ein älterer Türke sieht dort und geht in die Mikwe. Er war ja ein Türke Der Neffe redet dazwischen, unverständlich, bis auf: ein Jude aus der Türkei? Oskar: Nein, man hat ihn zum Militär genommen, und als der Friede kam, ging er heim. Man hat ihn Mojsche Tarik [Mojsche der Türke] genannt, Der Neffe korrigiert ihn: Schimen Tarik [Simon der Türke], Oskar: Schimen Tarik. Der Schimen Tarik hat gesehen, dass da ein paar Söhne [?] waren, irgendwelche Jungelchen sicherlich, und dachte o, die [Russen?] schickten Militär dorthin. Er war ein Nichtjude, er hat ausgesehen wie […?] Er war keine Mikwe gewöhnt, man hatte einige Frauen dort, so hat man das gemacht. Und… sie waren eingeteilt [zu Arbeit]. Dort war ein Fachmann [auch Facharbeiter], Jukiew Zwischenfrage: Was? Oskar: Jukiew, er war ein Panofejew [russ. Wort ?]. Zwischenfrage: Panofejew? Panofejew das war einer, der für den Abtransport des Glasses zuständig war. Zwischenfrage: nach Radomsk? Oskar: Ja. Er war Fachmann [wie sein Vater?, denn], er war der erste Sohn des Letzten, und Jukiew als Erstgeborener wurde auch ein Panofejew [?]. Er hat geredet so polnische Sachen… [Onkel Oskar lacht] Zwischenfrage: Und Schlojme? Schlojme… Zweite Frage: Hast Du ihn gekannt? Oskar: Natürlich habe ich ihn gekannt. Mein… Der Gesprächpartner redet dazwischen: unverständlich Nein, von den Brüdern meines Vaters – den ältesten habe ich nicht gekannt. Ich weiß, dieser war der Onkel Duvid, er war in Rendzin, und war der begabteste unter allen Kindern, er war ein Agrar [Agronom?] und hat dort verwaltet… Zwischenfrage: Was? den Garten von Haliczki [?] – der Onkel Duvid. Er war der Gegenschwieger [Schwiegervater des Kindes] von Szaje Prywes. Weißt Du, wer Szaje Prywes einmal war?
  16. 16. 16 Antwort: nein. Der reichste Mann in Polen damals war Szaje Prywes aus Warschau […?], Warschau. Er genoß das größte Ansehen bei den Synagogensängern [hebr. „Mesharim“], auch beim Radomsker Rebben, etc. Er war auch ein Sänger im [hasidischen Männer-] Synagogegenchor [hebr. „Mescharer“] [hier stottert Onkel Oskar] und der größte Mann…, und sein Großvater… war in Chemikalien. Man hätte das von Juden nicht gedacht [?]. Es hieß Skantur [S-Kontor?]. Frage: Kanntest Du den Großvater? Oskar: Was? Ich - nein, ich habe ihn nicht gekannt, nur ist es mir geblieben [im Gedächtnis], was ich von meinem Vater übernommen [gehört] habe. Schlojme! Schlojme…, mein Vater hat ihn genannt Schlojme der Rechte Zwischenbemerkung: Schlojme der Rechte? Oskar: Man kannte ihn nicht anders als Schlojme der Rechte, weil es noch einen anderen Schlojme gab. Zwischenfrage, undeutlich: Das war Dein Großvater? [Hier stottert Onkel Oskar wieder und widerspricht sich:] Mein Großvater heiß… mein, mein Vater… hieß Schlojme der Rechte [hier merkt Oskar, dass er sich widerspricht] … Er hat noch vorher dieses Skantur eingerichtet [als eine Nebenfirma für den Bezug der Stoffe, die zur Glasherstellung benötigt waren?], und das wegen der Chemikalien, solcher wie die Pottasche, Methanmethyl, und verschiedener anderen Sachen, so und so viel, war es […?] und es hieß Skantur […?]. Das Glas hat man verziert, man machte besseres Glas und noch schöneres Glas…. Man machte grünes Glas, und solches, du hast es gesehen, so mit Rubin überzogen, später hat man es überzogen mit Rubin und Gold … Alles war mit Gold, mit Goldrand [nach dem Geschmack der Zeit] man musste es so machen … Man schickte dorthin den Generaleinkäufer, man machte Zugeständnisse [beim Preis?] … es gab ja den Druck [er sagt „przyciskies“, aus dem poln. „przyciski“, müsste aber korrekt nacisk heißen] auf die Gebühren [wohl wegen des Wettbewerbs] gab es Druck, und da waren einige gewesen. Die es ausgeliehen haben [?] Hier redet der Neffe dazwischen, teilweise unverständlich: Ja, eines habe ich nicht verstanden. Der, der bei dem Großvater war [?] Das war der eine von Inserfried [?]. Es waren dort zwölf Kinder. Zwischenfrage: Bei wem? Oskar: Beim… Der Großvater, dein Vater, mein Großvater, dein Vater… Zwischeneinwurf korrigierend: Mein Großvater, dein Vater, war einer von den zwölf Kindern. Oskar: Zwölf Kinder, ja. Wieviele Frauen und wie viele Männer es waren, weiß ich nicht genau. Zwischeneinwurf: Ich hätte es gerne so genau wie möglich. Oskar: Ich weiß nur, wer derjenige war… jetzt kann ich sagen, wer es war… Onkel Menin [?], Ellajs Vater, war der älteste. Zwischenbemerkung: Ellajs Großvater. Oskar: Ellajs Grossvater, ja. Onkel Menin war … er hat lernen können [?]. Es gab noch den Onkel Berisch… Onkel Berisch konnte auch lernen [studieren], er
  17. 17. 17 war auch ein Architekt. Auf jeden Fall, als der Großvater starb, begann zwi- schen den Kindern […ein Streit?] die einen wollten das, die anderen jenes… [?]. Auf alle Fälle, mein… Großvater, der Uscher, er war… er wusste, dass er [wer, Berisch?] ist ein Fachmann, bloß ein andrer hat es auch gekonnt. Aber er hat gemeint, dass der eine Sohn nicht die Fabrik übernehmen kann. Dieser ist weggegangen. Er hat eine Fabrik in Kleschin [Klezyn?] aufgemacht, ein Fabrik neben… Zwischenfrage: Dein Großvater? Oskar: Ja. In Kleschin, neben Jaschin. Wie er das gemacht hat, weiß ich nicht, woher er das Geld hatte [?]. Auf jeden Fall, und Berisch führte… Zwischenruf: dort die Fabrik. Oskar: Der Berisch, wie er sagte, war ein Händler. Er hat es in Jaschin geführt und dort auch auf der Basis der Teilhaberschaft. Er hatte sein Geld dort und dort. Auf alle Fälle, wenn dort Geld gefehlt hat, hat der Großvater es ihm doch gegeben [?], weil er doch ein… war Zwischenruf: ein barmherziger Mensch. Oskar: Ja, und der Vater, Friede seiner Seele … Schlojme, hat es auch verstanden, dass… Zwischenruf unverständlich der Vater verstand zu helfen – er war außergewöhnlich. Also man baute man auch die Kleschiner Fabrik, neben der Jeschiner. Und es gab auch einen Onkel Majer. Einmal war der Onkel Majer …, ich kannte ihn nicht, in Lodz. Er wurde gefragt, ob er etwas brauchte, da sagte er, [hier widerspricht sich Onkel Oskar] dort in Kleschin… dort in Lodz, sagt er, öffnet man eine neue Fabrik und es gibt dort eine Menge Koks, da es große Fabriken in der Stadt gab, also sollte er auch eine dort aufmachen und dort auch produzieren. Und so hat es allmählich angefangen, es war kein Luxus aber eben eine Fabrik, und die Jaschiner Fabrik ist geblieben. Und so sind es drei Fabriken geworden. Jene zwei haben fusioniert [?] und in Jaschin blieb die weiter geführte Firma und so weiter… Und sie haben verkauft … in Kleschin [die Fabrik in Kleschin?] und in Lodz haben sie gebaut auf der Neuen Strasse [?]… ich war dort, als sie gebaut wurde… Wenn man hinkam wurde man in einen großen Raum geführt. Ich wollte noch erzählen, wie Jaschin geblieben ist und mein Vater dort Teil- haber wurde und musste [in die Firma] einsteigen, und die, die da waren haben ihn angeleitet [?], trotzdem war er…. es gab Streitigkeiten zwischen den… Zwischenruf: Kindern Ja, Kindern. Es war dort einer, der… Zwischenruf unverständlich arme Jurek, und noch einer... Einer war der arme Jurek, Jurek, so hieß er [eigentlich auch Schlojme], wie man den Schlojme der Rechte nannte… Schlojme und Jurek, es gab den Herschel]? kleiner Hirsch] - es gab viele solche Beinamen [?] und man ärgerte einander damit, etwa den Jurek gereimt… auf „wiewiórkes“ [aus dem poln. Wiewiórka, Eichhörnchen, Onkel Oskar lacht] und er ärgerte ihn, Jura, Jura, Jura, und er hat angenommen den Namen Jurek, der Schlojme…
  18. 18. 18 Zwischenfrage: es war einer deiner Onkel? Oskar: Ja, ein Onkel. Dieser Schlojme hatte noch keine Kinder, später hatte er Kinder, und Vater war der Schlojme der Rechte, so hat man ihn genannt, Schlojme der Rechte… Da war noch einer, der Jüngste, den hat man schon zum Lernen weggeschickt. Zwischenruf: Glasmachen. Oskar: Nein, lernen, bloß lernen [d. h. heilige Schriften studieren]. Mendel hieß er, den man weggeschickt hatte, Mendel. Man schickte ihn nach Radomsk… und dann hat der Schlojme angefangen, ihn… beim Rebben lernen lassen [?]… er ist gestorben… Zwischenruf: unter Hitler? Oskar: Ja, in der Shoah. Das ist es. Schlojme, er ist auch schon beim […?],der Onkel Schlojme Schloyme [die folgende Stelle ist unklar, er spricht undeutlich:] …. es gab mehreren Schlojmes: Schlojme … Schlojme. Es heißt, nachdem …der Jura… jeder, je nach dem wie lang der… alle haben den Namen Schlojme gegebn. Von allen fünf Söhnen [?] wurde der erste genannt Schlojme [er präzisiert dann:], mein Vater war ein Schlojme, und Berisch hatte den Schlojme Jura, und... Zwischenruf: Dein Cousin!Der Schlojme Jura war dein Cousin. Oskar: Ein Onkel, der Cousin des Vaters. Frage: Dein Cousin, nein? Oskar: Nein, ein Cousin des Vaters. Schlojme Jura war Vaters… Zwischeneinwurf: Dein Vaters Cousin, ja [jetzt reden sie durcheinander, unverständ- lich] Frage: Dein zweiter Onkel. Oskar: Ja, und dazwischen war noch eine Generation. Und da war noch… Zwischeneinwurf: Alle waren Fischmanns. Oskar: Ja, alle waren Fischmanns. Zwei Fischmanns waren andere, [der nachfolgende Abschnitt über die Familie ist etwas verwirrend – wer, wen, wann geheiratet hat:] weil sie… die Großmutter, nachdem er [ihr?] gestorben war, hat sie später wieder geheiratet und hieß mit neuem Namen Schwuches, [er lacht:] es war ein Schwuches. Sie war dort [bei ihm] die Hausherrin, hat die ganze Wirtschaft geführt, und als er der Großmutter gestorben war [?], hat [hier lacht er] der Rebbe gesagt: sie soll wieder einen anderen heiraten. Jener von ihnen [den Kindern Fischmann?] war Joske Fischmann, ein Einarmiger [hebr. „gojdem“] … Der zweite Sohn hieß, ob ich mich richtig erinnere… er hat Geld gemacht [?], ob er auch Schwuches hieß, ich weiß nicht, ob das ein Schwuches war… Ja, und es gab auch Ruchle [Rachel] mit Laje [Lea]… Zwischeneinwurf: Ja Oskar: Ja und noch andere Frauen, ich weiß sie hießen alle Schwuches… Aber von dem Großvater gab es, so weit ich weiß, kein Erbe. Verstehst Du. Es gab kein Erbe, Zwischenruf: von dem Glas Oskar: von der zweiten Frau [!?] gab es keine [richtigen?] Kinder. So war das. Zwischenfrage: Waren das die Kinder von der früheren Ehe?
  19. 19. 19 Oskar: Ja, die ältesten waren aus den früheren Ehen. Die zwei waren vom Alter her nicht…, sie waren klein, der Urgroßvater hat auf sie aufgepaßt […? undeutlich], ob er [der zweite Fischmann?] Mendel geheißen hat, weiß ich nicht… Ich habe bestimmt schon alles getan, um die Jahre, das Alter, das genaue Alter der fünf Brüder festzustellen, welcher von ihnen der älteste war… von den fünf Söhnen, und ich weiß, Duvid war der älteste. Von den fünf Söhnen, das heißt…. Zwischenruf: das heißt, Duvid war mein Onkel? Oskar: Der Großonkel. Der Bruder deines Großvaters. Zwischenruf: Der Großonkel, der Bruder meines Großvaters. Oskar: Ja. Das waren die fünf Söhne. Zwischenruf: Ja. Oskar: Ja, von deinem Großvater…. Und in den Nazijahren starb Onkel Schlojme. Das habe ich schon den Büchern entnommen… aus solchen Büchern… Annalen heißen sie, wo alle Namen verzeichnet sind, Namen von allen Rabbinern usw., die in den Nazijahren gestorben sind … Der Rebbe hat auch nicht noch lange leben dürfen und… nach ihm folgte Hessed le-Avrom, das heißt sein Sohn, und Schlojme hat, so heißt es, noch zwei Rebbes erlebt [?]. Weißt Du, dass unser Großvater außerdem hatte… er war ein Kohen-Levi [war vom priesterlichen Geschlecht] -, …[unklare Stelle:], ein russischer [?], die Kinder konnten alle schon beten [?], es hat sich entwickelt von Kohen zu Kohen. Zwischenruf: In der Geschichte sind es viele Fischmanns geworden. Oskar: Fischmanns sind sie später geworden [Zwischenruf, daher undeutlich] – so eine Geschichte, dann Zwischenfrage: Wann ist der Name Fischmann aufgekommen? Oskar: Das, das weiß ich nicht, weil [Der Neffe redet dazwischen, unverständlich] Frage: War da eine andere Familie Fischmann auch gewesen? Oskar: Nein, man sagt, nicht genau zu diesem Fall, aber man sagt, dass man Namen gab, es war der polnische… König, der den polnischen Juden Namen gegeben hat – Polnisch war z. B. Duvid … Chajim Duvid, in Russland war es auch so, es gab Nikolaj Nikolajewitsch, Nikolaj Gerwin [?], Nikolaj Staroj [der alte, d.h. Vorname und der Vorname des Vaters anstatt Familienname]. Einen Namen [Familiennamen] gab man noch nicht. Erst seit Napoleons Zeit, alles seit Napoleon war das so, auch bei den Juden. Bei den Juden war es auch so, einer hieß Schlojme Duwid, oder… später… die Juden waren Händler, der eine handelte dort mit Teichen, es waren Fischteiche, so… Zwischenruf: Fische Oskar: Man legte Teiche für die Fische an. Es konnte auch mal sein, dass einer hatte… er Fleischmann hieß, diesen Namen hatte er. Das ist so eine [Berufs-] Beschreibung, so ein Name. Er [der König?] sagte, jeder soll einen Namen annehmen, damit man die Juden [hier das als pejorativ verwendete Wort für Juden, Jiden, poln. „Żydy“] ausfindig machen kann… Der Vater hieß Schlojme, und jener hatte einen Vater, der auch auch Schlojme hieß, und ein dritter auch einen Schlojme. Das waren die jüdischen Namen… Man konnte sie nicht auseinander halten bei der Polizei, man brauchte deshalb eine Lösung für die Namensfrage.
  20. 20. 20 Man gab ihnen Namen und man richtete sich dabei nach dem Beruf. Verstehst du, zum Beispiel gab es Sandler, Sandler war …den Namen Sandler – hast Du schon mal gehört? Bejahende Antwort. Oskar: Sandler war früher auch ein Schuster. Man hat ihn so gerufen. Oder auch der Burgmeister, der Meier, beim Hrabia [?Grafen] hatte man das [Gutsverwalter] … Man hat später die Leute… nach dem Beruf genannt. Wie das im Falle der Fischmanns dazu kam, weiß ich nicht. Aber dort in Jaschin, wo wir waren, gab es viele Teiche. Zwischenfrage: Man hat Wasser gebracht? Oskar: Man hatte dort viel Wasser. Zum Ausspülen des Sandes brauchte man viel Wasser. Man hatte von der höheren Hälfte Abläufe gemacht, so dass das Wasser um so schneller lief, sauberes Wasser… Zwischenruf unverständlich [sauber?] Oskar: Sauber…. Für das Glas benötigte man sauberstes Wasser. Frage: Noch eine Sache. In Jaschin gab es Gebirge, nicht wahr? Oskar: Ja, es war Gebirge, und oben auf den Bergen gab es eine Wasserquelle [?], und das Wasser ist rüber in… Zwischenbemerkung: Es muss ein sehr schöner Ort gewesen sein! Oskar: Ja, die Natur war sehr schön bis zum Schluß. [Sehr undeutlich gesprochene Passage: ..... Ich wäre [?] gerne dort, allein, in Jaschin [geblieben?] …dort gab es einen großen Wald [?], man konnte spielen, alles möglich tun… [aber ich musste natürlich?] nach Radomsk, und dort war der Onkel Schlojme, ich konnte nicht, mein Vater war schon gestorben, hatte seinem Todestag [?], man pflegte manchmal zum Jom Kippur hin zu gehen, so tat man… Aber der Großvater war schon tot… er war krank… [?]. Man sagte… man hat dort den… gepflegt… Zwischenruf: „Cmentarz“ [poln. Friedhof] Oskar: Ja… [er überlegt längere Zeit ]… in Kobielec [Kobielice?] Zwischenruf: Was? Oskar: Kobielec, das war neben Jaschin. Der Neffe redet parallel, man hört: „In Kobielec“, teilw. unverständlich…Was ist geschehen mit der Glasfabrik? Oskar: Ja, die Glasfabrik… im Zweiten Weltkrieg… [er korrigierte sich:] im Ersten, 1914 brach der Krieg aus, es waren… die Deutschen haben gesiegt, Du weißt, die Deutschen haben gesiegt. Es war Österreich… und Deutschland, es gab österreichische Gebiete und der Rest… [?] Der Neffe redet dazwischen: Ja, ich weiß…war polnisch. Oskar: Ja, […?] bei Warschau gehörte zum deutschen Gebiet. Ich konnte als Kind [?] hinkommen, ich war dort in Warschau beim Onkel Herschel. [Die folgenden familiärem Informationen sind unklar:] Es war folgendermaßen, nämlich er war Herschel allein, er hatte keine Kinder… er trauerte [ist eines gestorben?], ich weiß nicht mehr den Namen, nicht Schlojme… keines… Einen hatte er [ doch noch Kinder bekommen?] Schlojme und später einen jüngeren, zu Ehren des Chessed l’Avrom, genannt Avrom. Damals hatte er noch keine
  21. 21. 21 gehabt. Er [Herschel?] hat eine genommen [geheiratet], so eine hässliche, das war so eine Frau, sie hieß… Schajndl [die kleine Schöne- sic!] und …Jarosch [mit Nachnamen?]. Sie hat einen gewissen Sternfeld genommen [nicht klar wie so und wann]. Der Sternfeld war eigentlich ein Freund [wessen?], im gleichen Jahr geboren. So hat sie … hat er sie aus Jaschin mitgenommen. Sie hatten keine Kinder, haben sich scheiden lassen, und sie hat den Mojsche Leifhefter geheiratet, alle beide [wer?] waren im gleichen Jahr geboren, 1888. Frage: Wo wohnt der Sternfeld jetzt? Oskar: Er wohnt in Tel-Aviv. Aha. Er hat keinen Kopf, das ganze Leben hat er nicht gearbeitet, und … aber sein Sohn [?] ist ganz gut, kann gut lernen … Ich habe schon viel vergessen, aber ich erinnere mich noch an einiges, z. B. wie das Geschäft war, ihr […reiches? – da musste die Frau dort arbeiten, während der Mann heilige Schriften lernte] Geschäft, wie er da im Geschäft im Stübchen [so wörtlich, es ist hier aber ein hassidisches Lehrhaus gemeint] gesessen und gelernt hat, „ptasie sztibl“ [er lacht], es war auf der Ptasia Strasse, in Warschau, es hieß Ptasia-Lehrhaus. Frage: Du warst damals in Warschau? Oskar: Ja, in Warschau war ich auch…1918 kam ich dorthin zurück, in Jaschin war die Fabrik verbrannt [?], die Russen haben sie beschossen. Die Russen waren in Jaschin… in Jaschin, und die Österreicher waren in Radomsk, man hat „pociskies“ [vom pol. „pociski“, Geschosse] geschossen. Es gab dort Stroh, alles Verpackungsstreu, in dem Packraum, wo man in der Fabrik Glas verpackte. Man hatte später vor, eine Fabrik in Radomsk zu bauen, und es gab auch Streitigkei- ten, das und jenes, und… der Vater war [ja] der Schlojme der Rechte. Ein Mal, der andere hieß Mejer [folgender Abschnitt undeutlich: ] und er war […Wart?/Wärter?], und… er sagte…. und man hatte damals alles ein bißchen in ein paar Sälen versammelt, ja, und außerdem hatte draußen der… der Jukiew war da noch geblieben, mein Onkel war schon öfters hingegangen, der Schlojme-Jura hatte schon eigentlich mit den Tieren [Pferde?] aufgehört, Bestellungen gab es keine, auch nichts mehr zu tun… und die Tiere wurden nach Radomsk gebracht. Und es gab noch den Mendel, er war ein Lehrling, und Vater war der Fachmann, Schlojme der Rechte war der Fachmann. Jedenfalls sagte der Vater, ich handle mit Glas. Er war dafür bekannt, dass er „voucher“[er verwendet das englische Wort für Unterlagen oder Quittungen?] annahm beim Glas[verkauf], wenn man am Sabbat [man darf nicht arbeiten, auch nicht verkaufen und kein Geld annehmen] Geschäfte machte. Auf jeden Fall, hat er später angefangen in Radomsk eine Fabrik aufzubauen. Er machte ein Glasgeschäft auf, man hatte Vertreter für Glas… es ist ganz gut gegangen. Und… nur… Zwischeneinwurf unverständlich: Hast du’s gekannt [?] Oskar: Naftule hat schon aufgehört zu malen, die Malerei ganz … Es war mal auch eine Krise [?]… aber man hat Geld verdient, man hat die Kinder verheiratet, so war das, und es waren ordentliche Kinder, alle waren ordentliche Kinder, die Schwestern waren auch ordentliche Kinder, die Güter…
  22. 22. 22 Zwischenfrage: Was ist geschehen mit den Feldern und den Gütern? Oskar: Man hat alles verkauft, alles als Ganzes verkauft an einen, ich habe schon vergessen, wie er heißt, ein Litauer Jude hat sie gekauft, es ist nicht gut gegangen, weil er die dortigen Bauern, die dort waren, und die gewohnt waren beim [reichen Grafen, der Abschnitt ist nicht ganz klar], wöchentlich ausbezahlt zu werden, was viel Geld war, waren nicht gewohnt an die neue Situation, und es war keine gute Wirtschaft… Zwischenruf unverständlich: Ja… Oskar: Und sie haben nicht zugelassen, dass man… es gab kein Sand dort [?] – na solche Geschichten… [es gab offenbar politisch motivierten Widerstand], es gab ein bisschen von den Linken… nicht kommunistisch, sondern die „Pepesowcy" [poln. PPS-Leute, Mitglieder der Polnischen Sozialistischen Partei], weiß Du schon, „Polska Partia Socjalistyczna“, das waren die größten Gegner… Sie wollten… sie haben nicht zugelassen die billigen „chlopes“ [poln. „Chłopi“, Bauern], die dort in dieser Gegend lebten… Zwischeneinwurf: zur Arbeit auf den Feldern Oskar: Um die Felder zu bearbeiten, brauchte man keine qualifizierten Arbeiter, dort waren aber qualifizierte Arbeiter [die vor Ort keine Arbeit hatten], einer fuhr nach […?] der andere fuhr nach Tschenstochau…, alles hatten die Deutschen gemacht, es waren die Reichen, es gab die größte Fabrik eines Reichen in Zawiercie. Zwischenfrage: haben sie zugelassen, die Fabrik zu bauen? Oskar: Ja, in Radomsk hat man auch die Fabrik [ohne Probleme] aufgebaut. Zwischenruf: Aber nicht in Jaschin. Oskar: Nein, in Jaschin nicht. Zwischenruf unverständlich [hier scheint der Neffe zunehmend ungeduldig zu werden, weil er den Onkel immer wieder unterbricht oder ihm dazwischenredet] Oskar: Als es darum ging, die Fabrik aufzubauen, hat es sich… Zwischenruf: Sich nicht gelohnt Oskar: es hat sich nicht mehr gelohnt, man wollte nicht mehr die Probleme mit der vielen Kohle haben, es hat sich nicht gelohnt, ein Paar Flaschen zu machen, sie hatten ja schon mit dem besseren Glas zu arbeiten angefangen, und der Vater… Zwischenruf: Einen Moment, aber die Fabrik ist dann doch geworden… Oskar: Ja, mein Vater hatte Familie, und ein Kusine des Vaters… er hat geheißen… sie war eine Fischmann, und er hieß Niemiec,… Eli Niemiec, er war [ein großer ….?] und hat beim Vater gelernt…beim Vater, zuvor hätte er nicht „tkoen“ [hebr. blasen] können, er hat es gar nicht gekonnt, er wurde Schüler [Lehrling?] in so einem Massgeschäft [?], das ist er während des Krieges geworden, du weißt, da war eine Glasfirma, diese hieß Wander [?]…[Onkel Oskar verspricht sich, redet undeutlich und die Zusammenhänge sind nicht klar:] Er lebte… er hatte geheiratet…ich weiß, der Vater [kannte ihn?], als er schon verheiratet war [?]…und der war ein großer Unternehmer und hatte schon lange Glas, und man begann dort auszublasen [?] … dort … gemacht…viel produziert… Und … er
  23. 23. 23 [Eli Niemiec?] war in jener Zeit in Tomaszow und hat angefangen ein diesem Gebiet ein bisschen zu lernen … er hatte dort schon ein bisschen gelernt. Der Vater hat gelernt in Tomaszow, das weißt Du doch… Zwischenruf: Nein Oskar: er war dort und hatte gelernt in Tomaszow, bei deinem [?] Großvater, Haskel Rudemer hieß er. Nachfrage: Haskel was? Oskar: Rudemer. … Er kam aus Rude [Ruda?]. Er hieß Kirschenbaum. Aber man hat ihn nicht Kirschenbaum genannt… ich weiß nicht warum, nur… also…hieß er… Haskel…[Der Neffe redet dazwischen, unverständlich: Rudemer?] Frage: Wurde ich nach diesem Haskel genannt ? Oskar: Du bist nach diesem Haskel genannt, Du bist nach diesem Haskel... Zwischenfrage: war das der Vater der Großmutter? Oskar: Was? Neffe: Der Vater von meiner Großmutter? Oskar [überlegt]: Der Vater Deiner Großmutter?... Nein, deiner Mutter… [Aufnahme unterbrochen, ca. 1 Min.]…hat er es aufgeschrieben [?]…ach, es war sehr groß… man musste bis nach Jaschin fahren, bis…es [?] Meerkatz [?] hieß , […?] bis zum Gebäude [?] von Schlojme, von Schlojme Bäcker, bis zu einer Magd [?], Sara Ruta [?], so hieß sie, dort war man gegangen, „Scharschutza“ [Strassen- name?], und es gab dort einen Weg, der sehr breit war. Wo das war, daran, weißt Du, erinnere ich mich nicht. Ich würde… Zwischenruf: unverständlich Von Radomsk, das alles weiß ich noch genau… Stell Dir vor, ich war mit Blank [?], man hat dort gesucht, in… Zwischenfrage: in YIVO [Jiddisches Wissenschaftliches Institut in New York]? Oskar: in YIVO… wie heißt es, in den… hat man gesucht, und man fand Radomsk, aber Jaschin hat man nicht gefunden. Kobiele [?] hat man gefunden… und Rendzin, aber nicht Jaschin, weil es eine alte Landkarte war, man muss es auf Landkarten neueren Datums suchen. Und dort war nur aufgeschrieben, wie groß alles war, und hier… Frage: Hieß das ganze Gut Jaschin?... das Dorf oder der Wald…[beide reden durcheinander] Oskar: Es war ein Dorf… das ganze Dorf hieß Jasień [hier spricht er es polnisch aus] und das Gut war Rędziny [ebenfalls polnisch ausgesprochen], Rendzin. Und nachdem [?]… der Onkel… der Onkel Berisch Hochzeit hatte, mit einer Esther [?]. Es heißt… es war dort ein Jude, der handelte … er lieferte der russischen Regierung Schwellen für die Schienen [Eisenbahnschienen], er war ein großer Reicher [„gvir“] und darum kaufte er neben Jaschin ein Gut [er spricht undeutlich das polnische Wort „dworek“, Herrenhaus?], es hieß Podświerze [?] … Es gab dort überall solche Güter. Und es begannen dorthin zu kommen die... später waren dort der Gerer Rebbe [hasidisches Oberhaupt von Góra Kalwaria] und noch mehr solche, die gekommen sind nach Podświerz, und sie hießen dann [hier wird es wieder undeutlich:] Ele Podschewerske [Hebr., verballhornt, diejenigen aus Podswie-
  24. 24. 24 rze?], Ele Podświerkie. Neben dem…. auch Hesbe [?] hieß Ele Podschwerker … er hieß Hesbe [in Wirklichkeit], wurde aber auch „Ele Podschwerker“ [?] genannt…., weil er hatte das… [Zwischenruf unverständlich] Es war ein Jude…, dort gab es Fisch [d. h. eine gute Gegend für Juden?] und dort war „chrust“ [poln. f. Reissig, gut zum Laubhütten Abdecken] und man machte dort große Laubhütten [zum Laubhütten-Fest, wo man die Mahlzeiten einnahm], an die ich mich erinnere. Es reisten dorthin aus ganz Polen Rabbiner an, der Litauer hat verschiedene Empfänge gegeben [er sagt das poln. Wort „przyjęcia“ u. hebr. in jid- discher Aussprache „kaboles punim“], es gab dort Landsmann-Bankette [?]… und er wusste viel daraus zu machen…, es kamen… der Kocker [ein anderer großer hasidischer Rebbe, der aus Kotzk] war da, es kamen die Hasidim dorthin… Und der Berisch Fischmann war dort, er war ein [traditionell, in Gemara] gelehrter Kopf, und der Großvater …, er konnte gut lernen, wenn er an der Reihe war, [Onkel Oskar lacht anerkennend], und der Großvater war, wie auch mein Vater [oder: so wie auch auf meinen Vater?] stolz auf ihn … Und ich erinnere mich an eine Sache noch [gehört vom Vater?] - er konnte auf Jiddisch Geschichten [sehr gut] erzählen, verschiedene Geschichten, hat gesessen und erzählt all’ die Geschichten… [Im Folgenden ist der Text undeutlich, daher ungefähr: ] Und… man sollte eine Sache kaufen, die es nicht … für ihn war es eine […?], da sagte er: Schloymele, man muss dort in der Glasfabrik die Fayencen [Keramikware] kaufen, was sagst Du? [Sie hatten darüber eine Meinungsverschiedenheit, siehe oben S. 17: ] Er antwortete: Ich bin nicht dieser Meinung. Für keine Million, es ist eine Ware – ich meine, dass sie nichts taugt, meine [Wahl-]Ware ist Glas. Ständig gab es solche Auseinandersetzungen, es war sehr schwer, die konnten sich nicht einigen – das Glas ist dort geblieben, war nicht [im Krieg] verbrannt, es taugte also noch […?] – und ich erinnere mich, dass man es zusammengebunden hatte und es auf dem Markt verkauft. So hat man ein paar Gulden verdient, aber die Preise fielen [?] und so haben sie Geld verloren [?]. Sie haben aber trotzdem weiter so gemacht… Zwischenruf: Das heißt… Oskar: Und ein Mal wollte man … der Großvater wollte…, die Mutter war – den Haskel Rudemer hat sie nicht gemocht, aber er war ho, ho, ho [d. h. er wollte hoch hinaus]… er wollte kein Geld, sondern eine gute Partie [einheiraten in eine gute Familie], er war ein Lamm [?], einen solchen ehrlichen Juden gibt es nicht noch einmal... alle haben ihn ausgelacht [?], den Haskel Rudemer… man hat ihn ständig [gepiesackt], den Haskel Rudemer. Einer, Rotenberg, war geblieben, er war schon 83 Jahre alt, er hatte auch ständig den Haskel [geärgert?]… Er sagte, sie heißen „Starszowskie“, warum, weiß ich nicht … Es gab dort in einer Destillerei ein wenig von dem Branntwein, den sie von einem Starszowski bezogen, das war noch unter dem Grafen, und es hieß Starszowskie […?] … Das waren so Geschichten… [Das Ende der Aufnahme ist undeutlich: Der Neffe will noch etwas über den Großvater wissen, aber die Aufnahme bricht dann ab.]

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