Birgit SchmalmackTürkischer Honigauf SchwarzbrotBikulturelle Liebesgeschichten        Brandes & Apsel
1. Auflage 2007      © Brandes & Apsel Verlag GmbH, Frankfurt a. M.Alle Rechte vorbehalten, insbesondere das Recht derVerv...
Können Ehen zwischen Türken und Deutschen gutgehen? Was machen diese Paare anders? Wiegestalten sie ihren Beziehungsalltag...
VorwortDer Situation des Verliebens wohnt ein besonderer Zauberinne: Die plötzlichen Gefühls- und Hormonüberschüsse sorgen...
statistisch gesehen nicht mehr zu ihnen zählt: Seit 2001 ist erdeutscher Staatsbürger. Vielleicht steuerte mich also auch ...
zur Diskussion. Und die Geburt eines Kindes hat nichtzwingend eine Heirat zur Folge. Eine Ehe oder Partnerschaftdauert nur...
Bei den Scheidungen entfielen im Jahr 2005 12,4 Prozentaller Trennungen in Deutschland auf solche, bei denenmindestens ein...
Die tatsächliche Zahl der türkisch-türkischen Ehen kann nurgeschätzt werden. Sie ergibt sich einerseits aus denEheschließu...
also 91.000 der damals 129.000 Paare Kinder. Daraus folgt,dass auch deutsch-türkische Paare sich nicht immer für Kinderent...
nach dem Anwerbestopp mussten sich die Familien für einenWohnort entscheiden. Ein Pendeln zwischen ihrem ehemaligenHeimatl...
sich die Probleme ballten und aus denen die, die es sich leistenkonnten, schnell wieder auszogen. Die Separierung, die sic...
Auch heute sind die Moscheen häufig in schlichtenGewerbegebieten untergebracht. Projekte zum Bau vonsichtbaren Moscheen fü...
kommen. Außerdem erreichen Kinder aus bildungsfernenSchichten mit höherer Wahrscheinlichkeit einen minderqualifizierenden ...
Von den 1,8 Millionen in Deutschland lebenden Menschenmit türkischer Staatsangehörigkeit waren bis Ende 2003 fast 40Prozen...
auffällt«, berichtet ein türkischer Ehemann. »Wir müssen unssowohl im türkischen Umfeld wie im deutschen immererklären.«  ...
unterschiedlich sind? Wird sich der deutsche Partner in dietürkische Familienkultur eingliedern wollen, oder wird er nicht...
islamischer Terrorismus, Parallelgesellschaft, Ehrenmorde sindnur einige von ihnen.  Großen Raum bei den Sorgen, die sich ...
Doch ist die Wirklichkeit nicht differenzierter? Ist Kulturnicht eher ein fließender Entwicklungsprozess statt einestatisc...
Partner nicht eine Ebene in ihrer Beziehung mit einemdeutschen Partner vermissen? »Auf Türkisch lässt sichmanches viel bes...
Unter den Paaren entsprach die Geschlechterverteilung derder bundesdeutschen Zahlen: Die Männer türkischer Herkunft,die mi...
noch intensiviert werden muss. Dieses Buch ist somit eher alsErgänzung zu den Berichten von gescheiterten Beziehungen zuve...
I      Interviewpartner der ersten GenerationDie erste Einwanderergeneration hat sich häufig im Zuge derGastarbeiteranwerb...
nach Deutschland gekommen sind. Sie stammen aus eherprivilegierten Schichten der Türkei. Eins der Paare lebt heutein der T...
Aus ihrer langjährigen Ehe sind zwei Kinder hervorgegangen.   Sie freuen sich schon auf ihr Rentenalter, das sie in ihrem ...
untergebracht waren, war diese Gemeinschaft rund um die Uhrgegeben. Es wurde zusammen eingekauft, gekocht, gegessenund ges...
Gastfreundlichkeit noch zusätzlich.« So positiv wie KarlsUrteil fiel auch das der Frauen für ihn aus: »Sie fanden michwohl...
gar nicht begeistert. »Doch er hat ein weiches Herz«, weißMeliha. So stimmte er zum Schluss doch zu.  Einer Reise in die T...
geselligen Tage in großer Runde. »Wir haben immerwunderbares Essen auf dem Tisch gehabt.«  An schwerwiegende Diskrepanzen ...
Schlüssel in der Tür. Karl guckt verschmitzt auf: »Ich habemeinen Sohn gebeten heute kurz vorbeizukommen. Und er hates gem...
versichert die Mutter. Abends gucken die beiden gernezusammen türkisches Fernsehen. Ihr Bruder sagt über sie: »ImGegensatz...
weniger sonnigen Norddeutschland ist. Schnell sind zweiFotosammlungen aus dem letzten Jahr zur Hand und belegendie Erzählu...
wäre also z. B. zur Messe gefahren, hätte Zahnschmerzenbekommen und wäre zu dir gekommen«, malt er sich aus.  Karl kann si...
Sie trat mit 16 zum Islam über. Ihren türkischen Mann traf sie       in Österreich. Ihre klaren Vorstellungen von derAufga...
zu studieren. »Damals ein Studiengang, der nie endete undkeinen Abschluss anbot«, berichtet sie. »Für mich damit genaudas ...
Schnell stellte sich heraus, dass sie gut zusammenpassten.Auch Sayhan kam aus einem gutbürgerlichen Elternhaus, dassich zu...
Schreibtischsessel und zaubert mit ein paar routinierten Klicksaus dem PC die passenden Fotos zu seiner Erzählung hervor.A...
Das tat Annemarie. »Mit klopfendem Herzen wurde ich vonmeiner Mutter in das Herrenzimmer meines Vaters geführt. Erliebte m...
Annemarie kann sich heute über ihre früheren Ansichtenamüsieren: »So war ich damals eingestellt: mit einem riesigenSchuldk...
luxuriösen Fünfsternehotel. »Mein Vater kannte den Probsthöchstpersönlich, so konnten wir als Muslime sogar in derKirche h...
Eiche verpflanzt man nicht mehr.‹ Also sind wir stattdessen beimeinem Vater geblieben.«  Zehn Jahre haben sie noch mit ihm...
damals sehr wichtig, als gute türkische Ehefrau und Mutteranerkannt zu werden. »Schweinefleisch gab es bei uns imHause nic...
meint dann amüsiert zu ihrem Mann: »Das musstest du erstakzeptieren lernen.«  »Das stimmt«, gibt er zu. Ihr fällt ein Beis...
Haus. Dann laden wir türkische Musiker oder Dichter ein undschwelgen in den orientalischen Klängen und freuen uns an dertü...
»Ich habe eben nie Urlaub gemacht, sondern sehr vielgearbeitet«, erklärt Sayhan entschuldigend. »Deswegen war esauch besse...
Platze«, ist der erfolgreiche Selfmade-Mann, der eine deutlicheSprache bevorzugt, mittlerweile überzeugt.
Im letzten Jahr lebte und arbeitete der Sohn von Annemarie und Sayhan für einige Zeit in der Türkei. Er: Nun sind meine   ...
wenig, was mir gefiel. Wesentlich größer war der Anteil derPunkte, die mich zunehmend störten«, resümiert er.  Das Verhält...
Deutschland kaum abgespielt hätte. Meine Cousine hatte sichmit 15 Jahren in ihren Pferdepfleger verliebt. Die Elternunters...
Dass Emre sogar seine Wäsche selber macht und das Essenselbst zubereitet, obwohl er mit seiner Freundin zusammen ineiner W...
Emre in Istanbul war. Alle waren sehr nett und freundlich zumir. Ich hatte den Eindruck, dass sie mich mögen. Doch als ich...
Emre ermuntert seine Freundin immer wieder, sich auch mitMännern allein zu treffen. Er findet: »Ein Gespräch mitjemandem v...
erst mal der Türke. Darunter habe ich zum Teil sehr gelitten.«Als er an der Uni als Assistent Seminare anbot, waren insein...
Religion spielte in Emres Leben keine Rolle, weder in seinerKindheit noch heute als Erwachsener. »Meine Eltern habenmir ke...
Stephanie schmunzelt: »Nun fällt mir doch noch etwas ein,was bei dir schon türkisch geprägt sein könnte.« Emre blicktsie e...
Seit ihrem 20. Lebensjahr lebt das Ehepaar in Ankara. Ihre    Kinder hat die Mutter mit deutschen Geschichten und         ...
Ihrem Ehemann ist sie in jungen Jahren in die Türkei gefolgt.Er war zu seiner Facharztausbildung zum Gynäkologen nachDeuts...
Reserveoffizier damals nicht mit einer Ausländerin verheiratetsein durfte. Ich wusste ja, dass es nur pro forma war, aber ...
Sorgsam formuliert sie ihre Sätze. Man merkt, dass sie vielüber diese Fragen nachgedacht hat. »Mein Leben hatte nichtnur r...
damit die Deutschen. Dieser Zusammenhalt gibt ihr in derTürkei ein Stück Heimat. »In Deutschland wird den Türken jahäufig ...
Türkischer Honig auf Schwarzbrot
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Türkischer Honig auf Schwarzbrot

  1. 1. Birgit SchmalmackTürkischer Honigauf SchwarzbrotBikulturelle Liebesgeschichten Brandes & Apsel
  2. 2. 1. Auflage 2007 © Brandes & Apsel Verlag GmbH, Frankfurt a. M.Alle Rechte vorbehalten, insbesondere das Recht derVervielfältigung und Verbreitung sowie der Übersetzung,Mikroverfilmung, Einspeicherung und Verarbeitung inelektronischen oder optischen Systemen, der öffentlichenWiedergabe durch Hörfunk-, Fernsehsendungen undMultimedia sowie der Bereithaltung in einer Online-Datenbankoder im Internet zur Nutzung durch Dritte. Lektorat: Josefine Schubert, Brandes & Apsel Verlag GmbH, Frankfurt a. M. DTP und Umschlagsidee und -gestaltung: Antje Tauchmann, Frankfurt a. M. Druck: Impress, d.d. Ljubljana, Printed in Slovenia Bibliografische Information Der Deutschen Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der DeutschenNationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.ddb.de abrufbar. ISBN 978-3-86099-725-3
  3. 3. Können Ehen zwischen Türken und Deutschen gutgehen? Was machen diese Paare anders? Wiegestalten sie ihren Beziehungsalltag? Welche Rollespielt »die« andere Kultur des Partners? Wiewachsen Kinder in deutsch-türkischen Familienauf?Diese und noch viele andere Fragen stellte dieAutorin deutsch-türkischen Paaren. IhreLiebesgeschichten sind etwas Besonderes. Sieerzählen vom Alltag, aber auch denBesonderheiten bikultureller Beziehungen unddavon, wie die Partner aus verschiedenen Kulturenihre Konflikte meistern. Es sind persönlicheLebensgeschichten, die den Blick für den einzelnenMenschen in der multikulturellen Gesellschaftschärfen.Die Autorin:Birgit Schmalmack, geboren 1963, Ausbildung zurVerlagskauffrau, Studium der Fächer Deutsch,Mathematik und Pädagogik. Sie arbeitet alsLehrerin und freie Journalistin und wohnt inHamburg. Sie lebt selbst seit zwölf Jahren in einerPartnerschaft mit einem türkischstämmigenDeutschen.
  4. 4. VorwortDer Situation des Verliebens wohnt ein besonderer Zauberinne: Die plötzlichen Gefühls- und Hormonüberschüsse sorgendafür, dass das Gegenüber als eine ganz einzigartige,unvergleichliche Persönlichkeit wahrgenommen wird. Indiesem Moment spielen Schubladen keine Rolle mehr.Klischeevorstellungen werden unwichtig. Nur das Einzelwesenzählt. Diese Phase des Verliebens weitet den Blick, machtunempfänglich für normative, gesellschaftlicheGrenzziehungen und ist damit der Anfang eines wahrenVerstehens des anderen. Vielleicht könnte sich die Gesellschaft bei ihrer Diskussionum die Integrationsfähigkeit bestimmter Migrantengruppenvon dieser Haltung ein wenig bedienen. Erst wenn der Menschnicht mehr nur als Vertreter einer nationalen Gruppe sondernauch als Einzelperson gesehen werden kann, könnenvorschnelle Pauschalierungen vermieden werden. Ich durfte zu Gast sein in den Küchen und Wohnzimmernvon 42 deutschtürkischen Paaren. Sie haben mir freimütig vonden schwierigen und schönen Seiten ihrer Beziehung erzählt.Vertreten sind alle Altersstufen und Bildungsgrade. Unterihnen befinden sich sowohl der Hafenarbeiter, der Psychiater,die Künstlerin als auch die Fließbandarbeiterin. Ihre ganzpersönlichen Lebensgeschichten sollen dazu anregen, wiederden Blick für den einzelnen Menschen zu entwickeln undsomit auch gesamtgesellschaftliche Probleme sensiblerbetrachten und besser verstehen zu können. Ich selbst lebe seit elf Jahren in einer Partnerschaft mit einemin Deutschland geborenen Türken, der mittlerweile rein
  5. 5. statistisch gesehen nicht mehr zu ihnen zählt: Seit 2001 ist erdeutscher Staatsbürger. Vielleicht steuerte mich also auch diepersönliche Neugier, als ich immer größere Lust bekam,Geschichten von deutsch-türkischen Paaren in Deutschland zuerzählen. Doch eventuell war es auch einfach der zunehmendeUnmut darüber, dass im Moment nur von solchen zu lesen ist,die im Drama enden. Doch wenn von Fehlentwicklungen zuberichten ist, dann gehören zu einer ausgewogenenBerichterstattung auch Geschichten von Paaren, die ihreeventuellen Schwierigkeiten überwunden haben. Woabschreckende Beispiele zur Geltung kommen, sollten dieVorbilder auch Gelegenheit dazu haben.Zahlenmaterial zu binationalen EhenLaut Statistischem Bundesamt hatte bei 16,5 Prozent der396.000 Paare, die sich 2004 das Jawort gaben, einer derEhepartner nicht die deutsche Staatsbürgerschaft. Das war jedesechste Ehe. Jedes vierte Kind hatte mindestens einenausländischen Elternteil. Diese Zahlen werden in Zukunftsicher noch steigen. In Großstädten liegen sie schon jetztwesentlich höher. So war in Berlin laut Pressemitteilung desBerliner Senats vom 13.4.2005 jede vierte Ehe interethnischund hatten 40 Prozent aller Kinder einenMigrationshintergrund. Die Art der Beziehungen, dieMenschen in Deutschland eingehen, wird sich also in Zukunftimmer weiter ausdifferenzieren. Dieser Trend war in den vergangenen Jahrzehnten auch beider Bandbreite der Lebensformen zu beobachten. Immer mehrPaare verzichten auf den Trauschein und leben innichtehelicher Lebensgemeinschaft zusammen. Auch dieFrage, ob sie zusammen Kinder bekommen wollen, stellen sie
  6. 6. zur Diskussion. Und die Geburt eines Kindes hat nichtzwingend eine Heirat zur Folge. Eine Ehe oder Partnerschaftdauert nur noch solange, wie die Partner es wünschen. Einelebenslange Lebensgemeinschaft ist zu einer bewusstenEntscheidung füreinander geworden. Die Scheidungszahlen inDeutschland sprechen eine deutliche Sprache: Fast jede zweiteEhe wird geschieden (2003: 43 Prozent). In diesen Trend zur größeren Variationsbreite fügt sich dieWahl eines Partners aus einem anderen Kulturkreis ein. DieLieblingspartner der Frauen sind dabei Männer aus der Türkei.Das Statistische Bundesamt teilte 2005 mit, dass 4.900 vonihnen einen Türken als Ehepartner wählten. Die Männerbevorzugten eher eine Partnerin aus Osteuropa. Eine Türkinnahmen nur knapp 1 800 der Männer zur Ehefrau. DasStatistische Bundesamt geht in seinem Mikrozensus von 2006für das Jahr 2005 von circa 146.830 deutsch-türkischenEhepaaren aus. Im Vorjahr gab es deren Zahl noch mit 129.000Paaren an. Bei diesen Statistiken ist zu berücksichtigen, dass die Zahlennur diejenigen erfassen, die noch über ihren ausländischenPass verfügen. Eingebürgerte Ausländer fallen hier nicht mehrins Gewicht. Da es aber alleine im Jahre 2005 140.731Einbürgerungen gegeben hat, sagen die Zahlen alleine wenigaus. Denn die größte Gruppe unter den Eingebürgerten warenmit 39 Prozent Personen türkischer Herkunft. Mittlerweilebesitzt jeder dritte Türkischstämmige einen deutschen Pass undihre Zahl hat sich bis Ende 2004 auf 840.000 erhöht. So fallenStaatsangehörigkeit und Herkunft zunehmend auseinander. DieZahl der Ehen, in denen die Partner dieselbe Herkunft aberunterschiedliche Pässe haben, steigt stetig an. Genauso wie dieZahl der Paare, bei denen beide Partner dieselbeStaatsangehörigkeit besitzen, aber unterschiedlicher Herkunftsind.
  7. 7. Bei den Scheidungen entfielen im Jahr 2005 12,4 Prozentaller Trennungen in Deutschland auf solche, bei denenmindestens einer der Ehepartner eine ausländischeStaatsbürgerschaft hatte. Dagegen lag der Prozentsatz allerEheschließungen mit Auslandsberührung im Jahr 2004 bei16,5 Prozent. Unter ihnen ist die Zahl der Scheidungen bei deutsch-türkischen Ehepaaren laut Statistischen Bundesamtes ambedeutsamsten: Die Anzahl der Scheidungen lag 2003 in dieserGruppe bei etwa 3.390. Demgegenüber gaben sich im Jahr2000 5.784 deutsch-türkische Ehepartner das Jawort. In einer Stadtbeobachtung aktuell wurde exemplarisch für dieStadt Wiesbaden im Zeitraum 2002-2004 die so genannteEinheiratsquote untersucht. Es wurde herausgefunden, dass nur16 Prozent der türkischen Migranten in Deutschland eine Ehemit einem Deutschen eingehen. Damit lagen sie unter demdurchschnittlichen Wert aller in die deutsche Gesellschafteinheiratenden Migranten von 28 Prozent. Meist wird das alsAbschottung interpretiert. Doch die Gründe können vielfältigersein. Bei 1,8 Millionen Türken in Deutschland ist dieWahrscheinlichkeit, einen geeigneten Ehepartner der eigenenHerkunft zu finden, viel größer als bei anderen Nationalitäten.Die Konzentration auf bestimmte Wohngebiete erhöht dieWahrscheinlichkeit der Kontaktaufnahme um ein weiteres. Einweiterer Gesichtspunkt ist der rechtliche Status der türkischenBevölkerung: Anders als Italiener, Griechen oder Spanier sindsie keine EU-Bürger. Ihre Freizügigkeit und rechtlicheAbsicherung ist stark eingeschränkt. So stellt für ihre Familiendie Heirat eines noch in der Türkei Lebenden auch eineMöglichkeit zur Einreise nach Deutschland dar. Es ist zuvermuten, dass mit der Schaffung anderer Einwanderungswegefür die Türken eine Vielzahl der viel geschmähten arrangiertenEhen zu verhindern wäre.
  8. 8. Die tatsächliche Zahl der türkisch-türkischen Ehen kann nurgeschätzt werden. Sie ergibt sich einerseits aus denEheschließungen in deutschen Standesämtern (1996: 917,2003: 1.534), in türkischen Konsulaten in Deutschland (1996:4.920) und den Eheschließungen in der Türkei. Über dieungefähre Anzahl letzterer kann die Zahl derEhegattennachzüge zu den in Deutschland lebendenEhepartnern eine Vorstellung geben. Laut Auswärtigem Amtgab es 1996 17.662 Nachzüge. Somit käme man für das Jahr1996 auf 2.3499 türkisch-türkische Eheschließungen. Imselben Jahr wurden in Deutschland 4.657 deutsch-türkischeEhen geschlossen. Das wäre ein Anteil von 16,5 Prozent allerEhen mit Beteiligung von türkischen Staatsangehörigen (vgl.Straßburger, in: Migration und Bevölkerung, 1999). Die Anzahl der Anträge auf Ehegattennachzüge nimmt stetigab: Sie sanken bis 2003 auf 10.614 und 2004 nochmals auf8.360. Dabei ist zu berücksichtigen, dass sich auch auf diesenBereich die Zahl der Einbürgerungen ausgewirkt haben könnte.2003 gab es daneben 7.158 und 2004 6.443 Ehegattennachzügezu deutschen Ehegatten. Je nach Perspektive mögen sie nun dieZahl der deutsch-türkischen oder der türkisch-türkischen Ehenvergrößern. Die Scheidungsquote der türkisch-türkischen Ehepaare bleibtgänzlich spekulativ. In Deutschland werden nur dieEhescheidungen erfasst, die vor deutschen Gerichtenbeschlossen werden. Das waren im Jahre 2003 2.657 Fälle.Dass aber 1996 nur 917 und auch 2002 nur 1.482 türkisch-türkische Ehen vor deutschen Ämtern geschlossen wurden,macht wieder einmal die Schwierigkeiten der statistischenErhebungen bezüglich transnationaler Heiratsdaten deutlich. Türkisch-türkische Ehepaare hatten 1997 44.197 Kinder,während im selben Jahr aus deutsch-türkischen Ehen 6.880Kinder hervorgingen. Laut Mikrozensus im März 2004 hatten
  9. 9. also 91.000 der damals 129.000 Paare Kinder. Daraus folgt,dass auch deutsch-türkische Paare sich nicht immer für Kinderentscheiden. 20 Prozent der Ehen zwischen einem deutschenMann und einer türkischen Frau blieben kinderlos. Bei denEhen zwischen einer deutschen Frau und einem türkischenMann waren es sogar 35 Prozent.Situation der türkischen Migranten1961 wurde der Gastarbeiteranwerbevertrag mit der Türkeigeschlossen. Ab diesem Zeitpunkt kamen auch Türken als sogenannte »Gastarbeiter« nach Deutschland, um denArbeitskräftemangel der deutschen Industrie zu stillen. Waszunächst als kurzfristige Aktion geplant war, weitete sich imLaufe der nächsten Jahre aus. War zuerst noch daran gedachtworden, die Arbeiter rotieren zu lassen und alle ein bis zweiJahre neue Kräfte aus der Türkei zu holen, so erwies sichdieses Vorhaben für die Unternehmen bald als ineffektiv. Diegerade gut eingearbeiteten Arbeitskräfte sollte man wiedergehen lassen? Sie blieben also. Damit waren ihnen auf längereSicht die provisorischen Wohn- und Lebensverhältnisse in denSammelunterkünften nicht mehr zu zumuten. Also gestatteteman ihnen, nach und nach ihre Familienangehörigennachzuholen, Wohnungen anzumieten, eigene Geschäfte zueröffnen und ihren Aufenthaltstatus allmählich zu verfestigen. 1971 zeigte das deutsche Wirtschaftwachstum mit derErdölkrise eine Abschwächung. Die Bundesregierung erließ1973 den Anwerbestopp für neue Gastarbeiter. Doch statt einerReduzierung hatte das zunächst einen Anstieg derausländischen Wohnbevölkerung zur Folge. Während 1965132.800 und 1970 469.200 Türken in Deutschland wohnten,waren es 1975 bereits 1.077.100 und 1980 1.462.000. Denn
  10. 10. nach dem Anwerbestopp mussten sich die Familien für einenWohnort entscheiden. Ein Pendeln zwischen ihrem ehemaligenHeimatland und Deutschland war nun nicht mehr möglich. Demgegenüber wirkte sich das Angebot der Bundesregierungauf Zahlungen für rückkehrwillige Türken aus: Bis Mitte 1984verließen rund 250.000 Ausländer – hauptsächlich Türken –die Bundesrepublik. Das Gesetz gewährte ihnenRückkehrhilfen von bis zu 10.500 D-Mark pro Erwachsenemund 1.500 D-Mark pro Kind. In der Türkei hatten sich in dieser Zeit dieLebensbedingungen eher verschlechtert. Die Folgen der Öl-und der Zypernkrise schwächten den Anfang der siebzigerJahre einsetzenden Aufschwung stark ab. Die politische Lagewurde immer instabiler. Ende der siebziger Jahre kam es in derTürkei zu bürgerkriegsähnlichen Auseinandersetzungen derlinken und rechten Kräfte. Sie führten schließlich 1980 zumPutsch des Militärs. In dieser unsicheren Situation erschien dentürkischen Familien eine Rückkehr in die Türkeiverständlicherweise als wenig ratsam. Unter diesenVerhältnissen war an eine wirtschaftliche Verbesserung inihrem Heimatland kaum zu denken. Also machten sie vonihrem Recht auf Familienzusammenführung ab 1974 verstärktGebrauch. Der Anstieg der Arbeitslosigkeit in den achtziger Jahrenverschlechterte die Stimmung der deutschen Bevölkerunggegenüber den Einwanderern. Die Vermutung, dass sie ihnendie rareren Arbeitsplätze wegnehmen würden, malte Sprüchewie »Türken raus« an die Wände der Großstädte. Der Bedarf der Arbeitsmigranten, die sich für einen Verbleibin Deutschland entschieden hatten, nach größerem undbezahlbarem Wohnraum stieg mit dem verstärktenFamiliennachzug ständig. Sie zogen meist in wenig attraktiveGegenden, die bald als Stadtteile angesehen wurden, in denen
  11. 11. sich die Probleme ballten und aus denen die, die es sich leistenkonnten, schnell wieder auszogen. Die Separierung, die sichhier faktisch vollzog, lässt das heutige Beklagen derEntstehung von »Parallelgesellschaften« als durchausvorhersehbar erscheinen. Den Migranten blieben wenig Alternativen. Als Mieter warensie in den besseren Gegenden häufig unerwünscht. Soversuchten sie, die Vorteile der türkisch geprägtenInfrastruktur ihres Stadtteils zu sehen, die ihnen dieOrganisation ihres Alltags in der ungewohnten Umgebungerleichterte. Das hatte aber auch zur Folge, dass man in Berlin-Kreuzberg, in Hamburg-Wilhelmsburg oder Köln-Mülheimweitgehend ohne deutsche Sprachkenntnisse zurechtkommenkonnte. Sprachkurse für Neuankömmlinge anzubieten odersogar zur Pflicht zu erklären, ist erst 2004 verschärft in diegesellschaftliche Diskussion eingebracht worden. Durch etwas unterschieden sich die türkischen Familien vondenen ihrer Arbeitskollegen aus den anderen Anwerbeländerwie Italien, Griechenland und Spanien: durch die Religion.Letztere waren in der Mehrzahl Katholiken und fanden sichsomit in deutscher Gesellschaft mit ihren christlichenreligiösen Wurzeln wieder. Doch den Türken fehlten religiöseRückzugsmöglichkeiten. Als Muslime mussten sie inDeutschland auf Versammlungsmöglichkeiten in Moscheenverzichten. Da der Islam in Deutschland nicht als Kircheanerkannt wird, weil eine für alle Muslime sprechendeVertretungsorganisation fehlt, mussten sie sich alsKulturvereine eintragen lassen, um eigene Räume anmieten zukönnen. Die Türkisch islamische Union der Anstalt fürReligion e. V. (DITIB) ist seit ihrer Gründung 1984 derDachverband für 870 der Moscheevereine in Deutschland.DITIB untersteht wiederum dem Amt für Religionsfragen inAnkara.
  12. 12. Auch heute sind die Moscheen häufig in schlichtenGewerbegebieten untergebracht. Projekte zum Bau vonsichtbaren Moscheen führten in der Vergangenheit oft zustarken Protesten der deutschen Anwohner. In den achtziger Jahren erkannte die deutsche Gesellschaftallmählich, dass die Einwanderung von mittlerweile 1,5Millionen Türken Konsequenzen nach sich ziehen musste, andie sie bisher kaum gedacht hatte. Statt Arbeitskräfte warennicht nur Menschen gekommen, wie Max Frisch ganz richtigbemerkte, sondern ganze Familien. Diese»Gastarbeiterfamilien« waren zu Einwandererfamiliengeworden – auch wenn Helmut Kohl 1991 in seinerRegierungserklärung immer noch behaupten sollte, dassDeutschland kein Einwanderungsland sei. Die Kinder dieserMigranten verlangten nach angemessenenBildungsmöglichkeiten. Lange Zeit blieben die Versuche dazuaber Stückwerk, abzulesen an der hohen Anzahl derausländischen Kinder, die auf eine Sonderschule gingen oderdie Schule ohne Abschluss verließen. Man hoffte auf die nächste Generation. Sie würde inDeutschland die Schule durchlaufen haben und sich einfacherintegrieren lassen. Doch gerade das dreigliedrige Schulsystemmit der frühen Einsortierung in die drei weiterführendenSchularten und die Betreuung in einer Halbtagsschule warhierfür nur sehr bedingt geeignet. Die PISA-Studie hat demdeutschen Schulsystem bescheinigt, dass der Schulerfolg derKinder immer noch zu einem ungewöhnlich hohen Prozentsatzvon der Herkunft ihrer Eltern abhängt. In der PISA-E-Studievon 2005 wurden folgende Ergebnisse ermittelt: Kinderdeutscher Eltern landen zu 23,6 Prozent, Kinder türkischerEltern zu 56,6 Prozent auf der Hauptschule. Dagegen gehennur 10,2 Prozent von ihnen auf ein Gymnasium, währenddorthin 32,5 Prozent aller Kinder aus deutschen Familien
  13. 13. kommen. Außerdem erreichen Kinder aus bildungsfernenSchichten mit höherer Wahrscheinlichkeit einen minderqualifizierenden Bildungsabschluss. Demnach haben es Kinderaus ehemaligen »Gastarbeiterfamilien« besonders schwer.Viele ihrer Elternteile haben in ihrem Heimatland kaumSchulbildung genossen und sollten nun in einem fremden Landohne Sprachkenntnisse ihren Kindern den Weg weisen. Auchwenn die Schulabbrecherquote der ausländischen Kinder seitdem ersten Jahr der Erfassung 1992 von damals 26 Prozentzurückgegangen ist, stagniert sie in den letzten Jahren aufhohem Niveau: Sie betrug im Schuljahr 1996 wie auch2003/2004 laut Statischem Bundesamt immer noch 17 Prozent.Bei deutschen Schülern lag sie dagegen bei 8,3 Prozent. Imselben Zeitraum erreichten die türkischen Schüler zu 40Prozent den Hauptschulabschluss, zu 30 Prozent die mittlereReife. Die Anzahl derjenigen, die die Berechtigung zu einemHochschulstudium erwarben, stieg auf 11 Prozent. ImWintersemester 2004/2005 studierten 22.500 türkischeStaatsangehörige in Deutschland, davon 16.000 so genannteBildungsinländer. In diesem Zusammenhang sind die neuesten Zahlen desBundesinstitutes für Berufsbildung vom 23.11.2005 ebenfallsinteressant: Nur 29 Prozent aller Ausbildungssuchenden mitMigrationshintergrund fanden eine Lehrstelle. Bei dendeutschen Bewerbern waren es 40 Prozent. DieAusbildungsquote der Jugendlichen mit einem ausländischenPass fiel demnach seit Mitte der neunziger Jahre von 34Prozent auf 25 Prozent im Jahre 2004. Unter den verschiedenen Einwanderergruppen inDeutschland haben Türken die längste Aufenthaltsdauervorzuweisen. Ende 2003 lebten etwa drei Viertel (73,6Prozent) der türkischen Bevölkerung länger als zehn Jahre inDeutschland, 20,6 Prozent sogar länger als 30 Jahre.
  14. 14. Von den 1,8 Millionen in Deutschland lebenden Menschenmit türkischer Staatsangehörigkeit waren bis Ende 2003 fast 40Prozent in Deutschland geboren. Sie gehören damit derzweiten oder sogar der dritten Generation an. Seit der Änderung des Staatsangehörigkeitsrechtes am1.1.2000 hat sich die rechtliche Situation der in Deutschlandgeborenen Kinder verbessert: So erhalten die Kinderausländischer Eltern, von denen wenigstens ein Elternteilmindestens acht Jahre rechtmäßig seinen Aufenthalt inDeutschland und eine Aufenthaltsberechtigung hat oder seitdrei Jahren eine unbefristete Aufenthaltserlaubnis besitzt, diedeutsche Staatsangehörigkeit. Somit ist auch in Deutschlanddas »ius soli« eingeführt worden. In den Jahren 2002 und 2003erhielten dadurch jeweils ungefähr 37.000 Kinderausländischer Eltern die deutsche Staatsangehörigkeit mit derGeburt.Fragen an deutsch-türkische PaareUmfeldIn einer Umfrage von 2002 lehnten 39 Prozent derOstdeutschen und 28 Prozent der Westdeutschen Türken alsNachbarn ab. Von dieser Einstellung bleiben deutsch-türkischePaare sicher nicht unberührt. Fast jedes Paar sieht sich miteinigen Fragen konfrontiert, die von außen an es herangetragenwerden. Denn die Umgebung spielt bei einer bikulturellenBeziehung eine fast ebenso große Rolle wie die Partner selbst.Sie fallen auf, sie sind anders als die vermeintliche Norm undstehen deshalb unter besonderer Beobachtung. »Ich als Schwarzkopf unterscheide mich schon rein äußerlichvon den Deutschen. Meine Partnerin und ich ergeben einschwarz-blondes Kontrastprogramm, das im Straßenbild
  15. 15. auffällt«, berichtet ein türkischer Ehemann. »Wir müssen unssowohl im türkischen Umfeld wie im deutschen immererklären.« Man sollte annehmen, dass bei der hohen Prozentzahlbinationaler Partnerschaften diese mittlerweile alsSelbstverständlichkeit gesehen werden, doch die meisten Paarekönnen immer noch von gegenteiligen Erfahrungen berichten.Bezogen auf die Mehrzahl der Paare sind sie schließlich nachwie vor eine Minderheit. So müssen sie im Gegensatz zu ihnenihre Wahl begründen. Im Erklären und Rechtfertigen haben die türkischstämmigenPartner meist schon viel Erfahrung. Für die deutschen ist daseher ungewohnt. Plötzlich werden auch sie gerne fürAuskünfte über islamische und türkische Traditionenherangezogen. Denn in den Köpfen ihrer Zeitgenossenschwirren viele Fragen, Klischees und Vorurteile, für die siejetzt als Adressat geeignet scheinen. Die an sieherangetragenen Fragen berühren viele verschiedeneThemengebiete.FamilieDie Wünsche der beiden Familien an ihre Sprösslinge sindmeist schnell ein Thema. Die Partner müssen sich mit ihnenauseinander setzen. Die meisten Eltern, ob deutsch odertürkisch, haben gewisse Vorstellungen über die zukünftigenSchwiegersöhne oder -töchter, die ihren Familienkreiserweitern sollen. Sie kommen häufig erst explizit zur Sprache,wenn der Wunschpartner des Kindes nicht ganz ihrenErwartungen entspricht. Bei einem Partner aus einem anderenKulturkreis ist dies meist der Fall. Kann eine Ehe zwischen Türken und Deutschen überhauptgut gehen? Wird sie nicht zwangsläufig zur Scheidung führen,da die Vorstellungen und Prägungen der Partner zu
  16. 16. unterschiedlich sind? Wird sich der deutsche Partner in dietürkische Familienkultur eingliedern wollen, oder wird er nichtein Fremdkörper bleiben? Ist der türkische Partner nicht allzugeprägt vom Aufwachsen in einer patriarchalen Gesellschaft,als dass er die gleichberechtigte Rollenaufteilung zwischen denGeschlechtern akzeptieren kann? Unkenntnis und Vorurteilebestimmen oft die Bedenken der jeweils anderen Familie. Laut einer Untersuchung von Mehrländer, Ascheberg undUelzhöffer (1996) erklärten sich 1995 über die Hälfte allertürkischen Eltern mit der Heirat ihrer Kinder mit einemdeutschen Ehepartner einverstanden. 1985 lag dieZustimmungsquote noch bei etwas über 30 Prozent. Auffälligist in ihren Ergebnissen, dass die Wahrscheinlichkeit, einendeutschen Ehepartner zu heiraten, zwischen den Generationensehr unterschiedlich hoch eingeschätzt wird. Gerade beitürkischen Familien ist der Unterschied zwischen Kindern undEltern bei der Zustimmung zum Statement »auf jeden Fall istder Ehepartner ein/e Deutsche/r« sehr hoch und liegt bei über30 Prozent: Nur 4 Prozent der Eltern, aber 35 Prozent derKinder gingen von dieser Partnerwahl aus. So kann dieÜberraschung groß sein, wenn der neue Partner präsentiertwird. Für die türkischen Eltern genauso wie für die deutscheMehrheitsgesellschaft. Mit dieser eventuellen Skepsis und Ablehnung müssen sichdie meisten Paare auseinander setzen – und das häufig zueinem frühen Zeitpunkt ihrer Beziehung, in der sie noch kaumgefestigt ist.ReligionNicht erst seit dem 11. September 2001 hat der Islam imWesten einen schlechten Ruf. Die Stichworte, die inDeutschland oft noch im selben Atemzug fallen, sind negativgeprägt. Frauenunterdrückung, Scharia, Rückständigkeit,
  17. 17. islamischer Terrorismus, Parallelgesellschaft, Ehrenmorde sindnur einige von ihnen. Großen Raum bei den Sorgen, die sich die Umwelt umdeutsch-türkische Paare macht, nimmt also das ThemaReligion ein. Bei ihnen geht man von christlich-islamischenPaaren aus und vermutet Konflikte. Wird der andersgläubigePartner nicht die Religionsausübung seines Partners behindern,beeinflussen oder sogar unterdrücken? Ist es nichtmoslemischen Frauen sogar verboten, einen christlichenEhemann zu nehmen, da man davon ausgeht, dass er über ihreReligion und die der Kinder bestimmen wird? Werden diePartner sich auf gemeinsame Werte einigen können? Nachwelchen Traditionen und Einstellungen werden sie bei derErziehung ihrer Kinder verfahren? Können Familienfeste, dieja in der Regel auf religiösen Wurzeln fußen, noch gemeinsambegangen werden? Werden die unterschiedlichen religiösenVorstellungen nicht zu unüberwindbaren Problemen führen,die vielleicht über die Kinder ausgetragen werden? Eine Vielzahl von möglichen Komplikationen wird dem Paarmeist in Aussicht gestellt.Kultur»Die deutsche und die türkische Kultur passen einfach nichtzusammen!« Mit diesem Statement sehen sich viele Paarekonfrontiert. Auf der einen Seite stehe eine Gesellschaft vonegoistischen Individualisten, die ihre Eltern bei Bedarf einfachins Heim abschieben würden, und auf der anderen Seite eineGesellschaft aus sich gegenseitig kontrollierendenFamilienclans, lauten die gängigen, gegenseitigen Vorurteile.Können Partnerschaften zwischen Personen aus diesen beidenKreisen überhaupt Bestand haben? Sind ihre Prägungen undErwartungen nicht viel zu unterschiedlich?
  18. 18. Doch ist die Wirklichkeit nicht differenzierter? Ist Kulturnicht eher ein fließender Entwicklungsprozess statt einestatische Festlegung? Ist sie nicht als Sammelbad für dieRegeln, Strukturen, Traditionen und Weltsichten einer Ethnieeiner ständigen Entwicklung unterworfen? Gilt das nicht fürjede Volksgruppe, speziell in einer globalisierten Welt und imbesonderen Maß für ein Leben in der Migration? Somit ist der Abstimmungsbedarf zwischen Partnern in einerBeziehung wahrscheinlich selten nur durch kulturelleUnterschiede geprägt; eine ebenso große Rolle spielenvielleicht die Generationsunterschiede und der Bildungsgrad.Ist es eventuell einfach oft bequemer, die Differenzen deutsch-türkischer Paare an Kultur und Religion fest zu machen?SpracheWenn die Paare in Deutschland leben, ist ihre Familiensprachefast immer Deutsch. Der türkischstämmige Partner muss alsoauf seine Muttersprache verzichten. Zieht das nicht eineEinschränkung auf der Verständigungsebene nach sich? Isteine gemeinsame Sprache, in der sich beide Partner gleichwohl fühlen, für eine gelungene Kommunikation nichtunerlässlich? Das gilt natürlich in besonderem Maß für Partneraus der ersten Generation. Am Anfang ist das Wörterbuchwohl das ständige Accessoire vieler Paare. Die Hochphasender Verliebtheit mögen solche kleinen Widrigkeiten nochunwichtig erscheinen lassen. Doch sieht das später im Alltagnicht ganz anders aus? Bei Partnern aus der zweiten Generation, die ihre Kindheitund Schulausbildung in Deutschland verbracht haben, sindkaum praktische Schwierigkeiten in der Verständigung zuerwarten. Doch mit der Sprache ist auch eine emotionaleEbene verbunden. Transportiert sie nicht außerdem inbesonderer Weise Kultur? Werden die türkischstämmigen
  19. 19. Partner nicht eine Ebene in ihrer Beziehung mit einemdeutschen Partner vermissen? »Auf Türkisch lässt sichmanches viel besser ausdrücken. Mit anderen Türken wechseleich gerne in meine Muttersprache, wenn ich etwas Emotionalesbesprechen möchte. Da passt das Deutsche nicht so gut«,berichtet eine türkischstämmige Frau. Wird sie also dieseEmotionalität mit ihrem deutschen Partner in der Form, die ihram liebsten ist, nicht austauschen können?KinderUnd was wird mit den Kindern werden? Werden siezweisprachig erzogen werden? Droht so nicht die Gefahr, dasssie beide Sprachen nur halb beherrschen? Wird sich derdeutsche Partner nicht aus dem Gespräch ausgeschlossenfühlen, das der türkischsprachige Elternteil mit den Kindernführt? Wie wird die Kommunikation mit den türkischenSchwieger- und Großeltern stattfinden? Wird dieser Austauschauf Oberflächlichkeiten beschränkt bleiben müssen, weil diegemeinsame Sprache fehlt? Diesen Kindern wird durch ihre Eltern und deren Familieneine große Variationsbreite an Lebensmöglichkeiten gezeigt.Werden diese Kinder sich nicht letztendlich hin und hergerissen und heimatlos fühlen? Werden sie überhaupt einegesunde Identität entwickeln können?Interviewte PaareIch habe mit insgesamt 42 Paaren Gespräche geführt. Diemeisten von ihnen verfügen über eine langjährige Erfahrung inBezug auf deutsch-türkische Partnerschaften: Immerhin sind15 von ihnen länger als 20 Jahre zusammen, 13 länger als zehnJahre und nur zwei der Paare blicken auf weniger als vier JahreBeziehungserfahrung zurück.
  20. 20. Unter den Paaren entsprach die Geschlechterverteilung derder bundesdeutschen Zahlen: Die Männer türkischer Herkunft,die mit deutschen Frauen in einer Partnerschaft lebten, warenin der Mehrzahl – 26 Männer gegenüber 16 Frauen. Allerdingswar das Verhältnis unter den jüngeren Paaren umgedreht:Unter ihnen gab es nur noch drei türkischstämmige Männergegenüber 16 türkischstämmigen Frauen. Immer wenn zwei Menschen sich wirklich intensiv begegnenwollen, müssen sie kommunizieren, sich aufeinander einlassen,den anderen in seinen Besonderheiten kennen und verstehenlernen. Letztendlich gilt das natürlich auch für jedesmonokulturelle Paar. Doch während deutsch-deutsche odertürkischtürkische Paare meistens davon ausgehen mögen, dasssie gewisse Grundüberstimmungen voraussetzen können, sindsich bikulturelle Paare von vornherein dessen bewusst, dass sieviel reden und erklären müssen. Doch wie diese Paarebeweisen, muss sich das Wissen um die Notwendigkeit vonwahrhaftiger Kommunikation nicht als Nachteil herausstellen. Alle Paare in einem Porträt vorzustellen, hätte den Rahmendieses Buches gesprengt. Um sie trotzdem alle zu Wortkommen zu lassen, habe ich ihre Erfahrungen im Schlussteilversucht zusammen zu stellen. Die persönlichen Daten derPaare wurden bis auf zwei (Aydan Özoguz und MichaelNeumann, Stella und Ömer Özdil, die auf dem Titelbild zusehen sind) anonymisiert: Ihre Namen wurden geändert undihre Altersangaben zum Teil verschleiert. Mancher wird vielleicht die Berichte über gescheiterteBeziehungen vermissen. Doch dieses Buch soll gerade von denPaaren berichten, die ihr Beziehungsprojekt erfolgreichgestalten konnten. Es will sich den Fragen und Antwortenwidmen, die sie in ihrem privaten kulturellen Dialog gefundenhaben. Vielleicht können sie Anregungen für dengesamtgesellschaftlichen Dialog geben, der in Deutschland
  21. 21. noch intensiviert werden muss. Dieses Buch ist somit eher alsErgänzung zu den Berichten von gescheiterten Beziehungen zuverstehen, die naturgemäß schnellere Verbreitung finden alsdie, die von gelungenen Verbindungen erzählen.
  22. 22. I Interviewpartner der ersten GenerationDie erste Einwanderergeneration hat sich häufig im Zuge derGastarbeiteranwerbung ab 1961 nach Deutschland aufgemacht.Zu über 80 Prozent handelte es sich dabei um junge Männer,da sie für die Wirtschaft am interessantesten erschienen.Weniger bekannt ist, dass auch zu circa 19 Prozent Frauennach Deutschland gekommen sind, um hier hauptsächlich inden Fabriken, die auf kleinteilige Handarbeit angewiesenwaren, Geld zu verdienen. Wie die Männer, haben sie sichmeist eigenständig aufgemacht, um hier für sich und ihreFamilie Geld zu verdienen und gleichzeitig ihre eigenenZukunftschancen zu erhöhen. Für viele von ihnen war es einbewusster Aufbruch in eine andere, unbekannte Welt. Viele sind nicht nur zum Arbeiten gekommen. Nicht wenigeverbanden mit ihrem Zuzug nach Deutschland die Hoffnungauf mehr Bildung. Sie kamen vorrangig um zu studieren undarbeiteten nur nebenher, um ihre Lebenshaltungskosten zudecken. Gerade diese spezielle Gruppe der erstenEinwanderergeneration wollte Neues in Deutschland für sichentdecken und war somit besonders aufgeschlossen fürKontakte zu »Einheimischen«. Die interviewten Partner der ersten Generation spiegeln dieverschiedenen Gruppen wieder: Eine der Frauen hat in einerFabrik gearbeitet, eine zweite in einem Krankenhaus. Eintürkischer Ehepartner war als Erntehelfer tätig. Bei denübrigen, die in die Altersgruppe der 60- bis 70-Jährigen fallen,handelt es um eine Frau und zwei Männer, die alsUnternehmer, für ein Auslandsjahr und als Medizinstudent
  23. 23. nach Deutschland gekommen sind. Sie stammen aus eherprivilegierten Schichten der Türkei. Eins der Paare lebt heutein der Türkei.
  24. 24. Aus ihrer langjährigen Ehe sind zwei Kinder hervorgegangen. Sie freuen sich schon auf ihr Rentenalter, das sie in ihrem Ferienhaus in der Türkei verbringen wollen. Er: Wir streiten uns nie. Und wenn es mal etwas lauter wird, sage ich einfach:So, gut ist jetzt! Dann gibt es ein Küsschen und alles ist wieder in Ordnung. Für mich hat diese Ehe nur Gutes gebracht DEUTSCHER SCHNAPSBRENNER, 57 & TÜRKISCHE FLIESSBANDARBEITERIN, 56»Ich war in einer Destillation für Alkohol im Laborbeschäftigt. In den Siebzigern wurden in der Firma vieleGastarbeiterinnen für die Arbeiten am Band angeheuert. 1971kam dann auch meine jetzige Frau. Die Arbeiterinnen gingenzur Mittagspause immer an unserem Fenster vorbei. WirMänner riskierten natürlich gerne mal den einen oder anderenBlick. Meine Frau fiel mir gleich auf. Sie war sehr hübsch. Ichversuchte Blickkontakt zu bekommen, doch das gelang mirimmer nur für winzige Momente.« Karl erinnert sich nochganz genau an den Anfang seiner Beziehung zu Meliha. Sie kann erklären, warum ihm die Kontaktaufnahme soschwer fiel: »Die anderen Türkinnen, mit denen ichzusammenarbeitete, passten sehr gut auf. Wir Jungen solltenuns auf keinen Fall mit den Deutschen einlassen.« Für sozialeKontrolle war also auch im fernen Deutschland gesorgt. Wohlzu Recht, wer konnte damals schon richtig einschätzen, wasdie deutschen Männer von den türkischen Frauen wollten. Dadie Frauen alle zusammen im Wohnheim gegenüber der Firma
  25. 25. untergebracht waren, war diese Gemeinschaft rund um die Uhrgegeben. Es wurde zusammen eingekauft, gekocht, gegessenund geschlafen. Fernseher und Radio gab es nicht. »Ich habe mich gefühlt wie im Gefängnis, ich wollte sofortwieder nach Hause. Ich habe nur geweint«, erinnert sichMeliha. Der Rat ihrer Tante hatte sie nach Deutschlandgebracht. In der Türkei hatte Meliha in der Nähe von Izmir dasGymnasium besucht und das Abitur gemacht. Doch dieMöglichkeit eines Studiums war aufgrund der finanziellenBeschränktheit der Familie nicht gegeben. So schlug ihreTante, die als Zahnärztin in Hannover arbeitet, vor, sich für einArbeitsjahr in einer deutschen Fabrik zu verpflichten, Deutschzu lernen und danach ein Studium in Hannover zu beginnen.Doch soweit kam es nicht. Die Liebe kam Meliha dazwischen.»Du hast meine Karriere verhindert«, meint sie halbscherzhaft, halb ernst zu ihrem Mann. Der entgegnet mit demihm eigenen, trockenen Humor: »Aber du bist eine tolleHausfrau und Mutter geworden.« Die Einsamkeit, die Meliha seit ihrer Ankunft in Deutschlandempfand, mag ein Katalysator für ihre Beziehung gewesensein. Sie fühlte sich so allein in der Fabrik und demWohnheim, dass das Interesse dieses Mannes, der ihr so offenund hilfsbereit entgegentrat, einfach gut tat. Doch zunächstwurde Karl einer sorgsamen Prüfung unterzogen. Und zwardurch die Wohnheimbewohnerinnen. Nachdem er zahlreicheVersuche unternommen hatte, sich mit Meliha zu verabreden,wurde er endlich zu einem Kaffeetrinken ins Wohnheimeingeladen. »Das war eine Überraschung«, erzählt Karl. »Soetwas kannte ich ja gar nicht. Alle Frauen bedienten mich. Siereichten mir Kaffee oder Tee, ganz wie ich wollte. Sie hattenextra Teigrollen für mich zubereitet. Es war herrlich, sofürstlich bedient zu werden. War ich vorher schon von meinerhübschen Frau begeistert, so überzeugte mich diese
  26. 26. Gastfreundlichkeit noch zusätzlich.« So positiv wie KarlsUrteil fiel auch das der Frauen für ihn aus: »Sie fanden michwohl auch sympathisch«, vermutet er. Da Karl schon damals ein Auto hatte, durfte er als nächstesMeliha für eine Urlaubsreise in die Türkei zum Flughafenbringen. »Ich erinnere mich noch: Sie saß hinter mir im Autound zupfte mir ganz leicht in meinem Nacken am Haar. Daschöpfte ich Hoffnung: Vielleicht hatte sie also auch an mirInteresse.« Denn das zeigte sie ansonsten kaum. Sehrzurückhaltend sei sie damals gewesen. Verständlich nach denWarnungen der Frauen. Erschwerend kam sicherlich hinzu,dass die Orientierung in einem neuen Land mit seinen Regelnund Gepflogenheiten sehr schwer fällt, wenn man die Sprachenicht beherrscht. »Doch unsere Verständigung hat immer gutgeklappt«, findet Karl. Zuerst half das Wörterbuch, dann lernteseine Frau einzelne Wörter und bald bildete sie schon Sätze. Erfand, sie lernte sehr schnell. Meliha fasste allmählich Vertrauen zu Karl. SeineHartnäckigkeit hatte sich doch ausgezahlt: Endlich wagte sie,ihr Interesse zu zeigen. Doch was würden ihre Eltern dazusagen? Der Zeitpunkt war gekommen, dass die beiden ihreFamilien einweihen mussten. Bei seiner eigenen sah Karl keineProbleme. »Sie waren ganz offen. Sie hatten keinerleiBedenken, dass eine Türkin nicht zu mir passen würde«, meinter. »Bei ihnen galt immer: Hauptsache du bist glücklich.« BeiMeliha hatten sie wohl keine Zweifel, dass Karl es werdenwürde. »Sie waren von Meliha gleich begeistert«, erinnert ersich noch. Doch bei ihrer Familie waren mehr Bedenken zuerwarten. Ganz geschickt holten sie zunächst die Zustimmungder Tante in Hannover ein. War diese erlangt, hofften sie, dassdie Tante Melihas Vater positiv beeinflussen würde. So kam esauch. Die Telefondrähte glühten, denn der Vater war zunächst
  27. 27. gar nicht begeistert. »Doch er hat ein weiches Herz«, weißMeliha. So stimmte er zum Schluss doch zu. Einer Reise in die Türkei stand also nichts mehr im Weg. ZurVerstärkung nahm Karl seinen Bruder mit. »Und der hat sichdoch tatsächlich gleich in Melihas Freundin verliebt, sie spätergeheiratet und mit nach Deutschland gebracht.« Eingemeinsamer Lebensabend der Vier in der Türkei war schongeplant und vorbereitet. Doch es kam anders: Karl Bruder istletztes Jahr überraschend an Krebs gestorben und seine Frau zuihren Verwandten in die Türkei zurückgegangen. Die Aufnahme in Melihas Familie empfand Karl nach dengeleisteten Vorarbeiten als sehr herzlich. Er fühlte sich sehrwohl und zeigte es auch. Die Eltern bekamen den Eindruck:Dieser Schwiegersohn wird unsere Tochter gut behandeln undgaben ihre endgültige Zustimmung. Ein halbes Jahr später wardann die Hochzeitsfeier in der Türkei. Drei Zeitungen warenvor Ort erschienen, um über dieses ungewöhnliche Ereignis zuberichten. Das Ehepaar zeigt eine gut bestückte Mappe mitvergilbten Zeitungsausschnitten. Immer noch ist sehr gut zuerkennen, was für ein schickes, flottes Paar die beiden damalsabgegeben haben. Er selbst stand seiner Frau in PunktoAussehen in nichts nach: Der stattliche Mann mit seinemgepflegten Riesenschnauzbart und den langen Kotelettenmachte eine gute Figur. Er fügte sich somit schon allein vomÄußeren wunderbar in die türkische Hochzeitsgesellschaft ein,deren männliche Vertreter ebenfalls alle schnauzbärtig waren. Zurück in Deutschland gestaltete sich das Eheleben derbeiden unproblematisch. Sie arbeiteten zunächst gemeinsamim Labor. Aufgrund ihrer guten Vorbildung war Melihabefördert worden. Sie sprach Englisch und so klappte auch diefachliche Verständigung mit dem Chef. Am Wochenendebesuchte man sich mit den türkischen Familien imnachbarschaftlichen Umfeld. Karl erinnert sich gerne an die
  28. 28. geselligen Tage in großer Runde. »Wir haben immerwunderbares Essen auf dem Tisch gehabt.« An schwerwiegende Diskrepanzen können sich beide nichterinnern. »Gestritten haben wir uns nie.« Seine Frau nickt:»Nie ernsthaften Streit.« Karl ergänzt: »Das war bei uns so:Nach einer Auseinandersetzung ist man kurz beleidigt, danngeht man wieder hin, spricht darüber und verträgt sichwieder.« Karl verrät sein Zauberwort: »Wenn es doch mal zueinem Streit gekommen ist, dann sag’ ich einfach: Jetzt ist abergut!« Seine Frau beugt sich vor. In einem Punkt muss sie ihrenMann doch korrigieren: »Meist bin ich es, die den erstenSchritt macht. Uns Frauen fällt das einfach leichter. Ich nehmeihn in den Arm, küsse ihn und es ist wieder in Ordnung.« Dann kündigte sich das erste Kind an, und Meliha unterbrachihre Arbeit. Sobald der zeitliche Freiraum mit dem Kleinenwieder etwas größer war, kam sie in Teilzeit zurück. Nach demzweiten Kind gelang das allerdings nicht mehr. DieGetränkefirma war inzwischen Pleite gegangen. Ihr Mann hatteArbeit in der Postdienststelle eines Krankenhauses gefunden,und Meliha ging zur Post. Als Briefesortiererin konnte sie ihreSchicht so legen, dass stets eine Betreuung der beiden Kindergegeben war. Kam ihr Mann nach Hause, ging sie zur Arbeitund er kümmerte sich um die Kleinen. »Mein Mann hat immerviel mit ihnen gespielt, Hausaufgaben gemacht und gelernt. Sohaben sie auch so gut Deutsch gelernt.« Sie selbst hätte ihnendabei weniger gut zur Seite stehen können, denn sie benutztdas Deutsche bis heute nur als Mittel der mündlichenVerständigung. Die Notwendigkeit, sich mit Grammatik undSchriftdeutsch zu beschäftigen, hat sich in ihrem Leben nichtergeben. »Ich habe mit meinen Kindern Türkisch geredet. MeineTochter kann es heute neben Deutsch perfekt. Mein Sohn hatleider vieles vergessen.« Wie auf ein Stichwort hört man einen
  29. 29. Schlüssel in der Tür. Karl guckt verschmitzt auf: »Ich habemeinen Sohn gebeten heute kurz vorbeizukommen. Und er hates gemacht«, freut er sich. Ein smarter Mann Anfang zwanzig kommt zur Tür herein. Ernimmt Platz und bestätigt den letzten Teil der Erzählung seinerEltern. Als Kleinkind habe er mit seiner Mutter Türkischgesprochen, aber es im Laufe seiner Jugend wieder verlernt.Heute bedauert er ein wenig, auf seine zweite Spracheverzichtet zu haben. »Aber Türkisch ist ja keine Weltsprache«,tröstet er sich. »Lange Zeit wusste ich nicht, wohin ich michgezogen fühlte. Ich habe ja einen Doppelnamen. Da haben dieLeute schon gefragt: ›Wo kommst du denn her?‹ Bin ich nunDeutscher, bin ich nun Türke? Letztendlich habe ich wohlbeide Kulturen in mir.« Seine Mutter merkt scherzhaft an: »Dumüsstest dich Hälfte, Hälfte durchschneiden!« Doch ihr Sohnhat für sich andere Prioritäten gesetzt: »Ich hatte eigentlich nurdeutsche Freunde und ging auf eine deutsche Schule. DasDeutsche war mir einfach wichtiger. Ein paar Mal habe ich aufden jährlichen Türkeiurlaub mit der Familie verzichtet, und soverlor das Türkische für mich immer mehr an Bedeutung.« Erfindet, dass sich seine Strategie ausgezahlt hat: Er arbeiteterfolgreich als Versicherungskaufmann und freut sich, in derdeutschen Gesellschaft einen guten Platz gefunden zu haben. Die um ein paar Jahre ältere Tochter hat da eine andereRichtung eingeschlagen. »Sie ist mehr wie türkischeMädchen«, meint die Mutter. »Jungen gegenüber ist sie sehrzurückhaltend. Sie achtet immer auf ihre Kleider. Sie will, dassihr Körper bedeckt bleibt, auch in der Türkei, wenn alleanderen im Bikini herumlaufen. Da sage ich schon mal zu ihr:Nun zieh dir mal was Schönes an, aber das will sie nicht.« InDeutschland ist die Tochter gerne zu Hause. Sie hilft ihrerMutter freiwillig im Haushalt und häkelt und strickt mit ihr.»Das sage ich ihr nicht, das kommt von innen heraus«,
  30. 30. versichert die Mutter. Abends gucken die beiden gernezusammen türkisches Fernsehen. Ihr Bruder sagt über sie: »ImGegensatz zu mir hat sie das Türkische weiter gepflegt. Sieliebt die Türkei mehr als ich. Für mich ist es nur einUrlaubsland.« Auch der Vater bestätigt: »Sie hat viel von unsmitbekommen: Sie liebt das Türkische und die Türkei so wiemeine Frau und ich.« So ist es wahrscheinlich kein Zufall, dassder Sohn eine deutsche Freundin und seine Schwester einenVerlobten in der Türkei hat. In Religionsfragen kamen die Ehepartner schnell auf einengemeinsamen Nenner. »Religion, damit hatten wir gar keinProblem, und das, obwohl ich sogar katholisch bin. Für michgibt es nur einen Gott«, meint Karl. »Genau«, bestätigt seineFrau. »Die Menschen teilen Gott, es gibt aber nur eine Kraft.Mitleid haben und Gefühle zeigen ist der richtige Glaube«, istsie überzeugt. In diesem Geiste sei sie schon von ihren Elternerzogen worden. Der Sohn bestätigt diese Haltung: »So habendas meine Eltern auch in meiner Erziehung gemacht. Sie habenmich gelassen, deswegen bin ich bis heute auch nochreligionslos. Ich kenne mich mit den verschiedenen Religionenzu wenig aus, deswegen will ich mich da nicht festlegen. EinGlaube ist dennoch wichtig, damit man etwas hat, wenn eseinem schlecht geht. Ich glaube an mich und meine Leistung«,überlegt er. Mit einem Blick auf seinen Vater fügt er schnellhinzu: »Und an meine Familie.« Der letzte Satz verfehlt seine Wirkung nicht: »Ja, wir fühlenuns sehr verbunden«, bestätigt der Vater und lächelt zufrieden. Die Familie fährt jedes Jahr in die Türkei. Sie genießt denunbeschwerten Urlaub in dem noblen Ferienhaus der Tante ausHannover. Bodrum ist für Karl der ideale Ferienort. Er liebt dieAussicht von der Terrasse auf das blaue Meer bei strahlendemSonnenschein. Viele Videos und Fotos lassen immer wiederdie schönen Urlaubserinnerungen aufleben, wenn man im
  31. 31. weniger sonnigen Norddeutschland ist. Schnell sind zweiFotosammlungen aus dem letzten Jahr zur Hand und belegendie Erzählungen. Doch neben den landschaftlichen Vorzügen freut sich derEhemann auch an weiteren Annehmlichkeiten. Er liebt es, zumFriseur oder ins Hamam, ins türkische Bad, zu gehen. Stets ister begeistert vom äußerst zuvorkommenden Service und demherzlichen Umgang. Gerne geht er mit seiner Frau ineinheimische, einfache Lokale und freut sich, wenn er dort alsTürke angesehen wird. »Ich überlasse meiner Frau das Redenund nicke nur oder murmele eine Antwort. So werden wirbeide wie Einheimische behandelt.« Wenn seineSchauspielerei dann doch durchschaut wird, wird die Reaktionnoch freundlicher. »Wenn sie herausbekommen, dass ichDeutscher bin, dann sind sie noch netter und bedienen michnoch eifriger.« Dann geht es ihm genauso wie einemUrlaubsgast, den sie dort einmal kennen lernten. »Dieser sagtemir, er würde sich schämen, wenn er daran denkt, wie dieTürken bei uns in Deutschland behandelt werden.« Karl freutsich schon auf die Zeit nach seiner Rente, wenn sie ihreAufenthalte in der Türkei nach Lust und Laune ausdehnenkönnen. Einiges hat sich für Meliha in Deutschland erfüllt: Sie hateinen Ehepartner gefunden, mit dem sie eine harmonische Eheführt, und sie hat zwei Kinder zu »ordentlichen« Menschenerzogen. Eines konnte sie jedoch nicht erreichen: IhreWünsche nach mehr Bildung und beruflichem Erfolg bliebenein Traum. Doch sie tröstet sich damit, dass dieser Verlauf ihrSchicksal war. »Wir Türken glauben an die Vorsehung. Schonals meine Mutter schwanger war, ist mein Lebenswegvorgezeichnet worden.« Ihr Mann lässt seiner Fantasieunbeschwert freien Lauf: »Also hätten wir uns wahrscheinlichauch kennen gelernt, wenn du Zahnärztin geworden wärest. Ich
  32. 32. wäre also z. B. zur Messe gefahren, hätte Zahnschmerzenbekommen und wäre zu dir gekommen«, malt er sich aus. Karl kann sich dagegen ganz uneingeschränkt über seine Ehefreuen: »Ohne Meliha hätte ich nie die Möglichkeit gehabt, dieTürkei kennen zu lernen und dort wie ein Einheimischer imFerienhaus leben und die kulinarischen Köstlichkeitengenießen zu dürfen. Das habe ich meiner Frau zu verdanken.Durch sie habe ich viel gelernt. Diese Herzlichkeit, dieseGastfreundschaft, diesen liebevollen Umgang habe ich durchsie kennen gelernt. Darüber freue ich mich und versuche dannauch, es in meinen Alltag einzubauen. So bekommt man dochimmer wieder Anregungen, sich zu verändern.« Er nickt nocheinmal bestätigend: »Ich habe durch meine Frau wirklich nurGutes bekommen.«
  33. 33. Sie trat mit 16 zum Islam über. Ihren türkischen Mann traf sie in Österreich. Ihre klaren Vorstellungen von derAufgabenteilung in einer Ehe passten hervorragend zu seinen. Der erfolgreiche Selfmade-Mann: Die Türken haben ihre Chance in Deutschland verpasst. Jetzt kommen die Russlanddeutschen. Die Türken haben ihre Chance verpasst DEUTSCHE TURKOLOGIN, 63 & TÜRKISCHER GESCHÄFTSMANN, 67Annemarie hatte schon früh eine klare Zielvorstellung für ihrLeben. Sie wurde in einer wohlhabenden Akademikerfamilieals Nesthäkchen und einzige Tochter geboren. Wohlbehütetwuchs sie auf, erzogen von ihrem dominanten Vater undumsorgt von ihrer Mutter. »Ich genoss die klaren Strukturen inihrer Aufgabenteilung«, sagt die 63-Jährige heute. »Diewünschte ich mir auch für mein eigenes späteres Leben.« DieRegeln der christlichen Lehre, die ihr von ihren Elternvermittelt wurden, waren ihr dagegen zu locker. »Ich suchteauch in diesem Bereich nach eindeutigerenOrientierungsmarken«, sagt sie. Im Islam fand das Mädchendie gesuchten Strukturen, die ihr hervorragend zu ihremsonstigen Lebenskonzept zu passen schienen. Dieostpreußische Tochter trat mit 16 zum Islam über. »Die Geschichten aus tausendundeiner Nacht mögen meinenHang zum Orientalischen noch unterstützt haben«, scherzt diegepflegte Frau mit den locker hochgesteckten, schwarzenHaaren. Folgerichtig begann sie nach dem Abitur, Turkologie
  34. 34. zu studieren. »Damals ein Studiengang, der nie endete undkeinen Abschluss anbot«, berichtet sie. »Für mich damit genaudas Richtige: Ich wollte mich schließlichgeisteswissenschaftlich bilden und keinen Beruf erlernen.«Darin stimmte sie völlig mit ihren Eltern überein. »Ich solltegenau wie meine Mutter eine gebildete Ehefrau und Mutterwerden.« Das war der Wunsch ihrer Eltern und ihr eigener. Während ihres Studiums verbrachte Annemarie ein halbesJahr in der Türkei. »Meine ganze Familie erwartete, dass ichmit einem türkischen Ehemann zurückkehren würde.Schließlich hatte ich oft genug erklärt, dass für mich keinDeutscher sondern nur ein Türke in Frage käme.« Doch widerErwarten kam sie ohne diesbezügliche Neuigkeiten zurück.»Meine Eltern waren erleichtert. Die Gefahr, dass sie mich andie Türkei verlieren würden, schien gebannt.« Unerwartet bot sich die Gelegenheit dazu auf einem ganzanderen Terrain. »Mein Vater war ein kluger Mann. Als ich 27war, erkannte er, dass die Zeiten sich geändert hatten.Mittlerweile sollte auch die Frau einen Berufsabschluss haben,denn nicht mehr alle Ehen hielten ein Leben lang.« Was kamfür sie in Frage? »Eine Ausbildung zur Übersetzerin bot sichan. Ich konnte schließlich schon perfekt Türkisch sprechen.«Doch die wurde zu der Zeit nur in Österreich angeboten. Alsomachte sich Annemarie auf den Weg nach Graz. Am zweitenTag nach ihrer Ankunft ging sie in die katholische Mensa zumMittagessen. »In der Schlange hörte ich jemanden Türkischreden. Da ich mir nicht ganz sicher war, in welchen GerichtenSchweinefleisch war, sprach ich den jungen Mann an.« Demwar dieser Gesichtspunkt beim Essen zwar völlig egal, aber erhalf der aparten, perfekt Türkisch sprechenden Frau gerne. Solernte Annemarie in Österreich ihren türkischen Ehemannkennen: Sayhan, den Doktorand im Fach Rechts- undStaatswissenschaften.
  35. 35. Schnell stellte sich heraus, dass sie gut zusammenpassten.Auch Sayhan kam aus einem gutbürgerlichen Elternhaus, dassich zu den besseren Kreisen Ankaras zählen durfte. Auch erstrebte eine klassische Aufgabenverteilung in der Familie an.Auch ihm war der Bildungsgrad seiner zukünftigen Frau sehrwichtig. »Trotz unseres unterschiedlichen Herkunftslandes gabes in unseren Familienstrukturen sehr vieleGemeinsamkeiten«, meint Annemarie. Sie wurden sich schnelleinig. Nach dem Erlangen seiner Doktorwürde sollte geheiratetwerden. Doch ein Punkt blieb vorläufig noch strittig. »Ichwollte unbedingt in der Türkei leben«, berichtet Annemariemit einem Augenzwinkern. »Ich stellte es mir wunderbar vor,in einem großen Akademikerhaus in Ankara zu wohnen undmit der Großfamilie zusammen am gesellschaftlichen Lebendort teilzunehmen«, erklärt sie. Doch für Sayhan kam das nichtin Frage: »Ich wollte etwas erreichen, und zwar ohne meinenVater. Ich wollte nicht auf dem aufbauen, was er schongeschaffen hatte, sondern ganz alleine meine Zieleverwirklichen«, erläutert der gewichtige Mann. Das hat erheute erreicht: Er ist ein sehr erfolgreicher Geschäftsmanngeworden, der es in Deutschland weit gebracht hat. »MeinName steht in goldenen Lettern an einem historischenKontorhaus direkt unter dem einer sehr berühmten deutschenFirma«, stellt er mit unüberhörbarem Stolz in der Stimme fest. Seinen Erfolg genießt er heute in ihrer gemeinsamen, sehrluxuriös ausgestatteten Villa. Alle Wände im Herrenzimmer, indem das Gespräch stattfindet, sind mit dunklem Holzverkleidet, das mit Intarsien verziert ist. Die Decke bestehtganz aus Glas. Neben der komfortablen Sitzgruppe ausbraunem Leder nimmt der riesige Schreibtisch mit dem PC dengrößten Raum ein. Wenn Sayhan wegen seinerRückenschmerzen nicht mehr sitzen kann, steht er immer malwieder auf, geht zu seinem bequemeren Designer-
  36. 36. Schreibtischsessel und zaubert mit ein paar routinierten Klicksaus dem PC die passenden Fotos zu seiner Erzählung hervor.Auch mit Mitte 60 findet dieser Mann den Ruhestand wenigerstrebenswert. Er will ständig auf dem Laufenden bleiben undso lange im Geschäftsleben mitmischen, wie er kann. Für seine Frau kein Problem. »Wir waren uns stets einig:Jeder von uns hat in seinem Aufgabenbereich seinenFreiraum.« Annemarie nutzt ihren mittlerweile, um wieder andie Uni zu gehen. Ihr Mann lächelt zufrieden: »Ich war sehrglücklich über unser Arrangement. Ich konnte so abgearbeitetsein, wie ich wollte; wenn ich zu dir nach Hause kam, konnteich mich erholen. Unser gemeinsames Heim hast du für michzu einem Hort der Geborgenheit gemacht«, findet er lobendeWorte für seine Frau. Annemarie bestätigt: »Für mich war esebenfalls perfekt: Ich konnte in Ruhe meinen sozialenAufgaben in unserer Familie nachgehen, während du denäußeren Rahmen gesichert hast.« Die Rechnung scheint fürbeide Seiten aufgegangen zu sein. Doch zunächst waren ein paar Hindernisse zu überwinden.Annemarie lacht: »Da meine Eltern nach meiner Türkeireise soerleichtert waren, dass ich keinen Türken gefunden hatte,mochte ich ihnen nicht gleich mitteilen, dass ich ihn nun inGraz entdeckt hatte.« Sie grinst: »Es gab ein Bild mit Sayhanin einem österreichischen Trachtenanzug. Da er blond ist,nahm ich das und schrieb darunter: ›Das ist mein VerlobterFranz Haselhuber‹ und schickte es an meine Eltern. Diemeinten, dass er sympathisch aussehe und dass ich ihn baldeinmal vorstellen müsste.« Als dieser Besuch immer näherrückte, suchte Annemarie nach einem geeigneten Zeitpunkt,Sayhan zu beichten, als wen sie ihn angekündigt hatte. Erst aufdem Flughafen fand sie endlich den Mut: »Mein stolzer Mannwar gekränkt, drehte auf dem Absatz um und ließ mich alleinezu meinen Eltern fliegen. ›Klär das erst mal ohne mich!‹«
  37. 37. Das tat Annemarie. »Mit klopfendem Herzen wurde ich vonmeiner Mutter in das Herrenzimmer meines Vaters geführt. Erliebte mich zwar, aber was würde er zu meiner Schwindeleisagen? Stotternd erklärte ich ihm, warum ich alleinegekommen war.« Doch alle Bedenken waren umsonstgewesen. Ihr Vater meinte nur: »Ja, Mädchen, wenn du ihnliebst und mit ihm glücklich wirst, ist das doch kein Problem!«Annemarie polterte ein Stein vom Herzen. Sie neckt ihrenMann: »Aber du hast dich dann noch etwas bitten lassen.« Erlacht zurück. »Ja, einen halben Monat habe ich dich schmorenlassen, bis ich zu deinen Eltern nachgekommen bin.« Wenn dieAufnahme von der deutschen Seite dann auch eher preußischherb als orientalisch herzlich ausfiel, so war der gestrengeVater doch der Ansicht: Mit diesem Mann, der wusste, was erwollte, hatte die Tochter wohl einen guten Fang gemacht. Ganz anders verhielt es sich auf der türkischen Seite. »Dochich wusste im Unterschied zu meinem Mann vorher nichtsdavon«, meint Annemarie. Ganz unvorbereitet kam sie bei derfeinen Familie in Ankara zu ihrem Antrittsbesuch an. »DerVater guckte mich nicht an und die Mutter auch nicht, denn siefolgte in allem ihrem Mann. So stand ich ganz alleine da. Einefurchtbare Situation. Einzig die Großmutter war lieb zu mir.Am liebsten wäre ich zu ihr unter ihren Rock gekrochen undnicht mehr hervorgekommen.« Da war diese perfekt Türkischsprechende, zum Islam übergetretene Frau nun in das Landihrer Träume gekommen und musste feststellen, dass sie alsunpassend angesehen wurde. »Doch ich war niemandemböse«, erklärt Annemarie. »Während mein Verlobter mitseinem Vater schimpfte und ihm Vorwürfe machte, empfandich ihre Reaktion nur als gerechtfertigt. Schließlich war ichdiejenige, die ihr System störte. Ich hatte einen Fehler, ich wardeutsch. Das verstand ich nur zu gut und akzeptierte ihreAblehnung als gerechte Strafe für mein Anderssein.«
  38. 38. Annemarie kann sich heute über ihre früheren Ansichtenamüsieren: »So war ich damals eingestellt: mit einem riesigenSchuldkomplex behaftet!« Sie erzählt weiter: »Die Wendung in der Reaktion derFamilie brachte schließlich die Großmutter. Sie sprach mitihrem Sohn ein Machtwort. Da in der Türkei die Söhneglücklicherweise auf ihre Mütter hören, wurde ich aufgrundihrer Einwirkung endlich akzeptiert.« Zunächst bekamAnnemarie von ihrem Schwiegervater einen neuen türkischenNamen. »Ich konnte das damals als Zeichen der Akzeptanzwerten«, meint sie ganz ohne Ironie. Die Vorbereitungen zu den Hochzeitsfeierlichkeitenbegannen. »Zuerst gab es eine Versprechensfeier mitvierhundert Gästen, danach eine Hochzeitsfeier mitsiebenhundert Gästen, zu der auch meine Eltern angereistwaren.« Da prallten noch einmal Welten aufeinander.»Obwohl die beiden Väter sich in ihren patriarchalischenStrukturen sehr ähnlich waren, waren sie doch sehrunterschiedlich in der Art der Kommunikation. Während meinVater in seiner ostpreußischen, klaren Art gerne kurz undknapp seine Standpunkte zum Besten gab, näherte sichSayhans Vater erst in langsamen, orientalischenKreisbewegungen der eigentlichen Kernaussage.« Annemarielacht. »Aber da wir übersetzen mussten, konnten wir dieseDiskrepanzen diskret ausbalancieren. Sie merkten nicht vieldavon.« Nach diesen zwei großen pompösen Feiern fuhr das Ehepaarnach Deutschland. Denn nun sollte hier gefeiert werden.Schließlich musste auch die deutsche FamilienseiteGelegenheit haben, die Heirat der Tochter in gebührendemRahmen der Gesellschaft zu präsentieren. »Also kam nun eineVerlobungsfeier mit fünfhundert Gästen und eine Hochzeit mitachthundert Gästen.« Alles im ersten Haus am Platze, einem
  39. 39. luxuriösen Fünfsternehotel. »Mein Vater kannte den Probsthöchstpersönlich, so konnten wir als Muslime sogar in derKirche heiraten«, erzählt Annemarie. »Vielleicht hat unsere Ehe deswegen so lange gehalten, weilwir gleich viermal geheiratet haben«, vermutet ihr Mann undlacht. Annemarie weiß einen weiteren Grund: »Wir streitenuns nie.« Sie erklärt: »Wir werden nie laut miteinander. Wennwir unterschiedlicher Meinung sind, tauschen wir unsereStandpunkte immer sachlich und in Ruhe aus.« Denn sie istüberzeugt: »Ein böses Wort, das einmal aus dem Mund herausist, kann man nicht wieder zurückholen. Also muss man sichvorher genau überlegen, was man sagt.« Disziplin und Respektstellen für beide Ehepartner unumstößliche Werte dar. Nach ihren unerfreulichen Erfahrungen in der AnkaraerGesellschaft fiel es Annemarie leichter, dem Wunsch ihresMannes zuzustimmen, sich in Deutschland eine Existenzaufzubauen. »Mein türkischer Mann hat mich wieder fürDeutschland geöffnet«, flachst sie. Schon ein Jahr vor ihrer Heirat hatte sich Sayhanselbstständig gemacht. »Meine Eltern hatten sich eineMandarinenplantage als Alterssicherung zugelegt. So fing icherst einmal mit dem Import von Mandarinen an«, berichtet er.Annemarie hatte ein Haus in ihrer Vaterstadt geerbt. So bot essich an, dass das junge Ehepaar dort hinzog. »Doch in demHaus wohnten Mieter. Die Klage auf Eigenbedarf zog sich hin.So zogen wir erst mal zu meinen Eltern. Gerade einen Tagbevor wir die Klage gewannen und ausziehen konnten, istmeine Mutter gestorben. Bei ihr war kurz vorher eineKrebserkrankung entdeckt worden.« Annemarie stockt. »Daswar eine so schreckliche Zeit, dass ich keine Worte für meineGefühle finde.« Sie schluckt und erzählt erst nach einer kurzenPause weiter. »Ich bot meinem Vater an, mit uns in unserneues Haus zu ziehen. Doch mein Vater meinte nur: ›Eine alte
  40. 40. Eiche verpflanzt man nicht mehr.‹ Also sind wir stattdessen beimeinem Vater geblieben.« Zehn Jahre haben sie noch mit ihm zusammengelebt. Er hatmiterlebt, wie seine drei Enkelsöhne geboren wurden undlangsam größer wurden. »Das war die ganze Bandbreite desLebens. Auf der einen Seite das vergehende Leben und auf deranderen Seite das neue, werdende Leben.« Annemarie suchtden Blick ihres Mannes. »Ich kann dir gar nicht sagen, wiedankbar ich dir bin, dass du dem zugestimmt hast. Das ist eineSchuld, die ich dir nie zurückzahlen kann«, sagt sie mitRührung in der belegten Stimme. Ihr Mann schüttelt den Kopfund wehrt ab: »Aber das war doch selbstverständlich.Außerdem hattest du damit eher eine zusätzliche Verpflichtungübernommen, nicht ich. Bei meinem Arbeitspensum habe ichohnehin nicht viel davon mitbekommen.« Er macht eine kleinePause: »Ich denke nicht etwa so, weil ich Türke bin, sondernweil ich es als Person richtig finde, wenn man Verantwortungfür die Familie übernimmt.« Sayhan legt Wert darauf, dass ernicht über seine Nationalität definiert wird. SeineÜberzeugungen speisen sich aus vielen Einflüssen. »Ich binliberal. Ich verstehe mich als weltoffen. Wenn ich einebestimmte Meinung habe, dann ist das meine persönliche«,stellt er klar. Annemarie interpretiert diese Haltung auf ihreWeise: »Wir tragen alle in uns unterschiedliche Anteile, dieuns erst zu einem vollständigen geistigen Wesen machen. Ichhabe zum Beispiel verschiedene Namen, einen türkischen undeinen deutschen. Alle symbolisieren sie einen Teil von mir. Siebilden keine Gegensätze sondern zusammen erst mein ganzesIch.« Ihre drei Söhne sollten auf jeden Fall türkische Namenbekommen. »Mir war das völlig egal«, betont ihr Mann, »abermeiner Frau war das sehr wichtig.« Alle drei wurden zunächstnach islamischen Regeln erzogen, denn Annemarie war es
  41. 41. damals sehr wichtig, als gute türkische Ehefrau und Mutteranerkannt zu werden. »Schweinefleisch gab es bei uns imHause nicht, deshalb bestellte sich mein Mann auch immergerne im Restaurant ein Schnitzel«, meint Annemarie. Ihre Schwiegermutter hatte sie in der Türkei beiseitegenommen und ihr einen guten Tipp gegeben: »Sei wie einPropeller, dann bist du eine gute Frau. Drehe dich ständig umdeinen Mann, dann ist er zufrieden mit dir!« Annemarie erklärtganz sachlich: »Das habe ich streng befolgt. Schließlich fandich, dass dies meine Aufgabe war, die wir in unseremEhevertrag vereinbart hatten. Mein Mann arbeitet außerhalbdes Hauses, und ich sorge für alle Bewohner innerhalb desHauses. Ich war froh, dass er mir alles Äußere vom Halse hielt,also musste ich es ihm im Inneren so angenehm wie möglichmachen.« Sayhan hebt sein leeres Teeglas und stichelt breitgrinsend: »Karim, wo bleibt mein Tee?« Annemarie lacht lautauf. »Das ist für uns immer ein großer Spaß, wenn er mich›Weib‹ nennt. Damit kann man die weiblichen Gästewunderbar provozieren und die männlichen Gäste zum Lachenbringen.« Annemarie nimmt solche Scherze mittlerweile mitHumor und schenkt ihrem Mann nach. Sie greift nach einer Weintraube von dem riesigen Obsttellerund lehnt sich in die Lederpolster zurück. »Denn ich hatte dasGlück, krank zu werden. Ich bekam die Chance, mein Lebenzu überdenken.« Sie erkannte, dass in dem Wunsch nacheigenem Freiraum und eigenem Wohlbefinden nichtsSündhaftes sondern gerade die Voraussetzung für dasWeitergeben von Zufriedenheit liege. Auch ihre Haltung zumIslam definierte sie neu. Sie nahm Abstand von einengendenReglementierungen und erweiterte die religiösen Aspekte umErkenntnisse aus Psychologie und Philosophie. »Erst damalsfand ich richtig zu meinem eigenen, ganzen Ich und lernteauch Ansprüche für mich persönlich zu stellen.« Sie strahlt und
  42. 42. meint dann amüsiert zu ihrem Mann: »Das musstest du erstakzeptieren lernen.« »Das stimmt«, gibt er zu. Ihr fällt ein Beispiel ein: »Dukanntest es nicht, dass die Frau, wenn ihr Mann abends nachHause kommt, nicht nur zu seiner Unterhaltung zur Verfügungsteht, sondern auch mal Zeit zum Lesen braucht, wenn dieKinder im Bett sind.« Annemarie reckt ihren Kopfselbstbewusst in die Höhe. »Da habe ich zu dir gesagt:›Entweder lese ich oder ich sterbe!‹ Dann musstest du dasakzeptieren.« »Das war ein Umgewöhnungsprozess«, muss Sayhanzugeben. Doch seine Frau ließ ihm keine andere Wahl. Annemarie änderte auch im Hinblick auf ihregesellschaftlichen Aktivitäten einiges. »Ich wählte meineBesucher nun sorgsamer aus. Ich lud nur noch die ein, mitdenen ich mich mit Gewinn unterhalten und zu denen ich einegemeinsame Wellenlänge aufbauen konnte.« Zum Beispielunterband sie die unverbindlichen Frauenklönrunden, die sichunter türkischen Frauen großer Beliebtheit erfreuen. »Dannkomme ich zu keinerlei geistigen Aktivitäten mehr, die michweiterbringen. Ich bin nur damit beschäftigt Tee zu kochenund kleine Leckereien zuzubereiten. Kaum ist der eine Besuchzur Tür heraus, kommt schon der nächste. Das wollte ich nichtmehr!« Nun erkannte sie immer mehr den Vorteil, in Deutschland zuleben. »In der Türkei wäre diese Umorientierung wohl nicht soleicht toleriert worden. Hier können wir unser Leben genau sogestalten, wie es unseren Wünschen entspricht«, ist sieüberzeugt. Das bedeutet keineswegs, dass sie die türkische Kultur ausihrem Leben verbannt haben. »Eher im Gegenteil: Wir könnensie in Deutschland genau in der Art genießen, wie wir sielieben. Wir veranstalten gerne türkische Abende in unserem
  43. 43. Haus. Dann laden wir türkische Musiker oder Dichter ein undschwelgen in den orientalischen Klängen und freuen uns an dertürkischen Sprache«, berichtet Annemarie zufrieden. »Undganz ohne die gesellschaftlichen Zwänge, die wir in der Türkeihätten erfüllen müssen.« Annemarie wird etwas nachdenklich: »Unsere Söhneverorten sich aber hundertprozentig in Deutschland.« Sie istmit diesem Ergebnis nicht ganz einverstanden, das merkt manihr an. Die Söhne sind heute 27, 32 und 34 Jahre alt und lebenalle in ihrer Geburtsstadt. »Der mittlere Sohn ist letztes Jahr indie Türkei gefahren um zu sehen, ob irgendetwas in dem Landsein Herz zum Klingen bringt. Er hat nichts gefunden. Nichteinmal die Landschaft oder die Sonne hat ihn angesprochen.Nein, sein Traum ist es, an der nebelverhangenen,mecklenburgischen Ostseeküste zu wohnen«, merkt sie halbbelustigt, halb verwundert an. Annemarie blickt ihrem Manngerade ins Gesicht. Ihr Ton wird eine Spur schärfer. »Aber wiesollte er auch positive Gefühle der Türkei gegenüber hegen,wenn sein Vater nie Zeit für ihn hatte, als wir da waren?«, fragtsie ihren Mann mit einem nicht zu überhörenden Vorwurf inder Stimme. »Wir waren nicht sehr oft da«, versucht er sich zuverteidigen. »Und wenn, war ich ständig in Geschäftenunterwegs.« »Ja, genau«, nickt Annemarie, »und wir saßen bei deinenEltern im Haus und durften nicht raus. Immer hieß es, wennder Vater kommt, fahren wir noch mal ans Wasser. Doch derVater kam nicht, und ich als Frau durfte nichts alleine mit denKindern unternehmen. Wenn der Vater dann kam, ging eshöchstens zu einem Geschäftsessen. Da saßen die Kinder dannbrav auf ihren Stühlen und konnten, wenn wir Glück hatten,durch die Panoramafensterscheiben das Meer und die Sonnesehen, aber am Strand mit dem Vater spielen konnten sienicht.«
  44. 44. »Ich habe eben nie Urlaub gemacht, sondern sehr vielgearbeitet«, erklärt Sayhan entschuldigend. »Deswegen war esauch besser, dass wir in Deutschland wohnten«, meintAnnemarie abschließend, »hier konnte ich als Frau mit meinenKindern alles machen, was uns in den Sinn kam. Hier warenwir nicht an die Begleitung eines Mannes gebunden.« Sayhan hat seine Entscheidung für Deutschland ebenfalls niebedauert: »Hier konnte ich alles erreichen, was ich mirgewünscht hatte. Mit meiner Frau an meiner Seite«, er wirfteinen anerkennenden Blick auf die schlanke, dezentgeschminkte Annemarie in ihrer burgunderfarbenenSeidenjacke, »führte ich genau das Leben, was ich mirgewünscht habe.« Er beeilt sich hinzuzufügen: »Nie hatte ichProbleme damit, dass ich Türke bin.« Nie hatte er einen Hehldaraus gemacht, welcher Herkunft er ist. »Meine Firma führtesowohl das Attribut ›türkisch‹ als auch meinen Doktortitel imNamen«, ist ihm wichtig. Aus dem Leben in Deutschland hat er allerdings Schlüssegezogen, die seinem früheren Denken fremd gewesen sind. »Inmeiner Firma gibt es keinen einzigen Türken. Die können allenicht richtig arbeiten. In Deutschland sind sie so verwöhntworden von den vielen Sozialleistungen, dass sie sich fürdieses Land zur Belastung entwickelt haben. Ich als braverdeutscher Steuerzahler muss sie mit durchfüttern. Wenn ichschon höre: ›Die Integration ist gescheitert!‹« Sayhan redetnun mit Nachdruck. Mit diesen Landsleuten hat er nichtsgemeinsam: »Viele Türken haben ihre Chance in Deutschlandverpasst. Nicht das Land muss die Integration leisten sondernder Einwanderer. Jetzt kommen die Russlanddeutschen undwerden die Plätze der Einwanderer in Deutschland besetzen.Die Türken, die hier immer noch nicht Fuß gefasst haben,sollten wieder in die Türkei zurückgehen. Wer die Sprachenicht gelernt und sich nicht integriert hat, ist hier fehl am
  45. 45. Platze«, ist der erfolgreiche Selfmade-Mann, der eine deutlicheSprache bevorzugt, mittlerweile überzeugt.
  46. 46. Im letzten Jahr lebte und arbeitete der Sohn von Annemarie und Sayhan für einige Zeit in der Türkei. Er: Nun sind meine Vorurteile über die Türken zu Urteilen geworden. Am liebsten hätte ich einen deutschen Namen DER SOHN VON ANNEMARIE UND SAYHAN, JURIST, 32In der Altbauwohnung mit den hohen Decken herrscht dieFarbe weiß vor. Die Polstersessel, die Sofaecke, die Wände,alles ist strahlend hell gehalten. Nur die frischen Blumen unddas an eine Wand projizierte Lichtspiel setzen farblicheAkzente. Emre ist der mittlere Sohn von Annemarie undSayhan. Der sehr schlanke, drahtige Mann, der alspassionierter Langstreckenläufer schon an vieleninternationalen Marathonläufen teilgenommen hat, wohnt indieser Wohnung mit seiner Freundin Stephanie. Mit gut einDutzend Kerzen und Teelichtern hat er für Atmosphäregesorgt. Die wachen Augen des Juristen hinter den randlosenBrillengläsern halten stetigen Blickkontakt mit dem Gegenüberund signalisieren so Aufmerksamkeit, der kaum etwas entgeht. »Nach Beendigung meiner Doktorarbeit«, erzählt Emre, »binich für vier Monate in die Türkei gegangen. Ich wollte sehen,ob ich dort etwas finde, was mich anspricht. Ich wollteüberprüfen, ob ich mir vorstellen könnte dort zu leben und zuarbeiten.« Er wohnte während dieser Zeit bei seiner Tante, derSchwester seines Vaters, und ihrem Mann. Das Arbeiten in derTürkei erprobte er in einer Istanbuler Kanzlei. »Doch ich fand
  47. 47. wenig, was mir gefiel. Wesentlich größer war der Anteil derPunkte, die mich zunehmend störten«, resümiert er. Das Verhältnis von Mann und Frau ist für ihn zu einemMarkstein der Beurteilung der türkischenGesellschaftsstrukturen geworden. »Frauen und Männer gehennicht natürlich miteinander um. Ihr Verhalten ist von so vielReglementierung geprägt, dass sie zu ganz unnatürlichenVerhaltensweisen kommen.« Er kann aus dem Stand als Belegfür seine Erfahrungen viele Beispiele aufzählen. »Ich ging zumBeispiel zu einem Kurs einer Sprachenschule. Dort traf ich aufeine syrische Frau, mit der ich mich in den Pausen sehrinteressant unterhalten habe. Als ich ihr vorschlug, sich aucheinmal außerhalb der Schule zu treffen, wehrte sie entsetzt ab.Das sei zu gefährlich. Wieso gefährlich? Ich bin inDeutschland in festen Händen, sie ist verheiratet, das sind dochausgesprochen geklärte Verhältnisse«, fand Emre. Doch einTreffen fand nie statt, ganz im Gegenteil, wenig später verbotihr Ehemann den weiteren Besuch der Schule.»Wahrscheinlich hat sie zu Hause neuerdings zu häufiggelächelt und das kam ihm verdächtig vor«, grinst Emresüffisant. »Der Ehemann müsste doch ein Interesse daranhaben, dass es seiner Frau gut geht und dass sie glücklich ist.Also müsste er ihr Freiräume geben. Aber nein, die ständigeKontrolle scheint ihm die einzige Möglichkeit, ihr Eheleben zugestalten.« Emre hat beobachtet, dass die Meinung der anderen oft zumMaßstab der eigenen Handlungen gemacht wird. »›Waskönnten die anderen über mich denken?‹ fragen sie sichständig«, moniert er. »Häufig liegt es an ihrer mangelndenBildung. Sie haben keine Kapazitäten um sich und ihrVerhalten zu reflektieren«, denkt er sich. »Doch selbst beimeiner Tante und meinem Onkel, die sehr gebildet sind, habeich ein Drama miterlebt, das sich meiner Meinung so in
  48. 48. Deutschland kaum abgespielt hätte. Meine Cousine hatte sichmit 15 Jahren in ihren Pferdepfleger verliebt. Die Elternuntersagten ihr jeden Kontakt, weil dieser Mann ihnen als nichtstandesgemäß erschien. Sie traf sich zunächst heimlich mitihm, bis sie ihn mit 17 aus den Augen verlor. Mit 19 begegnetesie ihm zufällig wieder und heiratete ihn. Doch sie verstandensich nicht so gut, wie sie sich es erträumt hatte. Er schlug sie.Nach einigen Jahren ging sie zu ihren Eltern zurück, die sie mitheftigsten Vorwürfen empfingen. Sie kehrte daraufhin zuihrem Mann zurück. Doch auch der zweite Anlauf scheiterte.Schließlich wusste sie keinen anderen Ausweg mehr, als sichumzubringen.« Emre hat beobachtet: »In der Türkei werden dieFamilienstrukturen gerne über Schuldzuweisungen geregelt.Du bist Schuld, wenn es mir schlecht geht. Du darfst diesesVerhalten nicht an den Tag legen, weil du meinem Ansehendamit schadest. Solche Aussagen habe ich von vielen gehört.Nicht das Individuum ist verantwortlich für die Gestaltungseines eigenen Lebens sondern der andere bestimmt mitseinem Handeln, wie ich im Leben voran komme.« Emre kannfür sich dieses starre Korsett der Erfüllung von Erwartungennicht akzeptieren. »Ich habe mich in der Türkei mit sehr vielen türkischenMännern unterhalten. Alle waren sehr gefangen in ihrenDenkmustern. Immer wieder habe ich zu hören bekommen,dass ich doch eine türkische Frau heiraten sollte. Dietürkischen Frauen seien einfach besser. Wenn ich wissenwollte warum, bekam ich nur zu hören, dass eine Türkin dochnoch wüsste, was ein Mann bräuchte. Abends wenn er nachHause käme, sei das Essen gekocht, die Wäsche gewaschen,die Wohnung sauber und die Kinder gut versorgt im Bett.«Emre schüttelt seinen Kopf. »Dass ich von einer Frau ganzandere Qualitäten erwarte, war für sie völlig unverständlich.«
  49. 49. Dass Emre sogar seine Wäsche selber macht und das Essenselbst zubereitet, obwohl er mit seiner Freundin zusammen ineiner Wohnung wohnt, machte den türkischen Männern nurklar, dass Emre kein richtiger Mann sein konnte. Meistvergeblich versuchte er dann, seine Sichtweise zu erklären:»Ein richtiger Mann ist für mich jemand, der souverän mitallen seinen menschlichen Anteilen umgehen kann. SeineStärke zeigt sich doch gerade darin, dass er auch Schwächenzugeben mag und im täglichen Leben nicht auf dieHandreichungen einer Frau angewiesen ist.« Für Emre ist esebenfalls nur ein Zeichen von Unmännlichkeit, wenn ein Mannseiner Frau keinen Freiraum zugestehen mag. »Vertraut erseinen Qualitäten etwa so wenig, dass er glauben muss: Siewird nur bei mir bleiben, wenn ich sie einsperre? Undgleichzeitig hält er sich dann auch noch für einen tollen Hecht– was für ein Widerspruch!« Auch die Haltung der türkischenMänner zur Unberührtheit ihrer künftigen Ehefrau findet erwenig überzeugend. »Meine Qualitäten als Mann werden dochumso glaubhafter offenbar, wenn eine Frau, die schonVergleichsmöglichkeiten hatte, mich auswählt und bei mirbleibt«, ist er überzeugt. Als seine Freundin Stephanie ihn während seiner Zeit inIstanbul besuchte, bekam er ungefragt viele Kommentare zuhören. »Auch während sie daneben saß, empfahlen sie mir,lieber eine türkische Frau zu heiraten. Selbst dieHausangestellte im Haus meiner Tante teilte mir ihre Meinungzu Stephanie mit: Sie hätte ihre Sachen direkt aus dem Koffereinfach ungeordnet in den Schrank geworfen, daher könnte siekeine gute Ehefrau für mich sein.« Emre kann sich über solcheBeurteilungskriterien nur empören. Die Haustür wird geöffnet. Stephanie ist inzwischen nachHause gekommen und setzt sich mit an den Esstisch. Sieerinnert sich: »Ich fühlte mich sehr wohl, während ich bei
  50. 50. Emre in Istanbul war. Alle waren sehr nett und freundlich zumir. Ich hatte den Eindruck, dass sie mich mögen. Doch als ichhinterher von Emre hörte, wie einzelne über mich urteilten,wurde mein Gefühl im Nachhinein etwas schal. Nun empfandich ihr Verhalten eher als unehrlich und doppelzüngig«, meintsie. »Auch dein Vater hatte schon gewisse Erwartungen an mich,glaube ich«, sagt sie. »Am liebsten hätte er für seinen Sohneine Frau gehabt, die sehr gut aussieht, aus sehr gutenVerhältnissen kommt, studiert hat und sich sexy anzieht, damitihr Aussehen auch gut zur Geltung kommt. Nach ihremStudium sollte sie aber zugunsten ihrer Aufgaben als Ehefrauund Mutter mit Freuden auf eine eigenständige Berufstätigkeitverzichten, um ganz für ihren Mann da sein zu können«, stelltdie junge Frau mit langen, braunen Haaren und großen,strahlenden Augen, die alle äußeren Kriterien sicher lockererfüllen kann, scheinbar sachlich und mit einem kaumhörbaren ironischen Unterton fest. Sie blickt ihren Freundfragend an. »Oder meinst du, da liege ich falsch?« Emre kannnur lachend den Kopf schütteln. »Mein Vater wünscht jedemseiner Söhne das große Glück, genau so eine Frau zu finden,wie er sie mit meiner Mutter bekommen hat«, schmunzelt er.Emre hat die liebevolle Fürsorge seiner Mutter genossen, abermöchte in seiner eigenen Partnerschaft nicht die Rolle seinesVaters übernehmen. Dessen Lebenskonzept wird nicht dasseine werden, da ist er sich sicher. »Wenn wir einmal Kinder haben sollten, würde ich mir schonwünschen, dass meine Frau zumindest die ersten Jahre ganz fürdie Kinder da ist«, gesteht er aber ein. »Doch nach derKleinkindphase können wir die Betreuung auch andersorganisieren, wenn sie gerne wieder in ihren Berufzurückkehren möchte. Die Zufriedenheit meiner Frau ist fürmich entscheidend.«
  51. 51. Emre ermuntert seine Freundin immer wieder, sich auch mitMännern allein zu treffen. Er findet: »Ein Gespräch mitjemandem vom anderen Geschlecht bringt mich viel weiter. Eseröffnet mir Horizonte, die mir sonst verschlossen bleiben. Daskommt dann auch meinem Partner zugute. Ich lerne durch dasGespräch mit anderen Frauen auch sie viel besser kennen undschätzen«, glaubt er. Doch bisher hat er noch keinen türkischenMann gefunden, der das genauso gesehen hätte. Auch inDeutschland nicht. Er erinnert sich: »Ich bin mit einem Türkenzur Schule gegangen. Er war damals einer, der auf jeder Partymit dabei war und sehr aufgeschlossen an die Mädelsheranging. Gerade neulich habe ich ihn zufällig in der Bahnwieder getroffen. Er sei inzwischen verheiratet, erzählte er mir.Er habe sich von seinen Eltern eine Frau aus der Türkeivermitteln lassen und sie mit nach Deutschland gebracht. Erversuchte mich von den Vorteilen dieses Arrangements zuüberzeugen. Sie bleibe brav zu Hause und würde den Haushalterledigen, während er unterwegs sei. Ich habe meinenSchulfreund nicht wieder erkannt.« Für so eine Veränderungfehlt Emre jedes Verständnis. »Wie kann ein Mann sichfreiwillig so beschränken und auf eine gleichberechtigtePartnerschaft mit einer Frau verzichten? Erst im wahrhaftigenAustausch mit meiner Partnerin kann ich mich dochweiterentwickeln!« Emre versteht dieses Denken der Männernicht. Genauso wenig versteht er aber auch die türkischenFrauen, die er in der Türkei kennen gelernt hat. »Die sind soauf die Darstellung ihrer Weiblichkeit reduziert, dass ich sievöllig unnatürlich finde.« Auf Emre wirken diese»aufgebrezelten« Frauen alles andere als attraktiv. »Ich hätte mir gewünscht, dass sich meine Eltern etwas mehrGedanken über meine Namenswahl gemacht hätten. Leiderhabe ich auch als zweiten Vornamen einen türkischenbekommen. So bin ich alleine durch meinen Namen für alle
  52. 52. erst mal der Türke. Darunter habe ich zum Teil sehr gelitten.«Als er an der Uni als Assistent Seminare anbot, waren inseinen Kursen stets die Schwarzhaarigen versammelt. »AlleTürken dachten anscheinend: ›Ach, gehen wir mal zu unseremLandsmann.‹« Doch Emre fühlt sich unwohl in dieservorausgesetzten Kumpanei. »Ich fühle mich eindeutig alsDeutscher. Mich mit meinem Namen zu identifizieren fällt mirsehr schwer. Ich habe sogar schon darüber nachgedacht, ihnändern zu lassen«, überlegt er. »Wenn wir mal Kinder haben,bekommen sie auf jeden Fall einen deutschen Namen«, ist ersich sicher. »Wenn ein Kind in Deutschland aufwächst, solltees einen deutschen Namen haben«, findet er. Seine Freundinschlägt ihm vor: »Wenn wir heiraten, könntest du ja meinenNachnamen annehmen.« Das geht Emre dann doch zu weit.Schnell schränkt er ein: »Mein Nachname stört mich eigentlichgar nicht so stark. Er ist einfach nur ungewöhnlich, abereigentlich nicht typisch türkisch, oder?« Er grinst: »Zum Glück sehe ich wenigstens nicht wie einTürke aus.« Emre ist es sehr wichtig, in keine Schubladegesteckt zu werden, die mit negativen Vorurteilen behaftet ist.Er möchte einfach als Deutscher in Deutschland seinen Weggehen. Die Energie, die er immer wieder braucht, um dieIrritationen, die sein Name hervorruft aus dem Weg zuräumen, würde er lieber für den zielstrebigen Aufbau seinerberuflichen Karriere nutzen. »Meinen Kindern werde ich wohl kaum mehr etwasTürkisches mitgeben«, überlegt er. Emre spricht selbst sehr gutTürkisch, möchte seinen Kindern aber diese zweite Sprachenicht beibringen. »Außer ein paar Urlauben in der Türkei, diedurch den dort geerbten Grundbesitz zustande kommen,werden sie von mir wohl nichts mehr in der Richtung gebotenbekommen.«
  53. 53. Religion spielte in Emres Leben keine Rolle, weder in seinerKindheit noch heute als Erwachsener. »Meine Eltern habenmir keine Religion als Richtschnur für das Leben beigebracht.Meine Mutter hatte ja mal ihre radikal islamische Phase, abermein Vater hat stets eine große Distanz zum Islam gehalten.Auch seine Eltern waren nicht religiös. Wir haben in derFamilie die christlichen Feste Weihnachten und Ostern alstraditionelle Familienzusammenkünfte gefeiert, aber ohnereligiöse Inhalte.« Emre meint: »Wir sind so erzogen worden,dass wir uns lieber unsere eigenen Standpunkte zu denjeweiligen Fragen des Lebens und des Sterbens durchintellektuelle Auseinandersetzung bilden sollten als sie voneiner bestimmten Religion zu übernehmen.« Emre blickt seine Freundin an und fordert sie mit leichtspöttischem Unterton auf: »Nun sag doch mal, wie ist es dennnun, einen Türken zum Partner zu haben?« Stephanie fällt diegewünschte Antwort nicht schwer: »Du bist nun wirklich nichtder typische Türke. Außer deinem Namen ist kaum etwasTürkisches an dir auszumachen. Nur durch die Reaktionen derUmgebung wurde ich mit der Nase darauf gestoßen, dass duwohl anders sein müsstest. Als ich meinen Freunden erzählte,dass ich einen neuen Freund habe und dann deinen Namennannte, sah ich schon erstaunte Mienen: ›Du mit einemTürken? Ist das nicht schwierig?‹ Dann habe ich immer schnellhinzufügt, dass du überhaupt kein typischer Türke bist undnicht einmal türkisch aussiehst.« In diesem Punkt sind sich diePartner völlig einig: In die Schublade mit dem Label»türkisch« sollte man unter keinen Umständen gestecktwerden. Sie hat gerade in Deutschland ein äußerst negativesImage. Emre verspürt keinerlei Ansporn diesen Ruf zuverändern, ganz im Gegenteil: »Nach meinem Aufenthalt inder Türkei sind meine Vorurteile, die ich schon in Deutschlandgewonnen hatte, nun zu Urteilen geworden«, bestätigt er.
  54. 54. Stephanie schmunzelt: »Nun fällt mir doch noch etwas ein,was bei dir schon türkisch geprägt sein könnte.« Emre blicktsie erstaunt an. »Den Zusammenhalt unter euch drei Brüdernkönnte man für deutsche Verhältnisse schon als ungewöhnlicheng bezeichnen«, erklärt sie. Einer der Brüder wohnt sogar imselben Mietshaus wie Emre und seine Freundin. »Wenn wirabends nach Hause kommen, und es kann noch so spät sein,klingelst du immer noch einmal bei deinem Bruder und fragstnach, wie es ihm so geht. Und wenn einer von ihnen einProblem hat und dich um Hilfe bittet, lässt du alles stehen undliegen und bemühst dich, ihm zu helfen.« Emre fand seine Identität eher in der klaren Entscheidung füreine Kultur als in der Kombination von beiden. Er definiertsich und seine Standpunkte häufig in der Abgrenzung zumTürkischen. Darin sieht er auch den Vorteil, Kind einerbikulturellen Beziehung zu sein: »Ich fand es sehr bereichernd,mit deutsch-türkischen Eltern aufzuwachsen. Ich musste michschon früh vieles fragen, weil ich verschiedene Richtungenpräsentiert bekam. Dadurch war ich gezwungen, schon injungen Jahren Standpunkte und Meinungen zu entwickeln undauch zu begründen. Das schult«, findet er. Gerade als Juristkann er diese schon früh eingeübten Fähigkeiten heute gutnutzen.
  55. 55. Seit ihrem 20. Lebensjahr lebt das Ehepaar in Ankara. Ihre Kinder hat die Mutter mit deutschen Geschichten und Kinderliedern erzogen. Dabei spricht sie perfekt Türkisch. Sie: Zu Hause fühle ich mich nur in Deutschland. Meinem Mann erzähle ich von diesen Gefühlen selbstverständlich nichts; es würde ihn nur kränken. Deutsche Parallelwelt in Ankara DEUTSCHE KRANKENSCHWESTER, 65 & TÜRKISCHER ARZT, 68Elisabeth hatte wieder einmal Sehnsucht nach Deutschland.Wie so oft, wenn sie in Ankara ist, wo sie seit 38 Jahren mitihrem türkischen Mann lebt. Dann fährt sie zu ihrer Tochter,die als Professorin an der Universität einer niedersächsischenGroßstadt lehrt. Dieses Gefühl der Sehnsucht kennt sie gut, seitsie in der Türkei lebt. »Das ist schade. Wenn ich hier bin,sehne ich mich nach meinen Enkelkindern in Ankara, undwenn ich dort bin, sehne ich mich nach meinen Enkeln inDeutschland«, erklärt sie ihr hin und her Gerissensein. Dennihr Sohn ist in Ankara verheiratet und der sechsjährige Enkelgeht dort zur Schule. Elisabeth spricht mit leiser Stimme. In großer Ruhe undGelassenheit erzählt sie über ihr Leben in der Türkei. Manmerkt, dass sie gewohnt ist, überlegt zu reden. Höflich unddoch bestimmt lenkt sie die Themen im Gespräch. IhrSelbstbewusstsein kommt mit großer Zurückhaltung daher.
  56. 56. Ihrem Ehemann ist sie in jungen Jahren in die Türkei gefolgt.Er war zu seiner Facharztausbildung zum Gynäkologen nachDeutschland gekommen. Im Krankenhaus traf er auf einedeutsche Schwesternschülerin, die sein Herz höher schlagenließ. Auch die junge Frau war beeindruckt von dem offen,zuverlässig und liebevoll wirkenden Mann und so kam mansich näher. »Am Anfang hätten sich meine Schwiegerelternwohl eher jemand anderes für ihren Sohn erhofft.« Das lagweniger an ihrer Nationalität als eher daran, dass sie weder ausbesseren Kreisen kam noch einen prestigeträchtigen Berufvorweisen konnte. Auch bei ihrer eigenen Familie war die Reaktion ähnlichverhalten. Die Geschwister rieten ihr ab und die Eltern,besonders die Mutter, waren traurig, weil dieserSchwiegersohn bedeutete, dass ihre Tochter in ein fremdesLand zog. »Doch wir waren verliebt und sahen keineProbleme. Mein Mann schilderte unsere Zukunft in der Türkeiin den rosigsten Farben.« Ihr gemeinsamer Weg war klarvorgezeichnet. Ihr Verlobter war nur zur Ausbildung nachDeutschland gekommen, danach sollte er in die Türkeizurückgehen, um die Praxis seines Vaters in Ankara zuübernehmen. »Das hat mein Mann von Anfang an klargestellt.Wir lebten auf diesen Termin zu.« Elisabeth wusste, worauf siesich mit ihrem Mann einließ. Im Gegensatz zu ihrer gewohntenUmgebung erschien es ihr als ein Ausflug in eine neue Welt,die sie reizte. »Ich malte mir alles wunderschön aus.« Doch es kam nicht alles so, wie sie es sich erhofft hatte.Bevor die kleine Familie mit der zwei Jahre alten Tochter nachAnkara ziehen konnte, musste ihr Mann seinen Militärdienstableisten. An eine ihrer ersten Erfahrungen in der Türkei denktsie mit unangenehmen Gefühlen zurück. Sie war mit einemSchockerlebnis verbunden: »Wir waren kaum angekommen indem Land, da mussten wir uns scheiden lassen, weil ein
  57. 57. Reserveoffizier damals nicht mit einer Ausländerin verheiratetsein durfte. Ich wusste ja, dass es nur pro forma war, aber eswar ein schreckliches Erlebnis für mich«, berichtet Elisabeth insachlichem Tonfall. »Die Gerichtsverhandlung war öffentlich.Es waren viele Leute da, die sich das anschauen wollten. Alswir den Gerichtssaal verließen, wollten die Zuschauer meinenMann verhauen, weil sie ja den wahren Grund für dieScheidung nicht kannten. Sie dachten, er lässt eine schwangereFrau mit einem kleinen Kind im Stich.« Sie schluckt kurz.»Das ist eine meiner ersten Erinnerungen an die Türkei«,entsinnt sie sich traurig. In Izmir wurde ihr Sohn geboren, reinrechtlich gesehen als uneheliches Kind. Nach der Militärzeit zogen sie nach Ankara. DerSchwiegervater war inzwischen gestorben, und sein Sohnübernahm erwartungsgemäß die Praxis. Ein ganz normalesFamilienleben konnte sich allmählich entfalten. Elisabethvermisste jedoch noch manches an Komfort: »Da war nichtalles so, wie ich es mir gedacht hatte. Wir hatten extra einevollautomatische Waschmaschine mit in die Türkei gebracht.Dann habe ich mir dort das Waschpulver dazu gekauft. Doches war nicht das richtige: Der Schaum kam wie in einemZeichentrickfilm aus allen Ritzen und wurde immer mehr.Diese Maschine konnte ich nie wieder benutzen. Erst nacheinigen Jahren gab es diese Maschinen und das dazugehörigePulver auch in der Türkei. Doch auch andere Dinge vermissteich: Kein Schaumbad, keine Gummibärchen, kein Ketchup warzu bekommen. Wenn wir aus Deutschland mit dem Autozurückfuhren, war es bis in alle Ritzen voll gepackt:Kofferraum, Dachgepäckträger, unter unseren Füßen. Das warnicht immer erfolgreich: Die zahlreichen Tüten Gummibärchenauf der Hutablage waren bei unserer Ankunft zu einem Blockzusammengeschmolzen.« Die Frau mit den schlichtzurückgenommenen blonden Haaren deutet ein Lächeln an.
  58. 58. Sorgsam formuliert sie ihre Sätze. Man merkt, dass sie vielüber diese Fragen nachgedacht hat. »Mein Leben hatte nichtnur rosige Seiten«, bilanziert sie. »Ich habe oft gedacht, ichhätte in Deutschland bleiben sollen. Wenn ich so über dieTürkei erzähle, denken manche Leute, dass ich dort nur Guteserlebt habe, aber es gab auch weniger schöne Dinge.« Siemacht eine kleine Pause: »Sehr schwere Zeiten.« DochElisabeth ist kein Mensch, der das Für und Wider nicht genauabzuwägen versteht. Schnell fügt sie hinzu: »Aber das würdeich nicht am Land festmachen. Das gehört einfach zum Lebeneines Menschen dazu, dass er auch sehr schwierige Zeitenerlebt. Das trifft sicher auch für eine Frau zu, die inDeutschland verheiratet ist.« Elisabeth hat es jedoch geschafft, ihre Möglichkeiten sogeschickt auszuschöpfen, dass sie als Deutsche in dertürkischen Gesellschaft leben konnte. Sie hat acht Jahre langdas deutsche katholische Gemeindezentrum in Ankara geleitet.Als sie mitbekam, dass händeringend nach einer geeignetenLeiterin gesucht wurde, hatte sie sich initiativ bei derBischofskonferenz in Köln um den Posten beworben. Und dasobwohl sie der evangelischen Kirche angehört. »Und ichwurde angenommen«, freut sie sich noch heute. »Ich habegleich klargestellt, dass ich die Arbeit als überkonfessionellund vornehmlich als eine soziale Aufgabe betrachtete.« Bis zuihrer Herzoperation vor ein paar Jahren führte sie dieEinrichtung mit großem Erfolg. Danach wurde dasGemeindezentrum leider geschlossen, bedauert sie. Diedeutschen Frauen in Ankara haben aber zur Selbsthilfegegriffen und einen Verein gegründet, der die Aufgabenübernommen hat. So können die Alten weiterhin betreut undden sozial Schwachen weiter unter die Arme gegriffen werden. »Wir haben in Ankara ein starkesZusammengehörigkeitsgefühl«, betont Elisabeth und meint
  59. 59. damit die Deutschen. Dieser Zusammenhalt gibt ihr in derTürkei ein Stück Heimat. »In Deutschland wird den Türken jahäufig vorgeworfen, dass sie zusammenhocken. Das ist bei unsnicht anders. Ich habe keine einzige türkische Freundin, ichhabe nur deutsche. Wir treffen uns sehr häufig. Wir helfen unssehr viel. Wir halten sehr stark zusammen. Wir haben natürlichunsere türkischen Familien, das ist der Unterschied zu denTürken in Deutschland. Aber wir sind nicht aufgegangen in dertürkischen Gesellschaft«, betont Elisabeth. Doch im Gegensatz zu den türkischen Einwandererfamilienin Deutschland hat Elisabeth damit in der Türkei keineProbleme. »Die deutsche Kultur ist in der Türkei sehr hochangesehen. Man wird auf keinen Fall diskriminiert. Als Deutsche hat man keine Probleme.« Elisabeth weiß zuschätzen, dass sie zusätzlich Glück mit der Familie ihresMannes hatte. »Meine Schwiegereltern waren sehr offene,gebildete, weitgereiste Menschen. Meine Schwiegermutter isteine sehr moderne Türkin.« Viele ihrer deutschen Freundinnen hätten es nicht so gutgetroffen; ihre Familien zeigten sich nicht so offen. DieseFrauen mussten ihren Namen ablegen und zum Islamübertreten. »Das bedeutet nicht, dass sie ein sehr religiösesLeben führen müssen. Unter 500 Frauen gibt es höchstens zweioder drei, die das Kopftuch tragen«, erläutert sie. Elisabethweiß aber aus vielen Gesprächen, dass diese Frauen nicht nurunter dem Verlust ihrer Heimat und ihrer Religion, sondernbesonders unter dem ihres Namens leiden. Sie hätten eingroßes Stück ihrer Identität für die Schwiegerfamilienaufgeben müssen. »Wenn sie zusätzlich noch mit denSchwiegereltern in einem Haushalt leben müssen, haben sie esbesonders schwer. Dann müssen sie sich Regeln unterwerfen,die ihnen meistens nicht so gut gefallen. Die Schwiegertochtersoll sich so verhalten, wie eine türkische Frau sich verhalten

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