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  • 1. Birgit SchmalmackTürkischer Honigauf SchwarzbrotBikulturelle Liebesgeschichten Brandes & Apsel
  • 2. 1. Auflage 2007 © Brandes & Apsel Verlag GmbH, Frankfurt a. M.Alle Rechte vorbehalten, insbesondere das Recht derVervielfältigung und Verbreitung sowie der Übersetzung,Mikroverfilmung, Einspeicherung und Verarbeitung inelektronischen oder optischen Systemen, der öffentlichenWiedergabe durch Hörfunk-, Fernsehsendungen undMultimedia sowie der Bereithaltung in einer Online-Datenbankoder im Internet zur Nutzung durch Dritte. Lektorat: Josefine Schubert, Brandes & Apsel Verlag GmbH, Frankfurt a. M. DTP und Umschlagsidee und -gestaltung: Antje Tauchmann, Frankfurt a. M. Druck: Impress, d.d. Ljubljana, Printed in Slovenia Bibliografische Information Der Deutschen Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der DeutschenNationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.ddb.de abrufbar. ISBN 978-3-86099-725-3
  • 3. Können Ehen zwischen Türken und Deutschen gutgehen? Was machen diese Paare anders? Wiegestalten sie ihren Beziehungsalltag? Welche Rollespielt »die« andere Kultur des Partners? Wiewachsen Kinder in deutsch-türkischen Familienauf?Diese und noch viele andere Fragen stellte dieAutorin deutsch-türkischen Paaren. IhreLiebesgeschichten sind etwas Besonderes. Sieerzählen vom Alltag, aber auch denBesonderheiten bikultureller Beziehungen unddavon, wie die Partner aus verschiedenen Kulturenihre Konflikte meistern. Es sind persönlicheLebensgeschichten, die den Blick für den einzelnenMenschen in der multikulturellen Gesellschaftschärfen.Die Autorin:Birgit Schmalmack, geboren 1963, Ausbildung zurVerlagskauffrau, Studium der Fächer Deutsch,Mathematik und Pädagogik. Sie arbeitet alsLehrerin und freie Journalistin und wohnt inHamburg. Sie lebt selbst seit zwölf Jahren in einerPartnerschaft mit einem türkischstämmigenDeutschen.
  • 4. VorwortDer Situation des Verliebens wohnt ein besonderer Zauberinne: Die plötzlichen Gefühls- und Hormonüberschüsse sorgendafür, dass das Gegenüber als eine ganz einzigartige,unvergleichliche Persönlichkeit wahrgenommen wird. Indiesem Moment spielen Schubladen keine Rolle mehr.Klischeevorstellungen werden unwichtig. Nur das Einzelwesenzählt. Diese Phase des Verliebens weitet den Blick, machtunempfänglich für normative, gesellschaftlicheGrenzziehungen und ist damit der Anfang eines wahrenVerstehens des anderen. Vielleicht könnte sich die Gesellschaft bei ihrer Diskussionum die Integrationsfähigkeit bestimmter Migrantengruppenvon dieser Haltung ein wenig bedienen. Erst wenn der Menschnicht mehr nur als Vertreter einer nationalen Gruppe sondernauch als Einzelperson gesehen werden kann, könnenvorschnelle Pauschalierungen vermieden werden. Ich durfte zu Gast sein in den Küchen und Wohnzimmernvon 42 deutschtürkischen Paaren. Sie haben mir freimütig vonden schwierigen und schönen Seiten ihrer Beziehung erzählt.Vertreten sind alle Altersstufen und Bildungsgrade. Unterihnen befinden sich sowohl der Hafenarbeiter, der Psychiater,die Künstlerin als auch die Fließbandarbeiterin. Ihre ganzpersönlichen Lebensgeschichten sollen dazu anregen, wiederden Blick für den einzelnen Menschen zu entwickeln undsomit auch gesamtgesellschaftliche Probleme sensiblerbetrachten und besser verstehen zu können. Ich selbst lebe seit elf Jahren in einer Partnerschaft mit einemin Deutschland geborenen Türken, der mittlerweile rein
  • 5. statistisch gesehen nicht mehr zu ihnen zählt: Seit 2001 ist erdeutscher Staatsbürger. Vielleicht steuerte mich also auch diepersönliche Neugier, als ich immer größere Lust bekam,Geschichten von deutsch-türkischen Paaren in Deutschland zuerzählen. Doch eventuell war es auch einfach der zunehmendeUnmut darüber, dass im Moment nur von solchen zu lesen ist,die im Drama enden. Doch wenn von Fehlentwicklungen zuberichten ist, dann gehören zu einer ausgewogenenBerichterstattung auch Geschichten von Paaren, die ihreeventuellen Schwierigkeiten überwunden haben. Woabschreckende Beispiele zur Geltung kommen, sollten dieVorbilder auch Gelegenheit dazu haben.Zahlenmaterial zu binationalen EhenLaut Statistischem Bundesamt hatte bei 16,5 Prozent der396.000 Paare, die sich 2004 das Jawort gaben, einer derEhepartner nicht die deutsche Staatsbürgerschaft. Das war jedesechste Ehe. Jedes vierte Kind hatte mindestens einenausländischen Elternteil. Diese Zahlen werden in Zukunftsicher noch steigen. In Großstädten liegen sie schon jetztwesentlich höher. So war in Berlin laut Pressemitteilung desBerliner Senats vom 13.4.2005 jede vierte Ehe interethnischund hatten 40 Prozent aller Kinder einenMigrationshintergrund. Die Art der Beziehungen, dieMenschen in Deutschland eingehen, wird sich also in Zukunftimmer weiter ausdifferenzieren. Dieser Trend war in den vergangenen Jahrzehnten auch beider Bandbreite der Lebensformen zu beobachten. Immer mehrPaare verzichten auf den Trauschein und leben innichtehelicher Lebensgemeinschaft zusammen. Auch dieFrage, ob sie zusammen Kinder bekommen wollen, stellen sie
  • 6. zur Diskussion. Und die Geburt eines Kindes hat nichtzwingend eine Heirat zur Folge. Eine Ehe oder Partnerschaftdauert nur noch solange, wie die Partner es wünschen. Einelebenslange Lebensgemeinschaft ist zu einer bewusstenEntscheidung füreinander geworden. Die Scheidungszahlen inDeutschland sprechen eine deutliche Sprache: Fast jede zweiteEhe wird geschieden (2003: 43 Prozent). In diesen Trend zur größeren Variationsbreite fügt sich dieWahl eines Partners aus einem anderen Kulturkreis ein. DieLieblingspartner der Frauen sind dabei Männer aus der Türkei.Das Statistische Bundesamt teilte 2005 mit, dass 4.900 vonihnen einen Türken als Ehepartner wählten. Die Männerbevorzugten eher eine Partnerin aus Osteuropa. Eine Türkinnahmen nur knapp 1 800 der Männer zur Ehefrau. DasStatistische Bundesamt geht in seinem Mikrozensus von 2006für das Jahr 2005 von circa 146.830 deutsch-türkischenEhepaaren aus. Im Vorjahr gab es deren Zahl noch mit 129.000Paaren an. Bei diesen Statistiken ist zu berücksichtigen, dass die Zahlennur diejenigen erfassen, die noch über ihren ausländischenPass verfügen. Eingebürgerte Ausländer fallen hier nicht mehrins Gewicht. Da es aber alleine im Jahre 2005 140.731Einbürgerungen gegeben hat, sagen die Zahlen alleine wenigaus. Denn die größte Gruppe unter den Eingebürgerten warenmit 39 Prozent Personen türkischer Herkunft. Mittlerweilebesitzt jeder dritte Türkischstämmige einen deutschen Pass undihre Zahl hat sich bis Ende 2004 auf 840.000 erhöht. So fallenStaatsangehörigkeit und Herkunft zunehmend auseinander. DieZahl der Ehen, in denen die Partner dieselbe Herkunft aberunterschiedliche Pässe haben, steigt stetig an. Genauso wie dieZahl der Paare, bei denen beide Partner dieselbeStaatsangehörigkeit besitzen, aber unterschiedlicher Herkunftsind.
  • 7. Bei den Scheidungen entfielen im Jahr 2005 12,4 Prozentaller Trennungen in Deutschland auf solche, bei denenmindestens einer der Ehepartner eine ausländischeStaatsbürgerschaft hatte. Dagegen lag der Prozentsatz allerEheschließungen mit Auslandsberührung im Jahr 2004 bei16,5 Prozent. Unter ihnen ist die Zahl der Scheidungen bei deutsch-türkischen Ehepaaren laut Statistischen Bundesamtes ambedeutsamsten: Die Anzahl der Scheidungen lag 2003 in dieserGruppe bei etwa 3.390. Demgegenüber gaben sich im Jahr2000 5.784 deutsch-türkische Ehepartner das Jawort. In einer Stadtbeobachtung aktuell wurde exemplarisch für dieStadt Wiesbaden im Zeitraum 2002-2004 die so genannteEinheiratsquote untersucht. Es wurde herausgefunden, dass nur16 Prozent der türkischen Migranten in Deutschland eine Ehemit einem Deutschen eingehen. Damit lagen sie unter demdurchschnittlichen Wert aller in die deutsche Gesellschafteinheiratenden Migranten von 28 Prozent. Meist wird das alsAbschottung interpretiert. Doch die Gründe können vielfältigersein. Bei 1,8 Millionen Türken in Deutschland ist dieWahrscheinlichkeit, einen geeigneten Ehepartner der eigenenHerkunft zu finden, viel größer als bei anderen Nationalitäten.Die Konzentration auf bestimmte Wohngebiete erhöht dieWahrscheinlichkeit der Kontaktaufnahme um ein weiteres. Einweiterer Gesichtspunkt ist der rechtliche Status der türkischenBevölkerung: Anders als Italiener, Griechen oder Spanier sindsie keine EU-Bürger. Ihre Freizügigkeit und rechtlicheAbsicherung ist stark eingeschränkt. So stellt für ihre Familiendie Heirat eines noch in der Türkei Lebenden auch eineMöglichkeit zur Einreise nach Deutschland dar. Es ist zuvermuten, dass mit der Schaffung anderer Einwanderungswegefür die Türken eine Vielzahl der viel geschmähten arrangiertenEhen zu verhindern wäre.
  • 8. Die tatsächliche Zahl der türkisch-türkischen Ehen kann nurgeschätzt werden. Sie ergibt sich einerseits aus denEheschließungen in deutschen Standesämtern (1996: 917,2003: 1.534), in türkischen Konsulaten in Deutschland (1996:4.920) und den Eheschließungen in der Türkei. Über dieungefähre Anzahl letzterer kann die Zahl derEhegattennachzüge zu den in Deutschland lebendenEhepartnern eine Vorstellung geben. Laut Auswärtigem Amtgab es 1996 17.662 Nachzüge. Somit käme man für das Jahr1996 auf 2.3499 türkisch-türkische Eheschließungen. Imselben Jahr wurden in Deutschland 4.657 deutsch-türkischeEhen geschlossen. Das wäre ein Anteil von 16,5 Prozent allerEhen mit Beteiligung von türkischen Staatsangehörigen (vgl.Straßburger, in: Migration und Bevölkerung, 1999). Die Anzahl der Anträge auf Ehegattennachzüge nimmt stetigab: Sie sanken bis 2003 auf 10.614 und 2004 nochmals auf8.360. Dabei ist zu berücksichtigen, dass sich auch auf diesenBereich die Zahl der Einbürgerungen ausgewirkt haben könnte.2003 gab es daneben 7.158 und 2004 6.443 Ehegattennachzügezu deutschen Ehegatten. Je nach Perspektive mögen sie nun dieZahl der deutsch-türkischen oder der türkisch-türkischen Ehenvergrößern. Die Scheidungsquote der türkisch-türkischen Ehepaare bleibtgänzlich spekulativ. In Deutschland werden nur dieEhescheidungen erfasst, die vor deutschen Gerichtenbeschlossen werden. Das waren im Jahre 2003 2.657 Fälle.Dass aber 1996 nur 917 und auch 2002 nur 1.482 türkisch-türkische Ehen vor deutschen Ämtern geschlossen wurden,macht wieder einmal die Schwierigkeiten der statistischenErhebungen bezüglich transnationaler Heiratsdaten deutlich. Türkisch-türkische Ehepaare hatten 1997 44.197 Kinder,während im selben Jahr aus deutsch-türkischen Ehen 6.880Kinder hervorgingen. Laut Mikrozensus im März 2004 hatten
  • 9. also 91.000 der damals 129.000 Paare Kinder. Daraus folgt,dass auch deutsch-türkische Paare sich nicht immer für Kinderentscheiden. 20 Prozent der Ehen zwischen einem deutschenMann und einer türkischen Frau blieben kinderlos. Bei denEhen zwischen einer deutschen Frau und einem türkischenMann waren es sogar 35 Prozent.Situation der türkischen Migranten1961 wurde der Gastarbeiteranwerbevertrag mit der Türkeigeschlossen. Ab diesem Zeitpunkt kamen auch Türken als sogenannte »Gastarbeiter« nach Deutschland, um denArbeitskräftemangel der deutschen Industrie zu stillen. Waszunächst als kurzfristige Aktion geplant war, weitete sich imLaufe der nächsten Jahre aus. War zuerst noch daran gedachtworden, die Arbeiter rotieren zu lassen und alle ein bis zweiJahre neue Kräfte aus der Türkei zu holen, so erwies sichdieses Vorhaben für die Unternehmen bald als ineffektiv. Diegerade gut eingearbeiteten Arbeitskräfte sollte man wiedergehen lassen? Sie blieben also. Damit waren ihnen auf längereSicht die provisorischen Wohn- und Lebensverhältnisse in denSammelunterkünften nicht mehr zu zumuten. Also gestatteteman ihnen, nach und nach ihre Familienangehörigennachzuholen, Wohnungen anzumieten, eigene Geschäfte zueröffnen und ihren Aufenthaltstatus allmählich zu verfestigen. 1971 zeigte das deutsche Wirtschaftwachstum mit derErdölkrise eine Abschwächung. Die Bundesregierung erließ1973 den Anwerbestopp für neue Gastarbeiter. Doch statt einerReduzierung hatte das zunächst einen Anstieg derausländischen Wohnbevölkerung zur Folge. Während 1965132.800 und 1970 469.200 Türken in Deutschland wohnten,waren es 1975 bereits 1.077.100 und 1980 1.462.000. Denn
  • 10. nach dem Anwerbestopp mussten sich die Familien für einenWohnort entscheiden. Ein Pendeln zwischen ihrem ehemaligenHeimatland und Deutschland war nun nicht mehr möglich. Demgegenüber wirkte sich das Angebot der Bundesregierungauf Zahlungen für rückkehrwillige Türken aus: Bis Mitte 1984verließen rund 250.000 Ausländer – hauptsächlich Türken –die Bundesrepublik. Das Gesetz gewährte ihnenRückkehrhilfen von bis zu 10.500 D-Mark pro Erwachsenemund 1.500 D-Mark pro Kind. In der Türkei hatten sich in dieser Zeit dieLebensbedingungen eher verschlechtert. Die Folgen der Öl-und der Zypernkrise schwächten den Anfang der siebzigerJahre einsetzenden Aufschwung stark ab. Die politische Lagewurde immer instabiler. Ende der siebziger Jahre kam es in derTürkei zu bürgerkriegsähnlichen Auseinandersetzungen derlinken und rechten Kräfte. Sie führten schließlich 1980 zumPutsch des Militärs. In dieser unsicheren Situation erschien dentürkischen Familien eine Rückkehr in die Türkeiverständlicherweise als wenig ratsam. Unter diesenVerhältnissen war an eine wirtschaftliche Verbesserung inihrem Heimatland kaum zu denken. Also machten sie vonihrem Recht auf Familienzusammenführung ab 1974 verstärktGebrauch. Der Anstieg der Arbeitslosigkeit in den achtziger Jahrenverschlechterte die Stimmung der deutschen Bevölkerunggegenüber den Einwanderern. Die Vermutung, dass sie ihnendie rareren Arbeitsplätze wegnehmen würden, malte Sprüchewie »Türken raus« an die Wände der Großstädte. Der Bedarf der Arbeitsmigranten, die sich für einen Verbleibin Deutschland entschieden hatten, nach größerem undbezahlbarem Wohnraum stieg mit dem verstärktenFamiliennachzug ständig. Sie zogen meist in wenig attraktiveGegenden, die bald als Stadtteile angesehen wurden, in denen
  • 11. sich die Probleme ballten und aus denen die, die es sich leistenkonnten, schnell wieder auszogen. Die Separierung, die sichhier faktisch vollzog, lässt das heutige Beklagen derEntstehung von »Parallelgesellschaften« als durchausvorhersehbar erscheinen. Den Migranten blieben wenig Alternativen. Als Mieter warensie in den besseren Gegenden häufig unerwünscht. Soversuchten sie, die Vorteile der türkisch geprägtenInfrastruktur ihres Stadtteils zu sehen, die ihnen dieOrganisation ihres Alltags in der ungewohnten Umgebungerleichterte. Das hatte aber auch zur Folge, dass man in Berlin-Kreuzberg, in Hamburg-Wilhelmsburg oder Köln-Mülheimweitgehend ohne deutsche Sprachkenntnisse zurechtkommenkonnte. Sprachkurse für Neuankömmlinge anzubieten odersogar zur Pflicht zu erklären, ist erst 2004 verschärft in diegesellschaftliche Diskussion eingebracht worden. Durch etwas unterschieden sich die türkischen Familien vondenen ihrer Arbeitskollegen aus den anderen Anwerbeländerwie Italien, Griechenland und Spanien: durch die Religion.Letztere waren in der Mehrzahl Katholiken und fanden sichsomit in deutscher Gesellschaft mit ihren christlichenreligiösen Wurzeln wieder. Doch den Türken fehlten religiöseRückzugsmöglichkeiten. Als Muslime mussten sie inDeutschland auf Versammlungsmöglichkeiten in Moscheenverzichten. Da der Islam in Deutschland nicht als Kircheanerkannt wird, weil eine für alle Muslime sprechendeVertretungsorganisation fehlt, mussten sie sich alsKulturvereine eintragen lassen, um eigene Räume anmieten zukönnen. Die Türkisch islamische Union der Anstalt fürReligion e. V. (DITIB) ist seit ihrer Gründung 1984 derDachverband für 870 der Moscheevereine in Deutschland.DITIB untersteht wiederum dem Amt für Religionsfragen inAnkara.
  • 12. Auch heute sind die Moscheen häufig in schlichtenGewerbegebieten untergebracht. Projekte zum Bau vonsichtbaren Moscheen führten in der Vergangenheit oft zustarken Protesten der deutschen Anwohner. In den achtziger Jahren erkannte die deutsche Gesellschaftallmählich, dass die Einwanderung von mittlerweile 1,5Millionen Türken Konsequenzen nach sich ziehen musste, andie sie bisher kaum gedacht hatte. Statt Arbeitskräfte warennicht nur Menschen gekommen, wie Max Frisch ganz richtigbemerkte, sondern ganze Familien. Diese»Gastarbeiterfamilien« waren zu Einwandererfamiliengeworden – auch wenn Helmut Kohl 1991 in seinerRegierungserklärung immer noch behaupten sollte, dassDeutschland kein Einwanderungsland sei. Die Kinder dieserMigranten verlangten nach angemessenenBildungsmöglichkeiten. Lange Zeit blieben die Versuche dazuaber Stückwerk, abzulesen an der hohen Anzahl derausländischen Kinder, die auf eine Sonderschule gingen oderdie Schule ohne Abschluss verließen. Man hoffte auf die nächste Generation. Sie würde inDeutschland die Schule durchlaufen haben und sich einfacherintegrieren lassen. Doch gerade das dreigliedrige Schulsystemmit der frühen Einsortierung in die drei weiterführendenSchularten und die Betreuung in einer Halbtagsschule warhierfür nur sehr bedingt geeignet. Die PISA-Studie hat demdeutschen Schulsystem bescheinigt, dass der Schulerfolg derKinder immer noch zu einem ungewöhnlich hohen Prozentsatzvon der Herkunft ihrer Eltern abhängt. In der PISA-E-Studievon 2005 wurden folgende Ergebnisse ermittelt: Kinderdeutscher Eltern landen zu 23,6 Prozent, Kinder türkischerEltern zu 56,6 Prozent auf der Hauptschule. Dagegen gehennur 10,2 Prozent von ihnen auf ein Gymnasium, währenddorthin 32,5 Prozent aller Kinder aus deutschen Familien
  • 13. kommen. Außerdem erreichen Kinder aus bildungsfernenSchichten mit höherer Wahrscheinlichkeit einen minderqualifizierenden Bildungsabschluss. Demnach haben es Kinderaus ehemaligen »Gastarbeiterfamilien« besonders schwer.Viele ihrer Elternteile haben in ihrem Heimatland kaumSchulbildung genossen und sollten nun in einem fremden Landohne Sprachkenntnisse ihren Kindern den Weg weisen. Auchwenn die Schulabbrecherquote der ausländischen Kinder seitdem ersten Jahr der Erfassung 1992 von damals 26 Prozentzurückgegangen ist, stagniert sie in den letzten Jahren aufhohem Niveau: Sie betrug im Schuljahr 1996 wie auch2003/2004 laut Statischem Bundesamt immer noch 17 Prozent.Bei deutschen Schülern lag sie dagegen bei 8,3 Prozent. Imselben Zeitraum erreichten die türkischen Schüler zu 40Prozent den Hauptschulabschluss, zu 30 Prozent die mittlereReife. Die Anzahl derjenigen, die die Berechtigung zu einemHochschulstudium erwarben, stieg auf 11 Prozent. ImWintersemester 2004/2005 studierten 22.500 türkischeStaatsangehörige in Deutschland, davon 16.000 so genannteBildungsinländer. In diesem Zusammenhang sind die neuesten Zahlen desBundesinstitutes für Berufsbildung vom 23.11.2005 ebenfallsinteressant: Nur 29 Prozent aller Ausbildungssuchenden mitMigrationshintergrund fanden eine Lehrstelle. Bei dendeutschen Bewerbern waren es 40 Prozent. DieAusbildungsquote der Jugendlichen mit einem ausländischenPass fiel demnach seit Mitte der neunziger Jahre von 34Prozent auf 25 Prozent im Jahre 2004. Unter den verschiedenen Einwanderergruppen inDeutschland haben Türken die längste Aufenthaltsdauervorzuweisen. Ende 2003 lebten etwa drei Viertel (73,6Prozent) der türkischen Bevölkerung länger als zehn Jahre inDeutschland, 20,6 Prozent sogar länger als 30 Jahre.
  • 14. Von den 1,8 Millionen in Deutschland lebenden Menschenmit türkischer Staatsangehörigkeit waren bis Ende 2003 fast 40Prozent in Deutschland geboren. Sie gehören damit derzweiten oder sogar der dritten Generation an. Seit der Änderung des Staatsangehörigkeitsrechtes am1.1.2000 hat sich die rechtliche Situation der in Deutschlandgeborenen Kinder verbessert: So erhalten die Kinderausländischer Eltern, von denen wenigstens ein Elternteilmindestens acht Jahre rechtmäßig seinen Aufenthalt inDeutschland und eine Aufenthaltsberechtigung hat oder seitdrei Jahren eine unbefristete Aufenthaltserlaubnis besitzt, diedeutsche Staatsangehörigkeit. Somit ist auch in Deutschlanddas »ius soli« eingeführt worden. In den Jahren 2002 und 2003erhielten dadurch jeweils ungefähr 37.000 Kinderausländischer Eltern die deutsche Staatsangehörigkeit mit derGeburt.Fragen an deutsch-türkische PaareUmfeldIn einer Umfrage von 2002 lehnten 39 Prozent derOstdeutschen und 28 Prozent der Westdeutschen Türken alsNachbarn ab. Von dieser Einstellung bleiben deutsch-türkischePaare sicher nicht unberührt. Fast jedes Paar sieht sich miteinigen Fragen konfrontiert, die von außen an es herangetragenwerden. Denn die Umgebung spielt bei einer bikulturellenBeziehung eine fast ebenso große Rolle wie die Partner selbst.Sie fallen auf, sie sind anders als die vermeintliche Norm undstehen deshalb unter besonderer Beobachtung. »Ich als Schwarzkopf unterscheide mich schon rein äußerlichvon den Deutschen. Meine Partnerin und ich ergeben einschwarz-blondes Kontrastprogramm, das im Straßenbild
  • 15. auffällt«, berichtet ein türkischer Ehemann. »Wir müssen unssowohl im türkischen Umfeld wie im deutschen immererklären.« Man sollte annehmen, dass bei der hohen Prozentzahlbinationaler Partnerschaften diese mittlerweile alsSelbstverständlichkeit gesehen werden, doch die meisten Paarekönnen immer noch von gegenteiligen Erfahrungen berichten.Bezogen auf die Mehrzahl der Paare sind sie schließlich nachwie vor eine Minderheit. So müssen sie im Gegensatz zu ihnenihre Wahl begründen. Im Erklären und Rechtfertigen haben die türkischstämmigenPartner meist schon viel Erfahrung. Für die deutschen ist daseher ungewohnt. Plötzlich werden auch sie gerne fürAuskünfte über islamische und türkische Traditionenherangezogen. Denn in den Köpfen ihrer Zeitgenossenschwirren viele Fragen, Klischees und Vorurteile, für die siejetzt als Adressat geeignet scheinen. Die an sieherangetragenen Fragen berühren viele verschiedeneThemengebiete.FamilieDie Wünsche der beiden Familien an ihre Sprösslinge sindmeist schnell ein Thema. Die Partner müssen sich mit ihnenauseinander setzen. Die meisten Eltern, ob deutsch odertürkisch, haben gewisse Vorstellungen über die zukünftigenSchwiegersöhne oder -töchter, die ihren Familienkreiserweitern sollen. Sie kommen häufig erst explizit zur Sprache,wenn der Wunschpartner des Kindes nicht ganz ihrenErwartungen entspricht. Bei einem Partner aus einem anderenKulturkreis ist dies meist der Fall. Kann eine Ehe zwischen Türken und Deutschen überhauptgut gehen? Wird sie nicht zwangsläufig zur Scheidung führen,da die Vorstellungen und Prägungen der Partner zu
  • 16. unterschiedlich sind? Wird sich der deutsche Partner in dietürkische Familienkultur eingliedern wollen, oder wird er nichtein Fremdkörper bleiben? Ist der türkische Partner nicht allzugeprägt vom Aufwachsen in einer patriarchalen Gesellschaft,als dass er die gleichberechtigte Rollenaufteilung zwischen denGeschlechtern akzeptieren kann? Unkenntnis und Vorurteilebestimmen oft die Bedenken der jeweils anderen Familie. Laut einer Untersuchung von Mehrländer, Ascheberg undUelzhöffer (1996) erklärten sich 1995 über die Hälfte allertürkischen Eltern mit der Heirat ihrer Kinder mit einemdeutschen Ehepartner einverstanden. 1985 lag dieZustimmungsquote noch bei etwas über 30 Prozent. Auffälligist in ihren Ergebnissen, dass die Wahrscheinlichkeit, einendeutschen Ehepartner zu heiraten, zwischen den Generationensehr unterschiedlich hoch eingeschätzt wird. Gerade beitürkischen Familien ist der Unterschied zwischen Kindern undEltern bei der Zustimmung zum Statement »auf jeden Fall istder Ehepartner ein/e Deutsche/r« sehr hoch und liegt bei über30 Prozent: Nur 4 Prozent der Eltern, aber 35 Prozent derKinder gingen von dieser Partnerwahl aus. So kann dieÜberraschung groß sein, wenn der neue Partner präsentiertwird. Für die türkischen Eltern genauso wie für die deutscheMehrheitsgesellschaft. Mit dieser eventuellen Skepsis und Ablehnung müssen sichdie meisten Paare auseinander setzen – und das häufig zueinem frühen Zeitpunkt ihrer Beziehung, in der sie noch kaumgefestigt ist.ReligionNicht erst seit dem 11. September 2001 hat der Islam imWesten einen schlechten Ruf. Die Stichworte, die inDeutschland oft noch im selben Atemzug fallen, sind negativgeprägt. Frauenunterdrückung, Scharia, Rückständigkeit,
  • 17. islamischer Terrorismus, Parallelgesellschaft, Ehrenmorde sindnur einige von ihnen. Großen Raum bei den Sorgen, die sich die Umwelt umdeutsch-türkische Paare macht, nimmt also das ThemaReligion ein. Bei ihnen geht man von christlich-islamischenPaaren aus und vermutet Konflikte. Wird der andersgläubigePartner nicht die Religionsausübung seines Partners behindern,beeinflussen oder sogar unterdrücken? Ist es nichtmoslemischen Frauen sogar verboten, einen christlichenEhemann zu nehmen, da man davon ausgeht, dass er über ihreReligion und die der Kinder bestimmen wird? Werden diePartner sich auf gemeinsame Werte einigen können? Nachwelchen Traditionen und Einstellungen werden sie bei derErziehung ihrer Kinder verfahren? Können Familienfeste, dieja in der Regel auf religiösen Wurzeln fußen, noch gemeinsambegangen werden? Werden die unterschiedlichen religiösenVorstellungen nicht zu unüberwindbaren Problemen führen,die vielleicht über die Kinder ausgetragen werden? Eine Vielzahl von möglichen Komplikationen wird dem Paarmeist in Aussicht gestellt.Kultur»Die deutsche und die türkische Kultur passen einfach nichtzusammen!« Mit diesem Statement sehen sich viele Paarekonfrontiert. Auf der einen Seite stehe eine Gesellschaft vonegoistischen Individualisten, die ihre Eltern bei Bedarf einfachins Heim abschieben würden, und auf der anderen Seite eineGesellschaft aus sich gegenseitig kontrollierendenFamilienclans, lauten die gängigen, gegenseitigen Vorurteile.Können Partnerschaften zwischen Personen aus diesen beidenKreisen überhaupt Bestand haben? Sind ihre Prägungen undErwartungen nicht viel zu unterschiedlich?
  • 18. Doch ist die Wirklichkeit nicht differenzierter? Ist Kulturnicht eher ein fließender Entwicklungsprozess statt einestatische Festlegung? Ist sie nicht als Sammelbad für dieRegeln, Strukturen, Traditionen und Weltsichten einer Ethnieeiner ständigen Entwicklung unterworfen? Gilt das nicht fürjede Volksgruppe, speziell in einer globalisierten Welt und imbesonderen Maß für ein Leben in der Migration? Somit ist der Abstimmungsbedarf zwischen Partnern in einerBeziehung wahrscheinlich selten nur durch kulturelleUnterschiede geprägt; eine ebenso große Rolle spielenvielleicht die Generationsunterschiede und der Bildungsgrad.Ist es eventuell einfach oft bequemer, die Differenzen deutsch-türkischer Paare an Kultur und Religion fest zu machen?SpracheWenn die Paare in Deutschland leben, ist ihre Familiensprachefast immer Deutsch. Der türkischstämmige Partner muss alsoauf seine Muttersprache verzichten. Zieht das nicht eineEinschränkung auf der Verständigungsebene nach sich? Isteine gemeinsame Sprache, in der sich beide Partner gleichwohl fühlen, für eine gelungene Kommunikation nichtunerlässlich? Das gilt natürlich in besonderem Maß für Partneraus der ersten Generation. Am Anfang ist das Wörterbuchwohl das ständige Accessoire vieler Paare. Die Hochphasender Verliebtheit mögen solche kleinen Widrigkeiten nochunwichtig erscheinen lassen. Doch sieht das später im Alltagnicht ganz anders aus? Bei Partnern aus der zweiten Generation, die ihre Kindheitund Schulausbildung in Deutschland verbracht haben, sindkaum praktische Schwierigkeiten in der Verständigung zuerwarten. Doch mit der Sprache ist auch eine emotionaleEbene verbunden. Transportiert sie nicht außerdem inbesonderer Weise Kultur? Werden die türkischstämmigen
  • 19. Partner nicht eine Ebene in ihrer Beziehung mit einemdeutschen Partner vermissen? »Auf Türkisch lässt sichmanches viel besser ausdrücken. Mit anderen Türken wechseleich gerne in meine Muttersprache, wenn ich etwas Emotionalesbesprechen möchte. Da passt das Deutsche nicht so gut«,berichtet eine türkischstämmige Frau. Wird sie also dieseEmotionalität mit ihrem deutschen Partner in der Form, die ihram liebsten ist, nicht austauschen können?KinderUnd was wird mit den Kindern werden? Werden siezweisprachig erzogen werden? Droht so nicht die Gefahr, dasssie beide Sprachen nur halb beherrschen? Wird sich derdeutsche Partner nicht aus dem Gespräch ausgeschlossenfühlen, das der türkischsprachige Elternteil mit den Kindernführt? Wie wird die Kommunikation mit den türkischenSchwieger- und Großeltern stattfinden? Wird dieser Austauschauf Oberflächlichkeiten beschränkt bleiben müssen, weil diegemeinsame Sprache fehlt? Diesen Kindern wird durch ihre Eltern und deren Familieneine große Variationsbreite an Lebensmöglichkeiten gezeigt.Werden diese Kinder sich nicht letztendlich hin und hergerissen und heimatlos fühlen? Werden sie überhaupt einegesunde Identität entwickeln können?Interviewte PaareIch habe mit insgesamt 42 Paaren Gespräche geführt. Diemeisten von ihnen verfügen über eine langjährige Erfahrung inBezug auf deutsch-türkische Partnerschaften: Immerhin sind15 von ihnen länger als 20 Jahre zusammen, 13 länger als zehnJahre und nur zwei der Paare blicken auf weniger als vier JahreBeziehungserfahrung zurück.
  • 20. Unter den Paaren entsprach die Geschlechterverteilung derder bundesdeutschen Zahlen: Die Männer türkischer Herkunft,die mit deutschen Frauen in einer Partnerschaft lebten, warenin der Mehrzahl – 26 Männer gegenüber 16 Frauen. Allerdingswar das Verhältnis unter den jüngeren Paaren umgedreht:Unter ihnen gab es nur noch drei türkischstämmige Männergegenüber 16 türkischstämmigen Frauen. Immer wenn zwei Menschen sich wirklich intensiv begegnenwollen, müssen sie kommunizieren, sich aufeinander einlassen,den anderen in seinen Besonderheiten kennen und verstehenlernen. Letztendlich gilt das natürlich auch für jedesmonokulturelle Paar. Doch während deutsch-deutsche odertürkischtürkische Paare meistens davon ausgehen mögen, dasssie gewisse Grundüberstimmungen voraussetzen können, sindsich bikulturelle Paare von vornherein dessen bewusst, dass sieviel reden und erklären müssen. Doch wie diese Paarebeweisen, muss sich das Wissen um die Notwendigkeit vonwahrhaftiger Kommunikation nicht als Nachteil herausstellen. Alle Paare in einem Porträt vorzustellen, hätte den Rahmendieses Buches gesprengt. Um sie trotzdem alle zu Wortkommen zu lassen, habe ich ihre Erfahrungen im Schlussteilversucht zusammen zu stellen. Die persönlichen Daten derPaare wurden bis auf zwei (Aydan Özoguz und MichaelNeumann, Stella und Ömer Özdil, die auf dem Titelbild zusehen sind) anonymisiert: Ihre Namen wurden geändert undihre Altersangaben zum Teil verschleiert. Mancher wird vielleicht die Berichte über gescheiterteBeziehungen vermissen. Doch dieses Buch soll gerade von denPaaren berichten, die ihr Beziehungsprojekt erfolgreichgestalten konnten. Es will sich den Fragen und Antwortenwidmen, die sie in ihrem privaten kulturellen Dialog gefundenhaben. Vielleicht können sie Anregungen für dengesamtgesellschaftlichen Dialog geben, der in Deutschland
  • 21. noch intensiviert werden muss. Dieses Buch ist somit eher alsErgänzung zu den Berichten von gescheiterten Beziehungen zuverstehen, die naturgemäß schnellere Verbreitung finden alsdie, die von gelungenen Verbindungen erzählen.
  • 22. I Interviewpartner der ersten GenerationDie erste Einwanderergeneration hat sich häufig im Zuge derGastarbeiteranwerbung ab 1961 nach Deutschland aufgemacht.Zu über 80 Prozent handelte es sich dabei um junge Männer,da sie für die Wirtschaft am interessantesten erschienen.Weniger bekannt ist, dass auch zu circa 19 Prozent Frauennach Deutschland gekommen sind, um hier hauptsächlich inden Fabriken, die auf kleinteilige Handarbeit angewiesenwaren, Geld zu verdienen. Wie die Männer, haben sie sichmeist eigenständig aufgemacht, um hier für sich und ihreFamilie Geld zu verdienen und gleichzeitig ihre eigenenZukunftschancen zu erhöhen. Für viele von ihnen war es einbewusster Aufbruch in eine andere, unbekannte Welt. Viele sind nicht nur zum Arbeiten gekommen. Nicht wenigeverbanden mit ihrem Zuzug nach Deutschland die Hoffnungauf mehr Bildung. Sie kamen vorrangig um zu studieren undarbeiteten nur nebenher, um ihre Lebenshaltungskosten zudecken. Gerade diese spezielle Gruppe der erstenEinwanderergeneration wollte Neues in Deutschland für sichentdecken und war somit besonders aufgeschlossen fürKontakte zu »Einheimischen«. Die interviewten Partner der ersten Generation spiegeln dieverschiedenen Gruppen wieder: Eine der Frauen hat in einerFabrik gearbeitet, eine zweite in einem Krankenhaus. Eintürkischer Ehepartner war als Erntehelfer tätig. Bei denübrigen, die in die Altersgruppe der 60- bis 70-Jährigen fallen,handelt es um eine Frau und zwei Männer, die alsUnternehmer, für ein Auslandsjahr und als Medizinstudent
  • 23. nach Deutschland gekommen sind. Sie stammen aus eherprivilegierten Schichten der Türkei. Eins der Paare lebt heutein der Türkei.
  • 24. Aus ihrer langjährigen Ehe sind zwei Kinder hervorgegangen. Sie freuen sich schon auf ihr Rentenalter, das sie in ihrem Ferienhaus in der Türkei verbringen wollen. Er: Wir streiten uns nie. Und wenn es mal etwas lauter wird, sage ich einfach:So, gut ist jetzt! Dann gibt es ein Küsschen und alles ist wieder in Ordnung. Für mich hat diese Ehe nur Gutes gebracht DEUTSCHER SCHNAPSBRENNER, 57 & TÜRKISCHE FLIESSBANDARBEITERIN, 56»Ich war in einer Destillation für Alkohol im Laborbeschäftigt. In den Siebzigern wurden in der Firma vieleGastarbeiterinnen für die Arbeiten am Band angeheuert. 1971kam dann auch meine jetzige Frau. Die Arbeiterinnen gingenzur Mittagspause immer an unserem Fenster vorbei. WirMänner riskierten natürlich gerne mal den einen oder anderenBlick. Meine Frau fiel mir gleich auf. Sie war sehr hübsch. Ichversuchte Blickkontakt zu bekommen, doch das gelang mirimmer nur für winzige Momente.« Karl erinnert sich nochganz genau an den Anfang seiner Beziehung zu Meliha. Sie kann erklären, warum ihm die Kontaktaufnahme soschwer fiel: »Die anderen Türkinnen, mit denen ichzusammenarbeitete, passten sehr gut auf. Wir Jungen solltenuns auf keinen Fall mit den Deutschen einlassen.« Für sozialeKontrolle war also auch im fernen Deutschland gesorgt. Wohlzu Recht, wer konnte damals schon richtig einschätzen, wasdie deutschen Männer von den türkischen Frauen wollten. Dadie Frauen alle zusammen im Wohnheim gegenüber der Firma
  • 25. untergebracht waren, war diese Gemeinschaft rund um die Uhrgegeben. Es wurde zusammen eingekauft, gekocht, gegessenund geschlafen. Fernseher und Radio gab es nicht. »Ich habe mich gefühlt wie im Gefängnis, ich wollte sofortwieder nach Hause. Ich habe nur geweint«, erinnert sichMeliha. Der Rat ihrer Tante hatte sie nach Deutschlandgebracht. In der Türkei hatte Meliha in der Nähe von Izmir dasGymnasium besucht und das Abitur gemacht. Doch dieMöglichkeit eines Studiums war aufgrund der finanziellenBeschränktheit der Familie nicht gegeben. So schlug ihreTante, die als Zahnärztin in Hannover arbeitet, vor, sich für einArbeitsjahr in einer deutschen Fabrik zu verpflichten, Deutschzu lernen und danach ein Studium in Hannover zu beginnen.Doch soweit kam es nicht. Die Liebe kam Meliha dazwischen.»Du hast meine Karriere verhindert«, meint sie halbscherzhaft, halb ernst zu ihrem Mann. Der entgegnet mit demihm eigenen, trockenen Humor: »Aber du bist eine tolleHausfrau und Mutter geworden.« Die Einsamkeit, die Meliha seit ihrer Ankunft in Deutschlandempfand, mag ein Katalysator für ihre Beziehung gewesensein. Sie fühlte sich so allein in der Fabrik und demWohnheim, dass das Interesse dieses Mannes, der ihr so offenund hilfsbereit entgegentrat, einfach gut tat. Doch zunächstwurde Karl einer sorgsamen Prüfung unterzogen. Und zwardurch die Wohnheimbewohnerinnen. Nachdem er zahlreicheVersuche unternommen hatte, sich mit Meliha zu verabreden,wurde er endlich zu einem Kaffeetrinken ins Wohnheimeingeladen. »Das war eine Überraschung«, erzählt Karl. »Soetwas kannte ich ja gar nicht. Alle Frauen bedienten mich. Siereichten mir Kaffee oder Tee, ganz wie ich wollte. Sie hattenextra Teigrollen für mich zubereitet. Es war herrlich, sofürstlich bedient zu werden. War ich vorher schon von meinerhübschen Frau begeistert, so überzeugte mich diese
  • 26. Gastfreundlichkeit noch zusätzlich.« So positiv wie KarlsUrteil fiel auch das der Frauen für ihn aus: »Sie fanden michwohl auch sympathisch«, vermutet er. Da Karl schon damals ein Auto hatte, durfte er als nächstesMeliha für eine Urlaubsreise in die Türkei zum Flughafenbringen. »Ich erinnere mich noch: Sie saß hinter mir im Autound zupfte mir ganz leicht in meinem Nacken am Haar. Daschöpfte ich Hoffnung: Vielleicht hatte sie also auch an mirInteresse.« Denn das zeigte sie ansonsten kaum. Sehrzurückhaltend sei sie damals gewesen. Verständlich nach denWarnungen der Frauen. Erschwerend kam sicherlich hinzu,dass die Orientierung in einem neuen Land mit seinen Regelnund Gepflogenheiten sehr schwer fällt, wenn man die Sprachenicht beherrscht. »Doch unsere Verständigung hat immer gutgeklappt«, findet Karl. Zuerst half das Wörterbuch, dann lernteseine Frau einzelne Wörter und bald bildete sie schon Sätze. Erfand, sie lernte sehr schnell. Meliha fasste allmählich Vertrauen zu Karl. SeineHartnäckigkeit hatte sich doch ausgezahlt: Endlich wagte sie,ihr Interesse zu zeigen. Doch was würden ihre Eltern dazusagen? Der Zeitpunkt war gekommen, dass die beiden ihreFamilien einweihen mussten. Bei seiner eigenen sah Karl keineProbleme. »Sie waren ganz offen. Sie hatten keinerleiBedenken, dass eine Türkin nicht zu mir passen würde«, meinter. »Bei ihnen galt immer: Hauptsache du bist glücklich.« BeiMeliha hatten sie wohl keine Zweifel, dass Karl es werdenwürde. »Sie waren von Meliha gleich begeistert«, erinnert ersich noch. Doch bei ihrer Familie waren mehr Bedenken zuerwarten. Ganz geschickt holten sie zunächst die Zustimmungder Tante in Hannover ein. War diese erlangt, hofften sie, dassdie Tante Melihas Vater positiv beeinflussen würde. So kam esauch. Die Telefondrähte glühten, denn der Vater war zunächst
  • 27. gar nicht begeistert. »Doch er hat ein weiches Herz«, weißMeliha. So stimmte er zum Schluss doch zu. Einer Reise in die Türkei stand also nichts mehr im Weg. ZurVerstärkung nahm Karl seinen Bruder mit. »Und der hat sichdoch tatsächlich gleich in Melihas Freundin verliebt, sie spätergeheiratet und mit nach Deutschland gebracht.« Eingemeinsamer Lebensabend der Vier in der Türkei war schongeplant und vorbereitet. Doch es kam anders: Karl Bruder istletztes Jahr überraschend an Krebs gestorben und seine Frau zuihren Verwandten in die Türkei zurückgegangen. Die Aufnahme in Melihas Familie empfand Karl nach dengeleisteten Vorarbeiten als sehr herzlich. Er fühlte sich sehrwohl und zeigte es auch. Die Eltern bekamen den Eindruck:Dieser Schwiegersohn wird unsere Tochter gut behandeln undgaben ihre endgültige Zustimmung. Ein halbes Jahr später wardann die Hochzeitsfeier in der Türkei. Drei Zeitungen warenvor Ort erschienen, um über dieses ungewöhnliche Ereignis zuberichten. Das Ehepaar zeigt eine gut bestückte Mappe mitvergilbten Zeitungsausschnitten. Immer noch ist sehr gut zuerkennen, was für ein schickes, flottes Paar die beiden damalsabgegeben haben. Er selbst stand seiner Frau in PunktoAussehen in nichts nach: Der stattliche Mann mit seinemgepflegten Riesenschnauzbart und den langen Kotelettenmachte eine gute Figur. Er fügte sich somit schon allein vomÄußeren wunderbar in die türkische Hochzeitsgesellschaft ein,deren männliche Vertreter ebenfalls alle schnauzbärtig waren. Zurück in Deutschland gestaltete sich das Eheleben derbeiden unproblematisch. Sie arbeiteten zunächst gemeinsamim Labor. Aufgrund ihrer guten Vorbildung war Melihabefördert worden. Sie sprach Englisch und so klappte auch diefachliche Verständigung mit dem Chef. Am Wochenendebesuchte man sich mit den türkischen Familien imnachbarschaftlichen Umfeld. Karl erinnert sich gerne an die
  • 28. geselligen Tage in großer Runde. »Wir haben immerwunderbares Essen auf dem Tisch gehabt.« An schwerwiegende Diskrepanzen können sich beide nichterinnern. »Gestritten haben wir uns nie.« Seine Frau nickt:»Nie ernsthaften Streit.« Karl ergänzt: »Das war bei uns so:Nach einer Auseinandersetzung ist man kurz beleidigt, danngeht man wieder hin, spricht darüber und verträgt sichwieder.« Karl verrät sein Zauberwort: »Wenn es doch mal zueinem Streit gekommen ist, dann sag’ ich einfach: Jetzt ist abergut!« Seine Frau beugt sich vor. In einem Punkt muss sie ihrenMann doch korrigieren: »Meist bin ich es, die den erstenSchritt macht. Uns Frauen fällt das einfach leichter. Ich nehmeihn in den Arm, küsse ihn und es ist wieder in Ordnung.« Dann kündigte sich das erste Kind an, und Meliha unterbrachihre Arbeit. Sobald der zeitliche Freiraum mit dem Kleinenwieder etwas größer war, kam sie in Teilzeit zurück. Nach demzweiten Kind gelang das allerdings nicht mehr. DieGetränkefirma war inzwischen Pleite gegangen. Ihr Mann hatteArbeit in der Postdienststelle eines Krankenhauses gefunden,und Meliha ging zur Post. Als Briefesortiererin konnte sie ihreSchicht so legen, dass stets eine Betreuung der beiden Kindergegeben war. Kam ihr Mann nach Hause, ging sie zur Arbeitund er kümmerte sich um die Kleinen. »Mein Mann hat immerviel mit ihnen gespielt, Hausaufgaben gemacht und gelernt. Sohaben sie auch so gut Deutsch gelernt.« Sie selbst hätte ihnendabei weniger gut zur Seite stehen können, denn sie benutztdas Deutsche bis heute nur als Mittel der mündlichenVerständigung. Die Notwendigkeit, sich mit Grammatik undSchriftdeutsch zu beschäftigen, hat sich in ihrem Leben nichtergeben. »Ich habe mit meinen Kindern Türkisch geredet. MeineTochter kann es heute neben Deutsch perfekt. Mein Sohn hatleider vieles vergessen.« Wie auf ein Stichwort hört man einen
  • 29. Schlüssel in der Tür. Karl guckt verschmitzt auf: »Ich habemeinen Sohn gebeten heute kurz vorbeizukommen. Und er hates gemacht«, freut er sich. Ein smarter Mann Anfang zwanzig kommt zur Tür herein. Ernimmt Platz und bestätigt den letzten Teil der Erzählung seinerEltern. Als Kleinkind habe er mit seiner Mutter Türkischgesprochen, aber es im Laufe seiner Jugend wieder verlernt.Heute bedauert er ein wenig, auf seine zweite Spracheverzichtet zu haben. »Aber Türkisch ist ja keine Weltsprache«,tröstet er sich. »Lange Zeit wusste ich nicht, wohin ich michgezogen fühlte. Ich habe ja einen Doppelnamen. Da haben dieLeute schon gefragt: ›Wo kommst du denn her?‹ Bin ich nunDeutscher, bin ich nun Türke? Letztendlich habe ich wohlbeide Kulturen in mir.« Seine Mutter merkt scherzhaft an: »Dumüsstest dich Hälfte, Hälfte durchschneiden!« Doch ihr Sohnhat für sich andere Prioritäten gesetzt: »Ich hatte eigentlich nurdeutsche Freunde und ging auf eine deutsche Schule. DasDeutsche war mir einfach wichtiger. Ein paar Mal habe ich aufden jährlichen Türkeiurlaub mit der Familie verzichtet, und soverlor das Türkische für mich immer mehr an Bedeutung.« Erfindet, dass sich seine Strategie ausgezahlt hat: Er arbeiteterfolgreich als Versicherungskaufmann und freut sich, in derdeutschen Gesellschaft einen guten Platz gefunden zu haben. Die um ein paar Jahre ältere Tochter hat da eine andereRichtung eingeschlagen. »Sie ist mehr wie türkischeMädchen«, meint die Mutter. »Jungen gegenüber ist sie sehrzurückhaltend. Sie achtet immer auf ihre Kleider. Sie will, dassihr Körper bedeckt bleibt, auch in der Türkei, wenn alleanderen im Bikini herumlaufen. Da sage ich schon mal zu ihr:Nun zieh dir mal was Schönes an, aber das will sie nicht.« InDeutschland ist die Tochter gerne zu Hause. Sie hilft ihrerMutter freiwillig im Haushalt und häkelt und strickt mit ihr.»Das sage ich ihr nicht, das kommt von innen heraus«,
  • 30. versichert die Mutter. Abends gucken die beiden gernezusammen türkisches Fernsehen. Ihr Bruder sagt über sie: »ImGegensatz zu mir hat sie das Türkische weiter gepflegt. Sieliebt die Türkei mehr als ich. Für mich ist es nur einUrlaubsland.« Auch der Vater bestätigt: »Sie hat viel von unsmitbekommen: Sie liebt das Türkische und die Türkei so wiemeine Frau und ich.« So ist es wahrscheinlich kein Zufall, dassder Sohn eine deutsche Freundin und seine Schwester einenVerlobten in der Türkei hat. In Religionsfragen kamen die Ehepartner schnell auf einengemeinsamen Nenner. »Religion, damit hatten wir gar keinProblem, und das, obwohl ich sogar katholisch bin. Für michgibt es nur einen Gott«, meint Karl. »Genau«, bestätigt seineFrau. »Die Menschen teilen Gott, es gibt aber nur eine Kraft.Mitleid haben und Gefühle zeigen ist der richtige Glaube«, istsie überzeugt. In diesem Geiste sei sie schon von ihren Elternerzogen worden. Der Sohn bestätigt diese Haltung: »So habendas meine Eltern auch in meiner Erziehung gemacht. Sie habenmich gelassen, deswegen bin ich bis heute auch nochreligionslos. Ich kenne mich mit den verschiedenen Religionenzu wenig aus, deswegen will ich mich da nicht festlegen. EinGlaube ist dennoch wichtig, damit man etwas hat, wenn eseinem schlecht geht. Ich glaube an mich und meine Leistung«,überlegt er. Mit einem Blick auf seinen Vater fügt er schnellhinzu: »Und an meine Familie.« Der letzte Satz verfehlt seine Wirkung nicht: »Ja, wir fühlenuns sehr verbunden«, bestätigt der Vater und lächelt zufrieden. Die Familie fährt jedes Jahr in die Türkei. Sie genießt denunbeschwerten Urlaub in dem noblen Ferienhaus der Tante ausHannover. Bodrum ist für Karl der ideale Ferienort. Er liebt dieAussicht von der Terrasse auf das blaue Meer bei strahlendemSonnenschein. Viele Videos und Fotos lassen immer wiederdie schönen Urlaubserinnerungen aufleben, wenn man im
  • 31. weniger sonnigen Norddeutschland ist. Schnell sind zweiFotosammlungen aus dem letzten Jahr zur Hand und belegendie Erzählungen. Doch neben den landschaftlichen Vorzügen freut sich derEhemann auch an weiteren Annehmlichkeiten. Er liebt es, zumFriseur oder ins Hamam, ins türkische Bad, zu gehen. Stets ister begeistert vom äußerst zuvorkommenden Service und demherzlichen Umgang. Gerne geht er mit seiner Frau ineinheimische, einfache Lokale und freut sich, wenn er dort alsTürke angesehen wird. »Ich überlasse meiner Frau das Redenund nicke nur oder murmele eine Antwort. So werden wirbeide wie Einheimische behandelt.« Wenn seineSchauspielerei dann doch durchschaut wird, wird die Reaktionnoch freundlicher. »Wenn sie herausbekommen, dass ichDeutscher bin, dann sind sie noch netter und bedienen michnoch eifriger.« Dann geht es ihm genauso wie einemUrlaubsgast, den sie dort einmal kennen lernten. »Dieser sagtemir, er würde sich schämen, wenn er daran denkt, wie dieTürken bei uns in Deutschland behandelt werden.« Karl freutsich schon auf die Zeit nach seiner Rente, wenn sie ihreAufenthalte in der Türkei nach Lust und Laune ausdehnenkönnen. Einiges hat sich für Meliha in Deutschland erfüllt: Sie hateinen Ehepartner gefunden, mit dem sie eine harmonische Eheführt, und sie hat zwei Kinder zu »ordentlichen« Menschenerzogen. Eines konnte sie jedoch nicht erreichen: IhreWünsche nach mehr Bildung und beruflichem Erfolg bliebenein Traum. Doch sie tröstet sich damit, dass dieser Verlauf ihrSchicksal war. »Wir Türken glauben an die Vorsehung. Schonals meine Mutter schwanger war, ist mein Lebenswegvorgezeichnet worden.« Ihr Mann lässt seiner Fantasieunbeschwert freien Lauf: »Also hätten wir uns wahrscheinlichauch kennen gelernt, wenn du Zahnärztin geworden wärest. Ich
  • 32. wäre also z. B. zur Messe gefahren, hätte Zahnschmerzenbekommen und wäre zu dir gekommen«, malt er sich aus. Karl kann sich dagegen ganz uneingeschränkt über seine Ehefreuen: »Ohne Meliha hätte ich nie die Möglichkeit gehabt, dieTürkei kennen zu lernen und dort wie ein Einheimischer imFerienhaus leben und die kulinarischen Köstlichkeitengenießen zu dürfen. Das habe ich meiner Frau zu verdanken.Durch sie habe ich viel gelernt. Diese Herzlichkeit, dieseGastfreundschaft, diesen liebevollen Umgang habe ich durchsie kennen gelernt. Darüber freue ich mich und versuche dannauch, es in meinen Alltag einzubauen. So bekommt man dochimmer wieder Anregungen, sich zu verändern.« Er nickt nocheinmal bestätigend: »Ich habe durch meine Frau wirklich nurGutes bekommen.«
  • 33. Sie trat mit 16 zum Islam über. Ihren türkischen Mann traf sie in Österreich. Ihre klaren Vorstellungen von derAufgabenteilung in einer Ehe passten hervorragend zu seinen. Der erfolgreiche Selfmade-Mann: Die Türken haben ihre Chance in Deutschland verpasst. Jetzt kommen die Russlanddeutschen. Die Türken haben ihre Chance verpasst DEUTSCHE TURKOLOGIN, 63 & TÜRKISCHER GESCHÄFTSMANN, 67Annemarie hatte schon früh eine klare Zielvorstellung für ihrLeben. Sie wurde in einer wohlhabenden Akademikerfamilieals Nesthäkchen und einzige Tochter geboren. Wohlbehütetwuchs sie auf, erzogen von ihrem dominanten Vater undumsorgt von ihrer Mutter. »Ich genoss die klaren Strukturen inihrer Aufgabenteilung«, sagt die 63-Jährige heute. »Diewünschte ich mir auch für mein eigenes späteres Leben.« DieRegeln der christlichen Lehre, die ihr von ihren Elternvermittelt wurden, waren ihr dagegen zu locker. »Ich suchteauch in diesem Bereich nach eindeutigerenOrientierungsmarken«, sagt sie. Im Islam fand das Mädchendie gesuchten Strukturen, die ihr hervorragend zu ihremsonstigen Lebenskonzept zu passen schienen. Dieostpreußische Tochter trat mit 16 zum Islam über. »Die Geschichten aus tausendundeiner Nacht mögen meinenHang zum Orientalischen noch unterstützt haben«, scherzt diegepflegte Frau mit den locker hochgesteckten, schwarzenHaaren. Folgerichtig begann sie nach dem Abitur, Turkologie
  • 34. zu studieren. »Damals ein Studiengang, der nie endete undkeinen Abschluss anbot«, berichtet sie. »Für mich damit genaudas Richtige: Ich wollte mich schließlichgeisteswissenschaftlich bilden und keinen Beruf erlernen.«Darin stimmte sie völlig mit ihren Eltern überein. »Ich solltegenau wie meine Mutter eine gebildete Ehefrau und Mutterwerden.« Das war der Wunsch ihrer Eltern und ihr eigener. Während ihres Studiums verbrachte Annemarie ein halbesJahr in der Türkei. »Meine ganze Familie erwartete, dass ichmit einem türkischen Ehemann zurückkehren würde.Schließlich hatte ich oft genug erklärt, dass für mich keinDeutscher sondern nur ein Türke in Frage käme.« Doch widerErwarten kam sie ohne diesbezügliche Neuigkeiten zurück.»Meine Eltern waren erleichtert. Die Gefahr, dass sie mich andie Türkei verlieren würden, schien gebannt.« Unerwartet bot sich die Gelegenheit dazu auf einem ganzanderen Terrain. »Mein Vater war ein kluger Mann. Als ich 27war, erkannte er, dass die Zeiten sich geändert hatten.Mittlerweile sollte auch die Frau einen Berufsabschluss haben,denn nicht mehr alle Ehen hielten ein Leben lang.« Was kamfür sie in Frage? »Eine Ausbildung zur Übersetzerin bot sichan. Ich konnte schließlich schon perfekt Türkisch sprechen.«Doch die wurde zu der Zeit nur in Österreich angeboten. Alsomachte sich Annemarie auf den Weg nach Graz. Am zweitenTag nach ihrer Ankunft ging sie in die katholische Mensa zumMittagessen. »In der Schlange hörte ich jemanden Türkischreden. Da ich mir nicht ganz sicher war, in welchen GerichtenSchweinefleisch war, sprach ich den jungen Mann an.« Demwar dieser Gesichtspunkt beim Essen zwar völlig egal, aber erhalf der aparten, perfekt Türkisch sprechenden Frau gerne. Solernte Annemarie in Österreich ihren türkischen Ehemannkennen: Sayhan, den Doktorand im Fach Rechts- undStaatswissenschaften.
  • 35. Schnell stellte sich heraus, dass sie gut zusammenpassten.Auch Sayhan kam aus einem gutbürgerlichen Elternhaus, dassich zu den besseren Kreisen Ankaras zählen durfte. Auch erstrebte eine klassische Aufgabenverteilung in der Familie an.Auch ihm war der Bildungsgrad seiner zukünftigen Frau sehrwichtig. »Trotz unseres unterschiedlichen Herkunftslandes gabes in unseren Familienstrukturen sehr vieleGemeinsamkeiten«, meint Annemarie. Sie wurden sich schnelleinig. Nach dem Erlangen seiner Doktorwürde sollte geheiratetwerden. Doch ein Punkt blieb vorläufig noch strittig. »Ichwollte unbedingt in der Türkei leben«, berichtet Annemariemit einem Augenzwinkern. »Ich stellte es mir wunderbar vor,in einem großen Akademikerhaus in Ankara zu wohnen undmit der Großfamilie zusammen am gesellschaftlichen Lebendort teilzunehmen«, erklärt sie. Doch für Sayhan kam das nichtin Frage: »Ich wollte etwas erreichen, und zwar ohne meinenVater. Ich wollte nicht auf dem aufbauen, was er schongeschaffen hatte, sondern ganz alleine meine Zieleverwirklichen«, erläutert der gewichtige Mann. Das hat erheute erreicht: Er ist ein sehr erfolgreicher Geschäftsmanngeworden, der es in Deutschland weit gebracht hat. »MeinName steht in goldenen Lettern an einem historischenKontorhaus direkt unter dem einer sehr berühmten deutschenFirma«, stellt er mit unüberhörbarem Stolz in der Stimme fest. Seinen Erfolg genießt er heute in ihrer gemeinsamen, sehrluxuriös ausgestatteten Villa. Alle Wände im Herrenzimmer, indem das Gespräch stattfindet, sind mit dunklem Holzverkleidet, das mit Intarsien verziert ist. Die Decke bestehtganz aus Glas. Neben der komfortablen Sitzgruppe ausbraunem Leder nimmt der riesige Schreibtisch mit dem PC dengrößten Raum ein. Wenn Sayhan wegen seinerRückenschmerzen nicht mehr sitzen kann, steht er immer malwieder auf, geht zu seinem bequemeren Designer-
  • 36. Schreibtischsessel und zaubert mit ein paar routinierten Klicksaus dem PC die passenden Fotos zu seiner Erzählung hervor.Auch mit Mitte 60 findet dieser Mann den Ruhestand wenigerstrebenswert. Er will ständig auf dem Laufenden bleiben undso lange im Geschäftsleben mitmischen, wie er kann. Für seine Frau kein Problem. »Wir waren uns stets einig:Jeder von uns hat in seinem Aufgabenbereich seinenFreiraum.« Annemarie nutzt ihren mittlerweile, um wieder andie Uni zu gehen. Ihr Mann lächelt zufrieden: »Ich war sehrglücklich über unser Arrangement. Ich konnte so abgearbeitetsein, wie ich wollte; wenn ich zu dir nach Hause kam, konnteich mich erholen. Unser gemeinsames Heim hast du für michzu einem Hort der Geborgenheit gemacht«, findet er lobendeWorte für seine Frau. Annemarie bestätigt: »Für mich war esebenfalls perfekt: Ich konnte in Ruhe meinen sozialenAufgaben in unserer Familie nachgehen, während du denäußeren Rahmen gesichert hast.« Die Rechnung scheint fürbeide Seiten aufgegangen zu sein. Doch zunächst waren ein paar Hindernisse zu überwinden.Annemarie lacht: »Da meine Eltern nach meiner Türkeireise soerleichtert waren, dass ich keinen Türken gefunden hatte,mochte ich ihnen nicht gleich mitteilen, dass ich ihn nun inGraz entdeckt hatte.« Sie grinst: »Es gab ein Bild mit Sayhanin einem österreichischen Trachtenanzug. Da er blond ist,nahm ich das und schrieb darunter: ›Das ist mein VerlobterFranz Haselhuber‹ und schickte es an meine Eltern. Diemeinten, dass er sympathisch aussehe und dass ich ihn baldeinmal vorstellen müsste.« Als dieser Besuch immer näherrückte, suchte Annemarie nach einem geeigneten Zeitpunkt,Sayhan zu beichten, als wen sie ihn angekündigt hatte. Erst aufdem Flughafen fand sie endlich den Mut: »Mein stolzer Mannwar gekränkt, drehte auf dem Absatz um und ließ mich alleinezu meinen Eltern fliegen. ›Klär das erst mal ohne mich!‹«
  • 37. Das tat Annemarie. »Mit klopfendem Herzen wurde ich vonmeiner Mutter in das Herrenzimmer meines Vaters geführt. Erliebte mich zwar, aber was würde er zu meiner Schwindeleisagen? Stotternd erklärte ich ihm, warum ich alleinegekommen war.« Doch alle Bedenken waren umsonstgewesen. Ihr Vater meinte nur: »Ja, Mädchen, wenn du ihnliebst und mit ihm glücklich wirst, ist das doch kein Problem!«Annemarie polterte ein Stein vom Herzen. Sie neckt ihrenMann: »Aber du hast dich dann noch etwas bitten lassen.« Erlacht zurück. »Ja, einen halben Monat habe ich dich schmorenlassen, bis ich zu deinen Eltern nachgekommen bin.« Wenn dieAufnahme von der deutschen Seite dann auch eher preußischherb als orientalisch herzlich ausfiel, so war der gestrengeVater doch der Ansicht: Mit diesem Mann, der wusste, was erwollte, hatte die Tochter wohl einen guten Fang gemacht. Ganz anders verhielt es sich auf der türkischen Seite. »Dochich wusste im Unterschied zu meinem Mann vorher nichtsdavon«, meint Annemarie. Ganz unvorbereitet kam sie bei derfeinen Familie in Ankara zu ihrem Antrittsbesuch an. »DerVater guckte mich nicht an und die Mutter auch nicht, denn siefolgte in allem ihrem Mann. So stand ich ganz alleine da. Einefurchtbare Situation. Einzig die Großmutter war lieb zu mir.Am liebsten wäre ich zu ihr unter ihren Rock gekrochen undnicht mehr hervorgekommen.« Da war diese perfekt Türkischsprechende, zum Islam übergetretene Frau nun in das Landihrer Träume gekommen und musste feststellen, dass sie alsunpassend angesehen wurde. »Doch ich war niemandemböse«, erklärt Annemarie. »Während mein Verlobter mitseinem Vater schimpfte und ihm Vorwürfe machte, empfandich ihre Reaktion nur als gerechtfertigt. Schließlich war ichdiejenige, die ihr System störte. Ich hatte einen Fehler, ich wardeutsch. Das verstand ich nur zu gut und akzeptierte ihreAblehnung als gerechte Strafe für mein Anderssein.«
  • 38. Annemarie kann sich heute über ihre früheren Ansichtenamüsieren: »So war ich damals eingestellt: mit einem riesigenSchuldkomplex behaftet!« Sie erzählt weiter: »Die Wendung in der Reaktion derFamilie brachte schließlich die Großmutter. Sie sprach mitihrem Sohn ein Machtwort. Da in der Türkei die Söhneglücklicherweise auf ihre Mütter hören, wurde ich aufgrundihrer Einwirkung endlich akzeptiert.« Zunächst bekamAnnemarie von ihrem Schwiegervater einen neuen türkischenNamen. »Ich konnte das damals als Zeichen der Akzeptanzwerten«, meint sie ganz ohne Ironie. Die Vorbereitungen zu den Hochzeitsfeierlichkeitenbegannen. »Zuerst gab es eine Versprechensfeier mitvierhundert Gästen, danach eine Hochzeitsfeier mitsiebenhundert Gästen, zu der auch meine Eltern angereistwaren.« Da prallten noch einmal Welten aufeinander.»Obwohl die beiden Väter sich in ihren patriarchalischenStrukturen sehr ähnlich waren, waren sie doch sehrunterschiedlich in der Art der Kommunikation. Während meinVater in seiner ostpreußischen, klaren Art gerne kurz undknapp seine Standpunkte zum Besten gab, näherte sichSayhans Vater erst in langsamen, orientalischenKreisbewegungen der eigentlichen Kernaussage.« Annemarielacht. »Aber da wir übersetzen mussten, konnten wir dieseDiskrepanzen diskret ausbalancieren. Sie merkten nicht vieldavon.« Nach diesen zwei großen pompösen Feiern fuhr das Ehepaarnach Deutschland. Denn nun sollte hier gefeiert werden.Schließlich musste auch die deutsche FamilienseiteGelegenheit haben, die Heirat der Tochter in gebührendemRahmen der Gesellschaft zu präsentieren. »Also kam nun eineVerlobungsfeier mit fünfhundert Gästen und eine Hochzeit mitachthundert Gästen.« Alles im ersten Haus am Platze, einem
  • 39. luxuriösen Fünfsternehotel. »Mein Vater kannte den Probsthöchstpersönlich, so konnten wir als Muslime sogar in derKirche heiraten«, erzählt Annemarie. »Vielleicht hat unsere Ehe deswegen so lange gehalten, weilwir gleich viermal geheiratet haben«, vermutet ihr Mann undlacht. Annemarie weiß einen weiteren Grund: »Wir streitenuns nie.« Sie erklärt: »Wir werden nie laut miteinander. Wennwir unterschiedlicher Meinung sind, tauschen wir unsereStandpunkte immer sachlich und in Ruhe aus.« Denn sie istüberzeugt: »Ein böses Wort, das einmal aus dem Mund herausist, kann man nicht wieder zurückholen. Also muss man sichvorher genau überlegen, was man sagt.« Disziplin und Respektstellen für beide Ehepartner unumstößliche Werte dar. Nach ihren unerfreulichen Erfahrungen in der AnkaraerGesellschaft fiel es Annemarie leichter, dem Wunsch ihresMannes zuzustimmen, sich in Deutschland eine Existenzaufzubauen. »Mein türkischer Mann hat mich wieder fürDeutschland geöffnet«, flachst sie. Schon ein Jahr vor ihrer Heirat hatte sich Sayhanselbstständig gemacht. »Meine Eltern hatten sich eineMandarinenplantage als Alterssicherung zugelegt. So fing icherst einmal mit dem Import von Mandarinen an«, berichtet er.Annemarie hatte ein Haus in ihrer Vaterstadt geerbt. So bot essich an, dass das junge Ehepaar dort hinzog. »Doch in demHaus wohnten Mieter. Die Klage auf Eigenbedarf zog sich hin.So zogen wir erst mal zu meinen Eltern. Gerade einen Tagbevor wir die Klage gewannen und ausziehen konnten, istmeine Mutter gestorben. Bei ihr war kurz vorher eineKrebserkrankung entdeckt worden.« Annemarie stockt. »Daswar eine so schreckliche Zeit, dass ich keine Worte für meineGefühle finde.« Sie schluckt und erzählt erst nach einer kurzenPause weiter. »Ich bot meinem Vater an, mit uns in unserneues Haus zu ziehen. Doch mein Vater meinte nur: ›Eine alte
  • 40. Eiche verpflanzt man nicht mehr.‹ Also sind wir stattdessen beimeinem Vater geblieben.« Zehn Jahre haben sie noch mit ihm zusammengelebt. Er hatmiterlebt, wie seine drei Enkelsöhne geboren wurden undlangsam größer wurden. »Das war die ganze Bandbreite desLebens. Auf der einen Seite das vergehende Leben und auf deranderen Seite das neue, werdende Leben.« Annemarie suchtden Blick ihres Mannes. »Ich kann dir gar nicht sagen, wiedankbar ich dir bin, dass du dem zugestimmt hast. Das ist eineSchuld, die ich dir nie zurückzahlen kann«, sagt sie mitRührung in der belegten Stimme. Ihr Mann schüttelt den Kopfund wehrt ab: »Aber das war doch selbstverständlich.Außerdem hattest du damit eher eine zusätzliche Verpflichtungübernommen, nicht ich. Bei meinem Arbeitspensum habe ichohnehin nicht viel davon mitbekommen.« Er macht eine kleinePause: »Ich denke nicht etwa so, weil ich Türke bin, sondernweil ich es als Person richtig finde, wenn man Verantwortungfür die Familie übernimmt.« Sayhan legt Wert darauf, dass ernicht über seine Nationalität definiert wird. SeineÜberzeugungen speisen sich aus vielen Einflüssen. »Ich binliberal. Ich verstehe mich als weltoffen. Wenn ich einebestimmte Meinung habe, dann ist das meine persönliche«,stellt er klar. Annemarie interpretiert diese Haltung auf ihreWeise: »Wir tragen alle in uns unterschiedliche Anteile, dieuns erst zu einem vollständigen geistigen Wesen machen. Ichhabe zum Beispiel verschiedene Namen, einen türkischen undeinen deutschen. Alle symbolisieren sie einen Teil von mir. Siebilden keine Gegensätze sondern zusammen erst mein ganzesIch.« Ihre drei Söhne sollten auf jeden Fall türkische Namenbekommen. »Mir war das völlig egal«, betont ihr Mann, »abermeiner Frau war das sehr wichtig.« Alle drei wurden zunächstnach islamischen Regeln erzogen, denn Annemarie war es
  • 41. damals sehr wichtig, als gute türkische Ehefrau und Mutteranerkannt zu werden. »Schweinefleisch gab es bei uns imHause nicht, deshalb bestellte sich mein Mann auch immergerne im Restaurant ein Schnitzel«, meint Annemarie. Ihre Schwiegermutter hatte sie in der Türkei beiseitegenommen und ihr einen guten Tipp gegeben: »Sei wie einPropeller, dann bist du eine gute Frau. Drehe dich ständig umdeinen Mann, dann ist er zufrieden mit dir!« Annemarie erklärtganz sachlich: »Das habe ich streng befolgt. Schließlich fandich, dass dies meine Aufgabe war, die wir in unseremEhevertrag vereinbart hatten. Mein Mann arbeitet außerhalbdes Hauses, und ich sorge für alle Bewohner innerhalb desHauses. Ich war froh, dass er mir alles Äußere vom Halse hielt,also musste ich es ihm im Inneren so angenehm wie möglichmachen.« Sayhan hebt sein leeres Teeglas und stichelt breitgrinsend: »Karim, wo bleibt mein Tee?« Annemarie lacht lautauf. »Das ist für uns immer ein großer Spaß, wenn er mich›Weib‹ nennt. Damit kann man die weiblichen Gästewunderbar provozieren und die männlichen Gäste zum Lachenbringen.« Annemarie nimmt solche Scherze mittlerweile mitHumor und schenkt ihrem Mann nach. Sie greift nach einer Weintraube von dem riesigen Obsttellerund lehnt sich in die Lederpolster zurück. »Denn ich hatte dasGlück, krank zu werden. Ich bekam die Chance, mein Lebenzu überdenken.« Sie erkannte, dass in dem Wunsch nacheigenem Freiraum und eigenem Wohlbefinden nichtsSündhaftes sondern gerade die Voraussetzung für dasWeitergeben von Zufriedenheit liege. Auch ihre Haltung zumIslam definierte sie neu. Sie nahm Abstand von einengendenReglementierungen und erweiterte die religiösen Aspekte umErkenntnisse aus Psychologie und Philosophie. »Erst damalsfand ich richtig zu meinem eigenen, ganzen Ich und lernteauch Ansprüche für mich persönlich zu stellen.« Sie strahlt und
  • 42. meint dann amüsiert zu ihrem Mann: »Das musstest du erstakzeptieren lernen.« »Das stimmt«, gibt er zu. Ihr fällt ein Beispiel ein: »Dukanntest es nicht, dass die Frau, wenn ihr Mann abends nachHause kommt, nicht nur zu seiner Unterhaltung zur Verfügungsteht, sondern auch mal Zeit zum Lesen braucht, wenn dieKinder im Bett sind.« Annemarie reckt ihren Kopfselbstbewusst in die Höhe. »Da habe ich zu dir gesagt:›Entweder lese ich oder ich sterbe!‹ Dann musstest du dasakzeptieren.« »Das war ein Umgewöhnungsprozess«, muss Sayhanzugeben. Doch seine Frau ließ ihm keine andere Wahl. Annemarie änderte auch im Hinblick auf ihregesellschaftlichen Aktivitäten einiges. »Ich wählte meineBesucher nun sorgsamer aus. Ich lud nur noch die ein, mitdenen ich mich mit Gewinn unterhalten und zu denen ich einegemeinsame Wellenlänge aufbauen konnte.« Zum Beispielunterband sie die unverbindlichen Frauenklönrunden, die sichunter türkischen Frauen großer Beliebtheit erfreuen. »Dannkomme ich zu keinerlei geistigen Aktivitäten mehr, die michweiterbringen. Ich bin nur damit beschäftigt Tee zu kochenund kleine Leckereien zuzubereiten. Kaum ist der eine Besuchzur Tür heraus, kommt schon der nächste. Das wollte ich nichtmehr!« Nun erkannte sie immer mehr den Vorteil, in Deutschland zuleben. »In der Türkei wäre diese Umorientierung wohl nicht soleicht toleriert worden. Hier können wir unser Leben genau sogestalten, wie es unseren Wünschen entspricht«, ist sieüberzeugt. Das bedeutet keineswegs, dass sie die türkische Kultur ausihrem Leben verbannt haben. »Eher im Gegenteil: Wir könnensie in Deutschland genau in der Art genießen, wie wir sielieben. Wir veranstalten gerne türkische Abende in unserem
  • 43. Haus. Dann laden wir türkische Musiker oder Dichter ein undschwelgen in den orientalischen Klängen und freuen uns an dertürkischen Sprache«, berichtet Annemarie zufrieden. »Undganz ohne die gesellschaftlichen Zwänge, die wir in der Türkeihätten erfüllen müssen.« Annemarie wird etwas nachdenklich: »Unsere Söhneverorten sich aber hundertprozentig in Deutschland.« Sie istmit diesem Ergebnis nicht ganz einverstanden, das merkt manihr an. Die Söhne sind heute 27, 32 und 34 Jahre alt und lebenalle in ihrer Geburtsstadt. »Der mittlere Sohn ist letztes Jahr indie Türkei gefahren um zu sehen, ob irgendetwas in dem Landsein Herz zum Klingen bringt. Er hat nichts gefunden. Nichteinmal die Landschaft oder die Sonne hat ihn angesprochen.Nein, sein Traum ist es, an der nebelverhangenen,mecklenburgischen Ostseeküste zu wohnen«, merkt sie halbbelustigt, halb verwundert an. Annemarie blickt ihrem Manngerade ins Gesicht. Ihr Ton wird eine Spur schärfer. »Aber wiesollte er auch positive Gefühle der Türkei gegenüber hegen,wenn sein Vater nie Zeit für ihn hatte, als wir da waren?«, fragtsie ihren Mann mit einem nicht zu überhörenden Vorwurf inder Stimme. »Wir waren nicht sehr oft da«, versucht er sich zuverteidigen. »Und wenn, war ich ständig in Geschäftenunterwegs.« »Ja, genau«, nickt Annemarie, »und wir saßen bei deinenEltern im Haus und durften nicht raus. Immer hieß es, wennder Vater kommt, fahren wir noch mal ans Wasser. Doch derVater kam nicht, und ich als Frau durfte nichts alleine mit denKindern unternehmen. Wenn der Vater dann kam, ging eshöchstens zu einem Geschäftsessen. Da saßen die Kinder dannbrav auf ihren Stühlen und konnten, wenn wir Glück hatten,durch die Panoramafensterscheiben das Meer und die Sonnesehen, aber am Strand mit dem Vater spielen konnten sienicht.«
  • 44. »Ich habe eben nie Urlaub gemacht, sondern sehr vielgearbeitet«, erklärt Sayhan entschuldigend. »Deswegen war esauch besser, dass wir in Deutschland wohnten«, meintAnnemarie abschließend, »hier konnte ich als Frau mit meinenKindern alles machen, was uns in den Sinn kam. Hier warenwir nicht an die Begleitung eines Mannes gebunden.« Sayhan hat seine Entscheidung für Deutschland ebenfalls niebedauert: »Hier konnte ich alles erreichen, was ich mirgewünscht hatte. Mit meiner Frau an meiner Seite«, er wirfteinen anerkennenden Blick auf die schlanke, dezentgeschminkte Annemarie in ihrer burgunderfarbenenSeidenjacke, »führte ich genau das Leben, was ich mirgewünscht habe.« Er beeilt sich hinzuzufügen: »Nie hatte ichProbleme damit, dass ich Türke bin.« Nie hatte er einen Hehldaraus gemacht, welcher Herkunft er ist. »Meine Firma führtesowohl das Attribut ›türkisch‹ als auch meinen Doktortitel imNamen«, ist ihm wichtig. Aus dem Leben in Deutschland hat er allerdings Schlüssegezogen, die seinem früheren Denken fremd gewesen sind. »Inmeiner Firma gibt es keinen einzigen Türken. Die können allenicht richtig arbeiten. In Deutschland sind sie so verwöhntworden von den vielen Sozialleistungen, dass sie sich fürdieses Land zur Belastung entwickelt haben. Ich als braverdeutscher Steuerzahler muss sie mit durchfüttern. Wenn ichschon höre: ›Die Integration ist gescheitert!‹« Sayhan redetnun mit Nachdruck. Mit diesen Landsleuten hat er nichtsgemeinsam: »Viele Türken haben ihre Chance in Deutschlandverpasst. Nicht das Land muss die Integration leisten sondernder Einwanderer. Jetzt kommen die Russlanddeutschen undwerden die Plätze der Einwanderer in Deutschland besetzen.Die Türken, die hier immer noch nicht Fuß gefasst haben,sollten wieder in die Türkei zurückgehen. Wer die Sprachenicht gelernt und sich nicht integriert hat, ist hier fehl am
  • 45. Platze«, ist der erfolgreiche Selfmade-Mann, der eine deutlicheSprache bevorzugt, mittlerweile überzeugt.
  • 46. Im letzten Jahr lebte und arbeitete der Sohn von Annemarie und Sayhan für einige Zeit in der Türkei. Er: Nun sind meine Vorurteile über die Türken zu Urteilen geworden. Am liebsten hätte ich einen deutschen Namen DER SOHN VON ANNEMARIE UND SAYHAN, JURIST, 32In der Altbauwohnung mit den hohen Decken herrscht dieFarbe weiß vor. Die Polstersessel, die Sofaecke, die Wände,alles ist strahlend hell gehalten. Nur die frischen Blumen unddas an eine Wand projizierte Lichtspiel setzen farblicheAkzente. Emre ist der mittlere Sohn von Annemarie undSayhan. Der sehr schlanke, drahtige Mann, der alspassionierter Langstreckenläufer schon an vieleninternationalen Marathonläufen teilgenommen hat, wohnt indieser Wohnung mit seiner Freundin Stephanie. Mit gut einDutzend Kerzen und Teelichtern hat er für Atmosphäregesorgt. Die wachen Augen des Juristen hinter den randlosenBrillengläsern halten stetigen Blickkontakt mit dem Gegenüberund signalisieren so Aufmerksamkeit, der kaum etwas entgeht. »Nach Beendigung meiner Doktorarbeit«, erzählt Emre, »binich für vier Monate in die Türkei gegangen. Ich wollte sehen,ob ich dort etwas finde, was mich anspricht. Ich wollteüberprüfen, ob ich mir vorstellen könnte dort zu leben und zuarbeiten.« Er wohnte während dieser Zeit bei seiner Tante, derSchwester seines Vaters, und ihrem Mann. Das Arbeiten in derTürkei erprobte er in einer Istanbuler Kanzlei. »Doch ich fand
  • 47. wenig, was mir gefiel. Wesentlich größer war der Anteil derPunkte, die mich zunehmend störten«, resümiert er. Das Verhältnis von Mann und Frau ist für ihn zu einemMarkstein der Beurteilung der türkischenGesellschaftsstrukturen geworden. »Frauen und Männer gehennicht natürlich miteinander um. Ihr Verhalten ist von so vielReglementierung geprägt, dass sie zu ganz unnatürlichenVerhaltensweisen kommen.« Er kann aus dem Stand als Belegfür seine Erfahrungen viele Beispiele aufzählen. »Ich ging zumBeispiel zu einem Kurs einer Sprachenschule. Dort traf ich aufeine syrische Frau, mit der ich mich in den Pausen sehrinteressant unterhalten habe. Als ich ihr vorschlug, sich aucheinmal außerhalb der Schule zu treffen, wehrte sie entsetzt ab.Das sei zu gefährlich. Wieso gefährlich? Ich bin inDeutschland in festen Händen, sie ist verheiratet, das sind dochausgesprochen geklärte Verhältnisse«, fand Emre. Doch einTreffen fand nie statt, ganz im Gegenteil, wenig später verbotihr Ehemann den weiteren Besuch der Schule.»Wahrscheinlich hat sie zu Hause neuerdings zu häufiggelächelt und das kam ihm verdächtig vor«, grinst Emresüffisant. »Der Ehemann müsste doch ein Interesse daranhaben, dass es seiner Frau gut geht und dass sie glücklich ist.Also müsste er ihr Freiräume geben. Aber nein, die ständigeKontrolle scheint ihm die einzige Möglichkeit, ihr Eheleben zugestalten.« Emre hat beobachtet, dass die Meinung der anderen oft zumMaßstab der eigenen Handlungen gemacht wird. »›Waskönnten die anderen über mich denken?‹ fragen sie sichständig«, moniert er. »Häufig liegt es an ihrer mangelndenBildung. Sie haben keine Kapazitäten um sich und ihrVerhalten zu reflektieren«, denkt er sich. »Doch selbst beimeiner Tante und meinem Onkel, die sehr gebildet sind, habeich ein Drama miterlebt, das sich meiner Meinung so in
  • 48. Deutschland kaum abgespielt hätte. Meine Cousine hatte sichmit 15 Jahren in ihren Pferdepfleger verliebt. Die Elternuntersagten ihr jeden Kontakt, weil dieser Mann ihnen als nichtstandesgemäß erschien. Sie traf sich zunächst heimlich mitihm, bis sie ihn mit 17 aus den Augen verlor. Mit 19 begegnetesie ihm zufällig wieder und heiratete ihn. Doch sie verstandensich nicht so gut, wie sie sich es erträumt hatte. Er schlug sie.Nach einigen Jahren ging sie zu ihren Eltern zurück, die sie mitheftigsten Vorwürfen empfingen. Sie kehrte daraufhin zuihrem Mann zurück. Doch auch der zweite Anlauf scheiterte.Schließlich wusste sie keinen anderen Ausweg mehr, als sichumzubringen.« Emre hat beobachtet: »In der Türkei werden dieFamilienstrukturen gerne über Schuldzuweisungen geregelt.Du bist Schuld, wenn es mir schlecht geht. Du darfst diesesVerhalten nicht an den Tag legen, weil du meinem Ansehendamit schadest. Solche Aussagen habe ich von vielen gehört.Nicht das Individuum ist verantwortlich für die Gestaltungseines eigenen Lebens sondern der andere bestimmt mitseinem Handeln, wie ich im Leben voran komme.« Emre kannfür sich dieses starre Korsett der Erfüllung von Erwartungennicht akzeptieren. »Ich habe mich in der Türkei mit sehr vielen türkischenMännern unterhalten. Alle waren sehr gefangen in ihrenDenkmustern. Immer wieder habe ich zu hören bekommen,dass ich doch eine türkische Frau heiraten sollte. Dietürkischen Frauen seien einfach besser. Wenn ich wissenwollte warum, bekam ich nur zu hören, dass eine Türkin dochnoch wüsste, was ein Mann bräuchte. Abends wenn er nachHause käme, sei das Essen gekocht, die Wäsche gewaschen,die Wohnung sauber und die Kinder gut versorgt im Bett.«Emre schüttelt seinen Kopf. »Dass ich von einer Frau ganzandere Qualitäten erwarte, war für sie völlig unverständlich.«
  • 49. Dass Emre sogar seine Wäsche selber macht und das Essenselbst zubereitet, obwohl er mit seiner Freundin zusammen ineiner Wohnung wohnt, machte den türkischen Männern nurklar, dass Emre kein richtiger Mann sein konnte. Meistvergeblich versuchte er dann, seine Sichtweise zu erklären:»Ein richtiger Mann ist für mich jemand, der souverän mitallen seinen menschlichen Anteilen umgehen kann. SeineStärke zeigt sich doch gerade darin, dass er auch Schwächenzugeben mag und im täglichen Leben nicht auf dieHandreichungen einer Frau angewiesen ist.« Für Emre ist esebenfalls nur ein Zeichen von Unmännlichkeit, wenn ein Mannseiner Frau keinen Freiraum zugestehen mag. »Vertraut erseinen Qualitäten etwa so wenig, dass er glauben muss: Siewird nur bei mir bleiben, wenn ich sie einsperre? Undgleichzeitig hält er sich dann auch noch für einen tollen Hecht– was für ein Widerspruch!« Auch die Haltung der türkischenMänner zur Unberührtheit ihrer künftigen Ehefrau findet erwenig überzeugend. »Meine Qualitäten als Mann werden dochumso glaubhafter offenbar, wenn eine Frau, die schonVergleichsmöglichkeiten hatte, mich auswählt und bei mirbleibt«, ist er überzeugt. Als seine Freundin Stephanie ihn während seiner Zeit inIstanbul besuchte, bekam er ungefragt viele Kommentare zuhören. »Auch während sie daneben saß, empfahlen sie mir,lieber eine türkische Frau zu heiraten. Selbst dieHausangestellte im Haus meiner Tante teilte mir ihre Meinungzu Stephanie mit: Sie hätte ihre Sachen direkt aus dem Koffereinfach ungeordnet in den Schrank geworfen, daher könnte siekeine gute Ehefrau für mich sein.« Emre kann sich über solcheBeurteilungskriterien nur empören. Die Haustür wird geöffnet. Stephanie ist inzwischen nachHause gekommen und setzt sich mit an den Esstisch. Sieerinnert sich: »Ich fühlte mich sehr wohl, während ich bei
  • 50. Emre in Istanbul war. Alle waren sehr nett und freundlich zumir. Ich hatte den Eindruck, dass sie mich mögen. Doch als ichhinterher von Emre hörte, wie einzelne über mich urteilten,wurde mein Gefühl im Nachhinein etwas schal. Nun empfandich ihr Verhalten eher als unehrlich und doppelzüngig«, meintsie. »Auch dein Vater hatte schon gewisse Erwartungen an mich,glaube ich«, sagt sie. »Am liebsten hätte er für seinen Sohneine Frau gehabt, die sehr gut aussieht, aus sehr gutenVerhältnissen kommt, studiert hat und sich sexy anzieht, damitihr Aussehen auch gut zur Geltung kommt. Nach ihremStudium sollte sie aber zugunsten ihrer Aufgaben als Ehefrauund Mutter mit Freuden auf eine eigenständige Berufstätigkeitverzichten, um ganz für ihren Mann da sein zu können«, stelltdie junge Frau mit langen, braunen Haaren und großen,strahlenden Augen, die alle äußeren Kriterien sicher lockererfüllen kann, scheinbar sachlich und mit einem kaumhörbaren ironischen Unterton fest. Sie blickt ihren Freundfragend an. »Oder meinst du, da liege ich falsch?« Emre kannnur lachend den Kopf schütteln. »Mein Vater wünscht jedemseiner Söhne das große Glück, genau so eine Frau zu finden,wie er sie mit meiner Mutter bekommen hat«, schmunzelt er.Emre hat die liebevolle Fürsorge seiner Mutter genossen, abermöchte in seiner eigenen Partnerschaft nicht die Rolle seinesVaters übernehmen. Dessen Lebenskonzept wird nicht dasseine werden, da ist er sich sicher. »Wenn wir einmal Kinder haben sollten, würde ich mir schonwünschen, dass meine Frau zumindest die ersten Jahre ganz fürdie Kinder da ist«, gesteht er aber ein. »Doch nach derKleinkindphase können wir die Betreuung auch andersorganisieren, wenn sie gerne wieder in ihren Berufzurückkehren möchte. Die Zufriedenheit meiner Frau ist fürmich entscheidend.«
  • 51. Emre ermuntert seine Freundin immer wieder, sich auch mitMännern allein zu treffen. Er findet: »Ein Gespräch mitjemandem vom anderen Geschlecht bringt mich viel weiter. Eseröffnet mir Horizonte, die mir sonst verschlossen bleiben. Daskommt dann auch meinem Partner zugute. Ich lerne durch dasGespräch mit anderen Frauen auch sie viel besser kennen undschätzen«, glaubt er. Doch bisher hat er noch keinen türkischenMann gefunden, der das genauso gesehen hätte. Auch inDeutschland nicht. Er erinnert sich: »Ich bin mit einem Türkenzur Schule gegangen. Er war damals einer, der auf jeder Partymit dabei war und sehr aufgeschlossen an die Mädelsheranging. Gerade neulich habe ich ihn zufällig in der Bahnwieder getroffen. Er sei inzwischen verheiratet, erzählte er mir.Er habe sich von seinen Eltern eine Frau aus der Türkeivermitteln lassen und sie mit nach Deutschland gebracht. Erversuchte mich von den Vorteilen dieses Arrangements zuüberzeugen. Sie bleibe brav zu Hause und würde den Haushalterledigen, während er unterwegs sei. Ich habe meinenSchulfreund nicht wieder erkannt.« Für so eine Veränderungfehlt Emre jedes Verständnis. »Wie kann ein Mann sichfreiwillig so beschränken und auf eine gleichberechtigtePartnerschaft mit einer Frau verzichten? Erst im wahrhaftigenAustausch mit meiner Partnerin kann ich mich dochweiterentwickeln!« Emre versteht dieses Denken der Männernicht. Genauso wenig versteht er aber auch die türkischenFrauen, die er in der Türkei kennen gelernt hat. »Die sind soauf die Darstellung ihrer Weiblichkeit reduziert, dass ich sievöllig unnatürlich finde.« Auf Emre wirken diese»aufgebrezelten« Frauen alles andere als attraktiv. »Ich hätte mir gewünscht, dass sich meine Eltern etwas mehrGedanken über meine Namenswahl gemacht hätten. Leiderhabe ich auch als zweiten Vornamen einen türkischenbekommen. So bin ich alleine durch meinen Namen für alle
  • 52. erst mal der Türke. Darunter habe ich zum Teil sehr gelitten.«Als er an der Uni als Assistent Seminare anbot, waren inseinen Kursen stets die Schwarzhaarigen versammelt. »AlleTürken dachten anscheinend: ›Ach, gehen wir mal zu unseremLandsmann.‹« Doch Emre fühlt sich unwohl in dieservorausgesetzten Kumpanei. »Ich fühle mich eindeutig alsDeutscher. Mich mit meinem Namen zu identifizieren fällt mirsehr schwer. Ich habe sogar schon darüber nachgedacht, ihnändern zu lassen«, überlegt er. »Wenn wir mal Kinder haben,bekommen sie auf jeden Fall einen deutschen Namen«, ist ersich sicher. »Wenn ein Kind in Deutschland aufwächst, solltees einen deutschen Namen haben«, findet er. Seine Freundinschlägt ihm vor: »Wenn wir heiraten, könntest du ja meinenNachnamen annehmen.« Das geht Emre dann doch zu weit.Schnell schränkt er ein: »Mein Nachname stört mich eigentlichgar nicht so stark. Er ist einfach nur ungewöhnlich, abereigentlich nicht typisch türkisch, oder?« Er grinst: »Zum Glück sehe ich wenigstens nicht wie einTürke aus.« Emre ist es sehr wichtig, in keine Schubladegesteckt zu werden, die mit negativen Vorurteilen behaftet ist.Er möchte einfach als Deutscher in Deutschland seinen Weggehen. Die Energie, die er immer wieder braucht, um dieIrritationen, die sein Name hervorruft aus dem Weg zuräumen, würde er lieber für den zielstrebigen Aufbau seinerberuflichen Karriere nutzen. »Meinen Kindern werde ich wohl kaum mehr etwasTürkisches mitgeben«, überlegt er. Emre spricht selbst sehr gutTürkisch, möchte seinen Kindern aber diese zweite Sprachenicht beibringen. »Außer ein paar Urlauben in der Türkei, diedurch den dort geerbten Grundbesitz zustande kommen,werden sie von mir wohl nichts mehr in der Richtung gebotenbekommen.«
  • 53. Religion spielte in Emres Leben keine Rolle, weder in seinerKindheit noch heute als Erwachsener. »Meine Eltern habenmir keine Religion als Richtschnur für das Leben beigebracht.Meine Mutter hatte ja mal ihre radikal islamische Phase, abermein Vater hat stets eine große Distanz zum Islam gehalten.Auch seine Eltern waren nicht religiös. Wir haben in derFamilie die christlichen Feste Weihnachten und Ostern alstraditionelle Familienzusammenkünfte gefeiert, aber ohnereligiöse Inhalte.« Emre meint: »Wir sind so erzogen worden,dass wir uns lieber unsere eigenen Standpunkte zu denjeweiligen Fragen des Lebens und des Sterbens durchintellektuelle Auseinandersetzung bilden sollten als sie voneiner bestimmten Religion zu übernehmen.« Emre blickt seine Freundin an und fordert sie mit leichtspöttischem Unterton auf: »Nun sag doch mal, wie ist es dennnun, einen Türken zum Partner zu haben?« Stephanie fällt diegewünschte Antwort nicht schwer: »Du bist nun wirklich nichtder typische Türke. Außer deinem Namen ist kaum etwasTürkisches an dir auszumachen. Nur durch die Reaktionen derUmgebung wurde ich mit der Nase darauf gestoßen, dass duwohl anders sein müsstest. Als ich meinen Freunden erzählte,dass ich einen neuen Freund habe und dann deinen Namennannte, sah ich schon erstaunte Mienen: ›Du mit einemTürken? Ist das nicht schwierig?‹ Dann habe ich immer schnellhinzufügt, dass du überhaupt kein typischer Türke bist undnicht einmal türkisch aussiehst.« In diesem Punkt sind sich diePartner völlig einig: In die Schublade mit dem Label»türkisch« sollte man unter keinen Umständen gestecktwerden. Sie hat gerade in Deutschland ein äußerst negativesImage. Emre verspürt keinerlei Ansporn diesen Ruf zuverändern, ganz im Gegenteil: »Nach meinem Aufenthalt inder Türkei sind meine Vorurteile, die ich schon in Deutschlandgewonnen hatte, nun zu Urteilen geworden«, bestätigt er.
  • 54. Stephanie schmunzelt: »Nun fällt mir doch noch etwas ein,was bei dir schon türkisch geprägt sein könnte.« Emre blicktsie erstaunt an. »Den Zusammenhalt unter euch drei Brüdernkönnte man für deutsche Verhältnisse schon als ungewöhnlicheng bezeichnen«, erklärt sie. Einer der Brüder wohnt sogar imselben Mietshaus wie Emre und seine Freundin. »Wenn wirabends nach Hause kommen, und es kann noch so spät sein,klingelst du immer noch einmal bei deinem Bruder und fragstnach, wie es ihm so geht. Und wenn einer von ihnen einProblem hat und dich um Hilfe bittet, lässt du alles stehen undliegen und bemühst dich, ihm zu helfen.« Emre fand seine Identität eher in der klaren Entscheidung füreine Kultur als in der Kombination von beiden. Er definiertsich und seine Standpunkte häufig in der Abgrenzung zumTürkischen. Darin sieht er auch den Vorteil, Kind einerbikulturellen Beziehung zu sein: »Ich fand es sehr bereichernd,mit deutsch-türkischen Eltern aufzuwachsen. Ich musste michschon früh vieles fragen, weil ich verschiedene Richtungenpräsentiert bekam. Dadurch war ich gezwungen, schon injungen Jahren Standpunkte und Meinungen zu entwickeln undauch zu begründen. Das schult«, findet er. Gerade als Juristkann er diese schon früh eingeübten Fähigkeiten heute gutnutzen.
  • 55. Seit ihrem 20. Lebensjahr lebt das Ehepaar in Ankara. Ihre Kinder hat die Mutter mit deutschen Geschichten und Kinderliedern erzogen. Dabei spricht sie perfekt Türkisch. Sie: Zu Hause fühle ich mich nur in Deutschland. Meinem Mann erzähle ich von diesen Gefühlen selbstverständlich nichts; es würde ihn nur kränken. Deutsche Parallelwelt in Ankara DEUTSCHE KRANKENSCHWESTER, 65 & TÜRKISCHER ARZT, 68Elisabeth hatte wieder einmal Sehnsucht nach Deutschland.Wie so oft, wenn sie in Ankara ist, wo sie seit 38 Jahren mitihrem türkischen Mann lebt. Dann fährt sie zu ihrer Tochter,die als Professorin an der Universität einer niedersächsischenGroßstadt lehrt. Dieses Gefühl der Sehnsucht kennt sie gut, seitsie in der Türkei lebt. »Das ist schade. Wenn ich hier bin,sehne ich mich nach meinen Enkelkindern in Ankara, undwenn ich dort bin, sehne ich mich nach meinen Enkeln inDeutschland«, erklärt sie ihr hin und her Gerissensein. Dennihr Sohn ist in Ankara verheiratet und der sechsjährige Enkelgeht dort zur Schule. Elisabeth spricht mit leiser Stimme. In großer Ruhe undGelassenheit erzählt sie über ihr Leben in der Türkei. Manmerkt, dass sie gewohnt ist, überlegt zu reden. Höflich unddoch bestimmt lenkt sie die Themen im Gespräch. IhrSelbstbewusstsein kommt mit großer Zurückhaltung daher.
  • 56. Ihrem Ehemann ist sie in jungen Jahren in die Türkei gefolgt.Er war zu seiner Facharztausbildung zum Gynäkologen nachDeutschland gekommen. Im Krankenhaus traf er auf einedeutsche Schwesternschülerin, die sein Herz höher schlagenließ. Auch die junge Frau war beeindruckt von dem offen,zuverlässig und liebevoll wirkenden Mann und so kam mansich näher. »Am Anfang hätten sich meine Schwiegerelternwohl eher jemand anderes für ihren Sohn erhofft.« Das lagweniger an ihrer Nationalität als eher daran, dass sie weder ausbesseren Kreisen kam noch einen prestigeträchtigen Berufvorweisen konnte. Auch bei ihrer eigenen Familie war die Reaktion ähnlichverhalten. Die Geschwister rieten ihr ab und die Eltern,besonders die Mutter, waren traurig, weil dieserSchwiegersohn bedeutete, dass ihre Tochter in ein fremdesLand zog. »Doch wir waren verliebt und sahen keineProbleme. Mein Mann schilderte unsere Zukunft in der Türkeiin den rosigsten Farben.« Ihr gemeinsamer Weg war klarvorgezeichnet. Ihr Verlobter war nur zur Ausbildung nachDeutschland gekommen, danach sollte er in die Türkeizurückgehen, um die Praxis seines Vaters in Ankara zuübernehmen. »Das hat mein Mann von Anfang an klargestellt.Wir lebten auf diesen Termin zu.« Elisabeth wusste, worauf siesich mit ihrem Mann einließ. Im Gegensatz zu ihrer gewohntenUmgebung erschien es ihr als ein Ausflug in eine neue Welt,die sie reizte. »Ich malte mir alles wunderschön aus.« Doch es kam nicht alles so, wie sie es sich erhofft hatte.Bevor die kleine Familie mit der zwei Jahre alten Tochter nachAnkara ziehen konnte, musste ihr Mann seinen Militärdienstableisten. An eine ihrer ersten Erfahrungen in der Türkei denktsie mit unangenehmen Gefühlen zurück. Sie war mit einemSchockerlebnis verbunden: »Wir waren kaum angekommen indem Land, da mussten wir uns scheiden lassen, weil ein
  • 57. Reserveoffizier damals nicht mit einer Ausländerin verheiratetsein durfte. Ich wusste ja, dass es nur pro forma war, aber eswar ein schreckliches Erlebnis für mich«, berichtet Elisabeth insachlichem Tonfall. »Die Gerichtsverhandlung war öffentlich.Es waren viele Leute da, die sich das anschauen wollten. Alswir den Gerichtssaal verließen, wollten die Zuschauer meinenMann verhauen, weil sie ja den wahren Grund für dieScheidung nicht kannten. Sie dachten, er lässt eine schwangereFrau mit einem kleinen Kind im Stich.« Sie schluckt kurz.»Das ist eine meiner ersten Erinnerungen an die Türkei«,entsinnt sie sich traurig. In Izmir wurde ihr Sohn geboren, reinrechtlich gesehen als uneheliches Kind. Nach der Militärzeit zogen sie nach Ankara. DerSchwiegervater war inzwischen gestorben, und sein Sohnübernahm erwartungsgemäß die Praxis. Ein ganz normalesFamilienleben konnte sich allmählich entfalten. Elisabethvermisste jedoch noch manches an Komfort: »Da war nichtalles so, wie ich es mir gedacht hatte. Wir hatten extra einevollautomatische Waschmaschine mit in die Türkei gebracht.Dann habe ich mir dort das Waschpulver dazu gekauft. Doches war nicht das richtige: Der Schaum kam wie in einemZeichentrickfilm aus allen Ritzen und wurde immer mehr.Diese Maschine konnte ich nie wieder benutzen. Erst nacheinigen Jahren gab es diese Maschinen und das dazugehörigePulver auch in der Türkei. Doch auch andere Dinge vermissteich: Kein Schaumbad, keine Gummibärchen, kein Ketchup warzu bekommen. Wenn wir aus Deutschland mit dem Autozurückfuhren, war es bis in alle Ritzen voll gepackt:Kofferraum, Dachgepäckträger, unter unseren Füßen. Das warnicht immer erfolgreich: Die zahlreichen Tüten Gummibärchenauf der Hutablage waren bei unserer Ankunft zu einem Blockzusammengeschmolzen.« Die Frau mit den schlichtzurückgenommenen blonden Haaren deutet ein Lächeln an.
  • 58. Sorgsam formuliert sie ihre Sätze. Man merkt, dass sie vielüber diese Fragen nachgedacht hat. »Mein Leben hatte nichtnur rosige Seiten«, bilanziert sie. »Ich habe oft gedacht, ichhätte in Deutschland bleiben sollen. Wenn ich so über dieTürkei erzähle, denken manche Leute, dass ich dort nur Guteserlebt habe, aber es gab auch weniger schöne Dinge.« Siemacht eine kleine Pause: »Sehr schwere Zeiten.« DochElisabeth ist kein Mensch, der das Für und Wider nicht genauabzuwägen versteht. Schnell fügt sie hinzu: »Aber das würdeich nicht am Land festmachen. Das gehört einfach zum Lebeneines Menschen dazu, dass er auch sehr schwierige Zeitenerlebt. Das trifft sicher auch für eine Frau zu, die inDeutschland verheiratet ist.« Elisabeth hat es jedoch geschafft, ihre Möglichkeiten sogeschickt auszuschöpfen, dass sie als Deutsche in dertürkischen Gesellschaft leben konnte. Sie hat acht Jahre langdas deutsche katholische Gemeindezentrum in Ankara geleitet.Als sie mitbekam, dass händeringend nach einer geeignetenLeiterin gesucht wurde, hatte sie sich initiativ bei derBischofskonferenz in Köln um den Posten beworben. Und dasobwohl sie der evangelischen Kirche angehört. »Und ichwurde angenommen«, freut sie sich noch heute. »Ich habegleich klargestellt, dass ich die Arbeit als überkonfessionellund vornehmlich als eine soziale Aufgabe betrachtete.« Bis zuihrer Herzoperation vor ein paar Jahren führte sie dieEinrichtung mit großem Erfolg. Danach wurde dasGemeindezentrum leider geschlossen, bedauert sie. Diedeutschen Frauen in Ankara haben aber zur Selbsthilfegegriffen und einen Verein gegründet, der die Aufgabenübernommen hat. So können die Alten weiterhin betreut undden sozial Schwachen weiter unter die Arme gegriffen werden. »Wir haben in Ankara ein starkesZusammengehörigkeitsgefühl«, betont Elisabeth und meint
  • 59. damit die Deutschen. Dieser Zusammenhalt gibt ihr in derTürkei ein Stück Heimat. »In Deutschland wird den Türken jahäufig vorgeworfen, dass sie zusammenhocken. Das ist bei unsnicht anders. Ich habe keine einzige türkische Freundin, ichhabe nur deutsche. Wir treffen uns sehr häufig. Wir helfen unssehr viel. Wir halten sehr stark zusammen. Wir haben natürlichunsere türkischen Familien, das ist der Unterschied zu denTürken in Deutschland. Aber wir sind nicht aufgegangen in dertürkischen Gesellschaft«, betont Elisabeth. Doch im Gegensatz zu den türkischen Einwandererfamilienin Deutschland hat Elisabeth damit in der Türkei keineProbleme. »Die deutsche Kultur ist in der Türkei sehr hochangesehen. Man wird auf keinen Fall diskriminiert. Als Deutsche hat man keine Probleme.« Elisabeth weiß zuschätzen, dass sie zusätzlich Glück mit der Familie ihresMannes hatte. »Meine Schwiegereltern waren sehr offene,gebildete, weitgereiste Menschen. Meine Schwiegermutter isteine sehr moderne Türkin.« Viele ihrer deutschen Freundinnen hätten es nicht so gutgetroffen; ihre Familien zeigten sich nicht so offen. DieseFrauen mussten ihren Namen ablegen und zum Islamübertreten. »Das bedeutet nicht, dass sie ein sehr religiösesLeben führen müssen. Unter 500 Frauen gibt es höchstens zweioder drei, die das Kopftuch tragen«, erläutert sie. Elisabethweiß aber aus vielen Gesprächen, dass diese Frauen nicht nurunter dem Verlust ihrer Heimat und ihrer Religion, sondernbesonders unter dem ihres Namens leiden. Sie hätten eingroßes Stück ihrer Identität für die Schwiegerfamilienaufgeben müssen. »Wenn sie zusätzlich noch mit denSchwiegereltern in einem Haushalt leben müssen, haben sie esbesonders schwer. Dann müssen sie sich Regeln unterwerfen,die ihnen meistens nicht so gut gefallen. Die Schwiegertochtersoll sich so verhalten, wie eine türkische Frau sich verhalten
  • 60. hätte. Dann müssen sie schon oft zurückstecken«, hat siebeobachtet. Ihr Mann hat zum Glück großes Verständnis für ihre Liebe zuDeutschland. »Er ist eben ein großer Deutschlandfan. Er liebtmein Heimatland«, betont Elisabeth. »Er ist es, der häufig zumir sagt, dass es wieder mal Zeit würde für ein Treffen mitmeinen deutschen Freundinnen. Er begleitet mich auch gernezu Festen in der deutschen Botschaft.« Leider kann er sie heuteaus gesundheitlichen Problemen nicht mehr so oft bei ihrenReisen begleiten, wie er es sich wünschen würde. »Ich habedas Glück, dass ich sehr oft in Deutschland sein kann. Ich habeden Kontakt zu Deutschland und meiner deutschen Familie nieverloren. Das hat mein Mann sehr unterstützt. Das ist mir ganz,ganz wichtig«, sagt Elisabeth mit Nachdruck. Ihre Staatsangehörigkeit aufzugeben kam für Elisabeth nie inFrage: »Ich bin ich, und ich bin und bleibe Deutsche.« Auchihre beiden Kinder und sogar ihr kleiner Enkelsohn in Ankarahaben die deutsche Staatsangehörigkeit. Ihre Sprache bliebimmer das Deutsche. »Ich spreche Deutsch und mein MannTürkisch. Mit den Kindern habe ich immer nur Deutschgesprochen. Die Aufteilung ist spontan so entstanden. So sinddie Kinder zweisprachig aufgewachsen.« Das liegt keinesfallsdaran, dass es ihr an türkischen Sprachkenntnissen mangelnwürde. Ganz bescheiden gibt sie zu: »Es fällt mir schwer, dasüber mich zu sagen, aber ich glaube, ich spreche sehr gutTürkisch.« Elisabeth beobachtet, dass bei der jungen Generation dasDeutsche sogar noch mehr gepflegt wird als zu ihrer Zeit.»Und jetzt haben wir einen Enkel in Ankara, und der wächstauch zweisprachig auf. Ich und mein Sohn, wir sprechen mitihm Deutsch. Und seltsamerweise auch der türkischeGroßvater«, sagt sie mit einem kaum wahrnehmbarenSchmunzeln. »Nur die Mutter spricht mit ihm Türkisch. Er ist
  • 61. jetzt sechseinhalb und spricht besser Deutsch als Türkisch. Ergeht aber auch in die deutsche Schule. Er hat sogar aufDeutsch angefangen zu sprechen.« Sie hat bemerkt: »DieEnkelkinder meiner deutschen Freundinnen sprechen jetzt alleDeutsch. Ihre Eltern und auch ihre Großeltern sind alledahinter, dass sie die Sprache lernen. Das war bei den eigenenKindern nicht immer so. Da gab es viele Bedenken undÜberlegungen, ob sich die Kinder dann gut in die türkischeGesellschaft eingliedern könnten. Einige können gar keinDeutsch. Jetzt erst schätzen sie die Möglichkeit, dass dieKinder das Geschenk von zwei Sprachen bekommen. Siehaben bereut, diese Chance verpasst zu haben, und wollen denFehler in der nächsten Generation nun auf keinen Fallwiederholen.« Ein Punkt ist Elisabeth noch wichtig: »Die Religion hat beiuns überhaupt keine Rolle gespielt«, stellt sie fest. Sowohl inihrem Elternhaus als auch in dem ihres Mannes, bestimmte sienicht das Leben. So halten sie es auch in ihrer eigenen Ehe.»Wir feiern immer alle Feste. Nur dass mein Mann diechristlichen mehr feiert als seine eigenen. Zu Weihnachtengeht er schon mal in die Kirche, aber er besucht nie eineMoschee. Und das erste, was mein Mann macht, wenn er nachDeutschland kommt: Er isst Bratwürstchen – mitSchweinefleisch! In unserer Familie leben wir so, wie wir auchhier leben würden«, ist sie überzeugt. Denn ihr Mann hat eineweltoffene Erziehung in einer modernen Familie genossen undwünschte sich dies auch für seine Kinder. So freut er sich übereine Mutter, die ein Stück außertürkische Welt nach Ankaragebracht hat. Für Elisabeth ist es ganz klar: »Ich habe die Kinder deutscherzogen, mit deutschen Märchen, mit deutschen Liedern, mitdeutscher Kultur.« Schließlich könne sie nur das den Kindernvermitteln, was sie selber kennen würde. Dass ihr Mann etwas
  • 62. dagegen gehabt haben könnte, erscheint ihr völlig unlogisch.Das sei doch nur die Konsequenz daraus, dass er eine deutscheFrau mit in die Türkei gebracht habe. Ebenso klar war dieAufgabenteilung für das Ehepaar: Die Frau ist für dieErziehung zuständig, der Mann für die finanzielle Versorgung.Für beide ist diese Rechnung aufgegangen: Die Kinder sind zuerfolgreichen Menschen geworden, die ihr Leben meistern,und ihre Zukunft in der Türkei ist in Wohlstand abgesichert. Doch wo ihr Herz zu Hause ist, ist für Elisabeth ebenfallseindeutig: »Obwohl es mir in der Türkei an gar nichts mangelt,bin ich dort nicht ganz zu Hause. Vom Gefühl her bin ich inAnkara nicht wirklich dazugehörig. Ich werde nicht als Türkinangesehen, ich will auch keine Türkin sein. Ich fühle michdort, als wenn ich noch immer zu Besuch wäre. In Deutschlanddagegen, egal ob in Norddeutschland oder in Süddeutschland,fühle ich mich ganz zu Hause. Wenn ich dann in die Türkeizurückfliege, gehe ich wieder weg von zu Hause. Wenn ich ineiner Gesellschaft bin, wo nur Türken sind, fühle ich michallein. Ich rede und lache und man merkt es mir nicht an, aberich fühle mich da nicht zu Hause.« Mit ihrem Mann spricht sieüber diese Gefühle nicht. »Ich bin sicher, dass er sie ahnt. Wirsprechen aber nicht offen darüber. Meinen Mann würde eskränken, wenn ich es aussprechen würde. Aber ich bin sicher,er weiß es und deswegen hat er auch gar nichts dagegen, wennich so häufig mit Deutschen zusammen bin«, erklärt Elisabeth.Sie hat ihre Gründe: »Wenn in der Türkei über Gefühlegesprochen wird und es kommt dabei etwas Negatives über dieTürkei zum Ausdruck, fühlen sich die Türken sehr starkangegriffen.« Das respektiert Elisabeth und lässt diesen Punktunangesprochen. Ihre Tochter wollte nach ihrem Studium in Ankara gerne inDeutschland weiter studieren. Sie hatte in den Ferien nur guteErfahrungen in Deutschland gemacht. Diese Entscheidung hat
  • 63. ihre Mutter sehr gefreut. Jetzt hat sie auch ein Zuhause inDeutschland, zu dem sie immer kommen kann, wenn dieSehnsucht zu groß wird. Die Standorte ihrer beiden Kindermarkieren nun ihr Leben zwischen den beiden Ländern: Eineslebt in der Türkei und eines in Deutschland. Elisabeth beobachtet die gesellschaftlichen, politischenEntwicklungen in beiden Ländern aufmerksam. »Es gibt einesichtbare Veränderung in der Türkei: Im Laufe der 38 Jahre,die ich jetzt dort bin, wird das Kopftuch viel mehr getragen.Als ich in die Türkei kam, trugen höchstens ein paar alteFrauen das Tuch, aber heute sind es sehr viele jungeMädchen.« Sie hat eine Erklärung: »Die Reformen vonAtatürk waren zwar gut, aber sehr plötzlich. Vielleicht wurdeihre Sehnsucht nach der Religion nur unterdrückt. Jetzt ist diejüngere Generation mutiger als ihre Eltern geworden und willsie auch ausleben. So ähnlich verhält es sich auch mit denRechten der Frau. Die Emanzipation hat keine Wurzeln in derBevölkerung gehabt. So gibt es ein starkes Stadt/Landgefälle.Auf dem Land herrschen noch viele Traditionen von früher:Da werden Frauen zwangsverheiratet und Töchter nicht zurSchule geschickt. In der Stadt dagegen gibt es vieleerfolgreiche Frauen.« Sie selbst hat eine moderne, aufgeschlossene Türkei kennengelernt, die es ihr erlaubt, als westliche Europäerin, alsDeutsche und als Nicht-Muslimin in der Türkei zu leben. Siebrauchte ihre Identität nicht zu verleugnen. Ihre Integrationwurde nie in Frage gestellt, obwohl sie ihren eigenenkulturellen Weg geht. In der Türkei scheint niemand eineParallelgesellschaft der Deutschen zu fürchten. Elisabeth hat einiges für dieses gelungene Arrangementgetan: Sie beherrscht die Landessprache perfekt. Sie hat nieoffen die türkische Kultur in Frage gestellt, sondern zog nurstillschweigend ihre Konsequenzen. Nicht einmal mit ihrem
  • 64. Ehemann besprach sie ihre Kritikpunkte. Die disziplinierteFrau schaffte es, sich ihren persönlichen Gestaltungsfreiraumzu erschließen, weil sie stets sorgsam darauf achtete, denRahmen der Regeln nicht zu verletzen. Diese Balancezwischen innerem deutschem und äußerem türkischem Lebenimmer gehalten zu haben, lässt sie zufrieden auf ihre bisherigeLebensleistung zurückblicken. Sie hat sich selbst nichtverleugnet und trotzdem die Erwartungen ihrer Mitmenschenerfüllt.
  • 65. Sie stammt aus einer einflussreichen Istanbuler Familie. Nach dem plötzlichen Tod ihres Vaters fand sie Trost bei einem deutschen Juristen in Berlin. Sie: Eine Ehe zwischen den Kulturen ist eigentlich falsch. Spätestens wenn Kinder kommen, werden die Partner egoistisch.Ehen zwischen den Kulturen sind eigentlich falsch TÜRKISCHE GERMANISTIKSTUDENTIN, 63 & DEUTSCHER ANWALT, 64Auf einem Schiff zu den Prinzeninseln vor Istanbul sprach unseine braungebrannte Dame mit langen, rotbraunen Locken undeinem kurzen, türkisfarbenen Rock an: »Sind Sie ausDeutschland?« In sehr gutem Deutsch erzählte sie uns, dass siemit einem Berliner verheiratet sei. Nachdem wir uns währendder Überfahrt angeregt unterhalten hatten, lud sie uns für denfolgenden Samstag zum Kaffeetrinken in ihre Wohnung nachBesiktas ein. Sie holte uns am Anleger ab und führte uns durchihr Stadtviertel, hoch zu ihrem traumhaft gelegenen Apartmentüber dem Bosporus. Ein überwältigender Blick über die Stadtbis hin zum Marmarameer bot sich uns, als wir uns bei Kaffeeund Kuchen auf die Terrasse setzten. In dieser stilvolleingerichteten Altbauwohnung war sie aufgewachsen. Indiesem Ambiente hat sie eine weltoffene, bildungsorientierte,hochkultivierte Erziehung genossen. Ein internationalesPublikum verkehrte im Haus ihres Vaters. Viele deutsche»Onkel und Tanten« waren darunter. So kam es, dass sie nach dem plötzlichen Unfalltod ihresVaters und ihrer Schwester von »Onkel Berger« zur
  • 66. Ablenkung nach Deutschland eingeladen wurde. Sie warAnfang 20, als sie nach Lüneburg zu einem Deutschkurs desGoethe-Instituts kam. Hier lernte sie ihren späteren Ehemannkennen. Ein deutscher freundlicher junger Mann, der ihr inihrer psychischen Angegriffenheit Halt gab. Man traf sich kurzdarauf in Berlin wieder und nach sechs Monaten war dieHochzeit. »Ich wollte nie heiraten, meine Freiheit war mir stetswichtiger«, erinnert sie sich. »Ich hatte mir eher vorgestelltganz viele Liebhaber zu haben als nur einen Ehemann, dochdas geht ja leider nicht«, gibt Yildiz zu. Ihre Jugend hatte sie sehr verwöhnt, erzählt sie. Nie brauchtesie Anstrengungen zu unternehmen. Sie und ihre Schwesterwurden von männlichen Verehrern mit Aufmerksamkeitenüberhäuft. »Immer klingelte das Telefon, und ein Junge wollteuns ausführen. Wir brauchten keinen Finger zu rühren.«Angesichts der immer noch sehr attraktiven, ausdrucksstarkenFrau zweifelt man nicht am Wahrheitsgehalt dieserErinnerungen. »Doch dieser Deutsche ließ mir meine Freiheit.Mit einem türkischen Mann wäre das wohl kaum möglichgewesen.« Jetzt könne sie sich kein Leben mehr ohne ihrenMann vorstellen. Sie seien schon so lange zusammen. »Er istein guter, wertvoller Mensch mit viel Tiefgang, vor dem ichgroße Achtung habe. Ich kann ihm rundum vertrauen. Er warmir zeitweise wohl auch eine Art Vaterersatz.« Doch ein großer Nachteil war mit dieser Ehe verbunden:Yildiz, die im warmen und warmherzigen Istanbul dersechziger Jahre in Akademiker- und Künstlerkreisen ihreJugend genossen hatte, sollte nun in Deutschland leben. »Nichtmein Mann hat mich unterdrückt, sondern Deutschland«, meintsie rückblickend. Viel Anpassungsbereitschaft war von ihrgefordert. In Berlin, das damals noch von einer Mauerumschlossen war, musste sie viel vermissen. »Das war eineschwere Zeit. Ich war oft depressiv.«
  • 67. Wer sie bei einem Spaziergang durch ihr Istanbul begleitet,merkt wovon sie spricht. Hier guckt sie schnell auf ein kurzesHallo beim Frisör vorbei, dort kauft sie ein besonders gutes,günstiges Gewürz, hier weiß sie den besten, frischesten Fischzu organisieren, dort drückt und herzt sie die Kinder desNachbarn im Vorbeigehen, hier ruft sie Freunden durchsoffene Fenster einen Gruß herein. Yildiz kennt in ihrem Vierteljede Ecke und genießt das Aufspüren der kleinen Geheimnissevon Istanbul, die dem Uneingeweihten verborgen bleiben. Mitihrem Esprit verkörpert sie die selbstbewusste, gebildeteIstanbulerin, die sich in jeder Lage durchzusetzen weiß. Mit ihrem Charme, ihrer Intelligenz und ihrem Temperamenthat sie es sogar geschafft sich in die Deutschen einzufühlen.»Ich verstehe die Deutschen und ich liebe sie«, betont sieimmer wieder. Doch sie lässt keinen Moment einen Zweifel daranaufkommen, dass sie eine Türkin ist. »Niemand kann mirmeine Heimat und meine Nationalität nehmen.« Ihr Mann habedies nie versucht, es wäre auch zum Scheitern verurteiltgewesen. Doch er liebe die Türken. Er sei anders als dieDeutschen, er habe eine türkische Seele. »Aber oft sage ichauch zu ihm: Du bist mir zu langweilig. Türkische Männersind anders. Wenn ein deutscher Mann fernsieht, konzentrierter sich ganz auf das Programm. Ein türkischer Mann streicheltnebenbei seine Frau auf dem Sofa und schon ist dieAtmosphäre eine andere«, lacht sie. Yildiz sprüht vor Energie, Lebenskraft und Neugier. KeinWunder, wenn ihr deutscher Mann bei diesem Tempomanchmal überfordert ist. In Deutschland besucht sieAusstellungen, Konzerte und Diskussionen auch gerne allein. »Entweder er begleitet mich oder ich gehe eben ohne ihn.Einsperren lasse ich mich nicht.«
  • 68. Yildiz hat sich durch ihre vielfältigen Erfahrungen in derTürkei und Deutschland viele Gedanken über dasunterschiedliche Wesen der beiden Nationalitäten gemacht.»Die Deutschen sind anders als die Türken. Die Türken habeneine stärkere Seele. Die Türken haben keine Angst vor demFeuer. Sie gehen mitten hinein. Sie können Leid besserertragen, indem sie sich ihm stellen, es ausleben undverarbeiten. Die Deutschen meiden die Konfrontation mit demSchmerz und leiden dadurch noch mehr.« Die türkische Frauist dem Verlust ihrer Lebensqualität in Istanbul nicht aus demWeg gegangen. Sie hat sich dieser Herausforderung gestellt. Die Ehe mit ihrem deutschen Mann lebte gleichzeitig von denKontrasten in ihren Persönlichkeiten und von ihrem seelischenEinverständnis. Viele harte Diskussionen hätten sieausgetragen. Wer Yildiz erlebt, wie sie im IstanbulerStadtverkehr für ihre Rechte als Fußgängerin kämpft und selbstdie Taxifahrer zu erziehen versucht, kann sich vorstellen, dassihr Ehemann auch als redegeübter Anwalt stets mit vielenGegenargumenten zu rechnen hatte. Doch sie ist sich auchihrer besonderen Qualitäten als Frau bewusst. »Wir könnenauch spielen, um unsere Ziele zu erreichen.« In der Türkei sei es für sie beide leichter zu leben. InDeutschland hätten die Türken immer noch mit demGastarbeiterimage zu kämpfen. Wenn dagegen ein Ausländerin der Türkei die Türken verstehen und lieben könne, käme erdort leichter zurecht. Außerdem hätte der Aufenthalt in derTürkei für ihren Mann einen entscheidenden Vorteil: »Ich binhier viel fröhlicher und ausgeglichener und kann ihn viel mehrverwöhnen und erfreuen als in Deutschland. So geht es auchihm besser.« Yildiz hat großes Verständnis dafür, dass ihre Mutterzunächst gar nicht mit der Wahl ihres Ehemanneseinverstanden war. Schließlich bedeutete dies, dass ihre
  • 69. Tochter im Ausland und von ihr getrennt leben musste. »Daswünscht sich keine Mutter«, bekräftigt sie. Vor kurzem ist ihreMutter 94-jährig gestorben. Nun weilt Yildiz in der IstanbulerWohnung allein. Ihre tiefe gefühlsmäßige Bindung wirddeutlich, wenn sie mit Trauer in der Stimme zugibt: »Ohnemeine Mama ist Istanbul nicht mehr dasselbe. Ohne sie kannich selbst die Landschaft nicht mehr so genießen.« Ihre Ehe war gekennzeichnet durch viele Zeiten derTrennung und des Wiedersehens. Immer wieder fuhr Yildiz zuihrer Mutter, um im geliebten Istanbul zu sein, um ihre Seelein der Türkei aufzutanken und um ihrer Mutter beigeschäftlichen Angelegenheiten zur Seite zu stehen. Ihr Mannbegleitete sie gerne, wenn sein Beruf als Jurist es zuließ.Manchmal packte ihn sogar vor ihr die Sehnsucht nach derTürkei, und er verbrachte einige Wochen in Antalya, währendsie in Berlin bei ihrem gemeinsamen Sohn blieb. Dieser stehtmittlerweile kurz vor dem Jura-Examen. »Ich wollte eigentlichnie Kinder«, gibt sie zu. Durch ihren Sohn ist ihr Band nachDeutschland noch fester geknüpft. »Mein Sohn wird mich fürimmer in Deutschland festhalten«, stellt sie fast ein wenigbedauernd fest. Yildiz ist eine Frau, für die der Begriff»Heimat« eine große emotionale Bedeutung hat. Sie verortetesie immer in Istanbul, doch nach der Gründung einer eigenenFamilie in Deutschland schlug sie auch, fast ungewollt, hiertiefere Wurzeln. »Eine Ehe zwischen zwei Kulturen ist eigentlich falsch«,behauptet diese Frau, die eine solche Verbindung seit über 30Jahren erfolgreich aufrechterhält. »Spätestens nach der Geburteines Kindes wird jeder der Partner egoistisch.« Mit einemKind verschärfen sich die Diskussionen. Jeder Partner möchteseinen Anteil angemessen vertreten wissen. So ist es Yildizsehr wichtig, dass ihr Sohn perfekt Türkisch spricht. Nur sokann sie mit ihm in ihrer Herzenssprache reden. Mit ihrem
  • 70. Mann spricht sie dagegen Deutsch. »Das ist für mich sehranstrengend.« Mit Stolz in der Stimme betont sie: »Mein Sohnsieht ganz wie ein Türke aus.« Doch ihr Sohn studiertdeutsches Recht – ein Studiengebiet, das eher Berufe inDeutschland eröffnen wird. Und er hat sich für die deutscheStaatsangehörigkeit entschieden. Man merkt Yildiz an, dass siemit dieser Entscheidung nicht einverstanden ist. Yildiz träumt in Deutschland häufig von einem anderenIstanbul, als es sich ihr heute bietet. Statt einer MillionMenschen damals leben heute 15 Millionen in der ausuferndenStadt, und täglich strömen weitere Neuankömmlinge hinzu. Siebedauert, dass nicht alle von ihnen gewillt sind, eine städtischeKultur zu leben. An einem Beispiel macht sie dieseVeränderungen fest: »Früher haben die Taxifahrer auch schongehupt, aber eher spielerisch, mit einem französischen Esprit.Heute tröten sie nur noch nervtötend ohne geistigenHintergrund.« Rechts neben dem Haus steht eine Moschee, links unter ihmliegt versteckt in einem Innenhof eine griechisch-orthodoxeKirche. »Ich bin morgens vom Gebetsruf geweckt worden undgleich danach bimmelte die Glocke der griechischen Kirche«,beschreibt Yildiz ihr unkompliziertes Verhältnis zur Religion. Sie hat versucht, das Beste aus dem Verlust ihrer geliebtenHeimat zu machen. Sie bewegt sich zwischen den Kulturen,ohne ihre Unterschiede zu vertuschen. »Unser Sohn hat zweiKulturen, er hat es eigentlich besser. Er kann sich von allemdas Beste aussuchen. Er hatte einen wertvollen Vater und dieMutter ist auch nicht so schlecht«, lacht sie. Er wird seineneigenen Weg finden müssen. »Er kann eine Deutsche oder eineTürkin heiraten. Mir ist beides recht.« Die Hauptsache fürYildiz wird sein, dass diese ganz besondere Liebesbeziehungzu ihrem Sohn Bestand haben wird. »Liebespartner kann man
  • 71. mehrere haben, aber eine Mutter und einen Vater hat man nureinmal«, ist sie überzeugt.
  • 72. II Einwanderungsgrund StudiumIm Wintersemester 2004/2005 studierten 6.587 türkischeBildungsausländer an deutschen Hochschulen. Auch schon inden siebziger Jahren kamen viele Türken zu Studienzweckennach Deutschland. Unter den Interviewpartnern in derAltersgruppe der 40- bis 50-Jährigen gab es zehn Männer, dieihr Einreisevisum in diesem Zeitraum für die Aufnahme einesStudiums erhielten. Sie haben in Deutschland Wurzelngeschlagen, nicht zuletzt durch ihre deutsche Partnerin. Ihredamalige Entscheidung für einen Aufenthalt im Ausland warhäufig von dem Wunsch mitbestimmt, ihrem Leben eine neueWendung zu geben. Sie trafen ihre Entscheidung nicht auseiner wirtschaftlichen Not heraus, sondern aus dem Wunschnach Weiterbildung und Horizonterweiterung. In Deutschland stießen sie auf ein Bündel von Problemen:Erstens wurden ihre in der Türkei erworbenen Abschlüsse inDeutschland nicht anerkannt. Zweitens verfügten sie überwenig oder keine Kenntnisse der deutschen Sprache unddrittens mussten sie ihre Lebenshaltungskosten in Deutschlandmeist eigenständig finanzieren. Ein Netzwerk aus Freundenoder Verwandten, die sich schon ihren Weg in Deutschlanderarbeitet hatten, half ihnen dabei. Die Motivation, ihreProbleme zu bewältigen, schien aber bei den meisten eher mitden Schwierigkeiten zu wachsen. »Daran war mein Vater nichtganz unschuldig: Er hatte mir ein Studium in Deutschlandnicht zugetraut. Ihm wollte ich unbedingt beweisen, dass ich esschaffen konnte«, erinnert sich ein türkischstämmiger Mann.
  • 73. Ihr hoher Bildungsgrad und ihre kulturelleAufgeschlossenheit erleichterte die Verständigung mit ihrerdeutschen Partnerin – und stellte gleichzeitig auch an sieentsprechende Erwartungen. Die deutschen Partnerinnen habenin den meisten Fällen ebenfalls studiert und arbeiten wie ihreMänner Vollzeit. Diese Paare schätzen meist gerade dieHorizont erweiternden Momente ihrer Beziehung und scheuendafür auch die Anstrengungen eines intellektuellen Diskursesnicht.
  • 74. Sie streiten und versöhnen sich seit 25 Jahren Ehe immer noch leidenschaftlich. Sie: Ich habe eine ganze Kultur dazu gewonnen, und einen sicheren Arbeitsplatz. Er: Ich habe ihrZeit gegeben, mich kennen zu lernen. Wir waren ein Paar, aber das bedeutete nicht, dass wir abhängig voneinander waren. Qualifizierung durch Gegensätze TÜRKISCHER SOZIALPÄDAGOGE, 53 & ERSTE DEUTSCHE TÜRKISCHSPRACHIGE PSYCHOTHERAPEUTIN DER STADT, 52Doris war ein Kind ihrer Zeit: eine freiheitsliebende,emanzipierte Frau, die sich in keine Abhängigkeit zu einemMann begab. Oft überschnitten sich ihre Beziehungen, seltengab es eine Zeit, in der sie nur mit einem Mann zusammenwar. Dann traf sie Emre, den Bruder einer Arbeitskollegin undFreundin. »Einen Türken!«, meint sie. »Da hatte ich schonmeine Bedenken. Der hätte doch sicherlich Schwierigkeiten,meine Einstellungen zu Männern zu akzeptieren, dachte ichdamals. Ich war, wie man sieht, nicht ganz frei von Vorurteilenüber türkische Männer. Mit der Einstellung, das kann nichtswerden, bin ich an unsere Begegnung herangegangen.« Durchihre sozialpädagogische Arbeit mit türkischenMigrantenkindern und deren Eltern hatte sich diese Meinungschließlich im Laufe der letzten Jahre eher noch verfestigt. »Ich gab ihr in Ruhe Gelegenheit, mich kennen zu lernen«,bemerkt Emre trocken. Über mehrere Monate beschnuppertensich die beiden. Emres Schwester warnte Doris: »Lass bloß die
  • 75. Finger von meinem Bruder! Der ist selten lange treu.« DieWarnung verfehlte ihre Wirkung nicht; Doris war interessiert.Sie lernte diesen türkischen Mann kennen und konntefeststellen, dass Emres Unabhängigkeitsstreben dem von Dorisin nichts nachstand und dass er sogar bereit war, ihres zutolerieren. Emre war übrigens einer deutschen Frau gegenüberweniger skeptisch. »Schon in meiner Heimatstadt hatte ich denEntschluss gefasst, keine türkische Frau zu heiraten. Ich hattegesehen, dass es unheimlich schwierig mit den türkischenFrauen, mit ihren strengen Normen und Sitten ist.« Das passtenicht zu Emre, dafür schätze er die Freiheit zu sehr. Sie wurden ein Paar, was für sie aber nicht bedeutete, dass siesich ausschließlich aufeinander konzentrierten. »Wir waren nieabhängig voneinander«, betont Emre. Das änderte sich auchnicht, als sie beschlossen zu heiraten. Emres Studium nähertesich dem Ende und die Ausländerbehörde machteSchwierigkeiten. Er war in der Türkei politisch aktiv gewesenund war es auch in Deutschland. »Ich hatte ständig Angst, dassdie Ausländerbehörde uns trennt«, erinnert sich Doris. Emresieht das gelassener: »Das wäre kein Grund für eine Heiratgewesen. Ich wollte mit dir zusammen sein undzusammenleben.« Emre war 1978 »ganz legal«, wie er sagt, zum Studium nachDeutschland gekommen, wo sein Vater seit fast 20 Jahren undseine Mutter seit 1973 lebte. »Erst mit 25 konnte ich eineBeziehung zu meinem Vater knüpfen, den ich vorher nur als›Weihnachtsmann‹ kannte, der einmal im Jahr kam und seinenKindern Geschenke mitbrachte«, meint Emre nachdenklich.Als er sich in den letzten Jahren des Gymnasiums befand, warseine Mutter endlich zu ihrem Mann gezogen. Seitdem hattendie acht Geschwister das Leben in der Stadt nahe der syrischenGrenze alleine gemeistert. Die älteren Kinder übernahmen
  • 76. dabei die Verantwortung für die jüngeren. Heute leben sie allebis auf eine Schwester in Deutschland. »Dann gab es einen Wendepunkt in unserer Beziehung«,erzählt Doris. Sie verbrachte drei Monate in der Türkei.»Meine ABM-Stelle endete, ich hatte plötzlich Zeit und wolltemein Türkisch verbessern.« Schon während ihrer Arbeit mitden Migrantenkindern hatte sie angefangen, die Sprache zulernen. In Emres Heimatstadt Antalya wollte sie sie nun inihrer natürlichen Umgebung vervollkommnen. Sie lebte beiden dort verbliebenen Familienmitgliedern. »Ich wurde sehrherzlich aufgenommen.« Was wohl auch daran lag, dass sielange Zeit mit einer Schwester von Emre, die Lehrerin ist, inDeutschland zusammengearbeitet hatte. »Nach den dreiMonaten in der Türkei wusste ich, dass ich mit Emrezusammen Kinder haben möchte.« Doris war auch klargeworden, dass sie nur noch die eine Beziehung zu ihremMann wollte. Alle weiteren waren ihr unwichtig geworden. »Inder Türkei hatte ich bei Emres Familie soviel Unterstützung,Wärme und Geborgenheit bekommen, dass ich nichts anderesmehr wichtig fand.« Doris wollte ihre eigene kleine Familiegründen. Emre war über ihren plötzlichen Sinneswandel etwasüberrascht. »Da gab es gewisse Übergangsprobleme, meineNebenbeziehung angemessen auslaufen zu lassen«, gibt er zu.»Es war nie so, dass ich nicht wusste, wo ich hingehöre. Mirwar immer klar, dass ich mit Doris zusammen sein wollte.Doch um etwas Neues zu bekommen, musste ich etwas Altesaufgeben.« Das sei nun mal selten einfach. »Es gab diesenWendepunkt: Der Vertrag unserer Ehe musste nachverhandeltwerden und dann wurde der Abschluss mit derSchwangerschaft besiegelt«, bringt Doris es kurz und bündigauf den Punkt.
  • 77. »Da war es für uns auch nicht wichtig, ob wir uns in einergesicherten Position befinden und ob wir uns jetzt Kinderleisten können oder nicht«, sagt Emre. »Wir schaffen dasirgendwie zusammen.« Das war beiden klar. Ebenso klar war,dass sie beide nur halbtags arbeiten würden, um zu gleichenAnteilen die Kinder zu betreuen und den Haushalt versorgenzu können. »Das haben wir dann auch solange gemacht, bis dieKinder uns rausgeworfen haben«, berichtet Emreselbstironisch. »Irgendwann sagten sie zu uns, ihr braucht unsnicht mehr zu bekochen, das können wir jetzt alleine.« ZweiMädchen haben sie bekommen, im Abstand von drei Jahren. »Mit der älteren habe ich es noch bis zum Alter von zweiJahren konsequent durchgehalten, Türkisch zu sprechen.«Dann kam sie zu einer deutschen Tagesmutter und danach ineinen deutschen Kindergarten. Im Alter von vier Jahrenweigerte sie sich, mit ihrem Vater Türkisch zu sprechen. »Ichfühlte mich zurückgewiesen«, gibt Emre zu. »Bei der jüngerenhatte ich dann weniger Ehrgeiz.« Dass der Grundstock trotzdem gelegt worden war, konnte inden jährlichen Türkeiurlauben immer wieder registriertwerden. Was dem Vater verwehrt wurde, gelang dentürkischen Jugendlichen in den Ferien spielend. »Was laueromantische Sommernächte in der Türkei so ausmachenkönnen«, meint die Mutter. Heute können sich beide Mädchenperfekt auf Türkisch unterhalten. Doris kann die Bereicherung durch ihre Ehe mit Emre auchdurchaus aus ihrer beruflichen Perspektive sehen: Doris isteine der wenigen türkischsprachigen Psychotherapeutinnen,die ihre Klienten in ihrer Muttersprache betreuen können. »Nurdurch die Einblicke, die mir Emre, seine Familie inDeutschland und in der Türkei gegeben haben, habe ichgenügend Hintergrundwissen für meinen Beruf bekommen.Die Sprache ist das eine, aber die Kompetenz, den Hintergrund
  • 78. zu verstehen ist genauso wichtig. So habe ich eine sichereMarktposition, die heutzutage sehr selten ist.« Der Erfolg gibtihr Recht. Ihre Sprechzeiten sind stets ausgebucht. »Was ich von Doris unheimlich gut fand war: Sie war offen.Offen für unsere Kultur und für unsere Sprache«, sagt Emreanerkennend. »Sie hat meine Eltern so akzeptiert, wie sie sind,und meine Eltern sie genauso. Sie haben sie sehr geliebt.« DieAufnahme von Doris’ Familienseite brauchte etwas mehr Zeit.Ihr Vater erschien nicht zur Hochzeit seiner Tochter. Emreerklärt: »Er traute sich wohl nicht, vor seinen Arbeitskollegenzuzugeben, dass er einen freien Tag braucht, weil seineTochter einen Türken heiratet.« Er hat Verständnis für dendeutschen Mann: »Für ihn war es gut, mal einen Türkenkennen zu lernen, den er anfassen, den er ›beißen‹, mit dem erSkat spielen und die Sportschau gucken kann«, erläutert Emreauf seine Art den Angewöhnungsprozess. Das soziale Engagement ist ein wichtiger Teil ihrergemeinsamen Basis. Beide wollen gesellschaftlicheSituationen verändern. Doris in ihrer Praxis und Emre alsSozialpädagoge in einer Beratungsstelle in ihrem Stadtteil. Fürviele Menschen in der Stadt sind sie mittlerweile zu wichtigenAnsprechpartnern und Koordinatoren eines engagiertenNetzwerkes geworden. Zu einem Punkt nehmen sie allerdings eine ganzunterschiedliche Haltung ein: zur Religion. »Für mich ist dieReligion mit ganz vielen positiven Emotionen verknüpft. Ichhabe eine starke, emotionale Bindung zur Religion«, erläutertDoris. Sie erlebte eine Jugendzeit, die von aufgeschlossenenModernisierungsbemühungen der evangelischen Kirchegeprägt war. Ihre ersten Beziehungen und Erfahrungen knüpftesie in christlichen Jugendgruppen. Auch heute noch ist sie inihrer Gemeinde aktiv. Sie singt im Kirchenchor und beteiligtsich an der Fastenaktion »Sieben Wochen ohne«. »Gerne hätte
  • 79. ich meinen Kindern diese emotionale Bindungsqualitätvermittelt. Doch ich empfinde es so, dass die Kinder sich quasiin einem luftleeren Raum befinden. Ich würde mir manchmalwünschen, dass sie einen ebensolchen Halt hätten, wie ich ihnhabe.« Emre hat ganz andere Erfahrungen gesammelt. »Ich binin dem Bewusstsein aufgewachsen, dass Religion Opium fürsVolk ist. Ich wollte nicht, dass meine Töchter im Kindesalterdurch die Religion beeinflusst werden. Ich wollte, dass sie sichspäter bewusst damit auseinandersetzen können.« Für Emrebedeutete Religion Gefahr, für Doris Geborgenheit. »Das isteiner der wenigen Punkte, wo wir nicht auf einen Nennerkommen«, gibt Doris zu. »Ich denke, ich rede mit einemBlinden«, witzelt sie. »Ich auch«, entgegnet Emre. Sietauschen einen tiefen Blick; sie kennen sich. »Und dochentdecken wir immer noch Unbekanntes am anderen«, freutsich Emre. Eine Ehe zwischen so unterschiedlich sozialisiertenPartnern steckt voller Diskussionsansätze, aber kannschwerlich langweilig werden. Doris schätzt an Emre seine größere Kontaktfreude. »Wirsind nicht untypisch: Emre als Orientale entspannt sich, indemer mit anderen zusammen ist, und ich entspanne mich, indemich mich in die Ecke setze und mir ein Buch nehme.« Emregrinst: »Da können wir uns gut ergänzen: Ich lese ein Buch an,das mich interessiert, gebe es Doris und sie erzählt mir dannhinterher, was darin steht. Das spart mir Zeit.« Am Anfang warDoris jedoch mit Emres Kontaktfreudigkeit etwas überfordert:»Anfangs habe ich immer auf die Uhr geguckt: Wie halte ichbloß die vielen Stunden ohne Rückzugsmöglichkeit durch«,fragte sie sich. »Da gab es auch Situationen, in denen ichbeleidigt abgedüst bin«, erinnert sie sich. Emre sah das vielgelassener: »Ich war immer der Meinung: Wenn du keine Lustmehr hast, dann gehst du eben, da braucht hier keiner beleidigtsein.« Er kann darin kein Problem entdecken: »Irgendwann
  • 80. war es dann nicht mehr schwierig. Ich brauchte mich nichtunter Druck zu setzen«, erkannte auch Doris. Sie konnte sieselbst bleiben und entspannt den eigenen Spielraum ausloten. »Emre hat die Fähigkeit mich so zu lassen, wie ich bin, aberhat trotzdem nicht darauf verzichtet eigene Erwartungen undeigene Wünsche zu stellen. Das ist eine der entscheidendenGrundlagen unserer Beziehung«, analysiert Doris fachlichversiert. »Wir legen Wert darauf, dass niemand auf etwasverzichten muss. So was geht nicht«, bestätigt Emre. Er blickt in die Zukunft: »Unser Traum ist, einige Zeit lang inder Türkei zu arbeiten. Wir hatten es schon eingeplant, dochwir hatten leider die Kinder vergessen«, gibt Emre zu. BeidenTöchtern ein Studium zu finanzieren, schiebt ihre Türkeiplänezeitlich noch ein paar Jahre hinaus. »Ein bisschen konfliktfähig sollte man für eine solcheBeziehung schon sein«, überlegt Doris. Sie beide hätten Spaßan der Auseinandersetzung und scheuten dabei keinenlustvollen Streit. »Diese emotionale Intensität muss man aberauch aushalten können.« Gewisse Rituale helfen ihnen dabei.»Wir gehen gerne zusammen spazieren. In schöner Natur, amliebsten am Wasser, können wir gemeinsam in Bewegungbleiben«, meint Doris bewusst doppeldeutig. Hier wirdmanches Problem an der frischen Luft und mit Zeit füreinandergeklärt. Emre meint zufrieden: »Unsere Kinder bekommenunsere Unterschiedlichkeiten und Konflikte mit, aber auch,dass wir nicht aufgeben. Obwohl wir unterschiedlicheMeinungen haben, reden wir immer weiter darüber.« Doris bilanziert für sich: »Ich habe durch diese Beziehung einganzes Land und eine große, wunderbare Familie geschenktbekommen.« Ihr fällt ein: »Das ist eigentlich etwas, was auchunsere Kinder geschenkt bekommen haben: die Familie. Wenndie Religion für mich ein Stück angstreduzierend war, ist es für
  • 81. die Kinder vielleicht die Familie. Eventuell haben sie ja in ihrihren persönlichen Raum des Aufgehobenseins gefunden.«
  • 82. Die jüngere Tochter von Doris und Emre hat einen Freund in Deutschland und einen in der Türkei. Hin und her gerissen zwischen den beiden Männern und den beiden Ländern sucht sie ihren Platz. Sie: Keiner von beiden versteht mich ganz. Wo gehöre ich hin? DIE JÜNGERE TOCHTER VON EMRE UND DORIS, ABITURIENTIN, 18»Seit anderthalb Jahren habe ich mich einfach geweigert,Türkisch zu reden und mit zwei Jahren habe ich michabgewendet, wenn mein Vater mich auf Türkischangesprochen hat. Ich weiß auch nicht, warum das so war«,überlegt die 18-jährige Frau mit den braunen Locken. Siekuschelt sich in die Decke auf dem Sofa und spielt ein wenigmit ihren langen Ohrringen. »Vielleicht hatte es schon etwasdamit zu tun, dass meine drei Jahre ältere Schwester genau zudiesem Zeitpunkt mit meinem Vater auch lieber Deutsch alsTürkisch sprechen wollte.« Bis zum Alter von zehn Jahrenblieb es bei dieser Abneigung der türkischen Sprachegegenüber. Allgemein wurde dies von der zahlreichen, auch inDeutschland lebenden, türkischen Verwandtschaft bedauert.Obwohl Ayla alles verstand, weigerte sie sich, auch nur einWort Türkisch zu sprechen. Erst mit beginnender Pubertätänderte sich ihre Interessenslage allmählich. Sie wollte mit denJugendlichen in ihrem Feriendorf, in das sie jedes Jahr fuhren,besser kommunizieren können. »Zunächst war die Musikausschlaggebend; ich wollte die türkischen Songs mitsingenund verstehen können«, erinnert sie sich. »Auch beim Kennen
  • 83. lernen der türkischen Jungs und Mädchen konnte ich dieSprache gut gebrauchen«, schmunzelt sie. Doch erst mit 12oder 13 hatte Ayla die innere Blockade, die sich inzwischenaufgebaut hatte, überwunden. Sie traute sich endlich zusprechen und sie merkte, dass sie bald locker mit den anderenmithalten konnte. »Die sechs Wochen Sommerferien in unserem Ferienhauswaren ein Traum. Wir vergossen stets viele Tränen, wenn eswieder nach Hause ging.« Dabei spielte sicher auch derUmstand eine nicht geringe Rolle, dass sie sich mit einemJungen aus dem Dorf angefreundet hatte. Damit begannen aberauch die Probleme. Wunderten sich in Deutschland alleSchulfreunde auf dem Gymnasium, welch große Freiheiten sieals Tochter eines »türkischen Vaters« genoss, so warnte siedieser Vater in der Türkei davor, die Grenzen dort nicht zuüberschreiten. »Doch mir waren die Regeln dort nicht klar. Ichwusste nicht, wie ich die Äußerungen meinesfreiheitsliebenden Vaters interpretieren sollte, wenn er mirsagte, dass wir nicht öffentlich in Erscheinung treten sollten.«Um den Dorffrieden nicht zu stören, trafen sie sich nur imSchutz der Dunkelheit. Doch die Skepsis ihres Vaters blieb; erschätzte es nicht, dass sich seine Tochter mit einemDorfjungen einließ. Er, der seinen Weg nach Deutschlandangetreten hatte, um größere Freiräume zu genießen, wolltenicht, dass seine Tochter in Zwänge geriet, aus denen er sichbefreit hatte. Doch die Zuneigung der beiden jungen Leuten war stärkerund überdauerte die Jahre bis heute. Auch Aylas Freund blieb nicht ohne gut gemeinteRatschläge: Dieses deutsche Mädchen werde ihn bald sitzenlassen. Ayla weiß, dass auch viele ihrer Freunde inDeutschland ihre Entscheidung für ihn nicht nachvollziehenkönnen. »Manche seiner Verhaltensweisen muss man sich aus
  • 84. seinem Umfeld erklären. Er ist eifersüchtig, weil er meineUmgebung in Deutschland nicht kennt und nicht verstehenkann.« Da schürten die Vorurteile über leichtlebige, deutscheMädchen bei ihm halt Ängste, versteht sie. Ayla verbrachte ihr Auslandsschuljahr in der Türkei. »MeinVater war gar nicht begeistert. Seiner Meinung nach sollte ichdie Gelegenheit nutzen, noch ein anderes Land zu erkunden.«Doch Ayla musste für sich ergründen, ob sie sich eine Zukunftin der Türkei, mit ihrem Freund, vorstellen konnte. Da dieserjedoch genau zu dieser Zeit seinen Militärdienst absolvierenmusste, blieb der Kontakt auf lange, teure Telefonatebeschränkt. Ayla fällt dazu eine Begebenheit ein: »Im Laufe der Zeithatte sich eine große Telefonrechnung aufgetürmt. MeineEltern konnte ich nicht um Unterstützung bitten, da sie denKontakt zu ihm nicht wollten. Als dann auch noch meine EC-Karte eingezogen wurde, stand ich völlig auf dem Trockenen.«Sie erzählte einer Freundin in der Schule davon. Das Mitleidmit der armen, heimwehkranken Austauschschülerin griff umsich. Kurzerhand wurde in der Schule ein Sammeltopf für Aylaaufgestellt, und Lehrer und Schüler spendeten für sie. »Diesegroße Hilfsbereitschaft hat mich sehr berührt, denn ich hieltmeinen Kontakt mit den anderen Schülern bis dahin für eheroberflächlich«, meint sie im Nachhinein. Jetzt überlegt sie, nach dem Abitur für ein Soziales Jahr indie Türkei zu gehen, um ihren persönlichenEntscheidungsprozess voranzutreiben. »Ein Teil von mir ist inder Türkei und einer in Deutschland«, erklärt sie. Dass sie sohin und her gerissen ist, liegt auch daran, dass sie inzwischeneinen deutschen Mann kennen gelernt hat. »Vielleicht sindbeide für mich der falsche Partner; beide verstehen mich nurbis zu einem gewissen Punkt.« Beim türkischen Freund fehltihr das Verständnis für ihre westlich geprägten Anteile und bei
  • 85. dem deutschen Mann das für ihre türkischen Wurzeln. Fürwelche Richtung ihr Vater dabei plädiert, da hegt Aylakeinerlei Zweifel. Er missbilligt ihre Fernbeziehung. Dass ihreMutter für ihre Liebe zur Türkei und zu dem türkischen Mannmehr Verständnis hat, dürfte wohl mit ihren eigenenErfahrungen zu erklären sein. Ayla weiß, dass ihre Mutter Bedenken hat, ob sie ihrenKindern zu viel abgefordert hat. »Ganz unbegründet«, findetAyla. »Vielfalt kann doch sehr harmonisch sein«, ist ihreErfahrung. Sie schätzt, dass sie von ihrer Mutter viel von ihrerpositiven Bindung an die Religion mitbekommen hat. Siefindet es allerdings schade, dass ihr Vater in islamischerRichtung für keinen Ausgleich gesorgt hat. »Er sah in derReligion nur eine Verführung.« Von ihm hätte sie sich einMehr an Informationen gewünscht. Das musste sie von ihremGastvater im Auslandsjahr in Istanbul aufbessern lassen. »Erstmein Ersatzvater, der sich intellektuell in späterenLebensjahren dem Islam genähert hat, konnte mir seineReligion sehr logisch erläutern.« Ein Interesse ist geweckt,dem sie vielleicht einmal nachgehen möchte. »Die totaleAblehnung meines Vaters kann ich gar nicht mehrnachvollziehen. Wieder ein Punkt, wo ich vielleicht wiederzurückgehe«, überlegt sie laut. Sie kennt Zeiten, in denen sie sich nirgendwo richtig zuHause fühlt. Aber es gibt auch Phasen, in denen sie findet, dasssie zwei Zuhause hat. »Ich gehöre schon nach Deutschland«,denkt sie nach, »aber ich bin trotzdem froh, dass ich auch nocheine andere Kultur habe, die ich kenne und die ich liebe.« Vonihrem Partner wünscht sie sich vor allen Dingen Offenheit undVerständnis. »Dass ich mit ihm so sein kann, wie ich will, unddass er mich so akzeptiert, wie ich bin, das ist für mich dasWichtigste.« Bei wem sie dieses Verständnis allerdings findenwird, weiß sie noch nicht.
  • 86. Der türkische Freund der älteren Tochter von Doris und Emreist Student und Musiker. Sie haben noch nicht geklärt, ob undwo sie zusammenleben könnten. Sie: Wir diskutieren sehr viel. Ob es mit uns gut gehen wird, weiß ich noch nicht. Mein Freund ist Türke und ganz anders DIE ÄLTERE TOCHTER VON EMRE UND DORIS, STUDENTIN DER KULTURWISSENSCHAFT, 21»Ich habe mein Leben zwischen den Kulturen früher immernur als Bereicherung empfunden«, sagt die 21-jährige Beate,»erst seit letztem Sommer überwiegt das Gefühl derBelastung.« Mit ihrer deutschen Mutter, ihrem türkischenVater und ihrer Schwester hieß es jeden Sommer: Ab in dieTürkei, in ihr kleines türkisches Dorf! »Schon ab Weihnachtenzählten wir die Tage bis zur Abfahrt. Die Zeit dort war unserHighlight des Jahres. Die übrigen Monate schwelgten wir inErinnerungen.« Doch im letzten Sommer kulminierten dieEreignisse, die ihr Gefühl jetzt eintrüben. Die Beziehung ihrerjüngeren Schwester zu einem Jungen aus dem Dorf sorgte fürAufruhr. Die Eltern fürchteten einen Eklat im Dorf undverboten ihr den Umgang. Als Beate sich dann auch noch fürdie Beziehung zu einem türkischen Studenten entschied, derebenfalls aus diesem Dorf stammt, verschärfte sich dieStimmung zusätzlich. »Doch meinen Freund können sie mittlerweile akzeptieren.Er hat es geschafft sich von dem Dorf und seinen Strukturen zuemanzipieren. Er ist aus eigener Kraft nach Istanbul gegangen,hat an der Musikakademie sein Studium abgeschlossen und
  • 87. leistet gerade seinen Militärdienst ab«, erklärt Beate. »DieStimmung im Dorf hat sich jedoch verändert. Während wir unsfrüher dort immer rundum wohl fühlen konnten, habe ich jetztein ungutes Gefühl, wenn ich da bin.« Die Studentin derKulturwissenschaften überlegt: »Mein Gefühl zwischen denStühlen zu sitzen, zwischen den Kulturen hin und her gerissenzu sein, belastet mich jetzt. Ich merke zunehmend, dass meineVerbundenheit mit beiden Ländern eben sehr tief sitzt und sichaber nur schwer miteinander vereinbaren lässt.« »Vorher war ich jahrelang mit einem deutschen Mannzusammen«, berichtet die junge Frau. »Doch immer wiederertappte ich mich dabei, dass ich dachte: Er kann meinetürkische Seite nicht verstehen.« Er konnte nicht voll und ganznachvollziehen, weshalb es sie immer in die Türkei zog. Dasssie die Wärme und Herzlichkeit der Menschen dort, die Sonne,die Geborgenheit und die Gastfreundschaft vermisste, wenn siedurch die Straßen der deutschen Großstadt ging, blieb ihmtrotz aller Erklärungsversuche letztlich fremd. »Ich war sehrglücklich mit ihm, doch etwas fehlte mir immer in unsererBeziehung.« Jetzt wagt sie eine Partnerschaft mit einemtürkischen Mann. »Unser Anfang war wenig romantisch. Erhat sich fast über ein halbes Jahr hingezogen und war mitvielen Verletzungen und Enttäuschungen verbunden.« Nun pendelt sie zwischen der Türkei und Deutschland, um sooft es geht mit ihrem Freund zusammen zu sein. »KeineBegegnung geht ohne intensives Streiten ab«, berichtet sie. »Esgibt so vieles, was wir aus unterschiedlichen Blickwinkelnbegucken.« Ihr Freund betrachtet die Türkei gerne mit einemkritischen Auge. Doch wenn seine deutsche Freundinzustimmt, bekommt sie schnell zu hören, dass sie nur eineeindimensionale, westliche Perspektive einnehmen würde.»Wir rutschen immer wieder in unsere angestammten Rollen:Er verteidigt die Türkei und ich Europa.« Beate, die schon
  • 88. glaubte, viel über die Türkei zu wissen, bekommt durch ihrenFreund erst den direkten Zugang. »Ich lerne durch dieseAuseinandersetzungen mit ihm sehr viel.« Ihr Freund beschert ihr somit ein reiches, praktischesÜbungsfeld für die Theorie, die ihr in ihrem Studium einevorurteilsfreie Sicht auf anderen Kulturen vermitteln soll. »Wirmüssen immer wieder erkennen, wie geprägt wir doch durchunser Aufwachsen in einer Kultur sind. So unbefangen, wie ichdachte, gehe auch ich nicht an die unterschiedlichenLebensweisen heran.« Sie gibt ein Beispiel: »Wenn eintürkischer Mann mich beim Sprechen nicht anguckt, sondernimmer nur meinem Freund in die Augen blickt, dann fühle ichmich unhöflich behandelt. Mein Freund erklärt mir dann, dasses gerade aus Respekt den Frauen gegenüber passiere. Wennich dann entgegne, dass wir diese Nichtbeachtung inDeutschland nicht nötig haben um Konflikte zu vermeiden,dann sind wir schon wieder mittendrin im schönsten Streit.« Beate überlegt, wie ein Zusammenleben zwischen ihnenbeiden aussehen könnte. »Mir fiele es, glaube ich, leichter, zuihm in die Türkei zu kommen. Ich spreche die Sprache und mitmeinen Qualifikationen würde es mir wohl leichter fallen dorteine Arbeit zu finden.« Er als türkischer Musiker ohneDeutschkenntnisse hätte wohl mehr Schwierigkeiten zuerwarten, vermutet sie. »Nicht einmal ein Besucher-Visumbekommt er für Deutschland. Da ist es doch klar, dass sich beiihm eine Haltung entwickelt: Was, ihr wollt mich nicht, dannwill ich euch schon lange nicht!« Beate bekommt durch ihren Freund, der die Interna im Dorfund in der türkischen Mentalität aus eigener Erfahrung genaukennt, die Erläuterungen, die ihr der liberal und kritischdenkende Vater in Deutschland nicht vermitteln konnte.»Plötzlich erzählt er mir über die heimlichen Streitigkeiten imDorf, die unter der netten, liebevollen Oberfläche
  • 89. schlummerten. Plötzlich kann ich auch die Kontrolle erkennen,die mit so einer Nähe und Anteilnahme einhergeht.« Beateblickt nachdenklich auf ihre Tasse Tee. »Ein sehranstrengender Prozess, der mich oft an den Rand meinerBelastungsgrenze führt«, meint sie. »Aber ich merke auch,dass er mich weiter bringt, und deswegen finde ich dieBeziehung mit meinem türkischen Freund gut.« Dass dieseEntwicklungen auch ihre Eltern stark in Mitleidenschaftziehen, gefällt ihr dabei weniger: »Schade ist nur, dass meineEltern jetzt überlegen unser Haus in dem Dorf zu verkaufen,weil auch ihre Unbeschwertheit dort verloren gegangen ist.« Sie denkt an ihre Cousine, mit der sie immer ein sehrherzliches Verhältnis hatte. »Leider hat es sich etwasabgekühlt. Wir haben einfach zu unterschiedliche Ansichten.Sie glaubt an die große, einzig wahre Liebe, für die man sichaufsparen muss. Doch ich wusste schnell, dass für mich dieJungfräulichkeit kein Wert an sich ist.« Als sie mit ihremdeutschen Freund zusammenkam, distanzierten sich alleCousinen von ihr. »Da war ich wieder einmal ›die Deutsche‹.«Schon früher hatte sie ab und zu das Gefühl vonAusgeschlossensein in der Familie des Vaters beschlichen.»Eigentlich habe ich das Zusammensein immer sehr genossen.Doch unter den Gleichaltrigen hieß es manchmal: ›Davonverstehst du nichts. Wir reden gerade über das, was du schon,aber wir türkischen Mädchen nicht dürfen.‹« Von deren Müttern, den nach Deutschland ausgewandertenSchwestern ihres Vaters, fühlte sie sich stattdessen aber stetsverstanden und liebevoll unterstützt. »Die Gemeinschaft mitder Familie ist mir sehr wichtig.« Seit ihrer neuerlichenAnnäherung an die Türkei durch ihren neuen Freund meint sieeine Veränderung auch bei den Cousinen zu verspüren. »Ichglaube, ich bin wieder etwas interessanter für sie geworden.Auch sie träumen schließlich alle von einem türkischen Mann
  • 90. und der Möglichkeit, in die Türkei zu gehen.« EineVerwunderung darüber schwingt in Beates Stimme mit. Sie istsich überhaupt nicht sicher, wo sie leben möchte. »Ich bindurch meine Sozialisation in Deutschland stark geprägt, abermeine türkischen Wurzeln gehören genauso zu mir«, hat siefestgestellt. Ob sie in der Türkei leben und arbeiten kann, musssie noch herausfinden. »Mein nächstes Praktikum mache ich inder Türkei. Ich plane die Tournee eines kleinen Stadttheatersmit. Vielleicht bin ich danach schlauer und weiß, was ichwill?« Beate blickt in die Ferne: »Wo werde ich wohl in zehnJahren sein? Keine Ahnung, es ist alles offen. Eine großeHerausforderung, die sehr aufregend und spannend ist und mirdennoch auch etwas Angst macht…«
  • 91. Der rebellische, unruhige Nomadensohn heiratet die angepasste, strenge Jurastudentin. Seit über 25 Jahren reiben sie sich an ihren Gegensätzen. Er: Wir praktizieren nicht die Kellerkultur der Deutschen. Wenn wir uns streiten, verziehe ich mich nicht mit einer Bierflasche in meinen Hobbykeller.Der Einsatz ist groß, das Ergebnis doppelt so groß TÜRKISCHER SOZIALPÄDAGOGE, 48 & DEUTSCHE SOZIALPÄDAGOGIN, 47Kenan stammt aus einer turkmenischen Nomadenfamilie, diein der Türkei sesshaft geworden ist. Noch nie hatte einFamilienmitglied jemanden außerhalb des Familienclansgeheiratet. Kenan war der Erste. Und er wählte nicht nur eineFrau aus einem anderen türkischen Umfeld, sondern ausDeutschland, wohin er zur Weiterführung seines in der Türkeibegonnenen Studiums gekommen war. Seine Cousine lebte dort bereits mit ihrem türkischen Mann.So zog er zunächst zu ihr. Erste Hindernisse stellten sich ihmin den Weg: In Deutschland wurde sein Abitur nicht anerkannt.Also holte er es durch den Besuch des Studienkollegs nach.Endlich waren alle Aufnahmeprüfungen erledigt, und dasStudium der Elektrotechnik konnte beginnen. Dann passierteetwas, was alle seine Pläne auf den Kopf stellte. »Ich wollteeigentlich nicht in Deutschland bleiben. Nach einemnaturwissenschaftlichen Studium wollte ich alsEntwicklungshelfer nach Südamerika oder Indien, das warschon immer ein Jugendtraum von mir.« Doch eines Abends
  • 92. auf dem Nachhauseweg stieg er aus der U-Bahn und eine jungeFrau fiel ihm auf. Franziska erinnert sich: »Der Anfang warganz putzig. Ein junger Mann sprach mich an. Er hüpfte nebenmir auf und ab, während wir den Bahnsteig entlang zumAusgang gingen. Das amüsierte mich. Wir gingen zusammendie Straße entlang und unterhielten uns. Als wir an einerKneipe vorbeikamen, fragte er mich, ob wir etwas trinkenwollten. Das taten wir dann. Wir verabredeten uns für dienächste Woche. Ich sagte ihm meine Adresse. In dem Haus, indem ich damals wohnte, gab es auf jeder Etage vierWohnungen. Bei meiner Beschreibung vertauschte ich leiderrechts und links. So kam es, dass er bei meinen Nachbarn,einem älteren Ehepaar klingelte und zu ihnen meinte: ›Ich binmit ihrer Tochter verabredet.‹ Die erwiderten verdutzt, dass siegar keine Tochter hätten. Kenan meinte zu ihnen ganzüberzeugt: ›Doch, Sie haben eine Tochter!‹ Da drehte sich derMann zu seiner Frau um: ›Haben wir etwa eine Tochter?‹« Alssie auch den Kopf schüttelte, versuchte Kenan es im ganzenHaus. Als er endlich auch an Franziskas Tür klingelte, war esschon eine Stunde nach der verabredeten Zeit, doch sie hattegeduldig ausgeharrt. »Ich war derjenige, der die Geschichte ins Rollen gebrachthat. Dass ich nicht so schnell aufgebe, ist typisch für mich.« »Das stimmt«, bestätigt Franziska, wissend um dieZielstrebigkeit ihres Mannes. »Das ist das, was mir meineEltern beigebracht haben. Bei uns sagt man ja, das Glückkommt nur einmal vor deine Tür. In diesem Moment mussman handeln«, erklärt Kenan. Kenan illustriert den unterschiedlichen Stil der Familie mitfolgendem Vergleich: »Franziska hatte einmal als Kind einneues Kleid bekommen. Sie wurde vor den Spiegel gestellt undbekam gesagt, dass sie genauso wieder nach Haus kommensollte. Also saß sie die ganze Zeit, während die anderen
  • 93. spielten, brav auf der Bank. Als ich dagegen mit sechs Jahreneine neue Hose geschneidert bekommen hatte, gab mir meinVater keine Maßregel mit auf den Weg. Ich rannte vollÜbermut und Freude auf die Straße und knallte auf den Boden.Die neue Hose hatte einen großen Riss. Doch mein Vater hatkeinen Ton dazu gesagt. Ich sollte selber meine Erfahrungenmachen und eigene Schlüsse ziehen.« Dieses Erziehungskonzept trug Früchte: »So haben wirgelernt, mutig zu sein. Uns wurde immer gesagt, versuche es,wenn es nicht klappt, probiere es noch mal, du wirst eslernen«, fährt er fort. »Bei meiner Frau wurde stattdessen zurVorsicht gemahnt. So habe ich eher nach Gefühl und sie nachWissen gehandelt. Für sie war es schwieriger, für michdagegen waren alle Wege offen. Schon als kleines Kind warich auf mich gestellt, ich habe immer gearbeitet und Geldverdient.« Das führte er auch in Deutschland neben seinemStudium fort. Sein reicher Energievorrat gab sich selten miteiner Sache zufrieden. »Arbeit fand sich für mich immer«,berichtet er stolz. Denn Kenan war vielseitig einsetzbar, ob inder Gastronomie als Kellner, Koch oder als Fenstermonteur.»So hatte ich, als ich Franziska traf, auf dem Sparbuch schonetwas Geld.« »Eine gute Partie war er also«, wirft Franziska ein. Eine anstrengende und zugleich anregende Phase folgte, dennihre bisherigen Erfahrungen waren sehr unterschiedlich. »Ichhabe am Anfang weniger gesagt«, meint die Frau mit demschmalen Gesicht, das von einem lässigen Fransenhaarschnittumrahmt wird. Dafür war Kenan umso lauter und impulsiver.»Meine Frau ist überlegter, ich bin emotionaler«, fasst Kenandie verschiedenen Stile zusammen. Er sieht genau in diesenUnterschiedlichkeiten den großen Vorteil ihrer Begegnung; sokönne man sich gegenseitig in der jeweils anderen Richtungbeeinflussen. »Meine Frau ist ein sehr ruhiger Mensch. Ich bin
  • 94. dagegen ein schnell denkender, schnell handelnder und auchschnell aufgebrachter Mensch. Ich habe mich nie gescheut,meine Meinung zu sagen. Doch ich war zu geradeheraus undzu direkt, um erfolgreich im Leben zu sein.« In den PunktenBenehmen, Ordnung, Diplomatie habe er von seiner Frau vielprofitiert: Er könne jetzt diplomatischer mit den Menschen inDeutschland umgehen. Er selber legte auf diese Feinfühligkeitkeinen Wert: »Mit mir konnte man auch grob umgehen. Daswar bei ihr anders. Sie kannte Grobheit nicht. Ich war niegewalttätig, nur mundwerklich ein starker Mensch. Sieallerdings hat öfter nach mir geschlagen«, neckt er seine Frau. Kenans Diskussionsfreudigkeit kannte kaum Grenzen. Erwollte Neues erfahren und provozierte dafür auch mal gerne.»Ich bin für jedes Problem offen gewesen, es zu diskutieren.Franziska dachte am Anfang immer, ich wollte einfach Rechtbehalten. Doch ich wollte nur nach dem besten Weg suchen.«Verschmitzt fügt Kenan an: »Wir praktizieren nicht dieKellerkultur der Deutschen. Wenn wir Streit haben, verzieheich mich nicht in den Keller, schnappe mir eine Flasche Bierund verschwinde im Hobbyraum für den Rest des Tages. Wirkehren nichts unter den Teppich.« Kenan ist in der Rückschau erstaunt: »Mein Gott, welcheGeduld du mit mir hattest!« Seine Frau entgegnet nüchtern:»Es kommt darauf an, was man für wichtig hält. Bei mir gab esvon Anfang an das Gefühl grenzenlosen Vertrauens. Das wardas, was mir wichtig war und mich bei dir gehalten hat. Undmit dem anderen, na gut, damit arrangiert man sich dann.« »Die Ohren zuhalten…«, schlägt Kenan ihr amüsiert vor. Erst als Franziska bei einem Türkeiaufenthalt in seinerFamilie erleben konnte, wie sich das Miteinander dortabspielte, konnte sie sich einige von Kenans Angewohnheitenerklären. So vieles war anders, als sie es aus ihrer deutschen,wohlgeordneten, aber spröden Familie kannte. Dort wurde sehr
  • 95. leise gesprochen. Stets wurde man ermahnt, nur keinenanderen zu stören oder Familiengeheimnisse zu verraten. Beiihnen meldete man sich an, wenn man zu Besuch kam. Hierwar alles blank geputzt und lange vorbereitet, wenn derBesucher eintraf. Ganz anders in Kenans Elternhaus. Hier gingalles sehr laut, spontan und turbulent zu. Man erzählte sichgesten- und wortreich in großen Familienrunden dieNeuigkeiten. Man diskutierte lebhaft miteinander. Jeder konntejederzeit hereinschneien und wurde in die sowieso schon großeRunde aufgenommen. Noch heute liebt Kenan das Zusammensein in seinerGroßfamilie mit seiner ganz besonderen Atmosphäre. DieErinnerung an die herrlichen Geschichten, die bei solchengeselligen Anlässen zum Besten gegeben wurden, lässt einStrahlen über sein Gesicht ziehen. »Ich konnte die Geschichtennicht oft genug hören. Jedes Mal geriet unser Bauch vorFreude ins Hüpfen und alles tat uns vor Lachen weh.« SeineFrau verzieht dazu allerdings leicht das Gesicht. »Ja, ich weiß,du fandest das nur langweilig: Immer dieselben Geschichten!« »Für diese besonderen Familienrituale fehlte mir wohl derrechte Sinn«, meint sie versöhnlich. In den ersten Jahren ihrer Beziehung sind sie immer für diegesamte Zeit ihres Jahresurlaubs in die Türkei gefahren. SechsWochen verbrachten sie dann bei der Familie, denn KenansSehnsucht nach dem, was ihm in Deutschland fehlte, wareinfach zu groß. Mittlerweile ist die Aufenthaltsdauer auf einbis zwei Wochen geschrumpft und andere Urlaubszieleerweitern das Spektrum. Inzwischen kann Franziska aber dieseZeiten auch mehr genießen, denn sie kann die Gepflogenheitenbesser einschätzen. »Du hast ja nie übersetzt«, erklärt sie ihreUnlust. »Dafür warst du selbst viel zu sehr mit Erzählenbeschäftigt.«
  • 96. »Dazu war ich damals auch noch gar nicht in der Lage.Diesen Sprachwitz hätte ich damals nicht ins Deutscheübertragen können. Jetzt gelingt mir das viel besser, da ichmich mit beiden Kulturen auskenne.« Kenan kann dieseFähigkeit heute hervorragend ausnutzen: Er bietet einendeutsch-türkischen Gesprächskreis für ältere Menschen an. »Ich bin in einer großen Familie aufgewachsen, mit vielenVerwandten und Freunden. Hier mit meiner Frau inDeutschland war das ganz anders. Die Familienangehörigensind hier eher wie ferne Bekannte, nicht einmal wie naheBekannte. Ich habe allmählich gelernt, was das Leben für dieMenschen hier bedeutet, dass sie Verantwortung übernehmenund zuverlässig arbeiten müssen. Bis ich das alles hierdurchschauen konnte, habe ich Zeit gebraucht. Damals war ichemotional geladen, da ich Sehnsucht nach zu Hause gehabthabe. Das hat mich am Anfang sehr destabilisiert.« Franziska erklärt die Konsequenzen für ihr Zusammensein:»Das sah dann am Wochenende so aus: Zum Frühstück gehenwir da hin, zum Mittag da und zum Abendessen da. Wir habenwenig Zeit zu zweit verbracht. Es gab eine ganze Reihe vonVerwandten und Bekannten in der Stadt, die wurden dannabgeklappert. Das hatte einerseits natürlich den Vorteil, dasswir uns nie ums Essen kümmern mussten«, bemerkt sie mitleicht ironischen Unterton. »Aber irgendwann hatte ich dasGefühl, dass ich mal ein wenig zu Hause oder zu zweit seinwollte. Das entwickelte sich in dieser Zeit für mich schon zueinem Problem.« Dann kündigte sich Nachwuchs an. Die erste Tochter wurdegeboren. Trotz anderer Pläne freuten sich beide über ihr erstesKind, das positive Auswirkungen auf Kenans Zufriedenheithatte: »Was mich beruhigt und gezügelt hat, war unsereTochter. Da habe ich das Gefühl eines Geschenkes gehabt, fürdas ich Verantwortung übernommen habe. Sie war ein sehr
  • 97. süßes Mädel. Es war ein unbeschreibliches Glück, wenn sieauf meinem Bauch lag und ich mit ihr schmusen konnte.«Kenan kümmerte sich viel um seine Tochter und entwickelteeine innige Beziehung zu ihr. Er gibt zu, dass er, als sie spätereigene Wege gehen wollte, große Schwierigkeiten hatte, sieloszulassen. »Das war ein wichtiger Lernprozess für mich.Jetzt bei meiner zweiten Tochter bin ich schlauer gewordenund werde keinen Aufstand mehr machen, wenn sie ihrenersten Freund mit nach Hause bringt«, merkt er selbstkritischan. Franziskas Familie war nicht begeistert von dem türkischenSchwiegersohn. Besonders die Mutter reagierte mitAbschottung: Sie schloss sich bei der Nachricht erst mal aufdem Klo ein. Auf ihre Meinung schien ihre Tochter eh’ keinenWert zu legen, denn sie war in die Entscheidung nicht miteinbezogen worden. Die Tochter ahnte ihre Einstellung undstellte sie deshalb vor vollendete Tatsachen. Das war auftürkischer Familienseite anders. »Meine Familie hatte garkeine Erfahrungen, was die Deutschen eigentlich für Menschensind und ob man mit denen klar kommen kann. Als sieFranziska dann kennen gelernt haben, verteidigten sie beiStreitigkeiten eher meine Frau als mich, ihren Sohn«, erzähltKenan. »Das ist bei uns so: Der Fremde wird beschützt undumsorgt.« In Deutschland machte Kenan andere Erfahrungen: Auf demStandesamt wurde er von dem Beamten ignoriert und seineFrau immer wieder darauf hingewiesen, welche Risiken sie miteinem türkischen Mann eingehen würde. Ob sie sich es nichtlieber noch einmal überlegen wollte, fragte der Standesbeamtesie immer wieder. Bei der Wohnungssuche wurden siewiederholt abgewimmelt. Sie würden die Miete doch sicher nieaufbringen können, hieß es, wenn der türkische Name fiel.Kenan erinnert sich an die Reaktionen auf der Straße: »Als wir
  • 98. damals während Franziskas Schwangerschaft spazierengegangen sind, haben mich die Leute sogar getreten.« Doch diese Ablehnung bewirkte eher das Gegenteil; sie hatdas Paar noch stärker zusammengeschweißt. »Da ist meineFranziska stur. Sie hat nicht emotional auf die Hindernissereagiert.« Franziska ergänzt: »Eher nach dem Motto: Jetzt erstrecht.« Und Kenan fährt fort: »Ganz im Gegenteil, diese Leutehaben uns bestätigt, dass wir auf dem richtigen Weg sind.Wenn sie uns zugestimmt hätten, hätten wir uns doch ernsthaftfragen müssen: Wieso können diese Leute uns unterstützen?« »Typisch Kenan!«, kommentiert seine Frau. Eine amüsante Geschichte fällt dem leidenschaftlichenErzähler Kenan noch zu ihrer Ankunft in der Türkei ein:»Meine Eltern waren kurz vorher bei dem Heiligen Grabgewesen, wo Gläubige um Nachwuchs bitten können. MeinVater scherzte dort: ›Bitte, lieber Heiliger, wenn du mir dochnoch ein Kind in meinem Alter schenken würdest.‹ MeineMutter ermahnte ihn: ›Lästere nicht.‹ Am gleichen Tag sindwir mit dem Auto angekommen. Ich habe das Kind in einemKorb vor ihre Tür gestellt und gekniffen. Daraufhin hat esangefangen zu weinen. Mein Vater kam zur Tür heraus undblickte erstaunt auf das Baby. ›Shirin, Shirin, ich glaube derHeilige hat das ernst genommen. Da steht ein Kind vor derTür.‹ Meine Mutter aber hat das Spiel sofort durchschaut:›Kenan ist gekommen!‹« Der zehnjährige Sohn, der gerade ins Gymnasium gekommenist, setzt sich mit an den Tisch. Die Hausaufgaben sindgemacht, nun möchte er etwas essen. Der Vater erklärt, wo erdas vorbereitete Pide (Fladenbrot) findet. »Die Aufgabenverteilung ist bei uns etwas anders geregelt alsbei anderen Paaren. Wir teilen uns die häuslichen Pflichten undsind gemeinsam für die Kinder zuständig. So habe ich zumBeispiel das Kochen übernommen«, erklärt Kenan. Beide
  • 99. Elternteile sind berufstätig und erledigen die familiärenArbeiten gemeinsam. Wann immer einer der beiden Zeit hat,übernimmt er seinen Anteil daran. Franziska wundert sich, wenn heute andere Menschen aufihren Mann so reagieren wie sie früher. Dann merkt sie nochdeutlicher: »Man selbst verändert sich im Laufe der Zeit. Undman versteht den anderen immer besser. Ich habe durchmeinen Mann gelernt, flexibler zu sein und viel lockerer mitDingen umzugehen.« Ihr Sohn, der beim Essen dem Gespräch seiner Elternaufmerksam zugehört hat, hat die Botschaft verstanden:»Einfach mehr Spaß am Leben haben«, wirft er ein. »Erst zehnJahre alt und er versteht schon, worauf es hinausläuft«, meintder Vater stolz. Es ist für Kenan das Allerwichtigste, die Kinder zurSelbstständigkeit zu erziehen und mit einem gesundenSelbstbewusstsein auszustatten. »Mein Traum für meineTochter war zum Beispiel, dass sie später einen LKW fahrenkann. Meine Zielvorstellung war immer, und zwar für jedesKind, egal ob Junge oder Mädchen: Nicht einschränken,sondern rangehen lassen.« Für den Sohn wird es Zeit, ins Bett zu gehen. »Gute Nacht«,wünscht er und verschwindet in sein Zimmer. Kenan kann trotz der wenig herzlichen Aufnahme durch dieSchwiegereltern honorieren, was sie Franziska beigebrachthaben: Leistungs- und Verantwortungsbewusstsein. Davonprofitiere ihr gemeinsames Eheleben. Sie seien sich stets überdie Prioritäten einig. »Wir haben beide ein Familiengefühl.Wir wollten von Anfang an beide eine große Familie mitmehreren Kindern. Wir verzichten gerne auf ein großes Autoum zum Beispiel jedem der Kinder ein Jahr im Ausland zufinanzieren.«
  • 100. Kenan hatte spezielle Erwartungen an seineLebensbegleiterin: »Ich wollte nie jemanden von meiner Sippeheiraten. Die Frauen dort waren sehr laut, sehr dominant. DieBeispiele meiner Mutter und Tanten haben mich eherabgeschreckt. Die kommen aus einer Gesellschaft mitmatriarchalischen Zügen. Ganz anders, als man es hier über dieTürken denkt. Meine Vorstellungen, was ich von einer Frauerwarte, waren vielmehr: Sie soll Sport machen, Fahrradfahren, schwimmen können. Wenn ich also irgendetwasmache, soll sie es mitmachen können.« Als seine Frau, die sich im Jurastudium befand, durch daserste Examen fiel und nun überlegte, wie es weitergehen sollte,machte er ihr seinen Standpunkt klar: »Hör mal, ich will keineHausfrau. Ich bin kein Mann, der sagt: Setz dich hin, ichernähre dich.« Sie kamen überein, dass das Jurastudium zulange dauern würde und Franziska zur Sozialpädagogikumschwenken sollte. Doch auch in Kenans Laufbahn kam es zu einerVeränderung. Für ihn kein Problem; er fahre im Kopf stetsmehrgleisig, wie er sagt. Neben seinem Studium hatte er in derZwischenzeit angefangen, als Sozialberater bei der AWO zuarbeiten. In den Achtzigern wurden dringend gut vorgebildete,deutsch- und türkischsprachige Leute gesucht, die beiProblemen der Migranten helfen konnten. Nachdem seinElektrotechnikstudium sich zeitlich nicht mehr mit seinem Job,den sie aber dringend zur Sicherung des Familieneinkommensbenötigten, vereinbaren ließ, riet ihm seine Frau ebenfalls, dieSpur zu wechseln. Warum sollte er nicht seine Beratertätigkeitausbauen und professionalisieren? So wechselte er ebenfallszur Sozialpädagogik. Noch heute ist er in einerIntegrationsstelle der AWO tätig. Die mittlere Tochter, 16 Jahre alt, nimmt den Platz ihresBruders ein. Kenan blickt voll Stolz und Freude auf seine
  • 101. hübsche Tochter, die Souveränität und Selbstbewusstseinausstrahlt. Das Ehepaar blickt zufrieden auf sein bisheriges Lebenswerkzurück: »Alles, was wir heute haben, haben wir gemeinsamgeschafft. Da wir beide nicht aus reichen Familien kommen,haben wir uns alles allein aufbauen müssen.« Genau das hat siezu einem erfolgreichen Zweiergespann zusammenwachsenlassen. »Unsere Kinder haben bessere Möglichkeiten als wir.Darüber bin ich sehr glücklich und zufrieden. Ich genieße meinLeben, weil es angefüllt ist mit Erfahrungen, mit Kreativitätund mit Bewusstsein«, erläutert Kenan. Schon am Anfang hatten sie besprochen, dass jeder derPartner den Kindern aus seiner Kultur und seiner Religion dasanbieten dürfe, was ihm wichtig sei. Das müsste der andere injedem Fall tolerieren und respektieren. Da für sie beide dieReligion kein wichtiges Thema sei, hätte es dahingehend nieProbleme gegeben. »Wir richten in unserer Beziehung gewissermaßen ein Buffetfür die Kinder an. Jeder darf sich das nehmen, was er möchte«,erklären die beiden ihre Philosophie. »Das hat auch ganzpraktische Konsequenzen«, berichtet Franziska. »UnserFrühstückstisch sieht morgens ganz anders aus als in einerdeutschen Ehe. Alles steht nebeneinander auf dem Tisch: eingroßes Buffet aus Wurst, Schafskäse, Müsli, Obst, Gemüse,Oliven, Fladenbrot. Jeder kann nehmen, was er möchte.« Doch die Anregungen verlaufen nicht nur in eine Richtung.»Die Auseinandersetzung mit unseren Kindern verhilft mirimmer wieder zu neuen Erkenntnissen«, erinnert sich Kenan aneinen Anlass: »Unsere Tochter hatte das Abitur geschafft undihr Studium angefangen. Dann kam sie an und meinte, siewolle jetzt Hebamme werden. Ich war entsetzt und meintedann, auch um mich selber zu beruhigen: ›Na, du kannst jaspäter noch weiter studieren.‹ Sie fühlte sich unverstanden und
  • 102. war tief gekränkt. Ich verstand dieses Gefühl erst, nachdem siemir einen Brief geschrieben hatte: Ich hatte ihren Wunschberufherabgesetzt. Das tat mir dann sehr leid.« So lerne er Schrittfür Schritt, die Entscheidungen seiner Kinder zu respektieren.»Wir haben sie zur Selbstständigkeit erzogen, also ist eslogisch, dass wir sie auch unterstützen müssen, wenn sieselbstständig Entscheidungen treffen.« Eine Entscheidung bewegt ihn allerdings heute noch: DieBeschneidung seines Sohnes. »Lange Zeit haben wir überdiese Frage, ob ja oder nein, gegrübelt. Viele Türken redetenauf mich ein, meinen Sohn endlich beschneiden zu lassen undfür ihn eine Beschneidungsfeier auszurichten. Doch da wirnicht religiös sind – wäre das nicht ein Vorgaukeln? Warumsollte ich, der sonst so unabhängig denkt, anderen zuliebeetwas machen? Dann bekam der Junge Probleme beimWasserlassen. Es gab also einen medizinischen Grund. MeineFrau war der Auffassung, dass wenn er schon die Tortur übersich ergehen lassen müsste, dann besser mit einer schönenFeier, an die er nette Erinnerungen haben kann. So ließen wires machen. Doch immer, wenn er hinterher Schmerzen beimFußballspielen hatte oder sich unsicher und verletzlich fühlte,tat es mir Leid, dass ich mich hatte überreden lassen. War derSchritt richtig oder nicht? Das beschäftigt mich noch heute.« Kenan ist der Überzeugung, dass er 123 Jahre alt werdenwird. Viel Zeit also, um immer neue Ziele anzupacken. Erüberlegt: »Und falls es anders kommen sollte: Selbst wenn wirmorgen sterben würden, könnte meine erwachsene Tochter diebeiden jüngeren Kinder übernehmen. Ist das nicht ein tolles,beruhigendes Gefühl? Nach uns geht es weiter. Wir lassenKinder zurück, die mit Tatkraft und Intelligenz ihr Lebenmeistern werden und eine Bereicherung für die Gesellschaftsein können.«
  • 103. Neugierde ist ein zentrales Thema in Kenans und FranziskasLeben. Auch für eine bikulturelle Beziehung sei sie einezwingende Voraussetzung. »Man muss neugierig sein aufNeues, Anderes, Fremdes«, meint Kenan. Seine Frau ergänzt:»Man muss es aushalten können, sich in Frage stellen zulassen. Man muss offen sein für neue Sichtweisen.« Nächtelang haben sie diskutiert. »Da muss man wirklichzuhören können. Nur so kann man den anderen verstehenlernen.« Oberflächliches Hinhören führte häufig zuMissverständnissen, denn die unterschiedlichen Prägungenhatten Filter erschaffen, durch die das Gehörte interpretiertwurde. Schon der Beginn ihrer Beziehung hatte diese Suche nachdem Anderem angekündigt: Der südländisch aussehende,dunkelhaarige Kenan hatte eine hellhäutige, blonde, zarte Frauangesprochen, die nach dem genauen Gegenteil zu den Frauenaus seiner Familie aussah. Und sie, die disziplinierteJurastudentin, ließ sich auf die Alternative zu ihrem bisherigenwohlgeordneten Weg ein. »Unser Leben ist nie langweilig, sowie ich es mir in einer monokulturellen Beziehung vorstelle«,fasst Kenan seine Erfahrungen zusammen. »Nie wollte ich soein Paar sein, bei dem alles in vorgezeichneten Bahnen verläuftund keine Entwicklungen mehr möglich sind. Mit einer Frauaus unserer Familie wären meine Lernprozesse nie möglichgewesen. Alles wäre schon vorgegeben gewesen und durch dieFamilie kontrolliert worden. Wir finden die Vielfalt vielschöner und interessanter als eine eventuell ziemlich eintönigeHarmonie«, zieht er die Bilanz gleich für seine Frau mit. »DerEinsatz ist zwar groß, aber das Ergebnis doppelt so groß.«
  • 104. Die älteste Tochter von Franziska und Kenan träumt von einereigenen türkischsprachigen Hebammenpraxis und erhofft sich dadurch auch die Anerkennung ihres Vaters. Sie: Doch ichkann eigentlich nur verkehrt liegen. Erfülle ich seine Wünsche, bin ich nicht eigenständig genug. Verfolge ich nur meine eigenen Ziele, so habe ich das Leben nicht richtig verstanden. Ich springe zwischen den Kulturen hin und her DIE ÄLTESTE TOCHTER VON FRANZISKA UND KENAN, HEBAMME, 24»Meine Eltern sind sehr unterschiedlich. Und das nicht nurdurch ihre unterschiedliche Herkunft sondern auch durch ihregrundverschiedenen Persönlichkeiten. Meine Mutter ist eherdie Ordentliche, Ruhige, die auf Sicherheit bedacht ist. MeinVater ist der Rebell, der sich nur selbst in seinem Chaoswunderbar zurechtfindet«, beschreibt die 24-jährige Selda dieCharaktere ihrer Eltern. »Da prallten Welten aufeinander«,analysiert sie. »Mein Vater stammt aus einer Nomadenfamilieund meine Mutter hatte Eltern aus der Kriegsgeneration, dieihren Keller bis zur Decke immer noch mit Lebensmittelnbevorrateten.« Selda illustriert dies an einem Beispiel: »Meine Oma in derTürkei hat nicht viel, aber wenn sie etwas gespart hat und wirkommen zu Besuch, dann drückt sie dir das Geld in die Handund sagt: ›Kauf dir was Schönes und zeig es mir dann.‹ Sohaben wir beide etwas davon. Meine Großeltern inDeutschland dagegen sparen nur für das Erbe. Warum kommtmeine deutsche Großmutter nicht auf die Idee, mich ins
  • 105. Ohnsorgtheater einzuladen? Liebend gerne würde ich mit ihrdort hingehen, und wir hätten später eine Erinnerung an einenschönen gemeinsamen Abend. Erst wenn sie tot sind, werdenihre Kinder und Enkel etwas von ihrem Geld bekommen. Aberwas haben sie dann noch davon?« fragt sich Selda. Sie freut sich, dass sie die andere Lebensweise in der Türkeinoch hautnah miterleben konnte. »Schade, dass meineGeschwister das nicht mehr so kennen lernen konnten.« Siewar die Tochter, die noch in der Zeit geboren wurde, in derihre Eltern immer die ganzen Ferien bei der Familie in derTürkei verbrachten. Sie erlebte herrlich unbeschwerte, freieUrlaube. »Ich habe meine Kindheit in der Türkei genossen.Das war eine sehr intensive, herrliche Zeit. Im Sommerherrschte dort reges Nachtleben. Jeder saß in unseremStadtviertel auf der Straße. Man tanzte und machte Musik.Man kannte jeden und konnte bei jedem eingucken. WirKinder hatten einen riesigen Freiraum, da jeder auf unsaufpasste. Mein Vater sagte nur einem Jungen: ›Bring mirSelda bis um drei Uhr heute Nacht nach Hause‹, und ich durfteraus.« Hier hat sie einen Familienzusammenhalt erfahren, dersie heute noch prägt. Bei ihren Großeltern konnte jederkommen, wann er wollte. Immer war er willkommen. Mannahm sich einfach etwas zu essen, wenn man Hunger hatte.Man legte sich einfach aufs Sofa, wenn man müde war. Manstellte einfach den Fernseher an, wenn man Lust darauf hatte.Jeder durfte sich bei ihnen zu Hause fühlen. Das genoss Seldain vollen Zügen. »Das löst sich jetzt langsam auf. Die jüngerenLeute kaufen sich woanders Häuser. Ihre Arbeit und dieAusbildung ihrer Kinder zieht sie an andere Orte«, erklärt sie.Selda hat dafür Verständnis, findet es aber schade, wenn dasWissen um ihre Kultur aussterben würde. »Ich würde mirwünschen, dass sie weiter gepflegt wird.«
  • 106. In ihrer Kindheit hieß es jedes Jahr: Nächstes Jahr gehen wirzurück in die Türkei. Selda nennt dies das »Nomadenblut«, dasihr Vater in sich habe. Auch sie ist nicht frei davon. Wenn sielänger an einem Ort ist, wächst ihre Neugier auf etwas Neuesund sie will weiterziehen. Erst seitdem sie einen beruflichenWeg für sich in Deutschland sehen kann, träumt sie nicht mehrvon einem Einsatz in der Entwicklungshilfe in Südamerika. Auch hier merkt man, wessen Tochter Selda ist. Sie bestätigtdamit die Erzählungen ihres Vaters: Sie war sein erklärterLiebling. Überall nahm er sie von klein auf mit hin. »Zusämtlichen Demonstrationen in Deutschland mussten wirgemeinsam hin. Bei allen politischen Diskussionen, an denener teilnahm, war ich schon als Kleinkind mit dabei. Für michgab es keine extra Kleinkindbehandlung, sondern ich nahm anseinem Leben teil. So erlebte ich damals schon in Deutschlandtürkisches Leben. Ständig war Besuch bei uns in derWohnung. Es war eine Atmosphäre wie in einer WG. Wirwaren ein unzertrennliches Gespann.« Die Beziehung zu ihrerMutter litt unter dieser engen Vater-Tochter-Beziehung. Fürdie Ehefrau, die seine politischen Interessen nicht so teilenkonnte, blieb weniger Aufmerksamkeit übrig. Kein Wunder, dass Selda sehr von ihrem Vater geprägt ist.Wie er will sie ihre eigenen Ideen verwirklichen. Sie ist auf derSuche nach einer Aufgabe, mit der sie die Welt verändern undgestalten kann. Wie er geht sie dabei keiner Diskussion ausdem Weg. Heftige Auseinandersetzungen zwischen den beidenwaren so vorprogrammiert. Engagiert wurde miteinander umden besseren Weg gestritten. Heute ist die 24-jährige Selda im letzten Ausbildungsjahr zurHebamme. Diese Station war jedoch nach dem Abitur nichtihre erste. Sie hatte schon ein Studium zur Ingenieurin derBekleidungstechnik angefangen und abgebrochen. Danachhatte sie sich in einer Werbeagentur umgeschaut; das Ergebnis
  • 107. fiel auch hier negativ aus. Ein psychologischer Eignungstestbrachte dann das Stichwort »Hebamme« auf. Plötzlich spürtesie, dass dies ihr Weg sein könnte. Heute erst hat sich diese Intuition bestätigt: Selda sieht hiereine Aufgabe für sich, die sie mit ihren Kenntnissen undFähigkeiten besonders gut ausfüllen könnte. An ihrem jetzigenArbeitsort hat sie erlebt, wo ihre interkulturellen Vorkenntnissebesonders nötig gebraucht werden: Zu 50 Prozent gebären hierFrauen, die kaum Deutsch sprechen. Diese müssen sichunwissend und ohne Kommunikationsmöglichkeiten in dieHände der Schwestern und Ärzte begeben. Sie ist zurzeit dieeinzige Person in diesem Krankenhaus, die sie versteht. »Das ist kein Einzelfall, in anderen Städten sieht dieZahlenverteilung ganz ähnlich aus«, hat Selda recherchiert.»Hier machen meine Sprachkenntnisse endlich Sinn«, freut siesich. »Früher hielt ich sie immer für ein Privatvergnügen.«Doch nicht nur die Sprache nützt ihr hier. Sie versteht dieseFrauen auch in anderer Hinsicht. »Da fragen mich diedeutschen Ärzte immer wieder, warum eine türkische Frauihnen zum Beispiel nicht die Hand geben mag. Dabei zeugtihre Verneigung doch von noch größerer Ehrerbietung«,schüttelt Selda verwundert den Kopf. »Gleichzeitig habe ich aber auch den Vorteil, dass ich mirimmer das Positive von beiden Seiten heraussuchen kann.Wenn irgendetwas Negatives bei den Türken moniert wird,springe ich auf die andere Seite und bin eben deutsch. Wirdüber die Deutschen gemeckert, dann betone ich meinetürkische Seite«, freut sie sich. Doch sie muss zugeben, dassauch das Gegenteil wahr ist: »Ich muss für alle Fragen zumIslam, zu den Türken und zur Türkei herhalten. Immer soll ichdie Fragen der Deutschen beantworten. Bei mir trauen sie sich,ihre Fragen zu stellen, denn ich bin ja auch eine von ihnen«,relativiert sie.
  • 108. Die Hebammenausbildung fand nicht die Zustimmung ihresVaters. Ein Studium sollte es sein. Zu wichtig ist dem Mann,der sich den Zugang zum Wissen so hart erkämpfte, eineBildungskarriere. »Vielleicht kann er aber jetzt allmählicherkennen, wozu diese Ausbildung mich befähigen könnte«,hofft Selda. Für sie als Tochter eines selbstbewusstenRebellen, der sich so weit in die Welt hinaus gewagt hat unddabei erfolgreich war, ist es schwer, seinen Ansprüchen zugenügen. Dabei wünscht sie sich Anerkennung gerade vonihm, mit dem sie so ein intensives Zweiergespann bildete.»Doch ich kann eigentlich nur verkehrt liegen: Erfülle ich bravseine Wünsche, so bin ich zu wenig revolutionär. Verfolge ichallerdings nur meine eigenen Ziele, die seinen zuwiderlaufen,so habe ich nach seiner Meinung das Leben noch nicht richtigverstanden.« Doch Selda bastelt eifrig an einer Möglichkeit,beides miteinander zu verbinden. Mit ihrer Ausbildung zurHebamme, die ausdrücklich den Bildungszielen von Kenanzuwiderläuft, will sie den Startschuss zu einer erfolgreichenKarriere als selbstständige Unternehmerin geben. Sie will eineeigene Praxis als Hebamme mit Geburtsvorbereitungskursen,Betreuung und Nachsorge auf Türkisch aufbauen und träumtvon einem Geburtshaus, das sie zusammen mit anderenHebammen aus anderen Kulturen leiten möchte. Dort will siedie Frauen stärken. »Und das von mir, die nie in die sozialeEcke wollte, da die schon von meinen Eltern besetzt war!«,merkt sie ironisch an. Rücksichten auf ihr Privatleben stellt sie dabei erst einmal inden Hintergrund. Ihr Gestaltungsfreiraum ist ihr wichtiger alseine Beziehung zu einem Mann, für die sie sich einschränkenmüsste. »Eigentlich sollen sich Mädchen ja heimlich stetseinen Mann nach dem Vorbild ihres Vaters aussuchen. Ichglaube, das wäre mir zu anstrengend, weil ich selbst schon zuviele Ähnlichkeiten mit meinem Vater aufweise. Ich wünsche
  • 109. mir aber trotzdem jemanden, der keck ist. Er sollte wederTürke noch reiner Deutscher sein. Ich stelle mir jemanden vor,der mir ebenfalls eine neue Kultur eröffnen kann, eine Kultur,die ich noch nicht kenne, zum Beispiel ein Franzose oder einSpanier«, wünscht sich Selda.
  • 110. Sie kümmert sich zurzeit hauptsächlich um die beiden kleinen Kinder. Er verschwindet gerne ins türkische Kaffeehaus. Er:Bei uns zu Hause ist alles deutsch geprägt. Sie: Er lebt schonso lange in Deutschland, dass er sich ruhig etwas weiter vom Vorbild seines Vaters hätte entfernen können. Wir kommen beide aus dem Osten DEUTSCHE MODEDESIGNERIN, 37 & TÜRKISCHER FERNSEHREDAKTEUR, 45Stadtteilinitiativen, Programmkinos, Kneipen, Restaurants undkleine Geschäfte bestimmen das gewachsene Straßenbild. Indiesem Viertel wohnen auch Aziz und Nicole. Die Frau mitden blonden Haaren und den klaren, blauen Augen wischt inder Küche die letzten Krümel vom Abendbrotstisch. IhrPartner Aziz kommt herein. Er bildet schon optisch einenKontrast: ein südländischer Typ, dessen lockiger, schwarzerHaarschopf ihn ein wenig verwegen aussehen lässt. Die Faltenum die Augen sprechen von ein paar Jahren mehrLebenserfahrung, als sie seine 37-jährige Frau hat. Ihre beidenkleinen Kinder sind schon im Bett. Bei Wasser, Wein undWeintrauben nehmen wir in der Küche Platz. Anlässlich der Berlinale war Aziz 1992 nach Berlingekommen, wo Nicole Modedesign studierte. Er hatte sich aufder Suche nach ein wenig Erholung und etwas Essbarem nachmehreren Filmen in ein Lokal begeben. Dort saß auch Nicole,die am Nebentisch auf ihre Verabredung wartete. Plötzlich warUnruhe im Lokal zu verspüren. Ein Rosenverkäufer wurde voneinem Betrunkenen angepöbelt. Die deutsche Bedienung
  • 111. reagierte sofort: Falls er das nicht einstellen würde, würde sieihn hinauswerfen. Dass sie diese Drohung ernst meinte,unterstrich sie mit einem Gummiknüppel, den sie hinter derTheke hervorholte. Anlässlich dieses auch für eine Großstadtwie Berlin ungewöhnlich beherzten Vorgehens sahen sich Azizund Nicole verwundert an. »Das war unser ersterBlickkontakt.« Man tauschte einige Bemerkungen aus und kamins Gespräch. Kurzerhand änderte Nicole ihre abendlichenPläne: Sie lud Aziz ein, den Abend gemeinsam zu verbringen.»Danach gingen wir tanzen, bis morgens um acht«, erzählt sie.Die gemeinsame Zeit musste ausgenutzt werden, schließlichsollte Aziz am Morgen wieder in seine Heimatstadtzurückfahren. »Für mich war das nur eine Nachtgeschichte«, stellt erunmissverständlich klar. »Ich war verheiratet und hatte einenkleinen Sohn.« Nicole sah das ebenso unverbindlich. »Ich waran diesem Abend auf etwas Abwechselung aus. Ich hattegerade eine alte Beziehung beendet und war für etwas Festesnoch nicht bereit.« Doch es blieb nicht bei der einen Nacht;nach sechs Wochen flatterte eine Karte ins Haus. Aziz wolltesie Wiedersehen. So entwickelte sich eine unverbindliche Beziehung, in der sieim monatlichen Abstand Kontakt aufnahmen. Beiden kam daszunächst entgegen. Aziz, der sich klar werden musste, was ausseiner Ehe werden sollte, und Nicole, die aus sicherer Distanzentscheiden konnte, was sie mit Aziz verband. Nach anderthalbJahren war aber beiden deutlich, dass sie mehr wollten. Aziztrennte sich von seiner Frau. Weil er den Kontakt zu seinemSohn behalten wollte, blieb er jedoch in seiner Heimatstadt.Und Nicole wollte ihr Studium in Berlin beenden. Sopendelten sie insgesamt fünfeinhalb Jahre zwischen beidenStädten hin und her. Die Wochenenden verbrachten sie
  • 112. zusammen und in der Woche ging jeder seinenBeschäftigungen nach. Aziz war zu dieser Zeit beruflich auf mehreren Feldern aktiv.Hauptsächlich arbeitete er fürs Radio und konzipierte Featureszu aktuellen gesellschaftlichen Themen. Parallel dazu drehte ermehrere Dokumentarfilme. Heute ist er als freier Redakteur beieinem Fernsehsender beschäftigt; er gestaltet Beiträge für eineMagazinsendung im frühen Abendprogramm. Dabei kommenihm seine Einblicke in die türkische Gesellschaft zugute, dieden deutschen Kollegen fehlen. Seine besonderen Erfahrungenhaben seinen Blick auf die Geschehnisse in Deutschland undder Türkei geprägt. »Ich fühle mich wohl in Deutschland«,meint er. »Hier habe ich alle Freiheiten, die ich mir wünsche.« In der Türkei hatte er andere Erfahrungen gemacht. Erstammt aus einem kurdischen Dorf und hatte sich in jungenJahren einer politischen Bewegung angeschlossen. AlsJugendlicher kam er ins Gefängnis. »Hier hatte ich Zeit zumNachdenken. Alle Kontakte zu meinen Genossen waren aufeinmal unterbunden. Ich entschied für mich, dass Gewalt keinLösungsweg ist.« Die Folge dieser Umorientierung war, dasser alle bisherigen Beziehungen und Freundschaftenaufkündigte. Da er zuvor nur Kontakte zu seinen politischenFreunden hatte, bedeutete dies, dass er plötzlich allein dastand.»Ich fühlte mich sehr einsam«, erinnert er sich an diese Zeit. Er entschied sich, nach Deutschland zu gehen. Da seinBruder dort bereits ein Studium absolviert hatte, konnte er ihmdas nötige Visum besorgen. Weil aber das Studienkolleg zurAnerkennung seines türkischen Abiturs gerade in diesem Jahrabgeschafft worden war, mussten die Sprachkurse selbstfinanziert werden. Für einen reichte das gemeinsam verdienteGeld gerade noch. Danach begann Aziz sein Studium an derHochschule für Wirtschaft und Politik. »Auch mit meinerpolitischen Vorbildung war das ohne fundierte
  • 113. Sprachkenntnisse ein hartes Brot«, erinnert er sich. Er schlossein zweites Studium an: Das Studienfach Film entsprach mehrseinen jetzigen Lebensvorstellungen. »In Deutschland konnteich mir nun die Kreise aussuchen, in denen ich verkehren undarbeiten wollte«, erklärt er den Vorteil seines neuenArbeitsfeldes Kunst und Medien. Zur Türkei hat er ein kritisches Verhältnis und kann darumdie Freiheiten in Deutschland für sich auch besondersschätzen. »Hier darf jeder seine Meinung äußern. Hier kannich mich streiten.« »Was er auch ausgiebig tut«, merkt Nicole an. »Er ist einleidenschaftlicher Kritiker. Vielleicht ist das auch der Grund,weshalb er eher ein sozialer Einzelgänger geblieben ist.«Früher hatte sie sich seine politischen Diskussionen noch sehrzu Eigen gemacht, doch heute wahrt sie eher Abstand. »Wenner sich mit kurdischen Leuten trifft, befinden sie sich innerhalbkurzer Zeit in einer heftigen Debatte. Sie beißen sich in ihrenjeweiligen Standpunkten fest und stehen unversöhnlichnebeneinander.« Am Anfang ihrer Beziehung war die in der DDRaufgewachsene Nicole neugierig und interessiert an derProblematik der Kurden in der Türkei. »Ich hatte von demThema keine Ahnung. Wenn man verliebt ist, identifiziert mansich natürlich sehr mit dem Partner. Das hat etwasnachgelassen. Mittlerweile sehe ich klar, dass das seineGeschichte ist und nicht meine. Für seine politischenDiskussionen kann er sich andere Leute suchen, dafür brauchter mich nicht unbedingt«, hat sie ganz pragmatisch für sichfestgestellt. Aziz findet im Gespräch mit anderen Türken selten einegemeinsame Basis; zu unterschiedlich ist ihre Sicht auf dieTürkei. »Kritisiere ich die türkische Politik, bin ich für siegleich ein Türkeifeind.« So bleibt er lieber ohne verpflichtende
  • 114. Freundschaften. »Ich kenne viele Leute, aber einen Freundhabe ich nicht. Dazu erwarte ich von einer Freundschaft zuviel. Sie ist für mich bindend. Doch ich bin schon öfterenttäuscht worden und mittlerweile sehr skeptisch.« Aziz hatfür sich einen passenden Ersatz gefunden: Während er früherhäufig in deutsche Kneipen ging, geht er heute gerne instürkische Cafe. Er erläutert die Vorteile: »In deutsche Kneipengeht man entweder mit jemandem zusammen oder man bleibtalleine sitzen. Türkische Cafes sind dagegen einunverbindlicher Treffpunkt, in denen man immer jemandenzum Unterhalten und zum Kartenspielen treffen kann.« Daserinnert ihn an seine Jugend im Dorf. »Ich kann mich ankeinen Abend erinnern, wo wir keine Gäste hatten. Immer kamjemand vorbei und dann haben wir zusammen Kartengespielt.« In den türkischen Cafes kann er diese Treffen aufganz unverbindliche Art und Weise fortsetzen. Das kommtseiner Freiheitsliebe nahe. »Immer wenn ich Zeit habe, guckeich im türkischen Cafe vorbei. Danach kann ich zu meinerFrau nach Hause gehen.« Er wirft einen kurzen Blick zuNicole, bevor er fortfährt. »Und wenn ich wieder mal zu spätkomme, dann streiten wir uns.« Dazu kommt es nicht erst, seitdem die beiden zwei Kinderhaben, die jetzt vier und ein Jahr alt sind. »Als wir in derDistanzbeziehung wohnten, habe ich davon nichtsmitbekommen«, erklärt Nicole. »Danach hatte ich eine Phase,in der ich das ganz schön fand, wenn er abends verschwand.Dann hatte ich Zeit für mich und meine Interessen. Jetzt mitden Kindern hat sich mein Blick wieder verändert.« Nicolehatte sich eigentlich gewünscht, dass die Kinder zweisprachigaufwachsen. Sie fände es sehr gut, wenn die Mädchen einenAusblick auf eine weitere Kultur, die Sprache und das Landmitbekämen. Dazu müsste ihr Vater aber seinen Töchternetwas mehr Zeit widmen, findet sie. »Vielleicht liegt es auch
  • 115. daran, dass das Türkische nicht seine Muttersprache ist. Ichhoffe darauf, dass sich sein Interesse mit dem Schuleintritt derKinder verstärkt. Das Türkische ist für ihn ja auch seine Schul-und Bildungssprache«, versucht sie Aziz zu verstehen. Doch sie weiß auch um die unterschiedlichenErziehungserfahrungen, die ihre jeweilige Kindheit geprägthaben. »Aziz’ Vater hat sich sehr wenig mit seinen Kindernbeschäftigt. Aziz interpretiert das so, dass er ihnen ihre Freiheitund Selbstständigkeit gelassen hat. Doch man könnte auchsagen, dass er sie einfach hat nebenher mitlaufen lassen. Beimeinen Eltern sah das völlig anders aus. Wir Kinder waren fürunsere Eltern das Wichtigste.« Sie wird deutlich: »Ich würdees gerne auch meinen Kindern gönnen, dass der Vater aktiverund präsenter ist.« Aziz ist sich sicher, worauf dashinauslaufen würde: »Sie würde mich gerne wie ihren Vaterhaben, nur immer zu Hause, nie Kontakt zu anderen. Ich binaber nicht jemand, der ständig zu Hause hockt.« Nicole bleibtganz sachlich: »Zwischen euch bestehen extremeUnterschiede. Meine Eltern sind sehr häuslich und du bist sehrfreiheitsbewusst. Ich habe immer an meinen Eltern kritisiert,dass sie sich so ausschließlich auf die Kinder konzentrierthaben. Du könntest ein wenig mehr machen und dann wärst dunoch lange nicht so wie meine Eltern«, macht sie ihrenStandpunkt klar. »Das ist einfach unsere Zeit, das erwartet manheutzutage von seinen Partnern. Und Aziz ist auch schon seit20 Jahren in Deutschland und hätte diese Entwicklungebenfalls mitmachen können.« Aziz hört sich alles gelassen anund nippt an seinem Wein. Für Nicole haben sich ihre Prioritäten zugunsten der Kinderverschoben. »Ich habe gerne in meinem Beruf alsModedesignerin in einer Textilfirma gearbeitet. Zwischen denKindern bin ich halbtags an meine Arbeitstelle zurückgekehrt.Auch jetzt bin ich dort immer noch angestellt, aber befinde
  • 116. mich in der Elternzeit. Doch ich merke, dass ich immer mehrMutter geworden bin. Meine Kinder werden meine Zukunftbestimmen, nicht mein Beruf. Das ist sicher«, ist ihrmittlerweile deutlich geworden. Sie weiß sehr wohl zu schätzen, dass Aziz ihr zuliebe dasThema Kinder überhaupt noch einmal anging. »Er wollteeigentlich keine weiteren Kinder. Er verhielt sich dieserFragestellung gegenüber indifferent. Er hatte ja schon einenSohn. Ich war hier die treibende Kraft.« Also erklärte er sicheinverstanden und bereut es nicht: »Kinder sind ein großesGlück. Wenn sie auf dich zukommen und Papa rufen, fühlst dudich wunderbar. So eine Liebe wie von meinen Kindernbekomme ich von niemandem. Auch nicht von meiner Frau«,ergänzt er mit ironischem Unterton und einem Blick aus denAugenwinkeln auf Nicole. Solche kleinen Spitzen stören siemittlerweile nicht mehr. Denn Nicole ist überzeugt: »Ich bin die Kühlere,Vernünftigere, Überlegtere von uns beiden. Aziz ist einfachemotionaler und weicher als ich.« Eine mögliche Erklärung hatsie gefunden: »Vielleicht hat das auch damit zu tun, dass erseine Mutter sehr früh verloren hat. Sie ist bei der Geburt desjüngsten Bruders gestorben.« Ihr Partner lässt ihre Vermutung unkommentiert stehen,spricht aber einen Punkt an, der ihm wichtig ist: »Hier bei unszu Hause ist einfach alles deutsch geprägt. Wir sprechenDeutsch, wir haben deutsches Fernsehen, wir trinkendeutschen Kaffee, wir leben deutsch. Daher gehe ich auch sogerne ins türkische Cafe. Dort gibt es nur türkisches Fernsehenund türkische Zeitungen.« Und was ihm außerdem sehrwichtig ist: türkischen Tee. Er ist schließlich einleidenschaftlicher Teetrinker. Aziz ist nicht der Typ, der dendiplomatischen Ausgleich sucht. Der passionierte Querkopffindet Gegensätze viel interessanter. Als Journalist und
  • 117. Filmemacher kann er die Spannungen, die sich aus denKontroversen ergeben, gut nutzen. Nicole weiß, dass eszwecklos wäre, ihrem Partner Fesseln anlegen zu wollen. Solässt sie ihm seine Freiräume und sorgt derweil für den Erhaltihrer eigenen.
  • 118. III Erste oder zweite Generation?Fünf der türkischstämmigen Interviewpartner der zweitenGeneration sind nicht in Deutschland geboren, sondern erst amEnde ihrer Jugendzeit im Zuge der Familienzusammenführung,also nach dem Absolvieren ihrer kompletten Schulbildung inder Türkei, hierher gekommen. Somit gehören sie aus der Sichtihrer Familienbiografie zwar zur zweiten Generation, habenaber wie die erste Generation ihre Sozialisation komplett in derTürkei durchlaufen. Einige von ihnen kannten ihre Eltern langeJahre nur aus den Ferienzeiten, wenn diese während desJahresurlaubes die reich bepackte Heimfahrt in die Türkeiantraten. »Ich erlebte meinen Vater nur als Weihnachtsmann«,erzählt einer der türkischstämmigen Partner. Die Großelternoder andere Verwandte waren zu den tatsächlichen Eltern fürsie geworden. Alle kamen Ende der siebziger oder Anfang der achtzigerJahre nach Deutschland, als die politischen Unruhen und diewirtschaftliche Situation in der Türkei die Aussichten auf einchancenreiches Leben einschränkten. Nicht für alle erfülltesich der Wunsch auf mehr Bildung. Denn sie landeten in einemLand, dessen Sprache und Bildungssystem sie sich ersterschließen mussten, und sie kamen zu Familienangehörigen,die sie kaum kannten. Der Weg der Töchter wurde stärker von denFamilienangehörigen begleitet und gelenkt. Die Söhnedagegen machten sich in der Regel schneller von ihrenFamilien unabhängig und verfolgten eher eigene Ziele. Dasmag auch daran gelegen haben, dass ihre Entscheidung nach
  • 119. Deutschland zu kommen, häufig selbst bestimmt und vonkonkreten Erwartungen auf Weiterentwicklung geprägt war.
  • 120. Nach der Scheidung von ihrem früheren, türkischen Ehemann weiß sie die Freiräume in ihrer jetzigen Partnerschaft zuschätzen. Beide verzichten gerne auf den äußeren Schein, um ihre eigenen Ziele verfolgen zu können. Sie: Du musst dichentscheiden: Entweder bist du liebes Töchterchen und liebes Schwesterchen oder du lebst dein eigenes Leben. Das eigene Leben leben TÜRKISCHE FRÜHERE PUTZFRAU, HEUTIGE DIPLOMÖKONOMIN, 47 & DEUTSCHER WISSENSCHAFTLER, 49»Manches an der türkischen Kultur finde ich durchausübernehmenswert. Doch anderes ist für mich in keiner Weiseakzeptabel«, stellt der 49-jährige Klaus gleich zu Beginn klar.Der Mann mit den kurzen, blonden und leicht verstrubbeltenHaaren überlegt einen Augenblick: »Aber so richtig deutschmöchte ich mittlerweile auch nicht mehr sein«, muss erzögernd zugeben. »Für die Deutschen habe ich ihn verdorben«,lacht die um ein paar Jahre jüngere Aylin. Doch Klaus bleibternst. Als Wissenschaftler will er zunächst die Grundlagengeklärt wissen: Er sei eben kein Freund einer Multi-Kulti-Soße, die einfach über alle Unterschiede gekippt werde. SeinePartnerin findet das völlig in Ordnung: »Er hat einfach Recht.«Die Frau mit dem braunen Pagenkopf ist mit ihrem Mann invielen Punkten einer Meinung, kann aber oft eine vermittelndeRolle einnehmen. Sie ist schließlich diejenige, die in beidenKulturen bewandert ist; hat sie doch in ihnen jeweils fast dieHälfte ihres bisherigen Lebens verbracht.
  • 121. Bis zu ihrem Abitur lebte sie mit ihrer Mutter und ihremBruder in der Türkei, während der Vater schon seit ihremachten Lebensjahr in Deutschland Geld verdiente. Erst imAlter von 20 Jahren zog Aylin mit der restlichen Familie zumFamilienoberhaupt ins Ruhrgebiet. Doch Aylins Abschlüssewurden in Deutschland nicht anerkannt und der Vaterbeschloss, dass nur der Sohn die Voraussetzungen für einStudium erwerben durfte. »Ich als Frau würde später ehheiraten, das lohne die Investition nicht, meinte er«, erzähltAylin. So geschah es: Aylin musste statt zur Schule Putzengehen. Ganz wie von ihrem Vater prognostiziert lernte sie beieiner ihrer Putzstellen ihren späteren Ehemann kennen. VierWochen darauf war die Hochzeit. Aylin war nun Ehefrau. »Das war die Hölle. Ich dachte mir,jede Alternative konnte nur besser sein. Nach anderthalbJahren reichte ich die Scheidung ein.« Eine schwere Zeitbegann. Von ihren Eltern durfte und wollte sie keineUnterstützung erwarten. »Zum Glück hatte ich gute Freundegefunden, die mir immer halfen«, erzählt sie. EineArbeitserlaubnis für die Gastronomie verschaffte ihr dieGrundlage zum Lebensunterhalt und später den Anspruch aufeine eigenständige Aufenthaltsberechtigung. Acht Jahrevergingen, in denen sie arbeitete und allein lebte. Wenn sie frei hatte, besuchte sie gerne Freunde undVerwandte. So fuhr sie an einem Wochenende auch zu einerVerwandten in den Norden der Bundesrepublik. Am Sonntagkam ein Nachbar spontan auf einen kurzen Besuch bei dertürkischen Familie vorbei. »Da spazierte dieser junge Mannherein, und ich konnte seinem Charme einfach nichtwiderstehen«, erzählt Aylin mit leicht ironischem Untertonüber den Mann, der jetzt stirnrunzelnd neben ihr auf dem Sofasitzt. Über eine Distanz von mehreren 100 Kilometernentwickelte sich eine Wochenendbeziehung. Nach einem Jahr
  • 122. verlor Aylin jedoch die Geduld: So konnte es nichtweitergehen. Sie wollte endlich klare Verhältnisse. »Ich habeKlaus einen Heiratsantrag gemacht. Er hatte eine Frist voneiner Woche, innerhalb der er eine Entscheidung treffensollte«, ergriff die resolute Aylin kurzerhand die Initiative.Klaus fiel die Entscheidung nicht schwer. Da er geradeerfolgreich die Filiale eines Versicherungsunternehmensaufgebaut hatte und jetzt betreute, war die Wahl desgemeinsamen Wohnortes schnell geklärt. Sie heirateten undAylin zog zu Klaus. Als Aylin ihm anvertraute, dass sie gernestudiert hätte, meinte er nur lakonisch: »Dann mach das doch!« »Mit dreißig Jahren?« »Besser jetzt als nie!« Das ließ sich die energiegeladene Fraunicht zweimal sagen. »Für ein Studium waren meine Deutschkenntnisse damalsaber noch nicht ausreichend«, gibt Aylin zu. So machte sie sichzunächst fit in der deutschen Sprache, um sich dann um einenStudienplatz an der Hochschule für Wirtschaft und Politik zubewerben. Hier konnte man auch ohne anerkanntes Abiturstudieren. In Klaus hatte sie einen kompetenten Berater anihrer Seite; hatte er doch vor nicht allzu langer Zeit seinStudium dort abgeschlossen. Gerne stand er seiner Frau zurVerfügung, um fachliche Fragen zu besprechen. »Er hat michimmer unterstützt und mir Mut gemacht«, sagt sie und strahlt:»Ich habe es so genossen zu studieren.« »Jeder hat das Recht, seinen Wünschen nachzugehen, das istdoch klar.« Klaus kann sich gar nicht vorstellen, dass es anderssein sollte. »Wir leben die Gleichberechtigung wirklich«, nicktAylin. Doch sie weiß, dass dies nicht selbstverständlich ist. Sie istsensibel geworden für verdeckte Machtstrukturen. »Wie kannstdu deine Kultur vernachlässigen, fragen mich viele. Das istdoch keine Frage der Kultur sondern der Machtverhältnisse!«,
  • 123. hat sie für sich erkannt. »Ich habe diese Frauen nie verstanden,die ihre eigenen Unterdrücker unterstützen!« Sie unterstreichtihr Unverständnis durch heftiges Kopfschütteln, während sievon einer Situation erzählt, die sie im Gespräch mit türkischenFrauen immer wieder erlebt hat: »Da klagt eine Mutter vondrei Söhnen einer anderen ihr Leid: ›Alles muss ich imHaushalt allein machen, es ist kaum zu schaffen. Wie vielbesser hast du es da; du hast schließlich zwei Töchter!‹« Aylinschüttelt wieder ungläubig den Kopf: »Wie können dieseMütter ihre eigenen Kinder immer noch nach den alten Regelnerziehen, obwohl sie selbst unter ihnen leiden?« Aylin hältdann mit ihrer Kritik nicht hinterm Berg. Deutlich sagte siedieser Mutter ihre Meinung: »Du schadest dir nicht nur selbst,sondern auch deiner künftigen Schwiegertochter. Diesebekommt wieder einen Mann, der sich wie ein Pascha verhältund sie in die passive Hausfrauenrolle drängt!«, versucht sieihr die Konsequenzen deutlich zu machen. Aylin kann sichdiese deutliche Sprache erlauben: Sie hat ihr eigenes Lebennach anderen Maßstäben ausgerichtet. »Ja, sage ich dann, mankann entweder ein liebes Töchterchen und liebesSchwesterchen sein oder man kann sein eigenes Leben leben.«Sie hat sich eindeutig für Letzteres entschieden. Die Vorteile haben auch schon einige ihrer Landsleuteerkannt: »Meine Geschwister sagen schon zu mir, dass ich vonihnen die glücklichste bin«, meint sie zufrieden. »Ich habe vonder deutschen Kultur gelernt, dass man sich seine Freiheitnehmen muss und nicht warten darf, bis sie einem jemandschenkt.« Nachdem sie ihr Studium erfolgreich abgeschlossen hatte,arbeitete sie ein paar Jahren in der freien Wirtschaft. Heute istsie hauptsächlich in sozialpädagogischen Projekten beschäftigt.In Kürze wird sie bei einer katholischen Organisation, derCaritas, junge Menschen auf ihrem Weg in den Beruf betreuen
  • 124. und beraten. Gerade Mädchen und jungen Frauen ausMigrantenfamilien kann sie sicher mit ihrer gelebten Erfahrungglaubwürdige Unterstützung bieten. Klaus ist jemand, dem die finanzielle Absicherung nie denberuflichen Weg gewiesen hat. Wenn ihn eine Arbeit nichtmehr interessierte, nahm er sich stets die Freiheit, neue Zielezu suchen. »Bis ich sie fand, brach mir auch kein Zacken ausder Krone, wenn ich mal im Callcenter oder als Putzmannjobbte.« So kündigte er auch seine gut dotierte Stelle alsFilialleiter, als sie ihn nicht mehr reizte. Denn Klaus hat eineAufgabe, die er stets über die Erwerbsarbeit stellte: Er schreibtan seiner Doktorarbeit, die sich mit der Erstellung vonmathematischen Modellen für wirtschaftliche Prozesse befasst.Als er fast beiläufig von seiner Arbeit erzählt, schmiegt er sichimmer tiefer in die Rückenlehne des beigen Sofas, so dass erfast versinkt. Klaus verfolgt seine Ziele, ohne viel Aufhebensdavon zu machen. Sich selbst groß zu machen, ist seine Sachenicht. »Aylin schränkt mich nie ein«, ist Klaus wichtig. »Nie hat sieauf ein durchgehendes Gehalt gedrängt.« Aylin guckt erstaunt:»Das würde mir nie einfallen. Ich habe meine Freiheiten,Klaus hat seine. Das ist doch selbstverständlich. Warum sollteer eine Arbeit machen, die ihm nicht mehr gefällt?« Jeder hatbei ihnen den Freiraum, seinen Vorhaben nachzugehen: »Ichbin zu Forschungsarbeiten mehrmals längere Zeit ohne ihn imAusland gewesen«, ist Aylin stolz. In Tansania, England undIrland verbrachte sie zu Studienzwecken jeweils mehrereMonate. »Da blieb uns nur der Briefkontakt«, bekennt Aylin.»Doch meine Briefe sind sehr kurz«, gibt Klaus freimütig zu.»Ja, mein Bote in Tansania, der mir das Fax von Klausüberbringen sollte, hat sich oft geweigert, für so einen Briefden weiten Weg zu machen. Er meinte stets, für drei Zeilenlohne sich der Aufwand einfach nicht«, lacht Aylin. »Ich
  • 125. kenne meinen Mann; Romantik passt eben nicht zu Klaus«, hatsie akzeptiert. »Aylin nimmt mich, wie ich bin«, schätzt ihrMann. »Wir wollten uns nie gegenseitig verändern, vielleichthält unsere Beziehung deswegen auch schon 18 Jahre«, nennter ihr Erfolgsrezept. Die beiden legen wenig Wert auf Äußerlichkeiten. IhreWohnung liegt in einem zweckdienlichen Mehrfamilienhausaus den sechziger Jahren. Mit vielen Pflanzen, die sichdekorativ um die Regale ranken, haben sie ihre schlichteEinrichtung geschickt verschönert. Hier leben Menschen,denen Vordergründigkeiten unwichtig sind. Die Funktion ihrerMöbelstücke ist da schon interessanter. Klaus meint: »UnsereSofas müssen sich unbedingt zu Betten ausklappen lassen. Wosollen sonst unsere Gäste schlafen können?« Wenn dieGästerunde doch größer wird als erwartet, dann nehmen sieeben die Stühle vom Balkon hinzu. »Kein Problem!« Dass Klaus heute so gelassen mit überraschenden Situationenumgehen kann, hat er in seiner Ehe mit Aylin gelernt. Ererinnert sich noch an den ersten Besuch von Aylins Familie.»Um fünf waren sie angemeldet. Und wann standen sie vor derTür? Um halb drei!« Das sind so die kleinen Erlebnisse, mitdenen er am Anfang zu kämpfen hatte. Oder derFamilienbesuch mit sechs Verwandten, der sieben Stundendauerte. »Da sank ich anschließend ermattet aufs Sofa.« Dochinzwischen haut ihn so etwas nicht mehr um. Ganz imGegenteil, die gewonnene Flexibilität lässt ihn die deutschePünktlichkeit und Genauigkeit als Spießigkeit undEngstirnigkeit sehen. »Wir sind viel auf türkischen Feierngewesen. Doch wenn wir uns mal wieder richtig langweilenwollten, dann sind wir auf eine deutsche Party gegangen«,flachst er. Auch Familienzusammenkünfte mit den türkischenVerwandten laufen meist wesentlich lockerer ab als die Treffenin deutscher Runde. »Viel zu verkrampft und berechenbar sind
  • 126. die Deutschen«, da sind sich beide einig. In der türkischenKultur hat Klaus eine Lebendigkeit erlebt, die ihn dendeutschen Wunsch nach Ruhe als eine Art Vorstadium desTodes sehen lässt. »Vielleicht sind sie eigentlich schongestorben, haben es aber auf ihrem Sofa vor dem Fernsehernoch gar nicht gemerkt«, fragt er sich mit unverhohlenerIronie. Ein 14-tägiger Aufenthalt bei Aylins Schwester in Ankara hatsein Urteil gefestigt: »Wunderbar, wie menschlich locker undflexibel sie sich den Gegebenheiten anpassen konnten. Kamnachts noch Besuch vorbei, wurde er selbstverständlichherzlich willkommen geheißen. Als eine Braut um ein Uhrnachts hupend mit dem Auto vorgefahren kam, wurde sie vonden umliegenden Baikonen winkend begrüßt. In Deutschlandhätte man wohl die Polizei gerufen«, überlegt Klaus. Doch esgab auch andere Erlebnisse, die ihn skeptisch werden ließen:»Meine Frau hat sich in Ankara mit einem Verflossenengetroffen. Die Familie hat mir laute Vorwürfe gemacht, dassich so etwas nicht zulassen dürfte.« Für solch eine Haltungfehlt Klaus jedes Verständnis. »Ich soll den autoritärenEhemann spielen, lächerlich rückständig!« Aylin kann übersolche Probleme nur lachen: »Das ist mir völlig egal, wie dieanderen ihn sehen. Hauptsache war immer, wie ich ihn sehe.«Für den sorgfältig nachdenkenden Klaus ist das nur einBeispiel, dass das turbulente gesellschaftliche Leben eventuelldie Zeit zum Überdenken überkommener Vorstellungen etwaseinschränken könnte. Genauso ärgert ihn, wenn ein Ehepaar wie programmiertgleich ein Jahr nach seiner Hochzeit Nachwuchs bekommt.»Dieser Terminablauf sieht bei allen Paaren gleich aus. Solltedas ein Zufall sein?«, fragt er sich. Ein weiteres Ärgernis sindtürkische Bekannte, die ihm bekennen, dass ein deutscherSchwiegersohn für sie nicht in Frage käme. Das ist für Klaus
  • 127. eine Intoleranz, die den deutschen Schnellschussurteilen innichts nachstehen würde. »Beides ist inakzeptabel.« Dannstreitet er mit den türkischen Besuchern leidenschaftlich. Vonseiner Frau bekommt er dabei stets Rückendeckung. Sieschüttelt den Kopf und meint mit Nachdruck: »Seine Kritik istdoch nur berechtigt!« Hier mag auch Klaus’ eigene Erfahrungmit Aylins Vater nachwirken. Während er von derSchwiegermutter von Anfang an akzeptiert wurde, lehnte ihnder Schwiegervater ab. Aylin hatte ihren Eltern daraufhinmitgeteilt, dass sie sie erst wieder besuchen wollte, wenn derVater auch ihren Mann einladen würde. Drei Monate herrschteFunkstille. Dann kam der ersehnte Anruf, für den die Mutterihren Mann immer wieder bearbeitet hatte. Aylin liebt Kinder, doch der Wunsch nach eigenen stand beiihr nie im Vordergrund. Nachdem sie so lange auf ihr Studiumund ihre eigenständige Berufstätigkeit gewartet hatte, sind ihrihre beruflichen Ziele und Projekte wichtiger geworden. Immerwieder hat sie sich in neue Berufsfelder einarbeiten müssen.»Ich möchte jedem Einzelfall individuell helfen können, dafürbrauche ich viel Kraft.« Doch ihre beiden Patenkinder sind ihrsehr wichtig: »Sie sind wie meine eigenen. Da gibt es keinenUnterschied.« Klaus ist in dieser Frage ganz gelassen. »Wenndas Leben Kinder gebracht hätte, hätte ich mich auf sieeingelassen. Jetzt wo sie nicht gekommen sind, wird das schoneinen höheren Sinn gehabt haben«, ist er überzeugt. So wie die beiden sich aus ihren jeweiligen Kulturen das fürsie Beste herauspicken, so mischen sie auch die religiösenFeste. »Ich freue mich immer auf Weihnachten«, meint Aylin.»Das ist für mich die schönste Jahreszeit. Wenn ich Türkenempfehlen soll, wann sie Deutschland besuchen sollen, dannsage ich immer: zur Weihnachtszeit. Dann sind die Menschenmenschlicher, herzlicher und offener«, findet sie. Genauso
  • 128. wird das Opferfest und Bayram bei diesem deutsch-türkischenPaar im Kreise der jeweiligen Verwandten gefeiert. Sie brauchen sich ihre Offenheit, die Aylin in ihrerPartnerschaft besonders schätzt, nicht dadurch zu beweisen,dass sie kritiklos alles gutheißen. Ihre gegenseitigeWertschätzung benötigt diese Weichzeichner nicht. »Wirkönnen uns wahrhaftig auseinander setzen. Jeder darfungeschminkt seine Meinung sagen. Wir können streiten unduns hinterher wieder vertragen. Keiner muss aus geheucheltemRespekt stillschweigen.« Diese Ehrlichkeit schätzt sie sehr –gerade weil sie ihr früher verwehrt war. »Vielleicht läuft es mit uns deswegen so gut, weil wir nichtalles zu einem Riesenproblem gemacht haben«, erklärt Aylin.Klaus nickt: »Wir haben eventuelle Schwierigkeiten nie zueiner kulturellen Differenz hochstilisiert.« Aylin bringt es aufden Punkt: »Wir als deutsch-türkisches Paar hatten eben dieeinmalige Chance einer ganz selbstbestimmten Auswahl«,freut sie sich. Sorgsam haben sie die ihnen genehmen Attributeausgewählt und zu ihrer eigenen Lebenskultur neu arrangiert.»Wir sind eh anders und so dürfen wir manches auch andersmachen. Wir genießen ein Stück Narrenfreiheit«, stellt Klausfest. Dass ihm diese Rolle hervorragend gefällt, bestätigt ein Blickin sein Gesicht: Dieser Mann, der so vorsichtig mitGefühlsäußerungen umgeht, wagt ein zufriedenes Lächeln.Seine Frau strahlt dagegen über ihr ganzes freundlichesGesicht. An diesem Abend der gemeinsamen Rückschau fieldie Bilanz ihres Mannes so unumwunden positiv aus, wie siees bei ihm, dem stets differenziert argumentierendenWissenschaftler, selten erlebt hatte. Sie kann ihm in seinemResümee nur zustimmen: »Keine Frage, durch meine Ehe mitKlaus habe ich in jeder Hinsicht gewonnen.«
  • 129. Seit 13 Jahren leben sie ohne Trauschein zusammen und haben mittlerweile einen neunjährigen Sohn. Sie: Es beruhigt mich sehr, dass unsere Beziehung voller Gegensätze doch nicht so schlecht sein kann, wenn ihr Resultat, unser Kind, so gut geraten ist. Sind Unterschiede etwa ein Problem? DEUTSCHE KOMMUNIKATIONSTRAINERIN, 40 & TÜRKISCHER THEATERREGISSEUR, 45Die 40-jährige Ulrike ist als Lehrerin in derErwachsenenbildung mit einer Zusatzqualifikation zurKommunikationstrainerin ein Profi in Sachenzwischenmenschlicher Verständigung. Als gutes Übungsfelddarf man ihre Beziehung zu dem Künstler und RegisseurBahadir bezeichnen: Aktives Zuhören ist auch hier gefragt.»Wir sind schon sehr unterschiedlich«, gibt die blonde Frau zu.Ihr Partner, der sich gerade in der offenen hellen Küche, die anden großen Wohnraum mit dem dunklen Parkettfußbodengrenzt, sein Essen warm macht, spitzt die Ohren. Er guckt umdie Ecke: »Na und? Siehst du darin etwa ein Problem?« »Nein, nein, kein Problem, nur einen Fakt«, stellt Ulrikesofort klar und zieht die Beine auf einen der grauenPolsterwürfel, die in der gegenüberliegenden Eckegroßzügigen Platz zum Sitzen und Reden bieten. Sie kennt dieSichtweise ihres Partners. »Wir müssen nur um unsereUnterschiede wissen, sie erklären und versuchen zuverstehen«, glaubt sie aber. Bahadir sieht das ein wenig anders:»Wir brauchen nicht alles zu verstehen, wir müssen es nur
  • 130. akzeptieren können.« Ulrike lacht laut: »Das sind so unserekleinen Differenzen!« Ihr beruflicher Werdegang hatte sie auch auf Fragen derinterkulturellen Kommunikation vorbereitet: Sie studierteDeutsch als Fremdsprache. »Als zweites Fach habe ich mirallerdings die verkehrte Sprache ausgesucht«, sie lacht,»beziehungsweise den verkehrten Mann.« Sie wählte Russisch.Dass sie bei Bahadir das Türkische hätte brauchen können,konnte sie zu Beginn ihres Studiums schließlich nicht ahnen. Die beiden nehmen oft eine gegensätzliche Perspektive aufihr Leben ein; was wohl bei den völlig unterschiedlichenWelten, in die sie hineingeboren wurden, kaum anders zuerwarten ist. Ulrike stammt aus einer Kleinstadt inDithmarschen. »Alles sehr eng und wohlbehütet.« Bahadirergänzt: »Man könnte fast sagen: verwöhnt!« Ulrike meintbelustigt: »Ja, im Gegensatz zu deiner Kindheit bestimmt.« Siewird ernster: »Neulich habe ich mal wieder Bilder von dir alsKind gesehen. Unglaublich dass du das bist. Ein Junge mitzerrissenen Kleidern, der die Schafe den Berg herauf treibt.Keine Straßen, ein paar einfache Häuser, nur Natur.« Bahadirerzählt: »Ich stamme aus einem Bergdorf in der Nähe dergeorgischen Grenze.« Er reibt sich nachdenklich das Kinn:»Ich erinnere mich noch ganz genau an den Moment, als ichdas erste Auto meines Lebens gesehen habe. Alle Kinder desDorfes liefen zusammen und bestaunten dieses Vehikel, daslangsam schnaufend über die Geröllpiste den Berg heraufgefahren kam. Ich sehe es noch heute vor mir: ein gelberLastwagen.« Der schlanke Mann streicht seine schwarzenlockigen Haare hinter die Ohren zurück. »Aus so einer Weltbin ich hergekommen.« Seine Eltern waren schon Anfang der sechziger Jahre zumGeldverdienen nach Deutschland gegangen. Die Kinderblieben bei den Verwandten. »Mein Vater brachte mir einmal
  • 131. in seinem Urlaub einen VW-Bus in Kleinformat als Geschenkaus Deutschland mit. Ich weiß noch, dass ich mich gar nichtdarüber freuen konnte, weil ich schlicht nicht wusste, was ichmit diesem kleinen Metallteil anfangen sollte.« Bahadir hattenie Spielzeuge besessen. Nach der Grundschulzeit ging er mit seinem Onkel nachAnkara. Dort bekam er die Möglichkeit, weiter zur Schule zugehen und schließlich das Abitur zu machen. »Als ich fertigwar, war die politische Situation in der Türkei so unruhig, dassmeine Eltern mich nach Deutschland geholt haben.« Da traf ernun auf zwei ihm ziemlich fremde Menschen, mit denen erbisher nie länger zusammengelebt hatte. »Ich war 19 undmusste um sechs Uhr abends zu Hause sein«, berichtetBahadir, »das war ich nicht gewohnt.« Hinzu kamen diefremde Umgebung, die fremde Sprache, die fehlendenFreunde. »Nach einem halben Jahr bin ich bei meinen Elternausgezogen.« In einem türkischen Kulturverein fand er einenSchlafplatz. »Da habe ich den ganzen Tag Tee gekocht, saubergemacht und abends durfte ich mir dafür ein paar Stühlezusammenstellen und dort schlafen«, erzählt er. »Eines Tageshat mir mein Vater eine Arbeitsstelle in einem Imbiss besorgt.Dort spülte ich dann zehn bis 14 Stunden am Tag die Teller.Doch von meinem Verdienst habe ich nichts gesehen, den hatmein Vater gleich abgezweigt.« Trotzdem kann sich Bahadiran finanzielle Probleme nicht erinnern. »Mein Trinkgeld hatwohl immer gereicht«, vermutet er. Der Verein entwickelte sich für ihn zu einem Treffpunktvieler interessanter Menschen. »Ich traf dort ungewöhnliche,merkwürdige Menschen«, grinst Bahadir. »Wir kamenzusammen auf die komischsten Ideen.« Sie bekamen Lust, denDeutschen und den anderen Türken zu erzählen, wie dietürkischen Migranten lebten, was sie dachten und fühlten. Miteiner gehörigen Portion Ironie und viel Spaß an der
  • 132. Provokation entstand die Idee zu einem Theaterstück mit demTitel Die Kanaken spielen sich selbst. Bahadir gibt zu: »Wirwollten uns einfach mal selbst auf der Bühne sehen.« Er ist heute noch erstaunt: »Unsere verrückte Idee stieß aufInteresse. Wir hatten alle nie etwas mit Theater zu tun gehabt,aber wir fanden tatsächlich Gehör in der Kulturszene.« So kames, dass Bahadir und seine Freunde in einer KulturfabrikProbenräume, fachliche Beratung und technisches Equipmentzur Verfügung gestellt bekamen. »Da haben wir gegessen,geschlafen und wahnsinnig viel gelernt.« Er strahlt. »Eineherrliche Zeit! Wir waren eine tolle Truppe. Wir habengetrunken, geredet und geträumt. Aus manchen Träumen sindsogar reale Projekte geworden. Doch irgendwann war die Zeitvorbei. Wahrscheinlich wäre ich sonst noch zum Alkoholikergeworden«, lacht er. Das Stück der »Kanaken« lief sechs Jahre lang erfolgreich.Sie machten Gastspiele in vielen Städten, schriebenzwischendurch neue Szenen dazu und wurden immerprofessioneller. »Dann musste etwas Neues kommen«, erzähltBahadir. Da sie sich schon einen Namen gemacht hatten,konnte er die Unterstützung der Kulturbehörde gewinnen undwurde zum Geschäftsführer des »Türkischen Theaters« in derStadt. Sie begaben sich auf die Suche nach orientalischenStoffen und brachten sie in neuer sinnlicher Form für Kinderund Erwachsene auf die Bühne. Ulrike holt einen großen schwarzen Ordner, in dem ein paarder Theaterplakate und Berichte über die Inszenierungengesammelt wurden. »Wir bekamen sehr gute Kritiken.«Bahadir ist selbst fast ein wenig verwundert. Aus demtürkischen Teekocher war ein erfolgreicher Theaterleiter,Regisseur und Schauspieler geworden. »Toll, dass ich dieseErfahrungen machen durfte.« Ein wenig Wehmut klingt mit.Denn diese Zeit ist vorbei. Ende der neunziger Jahre wurden
  • 133. die Gelder für die Kulturarbeit so drastisch gekürzt, dassBahadir seine Arbeit nicht mehr fortsetzen konnte. »Vielemeiner damaligen Freunde sind heute berühmte Leute. Wennich sie im Fernsehen oder im Theater sehe, denke ich, guckmal, die haben alle bei mir gelernt.« Mehmet Kurtulus undFatih Akin sind nur zwei von ihnen. Heute arbeitet Bahadirhauptsächlich mit seinem zweiten Standbein: der Musik. Erspielt das Instrument Saz, eine türkische Laute, und hat sich inder Jazzszene einen Namen gemacht. In diesem Zusammenhang ist er auch auf Ulrike gestoßen,beziehungsweise sie auf ihn. Sie erzählt: »Ich hatte mir nebendem Studium einen Job gesucht. Ich arbeitete in einerAusländerinitiative mit, die kulturelle Projekte von Migrantenunterstützte. Ich sollte ein interkulturelles Musikfestivalorganisieren. Jemand empfahl mir Bahadir anzurufen. Zuersthaben wir nur gut miteinander gearbeitet, doch dannentwickelte sich langsam mehr daraus.« Als sie ihren Eltern ihren neuen Freund, der damals inTrennung von seiner ersten Frau lebte, vorstellte, meinte ihrVater scherzhaft: »Oh, nein, schlimmer hätte es ja gar nichtkommen können: ein Schauspieler, ein Türke und auch nochverheiratet!« Ein idealer Schwiegersohn, der die Tochter sicherversorgen würde, war Bahadir wohl nicht. »BrotloserKünstler!«, lacht Ulrike. Doch ihr Vater hatte in seinemeigenen Leben so viele Erfahrungen im Umgang mitVorurteilen gesammelt, dass er diesen Querdenker sehr schnellschätzen lernte. Ulrikes Vater hatte sich als Sohn eines Malersgeweigert, den elterlichen Betrieb in der Kleinstadt zuübernehmen und sich lieber der Ornithologie gewidmet. Fürdie Kleinstädter eine unmögliche Vorstellung, die auf wenigVerständnis stieß. In Bahadir erkannte er einen Verwandten imGeiste, der ebenfalls seinen eigenen Weg geht, ohne Rücksichtauf die finanziellen Sicherheiten zu nehmen.
  • 134. Der neunjährige Sohn kommt aus seinem Zimmer, um sichkurz zu seiner Mutter auf das Sofa zu setzen. Der Junge mitdem feingeschnittenen Gesicht kuschelt sich an seine Mutter.Die Ähnlichkeiten mit dem Vater sind unverkennbar. »Machstdu mir noch einen Apfel, bevor ich schlafen gehe?«, fragt erseine Mutter. »Na gut, aber dann schnell ins Bett!«, verabredetUlrike mit ihrem Sohn. Der versucht einen weiteren Vorstoß:»Und auch noch ein paar Chips?« »Auf keinen Fall!«, lacht Ulrike über ihren pfiffigen Sohnund geht mit ihm in Richtung Küche. Bahadir nimmt einenBrief vom Tisch: »Ich habe noch Post für dich mitgebracht!«,meint er zu seinem Sohn auf Türkisch, der zweisprachigaufwächst. »Allerdings nicht ganz mit dem gewünschtenErgebnis«, bemerkt Ulrike, als sie aus der Kücheneckezurückkommt. »Bahadir spricht mit ihm zwar Türkisch undunser Sohn versteht es, antwortet aber ausschließlich aufDeutsch.« Das Kind hat für sich damit eine logische Lösunggefunden, denn sein Vater beherrscht schließlich beideSprachen. Der Sohn hat eine Einladung zu einem Geburtstagbekommen und freut sich. Mit seinem Apfel verschwindet er insein Zimmer. »Unser Sohn war zwar nicht geplant aber trotzdem gewollt«,stellt Ulrike klar. Vier Jahre nach dem Beginn ihrer Beziehungkündigte er sich an. »Da kamen wir in unsere erste ernsthafteDiskussionsphase. Konnten wir uns gemeinsam ein Kindvorstellen?« Bahadir war zwar mittlerweile von seiner Fraugeschieden, aber zwischen ihm und seiner neuen Partnerin gabes noch so viele strittige Punkte. »Würde ein Kind mit diesenbeiden Elternteilen entspannt aufwachsen können?«, fragtesich Ulrike damals. Heute hat sie ihre früheren Zweifel abgelegt: »Wenn ich ihnmir so angucke, bin ich eigentlich ganz zufrieden mit demResultat unserer Beziehung. Die Zusammensetzung seiner
  • 135. äußerst unterschiedlichen Eltern kann also nicht so schlechtgewesen sein, wenn das Ergebnis doch ganz passabelgeworden ist«, freut sie sich. »Kinder sind anscheinendkonfliktfähiger, als ich gedacht habe.« Für Bahadir ist dasweniger erstaunlich: »Wir gehen schließlich offen mit unserenKonflikten um. Wir kehren nichts unter den Teppich.« Ulrikenickt: »Ja, das stimmt. Er sieht uns zwar streiten, aber er siehtauch, dass wir uns danach wieder vertragen können.« In der Erziehung war Ulrike eher diejenige, die dieEinhaltung von gewissen Regeln schätzte. »Bahadir sah auchhier alles wesentlich gelassener. So nach dem Motto: Wenndas Kind müde ist, wird es schon ins Bett gehen.« Ihr Partnerbestätigt: »Das regelt sich meist ganz ohne Stress.« Erüberlegt: »Aber wir kriegen uns noch regelmäßig in die Wolle,wenn es um Geschenke geht. Ulrike kauft immer viel zu viel.Ein Geschenk muss doch reichen!« Bahadir schüttelt denKopf: »Wenn ich das Zimmer unseres Jungen betrachte, seheich zu 80 Prozent Sachen, die sicherlich die letzten dreiMonate nicht mehr ihren Platz gewechselt haben. Alles völligüberflüssiges Zeug!« Bahadir ist materialistisches Denkenganz fremd. »Ich laufe gerne in alten Klamotten herum. Mir istnichts peinlich. Ich bleibe schließlich immer ich selber! Allesnur Verpackung«, ist er überzeugt. »Da ist Ulrike ganz anders!Sie kauft gerne ein«, meint er mit einem Blick auf seinePartnerin. Statt eines direkten Kommentars fällt Ulrike ein: »ZumThema Beschneidung könnte man vielleicht auch noch wassagen!« Bahadir hört das Stichwort und grummelt:»Unwichtiges Thema!« Um gleich darauf anzuschließen:»Doch nicht ganz unproblematisch. Ich sehe das nämlichvöllig anders als Ulrike.« Seine Frau nickt: »Bahadir wollte,dass unser Sohn unbedingt beschnitten wird. Dann wird erauch getauft, habe ich nur gesagt. Dabei ist es geblieben«,
  • 136. erklärt sie kurz die Fakten. Bahadir erläutert: »Ich wollte, dasser eine jahrhundertealte Tradition fortführt.« Er blickt auf:»Das hatte keinerlei religiöse Gründe. Das ist mir ganzunwichtig. Mir geht es um die Zugehörigkeit zu einer langenKette eines Volkes. Er ist schließlich mein Sohn und ich wolltenicht, dass sie mit ihm abbricht.« Für ihn ist es eine Frage derIdentität. Ulrike verzieht das Gesicht: »Die hygienischenGründe hätten mir noch eingeleuchtet, aber ich als Mutter kannmeinem Sohn nicht absichtlich die damit verbundenenSchmerzen zufügen. Das kann ich ihm gegenüber nichtvertreten.« »Schmerzen gehören zum Leben dazu«, ist Bahadirüberzeugt. »Wenn er sich selbst dazu entscheidet, dann kannich das sehr gut akzeptieren«, meint Ulrike. Ihr Mann hältdagegen: »Kinder können in diesem Alter solcheEntscheidungen noch nicht treffen. Das müssen ihre Eltern fürsie tun.« »Sie können sich doch durch ihre Freunde anregen lassen«,überlegt Ulrike. Bahadir ist entsetzt: »Er soll sich doch nichtbeschneiden lassen, weil andere es auch getan haben. Weil esihm nach dem Fußballspielen mit seinen türkischen Kumpelsin der Umkleidekabine peinlich ist als einziger nichtbeschnitten zu sein?« Für ihn ist das kein Grund. Bahadirblickt nachdenklich in die Ferne: »Ich habe immer noch ganzbesondere Erinnerungen an meine eigene Beschneidung. Dasist ein einzigartiger Tag im Leben eines Jungen. DieseErfahrung würde ich meinem Sohn auch gönnen.« »Zu Bahadirs Familie musste ich erst den Kontaktherstellen«, berichtet Ulrike. Ihr war es wichtig, dass ihr Sohnseine Großeltern kennt. »Bahadir aber nicht.« Dieselbstbewusste Frau meint: »Da bin ich eben alleine mit demJungen in die Wohnung der Eltern gefahren.« Bahadirs Elternleben zwar mittlerweile wieder die meiste Zeit des Jahres in
  • 137. der Türkei, sind aber auch häufig in Deutschland. »Der alteMann hat mich ziemlich reserviert behandelt, aber zu seinemEnkel war er freundlich.« Ulrike kann diese Reaktionverstehen: »Er hat gedacht, dass sein Sohn mich vorgeschickthat, um den Kontakt wieder aufleben zu lassen. Dass dies ganzallein mein Entschluss war, konnte er sich wohl nichtvorstellen.« »Mir bedeutet meine Familie nicht viel.« Bahadir schütteltden Kopf. Ulrike nickt: »Eigentlich ist die Familie uns beidennicht so wichtig«, meint sie. »Unsere wirkliche Familie sindunsere Freunde.« Bahadir greift seinen Gedanken wieder auf:»Was habe ich denn mit meinen Eltern noch gemeinsam?« Erhat sich weit von seinen strenggläubigen Eltern entfernt. »Diehalten sich strikt an einmal aufgestellte Regeln, ich dagegenstelle alle in Frage.« Das passt nicht zusammen, ist seineErfahrung. »Ich habe mich in Deutschland in ganz anderenKreisen bewegt als sie und denke ganz anders. Für mich zähltnicht, was andere sagen. Ich richte mich nur nach den Dingen,die ich selber verstanden habe.« Statt mit faulenKompromissen zu leben, lässt er die Gegensätze bei Bedarfauch mal unvereinbar nebeneinander stehen. Ulrike lacht:»Nein, konfliktscheu ist er nicht, das kann ich bestätigen!« Siehat gelernt damit umzugehen. »Ich hoffe zwar stets aufgemeinsame Lösungen, aber ich reibe mich auch gerne anUnterschiedlichkeiten. Meistens kann ich sie als Bereicherungempfinden.« Schubladen interessieren Bahadir nicht. »Die Frage, wastypisch deutsch, was typisch türkisch ist, finde ich völligüberflüssig.« Ulrike nickt: »Das kommt bei dir selten vor. Ichdagegen denke häufig über unsere Prägungen nach. Wirkommen doch alle aus bestimmten Zusammenhängen, die ihreSpuren hinterlassen haben«, überlegt sie laut. »Ich habe michso weit von meinen Wurzeln entfernt«, hält Bahadir dagegen.
  • 138. »Jeder Mensch kann sich verändern, wenn er will.« Wenn eretwas nicht verändert, dann weil er es nicht will. Davon ist derLebensphilosoph überzeugt. Auf keinen Fall will er aber vonanderen in eine Schublade gesteckt werden. »Ich bin wohlkaum der typische Türke. Mit denen, die nur von ihrerWohnung bis zur Moschee denken, habe ich nichtsgemeinsam.« Auf Vereinnahmungen reagiert er mit Abwehr. »Wie habe ich das gehasst!«, erinnert er sich. »Wenn ichwieder einmal gefragt wurde, warum unser Theater denneigentlich noch ›Türkisches Theater‹ heißen würde.« Aufseiner Stirn bilden sich Zornesfalten. »Wir würden schließlichunsere Stücke auf deutsch spielen und auch keineswegs nurtürkische Stoffe benutzen.« So ein Schubladendenken ist ihmunverständlich. Er erinnert sich belustigt: »Einmal hatten wirsogar ein japanisches Stück im Programm. Da waren die Leutedoch sehr verwundert«, kann er sich noch heute über diegelungene Provokation freuen. »Es war eben ein sehrinteressantes Stück, deshalb haben wir es ausgesucht.« UmInhalte ging es ihm. »Und um Träume«, ergänzt er. »Daswichtige ist doch, dass man noch träumen kann.« Mit diesem Künstler, Kritiker, Denker und Träumerzusammen einen Alltag zu organisieren, dürfte nicht immerganz einfach gewesen sein. »Ich kann mich zwar voll aufBahadir verlassen, allerdings mehr in grundsätzlichen als inden organisatorischen Fragen«, gibt Ulrike grinsend zu. »Ergibt mir völlige Freiheit und ist sehr treu. Ich weiß, dass erimmer zu mir halten wird, aber ich weiß nie, ob er das Autoauch wirklich zur verabredeten Zeit zurückbringt«, lachtUlrike. »Du machst dir oft viel zu viel Hektik«, erklärt Bahadirgelassen seine Haltung. »Stimmt, deine Ruhe bringt mich zwarin diesen Momenten zur Weißglut, aber grundsätzlich täte mirein wenig mehr Gelassenheit manchmal sicher gut«, gibt siezu. »Guck dir meine Haare an!«, fordert der 45-Jährige seine
  • 139. Frau auf. »Siehst du ein graues Haar? Ich mache mir ebenkeinen Stress. Ich hasse Stress«, ruft er mit Inbrunst aus. SeineFrau lacht laut auf. So kennt sie ihren Partner. »Wir leben nureinmal auf dieser Welt. Gestern war ich noch ein Kind inmeinem Dorf und kannte keine Autos. Heute sitzen wir hierzusammen, ich bin in Deutschland, habe eine Frau und einKind und morgen werden wir siebzig sein. Dann stehen wirkurz davor, den Löffel abzugeben. Wozu war dann der ganzeStress gut?« Bahadir nimmt noch ein paar Pistazien und lehntsich in seinen Schwingsessel zurück. Ulrike schaut ihrenPartner liebevoll an und meint entwaffnet: »So ist er!«
  • 140. Sie haben drei Töchter. Die älteste ist 19. Alle sollen erst ausziehen, wenn sie heiraten, ist die Vorstellung des Vaters.Sie: Ich habe immer für meine Töchter gekämpft. Mal sehen,wie er reagieren wird, wenn die erste in eine eigene Wohnung will. Das wird ein Highlight meines Lebens werden. Der Elbe-Türke TÜRKISCHER HAFENARBEITER, 45 & DEUTSCHE ZAHNARZTHELFERIN, 47»Ich hatte große Bedenken, mich auf einen Türkeneinzulassen«, erinnert sich die 47-jährige Barbara mit demblonden, flotten Kurzhaarschnitt. Von einer Freundin hatte siesich an einem Sonntagabend in eine Diskothek mitziehenlassen. »Als wir hereinkamen, sah ich nur schwarze Köpfe undwollte gleich wieder umdrehen.« Ihre Eltern hatten der 23-jährigen Zahnarzthelferin immer geraten, sich erstens nicht inden Amüsiervierteln herumzutreiben und sich zweitens nichtmit Ausländern abzugeben. Bisher hatte sie sich stets an dieRegeln gehalten, nun verstieß sie gleich gegen beide. »Nur denGetränkegutschein einlösen, dann gehen wir wieder«, hatte dieFreundin versprochen. »Doch dann spielten sie auf einmal BobMarley und wir mussten einfach auf die Tanzfläche. Da tipptemir ein junger Mann mit Lederfransenjacke und offenemHemd auf die Schulter. Ich kriegte einen Schrecken unddachte: Der sieht ganz so aus, als wenn der hier auf derVergnügungsmeile sein Geld verdient!« Barbara grinst ihrenMann, der ihr gegenüber in seinem Sessel sitzt, verschmitzt an.»Mir war ziemlich mulmig zumute.«
  • 141. Mit der Freundin an ihrer Seite wagte sie es dennoch, sichmit dem jungen Mann zu unterhalten. Als er hörte, dass sie amnächsten Wochenende Geburtstag hätte, wollte er sieunbedingt zum Essen in ein türkisches Lokal einladen. »Ichwar sehr skeptisch und ließ mir nur seine Telefonnummergeben. Meine rückte ich nicht heraus. Ich tischte ihm sogar dieLüge auf, dass ich noch bei meinen Eltern wohnte und wir keinTelefon hätten.« Sollte sie sich wirklich mit ihm treffen? Sie beratschlagteanschließend die Situation mit ihrer Freundin. »Neugierig warich schon, aber ich hatte Bedenken.« Man hörte doch sovielvon diesen türkischen Männern… Am Tag vor ihrem Geburtstag hielt sie es nicht mehr aus.Zusammen mit ihrer Freundin ging sie noch einmal in dieDiskothek. »Er war wieder da. Doch zum Herausrückenmeiner Telfonnummer konnte ich mich immer noch nichtdurchringen. Aber ich ließ zu, dass er uns beide am nächstenAbend in ein türkisches Restaurant ausführte.« Er wartete schon vor der Tür, als sie ankamen. Er hatte einenTisch reserviert und überreichte dem Geburtstagskind einengroßen Blumenstrauß. Auf dem Tisch stand eineGeburtstagstorte mit brennenden Kerzen. Barbara warbeeindruckt. Sie wagte die erste Verabredung ohne ihreFreundin. »Ich fragte mich die ganze Zeit, was will er bloß vonmir?« So entschied sie sich, ihn geradeheraus danach zufragen. »Seine Antwort war genau die richtige: Er würde sichgerne ab und zu mit mir treffen um etwas zusammen zuunternehmen. Wenn wir beide daran Spaß hätten, könnten wirauch mehr Zeit zusammen verbringen.« Sie trafen sich, und siehatten Spaß miteinander. Und so verabredeten sie sich in dernächsten Zeit tatsächlich immer öfter. »Meinem Vater habe ich von dieser Entwicklung erstmalnichts erzählt. Nur meine Mutter wurde meine Verbündete.«
  • 142. Auch ihrem Freundeskreis gegenüber sprach sie immer nurvon einem »Bekannten«, mit dem sie sich ab und zu treffenwürde. »Als ich ihn dann endlich vorstellte, merkte ich, dassalle Vorsicht völlig unnötig gewesen war. Meine Freundefanden ihn alle super sympathisch, und er wurde ab da zumerklärten Mittelpunkt unserer Runden.« Nach einem Jahr wollte Barbara mit ihrem Freund in einenTürkeiurlaub aufbrechen. »Für meinen Vater war ich, glaubeich, mit einer Freundin nach Griechenland verreist«, grinst sie.In Wirklichkeit sollte es zu seiner Familie nach Istanbul gehen.»Erst dort habe ich erfahren, dass seine Mutter gegen einedeutsche Frau ebenso große Vorbehalte hatte wie mein Vatergegen einen türkischen Mann.« Ganz unvorbereitet auf diese möglichen Schwierigkeiten kamsie nach einer dreitägigen Autofahrt verschwitzt undübermüdet in Istanbul an. »Wir kamen in die Wohnung. SeineMutter gab mir zwar die Hand, doch sie guckte dabei auf denFußboden. Dann nahm sie ihren Sohn beiseite, und ich hörtenur noch einen lautstarken Wortwechsel, der für mich nacheiner großen Schimpferei klang.« Damals konnte Barbara nochkein Türkisch. »Ich hielt das, was ich sah und hörte, für einengroßen Streit. Sie knufften und boxten sich und schrieenmiteinander.« Die ersten Tage waren sehr schwierig für die junge Frau.»Zumal ich Schafskäse und Oliven nicht besonders liebe«,meint sie. »Es gab aber kaum etwas anderes, schon zumFrühstück musste ich damit vorlieb nehmen.« Doch einesMorgens stand plötzlich ein Teller Rührei auf dem Tisch. »Ichfreute mich riesig über den Anblick.« Barbara lief schon dasWasser im Mund zusammen, da wollte ihr Freund einenScherz machen: »Rühreier dürfen in der Türkei nur die Männeressen«, sagte er bestimmt und zog den Teller zu sich heran.Barbara war so angespannt, dass sie vor lauter Enttäuschung
  • 143. nur hinausrennen und den Tränen freien Lauf lassen konnte.»Ab diesem Moment änderte sich die Stimmung. Die Mutterkam zu mir gelaufen, nahm mich in den Arm und zog michwieder an den Tisch.« Nun wurde der Sohn ausgeschimpft, derseine Freundin zum Weinen gebracht hatte. Barbara durfte denganzen Teller Rührei allein essen. Heute wird sie von derSchwiegermutter bei der Begrüßung genauso herzlichgeknuddelt wie die anderen Familienmitglieder. Der schwarzhaarige Mann in der modischen,bordeauxfarbigen Strickjacke hat sich die Erinnerungen seinerFrau in seinem Sessel in großer Gelassenheit angehört. Mit 17Jahren war er zu seinem Vater, der in den sechziger Jahrenohne seine Familie nach Deutschland zum Arbeiten gegangenwar, in die Großstadt an der Elbe gezogen. Aufgrund derpolitischen Unruhen sah er in der Türkei keine Möglichkeitmehr, seine Schullaufbahn in Ruhe zu Ende zu bringen. Erhatte sich aber vorgenommen, nach dem Realschulabschlussnoch das Abitur zu machen. Das hielt er in Deutschland eherfür möglich. »Mit meinem Vater hielt ich es jedoch nur gut einJahr aus. Wir stritten uns immer öfter, weil er mich gerne inseine religiöse, fundamentalistische Ecke drängen wollte.« Daspasste aber zu Adnans Überzeugungen gar nicht. Er zog aus. Bei einer Sozialarbeiterin fand der 18-Jährige Unterstützung.Sie besorgte ihm ein Zimmer und eine Ausbildungsstelle. »DieAusbildung zum Dreher musste ich allerdings abbrechen, denndamals waren meine Deutsch- und Mathekenntnisse noch zugering dafür.« Doch die Frau half ihm wieder, diesmal miteiner Arbeitsstelle im Hafen. Bei diesem Arbeitgeber, der anden modernen Terminals die schnelle Schiffsentladunggarantiert, arbeitet Adnan heute noch. »Doch mittlerweile binich der Chef von fast 50 Mitarbeitern«, sagt er nicht ohneStolz.
  • 144. Sich diese Position zu erarbeiten, war nicht immer einfach.»Den deutschen Kollegen fiel es nicht ganz leicht, einenTürken als Chef zu akzeptieren.« Da kam ihm seine Erfahrungin der Gewerkschaft und im Betriebsrat entgegen. »Ich kannmeine Standpunkte immer mit Argumenten belegen. Dannkönnen sie nichts mehr gegen mich vorbringen.« Adnan isteines klar: »Ich wusste immer, dass ich hier Gast bin und alssolcher besser zu sein habe als die Einheimischen. Das habeich immer akzeptiert.« Mit dieser Strategie ist der kräftigeMann gut gefahren. »Jetzt bin ich für sie der Elbe-Türke«, sagter stolz. Er freut sich über diesen Spitznamen. Er sagt ihm,dass er als mittlerweile heimisch gewordener Türke respektiertund anerkannt wird. Adnan kann auch beweisen, wie »deutsch« er inzwischengeworden ist: »Morgens trinke ich Kaffee, abends um achtwird Tagesschau geguckt und am Sonntagabend ist Tatort-Zeit.« Barbara berichtigt seine Aufzählung: »Aber du guckstauch türkisches Fernsehen, oder?« »Nur bis viertel vor acht, dann wird auf ARD umgeschaltet!«Adnan ist sich sicher: »Tagesschau gehört in Deutschlandeinfach dazu.« Wie soll er sonst auch mit seinen Kollegen überdie neuesten Meldungen diskutieren können? »Wenn übertürkische Themen berichtet wird, zeigen sie immer diegleichen Bilder: Frau mit Kopftuch, Mann geht voran, Frauschleppt Tüten.« Doch er kann ein anderes Türkeibildzeichnen: »Kommt mit, ich zeige euch das moderne Istanbul.Danach würdet ihr euch die zehn Finger lecken!«, ist erüberzeugt. Seine Frau, die gelernte Zahnarzthelferin, legte eine Pause inihrem Beruf ein, als das erste Kind unterwegs war. »Ich wollteimmer sechs Jungen haben, zur Strafe habe ich jetzt dreiMädchen bekommen«, grinst sie. »Für meine Töchter habe ichviel gekämpft«, erklärt sie, »ich wollte ihnen unbedingt ihren
  • 145. Freiraum zukommen lassen.« Manchmal, muss sie allerdingseingestehen, waren diese Kämpfe auch völlig überflüssig: »Dakam es dann zu folgenden Situationen: Meine Töchter fragtenmich wieder einmal, ob sie zu einer Party gehen dürften. Ichwar die Auseinandersetzungen mit meinem Mann darüber leidund meinte zu ihnen: ›Ruft euren Vater selbst an!‹ Sie gucktenmich zuerst mit großen Augen an, griffen dann aber zumTelefonhörer. Als sie aufgelegt hatten, grinsten sie mich nurverschmitzt an. Und was hat er gesagt? ›Klar dürfen wir, bis 24Uhr!‹, lachten sie dann, weil sie wussten, dass ich es höchstensbis 22 Uhr erlaubt hätte.« Adnan macht es sich bei derErzählung seiner Frau lächelnd in seinem Sessel gemütlich.»Das war mir ein Vergnügen«, meint er breit grinsend. »Ich bin sehr gespannt, wie es mit unseren Töchternweitergeht«, überlegt die sympathische Frau mit derzartgerandeten Brille. Die älteste Tochter ist jetzt 19. Sie hatihr Abitur geschafft und will ein Studium beginnen. »MeinMann ist der Überzeugung, dass alle drei erst ausziehenwerden, wenn sie heiraten. Da sehe ich noch vieleDiskussionen auf uns zukommen«, ist die blonde Frau sichsicher. Dass sie dabei nicht klein beigeben wird, ist ebensosicher. Adnan lehnt sich wieder zurück. Er wird dieEntwicklung in Ruhe abwarten und dann reagieren. Durch die Schichtarbeit ihres Mannes musste Barbara dieErziehung der Kinder hauptsächlich allein bewältigen. »Duwarst häufig nicht da, das war schon sehr schwierig«, stellt siesachlich fest. Adnan zieht die Augenbrauen hoch. »Ich warimmer für euch da«, macht er mit fester Stimme deutlich. Nur durch seine harte Arbeit und die vielen Überstundenkann sich das Ehepaar seinen jetzigen Lebensstandarderlauben. Die drei Töchter haben alle ein eigenes Zimmer inder großen Etagenwohnung, das ganz nach ihren Wünschenausgestattet und mit allem gefüllt ist, was junge Mädchen so
  • 146. benötigen. Der Vater zählt auf, was er seinen Töchtern gebenkonnte: »Sie haben alles, jede einen eigenen PC,Internetanschluss, Fernseher, Handy, Telefon,Festnetzanschluss. Das hat nicht jedes Kind«, sagt erzufrieden. Barbara schmunzelt: »Dafür schlafen wir imWohnzimmer«, und zeigt mit einem Kopfnicken auf denSchrank, der sich zu einem Bett ausklappen lässt. »Bei der Religion haben wir es nicht so gut hinbekommen«,glaubt die Mutter. Sie hatte sich mehr vorgenommen, als siemeint erreicht zu haben. »Zu Beginn unserer Beziehung dachteich mir: Mein Mann musste schon so viele Dinge aufgeben:seine Sprache, seine Umgebung, seine Familie, seine Kultur.Da kann ich ihm in einem Punkt entgegen kommen: in derReligion.« Barbara glaubte fest an einen Gott, aber fühlte sichkeiner bestimmten Religion zugehörig. »Ich wurde von meinenEltern nicht besonders christlich erzogen.« Barbara besorgtesich den Koran und fand viele Übereinstimmungen mit derBibel. »Ist es nicht egal, wie ich meinen Gott nenne«, dachtesie sich. Als einen Schritt auf ihren Mann zu entschloss sie sichzum Islam überzutreten. Die kleine Zeremonie beim Hodschawar schnell erledigt. »Doch mir fehlte die Wissensgrundlage,um meinen Kindern den Islam näher zu bringen.« Mit einemSeitenblick auf ihren Mann fügt sie hinzu: »Und meinemMann leider auch.« »Ich faste eben und gehe auch mal in die Moschee, aberansonsten bin ich nicht sehr religiös«, skizziert Adnan inknappen Sätzen seinen Glauben. »So wissen unsere Töchterheute weder viel vom Christentum noch vom Islam«, bedauertBarbara. »Ich wollte ihnen eigentlich ihr Leben mit deutsch-türkischenEltern erleichtern«, überlegt die Mutter. Doch als die Älteste indie Schule kam und aus dem Religionsunterrichtherausgenommen wurde, habe sie sehr unter ihrer Sonderrolle
  • 147. gelitten. »Sie empfand es als Bestrafung, als einzige aus derKlasse genommen zu werden. Bei meiner nächsten Tochterhabe ich dafür gesorgt, dass sie während der Religionsstundenin der Klasse bleiben durfte«, sagt Barbara mit einem Blick aufihren Mann. »Und bei unserer Jüngsten gab es gar keineDiskussionen mehr.« Barbara fällt eine Begebenheit ein, die die familiäre Positionzwischen den Religionen gut beschreibt: »Unsere Große hatteals Jugendliche in einer Stadtteilzeitung mal einen Artikelgeschrieben, in dem sie sich darüber beschwerte, dass es hierfür die Jugendlichen keinen Treffpunkt geben würde«,berichtet sie. Daraufhin meldete sich der Pastor der kleinenKirche, die um die Ecke liegt, und stellte einen Raum inseinem Gemeindehaus für die Jugendlichen zur Verfügung.Ein Jahr lang trafen sie sich dort. Nebenbei nutzte die begabteTochter den Raum auch zum Singen. Als die Weihnachtszeitkam, wollte sie gerne mit ihren Freunden an der Messe amHeiligabend teilnehmen. »Da gab es von meinem Mann nur einstriktes Nein. Eine Diskussion war nicht möglich«, erinnertsich Barbara. Ein Jahr später versuchte es die Tochter aufandere Art: »Dieses Mal werden wir Jugendlichen die Messeselbst gestalten. Ich werde singen. Es würde mich sehr freuen,wenn ihr auch kommen würdet«, lud sie ihre Eltern einfachein. Sie gingen hin, auch ihr Vater saß mit in der Kirche. »Ichglaube, es fiel ihm sehr schwer«, meint Barbara. Adnan zucktmit den Schultern. Nach der Messe lud der Vater seine Töchter noch zum Essenein. Später erfuhr Barbara, dass er seinen Töchtern dort dieFrage gestellt hätte, an was sie denn eigentlich glaubenwürden. »Seid ihr nun Christen oder Muslime?«, wollte er vonihnen wissen. Dass in ihren Geburtsurkunden »islamisch«steht, wusste er ganz genau, doch was dachten sie wirklich?»Da haben sie ihm geantwortet: ›Wir wissen es nicht. Wir
  • 148. glauben an einen Gott, aber zu welcher Religion wir gehören,wissen wir nicht.‹« »Das ist für unsere Kinder nicht ganz einfach«, denktBarbara. Sie weiß, dass sie die Frage der Identität oftbeschäftigt. »Unsere Jüngste ist im Moment sehr an allemTürkischen interessiert«, hat Barbara beobachtet. »Neulichmeinte sie zu mir: ›Ich bin eine Türkin.‹ ›Nein, das kannst dunicht sein, du hast nämlich eine deutsche Mutter‹«, hatteBarbara da die Fakten geklärt. »Du bist auch eine Türkin«,wünschte sich daraufhin ihre Tochter. »Nein, das bin ichnicht«, musste Barbara sie enttäuschen. »Sie möchte ihrenStandpunkt klar definieren können«, versteht Barbara nur zugut. »Damit kommen wir zum nächsten Punkt«, fährt die Frau indem bunten Ringelpullover fort, die sich gut auf unserGespräch vorbereitet hat. »Zum Essen!« Adnan nickt beifällig.»Ich bin leider keine gute türkische Köchin, bei uns gibt eseher die bekannten deutschen Gerichte.« Zu deren Zubereitungauch häufig das Schweinefleisch gehört. »So gut ich konnte,habe ich es schon vermieden, aber manchmal wurde es alsZutat mit auf den Tisch gestellt. Da gab es immer Ärger«,berichtet Barbara. »Wir haben doch das Geld. Gib doch ruhigein paar Euro mehr aus und kauf Rindfleisch!«, sagte ihr Manndann immer. »Wenn wir in unserer Anfangszeit ganz strengohne Schweinefleisch gelebt hätten, wäre das wohl aucheinfacher gewesen. Aber mein Mann aß auch damals schonmal gerne zwischendurch eine Currywurst, wenn ihm danachwar«, merkt Barbara mit einem Hauch von Ironie an. »Auch in der Weihnachtsfrage gab es viele Diskussionen.«Barbara spricht den nächsten Punkt an. »Ich wollte, dass meineKinder keine Außenseiterrolle haben und benachteiligt werden.Sie sollten ihre Geschenke unter dem Weihnachtsbaumbekommen, wie alle anderen auch«, erklärt sie ihren
  • 149. Standpunkt. Adnan dagegen wollte auf keinen Fall einenWeihnachtsbaum in der Wohnung haben. »Für so einchristliches Symbol soll ich auch noch Geld ausgeben? Untergar keinen Umständen!«, hielt er dagegen. Nach einigen Jahrengab er endlich nach. Sie lacht: »Zumal er feststellen musste,dass in der Türkei mittlerweile Tannenbäume groß in Modegekommen sind.« Adnan ist immer noch verwundert: »Und siekosten dort noch mehr Geld als in Deutschland!« Vor 13 Jahren haben sie sich eine Wohnung in Antalyakaufen können. »Damals war die Umgebung paradiesischschön. Mittlerweile habe ich weniger Lust, dort unseren Urlaubzu verbringen«, meint Barbara. »Das Meer ist verschmutzt, dieKüste verbaut und der Ort von Touristen überlaufen.« DieVergleiche mit früher verleiden ihr zunehmend dieUrlaubsfreude. Sie ist auf Deutschsprachigkeit nicht mehr angewiesen, denninzwischen kann sie sich sehr gut auf Türkisch verständigen.Wieder lacht sie: »Während unserer Urlaube habe ich in derFamilie viele Vokabeln aufgeschnappt. Ich hänge sie einfachohne Rücksicht auf grammatikalische Regeln aneinander undich werde verstanden«, ist sie selbst überrascht. »MeineTöchter haben sich zwar immer darüber amüsiert, wie ich michmit Händen und Füßen verständige, aber wenn sie etwaswollten, wurde ich von ihnen vorgeschickt«, berichtet sie. Vordrei Jahren wollten ihre beiden ältesten Töchter für zweiWochen allein zu den Verwandten nach Istanbul. »Sie hattenplötzlich Lust, in die Türkei zu fahren«, erzählt die Mutter. Alssie wiederkamen, kannten sie Anekdoten aus der Kindheitihres Vaters, die selbst seiner Ehefrau noch unbekannt waren.»Wie habt ihr denn die verstanden?«, wunderten sich ihreEltern. »Ihr könnt doch gar kein Türkisch!« Da haben diebeiden Mädchen nur geantwortet: »Wir haben es einfachgemacht wie Mama!«
  • 150. Für Barbara steht fest: »Ich fühle mich sehr verbunden mitihnen. Wann immer sie mich brauchen werden, werde ich fürsie da sein.« So macht sie auch ihre Planung für spätere Jahre,wenn ihr Mann nicht mehr zur Arbeit in den Hafen muss, vonden Wünschen ihrer Mädchen abhängig. Er hätte Lust, dannmehr Zeit in der sonnigeren Türkei zu verbringen. »Pendelnwäre nicht schlecht, vielleicht Hälfte, Hälfte«, ist seineVorstellung. »Nur wenn meine Töchter mich hier entbehrenkönnen«, stellt Barbara klar. »Wenn sie mich aber als Omabrauchen, um ihnen ihre Kinder von Zeit zu Zeit abzunehmen,bleibe ich hier.« Sie möchte ihren Töchtern das ersparen, wassie selbst erlebt hat. »Ich musste mit meinen drei Kindern ganzallein klarkommen. Das war eine harte Zeit. Da hätte ich miroft die Unterstützung der Familie gewünscht.« Barbara freut sich, dass die Warnungen ihrer Eltern nichteingetroffen sind. »So wie mein Mann mit seinenFußballkumpels, so konnte auch ich mit meinen Freundinnenallein in den Urlaub fahren. Jeder hat dem anderen seinenFreiraum gelassen«, meint sie. »Das ist wichtig«, ist ihr Mannüberzeugt, »sonst kann eine Beziehung kaum harmonischverlaufen.« »Und um all die kleinen Fragen, die sich uns im Alltagstellen, kann ich mich mit meinem Mann gleichberechtigtstreiten.« Sie lächelt: »Schließlich habe ich ausreichendVerstärkung. Zusammen sind wir vier Frauen gegen einenMann!« Er dagegen empfiehlt ihr, öfter mal eine andere,diplomatischere Strategie einzuschlagen: »Warum versuchstdu nur die direkte Konfrontation, über Umwege kommt manoft besser zum Ziel.« Barbara schaut ihren Mann nachdenklichan und meint: »Vielleicht bin ich tatsächlich manchmal in derVerteidigung meiner Töchter übers Ziel hinaus geschossen. Somussten unsere Überzeugungen ja gegeneinander knallen undsich verhärten.« Adnan nickt zustimmend: »Jeder einen Schritt
  • 151. auf den anderen zu; das wäre besser. Wir haben doch beidedasselbe Ziel!« Barbara überlegt zweifelnd: »Vielleicht, aberdie Wege dahin, die sind doch sehr unterschiedlich, oder?« Siedenkt an die Entscheidungen, die ihnen noch bevorstehen,wenn die Kinder ihre eigenen Wege gehen wollen. »Ich weiß,dass zumindest unsere Älteste in ihrer Auffassung vom Lebenganz anders liegt als ihr Vater. Da wird es zu einerAuseinandersetzung kommen«, ist sie überzeugt und fragt sich:»Wie wird mein Mann dann reagieren? Obwohl ich ihn nun 24Jahre kenne, kann ich das nicht vorhersagen. Wird er ganz hartbleiben oder so tolerant sein, wie er es eigentlich die ganzeZeit in unserem gemeinsamen Leben doch war? Ich weiß esnicht.« Die Frau grinst: »Das wird noch ein Highlight inmeinem Leben!« Der pragmatische Adnan rückt nach den vielen, für ihn imAugenblick wenig konkreten Überlegungen die wesentlicherenFakten wieder in den Blickpunkt. Er blickt sich in seinemgroßen Wohnzimmer mit der Ledergarnitur und den sorgsamzusammengestellten Holzmöbeln um und stellt zufrieden fest:»Wir haben einen guten Lebensstandard erreicht, um den michviele beneiden.« Er weiß, dass er es weit gebracht hat inDeutschland. Adnan sucht den Blick seiner Frau. AuchBarbara weiß ihr komfortables Leben wohl zu schätzen. Offenschaut sie ihren Mann an und sagt versöhnlich: »Eigentlichhast du Recht. Uns geht es gut.« Sie lächelt, als ihr einfällt:»Als wir neulich zum ersten Mal Urlaub ohne die Kindergemacht haben, haben wir uns kein einziges Mal gestritten. Dahaben wir gemerkt, wie gut wir uns doch eigentlich verstehen,wenn uns keine Alltagsprobleme drücken.« Barbara lehnt sich in die Kissen zurück und nimmt nocheinen Schluck aus ihrer Kaffeetasse. »So, das war unsereGeschichte«, beschließt sie ihren Rückblick. »Mal sehen, wiesie jetzt noch weitergeht.«
  • 152. IV Zweite GenerationDie größte Gruppe unter meinen türkischstämmigenGesprächspartnern waren 19 Vertreter der zweiten Generation.Bei 17 von ihnen waren die Eltern im Zuge derGastarbeiteranwerbung nach Deutschland gekommen. Achtmeiner Interviewpartner sind in Deutschland geboren. Elf vonihnen kamen erst im Laufe der Grundschulzeit nachDeutschland, als sich für ihre Eltern abzeichnete, dass ihrAufenthalt in Deutschland doch länger dauern würde alserwartet. Ihre Biografien sind im Gegensatz zu denen, die erst imErwachsenenalter kamen, durch andere Faktorengekennzeichnet: Ihr Umzug nach Deutschland war von ihrenEltern bestimmt worden; ihre Sozialisation war vonvielfältigen Einflüssen geprägt. Die deutsche Umgebungvermittelte ihnen oft andere Eindrücke als die türkische. Ihreeigene Familie stellte an sie Erwartungen, die sie mit denen derdeutschen Gesellschaft abstimmen mussten. Häufig lerntendiese Kinder früh Verantwortung für sich selbst und ihreFamilie zu übernehmen. Viele erzählen, dass sie schon mitzehn, zwölf Jahren Behördengänge, Arztbesuche undbürokratischen Schriftverkehr für ihre Eltern übernehmen odersie begleiten mussten, da sie über mehr Sprachkenntnisseverfügten. Viele können ihre verantwortungsvolle Rolle in derFamilie heute positiv bewerten. »Ich fühlte mich wichtig undlernte früh Verantwortung zu tragen«, meint einetürkischstämmige Studentin dazu.
  • 153. Fünf von ihnen mussten zunächst im Kleinkindalter denWeggang mindestens eines ihrer Elternteile verkraften.Verlassenheitsgefühle prägen oft ihren Blick in dieVergangenheit. Sie lebten einige Jahre bei Verwandten undwurden manchmal noch in der Türkei eingeschult, um einespätere Rückkehr zu erleichtern. Das schnelle, unkomplizierte Erlernen der Sprache erscheintfür viele in der Rückschau als Gradmesser ihres problemlosenEinstiegs in die deutsche Gesellschaft. Fast alle meinertürkischstämmigen Interviewpartner hatten Eltern, denen dieBildung ihrer Kinder sehr wichtig war. Die Eltern, die selbstüber höhere Bildungsabschlüsse aus der Türkei verfügten, fieles dabei leichter, ihre Kinder bei diesem Ziel zu unterstützen,auch wenn sie in Deutschland zum Teil eher klassischenGastarbeitertätigkeiten nachgingen. Das Thema der Rückkehr bestimmte für viele ihre Kindheitund Jugend. Doch während sie nun ihren Lebensmittelpunkt inDeutschland haben, sind die Eltern bei elf von ihnen in dieTürkei zurückgezogen. Fast alle von ihnen sehen ihr Aufwachsen mit verschiedenenKulturen heute eher als zusätzliche Ressource an. Beierfolgreicher Bewältigung der Herausforderungen fühlen siesich bestens auf die Anforderungen einer globalisierten Weltvorbereitet. Wenn sie sich von der deutschen Umgebung gutaufgenommen fühlten, fiel es ihnen leichter, eine positiveemotionale Bindung zum neuen Land zu entwickeln. Wenn sieallerdings mit Zurücksetzungen aufgrund ihrer Herkunft zu tunhatten, wurde dies erschwert. Diese Partner haben ihren deutschen Partnern viel voraus: Sieverfügen über einen großen Wissensvorrat in beiden Kulturen.Sie sind sowohl in der deutschen wie in der türkischen zuHause, da sie in beiden aufgewachsen sind. Insofern istvielleicht auch nicht verwunderlich, dass sie sich am stärksten
  • 154. mit ihrer Identität beschäftigen. Ihre Selbstfindung musstesorgsam mit den Erwartungen der Eltern abgestimmt werden.Während die erste Generation ihren eigenen Weg schon beiihrem Wegzug aus der Türkei eingeschlagen hatte, musste diezweite Generation ihren mit den Eltern gemeinsam inDeutschland finden.
  • 155. Der katholische Hardliner Michael Neumann verliebt sich in die muslimische Migrantentochter Aydan Özoguz. Er: Als guter Berufssoldat trat ich stets für die klaren Lösungen ein. Durch meine Frau kann ich die Welt mittlerweile differenzierter betrachten. Sie: Ich hätte kein Problem damit,wenn meine Tochter Nonne wird, wohl aber wenn sie politisch rechts wählen würde. Verheiratet mit dem früheren Gegner DEUTSCHER POLITIKER, 35 & TÜRKISCHSTÄMMIGE POLITIKERIN, 38Michael Neumann, der Fraktionsvorsitzende der SPD, sah dasGesicht von Aydan Özoguz zum ersten Mal als Foto in einerTageszeitung. Der Artikel berichtete von einer »klugen,schönen« Frau, die demnächst die SPD-Fraktion um einweiteres, externes Mitglied bereichern würde. Neumannerinnert sich noch, dass er sich ärgerte: »Ich hatte fünf Jahrelang im Ortsverein Horn Plakate kleben dürfen und so eineQuotentürkin darf ohne jede Vorarbeit auf einen sicherenListenplatz an mir vorbeirauschen.« Der blonde Mann inseinem legeren, braunen Wollpullover reibt sich nachdenklichsein Kinn. Seine Frau Aydan Özoguz, die neben ihm amgroßen Konferenztisch in seinem Arbeitszimmer imHamburger Rathaus sitzt, weiß genau, wovon er redet: »Ichkam damals gleich auf Listenplatz 5, während du, glaube ich,auf Platz 49 warst, oder?« Wenig später hatte Neumann Gelegenheit, die neueKonkurrentin selbst in Augenschein zu nehmen. Bei einem
  • 156. Treffen wollten sie Ideen sammeln, wie man jüngere Leute fürdie Partei gewinnen könnte. Vielleicht hatten die externenMitglieder zu diesem Thema neue Anregungen zu bieten?Özoguz erinnert sich: »Stattdessen erzählte er mir doch langund breit, dass er in Schulen gehen und vor Klassen über seineArbeit sprechen würde. Ich fragte mich die ganze Zeit, waswill er mir damit eigentlich sagen?« Sie berichtet weiter: »Nach der Wahl im Oktober 2001fanden wir uns dann gemeinsam im Arbeitskreis für Innereswieder.« Neumann war zu seinem Vorsitzenden bestimmtworden. Er erzählt: »Die erste Sitzung kam. Ich hatte dieThemen zusammengestellt, über die wir meiner Meinung nachin der nächsten Zeit diskutieren sollten. Eine inhaltlicheAuseinandersetzung wollte ich in der ersten Sitzung bewusstvermeiden. Doch was passierte? Ich nannte ein Thema undschon begannen die verschiedenen Gruppierungen ihreMeinung dazu zu äußern.« Neumann muss schmunzeln: »Dasmag natürlich auch an meiner Rolle in der Partei gelegenhaben. Ich war als ein scharfer Hund bekannt, der für die SPDungewohnt konservativ auftrat. Wenn ich nun das ThemaMigration, Brechmittel u. s. w. nur kurz anriss, erregte diessofort die Gemüter.« Er nimmt einen Stift, der auf dem großenKonferenztisch liegt. »Dann passierte folgendes. Ich regtemich so über das meiner Meinung nach unprofessionelleVerhalten meiner Fraktionskollegen auf, dass ich einenBleistift wie diesen in die Hand nahm und ihn vor Ärgerzerbrach.« Seine Frau lacht: »Ich dachte, der bestätigt jasämtliche Vorurteile, die über ihn kursieren.« Themen, die ihr besonders am Herzen lagen, streifte er nurkurz. »Das Thema Migration und Zuwanderung erwähnte ernur beiläufig. Doch beim letzten Thema auf seinerVorschlagsliste nahm er sich dann ungewöhnlich viel Zeit«,berichtet sie. Sollte es in Hamburg ein öffentliches Gelöbnis
  • 157. geben? Da war der Berufssoldat natürlich in seinem Elementund hielt sich nicht so ganz konsequent an die eigeneausgegebene Linie. »Da hatte er plötzlich alle Zeit der Welt,um seine Meinung zum Besten zu geben«, lacht Özoguz.Zusammen mit den anderen Kollegen äußerte sie ihren Unmut.»Ich hatte bisher in einer Stiftung gearbeitet. Dort herrschte einganz anderes Arbeitsklima. Bei uns konnten alle Positionenangemessenes Gehör finden.« Özoguz beschreibt ihredamalige Stimmung: »Ich war ziemlich enttäuscht über dieanscheinend ganz andere Arbeitsweise in der SPD. Ich war neuin der Politik und mein erster Eindruck war: Das habe ich miraber ganz anders vorgestellt!« Beim Hinausgehen traf sie inder Tür auf Neumann. »Da knallte es dann richtig!« Schon vor dieser Sitzung hatte Neumann die neue Kolleginals eine Art Willkommensgruß zum Ball der HamburgerPolizeigewerkschaft eingeladen. »Nach dieser Sitzungverspürte ich aber keinerlei Lust mehr, mit diesem Mann aufeinen Ball zu gehen. Ich habe ihm die Karten mit einer kleinenNotiz auf seinen Bürotisch legen lassen«, erzählt Özoguz. Esgab dann zwei Mails, die Neumann zwar schrieb, die sie abernicht erreichten. In einem Telefongespräch versuchte man dieLage zu klären. »Ich erkannte seinen guten Willen. So habenwir die Karten dann doch nicht verfallen lassen!«, meintÖzoguz. Damals wusste sie noch nicht, dass Bälle nicht zuNeumanns liebstem Zeitvertreib gehören. Doch der Charmeseiner tanzfreudigen Begleiterin muss den Tanzmuffelmitgerissen haben: »Das war der erste und einzige Ball, aufdem wir bis vier Uhr morgens geblieben sind und getanzthaben«, berichtet sie. So begann die ungewöhnliche Liebesgeschichte zwischendem deutschen Hardliner und der türkischstämmigen Linken.»Durch meine Frau musste ich viele meiner Sichtweisenüberdenken. Sie hat meinen Horizont so erweitert, dass ich
  • 158. heute viele Sachverhalte differenzierter betrachten kann.«Neumann meint mit unverhohlener Selbstironie: »Ich alsSoldat neigte stets zu den klaren Lösungen. So und so ist das,und so machen wir das. Meine Frau hat mir gezeigt, dass dieseHerangehensweise den Problemen nicht immer gerecht werdenkann. Unsere Welt ist eben nicht einfach. Sie ist wederschwarz noch weiß, sondern grau.« Er nimmt kurz ihre Hand.»Für mich ist meine Frau eine absolute Bereicherung.« Eine Zeit lang versuchten die beiden, ihr Verhältnis in derFraktion geheim zu halten. »Einmal trafen wir, als wirzusammen im Auto fuhren, einen Kollegen. Der hatte einengroßen Van und konnte bestens in meinen kleinen Renault Cliohineinschauen. Doch er hielt tatsächlich dicht«, wundert sichNeumann. »Dann gab es eine SPD-Fahrt zu einer Tagung inBrüssel. Auf der Hinfahrt saßen wir noch getrennt, doch aufder Rückfahrt war es dann raus: Die linke Migrantin und derrechte Soldat sind ein Paar!«, erzählt Özoguz. Sie musszugeben: »Doch unser Versteckspiel hat mir auch viel Spaßgemacht.« Özoguz wurde 1967 in Hamburg geboren. Neumann, der ausDortmund in die Hansestadt kam, findet: »Eigentlich ist sie dieEinheimische und ich der Zuwanderer.« Özoguz’ Vater warlange Jahre als selbstständiger Unternehmer in Deutschlanderfolgreich tätig, bis die Eltern nach dem Ende desErwerbslebens wieder nach Istanbul zurückgingen. 1989entschied sich Özoguz für die deutsche Staatsbürgerschaft. Siestudierte Anglistik, Spanisch und Personalwirtschaft. Ab 1994arbeitete sie bei der Körber-Stiftung in der interkulturellenProjektarbeit. Mit der Wahl 2001 wurde sie Mitglied derHamburger Bürgerschaft. Özoguz erzählt: »Mir war es sehr wichtig, dass Michaelmeine Brüder kennen lernt. Ich wollte sehen, wie er sich dortschlägt.« Eine nicht ganz einfache Bewährungsprobe, die sie
  • 159. ihrem Freund da zumutete. Ihre Brüder, die in Delmenhorstleben, haben eine ganz andere Richtung eingeschlagen als derRest von Özoguz’ eher liberal eingestellter Familie. Sie sindstreng gläubig. Sie meint: »Vor unserem Besuch habe ich ihmeingeschärft, die Frauen nicht anzustarren und ihnen nicht dieHand zu geben.« Neumann meisterte die Situation mitgewohnter Professionalität. »Als ihre Brüder mich dannfragten, ob ich vorhätte zum Islam zu konvertieren, wenn ichAydan heirate, sagte ich sofort, dass das für mich nicht inFrage käme. Ich sei Katholik«, erinnert sich Neumann. »Ichdenke, damit war ihnen mehr gedient, als wenn ich ihnen etwasvorgemacht hätte. So war auch diese Frage geklärt.« Dann wurde Özoguz von der amerikanischen Botschaft zueiner Bildungsreise über Strategien der Migrationspolitik in dieUSA eingeladen. »In die drei Wochen fiel auch ihrGeburtstag«, erinnert sich Neumann. »Sie sollte ihn ganzalleine in Amerika verbringen. Weil der Tag auf einen Samstagfiel, hatte ich sofort die Idee sie dort zu besuchen. Ich besorgtemir Flugtickets für das Wochenende. Bei der amerikanischenBotschaft holte ich Erkundigungen ein, wo ich sie am bestentreffen konnte. Dann kamen mir allerdings Zweifel: Würde esihr überhaupt recht sein, wenn ich sie überraschte? So rief ichsie einen Tag vorher an. Zum Glück freute sie sich, und wirverabredeten uns zu einer bestimmten Uhrzeit auf demFlughafen in San Francisco. Doch als ich ankam, war sie nichtda. Da hatte ich mich als bekennender Reisemuffel nun einmalin die weite Welt hinausgewagt und stand jetzt verlassen amanderen Ende der Erdkugel.« Neumann setzte sich erschöpftauf eine der Bänke in der Wartehalle und überlegte, was zu tunsei. »Dann war es wie in einem schlechten Film: Ich war geradeaufgestanden und drehte mich um, da stand sie vor mir.« DerAbend verlief dann aber nicht ganz so stilgemäß, wie
  • 160. Neumann sich das erträumt hatte. Er berichtet: »Wirverbrachten den Abend in einem typischen amerikanischenPub. Vorne wurde Billard gespielt, in der Mitte TV gegucktund hinten in der Ecke saßen wir bei einem Thunfisch-Burger!« Für Özoguz zählte anscheinend anderes: »Es war einwunderschöner Abend.« Mit noch mehr Aufwand hatte Neumann ein Wochenende imSommer geplant. »Wir sollten am Freitag kurz nach Mittag ausHamburg losfahren. Auf Rügen hatte ich eine Suite mitMeerblick im Schlosshotel gemietet. Karten für dieStörtebeker-Festspiele waren ebenfalls reserviert.« DennNeumann hatte etwas Besonderes vor: Er wollte um AydanÖzoguz’ Hand anhalten. Doch es klappte nicht alles wiegeplant. Özoguz hatte am Freitag Nachmittag noch einenTermin, und sie gerieten auf der Hinfahrt in einen Stau. Sokamen sie erst am Abend auf Rügen an. In der Dunkelheitfanden sie das Hotel nur nach mühseligem Suchen. Der ersteProgrammpunkt, ein romantischer Strandspaziergang zumSonnenuntergang, fiel somit flach. Neumann erzählt: »Aucham nächsten Morgen ging es nicht besser weiter: Alle Tischezum Frühstücken waren besetzt. Ich wurde immer mürrischerund kehrte den typischen Wessi heraus: Was ist denn das füreine DDR-Wirtschaft hier? Habt ihr noch nicht kapiert, dassman für Geld auch was tun muss? Da bezahle ich so viel Geldpro Nacht und wir bekommen nicht einmal ein Frühstück!«Özoguz schüttelt den Kopf: »Mir machte das alles gar nichtsaus. Wir waren zusammen, wir verstanden uns gut. Warumsollten wir uns nicht erst mal kurz auf die schöne Terrassesetzen?« Sie bezog stattdessen Neumanns gereizte Stimmungauf sich. »Ich hatte plötzlich das komische Gefühl, dass er nurauf den geeigneten Zeitpunkt wartete, um mir mitzuteilen, dasser Schluss machen wollte.« Als Neumann dann endlich mitseinem eigentlichen Anliegen herausrückte, war ihre
  • 161. Erleichterung groß. »Habe ich gleich ›ja‹ gesagt, oder habe ichmir noch Bedenkzeit ausgebeten?«, neckt sie ihren Mann.»Auf so eine Frage Bedenkzeit zu fordern, dass käme docheiner Absage gleich«, entrüstet er sich halb zum Spaß. »Nein,du hast zum Glück sofort ›ja‹ gesagt.« Dann sollte ein Besuch in Istanbul bei Özoguz’ Eltern folgen.Neumann meint dazu: »Ich war noch nie in der Türkei. Da ichin Dortmund aufgewachsen war, hatte ich immer die Meinungvertreten, dass ich dort schon genügend Türken gesehen hätte.«Der Schalk blitzt aus seinen blauen Augen. »Außerdem bin ichnicht so der Reise- und Sonnefan. Wenn ich Urlaub mache,geht es eher zum Skifahren in die Berge oder im Sommer nachFehmarn.« Özoguz erklärt: »Eigentlich sind wir beide ja schon in einemAlter, in dem man die Eltern nicht mehr um Erlaubnis fragenmuss. Doch ich hatte ihnen schon einmal sehr wehgetan.Deshalb wollte ich sie dieses Mal an meiner Entscheidungbeteiligen.« Özoguz hatte in erster Ehe in der Karibik undeinen um einiges älteren Fotografen geheiratet. »Im Vergleichzu diesem Typ, der ständig mit einem Kopftuch herumlief,schnitt ich als Versorger ihrer Tochter wohl ganz gut ab«,vermutet Neumann. »Sie fanden diesen katholischenDeutschen, der ihnen recht zuverlässig und ordentlich vorkam,wohl ganz akzeptabel«, glaubt auch Özoguz. »Auch wennmeine Eltern sich sicherlich noch lieber einen Türken für michgewünscht hätten. Doch im Grunde ihres Herzens wussten siewohl, dass es schwer werden würde, einen passendentürkischen Ehemann für mich zu finden.« Neumann erinnert sich noch sehr genau an den Aufenthalt inIstanbul: »Ich esse eigentlich gerne und auch gerne viel. Dochbei dem Essen mit deinen Eltern ging es mir gar nicht gut: Ichwar total durchgeschwitzt und musste ständig auf Toilette.«Die Erklärung lag auf der Hand: »Ich war so aufgeregt.« Erst
  • 162. als der offizielle Teil erledigt war, konnte er sich entspannen.»Durch deine Familie habe ich ganz andere Türken kennengelernt als in meinem Hamburger Stadtteil Horn.« Sofort ziehter politische Schlussfolgerungen: »Die Möglichkeit zurIntegration wird also nicht durch die Kultur, sondern vor allemdurch die Bildung und die soziale Situation bestimmt.«Spöttisch merkt er an: »Das ist dann auch der einzige Satz,beim dem ich Marx zustimmen würde: Das Sein bestimmt dasBewusstsein.« Neumanns Mutter erfuhr von der neuen Frau im Leben ihresSohnes in einer Mittagspause. Er erzählt: »Sie arbeitet alsVerkäuferin in einem Stoffgeschäft. Ich habe sie einfach inihrem Pausenraum beiseite genommen und es ihr erzählt.«Neumann wusste, dass seine Eltern seine Freundin offenaufnehmen würden. »Sie sind ganz normale Menschen, habendas Herz auf dem rechten Fleck.« Ihm fällt dazu eineGeschichte aus seiner Kindheit ein: »Ich war mit meinem Opazum Schwimmen gefahren. Als wir zurückkamen, waren beiunseren Fahrrädern die Schrauben an den Naben gelockert.Offenbar hatte jemand versucht, einen Diebstahl vorzubereitenund war dabei gestört worden. Mein Opa fing sofort an zuschimpfen: ›Diese dreckigen Türken, die klauen wie dieRaben!‹ Zu Hause erzählte ich den Vorfall meinen Eltern. Dasagte mein Vater ganz ernst zu mir: ›Mein Junge, glaube mir,Türken, das sind genauso Menschen wie wir.‹« Die Hochzeit haben sie am einem Freitag, den 13. gefeiert.»Da wollte kein anderer und somit war der Termin noch frei.«Obwohl es Dezember war, wollten sie nach der Zeremonie imLiteraturhaus auf einem Alsterdampfer feiern. Doch das Datumhätte sie vorwarnen sollen. »Am Tag vorher bekamen wireinen Anruf: Gerade ist das letzte Schiff gefahren. Die Alsterist zugefroren.« Sie sollte es nur diesen einen Tag bleiben. AmSamstag konnten die Schiffe schon wieder verkehren. »Wir
  • 163. disponierten schnell um. Das Schiff blieb am Jungfernstiegliegen und eine Busrundfahrt ersetzte die Schiffstour.« Doch es gab auch nette Überraschungen: Auf demJungfernstieg hatte die Schornsteinfeger-Innung derHansestadt eine kleine Aktion vorbereitet. Sie verteiltenGlückspfennige. »Da ein Verwandter von Michael auchSchornsteinfeger ist, hat er kurzerhand seine Kollegenangesprochen und sie haben für uns als frisch gebackenesBrautpaar ein kurzes Ständchen gegeben.« Außerdem warenalle SPD-Kollegen mit einer Rose vom Rathausherübergekommen und hatten für die beiden ein Spaliergebildet. »So wurde es eine wirklich schöne Feier«, findetÖzoguz. »Nur am Abend, als wir in unser Haus fuhren, war meinEhemann plötzlich sehr abgelenkt.« Auf der Fahrt hatteNeumann auf sein Handy geblickt. 75 Nachrichten warenangekommen. »Ich dachte: Oh, wie nett, die wollen dir alle zurHochzeit gratulieren.« Doch das war nicht der Grund. »UnserFraktionsvorsitzende war genau an diesem Tag zurückgetreten,und ich wurde um meine Stellungnahme gebeten.« »Statt mich über die Schwelle zu tragen, hatte er nur nochAufmerksamkeit für sein Handy«, meint Özoguz mit leichtemVorwurf zu ihrem Mann. Neumann guckt zerknirscht. »Das tutmir heute noch Leid.« Er meint es ernst: Eine Hochzeitsnachtlässt sich nicht wiederholen, politische Umwälzungen wird derPolitiker aber wohl noch öfter erleben. Vor drei Jahren wurde die Tochter geboren. »Ich wollteschon immer gerne ein Kind. Es hat sich erst relativ spätergeben. So bin ich mittlerweile gelassen genug, um mit denHerausforderungen einer Tochter in der Trotzphaseumzugehen«, meint Özoguz. Auch den Herausforderungen, diedie Erziehung eines Kindes in einer interreligiösenPartnerschaft mit sich bringt, stellt sie sich mit großer
  • 164. Gelassenheit. Özoguz ist gläubige Muslimin. »Ich beteregelmäßig. Aber das braucht meinen Mann nicht zu stören.«Er ist katholisch erzogen worden. »Ich sehe eigentlich in allenReligionen die gleichen grundlegenden Regeln derMenschlichkeit. Da unterscheidet sich das Christentum nichtviel vom Islam.« Breit grinsend ergänzt er: »Ich glaubeallerdings, dass es deinen Eltern gefallen hat, dass ich Katholikund kein Protestant bin. So vertrete ich für sie wenigstens dieetwas ernstzunehmendere Version des Christentums.« Umkurz darauf einzuräumen: »Aber mit der Ironie ist das ja in derReligion wie in der Politik so eine Sache…!« Beide sind gespannt auf die Zeit, wenn die kleine TochterFragen stellen wird. »Ich hätte schon ein Problem damit, wennsie sich ein Kopftuch umbinden würde«, überlegt Neumann,»aber auch wenn sie Nonne werden möchte!« »Ich weniger, wenn sie es aus freien Stücken tut«, entgegnetÖzoguz. »Womit ich aber kaum umgehen könnte ist, wenn siesich später politisch rechts einordnen würde«, gibt dieBürgerschaftsabgeordnete zu. »Dann würde ich schon denken:Was haben wir verkehrt gemacht?« Über den Namen der Tochter haben sie sich viele Gedankengemacht. »Ich bin mir bewusst, dass sie als ein deutsches Kindin Deutschland aufwachsen wird. Sie hat zwar auch türkischeWurzeln, aber sie werden einen geringen Teil ihres Lebensausmachen«, erklärt Özoguz. So fiel die Wahl auf den NamenHanna Neumann. Als zweiter Name ist Selin in ihrerGeburtsurkunde vermerkt. Neumann flachst: »Natürlich gab esdie Vermutungen, dass ich einfach ein Machtwort gesprochenund festgelegt habe: Sie bekommt einen deutschen Vornamenund meinen deutschen Nachnamen. Doch diese Entscheidungkonnte nur Aydan treffen.« Die Mutter wollte ihrem Kind dieSchwierigkeiten ersparen, die sie selbst als Trägerin einesrelativ komplizierten, türkischen Namens hatte. »Wenn wir in
  • 165. der Türkei leben würden, hätten wir uns eventuell für einentürkischen Namen entschieden. Doch ihr in Deutschland einentürkischen Namen zu geben, hätte ich als künstlichempfunden«, meint sie und fügt an: »Namen sind ja schonetwas Identitätsstiftendes.« Neumann bemerkt mitunverhohlener Selbstironie: »Wie wollte das ein Mensch mitdem Namen Michael Neumann bestreiten, der so geworden istwie ich!« Er wird schnell wieder ernst: »Ich habe nie dieErfahrung machen müssen, dass ich aufgrund meines Namenseine Zurückweisung erfahren hätte. Ganz im Gegenteil: AlsDeutscher hatte ich keine Nachteile«, ist er überzeugt. »Wenn mein Mann gerne Schweinefleisch essen möchte,habe ich damit kein Problem«, meint Özoguz. Unterschiededieser Art stören sie überhaupt nicht. An andere musste siesich erst gewöhnen. »In unserer Familie waren wir uns immerrecht einig, wie wir die Welt in Deutschland beurteilen sollten.Man konnte untereinander in der ruhigen Gewissheit Dampfablassen, dass wir in den wichtigen Punkten übereinstimmten.Erst galten wir als Ausländer und dann als Muslime in einemchristlichen Land.« Während ihrer Studentenzeit fand sie ihreRückzugsmöglichkeit in der Türkischen Studentengemeinde.»Wenn wir auch dort sehr häufig in vielen Punkten ganzunterschiedlicher Meinung waren, so sahen wir uns doch alleals Menschen, die nicht als selbstverständlicher Teil derdeutschen Gesellschaft betrachtet wurden. Wir dachten: Selbstwenn die Deutschen mal austicken, wir werdenzusammenhalten.« Das sieht ihr Mann natürlich etwas anders:»Ich habe ein ziemlich entspanntes Verhältnis zu unsererRepublik. Als Soldat bin ich schließlich sogar bereit, meinLeben für dieses Land einzusetzen«, stellt Neumann klar. Özoguz macht es an einem Beispiel deutlich: »Wenn ichPolizisten sehe, bekomme ich spontan ein mulmiges Gefühl.Michael dagegen meint sofort: ›Nun können wir uns noch
  • 166. sicherer fühlen.‹« Sie überlegt einen kurzen Augenblick.»Durch unsere gemeinsame politische Arbeit haben wirinzwischen mit vielen Polizisten gesprochen. Doch immerertappe ich mich dabei, dass ich denke: Würden sie auch mitmir reden, wenn ich nicht deine Frau wäre?« Ein anderesBeispiel fällt ihr ein: »Mir waren die Besuche in derAusländerbehörde verhasst. Für Michael repräsentierte dieseBehörde dagegen den Teil des Staates, der Deutschland voreiner Schwemme von Asylanten bewahrte.« Sie hebt ihreAugenbrauen. Für genügend Zündstoff in ihrer Beziehung war also stetsgesorgt. »Das finde ich gerade das Spannende. Schade ist nur,dass Aydan immer mitten in unseren Diskussionen einfachaufhört zu streiten. Und zwar gerade dann, wenn ich so richtigin Form und von meinen eigenen Argumenten ganz begeistertbin.« Özoguz meint: »Dann wird mir unser Streiten zuviel, undich wünsche mir etwas mehr Harmonie. Manchmal erwischeich mich dann dabei, dass ich denke, dass wir uns wohl inmanchen Punkten nie verstehen werden. Das ist für mich danneine Herausforderung, meinen inneren Frieden nicht zuverlieren.« Sie überlegt: »Während unserer Anfangsphase habe ich vielmit einer Freundin darüber gesprochen, ob es nicht zukulturellen Problemen führen würde, wenn ich einenDeutschen heirate. Da sagte sie nur zu mir: ›Aydan, sieh michdoch an, ich habe einen Türken aus meinem Dorf geheiratet,und wir haben ziemlich viele Konflikte!‹« Özoguz gibt zu:»Früher habe ich schon in meinem eigenen Kulturkreis nacheinem Partner Ausschau gehalten. Doch es passte halt nicht.«Das hält sie für symptomatisch: »Ich beobachte, dasstürkischstämmige Frauen die Chancen in Deutschland für sichhäufig besser nutzen können als die türkischstämmigen
  • 167. Männer. So finden viele gut ausgebildete Frauen keineadäquaten Männer, und die Mischehen nehmen zu.« Neumann kann sich dagegen uneingeschränkt über dieAuseinandersetzung mit seiner intelligenten Frau freuen. Sieschenkt ihm Einblicke, die ihn auch politisch reifen lassen.»Das mag jetzt egoistisch klingen, aber die Beziehung zuAydan hat mir die Chance gegeben, mich in eine Richtungweiter zu entwickeln, die bei mir nicht zu erwarten gewesenwäre.« Um gleich darauf anzumerken: »Das heißt nun abernicht, dass ich noch zum Hausbesetzer werden werde!«Andererseits sieht er aber auch Gemeinsamkeiten in ihrerEntwicklungsgeschichte: »Auch ich komme aus einem Kreis,der ideologisch sehr abgeschlossen war. Die Armee warschließlich eine reine Männerdomäne. Schwierigkeiten, einegeeignete Partnerin zu finden, kamen häufig vor. Dann galt beiuns: Wenn ich keine Frau finde, dann sind die Frauen verkehrt,aber nicht mein Beruf.« Dachte Özoguz früher, dass sie die feste Basis ihres Lebensin Deutschland eher in dem kulturellen und religiösenEinverständnis mit einem türkischen Mann finden könnte,meint sie heute: »Gerade bei Michael habe ich die Sicherheitgefunden, die ich für mein Leben brauche. Er gibt mir dasGefühl, dass wir immer zusammenhalten werden. Wenn es hartauf hart kommt, werden wir es gemeinsam durchstehen.«Neumann frotzelt mit dem ihm eigenen Sinn für provozierendeSelbstironie: »Heute hast du den Feind direkt in deinem Bett!«Özoguz kann nur amüsiert über ihren Mann den Kopf schüttelnund laut lachen. Aydan Özoguz hat ihren türkischen Namen auch nach derHochzeit nicht abgelegt. »Ich wollte das Gefühl dafür nichtverlieren, wie es ist, in Deutschland einen türkischen Namenzu tragen.« Neumann erinnert sie grinsend: »Aber du hast mirdoch etwas versprochen, nicht wahr?« Özoguz hebt fragend
  • 168. ihre Augenbrauen. »Dass du zu unserer Silberhochzeit einemgemeinsamen Namen zustimmen wirst!« Er ergreift nocheinmal ihre Hand. Özoguz lächelt und meint: »Ja, vielleicht.«
  • 169. Sie heirateten trotz des Verbotes ihrer türkischen Familie. Heute wohnt das Ehepaar mit der türkischen Mutter und dem türkischen Bruder zusammen in einem Haus. Er: Es war sehr schwer, sich immer wieder anhören zu müssen, wie schlecht man ist. Sie: Ich hatte nie einen Zweifel, dass er der Richtige für mich ist. Hilfe von unerwarteter Seite TÜRKISCHE KRANKENSCHWESTER, 25 & DEUTSCHER BAUARBEITER, 26»Zuerst dachte ich, was ist das denn für ein komischer Kerl,der stellt sich nicht einmal vor«, erinnert sich Dilan. Stefandachte dasselbe von ihr, schließlich war sie für ihn die Neue,denn er kam nur aus dem Urlaub in seine Abteilung zurück.Damals absolvierte Stefan seinen Zivildienst in demKrankenhaus, in dem Dilan ihre Ausbildung zurKrankenschwester machte. So war der erste Eindruck nicht derbeste, doch beim gemeinsamen Arbeiten merkte Dilan dann,dass dieser komische Typ ihr von Tag zu Tag besser gefiel. »Uns lief jedoch die Zeit davon«, erzählt sie weiter.»Schließlich sollte er nur noch wenige Wochen Dienst bei unstun. Also übernahm ich die Initiative. Ich lud ihn zumSteakessen ein.« Der kräftige, sportlich wirkende Mann hatteder netten Kollegin aus gutem Grund keine Avancen gemacht.Seine Kontakte zu türkischen Mitschülern auf der Berufsschulehatten ihn eines gelehrt: Lasse dich nie mit einem türkischenMädchen ein, das bringt nur Ärger! Daran hielt er sich. Als
  • 170. dieses Mädchen aber nun auf ihn zukam, dachte er, dass ihreFamilie wohl liberaler eingestellt wäre. Für Dilan war dagegenklar: Diesen Mann wollte sie näher kennen lernen, bevor er ihrentschwand, obwohl sie damals schon ahnen musste, welcheProbleme damit auf sie zukommen würden. Entschlossenwagte sie den Schritt, der alles ins Rollen brachte. Heute wohnen sie zusammen in einer beschaulichenKleinstadt, in der niedrige Einfamilienhäuser die Straßenrändersäumen. Nur wenige mehrgeschossige Wohnblocks sind in dievielen Grünflächen eingestreut. In einem von ihnen liegt ihregroßzügige Eigentumswohnung, die sie im Landhausstileingerichtet haben. Kiefernholzmöbel, helle Fliesen,Parkettfußboden und lachsfarben gewischte Wändenbestimmen das Bild. Neun Jahre ist ihre erste Begegnung nunher. Neun Jahre, in denen viel geschehen ist. Ihre Familie war damals mit großen Problemen konfrontiert.Dilans Vater war plötzlich gestorben. Ihre Mutter verfielimmer wieder in depressive Stimmungen; ihr Bruder sollte mitAnfang 20 die männliche Rolle in der Familie übernehmen.Dass er damit überfordert war, merkte die Familie zunächstnicht, da er nach außen hin den perfekten Sohn spielte. Erschaffte es, sich mit zwei Geschäften selbstständig zu machenund arbeitete ohne Unterlass. Gleichzeitig versuchte er, sichum seine Schwester zu kümmern. Dilan charakterisiert seinVerhalten so: »Es war ihm nicht egal, was seine Schwestermacht.« Er war dann auch der erste, der ihrem Geheimnis aufdie Spur kam. Schon bald entdeckte er das frisch verliebtePaar. Dilan blieb keine andere Wahl: Sie sprach mit ihm offenüber ihr Verhältnis zu Stefan. Ihr Bruder verriet sie nicht beider Mutter, aber versuchte, selbst Einfluss auf seine Schwesterzu nehmen. »Immer wenn ich zu Stefan losfuhr, gab er mirnoch ein paar Gedanken mit auf den Weg. Er schärfte mir ein,dass es verkehrt sei, was ich tue. Dass es besser für die Familie
  • 171. wäre, wenn ich Stefan aufgeben und einen Türken heiratenwürde.« Das schlechte Gewissen wurde zu Dilans ständigemBegleiter. So sehr sie sich auf die Treffen mit Stefan freute, sosehr schmälerten ihre Gewissensbisse ihr Vergnügen. »UnsereTreffen waren von Lügen begleitet.« Ganz besonders schlimmwar das Zurückkommen in die Wohnung. »Ich fürchtete schondie Begegnung mit meiner Mutter. Welches Gesicht macht sie?Hat sie vielleicht etwas mitbekommen?«, grübelte Dilan stetsauf dem Rückweg. Doch sie konnte ihrer Mutter keinen reinenWein einschenken. In ihrer instabilen psychischen Lage wolltesie ihr keine zusätzlichen Belastungen zumuten. »Bei uns musseine Beziehung immer gleich offiziell werden. Ich kann nichteinfach mit einem Mann befreundet sein, ich muss ihneigentlich gleich heiraten«, wurde ihr beigebracht. Doch wiesollte sie dann erklären, wie sie ihren Freund kennen gelernthatte? In dem Augenblick würde auch die Zeit desSchwindeins offenbar werden. Stefan erinnert sich mit Schrecken an diese Zeit: »Das warbis zum Zerreißen. Wenn man immer wieder zu hörenbekommt, dass man der Schlechteste ist, zehrt das schon. Dawird man schon aggressiv. Man muss immer stillhalten, nurum sie nicht zu gefährden.« Doch Stefan hielt sich zurück. Errief nicht beim Bruder an, um ihm gehörig die Meinung zusagen. Er wusste, dass es Dilan gewesen wäre, diehauptsächlich darunter zu leiden hätte. Sie war es schließlich,die immer wieder zur Familie zurückkehren musste. Dilan litt unter den Belastungen, die Stefan ihretwegenertragen musste. Sie rechnete immer wieder damit, dass auchseine Geduld einmal erschöpft sein könnte. »Manchmal habeich gedacht, wie viel problemloser könnte das sein, wenn duihn einfach loslässt, aber das konnte ich nicht. Trotzdem gab esirgendwann einen Punkt, an dem ich Stefan gesagt habe: ›Ich
  • 172. glaube, es geht nicht mehr, wir müssen Schluss machen.‹ Dahat mir Stefan seinen Standpunkt klargemacht. Er steht zu mir,egal was kommt. Das war der Wendepunkt.« Dilan verstand ihre Mutter: Sie hatte Angst. Sie fürchtete umden Zusammenhalt der Familie. Durch den Tod des Vaters wardas Bild einer perfekten türkischen Familie ins Wankengeraten. Sie fühlte sich von der türkischen Außenweltbeobachtet und fürchtete ihr Urteil. Ihr Ansehen, das sie langeJahre aufgebaut hatten, war gefährdet. Waren sie vorher eineVorzeigefamilie gewesen, mit einem fleißigen Sohn und einerbraven Tochter, so gerieten sie jetzt ins Gerede. »Solange manin diesen Schienen bleibt, ist man toll. Doch wehe, man schertaus«, überlegt Dilan. »Eigentlich war nämlich geplant, dass sieihren Cousin heiraten sollte«, bemerkt Stefan betont beiläufig.Doch sein Gesicht verrät, dass er diesen Konkurrenten frühernicht so gelassen hinnehmen konnte. Dieser Cousin, der in Holland wohnt, hatte sich in Dilanverliebt. Als Jugendliche konnte sie sich noch mit demGedanken anfreunden, später einmal seine Frau zu werden.Doch das war, bevor sie ihre Ausbildung anfing. »Plötzlichveränderte ich mich. Ich lernte neue Menschen kennen undsah, wie frei andere Frauen ihr Leben gestalteten. Ichentwickelte eigene Meinungen und eigene Wünsche. Ich wolltemehr als nur Schule, Ausbildung und Heirat erleben.« Zudiesem Zeitpunkt lernte sie Stefan kennen und begann, sich einLeben mit ihm statt mit ihrem Cousin vorzustellen. Ihrem Bruder wuchsen die neuen Herausforderungen überden Kopf; er fing an, Drogen zu nehmen. Doch während erseine Probleme noch geheim halten konnte, waren DilansAusscherversuche offensichtlich. Stefan ärgert sich in derRückschau: »Ich führte ein ganz solides Leben. Und er, der inDrogenprobleme abgerutscht war, wollte mir Vorwürfe
  • 173. machen, dass ich seine Schwester verderbe.« Stefan schütteltden Kopf. Seine Kraft schöpfte er aus seiner Familie: »Zum Glück hatsie mir immer ganz viel Rückhalt gegeben. Mein Vater hatimmer gesagt, dass Dilan jederzeit zu uns kommen kann.Wenn einem aus ihrer Familie es einfallen sollte hier bei unsauf dem Hof anzutanzen, käme der nicht ohne Schaden wiederherunter, hatte mein Vater versprochen.« So war derRückzugsort des Paares immer wieder das Haus von StefansFamilie, das auf dem Lande liegt. Hier konnten sie sichungestört treffen, hier bekamen sie Rückendeckung. Sein Vaterwar es auch, der ihm, als er von den Problemen von DilansBruder hörte, sagte: »Hier musst du helfen. Egal was vorherwar, jetzt ist jetzt.« So kam es, dass es ausgerechnet Stefan und Dilan waren, dieihrem Bruder Hilfe anboten. »Als alle seine Freunde sichschon lange verabschiedet hatten, versuchten wir, immer fürihn da zu sein«, berichten sie. Sie suchten mit ihm die bestenTherapieangebote heraus, sie sprachen ihm Mut zu, sie fuhrenihn ins Krankenhaus, sie boten ihm einen Platz zum Reden an.»Er hat keine Schwester verloren sondern einen Bruder dazugewonnen. Das wollte ich ihm zeigen«, sagt Stefan ganz ernst.»Ich hatte stets im Hinterkopf, wie ich mich wohl verhaltenhätte, wenn ich meinen Vater früh verloren hätte und so einegroße Verantwortung hätte tragen müssen. Da hätte ich michauch über eine helfende Hand gefreut.« Sein Tonfall machtklar: Er meint seine Worte genau so, wie er sie sagt. In dieser Zeit hatte Dilan ihre Mutter endlich in ihrGeheimnis eingeweiht, nach zweieinhalb Jahrenverschwiegener Beziehung zu Stefan. Sie teilte ihr mit, dass sieihn heiraten werde. Die Mutter drohte daraufhin, nicht zurHochzeit zu kommen. »Ich war zwar todtraurig, ließ mich aberdadurch nicht abbringen. Stefan und ich waren uns sicher, dass
  • 174. wir zusammengehören. Meine Mutter musste sich entscheiden,ob sie einlenkt oder mich verliert.« Dilan ahnt einenzusätzlichen Grund für ihre strikte Ablehnung: »Sie hatteAngst davor, dass Stefan mir nach der Hochzeit als meinEhemann verbieten würde, den Kontakt zu meiner Mutter zupflegen. Im Grunde genommen hätte er das nach türkischenVorstellungen auch machen können, aber er wusste, dass esnicht ging. Ich hätte gesagt, ich kann nicht, ich muss meineMutter sehen.« Stefan erinnert sich: »Der Durchbruch kam, alsdeine Mutter in der Türkei angerufen hat und die Oma sagte:›Dilan heiratet einen Deutschen, das ist ja wunderbar. Ihr lebtund arbeitet in Deutschland und es ist gut, wenn ihr in Kontaktmit den Deutschen kommt.‹ Danach war der Wall gebrochen.« Ihre Ehe gestalten sie heute anders, als Dilan es bisher ausihrem türkischen Umfeld kannte. »Jeder hat seinen eigenenFreiraum, keiner schränkt den anderen ein. Stefan würde nieauf die Idee kommen zu sagen, wo willst du jetzt wieder hin,warum willst du alleine weggehen? Ich brauche mich nie zurechtfertigen, es ist ganz ungezwungen und frei.« Dilan ist dieFreude darüber unschwer anzumerken. Der Bruder hat sein Leben mit Hilfe der beiden wieder in denGriff bekommen. Er hat eine Frau aus der Türkei geheiratetund wohnt mittlerweile mit ihr, seinem kleinen Kind undDilans Mutter in einer Wohnung im selben Mietshaus. »Als dieWohnung unter uns frei wurde, haben wir ihnenvorgeschlagen, hier einzuziehen«, erzählt Dilan, als ob diesganz selbstverständlich wäre. »Nun ist unsere Familie wiedervereint«, freut sie sich. »Wir verstehen uns gut«, bestätigtStefan schlicht. Die Fünf verbringen viel Zeit miteinander. Oftwird abends zusammen gegessen und geredet. DieBefürchtungen der Mutter sind nicht eingetroffen. DerDeutsche hat die Familie nicht auseinander getrieben sondernzusammengehalten. »Das reibe ich meiner Mutter auch immer
  • 175. wieder unter die Nase«, meint Dilan. »Dann sage ich zu ihr:Zum Glück habe ich diesen Jungen gefunden und ihn mir auchgenommen. Das kann sie gar nicht oft genug hören«, findet sie.»Was ich für ein großes Glück habe mit Stefan und seinerFamilie«, überlegt sie. »Sie sind für mich wie meine Eltern.«Ihr Mann ergänzt sofort: »Und ich habe eine neue Familie dazugewonnen.« Er meint es aufrichtig: Diesem Deutschen ist derfamiliäre Zusammenhalt tatsächlich genau so wichtig wieseiner türkischen Partnerin. Doch das erste Jahr nach ihrer Heirat war noch nicht ganz sounbeschwert. Dilan hatte sich so auf diesen Zeitpunkt gefreut.Endlich hatte sie ihre ersehnte Freiheit und konnte mit ihremTraummann zusammen sein. Sie, die vorher stets dazuangehalten wurde, an andere zu denken, durfte sich jetzt ihreeigenen Wünsche erfüllen. Doch dieser wahr gewordeneTraum sah unter den Alltagsbedingungen zunächst nicht ganzso rosig aus. »Im ersten Jahr habe ich sehr geklammert. Ichwollte Stefan ganz für mich haben und endlich die ganze Zeitmit ihm genießen.« Doch Stefan muss viel arbeiten. Als Polierauf einer Großbaustelle ist er der Ansprechpartner für alleProbleme und der letzte, der nach Hause gehen darf. So hieß esfür ihn immer wieder, einen Kompromiss zwischen seinenberuflichen Anforderungen und den Wünschen seiner Frau zufinden. Mittlerweile kann Dilan lockerer damit umgehen. »Mirwurde klar, dass ich ja gar nicht zu Hause sitzen und auf dieUhr starren muss, bis Stefan kommt. Ich kann selbst etwasunternehmen und ihn dann viel entspannter begrüßen, wenn erda ist.« »Wenn man wie wir so große Probleme hattezusammenzukommen, gibt man nicht so schnell beiUnstimmigkeiten auf. Solche kleinen Abstimmungsfragenkonnten uns nicht schrecken. Schließlich mussten wir den
  • 176. anderen ja beweisen, dass wir Recht gehabt hatten: Wir werdenglücklich miteinander, wir passen zusammen«, findet Stefan. »Im Moment ist der richtige Zeitpunkt für Nachwuchs nochnicht gekommen, aber er ist fest eingeplant«, blicken diebeiden in die Zukunft. Dass ihre Kinder zweisprachigaufwachsen werden, ist auch klar. »Welch ein Geschenk ist esdoch, als kleines Kind nebenbei gleich zwei Sprachen lernenzu können«, begründet Dilan. Dass sie die türkischen und diedeutschen Feste mit ihm feiern werden, ist ebensoselbstverständlich. Das ergibt sich ganz einfach aus den beidenFamilien, mit denen sie begangen werden. »Bei meinen Elternfeiern wir Weihnachten und mit Dilans Familie dasZuckerfest«, bestätigt Stefan. Einen Punkt haben sie noch nicht ganz zufriedenstellendlösen können. Wenn sich die beiden Wohnparteien treffen, wird zunächstnoch Deutsch gesprochen. Doch bald verfällt einer von ihnenins Türkische und die anderen stimmen ein. »Dann fühle ichmich ausgegrenzt. Mittlerweile schnappe ich mir dannmanchmal meinen Teller und verziehe mich in unsereWohnung«, gibt Stefan seinen Unmut zu. »Dadurch fehlt miretwas, was mir früher immer sehr gut gefallen hat. Ich kannmich noch erinnern, dass ich früher immer gerne einfachzugehört habe. Da habe ich immer viel gelernt. Ich finde essehr schade, dass mir das im Moment fehlt. Ich kann nurdasitzen und mir meine eigenen Gedanken machen, weil ichdie Sprache nicht verstehe.« In den Türkeiurlauben stört es ihn dagegen überhaupt nicht,wenn er die Unterhaltung nicht versteht. »Die können ja keinDeutsch und bemühen sich wirklich mit allen Mitteln, sich mitmir zu verständigen.« Mittlerweile besucht er die einzelnenVerwandten im Dorf auch ohne die Unterstützung seiner Frau.
  • 177. »Die kennen mich da alle und zeigen mir einfach, was siewollen.« Genau dieses Bemühen um Kommunikation vermisst er beiden Zusammenkünften in Deutschland. »Wenigstens ichkönnte wirklich konsequent bleiben und nur Deutsch reden«,überlegt Dilan selbstkritisch. »Aber manches kann man aufTürkisch einfach viel witziger erzählen«, findet sie. DochStefan kann leider kein Türkisch. Bei seiner zeitaufwendigen,anstrengenden Arbeit hatte er es gerade einmal geschafft, anzwei Unterrichtsstunden eines Volkshochschulkurses»Türkisch für Anfänger« teilzunehmen, den Rest musste erverfallen lassen. »Aber das ist unser einziges Problem, das wirnoch nicht gelöst haben«, meint Stefan schnell. Dass sie gut zusammenpassen, merkte Dilan bald. »Wenn wirüber etwas reden, haben wir meist die gleichen Gedanken undeiner spricht es dann aus. Wir sind ganz seltenunterschiedlicher Meinung«, bestätigt sie inzwischen auslangjähriger Erfahrung. Für ihre deutschen Freundinnen warallerdings der Gedanke befremdlich, dass sie einen Mannheiraten wollte, den sie nur stundenweise kannte. Dilanerinnert sich: »Eine Freundin meinte zu mir: ›Woher weißt du,ob ihr zusammenpasst? Ihr habt noch nie zusammengelebt.‹ Dahabe ich nur gesagt: ›Ich weiß, dass es gut geht; ich habe keineZweifel.‹ Ich hatte auch nicht eine Sekunde den Gedanken,dass es zwischen uns nicht klappen wird.« Stefan wird der Unterschied zu seinen Bauarbeiterkollegenimmer wieder bewusst. »Vielleicht würde ich auch in ihremengen Horizont denken, wenn ich durch Dilan nicht gelernthätte, darüber hinaus zu gucken. Dort kann ich nicht jedemerzählen, dass ich eine türkische Frau habe. Das kriegen nurdie zu hören, die weiter als von zwölf bis Mittag denkenkönnen. Ohne Dilan hätte ich vielleicht wie diese deutschenBauarbeiter gedacht«, überlegt er. Das Hintergrundwissen, das
  • 178. er durch seine Frau bekam, hat manchmal auch ganz praktischeVorteile. Mit ihm überrascht er gerne seine türkischenMitarbeiter. »Da sagte einmal ein türkischer Arbeiter zu mir:›Am Freitag brauche ich frei, da ist Zuckerfest.‹ ›Nein‹,antwortete ich ihm, ›Zuckerfest ist erst am Samstag, Freitagkannst du also wunderbar arbeiten.‹ Da guckte der aber sehrerstaunt, dass ein Deutscher das wusste.« »Eigentlich habe ich mit Stefan nichts anderes gemacht, alsmeine Mutter wollte«, wundert sich Dilan. »Ich habe meineAusbildung beendet und habe geheiratet. Aber da ich mirStefan dafür ausgesucht habe, ist alles viel besser, viel freierund einfach viel glücklicher geworden.«
  • 179. Das Paar auf dem Titelbild liebt sich seit 15 Jahren und hat zusammen zwei kleine Kinder. Die blonde Friesin trat zum Islam über. Sie: In meinem türkischen Mann fand ich die Orientierung, die ich in unserer Kultur vermisst habe. Er: Ich habe ihr stets die Wahl gelassen. Sie: Er war einfach überzeugend. Wie ein Fels in der Brandung DEUTSCHE SCHIFFFAHRTSKAUFFRAU, 35 & TÜRKISCHSTÄMMIGER INGENIEUR, 36Eine zartgliedrige Frau mit blonden Locken und strahlendblauen Augen öffnet die Tür. »Ömer bringt noch die Kinderins Bett, wir gehen schon mal in die Küche«, begrüßt sie mich.Durch den langen Flur, dessen Wände raumhohe Bücherregalefüllen, bringt sie mich in ihre offene Wohnküche. Neben dergroßzügigen Einbauküche steht der große Esstisch mitzahlreichen Stühlen. Tee und Gebäck stehen bereit. EinWanddurchbruch führt ohne Türen direkt ins nächste Zimmer.Im Gegensatz zur voll möblierten Wohnküche ist es fast leer.Nur eine Wand ist bereits in einem satten Weinrot gestrichenund der Kronleuchter hängt schon an der Decke. »Ja, unsereWohnzimmereinrichtung fehlt noch«, Stella hat meinen Blickbemerkt. »Wir können uns halt noch nicht einigen«, lachtÖmer, der zur Tür hereingekommen ist. »Und das seit fastzwei Jahren…«, ergänzt Stella. Über solcheNebensächlichkeiten können sich die beiden nur amüsieren –nach fast 15 Jahren gemeinsamen Lebens. Denn in den
  • 180. wichtigen Fragen stimmen sie schließlich hundertprozentigüberein. 20 Jahre war die heute 35-jährige Stella alt, als sie den einJahr älteren Ömer auf dem Wirtschaftsgymnasium traf, wo siebeide das Abitur nachholen wollten. »Er fiel mir gleich auf,weil er bei Diskussionen die Sachen immer aus einer anderenPerspektive betrachtete. Das interessierte mich.« Doch Ömerwechselte schon nach wenigen Tagen die Klasse. »Ich wolltenicht der einzige Ausländer in der Klasse sein, damit hatte ichfrüher schon schlechte Erfahrungen gesammelt.« So mussteStella fortan die Pausen nutzen, um mit Ömer in Kontakt zutreten. »Sie war diejenige, die mich in den Pausen ärgerte. Sietippte mir von hinten auf die Schulter und kickte mich in dieKniekehlen. So ein verrücktes Huhn«, meint er. Und mussdoch zugeben: »Mir gefiel die freche, quicklebendigeBlondine. Ihr Aussehen mag dabei auch eine nichtunwesentliche Rolle gespielt haben.« Doch wirklich näher kamen sie sich erst bei einer Antifa-Demo. Von der Polizei fast ganz eingekesselt, griffen sie sichbei den Händen und suchten das Weite. Auf einer Parkbankruhten sie sich von der überstandenen Gefahr aus und kamenins Gespräch. Telefonnummern wurden ausgetauscht. »Willstdu dir meine nicht aufschreiben«, wunderte sich Stella. »Nein,die kann ich mir merken«, versicherte er selbstbewusst. ZweiTage ließ er sie schmoren; erst am dritten meldete er sich beiihr. Der kräftige, dunkelhaarige Wirtschaftsingenieur mit derrunden Brille hat einen genau abgezirkelten Bart, der um dieMundwinkel nur einen dünnen Strich zeichnet. Er hat klareVorstellungen von seinem Leben. Genau das war es, was Stellagefiel. »Er war für mich wie ein Fels, sehr stabil undverlässlich. Er wusste genau, was er wollte, an ihm konnte ichmich orientieren.« Stella musste die meiste Zeit ihres Lebens
  • 181. ohne einen Vater auskommen; vielleicht ist das der Grund,warum Ömer ihr so imponierte und sie so für sich einnahm. »Missverständnisse, nein, die gab es nicht bei uns«, ist Ömersich sicher. »Ich habe immer ganz genau gesagt, wie ich wasmeine. Ich bin immer sehr offen und klar. Tu das, was du nichtlassen kannst, habe ich immer gesagt.« Stella nicktzustimmend. »Ich stellte sie stets vor die Wahl. Ich sagte ihr,was mir gut gefallen würde, und sie konnte entscheiden, ob siemitmachen wollte oder nicht.« Stella fällt dazu ein Beispielein: »Du wolltest nicht so gerne, dass ich mich mit Männernallein verabredete. Du hast mir deine Ansicht erklärt, und siehat mir eingeleuchtet.« »Ich habe einfach den Spieß umgedreht: Wie würdest du esfinden, wenn ich mich mit anderen Frauen allein zumFrühstück verabrede?« Ömer ist für klare Verhältnisse.Ehrlichkeit ist für ihn das oberste Gebot. »Angeschwindelthaben wir uns nie. Uns etwas vorzumachen, das haben wirnicht nötig«, meint er ganz selbstsicher. Schließlich gab es die feste gemeinsame Basis. Ömer meint:»Ich habe mir immer eine Familie mit Kindern gewünscht.Wenn ich von der Arbeit nach Hause komme, kann ich noch sokaputt sein, auf meine Kinder und meine Frau freue ich michimmer. Das ist für mich Erholung.« Stella sieht das genauso.Sie arbeitet an drei Tagen als Sozialpädagogin. Ihre beidenKinder, sieben und fünf Jahre, lohnen die Aufmerksamkeit, diesie fordern. »Ab einem gewissen Alter denke ich, muss manals Mann bereit sein, Verantwortung für Frau und Kinder zuübernehmen. Wenn man dazu nicht bereit ist, dann brauchtman auch nicht Kinder in die Welt zu setzen und zu heiraten.Das ist schließlich keine Spielerei«, ist Ömer überzeugt. »Mitden Gefühlen einer Frau zu spielen ist nicht meine Artgewesen.« Stella fand seine klare Haltung sehr überzeugend:»Er hatte sich schon viel mehr Gedanken gemacht als ich. Er
  • 182. hat mehr Richtlinien mitbekommen von seiner Familie, vonseiner Kultur und von seiner Tradition. Ich war zu der Zeit noch am Schwimmen.« So ergaben sieeine gute Kombination. Die Kinder haben beide türkische Vornamen bekommen.»Mir war das nicht so wichtig, aber Stella wollte esunbedingt«, meint Ömer großzügig. »Sie sollten zu unseremgemeinsamen Nachnamen passen«, begründet seine Frau. Wenn Ömer nach Hause kommt, ist es sein Part, die Kinderins Bett zu bringen. Er nutzt die Zeit, um ihnen Geschichtenvorzulesen. Meistens sind es türkische Erzählungen. So wollteer sie auch an die türkische Sprache heranführen. Beim Sohnhat das mehr Früchte getragen als bei der Tochter. »Bei ihmwar ich noch konsequenter, ich konnte mich ganz auf ihneinlassen. Als die Kleine dazukam, hatte ich zwei Bedürfnissezu befriedigen. So flossen auch immer mehr deutscheGutenachtgeschichten mit ein«, gibt Ömer zu. Doch bei beidensei ein Grundstock gelegt, der ausbaufähig sei, glaubt er. Dergemischtsprachige Kindergarten und der Türkischunterricht inder Schule sollen ein Übriges tun. Stella liebt die Türkei. »Das Land riecht so gut. Und erst dietürkische Küche. Ich liebe diese Gerichte.« Bei ihrerSchwiegermutter, die in der gleichen deutschen Stadt wie diejunge Familie wohnt, hat sie das Kochen der türkischenGerichte gelernt. »Das ist eine bemerkenswerte Frau«, findetStella. »Sie ist ganz allein, ohne ihren Mann, nach Mekkagereist«, bewundert sie die Selbstständigkeit dieser türkischenFrau. Bereits ganz am Anfang ihrer Beziehung bekam sie einenEindruck von der Großherzigkeit, die sie auch heute nochbewundert und die sie zum Teil beschämt. »Die Familie war indie Türkei gefahren um eine Hochzeit zu feiern. Da ich ganz inder Nähe ihrer nun leeren Wohnung einen Job angenommen
  • 183. hatte, bot die Mutter mir an, in dieser Zeit dort zu schlafen. Alsich ankam, lag da sogar ein wenig Geld zum Einkaufen fürmich auf dem Tisch. So eine Freigebigkeit kannte ich nicht.Bei uns zu Hause war immer alles sehr eng.« Dieser Eindruckbestätigte sich bei ihrem ersten gemeinsamen Türkeiaufenthalt.»Diese Gastfreundschaft ist überwältigend. Sie habenmanchmal so wenig und schlachten noch das letzte Huhn fürihre Gäste.« Die deutsche Pfennigfuchserei können die beidenPartner dagegen gar nicht leiden. »Wenn wir mit Freundenweggehen, bezahlt immer nur einer. Nichts ist schrecklicher alsdas peinlich genaue Auseinanderrechnen am Schluss«, findenbeide. Diesen lockeren Umgang schätzen sie in ihremFreundeskreis, der sich sehr international zusammensetzt. »Wie kann man in Deutschland nur davon überzeugt sein,dass es hier keinen täglichen Rassismus gibt«, wundert sich dieschlanke Frau. »Wer mit offenen Augen durch die Welt geht,kann überall kleine Zurückweisungen beobachten.« Durchihren Mann hat sie mittlerweile einen Blick dafür entwickelt.Der eloquente Ömer hat sich dazu seine Gedanken gemacht:»Das wird auch durch die Politik unterstützt. Wie könnenPolitiker von den Einwanderern Integration fordern, wenn siesie gleichzeitig immer noch als Gastarbeiter bezeichnen. Siehaben immer noch nicht akzeptiert, dass diese Menscheneingewandert sind und bleiben werden. Die junge Generationhat gar keine Wahl, sie ist hier geboren und kennt die Türkeigar nicht. Dennoch wird ihnen eine Heimat verweigert. Wennsie sich hier wohlfühlen können, werden sie sich gerne inDeutschland einbringen und integrieren. Das haben andereLänder schon wesentlich besser verstanden. In Englandgehören zum Beispiel andere Kulturen in den Medien, in denUnternehmen und in der Politik zum normalen Bild. Da hatDeutschland noch einiges nachzuholen.«
  • 184. Ömer weiß, wovon er redet. Er hat sich als einer der wenigenTürken eine feste, gut bezahlte Stelle im Management einesgroßen Unternehmens erobert. »Meine Kollegen sagen oft zumir: ›Du bist gar kein richtiger Türke.‹ Dann sage ich zu ihnen:›Für euch bin ich genau der richtige Türke.‹« Bei Sitzungen iminternationalen Rahmen kommen die Vorteile seinerinterkulturellen Erfahrung klar zum Vorschein. »Zu denFranzosen finde ich viel leichter einen Draht als meinedeutschen Kollegen. Wir Türken sind viel geübter im leichtenSmalltalk. Die Deutschen wollen dagegen immer gleich zumInhaltlichen vorstoßen und vergessen, wie wichtig dieAtmosphäre bei solchen Gesprächen ist. Da kann ich ihnen einbisschen helfen«, freut sich Ömer. Für Stella ist die positiveReaktion auf ihren Mann ganz logisch: »Ömer hat immer guteLaune, er hat einfach eine positive Einstellung dem Lebengegenüber«, bestätigt sie. Doch auch in der eigenen Familie gab es Vorbehalte. »Fürmanche Verwandten wurdest du erst interessant, als die hörten,du willst einen Türken heiraten«, empört sich Ömer. »Plötzlichwollten sie sich um dich kümmern und dich vor deinemUnglück bewahren.« Zu einem Onkel von Stella haben sie denKontakt abgebrochen, da er Ömer als Mann für seine Nichtenicht akzeptieren konnte. »Das war für mich eine schwierigeErfahrung, weil dieser Onkel früher für mich ein Ersatz fürmeinen ständig abwesenden Vater war. Es war für mich einschwerer Gang zu akzeptieren, dass das gar nichtzusammenpasste«, gibt Stella zu. Ömers Vater mussteebenfalls erst überzeugt werden, dass die Ehe mit einerDeutschen gut gehen könne. Mit einem gut platzierten Hinweisauf die vielen gescheiterten türkisch-türkischen Beziehungenin seinem Bekanntenkreis brachte Ömer ihm seineEntscheidung für Stella bei. »Meine Eltern mussten dasakzeptieren. Ich hatte mich entschieden.«
  • 185. Ömer hat sich seit seiner Jugend mit dem Glaubenbeschäftigt. »Wer sich die Welt mit all ihren kleinen undgroßen Wundern ansieht, kann wohl kaum an einen Zufallglauben. Hinter all dem muss etwas Größeres stehen.« Ömersieht es so: »Was habe ich zu verlieren, wenn ich an Gottglaube? Wenn ich Recht habe, ist es gut. Und wenn ichUnrecht hatte, habe ich durch meinen Glauben im Lebenwenigstens einen Halt gehabt.« Stella konnte sich seinerÜberzeugungskraft nicht entziehen; sie ist zum Islamkonvertiert. »Ich bin nicht christlich erzogen worden. Ichwurde auch nicht getauft und konfirmiert. Das waren günstigeVoraussetzungen«, erzählt sie lachend. Schweinefleisch wurdeauch in ihrer Familie nicht gegessen, da ihre Schwester eineNahrungsmittelallergie hatte. »Da trafen sich unsereFamiliengewohnheiten. Ich brauchte mich nicht großumzugewöhnen«, berichtet sie. Den Kindern zuliebe feiern die beiden heute auchWeihnachten und Ostern. »Ich habe sogar einen Baum gekauftund ihn in die Wohnung getragen, das muss man sich malvorstellen. Was tut man nicht alles für seine Kinder«, wundertÖmer sich über sich selbst. »Wir sehen das als ein Zeichen derGemütlichkeit. Außerdem duftet er gut«, tröstet Stella. Dieislamischen Feste begeht die kleine Familie im Kreise dertürkischen Verwandten. Unter ihnen gibt es vielepraktizierende Muslime, bei denen die Kinder die islamischenFeiern miterleben können. »Das ist nicht inszeniert, sondernganz natürlich«, freut sich Stella. »So erleben die Kinderbeides.« Ihr Sohn wurde beschnitten. »So hat er später die freieWahl«, erklärt Stella. »Wenn wir mal in der Türkei wohnensollten, muss er sich dort nicht anders fühlen.« So gut, wie esden beiden dort gefällt, können sie sich das schon vorstellen.»Doch wegen der Kinder bleiben wir erst einmal hier. Das
  • 186. wäre doch schon komisch! Deine Eltern sind ausgewandert,um ihren Kindern mehr Möglichkeiten in Deutschland zubieten, und wir ziehen wieder in die Türkei zurück«, meintStella. »Wer weiß, vielleicht sieht das in 15 oder 20 Jahrenschon anders aus«, überlegt Ömer. Er selbst war mit neunJahren nach Deutschland gekommen. Seine Eltern waren schondrei Jahre zuvor umgezogen, bevor sie die Kinder nachholten. Die beiden haben schon viel gemeinsam geschafft. »Da gabes auch harte Zeiten. Nach dem Abitur habe ich neben demStudium immer gearbeitet. Alles was wir haben, haben wirallein finanziert«, erzählt Ömer stolz. »Wir hatten eben klarunsere gemeinsamen Ziele vor Augen: Wir wollten eineFamilie zusammen aufbauen.« Stella erklärt: »Bis 30 wollteich mein erstes Kind haben, da mussten wir uns ranhalten.« Stella erinnert sich an ihre Hochzeit. Sie lacht: »UnsereHochzeitsbilder waren zum Schreien komisch: Auf der einenSeite lauter blonde, kleine Friesen und auf der anderen Seitelauter schwarzhaarige, kräftige Türken. Das war ein lustigerAnblick«, erzählt sie. »Da prallten schon Welten undAnsichten aufeinander.« Sie freut sich über die gelungeneMischung, die sie gemeinsam angerichtet haben. »Mit unsklappt es gut, nicht wahr?«, fragt Ömer seine Frau zumSchluss. Er ist sich ihrer Antwort sicher. Sie braucht ihm nurwortlos ihre Hände hinzustrecken. Mit zufriedener Mienenimmt er sie und drückt sie einmal kurz.
  • 187. Ihre Aufgabenbereiche sind klar aufgeteilt. Nach seiner Doktorarbeit bekleidet er die gewünschte Position im gehobenen Management, und sie betreut den zweijährigen Sohn. Sie: Er hat nie versucht, über mich zu bestimmen. Er: Sie verbindet südländische Lebensart mit deutscherZuverlässigkeit. Außerdem schätze ich wirklich sehr, dass sie so delikat kochen kann. Ich würde wieder eine türkische Frau heiraten TÜRKISCHE BÜROKAUFFRAU, 32 & DEUTSCHER WIRTSCHAFTSINGENIEUR, 35»Meine Eltern hätten es sehr gerne gesehen, wenn ich einentürkischen Ehemann gefunden hätte. Doch irgendwann hatteich sie dann so weich gekocht, dass sie meinten, ich sollte jetztendlich heiraten, sonst würde ich noch eine alte Jungferwerden. Zu diesem Zeitpunkt war es ihnen schon egal.Hauptsache ein Ehemann«, lacht Selvi. So durfte es auch ein Deutscher sein. »Ich war dein Retter«,scherzt ihr Mann Torben. »Meine Mutter hat ihn sofort alsSchwiegersohn akzeptiert«, erklärt die junge Frau mit demmädchenhaften Gesicht. »Mein Vater hätte zwar lieber einenTürken gehabt. Da er im Deutschen nicht sehr flüssig ist, findetzwischen ihnen nicht so ein Gespräch statt, wie er es sichgewünscht hätte. Er ist jemand, der gerne türkische Witze undGeschichten zum Besten gibt. Die kommen jetzt leider beiTorben nicht so zur Geltung.« Vor acht Jahren haben sich die beiden in ihrer Heimatstadt imWeserbergland kennen gelernt. Die Altbauwohnung, die sie
  • 188. heute mit ihrem zweijährigen Sohn bewohnen, liegt in einemschicken Stadtteil. Nachdem ihnen beiden klar war, dass siezusammenbleiben wollten, informierte sich Torben bei seinerzukünftigen Frau genau, wie ein Heiratsantrag bei ihren Elternstandesgemäß zu stellen wäre. So wurde erst ein Freund derFamilie gebeten nachzufragen, ob ein Besuch zusammen mitTorbens Eltern möglich wäre. Diesem Ansinnen wurdezugestimmt. Bei diesem Anlass bat dann Torbens Mutter umSelvis Hand. Danach wurde heftig um den Brautpreisgefeilscht. »Mein Vater wollte alte, türkische Goldtaler haben,aber nicht für sich. Er wollte, dass ich eine Art Mitgiftbekomme«, erzählt Selvi. »Das wurde wirklich cash über denTisch geschoben. Eine fünfstellige Summe. Das gehörte dazu«,wirft Torben ein. »Das wurde natürlich hinterher wieder in dasFamilieneinkommen zurückgeführt…« »Ja, ja, mein Lieber«, neckt Selvi ihren Mann ein wenigvorwurfsvoll. »Nun, wir haben halbe, halbe gemacht. Für dieeine Hälfte haben wir eine Küche gekauft. Die andere Hälftehast du behalten«, verteidigt sich Torben. »Einen Fehler habe ich allerdings gemacht«, gibt derhabilitierte Wirtschaftsingenieur heute zu. »Auf die Frage, wiewollen wir denn Hochzeit feiern, habe ich etwas blind undkopflos geantwortet: ›Wir wollen eine türkische Hochzeitfeiern‹, denn ich fand deutsche Hochzeiten immer sehrlangweilig und steif. So dachte ich, wir machen einegroßartige, türkische Hochzeit.« »Bist du dir sicher?«, hatte Selvi ihn damals ungläubiggefragt. Heute sei ihm klar, warum. Bei einer türkischenHochzeit handele es sich nicht um eine sondern um fünfFeiern, die organisiert, vorbereitet, durchgeführt und bezahltwerden müssen. Und bei allen seien 200 bis 450 Gästeanwesend gewesen. »Die Hälfte davon habe ich bei meinerHochzeit zum ersten Mal gesehen und werde sie
  • 189. höchstwahrscheinlich auch nicht wieder sehen«, meint Torbenskeptisch. Auch die Gäste hatten ein paarEingewöhnungsschwierigkeiten. »Den Türken war dieBeleuchtung zu dunkel, den Deutschen zu hell. Den Türkenwar die Musik zu leise, den Deutschen zu laut«, benenntTorben die unterschiedlichen Erwartungen. »Die Türkenwollen halt hauptsächlich feiern und tanzen. Den Deutschensind das Essen und die Unterhaltung wichtiger«, erklärt Selvi.Doch noch heute werde Torben von seinen Freunden auf seineHochzeit angesprochen: »Du, deine Hochzeit, die war schoncool…« »Zum Glück hat sich Selvi vor der Hochzeit nicht traditionellverhalten. Mir haben die türkischen Männer erzählt, dass dieFrauen sich vor der Hochzeit zieren und anfangen zickig zuwerden. Der Mann soll herausgefordert werden sich zubemühen. Die Männer kennen das und spielen dieses Spiel mit.Wenn Selvi das gemacht hätte, dann hätte ich die Hochzeitwohl abgesagt. Ich war emotional, mental und psychisch nichtmehr in der Lage, irgendwelche Spielereien zwischen uns zuertragen. Zum Glück haben wir uns in der Zeit gut verstandenund an einem Strang gezogen«, erinnert sich Torben. Selvi ist Alevitin, Torben evangelischer Christ. Für ihrenJungen haben sie sich vorgenommen, ihm beide Religionenvorzuleben und so näher zu bringen. »Aus Selvis Sicht ist esallerdings so: Jedes Kind wird erstmal als Moslem geboren.Erst wenn es getauft ist, wird es ein Christ«, erläutert Torben.»Ein Abtrünniger…«, wirft Selvi ein. Torben fährt fort: »Bisjetzt haben wir das Problem umschifft, indem wir gesagthaben, unser Sohn soll später selbst entscheiden, ob er getauftwird.« Selvi räumt ein: »Ich dachte eine Zeit lang darüber nach, ihntaufen zu lassen, weil er doch Deutscher ist. Er lebt in einerdeutschen Umgebung und so liegt es nahe, dass er auch Christ
  • 190. wird. Zum Islam hat er nur den Bezug über mich, über seineGroßeltern und die paar Urlaube, die wir machen werden«,überlegt sie. »Aber auf der anderen Seite sehe ich auch, dass eshier keine gelebte Religion mehr gibt. Ich bin aber der festenÜberzeugung, dass man an irgendetwas glauben muss. Wennman das nicht hat, dann fehlt einem was. Und das stelle ich beiganz vielen Deutschen fest. Da schweifen so viele in Sekten,Alkohol oder Drogen ab«, findet sie. »Na gut, aber das könnte ich ihm ja auch vorleben«, wirftTorben ein. »Ich bin zwar keiner, der das nach außen trägt,aber ich habe schon einen festen Glauben.« Etwasnachdenklich geworden fügt er hinzu: »Das wird natürlichnoch ziemlich spannend für uns beide, wo sich unser Sohnspäter so einordnen wird…« Über die Wahl der Familiensprache bzw. -sprachen waren siesich schneller einig: »Ich spreche mit ihm in meinerMuttersprache«, erklärt Selvi. »Ich wollte, dass er Türkischlernt, schon allein wegen der Verwandten in der Türkei. Ichselber bin mit drei Jahren nach Deutschland gekommen undkann mich nicht erinnern, dass ich Deutsch gelernt habe. Mitvier, fünf Jahren konnte ich es einfach. In dem Alter sollte mandie Sprache gelernt haben, später ist es schwieriger. ImTürkischen gibt es dazu ein Sprichwort: Die Zunge dreht sichnicht mehr.« Untereinander sprechen die Ehepartner Deutsch.Doch da Torben Türkisch ganz gut versteht, kann er auch dieGespräche zwischen Selvi und dem Sohn mitverfolgen. Torben kann die Türkeiaufenthalte bei Selvis Familie ineinem Dorf bei Izmir in vollen Zügen genießen, denn er lässtsich dort nach Herzenslust verwöhnen. »Das ist schon super.Ich fühle mich extrem wohl dort. Den türkischen Kulturkreisgenieße ich sehr. Ich verstehe die Sprache nicht perfekt, daherachte ich auf ganz andere Dinge. Auf Gestik, auf Mimik.« Erlacht auf: »Manchmal reicht es bereits, wenn ich treudoof
  • 191. gucke. Dann kommt die Tante und sagt: ›Selvi, er will Tee,mach Tee, sofort!‹ Und Selvi muss dann in die Küche dackelnund Tee machen. Und ich sitze da und freue mich…«, grinster. Ihm fällt noch ein Beispiel ein: »Wir haben von denVerwandten jeder einen Olivenbaum in der Türkei geschenktbekommen, damit wir auch einen Anker in diesem Landhaben. Wir sollen den Kontakt zu ihnen halten, damit wirimmer wieder kommen. Das finde ich sehr schön.« Torben ist der erklärte Liebling aller Frauen im Dorf, da erals einziger Mann seiner Frau beim Wickeln, beimFlaschemachen und bei der Betreuung des Kindes zur Handgeht. »Da sind alle neidisch auf mich«, erläutert Selvi. »Als Deutscher kann ich mir das erlauben. Als türkischerMann wäre das nicht so gut angesehen«, überlegt Torben. »Ich wollte niemals einen Türken. Das hat mich nie gereizt.Für mich waren sie verwöhnte Paschas, die das, was sie vonihren Müttern kennen gelernt haben, von ihren Ehefrauenfortgesetzt haben möchten. Ich wollte die Zwänge, die ich inder Familie erlebt habe, auf keinen Fall fortsetzen. Keintürkischer Mann würde in der Art mit mir leben wollen wieTorben und mich so lassen, wie ich bin. Die sind alle Machos –so dachte ich jedenfalls damals«, erinnert sich Selvi. Heutesieht sie das etwas differenzierter: »Es gibt extreme Machos,gemäßigte und leichte Machos.« Im hinteren Teil der Wohnung ist etwas umgefallen. Manhört das Kind schreien. Selvi bleibt ruhig sitzen, obwohl dieRufe des Kleinen nach »Anne, Anne!« deutlich zu hören sind.Ohne ein Wort darüber verlieren zu müssen, steht Torben aufund schaut nach dem Jungen. »Ich habe jetzt Feierabend…«,erklärt sie. Die beiden haben ihre Aufgabenbereiche aufgeteilt. AlsTorben wieder zurückkommt, erklärt er: »Wir sind
  • 192. gleichberechtigt, das ist für mich normal. Aber ich spüre schondie Trennung der Geschlechter und die unterschiedlichenAufgaben. Es ist so, dass ich nicht den Putzteufel spiele undgroß koche, wenn ich nach Hause komme. Das ist eher SelvisPart. Ich bin derjenige, der das Geld verdient. Wenn sich daseinmal ändern wird und Selvi mit verdient, habe ich gar nichtsdagegen. Je mehr Geld wir haben umso besser«, meint ergroßzügig. Es sei für ihn selbstverständlich, sich für das Kindgenauso verantwortlich zu fühlen wie seine Frau. Wann immeres geht, nimmt er ihr den Kleinen ab, damit sie Zeit für sichhat. In der Kleinkindphase, als das Durchschlafen nochschwierig war und Selvi unter ständigem Schlafentzug litt,stellte er seinen Wecker auf halb sechs, legte das Kind in denBuggy und joggte mit ihm anderthalb Stunden, um danach zurArbeit zu gehen. So verschaffte er seiner Frau eine Zeit, in dersie ganz ungestört und tief schlafen konnte. »Selvi bereichert mein Leben«, ist das Resümee von Torben.Er schätzt an seiner Frau, dass sie mit ihrem Temperament undihrer südländischen Lebensart sein Leben in Deutschlandeinfach verschönere. »Sie hat eine andere Wahrnehmung fürbestimmte Dinge. Das finde ich sehr schön. Dazu gehörenauch ganz banale Sachen wie den Haushalt organisieren oderKochen. Ich meine damit nicht, irgendetwas warm machensondern delikat kochen. Das ist sehr beeindruckend. Das gehtnicht nur mechanisch, sondern hat viel mit Gefühl zu tun.Trotzdem ist sie sehr deutsch. Sie kann sehr häuslich sein undist dabei nie langweilig. Da Selvi beide Kulturen in sich trägt,funktioniert das sehr gut in der deutschen Gesellschaft«,begründet er. Selvi wiederum schätzt ihr Plus an Freiraum undUnterstützung durch ihren deutschen Ehemann. »Wenn du vonmir ein Schlusswort hören möchtest«, bietet Torben zum Endedes Gespräches an, »wäre es dieses: Ich würde immer wieder
  • 193. eine türkische Frau heiraten.« Nach einem Blick auf seineFrau, die ihre Augenbrauen beim letzten Satz schon leicht indie Höhe gezogen hatte, ergänzt er schnell: »Und am liebstenSelvi.«
  • 194. Mit 18 Jahren war sie, um ihre Verheiratung zu verhindern, unter Lebensgefahr untergetaucht. Sie: Heute bin ich dieEinzige aus meiner Familie, die ein glückliches und geordnetes Leben führt. Ein radikaler Bruch TÜRKISCHE KÜNSTLERIN, 44 & DEUTSCHER LEHRER, 50Semas Vater hatte für seine Tochter einen Ehemannausgesucht. »Verlob dich erst einmal mit ihm. Dann kannst duihn ein wenig kennen lernen. Wenn er dir dann nicht gefällt,kannst du die Verlobung wieder auflösen«, versuchte der Vaterdas junge Mädchen zu überreden. Doch Sema wusste: »Dasstimmte nicht, dann kann ich nicht mehr zurück.« Die jungeFrau kannte ihre Familie ganz genau. Ihr Vater war mit seinen Kindern, als Sema noch imKleinkindalter war, nach Deutschland gekommen. Die Mutterblieb in der Türkei. So bedeutete der Umzug für Sema auchden Verlust der Mutter. Ihr Vater sorgte ab diesem Zeitpunktallein für seine drei Kinder. Immer wieder aber kamen Frauenins Haus. »Doch Frederike, Helga und Gisela verschwandenleider immer wieder nach kurzer Zeit.« Sema fand diedeutschen Frauen so sympathisch, dass sie sie gerne als Mutterbehalten hätte, doch der Vater beendete die Beziehungen,sobald die Frauen an Heirat dachten. Eine deutsche Frau, nein,er glaubte nicht daran, dass eine solche Beziehung auf Dauerfunktionieren würde. Dann kam nach Gisela eine türkische
  • 195. Frau. Und diese blieb. »Doch ausgerechnet mit ihr verstand ichmich überhaupt nicht«, erinnert sich Sema. Mit 15 Jahren nahm ihr Vater sie aus der Schule. Seitdemarbeitete sie in der Produktion bei Siemens. Die Verheiratung,die ihr Vater nach weiteren zwei Jahren in die Wege geleitethatte, machte ihr klar: Sie musste sich entscheiden; entwederwollte sie nach ihren eigenen Vorstellungen leben oder nachdenen ihrer Familie. Sie wagte den folgenschweren Entschluss:Sie tauchte unter. Mit Hilfe einer Arbeitskollegin, schaffte siekurz nach ihrem 18. Geburtstag den Ortswechsel. Monatelanghatten die beiden die Flucht sorgfältig geplant. Sie sollte beider Schwester der Kollegin wohnen, die mehrere 100Kilometer entfernt lebte. Alles war gut verlaufen. Niemand ausSemas Familie hatte bisher ihre Spur aufnehmen können.»Doch die Todesangst verließ mich nicht. Ich wurdeschließlich durch meine Kollegin bestens auf dem Laufendengehalten, welche Schritte meine Familie unternahm, um mirauf die Schliche zu kommen. Mir war klar, dass sie alles tunwürden, um mich zu finden.« So nahm sie gerne das Angebotihrer Gastgeberin an, sie in ihren Urlaub nach Spanien zubegleiten. »Ich bin danach für ein Jahr dort geblieben. Endlichkonnte ich mich sicher fühlen.« Erst nach dieser Zeit wagte Sema es, wieder nachDeutschland zurückzukehren. »Ich jobbte als Putzfrau undging gleichzeitig zur Erzieherfachschule, um meinenRealschulabschluss nachzuholen und eine Berufsausbildung zumachen.« Sema strahlt in der Erinnerung übers ganze Gesicht:»Da hatte ich meine wilde Zeit. Ich genoss es, frei zu sein undhatte viele Freunde.« Ihr war klar: »Nie würde ich meineUnabhängigkeit wieder aufgeben. Heiraten wollte ich nichtund Kinder kriegen auch nicht.« Ihr Frauenarzt hatte ihrohnehin mitgeteilt, dass sie keine Kinder bekommen konnte.Sie erkannte klar den Vorteil darin: Keine Abhängigkeiten! Sie
  • 196. hatte viele Freundinnen aus der Lesbenszene, obwohl sie selbstnicht dazugehörte. »Die hatten viel mit mir vor. Sie dachten,ich könnte noch mein Abitur machen und studieren. Aber ichhatte immer Zweifel daran, ob das zu mir passen würde.«Sema sah sich nicht als Intellektuelle. Mit 22 Jahren traf sie dann in einer WG, in der eine Freundinvon ihr lebte, auf den frisch gebackenen Lehrer Jürgen. Siedachte zunächst an eine Beziehung von vielen. Auf Dauer warnichts in ihrem Privatleben angelegt. Sie wollte schließlich ihregerade gewonnene Freiheit ausschöpfen. »Da herrschte dasLustprinzip vor.« Jürgen, der bis hierhin seiner Frau dasErzählen überlassen hat, wirft mit einem angedeuteten, fastzufriedenen Lächeln ein: »Doch dann hat sich unsereBeziehung naturgegeben anders entwickelt.« Sema nickt. »Ichwurde schwanger, trotz der Aussage des Arztes.« Und sie fährtmit einem Augenzwinkern fort: »Was für mich aber nichtbedeutete, dass die Beziehung zu Jürgen festgezurrt werdenmusste. Ich konnte das Kind kriegen, weiter zur Schule gehenund Jürgen konnte uns ab und zu besuchen«, war ihre damaligeVorstellung. Der linksliberale Jürgen aus der WG war da aberganz anderer Auffassung: »Ich wollte kein Vater werden, ohnean der Erziehung beteiligt zu werden.« So machte er Semaeinen Heiratsantrag. »Was meinen WG-Genossen einen tiefenSchock versetzte«, freut er sich noch heute diebisch. »Kinderkriegen mochte noch angehen, aber Heiraten war damalstabu.« Es freute ihn, mit einem Verhalten, das bis vor kurzemnoch konventionell war, jetzt provozieren zu können. DochSema war von seinem Ansinnen keineswegs angetan. »DreiTage habe ich geheult«, bekennt sie. Sollte sie eineEntscheidung treffen, die ihr womöglich neue Fesseln anlegte?Genoss sie nicht gerade ihr selbstständiges Leben mit denvielen unverbindlichen Freundschaften? Doch nach diesen dreiTagen des Insichgehens wusste sie es: Sie wollte den Schritt
  • 197. wagen, der im Gegensatz zu dem ersten Antrag ganz allein ihreeigene Entscheidung war. »Das war ein schwerer Prozess, aberam Ende wusste ich, was ich wollte, und freute mich aufunsere Heirat.« Sie grinst: »Außerdem hatte ich einen Wunschfrei, nachdem ich endlich ja gesagt hatte.« Jürgen erklärt: »Ichmusste mir also meinen Bart abnehmen.« »Ich wollte schließlich mal sehen, mit wem ich mich geradeverlobt hatte.« Jürgens Mutter, die ihn ohne den früh verstorbenen Vaterallein großzog, war von der Braut Sema gleich angetan. »Daswar bei ihren Vorgängerinnen ganz anders«, meint Jürgen.»Wir haben uns bis zu ihrem Tod letzten Sommer im Alter von91 Jahren sehr gut verstanden«, bestätigt Sema. »Meine Frauhat mir immer mal wieder vorgeworfen, dass ich so wenigKontakt zu meiner Mutter hatte«, meint Jürgen nachdenklich.Er hat eine Erklärung gefunden: »Ich musste mich imGegensatz zu ihr von meiner Mutter, die zu ihrem Sohn alsallein erziehende Frau natürlich eine besonders engeBeziehung und an ihn viele Erwartungen hatte, erst einmallösen.« Sema dagegen genoss es, wieder eine Mutter zu haben.»Ich hatte schließlich keine schlechten Erfahrungen mit einerüberbehütenden Mutter gemacht.« Ganz im Gegenteil: Sokonnte sie sich unbefangen über die neuen Familienbandefreuen. Man fand eine Wohnung, die Platz für die eigeneKleinfamilie bot. »Sie lag in Sichtweite zu meiner altenWohnung«, freut sich Sema, die ihre nette Hausgemeinschaftnur ungern aufgegeben hätte. In der noch leeren Wohnungfeierten sie ihre Hochzeit. Ihre Hochzeitsreise nach Spanienhatten sie vorgezogen; sie wussten, dass die Zeit nachherknapp werden würde: Der Geburtstermin des Kindes war dreiWochen nach der Hochzeit. Sema brach ihre Erzieherschule
  • 198. ab; sie wollte sich erst einmal auf ihre neuen Aufgabenkonzentrieren. Sie brachte einen Sohn zur Welt. »Jürgen machte seinVersprechen wahr und kümmerte sich zu gleichen Anteilen mitum die Erziehung.« Nach zwei Jahren musste er sogar für einJahr fast die ganze Erziehungsarbeit leisten. Sema bekam ihrzweites Kind, doch es war schwer krank. Es litt anNiereninsuffizienz. Sie verbrachte fast die ganze Zeit mitihrem kleinen Sohn im Krankenhaus. Sema stehen bei dieserErinnerung die Tränen in den Augen. »Nach einem Jahr habenwir ihn verloren.« In solchen Momenten vermisst sie denRückhalt einer großen Familie besonders. »Sie können einemsolche Schicksalsschläge ertragen helfen«, meint auch Jürgen. Nach weiteren zwei Jahren wurde Sema erneut schwanger:Das Mädchen, das sie zur Welt brachte, sei gesund,bescheinigte man ihr. Doch nach einem halben Jahr stellte sichheraus, dass auch sie an der Krankheit ihres verstorbenenBruders leidet. »Doch sie ist stärker. Heute ist sie ein kesses,17-jähriges Mädchen.« Wenig später klingelt es und ein schlankes Mädchen mitbraunen Locken kommt zur offenen Küche herein. Sie begrüßtzuerst den Kater und dann mit einer langen Umarmung ihreMutter und ihren Vater. Die Ähnlichkeit zwischen ihr und ihrermädchenhaften Mutter ist unverkennbar. Der Sohn kommt dieTreppe herunter: »Ich geh dann mal zu meinem Freund.« Der21-Jährige mit dem lockigen, schwarzen Haarschopf klemmtsich die Spielesammlung aus dem Wohnzimmerregal und eineTüte Kekse unter den Arm und verabschiedet sich. Die Tochtergeht mit einem fröhlichen »Salut« nach oben in ihr Zimmer. Inzwischen ist die Familie in ein Endreihenhaus in einerschön gelegenen Wohngegend gezogen. Sie haben es ganznach ihren Vorstellungen umgebaut. »Wenn Sie auf ein Hausstoßen, das wie eine kleine Schwimmhalle aussieht, dann sind
  • 199. Sie richtig«, hatte Sema den Weg beschrieben. Diegutbürgerlichen Nachbarn waren zunächst nicht ganzeinverstanden mit ihren unkonventionellen Umbauplänen, diedas Backsteinhaus um einen Anbau mit viel Glas und einemschrägen Balkonaufsatz erweitern sollten. In diesem kreativgestalteten, hellen Vorbau steht der großzügige Holztisch mitden vielen Stühlen, an dem wir Platz genommen haben. »Apropos Ablösungsprozesse«, meint Sema ganz unschuldiglächelnd, »unser Sohn sieht keinerlei Grund für einen solchen.Ich stände dem aber sehr positiv gegenüber, schließlich sollenunsere Kinder auch irgendwann ihr Leben selbstständigmeistern können.« Ihre Handbewegungen sind dabeiunmissverständlich: Mit einer wedelnden Geste macht sie dieEntwicklungsrichtung für ihren Sohn klar. Offensichtlichgefällt es ihm aber im Haus seiner Eltern so gut, dass er keinenGrund für eine baldige Umorientierung sieht. »Da gab es auch Unterschiede in unserenErziehungsvorstellungen«, erinnert sich Sema. »Ich habe denKindern immer mehr Freiheiten gegeben, Jürgen plädiertedagegen für engere Grenzen.« Sie erzählt von einem Beispiel:»Ich habe unserem Sohn schon früh erlaubt, abends längerwegzugehen. Da ich auch ein Nachtmensch bin, hatte ichvollstes Verständnis dafür, dass er erst um drei, vier Uhrmorgens nach Hause kam. Das bedeutete dann natürlich auch,dass er am nächsten Tag etwas länger schlafen musste.« Dafiel das gemeinsame Frühstück oder auch Mittagessen, dasJürgen sich am Wochenende mit seiner Familie gewünschthätte, oft aus. »Wenn er dann um eins immer noch nicht ausseinem Zimmer gekommen war, fand ich das schon etwasmerkwürdig«, bemerkt Jürgen. Nachdem der Sohn geboren worden war, kam eine Tante vonSema aus München, um die neue deutsch-türkische Familie inAugenschein zu nehmen. Sema hatte sie unter großen
  • 200. Vorsichtsmaßnahmen von ihrem Verbleib in Kenntnis gesetzt.Unter ihrer Mitwirkung wurde ein Treffen mit dem Vater aufneutralem Boden, in ihrer Münchner Wohnung, vereinbart.»Solange Jürgen und mein Sohn noch dabei waren, lief alles innettem, höflichem Ton ab. Doch als wir abends alleinzusammensaßen, wurde Tacheles geredet. Mein Vater schlugeinen harten, aggressiven Ton an und machte mir großeVorwürfe. Er nahm ein herumliegendes Werkzeug zur Handund meinte, er hätte es mir in den Bauch gerammt, wenn esden kleinen Jungen nicht geben würde.« Sema erinnert sich mitBangen an die brenzlige Situation. Doch der Vater beruhigtesich wieder. Sie wusste nun: »Ich hatte es geschafft, aus demEinflussbereich meines Vaters zu gelangen. Er konnte mirnichts mehr tun. Ich fuhr mit meinem Mann und Sohn wiederunbehelligt zurück in unsere Wohnung.« Vor elf Jahren hat sie ihren Vater, der inzwischen in dieTürkei zurückgekehrt ist, in Istanbul besucht. »Dort hatten wirnach so langer Zeit endlich Gelegenheit, wirklich miteinanderzu sprechen.« Ihr Vater ist inzwischen ein alter Manngeworden, der auch in der Türkei nicht alles so vorfand, wie ersich es gewünscht und erträumt hatte. Er konnte mittlerweileauch Fehler zugeben. »Er erklärte, warum er meine Mutter inder Türkei zurückgelassen hatte. Ich konnte endlich verstehen,was in dem einsamen, entwurzelten Mann vorgegangen seinmusste, als er sich so vehement für die Einhaltung derTradition bei der Erziehung seiner Kinder einsetzte.« Semakann aus dem zeitlichen Abstand mit Milde auf die hartenEntscheidungen ihres Vaters blicken. Nach der Geburt der Tochter wollte Sema etwas Neuesbeginnen. »Ich spürte plötzlich, dass ich malen wollte.« Semaging in das Atelier, in dem ihr Mann schon immer gernezeichnete, und begann, großformatige Ölgemälde auf dieLeinwand zu werfen. »Für mich ist das eine sinnliche
  • 201. Angelegenheit, ich brauche die Inspiration der Farben undihrer Gerüche.« Viele Ausstellungen liegen nun schon hinterihr. Ihre Bilder rufen Reaktionen hervor. Entweder berührendie abstrakten Gemälde die Betrachter sofort oder sie habenSchwierigkeiten, sie zu verstehen. »Wenn man in dieÖffentlichkeit geht, muss man die Reaktionen der Umweltaushalten können«, gibt Sema zu. Die zarte Frau hat gelernt,mit ihnen umzugehen. Aus der Produktionshelferin Sema war nun eine Künstleringeworden. Doch während ihre Umgebung ihre großen Talentelobte, blieb sie immer bescheiden. »Mein Hauptberuf warimmer Mutter«, betont sie. Ihre Freunde sahen stets mehr inihr. So kam es, dass einige von ihnen sie ermunterten, eineAusbildung zur Familientherapeutin zu machen. »Ich war totalerstaunt und sogar entsetzt, denn ich mochte mir eine solcheAusbildung nicht zutrauen«, meint Sema, die bei sich zwarpraktische Pluspunkte aber theoretische Defizite vermutete.Doch sie wagte den Schritt und stieg mit Ärzten undPsychologen in den Kurs ein, der als berufsbegleitendeZusatzausbildung konzipiert war. »Am Anfang verstand ichzwar vieles noch nicht, aber bald wurde mir klar, dass auch ichetwas einzubringen hatte, was die anderen so nicht konnten.«Nach erfolgreichem Abschluss stand sie dennoch vorverschlossenen Türen, wenn es um eine Arbeitsstelle ging. »Mir fehlte immer noch der entscheidende Schein.« Siebrauchte den Abschluss der vor Jahren abgebrochenenErzieherschule, um die Ausbildung als Therapeutinanerkennen zu lassen. Ihre Lebenserfahrung zählte für eineEinstellung in Deutschland nicht. So biss sie in den saurenApfel und holte die fehlenden Jahre der Erzieherschule nach.»Da saß ich nun mit meinen über 40 Jahren neben den 17- bis18-Jährigen. Eine interessante Erfahrung!« Nachdem auchdiese Hürde genommen war, arbeitet Sema heute stundenweise
  • 202. in der Betreuung von Migrantenfamilien und kann endlich ihreinterkulturellen Kenntnisse auch beruflich einbringen. Sema ist Alevitin. Das hindert sie aber nicht daran, seitsieben Jahren im Kirchenchor der evangelischen Gemeindeihres Wohngebietes zu singen. »Sehr nette Leute, alle aus derGeneration der Altachtundsechziger«, sagt sie. Eine Freundinhatte sie eingeladen. Zunächst hatte sie entsetzt abgewehrt.»Einmal war ich vorher schon in einer Kirche gewesen undgleich wieder umgedreht. So kalt und spröde erschien es mirdort, dass ich mich spontan unwohl fühlte.« Doch ganz andersin ihrer Chorgemeinde. »Eine warme, herzliche Atmosphäre.«Seitdem singt Sema mit Leidenschaft und Begeisterungchristliche Kirchenlieder. »Ich glaube an ein höheres Wesen.Mit welcher religiösen Ausrichtung ist mir dabei unwichtig.«Ihre beiden Kinder wurden nicht getauft. Der Sohn holte esallerdings auf eigenen Wunsch nach, damit ihm dieKonfirmation ermöglicht wurde. »Alle seineKlassenkameraden gingen zum Konfirmandenunterricht, dawollte er auch«, erklärt seine Mutter. Sema hatte einen radikalen Bruch gewagt. Sie wollte einselbstbestimmtes Leben führen. Mit ihrem Mann hat sie ihrLeben genau so eingerichtet, wie es für sie beide passt. Dabeiemanzipierten sich beide von den jeweils in ihrem Umfeldherrschenden Vorstellungen; Sema von denen ihrer Familieund Jürgen von denen seiner lockeren WG. Während Sema einMehr an Freiheit suchte, wünschte sich Jürgen ein Mehr anVerbindlichkeit. Sie trafen sich in der Mitte. Heute kann selbstSemas Vater anerkennen. »Als einziges meiner Kinder führstdu ein glückliches und erfolgreiches Leben«, musste auch erseiner Tochter kürzlich selbstkritisch eingestehen.
  • 203. Sie wuchs als Einzelkind in einem wohlbehüteten Elternhaus auf. Trotz der strikten Ablehnung ihrer Eltern heiratete sie einen Deutschen. Das schlechte Gewissen war jahrelang ihrständiger Begleiter. Erst nach der Geburt ihrer Tochter hat sich das Verhältnis zu ihren Eltern verbessert. Sie: Manchmal war ich kurz davor, mit dem Auto gegen eine Mauer zu fahren. Niemanden enttäuschen DEUTSCHER PROKURIST, 45 & TÜRKISCHE FREMDSPRACHENKORRESPONDENTIN, 44»Ich war die Vorreiterin für viele Frauen in meinemBekanntenkreis«, meint Semra. Mit sanfter Stimme spricht sie,sorgsam formuliert sie ihre Sätze. Ihr Mann hat ihr gegenüberin der Sitzecke Platz genommen. Immer wieder streicht er,wenn er wie jetzt nachdenklich wird, über seine raspelkurzenHaare. »Ja, ich glaube, wir haben eine interessante Geschichtezu erzählen«, stimmt er seiner Frau zu. Semras Eltern waren schon Ende der fünfziger Jahre nachDeutschland gekommen. Doch sie wollten hier kein schnellesGeld verdienen; das hätten sie mit ihrer guten Vorbildung auchin der Türkei erreichen können. Der Vater hatte bereits studiertund die Mutter Abitur. Nein, der Vater wollte zu weiterenStudien für ein paar Jahre nach Deutschland.Auslandserfahrungen galten damals schon als Zeichen derQualifizierung. Kurz nach seiner Heirat entschloss sich dasjunge Ehepaar, dafür gemeinsam ins hoch angeseheneDeutschland zu gehen. Um sein Studium zu finanzieren,eröffnete der Vater ein Übersetzungsbüro und die Mutter
  • 204. bekam eine Stelle im türkischen Konsulat – kein Problem mitder Hilfe ihrer einflussreichen Istanbuler Familie. Der Vaterverdiente mit seinem Büro bald so gut, dass er auf seinStudium verzichtete. Dann wurde ihre Tochter Semra geboren. Die Elternentschlossen sich, doch länger als geplant in Deutschland zubleiben, denn die Situation in der Türkei hatte sich inzwischenverschlechtert. Also kam Semra in den Kindergarten unddanach in die Schule. »Meine Eltern haben mir eigentlich alleFreiheiten gelassen«, meint sie rückblickend. Sie durfteausgehen, sie durfte Sport treiben, sie durfte sich amüsieren.Doch das änderte sich, als ihre Eltern mitbekamen, dass siesich anscheinend mit einem speziellen Jungen etwas öfter traf.»Plötzlich verschlechterte sich die Stimmung zu Hause. Ichdurfte nur noch zu bestimmten Zeiten weg. Nur noch einenAbend in der Woche durfte ich ausgehen und auch nicht mehrso lange wie die anderen«, erklärt Semra. Schon mit 17 hatte sie Manfred kennen gelernt, und sie hattensich ineinander verliebt. Für Semra wurde das Leben zu einersehr komplizierten Angelegenheit: »Ich lebte zwei Leben.Wenn ich zur Haustür hereinkam, wurde ich zur bravenTochter, die genau aufpassen muss, was sie sagt. Sie darf sichauf keinen Fall verplappern. Ich lebte mit ständigen Lügen.Kaum war ich draußen, wurde ich zu einem aufgeschlossenenMädchen, das sich ganz wie alle anderen verhielt.« Manfred meint: »Während ich meinen Eltern Semra gleichvorgestellt habe und sie spontan von ihr angetan waren, konntesie mich nicht mit nach Hause nehmen.« Fünf Jahre währteihre heimliche Beziehung. »Mit einer Unterbrechung«, gibt Semra zu. Ihre Eltern hattensich eine interessante Strategie ausgedacht, um ihre Tochterauf neue Gedanken zu bringen. »Sie schlugen mir einAuslandsjahr vor. Nach meinem Abitur sollte ich für ein Jahr
  • 205. nach England gehen. Tolle Idee, dachte ich. So liberale Elternhabe ich also«, bekam sie wieder einmal bestätigt. Und dieStrategie zeigte Wirkung. Als sie wiederkam, trennte sie sichvoller neuer Eindrücke von Manfred. »Das war zum ersten Maleine völlig stressfreie Zeit mit meinen Eltern. Wunderbar wardie total gelöste Stimmung zu Hause. Keine Ermahnungen,keine Vorwürfe und kein Lügen, keine Heimlichkeiten mehr.Herrlich war das.« Doch sie vermisste Manfred schrecklich. Er versuchte immerwieder, Kontakt zu ihr aufzunehmen, und sie merkte, dass ihreZuneigung nicht geringer geworden war. »So kamen wir nachein paar Monaten doch wieder zusammen, aber ich deutete beimeinen Eltern nichts davon an. Ich wollte keinen neuenStress«, erinnert sich Semra. Doch Manfred wollte wissen,woran er mit seiner Freundin war. »Würden wirzusammenbleiben oder würde sie sich wieder von mir trennen,wenn ihre Eltern dahinter kamen? Ich wollte von ihr eine klareEntscheidung für oder gegen unsere Beziehung«, bestätigtManfred. Semra gab ihm grünes Licht für eine gemeinsameZukunft, die sie sich nicht mehr ohne Manfred vorstellenkonnte. Er hielt nach einer Wohnung Ausschau, dieausreichend Platz für sie beide bot. Er fand sie undunterschrieb den Mietvertrag. »Da fuhren wir abends in dieWohnung und renovierten sie gemeinsam. Dann fuhr ichwieder nach Hause, als wenn ich von einer Freundin käme, undmeine Eltern ahnten gar nichts von alledem. Sie wussten nichteinmal, dass ich wieder mit Manfred zusammen war.« Semraerinnert sich mit Schrecken an diese Zeit. »Das war furchtbar.Ich war nur auf der Hut. Ich durfte mich nie natürlichverhalten. Immer musste ich lügen.« Das fiel ihr besondersschwer, weil sie ihre Eltern doch liebte. Sie hatten ihr nurGutes getan, und sie war ihnen eigentlich zu Dank verpflichtet.Stattdessen hinterging sie sie.
  • 206. »Mein Vater hatte die Angewohnheit, immer auf mich zuwarten, wenn ich aus war. Ich hatte immer eine genaue Uhrzeitmitbekommen. Zu der stand er dann schon auf unserem Balkonund erwartete mich.« Auch bei Wind und Wetter stand er dortund hielt nach ihr Ausschau. »Egal wie spät es war, wir setzenuns dann zusammen in die Küche, kochten etwas Schöneszusammen und aßen gemeinsam. Dabei redeten wir über allesMögliche.« Sie redeten über alles, nur nicht darüber, wo Semragerade gewesen war und mit wem sie sich getroffen hatte. Daswar tabu. »Ich freute mich, einmal nicht lügen zu müssen.« Doch Semra hielt die Situation nicht mehr aus. »Oft habe ichauf dem Heimweg aus unserer Wohnung gedacht, am bestenfährst du jetzt einfach mit dem Auto gegen die nächste Wandund alles ist erledigt.« Sie befand sich in einer Zwickmühle.Weder ihre Eltern noch ihren Freund konnte und wollte sieenttäuschen. Beide liebten sie und hatten schon so viel für siegetan. Doch beiden gleichzeitig konnte sie es nicht rechtmachen. Manfred meint: »Ich dachte oft: Warum kann sieihren Eltern nicht endlich reinen Wein einschenken?Irgendwann mussten sie es doch erfahren!« Doch Semrakonnte es nicht. Sie wagte zu Hause keine offene Diskussionund verschwieg ihren Eltern ihre wahren Beweggründe,Wünsche und Vorstellungen. Sie erzählte nur das, was ihrenEltern auch genehm war. Manfred fragte sich immer wieder: »Wie hatten sich ihreEltern das eigentlich gedacht? Sie leben hier in Deutschland,bringen hier ein Kind zur Welt, lassen es hier zur Schulegehen, hier Freunde haben und erwarten dann, dass es einfachmit in die Türkei zurückgeht? War das nicht blauäugig?« Doch Semra hatte nie woanders gelebt als in Deutschland. Ineinem fast komplett deutschen Umfeld. »Das hatte eineneinfachen Grund«, erzählt Semra, »in meiner Kindheit undJugend gab es noch sehr wenig andere türkische Kinder in
  • 207. Deutschland. Auf der Schule war ich stets das einzige. So hatteich nur deutsche Freunde.« »War es da nicht nur natürlich, dass sie einen deutschenMann kennen lernte?«, fragt Manfred. Semra erzählt weiter: »Eines Abends fasste ich auf demNachhauseweg aus der neuen Wohnung den Entschluss: Jetzterzählst du es deinen Eltern. Woher ich den Mut dazu fand,weiß ich bis heute nicht.« Vielleicht war es der Mut derVerzweiflung. Schlimmer als ihre jetzige Situation konnte eskaum noch werden. Die Lügen mussten ein Ende haben. »Ichging zu meinen Eltern ins Wohnzimmer, wo beide zusammenin der Sitzecke vor dem Fernseher saßen. Ich setzte mich zuihnen und sagte schlicht: ›Ich werde heiraten, einenDeutschen.‹« Als erstes meinte die Mutter zum Vater: »Ichglaube, du machst besser den Fernseher aus.« Dann folgtenFragen über Fragen. Die Mutter wollte erst die sachlichenUmstände geklärt wissen. Wann sollte die Hochzeit sein,welchen Beruf hat er, wie lange geht das schon, wo wollt ihrheiraten, und so weiter. Die meisten Fragen konnte Semra garnicht beantworten, sie waren noch nicht geklärt. »Dann versuchte meine Mutter, mir ins Gewissen zu redenund mich umzustimmen, zunächst noch auf eineverständnisvolle, ruhige Art. Als ich darauf nicht reagierte,schlug die Stimmung um. Sie fing an zu schreien und zuschimpfen. Mein Vater hörte die meiste Zeit zu und streute nurab und zu ein paar Bemerkungen ein.« Als sie merkten, dassihre Tochter auch darauf nicht reagierte, schickten sie sie aufihr Zimmer. Semra ging aus dem Wohnzimmer: »Ich hoffte dieganze Zeit, dass meine Mutter den Satz sagen würde: ›Gehweg, ich will dich nicht mehr sehen. Verschwinde aus unsererWohnung.‹« Kurze Zeit später kam die Mutter in Semras Zimmer undredete weiter auf ihre Tochter ein. »Ich schaltete auf stur. Sie
  • 208. merkte, dass sie nicht weiter kam und sagte den ersehnten Satz.Sie warf mich aus der Wohnung.« Semra steckte ein paarSachen in ihre Tasche und ging zur Wohnungstür. »Ich weißnoch, dass mein Vater hinter mir herkam und mich fragte, woich denn jetzt um diese Zeit noch hinwolle. Ich antwortete, zueiner Freundin. Da sie auch mit meinen Eltern befreundet war,beruhigte das meinen Vater.« Doch bevor sie ihre Worte in die Tat umsetzte, musste siezunächst zu Manfred. »Als ich die Treppen zu der Wohnunghochging, dachte ich die ganze Zeit: Hoffentlich sagt er jetztnichts Verkehrtes!« Als Manfred die Tür öffnete, konnteSemra nicht sprechen. Sie weinte nur und blickte ihntränenüberströmt an. »Du hast es ihnen gesagt«, wussteManfred sofort. Er verstand sie auch ohne Worte, stellte Semraerleichtert fest. Sie brauchte ihm nichts zu erklären. ImGegenteil, Manfred verstand, was Semra für ihn geleistet hatte.Sie, die den Frieden mit ihren Mitmenschen so sehr schätzte,war in offene Konfrontation mit ihren Eltern getreten. Jetzt warkein Rückzug mehr möglich. Nachdem Semra sich etwasberuhigt hatte, wollte sie zur Freundin fahren. »In dem Punktwollte ich wenigstens die Wahrheit gesagt haben. Ich wolltenicht bei Manfred übernachten.« Dabei blieb es. Erst in ihrerHochzeitsnacht schlief sie das erste Mal in der gemeinsamenWohnung. Eine Woche lang blieb sie bei der Freundin. Von ihr erfuhrsie auch, dass ihre Mutter in dieser Nacht noch mit einemNervenzusammenbruch ins Krankenhaus eingeliefert werdenmusste. Semra blieb bei ihrem Entschluss. Ihre Mutterverstand, dass sie den Tatsachen ins Auge blicken musste.Nach einer Woche durfte Semra sie wieder besuchen. »Nunhatte meine Mutter die Strategie gewechselt. Jetzt sollte dieHochzeit schnell in die Wege geleitet werden, damit alleanderen sehen konnten, dass alles den gewünschten Gang
  • 209. nahm. Keiner sollte denken können, dass diese Entwicklungohne die Einwilligung meiner Eltern stattgefunden hatte.« So fing die Mutter mit den Hochzeitsvorbereitungen an. Sieließ Karten drucken, sie bestellte ein Restaurant in einer noblenGegend, sie ging mit Semra das Hochzeitskleid und denSchmuck einkaufen. Außerdem erwies es sich als praktisch,dass sie sich als Konsulatsmitarbeiterin direkt an der Quelle fürdie nötigen Dokumente befand. »Was an Papieren sonstmanchmal einige Monate bis zu einem Jahr brauchte, war nuninnerhalb weniger Tage in Deutschland.« So ging alles sehrschnell. Schon kurze Zeit später war die Hochzeit. »Icherinnere mich noch, dass ich mich nach unserem Empfang indem Restaurant von meinen Eltern verabschiedete und dannmit Manfred zusammen zu unserem Wagen lief. Ich ranntetatsächlich. Ich wollte nur schnell weg. Ich weiß noch, dassManfred zu mir sagte: ›Wink doch noch mal!‹ Daran hatte ichgar nicht mehr gedacht. Ich war so froh, das alles hinter mir zulassen.« Doch ganz frei konnte sich Semra in der ersten Zeit nochnicht fühlen. Zu sehr hatten sie die letzten Jahre geprägt. Daswurde ihr klar. »Immer wieder wachte ich nachtsschweißgebadet mit dem Gedanken auf: Du darfst hier indieser Wohnung mit diesem Mann nicht in einem Bett liegen.«Dann musste Semra aufstehen und ins Wohnzimmer gehen undihre Hochzeitsurkunde herausholen. »Schwarz auf weiß mussteich es sehen, dass es ganz legal war, dass ich hier bin, bis iches wirklich glauben konnte. Ich durfte hier bei Manfred sein.Es war alles ganz in Ordnung. Wir waren tatsächlichverheiratet.« Manfreds Eltern hatten immer wieder gefragt: »Was könnenwir machen, um euch in dieser Situation zu helfen? Wieverhalten wir uns Semras Eltern gegenüber am besten?«
  • 210. »Sie haben uns immer geholfen, wo sie nur konnten«,bestätigt Semra. Ihre Mutter allerdings konnte auch nach derHochzeit kein herzliches Verhältnis zu ihrem Schwiegersohnaufbauen. »Wenn wir sie besuchten, redete sie nicht mit ihm.Obwohl beide perfekt Deutsch sprechen können, sprach siefast immer Türkisch und schloss Manfred so aus demGespräch aus. Nur der Vater richtete ab und zu ein Wort anmeinen Mann«, erzählt Semra. »Doch Manfred ist immerwieder zu meinen Eltern mitgekommen«, bewundert Semra.»Selbstverständlich«, meint er dazu schlicht, »wir gehörenschließlich zusammen, also gehen wir sie zusammenbesuchen«, war für ihn immer klar. »Meine Mutter hat ihre ganz eigenen Tricks, um meineLoyalität ihr gegenüber immer wieder zu prüfen. So rief sieabends um halb acht bei uns an um zu sagen: ›Ich habe füreuch gekocht. Schick Manfred mal kurz los, um das Essenabzuholen.‹ Dann musste ich ihr sagen: ›Manfred hat sichgerade seine Freizeitsachen angezogen, nachdem er müde vonder Arbeit gekommen ist. Er kann jetzt nicht noch einmallosfahren.‹ Ich versprach ihr, morgen selbst vorbeizukommenund das Essen abzuholen. Damit hatte ich ihr gezeigt, dass dasWohlergehen meines Mannes mir wichtiger war als ihres.Meine Mutter legte dann ohne ein weiteres Wort auf. Sie hattesich so viel Mühe gegeben, und ich war wieder einmal soundankbar gewesen.« Semra versteht diese Zeichen ihrerMutter aufs Beste. Schritt für Schritt lernte sie, sich nicht vonihnen beeinflussen zu lassen. Die Stimmung besserte sich erst, als die Tochter geborenwurde. »Erst dann hat meine Mutter wohl wirklich verstanden,dass wir zusammenbleiben werden und dass es nun darumgeht, das Beste aus der Situation zu machen.« Nun interessiertesie sich für die junge Familie. Jetzt wurde sie gebraucht. Sie
  • 211. durfte als Oma auf das Kind aufpassen, wenn Semra zur Arbeitging. Semra arbeitete zu dieser Zeit bei Turkish Airlines, nachdemsie ihre Ausbildung zur Fremdsprachenkorrespondentinabgeschlossen hatte. Heute hat sie in das Schulsekretariat einerBerufsschule gewechselt. Mittlerweile sind ihre Eltern in die Türkei zurückgekehrt. Sieleben wieder in Istanbul. »Jetzt ist unser Verhältnishervorragend. Besser könnte es gar nicht sein«, berichtet auchManfred. Semra ergänzt: »Selbst die beiden Schwiegerelternbesuchen sich gegenseitig. Manfreds Eltern haben sogar schoneinmal eine Zeit lang allein im Haus meiner Eltern gewohnt.« »Zu Feiertagen rufen sie sich gegenseitig an.« So vergessenSemras Eltern nie, zu Weihnachten zu gratulieren undManfreds Eltern rufen zu Bayram an. Selbst zu Geburtstagenist ein Glückwunsch fällig. »Das ist aber bei uns eher unüblich,da die Geburtstage in der Türkei nur wenig Beachtung finden«,erklärt Semra. Manfred überlegt: »Gerade nach meinen Erfahrungen würdeich sehr skeptisch reagieren, wenn meine Tochter nach Hausekäme und uns mitteilen würde, sie hätte einen türkischenFreund. Ich würde ihr heftig abraten.« Die Tochter ist heutefünfzehn, also durchaus in dem Alter, wo Jungen anBedeutung gewinnen. »Ich würde ihr solche Schwierigkeiten,wie wir sie hatten, gerne ersparen.« Seine Frau sieht das etwasanders: »Mir ist wichtiger, dass sie mit uns immer ehrlich seinkann. Sie soll mit uns frei reden können und nicht lügenmüssen. Sonst können wir ihr gar nicht beistehen. In so eineSituation, dass meine Tochter zur Tür hereinkommt und mirKnall auf Fall mitteilt, dass sie heiratet, möchte ich als Mutternie kommen.« Ihr fällt ein: »Dabei haben eigentlich meine Eltern genauunsere Situation am eigenen Leib erleben müssen. Sie haben
  • 212. auch gegen den Willen ihrer Eltern geheiratet. Meine Mutterhat sich heimlich den Pass besorgt, ist getürmt und hat meinenVater geheiratet. Danach sind sie gleich nach Deutschlandgegangen«, erinnert sie sich – sehr verwundert darüber, dassihre Eltern die Entwicklung mit ihrer eigenen Tochter inumgekehrter Rollenbesetzung noch einmal erleben mussten.»Komisch, dass sie uns nichts erleichtert haben, obwohl siewissen mussten, wie schrecklich das für ein Paar ist«, schütteltsie den Kopf.
  • 213. Als sie schwanger wurde, entschlossen sie sich zur Heirat. Siehaben mittlerweile zwei kleine Töchter. Sie: Meine Mutter hatmich am Anfang jeden Tag angerufen und gefragt: »Schlägt er dich auch nicht, dein türkischer Ehemann?« Wie ein Reißverschluss TÜRKISCHER INFORMATIKER, 33 & DEUTSCHE POLITIKSTUDENTIN, 23Andrea war in eine WG mitten in einem turbulentenSzeneviertel gezogen. Eines Tages stellte sich ein neuer WG-Genosse vor. »Den habe ich erst gar nicht richtigwahrgenommen, da ich mit einer Magen-Darm-Grippe im Bettlag. Ich hatte gerade noch die Kraft, ihn abzunicken.« Erst alssie wieder gesund war, konnte sie ihn richtig in Augenscheinnehmen: ein etwa gleich großer, schlanker Mann mithonigbraunem Teint und schwarzen kurzen Haaren und einemsympathischen, offenen Lachen um die Mundwinkel. Andrea hatte Quartier in der WG bezogen, nachdem sie sichvon ihrem Münchner Elternhaus verabschiedet hatte. Siewollte eine möglichst große Distanz zwischen sich und ihrbisheriges Leben bringen. Sie hatte kurz vor dem Abitur dieSchule hingeworfen und wollte nun ihr Leben umkrempeln.Eine Tischlerlehre sollte es sein, um den vorgezeichnetenBahnen zu entkommen. Sie wollte Neues ausprobieren. Dochsie merkte bald, dass das in dem Lehrberuf kaum möglich war.So brach sie die Ausbildung ab. »Bevor ich gar nichts tat, habeich dann doch lieber die Schule beendet.«
  • 214. Allzu oft begegneten die beiden sich in ihrem WG-Alltagzunächst nicht. Andrea musste früh raus, während Erkan sichseine Zeit als Student der Informatik sehr frei einteilen konnteund das Studentenleben in vollen Zügen genoss. Doch dann gewöhnte Andrea sich an, den Langschläferwachzurütteln, wenn sie aus der Schule kam. Sie unternahmenimmer mehr gemeinsam. »Irgendwann dachte ich, dass wir soetwas Ähnliches wie eine Affäre hatten«, erinnerte sie sich.»Ich glaube aber, Erkan wusste es schon eher als ich, dass ermehr von mir wollte.« Heute wohnen sie in einem wesentlich ruhigeren Stadtteil.Schmale Straßen, viele noch mit Kopfsteinpflaster belegt,reihen sich hier aneinander. Zwischen die Altbauhäuser sindNeubauten eingestreut. Ab und zu belebt ein Cafe, ein kleinerLaden oder ein Restaurant das Straßenbild. Hier imErdgeschoss eines Altbaus liegt ihre Eigentumswohnung.Hohe Decken, weiße Wände und warmer Dielenfußbodenziehen sich durch alle Räume. Denn inzwischen hat sich inihrem Leben auch sonst einiges verändert: Ihre Zweisamkeithat sich um zwei kleine Kinder erweitert. Viele Fotos derbeiden Mädchen schmücken die Wände im Flur, wo die großeDreijährige noch ihre letzten Runden vor dem Zubettgehendrehen darf. Die Kleine, die bald ein Jahr wird, liegt schon imBett. Ein Blick in die Gesichter der beiden verrät, dass seit der Zeitin der WG nicht allzu viel Zeit vergangen sein kann. Erkanquittiert messerscharf: »Die Kinder waren einÜberraschungscoup. Das hatten wir nicht so geplant. Aber wirsind flexibel. Wir haben gute Integrationsarbeit geleistet«,bemerkt er nicht ohne Anspielung. Der damals 28-Jährige ließ sich auf die Familiengründungmit der 21-jährigen Andrea ein. Das erste Kind wurde noch inder WG geboren. Gezwungenermaßen, da sie keine Wohnung
  • 215. fanden. »Uns wurde zwar stets gesagt, dass dies damit zu tunhätte, dass Kinderwagen im Hausflur störten, aber wir konntenschon vermuten, dass die Herkunft von Erkan auch eine Rollespielte. Nach dem 11. September waren alle besondershellhörig und empfindlich«, meint Andrea. Nach einerZwischenstation in einer Wohnung direkt an den S-Bahngleisen sahen sie sich gezwungen, statt einer Miet- eineEigentumswohnung zu nehmen. Erkan sieht so etwas gelassen:»Ich versuche solche Probleme nicht ganz so ernst zunehmen.« Sein Selbstwertgefühl will der beruflich sehrerfolgreiche Programmierer und sympathisch wirkende Mannnicht von solchen Zeitgenossen abhängig machen. Er versuchtstattdessen über sie zu lachen. »Ich verfüge darin über einelangjährige Übung. Schließlich kenne ich das schon von kleinauf. Ich war immer jemand, der auffiel.« Er wuchs in einer Kleinstadt in der Nähe von Bremen auf.Auf dem Gymnasium war er der einzige schwarzhaarigeAusländer. »Zogen die anderen über Türken her und ichmachte sie darauf aufmerksam, dass einer neben ihnen stünde,dann sagten sie nur: ›Wieso, du sprichst doch Deutsch, du bistkein Türke.‹« Erkan entsprach nicht ihrem Klischee von einemTürken, somit wurde er kurzerhand zum Deutschen erklärt.Doch Erkan ist sich klar: »Ich bin ein Türke mit einemdeutschen Pass.« Er ist bis zum Alter von sieben Jahren in derTürkei aufgewachsen. Erst dann sind seine Eltern nachDeutschland gezogen. Nach seinem Abitur haben sie denSchritt zurück in die Türkei ohne ihre Kinder unternommen.»Sie hatten dort gewisse Anpassungsschwierigkeiten. InDeutschland wurden sie nicht richtig anerkannt, weil sieTürken waren. Und in der Türkei, ihrer Heimat, wurden sienicht richtig anerkannt, weil sie aus Deutschland kamen. Dochmittlerweile haben sie sich wieder eingewöhnt, sie wissen, wieman wen am besten schmiert«, bemerkt Erkan trocken.
  • 216. Die Zeit nach dem Schulabschluss nutzte er, um sich in derWelt ein wenig umzusehen. Er wollte wissen, wo und wie esmit seinem Leben weitergehen sollte. Zunächst reiste er miteinem Interrailticket durch Deutschland und Europa. Danachreizte ihn Lateinamerika, das er etliche Monate erkundete. »Ichgenoss es, endlich mal nicht mehr aufzufallen. In Mexiko warich einfach ein großer Mexikaner«, freut sich der für deutscheGrößennormen eher klein geratene Erkan. Hier erlebte er, dassdie Nationalität keine große Rolle spielte. Für diesüdamerikanischen Staaten gehört ein Mix aus verschiedenenNationalitäten zur Normalität. Doch schließlich stellte er zuseinem Erstaunen fest, dass er durch seine Lebensjahre inDeutschland sehr geprägt worden war. »Diese Lässigkeit mitTerminabsprachen fand ich schwierig. Da fehlte mir widerErwarten die deutsche Ordnung«, wundert er sich über sichselbst. Nachdem er diesen Entscheidungsprozess abgeschlossenhatte, kehrte er nach Deutschland zurück und begann nach demZivildienst in einem Kinderheim und einer abgebrochenenAusbildung zum Erzieher sein Informatik-Studium. Hier traf erauf Andrea, die seine weitere Planung ein wenig durchrüttelte. Die junge Frau, die sehr kommunikativ war, unkompliziertund immer für Neues offen, gefiel ihm. Ihre Eltern reagiertenallerdings nicht ganz so aufgeschlossen. »Ihre Reaktion aufmeinen neuen Freund war gleich überschattet von meinerüberraschenden Schwangerschaft. So hatten sie sich denWerdegang ihrer Tochter nicht vorgestellt«, versucht Andreadie Reaktion ihrer Eltern zu verstehen. Immer wieder fragteihre Mutter besorgt nach, wie es denn der Tochter mit ihremtürkischen Mann so gehe. Häufige, besorgte Anrufe kamen:»Schlägt er dich auch nicht, dein türkischer Ehemann?« Manhöre doch so viele Geschichten in den Medien, die Zweifel anden Qualitäten der türkischen Männer aufkeimen ließen.
  • 217. Bei ihren Schwiegereltern in der Türkei gestaltet sich dieAufnahme stets wesentlich unkomplizierter. Diese Lässigkeitgenießt Andrea bei ihren Aufenthalten. »Ich fühle mich beiseinen Eltern wohler als bei meinen. In der Türkei werden dieKinder ganz herzlich aufgenommen. Es macht überhauptnichts, wenn sie ihrem Opa auf dem Kopf herumturnen. Das istsehr angenehm und entspannend, während es bei meinenEltern immer heißt: ›Pass auf, stoß’ das Glas nicht um, mach’das nicht schmutzig.‹ Ein typisch deutsches Verhalten«,konstatiert Andrea. Sie hätte die Vorteile einer Großfamilie in der Türkeischätzen gelernt. »Für junge Paare, die Kinder bekommen undeine Familie gründen wollen, ist die Betreuung undUnterstützung durch die Großfamilie ideal. Dagegen finde iches ein bisschen schade, dass wir in der deutschen Kultur nurnoch den Individualismus im Auge haben«, begründet Andreaihre Einschätzung. Eigentlich war es ihr gemeinsames Ziel, die Kinderzweisprachig aufzuziehen. »Sie hätten doch die einmaligeChance, zwei Sprachen zu lernen«, findet Andrea. Erkan istjedoch zu sehr in seinem Beruf eingespannt, um genügend Zeitdafür zu finden, mit den Kindern Türkisch zu sprechen.»Abends sind die Kinder häufig schon im Bett, wenn ichkomme, und am Wochenende wollen wir als Familie etwaszusammen unternehmen. Doch die Familiensprache ist nuneinmal Deutsch«, erklärt er. Nicht nur in dieser Hinsicht hoffen sie auf die Zukunft.Andrea möchte ihren Mädchen auch gerne ein ausgewogenesRollenbild vorleben. »Doch im Moment haben wir eine ganzklassische Verteilung. Erkan verdient das Geld, und ich binMutter und Hausfrau. Ich hoffe, wir können uns baldabwechseln.« Erkan unterstreicht diesen Wunsch mit heftigemKopfnicken. »Das würde ich sofort unterstützen. Liebend
  • 218. gerne würde ich die Entwicklung meiner beiden Mädchenintensiver verfolgen können. Ich würde sofort zu Hausebleiben und Andrea könnte das Geld verdienen.« Andreaversucht diesem Ziel näher zu kommen; sie hat gerade einFernstudium im Fach Politik aufgenommen und freut sichschon auf die intensive Zusammenarbeit in ihrerArbeitsgruppe, die sich regelmäßig an ihrem Wohnort treffenwird. In einem Punkt empfindet sie Erkan doch als sehr geprägtdurch seine türkische Erziehung. »Er ist von seiner Mutterwenig dazu angehalten worden, im Haushalt mitzuhelfen.«Erkan bestätigt: »Jeder hatte bei uns in der Familie nur einenZuständigkeitsbereich. Ich war für das Staubsaugen zuständig.Das mache ich auch bei uns.« »Das stimmt«, bestätigt Andrea, »Staubsaugen tust du, aberleider nichts anderes.« »Ich habe eben nichts anderes gelernt«, verteidigt sich Erkanmit einem unschuldigen Lächeln. Ausgewogenheit ist auch in Religionsfragen das Ideal derjungen Mutter. »Am liebsten würde ich unseren Kindern alleReligionen vorstellen, doch wir werden uns auf die beidenbeschränken, die wir kennen. Ich werde ihnen die christlichenTraditionen ein wenig zeigen und Erkan die islamischen«,wünscht sich Andrea. Doch wie soll sie verfahren, wenn sie imWiderspruch zueinander stehen? Da ist sie sich noch unsicher.»Darf ich unseren Kindern sagen, dass Gott eine Person ist,wie es in vielen biblischen Geschichten zum Ausdruckkommt?«, fragt sie ihren Mann. »Gott steckt in allem. Gott alsPersonifizierung gibt es aber im Islam nicht«, ist seineMeinung. Überfordert man Kinder mit gegensätzlichenAuffassungen oder darf man sie ihnen zumuten? Die ältesteTochter ist jetzt in einem Alter, in dem sie die ersten Fragen
  • 219. stellt. Andrea meint: »Das wird noch eine spannende Zeitwerden.« »Auch ich bin eigentlich christlich aufgewachsen«, findetErkan. »Meine Eltern haben mich nicht religiös erzogen, so binich durch meine Umgebung geprägt worden.Selbstverständlich feiern wir zusammen Weihnachten. Das istschließlich eher ein Fest des Konsumrausches geworden alseines der christlichen Religion.« Amüsiert denkt er an einErlebnis an einem dieser Festtage zurück. »Jahrelang hatte ichimmer wieder von schrecklichen Ereignissen zu Weihnachtengehört. Als ich das erste Mal bei Andreas Eltern mitfeierte,durfte ich tatsächlich dabei sein, als ihr Weihnachtsbaumumkippte und in Flammen aufging. Ich fand das sehr witzig,die anderen leider nicht so sehr, die waren in heller Panik.Aber ich war live dabei und konnte mich sehr amüsieren«,grinst Erkan in der Erinnerung. Eine Eigenschaft schätzt Andrea besonders an Erkan. »Er istalles andere als oberflächlich. Er hinterfragt alles.Äußerlichkeiten interessieren ihn überhaupt nicht. Das ist inunserer heutigen Gesellschaft sehr selten. Er reflektiert sichimmer selbst.« Erkan freut sich bei seiner Partnerin über dieEigenschaften, die er selbst weniger hat. »Wir nutzen denReißverschlusseffekt. Was der eine nicht hat, kann der andere.Andrea gibt mir die emotionale Tiefe, die mir nicht so liegt.Ich finde, wir ergänzen uns gegenseitig ziemlich gut.« Erkan erzählt zum Schluss lachend von seinem neuerdingsübernommenen Ehrenamt: »Ich bin seit einem Jahr als Schöffetätig. Das ist schon sehr witzig. Da sitze ich nun und berate dieRichter bei Straftaten von türkischen Jugendlichen. Als ich daserste Mal ins Gericht kam und mich auf die Bank zu denanderen Schöffen setze, fragte der Richter mich doch glatt:›Sitzen Sie nicht auf der falschen Seite?‹«
  • 220. Erkan bricht in lautes Lachen aus. »Auch die Deutschenhaben noch manche vertraute Vorstellung zu hinterfragen«,freut er sich. »Wenn ich ihnen dabei behilflich sein kann,gerne!«
  • 221. V UrlaubsbekanntschaftenNicht alle Paare sind sich in Deutschland begegnet. DieReisefreudigkeit der Deutschen hat auch viele in die Türkeigeführt. Aus einer spontanen Urlaubsliebe ist bei vier Paareneine langfristige Beziehung geworden. Eine Partnerschaft warfür alle nur durch eine schnelle Heirat zu erreichen. Nur mitdem Trauschein konnten die türkischen Partner dieEinreisemöglichkeit nach Deutschland erhalten. Die meistenmussten diesen Schritt tun, bevor sie sich richtig kennengelernt hatten. Der türkische Partner musste danach sein komplettesbisheriges Leben aufgeben, um eine gemeinsame BeziehungWirklichkeit werden zu lassen. Meist ohne Sprachkenntnisse,Vorbildung und Vorbereitung mussten die türkischen Partnerin Deutschland Fuß fassen. Ihr deutscher Partner trug zunächstdie gesamte Verantwortung für ihr Wohlergehen. »Nichteinmal ein Brot konnte ich kaufen gehen. All mein bisherigesWissen war plötzlich nichts mehr wert«, stellte ein türkischerMann fest. Eine schwere Bewährungsprobe für eineBeziehung, die nur mit viel Anstrengungsbereitschaft undOffenheit auf beiden Seiten zum Erfolg werden konnte. Die deutschen Ehefrauen verdienten zumindest zu Beginn derBeziehung das Haushaltseinkommen. Sie vermittelten für ihrePartner Weiterbildungsmöglichkeiten und Arbeitsplätze. Jejünger die Männer zum Zeitpunkt der Heirat waren, destobesser kamen sie damit zurecht. Die Entscheidung für Deutschland als Standort war nur fürein Paar von Anfang an klar. Alle anderen haben die Vor- und
  • 222. Nachteile ihres Lebensmittelpunktes sorgsam gegeneinanderabgewogen. Ein Paar hat das Leben in beiden Ländernausprobiert. Da die türkischen Partner zu Beginn der Beziehung kaumüber deutsche Sprachkenntnisse verfügen konnten, bemühtensich ihre deutschen Partner verstärkt, Türkisch zu lernen. EinPaar kommuniziert heute in seinem Alltag auf Türkisch.
  • 223. Mit 19 verliebte sie sich während eines Türkeiurlaubes in ihn. Spontan zog sie zu ihm. Mittlerweile sind sie mehrfach zwischen Deutschland und der Türkei hin – und hergezogen,wenn das Heimweh des anderen zu groß wurde. Sie: Er hat mirzuliebe sogar einer kirchlichen Trauung zugestimmt, weil ich so gerne in einem weißen Brautkleid heiraten wollte. Eine romantische Liebesgeschichte DEUTSCHE ZAHNARZTHELFERIN, 35 & TÜRKISCHER KAUFMANN, 37Die 19-jährige Kirsten ist verliebt. Keine Grenze scheint ihr fürihre Gefühle unüberwindbar. Der Auslöser für diese Gefühleheißt Resul. Im Urlaub in Alanya am Mittelmeer hat sie ihnkennen gelernt. Der smarte, junge Mann aus demJuweliergeschäft hat es ihr angetan. »Er hatte einesympathische, zurückhaltende Art ohne schüchtern zu sein. Erwar gleichzeitig kontaktfreudig und hatte doch eine ruhige,angenehme Ausstrahlung«, beschreibt sie ihn. Auch als siewieder in Deutschland ist, geht er ihr nicht aus dem Kopf. Soschnell wie möglich bucht die junge Zahnarzthelferin einenweiteren Urlaub in der Türkei, um ihn wieder zu sehen. DiesesTreffen bestätigt endgültig ihre Gefühle: Mit Resul will sie ihrLeben verbringen. Für ihren türkischen Freund steht allerdings von vornhereinfest, dass er nicht mit Kirsten nach Deutschland kommen will.Sein guter Posten in dem familiär geführten Juwelierbetrieb,seine vertraute Umgebung, der feste Halt durch die Familie,das warme Klima und die schöne Landschaft lassen bei ihm
  • 224. den Wunsch nach Veränderung sehr gering ausfallen. Für dienicht mal 20-jährige Kirsten steht der Entschluss schnell fest:Dann muss sie in die Türkei ziehen. Bei ihrer Heimkehr berichtet sie ihren Eltern von ihrenAbsichten. »Sie waren geschockt, als ich sagte, ich kündigejetzt. Ich gehe in die Türkei, denn ich will mit Resul für immerzusammen sein. Für meine Mutter war es schwer, ihre Tochterso weit weg zu wissen und für meinen Stiefvater kam einTürke gar nicht in Frage.« Doch Kirstens Entschluss warunerschütterlich. »Als ich vom zweiten Urlaub zurückkam,hatte ich das Gefühl, ich mache alles ganz richtig.« Ihre Mutterstand nach vielen Gesprächen auf ihrer Seite. »Sie hat michimmer unterstützt und zu mir gesagt: Wenn du diesen Wegwirklich willst, dann geh ihn auch.« So besorgte sich Kirstenein Touristenvisum und zog zu Resul in die Türkei. Doch dieungewohnte Umgebung überforderte die junge Frau. »Ichbekam ganz viel Heimweh. Zudem vertrug ich das Klima dortnicht und war in den drei Monaten sehr viel krank.« Was sollte das junge Liebespaar machen? »Ich habe schonfrüh gemerkt, dass ich mich in der Türkei nicht wohl fühlenkann. Immer drehte sich bei mir der Gedanke im Kopf: Wassoll ich bloß nach den drei Monaten machen? Kirsten konntenicht in der Türkei leben, aber auch nicht ohne Resul inDeutschland. Es kam für mich gar nicht in Betracht ihn zufragen, ob er mit mir kommen würde, denn es war von Anfangan klar gewesen, dass er nicht nach Deutschland wollte.« DochResul spürte, wie seiner Freundin ums Herz war und schlug ihrvon sich aus vor, mit ihr nach Deutschland zu ziehen. »Er hatnicht gesagt, dann probiere ich das mal aus. Er war sich ganzklar, ich komme nach Deutschland, wir leben dort und wirbleiben dort.« Beiden war bewusst, dass dies sofortige Konsequenzen nachsich ziehen musste: In Deutschland mussten sie innerhalb der
  • 225. ersten drei Monate heiraten, damit Resul auch danach beiKirsten bleiben konnte. So kehrte sie zurück und begann gleichmit den Hochzeitsvorbereitungen. »Meine Mutter freute sich,dass sie mich wieder in ihrer Nähe haben konnte.« VierMonate musste Kirsten auf die Ankunft ihres Freundes inDeutschland warten. Nur das Telefon blieb dem Paar, um inKontakt zu bleiben – und um die Hochzeitsfeier zu planen. Dieknappe Finanzlage schränkte die Möglichkeiten ein. Kirstenträumte trotzdem von einer romantischen Feier. Sie wollte inder Kirche heiraten, in der sie auch getauft worden war. »Alsich sagte, dass ich so gerne in der Kirche heiraten würde,lehnte er zunächst kategorisch ab. Doch dann merkte er, wietraurig ich war.« Nicht die religiöse Bedeutung war ihrwichtig, doch sie wollte diesen Tag in einem weißenBrautkleid in einer Kirche begehen. Resul ließ sich schließlichdoch darauf ein – ein großes Zugeständnis ihres muslimischenBräutigams, das weiß Kirsten heute noch besser zu würdigenals damals. Ein Brautkleid wurde geliehen und ihreromantischen Vorstellungen konnten Realität werden. VierWochen nach Resuls Eintreffen wurde der Bund fürs Lebenmit dem Segen eines evangelischen Pastors geschlossen. DieHochzeitsfeier fand im großen Haus ihrer Tante statt, das inder Nähe der gewünschten Kirche lag. »So kam ich tatsächlichzu einer Feier, wie ich sie mir immer gewünscht hatte.« Nun begann Resuls Zeit in Deutschland. Kirsten war so frohund glücklich, dass er endlich bei ihr war. »Doch es gab auchein paar Eingewöhnungsschwierigkeiten. Resul kannteDeutschland nicht, er kannte die Menschen hier nicht, erkannte nur mich. Er kam ganz ins Ungewisse, er hatteniemanden neben mir. Diese große Verantwortlichkeit hatmich am Anfang ganz schön überfordert.« Resul zog zuKirsten in ihre kleine Wohnung in der norddeutschenGroßstadt. Sie musste sich erst umgewöhnen. »Am Anfang
  • 226. habe ich immer von meiner Wohnung, von meinem Auto usw.gesprochen. Das hat ihn gekränkt. Doch ich tat das nur ausGewohnheit, nicht weil ich so fühlte.« Wenn sie später gefragt wurden, warum sie geheiratet hätten,dann hat Kirsten immer auf ihre ehrliche, klare Artgeantwortet: »Weil Resul sonst nicht nach Deutschlandkommen konnte. Die Leute haben natürlich erwartet, dass ichsage aus Liebe. Selbstverständlich habe ich Resul geliebt, aberdas war nicht der Grund, warum wir geheiratet haben.Deswegen hätten wir irgendwann später geheiratet, aber nichtgenau zu diesem Zeitpunkt«, stellt sie klar. Auf diese Ideewären sie in ihrem Alter gar nicht gekommen. Kirsten erinnertsich: »Als ich die drei Monate in der Türkei war und ganztraurig wurde, wenn ich daran dachte, dass ich Resul baldverlassen musste, da schlug uns jemand vor: ›Dann müsst ihreben heiraten.‹ Ich war noch gar nicht auf die Idee gekommen,dass unsere Lösung das Heiraten gewesen wäre. Ich kann michnoch an den Abend erinnern, wo Resul von der Arbeit nachHause kam und ich fragte: ›Willst du mich denn überhauptheiraten?‹ Das war bis dahin noch gar kein Thema zwischenuns gewesen.« Doch Deutschland erlaubte keine andereMöglichkeit des Zusammenkommens. »Es ging nur ganz odergar nicht.« Mit Vorurteilen hatten beide zu kämpfen. In der Türkeigalten sie zunächst als eine der üblichen Verbindungenzwischen einem türkischen Mann und einer deutschenTouristin, die kaum lange Bestand haben würde. »Alle hattenschon ihre Bedenken. Dass wir mehr Pläne hatten, das habensie uns anfangs nicht geglaubt. Als klar war, dass wir heiraten,haben sie mich sehr gut aufgenommen. Sie haben mich immersehr respektvoll behandelt.« In Deutschland hieß es nur: »›Jaklar, der will nach Deutschland kommen.‹ Da haben vielegelauert, wie sich das mit uns entwickelt. Wenn es schief
  • 227. gegangen wäre, hätten sie das schon von Anfang anvorhergesehen. Etwas anderes war denen nicht zu vermitteln;das passte nicht ins Bild. Es gab nur wenige, die anerkennenkonnte, was für einen Schritt Resul gewagt hatte.« Kirsten und Resul hatten genau geplant, wie es inDeutschland weitergehen sollte. Hier kam ihnen ihr Alterzugute. Resul hatte noch genügend Zeit, sich um eine guteAusbildungsgrundlage zu kümmern. Er besuchte ein Jahr langeinen Deutschintensivkurs: viermal die Woche fünf Stunden.Da seine Abschlüsse in Deutschland nicht anerkannt wurden,hat er danach zunächst seinen Hauptschulabschlussnachgemacht. Eigentlich hatten die beiden auch geplant, dasser seinen Realschulabschluss anhängen sollte, doch nochwährend er auf den Hauptschulabschluss hinarbeitete, wurdeihm bereits ein Ausbildungsplatz als Reiseverkehrskaufmannangeboten. »Dann haben wir uns gedacht: Das ist ja viel mehrwert. Leider ging mittendrin das Reisebüro Pleite. Aber wiealles Schlechte auch etwas Gutes hat, so wurde ihm gleich eineAusbildung als Speditionskaufmann angeboten. Bei derNachfolgefirma dieses Unternehmens arbeitet Resul nochheute.« Inzwischen hat Resul Karriere in dem Unternehmengemacht. Er hat sich eine sichere Position erworben, in der dieFirma nicht mehr auf ihn verzichten möchte. Die konsequentePlanung hat sich ausgezahlt. Doch als sich ihre Situation gerade in gefestigten Bahnenentwickelte, kam das junge Paar in eine Krise. Nach fünfJahren wurde Resul deutlich: »Ich kann mir nicht vorstellen,bis zu meinem Rentenalter in Deutschland zu leben.« Doch erwagte nicht, sein Unwohlsein Kirsten gegenüber zuformulieren. »Ich habe nur gemerkt, dass er sich immer mehrzurückgezogen hat.« Kirsten hakte nach. »Er hat nur gesagt,dass er so nicht auf Dauer in Deutschland weiter leben kann.Ich habe ihn nicht gefragt, ob er auch ohne mich gehen würde.
  • 228. Als ich gemerkt habe, wie ernst es ihm ist, war ich bereit,einen zweiten Versuch in der Türkei zu unternehmen.« Sobeschlossen die beiden, zurück in die Türkei zu ziehen. »Daswar aber auch gerade der Zeitpunkt, wo wir uns überlegthatten, dass wir jetzt gerne ein Kind bekommen wollten. Einhalbes Jahr nachdem unser erster Sohn geboren worden ist,sind wir umgezogen.« Resul konnte seinen deutschen Arbeitsvertrag für ein Jahrruhen lassen. »Ich hatte ganz große Hoffnung, dass ich mitmeiner jetzigen Reife und meiner größeren Erfahrung dasLeben in der Türkei besser meistern würde. Doch das warleider nicht der Fall.« Kirsten fühlte sich auch beim zweitenVersuch in der Türkei nicht wohler. »Das lag nie an ResulsFamilie«, versichert sie. Ihre Fürsorge konnte sie stetsschätzen. »Ich bin ein Familienmensch.« Doch automatisch stellten sich wieder die Gedanken ein: Wasmache ich, wenn das Jahr um ist? »Da wurde mir bewusst,dass ich mich wieder nicht auf das Land einlassen konnte.«Zum Teil mag das auch an Kirstens Sprachschwierigkeitengelegen haben. »Sprachen zu lernen war schon immer einermeiner Schwachpunkte.« In Alanya war der Alltag zwar ohneweiteres auf Deutsch zu bewältigen, doch die Kontakte mit derFamilie und mit nichtdeutschen Nachbarn litten darunter. Auchan eine berufliche Perspektive war so nicht zu denken. Immergrößer wurden Kirstens Sorgen, die sie sich um die Zukunftihrer kleinen Familie machte. Wo sollten sie nur leben? Sieschaffte es nicht in der Türkei, Resul fühlte sich inDeutschland nicht wohl. In dieser ausweglosen Situation wies ihnen ein traurigerAnlass den Weg. Resuls Bruder, der das Juweliergeschäft leitete, in dem Resulwieder arbeitete, ging unerwartet Pleite. Ohne dass jemand ausder Familie wohl das ganze Ausmaß der finanziellen
  • 229. Katastrophe geahnt hätte, musste er die Firma mit einemRiesenberg Schulden schließen. Alle Familienmitglieder warenin das Unternehmen eingebunden gewesen. Alle fühlen sichmit verantwortlich, jeder gab sich ein wenig die Schuld. »Dassin einem Moment alles ganz toll und im nächsten Momentalles weg ist, hatten wir hautnah miterlebt. Plötzlich bekamenauch für Resul die Dinge, die mir schon immer wichtig waren,einen Wert. In Deutschland hätten wir eine soziale Sicherheitgehabt, die uns in der Türkei nicht zur Verfügung stand. Daswaren die Aspekte, die Resul ein wenig nach hinten gedrückthatte und die für ihn nicht so präsent waren. Sie wurden indiesem Moment des Bankrotts auch für ihn ganz deutlich.« Nach einem halben Jahr Aufenthalt schlug Resul von sich ausvor, wieder nach Deutschland zurückzukehren. BeidenPartnern hat dieser zweite Versuch wichtige Erkenntnissegebracht. »Für Resul war das ein ganz wichtiger Schritt, weiler von sich aus diese Erfahrung machen konnte. InDeutschland hat er dann noch mehr Elan in seinen Berufgesteckt und sich hier einen größeren Freundeskreis aufgebaut.Er hatte erkannt, dass sich seine Freundschaften in der Türkeiin der Zwischenzeit auch verändert hatten und er auf sie nichtmehr bauen konnte.« Resul war jetzt wirklich in Deutschlandangekommen. Seit zehn Jahren leben die beiden jetzt wieder inDeutschland; eine Rückkehr in die Türkei war seitdem niewieder Thema. Die Urlaube verbringt die kleine Familie allerdingsregelmäßig in der Türkei. »Am Anfang hätte ich mir schonmanchmal gewünscht, im Hotel zu wohnen«, erinnert sichKirsten. »In der Familie, die etwas außerhalb von Alanya ineinem Dorf lebt, war mir die ungewohnte Nähe manchmal zuviel. Nie konnten wir die Tür zumachen. Gleich hatte dieSchwägerin Sorge, dass wir uns nicht wohl fühlen oder dass
  • 230. uns etwas fehlen könnte. Unseren Wunsch nach Zweisamkeitkonnte dort keiner nachvollziehen.« Sie rechnet der Familie aber hoch an, dass sie sie nieverändern wollte. »Es kam nie vor, dass sie gesagt haben, wasich tun oder lieber lassen sollte. Sie haben mich immer sogenommen, wie ich war, was zurückblickend eine enormeLeistung war. Damals mit meinen 20 Jahren habe ich einfachwenig nachgedacht. Dass ich mit meinen kurzen Hosen undmit meinem ärmellosen T-Shirt dasaß, wenn Besuch kam,muss meine Schwiegereltern in Bedrängnis gebracht haben. Dasaß ich da so lockerflockig, und meine Schwiegermutter hatnie irgendwas gesagt. Das finde ich sehr bemerkenswert,gerade weil sie sehr religiös sind.« In dem Dorf war die Deutsche eine Besonderheit. »Dort gabes außer mir keine Deutschen. So kam das ganze Dorf abendszu Besuch, weil jeder mich mal sehen wollte.« Viel Neues hatsich auch für Kirsten erschlossen: »Ich wusste nichts über dieTürkei.« Manche Sitten konnte sie am Anfang nicht deuten.»Manche Männer haben mich nicht angeguckt, und ich wusstenicht warum. Manche Männer haben mir die Hand nichtgegeben, und ich wusste auch nicht warum. Bis ich das allesverstanden habe, dauerte es etwas, auch mehr als einen Urlaub,aber sie haben mir die Zeit gelassen.« Mittlerweile haben sie einen zweiten Sohn bekommen. Beidebekamen als ersten einen türkischen Namen und als zweiteneinen deutschen. Diese Regelung war Resul sehr wichtig. »AmAnfang dachten die deutschen Verwandten, dass sie die Kinderbeim deutschen Namen nennen könnten. Ich habe schnellklargestellt, dass das nicht in Frage kommt.« AlsFamilienname kam für Resul nur der türkische in Betracht.»Ich wollte immer einen gemeinsamen Familiennamen. Wennmeine Kinder anders heißen würden als ich, fände ich dasschrecklich. Da ich meinen eigenen immer sehr umständlich
  • 231. und lang fand, konnte ich mich gut mit Resuls kürzeremanfreunden«, erklärt Kirsten. Gewünscht hatten sich beide, dass die Kinder zweisprachigaufwachsen könnten. Anfangs waren Resuls Bemühungengroß, seinem Sohn seine Muttersprache näher zu bringen.»Doch immer wenn unser Sohn etwas nicht verstand, erklärteResul es ihm auf Deutsch. Irgendwann mussten wir erkennen,dass er mit ihm eigentlich mehr Deutsch redete als Türkisch.Heute ergreift Resul immer wieder mal die Initiative underzählt seinem Sohn etwas in seiner Sprache. In dem Momentdreht sich unser Sohn einfach um und geht weg, so als wennResul überhaupt nicht mit ihm geredet hätte. Inzwischen denkeich, er fühlt sich wirklich nicht angesprochen, wenn ResulTürkisch redet.« In jedem Urlaub äußern die Verwandtenimmer wieder ihr Bedauern, dass die Sprachkenntnisse derSöhne nicht dazu ausreichen, sich mit ihnen zu unterhalten. »Inder Kleinkindphase fiel das noch nicht so ins Gewicht, dochmittlerweile sind sie sieben und drei Jahre, da steigen dieAnsprüche.« In Sachen Religion verfahren sie nach folgendem Motto:»Jeder bringt den Kindern das nahe, was er selbst in seinerKindheit erfahren hat. Wir sind beide mit gewissen religiösenVorstellungen aufgewachsen und haben bestimmte Traditionenkennen gelernt. Wir haben beide eine Gläubigkeit von etwagleicher Intensität.« Jeder von ihnen lebt seine Religion.Keiner versucht, den anderen zu beeinflussen. »Die Kindersollen wissen, dass wir unterschiedlicher Religion sind.«Deswegen begehen sie sowohl die christlichen als auch diemuslimischen Feiertage. Kirsten ist Weihnachten sehr wichtig: »Weihnachten hat ganzviel mit Wärme, Gefühl und Familie zu tun. Wir sind dannimmer zu meinen Eltern gefahren.« In die Kirche kommt ihrMann aber nicht mit. »Anfangs war mir sehr daran gelegen,
  • 232. dass wir alle zusammen als Familie am Heiligabend in dieKirche gehen. Jedes Jahr habe ich aufs Neue versucht, ihn dazuzu bewegen. Erfolglos! Mittlerweile habe ich das jetztakzeptiert.« Kirsten erinnert sich belustigt: »Das war schon früh einThema: Was die Kinder für eine Religion kriegen. Zunächstwollte jeder seine Sache durchsetzen. Als es noch um dieTheorie ging, sind wir total aneinander geraten. Gerade in derAnfangszeit haben wir uns gestritten, gestritten und nochmalsgestritten, weil wir nicht auf einen Nenner kamen, wie dieKinder erzogen werden sollten. Als das erste Kind dann dawar, waren die Diskussionen plötzlich überflüssig. Wir wolltennicht mehr unsere Vorstellungen durchsetzen, sondern unsging es nur noch um das Wohl unseres Kindes. Soentwickelten sich die Lösungen von ganz allein, ohne dass wirviel darüber diskutieren mussten.« Nur in einem Punkt haben sie noch keine Lösung gefunden:»Das einzige noch offene Thema, aber kein Streitthema, ist dasBeschneiden. Auch hier sind wir uns eigentlich einig: Resulmöchte es aus religiösen Gründen, und ich könnte es aushygienischen Gründen gutheißen. Aber unser großer Sohn istein sehr sensibles Kind. Ich mag es ihm einfach nicht zumuten.Wir sehen diese Problematik beide und wir schleppen sie seitJahren mit uns rum. Wir sagen immer, ja, wir müssten, unddann wird es wieder vertagt.« Kirsten hat zwischen den beiden Kindern den Kontakt zuihrer Zahnarztpraxis nicht aufgegeben und stundenweise dortweiter gearbeitet. Inzwischen arbeitet sie an drei Tagen fünfStunden und findet diese Lösung ideal, um ihre Aufgaben alsMutter und Hausfrau mit denen des Berufs zu vereinbaren. Kirsten und Resuls Beziehung hat zahlreicheBewährungsproben überstanden. Sie haben sich gegenseitigmehr als einmal bewiesen, dass sie bereit sind, füreinander
  • 233. alles aufzugeben. Ihre Liebe, die so romantisch begann, hat estatsächlich auch im Alltag geschafft, Grenzen und Hindernissezu überwinden.
  • 234. Beim Cocktailtrinken am Pool wurde die gewichtige Dame von dem smarten Kellner angesprochen. Sie dachte an einen Augenfehler. Mittlerweile sind sie fünf Jahre verheiratet, under lebt und arbeitet in Deutschland. Er: Es läuft einfach so: Ich muss besser arbeiten als die anderen, dann nehmen sie mich.Sie: Einen Pascha, der den ganzen Tag auf meinem Sofa sitzt, kann ich nicht gebrauchen. Auch wenn er seinen Teppich fünfmal am Tag ausrollen würde, wäre meine Toleranzgrenze überschritten. Solange deine Augen leuchten DEUTSCHE BÜCHEREIANGESTELLTE, 52 & TÜRKISCHER KELLNER, 29Sie hätten sich, wie Inge mit ihrem gewohnt trockenen Witzbemerkt, »auf die übliche Art kennen gelernt«. Auch in derheutigen Rückschau nach fast acht Jahren ist ihreVerwunderung über sich selbst immer noch spürbar. Seit fünfJahren teilt sie ihr Leben mit ihrem zweiten Mann Orhan.Obwohl bei beiden ein gleich großes Maß an Lebensfreude,Energie und Aufgeschlossenheit zu spüren ist, ist derUnterschied an Lebensalter unübersehbar. Dieses Paarverbindet anscheinend etwas jenseits der üblichenVorstellungen von »gleich und gleich«. Inge erzählt: »Meine Freundin und ich waren gerade im Hotelin Antalya angekommen. Sie war zur Massage, und ich lag amSwimmingpool. Da kam Orhan und stellte seine üblichenFragen. ›Wann bist du angekommen, wie lange bleibst du‹,und so weiter…« War es auch üblich, dass er sie für den
  • 235. Abend zum Fernsehen einlud? Sie kannte sich in diesenGepflogenheiten nicht aus. So teilte sie ihrer Freundin nur mit:»Süßer Kerl, aber leider viel zu jung. Der muss einenAugenfehler haben. Hier gibt es viel passendere als mich. Ichgehe nicht hin.« Doch Orhan ließ nicht locker. Am nächstenTag fragte er, wo sie denn gewesen wäre, er hätte auf siegewartet. Inge nahm sich vor, dass sie sich doch ein einzigesMal mit ihm treffen würde, aber nur um die Angelegenheit aufihre Art zu klären. So stand sie an diesem Abend am verabredeten Treffpunkt.Als sie mit ein paar Getränken versorgt zum Strand gegangenwaren, forderte Inge Orhan auf, ihr seinen Pass zu zeigen.Verdutzt holte er ihn heraus. »Da dachte ich, ich guck nichtrichtig, das war ja noch viel schlimmer, als ich dachte. Da habeich meinen Ausweis rausgeholt und ihm hingehalten. Ermeinte nur: ›Na und?‹ Ich habe gemeint, ob er mal aufs Datumgucken würde.« Doch Inges Alter interessierte Orhan nicht.Doch was dann? Sie löcherte ihn mit vielen Fragen an diesemAbend. »Willst du nur nach Deutschland? Willst du einfacheinen netten Urlaub verbringen? Warum ausgerechnet ich?«Der 22-jährige, schlanke Mann mit den kurzen, schwarzenHaaren konnte die Fragen der dreißig Jahre älteren Frau nichtzufriedenstellend beantworten. Ob das auch an seinenmangelnden Sprachkenntnissen lag, konnte Inge nicht ganzklären. Doch die Gesellschaft des sportlichen Orhan mitseinem bezaubernden Lächeln tat ihr gut. Warum sollte sie sicheigentlich so viele Gedanken im Vorwege machen? »Dann saßen wir am Hafen. Da hat er mich auf die Wangegeküsst, und ich meinte, damit wollen wir lieber gar nicht erstanfangen«, erinnert sie sich. Doch die guten Vorsätze nütztennichts. Am nächsten Tag lud Orhan Inge zum Motorradausflugein. »Noch nie hatte ich auf so einem Ding gesessen. Wenn dasmeine arme Mutter wüsste! Touristin mit Kellner auf dem
  • 236. Motorrad in den Bergen verschollen, würde sie in der Zeitunglesen müssen. Ich dachte die ganze Zeit, ich bin in einem Film.Das bin doch nicht ich, die solide Büchereiangestellte.« Doch Inge genoss die Auszeit von ihrem wohlgeordnetenLeben in der norddeutschen Großstadt mit ihremwohlsortierten Freundes- und Bekanntenkreis. Orhan spürte,dass er mit dieser Frau gut konnte. Mit ihrer burschikosen,direkten Art und ihrem frechen Mundwerk konnte er gutumgehen. Sie war stets offen und ehrlich und sagte, was siedachte. Am Ende des Urlaubs war Inge todtraurig. Als ein Kollegevon Orhan sie damit tröstete, dass sie ja im nächsten Urlaubwieder kommen könne, war sie völlig überrascht. An eineFortsetzung der schönen Zeit hatte sie gar nicht zu denkengewagt. So kam es, dass sie in den nächsten zweieinhalbJahren alle Urlaube in der Türkei mit Orhan verbrachte. Stetsfragte sie vorher an, ob sie noch kommen solle. »Du kannstruhig ehrlich sein. Ich weiß schon, dass bei euch ständigFrischfleisch ankommt«, ermunterte sie Orhan selbstkritisch. Doch dieses Hin und Her zwischen zwei Welten machte Ingeirgendwann zu schaffen. »Ich kam mir vor wie ein Mutant. Ichdachte, irgendwann kriege ich noch einen Herzinfarkt, wenn ersich auf dem Flughafen umdreht und weggeht.« Sie wollte eineEntscheidung. Gemeinsam legte man die Marschroute fest.Orhan sollte sich zunächst Deutschland ansehen um zuentscheiden, ob er dort mit Inge leben könnte. Doch Plan Ascheiterte: So oft Inge auch ein Dreimonatsvisum beantragte,nie kam eine positive Antwort. Heirat war anscheinend dereinzige Weg, um ein gemeinsames Leben in Deutschlandauszuprobieren. Nun protestierten die Freunde und die Familie.»Meine Mutter war total dagegen. ›Warum willst du verletztwerden?‹ fragte sie immer wieder. Sie plädierte dafür, ihn inder Türkei zu lassen und nur als Urlaubsflirt zu sehen. Selbst
  • 237. meine Freundin war der gleichen Überzeugung.« Doch Ingemeinte: »Ich bin, denke ich, alt genug geworden um meineeigenen Entscheidungen zu treffen. Was hatte ich denn zuverlieren? Im Zweifelsfall hatte ich ein paar Jahre wenigerallein auf der Couch gesessen.« Orhans Familie reagierte gelassen. Sie war es gewohnt, dassdie Söhne ihre eigenen Wege gingen. In Orhans Familie war esüblich, den Jungen großen Freiraum einzuräumen. Sie musstenfrüh lernen, für ihr Leben Verantwortung zu übernehmen.Schon mit 14 Jahren hatte sich Orhan seinen ersten Job gesuchtund sich seitdem allein finanziert. So hatte sich auch niemandin seine Entscheidung eingemischt, zu einer wesentlich älterenFrau nach Deutschland zu ziehen. »Meine Eltern akzeptierendas, was ich mache«, ist sich Orhan sicher. So hatte er keineAngst vor der Entscheidung, die ihn als verheirateten Mannnach Deutschland führen sollte. »Ich habe bisher immer meinAuskommen gefunden. Ich komme überall klar«, sagte ihmseine bisherige Lebenserfahrung. So ist es auch. Orhan hat,seitdem er in Deutschland ist, mit Inges Hilfe bis auf ganzkurze Zeiträume immer Arbeit gefunden. Er hat das Systemschnell verstanden. »Wenn ich gut bin und mehr arbeite als dieanderen, nehmen sie mich immer wieder.« Er arbeitet zurzeitin einer Zeitarbeitsfirma, die sich auf Gastronomie- undHotelbetriebe spezialisiert hat. Doch zunächst musste viel Bürokratie in Deutschland und derTürkei überwunden werden. Als endlich alle Papierezusammen waren, Inge in der Türkei angekommen war undOrhan um einen Termin bei einer speziellen Stelle fürAusländerhochzeiten anfragte, hieß es plötzlich: ›Morgen!‹»Da war es mir auf einmal zu schnell. Nun hatten wir so langegewartet, dass ich mir das Wochenende noch als Bedenkzeitausgebeten habe«, erinnert sich Inge lachend. Doch amMontag war es soweit. In einer Wellblechhütte mit dem
  • 238. Teeverkäufer als Trauzeugen heirateten die beiden in einerfünfminütigen Zeremonie. Zwei Monate später zog Orhan bei Inge ein. Das Türschildaus Ton zeigt heute jedem, der das Treppenhaus desMiethauses betritt, wer gemeinsam hinter dieser Wohnungstürwohnt. »Inge und Orhan« steht dort mit geschwungenenLasurbuchstaben. Die Wohnung ist mit viel Liebe zurDekoration bis ins letzte Detail gestaltet. Man merkt sofort,dass hier zumindest eine Katzenliebhaberin zu Hause ist.Neben dem Katzenpärchen aus Fleisch und Blut bevölkernviele Katzenfiguren die flauschigen, hellen Teppichböden unddie Regale der Mahagonimöbel. Nach dem Tod ihres erstenMannes nach 25 Jahren Ehe hatte Inge sich hier ein eigenesgemütliches Nest geschaffen. »Natürlich hatte ich, bevorOrhan zu mir kam, einige Dinge klargestellt«, berichtet Inge.»Ich brauche keinen Pascha, der den ganzen Tag auf dem Sofaliegt.« Doch das war nicht Orhans Art. Er packt gerne mit an.Genauso wichtig war Inge ein weiterer Punkt: »Hättest dudeinen Teppich hier fünfmal am Tag ausgerollt, wäre das nichtgegangen.« Das hätte ihren Toleranzrahmen als bekennendeAtheistin nun doch gesprengt. »Mein Mann ist nur fünf Jahre lang zur Schule gegangen undnoch nie im Ausland gewesen«, überlegt Inge. Wie sollte sieihm in der Türkei begreiflich machen, was ihn in Deutschlanderwartete? »Ich versuchte ihm zu erklären, welcheUnterschiede er in Deutschland vorfinden würde. Ich habe vielerzählt, aber kam schnell an meine Grenzen. Wie willst du dasalles jemandem erklären, der noch nie aus seinem Landherausgekommen ist?« Orhan dachte dagegen, er kenne dieDeutschen, schließlich hatte er viele von ihnen als Touristengetroffen. Doch er musste feststellen: »Hier sind sie anders alsin ihrem Urlaub. Hier haben sie weniger Zeit und nehmen sichweniger Muße zum Reden.« Inge fällt dazu eine Begebenheit
  • 239. ein: »Einmal als ich nach Hause kam, war Orhan ganzerschüttert. Völlig entsetzt berichtete er mir, dass er sich heuteganz lange auf den Balkon gestellt habe, aber niemand mit ihmgeredet hätte. Was für ein unkommunikatives LandDeutschland doch sei!« In solchen Fällen versucht Inge zuerklären: Hier in Deutschland suche man sich seineGesellschaft eben aus. Nur weil man mit Leuten zusammen ineinem Haus wohne oder mit ihnen verwandt sei, sei man nichtverpflichtet sich ständig zu besuchen. Sie selbst hat eineErfahrung geprägt: Als ihr Ehemann krank wurde, wäre keineraus seiner Familie erschienen, um sich um ihn zu kümmern,aber alle seine Freunde wären ständig an seinem Bett gewesen. Inge versuchte, Orhan von Anfang an in ihren Freundeskreismit einzubinden. Als er in Deutschland ankam, lud sie alle ihreArbeitskollegen und Nachbarn zu einem großen Fest ein. IhreMutter kam noch am Tag seiner Ankunft zu Besuch, um ihn inAugenschein zu nehmen. Mit ihr versteht Orhan sich gut. »Ichmag gerne alte Leute, sie sind niedlich«, meint er. Inge lachtlaut los: »Ja, ja, deine Vorliebe für ältere Frauen kenne ich!« Doch auch Inge hat durch Orhan in eine andere Welthineingeblickt. »Die Türken hatte ich vorher überhaupt nichtauf dem Zettel. Ich habe mich nie viel um ihre besondereSituation gekümmert. Jetzt besuche ich mit Orhan einetürkische Familie in Köln und erlebe tatsächlich eine Frau, dieseit 40 Jahren in Deutschland lebt und nur zehn WörterDeutsch kann. Das hätte ich vorher nie für möglich gehalten.Okay, man sieht darüber etwas im Fernsehen, aber man kannsich nicht erklären, wie so etwas geht. Jetzt habe ich gesehen,dass sie in ihrem Stadtviertel alles hat, was sie braucht. Es gibteinen türkischen Schlachter, Gemüsemann, Frisör, Anwalt undArzt. Sie kann hervorragend ohne Deutsch klarkommen.« Sie spürt aber auch die andere Lebenswelt, wenn sie beiOrhans Familie ist. »Neulich rief der Vater ganz aufgeregt hier
  • 240. bei uns an. Seine Kuh war gestorben. Sein Sohn inDeutschland sollte helfen. Urlaub war sowieso schon geplant.Also saßen wir wenig später in der Türkei mit den anderenBrüdern zusammen, um zu besprechen, wie dem Vater zuhelfen wäre. Plötzlich beschäftigt man sich mit derBeschaffung einer Kuh, den Preisen, ihrem Ertrag, ihrerQualität, dem Transport«, wundert sich Inge. Doch einUmstand erstaunte die resolute Frau noch mehr: »Ich saß,während auch über mein Geld im Wohnzimmer in einerMännerrunde diskutiert wurde, mit den Frauen in der Kücheund trank Tee.« Sie erklärt sich das mit ihren nochunzureichenden Türkischkenntnissen. Doch Orhan merktvorsichtig an: »Es geht um unsere Eltern, da hast du als meineFrau nur wenig Mitspracherecht.« Inge bestätigt das in ihremGefühl, das sie stets beschleicht, wenn sie in Antalya in ihrerFerienwohnung sind: »Ich werde immer noch nur als Touristingesehen. Ich kenne da zwar schon viele Leute, aber so richtigin der Familie komme ich nicht vor. Wenn ich mich amTelefon melde, legen sie einfach auf.« Sie versucht, das zuakzeptieren und das Beste daraus zu machen: Wenn dieVerwandten kommen, geht sie zum Strand und genießt dieSonne. Mit ihrem ersten Mann hätte sie früher eine ganz andereStrategie eingeschlagen. »Damals haben wir über allesdiskutiert und gestritten. Es gab nichts, was einfach stehengelassen wurde. Heute bin ich viel gelassener geworden. Ichplane nicht mehr. Ich nehme das Leben so, wie es kommt, undversuche das Beste aus dem zu machen, was ich nicht ändernkann.« Nur so konnten Orhan und Inge auch eine Grundlage für ihreVereinbarungen finden. »Ich will niemanden neben mir haben,der leidet. Wenn deine Augen nicht mehr leuchten, müssen wirunseren gemeinsamen Plan überdenken. Dann müsstest du
  • 241. wieder zurückgehen, und ich würde dich doch weiterbesuchen«, war immer für sie klar. »Wenn das noch innerhalbder ersten drei Jahre passiert wäre, hättest du auch dann wiederzurück müssen. Jetzt nach fünf Jahren Verheiratetsein hast duja ein eigenes Bleiberecht.« Orhan hätte darin keine Problemegesehen: »Was hat das mit der Aufenthaltsbestimmung zu tun?Ich bin so ein Typ, der einfach geht, wenn ihm etwas nichtpasst. Wenn wir uns nicht verstanden hätten, wäre ich wiedergegangen, ganz klar.« Orhan hat sich während seiner Zeit in Deutschland verändert.Das wird deutlich, wenn sie zusammen in der Türkei sind. SeinSchritt ist schneller geworden. Bei seinen Besorgungen, dieInge allerdings immer noch viel zu lange dauern, legt ermittlerweile an Tempo zu. Er verlangt von Handwerkern, dasssie sich an Termine halten. Schließlich sei er nur kurz imLande. Wenn er vor einem Schalter steht, der wieder einmalnicht besetzt ist, beschwert er sich. Wenn dann die Entgegnungkommt, es sei geschlossen, antwortet er schlagfertig: »Und wostehen eure Öffnungszeiten? In Deutschland ist es so üblich,dass man sich auch daran hält«, wirft er dann seinenLandsleuten vor. Nichts ist selbstverständlich in so einer unkonformenBeziehung. Orhan ist klar: »Wir müssen viel reden, sonsterfährt man nichts vom anderen.« Dazu musste er erst diedeutsche Sprache lernen. Inge bemüht sich zwar, auch ihreKenntnisse in der türkischen Sprache zu erweitern, aber siestellt fest: »Man merkt eben doch, dass man älter geworden ist,das geht nicht mehr so schnell.« Zuerst saßen sie nur mit demWörterbuch in der Hand und versuchten sich auf diese Weisezu verständigen. Jetzt klappt die Verständigung auch ohnesolche Hilfsmittel sehr gut. Anscheinend kommen die beiden trotz der großenUnterschiede gut miteinander klar. Orhan erklärt: »Unsere Art
  • 242. passt gut zusammen. Ich bin besonders mit Inge verbunden.Wir können sehr gut Fragen miteinander klären.« Ingesdirekte, ehrliche Art harmoniert gut mit OrhansAufgeschlossenheit. Er freut sich über die neuenMöglichkeiten, die er durch Inge hat. Dafür ist er auch bereit,in vielen Fragen umzulernen. Er war schließlich stets gewohnt,sich auf seinem Weg durchs Leben den Verhältnissenanzupassen und das tut er nun auch in Deutschland bei Inge.Das konfrontierte auch Inge mit ungewohnten Aufgaben: »Somusste ich mich auf meine alten Tage noch mal mit demThema Bewerbung auseinander setzen. Wer hätte dasgedacht?« Sie dagegen genießt die Gesellschaft des smarten,jungen Mannes mit den verschmitzten Augen, der das, was sieihm bieten kann, so zu schätzen weiß. Sie führen eine für deutsche – und auch für türkische –Verhältnisse ungewöhnliche Beziehung, die mit vielenKlischeebildern behaftet ist. Doch Inge steht mittlerweile sosouverän im Leben, dass sie sich über die Erwartungen derUmwelt locker hinwegsetzen kann. »Ich brauche keineRücksichten mehr darauf zu nehmen, was die Leute über michdenken könnten. So etwas ficht mich nicht mehr an.« Sieerlaubt sich, ihr Zusammensein mit Orhan unbeschwert zugenießen. »Und sollte er noch einmal Kinder haben wollen,dann ist er ja noch jung genug, um sie auch nach mir zubekommen«, stellt sie ihm ganz pragmatisch in Aussicht.
  • 243. VI Bikulturelle LiebesgeschichtenWie deutsch-türkische Paare ihre Beziehung lebenInsgesamt habe ich mit 42 Paaren gesprochen. Alle ihreGeschichten in diesem Buch zu erzählen, hätte leider denRahmen gesprengt. Um ihre Erzählungen aber dennoch miteinfließen zu lassen, will ich im letzten Kapitel versuchen, dieErfahrungen aller Paare zu ein paar Kernpunktenzusammenzufassen. Mit Zitaten zu Wort kommen lassen werdeich dabei hauptsächlich die Paare, deren Geschichten ausPlatzgründen nicht im Buch vorkommen können. Auch siehaben soviel zu sagen, dass es schade gewesen wäre, sie nichtaufzunehmen.Die Frage der Familie»Lass dich bloß nicht mit einem türkischen Mädchen ein, diehat Brüder.« So dachte auch einer meiner deutschenGesprächspartner, bevor er seine türkischstämmige Fraukennen lernte. Die Erfahrungen der 42 Paare sind da nicht ganzso eindeutig: In vielen Fällen reagierten beide Familiengleichermaßen aufgeschlossen. »Meine Eltern haben mir keineWarnungen mitgegeben, als sie hörten, dass ich mich in einenTürken verliebt habe«, erzählte eine deutsche Frau. »MeineEltern haben meine deutsche Freundin offen aufgenommen.Ich lebte schließlich in Deutschland und sie hatten wohl damitgerechnet, dass meine Partnerin eine Deutsche sein könnte«,berichtete ein türkischstämmiger Ehemann. Diese Paare hatten
  • 244. also tolerante Eltern, die ihren Kindern bei der Wahl ihresPartners vertrauten. Doch es gab auch Eltern, denen dieses Vertrauen zu ihrenKindern und deren Partnern fehlte. Sie waren besorgt über dieoffensichtlich gewordenen Unterschiede zwischen ihrenVorstellungen und denen ihrer Kinder. »Meine Elternunterstellten mir Blauäugigkeit, da ich mich mit einem Türkenund seinem gewalttätigen Familienclan eingelassen hätte«,erzählte eine deutsche Partnerin. »Ihr werdet euch über alleFragen eures Zusammenlebens streiten«, prognostizierte eintürkischer Vater. Die Sorgen dieser Eltern um das Wohl ihres Kindes und ihrerFamilie waren so groß, dass sie ihren Einfluss geltend machenwollten. »Eigentlich hatten wir uns ja einen Mann aus unsererNachbarschaft als Schwiegersohn gewünscht«, wurde eintürkischstämmiger Mann beim Antrittsbesuch bei dendeutschen Eltern seiner Freundin empfangen. Er konnte nurentgegnen: »Entschuldigen Sie, damit kann ich nicht dienen.Ich bin nun mal Türke.« Diese Eltern bestanden vor der Heiratihrer Tochter auf einem Ehevertrag. »So saßen wir zwei Tagevor unserer Hochzeit ihnen zuliebe bei einem Anwalt«,berichtete die deutsche Tochter. »Wir wollten die Stimmungzwischen ihnen und uns schließlich nicht noch weiterverschlechtern.« Fas 25 Jahre lebt dieses Paar mittlerweilezusammen Diejenigen, deren Eltern ihre Partner ablehnten,fühlten sich hin- und her gerissen. Sie liebten sowohl ihrenPartner als auch ihre Eltern und mussten sich um Verständnisauf beiden Seiten bemühen. »Ich wollte niemandenenttäuschen. Doch beiden recht machen konnte ich es offenbarnicht«, beschrieb eine Türkin ihre damalige Situation. Die türkischen Männer fällten ihren Entschluss für einedeutsche Partnerin meist unabhängiger von ihrerHerkunftsfamilie als die Frauen. In der Mehrzahl waren es die
  • 245. türkischen Frauen, die eher Rücksicht auf die Interessen derFamilien nahmen: Sie bezogen deren Wünsche in ihreÜberlegungen und Entscheidungen mit ein und bemühten sichum eine harmonische Verständigung. Doch auch die engeVerbindung zu ihren Eltern hielt sie keineswegs davon ab, eineeindeutige Entscheidung für ihren Liebespartner zu fällen – zurNot in der Übergangszeit heimlich. Individuelle Lebenszielestellten für sie keinen Gegensatz zu einem ausgeprägtenFamiliensinn dar. Der Trauschein war für viele türkischstämmige Frauen derzweiten Generation sehr wichtig. »Erst nach der Hochzeitgehören wir offiziell zusammen«, meinte einetürkischstämmige Frau. Die meisten von ihnen zogen(zumindest vor ihrer Familie) erst mit ihrem Partner in einegemeinsame Wohnung, nachdem sie verheiratet waren. »In dertürkischen Gesellschaft ist es sehr wichtig, sich keinenschlechten Namen zu machen. Man darf sich oder seinerFamilie keine Schande bereiten«, erklärte eine Türkin. Bisheute besitzt die 34-jährige, die unverheiratet mit ihremdeutschen Freund in einer Wohnung zusammenlebt, eine extraTelefonleitung, damit ihre Eltern denken, dass sie noch in ihrerehemaligen Singlewohnung wohnt. Mit dieser Art der Rücksichtnahme müssen sich diedeutschen Partner auseinandersetzen. Einigen fiel es schwerer,dafür Verständnis zu entwickeln. Andere schätzten den Wertder Familie genau so hoch ein und konnten sich leichter auf dieKompromisse, die damit verbunden waren, einlassen. »Dasgehört für mich zum selbstverständlichen Respekt vor denÄlteren dazu, dass wir auf ihre Erwartungen Rücksichtnehmen«, erklärte ein deutscher Ehemann. Die Hochzeit diente insofern dazu, das Paar in die jeweiligeGesellschaft einzuführen, im großen Rahmen als Paaraufzutreten und zu bekennen: Alles läuft in geregelten Bahnen!
  • 246. Es gab aber auch türkischstämmige Frauen der zweitenGeneration, die sich über solche Regeln souveränhinwegsetzten. Eine türkischstämmige Psychologin und ihrdeutscher Partner, ein Physiker, heirateten erst nach neunJahren des Zusammenlebens, als sie an Nachwuchs dachten.Sie kommentierte das so: »Ich galt sowieso schon immer alsRebellin in unserer Familie.«Die Frage der ReligionBei einem deutsch-türkischen Paar geht man automatisch voneinem christlich-islamischen Paar aus. Dass das nichtunbedingt den tatsächlichen Gegebenheiten entspricht,beweisen die interviewten Ehepaare: Gut die Hälfte der Paarewaren der Meinung, dass die Religion in ihrem gemeinsamenLeben keine Rolle spielen würde. »Wir sind eine religionsfreieFamilie«, betonte eine deutsche Frau. Bei ihnen hätte es keinenAbstimmungsbedarf in Punkto Religion gegeben, meintendiese Paare. Fast genau so wenig Diskussionsbedarf wie die nicht-religiösen Paare hatten diejenigen, die sich gleichermaßen alsgläubig, aber nicht als einer bestimmten Religion verbundenempfanden. Ein türkischer Mann beschrieb es so: »Ich glaubean einen Gott, wie auch immer er nun heißen mag. Abergegenüber den Religionen bin ich sehr kritisch geworden.«Und eine türkische Ehefrau meinte dazu: »Ob muslimisch,katholisch oder evangelisch – Gott ist einzig.« Diese Paare konnten sich schnell auf gemeinsame Werte fürihr Leben einigen: Werte wie Respekt, Mitmenschlichkeit,Gerechtigkeit, Toleranz, Hilfsbereitschaft und Offenheitbestimmten ihre Maßstäbe. Sie begingen die religiösen Feste
  • 247. häufig gemeinsam und nahmen sie als eine willkommeneGelegenheit zu einem Familientreffen wahr. Es gab auch Paare, bei denen für beide die Religion einbestimmender Faktor in ihrem Leben war, wenn auchunterschiedlich geprägt. Die meisten verfuhren nach demPrinzip der Parallelität. »Ich bin Moslem, sie ist Katholikin.Das ist so, das können und wollen wir nicht ändern. Wir habenRespekt vor dem anderen und akzeptieren ihn voll«, meinte eintürkischer Ehemann. Seine deutsche Frau bestätigte: »Jeder hatzwar seinen eigenen Glauben und andere Gebete und Symbole,aber wir fühlen uns beide wohl mit dem Gedanken, dass wir anGott glauben.« Beide Partner ließen sich gegenseitig den Raum, um ihrenjeweils eigenen Traditionen nachzugehen, und boten demanderen die Möglichkeit, daran teilzuhaben oder auch nicht.Mit dieser praktisch gelebten Akzeptanz der Religion desPartners verfuhren die meisten am besten. Ein Ehepaar hattefolgenden Weg für sich gefunden: »Wir geben uns gegenseitiggenügend Raum, um der eigenen Religion nachzugehen,versuchen aber gemeinsam alle religiösen Feste zu feiern.« Manche Paare waren sich von Anfang an darüber im Klaren,dass eine Beeinflussung in die jeweils eigene Richtung zuSchwierigkeiten führen könnte und versuchten daher, siekonsequent zu vermeiden. Andere konnten diese Konfliktvermeidende Richtlinie erst im Laufe ihrer Beziehung immermehr beherzigen, nachdem sie die problematischenKonsequenzen selbst durchlebt hatten. »Immer wieder fragtesie mich, ob ich nicht Weihnachten mit in die Kirche kommenkönnte. Ich wollte aber nicht. Da gab es häufig Streit«, erzählteein türkischer Mann. »Es hat einige Jahre gebraucht, bis ichaufgegeben habe«, bestätigte seine deutsche Frau.
  • 248. Die KinderfrageEinige der interviewten Paare haben sich gegen eigene Kinderentschieden. Sie setzten andere Schwerpunkte: erfüllendeBerufstätigkeit beider Partner oder intensives Reisen. Eines derkinderlosen Paare räumte ein: »Würden wir in der Türkeileben, hätten wir selbstverständlich schon lange Kinderbekommen. Hier stehst du mit der Verantwortung für dieKinder alleine da. In der Türkei helfen alle bei der Erziehungmit und fühlen sich verantwortlich für den Mitmenschen«,meinten sie. Eine türkischstämmige Partnerin hat erlebt: »Dasswir beide keine eigenen Kinder haben wollen, führt immerwieder zu Verwunderung, besonders in türkischen Kreisen.›Aber Kinder sind doch das Beste im Leben‹, sagen sie dannzu mir«, erzählte sie. »›Und habt ihr Kinder?‹, frage ich siedann. ›Ja, selbstverständlich‹, antworten sie mir darauf. ›Dannseid doch zufrieden, dann habt ihr ja euer Bestes‹«, wusste sichdie schlagfertige Frau zu verteidigen. Die meisten Paare aber hatten sich klar für Kinderentschieden: Entweder hatten sie schon Nachwuchs oder sieplanten ihn in näherer Zukunft.Die Frage der Erziehung»Unsere Kinder bekommen eine Bandbreite vonLebensmöglichkeiten vorgelebt, aus denen sie sich später ihreneigenen Weg zusammenstellen müssen. Damit sie damit nichtüberfordert sind, müssen wir ihnen frühzeitigEigenverantwortung erlauben«, fasste ein türkischstämmigerVater seine Erziehungshaltung zusammen. Hinterfragen vongesellschaftlichen Regeln und Konventionen gehörte für diemeisten Eltern nicht nur zu ihrem partnerschaftlichen Konzept
  • 249. sondern auch zu ihren Erziehungszielen. Fast alle legten denSchwerpunkt ihrer Erziehung darauf, ihre Kinder zuSelbstständigkeit zu befähigen. »Das haben wir immer sogehalten. Ich erkläre meinem Sohn meine Auffassung, er mirseine. Ab und zu erinnere ich ihn an gewisse Absprachen. Dashat bisher gut geklappt«, erklärte ein türkischer Vater seinErziehungskonzept. Dabei verfolgten die Paare folgendes Ziel: »Die Toleranz undAkzeptanz für den anderen und seine Sichtweisen wollen wirunbedingt an unser Kind weitergeben.« Schließlich leben sieihnen als Paar vor, wie so etwas Wirklichkeit werden kann. Genauso wichtig war es ihnen aber auch, ihren Kindern einVerantwortungsgefühl im Zusammenleben mit anderen zuvermitteln. »Unser Sohn soll sich nicht nur in unserer kleinenFamilieneinheit ganz sicher und angenommen fühlen. Er sollauch das Aufgehobensein in der Großfamilie erleben«, sagteein türkischstämmiger Vater. Für die meisten stellte es dasIdeal dar, ihren Kindern beide Blickrichtungen erfahrbar zumachen. Gerade in der Geborgenheit innerhalb einer größerenGemeinschaft sahen sie die besseren Möglichkeiten für dieeigene Selbstverwirklichung. Ob sie diesen Zusammenhalteher in ihrer Kleinfamilie, in der Großfamilie oder imFreundeskreis verorteten, hing dabei von ihren eigenenErfahrungen ab. Diesen Punkt aber alleine an den türkischen oder deutschenWurzeln festmachen zu wollen, wird durch die Erzählungender Paare nicht gestützt. Unter ihnen gab es geradeverhältnismäßig viele türkischstämmige Partner, denen ihreFreiheit sehr wichtig war und die sie keinesfalls für einKollektiv einschränken wollten. Sie schätzten in Deutschlandgerade die größeren Möglichkeiten zur Individualität. DieseHaltung war dann auch für ihre Erziehung maßgeblich.
  • 250. Doch diese grundsätzlichen Ziele führten manchmal imKonkreten zu Abstimmungsschwierigkeiten. »Wenn dieStimmung gut ist, ist es kein Problem, aber wenn Stress ist,zieht sich jeder auf das zurück, was er gelernt und gelebt hat«,bemerkte dazu eine deutsche Interviewpartnerin über sich undihren türkischen Lebensgefährten. Doch sie weiß auch: »Wennman nicht streitet, dann kann man nicht den richtigen Wegfinden. Erst im Streiten um die richtige Lösung kann klarwerden, was man selber und was der andere wirklich will.« Ein junges Paar erklärte seine Strategie, mit der es bisher gutgefahren war, so: »Wir verfahren vor unseren Kindern genausowie vor unseren Eltern. Auch vor den Kindern zeigen wir stetsEinigkeit. Wir versuchen uns immer vorher abzustimmen.Sollten wir das mal nicht geschafft haben, streiten wir uns ersthinterher, ob die Haltung des anderen wirklich die beste war.«Die Frage der religiösen ErziehungWenn die Paare Kinder bekamen, nahm meist das Bedürfniszu, seine eigenen Erfahrungen, Vorstellungen undWeltanschauungen seinem Kind mitzugeben. Dann bekamauch das Thema Religion in ihren Gesprächen wiederHochkonjunktur. »Jeder möchte seinem Kind das mitgeben,was für ihn wichtig ist.« Eine erste, weit reichende Frage standschon bald für viele auf der Tagesordnung: Beschneidung oderTaufe? Auch vielen wenig religiös geprägten, türkischstämmigenPartnern war das Thema Beschneidung wichtig. Gründe, diefür sie für eine Beschneidung sprachen, waren ganzunterschiedlicher Art: Selten waren sie nur religiös begründet,eher spielten die größere Hygiene, die Familien-Tradition unddie Zugehörigkeit zu den Vorfahren für die Befürworter eine
  • 251. Rolle. »Ich hätte gerne diese Verbindung zwischen Vater undSohn gehabt. Mehr als ein Art der Gemeinsamkeit als aus einerreligiösen Begründung«, erläuterte ein türkischer Vater. Derdeutsche Partner reagierte aber in den meisten Fällenabwartend bis ablehnend. »Ich konnte es nicht übers Herzbringen, meinem völlig gesunden Sohn eine Operationzuzumuten. Das ging mir gegen den Strich«, erklärte einedeutsche Ehefrau. »Wir konnten uns nicht einigen und habendas Thema immer wieder verschoben. Jetzt ist er zu alt.«Damit befinden sie sich in Gesellschaft der Mehrheit derPaare: Die wenigsten haben sich zu einer gemeinsamenEntscheidung für die Beschneidung durchringen können, sieimmer wieder vertagt und damit faktisch abgelehnt. Die Frage der Taufe wurde bei den meisten Paaren ebensoabschlägig beschieden. Sie verfuhren in dieser Frage wie beider Frage der Religionszugehörigkeit ihres Kindes insgesamt:Keine frühzeitigen, einseitigen Weichenstellungen, damit seinefreie Wahlmöglichkeit nicht eingeschränkt wird. Die Partner, die sich als religiös bezeichneten, bei denPaaren, bei denen mindestens einer der Partner sich als religiösbezeichnet, wollten ihren Kindern weitergeben, was sie für ihrLeben als hilfreiche Stütze und Halt empfanden. Gleichzeitigwollten sie aber den Glauben des Partners nicht verletzen. Die meisten verfuhren so, dass beide ihren Kindern ihreneigenen Weg zeigten und ihnen schließlich die Wahl ließen,welcher der ihre werden könnte. »Wir versuchen ihm vieleAspekte verschiedener Religionen zu zeigen und er kann sichspäter für seine eigene Richtung frei entscheiden«, stellte eintürkischstämmiger Vater klar. Lebten ein religiöser und ein atheistischer Partner zusammen,entstand der höchste Diskussionsbedarf. Die »Ungläubigen«(meist türkischer Abstammung) hatten am meisten Bedenken,dass ihren Kindern eventuell eine eingeschränkte religiöse
  • 252. Weltsicht vermittelt würde. Sie konnten am wenigstenVerständnis dafür aufbringen, dass religiöse Traditionen fürihre Kinder notwendig oder hilfreich sein könnten. Ihnen wares besonders wichtig, dass die Wahl der Religion durch einenProzess der intellektuellen Auseinandersetzung und wenigerdurch emotionale Anbindung bestimmt wurde. Besonders zufrieden schienen die Paare, die es geschaffthatten, ihren Kindern mehrere Möglichkeiten zu zeigen undgleichzeitig einen übergeordneten Gottesglauben zu vermitteln.»Die Grundüberzeugungen in allen Religionen sind so ähnlich,dass wir keine Probleme darin sehen. Unser Kind sollmitbekommen, dass man die Welt verschieden sehen underklären kann. Und wenn sie später Buddhistin wird, ist esauch in Ordnung«, erläuterte ein deutscher Vater seineMeinung. Ein Paar illustrierte das an einem Beispiel: »Wir glaubenbeide an einen Gott, sind aber nicht an eine Religion gebunden.Als wir neulich einmal wieder über der Gehaltsabrechnungsaßen und unser Blick auf die abgezogene Kirchensteuer fiel,überlegten wir, ob wir diesen Punkt einsparen und austretensollten. Doch das erschien uns nicht richtig, schließlichunterstützt die Kirche auch viele lobenswerte Projekte. Alsohaben wir uns gesagt, wenn wir die Steuer schon bezahlen,dann wollen wir wenigstens etwas davon haben. Seitdemgehen wir öfter mal in die Kirche und nehmen unseren Sohnmit zum Kindergottesdienst«, meinte die türkische Ehefrau.Die Frage der Identität»Ich glaube, unser Sohn hat keine Probleme mit seinerIdentität«, meinte ein türkischstämmiger Vater. Seine Frau
  • 253. nickte: »Nein, dass er uns beide, eine Deutsche und einenTürken als Eltern hat, geht für ihn, glaube ich, in Ordnung.« Aus Gesprächen mit acht der schon erwachsenen Kinderkonnte ich auch etwas über ihre Sicht auf das Leben mit zweiKulturen erfahren. Bei den meisten Paaren erleben die Kindereine große Bandbreite an Möglichkeiten, das Leben zugestalten. Sie werden schon früh an andere Kulturen, Sprachenund Traditionen herangeführt. Meist fiel ihnen erst spät auf, dass sie eigentlich in einerbesonderen Familie lebten. »Für mich war meineFamiliensituation mit meinem türkischen Vater, mit dem ichTürkisch sprach, und meiner deutschen Mutter, mit der ichDeutsch sprach, ganz normal. Erst auf dem Gymnasium wurdesie zu einer Besonderheit«, erzählte eine deutsch-türkischeStudentin. Im Laufe ihrer Pubertät spielten für die deutsch-türkischenJugendlichen Fragen der Identität eine immer größere Rolle. Indieser Lebensphase, in der die Zugehörigkeit zu einerbestimmten Gruppe von Gleichaltrigen die Orientierungerleichtern kann, fanden sie ihre größerenAuswahlmöglichkeiten mitunter als sehr anstrengend. Zukeiner Gruppe gehörten sie ganz dazu, zu jeder aber ein wenig.Viele Fragen stellten sich ihnen oder wurden ihnen gestellt:»Wo gehöre ich hin? Wo will ich leben? Wer bin ich?«,fragten sich fast alle von ihnen. Da gab es Phasen, wo sie sichganz bewusst auf die eine oder die andere Seite schlugen, bissie merkten, dass sie nirgendwo alle Anteile ihrerPersönlichkeit entdecken konnten. Waren sie in deutscherUmgebung, sehnten sie sich vielleicht nach der türkischenHerzlichkeit. Waren sie in türkischer Umgebung, vermisstensie eventuell die deutsche Ehrlichkeit. Immer gab es für sieeine bessere Alternative, die sie im Gegensatz zu den anderenkennen gelernt hatten.
  • 254. Zu schaffen machen konnte ihnen auch das geringe Ansehen,das die türkische Kultur allgemein in Deutschland genießt.Dass sie meist mit einer wenig gebildeten Arbeiterschicht inVerbindung gebracht und demzufolge für rückschrittlichgehalten wird, konnte zeitweise zu einer Ablehnung führen.Oder zu einer Trotzreaktion, die in einem »Jetzt erst recht!«mündete. Bei den Kindern, mit denen ich sprach, hatte dertürkischstämmige Elternteil es geschafft, die türkische Kulturso mit in die Familie einzubringen, dass sie als Bereicherungwahrgenommen wurde. Viele sahen es als ihre Aufgabe an,den Deutschen zu zeigen, dass auch die türkische Kultur vielzu bieten hat, wenn man ihr vorurteilsfrei begegnet. Viele können heute in ihrer erlebten Kulturvielfalt eineRessource sehen, die ihnen ein Leben in einer globalisiertenWelt vielmehr erleichtert als erschwert. Für die meisten ist esihr Ideal, ihre Erfahrungen mit zwei Kulturen in ihr Lebeneinbringen zu können. Eine Entscheidung für nur eine vonihnen würden sie als große Einschränkung empfinden. Siewollen sich auf kein Entweder-Oder festlegen lassen, sondernein Sowohl-Als-Auch leben. Auch auf einen einzigenLebensmittelpunkt wollen sich viele von ihnen nichtbeschränken. Für sie stehen viele denkbare Optionen offen:Türkei, Deutschland oder ganz woanders? Für die Eltern war diese Phase nicht immer ganz leicht:»Haben wir unseren Kindern zuviel zugemutet? Manchmalwünsche ich mir, wir hätten ihnen nur einen Weg gezeigt«,geriet eine deutsche Mutter ins Nachdenken. Ihrem türkischenMann kam seine eigene Erfahrung mit mehreren Kulturenzugute. Er meinte: »Ich hätte drei Wege noch bessergefunden.«
  • 255. Die Frage des HaushaltsDas Klischee des türkischen Paschas hält sich hartnäckig.Unter den Paaren lag die Quote des Ehemannes, der sichbedienen lässt, aber deutlich unter dem bundesdeutschenDurchschnitt. Nur jede siebente deutsche Ehefrau bezeichnetelaut einer neueren Untersuchung der Uni Bamberg ihreAufgabenteilung als partnerschaftlich. Bei den interviewtendeutsch-türkischen Paaren war es immerhin die Hälfte, diemeinte, dass sie die Aufgaben im Haushalt ausdrücklichgleichberechtigt erledigt. »Gleichberechtigung – das war füruns damals keine Diskussion sondern eineSelbstverständlichkeit«, stellte eine deutsche Frau klar. Vorallem Paare, die in den frauenbewegten Achtzigern großgeworden sind, fanden auch für die Zeiten, in denen ihreKinder klein waren, Lösungen zur ausbalancierten Aufteilungder Arbeitsgebiete. »Wir haben alle Aufgaben unter unsaufgeteilt«, erzählte ein türkischstämmiger Mann. »Das warfür mich selbstverständlich. Das habe ich auch schon so mitmeiner früheren türkischen Partnerin gehandhabt«, berichteteein anderer. »Ich musste nach der Geburt unserer Tochterunbedingt wieder arbeiten, sonst wäre ich verrückt geworden«,erzählte eine Partnerin, die wie ihr türkischer Mann in einemJugendzentrum arbeitet. »So bin ich einfach groß geworden.Ich gehöre zu einer Generation von Frauen, der man immereingetrichtert hat, unabhängig und selbstständig zu sein.« IhrPartner räumte dazu ein: »Finanziell hat es sich zwar nichtausgezahlt, und wir hatten zusätzlichen Stress mit demOrganisieren der Betreuung unserer Tochter, doch es war unswichtiger, dass jeder von uns zufrieden ist.« Wenn sich die Partner für eine Aufgabentrennungentschlossen hatten, waren es aber vermehrt die Frauen, diesich der Aufgabe der Kindererziehung bewusst widmen
  • 256. wollten und dafür auch Abstriche in ihrer beruflichen Karrierein Kauf nahmen. »Ich habe mich erst einmal für meine Kinderentscheiden und gegen meinen Beruf«, sagte einetürkischstämmige, studierte Mutter. Wie alle anderen Frauensah sie das für sich aber keineswegs als eine zwangsläufigeEntwicklung sondern als eine ganz selbst bestimmte Wahl an.Eine türkische Krankenschwester, die heute 72 ist, verfuhrganz anders: Um für ihre Familie tagsüber ganz da sein zukönnen, übernahm sie im Krankenhaus zusätzlich zu ihrenPflichten als Hausfrau und Mutter die Nachtschichten. Der Prozentsatz der selbstbewussten, starken Frauen unterden Paaren war hoch. Schließlich hatten sich die meisten deraus türkischstämmigen Frauen ihren eigenen Weg mit zweiKulturen in der deutschen Gesellschaft und ihrer türkischenFamilie erst erobern müssen. Das ließ sie auch in ihrerPartnerschaft selbstbewusst auftreten. Auch die deutschenFrauen unter ihnen waren an konformen Wegen meist weniginteressiert. Das galt in Bezug auf ihre Partnerwahl aber oftauch für die Gestaltung ihres partnerschaftlichen Alltags.»Man kann schon sagen, dass wir die Diskussionen, wie mangemeinsam lebt, wirklich intensiv geführt haben«, sagte dazueine deutsche, volltags beschäftigte Krankengymnastin, die mitihrem türkischen Partner insgesamt sechs Kinder betreut.Die Frage der Sprache/nDie Hälfte der deutschen Partner konnte kein Türkisch. »Wirbrauchen das Türkische in unserem gemeinsamen Alltag inDeutschland nicht. Ich spreche Deutsch genauso gut wieTürkisch. Warum sollte also meine Partnerin unbedingtTürkisch lernen? Das braucht sie höchstens für Besuche beider Familie in der Türkei. Auch die in Deutschland lebenden
  • 257. Familienangehörigen können schließlich Deutsch«, erklärte eintürkischstämmiger Mann. Dennoch würden sich die meistendeutschen Partner türkische Sprachkenntnisse wünschen. »Ichbin aber beruflich zurzeit so eingespannt, dass ich keine Zeitdafür finde Türkisch zu lernen«, bedauerte ein deutscherMann. Ein Drittel der deutschen Partner besaß Grundkenntnisse, dieeine Verständigung mit der türkischen Familie ermöglichten.Einige konnten die Sprache perfekt und nutzten sie zum Teilauch zur alltäglichen Kommunikation mit dem Partner. »Wirreden miteinander auf Türkisch. Schließlich hat unsereBeziehung auch in dieser Sprache angefangen«, begründeteeine deutsche Frau, die ihren Mann während einesSprachurlaubs in der Türkei kennen lernte. Doch bei derüberwiegenden Zahl der Paare war ihre Familien- undBeziehungssprache Deutsch. Dabei überraschte eine deutsche Frau: »Meintürkischstämmiger Partner ist in Deutschland geboren undaufgewachsen, trotzdem gab es manche Begriffe, die wir erstdefinieren mussten, um sicher zu gehen, dass wir wirklich überdasselbe reden.« Eine andere fragte sich immer wieder: »Hat erauch wirklich das verstanden, was ich ausdrücken wollte, oderinterpretiert er seine Sichtweise in mein Gesagtes hinein?«Dann hieß es nachfragen, genau zuhören und sich einfühlen.Die Paare mussten intensiv kommunizieren, um sich wirklichzu verstehen. Sie wussten mit der Zeit, dass es unproduktivwar, von so genannten »Selbstverständlichkeiten« auszugehen.Die Frage der ZweisprachigkeitFast alle Paare wünschten sich eine Zweisprachigkeit für ihreKinder. »Für mich hätten beide Sprachen, Türkisch und
  • 258. Deutsch, in Frage kommen können. Doch ich wollte meinerTochter auch etwas von meiner Kultur mitgeben können«,erläuterte ein türkischer Vater. Zwei Drittel der Paare, dieKinder haben, praktizierten die Zweisprachigkeit auch. »Es istdoch wunderbar, wenn man als Kind eine zweite Sprache dazugeschenkt bekommt«, fand eine türkische Mutter. Ein Paar dachte sich eine besondere Regel aus: Sie sprechenbeide mit ihrem Kind Deutsch, während die Schwester dertürkischstämmigen Mutter sich bereit erklärt hat, für dietürkische Sprache zuständig zu sein. Die Mutter meinte dazu:»Mein Mann kann kein Türkisch, und ich werde später dochdiejenige sein, die mit unserem Sohn Hausaufgaben macht.«Die Sprachaufteilung schien zu klappen: Der Sohn sprachschon mit 21 Monaten in beiden Sprachen. Es gab unterschiedliche Konzepte: Manche Elternbevorzugten wie die letztgenannte Mutter eine klareAufgabenteilung. Für sie bedeutete das: Der eine Elternteilsprach mit dem Kind nur auf Türkisch, der andere nur aufDeutsch. Die meisten aber haben sich für eine weniger strengeRegelung entschieden: Der türkischstämmige Partnerwechselte je nach Situation mit seinen Kindern die Sprache.Für den deutschen Partner, der eventuell nur über rudimentäreKenntnisse in der türkischen Sprache verfügte, war das nichtimmer ganz einfach: Er musste ertragen können, dass er nichtmitverfolgen konnte, was der türkischstämmige Partner mitdem Kind besprach. »Das ist wie eine Geheimsprachezwischen meiner Frau und meiner Tochter. Ab und zu kam ichmir schon ausgeschlossen vor«, erzählte ein deutscher Vater. Viele der Paare waren aber überzeugt, dass es sich lohnt:»Durch die Zweisprachigkeit ab der Geburt wird das Gehirnfür Sprachen geöffnet.« Die Kinder könnten dann auch späterleichter noch eine weitere Sprache dazu lernen. Doch Geduldwar gefragt. Eine deutsche Mutter erzählte: »Erst als unsere
  • 259. Tochter mit drei in den Kindergarten kam, fing sie an zusprechen. Vorher hatte sie die beiden Sprachen in ihrem Kopfquasi gespeichert. Jetzt redet sie wie ein Wasserfall aufTürkisch und auf Deutsch.« Viele Eltern erlebten, dass ihre Kinder verschiedene Phasendurchmachten: Mal erlahmte das Interesse an der zweitenSprache, schlug bisweilen in Ablehnung um, um später wiederneu aufzuflammen. »Alle seine Freunde in der Schule sindtürkische Jungs. Also wollte er auch unbedingt Türkischsprechen können«, sagte ein Vater über seinen Sohn. »UnsereTochter orientiert sich im Moment eher an ihren deutschenFreundinnen. Wenn ihr Vater sie auf Türkisch anspricht,antwortet sie ihm jetzt einfach auf Deutsch«, erzählte eineMutter. Wenn Kinder im Laufe ihrer Entwicklung mitbekamen, dassdie türkische Sprache in Westeuropa meist nur eineuntergeordnete Rolle spielt, konnte das ihre Freude an derSprache beeinflussen. »Türkisch ist eine Sprache, die mir inDeutschland keine wirtschaftlichen Vorteile bringt«, bemerktedazu ein deutsch-türkischer Sohn, der seinenLebensmittelpunkt heute ganz klar in Deutschland verortet. Doch etliche Paare zogen ihre Kinder nicht zweisprachig auf.Meist aus Zeitgründen. Denn das Erlernen einer Spracheerfordert viel Aufmerksamkeit. Das gelang nur, wenn dertürkischsprachige Partner ausreichend Zeit mit dem Kindverbringen konnte. Wenn der türkischstämmige Ehepartneraber in Vollzeit arbeitete, wollte er das magere Zeitbudget mitseiner Familie oft nicht mit Sprachübungen verbringen.»Morgens war Serkan noch voll frischer Energie und wollteseinen Kindern unbedingt seine Muttersprache beibringen. Füralle Zutaten auf dem morgendlichen Tisch lernte er mit ihnendie Vokabeln. Bis abends, wenn er müde von der Arbeit kam,war seine Energie meist wieder erlahmt. So kennen sie bis
  • 260. heute nur wenig mehr als die Wörter für Sachen wieMarmelade, Honig, Brot und Kaffee«, berichtete eine deutscheMutter. Doch manchmal fiel die Entscheidung gegen eineZweisprachigkeit auch aus einer bewussten Entscheidungheraus: In zwei Fällen überwog die Angst, dass das Kind dannspäter weder in der einen noch in der anderen Sprachefehlerfrei sprechen könne. »Uns sind zu viele Kinder begegnet,die mit dem Erlernen von zwei Sprachen gleichzeitigüberfordert gewesen waren und nun beide nur halbbeherrschten«, begründete ein Paar seine Entscheidung. Einanderes brach die zweisprachige Erziehung ab, als das Kindanfing, beide Sprachen durcheinander zu bringen. »MeineMutter hatte zunächst mit mir Türkisch gesprochen und meinVater Deutsch. Mit zwei Jahren brachte ich die Sprachendurcheinander«, berichtete der Sohn. Da es damals kaumjemanden gab, den man hätte fragen können, rang sich seineMutter dazu durch, auf ihre Muttersprache zu verzichten. Auchsie sprach fortan mit ihm nur noch Deutsch. Ein anderes Paar wollte seinem Kind die Identitätsfindung ineiner deutschen Gesellschaft nicht unnötig erschweren. »Wirwollen, dass unser Kind sich in diesem Land heimisch fühlenkann und sich nicht hin- und her gerissen vorkommen muss«,meinte der türkische Vater.Die Frage des sozialen UmfeldsViele der Schwierigkeiten, die den Paaren im Laufe ihrerBeziehung zu schaffen machten, wurden von außen an sieherangetragen. Während Paare, die innerethnisch heiraten, sichmeist auf die Unterstützung ihrer Umgebung verlassen können,stehen diese Paare unter besonderer Beobachtung. »Wir
  • 261. wollten unserer Umgebung beweisen, dass wir recht gehabthatten: Wir passen doch zusammen«, erklärte ein deutscherEhemann den höheren Erfolgsdruck, der auf ihrer heftigumstrittenen Ehe lag. Besonders innerhalb der türkischenFamilien, in denen traditionell die Hilfsbereitschaft undSolidarität innerhalb der Familienbande groß geschrieben wird,führt der mögliche Verlust dieser Unterstützung zu Ängsten. Doch nicht nur durch die familiären Erwartungen wurdenProbleme an die Paare herangetragen. Ebenso belastete viele,dass ihr türkischer Partner in der deutschen Gesellschaft oftmit Schwierigkeiten konfrontiert wurde, die einem deutschenwohl erspart geblieben wären: schlechtere Chancen auf demArbeitsmarkt, bei der Wohnungssuche, diskriminierendeErfahrungen bei Behörden und Bildungsinstitutionen. »DieDeutschen begegnen mir als Türken mit sehr viel Skepsis undVorurteilen. Ich habe gegen ein Türkeibild anzukämpfen, dasüberwiegend negativ geprägt ist. In den Medien wird nurSchlechtes über die Türken berichtet«, klagte ein türkischerEhemann. »Wir fanden lange Zeit keine Wohnung. Ich habe mich schonmit meinem deutschen Namen am Telefon gemeldet, aberwenn mein Mann mit zur Wohnungsbesichtigung kam, war sieauf einmal schon vergeben«, erzählte eine deutsche Ehefrau.Ein türkischstämmiger Partner berichtete: »Immer wenn icheine Bewerbung losgeschickt hatte, musste ich kurze Zeitspäter anrufen, um zu beweisen, dass ich als in Deutschlandgeborener Türke auch akzentfrei Deutsch sprechen kann undgute Umgangsformen habe. Sonst bekam ich immer gleich dieUnterlagen zurückgeschickt.« Bei fast allen deutschen Partnern bewirkte das im Laufe ihrerBeziehung die Entwicklung eines sensibleren Blicks für dieUngerechtigkeiten in ihrem Heimatland. »Wer denken kann, in
  • 262. Deutschland gäbe es keinen Rassismus mehr, hat noch nichtgenau hingeschaut«, meinte eine deutsche Ehefrau dazu. Ebensolchen Erklärungsbedarf bewirkte die Tatsache, dassder deutsche Partner sich einen Muslimen als Partnerausgesucht hatte. Der Islam wurde oft mit der Unterdrückungder Frau gleichgesetzt. »Schlägt er dich auch nicht, deintürkischer Ehemann«, wurde eine deutsche Ehefrau von ihrerFamilie besorgt gefragt. Dieser Vermutung sieht sich wohlkaum ein deutsch-deutsches Paar im Vorwege ausgesetzt.Neue LebensweltenNach all den Herausforderungen, die es zu bewältigen gilt:Was ist nun das Reizvolle an einer solchenkulturübergreifenden Beziehung? »Durch meine Partnerschafthabe ich Einblicke in ganz andere Lebenswelten gewonnen«,meinte eine deutsche Ehefrau. »Mein Leben ist bunter undvielfältiger geworden«, drückte es ein deutscher Ehemann aus. Ihre bikulturelle Beziehung weitete entscheidend ihren Blick.Sie regte dazu an, die eigenen Wurzeln bewussterwahrzunehmen und zu reflektieren. Sich hinterfragen zu lassenwurde zum Test für die eigenen Meinungen. »Wer dieHinterfragung eigener und fremder Vorstellungen nicht alslästige Störung ansieht, sondern Spaß daran hat, sich dieserintellektuellen Herausforderung immer wieder neu zu stellen,wird sicher mehr Freude an einer interkulturellen Beziehunghaben als der, der eher die Bestätigung im Gleichklang sucht«,fasste ein türkischer Partner zusammen. Darin waren dietürkischstämmigen Partner häufig besser geübt. Ein türkischerEhemann bemerkte dazu: »Etwas mir Ähnliches zu treffenkonnte ich mir in Deutschland sowieso nicht vorstellen – ichwar schließlich immer der Außenseiter.«
  • 263. Da keines der Paare seine Verbindung alsZweckgemeinschaft ansah, ergab sich ein intensives Bemühenum Verständnis. »Wir müssen sicher mehr erklären als anderePaare«, glaubte auch ein türkischer Ehemann. Wer dieBereitschaft zum Nachdenken über seine eigene Kulturmitbrachte, erlebte die Erweiterung seines Horizontes.»Offenheit für andere Sichtweisen zu entwickeln«, sah aucheine deutsche Ehefrau als Voraussetzung. »Immer wiederneugierig bleiben auf Veränderungen«, fand ein anderes Paarwichtig. Dabei hatten diese Paare, die bezogen auf ihreHerkunftsgruppe immer eine Minderheit darstellen, auch einenVorteil. »Wir haben eine Art Narrenfreiheit«, meinte einer derGesprächsteilnehmer. »Wir sind sowieso einen Sonderweggegangen.« Für sie wurde im besten Fall die Zubereitung einesbesonderen Kulturmixes möglich. »Wir picken uns das Besteaus beiden Kulturen heraus«, waren die meisten überzeugt. Dietürkische Küche, Geselligkeit, Herzlichkeit,Aufgeschlossenheit und der »türkische«Familienzusammenhalt gehörten für viele zumErhaltenswerten. Die »deutsche« Zuverlässigkeit, Genauigkeit,Pünktlichkeit, Ehrlichkeit und die »deutsche« Freiheit zurIndividualität waren für viele ebenfalls Bestandteile ihrerMischung. Eine Verknüpfung des Denkens im »Wir« und im»Ich« versuchten viele zu erreichen. Die beiden Denkkreise ihrer Kulturen übereinander zuschieben und ihnen eine Schnittmenge zu geben, dieausreichend Raum für das gemeinsame Leben ermöglicht, wardas Ziel der meisten Paare. Die meisten haben mehrÜberschneidungen entdeckt, als sie zunächst gedacht hatten.Doch wenn sie einmal keine gemeinsame Lösung fanden,hatten sie auch kein Problem damit, dem Partner die Freiheitzum eigenen Weg zu geben. »In Diskussionen sollte man nicht
  • 264. gleich das Veränderungsprogramm für den Partner im Kopffertig haben«, meinte eine deutsche Partnerin dazu. Sonderneher die Freiräume für den einzelnen vergrößern: »Da wir unsabsolut vertrauen können, geben wir uns gegenseitig sehr vielFreiheit, unseren eigenen Vorstellungen nachzugehen«,schilderte ein deutsch-türkisches Paar seinen Weg.Typisch deutsch, typisch türkisch?»Vielleicht läuft es bei uns gerade deswegen so gut, weil wirunsere Unterschiede nie kulturell eingetütet haben«, vermuteteein türkischer Ehemann. »Nie haben wir gesagt: Ihr Deutschenmacht das so, Ihr Türken macht das so.« Schubladen schätzten diese Paare wenig. »Mein Mann istnicht in erster Linie türkisch, sondern er ist eben Onur«, meinteeine deutsche Partnerin. Klischees behinderten sie nur in ihremZusammenleben. Deswegen versuchten sie Klassifizierungenin »typisch deutsch« und »typisch türkisch« möglichst zuvermeiden. »Wir haben unsere Probleme nie als türkisch-deutsche sondern mehr als Probleme zwischen Mann und Fraugesehen«, bemerkte dazu eine deutsche Partnerin. Nur in derBegegnung zwischen Individuen ist Verständnis möglich.Wenn in der Diskussion Verstärkung aus dem eigenenKulturkreis hinzugezogen wurde, bekam sie leicht Schlagseite.Wenn sich »die Deutschen« oder »die Türken« mit in dieDiskussion einschalteten, wurde eine gleichberechtigteEinigung eher unwahrscheinlicher, so war ihre Erfahrung. Gerade am Themenkreis Religion, der gemeinhin als dieschwierigste Klippe gilt, zeigt die sich erfolgreichste Strategieder Paare, die sich auch auf andere Themen übertragen lässt.Immer wenn ihre beiden Kulturkreise nur wenigÜberschneidung boten, hatten sie kein Problem damit, sie
  • 265. nebeneinander stehen und den Partner sich zeitweise in seinenBereich zurückziehen zu lassen. Die meisten Paare ließen dieTraditionen, die sich aus ihren christlichen und islamischenWurzeln ergaben, nebeneinander laufen. »Ich will gerne aufmeine deutsche Partnerin zukommen, aber ich bleibe einMoslem. Meine Religion ist mir wichtig. Ich bete und faste«,stellte ein türkischstämmiger Partner klar. Diesen Respektseinem Partner zu geben, war für alle eine wichtige Grundlageihrer Beziehung. Das Motto eines Paares: »Alles erklären, abernichts rechtfertigen müssen« passte für die meisten. Dieses Motto der Toleranz und der Akzeptanz andererWeltsichten verfolgten sie auch bei der Erziehung der Kinder.Ihnen lebten sie ihre verschiedenen kulturellen Wurzeln vorund trauten ihnen auch Widersprüchlichkeiten zu. Da dieKompetenzen dieser Paare im Erklären und Kommunizierendurch ihr großes Trainingsfeld in ihrer Partnerschaft als eherüberdurchschnittlich angesehen werden können, gelang ihnendas auch meist im Hinblick auf ihre Kinder. Eine deutscheMutter freute sich in der Rückschau: »Mit uns beiden erlebensie, dass es verschiedene Kulturen geben kann. Sie bekommenmit, dass man mit verschiedenen Traditionen undLebensvorstellungen glücklich werden kann. Das ist dochziemlich Horizont erweiternd, oder?«Außergewöhnliche BeziehungenObwohl die Anzahl binationaler Ehen dagegen spricht, werdendiese Beziehungen immer noch als außerhalb der Normstehend betrachtet. Sie sind immer noch ungewohnt underscheinen als außergewöhnlich. Doch die meisten Probleme,die die Paare in ihren Erzählungen schildern, sprechen ehervon den üblichen Alltagsabstimmungen. Welches Paar muss
  • 266. schließlich keine Absprachen in Fragen des Zusammenlebenstreffen? »Wenn sich zwei Menschen begegnen, müssen siesich immer erst einmal kennen lernen. Sie müssen vielerzählen und erklären, um sich wirklich verstehen zu können«,meinte ein deutscher Partner dazu. »Ich habe jedenfallsMelitem nicht in erster Linie als Türkin sondern als Fraugesehen.« Es treffen schließlich immer zwei unterschiedlichePersönlichkeiten mit ihren Vorstellungen, Lebensidealen,Vorlieben, Abneigungen, Erziehungserfahrungen undFamilienstrukturen aufeinander. Bikulturelle Paare sind sichder Notwendigkeit zur intensiven Kommunikation wohl schonzu Zeiten bewusst, in denen monokulturelle Paare sich noch invölliger Harmonie wähnen. Die Lösungen, zu denen siegekommen sind, dürften allerdings auch den meistenmonokulturellen Paaren bekannt vorkommen. Das Bewusstseinum Unterschiedlichkeiten und die Akzeptanz der Differenz ineinigen Punkten, die deutsch-türkische Paare im Laufe ihrerBeziehung trainieren, kommt auch Paaren zugute, die ihreWurzeln in derselben Kultur verorten. »Die deutsche und die türkische Kultur passen einfach nichtzusammen!« Mit diesem Statement sahen sich viele Paarekonfrontiert. Doch in der persönlichen Begegnung zwischenzwei Menschen werden mehr Schattierungen in diesemSchwarz-Weiß-Bild sichtbar. Kultur ist eben nicht eine statischfestgeschriebene Größe sondern das Zwischenergebnis einesfließenden Prozesses. Das gilt sowohl für die Kultur derMenschen, die einstmals als Migranten nach Deutschlandkamen, als auch für die deutsche Kultur. Auch sie hat sichdurch vielfältige Einflüsse in einer globalisierten Weltverändert. Diese stetige Weiterentwicklung kann heute schonals eine Norm betrachtet werden, der sich Gesellschaftenstellen müssen, um auf dem Weltmarkt mithalten zu können.
  • 267. Die deutsch-türkischen Paare stellen sich aktiv dieserkulturellen Veränderung, indem sie sie in ihrem alltäglichenPrivatleben praktizieren. Sie zeigen, wie anregend es seinkann, einen intensiven »interkulturellen Dialog« zu führen. Sieerlernen damit eine Flexibilität, die ihnen das Zurechtfinden ineiner zukünftig immer mehr global agierenden Welt erleichternwird. Die Gesellschaften in den Industrienationen werdenvoraussichtlich immer multikultureller werden. In ihnendürften dann bikulturelle Partnerschaften auch in dergesellschaftlichen Wahrnehmung längst zu einemselbstverständlichen Bestandteil geworden sein.Zum Schluss das WichtigsteIch möchte mich ganz herzlich bei allen Paaren bedanken, diemir so vertrauensvoll aus ihrem ganz privaten Leben erzählthaben. Ich danke ihnen für die große Offenheit, mit der ichstets empfangen wurde. Dieses Dankeschön gilt in besonderemMaße auch denjenigen, die leider nicht mehr mit einerausführlichen Geschichte in diesem Buch vertreten seinkonnten. Ohne die Bereitschaft aller, mir von ihrenErfahrungen zu berichten, hätte dieses Buch nicht entstehenkönnen.

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