Schmitzberger  -was_die_us_army_in_der_alpenfestung_wirklich_suchte_(quarz_as_nazi_atom_bomb_development_site)(2006)
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    Schmitzberger  -was_die_us_army_in_der_alpenfestung_wirklich_suchte_(quarz_as_nazi_atom_bomb_development_site)(2006) Schmitzberger -was_die_us_army_in_der_alpenfestung_wirklich_suchte_(quarz_as_nazi_atom_bomb_development_site)(2006) Document Transcript

    • Die Alpenfestung gilt bis heute als ein Phantom, das gegen Ende des Zweiten Weltkrieges von den amerikanischen Geheimdiensten »materialisiert« wurde, die im Raum Oberösterreichs riesige Stollen und Vorratslager, fanatische Kämpfer und neue Waffen vermuteten - eine letzte Zufluchtsstätte des Dritten Reiches... Könnte es jedoch sein, daß sich die Alpenfestung in Wirklichkeit in den niederösterreichischen Voralpen, in der Umgebung der bis heute geheimnisumwitterten Anlage »Quarz« befand? Hierher gelangten die letzten deutschen Truppen, die letzten Flugzeuge und Panzer. Hier tobte die letzte Abwehrschlacht... »Quarz« ist die unterirdische Anlage Österreichs, deren Geschichte bis heute nicht aufgearbeitet wurde. Der Autor recherchierte in jahrelanger Arbeit unglaubliche Fakten, die dokumentieren, daß das Areal um diese Anlage nicht umsonst verbissen verteidigt wurde, weil hier der letzte verzweifelte Versuch lief, doch noch eine Waffe zu bauen, die den Kriegsausgang wenden sollte - die Atombombe. Was zunächst unglaublich klingen mag, wird Schritt für Schritt bewiesen. Anhand heute noch vorhandener baulicher Reste läßt sich aufzeigen, daß hier die Produktion Schweren Wassers erfolgte,bei dem das Verfahren der »Fraktionierten Destillation« zum Einsatz kam. Auch die Anwesenheit des Generals der Waffen-SS Hans Kammler und viele andere merkwürdige Umstände sprechen für die Behauptung, daß »Quarz« Zwecken diente, die bis heute verschleiert werden, Russen und Amerikaner aber zu einem Wettlauf veranlaßte, der wahrscheinlich der Eroberung unbezahlbarer Technologien diente. Nicht umsonst sprachen die Russen in bezug auf die Ereignisse in und um »Quarz« während der letzten Kriegstage vom »größten Verrat der Weltgeschichte«...
    • MARKUS SCHMITZBERGER WAS DIE US ARMYIN DER ALPENFESTUNG WIRKLICH SUCHTE Eine Theorie zum Decknamen der Anlage »Quarz« in Roggendorf bei Melk
    • ÜBER DEN AUTOR:Dipl.-Ing. (FH) Markus Schmitzberger wurde 1977 in St. Polten geboren. Erabsolvierte die Höhere technische Bundeslehr- und Versuchsanstalt fürMaschinenbau-Betriebstechnik in St. Polten und studierte an der Fach-hochschule für Produktions- und Automatisierungstechnik in Wien. Er ist in derchemischen Industrie als Maschinenbauingenieur tätig. Kontakt:webmaster@geheimprojekte.at
    • InhaltVORWORT ................................................................................ 111. DAS ZIEL: BERLIN - ODER DOCH NICHT? . 13Die Alpenfestung taucht auf................................................... 13Alles nur eine Ausrede? ......................................................... 15Der Marsch beginnt ................................................................ 16 Gothaer Waggonfabrik ................................................. 17 Ohrdruf - Deckname »Olga«........................................ 18 Ein neues Ziel? ............................................................. 18 Die Skoda-Werke ......................................................... 19 Redl-Zipf- Deckname »Schlier«................................... 20 Linz - Deckname »Bergkristall« .................................. 22 Ebensee - Deckname »Zement« ................................... 25 Das Ende eines langen Marsches?................................. 292. EINE FABRIK UNTER DER ERDE ................................ 31»Quarz« - kein gewöhnlicher Deckname ............................... 33 SS-Führer Kammler taucht auf..................................... 34 Wer war Kammler?....................................................... 38 Ein Kammler-Bau für mehrere Betriebe? ... 413. DIE STOLLENANLAGE .................................................. 42Die Probleme beim Bau......................................................... 42Beschreibung der Stollen....................................................... 44Die Hauptstollen.................................................................... 45 Stollen A ...................................................................... 47 Stollen B ...................................................................... 47 Stollen C ...................................................................... 49 Stollen D ...................................................................... 50 Stollen E....................................................................... 50
    • Stollen F....................................................................... 50 Stollen G ...................................................................... 50Die Produktionsstollen........................................................... 52 Produktionsstollen 1 und 2 .......................................... 52Die obere Etage - Stollen H ................................................... 53Die Stollenflächen stimmen nicht .......................................... 55 Wo war das Kugellagerwerk? ...................................... 55 Welche Flächen scheinen nicht auf? ............................. 58 Fehlt etwas auf den Plänen?.......................................... 59Die fehlenden Konzentrationslager........................................ 63 Das Lager Roggendorf................................................. 65 Das Lager Loosdorf ..................................................... 65 Das Lager Markersdorf ................................................ 65 Das Lager Spielberg ..................................................... 66 Ein einzigartiger Luftangriff ........................................ 674. DIE SUCHE NACH DER VERWENDUNG . . 69»Quarz« - wichtiger als die Amerikarakete .... 69»Archäologischer Maschinenbau«......................................... 70 Der Traforaum, der keiner war..................................... 75 Ein Bewetterungsschacht?............................................ 77 Ein Triebwerksteststand? ............................................. 78 Ein Kraftwerk?............................................................. 79 Was war es dann? ......................................................... 81 Eine Anlage ohne Sinn................................................. 82 Donau oder Pielach? .................................................... 86Einem vergessenen Verfahren auf der Spur .... 89 Wasser besteht nicht nur aus Wasser ............................ 90 Fraktionierte Destillation des Wassers ....91Beschreibung des Verfahrens ................................................ 94 Die Wasseraufbereitung .............................................. 94 Die Destillation ........................................................... 95Der Beweis ............................................................................ 97
    • Die Produktionskapazität .......................................................99Ungeklärte Fragen..................................................................100 Nahm die Anlage jemals die Produktion auf?. . 100 Woher kam das Öl?......................................................104Die Konsequenzen .................................................................105Woran arbeitete man in »Quarz«?..........................................107Arbeiter-Städte .......................................................................108Ein unglaublicher Lageplan ...................................................1115. DIE INFRASTRUKTUR ...................................................116Luftwaffenstützpunkt Markersdorf ........................................116 Der Schutz der Anlagen ...............................................118Das Trägerflugzeug ................................................................126Die WNF ................................................................................126»Quarz II« ..............................................................................1296. DIE LETZTEN KRIEGSTAGE ........................................1331944 - Die Ostfront bricht zusammen....................................133»Geisterdivisionen« erwachen zu neuem Leben . . . 137Fünf Kilometer vor Markersdorf - die Front steht . . 140Wichtige Treffen ....................................................................147»Irgend etwas« bedroht die Rote Armee................................151Die manipulierte Geschichtsschreibung .................................152 15. April 1945 ..............................................................155 16. April 1945 ..............................................................155 17. April 1945 ..............................................................156 27. April 1945...............................................................156 29. April 1945 ..............................................................156 30. April 1945 ..............................................................156 1. Mai 1945 ..................................................................156 4. Mai 1945.................................................................. 156 5. Mai 1945.................................................................. 157 6. Mai 1945.................................................................. 158
    • 7. Mai 1945 .................................................................. 161 8. Mai 1945.................................................................. 164 9. Mai 1945.................................................................. 178Der Handel ist perfekt ............................................................ 183Das Geheimnis bleibt............................................................. 1897. DAS ENDE EINER NICHT EXISTENTENFABRIK ................................................................................. 191Was die alliierten Geheimdienste wirklich wußten . .192Spezialisten nach dem Krieg..................................................196Zustand heute .........................................................................1978. DIE GEHEIMAKTEN DER DEUTSCHENATOMBOMBENBAUER......................................................200Die fraktionierte Destillation in den Akten . . . .201Das deutsche Atombombenprogramm in den Akten . 204 Internationale Grundlagen............................................204 Die deutschen Forschungen ..................................206 Die Uranhombe ........................................................... 207 Die Reaktorbombe ...................................................... 208 Der Königsweg............................................................ 209 Kritische Reaktoren im Dritten Reich . . . .211 Die SS schaltet sich ein ............................................... 2159. DIE ALPENFESTUNG IN NEUEM LICHT . . 22010. 18 FRAGEN.................................................................... 223ANHANG - MASCHINENBAULICHEBERECHNUNG DER ANLAGE ......................................... 225Bestimmung des Ölvorrates .................................................. 225Bestimmung der benötigten Energie ..................................... 225Bestimmung des Heizwertes ................................................. 226
    • Ergebnis..................................................................................227Berechnung der Trennungsdurchgänge..................................228DANKSAGUNG....................................................................230QUELLEN- UND LITERATURVERZEICHNIS . 231Bibliographie ......................................................................... 231Archive .................................................................................. 235
    • VorwortEs ist nun weit über ein halbes Jahrhundert her, als der ZweiteWeltkrieg in Europa in seinen letzten Monat ging. UnsagbareVerwüstung und Leid waren über den Kontinent gekommen, unddas Großdeutsche Reich bestand nur noch aus einem schmalenStreifen Land, der sich von Norwegen über Dänemark bis in dieitalienischen Alpen zog. Alles, was Hitlers Reich noch zu bietenvermochte, waren Durchhalteparolen, die oft von neuen Waffenkündeten. Diese neuen Geheimwaffen, Vergeltungswaffen oderWunderwaffen, wie sie gerne genannt wurden, waren die letzteHoffnung eines Reiches, dem die letzte Stunde schon längst ge-schlagen hatte.Hitlers Feldzug war endgültig fehlgeschlagen und seine Erzfeindestanden kurz vor ihrem Sieg. Sowohl die Sowjets im Osten, alsauch die Amerikaner, Briten und Franzosen im Westen, hattenschon längst die deutschen Vorkriegsgrenzen überschritten undbereiteten sich mit ihren Armeen auf den finalen Todesstoß vor.Die Spitze der 3rd US Army unter General Patton stand nur nochetwa 300 Kilometer vor dem Ziel aller alliierten Soldaten: derverhaßten Reichshauptstadt Berlin. In diesen Tagen aber geschahetwas, das bis heute nicht geklärt ist: Die US Army drehte nachSüden ab. So kurz vor dem Ziel, das seit der Landung in derNormandie angestrebt wurde ...Der Grund hierfür war die »Alpenfestung« - ein Gespenst, dasangeblich durch die westalliierten Geheimdienste spukte. Vonriesigen Stollensystemen und Festungen in den österreichischenAlpen war da die Rede, von Vorräten für Jahre, neuenWunderwaffen und riesigen fanatischen Armeen der
    • 12SS und Hitlerjugend. Heute behaupten die US-Militärs, das allesblind geglaubt zu haben, offenbar ohne eine einzigeLuftaufnahme gemacht zu haben, denn sonst hätte man jagewußt, daß das alles eine riesige, teilweise selbstinszenierte Lügewar. Wie war es nur möglich, daß das Gespenst einerAlpenfestung für wichtiger als Berlin gehalten wurde? Odersteckten da vielleicht ganz andere Dinge dahinter? Tatsache ist,daß in diesen schicksalhaften Tagen der in der Geschichteeinzigartige Vormarsch einer US-Armee begann, deramerikanische Panzer über 700 Kilometer weit ins Herz derOstmark führen sollte, an einen Punkt, an dem sie offiziell nieankommen sollten.Die Ursache dieser seltsamen Vorkommnisse soll mit diesemBuch neu beleuchtet werden. Um diesen schwierigen und heftigumstrittenen Teilbereich der Geschichte neu zu bewerten, wurdeversucht nur wenige, aber umso glaubhaftere Quellen zuverwenden. Als wichtigster Ansatzpunkt dienten dabei diebaulichen Spuren, die der Zweite Weltkrieg in Österreichhinterlassen hat. Sie können im Gegensatz zu Dokumenten undZeugen kaum manipuliert werden.Mit diesen Ansätzen wird in dem vorliegenden Buch einemögliche Theorie aufgestellt, die viele unbeantwortete Fragendes Kriegsendes in Europa erstmals beantworten kann!
    • 1. Das Ziel: Berlin - oder doch nicht?Man schrieb Ende März 1945, der Rhein war längst überschrittenund die 3rd US Army bereitete sich auf ihren letzten Marsch vor.Diese US-Armee war erst am 1. August 1944, einige Wochennach der alliierten Landung in der Norman-die, aufgestelltworden und stand unter dem Kommando von General George S.Patton. Ihre erste Unternehmung war ein gewaltiger Ausbruchaus der Normandie, der sie bis vor die Tore von Paris bringensollte. Ihr unbestrittener Auftrag: die Eroberung von Berlin.Ende März 1945 trennten Pattons Panzerspitzen nur noch etwa300 Kilometer von der verhaßten Hauptstadt des Dritten Reiches.Auf diesen Kilometern lagen einzig die Reste der 12. DeutschenArmee - schon mehr eine »Geisterarmee«, als ein echter Gegner.Freie Bahn also für den wohl größten Triumph in der Geschichteder amerikanischen Streitkräfte! Die Alpenfestung taucht aufAm 1. April 1945 ergeht plötzlich ein neuer Befehl an die 3rd USArmy. General Dwight D. Eisenhower, der Oberbefehlshaber deralliierten Expeditionsstreitkräfte in Europa, gibt ein neues Zielvor: die sogenannte »Alpenfestung«. Er bezeichnet die EroberungBerlins nur noch als »reines Theater, das man ruhig den Russenüberlassen kann«.1 Aber was war das für ein neues Ziel? Wasbedeutete »Alpenfestung?«Anfang September 1944 waren erste Gerüchte über gigantischedeutsche Befestigungsanlagen in den Alpen aufgetaucht.1 Vgl. Piekalkiewicz, Spione - Agenten - Soldaten, S. 508.
    • 14Es war die Rede von riesigen Stollensystemen, neuen Waffen, gutausgebildeten, fanatischen Untergrundkämpfern und riesigenVorratslagern. Um Luftangriffe zu verhindern, seien angeblichKriegsgefangenenlager errichtet worden, deren Häftlingepraktisch als Geiseln dienen sollten. Hochmoderne unterirdischeWaffenwerke sollten die benötigte Ausrüstung liefern. Alleswürde von Hitlers Führerhauptquartier am Obersalzberg ausgeleitet werden. Sämtliche noch vorhandenen deutschen Truppensollten sich in die Salzburger, Tiroler, Kärntner und SteirischenAlpentäler zurückziehen und von dort aus ihren Kampfweiterführen, bis die neuen Wunderwaffen fertiggestellt seien.2Was anfangs eine alliierte Falschmeldung war, entwickelte sichzu einer von Reichspropagandaminister Goebbels geschicktausgeschlachteten Propagandawaffe. Immer wunderbarer wurdendie Behauptungen, die man nun auch, zumindest teilweise, in dieWirklichkeit umzusetzen begann. Viele neue Befestigungenwurden jetzt geplant: »Grenzstellung«, »Guntherstellung« und»Voralpenstellung», die alle zum Schutz der »KernfestungAlpen« gedacht waren. Sie stellten zum Teil alte Befestigungenund Stellungen aus dem Ersten Weltkrieg dar, die nun mit relativwenig Aufwand wieder hergestellt wurden. Die meisten dieserPlanungen waren aber reines Wunschdenken, das mit der Realitätnichts mehr zu tun hatte. Die sogenannte »Alpenfestung« existier-te an ihrer Nordflanke nicht einmal in Ansätzen ... Hinzu kamenphantastische Pläne zur Errichtung von unterirdischenHauptquartieren für Hitler, das Oberkommando der Wehrmacht,für das Oberkommando des Heeres und für den Reichsführer SSin der Umgebung des Obersalzberges in Bayern und Salzburg.32 Vgl. Piekalkiewicz, Spione - Agenten - Soldaten, S. 508ff.3 Vgl. Seidler, Phantom Alpenfestung?, S. 115ff.
    • 15Der amerikanische Geheimdienst überschlug sich nun vor lauteraufgeblasener Berichte. So märchenhaft auch alles klang,Eisenhower glaubte den Berichten - angeblich. Am 28. März1945 unterbreitete er Stalin seinen neuen Plan: »Zusätzlich soll,sobald die Situation es zuläßt, ein zweiter Vorstoß unternommenwerden, um [...] den Aufbau eines deutschen Widerstandes inSüddeutschland zu verhindern.«4 Damit überließ EisenhowerBerlin den Sowjets. Man muß sich wirklich die Frage stellen,was das sollte?! Weder die Briten noch die Sowjets schenktenden Behauptungen des amerikanischen Geheimdienstes Glauben,warum dann ausgerechnet Eisenhower? Wie konnte es überhauptgeschehen, daß ein derartiges Märchen so ernst genommenwurde? Wo blieb die hervorragende amerikanischeLuftaufklärung? Hätten nicht wenige Überflüge genügt, um dieGerüchte ein für alle mal vom Tisch zu wischen? Es gibt bisheute keine hinreichende Erklärung dafür, was Eisenhower mitdiesem Befehl tatsächlich erreichen wollte. Alles nur eine Ausrede?Um diese Fragen zu klären, soll hier eine neue Theorie aufstellenwerden: Angenommen, es gab im süddeutschen Raum etwas, dasbesonders wertvoll war - sei es Gold, Kunstgegenstände oderneue Technologien, also etwas, dessen Wert weit höher war alsder Wert Berlins. Weiter angenommen, Eisenhower hätte davongewußt. Was hätte er tun sollen? Seinen Verbündeten einfachsagen: »Da ist etwas sehr wertvolles, das ich mir holen will!«?Oh, nein! Jeder der Alliierten hätte sofort reagiert und sichebenfalls ein Stück vom4 Vgl. Kaltenegger, Operation Alpenfestung, S. 176.Böddeker, Der Untergang des Dritten Reiches.
    • 16Kuchen abschneiden wollen. Was Eisenhower also brauchte, umsein Abdrehen von Berlin ohne viel Aufsehen zu rechtfertigen,war eine gute Ausrede. Die Gerüchte von der Alpenfestungwären ihm wie gerufen gekommen. Er hätte so tun können, alswären die Berichte glaubhaft, vielleicht hätte er sie selbst sogarnoch unterstützt - bis das Phantom so groß war, daß es scheinbardas Abweichen vom Marsch nach Berlin erklärte.Diese Theorie ist sicherlich gewagt, denn Eisenhower wußteohne Zweifel, daß Berlin auch für ihn einen nicht zu un-terschätzenden Wert hatte. Er war sich dessen bewußt, daß dieEroberung der Reichshauptstadt auf die politische Ausgangslageder USA eine entsprechende Wirkung haben mußte. Immerhin warklar absehbar, daß das Bündnis mit den Sowjets in Gefahr war.Und schon in Kürze sollte sich bei der Berlin-Blockade zeigen,welche strategischen Nachteile Eisenhower in Kauf genommenhatte. Auswirkungen gab es sicherlich auch auf die Moral der Sol-daten. Immerhin war der Krieg mit Japan noch in vollem Gange.Was hätte sich ein Armeekommandant mehr wünschen können,als eine Siegesparade in der Hauptstadt des geschlagenenFeindes?Stimmt die Theorie aber, daß Eisenhower ein ganz anderes Zielverfolgte, so müßte man nur betrachten, wohin die 3rd US Armynun tatsächlich zog. Die alles entscheidende Frage lautet also:Marschierte diese Armee in die Alpenfestung, oder hatte sie einanderes Ziel? Der Marsch beginntUm diese Frage zu klären, begeben wir uns in der Ereignisskalazurück an die deutsche Westfront und beobachten den
    • 17tatsächlichen Weg jener Armee, die Berlin erobern sollte und nuneinen extrem weiten Marsch zurücklegen mußte, um dieAlpenfestung zu erreichen: den Weg der 3rd US Army. Es warder 1. April 1945, als General Patton den Befehl erhielt, mitseiner Armee das Ziel Berlin aufzugeben5. Keiner der Soldatenverstand es, aber Befehl war Befehl ... Gothaer WaggonfabrikDer Vormarsch sollte nun nach Süden gehen - in RichtungAlpenfestung. Man drehte also vom Ziel Berlin ab und mar-schierte in den Bereich von Erfurt (Thüringen), wo manschließlich am 4. April 1945 Gotha erreichte6. Hier in derGothaer Waggonfabrik erbeuteten die Amerikaner einenFlugzeug-Prototyp, dessen Eigenschaften schon fast legendärsind. Der Name: Go 229, auch bekannt als Ho IX - einzweistrahliger Nurflügler, gebaut von den Gebrüdern Horten.Schon 1943 hatten Reimar und Walter Horten damit begonnen,dieses neue Jagdflugzeug auf eigene Faust zu entwickeln. Erstspäter hatten sie die Unterstützung desReichsluftfahrtministeriums gewinnen können, das nun eineschnelle Fertigstellung des revolutionären Flugzeuges forderte.Nun, Anfang April 1945, waren schon zwei Prototypen diesesDüsenjägers fertiggestellt worden, und der dritte stand hier inGotha kurz vor seiner Vollendung. Die ersten Flugversuche mitdem zweiten Prototypen in Oranienburg hatten so hervorragendeFlugeigenschaften gezeigt, daß Göring sofort den Start einerKleinserienproduktion befohlen hatte.75 Vgl. Piekalkicwicz, Spione - Agenten - Soldaten, S. 508.6 Der große Atlas zum II. Weltkrieg, S. 249.7 Vgl. Nowarra, Die deutsche Luftrüstung 1933-1945, Teil 3, S.42ff.
    • 18Die Go 229 besaß sogar schon Stealth-Eigenschaften. Dermoderne amerikanische Tarnkappenbomber B2 besitzt eineauffallende Ähnlichkeit mit der Go 229, was darauf schließenläßt, daß die deutsche Entwicklung in weiten Teilen kopiertwurde, nachdem der Prototyp verpackt und in die USAverschickt wurde. Ohrdruf- Deckname »Olga«Am Nachmittag des selben Tages marschierte ein Teil der 4.Panzerdivision der 3rd Army weiter in den Ort Ohrdruf. Imnahegelegenen Jonastal sollte unter dem Decknamen »Olga« undunter dem Kommando des Generals der Waffen-SS HansKammler ein unterirdisches Führerhauptquartier entstehen8. Inden letzten Kriegsmonaten hatten KZ-Häftlinge desKonzentrationslagers Ohrdruf mindestens 25 Stollen in dieAbhänge des Jonastals getrieben. Noch heute ranken sich vieleGerüchte um die angebliche Produktion von Geheimwaffen inden weitläufigen Stollenanlagen, die von einem gewissenIngenieurbüro Fiebinger geplant wurden. Ein neues Ziel?Am 15. April 1945 geschieht dann etwas, das heute vonHistorikern kaum beachtet wird: General Eisenhower definiertedas Ziel der 3rd US-Army erstmals genauer. Es lautete nun:Vereinigung mit den Russen in Österreich9. Nur zwei Wochenzuvor hatte man die Eroberung Berlins zugunsten der»Kernfestung Alpen« fallengelassen, und nun will man sich nurnoch mit den Sowjets im Alpenvorland treffen!8 Vgl. Rainer Fröbe in: Smelser/Syring, Die SS - Elite unter dem Totenkopf, S. 3159 Vgl. Rauchensteiner, Der Krieg in Osterreich 45, S. 303.
    • 19 Die Skoda-WerkeDer Vormarsch ging also weiter in Richtung Süden - über dieStadt Hof (am 18. April) hin zur Donau. Im Böhmerwald spaltetesich die 3rd US Army, und ein Teil der Truppe stieß in RichtungOsten vor. Wie schon im Fall des thüringischen GebietesOhrdruf/Arnstadt/Jonastal bereitete es auch hier den US-Befehlshabern kein Kopfzerbrechen, mitten in die vereinbartesowjetische Besatzungszone vorzustoßen. Die US-Panzerverbände überschritten die tschechoslowakische Grenzeund erreichten ihr Ziel Pilsen am 5. Mai 194510.Das »warum« dieser Aktion ist schnell geklärt. In Pilsen warendie Skodawerke beheimatet, ein riesiger Industriekomplex, der inder Österreichisch-Ungarischen Monarchie entstanden war. SeineGeschützgießerei und Getriebefertigungen waren berühmt.Doch eine einfache Geschützfabrik war den US-Streitkräftennicht genug. Die Skoda-Werke stellten auch eine bedeutendenEntwicklungsstätte dar, in der sogar Forschungsarbeiten zuÜberschallflugzeugen liefen. Auch mit diesen Produktions- undEntwicklungsstätten hatte der General der Waffen-SS HansKammler zu tun.Noch in den letzten Kriegstagen arbeiteten hier über hundertKonstrukteure11 an einem Überschalljäger, der eineHöchstgeschwindigkeit von 3.200 km/h erreichen sollte. EugenSänger hatte die Konstruktion geplant, die die BezeichnungSkoda-Kauba Sk P.14-01 trug. Wie weit die Konstruktionfortgeschritten war, ist nicht mehr feststellbar, aber zumindesteine 1:1-Attrappe war angeblich schon fertiggestellt12.10 Vgl. Chronik des Zweiten Weltkrieges, S. 421.11 Vgl.Nowarra, Die deutsche Luftrüstung 1933-1945, Teil5,S. 35.12 Vgl. Dressel/Griehl, Die deutschen Raketenflugzeuge, S.105ff.
    • 20Die amerikanischen Kampfverbände stießen hier im Sudetenlandnur noch selten auf Widerstand, daher war Pilsen und seineEntwicklungsstätte innerhalb kurzer Zeit erreicht. Die Sowjetshingegen schafften östlich von Prag erst am 12. Mai - drei Tagenach der gesamtdeutschen Kapitulation - den Durchbruch.Es kann wohl niemand von einem Zufall sprechen, daß die 3rd USArmy gerade diese kleine Stadt befreite! Alles war vielmehr einegenau geplante Aktion, um in den Besitz deutscher Technologiezu kommen. Redl-Zipf- Deckname »Schlier«Während also der eine Teil der 3. US-Armee nach Pilsenmarschierte, wich der andere Teil noch nicht von seinem Südkursab. Schließlich überschritten am 26. April 1945 die ersten Panzervon Pattons Armee die österreichische Grenze13.Am 4-Mai erreichte die 80. Infanterie Division der 3rd US Armyein weiteres wichtiges Ziel: Redl-Zipf in Oberösterreich14.Ab Sommer 1943 sollte im »Rax Werk« in Wiener Neustadt inder sogenannten »Serbenhalle«15 eine Serienfertigung vonV2/A4-Raketen aufgebaut werden. In der näheren Umgebungwar auch die Errichtung von Triebwerkstestständen und einezugehörige Flüssigsauerstoffproduktion vorgesehen.Nachdem aber 1943 die ersten Bomben auf das Werk gefallenwaren, war man gezwungen, sich sehr schnell nach einer13 Vgl. Rauchensteiner, Der Krieg in Österreich 45, S. 346. Studie Wagner, 487. Divison, Third Army Operations und Patton, Krieg.14 Vgl. Rauchensteiner, 1945 - Entscheidung für Österreich, S. 37.15 Der Name stammte daher, daß die Halle in Serbien demontiert und in Wr. Neustadt wieder errichtet worden war.
    • 21bombengeschützten Unterbringung umzusehen. Während dieFertigung selbst in das von General der Waffen-SS HansKammler aufgebaute »Mittelwerk« bei Nordhausen/Thüringenausgelagert wurde, sollten die Triebwerksteststände und dieFlüssigsauerstoffproduktion nach Oberösterreich verlegt werden.In den Naturkellern einer in Zipf ansässigen Brauerei fand maneinen geeigneten Standort16. Unter strengster Geheimhaltungwurde hier am 11.10.1943 mit der Einrichtung eines KZ-Außenlagers begonnen17. Kurz darauf begann man mit dem Bauder neuen unterirdischen Fabrik, die den Decknamen »Schlier«erhielt. Die Naturkeller der Brauerei wurden großzügig und mitriesigem Aufwand ausgebaut. So erhielten die Triebwerkstest-stände eine drei Meter starke Stahlbetondecke18, um sie voralliierten Bombern zu schützen. Ein eigens errichteter Be-wetterungsschacht versorgte die Stollenanlage mit extrem großenFrischluftmengen, um den Luftanteil des hoch-ex-plosionsfördernden Reinsauerstoffes möglichst niedrig zu halten.Diese großen Frischluftmengen wurden im Winter auf 19°Cerwärmt, um das Stollensystem zu beheizen. Trotz des großenAufwands konnte alle Anlagen schon im Mai 1944 den Betriebaufnehmen19.In der Nähe der Teststände installierte man auch die Flüs-sigsauerstofferzeugung zur Produktion von Treibstoff für die V2-Raketen20, die den Decknamen »Rella X« trug21. Ins-16 Vgl. Freund, Arbeitslager Zement, S. 58.17 Vgl. Woelfl, Gedenkstätte Konzentrationslager Mauthausen.18 Vgl. Portisch/Riff, Die Wiedergeburt unseres Staates, S. 212ff.19 Vgl. German Underground installations, Part two of three, »ad- aptations of existing facilities«, CIOS Section, intelligence divi- sion office, chief engineer, USFET, Washington September 1945, Section III »Liquid oxygen plant«.20 Vgl. Freund, Arbeitslager Zement, S. 58.21 Vgl. Woelfl, Gedenkstätte Konzentrationslager Mauthausen.
    • 22gesamt sieben große Kompressoren erzeugten 75 TonnenFlüssigsauerstoff pro Tag. Dieser diente aber nicht nur zurVersorgung der Triebwerksteststände - mit Spezialeisen-bahnwaggons wurde der hochbrisante Treibstoff auch zu den V2-Abschußbasen an der Kanalküste bzw. an der Westfronttransportiert22.Die aufwendigen Anlagen, die im Projekt »Schlier« unter-gebracht waren, hatten einen entsprechend hohen Energiebedarf.Man errichtete auf einem nahen Feld einen großenStahlbetonbunker, um den tonnenschweren Trafo der Anlage zuschützen. Weiterhin wurde am Redlbach eine eigene Pumpstationgebaut, um den enormen Wasserverbrauch von etwa 250.000Litern pro Stunde decken zu können23. Der Baukommandant derAnlagen hieß auch hier SS-General Hans Kammler. Und auchdas Planungsbüro ist uns bereits bekannt: es handelte sich um dasIngenieurbüro Fiebinger24. Linz - Deckname »Bergkristall«Am 5. Mai erreichte die 11. Panzerdivision der 3rd US-Army dieGauhauptstadt von Oberdonau (Oberösterreich): Linz, welchekampflos übergeben wurde25. Auch hier gab es etwas, für das essich lohnte, in die sowjetische Zone vorzustoßen: die riesigenunterirdischen Messerschmitt-Werke in St. Georgen a. d. Gusen.22 Vgl. German Underground installations, Part two of three, »ad-aptations of existing facilities«, CIOS Section, intelligence divi-sion office, chief engineer, USFET, Washington September 1945, Section III »Liquid oxygen plant«.23 Ebenda.24 Vgl. Freund, Arbeitslager Zement, S. 58. Bundesarchiv Koblenz, Schreiben Kammler an das Ingenieurbüro Karl Fiebinger vom 28. September 1943.25 Vgl. Rauchensteiner, Der Krieg in Österreich 45, S. 352.
    • 23Abbildung 1: Die »Serbenhalle« in Wiener Neustadt- hier sollteeine V2-Fertigung untergebracht werden. (Foto: Verfasser)Abbildung 2: Der Stahlbetonbunker in Redl-Zipf zum Schutz desTrafos für die Stromversorgung der Flüssigsauerstoffproduktion.(Foto: Josef Buchhart)
    • 24Abbildung 3: Appellplatz des Konzentrationslagers Mauthausen.(Foto: Verfasser) Abbildung 4: Krematorium im Konzentrationslager Mauthausen. (Foto: Verfasser)
    • 25Aufgrund der katastrophalen Lage der deutschen Luftwaffehatten die Verantwortlichen im Sommer 1944 mit dem Bau einerunterirdischen Flugzeugfabrik begonnen. Etwa zehn KilometerStollen sollten auf 50.000 m2 Platz für ein komplettesMesserschmitt-Düsenjägerwerk bieten. 20.000 KZ-Häftlinge ausdem nahen Konzentrationslager Mauthausen mußten ihr Lebenlassen, um dieses Vorhaben zu verwirklichen26.Der Baukommandant: SS-General Hans Kammler. Das Pla-nungsbüro: Ingenieurbüro Fiebinger. Geplant war eine Groß-Fertigung von Me-262-Düsenjägern - die letzte Hoffnung derdeutschen Luftwaffe. Laut alliierten Geheimdienstberichtenwurden bis zum Eintreffen der US-Truppen 987 Flugzeugrümpfefertiggstellt27. Die US-Amerikaner hatten also ein weiteresdeutsches Hochtechnologiezentrum erobert! Ebensee - Deckname »Zement«Am 6. Mai 1945 erreichte die 3rd Cavalry der 3. US-Armee dasAußenlager von Mauthausen in Ebensee im Salzkammergut.Hier, südlich des Traunsees, sollte ein weiteres unterirdischesGeheimwaffenzentrum entstehen. Nach dem ersten verheerendenBombenangriff auf Peene-münde am 3. Oktober 1942 hatte manbegonnen, die Heeresversuchsanstalt systematisch unter die Erdezu verlegen. Während die Produktion der V1 und der A4/V2-Raketen ebenfalls in Kammlers »Mittelwerk« bei Nordhausenverlegt wurden, entschloß man sich, die Entwicklungsabteilung ineiner völlig neuen Stollenanlage in Ebensee am Traunseeunterzubringen. Ausschlaggebend für die Standortwahl waren diegünstigen26 Vgl. Haunschmied, B8 »Bergkristall« (KL Gusen II).27 Ebenda.
    • 26geologischen und topographischen Gegebenheiten, die dichteBewaldung, die gute Verkehrsanbindung und ein schonbestehender Steinbruch, der als Tarnung sehr willkommen war.Im September 1943 wurde vom Heereswaffenamt des Rü-stungsministers Albert Speer der Auftrag zur Durchführung desProjektes erteilt. Es erhielt den Decknamen »Zement«, wurde SS-Führer Kammler unterstellt und bekam die Nummer »B1«.Schon kurz darauf begann die SS unter Verwendung tausen-derKZ-Häftlinge zwei gigantische Stollensysteme in die Berge desSalzkammerguts zu treiben. Dazu wurde im Herbst des selbenJahres ein Arbeitslager für 18.000 Personen eingerichtet. Vonihnen sollten bis 1945 8.500 den Tod finden28. Bemerkenswertist, daß beim hiesigen Stollenausbau erstmals Betonfertigteile zurAnwendung gelangten. Diese standen bei ihrer Montage nicht mitdem Fels in Verbindung und konnten sehr einfach gegeneindringendes Wasser abgedichtet werden. Dieses neuartigeVerfahren führte zu einem sehr beschleunigten Baufortschritt. ImGegensatz zu den meisten anderen Anlagen arbeitete man hier anzwei getrennten Systemen:Zement AFür diesen Abschnitt war ein Gesamtbauvolumen von 220.000m3 vorgesehen29. Er sollte alle wesentlichen Teile der geplantenRaketenforschungsstelle, also die Entwicklungsabteilung für dieA9/10-Rakete (auch »Amerikarakete« genannt) aufnehmen. Dazuzählten auch eine Versuchsproduk-28 Vgl. Freund, Arbeitslager Zement, S. 61ff.29 Vgl. Freund, Arbeitslager Zement, S. 71. Besprechungsnieder- schrift am 15.01.44, Verlagerungsort Vorhaben Zement, Bun- desarchiv Militärarchiv Freiburg/Br.
    • 27tion von jeweils 20 Stück A4b/A9-Raketen und »Wasser-fall«-Flugabwehrraketen pro Monat30.Zement BDiese Stollenanlage war für die Raketen-Testabteilung gedacht.Mit einem Bauvolumen von etwa 70.000 m3 31 sollten hier auf20.000 m2 die Raketenteststände untergebracht werden. Ähnlichwie in »Schlier« war geplant, unterirdisch und völlig vor denalliierten Bomberverbänden geschützt, die Triebwerke derV2/A4-Raketen zu testen. Erstaunlich ist, daß trotz desumfangreichen Vorhabens der Zweck der Anlage sogar denHäftlingen vorenthalten werden konnte. Sie erkannten erst nachihrer Befreiung, daß sie an den deutschen Vergeltungswaffengearbeitet hatten. Der Fertigstellungstermin für Zement war Ende1944. Technische Probleme und die immer dramatischerwerdende Lage anderer Rüstungszweige der deutschen Industrieführten zu mehrfachen Umplanungen.Nach den schwerwiegenden Bombenangriffen auf die deutscheErdölindustrie wurden Teile von »Zement A« ab Sommer 1944für die Treibstoffproduktion genutzt. In den Stollen wurdenmehrere Anlagen des sogenannten »Geilenberg-Programms«untergebracht: »Dachs II«, »Taube I« und »Ofen XXIII bisXXX«.32Schließlich wurde der Plan, »Zement B« zu vergrößern und darindoch noch die Heeresversuchsanstalt Peenemünde un-terzubringen, fallengelassen. Aufgrund der immer näher30 Vgl. Freund, Arbeitslager Zement, S. 68. Deutsches Museum, Sammlung Peenemünde, Betr. Verlagerung, 21.10.4331 Vgl. Freund, Arbeitslager Zement, S. 71. Besprechungsniederschrift am 15.01.44, Verlagerungsort Vorhaben Zement, Bundesarchiv Militärarchiv Freiburg/Br.32 Vgl. Freund, Arbeitslager Zement, S. 88ff.
    • 28 Abbildung 5: Die Stollenanlage »Zement« bei Ebensee heute. (Foto: Josef Buchhart)
    • 29rückenden Ostfront waren viele Firmen gezwungen, ihreausgelagerten Produktionen zurück ins Reich zu verlegen. DieUnterbringung eines Teils der Produktion der Steyr-Daimler-Puch AG (Panzerfertigung) in »Zement B« besiegelte dasvorzeitige Ende der Versuchsanstalt Ebensee.33 Das Ingenieurbüround der Baukommandant waren auch hier, wie nicht anders zuerwarten war, das Ingenieurbüro Fiebinger und SS-General HansKammler. Letzterer war sogar noch im Mai 1945 vor Ort undführte Rüstungsbesprechungen durch34. Das Ende eines langen Marsches?Am 6. Mai 1945 schließlich erreichte eine Vorausabteilung der 3rdUS Army bei Bad Ischl die Grenze zur Steiermark. Damit endeteder Vormarsch in die Alpenfestung in Oberösterreich. Vorbei wares mit der riesigen Bedeutung des Phantoms - und das, obwohlsich noch immer zahlreiche deutsche Kampfverbände in denAlpen aufhielten. Warum hat sich noch kein Historiker gefragt,was das Ganze sollte? Marschierte man 700 Kilometer weit, nurum dann einfach halt zu machen? Die Theorie, die Alpenfestungsei gar nicht das Ziel der Aktion gewesen, sondern nur eine Aus-rede für etwas anderes, scheint sich nun zu bestätigen. Doch waswar nun das eigentliche Ziel dieses gewaltigen Vormarsches? Dieoffizielle Geschichtsschreibung gibt hierüber leider keineAuskunft ...Im Süden machte Patton also in Bad Ischl Halt. Doch was war imOsten? Die offizielle Darstellung lautet, daß die US Army am 5.Mai 1945 den Fluß Enns, die mit den Sowjets vereinbarteZonengrenze, erreichte und dort wie be-33 Vgl. Freund, Arbeitslager Zement, S. 108ff.34 Vgl. Fröbe in: Smelser/Syring, Die SS - Elite unter dem Totenkopf, S. 316.
    • 30fohlen wartete, bis sie am 8. Mai 1945 mit der Roten Armeezusammentraf35.Betrachtet man die Geschehnisse jedoch genauer, wird schnellklar, daß an der Enns längst nicht halt gemacht wurde. DerMarsch ging weiter, nur nicht in die »Kernfestung Alpen«,sondern nach Osten - tief in die sowjetische Besatzungszonehinein!Im bisherigen Verlauf des Vorstoßes gab es für Patton nur einenGrund in sowjetisches Gebiet vorzustoßen: deutscheHochtechnologie. Warum sollte es jetzt also anders sein?35 Vgl. Die Chronik Österreichs, S. 538.
    • 2. Eine Fabrik unter der ErdeIm Frühjahr 1944 wurden tausende KZ-Häftlinge aus demKonzentrationslager Mauthausen in die niederösterreichischeStadt Melk gebracht. Die Zeit drängte, alles mußte so schnellgehen, daß nicht einmal für die Errichtung eines eigenenKonzentrationslagers Zeit blieb. Die Melker Pionierkasernewurde umfunktioniert - wo noch kurz zuvor Wehr-machtseinheiten untergebracht waren, fand man jetzt Sta-cheldraht und Wachtürme. Jeden Tag, früh am Morgen, mußtendie Häftlinge von dort zum Bahnhof marschieren und oftstundenlang in Kälte und Regen auf den Zug warten, der sieeinige Kilometer weit in die kleine Ortschaft Roggendorf am Fußdes Wachberges brachte.36 Hier arbeiteten die Häftlinge an einemder geheimsten Projekte des Dritten Reiches - einer vollständigenunterirdischen Fabrik. Die Stollen waren im sandartigenQuarzgestein des Wachberges optimal gegen Bombenangriffegeschützt. Die Anlage erhielt auch ein Notstromaggregat, umnötigenfalls vom Netz völlig unabhängig zu sein. Als Schirmherrder Arbeiten trat die Steyr-Daimler-Puch AG (SDP) auf, einer dergrößten österreichischen Fahrzeug- und Waffenproduzenten, derhier seine eigene Kugellagerproduktion unter die Erde verlegenwollte, um sie vor alliierten Bombenangriffen zu schützen.Im Zeitraum März 1944 bis März 1945 entstanden so mindestenssieben Kilometer Stollen. Weiterhin wurden umfangreicheoberirdische Anlagen errichtet, für deren Tarnung man nichtweniger als 40.000 m2 Tarnmatten verwendete37. Zu denoberirdischen Anlagen gehörten ein Stahlbetonbunker,36 Vgl. Perz, Projekt Quarz, S. 377ff.
    • 32Abbildung 6: Die Ortschaft Roggendorf mit dem Wachberg beiMelk heute. (Foto: Verfasser)Lagerhallen, Schienenanschlüsse, Eisenbahnbrücken, Bahnsteige,Straßenverbindungen, Baracken, Arbeitersiedlungen, Unterkünftefür die Wachmannschaften, umfangreiche Abzäunungen undMG-Stellungen.Um die Arbeiten so rasch wie möglich voranzutreiben, war esvon Anfang an geplant, KZ-Häftlinge einzusetzen. Da das KZMelk kein Vernichtungslager wie Mauthausen oder Auschwitz,sondern ein Arbeitslager war, sollten die Häftlinge ihre Kräftebeim Bau der Stollen verlieren - was natürlich für die Betroffenenkaum einen Vorteil darstellte. Unter furchtbarstenArbeitsbedingungen verloren so tausende Menschen ihr Leben.Das Projekt erhielt den Decknamen »Quarz«, was eine sehr guteTarnung war, da der gesamte Berg aus diesem Material bestand.Offenbar sollte der Eindruck erweckt werden, es handle sich umeine harmlose Sandgrube.37 Vgl. Perz, Projekt Quarz, Seite 404. Hauptbesprechung Quarz vom 15.7.1944, Archiv Steyr-Daimler-Puch AG, Ordner: Ver- lagerung Quarz.
    • 33Doch schon dieser Deckname ist der erste Anhaltspunkt dafür,daß mit der offiziellen Geschichte dieser Anlage, so wie sie bisherdargestellt wurde, etwas nicht stimmt. Es beginnt eine langeReihe von Tatsachen, die »Quarz« zu einer dergeheimnisvollsten Bunkeranlage Österreichs machen. »Quarz« - kein gewöhnlicher DecknameAus Tarnungsgründen erhielten alle deutschen RüstungsprojekteDecknamen. Sie sollten den alliierten Geheimdiensten ihre Arbeiterschweren und die wahre Produktion verschleiern. Es existiertedabei ein System, welches Projekt welchen Namen erhielt (miteinigen Ausnahmen):38Alte Stollenanlagen: Fischnamen z. B. Lachs, LangusteAlte Schachtanlagen: Tiernamen z. B. Schneehase, GemseEisenbahn- und Vogelnamen z. B.Amsel, DrosselStraßentunnel:Festungswerke: Pflanzennamen z. B. Kastanie, TanneHöhlen: Münznamen z.B. Dollar, HellerBunker: Männernamen z. B. Siegfried, PeterBleibt nur noch eine große Gruppe von Decknamen: Gesteine.Sie hatten eine besondere Bedeutung: praktisch alle Bauten mitGesteinsdecknamen unterstanden ein und dem selben Bauherren:General der Waffen-SS Hans Kammler39.38 Vgl. Wichert, Decknamenverzeichnis deutscher unterirdischer Bauten, S. 153ff.39 Vgl. Bornemann, Geheimprojekt Mittelbau, S. 87.
    • 34 SS-Führer Kammler taucht aufSeit sich Mitte 1943 die Lage der deutschen Luftwaffe dra-matisch verschlechtert hatte und die Lufthoheit nicht mehraufrechterhalten werden konnte, begann die Rüstungsindustrie inverzweifelten Versuchen, ihre Betriebe unter die Erde zuverlegen, um sie dem alliierten Bombardement zu entziehen. Umeinen kleinen Überblick zu bieten, in welchem gigantischenAusmaß diese Verlagerung unter die Erde vor sich ging, seien andieser Stelle einige der bekannten österreichischen Anlagengenannt:40Deckname StandortAnna GrazAlice Wien, St. MarxBaldrian Wien, Flakturm ArenbergparkBergkristall St. Georgen a. d. GusenButt AnnabergtunnelChlorit St. PöltenDazit Gaaden bei MödlingGloria WienHeilbutt Zentralkeller LinzJulius Wien, FloridsdorfKalzit Weiz, SteiermarkKarpfen Wien, Tiefkeller SchwechatKellerbau St. Georgen a. d. GusenKiesel HalleinLanguste Seegrotte bei MödlingLuise Wien, LinzerstraßeMaräne Brauereikeller, LinzMaria Wien, Schlachthausgasse40 Vgl. Wichert, Decknamenverzeichnis deutscher unterirdischer Bauten, S. 114ff.
    • 35Mieze Wien, NeugebäudeNephrit Schwarzach bei BregenzNorit WöllersdorfObolus Adlitzgraben am SemmeringPeter Wien, Flakturm AugartenQuarz MelkQuarz II MelkRenke Wien, Liesing-SchwechatReseda Krems-FurthRosmarin Krems-AigenSchlier Redl-ZipfSeelachs Keniaten bei InnsbruckSelma Wien, Brauereikeller SelmaSenta Wien, Brauereikeller SchwechatSiderit Wattens, TirolSpinell InnsbruckSteinkauz KatschbergtunnelStichling Schwaz, TirolSeeigel SteyrSerpentin (Reichs-)Autobahntunnel bei GollingSophie Wien, SchellenhofSyenit Kapfenberg-BöhlerwerkWilhelmine Wien, LeopoldstadtZarah Bludenz-FohrenburgZaunkönig (Reichs-)Bahntunnel LandeckZement A + B EbenseeZitteraal ÖtztalZitterrochen StubachtalDiese Liste erhebt in keinster Weise Anspruch auf Voll-ständigkeit. Es ist auch nur teilweise bekannt, inwieweit dieeinzelnen Projekte noch begonnen bzw. fertiggestellt wurden. Fürdas gesamte deutsche Reichsgebiet ist eine Liste
    • 36von ca. 1.000 Decknamen bekannt - eine unvorstellbare Mengean Projekten, denen natürlich gewisse Dringlichkeitsstufenzugeteilt wurden, um etwas Ordnung in das Chaos zu bringen.Um die wichtigsten Bunkerbauten der deutschen Flugzeug-industrie möglichst schnell voranzutreiben, hatten derReichsführer SS Heinrich Himmler und der ReichsmarschallHermann Göring im März 1944 vereinbart, die wichtigsten undaufwendigsten Arbeiten der SS zu übertragen. Himmler war überdiese Entscheidung sehr erfreut, da die SS damit Einfluß auf diemodernsten Flugzeugproduktionen des Dritten Reiches gewinnenkonnte. Mit der Durchführung der anstehenden Maßnahmenwurde niemand anderer als SS-Brigadeführer und General derWaffen-SS Dr. Ing. Hans Kammler (1901-1945?) beauftragt, dernoch im selben Monat den »Sonderstab Kammler« mit Sitz inBerlin gründete.41 Seine Aufgaben wurden »Sonderbauvorhaben«genannt, welche sich in die bis heute geheimnisumwitterten»Sonderinspektionen« aufgliederten: »S I« bis »S IV«. DiesenSonderinspektionen unterstanden jeweils verschiedene »A«- und»B«- Projekte, die unter dem Decknamen Aktion »Sonderelbe-Jasmin A-B« zusammengefaßt waren. Bei A-Projekten handeltees sich um vorhandene unterirdische Räume, die für dieVerlagerung von Fertigungen nur erweitert werden mußten. B-Projekte stellten meist völlige Neubauten dar.Es ist aber sehr seltsam, daß unter diesen wichtigsten Son-derbauten, zu denen z. B. auch verschiedene Führerhaupt-quartiere, das »Mittelwerk« und die geheimnisumwittertenStollen im deutschen Jonastal (»S III«, Deckname »Olga«)gehörten, nun auf einmal unter »SS-Sonderinspektion IV« auch»Quarz« mit der Nummer »B9« aufscheint.41 Vgl. Bornemann, Geheimprojekt Mittelbau, Seite 86.
    • 37Dieser »SS-Sonderinspektion IV« mit Sitz in Wien warenfolgende Stollenbauvorhaben unterstellt:42Deckname Ort Geplante FertigungB1 »Zement« Ebensee A9/10-AmerikaraketeB8 »Bergkristall« St. Georgen a.d. Me 262 Düsenjäger Gusen43B9 »Quarz« Roggendorf KugellagerBIO »Quarz II« Winzendorf Me 262 DüsenjägerInterkontinentalraketen, Me-262-Düsenjäger - Kugellager?»Quarz« paßt schon auf den ersten Blick nicht in diese Auf-zählung! War eine kleine44 Kugellagerfabrik, die etwa 13%45 derdeutschen Kugellagerfertigung ausmachte, wirklich sobedeutend, um ihre Stollenanlage zu den wichtigsten Bau-vorhaben des Dritten Reiches zu erklären? Oder steckte da etwasganz anderes dahinter? Zum Vergleich: Der bekannte deutscheKugellagerhersteller VKF aus Schweinfurt, der 1944 etwa 32%(!) der deutschen Kugellagerproduktion innehatte46, sollteebenfalls geschützt untergebracht werden. Ob-42 Vgl. Perz, Projekt Quarz, S. 149. Schreiben von Kammler an OBH Gabel im RWM vom 16.8.1944, Aufstellung der A- und B- Vorhaben und der Sonderinspektionen, Bundesarchiv Koblenz. Warum in dieser Auflistung auf B1 »Zement« vergessen wurde, ist unklar. Vgl. Freund, Arbeitslager Zement, S. 74. Brief Verbindungsstab AW an SS-Führungsstab, 14.2.1944, Deutsches Museum, Sammlung Peenemünde.43 Ursprünglich war auch die Stollenanlage B7 enthalten, die aber statt in St. Georgen a. d. Gusen, in Hersbruck (Deutschland) unter dem Decknamen »Dogger« errichtet wurde.44 Klein in bezug auf die Werke VKF und FAG, die zusammen fast 75% der deutschen Kugellagerproduktion ausmachten.45 Vgl. Perz, Projekt Quarz, S. 75. United States Strategic Bom- bing Survey.
    • 38wohl dieses Werk also wesentlich größer und wichtiger als dieKugellagerfertigung der SDP war, wurde seine Verlagerung mitdem Decknamen »Neustadt« geplant47, die nicht Hans Kammlerunterstellt war. Wer war Kammler?Der mächtige Mann, der hinter all diesen Stollenbauten stand,war General der Waffen-SS Dr. Ing. Hans Kammler, Leiter derSS-Amtsgruppe C (Bauwesen).Der 1901 in Stettin geborene Kammler besuchte die TechnischeHochschule in Danzig, die er als Diplom-Ingenieur fürArchitektur abschloß. 1932 erwarb er den Doktortitel an derTechnischen Hochschule in Hannover. Schon 1931 wurde erMitglied der NSDAP und zwei Jahre später der SS. Über dasReichsernährungsministerium und das Luftfahrtministeriumführte Kammlers berufliche Karriere mehr und mehr in die SS, inder er schließlich 1942 die Amtsgruppe C übernahm48.Als nunmehriger Herrscher über 175.000 KZ Häftlinge49 war erfür eine schnelle und rücksichtslose Durchführung der ihmübergebenen Aufgaben bekannt. Kammler war beispielsweisemaßgeblich an der Planung und Errichtung von vier Krematorienim Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau beteiligt50, wodurchdort die Zahl der Tötungen um ein Vielfaches gesteigert werdenkonnte.46 Vgl. Perz, Projekt Quarz, S. 75. United States Strategic Bom- bing Survey.47 Vgl. Wichert, Decknamenverzeichnis deutscher unterirdischer Bauten des Zweiten Weltkrieges, S. 186.48 Vgl. Fröbe in: Smelser/Syring, Die SS - Elite unter dem Toten- kopf, S. 306f.49 Vgl. Williamson, Die SS - Hitlers Instrument der Macht, S. 100.50 Vgl. Fröbe in: Smelser/Syring, Die SS - Elite unter dem Toten- kopf, S. 310ff.
    • 39Eine seiner weiteren Aufgaben war die Errichtung zahlreicherAbschußrampen für V-Waffen und schließlich auch dieÜberwachung der Raketen- und Flugbombenstarts51. Aufgrundseines zweifellos vorhandenen Organisationstalents, das er beider Realisierung wichtiger Aufgaben und Projekte im DrittenReich immer wieder bewies, hatte er schnell Karriere gemachtund bekam nun die geheimsten und wichtigsten deutschenBunkerprojekte übertragen. Darunter befanden sich die schonerwähnten Raketenwerke in Ebensee, die V2-Triebwerksteststände in Redl-Zipf, das Projekt »Riese« imheutigen Polen, die Stollenanlage »Olga« im Jonastal und allenvoran die V-Waffen-Fertigung in Nordhausen.Die riesige V1- und V2-Fertigung im Berg Kohnstein beiNordhausen war sozusagen Kammlers »Meisterstück«. Was vonallen für unmöglich gehalten wurde, machte er in kürzester Zeitmöglich: Er verwandelte die vorhandenen Stollenanlagen in derunglaublichen Zeit von nur etwa zwei Monaten in das größteunterirdische Raketenwerk des Zweiten Weltkrieges52. Dergnadenlose Einsatz von KZ-Häftlingen machte sich für Kammlerbezahlt. Von nun an galt er bei Hitler endgültig als ein Mann derTat. In weiterer Folge wurde er zum »Beauftragten für Baufragender Fertigung« im »Sonderausschuß A4« bestellt; im Herbst 1944avancierte er zum Chef der Heeresbauwesens53, und im März1945 bestellte ihn Hitler schließlich zum »Ge- 54neralbevollmächtigten des Führers für Strahlflugzeuge« .51 Vgl. Fröbe in: Smelser/Syring, Die SS - Elite unter dem Totenkopf, S. 314.52 Vgl. Bode/Kaiser, Raketenspuren, S. 92.53 Vgl. Fröbe in: Smelser/Syring, Die SS - Elite unter dem Totenkopf, S. 315.54 Ebenda, S. 317.
    • 40 Abbildung 7: General der Waffen-SS Hans Kammler. (Foto: unbekannt)Besonders beachtenswert aber ist, daß Kammler am 31. Januar1945 zum »Bevollmächtigten des Führers für Strah-lenforschung«55 ernannt wurde!!!Er war also Befehlshaber über einen gesamten Forschungszweig,dessen Existenz im Dritten Reich heute als praktisch nichtvorhanden dargestellt wird. Im Zusammenhang damit ist zuberücksichtigen, daß zu diesem Zeitpunkt (drei Monate vorKriegsende) eine Ernennung zum Verantwortlichen für einenForschungszweig sicher nur noch dann erfolgte, wenn dadurchinnerhalb kürzester Zeit die Fertigstellung einerdurchschlagenden Waffe zu erwarten war. Auf all denvorgenannten Gebieten hatten weder Reichsmarschall Göringnoch Rüstungsminister Speer gegenüber Kammler eineWeisungsbefugnis. Noch nie hatte Hitler so viel Macht auf eineeinzelne Person konzentriert. Es ist daher in keinster Weiselogisch anzunehmen, daß einerseits einem solchen Mann dieUntertage-Verbringung eines eher unwichtigen Kugellagerwerksübertragen wurde, wodurch sich andererseits all die anderen als»kriegsentscheidend« gewerteten Bauvorhaben verzögert hätten!Es er-55 Vgl. Naasner, SS-Wirtschaft und SS-Verwaltung, S. 341.
    • 41scheint weiterhin unlogisch, daß ein Mann, der offensichtlichsehr darauf bedacht war, nur die größten und wichtigstenGeheimprojekte zu übernehmen, sich plötzlich mit einerKugellagerfabrik zufrieden geben sollte. Was aber ist, wennetwas viel wichtigeres hinter dem Decknamen »Quarz« steckte?Etwas, das als absolut »kriegsentscheidend« betrachtet wurdeund genauso bedeutend war wie die Düsenjäger- oderRaketenproduktion? Ein Kammler-Bau für mehrere Betriebe?Bei vielen Untertage-Verlagerungen hatten sowohl die Stol-lenanlagen selbst, als auch die verschiedenen darin unterge-brachten Fertigungen eigene Decknamen - dies war auch bei»Quarz« der Fall. Während die Stollenanlage den schonbekannten Namen »Quarz« trug, hatte die darin untergebrachteKugellagerfertigung der SDP-AG den Decknamen »Erle«56.Man kann aber nicht von vornherein sagen, daß es in einerStollenanlage nur eine Fertigung gab. Als Beispiel sei hier wiederdie Stollenanlage »Zement« in Ebensee genannt. In der dortigenUntergrundverlagerung waren z. B. die Anlagen »Dachs II«,»Taube I« und »Ofen XXIII bis XXX« untergebracht worden, d.h. zehn Betriebe in einer Stollenanlage!Warum sollte es ausgerechnet in »Quarz« anders gewesen sein?Warum sollten nicht auch hier mehrere völlig verschiedeneBetriebe Unterschlupf gefunden haben? Es hätte gute Gründedafür gegeben - z. B. die Geheimhaltung. Hatte Kammlervielleicht die Steyr-Kugellagerwerke als Tarnung benutzt?Zugegeben ein genialer Einfall, um etwas weit wichtigereswirkungsvoll zu verbergen! Kein Mensch würde auf die Ideekommen, in einem ohnehin schon56 Vgl. Perz, Projekt Quarz, S. 189.
    • 42geheimgehaltenen Werk eine noch viel geheimere und wichtigereProduktion zu suchen ...Schon von Anfang an war das Unternehmen »Quarz« alsZusammenschluß mehrerer Unternehmen gedacht. Zu ihnengehörten das Steyr-Wälzlagerwerk, die FlugmotorenwerkeOstmark (in Wr. Neudorf bei Wien), Flumo Steyr (dasFlugzeugmotorenwerk in Steyr-Hinterberg) und dasNibelungenwerk (Panzerfertigung in St. Valentin).57 Nichts wärealso leichter gewesen, als in diesen Verband von Firmen, vondenen schließlich alle bis auf die Kugellagerfertigung eigeneVerlagerungs-Projekte starteten, einen »Kuk-kuck« einzunisten.Wunderbar von aller benötigter Infrastruktur versorgt und perfektverborgen! Eine wunderbare Tarnung, die vielleicht über einhalbes Jahrhundert lang funktioniert hat!57 Vgl. Perz, Projekt Quarz, S. 155ff.
    • 3. Die Stollenanlage Die Probleme beim BauWegen immer wieder auftretender verschiedener Problemeverzögerte sich der Baufortschritt laufend. Dazu zählten ständigePannen mit den Bergbaumaschinen, da der feine Quarzsand desWachberges schnell zur Zerstörung von ungenügendabgedichteten Getrieben und Kugellagern führte. Deshalb mußteman wieder auf die händisch zu bedienenden Preßlufthämmerzurückgreifen. Dies führte wiederum zu einem Mangel an diesenGeräten. Auch das akute Defizit an gelernten Facharbeitern führtezu Verspätungen, die schließlich bewirkten, daß der SDP erst imNovember 1944 der erste Abschnitt von 2.700 m2 übergebenwurde58. Nachdem dieser erste Bauabschnitt fertiggestellt war,begann man sofort mit der Übersiedlung der Werkzeugmaschinender SDP. Insgesamt wurden bis zum März 1945 7.880 m2Fertigungsfläche der Kugellagerfertigung übergeben59. Kaumwurde die Fertigung richtig aufgenommen, mußten aber aufgrundder nahenden Front die Maschinen wieder abgebaut und nachSteyr und Linz verlagert werden. Ursprünglich war man davonausgegangen, daß in sechs bis sieben Monaten die ersten 6.000m2 bezugsfertig wären60. Waren die Probleme beim Bau wirklichso schwerwiegend,58 Vgl. Perz, Projekt Quarz, Seite 189. Plant report on Steyr-Daim- ler-Puch A, Wälzlagerwerk Steyr, Austria. United States Strate- gic Bombing Survey Records.59 Vgl. Perz, Projekt Quarz, S. 190. Rechnungswesen Wälzlager- werk an Rechtsbüro vom 17.3.1945 betr. Übernahme der Stol- lenfläche Quarz durch Betriebsführung Erle, Archiv der Steyr- Daimler-Puch AG.
    • 44daß man in der geplanten Zeit nicht einmal die Hälfte des Sollserreichte?Werfen wir einfach einmal einen Blick auf die Stollenanlage undvergleichen dann, was wirklich vorhanden war und fertiggestelltworden ist. Beschreibung der StollenDie Stollenanlage war quadratisch aufgebaut, mit sechsHauptstollen (A - F) und 25 Produktionsstollen. Die Ge-samtfläche der 1. Ausbaustufe sollte etwa 60.000-75.000 m2betragen. Die Stollen A - F hatten jeweils eine Abstand von 100m, nur A und B wurden im Abstand von 50 m voneinandererrichtet. Die Höhe belief sich auf ca. 8-10 m. In denProduktionsstollen, die ca. 5-6 m hoch waren, sollten dieMaschinen untergebracht werden.Im Nordosten hatte die Anlage sechs Eingänge, davon war einerein Eisenbahnanschluß. Auch im Südwesten hätten später zweiEingänge folgen sollen. Ob dabei auch an einen Anschluß an diedirekt benachbarte Autobahn gedacht wurde, kann nur spekuliertwerden.Da die Stollenanlage immer wieder zugeschüttet worden ist unddie Befahrung schon vorher aufgrund der zahlreichenSprengstellen sehr mühsam und gefährlich war, soll hier eineausführlich Beschreibung erfolgen.Die nachfolgenden Werte in den Klammern sind in Meternangegeben und bedeuten jeweils: (ca. Länge/davonbetoniert/max. Höhe/min. Höhe)60 Vgl. Perz, Projekt Quarz, S. 165. Fernschreiben Meindl an Roehrt vom 7.2.1944 und 10.2.1944, Roehrt an Meindl vom 7.2.1944, Imperial War Museum London.
    • 45Abbildung 8: Trümmer einer Feldbahnbrücke über den FlußPielach, die zur Entsorgung von Aushubmaterial diente. (Foto:Verfasser)Alle Angaben erfolgen in Meter. Die Stollenbezeichnungenbeziehen sich auf den Plan von P. J. Eisenbauer von 1983 undstimmen bei den Stollen D - G nicht mit den originalenBezeichnungen überein. Die HauptstollenSie stellen die größten Stollen des Systems dar. Sie sollten spätersämtliche Konstruktionsbüros, die Verwaltung, Garderoben,Waschräume und ähnliche Einrichtungen aufnehmen. Hierfür warzumindest abschnittsweise das Einziehen einer Zwischendeckegeplant.
    • 46Abbildung 9: Plan der Stollenanlage 1984. (Plan: P. J. Eisenbauer,Melker Höhlenforscher)
    • 47 Stollen A(350/300/8/3) Hier war der unterirdische Bahnhof untergebracht.Die Westbahn zweigte im Bahnhof Loosdorf ab und führte ineinem langen Bogen in die Tunnelanlage, wo sich die Geleise aufzwei Spuren aufspalteten. Zumindest im vorderen Drittel desGanges existiert ein darüber gelegener Lüftungsschacht, der überviele Löcher in der Decke des Stollens mit diesem verbunden war.Offensichtlich diente er dem Abzug der Dampflok-Rauchgase. Imhinteren Bereich des Stollens ist der noch nicht abgebauteGesteinskern stehengeblieben. Nach dem Krieg wurde vor allemdas erste Drittel durch Sprengungen praktisch komplett zerstört.Durch eine gewaltige Sprengladung im Einfahrtsbereich wurdeein Krater mit etwa 40 m Durchmesser in den Berghang gerissen,der den Stollen um gut 30 m verkürzte. Stollen B(600/270/10/0,5) Dieser ist der längste aller Hauptstollen. Da manim Verlauf der Bauarbeiten immer wieder auf Schotterbänke imBerg gestoßen war, beschloß man Stollen B als Sondierstollenvoranzutreiben, um auf weitere Störungen im Gestein vorbereitetzu sein61.Die ursprüngliche Einfahrt am Nordosthang des Wachbergeswurde nach dem Krieg durch Sprengung verschüttet. Gleichhinter dieser Sprengstelle liegt der sogenannte Traforaum. Einsehr seltsamer Abschnitt, auf den wir später noch genauer eingehenwerden.Im Bereich zwischen Querstollen 8 und 9 befinden sich betonierteUnterkellerungen, die auf die Aufstellung von Maschinenhindeuten - ein Faktum, das noch von großer Bedeutung seinwird.61 Vgl. Perz, Projekt Quarz, S. 114. Hauptbesprechung Quarz vom 1.7.1944, Archiv der Steyr-Daimler-Puch AG.
    • 48Abbildung 10: Der Hauptstollen B im Jahre 1988. (Fofo: MichaelWrobel, Wien)
    • 49Beim Querstollen 14 sinkt die Stollenhöhe von zehn auf dreiMeter ab. Hier endet der betonierte Abschnitt. Geht manRichtung Südwesten weiter, folgen zwei Maueransätze unddazwischen zwei bemerkenswerte Nischen. Sie führen mit einerHöhe von einem Meter auf jeder Seite des Stollens etwa fünf Meterin den Berg. Dort enden sie mit je einem Raum mit ca. 1,5 x 1,5m Grundfläche. Auch hier können nur sehr kleine Menschenaufrecht stehen. Diese Art von Gang findet man auch noch in denStollen A, D und E. Es dürfte sich dabei um Sprengkammerngehandelt haben, die von der SS zur geplanten Vernichtung derStollenanlage angelegt wurden.Im hintersten Teil des Ganges sank die Höhe schließlich auf 0,5 mab. Angeblich konnte man in diesem hintersten Abschnitt schonFahrzeuge, die auf der Westautobahn fahren, hören.Durch den Bau einer Sandgrube nach dem Krieg wurden aberauch hier ca. 50 m Gang vernichtet. Hierdurch ergab sich fürviele Interessierte eine neue Einfahrtsmöglichkeit. Diese wurdeaber durch die völlige Wiederauffüllung der Sandgrube im Mai1998 zerstört. Bei einer Höhe von 2,5 m endet der Stollen heutemit einer Betonwand, die schon vor der Aufschüttung einenZutritt verhindern sollte. Stollen C(150/100/7/0,5) Dieser Gang hatte ursprünglich wahrscheinlichkeine Bezeichnung (siehe unten) und war der kürzeste von allenHauptstollen. Laut dem Originalplan von 1944 dürfte dieserStollen gar nicht existieren, er könnte aber sogar eine eigenekleine Einfahrt erhalten haben, da am nordöstlichen Ende etwasHumus von der Decke rutscht.
    • 50 Stollen D(380/220/8/3) Er hätte laut Originalplan mit Stollen E einengemeinsamen Zugang bekommen sollen, daß diese Pläne aberabgeändert wurden, zeigt ein amerikanisches Aufklärungsfotovom 16. August 194462. Darauf ist klar zu erkennen, daß StollenD und E eigene Einfahrten erhielten. Beide sind aber durchverschiedene Sprengungen nicht mehr befahrbar. Die Zufahrtender beiden Stollen sind heute an der Oberfläche durch zwei sehrtiefe und etwa 100 m lange Täler erkennbar. Am Talgrund liegennoch verschiedene Stahlbetontrümmer. Im Stollen selbst existiertim Bereich von Querstollen 1 und 2 eine ca. 1,5 m tiefe und 50 mlange Rinne in der Sohle63. Stollen E(400/200/7/2) Am nordöstlichen Ende machte dieser Stolleneinen Knick in Richtung Westen und führte dort an dieOberfläche. Der betonierte Teil ist durch Sprengungen totalzerstört, daher läßt sich die ursprünglich Höhe auch nicht mehrgenau feststellen. Stollen F(300/120/6/2) Stollen G(320/320/8/8) Dieser Stollen war bei den KZ-Häftlingen derunbeliebteste Teil der Anlage. Da er schon damals 0,5-1 m unterWasser stand, mußten sie unter furchtbarsten Bedingungenarbeiten. Auch dieser Gang machte einen Knick zur ehemaligenEinfahrt hin. Hier befindet sich auch eine Was-62 Vgl. Airforce Historical Research Agency. Microfilm Nr. A25193, Interpretation Report No. U. 27, Feb. 1945.63 Bergmännisch für den Boden eines Stollens.
    • 51Abbildung 11: Einfahrtsbereich von Stollen A mit Vortriebsstollen(?) im Rand des Sprengkraters. (Foto: Verfasser)Abbildung 12: Das durch die Sprengung von Stollen G entstandeneTal. (Foto: Verfasser)
    • 52serleitung, die nach über 50 Jahren noch immer Wasser führt.Westlich und östlich davon finden sich auch noch zwei alteGrubenloren, die etwa zur Hälfte in der Sohle versunken sind.Am südwestlichen Ende des Ganges, das tief unter Wasser steht,stehen auch noch einige Maschinen, deren ursprünglicheVerwendung aber nicht mehr eindeutig zu klären ist. Die ProduktionsstollenSie verbinden sämtliche Hauptstollen miteinander, und haben bisauf 1, 2, 3, 13, 14, 15 eine Länge von 450 m und eine Höhe von ca.6 m. Die Stollen 1-8 sind vollständig, Nr. 9-11 teilweise und 12-15 gar nicht betoniert, darum gewähren auch die Stollen Nr. 12-15 einen erschreckenden Einblick in den Häftlingsalltag. DieStollenhöhe sinkt dort auf ca. zwei Meter ab, in den Gängenstehen noch Baugerüste und an den Wanden sieht man nochdeutlich die Schaufelkratzer der Häftlinge. Produktionsstollen 1 und 2Sie stellen eine Besonderheit dar. Nur hier finden sich um-fangreiche Maschinenfundamente und Tanklager. Dies beweist,daß sie, obwohl sie nicht die volle Länge erreicht haben, schonlängst in Verwendung waren. Auffallend ist auch ihreunregelmäßige verwinkelte Struktur. Stollen 2 besitzt nochzusätzlich an seinem nordwestlichen Ende als Abschluß eineoffensichtlich gesprengte, doppelte Stahlwand. Links davonzweigt in einer Höhe von ca. drei Meter ein sehr schmaler undniederer Stollen ab, der steil nach oben führt und offensichtlicheinmal ein zweites Stockwerk erreichen sollte.
    • 53 Die obere Etage - Stollen HDas bisher Beschriebene ist die »offizielle Version« der Anlage.Daß das Projekt »Quarz« aber größer war, als bisherangenommen wurde, konnte erst nach vielen Monaten Forschungbewiesen werden.Zusätzlich zu all den genannten Stollen existiert nämlich noch einAbschnitt, der auf keinem veröffentlichten Plan aus dem ZweitenWeltkrieg verzeichnet ist. Es handelt sich dabei um einen Stollen,der eine Etage höher liegt als die übrige Anlage - nennen wir ihn»Stollen H«. Erreichbar ist dieser Abschnitt über denProduktionsstollen 8, welcher als Besonderheit einen seltsamen,über zehn Meter hohen Schacht zwischen den Hauptstollen Dund E aufweist. Offensichtlich stellte er eine Verbindung zur 2. Eta-ge dar. Leider wurde dieser Schacht durch eine gewaltigeSprengung völlig zerstört, so daß man über seine Verwendungnur noch spekulieren kann. Der Stahlrahmen an der Decke läßtauf einen Aufzug schließen, der die beiden Etagen verbindensollte.Aufgrund der Sprengung ist dieser Schacht aber extrem ge-fährlich, so daß man über das obere Stockwerk kaum Infor-mationen erhält. Anhand einer Handskizze und mehrererAussagen von »Besuchern« läßt sich erkennen, daß der dar-überliegende Gang eine Länge von etwa 200 m und drei kleineAbzweigungen besitzt. Zwei davon sind wiederumSprengkammern. Bemerkenswert ist auch, daß Stollen H zumGroßteil bereits mit Beton verkleidet ist! Daß diese Etage abersogar eine eigene Einfahrt hatte, belegten erst die Akten der USAirforce64. Schon am 16. August 1944 hatte die US-Luftaufklärung diesen Stollen erkannt und in ihren64 Airforce Historical Research Agency. Microfilm Nr. A25193, Interpretation Report No. U. 27 Feb. 1945.
    • 54Akten »Tunnel entrence D« getauft. An der Stelle, an der sichdamals die Einfahrt befand, findet sich heute allerdings nur nochein riesiger Krater.Abbildung 13: Sprengtrichter an der einstigen Stelle der Einfahrtzum oberen Stockwerk. (Foto: Verfasser)Damit kann auch eine weitere Unklarheit aufgeklärt werden:Als beim Vorantreiben von Stollen G (ex F) ein großer Was-sereinbruch erfolgte, überlegte man, das Niveau der Stollen umeinen Meter zu heben, um ständige Überflutungen zu vermeiden.Dies wurde aber schließlich wegen Befürchtungen abgelehnt, daßder Schutz vor Bombenangriffen dann nicht mehr ausreichendgegeben sei, da man die geforderte Felsüberdeckung von 30Metern unterschritten hätte65. Die Hauptstollen A - G liegen aufeiner Seehöhe von ca. 240 m, der Wachberg ist aber praktisch aufder gesamten Grundfläche der Stollenanlage über 300 m hoch.Wäre also65 Vgl. Perz, Projekt Quarz, S. 114. Hauptbesprechung Quarz vom 6.5.1944, Archiv der Steyr-Daimler-Puch AG.
    • 55nur die »offizielle« Stollenanlage geplant und errichtet worden,hätte sich eine Uberdeckung von über 50 Metern ergeben und dieBefürchtungen wären völlig haltlos gewesen. War aber die obereEtage schon von Anfang an geplant, und zwar in der selbenGröße wie die untere Etage, dann wären die Bedenken berechtigt,was offensichtlich der Fall war. Bei geschickter Ausnutzung dergeographischen Gegebenheiten bleibt sogar Raum fürSpekulationen über eine mögliche dritte Etage! Die Stollenflächen stimmen nichtMit Hilfe dieser Daten ist sehr gut erkennbar, daß die Stol-lenanlage viel größer ist, als sie »offiziell« sein sollte. Wo war das Kugellagerwerk?Wie oben erwähnt, wurden der SDP im November des Jahres1944 2.700 m2 Stollenfläche übergeben. Insgesamt waren es bisMärz 1945 7.880 m2.Ein fertiger Produktionsstollen hatte eine Länge von 450 m undeine Breite von 6 m. Das ergibt genau 2.700 m2. Folglich wurdeim November 1944 genau ein Stollen übergeben. Insgesamterhielt die SDP 7.500 m2 an Produktionsstollen und 380 m2 anBürostollen66. Das heißt, daß nicht einmal drei volleProduktionsstollen übergeben wurden, da 3 x 2.700 = 8.100 m2sind.Für diese drei Stollen könnten Nr. 6 bis 8 in Frage kommen, dennbei Stollen 8 wurde der letzte Abschnitt, mit einer Län-66 Vgl. Perz, Projekt Quarz, S. 218. Schreiben Rechnungswesen Wälzlagerwerk an Rechtsbüro SDP vom 17.3.1945 betr. Über- nahme der Stollenfläche Quarz durch Betriebsführung Erle. Archiv der Steyr-Daimler-Puch AG.
    • 56ge von 100 m, nicht fertiggestellt, was zu einer Gesamtfläche derdrei Stollen von exakt 7.500 m2 führt. Ihr geschätzterFertigstellungstermin stimmt auch mit der in den Aktenvermerkten Übergabe überein.Daß das Kugellagerwerk der SDP nur die hintersten drei Stollenbekam, ist natürlich bis jetzt reine Spekulation. Man kann z. B.einwenden, daß ein Kugellagerwerk niemals einen nochunfertigen Stollen bezogen hätte, alleine schon wegen desfürchterlichen Staubes, der sich mit Kugellagern ungefähr so gutverträgt wie Wasser mit Feuer. Aber wie so oft hilft hier derZufall weiter: Am 2. Februar 1945 brach im schon erwähntenSchacht im Produktionsstollen 8 ein Brand aus, welcherinsgesamt 41 Tote forderte. Wenn nun der Stollen 8 noch nicht andie SDP übergeben worden war, so dürfte bei dem Feuer ankeiner Maschine der SDP ein Schaden entstanden sein. Doch demist nicht so. Der »Betrieb Erle« (also das Kugellagerwerk, nichtdie Baustelle!) meldete Schäden an einem Elektromotor und zweiSchleifmaschinen67, wie die Akten zeigen. Unterstützt wird dieseThese auch durch die Tatsache, daß sich im Stollen BMaschinenfundamente befinden - im Bereich zwischenProduktionsstollen 8 und 9! Im Stollen 8 wurden sogar noch inden 1980er Jahren Dokumentenreste der Steyr-Daimler-Puch AGgefunden68. Das ist der Beweis: die SDP war im hintersten Teilder Anlage untergebracht, der vordere Teil hatte damit, wennman der bisherigen Darstellung des Pro-67 Vgl. Perz, Projekt Quarz, S. 400. Rechtsabteilung Quarz an den Kommandeur der Sicherheitspolizei Wien, Außenstelle St. Pol- ten vom 19.3.1945 betr. Brandschaden im Stollen, bzw. Betriebs- führung Erle, Obering. Reiter an Ustuf. Zimmermann, Baustelle Quarz vom 19.3.1945 betr. Schadensmeldung Stollenbrand am 2.2.1945, Archiv der Steyr-Daimler-Puch AG.68 Quelle: Michael Wrobel, Wien.
    • 57Abbildung 14: Plan der von der Steyr-Daimler-Puch AG belegtenProduktionsstollen. (Plan: P J. Eisenbauer, Melker Höhlenforscher,editiert von Verfasser)
    • 58jektes »Quarz« glaubt, »keine Verwendung«. Daraus ergibt sichauch, daß die vorderen Bereiche der Stollen 1-5 schon vorher,also vor November 1944, fertiggestellt waren, da ja von derOstseite aus in den Berg hinein gearbeitet wurde. Welche Flächen scheinen nicht auf?So weit, so gut - nur was ist nun mit den Stollen 1-5 und denrestlichen Hauptstollen? Es fehlen in den Akten alsofertiggestellte Flächen, die nicht der SDP übergeben wurden.Fassen wir alle »nicht vorhandenen« Bereiche zusammen:Produktionsstollen 1 (120x6 + 30x8) 960 m2Produktionsstollen 2 (120x6) 720 m2Produktionsstollen 3-5 (450x6x3) 8.100 m2Stollen 1x (50x6) 300 m2Hauptstollen B (220x6) 1.320 m2Hauptstollen C (80 x 6) 480 m2Hauptstollen D (160x6) 960 m2Hauptstollen E (180x6) 1.080 m2Hauptstollen F (140x6) 840 m2Hauptstollen G (300x6) 1.800 m2Hauptstollen H (200 x 6) 1.200 m2SUMME: 17.760 m2Abzuziehen sind die 380 m2 an übergebenen Bürostollen, die inder Rechnung noch nicht berücksichtigt wurden. Damit ergibtsich, daß eine Fläche von fast 17.400 m2 nicht übergeben wurde.Kalkuliert man noch mit ein, daß in den Hauptstollen eine Deckeeingezogen und damit weiterer Platz geschaffen wurde, sokommt man sogar auf etwa 25.000 m2, die »vergessen« wurden!Selbst wenn sich einige der Stollen möglicherweise doch noch imBau befanden, läßt sich die
    • 59große Lücke zwischen »offizieller« Geschichte und tatsächlichenGegebenheiten nicht schließen! Zum Vergleich: In derStollenanlage »Zement B« in Ebensee sollte auf 20.000 m2 diegesamte Heeresversuchsanstalt Peenemünde untergebrachtwerden. Es ist also leicht vorstellbar, welch riesige Fabrik imvorderen Bereich von »Quarz« Platz gehabt hätte!Weiterhin ist es absolut unmöglich anzunehmen, daß dieserBereich einfach leer stand. Durch den gegen Ende des Kriegesherrschenden Mangel an unterirdischen Produktionsräumenwurde praktisch jeder freie Quadratmeter genutzt -dieseMöglichkeit scheidet also völlig aus. Dies ist also der Beweis,daß in den Stollenanlagen von Projekt »Quarz« zumindest eineweitere Fertigung untergebracht war. Diese war wichtiger als dasKugellagerwerk, da sie die vorderen Produktionsstollenzugewiesen bekam, und stand ebenso unter dem Kommando des»Reichssonderbe-vollmächtigten der Raketenwaffen«. Fehlt etwas auf den Plänen?Doch sind die nun bekannten Stollen wirklich alles, was mandamals gebaut hatte?Schon in der Anlage selbst ist mehr vorhanden, als auf denPlänen verzeichnet ist. Neben der Tatsache, daß auf den be-kannten Originalplänen69 der »Liftschacht« im Stollen 8 und der»Traforaum« im Stollen B »vergessen« wurden, ist auchauffallend, daß östlich von Stollen A offensichtlich ein weiteresStollensystem entstehen sollte. Dieses ist zwar nur noch durchseinen einstigen Notausgang befahrbar, läßt aber klar erkennen,daß hier an einem getrennten Stollensystem gearbeitet wurde.Das System besitzt einen eigenen Zufahrts-69 Vgl. Perz, Projekt Quarz, S. 194. Ein weiterer Plan ist in der Gedenkstätte des Konzentrationslagers Melk ausgestellt.
    • Abbildung 15: »Quarz«-Plan des Ingenieurbüros Fiebinger in der Gedenkstätte des KZ Melk. (Foto: Verfasser)
    • 61 Abbildung 16 (links): Ein alter Keller tarnt die letzte Einfahrt des Stollensystems östlich des Hauptsystems. (Foto: Verfasser)Abbildung 17 und 18: Innenaufnahmen des selben Gangsystems.(Fotos: Verfasser)Stollen (Einfahrt gesprengt) und mehrere kleine Nebenstollen.Auch zwischen den Produktionsstollen B und C existiert einweiterer unfertiger Stollen. Bei einer Höhe von etwa zwei Meterbesitzt er noch heute die beachtliche Länge von 52 Metern. Dabei keinem der genannten Systeme eine Verbindung zumHauptsystem besteht und auch nicht bestand, ist feszustellen, daßder Wachberg nicht nur eine Stollenanlage beherbergt.Auch am östlichen Abhang des Wachberges, direkt neben derehemaligen Trasse der Feldbahn und in der Nähe der Westbahn,findet sich ein weiterer, nicht in den Plänen ein-
    • 62gezeichneter Stollen, der ein Profil von ca. 2 x 2 Metern besitztund ca. 15 Meter in den Berg führt. Sein Verwendungszweck istvöllig unklar - sollte hier eine dritte Stollenanlage entstehen?Abbildung 19: Verwachsener Stollen an der Westbahn. (Foto:Verfasser)Nirgends in Pläne eingetragen ist auch die einstige Ausdehnungeines kleinen Stollensystems zwischen den Hauptstollen A undB, von dem nach der Sprengung nur noch ein kümmerlicher Resterhalten geblieben ist. Seine Flächenausdehnung war sicher nichtsehr bedeutend, aber die Anlage ist um so interessanter, da derkleine Stollen einstmals bis in den Hauptstollen B führte. Ererreichte diesen nur wenige Meter neben der Schachtanlage, diespäter noch genauer behandelt wird.Ebenfalls nicht vorhanden sind Aufzeichnungen über die kleinenStollen, die über Stollen A liegen. Sie müssen einst viel längergewesen sein, wenn man den 30 m Sprengkrater
    • 63mit einbezieht, an dessen Abbruch sich die Stollenreste befinden. Die fehlenden KonzentrationslagerNoch etwas stimmt in Melk nicht mit der offiziellen Geschichteüberein - die Anzahl der Toten. Offiziell ist von etwa 5.000 Totenim KZ Melk die Rede. In einem Markers-dorfer70 Heimatbuchwird jedoch von 40.000 ums Leben Gekommenen71 gesprochen!Es ist bekannt, daß die Bevölkerung nach dem Krieg oft zuÜbertreibungen neigte, aber gleich um so viel?Erwähnt werden auch Massengräber auf Feldern, in denen jedeWoche ebenfalls Leichen verbrannt wurden. Nichts deutetebisher darauf hin, daß diese Angaben wahr sein könnten, dochwieder half der Zufall: Als am 19. November 1944 ein Flugzeugder 336 Photo Reconnaissance routinemäßig das KZ Melküberflog, schoß es zwei Aufnahmen. Auf diesen Fotos fand sichetwas, für das selbst die Amerikaner keine Erklärung hatten: 25Gräben auf einem Feld neben dem Konzentrationslager Melk72.Gibt es eine schönere Bestätigung für Gerüchte als eineLuftaufnahme? In den fotografierten Gräben wurden aberkeinesfalls Tote aus den erhaltenen Totenlisten verscharrt. Dennbis zur Errichtung des Krematoriums im Außenlager Melkwurden alle in Melk gestorbenen Häftlinge per LKW zu den Kre-matorien des Konzentrationslagers Mauthausen gebracht.7370 Die Ortschaft liegt etwa zehn Kilometer von »Quarz«entfernt.71 Vgl. Frais, Markersdorf - Haindorf, S. 209.72 Vgl. Airforce Historical Research Agency, Microfilm Nr. A25193, Special Report No. H. I. 261 (S).73 Vgl. Perz, Projekt Quarz, S. 456, aus: Interview Mieczylaw Karczwinski.
    • 64Abbildung 20: Die Gedenkstätte für die Opfer des KZ Melk - dasehemalige Krematorium. (Foto: Verfasser)Nur diese Leichen sind in den erhaltenen und ausgewertetenTotenlisten enthalten. Doch woher kamen die namenlosen Totenauf den Feldern?So wie auf die letzte Frage, bietet die bisherige Geschichts-forschung auch zum nächsten Problem keine Antworten: Das KZMelk wurde vom März bis zum 15. April 1945 endgültigaufgelöst, nachdem alle Häftlinge wegen der heranrückendenFront nach Ebensee evakuiert worden waren. Wie kann es dannaber sein, daß die Gemeinden Haindorf, Hürm, St. Margarethenund Gerasdorf74 (alle östlich von Roggendorf gelegen) nach derdeutschen Kapitulation von KZ-Häftlingen geplündert wurden?Beim größten der vier Plünderungszüge ist von etwa 8.000 Mann»der Lager Roggendorf und Loosdorf« die Rede.7574 Vgl. Frais, Markersdorf- Haindorf, S. 207.
    • 65Woher kamen diese Häftlinge, die hier etwa vom 8. bis zum 10.Mai plünderten? Waren die ausgemergelten und unterernährtenPersonen tatsächlich rund 200 Kilometer aus Ebensee bzw. rund100 km aus Mauthausen zurückmarschiert? Und wenn ja, warumtaten sie das? Plünderungen hätten sich sicher auch an anderenOrten ausgezahlt - warum sollten sie also freiwillig in dieBesatzungszone der Roten Armee zurückkehren?Eine weitere Möglichkeit besteht darin, daß es in der Umgebungder Stollenanlage in Roggendorf noch andere Konzentrationslagergab. Doch wo könnten diese Lager gewesen sein? Das Lager RoggendorfMit »Lager Roggendorf« waren wohl die umzäunten Barackenvor der Stollenanlage gemeint. Dies wird auch durch einen US-Bericht vom 20. Januar 1945 erwähnt. Daß auch hier Häftlingeuntergebracht waren, wird allerdings durch keineZeugenaussagen bestätigt. Das Lager LoosdorfLiegt die Lösung in einem Lager bei Loosdorf? Aber auch vondort sind keine nennenswerten Häftlingsunterkünfte bekannt. Das Lager MarkersdorfIn der Ortschaft Markersdorf befand sich im Krieg ein großerLuftwaffenstützpunkt. Auf Luftaufnahmen des Fliegerhorstesvom Juli 1944 kann man sehr gut ein weiteres großesGefangenenlager erkennen. Auf einem Plan des Stützpunktes, dervon einem Augenzeugen angefertigt wurde,75 Vgl. Frais, Markersdorf- Haindorf, S. 209.
    • 66wird diese Tatsache bestätigt. Es soll sich dabei aber vor allem umsowjetische Kriegsgefangene gehandelt haben. Das Lager SpielbergEtwas nördlich des Wachberges befindet sich die kleine OrtschaftSpielberg. Sie stand bisher in keinem Zusammenhang mit»Quarz«. In einem US-Geheimdienstbericht vom 5. November1944 wird aber erwähnt, daß die politischen Häftlinge derFestung Spielberg an Stollen im Wachberg arbeiten würden76. Eswird weiter beschrieben, daß die Festung ein altesMilitärgefängnis aus der Kaiserzeit sei. Aus dieser Beschreibungkönnte man schließen, daß es sich um das benachbarte SchloßAlbrechtsberg handelte. Tatsächlich waren dort aber nur etwa 20Zwangsarbeiter untergebracht77. Die unpassende Beschreibung der»Festung Spielberg« könnte aber auch darauf zurückzuführen sein,daß der kleine Ort bei den Stollenanlagen mit der alten »FestungSpielberg« bei Brünn verwechselt wurde. Eine Frage, die wohlnicht mehr zu beantworten sein wird.Bis heute hat sich niemand mit diesen Problemen beschäftigt. Esist nicht im entferntesten geklärt, ob es vielleicht weitere Lager gabbzw. woher all die Häftlinge kamen. Aber welchem Zweckdienten etwaige weitere Lager? Womit wir abermals beiAnzeichen dafür wären, daß bei Roggendorf mehr Stollenflächeexistierte, als allgemein bekannt ist. Über das Ausmaß dieserFläche kann nur spekuliert werden. 15.000 Häftlinge haben siebenKilometer Stollen gegraben. Was hätten die zehntausendenanderen Häftlinge dann vollbracht, die in den Totenlistenmöglicherweise fehlen?76 Vgl. Airforce Historical Research Agency, Microfilm Nr. A25193.77 Quelle: Mitteilung Schloß Albrechtsberg.
    • 67Interessant wäre auch zu wissen, was aus all den Häftlingengeworden ist. Seltsam, daß von ihnen niemand nach dem Kriegzu Wort gekommen ist, oder haben hier die Besatzungsmächteihren Teil zur Geheimhaltung beigetragen? Ein einzigartiger LuftangriffDaß die Alliierten in bezug auf die KZ-Häftlinge in »Quarz«äußerst skrupellos vorgingen, zeigt ein weiteres Detail derGeschichte, das viel zu wenig beachtet wird. Die US-Luftwaffehatte ohne Zweifel großes Interesse daran, den Bau der Anlagenzu verhindern. Am 23. August 1944 hatte die beachtliche Anzahlvon 50 Bombern die Baustelle vor den Stollenanlagen78, dieumliegenden Ortschaften und den nahegelegenen FliegerhorstMarkersdorf bombardiert. Dieser Angriff auf die Baustelle verliefallerdings bemerkenswert erfolglos, da die US-Pilotenoffensichtlich einige Keller der umliegenden Bauern amSüdwesthang des Wachberges mit der Stollenanlageverwechselten. Folglich warfen sie fast alle Bomben auf denmilitärisch uninteressanten Hang ab.Abbildung 21: Keller am Südwesthang des Wachberges. (Foto:Verfasser)
    • 68Eine wesentlich dramatischere Aktion hatte sogar schon am 8.Juli 1944 stattgefunden. An diesem Tag hatten 30 Jagdbomberder 15. US-Luftflotte das Konzentrationslager Melk angegriffen.Was heute als »großer Irrtum« dargestellt wird, da das KZ bis inden März als Kaserne genutzt worden war, kostete ca. 500Häftlingen das Leben!79 Auch bei diesem Angriff wurde der naheFliegerhorst Markersdorf angegriffen80.War der Angriff auf das Konzentrationslager wirklich ein Irrtum?Noch am Vortag des Angriffes hatte ein US-Flugzeug das Gebietgründlichst aufgeklart81. Hatte man die Wachtposten und Zäunetatsächlich übersehen? Gerade über die Konzentrations- undKriegsgefangenenlager wußten die Amerikaner in der Regel sehrgenau Bescheid. Es existieren genügend US-Luftaufnahmen ausdem Zweiten Weltkrieg, auf denen jeder einzelne Wachturm undStacheldrahtzaun eines Lagers genauestens eingezeichnet ist(auch vom KZ-Melk, allerdings auf einen späteren Zeitpunktdatiert82). Wenn es also kein Irrtum war - was war es dann? Wiewichtig war Projekt »Quarz«, wenn man zu seiner Bekämpfungsogar wehrlose KZ-Häftlinge tötete?78 Vgl. Perz, Projekt Quarz, S. 404. Schutzpolizei-Dienstabteilung Melk an Verteiler vom 25.8.1944 betr. LS-Schlußmeldung, Be- zirkshauptmannschaft Melk.79 Vgl. Perz, Projekt Quarz, S. 358ff.80 Vgl. Gutkas, Landeschronik Niederösterreich, S. 382.81 Vgl. Perz, Projekt Quarz, S. 358. Pottier, Au seuil.82 Vgl. Airforce Historical Research Agency. Microfilm Nr. A6 544.
    • 4. Die Suche nach der Verwendung »Quarz« - wichtiger als die AmerikaraketeBei der Suche nach der wahren Verwendung der »vergessenen«Stollenfläche im Wachberg hilft ein Detail, das bisher nicht richtigbeachtet wurde: 1944 nahm das alliierte Bombardement derdeutschen Raffineriebetriebe dramatische Ausmaße an, und dieTreibstoffindustrie stand kurz vor dem Zusammenbruch. Es wurdeder »Stab Geilenberg« gegründet, dessen Aufgabe es sein sollte,neue bombensichere Produktionsstätten für erdölverarbeitendeBetriebe zu finden. Im Sommer 1944 versuchte dieser Stab einenTeil von »Quarz« für seine Raffinerieanlage »Dachs IV« zuerhalten83. Natürlich, so müßte man doch meinen, wenn man derklassischen Geschichtsschreibung folgt, waren Treibstoffewichtiger als Kugellager. Falsch gedacht! »Quarz« blieb un-berührt, statt dessen mußte die Heeresversuchsanstalt Pee-nemünde die gesamte Stollenanlage »Zement A« in Ebenseeabtreten, in der die Entwicklung der A9/10 erfolgen sollte. Hatdas noch keinem Historiker zu denken gegeben, daß ein Teileines Kugellagerwerkes wichtiger als das Raketenprogramm war?Es ist allgemein bekannt, wie fasziniert Hitler schon von der V2(A4) war. Nur widerstrebend hatte er am 10. Juli 1944 demDrängen des Rüstungsministers Albert Speers nachgegeben undeinen Teil von »Zement A« für die Fertigung vonPanzergetrieben freigegeben84. Und83 Vgl. Perz, Projekt Quarz, S. 188. Reichministerium für Rüstungsund Kriegsproduktion, Generalkomm. f. Sofortmaßnahmen, Bericht Nr. 44 - Neuanlagen - vom 3.8.1944; Niederschrift über die Besprechung in Luckenwalde am 3.8.1944 betr. Arbeitsstab Geilenberg, Bundesarchiv Koblenz.
    • 70jetzt sollte die HVA Peenemünde gleich die ganze Anlageabtreten, um die Produktion in »Quarz« unberührt zu lassen?Bleibt nur der Schluß, daß das geheime Werk im Wachbergwichtiger als Treibstoffe oder geplante Interkontinentalraketenwar! Man kann daraus sogar schließen, daß »Quarz« überhaupteines der wichtigsten deutschen Projekte des ZweitenWeltkrieges war. Was muß also im Wachberg vor sich gegangensein, das diese Vorgänge erklären könnte? Vielleicht etwas, dasdas Geilenberg-Programm unnötig gemacht hätte? Etwas, dasden Nutzen dieses Programmes bei weitem übertroffen hätte? »Archäologischer Maschinenbau«Bevor hier weitere Spekulationen angestellt werden, folgt dieRückkehr auf wissenschaftlich sicheren Boden. Da die»offiziellen« Dokumente, die in den öffentlichen Archiven zufinden sind, zu der hier dargestellten Theorie schweigen, gibt esnur noch eine Möglichkeit: die genaue Untersuchung derStollenanlagen, der noch darin vorhandenen Fundamente undaller erhaltenen oder dokumentierten oberirdischen Bauten.Archive und Dokumente können leicht manipuliert werden, dieAnlage selbst nur wesentlich schwerer. Alleinig ausFundamenten auf die einstmals darauf errichteten Maschinen zuschließen, ist aber praktisch unmöglich. Die einzig zielführendeMöglichkeit besteht darin, zuerst die auffälligsten Bauten und»abnormalen« Fundamente zu untersuchen und sie mit ihrerUmgebung in Verbindung zu setzen.84 Vgl. Freund, Arbeitslager Zement, S. 88 und 94.
    • 71Abbildung 22: Unterirdischer Teil des sogenannten »Traforaumes«im Stollen B. (Foto: Verfasser)Abbildung 23 und 24 (auf der folgenden Seite oben): Der Bunkerüber dem »Traforaum«. Gut zu erkennen sind die Bereiche mit denauf zwei Seiten fehlenden Wänden. (Fotos: Verfasser)
    • 72 Abbildung 25: Tanklager im Produktionsstollen 2. (Foto: Verfas- ser)
    • 73Abbildung 26: Jahreszahl »1981« in der nachträglich eingezogenen Zwischendecke des Bunkers über Stollen B. (Foto: Verfasser)
    • 74Abbildung 27: Skizzierter Saigerriß des sogenannten »Trafo-raumes« in Stollen B. (Plan: Verfasser)
    • 75Dieser auffälligste Bau in den Stollen ist zweifelsohne einTeilbereich, der auf dem Plan der Melker Höhlenforscher als»Traforaum?« eingetragen wurde. Der Traforaum, der keiner warDieser Raum liegt am Beginn des Stollens B und war während desKrieges über einen großen Schacht (Höhe 10-15 m, Grundflächeca. 12 x 5 m) mit einem oberirdischen Bunker verbunden, dernach zwei Seiten offen war. Wenn man nun annimmt, daß dieBezeichnung stimmt, dann müßte man dort die Relikte eines Trafosfinden - auf jeden Fall aber zumindest dessen Fundament. Abergerade das ist nicht der Fall. Transformatoren dieser Größe(schließlich muß die Größe des Schachtes ja einen Grund gehabthaben) wurden und werden auch heute noch praktisch immer aufSchienen aufgestellt. Damit können die extrem schweren Anlagenleicht positioniert und gegebenenfalls auch ausgetauscht werden.Doch in diesem »Traforaum« lassen sich keine Schienen finden.Nicht nur das: ein hier eingebauter Trafo würde niemals aufnormalem Wege aufgestellt oder ausgetauscht werden können.Man hätte über dem Schacht einen Kran mit extremerHebeleistung aufstellen müssen, um die Anlage zu positionieren -ein völlig unnötiger Aufwand, wenn man bedenkt, daß man einenetwaigen Transformator einfach auf Schienen waagrecht in den B-Stollen hätte schieben können. Im Jahre 1944 war es noch nichtmöglich, einfach einen Kranwagen mit der gewünschtenHebeleistung zu bestellen! Auch der Schacht und derBunkeraufbau können durch einen Trafo nicht begründet werden.Belüftung, Kühlung und Stromversorgung würden bei einerderartigen Anlage viel einfacher gelöst werden. Dazu bedarf esnicht des unnötigen Risikos eines Schachtes an der Oberfläche,der sicher das Ziel eines jeden Bombenangriffes gewesen wäre!Der
    • 76Bunker hätte weiterhin jeden möglichen Austausch der Anlageverhindert.Ebenso wäre ein Traforaum von Anfang an geplant und in denPlänen eingezeichnet gewesen, aber sowohl auf dem Originalplanvom März 194485 als auch auf dem vom April 194486 wurdedieser Raum »vergessen«.Einen Trafo sollte diese Anlage ursprünglich sicher nie be-herbergen, da sich ein solcher südlich der Stollenanlage in derNähe von Roggendorf befand. Auf dem US-Plan vom Dezember1944 ist eine Stromleitung erkennbar, die dorthin und weiter zuden Stollenanlagen führte. Der Bericht spricht von einer»möglichen kleinen Transformatorstation« - aber was sollte einkleines Häuschen mit mehreren Stromanschlüssen anderes sein?Obendrein ist dieses kleine Häuschen im Bauplan deszuständigen Ingenieurbüros vom 20. April 1944 klar erkennbar!Dieser Trafo wird durch einen weiteren OSS-Bericht vom 18.März 1945 bestätigt. Beruhend auf einer Information vomDezember 1944 heißt es darin übersetzt:87»Der elektrische Transformator der Anlage befindet sich 1.500Meter von Roggendorf entfernt, an der Straße nach Anzendorf.«Die Möglichkeit, daß das Bauwerk in Stollen B als Traforaumgedacht war, kann also definitiv ausgeschlossen werden. Daßdarin dann vielleicht doch noch ein kleiner Trafo aufgestelltwurde, war sicher nicht geplant. Auch daß nach dem Krieg einigeKabelstränge durch den Schacht liefen, hatte sicherlich nichts mitder Hauptaufgabe der Anlage zu85 Zu besichtigen in der Gedenkstätte für die Oper des KZ-Melk im ehemaligen Krematorium des Lagers (siehe Abb. 15).86 Vgl. Perz, Projekt Quarz, S. 194.87 Vgl. Airforce Historical Research Agency. Microfilm Nr. A25193, Report No FF-4998g vom 18.3.1945.
    • 77 Abbildung 28: Innenansicht des Trafobunkers für Deckname »Schlier«. Gut zu erkennen sind die Schienen, auf denen ein Transformator üblicherweise aufgestellt wird. (Foto: Josef Buchhart)tun - wer kennt nicht den Kabelsalat, der sich auf jeder Baustellefinden läßt? Ein Bewetterungsschacht?Eine oft genannte Vermutung ist, daß dieser Schacht derBewetterung88 der Stollenanlage gedient haben könnte. Um daraufeinzugehen, muß man die genaue Lage des Schachtes in bezug aufdas restliche Stollensystem in Betracht ziehen. Der möglicheBewetterungsschacht befände sich ganz im vorderen Teil derAnlage und nur wenige Meter vom Mundloch des Stollen Bentfernt. Hier am Beginn eines Stollens88 Bergmännisch für Belüftung.
    • 78einen Lüftungsschacht anzuordnen, widerspricht allen Regeln derGrubenbewetterung. Die einzige Auswirkung, die diesesBauwerk hätte, wäre eine schwache Luftzirkulation zwischen demMundloch und dem Schacht. Man würde also maximal 20 Meterder viele tausend Meter langen Stollen bewettert haben- ein reinerSchwachsinn. Wenn in »Quarz« einer oder mehrereLüftungsschächte geplant gewesen wären, so hätten sich diese mit100%iger Sicherheit in der Mitte oder im hintersten Teil derAnlage befunden. Weiterhin sind auch hier ähnliche Argumentewie bei der Theorie des »Traforaumes« zu nennen: eineBewetterung des Stollens wäre viel einfacher zu lösen gewesen.Wie beim Bau eines jeden Straßen- oder Eisenbahntunnels hätteman Frischluft einfach waagrecht in den Stollen einblasenkönnen und so das Risiko eines senkrechten Schachtes nicht eingehenmüssen. Schließlich und endlich könnte die massiveZwischendecke im Stollen nicht durch einenBewetterungsschacht begründet werden. Offensichtlich solltediese Betonplatte einer enormen Belastung entgegenwirken. Einesehr schwere Maschine aber, die dies begründen könnte, wird ineinem Bewetterungsschacht nicht benötigt. Ein Triebwerksteststand?Daß es sich bei dem Bauwerk um einen Triebwerksteststandgehandelt haben könnte, ist eine Theorie, die mehreregravierende Schwachstellen aufweist:1) Der Platzbedarf: vergleichbare Triebwerksteststände habenzwar auf den ersten Blick einen ähnlichen Aufbau, sie weisenaber wesentlich größere Abmessungen auf. Der zu kleine Abstandzwischen einer etwaigen Triebwerksaufhängung im oberirdischenBunkerbauwerk und der Zwischendecke im Stollen B würde zueinem weiteren Problem führen:
    • 792) Die fehlende Kühlung: bei einem etwaigen Triebwerkstest hätte man riesige Mengen von Kühlwasser durch die Zwischendecke pumpen müssen, um das Ausglühen des Stahlbetons zu verhindern. Es lassen sich aber keinerlei Reste von Kühlleitungen nachweisen.3) Die Leiter: durch die hohen Temperaturen wären auch die Tritteisen, die in den Schacht nach oben führen, einfach verglüht.4) Last but not least läßt der Abgasstrahl, der in die Stol- lenanlage geleitet würde, die Theorie völlig scheitern. Zwar könnte man die Anordnung noch durch einen in den Stollen aufgestellten Wärmetauscher begründen, trotzdem hätte die Verbindungsöffnung des Schachtes mit Stollen B in Richtung Stollenmundloch und damit ins Freie zeigen müssen. Ein Kraftwerk?Eine weitere Möglichkeit ist, daß in diesem Schacht einDampfkessel untergebracht war. Gegen diese Theorie spricht reinbautechnisch nichts. In dem vorhandenen Schacht hätte man ohneProbleme einen damals üblichen Dampferzeuger einbauenkönnen. Dies würde das in der Nähe (Produktionsstollen 2)befindliche Tanklager erklären, da eine Öl-befeuerung aufgrundder geringeren Abgaswolke (im Vergleich zu einerKohlenbefeuerung) und der damit verbundenen besseren Tarnungsicherlich selbstverständlich gewesen wäre.Auch das Bunkerbauwerk, das nur zwei Wände besaß, wäre durcheine solche Anlage erklärbar - schließlich hätte man die Abgaseder Kesselbrenner durch einen Schornstein und weiter ins Freieableiten müssen. Der entstehende Dampf würde ohne Problemefür eine meh-
    • 80rere Megawatt starke Turbine ausgereicht haben, was auch nochnach heutigen Gesichtspunkten eine respektable Leistung füreinen Industriebetrieb ist.Aber auch diese Theorie hat zwei entscheidende Probleme:1) Bei der Auswahl des Standortes Wachberg für die SDP wareindeutig vom vorhandenen Starkstromanschluß die Rede89. Daßdies der Wahrheit entsprach, belegen die schon genannten US-Berichte zum Trafohaus bei Roggendorf. Die Anlage wäre somitnicht unbedingt überflüssig, aber keinesfalls dringenderforderlich gewesen. Hatte man in all der Knappheit des Kriegeswirklich genug Zeit und Ressourcen, um eine solcheFleißaufgabe zu realisieren?2) Die schließlich entscheidende Frage lautet aber: Wo waren dieTurbine und der Generator? Um den Wirkungsgrad einesDampfkraftwerkes möglichst hoch zu halten, gilt als obersterGrundsatz, die Dampfturbinen so nahe wie möglich amDampferzeuger aufzustellen. Dies vermindert z. B. Wärme- undLeitungsverluste. Hätte man also im besagten Schacht einenDampfkessel aufgestellt, so müßte man im Stollen B, inunmittelbarer Nähe dazu, die Fundamente der Turbine und desStromgenerators finden! Dies ist aber nicht der Fall. Somitscheidet auch die Theorie der Stromerzeugung ganz klar aus.Was bleibt, ist die Möglichkeit, daß im besagten Schacht einDampfkessel stand, der nicht der Stromerzeugung diente.89 Vgl. Perz, Projekt Quarz, S. 164. Auszug aus einer Besprechung zwischen Dir. Rossner und Arch. Szauer vom 10.2.1944, Archiv der Steyr-Daimler-Puch AG.
    • 81 Was war es dann?Um mögliche weitere Hinweise auf diesen Schacht zu erhalten,sei hier auf die weitere Umgebung hingewiesen. Der Abschnitt,der den falschen Traforaum umgibt, ist nämlich ebenfallsbeachtenswert. Die gesamte erhaltene Anlage »Quarz« ist völligregelmäßig aufgebaut, nur dieses eine Gebiet weist nicht dieStruktur der übrigen Teile auf. Alle anderen Stollen stehen normalaufeinander und haben die gleiche Länge (natürlich abhängig vomAusbauzustand). Nur hier nicht, die Stollen stehen teilweiseschräg zueinander, haben unterschiedliche Längen und Breitenund liegen nicht in einer Linie.Aber was ist der Grund für die seltsame Gestaltung der Stollen?Eine Serienproduktion, wie z. B. für Kugellager, kann nicht derAuslöser dafür sein, denn hier war man natürlich bestrebt, einenmöglichst idealen Materialfluß zu erreichen. Das heißt, dieMaschinen wurden so angeordnet, daß sich möglichst kurze undreibungslose Transporte für das zu erzeugende Produkt ergaben.Eine verwinkelte Stollenanlage, wie in diesem seltsamen Gebiet,ist also alles andere als sinnvoll.Noch ein kleines Detail irritiert in diesem Abschnitt. Auf demPlan der Melker Höhlenforscher von 1988 sind die Hauptstollenmit A - G durchnumeriert. Studiert man aber Interviews mitehemaligen Häftlingen90, so bemerkt man, daß die Hauptstollenmit A - F gekennzeichnet waren. Ergo fehlte einer.Dieser eine fehlende war mit ziemlicher Sicherheit Stollen C(Nomenklatur nach Plan von P. J. Eisenbauer), denn er sollte lautBauplan vom 20. April 1944 nur die kurze Strek-ke vomProduktionsstollen 1 zum Stollen 3 führen. Daß der90 Vgl. Perz, Projekt Quarz, S. 395. Erinnerungsbericht PierrePradales in Bernadac, Neuvieme cercle.
    • 82Stollen bis zum Produktionsstollen 5 getrieben wurde und sogarbis an die Oberfläche führte, fehlt auf den Bauplänen wieder»rein zufällig« bzw. es wurde nachträglich sogardurchgestrichen. Auffällig ist auch, daß der Stollen ausgerechnetbis zum Produktionsstollen 5 führt - er verbindet also genau jeneStollen, die laut vorangegangener Rechnung nie an die Steyr-Daimler-Puch AG übergeben wurden und damit eben jenenBereich der Stollenanlage, der so gar nicht zum übrigen Bauwerkpassen will.Das Ende des Vortriebes wird zwar mit geologischen Schwie-rigkeiten begründet91, doch seit wann ließen sich die rück-sichtslosen Planer dieser Stollenanlage, die Tausende von Totenin Kauf nahmen, durch das erhöhte Risiko für die KZ-Häftlingeaufgrund nachbrechender Schottereinlagerungen von ihrenPlänen abhalten? Viel wahrscheinlicher ist es doch, daß dieserStollen genau den rätselhaften Anlagenteil im Wachbergverbinden sollte.Es ergibt sich also ein Teilbereich, der keinen Inhalt, teilweisekeinen Namen und sogar keine Pläne aufweisen kann. Eine Anlage ohne SinnAlles in allem auf der Suche nach der Verwendung eine extremunbefriedigende Ausbeute. Die Lösung des Problems ist also inder Stollenanlage selbst nicht zu finden. Bleibt nur dieMöglichkeit, auch die oberirdische Infrastruktur mit in dieBetrachtungen einzubeziehen.Auffallend dabei sind die umfangreichen Wasserwirtschafts-systeme, die für die unterirdischen Anlagen errichtet wurden.Wäre in den Stollen nur eine Kugellagerfertigung untergebrachtgewesen, dann hätte wahrscheinlich für Kühlzwecke derGrundwasserspiegel im Berg völlig ausgereicht.91 Vgl. Perz, Projekt Quarz, S. 214. Hauptbesprechung Quarz, vom 1.7.1944, Archiv der Steyr-Daimler-Puch AG.
    • 83Noch heute dringen große Wassermengen in die Stollenanlagenein. Es ist also nicht verwunderlich, daß sich im US-Bericht überdie Stollenanlagen nicht die geringsten Anzeichen für eineWasserversorgung finden lassen. Einzig eine Wasserleitung vonden Stollen zum nahen Fluß Pielach wird erwähnt. Da sich an derPielach zum Entstehungszeitpunkt des US-Berichtes keinePumpanlage befand, steht fest, daß es sich um eineAbwasserleitung gehandelt haben muß. Sie führte vom Mundlochvon Stollen B und dem Bereich der Mundlöcher von Stollen Eund D zur Pielach.Vor den Stollen befanden sich weiterhin zwei große Wasser-becken. Trotz teilweiser Sprengung und Auffüllung mit Schutt inden Nachkriegsjahren läßt sich deren Fassungsvermögen nochsehr gut rekonstruieren. Der weiter oben gelegene Tank faßte etwa750 m3 und der andere etwa 300 m3 Wasser. So müßte maneigentlich meinen, daß das Grundwasser und diese beiden Tanks,die gemeinsam über 1.000.000 Liter Wasser aufnehmen konnten,als Nutz- und Löschwasserversorgung für ein Kugellagerwerk beiweitem ausreichten.Aber dem war nicht so, denn an der Donau wurde einePumpanlage errichtet, die Wasser in die weit entfernte Stol-lenanlage liefern sollte92. Aufwendige Wasserleitungen führten ca.fünf Kilometer weit vom Pumpwerk am Donauufer zu einemHochbehälter bei Hub und von dort weiter zum Wachberg. Vordem Hügel wiederum wurde ein weiteres Bauwerk errichtet. Eswar auffallend hoch und hatte die Ausmaße einesZweifamilienhauses. Im Inneren des Gebäudes und danebenbefanden sich mehrere Betonbecken, die auf eine möglicheVerwendung als Kläranlage schließen las-92 Vgl. Perz, Projekt Quarz, S. 375. Hauptbesprechung Quarzvom 22.7.1944, Archiv der Steyr-Daimler-Puch AG.
    • 84Abbildung 29: Die einstige Kläranlage vor der Stollenanlage.(Foto: Michael Wrobel, Wien) Abbildung 30: Der große Hochbehälter bei Hub. (Foto: Verfasser) Abbildung 31: Einstiger Standort der Pumpstation an der Donau (Gebäude neu erbaut). (Foto: Verfasser)
    • 85Abbildung 32: Die Pielach im Winter, der niederschlagsärmstenZeit in Österreich. (Foto: Verfasser)sen. Diese Anlage stand noch viele Jahrzehnte nach dem Kriegneben der Westbahn, wurde aber schließlich abgetragen. Auchdiese Bauwerke geben vorerst nur Rätsel auf, denn was war derGrund für diesen Leitungsbau? Warum nutzte man nicht dasreichliche Wasser der nahen Pielach? Die möglicherweise zugeringe Wassermenge dieses Flusses kann nicht der Grund sein,denn das Gewässer ist auch in Trok-kenperioden (Winter) einansehnlicher Fluß. Keine Siedlung kann so groß sein, um diePielach »leer zu trinken« und keine Industrie kann einen derartigenKühlwasserbedarf haben. Wozu diente also diese Leitung, dieebenfalls von KZ-Häftlingen errichtet wurde? Warum baute manweiterhin einen derartig gewaltigen Hochbehälter? Bei Abmaßenvon etwa 20 x 25 Metern und einer Wasserstandshöhe von etwadrei Metern ergibt sich immerhin ein Fassungsvermögen von un-glaublichen 1.500 m3 93! Damit stellt sich die Frage, welche
    • 86technische Anlage einen derartigen Wasserverbrauch hatte undwarum das Wasser aus der Donau stammen mußte? Da eineKugellagerfabrik für diese Fragen nicht die geringste Antwortliefern kann, liegt der Schluß nahe, daß die Wasserleitung inVerbindung mit dem rätselhaften Schacht in Stollen B stand.Der Beweis für diese Annahme wird unten aufgrund derAuswertung von Luftaufnahmen erfolgen. Damit ergeben sichnun folgende Vorgaben: Die Anlage im Stollen B: > verbrauchte große Mengen an Wasser (-> riesiger Hochbehälter), > konnte aus irgendeinem Grund kein Wasser aus der Pielach verwenden (-> fünf Kilometer lange Wasserleitung von der Donau zum Wachberg), > verbrauchte wahrscheinlich Ol (-> Tanklager in der Nähe des Standortes), > erzeugte irgendeine Art von Abluft oder Abgas (-> Bunker ohne Seitenwände), > erzeugte keinen Strom (- > keine Turbinenfundamente vorhanden). Donau oder Pielach?Die Frage bezüglich des Wassers aus Pielach und Donau birgtden wichtigsten Ansatz zur Lösung des Rätsels. Um diesen zufinden, muß man die Frage allerdings anders stellen: Worin liegtder Unterschied zwischen diesen beiden Gewässern? Die Donauentspringt im Schwarzwald und hat ihr Haupteinzugsgebiet imsüdwestdeutschen Stufenland und im Al-93 20 x 25 x 3 = 1.500 m3. Bestätigt durch Mitteilung eines Ange- stellten der Kläranlage Loosdorf: Der Hochbehälter hatte ur- sprünglich ein Fassungsvermögen von besagten 1.500 m3, wel- ches nach dem Krieg für eine zivile Nutzung reduziert wurde.
    • 87penvorland. Dazu kommen später Zubringer wie Regen, Isar,Inn, Große Mühl und Enns, die ihr auch Wasser aus denKalkalpen, den kristallinen Gesteinen der Zentralalpen, aus derFlyschzone und den Graniten der Böhmischen Masse zuführen.Die Pielach hingegen bezieht praktisch ihr gesamtes Wasser ausden niederösterreichischen Kalkalpen, wo sie auch entspringt.Aus den gravierenden Unterschieden in ihren Einzugsgebietenergibt sich ein Unterschied in der Wasserqualität, der auchtechnisch große Auswirkungen hat: die Wasserhärte bzw. derKalkgehalt. Die Härte wird meist in deutschen Härtegraden [°d]angegeben und in die folgenden Stufen94 eingeteilt:- sehr weich (0...4°d)- weich (4...8°d)- mittelhart (8 ... 12°d)- ziemlich hart (12 ... 18°d)- hart (18...30°d)- sehr hart (über 30 °d)Das Wasser der Pielach weist bis über 19 °d auf und fällt somit indie Stufe »hart« - ein Alptraum für jeden Dampfkesselwart! DieDonau hingegen fällt mit 5-10 °d95 nur in die Stufen »weich« bis»mittelhart«. Das heißt, Donauwasser enthält nur etwa halb soviel Kalk wie Wasser aus der Pielach.Andere Unterschiede zwischen den beiden Gewässern sind intechnischer Hinsicht nicht festzustellen. Der Unterschied in derWasserhärte ist damit der einzige Grund, der zum Bau derWasserleitung Donau - Wachberg geführt haben kann.94 Gieck/Gieck, Technische Formelsammlung, S. U6.95 Abhängig von der Jahreszeit.
    • 88Mit dieser Feststellung ergeben sich zwei wichtige neue Hinweiseauf die Anlage im Stollen B: > In der Anlage wurde Wasser verdampft,denn nur beim Verdampfen des Wassers wirkt sich die Was-serhärte und damit der Kalkgehalt derart gravierend aus, daß sichder Bau des Leitungssystems rentieren würde. Mit dieser Aussageist schließlich auch das Tanklager im Produktionsstollen 2geklärt: es diente der Ölfeuerung des Dampferzeugers. > Es handelte sich um einen »offenen« Prozeß.»Offen« heißt, daß es in der Anlage keinen Wasser-Kreislauf gab.Hätte es sich bei der fraglichen Anlage z. B. um einDampfkraftwerk gehandelt, so würde der dortige Prozeß(vereinfacht dargestellt) folgendermaßen ablaufen:- Verdampfen des Wassers im Kessel- Durchlaufen der Dampfturbine- Niederschlagen (Kondensieren) des Dampfes- Wiedereinleiten des Kondensats in den DampfkesselEs wäre also ein »geschlossener« Kreislauf, da praktisch immerdieselbe Flüssigkeit (bzw. Dampf) in der Anlage zirkuliert. Damitwäre der Bau der Wasserleitung und des Hochbehälters abermalsüberflüssig, da es kein allzu großer Aufwand ist, die für denKreislauf benötigte Wassermenge einmal zu entkalken. DasKühlwasser zur Niederschlagung des Dampfes hätte problemlosaus der Pielach entnommen werden können. Mit dieser Aussagefällt aber nicht nur die Möglichkeit eines Kraftwerkes aus, sondernauch eine Vielzahl anderer Dampfanwendungen, die als Kreislaufaufgebaut
    • 89werden (Heizung etc.). Damit läßt sich das rätselhafte Ma-schinensystem weiter einschränken: > es diente dem Verdampfen großer Wassermengen, > dies geschah mit Hilfe einer Ölfeuerung, > es war ein offener Prozeß.Nun stellt sich die Frage: Welcher offene Prozeß, der Dampfbenötigt, könnte hinter dieser Anlage gestanden haben? Um dieMöglichkeiten weiter einzuschränken, muß man sich die direkteUmgebung des Schachtes ansehen, da man Dampferzeuger und -Verbraucher sicher wieder in unmittelbarer Nachbarschaftzueinander aufgestellt hätte, um Verluste zu minimieren. Wieaber schon bei der Widerlegung der Kraftwerks-Theorie gezeigtwurde, finden sich in der Nähe des fraglichen Bereiches keineReste von Anlagen. Folglich hat es dort auch keine Maschinen imherkömmlichen Sinn gegeben. Auch die Lage des Schachtes, amäußersten Rand der unterirdischen Anlagen, abseits jederProduktion, deutet darauf hin, da dies abermals der Regelwiderspricht, Dampferzeuger und Verbraucher möglichst nahebeieinander zu positionieren. Damit ergibt sich eine neueBeschreibung: > es wurden große Mengen von Dampf erzeugt, >der Dampf wurde scheinbar von keiner Anlage in der Umgebunggenutzt. Einem vergessenen Verfahren auf der SpurDamit wirkt die Anlage endgültig so, als hätte sie keinen Sinngehabt. Große Wassermengen zu verdampfen und keinen Nutzendaraus zu ziehen, war sicher nicht die Aufgabe des Werkes. Esgibt nur noch einen einzigen Grund, der diese Widersprüchebegründen könnte: man wollte etwas aus dem
    • 90Wasser gewinnen! Man destilliert einfach das ungewünschteWasser weg, was zurückbleibt, ist der darin enthaltene Stoff.Doch was sollte das für ein Stoff sein? Wasser besteht nicht nur aus WasserDas Donauwasser ist kein »reines Wasser« im chemischen Sinn,denn es enthält sehr viele darin gelöste bzw. ungelöste Stoffe. Esist aber ausgeschlossen, daß es einer davon wert wäre, extrahiertzu werden. Die Begründung dafür ist sehr einfach: Jeder Stoff,der im Donauwasser enthalten ist, muß irgendwo im Verlauf desFlusses in größerer Menge vorhanden sein - wie wäre er sonst insWasser gekommen? Warum sollte man also minimale Mengeneines Stoffes unter großem Aufwand aus dem Wasserextrahieren, wenn an anderer Stelle sehr viel größere Mengendavon vorhanden sind? Damit scheiden also alle in der Donauenthaltenen Stoffe aus, was die Theorie der Destillationsanlageauf den ersten Blick scheitern läßt. Aber eben nur auf den erstenBlick ... Natürliches Wasser (chemische Formel H2O) bestehtnämlich nicht nur aus »Wasser« im herkömmlichen Sinn. Zu etwa0,015% sind darin Moleküle enthalten, deren Bezeichnung»Deuteriumoxid« oder »Schweres Wasser« lautet (chemischeFormel D2O). Der Unterschied zum »normalen« Wasser bestehtdarin, daß die beiden Wasserstoffatome (H) durch Deuteriumatome(D) ersetzt sind. Deuterium wiederum ist ein Isotop desWasserstoffs, das heißt, es besitzt im Atomkern ein zusätzlichesNeutron - es ist also »schwerer« als herkömmlicher Wasserstoff.Dieses eine zusätzliche Neutron läßt das Schwere Wasser aberextrem wertvoll werden: Es ist der beste bekannte »Moderator«.Sogenannte Moderatoren sind wichtige Bestandteile vonAtomreaktoren und - nach damaliger Vorstellung - auch vonAtombomben: Sie bremsen bei nuklearen Kettenreaktionen die zuschnellen
    • 91Neutronen ab und machen dadurch das weitere Ablaufen derKernspaltung erst möglich. Folglich konnte es ohne SchweresWasser nirgendwo ein nukleares Forschungsprogramm geben. Fraktionierte Destillation des WassersDas zusätzliche Neutron verändert aber auch die Eigenschaften desWassers ein wenig:96 Wasser (H2O) Schweres Wasser (D2O)Schmelzpunkt 0°C 3,79°CSiedepunkt 100°C 101,41°CKritische Temperatur 374,2°C 371,5°CHöchste Dichte 1.000 g/l (bei 4,0°C) 1.006 g/l (bei 11,2°C)Diese Unterschiede führen dazu, daß z. B. ein Eisblock ausSchwerem Wasser nicht auf normalem Wasser schwimmt!Technisch wesentlich interessanter sind aber die Differenzenzwischen den Siedepunkten. Der Unterschied beträgt zwar nur1,41°C, dies ist aber genug, um die beiden Flüssigkeiten durchfraktionierte Destillation zu trennen! Es ist vielleicht nichtvorstellbar, daß diese minimale Temperaturdifferenz zurTrennung ausreicht. Tatsache ist aber, daß dieses Verfahren einstsehr weit verbreitet war. Schon die Entdeckung des Deuteriumswar mittels Destillation erfolgt. 1931 hatte der amerikanischeChemiker Harold C. Urey bei der Destillation von flüssigemWasserstoff (H2) festgestellt, daß darin auch Moleküle mit einemetwas anderen Dampfdruck enthalten waren: Moleküle derStruktur96 Vgl. Sublette, Nuclear Weapons Frequently AskedQuestions.
    • 92HD - damit war das Deuterium entdeckt, wofür Urey 1934 denNobelpreis erhielt97.Der gedankliche Schritt von der fraktionierten Destillation vonreinem Wasserstoff zur fraktionierten Destillation von Wasser istnicht weit. So verwundert es auch kaum, daß schon 1933 in denUSA von G. N. Lewis und R. E. Cornish mit Hilfe diesesVerfahrens Schweres Wasser gewonnen wurde. Wegen derdamals sehr geringen Nachfrage nach D2O fand dieses Ereignisaber kaum das ihm gebührende Interesse. Erst 1943 wurde nachdiesem Prinzip ein großes Werk errichtet98. Auch der offiziellerste Schwerwasserreaktor der Welt (mit der Bezeichnung CP-3),im Mai 1944 in den USA in Betrieb genommen", wurde mit D2Obetrieben, das mittels dieses Verfahrens gewonnen wordenwar.100 Die fraktionierte Destillation von Wasser erlaubt dieGewinnung von Deuteriumoxid mit einer Reinheit von 99,8%.Ein Atomreaktor benötigt nur eine Reinheit von »nur« 99,75%!101Die Gewinnung von Schwerem Wasser auf diese Art war nichtdie Ausnahme. Im Gegenteil: Die so oft zitierte Gewinnungdurch Elektrolyse von Wasser war eine Seltenheit. Vielendeutschen Nachkriegsforschern, die sich mit der deutschenAtomforschung im Zweiten Weltkrieg beschäftigten, unterlief eineinfacher Irrtum:Die so oft genannte »einzige deutsche Schwerwasserproduktion«der Firma Norsk Hydro in Vermork, Norwegen, verwendete dieElektrolyse als Gewinnungsverfahren. Nach der Zerstörung desWerkes durch alliierte Sabotage und Bom- 97 Vgl. Sublette, Nuclear Weapons Frequently Asked Questions. 98 Vgl. Glasstone, Sourcebook on Atomic Energy, S. 192. 99 Vgl. US Department of Energy, The eight major processes of nuclear weapons complex.100 Vgl. Sublette, Nuclear Weapons Frequently Asked Questions.101 Ebenda.
    • 93bardierung müßte folglich irgendwo im Deutschen Reich eineneue Elektrolyseanlage errichtet worden sein. Dies scheitertedaran, daß die Elektrolyse Unmengen an elektrischer Energiebenötigte: zur Produktion von nur einem Gramm SchweremWasser muß man 1.000 kWh Energie einsetzen!102 Mit dieserFeststellung wurde das deutsche Nuklearprogramm nach demKrieg »für tot erklärt«. Die Anlage in Norwegen war aber zurGewinnung von hochreinem Wasserstoff gedacht - dasDeuteriumoxid war vorerst ein reines Abfallprodukt! Warum nursollten die Deutschen nach Verlust der Anlage nochmals aufdieses extrem teure Verfahren zurückgreifen, wenn durchfraktionierte Destillation fast dasselbe Produkt gewonnen werdenkonnte, nur um viele Zehnerpotenzen günstiger? Genügte dieReinheit nicht, so hätte man das gewonnene Schwere Wassernoch immer durch Elektrolyse reinigen können, nur: nunwesentlich günstiger!Aufgrund dieses Fehlschlusses suchen nun viele, die belegenwollen, daß die Deutschen doch ein atomares Forschungsprojektverfolgten, verzweifelt nach großen Kraftwerken undEnergielieferanten. Man schreibt von gewaltigen unterirdischenKraftzentralen und Elektrolyseanlagen und jagt dabei nur einemPhantom nach! Wenn das Dritte Reich große Mengen vonSchwerem Wasser benötigt hätte, dann kann man mit Sicherheitdavon ausgehen, daß es nicht mit Hilfe der Elektrolyse, sondernmit einem wesentlich energie- und kostengünstigeren Verfahrengeschehen wäre. Ein Verfahren, das die Antwort auf alle offenenFragen zu »Quarz« geben kann: > Eine Schwerwasser-Fabrik war sicher wichtiger als eine Raketenforschungsanstalt, ein Kugellagerwerk oder eine Raffinerie.102 Vgl. Häp, Deuterierte Verbindungen/Lösungsmittel.
    • 94 > Das Werk hätte unter dem Kommando von Hans Kammler gestanden, der darum bemüht war, die wichtigsten deutschen (Geheimwaffen-)Projekte unter seine Befehlsgewalt zu bekommen. > Es würde die rätselhaften Anlagenteile wie das Tanklager, die Schachtanlage und sogar die aufwendige Wasserleitung von der Donau erklären. Beschreibung des VerfahrensDa das Verfahren der fraktionierten Destillation von Wasser zurGewinnung von Schwerem Wasser schon 1933 bekannt war, zueinem Zeitpunkt also, als der Informationsaustausch zwischenden USA und Deutschland noch ungehindert möglich war, ist esmehr als unwahrscheinlich, daß in Deutschland niemand vondieser Möglichkeit wußte. Um zu ergründen, ob in den Stollen imWachberg tatsächlich Schweres Wasser auf diese Art hergestelltwerden sollte, wird nun das Verfahren der fraktioniertenDestillation dargestellt. Es soll geklärt werden, ob die inRoggendorf errichteten Anlagen ihre Aufgaben in Hinsicht auf eineSchwerwasser-Gewinnung erfüllen konnten. Die WasseraufbereitungZweifellos konnte man das Donauwasser, auch wenn es einenrelativ geringen Kalkgehalt aufwies, nicht ohne vorherigeBehandlung in dem Prozeß einsetzen. Daher muß davonausgegangen werden, daß eine gründliche Aufbereitungnotwendig gewesen ist.An erster Stelle hätte dabei eine Grobreinigung gestanden. DieserAbschnitt war mit Sicherheit ausgeführt, da er schon zum Schutzder danach folgenden Pumpe notwendig war.
    • 95Das Donauwasser wäre einfach durch einen Rechen geführtworden, um das Ansaugen von Steinen, Ästen, usw. zu ver-hindern. Danach passierte das Wasser die Pumpe, die es über rund50 Höhenmeter in den Hochbehälter bei Hub beförderte.Der Hochbehälter hätte einerseits als Vorratsbehälter, ande-rerseits als Absetzbecken gedient. Dazu wäre nur ein sehrgeringer Wasseraustausch zulässig gewesen, das heißt das Volumenmußte um ein Vielfaches größer sein, als die benötigteWassermenge. Damit ist erstmals erklärbar, warum derHochbehälter ein Fassungsvermögen von 1.500 m3 Wasseraufwies. Hätte das Donauwasser nur der Kugellagerfertigung zuKühlzwecken gedient, so wäre schon diese Anlage überflüssiggewesen.Die nächste Stelle im Produktionsablauf nahm die eigentlicheWasseraufbereitung ein. Dazu gehörte z. B. das Enthärten, wobeidurch Ionenaustausch der im Wasser gelöste Kalk entfernt wurde.Wie oben beschrieben, läßt sich durch diesen notwendigenVorgang der Bau der Wasserleitung zur Donau erklären, da dasEnthärten bei zu großen Kalkmengen viel zu aufwendiggeworden wäre. Weiterhin wird dadurch möglicherweise dieFunktion der »Kläranlage« vor der Stollenanlage verständlich. Sieenthielt nochmals mehrere Wasserbecken, die durch eineWasseraufbereitung - wie Ionenaustausch oder durch Kiesbeckenzur Feinaufbereitung -leicht begründet werden können. Wieschon der Hochbehälter, läßt sich auch diese Anlage, die ganzoffensichtlich existierte, nicht durch eine Kugellagerfertigungerklären. Die DestillationSchließlich wäre das Wasser in die Trennungsapparatur in StollenB geführt worden. Dabei ist etwa folgender Ablauf denkbar:
    • 96Das gereinigte und aufbereitete Wasser wird in einen Dünn-schichtverdampfer eingeleitet. Darin überströmt es eine durchÖlbrenner geheizte103 Oberfläche mit exakt geregelterTemperatur (die Temperaturregelung war zwar schwierig, aberdamals schon realisierbar). Das Medium mit dem niedrigerenSiedepunkt (H2O) beginnt zuerst zu verdampfen und steigt nachoben auf. Der Wasseranteil, der nicht verdampft ist, fließt nachunten ab und wird dort gesammelt, denn darin hat sich dasSchwere Wasser durch seinen höheren Siedepunkt angereichert.Dieser Flüssigkeitsanteil bildet die Grundlage für den nächstenDurchgang der Anreicherung - so lange, bis die erwünschteKonzentration an D2O erreicht ist.Der nach oben aufsteigende abgereicherte Dampf wirdschließlich mittels Kühlwasser niedergeschlagen (kondensiert)und über eine Entwässerungsleitung in die Pielach abgeleitet.Damit ließe sich eine verräterische und weithin sichtbareDampfwolke perfekt verhindern. Die Abgase der Ölbrennerhingegen werden über den Schacht zum oberirdischen Bunker insFreie geleitet. Für die Verwendung des Schachtes in Stollen Bgibt es somit zwei Möglichkeiten:1. Die gesamte Destillationsanlage war darin untergebracht.Dadurch hätten die Apparaturen etwas über dem Niveau desStollens gestanden (auf der Zwischendecke im Schacht), was dasAbfüllen des Deuteriumoxids in tiefer stehende Behälter sehreinfach gemacht hätte. 2. Nur die Abgasrohre oder zusätzlich einemögliche Anlage zur Wärmerückgewinnung aus denBrennerabgasen der Destillationsanlagen (zur Steigerung desWirkungsgrades) war darin untergebracht. Die Destillationsanla-103 Wahrscheinlich indirekt unter Zwischenschaltung eines wasser- befüllten Heizkreislaufes.
    • 97 gen selbst hätten sich dann etwas tiefer, auf dem Niveau der Stollensohle, befunden. Dadurch hätte man im Stollen B eine Vielzahl von Destillationsanlagen unterbringen können, da das Platzangebot dort natürlich wesentlich größer war, als im relativ engen Schacht an der Oberfläche. Das Schwerwasserwerk wäre dadurch viel größer gewesen, was wiederum eine Erklärung für die gigantischen Dimensionen des Hauptstollens B gäbe. Besondere Fundamente, die man heute noch finden könnte, hätten die Destillationsanlagen sicher nicht benötigt.Mit diesen Betrachtungen ist nun eines bewiesen: Inner- undaußerhalb der Stollen von Projekt »Quarz« wurden von der SSalle Voraussetzungen geschaffen, um Schweres Wasser industriellund in großem Maßstab herzustellen! In Anbetracht der Tatsache,daß das Dritte Reich zu diesem Zeitpunkt verzweifelt nach neuenWunderwaffen suchte und eine Atombombe dabei sicher mehr alswillkommen gewesen wäre, ist es unmöglich, dies als Zufallabzutun! Es kann also nur eine Antwort auf alle Fragen geben: InRoggendorf sollte Schweres Wasser hergestellt werden! Der BeweisDie bisherigen Folgerungen beruhten auf der Annahme, daß derHochbehälter und die Anlage im Stollen B und das Tanklagerzusammengehörten.Um dies zu beweisen, werden die US-Luftaufnahmen vom 26.Dezember 1944 und ihre Auswertung104 näher betrachtet.104 Vgl. Airforce Historical Research Agency. Microfilm Nr. A25193, Interpretation Report No. U. 27 Feb. 1945.
    • 98In besagtem Bericht werden weder die Wasserleitung von derDonau, der Bunker über Stollen B, noch das Gebäude zurWasseraufbereitung vor den Stollen auch nur mit einem Worterwähnt. Auch entsprechende Baustellen waren nicht erkennbar.Da in dem Bericht jedes einzelne Gebäude im BereichRoggendorf detailliert beschrieben wird, kann das nur bedeuten,daß die genannten Anlagen zu diesem Zeitpunkt noch nichtexistierten, ja daß mit ihrem Bau noch nicht einmal begonnenworden war.Man muß sich nun vergegenwärtigen: Schon Anfang November1944 waren die ersten 2.700 m2 Stollenfläche an dasKugellagerwerk »Erle« der Steyr-Daimler-Puch AG übergebenworden. Noch im Dezember desselben Jahres nahm die Anlageden Betrieb auf105.Wenn also noch Ende Dezember keine der genannten Anlagenvorhanden war, können sie überhaupt nicht zum Kugellagerwerkgehört haben, da dieses offensichtlich sehr gut ohne sie und ohnedas Wasser aus der Donau auskam! Dieselbe Aussage läßt sichauch für die Kläranlage und die Arbeitersiedlungen treffen. Aufden Luftaufnahmen waren die Arbeiterunterkünfte klarerkennbar, die Kläranlage aber wie erwähnt nicht. Folglichbereitete es den Verantwortlichen wenig Sorgen, die Abwässerungeklärt in die Pielach zu leiten. Die Kläranlage, die spätererrichtet wurde, hatte also sicher eine andersartige Verwendung.Damit ist aber nicht nur bewiesen, daß die fehlenden Anlagennicht zum Kugellagerwerk gehörten, sondern indirekt auch, daßsie zusammengehörten!Die aufgestellte These kann also aufgrund der US-Luftaufnahmenproblemlos bewiesen werden!105 Vgl. Perz, Projekt Quarz, S. 189.
    • 99 Die ProduktionskapazitätUm festzustellen, in welchen Dimensionen von der SS gedachtund geplant wurde, ist es notwendig zu ermitteln, welche Mengenan Schwerem Wasser in den Stollen hergestellt werden sollten.War man ganz am Anfang der Forschungen und benötigte vorerstnur geringe Mengen oder dachte man schon weiter und benötigteschnell große Mengen?Der Schlüssel zur Berechnung der Produktionskapazität ist diefür die Wasserverdampfung zur Verfügung stehendeBrennstoffmenge. Dabei kommt dem unterirdischen Bahnhof imWachberg eine besondere Bedeutung zu, denn es ist davonauszugehen, daß die Ölversorgung des Schwerwasserwerkesdirekt über Eisenbahn-Kesselwagen erfolgte. Dadurch ließ sichein großes Brennstofflager einsparen, das wertvolle Stollenflächebenötigt hätte. Das einstige Tanklager in Produktionsstollen 2dürfte nur als kleines Zwischenlager gedient haben, umkurzfristige Versorgungsengpässe ausgleichen zu können.Berechnet man, welche Mengen an Schwerem Wasser schon mitdem Ölinhalt des Zwischenlagers erzeugt werden konnten (sieheAnhang), so kommt man auf die erstaunliche Zahl von immerhin59 Litern. Man kann annehmen, daß ein solches Lager nur fürsehr kurze Zeit den Betrieb sicherstellen konnte. Die tatsächlicheMonatskapazität des Schwerwasserwerkes wird also zwischenmehreren hundert Litern und einigen Tonnen D2O gelegen haben!Das Ergebnis verdeutlicht klar: Die Produktionskapazitätenwären auffallend groß gewesen für ein Land, das offiziell keinAtomforschungsprogramm betrieb! Zur Gewinnung von 59 LiternSchwerem Wasser hätte man 35.340 Liter Ol verbraucht - rund600 Liter Ol pro Liter
    • 100D2O. Das Verfahren ist damit wesentlich kostengünstiger als dieElektrolyse, die 1.000 kWh je Gramm D2O verschlungen hätte!Vergleichen Sie z. B. nach heutigen Maßstäben, was 600 LiterHeizöl oder 1.000.000 kWh zur Herstellung eines LitersSchweren Wassers kosten würden! Ungeklärte FragenDie Frage, was in »Quarz« produziert werden sollte, ist damitbeweisbar beantwortet: Schweres Wasser. Aber wie so oft, führtauch hier eine Antwort zu vielen neuen Fragen. Nahm die Anlage jemals die Produktion auf?Dies ist eine sehr wichtige Frage, die aber glücklicherweiserelativ eindeutig zu beantworten ist.Einen ersten Hinweis liefert ein amerikanischer Agent, derKontakt zu den Häftlingen des KZ Melk hatte. In mehrerenBriefen berichteten sie ihm interessante Details der Anlage. Imersten Schreiben vom Juli 1944 heißt es übersetzt, daß das Werkschon in Betrieb sei. In einem weiteren Schreiben wird dieBauzeit mit Mai bis August 1944 angegeben.106 Damit ergibt sichein völlig neues Bild der Anlage. Offenbar waren die Problemebeim Bau doch nicht so schwerwiegend, wie es bisher schien.Waren sie nur eine Ausrede für die SDP, der man damitbegründen wollte, warum sie noch keinen Teil der Anlagezugewiesen bekam? Während die SDP erst im November einenersten Stollen beziehen konnte, waren möglicherweise schon abHerbst 1944 erste Teile von Projekt »Quarz« bezugsfertig.106 Vgl. Airforce Historical Research Agency. Microfilm Nr. A25193, Interpretation Report No. U. 27. Feb. 1945.
    • 101Das hat natürlich noch nicht zu bedeuten, daß damit auch schonetwas in den Stollen hergestellt wurde. Es ist möglich, daß zudiesem Zeitpunkt erst die Vorbereitungen zur Produktion vonSchwerem Wasser getroffen wurden, da noch nicht bewiesen ist,daß in Deutschland schon zu diesem Zeitpunkt bekannt war, wiedas Verfahren großtechnisch realisiert werden konnte. Dazu paßtauch, daß die geplante Wasserleitung von der Donau schon im Juli1944 erstmals bei einer Besprechung erwähnt wurde107, aber erstviel später mit deren Realisierung begonnen wurde. Tatsache ist,daß in dem US-Bericht, der auf den Luftaufnahmen vom 26.Dezember 1944 beruhte, weder die Wasserleitung von derDonau, noch der Bunker über Stollen B, noch das Gebäude zurWasseraufbereitung vor den Stollen erwähnt werden.Daraus läßt sich der wichtige Schluß ziehen, daß die genanntenAnlagen erst nach dem 26. Dezember 1944 errichtet wurden.Damit ergibt sich folgender Zeitablauf:22. Juli 1944 Die Wasserleitung von der Donau wird in einer Besprechung erstmals behandelt.Herbst 1944 Die Stollen für das Schwerwasser-Werk sind bezugsfertig.November 1944 Das Kugellagerwerk »Erle« bezieht seinen ersten Stollen.26. Dezember 1944 Die Wasserleitung für das Schwer- wasser-Werk wurde nachweislich noch nicht begonnen.31. Januar 1945 Kammler wird zum »Beauftragten des Führers für Strahlenforschung« ernannt.107 Vgl. Perz, Projekt Quarz, S. 375. Hauptbesprechung Quarz vom 22.7.1944, Archiv der Steyr-Daimler-Puch AG.
    • 1028. Mai 1945 Die Bauarbeiten sind so weit fortge- schritten, daß der Sinn der Anlage re- konstruiert werden kann.Der Zeitpunkt der Ernennung Kammlers zum Beauftragten desFührers für Strahlenforschung fällt also genau in jenen Zeitraum,der für den Baubeginn der Schwerwasser-Produktion in Fragekommt: kurz nach dem Jahreswechsel 1944/ 1945.Davor konnte der Baustart nicht erfolgt sein, was die Luft-aufnahmen belegen - viel später allerdings auch nicht, sonst wäreder große Baufortschritt bei Kriegsende nicht erklärbar.Es ist damit mehr als wahrscheinlich, daß Kammlers Ernennungmit dem Baubeginn des D2O-Werkes in den Stollenanlagengleichgesetzt werden kann. Daß die Anlage in den drei Monatenbis zum 8. Mai 1945 tatsächlich in Betrieb ging, ist dagegen sehrunwahrscheinlich. Es ist jedoch schon erstaunlich genug, wieviele Anlagen in dieser kurzen Zeitspanne noch errichtet wurden.Auch Strahlungsmessungen in den Stollen und am Wachberg inden Jahren 1997 und 2001 konnten diese Frage nicht beantworten.Es konnte tatsächlich keine Verstrahlung nachgewiesen werden,aber selbst bei einer schon angelaufenen Produktion vonSchwerem Wasser wäre eine Kontaminierung der Stollen höchstunwahrscheinlich gewesen, da Deuterium ein stabilesWasserstoffisotop darstellt. Die Tatsache, daß die am Baubeteiligten Firmen und Ingenieure schon einige Wochen vorKriegsende die Gegend um Roggendorf verließen, läßt hingegensehr eindeutig darauf schließen, daß man die Anlage nicht mehrrechtzeitig fertigstellen konnte. Die Frage nach einem möglichenProduk-
    • 103Abbildung 33: Die Umgebung von Projekt »Quarz« im Dezember1944. (Plan: Verfasser)
    • 104tionsstart kann dadurch schlußendlich mit einem klaren »Nein«beantwortet werden. Woher kam das Öl?Bei einem Ölverbrauch von mehr als einer halben Tonne proeinem Liter D2O hätte sich natürlich ein erheblicher Ölverbrauchdes Werkes ergeben. Solche Mengen waren gegen Ende desKrieges sicherlich nicht unbedeutend für die deutscheTreibstoffindustrie. Woher wäre diese Menge also gekommen?In diesem Zusammenhang ist es sehr interessant zu wissen, daß inden letzten Kriegsmonaten in der näheren Umgebung von Melkmehrere Kleindestillationsanlagen des Geilenberg-Programmserrichtet wurden, die auch noch den Betrieb aufnahmen. NebenStatzendorf, Türnitz, Weitenegg und Spitz geschah dies auch imOrt Petzenkirchen a. d. Erlauf, nur wenige Kilometer westlich derStollenanlagen und per Eisenbahn direkt damit verbunden. Hierwurden zwei AnlageAbbildung 34: Reste der Rohöltanks der »Ofen«-Anlagen in Pet-zenkirchen. (Foto: Josef Buchhart)
    • 105errichtet, die die Decknamen »Ofen XVII + XVIII« trugen. Diemonatliche Treibstoffproduktion sollte zusammen ca. 3.0001betragen108. Nur wenige Kilometer nördlich von Petzenkirchen,in Krummnußbaum, wurden weiterhin ein Tanklager und eineHafenanlage errichtet109. Damit konnte wohl auch über dieDonau Öl angeliefert werden. Die Frage nach dem Brennstoff fürdie Schwerwasser-Fabrik kann also getrost abgehakt werden. Die KonsequenzenAus einem Schwerwasserwerk in der Stollenanlage »Quarz«ergeben sich gewaltige Konsequenzen für die Geschichts-forschung. Es ist ein Beweis dafür, daß im Dritten Reich bis zumKriegsende ein nukleares Forschungsprogramm existierte. Mankann sogar vermuten, daß in Deutschland noch vor demKriegsende Atomreaktoren gebaut und kritisch wurden. Bislangwurde diese Möglichkeit vehement bestritten, da den deutschenForschern ja angeblich drei entscheidende Faktoren fehlten: > Schweres Wasser > Uran und eine > UranaufbereitungDie Frage des Deuteriumoxids sollte mit der obigen Darstellunggeklärt sein, da es nun erwiesen ist, daß den Deutschen nicht nurdie aufwendige und kostenintensive Elektrolyse zurSchwerwassergewinnung bekannt war, sondern108 Vgl. Wichert, Decknamenverzeichnis deutscher unterirdischer Bauten, S. 171.109 Vgl. Reisinger, Krummnußbaum — Die Zeit der beiden Welt- kriege, http://webland.lion.cc/noe/230077/krumnuss.html#a3 (11.03.2002).
    • 106auch die fraktionierte Destillation. Man kann mit absoluterSicherheit davon ausgehen, daß die mögliche großtechnischeSchwerwasserproduktion in Projekt »Quarz« nicht die ersteAnlage dieser Art war. Jedes neue Verfahren wird zuerst inkleinem Maßstab erprobt, ob dies im Wachberg oder an einemanderen Ort erfolgte, ist dabei unerheblich. Tatsache ist, daßdiese kleine Anlage schon vor dem Baubeginn der beschriebenenAnlage in Roggendorf in Betrieb gewesen sein muß. Es gab alsoirgendwo eine deutsche Schwerwasserproduktion - und zwar vordem Januar 1945! Die Frage des Urans beantwortete derReichsrüstungsminister Albert Speer in seinen »Erinnerungen«persönlich: Er gibt den deutschen Uranvorrat von 1943 mitunglaublichen 1.200 Tonnen an110! Kein Wunder, schließlichbesaß das Dritte Reich in St. Joachimstal (Erzgebirge) eineeigene Uranmine111. Daß davon alles, so wie er behauptet, fürFlakmunition verwendet wurde, scheint nun mehr als fraglich!Der Einwand, das deutsche Atomprogramm wäre an derUranaufbereitung gescheitert, ist ebenfalls hinfällig, dennSchwerwasser-Reaktoren arbeiten auch mit Natur-Uran alsBrennstoff! Eine weitere Aufbereitung ist daher nicht notwendig.Der leider in der Öffentlichkeit kaum bekannte Beweis hierfürversorgt große Teile Kanadas mit elektrischer Energie112 ...Das Interessanteste daran aber ist, daß auch ein Schwerwas-serreaktor, der mit Natur-Uran arbeitet, Plutonium produziert -ein weiterer möglicher Ausgangsstoff zum Bau einerAtombombe!110 Vgl. Speer, Erinnerungen, S. 242.111 Dieser Reaktortyp ist auch als CANDU-(Canadian Deuterium Uranium)Reaktor bekannt.112 Vgl. Hemmerle, Sudetenland Lexikon, S. 386.
    • 107Abbildung 35: Das Hüttenwerk des Uranbergbaus in St. Joa-chimstal vor 1918. (Foto: unbekannt) Woran arbeitete man in »Quarz«?Da man Schweres Wasser sowohl für Atombomben, als auch fürAtomreaktoren benötigte, stellt sich die Frage, woran inRoggendorf gearbeitet wurde. Die Möglichkeit, daß es sich umeine reine Schwerwasserproduktion ohne angeschlosseneForschung handelte, ist nach Lage der Dinge eher un-wahrscheinlich. Warum sollte man Erzeuger und Verbrauchertrennen und das extrem wertvolle Gut über Eisenbahnstreckenschicken, die während der damaligen Kriegsphase bereitsununterbrochen von alliierten Flugzeugen angegriffen wurden?
    • 108 Arbeiter-StädteWenn also im Wachberg eine solche Forschungsanstalt installiertwar, wo waren dann die Wissenschaftler und Technikeruntergebracht? In der Umgebung der Stollenanlage warenzahlreiche Arbeitersiedlungen geplant. Doch wie viele Personenkonnten in den bereits errichteten Baracken untergebrachtwerden? Die Antwort darauf gibt uns auch hier die US Airforce:Auf den Aufnahmen vom 26. Dezember 1944 erscheinen nichtnur die Stollen selbst, sondern auch einige Arbeitersiedlungen.Der US-Geheimdienst rechnete die Hüttenanzahl und derenGrundfläche zur Anzahl der dort untergebrachten Arbeiterhoch115 und kam (je nach Verwendung normaler Betten oderStockbetten) zu folgenden Ergebnissen114:Siedlung südlich der WestbahnZehn größere Baracken: wahrscheinlich keine Lagerhallen, dakeine Arbeiter auf den Fotos zu sehen sind (Fotos während derArbeitszeit entstanden). Unterkünfte für:870 Arbeiter (in normalen Betten)1.750 Arbeiter (in Stockbetten)Unterkünfte im Ort RoggendorfAuch hier entstanden neue Hütten, was darauf schließen läßt, daßauch hier Arbeiter untergebracht wurden (tatsächlich113 Die US Airforce berechnete für jeden Arbeiter einen Platzbe- darf von 45 Quadratfuß, was etwas mehr als vier Quadratme- tern entspricht.114 Vgl. Airforce Historical Research Agency, Microfilm Nr. A25193.
    • 109sollten in den benachbarten Ortschaften 2.000 Personen un-tergebracht werden115).Arbeitersiedlung AnzendorfNordöstlich des Ortes Anzendorf entstanden mindestens 25 neueHütten und ein großes Verwaltungsgebäude. Unterkünfte für:4.980 Arbeiter (in normalen Betten) 9.950 Arbeiter (inStockbetten)Arbeitersiedlung MerkendorfSüdlich von Merkendorf wurden mindestens 14 Hütten und einausgedehntes Drainage-System fertiggestellt. Unterkünfte für:1.360 Arbeiter (in normalen Betten) 2.720 Arbeiter (inStockbetten)Unterkünfte nördlich der WestbahnSechs Gebäude und drei kleine Hütten entstanden nördlich derEisenbahn. Es ist keine Angabe über die Verwendung möglich.Zählt man das alles zusammen, so kommt man auf Unterkünftefür die schier unglaubliche Zahl von 9.200 bis 16.400 Arbeitern.Dabei ist zu betonen, daß die Verwendung von Stockbetten inderartigen Barackensiedlungen die Regel war. Die tatsächlicheAnzahl von Unterkünften ist also eher im oberen Bereich derSpanne anzusiedeln. Zum Zeitpunkt, als die Luftbilderentstanden, waren 2.700 m2 Stollenfläche des Kugellagerwerkes»Erle« in Be-115 Vgl. Perz, Projekt Quarz, S. 200. Schreiben Landrat Convall an Wehrkreisbeauftragten XVII des Reichsministeriums für Rü-stungs- und Kriegsproduktion vom 18.4.1944 betr. Beschlagnahmen zugunsten der Firma Quarz, Niederösterreichisches Landesarchiv.
    • 110trieb. Man stelle sich Abertausende von Arbeitern vor, die aufdieser Fläche arbeiten mußten! Selbst im Drei-Schicht-Betrieb istdies allein schon aus Platzmangel völlig unmöglich. An eineAufstellung von Drehbänken oder Schleifmaschinen ist nicht imgeringsten zu denken! Tatsächlich waren auch noch im März1945, als schon 7.880 m2 Stollenfläche der SDP übergeben waren,nur 2.760 zivile Arbeiter bei »Erle« angestellt116. Woran arbeitetenalso all die anderen Personen? Der Stollenbau kann es nicht ge-wesen sein, denn dort herrschte ein notorischer Mangel anFacharbeitern117.Nur eine wissenschaftliche Großanlage, auf einer bedeutendgrößeren Stollenfläche, kann die Widersprüche begründen, dennes gibt kaum eine andere deutsche Anlage, die eine vergleichbareKonzentration von zivilen Arbeitskräften aufwies. Zum Vergleich:Am Programm zur Entwicklung der amerikanischen Atombombe,dem »Manhattan Project«, waren zu den besten Zeiten nur etwasüber 10.000 Personen beteiligt118!»Manhattan Project« ist das Stichwort. Woran arbeiteten diesePersonen? In bezug auf ein deutsches Atomprogramm gibt es nureinen überlieferten Auftrag: Albert Speer persönlich hatte nur dieEntwicklung des »Uranium-Motors« befohlen119. Doch wie hierschon gezeigt wurde, darf man der offiziellenGeschichtsschreibung nicht immer glauben! Zur Erinnerung: DerBau des Schwerwasserwerkes hatte erst116 Vgl. Perz, Projekt Quarz, S. 189. Rechnungswesen Wälzlager-werk an Rechtsbüro vom 17.3.1945 betr. Übernahme der Stollenfläche Quarz durch Betriebsführung Erle, Archiv der Steyr-Daimler-Puch AG.117 Vgl. Perz, Projekt Quarz, Seite 203ff.118 Vgl. Hemme, Die Relativitätstheorie, S. 195.119 Vgl. Speer, Erinnerungen, S. 242.
    • 111nach dem 26. Dezember 1944 begonnen. Zu diesem Zeitpunktwar wohl auch der deutsche Rüstungsminister nicht sorealitätsfremd, als daß er die Entwicklung eines neuen Antriebesangeordnet hätte. Es hätte Jahre gedauert, bis er zum Einsatzgekommen wäre. Und daß ein solcher Antrieb den Kriegsausgangpositiv beeinflussen konnte, ist auch sehr zweifelhaft.Was das Dritte Reich wirklich benötigte, war eine schnellstenszur Verfügung stehende neue durchschlagende Waffe. DieFolgerung kann also nur lauten:In der Anlage »Quarz« wurde an der Atombombe gearbeitet! Ein unglaublicher LageplanDiese Behauptung wird durch einen extrem merkwürdigen Planbelegt, der von der Umgebung der Stollenanlage existiert. EinKind aus Roggendorf120 fand ihn im Zweiten Weltkrieg in einemPapierkorb des Ingenieurbüros, das in seinem Elternhauseinquartiert war: mit aller Wahrscheinlichkeit das IngenieurbüroFiebinger!Auf der Karte im Maßstab 1:25.000 wurde im Bereich desWachberges ein kleiner Kreis eingetragen, der sich beinahe exaktam Standort des Bunkers über Stollen B befindet. In120 Name dem Verfasser bekannt. Die Echtheit des Planes steht außer Zweifel: die Herkunft ist klar nachvollziehbar, und er enthält Informationen bezüglich der Arbeitersiedlungen, die nur einem Planer der Stollenanlage bekannt gewesen sein können. Der Plan trägt dieselbe Handschrift, die auch von anderen Fie-binger-Plänen bekannt ist. Leider wurde das Original von zwei Personen »für unbestimmte Zeit ausgeborgt«. Es gibt aber eine große Zahl von Personen, die belegen können, daß der Plan existierte.
    • 112Abbildung 36: Plan der Umgebung von Projekt »Quarz« ausRoggendorf. (Plan: Ingenieurbüro Fiebinger?)
    • 113der Umgebung wurden alle fertigen und geplanten Arbei-tersiedlungen eingetragen - neun Siedlungen mit Unterkünften fürzusammen 12.000 Personen121. Bis zu diesem Punkt handelt essich also um einen ganz normalen Lageplan, der angibt, anwelchem Ort wieviele Arbeiter untergebracht werden sollten.Extrem auffallend an der Karte ist aber, daß um den Punkt überdem Bunker beim Stollen B konzentrische Kreise eingetragenwurden und zwar mit einem Radius von 1.000, 2.000 und 3.000Metern. Ihr Zweck ist auf den ersten Blick völlig unklar. Wollteman einfach angeben, wie weit die Arbeiter von ihrenUnterkünften zu den Stollen marschieren mußten, so hätte mandoch sicherlich die Wegstrecke angegeben und nicht die Distanzals Luftlinie. Was steckte also hinter den seltsamen Kreisen?Betrachtet man den Plan in Zusammenhang mit der hier auf-gestellten These, so ergibt sich plötzlich ein völlig neuer Ge-sichtspunkt mit erschreckenden Details: Wenn tatsächlich in derUmgebung des Schachtes im Stollen B an einer deutschenAtombombe gearbeitet werden sollte, dann hätte man sicherlichüberprüft, wie weit die Unterkünfte der Wissenschaftler von derextrem gefährlichen Forschungsstätte entfernt lagen - diesmalnatürlich mit Distanzen als Luftlinie! Mittels dieses Gedankenwird plötzlich klar, was der Plan darstellt: einenGefahrenzonenplan. Irgend jemand wollte wissen, wie gefährdetdie Umgebung der Stollenanlage bei121 Demnach wären für die große Zahl von Arbeitern wesentlich mehr Baracken geplant gewesen, als die US Airforce angenommen hatte. Es ist also offensichtlich, daß es sich dabei um eine langfristige »komfortable« Planung der Betreiber von »Quarz« handelte, während die Angaben der US-Luftwaffe von einer kriegsmäßigen Belegung ausgingen, die in diesem Fall sicher gegeben war. Tatsache ist, daß beide Seiten von einer Zivilarbeiter-Zahl weit über 10.000 ausgingen!
    • 114
    • 115einem möglichen Unglück war. Doch wovon wurden dieumliegenden Siedlungen bedroht?Die Antwort gibt der Zeichner des Plans selbst: Er hatte denäußersten Kreis mit einem Radius von 3.000 Metern eingetragen- dieser Wert entspricht exakt dem Radius der Kernzone derAtombombe von Hiroshima (einer Uranbombe mit einerSprengkraft von 20.000 Tonnen TNT121)!!! In einem Umkreisvon ca. 3.000 Metern vom Zentrum der Explosion hätte sich dieentstandene Druckwelle ausgebreitet122 und dabei praktischsämtliche Gebäude vernichtet. Die auf dem Plan eingezeichneten»Zufälle« gehen aber noch weiter: Der Zeichner der Planeskannte nicht nur die Abmaße der Kernzone, sondern auch dieRadien, innerhalb derer Verkohlung unbekleideter Haut (knapp1.000 Meter) bzw. Verbrennungen II. und III. Grades (knapp3.000 Meter) auftraten!123 Der 2.000-Meter-Umkreis des Planesentspricht weiterhin »rein zufällig« jener Zone, über die sich inHiroshima Radioaktivität ausbreiten sollte!124 Sollte es wirklichein Zufall sein, daß ein Planer des Ingenieurbüros FiebingerKreise um den Wachberg zog, die exakt die Wirkradien derersten eingesetzten Atombombe vorwegnahmen? Einer Bombe,zu deren Herstellung Schweres Wasser notwendig gewesen wäre,das man im Wachberg hätte herstellen können?121 Vgl. Hemme, Die Relativitätstheorie, S. 197f.122 Vgl. HICARE, Effects of A-Bombs (Hiroshima andNagasaki).123 Vgl. Ruef, Der Dienst im Bundesheer, S. 394f.124 Vgl. HICARE, Effects of A-Bombs (Hiroshima andNagasaki).
    • 5. Die InfrastrukturWenn diese Folgerungen stimmen und im Wachberg tatsächlichan einer deutschen Nuklearwaffe gearbeitet wurde, so hätte diesfür die Verantwortlichen weitere wichtige Frage aufgeworfen: > Wie sollte man die Anlagen vor Luftangriffen schützen? > Welcher Flugzeugtyp sollte die Atombombe trans- portieren?Der Schlüssel zur Lösung beider Fragen liegt in einem nahenFlughafen. Der Neubau eines solchen wäre unnötig gewesen,wenn man die Bombenentwicklung von Anfang an in derUmgebung eines Luftwaffenstützpunktes geplant hätte. Luftwaffenstützpunkt MarkersdorfSucht man in der Nähe von Roggendorf nach einem Flugplatz, sowird man seltsamerweise sehr schnell fündig. Nur zehnKilometer östlich der Anlagen von »Quarz« gelegen und über dieeinstige Reichsstraße und die Westbahn direkt damit verbunden,befand sich während des Zweiten Weltkrieges einer der größtenMilitärflughäfen Mitteleuropas: der Luftwaffenstützpunkt undEinsatzhafen Markersdorf, der den Decknamen »Markgraf«erhielt125. Er war schon im Sommer 1938 begonnen und immerweiter ausgebaut worden. Es entstand schließlich eine gewaltigeAn-125 Vgl. Ries/Dierich, Fliegerhorste und Einsatzhäfen der Luftwaffe, S. 47.
    • 117lage, die noch heute auf jeder besseren Landkarte erkennbar ist,da viele der Straßen und Taxiways des Stützpunktes bis heuteerhalten geblieben sind.Die Anlage besaß Unterkünfte für weitere 2.500 Personen, fünfHangars, eine eigene Flugzeugwerft, zwei Küchen, zweiHeizhäuser, ein Kino, eine eigene Kläranlage126 und ein eigenesGefangenenlager.Der Stützpunkt war so bedeutend, daß allein im Zeitraum Juni bisAugust 1944 drei Bombenangriffe gegen ihn geflogen wurden127,wobei auffallend ist, daß Markersdorf am 8. Juli 1944 genaugleichzeitig mit dem Konzentrationslager Melk und am 23.August gleichzeitig mit der Baustelle vor der Stollenanlagebombardiert wurde128. Erkannte auch die US Airforce denZusammenhang?Einen Luftwaffenstützpunkt hätten die Erbauer einer Atombombeauf vielerlei Art und Weise gut gebrauchen können. Dazugehörten: > die Möglichkeit zum Start von Atombombern, > die besseren Transportmöglichkeiten für Wissen- schaftler, Maschinenteile und technische Ausrüstungen, > die Möglichkeit, ein großes Areal ohne viel Aufsehen sperren zu können, > der bessere Schutz für die extrem wichtigen For- schungsanlagen.126 Vgl. Frais, Markersdorf- Haindorf, S. 194.127 Die Angriffe erfolgten am 8. und 28. Juli, sowie am 23. August 1944. Die bei Frais erfolgte Datierung des 3. Angriffes auf den 23. Juli dürfte ein Irrtum sein. Vgl. Ulrich, Der Luftkrieg über Österreich 1939-1945, S. 18f.; Gutkas, Landeschronik Nieder- österreich, S. 382, und Frais, Markersdorf- Haindorf, S, 200ff.128 Vgl. Perz, Projekt Quarz, S. 358ff. und S. 404ff.
    • 118 Der Schutz der AnlagenEine Entwicklungsstätte für Atombomben wäre sicherlich durchdie Deutsche Luftwaffe besonders geschützt worden. Mit diesemWissen ist es kaum verwunderlich, daß auf demLuftwaffenstützpunkt Markersdorf ab Mai 1944 bemerkenswertviele Jagd- und Schlachteinheiten stationiert waren. Dazugehörten vor allem der Stab und der Großteil der I. Gruppe (2.und 4. Staffel) des JG 105, die von Juni bzw. Oktober 1944durchgehend bis April 1945 in Markersdorf stationiert waren. Dierestlichen beiden Staffeln der I/JG 105 lagen in dieser Zeit meistin Raffelding, Bierbaum (kleinere Flugplätze, die zumFliegerhorst Markersdorf gehörten) und Zeltweg129.In den letzten Kriegsmonaten wurde auch noch große Teile desSchlachtgeschwader 10 in Markersdorf stationiert, das in dieKampfhandlungen der Ostfront noch maßgeblich eingreifensollte.Es ist extrem merkwürdig, daß auf dem Fliegerhorst von Mitte1944 bis Kriegsende ununterbrochen Jagd- undSchlachtgeschwader stationiert waren - zu einer Zeit, in der fastalle fliegenden Einheiten an der West- oder Ostfront kämpftenund Österreich praktisch keinen Jagdschutz hatte.130 Es hätte inÖsterreich viel wichtigere Gebiete zu schützen gegeben. Oderwar »Quarz« am wichtigsten? Weiterhin fällt auf, daß dasgenannte JG 105 nicht unter dem Befehl der 8. Jagddivision bzw.des »Jagdführers Ostmark« stand131. Das heißt, das JG 105 standden Verantwortlichen für die Luftverteidigung der Ostmark nichtzur Verfügung, sondern hatte offenbar eine andere Aufgabe!129 Vgl. Holm, The Luftwaffe 1933-45.130 Vgl. Holm, The Luftwaffe 1933-45.131 Vgl. Tuider, Die Luftwaffe in Österreich 1938—1945, S. 78ff.
    • 119
    • 120Damit ergibt sich das Kuriosum, daß der 8. Jagddivision in ganzÖsterreich ab Oktober 1944 kein einziger Tagjagdverband mehrunterstellt war133, während in Markersdorf, Raffelding, Bierbaumund Zeltweg der Stab und die komplette I. Gruppe des JG 105lagen. Diese etwa 50 Jagdmaschinen (Sollstand einer Jagdgruppeplus Stab), standen also »ohne Zweck« auf den Flugfeldernherum!Stellt sich natürlich die Frage, wozu? Eine logische Antwort wäreder Luftschutz von Projekt »Quarz«. Die genannte Flugzeugzahlhätte natürlich nicht zur Abwehr eines großen Bomberverbandesgereicht - dies war aber auch völlig überflüssig, da diewichtigsten Anlagen im Wachberg unterirdisch undbombensicher untergebracht waren. Viel gefährlicher wäre eingezielter Angriff einiger Jagdbomber gewesen, wie es am 23.August schließlich geschah. Zur Abwehr einer solchenLuftattacke wären die Kräfte des JG 105 geradezu ideal gewesen.Um diese wenigen Jagdflugzeuge zu schonen, wären sie natürlichnicht für die »normale« Luftabwehr der Ostmark oder zurAbwehr großer Feindverbände verwendet worden. Weiterhinhätte man den Stab und die Hauptkräfte der Einheit direkt amwichtigsten Punkt stationiert, während die restlichen Kräfte aufkleinen (und daher weniger gefährdeten) Flughäfen in derweiteren Umgebung stationiert worden wären, um von dort ausden anfliegenden Feind anzugreifen.Diese These liefert nun eine mögliche Erklärung für die auf denersten Blick zufällige Stationierung des Stabs und der 1/JG 105: Stab und 2./JG 105: von Juni 1944 bis Kriegsende in Markersdorf stationiert134133 Vgl. Ulrich, Der Luftkrieg über Österreich 1939-1945, S. 35.134 Vgl. Holm, The Luftwaffe 1933-45.
    • 121 (wichtigster Punkt, zehn Kilo- meter östlich von Roggendorf gelegen). 1./JG 105: von August 1944 bis Kriegs- ende in Raffelding135 (westlich von Linz gelegen) stationiert. 3./JG 105: von Juni 1944 bis Februar 1945 in Zeltweg (in der Hauptan- flugroute der 15th US Airforce nach Niederösterreich gelegen), danach in Bierbaum (bei Tulln gelegen) und ab März ebenfalls in Raffelding136 4./JG 105: im September 1944 in Bier- baum neu aufgestellt, wahr- scheinlich noch im Oktober 1944 nach Markersdorf verlegt.137Durch diese Anordnung wäre die Umgebung von Markersdorfvor alliierten Flugzeugen in alle Richtungen gut geschütztworden. Daß die genannten Jagdeinheiten beim US-Luftangriffauf die Baustelle von Projekt »Quarz« am 23. August 1944tatsächlich zum Einsatz kamen, ist schwer belegbar. Ulrichschreibt zu den Luftkämpfen an diesem Tag zumindest:138»Jagdstaffeln und Flak waren voll eingesetzt.« In diesemZusammenhang ist auch bemerkenswert, daß nur unweit derStollenanlagen eine deutsche FuMG-Stellung139 existierte. Etwazehn Kilometer südwestlich von Roggen-13 5 Vgl. Holm, The Luftwaffe 1933-45.136 Ebenda.137 Ebenda.138 Vgl. Ulrich, Der Luftkrieg über Österreich 1939-1945, S.19.139 FuMG = Funkmeßgerät, d. h. eine Radaranlage.
    • 122Abbildung 38: Das ehemalige Flugfeld in Markersdorf. (Foto: Ver-fasser)Abbildung 39: Erhaltene Gebäude der Luftwaffensiedlung inMarkersdorf. (Foto: Verfasser)
    • 123Abbildung 40: Baustelle des Fliegerhorstes Markersdorf mitKompaniegebäuden (rechts), Verwaltungsbauten (Hintergrund links)und Speisesaal/Lazarett (Vordergrund links). (Foto: SammlungLechner)Abbildung 41: Detailansicht eines Kasernentraktes. (Foto: SammlungLechner)
    • 124Abbildung 42: Zwei der drei gemauerten Hangars im Südwestendes Fliegerhorstes. (Foto: Sammlung Lechner)Abbildung 43: Kompaniegebäude im Rohbau. (Foto: SammlungLechner)
    • 125Abbildung 44: Plan des Fliegerhorstes Markersdorf im Juli 1944.(Plan: Verfasser)
    • 126dorf befanden sich bei St. Leonhard am Forst die Radarantenneneiner Stellung, die den Decknamen »Mustang« trug. In derDeutschen Nachtjagdkarte vom August 1944 ist »Mustang« alsFuMG-Stellung 2. Ordnung eingetragen130. »2. Ordnung« heißt,daß es sich um eine nachtjagdfähige mittlereFlugmeldeleitkompanie handelte, die meist aus ein bis zwei»Freya«- und zwei »Würzburg Riese«-Antennen bestand.Sind die Existenz dieser FuMG-Stellung und die Stationierungdes JG 105 ebenfalls »Zufälle der Geschichte« oder wollte manden Luftraum über Roggendorf besonders genau schützen undüberwachen? Liegt darin vielleicht ein weiterer wichtigerHinweis für die Bedeutung der Stollenanlage im Wachberg? Das TrägerflugzeugDas Problem des Objektschutzes wäre damit hinreichendbehandelt. Was bleibt ist die Frage nach dem Flugzeug, das dieBombe abwerfen sollte. Da der Atombombenbau offensichtlich»5 Minuten vor 12« gestartet wurde, kann man davon ausgehen,daß am erforderlichen Trägerflugzeug schon parallel zur Bombegearbeitet wurde. Auch hier galt sicher der Grundsatz: je näher,desto besser. Wenn man also nach der Flugzeugfirma sucht, dieein Trägerflugzeug für eine deutsche Atombombe entwickelte,dann sollte man sich in der Umgebung von »Quarz« umsehen. Die WNFAls Markersdorf im Juli 1944 zum ersten Mal von der USAirforce bombardiert wurde, entstanden im Zuge des
    • 127Angriffes mehrere Luftaufnahmen, die die Auswirkungendokumentieren sollten140. Zum Zeitpunkt des Bombenabwurfsbefanden sich über 100 (!) Flugzeuge auf dem Flugfeld, diemeisten davon waren Me-109-Jäger. Die ungewöhnlich großeZahl von Jagdmaschinen führt dabei auf eine wichtige Spur: ab1943 war hier der größte Verlagerungsbetrieb der WNFuntergebracht141.WNF - ein Name, der heute nur noch wenigen bekannt ist. Hinterdem Kürzel standen die »Wiener Neustädter Flugzeugwerke«und damit das größte Messerschmitt-Jäger-Werk des DrittenReiches!Schon bald nach dem »Anschluß« Österreichs im Jahre 1938hatte der großzügige Ausbau eines ehemaligen Flugzeugwerkesin Wr. Neustadt (ca. 30 km südlich von Wien) begonnen. BisKriegsende sollten in dem neuen Werk (direkt neben der V2-Fertigung im »Raxwerk« gelegen) über 8.500 Me-109-Jäger inLizenzfertigung vom Band laufen142. Die WNF waren aber keinereine Serienfertigung von Jagdflugzeugen, es fanden hier aucheigene Neu- und Weiterentwicklungen von verschiedenenFlugzeugen statt. Zum Beispiel entwickelte hier der IngenieurFriedrich Baron von Dobelhoff eine neue Art von Hubschraubern- den sogenannten Strahlschrauber143. Das besondere an dieserKonstruktion war die Tatsache, daß der Rotor durch Düsen anden Blattspitzen angetrieben wurde. Dies hatte zur Folge, daß derFlugapparat drehmomentfrei blieb und somit keinen zweitenRotor benötigte.140 Vgl. Airforce Historical Research Agency, Call Number: 670.4233, IRIS Number: 00248878, Old Roll: A6538, Frame: 1135-1143.141 Vgl. Haberfellner/Schroeder, Wiener Neustädter Flugzeugwer- ke, S. 205.142 Ebenda, S. 6.143 Ebenda, S. 228.
    • 128Abbildung 45: Der ehemalige Wartungshangar der WNF - letzternennenswerter Rest des einst riesigen Flugzeugwerkes.(Foto: Verfasser)Dobelhoffs Konstruktion sieht auf den ersten Blick einemkonventionellen Hubschrauber sehr ähnlich, auf den zweitenBlick fällt aber auf, daß hier vielleicht das Grundprinzip fürmanche Flugscheiben liegt, die kurz vor und nach Kriegsende aufder ganzen Welt aufgetreten sein sollen. Auch wenn er selbstdiese Möglichkeit bestritt, seine Fluggeräte wirkten in der Luftwie flammende Scheiben144. Es ist wohl selbstverständlich, daßso gewaltige Flugzeugwerke wie die WNF, nicht vor alliiertenBomberangriffen verschont blieben. Ein erster Angriff erfolgteMitte 1943 - er war der Anfang vom Ende des Werkes. Um dieJägerproduktion trotzdem möglichst aufrecht zu erhalten, wurdedas Werk an viele verschiedene Orte ausgelagert, unter anderemauf den Fliegerhorst in Markersdorf145. Die genannte Ent-144 Vgl. Portisch/Riff, Die Wiedergeburt unseres Staates, S. 217.145 Vgl. Haberfellner/Schroeder, Wiener Neustädter Flugzeugwer-ke, S. 214.
    • 129wicklungsabteilung, die etwa 20 Ingenieure umfaßte146, wurdeebenfalls verlagert und zwar in das Werk IV der WNF, welchessich in Obergrafendorf befand147, keine fünf Kilometer vomLuftwaffenstützpunkt Markersdorf entfernt ... »Quarz II«Von den Wr. Neustädter Flugzeugwerken führen noch weitereSpuren zu den Stollen in Roggendorf. Um das riesigeFlugzeugwerk unter die Erde zu verlagern, entstand der Plan, eineeigene Stollenanlage zu errichten, in der nun der modernste Jägerder Firma Messerschmitt, der Düsenjäger Me 262, gefertigtwerden sollte. Das Projekt erhielt den Decknamen »Quarz II« undwurde wiederum Kammler unterstellt. Die Stollenanlage, die dieKammler-Nummer »B10« erhielt, war ebenfalls Teil der »SS-Sonderinspektion IV« und damit auch eines der wichtigstenStollenprojekte des Dritten Reiches. Als Standort war einKalksteinbruch in Win-zendorf bei Wr. Neustadt geplant, in demeine 80.000 m2 große Fertigung untergebracht werden sollte. DieEinrichtung mit einer geplanten Kapazität von 500 Düsenjägernpro Monat sollte in nur viereinhalb Monaten fertiggestellt wer-den.148 Bei einer Inspektionsreise am 9. März 1944 wurde derStandort aber als geologisch nicht geeignet bewertet. Statt dessensollte nun in Melk eine zweite Stollenanlage errichtet werden149.Aber auch dieser Plan wird am 23. März auf-146 Vgl. Haberfellner/Schroeder, Wiener Neustädter Flugzeugwerke, S. 228.147 Vgl. Portisch/Riff, Die Wiedergeburt unseres Staates, S.216.148 Vgl. Perz, Projekt Quarz, S. 177.149 Vgl. Perz, Projekt Quarz, Seite 177. Schnellbericht Jägerstab vom 9.3.1944, Bundesarchiv Militärarchiv Freiburg/Br.
    • 130geschoben, weil man einen Überblick über alle Untertage-bauvorhaben abwarten wollte und eine Ballung von derartigenProjekten in Österreich für schlecht hielt150. Schließlich wird dasVorhaben gänzlich eingestellt. Alles in allem ein sehr seltsamerGrund, ein so wichtiges Bauprojekt fallen zu lassen. Wenn maneinen dramatischen Mangel an unterirdischen Fertigungsflächenhat, wartet man doch nicht ab, bis sich ein Gesamtbild ergibt? Esist also wenig erstaunlich, daß im »Alphabetischen Deck-namenverzeichnis unterirdischer Bauten nach dem Stand vom 15.Januar 1945, ausgefertigt vom Reichsminister für Rüstung undKriegsproduktion, Amt Bau-OT, Amtsgruppe Technik« derDeckname »Quarz II« wieder mit der Ortsangabe »Melk II«enthalten ist151! Von Einstellung kann also keine Rede sein. Ganzim Gegenteil, es ist ein weiterer wichtiger Hinweis darauf, daßdie Wr. Neustädter Flugzeugwerke mit den Entwicklungen inRoggendorf in Verbindung standen.Es gab also im Umfeld der WNF gleich mehrere nachweisbareHigh-Tech-Zentren, deren Spuren in die Umgebung von Projekt»Quarz« führen. Wen wundert es dann noch, daß dieBevölkerung in der Umgebung von Roggendorf teilweise nochheute der Meinung ist, daß in den Stollen auch einMesserschmitt-Werk untergebracht war152? Trotzdem die Wr.Neustädter Flugzeugwerke das größte Messerschmitt-Jäger-Werkdes Zweiten Weltkrieges über-150 Vgl. Perz, Projekt Quarz, S. 177. Reichsministerium für Rü-stungs- und Kriegsproduktion, Niederschrift über die Besprechung am 23.3.1944 beim Amt Bau betr. Unterirdische Verlagerungen, Bundesarchiv Koblenz.151 Vgl. Wichert, Decknamenverzeichnis deutscher unterirdischer Bauten, S. 138.152 Vgl. Frais, Markersdorf - Haindorf, S. 209.
    • 131Abbildung 46: Blick vom Wachberg in Richtung Hiesberg. An derWegkreuzung im Vordergrund stand die ArbeitersiedlungAnzendorf. Dahinter befindet sich die Schallaburg. (Foto: Ver-fasser)haupt waren, befanden sie sich doch nicht im Besitz der Mes-serschmitt AG. Es handelte sich dabei vielmehr um eine Li-zenzfertigung, die im Besitz und Verantwortungsbereich desDeutschen Reiches lag. Wer aber war das »Deutsche Reich«? Werhatte im fraglichen Zeitraum zu bestimmen, was mit dem Werkgeschah und was dort entwickelt werden sollte? Darauf kann eseigentlich nur eine Antwort geben: SS-General Hans Kammler!Seit dem 1. März 1944 nahm er eine Schlüsselposition imsogenannten »Jägerstab« ein153, der die Jagdflugzeugproduktiondes Dritten Reiches sicherstellen sollte: Er war »verantwortlichfür Sonderbauaufträge«, also für die Errichtung vonStollenanlagen für die Jägerfabriken.153 Anordnung des Reichsministers für Rüstungs- und Kriegsproduktion vom 1. März 1944, abgedruckt bei: Beauvaris/Kössler/Mayer/Regel, Flugerprobungsstellen bis 1945, Anlage 6.
    • 132De facto hatte er nun genügend Einfluß, um zu bestimmen,welche Einrichtung wohin verlagert wurde und was sie zufertigen hatte.Es gab also auf der einen Seite wichtige Flugzeugentwick-lungszentren der WNF, die in der Einflußsphäre Kammlers lagenund deren Spuren nach Roggendorf klar nachvollziehbar sind.Auf der anderen Seite existierten die Forschungsanlagen in»Quarz«, die unter direkter Kontrolle Kammlers standen und diefür ihre Atombombe ein neues, weitreichendes Trägerflugzeugbenötigten.Was liegt also näher, als daß von den Reißbrettern der Wr.Neustädter Flugzeugwerke der erste deutsche Atombomberkommen sollte?Den Technikern und Ingenieuren dieses Werkes wäre es einleichtes gewesen, innerhalb kürzester Zeit einen vorhandenenBomber, z. B. eine viermotorige Heinkel He 177 alsAtombomber zu adaptieren. Dessen Tragkraft von maximal 7.200kg154 hätte bei weitem ausgereicht, eine mögliche Atombombe zutransportieren.Es bleibt die Frage, ob es ein Zufall war, daß man ausgerechnetam Wachberg ein Me-262-Düsenjägerwerk unterbringen wollte:Nur wenige Meter neben einem der geheimsten deutschenBauprojekte des Zweiten Weltkrieges sollte das modernste undbeste Jagdflugzeug des Krieges in großer Stückzahl hergestelltwerden. Es scheint so, als sollte damit der Schutz der Anlagenvon Projekt »Quarz« auf lange Sicht sichergestellt werden.Welches deutsche Bauprojekt erhielt noch sein eigenesDüsenjägerwerk, um es vor alliierten Bombern zu schützen?Auch hier zeigt sich also deutlich die Wichtigkeit der Anlagen imWachberg.154 Vgl. Nowarra, Die deutsche Luftrüstung 1933-1945, Teil 2, S. 231.
    • 6. Die letzten KriegstageHält die dargestellte Theorie, dann hätte sich eine solche Anlagewie »Quarz« sicherlich auf die Geschehnisse am Ende desZweiten Weltkrieges ausgewirkt. Sie wäre strategisch so wichtiggewesen, daß ihre Bedeutung den Verlauf des ZweitenWeltkrieges in jedem Fall beeinflußt hätte. Grund genug also, denfraglichen Frontabschnitt etwas genauer zu untersuchen. 1944 - Die Ostfront bricht zusammenIm Zeitraum Ende 1944 bis Mai 194 5 war die Deutsche Wehrmachtschon in sehr schlechtem Zustand. Die Lage wurde durch denUmstand weiter verschlimmert, daß man seit Sommer 1944 kaummehr Unterstützung durch die Luftwaffe zu Verfügung hatte, daalle Kapazitäten den amerikanischen Einheiten in der Normandieentgegengeworfen wurden. Trotz dieser schlechten Ausgangslagehatten die Heeresgruppen Süd und Südost, nach dem Verlust vonBudapest, im Raum Plattensee die Gegenoffensive»Frühlingserwachen« gestartet. Die Hauptlast dieser Offensivesollte die 6. SS-Panzerarmee tragen.Diese war erst im September 1944 aufgestellt worden, unterstanddem bekannten Oberstgruppenführer Sepp Dietrich und bildeteden Rahmen für die absoluten Eliteeinheiten des Dritten Reiches.Schon vor ihrer Gründung hatte man die SS-Divisionen dieserArmee bei fast allen heiklen Situationen an vorderster Frontgefunden. So z. B. im Polen- und Frankreichfeldzug, in derPanzerschlacht von Kursk und in der Normandie.
    • 134Mit der Teilnahme an der Ardennenoffensive 1944 und derOperation »Frühlingserwachen« am Plattensee 1945 stellte die 6.SS-Panzerarmee den Kern für Hitlers letzte Offensiven.Im Zuge des Unternehmens »Frühlingserwachen« war die 6. SS-Panzerarmee in zwei Panzerkorps gegliedert, die aus folgendenEinheiten bestanden:155 I. SS-Panzerkorps: 1. SS-Panzerdivision »Leibstandarte SS Adolf Hitler« 12. SS-Panzerdivision »Hitlerjugend« II. SS-Panzerkorps: 2. SS-Panzerdivision »Das Reich« 9. SS-Panzerdivision »Hohenstaufen«Die Sowjets waren aber vorgewarnt und starteten im selbenFrontabschnitt ebenfalls eine Großoffensive. »Frühlingser-wachen« wurde für die 6. SS PzA zum Desaster und endete nichtnur mit dem Verlust vieler Panzerfahrzeuge, sondern in weitererFolge auch mit dem Verlust Wiens. Beim Zurückweichen der SS-Divisionen nach Wien ergeben sich aber bereits unerklärlicheAuffälligkeiten. Das II. SS-Panzerkorps (inzwischen aus Teilender 2. SS-Panzerdivision, der 3. SS-Panzerdivision »Totenkopf«und der Grenadierdivision »Der Führer« bestehend) beteiligtesich zwar kurz an der Verteidigung Wiens, setzte sich aber sehrbald nach Norden über die Donau ab. Das I. SS-Panzerkorpsnahm praktisch überhaupt nicht an den Kämpfen in Wien teil undsetzte sich statt dessen gleich nach Westen ab! Die wichtigeIndustriestadt Wiener Neustadt, mit ihren riesigenFlugzeugwerken, Pulverfabriken, Bahnhöfen und dem wichtigenLuftwaffenstützpunkt, wird dabei von der SS so of-155 Vgl. Williamson, Die SS - Hitlers Instrument der Macht, S. 184.
    • 135fensichtlich aufgegeben, daß der Kommandant des Luftwaf-fenstützpunktes in seinem Abschlußbericht schreibt:156 »Auf demMarsch nach Markersdorf fuhren endlose Kolonnen der Waffen-SS an mir vorüber, die in mir den Eindruck des fluchtartigenVerlassens der Kampfstelle in Wr. Neustadt erweckten. Ich habeweiterhin den Eindruck, daß in dem Kampfraum in Wr. Neustadteine einheitliche Führung nicht vorhanden war und daß sicheinzelne Truppenteile vom Feind absetzten, ohne ernsthaftenKampf aufzunehmen.« An eine hartnäckige Verteidigung Wiensdachte der Befehlshaber der 6. SS PzA Sepp Dietrich offenbarüberhaupt nicht mehr, obwohl ihm dies von Hitler am 3. April1945 ausdrücklich befohlen worden war.157Nach dieser seltsamen Spaltung der 6. SS PzA stieß die RoteArmee weiter nach Wien vor und eroberte die österreichischeHauptstadt in nur acht Tagen. Die Sowjets beziffern diedeutschen Verluste für den Zeitraum 16. März (Beginn derOffensive am Plattensee) bis 13. April (Fall von Wien) mit:158- 11 Panzerdivisionen (darunter die 6. SS-Panzerarmee),- 130.000 Mann,- 1.345 Panzer und Sturmgeschütze,- 2.250 Feldgeschütze.156 Abgedruckt bei: Brettner, Die letzten Kämpfe des II. Weltkrieges im südlichen Niederösterreich, S. 62.157 Vgl. Christopher Clark in: Smelser/Syring, Die SS - Elite unter dem Totenkopf, S. 124.158 Vgl. Landsmann, Floridsdorf 1945, S. 60. »Daily Telegraph« vom 14.4.1945. Landsmann schreibt »... einschließlich der 6. SS-Panzerdivision«, dies ist aber eindeutig ein Schreibfehler, da die genannte Division im fraglichen Zeitraum an der Westfront unter dem Befehl des »Oberkommandeurs West« stand. Vgl. Lucas, Handbuch der Wehrmacht 1939—1945, S. 208.
    • 136Diese Zahlen müssen bei weitem übertrieben und teilweiseeinfach falsch sein, denn wie kann die 6. SS PzA vernichtetworden sein, wenn sie sich schon vorzeitig abgesetzt hatte und anden letzten Kämpfen kaum beteiligt war? Auch der Bürgermeistervon Wien sprach von »nur« 5.000 Toten (Soldaten undZivilpersonen), die nach der Schlacht beerdigt werden mußten159.Die deutschen Truppen waren weit besser davongekommen, alsdies in der offiziellen Geschichte festgehalten wurde.Wichtig ist hierbei die Frage, warum man auf dem relativbegrenzten Schlachtfeld westlich von Wien auf die absolute Elitealler SS-Divisionen des gesamten Krieges trifft. Warum sind aufeinmal alle diese Einheiten, die bisher verstreut an allen Fronten»Feuerwehr« spielen mußten, auf diesem engen Raumkonzentriert? Ist Niederdonau nach dem Verlust der einstigenHauptstadt Wien160 wirklich noch so wichtig? Wären diese letztenstarken Einheiten nicht in Berlin viel dringender gebrauchtworden? Daß eine Verlegung noch möglich gewesen wäre, zeigtder Transport von Teilen der 2. SS-Panzerdivision »Das Reich«Mitte April 1945 von Wien nach Dresden161.Total zerstört sind die Einheiten ja nicht - wie sich sehr baldzeigen sollte.Kaum ist Wien verloren, beginnen alle Teile der Heeresgruppe Süd,also die 2. Panzerarmee, die 6. Armee, die 8. Armee und die 6. SS-Panzerarmee hartnäckig Widerstand zu leisten. Besonders diebeiden SS-Panzerkorps der 6. SS-Panzerarmee tun sich dabeihervor:159 Vgl. Rauchensteiner, Der Krieg in Österreich, S. 191. Sozialistische Hefte 2, Wien 1945.160 Die Gauhauptstadt des Gaues Niederdonau war Krems.161 Vgl. Rauchensteiner, Der Krieg in Österreich 45, S. 424; Wei-dinger, Das Reich.
    • 137Nördlich der Donau, in und um die Burg Kreuzenstein (beiStockerau) verschanzt sich das II. SS-Panzerkorps. Trotz hef-tigstem Artilleriebeschuß gelingt der Roten Armee auf dergesamten Linie Mistelbach - Korneuburg kein Durchbruch mehr.Die deutschen Einheiten leisten so heftigen Widerstand, daß dieSowjets nur eine Möglichkeit sehen und hinter den SS-Einheitenüber die Donau übersetzen. Doch selbst dieses Unternehmenscheitert und führt nicht zum erhofften Durchbrach162. Auchnördlich davon leistet die 8. Armee noch erbitterten Widerstand. »Geisterdivisionen« erwachen zu neuem LebenSüdlich der Donau bietet sich ebenfalls ein seltsames Bild: Nochvor der Eroberung Wiens war ein Teil der Roten Armeeausgeschwenkt und marschierte nun mit etwa 15.000 Mann und100 Panzern in Richtung St. Pölten163. Gerade in diesen Abschnittdrängten die Sowjets offenbar besonders stark. Die deutscheLuftaufklärung meldete immer stärker werdende Bewegungenaus dem Raum Baden. Das I. SS-Panzerkorps, das sich ja schonvorzeitig nach Westen abgesetzt hatte, bestand weiter aus der 1.SS-Panzerdivision »Leibstandarte SS Adolf Hitler« und der 12.SS-Panzerdivision »Hitlerjugend«. Diese beiden Einheiten bilde-ten den Kern für den gesamten Frontabschnitt von der Donau bisan den Semmering.Warum traf man genau hier auf diese Einheiten? Nicht einmal dieErdölfelder nördlich von Wien (Zistersdorf) erhielten einen sohochrangigen Schutz zugeteilt, obwohl sie in einem Führer-Sonderbefehl als »kriegsentscheidend« einge-162 Vgl. Rossiwall, Schlachtfeld Niederösterreich, S. 119.163 Vgl. Rauchensteiner, 1945 Entscheidung für Österreich, S.33.
    • 138stuft wurden164. Diese Erdölfelder deckten in den letztenKriegsmonaten immerhin 60% des deutschen Erdölverbrauchesund waren somit überlebenswichtig! Die beiden Panzerdivisionenwaren Generaloberst Rendu-lic unterstellt, dem Befehlshaber dergesamten Heeresgruppe Süd, hatten aber nach dessen Meinungnoch nicht genug Kampfkraft für den Raum St. Pölten. Er befahleine auffallende Verlagerung vieler seiner besten Truppenteile anden Frontabschnitt vor Melk. Bis zum 8. April verlagerte manfolgende Einheiten dorthin:165- Volks-Artilleriekorps 403- Heeres-Artillerie-Brigade 959- Artillerie-Abteilung III./818- Sturm-Artillerie-Brigade 261Die Namen täuschen nicht: Hier wurde alles an Artilleriekonzentriert, was die 6. SS-Panzerarmee noch bieten konnte.Verstärkt wurden diese Truppen durch:166- Panzer-Aufklärungs-Abteilung 1- Heeres-Panzerjagd-Brigade 2- Flak-Sturm-Regiment 4 sowie- drei Infanterie-Battaillone (die SS-Alarm-Bataillone A, B,C)Ab dem 8. April 1945 begann man unter dem Kommando vonGeneralmajor Schultz sogar ein ganzes neues Korps (!) für die 6.SS-Panzerarmee aufzustellen, um die Front an der linken Flankedes I. SS-Panzerkorps weiter zu verstärken! Unentwegt wurdennoch weitere Truppenteile herangeschafft, darunter ganzeDivisionen:164 Vgl. Rossiwall, Schlachtfeld Niederösterreich, S. 120.165 Vgl. Rauchensteiner, Der Krieg in Osterreich 45, S. 223.166 Ebenda, S. 223.
    • 139- 710. Infanterie-Division- Panzer-Aufklärungs-Abteilung 3- Schwere Heeres-Panzerjäger-Abteilung 653167- 117. Jäger-Division168- ein Regiment der 10. Fallschirmjäger-Division169- 2. SS-Panzerdivision »Das Reich« (Teile)170- 9. SS-Panzerdivision »Hohenstaufen« (Teile)171Auch weitere Artillerieeinheiten werden an diesem Front-abschnitt konzentriert. Sogar zwei königlich-ungarische Ar-tillerieabteilungen kommen zum Einsatz172. Selbst die schwerenFlak-Einheiten der chemischen Industrie im nahenMoosbierbaum (Flak-Untergruppe Moosbierbaum) werfen sichnun aufopfernd in die Schlacht und bekämpfen Bodenziele173.Alles in allem kommt man auf dem relativ kleinen Frontabschnittvon etwa 15 Kilometern Länge auf die für die damaligendeutschen Verhältnisse unglaubliche Zahl von 150 Geschützen174.Bemerkenswert ist auch, daß die 2. Kompanie des 2. SS-Pan-zerregiments »Das Reich« vom SS-Panzerarmee-Oberkommando6 (PzAOK 6) den Befehl erhielt, zwischen Wien und167 Vgl. Rauchensteincr, Der Krieg in Österreich 45, S. 226; Studie Greiner, Korps Bünau.168 Vgl. Rauchensteiner, Der Krieg in Österreich 45, S. 230.169 Vgl. Rauchensteiner, Der Krieg in Österreich 45, S. 230. Bericht Rüdiger Zimburg über die 10. Fallschirmjäger- Division.170 Vgl. Rauchensteiner, Der Krieg in Österreich 45, S. 424; Wei-dinger, Das Reich171 Vgl. Rauchensteiner, Der Krieg in Österreich 45, S. 425; Kriegstagebuch OKW, Bd. IV/2172 Vgl. Rauchensteiner, Der Krieg in Österreich 45, S. 226; Studie Greiner, Korps Bünau.173 Vgl. Rauchensteiner, Der Krieg in Österreich 45, S. 226f.; Studie Greiner, Korps Bünau.174 Vgl. Rauchensteiner, 1945 Entscheidung für Österreich, S.33.
    • 140St. Pölten als selbständige Einheit zu operieren. Dazu wird derKommandant - SS-Obersturmführer Fritz Langanke -ermächtigt,sämtliche verwendungsfähigen Panzer (notfalls unterWaffengewalt) zu beschlagnahmen und einzusetzen! Das führtdazu, daß an diesem Frontabschnitt nun einige der modernstendeutschen Panzer - Tiger II (Königstiger) -zum Einsatzgelangten175. Fünf Kilometer vor Markersdorf - die Front stehtSo gelingt es tatsächlich noch ein letztes Mal, von der Donau biszum Semmering eine durchgehende Frontlinie aufzubauen. Washeute teilweise als »kleine Schießereien« dargestellt wird, warenin Wahrheit teils erbitterte Gefechte im gesamten Frontabschnittder 6. SS-Panzerarmee. Zwei Wochen sollten die Kämpfe dauernund beiden Seiten schwere Verluste einbringen. Zum Vergleich:Für die Eroberung von ganz Wien hatten die Sowjets nur einegute Woche gebraucht, und das war immerhin die zweitgrößteStadt des Dritten Reiches!Am Semmering verschanzten sich Teile der 9. Gebirgsdivision»Kampfgruppe Semmering«. Sie sollte die Front bis Kriegsendehalten. Nördlich davon leisteten (von Süden nach Norden) die 1.SS PzDiv »Leibstandarte SS Adolf Hitler«, die 12. SS PzDiv»Hitlerjugend« und das Korps »Schultz« mit der 117. Jäger-Division und der 710. Infanterie-Division bis zur Donauerbitterten Widerstand. Immer wieder versuchten die Sowjetsdurch Gebirgstäler vorzudringen - die Leibstandarte verhindertedies in zähen Kämpfen. So wurde um den kleinen Ort MarktPiesting175 Vgl. Agte, Jochen Peiper, S. 360f.
    • 14124 Tage lang gekämpft. Die Ortschaft Hainfeld wurde von der SSmit drei Panzern so erbittert verteidigt, daß bei deren Abzug kaumnoch ein Haus stand.Auch in und um St. Pölten wurde verbissen gekämpft. Am 9.April wurde ein sowjetischer Panzerangriff gestoppt, wobei auchmehrere sowjetische Panzer zerstört wurden. St. Georgen wirdam 14. April von der SS unter Einsatz einiger Königstiger sogarzurückerobert. Der Gegenangriff der Sowjets kann aber erst am16. April in Wilhelmsburg gestoppt werden, wo Teile einesSPW-Bataillons und der schweren SS-Panzerabteilung 501 zumEinsatz kommen. Bei den Kämpfen am nächsten Tag werden elfrussische Panzer vernichtet176. Die Sowjets umgehen schließlichWilhelmsburg, und die Kämpfe verlagern sich noch stärker insTraisental.Der Ort Traisen wurde besonders stark umkämpft. Scheinbarversuchten die Sowjets den deutschen Verbänden über die Flankein den Rücken zu fallen. Heftige Panzer- und Artillerieduellefolgten, bei denen viele Soldaten und Zivilisten getötet wurden. Indem kleinen Ort wurden 40 Häuser zerstört. Erst nach massivemArtilleriebeschuß, Panzergefechten und Tieffliegerangriffenkonnte Traisen nach dreiwöchigem Kampf am 20. April von denSowjets eingenommen werden177. Aber auch das nützte nichts,denn nun setzte sich der Kampf mit unverminderter Härte auf denBerghöhen hinter dem Ort fort.Nach der Eroberung St. Georgens war St. Pölten von zwei Seitenumfaßt. Schließlich gerät das Stadtgebiet ab dem 14. April unterschweres Artilleriefeuer. Die SS sprengt alle Traisenbrücken undzieht sich am 16. April zurück. Die176 Vgl. Agte, Jochen Peiper, S. 362.177 Vgl. Rossiwall, Schlachtfeld Niederösterreich, S. 120.
    • 142überlebenden SS-Soldaten sprechen von der »Hölle von St.Pölten«178. Nach zehn Bombenangriffen und den Kampf-handlungen sind fast 40% der Stadt zerstört. Am 16. Aprilversucht die Rote Armee nördlich von St. Pölten noch einmal diedeutsche Hauptkampflinie zu durchdringen, wird aberzurückgewiesen.Die SS-Einheiten erhalten sogar noch in diesen letztenKriegstagen immer wieder Verstärkung in Form neuer Pan-zerfahrzeuge.So bekommt die 1. SS-Panzerdivision am 1. April zur Ver-teidigung von Wr. Neustadt 10 neue Panzer IV179, mit denen sieallerdings nicht den erteilten Auftrag ausführt, sondern sich - wieschon gezeigt - absetzt. Weiterhin erhalten die Truppen westlichvon St. Pölten am 16. April sieben neue Panzer180. Sogar nochAnfang Mai wird das 1. SS-Panzerregiment mit neuen Panzernbeliefert: so z. B. mit sechs nagelneuen »Jagdtiger«-Panzern ausdem Nibelungenwerk181 und am 7. Mai mit vier weiterenExemplaren des Typs IV182. Das klingt vielleicht nicht viel, aberim Zusammenhang mit der deutschen Gesamtsituation sind dasbemerkenswerte Zahlen! Als Vergleich: Kurz vor der Operation»Frühlingserwachen« standen der 1. und 12. SS-Panzerdivisiongerade einmal 27 bzw. 21 Panzer zur Verfügung183! Nach derEroberung St. Pöltens gelingt es den SS-Einheiten dann am 16.April endgültig die Front zu stabilisieren, nicht zuletzt durch dasEingreifen des in Markersdorf stationier-178 Vgl. Frais, Markersdorf - Haindorf, S. 206.179 Bericht Obersturmführer Sternebeck in: Tiemann, Opfergang für Deutschland, S.3 5 2.180 Vgl. Frais, Markersdorf - Haindorf, S. 209.181 Vgl. Agte, Jochen Peiper, S. 363.182 Vgl. Bericht Unterscharführer Manfred Thorn, in: Tiemann, Op- fergang für Deutschland, S. 409.183 Vgl. Tiemann, Opfergang für Deutschland, S. 252.
    • 143Abbildung 47: Ansicht des Nibelungenwerkes bei St. Valentin.Einstmals eine der größten Panzerfertigungen des Dritten Reiches.Im Hintergrund: das Dach einer der riesigen Montagehallen.(Foto: Verfasser)Abbildung 48: Auf dem Soldatenfriedhof in Blumau (nördlich vonWr. Neustadt) liegen 3.812 deutsche Soldaten begraben. Sie fielenin den letzten Kriegswochen in Niederösterreich, beispielsweise beider Verteidigung der Gebirgspassagen Richtung St. Pölten. (Foto:Verfasser)
    • 144 Abbildung 49: Sowjetische Granatwerferstellung im Westen von St. Pölten, April 1945 (Foto: Sammlung Verfasser)Abbildung 50: Deutscher Soldatenfriedhof in St. Pölten. (Foto:Verfasser)
    • 145 Abbildung 51: Gedenkstein an die letzte Frontlinie bei Gerersdorf, westlich von St. Pölten. (Foto: Verfasser)Abbildung 52: Das völlig zerstörte St. Pölten im Mai 1945 (Foto:Stadtarchiv St. Polten)
    • 146ten Schlachtgeschwaders SG 10. Es kommt zwar noch zusowjetischen Vorstößen, die aber alle zurückgewiesen werden.In den Orten um Markersdorf wird zu diesem Zeitpunkt weiterhinschwere Artillerie konzentriert - es kommt sogar noch zu einigenGegenangriffen deutscher Panzer. Die Stellungen westlich derTraisen sollten schließlich bis zur Kapitulation am 8. Mai 1945halten. Die angeblich kleinen Gefechte forderten ihren Tribut:Auf dem deutschen Soldatenfriedhof in St. Pölten liegen nochheute knapp 1.000 und nördlich von St. Pölten in Oberwölbling4.066 Gefallene aus der Umgebung. 5.000 Soldaten, die »ohneGrund« im letzten Kriegsmonat in den Tod gingen?Zum Vergleich: Die »riesige« Schlacht um Wien hatte auch 5.000Tote gefordert, nur sind in diese Zahl auch zivile ToteAbbildung 53: Zirka 4.000 deutsche Gefallene der Kämpfe imFrontabschnitt St. Pölten liegen in Oberwölbing begraben. (Foto:Verfasser)
    • 147eingerechnet! Während der Kampf um Wien heute als großeSchlacht gilt, über die es sogar eigene Bücher gibt, werden dieKampfhandlungen bei St. Pölten heute völlig vergessen!Bleibt die Frage: Wozu das alles? Sind es ein paar Bauerndörferwirklich wert, so erbitterten Widerstand zu leisten? Selbst Wr.Neustadt mit seinen riesigen Messerschmitt-Flugzeugwerkenwurde kaum verteidigt. Die Vorgänge im April und Mai 1945 indiesem Frontabschnitt sind beispiellos - es sollte die letztedurchgehende Frontlinie des Zweiten Weltkrieges sein, die fünfKilometer vor Markersdorf zum Stehen kam! Wichtige TreffenAm 16. April 1945 übergab Generalmajor Schultz das Kommandoüber sein Korps an General von Bünau. Das Korps hieß folglichvon nun an Korps Bünau. Ort der Kommandoübergabe: dieSchallaburg, in direkter Nachbarschaft von »Quarz«!Am Tag darauf trafen sich am selben Ort auch GeneraloberstRendulic und Oberstgruppenführer Sepp Dietrich, Befehlshaberder schon oft genannten 6. SS-Panzerarmee, um die Lage zuerörtern184.Ist es nicht seltsam, daß diese Treffen gerade auf der Schallaburgstattfinden? Von der Burg aus hatte man uneingeschränkte Sichtauf den Wachberg und die verschiedenen zu »Quarz« gehörendenEinrichtungen in der Umgebung. Zwar war das KZ Melk zudiesem Zeitpunkt offiziell schon geräumt und auch die Baufirmenhatten Roggendorf schon184 Vgl. Rauchensteiner, Der Krieg in Österreich 45, S. 230. Tagebuch Bünau, a. a. O.
    • 148Abbildung 54: Ansicht der Schallaburg (Foto: Verfasser)längst verlassen, aber offensichtlich hatten die Stollenanlagenvon Projekt »Quarz« noch immer genügend Bedeutung, umhöchste militärische Befehlshaber anzuziehen. Hätten sichRendulic und Dietrich wirklich nur getroffen, um die Lage zuerörtern, so hätten sie dies gewiß auch an einem anderen Ort tunkönnen. Rendulic hatte sein Hauptquartier in Urbach, östlich vonSt. Leonhard am Forst, und Dietrich etwa zehn Kilometersüdöstlich davon, im Schloß Grünbichl in Kilb185. LogischerTreffpunkt wäre eines der beiden Hauptquartiere oder dieOrtschaft Mank gewesen, die genau dazwischen lag. Warum setztman sich statt dessen der ständigen Gefahr vonTieffliegerangriffen aus, um sich zehn Kilometer weiter imNorden, in Sichtweite von »Quarz« zu treffen?Auch die Lage des besagten Hauptquartiers der gesamtenHeeresgruppe Süd ist in diesem Zusammenhang interessant. DieOrtschaft Urbach bei St. Leonhard am Forst, am Fuße185 Vgl. Frais, Markersdorf - Haindorf, S. 210.
    • 149des Hiesberges, liegt keine zehn Kilometer von »Quarz«entfernt186.Die Heeresgruppe Süd (Ostmark) reichte von der HeeresgruppeMitte im Protektorat Böhmen und Mähren, bis zur HeeresgruppeE in der Steiermark - ein Frontabschnitt von ca. 300 KilometernLänge also. Sollte es da ein Zufall sein, daß das wichtigeHauptquartier für diesen riesigen Frontabschnitt gerade einmalzehn Kilometer vom Wachberg entfernt liegt?Auch das von den Stollen kaum weiter entfernte Hauptquartierder 6. SS-Panzerarmee in Kilb ist beachtenswert. DiesesHauptquartier des scheinbar unbedeutenden Frontabschnittes vor»Quarz« hatte nämlich eine seltsame Anziehungskraft aufhochrangige Persönlichkeiten des zusammenbrechenden DrittenReiches. So waren hier z. B. folgende Personen anzutreffen:187- Generalfeldmarschall Wilhelm Keitel, Chef des Ober- kommandos der Wehrmacht- Generaloberst Lothar Rendulic, Befehlshaber der Heeresgruppe Süd- Oberstgruppenführer Sepp Dietrich, Befehlshaber der 6. SS- Panzerarmee- Baldur von Schirach, Reichsjugendführer und Gauleiter von Wien- Dr. Hugo Jury, Gauleiter von Niederdonau (Niederösterreich)- August Eigruber, Gauleiter von Oberdonau (Oberösterreich)- Dr. Siegfried Uiberreither, Gauleiter der Steiermark186 Das letzte HQ der HGr Ostmark befand sich in Waidhofen a. d. Ybbs.187 Vgl. Frais, Markersdorf- Haindorf, S. 210.
    • 150Als der Oberstleutnant Graf Karl Heinrich von Rittberg bei einerder Besprechungen in Kilb anmerkte, daß der Krieg verloren seiund seine Weiterführung einem Verbrechen gleichkäme, wurdeer von SS-Männern sofort erschossen188. Die genanntenPersönlichkeiten waren bei ihren Treffen also keineswegs derÜberzeugung, daß der Kampf vergebens sei. Gingen sie davonaus, daß sie noch einen letzten »Trumpf im Ärmel« hatten?Trafen sie sich deshalb in der Nähe von Roggendorf?Sogar Hitler war dieser Frontabschnitt noch bis zuletzt sehrwichtig. SS-Obergruppenführer Ernst Kaltenbrunner, Chef desReichssicherheitshauptamtes und seit dem 18. April auchHimmlers Stellvertreter im Südraum189, erstattete daher Ren-dulic noch Ende April 1945 einen Besuch ab. Am 29. April,einen Tag vor Hitlers Selbstmord, telegrafierte er in den Füh-rerbunker in Berlin:190»Mein Führer. Lage in Süddeutschland 29.4.45. Besuch beiRendulic und N. D. [Niederdonau], gibt gefestigte Frontlagen,Verbesserung am Semmering und Wechsel, bessere Stimmungder Truppe durch gute Führung. Hervorragendes Zu-sammenarbeiten zwischen O. B. Süd und Gauleitern ...« Woherkam Hitlers Interesse für diesen Frontabschnitt, vor allem zueinem Zeitpunkt, als die Rote Armee nur noch wenige Meter vonder neuen Reichskanzlei in Berlin entfernt war? Stand es inZusammenhang mit Hitlers letztem Besuch der Front vor Berlinam 11. März 1945 ? Dabei hatte er den General der InfanterieBusse gebeten, den sowjetischen Angriff auf Berlin so lange wienur irgend möglich zu verzögern. Hitler beendete das Treffen mitden Worten:191188 Vgl. Frais, Markersdorf - Haindorf, S. 210.189 Vgl. Kaltenegger, Operation Alpenfestung, S. 234.190 Vgl. Rauchensteiner, Der Krieg in Österreich 45, S. 238. Stad- ler, Österreich.
    • 151»Jeder Tag und jede Stunde sind kostbar, um die fürchterlichenWaffen fertigzustellen, welche die Wende bringen!« Ist es nunnur ein bloßer Zufall, wenn Hitler in seinen letztenLebensstunden noch einen Bericht Ernst Kaltenbrun-ners erhält,der ihn über die Lage der Heeresgruppe Süd informiert? »Irgend etwas« bedroht die Rote ArmeeAm 27. April 1945 geschieht schließlich auf der gesamten Frontder 6. SS-Panzerarmee das absolut Unmögliche: DieSowjetarmee gibt ihre Angriffe auf192, obwohl die Grenze ihrerBesatzungszone - die Enns - noch längst nicht erreicht ist. An dergesamten Front der Linie Traisen - drei Kilometer westlich St.Pölten - Dunkelsteinerwald und nördlich der Donau imFrontabschnitt Korneuburg ruhen bis zum 8. Mai die Waffen,ohne daß ein Waffenstillstand vereinbart worden wäre. Über dieGründe wurde selbst unter den deutschen Offizieren undLandsern gerätselt. Ganze Ortschaften, die hinter densowjetischen Linien liegen, müssen von der Bevölkerunggeräumt werden. Unter Aufsicht der russischen Offiziere hebendie Einwohner Stellungen, Splitterschutzwälle undVerbindungslinien aus193. Es wurde also alles getan, um einengewaltigen Angriff abzuwehren! Die SS- undWehrmachtsangehörigen erhielten zudem über Lautsprecher etwafolgende Mitteilung von russischer Seite:194191 Vgl. Piekalkiewicz, Krieg der Panzer 1939-1945, S. 320.192 Vgl. Rauchensteiner, Der Krieg in Österreich 45, S. 235. Militärarchiv Freiburg, Lageberichte Ost, Nummern 1411 bis 1415.193 Vgl. Rauchensteiner, 1945 Entscheidung für Österreich, S.34.194 Vgl. Rendulic, Gekämpft - Gesiegt - Geschlagen, S. 376.
    • 152»Kameraden! Der größte Verrat der Weltgeschichte steht bevor.Wenn ihr nicht mit den kapitalistischen Mächten gegen unsweiterkämpfen wollt, dann kommt zu uns herüber!«Was war also geschehen? Nichts von all diesen Vorgängen ist bisheute geklärt worden. Versuchen wir es zu verstehen. Einesscheint klar: Die Rote Armee befürchtete, daß die US Army unddie Deutsche Wehrmacht nun gemeinsam gegen sie kämpfenwürden. Doch waren diese Bedenken berechtigt? Wie sollte diepraktisch zerschlagene Wehrmacht die US Army dazu bewegenkönnen, nun gemeinsam gegen die Rote Armee vorzugehen? Wasnutzten zudem schon einige wenige deutsche Divisionen gegenein vielfach überlegenes Millionenheer? Was stand also hinterdem »größten Verrat der Weltgeschichte«?Tatsache ist, daß die Sowjets offensichtlich keine genauenAngaben hatten, wann und wo denn dieser Verrat stattfindensollte, denn sie gingen fast an der gesamten Front in Österreich indie Defensive. Die manipulierte GeschichtsschreibungEs gab aber eine Armee, deren Verantwortliche scheinbar ganzgenau wußten, was vor sich ging - und vor allem wo es stattfindensollte: die 3rd US Army.Ein 700-Kilometer-Marsch hatte diese Armee Anfang Mai 1945von Mitteldeutschland bis kurz vor ihr Ziel geführt, am 5. Mai1945 hatten die US-Panzer die vereinbarte Zonengrenze in Ennserreicht. Die kleine Stadt war aber nicht das Ende ihres Marsches,auch wenn dies die offizielle Geschichtsschreibung so darstellt.Das Ziel lag noch weiter im Osten, ein Ziel für das es sichoffensichtlich zu sterben lohnte. Die Heeresgruppe Süd hatte denUS-Vorstoß schon früh-
    • 153zeitig erkannt. Schon am 17. April 1945 begann GeneraloberstRendulic Vorkehrungen zu treffen, um einen US-Vorstoß überdie Enns abzuwehren. Er nahm gleich mehrere Divisionen ausder nicht gerade überstarken Front seiner Heeresgruppe in derSteiermark heraus, um das Korps Bünau, sprich die Gegendzwischen St. Pölten und Enns, gegen Westen abzusichern.195Abbildung 55: Reichsautobahnbrücke über die Enns. Der Fluß sollteÖsterreich bis zum Jahre 1955 als Zonengrenze teilen.(Foto: Verfasser)Man muß sich das klarmachen: zu einem Zeitpunkt, an dem die3rd US Army gerade Thüringen durchquert hat, trifft derBefehlshaber der Heeresgruppe Süd Vorkehrungen, um dieAmerikaner an der Enns aufzuhalten! Entweder war hier einHellseher am Werk, bei dessen Können selbst Nostra-damus vorNeid erblaßt wäre oder aber Rendulic war schon195 Vgl. Rauchensteiner, Der Krieg in Österreich 45, S. 230.
    • 154längst klar, wohin und vor allem was die US Army wollte.Rendulic rechnete übrigens fest damit, daß der Hauptschlag derUS Army über die Enns gehen sollte, denn immerhin sollten drei(!) zusätzliche SS-Panzerdivisionen zur Abwehr des US-Vormarsches abgestellt werden196:- 2. SS PzDiv »Das Reich«, Frontabschnitt Enns-Unterlauf- 9. SS PzDiv »Hohenstaufen«, Frontabschnitt Mühlviertel- 12. SS PzDiv »Hitlerjugend«, Frontabschnitt mittlere EnnsDer Plan wurde zwar nicht in dieser Form realisiert, die Hee-resgruppe Süd wurde aber trotzdem bemerkenswert gut auf eineneue Front im Westen vorbereitet, unter anderem durch denEinsatz der Artillerie-Abteilung »Oberdonau«, die aus angeblich300 (!) Marinegeschützen bestand197. Warum nur war Rendulicso klar, wohin die US Army wollte? War der deutscheGeheimdienst so gut, daß Eisenhowers Befehl vom 15. April1945 (Vereinigung mit den Russen in Österreich) schon bekanntwar, oder war es für Rendulic selbstverständlich, daß die USArmy in seinem Machtbereich »etwas« suchte?Hätte Generaloberst Rendulic den besagten Befehl gekannt, dannhätte er anders reagiert, denn darin wird Salzburg als Treffpunktgenannt198! Bleibt nur noch die zweite Variante: Er wußte, wohinPatton wollte, noch vor dem US-General selbst!Auch das Korps Bünau begann einen Plan für eine letzteVerteidigungslinie gegen die US-Streitkräfte auszuarbeiten.196 Vgl. Tiemann, Opfergang für Deutschland, S. 396; Rauchenstei- ner, Der Krieg in Österreich 45, S. 230.197 Vgl. Rauchensteiner, Der Krieg in Österreich 45, S. 239. Mittei- lung von Med. R. Dr. Ernst Zyhlarz an HR Dr. Allmayer-Back (Gedächtnisnotiz).198 Vgl. Rauchensteiner, Der Krieg in Österreich 45, S. 344; Mac- Donald, Offensive.
    • 155Diese letzte Stellung sollte zwischen Melk und Oberndorf a. d.Melk eingerichtet werden199. - Es ist kaum zu glauben, aber die 6.SS-Panzerarmee wollte tatsächlich ein Drittes Reich verteidigen,das gerade noch von Markersdorf bis Melk reichte und nur noch 15Kilometer breit war!!! Auf diesem Frontstreifen lag wiederum»rein zufällig« der Wachberg mit der Stollenanlage »Quarz«!Dieser Plan gelangte zwar nicht mehr vollständig zur Aus-führung, er zeigt aber sehr deutlich, welch schier unglaublicheBedeutung dieser Streifen Land für die Waffen-SS gehabt habenmuß.Die genauen Geschehnisse um »Quarz« zu Kriegsende sindderartig außergewöhnlich, daß sie hier detailliert und chro-nologisch noch einmal dargestellt werden sollen: 15. April 1945Die Rote Armee erobert St. Pölten. Die abziehenden deutschenTruppen sprengen alle wichtigen Brücken über die Traisen. 16. April 1945Nach dem Fall von St. Pölten werden die noch erhaltenenGebäude des Fliegerhorstes Markersdorf gesprengt. Trotzdembleiben einige Fw-190-Schlachtflugzeug des SG 10 zurück, umdie nahe Front aus der Luft zu unterstützen. Weitere Flugzeugeder Einheit sind in Hörsching (bei Linz) und Zeltweg stationiert,in den letzten Kriegstagen wird weiterhin bei Seitenstetten einkleiner Feldflugplatz eingerichtet. Auch von dort aus wird dieFront bei St. Pölten unterstützt.199 Vgl. Rauchensteiner, Der Krieg in Österreich 45, S. 239, f. Studie Greiner, Korps Bünau.
    • 156 17. April 1945Der Oberbefehlshaber der Heeresgruppe Süd, GeneraloberstRendulic, trifft erste Vorbereitungen, um den Gau Niederdonauauch gegen Westen mit aller Kraft zu verteidigen. 27. April 1945Die Rote Armee gibt ihre Angriffe auf und bereitet sich auf »dengrößten Verrat der Weltgeschichte« vor. Die Bevölkerung wirdgezwungen, ein gewaltiges Verteidigungssystem aufzubauen. DieKämpfe am Frontabschnitt St. Pölten haben bis zu diesem Datumetwa 5.000 deutsche Gefallene gefordert. 29. April 1945Ernst Kaltenbrunner telegrafiert die Lage der Heeresgruppe Südnach Berlin. 30. April 194sHitler begeht in Berlin Selbstmord, Großadmiral Dönitz wirdsein Nachfolger. 1. Mai 1945Die Heeresgruppe Süd wird in Heeresgruppe Ostmark um-benannt. Sie besteht aus der 2. Panzerarmee (diese wird kurz vorKriegsende an die Heeresgruppe G abgegeben), der 6. Armee, der8. Armee und der 6. SS-Panzerarmee (Frontabschnitt bei St.Pölten) und reicht von der Steiermark bis ins Protektorat Böhmenund Mähren. 4. Mai 1945Dönitz bestimmt, daß Feldmarschall Kesselring als Ober-befehlshaber Süd die Führung der Heeresgruppen Mitte, Ostmarkund Südost zu übernehmen habe200.
    • 157 5. Mai 1945Am Abend des 5. Mai 1945 findet in Zeltweg ein hochrangigesTreffen zwischen Vertretern aller Armeen der HeeresgruppeOstmark, dem Kommandierenden des Luftwaffenkommandos 4(für die Ostmark zuständig) und Feldmarschall Kesselring statt.Dabei wird festgestellt, daß für die Armeen der Heeresgruppeunerwartete Großreserven und mehr als genügend Nachschubvorhanden sind!201 Während also das Dritte Reich und dieWehrmacht im Chaos versinken, gibt es hier noch schlagkräftigeEinheiten, die über große Reserven an Truppen, Waffen,Munition, Treibstoffen und Verpflegung verfügen. Eineinzigartiger Zustand unter den Resten der deutschenHeeresgruppen! Bei dem Treffen am 5. Mai 1945 wird auch dieMöglichkeit erläutert, mit den US-Streitkräften gemeinsam gegendie Rote Armee vorzugehen.202 Keiner der Vertreter der Armeendachte also zu diesem Zeitpunkt über eine mögliche bedingungs-lose Kapitulation nach! Im Gegenteil, offenbar fühlte man sich sogut gerüstet, um erneut und diesmal mit den US-Streitkräften indie Offensive zu gehen. Ein Umstand, der zu denken gebensollte.Während dieses Treffens geschieht aber etwas, das einen erstenHinweis darauf gibt, daß zu diesem Zeitpunkt nicht mehr alleBefehlshaber der Truppen um Melk »am selben Strang zogen«.Diesen Hinweis liefert ein Anruf von Sepp Dietrichs Haupt-quartier (PzAOK 6) an Kesselring. Darin wurden schwereBedenken dahingehend geäußert, daß Generaloberst Ren-dulicVerhandlungen mit den Amerikanern anstrebte. Kes-200 Vgl. Rauchensteiner, Der Krieg in Österreich 45, S. 370; Kriegs- tagebuch OKW, Bd. IV/2.201 Vgl. Rauchensteiner, Der Krieg in Österreich 45, S. 371.202 Ebenda, S. 370f.
    • 158seiring fragte daraufhin sofort beim Befehlshaber der Hee-resgruppe Ostmark nach, welcher diese Behauptungen jedochenergisch bestritt. Kesselring glaubte ihm aber offensichtlichnicht ganz, da er der Heeresgruppe sofort befahl, sich »mit allemNachdruck gegen ein allzunahes Aufrücken der amerikanischenDivisionen zu wehren«203. Dieser Befehl führte dazu, daß die 3.SS-Panzerdivision »Totenkopf« den US-Streitkräften nördlichder Donau bis zuletzt erbitterten Widerstand leistete.Offensichtlich gab es also auf der einen Seite Rendulic, der amliebsten sofort Verhandlungen mit den US-Streitkräften über einemögliche Teilkapitulation begonnen hätte. Auf der anderen Seitestand Sepp Dietrich, der auf den ersten Blick noch einen Kampf»einer gegen alle« anstrebte und nicht daran dachte, zukapitulieren.Etwa gleichzeitig erreichte die 3rd US Army den Fluß Enns aufHöhe der gleichnamigen Ortschaft. Schon wie in Pilsen stellte diemit den Sowjets vereinbarte Zonengrenze für die Amerikanerkeinen Grund zum Anhalten dar, obwohl die Enns als Grenze erstvor wenigen Tagen festgelegt worden war204! Am 5. Mai war esoffenbar zu spät, um eine Flußüberquerung zu wagen. 6. Mai 1945Schon am nächsten Tag stellt die 65. US-Division eine Patrouillezusammen und versucht tatsächlich die Enns zu überschreiten,genauso wie es Rendulic schon drei Wochen zuvor»vorhergesehen« hatte. Doch am gegenüberliegenden Ufer, in derOrtschaft Enns-203 Vgl. Rauchensteiner, Der Krieg in Österreich 45, S. 371. Studie Kesselring, Geschichte des OB West und Ausarbeitung Balck.204 Vgl. Rauchensteiner, Der Krieg in Osterreich 45, S. 344. Pogue, Supreme Command.
    • 159dorf, erleben die Amerikaner eine böse Überraschung. Diedeutschen Truppen schlagen die Patrouille zurück205 -noch ...Auch weiter südlich hatte die US Army eine Patrouille zu-sammengestellt, die bis nach Waidhofen a. d. Ybbs marschierte.Hier war das letzte Hauptquartier der Heeresgruppe Ostmark. Alsdie Fahrzeuge der 71. US-Division den Ort erreichten, wurdenauch sie vorerst von Panzersperren aufgehalten.Der anwesende Generaloberst Rendulic erkannte aber dieeinmalige Chance, bat die US-Vertreter zu sich206 und begannsofort mit Verhandlungen. Die Befürchtungen Sepp Dietrichsund Kesselrings hatten sich also sehr schnell bewahrheitet.Dies alles geschah, obwohl Kesselring noch am Morgen, durchdas erwähnte Telefonat beunruhigt, befohlen hatte, daß im Falleeiner Handlungsunfähigkeit des Oberkommandos derHeeresgruppe Ostmark, Sepp Dietrich, das Kommando über dieHGr übernehme sollte207. Im Klartext war dies eineausgesprochen scharfe Warnung an Rendulic, sich nicht zu denUS-Streitkräften zu begeben! Etwa gleichzeitig verhandelte nocheine weitere Person mit Soldaten der US Army: der Gauleiter vonOberdonau, August Eigruber. Er bot in Windischgarsten eineKapitulation seines Gaues an, allerdings stellte auch er dieBedingung, gegen die Rote Armee weiterkämpfen zu können!Die US-Vertreter lehnten ab. Eigruber wollte daraufhin noch205 Vgl. Rauchensteiner, Der Krieg in Österreich 45, S. 373. Report XX Corps.206 Vgl. Rauchensteiner, Der Krieg in Österreich 45, S. 373. Studie Rendulic, Letzte Operationen und Tagebuch Gyldenfeldt.207 Vgl. Rauchensteiner, Der Krieg in Österreich 45, S. 372, Studie Kesselring, Geschichte des OB West.
    • 160Rücksprache mit Rendulic über eine bedingungslose Kapi-tulation halten. Einige Stunden später lehnte der Gauleiter dieseMöglichkeit jedoch ab.Wie Rauchensteiner schreibt, sah es für die US Army nun so aus,als hätte Rendulic selbst die bedingungslose Kapitulationabgelehnt. Rauchensteiner meint weiter, daß Rendulic nurablehnte, weil er Eigruber nicht in die Verhandlungenintegrieren, in Wahrheit aber doch bedingungslos kapitulierenwollte208.Eine sehr seltsame Vorgehensweise für diesen Fall. Viel wahr-scheinlicher ist es, daß Rendulic wirklich nur eine Teilkapi-tulation gegenüber den Amerikanern anstrebte. Auch er planteoffensichtlich einen gemeinsamen Kampf mit der US Armygegen die Sowjetunion, denn er testete diese Variante bei dererstbesten Gelegenheit diplomatisch aus, scheiterte aber209.Rendulic sprach bis spät in die Nacht hinein mit den US-Vertretern, doch die Verhandlungen stockten. Die Amerikanerbestanden auf einer bedingungslosen Kapitulation, die Rendulicganz offensichtlich nicht wollte. Was er wirklich plante und wieer dies durchzusetzen gedachte, sollte sich erst in den nächsten 48Stunden zeigen. Am Abend gab der Oberbefehlshaber der HGrOstmark jedenfalls einen Befehl heraus, der sicher als einegroßzügige Geste an die US Army verstanden werden kann: Erbefahl einen Waffenstillstand an der Westfront ab dem 7. Mai1945 9:00 Uhr210.208 Vgl. Rauchensteiner, Der Krieg in Österreich 45, S. 374.209 Vgl. Rauchensteiner, Der Krieg in Österreich 45, S. 373.210 Vgl. Rauchensteiner, Der Krieg in Österreich 45, S. 374, Kriegstagebuch OKW, Bd. IV/2.
    • 161 7. Mai 1945Aufgrund dieses Befehls begann sich nun endlich abzuzeichnen,was die Sowjets wohl unter »dem größten Verrat derWeltgeschichte« verstanden. Es resultierte daraus ein seltsamesWettrennen, das bis heute in praktisch der gesamten Literaturüber das Kriegsende in Europa fehlt: Noch am Morgen des Tageshatte es in Ennsdorf Gefechte zwischen deutschen Truppen undSoldaten der US Army gegeben211, doch diese wurden wiebefohlen eingestellt. Bald darauf begann sich abermals eine US-Patrouille ihren Weg nach Osten zu bahnen.212Diese scheinbar völlig unbedeutende Geste Rendulics zeigte nuneine erstaunlich eindrucksvolle Wirkung: bei Verhandlungen aufwesentlich höherer Ebene in Reims. Dort verhandelteGeneraloberst Alfred Jodl, der Chef desWehrmachtsführungsstabes, mit dem Stabschef des alliiertenOberbefehlshabers Eisenhower, General Bedell Smith, über diebedingungslose Kapitulation aller Wehrmachtsteile, die um 2:41Uhr in der Früh unterzeichnet worden war213. Bei diesenVerhandlungen ging es natürlich auch um die HeeresgruppeOstmark, zumal das Dritte Reich zu diesem Zeitpunkt zumGroßteil nur noch aus dem Bereich dieser Heeresgruppe bestand!Ein Faktum, das allein schon zu denken geben sollte.Bei diesen Gesprächen wurde interessanterweise eine Ver-einbarung getroffen, die im Widerspruch zur Kapitulations-urkunde stand, die in der Nacht unterzeichnet worden war. Darinhieß es unter Punkt 1:214211 Vgl. Rauchensteiner, Der Krieg in Österreich 45, S. 353. Hin- dinger, Kriegsende.212 Vgl. Portisch/Riff, Die Wiedergeburt unseres Staates, S. 286.213 Vgl. Chronik des 2. Weltkrieges, S. 432.214 Vgl. Goebels, Tagebücher 1945, S. 465.
    • 162»1. Wir, die Endesunterzeichneten nehmen im Namen desdeutschen Oberkommandos die bedingungslose Kapitulation allerunserer Streitkräfte zu Lande, zur See und in der Luft sowie allerder Streitkräfte, die sich gegenwärtig unter deutschemKommando befinden, vor dem Oberkommando der Roten Armeeund gleichzeitig vor dem Oberkommando der alliiertenExpeditionsstreitkräfte an.« Tatsache aber ist, daß dieWehrmachts- und Waffen-SS-Einheiten der HeeresgruppeOstmark nicht bedingungslos kapitulierten! Die Bedingung, diebei den Verhandlungen gestellt wurde, fehlte aber in dergenannten Urkunde, denn sie stand im krassen Gegensatz zueiner Vereinbarung, die General Eisenhower mit demSowjetischen Oberkommando getroffen hatte. Diese Abmachungbesagte, daß die deutschen Soldaten der Ostfront gegenüber denSowjets kapitulieren mußten und die der Westfront undNorwegens gegenüber der US Army kapitulieren durften215.Demnach war völlig klar, daß alle Truppen der HeeresgruppeOstmark in Gefangenschaft der Roten Armee zu gehen hatten.Bei den Verhandlungen in Reims stellte Jodl, der im Auftrag vonDö-nitz (Hitlers Nachfolger als Oberster Befehlshaber der Wehr-macht und Reichspräsident) agierte, aber eine bemerkenswerteBedingung: auch die Soldaten der Heeresgruppe Ostmark solltenin westalliierte Gefangenschaft gehen dürfen!216 Hier nun zeigtesich, was Rendulic zu erreichen versuchte. Nachdem eineUmkehr der militärischen Bündnisse ganz offensichtlichgescheitert war, strebte er eine Teilkapitulation gegenüber denWestmächten an, die als »bedingungslose Kapitulation« getarntwerden sollte. Während die Ostfront noch undurchlässig blieb,wollte er die Grenze im Westen öffnen:215 Vgl. Rauchensteiner, Der Krieg in Österreich 45, S. 365 f. Han- sen, Das Ende.
    • 163 > Die US-Truppen sollten nach Osten in Richtung Melk marschieren dürfen, wobei die Historiker bis heute keine ausreichende Erklärung liefern können, warum sie dies eigentlich wollten. > Die deutschen Wehrmachts- und Waffen-SS-Einheiten sollten nach Westen marschieren, um in westalliierte Gefangenschaft zu gehen.So unglaublich dies klingen mag: Die US-Streitkräfte stimmtendiesem Vorschlag am 7. Mai 1945 zu!217 Die HeeresgruppeOstmark hatte es also geschafft, die »bedingungslose Kapi-tulation« zu umgehen. Doch wie hatte Rendulic das bewerk-stelligt? Was konnte er der US Army anbieten, daß sie dieseBedingung annahm?Der Schlüssel lag ganz offensichtlich in der US-Patrouille, dienun Ennsdorf passieren durfte.Doch Rendulics Vorgehensweise war weiter umstritten. Daß erbei Enns die amerikanische Patrouille passieren ließ, kam einemMann ganz offensichtlich wie eine Provokation vor: SeppDietrich. Er hatte schon einmal gezeigt, daß er nicht viel von denVorhaben seines Vorgesetzten hielt. Am Nachmittag gab Dietrichden rätselhaft erscheinenden216 Vgl. Rauchensteiner, Der Krieg in Österreich 45, S. 366. Diese Forderung wurde vorerst für alle drei Heeresgruppen im Süden aufgestellt. Die HGr. G hatte aber praktisch nur an der West- und Italienfront gekämpft - ihre Gefangenschaft war also von vornherein zu ihren Gunsten geregelt. Die HGr E in britische Gefangenschaft zu bringen, wurde offensichtlich abgelehnt. Ihre Soldaten versuchten verzweifelt nach Österreich zu gelangen. Trotzdem geriet ein Großteil der Heeresgruppe in die gefürch- tete jugoslawische Kriegsgefangenschaft. Vgl. Rauchensteiner, Der Krieg in Österreich 45, S. 388 f.217 Vgl. Rauchensteiner, Der Krieg in Österreich 45, S. 374f.; Kriegs- tagebuch OKW, Bd. IV/2.
    • 164Befehl an das Korps Bünau: Die inzwischen auf etwa 20.000Mann (!) angewachsene Einheit sollte sich auf die sogenannte»Mank-Melk-Stellung« zurückziehen217. Was hatte dieser Befehlwirklich zu bedeuten? Eine Vermutung lautet, daß man vielleichtdie schmalste Stelle zwischen Alpen und Donau verteidigenwollte218. Doch nach dieser Definition hätte man die letzteVerteidigung genauso im gesamten Bereich zwischenKorneuburg und Steyr aufbauen können. Was lag also zwischenMank und Melk, das diesen Schritt begründen könnte? Richtig:Projekt »Quarz«! Dietrich ließ also seine SS-Truppen an dem Ortaufmarschieren, den sie seit Wochen gegen die Rote Armeeverbissen verteidigt hatten. Die 6. SS-Panzerarmee betonte alsonochmals mit Nachdruck, daß sie die Verteidigung dieses Bergesnoch nicht aufgeben wollte. Der rätselhafte Befehl war also inWahrheit eine überaus starke Antwort auf das VorgehenRendulics! Gegen Abend begannen sich die Truppen des KorpsBünau von der Ostfront zu lösen und die »Mank-Melk-Stellung«zu besetzen ... 8. Mai 19451:00 UhrNun, 23 Stunden vor Kriegsende, erkannten die Sowjets of-fensichtlich, was zwischen der Heeresgruppe Ostmark und der 3rdUS Army vor sich ging, denn am 8. Mai um 1 Uhr Morgenseröffnete man bei Markersdorf ein sechsstündiges Trommelfeuer.Wie schon erwähnt, hatten die SS-Einheiten schon am Vorabendbegonnen sich nach Westen, zum Wachberg, abzusetzen.Folglich war die Front in den Morgenstunden des218 Vgl. Rauchensteiner, Der Krieg in Österreich 45, S. 240.219 Ebenda.
    • 1658. Mai 1945 von den Deutschen nur noch sehr spärlich besetzt.Auch die Rote-Armee-Führung sah nun offensichtlich ein, daßein Bündnis zwischen US Army und Wehrmacht gescheitert war.Die Verteidigungsstrategie konnte endlich aufgegeben werden undman ging zum Angriff über. Das Ziel kann aber nicht nur dieZonengrenze gewesen sein, denn diese hätte man in nähererZukunft ohnehin erreicht. Es muß also noch einen anderen Grundgegeben haben, warum die Rote Armee nur wenige Stunden vorKriegsende noch eine nennenswerte Offensive startete! Wohin derVormarsch führen sollte, war klar vorgegeben - und zwar voneiner kleinen US-Patrouille aus Enns ...Ca. 5:00 UhrNoch vor dem Morgengrauen traf im Hauptquartier derHeeresgruppe Süd ein Befehl ein, der auf den ersten BlickAbbildung 56: Die Patrouille der 65. US-Division mußte das hü-gelige Alpenvorland bei Amstetten durchqueren. Keine idealenBedingungen für einen schnellen Vorstoß. (Foto: Verfasser)
    • 166Abbildung 57: Ausdehnung des Dritten Reiches am 8. Mai 1945;Marschroute der 3rd US Army (Plan: Verfasser)
    • 167abermals Rätsel aufgibt: Das Oberkommando der DeutschenWehrmacht befahl, daß alle Einheiten sofort weiter nach Westenmarschieren sollten und sich bis zum 9. Mai 1945 1:00 Uhr überdie Demarkationslinie (die Enns) zu begeben hätten220, obwohlRendulic dies schon am Morgen des Vortages befohlen hatte221.Gerade erst hatte das Korps Bünau begonnen, die Stellungen umden Wachberg zu beziehen, als dieser Befehl die Truppe erreichte.Was sollte das also bedeuten? Es gibt nur eine logischeErklärung: Das Oberkommando der Wehrmacht, also Dönitz, gabde facto der 6. SS-Panzerarmee den Befehl, ihren sinnlosenKampf in der »Mank-Melk-Stellung« aufzugeben. Sie solltensich also dem Verhandlungsergebnis fügen.Nun war es also endgültig klar: Alle deutschen Truppen strömtenvon nun an nach Westen, während sich die kleine US-Patrouilleweiter ihren Weg nach Osten, gegen den Strom der Truppen,bahnte.7:00 UhrDie Rote Armee stellt ihr Trommelfeuer bei Markersdorf ein undbeginnt mit dem Frontdurchbruch.8:00 UhrDer Durchbruch gelingt und die Sowjets erreichen die Ruinen desFliegerhorstes Markersdorf. Auch sie beginnen nun einenauffallend schnellen Vormarsch, nur eben nach Westen. Praktischan der gesamten Front im Süden ließ sich die Rote Armeedagegen viel Zeit mit ihrem Vordringen, da sie ja auf dieVereinbarung mit Eisenhower vertrauen konnte. DieWehrmachtseinheiten hätten demnach sowieso nicht in220 Vgl. Rauchensteiner, Der Krieg in Österreich 45, S. 240.221 Ebenda, S. 375.
    • 168westalliierte Gefangenschaft gehen können und wären denSowjets ohne Anstrengungen in die Hände gefallen222. Nur indiesem Frontabschnitt begann nun auch die Rote Armee anjenem seltsamen Rennen teilzunehmen ...9:30 UhrDie Sowjets erobern ohne Gegenwehr die Ortschaft Loos-dorfmit den erhaltenen Stollenanlagen von Projekt »Quarz«223.Zwar hatte schon im April 1945 der KZ-Lagerführer SS-Obersturmführer Ludolph aus Mauthausen den Befehl erhalten,die Stollenanlage »Quarz« mitsamt der Häftlinge zu sprengen224,doch auch noch am 8. Mai 1945 waren alle Anlagen intakt. Obwohldie Sprengladungen schon eingebaut waren, wie die nochvorhandenen Sprengkammern belegen, kam es nicht zurAusführung des Befehls. Die Häftlinge des KZ Melk warenevakuiert worden und die Stollen erhalten geblieben. Warum, daskonnte nie ganz geklärt werden, woraus sich abermals ein Hinweisauf die russische Lautsprecherdurchgabe »... der größte Verrat derWeltgeschichte steht bevor ...« ableiten läßt. Hatte die RoteArmee berechtigte Befürchtungen, die Stollenanlagen könntender US Army in die Hände fallen? Auf jeden Fall hatten die So-wjets einen wichtigen Erfolg errungen: sie hatten Projekt»Quarz« erobert.Seltsam ist, daß es in den folgenden Wochen keiner der Soldatenwagte, die Stollenanlagen zu betreten.225 Hatten sie Angst vorSprengfallen? Es handelte sich doch um erfahrene Frontsoldaten,man sollte also meinen, daß sie wußten,222 Vgl. Rauchensteiner, Der Krieg in Österreich 45, S. 377.223 Vgl. Frais, Markersdorf - Haindorf, S. 207.224 Vgl. Perz, Projekt Quarz, S. 469. Interview Dr. Josef Sora.225 Zeuge dem Verfasser bekannt.
    • 169wie man derartige Anlagen aufspürt und entschärft. Und selbstwenn dies nicht der Fall gewesen sein sollte, kann man mitSicherheit davon ausgehen, daß die Rote Armee einen Weggefunden hätte, die Fallen zu »entschärfen«! Vielleicht aberhatten die Sowjets Angst vor einer ganz anderen Gefahr? EinerBedrohung, die man nicht sehen, fühlen, riechen oder entschärfenkonnte? Hatte man am Ende Angst, die Stollen könntenradioaktiv kontaminiert sein? Das seltsame Wettrennen bei Melkstrebte indessen weiter in hohem Tempo seinem Höhepunkt zu:Von Westen eilte die Patrouille der 65. US-Infanterie-Divisionheran, von Osten stürmten plötzlich die Sowjets mit dem XX.Garde-Schützenkorps und der 62. Garde-Schützen-Division226vor. Und in der Mitte befanden sich die Truppen der Heeres-gruppe Ostmark mit den Resten mehrerer Waffen-SS-Divisionen,die in den letzten Wochen eine angebliche Kugellagerfabrikverbissen verteidigt hatten.Stimmt die Theorie, daß in »Quarz« an der Atombombe geforschtwurde, so wären dort sicherlich riesige Mengen an Unterlagenund Testmaterialien oder sogar schon Deuteriumoxid angefallen.Diesen »Schatz« hätte die SS bzw. das Korps Bünau aber nichtzurückgelassen ... Der sowjetische Weitermarsch ist der besteBeweis dafür, daß das Geheimnis der Anlage »Quarz« noch nichtgefunden worden war, denn wer würde etwas verfolgen, das ersowieso schon besitzt? Also muß davon ausgegangen werden,daß das wichtigste Material aus den weitläufigen Stollenanlagenentfernt worden war - genug Zeit dafür hatte die SS ja. Doch wowar das extrem wichtige Material nun? Es kann nur eine Antwortgeben: Bei den zurückweichenden Einheiten der 6. SS-Panzerarmee!226 Vgl. Rauchensteiner, Der Krieg in Österreich 45, S. 381. Birju-kov, Nauka.
    • 170 12:00 UhrInzwischen war es Mittag geworden und lange Kolonnen vonWehrmachts- und SS-Einheiten bewegten sich weg von derOstfront nach Westen, den Amerikanern entgegen. Größte Eilewar geboten, denn die Einheiten mußten bis zum 9. Mai 194500:01 Uhr die Enns überschritten haben, um in amerikanischeGefangenschaft gehen zu können. Eine Tatsache, die über Lebenund Tod entschied, denn jeder kann sich vorstellen, daß dieSowjets mit so mancher SS-Division noch eine Rechnung offenhatten!Nur noch etwa zwölf Stunden bis zur Deadline, aber in Am-stetten, über 30 Kilometer von der rettenden Demarkationslinieentfernt, stand eine große deutsche Militärkolonne seelenruhigauf dem Hauptplatz! Es existieren wunderbare Fotos (auf denSeiten 173-175 und 181 abgebildet), die den Ort des Geschehensin diesen Minuten zeigen. Viele deutsche Lastkraftwagen mitAnhängern, Pkws und Busse, aber auch ein Schützenpanzerparken völlig frei auf dem Platz. Soldaten stehen in Gruppenzusammen und unterhalten sich - absolut niemand dachte wohl indiesem Moment an einen Weitermarsch oder an die Möglichkeiteines Luftangriffs! Diese Einheiten waren erfahren genug, um zuwissen, welcher Gefahr sie sich durch dieses Verhaltenaussetzten. Doch worauf warteten die Deutschen?Die Antwort ergibt sich von selbst, denn kurz darauf traf der ersteUS-Panzerspähwagen der Patrouille des 261. Regimentes der 65.US Infanterie-Division227 ein. Es kam aber zu keinem Gefecht,ganz im Gegenteil, es war eine absolut friedliche Begegnung - soals wäre das Treffen schon längst vereinbart gewesen! Und genaudas würde die Unbekümmertheit der deutschen Soldatenerklären! Es ist227 Vgl. Rauchensteiner, Der Krieg in Osterreich 45, S. 381. Report XX Corps und After Action Report 71st Infantry Division.
    • 171wahrscheinlich, daß in diesen Minuten ein Treffen stattfand, dasvon langer Hand geplant war. Stand »der größte Verrat derMenschheitsgeschichte« bevor?Wenn ja, dann hätten die Sowjets sicherlich etwas dagegenunternommen. Und wirklich, plötzlich erschienen mitten indiesem friedlichen Zusammentreffen sieben sowjetischeTiefflieger am Himmel und stürzten sich auf die Soldaten aufdem Hauptplatz228. Deutsche und amerikanische Soldaten flohengemeinsam in die Luftschutzräume der Umgebung. DieFlugzeuge eröffneten sofort das Feuer und bombardierten denTreffpunkt sogar! Die offizielle sowjetische Stellungnahme dazulautete:229»Amstetten erwies sich als Sammelplatz der deutschen Einheiten,die nach Norden in die Tschechoslowakei zurückweichenwollten. Sie empfingen unsere Vorausabteilung mit heftigstemArtillerie- und Panzerfeuer. Den unseren half jedoch dieLuftwaffe. Ungefähr hundert Schlachtflugzeuge ... versetzten derAnsammlung der faschistischen Truppen einen äußerst heftigenSchlag mit Bomben und Raketen.« Eine schlechtere Ausredekann es kaum geben. Warum sollten die SS-Einheiten nachNorden zurück an die Ostfront ausweichen, wenn sie sich hierden US-Einheiten ergeben konnten? Selbst wenn sie es gewollthätten, wäre es überhaupt nicht mehr möglich gewesen, dennzwischen Linz und Mautern existierten im Mai 1945 überhauptkeine Donaubrücken für Straßenfahrzeuge230 mehr und diegenannten228 Vgl. Rauchensteiner, Der Krieg in Österreich 45, S. 381. Gemeindeberichte Niederösterreich 1.229 Ebenda, S. 381. Birjukov, Nauka.230 Die Donaubrücke bei Mauthausen war zu diesem Zeitpunkt nur eine Eisenbahnbrücke. Sie wurde erst von der Roten Armee behelfsmäßig in eine kombinierte Straßen- und Eisenbahnbrücke umgewandelt. Vgl. Manlik, Donauübergänge in Österreich, S. 53.
    • 172Übergänge befanden sich schon längst in der Hand der Alliiertenbzw. waren gesprengt231! Diese Begründung ist damit einfach alsfalsch einzustufen. Sie war wahrscheinlich in aller Eilezusammengedichtet worden.Wenn die sowjetische Darstellung schon nicht stimmt, was istdann mit der Darstellung aus amerikanischer Sicht? Ganzeinfach: An keiner Stelle des Reports des XX. US-Korps wirddieser Vorfall auch nur mit einem Wort erwähnt!232 Sogar deroffizielle Auftrag der Patrouille klingt sehr nach Manipulation.Sie sollte laut der offiziellen Darstellung Kontakt mit denSowjets aufzunehmen, obwohl dieser schon zuvor durch zweiamerikanische Offiziere erfolgt war, die per Flugzeug zu denRussen gelangten233!Warum sollten die Geschehnisse derartig vertuscht werden?Irrtümer gibt es auch im Krieg - warum also diese Vorge-hensweise? Die Antwort ist einfach: Es war kein Irrtum derSowjets. Der Angriff war volle Absicht, was auch den Be-fehlshabern des XX. U-Korps klar war. Was sollte also beidiesem Treffen zwischen SS und US Army vereinbart oderübergeben werden?In Amstetten standen zu diesem Zeitpunkt sehr viele Mili-tärfahrzeuge und Truppenteile. Nicht nur auf dem Hauptplatz,sondern in der gesamten Umgebung waren riesige Kolonnen aufdem Durchmarsch, die alle aus Richtung Melk kamen. Es ist fastselbstverständlich, daß sich auf einigen der mitgeführtenFahrzeuge das wertvollste Material aus »Quarz« befand!231 Vgl. Rauchensteiner, Der Krieg in Österreich 45, S. 381.232 Ebenda, S. 445.233 Vgl. Rauchensteiner, Der Krieg in Österreich 45, S. 381. Report XX Corps und After Action Report 71st Infantry Division.
    • 173Abbildung 58: Wartende deutsche Soldaten auf dem Hauptplatz vonAmstetten am 8. Mai 1945, 12:00 Uhr. Es sind keine Anzeichenvon Eile oder Hektik erkennbar. Auch ein Luftangriff wird von denTruppen offenbar ausgeschlossen. (Foto: Sammlung Verfasser)
    • 174Abbildung 59: Eintreffen der ersten US-Truppen in Amstetten. Ausdem gegenüberliegenden Gebäude treten soeben die erstenWehrmachtssoldaten. Man beachte den deutschen PKW, der nebendem US-Radpanzer abgestellt ist. Während alleWehrmachtsfahrzeuge von der Front (von rechts) kamen, dürfte derPKW aus Richtung Enns (links) gekommen sein234. Hatten die Insassendieses Wagens die US-Truppen zum vereinbarten Treffpunkt geführt?(Foto: Sammlung Verfasser)234 Ergibt sich aus der Stellung des Wagens und dem Einschlag der Lenkung.
    • 175Abbildung 60: Beginn des sowjetischen Fliegerangriffs auf diedeutschen und amerikanischen Truppen. Die Soldaten flüchtengemeinsam in die Luftschutzräume. (Foto: Sammlung Verfasser)
    • 17613:00 UhrIn der »offiziellen Geschichte« der US Army fehlt aber nochmehr: Nach dem schweren Tieffliegerangriff begann die US-Patrouille nach Westen abzudrehen und marschierte nunoffensichtlich gemeinsam mit den zurückflutenden SS-Kolonnen.Diese wiederum lieferten sich eine Stunde nach denGeschehnissen zur Mittagszeit mit den schnell vorstoßendensowjetischen Einheiten der 7. Garde-Luftlande-Divisi-on einschweres Rückzugsgefecht.235 Dabei wurden die deutschenEinheiten wahrscheinlich sogar von US-Panzern unterstützt, wiees Theo Rossiwall in »Schlachtfeld Niederösterreich« erwähnt.236Alles war natürlich nur eine »Verwechslung«! Tatsächlich istdies praktisch ausgeschlossen, da sowohl die amerikanische alsauch die sowjetische Luftwaffe die Zielgebiete vonBodenvorstößen sehr ausgiebig aufzuklären pflegten!Der amerikanische Vormarsch war damit jedenfalls nach etwa700 km gestoppt237. Die Frage muß erlaubt sein: Ist man wirklichdurch das halbe Reich marschiert, um sich schließlich ohnegroßen Grund auf dem Hauptplatz von Am-stetten mit denDeutschen zu treffen? Ist es wirklich ernst gemeint, wenn man inder offiziellen Geschichtsschreibung lesen kann, daß eine Einheit,die davor einen (bisher nicht aufgedeckten) unvergleichlichen235 Vgl. Rauchensteiner, Der Krieg in Osterreich 45, S. 381. Studie Greiner, Korps Bünau.236 Vgl. Rossiwall, Schlachtfeld Niederösterreich, S. 122.237 Anmerkung: Bei den Forschungsarbeiten zu diesem Buch tauch- ten immer wieder Gerüchte auf, wonach einige amerikanische Soldaten sogar bis in die Gegend von Melk selbst gekommen seien. Tatsächlich gab es bei Kriegsende entsprechende Funk- sprüche innerhalb der Wehrmacht. Diese Version widerspricht aber bis dato allen Zeugenbefragungen und Geschichtsbüchern.
    • 177Technologie-Beutezug gemacht hat, nun ohne Grund einPanzergefecht mit der Roten Armee aufnimmt? Wohl kaum!Alles deutet auf einen gewaltigen, der Welt bisher verborgenenHandel hin. Ein Handel, bei dem es um den Inhalt einer riesigenAnlage ging, die eindeutig das Ziel der amerikanischen Einheitenwar, denn die US Army wußte schon seit 1944258, daß bei Melketwas vor sich ging, das beachtenswert war.Das Gefecht zwischen US- und Roter Armee setzte jedenfallseinen Schlußstrich unter die Aktion der 3rd US Army. Diewichtigen Dokumente hatte man in Amstetten wohl erhalten, aberdie Anlage »Quarz« lag schon zu weit außerhalb deramerikanischen Einflußsphäre. Somit endete der Vorstoß der 3rdUS Army, die ursprünglich aufgebrochen war, um die»Alpenfestung« zu erobern, über 200 km von der »KernfestungAlpen« entfernt im Herzen Niederösterreichs.Das eigentliche Gebiet der »Alpenfestung« interessierte dieWestalliierten überhaupt nicht. Im Norden stoppten sie ihrenVormarsch schon in Hallein, Bad Aussee und Liezen, im Westenin Wörgl und im Süden kamen sie überhaupt nur bis Villach239.Somit waren der Großteil Salzburgs, ganz Osttirol und Kärntensowie der Westen der Steiermark völlig unbesetzt - genau jenesGebiet, das im allgemeinen als »Kernfestung Alpen« bezeichnetwird240! Die Theorie, daß die »Alpenfestung« nur eine Ausredewar, um sich in Österreich unbezahlbare Technologien zu holen,ist damit bewiesen.238 Siehe Abschnitt »Was die alliierten Geheimdienste wirklich wuß- ten« in Kapitel »Das Ende einer nicht existenten Fabrik«.239 Vgl. Rauchensteiner, 1945 Entscheidung für Österreich, Karte auf S. 36f.240 Ebenda, Karte auf S. 102f.
    • 17818:45 UhrSowohl Sowjets als auch Amerikaner hatten ihren Teil be-kommen, und es war die Zeit gekommen, Frieden zu schließen.Um 18:45 Uhr kam es schließlich in Strengberg, westlich vonAmstetten, zum ersten friedlichen Zusammentreffen zwischenden Truppen des 261. Regiments der 65. US-Division und der 7.Garde-Luftlande-Division der Roten Armee241. 9. Mai 1945Um endgültig »einen Schlußstrich unter die Sache zu ziehen«,schickten die Amerikaner per Flugzeug General Stanley Reinhartden Sowjets entgegen. Er traf sich am späten Abend des 8. Maiim Gemeindehaus der kleinen Ortschaft Erlauf, westlich vonMelk, mit dem sowjetischen General Daniil A. Dryckin. Am 9.Mai 1945, 00:01 Uhr242, dem exakten Zeitpunkt des Kriegsendesin Europa, schüttelte man sich lachend die Hände und beendeteden Abend mit viel Wodka243 ...Nur ein Problem hatte man noch, waren doch Dinge geschehen,die man lieber nicht bekanntmachen wollte. Die Amerikanerwollten nicht, daß jemand bemerkte, wohin sie wirklich wolltenund was sie in Amstetten gefunden hatten. Die Sowjets wiederumwollten die Schande nicht zugeben, in Amstetten wertvollstesWissen an den kapitalistischen241 Vgl. Rauchensteiner, Der Krieg in Österreich 45, S. 382. Report XX Corps.242 Von Portisch/Riff wird exakt 23:00 Uhr angegeben. Die Abweichung ergibt sich wahrscheinlich aus einer falschen Umrechnung der deutschen Sommerzeit zur alliierten Zeitmessung. Nach deutscher Sommerzeit fand das Treffen um 1:01 Uhr statt. Vgl. Portisch/Riff, Die Wiedergeburt unseres Staates, S. 288.243 Vgl. Portisch/Riff, Die Wiedergeburt unseres Staates, S.288.
    • 179 Abbildung 61: Die Brücke zwischen Enns und Ennsdorf heute. »Offizieller« Treffpunkt zwischen Roter Armee und US Army. (Foto: Verfasser)Abbildung 62: Gedenktafel am Gemeindehaus in Erlauf. (Foto:Verfasser)
    • 180Feind verloren zu haben. Das Gefecht bei Amstetten zu »ver-gessen«, lag wohl im Interesse beider Seiten. Es fand sich eineinfacher Ausweg aus der Problematik: Man setzte das »ersteZusammentreffen der Freunde« im Nachhinein gleich mehrfachund völlig willkürlich fest. So z. B. am »offiziellen« Treffpunkt,der Zonengrenze bei Enns, wo man einen Fototerminveranstaltete und aller Welt erklärte, es sei das erste Treffenzwischen den »Verbündeten« gewesen.Natürlich hatte auch die Bevölkerung in Erlauf von dem Treffenetwas mitbekommen, und so befindet sich dort zur Zufriedenheitaller ein Gedenkstein, der aber erst nach jahrelangenStreitigkeiten errichtet wurde. Das »erste Treffen« in Strengbergwurde auch noch zelebriert, wobei die Bezeichnung ja stimmenwürde, hätte man das Wort »friedlich« hinzugefügt. Um dieBevölkerung und in weiterer Folge auch dieGeschichtsschreibung vollends zu verwirren, feierte man »ersteZusammentreffen« dann noch in Wallsee, Hörsching undweiteren Ortschaften244... Schließlich sollte das Treffen, so wieman es in den Geschichtsbüchern vermerkt haben wollte, nochausreichend auf Film dokumentiert werden. Dies erledigte manwiederum in der oberösterreichischen Ortschaft Perg245 (östlichvon Mauthausen). Fast schon Hollywood: Ein sowjetischer undein amerikanischer Panzerkommandant sprangen aus ihrenFahrzeugen und umarmten sich vor lauter Freude vor denlaufenden Filmkameras246 ...244 Vgl. Rauchensteiner, 1945 - Entscheidung für Österreich,S. 39.245 Quelle dem Autor bekannt.246 Nach Portisch/Riff entstanden die Aufnahmen in Amstetten. Dies dürfte aber ein Irrtum sein. Vgl. Portisch/Riff, Die Wiedergeburt unseres Staates, S. 289.
    • 181Das wahre »erste Treffen« in Amstetten hingegen wird bis heutegern »vergessen«. Dort blieben nur die Trümmer desFliegerangriffes und wohl einige ausgeglühte Panzer zurück ...Abbildung 63: Durch den sowjetischen Bombenangriff verwüsteterHauptplatz in Amstetten. (Foto: Sammlung Verfasser)Was bleibt ist die Feststellung, daß hier an der Geschichteheftigst manipuliert wurde, da etwas stattfand, das es nicht gebendurfte. Was war das nur für ein Treffen in Amstetten, für das essich lohnte, einen neuen Krieg zu riskieren, gerade an dem Tag,als der Zweite Weltkrieg in Europa zu Ende war? Heute ist fastalles verschleiert und kaum ein Ge-
    • 182Abbildung 64: Schützenpanzer der 1. SS-Panzerdivision »LSSAH«nach der Kapitualtion in Niederösterreich. (Foto: unbekannt)
    • 183schichtsbuch oder Geschichtsatlas will etwas von amerikanischenEinheiten östlich der Enns wissen ... Der Handel ist perfektBei all diesen Vorgängen sind die Motive der US Army klar - manwar auf der Jagd nach unbezahlbaren Forschungsergebnissen, dieman dann wohl auch in Amstetten erhielt. Was aber hatte dasDritte Reich davon? Wer vertrat bei den Geschehnissen welcheInteressen?In dem schmalen Streifen Land, der noch zum Deutschen Reichgehörte, waren in diesen Tagen extrem viele NS-Grö-ßenanwesend, die um ihr Leben fürchten mußten. Sie alle suchtenwohl dringend nach einem Pfand, um sich oder ihre Soldaten zuretten. Einige Personen sind dabei besonders zu erwähnen, da siein die Geschehnisse um »Quarz« tief verstrickt waren:• General der Waffen-SS Hans Kammler. Er befand sich bis Anfang Mai in Ebensee und begann dann angeblich eine Fahrt nach Norden247, deren Ausgang bis heute ungeklärt ist. Der Erbauer der Krematorien in Auschwitz-Birkenau wird sich über seine Zukunft keine Illusionen gemacht haben.• August Eigruber, Gauleiter von Oberdonau. Auch er war ein Mann, der von der US Army nicht ohne Grund gesucht wurde.• SS-Oberstgruppenführer Sepp Dietrich, Oberbefehlshaber der 6. SS-Panzerarmee, und Generaloberst Lothar Rendulic, letzter Befehlshaber der Heeresgruppe Süd (Ostmark). Auch ihnen muß klar gewesen sein,247 Vgl. Fröbe in: Smelser/Syring, Die SS - Elite unter dem Totenkopf, S. 316.
    • 184 daß ihre Lebenserwartung durch ihre Kommandos über die berüchtigtsten Waffen-SS-Einheiten nicht gerade hoch gewesen sein kann. Auch das Leben ihrer untergebenen Soldaten war akut gefährdet.Inwieweit Kammler noch eine Rolle spielte, ist reine Spekulation,die aber interessante Aspekte birgt. Gesichert ist, daß ihn seineletzte (?) Fahrt kurz vor dem Eintreffen der US-Truppen vonEbensee über Gmunden - Vorchdorf -Moos - Voitsdorf -Kremsmünster - Oberrohr - Bad Hall -Sierning und Steyr nachEnns führte248. Genau jener Ortschaft, an der die US-Patrouillenach Amstetten nur Stunden nach seiner »Durchfahrt« zum erstenMal aufbrach! Versuchte Kammler noch sein Leben zu retten,indem er mit dem Material aus Projekt »Quarz« handelte? DaßEigruber noch versuchte, einen Handel einzufädeln, dürfteerwiesen sein, aber auch, daß er damit scheiterte. Er wurde vonUS-Soldaten verhaftet und schließlich 1946 hingerichtet249.Die Lösung steckt aber wahrscheinlich in den Geschehnissen umdie Heeresgruppe Süd (Ostmark) bzw. um die 6. SS-Panzerarmee,seit dem Scheitern der Operation »Frühlingserwachen« amPlattensee im März 1945. Damals hatte Sepp Dietrich ohneGenehmigung Hitlers die Front seiner gesamten Armeezurückgenommen, um eine größere militärische Katastrophe zuverhindern. Hitler war darüber so erzürnt, daß er den SS-Panzerdivisionen »Leibstandarte SS Adolf Hitler«, »Das Reich«,»Totenkopf« und »Hohenstaufen« befahl, ihre Armeistreifen (einEhrenzeichen, das nur bestimmte Divisionen tragen durften)abzulegen. Dieser Vor-248 Quelle: Kristian Knaack, Bonn.249 Vgl. Rauchensteiner, Der Krieg in Osterreich 45, Seite395.
    • 185fall stellte den endgültigen Bruch zwischen dem Reichsoberhauptund Sepp Dietrich dar.Schon kurz darauf, bei der Verteidigung Wiens, kam es abermals zueinem noch schwereren Vorfall. Obwohl Hitler Dietrichausdrücklich befohlen hatte, Wien zu verteidigen, setzte sich die6. SS-Panzerarmee, ohne großen Widerstand zu leisten, in denWesten von Wien, in die Umgebung von »Quarz« ab. AuchGeneraloberst Rendulic, der von Hitler mit der VerteidigungWiens beauftragt worden war, widersetze sich sehr eindeutig denVorgaben aus Berlin250. Von nun an sieht es so aus, als hätten dieOberbefehlshaber der Heeresgruppe Süd damit begonnen, mehroder weniger »ihre eigene Suppe zu kochen«. Sowohl Dietrichals auch Rendulic mißachteten mehrfach die Befehle Hitlers undgaben Anweisungen, die offensichtlich ein unnötiges Blutver-gießen in Wien verhindern sollten. Erst westlich von Wienleisteten ihre Einheiten plötzlich wieder aktiv Widerstand gegendie Rote Armee - ohne Rücksicht auf Verluste. Der Versuch,unnötige Gefallene zu verhindern, kann also nicht hinter denBefehlen gestanden haben. Die 5.000 deutschen Toten allein beiSt. Pölten sprechen ganz eindeutig gegen diese Variante.Die Lösung des Problems liegt also an einer anderen Stelle: Einständiger, hinhaltender Rückzug hin zu den Amerikanern, mitmöglichst geringen Verlusten, hätte nämlich überhaupt nichtfunktioniert, denn das weitere Schicksal Dietrichs, seinerSoldaten und der gesamten Heeresgruppe war längst klar geregelt.Laut Vereinbarungen zwischen den USA und der Sowjetunionhatte jede deutsche Einheit gegenüber ihrem letztenSchlachtgegner zu kapitulieren. Im Falle der Heeresgruppe Süd(Ostmark) war dies eindeutig die Rote250 Vgl. Rossiwall, Schlachtfeld Niederösterreich, S. 118.
    • 186Armee. Was die sowjetische Gefangenschaft bedeutet hätte (vorallem für Dietrichs Soldaten), läßt sich sehr leicht ausmalen. Einpaar tausend Gefallene wären nichts dagegen gewesen!Was diese Armee bzw. die Heeresgruppe also brauchte, war einextrem wertvolles Pfand. Etwas, das derartig wertvoll war, daßdie US Army als Gegenleistung die abertausenden Soldaten derHGr Süd vor dem sicheren Tod in der Sowjetunion bewahrenwürde ... Dies konnte aber nicht nur durch eine Gefangenschaftbei den Westalliierten, sondern auch durch einen gemeinsamenKampf gegen die Rote Armee erreicht werden! Eine Möglichkeit,an die von vielen deutschen Befehlshabern gerne gedacht wurde.Ob es ein solches Pfand gab und wo dieses denn lag, läßt sichleicht erkennen, wenn man Dietrichs »Mank-Melk-Stel-lungs«-Befehl analysiert: im Wachberg. Nur auf den ersten Blick sieht esso aus, als ob der Oberbefehlshaber der 6. SS-Panzerarmeewirklich noch einen Kampf gegen alle Seiten führen wollte. Dietrichwar gewiß viel mehr Soldat als Diplomat. Für ihn mußteRendulics gute Geste gegenüber der US Army wie einleichtfertiges Spiel mit seinem »letzten As« vorkommen. Es waralso vorhersehbar, daß er nun seinen Einheiten befahl, das letzteAs zu verteidigen.Erst als er schließlich einsah, daß der Oberkommandierende derHeeresgruppe damit aber Erfolg hatte und seine Soldaten zu denAmerikanern durften, fügte auch er sich und gab die letzteVerteidigungsstellung auf. Ein mögliches Militärbündnis mit denUS-Truppen war zwar gescheitert, aber das Leben seiner Soldatenwar gerettet. Der Widerstand Dietrichs war aber auch den US-Vermittlern nicht entgangen. Ohne die hier aufgestellte Theoriewäre es also ein Rätsel, warum sie dem I. SS-Panzerkorps und
    • 187dem Korps Bünau die Möglichkeit gaben, über die Enns zugelangen.Rauchensteiner deutet diesen Sachverhalt mit der von ihmvertretenen Auffassung, daß es der US Army schmeichelte, dieseTruppen gefangenzunehmen251. Waren die Amerikaner aberwirklich derartig geschmeichelt, daß sie de facto auf einebedingungslose Kapitulation verzichteten? Sie retteten damitdoch schließlich genau jene Soldaten, die in ihren Augen allesamtNazis und Verbrecher waren! Ein Beispiel für diese bevorzugteBehandlung fand am 8. Mai statt. An diesem Tag hatte derDivisionskommandeur der 1. SS PzDiv, Brigadeführer Kumm,einen Standartenführer zu den US-Einheiten in Steyr geschickt,um Einzelheiten über die Kapitulationsbedingungen zu erfahren.Der Abgesandte schildert von dieser Mission:252 »... Ein US-Oberst, dem ich vorgeführt wurde, erklärte mir, nachdem ichunsere Situation dargestellt hatte, er kenne die LAH[Leihstandarte SS Adolf Hitler] von der Invasion her als tapfere,gute Truppe und er sei der Ansicht, sie müsse auf jeden Fall überdie Demarkationslinie, d. h. über die Enns gelangen ...... Dann erblickte ich den Oberst, der sich über die LAH so lobendgeäußert hatte und fragte ihn, mit einer Karte in der Hand, wanndenn die Brücken über die Enns gesperrt würden.Der Oberst fuhr mit seinem Zeigefinger über die Karte, fing beiden nördlichen Brücken an, kam dann zu einer Brücke -wenn ichmich richtig erinnere, war es die Brücke nördlich Ternberg überdie Enns -, verweilte mit dem Zeigefinger lange bei dieserBrücke und sah mich dann starr, unbewegt251 Vgl. Rauchensteiner, Der Krieg in Österreich 45, S. 381.252 Bericht Standartenführer Neumann in: Tiemann, Opfergang für Deutschland, S. 445ff.
    • 188an. Ich hatte, wie sich später herausstellte, richtig erkannt, was ermir sagen wollte ......So war es dann auch: Die Amerikaner haben diese Brük-kenicht am 9. Mai 00:01 Uhr gesperrt, sondern erst einen Tagspäter. Sie war >vergessen< worden ...« Die Leibstandarte mußtealso »auf jeden Fall über die Demarkationslinie«. Sie war eine»tapfere [und] gute Truppe«. Hatte der Oberst alle angeblichenKriegsverbrechen der Leibstandarte in der Normandie vergessen?Die Tatsache, daß SS-Einheiten noch am 9. Mai 1945 abendsüber die Enns durften, überrascht. Schließlich hatte es in derKapitulationsurkunde unter Punkt 2 geheißen:253 »2. Das deutscheOberkommando erläßt sofort an alle deutschen Befehlshaber derLand-, See- und Luftstreitkräfte und aller Streitkräfte, die unterdeutschem Kommando stehen, die Befehle, dieKriegshandlungen am 8. Mai 1945, um 23 Uhr 01 Minute,einzustellen, an den Orten zu verbleiben, wo sie zu dieser Zeitstehen, sich vollständig zu entwaffnen, alle ihre Waffen und allesHeeresgut den örtlichen alliierten Kommandeuren ober den vonden Vertretern des alliierten Oberkommandos bestimmtenOffizieren zu übergeben ...«Sogar noch am 11. Mai gelang es einigen Soldaten der 1. SSPzDiv die Enns zu überqueren und in amerikanische Ge-fangenschaft zu gelangen254. Die »Leibstandarte SS Adolf Hitler«verstieß also ganz eindeutig gegen die Kapitulationsbedingungenund die US Army akzeptierte dies widerspruchslos! Das als»Zufall der Geschichte« abzutun, ist unmöglich.253 Vgl. Goebbels, Tagebücher 1945, S. 465.254 Bericht Oberscharführer Gerhards in: Tiemann, Opfergang für Deutschland, S. 456.
    • 189 Das Geheimnis bleibtDie US Army hielt sich auch noch nach dem Ende des Krieges andie vereinbarten Kapitulationsbedingungen. Hätte die 1. SS-Panzerdivision »Leibstandarte SS Adolf Hitler« wirklich nurüber die Enns gedurft, weil dies den US-Befehlshabernschmeichelte, so hätte man sie sicherlich später bedenkenlos denSowjets ausgeliefert - schließlich hatte man massive Probleme,die riesigen Menschenmassen zu ernähren. Tatsächlich wurdenvon der gesamten Heeresgruppe Ostmark, die noch aus der 6.Armee, der 6. SS-Panzerarmee und der 8. Armee bestand, geradeeinmal 55.000 Mann ausgeliefert, die zu einem Großteil der 3.SS-Panzerdivision »Totenkopf« oder der Führer-Grenadier-Division angehörten255. Diese hatten es sich mit der US Army,durch ihre sinnlosen Gefechte bis zum Kriegsende nördlich derDonau, offenbar »verscherzt«.Somit wurden von der gesamten Heeresgruppe Ostmark, die ausrund 700.000 (!) Mann bestand256, gerade einmal sieben bis achtProzent der Soldaten ausgeliefert. Eine höchstens symbolischeHandlung, um die Sowjetunion nicht völlig zu verärgern.Diese »Treue« gegenüber den Gefangenen der Heeresgruppekonnte aber nur eines bedeuten: Die Deutschen hatten nochimmer ein Druckmittel in der Hand. Da sie Gefangene waren,konnte dies nichts Materielles sein, sondern nur Wissen!255 Vgl. Rauchensteiner, Der Krieg in Österreich 45, S. 393. Böh- me, Sowjetunion; Spaeter, Panzerkorps Großdeutschland; Kliet- mann, Waffen-SS; Mitteilung von Dr. Fritz Wiener.256 Vgl. Rauchensteincr, Der Krieg in Österreich 45, S. 392. Am 20. April wird der Stand mit 766.000 Mann angegeben. Davon sind etwas über 41.000 Mann der 2. Panzerarmee abzuziehen, die an die Heeresgruppe G abgegeben wurde.
    • 190Das Wissen, daß am 8. Mai 1945 etwas geschehen war, dasniemand erfahren durfte!
    • 7. Das Ende einer nichtexistenten FabrikDie Anlage »Quarz« fiel, wie gezeigt, der Roten Armee in dieHände. Auch hier, am Ende des Krieges, wirft die offizielleGeschichte dieser Anlage noch einmal große Fragen auf. EndeMärz 1945 wurden nach der offiziellen Geschichtsschreibungsämtliche Maschinen der Kugellagerfertigung nach Linz undSteyr gebracht257, folglich sollten die Stollen leer gewesen sein258.Wie konnte es dann aber sein, daß verbliebene Anlagen einemSchrotthändler verkauft wurden und dieser für die Räumung derStollen eineinhalb Jahre benötigte?!259 Baumaschinen können diesnicht gewesen sein, da diese teilweise noch heute im Berg liegen.Auch Werkzeugmaschinen kommen für diesen Umstand nichterklärend in Betracht, denn deren Demontage wäre sicherlichwesentlich schneller vor sich gegangen.Was wurde von den Sowjets also verschrottet, wenn nur die SDPin den Stollen untergebracht war? Die angegebene Zeitspanneläßt viel eher darauf schließen, daß die Stollenanlage von denSowjets noch sehr genau untersucht wurde. So könnte derangegebene Zeitraum wesentlich besser erklärt werden!Schließlich wurde die Anlage, wie das »Mittelwerk« bei Nor-hausen, etwa im Zeitraum 1946/47 in zwei Etappen gründ-257 Vgl. Perz,Projekt Quarz, S. 190.258 Tatsächlich blieben angeblich mehrere hundert Drehbänke des Kugellagerwerkes in den Stollen zurück, die von den Sowjets demontiert und abtransportiert wurden. Mitteilung Willi Greschner, Roggendorf.259 Vgl. Frais, Markersdorf - Haindorf, S. 209.
    • 192lichst gesprengt. Auch hier steht die Frage nach dem »warum«unbeantwortet im Raum. Selbst das Düsenjägerwerk »Languste«in der Seegrotte bei Mödling wurde nicht so gründlichunbrauchbar gemacht wie dieses Werk. Wollte man etwairgendwelche Spuren beseitigen? Das wäre natürlich logisch,wenn die Theorie stimmt und »Quarz« ein unterirdischesdeutsches Wissenschaftszentrum war, das bis heutegeheimgehaltene Technologien beherbergte. Für den Fall, daßman hier einzuwenden versucht, daß irgend jemand davonerfahren hätte, sei nochmals das Beispiel Ebensee genannt. Hierwußte kein einziger Häftling, was tatsächlich produziert wurde.Falls aber wirklich einer etwas Geheimes wußte, so hätte ersicher nicht überlebt. Sämtliche beteiligte Nationen hättenGründe genug gehabt, alle Zeugen verschwinden zu lassen. Wiedas funktioniert, haben sie an einer genügenden Anzahl von Orteneindrucksvoll gezeigt...Es ist also sehr gut möglich, daß hier seit über 50 Jahren diewahre Geschichte des ZweitenWeltkrieges im Untergrund vonÖsterreich auf ihre Entdeckung gewartet hat. Was die alliierten Geheimdienste wirklich wußtenEin Teilbereich wurde noch nicht im Detail behandelt: dieGeheimdienste und die Luftaufklärung. Es ist wohl kaumanzunehmen, daß ein derartig großes unterirdisches Werk, als dassich »Quarz« nun präsentiert, von keinem Geheimdienst alssolches erkannt wurde. In einem geheimen britisch-amerikanischen Bericht vom 15. Juni 1945260 wird260 Vgl. Wichert, Decknamenverzeichnis deutscher unterirdischer Bauten, S. 187.
    • 193»Quarz« zwar mit dem Standort Loosdorf angeführt, doch beimStichwort »Produktion« findet sich nur das Wort »Unknown«(unbekannt). Eine Tatsache, die zu denken geben sollte, wennman die unten angeführten Berichte berücksichtigt.Bertrand Perz wiederum schreibt in seinem Buch, daß derfrüheste Hinweis auf Projekt »Quarz« mit dem 18. März 1945datiert sei261. Dieser Bericht melde, daß ein Kugellagerwerk ausSchweinfurt in den Stollen untergebracht wurde. Alles in allemeine sehr unbefriedigende Ausbeute. Das mag in den britischenArchiven so sein, aber die Angriffe auf das Konzentrationslagerund die Baustelle der Stollenanlagen wurden von der 15 t h USAirforce geflogen. Aus den amerikanischen National Archivessind alle Hinweise auf »Quarz« verschwunden. Im Archiv derUS-Luftwaffe blieben aber viele interessante Hinweise erhalten,auch wenn fast alle Luftaufnahmen von »Quarz« dort ebenfallsentfernt wurden.Sehen wir uns also im Detail an, was die alliierten Geheimdiensteund Aufklärungsgeschwader wirklich meldeten262:1. November 1943Bei einem routinemäßigen Aufklärungsflug werden keinerleiAnzeichen auf eine Baustelle bemerkt. Es entstanden dreiAufnahmen, alle sind heute verschollen.Juli 1944Ein Agentenbericht gibt erste Hinweise und eine genaueOrtsangabe von »Quarz« (dieselbe Quelle, die Briefe derHäftlinge erhielt).261 Vgl. Perz, Projekt Quarz, S. 404.262 Vgl. Airforce Historical Research Agency, Microfilm Nr. A25193.
    • 19416. August 1944Im Zuge eines Aufklärungsfluges entstehen die ersten Luft-aufnahmen von Projekt »Quarz«. Diese drei Aufnahmen sindheute alle verschollen. Man beachte, daß schon am 23. Augustein Bombenangriff auf die Anlage folgte.16. November 1944Das KZ Melk wird zwei Mal fotografiert. Die Aufnahmen sinderhalten.12. Dezember 1944Quelle: OSS»Es wird berichtet, daß Teile von V1 und V2-Raketen inÖsterreich produziert werden. In: Melk.«26. Dezember 1944Zwei weitere Fotos entstehen bei einem Überflug. Eines davonist ebenfalls verschollen.Ein Foto wird vom KZ Melk angefertigt. Es ist noch erhalten. 20. Januar 1945Quelle: 336 Photo Reconnaissance Wing »Es wird berichtet, daßsich eine Fabrik für >Fliegende Bom-ben< (V1) auf der linkenSeite der Straße Wien - Linz befindet, kurz nachdem die Straßedie ersten Häuser von Melk passiert, in der Nähe einesKonzentrationslagers.«Februar 1945Ein erster Geheimbericht entsteht. Er ist sieben Seiten lang undenthält eine unglaublich detaillierte Beschreibung der Anlage.Dazu gehören sämtliche entstandenen Luftaufnahmen,Beschreibungen jedes einzelnen Stollens, ein Plan der
    • 195oberirdischen Anlagen und eine geologische Auswertung desGebietes inklusive Saigerriß263 des Wachbergs.9. Februar 1945Quelle: OSS»Nahe Melk produziert eine Fabrik V2-Teile.«24. Februar 1945 Quelle: OSS»Kleine Werke aus dem 4. und 5. Wiener Gemeindebezirk, dieV-Waffen Teile herstellen, siedelten in eine Untergrundfabriknahe Melk um.«18. März 1945Quelle: Französischer Geheimdienst»Ein Kugellagerwerk aus Schweinfurt arbeitet nun in einemHügel, ca. 3 1/2 Kilometer östlich von Melk.«Dies ist offenbar der Bericht, den Perz veröffentlichte.Datum unbekanntQuelle: unbekannt»Eine neue Untergrundfabrik, angeblich die HirtenbergerMunitionsfabrik, wird zwischen Melk und St. Pölten gebaut.«Was will man mehr? Ein Bericht betrifft die SDP-Kugella-gerwerke, die zweifelsfrei ebenfalls in den Stollen untergebrachtwaren (auch wenn sie hier fälschlicherweise als Werk ausSchweinfurt dargestellt werden).Und die anderen Meldungen? Alles Hinweise auf eine Ver-geltungswaffe - keine Spur mehr von »nur Kugellager«! DerHinweis auf die Hirtenberger Patronenfabrik ist doppelt in-teressant. Einerseits waren die Wiener Neustädter Flugzeug-263 Bergmännisch für eine Schnittzeichnung durch den Berg.
    • 196werke 1938 aus einer Fusion der Abteilung Flugzeugbau derHirtenberger Patronenfabrik und der Flughafenbetriebsge-sellschaft Wr. Neustadt hervorgegangen264. Andererseits wäreeine Munitionsfabrik an der Entwicklung einer Atombombesicherlich beteiligt gewesen!Damit wären wohl auch die letzten Zweifel an der hier vor-gestellten Theorie beseitigt. Spezialisten nach dem KriegWas ist aber aus den Spezialisten, Arbeitern und Konstrukteurengeworden? »Quarz« und die Wr. Neustädter Flugzeugwerkefielen beide den Sowjettruppen in die Hände. Die wichtigenUnterlagen hingegen dürften den US-Truppen übergeben wordensein. Doch was sind die Unterlagen alleine wert? Viel wichtigerwären doch wohl die Wissenschaftler selbst. So ist es kaumverwunderlich, daß die wichtigste Person von allen an »Quarz«beteiligten Menschen seit 1945 spurlos verschwunden ist:General der Waffen-SS Hans Kammler. Er hat viele leere Gräberhinterlassen und wurde nie wieder gesehen. Er »starb« inEbensee, in Pilsen und wer weiß sonst noch wo. Es kann sichjeder selbst ausmalen, worauf es hindeutet, daß die Alliiertenniemals ernsthaft nach ihm suchten.Ähnliches kann man von den vielen Konstrukteuren annehmen,auf welcher Seite des Eisernen Vorhanges sie auch immergeblieben sind. Nach dem Krieg erlebte die industrielleProduktion von Schwerem Wasser auf jeden Fall eine neueHochblüte, da das nukleare Wettrüsten zwischen den USA undder Sowjetunion nun erst richtig begann. Es gibt aber noch einenSpezialisten, der überdurchschnitt-264 Vgl. Nowarra, Die deutsche Luftrüstung 1933—1945, Teil 4, S. 4.
    • 197lich viel gewußt hat: Diplom-Ing. Fiebinger. Sein Planungsbürohatte neben »Olga«, »Zement«, »Schlier« und »Bergkristall«auch die Leitung der Baustelle »Quarz« inne. Er überlebte dasKriegsende und ging in die USA. Was er dort machte? Er bauteAbschußrampen für nukleare Interkontinentalraketen!265 Hat sichnoch niemand die Frage gestellt, woher er das Wissen dazunahm? Aus einer Kugellagerfabrik wohl kaum.Wer weiß, welch unbezahlbares Know-how so zu den beidenSupermächten transferiert wurde. Tatsache bleibt: Nur knapp 70Tage nach den Geschehnissen in Amstetten konnten dieWissenschaftler der Vereinigten Staaten am 16. Juli 1945 in NewMexico die erste Atombombe der Welt (eine Plutoniumbombe)zünden266.Hatte die jahrelange Grundlagenforschung der deutschenAtomphysiker so doch noch zum angestrebten Ziel geführt? Zustand heuteDie Stollenanlage »Quarz« im Wachberg gehört noch immer zuden am besten gehüteten Geheimnissen Österreichs. Die Stollensind (noch) im Ausbauzustand vom März 1945 erhalten, aber anvielen Stellen durch sowjetische Sprengungen zerstört. In letzterZeit sind die Stollenanlagen auch durch den fortschreitendenAbbau einer Sandgrube gefährdet.Die Eingänge zu »Quarz« sind meist zugeschüttet, was einelegale Befahrung völlig unmöglich macht. Die letzte Zuschüttungerfolgte im April 2001.265 Vgl. Pcrz, Projekt Quarz, S. 197.266 Vgl. US Department of Energy, The eight major processes of nuclear weapons complex.
    • 198Der oberirdische Bunker über Stollen B wurde ebenfalls ge-sprengt. Seine Ruine liegt gut versteckt im Wald. Es finden sichauch immer noch zahlreiche Schützengräben und MG-Stellungen, besonders im Bereich um diesen Bunker. Auch dasgroße Plateau auf der Oberseite des Berges ist ungewöhnlich starkbefestigt. Mehrere Schützengräben, Stellungen und Unterständedurchziehen das Areal. Diese Anlagen dürften noch von der»Mank-Melk-Stellung« stammen.Die Wasser-Pumpstation an der Donau ist nicht erhalten ge-blieben, sie wurde erst vor kurzem abgetragen. Nur die beidenWassertanks vor den Stollen und die Abwasserleitun-gen derStollen existieren noch.Der Hochbehälter bei Hub wurde erst vor einigen Jahrenrenoviert und dient den umliegenden Gemeinden als Trink-wasserspeicher.Vom KZ Melk sind die Gebäude der Pionierkaserne in Melk unddas Krematorium erhalten. Dort befindet sich auch eineGedenkstätte für die offiziell 5.000 Opfer der Stollenanlage. DenLuftwaffenstützpunkt Markersdorf ereilte noch im Krieg dasgleiche Schicksal wie die meisten anderen Flughäfen aufösterreichischem Boden: Die nach den Bombenangriffen nocherhaltenen Gebäude wurden am 16. April 1945 gründlichstgesprengt.Viele Gebiete in diesem Bereich sind heute für die Landwirtschaftunbrauchbar geworden, da sie über und über mit gesprengtemStahlbeton bedeckt sind. Einige der zum Großteil zerstörtenBauten sind aber noch erkennbar: Flugbenzintanks,Mannschaftsunterkünfte, Offizierswohnhäuser und Wassertanks.In den Rollbahn-Belägen sieht man sogar noch einigeBombentreffer.Es wäre wohl nicht zuviel verlangt, die Anlage »Quarz« legal zuöffnen und zumindest einen Teil der Stollen der Öf-
    • 199fentlichkeit zugänglich zu machen. Kaum eine Anlage dieser Artsagt so viel über den Alltag der Häftlinge aus, da das System nichtfertiggestellt wurde und die niedrigen und engen Vortriebsstollensomit erhalten geblieben sind. In Anbetracht der schon genanntenSandgrube am Wachberg wäre es auch wünschenswert, daß dieStollen von Projekt »Quarz« endlich unter Denkmalschutz gestelltwerden!
    • 8. Die Geheimakten der deutschen AtombombenbauerAls die Soldaten der US Army im Frühjahr 1945 nachDeutschland vordrangen, suchten sie von Anfang an nachUnterlagen und Plänen zu den neuesten deutschen Ge-heimwaffen. Auf oft abenteuerlichen Wegen fand man die Aktenin alten Stollenanlagen, vergraben in Wäldern oder einfach aufden Ladeflächen von Wehrmachts-LKWs. Bedeutende Fundemachte man beispielsweise in Oberammergau267 (Messerschmitt-Entwicklungsbüro) und in Nordhausen268 (Raketenfertigung)genauso wie mit höchster Wahrscheinlichkeit in Amstetten.Die Papiere, die dabei oft kistenweise erbeutet wurden, brachteman auf schnellstem Wege durch halb Europa nach Westen undschließlich über den Atlantik in die USA. Während der Inhalt derAkten die Grundlage für viele amerikanische Waffensysteme derGegenwart bildete, verschwanden die Papiere selbst für vieleJahrzehnte in Geheimarchiven, wo sie für »Normalsterbliche«unerreichbar waren.So verstaubten die etwa 8.500 (!) erbeuteten Blätter des »nichtexistenten« deutschen Atomprogramms bis 1970 inamerikanischen Archiven und weitere 31 Jahre im DeutschenMuseum in München ... 209267 Vgl. Radinger/Schick, Messerschmitt-Geheimprojekte, S.117 f.268 Vgl. Bornemann, Geheimprojekt Mittelbau, S. 152.269 Vgl. Deutsches Museum, Geheimdokumente zum deutschen Atomprogramm 1938-1945.
    • 201 Die Fraktionierte Destillation in den AktenDas im Zuge dieses Buchs dargestellte Verfahren zur Gewinnungvon Schwerem Wasser war bislang in Zusammenhang mit derdeutschen Atomforschung im Zweiten Weltkrieg völligunbekannt. Aufgrund der bisher praktisch nicht zugänglichenAkten zu diesem Thema bauten die jahrelangenForschungsarbeiten zu dieser Theorie fast ausschließlich aufbaulichen Relikten in Roggendorf auf. Im Jahre 2001 ändertesich diese Situation jedoch dramatisch, als das Deutsche Museumin München 470 Seiten seiner Akten zum deutschenAtomforschungsprogramm, das entspricht etwa sechs Prozent desGesamtbestandes zu diesem Thema, auf CD-ROMveröffentlichte. Damit bot sich über 50 Jahre nach Kriegsendeerstmals die Möglichkeit, auch in diesen einstmals strenggeheimen Unterlagen nach Hinweisen zu suchen.Diese Akten stellen natürlich eine Art »Nagelprobe« für die hierveröffentlichte Theorie dar, folglich mußten sie vom Autorvollständig durchgearbeitet werden, um etwaige versteckteHinweise finden zu können - egal ob im Positiven oderNegativen für diese Arbeit.Im Zuge dieser Suche fand sich unter den veröffentlichten Aktenein sensationeller Bericht aus einem »ForschungszentrumHamburg«. Der Autor Paul Harteck schreibt darin unter demTitel »Die Produktion von schwerem Wasser« folgendes:270»Methoden zur Herstellung von D2O: Elektrolyse.1. Der Neubau von Elektrolyseanlagen kommt für Deutsch-270 Vgl. Harteck, Die Produktion von schwerem Wasser, in: Deut- sches Museum, Geheimdokumente zum deutschen Atom- programm 1938-1945.
    • 202land nicht in Frage. Deswegen wurden von der Arbeitsge-meinschaft die unter 2 bis 4 genannten Verfahren entwik-kelt.«Unter Punkt 2-4 werden folgende Verfahren angeführt:2. Austausch von Wasser/Wasserstoff bei zwei Temperaturen.3. Niederdruck-Kolonne.4. Rektifikation von flüssigem Wasserstoff.Dieses eine Dokument, das auf Dezember 1941 (!) datiert ist,revolutioniert die bisherigen Forschungen zur deutschenSchwerwassergewinnung im Zweiten Weltkrieg. Es belegtfolgende, bisher rein spekulative, Punkte:• Den deutschen Wissenschaftlern unter Paul Harteck waren leistungsfähige Alternativen zur Elektrolyse bekannt.• Auf lange Sicht war ein neues Schwerwasserwerk im Reichsgebiet geplant.• Dieses neue Werk sollte auf einem neuen Verfahren basieren.Das in Zusammenhang mit »Quarz« aber Interessanteste findetsich als weitere Beschreibung zur »Niederdruck-Kolonne«271:»Das wesentliche der Einrichtung besteht darin, daß in einemliegenden, evakuierten Rohr, welches halb mit Wasser gefüllt ist[...], das Wasser bei Zimmertemperatur verdampft und in einemKühler kondensiert wird. Gegenüber einer üblichen Kolonne,welche in senkrechter Anordnung unter Atmosphärendruckarbeitet, hat dieses Verfahren folgende Vorteile: [...]«271 Vgl. Harteck, Die Produktion von schwerem Wasser, in: Deut- sches Museum, Geheimdokumente zum deutschen Atom- programm 1938—1945.
    • 203Das hier beschriebene Verfahren ist nichts weiter als einefraktionierte Destillation! Es ist sogar wesentlich fortschrittlicher,als zu erwarten war. Die Anlagen von Projekt »Quarz«entsprachen wohl genau dem Verfahren, das hier als »übliche (!)Kolonne« bezeichnet wird! Wie der Text beweist, wußte derAutor des Berichts aber sogar schon über die Anwendung vonVakuum/Niederdruck-Technik Bescheid. Harteck schließt dasKapitel mit den Worten272: »Bei einer bisher erbautenVersuchsanlage wurden bei einer Kolonnenlänge von 5 m einTrennungsfaktor von 20 erreicht.«Es gab also schon 1941 eine Versuchsanlage für dieses hoch-moderne Verfahren, das einen überragenden Trennungsfaktor(vgl. Anhang) von 20 erreichte! Als man Anfang 1945 mit denBauarbeiten für die rätselhaften Anlagenteile von »Quarz«begann, konnte man also auf eine jahrelange Erfahrung undlängst bekanntes Wissen über die Gewinnung von D2O mittelsfraktionierter Destillation zurückgreifen.Eine mögliche Anwendung von Vakuum/Niederdruck-Technikbei der Destillation hätte die im Anhang berechneteProduktionskapazität des Werks sogar noch weiter erhöht.Als Resümee aus den Akten läßt sich also folgendes sagen: DasWissen über die Gewinnung von Schwerem Wasser, das die hieraufgestellte Theorie den deutschen Wissenschaftlern unterstellte,konnte vollauf nachgewiesen werden.272 Vgl. Harteck, Die Produktion von schwerem Wasser, in: Deut- sches Museum, Geheimdokumente zum deutschen Atom- programm 1938—1945.
    • 204Das deutsche Atombombenprogramm in den AktenEine Darstellung des deutschen Atombombenprogramms kannaufgrund seiner Wichtigkeit für diese Theorie nicht völligunterlassen werden. Um das Werk auch hier auf möglichst festenwissenschaftlichen Untergrund zu stellen, kommt wiederum derGrundsatz »weniger ist mehr« zur Anwendung: Es wurde dahernur absolut unbestrittene Literatur verwendet. Im Detail: dieveröffentlichten Geheimdokumente des Deutschen Museums inMünchen zum deutschen Atomprogramm 1938-1945, PaulLawrence Roses Werk über Werner Heisenberg sowie Literaturzur Kernphysik selbst.Des weiteren wurde versucht, dem Leser die grundlegendenZusammenhänge der Nukleartechnik darzustellen, da nachMeinung des Autors nur so die Geschichte der Atomforschungumfassend interpretiert werden kann. Internationale GrundlagenIm Dezember 1938 erfolgte am Kaiser Wilhelm Institut in Berlinjene bahnbrechende Entdeckung, die als Beginn des Weges zurAtombombe angesehen werden kann: Otto Hahn und FritzStrassmann erkannten zu diesem Zeitpunkt, daß sie beimBeschuß von Atomkernen des chemischen Elements Uran mitlangsamen Neutronen Kerne des Elements Barium erhielten.273Ironie der Geschichte: Was die deutschen Forscher in diesemVersuch tatsächlich entdeckt hatten, erkannte erst kurz darauf dielangjährige Mitarbeiterin Hahns: die aus Osterreich stammendeJüdin Lise Meitner, die kurz zuvor vor273 Vgl. Rose, Heisenberg und das Atombombenprojekt der Nazis, S. 113.
    • 205den Nazis nach Schweden geflohen war274. Sie folgerte richtig underkannte, daß die Forscher Uran (chem. Zeichen: U), unterAbgabe großer Energiemengen in Barium (Ba) und Krypton (Kr)gespalten hatten.Schon Anfang 1939 wiesen Forscherteams in den USA undFrankreich weiterhin nach, daß die Anzahl der bei dieserReaktion ebenso frei werdenden Neutronen ausreichte, um damitweitere Uran-Kerne zu treffen und zu spalten. Damit war die»nukleare Kettenreaktion« theoretisch entdeckt275. Sehr schnellwurde den Wissenschaftlern in Europa und Übersee klar, daßaufgrund der enormen Energiemengen, die bei einer solchenKettenreaktion theoretisch frei werden mußten, die Möglichkeiteiner völlig neuartigen Waffe bestand: der »Atombombe«.Der dänische Nobelpreisträger Niels Bohr wiederum erkannteund bewies kurz darauf, daß die beobachtete Reaktion einzigdurch das Zusammentreffen von langsamen Neutronen mit demUranisotop U 235 (235 Neutronen im Kern) hervorgerufenwurde276.Unter Abgabe von extrem hoher Energie erhielt man also auseinem U-235-Kern (über die Zwischenstufe U 236)beispielsweise einen Kryptonatomkern (Kr), einen Barium-atomkern (Br) und zwischen ein und drei Neutronen (n), z.B.:277274 Vgl. Rose, Heisenberg und das Atombombenprojekt der Nazis, S. 113.275 Ebenda, S. 114.276 Ebenda, S. 115.277 Vgl. Riedel, Allgemeine und Anorganische Chemie, S. 19. Erklärung der Zeichen: U: Element Uran, 235 Neutronen und 92 Protonen im Atomkern.
    • 206Natururan besteht allerdings nur zu etwa 0,71% aus diesemIsotop, zum Großteil hingegen aus dem unmittelbar nichtspaltbaren U 238. Speiste man einen atomaren Reaktor mitNatururan, so würden die entstehenden schnellen Neutronenweiterhin bevorzugt durch das U 238 abgefangen werden und dieKettenreaktion käme somit zum Erliegen278. Aufgrund derTatsache, daß es bisher niemandem gelungen war, die Isotope U235 und U 238 voneinander zu trennen, entbrannte einelangwierige internationale Diskussion, ob die Herstellung einerAtombombe überhaupt möglich sei. Man stritt sich über die Artder Neutronen (schnell/langsam), die Art des einzusetzendenBrennstoffes (Natururan/ angereichertes oder gar reines U 235)und nicht zuletzt über die benötigte Brennstoffmenge (dieSchätzungen gingen meist von mehreren Tonnen U 235 aus, wasdamals - in bezug auf die Möglichkeiten der Herstellung - einevöllig irreale Menge war). Die deutschen ForschungenEtwa an diesem Punkt der Forschungen begannen sich die Wegeder Wissenschaftler aufgrund des absehbaren Krieges langsam zuscheiden.Im Dezember 1939 erstellte der deutsche NobelpreisträgerWerner Heisenberg, einer der bekanntesten Wissenschaftler desDritten Reiches, einen 24seitigen Bericht mit dem Titel »DieMöglichkeit der technischen Energiegewinnung aus derUranspaltung«. Darin erkannte er prinzipiell zwei Wege zurEnergiegewinnung, die er später auch als Wege zur Atombombesehen sollte:1. Anreicherung des U-235-Anteils im Natururan, um damit den Verlust von verwendbaren Neutronen durch die278 Vgl. Riedel, Allgemeine und Anorganische Chemie, S. 20.
    • 207U-238-Atome zu reduzieren279. Es brauchten also nur noch zweiunterkritische U-235-Massen zur kritischen Massezusammengefügt werden und es kam zur Kettenreaktion. DieseVariante wird meist »Uranbombe« genannt.2. Abbremsen der schnellen Neutronen mit Hilfe einesModerators, damit sie mit U 235 reagieren können280. DerAufbau der Bombe entsprach also dem eines Nuklearreaktors, derdurch Steigerung der Kettenreaktion gezielt zur Explosiongebracht werden sollte - daher der Name »Reaktorbombe«281.Mit diesen beiden Varianten wurden die zwei prinzipiellen Typender deutschen Atombombe »geboren«. Beide Wege solltenjedoch in den nächsten Jahren in Deutschland in eine Sackgasseführen. Die UranbombeDie Uranbombe scheiterte daran, daß Heisenberg die kritischeMasse falsch berechnete und somit einen Wert von mehrerenTonnen U 235 als Ergebnis erhielt282. Da aber eine Abscheidungdieses Isotops in Deutschland, wenn über-279 Vgl. Heisenberg, Die Möglichkeit der technischen Energie- gewinnung aus der Uranspaltung, S. 24, in: Deutsches Museum München, Geheimdokumente zum deutschen Atomprogramm 1938-1945.280 Ebenda, S. 24.281 In den vorliegenden deutschen Geheimdokumenten werden die Bezeichnungen »Reaktorbombe« und »Uranbombe« mehrfach in unterschiedlichen Zusammenhängen gebraucht. Um dem Leser die Unterscheidung einfacher zu machen, wird sich dieses Buch streng an die oben getroffene Einteilung halten.282 Vgl. Rose, Heisenberg und das Atombombenprojekt der Nazis, S. 150.
    • 208haupt, nur in kleinsten Mengen gelang, schien dieser Weg innaher Zukunft nicht zielführend zu sein. Die Versuche, das U 235in genügender Menge anzureichern, verliefen über die Jahrehinweg nur äußerst schleppend. Die oft zitierte untergeordneteEinstufung dieses Atombomben-Projekts durch denReichsrüstungsminister Albert Speer erfolgte unter dendamaligen Voraussetzungen also zu Recht.Heisenberg selbst bemerkte seinen folgenschweren Irrtum erstnach Kriegsende, während er in Farm Hall von den Britenfestgehalten wurde. Die ReaktorbombeDie Reaktorbombe baute darauf auf, daß die zu schnellenNeutronen durch einen Moderator (z. B. Schweres Wasser)abgebremst werden sollten und somit trotz Anwesenheit einergroßen Menge von U 238 eine Kettenreaktion möglich gemachtwurde. Das Projekt scheiterte daran, daß die in Betrachtgezogenen Moderatoren lange vor Erreichen der gewünschtenTemperaturen verdampfen würden. Heisenbergs Forschungen zurReaktorbombe endeten im März 1945 mit dem bekanntenReaktor im Haigerloch (bei Tübingen). Der letzte Versuch fürdiese Bombe wurde nicht einmal »kritisch«, das heißt es kamnicht einmal eine sich selbständig erhaltende Kettenreaktionzustande, geschweige denn eine Explosion283.Beide Möglichkeiten beschäftigten die deutschen Wissenschaftlerum Werner Heisenberg über Jahre hindurch bis zum Kriegsende.Man darf sich hier nicht vorstellen, daß die Projekte gezieltverzögert wurden, nein, man befand sich schließlich aufwissenschaftlichem Neuland, das eine283 Vgl. Rose, Heisenberg und das Atombombenprojekt der Nazis, S. 233ff.
    • 209weite und ausführliche Grundlagenforschung erforderte.Tatsachen, die heute in jedem Schulbuch nachgelesen werdenkönnen, mußten damals in langwierigen Versuchen bestätigt oderwiderlegt werden. Neben der ausführlichen Grundlagenforschungsuchte man vor allem nach geeigneten Moderatoren für dieReaktorbombe und nach geeigneten Verfahren, um Uranwirtschaftlich anzureichern. Da nach bisherigem Stand derForschungen keine der beiden Atombomben-Varianten inDeutschland vor dem Kriegsende zum Ziel geführt hatte, wurdendiese Wege in der modernen Literatur ständig präsentiert und dasdeutsche Atomprogramm auch aus Sicht der erhaltenen Unter-lagen für tot erklärt. Der KönigswegTatsache ist, daß Werner Heisenberg diese Probleme schon sehrfrüh sah, und zwar schon im Sommer 1940284. Er erkannte zudiesem Zeitpunkt, daß keiner der beiden Wege zu einer deutschenAtombombe führen würde. Schon Anfang 1940 aber war dendeutschen Wissenschaftlern ein unerwarteter Glücksfall zu Hilfegekommen. In der Januar-Ausgabe der renommiertenWissenschaftszeitschrift »Physical Review« war einer der letztenunzensurierten Artikel zur Kernphysik erschienen. DerAmerikaner L. Turner wies in diesem Artikel darauf hin, daß sichwahrscheinlich auch aus dem bisher als wertlos betrachteten U238 durch Beschuß mit langsamen Neutronen und an-schließendem Zerfall des damit gewonnen Isotops U 239 einspaltbares Element gewinnen ließ, das in späterer Zeit alsNeptunium (Np) bekannt wurde. Einer der Stammleser der»Physical Review« war Carl Friedrich von Weizsäcker,284 Vgl. Rose, Heisenberg und das Atombombenprojekt der Nazis, S. 164.
    • 210ein weiterer bekannter Wissenschaftler des Dritten Reiches285.Aufbauend auf den Grundlagen Turners entwickelte vonWeizsäcker bis zum Sommer 1940 ein neues Konzept zurEnergiegewinnung aus Uran, das er im Juni 1940 unter dem Titel»Eine Möglichkeit der Energiegewinnung aus Uran 238«fertigstellte. Darin führt er dezidiert an, daß das nun entstehendeneue Element (Np) »als Sprengstoff« zu verwenden sei286.Folglich konnte nun ein Großteil des vorhandenen Urans inSprengstoff umgewandelt werden und nicht nur der extremgeringe U-235- Anteil. Schon damals allerdings hinkteDeutschland bei den Forschungen den USA hinterher, da dortbereits zu diesem Zeitpunkt bekannt war, daß nicht Neptuniumdas Endprodukt der Reaktion darstellte, sondern das ElementPlutonium (Pu)287. Doch auch diese Entdeckung wurde noch einletztes Mal im »Physical Review« publiziert, womit auch inDeutschland klar wurde, daß man aus dem unbrauchbaren U 238durch Neutronenbeschuß und anschließendem Zerfallhochexplosives Pu 239 gewinnen konnte:288Mit dieser Reaktion hatte man also den »Königsweg« zurAtombombe entdeckt:285 Vgl. Rose, Heisenberg und das Atombombenprojekt der Nazis, S. 164.286 Vgl. Weizsäcker, Eine Möglichkeit der Energiegewinnung aus 238U, S. 5, in: Deutsches Museum München, Geheimdokumente zum deutschen Atomprogramm 1938- 1945.287 Vgl. Rose, Heisenberg und das Atombombenprojekt der Nazis, S. 165f.288 Vgl. Riedel, Allgemeine und Anorganische Chemie, S. 20.
    • 211• Man ersparte sich damit die langwierige und bisher praktisch unmögliche Anreicherung des Urans mit U 235, da man einfach das reichlich vorhandene U 238 durch Neutronenbeschuß in Plutonium umwandeln konnte.• Man umging weiterhin die Problematik des Moderators in einer Bombe, da Plutonium sowohl mit schnellen, als auch mit langsamen Neutronen zu spalten war.Heisenberg war völlig klar, daß dies der ideale Weg zurAtombombe war. Alles was er dafür benötigte, war ein kritischerReaktor, in dem er das reichlich vorhandene U 238 in Plutoniumumwandeln konnte. Erforderlich dafür war Natururan und einegrößere Menge von schwerem Wasser289. Da auch diese Bombeauf Uran als Ausgangsstoff aufbaute, wurde auch sie oftmals als»Uranbombe« bezeichnet.Von nun an (Juni 1940) konnte es für das deutscheAtombombenprojekt nur noch ein Ziel geben: Errichtung eineskritischen Schwerwasserreaktors. Da der von der US Army beiKriegsende in Haigerloch gefundene Reaktor zu klein war, umkritisch zu werden, ging man bisher davon aus, daß den deutschenWissenschaftlern niemals der entscheidende Schritt gelungen sei.Die richtige Schlußfolgerung lautete: Wer keinen kritischenReaktor besaß, konnte in absehbarer Zeit niemals Plutonium inausreichender Menge herstellen. Kritische Reaktoren im Dritten ReichDie alles entscheidende Frage lautet nun: Gelang es dendeutschen Wissenschaftlern im Zeitraum Juni 1940 bis Mai289 Vgl. Rose, Heisenberg und das Atombombenprojekt der Nazis, S. 166ff.
    • 2121945 einen kritischen Reaktor zu bauen und kontinuierlich zubetreiben?Die bisherige Aktenlage gab eine klare Antwort: Nein. Als Grunddafür wird im allgemeinen angegeben, daß Heisenberg über dieMöglichkeit eines mit Graphit (in vielen Akten als »reine Kohle«bezeichnet) moderierten Reaktors nicht nachdachte, da falscheMeßergebnisse vorlagen290. Statt dessen versuchte Heisenbergseinen Reaktor mit Schwerem Wasser zu moderieren, das damalsja angeblich kaum zu beschaffen war. Abgesehen von denBeschaffungsschwierigkeiten bei D2O wird auch schon dieVerwendung von Schwerem Wasser als falscher Weg bezeichnet.Dazu sei nochmals angemerkt, daß Heisenbergs Weg, der als »inverschiedener Hinsicht [...] ungünstig«291 bezeichnet wird, heutegroße Teile Kanadas mit elektrischer Energie versorgt. Ein solcherReaktor mit einer Leistung von 106 kW liefert pro Tag ein vollesKilogramm Plutonium292. Man kann damit also innerhalb einerWoche genügend Pu 239 gewinnen, um eine Atombombe zukonstruieren. So falsch kann Heisenbergs Vorgehen folglich nichtgewesen sein. Was hinderte die deutschen Wissenschaftler daherdaran, den Reaktor zu bauen? Wie oben gezeigt wurde, war dasVerfahren der fraktionierten Destillation zur Gewinnung vonSchwerem Wasser längst bekannt - der Moderator war alsohöchstwahrscheinlich in genügender Menge vorhanden. Austechnischer, chemischer und physikalischer Sicht gab es alsokeinen stichhaltigen Grund dafür, daß in Deutschland vor Mai 1945kein kritischer Nuklearreaktor hätte gebaut werden können. Auchdie bisher veröffentlichten290 Vgl. Rose, Heisenberg und das Atombombenprojekt der Nazis, S. 167f.291 Ebenda, S. 167.292 Vgl. Riedel, Allgemeine und Anorganische Chemie, S. 21
    • 213Akten geben zu dieser Fragestellung keine befriedigendeAuskunft. Es wird zwar bis Kriegsende an allen möglichenProblemen geforscht, aber der Reaktor wird einfach nicht gebaut.Rekonstruiert man die Forschungen des Arbeitskreises umWerner Heisenberg, so ergibt sich anhand der erhaltenen Aktenein sehr lückenloses Bild. Es läßt sich sehr gut erkennen, woranim Lauf der Jahre gearbeitet wurde, welche Versuche vorbereitetund welche Ergebnisse dabei erzielt wurden. Dies gilt von derEntdeckung der Kernspaltung bis hin zu den unbefriedigendenReaktorversuchen im Haigerloch, über die Heisenberg sehrenttäuscht war. Er wäre zu gern der erste gewesen, der einenkritischen Reaktor in Betrieb nahm (von den längst erfolgreichenVersuchen in den USA wußte er zu diesem Zeitpunkt nichts). Essieht aber sehr danach aus, daß die Forschergruppe Heisenbergsnicht die einzige war, die im Dritten Reich an der Atombombearbeitete. Im Wiesenthal-Archiv in Jerusalem befindet sichnämlich ein Dokument, auf das der hier hauptsächlich zitierteAutor P. L. Rose aufmerksam gemacht wurde. Wie Roseausführt, handelt es sich dabei um einen »Rechenschaftsbericht«vom Oktober 1944, der mit hoher Wahrscheinlichkeit aus der»Forschungsanstalt der Deutschen Reichspost, Abteilung fürKernphysik«293 stammt. In diesem Bericht zur Konstruktion einerAtombombe findet sich unter anderem folgender Satz:294»Tatsächlich kam im Februar 1941 die Lawine ins Rollen, aberman hatte noch Zeit, sie zu stoppen, bevor die Explosionerfolgte.«293 Vgl. Rose, Heisenberg und das Atombombenprojekt der Nazis, S. 226294 Vgl. Rechenschaftsbericht, S. 19, in: Rose, Heisenberg und das Atombombenprojekt der Nazis, S. 229.
    • 214Auch wenn dies P. L. Rose nicht erkannte, dieser eine Satz läßtdie bisherige Geschichtsschreibung zum Atombombenprojekt desDritten Reiches zerbröseln. Mit diesem Satz wird ganz eindeutigausgedrückt, daß es in Deutschland einen kritischen Reaktor gab- und zwar Anfang 1941! Ob dies nun absichtlich oder aus einemUnfall heraus geschehen war, ist nebensächlich: Tatsache ist, daßes den deutschen Wissenschaftlern möglich war, einen Reaktor inausreichender Größe zu bauen. Dies geschah zudem mit deut-lichem Vorsprung gegenüber den US-Wissenschaftlern, dennderen erster Reaktor arbeitete erst ab Dezember 1942295.Bewiesen ist damit auch, daß es deutsche Forscher gab, die sichnicht mit »sinnloser« Grundlagenforschung abgaben, sonderngezielt auf eine Bombe hinarbeiteten. Heisenberg kann dieserGruppe nicht angehört haben, denn hätte er von diesem kritischenReaktor gewußt, wäre er über den Fehlschlag der Haigerloch-Versuche nicht derartig enttäuscht gewesen.Der Gewinnung von Plutonium stand also in Deutschlandscheinbar nichts mehr im Wege. Zu betonen ist aber, daß diesereinmalige Vorfall klar von einer kontinuierlichen Plutonium-Produktion zu unterscheiden ist. Der »Rechenschaftsbericht«verblüfft aber weiter - es heißt darin zum Thema Plutonium:296»Diese epochalen Entdeckungen waren aber angesichts derErfordernis, auf dem schnellsten Wege Waffen zu schmieden, dieunserem Volk ein merkliches Übergewicht bei allenkriegerischen Kampfhandlungen gab, doch nur von neben-sächlicher Bedeutung, da sie eben nur auf lange Sicht und295 Vgl. US Department of Energy, The eight major processes of nuclear weapons complex.296 Vgl. Rechenschaftsbericht, S. 23, bei: Rose, Heisenberg und das Atombombenprojekt der Nazis, S. 228.
    • 215nicht sofort benützt werden konnten. Es trat die Frage auf: Wiekommt man von der Uranbatterie zur Uranbombe?«Bemerkenswert daran ist, daß der Autor des Berichts in derVergangenheitsform schreibt: Die einzig logische Folgerunglautet also, daß zum Zeitpunkt der Verfassung des Berichts diegestellte Frage bereits beantwortet und die Waffe (eine hier, wieöfters in derartigen Akten, als »Uranbombe« bezeichnetePlutoniumbombe) zumindest in der Theorie einsatzbereit war.Wie P. L. Rose richtig anmerkt, ist die in dem Berichtbeschriebene Zündung der Bombe fehlerhaft297. Dieses Problemerscheint aber winzig im Vergleich zu den Problemen, die mandem deutschen Atombombenprojekt bisher unterstellt hatte.Auffallend ist auch, daß der Autor des Rechenschaftsberichts voneinem Zündmechanismus ausgeht, der bei der Uran-Atombombevon Hiroshima verwendet wurde (»Urankanone«). Woher dasWissen dafür kam, bleibt wieder ein »Geheimnis der Geschichte«... Neben der damals nicht erkannten fehlerhaften Zündung führtder Autor des Rechenschaftsberichts aber noch ein weiteresProblem an: Es fehlte trotz allem auch dieser Forschergruppe aneinem geeigneten großen Reaktor, um Plutonium inausreichenden Mengen kontinuierlich herzustellen298. Die SS schaltet sich einDer vorgenannte Bericht ist auf Oktober 1944 datiert. Zu diesemZeitpunkt widerfuhr auch den deutschen Atombom-benprogrammen jenes Schicksal, das bisher die Raketen-297 Vgl. Rose, Heisenberg und das Atombombenprojekt der Nazis, S. 231.298 Vgl. Rechenschaftsbericht, S. 27, bei: Rose, Heisenberg und das Atombombenprojekt der Nazis, S. 232.
    • 216technik und teilweise auch schon den Jagdflugzeugbau ereilthatte: Die SS versuchte die Projekte ihrem Machtbereicheinzugliedern.In diesem Zusammenhang bemerkenswert und vielen absolutunbekannt ist, daß am 30. September 1944 ein Führerbefehlergangen war, wonach der »Bau der Uranbombe zu forcierensei«!299 Der Autor des Rechenschaftsberichts reagierte darauf mitfolgenden Worten:300 »[Dadurch] ... verzichten wir auf dieArbeiten mit kleinen Modellen in der Größenordnung vonwenigen Milligramm, sondern stützen uns heim Bau und derKonstruktion der Uranhomhe [...] auf die vorhandenenForschungsergebnisse [...], die aher, wie wir heute schon denBeweis haben, richtig waren ...« Daraus sind zwei wichtigeSachverhalte abzuleiten:1. In den Jahren von 1940 bis 1944 hatte eine Forschergruppe im Dritten Reich alle notwendigen Grundlagen für den Bau einer Plutoniumbombe (hier wiederum als Uranbombe bezeichnet) in mühevollen Experimenten erarbeitet. Wahrscheinlich baute sie dabei auch auf den Ergebnissen Heisenbergs auf, auch wenn dieser hier nicht (direkt) beteiligt war. Die lange Zeitspanne kann mit wissenschaftlichen Arbeiten und der möglicherweise etwas übertriebenen »deutschen Gründlichkeit« als realistisch eingestuft werden.2. Hitler dauerte das Projekt nun schon zu lange, er wollte nun endlich die fertige Bombe in seinen Händen halten.299 Vgl. Rose, Heisenberg und das Atombombenprojekt der Nazis, S. 226.300 Ebenda, S. 226f.
    • 217Was Deutschland nun schnellstens brauchte, war ein großerReaktor und ausreichend Schweres Wasser. Der Rest warvorhanden (Natururan und Wissen). Die SS bemühte sich nunmit aller Kraft, dem Reichsrüstungsminister Albert SpeerUnfähigkeit vorzuwerfen, um die Forschungen unter ihreKontrolle zu bekommen. Aufgrund der langen Dauer und das -auch bei positiver Sichtweise - ganz offensichtlicheDahindümpeln des bisherigen Projektes hatte sie dabei eindeutigdie besseren Karten.Himmler war soeben zum »Chef des Ersatzheeres« ernanntworden301 und bekam damit neuen Einfluß auf das Heeres-waffenamt, dem die Atomforschung unterstand. Ende des Jahres1944 begann der SS-Hauptsturmführer Helmut Joachim Fischerdamit, ein neues technisch-wissenschaftliches Gremiumaufzubauen, dem neben Speer vor allem zahlreiche SS-Mitgliederangehörten, das Hitler »beraten« sollte. Dieser Plan wurde Hitlervom Chef des Reichssicherheitshauptamtes III C, ErnstKaltenbrunner, dargebracht. Hitler stimmte begeistert zu. Erglaubte, daß »ein unerhörter Erfolg« bevorstand.302Im Januar 1945 warf der Hauptvorstand des Sicherheits-dienstes-Inland (ebenfalls zur SS gehörig), Otto Ohlendorf, Speer vor, dieAtomforschung zu vernachlässigen. Dabei drängte er diesen, einneues Werk für Schweres Wasser zu bauen. Speer lehnte dies ineinem Schreiben vom 29. Januar des Jahres ab: Man möge ineinem Vierteljahr wieder an ihn herantreten ...303Ausgerechnet zwei Tage später, am 31. Januar 1945, schlug aber»rein zufällig« abermals die Stunde eines schon be-301 Vgl. Rose, Heisenberg und das Atombombenprojekt der Nazis, S. 224302 Ebenda, S. 224f.303 Ebenda, S. 221.
    • 218kannten Mannes: General der Waffen-SS Hans Kammler. Hitlerernannte ihn zum »Bevollmächtigten des Führers fürStrahlenforschung«. Daß dies nur zwei Tage nach dem negativenBescheid Speers erfolgte, kann unmöglich ein Zufall gewesensein. Hitler wollte nun Taten sehen und keine Aufschiebungen.Es war eine klassische »Ohrfeige« für Speer, dessen Ansehen beiHitler damals schon deutlich im Sinken war.Die SS war damit an ihrem Ziel: Sie hatte Speer ausgeschaltetund die deutschen Atombombenprogramme unter ihre Kontrollegebracht. Um Hitler zufriedenzustellen, mußte Kammler nun aufschnellstem Wege eine deutsche Atombombe bauen und dazuzwei Probleme lösen:• Die Konstruktion eines wesentlich größeren Nuklearreaktors.• Die Konstruktion eines großen Schwerwasserwerkes.Wie in den vorhergehenden Kapiteln anhand der AuswertungUS-amerikanischer Luftaufnahmen bewiesen wurde, begannen indiesen Tagen absolut »zufällig« die Bauarbeiten zu jenenrätselhaften Anlagenteilen von Projekt »Quarz«, die sich alsrevolutionäres Schwerwasserwerk entpuppen sollten. Der Leiterder Bauarbeiten: Hans Kammler ... Die aufgestellte Theorie läßtsich also auch durch die Neuinterpretation der Akten undGeheimunterlagen, die bisher als völlig nichtssagend galten,problemlos untermauern. Eine Frage muß in diesemZusammenhang allerdings offen bleiben: Wann und wo begannKammler mit den Bauarbeiten für den neuen Schwerwasser-Reaktor zur Plutoniumgewinnung? Daß ein derartiger Bau nichtbegonnen wurde, kann aufgrund der beschriebenen Umständevon Kammlers »Machtübernahme« fast ausgeschlossen werden.In den Anlagen von Projekt »Quarz« ließen sich jedenfalls
    • 219keine derartigen Anlagenreste finden. Es ist aber gut möglich,daß unter den meterhohen Schuttbergen in den Stollen noch somanche Überraschung verborgen liegt ...
    • 9. Die Alpenfestung in neuem LichtDie aufgestellte Theorie behauptet zusammengefaßt, daß die USArmy nicht in die sogenannte »Alpenfestung« zog, da sie inNiederösterreich ein deutsches Atomforschungszentrum erobernwollte.Die Geschichte läßt sich mit der aufgestellten Theorie jedochauch völlig anders darstellen, nämlich dergestalt, daß es die»Alpenfestung« wirklich gab, jedoch nicht an dem ursprünglichvermuteten Ort. Um dies verständlich zu machen, seien nochmalsverschiedene Punkte angeführt, die laut alliierter Geheimdienstein der »Alpenfestung« vorhanden waren: > Riesige Stollensysteme > Fanatische Kämpfer > Neue Waffen > Riesige Vorratslager > KZ-Häftlinge, die als Geiseln dienen sollten > Der letzte Zufluchtsort NazideutschlandsUrteilen Sie selbst, wenn sie diese Angaben mit Roggendorfvergleichen:Die Stollenanlagen: Es wurden zumindest sieben KilometerStollen in den Wachberg getrieben. Fanatische Kämpfer: DieUmgebung von Roggendorf wurde von den besten undfanatischten deutschen Soldaten, der 6. SS-Panzerarmee, biszuletzt verbissen verteidigt, und die gesamte Heeresgruppe Süd(Ostmark) bestand aus etwa 700.000 Mann!Neue Waffen: In den Stollenanlagen wurde wahrscheinlich ander neuen Waffe geforscht: der Atombombe. RiesigeVorratslager: In der Umgebung wurde in den letz-
    • 221ten Kriegsmonaten ein System von Kleinraffinerien aufgebaut, diesowohl »Quarz« selbst, als auch die Fahrzeuge der Verteidiger mitTreibstoff versorgen konnten. Auch die Versorgung mit Rohölwar durch die Nähe zu den Ölfeldern in Zistersdorf (nördlichesNiederösterreich) bis kurz vor Kriegsende gesichert. ImNibelungenwerk in St. Valentin konnten bis in den Mai 1945hinein Jagdtiger-Panzer für die Waffen-SS hergestellt werden.Die Vertreter aller Armeen der Heeresgruppe Süd (Ostmark)berichteten, daß sie noch unerwartet viele Reserven undNachschub aller Art zur Verfügung hätten.KZ-Häftlinge als Geiseln: Nach Kriegsende plündertenzahlreiche KZ-Häftlinge die umliegenden Ortschaften vonRoggendorf. Woher sie kamen und was aus ihnen wurde, ist bisheute nicht geklärt.Der letzte Zufluchtsort: Die Umgebung von Roggendorf gehörtezum letzten kleinen Flecken Erde, der das Dritte Reich beiKriegsende darstellte. Erst am letzten Kriegstag in Europa, dem 8.Mai 1945, wurden die Anlagen aufgegeben.Löst man sich von der Vorstellung, die »Alpenfestung« hätte sichin der Nähe des Obersalzberges in Salzburg, Tirol undOberösterreich befunden, so ist es wesentlich wahrscheinlicheranzunehmen, daß sie sich in den niederösterreichischen Voralpen,in der Umgebung von Projekt »Quarz«, befand. Hierher kamendie letzten Truppen, die letzten Flugzeuge, die letzten Panzer, dasletzte Öl, die letzten Gefangenen, es lief die letzte Abwehrschlachtund es war das letzte Hoheitsgebiet des Dritten Reiches. Es warmöglicherweise der verzweifelte Versuch, doch noch eine Waffezu bauen, die den Kriegsausgang wenden sollte. DerReichspropagandaminister Josef Goebbels hätte die Alliierten ineinem solchen Falle geschickt in die Irre geführt.
    • 222Die Angaben zur »Alpenfestung« stimmten, einzig die Orts-angabe war falsch. Er befolgte das alte chinesische Strate-gemNr. 6: »Im Osten lärmen, im Westen angreifen.«304 Das bedeutetso viel wie im Osten ein Täuschungsmanöver durchführen, aberim Westen zuschlagen, nur mit dem Unterschied, daß Goebbelsim Westen »lärmte« und im Osten, sprich in Roggendorf, seinenletzten Gegenschlag vorbereitete.So verwundert es kaum, daß die 3rd US Army zuerst in RichtungSalzburg zog und erst später, als der Irrtum erkannt wurde, nachOsten über die Enns ging. Im Vergleich mit dem Gewinn derdeutschen Atombombe war die Eroberung Berlins wirklich nurnoch »ein reines Theater«: Eisenhower hatte also doch dieWahrheit gesagt, als er meinte, er wolle die Alpenfestungerobern!304 Senger, Strategeme, S. 101.
    • 10. 18 FragenDie dargestellte Theorie erscheint sicherlich gewagt, da sie imkrassen Widerspruch zur »offiziellen« Geschichtsschreibungsteht. Sie will keinen Anspruch auf die einzig gültige Wahrheiterheben, sondern einen Beitrag zur offenen Diskussion über dieGeschichte Österreichs leisten. Aus diesem Grund seien hiernochmals alle Fragen gestellt, die eine Gegendarstellung logischund nachweisbar zu beantworten hat:• Warum befand sich die 6. SS-Panzerarmee zu Kriegsende in Niederösterreich und nicht in Berlin?• Wie sind die sowjetischen Lautsprecherdurchsagen wie »Der größte Verrat der Weltgeschichte steht bevor. Lauft zu uns über!« zu erklären?• Warum wurde Wien aufgegeben und Roggendorf hartnäckig verteidigt?• Warum war die »Mank-Melk-Stellung« praktisch die letzte geplante Verteidigungsstellung des Dritten Reiches?• Warum gab Eisenhower Berlin auf, um seine Soldaten nach Amstetten zu schicken?• Wie ist der sowjetische Luftangriff in Amstetten zu deuten?• Was wurde bei dem Treffen in Amstetten vereinbart?• Warum konnte praktisch die gesamte Heeresgruppe Süd (Ostmark) in amerikanische Gefangenschaft gehen?• Warum wurde das erste sowjetisch-amerikanische Treffen auf österreichischem Boden verschleiert?• Wieso wußte der Befehlshaber der Heeresgruppe Süd (Ostmark), Rendulic, daß die US Army die Enns überschreiten würde? • Welchen Zweck hatten die Wasserleitung Roggendorf -
    • 224 Donau und die Schachtanlage im Stollen B der Stollenanlage »Quarz«?• Welchen Zweck hatten die riesigen Arbeitersiedlungen in der Umgebung von Roggendorf?• Wie sind die »ungenutzten« Stollen im Wachberg zu erklären?• Wieso wurde im Januar 1945 der Deckname »Quarz II« weiter angeführt, obwohl das Projekt schon im März 1944 eingestellt wurde?• Wieso war ausgerechnet der Fliegerhorst Markersdorf durchgehend von Mai 1944 bis Kriegsende mit Jagdflugzeugen belegt?• Woher kamen die KZ-Häftlinge, die nach Kriegsende die Umgebung von Roggendorf plünderten?• Wieso wurde das KZ Melk von der US Airforce bombardiert?Die letzte Frage richtet sich an das österreichische Bundes-ministerium für Wissenschaft und Forschung:• Warum steht die Stollenanlage »Quarz« noch immer nicht unter Denkmalschutz?
    • Anhang - Maschinenbauliche Berechnung der AnlageUm die Kapazität des möglichen Schwerwasserwerkes in denStollen von Projekt »Quarz« zumindest ungefähr abschätzen zukönnen, ist die maschinenbauliche bzw. prozeßtechnischeDurchrechnung der Anlage Grundvoraussetzung. Ausgehendvom Ölinhalt des Tanklagers, kann auf die Verdampfungsleistungund damit auf die Produktionskapazität des Schwerwasserwerkesgeschlossen werden. Wegen ihrer Wichtigkeit wird dieseBerechnung hier vollständig angeführt. Eine möglicheWärmerückgewinnung oder die Anwendung von Vakuumtechnikwurden in der Berechnung nicht berücksichtigt - es handelt sichalso um den schlimmsten annehmbaren Fall (durch dieKriegslage entspricht dieser wohl der realistischen Situation). Bestimmung des ÖlvorratesDie vorhandenen Fundamente des Tanklagers und ihre Abständevoneinander lassen darauf schließen, daß es sich dabei um sechsBehälter handelte, mit einer Länge von jeweils etwa 7,5 Meternund einem Durchmesser von 1 Meter: Bestimmung der benötigten EnergieUm Dampf zu erzeugen, muß das Wasser verdampft und auf diegewünschte Temperatur erhitzt werden. Die dazu
    • 226benötigte Energiemenge setzt sich folglich aus der zum Erhitzenund der zum Verdampfen notwendigen Energie zusammen.Als gewünschtes Produkt wird Dampf mit einer Temperatur von170°C angenommen, Bezugsmasse ist 1 kg. Bei einerDonauwassertemperatur von ca. 10°C ergibt sich eineTemperaturdifferenz von 160°C. Zur Erwärmung von 1 kgWasser um 1 °C benötigt man einen Energieeinsatz von 1 Ki-lokalorie. Man benötigt also 160 Kilokalorien, was umgerechnetrund 670 kJ ergibt305. Die massebezogene Verdampfungswärmebeträgt für Wasser bei 1,0132 bar 2.250 kJ je kg306. Damit ergibtsich ein theoretischer Energieeinsatz von: 670 + 2.250 =2.920 kJBei einem Wirkungsgrad des Prozesses von ca. 90% ergibt sichein tatsächlicher Energieeinsatz von:E = 2.920 / 0,9 ~ 3.244 kJ E = 3.244 kJ Bestimmung des HeizwertesDa die Anlage gegen Ende des Zweiten Weltkrieges errichtetwurde, kann man davon ausgehen, daß keine besondershochwertigen Brennstoffe eingesetzt wurden. Als Grundlagewurden daher die Werte für Steinkohlen-Teeröl leichtherangezogen:307305 1 kK = 4,1868 kJ.306 Vgl. Gieck/Gieck, Technische Formelsammlung, S. Z 10.307 Vgl. Dubbel, Taschenbuch für den Maschinenbau, S. L 75.
    • 227Unterer Heizwert Steinkohlen-Teeröl leicht: 37.700 kJ/kg.Bei einer Dichte von 0,96 kg/1 ergibt sich ein Heizwert pro Litervon:37.700 x 0,96 = 36.192 kJ/l Hu = 36.192 kJ/l ErgebnisMit diesen Werten läßt sich nun berechnen, wie viele TonnenWasser mit dem Öl der Tanks verdampft werden konnten:Die Öltanks hatten einen Inhalt von 35,34 m3, das entspricht35.340 Litern. Jeder Liter hat einen Heizwert von 36.192 kJ,daher beträgt der Gesamtheizwert des Tanklagers:35.340 x 36.192 = 1.279.025.280 kJUm einen Liter Wasser in den gewünschten Dampf zu ver-wandeln, benötigt man 3.244 kJ. Folglich kann man mit Hilfe desTeeröles folgende Wassermenge verdampfen:1.279.025.280 / 3.244 = 394.274 Liter Wasser, was ~ 394 m3 oderTonnen entspricht. Dies ist die gesamte Wassermenge, die miteinem Tankinhalt verdampft werden konnte. Bei einem D2O-Anteil von 0,015% im Wasser, hätte man aus diesem Volumenrund 59 Liter Schweres Wasser gewinnen können.Das Ergebnis der Berechnung ist sehr »stabil«, das heißt, selbstunterschiedliche gewünschte Dampftemperaturen oder andereverwendete Brennstoffe ändern das Ergebnis kaum, da dieBerechnung hauptsächlich von zwei Werten abhängt:
    • 2281. Der massebezogenen Verdampfungswärme - ein Wert, der sich im gesamten in Frage kommenden Druck- und Temperaturbereich kaum ändert.2. Dem Heizwert des Öls - ergibt auch für Heizöl Leicht oder Schwer ähnliche Werte. Berechnung der TrennungsdurchgängeInteressant ist sicherlich auch die Anzahl der Trennungs-durchgänge, die zur Erreichung des gewünschten Reinheitsgradesnotwendig gewesen wären. Die Berechnung kann natürlich nureine sehr grobe Abschätzung sein, da sie von zu vielenanlagespezifischen Faktoren abhängt, die heute nicht mehr zuermitteln sind.Allen voran müßte dazu der sogenannte »Trennungsfaktor« (s) derAnreicherung bekannt sein; s errechnet sich aus dem erzieltenIsotopengehalt (NA) durch den Isotopengehalt des eingesetztenMaterials (NE).Für die fraktionierte Destillation von Deuteriumoxid liegt dieserWert zwischen 1,05 und 1,6308, das heißt bei einem Durchgangkann der D2O-Anteil um 5-60% erhöht werden. Damit kann mannun die nötige Anzahl von Durchgängen (n) errechnen, um dasSchwere Wasser von 0,015% auf 99,8% anzureichern:308 Vgl. Sublette, Nuclear Weapons Frequently AskedQuestions.
    • 229Rechnet man mit einem mittleren Trennungsfaktor von s = 1,3, sosind 34 Durchgänge notwendig, um einen Reinheitsgrad von99,8% zu erreichen.Anmerkung: Diese 34 Durchgänge wirken sich natürlich nicht aufdie obige Berechnung aus, da bei jedem Trennungsdurchgang nurein Teil des Wassers verdampft werden muß, in Summe 394 m3Wasser zur Gewinnung von 59 Litern D2O.
    • DanksagungEs ist vielen Personen zu verdanken, daß dieses Buch entstandenist. Sie haben meine Arbeit über Jahre hinweg unterstützt, beratenund oft wieder in die richtige Richtung gelenkt. Ich möchte ihnenallen recht herzlich danken! An erster Stelle steht dabei meineLebensgefährtin Eva, die die ungezählten Stunden, die ich mitder Arbeit an diesem Buch verbrachte, geduldig hinnahm.Mein besonderer Dank gilt Kurt Beck, der mir viele wichtigeDenkansätze gab und ohne den die seltsame Geschichte vonProjekt »Quarz« wohl unerforscht geblieben wäre. Weiterhinmöchte ich meinem Vater danken, der die Idee hatte, dieschließlich zum Durchbruch führte. Recht herzlich möchte ichmich auch bei Willi Greschner und allen anderen Personen ausder Umgebung von Roggendorf bedanken, die mir geduldig vielemeiner Fragen zum Berg beantworteten.Last but not least gilt mein Dank Josef Buchhart, Patrick Schenk,Wolf-Dieter, meinem Verleger Jochen Kopp und allen anderen, diemir stets hilfsbereit zur Seite standen.
    • Quellen- und Literaturverzeichnis BibliographieAgte, Patrick, Jochen Peiper, Berg am Starnberger See 1998Balck, Hermann, Ordnung im Chaos, 2. Auflage, Osnabrück 1981Beauvais, Heinrich - Kössler, Karl - Mayer, Max - Regel, Christoph, Flugerprobungsstellen bis 1945, Bernard & Graefe Verlag, Bonn 1998Birjukov, N. I., Trudnaja nauka probezdat, Moskau 1968Böddeker, Günther, Der Untergang des Dritten Reiches, München -Berlin 1985Bode, Volkhard- Kaiser, Gerhard, Raketenspuren. Peenemünde 1936-1996, Weltbild Verlag, Augsburg 1997Böhme, Kurt W., Die deutschen Kriegsgefangenen in sowjetischer Hand. Eine Bilanz, München 1966Brettner, Friedrich, Die letzten Kämpfe des II. Weltkrieges im südlichen Niederösterreich, Eigenverlag Friedrich Brettner, Gloggnitz 1999Bornemann, Manfred, Geheimprojekt Mittelbau, Bernard & Graefe Verlag, Bonn 1994Dabrowski, Hans Peter, Deutsche Nurflügel bis 1945, Podzun-Pallas-Verlag, Wölfersheim-BerstadtDeutsches Museum, Geheimdokumente zum deutschen Atomprogramm 1938- 1945, München 2001Dressel, Joachim - Griehl, Manfred, Die deutschen Raketenflugzeuge, Weltbild Verlag, Augsburg 1995Dubbel, H. - Herausg.: Beitz, W. - Grote, K.-H., Taschenbuch für den Maschinenbau, Springer Verlag, 19. Auflage, Berlin - Heidelberg - New York 1997Frais, Helmut, Markersdorf - Haindorf, Marktgemeinde Markersdorf - Haindorf, 1992Freund, Florian, Arbeitslager Zement, Verlag für Gesellschaftskritik, Wien 1989Gieck K. - Gieck R., Technische Formelsammlung, Gieck Verlag, 30. deutsche Auflage, Germering 1995Glasstone, Samuel, Sourcebook on Atomic Energy, D. Van Nostrand Company, Inc., Third Edition, Princeton 1967
    • 232Goebbels, Josef, Tagebücher 1945, Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg 1977Gutkas, Karl, Landes-Chronik Niederösterreich, Verlag Christian Brandstätter, Wien 1990Haberfellner, Wernfried - Schroeder, Walter, Wiener Neustädter Flug- zeugwerke, Weishauptverlag, Graz 1993Hansen, Reimer, Das Ende des Dritten Reiches. Die deutsche Kapitulation 1945, Stuttgart 1966Harteck, Paul, Die Produktion von schwerem Wasser, Hamburg 1941Haunschmied, Rudolf, B8 »Bergkristall« (KL Gusen II), http: //www.geocities.com/CapeCanaveral/1325/berg.htm (22.06.2001)Häp, Stefan, Deuterierte Verbindungen/Lösungsmittel, http: //www.uni-bonn.de/~unc40006/deutero.html (22.06.2001)Heisenberg, Werner, Die Möglichkeit der technischen Energiegewinnung aus der Uranspaltung, 1939Hemme, Heinrich, Die Relativitätstheorie, Weltbild Verlag, Augsburg 1999Hemmerle, Rudolf, Sudetenland Lexikon, Stürtz Verlag, Würzburg 2001Hindinger, Gabriele, Das Kriegsende und der Wiederaufbau demokratischer Verhältnisse in Oberösterreich im Jahre 1945, Wien 1968Hiroshima International Council for Health Care of the Radiationexposed (HICARE), Effects of A-Bombs (Hiroshima and Nagasaki), http://www.hiroshima-cdas.or.jp/HICARE/able.html (17.07.2001)Holm, Michael, The Luftwaffe 1933-45, http://www.ww2.dk (22.06.2001)Kaltenegger, Roland, Operation Alpenfestung, Herbig Verlagsbuchhandlung, München 2000Klietmann, Kurt Gerhard, Die Waffen-SS. Eine Dokumentation, Osnabrück 1965Landsmann, Kurt, Floridsdorf 1945, Verlag Christion Brandstätter, Wien 1995 Lucas, James, Handbuch der Wehrmacht 1939-1945, Tosa Verlag,Wien 2000 MacDonald, Charles B., The last Offensive, Wahington D. C. 1973Manlik, Karlheinz, Donauübergänge in Österreich, Landesverlag, Linz 1994
    • 233Naasner, Walter, SS-Wirtschaft und SS-Verwaltung, Droste Verlag, Düsseldorf 1998Nowarra, Heinz J., Die deutsche Luftrüstung 1933-1945, Teil 1-4, Ber-nard & Graefe Verlag, Bonn 1985-1988General George S. Patton jr., Krieg wie ich ihn erlebte, Bern 1950Perz, Bertrand, Projekt Quarz. Steyr-Daimler-Puch und das Konzentrationslager Melk, Verlag für Gesellschaftskritik, Wien 1991Piekalkiewicz, Janusz, Arnheim 1944, Weltbild Verlag, Augsburg 1998Piekalkiewicz, Janusz, Krieg der Panzer 1939-1945, Bechtermünz Verlag, Eltville am Rhein 1989Piekalkiewicz, Janusz, Spione Agenten Soldaten. Geheime Kommandos im Zweiten Weltkrieg, Bechtermünz Verlag, Augsburg 1998Pogue, Forrest, The Supreme Command, Washington 1954Portisch, Hugo - Riff, Sepp, Die Wiedergeburt unseres Staates, Verlag Kremayr & Scheriau, Wien 1985Radinger, Willy - Schick, Walter, Messerschmitt-Geheimprojekte, Avia-tic Verlag, Oberhaching 1991Rauchensteiner, Manfried, 1945 - Entscheidung für Österreich, Verlag Styria, Graz - Wien - Köln 1995Rauchensteiner, Manfried, Der Krieg in Österreich 45,4. Auflage, Wien 1995Reisinger, Herbert, Krummnußbaum - Die Zeit der beiden Weltkriege, http://webland.lion.cc/noe/230077/krumnuss.html#a3 (11.03.2002)Rendulic, Lothar, Gekämpft - Gesiegt - Geschlagen, Verlag Welser-mühl, Wels - München 1957Riedel, Erwin, Allgemeine und Anorganische Chemie, 6. Auflage, de Gruyter Verlag, Berlin - New York 1994Ries Karl - Dierich, Wolfgang, Fliegerhorste und Einsatzhäfen der Luftwaffe, Motorbuch-Verlag, 2. Auflage, Stuttgard 1996Rose, Paul Lawrence, Heisenberg und das Atombombenprojekt der Nazis, Pendo Verlag GmbH, Zürich 2001Rossiwall, Theo, Schlachtfeld Niederösterreich, Verlag Niederösterreichisches Pressehaus, St. Pölten 1978Ruef, Karl, Der Dienst im Bundesheer, 2. Auflage, Verlag Carl Ueber-reuter, Wien 1969Seidler, Franz W, Phantom Alpenfestung?, Verlag Pour le Merite, Selent 2000
    • 234Senger, Harro von, Strategeme, Scherz Verlag, Bern - München - Wien, 1995Smelser, Ronald - Syring, Enrico (Hrsg.), Die SS - Elite unter dem Totenkopf, Verlag Ferdinand Schöningh, Paderborn 2000Spaeter, Helmuth, Die Geschichte des Panzerkorps Großdeutschland, Bd. 3, Duisburg- Ruhrort 1958Speer, Albert, Erinnerungen, Verlag Ullstein, Frankfurt/M. - Berlin 1999Stadler, Karl, Österreich im Spiegel der NS-Akten 1938-1945, Wien 1966Sublette, Carey, Nuclear Weapons Frequently Asked Questions, http://www.nuketesting.enviroweb.org/hew/Nwfaq/ Nfaq6.html (22.06.2001)Tiemann, Ralf, Opfergang für Deutschland. Die Leihstandarte in den letzten Kriegsmonaten, Nation Europa Verlag, Coburg 2000Tuider, Othmar, Die Luftwaffe in Österreich, Militärhistorische Schriftenreihe Heft 54, Österreichischer Bundesverlag, Wien 1985Ulrich, Johann, Der Luftkrieg über Österreich, Militärhistorische Schriftenreihe Heft 5/6, 5., unveränderte Auflage, ÖBV Pädagogischer Verlag, Wien 1994United States of America Department of Energy, The Eight Major Pro-cesses of Nuclear Weapons Complex, http://legacystory.apps.em.doe.gov/thestory/text/link/ link8.htm (22.06.2001)Weidinger, Otto, Division »Das Reich«, Bd. 5: 1943-1945, Osnabrück 1982Weizsäcker, Carl Friedrich von, Eine Möglichkeit der Energiegewinnung aus Uran 238, 1940Wichert, Hans Walter, Decknamenverzeichnis deutscher unterirdischer Bauten des zweiten Weltkrieges, Verlag Druckerei Joh. Schulte, Marsberg 1999Williamson, Gordon, Die SS. Hitlers Instrument der Macht, Neuer Kaiser Verlag, Klagenfurt 1998Woelfl, Robert, Gedenkstätte Konzentrationslager Mauthausen, http://www.mauthausen-memorial.gv.at (22.06.2001)Young, Peter (Hrsg.), Der große Atlas zum II. Weltkrieg, Bechtermünz Verlag, Augsburg 1998Chronik des Zweiten Weltkrieges, Chronik Verlag, Gütersloh - München- Augsburg 1997Die Chronik Österreichs, Chronik Verlag, Dortmund 1984
    • 235 ArchiveAFHRA - Airforce Historical Research Agency, Alabama, USAArchiv Steyr-Daimler-Puch AG, Steyr, ÖsterreichBezirkshauptmannschaft Melk, ÖsterreichBundesarchiv Koblenz, Bundesrepublik DeutschlandBundesarchiv - Militärarchiv Freiburg, Bundesrepublik DeutschlandDeutsches Museum München, Bundesrepublik DeutschlandImperial War Museum, London, GroßbritannienNational Archives, Washington D. C, USANiederösterreichisches Landesarchiv, St. Pölten, Österreich