Pforten der Wahrnehmung

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  • 1. Aldous Huxley Die Pforten der Wahrnehmung Himmel und Hölle Erfahrungen mit DrogenErfahrung mit Drogen: Entrückung und Vision In diesen beiden Essaysschildert der englische Dichter und Philosoph seine Erfahrungen mitMeskalin und anderen bewußtseinserweiternden Drogen. Diese Schriftenzählen zu den klassischen Abhandlungen über die Möglichkeiten, mitDrogen in Erlebnisbereiche vorzustoßen, die der Alltagserfahrungverschlossen sind. ISBN 3-492-20006-0 Originalausgabe: »The Doors of Perception« und »Heaven and Hell« Aus dem Englischen von Herberth E. Herlitschka 1970 Piper Verlag GmbH, München 20. Auflage April 1998 Umschlagabbildung: Masami Yokoyama/photonica Dieses E-Book ist nicht zum Verkauf bestimmt!!!
  • 2. ZU DIESEM BUCH Die beiden epochemachenden Essays Aldous Huxleysberichten von Entdeckungsreisen zu den »Antipoden unseresBewusstsein«, in Regionen des Seins, die nur im Zustand derEntrückung zu erreichen sind. In den »Pforten der Wahrnehmung« schildert Huxley seineExperimente mit Meskalin, die zu einer außerordentlichenvisuellen Wahrnehmungsfähigkeit führten, zum Erlebnis des»Wunders der reinen Existenz«. Die moralische und geistigeQuintessenz dieser Erfahrung wird auch in dem Essay »Himmelund Hölle« analysiert, in dem der Autor darlegt, dass sich dasParadies der »Neuen Welt des Geistes« durch Emotionen wieFurcht und Hass in sein Gegenteil verkehren kann. Aldous Leonard Huxley, am 26. Juli 1894 inGodalming/Surrey geboren, wurde in Eton erzogen, studiertenach einer schweren Augenkrankheit englische Literatur inOxford und war ab 1919 zunächst als Journalist undTheaterkritiker tätig. 1921 begann er mit der Veröffentlichungseines Romans »Eine Gesellschaft auf dem Lande« seineliterarische Laufbahn. Sein 1932 erschienener Roman »Schöneneue Welt«, eine ironischsatirische Zukunftsvision, erlangteWeltruhm. Von 1938 an lebte er in Kalifornien. Huxley starb am22. November 1963 in Hollywood.
  • 3. INHALT ZU DIESEM BUCH ............................................................... 2 DIE PFORTEN DER WAHRNEHMUNG MEINE ERFAHRUNG MIT MESKALIN ............................ 4 HIMMEL UND HÖLLE....................................................... 66 Vorwort ............................................................................. 67 ANHANG ........................................................................... 113 I ....................................................................................... 114 II ...................................................................................... 119 III..................................................................................... 126 IV .................................................................................... 139 V...................................................................................... 141 VI .................................................................................... 144 VII ................................................................................... 145 VIII.................................................................................. 147
  • 4. DIE PFORTEN DER WAHRNEHMUNG MEINE ERFAHRUNG MIT MESKALIN Würden die Pforten der Wahrnehmung gereinigt, erschiene den Menschen alles, wie es ist: unendlich. William Blake Im Jahre 1886 veröffentlichte der deutsche PharmakologeLudwig Lewin die erste systematische Untersuchung über dasGewächs, das später seinen Namen erhielt. Anhalonium Lewiniiwar der Wissenschaft noch unbekannt. Primitiven Religionenund den Indianern Mexikos und des Südwestens vonNordamerika war dieser Kaktus seit undenklichen Zeiten einguter Freund; tatsächlich mehr als ein Freund, denn, wie einfrüher spanischer Besucher 1 der Neuen Welt berichtete, »sieessen eine Wurzel, die sie Peyotl nennen, und sie verehren sie,als wäre sie eine Gottheit«. Warum sie das taten, wurde klar, als so hervorragendePsychologen wie Jaensch, Havelock Ellis und Weir Mitchellihre Versuche mit Meskalin, dem Wirkstoff des Peyotl,begannen. Sie gingen freilich nicht so weit, einen Abgott darauszu machen; aber alle wiesen sie einhellig dem Meskalin einenganz besonderen Platz unter den Rauschmitteln zu. Ingeeigneten Dosierungen verabreicht, verändert es die Qualitätdes Bewusstseins gründlicher und ist dabei weniger toxisch alsjede andere Substanz aus dem Fundus der Pharmakologen. Die Meskalinforschung ist seit Lewin und Havelock Ellis vonZeit zu Zeit immer wieder aufgenommen worden. Es gelangChemikern nicht nur, das Alkaloid zu isolieren; sie lernten auch,es synthetisch herzustellen, so dass der Vorrat nicht mehr von1 Bernardino de Sahagun (1499-1596), der 1526 als Ordensgeistlicher nachMexiko kam (Anm. d. Übers.)
  • 5. der spärlichen und nur zeitweiligen Ernte eines Wüstenkaktusabhängt. Psychiater nahmen selber Meskalin, weil sie hofften,dadurch zu einem besseren, aus erster Hand gewonnenenVerständnis der psychischen Prozesse bei ihren Patienten zugelangen. Psychologen beobachteten, wenngleich leider an zuwenigen Versuchspersonen und unter zu stark eingeschränktenBedingungen, einige der auffallenderen Wirkungen diesesPräparats und beschrieben sie. Neurologen und Physiologenentdeckten einiges, was Aufschluss über die Wirkung der Drogeauf das Zentralnervensystem gab. Und mindestens ein Philosophnahm Meskalin, um dadurch womöglich Licht in so uralteungelöste Rätsel zu bringen, wie sie die Fragen darstellen,welche Bedeutung dem Geist in der Natur zukomme und welcheBeziehung zwischen Gehirn und Bewusstsein bestehe. 2 Und dabei blieb es, bis vor wenigen Jahren eine neue undvielleicht höchst bedeutsame Tatsache beobachtet wurde. 32 Den ersten Selbstversuch mit von ihm rein dargestellten Meskalin machte1897 der deutsche Pharmakologe Arthur Heffter (1859-1925). Vgl. A.Guttmann, »Medikamentöse Persönlichkeitsspaltung« (Monatsschrift f.Psychiatrie und Neurologie, Bd. 56, 1924) und K. Beringer, DerMeskalinrausch, 1927. (Anm. d. Übers.) 3 Vgl. die folgenden Arbeiten: »Schizophrenia: A New Approach«. By Humphry Osmond and JohnSmythies. Journal of Mental Science. Vol. XCVIII. April 1952. »On Being Mad«. By Humphry Osmond. Saskatchewan PsychiatricServices Journal. Vol. I No. 2. September 1952. »The Mescalin Phenomena«. By John Smythies. The British Journal of thePhilosophy of Science. Vol. III. February 1953. »Schizophrenia: A New Approach«. By Abram Hoffer, Humphry Osmondand John Smythies. The Journal of Mental Science. Vol. c. No. 418. January1954.Seitdem sind zahlreiche andere biochemische, pharmakologische,psychologische und neurophysiologische Arbeiten über Schizophrenie unddie bei Meskalingenuss auftretenden Erscheinungen veröffentlicht worden.
  • 6. In Wirklichkeit hatte sich diese Tatsache schon mehrereJahrzehnte lang nahezu aufgedrängt; aber wie es sich traf, hatteniemand sie bemerkt, bis einem jungen englischen Psychiater,der gegenwärtig in Kanada arbeitet, die große Ähnlichkeit in derchemischen Zusammensetzung von Meskalin und Adrenalinauffiel. Im Verlauf weiterer Forschungen erwies es sich, dassLysergsäure, ein äußerst starker, aus Mutterkorn gewonnenerErreger von Halluzinationen, eine strukturelle biochemischeVerwandtschaft mit den beiden genannten Substanzen hat. Dannfolgte die Entdeckung, dass Adrenochrom, ein Zerfallsproduktdes Adrenalins, viele der beim Meskalinrausch beobachtetenSymptome hervorrufen kann. Adrenochrom aber bildet sich immenschlichen Körper wahrscheinlich von selbst. Mit anderenWorten, jeder von uns ist vielleicht fähig, in sich eine chemischeSubstanz zu erzeugen, von der, wie man nun weiß, winzigeMengen tiefgreifende Veränderungen des Bewusstseinsbewirken. Einige dieser Veränderungen gleichen den bei derSchizophrenie auftretenden – derjenigen Krankheit, die eine dercharakteristischsten Heimsuchungen der Menschen im 20.Jahrhundert darstellt. Hat die geistige Störung eine chemischeUrsache? Und ist die chemische Störung ihrerseits durchseelische Prozesse bedingt, die auf die Nebennieren einwirken?Eine solche Behauptung wäre voreilig. Wir können noch nichtmehr sagen, als dass ein begründeter Verdacht besteht.Mittlerweile geht man den Anhaltspunkten systematisch weiternach, und die Detektive - Biochemiker, Psychiater undPsychologen – verfolgen die Spur. Durch eine für mich äußerst günstige Verknüpfung vonUmständen befand ich mich im Frühjahr 1953 auf dieser Spur.Einer der Detektive war beruflich nach Kalifornien gekommen.Trotz der siebzig Jahre lang betriebenen Meskalinforschung wardas psychologische Material, das ihm zur Verfügung stand, nochimmer in höchstem Maße unzulänglich, und er unternahm denVersuch, es zu erweitern. Ich war zur Stelle und bereit, ja
  • 7. begierig, Versuchskaninchen zu sein. So kam es, dass ich aneinem schönen Maimorgen vier Zehntelgramm Meskalin, ineinem halben Glas Wasser aufgelöst, schluckte und mich dannhinsetzte, um die Wirkung abzuwarten. Wir leben miteinander, wir beeinflussen uns gegenseitig undreagieren aufeinander; aber immer und unter allen Umständensind wir einsam. Die Märtyrer schreiten Hand in Hand in die Arena; gekreuzigtwerden sie allein. In ihren Umarmungen versuchen Liebendeverzweifelt, ihre jeweilige Ekstase in einer gemeinsamenTranszendenz zu vereinigen – jedoch vergebens. Die Naturverurteilt jeden Geist, der in einem Körper lebt, dazu, Leid undFreud in Einsamkeit zu erdulden und zu genießen.Empfindungen, Gefühle, Einsichten, Einbildungen – sie allesind etwas Privates und nur durch Symbole und aus zweiterHand mitteilbar. Wir können Berichte über Erfahrungenaustauschen und sammeln, niemals aber die Erfahrungen selbst.Von der Familie bis zur Nation – jede Gruppe von Menschenstellt eine Inselwelt dar, wobei jede Insel ein Weltall für sichbildet. Die meisten Inseln haben soviel Ähnlichkeit miteinander, dassVerständnis oder sogar wechselseitige Einfühlung möglich wird.So können wir, indem wir uns unserer eigenen schmerzlichenVerluste und Schicksalsschläge erinnern, mit anderen Menschenin gleichen Umständen fühlen, können uns (natürlich immer ineinem ein wenig pickwickischen Sinn) an ihre Stelle versetzen.Aber in bestimmten Fällen ist diese Möglichkeit derKommunikation zwischen einem Universum und dem anderenunvollständig oder gar nicht vorhanden. Der Geist ist seineigener Ort, und die von Geisteskranken und aussergewöhnlichBegabten bewohnten Orte sind so verschieden von denen, wogewöhnliche Menschen leben, dass wenig oder keingemeinsamer Boden der Erinnerung vorhanden ist, der alsGrundlage für Verstehen oder Mitgefühl dienen könnte. Wohl
  • 8. werden Worte geäußert, aber sie vermögen nichts zu erhellen.Die Dinge und Ereignisse, auf die sich die Symbole beziehen,gehören Erfahrungsbereichen an, die einander ausschließen. Uns selbst zu sehen, wie andere uns sehen, ist eine sehrheilsame Gabe. Kaum weniger wichtig ist die Fähigkeit, anderezu sehen, wie sie selbst sich sehen. Was aber, wenn die andereneiner ganz verschiedenen Spezies angehören und ein von Grundauf fremdes Weltall bewohnen? Zum Beispiel, wie können geistig Gesunde je erfahren, wasfür ein Gefühl es eigentlich ist, wahnsinnig zu sein? Oder wiekönnen wir, wenn wir nicht eben ein Visionär, ein Medium oderein musikalisches Genie sind, je in die Welten gelangen, indenen Blake, Swedenborg, Johann Sebastian Bach sichbewegten? Und wie kann ein Mensch, der an den äußerstenGrenzen von Ektomorphismus und Zerebrotonie 4 steht, sich andie Stelle des an den Grenzen von Endomorphismus undViszerotonie Stehenen denken oder in mehr als bestimmten engumschriebenen Bereichen die Gefühle eines Menschen teilen,der an den Grenzen des Mesomorphismus und der Somatotoniesteht? Einem überzeugten Verfechter des Behaviorismus stellensich derartige Fragen vermutlich nicht. Aber für diejenigen, dieals Theorie übernehmen, was ihnen aus der Praxis als wahrbekannt ist – nämlich, dass es neben der äußeren auch eineinnere Erfahrung gibt –, sind die aufgeworfenen Problemewirkliche Probleme, die sich um so mehr aufdrängen, als einigevöllig unlösbar, andere nur unter außergewöhnlichen Umständenund durch nicht jedermann zur Verfügung stehende Methodenlösbar sind. So ist es so gut wie sicher, dass ich nie wissen4 Gemäß der von William Sheldon in The Varieties of Human Physique undThe Varieties of Temperament aufgestellten, die Typologien von Kretschmer,Jung u.a. an Genauigkeit und Anpassungsfähigkeit übertreffenden Einteilungnach physischen (Nervensystem, Muskulatur, Verdauungsorgane) undpsychischen Komponenten (gehirnbetonter, muskelbetonter, bauchbetonterTypus). (Anm. d. Übers.)
  • 9. werde, was für ein Gefühl es ist, Sir John Falstaff oder JoeLouis, der schwarze Weltmeister im Boxen, zu sein.Andererseits hielt ich es immer für möglich, dass ich zumBeispiel durch Hypnose, Autosuggestion, durch regelmäßigeMeditation oder auch durch das Einnehmen eines geeignetenchemischen Präparats meinen Bewusstseinszustand so verändernkönnte, dass ich in die Lage versetzt würde, in meinem Innerenselbst die Erfahrung zu machen, von der der Visionär, dasMedium, ja sogar der Mystiker berichten. Nach allem, was ich über die Erfahrungen mit Meskalingelesen hatte, war ich im voraus überzeugt, dass diese Drogezumindest für ein paar Stunden Zugang zu jener inneren Weltgewähren würde, die von William Blake und A.E. 5 beschriebenwurde. Aber was ich erwartet hatte, trat nicht ein. Ich hatteerwartet, vor meinen geschlossenen Augen würden Visionenvon vielfarbigen geometrischen Formen auftauchen, vonunerhört schönen, ein eigenes Leben besitzendenarchitektonischen Gebilden, von Landschaften mit heroischenGestalten, von symbolischen Dramen, die ständig höchsteOffenbarung verhießen. Wie sich jedoch erwies, hatte ich nichtmit den Idiosynkrasien meiner geistigen Konstitution, mit denGegebenheiten meines Temperaments, meiner Erziehung undmeiner Gewohnheiten gerechnet. Mein visuelles Gedächtnis, meine visuelle Phantasie sind undwaren, solange ich mich erinnern kann, immer wenigausgeprägt. Worte, sogar die bedeutungsvollen Worte derDichter, vermögen in meinem Geist keine Bilder hervorzurufen.Auch Schlafmittel erzeugen bei mir keine Visionen, die michauf der Schwelle des Einschlafens in Empfang ne hmen.Erinnerungen bieten sich mir nicht als lebhaft wahrgenommeneBilder oder Gegenstände dar. Mit einiger Willensanstrengung 5 Pseudonym des mystischen irischen Dichters G. W. Russel (1864-1935)(Anm. d.Übers.)
  • 10. bin ich in der Lage, ein nicht eben lebhaftes Bild dessen in mirheraufzurufen, was gestern nachmittag geschah, wie derLungarno ausgesehen hatte, bevor die Brücken zerstört wurden,oder die Bayswater Road, als die einzigen Omnibusse, die dortverkehrten, grün und winzig waren und von bejahrten Gäulengezogen wurden, wobei sie eine Geschwindigkeit von fünfStundenkilometern erreichten. Aber solche Bilder haben wenigSubstanz und absolut kein Eigenleben. Zwischen ihnen und denwirklich wahrgenommenen Gegenständen besteht dasselbeVerhältnis wie zwischen Homers Geistern und den Menschenvon Fleisch und Blut, die sie im Schattenreich besuchten. Nurwenn ich Fieber habe, erwachen meine inneren Bilder zumLeben. Menschen, bei denen die Fähigkeit zu visuellerVergegenwärtigung stark entwickelt ist, müsste meine innereWelt merkwürdig farblos, beschränkt und uninteressanterscheinen. Dies war die Welt – »ein armselig Ding, aber meineigen« –, von der ich erwartete, dass sie sich in etwas völligEntgegengesetztes verwandeln würde. Die Veränderung, die tatsächlich in dieser Welt vorging, warin keinem Sinn revolutionär. Eine halbe Stunde nachdem ich dasMeskalin genommen hatte, wurde ich mir eines langsamenReigens goldener Lichter bewusst. Ein wenig später zeigten sichprächtige rote Flächen, und sie schwollen an und dehnten sichaus, wurden von hellen Energieknoten gespeist, die sich ständigveränderten und dabei stets neue, vibrierende Muster bildeten.Als ich meine Augen erneut schloss, enthüllte sich mir einKomplex grauer Formen, in dem ständig bläulichblasse Kugelnauftauchten, sich mit ungeheurer Gewalt zusammenballten, umdann geräuschlos nach oben zu gleiten und zu verschwinden.Aber weder erschienen Gesichter noch menschliche odertierische Gestalten. Ich sah keine Landschaften, keine riesigenWeiten, kein zauberhaftes Wachsen und Sichverändern vonGebäuden, nichts, was im entferntesten einem Drama oder einerParabel glich. Die »andere Welt, zu der das Meskalin mir Zutritt
  • 11. gewährte, war nicht die Welt der Visionen; sie existiertedraussen, war das, was ich mit offenen Augen sehen konnte. Diegroße Veränderung vollzog sich im Bereich objektiverTatsachen. Was mit meinem subjektiven Weltall geschehen war,war verhältnismäßig unbedeutend. Ich schluckte meine Pille um elf Uhr. Eineinhalb Stundenspäter saß ich in meinem Arbeitszimmer und blickte angespanntauf eine kleine Glasvase. Die Vase enthielt nur drei Blumen –eine voll erblühte Rose mit dem Namen »Schöne aus Portugal«,sie war muschelrosa, mit einer wärmeren, flammenderenTönung am unteren Rand jedes Blütenblattes; eine großemagentarote und cremeweisse Nelke und auf gekürztem Stängeldie blassviolette, sehr heraldische Blüte einer Schwertlilie. Nurzufällig und vorläufig zusammengetan, verstieß das kleineSträußchen gegen alle Regeln herkömmlichen gutenGeschmacks. Beim Frühstück an diesem Morgen war mir die lebhafteDisharmonie seiner Farben aufgefallen. Aber auf sie kam esnicht länger an. Ich blickte jetzt nicht auf eine ungewöhnlicheZusammenstellung von Blumen. Ich sah, was Adam am Morgenseiner Erschaffung gesehen hatte – das Wunder, das sich vonAugenblick zu Augenblick erneuernd e Wunder bloßen Daseins. »Ist es angenehm?« fragte jemand. (Während dieses Teils desExperiments wurde alles, was gesprochen wurde, von einemDiktiergerät aufgenommen, und es war mir daher möglich,meine Erinnerung später aufzufrischen.) »Weder angenehmnoch unangenehm«, antwortete ich. »Es ist.« Istigkeit – war das nicht das Wort, das Meister Eckhart sogerne gebrauchte? Das Sein der platonischen Philosophie – nur dass Plato denungeheuren, den grotesken Irrtum begangen zu haben schien,das Sein vom Werden zu trennen und es dem mathematischenAbstraktum der Idee gleichzusetzen. Der arme Kerl konnte nie
  • 12. gesehen haben, wie Blumen aus ihrem eigenen inneren Lichtheraus leuchteten und so große Bedeutung erlangten, dass sieunter dem Druck erbebten, der ihnen auferlegt war; er konntenie wahrgenommen haben, dass das, was Rose und Schwertlilieund Nelke so eindringlich darstellten, nichts mehr und nichtsweniger war, als was sie waren – eine Vergänglichkeit, die dochewiges Leben war, ein unaufhörliches Vergehen, dasgleichzeitig reines Sein war, ein Bündel winziger, einzigartigerBesonderheiten, worin durch ein unaussprechliches und dochselbstverständliches Paradoxon der göttliche Ursprung allenDaseins sichtbar wurde. Ich blickte weiter auf die Blumen, und in ihrem lebendigenLicht glaubte ich das qualitative Äquivalent des Atmens zuentdecken – aber eines Atmens ohne das wiederholteZurückkehren zu einem Ausgangspunkt, ohne einwiederkehrendes Verebben; nur ein Fluten von Schönheit zuimmer größerer Schönheit, von tiefer zu immer tiefererBedeutung. Wörter wie »Gnade« und »Verklärung« kamen mirin den Sinn, und eben dafür standen diese Worte auch. MeineAugen wanderten von der Rose zur Nelke und von diesemgefiederten Erglühen zu den glatten Schnörkeln des Gefühlverströmenden Amethysts der Iris. Die beseligende Schau, Sat Chit Ananda, Seins-Gewahr-seins-Seligkeit – zum erstenmal verstand ich, losgelöst von derBedeutung der Wörter und nicht durch unzusammenhängendeAndeutungen oder nur entfernt, sondern deutlich undvollständig, worauf sich diese bedeutungsvollen Silbenbeziehen. Und dann erinnerte ich mich einer Stelle, die ich beidem Zen-Philosophen Suzuki gelesen hatte. »Was ist derDharma- Leib des Buddha?« (Der Dharma-Leib des Buddha istein anderer Ausdruck für Geist, So-Sein, die große Leere, dieGottheit.) Die Frage wird in einem Zen-Kloster von einemernsten Novizen gestellt. Und mit der prompten Irrelevanz einesder Marx Brothers antwortet der Meister: »Die Hecke am Ende
  • 13. des Gartens.« – »Und der Mensch, der diese Wahrheit begreift«fragt der Novize zweifelnd weiter, »was, wenn ich fragen darf,ist der?« Groucho gibt ihm mit seinem Stab eins auf die Schulterund antwortet: »Ein Löwe mit einem goldenen Fell« Als ich diesen Text gelesen hatte, war er für mich nur einverschwommen bedeutungsvolles Stückchen Ungereimtheitgewesen. Nun war alles klar wie der Tag, es war so unmittelbareinleuchtend wie Euklid. Selbstverständlich war der Dharma- Leib des Buddha dieHecke am Ende des Gartens. Gleichzeitig aber, und nichtweniger selbstverständlich, war er diese Blumen, er war allesund jedes, worauf ich – oder vielmehr das selige, für einenAugenblick von meiner umklammernden Umarmung befreiteNicht-Ich – zufällig blickte. Die Bücher zum Beispiel, die dieWände meines Arbeitszimmers bedeckten. Wie die Blumenerglühten auch sie, wenn ich zu ihnen hinsah, in leuchtenderenFarben, Farben von einer tieferen Bedeutsamkeit. Rote Büchergleich Rubinen, smaragdene Bücher, Bücher in weiße Jadegebunden, Bücher von Achat, von Aquamarin, von gelbemTopas, von Lapislazuli, alle Farben waren so intensiv, so zutiefstbedeutungsvoll, dass sie nahe daran zu sein schienen, die Regalezu verlassen, um sich meiner Aufmerksamkeit nocheindringlicher bemerkbar zu machen. »Wie verhält es sich mit den räumlichen Dimensionen?«fragte der Experimentator, als ich auf die Bücher blickte. Das war schwer zu beantworten. Gewiss, die Perspektivenahm sich recht sonderbar aus, und die Wände des Zimmersschienen nicht mehr rechtwinklig aneinander zu stoßen. Aberdas waren nicht die wirklich wichtigen Tatsachen. Tatsache war,dass räumliche Beziehungen kaum noch eine Bedeutung hattenund dass mein Geist die Welt in Begriffen wahrnahm, diejenseits räumlicher Kategorien lagen. Für gewöhnlich befasstsich das Auge mit Fragen wie: Wo? – Wie weit? – Position inBeziehung zu was? Bei dem Meskalinexperiment gehören die
  • 14. aufgeworfenen Fragen, auf die das Auge antwortet, eineranderen Kategorie an. Lage und Entfernung verlieren stark an Interesse, und derGeist macht seine Wahrnehmungen in Begriffen derDaseinsintensität, der Bedeutungstiefe, der Beziehungeninnerhalb einer bestimmten Anordnung. Ich sah die Bücher, aber ich kümmerte mich keineswegs umihren Platz im Raum. Was ich bemerkte, was sich meinem Geisteinprägte, war die Tatsache, dass alle von lebendigem Lichterglühten und dass in einigen die Herrlichkeit offenkundiger warals in anderen. In diesem Zusammenhang waren der Ort, an demsie sich befanden, und die drei Dimensionen nebensächlich.Selbstverständ lich war die Kategorie Raum nicht abgeschafft.Als ich aufstand und umherging, konnte ich das ganz normaltun, ohne die Lage und Entfernung von Gegenständen falscheinzuschätzen. Der Raum war noch immer da; aber er hatte seinÜbergewicht verloren. Der Geis t war an erster Stelle nicht mitMaßen und räumlichen Beziehungen der Gegenständezueinander befasst, sondern mit Sein und Sinn. Und zur gleichen Zeit wie diese Gleichgültigkeit gegen denRaum hatte mich eine noch größere Gleichgültigkeit gegen dieZeit erfasst. »Sie scheint reichlich vorhanden zu sein«, war alles, was ichantwortete, als der Experimentator mich aufforderte, ihm zusagen, was für ein Gefühl ich bezüglich der Zeit hätte. Reichlich viel – aber genau zu wissen, wie viel, war völligbelanglos. Ich hätte selbstverständlich auf meine Uhr sehen können, abermeine Uhr war, das wusste ich, in einem anderen Universum.Tatsächlich hatte ich das Gefühl einer unbestimmten Dauerempfunden und empfand es noch immer, oder auch das einerunaufhörlichen Gegenwart, die aus einer einzigen, sich ständigverändernden Offenbarung bestand.
  • 15. Von den Büchern lenkte der Experimentator meineAufmerksamkeit auf die Möbel. Ein Schreibmaschinentischchenstand in der Mitte des Zimmers; dahinter, von meinemBlickwinkel aus ge sehen, stand ein Korbsessel und hinterdiesem ein Schreibtisch. Die drei bildeten ein dicht verwobenesMuster von Horizontalen, Vertikalen und Diagonalen - einMuster, das um so interessanter war, als es nicht mit Hilfe derräumlichen Beziehungen der Gegenstände zueinander gebildetwurde. Tischchen, Sessel und Schreibtisch vereinigten sich zu einerKomposition, die einem Bild von Braque oder Juan Gris glich,einem Stilleben, das erkennbar mit der gegenständlichen Weltverwandt war, aber keine Tiefe besaß, keinen Versuchunternahm, mit fotografischen Mitteln Realismus zu erzeugen.Ich blickte auf meine Möbel nicht wie ein Anhänger desNützlichkeitsprinzips, der auf Sesseln sitzen, auf Schreibtischenund Tischchen schreiben muss, und auch nicht wie der Fotografoder der Sammler wissenschaftlicher Daten, sondern wie derreine Ästhet, der sich nur mit Formen und ihren Beziehungeninnerhalb des Gesichtsfelds oder innerhalb der Grenzen desBildes befasst. Aber während ich hinblickte, wich dieses reinästhetische Sehen mit dem Auge des Kubisten einem anderen,das ich nur als die sakramentale Schau der Wirklichkeitbezeichnen kann. Ich war wieder dort, wo ich gewesen war, alsich auf die Blumen geblickt hatte, ich war wieder zurückgekehrtin eine Welt, wo alles von innerem Licht leuchtete und vonunendlicher Bedeutsamkeit war. Die Bambusbeine des Sesselszum Beispiel – die Rundung ihrer Röhren grenzte ansWunderbare, ihre polierte Oberfläche ans Übernatürliche! Ichverbrachte mehrere Minuten – oder waren es mehrereJahrhunderte? – damit, diese Bambusbeine nicht nur anzusehen,sondern sie tatsächlich zu sein – oder vielmehr, ich selbst inihnen zu sein; oder, um mich noch genauer auszudrücken (denn»ich« hatte eigentlich mit der Sache nichts zu tun, und in einem
  • 16. gewissen Sinn »sie« ebenfalls nicht), mein Nicht-Selbst in demNicht- Selbst zu sein, das der Sessel war. Wenn ich über mein Erlebnis nachdenke, muss ich demPhilosophen C. D. Broad in Cambridge beipflichten, »dass wirgut daran täten, viel ernsthafter, als wir das bisher zu tun geneigtwaren, die Theorie zu erwägen, die Bergson im Zusammenhangmit dem Gedächtnis und den Sinneswahrnehmungen aufstellte,dass nämlich die Funktionen des Gehirns, des Nervensystemsund der Sinnesorgane hauptsächlich eliminierend arbeiten undkeineswegs produktiv sind. Jeder Mensch ist in jedemAugenblick fähig, sich all dessen zu erinnern, was ihm jewiderfahren ist, und alles wahrzunehmen, was irgendwo imUniversum geschieht. Es ist die Aufgabe des Gehirns und desNervensystems, uns davor zu schützen, von dieser Mengegrößtenteils unnützen und belanglosen Wissens überwältigt undverwirrt zu werden, und sie erfüllen diese Aufgabe, indem sieden größten Teil der Informationen, die wir in jedemAugenblick aufnehmen oder an die wir uns erinnern würden,ausschließen und nur die sehr kleine und sorgfältig getroffeneAuswahl übrig lassen, die wahrscheinlich von praktischemNutzen ist.« Gemäß einer solchen Theorie verfügt potentielljeder von uns über das größtmögliche Bewusstsein. Aber da wirlebende Wesen sind, ist es unsere Aufgabe, um jeden Preis amLeben zu bleiben. Um ein biologisches Überleben zuermöglichen, muss das größtmögliche Bewusstsein durch denReduktionsfilter des Gehirns und des Nervensystemshindurchfließen. Was am anderen Ende herauskommt,ist einspärliches Rinnsal von Bewusstsein, das es uns ermöglicht, aufeben diesem unserem Planeten am Leben zu bleiben. Um dieInhalte des auf diese Weise reduzierten Bewusstseins begrifflichzu fassen und auszudrücken, hat der Mensch Symbolsystemeund unendliche Philosophien erfunden und immerwährenderweitert, welche wir Sprachen nennen. Jeder Mensch ist zugleich der Nutznießer und das Opfer der
  • 17. sprachlichen Tradition, in die er hineingeboren wurde – derNutznießer insofern, als die Sprache Zugang zu dengespeicherten Informationen über die Erfahrungen andererMenschen gewährt; das Opfer insofern, als sie ihn in demGlauben, dieses reduzierte Bewusstsein sei das einzig möglicheBewusstsein, bestärkt und seinen Wirklichkeitssinn verwirrt, sodass er nur allzu bereit ist, seine Begriffssysteme für gegebeneTatbestände, seine Bezeichnungen für die Dinge selbst zuhalten. Was in der Sprache der Religion »von dieser Welt«genannt wird, ist das Universum des reduzierten Bewusstseins,das sich in Sprache ausdrückt und sozusagen mit Hilfe vonSprache festgeschrieben wurde. Die verschiedenartigen anderenWelten, mit denen der Mensch hie und da einmal in Berührunggerät, stellen ebenso viele Elemente des totalen Bewusstseinsdar, das seinerseits im größtmöglichen Bewusstsein enthaltenist. Die meisten Menschen erfahren häufig nur das, was durch denReduktionsfilter gelangt und von der in ihrem Landgebräuchlichen Sprache als wirklich und wahrhaftig anerkanntwird. Manche Menschen jedoch scheinen mit einer Art vonUmgehungsvorrichtung geboren worden zu sein, welche denReduktionsfilter ausschaltet. Andere vermögen zeitweiligUmgehungsvorrichtungen entweder spontan oder als Ergebnisbewusst durchgeführter »geistiger Übungen«, mittels Hypnoseoder eines Rauschmittels zu erwerben. Durch diese ständigvorhandenen oder zeitweilig erworbenen Umgehungsleitungenfließt dann freilich nicht die Wahrnehmung all dessen, »wasirgendwo im Universum geschieht« (denn die Umgehungsleitung beseitigt den Reduktionsfilternicht, er schließt die totale Bewusstwerdung immer noch aus),aber doch die Wahrnehmung von etwas mehr und vor allem vonetwas, das verschieden ist von dem Material, das sorgfältig nachseiner Nützlichkeit ausgewählt wurde und das unser verengter,vereinzelter Geist für ein vollständiges oder zumindest
  • 18. ausreichendes Abbild der Wirklichkeit hält. Das Gehirn ist mit einer Anzahl von Enzymsystemenversehen, die dazu dienen, seine Tätigkeiten zu koordinieren.Einige der Enzyme regulieren die Zufuhr von Glukose zu denGehirnzellen. Meskalin unterbindet die Erzeugung dieserEnzyme und verringert so die einem Organ, welchesfortwährend Zucker benötigt, zur Verfügung stehendeGlukoseenge. Was geschieht, wenn Meskalin die normaleZuckerration des Gehirns herabsetzt? Noch lässt sich keineallgemein gültige Antwort darauf geben. Aber was mit derMehrzahl der wenigen Menschen vorging, die unterBeobachtung Meskalin genommen haben, läßt sichfolgendermaßen zusammenfassen: 1. Die Fähigkeit, sich zu erinnern und folgerichtig zu denken,ist, wenn überhaupt, nur wenig verringert. (Wenn ich miranhöre, was ich unter der Einwirkung des Meskalins gesagthabe, kann ich nicht finden, dass ich irgendwie dümmer war alsgewöhnlich.) 2. Visuelle Eindrücke sind erheblich verstärkt, und das Augegewinnt einiges von der Fähigkeit zu unbefangenerWahrnehmung zurück, die es während der Kindheit besaß, alsdas durch die Sinne Wahrgenommene nicht sogleich undautomatisch einem Begriff untergeordnet wurde. Das Interessefür Räumliches ist verringert und das Interesse für die Zeit sinktfast auf den Nullpunkt. 3. Obgleich der Verstand unbeeinträchtigt bleibt und dasWahrnehmungsvermögen ungeheuer verbessert wird, erleidetder Wille eine tiefgreifende Veränderung zum Schlechteren.Wer Meskalin nimmt, f hlt sich nicht veranlasst, irgend etwas üzu tun, für ihn sind die meisten Anlässe, bei denen er zugewöhnlichen Zeiten zu handeln und zu leiden bereit war,äußerst uninteressant. Er lässt sich durch sie nicht aus der Ruhebringen, und zwar aus dem guten Grund, dass er nämlich überBesseres nachzudenken hat.
  • 19. 4. Dieses Bessere kann (wie in meinem Fall) »dort draußen«oder aber »hier drinnen« erlebt werden, oder in beiden Welten,der inneren und der äußeren, gleichzeitig oder nacheinander.Dass es auch wirklich Besseres ist, scheint demjenigen, derMeskalin mit gesunder Leber und ruhigem Gemüt einnimmt,selbstverständlich zu sein. Diese Wirkungen des Meskalins sind von derselben Art wiediejenigen, die als Folge auf die Verabreichung eines Mittels zuerwarten sind, das die Leistungsfähigkeit des zerebralenReduktionsfilters zu beeinträchtigen vermag. Wenn dem Gehirnder Zucker ausgeht, wird das unterernährte Ich schwach, kannsich nicht mehr mit den notwendigen alltäglichen Verrichtungenabgeben und verliert jedes Interesse an den räumlichen undzeitlichen Beziehungen, die einem Organismus, dem daran liegt,in der Welt vorwärts zu kommen so viel bedeuten. Da das totaleBewusstsein nun nicht mehr durch den intakten Filter hindurchsickert, beginnt sich allerlei biologisch Unnützes zu ereignen. Inmanchen Fällen kommt es zu außersinnlichen Wahrnehmungen.Andere Menschen entdecken eine Welt von visionärerSchönheit. Wieder anderen enthüllt sich die Herrlichkeit, derunendliche Wert und die unendliche Bedeutungsfülle der bloßenExistenz und des nicht in Begriffe gefassten Ereignisses. Imletzten Stadium der Ichlosigkeit – und ob irgendein Mensch, derMeskalin nahm, das je erreicht hat, weiß ich nicht – kommt eszu der »dunklen Erkenntnis«, daß das All alles umschließt unddass im Grunde jedes Teilchen das All ist. Weiter kannvermutlich ein endlicher Geist nicht auf diesem Weg gelangen,»alles wahrzunehmen, was irgendwo im Universum geschieht«. Wie bezeichnend ist in diesem Zusammenhang die unter derEinwirkung des Meskalins ungeheuer verstärkte Wahrnehmungvon Farbe! Für bestimmte Tiere ist es sehr wichtig, gewisse Färbungenunterscheiden zu können, doch über die Grenzen ihres aufNützlichkeit abgestellten Spektrums hinaus sind die meisten
  • 20. völlig farbenblind. Bienen zum Beispiel verbringen die meisteZeit damit, »die unberührten Jungfrauen des Frühlings zudeflorieren«, aber wie von Frisch gezeigt hat, können sie nursehr wenige Farben erkennen. Der hoch entwickelte Farbensinndes Menschen ist ein biologischer Luxus – unschätzbar wertvollfür ihn als intellektuelles und spirituelles Wesen, aber unnötigfür sein biologisches Überleben. Nach den ihnen von Homer inden Mund gelegten Adjektiven zu urteilen, übertrafen dieHelden des Trojanischen Krieges die Bienen wohl kaum in derFähigkeit, Farben zu unterscheiden. In dieser Hinsichtzumindest ist der Fortschritt der Menschheit gewaltig. Meskalin verleiht allen Farben erhöhte Kraft und Tiefe undbringt dem Wahrnehmenden unzählige feine Schattierungen insBewusstsein, für die er zu gewöhnlichen Zeiten völlig blind ist.Es hat den Anschein, dass für das totale Bewusstsein die sogenannten sekundären Merkmale der Dinge primäre sind. ImGegensatz zu Locke fühlt er offenbar, dass Farbe wichtiger undbeachtenswerter ist als Zahl, La ge und Größe. Wie dieMenschen, die Meskalin nehmen, gewahren auch viele Mystikerübernatürlich lebhafte Farben, und zwar nicht nur mit deminneren Auge, sondern auch in der gegenständlichen Welt.Ähnliches berichten medial veranlagte und sehr sensibleMenschen. Es gibt gewisse Medien, für die die demMeskalinbenutzer zuteil werdende Offenbarung über langeZeiträume hin eine tägliche und stündliche Erfahrung ist. Von dieser langen, aber unentbehrlichen Abschweifung insGebiet der Theorie können wir nun zu den wunderbarenTatsachen zurückkehren – zu den Beinen von vierBambussesseln in der Mitte eines Zimmers. Gleich denNarzissen in dem Gedicht von Wordsworth brachten sie einenReichtum »aller Art« – das unschätzbare Geschenk einer neuen,unmittelbaren Einsicht in die Natur der Dinge selbst, zusammenmit einem bescheideneren Schatz, einem größeren Verständnis,vor allem auf dem Gebiet der Kunst.
  • 21. Eine Rose ist eine Rose ist eine Rose (wie Gertrude Steinsagt). Aber diese Sesselbeine waren Sesselbeine, waren SanktMichael und alle seine Engel. Vier oder fünf Stunden später, alssich die Auswirkungen des zerebralen Zuckermangelsallmählich verloren, wurde ich auf eine kleine Rundfahrtmitgenommen, die gegen Sonnenuntergang auch den Besuchdessen einschloss, was sich bescheiden »Der Größte Drug StoreDer Welt« nennt. Ganz hinten in diesem G.D.D.W., zwischenSpielwaren, den Glückwunschkarten und den Comics standüberraschenderweise eine Reihe von Kunstbüchern. Ich ergriffdas erste, das mir in die Hand kam. Es war eines über van Gogh,und das Bild, bei dem sich der Band öffnete, war »Der Sessel« –dieses erstaunliche Porträt eines Dinges an sich, das derwahnsinnige Maler mit einer Art von anbetungsvollemSchrecken erblickt und auf seiner Leinwand wiederzugebenversucht hatte. Das aber war eine Aufgabe, für die sich sogar dieKraft des Genies als völlig unzulänglich erwies. Der Sessel, denvan Gogh gesehen hatte, war zweifellos im wesentlichenderselbe Sessel, den ich gesehen hatte. Zwar war erunvergleichlich wirklicher als der Sessel, den einem diegewöhnliche Wahrnehmung vor Augen führt, dennoch blieb derSessel auf seinem Bild nicht mehr als ein ungewöhnlichausdrucksvolles Symbol des Tatsächlichen. Das Tatsächlichehatte das So-Sein offen gelegt, hier handelte es sich nur um einSinnbild. Derartige Sinnbilder sind Quellen wahrer Erkenntnisüber die Natur der Dinge, und diese wahre Erkenntnis kann dazudienen, den Geist, der für sie offen ist, auf eigene unmittelbareEinblicke vorzubereiten. Aber das ist auch alles. Soausdrucksvoll Symbole auch sein mögen, so sind sie doch niedie Dinge, für die sie stehen. Es wäre in diesem Zusammenhang interessant, eineUntersuchung darüber anzustellen, welche Kunstwerke dengroßen Kennern des So- Seins erreichbar waren. Welche Art
  • 22. von Gemälden bekam Meister Eckhart zu Gesicht? WelcheSkulpturen und Gemälde spielten eine Rolle im religiösenErleben eines Hl. Johannes vom Kreuze, eines Hakuin, einesHui-neng, eines William Law? Zu beantworten vermag ich dieseFragen nicht, hege aber den starken Verdacht, dass die meistender großen Kenner des So-Seins wahrscheinlich der Kunst sehrwenig Aufmerksamkeit schenkten – einige überhaupt nichts mitihr zu tun haben wollten, andere sich mit dem begnügten, wasein kritisches Auge als zweitrangig oder sogar zehntrangigbetrachten würde. (Für einen Menschen, dessen verklärter undverklärender Geist das All in jedem Dies zu erblicken vermag,wird die Erstrangigkeit oder Zehntrangigkeit sogar einesreligiösen Gemäldes etwas höchst Gleichgültiges sein.) Kunstist, so vermute ich, nur etwas für Anfänger oder aber für jene,die entschlossen sind, in ihrer Sackgasse zu verharren, und diesich entschieden haben, sich mit dem Ersatz für das So-Seinzufrieden zu geben, lieber mit Sinnbildern vorlieb zu nehmen alsmit dem, was sie versinnbildlichen, die das erlesenzusammengestellte Kochrezept der wirklichen Speise vorziehen. Ich stellte den Band van Gogh zurück und griff nach demnächsten. Es war ein Buch über Botticelli. Ich blätterte darin. »DieGeburt der Venus« – es war nie eins meiner Lieblingsbildergewesen. »Venus und Mars«, dieses liebliche Werk, das soleidenschaftlich von dem armen Ruskin angegriffen wordenwar, als die langwährende Tragödie seines Sexuallebens aufdem Höhepunkt war. Die wunderbar komponiertegestaltenreiche »Verleumdung des Apelles«. Und dann einweniger gutes Bild: »Judith«. Aber meine Aufmerksamkeitwurde davon gefangen genommen, und ich blickte gefesseltnicht auf die blasse neurotische Heldin oder ihre Begleiterin,nicht auf den dicht behaarten Kopf des Opfers oder dieFrühlingslandschaft im Hintergrund, sondern auf die purpurneSeide von Judiths gerafftem Obergewand, ihr langes, vom Wind
  • 23. bewegtes Unterkleid. Dies war etwas das ich schon gesehenhatte – an diesem selben Vormittag gesehen hatte – zwischenden Blumen und den Möbeln, als ich zufällig die Augen gesenktund mich dann entschieden hatte, leidenschaftlich auf meinegekreuzten Beine zu starren. Diese Falten in meiner Hose – welch ein Labyrinth unendlichbedeutsamer Vielfältigkeit! Und das Gewebe des grauenFlanells – wie reich, wie tief bedeutsam und geheimnisvollüppig! Und hier waren diese Falten abermals, hier in BotticellisGemälde. Zivilisierte Menschen tragen Kleider. Darum kann es keinePorträtmalerei, keine mytholo gische, keine Historienmalereiohne Wiedergabe faltenreicher Stoffe geben. Mag auch bloßeSchneiderkunst für den Ursprung verantwortlich sein, sie kannnie die Erklärung sein für die vielfältige Entwicklung desFaltenwurfs, der eines der Hauptthemen der bildenden Künstewurde. Es ist unverkennbar, dass Künstler den Faltenwurfimmer um seiner selbst willen liebten – oder besser gesagt umihrer selbst willen. Wenn man Faltenwurf malt oder meißelt,malt oder meißelt man Formen, die ohne praktische Bedeutungsind – es handelt sich um jene Art sich zufällig ergebenderFormen, in denen selbst Künstler, die der naturalistischenTradition verhaftet sind, sich gern ausleben. Im Durchschnittwerden bei der Darstellung einer Madonna oder eines Apostelsetwa zehn Prozent der Arbeit auf die Herausarbeitung dermenschlichen und figürlichen Elemente verwendet. Der Restbesteht in vielfarbigen Variationen über das unerschöpflicheThema der Falten, die Wolle oder Leinwand werfen. Und diesefür eine Madonna oder einen Apostel unwesentlichen neunZehntel sind nicht nur von quantitativer, sondern auch vonqualitativer Bedeutung. Sehr oft geben sie den Ton desgesamten Kunstwerks an, sie sind Indiz für die Tonart, in derdas Thema verarbeitet wurde, sie drücken die Stimmung, dasTemperament, die Lebensauffassung des Künstlers aus. Stoische
  • 24. Abgeklärtheit enthüllt sich in den glatten Flächen, den breiten,ungehindert fließenden Falten der Gewänder Pieros dellaFrancesca. Zwischen Realität und Wunsch, zwischen Zynismusund Idealismus hin- und hergerissen, stellt Bernini derkeineswegs karikierenden Darstellung seiner Gesichter dieausladenden, abstrahierenden Formen der Gewänder gegenüber,die für die in Stein gehauene oder in Bronze gegosseneVergegenständlichung der ewigen Gemeinplätze desRhetorischen stehen – den Heroismus, die Heiligkeit und dasSublime, Ideale, die von der Menschheit immerwährend und diemeiste Zeit vergeblich angestrebt werden. Und hierher gehörenEl Grecos Gewänder und Mäntel, die auf so beunruhigendeWeise den physischen inneren Zustand des Menschen darstellen,hierher das scharfe Zickzack der flammenähnlichen Falten, inwelche Cosimo Tura seine Gestalten kleidet. Beim ersten brichtdie herkömmliche Vergeistigung zusammen und macht einemnamenlosen körperlichen Sehnen Platz; beim zweiten windetund krümmt sich ein gequältes Gewahrwerden der wesentlichenFremdartigkeit und Feindseligkeit der Welt. Oder man betrachteWatteau: seine Männer und Frauen spielen Laute, machen sichfür Bälle und Harlekinaden zurecht, schiffen sich auf samtigenRasenflächen und unter edelgeformten Bäumen zur InselKythera, der Traumwelt eines jeden Liebenden, ein; ihreungeheure Schwermut und die bloßliegende, qualvollschmerzhafte Empfindungsfähigkeit ihres Schöpfers findenihren Ausdruck nicht in den abgebildeten Vorgängen, nicht inden porträtierten Gesten und Gesichtern, sondern im Relief undim Gewebe ihrer Taftkleider, ihrer seidenen Mäntel undAnzüge. Kein Zollbreit glatter Oberfläche ist hier zu sehen, keinAugenblick des Friedens oder der Zuversicht kommt auf, nureine seidige Wildnis zahlloser winziger Fältchen und Rüschen,die sich unaufhörlich in Bewegung befinden – innereUnsicherheit, dargestellt mit der vollkommenen Sicherheit einerMeisterhand – Ton in Ton, eine diffuse Farbe löst die andere ab.
  • 25. Im Leben denkt der Mensch und Gott lenkt. In den bildendenKünsten wird der erste Schritt – sozusagen das Denken – vomThema vorgegeben; was lenkt, ist letztlich das Temperament desKünstlers, in erster Linie aber (zumindest in der Porträt-,Historien- und Genremalerei) der gemeißelte oder gemalteFaltenwurf. Beides gemeinsam bewirkt, dass eine fête galantezu Tränen rührt, eine Kreuzigung sich in heiterer Gelassenheitvollzieht, eine Stigmatisierung fast unerträglich sinnlich wirkt,dass die Darstellung eines Ausbunds von weiblicherHirnlosigkeit (ich denke dabei an Ingres’ unvergleichlicheMadame Moitessier) strengste, unbestechliche Intellektualitätausstrahlt. Aber das ist noch nicht alles. Faltenwurf, wie ich nun entdeckthatte, ist viel mehr als ein Kunstmittel, um abstrakte Formen innaturalistische Gemälde und Skulpturen hineinzunehmen. DieFähigkeit, jederzeit das zu sehen, was wir übrigen nur unter demEinfluss von Meskalin sehen, ist dem Künstler angeboren. SeineWahrnehmung ist nicht auf das biologisch oder soziologischNützliche beschränkt. Etwas von der dem totalen Bewusstsedineigenen Erkenntnis sickert durch den Reduktionsfilter vonGehirn und Ich in sein Bewusstsein. Es ist eine Erkenntnis derallem Seienden innewohnenden Bedeutsamkeit. Für denKünstler wie für denjenigen, der Meskalin nimmt, sindFaltenwürfe lebende Hieroglyphe, die auf eine besondersausdrucksvolle Weise das unergründliche Geheimnis des reinenSeins versinnbildlichen. Stärker sogar als der Sessel, wenn auchvielleicht weniger stark als die völlig übernatürlichen Blumen,waren die Falten meiner grauen Flanellhose mit »Istigkeit«geladen. Wem oder was sie diese Vorrangstellung verdankten,weiß ich nicht zu sagen. War die Ursache vielleicht die, dass dieFormen faltiger Gewänder derartig seltsam und dramatisch sind,dass sie den Blick auf sich lenken und auf diese Weise unsereAufmerksamkeit auf den Tatbestand der reinen Existenzausrichten? Wer kann das wissen? Wichtig ist weniger die
  • 26. Ursache dieser Erfahrung als die Erfahrung selbst. Während ichim »Größten Drug Store Der Welt« so über Judiths Gewandgrübelte, erkannte ich, dass Botticelli – und nicht nur er, sondernauch viele andere Künstler – den Faltenwurf von Gewändern mitebenso verklärten und verklärenden Augen betrachtet hatte wieich an diesem Vormittag. Sie hatten die Istigkeit, die Allheit undUnendlichkeit gefalteten Tuchs gesehen und ihr möglichstesgetan, sie in Farben oder Stein wiederzugeben.Notwendigerweise ohne Erfolg. Denn die Herrlichkeit und das Wunder reiner Existenzgehören einer anderen Ordnung an, jenseits desAusdrucksvermögens auch der höchsten Kunst. Doch an JudithsGewand konnte ich deutlich sehen, was ich, wäre ich eingenialer Maler gewesen, vielleicht aus meiner grauenFlanellho se gemacht hätte. Nicht viel, weiß der Himmel,verglichen mit der Wirklichkeit, aber genug, um eine Generationvon Betrachtern nach der anderen zu entzücken, genug, umihnen zumindest ein wenig von der wahren Bedeutung dessenverständlich zu machen, was wir in unserem pathetischenSchwachsinn »bloße Dinge« nennen und zugunsten desFernsehens unbeachtet lassen. »So sollte man sehen!« sagte ich immer wieder, während ichauf meine Hose blickte oder auf die wie mit Edelsteinenbesetzten Bücher in den Regalen oder auf die Beine meinesSessels, der so unendlich viel mehr aussagte als der von vanGogh. »Das ist die Art und Weise, wie man sehen sollte und wiedie Dinge in Wirklichkeit sind.« Und doch gab es daVorbehalte. Denn sähe man immer so, würde man nie etwasanderes tun wollen. Nur einfach zu schauen, einfach dasgöttliche Nicht-Selbst einer Blume, eines Buchs, eines Sessels,eines Stücks Flanell zu sehen, das wäre schon genug. Aber wiestünde es in diesem Fall mit den Mitmenschen? Mitmenschlichen Beziehungen? In den Aufzeichnungen derGespräche jenes Vormittags finde ich immer wieder die Frage:
  • 27. »Wie ist es mit menschlichen Beziehungen?« Auf welche Weisekönnte man diese zeitlose Seligkeit des Sehens, des eigentlichenSehens, mit den täglichen Pflichten vereinbaren, wie könnteman tun, was man tun sollte, fühlen, wie man fühlen sollte?»Man sollte imstande sein«, sagte ich, »diese Hose als unendlichwichtig und Menschen als noch unendlich wichtiger zu sehen.«Man sollte – aber in der Praxis schien es unmöglich zu sein.Dieses Teilhaben an der offenkundigen Herrlichkeit der Dingeließ sozusagen keinen Raum für die gewöhnlichen, dienotwendigen Angelegenheiten menschlichen Daseins, vor allemblieb kein Raum für Menschen. Denn Menschen besitzen einSelbst, und in einer Hinsicht zumindest war ich nun im Zustanddes Nicht-Selbst-Seins und gewahrte dabei, wie den Dingenmeiner Umgebung das Selbst fehlte, obwohl ich in der gleichenLage war wie sie. Diesem neugeborenen Nicht-Selbst erschienen das Verhaltenund die Erscheinung des Selbst, das in diesem Augenblick nichtmehr war – ja nicht einmal der Gedanke daran bestand oder dieErinnerung an andere Formen des Selbst, die früher in ihm zuHause gewesen waren –, nicht etwa abstoßend (Widerwille warnicht die Kategorie, in deren Begriffen ich dachte), sondernungeheuer belanglos. Vom Experimentator dazu angehalten, zuberichten und zu analysieren, was ich tat (und wie sehr ich michdanach sehnte, mit der Ewigkeit einer Blume, der Unendlichkeitvon vier Sesselbeinen und dem Absoluten in den Falten einesPaars Flanellhosenbeinen alleingelassen zu werden!), merkteich, dass ich absichtlich die Augen der außer mir im Raumanwesenden Personen vermied, dass ich mich willentlichzurückhielt, um mir ihrer Gegenwart nicht allzu bewusst zuwerden. Es waren meine Frau und ein Mann, den ich schätzeund sehr gern habe. Aber beide gehörten einer Welt an, aus dermich für den Augenblick das Meskalin befreit hatte – der Weltdes Selbst, der Zeit, der moralischen Urteile und derNützlichkeitserwägungen, der Welt (und es war diese Seite des
  • 28. menschlichen Lebens, die ich vor allem zu vergessen wünschte)der Selbstbehauptung, der Selbstsicherheit, der überbewertetenWörter und vergötzten Begriffe. In diesem Stadium des Versuchs wurde mir eine große farbigeReproduktion des wohlbekannten Selbstbildnisses von Cézannegereicht – Kopf und Schultern eines Mannes unter einem großenStrohhut, eines Mannes mit roten Backen, vollen roten Lippen,üppigem schwarzem Bart und einem dunklen unfreundlichenBlick. Es ist ein prachtvolles Gemälde, aber was ich nun sah,war kein Gemälde. Denn der Kopf nahm auf der Stelle einedritte Dimension an, ein kleiner, koboldhafter Mann wurdelebendig, der aus dem Blatt vor mir wie aus einem Fenster zumir hersah. Ich begann zu lachen. Und als ich gefragt wurde,wiederholte ich nur immerzu: »Was für eine Anmaßung! Wofürhält er sich denn?« Die Frage war nicht an Cézanne imbesonderen gerichtet, sondern an die Spezies Mensch in ihrerGesamtheit. Wofür hielten sie sich denn alle? »Er erinnert mich an Arnold Bennett in den Dolomiten«, sagteich, denn mir fiel plötzlich eine zum Glück durch eineMomentaufnahme verewigte Szene ein, wie A. B. vier oder fünfJahre vor seinem Tod auf einer winterlichen Straße bei Cortinad’Ampezzo einhe rzottelte. Rings um ihn lag jungfräulicher Schnee. Im Hintergrundragten rote Felszinnen empor, deren Formationen die Gotik inden Schatten stellten. Und da ging der liebe, gute, unglücklicheA. B. und spielte bewusst übertrieben die Rolle seinerLieblingsgestalt aus seinen Romanen, nämlich sich selbst, den»Mordskerl« in Person. Dort ging er, trottete langsam im hellenAlpensonnenschein dahin, die Daumen in den Armlöchernseiner gelben Weste, die sich etwas weiter unten mit der Anmuteines klassizistischen Runderkers aus Brighton vorwölbte – denKopf zurückgeworfen, als wollte er ein Stammeln, gleichsamwie aus einer Haubitze, auf den blauen Himmelsdom abfeuern.Was er tatsächlich sagte, habe ich vergessen; aber was sein
  • 29. Gehabe und seine Haltung geradezu he rausschrieen, war: »Ichbin ebenso gut wie diese verdammten Berge da!« Und inmancher Hinsicht war er natürlich unendlich besser; aber nicht –und das wusste er sehr genau – auf diese Weise, die sich seineRomangestalt so gern vorstellte. Erfolgreich (was immer das heißen mag) oder erfolglosspielen wir alle in einer übertriebenen Weise die Rolle unsererliebsten Figur aus der Dichtung. Und die Tatsache, die nahezuvollkommen unwahrscheinliche Tatsache, wirklich Cézanne zusein, macht keinen Unterschied. Denn der vollendete Maler, mit seiner kleinen, dieGehirnschleuse und die Ichschleuse umgehenden Verbindungzum totalen Bewusstsein, war auch, und nicht wenigerauthentisch, dieser bärtige Kobold mit den unfreundlichenAugen. Zur Erholung wandte ich mich wieder den Falten meiner Hosezu. »Auf diese Weise sollte man sehen«, sagte ich abermals, undich hätte hinzufügen können: »Dies sind auch die Dinge, dieman betrachten sollte.« Dinge, die sich nichts anmaßen, Dinge,die sich damit zufrieden geben, bloß sie selbst zu sein,selbstgenügsam sind in ihrem So- Sein, nicht eine Rolle spielenwollen, nicht wahnwitzig versuchen, ihren eigenen Weg zugehen, losgelöst vom Dharma-Leib, sich wie Luzifer gegen dieGnade Gottes auflehnend. »Die größtmögliche Annäherung an diesen Gedanken«, sagteich, »würde ein Vermeer bewirken können.« Ja, ein Vermeer. Denn dieser rätselhafte Künstler war dreifachbegabt – mit der visionären Gabe, die den Dharma-Leib als dieHecke am Ende des Gartens wahrnimmt; mit der Gabe, so vielvon dieser Vision wiederzugeben, wie die Begrenztheitmenschlicher Fähigkeiten ihm erlaubte; und mit der klugenEinsicht, sich in seinen Gemälden auf die leichter zu
  • 30. bewältigenden Aspekte der Wirklichkeit zu beschränken, dennauch wenn Vermeer Menschen darstellte, so blieb er dochimmer ein Maler von Stilleben. Cézanne, der seinen weiblichenModellen sagte, sie sollten ihr möglichstes tun, um wie Äpfelauszusehen, versuchte, im selben Geist Porträts zu malen. Aberseine Borsdorfer- Frauen sind Platos Ideen näher v erwandt alsdem Dharma-Leib in der Hecke. Sie sind die nicht in einemSandkorn oder einer Blume, sondern in den Abstraktionen einersehr viel höheren Geometrie gesehene Ewigkeit undUnendlichkeit: Vermeer verlangte von seinen Mädchen nie, siesollten wie Äpfel aussehen. Im Gegenteil, er bestand darauf,dass sie bis zum äußersten Mädchen seien – aber immer mit demVorbehalt, dass sie es unterließen, sich mädchenhaft zubenehmen. Sie durften sitzen oder ruhig dastehen, aber niemals kichern,niemals Verlegenhe it zeigen, niemals fromm die Hände faltenoder nach abwesenden Liebsten schmachten, niemalsschwatzen, niemals neidisch auf die Neugeborenen andererFrauen blicken, niemals flirten, weder lieben noch hassen, nocharbeiten. Hätten sie etwas dergleichen getan, wären siezweifellos sehr viel mehr sie selbst geworden, hätten aber auseben diesem Grund aufgehört, ihr göttliches wesentliches Nicht-Selbst zu offenbaren. Die Pforten der Wahrnehmung Vermeerswaren, wie William Blake es ausdrückt, nur teilweisedurchlässig geworden. Ein Teil der Türfüllung war fast völligdurchsichtig geworden, die übrige Pforte war noch immerverschwommen. Der wesentliche Teil des abgespaltenen Selbstließ sich sehr klar in den diesseits von Gut und Böseexistierenden Dingen und Lebewesen wahrnehmen. InMenschen war er nur sichtbar, wenn sie entspannt waren, ihrGemüt unbewegt, ihr Körper regungslos war. Unter diesenUmständen konnte Vermeer das So-Sein in all seinerhimmlischen Schönheit sehen – konnte es sehen und einen Teildavon als subtiles, prächtiges Stilleben wiedergeben. Vermeer
  • 31. ist zweifellos der größte Maler menschlicher Stilleben. Aber esgab zum Beispiel Vermeers französische Zeitgenossen, dieBrüder Le Nain. Sie wollten offenbar Genremaler sein, was siejedoch tatsächlich hervorbrachten, war eine Reihe menschlicherStilleben, in denen die puristische Wahrnehmung derunendlichen Bedeutsamkeit aller Dinge nicht wie bei Vermeerdurch eine subtile Anreicherung der Farbe und durchGewebestrukturen wiedergegeben ist, sondern dur ch eineerhöhte Klarheit, eine besessen angestrebte Verdeutlichung derFormen bei sehr karger, fast monochromer Farbgebung. In unserer Zeit gab es Vuillard – der auf seinen Höhepunktenunvergesslich herrliche Bilder des Dharma- Leibes geschaffenhat, wie er sich in einem bürgerlichen Schlafzimmer offenbart;er hat das Absolute bei der Darstellung einerBörsenmaklerfamilie, die in einem Vorstadtgarten den Teeeinnimmt, in explosiver Weise sichtbar zu machen gewußt. Ce qui fait que lancien bandagiste renie Le comptoir dont le faste alléchait les passants, Cest son jardin dAuteuil, où, veufs de tout encens, Les Zinnias ont Tair dêtre en tôle vernie. Für Laurent Tailhade war das Schauspiel bloß obszön. Aberhätte der Gummiwarenhändler, der sich zur Ruhe gesetzt hatte,still genug gesessen, so hätte Vuillard in ihm nur den Dharma-Leib gesehen, hätte er in den Zinnien, dem Goldfischteich, demmaurischen Turm der Villa und den Lampions ein Eckchen desGartens Eden vor dem Sündenfall gemalt. Indessen aber blieb meine Frage unbeantwortet. Wie wardiese purifizierte Wahrnehmung mit einer angemessenen Pflegemenschlicher Beziehungen in Einklang zu bringen, mit dennotwendigen täglichen Verrichtungen und Pflichten, ganz zu
  • 32. schweigen von liebender Barmherzigkeit und tätigem Mitleid?Der uralte Meinungsstreit zwischen den Tätigen und denBeschaulichen erneuerte sich – erneuerte sich, was mich betraf,mit noch nie erlebter Eindringlichkeit. Denn bis zu diesemVormittag hatte ich Kontemplation nur in ihren niederen,gewöhnlichen Formen gekannt – als diskursives Denken, als einverzücktes Sichversenken in Dichtung oder Malerei oder Musik,als ein geduldiges Warten auf Eingebungen, ohne die auch einflüssig schreibender Schriftsteller nicht hoffen kann, etwas zuschaffen, als den gelegentlichen Blick auf »etwas tiefer nochVerwobenes« in der Natur, von dem Wordsworth spricht, alsmethodisches Schweigen, das manchmal zum Erahnen von»dunkler Erkenntnis« führt. Jetzt aber war ich auf der Höhe derKontemplation. Ich war auf ihrer Höhe, aber noch kannte ich sienicht in ihrer Fülle. Denn in Bezug auf die Fülle schließt derWeg Marias den Weg Marthas ein und verleiht ihm sozusageneine eigene, höhere Kraft. Meskalin eröffnet den Weg Marias,versperrt aber den Weg Marthas. Es gewährt Zugang zurKontemplation – aber zu einer Kontemplation, die mit Tätigkeit,ja sogar mit dem Willen, etwas zu tun, wenn nicht bereits mitdem Gedanken daran unvereinbar ist. Während derOffenbarungen, die ihm zuteil werden, hat der mit MeskalinExperimentierende immer wieder das Gefühl, dass zwareinerseits alles im höchsten Grad so ist, wie es sein soll, dassaber andererseits auch das Gegenteil der Fall ist. Das Problem,mit dem er zu tun hat, ist im wesentlichen dasselbe, das sichdem Quietisten stellt, dem arhat und, auf einer anderen Ebene,dem Landschaftsmaler und dem Maler menschlicher Stilleben.Meskalin kann dieses Problem nie lösen; es kann lediglichMenschen in Form einer Offenbarung damit konfrontieren,denen sich dieses Problem vorher noch nie gestellt hatte. Die ganze und endgültige Lösung lässt sich bloß vondenjenigen finden, die bereit sind, sich die richtige»Weltanschauung« mit Hilfe einer entsprechenden Lebensweise
  • 33. und der richtigen Art beständiger und ungezwungenerWachsamkeit zu eigen zu machen. Als Gegensatz zumQuietisten steht der aktiv Kontemplative, der Heilige, derMensch, der, mit Eckharts Worten, bereit ist, aus dem siebentenHimmel herabzusteigen, um seinem kranken Bruder einenBecher Wasser zu bringen. Im Gegensatz zum arhat, der sich von den Erscheinungen inein völlig transzendentales Nirwana zurückzieht, steht derBodhisattwa, für den das So-Sein und die Welt der zufälligenEreignisse eins sind und für dessen grenzenloses Mitgefühljedes einzelne dieser Ereignisse nicht nur eine Gelegenheit fürWandlung und Einsicht, sondern auch zu tätiger Barmherzigkeitist. Und in der Welt der Malerei steht im Gegensatz zu Vermeerund den anderen Malern menschlicher Stilleben – den Meisternchinesischer und japanischer Landschaftsmalerei, Constable undTurner, Sisley und Seurat sowie auch Cézanne – dieallumfassende Kunst Rembrandts. Das sind gewaltige Namen,das ist eine Auserlesenheit, zu der kein Zugang möglich ist. Wasmich betraf, konnte ich an diesem denkwürdigen Maimorgennur dankbar sein für ein Erlebnis, das mir klarer als je zuvor vorAugen führte, welcher Art die Herausforderung war und wie dievöllig befreiende Antwort darauf lautete. Bevor wir uns von diesem Thema abwenden, möchte ichhinzufügen, dass es keine Form der Kontemplation,eingeschlossen die von den Quietisten praktizierte, gibt, diekeine ethischen Werte enthält. Die moralischen Kategorien sind in der Mehrzahl negativ undbesagen, dass Unheil zu vermeiden sei. Das Vaterunser umfasstweniger als fünfzig Worte, und sechs dieser Worte drücken dieBitte aus, Gott möge uns nicht in Versuchung führen. Dereinseitig auf Kontemplation ausgerichtete Mensch lässt vielesungetan, was er tun sollte, jedoch um das auszugleichen, hält ersich auch zurück und tut viele Dinge nicht, die ihm verbotensind. Die Summe des Bösen, so sagt Pascal, würde sich sehr
  • 34. verringern, wenn die Menschen nur lernen könnten, ruhig inihren Zimmern zu sitzen. Der Kontemplative, dessenWahrnehmungsvermögen von allem Ballast befreit wurde,braucht nicht in seinem Zimmer zu bleiben. Er kann so völligbefriedigt davon, die göttliche Weltordnung zu sehen und einTeil von ihr zu sein, seinem Tagewerk nachgehen, dass er nieauch nur in Versuchung kommen wird, sich darauf einzulassen,was Thomas Traherne »die schmutzigen Schliche der Welt«nannte. Wenn wir uns als die alleinigen Erben des Weltallsfühlen, wenn »das Meer in unseren Adern fließt... und die Sterneunsere Schmuckstücke sind«, wenn alle Dinge als unendlich undheilig wahrgenommen werden, welchen Beweggrund könnenwir da haben, der Begehrlichkeit oder der Selbstüberhebungnachzugeben, nach Macht zu streben oder der Sucht nachVergnügungen zu erliegen? Menschen, die sich eine kontemplative Lebensweise zu eigengemacht haben, werden wohl kaum zu Glücksspielern oderKupplern oder Säufern; sie predigen in der Regel nichtUnduldsamkeit und Krieg. Für sie liegt kein Sinn darin,Diebstahl zu begehen, zu betrügen oder die Armen zuunterdrücken. Und diesen gewaltigen negativen Tugendenkönnen wir eine andere hinzufügen, die zwar schwer zudefinieren, jedoch positiv und ebenfalls wichtig ist. Der arhatund der Quietist geben sich der Kontemplation vielleicht nichtim größtmöglichen Maße hin; aber wenn sie sie überhauptausüben, sind sie in der Lage, erleuchtende Berichte über einenanderen, einen transzendentalen Bereich des Geistes zu geben.Und wenn sie zu den Höhen der Kontemplation gelangen,werden sie zu Mittlern, durch die ein Teil dieser wohltuendenErleichterung in eine Welt voll von abgestumpften Wesengelange n kann, die eines solchen Einflusses von jeher sodringend bedürfen. Mittlerweile hatte ich mich auf Verlangen desExperimentators vor dem Porträt Cézannes den Vorgängen
  • 35. zugewandt, die sich in meinem Kopf ereigneten, wenn ich dieAugen schloss. Diesmal war die Wendung nach innenverwunderlich unergiebig. Was ich sah, waren lediglich starkgefärbte, beständig wechselnde Gebilde, die aus Kunstharz oderemailliertem Blech zu bestehen schienen. »Billig!« war meine Bemerkung dazu. »Gewöhnlich! WieDinge aus eine m Zehn-Cent-Bazar.« Und all dieses minderwertige Zeug existierte in einemgeschlossenen, eingeengten Universum. »Es ist so, als wäre man auf einem Schiff unter Deck«, sagteich. »In einem schwimmenden Zehn-Cent-Bazar.« Und bei weiterer Betrachtung wurde mir klar, dass diesesZehn- Cent-Bazarschiff irgendwie mit menschlicher Anmaßungzusammenhing. Dieses erstickende Innere eines Zehn-Cent-Bazarschiffs warmein eigenes persönliches Ich; dieser Krimskrams, bestehendaus beweglichen Teilchen aus Blech und Kunstharz, war meinpersönlicher Beitrag zum Weltall. Ich empfand die Lektion als heilsam, aber es betrübte michdennoch, dass sie in diesem Augenblick und in dieser Formerteilt werden musste. In der Regel entdeckt jemand, derMeskalin nimmt, eine innere Welt, die so offenkundig etwasGegebenes, so einleuchtend unendlich und heilig ist wie dieverwandelte äußere Welt, welche ich mit offenen Augengesehen hatte. Von Anfang an unterschied sich mein eigenerFall davon. Meskalin hatte mich vorübergehend befähigt, m itgeschlossenen Augen allerlei zu sehen, aber es konnte mir,wenigstens bei dieser Gelegenheit, keinen Einblick in die Dingevermitteln, der auch nur im entferntesten den Blumen oder demSessel oder meiner Flanellhose »dort draußen« vergleichbargewesen w äre. Was es mich innerlich hatte vernehmen lassen,war nicht der Dharma-Leib in Ebenbildern, sondern meineigener Geist; nicht archetypisches So-Sein, sondern eine
  • 36. Gruppe von Symbolen – mit anderen Worten: hausgemachterErsatz für das So-Sein. Die meisten visuell Veranlagten werden durch Meskalin zuVisionären. Einige von ihnen – und sie sind vielleicht zahlreicher, alsallgemein angenommen wird – bedürfen keiner Verwandlung;sie sind die ganze Zeit Visionäre. Die geistige Spezies, zu derWilliam Blake gehörte, ist sogar in den verstädterten,industrialisierten menschlichen Gesellschaften der heutigen Zeitziemlich weit verbreitet. Die Einzigartigkeit diesesDichtermalers besteht nicht darin, dass er (um aus seinem»Beschreibenden Katalog« zu zitieren) tatsächlich »diesewundervollen Urbilder, die in der Heiligen Schrift die Cherubimgenannt werden«, sah. Sie besteht nicht darin, dass »...diese inmeinen Visionen gesehenen Urbilder zum Teil hundert Fußhoch waren... und alle eine mythologische und verborgene Bedeutungenthielten«. Seine Einzigartigkeit besteht ausschließlich in seinerFähigkeit, in Worten oder (mit etwas geringerem Erfolg) inLinien und Farben wenigstens die Ahnung von einem nichtübermäßig ungewöhnlichen Erlebnis zu vermitteln. Derkünstlerisch unbegabte Visionär kann eine nicht wenigergewaltige, schöne und bedeutungsvolle innere Wirklichkeitwahrnehmen als die von Blake geschaute Welt; aber es fehlt ihmganz und gar die Fähigkeit, in Wort- oder Bildsymbolenauszudrücken, was er gesehen hat. Aus den Zeugnissen der Religion und den erhaltengebliebenen Denkmälern der Dichtkunst und der bildendenKünste geht sehr deutlich hervor, dass die Menschen fast immerund überall der inneren Sicht der Dinge mehr Bedeutungbeimaßen als dem objektiv Existierenden und gefühlt haben,dass das mit geschlossenen Augen Gesehene eine größere
  • 37. spirituelle Bedeutung besaß als das, was sie mit offenen Augensahen. Der Grund? Vertrautsein erzeugt Verachtung, und dieAufgabe, sich am Leben zu erhalten, reicht in ihrer Dringlichkeitvon der chronischen Langeweile bis zur akuten Qual. In deräußeren Welt erwachen wir jeden Morgen unseres Lebens, sieist der Ort, wo wir uns, ob wir wollen oder nicht, unserenLebensunterhalt verschaffen müssen. In der inneren Welt gibt esweder Arbeit noch Eintönigkeit. Wir halten uns nur in Träumen und Träumereien in ihr auf,und das Seltsame an ihr besteht darin, dass wir nie bei zweiaufeinander folgenden Gelegenheiten dieselbe Welt vorfinden.Kein Wunder also, wenn die Menschen auf ihrer Suche nachdem Göttlichen gewöhnlich lieber nach innen blickten!Gewöhnlich, aber nicht immer. Die Taoisten und die Zen-Buddhisten blickten, in ihrer Kunstnicht weniger als in ihrer Religion, mit Hilfe ihrer Visionen indie große Leere und durch diese auf »die zehntausend Dinge«der objektiven Wirklichkeit. Christen hätten aufgrund ihres Glaubens an dasfleischgewordene Wort von Anfang an fähig sein sollen, eineähnliche Haltung gegenüber ihrer Umwelt einzunehmen. Aberda ihre Glaubenslehre den Sündenfall enthielt, fiel ihnen dieseHaltung sehr schwer. Noch vor dreihundert Jahren war derAusdruck einer gründlichen Weltverachtung und sogarWeltverdammung sowohl rechtgläubig als auch verständlich. »Wir sollten nichts in der Natur mit Verwunderungbetrachten, ausgenommen einzig die Fleischwerdung Christi.«Im 17. Jahrhundert schien dieser Satz Lallemants einen Sinn zubeinhalten. Heute klingt er nach Wahnsinn. In China erreichte die Landschaftsmalerei den Rang einerhohen Kunst vor etwa tausend, in Japan vor etwa sechshundertund in Europa vor etwa dreihundert Jahren. Die Gleichsetzung
  • 38. des Dharma- Leibs mit der Hecke nahmen die Zen-Meister vor,indem sie den taoistischen Naturalismus mit dem buddhistischenTranszendentalismus in Verbindung brachten. Darum kam esnur im Fernen Osten zu der Entwicklung, dass Landschaftsmalerihre Kunst bewusst als religiös betrachteten. Im Westenbeinhaltete die religiöse Malerei das Porträtieren heiligerPersonen und das Illustrieren geheiligter Texte.Landschaftsmaler betrachteten sich als weltliche Künstler. Heuteanerkennen wir in Seurat einen der größten Meister der sogenannten mystischen Landschaftsmalerei, und doch war dieserMaler, der wirkungsvoller als jeder andere das eine im vielenwiederzugeben vermochte, ganz entrüstet, als er wegen der»Poesie« seiner Werke gelobt wurde. »Ich wende bloß dieMethode an«, verwahrte er sich. Mit anderen Worten, er warbloß ein Pointillist und in seinen eigenen Augen nicht mehr.Eine ähnliche Anekdote ist über John Constable bekannt. Eines Tages gegen Ende seines Lebens traf Blake seinenjüngeren Künstlerkollegen in Hampstead, und dieser zeigte ihmeine seiner Skizzen. Trotz seiner Verachtung für naturalistische Kunst erkannte deralte Visionär etwas Gutes, wenn er es zu Gesicht bekam –natürlich nur, wenn es nicht von Rubens war. »Das ist keineZeichnung«, rief er aus, »das ist eine Inspiration!« – »Ich habedie Absicht gehabt, zu zeichnen«, war Constablescharakteristische Antwort. Beide hatten recht. Es war Zeichnen,genaues und wahrheitsgetreues Zeichnen, und zugleich war esInspiration – eine Inspiration, die von mindestens ebenso hohemRang war wie die Blakes. Die Föhren auf Hampstead Heathwaren tatsächlich als identisch mit dem Dharma-Leib gesehenworden. Die Skizze enthielt eine notwendigerweise unvollkommene ,aber doch zutiefst beeindruckende Wiedergabe dessen, was einvon Ballast befreites Wahrnehmungsvermögen den offenenAugen eines großen Malers enthüllt hatte.
  • 39. Von einer in der Tradition eines Wordsworth und Whitmanverankerten Kontemplation des Dharma- Leibs als Hecke undaus Visionen, wie Blake sie von den »wundervollen Urbildern«hatte, haben sich unsere zeitgenössischen Dichter daraufzurückgezogen, sich mit dem persönlichen – im Gegensatz zumkollektiven – Unbewussten zu befassen und in höchst abstraktenFormulierungen nicht die gegebenen objektiven Tatsachen,sondern rein wissenschaftliche und theologische Begriffewiederzugeben. Und etwas Ähnliches hat sich in der Malereiabgespielt. Hier waren wir Zeugen eines allgemeinen Rü ckzugsaus der Landschaftsmalerei, der vorherrschenden Kunstform des19. Jahrhunderts. Er führte nicht in jenes von Gott gegebene Innere, mit demsich die meisten traditionellen Schulen der Vergangenheitbefasst hatten, nicht in die Archetypen-Welt, in der dieMenschen von jeher die Quellen fanden, aus denen sie Mythenund Religionen entwickelten. Nein, es war ein Sichzurückziehen aus den äußerenGegebenheiten in das persönliche Unbewusste, in eine seelischeWelt, die noch trüber und hermetischer abgeschlossen ist als dieWelt einer bewussten Persönlichkeit. Wo hatte ich diese Machwerke aus Blech und grellfarbigemPlastik schon einmal gesehen? In jeder Bildergalerie, in der dieneuesten Schöpfungen der Kunst ausgestellt sind. Und nun brachte jemand ein Grammophon und legte einePlatte auf. Ich hörte mit Genuss zu, erlebte aber nichts, dasmeinen vorherigen Apokalypsen von Blumen oder Flanellvergleichbar war. Würde ein musikalisch Begabter dieOffenbarungen hören, die für mich ausschließlich visuellgewesen waren? Es wäre interessant, dieses Experimentanzustellen. Indes trug die Musik, obgleich sie nicht verklärt warund ihre gewohnte Qualität und Intensität behielt, nicht wenigzum Verständnis des von mir Erlebten und der weitreichenden,durch dieses Erlebnis aufgeworfenen Probleme bei.
  • 40. Instrumentalmusik ließ mich seltsamerweise ziemlich kalt.Mozarts Klavierkonzert in c-moll wurde nach dem ersten Satzunterbrochen und eine Platte mit einigen Madrigalen vonGesualdo aufgelegt. »Diese Stimmen«, sagte ich anerkennend, »diese Stimmenbilden eine Art Brücke, die in die menschliche Weltzurückführt.« Und eine Brücke blieben sie, sogar während sie diese höchsterstaunlich chromatischen Kompositionen des verrücktenFürsten sangen. Durch die unterschiedlich langen Perioden des Madrigalssetzte sich die Musik fort, ohne auch nur zwei Takte lang inderselben Tonart zu bleiben. Bei Gesualdo, dieserphantastischen Gestalt, die aus einem Schauer- und Rührstückvon Webster zu stammen schien, hat psychischer Zerfall eineNeigung bestärkt, ja auf die Spitze getrieben, die die Eigenartmodaler im Gegensatz zu rein tonaler Musik ist. Die durchdiesen Umstand entstandenen Werke klingen, als wären sieziemlich später Schönberg. »Und doch«, fühlte ich den Drang zu sagen, während ichdiesen seltsamen Erzeugnissen einer auf eine spätmittelalterlicheKunstform sich auswirkenden Gegenreformations-Psychoselauschte, »und doch hat es gar keine Bedeutung, dass sich beiihm alles in Teile auflöst. Das Ganze ist desorganisiert. Aberjedes einzelne Bruchstück ist in Ordnung, ist ein Vertreter einerhöheren Ordnung. Diese höhere, göttliche Ordnung herrschtsogar im Zerfall. Die Geschlossenheit des Ganzen ist auch nochin den Bruchstücken vorhanden. Vielleicht deutlicher vorhandenals in einem vö llig zusammenhängenden Werk. Zumindest wirdman nicht durch eine rein menschliche, lediglich gemachteOrdnung zu einem falschen Sicherheitsgefühl verführt. Manmuss sich auf die eigene unmittelbare Wahrnehmung derhöchsten, endgültigen Ordnung verlassen. So kann also ingewissem Sinn Auflösung ihren Vorteil haben.
  • 41. Aber selbstverständlich ist sie gefährlich, schrecklichgefährlich. Wie, wenn man nicht mehr zurückfände aus dem Chaos...?« Von Gesualdos Madrigalen sprangen wir über eine Kluft vondrei Jahrhunderten zu Alban Berg und seiner »Lyrischen Suite«. »Das«, so verkündete ich im voraus, »wird höllisch werden.« Aber wie es sich herausstellte, war ich im Irrtum. Im Grundegenommen klang diese Musik recht komisch. Aus dempersönlichen Unbewussten herausgearbeitet, folgte eineZwölfton-Seelenqual der anderen; aber was mir auffiel, war nurdas grundlegende Missverhältnis zwischen einem noch größerenpsychischen Zerfall als bei Gesualdo und der gewaltigen Mittelan Talent und Technik, die zu seinem Ausdruck aufgewendetworden waren. »Wie leid er sich tut!« bemerkte ich dazu mit einem von Spottgetragenen Mangel an Mitgefühl. Und dann: »Katzenmusik –gelahrte Katzenmusik!« Und schließlich, nach ein paar weiterenMinuten des Seelenschmerzes: »Wen kümmern schon seineGefühle? Warum kann er sich nicht um etwas andereskümmern?« Als Kritik an einem zweifellos sehr bemerkenswerten Werkwar dieser Gedanke unfair und unzulänglich – aber, wie ichglaube, nicht unbegründet. Ich führe das hier an, wie wichtig es auch immer sein mag,weil ich nun einmal in einem Zustand reiner Kontemplation soauf die »Lyrische Suite« reagierte. Als sie zu Ende war, schlug der Experimentator einen Gangdurch den Garten vor. Ich willigte ein, und obgleich meinKörper sich fast völlig von meinem Geist losgesagt zu habenschien – um genauer zu sein, obgleich mein Bewusstsein vonder verwandelten äußeren Welt nun nicht mehr im Einklang mitmeinem Körpergefühl war –, stellte ich fest, dass ich nachkurzem Zögern fähig war, aufzustehen, die Glastür z öffnen u
  • 42. und in den Garten hinauszugehen. Es war natürlich ein sehrseltsames Gefühl, nicht mehr zu diesen Armen und Beinen »dortdraußen«, diesem völlig gegenständlichen Rumpf, diesem Halsund nicht einmal zu diesem Kopf zu gehören. Es warverwunderlich, aber man gewöhnte sich bald daran. Undjedenfalls schien der Körper durchaus imstande zu sein, selberfür sich zu sorgen. In Wirklichkeit sorgt er natürlich immerselber für sich. Das bewusste Ich kann nicht mehr tun, alsWünsche zu formulieren, welche dann durch Kräfte ausgeführtwerden, die es nur wenig beherrscht und ganz und gar nichtversteht. Wenn es mehr tut – wenn es sich zum Beispiel zu sehranstrengt, wenn es sich zu sehr sorgt, zu sehr die Zukunftfürchtet –, verringert es die Wirksamkeit dieser Kräfte, und daskann sogar dazu führen, dass der in seiner Lebenskraftgeschwächte Körper erkrankt. In meinem gegenwärtigen Zustand war mein Bewusstseinnicht auf ein Ich bezogen; es war sozusagen selbständig. Sohatte sich auch der den Körper beherrschend e physiologischeVerstand verselbständigt. Für den Augenblick war jener sicheinmischende Neurotiker, der in wachen Stunden seine Showabzieht, glücklicherweise ausgeschaltet. Durch die Glastür trat ich auf eine Art Pergola hinaus, dieteilweise von Kletterrosen und teilweise von einerLattenkonstruktion überdacht ist und deren Latten und dieZwischenräume jeweils einen Zoll breit sind. Die Sonne schienund die Schatten der Stäbe bildeten ein Zebramuster auf demBoden und auf Sitz und Lehne eines Liegestuhls, der hier aufder Pergola stand. Dieser Liegestuhl – werde ich ihn jevergessen? An den Stellen, wo die Schatten auf seine Leinenbespannungfielen, entstanden wechselweise Streifen von einem tiefen, aberglühenden Indigoblau und helle leuchtende Streifen, so das esschwer fiel, zu glauben, sie könnten nicht aus blauem Feuersein. Es kam mir vor, als blickte ich eine unendlich lange Zeit
  • 43. darauf, ohne zu wissen, ja sogar ohne wissen zu wollen, wassich da mir gegenüber befand. Zu jeder anderen Zeit hätte icheinen abwechselnd von Licht und Schatten gestreiftenLiegestuhl gesehen. Heute aber hatte der Wahrnehmungsinhaltden Begriffsinhalt in sich aufgenommen. Ich war vomBetrachten derartig in Anspruch genommen, so sehr vomDonner gerührt von dem, was ich tatsächlich sah, dass nichtsanderes meinem Bewusstsein zugänglich war. Gartenmöbel,Lattenstäbe, Sonnenlicht , Schatten – das waren bloß Namenund Begriffe, lediglich Verbalisierungen des Ereignisses fürnützliche oder wissenschaftliche Zwecke. Das Ergebnis wardiese Aufeinanderfolge azurblauer Schmelzofentüren, die durchKlüfte eines unergründlichen Enzianblaus voneinander getrenntwaren. Es war unaussprechlich wundervoll, fast inerschreckendem Grad wundervoll. Und plötzlich hatte ich eineAhnung davon, was für ein Gefühl es sein muss, wahnsinnig zusein. Die Schizophrenie hat ebenso ihre Himmel wie ihre Höllenund Fegefeuer. Ich erinnere mich dessen, was mir ein schon vor Jahrenverstorbener Freund von seiner wahnsinnigen Frau erzählte.Eines Tages, während des frühen Stadiums der Krankheit, alsseine Frau noch luzide Intervalle hatte, war er in die Heilanstaltgegangen, um mit ihr über die Kinder zu sprechen. Sie hörte ihmeine Zeitlang zu und schnitt ihm dann das Wort ab. Wie könneer es über sich bringen, seine Zeit mit den zwei abwesendenKindern zu vergeuden, wenn alles, worauf es wirklichankomme, hier und jetzt geschehe und in der unaussprechlichenSchönheit der Muster bestehe, die seine braune Tweedjackeimmer dann bilde, wenn er den Arm bewege? Leider jedochsollte dieses Paradies unverstellter Wahrnehmung, reiner, abereinseitiger Kontemplation, nicht von Dauer sein. Die seligenZwischenzeiten wurden immer seltener, immer kürzer, bis siesich schließlich nicht mehr einstellten und nur Grauen übrigblieb.
  • 44. Die meisten Menschen, die Meskalin nehmen, erleben bloßden himmlischen Teil der Schizophrenie. Die Droge führt nurdiejenigen in die Hölle und in das Fegefeuer, die kurz vorhereinen Anfall von Gelbsucht hatten, an periodischenDepressionen oder chronischer Angst leiden. Wenn Meskalin,wie andere ähnlich starke Rauschmittel, notorisch toxisch wäre,gäbe schon sein bloßer Genuss Anlass zu Befürchtungen. Aber ein durchschnittlich gesunder Mensch weiß, dassMeskalin für ihn völlig unschädlich ist, dass seine Wirkungensich nach acht bis zehn Stunden verlieren, keinen Katzenjammerhinterlassen und daher auch kein Bedürfnis nach einerErneuerung der Dosis auftritt. Gestützt durch dieses Wissen, lässt er sich ohne Furcht aufdas Experiment ein – mit anderen Worten, er hat weder Anlassnoch Neigung, eine beispiellos fremdartige und außerhalb desüblichen Bereichs liegende menschliche Erfahrung in etwasEntsetzliches, etwas tatsächlich Teuflisches zu verwandeln. Einem Liegestuhl gegenüber, der aussah wie das JüngsteGericht – oder, genauer gesagt, einem Jüngsten Gerichtgegenüber, das ich nach langer Zeit und mit beträchtlicherSchwierigkeit als einen Liegestuhl erkannte –, merkte ichplötzlich, dass ich mich auf der Schwelle zur Panik befand.Dies, so fühlte ich auf einmal, ging denn doch zu weit. Es gingzu weit, obgleich es ein Eindringen in intensivere Schönheit,tiefere Bedeutung darstellte. Die Furcht, wenn ich sie nunnachträglich analysiere, galt einem Überwältigtwerden, einemZerfallen unter einem Druck der Wirklichkeit, der so starkwerden könnte, dass ein Geist, der es gewohnt war, sich diemeiste Zeit in einer Welt von Symbolen heimisch zu fühlen, ihnunmöglich ertragen könnte. Die Literatur, die religiöses Erlebenschildert, ist überreich an Hinweisen auf die Schmerzen undSchrecken, von denen diejenigen überwältigt werden, die sichplötzlich einer Offenbarung des mysterium tremendumgegenübersehen.
  • 45. In der Sprache der Theologie ausgedrückt geht diese Furchtauf die Unvereinbarkeit der menschlichen Ichs ucht mit dergöttlichen Reinheit zurück, auf die von ihm selbst betonteAbgegrenztheit des Menschen von der Grenzenlosigkeit Gottes.Jakob Boehme und William Law folgend lässt sich sagen, dassverderbte Seelen das göttliche Licht in seinem vollen Glanz nurals ein brennendes, alle Unreinheit hinwegfegendes Feuerverstehen können. Etwas nahezu Identisches findet sich im»Tibetanischen Totenbuch«, in dem beschrieben wird, wie dieabgeschiedene Seele in höchster Qual vor dem »klaren Licht dergroßen Leere« und sogar vor den kleineren, weniger hellenLichtern zurückscheut und sich kopfüber in das tröstlicheDunkel des Daseins als Selbst zurückstürzt, das Leben alswiedergeborener Mensch oder sogar als Tier, als unseligerGeist, als ein Bewohner der Hölle wählt. Alles, alles, nur nichtdiese brennende Helle ungemilderter Wirklichkeit! Die schizophrene Seele ist nicht nur unerlöst, sondern auchsehr schwer erkrankt. Die Krankheit des Schizophrenen bestehtin dem Unvermögen, sich vor der inneren und äußerenWirklichkeit (so wie das der geistig Gesunde im allgemeinentut) in die selbst erschaffene Welt der Vernunft zu flüchten – indie menschlich abgegrenzte Welt mit ihren nützlichen Begriffen,gemeinsamen Symbolen und allgemein anerkanntenKonventionen. Der Schizophrene gleicht einem Menschen, derdauernd unter dem Einfluss von Meskalin steht und daher nichtimstande ist, das Erleben einer Wirklichkeit auszuschalten, mitder zu leben er nicht heilig genug ist, die er nicht wegerklärenkann, denn sie ist die unumstößlichste aller Tatsachen, und dieihm, weil sie es ihm nie erlaubt, die Welt allein mitmenschlichen Augen anzusehen, einen solchen Schreckeneinjagt, dass er ihre nie endende Fremdartigkeit, die brennendeIntensität als Manifestation menschlicher oder sogar kosmischerBöswilligkeit auslegt, welche die verzweifeltstenGegenmaßnahmen fordert, angefangen von mörderischer
  • 46. Gewalttätigkeit bis zur Katatonie oder zum psychischenSelbstmord. Und befände man sich erst einmal auf dieserabwärts führenden, auf dieser Hö llenstraße, dann wäre mannicht mehr imstande, haltzumachen. Das war mir nun nur allzu klar. »Wenn man sich erst einmal in der falschen Richtungbewegte«, sagte ich als Antwort auf die Fragen desExperimentators, »wäre alles, was geschieht, ein Beweis für dieVerschwörung gegen einen. Alles hätte seine eigene Gültigkeit.Man könnte keinen Atemzug tun, ohne gleichzeitig zu wissen,dass er ein Teil der Verschwörung ist.« »Also glauben Sie zu wissen, wo der Wahnsinn beginnt?« Meine Antwort war ein überzeugtes und tief empfundenes Ja. »Und Sie hätten keine Kontrolle über ihn?« »Nein. Ich hätte ihn nicht in der Kontrolle. Wenn man Furchtund Hass als Voraussetzungen für ihn annimmt, kommt man umdas bittere Ende nicht herum.« »Wärst du imstande«, fragte meine Frau, »deineAufmerksamkeit fest auf das zu richten, was das ›TibetanischeToten-buch‹ das ›klare Licht‹ nennt?« Ich äußerte meine Zweifel. »Würde es das Übel bannen, dieses Licht, wenn du es imAuge behalten könntest, oder wärst du dazu nicht imstande?« Ich erwog die Frage eine Weile. »Vielleicht«, antwortete ich endlich. »Vielleicht könnte ichdas. Aber nur, wenn jemand dabei wäre, der mir von dem klarenLicht sprechen würde. Man könnte es nicht allein. Das istvermutlich der Sinn des tibetanischen Rituals – dass jemand dieganze Zeit bei einem ist und einem sagt, worauf es ankommt.« Nachdem ich mir dann später die Aufnahme dieses Teils desExperiments angehört hatte, holte ich mir das ›Tibetanische
  • 47. Totenbuch‹ von Evans-Wentz aus dem Regal und öffnete es aufsGeratewohl. »O Edelgeborener, lass deinen Geist nicht abgelenkt werden!«Das war das Problem: sich nicht ablenken zu lassen.Unabgelenkt durch die Erinnerung an begangene Sünden,vorgestellte Genüsse, den bitteren Nachgeschmack altenerlittenen Unrechts und alter Demütigungen, durch all dieFurcht- und Hassgefühle und Begierden, die für gewöhnlich dasLicht verdunkeln. Was jene buddhistischen Mönche für dieSterbenden und die Toten tun, könnte das der modernePsychiater nicht für die Geistesgestörten tun? Es muss nur eineStimme da sein, die ihnen bei Tag und sogar während desSchlafs versichert, dass trotz all der Schrecken, all derBestürzung und Verwirrung die letzte Wirklichkeitunerschütterlich bleibt und von derselben Substanz ist wie dasInnere Licht des Gemüts, sei es auch noch so grausamgemartert. Mit Hilfe von Apparaten wie Plattenspielern,automatisch gesteuerten Schaltmechanismen, Lautsprechern undKopfhörern sollte es sehr leicht sein, auch die Insassen einerAnstalt, die wenig Personal hat, unaufhörlich an diesegrundlegende Tatsache zu gemahnen. Vielleicht würde einigendieser verlorenen Seelen auf diese Weise dazu verholfen, eingewisses Maß an Herrschaft über jene Welt – eine zugleichschöne und entsetzliche, aber immer von der menschlichenverschiedene, völlig unbegreifliche Welt – zu gewinnen, inwelcher zu leben sie sich verurteilt sehen. Keineswegs zu früh wurde ich von der beunruhigenden Prachtund Herrlichkeit meines Liegestuhls abgelenkt. In grünenParabeln von der Hecke herabhängend, strahlte das Efeulaub einjadeartig glasiges Leuchten aus. Einen Augenblick späterexplodierte ein Beet vollerblühter Hyazinthenaloen innerhalbmeines Gesichtsfeldes. Die Blumen waren bis zu einem solchenGrad lebendig, dass sie ganz nahe daran zu sein schienen, sichzu äußern, während sie in das Blau des Himmels emporstrebten.
  • 48. Wie der Liegestuhl unter den Latten der Pergola beteuerten auchsie zu viel. Ich blickte auf die Blätter und entdeckte einwellenförmiges kompliziertes Muster aus den zartesten grüne nLichtern und Schatten, das pulsierte, als enthülle es einGeheimnis, das nicht enträtselt werden konnte. Rosen: Die Blüten sind leicht zu malen, die Blätter schwierig. Das haiku des Shiki drückt indirekt genau das aus, was ichempfand – die übermäßige, die allzu offenbare Herrlichkeit derBlüten, die im Gegensatz zu dem subtileren Wunder desBlattwerks stand. Wir gingen auf die Straße hinaus. Ein großes hellblaues Autostand am Randstein. Bei seinem Anblick wurde ich plötzlichvon ungeheurer Heiterkeit überwältigt. Was für eineSelbstgefälligkeit, was für eine absurde Selbstzufriedenheitlächelte breit aus diesen gewölbten Flächen! Ich lachte, bis mir die Tränen über die Wangen liefen. Wir gingen ins Haus zurück. Eine Mahlzeit stand bereit.Jemand, der n och nicht mit mir identisch war, stürzte sich miteinem Wolfshunger darauf. Aus beträchtlicher Entfernung undohne großes Interesse sah ich zu. Als die Mahlzeit beendet war, stiegen wir in das Auto undfuhren spazieren. Die Wirkung des Meskalins begann schonnachzulassen, aber die Blumen in den Gärten standen nochimmer auf der Schwelle zum Übernatürlichen. Die Pfeffer- undJohannisbrotbäume längs der Seitenstraßen gehörtenoffenkundig noch immer zu einem heiligen Hain. Der GartenEden wechselte mit Dodona ab, Yggdrasil mit der mystischenRose. Und dann, ganz plötzlich, waren wir an einer
  • 49. Straßenkreuzung und warteten, um den Sunset Boulevard zuüberqueren. Vor uns rollten die Autos in einem stetigen Strom vorbei –Tausende, alle gleißend und glänzend wie der Traum einesReklamefachmanns, und das nächste immer lächerlicher als dasvorige. Abermals wurde ich von Lachen geschüttelt. Das Rote Meer des Verkehrs teilte sich endlich, und wirfuhren hinüber in eine andere Oase von Bäumen, Rasenflächenund Rosen. Nach ein paar Minuten waren wir zu einem Aussichtspunkt inden Bergen hinaufgelangt, und die Stadt lag ausgebreitet zuunseren Füßen. Ziemlich enttäuschend war es, dass sie ganz wie die Stadtaussah, die ich bei anderen Gelegenheiten gesehen hatte. Wasmich betraf, war die Verklärung proportional zur Entfernung. Jenäher die Dinge waren, desto göttlicher waren sie verwandelt.Dieses riesige, matte Panorama unterschied sich kaum von sichselbst. Wir fuhren weiter, und solange wir in den Bergen blieben, woeine Fernsicht auf die andere folgte, blieb die Bedeutsamkeit aufihrer Alltagsstufe, ein gutes Stück unter dem Übergang zurVerklärung. Der Zauber begann erst wieder zu wirken, als wiruns hinab wandten in eine neue Vorstadt und zwischen zweiHäuserzeilen dahinfuhren. Hier kam es trotz der besonderenScheußlichkeit der Architektur zu neuerlichen Fällentranszendenten Andersseins, zu Andeutungen des Himmels vomVormittag. Ziegelschornsteine und imitierte grüne Kupferdächerglühten im Sonnenschein wie Teile aus dem Neuen Jerusalem. Und auf einmal sah ich, was Guardi gesehen und so oft (mitwelch unvergleichlicher Meisterschaft!) auf seinen Bildernwiedergegeben hatte – eine Stuckmauer mit einem schräg auf siefallenden Schatten, eine kahle, aber unvergesslich schöneMauer, leer, aber durch und durch von der ganzen
  • 50. Bedeutsamkeit, dem ganzen Geheimnis des Daseins erfüllt. DieOffenbarung bereitete sich vor und war im Bruchteil einerSekunde schon wieder vorbei. Das Auto war weitergefahren; dieZeit enthüllte eine neue Manifestation des ewigen So-Seins.»Innerhalb des Identischen ist Verschiedenheit. Aber dassVerschiedenheit von Identität verschieden sein soll, istkeineswegs die Absicht aller jener Buddhas. Ihre Absicht istbeides: Ganzheit und Unterschiedlichkeit.« Diese Böschung mit roten und weißen Geranien zum Beispiel– sie war völlig verschieden von der Mauer hundert Schrittehinter uns. Aber der Istzustand von beiden war derselbe. DasEwige in ihrer Vergänglichkeit war dasselbe. Eine Stunde später, als wir weitere fünfzehn Kilometer undden Besuch des »Größten Drugstore der Welt« glücklich hinteruns hatten, waren wir wieder daheim, und ich war in diesenberuhigenden, aber tief unbefriedigenden Zustandzurückgekehrt, der als »recht bei Sinnen sein« bekannt ist. Dass die Menschheit als Ganzes je imstande sein wird, ohnekünstliche Paradiese auszukommen, ist sehr unwahrscheinlich.Die meisten Menschen führen ein schlimmstenfalls sobeschwerliches, bestenfalls so eintöniges, armseliges undbeschränktes Leben, dass der Drang, ihm zu entfliehen, dieSehnsucht – wenn auch nur für ein paar Augenblicke –, aus undüber sich selbst hinauszugelangen, eine der vornehmlichenBegierden der Seele ist und immer gewesen ist. Kunst undReligion, Karnevale und Saturnalien, tanzen und Rednernzuhören – das alles hat, um H. G. Wells’ Ausdruck zugebrauchen, als »Türen in der Mauer« gedient. Und für den privaten, für den alltäglichen Gebrauchhat es immer chemische Rauschmittel gegeben. Alle diepflanzlichen Sedativa, Narkotika, alle die Euphorika, die aufBäumen wachsen, die Halluzinogene, die in Beeren reifen oderaus Wurzeln gepresst werden können – sie alle ohne Ausnahmesind seit undenklichen Zeiten den Menschen bekannt und
  • 51. systematisch von ihnen verwendet worden. Und diesennatürlichen Methoden, das Bewusstsein zu verändern, hat diemoderne Wissenschaft ihre Quote von synthetischen Mittelnhinzugefügt – Chloral, zum Beispiel, und Benzedrin, dieBromverbindung und die Barbiturate. Die meisten dieser Bewusstseinsmodifikatoren können jetztnur auf ärztliche Verordnung hin genommen werden oder abergesetzwidrig und mit beträchtlicher Gefahr. Für denuneingeschränkten Gebrauch hat der Westen nur Alkohol undTabak erlaubt. Alle anderen chemischen Türen in der Mauertragen das Schild »Rauschgift«, und wer sie unerlaubt benützt,wird als »Süchtiger« gebrandmarkt. Wir geben heutzutage eine ganze Menge mehr für Trinkenund Rauchen aus als für Unterricht und Erziehung. Das istnatürlich nicht überraschend. Der Drang zur Flucht aus seinemSelbst und seiner Umwelt ist in fast jedem Menschen fastjederzeit vorhanden. Der Drang, etwas für die Jugend zu tun, istnur bei Eltern stark, und auch bei ihnen nur während derwenigen Jahre, in denen ihre Kinder zur Schule gehen. Ebensowenig überraschend ist die vorherrschende Einstellung zumTrinken und Rauchen. Ungeachtet des immer mehranwachsenden Heers hoffnungsloser Alkoholiker, ungeachtetder Hunderttausende, die alljährlich von betrunkenenAutofahrern zu Krüppeln gemacht oder getötet werden, reißenKomiker noch immer Witze über den Alkohol und diejenigen,die ihm verfallen sind. Und ungeachtet des Beweismaterials, dasZigaretten mit Lungenkrebs in Zusammenhang bringt, betrachtetfast jeder Mensch das Tabakrauchen als kaum weniger normalund natürlich als das Essen. Vom Standpunkt desrationalistischen Utilitariers aus gesehen, mag sich dieswunderlich ausnehmen. Für den Historiker ist es genau das, was man erwarten würde. Eine feste Überzeugung von der materiellen Wirklichkeit derHölle hat die Christen des Mittelalters nie davon abgehalten, zu
  • 52. tun, was ihnen ihr Ehrgeiz, ihre Lüsternheit oder ihreBegehrlichkeit einflüsterte. Lungenkrebs, Verkehrsunfälle und die Millionen elender undElend verursachender Alkoholiker sind sogar noch realer, als esdas Infe rno zu Dantes Zeiten war. Aber alle derartigenTatsachen sind etwas Fernes und Ungreifbares, verglichen mitdem hier und jetzt empfundenen Lechzen nach unmittelbarerBefreiung oder Beruhigung, nach einem guten Glas oder einerguten Zigarre. Unser Zeitalter ist unter anderem das Zeitalter desKraftwagens und raketenartig ansteigender Bevölkerungszahlen.Alkohol ist unvereinbar mit Sicherheit auf den Straßen, undseine Erzeugung ebenso wie der Tabakanbau bedeuten für vieleMillionen Hektar des fruchtbarsten Bodens soviel wieUnfruchtbarkeit. Die durch Alkohol und Tabak hervorgerufenenProbleme lassen sich, das versteht sich von selbst, nicht durchVerbote lösen. Der allgemeine und immer vorhandene Drangzur Selbstüberschreitung lässt sich nicht durch das Zuschlagender gegenwärtig beliebtesten Türen in der Mauer beseitigen. Daseinzig vernünftige Vorgehen wäre, andere, bessere Türen zuöffnen und zu hoffen, dass die Menschen dadurch zu bewegensein werden, ihre alten, schlechten Gewohnheiten gegen neueund weniger schädliche zu tauschen. Einige dieser anderen,besseren Türen werden sozialer und technischer Art sein, anderereligiöser oder psychologischer, wieder andere diätetischer,erzieherischer, sportlicher Art. Aber das Bedürfnis nachhäufigen chemischen Ferien, vom eigenen unerträglichen Selbstund von der abstoßenden Umgebung, wird zweifellos auch dannbestehen bleiben. Was benötigt wird, ist eine neue Droge, dieunserer leidenden Spezies Erleichterung und Trost brächte, ohneauf die Dauer mehr zu schaden, als auf kurze Zeit gut zu tun.Eine solche Droge muss schon in kleinsten Dosierungen kräftigwirken und synthetisch herstellbar sein. Wenn sie dieseEigenschaften nicht besitzt, wird ihre Erzeugung ebenso wie die
  • 53. von Wein, Bier, Spirituosen und Rauchwaren den Anbauunentbehrlicher Nahrungsmittel und Faserstoffe behindern. Eine solche Droge muss weniger toxisch sein als Opium undKokain, weniger geeignet, unerwünschte Folgen im sozialenBereich hervorzurufen, als Alkohol oder die Barbiturate,weniger schädlich für Herz und Lunge als die Teere und dasNikotin von Zigaretten. Und auf der positiven Seite muss sieinteressantere und an sich wertvollere Veränderungen desBewusstseins hervorrufen als bloße Beruhigung oder verträumteVerschwommenheit, Einbildung von Allmacht oder Befreiungvon Hemmungen. Für die meisten Menschen ist Meskalin fast völligunschädlich. Im Gegensatz zu Alkohol treibt es nicht zu der Artvon hemmungsloser Betätigung, die zu Raufereien, Verbrechen,Gewalttaten und Verkehrsunfällen führt. Ein Mensch, der unterdem Einfluss von Meskalin steht, kümmert sich ruhig um seineeigenen Angelegenheiten. Überdies ist die Angelegenheit, umdie er sich am meisten kümmert, ein Erlebnis dererleuchtendsten Art, das nicht (und das ist sicherlich wichtig)mit einem kompensatorischen Katzenjammer bezahlt zu werdenbraucht. Von den mit regelmäßigem Meskalingenussverbundenen Folgen auf lange Sicht wissen wir sehr wenig.Indianer, die Peyoteprieme kauen, scheinen durch dieseGewohnheit weder physisch noch moralisch zu verkommen. Dievorhandenen Beobachtungsergebnisse sind jedoch noch immerspärlich und skizzenhaft. 6 6 In seiner in den Transactions of the American Philosophical Society(Dezember 1952) veröffentlichten Monographie »Menomini Peyotism«schreibt Professor J. S. Slotkin:»Der gewohnheitsmäßige Genuss von Peyote scheint keine sich steigerndeGewöhnung und keine süchtige Abhängigkeit hervorzurufen. Ich kenne viele,die seit vierzig bis fünfzig Jahren Peyotisten sind. Die Menge von Peyote, diesie zu sich nehmen, hängt von der Feierlichkeit des Anlasses ab, imallgemeinen nehmen sie heute nicht mehr Peyote als vor Jahren. Auch liegt
  • 54. Meskalin ist zweifellos dem Kokain, dem Opium, demAlkohol und dem Tabak überlegen, aber noch nicht das idealePräparat. Neben der eine beglückende Verklärung erlebendenMehrzahl der Meskalinanhänger gibt es eine Minderzahl, die imGenuss von Meskalin nur die Hölle oder das Fegefeuer findet.Überdies hält für ein Rauschmittel, das wie Alkohol demallgemeinen Genuss dienen soll, seine Wirkung eine unbequemlange Zeit an. Aber Chemie und Physiologie vermögenheutzutage so gut wie alles. Man kann sich darauf verlassen,dass, sobald die Psychologen und Soziologen die idealenEigenschaften eines solchen Präparats genau definieren, dieNeurologen und Pharmakologen entdecken werden, wie diesesIdeal verwirklicht werden kann, oder wie man ihm zumindest(denn vielleicht lässt sich diese Art von Ideal schon der Naturder Sache wegen nie voll verwirklichen) näher kommen kann,als es in der weintrinkenden Vergangenheit und derwhiskytrinkenden, marihuanarauchenden undbarbiturateschluckenden Gegenwart möglich war.manchmal eine Pause von einem Monat oder mehr zwischen den Ritualen,und während dieses Zeitraums enthalten sie sich des Peyote, ohne eine Suchtdanach zu verspüren Ich persönlich habe nicht einmal nach einer Reihe vonRitualen, die an vier aufeinander folgenden Wochenenden stattfanden, dieDosis vergrößert und auch kein fortdauerndes Bedürfnis nach Peyoteempfunden.« Offenbar nicht ohne gute Gründe wurde »Peyote niemalsgesetzlich zum Narkotikum erklärt oder sein Genuss von der amerikanischenBundesregierung verboten.« Dennoch »versuchten während der langenGeschichte des Kontakts zwischen Indianern und Weißen die weißenBeamten gewöhnlich, den Genuss von Peyote zu unterdrücken, weil sie sicheinbildeten, dass er ihr eigenes Sittlichkeitsgefühl verletzte. Aber dieseVersuche schlugen stets fehl.« In einer Fußnote fügt Dr. Slotkin hinzu: »Esist erstaunlich, was für phantastische Geschichten über die Wirkungen desPeyote und die Art des Rituals von den weißen und den katholisch-indianischen Beamten der Menomini-Reservation verbreitet werden. Keinervon ihnen hat die geringste unmittelbare Erfahrung mit der Pflanze oder mitdieser Religion gehabt, und doch bilden sich einige von ihnen ein,Autoritäten auf diesem Gebiet zu sein, und schreiben amtliche Berichtedarüber.«
  • 55. Der Drang, die Grenzen ichbewusster Selbstheit zuüberschreiten, ist, wie ich sagte, ein Hauptverlangen der Seele.Wenn es aus irgendeinem Grund Menschen nicht gelingt, durchAndacht, gute Werke und geistliche Übungen über sich selbsthinauszugelangen, sind sie bereit und geneigt, auf diechemischen Surrogate für Religion zu verfallen – Alkohol undMorphium und »Schnee« im heutigen Westen, Alkohol undOpium im Osten, Haschisch in der mohammedanischen Welt,Alkohol und Marihuana in Mittelamerika, Alkohol und Coca inden Anden, Alkohol und die Barbiturate in den mehr mit derZeit gehenden Gebieten Südamerikas. In Poisons Sacrés,Ivresses Divines hat Philippe de Felice ausführlich und reichbelegt über den seit undenklichen Zeiten bestehendenZusammenhang zwischen Religion und den Genuss vonRauschmitteln geschrieben. Hier, teils zusammengefasst, teilswörtlich zitiert, seine Schlussfolgerungen: Die Verwendungtoxischer Substanzen für religiöse Zwecke ist »außerordentlichweit verbreitet... Die in diesem Buch behandelten Bräuchelassen sich in allen Teilen der Welt beobachten, bei denPrimitiven ebenso wie bei hochzivilisierten Völkern. Wir befassen uns hier also nicht mit außerordentlichenTatsachen, die man berechtigterweise unbeachtet lassen könnte,sondern mit einem allgemeinen und im weitesten Sinn desWortes menschlichen Phänomen, der Art von Phänomen, dieniemand unbeachtet lassen kann, der zu entdecken versucht, wasReligion ist und welches die tief empfundenen Bedürfnisse sind,die sie befriedigen muss.« Das Ideal wäre, dass jeder Mensch mit Hilfe von reiner oderangewandter Religion zur Selbsttranszendenz gelangen könnte.Es ist sehr unwahrscheinlich, dass dieses Ziel in der Praxis je zuverwirklichen sein wird. Es gibt getreue Angehörige einer jedenKirche und wird sie immer geben, denen Frömmigkeit leidernicht genügt. G. K. Chesterton, der ebenso lyrisch über dasTrinken wie über das Beten zu schreiben wusste, kann als ihr
  • 56. beredsamer Sprecher dienen. Die heutigen Kirchen, mit Ausnahme einiger protestantischerSekten, dulden den Alkohol; aber auch die tolerantesten habenkeinen Versuch unternommen, dieses Rauschmittel in dasChristentum zu integrieren oder seinen Genuss zu einemSakrament zu machen. Der fromme Trinker ist gezwungen,seine Religion und seinen Religionsersatz getrennt zupraktizieren. Und vielleicht ist das unvermeidlich. Das Trinkenvon Alkohol kann nicht zu einem Sakrament gemacht werden,außer in Religionen, die keinen Wert auf äußere Formen legen. Die Verehrung des Dionysos oder des keltischen Biergotteswar eine lärmende und zügellose Angelegenheit. Die Riten desChristentums sind nicht einmal mit religiös motivierterBetrunkenheit vereinbar. Das fügt den Spirituosenfabrikantenkeinen Schaden zu, ist jedoch dem Christentum äußerstabträglich. Zahllose Menschen sehnen sich nach Selbsttranszendenz undwären froh, mit Hilfe der Kirche zu ihr zu gelangen. Aber – »diehungrigen Schafe blicken auf und erhalten kein Futter«. Sienehmen teil an Ritualen, sie lauschen Predigten, sie sprechenGebete nach; doch ihr Durst bleibt ungestillt. Enttäuscht wendensie sich der Flasche zu. Wenigstens für einige Zeit und auf einegewisse Weise hilft sie. Es wird noch immer in die Kirchegegangen; aber sie bedeutet jetzt nicht mehr als diemusikalischen Banken in Samuel Butlers Erewhon7 . Gott wirdvielleicht noch immer anerkannt, aber er ist nur noch auf dersprachlichen Ebene Gott, nur in einem streng pickwickischenSinn. Der wirkliche Gegenstand der Anbetung ist die Flasche,und das einzige religiöse Erlebnis ist dieser Zustandungehemmter und rauflustiger Euphorie, der auf dieEinverleibung des dritten Cocktails oder Schnapses folgt. Es zeigt sich also, dass Christentum und Alkohol nicht7 Samuel Butler, Erewhon, Zürich, 1961 (Anm. d. Übers.)
  • 57. miteinander in Einklang gebracht werden können. Christentumund Meskalin scheinen sich viel besser miteinander zuvertragen. Das beweisen viele Indianerstämme, von Texas bishinauf in den Norden von Wisconsin. Unter diesen Stämmen finden sich Gruppen, die der NativeAmerican Church angeschlossen sind, einer Sekte, derenHauptritus eine Art frühchristlicher Agape oder Liebesmahl ist,wobei Peyotescheiben an die Stelle des im Sakrament üblichenBrotes und des Weines treten. Diese Angehörigen der »AmerikanischenEingeborenenkirche« halten den Kaktus für Gottes besonderesGeschenk an die Indianer und setzen seine Wirkungen demWirken des göttlichen Geistes gleich. Professor J. S. Slotkin – einer der wenigen Weißen, die je denRiten einer Peyotistengemeinde beiwohnten – sagt von denTeilnehmern an einem solchen Gottesdienst, dass sie »gewissnicht benommen oder betrunken sind ... Sie geraten nie aus demRhythmus oder sprechen verworren, wie ein Benommener oderBetrunkener das täte ... Sie verhalten sich alle ruhig und gesittetund sind rücksichtsvoll zueinander. Ich war nie an einer Andachtsstätte der Weißen, wo so vielreligiöses Gefühl Tugendhaftigkeit, das den durchschnittlichensonntäglichen Kirchgänger während anderthalb Stunden derLangeweile aufrechthält; auch nicht jene erhabenen, durchGedanken an den Schöpfer, den Erlöser, den Richter und Trösterinspirierten Gefühle, von denen die gläubig Frommen beseeltwerden. Für die Native Americans ist religiöses Erleben etwasviel Unmittelbareres und Erleuchtenderes, mehr etwasSpontanes und weniger das hausgemachte Erzeugnis desoberflächlichen, sich seiner selbst bewussten Geistes. Manchmalhaben sie (den von Prof. Slotkin gesammelten Berichten nach)Visionen, und diese können Visionen von Christus selbst sein;manchmal werden sie sich der Gegenwart Gottes und ihrereigenen persönlichen Fehler bewusst, die berichtigt werden
  • 58. müssen, wenn sie Gottes Willen tun sollen. Die praktischenFolgen, die ein solches chemisches Öffnen von Türen in die»andere Welt« hat, scheinen ausschließlich gut zu sein. Prof.Slotkin berichtet, dass gewohnheitsmäßige Peyotisten im großenganzen arbeitsamer, mäßiger (manche von ihnen enthalten sichdes Alkohols völlig) und friedfertiger sind als Nichtpeyotisten.Ein Baum, der so wohltuende Früchte trägt, kann nicht so ohneweiteres als von Übel verurteilt werden. Indem die Indianer der Native American Church den Genussdes Peyote zu einem Sakrament machten, taten sie etwas, daszugleich psychologisch wohlbegründet und historischgerechtfertigt ist. In den ersten Jahrhunderten des Christentumswurden viele heidnische Riten und Feste sozusagen getauft undden Zwecken der Kirche dienstbar gemacht. Diese Lustbarkeiten waren nicht besonders erbaulich, aber siestillten einen bestimmten seelischen Hunger, und statt sie zuunterdrücken, waren die frühen Missionare verständig genug, sieals das zu nehmen, was sie waren: ein für die Seele wohltuenderAusdruck fundamentaler Triebe, und sie in die neue Religion zuintegrieren. Was die Native Americans getan haben, ist imwesentlichen ähnlich. Sie bedienten sich eines heidnischenBrauchs (ein Brauch übrigens, der viel erhebender underleuchtender war als die aus dem europäischen Heidentumübernommenen ziemlich rohen Gelage und Mummenschänze)und gaben ihm eine christliche Bedeutung. Obgleich erst in jüngster Zeit in den nördlichen Teil derVereinigten Staaten eingeführt, sind der Genuss von Peyote unddie darauf gegründete Religion zu wichtigen Symbolen für dasRecht der Rothäute auf spirituale Unabhängigkeit geworden.Manche Indianer reagierten auf die Vorherrschaft der Weißendamit, dass sie sich amerikanisierten, andere, indem sie sich intraditionelles Brauchtum der Indianer zurückzogen. Einige aber haben versucht, sich das Beste aus beiden, ja ausallen Welten zu nehmen und es zu vereinen – das Beste aus der
  • 59. Überlieferung der Indianer, das Beste aus dem Christentum unddas Beste aus jenen Welten transzendentalen Erlebens, wo dieSeele sich als frei von Bedingungen und als von gleichemWesen wie das Göttliche erkennt. Daher die Native AmericanChurch. In ihr wurden zwei mächtige Verlangen der Seele – derDrang nach Unabhängigkeit und Selbstbestimmung und derDrang nach Selbstüberschreitung – mit einem drittenverschmolzen und in dessen Licht neu gesehen – mit dem Drangnach Anbetung, nach Rechtfertigung der Wege Gottes vor denMenschen, nach Erklärung des Weltalls mittels einerzusammenhängenden Theorie. Sieh den armen Indianer, dessen unbelehrter Geist Ihn wohlvorn bekleidet, aber hinten nackend lässt zumeist. Tatsächlich jedoch sind wir es, die reichen undhochgebildeten Weißen, die hinten nackt geblieben sind. Wirbedecken unsere vordere Blöße mit irgendeiner Philosophie –einer christlichen oder marxistischen oder freudianisch-physikalistischen –, aber achtern bleiben wir unbedeckt undganz den Launen der Witterung ausgesetzt. Der arme Indianerhingegen hatte genug Verstand, sich dort zu schützen, indem erdas Feigenblatt der Theologie durch den Lendenschurztranszendentalen Erlebens ergänzte. Ich bin nicht so töricht, das,was unter dem Einfluss von Meskalin oder irgendeines anderenbereits existierenden oder in Zukunft herstellbaren Präparatsgeschieht, der Verwirklichung des Ziels und Endzwecksmenschlichen Lebens gleichzusetzen: der Erleuchtung und derVision der Glückseligkeit. Ich sage nicht mehr, als dass dasMeskalinerlebnis etwas ist, das katholische Theologen »eineunverdiente Gnade« nennen: es ist für das Seelenheil nichterforderlich, aber potentiell hilfreich, und wenn es einemzugänglich gemacht wird, sollte man es dankbar annehmen. Ausdem Geleise gewöhnlicher Wahrnehmung geworfen zu werden,während einiger zeitloser Stunden die äußere und die innereWelt nicht so zu sehen zu bekommen, wie sie einem vom Trieb
  • 60. zum Überleben besessenen Tier oder einem von Worten undBegriffen besessenen Menschen erscheinen, sondern wie sie,unmittelbar und unbedingt, vom totalen Geist aufgefasst werdenkönnen – das ist ein Erlebnis von unschätzbarem Wert für denMenschen und besonders für den Intellektuellen. Denn derIntellektuelle ist der Definition nach der Mensch, für den, wieGoethe schrieb, das Wort »eigentlich fruchtbringend« ist. Er istder Mensch, der fühlt, dass, »was wir durchs Auge auffassen, anund für sich fremd und keineswegs so tiefwirkend vor unssteht«. Und doch blieb Goethe, obgleich selber einIntellektueller und einer der größten Meister der Sprache, nichtimmer bei dieser seiner eigenen Einschätzung des Wortes. »Wir sprechen«, sagte er um die Mitte seines Lebens,»überhaupt viel zu viel. Wir sollten weniger sprechen und mehrzeichnen. Ich meinerseits möchte mir das Reden ganzabgewöhnen und mich wie die organische Natur in lauterZeichnungen ausdrücken. Jener Feigenbaum, diese kleineSchlange, der Kokon, der dort vor dem Fenster liegt und seineZukunft ruhig erwartet, alles das sind inhaltsschwere Zeichen;ja, wer nur ihre Bedeutung recht zu entziffern vermöchte, derwürde alles Geschriebene und alles Gesprochene bald zuentbehren imstande sein! Je mehr ich darüber nachdenke, es ist etwas so Unnützes, soMüßiges, ich möchte fast sagen Geckenhaftes im Reden, dassman vor dem stillen Ernste der Natur und ihrem Schweigenerschrickt, sobald man sich ihr vor einer einsamen Felsenwandoder in der Einöde eines alten Berges gesammeltentgegenstellt!« Wir können nie ohne Sprache und die anderenSymbolsysteme auskommen, denn gerade mit ihrer Hilfe, undnur mit ihrer Hilfe, haben wir uns über die Tiere auf die Stufemenschlicher Wesen erhoben. Aber wir können leicht ebensodie Opfer wie die Nutznießer dieser Systeme werden. Wirmüssen lernen, Worte wirksam zu gebrauchen; dabei abermüssen wir unsere Fähigkeit bewahren und womöglich
  • 61. verstärken, die Welt unmittelbar und nicht durch das nur halbdurchsichtige Medium von Begriffen anzuschauen, das jedegegebene Tatsache zu einer nur allzu vertrauten Ähnlichkeit mitirgendeinem klassifizierenden Etikett oder einer erklärendenAbstraktion verzerrt. Unsere ganze Bildung, sei sie geistes- odernaturwissenschaftlich, allgemein oder spezialisiert, basiertvorwiegend auf Sprache und verfehlt daher den Zweck, den sieerreichen soll. Statt Kinder in voll entwickelte Erwachsene zuverwandeln, erzeugt sie Studierende der Naturwissenschaften,die sich nicht bewusst sind, dass die Natur die Grundlage allerErfahrung ist, sie lässt Studenten der humanistischen Fächer aufdie Welt los, die nichts von Humanität, vom Menschsein wissen,weder von ihrem eigenen noch vom Menschsein irgendeineranderen Person. Gestaltpsychologen wie Samuel Renshaw haben Methodenausgearbeitet, um die Skala menschlicher Wahrnehmung zuerweitern und ihre Schärfe zu steigern. Aber wenden unsereErzieher sie an? Die Antwort ist: nein. Lehrer auf jedem Gebiet psycho-physischer Geschicklichkeit,vom Sehen bis zum Tennisspielen, vom Seiltanzen bis zumBeten, haben durch Versuch und Irrtum und neuen Versuch dieBedingungen für ein optimales Funktionieren innerhalb ihresbesonderen Gebiets entdeckt. Aber hat irgendeine der großen Stiftungen ein Projekt für dieKoordinierung dieser empirisch gefundenen Ergebnissefinanziert, um zu einer allgemeinen Theorie und Praxis zugelangen und die Möglichkeiten schöpferischen Tuns zuerweitern? Abermals ist, soviel ich weiß, die Antwort ein Nein. Alle möglichen Kultanhänger und sonderbaren Käuze lehrenalle möglichen Verfahren zur Erlangung von Gesundheit,Zufriedenheit und Seelenfrieden; und bei vielen ihrer Schülersind viele dieser Methoden beweisbar wirksam. Aber sehen wir
  • 62. etwa, dass angesehene Psychologen, Philosophen und Geistlichemutig in jene sonderbaren und manchmal übel riechendenBrunnen hinabsteigen, auf deren Grund die arme Wahrheit sooft verbannt wurde? Abermals nein. Und nun betrachte man die Geschichte derMeskalinforschung! Vor siebzig Jahren beschrieben Männer von hervorragenderFähigkeit die transzendenten Erlebnisse, die denjenigen zuteilwerden, die bei guter Gesundheit, unter den geeignetenBedingungen und mit der richtigen inneren Haltung diese Drogenehmen. Wie viele Philosophen, wie viele Theologen, wie vieleberufsmäßige Erzieher haben den Wissensdrang besessen, dieseTür in der Mauer zu öffnen? Die Antwort, was diese praktischenBelange angeht, lautet: kein einziger. In einer Welt, in der Erziehung und Unterricht vorwiegenddurch Sprache erfolgen, finden es hochgebildete Menschen fastganz unmöglich, irgend etwas anderem als Worten undBegriffen ernste Aufmerksamkeit zu widmen. Es ist stets Geldvorhanden, es werden stets Doktorarbeiten vergeben, um derwissenschaftlichen Dummheit freien Lauf zu lassen und das zuerforschen, was für Gelehrte das allerwichtigste Problem ist:Wer beeinflusste wen in der Weise, dass er irgendetwas zuirgendeinem Zeitpunkt gesagt hat? Sogar in unserem Zeitalterder Technik genießen die auf Sprache basierendenhumanistischen Fächer hohe Anerkennung. Die Gefühle desMenschen, die sich nicht so leicht in Worten ausdrücken lassen,die Fähigkeit, die Gegebenheiten unserer Existenz unmittelbarwahrzunehmen, bleiben fast völlig unbeachtet. Ein Katalog, eine Bibliographie, eine endgültige Ausgabe deripsissima verba eines drittrangigen Verseschmieds, einkolossaler Index, der dazu dient, alle Indexe überflüssig zumachen – jedes echt alexandrinische Projekt findet gewisseZustimmung und geldliche Unterstützung.
  • 63. Wenn es sich aber darum handelt, zu erforschen, wie du undich und unsere Kinder und Enkel vielleicht ein schärferesWahrnehmungsvermögen bekommen, sich der inneren undäußeren Wirklichkeit stärker bewusst, dem göttlichen Geistgegenüber aufgeschlossener werden könnten, weniger bereit,uns durch psychische Missbräuche physisch krank zu machen,dafür aber fähiger, unser autonomes Nervensystem zubeherrschen – wenn es um irgendeine Form von nichtverbalerAusbildung geht, eine grundlegendere (und wahrscheinlichpraktisch irgendwie nützlichere) als Freiübungen, dann tut keinwirklich angesehener Mensch an einer angesehenen Universitätoder Kirche auch nur das geringste dafür. Den Verbalisten sinddie Nichtverbalisten verdächtig; Rationalisten fürchten diegegebene, nicht-rationale Tatsache; Intellektuelle haben dasGefühl, dass, »was wir durchs Auge auffassen (oder aufirgendeine andere Weise), an und für sich fremd und keineswegsso tiefwirkend vor uns steht«. Überdies passt diese Idee einerAusbildung in nichtverbalen humanistischen Disziplinen inkeines der eingerichteten und etikettierten Fächer. Es handeltsich da nicht um Religion, Nervenheilkunde, Gymnastik, Ethikoder Sozialkunde, nicht einmal um experimentelle Psychologie.Daher ist der Gegenstand für akademische und kirchlicheZwecke einfach nicht vorhanden und darf ruhig völligunbeachtet bleiben oder mit einem gönnerhaften Lächeln denenüberlassen werden, die von den Pharisäern einer verbalistischenRechtgläubigkeit Verschrobene, Quacksalber, Scharlatane,Leute mit fixen Ideen und unbefugte Laien genannt werden. »Ich habe immer gefunden«, so schrieb Blake fast erbittert,»dass Engel die Eitelkeit besitzen, von sich selbst als deneinzigen Weisen zu sprechen. Das tun sie mit derzuversichtlichen Unverschämtheit, die systematischem,vernunftgemäßem Denken entspringt.« Ohne systematisches vernunftgemäßes Denken könnten wirals Spezies oder Individuen unmöglich auskommen. Aber wenn
  • 64. wir geistig gesund bleiben wollen, können wir auch unmöglichohne unmittelbare Wahrnehmung – je unsystematischer, destobesser – der inneren und der äußeren Welt, in die wir geborenwurden, auskommen. Diese gegebene Wirklichkeit ist einUnendliches, das sich allem Verständnis entzieht und sich dochauf unmittelbare Weise gewissermaßen in seiner Gesamtheiterfassen lässt. Sie ist etwas Transzendentes, das nicht dermenschlichen Ordnung angehört. Und doch kann sie unsgegenwärtig sein als eine empfundene Immanenz, ein erlebtesTeilhaben. Erleuchtet zu sein heißt, der gesamten Wirklichkeitals eines immanenten Andersseins gewahr zu sein – ihrergewahr zu sein und doch in dem Zustand zu verbleiben, wo mansich als Lebewesen am Leben erhalten muss, als Mensch denktund fühlt und, sofern es erforderlich ist, mit Vernunftsystematisch handelt. Unser Ziel ist es, zu entdecken, dass wirschon immer dort waren, wo wir sein sollen. Leider machen wiruns diese Aufgabe äußerst schwer. Auf dem Weg dorthin jedochwerden uns unverdiente Gnaden in Gestalt partieller undflüchtiger Wahrnehmungen zuteil. In einem Bildungs- undErziehungssystem, das realitätsnäher und den Worten wenigerverhaftet ist als das unsere, hätte jeder Engel (im Blake’schenSinn dieses Wortes) eine Sonntagserlaubnis, ja er würde sogargedrängt und wenn nötig gezwungen werden, durch einechemische Tür in der Mauer hin und wieder einen Ausflug in dieWelt transzendentalen Erlebens zu unternehmen. Wenn sie ihnmit Entsetzen erfüllen würde, wäre das bedauerlich, aberwahrscheinlich doch auch heilsam; und brächte sie ihm einekurze, aber ewig anhaltende Erleuchtung – nun, desto besser. Injedem der beiden Fälle würde der Engel vielleicht ein wenig vonseiner zuversichtlichen Unverschämtheit verlieren, welchesystematisch angewandter Vernunft und dem Bewusstseinentspringt, die Weisheit mit Löffeln gegessen zu haben. Gegen Ende seine s Lebens überließ sich Thomas von Aquineiner künstlich herbeigeführten Kontemplation. Danach
  • 65. weigerte er sich, an seinem unvollendeten Buchweiterzuarbeiten. Verglichen mit dieser Erfahrung war alles,was er gelesen oder worüber er disputiert, alles, was ergeschrieben hatte – Aristoteles und die Sentenzen, dieQuaestiones, die Propositionen und die majestätischen Summae– nicht mehr wert als Spreu oder Stroh. Für die meistenIntellektuellen wäre eine solche Verweigerung des Sitzens undArbeitens nicht ratsam, ja sogar moralisch nicht vertretbar. DerDoctor Angelicus aber hatte mehr systematischesvernunftgemäßes Denken vollbracht als ein Dutzendgewöhnlicher Engel und war schon reif für den Tod. Er hattesich für diese letzten Monate seines Lebens das Recht verdient,sich vom lediglich symbolischen Stroh ab- und dem Brotunmittelbarer und substantieller Tatsachen zuzuwenden. FürEngel von niederem Rang und mit größeren Aussichten aufLanglebigkeit muss es eine Rückkehr zum Stroh geben. Aberwer durch die Tür in der Mauer zurückkommt, wird nie wiederganz derselbe Mensch sein, der durch sie hinausging. Er wird weiser sein, aber weniger selbstsicher, glücklicher,aber weniger selbstzufrieden, demütiger im Eingeständnis seinerUnwissenheit und doch besser ausgerüstet, die Beziehungzwischen Worten und Dingen, zwischen systematischemvernunftgemäßem Denken und dem unergründlichen Geheimniszu verstehen, das er mit eben jener Vernunft ewig vergeblich zubegreifen versucht.
  • 66. HIMMEL UND HÖLLE
  • 67. Vorwort Dieses kleine Buch ist eine Fortsetzung der »Pforten derWahrnehmung«. Für jemanden, bei dem das »Licht der Vision«niemals spontan aufleuchtet, ist die Erfahrung mit Meskalindoppelt erhellend. Sie beleuchtet bislang unbekannte Regionenseines eigenen Denkens und Fühlens und zugleich indirekt dasDenken anderer, denen es eher gegeben ist, Visionen zuerblicken, als ihm selbst. Wenn er seine eigene Erfahrung inBetracht zieht, gelangt er zu einem neuen und besserenVerständnis der Art und Weise, in der diese anderen Geisteretwas wahrnehmen, in der sie fühlen und denken, zu einembesseren Verständnis der kosmologischen Vorstellungen, diejenen als selbstverständlich erscheinen, und der Kunstwerke,mittels deren sie sich kraft eines inneren Impulses ausdrücken.Im folgenden habe ich versucht, die Ergebnisse dieses neuenVerständnisses festzuhalten. Aldous Huxley
  • 68. In der Geschichte der Naturwissenschaften ging derNaturaliensammler dem Zoologen voraus und folgte auf dieVertreter der Naturreligion und der Magie. Er hatte aufge hört,Tiere im Geist der Verfasser von Bestiarien zu studieren, für diedie Ameise der verkörperte Fleiß, der Panther,überraschenderweise, ein Emblem Christi, die Wildkatze einskandalöses Beispiel hemmungsloser Laszivität war. Aber er war lediglich ansatzweise Physiologe, Ökologe oderVerhaltensforscher. Es war sein oberstes Bestreben, eine Bestandsaufnahme zumachen und viele Tierarten zu fangen, zu töten, auszustopfenund zu beschreiben. Wie auf der Erde vor hundert Jahren, so gibt es in unsererPsyche noch immer das dunkelste Afrika, das noch nichtkartographierte Borneo und das Amazonasbecken. Hinsichtlichder Fauna dieser Gebiete sind wir noch keine Zoologen, wir sindlediglich Naturforscher und Naturaliensammler. Das ist einebedauerliche Tatsache, aber wir müssen sie hinnehmen, wirmüssen das Bestmögliche aus ihr machen. So wenig qualifiziertdie Arbeit des Sammlers auch sein mag, sie muss getan werden,bevor wir zu den höheren wissenschaftlichen Aufgaben desKlassifizierens, Analysierens, Experimentierens undTheoretisierens fortschreiten können. Gleich der Giraffe und dem Schnabeltier sind die Wesen, diedie entlegenen Zonen der Psyche bewohnen, äußerstunvorstellbar. Dennoch gibt es sie, sie sind wahrnehmbareRealitäten, und als solche können sie von niemandemunbeachtet gelassen werden, der ehrlich versucht, die Welt, inder wir leben, zu verstehen. Es ist schwierig, es ist fast unmöglich, von psychischenVorgängen anders als in Gleichnissen zu sprechen, welche dervertrauteren Welt materieller Gegenstände entnommen sind.Wenn ich von geographischen und zoologischen Metaphern
  • 69. Gebrauch gemacht habe, dann nicht mutwillig, aus bloßemHang zu einer pittoresken Ausdrucksweise, sondern weil solcheMetaphern sehr zwingend das grundlegende Andersseinentlegener psychischer Kontinente, die völlige Selbstherrlichkeitund Selbstgenügsamkeit ihrer Bewohner beschreiben. EinMensch besteht aus dem, was ich die Alte Welt persönlichenBewusstseins nennen möchte, und, jenseits eines trennendenOzeans, aus einer Reihe von Neuen Welten – den nicht gar sofernen Virginias und Carolinas des persönlichen Unbewusstenund der vegetativen Seele; dem Fernen Westen des kollektivenUnbewussten mit seiner Flora von Symbolen, seinen Stämmeneingeborener Archetypen; jenseits eines zweiten, gewaltigerenWeltmeers, des Alltagsbewusstseins, sind die Gegensätzeangesiedelt, liegt die Welt visionären Erlebens. Geht man nach Neu-Süd-Wales, sieht man Beuteltiere in derLandschaft umherhüpfen. Und geht man zu den Antipoden derbewussten Psyche, stößt man auf allerlei Arten von mindestensebenso wunderlichen Geschöpfen wie Kängurus zum Beispiel.Man erfindet jene Geschöpfe ebenso wenig, wie man dieseBeuteltiere erfindet. Sie leben ihr eigenes Leben in völligerUnabhängigkeit. Der Mensch kann sie nicht beherrschen. Erkann nicht mehr tun, als sich in das psychische ÄquivalentAustraliens zu begeben und sich dort umzusehen. Manche Menschen entdecken nie bewusst ihre Antipoden.Anderen gelingt eine gelegentliche Landung. Noch anderen(aber das sind wenige) fällt es nicht schwer, dort ein- undauszugehen. Für den Naturforscher der Seele, den Sammlerpsychologischer Muster, besteht die erste Notwendigkeit darin,eine sichere, leichte und verlässliche Methode zu finden, sichund andere aus der Alten in die Neue Welt zu versetzen, sichvom Kontinent mit den vertrauten Kühen und Pferden auf denKontinent mit den Kängurus und den Schnabeltieren zubegeben. Es gibt zwei Methoden dafür. Keine von ihnen ist
  • 70. vollkommen, aber beide sind hinreichend verlässlich, leicht undgefahrlos, um ihre Anwendung seitens derjenigen zurechtfertigen, die wissen, was sie tun.Bei der ersten gelangt die Seele mittels einer chemischenSubstanz an ihr fernes Reiseziel – durch Meskalin oder durchLysergsäure. Bei der zweiten ist das Beförderungsmittelpsychologischer Art, und die Überfahrt zu den Antipoden derPsyche vollzieht sich mittels Hypnose. Die zwei Vehikel tragendas Bewusstsein in dasselbe Gebiet; aber das chemische bringtseine Fahrgäste tiefer ins Innere der terra incognita.8 Wie und warum ruft Hypnose die bei ihr beobachtetenWirkungen hervor? Wir wissen es nicht. Für unseregegenwärtigen Zwecke brauchen wir es auch nicht zu wissen.Wir wollen in diesem Zusammenhang nur festhalten, dass einigeHypnotisierte im Trancezustand in eine Region der psychischenAntipoden versetzt werden, wo sie die Äquivalente vonBeuteltieren vorfinden – seltsame psychische Geschöpfe, dieentsprechend dem Gesetz ihres eigenen Wesens einselbständiges Dasein führen. Über die physiologischen Wirkungen des Meskalins wissenwir wenig. Wahrscheinlich (darüber besteht keine Sicherheit) greift es indas die Gehirntätigkeit regelnde Enzymsystem ein. Dabei setztes die Wirksamkeit des Gehirns herab, das uns dabei hilft,unseren Geist auf die Probleme des Lebens auf der Oberflächeunseres Planeten zu konzentrieren. Diese Verringerung der so genannten biologischenLeistungsfähigkeit des Gehirns scheint den Eintritt gewisserKategorien von seelischen Vorgängen in unser Bewusstsein zugestatten, welche normalerweise ausgeschlossen bleiben, weilsie keinen Wert für unser Überleben besitzen. Zu einemähnlichen Eindringen biologisch wertlosen, aber ästhetisch und8 Siehe Anhang I.
  • 71. manchmal auch spirituell wertvollen Materials kann es als Folgevon Krankheit oder Ermüdung kommen; es lässt sich auch durchFasten oder zeitweiliges Eingeschlossensein in dunklen Räumenund völlige Stille herbeiführen. 9 Ein unter der Wirkung von Meskalin oder Lysergsäurestehender Mensch hat keine Visionen mehr, wenn ihm einegroße Dosis Nikotinsäure verabreicht wird. So lässt sich auchdie Wirksamkeit des Fastens als eines Mittels, das visionäresErleben herbeiführt, erklären. Indem das Fasten die Mengeverfügbaren Zuckers verringert, setzt es die biologischeLeistungsfähigkeit des Gehirns herab und ermöglicht so dasEindringen von Material, das keinen Wert für unser Überlebenbesitzt, ins Bewusstsein. Überdies entfernt es, indem es einenVitaminmangel verursacht, die bekanntlich die visionäreErlebnisfähigkeit hemmende Nikotinsäure aus dem Blut. Einanderer Hemmschuh für das visionäre Erleben ist die alltäglicheWahrnehmungsfähigkeit. Experimentalpsychologen habenherausgefunden, dass ein Mensch, wenn man ihn in einereizarme Umgebung versetzt, wo es kein Licht, keine Geräuscheund keine Gerüche gibt, oder wenn man ihn in ein lauwarmesBad setzt, wo er nur mit einem einzigen, kaum wahrnehmbarenDing in Berührung kommen kann, sehr bald beginnt, »allerlei zusehen«, »allerlei zu hören« und ungewohnte körperlicheSensationen zu haben. Milarepa in seiner Höhle im Himalaja und die Säulenheiligender Thebaï’s bedienten sich eines sehr ähnlichen Verfahrens underzielten im wesentlichen die gleichen Ergebnisse. UnzähligeBilder der Versuchung des heiligen Antonius bezeugen dieWirksamkeit einer kargen Diät und einer eingeschränktenUmwelt. Es ist offenkundig, dass Askese aus zweiBeweggründen geübt wird. Menschen peinigen ihren Körpernicht nur in der Hoffnung, auf diese Weise vergangene Sünden9 Siehe Anhang II.
  • 72. zu sühnen und künftiger Bestrafung zu entgehen, sondern auch,weil sie sich danach sehnen, die Antipoden der Psycheaufzusuchen und dort einigen visionären Besonderheiten zubegegnen. Aus Erfahrung und aus Berichten anderer Asketenwissen sie, dass Fasten und eine reduzierte Wahrnehmung derUmwelt eine Entrückung in eine Welt bewirken werden, nachder sie sich sehnen. Ihre Selbstbestrafung ist vielleicht die Pfortezum Paradies. (Sie mag auch – und dies soll später noch erörtertwerden – ein Tor zu den Regionen der Hölle sein.) Aus demBlickpunkt eines Bewohners der Alten W betrachtet, sind eltBeuteltiere äußerst verwunderliche Wesen. Aber Wunderlichkeitist nicht dasselbe wie Zufälligkeit. Das Auftreten von Kängurusund Schnabeltieren mag sehr unwahrscheinlich sein, aber dieseUnwahrscheinlichkeit wiederholt sich und gehorcht erkennbarenGesetzen. Dasselbe gilt für die Geschöpfe, die in den entlegenerenGebieten unserer Psyche wohnen. Die unter dem Einfluss vonMeskalin oder tiefer Hypnose sich einstellenden Erlebnisse sindsicherlich seltsam, aber das Seltsame an ihnen unterliegt einerbestimmten Gesetzmäßigkeit – ist abhängig von einerbestimmten Schablone. Was ist diesen Zügen gemeinsam, die diese Schabloneunseren visionären Erlebnissen aufprägt? An erster undwichtigster Stelle steht da das Erlebnis des Lichts. Alles, wasvon denjenigen gesehen wird, die die Antipoden der Psycheaufsuchen, ist aufs hellste erleuchtet und scheint von innen herzu erstrahlen. Alle Farben sind weitaus kräftiger, als wenn mansie im Normalzustand sieht, und gleichzeitig ist die Fähigkeit,Tonhöhen zu unterscheiden, merklich gesteigert. In dieser Hinsicht besteht ein auffallender Unterschiedzwischen solchen visionären Erlebnissen und gewöhnlichenTräumen. Die meisten Träume sind farblos, nur teilweise farbigoder schwach in den Farben. Andererseits sind die unter dem Einfluss von Meskalin oder
  • 73. Hypnose sich einstellenden Visionen immer von intensiver, mankönnte sagen, übernatürlich leuchtender Färbung. Wie ProfessorCalvin Hall, der Aufzeichnungen über viele tausend Träumegesammelt hat, uns wissen lässt, sind etwa zwei Drittel allerTräume schwarzweiß. »Nur ein Traum von dreien ist farbig oder hat ein wenigFarbe.« Einige wenige Menschen träumen ganz in Farben;andere sehen niemals Farben in ihren Träumen; die Mehrzahlträumt manchmal in Farben, öfter aber in Schwarzweiß. »Wir sind zu der Schlussfolgerung gekommen«, schreibtProfessor Hall, »dass Farbe in Träumen nichts über diePersönlichkeit des Träumenden aussagt.« Ich unterstütze dieseSchlussfolgerung. Farben in Träumen und Visionen sagen unsebenso wenig über die Persönlichkeit dessen, der sie sieht, wieFarben in der Welt des wachen Menschen. Ein Garten im Juli wird als leuchtend bunt wahrgenommen.Diese Wahrnehmung sagt uns etwas über Sonnenschein,Blumen und Schmetterlinge, aber wenig oder nichts über unsselbst. Ebenso sagt uns die Tatsache, dass wir leuchtende Farbenin unseren Visionen und in einigen unserer Träume sehen, etwasüber die Fauna bei den Antipoden der Psyche, aber ganz und garnichts über die Persönlichkeit, die in dem, was ich die Alte Weltder Psyche genannt habe, zuhause ist. Die meisten Träume drehen sich um die geheimen Wünscheund instinktiven Triebe des Träumenden und die Konflikte, dieentstehen, wenn diesen Wünschen und Trieben durch einmissbilligendes Gewissen oder die Furcht vor der öffentlichenMeinung die Erfüllung versagt wird. Die Geschichte dieserTriebe und Konflikte wird in dramatischen Symbolen erzählt,und in den meisten Träumen sind die Symbole farblos. Warumist das so? Ich nehme an, weil Symbole, um wirksam zu sein,keiner Färbung bedürfen. Die Buchstaben, mit denen wir überRosen schreiben, brauchen nicht rot zu sein, und wir könneneinen Regenbogen mit Schriftzügen in schwarzer Tinte auf
  • 74. weißem Papier beschreiben. Lehrbücher sind mit Strichätzungenund Autotypien bebildert; und diese schwarz-weißenAbbildungen und schematischen Zeichnungen erfüllen durchausihren Zweck. Was gut genug ist für das wache Bewusstsein, ist offenbar gutgenug für das persönliche Unbewusste, welches in der Lage ist,seinen Bedeutungsgehalt durch ungefärbte Symboleauszudrücken. Farbe stellt sich als eine Art Prüfstein derWirklichkeit heraus. Was gegeben ist, ist farbig; was unserIntellekt und unsere Phantasie an Symbolen zusammenfügen, istungefärbt. So wird die Außenwelt als farbig wahrgenommen,Träume dagegen, welche nicht gegeben sind, sondern vompersönlichen Unbewussten hervorgebracht werden, sindgewöhnlich schwarzweiß. (Es ist bemerkenswert, dass erfahrungsgemäß bei den meistenMenschen die Träume von Landschaften am lebhaftesten gefärbtsind, in denen nichts Dramatisches vorkommt, keinesymbolischen Anspielungen auf Konflikte gemacht werden,sondern dem Bewusstsein lediglich Tatsachen vor Augengeführt werden.) Die Bilder der archetypischen Welt stellenSymbole dar, aber da wir sie nicht als Individuen erschaffen,sondern sie »dort draußen« im kollektiven Unbewussten finden,weisen sie zumindest einige der charakteristischenEigenschaften gegebener Wirklichkeit auf und sind farbig. Die nichtsymbolischen Bewohner der psychischen Antipodenhaben sich selbst geschaffen und sind wie die gegebenenTatsachen der Außenwelt farbig. Ja, sie sind viel lebhaftergefärbt als äußere Gegebenheiten. Das lässt sich zumindest teilweise damit erklären, dass unsereWahrnehmungen der Außenwelt gewöhnlich von verbalenBegriffen umnebelt sind, in denen wir unser Denken vollziehen.Wir versuchen immerfort, Materielles zu finden, um es inZeichen für erfundene, verständlichere Abstraktionen zuverwandeln. Dabei aber berauben wir dieses Gegenständliche
  • 75. zum großen Teil seines ursprünglichen Charakters. Bei den Antipoden der Psyche haben wir uns fast ganz derSprache entledigt und befinden uns außerhalb begrifflichenDenkens. Daher besitzt unsere Wahrnehmung visionärerObjekte die ganze Frische, die ganze nackte Intensität vonErlebnissen, die niemals in Worte gekleidet, niemals durchleblose Abstraktionen überdeckt worden sind. Ihre Färbung (dieihr den Stempel der Gegebenheit aufdrückt) erstrahlt in einerLebhaftigkeit, die uns als übernatürlich erscheint, weil sietatsächlich völlig natürlich ist – völlig natürlich in dem Sinn,dass sie weder durch die Sprache intellektualisiert ist noch durchirgendwelche wissenschaftliche, philosophische oderutilitaristische Begriffe, durch die wir im allgemeinen diebestehende Welt in unserem eigenen, trübselig menschlichenEbenbild wiedererschaffen. In seinem Buch The Candle of Vision hat der irische DichterA. E. (George Russell) seine visionären Erlebnisse mitbemerkenswerter Schärfe analysiert. »Wenn ich meditiere«,schreibt er, »spüre ich in den Gedanken und Bildern, die aufmich eindringen, Spiegelungen von Persönlichem; aber es gibtauch Fenster in der Seele, die es ermöglichen, Bilder zuerblicken, die nicht vom menschlichen, sondern vom göttlichenGeist geschaffen wurden.« Unsere sprachlichen Gewohnheiten führen uns in die Irre.Zum Beispiel sind wir geneigt zu sagen: »Ich bilde mir ein«,wenn wir sagen sollten: »Der Vorhang wurde gehoben, auf dassich sähe.« Ob spontan oder herbeigeführt, Visionen sind nieunser persönliches Eigentum. Erinnerungen des gewöhnlichen Selbst haben in ihnen keinenPlatz. Das Gesehene ist völlig unvertraut. Es besteht keineÄhnlichkeit und auch kein Zusammenhang mit irgendwelchen,wie Sir William Herschel es ausdrückt, »jüngst gesehenen oder
  • 76. auch nur gedachten Objekten «. Wenn Gesichter auftauchen,sind es nie die Gesichter von Freunden oder Bekannten. Wirbefinden uns außerhalb der Alten Welt und erforschen dieAntipoden. Den meisten von uns erscheint die alltägliche Welt mit ihrenErfahrungen meist als recht matt und trüb. Aber für einigeMenschen dringt oft und für viele gelegentlich die Helligkeitvisionären Erlebens sozusagen ins gewöhnliche Sehen ein, unddie Alltagswelt wird für sie verklärt. Obgleich sie noch immererkennbar ist, nimmt die Alte Welt da das Wesen der Antipodender Psyche an. Hier folge eine durchaus charakteristischeBeschreibung dieser Verklärung der alltäglichen Welt. »Ich saß am Meeresufer und hörte nur halb einem Freund zu,der mir heftig etwas zu beweisen suchte, was mich bloßlangweilte. Ohne mir dessen bewusst zu sein, blickte ich aufeine dünne Schicht müßig aufgegriffenen Sands auf meinerHand, als ich plötzlich die erlesene Schönheit jedes einzelnenKörnchens sah; ich sah, dass jedes Teilchen sich vom anderenunterschied und nach einem vollkommenen geometrischenMuster gebildet war, mit scharfen Ecken, von denen jede einenleuchtenden Lichtstrahl zurückwarf, während jedes einzelnewinzige Kristall wie ein Regenbogen leuchtete ... Die Strahlenkreuzten einander und bildeten erlesene Muster von solcherSchönheit, dass sie mir den Atem raubte ... Dann wurdeplötzlich mein Bewusstsein von innen her erleuchtet, und ichsah auf eine lebhafte Weise, wie das ganze Weltall aus Teilchenvon Materie bestand, welche, wie matt und leblos sie auch zusein schienen, von dieser intensiven und vitalen Schönheiterfüllt waren. Ein paar Sekunden lang erschien die ganze Weltals ein einziges Flammen von Herrlichkeit. Als das erlosch,hinterließ es etwas in mir, das ich nie vergessen habe, das michbeständig an die Schönheit gemahnt, die in jedem kleinstenStäubchen von Materie um uns her eingeschlossen ist.« Ähnlich schreibt George Russell davon, die Welt von »einem
  • 77. unerträglichen Lichtglanz« erleuchtet gesehen zu haben;plötzlich »Landschaften, so lieblich wie ein verlorenesParadies« erblickt, eine Welt wahrgenommen zu haben, wo »dieFarben leuchtender und reiner waren und doch eine sanftereHarmonie bildeten«. Und weiter: »Die Lüfte funkelten undwaren klar wie ein Dia mant und doch reich an Farben wie einOpal, als sie durch das Tal glitzerten, und ich wusste, dasGoldene Zeitalter war rings um mich, und wir waren blind dafürgewesen, war es doch nie aus der Welt entschwunden.« Viele ähnliche Beschreibungen finden sich bei den Dichternund in der Literatur religiöser Mystik. Man denkt da zumBeispiel an Wordsworth’ Ode on the Imitations of Immortalityin Early Childhood; an bestimmte Gedichte von George Herbertund Henry Vaughan, an Trahernes Centuries of Meditations, andie Stelle in seiner Autobiographie, wo Pater Surin diewunderbare Verwandlung eines ummauerten Klostergartens inein Stückchen Himmel schildert. Übernatürliches Licht und übernatürliche Farben sind allenvisionären Erlebnissen gemein. Und Hand in Hand mit Lichtund Farbe geht in jedem Fall das Erkennen eines größerenBedeutungsgehalts. Die aus sich selbst heraus leuchtenden Objekte, die wir beiden Antipoden der Psyche erblicken, besitzen eine Bedeutung,und diese Bedeutung ist auf eine bestimmte Weise ebensointensiv wie ihre Farbe. Bedeutungsgehalt ist hier identisch mit Sein, denn bei denAntipoden der Psyche stehen Objekte für nichts anderes als fürsich selbst. Die Bilder, die in den näher gelegenen Bereichen deskollektiven Unbewussten erscheinen, sind bedeutungsvoll inBezug auf die Grundtatsachen menschlicher Erfahrung; hieraber, an den Grenzen der visionären Welt, stehen wir Tatsachengegenüber, die ebenso wie die Gegebenheiten der Natur vomeinzelnen Menschen wie von der Menschheit als Ganzemunabhängig sind und nach eigenem Recht existieren. Und ihre
  • 78. Bedeutung besteht genau darin, dass sie ganz und gar sie selbstund somit Manifestationen des wesentlichen Gegebenseins, desnichtmenschlichen Andersseins des Universums sind. Licht, Farbe und Bedeutsamkeit existieren nicht für sichallein. Sie verändern Objekte oder werden von diesenmanifestiert. Gibt es Kategorien von Objekten, die den meistenvisionären Erlebnissen gemein sind? Ja, es gibt sie. Unter demEinfluss von Meskalin und in der Hypnose ebenso wie inspontanen Visionen tauchen bestimmte Kategorien vonWahrnehmungen immer wieder auf. Das typische Erlebnis beim Genuss von Meskalin oderLysergsäure beginnt mit Wahrnehmungen farbiger, sichbewegender, gleichsam lebendiger geometrischer Figuren. Mitder Zeit wird reine Geometrie konkret, und der Visionär gewahrtkeine Muster mehr, sondern gemusterte Dinge, wie etwaTeppiche, Schnitzereien, Mosaiken. An deren Stelle treten danninmitten von Landschaften ungeheure und komplizierte,unaufhörlich sich verändernde Gebäude; ihre Üppigkeit färbtsich immer intensiver, ihre Großartigkeit nimmt ständig zu.Heroische Gestalten der Art, die Blake »die Seraphim« nannte,können allein oder in ganzen Scharen auftauchen. Fabelwesenbewegen sich über die Szene. Alles ist neuartig und erstaunlich.Fast nie sieht derjenige, der die Vision empfängt, irgend etwas,das ihn an seine Vergangenheit gemahnt. Er erinnert sich nichtan Szenen, Personen oder Dinge, und er erfindet sie auch nicht,er betrachtet eine neue Schöpfung. Das Rohmaterial für diese Schöpfung wird von der visuellenErfahrung des gewöhnlichen Lebens geliefert, aber dasVerwandeln dieses Materials in Formen wird von einem anderendurchgeführt, der ganz gewiss nicht das Selbst ist, dasursprünglich diese Erlebnisse hatte oder das sich später ihrererinnerte und über sie nachdachte. Es ist (wie Dr. J. R. Smythiesin einer im American Journal of Psychiatry erschienenenAbhandlung schrieb) »das Werk eines hochdifferenzierten Teils
  • 79. der Psyche, es besteht keine ersichtliche gefühlte oder gewollteVerbindung mit den Zielen, Zwecken oder Gemütsbewegungender betreffenden Person.« Hier folge, teils zitiert, teils zusammengefasst, Weir MitchellsBericht über die visionäre Welt, in die er durch Peyote versetztwurde, die Kakteenart, die die natürliche Quelle des Meskalinsist. Bei seinem Eintritt in diese Welt sah er einen Schwarm von»Sternpunkten « und etwas, das aussah wie »Bruchstücke vonbuntem Glas«. Dann kamen »zarte, schwebende, dünne Scheiben vonFarbe«. Diese wurden verdrängt von einem »jäh auftauchendenSchwall zahlloser weißer Lichtpunkte«, die durch seinGesichtsfeld sausten. Das nächste waren Zickzacklinien sehrheller Farben, die sich irgendwie in schwellende Wolken vonnoch leuchtenderen Tönungen verwandelten. Nun tauchten Gebäude auf und dann Landschaften, unteranderem auch ein reich verzierter gotischer Turm mitverwitterten Statuen in den Türwölbungen und aufSteinkonsolen. »Während ich hinsah, bedeckten oder behängtensich jeder vorspringende Winkel und jeder Sims, ja sogar dieFlächen der Steine, wo sie aneinanderstießen, allmählich mitBüscheln, die wie riesige Edelsteine aussahen, aberungeschliffen waren und eher wie eine Fülle durchsichtigerFrüchte wirkten ... Alle schienen sie ein inneres Licht zu besitzen.« Der gotischeTurm wich einem Berg, einem Felsgipfel von unvorstellbarerHöhe, einer riesigen, aus Stein gehauenen und über denAbgrund ragenden Vogelklaue, wo sich ohne Ende farbigeBehänge entfalteten und immer mehr Edelsteine sich bildeten.Zuletzt formten sich grüne und violette Wellen, die sich aneinem Ufer »mit Myriaden von Lichtern in denselben Farbtönenbrachen«.
  • 80. Jede Erfahrung mit Meskalin, jede in der Hypnoseentstehende Vision ist einzigartig, aber alle gehörenunverkennbar derselben Kategorie an. Die Landschaften, diearchitektonischen Gebilde, die zu Trauben zusammengedrängtenEdelsteine, die leuchtenden, verschlungenen Muster – sie sind inihrer Atmosphäre übernatürlicher Bedeutsamkeit der Stoff, ausdem die Antipoden der Psyche gemacht sind. Warum das so ist,das wissen wir nicht. Es ist eine nackte Erfahrungstatsache, diewir, ob es uns passt oder nicht, hinnehmen müssen – genausowie wir die Tatsache hinnehmen müssen, dass es Kängurus gibt. Von diesen Tatsachen visionären Erlebens wollen wir uns nunden in allen kulturellen Traditionen bewahrten Berichten überJenseitswelten zuwenden, über Welten, die von den Götternbewohnt werden, von den Geistern der Toten, von Menschen inihrem unschuldigen Urzustand. Wenn wir solche Berichte lesen, fällt uns sogleich die großeÄhnlichkeit zwischen herbeigeführten und spontanen visionärenErlebnissen und den Himmeln und Märchenländern der Folkloreund der Religion auf. Übernatürliches Licht, übernatürlich starkeFarben, übernatürliche Bedeutsamkeit – sie sind charakteristischfür alle Jenseitswelten und Goldenen Zeitalter. Und fast immerleuchtet dieses Licht mit seiner übernatürlichen Bedeutung oderstrahlt aus Landschaften von einer Schönheit, die alles übertrifft,dass Worte sie nicht auszudrücken vermögen. So finden wir in der griechisch-römischen Überlieferung denlieblichen Garten der Hesperiden, die Elysäischen Felder unddie schöne Insel Leuke, auf die Achilles entführt wurde.Memnon gelangte auf eine andere leuchtende Insel irgendwo imOsten. Odysseus und Penelope reisten in der entgegengesetztenRichtung und erfreuten sich ihrer Unsterblichkeit bei Circe inItalien. Noch weiter westlich lagen die zuerst von Hesioderwähnten Inseln der Seligen, an die so fest geglaubt wurde,dass noch im 1. Jahrhundert n. Chr. Sertorius beabsichtigte, vonSpanien ein Geschwader zu ihrer Entdeckung auszusenden.
  • 81. Zauberhaft schöne Inseln tauchen im Volksglauben der Keltenwieder auf und auf der Rückseite der Erde bei den Japanern.Und zwischen Avalun im äußersten Westen und Horaisan imFernen Osten liegt das Land Uttarakuru, das Jenseits der Hindu.»Dieses Land«, so lesen wir im Ramayana, »wird bewässert vonSeen mit goldenen Lotusblumen. Es gibt da Flüsse zu Tausenden, die mit Blättern von derFarbe des Saphirs und des Lapislazuli bedeckt sind, und auf denSeen, die wie die Morgensonne strahlen, schwimmen goldeneBeete roter Lotusblumen. Das Land ringsumher ist mit Juwelen und Edelsteinen bedecktund mit Beeten von blauem Lotus mit goldenen Blütenblättern. Statt Sand bilden Perlen, Edelsteine und Gold die Ufer derFlüsse, über die sich Bäume von feurig glänzendem Goldneigen. Diese Bäume tragen immerwährend Blüten und Früchte,verströmen einen süßen Duft und beherbergen unzähligeVögel.« Uttarakuru, so sehen wir, ähnelt den Landschaften, die dasMeskalinerlebnis hervorbrachte, darin, dass es reich anEdelsteinen ist. Und diese Eigenschaft ist so gut wie allenJenseitswelten religiöser Überlieferung gemein. Jedes Paradiesist überreich an Edelsteinen oder zumindest an Gegenständen,die Edelsteinen gleichen, und, wie Weir Mitchell es ausdrückt,»durchsichtigen Früchten« ähneln. Hier zum Beispiel EzechielsSchilderung des Gartens Eden: »Du bist im Lustgarten Gottesund mit allerlei Edelsteinen geschmückt, mit Sarder, Topas,Demant, Türkis, Onyx, Jaspis, Saphir, Amethyst, Smaragd undGold ... Du bist wie ein Cherub, der sich weit ausbreitet unddecket... auf den heiligen Berg Gottes gesetzt, dass du unter denfeurigen Steinen wandelst.« Die buddhistischen Paradiese sindmit ähnlichen »feurigen Steinen « geziert. So ist das westlicheParadies der Sekte des Reinen Landes von Mauern aus Silber,Gold und Beryll umgeben und hat Seen mit edelsteinbesetztenUfern und einer Fülle leuchtender Lotusblumen, in denen die
  • 82. Bodhisattwas thronen. Bei der Beschreibung ihrer Jenseitswelten sprechen die Keltenund Germanen sehr wenig von Edelsteinen, wissen aber sehrviel von einer anderen und für sie ebenso wundervollenSubstanz – nämlich Glas – zu berichten. Die Waliser hatten einseliges Land, genannt Ynisvitrin, die Glasinsel; und einer derNamen des germanischen Totenreichs war Glasberg. Dabeikommt einem auch das Meer von Glas in der OffenbarungJohannis in den Sinn. Die meisten Paradiese sind mit Gebäuden geziert, und wie dieBäume, die Gewässer, die Berge und Wiesen leuchten dieseGebäude von Edelsteinen. Wir sind alle vertraut mit dem NeuenJerusalem. »Und der Bau ihrer Mauer war von Jaspis und die Stadt vonlauterm Golde gleich dem feinen Glase. Und die Gründe derMauer um die Stadt waren geschmückt mit allerlei Edelsteinen.« Ähnliche Beschreibungen finden sich in der eschatologischenLiteratur des Hinduismus, des Buddhismus und des Islam. DerHimmel ist stets ein Ort, der überreich ist an Edelsteinen.Warum wohl? Diejenigen, die an jede menschliche Tätigkeit nurin Begriffen eines sozialen und wirtschaftlichenBeziehungssystems herangehen, werden etwa antworten: Edelsteine sind auf Erden sehr selten. Nur wenige Menschenbesitzen sie. Um sich dafür zu entschädigen, haben dieWortführer der von Armut bedrückten Mehrheit ihre Himmelmit Edelsteinen angefüllt. Diese Hypothese einer Vertröstung auf den Himmel enthältzweifellos etwas Wahres, aber sie erklärt nicht, wie es dazukam, dass Edelsteine überhaupt als kostbar angesehen wurden. Die Menschen haben ungeheuer viel Zeit, Energie und Geldauf das Auffinden, Ausgraben und Schleifen farbiger Kieselverwendet. Warum? Der Utilitarier hat keine Erklärung für ein derartig
  • 83. ausgefallenes Verhalten. Sobald wir aber die Tatsachenvisionärer Erfahrung in Betracht ziehen, wird alles klar. InVisionen gewahren die Menschen eine Überfülle dessen, wasEzechiel »feurige Steine« nannte, was Weir Mitchell als»durchsichtige Früchte« beschrieb. Diese Dinge leuchten vonselbst, zeigen übernatürlichen Farbenglanz und besitzen eineübernatürliche Bedeutsamkeit. Die materiellen Objekte, diediesen visionären Lichtquellen am meisten ähneln, sind dieEdelsteine. Einen solchen Stein zu erwerben, heißt etwaserwerben, dessen Kostbarkeit durch die Tatsache gewährleistetist, dass es in der Jenseitswelt existiert. Nur so lässt sich die sonst unerklärliche Leidenschaft derMenschen für Edelsteine nachvollziehen, und daher schriebensie heilende und magische Kräfte den Edelsteinen zu. Diekausale Kette beginnt, davo n bin ich überzeugt, im psychischenJenseits visionären Erlebens, senkt sich zur Erde und steigt dannwiederum auf in das theologische Jenseits des Himmels. Indiesem Zusammenhang gewinnen die Worte des Sokrates imPhaidon eine neue Bedeutung. Es gibt, so sagt er uns da, eineideale Welt über und jenseits der stofflichen. »In jener anderenWelt sind die Farben viel reiner und leuchtender als hier unten... Sogar die Berge, sogar die Steine haben einen üppigerenGlanz, eine schönere Durchsichtigkeit und sattere Farbenkraft.Die Edelsteine dieser niederen Welt, unsere hoch geschätztenKarneole, Jaspisse und Smaragde und wie sie alle heißen, sindbloß winzige Bruchstücke jener Steine dort oben. In jeneranderen Welt gibt es keinen Stein, der nicht kostbar wäre und anSchönheit jeden unserer Edelsteine überträfe.« Mit anderen Worten, Edelsteine sind edel und kostbar, weilsie eine schwache Ähnlichkeit mit den leuchtenden Wundernhaben, die das innere Auge des Visionärs erblickt. »Der Anblickjener Welt«, sagt Pla to, »ist eine Vision seliger Beschauer«;denn Dinge zu sehen, »wie sie an sich sind«, ist ungemischteund unaussprechliche Seligkeit.
  • 84. Für Menschen, die nichts von Edelsteinen oder Glas wissen,ist der Himmel nicht mit Mineralien, sondern mit Blumenausgeschmückt. Übernatürlich leuchtende Blumen blühen in den meisten dervon primitiven Eschatologen beschriebenen Jenseitswelten, undsogar in den edelsteinbesetzten und gläsernen Paradiesen derfortgeschritteneren Religionen haben sie ihren Platz. Manerinnert sich da der Lotosblüte hinduistischer und buddhistischerÜberlieferung, der Rosen und Lilien des Westens. »Gott pflanzte zuerst einen Garten.« Das drückt eine tiefepsychologische Wahrheit aus. Der Gartenbau hat seinenUrsprung – oder jedenfalls einen seiner Ursprünge – in derJenseitswelt der Antipoden der Psyche. Wenn AndächtigeBlumen am Altar darbringen, geben sie den Göttern Dingezurück, von denen sie wissen oder (wenn sie nicht zu Visionenfähig sind) dunkel fühlen, dass sie im Himmel bodenständigsind. Und diese Rückkehr zum Ursprung ist nicht nur symbolisch,sie ist auch eine Sache unmittelbarer Erfahrung. Denn derVerkehr zwischen unserer Alten Welt und den Antipoden,zwischen dem Diesseits und dem Jenseits, wickelt sich auf einerStraße mit Gegenverkehr ab. Edelsteine zum Beispiel kommenaus dem visionären Himmel der Seele, aber sie führen die Seeleauch zurück in diesen Himmel. Bei ihrer Betrachtung fühlensich die Menschen (wie wir sagen) entrückt – hingezogen zujener Jenseitswelt der platonischen Dialoge, dem magischen Ort,wo jeder Kiesel ein Edelstein ist. Und dieselben Wirkungenkönnen durch Kunsterzeugnisse aus Glas oder Metallhervorgerufen werden, durch im Dunkel brennende Kerzen,durch hellbeleuchtete Bildnisse und Ornamente, durch Blumen,Muscheln und Federn, durch Landschaften, die so gesehenwerden, wie Shelley von den Euganeischen Bergen aus Venedigim verklärenden Licht der aufgehenden oder untergehendenSonne erblickte.
  • 85. Ja, wir können sogar eine Verallgemeinerung wagen undsagen, was immer in der Natur oder in einem Kunstwerk einerdieser höchst bedeutsamen, von innen glühenden Erscheinungengleicht, auf die man bei den Antipoden der Psyche stößt, seidazu angetan, das visionäre Erlebnis, sei es auch nur zum Teilund in abgeschwächter Form, herbeizuführen. Hier könnte ein Hypnotiseur uns daran erinnern, dass einPatient, der dazu bewogen werden kann, angespannt auf einenglänzenden Gegenstand zu blicken, leicht in Trance verfällt; unddass er, wenn er in Trance verfällt oder auch nur ins Träumengerät, sehr wohl in seinem Inneren Visionen und außen eineverklärte Welt sehen kann. Aber wie genau und warum führt der Anblick einesglänzenden Gegenstandes eine Trance oder einen träumerischenZustand herbei? Entstehen diese Phänomene, wie im 19. Jahrhundert behauptetwurde, einfach durch eine allgemeine nervliche Erschöpfung,die durch Überanstrengung der Augen hervorgerufen wird, odersollen wir das Phänomen in rein psychologischen Begriffenerklären – als eine bis zum Monoideismus getriebeneKonzentration, die zur Dissoziation führt? Aber es gibt noch ein dritte Möglichkeit: GlänzendeGegenstände können unserem Unterbewusstsein in Erinnerungbringen, wessen es sich bei den Antipoden der Psyche erfreute,und diese dunklen Andeutungen eines Lebens im Jenseits sindso fesselnd, dass wir dem Diesseits weniger Aufmerksamkeitzollen und somit fähig werden, bewusst etwas zu erleben, wasunbewusst stets in uns vorhanden ist. Wir sehen also, dass es in der Natur gewisse Vorgänge,gewisse Kategorien vo n Gegenständen, gewisse Stoffe gibt, dieden Geist des Beschauers in Richtung auf seine Antipoden hinzu entrücken vermögen, ihn aus dem Diesseits des Alltagsentfernen und auf das Jenseits der Vision hinführen können.
  • 86. Und ebenso finden wir auf dem Gebiet der Kunst bestimmteWerke, die regelrecht eine Einheit bilden und denen dieselbeentrückende Kraft innewohnt. Diese Werke, die eine Visionenauslösende Kraft besitzen, können aus Materialien wie etwaGlas, Metall, Edelsteinen oder Farbstoffen, die wie Edelsteinewirken, bestehen. In anderen Fällen beruht ihre Kraft darauf,dass sie auf eine besonders ausdrucksvolle Weise eineentrückende Szene oder einen verklärenden Gegenstandwiedergeben. Die besten Kunstwerke dieser Art werden von Menschengeschaffen, die selber das visionäre Erlebnis gehabt haben, aberes ist auch jedem halbwegs begabten Künstler schon durchbloßes Befolgen eines bewährten Rezepts möglich, Werke zuschaffen, von denen zumindest eine entrückende Kraft ausgeht. Natürlich üben der Goldschmied und der Juwelier unter denKünsten, die Visionen begünstigen, diejenigen aus, die nahezuvollständig von den dabei verwendeten Materialien abhängigsind. Geschliffene Metalle und Edelsteine wirken an und fürsich schon so, dass sogar ein Schmuckstück der Gründerzeit, jasogar ein Stück im Jugendstil etwas Machtvolles darstellt. Undwenn zu diesem natürlichen Zauber gleißenden Metalls und wievon innen heraus leuchtenden Steins noch der Zauber edlerFormen und kunstvoll zusammengestellter Farben hinzukommt,haben wir einen echten Talisman vor uns. Die religiöse Kunst hat immer und überall von diesen zuVisionen anregenden Materialien Gebrauch gemacht. Dergoldene Schrein, die Statue aus Gold und Elfenbein, dasjuwelenbesetzte Symbol oder Bildnis, die glitzernde Ausstattungdes Altars – alles dies finden wir im heutigen Europa wie imalten Ägypten, in Indien und China ebenso wie bei denGriechen, den Inkas und den Azteken. Den Erzeugnissen der Goldschmiedekunst ist eigen, dass siein großer Zahl existieren. Sie haben ihren Platz im Innersteneines jeden Mysteriums, in jedem Allerheiligsten. Dieser
  • 87. geheiligte Schmuck ist immer mit dem Licht von Lampen undKerzen in Verbindung gebracht worden. Für Ezechiel war einJuwel ein feuriger Stein. Umgekehrt ist eine Flamme einlebendiger Edelstein, sie ist mit der ganzen entrückenden Machtausgestattet, die dem Edelstein und, in geringerem Maß,poliertem Metall innewohnt. Diese entrückende Macht derFlamme nimmt im Verhältnis zu Tiefe und Ausmaß der sieumgebenden Dunkelheit zu. Die eindrucksvollen Tempel, dieman in großer Anzahl findet, sind Höhlen, in denen Zwielichtherrscht und wo einige Kerzen den entrückenden jenseitigenSchätzen auf dem Altar Leben verleihen. Glas ist kaum weniger geeignet, Visionen herbeizuführen, alsdie natürlichen Edelsteine. In mancher Hinsicht erzeugt es sogargrößere Wirkungen, und zwar weil es häufiger verwendetwurde. Glas hat es ermöglicht, dass ein ganzes Gebäude – dieSainte-Chapelle zum Beispiel, die Kathedralen von Chartres undSens – zu etwas Magischem und Entrückendem wurde. Glas istes zu verdanken, dass Paolo Uccello ein kreisrundes Juwel vonvier Metern Durchmesser entwerfen konnte – sein großesAuferstehungsfenster, vielleicht das außergewöhnlichsteKunstwerk, das zu Visionen anregt. Für die Menschen des Mittelalters war das visionäre Erlebnisoffenbar von höchstem Wert, ja tatsächlich so wertvoll, dass siebereit waren, dafür mit schwer verdientem Geld zu bezahlen. Im12. Jahrhundert wurden in den Kirchen Sammelbüchsen für dasEinsetzen und die Erhaltung bunter Glasfenster aufgestellt.Suger, der Abt von St. Denis, teilt uns mit, dass sie stets vollwaren. Man kann aber von Künstlern, denen Selbstachtung eigen ist,nicht erwarten, dass sie das fortführen, was ihre Väter schonunübertrefflich gut beherrscht haben. Im 14. Jahrhundert löst dieGrisaille die lebhaften Farben der Glasfenster ab, sie führtekeine Visionen mehr herbei. Als im späten 15. JahrhundertFarbenreichtum wieder gewünscht wurde, unternahmen die
  • 88. Glasmaler den Versuch, Renaissancegemälde in ihrerTransparenz nachzuahmen, wozu sie auch die richtigenVoraussetzungen mitbrachten. Die Ergebnisse waren oftinteressant, aber sie hatten keine mitreißende Kraft. Dann kam die Reformation. Die Protestanten missbilligtenvisionäre Erlebnisse und schrieben dem gedruckten Wortmagische Kräfte zu. In einer Kirche mit durchsichtigen Fensternkonnten die Andächtigen ihre Bibeln und Gebetbücher lesen undwurden nicht in Versuchung geführt, sich der Predigt zuentziehen und in die Welt des Jenseits zu flüchten. DieAnhänger der Gegenreformation unter den Katholiken befandensich in einem Zwiespalt. Sie hielten zwar das visionäre Erlebnisfür etwas Gutes, aber sie glaubten auch an den unübertrefflichenWert des gedruckten Wortes. In den neuen Kirchen wurde nurselten buntes Glas verwendet, und in vielen der alten wurde esganz oder teilweise durch farbloses Glas ersetzt. Dasungedämpfte Licht erlaubte es den Gläubigen, dem Gottesdienstin ihren Gebetbüchern zu folgen und gleichzeitig die Werke derneuen Generation von Bildhauern und Architekten des Barockzu betrachten, die ebenfalls zu Visionen anregten. Die Werke,die nun eine Entrückung ermöglichten, waren aus Metall undpoliertem Stein. Wohin der Andächtige den Blick wandte, er sahdas Schimmern von Bronze, das üppige Glänzen farbigenMarmors, das überirdische Weiß von Statuen. In den seltenen Fällen, in denen die Gegenreformation Glasverwendete, geschah es als Ersatz für Diamanten, nicht fürRubine oder Saphire. Facettierte Prismen tauchten in derreligiösen Kunst des 17. Jahrhunderts auf, und in katholischenKirchen baumeln sie bis zum heutigen Tag von unzähligenKronleuchtern. (Diese bezaubernden und ein bisschenlächerlichen Zierstücke gehören übrigens zu den sehr wenigenGegenständen, die eine Erleuchtung gewähren können.) InMoscheen findet man keine Bildnisse oder Reliquienschreine,während jedoch ihre Strenge im Nahen Osten manchmal durch
  • 89. das Geglitzer von Rokokokristall gemildert wird, das dieAufmerksamkeit auf sich zieht. Nach dem Glas, sei es nun gefärbt oder geschliffen, wendenwir uns dem Marmor und anderen Gesteinen zu, die aufHochglanz gebracht und in großen Mengen verwendet werdenkönnen. Die fesselnde Wirkung, die von solchen Gesteinenausgeht, lässt sich vielleicht dadurch erklären, dass so viel Zeitund Mühe auf ihre Gewinnung verwendet wurden. In Baalbekzum Beispiel und, etwa dreihundert Kilometer weiterlandeinwärts, in Palmyra finden wir unter den Ruinen Säulenaus rosenfarbenem Granit, die aus Assuan stammen. Diesegroßen Monolithen wurden in oberägyptischen Steinbrüchengewonnen, auf Barken den Nil abwärts transportiert, imSchlepptau über das Mittelmeer nach Byblos oder Tripolisgeflößt und von da mit Ochsen, Maultieren und mit Hilfe vonMenschenkraft bergauf nach Homs geschleppt, und von Homssüdwärts nach Baalbek oder ostwärts durch die Wüste nachPalmyra. Was für eine Gigantenarbeit! Und wenn man es unterdem Nützlichkeitsprinzip betrachtet, was für ein erstaunlichsinnloses Unternehmen! Tatsächlich aber hatte es natürlich einen Sinn – einen Sinn,der jenseits bloßer Nützlichkeit lag. Wenn sie bis zu einemPunkt poliert waren, wo sie in visionärem Glanz erglühten,kündeten die rosafarbenen Pfeiler von ihrer offenbarenVerwandtschaft mit der Anderen Welt. Um den Preisungeheurer Anstrengungen hatten Menschen diese Säulen ausden Steinbrüchen am Wendekreis des Krebses herbeigeschafft;und nun trugen diese Steine, gewissermaßen als Entschädigung,ihre Träger den halben Weg zu den Visionen, die die Antipodender Psyche gewähren. Auch bei der Keramik stellt sich wieder die Frage nach demNutzen und nach den Motiven, die außerhalb praktischerNutzanwendung liegen. Wenige Dinge sind nützlicher, sindunentbehrlicher als Töpfe, Teller und Krüge. Dennoch legt
  • 90. kaum jemand so wenig Wert auf Nützlichkeit wie die Sammlervon Porzellan und glasiertem Steingut. Zu behaupten, dass diese Menschen nach Schönheit dürsten,ist keine ausreichende Erklärung. Der Umstand, dass in einergewöhnlichen, wenig anziehenden Umgebung schöne Keramikso oft zur Schau gestellt wird, ist Beweis genug dafür, dass das,worauf ihre Eigentümer aus sind, nicht Schönheit in allen ihrenManifestationen ist, sondern nur eine besondere Art vonSchönheit – Wölbungen mit Spiegelglanz, sanft schimmerndeLasuren, glatte und gleißende Oberflächen. Mit einem Wort,eine Schönheit, welche den Beschauer entrückt, weil sie ihn,verschwommen oder klar, an die übernatürlichen Lichter undFarben der Jenseitswelt gemahnt. Die Töpferkunst gehörteimmer mehr zu den weltlichen Künsten, sie wurde jedoch vonihren unzähligen Anbetern mit einer Ehrfurcht behandelt, die anGötzendienst erinnert. Von Zeit zu Zeit jedoch wurde diese weltliche Kunst in denDienst der Religion gestellt. Glasierte Kacheln haben ihren Wegin die Moscheen gefunden und hier und da auch in christlicheKirchen. Aus China kommen schimmernde Keramiken mitBildnissen von Göttern und Heiligen. In Italien schuf Luca dellaRobbia ein Himmelszelt von blauer Glasur für seine glänzendweißen Madonnen und Christuskinder. Gebrannter Ton ist billiger als Marmor und wirkt,entsprechend behandelt, fast ebenso entrückend. Plato behauptete, wie auch während einer späteren Blütezeitreligiöser Kunst der heilige Thomas von Aquin, dass reine,leuchtende Farben zum wahren Wesen künstlerischer Schönheitgehören. Ein Matisse wäre also schon an sich einem Goya oderRembrandt überlegen. Man braucht nur die Abstraktionen derPhilosophen in konkrete Begriffe zu übertragen, um zu sehen,dass diese Gleichsetzung von Schönheit im allgemeinen mitleuchtenden, reinen Farben unsinnig ist. Aber die ehrwürdigeDoktrin entbehrt, wenngleich in dieser Form unhaltbar, nicht
  • 91. ganz der Wahrheit. Leuchtende, reine Farben sind charakteristisch für dieJenseitswelt. Daher vermögen es in leuchtend reinen Farben gemalteKunstwerke, unter geeigneten Umständen den Geist desBeschauers in Richtung auf seine Antipoden zu führen.Leuchtende, reine Farben gehören zwar nicht zum generellenWesen der Schönheit, aber zu einer besonderen Art vonSchönheit, nämlich der Schönheit der Vision. Gotische Kirchen,griechische Tempel, die Statuen des 13. nachchristlichen unddes 5. vorchristlichen Jahrhunderts – sie alle waren in leuchtendbunten Farben bemalt. Für die Griechen und die Menschen des Mittelalters hattediese Malerei des Ringelspiels und des Wachsfigurenkabinettsoffenbar etwas Entrückendes. Für uns hat sie etwasBeklagenswertes. Uns ist unser Praxiteles unkoloriert, unserMarmor und Sandstein au naturel lieber. Warum ist der moderne Geschmack in dieser Hinsicht s overschieden von dem unserer Vorfahren? Weil wir, so vermuteich, zu vertraut geworden sind mit leuchtenden, reinenFarbtönen, um von ihnen noch besonders ergriffen zu werden.Wir bewundern sie selbstverständlich, wenn wir sie in einergroßartigen oder subtilen Komposition erblicken. An und für sich jedoch vermögen sie uns nicht zu entrücken. Sentimentale Liebhaber der Vergangenheit klagen über diegraue Eintönigkeit unseres Zeitalters und vergleichen sie zuihrem Nachteil mit dem bunten Glanz vergangener Zeiten.Tatsächlich aber findet sich selbstverständlich eine viel größereFülle von Farben in der modernen als in der antiken Welt.Lapislazuli und lyrischer Purpur waren kostbare Seltenheiten,die üppigen Samt- und Brokatstoffe fürstlicher Kleiderkammern,die gewebten oder bemalten Wandbehänge mittelalterlicher undfrühneuzeitlicher Häuser waren einer privilegierten Minderheit
  • 92. vorbehalten. Sogar die Großen dieser Erde besaßen sehr wenige solcherSchätze, die dazu angetan sind, Visionen hervorzubringen. Nochim 17. Jahrhundert hatten Monarchen so wenigEinrichtungsgegenstände, dass sie mit Wagenladungen vonGeschirr und Bettzeug, Teppichen und Wandbehängen von einerihrer Pfalzen zur anderen reisen mussten. Die große Masse des Volkes war lediglich im Besitz vonhausgesponnenen Geweben und ein paar pflanzlichenFarbstoffen. Und zur Innendekoration standen bestenfallsfarbige Erden, schlimmstenfalls (und meistens) »der Estrich vonLehm und die Wände von Dung« zur Verfügung. Bei den Antipoden jeder Psyche lag die andere, dieJenseitswelt mit ihrem übernatürlichen Licht und ihrerübernatürlichen Farbe, den schönsten Edelsteinen und dem Goldihrer Visionen. Vor jedem Augenpaar aber lag nur die düstereVerwahrlosung des häuslichen Kobens, der Staub und Schlammder Dorfstraße, das schmutzige Weiß, das Lehmgelb undGänsedreckgrün zerlumpter Kleidung. Daher eineleidenschaftliche, fast verzweifelte Sehnsucht nach starken,reinen Farben und daher die überwältigende Wirkung, diederartige Farben hervorriefen, wann immer sie in Kirchen oderan Fürstenhöfen zur Schau gestellt wurden. Heutzutage erzeugtdie chemische Industrie Malfarben, Lacke und Färbemittel inunendlicher Auswahl und riesigen Mengen. In unserermodernen Welt gibt es kräftige Farbstoffe genug, um dieHerstellung von Milliarden von Flaggen und Comicstrips zugewährleisten, von Millionen von Verkehrszeichen undSchlusslichtern, von Hunderttausenden von Feuerspritzen undCoca-Cola-Behältern und Quadratkilometern von Teppichen,Tapeten und abstrakten Bildern. Vertrautheit erzeugt Gleichgültigkeit. Wir haben zu vielereine, starke Farben bei Woolworth gesehen, um sie an sich alsentrückend zu empfinden. Und hier können wir anmerken, dass
  • 93. die moderne Technik durch ihre erstaunliche Fähigkeit, uns zuviel des Besten zu geben, dazu neigt, die herkömmlichenMaterialien zu entwerten, die früher dazu dienten, Visionenherbeizuführen. Die Festbeleuchtung einer Stadt zum Beispielwar einst ein seltenes Ereignis, das man sich für Siege undNationalfeiertage, für Kanonisationen und Krönungenvorbehielt. Nun ereignet sie sich allnächtlich und preist dieVorzüge von Schnäpsen, Zigaretten und Zahnpasta an. In London waren vor fünfzig Jahren Leuchtreklamen anHausdächern etwas Neues und so selten, dass sie aus dernebeligen Dunkelheit hervorleuchteten »wie im Gold desDiadems die edelsten Juwelen«. Jenseits der Themse, auf dem alten Schrotturm, warengoldene und rubinrote Buchstaben von magischer Schönheitangebracht, ein Feenmärchen. Heutzutage sind die Feen dahin,Neon ist allgegenwärtig, und daher hat es keine Wirkung auf unsaußer vielleicht der, Sehnsucht nach der Urnacht in uns zuwecken. Nur in der Scheinwerferbeleuchtung von Gebäuden erhaschenwir wiederum die überirdische Bedeutsamkeit, die im Zeitalterdes Öls und des Wachses, ja sogar noch zur Zeit desLeuchtgases und des Kohlendrahts von nahezu jeder Insel desLichts innerhalb der grenzenlosen Finsternis auszustrahlenschien. Im Scheinwerferlicht sind Notre-Dame de Paris und dasForum Romanum visionäre Erscheinungen und haben dieMacht, den Geist des Beschauers zum Jenseits hin zuentrücken. 10 Die moderne Technik hat für Glas und poliertes Metalldieselbe entwertende Auswirkung gehabt wie aufIlluminationslämpchen und starke, reine Farben. Für Johannesvon Patmos und seine Zeitgenossen waren Mauern von Glas nurim Neuen Jerusalem denkbar. Heutzutage sind sie ein10 Siehe Anhang III
  • 94. Bestandteil jedes zeitgemäßen Bürogebäudes und Ferienhauses. Und diese Übersättigung mit Glas geht mit einerÜbersättigung durch Chrom und Nickel, rostfreien Stahl undAluminium und eine große Zahl alter und neuer Legierungeneinher. Metallisch glänzende Oberflächen erwarten uns imBadezimmer, blinken aus dem Küchenausguss, sausen, an Autosund Eisenbahnen funkelnd, durchs Land. Jene üppigen konvexen Spiegelungen, die Rembrandt sofesselten, dass er es nie müde würde, sie zu malen, sind heuteein gewohnter Anblick im Haus, auf der Straße, in der Fabrik.Das Vergnügen, das seltener Genuss bereitet, ist schalgeworden. Was einst das feine Instrument visionärenEntzückens war, ist jetzt zu einem Stück schäbigen Linoleumsgeworden. Bisher habe ich nur von Materialien, die Visionenhervorrufen, und von ihrer psychologischen Entwertung durchdie moderne Technik gesprochen. Wir wollen nun die rein künstlerischen Mittel betrachten, mitHilfe derer die zu Visionen Anlass gebenden Werke geschaffenwurden. Licht und Farbe haben die Neigung, einen übernatürlichenCharakter anzunehmen, wenn völlige Dunkelheit herrscht. FraAngelicos Kreuzigung im Louvre hat einen schwarzenHintergrund. Denselben Hintergrund haben auch die Fresken derPassion, die Andrea del Castagno für die Nonnen von S.Apollonia in Florenz gemalt hat. Daher die visionäre Intensität,die seltsam entrückende Macht dieser außerordentlichenKunstwerke. In einem ganz anderen künstlerischen undpsychologischen Zusammenhang wurde dasselbe Mittel oft vonGoya in seinen Radierungen angewendet. Diese fliegendenMenschen, dieses Pferd auf einem gespannten Seil, die riesigeund grausige Verkörperung der Angst – sie alle heben sich wievon Scheinwerfern angeleuchtet gegen einen Hintergrund
  • 95. undurchdringlicher Nacht ab. Mit der Entwicklung des Helldunkels im 16. und 17.Jahrhundert kam die Nacht aus dem Hintergrund hervor und ließsich mitten im Bild nieder, so dass die Szene zu einer Artmanichäischen Ringens zwischen Licht und Finsternis wurde.Damals, als sie gemalt wurden, müssen diese Werke wirklichdie Kraft besessen haben, eine Entrückung zuwege zu bringen.Uns, die wir viel zu viel dergleichen gesehen haben, kommendie meisten bloß theatralisch vor. Aber einige wenige habenihren Zauber behalten. Zum Beispiel Caravaggios Grablegungund ein Dutzend magischer Gemälde von Georges de la Tour 11 ;und alle die visionären Rembrandts, auf denen die Lichterdieselbe Leuchtkraft und Bedeutsamkeit haben, die das Licht derpsychischen Antipoden besitzt, auf denen die Schatten vollerVerheißung sind und nur darauf warten, dass der Momentkomme, wo sie sich verwirklichen und sich unseremBewusstsein glühend vergegenwärtigen können. Meist sind die vordergründig sichtbaren Vorwürfe zuRembrandts Bildern dem wirklichen Leben oder der Bibelentnommen – ein Knabe, der seine Aufgaben lernt, oderBathseba im Bade, eine Frau, die durch einen Teich watet, oderChristus vor seinen Richtern. Gelegentlich jedoch werden dieseBotschaften aus der Jenseitswelt durch ein Sujet übermittelt, dasnicht dem wirklichen Leben oder der Geschichte, sondern demBereich archetypischer Symbole entnommen ist. Im Louvrehängt eine Méditation du Philosophe, deren symbolischerGegenstand nicht mehr und nicht weniger ist als dermenschliche Geist und seine Fülle von Dunkelheit, seineAugenblicke intellektueller und visionärer Erleuchtung, seinegeheimnisvollen Treppen, die sich abwärts und aufwärts insUnbekannte winden. Der meditierende Philosoph sitzt wie aufeiner Insel innerer Erleuchtung da, und am anderen Ende der11 Siehe Anhang IV
  • 96. symbolischen Kammer, auf einer anderen, rosigeren Insel kauertein altes Weib vor einem Herd. Der Feuerschein fällt auf ihrGesicht und verklärt es, und wir sehe n, konkret dargestellt, dasunmögliche Paradoxon und diese höchste Wahrheit – dassWahrnehmung dasselbe ist (oder wenigstens sein kann, seinsollte) wie Offenbarung, dass die Wirklichkeit aus jederErscheinung hervorleuchtet, dass das Eine völlig und grenzenlosin allem einzelnen gegenwärtig ist. Zugleich mit den übernatürlichen Lichtern und Farben, denJuwelen und den fortwährend wechselnden Mustern entdeckendie Besucher der Antipoden der Psyche eine Welt mit erhabenschönen Landschaften, lebenserfüllten Bauten und heroischenGestalten. Die entrückende Macht vieler Kunstwerke lässt sich derTatsache zuschreiben, dass ihre Schöpfer Szenen, Personen undGegenstände gemalt haben, welche den Beschauer an dasgemahnen, was er in der Tiefe seine Geistes bewusst oderunbewusst von der jenseitigen Welt weiß. Beginnen wir mit den menschlichen oder vielmehrübermenschlichen Einwohnern jener fernen Region. Blakenannte sie die Cherubim. Und im wesentlichen sind sie das zweifellos auch: diepsychischen Urbilder jener Wesen, die in der Theologie einerjeden Religion als Vermittler zwischen den Menschen und demKlaren Licht dienen. Diese übermenschlichen Persönlichkeitenmit ihrer visionären Erfahrung »tun« nie »etwas«. (Ebensowenig »tun« die Seligen im Himmel » etwas«.) Es genügt ihnen,lediglich »zu sein«. Unter vielerlei Namen und in einer endlosen Mannigfaltigkeitvon Kostümen sind diese heroischen Gestalten des visionärenErlebens in der religiösen Kunst einer jeden Kultur erschienen.Manchmal sind sie einfach dargestellt, manchmal vollbringensie historische oder mythische Handlungen. Aber Tätigkeit ist
  • 97. für die Bewohner der Antipoden der Psyche etwas nicht ganz soNatürliches. Tätig zu sein ist das Gesetz unseres Seins. DasGesetz des ihren besteht darin, tatenlos zu sein. Wenn wir diese abgeklärt heiteren Fremdlinge zwingen, eineRolle in einem unserer allzu menschlichen Dramen zu spielen,werden wir der visionären Wahrheit untreu. Darum sind die(wenn auch nicht notwendigerweise schönsten) Darstellungender »Cherubim« mit der größten entrückenden Kraft diejenigen,die sie untätig in ihrer natürlichen Umgebung zeigen. Und das erklärt den überwältigenden, den über dasÄsthetische hinausgehenden Eindruck, den die großen statischenMeisterwerke religiöser Kunst auf den B etrachter machen. DieSkulpturen ägyptischer Götter und Götterkönige, die Madonnenund Pantokratoren byzantinischer Mosaiken, die Bodhisattvasund Lohans Chinas, die sitzenden Buddhas von Khmer, dieStelen und Statuen von Copan, die sitzenden Idole destropischen Afrika – sie alle haben ein Merkmal gemein: einetiefe Ruhe. Und gerade die verleiht ihnen ihre allumfassendeEigenschaft, ihre Macht, den Betrachter aus der Alten Weltseiner Alltagserfahrung zu entrücken, in Richtung auf die weitentfernten visio nären Antipoden der Menschenseele hin. An sich hat statische Kunst natürlich nichts Besonderes ansich. Ob statisch oder dynamisch – ein schlechtes Kunstwerk istimmer ein schlechtes Kunstwerk. Ich will nur andeuten, dassunter sonst völlig gleichen Bedingungen eine heroische Gestaltin Ruhe eine größere entrückende Macht hat als eine, die beieiner Tätigkeit gezeigt wird. Die Cherubim leben im Paradies und im Neuen Jerusalem –mit anderen Worten, inmitten wunderbarer Gebäude, welcheinmitten üppiger lichter Gärten mit weiten Ausblicken aufEbenen und Berge, auf Flüsse und das Meer liegen. Dies ist eineSache unmittelbarer Erfahrung, eine psychologische Tatsache,welche im Volksglauben und in der religiösen Literatur einesjeden Zeitalters und Landes festgehalten worden ist, in der
  • 98. Malerei jedoch nicht. Wenn wir uns die verschiedenen Kulturen ansehen, stellen wirfest, dass Landschaftsmalerei nicht existiert, nur in Ansätzenvorhanden oder eine sehr junge Erscheinung ist. In Europa gibtes eine vollerblühte Kunst der Landschaftsmalerei erst seit vieroder fünf Jahrhunderten, in China nicht länger als einJahrtausend, in Indien gab es sie – praktisch gesehen – nie. Das ist eine merkwürdige Tatsache, die eine Erklärungverlangt. Warum haben Landschaften in die visionäre Literatur einerEpoche und einer Kultur Eingang gefunden, nicht aber in derenMalerei? So gestellt, liefert die Frage selbst die beste Antwort.Die Menschen begnügen sich vielleicht damit, dieser Seite ihresvisionären Erlebens in Worten Ausdruck zu geben, und fühlenkeine Notwendigkeit, sie in Bilder umzusetzen. Dass dies bei einzelnen Menschen häufig vorkommt, stehtfest. Blake zum Beispiel sah visionäre Landschaften, »über alleshinaus deutlich, was die sterbliche und vergängliche Naturhervorbringen kann« und »unendlich vollkommener und stärkerbis ins kleinste organisiert, als es von einem sterblichen Auge jeerblickt wurde«. Hier die Beschreibung einer solchen visionärenLandschaft, die Blake auf einer von Mrs. Aders’Abendgesellschaften gab: »Unlängst kam ich auf einemAbendspaziergang zu einer Wiese, und am anderen Ende sah icheine Schafherde. Als ich näher kam, wurde der Erdboden bunt von Blumen,und die eingezäunte Hütte und ihre wolligen Bewohner warenvon einer köstlichen pastoralen Schö nheit. Doch als ichabermals hinblickte, erwies sie sich nicht als lebende Herde,sondern als schöne Skulptur.« In Malfarben wiedergegeben, sähe diese Vision vermutlichaus wie eine unwahrscheinlich schöne Mischung aus einer der
  • 99. frischesten Ölskizzen von Constable und einem Tierbild immagisch-realistischen Stil von Zurbaráns Lamm mitHeiligenschein, das sich jetzt im Museum von San Diegobefindet. Aber Blake schuf nie irgend etwas, das auch nur imentferntesten einem solchen Gemälde ähnelte. Er begnügte sichdamit, von seinen Landschaftsvisionen zu reden und zuschreiben und sich in seiner Malerei auf »die Cherubim« zukonzentrieren. Was bei einem einzelnen Künstler zutrifft, kann auf eineganze Schule zutreffen. Es gibt eine Menge Dinge, dieMenschen erleben, die auszudrücken sie jedoch kein Bedürfnishaben. Oder sie versuchen zwar, auszudrücken, was sie erlebthaben, bedienen sich dabei aber immer nur einer einzigenKunstform. In anderen Fällen wieder drücken sie sich auf eineWeise aus, die keine unmittelbar erkennbare Verwandtschaft mitdem ursprünglichen Erlebnis zeigt. In diesem Zusammenhanghat Dr. A. K. Coomaraswamy einiges Interessante über diemystische Kunst des Fernen Ostens zu sagen – die Kunst, in dersich »Begriffsinhalt und Begriffsumfang nicht trennen lassen«und »kein Unterschied zwischen dem, was ein Ding ›ist‹, unddem, was es ›bedeutet‹, empfunden wird«. Das hervorragende Beispiel solcher mystischer Kunst ist dievom Zen inspirierte Landschaftsmalerei, die in China währendder Sung- Zeit entstand und vier Jahrhunderte später in Japaneine Wiedergeburt erlebte. Indien und der Mittlere Osten habenkeine mystische Landschaftsmalerei. Aber sie haben derenÄuqivalente – »Vaisnava-Malerei, -Dichtkunst und -Musik,deren Thema die geschlechtliche Liebe ist, in Indien; und diedem Lob des Rausches gewidmete Dichtung und Musik der Sufiin Persien«. 12 Das Bett ist, wie das italienische Sprichwort kurz und treffend12 A. K. Coomaraswamy, The Transformation of Nature in Art, Cambridge(Mass.), 1935, S. 40.
  • 100. sagt, die Oper der Armen. Entsprechend ist Geschlechtsgenussdas Sung der Hindu, der Wein der Impressionismus der Perser. Der Grund ist natürlich der, dass das Erlebnis geschlechtlicherVereinigung und das Erlebnis des Rausches teilhaben an jenemwesentlichen Anderssein, das für alle Visionen einschließlichsolcher von Landschaften charakteristisch ist. Wenn irgendwann Menschen Befriedigung an einerbestimmten Art von Tätigkeit gefunden haben, kann manannehmen, dass es in Zeiten, in denen diese befriedigendeTätigkeit nicht nachweisbar ist, etwas ihr Gleichwertigesgegeben haben muss. Im Mittelalter zum Beispiel beschäftigtensich die Menschen auf eine besessene, eine fast manische Weisemit Wörtern und Symbolen. Jede Erscheinung in der Naturwurde sogleich als die konkrete Veranschaulichung irgendeinerVorstellung erkannt, die in den allgemein als heilig anerkanntenBüchern oder Legenden formuliert worden war. Und doch haben in anderen Geschichtsepochen die Menscheneine tiefe Befriedigung darin gefunden, zu erkennen, wieautonom und andersartig die Natur ist, und nicht zuletzt auch diedes Menschen. Das Erlebnis dieses Andersseins wurde in der Sprache derKunst, der Religion oder der Wissenschaft ausgedrückt. Wasentsprach im Mittelalter Constable und der Ökologie, demBeobachten von Vögeln und Eleusis, der Mikroskopie und denDionysosriten und dem japanischen Haiku? Es lag vermutlichirgendwo zwischen orgiastischen Saturnalien und mystischenErlebnissen. Fastnachten, Maifeiern, Karnevale – sie gestattetenein unmittelbares Ausleben und Erfahren der animalischenAndersartigkeit, die der persönlichen und sozialen Identitätzugrunde liegt. Künstlich herbeigeführte Kontemplationoffenbarte eine wiederum neue Andersartigkeit des göttlichenNicht-Selbst. Und irgendwo zwischen den beiden Extremenlagen die Erlebnisse der Visionäre und die Künste, mit denensich Visionen bewirken lassen und die man dazu benutzte, um
  • 101. jener Erlebnisse wieder habhaft zu werden, sie erneutheraufzubeschwören – die Künste des Juweliers, desGlasmalers, des Gobelinwebers, des Malers, Dichters undMusikers. Trotz einer Naturgeschichte, die lediglich aus einer Reihelangweiliger moralistischer Symbole bestand, und einerTheologie, die, statt Wörter als Zeichen für Dinge zu betrachten,Dinge und Ereignisse wie Zeichen für biblische oderaristotelische Worte behandelte, blieben unsere Vorfahren beirelativ gesundem Verstand. Und das erreichten sie dadurch, dasssie zeitweilig aus dem erstickenden Gefängnis ihrergroßsprecherisch rationalistischen Philosophie, ihreranthropomorphen, autoritären und nichtexperimentellenWissenschaft, ihrer allzu festgelegten Religion in Weltenausbrachen, wo man sich nicht in Worten ausdrückte und diesich von der menschlichen unterschieden – in Welten, wo ihreInstinkte zu Hause waren, wo die Fauna der psychischenAntipoden lebte, Welten, die vom immanenten Geist bewohntwurden, der sich jenseits und zugleich diesseits alles übrigenaufhielt. Nach dieser weitausholenden, aber notwendigenAbschweifung wollen wir zu dem besonderen Fall, von dem wirausgingen, zurückkehren. Landschaften sind, wie wir gesehen haben, ein stetsvorhandenes Merkmal visionären Erlebens. Beschreibungenvisionärer Landschaften kommen in den alten Literaturen, in derVolksüberlieferung und der Religion vor, Gemälde vonLandschaften aber tauchen erst in vergleichsweise neuerer Zeitauf. Meinen erläuternden Ausführungen über psychischeÄquivalente möchte ich ein paar kurze Bemerkungen über dasWesen der Landschaftsmalerei als einer Visionenherbeiführenden Kunst hinzufügen. Beginnen wir mit einer Frage. Welche Landschaften – oderallgemeiner, welche Darstellungen natürlicher Gegenstände –
  • 102. bewirken am ehesten eine Entrückung, sind am ehestenimstande, Visionen herbeizuführen? Im Licht meiner eigenen Erfahrung und dessen, was ichandere über ihre Reaktionen auf Kunstwerke habe sagen hören,will ich eine Antwort wagen. Unter sonst gleichen Bedingungen(denn nichts vermag Mangel an Talent auszugleichen) sind diezur Entrückung am besten geeigneten Landschaftsdarstellungenerstens diejenigen, die natürliche Objekte in sehr weiter Fernedarstellen, und zweitens solche, die sie in großer Nähedarstellen. »Entfernung leiht Verzauberung dem Blick«;dasselbe bewirkt jedoch auch Nähe. Ein Sung-Gemälde fernerBerge, Wolken und Wildbäche bewirkt Entrückung, aberdieselbe Wirkung erzielen Nahansichten von tropischem Laub inden Dschungeln des Zöllners Rousseau. Wenn ich auf die Sung-Landschaft blicke, werde ich (oder eines meiner Nicht-Ich) andie Felszacken, an die grenzenlos weiten Ebenen, dieleuchtenden Himmel und Meere der Antipoden der Psychegemahnt. Und dieses Entschwinden in Nebel und Wolken,dieses plötzliche Auftauchen einer seltsamen, intensivbestimmten Form, eines verwitterten Felsblocks zum Beispiel,eines uralten, von jahrelangem Ringen mit dem Windverkrümmten Nadelbaums – all dies kann Entrückung bewirken,denn alles das gemahnt mich, bewusst oder unbewusst, an diegrundlegende Distanz und Unerklärlichkeit der Jenseitswelt. Ebenso ist es mit einer Nahansicht, einer »Großaufnahme«.Ich blicke auf diese Blätter mit ihrer Struktur von Adern, ihrenStreifen und Flecken, ich spähe in die Tiefen verwobenenGrüns, und etwas in mir wird an jene lebendigen Mustergemahnt, die so charakteristisch sind für die visionäre Welt, anjenes unaufhörliche Hervortreten und die Vervielfältigunggeometrische r Figuren, welche zu Formen werden, an Dinge, diesich immerfort in andere Dinge verwandeln. Einer der Aspekte der Jenseitswelt liegt in diesen gemaltenGroßaufnahmen eines Dschungels, und daher entrückt mich das
  • 103. Bild, es bewirkt, dass ich es mit Augen sehe, die ein Kunstwerkin etwas anderes, etwas jenseits aller Kunst Existierendesverwandeln. Ich erinnere mich sehr lebhaft eines Gesprächs mit demKunstkritiker Roger Fry, wenngleich es vor vielen Jahrenstattfand. Wir sprachen über Monets Seerosen. Sie hä tten keinRecht darauf, beharrte Roger, so schockierend unorganisiert zusein, so völlig eines ordentlichen kompositorischen Gerüsts zuentbehren. Sie seien, künstlerisch gesprochen, ganz unrichtig.Und doch, musste er zugeben, und doch ... Und doch wirktensie, wie ich heute sagen würde, entrückend. Ein Künstler vonerstaunlichem Können hatte eine Großaufnahme natürlicherGegenstände gemalt, gesehen in ihrem eigenen Zusammenhangund ohne Beziehung auf ausschließlich menschlicheVorstellungen davon, wie die Dinge sind oder sein sollten. DerMensch, so sagen wir gern, ist das Maß aller Dinge. Für Monetwaren hier Seerosen das Maß von Seerosen – und so malte ersie. Denselben neuen und ungewohnten Blickwinkel muss einKünstler sich zu eigen machen, der versucht, die Fernewiederzugeben. Wie winzig sind auf dem chinesischen Gemäldedie Reisenden auf ihrem Weg durch das Tal! Wie gebrechlichdie Bambushütte auf dem Abhang über ihnen! Und die ganzeübrige ungeheure Landschaft ist Leere und Schweigen. DieseOffenbarung der Wildnis, die ihr Leben gemäß den Gesetzenihres eigenen Seins lebt, entrückt den Geist und nähert ihnseinen Antipoden an, denn die urweltliche Natur hat eineseltsame Ähnlichkeit mit jener inneren Welt, in der unserepersönlichen Wünsche oder sogar die ewigen Anliegen dergesamten Menschheit unberücksichtigt bleiben. Nur der Mittelgrund und was man den entfernterenVordergrund nennen könnte, sind ausschließlich menschlich.Sobald wir in große Nähe oder große Ferne blicken,verschwindet der Mensch ganz und gar oder verliert seinen
  • 104. Vorrang. Der Astronom dagegen blickt in noch größere Fernenals der Sung-Maler und sieht sogar noch weniger vommenschlichen Leben. Am anderen Ende der Skala befassen sichder Physiker, der Chemiker , der Physiologe mit derNahaufnahme – der Großaufnahme der Zelle, des Moleküls, desAtoms. Und von dem, was auf fünf Schritte Entfernung, ja sogarauf Armeslänge wie ein Menschenwesen aussah und sich auchso vernehmen ließ, bleibt nichts mehr übrig. Etwas Ähnliches widerfährt dem kurzsichtigen Künstler unddem glücklich Liebenden. In der vermählenden Umarmungzerschmilzt die Persönlichkeit, das Einzelwesen (dies ist dasimmer wiederkehrende Thema der Gedichte und Romane von D.H. Lawrence) hört auf, es selbst zu sein und wird Teil desriesigen unpersönlichen Weltalls. Und so ist es auch mit dem Maler, der sich dazu entschlossenhat, seine Augen auf die unmittelbare Nähe zu richten. Inseinem Werk verliert die Menschheit ihre Wichtigkeit, ja sie hatkeinen Platz mehr darin. Wir werden aufgefordert, statt »desMenschen, des stolzen Menschen, der seine tollen Possen vordem hohen Himmel treibt«, die Lilien zu sehen, über dieunirdische Schönheit »bloßer Dinge« zu meditieren, wenn sieaus ihrem von Nützlichkeit bedingten Zusammenhang gelöstund so, wie sie sind, an und für sich wiedergegeben werden.Dagegen (oder jedoch ausschließlich in einem früheren Stadiumkünstlerischer Entwicklung) wird die uns unmittelbarumgebende nichtmenschliche Welt in Mustern wiedergegeben.Diese Muster sind Abstraktionen von Blättern und Blüten – vonder Rose, der Lotusblume, dem Akanthus, der Palme, demPapyrus – und sind mit ihren Wiederholungen und Variationenzu etwas der lebendigen Geometrie der Jenseitswelt sehrÄhnlichem verarbeitet. Ein freierer und realistischerer Umgang mit der Natur dernächsten Nähe erfolgt zu einem verhältnismäßig spätenZeitpunkt – aber viel früher als jener Umgang mit den weiten
  • 105. Ausblicken, dessen Ergebnissen ausschließlich wir den NamenLandschaftsmalerei geben. Rom zum Beispiel hatte seine»Großaufnahmen« von Landschaften; das Fresko eines Gartens,welches einst ein Zimmer in Livias Villa schmückte, ist einprachtvolles Beispiel dieser Kunstform. Aus theologischen Gründen musste sich der Islam größtenteilsmit Arabesken besche iden – üppig wuchernden und (wie inVisionen) beständig sich wandelnden Mustern, die auf genauenBeobachtungen von Gegenständen aus der Natur beruhten. Abersogar im Islam war die unverfälschte Aufnahme vonLandschaften nicht unbekannt. Nichts vermag an Schönheit und an visionärer Kraft dieMosaiken in den Gärten und Gebäuden der großen Omayyad-Moschee von Damaskus zu übertreffen. Ungeachtet der im mittelalterlichen Europa vorherrschendenManie jede Erscheinung in einen Begriff, jede unmittelbareErfahrung in ein Symbol zu verwandeln, das in einem BuchVerwendung finden konnte, waren realistisch aus der Näheerfasste Bilder von Laubwerk und Blumen ziemlich häufig. Wirfinden sie in die Kapitelle gotischer Pfeiler gemeißelt. Wirfinden sie in gemalten Jagdsze nen-Gemälden, die das immergegenwärtige mittelalterliche Leben darstellen, wie zumBeispiel den Wald, wie ihn der Jäger oder der verirrte Wandererin seiner detailliert dargestellten verwirrenden Verschlungenheitdes Laubwerks sieht. Die Fresken im Papstpalast zu Avignon sind fast die einzigenÜberreste dessen, was auch zur Zeit Chaucers eine weitverbreitete weltliche Kunstform war. Ein Jahrhundert spätererreicht diese Kunst der Darstellung des aus nächster Nähegesehenen Waldes in ihrer inneren Geschlossenheit ihre höchsteVollendung mit so herrlichen und magischen Werken wiePisanellos Sankt Hubertus und Paolo Uccellos Jagd in einemWald, die sich jetzt im Ashmolean Museum in Oxford befinden.Den Wandmalereien von Waldansichten eng verwandt waren
  • 106. die Wandbehänge, mit denen die reichen Leute Nordeuropasihre Häuser schmückten. Die besten von ihnen sind Visionenhervorrufende Werke höchster Ordnung. Auf ihre Weise sind sieso himmlisch, gemahnen sie so machtvoll daran, was bei denAntipoden der Psyche vorgeht, wie die großen Meisterwerke derLandschaftsmalerei großer Weiten – die Sung-Berge in ihrerungeheuren Einsamkeit, die nicht endenwollenden lieblichenMing-Flüsse, die blaue Voralpenwelt tizianischer Fernen, dasEngland Constables, das Italien eines Turner und eines Corot,die Provence eines Cézanne und van Gogh, die Ile de FranceSisleys und Vuillards. Vuillard war übrigens ein unübertroffener Meister darin,sowohl visionäre Nähen wie auch visionäre Fernen darzustellen.Seine Innenansichten von Bürgerhäusern sind Meisterwerkedieser Kunst, und verglichen mit ihnen erscheinen die Werke sobewusster und sozusagen berufsmäßiger Visionäre wie Blakeund Odilon Redon als äußerst schwach. In Vuillards Interieurs ist jede Einzelheit, und sei sie noch sotrivial, ja noch so hässlich – das Tapetenmuster aus denNeunzigerjahren, die Nippes im Jugendstil, der BrüsselerTeppich – als ein lebendiges Juwel gesehen und wiedergegeben.Und alle diese Juwelen sind harmonisch zu einem Ganzenverbunden, das sich dann erneut zu einem Juwel von einer nochgrößeren visionären Intensität zusammenfügt. Und wenn die deroberen Mittelklasse angehörenden Bewohner von VuillardsNeuem Jerusalem einen Spaziergang machen, befinden sie sichnicht, wie sie angenommen hatten, im Departement Seine-et-Oise, sondern im Garten Eden, in einer Jenseitswelt, die zwarmit dieser unserer Welt im wesentlichen identisch, aber ve rklärtund daher entrückt ist. 13 Ich habe bisher von dem beglückenden visionären Erlebnisund seiner Auslegung nur unter dem Gesichtspunkt der13 Siehe Anhang V
  • 107. Theologie und dem der Übertragung in die Kunst gesprochen.Aber visionäres Erleben ist nicht immer beglückend. Es kannmanchmal schrecklich sein. Es gibt auch eine Hölle, nicht nureinen Himmel. Wie der Himmel, so hat auch die visionäre Hölle ihrübernatürliches Licht und ihre übernatürliche Bedeutsamkeit.Aber die Bedeutsamkeit ist an und für sich entsetzlich, und dasLicht ist »das rauchige Licht« des Tibetanischen Totenbuchs, die»sichtbare Finsternis« Miltons. In dem Journal dune schizophrène 14 , demautobiographischen Bericht eines jungen Mädchens über seineErfahrungen während einer geistigen Erkrankung, wird die Weltder Schizophrenen le pays déclairement genannt – »das Landdes Erhelltseins«. Es ist ein Name, welchen ein Mystikergebraucht haben könnte, um seinen Himmel zu bezeichnen. Für die arme Renée aber, die Schizophrene, ist es einhöllisches Erhelltsein – die heftige Grellheit der Elektrizitätohne einen Schatten, omnipräsent und unbarmherzig. Alles, wasfür den gesunden Visionär eine Quelle der Seligkeit ist, bereitetder armen Renée nur Angst und vermittelt ihr einalptraumartiges Gefühl von Unwirklichkeit. DerSommersonnenschein ist bösartig, das Schimmern polierterOberflächen gemahnt nicht an Edelsteine, sondern anMaschinen und emailliertes Blech; die Intensität des Daseinseines jeden Gegenstandes, der aus nächster Nähe und außerhalbseines gewohnten Bezugsrahmens gesehen und belebt wird, lösteine ständige Empfindung der Bedrohung aus. Und dazu kommt noch das Grauen vor der Unendlichkeit! Fürden gesunden Visionär ist die Wahrnehmung des Unendlicheninnerhalb eines endlichen einmaligen Zustandes eineOffenbarung von göttlicher Immanenz. Für eine Renée war sieeine Offenbarung dessen, was sie »das System« nennt: des14 Journal dune schizophrène, von M. A. Sèchehaye, Paris, 1950.
  • 108. riesigen kosmischen Mechanismus, der nur dazu da ist, Schuldund Strafe, Einsamkeit und Unwirklichkeit aus ihrherauszuwinden. Geistige Gesundheit ist etwas Relatives, und es gibt eineganze Anzahl Visionäre, die die Welt sehen, wie Renée sie sah,und es dennoch auf diese oder jene Weise zuwege bringen,außerhalb der Irrenanstalt zu leben. Für sie, wie für denpositiven Visionär, ist das Weltall verwandelt – aber zumSchlechteren. Was darin enthalten ist, angefangen von denSternen am Himmel bis zum Staub unter den Füßen, istunaussprechlich bedrohend oder abstoßend. Jedes Ereignis istmit einer hassenswerten Bedeutsamkeit geladen, jederGegenstand offenbart das Vorhandensein eines unendlichen,allmächtigen, ewig vorhandenen Grauens. Diese negativ verwandelte Welt hat von Zeit zu Zeit Eingangin die Literatur und die Künste gefunden. Sie zuckt und droht invan Goghs späten Landschaften, sie ist Szene und Thema allerErzählungen Kafkas, sie war Géricaults geistige Heimat15 , siewurde von Goya während der Jahre seiner Taubheit undEinsamkeit bewohnt, sie wurde flüchtig von Browning erblickt,als er Childe Roland schrieb, sie hat, als Kontrast zu denErscheinungen Gottes, ihren Platz in Charles Williams’Romanen. Das negative visionäre Erlebnis ist oft von körperlichenEmpfindungen einer außergewöhnlichen und charakteristischenArt begleitet. Seligkeit spendende Visionen sind im allgemeinen mit einemGefühl der Trennung vom Körper verbunden, einem Gefühl derEntindividualisierung. (Es ist zweifellos dieses Gefühl der Entfernung von ihremSelbst, das es den Peyote-Kult treibenden Indianern ermöglicht,die Droge nicht bloß als Abkürzungsweg in die visionäre Welt15 Siehe Anhang VII
  • 109. zu benutzen, sondern auch, um ein liebevolles Zusammenhaltenin der teilnehmenden Gruppe zu wecken.) Wenn das visio näreErlebnis schrecklich und die Welt zum Schlechteren hinverändert ist, wird die Individualisierung verstärkt, und dernegative Visionär sieht sich mit einem Körper verbunden, derimmer undurchdringlicher zu werden scheint, sich immer prallerfüllt, bis er sich schließlich darauf reduziert fühlt, das gequälteBewusstsein eines verdichteten Klumpens Materie zu sein, nichtgrößer als ein Stein, den man in den Händen halten kann. Es ist bemerkenswert, dass viele der in den verschiedenenBerichten über die Hölle beschriebenen Strafen aus Druck undZusammengepresstwerden bestehen. Dantes Sünder werden imSchlamm begraben, in Baumstämme eingesperrt, in Eisblöckenfestgefroren, von Steinen zermalmt. Das Inferno istpsychologisch wahr. Viele seiner Qualen werden vonSchizophrenen erlebt und auch von denjenigen, die Meskalinoder Lysergsäure unter ungünstigen Bedingungen genommenhaben. 16 Welcher Art sind diese ungünstigen Bedingungen? Wieso undwarum wird der Himmel in die Hölle verwandelt? In gewissenFällen hat das negative visionäre Erlebnis vorwiegend physischeUrsachen. Meskalin sammelt sich, nachdem es eingenommenwurde, in der Leber an. Ist die Leber krank, fühlt sich die mit ihrverbundene Psyche in der Hölle. Was jedoch für unsere gegenwärtigen Zwecke noch wichtigerist – das negative visionäre Erleben kann auf psychischem Wegeherbeigeführt werden. Furcht und Zorn versperren den Weg zurhimmlischen Jenseitswelt und stürzen denjenigen, der Meskalinnimmt, in die Hölle. Und was auf den Menschen zutrifft, der Meskalin nimmt,trifft auch auf Personen zu, die spontan oder in der HypnoseVisionen haben.16 Siehe Anhang VIII
  • 110. Auf diesem psychischen Nährboden wurde die theologischeDoktrin vom rettenden Glauben gezüchtet, eine Lehre, die manin allen großen religiösen Überlieferungen der Welt antrifft.Eschatologen haben immer Probleme damit gehabt, ihreVernunft und ihr Sittlichkeitsgefühl mit den nackten Tatsachenpsychologischer Erfahrung zu vereinbaren. Als Rationalistenund Moralisten fühlen sie, dass gutes Betragen belohnt werdensollte und die Tugendhaften es verdienen, in den Himmel zukommen. Als Psychologen aber wissen sie, dassTugendhaftigkeit nicht die einzige oder ausreichendeVorbedingung für seliges visionäres Erleben ist. Sie wissen,Werke allein sind machtlos und nur der Glaube oder liebendesVertrauen gewährleisten, dass das visionäre ErlebnisGlückseligkeit vermittelt. Negative Gefühle – Furcht, die die Abwesenheit vonVertrauen signalisiert, Hass, Zorn oder Bosheit, die die Liebeausschließen – sind die Gewähr dafür, dass das visionäreErlebnis, unter welcher Bedingung oder zu welchem Zeitpunktauch immer es sich ereignet, entsetzlich sein wird. Der Pharisäerist ein tugendhafter Mensch, aber seine Tugendhaftigkeit ist vonder Art, die sich mit einem negativen Gefühl verträgt. Seinevisionären Erlebnisse werden daher wahrscheinlich eher höllischals himmlisch sein. Die Seele ist so beschaffen, dass dem Sünder, der bereut undsich dem Glauben an eine höhere Macht überlässt, mit größererWahrscheinlichkeit ein beseligendes visionäres Erlebnis zuteilwird als der selbstzufriedenen Stütze der Gesellschaft mit ihrerrechtschaffenen Entrüstung, ihrer Angst um Besitztümer undihren Prätentionen, ihren eingefleischten Gewohnheiten zutadeln, zu verachten und zu verurteilen. Daher die ungeheure Bedeutung, die in allen religiösenÜberlieferungen dem Zustand der Seele im Augenblick desTodes beigelegt wird. Visionäres Erleben ist nicht dasselbe wie mystisches Erleben.
  • 111. Mystisches Erleben liegt jenseits des Bereichs der Gegensätze.Visionäres Erleben spielt sich noch immer innerhalb diesesBereichs ab. Der Himmel bedingt die Hölle, und »in denHimmel zu kommen« ist ebenso wenig Befreiung wie derAbstieg ins Grauenhafte. Der Himmel ist bloß einAussichtspunkt, von dem aus man einen klareren Blick auf dengöttlichen Urgrund hat als von der Ebene einer gewöhnlichenindividualisierten Existenz. Falls das Bewusstsein den körperlichen Tod überlebt, überlebtes ihn vermutlich in jedem geistigen Erfahrungsbereich – demdes mystischen Erlebens, dem der himmlisch oder höllischerfahrenen Vision und auf der Ebene alltäglicher individuellerExistenz. Im Leben hat sogar das himmlisch visionäre Erlebnis dieNeigung, sein Vorzeichen zu ändern, wenn es zu lange währt.Viele Schizophrene haben ihre Zeiten himmlischerGlückseligkeit, aber da sie (im Gegensatz zu demjenigen, derMeskalin nimmt) nicht wissen, wann und ob es ihnen überhaupterlaubt sein wird, zu der beruhigenden Banalität desAlltagserlebens zurückzukehren, erscheint ihnen sogar derHimmel entsetzlich. Für diejenigen aber, die aus irgendeinemGrund Entsetzen verspüren, verwandelt sich der Himmel in dieHölle, Seligkeit in Grauen, das Klare Licht in die verhassteGrelle des »Landes des Erhelltseins«. Etwas Vergleichbares vollzieht sich vielleicht im Zustand desTodes. Nachdem sie einen flüchtigen Blick auf die unerträglicheHerrlichkeit der letzten Wirklichkeit getan haben und dannzwischen Himmel und Hölle hin- und hergetrieben wurden, wirdes für viele Seelen möglich, sich in jene ruhevollere Re gion desGeistes zurückzuziehen, wo sie ihre eigenen Wünsche,Erinnerungen und Einbildungen sowie die anderer Menschendazu benützen können, sich eine Welt zu schaffen, diederjenigen, in der sie auf Erden lebten, sehr ähnlich ist.
  • 112. Von den Menschen, die sterben, ist bloß eine unendlich kleineMinderheit einer unverzüglichen Vereinigung mit demgöttlichen Urgrund fähig, einige wenige sind imstande, dievisionäre Seligkeit des Himmels zu ertragen, einige wenigefinden sich in den visionären Schrecken der Hölle wieder undvermögen es nicht, ihnen zu entkommen, und die großeMehrheit endet schließlich in einer Welt, wie sie vonSwedenborg und spiritistischen Medien beschrieben wird. Es istgewiss möglich, wenn die nötigen Bedingungen erfüllt sind, ausdieser Welt in Welten visionärer Seligkeit oder endgültigerErleuchtung überzugehen. Nach meiner Vermutung haben sowohl moderner Spiritismusals auch uralte Tradition recht. Es gibt einen postumen Zustand,wie ihn Sir Oliver Lodge in seinem Buch Raymond beschriebenhat. Es gibt aber auch einen Himmel seligen visionärenErlebens. Es gibt auch eine Hölle eines derartig grauenhaftenvisionären Erlebens, wie sie schon hier von Schizophrenen undvon einigen Menschen durchlitten wird, die Meskalin nehmen.Und es gibt auch, jenseits aller Zeit, ein Erleben derVereinigung mit dem göttlichen Urgrund.
  • 113. ANHANG
  • 114. I Zwei andere, weniger wirksame Hilfen, die das Erleben vonVisionen ermöglichen, verdienen erwähnt zu werden –Kohlendioxid und das Stroboskop. Eine (völlig ungiftige)Mischung von sieben Teilen Sauerstoff und drei TeilenKohlensäure ruft bei einem Menschen, der sie einatmet,bestimmte körperliche und seelische Veränderungen hervor, dieausführlich von Meduna beschrieben worden sind. Diewichtigste Veränderung ist in unserem Zusammenhang einedeutliche Steigerung der Fähigkeit, mit geschlossenen Augen»allerlei zu sehen«. In manchen Fällen werden nur wirbelnde Farbmuster gesehen.Bei anderen Gelegenheiten kann es zu lebhaften Erinnerungenan frühere Erlebnisse kommen. (Dahe r der Wert von CO2 alsHeilmittel.) In anderen Fällen wieder entrückt Kohlensäureeinen Menschen in eine andere Welt, zu den Antipoden seinesAlltagsbewusstseins, und er wird sehr kurze Erlebnisse haben,denen jeder Zusammenhang mit seiner eigenen persönlichenGeschichte oder mit den Problemen der Menschheit imallgemeinen fehlt. Angesichts dieser Tatsachen wird die Logik, die in denAtemübungen des Joga liegt, leicht verständlich. Systematischbetrieben, führen diese Atemübungen nach einiger Zeit zuimmer längeren Unterbrechungen des Atmens. Das wiederumführt zu einer höheren Konzentration von Kohlensäure in derLunge und im Blut, wodurch die Leistungsfähigkeit des Gehirnsin seiner Funktion als Filter oder als Reduktionsschleuse erhöhtwird, und ermöglicht den Eintritt visionärer und mystischerErlebnisse ins Bewusstsein. Lange fortgesetztes undununterbrochenes Schreien oder Singen kann zu ähnlichen, aberweniger ausgeprägten Erlebnissen führen. Wenn Sänger nichtsehr geschult sind, neigen sie dazu, mehr auszuatmen, als sie
  • 115. einatmen. Dadurch wird die Konzentration von Kohlendioxid inder Mundhöhle und im Blut erhöht, und da dieLeistungsfähigkeit der zerebralen Reduktionsschleuseherabgesetzt ist, entsteht die Fähigkeit, visionäre Erlebnissezuzulassen. Darauf beruhen auch die ununterbrochenen »sinnentleertenWiederholungen« der Magie und der Religion, der Singsang descurandero, des Medizinmannes, des Schamanen, das endloseSingen von Psalmen und Intonieren von Sutren christlicher undbuddhistischer Mönche , das stundenlange Schreien und Heulender Wiedererwecker – aber ungeachtet all der Verschiedenheitentheologischen Glaubens und ästhetischer Konvention bleibt diepsycho-chemisch-physiologische Wirkungsweise dieselbe. DieKonzentration von CO2 in der Lunge und im Blut zu erhöhenund so die Wirksamkeit des zerebralen Reduktionsfilters zuverringern, bis es biologisch Wertloses aus dem totalenBewusstsein zulässt – das war, obgleich es den Schreiern,Sängern und Murmlern nicht bekannt war, allezeit der wahreSinn und Zweck magischer Zauberformeln, der Mantras,Litaneien, Psalmen und Sutren. »Das Herz«, sagt Pascal, »hat seine Beweggründe.« Nochzwingender und noch schwerer zu entwirren aber sind dieBeweggründe der Lunge, des Blutes und der Enzyme, derNeuronen und Synapsen. Der Weg ins Überbewusste führt durchdas Unbewusste, und der Weg oder zumindest einer der Wegezum Unbewussten führt durch die chemischen Vorgänge in deneinzelnen Zellen. Mit der stroboskopischen Lampe steigen wir aus der Chemiein den noch elementareren Bereich der Physik hinab. Ihrrhythmisch aufblinkendes Licht scheint durch die Sehnervenunmittelbar auf die elektrischen Erscheinungen derGehirntätigkeit einzuwirken. (Aus diesem Grund bringt dieVerwendung des Stroboskops immer eine leichte Gefahr mitsich. Manche Menschen leiden an der Fallsucht, ohne sich
  • 116. dessen aufgrund deutlich ausgeprägter und unverkennbarerSymptome bewusst zu sein. Wenn sie sich einem Stroboskopaussetzen, können solche Menschen einen akuten epileptischenAnfall bekommen. Die Gefahr ist nicht sehr groß, aber manmuss immer mit ihr rechnen. Bei einem Fall unter achtzig kannes zu Komplikationen kommen.) Mit geschlossenen Augen voreinem Stroboskop zu sitzen, ist ein sehr seltsames undfesselndes Erlebnis. Sobald die Lampe eingeschaltet ist, werdenMuster in den leuchtendsten Farben sichtbar. Diese Muster sindnicht statisch, sondern wechseln unaufhörlich. Welche Farbevorherrschend ist, hängt davon ab, in welchen Zeitabständen dieLampe aufleuchtet. Wenn die Lampe ze hn- bis vierzehn- oderfünfzehnmal in der Sekunde aufblinkt, sind die Mustervorwiegend orangefarben und rot. Grün und Blau erscheinen,wenn die Geschwindigkeit so erhöht wird, dass die Lampe mehrals fünfzehnmal pro Sekunde aufblinkt. Über achtzehn- oder neunzehnmal hinaus werden die Musterweiß oder grau. Der genaue Grund dafür, dass wir solche Musterim Stroboskop sehen, ist nicht bekannt. Die nächstliegendeErklärung wäre das Ineinanderspielen von zwei oder mehrRhythmen – dem der Lampe und den verschiedenen Rhythmender elektrischen Gehirntätigkeit. Solche Interferenzen werden vielleicht durch das Sehzentrumund die Sehnerven so verwandelt, dass sie als farbige Muster insBewusstsein treten. Viel schwerer zu erklären ist die vonmehreren Versuchsleitern unabhängig voneinander beobachteteTatsache, dass das Stroboskop die durch Meskalin oderLysergsäure hervorgerufenen Visionen gewöhnlich bereichertund verstärkt. Als Beispiel nun nachfolgend ein Fall, der mirvon einem befreundeten Arzt mitgeteilt wurde. Er hatteLysergsäure genommen und sah mit geschlossenen Augen nurfarbige, sich bewegende Muster. Dann setzte er sich vor einStroboskop. Die Lampe wurde eingeschaltet, und sogleichverwandelten sich die abstrakten Formen aus der Geometrie in
  • 117. etwas, das mein Freund als »japanische Landschaften« vonüberragender Schönheit beschrieb. Aber wie in aller Welt kanndie Interferenz zweier Rhythmen eine Anordnung elektrischerImpulse hervorrufen, welche als lebendige, sich selbsterzeugende, von übernatürlicher Helligkeit und Farbedurchflutete sowie von übernatürlicher Bedeutsamkeit erfülltejapanische Landschaft deutbar ist und keine Ähnlichkeit mitirgend etwas aufweist, was der Betreffende je gesehen hat? Dieses Geheimnis ist nur ein Ausschnitt aus einem größeren,umfassenderen Geheimnis – dem Geheimnis des Wesens derBeziehungen, die zwischen visionären Erfahrungen undVorgängen auf der Ebene der Zellchemie und der Elektrizitätwirksam sind. Indem Penfield gewisse Partien des Gehirns miteiner sehr dünnen Elektrode berührte, war er imstande, einelange Kette von Erinnerungen, die sich auf ein Erlebnis in derVergangenheit bezogen, wieder hervorzurufen DieseErinnerungen waren nicht nur in jeder wahrgenommenenEinzelheit genau, sie gingen auch mit all den Gefühlen einher,die von den ursprünglichen Ereignissen ausgelöst worden warenDer Patient, der unter Lokalanästhesie stand, fühlte sichgleichzeitig an zwei Orten und in zwei Zeiten – imOperationssaal, hier und jetzt, und zuhause in seiner Kindheit,Hunderte vo n Kilometern und Tausende von Tagen entfernt. Gibt es, so fragt man sich da, eine Gehirnpartie, aus der diesondierende Elektrode Blakes Cherubim oder Weir Mitchellssich verwandelnden, mit lebendigen Edelsteinen besetztengotischen Turm oder die unaussprechlich lieblichen japanischenLandschaften meines Freundes hervorzulocken vermag? Undwenn, wie ich selbst glaube, visionäre Erlebnisse von irgendwoaus dem Unendlichen des totalen Bewusstseins kommen, wie istdann das neurologische Muster beschaffen, das vom Gehirn adhoc für die Übermittlung und den Empfang bereitgestellt wird?Und was geschieht mit diesem Ad-hoc-Muster, wenn die Visionvorbei ist? Warum behaupten alle Visionäre, dass sie ihre
  • 118. verklärenden Erlebnisse auch nicht annähernd in derursprünglichen oder in einer auch nur ähnlichen Form undStärke wieder herbeirufen konnten? So viele Fragen – und sowenig Antworten bisher.
  • 119. II In der westlichen Welt gibt es wesentlich weniger Visionäreund Mystiker als früher. Dafür gibt es hauptsächlich zweiGründe – einen philosophischen und einen chemischen. In derVorstellung vom Universum, die zur Zeit in Mode ist, gibt eskeinen Platz für anerkannte transzendentale Erlebnisse. Folglichwerden diejenigen, die glauben, eindeutige transzendentaleErfahrungen gemacht zu haben, mit Misstrauen angesehen, alswären sie entweder Verrückte oder Schwindler. Mystiker oder Visionär zu sein, ist heutzutage nichtsRühmliches mehr. Aber nicht nur unser geistiges Klima ist dem Visionär unddem Mystiker ungünstig, auch unsere chemische Umweltunterscheidet sich gründlich von der, in der unsere Vorfahrenlebten. Das Gehirn gehorcht chemischen Gesetzen, und die Erfahrunghat gezeigt, dass es für die (biologisch gesprochen)überflüssigen Phänomene des totalen Bewusstseins auf dieWeise durchlässig gemacht werden kann, dass man die(biologisch gesprochen) normalen chemischen Vorgänge imKörper beeinflusst. Unsere Vorfahren aßen nahezu die Hälfte des Jahres keinObst, kein grünes Gemüse und (da sie nicht in der Lage waren,eine größere Anzahl von Ochsen, Kühen, Schweinen, Hühnernund Gänsen über die Wintermonate durchzufüttern) nur sehrwenig Butter oder frisches Fleisch und sehr wenig Eier. Wenn esdann Frühling wurde, litten die meisten an leichtem oderschwerem Skorbut, weil in ihrer Nahrung das Vitamin C, und ander Pellagra, weil in ihr der Vitamin- B-Komplex fehlte. Dieverheerenden körperlichen Symptome dieser Krankheiten gehen
  • 120. einher mit nicht weniger verheerenden seelischen. 17 Das Nervensystem ist verletzlicher als die anderen Gewebedes Körpers. Folglich führt Vitaminmangel oft dazu, dass zunächst derGeisteszustand beeinträchtigt wird, bevor in merklicher FormHaut, Knochen, Schleimhäute, Muskeln und Eingeweidebetroffen werden. Die erste Folge einer unzulänglichen Ernährung ist eineHerabsetzung der Leistungsfähigkeit des Gehirns als einerGrundvoraussetzung für biologisches Überleben. Derunterernährte Mensch ist für Sorgen, Niedergeschlagenheit,Hypochondrie und Angstgefühle früher anfällig. Er neigt zuVisionen, denn wenn die Wirksamkeit der zerebralenReduktionsschleuse herabgesetzt wird, fließt viel (biologischgesprochen) unnützes Material aus der Welt des totalenBewusstseins ins individuelle Bewusstsein. Viele Erlebnisse früherer Visionäre waren Schreckenerregend. Um die Sprache der christlichen Theologie zugebrauchen – der Teufel offenbarte sich in ihren Visionen undEkstasen beträchtlich häufiger als Gott. In einem Zeitalter, indem Vitaminmangel herrschte und der Glaube an den Satan weitverbreitet war, ist das nicht überraschend. Das seelische Leiden, das sich schon bei leichten Fällen vonPellagra und Skorbut einstellt, wurde durch die Furcht vor derVerdammnis und die Überzeugung, dass die Mächte des Bösenallgegenwärtig seien, verstärkt. Die mit diesen Leideneinhergehenden dunkleren Stimmungen waren leicht dazuangetan, den Visionen ebenfalls einen dunklen Anstrich zuverleihen, wenn die Wirksamkeit der Gehirnschleuse durch17 Siehe The Biology of Human Starvation von A. Keys (University ofMinnesota Press 1950), ferner die Arbeitsberichte Dr. George Watsons undseiner Kollegen in Südkaliformen über die Rolle des Vitaminmangels beiGeisteskrankheiten.
  • 121. Unterernährung beeinträchtigt war. Aber obwohl sie sichvorwiegend mit der ewigen Verdammnis befassten, und trotzihrer Mangelkrankheiten sahen spirituell gesinnte Asketen oftden Himmel und waren sogar in der Lage, sich gelegentlichjenes göttlichen unparteiischen Einen bewusst zu werden, indem die polaren Gegensätze miteinander ausgesöhnt sind. Füreinen flüchtigen Ausblick auf die Seligkeit, für einenVorgeschmack vom Wissen um die Einheit schien kein Preis zuhoch zu sein. Die Abtötung des Leibes kann eine Unzahlunerwünschter psychischer Symptome hervorrufen, aber siekann auch eine Pforte in eine transzendentale Welt des Seins,der Erkenntnis und der Seligkeit öffnen. Aus diesem Grundhaben sich in der Vergangenheit ungeachtet der offenkundigenNachteile fast alle Menschen, die ein spirituelles Lebenanstrebten, regelrechten Übungen unterzogen, um ihren Körperabzutöten. Was die Versorgung des Körpers mit Vitaminen angeht, sowar im Mittelalter jeder Winter ein langes unfreiwilliges Fasten,und auf dieses folgten während der eigentlichen Fastenzeitvierzig Tage freiwilliger Enthaltung. Die Karwoche fand dieGläubigen im Hinblick auf den chemischen Zustand ihresKörpers wunderbar vorbereitet auf die gewaltigen Ausbrüchevon Schmerz und Freude, die diese Jahreszeit fordert, auf die ihrgemäße Gewissensqual und die Selbstaufgabe erforderndeIdentifizierung mit dem auferstandenen Christus. Zu dieserJahreszeit, in der höchste religiöse Ekstase und die minimalsteVitaminversorgung zusammenkamen, waren Ekstasen undVisionen fast etwas Alltägliches. Und das war ja auch zuerwarten. Für kontemplative Menschen, die in Klöstern lebten, gab esalljährlich mehrere Fastenzeiten. Und auch in denZwischenzeiten war ihr Speisezettel äußerst karg. Daher jenequalvollen Zustände der Niedergeschlagenheit, die von so vielenspirituellen Schriftstellern beschrieben werden, daher ihre
  • 122. schrecklichen Versuchungen, der Verzweiflung zu erliegen undSelbstmord zu begehen. Daher aber auch jene »unverdientenGnaden« in der Form himmlischer Visionen und Ansprachen,prophetischer Einsichten, telepathischer »Kontaktaufnahme mitden Geistern«. Und daher schließlich ihre »innereKontemplation«, ihre »dunkle Erkenntnis« des Einen in allem. Das Fasten war nicht der einzige Weg, den Leib abzutöten,den früher die Menschen beschritten, um eine erhöhteSpiritualisierung zu erlangen. Die meisten von ihnen verwandten regelmäßig die Geißel ausgeknoteten Lederriemen oder sogar Eisendrähten. DieseGeißelungen waren das Äquivalent ziemlich schwerwiegenderchirurgischer Eingriffe ohne Anästhesie, und ihre Wirkungenauf die chemischen Vorgänge im Körper des Büßers warenbeträchtlich. Große Mengen von Histamin und Adrenalinwurden freigesetzt, noch während die Geißel geschwungenwurde. Und sobald die entstandenen Wunden zu eitern begannen(wie das bei Wunden vor dem Zeitalter der Seife nahezu dieRegel war), fanden verschiedene durch die Zersetzung vonEiweiß entstandene giftige Stoffe ihren Weg in die Blutbahn.Histamin aber ruft einen Schock hervor, und der Schockbeeinflusst die Psyche nicht weniger stark als den Leib.Überdies können große Mengen von Adrenalin Halluzinationenhervorrufen, und von einigen seiner Zerfallsprodukte weiß man,dass sie Symptome verursachen, welche denen derSchizophrenie ähneln. Die Toxine, die sich in den Wundengebildet haben, stören die das Gehirn regelnden Enzymsystemeund verringern seine Leistungsfähigkeit als Vehikel, mit demman eine Welt bewältigen kann, in der nur die biologischTüchtigsten überleben. Das mag erklären, warum der Curéd’Ars zu sagen pflegte, dass in den Tagen, als es ihm freistand,sich erbarmungslos zu geißeln, Gott ihm nichts verweigerte. Mit anderen Worten, wenn Reue, Selbstekel und HöllenfurchtAdrenalin freisetzen, wenn selbstzugefügte chirurgische
  • 123. Eingriffe Adrenalin und Histamin freisetzen und verunreinigteWunden zerfallenes Eiweiß ins Blut gelangen lassen, wird dieWirksamkeit der zerebralen Reduktionsschleuse verringert, undunvertraute Aspekte des totalen Bewusstseins (einschließlich derPsi-Phänomene, Visionen und, wenn der betreffende Menschphilosophisch und ethisch darauf vorbereitet ist, mystischerErlebnisse) fließen ins Bewusstsein des Asketen. Die vorösterliche Fastenzeit folgte, wie wir gesehen haben,auf lange Zeitspannen unfreiwilligen Fastens. Ähnlich wurdendie Wirkungen der Selbstgeißelung in früheren Zeiten dadurchergänzt, dass große Mengen von zersetztem Eiweißunwillkürlich absorbiert wurden. Eine Zahnheilkunde gab esnicht, die Chirurgen waren Henker, und man hatte auch keinesicheren Desinfektionsmittel. Die meisten Menschen müssendaher ihr Leben lang mit Eiterherden behaftet gewesen sein, undEiterherde können zweifellos die Wirksamkeit der zerebralenReduktionsschleuse verringern. Und welche Schlussfolgerung lässt sich nun daraus ziehen?Verfechter einer Alles-oder-Nichts-Philosophie werdenantworten, dass, da Veränderungen der chemischen Vorgängeim Körper günstige Voraussetzungen für ein visionäres undmystisches Erleben schaffen, visionäre und mystische Erlebnissenicht das sein können, was sie denjenigen, die sie gehabt haben,ganz selbstverständlich sind. Aber das ist natürlich einTrugschluss. Zu einem ähnlichen Schluss werden diejenigen kommen, diesich eine spirituelle Philosophie anmaßen. Sie werden daraufbeharren, dass Gott ein Geist ist und im Geist verehrt werdenmuss. Daher kann ein chemisch bedingtes inneres Erlebnis keinErlebnis des Göttlichen sein. Aber auf die eine oder andere Weise sind alle unsere innerenErlebnisse chemisch bedingt, und wenn wir uns einbilden, dasseinige von ihnen rein »spirituell«, rein »intellektuell«, rein»ästhetisch« seien, dann nur deshalb, weil wir uns nie bemüht
  • 124. haben, die chemischen Vorgänge in unserem Körper zuerforschen, die sich bei einer spirituellen Erfahrung abspielen ...Ferner ist die Tatsache geschichtlich belegt, dass die meistenMenschen, die sich mit Kontemplation befasst haben,systematisch darauf hinarbeiteten, die chemischen Vorgänge inihrem Körper zu verändern, mit der Absicht, die einerspirituellen Einsicht günstigen inneren Bedingungen zuschaffen. Wenn sie nicht hungerten, bis Vitaminmangel odereine Verringerung des Blutzuckers eintrat, oder sich bis zurVergiftung durch Histamin, Adrenalin und zersetztes Eiweißgeißelten, forcierten sie doch die Schlaflosigkeit und betetenwährend langer Zeitspannen in unbequemen Stellungen, um diepsychophysischen Symptome, die durch Überanstrengungentstehen, hervorzurufen. Dazwischen sangen sie endlos Psalmen und vermehrten so dieKohlensäuremenge in der Lunge und im Blutkreislauf, odermachten, wenn sie Orientalen waren, zu demselben ZweckAtemübungen. Heute wissen wir, wie man dieLeistungsfähigkeit der zerebralen Reduktionsschleuse durchunmittelbare chemische Einwirkung verringern kann ohneGefahr, dem psycho-physischen Organismus ernsten Schadenzuzufügen. Wenn ein angehender Mystiker bei demgegenwärtigen Stand unserer Erkenntnis auf langes Fasten undheftige Selbstgeißelung zurückgriffe, wäre das ebenso sinnlos,wie wenn ein angehender Koch es Charles Lambs Chinesennachtäte, der das Haus niederbrannte, um ein Schwein zu braten.Der angehende Mystiker sollte sich, da er doch weiß (oder dieMöglichkeit hat, es zu wissen), welche die chemischenVorbedingungen für transzendentale Erfahrungen sind, umtechnische Hilfe an die Spezialisten wenden – und dieSpezialisten (sofern sie es anstreben, echte Wissenschaftler undintegrierte menschliche Wesen zu sein) sollten aus ihrenfachgebundenen Schubladen hervorkommen und sich an denKünstler, die Sybille, den Visionär, den Mystiker wenden – an
  • 125. alle diejenigen, mit einem Wort, die Erfahrungen mit einerüberirdischen Welt gemacht haben und, jeder auf seine Weise,wissen, was man mit einer solchen Erfahrung anfangen kann.
  • 126. III Auswirkungen von Visionen und die Vorkehrungen, diegetroffen werden müssen, um sie zu erzeugen, haben beiVolksbelustigungen eine noch größere Ro lle gespielt als in denschönen Künsten. Feuerwerke, Festzüge und Darbietungen aufder Bühne bedienen sich im wesentlichen des visionärenElements. Leider sind es auch vergängliche Künste, deren früheMeisterwerke uns nur aus Überlieferungen bekannt sind. Nichts ist geblieben von all den römischen Triumphzügen,den mittelalterlichen Turnieren, den Maskenspielen (höfischenSingspielen mit Tänzen und Bühneneffekten) desnachelisabethanischen Zeitalters, der langen Reihe vonpompösen Krönungen, Königshochzeiten und feierlichenEnthauptungen, Heiligsprechungen und Papstbegräbnissen. Interessant ist, wie eng die volksnahen visionären Künste vomjeweiligen Stand der Technik abhängen. Feuerwerke zumBeispiel waren einst nicht mehr als gewöhnliche Freudenfeuer(und bis zum heutigen Tag, so möchte ich hinzufügen, bleibt einaufwendiges Freudenfeuer in einer dunklen Nacht eins dermagischsten und entrückendsten Schauspiele. Bei seinem Anblick kann man den mexikanischen Bauernverstehen, der sich daran macht, einen Morgen Waldlandniederzubrennen, damit er seinen Mais anpflanzen kann, aberentzückt ist, wenn durch einen glücklichen Zufall ein paarQuadratkilometer in hellen, apokalyptischen Flammen aufgehen). Die eigentliche Pyrotechnik hat ihren Ursprung(zumindest in Europa) in dem früher geübten Brauch, beiBelagerungen und Seeschlachten Feuer zu legen. Was zunächstein Mittel der Kriegsführung gewesen war, wurde später dannauch für Volksbelustigungen nutzbar gemacht. Das kaiserlicheRom veranstaltete seine Feuerwerke, die selbst noch in der Zeitseines Niedergangs mit äußerstem Raffinement in Szene gesetzt
  • 127. wurden. Claudian beschreibt das von Manlius Theodorus imJahre 399 n. Chr. veranstaltete Spektakel: Mobile ponderibus descendat pegma reductis inque chorispeciem spargentes ardua flammas scaena rotet varios, et fingatMulciber orbis per tabulas impune vagos pictaeque citatoludant igne trabes, et non permissa morari fida per innocuaserrent incendia turres. 18 Nach dem Untergang Roms wurde die Pyrotechnik wiederausschließlich als militärische Kunst eingesetzt. Ihr größterTriumph war um 650 n. Chr. die Erfindung des berühmtenGriechischen Feuers durch Kallinikos – der Geheimwaffe, die esdem niedergehenden byzantinischen Kaiserreich ermöglichte,sich noch eine so lange Zeit gegen seine Feinde zu behaupten.Im Zeitalter der Renaissance wurden Feuerwerke erneut zurVolksbelustigung eingesetzt. Jeder Fortschritt, den Wissenschaftund Chemie erzielten, trug dazu bei, sie prächtiger zu gestalten.Um die Mitte des 19. Jahrhunderts hatte die Pyrotechnik einenderartigen Höhepunkt erreicht, dass sie es vermochte, riesigenZuschauermengen zu Visionen zu verhelfen, die antipodischGeistern entgegengesetzt waren, die im bewussten Zustandrespektable Methodisten, Puseyten, Utilitarier, Anhänger vonMill oder Marx, von Newman oder Bradlaugh oder SamuelSmiles waren. Auf der Piazza del Popolo, in Ranelagh und imKristallpalast wurde an jedem vierten und vierzehnten Juli mitHilfe der scharlachroten Flammen durch die Verwendung vonKupferblau, Bariumgrün und Sodiumgelb das Unbewusste einesganzen Volkes auf jene andere Welt hingelenkt, die auf der18 Entfernt die Gegengewichte und senkt den fahrbaren Kran und lasst aufdie erhöhte Bühne Männer herab, die im Chor radschlagend Flammenverstreuen! Lasst den Vulkan Kugeln von Feuer schmieden, die spielerischüber die Bretter rollen! Lasst die Flammen scheinbar um die falschenTragbalken der Szenerie spielen und einen harmlosen Brand, dem zuerlöschen nicht erlaubt sei, zwischen den unberührten Türmen entfachen.
  • 128. psychischen Landkarte Australien entspricht. Festzüge sind ein Bereich der visionären Kunst und wurdenseit undenklichen Zeiten als politisches Werkzeug eingesetzt.Die prachtvollen phantastischen Gewänder, die von Königenund Päpsten und ihrem Hofstaat, ihrem militärischen undgeistlichen Gefolge getragen wurden, verfolgten einen ganzeinfachen praktischen Zweck, sie dienten dazu, den unterenKlassen einen tiefen Eindruck von der übermenschlichen Größeihrer Herren zu hinterlassen. Durch den Einsatz schöner Kleiderund feierlicher Zeremonien wird eine De-facto-Beherrschung ineine Herrschaft nicht nur de jure, sondern auch noch de juredivino verwandelt. Die Kronen und Tiaren, die mannigfaltigen Geschmeide, diesamtenen und seidenen Stoffe, die bunten Uniformen undGewänder, die Kreuze und Medaillen, die Schwertgriffe undKrummstäbe, die wehenden Federbüsche auf Dreispitzen undihre kirchlichen Pendants, jene riesigen Federfächer, die jedepäpstliche Zeremonie aussehen lassen wie eine Szene aus Aida –all das dient als Requisit für die Veranstaltung von Visionen undwurde zu dem Zweck erfunden, allzu menschlichen Damen undHerren das Aussehen vo n Heroen, Halbgöttinnen und Seraphimzu verleihen, und außerdem bereitet es allen Beteiligten, denAkteuren ebenso wie den Zuschauern, ein immensesunschuldiges Vergnügen. Im Lauf der letzten zweihundert Jahre wurden auf dem Gebietder künstlichen Beleucht ung ungeheure technische Fortschritteerzielt, und dadurch wurde es möglich, festliche Aufzüge undBühnenveranstaltungen, die diesen nahe verwandt sind, nocheffektiver zu gestalten. Einen bemerkenswerten Fortschrittbedeutete im 18. Jahrhundert die Verwendung gegossenerWalratkerzen anstelle der älteren Talgfunzeln und dergezogenen Wachslichter. Das nächste war die Erfindung vonArgands röhrenförmigem Docht mit Luftzufuhr an der innerenwie an der äußeren Oberfläche der Flamme. Glaszylinder
  • 129. folgten bald, und es wurde zum ersten Mal in der Geschichtemöglich, Öl zu verbrennen, das ein helles und völlig rauchlosesLicht gab. Kohlengas wurde als Beleuchtungsmittel zum erstenMal im frühen 19. Jahrhundert verwendet, und im Jahre 1825entdeckte Thomas Drummond eine brauchbare Methode, Kalkmittels einer Sauerstoff-Wasserstoff- oder Sauerstoff-Kohlengasflamme bis zur Weißglut zu erhitzen. Währenddessenhatte man begonnen, mit Hilfe von parabolischen Spiegeln Lichtzu einem dünnen Strahl zu konzentrieren. (Der erste englischemit einem solchen Reflektor ausgestattete Leuchtturm wurde1790 gebaut.) Der Einfluss dieser Erfindungen auf Aufzüge undAusstattungsstücke war sehr tiefgreifend. In früheren Zeitenkonnten weltliche und religiöse Zeremonien nur bei Tagveranstaltet werden (wobei bewölkte Tage sich mit sonnigen dieWaage hielten) oder nach Sonnenuntergang beim Lichtrauchender Lampen, Fackeln oder bei schwachemKerzengeflacker. Argand und Drummond, Gas, Kalklicht und,vierzig Jahre später, elektrisches Licht, e rmöglichten es, demgrenzenlosen Chaos der Nacht reiche Inselwelten zu entreißen,deren metallenes Glitzern, deren Juwelenschimmer, deren tiefesGlühen von Samt und Brokat einen derartigen Höhepunkterreichte, dass ihr innerstes Wesen zutage trat. In jüngs ter Zeitwar die Krönung Elisabeth II. ein Beispiel für eine derartigehistorische Prachtentfaltung, die durch die Entwicklung derBeleuchtungstechnik im 20. Jahrhundert zu einem Ereignis vonmagischer Bedeutung wurde. Der Film, der von diesem Ereignisgedreht wurde, bewahrt ein Ritual von erhebender Pracht vordem Vergessenwerden, das bis jetzt immer das Schicksalderartiger feierlicher Ereignisse war, und hat es in seinemnatürlichen Glanz für unzählige zeitgenössische und zukünftigeZuschauer im Scheinwerferlicht festgehalten. Im Theater werden zwei unterschiedliche und separate Künsteausgeübt – die menschliche Kunst, die das Drama und dievisionäre, die das Schauspiel beinhaltet. Elemente beider Künste
  • 130. können in ein und dieselbe Abendveranstaltung Eingang finden– indem das Drama (wie es so oft bei aufwendigen Shakespeare-Aufführungen geschieht) unterbrochen wird und man demPublikum erlaubt, sich an einem »lebenden Bild« zu erfreuen, inwelchem sich die Schauspieler entweder überhaupt nichtbewegen oder nur ganz undramatische, zeremoniöse,prozessionshafte Bewegungen machen oder einenformgebundenen Tanz aufführen. Uns geht es hier nicht um dasDrama, sondern um das theatralische Zeremoniell, das einfachein »Schauspiel« ist und keine politischen oder religiösenObertöne hat. In den weniger bedeutenden visionären Künsten desKostümzeichnens und Entwerfens von Bühnenschmuck warenunsere Vorfahren unübertreffliche Meister. Und obwohl sie ganzauf ihre Muskelkraft angewiesen waren, standen sie uns auch imBau und in der Betätigung der Bühnenmaschinerie und derVorrichtungen für »Spezialeffekte« in nichts nach. Bei den sogenannten Maskenspielen aus der Elisabethanischen Zeit undder Zeit der frühen Stuarts waren vom Schnürbodenherabschwebende Götter und aus den Versenkungenheraufdringende Dämonen etwas ganz Alltägliches, desgleichenApotheosen sowie die erstaunlichsten Verwandlungen. Aufderartige Spektakel wurden ungeheure Summen verschwendet.Die Gerichtshöfe zum Beispiel veranstalteten ein derartigesSchauspiel für Karl I., das mehr als zwanzigtausend Pfundkostete – zu einer Zeit, als die Kaufkraft des Pfundes sechs- odersiebenmal so hoch war wie heute. »Die Seele des Maskenspiels ist nichts alsZimmermannshandwerk «, sagte Ben Jonson sarkastisch. SeineVerachtung entsprang einem persönlichen Groll. Inigo Joneserhielt ebenso viel Geld für das Entwerfen der Bühnenbilder wieBen für das Schreiben des Texts. Der empörte poeta laureatushatte offenbar nicht begriffen, dass das Maskenspiel einevisionäre Kunst war und visionäres Erleben sich vollkommen
  • 131. außerhalb der Worte abspielt (jedenfalls aller Worte, die nichtzu den besten von Shakespeare zu zählen sind) und durch dieunmittelbare Ausrichtung der Wahrnehmung auf die Dingeerzeugt werden muss, die den Beschauer daran gemahnen, wasbei den unerforschten Antipoden seines persönlichenBewusstseins vorgeht. Die Seele des Maskenspiels konnte schonvon ihrer Natur aus nie ein Libretto von Jonson sein, sie mussteZimmermannshandwerk sein. Doch selbst imZimmermannshandwerk konnte nicht die ganze Seele desMaskenspiels liegen. Wenn unser visionäres Erleben sich von innen herausvollzieht, hat es immer einen übernatürlichen Glanz. Aber dieersten Bühnenbildner besaßen kein helleres Beleuchtungsmittelals Kerzen. Aus der Nähe betrachtet, kann eine Kerze einmagisches Licht und die verschiedenartigstenSchattenwirkungen hervorbringen. Die visionären GemäldeRembrandts und Georges de la Tours zeigen Dinge undMenschen bei Kerzenlicht. Leider aber unterliegt das Licht demGesetz der umgekehrten quadratischen Proportion. WennKerzen in sicherer Entfernung von einem Schauspieleraufgestellt werden, der ein Kostüm trägt, das leicht Feuer fangenkann, erweisen sie sich als absolut unzulänglich. Bei drei Metern Entfernung zum Beispiel brauchte manhundert der besten Wachskerzen, um die Licht-Wirkung einerdreißig Zentimeter entfernten Kerze zu erhalten. Bei einerderartig schlechten Beleuchtung konnte nur ein Bruchteil dervisionären Möglichkeiten, die das Maskenspiel in sich barg,verwirklicht werden. Tatsächlich wurde von diesenMöglichkeiten erst dann richtig Gebrauch gemacht, als dasMaskenspiel schon längst nicht mehr in seiner ursprünglichenForm existierte. Erst im 19. Jahrhundert, als die fortschreitendeTechnik das Theater mit Kalklicht und Hohlspiegeln ausgestattethatte, kam das Maskenspiel oder vielmehr, was aus ihmgeworden war, voll zur Geltung.
  • 132. Die Regierungszeit Königin Viktorias war die große Zeit derso genannten Weihnachtspantomime und des phantastischenMärche nstücks. Ali-Baba, Der Pfauenkönig, Der goldene Zweig, Die Insel derJuwelen – schon die Titel sind zauberhaft. Die Seele diesesBühnenzaubers lag im Zimmermannswerk und in derKostümbildnerei, der ihm innewohnende Geist, seine scintillaanimae, lebte durch Gas und Kalklicht und, nach denAchtzigerjahren, durch elektrische Beleuchtung. Zum erstenMal in der Geschichte des Theaters verklärte weißglühendesLicht die gemalten Prospekte, die Kostüme, das Glas und Talmi,den Schmuck so, dass sie in der Lage waren, die Zuschauer inRichtung auf jene andere Welt hin zu bewegen, die in denTiefen einer jeden Psyche liegt, so sehr sich diese auch denAnforderungen des sozialen Lebens angepasst haben mag –selbst denen des sozialen Lebens mitten im viktorianischenEngland. Heute sind wir in der glücklichen Lage, eineEnergiemenge, die einer halben Million Pferdestärkenentspricht, auf die allnächtliche Beleuchtung einer Großstadt zuverschwenden. Und doch hat trotz dieser Entwertung des künstlichen Lichtsdas Bühnenschauspiel seinen alten zwingenden Zauber behalten. Im Ballett, in Revuen und Operetten ist die Seele desMaskenspiels noch immer lebendig. Lampen von tausend Wattund parabolische Reflektoren strahlen übernatürliches Licht aus,und dieses Licht verleiht allem, was es berührt, eineübernatürliche Farbe und eine übernatürliche Bedeutsamkeit.Selbst das nichts sagendste Stück erscheint noch als reizvoll.Auch hier haben wir einen Fall, wo die Neue Welt dazuaufgerufen wurde, das Gleichgewicht in der Alten wiederherzustellen, wo visionäre Kunst eingesetzt wurde, um dieMängel eines allzu menschlichen Dramas auszugleichen. Athanasius Kirchers Erfindung – wenn es wirklich seine war– wurde von Anfang an laterna magica getauft. Der Name
  • 133. wurde überall als für eine Maschine, zu deren FunktionierenLicht erforderlich war und die schließlich ein farbiges Bild ausdem Dunkel hervorbrachte, völlig angemessen empfunden undübernommen. Um die ursprüngliche Laterna magica nochmagischer zu machen, erfanden Kirchers Nachfolger eineAnzahl Methoden, um dem projizierten Bild Leben undBewegung zu verleihen. Es gab »chromatropische« Laterna-magica-Bilder, bei denen man zwei gemalte Glasscheiben inentgegengesetzten Richtungen rotieren ließ und so eine rohe,aber immerhin wirkungsvolle Nachahmung jener unaufhörlichwechselnden dreidimensionalen Muster erzeugte, die so gut wiejeder sieht, der eine Vision gehabt hat, sei sie nun spontanaufgetreten oder durch Drogen, durch Fasten oder dasStroboskop erzeugt worden. Dann gab es so genannte sichwandelnde Bilder, die den Betrachter an die Verwandlungenerinnerten, die sich unaufhörlich bei den Antipoden seinesAlltagsbewusstseins abspielten. Um ein Bild unmerklich in ein anderes übergehen zu lassen,wurden zwei Zauberlaternen verwendet, die zwei Bildergleichzeitig auf den Bildschirm warfen. Jede Laterne war miteiner Blende ausgestattet, die so beschaffen war, dass das Lichtder einen immer mehr abgeschwächt werden konnte, währenddas Licht der anderen (anfangs völlig abgedunkelt) immer hellerwurde. Auf diese Weise wurde das von der ersten Laterneprojizierte Bild unmerklich durch dasjenige ersetzt, das diezweite projizierte – zum staunenden Entzücken aller Zuschauer.Ein anderer Apparat war die bewegliche Laterna magica, dieihre Bilder auf einen transparenten Schirm warf, hinter dessenRückseite die Zuschauer saßen. Wurde die Laterne nahe an denSchirm herangerollt, war das projizierte Bild sehr klein; jeweiter sie entfernt wurde, desto größer wurde es. Eineautomatische Brennpunkteinstellung sorgte dafür, dass diewechselnden Bilder in jeder Entfernung scharf und nichtverschwommen waren. Das Wort »Phantasmagoric« wurde
  • 134. 1802 von den Erfindern dieser neuen Art des Guckkastensgeprägt. All diese Verbesserungen in der Technik der Laterna magicafielen in die Zeit der Dichter und Maler der jüngerenromantischen Schule und mögen einen gewissen Einfluss auf dieAuswahl ihrer Stoffe und auf die Art, in der sie sie behandelten,gehabt haben. Königin Mab und Der Aufstand des Islam vonShelley zum Beispiel sind voller sich verwandelnderLandschaften und Phantasmagorien. Wenn Keats Szenen undPersonen, Innenansichten und Möbel und Lichtwirkungenbeschreibt, haben diese Beschreibungen das intensiv Strahlendefarbiger Bilder auf einem weißen Tuch in einem verdunkeltenRaum. John Martins Gemälde des Satans und vom FestBelsazars, von der Hölle, von Babylon und von der Sintflut sindoffenbar von der Laterna magica und von stark mit Kalklichtausgeleuchteten »lebenden Bildern« angeregt. Heute entspricht jenen Laterna-Magica-Vorführungen derFarbfilm. In den kostspieligen Monumental-Ausstattungsfilmen lebt dieSeele des Maskenspiels munter fort – teils mit allen ihrenAuswüchsen, teilweise aber auch mit Geschmack und einemechten Gefühl, die dazu angetan sind, visionäre Phantasien zuerzeugen. Überdies hat sich dank der Fortschritte in der Technikder farbige Dokumentarfilm als eine bemerkenswerte neue Formvisionärer Kunst für die breiten Massen erwiesen, wenn ergeschickt gemacht ist. Die ins Ungeheure vergrößertenKakteenblüten, in die sich der Zuschauer am Ende von DisneysDie Wüste lebt sinken fühlt, kommen geradewegs aus eineranderen Welt. Und was für entrückende Visionen enthalten die bestenNaturfilme: Laub im Wind, die Struktur von Fels und Sand, die Schattenund Smaragdlichter im Gras oder im Schilf, Vögel und Insekten
  • 135. und Vierfüßler, die im Unterholz oder im Astwerk von Bäumenihrer Beschäftigung nachgehen. Hier haben wir diesezauberhaften Nahaufnahmen von der Landschaft, von denen dieVerfertiger der Mille-feuilles-Gobelins, die mittelalterlichenMaler von Gärten und Jagdszenen so gefesselt waren. Hier haben wir die vergrößerten und herausgehobenenEinzelheiten der lebendigen Natur, die die Künstler des FernenOstens zu einigen ihrer schönsten Malereien anregten. Und dann gibt es noch etwas, was man als verzerrtenDokumentarfilm bezeichnen könnte – eine seltsame neue Formvisionärer Kunst, für die Francis Thompsons Film N. Y., N. Y.ein sehr gutes Beispiel ist. In diesem sehr seltsamen undschönen Film sehen wir die Stadt New York, wie sie erscheint,wenn sie durch vervielfältigende Prismen fotografiert oder inRückseiten von Löffeln, polierten Radkappen, sphärischen undparabolischen Spiegeln reflektiert wird. Wir erkennen da zwarnoch Häuser, Menschen, Schaufenster, Taxis, erkennen sie aberals Elemente einer dieser lebendigen geometrischenKonfigurationen, die so charakteristisch für visionäre Erlebnissesind. Es sieht so aus, als kündige diese neue kinematographischeKunst (Gott sei Dank!) die Entthronung und das baldigeAbleben der gegenstandslosen Malerei an. Von den Anhängernder abstrakten Kunst wurde stets behauptet, dieFarbphotographie habe das altmodische Porträt und dasaltmodische Landschaftsbild zu unnützen Absurditätenherabgewürdigt. Das ist selbstverständlich völlig unwahr. DieFarbphotographie hält lediglich in einer leicht zu vervielfältigenForm die Rohmaterialien fest, mit denen Porträtisten undLandschaftsmaler arbeiten, und bewahrt sie. Farbfilm in derForm, wie Thompson ihn verwendet hat, leistet viel mehr, erbewahrt nicht nur die Rohmaterialien der abstrakten Kunst auf,er stellt tatsächlich das fertige Erzeugnis her. Als ich N. Y., N. Y.sah, gewahrte ich mit Erstaunen, dass so gut wie jeder von denAltmeistern der Malerei erfundene Kunstgriff, der seit vierzig
  • 136. oder mehr Jahren von den Akademikern und Manieristen dieserSchule bis zum Überdruss wiederholt wird, sich in denBilderfolgen von Thompson lebendig, farbenglühend vorfindetund von tiefer Bedeutung ist. Dass wir imstande sind, einen starken Lichtstrahl zuprojizieren, hat uns nicht nur dazu befähigt, neue Formenvisionärer Kunst zu schaffen. Eine der ältesten Künste, die Bildhauerei, wurde dadurch miteiner neuen visionären Eigenschaft ausgestattet, die sie vorhernicht besaß. Ich habe in einem früheren Abschnitt von denmagischen Wirkungen gesprochen, die durchScheinwerferbeleuchtung alter Baudenkmäler und natürlicherGegenstände erzeugt werden. Ähnliche Wirkungen zeigen sich,wenn wir die Scheinwerfer auf behauenen Stein richten. Füseliempfing die Anregung zu einigen seiner besten undphantastischsten malerischen Ideen, als er die Statuen auf demMonte Cavallo beim Licht der untergehenden Sonne betrachteteoder, besser noch, wenn sie um Mitternacht von Blitzenbeleuchtet waren. Heute verfügen wir über künstliche Sonnenuntergänge undsynthetische Blitze. Wir können unsere Statuen unter jedembeliebigen Winkel anleuchten, wir können uns jedergewünschten Lichtstärke bedienen. Werke der Plastik haben dadurch neue Bedeutungen undunvermutete Schönheiten enthüllt. Man besuche den Louvre aneinem Abend, an dem die griechischen und ägyptischenAltertümer von Scheinwerfern angeleuchtet sind. Man wird daneuen Göttern, Nymphen und Pharaonen begegnen, man wird,während der eine Scheinwerfer erlischt und ein anderer an eineranderen Stelle des Raumes aufleuchtet, eine ganze Familiebisher unbekannter Niken von Samothrake kennen lernen. Die Vergangenheit ist nicht etwas Feststehendes undUnabänderliches.
  • 137. Ihre Realität wird von jeder der einander folgendenGenerationen wiederentdeckt, ihre Werte überprüft, ihreBedeutungen im Zusammenhang mit gegenwärtigenGeschmacksrichtungen und vorherrschenden Ideen neudefiniert. Aus denselben Dokumenten, Denkmälern undKunstwerken stellt sich jede Epoche ihr eigenes Mittelalter, ihrprivates China, ihr patentiertes und urheberrechtlich geschütztesHellas zusammen. Heute können wir dank der jüngstenFortschritte in der Beleuchtungstechnik einen Schrittweitergehen als unsere Vorgänger. Wir haben die uns von derVergangenheit hinterlassenen großen Werke der Plastik nichtnur neu gedeutet, es ist uns tatsächlich gelungen, die äußereErscheinung dieser Werke zu verändern. Griechische Statuen, wie wir sie von einem Licht, »das nieauf Land und Meer g eschienen«, beleuchtet und dann in einerReihe von Detailaufnahmen aus nächster Nähe unter denabsonderlichsten Winkeln photographiert sehen, haben fastkeine Ähnlichkeit mehr mit den griechischen Statuen, wie sievon Kunstkritikern und dem großen Publikum in dendämmrigen Galerien und auf den dezenten Kupferstichen derVergangenheit wahrgenommen wurden. Es ist das Bestreben des klassischen Künstlers, in welcherZeit er auch leben mag, Ordnung in das Chaos des Erlebens zubringen, ein verständliches und vernünftiges Bild von derWirklichkeit zu zeigen, auf dem alle Teile deutlich sichtbar undaufeinander bezogen sind, so dass der Betrachter genau weiß(oder, treffender gesagt, sich einbildet, genau zu wissen), woraner ist. Uns spricht dieses Ideal vernünftiger Ordnungsliebe nichtan. Daher bedienen wir uns, wenn wir uns Werken klassischerKunst gegenübersehen, aller uns zur Verfügung stehendenMittel, um ihnen das Aussehen von etwas zu geben, was sienicht sind und als was sie nie gedacht waren. Aus einem Werk,dessen ganzer Sinn seine einheitliche Konzeption ist, wählen wireine Einzelheit, stellen unsere Scheinwerfer auf sie ein und
  • 138. zwingen sie so, aus ihrem Zusammenhang herausgenommen,dem Bewusstsein des Betrachters auf. Wo uns Kontur allzu kontinuierlich, allzu offenbarverständlich zu sein scheint, zerbrechen wir sie durchabwechselnde undurchdringliche Schatten und Flecken vongreller Helligkeit. Wenn wir die Skulptur einer einzelnen Gestaltoder Gruppe photographieren, gebrauchen wir die Kamera, umeinen Teil hervorzuheben, den wir dann in rätselhafterUnabhängigkeit vom Ganzen zur Schau stellen. Durch solcheMittel können wir dem strengsten Klassiker alles Klassischenehmen. Der Behandlung mit Licht unterzogen und von einemerfahrenen Photographen aufgenommen, wird ein Phidias zueinem Stück gotischem Expressionismus, ein Praxiteles zueinem fesselnden, aus den schlammigsten Tiefen desUnbewussten heraufgebaggerten surrealistischen Gebilde. Dasmag schlechte Kunstgeschichte sein, aber es ist sicherlich einguter Spaß.
  • 139. IV Erst Hofmaler beim Herzog seines Geburtslandes und späterbeim König von Frankreich, wurde Georges de la Tour zuseinen Lebzeiten als der große Künstler betrachtet, der er sooffenkundig war. Mit der Thronbesteigung Ludwigs XIV. unddem Aufkommen und der bewussten Pflege einer neuen Kunstvon Versailles – aristokratisch in ihren Vorwürfen und luzidklassisch in ihrem Stil – wurde der Ruf dieses einst soberühmten Malers so völlig verdunkelt, dass binnen zweierGenerationen sogar sein Name vergessen war und seine erhaltengebliebenen Gemälde den Le Nains, Honthorst, Zurbarán,Murillo und sogar Velasquez zugeschrieben wurden. DieWiederentdeckung de la Tours begann 1915 und war 1934, alsder Louvre eine bemerkenswerte Ausstellung der »Maler derRealität« veranstaltete, im wesentlichen beendet. Nachdem er fast dreihundert Jahre lang nicht beachtet wordenwar, war einer der größten Maler Frankreichs wiedergekehrt, umseine Rechte zu beanspruchen. Georges de la Tour war einer jener extrovertierten Visionäre,deren Kunst getreulich gewisse Aspekte der Außenwelt spiegelt,jedoch in einem Zustand der Verklärung, so dass jede geringsteEinzelheit an sich bedeutsam und eine Manifestation desAbsoluten wird. Die meisten seiner Kompositionen zeigen dieGestalten, die im Licht einer einzigen Kerze zu sehen sind. Eineeinzige Kerze kann, wie Caravaggio und die Spanier gezeigthatten, die ungeheuersten theatralischen Effekte hervorrufen. Aber de la Tour interessierten theatralische Effekte nicht. Es ist nichts Dramatisches in seinen Bildern, nichtsTragisches oder Pathetisches oder Groteskes, es gibt keineDarstellung von Handlungen, keinen Appell an die Art vonGemütsbewegungen, wie sie auf der Bühne erst erregt, dannwieder abgeschwächt werden. Seine Personen sind im
  • 140. wesentlichen statisch. Sie tun nie etwas, sie sind einfach da, aufdieselbe Weise, wie ein Pharao aus Granit da ist oder einBodhisattva von Khmer oder einer der plattfüßigen Engel Pierodella Francescas. Und die einzige Kerze wird in jedem Fall dazuverwendet, dieses intensive oder in sich ruhende, unpersönlicheDasein hervorzuheben. Indem sie gewöhnliche Dinge inungewöhnlichem Licht erscheinen lässt, offenbart ihre Flammedas lebendige Geheimnis und unerklärliche Wunder bloßerExistenz. Es is t so wenig Religiosität in diesen Gemälden, dasses sehr oft unmöglich ist, zu entscheiden, ob wir eine Illustrationzur Bibel oder eine Studie von Modellen bei Kerzenlicht vor unshaben. Ist die Geburt Christi in Rennes die Geburt Christi oderbloß eine Geburt? Enthält das Bild eines unter den Augen eines jungenMädchens schlafenden alten Mannes nicht mehr? Ist es nichtetwa der heilige Petrus im Gefängnis, der vom erlösenden Engelheimgesucht wird? Es lässt sich nicht sagen. Aber hat de laTours Kunst auc h gar keine Religiosität, bleibt sie doch tiefreligiös in dem Sinn, dass sie mit beispielloser Intensität diegöttliche Allgegenwart enthüllt. Es muss hinzugefügt werden, dass dieser große Maler derImmanenz Gottes ein stolzer, harter, unerträglich überheblicherund geiziger Mensch gewesen zu sein scheint. Woraus wiedereinmal hervorgeht, dass das Werk eines Künstlers nie in jedemAspekt seinem Charakter entspricht.
  • 141. V Aus nächster Nähe malte Vuillard meist Interieurs, manchmalaber auch Gärten. In einigen Kompositionen gelang es ihm, denZauber der Nähe mit dem der Ferne zu verbinden, indem er einZimmer wiedergab, in dem die Darstellung eines Ausblicks aufBäume, Berge und den Himmel hängt oder steht, die entwedervon ihm selbst oder von anderen Küstlern stammte. Es ist eineAufforderung, sich mit einem Blick das Beste aus beiden Weltenzu holen, der teleskopischen und der mikroskopischen. Im übrigen fallen mir nur sehr wenige aus der Ferne gemalteLandschaften europäischer Künstler ein. Im Metropolitan-Museum hängt ein sehr seltsames Dickicht von van Gogh. Undin der Tate Gallery Constables wundervolle Mulde im Park vonHelmingham. Es gibt ein schlechtes Bild, die Ophelia vonMillais, das trotz allem magisch wirkt durch die Verwobenheitseines sommerlichen Grüns, die beinahe aus der Perspektiveeiner Wasserratte gesehen ist. Und ich erinnere mich an einenDelacroix, den ich vor langer Zeit in irgendeiner Ausstellungvon Leihgaben gesehen habe und auf dem aus nächster Nähegesehene Baumringe, Blätter und Blüten zu sehen waren. Esmuss natürlich auch noch andere derartige Bilder geben, aberich habe sie vergessen oder nie gesehen. Jedenfalls gibt es beiuns im Westen nichts, was den chinesischen oder japanischenNaturdarstellungen aus der Nähe vergleichbar wäre: einemZweiglein Pflaumenblüten, einem Bambusstengel vonfünfundvierzig Zentimetern Länge mit seinen Blättern, Meisenoder Finken in einer Entfernung auf Armeslänge im Gebüsch,allerlei Arten von Blumen und Blättern, von Vögeln undFischen und kleinen Säugetieren. Jedes kleine Leben ist als derMittelpunkt seines eigenen Weltalls dargestellt, als der Zweck,für den in seiner eigenen Sicht diese Welt und alles, was darinist, geschaffen wurde. Jedes dieser Geschöpfe verkündet seineeigene, besondere und ind ividuelle Unabhängigkeitserklärung
  • 142. gegenüber dem menschlichen Imperialismus, jedes verlacht miteinem Anflug von Ironie unsere alberne Anmaßung,ausschließlich menschliche Regeln für das kosmische Spielfestzulegen, jedes wiederholt stumm die göttliche Tautologie:Ich bin, der ich bin. Die Darstellung der Natur aus mittlerer Entfernung ist unsvertraut – so vertraut, dass wir so weit getäuscht werden können,bis wir glauben, wir wüssten wirklich, was es alles bedeutet.Aus nächster Nähe oder aus großer Ferne oder unter einemungewöhnlichen Winkel gesehen, erscheint es alles alsbeunruhigend fremdartig und über alles Begreifen wundervoll.Die großen Ausblicke in die Landschaft der Chinesen oderJapaner sind eine Veranschaulichung des Themas, dass Samsaraund Nirwana eins sind, dass das Absolute sich in jederErscheinung manifestiert. Diese großen metaphysischen unddoch pragmatischen Wahrheiten wurden von den vom Zeninspirierten Künstlern des Fernen Ostens noch auf eine andereWeise dargestellt. Alle von ihnen aus nächster Nähe erforschten Objekte wurdenin einem Zustand der Unverbundenheit vor einem leerenHintergrund jungfräulichen Papiers wiedergegeben. Solosgelöst, nehmen diese vorübergehenden Erscheinungen eineArt absoluter Ding-an-sich-Dinglichkeit an. Westliche Künstlerhaben dieses Mittel angewendet, wenn sie Heiligengestalten,Porträts und manchmal Naturgegenstände aus der Entfernungmalten. Rembrandts Mühle und van Goghs Zypressen sindBeispiele von Fernsicht, Landschaften, in denen ein Detailherausgestellt und zu etwas Absolutem gemacht wurde. DieZaubergewalt vieler Radierungen, Zeichnungen und GemäldeGoyas lässt sich damit erklären, dass seine Entwürfe fast immerdie Form von einigen wenigen gegen einen leeren Hintergrundgesehenen Silhouetten oder sogar einer einzigen so gesehenenSilhouette annahmen. Die so umrissenen Gestalten besitzenerhöhte innere Bedeutsamkeit, die Visionen eigen ist und durch
  • 143. Absonderung und Unverbundenheit eine übernatürlicheIntensität erreicht. In der Natur führt wie in einem Kunstwerk die Hervorhebungeines einzelnen Objekts dazu, ihm etwas Absolutes zu verleihen,es mit dieser über das Symbolische hinausgehenden Bedeutungauszustatten, die identisch mit da-sein ist. Doch dieses eine Feld und, ihm ganz nah, Ein Baum, von vielen einer, die ich sah: Von etwas sprechen sie, das nicht mehr da. Das Etwas, das Wordsworth nicht mehr sehen konnte, war der»visionäre Schimmer«. Dieses Aufglänzen, so erinnere ichmich, und diese ihm innewohnende Bedeutsamkeit waren dieEigenscha ften einer allein stehenden Eiche, die man zwischenReading und Oxford vom Zug aus der Kuppe eines kleinenHügels inmitten einer weiten Fläche Ackerlands wie eineSilhouette gegen den blassen nördlichen Himmel aufragen sah. Wie seltsam magisch Isolierung kombiniert mit Nähe wirkt,lässt sich an einem außerordentlichen Gemälde einesjapanischen Künstlers des 17. Jahrhunderts studieren, derebenfalls ein berühmter Fechter und Zen-Anhänger war. Es stellteinen Würgervogel dar, der auf dem äußersten Ende eineskahlen Zweigs sitzt, »ganz zwecklos wartend, aber im Zustandhöchster Spannung«. Darunter, darüber und ringsum ist nichts.Der Vogel kommt aus dem Nichts, aus jener ewigenNamenlosigkeit und Formlosigkeit, die doch gerade dieeigentliche Substanz des mannigfaltigen konkreten undvergänglichen Weltalls ist. Dieser Würger auf seinem kahlenZweig ist ein Vetter ersten Grades der winterlichen Drossel inHardys wohl bekanntem Gedicht. Aber während dieviktorianische Drossel drauf aus ist, uns irgendeine Art vonLektion zu erteilen, ist es der fernöstliche Würgervogelzufrieden, einfach nur zu existieren, intensiv und absolut da zusein.
  • 144. VI Viele Schizophrene verbringen die meiste Zeit weder aufErden noch im Himmel noch in der Hölle, sondern in einergrauen, schattenhaften Welt von Phantomen undUnwirklichkeiten. Was auf diese Psychopathen zutrifft, trifft ingeringerem Maß auch auf bestimmte Neurotiker zu, die an einermilderen Form von Geisteskrankheit leiden. In jüngster Zeit hat man eine Möglichkeit gefunden, diesenZustand einer geisterhaften Existenz durch Verabreichungkleiner Mengen eines der Derivate des Adrenalinsherbeizuführen. Den Lebenden werden so die Pforten desHimmels, der Hölle und der Vorhölle nicht durch »wuchtigSchlüssel aus Metallen zween« geöffnet, sondern dadurch, dassman dem Blut eine Gruppe chemischer Verbindungen zuführtund ihm andere entzieht. Die von einigen Schizophrenen undNeurotikern bewohnte Schattenwelt hat große Ähnlichkeit mitder Welt der Toten, die in einigen der frühen religiösenÜberlieferungen beschrieben wird. Wie die Schemen im Scheolder Juden und in Homers Hades haben diese Geistesgestörtendie Fühlung mit der Materie, der Sprache und ihrenMitmenschen verloren. Sie finden keinen Halt im Leben undsind zu Tatenlosigkeit und zu einer großen Stille verdammt, dienur von sinnlosem Geschnatter und Kauderwelsch von Geisternunterbrochen wird. Die Geschichte eschatologischer Ideen hataber einen echten Fortschritt zu verzeichnen – einen Fortschritt,der sich, theologisch ausgedrückt, als der Übergang vom Hadeszum Himmel beschreiben lässt, chemisch ausgedrückt, als derErsatz von Adrenolutin durch Meskalin und Lysergsäure und,psychologisch ausgedrückt, als Entfernung von Katatonie undGefühlen der Unwirklichkeit und Hinwendung zu einemerhöhten Wirklichkeitsgefühl in Visionen und schließlich immystischen Erleben.
  • 145. VII Géricault war ein Visionär des Negativen, denn obgleich seineKunst von nahezu besessener Naturtreue war, war sie einerNatur getreu, die in seiner Wahrnehmung und Wiedergabemagisch zum Schlechteren hingewendet worden war. »Ichbeginne eine Frau zu malen «, sagte er einmal, »aber es wirdimmer eine Löwin daraus.« Häufiger wurde allerdings etwasdaraus, das beträchtlich weniger liebenswert war als eine Löwin– ein Leichnam, zum Beispiel, oder ein Dämon. Sein Meisterwerk, das erstaunliche Floß der Medusa, wurdenicht nach dem Leben gemalt, sondern nach Verwesung undZerfall – nach Leichenteilen, die ihm Medizinstudentenlieferten, nach dem ausgemergelten und gelbsüchtigen Gesichteines leberleidenden Freundes. Sogar die Wellen, auf denen dasFloß schwimmt, sogar der sich darüberwölbende Himmel sindleichenfarben. Es ist, als wäre das ganze Weltall zum Seziersaalgeworden. Und dann seine dämonischen Gemälde! Das Derby findetunverkennbar in der Hölle statt, vor einem von sichtbarerDunkelheit geradezu flammenden Hintergrund. Das vom Blitzerschreckte Pferd in der Londoner Nationalgalerie ist die ineinem einzigen erstarrten Augenblick offenbarte Seltsamkeit,das drohe nde, ja sogar höllische Anderssein, das vertraute Dingein sich bergen. Im Metropolitan-Museum hängt das Porträt einesKindes, und was für eines Kindes! In seinem fahl leuchtendenJäckchen wirkt der kleine Liebling als das, was Baudelaire gern»eine Satansknospe« nannte, un satan en herbe. Und die Studieeines nackten Mannes, ebenfalls im Metropolitan-Museum, istnichts anderes als die herangewachsene »Satansknospe«. Aus den Berichten, die seine Freunde über ihn hinterlassenhaben, wird deutlich ersichtlich, dass Géricault seine Umweltgewohnheitsmäßig als eine Aufeinanderfolge visionärer
  • 146. Apokalypsen sah. Das sich aufbäumende Pferd seines frühenOfficier de Chasseurs wurde von ihm eines Morgens auf derStraße nach Saint-Cloud in einem staubigen Glast vonSommersonnenschein gesehen, wie es zwischen den Deichselneines Omnibusses sich aufbäumte und ausschlug. Die Menschenauf seinem Floß der Medusa wurden, einer nach dem anderen,in allen Einzelheiten auf der unberührten Leinwand vollendet.Es gab keine Skizze der ganzen Komposition, keinenallmählichen Aufbau einer Harmonie von Farbtönen undSchattierungen für das ganze Bild. Jede einzelne Offenbarung –eines verwesenden Körpers, eines Kranken in den grässlichenletzten Stadien der Leberentzündung – wurde ganz sowiedergegeben, wie sie gesehen und künstlerischwahrgenommen worden war. Durch ein Wunder an Genialitätgelang es, jede dieser aufeinander folgenden Apokalypsenprophetisch in eine harmonische Komposition einzufügen, die,als die erste der grauenhaften Visionen auf die Leinwandübertragen wurde, nur in der Vorstellungswelt des Malersexistierte.
  • 147. VIII Im Sartor Resartus hat uns Carlyle etwas hinterlassen, wassein psychosomatischer Biograph, Dr. James Halliday (in Mr.Carlyle, my Patient), »eine erstaunliche Schilderung einesgroßenteils depressiven, aber teilweise schizophrenenpsychotischen Geisteszustandes« nennt. »Die Menschen um mich«, schreibt Carlyle, »waren, auchwenn sie mit mir sprachen, lediglich Gestalten. Ich hatte so gutwie vergessen, dass sie lebendig, dass sie nicht nur Automatenwaren. Freundschaft war nur eine unglaubhafte Legende.Inmitten ihrer bevölkerten Straßen und Versammlungen ging icheinsam umher und (abgesehen davon, dass es mein eigenes Herzund nicht das eines anderen war, das ich immerzu verzehrte)auch wild wie der Tiger im Dschungel ... Für mich war dasUniversum völlig ohne Leben, Zweck und Willen, ja nichteinmal Feindseligkeit existierte. Es war eine einzige riesige, totegroße Dampfmaschine, die sich in ihrer leblosenGleichgültigkeit vorwärtsbewegte, um mich Glied für Glied zuzermalmen ... Ohne Hoffnung, empfand ich auch keinebestimmte Furcht, sei es vor Menschen oder dem Teufel. Unddoch lebte ich seltsamerweise in einer beständigen,unbestimmten quälenden Furcht, zitternd, reizbar und vollerAngst vor ich weiß nicht was. Es war mir, als würden alle Dingeoben im Himmel und unten auf der Erde mich verwunden, alswären Himmel und Erde nur der grenzenlose Rachen einesUngeheuers, in dem ich bebend wartete, verschlungen zuwerden.« Renée und der Heldenverehrer beschreiben offenbardieselben Erlebnisse. Unendlichkeit wird von beidenwahrgenommen, aber in der Form »des Systems«, der»unermesslich großen Dampfmaschine«. Für beide ist auch allesbedeutsam, aber negativ bedeutsam, so dass jedes Ereignisvöllig sinnlos, jedes Objekt von intensiver Unwirklichkeit, jedesWesen, das sich Mensch nennt, eine Puppe mit einem Uhrwerk
  • 148. ist, die groteske Bewegungen des Arbeitens und Spielens machtund Liebe, Hass, Denken, Beredsamkeit, Heldenmut,Frömmigkeit oder, was immer man will, ausdrückt – Robotersind vor allem einmal vielseitig.