Aldous Huxley                                           Die Pforten der                                           Wahrnehm...
ZU DIESEM BUCH   Die beiden epochemachenden Essays Aldous Huxleysberichten von Entdeckungsreisen zu den »Antipoden unseres...
INHALT ZU DIESEM BUCH ............................................................... 2 DIE PFORTEN DER WAHRNEHMUNG MEINE ...
DIE PFORTEN DER WAHRNEHMUNG    MEINE ERFAHRUNG MIT MESKALIN      Würden die Pforten der Wahrnehmung gereinigt, erschiene  ...
der spärlichen und nur zeitweiligen Ernte eines Wüstenkaktusabhängt. Psychiater nahmen selber Meskalin, weil sie hofften,d...
In Wirklichkeit hatte sich diese Tatsache schon mehrereJahrzehnte lang nahezu aufgedrängt; aber wie es sich traf, hattenie...
begierig, Versuchskaninchen zu sein. So kam es, dass ich aneinem schönen Maimorgen vier Zehntelgramm Meskalin, ineinem hal...
werden Worte geäußert, aber sie vermögen nichts zu erhellen.Die Dinge und Ereignisse, auf die sich die Symbole beziehen,ge...
werde, was für ein Gefühl es ist, Sir John Falstaff oder JoeLouis, der schwarze Weltmeister im Boxen, zu sein.Andererseits...
bin ich in der Lage, ein nicht eben lebhaftes Bild dessen in mirheraufzurufen, was gestern nachmittag geschah, wie derLung...
gewährte, war nicht die Welt der Visionen; sie existiertedraussen, war das, was ich mit offenen Augen sehen konnte. Diegro...
gesehen haben, wie Blumen aus ihrem eigenen inneren Lichtheraus leuchteten und so große Bedeutung erlangten, dass sieunter...
des Gartens.« – »Und der Mensch, der diese Wahrheit begreift«fragt der Novize zweifelnd weiter, »was, wenn ich fragen darf...
aufgeworfenen Fragen, auf die das Auge antwortet, eineranderen Kategorie an.   Lage und Entfernung verlieren stark an Inte...
Von den Büchern lenkte der Experimentator meineAufmerksamkeit auf die Möbel. Ein Schreibmaschinentischchenstand in der Mit...
gewissen Sinn »sie« ebenfalls nicht), mein Nicht-Selbst in demNicht- Selbst zu sein, das der Sessel war.   Wenn ich über m...
sprachlichen Tradition, in die er hineingeboren wurde – derNutznießer insofern, als die Sprache Zugang zu dengespeicherten...
ausreichendes Abbild der Wirklichkeit hält.   Das Gehirn ist mit einer Anzahl von Enzymsystemenversehen, die dazu dienen, ...
4. Dieses Bessere kann (wie in meinem Fall) »dort draußen«oder aber »hier drinnen« erlebt werden, oder in beiden Welten,de...
völlig farbenblind. Bienen zum Beispiel verbringen die meisteZeit damit, »die unberührten Jungfrauen des Frühlings zudeflo...
Eine Rose ist eine Rose ist eine Rose (wie Gertrude Steinsagt).   Aber diese Sesselbeine waren Sesselbeine, waren SanktMic...
von Gemälden bekam Meister Eckhart zu Gesicht? WelcheSkulpturen und Gemälde spielten eine Rolle im religiösenErleben eines...
bewegtes Unterkleid. Dies war etwas das ich schon gesehenhatte – an diesem selben Vormittag gesehen hatte – zwischenden Bl...
Abgeklärtheit enthüllt sich in den glatten Flächen, den breiten,ungehindert fließenden Falten der Gewänder Pieros dellaFra...
Im Leben denkt der Mensch und Gott lenkt. In den bildendenKünsten wird der erste Schritt – sozusagen das Denken – vomThema...
Ursache dieser Erfahrung als die Erfahrung selbst. Während ichim »Größten Drug Store Der Welt« so über Judiths Gewandgrübe...
»Wie ist es mit menschlichen Beziehungen?« Auf welche Weisekönnte man diese zeitlose Seligkeit des Sehens, des eigentliche...
menschlichen Lebens, die ich vor allem zu vergessen wünschte)der Selbstbehauptung, der Selbstsicherheit, der überbewertete...
Gehabe und seine Haltung geradezu he rausschrieen, war: »Ichbin ebenso gut wie diese verdammten Berge da!« Und inmancher H...
bewältigenden Aspekte der Wirklichkeit zu beschränken, dennauch wenn Vermeer Menschen darstellte, so blieb er dochimmer ei...
ist zweifellos der größte Maler menschlicher Stilleben. Aber esgab zum Beispiel Vermeers französische Zeitgenossen, dieBrü...
schweigen von liebender Barmherzigkeit und tätigem Mitleid?Der uralte Meinungsstreit zwischen den Tätigen und denBeschauli...
und der richtigen Art beständiger und ungezwungenerWachsamkeit zu eigen zu machen. Als Gegensatz zumQuietisten steht der a...
verringern, wenn die Menschen nur lernen könnten, ruhig inihren Zimmern zu sitzen. Der Kontemplative, dessenWahrnehmungsve...
zugewandt, die sich in meinem Kopf ereigneten, wenn ich dieAugen schloss. Diesmal war die Wendung nach innenverwunderlich ...
Gruppe von Symbolen – mit anderen Worten: hausgemachterErsatz für das So-Sein.   Die meisten visuell Veranlagten werden du...
spirituelle Bedeutung besaß als das, was sie mit offenen Augensahen. Der Grund? Vertrautsein erzeugt Verachtung, und dieAu...
des Dharma- Leibs mit der Hecke nahmen die Zen-Meister vor,indem sie den taoistischen Naturalismus mit dem buddhistischenT...
Von einer in der Tradition eines Wordsworth und Whitmanverankerten Kontemplation des Dharma- Leibs als Hecke undaus Vision...
Instrumentalmusik ließ mich seltsamerweise ziemlich kalt.Mozarts Klavierkonzert in c-moll wurde nach dem ersten Satzunterb...
Aber selbstverständlich ist sie gefährlich, schrecklichgefährlich.  Wie, wenn man nicht mehr zurückfände aus dem Chaos...?...
und in den Garten hinauszugehen. Es war natürlich ein sehrseltsames Gefühl, nicht mehr zu diesen Armen und Beinen »dortdra...
darauf, ohne zu wissen, ja sogar ohne wissen zu wollen, wassich da mir gegenüber befand. Zu jeder anderen Zeit hätte ichei...
Die meisten Menschen, die Meskalin nehmen, erleben bloßden himmlischen Teil der Schizophrenie. Die Droge führt nurdiejenig...
In der Sprache der Theologie ausgedrückt geht diese Furchtauf die Unvereinbarkeit der menschlichen Ichs ucht mit dergöttli...
Gewalttätigkeit bis zur Katatonie oder zum psychischenSelbstmord. Und befände man sich erst einmal auf dieserabwärts führe...
Totenbuch‹ von Evans-Wentz aus dem Regal und öffnete es aufsGeratewohl.   »O Edelgeborener, lass deinen Geist nicht abgele...
Wie der Liegestuhl unter den Latten der Pergola beteuerten auchsie zu viel. Ich blickte auf die Blätter und entdeckte einw...
Straßenkreuzung und warteten, um den Sunset Boulevard zuüberqueren.   Vor uns rollten die Autos in einem stetigen Strom vo...
Bedeutsamkeit, dem ganzen Geheimnis des Daseins erfüllt. DieOffenbarung bereitete sich vor und war im Bruchteil einerSekun...
systematisch von ihnen verwendet worden. Und diesennatürlichen Methoden, das Bewusstsein zu verändern, hat diemoderne Wiss...
tun, was ihnen ihr Ehrgeiz, ihre Lüsternheit oder ihreBegehrlichkeit einflüsterte.   Lungenkrebs, Verkehrsunfälle und die ...
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  1. 1. Aldous Huxley Die Pforten der Wahrnehmung Himmel und Hölle Erfahrungen mit DrogenErfahrung mit Drogen: Entrückung und Vision In diesen beiden Essaysschildert der englische Dichter und Philosoph seine Erfahrungen mitMeskalin und anderen bewußtseinserweiternden Drogen. Diese Schriftenzählen zu den klassischen Abhandlungen über die Möglichkeiten, mitDrogen in Erlebnisbereiche vorzustoßen, die der Alltagserfahrungverschlossen sind. ISBN 3-492-20006-0 Originalausgabe: »The Doors of Perception« und »Heaven and Hell« Aus dem Englischen von Herberth E. Herlitschka 1970 Piper Verlag GmbH, München 20. Auflage April 1998 Umschlagabbildung: Masami Yokoyama/photonica Dieses E-Book ist nicht zum Verkauf bestimmt!!!
  2. 2. ZU DIESEM BUCH Die beiden epochemachenden Essays Aldous Huxleysberichten von Entdeckungsreisen zu den »Antipoden unseresBewusstsein«, in Regionen des Seins, die nur im Zustand derEntrückung zu erreichen sind. In den »Pforten der Wahrnehmung« schildert Huxley seineExperimente mit Meskalin, die zu einer außerordentlichenvisuellen Wahrnehmungsfähigkeit führten, zum Erlebnis des»Wunders der reinen Existenz«. Die moralische und geistigeQuintessenz dieser Erfahrung wird auch in dem Essay »Himmelund Hölle« analysiert, in dem der Autor darlegt, dass sich dasParadies der »Neuen Welt des Geistes« durch Emotionen wieFurcht und Hass in sein Gegenteil verkehren kann. Aldous Leonard Huxley, am 26. Juli 1894 inGodalming/Surrey geboren, wurde in Eton erzogen, studiertenach einer schweren Augenkrankheit englische Literatur inOxford und war ab 1919 zunächst als Journalist undTheaterkritiker tätig. 1921 begann er mit der Veröffentlichungseines Romans »Eine Gesellschaft auf dem Lande« seineliterarische Laufbahn. Sein 1932 erschienener Roman »Schöneneue Welt«, eine ironischsatirische Zukunftsvision, erlangteWeltruhm. Von 1938 an lebte er in Kalifornien. Huxley starb am22. November 1963 in Hollywood.
  3. 3. INHALT ZU DIESEM BUCH ............................................................... 2 DIE PFORTEN DER WAHRNEHMUNG MEINE ERFAHRUNG MIT MESKALIN ............................ 4 HIMMEL UND HÖLLE....................................................... 66 Vorwort ............................................................................. 67 ANHANG ........................................................................... 113 I ....................................................................................... 114 II ...................................................................................... 119 III..................................................................................... 126 IV .................................................................................... 139 V...................................................................................... 141 VI .................................................................................... 144 VII ................................................................................... 145 VIII.................................................................................. 147
  4. 4. DIE PFORTEN DER WAHRNEHMUNG MEINE ERFAHRUNG MIT MESKALIN Würden die Pforten der Wahrnehmung gereinigt, erschiene den Menschen alles, wie es ist: unendlich. William Blake Im Jahre 1886 veröffentlichte der deutsche PharmakologeLudwig Lewin die erste systematische Untersuchung über dasGewächs, das später seinen Namen erhielt. Anhalonium Lewiniiwar der Wissenschaft noch unbekannt. Primitiven Religionenund den Indianern Mexikos und des Südwestens vonNordamerika war dieser Kaktus seit undenklichen Zeiten einguter Freund; tatsächlich mehr als ein Freund, denn, wie einfrüher spanischer Besucher 1 der Neuen Welt berichtete, »sieessen eine Wurzel, die sie Peyotl nennen, und sie verehren sie,als wäre sie eine Gottheit«. Warum sie das taten, wurde klar, als so hervorragendePsychologen wie Jaensch, Havelock Ellis und Weir Mitchellihre Versuche mit Meskalin, dem Wirkstoff des Peyotl,begannen. Sie gingen freilich nicht so weit, einen Abgott darauszu machen; aber alle wiesen sie einhellig dem Meskalin einenganz besonderen Platz unter den Rauschmitteln zu. Ingeeigneten Dosierungen verabreicht, verändert es die Qualitätdes Bewusstseins gründlicher und ist dabei weniger toxisch alsjede andere Substanz aus dem Fundus der Pharmakologen. Die Meskalinforschung ist seit Lewin und Havelock Ellis vonZeit zu Zeit immer wieder aufgenommen worden. Es gelangChemikern nicht nur, das Alkaloid zu isolieren; sie lernten auch,es synthetisch herzustellen, so dass der Vorrat nicht mehr von1 Bernardino de Sahagun (1499-1596), der 1526 als Ordensgeistlicher nachMexiko kam (Anm. d. Übers.)
  5. 5. der spärlichen und nur zeitweiligen Ernte eines Wüstenkaktusabhängt. Psychiater nahmen selber Meskalin, weil sie hofften,dadurch zu einem besseren, aus erster Hand gewonnenenVerständnis der psychischen Prozesse bei ihren Patienten zugelangen. Psychologen beobachteten, wenngleich leider an zuwenigen Versuchspersonen und unter zu stark eingeschränktenBedingungen, einige der auffallenderen Wirkungen diesesPräparats und beschrieben sie. Neurologen und Physiologenentdeckten einiges, was Aufschluss über die Wirkung der Drogeauf das Zentralnervensystem gab. Und mindestens ein Philosophnahm Meskalin, um dadurch womöglich Licht in so uralteungelöste Rätsel zu bringen, wie sie die Fragen darstellen,welche Bedeutung dem Geist in der Natur zukomme und welcheBeziehung zwischen Gehirn und Bewusstsein bestehe. 2 Und dabei blieb es, bis vor wenigen Jahren eine neue undvielleicht höchst bedeutsame Tatsache beobachtet wurde. 32 Den ersten Selbstversuch mit von ihm rein dargestellten Meskalin machte1897 der deutsche Pharmakologe Arthur Heffter (1859-1925). Vgl. A.Guttmann, »Medikamentöse Persönlichkeitsspaltung« (Monatsschrift f.Psychiatrie und Neurologie, Bd. 56, 1924) und K. Beringer, DerMeskalinrausch, 1927. (Anm. d. Übers.) 3 Vgl. die folgenden Arbeiten: »Schizophrenia: A New Approach«. By Humphry Osmond and JohnSmythies. Journal of Mental Science. Vol. XCVIII. April 1952. »On Being Mad«. By Humphry Osmond. Saskatchewan PsychiatricServices Journal. Vol. I No. 2. September 1952. »The Mescalin Phenomena«. By John Smythies. The British Journal of thePhilosophy of Science. Vol. III. February 1953. »Schizophrenia: A New Approach«. By Abram Hoffer, Humphry Osmondand John Smythies. The Journal of Mental Science. Vol. c. No. 418. January1954.Seitdem sind zahlreiche andere biochemische, pharmakologische,psychologische und neurophysiologische Arbeiten über Schizophrenie unddie bei Meskalingenuss auftretenden Erscheinungen veröffentlicht worden.
  6. 6. In Wirklichkeit hatte sich diese Tatsache schon mehrereJahrzehnte lang nahezu aufgedrängt; aber wie es sich traf, hatteniemand sie bemerkt, bis einem jungen englischen Psychiater,der gegenwärtig in Kanada arbeitet, die große Ähnlichkeit in derchemischen Zusammensetzung von Meskalin und Adrenalinauffiel. Im Verlauf weiterer Forschungen erwies es sich, dassLysergsäure, ein äußerst starker, aus Mutterkorn gewonnenerErreger von Halluzinationen, eine strukturelle biochemischeVerwandtschaft mit den beiden genannten Substanzen hat. Dannfolgte die Entdeckung, dass Adrenochrom, ein Zerfallsproduktdes Adrenalins, viele der beim Meskalinrausch beobachtetenSymptome hervorrufen kann. Adrenochrom aber bildet sich immenschlichen Körper wahrscheinlich von selbst. Mit anderenWorten, jeder von uns ist vielleicht fähig, in sich eine chemischeSubstanz zu erzeugen, von der, wie man nun weiß, winzigeMengen tiefgreifende Veränderungen des Bewusstseinsbewirken. Einige dieser Veränderungen gleichen den bei derSchizophrenie auftretenden – derjenigen Krankheit, die eine dercharakteristischsten Heimsuchungen der Menschen im 20.Jahrhundert darstellt. Hat die geistige Störung eine chemischeUrsache? Und ist die chemische Störung ihrerseits durchseelische Prozesse bedingt, die auf die Nebennieren einwirken?Eine solche Behauptung wäre voreilig. Wir können noch nichtmehr sagen, als dass ein begründeter Verdacht besteht.Mittlerweile geht man den Anhaltspunkten systematisch weiternach, und die Detektive - Biochemiker, Psychiater undPsychologen – verfolgen die Spur. Durch eine für mich äußerst günstige Verknüpfung vonUmständen befand ich mich im Frühjahr 1953 auf dieser Spur.Einer der Detektive war beruflich nach Kalifornien gekommen.Trotz der siebzig Jahre lang betriebenen Meskalinforschung wardas psychologische Material, das ihm zur Verfügung stand, nochimmer in höchstem Maße unzulänglich, und er unternahm denVersuch, es zu erweitern. Ich war zur Stelle und bereit, ja
  7. 7. begierig, Versuchskaninchen zu sein. So kam es, dass ich aneinem schönen Maimorgen vier Zehntelgramm Meskalin, ineinem halben Glas Wasser aufgelöst, schluckte und mich dannhinsetzte, um die Wirkung abzuwarten. Wir leben miteinander, wir beeinflussen uns gegenseitig undreagieren aufeinander; aber immer und unter allen Umständensind wir einsam. Die Märtyrer schreiten Hand in Hand in die Arena; gekreuzigtwerden sie allein. In ihren Umarmungen versuchen Liebendeverzweifelt, ihre jeweilige Ekstase in einer gemeinsamenTranszendenz zu vereinigen – jedoch vergebens. Die Naturverurteilt jeden Geist, der in einem Körper lebt, dazu, Leid undFreud in Einsamkeit zu erdulden und zu genießen.Empfindungen, Gefühle, Einsichten, Einbildungen – sie allesind etwas Privates und nur durch Symbole und aus zweiterHand mitteilbar. Wir können Berichte über Erfahrungenaustauschen und sammeln, niemals aber die Erfahrungen selbst.Von der Familie bis zur Nation – jede Gruppe von Menschenstellt eine Inselwelt dar, wobei jede Insel ein Weltall für sichbildet. Die meisten Inseln haben soviel Ähnlichkeit miteinander, dassVerständnis oder sogar wechselseitige Einfühlung möglich wird.So können wir, indem wir uns unserer eigenen schmerzlichenVerluste und Schicksalsschläge erinnern, mit anderen Menschenin gleichen Umständen fühlen, können uns (natürlich immer ineinem ein wenig pickwickischen Sinn) an ihre Stelle versetzen.Aber in bestimmten Fällen ist diese Möglichkeit derKommunikation zwischen einem Universum und dem anderenunvollständig oder gar nicht vorhanden. Der Geist ist seineigener Ort, und die von Geisteskranken und aussergewöhnlichBegabten bewohnten Orte sind so verschieden von denen, wogewöhnliche Menschen leben, dass wenig oder keingemeinsamer Boden der Erinnerung vorhanden ist, der alsGrundlage für Verstehen oder Mitgefühl dienen könnte. Wohl
  8. 8. werden Worte geäußert, aber sie vermögen nichts zu erhellen.Die Dinge und Ereignisse, auf die sich die Symbole beziehen,gehören Erfahrungsbereichen an, die einander ausschließen. Uns selbst zu sehen, wie andere uns sehen, ist eine sehrheilsame Gabe. Kaum weniger wichtig ist die Fähigkeit, anderezu sehen, wie sie selbst sich sehen. Was aber, wenn die andereneiner ganz verschiedenen Spezies angehören und ein von Grundauf fremdes Weltall bewohnen? Zum Beispiel, wie können geistig Gesunde je erfahren, wasfür ein Gefühl es eigentlich ist, wahnsinnig zu sein? Oder wiekönnen wir, wenn wir nicht eben ein Visionär, ein Medium oderein musikalisches Genie sind, je in die Welten gelangen, indenen Blake, Swedenborg, Johann Sebastian Bach sichbewegten? Und wie kann ein Mensch, der an den äußerstenGrenzen von Ektomorphismus und Zerebrotonie 4 steht, sich andie Stelle des an den Grenzen von Endomorphismus undViszerotonie Stehenen denken oder in mehr als bestimmten engumschriebenen Bereichen die Gefühle eines Menschen teilen,der an den Grenzen des Mesomorphismus und der Somatotoniesteht? Einem überzeugten Verfechter des Behaviorismus stellensich derartige Fragen vermutlich nicht. Aber für diejenigen, dieals Theorie übernehmen, was ihnen aus der Praxis als wahrbekannt ist – nämlich, dass es neben der äußeren auch eineinnere Erfahrung gibt –, sind die aufgeworfenen Problemewirkliche Probleme, die sich um so mehr aufdrängen, als einigevöllig unlösbar, andere nur unter außergewöhnlichen Umständenund durch nicht jedermann zur Verfügung stehende Methodenlösbar sind. So ist es so gut wie sicher, dass ich nie wissen4 Gemäß der von William Sheldon in The Varieties of Human Physique undThe Varieties of Temperament aufgestellten, die Typologien von Kretschmer,Jung u.a. an Genauigkeit und Anpassungsfähigkeit übertreffenden Einteilungnach physischen (Nervensystem, Muskulatur, Verdauungsorgane) undpsychischen Komponenten (gehirnbetonter, muskelbetonter, bauchbetonterTypus). (Anm. d. Übers.)
  9. 9. werde, was für ein Gefühl es ist, Sir John Falstaff oder JoeLouis, der schwarze Weltmeister im Boxen, zu sein.Andererseits hielt ich es immer für möglich, dass ich zumBeispiel durch Hypnose, Autosuggestion, durch regelmäßigeMeditation oder auch durch das Einnehmen eines geeignetenchemischen Präparats meinen Bewusstseinszustand so verändernkönnte, dass ich in die Lage versetzt würde, in meinem Innerenselbst die Erfahrung zu machen, von der der Visionär, dasMedium, ja sogar der Mystiker berichten. Nach allem, was ich über die Erfahrungen mit Meskalingelesen hatte, war ich im voraus überzeugt, dass diese Drogezumindest für ein paar Stunden Zugang zu jener inneren Weltgewähren würde, die von William Blake und A.E. 5 beschriebenwurde. Aber was ich erwartet hatte, trat nicht ein. Ich hatteerwartet, vor meinen geschlossenen Augen würden Visionenvon vielfarbigen geometrischen Formen auftauchen, vonunerhört schönen, ein eigenes Leben besitzendenarchitektonischen Gebilden, von Landschaften mit heroischenGestalten, von symbolischen Dramen, die ständig höchsteOffenbarung verhießen. Wie sich jedoch erwies, hatte ich nichtmit den Idiosynkrasien meiner geistigen Konstitution, mit denGegebenheiten meines Temperaments, meiner Erziehung undmeiner Gewohnheiten gerechnet. Mein visuelles Gedächtnis, meine visuelle Phantasie sind undwaren, solange ich mich erinnern kann, immer wenigausgeprägt. Worte, sogar die bedeutungsvollen Worte derDichter, vermögen in meinem Geist keine Bilder hervorzurufen.Auch Schlafmittel erzeugen bei mir keine Visionen, die michauf der Schwelle des Einschlafens in Empfang ne hmen.Erinnerungen bieten sich mir nicht als lebhaft wahrgenommeneBilder oder Gegenstände dar. Mit einiger Willensanstrengung 5 Pseudonym des mystischen irischen Dichters G. W. Russel (1864-1935)(Anm. d.Übers.)
  10. 10. bin ich in der Lage, ein nicht eben lebhaftes Bild dessen in mirheraufzurufen, was gestern nachmittag geschah, wie derLungarno ausgesehen hatte, bevor die Brücken zerstört wurden,oder die Bayswater Road, als die einzigen Omnibusse, die dortverkehrten, grün und winzig waren und von bejahrten Gäulengezogen wurden, wobei sie eine Geschwindigkeit von fünfStundenkilometern erreichten. Aber solche Bilder haben wenigSubstanz und absolut kein Eigenleben. Zwischen ihnen und denwirklich wahrgenommenen Gegenständen besteht dasselbeVerhältnis wie zwischen Homers Geistern und den Menschenvon Fleisch und Blut, die sie im Schattenreich besuchten. Nurwenn ich Fieber habe, erwachen meine inneren Bilder zumLeben. Menschen, bei denen die Fähigkeit zu visuellerVergegenwärtigung stark entwickelt ist, müsste meine innereWelt merkwürdig farblos, beschränkt und uninteressanterscheinen. Dies war die Welt – »ein armselig Ding, aber meineigen« –, von der ich erwartete, dass sie sich in etwas völligEntgegengesetztes verwandeln würde. Die Veränderung, die tatsächlich in dieser Welt vorging, warin keinem Sinn revolutionär. Eine halbe Stunde nachdem ich dasMeskalin genommen hatte, wurde ich mir eines langsamenReigens goldener Lichter bewusst. Ein wenig später zeigten sichprächtige rote Flächen, und sie schwollen an und dehnten sichaus, wurden von hellen Energieknoten gespeist, die sich ständigveränderten und dabei stets neue, vibrierende Muster bildeten.Als ich meine Augen erneut schloss, enthüllte sich mir einKomplex grauer Formen, in dem ständig bläulichblasse Kugelnauftauchten, sich mit ungeheurer Gewalt zusammenballten, umdann geräuschlos nach oben zu gleiten und zu verschwinden.Aber weder erschienen Gesichter noch menschliche odertierische Gestalten. Ich sah keine Landschaften, keine riesigenWeiten, kein zauberhaftes Wachsen und Sichverändern vonGebäuden, nichts, was im entferntesten einem Drama oder einerParabel glich. Die »andere Welt, zu der das Meskalin mir Zutritt
  11. 11. gewährte, war nicht die Welt der Visionen; sie existiertedraussen, war das, was ich mit offenen Augen sehen konnte. Diegroße Veränderung vollzog sich im Bereich objektiverTatsachen. Was mit meinem subjektiven Weltall geschehen war,war verhältnismäßig unbedeutend. Ich schluckte meine Pille um elf Uhr. Eineinhalb Stundenspäter saß ich in meinem Arbeitszimmer und blickte angespanntauf eine kleine Glasvase. Die Vase enthielt nur drei Blumen –eine voll erblühte Rose mit dem Namen »Schöne aus Portugal«,sie war muschelrosa, mit einer wärmeren, flammenderenTönung am unteren Rand jedes Blütenblattes; eine großemagentarote und cremeweisse Nelke und auf gekürztem Stängeldie blassviolette, sehr heraldische Blüte einer Schwertlilie. Nurzufällig und vorläufig zusammengetan, verstieß das kleineSträußchen gegen alle Regeln herkömmlichen gutenGeschmacks. Beim Frühstück an diesem Morgen war mir die lebhafteDisharmonie seiner Farben aufgefallen. Aber auf sie kam esnicht länger an. Ich blickte jetzt nicht auf eine ungewöhnlicheZusammenstellung von Blumen. Ich sah, was Adam am Morgenseiner Erschaffung gesehen hatte – das Wunder, das sich vonAugenblick zu Augenblick erneuernd e Wunder bloßen Daseins. »Ist es angenehm?« fragte jemand. (Während dieses Teils desExperiments wurde alles, was gesprochen wurde, von einemDiktiergerät aufgenommen, und es war mir daher möglich,meine Erinnerung später aufzufrischen.) »Weder angenehmnoch unangenehm«, antwortete ich. »Es ist.« Istigkeit – war das nicht das Wort, das Meister Eckhart sogerne gebrauchte? Das Sein der platonischen Philosophie – nur dass Plato denungeheuren, den grotesken Irrtum begangen zu haben schien,das Sein vom Werden zu trennen und es dem mathematischenAbstraktum der Idee gleichzusetzen. Der arme Kerl konnte nie
  12. 12. gesehen haben, wie Blumen aus ihrem eigenen inneren Lichtheraus leuchteten und so große Bedeutung erlangten, dass sieunter dem Druck erbebten, der ihnen auferlegt war; er konntenie wahrgenommen haben, dass das, was Rose und Schwertlilieund Nelke so eindringlich darstellten, nichts mehr und nichtsweniger war, als was sie waren – eine Vergänglichkeit, die dochewiges Leben war, ein unaufhörliches Vergehen, dasgleichzeitig reines Sein war, ein Bündel winziger, einzigartigerBesonderheiten, worin durch ein unaussprechliches und dochselbstverständliches Paradoxon der göttliche Ursprung allenDaseins sichtbar wurde. Ich blickte weiter auf die Blumen, und in ihrem lebendigenLicht glaubte ich das qualitative Äquivalent des Atmens zuentdecken – aber eines Atmens ohne das wiederholteZurückkehren zu einem Ausgangspunkt, ohne einwiederkehrendes Verebben; nur ein Fluten von Schönheit zuimmer größerer Schönheit, von tiefer zu immer tiefererBedeutung. Wörter wie »Gnade« und »Verklärung« kamen mirin den Sinn, und eben dafür standen diese Worte auch. MeineAugen wanderten von der Rose zur Nelke und von diesemgefiederten Erglühen zu den glatten Schnörkeln des Gefühlverströmenden Amethysts der Iris. Die beseligende Schau, Sat Chit Ananda, Seins-Gewahr-seins-Seligkeit – zum erstenmal verstand ich, losgelöst von derBedeutung der Wörter und nicht durch unzusammenhängendeAndeutungen oder nur entfernt, sondern deutlich undvollständig, worauf sich diese bedeutungsvollen Silbenbeziehen. Und dann erinnerte ich mich einer Stelle, die ich beidem Zen-Philosophen Suzuki gelesen hatte. »Was ist derDharma- Leib des Buddha?« (Der Dharma-Leib des Buddha istein anderer Ausdruck für Geist, So-Sein, die große Leere, dieGottheit.) Die Frage wird in einem Zen-Kloster von einemernsten Novizen gestellt. Und mit der prompten Irrelevanz einesder Marx Brothers antwortet der Meister: »Die Hecke am Ende
  13. 13. des Gartens.« – »Und der Mensch, der diese Wahrheit begreift«fragt der Novize zweifelnd weiter, »was, wenn ich fragen darf,ist der?« Groucho gibt ihm mit seinem Stab eins auf die Schulterund antwortet: »Ein Löwe mit einem goldenen Fell« Als ich diesen Text gelesen hatte, war er für mich nur einverschwommen bedeutungsvolles Stückchen Ungereimtheitgewesen. Nun war alles klar wie der Tag, es war so unmittelbareinleuchtend wie Euklid. Selbstverständlich war der Dharma- Leib des Buddha dieHecke am Ende des Gartens. Gleichzeitig aber, und nichtweniger selbstverständlich, war er diese Blumen, er war allesund jedes, worauf ich – oder vielmehr das selige, für einenAugenblick von meiner umklammernden Umarmung befreiteNicht-Ich – zufällig blickte. Die Bücher zum Beispiel, die dieWände meines Arbeitszimmers bedeckten. Wie die Blumenerglühten auch sie, wenn ich zu ihnen hinsah, in leuchtenderenFarben, Farben von einer tieferen Bedeutsamkeit. Rote Büchergleich Rubinen, smaragdene Bücher, Bücher in weiße Jadegebunden, Bücher von Achat, von Aquamarin, von gelbemTopas, von Lapislazuli, alle Farben waren so intensiv, so zutiefstbedeutungsvoll, dass sie nahe daran zu sein schienen, die Regalezu verlassen, um sich meiner Aufmerksamkeit nocheindringlicher bemerkbar zu machen. »Wie verhält es sich mit den räumlichen Dimensionen?«fragte der Experimentator, als ich auf die Bücher blickte. Das war schwer zu beantworten. Gewiss, die Perspektivenahm sich recht sonderbar aus, und die Wände des Zimmersschienen nicht mehr rechtwinklig aneinander zu stoßen. Aberdas waren nicht die wirklich wichtigen Tatsachen. Tatsache war,dass räumliche Beziehungen kaum noch eine Bedeutung hattenund dass mein Geist die Welt in Begriffen wahrnahm, diejenseits räumlicher Kategorien lagen. Für gewöhnlich befasstsich das Auge mit Fragen wie: Wo? – Wie weit? – Position inBeziehung zu was? Bei dem Meskalinexperiment gehören die
  14. 14. aufgeworfenen Fragen, auf die das Auge antwortet, eineranderen Kategorie an. Lage und Entfernung verlieren stark an Interesse, und derGeist macht seine Wahrnehmungen in Begriffen derDaseinsintensität, der Bedeutungstiefe, der Beziehungeninnerhalb einer bestimmten Anordnung. Ich sah die Bücher, aber ich kümmerte mich keineswegs umihren Platz im Raum. Was ich bemerkte, was sich meinem Geisteinprägte, war die Tatsache, dass alle von lebendigem Lichterglühten und dass in einigen die Herrlichkeit offenkundiger warals in anderen. In diesem Zusammenhang waren der Ort, an demsie sich befanden, und die drei Dimensionen nebensächlich.Selbstverständ lich war die Kategorie Raum nicht abgeschafft.Als ich aufstand und umherging, konnte ich das ganz normaltun, ohne die Lage und Entfernung von Gegenständen falscheinzuschätzen. Der Raum war noch immer da; aber er hatte seinÜbergewicht verloren. Der Geis t war an erster Stelle nicht mitMaßen und räumlichen Beziehungen der Gegenständezueinander befasst, sondern mit Sein und Sinn. Und zur gleichen Zeit wie diese Gleichgültigkeit gegen denRaum hatte mich eine noch größere Gleichgültigkeit gegen dieZeit erfasst. »Sie scheint reichlich vorhanden zu sein«, war alles, was ichantwortete, als der Experimentator mich aufforderte, ihm zusagen, was für ein Gefühl ich bezüglich der Zeit hätte. Reichlich viel – aber genau zu wissen, wie viel, war völligbelanglos. Ich hätte selbstverständlich auf meine Uhr sehen können, abermeine Uhr war, das wusste ich, in einem anderen Universum.Tatsächlich hatte ich das Gefühl einer unbestimmten Dauerempfunden und empfand es noch immer, oder auch das einerunaufhörlichen Gegenwart, die aus einer einzigen, sich ständigverändernden Offenbarung bestand.
  15. 15. Von den Büchern lenkte der Experimentator meineAufmerksamkeit auf die Möbel. Ein Schreibmaschinentischchenstand in der Mitte des Zimmers; dahinter, von meinemBlickwinkel aus ge sehen, stand ein Korbsessel und hinterdiesem ein Schreibtisch. Die drei bildeten ein dicht verwobenesMuster von Horizontalen, Vertikalen und Diagonalen - einMuster, das um so interessanter war, als es nicht mit Hilfe derräumlichen Beziehungen der Gegenstände zueinander gebildetwurde. Tischchen, Sessel und Schreibtisch vereinigten sich zu einerKomposition, die einem Bild von Braque oder Juan Gris glich,einem Stilleben, das erkennbar mit der gegenständlichen Weltverwandt war, aber keine Tiefe besaß, keinen Versuchunternahm, mit fotografischen Mitteln Realismus zu erzeugen.Ich blickte auf meine Möbel nicht wie ein Anhänger desNützlichkeitsprinzips, der auf Sesseln sitzen, auf Schreibtischenund Tischchen schreiben muss, und auch nicht wie der Fotografoder der Sammler wissenschaftlicher Daten, sondern wie derreine Ästhet, der sich nur mit Formen und ihren Beziehungeninnerhalb des Gesichtsfelds oder innerhalb der Grenzen desBildes befasst. Aber während ich hinblickte, wich dieses reinästhetische Sehen mit dem Auge des Kubisten einem anderen,das ich nur als die sakramentale Schau der Wirklichkeitbezeichnen kann. Ich war wieder dort, wo ich gewesen war, alsich auf die Blumen geblickt hatte, ich war wieder zurückgekehrtin eine Welt, wo alles von innerem Licht leuchtete und vonunendlicher Bedeutsamkeit war. Die Bambusbeine des Sesselszum Beispiel – die Rundung ihrer Röhren grenzte ansWunderbare, ihre polierte Oberfläche ans Übernatürliche! Ichverbrachte mehrere Minuten – oder waren es mehrereJahrhunderte? – damit, diese Bambusbeine nicht nur anzusehen,sondern sie tatsächlich zu sein – oder vielmehr, ich selbst inihnen zu sein; oder, um mich noch genauer auszudrücken (denn»ich« hatte eigentlich mit der Sache nichts zu tun, und in einem
  16. 16. gewissen Sinn »sie« ebenfalls nicht), mein Nicht-Selbst in demNicht- Selbst zu sein, das der Sessel war. Wenn ich über mein Erlebnis nachdenke, muss ich demPhilosophen C. D. Broad in Cambridge beipflichten, »dass wirgut daran täten, viel ernsthafter, als wir das bisher zu tun geneigtwaren, die Theorie zu erwägen, die Bergson im Zusammenhangmit dem Gedächtnis und den Sinneswahrnehmungen aufstellte,dass nämlich die Funktionen des Gehirns, des Nervensystemsund der Sinnesorgane hauptsächlich eliminierend arbeiten undkeineswegs produktiv sind. Jeder Mensch ist in jedemAugenblick fähig, sich all dessen zu erinnern, was ihm jewiderfahren ist, und alles wahrzunehmen, was irgendwo imUniversum geschieht. Es ist die Aufgabe des Gehirns und desNervensystems, uns davor zu schützen, von dieser Mengegrößtenteils unnützen und belanglosen Wissens überwältigt undverwirrt zu werden, und sie erfüllen diese Aufgabe, indem sieden größten Teil der Informationen, die wir in jedemAugenblick aufnehmen oder an die wir uns erinnern würden,ausschließen und nur die sehr kleine und sorgfältig getroffeneAuswahl übrig lassen, die wahrscheinlich von praktischemNutzen ist.« Gemäß einer solchen Theorie verfügt potentielljeder von uns über das größtmögliche Bewusstsein. Aber da wirlebende Wesen sind, ist es unsere Aufgabe, um jeden Preis amLeben zu bleiben. Um ein biologisches Überleben zuermöglichen, muss das größtmögliche Bewusstsein durch denReduktionsfilter des Gehirns und des Nervensystemshindurchfließen. Was am anderen Ende herauskommt,ist einspärliches Rinnsal von Bewusstsein, das es uns ermöglicht, aufeben diesem unserem Planeten am Leben zu bleiben. Um dieInhalte des auf diese Weise reduzierten Bewusstseins begrifflichzu fassen und auszudrücken, hat der Mensch Symbolsystemeund unendliche Philosophien erfunden und immerwährenderweitert, welche wir Sprachen nennen. Jeder Mensch ist zugleich der Nutznießer und das Opfer der
  17. 17. sprachlichen Tradition, in die er hineingeboren wurde – derNutznießer insofern, als die Sprache Zugang zu dengespeicherten Informationen über die Erfahrungen andererMenschen gewährt; das Opfer insofern, als sie ihn in demGlauben, dieses reduzierte Bewusstsein sei das einzig möglicheBewusstsein, bestärkt und seinen Wirklichkeitssinn verwirrt, sodass er nur allzu bereit ist, seine Begriffssysteme für gegebeneTatbestände, seine Bezeichnungen für die Dinge selbst zuhalten. Was in der Sprache der Religion »von dieser Welt«genannt wird, ist das Universum des reduzierten Bewusstseins,das sich in Sprache ausdrückt und sozusagen mit Hilfe vonSprache festgeschrieben wurde. Die verschiedenartigen anderenWelten, mit denen der Mensch hie und da einmal in Berührunggerät, stellen ebenso viele Elemente des totalen Bewusstseinsdar, das seinerseits im größtmöglichen Bewusstsein enthaltenist. Die meisten Menschen erfahren häufig nur das, was durch denReduktionsfilter gelangt und von der in ihrem Landgebräuchlichen Sprache als wirklich und wahrhaftig anerkanntwird. Manche Menschen jedoch scheinen mit einer Art vonUmgehungsvorrichtung geboren worden zu sein, welche denReduktionsfilter ausschaltet. Andere vermögen zeitweiligUmgehungsvorrichtungen entweder spontan oder als Ergebnisbewusst durchgeführter »geistiger Übungen«, mittels Hypnoseoder eines Rauschmittels zu erwerben. Durch diese ständigvorhandenen oder zeitweilig erworbenen Umgehungsleitungenfließt dann freilich nicht die Wahrnehmung all dessen, »wasirgendwo im Universum geschieht« (denn die Umgehungsleitung beseitigt den Reduktionsfilternicht, er schließt die totale Bewusstwerdung immer noch aus),aber doch die Wahrnehmung von etwas mehr und vor allem vonetwas, das verschieden ist von dem Material, das sorgfältig nachseiner Nützlichkeit ausgewählt wurde und das unser verengter,vereinzelter Geist für ein vollständiges oder zumindest
  18. 18. ausreichendes Abbild der Wirklichkeit hält. Das Gehirn ist mit einer Anzahl von Enzymsystemenversehen, die dazu dienen, seine Tätigkeiten zu koordinieren.Einige der Enzyme regulieren die Zufuhr von Glukose zu denGehirnzellen. Meskalin unterbindet die Erzeugung dieserEnzyme und verringert so die einem Organ, welchesfortwährend Zucker benötigt, zur Verfügung stehendeGlukoseenge. Was geschieht, wenn Meskalin die normaleZuckerration des Gehirns herabsetzt? Noch lässt sich keineallgemein gültige Antwort darauf geben. Aber was mit derMehrzahl der wenigen Menschen vorging, die unterBeobachtung Meskalin genommen haben, läßt sichfolgendermaßen zusammenfassen: 1. Die Fähigkeit, sich zu erinnern und folgerichtig zu denken,ist, wenn überhaupt, nur wenig verringert. (Wenn ich miranhöre, was ich unter der Einwirkung des Meskalins gesagthabe, kann ich nicht finden, dass ich irgendwie dümmer war alsgewöhnlich.) 2. Visuelle Eindrücke sind erheblich verstärkt, und das Augegewinnt einiges von der Fähigkeit zu unbefangenerWahrnehmung zurück, die es während der Kindheit besaß, alsdas durch die Sinne Wahrgenommene nicht sogleich undautomatisch einem Begriff untergeordnet wurde. Das Interessefür Räumliches ist verringert und das Interesse für die Zeit sinktfast auf den Nullpunkt. 3. Obgleich der Verstand unbeeinträchtigt bleibt und dasWahrnehmungsvermögen ungeheuer verbessert wird, erleidetder Wille eine tiefgreifende Veränderung zum Schlechteren.Wer Meskalin nimmt, f hlt sich nicht veranlasst, irgend etwas üzu tun, für ihn sind die meisten Anlässe, bei denen er zugewöhnlichen Zeiten zu handeln und zu leiden bereit war,äußerst uninteressant. Er lässt sich durch sie nicht aus der Ruhebringen, und zwar aus dem guten Grund, dass er nämlich überBesseres nachzudenken hat.
  19. 19. 4. Dieses Bessere kann (wie in meinem Fall) »dort draußen«oder aber »hier drinnen« erlebt werden, oder in beiden Welten,der inneren und der äußeren, gleichzeitig oder nacheinander.Dass es auch wirklich Besseres ist, scheint demjenigen, derMeskalin mit gesunder Leber und ruhigem Gemüt einnimmt,selbstverständlich zu sein. Diese Wirkungen des Meskalins sind von derselben Art wiediejenigen, die als Folge auf die Verabreichung eines Mittels zuerwarten sind, das die Leistungsfähigkeit des zerebralenReduktionsfilters zu beeinträchtigen vermag. Wenn dem Gehirnder Zucker ausgeht, wird das unterernährte Ich schwach, kannsich nicht mehr mit den notwendigen alltäglichen Verrichtungenabgeben und verliert jedes Interesse an den räumlichen undzeitlichen Beziehungen, die einem Organismus, dem daran liegt,in der Welt vorwärts zu kommen so viel bedeuten. Da das totaleBewusstsein nun nicht mehr durch den intakten Filter hindurchsickert, beginnt sich allerlei biologisch Unnützes zu ereignen. Inmanchen Fällen kommt es zu außersinnlichen Wahrnehmungen.Andere Menschen entdecken eine Welt von visionärerSchönheit. Wieder anderen enthüllt sich die Herrlichkeit, derunendliche Wert und die unendliche Bedeutungsfülle der bloßenExistenz und des nicht in Begriffe gefassten Ereignisses. Imletzten Stadium der Ichlosigkeit – und ob irgendein Mensch, derMeskalin nahm, das je erreicht hat, weiß ich nicht – kommt eszu der »dunklen Erkenntnis«, daß das All alles umschließt unddass im Grunde jedes Teilchen das All ist. Weiter kannvermutlich ein endlicher Geist nicht auf diesem Weg gelangen,»alles wahrzunehmen, was irgendwo im Universum geschieht«. Wie bezeichnend ist in diesem Zusammenhang die unter derEinwirkung des Meskalins ungeheuer verstärkte Wahrnehmungvon Farbe! Für bestimmte Tiere ist es sehr wichtig, gewisse Färbungenunterscheiden zu können, doch über die Grenzen ihres aufNützlichkeit abgestellten Spektrums hinaus sind die meisten
  20. 20. völlig farbenblind. Bienen zum Beispiel verbringen die meisteZeit damit, »die unberührten Jungfrauen des Frühlings zudeflorieren«, aber wie von Frisch gezeigt hat, können sie nursehr wenige Farben erkennen. Der hoch entwickelte Farbensinndes Menschen ist ein biologischer Luxus – unschätzbar wertvollfür ihn als intellektuelles und spirituelles Wesen, aber unnötigfür sein biologisches Überleben. Nach den ihnen von Homer inden Mund gelegten Adjektiven zu urteilen, übertrafen dieHelden des Trojanischen Krieges die Bienen wohl kaum in derFähigkeit, Farben zu unterscheiden. In dieser Hinsichtzumindest ist der Fortschritt der Menschheit gewaltig. Meskalin verleiht allen Farben erhöhte Kraft und Tiefe undbringt dem Wahrnehmenden unzählige feine Schattierungen insBewusstsein, für die er zu gewöhnlichen Zeiten völlig blind ist.Es hat den Anschein, dass für das totale Bewusstsein die sogenannten sekundären Merkmale der Dinge primäre sind. ImGegensatz zu Locke fühlt er offenbar, dass Farbe wichtiger undbeachtenswerter ist als Zahl, La ge und Größe. Wie dieMenschen, die Meskalin nehmen, gewahren auch viele Mystikerübernatürlich lebhafte Farben, und zwar nicht nur mit deminneren Auge, sondern auch in der gegenständlichen Welt.Ähnliches berichten medial veranlagte und sehr sensibleMenschen. Es gibt gewisse Medien, für die die demMeskalinbenutzer zuteil werdende Offenbarung über langeZeiträume hin eine tägliche und stündliche Erfahrung ist. Von dieser langen, aber unentbehrlichen Abschweifung insGebiet der Theorie können wir nun zu den wunderbarenTatsachen zurückkehren – zu den Beinen von vierBambussesseln in der Mitte eines Zimmers. Gleich denNarzissen in dem Gedicht von Wordsworth brachten sie einenReichtum »aller Art« – das unschätzbare Geschenk einer neuen,unmittelbaren Einsicht in die Natur der Dinge selbst, zusammenmit einem bescheideneren Schatz, einem größeren Verständnis,vor allem auf dem Gebiet der Kunst.
  21. 21. Eine Rose ist eine Rose ist eine Rose (wie Gertrude Steinsagt). Aber diese Sesselbeine waren Sesselbeine, waren SanktMichael und alle seine Engel. Vier oder fünf Stunden später, alssich die Auswirkungen des zerebralen Zuckermangelsallmählich verloren, wurde ich auf eine kleine Rundfahrtmitgenommen, die gegen Sonnenuntergang auch den Besuchdessen einschloss, was sich bescheiden »Der Größte Drug StoreDer Welt« nennt. Ganz hinten in diesem G.D.D.W., zwischenSpielwaren, den Glückwunschkarten und den Comics standüberraschenderweise eine Reihe von Kunstbüchern. Ich ergriffdas erste, das mir in die Hand kam. Es war eines über van Gogh,und das Bild, bei dem sich der Band öffnete, war »Der Sessel« –dieses erstaunliche Porträt eines Dinges an sich, das derwahnsinnige Maler mit einer Art von anbetungsvollemSchrecken erblickt und auf seiner Leinwand wiederzugebenversucht hatte. Das aber war eine Aufgabe, für die sich sogar dieKraft des Genies als völlig unzulänglich erwies. Der Sessel, denvan Gogh gesehen hatte, war zweifellos im wesentlichenderselbe Sessel, den ich gesehen hatte. Zwar war erunvergleichlich wirklicher als der Sessel, den einem diegewöhnliche Wahrnehmung vor Augen führt, dennoch blieb derSessel auf seinem Bild nicht mehr als ein ungewöhnlichausdrucksvolles Symbol des Tatsächlichen. Das Tatsächlichehatte das So-Sein offen gelegt, hier handelte es sich nur um einSinnbild. Derartige Sinnbilder sind Quellen wahrer Erkenntnisüber die Natur der Dinge, und diese wahre Erkenntnis kann dazudienen, den Geist, der für sie offen ist, auf eigene unmittelbareEinblicke vorzubereiten. Aber das ist auch alles. Soausdrucksvoll Symbole auch sein mögen, so sind sie doch niedie Dinge, für die sie stehen. Es wäre in diesem Zusammenhang interessant, eineUntersuchung darüber anzustellen, welche Kunstwerke dengroßen Kennern des So- Seins erreichbar waren. Welche Art
  22. 22. von Gemälden bekam Meister Eckhart zu Gesicht? WelcheSkulpturen und Gemälde spielten eine Rolle im religiösenErleben eines Hl. Johannes vom Kreuze, eines Hakuin, einesHui-neng, eines William Law? Zu beantworten vermag ich dieseFragen nicht, hege aber den starken Verdacht, dass die meistender großen Kenner des So-Seins wahrscheinlich der Kunst sehrwenig Aufmerksamkeit schenkten – einige überhaupt nichts mitihr zu tun haben wollten, andere sich mit dem begnügten, wasein kritisches Auge als zweitrangig oder sogar zehntrangigbetrachten würde. (Für einen Menschen, dessen verklärter undverklärender Geist das All in jedem Dies zu erblicken vermag,wird die Erstrangigkeit oder Zehntrangigkeit sogar einesreligiösen Gemäldes etwas höchst Gleichgültiges sein.) Kunstist, so vermute ich, nur etwas für Anfänger oder aber für jene,die entschlossen sind, in ihrer Sackgasse zu verharren, und diesich entschieden haben, sich mit dem Ersatz für das So-Seinzufrieden zu geben, lieber mit Sinnbildern vorlieb zu nehmen alsmit dem, was sie versinnbildlichen, die das erlesenzusammengestellte Kochrezept der wirklichen Speise vorziehen. Ich stellte den Band van Gogh zurück und griff nach demnächsten. Es war ein Buch über Botticelli. Ich blätterte darin. »DieGeburt der Venus« – es war nie eins meiner Lieblingsbildergewesen. »Venus und Mars«, dieses liebliche Werk, das soleidenschaftlich von dem armen Ruskin angegriffen wordenwar, als die langwährende Tragödie seines Sexuallebens aufdem Höhepunkt war. Die wunderbar komponiertegestaltenreiche »Verleumdung des Apelles«. Und dann einweniger gutes Bild: »Judith«. Aber meine Aufmerksamkeitwurde davon gefangen genommen, und ich blickte gefesseltnicht auf die blasse neurotische Heldin oder ihre Begleiterin,nicht auf den dicht behaarten Kopf des Opfers oder dieFrühlingslandschaft im Hintergrund, sondern auf die purpurneSeide von Judiths gerafftem Obergewand, ihr langes, vom Wind
  23. 23. bewegtes Unterkleid. Dies war etwas das ich schon gesehenhatte – an diesem selben Vormittag gesehen hatte – zwischenden Blumen und den Möbeln, als ich zufällig die Augen gesenktund mich dann entschieden hatte, leidenschaftlich auf meinegekreuzten Beine zu starren. Diese Falten in meiner Hose – welch ein Labyrinth unendlichbedeutsamer Vielfältigkeit! Und das Gewebe des grauenFlanells – wie reich, wie tief bedeutsam und geheimnisvollüppig! Und hier waren diese Falten abermals, hier in BotticellisGemälde. Zivilisierte Menschen tragen Kleider. Darum kann es keinePorträtmalerei, keine mytholo gische, keine Historienmalereiohne Wiedergabe faltenreicher Stoffe geben. Mag auch bloßeSchneiderkunst für den Ursprung verantwortlich sein, sie kannnie die Erklärung sein für die vielfältige Entwicklung desFaltenwurfs, der eines der Hauptthemen der bildenden Künstewurde. Es ist unverkennbar, dass Künstler den Faltenwurfimmer um seiner selbst willen liebten – oder besser gesagt umihrer selbst willen. Wenn man Faltenwurf malt oder meißelt,malt oder meißelt man Formen, die ohne praktische Bedeutungsind – es handelt sich um jene Art sich zufällig ergebenderFormen, in denen selbst Künstler, die der naturalistischenTradition verhaftet sind, sich gern ausleben. Im Durchschnittwerden bei der Darstellung einer Madonna oder eines Apostelsetwa zehn Prozent der Arbeit auf die Herausarbeitung dermenschlichen und figürlichen Elemente verwendet. Der Restbesteht in vielfarbigen Variationen über das unerschöpflicheThema der Falten, die Wolle oder Leinwand werfen. Und diesefür eine Madonna oder einen Apostel unwesentlichen neunZehntel sind nicht nur von quantitativer, sondern auch vonqualitativer Bedeutung. Sehr oft geben sie den Ton desgesamten Kunstwerks an, sie sind Indiz für die Tonart, in derdas Thema verarbeitet wurde, sie drücken die Stimmung, dasTemperament, die Lebensauffassung des Künstlers aus. Stoische
  24. 24. Abgeklärtheit enthüllt sich in den glatten Flächen, den breiten,ungehindert fließenden Falten der Gewänder Pieros dellaFrancesca. Zwischen Realität und Wunsch, zwischen Zynismusund Idealismus hin- und hergerissen, stellt Bernini derkeineswegs karikierenden Darstellung seiner Gesichter dieausladenden, abstrahierenden Formen der Gewänder gegenüber,die für die in Stein gehauene oder in Bronze gegosseneVergegenständlichung der ewigen Gemeinplätze desRhetorischen stehen – den Heroismus, die Heiligkeit und dasSublime, Ideale, die von der Menschheit immerwährend und diemeiste Zeit vergeblich angestrebt werden. Und hierher gehörenEl Grecos Gewänder und Mäntel, die auf so beunruhigendeWeise den physischen inneren Zustand des Menschen darstellen,hierher das scharfe Zickzack der flammenähnlichen Falten, inwelche Cosimo Tura seine Gestalten kleidet. Beim ersten brichtdie herkömmliche Vergeistigung zusammen und macht einemnamenlosen körperlichen Sehnen Platz; beim zweiten windetund krümmt sich ein gequältes Gewahrwerden der wesentlichenFremdartigkeit und Feindseligkeit der Welt. Oder man betrachteWatteau: seine Männer und Frauen spielen Laute, machen sichfür Bälle und Harlekinaden zurecht, schiffen sich auf samtigenRasenflächen und unter edelgeformten Bäumen zur InselKythera, der Traumwelt eines jeden Liebenden, ein; ihreungeheure Schwermut und die bloßliegende, qualvollschmerzhafte Empfindungsfähigkeit ihres Schöpfers findenihren Ausdruck nicht in den abgebildeten Vorgängen, nicht inden porträtierten Gesten und Gesichtern, sondern im Relief undim Gewebe ihrer Taftkleider, ihrer seidenen Mäntel undAnzüge. Kein Zollbreit glatter Oberfläche ist hier zu sehen, keinAugenblick des Friedens oder der Zuversicht kommt auf, nureine seidige Wildnis zahlloser winziger Fältchen und Rüschen,die sich unaufhörlich in Bewegung befinden – innereUnsicherheit, dargestellt mit der vollkommenen Sicherheit einerMeisterhand – Ton in Ton, eine diffuse Farbe löst die andere ab.
  25. 25. Im Leben denkt der Mensch und Gott lenkt. In den bildendenKünsten wird der erste Schritt – sozusagen das Denken – vomThema vorgegeben; was lenkt, ist letztlich das Temperament desKünstlers, in erster Linie aber (zumindest in der Porträt-,Historien- und Genremalerei) der gemeißelte oder gemalteFaltenwurf. Beides gemeinsam bewirkt, dass eine fête galantezu Tränen rührt, eine Kreuzigung sich in heiterer Gelassenheitvollzieht, eine Stigmatisierung fast unerträglich sinnlich wirkt,dass die Darstellung eines Ausbunds von weiblicherHirnlosigkeit (ich denke dabei an Ingres’ unvergleichlicheMadame Moitessier) strengste, unbestechliche Intellektualitätausstrahlt. Aber das ist noch nicht alles. Faltenwurf, wie ich nun entdeckthatte, ist viel mehr als ein Kunstmittel, um abstrakte Formen innaturalistische Gemälde und Skulpturen hineinzunehmen. DieFähigkeit, jederzeit das zu sehen, was wir übrigen nur unter demEinfluss von Meskalin sehen, ist dem Künstler angeboren. SeineWahrnehmung ist nicht auf das biologisch oder soziologischNützliche beschränkt. Etwas von der dem totalen Bewusstsedineigenen Erkenntnis sickert durch den Reduktionsfilter vonGehirn und Ich in sein Bewusstsein. Es ist eine Erkenntnis derallem Seienden innewohnenden Bedeutsamkeit. Für denKünstler wie für denjenigen, der Meskalin nimmt, sindFaltenwürfe lebende Hieroglyphe, die auf eine besondersausdrucksvolle Weise das unergründliche Geheimnis des reinenSeins versinnbildlichen. Stärker sogar als der Sessel, wenn auchvielleicht weniger stark als die völlig übernatürlichen Blumen,waren die Falten meiner grauen Flanellhose mit »Istigkeit«geladen. Wem oder was sie diese Vorrangstellung verdankten,weiß ich nicht zu sagen. War die Ursache vielleicht die, dass dieFormen faltiger Gewänder derartig seltsam und dramatisch sind,dass sie den Blick auf sich lenken und auf diese Weise unsereAufmerksamkeit auf den Tatbestand der reinen Existenzausrichten? Wer kann das wissen? Wichtig ist weniger die
  26. 26. Ursache dieser Erfahrung als die Erfahrung selbst. Während ichim »Größten Drug Store Der Welt« so über Judiths Gewandgrübelte, erkannte ich, dass Botticelli – und nicht nur er, sondernauch viele andere Künstler – den Faltenwurf von Gewändern mitebenso verklärten und verklärenden Augen betrachtet hatte wieich an diesem Vormittag. Sie hatten die Istigkeit, die Allheit undUnendlichkeit gefalteten Tuchs gesehen und ihr möglichstesgetan, sie in Farben oder Stein wiederzugeben.Notwendigerweise ohne Erfolg. Denn die Herrlichkeit und das Wunder reiner Existenzgehören einer anderen Ordnung an, jenseits desAusdrucksvermögens auch der höchsten Kunst. Doch an JudithsGewand konnte ich deutlich sehen, was ich, wäre ich eingenialer Maler gewesen, vielleicht aus meiner grauenFlanellho se gemacht hätte. Nicht viel, weiß der Himmel,verglichen mit der Wirklichkeit, aber genug, um eine Generationvon Betrachtern nach der anderen zu entzücken, genug, umihnen zumindest ein wenig von der wahren Bedeutung dessenverständlich zu machen, was wir in unserem pathetischenSchwachsinn »bloße Dinge« nennen und zugunsten desFernsehens unbeachtet lassen. »So sollte man sehen!« sagte ich immer wieder, während ichauf meine Hose blickte oder auf die wie mit Edelsteinenbesetzten Bücher in den Regalen oder auf die Beine meinesSessels, der so unendlich viel mehr aussagte als der von vanGogh. »Das ist die Art und Weise, wie man sehen sollte und wiedie Dinge in Wirklichkeit sind.« Und doch gab es daVorbehalte. Denn sähe man immer so, würde man nie etwasanderes tun wollen. Nur einfach zu schauen, einfach dasgöttliche Nicht-Selbst einer Blume, eines Buchs, eines Sessels,eines Stücks Flanell zu sehen, das wäre schon genug. Aber wiestünde es in diesem Fall mit den Mitmenschen? Mitmenschlichen Beziehungen? In den Aufzeichnungen derGespräche jenes Vormittags finde ich immer wieder die Frage:
  27. 27. »Wie ist es mit menschlichen Beziehungen?« Auf welche Weisekönnte man diese zeitlose Seligkeit des Sehens, des eigentlichenSehens, mit den täglichen Pflichten vereinbaren, wie könnteman tun, was man tun sollte, fühlen, wie man fühlen sollte?»Man sollte imstande sein«, sagte ich, »diese Hose als unendlichwichtig und Menschen als noch unendlich wichtiger zu sehen.«Man sollte – aber in der Praxis schien es unmöglich zu sein.Dieses Teilhaben an der offenkundigen Herrlichkeit der Dingeließ sozusagen keinen Raum für die gewöhnlichen, dienotwendigen Angelegenheiten menschlichen Daseins, vor allemblieb kein Raum für Menschen. Denn Menschen besitzen einSelbst, und in einer Hinsicht zumindest war ich nun im Zustanddes Nicht-Selbst-Seins und gewahrte dabei, wie den Dingenmeiner Umgebung das Selbst fehlte, obwohl ich in der gleichenLage war wie sie. Diesem neugeborenen Nicht-Selbst erschienen das Verhaltenund die Erscheinung des Selbst, das in diesem Augenblick nichtmehr war – ja nicht einmal der Gedanke daran bestand oder dieErinnerung an andere Formen des Selbst, die früher in ihm zuHause gewesen waren –, nicht etwa abstoßend (Widerwille warnicht die Kategorie, in deren Begriffen ich dachte), sondernungeheuer belanglos. Vom Experimentator dazu angehalten, zuberichten und zu analysieren, was ich tat (und wie sehr ich michdanach sehnte, mit der Ewigkeit einer Blume, der Unendlichkeitvon vier Sesselbeinen und dem Absoluten in den Falten einesPaars Flanellhosenbeinen alleingelassen zu werden!), merkteich, dass ich absichtlich die Augen der außer mir im Raumanwesenden Personen vermied, dass ich mich willentlichzurückhielt, um mir ihrer Gegenwart nicht allzu bewusst zuwerden. Es waren meine Frau und ein Mann, den ich schätzeund sehr gern habe. Aber beide gehörten einer Welt an, aus dermich für den Augenblick das Meskalin befreit hatte – der Weltdes Selbst, der Zeit, der moralischen Urteile und derNützlichkeitserwägungen, der Welt (und es war diese Seite des
  28. 28. menschlichen Lebens, die ich vor allem zu vergessen wünschte)der Selbstbehauptung, der Selbstsicherheit, der überbewertetenWörter und vergötzten Begriffe. In diesem Stadium des Versuchs wurde mir eine große farbigeReproduktion des wohlbekannten Selbstbildnisses von Cézannegereicht – Kopf und Schultern eines Mannes unter einem großenStrohhut, eines Mannes mit roten Backen, vollen roten Lippen,üppigem schwarzem Bart und einem dunklen unfreundlichenBlick. Es ist ein prachtvolles Gemälde, aber was ich nun sah,war kein Gemälde. Denn der Kopf nahm auf der Stelle einedritte Dimension an, ein kleiner, koboldhafter Mann wurdelebendig, der aus dem Blatt vor mir wie aus einem Fenster zumir hersah. Ich begann zu lachen. Und als ich gefragt wurde,wiederholte ich nur immerzu: »Was für eine Anmaßung! Wofürhält er sich denn?« Die Frage war nicht an Cézanne imbesonderen gerichtet, sondern an die Spezies Mensch in ihrerGesamtheit. Wofür hielten sie sich denn alle? »Er erinnert mich an Arnold Bennett in den Dolomiten«, sagteich, denn mir fiel plötzlich eine zum Glück durch eineMomentaufnahme verewigte Szene ein, wie A. B. vier oder fünfJahre vor seinem Tod auf einer winterlichen Straße bei Cortinad’Ampezzo einhe rzottelte. Rings um ihn lag jungfräulicher Schnee. Im Hintergrundragten rote Felszinnen empor, deren Formationen die Gotik inden Schatten stellten. Und da ging der liebe, gute, unglücklicheA. B. und spielte bewusst übertrieben die Rolle seinerLieblingsgestalt aus seinen Romanen, nämlich sich selbst, den»Mordskerl« in Person. Dort ging er, trottete langsam im hellenAlpensonnenschein dahin, die Daumen in den Armlöchernseiner gelben Weste, die sich etwas weiter unten mit der Anmuteines klassizistischen Runderkers aus Brighton vorwölbte – denKopf zurückgeworfen, als wollte er ein Stammeln, gleichsamwie aus einer Haubitze, auf den blauen Himmelsdom abfeuern.Was er tatsächlich sagte, habe ich vergessen; aber was sein
  29. 29. Gehabe und seine Haltung geradezu he rausschrieen, war: »Ichbin ebenso gut wie diese verdammten Berge da!« Und inmancher Hinsicht war er natürlich unendlich besser; aber nicht –und das wusste er sehr genau – auf diese Weise, die sich seineRomangestalt so gern vorstellte. Erfolgreich (was immer das heißen mag) oder erfolglosspielen wir alle in einer übertriebenen Weise die Rolle unsererliebsten Figur aus der Dichtung. Und die Tatsache, die nahezuvollkommen unwahrscheinliche Tatsache, wirklich Cézanne zusein, macht keinen Unterschied. Denn der vollendete Maler, mit seiner kleinen, dieGehirnschleuse und die Ichschleuse umgehenden Verbindungzum totalen Bewusstsein, war auch, und nicht wenigerauthentisch, dieser bärtige Kobold mit den unfreundlichenAugen. Zur Erholung wandte ich mich wieder den Falten meiner Hosezu. »Auf diese Weise sollte man sehen«, sagte ich abermals, undich hätte hinzufügen können: »Dies sind auch die Dinge, dieman betrachten sollte.« Dinge, die sich nichts anmaßen, Dinge,die sich damit zufrieden geben, bloß sie selbst zu sein,selbstgenügsam sind in ihrem So- Sein, nicht eine Rolle spielenwollen, nicht wahnwitzig versuchen, ihren eigenen Weg zugehen, losgelöst vom Dharma-Leib, sich wie Luzifer gegen dieGnade Gottes auflehnend. »Die größtmögliche Annäherung an diesen Gedanken«, sagteich, »würde ein Vermeer bewirken können.« Ja, ein Vermeer. Denn dieser rätselhafte Künstler war dreifachbegabt – mit der visionären Gabe, die den Dharma-Leib als dieHecke am Ende des Gartens wahrnimmt; mit der Gabe, so vielvon dieser Vision wiederzugeben, wie die Begrenztheitmenschlicher Fähigkeiten ihm erlaubte; und mit der klugenEinsicht, sich in seinen Gemälden auf die leichter zu
  30. 30. bewältigenden Aspekte der Wirklichkeit zu beschränken, dennauch wenn Vermeer Menschen darstellte, so blieb er dochimmer ein Maler von Stilleben. Cézanne, der seinen weiblichenModellen sagte, sie sollten ihr möglichstes tun, um wie Äpfelauszusehen, versuchte, im selben Geist Porträts zu malen. Aberseine Borsdorfer- Frauen sind Platos Ideen näher v erwandt alsdem Dharma-Leib in der Hecke. Sie sind die nicht in einemSandkorn oder einer Blume, sondern in den Abstraktionen einersehr viel höheren Geometrie gesehene Ewigkeit undUnendlichkeit: Vermeer verlangte von seinen Mädchen nie, siesollten wie Äpfel aussehen. Im Gegenteil, er bestand darauf,dass sie bis zum äußersten Mädchen seien – aber immer mit demVorbehalt, dass sie es unterließen, sich mädchenhaft zubenehmen. Sie durften sitzen oder ruhig dastehen, aber niemals kichern,niemals Verlegenhe it zeigen, niemals fromm die Hände faltenoder nach abwesenden Liebsten schmachten, niemalsschwatzen, niemals neidisch auf die Neugeborenen andererFrauen blicken, niemals flirten, weder lieben noch hassen, nocharbeiten. Hätten sie etwas dergleichen getan, wären siezweifellos sehr viel mehr sie selbst geworden, hätten aber auseben diesem Grund aufgehört, ihr göttliches wesentliches Nicht-Selbst zu offenbaren. Die Pforten der Wahrnehmung Vermeerswaren, wie William Blake es ausdrückt, nur teilweisedurchlässig geworden. Ein Teil der Türfüllung war fast völligdurchsichtig geworden, die übrige Pforte war noch immerverschwommen. Der wesentliche Teil des abgespaltenen Selbstließ sich sehr klar in den diesseits von Gut und Böseexistierenden Dingen und Lebewesen wahrnehmen. InMenschen war er nur sichtbar, wenn sie entspannt waren, ihrGemüt unbewegt, ihr Körper regungslos war. Unter diesenUmständen konnte Vermeer das So-Sein in all seinerhimmlischen Schönheit sehen – konnte es sehen und einen Teildavon als subtiles, prächtiges Stilleben wiedergeben. Vermeer
  31. 31. ist zweifellos der größte Maler menschlicher Stilleben. Aber esgab zum Beispiel Vermeers französische Zeitgenossen, dieBrüder Le Nain. Sie wollten offenbar Genremaler sein, was siejedoch tatsächlich hervorbrachten, war eine Reihe menschlicherStilleben, in denen die puristische Wahrnehmung derunendlichen Bedeutsamkeit aller Dinge nicht wie bei Vermeerdurch eine subtile Anreicherung der Farbe und durchGewebestrukturen wiedergegeben ist, sondern dur ch eineerhöhte Klarheit, eine besessen angestrebte Verdeutlichung derFormen bei sehr karger, fast monochromer Farbgebung. In unserer Zeit gab es Vuillard – der auf seinen Höhepunktenunvergesslich herrliche Bilder des Dharma- Leibes geschaffenhat, wie er sich in einem bürgerlichen Schlafzimmer offenbart;er hat das Absolute bei der Darstellung einerBörsenmaklerfamilie, die in einem Vorstadtgarten den Teeeinnimmt, in explosiver Weise sichtbar zu machen gewußt. Ce qui fait que lancien bandagiste renie Le comptoir dont le faste alléchait les passants, Cest son jardin dAuteuil, où, veufs de tout encens, Les Zinnias ont Tair dêtre en tôle vernie. Für Laurent Tailhade war das Schauspiel bloß obszön. Aberhätte der Gummiwarenhändler, der sich zur Ruhe gesetzt hatte,still genug gesessen, so hätte Vuillard in ihm nur den Dharma-Leib gesehen, hätte er in den Zinnien, dem Goldfischteich, demmaurischen Turm der Villa und den Lampions ein Eckchen desGartens Eden vor dem Sündenfall gemalt. Indessen aber blieb meine Frage unbeantwortet. Wie wardiese purifizierte Wahrnehmung mit einer angemessenen Pflegemenschlicher Beziehungen in Einklang zu bringen, mit dennotwendigen täglichen Verrichtungen und Pflichten, ganz zu
  32. 32. schweigen von liebender Barmherzigkeit und tätigem Mitleid?Der uralte Meinungsstreit zwischen den Tätigen und denBeschaulichen erneuerte sich – erneuerte sich, was mich betraf,mit noch nie erlebter Eindringlichkeit. Denn bis zu diesemVormittag hatte ich Kontemplation nur in ihren niederen,gewöhnlichen Formen gekannt – als diskursives Denken, als einverzücktes Sichversenken in Dichtung oder Malerei oder Musik,als ein geduldiges Warten auf Eingebungen, ohne die auch einflüssig schreibender Schriftsteller nicht hoffen kann, etwas zuschaffen, als den gelegentlichen Blick auf »etwas tiefer nochVerwobenes« in der Natur, von dem Wordsworth spricht, alsmethodisches Schweigen, das manchmal zum Erahnen von»dunkler Erkenntnis« führt. Jetzt aber war ich auf der Höhe derKontemplation. Ich war auf ihrer Höhe, aber noch kannte ich sienicht in ihrer Fülle. Denn in Bezug auf die Fülle schließt derWeg Marias den Weg Marthas ein und verleiht ihm sozusageneine eigene, höhere Kraft. Meskalin eröffnet den Weg Marias,versperrt aber den Weg Marthas. Es gewährt Zugang zurKontemplation – aber zu einer Kontemplation, die mit Tätigkeit,ja sogar mit dem Willen, etwas zu tun, wenn nicht bereits mitdem Gedanken daran unvereinbar ist. Während derOffenbarungen, die ihm zuteil werden, hat der mit MeskalinExperimentierende immer wieder das Gefühl, dass zwareinerseits alles im höchsten Grad so ist, wie es sein soll, dassaber andererseits auch das Gegenteil der Fall ist. Das Problem,mit dem er zu tun hat, ist im wesentlichen dasselbe, das sichdem Quietisten stellt, dem arhat und, auf einer anderen Ebene,dem Landschaftsmaler und dem Maler menschlicher Stilleben.Meskalin kann dieses Problem nie lösen; es kann lediglichMenschen in Form einer Offenbarung damit konfrontieren,denen sich dieses Problem vorher noch nie gestellt hatte. Die ganze und endgültige Lösung lässt sich bloß vondenjenigen finden, die bereit sind, sich die richtige»Weltanschauung« mit Hilfe einer entsprechenden Lebensweise
  33. 33. und der richtigen Art beständiger und ungezwungenerWachsamkeit zu eigen zu machen. Als Gegensatz zumQuietisten steht der aktiv Kontemplative, der Heilige, derMensch, der, mit Eckharts Worten, bereit ist, aus dem siebentenHimmel herabzusteigen, um seinem kranken Bruder einenBecher Wasser zu bringen. Im Gegensatz zum arhat, der sich von den Erscheinungen inein völlig transzendentales Nirwana zurückzieht, steht derBodhisattwa, für den das So-Sein und die Welt der zufälligenEreignisse eins sind und für dessen grenzenloses Mitgefühljedes einzelne dieser Ereignisse nicht nur eine Gelegenheit fürWandlung und Einsicht, sondern auch zu tätiger Barmherzigkeitist. Und in der Welt der Malerei steht im Gegensatz zu Vermeerund den anderen Malern menschlicher Stilleben – den Meisternchinesischer und japanischer Landschaftsmalerei, Constable undTurner, Sisley und Seurat sowie auch Cézanne – dieallumfassende Kunst Rembrandts. Das sind gewaltige Namen,das ist eine Auserlesenheit, zu der kein Zugang möglich ist. Wasmich betraf, konnte ich an diesem denkwürdigen Maimorgennur dankbar sein für ein Erlebnis, das mir klarer als je zuvor vorAugen führte, welcher Art die Herausforderung war und wie dievöllig befreiende Antwort darauf lautete. Bevor wir uns von diesem Thema abwenden, möchte ichhinzufügen, dass es keine Form der Kontemplation,eingeschlossen die von den Quietisten praktizierte, gibt, diekeine ethischen Werte enthält. Die moralischen Kategorien sind in der Mehrzahl negativ undbesagen, dass Unheil zu vermeiden sei. Das Vaterunser umfasstweniger als fünfzig Worte, und sechs dieser Worte drücken dieBitte aus, Gott möge uns nicht in Versuchung führen. Dereinseitig auf Kontemplation ausgerichtete Mensch lässt vielesungetan, was er tun sollte, jedoch um das auszugleichen, hält ersich auch zurück und tut viele Dinge nicht, die ihm verbotensind. Die Summe des Bösen, so sagt Pascal, würde sich sehr
  34. 34. verringern, wenn die Menschen nur lernen könnten, ruhig inihren Zimmern zu sitzen. Der Kontemplative, dessenWahrnehmungsvermögen von allem Ballast befreit wurde,braucht nicht in seinem Zimmer zu bleiben. Er kann so völligbefriedigt davon, die göttliche Weltordnung zu sehen und einTeil von ihr zu sein, seinem Tagewerk nachgehen, dass er nieauch nur in Versuchung kommen wird, sich darauf einzulassen,was Thomas Traherne »die schmutzigen Schliche der Welt«nannte. Wenn wir uns als die alleinigen Erben des Weltallsfühlen, wenn »das Meer in unseren Adern fließt... und die Sterneunsere Schmuckstücke sind«, wenn alle Dinge als unendlich undheilig wahrgenommen werden, welchen Beweggrund könnenwir da haben, der Begehrlichkeit oder der Selbstüberhebungnachzugeben, nach Macht zu streben oder der Sucht nachVergnügungen zu erliegen? Menschen, die sich eine kontemplative Lebensweise zu eigengemacht haben, werden wohl kaum zu Glücksspielern oderKupplern oder Säufern; sie predigen in der Regel nichtUnduldsamkeit und Krieg. Für sie liegt kein Sinn darin,Diebstahl zu begehen, zu betrügen oder die Armen zuunterdrücken. Und diesen gewaltigen negativen Tugendenkönnen wir eine andere hinzufügen, die zwar schwer zudefinieren, jedoch positiv und ebenfalls wichtig ist. Der arhatund der Quietist geben sich der Kontemplation vielleicht nichtim größtmöglichen Maße hin; aber wenn sie sie überhauptausüben, sind sie in der Lage, erleuchtende Berichte über einenanderen, einen transzendentalen Bereich des Geistes zu geben.Und wenn sie zu den Höhen der Kontemplation gelangen,werden sie zu Mittlern, durch die ein Teil dieser wohltuendenErleichterung in eine Welt voll von abgestumpften Wesengelange n kann, die eines solchen Einflusses von jeher sodringend bedürfen. Mittlerweile hatte ich mich auf Verlangen desExperimentators vor dem Porträt Cézannes den Vorgängen
  35. 35. zugewandt, die sich in meinem Kopf ereigneten, wenn ich dieAugen schloss. Diesmal war die Wendung nach innenverwunderlich unergiebig. Was ich sah, waren lediglich starkgefärbte, beständig wechselnde Gebilde, die aus Kunstharz oderemailliertem Blech zu bestehen schienen. »Billig!« war meine Bemerkung dazu. »Gewöhnlich! WieDinge aus eine m Zehn-Cent-Bazar.« Und all dieses minderwertige Zeug existierte in einemgeschlossenen, eingeengten Universum. »Es ist so, als wäre man auf einem Schiff unter Deck«, sagteich. »In einem schwimmenden Zehn-Cent-Bazar.« Und bei weiterer Betrachtung wurde mir klar, dass diesesZehn- Cent-Bazarschiff irgendwie mit menschlicher Anmaßungzusammenhing. Dieses erstickende Innere eines Zehn-Cent-Bazarschiffs warmein eigenes persönliches Ich; dieser Krimskrams, bestehendaus beweglichen Teilchen aus Blech und Kunstharz, war meinpersönlicher Beitrag zum Weltall. Ich empfand die Lektion als heilsam, aber es betrübte michdennoch, dass sie in diesem Augenblick und in dieser Formerteilt werden musste. In der Regel entdeckt jemand, derMeskalin nimmt, eine innere Welt, die so offenkundig etwasGegebenes, so einleuchtend unendlich und heilig ist wie dieverwandelte äußere Welt, welche ich mit offenen Augengesehen hatte. Von Anfang an unterschied sich mein eigenerFall davon. Meskalin hatte mich vorübergehend befähigt, m itgeschlossenen Augen allerlei zu sehen, aber es konnte mir,wenigstens bei dieser Gelegenheit, keinen Einblick in die Dingevermitteln, der auch nur im entferntesten den Blumen oder demSessel oder meiner Flanellhose »dort draußen« vergleichbargewesen w äre. Was es mich innerlich hatte vernehmen lassen,war nicht der Dharma-Leib in Ebenbildern, sondern meineigener Geist; nicht archetypisches So-Sein, sondern eine
  36. 36. Gruppe von Symbolen – mit anderen Worten: hausgemachterErsatz für das So-Sein. Die meisten visuell Veranlagten werden durch Meskalin zuVisionären. Einige von ihnen – und sie sind vielleicht zahlreicher, alsallgemein angenommen wird – bedürfen keiner Verwandlung;sie sind die ganze Zeit Visionäre. Die geistige Spezies, zu derWilliam Blake gehörte, ist sogar in den verstädterten,industrialisierten menschlichen Gesellschaften der heutigen Zeitziemlich weit verbreitet. Die Einzigartigkeit diesesDichtermalers besteht nicht darin, dass er (um aus seinem»Beschreibenden Katalog« zu zitieren) tatsächlich »diesewundervollen Urbilder, die in der Heiligen Schrift die Cherubimgenannt werden«, sah. Sie besteht nicht darin, dass »...diese inmeinen Visionen gesehenen Urbilder zum Teil hundert Fußhoch waren... und alle eine mythologische und verborgene Bedeutungenthielten«. Seine Einzigartigkeit besteht ausschließlich in seinerFähigkeit, in Worten oder (mit etwas geringerem Erfolg) inLinien und Farben wenigstens die Ahnung von einem nichtübermäßig ungewöhnlichen Erlebnis zu vermitteln. Derkünstlerisch unbegabte Visionär kann eine nicht wenigergewaltige, schöne und bedeutungsvolle innere Wirklichkeitwahrnehmen als die von Blake geschaute Welt; aber es fehlt ihmganz und gar die Fähigkeit, in Wort- oder Bildsymbolenauszudrücken, was er gesehen hat. Aus den Zeugnissen der Religion und den erhaltengebliebenen Denkmälern der Dichtkunst und der bildendenKünste geht sehr deutlich hervor, dass die Menschen fast immerund überall der inneren Sicht der Dinge mehr Bedeutungbeimaßen als dem objektiv Existierenden und gefühlt haben,dass das mit geschlossenen Augen Gesehene eine größere
  37. 37. spirituelle Bedeutung besaß als das, was sie mit offenen Augensahen. Der Grund? Vertrautsein erzeugt Verachtung, und dieAufgabe, sich am Leben zu erhalten, reicht in ihrer Dringlichkeitvon der chronischen Langeweile bis zur akuten Qual. In deräußeren Welt erwachen wir jeden Morgen unseres Lebens, sieist der Ort, wo wir uns, ob wir wollen oder nicht, unserenLebensunterhalt verschaffen müssen. In der inneren Welt gibt esweder Arbeit noch Eintönigkeit. Wir halten uns nur in Träumen und Träumereien in ihr auf,und das Seltsame an ihr besteht darin, dass wir nie bei zweiaufeinander folgenden Gelegenheiten dieselbe Welt vorfinden.Kein Wunder also, wenn die Menschen auf ihrer Suche nachdem Göttlichen gewöhnlich lieber nach innen blickten!Gewöhnlich, aber nicht immer. Die Taoisten und die Zen-Buddhisten blickten, in ihrer Kunstnicht weniger als in ihrer Religion, mit Hilfe ihrer Visionen indie große Leere und durch diese auf »die zehntausend Dinge«der objektiven Wirklichkeit. Christen hätten aufgrund ihres Glaubens an dasfleischgewordene Wort von Anfang an fähig sein sollen, eineähnliche Haltung gegenüber ihrer Umwelt einzunehmen. Aberda ihre Glaubenslehre den Sündenfall enthielt, fiel ihnen dieseHaltung sehr schwer. Noch vor dreihundert Jahren war derAusdruck einer gründlichen Weltverachtung und sogarWeltverdammung sowohl rechtgläubig als auch verständlich. »Wir sollten nichts in der Natur mit Verwunderungbetrachten, ausgenommen einzig die Fleischwerdung Christi.«Im 17. Jahrhundert schien dieser Satz Lallemants einen Sinn zubeinhalten. Heute klingt er nach Wahnsinn. In China erreichte die Landschaftsmalerei den Rang einerhohen Kunst vor etwa tausend, in Japan vor etwa sechshundertund in Europa vor etwa dreihundert Jahren. Die Gleichsetzung
  38. 38. des Dharma- Leibs mit der Hecke nahmen die Zen-Meister vor,indem sie den taoistischen Naturalismus mit dem buddhistischenTranszendentalismus in Verbindung brachten. Darum kam esnur im Fernen Osten zu der Entwicklung, dass Landschaftsmalerihre Kunst bewusst als religiös betrachteten. Im Westenbeinhaltete die religiöse Malerei das Porträtieren heiligerPersonen und das Illustrieren geheiligter Texte.Landschaftsmaler betrachteten sich als weltliche Künstler. Heuteanerkennen wir in Seurat einen der größten Meister der sogenannten mystischen Landschaftsmalerei, und doch war dieserMaler, der wirkungsvoller als jeder andere das eine im vielenwiederzugeben vermochte, ganz entrüstet, als er wegen der»Poesie« seiner Werke gelobt wurde. »Ich wende bloß dieMethode an«, verwahrte er sich. Mit anderen Worten, er warbloß ein Pointillist und in seinen eigenen Augen nicht mehr.Eine ähnliche Anekdote ist über John Constable bekannt. Eines Tages gegen Ende seines Lebens traf Blake seinenjüngeren Künstlerkollegen in Hampstead, und dieser zeigte ihmeine seiner Skizzen. Trotz seiner Verachtung für naturalistische Kunst erkannte deralte Visionär etwas Gutes, wenn er es zu Gesicht bekam –natürlich nur, wenn es nicht von Rubens war. »Das ist keineZeichnung«, rief er aus, »das ist eine Inspiration!« – »Ich habedie Absicht gehabt, zu zeichnen«, war Constablescharakteristische Antwort. Beide hatten recht. Es war Zeichnen,genaues und wahrheitsgetreues Zeichnen, und zugleich war esInspiration – eine Inspiration, die von mindestens ebenso hohemRang war wie die Blakes. Die Föhren auf Hampstead Heathwaren tatsächlich als identisch mit dem Dharma-Leib gesehenworden. Die Skizze enthielt eine notwendigerweise unvollkommene ,aber doch zutiefst beeindruckende Wiedergabe dessen, was einvon Ballast befreites Wahrnehmungsvermögen den offenenAugen eines großen Malers enthüllt hatte.
  39. 39. Von einer in der Tradition eines Wordsworth und Whitmanverankerten Kontemplation des Dharma- Leibs als Hecke undaus Visionen, wie Blake sie von den »wundervollen Urbildern«hatte, haben sich unsere zeitgenössischen Dichter daraufzurückgezogen, sich mit dem persönlichen – im Gegensatz zumkollektiven – Unbewussten zu befassen und in höchst abstraktenFormulierungen nicht die gegebenen objektiven Tatsachen,sondern rein wissenschaftliche und theologische Begriffewiederzugeben. Und etwas Ähnliches hat sich in der Malereiabgespielt. Hier waren wir Zeugen eines allgemeinen Rü ckzugsaus der Landschaftsmalerei, der vorherrschenden Kunstform des19. Jahrhunderts. Er führte nicht in jenes von Gott gegebene Innere, mit demsich die meisten traditionellen Schulen der Vergangenheitbefasst hatten, nicht in die Archetypen-Welt, in der dieMenschen von jeher die Quellen fanden, aus denen sie Mythenund Religionen entwickelten. Nein, es war ein Sichzurückziehen aus den äußerenGegebenheiten in das persönliche Unbewusste, in eine seelischeWelt, die noch trüber und hermetischer abgeschlossen ist als dieWelt einer bewussten Persönlichkeit. Wo hatte ich diese Machwerke aus Blech und grellfarbigemPlastik schon einmal gesehen? In jeder Bildergalerie, in der dieneuesten Schöpfungen der Kunst ausgestellt sind. Und nun brachte jemand ein Grammophon und legte einePlatte auf. Ich hörte mit Genuss zu, erlebte aber nichts, dasmeinen vorherigen Apokalypsen von Blumen oder Flanellvergleichbar war. Würde ein musikalisch Begabter dieOffenbarungen hören, die für mich ausschließlich visuellgewesen waren? Es wäre interessant, dieses Experimentanzustellen. Indes trug die Musik, obgleich sie nicht verklärt warund ihre gewohnte Qualität und Intensität behielt, nicht wenigzum Verständnis des von mir Erlebten und der weitreichenden,durch dieses Erlebnis aufgeworfenen Probleme bei.
  40. 40. Instrumentalmusik ließ mich seltsamerweise ziemlich kalt.Mozarts Klavierkonzert in c-moll wurde nach dem ersten Satzunterbrochen und eine Platte mit einigen Madrigalen vonGesualdo aufgelegt. »Diese Stimmen«, sagte ich anerkennend, »diese Stimmenbilden eine Art Brücke, die in die menschliche Weltzurückführt.« Und eine Brücke blieben sie, sogar während sie diese höchsterstaunlich chromatischen Kompositionen des verrücktenFürsten sangen. Durch die unterschiedlich langen Perioden des Madrigalssetzte sich die Musik fort, ohne auch nur zwei Takte lang inderselben Tonart zu bleiben. Bei Gesualdo, dieserphantastischen Gestalt, die aus einem Schauer- und Rührstückvon Webster zu stammen schien, hat psychischer Zerfall eineNeigung bestärkt, ja auf die Spitze getrieben, die die Eigenartmodaler im Gegensatz zu rein tonaler Musik ist. Die durchdiesen Umstand entstandenen Werke klingen, als wären sieziemlich später Schönberg. »Und doch«, fühlte ich den Drang zu sagen, während ichdiesen seltsamen Erzeugnissen einer auf eine spätmittelalterlicheKunstform sich auswirkenden Gegenreformations-Psychoselauschte, »und doch hat es gar keine Bedeutung, dass sich beiihm alles in Teile auflöst. Das Ganze ist desorganisiert. Aberjedes einzelne Bruchstück ist in Ordnung, ist ein Vertreter einerhöheren Ordnung. Diese höhere, göttliche Ordnung herrschtsogar im Zerfall. Die Geschlossenheit des Ganzen ist auch nochin den Bruchstücken vorhanden. Vielleicht deutlicher vorhandenals in einem vö llig zusammenhängenden Werk. Zumindest wirdman nicht durch eine rein menschliche, lediglich gemachteOrdnung zu einem falschen Sicherheitsgefühl verführt. Manmuss sich auf die eigene unmittelbare Wahrnehmung derhöchsten, endgültigen Ordnung verlassen. So kann also ingewissem Sinn Auflösung ihren Vorteil haben.
  41. 41. Aber selbstverständlich ist sie gefährlich, schrecklichgefährlich. Wie, wenn man nicht mehr zurückfände aus dem Chaos...?« Von Gesualdos Madrigalen sprangen wir über eine Kluft vondrei Jahrhunderten zu Alban Berg und seiner »Lyrischen Suite«. »Das«, so verkündete ich im voraus, »wird höllisch werden.« Aber wie es sich herausstellte, war ich im Irrtum. Im Grundegenommen klang diese Musik recht komisch. Aus dempersönlichen Unbewussten herausgearbeitet, folgte eineZwölfton-Seelenqual der anderen; aber was mir auffiel, war nurdas grundlegende Missverhältnis zwischen einem noch größerenpsychischen Zerfall als bei Gesualdo und der gewaltigen Mittelan Talent und Technik, die zu seinem Ausdruck aufgewendetworden waren. »Wie leid er sich tut!« bemerkte ich dazu mit einem von Spottgetragenen Mangel an Mitgefühl. Und dann: »Katzenmusik –gelahrte Katzenmusik!« Und schließlich, nach ein paar weiterenMinuten des Seelenschmerzes: »Wen kümmern schon seineGefühle? Warum kann er sich nicht um etwas andereskümmern?« Als Kritik an einem zweifellos sehr bemerkenswerten Werkwar dieser Gedanke unfair und unzulänglich – aber, wie ichglaube, nicht unbegründet. Ich führe das hier an, wie wichtig es auch immer sein mag,weil ich nun einmal in einem Zustand reiner Kontemplation soauf die »Lyrische Suite« reagierte. Als sie zu Ende war, schlug der Experimentator einen Gangdurch den Garten vor. Ich willigte ein, und obgleich meinKörper sich fast völlig von meinem Geist losgesagt zu habenschien – um genauer zu sein, obgleich mein Bewusstsein vonder verwandelten äußeren Welt nun nicht mehr im Einklang mitmeinem Körpergefühl war –, stellte ich fest, dass ich nachkurzem Zögern fähig war, aufzustehen, die Glastür z öffnen u
  42. 42. und in den Garten hinauszugehen. Es war natürlich ein sehrseltsames Gefühl, nicht mehr zu diesen Armen und Beinen »dortdraußen«, diesem völlig gegenständlichen Rumpf, diesem Halsund nicht einmal zu diesem Kopf zu gehören. Es warverwunderlich, aber man gewöhnte sich bald daran. Undjedenfalls schien der Körper durchaus imstande zu sein, selberfür sich zu sorgen. In Wirklichkeit sorgt er natürlich immerselber für sich. Das bewusste Ich kann nicht mehr tun, alsWünsche zu formulieren, welche dann durch Kräfte ausgeführtwerden, die es nur wenig beherrscht und ganz und gar nichtversteht. Wenn es mehr tut – wenn es sich zum Beispiel zu sehranstrengt, wenn es sich zu sehr sorgt, zu sehr die Zukunftfürchtet –, verringert es die Wirksamkeit dieser Kräfte, und daskann sogar dazu führen, dass der in seiner Lebenskraftgeschwächte Körper erkrankt. In meinem gegenwärtigen Zustand war mein Bewusstseinnicht auf ein Ich bezogen; es war sozusagen selbständig. Sohatte sich auch der den Körper beherrschend e physiologischeVerstand verselbständigt. Für den Augenblick war jener sicheinmischende Neurotiker, der in wachen Stunden seine Showabzieht, glücklicherweise ausgeschaltet. Durch die Glastür trat ich auf eine Art Pergola hinaus, dieteilweise von Kletterrosen und teilweise von einerLattenkonstruktion überdacht ist und deren Latten und dieZwischenräume jeweils einen Zoll breit sind. Die Sonne schienund die Schatten der Stäbe bildeten ein Zebramuster auf demBoden und auf Sitz und Lehne eines Liegestuhls, der hier aufder Pergola stand. Dieser Liegestuhl – werde ich ihn jevergessen? An den Stellen, wo die Schatten auf seine Leinenbespannungfielen, entstanden wechselweise Streifen von einem tiefen, aberglühenden Indigoblau und helle leuchtende Streifen, so das esschwer fiel, zu glauben, sie könnten nicht aus blauem Feuersein. Es kam mir vor, als blickte ich eine unendlich lange Zeit
  43. 43. darauf, ohne zu wissen, ja sogar ohne wissen zu wollen, wassich da mir gegenüber befand. Zu jeder anderen Zeit hätte icheinen abwechselnd von Licht und Schatten gestreiftenLiegestuhl gesehen. Heute aber hatte der Wahrnehmungsinhaltden Begriffsinhalt in sich aufgenommen. Ich war vomBetrachten derartig in Anspruch genommen, so sehr vomDonner gerührt von dem, was ich tatsächlich sah, dass nichtsanderes meinem Bewusstsein zugänglich war. Gartenmöbel,Lattenstäbe, Sonnenlicht , Schatten – das waren bloß Namenund Begriffe, lediglich Verbalisierungen des Ereignisses fürnützliche oder wissenschaftliche Zwecke. Das Ergebnis wardiese Aufeinanderfolge azurblauer Schmelzofentüren, die durchKlüfte eines unergründlichen Enzianblaus voneinander getrenntwaren. Es war unaussprechlich wundervoll, fast inerschreckendem Grad wundervoll. Und plötzlich hatte ich eineAhnung davon, was für ein Gefühl es sein muss, wahnsinnig zusein. Die Schizophrenie hat ebenso ihre Himmel wie ihre Höllenund Fegefeuer. Ich erinnere mich dessen, was mir ein schon vor Jahrenverstorbener Freund von seiner wahnsinnigen Frau erzählte.Eines Tages, während des frühen Stadiums der Krankheit, alsseine Frau noch luzide Intervalle hatte, war er in die Heilanstaltgegangen, um mit ihr über die Kinder zu sprechen. Sie hörte ihmeine Zeitlang zu und schnitt ihm dann das Wort ab. Wie könneer es über sich bringen, seine Zeit mit den zwei abwesendenKindern zu vergeuden, wenn alles, worauf es wirklichankomme, hier und jetzt geschehe und in der unaussprechlichenSchönheit der Muster bestehe, die seine braune Tweedjackeimmer dann bilde, wenn er den Arm bewege? Leider jedochsollte dieses Paradies unverstellter Wahrnehmung, reiner, abereinseitiger Kontemplation, nicht von Dauer sein. Die seligenZwischenzeiten wurden immer seltener, immer kürzer, bis siesich schließlich nicht mehr einstellten und nur Grauen übrigblieb.
  44. 44. Die meisten Menschen, die Meskalin nehmen, erleben bloßden himmlischen Teil der Schizophrenie. Die Droge führt nurdiejenigen in die Hölle und in das Fegefeuer, die kurz vorhereinen Anfall von Gelbsucht hatten, an periodischenDepressionen oder chronischer Angst leiden. Wenn Meskalin,wie andere ähnlich starke Rauschmittel, notorisch toxisch wäre,gäbe schon sein bloßer Genuss Anlass zu Befürchtungen. Aber ein durchschnittlich gesunder Mensch weiß, dassMeskalin für ihn völlig unschädlich ist, dass seine Wirkungensich nach acht bis zehn Stunden verlieren, keinen Katzenjammerhinterlassen und daher auch kein Bedürfnis nach einerErneuerung der Dosis auftritt. Gestützt durch dieses Wissen, lässt er sich ohne Furcht aufdas Experiment ein – mit anderen Worten, er hat weder Anlassnoch Neigung, eine beispiellos fremdartige und außerhalb desüblichen Bereichs liegende menschliche Erfahrung in etwasEntsetzliches, etwas tatsächlich Teuflisches zu verwandeln. Einem Liegestuhl gegenüber, der aussah wie das JüngsteGericht – oder, genauer gesagt, einem Jüngsten Gerichtgegenüber, das ich nach langer Zeit und mit beträchtlicherSchwierigkeit als einen Liegestuhl erkannte –, merkte ichplötzlich, dass ich mich auf der Schwelle zur Panik befand.Dies, so fühlte ich auf einmal, ging denn doch zu weit. Es gingzu weit, obgleich es ein Eindringen in intensivere Schönheit,tiefere Bedeutung darstellte. Die Furcht, wenn ich sie nunnachträglich analysiere, galt einem Überwältigtwerden, einemZerfallen unter einem Druck der Wirklichkeit, der so starkwerden könnte, dass ein Geist, der es gewohnt war, sich diemeiste Zeit in einer Welt von Symbolen heimisch zu fühlen, ihnunmöglich ertragen könnte. Die Literatur, die religiöses Erlebenschildert, ist überreich an Hinweisen auf die Schmerzen undSchrecken, von denen diejenigen überwältigt werden, die sichplötzlich einer Offenbarung des mysterium tremendumgegenübersehen.
  45. 45. In der Sprache der Theologie ausgedrückt geht diese Furchtauf die Unvereinbarkeit der menschlichen Ichs ucht mit dergöttlichen Reinheit zurück, auf die von ihm selbst betonteAbgegrenztheit des Menschen von der Grenzenlosigkeit Gottes.Jakob Boehme und William Law folgend lässt sich sagen, dassverderbte Seelen das göttliche Licht in seinem vollen Glanz nurals ein brennendes, alle Unreinheit hinwegfegendes Feuerverstehen können. Etwas nahezu Identisches findet sich im»Tibetanischen Totenbuch«, in dem beschrieben wird, wie dieabgeschiedene Seele in höchster Qual vor dem »klaren Licht dergroßen Leere« und sogar vor den kleineren, weniger hellenLichtern zurückscheut und sich kopfüber in das tröstlicheDunkel des Daseins als Selbst zurückstürzt, das Leben alswiedergeborener Mensch oder sogar als Tier, als unseligerGeist, als ein Bewohner der Hölle wählt. Alles, alles, nur nichtdiese brennende Helle ungemilderter Wirklichkeit! Die schizophrene Seele ist nicht nur unerlöst, sondern auchsehr schwer erkrankt. Die Krankheit des Schizophrenen bestehtin dem Unvermögen, sich vor der inneren und äußerenWirklichkeit (so wie das der geistig Gesunde im allgemeinentut) in die selbst erschaffene Welt der Vernunft zu flüchten – indie menschlich abgegrenzte Welt mit ihren nützlichen Begriffen,gemeinsamen Symbolen und allgemein anerkanntenKonventionen. Der Schizophrene gleicht einem Menschen, derdauernd unter dem Einfluss von Meskalin steht und daher nichtimstande ist, das Erleben einer Wirklichkeit auszuschalten, mitder zu leben er nicht heilig genug ist, die er nicht wegerklärenkann, denn sie ist die unumstößlichste aller Tatsachen, und dieihm, weil sie es ihm nie erlaubt, die Welt allein mitmenschlichen Augen anzusehen, einen solchen Schreckeneinjagt, dass er ihre nie endende Fremdartigkeit, die brennendeIntensität als Manifestation menschlicher oder sogar kosmischerBöswilligkeit auslegt, welche die verzweifeltstenGegenmaßnahmen fordert, angefangen von mörderischer
  46. 46. Gewalttätigkeit bis zur Katatonie oder zum psychischenSelbstmord. Und befände man sich erst einmal auf dieserabwärts führenden, auf dieser Hö llenstraße, dann wäre mannicht mehr imstande, haltzumachen. Das war mir nun nur allzu klar. »Wenn man sich erst einmal in der falschen Richtungbewegte«, sagte ich als Antwort auf die Fragen desExperimentators, »wäre alles, was geschieht, ein Beweis für dieVerschwörung gegen einen. Alles hätte seine eigene Gültigkeit.Man könnte keinen Atemzug tun, ohne gleichzeitig zu wissen,dass er ein Teil der Verschwörung ist.« »Also glauben Sie zu wissen, wo der Wahnsinn beginnt?« Meine Antwort war ein überzeugtes und tief empfundenes Ja. »Und Sie hätten keine Kontrolle über ihn?« »Nein. Ich hätte ihn nicht in der Kontrolle. Wenn man Furchtund Hass als Voraussetzungen für ihn annimmt, kommt man umdas bittere Ende nicht herum.« »Wärst du imstande«, fragte meine Frau, »deineAufmerksamkeit fest auf das zu richten, was das ›TibetanischeToten-buch‹ das ›klare Licht‹ nennt?« Ich äußerte meine Zweifel. »Würde es das Übel bannen, dieses Licht, wenn du es imAuge behalten könntest, oder wärst du dazu nicht imstande?« Ich erwog die Frage eine Weile. »Vielleicht«, antwortete ich endlich. »Vielleicht könnte ichdas. Aber nur, wenn jemand dabei wäre, der mir von dem klarenLicht sprechen würde. Man könnte es nicht allein. Das istvermutlich der Sinn des tibetanischen Rituals – dass jemand dieganze Zeit bei einem ist und einem sagt, worauf es ankommt.« Nachdem ich mir dann später die Aufnahme dieses Teils desExperiments angehört hatte, holte ich mir das ›Tibetanische
  47. 47. Totenbuch‹ von Evans-Wentz aus dem Regal und öffnete es aufsGeratewohl. »O Edelgeborener, lass deinen Geist nicht abgelenkt werden!«Das war das Problem: sich nicht ablenken zu lassen.Unabgelenkt durch die Erinnerung an begangene Sünden,vorgestellte Genüsse, den bitteren Nachgeschmack altenerlittenen Unrechts und alter Demütigungen, durch all dieFurcht- und Hassgefühle und Begierden, die für gewöhnlich dasLicht verdunkeln. Was jene buddhistischen Mönche für dieSterbenden und die Toten tun, könnte das der modernePsychiater nicht für die Geistesgestörten tun? Es muss nur eineStimme da sein, die ihnen bei Tag und sogar während desSchlafs versichert, dass trotz all der Schrecken, all derBestürzung und Verwirrung die letzte Wirklichkeitunerschütterlich bleibt und von derselben Substanz ist wie dasInnere Licht des Gemüts, sei es auch noch so grausamgemartert. Mit Hilfe von Apparaten wie Plattenspielern,automatisch gesteuerten Schaltmechanismen, Lautsprechern undKopfhörern sollte es sehr leicht sein, auch die Insassen einerAnstalt, die wenig Personal hat, unaufhörlich an diesegrundlegende Tatsache zu gemahnen. Vielleicht würde einigendieser verlorenen Seelen auf diese Weise dazu verholfen, eingewisses Maß an Herrschaft über jene Welt – eine zugleichschöne und entsetzliche, aber immer von der menschlichenverschiedene, völlig unbegreifliche Welt – zu gewinnen, inwelcher zu leben sie sich verurteilt sehen. Keineswegs zu früh wurde ich von der beunruhigenden Prachtund Herrlichkeit meines Liegestuhls abgelenkt. In grünenParabeln von der Hecke herabhängend, strahlte das Efeulaub einjadeartig glasiges Leuchten aus. Einen Augenblick späterexplodierte ein Beet vollerblühter Hyazinthenaloen innerhalbmeines Gesichtsfeldes. Die Blumen waren bis zu einem solchenGrad lebendig, dass sie ganz nahe daran zu sein schienen, sichzu äußern, während sie in das Blau des Himmels emporstrebten.
  48. 48. Wie der Liegestuhl unter den Latten der Pergola beteuerten auchsie zu viel. Ich blickte auf die Blätter und entdeckte einwellenförmiges kompliziertes Muster aus den zartesten grüne nLichtern und Schatten, das pulsierte, als enthülle es einGeheimnis, das nicht enträtselt werden konnte. Rosen: Die Blüten sind leicht zu malen, die Blätter schwierig. Das haiku des Shiki drückt indirekt genau das aus, was ichempfand – die übermäßige, die allzu offenbare Herrlichkeit derBlüten, die im Gegensatz zu dem subtileren Wunder desBlattwerks stand. Wir gingen auf die Straße hinaus. Ein großes hellblaues Autostand am Randstein. Bei seinem Anblick wurde ich plötzlichvon ungeheurer Heiterkeit überwältigt. Was für eineSelbstgefälligkeit, was für eine absurde Selbstzufriedenheitlächelte breit aus diesen gewölbten Flächen! Ich lachte, bis mir die Tränen über die Wangen liefen. Wir gingen ins Haus zurück. Eine Mahlzeit stand bereit.Jemand, der n och nicht mit mir identisch war, stürzte sich miteinem Wolfshunger darauf. Aus beträchtlicher Entfernung undohne großes Interesse sah ich zu. Als die Mahlzeit beendet war, stiegen wir in das Auto undfuhren spazieren. Die Wirkung des Meskalins begann schonnachzulassen, aber die Blumen in den Gärten standen nochimmer auf der Schwelle zum Übernatürlichen. Die Pfeffer- undJohannisbrotbäume längs der Seitenstraßen gehörtenoffenkundig noch immer zu einem heiligen Hain. Der GartenEden wechselte mit Dodona ab, Yggdrasil mit der mystischenRose. Und dann, ganz plötzlich, waren wir an einer
  49. 49. Straßenkreuzung und warteten, um den Sunset Boulevard zuüberqueren. Vor uns rollten die Autos in einem stetigen Strom vorbei –Tausende, alle gleißend und glänzend wie der Traum einesReklamefachmanns, und das nächste immer lächerlicher als dasvorige. Abermals wurde ich von Lachen geschüttelt. Das Rote Meer des Verkehrs teilte sich endlich, und wirfuhren hinüber in eine andere Oase von Bäumen, Rasenflächenund Rosen. Nach ein paar Minuten waren wir zu einem Aussichtspunkt inden Bergen hinaufgelangt, und die Stadt lag ausgebreitet zuunseren Füßen. Ziemlich enttäuschend war es, dass sie ganz wie die Stadtaussah, die ich bei anderen Gelegenheiten gesehen hatte. Wasmich betraf, war die Verklärung proportional zur Entfernung. Jenäher die Dinge waren, desto göttlicher waren sie verwandelt.Dieses riesige, matte Panorama unterschied sich kaum von sichselbst. Wir fuhren weiter, und solange wir in den Bergen blieben, woeine Fernsicht auf die andere folgte, blieb die Bedeutsamkeit aufihrer Alltagsstufe, ein gutes Stück unter dem Übergang zurVerklärung. Der Zauber begann erst wieder zu wirken, als wiruns hinab wandten in eine neue Vorstadt und zwischen zweiHäuserzeilen dahinfuhren. Hier kam es trotz der besonderenScheußlichkeit der Architektur zu neuerlichen Fällentranszendenten Andersseins, zu Andeutungen des Himmels vomVormittag. Ziegelschornsteine und imitierte grüne Kupferdächerglühten im Sonnenschein wie Teile aus dem Neuen Jerusalem. Und auf einmal sah ich, was Guardi gesehen und so oft (mitwelch unvergleichlicher Meisterschaft!) auf seinen Bildernwiedergegeben hatte – eine Stuckmauer mit einem schräg auf siefallenden Schatten, eine kahle, aber unvergesslich schöneMauer, leer, aber durch und durch von der ganzen
  50. 50. Bedeutsamkeit, dem ganzen Geheimnis des Daseins erfüllt. DieOffenbarung bereitete sich vor und war im Bruchteil einerSekunde schon wieder vorbei. Das Auto war weitergefahren; dieZeit enthüllte eine neue Manifestation des ewigen So-Seins.»Innerhalb des Identischen ist Verschiedenheit. Aber dassVerschiedenheit von Identität verschieden sein soll, istkeineswegs die Absicht aller jener Buddhas. Ihre Absicht istbeides: Ganzheit und Unterschiedlichkeit.« Diese Böschung mit roten und weißen Geranien zum Beispiel– sie war völlig verschieden von der Mauer hundert Schrittehinter uns. Aber der Istzustand von beiden war derselbe. DasEwige in ihrer Vergänglichkeit war dasselbe. Eine Stunde später, als wir weitere fünfzehn Kilometer undden Besuch des »Größten Drugstore der Welt« glücklich hinteruns hatten, waren wir wieder daheim, und ich war in diesenberuhigenden, aber tief unbefriedigenden Zustandzurückgekehrt, der als »recht bei Sinnen sein« bekannt ist. Dass die Menschheit als Ganzes je imstande sein wird, ohnekünstliche Paradiese auszukommen, ist sehr unwahrscheinlich.Die meisten Menschen führen ein schlimmstenfalls sobeschwerliches, bestenfalls so eintöniges, armseliges undbeschränktes Leben, dass der Drang, ihm zu entfliehen, dieSehnsucht – wenn auch nur für ein paar Augenblicke –, aus undüber sich selbst hinauszugelangen, eine der vornehmlichenBegierden der Seele ist und immer gewesen ist. Kunst undReligion, Karnevale und Saturnalien, tanzen und Rednernzuhören – das alles hat, um H. G. Wells’ Ausdruck zugebrauchen, als »Türen in der Mauer« gedient. Und für den privaten, für den alltäglichen Gebrauchhat es immer chemische Rauschmittel gegeben. Alle diepflanzlichen Sedativa, Narkotika, alle die Euphorika, die aufBäumen wachsen, die Halluzinogene, die in Beeren reifen oderaus Wurzeln gepresst werden können – sie alle ohne Ausnahmesind seit undenklichen Zeiten den Menschen bekannt und
  51. 51. systematisch von ihnen verwendet worden. Und diesennatürlichen Methoden, das Bewusstsein zu verändern, hat diemoderne Wissenschaft ihre Quote von synthetischen Mittelnhinzugefügt – Chloral, zum Beispiel, und Benzedrin, dieBromverbindung und die Barbiturate. Die meisten dieser Bewusstseinsmodifikatoren können jetztnur auf ärztliche Verordnung hin genommen werden oder abergesetzwidrig und mit beträchtlicher Gefahr. Für denuneingeschränkten Gebrauch hat der Westen nur Alkohol undTabak erlaubt. Alle anderen chemischen Türen in der Mauertragen das Schild »Rauschgift«, und wer sie unerlaubt benützt,wird als »Süchtiger« gebrandmarkt. Wir geben heutzutage eine ganze Menge mehr für Trinkenund Rauchen aus als für Unterricht und Erziehung. Das istnatürlich nicht überraschend. Der Drang zur Flucht aus seinemSelbst und seiner Umwelt ist in fast jedem Menschen fastjederzeit vorhanden. Der Drang, etwas für die Jugend zu tun, istnur bei Eltern stark, und auch bei ihnen nur während derwenigen Jahre, in denen ihre Kinder zur Schule gehen. Ebensowenig überraschend ist die vorherrschende Einstellung zumTrinken und Rauchen. Ungeachtet des immer mehranwachsenden Heers hoffnungsloser Alkoholiker, ungeachtetder Hunderttausende, die alljährlich von betrunkenenAutofahrern zu Krüppeln gemacht oder getötet werden, reißenKomiker noch immer Witze über den Alkohol und diejenigen,die ihm verfallen sind. Und ungeachtet des Beweismaterials, dasZigaretten mit Lungenkrebs in Zusammenhang bringt, betrachtetfast jeder Mensch das Tabakrauchen als kaum weniger normalund natürlich als das Essen. Vom Standpunkt desrationalistischen Utilitariers aus gesehen, mag sich dieswunderlich ausnehmen. Für den Historiker ist es genau das, was man erwarten würde. Eine feste Überzeugung von der materiellen Wirklichkeit derHölle hat die Christen des Mittelalters nie davon abgehalten, zu
  52. 52. tun, was ihnen ihr Ehrgeiz, ihre Lüsternheit oder ihreBegehrlichkeit einflüsterte. Lungenkrebs, Verkehrsunfälle und die Millionen elender undElend verursachender Alkoholiker sind sogar noch realer, als esdas Infe rno zu Dantes Zeiten war. Aber alle derartigenTatsachen sind etwas Fernes und Ungreifbares, verglichen mitdem hier und jetzt empfundenen Lechzen nach unmittelbarerBefreiung oder Beruhigung, nach einem guten Glas oder einerguten Zigarre. Unser Zeitalter ist unter anderem das Zeitalter desKraftwagens und raketenartig ansteigender Bevölkerungszahlen.Alkohol ist unvereinbar mit Sicherheit auf den Straßen, undseine Erzeugung ebenso wie der Tabakanbau bedeuten für vieleMillionen Hektar des fruchtbarsten Bodens soviel wieUnfruchtbarkeit. Die durch Alkohol und Tabak hervorgerufenenProbleme lassen sich, das versteht sich von selbst, nicht durchVerbote lösen. Der allgemeine und immer vorhandene Drangzur Selbstüberschreitung lässt sich nicht durch das Zuschlagender gegenwärtig beliebtesten Türen in der Mauer beseitigen. Daseinzig vernünftige Vorgehen wäre, andere, bessere Türen zuöffnen und zu hoffen, dass die Menschen dadurch zu bewegensein werden, ihre alten, schlechten Gewohnheiten gegen neueund weniger schädliche zu tauschen. Einige dieser anderen,besseren Türen werden sozialer und technischer Art sein, anderereligiöser oder psychologischer, wieder andere diätetischer,erzieherischer, sportlicher Art. Aber das Bedürfnis nachhäufigen chemischen Ferien, vom eigenen unerträglichen Selbstund von der abstoßenden Umgebung, wird zweifellos auch dannbestehen bleiben. Was benötigt wird, ist eine neue Droge, dieunserer leidenden Spezies Erleichterung und Trost brächte, ohneauf die Dauer mehr zu schaden, als auf kurze Zeit gut zu tun.Eine solche Droge muss schon in kleinsten Dosierungen kräftigwirken und synthetisch herstellbar sein. Wenn sie dieseEigenschaften nicht besitzt, wird ihre Erzeugung ebenso wie die

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