Morenga

3,417
-1

Published on

Published in: Education
0 Comments
1 Like
Statistics
Notes
  • Be the first to comment

No Downloads
Views
Total Views
3,417
On Slideshare
0
From Embeds
0
Number of Embeds
0
Actions
Shares
0
Downloads
5
Comments
0
Likes
1
Embeds 0
No embeds

No notes for slide

Morenga

  1. 1. Deutsch-Südwestafrika, 1904. Beginn eines erbarmungs-losen Kolonialkrieges, den das Deutsche Kaiserreich ge-gen die aufständischen Herero und Hottentotten führt.An der Spitze der für ihre Freiheit kämpfenden Schwar-zen steht Jakob Morenga, ein früherer Minenarbeiter.Was damals mehr als drei Jahre lang in dem heute unab-hängigen Namibia geschah, hat Uwe Timm in einer ge-schickten Montage von historischen Dokumenten undfiktiven Aufzeichnungen des Oberveterinärs Gottschalkaus Hamburg zu einem grandiosen historischen Romanverdichtet. »Ich habe das Buch mit zunehmender Be-wunderung gelesen. Daß man sich so viel Stoff aneignenund dann so produktiv damit umgehen kann, hatte ichnicht für möglich gehalten.« (Martin Walser)Uwe Timm wurde am 30. März 1940 in Hamburg gebo-ren. Er studierte Philosophie und Germanistik in Mün-chen und Paris. Seit 1971 lebt er als freier Schriftsteller inMünchen. Weitere Werke u. a. : ›Heißer Sommer‹ (1974),›Kerbels Flucht‹ (1980), ›Der Mann auf dem Hochrad‹(1984), ›Der Schlangenbaum‹ (1986), ›RennschweinRudi Rüssel‹ (1989), ›Kopfjäger‹ (1991), ›Die Entdeckungder Currywurst‹ (1993), ›Johannisnacht‹ (1996), ›Nichtmorgen, nicht gestern‹ (1999), ›Rot‹ (2001), ›Am Beispielmeines Bruders‹ (2003). V. 210205 unverkäuflich
  2. 2. Uwe Timm Morenga RomanDeutscher Taschenbuch Verlag
  3. 3. Ungekürzte, vom Autor neu durchgesehene AusgabeJanuar 20004. Auflage Oktober 2003Deutscher Taschenbuch Verlag GmbH & Co. KG,München www. dtv. de© 1983, 1985 Verlag Kiepenheuer & Witsch, KölnErstveröffentlichung: Königstein/Ts. 1978Umschlagkonzept: Balk & BrumshagenUmschlagbild: Ausschnitt eines Farbdrucks (1907) nach einemAquarell von Max Zaeper (© AKG, Berlin)Gesetzt aus der Stempel Garamond 10,5/12- (3B2)*)Gesamtherstellung: Druckerei C. H. Beck, NördlingenGedruckt auf säurefreiem, chlorfrei gebleichtem PapierPrinted in Germany • ISBN 3-423-12725-2*) eBook: Warnock Pro
  4. 4. InhaltVorzeichen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 7Jenseits der Brandung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 11Zwei Positionen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 40Allgemeine Lage . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 43Wenstrups Verschwinden . . . . . . . . . . . . . . . . . . 57Der Prophet . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 95Gefechtsbericht 1 Groß-Nabas . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 107Gefechtsbericht 2 Die Belagerung von Warmbad . . . . . . . . . . . . 125Ferne Feuer . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 133Landeskunde 1 Wie Gorth das Evangelium predigte, sich mit Ochsen besprach und vom rechten Weg abkam . . 146Von der milderen, menschlicheren und doch pädagogisch nachhaltigeren Wirkung des Tauendes . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 189Sich die Hände schmutzig machen . . . . . . . . . . . . 196Landeskunde 2 Klügge, ein Zylinder auf Père Lachaise und das Ende der Strauße in der Gegend von Bethanien oder: Das Faß 220Gefechtsbericht 3 Die Unternehmungen des Obersten Deimling gegen Morenga in den Großen Karrasbergen im März 1905 . . . . . . . . . . . . . . 289
  5. 5. Wenn Stabsarzt Otto Witze erzählen muß . . . . . . . 314Landeskunde 3 Der Theodolit oder: Vom Nutzen der Ölsardine . . .349Durststrecken . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 408Aus Namaland und Kalahari . . . . . . . . . . . . . . . . 443Hintermänner . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 456Jumpingbean Tree . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 462Tanzen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 490Allgemeine Lage . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .401Die wunderbaren Wolken . . . . . . . . . . . . . . . . . . 511Die Verfolgung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 535Der Wunderbusch . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 539Das Ende . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 541Nachtrag . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 551
  6. 6. VorzeichenAn einem Nachmittag im April 1904 schickt der Far-mer Kaempffer den Hottentottenboy Jakobus, derschon seit zwei Jahren im Haus dient, nach dem jüng-sten Sohn Klaus, der seine Schulaufgaben machen soll.Jakobus, der Treue, läuft sofort los. Aber weder er nochKaempffers Sohn kommen. Das Warten wird Kaempf-fer schließlich zu dumm. Er geht aus dem Haus, umdie beiden zu suchen. Seinen Sohn findet er schnell.Er spielt in der Nähe des Kraals. Jakobus aber ist ver-schwunden. Kaempffer sucht, er ruft, er fragt die an-deren eingeborenen Farmarbeiter. Niemand will ihngesehen haben. Kaempffer geht ins Haus und an denSchreibtisch zurück. Beim Hinsetzen hat er das merk-würdige Gefühl, als habe sich etwas verändert. Schonwill er sich wieder seinen Abrechnungen zuwenden, alser vor sich auf der Fotografie, die ihn als Reserveleut-nant zeigt, das kleine Tintenkreuz entdeckt, direktüber seinem Kopf.Der Farmer Kruse tritt morgens aus seinem in der Nähevon Warmbad gelegenen Farmhaus, um die Eingebore-nen wie gewöhnlich zur Arbeit einzuteilen. Kein Mensch ist zu sehen.Er geht zur Eingeborenenwerft hinüber. Alle Pontoks 7
  7. 7. sind über Nacht abgebrochen worden. Ein Feuer glimmtnoch. Plötzlich flattert hinter einer Gruppe von Weiß-dornbüschen ein Schwarm von Kronenkiebitzen auf.Kruse geht schnell ins Haus, verrammelt Tür und Fen-ster, nimmt das Gewehr von der Wand, lädt es und legtalle anderen Patronen griff bereit auf den Tisch.Auf der Farm »Deutsche Erde« wird dem Farmer Stroh-meier von einem schwarzen Arbeiter die Peitsche ent-rissen, mit der Strohmeier die Eingeborenen bei ihrerArbeit anzutreiben pflegt. Der Eingeborene droht Stroh-meier mit der Peitsche. Der Farmer sattelt sofort seinPferd und reitet zur nächstgelegenen Polizeistation.Ein Namamädchen sagt zu Frau Krabbenhöft: Wenn je-mand nachts an dein Fenster klopft, dann kann nur iches sein, aber dann mußt du schnell laufen.In den ersten Junitagen des Jahres 1904 geht ein Tele-gramm in Windhuk beim kaiserlichen Gouvernementein: Eine Bande bewaffneter Hottentotten hat im Süd-osten des Landes vereinzelt liegende Farmen überfallenund weißen Farmern Vieh und Waffen abgenommen.Keiner der Farmer wurde getötet. Der Anführer dieserBande ist ein gewisser Morenga.Wer war Morenga? 8
  8. 8. Auskunft des Bezirksamtmanns von Gibeon: Ein Hot-tentottenbastard (Vater: Herero, Mutter: Hottentottin).Nennt sich auch Marengo. Beteiligte sich am Bondel-zwart-Auf stand 1903. Soll an einer Missionsschule er-zogen worden sein. An welcher, konnte nicht ermitteltwerden. Zuletzt hat er in den Kupferminen von Ookiepim nördlichen Teil der Kapkolonie gearbeitet.Morenga reitet einen Schimmel, den er nur alle vierTage tränken muß. Nur eine Glaskugel, die ein Afrika-ner geschliffen hat, kann ihn töten. Er kann in der Nachtsehen wie am Tag. Er schießt auf hundert Meter jeman-dem ein Hühnerei aus der Hand. Er will die Deutschenvertreiben. Er kann Regen machen. Er verwandelt sichin einen Zebrafinken und belauscht die deutschen Sol-daten.Telegramm: Am 30. August ist es am Schambockberg zueinem Gefecht zwischen der Patrouille Stempel und derMorengabande gekommen. Leutnant Baron v. Stempelund vier Mann gefallen, vier Mann verwundet, einervermißt.Der Bezirksamtmann von Gibeon, v. Burgsdorff, hat zuKaufmann Kries gesagt: Wir müssen um jeden Preis ei-nen Aufstand der Hottentotten verhindern, solange dieHerero nicht endgültig niedergeworfen sind. Das waram 1. Oktober 1904. 9
  9. 9. Am Nachmittag des 3. Oktober erscheinen die Witbooi-Hottentotten Samuel Isaak und Petrus Jod bei dem Be-zirksamtmann v. Burgsdorff und übergeben ihm einenBrief ihres Kapitäns Hendrik Witbooi. Der Brief enthältdie Kriegserklärung an die Deutschen. Burgsdorff beschließt, sofort zu Hendrik Witbooizu reiten. Er hofft, den Kapitän, den er seit zehn Jahrenpersönlich kennt, umzustimmen. Er sagt zu seiner Frau,er käme am nächsten Tag zurück. Unbewaffnet reiteter, von den beiden Witbooi-Großleuten begleitet, nachRietmont ab.Als er indessen am folgenden Tag Mariental erreicht,wird er von den dort versammelten Eingeborenen ge-fragt, ob er den Brief des Kapitäns erhalten habe, und,als er dies bejaht, von einem Bastardhottentotten na-mens Salomon Stahl hinterrücks niedergeschossen. (DieKämpfe der deutschen Truppen in Südwestafrika, hrsg.vom Großen Generalstabe, Bd. 2, Berlin 1907, S. 13)Am 4. Oktober 1904 bricht im deutschen SchutzgebietSüdwestafrika der Aufstand der Hottentotten (richtigNama) aus, fast genau acht Monate, nachdem sich dieHerero erhoben hatten. Damit herrscht im ganzen Landder Kriegszustand. Der deutsche Generalstab muß aber-mals Truppenverstärkungen in Marsch setzen. 10
  10. 10. Jenseits der BrandungOberveterinär Gottschalk wurde von einem Neger anLand getragen. Draußen, vor der Brandung, ankerte die»Gertrud Woermann«. Kruneger hatten die Soldatendurch die Brandung gepaddelt. Am Ufer standen Neu-gierige, darunter viele Soldaten, auch ein paar Frauenwaren zu erkennen, Sonnenschirme in den Händen.Gottschalk mußte an ein Seebad denken, Norderney,wo er einmal Urlaub gemacht hatte. Nur die weißenVerbände der Verwundeten störten diesen Eindruck.Als das Boot im seichten Wasser festlief, war Gottschalkeinem der dort wartenden Neger auf den Rücken gestie-gen. Der Mann war nur mit einer zerrissenen Anzugho-se bekleidet. Gottschalk fühlte die schwitzende schwar-ze Haut, er roch den sauren Schweiß. Er ekelte sich. Miteiner sanften Drehung wurde er in den Sand gestellt. Gottschalk stand auf afrikanischem Boden. Er glaub-te, der Boden schwanke unter seinen Füßen.Vor fast drei Wochen war Gottschalk in Hamburgan Bord der »Gertrud Woermann« gegangen. AmNachmittag des 28. September 1904 hatte ein dünnerSchnürregen eingesetzt. Die Pferde waren schon ver-laden und standen geschützt in dem vorderen Lade-raum. Im Achterschiff verschwanden noch immer Mu- 11
  11. 11. nitionskisten, Geschütze und Proviant. Um 18. 30 Uhrheulte mit einem weißen Schweif die Dampfsirene. DieGäste mußten von Bord. Die Luken waren schon ver-schalt und mit einer Persenning überzogen. Unten, aufdem Kai, standen Hunderte von Menschen, Verwandte,Freunde, Neugierige, von denen man hier oben auf demBootsdeck nur die schwarzen Schirme sehen konnte.Gottschalks Eltern hatten geschrieben, sie wollten aufdem Deich bei Glückstadt stehen und winken, er solledas vom Schiff aus ebenfalls tun, am besten mit einerweißen Tischdecke. Eine Musikkapelle der 76er warauf dem Kai aufgezogen und spielte Märsche. Der Lot-se kam an Bord. Das Fallreep wurde eingezogen, undplötzlich war im Schiff ein gleichmäßig stampfendesDröhnen, das jetzt fast drei Wochen anhalten sollte, einleichtes Vibrieren der Decksplanken, das Klappern ei-nes Flanschs. Aus dem Schornstein quollen schwarzeRauchwolken, die, bei der Windstille und da das Schiffkeine Fahrt machte, vom Regen auf das Deck niederge-drückt wurden. Kleine fettige Rußkrümel setzten sichauf Gottschalks grauen Uniformmantel und hinterlie-ßen, als er versuchte sie abzustreifen, schwarze Striche.Und erst jetzt, die Trossen waren schon losgeworfen,die Kapelle spielte: Muß i denn, muß i denn zum Städ-tele hinaus – angesichts dieser schwarzen Rauchfahne,die sich langsam und rußend über das Schiff hinweg-wälzte, hatte Gottschalk plötzlich den Wunsch, wiederauszusteigen. Da wurde ein Krieg geführt, der ihn, ge- 12
  12. 12. naugenommen, doch gar nichts anging. Wie war er nurauf den verrückten Gedanken gekommen, sich freiwilligzu melden? Andererseits hatte er sich in den vergange-nen Tagen auf Südwest gefreut. Dort begann, währendin Deutschland die Tage kürzer und kälter wurden, derSommer. Seit seiner Kindheit hatte Gottschalk einenTraum: Es gab keinen Sommer. Entweder er hatte ihnverschlafen, oder aber er war aus unerklärlichen Grün-den ausgeblieben. Die Offiziere und Mannschaften anDeck brachten ein dreifaches Hurra auf den Kaiser aus.Gottschalk hörte sich dreimal hurra rufen. Zwei Schlepper zogen den Dampfer vom Kai und inden Strom. Nur verschwommen sah man die Lichter inder regengrauen Dämmerung vom Övelgönner Ufer-weg. Dort warfen die Schlepper die Trossen los und lie-ßen zum Abschied ihre Sirenen heulen. Gegen 22 Uhr passierte das Schiff Glückstadt. Gott-schalk stand allein auf dem Bootsdeck. Der Regen warstärker geworden, auch ein leichter Nordwest war auf-gekommen. Gottschalk konnte in der durchregnetenDunkelheit lediglich das Leuchtfeuer von Glückstadterkennen. Irgendwo in dieser Richtung standen seine El-tern auf dem Deich, mit weißen Bettlaken. Wahrschein-lich würden sie nicht einmal die Lichter des Dampferserkennen können.Während der Überfahrt mußte Gottschalk sich eineKabine mit dem Oberarzt Doktor Haring und dem Un- 13
  13. 13. terveterinär Wenstrup teilen. Oberarzt Haring hatte,gleich nachdem der Steward ihm das Bett zugewiesenhatte, ein Bild auf den einzigen Tisch in der Kabine ge-stellt. Die Fotografie zeigte – wie er Gottschalk erklärte– seine Frau und seine Töchter Lisa und Amelie. Schonam ersten Reisetag lernte Gottschalk die verwickeltenFamilienverhältnisse der Harings kennen. Haring hatteseine Cousine geheiratet, die genaugenommen aber garnicht seine Cousine war. Sein Onkel hatte das Mädchenadoptiert. Auf die Frage Harings, warum er, Gottschalk,noch nicht verheiratet sei, antwortete Gottschalk: Erhabe noch nicht die Richtige gefunden. Wenstrup beteiligte sich an diesen Gesprächen nicht,auch dann nicht, als Haring einmal den Versuch mach-te, ihn mit einzubeziehen, indem er darauf hinwies, daßman sich bei der schlechten Kabinenbeleuchtung leichtdie Augen verderben könne. Wenstrup lag nämlichmeist lesend auf seinem Bett. Gottschalk hätte gern den Titel des Buchs gewußt,das Wenstrup las. Aber das Buch steckte in einemBuchschoner aus Schlangenleder, und fragen mochte ernicht. Er selbst hatte sich für die Überfahrt drei Büchermitgenommen. Ein Lehrbuch der Immunologie, einesüdafrikanische Pflanzenkunde und einen Roman vonFontane, ›Der Stechlin‹. Mit der Angewohnheit zu lesen, hatte Gottschalk inseinem alten Regiment anfangs die Witzeleien einiger 14
  14. 14. Offiziere auf sich gezogen. Einmal fand man ihn sogarwährend eines Manövers an einem Wagenrad im Schat-ten sitzen, ein Buch in der Hand. Was ihn davor schütz-te, als Sonderling ins Gerede zu kommen, war, daß erdie Leserei als notwendiges Übel herunterspielte, daer wissenschaftlich auf dem laufenden bleiben müsse.Aber es blieb natürlich nicht verborgen, daß er auch Ro-mane las, und zwar zeitgenössische. Von Gottschalk hieß es, daß er auch schwer lahmen-de Pferde schnell wieder auf die Beine bringen könne.Truppenoffiziere, die glaubten, sich an diesem Roßarztdie Stiefel abwischen zu können, erlebten meist peinli-che Überraschungen. Der Major von Consbruch brüll-te auf dem Kaisermanöver Gottschalk an, als der ihmempfahl, sein lahmendes Pferd zu schonen. Später, alsdie Batterien im Galopp vorgingen, mußte der Majormitten in der Aktion auf ein mitgeführtes Handpferdumsteigen. Der hinter seinen Batterien hergaloppieren-de Bataillonschef gab kein gutes Bild ab. Er erhielt vomKommandierenden General persönlich einen Rüffel.Solche Fälle sprachen sich herum, ohne daß Gottschalkdamit protzte. GrußvorschriftAuf Schiffen wird ein Vorgesetzter nur einmal am Taggegrüßt, und zwar dann, wenn man ihm zum ersten Malbegegnet. Ein Unterveterinär hat einen Oberveterinärzu grüßen, indem er die Hand an den Mützenschirm 15
  15. 15. bzw. an die Hutkrempe legt. Die gleiche Grußbezeugungmacht ein Oberveterinär vor einem Oberarzt. Alle dreiDienstgrade, also Unterveterinär, Oberveterinär undOberarzt, müssen jedem Leutnant die obig angegebeneGrußbezeugung zuerst erweisen.Die »Gertrud Woermann« hatte schon den Ärmelkanalpassiert, als Gottschalk mit Wenstrup erstmals auf per-sönliche Dinge zu sprechen kam. Es hatte ziemlich aufgebrist, und es gab die erstenSeekranken. Wenstrup bot Gottschalk eine Pille gegenSeekrankheit an. Gottschalk erzählte, daß er in Glück-stadt aufgewachsen sei, sozusagen mit Schiffen vor derHaustür. Sein Vater habe dort einen Kolonialwarenla-den und sein Großvater mütterlicherseits einen He-ringslogger. In seinen Schulferien sei er einige Male mitzur Doggerbank gesegelt. Gott schütze uns vor Feuer auf hoher See, das war soein Schnack, den Gottschalks Großvater bei jeder Gele-genheit in einem sperrigen Hochdeutsch abließ. Wenstrup sagte, er sei Berliner, Landratte also, undhabe sich vorsorglich das Mittel eingesteckt. Was Gottschalk erst später bewußt geworden war:daß Wenstrup nur ihm von dem Mittel gegen See-krankheit angeboten hatte und nicht dem Leutnant vonSchwanebach, der sehr litt, auch nicht dem Transport-führer, Rittmeister von Tresckow. 16
  16. 16. Während des Frühstücks behauptete von Tresckow,Kavalleristen würden so leicht nicht bleich werden, dazugebe es doch zu viele Parallelen zwischen Pferden undSchiffen. Das Mittagessen ließ er ausfallen. Nachmittagsstand er auf dem Bootsdeck, klammerte sich an die Relingund starrte in die Ferne. Jemand von der Schiffsbesatzunghatte ihm gesagt, das helfe. Sein Monokel baumelte acht-los an der Schnur, schlug, wenn das Schiff überholte, klir-rend an einen Stahlstutzen. Kurz vor dem Abendessenkam Wenstrup in die Kabine und sagte zu Gottschalk, ermöge doch mal in die Toilette gehen, dort könne er dieKampfkraft der Gardekavallerie einschätzen. Gottschalk fand auf dem Boden, die Klosettschüsselumarmend, das grüne Gesicht auf dem weißen Porzel-lanrand, den Rittmeister von Tresckow. Als Gottschalkfragte, ob er helfen könne, antwortete Tresckow: Danke,Kamerad. Er hob nicht einmal den Kopf.In Gottschalks Tagebuch finden sich von der Zeit derÜberfahrt fast nur die täglichen Vermerke über Längen-und Breitengrade, dazu stereotype Angaben zum Wetter:trüb, bedeckt, sonnig, regnerisch. Nur an drei Tagen sindetwas ausführlichere Eintragungen gemacht worden: Tagebucheintragung Gottschalks vom 8. 10. 1904Wendekreis des Krebses. An Deck wurden Sonnensegelaufgeschlagen. Überall sind Pferdehaare. Die Tiere ver-lieren infolge des Klimawechsels ihr Winterfell. 17
  17. 17. 10. 10.Nachts, gerade über der Kimm, das Kreuz des Südens.Der Wunsch, allein zu sein, statt dessen abgezirkelteGespräche in der Messe. Ein Gefühl, als sei man inner-lich verschnürt. W. hält sich einfach fern. 13. 10.Das Schiff passierte den Äquator. Mittags um 12 Uhrkonnte man seinen Schatten, wenn man stand, mit einerMütze bedecken. Wenstrup, der sich einen Vollbart stehen läßt, muß-te sich anläßlich der Äquatortaufe von einem GehilfenNeptuns (dargestellt vom Sergeanten Ro., einem altenSchutztruppler) mit einem gewaltigen Holzmesser ra-sieren lassen. Wenstrup machte dazu ein todernstes Gesicht, alswürde ihm gleich der Kopf abgeschlagen. Alle lachten.Auch ich.Einmal fragte Wenstrup Gottschalk, warum er sich frei-willig nach Südwest gemeldet habe. Gottschalk gab dar-auf die Antwort: Das habe verschiedene Gründe.Eine Fotografie: Gottschalk sitzt in einer abgetragenenKhakiuniform, eine Schirmmütze auf dem Kopf, vor ei-nem Trainwagen. Von dem mannshohen Holzrad siehtman rechts im Bild vier Speichen. Den linken Arm hatGottschalk auf einen Holztisch gelegt. Auf diesem Tisch 18
  18. 18. liegen: eine Feldflasche, Papierbögen, Bleistifte, ein Ta-schenmesser und ein Wachstuchheft (sein Tagebuch).Dunkle Augen, ein dunkler Bart, den er sich offenbarerst einige Tage hat stehenlassen, ein sanft geschwun-gener Mund. Ein Erinnerungsfoto für die zu Hause inGlückstadt, so hat er sich für den Fotografen hingesetzt.Man könnte glauben, daß er, in die Kamera blickend, dieLuft anhält. Was ist eigentlich Ihr Vater, fragte während desAbendessens Leutnant von Schwanebach. Kolonialwarenhändler. Am Tisch wurde gelacht. Man glaubte, Gottschalkhabe sich einen Witz erlaubt. Die Waage hing von der Decke über dem Ladentisch.Wenn sein Vater 100 Gramm Safran auswog, benutzteer dazu Kupfergewichte, die in verschiedenen Größenwie kleine Töpfe ineinandersteckten. Was für den klei-nen Gottschalk unverständlich war, daß all die Datteln,Feigen, Trockenbananen und Mandeln nicht einfachgegessen werden konnten, wenn man darauf Lust hat-te. (Was ihm dann auch seine Spielkameraden nie glau-ben wollten.) Seine Mutter mußte erst mit seinem Va-ter verhandeln, wenn sie zum Kochen etwas brauchte.Über die entnommene Menge wurde Buch geführt. Esgab eine unsichtbare Grenze zwischen dem Laden undder Wohnung im ersten Stock, die man nur über eineschmale Treppe vom Laden aus erreichen konnte. Fürunten galten andere, strengere Gesetze als für oben, und 19
  19. 19. sie waren dem kleinen Gottschalk drastisch eingebleutworden, nachdem er sich einmal eine Handvoll Man-deln aus einem Glas im Regal genommen hatte. Washier im Laden in Gläsern, Säcken und Kisten stand undlag, wartete allein darauf, irgendwann einmal ausgewo-gen zu werden, um dann, gegen Münzen, den Besitzerzu wechseln. Die Familie schien vom Warten zu leben.Am 11. Oktober ankerte die »Gertrud Woermann« inMonrovia. Ein Botschaftssekretär kam an Bord mit derNachricht, in Südwest hätten sich auch die Hottentot-ten erhoben. Das ist dann gleich ein Abwasch, sagte einOberleutnant. Fünfzehn Kruneger wurden an Bord genommen. Siesollten, wenn der Dampfer Swakopmund erreicht hatte,die Soldaten an Land paddeln. Oberarzt Haring erhieltden Befehl, die Neger, die sich auf dem Vorschiff ein-richten mußten, zu untersuchen. Genaugenommen eine Arbeit für unsere beiden Ve-terinäre, sagte Leutnant Schwanebach. Alle lachten,nur Wenstrup nicht. (Dr. Haring: Der Mann hat etwasHumorloses.) Gottschalk fand, daß er selbst viel zu lautmitgelacht hatte. Genaugenommen war ihm zum La-chen gar nicht zumute gewesen.Sechs Tage später erreichte der Dampfer Swakopmund.Nachts hörte Gottschalk ein lautes Klatschen und danndas Schurren der Ankerkette. Aber er war von etwas an- 20
  20. 20. derem aufgewacht. Er brauchte einen Moment, bis esihm bewußt wurde: Das Fehlen des gleichmäßig stamp-fenden Dröhnens, des leichten Vibrierens von Planken,Kabinenwänden und dem Bettgestell. Gottschalk über-legte, ob er hinausgehen und zur Küste hinübersehensollte. Als er dann aber Stimmen auf dem Bootsdeckhörte und sah, daß Oberarzt Haring schon draußen war,blieb er liegen.Als er am nächsten Morgen hinausging, fand er sich zuseinem Erstaunen in einem milchig dichten Nebel. Erkonnte nicht einmal das Heck des Schiffs erkennen. Nurdas taktmäßige Rauschen und Brausen einer Uferbran-dung deutete an, wo die Küste lag. Gegen 11 Uhr lichtetesich der Nebel. Eine graubraune Wüstenlandschaft kamzum Vorschein. An der Küste lagen verstreut ein paar Backsteinhäu-ser, Baracken, Wellblechhütten, Zelte. Keine Palmen,keine Bäume, überhaupt kein Grün. Obwohl Gott-schalk wußte, was ihn landschaftlich erwartete, war erenttäuscht.Nachdem die Kruneger die Soldaten in Brandungsboo-ten an Land gebracht hatten, wurden die Pferde verla-den. Einzeln wurden sie in Gurten von der Bordwinschaus dem Laderaum gehievt und dann auf Holzprämegefiert. Die Präme wurden von einer Dampfbarkassein die Nähe der Brandung geschleppt, wo die Begleit- 21
  21. 21. mannschaft durch Peitschenknallen die Pferde ins Was-ser trieb. In Rudeln schwammen sie an Land. Wenstrup kam mit dem letzten Boot. Er hatte dasVerladen der Pferde an Bord überwacht. Als das Bootsich im seichten Wasser festlief, konnte man erkennen,daß er barfuß war. Er lehnte es ab, sich von einem derNeger an Land tragen zu lassen. Stiefel, Degen und Sok-ken in den Händen, watete er an Land. Rittmeister von Tresckow, der neben Gottschalkstand und die herumtollenden Pferde beobachtete, dievon den Mannschaften des Pferdedepots langsam zu-sammengetrieben wurden, sagte: Die Gäule mögen jaschlagen und beißen wie sie wollen, am Ende kommensie doch wieder vor einen Wagen und bekommen ei-nen Kutscher oder Reiter, der sie mit Zügel und Peitschelenkt.In Swakopmund erfuhr Gottschalk, daß er nicht wievorgesehen zur Nordabteilung ins Hereroland kommensollte, sondern der 8. Batterie im Süden zugeteilt wor-den war. Im Süden sieht es ziemlich finster aus, sagte derOberleutnant Ahrens.Zwei Lokomotiven zogen den Kleinbahnzug durch dieWüste. Gottschalk hätte bequem neben dem Zug her-laufen können, wäre nicht die Hitze gewesen. Er saßwie die anderen auf Hafersäcken. Über den offenen 22
  22. 22. Güterwagen hatte man als Sonnenschutz eine Plane ge-spannt. Allein Rittmeister Tresckow trug noch seine Uni-formjacke und umgeschnallt seine Pistole. Will der die Lokomotive besteigen, hatte WenstrupGottschalk bei der Abfahrt gefragt und dabei auf dieReitgerte des Rittmeisters gezeigt. Gottschalk tat, alshabe er nichts verstanden. Später, der Zug war schonabgefahren, zeigte sich aber, daß im Griff der Reitgerteein kleines goldenes Feuerzeug eingebaut war. Eine Spe-zialanfertigung einer Peitschenfabrik im Allgäu. Sehr bequem, sagte Tresckow, und das sollte fünfMonate später auch ein Hottentotte sagen, als er nacheinem Patrouillengefecht diese Peitsche fand. Bequem, weil man sich noch kurz vor der Attacke eineZigarette anzünden konnte, ohne lange in den Taschenwühlen zu müssen. Gottschalk hatte sich in die offeneWaggontür gesetzt. Er hoffte, der Fahrtwind würde etwasKühlung bringen. Es war, als säße er vor der offenen Feue-rung eines Heizkessels. Draußen lag in der flimmerndenHitze eine öde, pflanzenlose Ebene, aus der hin und wie-der zerklüftete Felsen herausragten und zuweilen, wiehingeschüttet, gewaltige Geröllhalden.Zweimal im Jahr packte Gottschalks Vater eine Segel-tuchtasche und fuhr mit der Eisenbahn nach Hamburg.Geschäftsreise nannte er das. In der Segeltuchtaschehatte er sein Auftragsbuch, in dem stand, was und in 23
  23. 23. welcher Menge er bei dem Kolonialwaren-Importeurnachbestellen mußte. Auf diese Zeit, diese fünf oder sechs Tage im Jahr,freute sich der kleine Gottschalk. Er durfte dann im La-den spielen, und seine Mutter nahm die Glasdeckel vonden dickbauchigen Gläsern in den Regalen und ließ ihnhineinriechen: Zimt, braune Borkenstücke aus Ceylon;Vanille, verschrumpelte braunschwarze Schoten ausGuatemala; Muskat, graurillige Fruchtkerne aus Kame-run; der süße, schwere Duft der Gewürznelken, dick-stengelige Blütenknospen, die von den Gewürzinseln inder Molukkensee kamen. Dieses Wort: Gewürzinseln. Woran denken Sie, wenn Sie Gewürzinseln hören,hatte Gottschalk während der Überfahrt Wenstrup ein-mal gefragt. Der dachte einen Augenblick nach: ein nachinnen gerichtetes Schmecken, dann sagte er: Glühwein,und zu Gottschalk: Ich glaube, der große Moltke war’s,der gesagt hat: Preußens Armee hat keinen Platz für Ju-den und für Träumer.Nachts hielt der Zug an einer kleinen Wellblechhütte, dieringsum von einem Sandsackwall umgeben war. Dane-ben ein Wassertank, Kohlenhaufen und ein Holzkreuz.Der Bahnbeamte, der hier Dienst getan hatte, war beiBeginn des Aufstandes von Herero erschossen worden.Das Stationshäuschen war jetzt mit sechs Mann vomEisenbahndetachement besetzt. Posten wurden aufge- 24
  24. 24. stellt. Gottschalk schlief erstmals im Freien. Er konn-te nur schwer einschlafen. Um 5 Uhr morgens wurdegeweckt, Kaffee ausgeschenkt, dazu gab es Schiffszwie-back. Gegen 6 Uhr fuhr der Zug weiter. Nachts könneman nicht fahren, hatte der Lokomotivführer gesagt,die Gegend werde noch immer von versprengten He-rerobanden unsicher gemacht. Nach vier Stunden Fahrt veränderte sich die Land-schaft: hügelig mit einigen dürren Büschen. Doktor Haring und Oberleutnant Ahrens unterhiel-ten sich darüber, wie man dieses Land einmal kultivie-ren könne. Wenig später hielt der Zug. Die Schienen waren vomSand zugeweht. Ein Trupp gefangener Herero schaufel-te sie frei. Jeweils zwei waren mit Ketten aneinanderge-fesselt. Daneben standen zwei Posten. Der eine rauchteeine Pfeife. Einer der gefangenen Herero trug – vermutlich alsSchutz gegen das scheuernde Halseisen – einen abge-rissenen Stehkragen. In der Gegend von Karibib wurde der Baum- undBuschbestand dichter. Dazwischen, in Senken und Mul-den, wo Wasserstellen lagen, kamen immer wieder grü-ne Inseln. Das Gras der Ebene hingegen war durch diemonatelange Trockenheit auf dem Halm zu Heu gewor-den. Hier konnte man, das sah Gottschalk, Viehzuchttreiben, wenn auch nur extensiv. Die Aufmerksamkeit,mit der er die Landschaft draußen betrachtete, fiel 25
  25. 25. schließlich sogar dem Leutnant von Schwanebach auf,der fragte, ob der Oberveterinär Angst vor den schwar-zen Banditen habe oder nach Pavianen Ausschau halte.In Gottschalks Tagebuch finden sich zahlreiche Ein-tragungen über die Bodenbeschaffenheit und Flora derGegenden und Landstriche, durch die er gekommen ist.Es finden sich auch Skizzen von Farmhäusern, zumeistmit sechs bis acht Zimmern. Diese Grundrisse sind ex-akt, wenn auch in architektonischer Hinsicht laienhaftausgeführt. So wäre nach einem Entwurf die Küchentürgar nicht zu öffnen gewesen, da ein Wassertank sie ver-sperrte.Wonach Gottschalk Ausschau hielt, war Farmland, aufdem er, in einigen Jahren, mit seinem ersparten GeldRinder und Pferde züchten wollte. Meist abends vor demEinschlafen richtete er sich schon in dem Farmhaus ein.Es gab eine Bibliothek, ein Wohnzimmer, in dem einKlavier stand (tatsächlich findet sich in einer der Skiz-zen ein Piano im Wohnraum), obwohl Gottschalk selbstnur etwas Flöte spielen konnte, aber seine Frau würdeKlavier spielen können, später auch seine Kinder. Wo-bei gesagt werden muß, daß Gottschalk zu dieser Zeit(er war vierunddreißig Jahre alt) keine Frau kannte, dieseine Frau hätte werden können. In Hamburg hatte erdas gehabt, was man ein Verhältnis nannte, und zwarmit der Frau eines Amtsgerichtsrates. 26
  26. 26. Für Angehörige der Schutztruppe gab es zinsgünsti-ge Kredite, wenn sie in Südwest Land erwerben woll-ten. An einem warmen Abend würde sich die Familieim Wohnzimmer zur Hausmusik versammeln, und manwürde in der Ruhe des Landes die Sonata ›La Buscha‹von Johann Heinrich Schmelzer hören. Das war einejener Situationen, die Gottschalk immer wieder vorAugen hatte, wobei er sich selbst beim Musizieren be-obachtete, zugleich aber auch aus der Ferne das Hausmit seinen erleuchteten Fenstern sah und in der nächt-lichen Stille das Cembalo hörte. Ob er ein Klavier oderCembalo kaufen würde, hing jeweils von der Situationab, die er sich gerade vorstellte, und von dieser Situa-tion wiederum, wie das Zimmer auszusehen habe unddementsprechend das Haus (darum die Skizzen so un-terschiedlicher Haustypen) und endlich auch die Zahlseiner Kinder. Bei bestimmten Musikstücken würdendrei reichen, bei anderen vier, zuweilen waren sechsnotwendig, wobei man wohl später, wenn der Farm-betrieb mit seiner Zucht florierte, eine Gouvernante,womöglich auch einen Hauslehrer einstellen konnte, sodaß auch an andere, größere Konzerte zu denken war.Voraussetzung bei einer Bewerbung war, daß der Be-treffende ein bestimmtes Instrument spielen konnte,zum Beispiel ein Barockfagott oder ein Naturhorn in Es,damit man auch Telemanns ›Ouverture avec la suite, àsept instruments‹ spielen konnte. 27
  27. 27. Der Bahnhof von Waldau kam, eine Ruine. An der hell-braunen Fassade konnte man über den leeren Fensternverrußte Brandspuren sehen. Unmittelbar neben derRuine steckten drei Holzkreuze im Boden.Über seine Pläne hatte Gottschalk mit niemandem ge-sprochen, und erst recht nicht über das, was man alsTräumerei hätte bezeichnen können. Gottschalk hatteWenstrup sehr wohl verstanden, als dieser Moltke zitier-te: Die preußische Armee hat keinen Platz für Juden undTräumer. Dabei war in Gottschalks Auftreten durchausnichts Vergrübeltes, Kauziges. Seine Umgangsformenwaren, wie Rittmeister von Tresckow in einer Beurtei-lung schrieb: taktvoll, gewandt und sehr höflich.Am quälendsten war der Fischgeruch. Trotz Kernseifeund reichlichem Bürsten blieb er an den Händen. Derkleine Gottschalk mußte die Salzheringe aus den Fäß-chen, in denen sie von den Heringsloggern zum väterli-chen Geschäft gerollt wurden, in ein großes Faß umpak-ken. Es stand, mit einem Deckel verschlossen, am Ein-gang. Die anderen Waren sollten nicht den Fischgeruchannehmen. Das Umpacken der Heringe war GottschalksAufgabe, auch dann noch, als er zum Gymnasium ging. Die Hände hielt er in den Hosentaschen verborgen.Hände auf den Tisch, befahl der Lehrer. Heringsbändi-ger, hänselten ihn die Mitschüler. Manchmal, nachts, heulte er, wenn er wußte, daß am 28
  28. 28. nächsten Morgen wieder die Fässer kamen, noch vorSchulbeginn.Was von Tresckow aufgefallen war: Gottschalk hattewährend der dreiwöchigen Überfahrt eine auffallendeGeste Wenstrups angenommen. Und zwar hatte Wen-strup die Angewohnheit, immer dann, wenn er Fragenstellte oder Tatbestände kritisierte, das Gesicht zusam-menzuziehen und sich mit dem Zeigefinger in den Kra-gen zu fahren, als müsse er sich Luft verschaffen. EinesTages begann auch Gottschalk, mit dem Zeigefinger amKragen zu zerren.Gottschalk war sich im übrigen durchaus bewußt, daßer bestimmte Sprechweisen, Betonungen, Gesten, wo-möglich auch mimische Eigenarten anderer Personenübernahm, gegen seinen Willen, denn er hielt das fürein Zeichen von Unreife, von Charakterschwäche. Sohatte er auch eines Tages bemerkt, daß er wie Wen-strup mit dem Finger in den Kragen fuhr und, was nochsonderbarer war, daß er bei dieser Geste sogleich aufkritische Gedanken kam, dieses Bohren schien wie eineVerpflichtung zu sein, etwas in Frage zu stellen. Ein Vor-gang, über den Gottschalk sich wunderte, der aber da-durch dennoch nicht außer Kraft gesetzt wurde. Gottschalk hatte, obwohl schon vierunddreißig Jahrealt, noch immer keine festgelegten körperlichen Aus-drucksformen, vom Gang einmal abgesehen, einem zü- 29
  29. 29. gig schnellen Schritt, den er schon vor seiner Militärzeithatte und der in keiner Weise dem lähmenden Latschenseines Vaters ähnelte, das ihm schon als Junge, auf densonntäglichen Spaziergängen durch Glückstadt, uner-träglich gewesen war. Tagebucheintragung Gottschalks vom XI. 10. 04 (abends, auf dem Transportzug nach Windhuk)Einen Augenblick lang rannte ein Rudel aufgescheuch-ter Antilopen neben dem Zug, verschwand dann im Ge-büsch. Tr. sagt, das gesamte Stammesgebiet der Herero sollKronland werden, d. h. für die Besiedlung freigegeben.Angeblich das beste Land in Südwest, gute Weiden undverhältnismäßig viel Wasser. Ein schöner Gedanke, daßes in dieser Wildnis einmal Augen geben wird, die Goe-the lesen, und Ohren, die Mozart hören. Die Flüsse hei-ßen Rivier. 23. 10. 04 (Windhuk)Windhuk, die Hauptstadt der Kolonie: Eine Kaserne miteinem kleinen Dorf. General Trotha zu Pferde. Stabsof-fiziere der Etappenstäbe. Die Festung auf der Kuppe sol-len die Schutztruppler unter Hauptmann von Francoismit den bloßen Händen gemörtelt haben. Die Eingebo-renen, schwarze (Herero) und braune (Hottentotten),auch viele Mulatten, Bastards genannt, sehen aus wiekleine abgerissene Europäer, aber schwarz. 30
  30. 30. Am nächsten Tag ging Gottschalk zur Kommandantur.Unterhalb des Forts, in der Nähe der Mannschaftsun-terkünfte, standen geschminkte Hottentottenfrauen, diedem vorbeigehenden Gottschalk Zeichen machten: Mitdem Zeigefinger in die geschlossene Hand fuhren oderdie Zungenspitze züngelnd aus dem Mund fahren ließenoder aber mit ihrem erstaunlich großen Steiß wackelten. Diese Weiber seien ganz phantastisch, sagte Stabsve-terinär Moll, der Gottschalk in seinen Aufgabenbereicheinführte, keine Moral und darum richtige Schweine,leider seien die meisten syphilitisch. Über zwanzig Pro-zent der Truppe habe sich inzwischen infiziert.Am Rande des Orts stand das Vieh in großen Kraalen.Rinder, Schafe und Ziegen, die man den besiegten He-rero abgenommen hatte. Der größte Teil sei leider inder Wüste verdurstet. Es sei nicht gelungen, den Hererodas Vieh abzunehmen, bevor man sie in das Sandfeldtrieb. Jetzt gelte es, den Viehbestand zu sichten und aufInfektionskrankheiten zu prüfen. Täglich würden neueTiere angetrieben. Auf die Frage Gottschalks, was man mit dem Viehzu tun gedenke, antwortete Moll, es sei dafür da, denFleischbedarf der Truppe zu decken. Der Rest verrek-ke einfach. Die deutschen Siedler hätten zwar dagegenprotestiert, aber es gäbe einen Befehl vom General. Die Rinder sahen erbärmlich aus, durchweg abgema-gert, viele durch Dornen oder Schüsse verletzt, mit ei- 31
  31. 31. ternden Entzündungen. Allenthalben lagen die Kadaverder verendeten Tiere herum. Es stank nach Aas. Unmittelbar neben dem Viehkraal war eine großefreie Fläche mit Stacheldraht eingezäunt worden. Da-vor Posten mit aufgepflanzten Bajonetten. Hinter demZaun konnte Gottschalk Menschen hocken sehen, eherSkelette, nein, etwas in der Mitte zwischen Menschenund Skeletten. Zusammengedrängt saßen sie da, meistnackt, in der stechend heißen Sonne. Wie sehen die denn aus, sagte Gottschalk und starrtehinüber. Das ist unser Konzentrationslager, erklärte Moll,nach den neuesten Erkenntnissen der Engländer im Bu-renkrieg errichtet. Aber das sind ja Frauen und Kinder, sagte Gott-schalk. Ja, man sei endlich dazu übergegangen, die Männervon den Frauen abzusondern. Allerdings gebe es ohne-hin nur noch wenige Männer. Es sei immer wieder vor-gekommen, daß die am hellichten Tag koitiert hätten,und das, obwohl die doch kaum was zu fressen bekä-men. Ein hemmungsloser Drang zur Fortpflanzung. DieSterbefälle überwögen jetzt aber bei weitem die Neuge-burten.Gewürzinseln. Sie liegen am Äquator, auf dem 130.Längengrad, in der Molukkensee. Dort wachsen dieGewürznelken, blühen, süßschwer duftend, auf den 32
  32. 32. Feldern im Landesinneren, umschwirrt von Paradiesvö-geln, dort werden die Knospen von Malaien gepflückt,getrocknet und von Trägerkolonnen durch das Ge-schrei des Dschungels getragen, begleitet vom nächtli-chen Sammettritt des Tigers. An der Küste werden siein Booten mit schnellen Stechpaddeln zu den Schiffenhinausgefahren, die vor den Riffen ankern. Die weißenSegel ziehen am Mast auf, schieben, prall gefüllt vomPassat, das Schiff durch die Ozeane, hängen wochen-lang schlaff in den Kalmen, zerplatzen wie Kanonen-schüsse in der Biskaya. Neue Segel treiben das Schiffdurch den Ärmelkanal zur Elbe, an Glückstadt vorbei,nach Hamburg. Die Nelken, in Säcken vernäht, werdenin den Speichern gestapelt, bis zwei Säcke, auf den Ewervon Hannes Christiansen verladen, wieder nach Glück-stadt segeln, wo sie in das große Glas im Regal kommen,um nach und nach in den von der Mutter gedrehten Tü-ten abgewogen und in die Häuser getragen zu werden,was meist der kleine Gottschalk besorgen mußte. Dortwurden sie den Bratensoßen und dem Glühwein beige-geben, entfalteten sie endlich auf der Zunge von DoktorHinrichsen ihren Geschmack und Geruch, der einmalnur Duft war, auf den fernen Gewürzinseln.Woran die sterben, sagte Gottschalk später zu Wenstrup:Ruhr, Typhus und Unterernährung. Die verhungern. Nein, sagte Wenstrup, man läßt sie verhungern, dasist ein feiner, aber doch entscheidender Unterschied. 33
  33. 33. Gottschalk vermutete lediglich ein Versagen subal-terner Dienststellen. Wenstrup hingegen behauptete allen Ernstes, dahin-ter stecke System. Welches? Die Ausrottung der Eingeborenen. Man will Sied-lungsgebiet haben.Als Gottschalk am nächsten Tag zu den Viehkraalen rittund an dem Lager vorbeikam, sah er Hände, die sichdurch den Stacheldraht ihm entgegenstreckten. Jemand hatte ein Schild gemalt und an den Zaun ge-hängt: Bitte nicht füttern. Gottschalk hatte von Stabsveterinär Moll den Befehlerhalten, die Ursachen für das Rindersterben zu unter-suchen. Er hatte Blutproben entnehmen lassen, einigeder Kadaver seziert und Gewebeteile unter dem Mikro-skop untersucht. Der Verdacht auf Rinderpest war un-begründet. Viele der Hererorinder waren gegen die Rin-derpest geimpft worden, was man am Schwanz über-prüfen konnte. Ein erstaunlich einfaches, aber wirksa-mes Verfahren, das einer der gefangenen Herero, derfür die Deutschen arbeiten durfte, Gottschalk erklärte.Man nimmt einen starken Faden, tränkt ihn mit derSchleimmasse eines an Lungenseuche eingegangenenRindes und zieht ihn dann mittels einer Nadel durchdie Haut des Schwanzes. Der Faden wird verknotet undabgeschnitten, so daß ein Teil im Schwanz bleibt. 34
  34. 34. Gottschalk kam in seinem Gutachten zu dem schlichtenErgebnis: Die Rinder seien verhungert. Tagebucheintragung Gottschalks vom 23. 10. 04Auf dem Weg am Lager habe ich weiße Maden gesehen,fingerdick, als hätten sie mutiert. Haring sagte gestern im Casino: Zivilisation ist ohneOpfer nicht denkbar.An diesem Abend erzählte Gottschalk Wenstrup, daßer eine Eingabe an die Schutztruppenintendantur ma-chen wolle, mit folgendem Vorschlag: Man möge diefrisch verendeten Tiere den hungernden Gefangenenüberlassen. Wenstrup meinte, ein Versuch könne nichts schaden,er glaube aber nicht an einen Erfolg. Gottschalk hatte eigentlich erwartet, daß Wenstrupihm zuraten würde, statt dessen versteckte er sich hin-ter seinem Pfeifenrauch. Selbstverständlich wußte Gott-schalk, daß es unklug war, sich in etwas einzumischen,was geregelt war, was also lief, egal auf welchem Befehletwas beruhte, egal selbst dann, wenn es gar keinen Be-fehl dafür gab. Der militärische Apparat war äußerst an-fällig immer dann, wenn etwas in Frage gestellt wurde,wenn das, was nun schon einmal lief, nochmals befragtwurde, warum es gerade so liefe. Den Überblick hatman nur an der Spitze, pflegte Gottschalks ehemaligerRegimentskommandeur zu sagen, der auf der Kriegs- 35
  35. 35. akademie war: Der Mann vorn ist blind, gerade weil erdas Weiße im Auge des Feindes sieht. Was Gottschalk empörte, war dieser Widersinn,daß Menschen verhungerten, während wenige Me-ter weiter die Rinder umfielen und verwesten. Er wardavon überzeugt, daß der Befehl, den gefangenen He-rero kein Fleisch zu geben, auf einer Unkenntnis dertatsächlichen Situation beruhe. Vermutlich hatte manmit diesem Befehl verhindern wollen, daß für die Ge-fangenen Rinder geschlachtet würden. Tatsächlichaber krepierten die Tiere zu Hunderten an Auszeh-rung. Sie legten sich auf die sandige Ebene und kamendann nicht mehr hoch.Nachts schrieb Gottschalk seine Eingabe. Als Begründung führte Gottschalk zwei Gesichts-punkte an: 1. Die Kadaver würden durch einen Verzehrnicht verwesen, und damit würde die Seuchengefahrfür die Schutztruppe und die Gefangenen herabgesetzt.2. Das Leben von Frauen und Kindern könne gerettetwerden.Gottschalk konnte nicht einschlafen. Draußen ging einGewitter nieder. Am nächsten Morgen ließ Gottschalk sich in derSchreibstube von Stabsveterinär Moll melden. Er woll-te unbedingt den Dienstweg einhalten, also über denStabsveterinär an den Intendanturrat. Gottschalk hoff- 36
  36. 36. te, daß Moll nicht wieder von den Vorzügen der Hotten-tottenweiber zu reden anfangen würde. Was Gottschalk nicht ahnen konnte, war, daß er aufeinen Moll stoßen würde, der, nach einem häßlichenAnpfiff, in stiller Wut am Schreibtisch saß, einer Wut,die er nicht einmal an seinem Schreibstubenhengst,einem Sergeanten, hatte ablassen können, da der ihmbisher einfach keinen Anlaß geboten hatte. Stabsveteri-när Moll war frühmorgens zum EtappenkommandeurMajor von Redern befohlen worden, der normalerweiseein gemütliches Schwäbisch sprach, an diesem Morgenaber wie ein Unteroffizier brüllte. Der größte Teil desHafers, der ungeschützt im Freien lagerte, war bei demnächtlichen Gewitter naß geworden. Niemand hattemit Regen gerechnet. Außerdem fehlte es an Planen,mit denen man die Hafersäcke hätte abdecken können.Feuchter Hafer, womöglich angegoren, das wußte Mollals Veterinär selbstverständlich, konnte eine ganze Rei-terarmee außer Gefecht setzen. Die Koliken verwandel-ten auch gut dressierte Dienstgäule wieder in um sichschlagende Wildpferde. Moll sah sich den häßlichstenVorwürfen konfrontiert: Dilettant, Stümper. Das warschon fast ehrenrührig. Der Major brüllte (das Erniedri-gende war, Moll merkte, daß Redern sich vorgenommenhatte zu brüllen, ihn, Moll, zu beleidigen), er habe denEindruck, das alles grenze an Sabotage. Kollaborationwomöglich. Das war das Ungeheuerlichste, daß RedernMoll unterstellte, er könne mit diesen Kaffern unter ei- 37
  37. 37. ner Decke stecken. Mehrmals hatte Moll versucht, sichzu rechtfertigen. Jedesmal, wenn er etwas sagen woll-te, fuhr ihm der Major über den Mund: Sie halten denMund. Sie antworten, wenn ich Sie frage. Dann ließ erMoll abtreten. Auf dem Rückweg in sein Dienstzimmerdachte Moll an seine Pensionierung. Kollaboration. Mollnagte beim Lesen an seiner Unterlippe, einer ziemlichschmalen Unterlippe in diesem dicken Bauernschädel,wie man ihn häufig in Norddeutschland finden kann:breite Kiefer, leicht abstehende Ohren. Gottschalk, denMoll stehen ließ (Moll hatte mittags bei Major von Re-dern auch stehen müssen), beobachtete, wie sie rot zuleuchten begannen. Während des Lesens knöpfte sichMoll mit einer merkwürdigen Nervosität, die gar nichtzu dem massigen Körper passen wollte, den Knopf derrechten Brusttasche seines Uniformrocks auf und wie-der zu, und dann sah er zu Gottschalk hoch. Inzwischenhatte das Gesicht die Farbe der Ohren angenommen.Er starrte Gottschalk an, und dann kam aus diesemScharnierkiefer zuerst nur ein Wort: Tropenkoller. Mollkonnte endlich brüllen.Abends fragte Wenstrup Gottschalk, ob es sich bei derfehlenden Verpflegung der Gefangenen um eine Ver-geßlichkeit unterer Dienststellen handle. Gottschalk sagte, es gäbe Befehle. Ob Gottschalk seine Eingabe dennoch gemacht habe,fragte Wenstrup ihn nicht. 38
  38. 38. Am 3. November erhielt der Oberveterinär Gottschalkeinen Marschbefehl nach Keetmannshoop, das im Sü-den des Schutzgebietes lag. Er sollte sich der 5. Batterieanschließen, die nach Rehoboth marschierte. Der Wegführte durch das Gebiet der aufständischen Hottentot-ten.
  39. 39. Zwei PositionenAus der Proklamation des Generals v. Trotha an dieHerero vom 2. Oktober 1904: Innerhalb der deutschenGrenzen wird jeder Herero mit oder ohne Gewehr, mitoder ohne Vieh erschossen. Ich nehme keine Weiberund Kinder mehr auf, treibe sie zu ihrem Volk zurückoder lasse auf sie schießen. Das sind meine Worte andas Volk der Herero. Der große General des mächtigendeutschen Kaisers. (Conrad R. Rust, Krieg und Frieden, Leipzig 1905,S. 385)Gouverneur Oberst Leutwein soll sich auch nach demKommandowechsel um einen Frieden durch Verhand-lung bemüht haben und bezeichnet »die Nation als not-wendiges Arbeitsmaterial«. (RKolA 2089)Reichskanzler v. Bülow: Die vollständige und planmäßi-ge Ausrottung der Herero würde jedes zur Wiederher-stellung des Friedens in SWA und zur Bestrafung gebo-tene Maß übersteigen. Die Eingeborenen sind sowohlfür den Ackerbau und die Viehzucht als auch für denBergbau unentbehrlich. (RKolA 2089)General v. Trotha: Ich bin gänzlich anderer Ansicht. 40
  40. 40. Ich glaube, daß die Nation als solche vernichtet werdenmuß. (12. Dezember 1904, RKolA 2089)Der Generalstabschef, Generaloberst Graf Schlieffen:Daß er die ganze Nation vernichten oder aus dem Landtreiben will, darin kann man ihm beistimmen. Ein Zu-sammenleben der Schwarzen mit den Weißen wird nachdem, was vorgegangen ist, sehr schwierig sein, wennnicht erstere dauernd in einem Zustand der Zwangs-arbeit, also einer Art Sklaverei erhalten werden. Derentbrannte Rassenkampf ist nur durch die Vernichtungeiner Partei abzuschließen. (Schlieffen an Kolonialab-teilung, 23. November 1904, RKolA 2089)Ergebnisse: »Die mit eiserner Strenge monatelangdurchgeführte Absperrung des Sandfeldes«, heißt es indem Bericht eines anderen Mitkämpfers, »vollendetedas Werk der Vernichtung. Die Kriegsberichte des Ge-nerals v. Trotha aus jener Zeit enthielten keine Aufse-hen erregenden Meldungen. Das Drama spielte sich aufder dunklen Bühne des Sandfeldes ab. Aber als die Re-genzeit kam, als sich die Bühne allmählich erhellte undunsere Patrouillen bis zur Grenze des Betschuanalandesvorstießen, da enthüllte sich ihrem Auge das grauenhaf-te Bild verdursteter Heereszüge. Das Röcheln der Sterbenden und das Wutgeschreides Wahnsinns …, sie verhallten in der erhabenen Stilleder Unendlichkeit!« (Die Kämpfe der deutschen Trup- 41
  41. 41. pen in Südwestafrika, hrsg. vom Großen Generalstabe,Bd. 1, S. 218)Von ehemals etwa 80 000 Herero überlebten 15 130.
  42. 42. Allgemeine Lage Oktober 1904: Gouverneur Leutweins schiefe SituationUnmittelbar nach Ausbruch der Feindseligkeiten im Na-maland erhält Gouverneur Oberst Leutwein von Gene-ral Trotha den Befehl, die aufständischen Hottentottenanzugreifen und die eingeschlossenen Orte zu entset-zen. Leutwein ist Gouverneur und wäre somit GeneralTrotha vorgesetzt, zugleich aber ist er nur Oberst unddamit General Trotha untergeordnet, also befehlsge-bunden. Eine schiefe Situation. Oberst Leutwein soll mit der 7. Feldkompanie, mitausgeruhten und kampferfahrenen Mannschaften vonWindhuk über Rehoboth nach Gibeon vorstoßen. DemOberst wird dann die Kompanie wieder entzogen, ererhält die 3. Ersatzkompanie. Die Kompanie wird eiligmit Schreibern, Militärbäckern und Stabstrompeternaufgefüllt. Viele der Soldaten sind noch nie auf einemPferd gesessen. Am 7. Oktober wird die Kompanie inMarsch gesetzt. Am 10. Oktober folgt ihr GouverneurOberst Leutwein. Am dritten Marschtag schießt sich einMilitärbäcker versehentlich zwei Finger von der Hand.Am selben Tag erhält der Obermatrose Gu. beim Ver-such, sein Pferd zu streicheln, einen Hufschlag, der ihmdie rechte Kniescheibe zertrümmert. Oberst Leutwein 43
  43. 43. kommt zu der Überzeugung, mit diesen Leuten einenVorstoß ins Aufstandsgebiet nicht wagen zu dürfen. Erbleibt in Rehoboth stehen. Leutwein versucht noch-mals, durch Verhandlungen mit Hendrik Witbooi denAufstand beizulegen. Hendrik Witbooi lehnt das ab.Gouverneur Leutweins Konzept einer friedlichen Kolo-nisierung, die eine räumlich getrennte Entwicklung vonWeißen und Schwarzen (Reservate) vorsah, war damitendgültig gescheitert. Im ganzen Land herrschte derKriegszustand. Gouverneur Leutwein resignierte. Er warin eine immer schiefere Situation geraten: Erstens ge-genüber General Trotha, der Leutwein für einen schlap-pen Kompromißler hielt, der als Gouverneur dem eige-nen radikalen Pazifizierungsprogramm im Wege stand.Zweitens gegenüber Trothas Vorgesetztem, dem Gene-ralobersten Graf Schlieffen, Chef des Generalstabes, derLeutwein ebenfalls für zu kompromißbereit hielt unddarüber hinaus die Befehlsunklarheiten zwischen demGeneral Trotha und dem Gouverneur Oberst Leutweinals militärisch unmöglich ansah. Drittens gegenüberSeiner Majestät, dem Kaiser, der den Obersten ebenfallsfür ziemlich schlapp hielt, weil er immer wieder verhan-deln wollte und dann, schlimmer noch, bei Ausbruchdes Herero-Aufstandes, als er sich im äußersten Südendes Schutzgebietes befand, statt durch deutsches Ge-biet in den Norden zu reiten, den schnelleren Weg nachSwakopmund über den englischen Hafen Port Nollothmit einem englischen Dampfer gewählt hatte. Und jeder 44
  44. 44. wußte, wie der Kaiser zu England stand. Leutwein standalso außerordentlich schief da. November 1904: Die weiße SchlangeGeneral Trotha wollte auch das dem Gouverneur nichtersparen: Er löste ihn als Kommandeur der Südabteilung,jener 3. Ersatzkompanie, die in Rehoboth hängengeblie-ben war, ab. Oberst Deimling wurde sein Nachfolger. Deimling hatte mit seiner Abteilung den entscheiden-den Stoß in der Kesselschlacht am Waterberg gegen dieHerero geführt. Deimling erhielt von General Trotha er-hebliche Verstärkungen, zwei Kompanien und zwei Bat-terien. Während Oberst Deimling nach Rehoboth ritt,bereitete Gouverneur Leutwein sich auf seine Heimreisevor, aus Gesundheitsgründen, wie man sagte. Im Aufstandsgebiet herrscht Ruhe. Die eingeschlos-senen Orte werden nicht angegriffen. Während einesPatrouillengefechts bei Kub fallen 7 Mann und 5 wer-den verwundet. Der Unteroffizier Cza. läuft um seinLeben. Als er die deutschen Linien erreicht, haben zweiSchüsse den Hut, einer den Rock, zwei die Hose durch-löchert, und ein Schuß hat den Gewehrkolben getrof-fen. Er selbst bleibt unversehrt. Die Südabteilung unter Oberst Deimling sollte ersteinmal Luft schaffen. Deimling galt dafür als der rechteMann: Energie, Durchsetzungsvermögen, Draufgänger-tum wurden ihm nachgesagt. Die Witboois nannten ihn 45
  45. 45. die weiße Schlange. Reiste Oberst Leutwein, ein rund-licher Badenser mit einem Zwicker auf der Nase undeinem vielgerühmten Weinkeller in Windhuk, seinerTruppe meist nach, war Deimling seiner meist voraus,wenigstens aber an der Spitze. Man muß vorn führen.Dabei beschäftigten ihn zugleich strategische Pläne.Er wollte nicht einfach die eingeschlossenen Orte frei-kämpfen, er wollte die Witboois in einer Kesselschlachtvernichten. Aus dem Sprachgebrauch Deimlings, Gefechte undSchlachten betreffend: zerschlagen, zerschmeißen, zer-schießen. Oberst Deimlings Plan: Die Witboois zer-schmeißen. Dann in den Süden marschieren und Mo-renga mit seinen Leuten ebenfalls zerschmeißen. Im Süden belagert Morenga mit seinen Leuten dieOrtschaft Warmbad. Dezember 1904: Deimling stößt vorGeneral Trotha und sein Stab waren der Ansicht, mansolle mit der Großoffensive gegen die Witboois warten,bis die Verstärkungen das Schutzgebiet erreicht hätten. In sechs Staffeln waren im Zeitraum vom 12. Novem-ber 1904 bis 18. Januar 1905 abgegangen: 198 Offiziere,Ärzte und Beamte, 4094 Mann und 2814 Pferde. Trothas Stab dachte an kleine Entlastungsangriffe.Oberst Deimling entschied sich aber am 30. Novemberfür die Offensive. Die Truppe sollte in drei Abteilungen 46
  46. 46. gegen Rietmont, den Sitz Hendrik Witboois, vorgehen:die Hauptabteilung von Kub, zwei kleinere Abteilungenvon Lidfontein und Jackelsfontein. Am 4. Dezember kommt es zu einem Überraschungs-angriff der Hauptabteilung bei Naris, gegen 3 Uhr nach-mittags. Die Artillerie beschießt die Stellungen der Wit-boois, die sich in schwärzliche Felsgruppen eingenistethaben. In einem Bajonettangriff werden sie geworfen.Die Witboois fliehen. Die geplante Einkesselung miß-lingt. Die Pontoks werden nach Brauchbarem unter-sucht. In Witboois Haus dampft noch der Kaffee. Manfindet seine silberne Uhr, Lesebrillen, Briefschaften.Aber Hendrik Witbooi ist mit fast allen Leuten entkom-men. Die Pontoks werden angezündet, das Vieh wird,zusammen mit einigen gefangenen Weibern und Kin-dern, abgetrieben. Deimling hat mit seinem Sieg über Hendrik Witbooidie Voraussetzung für einen radikalen Kleinkrieg derHottentotten geschaffen, die jetzt, ohne Rücksicht aufOrtschaften, Ländereien und Vieh, beweglicher operie-ren können. Ein Schuß in den Ofen, sagte der Hauptmann i. G. v.Ha. Deimling stößt nach Gibeon vor und verlegt seinenStab dorthin. Die rückwärtige Verbindung, über die der gesamteNachschub läuft, ist von den Witboois bedroht. Vorn,im Karrasgebirge, sitzt Morenga mit seinen Leuten, 47
  47. 47. nach Einschätzung Oberst Deimlings und seines Stabesder gefährlichste Gegner. Diese Einschätzung teilt der Stab von Trotha. Trotha selbst will sich nicht festlegen, ob HendrikWitbooi oder Morenga gefährlicher sei.
  48. 48. Feindbild 1Was Ende 1904 in den Stäben die Runde macht und mitVerbitterung weitererzählt wird, sind die kleinen Un-verschämtheiten der Aufständischen. So schrieb Mo-renga dem Hauptmann Wehle einen Brief, nachdem erihm alle Pferde und Maultiere abgetrieben hatte, undbat ihn, seine Tiere in Zukunft besser zu füttern, damitman nicht wieder mit solchen Schindmähren vorlieb-nehmen müsse. 2Jakob Morenga, ein Herero-Bastard von dem kleinen imGainabrevier (östlich der großen Karras-Berge) mittenunter den Hottentotten sitzenden Stamme, hatte früherin den englischen Minen in Südafrika gearbeitet, sicheiniges Geld und eine für einen Neger nicht geringe Bil-dung erworben. Er spricht Englisch und Holländisch,versteht Deutsch und hat sich überhaupt im Verlaufedes Krieges als eine ganz ungewöhnliche Erscheinungunter den Negern erwiesen, sowohl durch die Um-sicht und Tatkraft, mit der er seine Unternehmungen 49
  49. 49. geführt hat, als insbesondere dadurch, daß er den inseine Hände gefallenen Weißen gegenüber sich der beiseinen nördlichen Stammesgenossen üblichen bestia-lischen Grausamkeiten enthielt, ja, da und dort sogareine gewisse Großmut bewies. In mannigfachen Unter-haltungen, die mit ihm gepflogen wurden, zeigte er sichverhältnismäßig zuverlässig. Für seine ungewöhnlicheBedeutung spricht allein schon der Umstand, daß er alsSchwarzer eine führende Rolle unter den Hottentottenspielen konnte. (Die Kämpfe der deutschen Truppen inSüdwestafrika, hrsg. vom Großen Generalstabe, Bd. 2,S. 5) 3Schutztruppenreiter Karl Schmodginsky: Die Hotten-totten sind durchaus kriegerisch veranlagt und habenim Kleinkrieg eine große Gewandtheit entwickelt. Frei-lich war ihr bedeutendster Feldherr – Morenga – einSchwarzer. Im Grunde sind alle Räuber und Viehdiebe.Auch sie, gleich den Herero, zeigten die hervorragend-sten Soldatentugenden, wenn es sich um die Sicherungvon Vieh und Wasserstellen handelte. Bewaffnet waren beide Rassen mit modernen Hin-terladern, Modell 88, oder doch mit guten Feuerge-wehren, von denen sie selbst die minderwertigen mitGeschick handhabten. Ihre Feuerdisziplin und Mu- 50
  50. 50. nitionssparsamkeit muß vollauf anerkannt werden.Die Waffen der Wilden, Bogen und Speer, kennt manin Südwest nicht mehr. Dagegen dient das Kiri, eineschwere, meterlange Keule aus härtestem Holze, alsHandwaffe. Beide Stämme trugen vielfach die Uniformen deut-scher Gefallener oder solche, die in Transportüber-fällen geraubt waren. Sogar deutsche Fahnen führtensie und brauchten deutsche Losungsworte. Im Ertra-gen von Hunger und Durst waren sie den deutschenTruppen durch von Jugend auf gewohnte Entbehrun-gen weit überlegen. In unseren Truppen legten fast alleOffiziere die Erkennungszeichen ab, weil die äußerstscharf sehenden Feinde die Führer besonders aufsKorn nahmen. Ja, schon ein leitender Wink mit derHand genügte ihnen, an dieser Bewegung den Vorge-setzten zu erkennen. 4Hauptmann i. G. v. Le. : Wir tappen wie die Blinden indiesem Land herum, tasten uns von Wasserstelle zuWasserstelle vor und suchen einen Feind, der uns im-mer im Auge hat. Was dieser Neger uns da vorführt,ist eine neue Methode der Kriegführung. Dieses Fachwurde bei uns an der Kriegsakademie vergessen. 51
  51. 51. 5Interview der ›Cape Times‹ mit Jakob Morenga vom 29.5. 1906: Auf die Frage des Reporters, ob er wisse, daßDeutschland einer der mächtigsten Staaten der Weltsei, antwortet Morenga: »Ja, darüber bin ich mir voll-kommen im klaren, aber die Deutschen können in un-serem Land nicht kämpfen. Sie wissen nicht, woher siedas Wasser nehmen sollen, und sie verstehen nichts vonder Guerillakriegführung.« Nachschub und andere logistische ProblemeEine der Hauptschwierigkeiten auf der Strecke Lü-deritzbucht-Kubub liegt in dem Überwinden der Wan-derdünen, die sich in einiger Entfernung von der Küstein einem Gürtel von etwa 5 km Breite hinziehen undinfolge des Sandes jede Bewegung erheblich erschwe-ren. Dazu kommt die schlechte Beschaffenheit desBaiwegs selbst, der nur aus Wagenspuren besteht; denUntergrund bildet, soweit der Weg von Felsstücken freigemacht werden konnte, vielfach tiefer Sand, in demdie Tiere bis an die Knöchel einsinken, und nur mit äu-ßerster Anstrengung vermögen sie ihre Last vorwärtszu schleppen. Bisweilen führt die Pad auch über Geröllund Klippen durch tiefeingeschnittene Riviers und überSteinblöcke, so daß an die Haltbarkeit der Wagen An-sprüche gestellt werden, denen auf die Dauer auch dasbeste Material nicht widersteht. Die Transportkolon- 52
  52. 52. nen kommen unter solchen Umständen nicht nur sehrlangsam vorwärts, sie brauchen etwa fünfundzwanzigTage von Lüderitzbucht bis Keetmannshoop, sonderndie Tiere leiden ganz außerordentlich, und die Verlusteder auf dem Baiwege fortgesetzt hin und her fahrendenKolonnen steigern sich dauernd. Bei jedem Ochsenwa-gen befinden sich mindestens drei Mann Treiberper-sonal und zwei Mann als Bedeckung. Diese fünf Mannleben mithin zehn Tage lang von dem auf dem Wagenmitgeführten Proviant. Eine gleiche Verpflegungsmen-ge ist für den Rückweg abzurechnen. Die Haferrationenfür die bei jedem Transport befindlichen Reittiere sindgleichfalls abzuziehen, ebenso die Abgaben an Etappen-stationen, Patrouillen, Telegraphen- und Heliographen-posten längs des Weges. Dadurch wird die schließlichbis nach Keetmannshoop gebrachte und für die Feld-truppe verwendbare Nutzlast erheblich verringert.Die Transporte verbrauchen sich zum Teil selbst undsind daher sehr kostspielig. (Die Kämpfe der deutschenSchutztruppen in Südwestafrika, hrsg. vom Großen Ge-neralstabe, Bd. 2, S. 34) 53
  53. 53. Geschäftswelt SteuergelderDer Krieg in Südwestafrika kostete die deutschen Steu-erzahler 584,78 Millionen Mark. (Helmut Bley, Kolo-nialherrschaft und Sozialstruktur in Deutsch-Südwe-stafrika 1894-1914, Hamburg 1968, S. 193) Deutsche Kolonialgesellschaft für SüdwestafrikaIm Geschäftsjahr 1904/05 verkaufte die Gesellschaftfür 830 000 Mark Waren, was ihr einen Gewinn von230 000 Mark einbrachte. Die Gesellschaft, die seit ih-rem Bestehen noch nie eine Dividende ausgezahlt hatte,zog es auch für das Geschäftsjahr 1904/05 vor, keine Di-vidende zu zahlen, da »die allgemeinen Angriffe gegendie großen Landgesellschaften es nicht angezeigt er-scheinen lassen, in diesem Jahr eine Dividende zu zah-len …, zumal zu berücksichtigen ist, daß das laufendeGeschäftsjahr ähnliche Gewinne wie das verflossene zubringen verspricht«. Das Vermögen der Deutschen Kolonialgesellschaftfür Südwestafrika, das sich noch zum 31. März 1902auf nur 165 000 Mark belaufen hatte, schnellte bis zum3. Oktober 1906 auf 1 981 000 Mark empor. Im Ge-schäftsjahr 1905/06 erzielte die Deutsche Kolonialge-sellschaft für Südwestafrika bereits einen Reingewinn 54
  54. 54. von 752 000 Mark. Die erzielten Gewinne setzten dieDeutsche Kolonialgesellschaft für Südwestafrika in denStand, für die Geschäftsjahre 1905/06, 1906/07 und1907/08 jeweils 20 Prozent Dividende, das heißt 400000 Mark auszuschütten. Die Woermann-LinieDie Reederei besaß praktisch das Monopol für sämtli-che Transporte nach Südwestafrika. Der Abgeordnete Erzberger wies in seiner Rede vom24. März 1906 im Reichstag darauf hin, daß die Wo-ermann-Linie rund 3 Millionen Mark für überhöhteFrachtkosten sowie weitere rund 3 Millionen Mark fürLiegegelder unrechtmäßig eingestrichen habe. Am 2. August 1906 präzisierte Erzberger in einemBrief an den Reichskanzler v. Bülow die Angaben an-hand neuen Materials. Daraus ging hervor, daß die Woer-mann-Linie »pro Tonne 185 Mark in derselben Zeit er-hält, in welcher ein anderer Dampfer etwa 20 Mark er-hält«. Firma TippelskirchTeilhaber der Firma Tippelskirch waren unter anderemder preußische Landwirtschaftsminister Podbielski so-wie mehrere Legationsräte der Kolonialabteilung. AufGrund dieser Beziehungen besaß die Firma das Mono-pol für die Ausrüstung der Kolonialtruppen. Die Qua-lität der von der Firma Tippelskirch gelieferten Waren 55
  55. 55. galt als minderwertig, die Preise waren überhöht. Prote-ste der Truppe bewirkten aber nichts. Erst später wurdein einem Bestechungsskandal offenbar, daß der MajorFischer, der für die Bestellung und Abnahme der Aus-rüstungen zuständig war, von der Firma größere Geld-zuwendungen bekommen hatte. Die Umsätze der Firma Tippelskirch bewegten sichin den Jahren von 1899 bis 1903 jeweils um 2 MillionenMark; durchschnittlich wurde eine Dividende von 10,7Prozent ausgezahlt. Durch den Krieg steigerte sich derUmsatz in den Jahren 1904/05 auf jeweils 11 MillionenMark. Die Firma konnte in beiden Jahren je 65 ProzentDividende zahlen. (Angaben nach: Horst Drechsler,Südwestafrika unter deutscher Herrschaft, Berlin 1966,S. 257 f.)
  56. 56. Wenstrups VerschwindenAnfang Januar 1905 war Wenstrup verschwunden. Dengenauen Termin seines Verschwindens konnte späterniemand mehr angeben. Man wußte nur, daß er am2. Januar in südlicher Richtung aus Keetmannshoophinausgeritten war. In seiner Begleitung befand sichsein Bambuse, ein Hottentottenjunge namens Jakobus. Der Unterveterinär Wenstrup war auf Befehl nachUchanaris geritten. Dort, in der mit nur wenigen Mannbesetzten Militärstation, waren Rinder angeblich anMilzbrand krepiert. Wenstrup sollte diesen Verdachtprüfen und, falls es sich tatsächlich um Milzbrand han-delte, Gegenmaßnahmen ergreifen. Da es Zugochsenwaren, bestand die Gefahr, daß die Seuche auch nachKeetmannshoop verschleppt würde. Man hatte ihn da-vor gewarnt, allein zu reiten. Zwar hatten sich die Hottentotten um Keetmannshoopnicht dem Aufstand angeschlossen, aber es kam immerwieder zu Streifzügen der Rebellen in dieses Gebiet, undzudem konnte man keinem der Hottentotten trauen. Wenstrup aber wollte nicht warten, bis eine Patrouil-le nach Uchanaris ging, sondern gleich reiten. Dieserungewöhnliche Diensteifer war nicht nur Gottschalkaufgefallen. Andererseits hatte Wenstrup sich nichtfreiwillig gemeldet. 57
  57. 57. Vor drei Wochen, also kurz vor Weihnachten, warein Stabsarzt ebenfalls allein mit seinem Burschen nachUchanaris geritten, um einem Gefreiten den vereitertenBlinddarm herauszuschneiden. Als Wenstrup aus demOrt ritt, trug er statt des Truppenhuts einen Chapeauclaque und unter seiner grauen Uniform dieses leuch-tendrote Halstuch. An diesem Aufzug war nichts Un-gewöhnliches. Die meisten Reiter liefen in Keetmanns-hoop herum wie zu einem Lumpenball kostümiert. Ei-nige trugen Kreissägen aus Stroh, andere abgetragenePaletots. Äußerlich begann sich der Unterschied zwi-schen Militärs und Rebellen zu verwischen. Die Versorgungslage sei katastrophal, sagte ein Zahl-meister in Lodenjoppe. Hier in Keetmannshoop fühlte sich Gottschalk erst-mals seit seiner Abreise aus Hamburg wohl. So hatte ersich den Krieg in Südwest vorgestellt, nicht bequem, aberbeschaulich und doch abwechslungsreich. Ein wenig be-gann er die Ereignisse so zu betrachten, wie er sie spätereinmal Freunden und Bekannten erzählen würde. Das zeigt sich auch in seinen Tagebuchnotizen. Gott-schalk hat einige jener Anekdoten, die ihm alte Schutz-truppler erzählten, aufgeschrieben: Die Geschichte vondem Löwen, der schon ziemlich alt und gichtig, einenschlafenden Reiter vom Feuer wegschleppt und er-schrocken von seiner Beute läßt, als dieser aufwacht;die Geschichte von einem Riesenfaß, das ein Verrück-ter in das Land geschleppt hat; die Geschichte von ei- 58
  58. 58. ner Sandviper, die ein Leutnant nach dem Aufwachenin seiner Brusttasche findet. Dazu ausführliche Stim-mungsbilder, die das monotone Lagerleben im Ort be-schreiben. Gottschalk konnte sich seinen Dienst frei einteilen.Die Dienstvorschriften, die umständlichen Grußritualehatten sich in dem eingeschlossenen Ort abgeschlif-fen. Man verkehrte fast kameradschaftlich sogar mitden Stabsoffizieren. Niemand mochte ausschließen,daß die Rebellen den Ort zu belagern oder gar zu stür-men versuchen könnten. Dennoch war alles ruhig, undmanchmal ging Gottschalk auch zur Jagd. Er ging al-lerdings nur so weit ins Feld, daß er immer noch dieFlagge im Auge behielt, die beim Nahen des Feindesheruntergezogen werden sollte. Die Eingeborenen wa-ren freundlich, wenn auch zurückhaltend. Ihr Kapitänhatte sie überreden können, sich nicht am Aufstandgegen die Deutschen zu beteiligen. Der weitschauendeMann sah gute Geschäfte voraus, wenn erst einmal dieTruppenverstärkungen der Deutschen ins Land kamen.Dann wurden ortskundige Führer und Wagenfahrergebraucht. Glücklicherweise hatte die Kommandanturgerade vor Ausbruch des Aufstandes den gesamten Jah-resvorrat an Rum und Arrak für das Etatjahr 1905 imvoraus geliefert. Abends, wenn es sich abgekühlt hatte,saß man bei einem Glas Rum zusammen. Eine Kapelleaus zwei Trompetern, einem Trommler und zwei Zieh-harmonikaspielern spielte abwechselnd Märsche oder 59
  59. 59. Walzer. Eine fidele Zeit, bis die Ablösung von Uchanariskam. Sie hatte von dem Unterveterinär Wenstrup nichtsgesehen und gehört. Drei Tage überfällig sei so ziemlichnormal in diesem Land, sagte ein Feldwebel, man mußsich bloß mal bei einer Weggabelung irren. Was Gottschalk nie so recht verstanden hatte, war,warum Wenstrup sich damals überhaupt freiwillig zurSüdfront gemeldet hatte. Eigentlich sollte Wenstrup, daer sich auf Immunologie spezialisiert hatte, in dem neu-gegründeten Veterinärmedizinischen Institut in Wind-huk arbeiten. Statt dessen hatte er die Kommandanturregelrecht bestürmt: Er sei nicht nach Südwest gekom-men, um vor dem Mikroskop zu hocken. Er wolle Pul-ver riechen. Wenstrup hatte das damals selbst erzähltund dabei gelacht, ohne allerdings einen Grund für seinDrängen zu nennen. Der Major habe sich schließlichvon der Hartnäckigkeit Wenstrups beeindrucken undden Marschbefehl ausstellen lassen. Dieser Mann glüheförmlich, um für Kaiser, Volk und Vaterland sein Lebenin die Schanze zu schlagen, schrieb der Major in sei-ne Beurteilung, in der er zugleich die Beförderung desUnterveterinärs zum Oberveterinär befürwortete, dievon Wenstrups ehemaligem Regimentskommandeurzweimal abgelehnt worden war. Hier draußen, im Felde,zeige sich oftmals erst der wahre Kern eines Mannes,dessen rauhe Schale im friedlichen Garnisonsalltag oft-mals störend wirke. 60
  60. 60. Am 14. November war die Abteilung, der Wenstrup undGottschalk zugeteilt worden waren, von Windhuk inRichtung Rehoboth aufgebrochen. Wenstrup behaup-tete, in dieser verkarsteten Landschaft könnten sich nurverkarstete Geister wohl fühlen. Ein Land, so recht ge-schaffen für Gemüter mit einem kurzen Docht. Tagebucheintragung Gottschalks vom 15. 11. 04Die Landschaft: Der Harz, aber konsequent entlaubt undentwässert. Über den Paß kommend, laufen die Bergesanft geneigt nach Süden in eine Ebene, in die wir durcheine schwebende Glut langsam hineinritten. Überallreicht der Himmel bis auf die gelben Grasspitzen. Diewenigen Sträucher und Büsche stehen prasseltrocken.Die Landschaft öffnet sich dem Auge. Alles, was einenin den Städten bedrängt an sinnlichen Reizen, kommthier zu einer weiten Ruhe. Anders bei W, der sogar beimReiten in einer Broschüre blättert.Beim zweiten Biwak hatte Gottschalk Wenstrup gefragt,was er denn da seit Tagen lese. (Gottschalk hatte lan-ge mit sich kämpfen müssen, bevor er fragte. Er selbstmochte auch nicht nach seiner Lektüre gefragt werden.)Das dünne zerfledderte Heft war denn aber keine Agi-tationsbroschüre der Sozialdemokraten, wie Gottschalkvermutet hatte, sondern ein Lehrbuch für Feuerwerkerüber die Funktion von Granatzündern. Wenstrup hat-te Gottschalk das Heft wortlos herübergereicht. Ver- 61
  61. 61. ständnislos blätterte Gottschalk herum, betrachtete dieZeichnungen und Daten. Was soll das? In einem Kleinkrieg muß man alles wissen. StellenSie sich einmal vor, eine Granate wird auf eine Einge-borenenwerft abgefeuert, und diese Granate detoniertunmittelbar nach Abschuß. Der Zünder ist falsch ein-gestellt. Fliegt also der Bedienungsmannschaft und denUmstehenden um die Ohren. Da muß man dann dochaufpassen, daß man nicht zu nahe steht. Daß Gottschalkauf dem Marsch nach Rehoboth meist mit Wenstrup zu-sammen ritt, ergab sich einfach daraus, daß Gottschalkder 5. Batterie zugeteilt worden war und Wenstrup denBefehl erhalten hatte, sich dieser anzuschließen, bis erin Keetmannshoop die Versorgungsstaffel traf, zu der erabkommandiert worden war. Am dritten Tag trug Wenstrup dieses rote Halstuch.Niemand stellte ihn deswegen zur Rede, obwohl das Tuchzwischen den grauen Uniformen und in dieser grauenLandschaft wie eine rote Signallaterne leuchtete. Der Krieg kann, wenn man ihn richtig führt, für un-sereins auch seine Freiheiten schaffen, sagte Wenstrup.Sehen Sie, die Herren haben vor lauter Diensteifer undnatürlich auch vor Angst ihre Augen überall, aber wirsind der schwarze Fleck. Die Abteilung wurde von einer Avantgarde und einerArrieregarde gesichert. Seitwärts, rechts und links vonder Marschkolonne ritten Patrouillen, und die Offizieresuchten das bebuschte Gelände immer wieder mit Glä- 62
  62. 62. sern ab. Besonders der Schwanebach. Dem schien dasGlas unter die Stirn gewachsen zu sein. Ein Oberleutnant, der schon sechs Jahre in Südwestgedient hatte, sagte zu Schwanebach, das Herumsuchenin der Gegend nütze überhaupt nichts. Wenn die Hot-tentotten einen Hinterhalt legten, dann würde man daserst dann bemerken, wenn die ersten Reiter aus demSattel fielen. In diesem überschaubaren Gelände würdendie niemals einen Angriff versuchen. Die Hottentottenhielt er für weit gefährlicher als die Herero. Die hättensich in einer offenen Feldschlacht abschlachten lassen,dafür aber auch mit den Gefangenen nicht viel Federle-sens gemacht. Den Toten hätten sie die abgeschnittenenGenitalien in den Mund gesteckt. Viehisch, sagte Schwanebach und hielt verkrampftdas Glas vor die Augen. Wenstrup wollte wissen, ob das eine Art Kriegsritualsei. Der Oberleutnant sagte nein. Der Grund läge wohldarin, daß es während des Vormarschs der deutschenTruppen zu Vergewaltigungen und Mißhandlungenvon Hererofrauen gekommen sei. Der Furor teutonicus,sozusagen. Aber das hatte Wenstrup gesagt.Am 17. 11. 1904 erreichte die Abteilung Rehoboth. EinOrt, der aus einigen weißgetünchten Häusern und einpaar Lehmhütten bestand. Die Zugochsen hatten sich, das Wasser witternd,auf den letzten Kilometern mächtig ins Zeug gelegt, 63
  63. 63. mit einem sonderbar trockenen Röcheln. Jetzt soffensie. Sie pumpten sich regelrecht mit Wasser voll, bis siesabbernd und mit tonnenartigen Bäuchen weglatsch-ten. Gottschalk ermahnte die Soldaten, von denen vieleerstmals eine längere Strecke auf einem Pferd gerittenwaren, die Tiere vorsichtig zu tränken, damit es nichtzu Koliken käme. Von Rehoboth aus wollte der Kommandant der Süd-abteilung, Oberst Deimling, nach Rietmont vorstoßen,wo sich Hendrik Witbooi mit seinen Leuten aufhielt.Wenstrup blieb verschwunden. Auch nach einer Wochegab es keinerlei Lebenszeichen. Daß er sich verirrt ha-ben könnte, wurde von Landeskennern ausgeschlossen,da er von dem Hottentottenjungen begleitet wordenwar. Jakobus war zwar Witbooi und kam aus Gibeon,aber man hatte Wenstrup versichert, daß ein Hotten-totte, gleich aus welcher Gegend, sich überall im Landezurechtfinden würde. Gottschalk kam plötzlich der Ver-dacht, daß Jakobus Wenstrup ermordet haben könnte.Aber dafür hätte es dann doch einen Grund geben müs-sen, der über einen verstehbaren allgemeinen Haß aufdie Deutschen zu einem besonderen Haß auf Wenstruphätte führen müssen. Darüber nachdenkend, kam Gott-schalk aber immer wieder zu dem Schluß, daß es einensolchen Anlaß nicht gegeben habe, jedenfalls konnte ersich an keinen erinnern. Landeskundige, mit denen erüber seinen Verdacht sprach, behaupteten, man müsse 64
  64. 64. einem Hottentotten alles zutrauen. Jahrzehntelang eintreuer Diener seines Herrn, schneidet er dem Schlafen-den, wenn es im Interesse seines Stammes ist, plötzlichdie Gurgel durch. Kein Weißer wurde vor dem Aufstandgewarnt. Ein Ehrbegriff wie Treue sei ihnen unbekannt,jedenfalls den Weißen gegenüber. Lediglich der Missio-nar, dem es gelungen war, den Ältestenrat der Gochas-Hottentotten zu überreden, sich nicht am Aufstand zubeteiligen, behauptete, daß er sehr wohl Fälle kenne, indenen Hottentotten ihren weißen Herren in lebenslan-ger Treue angehangen hätten. Das Merkwürdige aber war, daß Gottschalk bei demVersuch, sich an jede Einzelheit, die Jakobus betraf, zuerinnern, immer wieder auf einen ganz anderen Vorfallkam, der mit dem Jungen nichts zu tun hatte: Anfang Dezember 1904 war die Abteilung von Reho-both in Richtung Rietmont vorgerückt. Oberst Deim-ling wollte Rietmont, den Stammessitz der Witboois,mit drei Kolonnen angreifen, einkreisen und die dortversammelten Hottentotten unter ihrem Führer Hen-drik Witbooi vernichten. Der Überraschungsangriff ge-lang bei Naris, die Witboois aber konnten fliehen. Während des Gefechts waren auch zwei Gefange-ne gemacht worden. Zierliche Wesen mit bräunlicherHautfarbe. Den beiden Männern hatte man Hände undFüße mit Stricken gebunden, und zwar so, daß sie nurin kleinen Trippelschritten oder aber in Sprüngen sichvorwärts bewegen konnten. Der eine der beiden Gefan- 65
  65. 65. genen, ein junger Mann, trug eine Schutztruppenuni-form, die er offenbar einem gefallenen Reiter ausgezo-gen hatte. Auf der Brust war der von zwei Einschüssenzerfetzte Stoff dunkelbraun von getrocknetem Blut. Die viel zu langen Ärmel und Hosenbeine warenumgekrempelt. Der Mann war, abgesehen von der an-geschwollenen linken Gesichtshälfte, unverletzt. Ober-leutnant Ahrens, inzwischen Adjutant von OberstDeimling, versuchte, den Mann zu verhören. Ahrenswollte wissen, wohin die Landsleute zu fliehen gedäch-ten. (Oberleutnant Ahrens sagte tatsächlich immer wie-der: deine Landsleute.) Der Mann schüttelte bei jederFrage nur den Kopf. Offenbar wollte er damit andeu-ten, daß er den Oberleutnant verstand, aber keine Aus-kunft geben wollte. Ahrens ließ dennoch nach einemDolmetscher schicken. Ein Unteroffizier der Landwehrkam. Er lebte seit über elf Jahren im Land. Er hatte alsReiter in dem Landsknechthaufen des zweiten Reichs-kommissars Hauptmann von Franchise gedient, danneine Farm bei Hochanas erworben und sie bis zumAusbruch des Aufstandes betrieben. Der Unteroffiziersprach den Gefangenen an, in einer melodischen Spra-che, durchsetzt mit kleinen Schnalzlauten. Der Mannstand und schwieg, kaute aber ruhig seinen Priem. DerUnteroffizier, ein Mecklenburger, sagte: Düs Oos wüllman nich, Herr Oberleutnant. Ahrens befahl, weiter zufragen, andernfalls würde man ihn sofort erschießen.Der Unteroffizier übersetzte dem Gefangenen sein To- 66
  66. 66. desurteil, und dabei verwandelte sich diese schwerfälligemecklenburgische Zunge wieder zu einer Kunstreiterin,sprang mühelos und leicht über Hürden und Gatter mitkleinem Klicken und Klacken. Gottschalk schrak auf, alser das laute Klatschen hörte. Ein Reiter schlug auf denMann ein, der beim Zurückweichen, von seinen Fesselnbehindert, mit einer ulkigen Verrenkung zu Boden ging(die Umstehenden lachten), sich aber sogleich wiederohne Aufforderung erhob, was ihm mit seinen Fesselnsichtlich Mühe bereitete. Warum bleibt er nicht einfachliegen, dachte Gottschalk. Als der Mann wieder stand,schien ihm, als grinse er verächtlich. Aber das war nurdie rechte Gesichtshälfte, die langsam anschwoll. DerReiter, Verhörspezialist, genannt Old Shatterhand undfrüher von Beruf Kellner, war nämlich Linkshänder. Da der Gefangene jetzt mit unbeweglichem Gesichtdastand, glaubte Gottschalk, der Mann habe seinen Kau-tabak unter der Wucht des Schlages verschluckt. Aberdann, nach einem Augenblick, mit einem immer schie-fer werdenden Grinsen, begann er wieder zu kauen. Hoffnungslos, sagte Oberleutnant Ahrens und befahlLeutnant von Schwanebach, den Mann erschießen zulassen, ergänzte dann aber seinen Befehl, als er sah, daßSchwanebach sechs Mann abkommandierte: Der Auf-wand ist zu groß. Lassen Sie ihn aus kurzer Distanz er-schießen. Eine Patrone ist für den schon zuviel. Tabakkauend und grinsend stand der Mann vor demGewehr des Unteroffiziers, der kurz zuvor noch ver- 67
  67. 67. sucht hatte, ihn in Nama auszufragen. Der Unteroffizierhatte sich sofort freiwillig gemeldet. Der Mann standeinfach so in der weiten Landschaft, frei, wenn auch ge-fesselt. Das ist eigentlich gar keine Erschießung, dachteGottschalk, der die Vorstellung hatte, daß jemand, dererschossen werden soll, an einem Pfahl oder wenigstensan einer Mauer stehen müsse. Leutnant Schwanebachbefahl dem Unteroffizier, der schon angelegt hatte, dasGewehr wieder abzusetzen, denn der Mann, den zuerschießen man im Begriff war, trug immer noch einedeutsche Uniform. Was sollte man tun? Der Leutnant entschied, daßder Gefangene vor der Erschießung die Uniform aus-zuziehen habe, die, wenn auch inzwischen entweiht,dennoch der Rock des Kaisers blieb und darüber hinausEigentum des Heeres war. Man durchschnitt die Stricke, mit denen der Manngefesselt war, und befahl ihm, die Uniform auszuzie-hen. Der Mann stand jetzt nackt da, beständig das ver-quollene Grinsen im Gesicht und seinen Priem kauend.Gottschalk fragte sich, warum sich niemand über diesesgleichmütige Kauen erregte, das angesichts des ange-schlagenen Gewehrs, des danebenstehenden Leutnantsund all der anderen Neugierigen etwas Verächtlicheshatte. Als der Rebell am Boden lag, befahl Schwanebach,der Oberveterinär solle prüfen, ob der Pavian tot sei. 68
  68. 68. Gottschalk beugte sich über den Leichnam, aus dessenMund wie ein roter Faden etwas Blut gelaufen war. Imanderen Mundwinkel war ein bräunliches Rinnsal. Of-fenbar hatte der Mann, selbst als ihn der Schuß ins Herztraf, seinen Priem nicht verschluckt. Gottschalk hatte gehen wollen, bevor man den Ge-fangenen erschoß. Aber der Leutnant hatte ihn wiederzurückgerufen und ihm befohlen, zu bleiben, damit erordnungsgemäß den Tod des Delinquenten feststellenkönne. Er sei dafür nicht zuständig, hatte Gottschalkzunächst sagen wollen, er sei schließlich Tierarzt. Aberer blieb und schwieg, da er fürchtete, daß der Schwa-nebach hätte antworten können: Eben darum. In demGesicht des Toten war noch immer dieses breite Grin-sen. Einen Moment glaubte Gottschalk, der Mann stellesich nur tot. Er schob behutsam das Augenlid hoch, einebraune Lidfalte, die diesem Gesicht den eigentümlichasiatischen Ausdruck gab. Die Pupille zeigte keinen Re-flex. Tagebucheintragung Gottschalks vom 5. 12. 04 (nachts)Die Hyänen begleiten uns. Am Abendhimmel fette Gei-er (Aegypius monachus und Neophoron percnopterus).Biwak an einem Flußbett, in dem vom letzten Regen ei-nige Pfützen stehen. Sonst ist alles steinig und sandig,und die Bäume und Büsche am Ufer stehen dürr und ge-sanglos. Und doch soll unter diesem sandigen FlußbettWasser fließen. Das Wasser zieht sich in größere Tiefen 69
  69. 69. zurück wie die Freude. Man müßte unterirdische Däm-me bauen, Stauseen anlegen, die so vor dem Verdunstengeschützt wären, das Wasser langsam wieder nach obendrängten, verhinderten, daß es nutzlos nach den plötzli-chen Güssen ins Meer abläuft, und dieses Land könnteder Garten Eden werden. W. sagt, wir stehen auf derfalschen Seite. Nachtrag: Wir standen hinter dem Unteroffizier.Mit dem anderen Gefangenen hatten sich drei Schutz-truppenreiter fotografieren lassen (vermutlich diejeni-gen, die ihn gefangengenommen hatten). Sie haben ihnin die Mitte genommen (zwei rechts, einer links), aberdoch mit einem deutlichen Abstand: ein in europäischeLumpen gekleideter Junge. (Er soll, als man ihn aufgriff,eine Schrotflinte getragen haben.) Die drei stützen sichauf ihre Gewehre, und einer grinst unter seiner Hut-krempe, wie man deutlich erkennen kann. Sie werdendem Jungen, dem die Stricke ins Arm- und Beinfleischschneiden, gesagt haben, daß er sich ganz ruhig haltenmüsse. Ein Foto für zu Hause. Danach wurden ihm die Stricke durchgeschnitten,und einer rief ihm zu: Lauf! Er aber blieb stehen. Erst alsman ihm lachend zuwinkte, endlich wegzulaufen, ginger vorsichtig einige Schritte, drehte sich nochmals um,lief dann weiter, bis er von drei Schüssen getroffen zu-sammenbrach. Er soll noch ein Stück weitergekrochensein, erzählte später jemand. 70
  70. 70. Rittmeister von Tresckow hatte sein Pferd in dem Ge-fecht bei Naris durch zwei Schüsse verloren. Als Ersatz-pferd suchte er sich einen etwas knochigen, aber gutge-bauten Rappen aus, der zu Beginn des Aufstandes miteinem Pferdetransport aus der Kapkolonie gekommenwar. Ein gut eingerittenes Pferd, wie der Wachtmeisterversicherte. Der Bursche des Rittmeisters bringt das Pferd, undTresckow versucht sogleich aufzusteigen, aber dasPferd schlägt aus, steigt und gebärdet sich wie toll. DerRittmeister fällt zu Boden und, was einem Kavalleristennie passieren darf, er verliert den Zügel aus der Hand.Das Pferd läßt sich dann aber ganz zahm von einemReiter einfangen, der es wieder zurückführt. MehrereReiter halten das Pferd, als Tresckow den zweiten An-lauf nimmt. Er kommt glücklich in den Sattel, kann sichauch einige Minuten oben halten, bis sich das Pferd wierasend zu Boden wirft. Tresckow kann gerade noch ausdem Sattel kommen. Inzwischen hat sich ein großer KreisNeugieriger gebildet, die den Kampf zwischen Rittmei-ster und Pferd beobachten. Das Pferd hat sich wiedererhoben, Schaumballen vor dem Maul, und weicht, alsTresckow es am Zügel haltend vorsichtig zu streichelnversucht, mit einem entsetzten Wiehern zurück. Der Fall hätte kaum weitere Beachtung gefunden,wenn das Pferd nicht jeden anderen Reiter geduldig ansich hätte herankommen und aufsitzen lassen, nur ebenden Rittmeister Tresckow nicht. 71
  71. 71. Gottschalk, der auf Befehl Tresckows das Pferd un-tersuchte, konnte, abgesehen von der starken Erre-gung des Tiers, nichts Außergewöhnliches feststellen.Schließlich bat er den Rittmeister, ob er einmal seineHand riechen dürfe. Tresckow streckte sie ihm zö-gernd und ziemlich steif entgegen. Gottschalk schnüf-felte. Die Zuschauer grinsten. Tresckow wollte wissen,was das zu bedeuten habe. Gottschalks Diagnose: DerHerr Rittmeister benutze ein stark riechendes Eau deCologne, worauf das Pferd wahrscheinlich allergischreagiere. Er habe einen ähnlichen Fall in seinem frü-heren Regiment erlebt, wo ein Pferd einen Major nichtriechen mochte, der ein durchdringendes Rasierwas-ser benutzte.Tresckow ließ das Pferd erschießen, wegen Truppen-untauglichkeit. Schade um das Pferd, sagte Gottschalkspäter.Eine Sanitätspatrouille, die das Gefechtsfeld bei Na-ris absuchte, fand fünfzig tote Hottentotten. Man gingaber davon aus, daß die Verluste höher waren, da dieHottentotten die Angewohnheit hatten, ihre Toten undVerwundeten um jeden Preis mitzuschleppen. Der Ge-neralstabsbericht schlüsselt die Toten nicht nach Ge-schlechtern auf. Die Artillerie muß bei der Beschießung des Orts undder Fliehenden sehr effektiv gewesen sein. 72
  72. 72. Auf deutscher Seite waren drei Mann gefallen, einOffizier und acht Mann verwundet. Bekanntmachung (Laufzettel)Für Offiziere und Chargierte stehen einige halbwüch-sige Hottentotten und Damara als Bambusen zur Ver-fügung. Sie können auf Antrag für den privaten Bedarfabgegeben werden. Ihre Verpflegung muß aus den an-fallenden Essensresten der Kompanien bestritten wer-den. Da es sich meist um Kinder handelt, die auf Mis-sionsschulen erzogen wurden, besteht kaum Gefahr fürLeib und Leben. Schriftliche Eingaben sind an den Bataillonsstab zurichten. Unterschrift (unleserlich)Was Gottschalk überrascht hatte, war, daß Wenstrupsich als einer der ersten um einen solchen Bambusenbemühte. Wenig später bekam Wenstrup einen Hotten-tottenjungen zugeteilt. Nur wenige der Offiziere hattensich um einen der Gefangenen bemüht. (Der Schwane-bach: Eines Tages wache ich mit durchschnittener Kehleauf. Ha, ha.) Von Gottschalk befragt, warum gerade er,Wenstrup, ein Kind für sich arbeiten lassen wolle, ant-wortete Wenstrup: Weil die Herrschaft des Menschenüber den Menschen abgeschafft werden muß. Und alsGottschalk meinte, das sei denn doch wohl ein Wider-spruch, erläuterte Wenstrup: Sehen Sie, wenn man ta- 73
  73. 73. tenlos zusieht, wie ein ganzes Volk abgeschlachtet wirdund sich zugleich einen Bambusen hält, dann ist daslediglich ein kleiner Seitenwiderspruch, eine privateParadoxie, wenn Sie so wollen, eine Paradoxie, die sicheinmal in Praxis auflösen wird. Gottschalk schien dasalles sehr nebulös. Es zeigte sich dann aber, daß Wenstrup sich von demHottentottenjungen, der Jakobus hieß, nicht die Schu-he putzen ließ, sondern ihn beköstigte und bei ihmSprachunterricht nahm. Wenstrup lernte Nama, indemer auf verschiedene Gegenstände zeigte, die der Jungedann benannte: Baum, Strauch, Sonne, Wolke, Weg,was dann wiederum Wenstrup nachlallte. Schon nachzwei Tagen beteiligte sich auch Gottschalk an diesemSprachunterricht. So konnte man abends, gleich nachdem Abkochen, die beiden Veterinäre hören, wie siesich im Zungenschnalzen übten. Die Zunge muß sichregelrecht lösen, sagte Gottschalk einmal zu dem Divi-sionspfarrer Schmidt. Und in seinem Tagebuch findetsich der Satz: Nama, eine Sprache, die man nur mit ge-löster Zunge sprechen kann. Gottschalk ließ diese sonderbaren Laute genüßlichauf der Zunge zergehen. Einmal beobachtete man diebeiden Veterinäre, wie sie abwechselnd dem Jungenmit dem Zeigefinger in den Mund fuhren, was sie eineZeitlang in den Verdacht der Päderastie brachte. Tat-sächlich aber versuchten sie lediglich herauszufühlen,an welcher Stelle der Mundhöhle und mit welcher Zun- 74
  74. 74. genbewegung die verschiedenen Schnalzlaute erzeugtwerden. Auf dem Marsch nach Gibeon, der durch einelangweilig flache Landschaft führte, übte Gottschalk dievier verschiedenen Schnalzlaute, indem er die Zungen-spitze gegen die Alveole preßte und sie dann mit einemheftigen Ruck nach unten schlagen ließ, was einen Tonerzeugte, als schnippte man mit Daumen und Mittelfin-ger, oder aber er legte die Vorderhälfte der Zunge flach,so daß die Zungenränder die Zähne beider Seiten be-rührten, hob dann den hinteren Teil der Zunge, preß-te ihn an den Gaumen und zog ihn langsam wieder ab,wobei ein Laut entstand, der sein Pferd immer wieder ineinen scharfen Trab fallen ließ. Sagen Sie, hat Ihr Pferd Hummeln im Arsch, fragteTresckow, Sie bringen ja die ganze Kolonne durchein-ander.Gottschalk machte mit seinem Wortschatz nur sehrlangsam Fortschritte, perfektionierte dafür aber seineAussprache. Er suchte sich Wörter und Sätze aus, diereich an Lautmodulationen waren und in denen die ver-schiedenen Schnalzlaute wie kleine Hürden hinterein-ander aufgebaut waren, Sätze, mit denen aber kaum eineKonversation zu führen war, wie: Die Mitternachtsmausfliegt durch den Steppenwald der Teerosen. WenstrupsBemühen war indessen ganz auf die praktische Seite desSprachunterrichts ausgerichtet, sich nämlich so schnellwie möglich verständlich machen zu können. Entspre- 75
  75. 75. chend waren seine Fortschritte. So konnte er bald eini-ge einfache Fragen und Gegenfragen stellen, wenn auchgenuschelt und in holprig fremden Kehllauten: Wohinführt dieser Weg? Wo liegt die nächste Wasserstelle?Wo finde ich etwas zu essen? Der mecklenburgische Unteroffizier sah seine bis-lang unangefochtene Stellung als Dolmetscher gefähr-det und verfolgte mit Mißtrauen den Sprachunterrichtder beiden Veterinäre. Er gab auch keinerlei Ratschlägeund versuchte nie, eine der komplizierten Fragen zu be-antworten, deren richtige Antwort die beiden Veterinä-re mit Handzeichen und umständlichen Zeichnungenim Sand herauszufinden suchten. Dabei zeigte sich, daßder Hottentottenjunge schneller deutsch lernte als dieVeterinäre Nama. Es muß allerdings auch gesagt wer-den, daß weder Gottschalk noch Wenstrup, obwohl esdarüber zwischen ihnen keine Absprache gab, den Un-teroffizier jemals um Hilfe baten. Nach fünf Tagen sollte sich aber zeigen, daß die In-teressen der beiden Schüler, obwohl sie zusammen rit-ten, doch so weit auseinandergingen, daß der Junge zwi-schen den Pferden hin und her laufen mußte und, sichan dem jeweiligen Steigbügel festhaltend, die verlang-ten Wörter oder Sätze vorsprach oder die Aussprachekorrigierte. (Oberleutnant Ahrens gab dann extra einenBefehl, den sogenannten Jakobus-Befehl, der ausdrück-lich verbot, daß ein Bambuse irgendein Transportmittelder Truppe benutzen dürfe. Ahrens hatte nämlich eines 76

×