Geheimakte Krausinger
Upcoming SlideShare
Loading in...5
×
 

Geheimakte Krausinger

on

  • 4,427 views

 

Statistics

Views

Total Views
4,427
Views on SlideShare
4,427
Embed Views
0

Actions

Likes
1
Downloads
15
Comments
0

0 Embeds 0

No embeds

Accessibility

Categories

Upload Details

Uploaded via as Adobe PDF

Usage Rights

© All Rights Reserved

Report content

Flagged as inappropriate Flag as inappropriate
Flag as inappropriate

Select your reason for flagging this presentation as inappropriate.

Cancel
  • Full Name Full Name Comment goes here.
    Are you sure you want to
    Your message goes here
    Processing…
Post Comment
Edit your comment

Geheimakte Krausinger Geheimakte Krausinger Document Transcript

  •  Gibt es ausserirdische Technologie nur in den Hangars supergeheimer Luftwaffenlestgelände in den USA? Was verbergen der ehemalige Stasigeneral und der Standartenführer der SS seit Jahrzehnten in der unterirdischen Anlage in Mecklenburg? Welche Ziele verfolgt ein KGB-Oberst mit dem dort Versteckten? Ist die Demokratie im vereinten Deutschland gegen jähe Änderungen der politischen Machtverhältnisse wirklich gewappnet? Ein Journalist aus Kassel begibt sich bei dem Versuch, ein unglaubliches Komplott aufzudecken in Lebensgefahr.
  • Ich habe genügend Konstruktionsunterlagen und Produktionsplänegesehen, um sagen zu können, daß -wenn sie den Krieg noch für einigeMonate hätten verlängern können - wir mit vollkommen neuartigen undtodbringenden Waffen konfrontiert worden wären.Aus dem Bericht des Leiters einer britischen Spezialistengruppe zurUntersuchung der deutschen "Wunderwaffen"Deutschland 1945
  • Kapitel I Kassel, Rostock, Berlin - März 1995. Der ICE verließ am frühen morgenden Bahnhof Kassel-Wilhelmshöhe in Richtung Norden. Ich saß in einemder Erste-Klasse-Großraumwaggons und schaute aus dem Fenster.Draußen war es noch dunkel und der Regen peitschte gegen die Schei-ben. Der Zug hatte relativ schnell beschleunigt und bald das Stadtgebiet ver-lassen. Einige Stunden Zugfahrt hatte ich nun vor mir, denn das Ziel mei-ner Reise war die Hafenstadt Rostock an der Ostsee. Ich fuhr zur Beiset-zung meines Vaters. Eine angenehme Reise war es also keinesfalls.Außerdem würde sie, was ich zu dem Zeitpunkt allerdings noch nichteinmal ahnte, viel Unruhe in mein Leben bringen. Ich bedauerte, daß ich diese Fahrt nicht schon drei Wochen vorherangetreten hatte, gleich nachdem mein Vater einen ersten Schlaganfallerlitten hatte. Da ich mich mit ihm nicht sehr gut verstand, hatte ich esunterlassen. Dies bereute ich jetzt natürlich sehr. Aber wie das so ist,wenn man etwas bereut, dann ist es in der Regel zu spät. Der Grund für die Diskrepanzen zwischen uns lag )ahre zurück. Vaterhatte mir nie verziehen, daß ich nicht seinem Wunsche entsprechendOffizier, sondern statt dessen Journalist geworden war. Offizier wollte ich nie werden, schon gar nicht, wie er, beim MfS. Nachmeinem Journalistikstudium hätte ich ihn aber durchaus noch versöhnlichstimmen können, wenn ich wenigstens bei einem sogenannten Par-teiorgan Redakteur geworden wäre und seinen geliebten Sozialismus inden höchsten Tönen besungen und in den schönsten Farben gemalthätte. Aber Kaisergeburtstagsdichter zu sein, widerstrebte mir ebenso. Ich ver-mochte es nicht, das DDR-Regime, dem ich kaum etwas abgewinnenkonnte, zu beweihräuchern. So verzichtete ich trotz eines glänzendenUniversitätsabschlusses auf eine mir vorausgesagte Karriere als Journalistund wurde ein schlecht bezahlter Mitarbeiter an einem unbedeutendenheimatgeschichtlichen Blatt, das vom Kreismuseum einer thüringischenKleinstadt herausgegeben wurde. Inzwischen arbeite ich allerdings seiteinigen jahren recht erfolgreich als Redakteur in einem nordhessischenRundfunkstudio und habe meine Zelte in Kassel aufgeschlagen. Nun war aber ein Fall eingetreten, mit dem ich nicht gerechnet hatte.Mein Vater war an den Folgen eines zweiten Schlaganfalls verstorben.Das hatte mir Mutter mühsam gefaßt mitgeteilt, als sie mich vor zweiTagen angerufen hatte. 5
  • Was mir seitdem nicht aus dem Sinn ging, das waren die Worte, die sieschluchzend hinzugesetzt hatte:"... weil ihn dieser Quader so sehr aufge-regt hat!" Was konnte sie damit nur gemeint haben? Den erwähnten Quader hatte ich im Wendejahr 1989 kennengelernt.Vater hatte mit Kollegen aus der Waffentechnischen Versuchsanstalt, kurzWVA genannt, seinen Sechzigsten gefeiert. Es war im Sommer, von derkommenden totalen politischen Wende ahnte noch niemand etwas. Ich baute gerade mit Bernhard, meinem Schwager, den Grill auf, dahörte man sie schon, sich dem Wochenendgrundstück nähern. Als Ersterstürmte Quader auf Vater zu, umarmte den etwas verdutzt dreinschauen-den Jubilar und gratulierte lautstark: "Genosse Kaiserr! Du um Forschungund Entwicklung in WVA verdient sich gemacht hast iberr viele Jahrre.Weiß sich Parrtei dies zu wirrdigen. Deshalb gehörrst zu Genossen, wosich Medaille 40 Jahrre DDR errhalten zum 7. Oktobern Kann sagen dirrals Parrteisekrretärr schon heute das. Weißt sicherr, daß sich gibt nurrkleines Kontingent fürr WVA!" Aufgrund seiner Aussprache und wegen des seltsamen Satzbauesglaubte ich zunächst, daß dieser Mann kein Deutscher sei. Quader mußdamals so um die Fünfzig gewesen sein. Er war nicht größer als 1,75 undsehr stämmig gebaut. Sein Kopf war fast kahl. An seine kalten grauen,stets nervös zuckenden Augen kann ich mich noch gut erinnern. DerMann war, wie ich später erfuhr, der Parteisekretär der WVA, Oberst Her-mann Quader, genannt der "Kommissar". Aber was sollte dieser Menschmit dem Tod meines Vaters zu tun gehabt haben? Der Zug hatte inzwischen Hannover erreicht. Ich schaute aus dem Fen-ster und beobachtete das rege Treiben auf dem belebten Bahnsteig. Alsder ICE wieder anfuhr schlug ich ein Wochenmagazin auf, das ich mir vorFahrtantritt in Kassel gekauft hatte. Unkonzentriert blätterte ich darinherum. Aber sehr schnell waren meine Gedanken wieder bei derGeburtstagsfeier. Gleich nach Quader war ein großer, kräftig gebauter älterer Mann anden Senior herangetreten und hatte ihm einen riesigen Blumenstrauß undeine feine Ledermappe überreicht: "Herzlichen Glückwunsch, GenosseKaiser, mögen alle Ihre Wünsche in Erfüllung gehen. Auf weitere guteZusammenarbeit." Das war General Keter, der Chef meines Vaters gewe-sen. An die weiteren Personen kann ich mich nicht mehr so genau erinnern,bis auf Michael Rummel, den Adjutanten des Generals. Er war der Jüng-ste in dieser Gruppe, etwa in meinem Alter, also um die Dreißig, und mirgleich wegen seiner relativ offenen, unkomplizierten Art sympathischgewesen.6
  • Die Durchsage, daß der Zug in wenigen Minuten im Hauptbahnhof vonHamburg einlaufen werde, riß mich aus meinen Gedanken. Zwanzig Minuten später saß ich dann im Interregio nach Rostock. Undschon wieder fielen mir die Worte meiner Mutter ein: "... weil ihn dieserQuader so sehr aufgeregt hat!" Ich konnte mir einfach keinen Reim darauf machen, denn das Verhältnismeines Vaters zu diesem Quader schien nicht schlecht gewesen zu sein.Ich sehe noch immer vor mir, wie Quader damals im Garten mit einem Teildes Eßbestecks an sein Glas schlug und zum wiederholten Male einenfreundschaftlichen Toast auf Vater ausbrachte. Ich muß gestehen, daß mir der Mann nicht sonderlich sympathischgewesen war, da er sich immer wieder in den Vordergrund drängte undweil er sich so überhaupt keine Mühe zu geben schien, klares Deutsch zusprechen. Michael Rummel, mit dem ich mich an diesem Abend unterhielt, deutetean, Quader wolle als Russe gelten, weil er sich so allen überlegen fühlenkonnte. Er wähne sich damit nicht nur auf der Seite der Stärkeren,sondern er vermeine selbst einer der Stärkeren zu sein. Wir machten, dawir uns nicht kannten, natürlich vorsichtig, unsere Witzchen über Quader.Michael meinte aber, der Mann sei eigentlich nicht zum Lachen, eher zumHeulen. Gerade diese letzte Aussage war von beinahe prophetischerBedeutung. Das konnten wir allerdings damals beide noch nicht wissen. jetzt aber konnte ich mir einfach nicht erklären, wieso dieser Menschmeinen Vater, der doch seit einiger Zeit beruflich nichts mehr mit ihm zutun hatte, so aufgeregt haben sollte. Ich nahm mir vor, Mutter noch einmaldanach zu fragen, und zwar dann, wenn sie sich nach der Beerdigungetwas beruhigt haben würde. Das erinnerte mich wieder an die bevorstehende Trauerfeier. Vater isttot, dachte ich. So früh. - Eigentlich hat er auch immer nur gearbeitet,sogar im Urlaub, solange ich zurückdenken kann. Ein Leben lang. Diemeiste Zeit jedoch in der WVA, wie die Waffentechnische Versuchsanstaltdes MfS genannt wurde. Die befand sich zu DDR-Zeiten in Warenthin imBezirk Rostock. Der Senior, in unserer Familie wurde mein Vater übrigens stets der"Senior" genannt und ich der "Junior", weil wir beide Theo heißen, derSenior also war seit 1972 Mitarbeiter dieser Einrichtung und in den acht-ziger Jahren als Oberst Leiter von Forschung und Entwicklung gewesen.Nach der Wende war er bis Anfang 1995 Mitglied der Geschäftsleitung deraus der WVA entstandenen "Special High Tech Warenthin GmbH (SHT)". 7
  • Da arbeitet man ein Leben lang und freut sich vielleicht auf ein paarschöne Jahre ohne den Berufsstreß - und dann wars das! Ich schüttelteden Kopf. Als ich mir darüber bewußt wurde, schaute ich mich im Abteilum, aber es hatte niemand meine Selbstgespräche bemerkt. Mit mir hatte Vater ja, ehrlich gesagt, auch keine große Freude. Zwarwaren wir nie richtig verfeindet gewesen, aber meine Besuche bei denEltern waren doch in all den Jahren recht selten gewesen. Ich dachtedaran, daß ich dagegen nach der Wende in recht kurzen Abständenmehrmals in Rostock gewesen war. Ich fragte mich, ob es mich wohldorthin getrieben hatte, um dem Senior deutlich zu zeigen, daß ich Rechtgehabt hatte mit meiner politischen Verweigerung, während er mit seinemEngagement so völlig falsch lag? Wie auch immer. Es zeigte sichjedenfalls, daß Vater nach wie vor der Meinung war, daß der Sozialismuseine gute Sache sei, die leider nicht richtig umgesetzt worden wäre. Erwar enttäuscht, aber er klammerte sich noch immer an den Gedanken,daß noch nicht alles verloren sei. Irgendwie schienen er und wohl auchseine Genossen in der SHT nach wie vor der Meinung zu sein, man könnedie verfahrene Geschichte immer noch zugunsten des Sozialismuskorrigieren. Eine Stimme schreckte mich aus meinen Gedanken auf: "IhrenFahrausweis bitte!" Irgendwo hatte ich doch ... Ich griff in verschiedeneTaschen. Aber ich fand die Fahrkarte nicht. Es wurde schon langsampeinlich. Ein Mädel, das mir schräg gegenüber saß, grinste bereitsbelustigt vor sich hin. Dann fiel mir plötzlich ein, daß ich den Fahrscheinim Mantel hatte. Ein Blick auf die Uhr bestätigte mir, daß es nicht mehr weit bis Rostocksein konnte. Ich dachte an Vaters letzte Arbeitsstelle. Womit sich diese Nachfolge-einrichtung der WVA, die SHT, für die er seit 1990 einer der Geschäfts-führer gewesen war, nun eigentlich beschäftigte, das hatte er mir niegesagt. Eines schien aber klar zu sein. Da hatten ein paar hohe Offiziereden Betrieb, der vorher eine Stasiinstitution gewesen war, per Eintragungals GmbH einfach zu ihrem Eigentum gemacht. So wie sich verschiedeneLPG-Vorsitzende und Betriebsdirektoren aller Art das ehemalige "Volksei-gentum" unter den Nagel gerissen hatten, dort wo keine Wessi-Unterneh-mer für den symbolischen Kaufpreis von einer Mark das Rennen gemachtund die Betriebe endgültig zugrunde gerichtet hatten. Moderne Raubritter,wie ich fand, sanktioniert und gefördert durch Unterlassungen oder direkteKumpanei sogenannter "Treuhänder". Ich legte das Magazin, das ich ungelesen in Händen hielt, wieder zurSeite, schaute aus dem Fenster auf die vorbeiziehende Landschaft ausFeldern, Wäldern und Ortschaften und versank bald erneut in Gedanken.8
  • Was hatte Quader mit Vaters Tod zu tun? Vielleicht hing es mit derUmwandlung der WVA in diese GmbH zusammen? Ich mußte Mutterunbedingt danach fragen. Dafür würde sich bestimmt Zeit finden, denn ichhatte vor, einige Tage zu bleiben. Inzwischen näherte sich der Zug mit Verspätung dem Hauptbahnhofvon Rostock. Ich hätte wohl doch besser den früheren Zug nehmen sollen. Der Platz vor der Trauerhalle war voller Menschen. Als ich das Taxi ver-ließ, dachte ich: Ob die wohl alle für den Senior...? - Aber sicher findenhier mehrere Trauerfeiern kurz hintereinander statt, sagte ich mir. Ichkonnte mir nicht vorstellen, daß so viele Leute zur Beerdigung eines Ver-treters des alten Regimes gekommen sein sollten. Meine Schwester und ihr Mann hatten Mutter stützen müssen. Sieschauten mich mißbilligend an. Dann machte Bernhard seinen Platz anMutters Seite für mich frei. Wir betraten die Trauerhalle und setzten uns indie erste Reihe. Vorn stand, praktisch vergraben unter zahllosen Kränzen und Gebinden,der Sarg. Alles war sehr feierlich. Ich konnte mich einer Träne nichterwehren, die ich versuchte durch gesenkten Kopf und zusammengeknif-fene Augen zu verhindern. Sie tropfte mir dennoch auf das Jackett. Mutterhatte es bemerkt. Sie drückte mir, ohne aufzublicken meine Hand, in derdie ihre lag und sagte leise zu mir, immerhin einem Mittdreißiger: "Guterjunge." Das hätte mich fast zu weiteren Tränen veranlaßt, die ich nur mitMühe verhindern konnte. Ich fühlte mich für einen Augenblick wirklich wieein kleiner Junge, der seinen Vater verloren hatte. Nachdem die letzten Töne des Largo von Händel verklungen waren,sprach der Trauerredner über den Verstorbenen, der ein guter Vater undEhemann gewesen sei und dessen ganze Hingabe der Naturwissenschaftgegolten habe, der er, Dr. Dr. Theodor Kaiser, auch beruflich gedienthabe. Kein Wort fiel über den Dienst, für den er dreißig Jahre seines Lebenstätig gewesen war - eben als Wissenschaftler - aber auch als Offizier. Eswar nicht angebracht. Und es war gut so. Es ersparte der Familie Peinlich-keiten. Obwohl ja kaum jemand anwesend war, der von dieser Tatsachekeine Kenntnis hatte - außer, ja vielleicht außer dem Trauerredner. Aberselbst das war nicht sicher, denn ich erkannte in ihm einen ehemaligenUniversitätsprofessor für Marxismus-Leninismus, der einmal ein Kollegemeiner Schwester gewesen war. Der mußte halt jetzt auch sein Geld aufandere Weise verdienen. Und reden hatten solche Leute ja schließlichgelernt. 9
  • Ich hatte mich umgesehen. Hier wurde kein Geächteter zu Grabegetragen. Die Trauerhalle war bis auf den letzten Platz besetzt. Verwand-te, Wohnungs- oder Gartennachbarn, alte Genossen waren gekommen.Von der letzten Gruppe waren mir einige bekannt. Und auch der ehemalige Oberst Quader war zu sehen, wie ich unan-genehm berührt feststellen mußte. Er saß mit zwei anderen, mir allerdingsunbekannten Männern slawischen Typs, in der letzten Reihe. Ich mußgestehen, daß mich ein ganz seltsames bedrückendes, fast Angst erzeu-gendes Gefühl ergriff, als ich ihn sah. Nach der Trauerrede ging es hinaus und es formierte sich ein Zug, wel-cher dem Sarg folgte. Über zunächst breite, durch Koniferen gesäumteund die Grabreihen trennende, dann enger werdende Wege ging es zudem Teil des Friedhofs, in dem die Grabstelle lag. Dort angekommen ließ der Trauerredner noch einige Satze über denSinn des Lebens und den natürlichen Gang alles Sterblichen hören. Mut-ter schluchzte auf. Bettina und ich stützten sie. Dann warfen wir jeder dreiHände voll Erde auf den Sarg. Ich wandte mich zur Seite und erblickte am rechten Rand der Trauer-gemeinde erneut diesen Quader und seine Begleiter. Fast schien es mir,als ob sie sich vergewissern wollten, daß Vater tatsächlich bestattetwurde. Als wir die Kondolenzen entgegennahmen, stellte ich fest, daßQuader nicht unter denen war, die zu uns kamen. Irgendwie war icherleichtert. Wir verließen den Friedhof und fuhren zu einem Restaurant, wo wir imgrößeren Familienkreis gemeinsam zu Mittag aßen. Bald rief ich aber,Mutters Wunsch entsprechend, ein Taxi und fuhr mit ihr nach Hause. Siewollte allein sein, was alle verstanden. Ich hatte die ganze Zeit über gemerkt, daß Mutter sehr bedrückt war,hatte es aber der natürlichen Reaktion auf ihr plötzliches Witwendaseinzugeschrieben. Dennoch beobachtete ich, daß sie, als wir den Friedhofverließen, ängstlich in Quaders Richtung geblickt hatte. Das erinnertemich wieder an ihre Worte am Telefon. Später, als wir in der elterlichenWohnung angekommen waren, fragte ich sie: "Mutter, du hast dochetwas. Was bedrückt dich denn? Es ist doch nicht allein Vaters Tod. Ichmerke doch, daß da noch etwas ist!" Sie wehrte ab. Es wäre nichts, wirklich nichts. Es sei einfach die Trauer,das sei doch wohl verständlich. Allerdings merkte ich an ihrer Stimme undan der Tatsache, daß sie es dabei vermied, mir in die Augen zu sehen,daß doch etwas nicht stimmte. Ich ließ nicht locker: "Mir kannst du dochnichts vormachen. Du hast doch Angst vor irgend etwas. - Und wieso hateigentlich dieser Quader Vater so sehr aufgeregt?"10
  • Als sie den Namen Quader hörte, brach es dann doch aus ihr heraus.Unter Tränen rief sie, meine Hände ergreifend: "Sie haben ihn umge-bracht!" "Wer hat ihn umgebracht?" fragte ich erschrocken. Ich hatte mit keinerSilbe damit gerechnet, daß es sich bei Vaters Tod um einen unnatürlichenVorgang gehandelt haben könnte. Tausend Gedanken schossen mir plötz-lich durch den Kopf, ob das wohl stimmte, was Mutter gesagt hatte, wasich wohl tun mußte, als Sohn und wie gefährlich das Ganze möglicher-weise für uns, die Überlebenden der Familie war. Es wurde mir wechsel-weise heiß und kalt und der kalte Schweiß trat mir vor Aufregung auf dieStirn. Ich sage es ehrlich: Es waren Angst und Wut, die in mir rangen, umdie Oberhand zu gewinnen. Im Moment war die Angst stärker, denn ichbrauchte mein Leben lang keine zu haben. Dieses Gefühl war für michalso absolut ungewohnt. Aber ich mußte mich zusammenreißen undMutter durfte nicht merken, wie es mir ging. Ich mußte den Starken spie-len, der die Situation überblickte und gekonnt damit umgehen konnte. Mutter hatte mir zum Glück meine momentane Schwäche und Ratlo-sigkeit nicht angesehen. Sie starrte vor sich hin und sagte dann, mir nunins Gesicht blickend, leise und mit angsterfüllter Stimme: "Die sind zuallem fähig. Ich habe Angst, daß sie auch dir etwas antun!" "Wer sind die? Und wieso sollten die mir etwas antun?" Sie antwortete nicht, hatte wieder den Kopf gesenkt und blickte erneutvor sich hin. Erst nach längerem Drängen meinerseits entschloß sie sichdann, mir doch zu sagen, was sich an dem Tag zugetragen hatte, alsVater den ersten Schlaganfall erlitt. Es war am Morgen etwa gegen neun Uhr, als drei Männer Vater auf-suchten. Einer dieser drei Besucher war Oberst Quader gewesen. Dieanderen beiden kannte sie nicht. Aber sie nahm an, daß es sich um Rus-sen handelte. Zunächst sprach Quader leise, dann wurde er immer lauter. Jedenfallshörte Mutter im Nebenzimmer, wie er mehrmals lautstark die Herausgabeeiner Akte forderte. Er bedrängte Vater immer aggressiver werdend.Daraufhin erregte sich auch Vater. Mutter hörte, wie er immer wiederbestritt, irgendeine Akte aus der WVA zu besitzen und sich die unver-schämte Unterstellung und Belästigung verbat. Plötzlich brach Vaters Stimme ab und sie hörte einen überrascht undzugleich verärgert klingenden Aufschrei Quaders. Sie hielt es nebenannicht mehr aus, denn sie war voller Angst um ihren Mann. In dem Moment,als sie das Wohnzimmer betrat, muß es wohl passiert sein. Sie erblickte als erstes Quader, der über den zusammengesunkenenSenior gebeugt stand, ihn betrachtete und dann seinen Begleitern ein Zei- 11
  • chen gab, mit ihm die Wohnung zu verlassen. Im Hinausgehen hatte ergesagt: "Schlaganfall. Rrufen Arrzt, Frrau Kaiserr." Und fast draußen, Mut-ter hatte bereits völlig erschrocken und hilflos vor Vater gekniet, da hatteQuader noch über die Schulter zurückgerufen: "Und kein Worrt zu irr-gendjemand, daß warren hierr!" Es hatte wie ein Befehl geklungen. Vater war mit einem Notarztwagen in ein Krankenhaus gebracht wor-den. Mutter erfuhr bald, daß er an den Beinen und im Gesicht Lähmungenerlitten hatte und daß sein Sprachzentrum gestört war. Die Ärzte machtenihr allerdings Hoffnungen. Das könne sich alles weitgehend normalisieren,wenn der Patient den nötigen Willen und die Energie aufbrächte, wiedergesund zu werden. Da hätten sie aber bei ihrem Mann keinerleiBedenken, und andere hätten das schließlich auch schon geschafft. Nach etwa vierzehn Tagen konnte Vater aus der Klinik entlassen wer-den. Wie bereits im Krankenhaus, verweigerte er aber auch nun jeglicheZusammenarbeit mit Logopäden, die ihm helfen wollten, seine Sprachewiederzuerlangen. Niemand hat das verstehen können. Bereits am zweiten Tag nachdem er aus dem Krankenhaus entlassenworden war, erschien Quader erneut mit seinen beiden Begleitern. - Als ermerkte, daß mein verängstigt wirkender Vater nicht mehr sprechenkonnte, wurde er noch wütender und nahm statt seiner, Mutter in dieMangel. Ihr Mann habe eine sehr wichtige Akte mitgenommen, als er ausder Geschäftsleitung der GmbH ausgeschieden sei. Bestimmt aus Verse-hen, er wolle ja nicht unterstellen, daß es Absicht gewesen sei. Sicherwisse sie, wo er die Akte habe. Als Mutter dies verneinte, bohrte er weiter, ob es spezielle Plätze gebe,wo Vater wichtige Dinge aufbewahre. Ob sie einen Safe oder vielleicht einSchließfach bei einer Bank oder etwas ähnliches besäßen und so weiter.Schließlich drohte er ihr mit äußerst unangenehmen Folgen, falls die Aktenicht wieder auftauche. Er könne die Staatsanwaltschaft veranlassen, eineHausdurchsuchung durchzuführen, es könne aber auch Schlimmerespassieren. Wenngleich sie von einem Staatsanwalt nichts zu befürchten hatte, warihr doch allein der Gedanke, die Polizei würde in die Wohnung kommen,schon wegen der Nachbarn unangenehm. Die andere Drohung, es könneauch "Schlimmeres" passieren, war ihr jedoch noch viel unheimlichergewesen. So allein mit einem völlig hilflosen Mann und den unan-genehmen Besuchern, die sie endlich loswerden wollte, willigte sieschließlich ein und ging mit Quader zu ihrer Bank, um ihm das Schließfachzu zeigen.12
  • Wortlos war Quader gegangen, als er feststellen mußte, daß sich in dem Schließfach keine Akte befand, allerdings nicht, ohne ihr mit dro- hendem Blick und Unterton gesagt zu haben: "Sehen wiederr uns!" Einige Tage später geschah es dann. Mutter war in die Stadt gefahren.Als sie zurückkam fand sie Vater mit einem zweiten Schlaganfall vor. Erwar aus dem Sessel gerutscht und lag stöhnend auf dem Teppich. DasWohnzimmer war in großer Unordnung. Sie hatte Vater im Notarztwagen zum Krankenhaus begleitet. Als sie eserreichten, lebte er aber bereits nicht mehr. Später, als sie mit meiner Schwester wieder die Wohnung betrat,erfaßte sie erst einmal das ganze Ausmaß der Unordnung. Die gesamteWohnung war, während sie einkaufte, von oberst zu unterst gekehrtworden. Es fehlten zwar auch Wertsachen und Geld. Aber sie vermutetesofort, daß dies nur eine falsche Fährte war, welche die Jäger nach derAkte gelegt haben mußten. Der Senior, der sich weder hatte wehren, noch um Hilfe rufen können,mußte offensichtlich hilflos mit ansehen, wie seine Wohnung durchwühltwurde. Infolge der großen Erregung hatte er dann wohl seinen zweitenSchlaganfall bekommen. Spuren von Gewaltanwendung waren jedenfallsbei der Obduktion nicht gefunden worden. Die Polizei fand auch keinerlei verwertbare Spuren der Einbrecher,Fingerabdrücke etc. Da waren Profis am Werk gewesen. Gegenüber derPolizei, aber auch gegenüber meiner Schwester hatte Mutter Quader unddie Akte jedenfalls nicht erwähnt. Ich hatte mich, während Mutter berichtete, wieder völlig gefaßt undKampfgeist aktiviert. Ich war empört und voller Wut auf Quader. Ich wollteihn unbedingt zur Rede stellen, ich wollte ihn anzeigen, ich wollte ihnvernichten. Ich hatte bis dahin nicht geahnt, zu welchen Haßgefühlen ichfähig war. Mutter bat mich jedoch inständig, eine Konfrontation zu ver-meiden. Nachdem ich mich etwas beruhigt hatte, fragte ich sie, ob sie denn Bernhard, ihren Schwiegersohn, über die Ereignisse informiert habe. Das habe sie nicht getan, antwortete sie mir und erklärte mir auch, wes-halb. Der Senior sei, als sie Bernhards Namen nach seinem erstenSchlaganfall erwähnt habe, sehr unruhig geworden und habe auf ein BlattPapier gekritzelt: "Kein Verlaß. Gehört dazu!" Mutter sagte mir auch, daß schon eine Woche zuvor ein Gespräch zwi-schen Vater und Bernhard stattgefunden habe, welches offensichtlich fürbeide Seiten nicht erfreulich gewesen sei, denn Bernhard habe sichmißmutig entfernt und Vater sei ebenso die Verärgerung anzusehengewesen, wenngleich er nichts gesagt habe. 13
  • Mein Schwager Bernhard war zu DDR-Zeiten als Major der Kriminal-polizei tätig gewesen, im Politischen Kommissariat, von dem es nach derWende hieß, daß es ein Ableger der Stasi gewesen sei. Der Senior warimmer stolz auf seinen Schwiegersohn und hatte ihn mir oft als Vorbildhingestellt. Seit der Wende war Bernhard nun Kriminaloberrat, ich glaubebeim LKA. Mutter gab mir einen Zettel, der unter der Sitzfläche eines Küchen-stuhles angebracht war. Als ich verwundert fragte, was das sei, sagte sienur: "Von Vater für dich." Ich erfuhr von ihr, daß der Senior, als er nach dem ersten Schlaganfallwieder aus dem Krankenhaus entlassen worden war, mühsam etwas aufdiesen Zettel gekritzelt hatte. Ich entzifferte die drei Worte: "Theo, Laube,Akte". Überrascht und befriedigt registrierte ich, daß er nicht seinem"Lieblings"-Schwiegersohn, sondern mir, dem "verlorenen Sohn" seineletzte Nachricht hinterlassen hatte. "Theo, Laube, Akte". Was hieß das?Die eigene Laube konnte er kaum gemeint haben. Aber plötzlich war mirklar, wo ich suchen mußte. Am nächsten Tag, gleich nach dem Mittagessen, war mein ZielGroßmutters alte Gartenlaube. Als ich mit dem Wagen des Seniors losfuhr, stellte ich fest, daß einBMW, besetzt mit vier mir unbekannten Männern, ebenfalls den Parkplatzverließ. Zunächst war das nichts Ungewöhnliches. Ich merkte aber bald,daß sie mir folgten. Deshalb beschloß ich, sie auf jeden Fall abzuhängen.So gut kannte ich Rostock noch, daß ich durch die Benutzung vonNebenstraßen und indem ich dreist eine Einbahnstraße in der falschenRichtung befuhr, entkam. Da die Verfolger solches von mir offensichtlichnicht erwartet hatten, fuhren sie glatt, genau wie ich gehofft hatte, in eineandere Straße. Ich sah jedenfalls nichts mehr von ihnen. In einer Seitenstraße stellte ich den Wagen ab und lief zur nächstenStraßenbahnhaltestelle. Dort stellte ich mich zwischen andere Wartendeund tat so, als ob ich mich für den Straßenbahnfahrplan und für die Wer-bung interessierte, damit ich mein Gesicht vor Blicken aus vorbeifahren-den Pkws verbergen konnte. Zum Glück traf die Bahn bereits zwei Minu-ten später ein. Drei Stationen weiter stieg ich dann schon wieder aus. Nunwar es nicht mehr weit bis zur Gartenkolonie. Ungesehen gelangte ich in den Garten. Den Schlüssel entnahm ich demmir bekannten Versteck. Als ich die Tür öffnete, schlug mir ein muffigerGeruch entgegen, der sich aus der Feuchtigkeit einer ungeheizten14
  • Laube ergab und natürlich jetzt, nach dem langen Winter, besonders intensiv war. Ich versuchte meine Augen an das Halbdunkel zu gewöh- nen. Hier hatte sich nichts verändert. Es schien alles in Ordnung zu sein. Nachdem ich mich noch einmal vergewissert hatte, daß sich niemanddem Garten näherte, begab ich mich zielgerichtet dorthin, wo ich das Ver-steck vermutete, auf das mich der Zettel des Seniors hingewiesen hatte.Ich ging in die kleine Küche, in der ein uralter eiserner Herd stand, aufdem Großmutter immer gekocht hatte. Die letzte Diele unter dem Herd,ganz hinten an der Wand, war in der Länge von etwa einem knappenMeter herausnehmbar. Dort hatte Großvater 1945 seine Pistole versteckt.Irgend jemand hatte ihn bei den Russen angezeigt. Da auf Waffenbesitzdie Todesstrafe stand, lernte ich meinen Großvater nicht mehr kennen. Ich legte mich auf die Seite und tastete mit der Hand desausgestreckten rechten Armes nach der Diele. Da der Herd ziemlich breitwar und unter ihm wenig Platz, mußte ich mich ganz an den kaltenFußboden pressen und extrem strecken. Aber es gelang mir,heranzukommen. Vorsichtig nahm ich das Brett heraus und griff in denHohlraum, der sich darunter befand. Tatsächlich - da war etwas. MeinHerz schlug mir bis zum Hals. Ich mußte den rechten Arm noch mehrstrecken. Stell dich nicht so an, sagte ich mir. Großvater und Vater habenes ja schließlich auch geschafft und die waren älter als du es jetzt bist. -Aber vielleicht war es ja leichter, etwas hineinzulegen, als etwasherauszuholen? Sicher, das mußte es sein. Ich zog den Arm zurück, stand auf, streckte mich und rieb mir meinschmerzendes rechtes Oberarmgelenk. Dann lief ich schnell in denWohnraum und spähte aus dem leicht geöffneten Türspalt in den Gartenund zum Weg. Aber draußen war alles ruhig. Es war von Vorteil für mich,daß man von der Laube aus jede sich nähernde Person bemerken konnte.Ich schloß die Tür ab und begab mich zurück in die Küche. Erneut ver-suchte ich es. Diesmal hatte ich mehr Glück. Ich bekam mit Daumen undZeigefinger etwas zu greifen und zog es heraus. Dickes braunes Packpa-pier umhüllte ein flaches Paket. Obwohl es noch nicht allzu lange dortgelegen haben konnte, war es voller Staub und Spinnweben. Ich fuhr mitder flachen Linken darüber und öffnete es sofort. Falls es mir meine Ver-folger auf dem Rückweg abjagen würden, wollte ich wenigstens wissen,worum es da eigentlich ging. Der Inhalt bestand, wie ich gleich darauffeststellen konnte, aus einem Ordner. Obenauf lag ein Blatt Papier, aufwelchem in der Schrift des Seniors geschrieben stand: "Mach was draus,Theo!" Als ich diese Worte las, war ich wieder ganz seltsam berührt. Wasda stand, das war praktisch eines Vaters letzter Auftrag an seinen Sohn,an mich. Würde ich ihn erfüllen können? Ich schlug den Ordner auf. Aufder ersten Seite befand sich folgender Text: 15
  • Ministerrat der Deutschen Demokratischen RepublikStaatssekretariat für Sicherheit im MdlGeheime Verschlußsache (GVS) SfS im Mdl Nr. 0003-211/55vom 20.05.1955Vorgang: Krausinger; Martin, Ludwig,geb. am 16.06.1903 in Rosenheim/BayernBegonnen: 20. Mai 1955 Abgeschlossen:Ich blätterte weiter. Die nächste Seite war ein maschinenschriftlichesRechercheergebnis.AktennotizSfS im Mdl Nr. 0003-211.1/55 v. 20.05.1955 Vorgang: Krausinger, Martin,Ludwig geb. 16.06.1903 in Rosenheim/BayernBlatt 1 Berlin, den 20.05.1955Laut Personalverzeichnis der Heeresversuchsanstalt Peenemünde hatbesagter K. am 24. März 1941 seine Tätigkeit in selbiger Anstalt aufge-nommen. Verzeichnet im Personalregister als Professor Dr. Martin LudwigKrausinger. Kein Hinweis auf eine SS-Zugehörigkeit. VormaligeArbeitsstelle: Universität unter den Linden, Reichshauptstadt Berlin. In denGehaltslisten letztmalig nachweisbar: Juli 1943. Taucht auch nicht auf inder Gefallenenliste des britischen Luftangriffes vom 17./18.08. 1943 aufPeenemünde. Desgleichen auch nicht als Verwundeter auszumachen. AbAugust 1943 wie vom Erdboden verschwunden. Schriebeis, Oberltn. imSfSAuf dem folgenden Blatt befand sich lediglich ein kurzer handschriftlicherVermerk:Zielperson befand sich nicht in alliierter Gefangenschaft und ist auch nichtzu finden auf Gefallenenlisten des Zweiten Weltkrieges. 02. Juni 1955Siebrecht, Major im SfS Ich war enttäuscht. Eine Akte aus 1955! Ich hatte eher angenommen,daß sich das, was Vater mir hinterlassen hatte, mit der Stasi, nicht abermit der Suche nach einem alten Nazi beschäftigen würde. Das war ja wohlSchnee von gestern. Was sollte ich daraus machen? Aber ich wollte nichtvorschnell abbrechen. Erst mußte ich mir einen Überblick über die16
  • gesamte Akte verschaffen, selbst wenn ich bis spät in die Nacht hinein imGarten bleiben müßte. Um unangenehmen Überraschungen vorzubeu-gen, schaute ich erst noch einmal nach, ob die Fensterläden wirklich dichtwaren. Dann vertiefte ich mich in das Material. Ich las einen Zei-tungsausschnitt, der säuberlich auf ein Blatt Papier geklebt worden war. Es handelte sich um einen Artikel aus dem "Wiesbadener Stadtblatt"vom August 1945.Alsoss sucht noch immerOberursel, Samstag, 18.08.1945, Bericht unseres Korrespondenten FranzSchulzObwohl der Krieg längst beendet ist, sucht die Amerikanische Militärre-gierung noch immer nach Spitzenkräften der deutschen Raketenfor-schung. Es wird vermutet, daß diese Forscher in die Vereinigten Staatenverbracht werden sollen. Etwa einhundert von ihnen sind in Oberursel, imsogenannten "Camp King" der amerikanischen Militärregierunguntergebracht und werden von Spezialisten verhört. Uns wurde bekannt,daß einige weitere führende Köpfe der deutschen Raketenforschung,darunter die Professoren Krausinger und Danzmann noch immer gesuchtwerden. Es wird vermutet, daß sie zum Troß des wahrscheinlich nachSüdamerika geflüchteten Reichsleiters Bormann gehören. Es bleibtabzuwarten, wann und wie die amerikanischen Operationen "Overcast"und "Paperclip" abgeschlossen werden. Wir berichten darüber. Im Unterschied zu den Amerikanern hatte die Stasi offensichtlich bei derSuche nach Krausinger Erfolg gehabt, wie ich auf den folgenden beidenSeiten feststellen konnte.Ministerrat der DDRMinisterium des Innern (Mdl), Staatssekretariat für SicherheitBezirksverwaltung Schwerin 27. Juni 1955Kreisdienststelle ParchimSachbearbeiter: PieperVorgangsübernahmeBetr.: Übernahme eines volkspolizeilichen Vorganges in Verantwortungdes SfSVom VPKA Parchim wurde uns mit heutigem Datum die Anzeige einesBürgers aus der Volksrepublik Polen zuständigkeitshalber übergeben. 17
  • Am Donnerstag, dem 23. Juni d.J. erschien der polnische StaatsbürgerJan Zbigniew Kalpuczky, welcher mit einer Delegation der Kommunisti-schen Partei Polens (PKP) das VEB (K) Bekleidungswerk Parchim-Beils-dorf besucht hatte, auf dem Volkspolizeikreisamt und erstattete Anzeige(s. Anlage) gegen einen Werktätigen aus dem besuchten Betrieb, in demer einen Raketenforscher der Nazis aus Peenemünde erkannt haben will.Die Ermittlungen der VP ergaben, daß ein Lagerist namens WalterLetticher, wh. in Parchim, Walter-Bleibtreu-Straße 97 gemeint war. Derpolnische Genosse hatte nach eigenen Angaben lediglich den Par-teisekretär des Betriebes erstaunt gefragt, warum denn dieser Mann nichtmehr in der Wissenschaft tätig sei. Er habe diesen Professor, wie er dieverdächtige Person nannte, in Peenemünde gesehen, als er selbst alsZwangsarbeiter dort eingesetzt gewesen sei. An den Namen konnte ersich nicht erinnern. Aber er habe ihn hundertprozentig wiedererkannt. DerGenosse Parteisekretär (einer unserer IM) habe ihn dann veranlaßt, eineAnzeige bei der Volkspolizei zu machen.Meldung an Bezirksverwaltung und an Staatssekretariat, wegen eventu-eller Nazistraftaten und wegen möglicher Übereinstimmung der PersonLetticher mit dem zur Fahndung ausgeschriebenen Krausinger, Martin,Ludwig, erfolgte bereits durch mich. Pieper, Oltn. Das zweite, als "Vertrauliche Verschlußsache" gekennzeichnete Doku-ment war ein sogenannter "Operativplan", das heißt der Plan zur Bespit-zelung dieses Krausinger. Es hatte den gleichen Dokumentenkopf wie dasvorherige Papier und wies das Datum vom 29. Juni 1955 auf.Operativer Vorgang "Nazi"1. Operativplan zum Operativen Vorgang "Nazi"Der OV "Nazi" gegen den Lageristen Letticher, Walter, geb. am16.06.1903 in Rosenheim/Bayern, wh. Parchim, Walter-Bleibtreu-Str. 97hat das Ziel, a) abzuklären, ob es sich bei dem zu Observierenden um denehemaligen SS-Führer M. L. Krausinger aus München handelt, welcheVerbindungen er pflegt, ob Kontakte, eventuell konspirativer Art, nachWestdeutschland bestehen sowie b) seine Verhaftung vorzubereiten.1.1. Einsatz Informeller MitarbeiterDer Einsatz der IM ist vorrangig darauf zu richten, den "Nazi" und seinUmfeld, sowie eventuelle Beziehungen in den westzonalen oder sonstigenimperialistischen Herrschaftsbereich aufzuklären sowie einen18
  • Grund zu finden, den "Nazi" wegen eines kriminellen Straftatbestandes(Diebstahl o. ä.) belangen zu können.1.1.1. Informeller Mitarbeiter "Fahrrad"Für den IM "Fahrrad" wird die Möglichkeit geschaffen, in den unmittel-baren Arbeitsbereich des "Nazi" zu gelangen. Seine Aufgabe wird vorallen Dingen darin bestehen, über den "Nazi" persönliche Informationenzu gewinnen, die Aufschluß über seine Person geben. Verantw. für dieInstruktion und die Führung des IM: Ltn. Drösel1.1.2. Informeller Mitarbeiter "Sigrid"Für die Mitarbeiterin "Sigrid" besteht die Möglichkeit, den "Nazi" zukontaktieren, da er Stammgast in der Stadtbibliothek ist. Ihre Aufgabebesteht darin, eine persönliche Beziehung zu ihm aufzubauen und Infor-mationen über Absichten, Ziele, Charaktereigenschaften und Schwächenzu schöpfen. Verantw. für die Instruktion und die Führung des IM: Ultn.Schmidt1.2. Koordinierung des Einsatzes der beiden IM Verantwortl.: Oltn. Pieper2. Koordinierung aller MaßnahmenKoordinierung aller Maßnahmen erfolgt durch Zentrale Ermittlergruppe"Nazistraftäter". Meldungen direkt an diese Gruppe; Durchschläge anGeneralmajor Keter, Dienststelle WVA3. Weitere operative MaßnahmenIm Moment keine.Vorlage erarbeitet: Pieper, Oberleutnant Dieser Krausinger oder Letticher war also im Zweiten Weltkrieg Rake-tenforscher gewesen. Das erklärte mir nun allerdings das große Interessealler Seiten an ihm. Was war das aber für ein Mensch? Diese Frage wurdemir durch den in der Akte befindlichen Lebenslauf beantwortet. Es han-delte sich bei dem Mann, wie ich dort lesen konnte, um einen Naturwis-senschaftler, der schon vor vielen Jahrzehnten als Forscher und Hoch-schullehrer tätig gewesen war. Aber er wäre inzwischen bereits über 90Jahre alt! Wieso bewahrten die eine Akte auf über jemanden, der entwe-der bereits nicht mehr lebte oder doch zumindest schon bald dreißig Jahrelang im Rentenalter war? - Oder sollte der auch als Ruheständler für diegearbeitet haben? Möglich wäre das schon. Aber inzwischen war er dochsicher längst nicht mehr aktiv. Oder? 19
  • Ich hatte bereits längere Zeit fast ohne Unterbrechung gelesen. Es waranstrengend bei dem Licht der kleinen Lampe, zumal ich gleichzeitigdarauf bedacht war, mein Gehör darauf zu konzentrieren, ob sich nichtdoch jemand an die Laube heranschlich. Ich blätterte weiter. Auf den fol-genden Seiten fand ich den Bericht über Krausingers Festnahme und jedeMenge Verhörprotokolle, die ich gespannt las. Plötzlich schreckte ich auf und starrte zur Tür. War da etwas? Ichsprang schnell auf. Die Akte fiel zu Boden. Nachdem ich das Lichtgelöscht hatte, tastete ich mich vorsichtig zum Fenster. Dort zog ich denVorhang zurück und spähte durch einen kleinen Spalt des außen ange-brachten Fensterladens. Draußen war es schon dämmrig. Aber es warnichts Verdächtiges festzustellen. Ich zog den Vorhang wieder zu, lausch-te an der Tür und tastete mich im Dunkeln vorsichtig zurück zur Couch.Dort knipste ich die kleine Lampe wieder an und nahm die Akte vomBoden. Überrascht hob ich einen darunter liegenden Brief auf, der aus ihrherausgefallen sein mußte. Auf dem gefalteten Briefbogen erkannte ichdie Handschrift meines Vaters. Es war ein seltsames Gefühl, das michergriff, denn praktisch erhielt ich in dem Moment eine weitere Botschaftvon einem Verstorbenen. Es dauerte sicher ein, zwei Minuten, bis ichsoweit war, daß ich den Brief lesen konnte.Lieber Theo,wir haben uns zwar über die Jahre entfernt voneinander, was ich immersehr bedauert habe, aber jetzt sind neue Zeiten angebrochen und derGrund unserer Meinungsverschiedenheiten ist beseitigt. Du bist meinSohn und Du bist Journalist. Ich glaube, daß das vorliegende Material fürDich so interessant sein wird, daß Du damit an die Öffentlichkeit gehenwirst.Vielleicht kann ich damit etwas zur Aufarbeitung der Vergangenheit bei-tragen und mache damit etwas gut von dem, was ich ja falsch gemacht zuhaben scheine.Als einer der Geschäftsführer der SHT Warenthin GmbH hatte ich voreinigen Jahren das ehemalige Dienstzimmer meines früheren Chefs, desGenerals Keter - Du kennst ihn - übernommen. Vor wenigen Monaten, alsich mein Dienstzimmer räumte, da ich in den Ruhestand ging, fand ich imuntersten Schreibtischfach, ganz nach hinten gerutscht, eine Akte, von derich glaubte, es sei eine meiner Akten. Allerdings ist es eine Akte, die derGeneral, als er das Dienstzimmer 1990 überstürzt räumen mußte,offensichtlich vergaß.Mir war der Name Krausinger, der darauf stand, unbekannt. Erst als ichden Inhalt las, bekam ich mit, daß sie einen Mitarbeiter, der mir persön-20
  • lich bekannt war, betraf. Dieser Mann hieß allerdings Dr. Letticher und warseit undenklichen Zeiten, länger jedenfalls als ich, in der WVA tätig. WennDu Dich mit der Akte beschäftigst, dann wirst Du bald merken, daß es mitund um diesen Mann herum Geheimnisse geben muß. Mir war das all dieJahre, die ich ihn kannte, nicht bewußt. Aber nun, wo ich diese Aktekenne, werden mir einige Ungereimtheiten klar. Ich habe die Aktemitgenommen. Keter schien sie nicht zu vermissen. Er arbeitete bereitsseit Jahren nicht mehr bei uns. Ich hielt sie für interessant. Inzwischenweiß ich, daß die Akte nicht lediglich interessant ist, sondern gefährlich.Ich habe nach meinem Ausscheiden aus der GmbH mehrere Anrufe er-halten, diese Akte betreffend, wo sie sei, nur ich könne sie haben und soweiter. Das hat meinen Verdacht, daß da etwas faul ist, nur noch ver-stärkt.Vor einer Woche, als ich einen Spaziergang gemacht habe, wurde ich vonzwei Männern angesprochen und bedroht - wegen der Akte! Ich habeMutter natürlich nichts davon gesagt. Sie regt sich immer gleich zu sehrauf, hat einfach Angst. Was man verstehen kann. Ich befürchte, daß dieseLeute nicht nachgeben werden, bis sie die Akte haben. Ich möchte, daßDu sie Dir ansiehst und recherchierst um möglicherweise Schlimmes zuverhindern.Eigentlich möchte ich Dir die Akte persönlich übergeben. Aber man weißja nie, was dazwischen kommt. Vorsichtshalber habe ich sie erst einmalversteckt.Dein VaterPS: Anbei einige Notizen, die meiner Kenntnis entsprechend, Dir helfenkönnen, einiges in der Akte besser zu verstehen. Ich hatte mich ziemlich gewundert, daß der Senior doch noch eineWende in seinen Ansichten vollzogen haben sollte. Ich glaube aber, eswar nicht ein Bruch mit seinen grundlegenden Überzeugungen, sondernmehr ein Bruch mit Extremisten unter seinen ehemaligen Genossen. Dieser Brief aber, der mir helfen sollte, die Akte zu verstehen, ließ be-dauerlicherweise weit mehr Fragen offen, als er beantwortet hatte. Of-fensichtlich wußte der Senior auch nichts Genaues, ahnte mehr, als erwußte. Wie sollte nun ich, der ich dieser Sache und diesen Leuten, um diees ging, doch unendlich ferner stand als er, klären, was dahinter steckte? Der Senior hatte auch Blätter mit Notizen über seine Zeit in der WVAund sein Wissen über Keter und diesen Krausinger alias Letticher beige-legt. Damit konnte ich mich aber nicht mehr befassen, denn es war spät 21
  • geworden und ich mußte mich auf den Heimweg machen. Sicher machtesich Mutter auch schon Gedanken darüber, wo ich so lange blieb. Aberwohin mit der Akte? Ich konnte sie ja nicht einfach mit zu ihr nehmen. Eswar schließlich gefährlich, sie zu besitzen. Dann hatte ich eine Idee. Sie mußte von einer Vertrauensperson aneine Adresse gesendet werden, die der anderen Seite nicht bekannt war.Schnell packte ich alles zusammen, schaute mich noch einmal um, lösch-te das Licht und schloß die Laube ab. Vorsichtig verließ ich den Garten.Es war bereits dunkel. Alles war still. Meine Verfolger schienen zu meinemGlück tatsächlich keine Ahnung von diesem Grundstück zu haben. Auf dem Weg zur Straßenbahnhaltestelle winkte ich ein Taxi und ließmich vor dem Haus meiner Tante absetzen. Es war etwa 20.00 Uhr, alsich bei ihr klingelte. Tante Traudchen freute sich über meinen Besuch.Bevor ich mich eine Stunde später von ihr verabschiedete, bat ich sie, amnächsten Tag ein Paket für mich aufzugeben. Ich schrieb ihr die Adressevon Meike, meiner Freundin, auf. Als Absender konnte sie ruhig ihreeigene Adresse angeben. Nun konnte ich einigermaßen sicher sein, daßdas Paket gut nach Kassel kommen würde. Ich rief auch gleich bei Meike an und bat sie, ein in den nächsten Tageneintreffendes Paket von einer Frau Waltraud Freudenberg ungeöffnet fürmich aufzubewahren. Mit einem Taxi gelangte ich dann zur Wohnung meiner Eltern. Ich wolltean diesem Abend natürlich auf keinen Fall zu dem in der Stadt abge-stellten Wagen, da ich befürchtete, daß er entdeckt worden war und mandort auf mich wartete. Später, als ich in Mutters Gästezimmer lag und nicht gleich einschlafenkonnte, ging mir die Geheimakte erneut durch den Kopf. Ich hatte ja daringelesen, daß dieser Krausinger erst viele Jahre nach dem Kriege von derStasi entdeckt und festgenommen worden war. Wo er sich all die Jahreaufgehalten hatte und wie es ihm gelungen war, in der DDR unerkannt zuleben, hoffte ich später noch zu lesen. Ich hatte aber auch geglaubtInformationen zu finden über General Keter, den Mann, der verantwortlichwar für die Akte und möglicherweise sogar für Vaters Tod. War er es, derihm diese Leute auf den Hals gehetzt hatte? War er es, der jetzt auchmich verfolgen und beobachten ließ? Weshalb war er nicht zurBeerdigung erschienen? Oder lebte er vielleicht auch nicht mehr? Im Gegensatz zu diesem Krausinger, der mir völlig unbekannt war,kannte ich den General persönlich von der erwähnten Geburtstagsfeier.Ich erinnerte mich an einen großen, kräftigen Mann mit militärisch kurzemHaarschnitt, einem ausdrucksvollen breiten Gesicht und einer dröhnendenStimme. Ein Mann mit durchaus charismatischer Ausstrahlung.22
  • Es mußte mir gelingen, an die Personalien Keters heranzukommen.Aber wie? Mir wurde klar, daß das, wenn überhaupt, dann nur in Berlingelingen könnte, denn die WVA unterstand zu DDR-Zeiten direkt einemder Stellvertreter des Ministers. So entschloß ich mich, auf dem Rückwegnach Kassel über Berlin zu fahren. Am nächsten Morgen erklärte ich Mutter, daß ich Vaters Erwartunggemäß etwas tun wolle: "Dieser Quader kommt mir nicht so einfachdavon!" Sie war erschrocken und versuchte mich erneut davon abzuhalten. "Dasbringt uns doch Vater auch nicht wieder und du begibst dich unnötig inGefahr", warnte sie mich eindringlich. Ich versicherte ihr, daß ich nicht als ein Robin Hood losziehen wolle,sondern das Ganze journalistisch zu lösen gedächte. Damit konnte ich sieetwas beruhigen. Sie war enttäuscht, als ich meine noch am selben Tagevorgesehene Abreise erwähnte. Ich versprach ihr aber, sie bald wieder zubesuchen, was ihr den Abschied etwas erleichterte. Nach dem Frühstückfuhr ich in die Innenstadt, wo ich den am Vorabend geparkten Wagenabholte und nach einem kurzen Besuch bei meiner Schwester wieder aufden Parkplatz vor Mutters Haus stellte. Als ich mich von meiner Schwester Bettina verabschiedete, hatte ichmeinen Schwager Bernhard angetroffen. Ich sagte ihm, daß ich verfolgtworden war. Überraschenderweise fragte er mich aber nicht etwa nachden Umständen der Verfolgung, sondern meinte sofort, kaum daß ichausgeredet hatte: "Ach, das bildest du dir doch bloß ein! - Und außerdem,wenn schon, die sind an der Akte interessiert, die sie vom Senior habenwollten. Ist doch klar. Die gehört schließlich ihnen. Ich weiß auch nicht,was sich dein Vater dabei gedacht hat!" Die letzten Worte klangenvorwurfsvoll und er hatte mißbilligend den Kopf geschüttelt. Er gab sichnicht die geringste Mühe, mich in dem Glauben zu lassen, er wisse nichtsvon einer Akte und ich staunte über die Dreistigkeit, mit der er, auf meineAntwort lauernd, fragte: "Äh, hast du vielleicht diese Akte gesehen?" Ich hatte mich aber nicht verraten und sofort Empörung geheuchelt:"Was denn nur für eine Akte? Von einer Akte weiß ich nichts. Also ehrlichich weiß überhaupt nicht, was die von mir wollen!" Bernhard harte mich mißtrauisch angesehen, aber nicht geantwortet.Dann war ich gegangen. Wieder in Mutters Wohnung, blieb mir nur nocheine halbe Stunde, bis ich endgültig gehen mußte. Mutter hatte meinenKoffer bereits gepackt, so wie in alten Zeiten, wenn ich zum Studienortfuhr. Bald war auch das Taxi da, welches mich zum Hauptbahnhof brach-te. 23
  • Ich vermutete, daß ich möglicherweise wieder beobachtet und verfolgtwerden würde. Eventuelle Verfolger wollte ich täuschen und abhängen.Pünktlich um 11.58 Uhr stieg ich deshalb in den Zug nach Hannover überLübeck, obwohl ich ja beabsichtigte, direkt nach Berlin zu fahren. Ich liefdurch zwei Waggons und verließ den Zug wieder auf der dem Bahnsteigabgewandten Seite, nachdem ich mich vergewissert hatte, daß mirniemand gefolgt war. Rasch lief ich über das Gleis zum Nachbar-bahnsteig. Dort setzte ich mich in den Personenzug nach Güstrow. Ichwußte aus dem Fahrplan, wann ich ihn wieder verlassen mußte. Durchdas Fenster sah ich den anderen Zug, den ich nur kurz betreten undschnell wieder verlassen hatte, Minuten später abfahren. Auf dem Bahnsteig, waren nur wenige, mir unverdächtig erscheinendePersonen zu sehen. Dennoch wartete ich in dem sich langsam füllendenZug. Wenige Minuten vor seiner offiziellen Abfahrzeit wechselte ich meineWendejacke schnell von gelb auf blau. Über den braunen Koffer zog icheine große gelbe Plastiktüte von Mutters letztem Bettenkauf. Schließlichsetzte ich eine Baskenmütze auf, die ich bis dahin in der Tasche gehabthatte. Derart verändert wagte ich mich auf den Bahnsteig. Da ich nochzwanzig Minuten auf den Zug nach Berlin würde warten müssen, wollteich nicht wie auf dem Präsentierteller stehen. Deshalb begab ich mich indie Herrentoilette und stellte mich samt Koffer in eine der Kabinen. Vorlauter Langeweile studierte ich die dummen, humorvollen oder perversenInschriften, die mit Bleistift, Kugelschreiber oder Messern an den Wändenvon den Vorbenutzern hinterlassen worden waren. Ein Blick auf die Uhr zeigte mir, daß ich noch zehn Minuten ausharrenmußte. Es ist ja kaum zu glauben, wie lang ein paar Minuten werden kön-nen! Plötzlich ging mir durch den Kopf: Was würden die machen, wenn diemich erwischten? Würden sie mir nur das Gepäck entreißen, glaubend,die Akte wäre darin? Oder würden sie mich zusammenschlagen -alsWarnung? Oder würden die gar so kaltblütig sein, mich ganz auszu-schalten? Könnte ich hier überhaupt Hilfe erwarten? Würde Polizei kom-men? Rechtzeitig? Ich wähnte mich in einer Falle sitzend. Ich versuchte die unangenehmenGedanken zu verdrängen, zu ignorieren. Doch sie kamen immer wieder.Aber ich mußte ausharren. Wenn sie mich wirklich verfolgten und wußtenim Moment nicht, wo ich war, so war ich hier noch am sichersten, dennwenn ich mich längere Zeit auf dem Bahnsteig aufhielte, würden sie michvielleicht erkennen. Dann war es endlich soweit. Der Zug nach Berlin würde in drei Minutenden Bahnhof verlassen. Daß er eingefahren war, hatte ich bereits über dieLautsprecheransage gehört. Ich verließ die Toilette und lief durch die24
  • Unterführung hinüber zu dem Bahnsteig, auf dem der Zug abfahrbereitstand. In normalem Tempo ging ich dann an dem Zug entlang, da ich nichtauffallen wollte. Ich bestieg den Intercity und suchte mir einen Platz ineinem leeren Sechserabteil. Ich hatte gerade mein Gepäck verstaut, dahörte ich bereits den Pfiff der Bahnsteigaufsicht und der Zug ruckte an.Wenige Minuten später war er bereits außerhalb des Bahnhofs in vollerFahrt und bewegte sich in Richtung Neubrandenburgs, seines nächstenZieles. Sicher konnte ich nicht sein, daß keine Verfolger im Zug waren.Aber ich hatte alles versucht, sie abzuhängen. Ich versuchte das Wochenmagazin zu lesen, welches ich mir schon inKassel gekauft hatte, denn ich wollte mich einmal völlig ablenken von derAkte. Aber es gelang mir nur schlecht. Immer wieder mußte ich an denInhalt dieser Akte denken. Es war mir unverständlich, weshalb meineEltern wegen dieses mir trotz der Aufschrift "Geheime Verschlußsache"nicht unbedingt brisant erscheinenden Materials unter Druck gesetztworden waren und weshalb man wahrscheinlich auch mich beobachtete. Eine Stunde später hatte der Zug Neubrandenburg erreicht. Unter denzahlreichen Menschen auf dem Bahnsteig fiel mir ein Mann besondersauf, der ein Foto in der Hand zu halten schien. Er schaute noch einmaldarauf und steckte es dann in die Manteltasche. Dann stieg er in dennächsten Waggon ein. Als der Zug sich in Bewegung gesetzt hatte, erschien der Mann wenigspäter und sah sich die männlichen Fahrgäste genau an, während er denGang entlangkam. Als er mich bemerkte, glaubte ich millisekundenlangein Erkennen in seinen Augen gesehen zu haben und einen befriedigtenGesichtsausdruck, der zu den Worten gepaßt hätte: "Hab ich dich also."Unbewegten Gesichtes ging er an meinem Platz vorbei in den nächstenWaggon. Waren es meine überreizten Nerven, oder war das tatsächlich ein Ver-folger? Ich sah den Mann später nicht wieder. Was allerdings nichtsheißen mußte. Der hatte mich vielleicht schon längst wieder an einenanderen Beschatter übergeben. Ich versuchte, nicht weiter daran zu den-ken, da mich das ziemlich verunsicherte. Als ich im Hauptbahnhof von Berlin den Zug verließ, fiel mir niemandauf, den ich als einen Verfolger eingestuft hätte. Ich war erleichtert, aberes war mir klar, daß ich nicht sicher sein konnte. 25
  • Nicht weit vom Bahnhof entfernt fand ich ein Hotel. Das Erste, was ichtat, als ich das Zimmer bezogen hatte, war ein Anruf in meiner KasselerRedaktion. Ich informierte den Chefredakteur, daß ich dringend einen Re-chercheauftrag mit Stempel und Unterschrift benötigte für eine interes-sante Geschichte, der ich auf der Spur sei. "Wie lange brauchst du dafür,Klaus? Ich möchte mir das Fax abrufen. Ich habe meine Gründe dafür."Mußte ja im Hotel nicht unbedingt bekannt werden, was ich vorhatte. Gut eineinhalb Stunden später, ich hatte inzwischen im Hotel zu Mittaggegessen und mich dann auf die Suche gemacht, fand ich eine Telefon-zelle mit Faxgerät. Mit dem Fax aus der Redaktion hielt ich nun etwasOffizielles in Händen, das mir meine Aufgabe leicht machen würde,glaubte ich. Ich machte mich sofort auf den Weg zu der Behörde, welchedie Akten der Stasi verwaltete. Bei der Anmeldung legte ich meinen Pres-seausweis vor und den Rechercheauftrag. Ich bekam ein Formular herü-bergereicht, das ich im Warteraum ausfüllte. Als ich den ausgefüllten Antrag vorlegte, sagte mir der Mitarbeiter derBehörde, daß ich in etwa drei Monaten damit rechnen könne, einen Ter-min für den Lesesaal zu bekommen. Ich dachte, ich hörte nicht richtig.Empört wies ich darauf hin, daß ich die Informationen schnellstens be-nötigte, weil wir den Bericht nicht erst nach dem Jahre 2000 senden woll-ten. Da könne er nichts machen, sagte der Mann, der die Anträge entgegen-nahm, das sei halt so und nur, wenn ich über eine Sondergenehmigungverfügte, könne ich auf einen früheren Termin hoffen, schließlich wartetenja Hunderttausende auf Einsicht in Ihre Akten und man sei ja in ersterLinie für die betroffenen Bürger da und nicht für die Medien. Verdammt, dachte ich. So schwer hatte ich es mir nicht vorgestellt. Ichverließ die Räume der Behörde und begab mich zurück zum Hotel.Unterwegs verfluchte ich die Umstände und suchte krampfhaft nach einerLösung. Das Wort "Sondergenehmigung" spukte in meinem Kopf. Wohernur nehmen? Dann fiel mir plötzlich ein, daß ich ja möglicherweise dochnoch einen Joker im Ärmel hatte. Ein Jahr zuvor hatte einAbsolvententreffen der Journalistischen Fakultät an der Leipziger Unistattgefunden. Mein Jahrgang hatte sich getroffen und dabei hatte ichauch Hansi Hecht wiedergesehen, mit dem ich zur Zeit meines Studiumsin einer Seminargruppe gewesen war und in einer Studentenbudegewohnt hatte. Hans-Joachim Hecht, der in der Redaktion des "Neuen Deutschland"sein Volontariat gemacht hatte und nach dem Studium Redakteur bei derArmeezeitung "Nationale Volksarmee" geworden war, hatte ganz großKarriere gemacht. Er war Sozialdemokrat geworden und leitete nun in26
  • Stellvertretung eine Abteilung des Presse- und Informationsamtes derLandesregierung. In meinem Hotelzimmer angekommen, suchte ich sofort seine Telefon-nummer heraus und rief ihn an. Ich hatte großes Glück, denn er war gleichselbst am Apparat. Wir verabredeten uns für den Folgetag. Hansi, recht dick geworden, wie ich still registrierte, schütteres dunkel-blondes Haar mit leicht angegrauten Schläfen, einen großen Kopf aufeinem kurzen Hals, hineingezwängt in ein etwas zu enges Sakko, das al-lerdings stoffmäßig vom Feinsten war, saß schon an einem der Tische, alsich am nächsten Tag das Restaurant betrat, in dem wir uns verabredethatten. Nach der freudigen Begrüßung, unterhielten wir uns zunächst überPrivates. Hansi fragte mich auch, ob ich eine Unterkunft hätte und ichnannte ihm das Hotel, in dem ich abgestiegen war. "Hättest sonst bei mirwohnen können", meinte er. Er war schon immer recht unkompliziert. "Vielen Dank, Hansi. Das ist sehr nett. - Übrigens bin ich nicht einfachauf der Durchreise in Berlin abgestiegen, sondern ich habe hier auchdienstlich zu tun. Ich recherchiere für einen Bericht." Hansi zeigte sich interessiert. Er war ja schließlich auch vom Fach."Worum gehts denn?" "Ich will über die Generale der Staatssicherheit schreiben, über ihreVergangenheit und was sie heute so tun." "Was, über die Stasigenerale?" Hansi riß, wie mir schien, betont über-rascht die Augen auf. "Theo! Wir haben 1995! Meinst du, daß diesesThema noch jemanden interessiert?" Er hatte zweifelnd die Augenbrauenhochgezogen, die Lippen vorgeschoben und schüttelte nun bedächtig denKopf. Hansi mußte ja nicht die ganze Wahrheit wissen. Die hatte er von mirschon zu DDR-Zeiten, als wir eine gemeinsame Studentenbude bewohn-ten, nicht immer erfahren. Ein guter Kumpel war er mir gegenüber stetsgewesen. Das mußte man ihm lassen. Aber er war im Gegensatz zu mirals Parteilosem stets auch ein eifriger Genosse. In unserer SektionJournalismus war er sogar Studentenvertreter in der Parteileitung. Icherinnere mich, wie er einmal einen Kommilitonen bei der Parteileitungwegen irgendeiner Verfehlung verpfiffen hatte und dies mir gegenüberlegitimieren wollte, indem er meinte: "Ich will ihm ja nichts Schlechtes,aber melden muß ich ihn, schon um ihm zu helfen." Mich daran erinnerndsagte ich: "Ach weißt du, mein Chefredakteur hat sich das vorgenommenund ich muß die Arbeit machen. Kennst das ja. Jetzt habe ich nun einProblem 27
  • bei der Behörde, die die Akten verwaltet. Ich soll drei Monate warten. Aberder Bericht muß in zwei Wochen bereits gesendet werden. Nur mitSondergenehmigung geht es angeblich schneller." Hansi sah mich nachdenklich an. Nach einer kurzen Pause meinte erdann aber: "Na gut, wenn Ihr das wirklich machen wollt." Er schien nunmeine Absicht zu akzeptieren und war sogar bereit, mir zu helfen. "Dahelfe ich dir. Das ist kein Problem für mich. - Interessieren dich da ganzbestimmte Generale?" Dabei betrachtete er mich, wie mir schien sehraufmerksam. Vorsicht, sagte mir, für mich überraschend, eine innere Stimme, Vor-sicht! In dieser Sache kann man keinem trauen! "Ach wo. Ich kenne dochkeinen von denen. Ist mir eigentlich egal, wessen Unterlagen die mir zei-gen. Aber ein paar brauche ich schon. Damit ich Substanz habe, für dieSendung. Du weißt schon!" Hansi schien zufrieden mit der Antwort. "Weißt du, komm einfach mit.Mein Amt ist nicht weit von hier. Mein Wagen steht vor der Tür. Ich lassedir die Genehmigung ausfertigen." Dreißig Minuten später hielt ich tatsächlich eine solche Sondergeneh-migung in Händen. Meinen Dank beantwortete Hansi: "Ja, wozu hat mandenn Freunde, Theo?" Und er setzte hinzu: "Um der guten alten Zeitenwillen!" Dabei lächelte er mir, die Aussage bestärkend, mit dem Kopfnickend zu. Noch am gleichen Nachmittag legte ich in der Behörde das neue Papierauf den Tisch. "Gut", sagte der Mitarbeiter und fügte hinzu: "In zweiWochen." Ich glaubte wiederum nicht recht gehört zu haben. Zwei Wochen? Icharbeitete mit allen Mitteln, ich bat, ich drohte, ich appellierte an die Ein-sicht, bis ich den Mann, der nun glaubte, in wenigen Tagen sei bereitsSendung über das Thema und wahrscheinlich einfach Mitleid für michempfand, dann doch so weit hatte, daß er sagte: "Gut. Kommen Sie über-morgen wieder. Ab neun Uhr liegt das Material für Sie bereit. - Eins noch:Es gab ja, wie Sie sicher wissen, eine Menge Generale bei der Stasi, wür-den Ihnen die Unterlagen von etwa zehn dieser Leute reichen? - Undhaben Sie spezielle Wünsche?" "ja, zehn reichen. Wissen Sie, welche das sind, das ist mir eigentlichegal, aber ich benötige unbedingt auch Material über den General Keter,Fritz Keter." Das war aber ein großer Fehler, wie ich später noch merkensollte. Der Mann sah mich mit einem mal mißtrauisch an. "Keter? Kenne ichnicht. Was haben Sie denn speziell mit dem vor?"28
  • Mir wurde schlagartig klar, daß ich die Auswahl der Generale praktisch der Behörde überlassen hatte und einzig Keter namentlich erwähnt hatte. Wie dumm von mir. Schnell erwiderte ich: "Ich habe den Namen mal gelesen. Ich glaube der war mehr so ein Techniker, kein operativer Gene- ral. Den brauche ich, damit die Sendung nicht so einseitig ausfällt, ver- stehen Sie?" Ich hatte den Eindruck, daß der Mann damit zufrieden war. Er notierte sich den Namen Keter und ich verließ das Gebäude. An diesem Tag nahm ich mir nichts weiter vor und begab mich zurück in das Hotel. Ich schaute mir eine TV-Sendung nach der anderen an, denn ich wollte mich gedanklich einmal überhaupt nicht mit der Akte beschäftigen. Nach dem Abendessen im Hotelrestaurant legte ich mich dann auch bald schlafen. Am nächsten Tag bummelte ich durch Berlin, denn ich hatte ja nun unfreiwillige Wartezeit. Als ich dann abends zum Hotel zurückkam und das Foyer betrat, bemerkte ich zwei Männer, die in einer Sitzgruppe gegenüber dem Empfang saßen und jeden, der das Hotel betrat, aufmerk- sam beobachteten, so auch mich. Ein Blick zum Portier zeigte mir, daß dieser gerade den beiden Männern unauffällig, wie er sicher glaubte, zunickte. Die warteten also auf mich. Da waren sie also wieder - die Verfolger. Ich ließ mir den Schlüssel geben, fragte, ob es für mich eine Nachrichtgebe oder ob jemand nach mir gefragt habe, was bezeichnenderweiseverneint wurde, und begab mich auf mein Zimmer. Sofort als ich denRaum betrat, sah ich, daß er durchwühlt worden war. Mein Koffer, dasBett, die Sachen, die im Schrank hingen, einfach alles, selbst meineBadetasche. Sie suchten nach der Akte. Das war offensichtlich. Wie konnte ich sonaiv sein, zu glauben, daß sie mir nicht mehr auf der Spur waren? Aberich hatte ja niemanden bemerkt, als ich vom Hauptbahnhof zu diesemHotel gelaufen war. Ich war mir da ziemlich sicher gewesen, daß mir nie-mand gefolgt sein konnte. Wie waren die dann aber auf meine Spur ge-kommen? Da wurde es mir schlagartig klar: Die Behörde! Ich hatte ja dortausdrücklich Keters Akte verlangt! Und dieser Name mußte eine Art Sig-nalwirkung haben! Irgend jemand dort hatte die Leute informiert, die michbeobachteten. Verdammt! Was sollte ich machen? Polizei? Nein. Dasbrächte ja auch nur Unannehmlichkeiten und würde mir nicht helfen. Ich suchte nach einer Wanze, die ich aber, falls überhaupt eine da war,ungeübt in solchen Dingen, nicht fand, und schaute mir dann, nachdemich aufgeräumt hatte, als sei nichts geschehen, einen Fernsehfilm an.Später legte ich mich angezogen auf das Bett, nicht ohne vorher einenStuhl mit der Lehne unter die Türklinke der bereits doppeltabgeschlossenen 29
  • Tür geklemmt zu haben, denn nun befürchtete ich einen nächtlichenÜberfall. Ich mußte nun mit allem rechnen. Ich hatte mir vorgenommen,nur zu ruhen, aber ich schlief ein. Aber es passierte zum Glück nichts. Am nächsten Tag stand ich um neun Uhr in der Behörde vor demSchreibtisch des für mein Anliegen Verantwortlichen. Bis zum Tor hattenmich in diskretem Abstand aber unübersehbar - sollte wohl eine Drohungsein - zwei Männer begleitet, die im Hotelfoyer bereits auf mich gewartethatten. Ich erhielt einen Platz in einem Leseraum zugewiesen und man brachtemir eine Art Teewagen voller Akten. Alles Akten von Generalen. Leiderwar aber ausgerechnet die von Keter nicht dabei, wie ich schnell feststell-te. Ich ging zur Aufsicht des Leseraumes und fragte nach der Akte Keter. "Keter harn wir nich", sagte die ältere Frau im blauen Kittel und drehtesich zur anderen Seite, Geschäftigkeit vortäuschend. "Hören Sie! Sie wollen mir doch wohl nicht etwa erzählen, Sie hätten dieUnterlagen von allen Generalen, nur von einem nicht?" Das fing ja schongut an. War diese Frau einfach zu faul nachzuschauen oder war dasAbsicht, mir diese Akte nicht geben zu wollen? "Harn wir nich", antwortete die Frau wie ein Roboter und blätterte, ohnemich eines Blickes zu würdigen weiter in irgendwelchen Unterlagen. Unddas sagte mir, daß sie gar nicht mit mir reden wollte. Die hatte einenAuftrag. Hielten die mich hier für dumm? Glaubten die, mich so leichtabwimmeln zu können? "Führen Sie mich bitte zu Ihrem Vorgesetzten." "Is nich da." Sie beachtete mich immer noch nicht und beschäftigte sichweiter mit dem Material, das sie auf einer Ablage liegen hatte. "Dann zum nächsthöheren Vorgesetzten." "Na, wenn Se det unbedingt wollen. Kommen Se." Die Frau ging ohnesichtliche Eile, den Kopf über so viel Penetranz meinerseits schüttelnd,voran und klopfte an einer Tür im nächsten Gang. "Der Bürger hier will Sesprechen", sagte sie zu dem Mann im mittleren Alter, der hinter einemSchreibtisch saß, indem sie auf mich zeigte. "Setzen Sie sich bitte", sagte der Mann, seinen Krawatten knotenfestziehend und sich von seinem Platz erhebend zu mir und wies auf denBesucherstuhl. "Was kann ich für Sie tun?" fragte er, sich dabei setzend,in freundlichem zu jeder Gefälligkeit bereit scheinendem Ton. "Ich habe eine Sondergenehmigung wegen eines journalistischen Pro-jektes über Generale des MfS. Die Unterlagen eines der Generale willman mir offensichtlich vorenthalten." "Vorenthalten?" Der Mann verzog, als könne er sich das nicht vorstellen,das Gesicht. "Wo Sie doch eine Sondergenehmigung haben, wie Sie30
  • sagen? Das glaube ich nicht. Entschuldigen Sie bitte, falls unsere Mitar-beiterin sich etwas unfreundlich verhalten haben sollte, sie ist sicherüberlastet. Der große Andrang im Haus. Sie verstehen?" Als er meinenregungslosen Gesichtsausdruck bemerkte, fragte er schnell: "Aber wes-halb sollte Ihnen gerade von einem einzigen General etwas vorenthaltenwerden? - Um wen handelt es sich denn bitte?" "Keter. General Keter." "Keter? Hm." Der Mann schien zu überlegen, brach aber schnell denoffensichtlichen Versuch ab, Keter als einen der Generale zu identifizie-ren, deren Namen ihm geläufig waren. "Wissen Sie, das MfS hatte zuletzt50 Generale gleichzeitig. Ich selbst kenne deren Namen natürlich nichtalle auswendig. - Aber ein besonders bekannter und in der Hierarchieoben angesiedelter scheint der ja nicht gewesen zu sein. - Weshalb beste-hen Sie denn eigentlich gerade auf den Unterlagen von diesem General ...wie hieß er gleich noch mal ... Peter?" "Keter". "Gut, dann eben Keter. - Wir können Ihnen jede Menge Akten geben.Warum aber gerade die von dem?" Er sah mich dabei, wie mir schien,lauernd an. Und ich glaubte trotz der freundlich gestellten Frage Tücke zuhören. "Haben Sie die Akte Keter nun für mich oder... oder muß ich erstvon journalistischen Mitteln Gebrauch machen?" Das saß. Der Mann, schlagartig bar jeden Lächelns, sah mich beleidigtan, griff nach dem Telefon und sagte nachdrücklich: "Die Akte Keter bitteauf den Arbeitstisch unseres Besuchers ... Wie war gleich Ihr Name? ...unseres Besuchers Herrn Kaiser." Er hatte aufgelegt und sah mich Dankheischend an. Vielleicht war ich ungerecht. Aber ich war wütend. Ich sagte nur: "Naalso, es geht doch. Warum dann das Theater?" Ohne Gruß verließ ich denRaum. Als ich an meinen Tisch zurückkam, wurde gerade von einer anderenMitarbeiterin der Behörde die Akte Keter gebracht. Ich machte mir Notizendaraus und zum Schein dann auch welche aus anderen Generalsakten.Da ich aber meine Zeit nicht vergeuden wollte und außerdem zu Rechtannehmen konnte, daß meine wahren Absichten längst bekannt waren,konzentrierte ich mich bald wieder auf Keters Akte. Am späten Nachmittag verließ ich mit umfangreichen Notizen dieBehörde und begab mich, gefolgt von zwei neuen unerwünschten Beglei-tern, zurück in mein Hotel. Ich hatte nicht vor, noch an diesem Tag weiter zu fahren. Ich mußte ersteinmal gedanklich verarbeiten, was ich über Keter erfahren hatte. Nach-dem ich im Hotelrestaurant zu Abend gegessen hatte, rief ich deshalb von 31
  • meinem Zimmer aus den Bahnhof an und erkundigte mich nach der gün-stigsten Zugverbindung nach Kassel für den folgenden Vormittag. Es warmir egal, ob das Telefon abgehört wurde oder nicht. Daß ich in Kasselwohnte und nach dort fahren würde, das wußten die sicher längst. Ichmußte dann nur am nächsten Tag in Kassel aufpassen, daß mir niemandfolgte, wenn ich zu Meike fahren würde, bei der sich ja inzwischen dieAkte befand. Ich las meine Aufzeichnungen noch einmal durch. Da waren Beurtei-lungen und verschiedene andere Papiere und da war der LebenslaufKeters. Ich hatte ihn mir auszugsweise abgeschrieben. Ich hatte gehofft,durch die Einsicht in Keters Akte neue Informationen über ihn zu erhalten,die mir helfen sollten, die Hintergründe besser zu verstehen. Leider wardas nicht so. Der Lebenslauf war nicht überraschend. Es war der Ent-wicklungsweg eines kommunistischen Funktionärs vom alten Schlage.Auch die Informationen über seine Tätigkeit als Chef der WVA brachtenleider nichts wesentlich Neues. Bevor ich mich auf das Bett legte, klemmte ich wieder die Lehne einesStuhles unter die Zimmertür. Ich verschloß die Fenster, und versuchtewach zu bleiben. Irgendwann in dieser Nacht schlief ich ein. Warenthin, Frühjahr/Sommer 1955. Im Dienstzimmer des Leiters der imApril 1955 gegründeten WVA Warenthin brannte auch an diesemMaiabend um 23.00 Uhr noch immer Licht. Ein kräftig gebauter Vierzigerin Uniform, mit den Schulterstücken eines Generalmajors und mitmilitärisch kurzem Haarschnitt, saß hinter einem schweren Schreibtisch.Vor ihm lagen Listen mit Namen von Wissenschaftlern und Technikernaus zivilen Bereichen der DDR, die er für die WVA gewinnen wollte. Erhatte aber außerdem vor, nach verschollenen Waffenforschern des DrittenReiches zu suchen. Er war sich ziemlich sicher, daß die Siegermächtenicht aller dieser für ihn möglicherweise interessanten Leute hattenhabhaft werden können. Mit solchen Experten, die beträchtliches Wissenund Erfahrung mitbringen würden, wollte er die Forschungsgruppenergänzen. Jetzt wandte er seine Aufmerksamkeit einer völlig anderen Liste zu. Erüberprüfte eine Aufstellung des wissenschaftlich-technischen Personalsder ehemaligen Raketenversuchsanstalt Peenemünde aus den vierzigerJahren. Neben den verschiedenen Namen waren unterschiedliche Zei-chen zu sehen. Er schaute auf ein anderes Blatt, das er vor sich liegenhatte und setzte hinter einen weiteren Namen ein Kreuz. Der Betreffendelebte also nicht mehr. Auf dem nächsten Blatt entdeckte er einen der ihninteressierenden Namen. Er nickte befriedigt und unterstrich ihn. Rechtsdaneben schrieb er ein großes "S", welches für "Suchen" stand. Der so32
  • markierte Name lautete: Prof. Dr. Martin Ludwig Krausinger. Die Fahn-dung nach Krausinger würde er am folgenden Morgen einleiten lassen. Keter griff nach der auf dem Aschenbecher vor sich hin glimmendenZigarre, lehnte sich zurück, nahm einen genießerischen Zug, betrachtetedie Glut und stieß dann den Rauch aus. Dabei dachte er an sein strategi-sches Entwicklungsziel für die Einrichtung, deren Leitung man ihm über-tragen hatte. Er wollte eines Tages eine Reihe hervorragenderwaffentechnischer Entwicklungen auf den Parteitagstisch legen "mit denbesten Empfehlungen - Generalmajor Keter". Der General riß sich von seinem Tagtraum los, in dem er sich bereitsvon der Staats- und Parteiführung beglückwünscht sah, und konzentriertesich wieder ganz auf seine Arbeit. Nun galt es, die konkreten nächstenSchritte ins Auge zu fassen. Etwa eine Stunde später drückte er, zufrieden mit sich, den Rest seinerZigarre im Ascher aus, nahm seine Uniformmütze vom Haken, löschte dasLicht und verließ den Raum. Es war genau ein Vierteljahr später, an einem sehr heißen Julitag. DieFenster von Keters Dienstzimmer in der WVA waren weit geöffnet. ZweiVentilatoren sollten die Luft im Raum erträglicher machen. Aber sieschafften es kaum. General Keter steckte sich gerade eine neue Zigarre an. An der Wand inseinem Rücken hing ein Porträt von Feliks Edmundowitsch Dzierzynski,dem Gründer der Tscheka, wie der sowjetische Geheimdienst in denersten Jahren nach der Oktoberrevolution hieß. Gegenüber dem Fensterbefanden sich die Porträts des Staatspräsidenten Wilhelm Pieck, desSED-Parteichefs Walter Ulbricht und des Ministerpräsidenten OttoGrotewohl. Keter diktierte gerade seiner Sekretärin ein Schreiben. EinKlopfen an der Tür unterbrach das Diktat. Er rief: "Herein!" Ein Offizier betrat den Raum. "Genosse General, die von Ihnengewünschte Akte." "Danke, Sie können wegtreten." Der Ordner, den Keter nun in der Hand hielt, war als "Geheime Ver-schlußsache" gekennzeichnet und enthielt den Vorgang Krausinger, derständig vom Abwehrchef der WVA aktualisiert wurde. Er öffnete denAktendeckel und las das oberste Blatt, welches das Datum 04. Juli 1955trug. Er lebt! Und sogar hier bei uns in der DDR. Ich habe es gewußt! DieAmerikaner haben ihn also nicht. - Das nenne ich Glück. Ein Lächeln veränderte seinen vorher gespannten Gesichtsausdruck.Seine Leute hatten den Gesuchten aufgespürt. Zufrieden nickte er undschlug die Asche seiner Havanna an einem schweren Messingascher ab.Dann griff er in ein Schreibtischfach, holte eine Flasche hervor und zwei 33
  • Kognakschwenker. Er nickte seiner Sekretärin gönnerhaft zu: "Sie trinkendoch auch ein Gläschen?" Parchim, 19. August 1955. Über dem Eingangstor des "VEB TextilmodeParchim-Beilsdorf (K)" hing in ehemals weißer, jetzt verstaubter Schrift aufverwittertem rotem Grund die Losung: "Der erste Fünfjahrplan wird vor-fristig erfüllt!" Die Fabriksirene heulte. Aus dem Tor des Betriebes strömtedie Belegschaft dem tristen sozialistischen Feierabend entgegen. Am Straßenrand parkte ein schwarzer BMW, Vorkriegsmodell, an demzwei junge Männer in Staubmänteln lehnten. Sie gaben sich betont lässigund beobachteten hinter ihren dunklen Brillen die Menschen, die denBetrieb verließen. Eine Hand wies aus dem rückwärtigen Fenster aufeinen Mann, der gerade aus dem Werkstor trat und eine Stimme sagte:"Das ist er. Festnehmen. - Aber unauffällig!" Als die Zielperson vor dem Wagen die Straße überqueren wollte, stelltesich ihr einer der Männer in den Weg, der andere postierte sich seitlichdaneben. "Herr Letticher?" Der so Angesprochene schien etwas über Vier-zig, war von eher schmächtiger Gestalt, aber von tadelloser Haltung, trugeine randlose Brille, einen gepflegten Vollbart und extrem kurz geschnit-tenes borstiges Haar. Er war mit einem abgetragenen, aber sauberen dun-kelblauen Anzug bekleidet. Trotz der abgeschabten Aktentasche und trotzseines eher ärmlichen Aussehens wäre einem Menschenkenner undguten Beobachter sofort aufgefallen, daß dieser Mann bereits bessereTage erlebt haben mußte. Der Angesprochene stutzte: "Ja. Was wollen Sie von mir?" Der vor ihmStehende sah ihn bedeutsam an und antwortete halblaut: "Kriminalpolizei.Wir haben ein paar Fragen an Sie. - Auf dem Revier. Steigen Sie bitteein." Der mit Letticher Angeredete reagierte ungehalten: "Wieso Revier? Wassoll das heißen?" Er versuchte an dem Mann vorbeizukommen, aber des-sen Begleiter stellte sich ihm in den Weg und sagte mit unterdrückter, aberscharfer Stimme: "Steigen Sie sofort ein, Bürger, sonst wird das sehrschwerwiegende Folgen für Sie haben!" Der so Angefahrene hielt weiteren Widerstand für zwecklos. Er setztesich auf den Rücksitz zwischen zwei dieser Leute. Der Wagen fuhr los undbog um die nächste Straßenecke. Schon bald merkte er, daß die Fahrtnicht wie behauptet zum Revier führte. Er fuhr sich durch sein stoppligesHaar. Gedanken jagten ihm durch den Kopf. Er überlegte fieberhaft, wasman wohl von ihm wolle und wie gefährlich diese Sache für ihn werdenkönnte. Ich muß jetzt stark sein, sehr stark sein, dachte er. Selbst wennsie mich brechen werden, alles darf ich verraten, nur nicht dieses einewirkliche Geheimnis, das ich seit zehn Jahren für mich bewahre.34
  • Der Wagen verließ die Stadt und fuhr in Richtung Süden. Er fuhr zügigund ohne Halt. Dennoch wurde erst nach etwa zwei Stunden das Zielerreicht. Es lag in Berlin-Lichtenberg. Die Fahrt, während der nichtgesprochen worden war, endete vor einem Gebäude, das seinen Gefäng-nischarakter nicht zu leugnen vermochte. Berlin-Lichtenberg, August 1955. Eine schmale Zelle. Einzelzelle. Einfür viele Insassen von Gefängnissen schwer zu ertragender Fall. Letticheraber registrierte diese Tatsache mit dem Gefühl der Erleichterung. Wenig-stens allein. Er wollte niemanden in seiner Nähe haben, denn er befürch-tete, daß das Spitzel sein würden. Er dachte daran, daß ihm vermutlichein solcher Spitzel erst wenige Wochen zuvor im Betrieb als Mitarbeiterzugeordnet worden war. Das war ein Mann, der ihn fast pausenlos aus-fragen wollte. Er lief, soweit der wenige Platz es zuließ, hin und her und registriertedabei die an die Wand geklappte Pritsche, auf der er würde schlafenmüssen. Auf einem dreibeinigen Holzschemel lagen zwei graue, schmut-zig aussehende Decken. Und dann war da noch ein kleiner Tisch. Und ineiner Ecke stand der Kübel für die Notdurft. Es roch unangenehm in derZelle. Hier mußte er möglicherweise für längere Zeit einsitzen? Er strich sich nervös mit der Hand durch sein Borstenhaar. Seine Schul-tern hingen kraftlos herab. Was würden die über ihn wissen? Weshalb warer hier? Bisher hatten sie auch nicht einmal andeutungsweise zu erkennengegeben, daß sie wüßten, wer er wirklich war. Er hatte sich auf denSchemel gesetzt, stand aber ganz kurze Zeit danach wieder auf und lieferneut ruhelos auf und ab. Zu sehr bewegte ihn die Ungewißheit darüber,wie groß die Gefahr für ihn war. Er kannte den Verhaftungsgrund nicht.Man hatte ihm keinen Haftbefehl vorgelegt. Er ahnte, bei welcherInstitution er sich tatsächlich in Haft befand. Er konnte also keinen Bei-stand durch einen Anwalt erwarten. All das war unüblich, wenn man ersteinmal denen von der Staatssicherheit in die Hände gefallen war. Er suchte weiter nach denkbaren Ursachen für seine Festnahme. Erhatte sich doch ganz bewußt rausgehalten, damals am 17. Juni. Es warimmer seine Devise gewesen, nicht aufzufallen. Seit 1945. Zehn Jahrelang hatte das geklappt. Was aber war jetzt? Er hatte sich doch nichtanders verhalten als all die Jahre vorher. - Oder diente diese Festnahmelediglich einer routinemäßigen Überprüfung? Hatten die sich vielleichtnach dem Volksaufstand von 1953, den sie faschistischen Putschversuchnannten, in ihrer Angst jeden Nichtkommunisten vorgenommen und nunwar auch er dran? - Aber das wären ja einfach zu viele. Er war nahedaran, den Gedanken völlig zu verwerfen. Vielleicht ist es aber doch so,aber sie 35
  • sind nach dem Zufallsprinzip vorgegangen? Und er hatte das Pech? -Sicher würden sie bald merken, daß er sich in keiner Weise beteiligt hatte.An diese Hoffnung klammerte er sich. Erleichtert beendete er sein rast-loses Hin- und Herlaufen. Dann erinnerte er sich der Zeit, als er - ebenfallswider Willen - wochenlang in einem Lager vegetieren mußte. Er fand, daßes in dieser Zelle, trotz allem, im Vergleich zu damals wesentlich bessersei. Hatte er das "Sonderlager Nr. 7" des KGB damals Fünfundvierzigüberlebt, dann würde er das jetzt erst recht überstehen. Warenthin, August 1955. Die Luft im Arbeitszimmer von GeneralmajorKeter war wie immer vom Qualm seiner dicken Havanna geschwängert.Der General besprach mit Major Sorge, seinem Stellvertreter für For-schung, die Aufstellung der Forschungskollektive. Es klopfte. Ein Uniformierter trat ein und meldete: "Genosse General,die Festnahme des Letticher ist erfolgt. Im Moment befindet er sich in derRummelsburger." Keter vernahm die Meldung sichtlich erfreut. "Danke, Genosse Ober-leutnant", antwortete er wohlgelaunt und ließ den Offizier wegtreten. Dannwandte er sich wieder seinem Gesprächspartner zu. "Diese Meldungkommt ja genau richtig. Was meinen Sie, wer uns da ins Netz gegangenist? Es ist einer der ganz Wenigen, die uns Riesenschritte voranbringenkönnen. - Die Amis haben Wernher von Braun und praktisch die meistenPeenemünder Raketenforscher. Unsere Genossen in Moskau haben bzw.hatten andere Experten auf dem Gebiet der Waffentechnik, wie Manfredvon Ardenne und Klaus Fuchs, aber auch eine Reihe anderer." Ketermachte eine bedeutungsvolle Pause und setzte dann fort: "Und wir haben- sie habens ja gerade gehört... Letticher!" Sein Gegenüber sah ihn fragend an, denn dieser Name sagte ihmnichts. Keter beugte sich etwas vor und sprach mit gesenkter Stimme, dabeiseine Rechte auf das linke Handgelenk des Majors legend: "Ich sageIhnen, Genosse Sorge, eigentlich müßten wir den Mann gleich nachMoskau weiterreichen, aber..." Keter zog seine Hand wieder zurück. Vonseiner Zigarre, die er wie immer mit der linken Hand hielt, war etwasAsche auf seinen Uniformrock gefallen. Er wischte sie mit der freien Handweg. Es schien so, als ob er kurz nachdenke, dann setzte er fort:"... wirmüssen jetzt auch einmal an uns denken. Proletarischer Internationa-lismus - schön und gut. - Aber das ist ein nationales Projekt!" Erwartungs-voll schaute er Sorge, wohl Zustimmung heischend, an. Major Sorge wußte nicht, ob diese nicht gerade sowjetfreundlicheThese, provozierend gemeint war, um ihn zu testen, oder ob sie tatsäch-36
  • lich die gefährliche Meinung des Generals darstellte. Aber selbst wenndas ehrlich war, so konnte sich ein General vielleicht solche Gedankenleisten. Ein kleiner Major jedenfalls mußte verdammt vorsichtig sein. Erreagierte nicht sofort. Dann sagte er schließlich: "Ich habe die ganze Zeitmein Hirn gemartert und versucht, den Namen Letticher einzuordnen.Aber ich muß Ihnen ehrlich gestehen, Genösse General, ich kenne einensolchen Forscher weder als Physiker oder Ingenieurwissenschaftler, nochals sonst einen für uns interessanten Naturwissenschaftler. - Nein, alsoLetticher..., Letticher? Dieser Name sagt mir gar nichts. Und Sie wissen,daß ich mich da auskenne." "Genosse Sorge, ich weiß, ich weiß." Keter legte Sorge beschwichti-gend die Hand auf den Arm. "Sie sind der Fachmann. Sie kennen natür-lich alle wichtigen Fachkollegen." Er zwinkerte Sorge verschwörerisch zu:"Letticher ist selbstverständlich nicht sein richtiger Name. Das ist nur derName unter welchem er seit dem Krieg gelebt hat. Halten Sie sich jetztfest! - Der richtige Name dieses Mannes lautet ... Martin LudwigKrausinger!" Keter schaute Sorge triumphierend und beifallheischend an. Sorge starrte seinen Vorgesetzten an und man sah, wie er im Geistenach der Person suchte, die zu dem Namen paßte. Dann machte sich einzweifelnder Ausdruck auf seinem Gesicht breit: "Krausinger? Meinen Sieetwa Professor Krausinger - den Bayern?" "Ich habe doch gewußt, daß Sie ihn kennen", bestätigte Keter. "ja, eshandelt sich um Professor Dr. Krausinger. Und er stammt ursprünglich ausBayern. Stimmt auch." Keters Gesicht spiegelte seinen Stolz über denguten Fang unübersehbar wider. "Genosse General, Sie werden es nicht glauben, aber ich kannte denProfessor vor dem Krieg sogar persönlich. Ich studierte bei ihm an derBerliner Universität. Allerdings wird er sich nicht an mich erinnern. Ich wareiner von hunderten Studenten, die seine interessanten Vorlesungenbesuchten. Er ist - zumindest aber war - in der Tat eine echte Koryphäeauf seinem Gebiet. Sie können zu recht stolz sein, daß Sie ihn gefundenhaben." "Ich sagte es Ihnen doch", erwiderte Keter und zog zufrieden an seinerZigarre. Berlin-Lichtenberg, September 1955. Keter stand vor einer großenGlasscheibe. Als der von ihm beobachtete Letticher alias Krausinger, derim Nebenraum zum wiederholten Male verhört wurde, für einen Moment inRichtung des großen Spiegels blickte, als welchen er diese Glasscheibevon seiner Seite aus wahrnahm, zuckte Keter zurück und sah den Haupt-mann fragend an, der neben ihm stand. 37
  • "Keine Sorge, Genosse General. Der Untersuchungshäftling kann unsdurch dieses Glas nicht sehen, selbst wenn er genau in diese Richtungschaut. Und er kann uns auch nicht hören." Keter nickte zufrieden. "Und wie kommen Sie voran?" "Wir haben ihn jetzt bereits seit drei Wochen in der Mangel. Er scheintverunsichert. Ich bin sicher, daß er etwas verheimlicht. Irgend etwas. Dassagt mir meine Erfahrung als Verhörleiter. Aber er ist eine harte Nuß. Undverschärfte Bedingungen sollen wir ja nicht schaffen. Einfaches Verhör, sowar die Anweisung." Der Hauptmann sah Keter fragend an: "Oder sollenwir jetzt einen Zahn zulegen?" "Nein, nein, das hat alles seine Richtigkeit. Ihr solltet ihn ja nur einbißchen weichkochen. Wir beschäftigen uns weiter mit ihm. Er wird mor-gen abgeholt. - Ich bekomme zwar die Protokolle der Verhöre, aber sagenSie mir, hat er irgend etwas Substantielles geäußert?Schuldbekenntnisse? Hat er sich in Widersprüche verstrickt?" "Widersprüche nicht. Er antwortet sehr überlegt. Entweder sagt er dieWahrheit oder, was ich eher glaube, er hat ein perfektes Lügengebäudeerrichtet. Er gibt zu, daß er 1947 zwei Anzüge - aus gutem Offizierstuchund als Reparationsleistungen gedacht für die Genossen in Moskau - inseinem Betrieb gestohlen und in Berlin auf dem Schwarzmarkt verscho-ben hat. Kleinbürgerliche kriminelle Gewinnsucht habe ich ihm vorge-worfen. Er bekennt sich zwar schuldig, verteidigt die Tat aber als aus derNot geboren. Als Kriegsfolge unterernährt, habe er dringend Fleisch undButter benötigt." Der Hauptmann blickte Keter Zustimmung heischend anund setzte empört hinzu: "Dann hätten wir ja alle klauen müssen!" AlsKeter nicht reagierte, fragte ihn der Offizier: "Wenn Sie ihn morgen abho-len lassen, dann können wir wohl das Verhör beenden?" "Ja, machen Sie Schluß. Wenn er in den letzten drei Wochen nichtwesentlich mehr erzählt hat, als das, was Sie mir gerade sagten, dannwird er auch in den nächsten Stunden kaum neue Aussagen machen.Außerdem wollen meine Leute ja auch noch etwas tun." Keter sah den Hauptmann bedeutsam an und sagte mit Nachdruck:"Also weiterhin verschärfte Beobachtung in der Zelle, rund um die Uhr. Ichwill nicht, daß der Mann in einer Kurzschlußreaktion noch dieSchnürsenkel nimmt." Er lachte kurz und trocken auf. "Die hat er zwarnicht mehr. Aber Sie wissen ja, was ich meine! Der Mann ist mir zu wich-tig. Wir brauchen ihn lebend und unversehrt!"38
  • Letticher hörte die Tür seiner Zelle quietschen. Er richtete sich auf derPritsche auf. Wie spät würde es wohl sein? Seine Uhr hatte man ihmabgenommen. In der Zelle war es vom ersten Tag seines Aufenthaltesvolle vierundzwanzig Stunden ununterbrochen hell gewesen. An derDeckenbeleuchtung konnte er sich also auch nicht orientieren. "Machen Sie sich fertig Untersuchungshäftling Letticher!" Sicher geht es wieder zum Verhör, dachte der Häftling. Bisher hatte ihmniemand Schmerzen zugefügt. Die redeten zwar mit scharfen Zungen,wurden auch beleidigend, aber seltsamerweise wurde er geschont. Wes-halb? Das mit den Anzügen schien sie ja nicht befriedigt zu haben. Den-noch hatten sie Geduld. Wenn dagegen aus den Nachbarzellen welchevom Verhör zurückgebracht wurden, dann hörte man oft Stöhnen. Er hatte sich eiligst frisch gemacht und angekleidet, da betrat der Wär-ter erneut die Zelle, um ihn zu holen. Er wurde den langen Gang mit denschweren, mehrfach verriegelten Zellentüren entlanggeführt. Er registrier-te aber, daß es diesmal nach links ging. Also nicht zum Verhör? - Würdeer etwa entlassen? Hoffnung wurde aber gleich von Skepsis verdrängt. -Nein. Die hatten doch immer wieder mit Bautzen und Waldheim gedroht!Sicher ging es jetzt in eines dieser berüchtigten Stasigefängnisse. Als erdann aber die Effektenkammer betrat, keimte erneut Hoffnung auf undwurde stärker und stärker. "Hier sind Ihre persönlichen Sachen. Überprüfen Sie!" Er nickte, die Vollständigkeit bestätigend und unterschrieb eine Quit-tung. "Bin ich frei?" Ein höhnisches Grinsen überzog das Gesicht des Wärters. "Das könnteIhnen so passen. Sie Volksfeind Sie! Man erwartet Sie bereits!" Also doch Bautzen. Letticher wurde aschgrau im Gesicht, hielt sich aberaufrecht. Er hörte, wie der Wärter sagte: "Genosse Major, ich übergebeIhnen den Untersuchungshäftling." "In Ordnung, Genosse." Letticher wurde prüfend betrachtet: "Geht esIhnen nicht gut, Herr Letticher?" "Es geht schon." Nur keine Schwäche zeigen! "Folgen Sie mir bitte" forderte ihn der ihm unbekannte Offizier auf. Mährenholz bei Berlin, Herbst 1955. Letticher sah sich um: Ein helles,freundliches Zimmer war es, in welches man ihn nach einer diesmal nichtso langen Autofahrt gebracht hatte. Es war ansprechend ausgestattet: EinBett, ein Tisch mit zwei Stühlen und sogar ein bequemer Sessel. Was fürein Unterschied zur Zelle. Und auch sehr viel besser, als er es bei sich zuHause hatte - wenn da nicht die Gitter vor den Fenstern wären. DasZimmer befand sich in einer weißen Villa aus den zwanziger Jahren, 39
  • die am Rande eines kleinen Ortes nördlich von Berlin lag. Sie stand ineinem parkähnlichen Grundstück an einem See. Während der ganzen Fahrt war kein Wort gesprochen worden. Ihn hat-ten Gedanken gequält. Einen Anzugdieb begleitet doch kein Stabsoffizier.Wenn ich nur wüßte, was sie mit mir vorhaben und was sie von mir wis-sen, hatte er gedacht. Jetzt aber begann er wieder ruhiger zu werden unddie Situation gelassener zu betrachten. Selbst wenn die irgend etwas wis-sen, sie können niemals die ganze Wahrheit kennen. Niemals. Das istabsolut unmöglich. Und sie werden sie auch niemals erfahren! Er begab sich zu dem Spiegel, der sich über dem Waschbecken befand,um sich zu betrachten. Er strich sich sein borstiges Haar zurecht und glät-tete seinen Bart. Dabei fiel ihm auf, daß der Spiegel fest in die Wand ein-gelassen war. Er würde also nie allein sein. Einen Intimbereich gab esauch hier nicht. Es klopfte. "Ihr Mittagessen." Ein junger Mann, Mitte der Zwanzig, inZivil setzte ein Tablett auf dem Tisch ab. Er staunte. Eine verführerisch duftende Rinderroulade, Rotkohl undSalzkartoffeln, Schokoladenpudding mit Vanillesauce und ein Glas Rot-wein. Das in einem Raum mit vergitterten Fenstern? Das für einen Unter-suchungshäftling? - Wollten die ihn kaufen? Die erwarteten jedenfallsmehr von ihm, als ein paar Anzugdiebgeständnisse. Das war klar. Er war gerade mit dem Essen fertig und hatte sich bequem in dem Ses-sel zurückgelehnt, da öffnete sich erneut die Tür. Er wurde in einen Raumam Ende eines Ganges gebracht. Hinter einem in der Mitte des ansonstenleeren Raumes stehenden Tisch saß ein älterer Mann in Uniform. "Setzen Sie sich bitte, Herr Letticher. Ich bin Oberstleutnant Pauser,Sonderverhörer des Staatssekretariats für Sicherheit. - Damit Sie wissen,wer Ihre Gastgeber sind und mit wem Sie es zu tun haben." Letticher setzte sich und sah den neuen Verhörer gespannt an. Derergänzte seine Vorstellung: "Ich bin zuständig für Nazistraftäter." Letticher zuckte zusammen, hatte sich aber in der Gewalt. Jetzt war esraus. Aus dieser Ecke wehte der Wind. Verdammt, das könnte ins Augegehen. - Aber erst einmal abwarten. "Herr Letticher, Sie waren Mitglied der Nazipartei und SS-Führer. Nen-nen Sie mir Ihren dienstlichen Werdegang. Und zwar so detailliert wiemöglich!" "Wie kommen Sie denn auf diese absurde Idee? Ich ein alter Nazi?" Let-ticher, der sich schnell gefaßt hatte, spielte den zu Unrecht Verdächtigten:"Ich war niemals in meinem Leben bei der SS! Gott bewahre! Mit denenhatte ich nichts zu tun! Wie kommen Sie nur auf so etwas?" Er wies aufseine linke Hüfte, wo er bei Kriegsende eine Verletzung erlitten hatte40
  • und setzte fort: "Und außerdem. Ich war mein Leben lang invalid. Deshalb war ich auch nicht Frontsoldat, sondern nur Volkssturmmann, damals Fünfundvierzig." Der Verhörer verzog keine Miene: "Also Herr Letticher, ich denke, Siehaben da nur einiges Wichtiges aus Ihrem früheren Leben verdrängt.Ginge mir ja vielleicht ebenso, wenn ich in Ihrer Lage wäre." Die letztenWorte waren in einem beinahe mitfühlenden Ton gesprochen worden. Letticher hielt dem lauernden Blick seines Gegenüber wortlos stand. Derentnahm nun einem Umschlag ein Foto. "Sehen Sie mal, Herr Letticher.Was halten Sie denn von diesem Foto?" Er legte ein etwa 7x10 cmgroßes, vergilbtes Schwarzweißfoto mit geriffelten Rändern vor ihn aufden Tisch. Letticher machte unversehens den Hals etwas lang, hob das Bild abernicht auf. Was er da sah reichte ihm schon. Auf dem Foto war eine Grup-pe von Männern zu sehen. Einen der Uniformierten erkannte er sofortwieder. Das war ein Mann in SS-Uniform mit den Rangabzeichen einesHauptsturmführers. Er war unangenehm überrascht: Verdammt! Da gabes also doch noch ein Foto von ihm aus dieser Zeit in Uniform. Woherhaben die das nur? Er hatte sich doch so gut wie nie fotografieren lassen,jedenfalls nicht in Uniform. Er hatte nie eine eigene Familie, für die sichFotos aufzuheben gelohnt hätte. - Ja und dann, 1943, da kam die An-weisung vom Reichssicherheitshauptamt an die gesamte "DienststelleForst", daß sich keiner ablichten lassen dürfe. Aus Sicherheitsgründen.Die hatten wohl irgendwie erfahren, daß die Amerikaner dabei waren,Informationen über deutsche Spitzenwissenschaftler, insbesondere übersolche, die für Waffenforschung das notwendige Wissen besaßen, zusammeln. Und sie machten sich einen Reim darauf, daß diese Forschervon amerikanischen Spezialeinheiten entweder aus Deutschland entführtoder im Reich getötet werden sollten. Zu den potentiellen Zielpersonensolcher Aktionen wurden zu recht die Angehörigen der "Dienststelle Forst"gezählt. - Aber irgendwo mußte er doch einmal fotografiert worden sein. Dann kam ihm schlagartig etwas Schreckliches zu Bewußtsein: Ob dieihn etwa mit den Konzentrationslagern in Verbindung bringen wollen? Nadann gute Nacht! Vielleicht war es doch besser, gleich klarzustellen, daßer kein SS-Mann im üblichen Sinne war, keiner von den KZ-Wach-mannschaften und auch nicht von der Waffen-SS. Schnell sagte er: "Ja. -Auf dem Foto, das ... das bin ich." Das letzte hatte er mit Mühe herausge-bracht, denn der Mund war ihm vor Aufregung trocken geworden. Zufrieden sah ihn der Verhörer an: "Ich habe ja gewußt, daß Sie das nurvergessen hatten. Sie haben sich erinnert und wir können uns nun überEinzelheiten unterhalten." Dann folgten wie aus der Pistole geschossen 41
  • Fragen auf Fragen, so daß Letticher ihnen kaum folgen konnte. "Wie warIhre NSDAP-Mitgliedsnummer, Herr Letticher? Wo waren Sie eingesetzt?Gehörten Sie zu Sonderkommandos, SS-Einsatzgruppen? Waren Sie ander Ostfront?" Der Verhörer wartete keine Antwort ab. Die glaubten wirklich, daß er Letticher hieß. Die wußten also nicht, werer wirklich war, schoß es dem so mit Fragen Überhäuften durch den Kopf.Das könnte gut sein für ihn, es würde jedenfalls die richtige Fährteverwischen. Doch er mußte bereits wenig später feststellen, daß dies garnicht so gut für ihn war. Der Verhörer sagte nämlich nun in völlig verändertem, scharfem Ton:"Herr Letticher, Sie werden seit 1945 vom Internationalen Kriegs-verbrechertribunal gesucht. Sie waren als Höherer Polizei- und SS-FührerChef einer Sondereinheit zur Partisanenbekämpfung im Bereich Torno-polsk und sind für die Erschießung von achtundvierzig sowjetischen Zivi-listen verantwortlich." Letticher war wie vor den Kopf geschlagen: Da gab es also fatalerweiseeinen SS-Führer, der Letticher hieß, anstelle dessen er nun über die Klin-ge springen sollte! Partisanen erschossen? Um Gottes Willen! Das bedeu-tet doch Auslieferung an die Russen und Todesstrafe. - Nein. Das durftenicht sein! Er hatte einen Termin. Er mußte leben! Also schnell antworten,richtigstellen, aber trotzdem nichts Wesentliches verraten! "Sie irren inIhren Annahmen. Das muß eine Verwechslung sein! Ja, ich heiße Letti-cher. Ja, ich war Hauptsturmführer. Nein, ich war niemals an der Ostfront.Ich habe niemals eine Waffe richtig gebrauchen gelernt. Ich mußte zwareine tragen, das gehörte dazu. Aber ich habe niemals einen Menschen mitmeiner Dienstwaffe erschossen. Geschweige denn, wie sagten Sie ...achtundvierzig Zivilisten? Und das auch noch an der Ostfront, wo ich niewar! Ich kann Ihnen sagen, was ich war: Ich war Sachbearbeiter imRüstungsamt beim Führungshauptamt der SS." Sein Gegenüber hatte ihn die ganze Zeit reden lassen, ohne ihn auchnur ein einziges mal zu unterbrechen. Auch sein Gesichtsausdruck warvöllig unbewegt. Letticher vermutete, daß der Verhörer darauf hoffte, daßer sich im Eifer des Gefechts versprach und das dann alles auf einem ver-steckten Tonaufzeichnungsgerät dokumentiert werden konnte. Jetzt aberreagierte sein Gegenüber wieder: "Ach, das ist ja interessant." "Also, es muß da eine Verwechslung vorliegen", sagte Letticher hastig."Es gab wahrscheinlich einen Hauptsturmführer gleichen Namens. Es istein Irrtum, wenn Sie mich für diesen Mann halten. Es muß doch Fotos vondem geben. Prüfen Sie das doch bitte!" Er hatte die letzten Worte gerade ausgesprochen, da öffnete sich dieTür. Ein kräftig gebauter Mann in Generalsuniform, von gut 1,80 m42
  • Größe, in dessen breitem Gesicht eine große fleischige Nase auffiel, etwa Mitte Vierzig, betrat den Raum. Es war General Keter. Der Verhörer erhob sich: "Genosse General, der Häftling ist geständig." Der General dankte. An den Gefangenen gewandt sagte er in ruhigemTon: "Folgen Sie mir bitte." In einem hellen Raum bot der General Letticher einen von zwei Sesselnan, die an einem kleinen Tisch standen: "Setzen Sie sich doch bitte - HerrProfessor Krausinger - Herr Standartenführer Professor Dr. Krausinger! ...Im Sitzen redet es sich besser." Im Begriff sich zu setzen, zuckte der so Angeredete im gleichenMoment zusammen: Sie wissen es! Keter registrierte dieses Zucken mit Genugtuung. Er setzte sich in denanderen Sessel, Letticher, der in Wahrheit Krausinger hieß, gegenüber. Dieser, Letticher-Krausinger, verarbeitete blitzschnell die Informationenzu der neuen Situation. Die hatten also offensichtlich von Anfang angewußt, wer er war. Deshalb diese besondere Behandlung, die maneinem Anzugdieb nicht angedeihen läßt. Und sie hatten ihn mit den Ver-hören und den Vorwürfen, für Erschießungen verantwortlich zu sein,gefügig machen wollen. - Ja, aber wofür gefügig? General Keter entnahm einem Etui, das er aus der Innentasche seinesUniformrockes hervorholte, eine dicke Havanna-Zigarre, rollte sie prüfendzwischen Daumen, Zeige- und Mittelfinger, schnitt sich das Mundstückzurecht, zündete sie an und machte genießerisch einen ersten Zug. Dannhielt er Krausinger, der das Ritual verfolgt hatte und darauf wartete, wasnun weiter passieren würde, das Zigarrenetui hin: "Bitte bedienen Siesich." "Danke. Ich rauche nicht." Keter schlug sich mit der freien Linken vor die Stirn. "Ach ja, wie konnteich das nur vergessen. Man nannte Sie ja den Spartaner1. Sie kannten jakeine weltlichen Genüsse - nur die Forschung." General Keter hatte seine Hausaufgaben in Vorbereitung auf diesesGespräch und für die ganze "Operation Krausinger" gemacht. Gutgemacht. Das heißt, nicht er. Andere hatten für ihn die Informationenzusammengetragen. Ermittler des Staatssekretariates hatten in Münchenund in Berlin, an den Stätten, an denen Krausinger überwiegend gelebtund gearbeitet hatte, recherchiert sowie Informationen aus Archivengeschöpft. Auf diese Weise war wie ein Puzzle ein Gesamtbild der Per-sönlichkeit von Martin Ludwig Krausinger in ihrer Entwicklung über dieJahrzehnte zusammengesetzt worden. Allerdings wies es noch gewisse Lücken auf. Und das ärgerte Keter. Indiesem speziellen Fall war es von besonderer Wichtigkeit, den Pro- 43
  • banden ganz genau zu kennen. Hier reichten Personaldaten und Lebens-lauf und die grobe Kenntnis über Gewohnheiten und psychische Charak-teristika nicht aus. Hier mußte man möglichst jede Einzelheit kennen. Das Gesamtbild, das Keter von Krausinger hatte, zeigte diesen alseinen Mann, der nur eines kannte - seine Forschungsarbeit. Vergnügen,Gaumenfreuden, Geld und Frauen, das waren Dinge, die ihn praktischkaum berührten. Dieser Mann war übertrieben ehrgeizig. Schon währenddes Studiums galt er unter seinen Kommilitonen als ein Genie. RichtigeFreunde hatte er offensichtlich nie. Eine Freundin wahrscheinlich auchnicht. Sicher war, daß er nie geheiratet hatte. All diese Informationen prägten das Bild eines lebensabgewandtenWissenschaftlers. Und es formte Keters Strategie ihm gegenüber. Erbrauchte ihn und er wußte, er konnte ihn nur mit zwei Dingen dazu brin-gen, für ihn zu arbeiten: mit Forschungsmöglichkeiten und mit Schutz vorBestrafung für seine Vergangenheit. "Ich will Ihnen einmal sagen, was wir alles über Sie, Herr Martin LudwigKrausinger, in Erfahrung gebracht haben. - Sie sind Jahrgang 1903."Keter betrachtete Krausinger prüfend: "Sie haben sich übrigens er-staunlich gut gehalten. Das muß Ihnen der Neid lassen. Ich selbst binzwar zehn Jahre jünger als Sie, aber ich glaube, ein Dritter würde glattmich für den Älteren von uns beiden halten." "Vielen Dank", sagte Krausinger, still in sich hineinschmunzelnd, dennnur er kannte den Grund dafür. Der General fuhr fort: "Sie wurden in Rosenheim geboren und wuchsenin München auf. Studiert haben Sie an den Technischen Hochschulen inMünchen und Berlin-Charlottenburg. Ihr Studiengebiet war die Physik. Ihrbesonderes Interesse galt der Mathematischen Physik und der Astro-physik. Sie waren Schüler der damals berühmtesten Professoren. Ihr Stu-dium schlossen Sie 1927 vorzeitig ab. Sie hatten eine exzellente Diplom-schrift zum Thema "Neutronenfluß in der Nebelkammer unter Beachtungthermionischer Effekte" abgeliefert. Bereits ein Jahr später promoviertenSie zum Thema "Mechanik, Aerodynamik, Atom". Krausinger genoß es, nach Jahren des Abtauchens in der forschungs-fremden Umgebung eines Textillagers, die Lorbeeren, die er am Anfangseiner Forscherlaufbahn errungen hatte, erwähnt zu hören. Keter zog ein Fazit: "Ja, man kann wirklich sagen, auf dem Feld derWissenschaft war das eine hervorragende und problemlose Karriere, einepositive Entwicklung ..." Krausinger erfaßte sofort die relativierende Formulierung. Worauf wollteder General wohl hinaus? Sollte es um seine politische Vergangenheitgehen? Aber es kam noch schlimmer als er erwartet hatte.44
  • Keter legte eine Pause ein, um Krausingers volle Aufmerksamkeit fürseine folgenden Worte zu erhalten. "Menschlich dagegen... ", hub er, dieWorte besonders nachdrücklich aussprechend, an und wiederholte "...menschlich dagegen haben Sie eine völlig gegensätzliche Entwicklunggenommen. - Als Sie nach einem einjährigen Intermezzo an der Techni-schen Hochschule Berlin-Charlottenburg zurück nach München kamen ..." Krausinger, bemüht, keine Erregung zu zeigen, starrte Keter in Erwar-tung von Folgenschwerem gespannt an. Keter erhob seine Stimme, umnoch nachdrücklicher als schon zuvor fortzusetzen "... wurden Sie zumMörder!" Krausinger durchfuhr es eiskalt: Das wissen sie also auch! Das wardoch so lange her: 1927! Er erinnerte sich sofort an die Situation, die erein Leben lang verdrängt hatte. Er hatte an einer politischen Veranstaltungteilgenommen. Vor dem Versammlungslokal warteten Rote, kommunisti-sche Rot-Front-Kämpfer und sozialdemokratische Reichsbannerleute. Alser mit seinen Parteifreunden das Lokal verließ, kam es zu Schlägereien.Es war schon dunkel. Er hörte die Schreie der sich Prügelnden und diePfiffe herannahender Polizisten. Sie schlugen auf ihn ein. Er blutete imGesicht. Und er hatte Angst um sein Leben. Ein SA-Mann drückte ihmeine Pistole in die Hand und lief davon. Als sie weiter auf ihn einschlugen,da sie die Waffe sahen, schoß er in seiner Panik. Dann war er davon-gerannt. Am nächsten Tag stand die Polizei vor seiner Tür. Sie nahmenihn mit. Er wurde allerdings noch am gleichen Tag wieder freigelassen. Esgab Zeugen aus den eigenen Reihen, die beeideten, daß er zur Tatzeit ananderer Stelle gewesen sei. Eine Gegenüberstellung ergab zum Glück,daß ihn kein Zeuge der Roten mit letzter Sicherheit wiedererkannte. DieWaffe hatte er unterwegs weggeworfen. Sie war nicht gefunden worden.Ein der NSDAP nahestehender Anwalt erreichte, daß das Verfahren nie-dergeschlagen wurde, mangels Beweises. Keter riß Krausinger aus seinen Gedanken: "Sie waren alter Kämpfer,haben an Ihrer Uniform den Winkel getragen. Das heißt, Sie waren vor derMachtergreifung bereits NSDAP-Mitglied. Wir wissen sogar auf den Taggenau, wann Sie eingetreten sind. Eine ziemlich niedrige Mitglieds-nummer, wie ich hier sehe." Keter blätterte in der Akte, die er vor sich liegen hatte. "1929 wurden SieDozent an der TH Charlottenburg. 1934 erhielten Sie eine Professur. Unddann, 1939 ...", Keter sah Krausinger mit dem Blick eines Allwissendenan, dem keiner etwas vormachen kann und setzte fort"... wurden SieAbteilungsleiter im Rüstungsamt der SS. - Von wegen Sachbearbeiter!" Krausingers ausdrucksloses Gesicht zeigte, daß er sich nun voll unterKontrolle hatte. Während sich bei der Erwähnung dieser Geschichte von 45
  • 1927 ein ganz unangenehmes Gefühl in ihm auszubreiten begann, dernun wahrscheinlich zu erwartenden späten Folgen wegen, war das nunganz anders. Eine Entwarnung für seine Gefühlslage hatte es mit den letz-ten Sätzen Keters gegeben, als dieser, ohne sich weiter bei dem, was erals Mord bezeichnet hatte, aufzuhalten, die Aufzählung von Details ausseinem Lebenslauf fortgesetzt hatte. Das war denen also doch nicht sowichtig, beruhigte er sich selbst. Jedenfalls schienen sie ihn nicht deswe-gen festgenommen zu haben. "Uns ist auch bekannt, daß Sie 1941 nach Peenemünde gingen, um inder dortigen Raketenversuchsanstalt des Heeres tätig zu werden. Siehaben unter General Dornberger gearbeitet und waren an verschiedenenTeilprojekten maßgeblich beteiligt. Natürlich kannten Sie alle ihre Kollegenpersönlich: Oberth, von Braun, Roth, Nebel, Gröttup, Riedel, Kunze undandere. Aber es scheint keine engere Beziehung entstanden zu sein. - Wirsind ziemlich sicher, daß keiner dort wußte, daß Sie SS-Führer waren, daSie ja in Peenemünde als ziviler Mitarbeiter arbeiteten. Uns ist auchbekannt, weshalb Sie dort waren. Ihr Reichsführer SS war 1943 zweimalin Peenemünde, mit der Absicht, es unter seine Kontrolle zu bekommen.Wir glauben, daß Sie so etwas wie einen geheimen Brückenkopf der SS inPeenemünde dargestellt haben. Es gelang Himmler allerdings nicht, dieRaketenversuchsanstalt zu übernehmen. Die Wehrmachtsführung wehrteseine Versuche entschieden ab. Deshalb war Peenemündewahrscheinlich nicht mehr von Interesse. Sie verschwanden jedenfalls vondort. Praktisch spurlos. Wir wissen leider bis heute nicht, wohin Siegegangen sind. - Was haben Sie nach Ihrer Zeit in Peenemündegemacht? Wo haben Sie sich aufgehalten?" Krausinger machte keinerlei Anstalten, auf Keters Fragen zu antworten.Sie wußten also doch nicht alles. Es schien so, daß sie seine Spuren nurbis 1943 hatten verfolgen können. Das ist gut so ... gut so, dachte er. "Sie waren Standartenführer der SS, Oberst also. Das ergaben Recher-chen im Berlin Document Center. - Hat viel Arbeit gekostet, kann ichIhnen versichern. Aber irgendwann fanden unsere Rechercheure IhrenNamen. Und daß da Standartenführer stand, das war für uns ebenfallssehr interessant, denn Sie waren ja im Rüstungsamt nur Sturmbannführergewesen. - So kamen wir darauf." Wie meinte der General das? Worauf kamen sie ...? Sollten die etwadoch etwas wissen? Krausinger wurde wieder unsicher. General Keter setzte mit zynischem Unterton fort: "Sie wären mitSicherheit nicht zu Ihrem hohen Rang gekommen, wenn Sie nicht etwas,... etwas ganz Besonderes geleistet hätten, für Führer, Volk und Vater-land, Professor Krausinger!"46
  • Keter hatte eine Pause gemacht, weil er hoffte, daß dies Krausinger ver-anlassen würde, auf seine letzte Feststellung hin Position zu beziehen. Alsder aber auch diesmal schwieg, setzte er fort: "Wir haben auch Quellenaus der Umgebung Himmlers ausgewertet. Von daher wissen wir, daß erseine Absicht, mit SS-Wunderwaffen seine Konkurrenten aus HitlersGunst zu verdrängen auch dann weiter verfolgte, als es ihm nicht gelun-gen war, Peenemünde unter seine Verfügungsgewalt zu bekommen. - Wirkönnen uns also gut vorstellen, daß Ihr Verschwinden damit zusammen-hing. Sie waren vermutlich auch wirklich nie an der Front. - Wo waren Sie,nachdem Sie Peenemünde verlassen hatten?" Krausinger sah den General noch immer wortlos an, bemüht seinemBlick stand zu halten. Keter reagierte darauf in scharfem Ton: "Wissen Sie, ich werde Ihneneinfach noch eine Reihe Informationen nennen, die wir bereits über Siehaben. Das wird Ihnen zeigen, daß wir ganz nahe dran sind und daß eskeinen Sinn hat zu mauern. Ich setzte einfach auf Ihre überragende Intel-ligenz." Keter schaute in den Ordner und hob dann wieder den Kopf:"Unsere Recherchen haben auch ergeben, daß Sie auf einer ganz beson-deren Soldliste standen. Als Dienststelle war dort lediglich angegeben SERF 222F. Wie unsere Spezialisten feststellten, bedeutet dies Sonderetatdes Reichsführers SS." Keters Stimme wurde noch lauter und schärfer: "Das gab uns natürlichzu denken, Professor Krausinger. Da ging doch bei uns ein rotes Licht an!Sie waren also an eine ganz besondere Aufgabe angesetzt worden.Anders ergebe das alles keinen Sinn. Wissen Sie: Uns sind die Strukturender SS bekannt. Ebenso die Sondergruppen, die es gab. Und auch überdie Finanzierung wissen wir Bescheid. Ein Sonderetat mit der erwähntenBezeichnung war aber bislang weder uns, noch den Faschismus-historikern der DDR oder etwa den sowjetischen Genossen bekannt."Zuletzt war Keters Stimme ziemlich leise geworden, fast so als seien ihmdie schlechten Rechercheergebnisse sehr unangenehm. Ach da sind ja Euere Lücken. Krausinger war erleichtert und kostete dieGewißheit des Informationsvorsprunges zufrieden lächelnd aus. Keter hatte den Gesichtsausdruck Krausingers nicht wahrgenommen. Erwar mit seiner Zigarre beschäftigt, die ihm ausgegangen zu sein schien.Er machte einen Zug und betrachtete die wiedererstehende Glut an derSpitze befriedigt. Dann fuhr er fort: "Ich erwarte von Ihnen, daß Sie unshelfen, unser diesbezügliches Informationsdefizit zu beseitigen." Krausinger reagierte immer noch nicht. Nun schien Keter endgültig der Geduldsfaden gerissen zu sein. Erwechselte die Taktik. Seine Stimme wurde wieder scharf: "Wissen Sie, 47
  • wenn Sie sich so absolut unkooperativ verhalten, dann können wir auchanders. Ich möchte Sie lediglich fairerweise vorher informieren. Wir kön-nen Sie dreifach festnageln: Erstens wegen des Mordes 1927. Das warein Junge von uns, den Sie damals erschossen haben. Damals inMünchen. Ein Rot-Front-Kämpfer! Dafür können Sie schon mit derTodesstrafe rechnen. Und machen Sie sich keine Illusionen, von wegenVerjährung und so." Keter hatte mit den letzten Worten die Stimmegesenkt und machte nun eine bedeutungsvolle Pause. Dann ließ er seineStimme wieder scharf werden: "Zweitens können wir Sie festnageln wegenIhrer Zugehörigkeit zur SS und wegen des hohen Ranges, den Siebekleideten. Das bringt auch ordentlich was. Sibirien für den Rest IhrerTage! Die Bleigruben von Magadan würden Ihnen gewiß nicht behagen!Und wer weiß, was noch alles ans Licht kommt, wenn wir dieUntersuchung fortsetzen. Vielleicht haben Sie sich ja doch 1943 zuPartisanenjagdverbän-den gemeldet, als Sie Peenemünde verließen - sowie dieser Letticher!" Keter legte wiederum eine Pause ein, um die Wirkung seiner Worte zubeobachten, und setzte leiser, aber mit deutlich drohendem Unterton fort:"Wissen Sie, wir könnten das so sehen, ob es da Beweise gibt oder nicht!Das wäre die zweite Todesstrafe." Wieder ließ er seine Aussage wirkenund beobachtete, wie sich Krausingers Gesicht verfärbte, während erbemüht war, Haltung zu bewahren. Völlig in dem Gefühl, erfolgreich starke Trümpfe auszuspielen, legteKeter einen weiteren hinzu: "Drittens schließlich gehörten Sie zurRüstungsforschungselite des Dritten Reiches. Sie wurden 1945 und spätervon den Amis und von unseren sowjetischen Freunden gesucht. Undgerade die Tatsache, daß Sie sich der sowjetischen Seite vorenthaltenhaben, quasi mögliche Wiedergutmachungsleistungen als Forscher in derUdSSR sabotiert haben, das werden Ihnen die Genossen dort sehr übel-nehmen! Glauben Sie mir. Ich kenne die sehr genau. Und was meinen Siedenn, wie viele Forscherkollegen von Ihnen nach 1945 drüben waren odernoch sind, in der UdSSR? Sie dagegen haben sich verweigert. Ja, Siesind untergetaucht! In einer Zeit, wo der Rüstungswettlauf vor sich geht,wo es von existentieller Bedeutung für das sozialistische Lager ist, ihn zugewinnen oder wenigstens ein Patt zu garantieren, wird jeder ForscherIhres Formats gebraucht. Sie aber haben sich Ihrer Verantwortung undPflicht zur Wiedergutmachung für Ihre Schuld entzogen! Darauf steht dieTodesstrafe! Auch jetzt, wo Generalissimus Stalin nicht mehr lebt. - Daskönnen Sie mir getrost glauben!" Krausinger war zum zweitenmal an diesem Tag blaß geworden. DieAndrohung gleich dreier Todesstrafen hatte ihn beeindruckt. Er bekamMagenschmerzen und der Kragen wurde ihm eng.48
  • Keter hatte die Wirkung seiner Worte aufmerksam beobachtet. Er warjetzt sicher, daß sein Gefangener früher oder später reden würde undauch reif sein würde für das, was er mit ihm vorhatte. "Wenn Sie heutenicht reden wollen, Professor Krausinger, bitte. Wir haben Zeit. Irgend-wann werden Sie reden. Glauben Sie mir. Irgendwann reden nämlichalle!" Keter machte eine Pause und wartete ab, ob Krausinger antwortenwürde. Als dies nicht geschah, stand er auf und sagte: "Wir sehen unswieder". Dann verließ er den Raum. Kurz danach wurde Krausinger in sein Zimmer zurückgebracht. Er ließsich auf das Bett fallen. Der Kopf brummte ihm. Die wußten zwar beiweitem nicht alles. Die könnten ihn aber zu Tode bringen, wenn sie woll-ten. Dagegen wäre er absolut machtlos. - Aber das hätten die ja auchschon tun können, ohne lange darüber zu reden. - Nein, die wollten etwasvon ihm. Der General benötigte wahrscheinlich Informationen zurRaketenforschung. Aber was wollte die DDR mit Raketen? Und die Rus-sen, die hatten doch die Reste aus Peenemünde, aus dem Stollen imHarz und anderen Produktionsstätten? - Wie sollte er sich verhalten? Klarwar, daß die kommunistische Justiz unberechenbar war. Und er wollte unddurfte schon seines fernen Termins wegen nicht für immer in einem sibi-rischen Lager verschwinden. Es gab folglich keine andere Möglichkeit. Er mußte sich kommunikati-onsbereit zeigen. Aber es galt dabei höllisch auf der Hut zu sein, damit ernicht die ganz entscheidende Sache, die keiner außer ihm kannte, offen-barte. Jetzt und vielleicht für viele Jahre mußte er in Sklavensprachereden und sich ducken. Doch eines Tages würde er über unvorstellbareMacht verfügen und diejenigen, welche jetzt die Herren waren, würden zuseinen Füßen liegen. Auch dieser General. Mit dieser Gewißheit underfüllt von einem wohligen Gefühl kommender Macht und sich darausergebender Rachemöglichkeiten, schlief er beruhigt ein. Am nächsten Morgen wurde er nach dem Frühstück erneut zum Generalgeführt. "Guten Morgen Professor, ich darf Sie doch so nennen? Ich hoffe,Sie hatten eine angenehme Nacht. Haben Sie einmal über unserGespräch von gestern nachgedacht?" Krausinger nickte stumm. Keter setzte, dieses Nicken innerlich befriedigt registrierend, fort: "AlsoProfessor, ... betrachten Sie es bitte als forscherische Hartnäckigkeit -solch ein Gefühl ist Ihnen ja nicht unbekannt - daß ich Sie erneut befrage.Wie Sie sich erinnern können, wissen wir alles, aber auch alles über Sie,bis ... ja eben bis zu dem Zeitpunkt 1943, als Sie Peenemünde verließen.Wohin gingen Sie damals? - Erzählen Sie mir aber bitte nicht, Sie wärenan die Front gegangen." 49
  • Zu seinem Erstaunen antwortete Krausinger diesmal tatsächlich: "Nein,Herr General, an die Front bin ich nicht gegangen. - Jedenfalls nichtsofort." Ein Lächeln machte sich auf Keters Gesicht breit. Er schien sichtlichzufrieden damit zu sein, daß er seinen Gefangenen mit seiner Methodeendgültig zum Reden gebracht hatte. Seine freundliche Miene verriet sei-nem Gegenüber nicht, wie sehr er auf die Antwort lauerte. Er sagte auchkein Wort. Er wartete einfach. Ich bin am Zug. Ich muß etwas sagen, dachte sein Gefangener und ant-wortete, hoffend, daß ihm der General das abnehmen würde: "Ich gingzurück in das Rüstungsamt." Der schien die Antwort zu akzeptieren, denn er fragte sofort: "Sie warendort Abteilungsleiter. Worin bestand Ihre Aufgabe?" "Ich war zuständig für die Raketenforschung." Das war nicht so sehr ge-logen, als daß es nicht hätte sein können. Genügend Wissen um dieseMaterie hatte er auch und es würde den General auf eine falsche Fährtelocken. Keter ließ sich nichts vormachen. Daß Krausinger für die Raketenfor-schung verantwortlich war, war für ihn denkbar. Aber daß er damit völligaus der Forschung ausgeschieden wäre, das paßte für ihn nicht zu demBild, das er von ihm gewonnen hatte. "Professor, Sie wollen mich dochwohl nicht glauben machen, daß man eine solche Forscherkapazität, wieSie es waren, hinter einen Schreibtisch verbannt hat, in einem Moment,wo es aus existentiellen Gründen für die Nazis auf den Durchbruch an derwaffentechnischen Forschungsfront ankam!" Keter hatte mit erhobenerStimme geredet, deutlich erregt, weil er sich von Krausinger hinters Lichtgeführt fühlte. Jetzt sprach er die Vermutung aus, die er die ganze Zeit über bereitsgehegt hatte: "Ich glaube eher, daß Sie im Mittelwerk waren." Er blickteKrausinger prüfend und auf dessen Reaktion lauernd an und ergänzte imStillen: Obwohl wir ja dafür bisher noch keine Beweise haben. Krausinger, der bei der Nennung des "Mittelwerkes", wo die V2 nachder Bombardierung Peenemündes durch die Engländer produziert wur-den, die Alarmglocken läuten hörte, beeilte sich zu entgegnen: "Nein, nein,General! Da irren Sie aber gewaltig, wenn ich so sagen darf. Ich war zweioder dreimal im Kohnstein bei Nordhausen, aber nur zur Inspektion.Ansonsten hatte ich, wie bereits erwähnt, meinen Arbeitsplatz imRüstungsamt in der Reichshauptstadt." In Wahrheit war er nie im "Mittelwerk" gewesen. Da er aber die Legendegewählt hatte, der Verantwortliche für die Raketenforschung gewesen zusein, wäre es unglaubhaft gewesen, wenn er behauptet hätte, nie eine50
  • Inspektion in der Hauptproduktionsstelle vorgenommen zu haben. Ande-rerseits war der Verdacht, im Kohnstein gewesen zu sein, gefährlich, weildort ein KZ angegliedert war und er befürchtete auf diese Weise neueMunition für seine Erschießung zu liefern. Er erkannte, daß die Geschich-te, die er sich ausgedacht hatte, um von seinem wahren Aufenthaltsortund seiner wirklichen Betätigung abzulenken, auch ihre Tücken hatte undihn durchaus aufs Glatteis führen konnte. Keter merkte, daß sein Gefangener auf seiner Geschichte beharrte undoffensichtlich irgend etwas verheimlichte. Er beschloß aber zunächst nichtdirekt nachzuhaken, sondern ihm Zeit zu lassen. "Über das Mittelwerkwissen wir praktisch alles, Professor. Allerdings, da haben Sie recht, wirfanden keinen Hinweis darauf, daß Sie dort stationiert waren. Sonst wärenSie höchstwahrscheinlich entsprechend den Operationen Paper-clip undOvercast zusammen mit den 120 anderen Peenemündern bei Garmisch-Partenkirchen festgenommen worden und heute in den USA tätig. Daswäre schade gewesen - für uns." Keter nickte Krausinger zu und sagte anerkennend: "Die Amerikanerwaren da wirklich clever. Sie erlangten durch Luftbeobachtung undGeheimdienstaktionen einen weitgehenden Überblick über die deutscheRaketenforschung. Sie hatten eine Liste der Forscher aufgestellt, die sieunbedingt in die USA bringen wollten, sobald der Krieg beendet seinwürde. - Nebenbei gesagt: Sie können davon ausgehen, daß auch IhrName auf dieser Liste verzeichnet war. - Jedenfalls haben die Amerikanerihren Plan 1945 verwirklicht. Keter faßte Krausinger fest ins Auge: "SehenSie - und Sie waren nicht dabei! Das ärgerte die Amis mit Sicherheit." Dieser General wußte eine ganze Menge. Sein wirkliches Geheimniskannte er aber zum Glück nicht. Krausinger war erleichtert. Keter erteilte ihm abschließend einen Auftrag: "Professor, ich möchteSie bitten, mir einen Bericht zu schreiben, über alle ihre Aufgaben imRüstungsamt, insbesondere die Frage der Raketenforschung betreffend.Wir sehen uns dann in einigen Tagen wieder." Dabei beobachtete erKrausinger. Aber dessen Miene blieb unbewegt. Deshalb sagte er: "Siekönnen gehen." Die letzten Worte waren wieder in freundlichem Tongesprochen worden. Krausinger erhob sich ohne Hast, nickte Keter wortlos zu und verließden Raum. Ein Bewacher begleitete ihn zurück in sein Zimmer. Dort fander einen Schreibblock, einen Füllfederhalter und ein volles, noch ver-schlossenes Tintenfaß. Er setzte sich an den Tisch, schloß die Augen und ließ in Gedanken dieletzte Begegnung mit dem General Revue passieren. Was wollte derGeneral wirklich von ihm? Wollte er ihn auspressen wie eine Zitrone und 51
  • dann den Russen als Präsent übergeben? Was sollten Berichte über dasRüstungsamt? Diese Informationen besaß die Staatssicherheit dochgarantiert seit langem? Immerhin lag der Krieg schon zehn Jahre zurück.Da waren sicher andere aus dem Amt schon Jahre vor ihm in derenHände gefallen und hatten ausgesagt. Und solche Informationen hattendoch höchstens noch Wert für historische Untersuchungen irgendwelcherNischenforscher aus dem Bereich der Sozialwissenschaften. - Vielleichtaber steckte etwas ganz anderes dahinter? Vielleicht war das alles nurBeschäftigungstherapie, um festzustellen, inwieweit er kooperationsbereitwar? Er entschloß sich, seinen eingeschlagenen Weg der Kommunikations-bereitschaft fortzusetzen. Er mußte eine Auslieferung an die Russen ver-hindern. Es war für ihn von höchster Priorität, in Deutschland zu bleiben,ansonsten würde alles umsonst gewesen sein, denn dann hätte er auchgleich Fünfundvierzig auf das Zyankaliröhrchen beißen können. Aufgrunddieser Überlegungen raffte er sich auf, schraubte die Kappe vomFüllfederhalter, blätterte den Schreibblock auf und begann zu schreiben. Wenige Tage später wurde er um die Mittagszeit in einen kleinen Klub-raum geleitet. Dort erwartete ihn bereits der General, der sich ihm erst-mals namentlich vorstellte: "Ich glaube, ich war so unhöflich, daß ich michIhnen bisher noch nicht vorgestellt habe. Keter ist mein Name. Ich binGeneral Fritz Keter." Der General öffnete sein Zigarrenetui, hielt es Krausinger entgegen,besann sich aber darauf, daß dieser ja Nichtraucher war, und entnahmihm eine Zigarre. Nachdem er das umständliche Ritual der Vorbereitungzum Rauchen beendet hatte, machte er den ersten Zug, genoß diesensichtlich, blies den Qualm an Krausinger vorbei schräg gegen die Decke,und redete dann weiter: "Professor, ich bin ehrlich erfreut darüber, daß Siesich die Mühe gemacht haben, diesen Bericht, um den ich Sie gebetenhatte, zu schreiben. - Übrigens: Ich habe mir erlaubt, für uns Zwei einEssen vorbereiten zu lassen, ein bescheidenes Menü. - Sie speisen dochmit mir?" "Ja, sehr gern", antwortete Krausinger, dem klar wurde, daß eine neuePhase seiner Behandlung begonnen hatte. "Also, ...", setzte Keter fort,"... ich habe aus Ihrem Bericht viel über dieStrukturen des Amtes entnehmen können. Dagegen fiel die Seite derRaketenforschung...", er machte eine bedauernde Handbewegung "...ziemlich bescheiden aus. Ich möchte Sie bitten, in einem Ergänzungsbe-richt darauf genauer einzugehen. Ebenso erwarte ich von Ihnen, daß Siemir eine Liste aufstellen über die Forscher aus der zweiten und drittenReihe, das heißt, die Schüler der bekannten Raketenforscher, die in der32
  • Öffentlichkeit weniger bekannt waren und den Alliierten möglicherweisenicht in die Hände gefallen sind. Schreiben Sie bitte dazu, welchen Rangdiese bekleideten, falls sie zu einer militärischen Organisation gehörthaben und wo genau sie eingesetzt waren." "Wie Sie wünschen." Nach dem gemeinsamen Essen tranken sie noch einen guten Weißweinund Keter rauchte eine Zigarre, ohne die er nicht auszukommen schien.Dann sagte der General: "So, Sie ergänzen bitte den Bericht. Ich habeebenfalls Pflichten nachzugehen. In den nächsten Tagen erlaube ich mir,Sie wieder zu einem Essen einzuladen. Ich wünsche Ihnen einen schönenTag." Damit war Krausinger entlassen. An den folgenden Tagen kam es zu weiteren Gesprächen und Krausin-ger erhielt neue Vergünstigungen für die gezeigte Kooperationsbereit-schaft. So durfte er im Garten spazieren gehen. Das tat er stets ausgiebig,bis ihn der jeweilige Bewacher, der ihn von der Terrasse aus im Augebehielt, in sein Zimmer zurückgeleitete. Seine Lage einschätzend, hielt er sich vor Augen, daß er sich im Grun-de genommen verbessert hatte. Wenn er an sein Zimmer in Parchimdachte, an den schlecht heizenden Ofen und an die spärliche Einrichtung,da hatte er doch durch diesen unfreiwilligen Wechsel letztlich einen gutenTausch gemacht. Er lebte jetzt wesentlich komfortabler. Er wurde sehr gutverpflegt und mußte für all das im Moment praktisch so gut wie nichts tun.Er galt zwar als "Spartaner", aber den enormen Unterschied, der sich inseiner Lebenslage vollzogen hatte, den nahm er schon wahr. Allerdingsvergaß er nicht, daß er ein Gefangener war. Major Dr. Sorge, Keters Stellvertreter für Forschung, 1936/37 einer derStudenten Krausingers, wußte, daß sich dieser, obwohl ein Nazi, damalsweniger um Politik, als vielmehr um Physik und Mathematik gekümmerthatte. Als Wissenschaftler war dieser Mann in seiner Aufgabe aufgegan-gen. Er hatte schon damals keine Familie gehabt und von seinen Studen-ten den gleichen grenzenlosen Einsatz, die gleiche Hintansetzung vonPrivatleben zugunsten der Forschung erwartet, wie er selbst diese prakti-zierte. Deshalb konnte sich Sorge jetzt auch nicht vorstellen, daß Krau-singer auf Dauer derart abstinent von Forschung und Laborarbeit würdeleben können. Diesen Gedanken hatte er General Keter erläutert und beide warenübereingekommen, Krausinger zunächst die Möglichkeit zu geben, sichüber den Zugang zur Fachliteratur allmählich den aktuellen Wissensstand 53
  • anzueignen und auf dem Laufenden zu halten. Deshalb versorgten sie ihnmit qualifizierter wissenschaftlicher Literatur zur Physik. Die Zeit würdeihnen in die Hände spielen. Lange würde dieser Vollblutphysiker undExperimentator nicht mehr ohne Labor und Werkstatt leben können. Damitwürde die Stunde für den Pakt gekommen sein: AusgezeichneteForschungsbedingungen und natürlich stillschweigende Rehabilitation, fürForschungsergebnisse der Spitzenklasse. Jetzt mußte man nur nochabwarten, sagten sich der General und sein Forschungsleiter. Im August hatten sie ihn vor dem Fabriktor festgenommen. Inzwischenwar es November geworden. Krausingers Verlangen nach praktischerAnwendung seiner theoretischen Studien wurde tatsächlich immer stärker.Er hatte aus den Gesprächen mit dem General und der ganzen Logik desVerhaltens ihm gegenüber den Schluß gezogen, daß er für die DDRRaketen bauen sollte. Er dachte: Besser für die DDR Raketen bauen, alsin Sibirien zu sterben. Ich muß hier bleiben, um mein großes Ziel zu errei-chen. Ich arbeite jetzt für sie, später drehe ich den Spieß um! Der General hatte sich bereits seit Wochen nicht sehen lassen. EinesTages wurde Krausinger wieder in den Raum gebracht, in dem er bereitsmehrmals mit Keter gesessen hatte. "Guten Tag Professor. Setzen Siesich bitte. Wie geht es Ihnen?" Keter war aufgestanden, als Krausingerden Raum betrat und hatte ihn zu einem Sessel geleitet. "Danke der Nachfrage. Mir geht es gut." Keter ging schnurstracks auf sein Ziel zu, Krausinger für die Mitarbeitals Forscher zu gewinnen. "Professor. Seien Sie froh, daß Sie hier in derDeutschen Demokratischen Republik leben und nicht drüben im Westen.Wir bauen den Sozialismus auf. Unserer Gesellschaftsordnung gehört dieZukunft. Sie können auf der Seite der Zukunft stehen, wenn Sie mit unsgemeinsam arbeiten. Und dazu gebe ich Ihnen die Gelegenheit." Aha, jetzt ist es soweit. Jetzt läßt er die Katze aus dem Sack. "HerrGeneral, ich weiß nicht, ob Ihrem Sozialismus die Zukunft gehört. Daskann ich nicht einschätzen. Auf jeden Fall möchte ich mich politisch nichtfestlegen." "Professor, sicher habe ich mich falsch ausgedrückt. Wir brauchen Sieals Fachmann, als Waffenforscher. Wir brauchen die Besten auf unsererSeite. Und dazu gehören Sie. Und sicher werden Sie mit der Zeit selbstmerken, daß der Sozialismus eindeutig die bessere Gesellschaftsordnungdarstellt. Zusammenarbeiten können wir doch aber bereits heute." Keterhatte geendet und sah Krausinger erwartungsvoll an.54
  • "Ihr Angebot an mich, als Fachmann mit Ihnen zusammenzuarbeitenreizt mich, denn die Forschung ist meine Berufung. Ich akzeptiere gern.Lassen Sie mich aber, wenn es irgend geht, bitte mit Ihrer Ideologie inFrieden." Krausinger wollte seine Spielräume möglichst ausweiten undbetrachtete die Gelegenheit dafür als reif. Um Gottes Willen nicht auchnoch Kommunist werden müssen, dachte er, obwohl er selbst das bereitwar hinzunehmen, falls es nicht anders gehen würde, allein um seinewirklichen geheimen Ziele nicht zu gefährden. General Keter war begeistert über Krausingers Zusage. Das war es,was er seit Monaten vorbereitet hatte. Jetzt fuhr er die Ernte ein. DieserMann in seiner Versuchsanstalt, dazu das wissenschaftlich-technischeWissen von heute und das sozialistische Forscherkollektiv - da mußtedoch etwas noch erfolgreicheres herauskommen, als Peenemünde! Under, Keter, würde seiner Partei Ergebnisse präsentieren können, die ihmeinen Platz im Zentralkomitee einbringen würden. Keter wähnte sichbereits dem Ziel seiner Träume sehr nahe. Er war zufrieden mit diesemTag. Schnell sagte er: "Professor, ich freue mich für Sie und gratuliereIhnen zu diesem wohlüberlegten Entschluß. Den werden Sie nie zubereuen brauchen. Eines Tages, sicher sehr bald, werden Sie rehabilitiertund können sich dann wieder überall frei bewegen. Sie werden sich auchfinanziell sehr gut stehen, das ist selbstverständlich. Und die Arbeit wirdIhnen Spaß machen. Ich leite eine waffentechnische Versuchsanstalt. Inden nächsten Tagen werden Sie umziehen. Dann werden Sie IhrenKollegen vorgestellt, und können bereits anfangen zu arbeiten." InGedanken setzte er jedoch hinzu: Rehabilitiert werden? Natürlich nicht.Das würde Öffentlichkeit bedeuten, die können wir uns nicht leisten. Freibewegen? Ja, hinter den Mauern der Versuchsanstalt. Anfangen zuarbeiten? Natürlich. So schnell wie es geht! Keter lächelte Krausinger aufmunternd und wohlwollend zu. "Professor,Sie werden in Warenthin hervorragend untergebracht und erhalten Ver-pflegung wie ein hoher Offizier unseres Ministeriums. Das entspricht derKategorie Schwerstarbeiter der Adolf Hennecke-Bewegung. - Was habenSie als Lagerist verdient?" Er wartete Krausingers Antwort nicht erst ab:"Jetzt werden Sie das Doppelte erhalten. Und zwar in West! Sie sollensehen, daß sich Ihr Engagement für die Arbeiter- und Bauernmacht wirk-lich lohnt. Selbstverständlich wird dieses Geld für Sie auf einem Sperr-konto aufbewahrt, bis Sie rehabilitiert sind." Er hatte weder solches Geldzur Verfügung, noch hätte er es für diesen Zweck bekommen. Krausingers Hirn arbeitete fieberhaft. Dieses Gefecht war gewonnen. Erhatte erreicht, was er wollte. Dafür nahm er auch gern die politische Agi-tation in Kauf. Und es ging in Richtung Norden, wie er gerade gehört 55
  • hatte: nach Warenthin. Das ist ja auch nicht weiter von Waldheide weg alsParchim, dachte er zufrieden. Und schon begann er gedanklich denGeneral, seinen Gefängnisoberaufseher und zukünftigen Chef in seineeigenen Pläne einzubeziehen: General, du glaubst, du bist der Sieger undhast mich umgepolt. Irrtum, du wirst der von uns beiden sein, der einesTages froh sein wird, auf der richtigen Seite stehen zu dürfen - nämlich aufmeiner! Nach Warenthin, wiederholte er den Namen des Ortes, in dem erdie nächsten Jahre leben und arbeiten würde. Warenthin ...?! Plötzlichwurde ihm klar, daß er unbedingt noch einmal nach Parchim mußte, denndort befanden sich für ihn immens wichtige Dinge. Von deren Besitz hingseine Zukunft ab. Sie würden ihm in Jahrzehnten helfen, der mächtigsteMensch der Erde zu werden. Er fragte, ja fast rief er: "Was geschieht denneigentlich mit meiner Wohnung?" "Ihre Wohnung?" Für Keter schien das die nebensächlichste Sache derWelt zu sein: "Ach Gott, die Lücke füllt sich doch schnell. - Bei der Woh-nungsnot!" Bei Krausinger dagegen löste diese Antwort eine Art Schock aus. Daskann nicht sein. Ich muß dort hin. Hoffentlich hat noch niemand meinVersteck entdeckt! Ich muß die Kapseln und das Heft haben, sonst waralles umsonst! Um Fassung bemüht sagte er: "Ich habe den Eindruck,Herr General, daß Sie mich leider nicht ganz verstehen. Ich meine meinHab und Gut. Sie müssen mir doch Gelegenheit geben, meine Sachen zupacken für den Umzug." Keter winkte einer Ordonnanz. Er ließ sich ein Telefon bringen. Dannwählte er. Dabei sah er Krausinger an. "Hier General Keter", meldete ersich. "Sagen Sie, Genosse, was ist eigentlich mit der Wohnung und denpersönlichen Sachen des Festgenommenen Letticher geschehen? Ach ja?... Da ist nichts mehr zu ... ? Versuchen Sie doch ... Nein? - Gut, da kannman nichts mehr machen." Er legte den Hörer auf, und sagte mit einerGeste des Bedauerns: "Ja, also Professor: Ihre Bücher, Kleidung undanderen persönlichen Dinge sind sichergestellt worden. Die können wirabholen lassen. Ihre Zimmer aber sind von der Kommunalen Wohnungs-verwaltung bereits möbliert vermietet worden an Bürger, die auf derWarteliste standen. Tut mir wirklich ausgesprochen leid für Sie." Krausinger starrte Keter an. Das soeben Gehörte brachte ihn fast umseinen Verstand, denn seine Zukunftsvisionen waren dabei, in Scherbenzu zerfallen. Jetzt war jegliche Taktik, jegliches Verstellen seinem Gefäng-nisdirektor gegenüber zweitrangig geworden. Er schrie Keter förmlich an:"Was denn? Sie können mir doch nicht einfach hinter meinem Rücken dieWohnung wegnehmen und meine Möbel irgendwelchen wildfremdenLeuten geben! Was ist denn das für eine Art? Das ist doch,... Straßen-räubermentalität!" 56
  • Jetzt schlug Keter mit der flachen Hand auf den Tisch und sagte inscharfem Ton: "Also, Professor. Die Möbel gehörten doch Ihrer Wirtin, dieverstorben ist, ohne Erben, ohne Testament! Das fällt alles dem Staat zu.Da haben Sie überhaupt keinen Anspruch darauf. Und außerdem denkendoch die Genossen in Parchim, daß der SS-Hauptsturmführer Letticher,der Partisanenmörder, längst im Gefängnis von Leipzig dem Scharfrichterübergeben wurde!" Krausinger wurde der Kragen eng, er fuhr sich mit dem Zeigefinger zwi-schen obersten Hemdenknopf und Hals. Ihm wurde schlagartig klar, daßdas ins Auge hätte gehen können. Verdammt ich muß vorsichtiger sein.Ich muß es anders versuchen. Vielleicht auf die sentimentale Art? Deshalbsagte er: "Herr General, ich muß mich bei Ihnen entschuldigen. Ich weißauch nicht, wieso ich mich so echauffiert habe. Aber Sie müssenverstehen, ich habe nach dem Krieg bei der alten Frau Weber ein Obdachgefunden und zehn Jahre meines Lebens, auch nach dem Tod meinerWirtin, in dieser Wohnung gelebt. Sie ist mir zu meiner zweiten Heimatgeworden. Gestatten Sie mir bitte, an Ort und Stelle Abschied zu nehmenvon einem ganzen Lebensabschnitt. Ich wäre Ihnen wirklich ganz außer-ordentlich verbunden, wenn Sie mir dies genehmigen würden." Keter überlegte. Was will der dort? Sucht er eine Gelegenheit zurFlucht? - Ach, ist vielleicht doch nur ein bißchen sentimental. Will sich vonder Wohnung verabschieden. Na, soll er. Aber vorsichtig sein müssen wir.Solch einen Gefühlsausbruch wie eben kannte ich bisher nicht von demMann. Vielleicht kenne ich ihn wirklich noch nicht genügend. Ich muß ihnnoch schärfer überwachen lassen. - Nun gut, er soll die Gelegenheitbekommen, nach Parchim zu fahren. Es darf dort aber keinermitbekommen, daß es ihn noch gibt. Wir haben ja das Gerücht verbreitet,er sei republikflüchtig geworden. Laut sagte er: "Gut, ich werde sehen,was sich machen läßt. Natürlich werden Sie von unseren Genossenbegleitet. Es muß gewährleistet sein, daß niemand in der Wohnung ist unddaß niemand Sie sieht in Parchim. - Aber ich denke, das läßt sichorganisieren." Als Krausinger erleichtert antwortete: "Danke, Herr General", ergänzteKeter seine Worte: "Allerdings wird es nicht so schnell gehen. Ich denke,Sie werden von Warenthin aus ebensogut einmal nach Parchim gebrachtwerden können. "Warenthin, November 1955. Drei Tage später war Krausinger inWarenthin, seiner neuen Heimat für Jahrzehnte, angekommen. Der Kom-plex, ein riesiges Areal von etwa 500 mal 800 Metern Fläche war auf derFrontseite zur Straße von einer hohen Mauer abgeschirmt. Drei vierge- 57
  • schossige Bürogebäude, eine große Villa, mehrere Holzbaracken, zweigroße Wellblechhallen, ein Heizhaus und ein Garagenkomplex befandensich auf dem Gelände, als Krausinger Ende des Jahres 1955 dort eintraf.Wie er in den dann folgenden Tagen mitbekam, befanden sich in zweiGebäuden Büro- und Arbeitsräume, Beratungsräume und eine ganzeReihe von Labors und Werkstätten. Ein weiteres Gebäude beherbergtedie Sozial- und Kultureinrichtungen sowie die Versammlungs- und Schu-lungsräume. In einem der Häuser befanden sich die Dienstwohnungen. Indiesem Gebäude erhielt auch Krausinger eine kleine, gut ausgestatteteWohnung. Gleich am Nachmittag des Tages war er Leitungsoffizieren und zukünf-tigen Kollegen vorgestellt worden. Anwesend waren außer Keter und ihmder Oberst Pachulke, ein alter Berliner, der damals Keters Stellvertretergewesen war, Major Dr. Sorge, der Stellvertreter für Forschung, der Balli-stiker Dr. Köhler, der Physiker Dr. Baumgart und der FlugzeugingenieurDetlef Schultze, der auch im damals noch existierenden zivilen DDR-Flugzeugbau als leitender Entwicklungsingenieur eine Rolle gespielt hatte. Keter hatte Krausinger als Dr. Letticher vorgestellt. Er hatte ihn vorherunter vier Augen darüber informiert, daß er diesen Offizieren erklärt habe,daß es sich bei ihm um einen ehemaligen Waffenforscher der Wehrmachthandele, der sich aus eigenem Entschluß angesichts der militaristischenWiederaufrüstung in Westdeutschland in den Dienst der Arbeiter- undBauernmacht gestellt habe. Seine Mitarbeit müsse streng geheim bleiben,damit der imperialistische Klassengegner diese Tatsache nicht für seinenschändlichen antikommunistischen Propagandafeldzug gegen die DDRausnutzen könne. Er habe auch festgelegt, daß niemand der Anwesendenihn jemals auf seine Vergangenheit hin ansprechen dürfe. Er brauche alsodiesbezüglich keine Komplikationen zu befürchten und von selbst solle erzweckmäßigerweise ebenfalls dieses Thema nicht anschneiden. An dieser Stelle sei erwähnt, daß einer der Anwesenden, der Haupt-mann Dr. Köhler, bereits ein Jahr später die Fronten wechselte und in derBRD über die WVA berichtete. Es ist nicht bekannt, was er ausgesagt hat.Bekannt ist aber, daß in den nachrichtendienstlichen Kreisen der Bundes-republik lange Zeit gerätselt wurde, wer Dr. Letticher wirklich sei. Seinewahre Identität allerdings wurde im Westen niemals bekannt. Krausinger war bereits seit zwei Wochen in Warenthin, als Keter ihmmitteilte, daß er am folgenden Tag nach Parchim gefahren werde, umnoch einmal seine alte Wohnung zu sehen. Als er dies hörte, mußte ersich zur Ruhe zwingen, damit Keter nicht seine innere Erregung mitbe-kam. Von da an konnte er keinen anderen Gedanken mehr fassen, alsden58
  • an diese Fahrt. Wie würde er die Wohnung vorfinden? Würde alles nochan seinem Ort sein? War das Versteck unentdeckt geblieben? All dieseGedanken hatten ihn auch schon seit Keters Information, daß die Woh-nung vermietet sei, kaum noch schlafen lassen. Er hatte sich die vergan-genen vierzehn Tage zwingen müssen, Keter nicht weiter zu drängen, umihn nicht noch mißtrauischer zu machen. Er hatte den Eindruck gewon-nen, daß er intensiver beobachtet wurde, seit er sich dem General gegen-über wegen der Wohnung so sehr erregt gezeigt hatte. Am nächsten Morgen war es dann so weit. Pünktlich um acht Uhr standein Wagen vor dem Gebäude. Er stieg ein und setzte sich auf die Rück-bank. Außer dem Fahrer saß nur Hauptmann Weise, der damaligeAbwehrchef der WVA, im Wagen. Seine Begleiter trugen wie er Zivil. Derdicke, leicht asthmatische Weise zündete sich während der Fahrt eineZigarette an der anderen an. Die Luft wurde immer stickiger. Der Wagen fuhr zügig seinem Ziel entgegen. Aber Krausinger kam esviel zu langsam vor. Er schaute nach draußen auf die Landschaft, doch erwar mit seinen Gedanken woanders. Hoffentlich haben die neuen Mieternoch nicht die Schränke von den Wänden gerückt und renoviert, dachteer. Würde er seine Begleiter ablenken können, um das in der WohnungVersteckte unbemerkt an sich nehmen zu können? In Parchim hupte der Fahrer dreimal vor dem Tor einer Villa. Ein Zivilistließ den Wagen auf den Hof fahren. Weise, der sich in das Haus begebenhatte, erschien nach wenigen Minuten in Begleitung zweier Männer. Erstieg wieder ein. Die beiden Mitarbeiter der Kreisdienststelle, auch in Zivil,setzten sich in einen IFA F9 und fuhren voraus. Krausinger registrierte,daß es nun vier Mann waren, mit denen er es zu tun hatte. Es würde nichtleicht sein, sie alle abzulenken. Nachdem sie einige Straßen hinter sich gelassen hatten, kannte er sichwieder aus. Beide Fahrzeuge bogen in die nächste Straße rechts ein undhielten am Straßenrand, direkt vor dem Haus, in dem er viele Jahre langgewohnt hatte. Hier hatte sich nichts verändert. Hoffentlich war das obenin der Wohnung auch noch so. Während die Männer aus dem IFA sich erst auf der Straße umsahenund dann das Haus betraten, rührte sich in dem Wagen aus Warenthinnichts. Weise sagte über die Schulter hinweg: "Wir warten." Dabei reichteer Krausinger ein "Neues Deutschland", die großformatige Parteizeitungder SED, und forderte ihn auf: "Schlagen Sie bitte die Zeitung auf.Schauen Sie hinein. Es darf Sie hier niemand erkennen!" Krausinger tat, wie angeordnet, spähte aber über den oberen Zeitungs-rand zum Hauseingang hinüber. Er sah, wie einer der beiden Begleiteraus dem Hauseingang trat und Weise ein Zeichen gab. 59
  • "Kommen Sie. Wir gehen jetzt hinein", sagte Weise. Krausinger stieg aus dem Wagen, betrat das Haus und ging vor Weise,der ihm langsamer und ächzend die Treppe hinauf folgte zu seiner ehe-maligen Wohnung. Sie lag in der ersten Etage. Dort stand der zweite Par-chimer Stasimann und erwartete sie bereits. Weise sagte, ziemlich außerAtem, zu diesem: "Sie bleiben hier an der Tür." Krausinger registrierte das mit Zufriedenheit. Er würde es also nur mitdem langsamen Weise zu tun haben. Sie betraten die Wohnung. Erschaute sich im Flur um. Im Grunde genommen war alles so, wie er esimmer angetroffen hatte, wenn er aus der Textilfabrik nach Feierabendnach Hause gekommen war. Jetzt galt es zu vermeiden, daß bei Weiseirgend ein Verdacht entstand. Er betrat das Wohnzimmer. Erleichtert stell-te er fest, daß sich alles in einem unveränderten Zustand befand. AlleMöbel standen noch an der gleichen Stelle. Und es war auch nicht frischtapeziert oder gestrichen worden. Er setzte sich auf das alte Sofa undschaute sich um. Wie fremd ihm doch dieses Zimmer auf einmal war, trotzder Jahre, die er es bewohnt hatte. Dabei war es doch nur wenige Monateher, seit er das letzte mal in dieser Wohnung war. Weise, der sich denSchweiß mit einem großen blaukarierten Taschentuch von der Stirnwischte, befand sich ebenfalls im Zimmer. Offensichtlich wollte er ihmnicht von der Seite weichen. Krausinger erhob sich und ging an Weise vorbei über den Flur in dasSchlafzimmer. Er staunte darüber, daß die neuen Mieter sogar noch einKinderbett in dieses kleine Zimmer hineinbekommen hatten. Sich zur Türdrehend bemerkte er Weises lauernden Blick. Wütend fuhr er ihn an: "Las-sen Sie mich doch bitte einmal für fünf Minuten allein. Es reicht doch wohl,wenn Sie vor der Tür stehen und aufpassen, daß ich Ihnen nichtdavonlaufe!" Weise, Keters Weisung in den Ohren, Krausinger keine Sekunde ausden Augen zu lassen, antwortete völlig verdattert: "Da ... das sehen ...sehen Sie völlig falsch. Ich bin zu Ihrem Schutz ..." Er brach ab und begabsich zurück in den Wohnungsflur. Krausinger ging an ihm vorbei, betrat die Küche und schloß die Tür hin-ter sich. Er schaute sich kurz um: Gott sei Dank! Auch hier alles beimAlten. Ein Blick zur Küchentür und konzentriertes Lauschen sagte ihm,daß er handeln konnte. Er bückte sich und griff unter den Küchenschrank.Seine Nerven waren zum Zerreißen gespannt. Was, wenn der Umschlagnicht mehr da ist? Nicht auszudenken! Doch in dem Moment berührtenseine Finger das von ihm seit langem dort Versteckte. Blitzschnell riß erden zwischen Zimmerwand und der Rückseite des Schrankes befestigtenUmschlag los und zog ihn hervor. Hoffentlich ist auch noch alles drin.60
  • Schnell machte er ihn auf, griff hinein, stellte fest, daß sich das Heft undder Brustbeutel noch darin befanden. Er zog die Blechdose heraus undöffnet ganz kurz den Deckel. Erleichtert stellte er fest, daß sich die unvor-stellbar wertvollen Kapseln noch immer darin befanden. Eilig öffnete erdas Hemd, hängte sich den Brustbeutel mit der kleinen Blechdose um denHals und verschloß den Kragen. Den Umschlag mit dem Heft steckte ersich unter dem Jackett in den Hosenbund. In dem Moment klopfte es ander Tür. "Ja, was ist denn?" rief er. "Wir haben nicht mehr viel Zeit." Weise durfte auf keinen Fall den Triumph in seinen Augen sehen. Es fielihm nicht leicht, aber er zwang sich dazu, ein gleichgültiges Gesicht zuzeigen, als er die Tür öffnete und an Weise vorüberging: "Ich bin fertig.Wir können gehen." Sie betraten das Treppenhaus. Der Stasimann aus Parchim verschloßdie Tür der Wohnung. Sie stiegen die Treppe hinunter und verließen dasHaus. Weise sprach noch kurz mit ihren Parchimer Begleitern, währendKrausinger bereits auf dem Rücksitz des Wagens Platz nahm. Dannsetzte sich Weise neben den Fahrer und wies an: "Fahren wir." Krausinger dachte erleichtert: Nun kann ich die Zeit in Warenthin getrostabsitzen. Ob als Gefangener oder als freier Mann, das ist dabei völligunerheblich. Ich habe die Mittel für meine zukünftige Macht bei mir. Erblickte zufrieden aus dem Wagen. Und allmählich begann sich einungeheures Gefühl von Allmacht in ihm auszubreiten, so daß er sichzwingen mußte, sich auf seine gegenwärtige Lage zurückzubesinnen. Am nächsten Morgen fragte ihn Keter: "Na, Sie haben gefunden, wasSie gesucht haben?" Krausinger hörte Alarmglocken läuten. Hatte Weise etwa etwas mitbe-kommen und es dem General gemeldet? Ruhig bleiben! Aber jetzt schnellantworten. "Danke der Nachfrage. Ich fand eigentlich alles so vor, wie iches in meiner Erinnerung bewahrt hatte. Lassen Sie mich Ihnen nocheinmal danken für diese Möglichkeit, Herr General. Das war wirklichaußerordentlich entgegenkommend!" Er beobachtete genau jede Regungim Gesicht Keters und versuchte, jede verdächtige Schwingung im Tonseiner Stimme zu erfassen, als dieser ihm antwortete. "Aber das war doch selbstverständlich, Professor. Es war doch IhrWunsch. Nichts soll die, wie ich erwarte, gedeihliche Zusammenarbeitzwischen uns trüben." Krausinger konnte nichts feststellen, was ihm ein Hinweis darauf gewe-sen wäre, daß Keter irgend etwas wüßte. Die Stimme des Generals klangkeineswegs ironisch und was er gesagt hatte, zeigte ebenfalls, daß erkeine Ahnung davon hatte, daß da etwas von ungeheurem Wert aus die-ser Wohnung geholt worden war. 61
  • Warenthin, Juni 1957. Es war der 16. Juni 1957 - Krausingers Geburts-tag. Am Abend dieses Tages hatte sich Keter in Krausingers kleiner Woh-nung eingefunden. Sie saßen sich in bequemen Sesseln gegenüber, aufdem Tisch standen Wodka und Kognak. Keter rauchte eine dicke Zigarre. Sie unterhielten sich anfangs über technischen Fortschritt, Entwicklun-gen in der Medizin und ähnliche unverfängliche Dinge. Zu fortgeschrittenerStunde forderte Keter Krausinger auf, doch endlich einmal zu erzählen,wie es ihm gelungen sei, fast zehn Jahre lang unterzutauchen, ohneaufzufallen und erkannt zu werden. "Keine Angst, Professor, das ist keineFalle. Namen brauchen Sie nicht zu nennen. Es interessiert mich einfachnur Ihr Schicksal - rein menschlich, verstehen Sie?" Krausinger, dem die ungewohnte Menge Alkohols bereits die Zungegelockert hatte, war in einer Stimmung, in der er einfach einmal redenmußte. Zehn Jahre lang konnte er niemandem erzählen, was er erlebthatte und was ihn bewegte. Nun bot sich ein Ohr, das zuhören wollte. DerMensch ist ein kommunikatives Wesen. Auch Krausinger, eher wortkargund zurückhaltend, war da letztlich keine Ausnahme. Allerdings war ernicht betrunken genug, um nicht mehr zu wissen, was er sagen durfte undwas er besser für sich behielt. So lehnte er sich bequem in seinem Sesselzurück und begann dem General zu erzählen, wie er untergetaucht warund die zehn Jahre nach Kriegsende mit einer fremden Identität verbrachthatte. "General, im April fünfundvierzig setzten sich alle ab aus... aus demRüstungsamt." Fast hätte er gesagt, aus Waldheide, konnte sich abergerade noch verbessern. "Ich hatte mir eine Luftwaffenuniform besorgtund lief am 30. April durch das zerbombte und brennende Berlin. Ichwollte mich bei Verwandten verstecken. Auf dem Wege dorthin wurde ichvon Russen gefangengenommen. Aus war der Traum vom Untertauchen.Ich kam in ein Lager bei Oranienburg. Ich glaube Sachsenhausen wardas." Keter unterbrach ihn: "Das war doch eines Ihrer Konzentrationslager,Professor!" "Was heißt hier Ihres? Ich hatte keine Konzentrationslager" erwiderteKrausinger bissig und setzte dann gelassen hinzu: "Sie wissen ganzgenau, daß ich damit nichts zu tun hatte, General." "Sie können sich von einer Mitschuld nicht freisprechen, Standarten-führer!" ereiferte sich Keter, dem der Alkohol auch zu Kopfe gestiegen warund der in dem Moment nicht realisierte, daß es unklug war, Krausinger zuprovozieren. Nun fühlte sich Krausinger, sonst eher vorsichtig, zutiefst getroffen, daer plötzlich erkannte, daß trotz zweier Jahre Arbeit für die Kommunistenjederzeit der Stab über ihm gebrochen werden konnte und hinter Keters62
  • freundlicher Fassade der Haß gegen ihn lauerte. Wütend rief er: "Selbstwenn! Ich habe miterleben müssen, wie Ihre kommunistischen Genossenaus Rußland sich als Lagerherren gebärdet haben. Da gab es genügendtotgeschlagene und erschossene Deutsche! Obwohl der Krieg ja längstvorüber war!" Keter hatte bereits eine aggressive Erwiderung auf den Lippen, als ersich daran erinnerte, daß er Krausinger für die Realisierung seiner ehrgei-zigen Pläne brauchte. Deshalb versuchte er eiligst, ihn zu beschwichtigen:"Professor, beruhigen Sie sich doch um Gottes Willen. Es war ja nichtgegen Sie persönlich gerichtet. - Sie haben ja vielleicht sogar recht. Es istauf beiden Seiten nicht gerade mit weichen Bandagen gekämpft worden. -Allerdings müssen Sie auch immer bedenken, wer als erster dem anderenetwas angetan hatte. Im Übrigen: Lassen wir uns unsere gute Laune nichtverderben, heute, an Ihrem Geburtstag. Entschuldigen Sie schon,Professor, stoßen wir noch einmal auf Ihre Gesundheit an. Sehr zumWohl!" Krausinger hatte sich wieder beruhigt, denn auch er hatte sich derSituation erinnert in der er sich befand und ebenso der Ziele, die er ver-folgte. Ihm wurde schnell wieder klar, in welch ohnmächtiger Lage er warund daß sogar sein Leben von Keters Wohlwollen und Gunst abhängigwar. Deshalb beschloß er, ihn nicht weiter zu provozieren. Keters einlen-kende Worte und seine Entschuldigung hörte er dennoch voller Genugtu-ung. "Sie waren also im Lager angekommen. Wie ging es weiter?" "Wochenlang waren wir in hoffnungslos überbelegte Baracken hinein-gepfercht. Wir hungerten und froren nachts. Viele von uns krepierten anErschöpfung, an der Ruhr, an Typhus und an anderen Krankheiten. Fasttäglich erfolgten Selektionen. Dabei entschieden die Russen, wer nachSibirien abging und wer im Lager blieb. Die Lücken füllten sich nach denAbtransporten sofort wieder mit Neuankömmlingen. Es wurde nachAngehörigen der SS, Gestapo, des SD und der NSDAP gesucht. Ich hattemir die Lebensgeschichte meines Cousins Walter Letticher eingeprägt, derPilot war und 1943 abgeschossen wurde. Mein Glück war es, daß eineFleischwunde am linken Arm die Blutgruppentätowierung, die mich als SS-Angehörigen verraten hatte, ausradiert hatte. Da war nichts mehr zusehen. Wegen meiner Verwundungen und aufgrund meines Alters,schätze ich, entließen mich die Russen Ende September 1945. Für Wor-kuta war ich offensichtlich nicht besonders geeignet. Sie konnten mir auchnichts vorwerfen, ich war einfach nur ein Luftwaffenunteroffizier, einer vonvielen. 63
  • Krausinger hielt kurz inne, dann setzte er seinen Bericht fort: MeineWunden waren nicht gut verheilt. Wie sollten sie auch - unter diesenUmständen. Sie bereiteten mir Schmerzen und ich konnte von einem ganzenormen Glück reden, daß ich keine Infektion bekommen hatte. Was ichnun dringend brauchte, waren medizinische Versorgung, ein Dach überden Kopf und etwas Vernünftiges zu essen. Deshalb machte ich mich aufden Weg nach Oranienburg. Von dort kam ich in einem total überfülltenVorortzug nach Berlin. Ich erkannte es nicht wieder. Nach dem 30. Aprilmußte doch noch eine Menge zerstört worden sein. Es lag alles in Schuttund Asche. Auch das Haus, in dem meine Verwandten wohnten, existiertenicht mehr." Krausinger redete nicht weiter und sah still vor sich hin. Keter meinte: "Das war keine angenehme Situation. Das glaube ichschon. Aber... erzählen Sie Professor, wie ging es weiter?" Krausinger gab sich einen Ruck: "Also ich betrat eines der wenigenübriggebliebenen Nachbarhäuser, wie die anderen eine halbe Ruine. Dortfragte ich nach den von mir Gesuchten. Ich erfuhr, daß alle Bewohner desbetreffenden Hauses im Luftschutzkeller umgekommen waren. Eine jungeFrau bot mir an, bei ihr zu wohnen. Ich nahm dankend an." Vor seinemgeistigem Auge spielte sich all das ab, was er damals erlebt hatte. DemGeneral erzählte er nur einen Teil davon und den auch nur verfremdet. Abund zu stockte sein Redefluß, weil er vergaß, daß er ja einen Gast hatte.Der Alkohol tat das seine. Mit einem mal zuckte er zusammen. Er realisierte, daß ihn Keter erwar-tungsvoll ansah. "Oh entschuldigen Sie bitte. Ich war etwas in Gedankenversunken. Also ich bin der Frau wirklich zu Dank verpflichtet. Sie hat michbeherbergt und gepflegt. Aber irgendwann hielt ich es dort nicht mehraus." Die Wahrheit war anders, aber der General mußte ja nicht unbedingtalle Einzelheiten kennen. Er hatte gemerkt, daß die Frau größeres Interes-se an ihm zeigte, als ihm lieb war. Er brauchte keine engeren Bindungen,ja sie waren ihm sogar bei der Erreichung seiner Ziele hinderlich. Heimlichplante er deshalb, zu verschwinden. Er wollte weiter nach Norden in dieNähe des Ortes, wo er auf seinen Termin warten wollte. Als während derAbwesenheit seiner Wirtin eine Nachricht von deren totgeglaubtem Manneintraf, war dies für ihn die letzte Bestätigung dafür, daß es eine richtigeEntscheidung war, zu gehen. Er hatte den bereitliegenden Rucksackergriffen, sich noch einmal umgesehen und sich gedanklich von einemvorübergehenden Zuhause verabschiedet, in dem er monatelangUnterschlupf gefunden hatte. Dann war er durch die von Ruinen gesäum-ten Straßen zum stark zerstörten Stettiner Bahnhof gelaufen.64
  • Er zuckte wieder zusammen. Verdammt, wo war ich stehen geblieben?"Also", hub er an, so als hätte er gerade erst seinen letzten Satz beendet,"... ich wollte aus Berlin heraus. Da die Züge damals sehr unregelmäßigfuhren, stieg ich in den einzigen Zug, der noch an diesem Tage abfahrensollte. Der fuhr in Richtung Norden. Als er in den Bahnhof von Parchimeinfuhr, entschied ich mich spontan dazu, dort zu bleiben. Fragen Siemich nicht warum - ich weiß es nicht. Ich lief ziellos durch die Straßen.Plötzlich bemerkte ich eine alte Frau, die sich mit einem Handwagenabmühte. Ich zog ihr den Handwagen bis zu ihrer Wohnung. Wir kamenins Gespräch und sie bot mir Unterkunft an. Das war ein Glücksfall. Esgelang mir dann auch bald eine Arbeit in einem Betrieb zu finden. Das warübrigens die Textilfabrik, vor deren Tor ich von Ihren Leuten verhaftetwurde." Keter merkte, daß Krausinger stockte und ihm die Augen zufielen. Erverabschiedete sich. Krausinger, der das nicht einmal mitbekam, schliefim Sessel ein, und zwar ganz gegen seine Gewohnheit, bekleidet wie erwar und ohne Abendtoilette gemacht zu haben. Kassel, März 1995. Wie nach dem Besuch der Gauck-Behörde geplant,fuhr ich am nächsten Morgen ziemlich müde, denn ich hatte aus Angst, imHotelzimmer überfallen zu werden, kaum geschlafen, mit dem ICE vonBerlin nach Kassel. Meine Gedanken waren bald wieder bei der Akte und bei diesem Krau-singer. Natürlich fragte ich mich, wie es wohl dazu kam, daß dieser Mann,der ja von der Stasi verhaftet worden war, später für sie arbeitete. Ichkonnte mir nicht vorstellen, daß ein Standartenführer der SS sich in denJahren nach dem Kriege zum Kommunisten gewandelt haben sollte. Wiewar es der Stasi gelungen, einen solchen politischen Gegner zurerfolgreichen Zusammenarbeit zu bewegen? Sicher nur durch Zwang.Denn wenn der diese Zusammenarbeit gewünscht hätte, dann hätte ersich doch nicht so lange vor ihnen versteckt. Die richtige Antwort aufmeine Frage erhielt ich später in Kassel, als ich, was ich an dieser Stellevorwegnehmen möchte, folgendes las. Aktennotiz:K. ist zur Mitarbeit zu bewegen durch: 1) Ausnutzung seiner zweifellosvorhandenen Ängste vor einer Verurteilung. Diese Ängste sind weiter zuschüren, durch verbale Bedrohung und Verdeutlichung mögl. lebensbe-drohender Strafen. 2) Ausnutzung seines unbändigen Verlangens nachForschungsmöglichkeiten. Der Mann leidet unter Entzugserscheinungen.Erste Möglichkeiten bieten. Zeigen, daß viel mehr möglich wäre.Angebot machen.30. August 1955 Keter 65
  • In Kassel angekommen, ließ ich mich von einem Taxi nach Hause fah-ren. Ich hatte meinen Koffer nur abgestellt und sofort wieder das Hausverlassen, um mich zu einer Telefonzelle zu begeben. Von meinemApparat aus wollte ich nicht telefonieren. Ich rief Meike an und verabre-dete mich mit ihr für den späten Nachmittag in ihrer Wohnung. Am Nachmittag verließ ich dann das Haus durch den Hintereingang. Ichbrauchte fast eine Stunde, um auf Umwegen zu Meike zu gelangen. Wirsind seit einigen Jahren eng befreundet. Sie ist Ende Zwanzig, hatKunstwissenschaft studiert und arbeitet bei der Documenta. Mit ihren 1,70m ist sie mit Pumps fast genau so groß wie ich. Ihre langen blonden Haarefallen ihr bis auf die Schultern herab. Als Meike nach meinem Klingeln die Tür öffnete, fiel sie mir, wie immer,wenn ich mal ein paar Tage weg war, um den Hals. Ich befreite mich zuihrer Verwunderung eilig von ihr und schlug schnell die Tür hinter uns zu.Dann lief ich in ihr Wohnzimmer zu einem der Fenster an der Straßenseiteund spähte, um nicht gesehen zu werden, vorsichtig nach unten. Siestarrte mich mit ihren blauen Augen fassungslos an. "Was ist denn mit dirlos? Schiebst mich einfach weg und rennst zum Fenster? Wirst duverfolgt? Hast du etwa eine Tankstelle überfallen?" Ich winkte ärgerlich ab, schaute weiter hinunter auf die Straße und frag-te sie, ohne in ihre Richtung zu blicken: "Hast du das Paket erhalten?" "Ja ja, das liegt doch dort in der Diele. Was ist denn damit? Und willstdu mir nicht erklären, was das alles soll?" Sie war offensichtlich verärgert.Und wenn ich ehrlich war, dann mußte ich ihr das zugestehen, so wie ichhereingeplatzt war und wie ich mich verhielt. Unten war niemand zu sehen. Auch kein verdächtiges Fahrzeug amStraßenrand. Scheinbar waren sie mir wirklich nicht gefolgt bis hierher.Aber die könnten vielleicht bald raushaben, daß hier meine Freundinwohnte und kämen dann sicher mit Richtmikrofonen. Dann würde ich mitihr auch hier nichts Wichtiges mehr unbelauscht besprechen können. Ichmußte auf jeden Fall verhindern, daß sie auf Meike überhaupt erstaufmerksam wurden. "Du wirst mich gleich verstehen, wenn ich dir etwaserzähle, was ich in Rostock erfahren und erlebt habe. - Aber zeig mir docherst mal das Paket, bitte." Sie ging voran in die Diele. Ich sah das Paket, nahm es auf und prüftees sofort. Es war zum Glück alles in Ordnung. Aber es hätte ja auch aufdem Postweg einreißen können. Ich öffnete es und holte die Akte heraus.Schnell blätterte ich sie durch. Ja, das war sie, so wie ich sie an demAbend in der Laube gelesen und später bei meiner Tante eingepackthatte. Da war niemand dran gewesen. Ich klemmte sie unter den linkenArm, griff mit meiner Rechten nach Meikes Hand und zog sie in ihr66
  • Wohnzimmer, wo wir uns auf die Couch setzten. "Was ich hier habe",sagte ich, sicher ziemlich geheimnisvoll klingend und wies dabei auf diegeschlossene Akte, "... ist etwas offensichtlich ganz Geheimes, denn ichwerde verfolgt, seit ich das in Rostock in die Hände bekommen habe -undmein Vater mußte deswegen sterben." Meike sah mich überrascht an. Sie zog eine Augenbraue hoch und frag-te in ironischem Ton: "Was denn, Mafia-Unterlagen ... oder Atomprotokolleaus dem Osten?" Sie schien gerade die Berichte über die Plutonium-Mafiagelesen zu haben. "Nein, nein. Etwas ganz anderes. Es hat mit der Stasi zu tun ... und mitder SS." "Mit der Stasi? Die gibts doch gar nicht mehr. Und die SS? Das ist jawohl nun ganz und gar Geschichtsbuch! Was hast du gesagt? Du wirstdeswegen verfolgt? - Das kann ich mir nicht vorstellen. Das gibts dochnur im Film! Sag mal, hast du deine DDR-Zeit immer noch nicht verkraf-tet? Ich habe mir ja schon immer gedacht, daß Ihr alle einen Knacks weg-gekriegt haben müßt, die Ihr dort gelebt habt." Ich ließ mich nicht ärgern. Sonst konnte das schon mal passieren, daßsie mit ihrer intellektuellen Arroganz es fertigbrachte, mich auf die Palmezu bringen. Im Westen geboren und aufgewachsen, niemals ein DDR-Leben aus der Nähe erlebt, bestenfalls mal für drei Tage Berlin- oder Ver-wandtenbesuch, da konnte man ja gar nicht mitreden. Solche Leute soll-ten zu dem Thema DDR den Mund halten, fand ich. Jetzt aber war dasalles ziemlich unwichtig. Wichtiger war, daß ich die Akte in Händen hielt.Ich erzählte ihr, was der Senior früher beruflich gemacht hatte. Sie wußtees bisher noch nicht. An ihrem Blick sah ich, daß es sie irritierte, zu hören, daß ich der Sohneines hohen Stasioffiziers war. Für sie war ja das Wort Stasi kaum andersbelegbar, als unheimliche, nicht faßbare, anonyme Geheimmacht, die keinGesicht besaß, gleichzusetzen mit der Gestapo. Für uns DDR-Bürger aberhatten die Leute Gesichter, waren oftmals einfach nur der Nachbar oderder Bruder des Sportkameraden aus dem Verein. Und sie sahen aus, wiedu und ich. Es gab solche, die heraushängen ließen, daß sie Macht hattenund diese gegen Menschen ausnutzten und es gab solche, die einfach,ohne Arroganz und ohne über ihre Arbeit zu sprechen, Nachbarn waren,die wahrscheinlich niemandem direkt geschadet hatten. Es gab schlimmeTypen, die ebenso für die Gestapo oder für Stalins brutale GPU hättenarbeiten können. Es gab aber auch solche, die glaubten durch ihreTätigkeit das meiste für die Sache tun zu können, an die sie glaubten.Einige von denen verzweifelten mit der Zeit an ihrem Beruf, sahen aberkaum eine Möglichkeit, da wieder raus zu kommen. Der Senior war, wie 67
  • bereits gesagt, einer von denen, die an das hehre Ziel "ausbeutungsfreie Gesellschaft" geglaubt hatten und der als Forscher eine ähnliche Arbeit tat, wie er sie vorher bereits im zivilen Forschungsbereich getan hatte. Jedenfalls informierte ich Meike über den Tod des Seniors, über seinen Brief, die Akte und alles was folgte, bis ich bei ihr angekommen war. "Verstehst du nun, daß ich vorsichtig sein muß, weil sie mir möglicher- weise gefolgt sein könnten, bis hierher, zu dir?" "ja, aber da gibt es doch wohl ein probates Mittel - die Polizei." Sie griff nach dem Telefon. Schnell drückte ich ihre Hand nieder. "Sag, hast du denn immer nochnicht begriffen? Die Polizei hätte doch keine Möglichkeit, die Kerle fest-zuhalten, wenn sie hier unten warten würden, weil es keinen ausreichen-den Straftatbestand gäbe. Und außerdem: Ich glaube, die Macht, die hin-ter allem steht, hat auch ihre Leute überall. Überall!" "Was denn, du meinst doch nicht etwa ...?" "Doch. Auch hier in den alten Ländern." Sie schaute mich ungläubig an und schüttelte den Kopf. "Glaub mir nur. Das alles ist noch lange nicht ausgestanden. Ichbefürchte sogar, daß im Osten die alten Strukturen mit den neuen unterder Oberfläche eine gewisse Symbiose eingegangen sind, die der normaleBürger überhaupt nicht durchschauen kann. Und hier gibt es ja angeblichauch noch mehr als zehntausend nicht enttarnte Ostagenten unter denBundesbürgern. - Jedenfalls muß ich hinter das Geheimnis kommen. Undich sage dir, wenn ich es herausbekommen habe, dann platzt eineBombe, das bin ich meinem Senior schuldig." Sie hatte sich etwas gefaßt, obwohl ihr, das konnte ich mir durchausvorstellen, der Kopf schwirrte. Sie kannte die DDR-Verhältnisse nicht,konnte sie sich trotz meiner Erzählungen nur vage vorstellen, etwa so wieeinen Film, den man nicht selbst gesehen hat. Außerdem war sie fastzehn Jahre jünger als ich. Sie hatte ja Vieles, weil vor ihrer Zeit, überhauptnicht mitbekommen können. Ich war froh, als Meike dann sagte: "Gut. Ichverstehe das alles zwar immer noch nicht, aber ich werde vorsichtig sein,wie du von mir erwartest und ich werde dir helfen, wo ich kann." Was das für sie bedeutete, die sie in einer Demokratie aufgewachsenwar und Vorsichtsmaßnahmen gegen Abhörmethoden, gegen heimlicheDurchsuchungen der eigenen Wohnung, gegen Beobachtung und Verfol-gung niemals treffen mußte, war mir klar. Hoffentlich wußte sie wirklich,worauf sie sich da einließ. Aber sie hätte ja auch sagen können: Laß michin Ruhe damit. Ich will mit sowas nichts zu tun haben. Raus mit der Akteaus meiner Wohnung! Das tat sie nicht. Sie stand auf meiner Seite. Siehielt zu mir. Und darüber freute ich mich natürlich.68
  • Ich wollte die Akte bei ihr lassen und sie auch nur bei ihr lesen. MeinAnsinnen, mich mit ihr in der nächsten Zeit als Vorsichtsmaßnahme zuihrem Schutz nicht in der Öffentlichkeit zu zeigen, rief zunächst wiederUnverständnis hervor. Ansatzweise Bedenken, ich könne möglicherweiseeine Andere haben, konnte ich aber zerstreuen. Abends, bevor ich einschlief, dachte ich weiter über Keter, die Akte undKrausinger nach. Bisher war das Ganze von der Quellenlage her keines-wegs so, daß ich mir die Aktionen der anderen Seite gegen den Seniorund mich hätte erklären können. Das Fazit, das ich beim gegenwärtigenStand meiner Erkenntnisse ziehen konnte, lautete: Erstens war da offen-sichtlich ein ehemaliger Raketenforscher des Dritten Reiches für die Stasitätig gewesen. Das wäre nun durchaus nichts Geheimnisvolles, hattedoch, wie ich einst lernen mußte, bereits Lenin gefordert, man müssebürgerliche Spezialisten "als nützliche Idioten" für sich arbeiten lassen.Das reichte also nicht hin, um groß "etwas daraus zu machen", wie derSenior von mir erwartet hatte. Es war aber schon interessant, wenn manbedenkt, welch gewaltiges Raketen- und Weltraumprogramm die Amisauch aufgrund der Tatsache entwickeln konnten, daß ihnen solche Leutein die Hände gefallen waren und für sie gearbeitet hatten. Aber auch daswar nun, da es die DDR nicht mehr gab, nicht mehr der Rede wert undebenfalls kein Grund, die vermeintlichen Besitzer der Akte zu bedrängen,diese herauszugeben. Zweitens war dieser Waffenforscher kein Zivilistgewesen und auch kein Wehrmachtsoffizier, sondern ein hoher SS-Offi-zier. Das war allerdings ungewöhnlich und einer gewissen Geheimhaltungwert, da doch die DDR offiziell immer wieder betont hatte, bei ihr würdenNazis verfolgt und sie dürften, im Gegensatz zur BRD, nicht in staatlichenInstitutionen arbeiten. Die Veröffentlichung, daß da ein SS-Offizier für dieStasi tätig gewesen war, würde aber nun, da es die DDR nicht mehr gab,keine journalistische Bombe darstellen. Und es konnte auch kein Grundsein für die Beobachtung und Verfolgung, der meine Familie und ichausgesetzt war. Drittens hatten die Nazis offensichtlich auch außerhalbvon Peenemünde und außerhalb des Kohnsteins im Südharz irgendwo aufdem späteren Territorium der DDR mindestens ein weiteres geheimes,das heißt, der Weltöffentlichkeit unbekannt gebliebenesWaffenforschungszentrum. Und das wurde nach dem Kriege seit Jahrenvom MfS genutzt. - Aber was bedeutete das schon, wenn da alteRäumlichkeiten weiter genutzt wurden? Aus dem mir vorliegenden Material konnte man, so schätzte ich ein,bestenfalls eine zwanzigminütige Sendung im regionalen Hörfunk gestal-ten und eine kleine Serie mit zwei bis drei Folgen in einer unbedeutendenZeitschrift schreiben, aber mehr war es kaum wert. Denn ich war 69
  • nicht gewillt das Ganze aufzubauschen, aus einer Mücke einen Elefantenzu machen, nur um bei einer großen Zeitschrift eine Exklusivstory landenzu können, a la "Hitlertagebücher". Diese Cleverness oder besser Skru-pellosigkeit hatte ich auch nach mehreren Jahren journalistischer Tätigkeitim Westen noch nicht erworben. Die Informationen aus der Akte und aus den Notizen des Seniors erklär-ten jedenfalls nicht die Aktivitäten der anderen Seite. Es stellte sich damitwieder und wieder die Frage, ob die Beobachtung und Verfolgung nichtvielleicht dadurch erklärbar war, daß es etwas gab, das entweder in derAkte stand, ohne von mir bisher wirklich wahrgenommen worden zu sein,oder das nur indirekt mit der Akte zu tun hatte, aber für diese Leute sehrgefährlich werden könnte, wenn Außenstehende darauf stoßen würden.Auch fiel mir auf, daß der Name Quader nicht auftauchte, obwohl der dochim Zusammenhang mit der Akte eine äußerst gefährliche Rolle spielte.Also war die Akte vermutlich nur Teil eines Puzzles und die anderen Teilewürde ich erst noch finden müssen. Anders war es nicht zu erklären. Jedenfalls konnte ich meine Recherchen nicht abbrechen, die Akte ein-fach liegen lassen und den Wunsch des Seniors ignorieren. Im Gegenteil.Das Gefühl, daß ich verpflichtet sei, den praktisch letzten Wunsch meinesVaters "Mach was draus, Theo!" zu erfüllen, wurde stärker und stärker.Nun lege ich keine Leute um - ich bin kein Killer. Ich schreibe auch keineDossiers, welche anonym an Strafverfolgungsorgane gesendet werden -ich bin kein Spitzel. Aber ich schwor mir in diesem Augenblick, sobald ichalles wissen würde, die Öffentlichkeit zu informieren und den Tod desSeniors zu rächen. Am folgenden Tag, ich hatte noch immer Urlaub, besuchte ich dieHochschulbibliothek am Holländischen Platz, in der Absicht, mein Hin-tergrundwissen über die Raketenforschung der Nazis zu vertiefen. Ichfand tatsächlich eine Menge Literatur zu diesem Thema. Und ich fandSpuren, die auf Krausinger hinwiesen. So stieß ich in einem Buch überWunderwaffen auf folgendes Schriftstück:SS-Obergruppenführer Dr.-Ing. KammlerWirtschaftsverwaltungshauptamt, Amtsgruppe C Geheime Reichssache!Betr.: Richtlinie für die Sicherheit des Forschungs- und EntwicklungsstabesWunderwaffen (Dienststelle Forst)An den SS-Gruppenführer Holt70
  • In der Anlage erhalten Sie die Richtlinie für die Sicherheit Ihrer Dienst-stelle. Sie sind mir für die unbedingte Beachtung und Durchsetzung ver-antwortlich. Heil Hitler gez. Kammler Aul.: 2 geheftete Anl. 1 und 2 Es handelte sich bei dem Papier zwar nur um ein Anschreiben zu einerSicherheitsvorschrift, der Autor war offensichtlich nicht an die Sicher-heitsvorschrift selbst gelangt, aber es war daraus immerhin zu entnehmen,daß es damals einen "Forschungs- und Entwicklungsstab Wunderwaffen"gab, der als "Dienststelle Forst" bezeichnet wurde. Ich konnte in der Uni-Bibliothek mein Wissen zu der Materie in zweierleiHinsicht abrunden, und zwar zum einen dahingehend, daß die Nazisvermutlich wirklich "Wunderwaffen" konstruiert und vielleicht auch gebauthaben mußten, die gegenüber den bekannten V1 und V2 einenJahrhundertschritt in der Waffentechnik voraus waren. In den Quellenwurde das entweder nur aus den Fußnoten oder zwischen den Zeilenheraus lesbar oder es hieß, daß die Prototypen und Baupläne in den letz-ten Tagen des Krieges vernichtet worden seien. Zum anderen zeigte sich,daß Professor Krausinger tatsächlich zu den damals exponiertesten Rake-tenspezialisten gehört hatte, denn er wurde öfter erwähnt, bzw. es wurdeauf seine Arbeiten aus den dreißiger Jahren Bezug genommen. Noch am gleichen Abend beschäftigte ich mich erneut mit dem Material,nun aber bereits ein klareres Bild über die Hintergründe besitzend. Ausden Notizen des Seniors wußte ich, weshalb der ihm damals völligunbekannte Ort Waldheide zur Außenstelle der WVA geworden war.General Keter hatte gehofft, daß man in dem dort befindlichen ehemaligenWaffenforschungszentrum aus dem Dritten Reich bislang unbekannteWaffen, vielleicht sogar die von den Nazis damals vielbeschworenen"Wunderwaffen", finden werde. Der Senior hatte aufgrund der Tatsache, daß der ihm als Dr. Letticherbekannte Krausinger dorthin versetzt worden war vermutet, daß diesermöglicherweise dort einmal tätig gewesen sein mußte. In seinen Notizenschrieb er auch, daß es ihn sehr gewundert habe, daß Waldheide nachder Wende ein totales Tabuthema geworden sei. Auf eine Frage nach derAußenstelle hatte ihm Quader zu verstehen gegeben, daß er diesen Ortunbedingt aus seinem Gedächtnis streichen solle. Da hätten "Andere" dieHände drauf. Könnte Waldheide möglicherweise diese ominöse "Dienst-stelle Forst" gewesen sein? 71
  • Warenthin und Waldheide rückten nun in das Zentrum meiner Überle-gungen und wurden Gegenstand meiner Neugier. Ich beschloß, dieseOrte aufzusuchen, auf Spuren- und Zeugensuche zu gehen. Am nächsten Tag meldete ich mich beim Chefredakteur, der wissenwollte, wie weit ich mit der angekündigten Story über die Stasigeneralesei. Es gelang mir unter Hinweis darauf, daß noch einige wichtigeRecherchen notwendig seien, eine Dienstreise nach Warenthin genehmigtzu bekommen. Er wollte erst nicht so recht, als ich ihm aber deutlichmachte, daß ich ja durch die bisherigen Recherchen bereits meinenUrlaub für den Sender geopfert hatte, gab er mir sein Okay: "Gut. DreiTage und keinen Tag länger!" Mecklenburg-Vorpommern, März 1995. Am folgenden Morgen machteich mich auf den Weg. Diesmal fuhr ich allerdings mit einem Mietwagen.Während ich bereits in Richtung Norden unterwegs war, dachte ichschmunzelnd daran, daß Quaders Leute vermutlich zur gleichen Zeit denEingang des Hauses in dem ich wohnte sowie meinen davor abgestelltenPkw observierten. Nach einigen Stunden anstrengender Fahrt, nur unterbrochen durchkurze Aufenthalte auf verschiedenen Autobahnraststätten, hatte ichWarenthin erreicht. Schon von weitem sah ich die den ganzen Ort über-ragenden Gebäude der ehemaligen WVA, genau so, wie es der Seniorbeschrieben hatte. Ich stellte meinen Wagen auf einem Parkplatz im Zentrum der kleinenStadt ab. Dann machte ich mich auf den Weg zu dem Objekt, das jahr-zehntelang eine Stasiinstitution beherbergt hatte und in dem sich nunbereits seit einigen Jahren die aus der WVA mutierte "SHT WarenthinGmbH" befand. Da saßen die gleichen Leute, die schon vor der Wendedort gearbeitet hatten. Es war ein riesiger Komplex, an dessen hohenAußenmauern ich entlangschritt. Und es war schon ein seltsames Gefühl,zu wissen, hier draußen ist die Bundesrepublik und gleich hinter derMauer ist praktisch noch eine Art Rest-DDR. Ich kam an dem geschlossenen Haupttor vorbei. Auf einem Schild warzu lesen: "SHT Warenthin GmbH". Selbst einem weniger guten Beobach-ter als ich mich bemühte zu sein, wären die zahlreichen in alle Richtungenweisenden Kameras nicht entgangen. Ich hatte den Eindruck, daß jedermeiner Schritte beobachtet wurde. Weit und breit war ich der einzige Passant. Nach circa 200 Metern,wechselte ich die Straßenseite und schlenderte langsam zurück in Rich-tung Stadtzentrum. Wieder kam ich am Tor vorüber. Diesmal standenjedoch zwei Männer davor, die mich unverhohlen anstarrten. Der eine71
  • hielt eine mir riesenhaft erscheinende Dogge straff an der Leine, die wiewild in meine Richtung zog und bellte. Ein Lieferwagen passierte das nungeöffnete Tor und fuhr auf der Straße im Tempo meiner Schritte neben mirher. Die Scheiben waren dunkel getönt und für mich undurchsichtig. Es wurde mir langsam unheimlich. War es ein Fehler gewesen, alleinhier an den Rand der Stadt zu kommen und diese Leute zu provozieren?Sicher war es ein Fehler gewesen. Unwillkürlich beschleunigte ich meineSchritte. Der Lieferwagen, zwei Meter neben mir an meiner linken Seite,fuhr nun ebenfalls schneller. Was wollten die von mir? Ganz klar: Diewollten mich einschüchtern. Vielleicht machten sie auch hinter der dunklenSeitenscheibe Fotos von mir? Ich mußte unbedingt zurück auf die andereStraßenseite, wenn ich keinen Riesenumweg zum Stadtzentrum laufenwollte. Aber ich hatte plötzlich Angst, daß die im Wagen darauf nurwarteten, um mich zu überfahren. Aber wieso nur diese Angst? Diekonnten doch nun wirklich nicht jeden Neugierigen überfahren. - Oder,oder wußten die etwa schon, wer ich war? Und außerdem. Es würde kaumZeugen geben, wenn die jetzt einen Verkehrsunfall inszenieren würden.Und die könnten es sicher auch so drehen, daß eventuelle Zeugen genaudas gesehen haben würden, was sie sehen sollten - einen Verkehrsunfall. Hör auf, sagte ich mir, nimm dich zusammen. Nur keine Panik!Schließlich kam ich an eine Kreuzung, die etwas belebter war. Schnellrannte ich über die Straße. Ich blickte mich um, als ich auf der anderenStraßenseite angelangt war und sah, daß der Lieferwagen angehaltenhatte. Zwei Männer stiegen aus und überquerten ebenfalls die Straße. Siehefteten sich an meine Fersen. Mir war natürlich klar, daß ich jetzt nicht zu dem abgestellten Wagenkonnte. Also entschied ich mich dafür, die Informationen die ich nochbrauchte, eben unter Beobachtung einzuholen. So sprach ich in der Stadt verschiedene Passanten auf die ehemaligeWVA an. Ich sei Journalist, der an einer Reportage zu dem Thema arbei-te, erklärte ich mein Ansinnen. Viele wußten nichts mit der BezeichnungWVA oder SHT anzufangen, hatten keine Ahnung von einer Stasiinstituti-on in ihrer Stadt. Wenige interessierten sich dafür. Einige sagten, die altenGeschichten solle man doch endlich ruhen lassen. Von einem bekam ichPrügel angedroht: Die Scheiß-Wessis sollten doch vor ihrer eigenen Türden Dreck wegkehren. Die ganze Zeit über befanden sich auch die beiden Männer aus demLieferwagen in der Nähe. Aber sie unternahmen nichts. Mir wurde klar,daß sie mir folgen würden, wenn ich zu meinem Wagen ginge. Dann fielmir plötzlich ein, daß die ja möglicherweise den Wagen bereits ausge- 73
  • macht hatten. Wenn die schon wußten, wer ich war, dann würde denenauch klar sein, daß der Golf mit dem Kasseler Kennzeichen zu mir gehör-te. In so einer kleinen Stadt mußte der ja einfach auffallen. Deshalb be-schloß ich, zunächst in einem Restaurant zu Abend zu essen und mirdann ein Hotelzimmer zu nehmen, falls es in dem Ort überhaupt ein Hotelgab. Überraschend schnell fand ich aber einen Gasthof, in dem ich ein Zim-mer buchte und in dessen Restaurant ich speiste. Als ich dabei war, eineVesperplatte mit einem dunklen Hefeweizen zu mir zu nehmen, sah ich,wie die zwei Männer aus dem Lieferwagen sich an einem anderen Tischniederließen und mir beim Essen zusahen. Ich ignorierte sie, zahlte, undverließ das Restaurant, um den Wagen zu holen. Die beiden Männer folgten mir wieder. Es war mir klar, daß ich in die-sem Ort keine Chance hatte, diese Leute loszuwerden. Erstens war ichhier fremd und zweitens war dieses Städtchen nun einmal nicht Rostockoder Kassel, wo man einfach mehr Möglichkeiten hatte, Verfolger abzu-schütteln. So ging ich schnurstracks zu dem Parkplatz und fuhr zu demGasthof zurück. Ich nahm mein Gepäck und begab mich auf mein Zimmer.Da es nach vorn hinaus gelegen war, konnte ich den Parkplatz vor demHaus überblicken. Es schien da alles in Ordnung zu sein. Die Verfolgerwaren nirgendwo zu sehen. Bevor ich an diesem Abend einschlief, beschloß ich, gleich nach demFrühstück abzureisen. Um den Verfolgern mein wahres Ziel nicht zu ver-raten, wollte ich zunächst in Richtung Rostock fahren. Am folgenden Morgen frühstückte ich, bezahlte meine Rechnung undbegab mich zum Wagen. Ich bemerkte sofort, daß die Reifen auf der lin-ken Seite platt waren. Zerstochen! Ich ging um den Wagen herum. Wasich befürchtet hatte, erwies sich als zutreffend: Alle vier Reifen zerstochen!Scheiße! Was nun? Ich blickte mich um. Niemand war zu sehen. Von der Gaststube aus rief ich eine Werkstatt an, die den Wagen miteinem Abschleppfahrzeug abholte. Dann ging ich auf Anraten des Wirtes,der mit Sicherheit sowieso die Polizei informiert hätte, zum Polizeirevierund gab eine Anzeige gegen Unbekannt auf. "Schon wegen der Versiche-rung", hatte der Wirt gemeint. Der Polizeimeister, der die Anzeige auf-nahm, machte mir keine Hoffnung, daß der Fall geklärt werden könnte."Jugendliche! No future-Mentalität", sagte er. Damit schien für ihn der Fallerledigt zu sein. Zwei Stunden später saß ich in einem Taxi, welches mich nach Wismarbrachte. Dort buchte ich in einem Hotel zwecks Täuschung meiner wahrenAbsichten gleich für mehrere Tage ein Zimmer. Natürlich rechnete ich mitVerfolgern. Allerdings hatte ich auf der Fahrt nach Wismar nichts74
  • bemerkt, was auf eine Verfolgung hindeutete. Dennoch war ich vorsichtig.An der Rezeption ließ ich mir die "Gelben Seiten" geben und kaufte einenStadtplan von Wismar. Auf meinem Zimmer suchte ich die Adressen von Autovermietungenheraus und markierte diese auf dem Stadtplan. Dann verließ ich das Hotelund lief scheinbar ziellos durch die Innenstadt. Als ich mir relativ sicherwar, daß mir niemand folgte, ging ich zu einer der Autovermietungen. Vondort fuhr ich dann mit einem gemieteten Kleinwagen nach Gre-ventorf, indessen Vorort sich die geheimnisvolle Außenstelle der ehemaligen WVAbefinden sollte. Gut eine Stunde später kam ich in Waldheide an. In der einzigen Gaststätte des kleinen Ortes aß ich zu Mittag. Ich wech-selte mit dem Wirt ein paar belanglose Sätze und fragte ihn dann ganzunverfänglich über das Objekt im Wald aus. Da er ein gesprächiger Mannwar und ich der einzige Gast, war er für diese Abwechslung offensichtlichdankbar. Er erzählte mir, was er darüber wußte. Das war allerdings nichtsehr viel. Ihm war bekannt, daß dort im Wald seit ewigen Zeiten einmilitärisches Objekt war, schon zur Nazizeit und auch danach. Zuletzt seidas eine Dienststelle der NVA gewesen, meinte er. Es gelang mir durch seine Vermittlung eine alte Frau zu sprechen, dieschon während des Krieges dort in der Küche gearbeitet hatte. Siebestätigte mir einiges von dem, was ich bereits aus dem mir zur Verfügungstehenden Material wußte. Sie hatte in der Küche natürlich wenig davonmitbekommen, was wirklich dort geschah. Aber sie kannte auchKrausinger, über den sie voller Respekt sprach. Dann erzählte sie mir vonihrem Mann. Der war zu jener Zeit Schutzpolizist. Ende November 1944habe er eines nachts mit einem Kollegen in den Wald gemußt. Auf demGelände der "Dienststelle Forst" sei ein seltsames Flugzeug abgestürzt.Dieses runde Flugzeug habe geglüht. Da seien aber auch zwei seltsamekleine Piloten gewesen, Zwerge praktisch. Das habe sie alles von ihremMann erfahren, der am frühen Morgen zurückgekommen sei. Nach kaumzwei Stunden Schlaf habe ihn völlig überraschend die Gestapo abgeholt.Wochen später habe sie die Nachricht erhalten, daß er an der Ostfrontgefallen sei. Was sie mir da erzählte, hätte mich an ihrem Verstand zweifeln und ihreanderen Aussagen über die "Dienststelle Forst" als ebenfalls nichtglaubhaft ansehen lassen, wenn mir der Wirt nicht bereits vorher gesagthätte, die Alte sei zwar ein bißchen seltsam, denn seit Jahrzehnten erzäh-le sie im Dorf, im Wald habe ihr Mann im letzten Krieg Zwerge mit einemrunden glühenden Flugzeug ohne Flügel gesehen. Der Wirt hatte aberauch betont: "Die ist vermutlich so seltsam geworden, weil ihr Manngefallen ist. - Aber sonst ist die eigentlich ganz normal." 75
  • Die alte Frau erzählte mir dann auch, daß um die Jahreswende 1944/45 vor einem der Gebäude etwas Kreisförmiges mit Tarnplanen abgedeckt gestanden habe und von der SS scharf bewacht worden sei. Bald darauf seinen umfangreiche Bauarbeiten durchgeführt worden, was da genau gebaut wurde, wisse sie nicht. Aber die hätten immer Gesteinsbrocken und Erde aus dem Gebäude Nr. 3 herausgeschafft und später sehr viel Beton hineingebracht. Danach sei der Gegenstand, der unter den Tarn- planen versteckt war, eines morgens als sie in der Frühe zum Dienstbe- ginn in der Küche eingetroffen sei, einfach nicht mehr da gewesen. Hier in Waldheide erfuhr ich zum ersten Mal in Zusammenhang mit derAkte etwas über ein mysteriöses Flugobjekt, konnte diese Informationjedoch nicht einordnen und schon gar nicht akzeptieren. Ich ignorierte sieeinfach und redete mir ein, das habe ja alles wenig zu tun mit dem,wonach ich suchte. Die Frau sagte mir auch, daß die Dienststelle am 20. oder 21. April1945, genau wußte sie es nicht mehr, überraschend geräumt und von deneigenen Leuten gesprengt worden sei. Einige Jahre nach dem Kriegehabe dann die Grenzpolizei der DDR auf dem Gelände Holzbarackenerrichtet. Da sei eine Hundeschule gewesen, über viele Jahre, aber dakönne mir ihre Enkelin mehr erzählen, denn die habe dort auch alsKüchenfrau gearbeitet. Es stellte sich heraus, daß die ebenfalls in Waldheide lebende Enkelinvon 1979-1990, zunächst in der Hundeschule der Grenztruppen der NVA,dann in der WVA, die sie angeblich auch für eine NVA-Dienststelle hielt,tätig gewesen war. Von ihr erfuhr ich auch einige Details, die mir einenEindruck von dem Tagesablauf dort vermittelten. Und sie hatte miterlebt,wie die Außenstelle scheinbar aufgelöst worden war: "ja, den Professorhabe ich gekannt. Auch den General habe ich einige male dort gesehen,in Uniform. Aber dann haben die uns allen gekündigt. Das wurde dochaufgelöst. Ich denke, seit 1990 ist dort nichts mehr." Ich fuhr hinaus zum Objekt und versuchte, das Gelände in Augenscheinzu nehmen. Aber ich kam überhaupt nicht bis an den Zaun heran. Ichbemerkte, zum Glück bevor sie mich sahen, im Wald schwerbewaffneteMänner, die russisch miteinander sprachen. Es stimmte also nicht, wasdie Küchenfrau gesagt hatte. Aber wahrscheinlich konnte sie es nichtanders wissen, denn sie war nach 1990 nicht wieder dort gewesen. Mir zeigte meine Beobachtung im Wald jedenfalls, daß da offensichtlichirgend etwas versteckt war, was schwer bewacht werden mußte. Dasbedeutete, daß Waldheide wirklich der Schlüssel zu einem Geheimniswar. Dort schien die ganze Brisanz der Angelegenheit zu liegen, die derSenior bestenfalls geahnt haben konnte.76
  • Ich fuhr zurück nach Wismar, gab den Wagen ab und blieb einen wei-teren Tag in der Stadt. Ich mußte all die neuen Informationen, all das, wasich gesehen und gehört hatte, erst einmal verdauen. Am nächsten Tagreiste ich dann ab. Mit einem Taxi erreichte ich Warenthin. Nachdem ichden Mietwagen aus der Werkstatt geholt hatte, konnte ich unbehelligt vonirgend jemandem zurück nach Kassel fahren. In Kassel angekommen, gab ich den Mietwagen ab und fuhr mit derStraßenbahn zum Rathaus am oberen Ende der Königstraße. Als ich dortdie Bahn verlassen hatte, lief ich, so wie ich es vorher geplant hatte, blitz-schnell durch den der Haltestelle gegenüberliegenden Supermarkt, undverließ ihn durch den Hinterausgang. Ich wandte mich nach rechts underreichte die Wilhelmstraße. Dort bog ich erneut nach rechts ab und betratdas Haus, in dem sich die Außenstelle der BfA befand. In der ersten Etagenahm ich im Warteraum Platz und blätterte in Informationsbroschüren überdie Rentenarten, die auf dem Tisch lagen, dabei immer die Türbeobachtend, von der aus man entweder zum Anmeldeschalter oder inden nach vorne offenen Warteraum gelangen konnte. Ich wartete fast eine Stunde. Da der Warteraum gut besetzt war, fiel ichnicht auf. Als in dieser Zeit kein mir verdächtig erscheinender Besucherden Raum betreten hatte, verließ ich das Haus und wendete mich inRichtung der Friedrich-Ebert-Straße. Von dort fuhr ich mit der Straßen-bahn drei Stationen und war wenige Minuten später bei Meike. Icherzählte ihr natürlich nichts von den Männern, die mich in Warenthinbeobachtet hatten und auch nichts von den zerstochenen Reifen. Ichwollte sie nicht ängstigen. Kassel, März 1995. Einige Tage später war ich abends allein in meinerStammkneipe in der Friedrich-Ebert-Straße. Von den Kollegen hatte kei-ner Zeit gehabt und Meike war mit ihrer Chefin zu einem Kunstkolloquiumnach Zürich gereist. Paul, der Wirt, reichte mir mein drittes Bier über denTresen und ich schaute mich um, da die Tür in meinem Rücken geklappthatte. Ich bemerkte einen neuen Gast, der im Begriff war, sich zu setzen.Unsere Blicke begegneten sich. Ich erkannte ihn sofort. Er mich offen-sichtlich auch. Der Mann war schlank, dunkelblond, etwa Ende Dreißig,einiges über einsachtzig groß, vielleicht achtzig Kilo schwer, sportlicheFigur. Es war Michael Rummel, den ich Jahre vorher anläßlich der Feierzum Sechzigsten meines Seniors kennengelernt hatte. Er war damals derAdjutant von General Keter. Und deshalb nahm ich sofort an, er sei einermeiner Verfolger. 77
  • Er starrte mich an. Ich ihn. Beide lauerten wir darauf, was der jeweilsandere wohl tun würde. Ich dachte: Geh auf ihn zu. Stell ihn zur Rede.Angriff ist die beste Verteidigung. Gesagt, getan. Ich ging hinüber zu sei-nem Tisch. Er beobachtete mein Kommen argwöhnisch. "Was wollt Ihr von mir? Ich habe die Akte nicht!" Ich sprach wohl ziem-lich laut und wütend. In der Kneipe wurde es still. Rummel blickte in dieRunde und bewegte die erhobene Linke beruhigend im Sinne von: Alles inOrdnung. Keine Panik. Die anderen Gäste sprachen wieder und küm-merten sich nicht mehr sonderlich um uns. "Was für eine Akte? Wovon redest du eigentlich? - Komm setz dich ...Theo? Theo heißt du doch, wie dein Vater, stimmts?" Ich setzte mich. Ruhiger geworden, aber mit Nachdruck sprechend,wiederholte ich: "Ich habe die Akte nicht." "Ich weiß nicht was du von mir willst?" Michael hatte halblaut gespro-chen. Brauchte ja keiner zu hören, worüber wir redeten. "Was machst du denn sonst hier in Kassel?" fragte ich ihn. "Das gleiche könnte ich dich fragen." Ich dämpfte meine Stimme: "Na, ich war ja schon immer auf der ande-ren Seite der Barrikade. Ich passe schon in den Westen, aber du, als ehe-maliger Adjutant eines Stasigenerals, dich hätte ich jetzt eher im Ostenvermutet." "Na, ich denke du schätzt mich völlig falsch ein, Theo." Rummel sprachberuhigend auf mich ein und sah sich vorsichtig um. "Wieso, was weiß ich denn von dir? Die paar Witzchen, die du damalsüber Quader gemacht hast, die haben mir zwar gefallen. Aber sie sinddoch kein Beweis dafür, daß du nicht auf seiner Seite stehst." "Wieso auf Quaders Seite? Was hast du denn mit Quader zu schaffen?" "Na, das mußt du doch am besten wissen!" "Ich? Ich habe doch mit denen schon seit Jahren nichts mehr zu tun." Ich war überrascht und erleichtert zugleich: "Was denn, dann bist dunicht in seinem Auftrag hier?" "Wovon redest du denn nur? Was denn für ein Auftrag? Rück doch end-lich mal raus damit!" "Na, mich zu beschatten! Oder was machst du sonst hier in Kassel?Und auch noch in meiner Stammkneipe. So viele Zufälle gibt es ja garnicht!" Er lachte befreit auf. "Du glaubst, daß ich dich verfolge. Paß auf, dashabe ich gerade von dir gedacht. - Ich dachte, du bist ein Verfolger undman hat dich auf mich angesetzt! - Du scheinst offensichtlich genauso wieich mit den gleichen Leuten Probleme zu haben. Und was meineAnwesenheit in Kassel betrifft: Ich bin nicht erst seit gestern hier, sondernich lebe bereits seit zwei Jahren in dieser Stadt."78
  • Meine Erleichterung verstärkte sich. Ich glaubte ihm. Wenn das stimmtemit den zwei Jahren, dann hätte Michael offensichtlich wirklich nichts mitder Sache zu tun, da der Senior die Akte ja erst seit wenigen Monaten inseinem Besitz gehabt hatte. Michael schaute sich um, ob jemand mithören konnte und sagte: "Theo,ich bin vor drei Jahren aus der WVA ausgestiegen. Ich kann dir jetzt nichtsagen weshalb, aber ich mußte untertauchen." Wieso untertauchen? Ich registrierte was Michael gesagt hatte, wollteaber erst einmal wissen, wieso er mich für einen hielt, der ihn verfolgte:"Wie kommst du überhaupt darauf, daß ich dich verfolgen könnte?" "Da wunderst du dich? Na schließlich war dein Vater ja auch Oberst undein Kollege von Quader!" "Mein Vater ist tot...", entgegnete ich mit fast tonloser Stimme. Michael schaute mich erschrocken an: "Tot? Dein Vater tot? - Das tutmir leid. Er war doch noch gar nicht so alt. Woran ist er denn gestorben -oder war es ein Unfall?" "Schlaganfall. Wir haben ihn vor vierzehn Tagen bestattet. - Aber erzählmal weiter." "Da gibts nicht viel zu erzählen. Ich arbeite hier in Kassel." "Du hast vorhin gesagt, du wärst ausgestiegen ... wie hast du dasgemeint?" "Weißt du Theo, die hatten da etwas am Kochen - das war mir einfachzu heiß. Und ich habe Angst, daß die noch immer hinter mir her sind." "Na, dann sitzen wir scheinbar beide im gleichen Boot." Ich weiß nichtweshalb, aber ich hatte auf einmal das Gefühl, daß dieser Mann ehrlichwar. "Dann kann ich dir ja auch sagen, daß Quader wahrscheinlich für denTod meines Vaters verantwortlich ist." Michael sah mich mit großen Augen an. "Das kannst du mir glauben. - Aber ich kann dir das nicht hier im ein-zelnen erzählen. Da müssen wir uns mal woanders treffen." Ich trank meinBier aus. Michael gab mir seine Visitenkarte und ich verabschiedete mich.Als ich die Kneipe verlassen hatte, wollte ich eigentlich in meine Wohnunggehen. Aber auf halbem Wege kam mir plötzlich die Idee, daß ich dochnoch einen Blick in die Akte und in die Notizen des Seniors werfen müßte,um nachzuschauen, ob Michael Rummel darin erwähnt wurde. Ich wolltesichergehen, daß er mir keinen Bären aufgebunden hatte. Ich schaute mich um, änderte meine Richtung und lief durch verschie-dene Querstraßen, immer auf der Hut vor Verfolgern. In Meikes Wohnungnahm ich den Brief des Seniors und die dazugehörigen Anlagen aus demVersteck. Meine Suche nach Angaben über Michael hatte zum 79
  • Glück keinen Erfolg. Michael wurde nicht erwähnt. Ich beschloß deshalb,ihn wirklich anzurufen. Zwei Tage später trafen wir uns in der Stadtbibliothek im Kasseler Rat-haus. Wir setzten uns in eine Leseecke. Ich berichtete ihm halblaut, sodaß keiner der vielen Besucher der Bibliothek etwas von unseremGespräch mitbekommen konnte, über die Hintergründe vom Tod meinesVaters und wie ich auf die Akte Krausinger gestoßen war. "Ich werde seitder Beerdigung meines Vaters, beobachtet. Ich weiß auch, daß sie dieAkte bei mir vermuten. Aber ich weiß bis heute nicht, worin der Zusam-menhang zwischen der Akte, der WVA und meinem Vater besteht. Viel-leicht kannst du mir helfen?"Michael sagte zögernd: "ja, dazu müßte ich erst einmal die Akte kennen." Ich rang mit mir. Sollte ich sie ihm zeigen? Er schaute mich abwartendan. Dann entschied ich mich. War ich so weit gegangen, dann konnte ichsie ihm auch zeigen. Kurz entschlossen fragte ich ihn: "Hast du nochZeit?" "Ja, ich habe heute nichts anderes vor." "Gut, dann komm mit, ich werde dir die Akte zeigen" Unbemerkterreichten wir Meikes Wohnung. Michael fand es außerordentlich inter-essant, was in der Akte stand, zumal ihm Krausinger persönlich bekanntwar. Allerdings hatte er bis dahin nicht gewußt, wie die Stasi Krausingergesucht, gefunden und seine Mitarbeit erpreßt hatte. Er pfiff leise durchdie Zähne: "Und das alles hinter dem Rücken der Russen!" Er erwies sichals eine unschätzbare Quelle. Ich erhielt von ihm viele neue Informationenund es füllten sich eine Menge von Lücken, die es für mich bei derKrausinger-Geschichte noch gab. Nun wurde mir auch manches klarer,was ich bis dahin noch nicht verstanden hatte, zum Beispiel, wieso derkleine Ort Waldheide so bedeutsam für die WVA wurde, warum Waldheidenoch immer so bewacht wurde und daß dieser Krausinger und derGeneral sich wahrscheinlich auch in diesem Moment noch dort befanden.Er klärte mich auch darüber auf, daß Quader seit der Wende der Mannwar, der alle Fäden in Händen zu halten schien. Michael konnte mir auchvieles von dem bestätigen, was mir der Senior über die Ereignisse in derWVA vor und nach der Wende als Notizen hinterlassen hatte, aus eineranderen Sicht und natürlich, da ich direkt nachfragen konnte, auchdetaillierter. "Was meinst du, weshalb ist denn diese Akte so brisant, daß die meinenVater deswegen so bedrängt haben und auch mich verfolgen und be-obachten? Hängt das damit zusammen, daß der Krausinger mit seiner du-biosen Vergangenheit für die Stasi gearbeitet hat? Will man das geheimhalten, auch noch so lange nach der Wende? Das gibt doch keinen Sinn,oder?"80
  • "Also Theo, wenn ich mir die Akte so ansehe, dann glaube ich fast, daßQuader und seine Leute befürchten, daß derjenige, der sie hat, nicht Ruhegibt, bevor er nicht genau weiß, was dahinter steckt. Und das könnte rechtunangenehm für deren Pläne werden." Michael war wie ich der Meinung, daß wir etwas unternehmen müßten.Er versprach mir, mich bei meinen weiteren Recherchen zu unterstützen.Als er ging, meinte er, er befürchte, daß die Jäger nach der Akte, die mirmöglicherweise bis Kassel gefolgt waren, ihn vielleicht erkennen könntenund er, der geglaubt hatte, ihnen entwischt zu sein, nun wieder auf derHut vor ihnen sein mußte. Ich weiß nicht, aber als er die Wohnung verließ, hatte ich kein gutesGefühl. Ich befürchtete, daß ich ihn möglicherweise in Lebensgefahrgebracht hatte. Am nächsten Tag besuchte ich Michael. Er wohnte in Baunatal bei Kas-sel. In dem Hochhaus, in welchem sich seine Wohnung befand, fuhr ichmit dem Fahrstuhl bis in die neunte Etage. Ich hatte mich vergewissert,daß mir niemand gefolgt war, denn das Spiel, das wir spielten, war für unsbeide gefährlich. Dieser Abend brachte eine große Überraschung und einen Riesenschrittbei der weiteren Aufarbeitung der Ereignisse um diesen Krausinger.Michael entschuldigte sich, daß er mir verschwiegen habe, daß er über einwichtiges Dokument verfüge, welches für die ganze Angelegenheit vongroßer Bedeutung sei. Aber er habe mich erst einmal besser kennen-lernen wollen. Er traute mir also auch nicht von Anfang an. Nun reichte ermir einen Packen alter Zink-Oxid-Kopien. Auf dem Deckblatt stand"Tagebuch" und darunter der Name des Schreibers "Bergwald". DieserName sagte mir nichts. Wie Michael in den Besitz dieser Kopie gekommen war, werde ich spä-ter darlegen. Er bat mich jedenfalls, sofort das Material zu lesen. Das tatich auch, neugierig darauf, was ich wohl erfahren würde. Der Inhalt erin-nerte mich allerdings an ein Märchenbuch. Ich mußte immer wieder denKopf schütteln. Michael beobachtete gespannt meine Reaktion. Als ich fertig gelesenhatte und aufblickte, fragte er sofort: "Und, wie findest du das?" "Wie soll ich das denn finden? Das entbehrt doch wohl jeder Realität. -Wer ist denn das, dieser Bergwald? Ein Science fiction-Schriftsteller oderein Märchenbuchautor?" "Also wer der Mann ist, bzw. war, das läßt sich ja aus dem Inhalterschließen. Das war offensichtlich einer, der in einem SS-Objekt gefan-gene alliierte Flieger bewachen mußte." 81
  • Das hatte ich ja auch gelesen. Da hatte Michael recht, aber das warsicher auch alles, was daran real war. "Und der vor lauter Langeweile an-gefangen hat, ein Märchenbuch zu schreiben" ergänzte ich seine Worte. "Also sagen wir mal so: Es sind ja einige harte Fakten in dem, was erschreibt, feststellbar. Zum Beispiel der Professor Krausinger, den könnenwir ja identifizieren." "Ja, das wird das einzige Authentische daran sein. Aber mehr mitSicherheit nicht." Michael schien meine Ignoranz völlig unverständlich. "Sag mir dochbitte; Theo, was ist es denn, was dir dabei so märchenhaft erscheint?" Erblickte mich fragend an. "Na, das ist ja wohl klar: Kleine Männchen, vielleicht auch noch grün,sprechen in die Köpfe von Menschen und sind wohl mit einem UFO vomMars gekommen. Das ist ja wohl lauter Unsinn." "Theo, entschuldige bitte, aber hast du noch nie von solchen Dingengehört? Kannst du dir so etwas wirklich nicht vorstellen?" "Vorstellen kann man sich vieles. Man kann sich auch viel Unsinn vor-stellen. - Gehört habe ich auch schon von UFOs, die bringen das jamanchmal sogar im Fernsehen. Aber da muß man ja ein Gläubiger sein,denke ich. Und das bin ich nicht. Ich bin ja auch in keiner Kirche. Mir kannkeiner was erzählen, ob nun von Engeln oder von UFOs. Dafür bin ich einzu rational denkender Mensch ..." In dem Moment, als ich das sagte, schoß es mir wie ein Blitz durch denKopf "glühende Scheibe ... kleine Männchen", das hatte ich doch schoneinmal gehört! - Ach, natürlich, die alte Frau in Waldheide, die hatte jaauch so was erzählt. Aber sollte da wirklich etwas dran sein? . "Sag malMichael, wie bist du denn eigentlich an dieses Material gekommen?"fragte ich, denn ich wollte nun unbedingt den Realitätsgehalt dieserGeschichte abchecken. "Das ist eine lange Geschichte. Da muß ich weit zurückgehen. Du hastmich ja gefragt, weshalb wohl die Akte so brisant sei, obwohl doch außerKrausingers Herkunft nichts Besonderes und erst recht nicht etwas wirk-lich Geheimnisvolles drin zu stehen scheint. Das was ich dir sagen werde,wird dich genauso irritieren, wie dieses Tagebuch, weil du ja in dieserFrage ein ungläubiger Thomas bist." "Was meinst du damit?" fragte ich verwundert. "Paß mal auf, Theo. Ich war in Berlin in einer ganz besonderen Arbeits-gruppe tätig, bevor ich wegen einer Weibergeschichte nach Warenthinversetzt und dort Adjutant von General Keter wurde. Diese Arbeitsgruppeim Ministerium beschäftigte sich mit der Analyse unbekannter Luftraum-phänomene in der DDR."82
  • "Was denn für Luftraumphänome? Meinst du vielleicht Nordlichter oderso was ähnliches?" Ich konnte mir beim besten Willen nicht vorstellen,daß die Stasi, die doch immer als rational und materialistisch aufgetretenwar, sich nun möglicherweise mit UFOs beschäftigt haben sollte. "Nein. Ich meine unidentifizierte Flugobjekte, UFOs!" "Ach, hör schon auf. Das glaubst du doch selber nicht. Im MfS! Nee,also du kannst mir ja viel erzählen, aber sowas nicht." "Doch, doch. Natürlich fiel das unter strengste Geheimhaltung. Bevor ichdort hinkam, hätte ich das auch nicht geglaubt. Aber paß auf, es kommtnoch besser. Also, wie gesagt. Ich kam 1986 nach Warenthin und dorthabe ich dann auch noch so etwas kennengelernt, wovon ich bis dahin nurBerichte gelesen hatte. Als Waldheide Außenstelle der WVA wurde, hatteuns General Keter informiert, daß sich dort einmal eine Waffenschmiededer Wehrmacht befunden habe. Lange Zeit wußte ich nicht mehr als das,bis mir Keter nach der Wende gezeigt hat, was dort in einer Tiefetageverborgen war. Halt dich fest, du wirst es nicht glauben: Sie haben dorttatsächlich ein UFO. Es ist eine glänzende Scheibe. - Ich habe sie miteigenen Augen gesehen!" Ich starrte Michael an. Auf den Arm nehmen wollte er mich sicher nicht.Aber wie konnte das sein? "Haben die Nazis sowas gebaut? War das dievielbeschworene Wunderwaffe?" "Das dachte ich zunächst auch", erwiderte Michael. 83
  • Kapitel IIAktennotiz vom 24.09.1961K. verhält sich seltsam abweisend, wenn es in Gesprächen auf dasThema der Erfolge der sowjetischen Raumfahrt kommt. Er tut die gran-diosen Leistungen ab und verhält sich so, als kenne er Besseres. Auchden Raumfahrtergebnissen der Amerikaner steht er ablehnend und iro-nisch gegenüber. Da er als Raketenforscher recht gut einschätzen kann,wie enorm sich seit Fünfundvierzig auf diesem Sektor alles entwickelt hat,erscheint mir diese Haltung sehr merkwürdig. Weshalb tut er das? Wasverheimlicht er? Keter Warenthin, Oktober 1957. In einem der Labore der WVA verfolgte Pro-fessor Krausinger gerade aufmerksam, wie sein Kollege Dr. Bernert undein Laborassistent eine Versuchsanordnung überprüften. Das Telefonschrillte. Er nahm den Hörer ab und erkannte die Stimme des Generals:"Professor, kommen Sie doch bitte sofort zu mir." "Ich bin gerade mit einer Versuchsanordnung ...", blockte Krausinger ab,aber der General unterbrach ihn: "Das müssen Sie zurückstellen. Es istaußerordentlich wichtig. Kommen Sie umgehend!" "Dr. Bernert, beginnen Sie bitte mit dem Versuch auf keinen Fall bevorich zurück bin." Nach einem kurzen Augenblick setzte Krausinger hinzu:"Es wird sicher nicht sehr lange dauern." Er nickte seinem Kollegen zu. "Wir benötigen ohnehin noch etwa eine halbe Stunde, bevor wir soweitsind, Dr. Letticher". Krausinger legte den weißen Kittel ab, verließ das Labor und schloßsorgfältig die gepanzerte Tür hinter sich. Auf dem Gang der Barackebegegnete er zwei Technikern. Im Vorübergehen grüßten sie höflich. Ergalt in diesem Institut als Kapazität und erfuhr Achtung, auch wenn erkeinen militärischen Rang und keine Leitungsposition bekleidete. Durch eine zweiflüglige Tür verließ er die Baracke und trat ins Freie. Eswar ein angenehmer Frühherbsttag, dieser 04. Oktober 1957. An dem zurrechten Hand liegenden Heizhaus waren zwei Heizer damit beschäftigt,eine riesige Briketthalde abzutragen, indem sie die Kohlen durch eineLuke in den Kohlenbunker schaufelten. Sie verursachten eine Staubwolke,die in seine Richtung zog. Deshalb machte er einen großen Bogen um dasHeizhaus. Dann kam er am Haupttor vorbei. Die beiden Soldaten vomWachregiment des MfS trugen, um den wirklichen Charakter des Objektesnicht nach außen publik werden zu lassen, blaue Polizeiunifor-84
  • men ohne Schulterstücke, mit denen die Mitarbeiter des Betriebsschutzesin sämtlichen wichtigen Betrieben, Instituten und Einrichtungen ausge-stattet waren und sie waren unbewaffnet. Krausinger hatte den ganzen Weg über bereits überlegt, was es wohlsein könne, das den General dazu veranlaßt hatte, ihn aus dem Laborherauszurufen. Er hatte auch die leichte Aufregung in Keters Stimmebemerkt. Sollte es etwas Unangenehmes sein? Würde das möglicherwei-se Auswirkungen auf seine persönliche Situation haben? Er erreichte das Hauptgebäude und betrat es durch die weit geöffneteEingangstür. Dann stieg er die breite Treppe hinauf in den zweiten Stock,klopfte an und betrat das Vorzimmer des Leiters der WVA. Die Sekretärin des Generals, etwa Dreißig, sehr gut aussehend,halblang geschnittenes blondes Haar, begrüßte ihn wie immer rechtfreundlich. Da ihm klar war, daß Chefsekretärinnen immer alles Wichtigewußten, war ihr Verhalten für ihn ein Entwarnungssignal. "Sie können sofort hineingehen, Genose Profesor" - sie sagte immerGenose zu ihm und sprach auch Professor so aus, als werde es nur miteinem s geschrieben. Er korrigierte sie nie. "... der Genose Generalerwartet Sie bereits", flötete sie freundlich weiter. Leni Schröder kleidete und frisierte sich so, daß man sie sich eher alsMannequin in einem Modeinstitut, denn als Leutnant der Staatssicherheitvorstellen konnte. Und sie sah gut aus, verdammt gut aus. Alle Männer inder WVA waren von ihr begeistert und sie hatte wohl auch bereits, obwohlverheiratet, ein paar Affären im Hause hinter sich. Der General besaßdafür entweder keine Antenne und seine Genossen hatten ihn inUnkenntnis gelassen oder er wußte es und dachte sich, wenn es ja imHause bliebe, dann könnte es ihm egal sein. Seine tüchtige Chef-sekretärin schien er auf jeden Fall behalten zu wollen. Vielleicht war sie jaauch für ihn selbst zumindest eine angenehme Augenweide. Krausinger lächelte ihr ebenfalls freundlich zu - Chefsekretärinnen mußman sich warm halten, zumal dann, wenn sie keine menschlichen Vor-zimmerdrachen waren - und ging an ihrem Schreibtisch vorüber. "Kommen Sie bitte, Professor", sagte Keter, der bereits die Tür seinesZimmers geöffnet hatte. "Haben Sie schon gehört? Die Sowjetunion hateinen Satelliten in eine Umlaufbahn um unsere gute Mutter Erdegebracht." Keter ging zu dem neuen Schwarz-Weiß-Fernsehgerät und schaltete esein. Über die Schulter gewandt sagte er: "Setzen Sie sich doch bitte. DieNachrichten kommen in zwei, drei Minuten. Sie werden es selbst sehenund hören!" 85
  • Krausinger war bei Keters Mitteilung zusammengezuckt. Sind die dochschon so weit, dachte er unangenehm überrascht. Die Fernsehnachrich-ten bestätigten dann tatsächlich Keters Worte. Es handelte sich um eineunbemannte Raumkapsel namens "Sputnik". Und landen würde sie amFallschirm. Schön vorsintflutlich, dachte er erleichtert. "Ist das nicht ganz phänomenal?" meinte Keter begeistert und ließ sichdann in endlosen Tiraden über den angebliche existierenden wissen-schaftlich-technischen Vorsprung der UdSSR gegenüber den USA imspeziellen und des Weltsozialismus gegenüber der untergehenden kapita-listischen Welt im allgemeinen aus. Krausinger hatte gedankenzerstreut dazu genickt, was der General alsZustimmung betrachtet hatte und es war ihm erst nach dreißig Minutenbegeisterter Monologe Keters über die "ruhmreiche sowjetische Raum-fahrt" unter dringlichem Hinweis auf den wichtigen Laborversuch gelun-gen, Keters Dienstzimmer wieder zu verlassen. Die Tatsache, daß einraumschiffähnliches Objekt um die Erde kreiste, lange Zeit, bevor er sei-nen Trumpf würde aus dem Ärmel ziehen können, hatte ihn damals und inder Folgezeit mehr und mehr beunruhigt. Er begann aufmerksam dieseEntwicklung zu verfolgen. Warenthin, Herbst 1961. Krausinger hatte mit Beunruhigung die Ent-wicklung verfolgt, die sich auf dem Gebiet der Weltraumtechnik und derErkundung des erdnahen Raumes seit dem Start des ersten Sputniks voll-zogen hatte. Ab 1958 waren von Seiten der Russen und der AmerikanerSatellit auf Satellit gefolgt. Als dann am 12. April 1961 mit Juri Gagarin dererste Mensch die Erde umkreiste, verstärkten sich seine Befürchtungen,daß die technische Entwicklung seine Pläne überholen könnte, dennschließlich mußte er ja noch gut drei Jahrzehnte warten. Und in einemsolch langen Zeitraum konnte noch so viel passieren auf diesem Gebiet.Das bewies ihm ja nun die rasante Entwicklung in den Jahren seit 1945. Eine andere Mitteilung des Generals beunruhigte ihn in jener Zeit aller-dings um ein Vielfaches mehr. Es war im Herbst des Jahres 1961. DieEreignisse des 13. August, als die Mauer in Berlin errichtet wurde, lagenbereits viele Wochen zurück, als ihm Keter eines Tages bei einer ihrerinzwischen häufig gewordenen abendlichen Runden am Schachbrett,diesmal in Keters Privatzimmer, eine interessante Nachricht offenbarte,die eindeutig unter strengste Geheimhaltung fiel. Keter nahm es damitnicht so genau. Da Krausinger für ihn praktisch lebendes Inventar derWVA war und ohnehin niemals das Objekt verließ, bzw. es nicht verlassendurfte, hielt er die Einhaltung der Geheimhaltungsnomenklatur für nicht sowichtig.86
  • Bei dem im Februar 1961 stattgefundenen Ereignis handelte es sichnach Keters Auffassung um einen hochbrisanten Vorgang, der beinaheeinen Dritten Weltkrieg ausgelöst hätte, wenn nicht beide Seiten, insbe-sondere aber die sowjetische, wie er meinte, relativ besonnen gehandelthätten. "Stellen Sie sich vor, Professor, am 14. Februar haben wir alle einganz unververschämtes Glück gehabt, daß der Kalte Krieg nicht zu einemheißen Dritten Weltkrieg geworden ist." Krausinger wußte mit diesem Datum absolut nichts anzufangen, zumaldie Propaganda im Zusammenhang mit Krieg und Frieden immer wiedereinen Augusttermin genannt hatte: "Wieso? Was war denn da? Am 14.Februar? Ich denke am 13. August wurde der Frieden gerettet? Sie habenmir doch oft genug in den letzten Wochen erklärt, der Mauerbau oder wieSie sagen, die Errichtung des antifaschistischen Schutzwalles, habe denbeabsichtigten Einmarsch der Bonner Ultras mit klingendem Spiel durchdas Brandenburger Tor verhindert und einen Dritten Weltkrieg vermieden."Er hatte ironisch hinzugesetzt: "Wieso soll nun auf einmal der 14. Februardieser Wundertag gewesen sein? Das müssen Sie mir bitte erklären." "Ich bin ja dabei, Professor. Ich bin ja dabei", hatte Keter ihm geantwor-tet. Auf den ironischen Ton, den er nicht überhört haben konnte, war ernicht eingegangen, sondern hatte fortgesetzt: "Es stimmt schon. Siehaben ja recht. Ich komme etwas spät mit dieser Information. Aber ichmuß Ihnen dazu sagen, daß ich sie selbst erst im April erhalten habe. Siewar in eine der höchsten Geheimhaltungskategorien eingestuft worden.Dann kam die gespannte Lage um den 13. August herum. Da vergaß iches natürlich. Die akut gefährliche Situation hatte das völlig in den Hinter-grund gedrängt!" Keter hatte ihn bedeutsam angeschaut: "Daß ich Ihnendiese hochbrisante Information gebe, ohne daß Sie normalerweise zudieser Geheimhaltungskategorie Zugang hätten, Professor, das könnenSie als einen Beweis meiner persönlichen Wertschätzung für Sie und Ihreausgezeichnete Arbeit hier in der WVA betrachten." Wem sollte ich es denn verraten, General, hatte Krausinger gedacht.Laut hatte er erwidert: "Lieber General, ich bedanke mich für die WorteIhrer Wertschätzung. Ich weiß sie zu würdigen. Worum handelt es sichdenn, bitte?" "Ja also, Professor, ich wurde dieser Tage daran erinnert, als ich ineiner westlichen Zeitung eine Karikatur zu sogenannten fliegendenUntertassen sah, um die ja in der westlichen Welt so ein Wind gemachtwird. -UFOs, sagt Ihnen das etwas?" Krausingers Nerven waren gespannt. UFOs? Worauf spielte derGeneral an? Wußte der etwas? Nein, das konnte unmöglich sein, hatte ersich sofort 87
  • wieder beruhigt und geantwortet: "Ja, was ist denn damit? Gehört habe ich wohl schon einmal davon. Haben Sie etwa so etwas gesehen?" Um seinen Mund hatte er vorsichtshalber ein spöttisches Lächeln spielen lassen. "Also ich persönlich nicht. Ich bin eher ein Anhänger von Karikaturen über solche ... Phänomene ... gewesen", hatte ihm Keter geantwortet. "Gewesen? Sie sagen das so, General, als habe sich da etwasgeändert? Erzählen Sie doch bitte endlich." Vom Thema stark berührt warKrausinger ungeduldig geworden. Keter hatte offensichtlich sein spöttisches Lächeln und die Ironie in sei-ner Stimme registriert. Er schien sich nicht erst genommen zu fühlen."Wenn Sie mir nicht ins Wort gefallen wären, dann hätte ich Ihnen bereitsalles erzählen können!" Keter, dessen Schulbildung darin bestandenhatte, was eine achtklassige Volksschule bieten konnte und der später nurdiverse Lehrgänge und Fachschulen besucht hatte, die ihn das lehrten,was er als Offizier im allgemeinen und als Mann der Staatssicherheit imbesonderen brauchte, um seinen Aufgaben gerecht werden zu können,neidete dem Akademiker Krausinger, einer Koryphäe der Naturwis-senschaften, den Bildungs- und Geistesvorsprung. Deshalb war er immerdann besonders sensibel, wenn der Professor ironisch wurde, weil erglaubte, der wolle ihn als Depp vorführen. Krausinger seinerseits, erpicht auf Keters Informationen, sagte schnell:"Entschuldigen Sie schon General." "Also, ich hatte ja bereits gesagt, daß wir am 14. Februar diesen Jahresnoch einmal haarscharf an einem Atomkrieg vorbei gekommen sind. Stel-len Sie sich vor: In der Nacht vom 13. zum 14. Februar mußte in derUdSSR die höchste Alarmstufe ausgelöst werden, weil unbekannte Flug-objekte, aus Richtung Alaska kommend, in den sowjetischen Luftraumeingedrungen waren. Es muß kurz nach Mitternacht gewesen sein, alsfünfzig - stellen Sie sich doch nur einmal vor - fünfzig, gewaltige Objekte insehr großer Höhe über Sibirien in Richtung Westen zu den sowjetischenZentren von Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Verteidigung flogen. DieBedrohung konnte ernster nicht sein! Es wurde natürlich sofort der Schlußgezogen, es handele sich um einen amerikanischen Erstschlag mit atomarbestückten Interkontinentalraketen. Deshalb wurde die höchste Alarmstufeausgelöst. Zahllose Abfangjäger stiegen auf, weitere warteten am Bodenauf ihren Einsatz. Truppen der Landstreitkräfte bestiegen Panzer undSchützenpanzerwagen in den Kasernen von Saratow bis nach Salzwedelund bereiteten sich auf den Abmarsch in Richtung Westen vor. In einigenGroßstädten wurde bereits Flieger- oder sogar Atomalarm gegeben. DieAtomraketen in den Silos wurden für den Start vorbereitet. Der GenosseChrustschow hatte bereits den Finger auf dem Knopf im88
  • Startkoffer, hieß es. Gleichzeitig wurden die Beobachtungsdaten in denAnalysezentren fieberhaft ausgewertet. Und was glauben Sie, wie hochdie Objekte danach flogen?" Es war nur eine rhetorische Frage gewesen, die Keter gestellt hatte. Erhatte sie sofort selbst beantwortet. Krausinger aber hatte gespanntzugehört, während er seinem Gesicht den Ausdruck relativer Desinteres-siertheit zu geben versuchte. "Sie flogen in einer Höhe von 35000 km und sie hatten wechselndeGeschwindigkeiten drauf, die zwischen - Sie werden es wieder nicht fürmöglich halten - ", Keter hatte Krausinger letzteres unterstellt, obwohldieser, was Keter nicht wußte, dies durchaus für möglich hielt, "... alsozwischen 8000 und 18000 km/h lagen!" Krausinger hatte Keter mit einem betont überrascht klingenden "Ach? "erfreut. Keter hatte ihm zugenickt: "Sehen Sie! Die aufgestiegenen MiGs kamenjedenfalls nicht an sie heran. Hatten überhaupt keine Chance. Mußtenunverrichteter Dinge wieder umkehren. Die Formation dieser unbekanntenObjekte erreichte die westlichen Zentren der Sowjetunion, ohneanzugreifen. Ich kann mir gut vorstellen, wie die Genossen in denLeitzentralen und Führungsbunkern sprachlos starrten, die Finger druck-bereit auf den entsprechenden Auslöseknöpfen für die Maßnahmen desGegenschlages. Und Sie können sich sicher vorstellen, daß allgemein eingroßes Aufatmen einsetzte, als der Spuk vorbei war. Wieder einmal hattedie Besonnenheit der verantwortlichen Politiker und Militärs der ruhmrei-chen Sowjetunion, den Frieden der Welt gerettet!" Keter hatte eine Pause eingelegt. Sein Bericht und besonders die Erin-nerung daran, wie Krieg und Frieden damals auf des Messers Schneidestanden, schienen ihn persönlich mitgenommen zu haben. Dann hatte erfortgesetzt: "Ja, was aber war das alles? Die Genossen in den Führungs-stäben glaubten, als die unmittelbare Gefahr vorüber war, das Ganze seinichts anderes als eine gewaltige Provokation und Machtdemonstrationder NATO gewesen, die mit dieser Aktion ihren waffentechnischen Vor-sprung demonstrieren und den Weltsozialismus einschüchtern wollte.Allerdings hätte die NATO dann einen schier unglaublichen Entwick-lungsschub in der Waffentechnik gemacht haben müssen, den sich nie-mand erklären konnte. Jedenfalls flogen die Objekte weiter über dieVolksrepublik Polen und unser DDR-Territorium. Dann aber überquertensie die Staatsgrenze West und erreichten den Luftraum der Bundesrepu-blik. Über der BRD machten sie aber überraschend eine Wendung nachNorden, überflogen Dänemark und Norwegen und verschwanden end-gültig von den Radarschirmen, als sie das Nordpolarmeer erreicht hat- 89
  • ten." Keter hatte noch einmal wiederholt: "Der Besonnenheit der soziali- stischen Politik und des sowjetischen Militärs verdanken wir also erneut die Verhütung einer atomaren Katastrophe, Professor." An dieser Stelle soll nicht verschwiegen werden, daß Keter damals fürsich behielt, daß in den unterirdischen Raketensilos der sowjetischenStreitkräfte auf ein Codesignal aus Moskau hin bereits die in versiegeltenGlasbehältern verschlossenen Schlüssel für den Start der Atomraketenherausgeholt, eingeführt und gedreht worden waren. - Allerdings ohneErfolg. Zum Glück für uns alle, für die gesamte Menschheit. Die Start-codes für die Raketen, die dadurch ausgelöst worden wären, um Raketen-silos, Großkasernen, militärische, politische und wirtschaftliche Zentren imBereich der NATO zu vernichten, funktionierten einfach nicht. Diesowjetische Raketenmacht war wie gelähmt. Vermutlich war es in Wahr-heit diese Tatsache, die den Dritten Weltkrieg und damit einen alles Lebenauf der Erde auslöschenden atomaren Winter verhindert hatte. Krausinger, der sich an dieses Gespräch mit Keter erinnerte, hatte dieganze Zeit über geahnt, wer wirklich hinter dieser Machtdemonstrationstand. Auf keinen Fall die NATO, auch nicht die Chinesen oder sonst wer.Er hatte den General, sich völlig unwissend stellend, gefragt: "Sagen SieGeneral, ist denn dieser enorme Vorsprung des Westens hier im Ostennicht bekannt gewesen?" "Wissen Sie, Professor", hatte dieser, etwas beschämt, wie ihm schien,geantwortet: "... Ihre Frage ist ganz berechtigt. Der sowjetischen Fernauf-klärung ist Derartiges nicht bekannt gewesen. Es sollten schon Köpfe rol-len, deswegen, im KGB. Da wurde gerade noch rechtzeitig durch sowjet-ische Kundschafter im Pentagon und im NATO- Hauptquartier in Brüsselbekannt, daß die westliche Seite von der Situation genauso überraschtund geschockt gewesen war, wie die unsrige! Die im Westen dachtendamals wiederum, daß wir sie angreifen wollten und waren auch hartdaran gewesen, mobil zu machen." Keter hatte wiederum eine Pause eingelegt. "Als alles vorbei war, mach-te sich die NATO allerdings einen ganz anderen Reim auf die Geschichte,als wir. Aufgrund der Analysedaten kamen die nämlich zu dem Schluß,daß die Flugeigenschaften dieser unbekannten Flugobjekte so weit demwissenschaftlichen und technischen Stand auch der entwickeltstenStaaten voraus seien, daß diese Objekte ..." Keter hatte aufgehört zusprechen, ihn eindringlich angeschaut und dann fortgesetzt:"... halten Siesich fest, Professor, ... nicht von dieser Erde gewesen sein konnten!" "Nicht von dieser Erde?" hatte Krausinger mit genau dem überraschtenund zweifelnden Ausdruck in der Stimme, den Keter offensichtlich von ihmerwartet hatte, von sich gegeben.90
  • "Sehen Sie ...", hatte Keter zufrieden gemeint, "... Sie können sich dasauch nicht vorstellen. - Ich glaube ja nicht, daß es so etwas gibt. Abermanchmal frage ich mich schon, was sich da oben wohl wirklich abgespielthat." Krausinger war innerlich ungeheuer aufgewühlt gewesen. Sie warenalso da. Suchten sie vielleicht die Gefangenen? Er allein unter den gegen-wärtig Lebenden, so glaubte er, hatte bereits direkte Kontakte mit ihnengehabt. Was würde die Zukunft mit sich bringen? Wenn die jetzt so offenund so zahlreich auftraten, dann war doch zu vermuten, daß sie bald auchoffizielle Kontakte zur Menschheit herstellen würden! Das wäre allerdingseine Katastrophe für ihn. Sein Trumpf, den er die ganzen Jahre über in derHand zu haben geglaubt hatte, wäre dann entwertet. Es wären verloreneJahre des Wartens auf seinen Termin gewesen. Alles wäre umsonst, ganzund gar umsonst gewesen! Plötzlich hatte er das Gefühl als drehe sichalles in seinem Kopf. Es wurde ihm regelrecht schwindlig. Er versuchtesich zu beruhigen. Vielleicht war ja doch nicht alles so, wie er befürchtete."Sagen Sie, General, haben diese seltsamen Flugobjekte sich dennwieder gezeigt, seitdem?" "Nicht, daß ich wüßte", hatte Keter geantwortet und hinzugesetzt "...übrigens wurde nach Konsultationen mit der NATO auf allerhöchsterEbene als offizielle Version in alle Stäbe der beteiligten Seiten hinein ver-lautbart, daß spezielle Untersuchungen ergeben hätten, es habe sich beidem vermeintlichen Raketenpulk um einen Schwarm hochfliegenderWildgänse gehandelt. Damit wurden die Gemüter der Offiziere in denLeitzentren, die auf den Radarschirmen alles beobachtet hatten, beruhigt.Und außerdem wurde dadurch eine Panik unter der Weltbevölkerungverhindert, denn es hätte ja durchsickern können, was da geschehen war.- Irgend etwas war da jedenfalls. - Am Besten, man denkt nicht weiterdarüber nach, Professor - oder?" "Ja, ja das denke ich auch ... Dennoch, dieses Phänomen ist hochinter-essant und weckt meine wissenschaftliche Neugierde", hatte sich Krau-singer beeilt zu sagen. "Wäre es denn möglich, darüber Literatur zubekommen?" "Professor, natürlich komme selbst ich nicht an den Geheimberichtheran. Aber Veröffentlichungen über solche seltsamen und unbekanntenObjekte, die es ja hin und wieder mal in der Westpresse gibt, die kann ichIhnen vielleicht besorgen lassen. - Ja, also wenn Sie das wirklich ernstlichinteressiert, dann werde ich sie besorgen lassen. - Was halten Sie dennnun selbst davon? Ist diese Nicht von dieser Erde - Theorie haltbar? Oderkönnte irgendeine irdische Macht dieser Welt doch bereits weiter sein aufdiesem Gebiet, als alle anderen?" 91
  • Krausinger hatte kurz überlegt und dem General dann, jedes Wortabwägend, geantwortet: "Auch ich glaube nicht, daß irgendeine Nationdieser Erde gegenwärtig bereits zu solchen technischen Leistungen fähigwäre. Dagegen würde ich den extraterrestrischen Charakter solcher tech-nisch dem gegenwärtigen Weltstand weit voraus befindlicher unbekannterFlugobjekte nicht völlig von der Hand weisen." Krausinger hatte Keterbedeutungsvoll angeschaut und mit Nachdruck sprechend hinzugefügt:"Alle von Ihnen erwähnten Fakten und die Wahrscheinlichkeit sprechensehr dafür. Vermutlich sind wir nicht die einzige technische Zivilisation inden unendlichen Weiten des Alls. Und warum sollten die uns nicht besu-chen, so wie Kolumbus einst Amerika besucht hat?" "Dann verhüte Gott", sagte der Atheist Keter, "daß diese Besucher unsso behandeln, wie Kolumbus und andere Kolonisatoren die UreinwohnerAmerikas behandelt haben." Es sollte wohl mehr ironisch gemeint sein,Krausinger glaubte aber ein Fünkchen Furcht aus Keters Stimme heraus-gehört zu haben. Sie hatten den ganzen Abend über dieses Thema gesprochen, wobeiKrausinger darauf bedacht gewesen war, sich mit keiner Silbe zu verraten.Später, als er dann in seine eigenen Räumen war, ging ihm das Themaeinfach nicht aus dem Sinn. Es hatte ihn weiter beschäftigt und in dieserNacht hatte er von seinen Gefangenen geträumt. Warenthin, Sommer 1969. Es war am 20. Juli 1969, als die Weltöffent-lichkeit von einer Nachricht überrascht wurde, die auch KrausingersZukunftspläne in gewisser Weise tangierte. Es war der Tag gewesen, andem die Meldung um die Welt gegangen war, daß die amerikanischenAstronauten Armstrong und Aldrin als erste Menschen auf dem Mondgelandet seien. Im Gegensatz zu den vielen Begeisterten, für welche diese Nachrichtein Triumph des menschlichen Geistes, menschlicher Technik und desDranges der Menschheit nach Erkenntnis sowie der erste Schritt in dieWeiten des Kosmos war, gehörte Krausinger zu denen, die diese Begei-sterung nicht teilten. Das waren jene Menschen, denen es relativ egal war, ob jemand aufdem Mond gelandet war oder nicht. Dann waren da die Kommunisten, diees den Amerikanern nicht gönnten, eher als die Russen den Mondbetreten zu haben und nun lamentierten, es sei eine ungeheuerlicheMißachtung von Menschenleben, Astronauten dort hinauf geschickt zuhaben. Humaner sei es gewesen, ein unbemanntes Erkundungsgerät zulanden, so wie es die Sowjetunion mit "Lunochod" getan habe. Wiederandere schimpften auf die ungeheure Vergeudung von Milliarden-92
  • summen für ehrgeizige Weltraumprojekte, obwohl auf der Erde jährlichMillionen Menschen verhungerten. Krausinger dagegen hatte die Nachricht geschockt, da er erneut undverstärkt befürchten mußte, daß sein Geheimnis durch dieses Ereignisentwertet werden würde und sein Lebensziel in Frage gestellt wäre. Ein in den Monaten danach aufgekommenes Gerücht, die Amerikanerhätten die Mondlandung in einem Filmstudio der CIA oder in einer Wüsteauf der Erde lediglich simuliert und wären niemals auf dem Mond gelan-det, griff er begierig auf. Er meinte, daß es sicher zum psychologischenKampf in dieser Phase des "Kalten Krieges" gehöre, die Weltöffentlichkeitzu täuschen. Er redete sich ein, daß die Amerikaner mit ihren Behauptun-gen, bereits auf dem Mond gelandet zu sein, die Russen schocken undaller Welt ihre Überlegenheit über den roten Machtblock zeigen wollten.Schließlich suggerierte er sich selbst, daß die Mondlandung eine Propa-gandaente sein mußte, weil die Brüder der Zwerge, wie er seine Gefan-genen nannte, die Amerikaner mit Sicherheit nicht so nahe an eine ihrererdnahen Basen, die Rückseite des Mondes, wie er aus einer zuverlässi-gen Quelle, dem Tagebuch Bergwalds wußte, herangelassen hätten. Auchjetzt dachte er erneut über Möglichkeit und Unmöglichkeit derMondlandung nach und beruhigte sich, indem er sich wieder für dieUnmöglichkeit entschied. Es konnte einfach nicht sein, was nicht seindurfte. Von nun an begann er bewußt alle Nachrichten über Fortschritteauf dem Gebiet der Weltraumtechnologie, welche seine Lebenspläne zuentwerten begannen, durch eine aufgesetzte Ignoranz zu filtern. Bestätigung für das oben erwähnte Gerücht, die Mondlandung sei nichtwirklich erfolgt, das ihm zur Selbstberuhigung so gut zupaß kam, erhielt erim Laufe der folgenden Jahre durch die Tatsache, daß die Amerikanernach angeblich mehreren Mondlandungen erstaunlicherweise niemalswieder dort landeten und all ihre Pläne, den Erdtrabanten alsRohstoffbasis und zu anderen Zwecken zu nutzen, offensichtlich undüberraschenderweise ohne vernünftige und glaubwürdige Erklärungaufgegeben hatten. Beruhigend war für ihn auch, daß die Amerikaner noch viele Jahre langihre Kapseln bei der Rückkehr zur Erde wassern lassen mußten und daßdie Russen die Raumkapseln mit ihren Kosmonauten an Fallschirmen indie Wüste hinabfliegen und aufprallen ließen. Denn das sagte ihm, daßdie Weltraumtechnologie der Großmächte offensichtlich doch noch weitweniger entwickelt war, als er zunächst befürchtet hatte. Warenthin, April 1976. General Keter blätterte in den Papieren, die ergerade auf seinen Schreibtisch bekommen hatte. Es handelte sich dabeium einen neuen Forschungsbericht von Professor Krausinger. 93
  • Er blickte auf und schaute aus dem Fenster in den blaugrauen Himmel,über den weiße Wolken zogen. Es hat sich als richtig erwiesen, daß ichden Professor damals habe suchen lassen, dachte er, Bilanz ziehend.Das Renommee meiner Versuchsanstalt ist ganz enorm geprägt durch dievon ihm erbrachten Leistungen. Davon habe ja auch ich selbst profitiert,bin zum Generalleutnant befördert worden und habe viele Orden und Aus-zeichnungen erhalten. - Wie lange ist der Professor jetzt eigentlich schonbei uns? Überrascht stellte er fest, daß das bereits mehr als zwanzigJahre waren. Zwanzig Jahre! Und wieder bewegte ihn die Frage, waseigentlich diesen Mann wirklich motiviert hatte, so viele Jahre imVerborgenen und ohne öffentliche Anerkennung zu arbeiten und zuleben? Er suchte nach einer Antwort. Er fand sie auch diesmal nicht. Was er zu diesem Zeitpunkt nicht wissen konnte, das war die Tatsache,daß Krausinger nur von einem einzigen Motiv getrieben wurde, das ihnalle Begrenzungen seines nichtfreien Daseins vergessen und ertragenließ. Und das bestand in dem unbändigen Willen, sein Lebensziel zuerreichen: Er wollte seinen "Termin" erleben und unter Ausnutzung derMöglichkeiten, die er sich davon versprach, zu einem der mächtigsten,wenn nicht gar zum mächtigsten Menschen der Erde werden. Das zuerreichen und auszuleben, das waren ihm die vielen Jahre im Schattendes wissenschaftlichen Ruhms und in einer Quasigefangenschaft wert. Jeder normal denkende Mensch hielte es für undenkbar und schon garnicht für durchhaltbar, sein ganzes Leben freudlos auf ein Jahrzehnte ent-fernt liegendes und noch dazu phantastisch, ja wahnsinnig anmutendesZiel hin auszurichten. Der Mann, von dem hier die Rede ist, war allerdingskein "normal denkender Mensch". Nicht normal denkend war er inzweierlei Hinsicht: Erstens, weil ja normal praktisch für durchschnittlichsteht. Mit dieser Elle aber konnte man diesen Menschen nicht messen.Zweitens dachte er nicht normal, also durchschnittlich, weil sich hinter derMaske des biederen Forschers und in der relativ unscheinbaren Gestaltdieses Mannes ein Machtmensch verbarg, der von einer an Wahnsinngrenzenden Zielstrebigkeit getrieben und gesteuert wurde. Und schließlichmuß man, um dieses Verhalten Krausingers zu verstehen, auch wissen,daß er meinte, er habe Zeit, mehr Zeit zur Verfügung, als jeder "normaldenkende Mensch" - unendlich viel Zeit. All das wußte Keter nicht, trotz der intensiven Beobachtung Krausin-gers, trotz aller Verhaltensanalysen und all der Informationen über diesenMann, die er vor Jahren schon hatte zusammentragen lassen. Er blieb ihmein Rätsel. Krausingers Verhalten über die Jahrzehnte kann auch nur jemand nach-vollziehen, der sein Geheimnis kennt. Das bewahrte er bereits seit Jahr-94
  • zehnten, ohne je einen anderen Menschen einzuweihen. Es hatte seineWurzeln in einer Zeit, über die er mit Keter schon gesprochen hatte, aller-dings ohne tatsächlich auch nur einen Zipfel des Geheimnisses zu lüften.Diese Zeit, aus der es herrührte, das waren die Monate von Ende 1944 biszum April 1945. Waldheide, Sommer 1943. Anfang August 1943, nur wenige Tage vordem überraschenden Vernichtungsangriff der 8. britischen USAAF-Flotteauf die Anlagen der Raketenversuchsanstalt, verließ Professor KrausingerPeenemünde. Der Marschbefehl aus dem Stab Himmlers führte ihn zueiner "Dienststelle Forst". Am Bahnhof der norddeutschen Kleinstadt Greventorf wurde er vomAdjutanten seines neuen Chefs abgeholt. Der Fahrer verstaute seinGepäck in einem schwarzen BMW. Nach wenigen Minuten lag Greventorfhinter ihnen. Sie erreichten den Ortsteil Waldheide, der etwas abseits vonGreventorf lag. Dann ging die Fahrt über eine auf beiden Seiten vonKiefernwald gesäumte Landstraße. Nach wenigen Kilometern bog derWagen rechts ab und erreichte nach kurzer Fahrt über einen unbefestig-ten Waldweg das Ziel. Das erwies sich als ein Objekt, welches einer klei-nen Kaserne ähnelte. Über der scharf bewachten Einfahrt war ein Schildangebracht, auf welchem zu lesen war: "Forst-Objekt". Krausinger hatte gelächelt. Sicher sollten Uneingeweihte glauben, dasObjekt heiße so, weil es dem Reichsjägermeister unterstehe. Und wennman es recht überlegte: Wer kannte schon Brigadeführer Forst. Er selbsthatte den Namen noch niemals gehört. Rechts und links des Tores zog sich ein etwa 2,50 Meter hoher Bretter-zaun entlang, der die Sicht versperrte. Der Schlagbaum wurde geöffnetund der Wagen fuhr auf das Gelände. Linkerhand befand sich ein größe-res Gebäude, das Stabsgebäude. Es war, wie weitere Gebäude, zwei-stöckig, hatte ein flaches Dach, das mit Gras, Gesträuch und kleinerenBäumen bepflanzt worden war, um die Luftbeobachtung zu erschweren.Alle Außenwände waren mit grün-braun gefleckten Tarnanstrichen verse-hen. Die Fenster waren selbst zu dieser Tageszeit verdunkelt. Die festenGebäude und ebenso einige der Holzbaracken waren mit Tarnnetzengegen Lufteinsicht geschützt. Tarnnetze überzogen auch eine Reihe vonFahrzeugen, die vor den Häusern standen, darunter auch Schützenpan-zer. Zwischen den Gebäuden standen auffallend viele Bäume. Diegesamte Anlage war offensichtlich künstlich aufgeforstet worden, so daßaus der Luft nur äußerst schwer irgend etwas am Boden erkannt werdenkonnte. 95
  • Vor dem Stabsgebäude wurde Krausinger von Brigadeführer Forst emp-fangen. Forst, ein Mittfünfziger, mittelgroß, in der feldgrauen Uniformeines Generalmajors der Waffen-SS, begrüßte ihn ausgesprochen freund-lich. Er hieß ihn in der "Flugwaffentechnischen Versuchsanstalt" willkom-men. In seinem Dienstzimmer erklärte ihm Forst dann, daß diese Versuchs-anstalt auf Befehl des Reichsführers gegründet worden sei, als heimlicheAntwort der SS auf die rüstungstechnischen Forschungen von Heer undLuftwaffe. Himmler wolle dem Reichsmarschall Göring, der seine Luft-waffe für etwas besseres halte, so hatte Forst erbost gesagt, beweisen,daß die SS auf allen Gebieten die deutsche Elite darstelle und derLuftwaffe allemal überlegen sei. Der Reichsführer hätte ihn, ProfessorKrausinger, als Forschungsleiter dieser neu errichteten Anstaltvorgesehen. Forst nahm ein Schriftstück von seinem Schreibtisch undüberreichte ihm die Ernennungsurkunde. Krausinger hatte sich schnell ein Bild von Forst gemacht. Er merkte,daß es nicht weit her war mit Forsts forscherischer Befähigung und daßihm die Ausstrahlung einer Führerpersönlichkeit fehlte. Vielleicht hat erirgendwelche Verdienste aus der Bewegung, die ihm den Rang und die-ses Amt eingebracht haben, dachte er abfällig und er wußte, daß er freieHand haben würde. Forst dagegen war begeistert darüber, mit Professor Krausinger einenberühmten Physiker als Stellvertreter zu bekommen. Er erwies sich, wiesollte es anders sein, als fanatischer Nationalsozialist. Da trafen sich zweiverwandte Seelen, denn das war Krausinger zu dieser Zeit ebenfalls. Erübernahm also die Leitung der Forschung, während Forst die Gesamtlei-tung der Versuchsanstalt hatte. Die Sicherung des Objektes erfolgte durcheine Kompanie der Waffen-SS. Eine in der Nähe stationierte Flakbatteriediente dem Luftschutz der Versuchsanstalt und gleichzeitig war sieBestandteil des vorgeschobenen Abwehrgürtels der Reichshauptstadt. In den oberirdischen Räumen der Gebäude wohnte das Personal undwaren die Forschungs- und Konstruktionsbüros untergebracht. Das Objektwar allerdings von Spezialgruppen der "Organisation Todt" und vonBaueinheiten der SS drei Etagen in die Tiefe gebaut worden. Beobachterdes Baugeschehens hätten vermuten können, daß dort ein neuesFührerhauptquartier errichtet wurde, als 1942/43 daran gebaut wordenwar. Krausinger wurde Herr über 100 Wissenschaftler, diplomierte, promo-vierte und sogar einige habilitierte Männer sowie einige hundert Technikerund Hilfskräfte. Zu den wichtigsten Forschungsprojekten der Flugwaf-fentechnischen Versuchsanstalt Waldheide gehörten in den Jahren 194396
  • bis 1945 das Raketenflugzeug "Götterbote", das schneller sein sollte alsdie Me 262, die Me 163 und die Ju 263, eine abwerfbare Druckkabinebesaß und mit infrarot-zielsuchenden Raketen bewaffnet war. Als Vergel-tungswaffe V3 wurde eine Boden-Luft-Rakete A 7, vorgesehen. Aber auchandere Waffen, wie etwa die leichte automatisch justierende Bordkanone"Krau 12", die für die neuen Rotor-Fluggeräte gedacht war, wurden unterseiner Leitung entwickelt. Keine dieser Waffen kam je zum Einsatz. Esgab nur Prototypen, die allerdings zur beabsichtigten Serienproduktion ingeheime unterirdische Produktionsstätten im Thüringer Wald und inÖsterreich gebracht wurden, wohin genau, hatte selbst Krausinger nieerfahren. Man munkelte allerdings, daß diese Prototypen in Wahrheit mitU-Booten nach Brasilien verschifft worden seien, wo das Reich im Urwaldeine Basis mit unterirdischen Produktionsstätten besitzen sollte, für denAngriff auf die Vereinigten Staaten von Nordamerika, die sich nicht ausdiesem Kriege heraus gehalten hatten und zudem noch die "roten Hunnenim Osten" wirtschaftlich und militärisch unterstützten. Das Personal der einzelnen Projekte arbeitete entweder in oberirdi-schen Labors und Werkstätten oder in den einzelnen Tiefetagen. Keinerwußte Konkretes über die Arbeiten der anderen Projektgruppen. StrikteGeheimhaltung war befohlen worden und wurde vom SD unter Führungdes bulligen Obersturmführers Pluntke ständig überprüft. Krausingers Arbeitszimmer befand sich ebenso wie sein Wohnraum ineinem der wenigen zweistöckigen Gebäude. Dieses Gebäude war sogebaut, daß seine linke Seite einen scheunentorähnlichen Eingang imErdgeschoß aufwies, die Einfahrt in den Lastenfahrstuhl. Darüber war imoberen Geschoß kein Raum, sondern der Aufzugsmechanismus desLastenfahrstuhls. Das Ganze war so geschickt gemacht worden, daßAußenstehende nicht ahnen konnten, daß sich in dem zweistöckigenGebäude mit Flachdach ein Fahrstuhl befand. Zur Tarnung befanden sichim Obergeschoß links und rechts des Einganges insgesamt jeweils sechsFenster und ein dreizehntes war direkt über der Eingangstür des Erdge-schosses. Auf der linken Seite waren allerdings zwei der sechs Fensternur Scheinfenster, die den Eindruck vermitteln sollten, es befänden sichdort Räume. Auch im Erdgeschoß gab es rechts und links der Tür jeweilssechs Fenster. Die beiden äußeren auf der linken Seite waren allerdingsnur auf das Tor zum Lastenfahrstuhl gemalt worden, um es zu tarnen. Nurwenn man nahe genug heran gekommen war, erkannte man die beinaheperfekte Tarnung als Täuschung. Im März 1944 ließ sich Brigadeführer Forst an die Ostfront versetzen,um es "den Russen mal so richtig zu zeigen", wie er Krausingergegenüber geäußert hatte. Er könne nicht in der Etappe bleiben, wenn imOsten eine 97
  • Schicksalsschlacht für das deutsche Volk geschlagen werde. Wie Krausin-ger erfuhr, fiel Forst wenige Wochen später in einem Hinterhalt sowjeti-scher Partisanen. Neuer Leiter der Versuchsanstalt wurde Hans Holt. Er erschien zu sei-nem Antrittsbesuch in der Uniform eines SS-Gruppenführers. Am Ärmeltrug er den Streifen mit der Aufschrift "RFSS", der deutlich machte, daß erzum persönlichen Stab des Reichsführers SS gehörte. Holt ließ sich nach diesem Besuch, während dessen er sich alles in sei-nem neuen Reich zeigen ließ, recht selten in Waldheide sehen. Er über-trug, ebenso wie es bereits Forst getan hatte, Krausinger weitgehendeKompetenzen. Holt, einer der wenigen Duzfreunde des Reichsführers,blondhaarig, blauäugig, groß und schlank, ein Vorzeigegermane der SS,hatte seinen Freund Heinrich um diesen Posten gebeten. Im Gegensatzzu Brigadeführer Forst, der sich freiwillig zur Front gemeldet hatte, warHolt ein echter Etappenhengst. Er liebte das gute Leben und die Frauenund hatte nicht die geringste Lust, an der Front seinen edlen Körper ver-letzen zu lassen oder gar auf dem "Felde der Ehre" zu sterben. Krausinger, der bereits 1943 Obersturmbannführer geworden war,wurde im September 1944 vom Reichsführer SS persönlich zum Standar-tenführer befördert. Im Anschluß daran hatte Himmler mit ihm im Beiseinvon Obergruppenführer Dr. Kammler, dem Flugzeug- und Raketenchefder SS, und Gruppenführer Holt ein Gespräch geführt, das ihm gezeigthatte, welch große Verantwortung auf seinen Schultern lag und das ihn inseiner Arbeit zusätzlich beflügelte. Himmler, extrem kurz geschnittenes Kopfhaar, rundes Gesicht, rundeNickelbrille durch die ein stechender Blick sein Gegenüber fixierte, hattezunächst über das gesprochen, was der Führer wenige Tage zuvor ihmgegenüber geäußert habe. Kern dessen sei gewesen, daß der anglo-ame-rikanische Bombenterror in barbarischer Weise die Heimstätten des deut-schen Volkes vernichte. Reichsminister Speer benötige Zeit für den Wie-deraufbau Berlins. Die Welthauptstadt Germania werde wie Phoenix ausder Asche wiedererstehen. Die Situation in anderen deutschen Städten seiaber leider auch nicht besser. Deshalb sei es notwendig, nach dembevorstehenden Endsieg intakte fremde Städte zur Verfügung zu haben,in welchen das deutsche Kernvolk vorübergehend siedeln könne. MehrereMillionen Menschen germanischen Blutes müßten für eine gewisse Zeitumgesiedelt werden. Das erfordere, daß die feindlichen Zentren vonMenschen freigemacht würden, jedoch der Siedlungswert dieser Zentren,er denke an Paris und London aber auch an andere überwiegend nochintakte feindliche Großstädte, erhalten bleibe. Sie seien also auf eineWeise zu erobern oder zurückzuerobern, die den Feind vernichte, die98
  • Städte entvölkere, aber Wohnhäuser, Infrastruktur und Fabrikanlagenweitestgehend intakt lasse. Die Vergeltungswaffen V1 und V2 seien offen-sichtlich dafür nicht geeignet, wenngleich man sie nach wie vor für andereZiele verwenden könne. Adolf Hitler erwarte Vorschläge, wie diesesProblem zu lösen sei. Himmler hatte alle in der Runde aus seiner randlo-sen Brille blinzelnd angesehen und nach einer kurzen Pause betont arti-kuliert fortgesetzt, er habe dem Führer versprochen, daß die SS an einererfolgversprechenden Lösung arbeiten werde. Kammler hatte sofort zugestimmt. Holt, der Himmler in Anwesenheitanderer Personen siezte, hatte übertrieben begeistert geäußert: "Reichs-führer, das ist eine Aufgabe, die wir, die Dienststelle Forst lösen werden.Sie können sich auf uns verlassen. Sie und natürlich unser Führer AdolfHitler!" Und alle Drei hatten ihn, Krausinger, wie auf Kommando, ange-sehen. Und er hatte gewußt, daß er der Hoffnungsträger geworden war.Holt hatte ihm zugenickt. Und so hatte er gesagt: "Natürlich. Sie könnensich darauf verlassen, Reichsführer." Auch Kammler hatte sich beeilt zu sagen: "Reichsführer, ich garantierepersönlich, daß die Produktion einer entsprechenden, wie auch immergearteten Waffe, die von der Dienststelle Forst entwickelt wird, schnell-stens in größerer Stückzahl im Kohnstein oder an anderer Stelle erfolgenkann." Krausinger fuhr von dieser Beratung zurück nach Waldheide, stolz dar-auf, daß gerade er mit dieser Aufgabe betraut worden war. Unterwegsüberlegte er bereits, wie die Waffe sein mußte, die genau das vom FührerErwartete leisten könnte. Sie benötigte natürlich auch einen Träger, dersie in die Zielorte bringen würde. Auch den wollte er liefern und sich nichtauf die V2 verlassen. Er dachte sofort an die A7, eine Boden-Luft-Rakete,die Holt und er als "Vergeltungswaffe 3", also als V3 bezeichneten. DieseRakete war fast einsatzbereit. Sie stellte eine Weiterentwicklung der V2dar. Sie war exakt 9,53 m lang und hatte einen Durchmesser von 73 cm.Als Treibstoff wurde eine Mischung aus flüssigem Sauerstoff und Alkoholverwendet. Die äußere Hülle bestand aus einer Aluminiumlegierung.Durch die damit erreichte Gewichtsminderung sollte ihre Flugleistungverbessert werden. Der Antrieb der Rakete bestand aus zwei getrenntnebeneinander angeordneten Triebwerken mit je 1002 TonnenSchubkraft. Diese waren auf zwei Kardanwellen aufgehängt, wodurch siezum Zweck der Flugbahnänderung geschwenkt werden konnten. Der Prototyp wurde nachts auf dem Schießplatz Waldheide, der zum"Forst-Objekt" gehörte, gestartet. Die V3 flog bis in eine Höhe von 72 kmund 254 km weit. Während des Fluges mit einer Stundengeschwindigkeitvon 5600 km, gelang eine ferngesteuerte Kurskorrektur. Schließlich war 99
  • die Rakete mangels Treibstoffs in die Ostsee gestürzt. Sie hatte zwar dieKomponenten und die Leistung der V2 noch nicht erreicht, aber in der"Dienststelle Forst" waren sich alle darin einig gewesen, daß dieser ersteVersuch sehr vielversprechend war und daß die zwar bedingte, abermögliche Lenkbarkeit und damit Manövrierfähigkeit der Rakete einendeutlichen Fortschritt gegenüber der V2 darstellte. Auf dem Erreichtenaufbauend würden sie den Träger für die gewünschte Waffe entwickeln.Das sollte kein Problem sein, dachte er. Aber wie mußte die Waffe selbstsein? Sie sollte ja kaum etwas zerstören, aber die Zielgebiete trotzdemfeindfrei machen? Er dachte an seine Arbeiten zur Atomwaffenforschung. Er hatte an derKonferenz teilgenommen, auf welcher der Reichsminister für Rüstung,Albert Speer, von den deutschen Atomphysikern wissen wollte, ob sie inder Lage seien, die Gesetze des Atoms für eine Wunderwaffeauszunutzen. Die Physiker Hahn, Heisenberg und von Weizsäcker, die aufdiesem Forschungsgebiet im Reich führend tätig waren, referierten überdie Möglichkeiten der Kernspaltung in Deutschland. Das Fazit lautete: Dietheoretischen Grundlagen sind gelegt, aber die technische Umsetzungwird noch Jahre dauern und vermutlich erst 1945 abgeschlossen sein. Da der Krieg bis dahin längst siegreich beendet sein sollte und weil derFührer die Kernphysik unter das Verdikt stellte, "jüdische Physik" zu sein,wurde die Forschung an A-Waffen offiziell eingestellt. Allerdings hatte derGedanke der Kernwaffe Krausinger nie in Ruhe gelassen und er hatteunter anderem auch daran weiter gearbeitet. Diese Waffe aber, das warihm klar, war für das beabsichtigte Ziel nicht geeignet, da ihreZerstörungskraft ungeheuer sein würde. Vielleicht aber war sie nur nichtso, nicht auf die Weise wie sie angedacht war, geeignet? - Es müßte ihmgelingen, die Waffe, die er auf dem Papier bereits fertig hatte, zumodifizieren. Als der Wagen den Schlagbaum seiner Dienststelle passierte, warbereits die Idee gereift, daß die gewünschte Waffe eine spezielle Atom-waffe sein mußte. Es sollte eine A-Waffe sein, bei der die Explosivkraftund die Folgewirkungen, Druckwelle und Hitzeentwicklung, gebremstwaren. Dadurch würde die Zerstörungskraft minimiert. Dafür müßte ihreSofortkernstrahlung möglichst kurzzeitig so extrem stark sein, daß sie alleGegner kampfunfähig und die Zielgebiete menschenleer machte. DieseSofortkernstrahlung würde bei günstiger Wetterlage rasch verfliegen,wodurch Folgeschäden für die neuen deutschen Bewohner der so freige-wordenen Städte vermieden werden würden. Krausinger triumphierte. Erwürde keine vier Wochen brauchen, um dem Reichsführer sein Konzeptzu präsentieren.100
  • Bereits drei Tage später hatte er den schriftlichen Auftrag Himmlers vorsich liegen. Er schaute ihn sich an:Der Reichsführer SSBerlin, den 24. November 1944Tgb. Nr. 114/44 g. Kdos.4 Nebenabdrucke3. Nebenabdruck3 AusfertigungenPr. Nr. 2Betr.: Sonderauftrag des FührersIm Einvernehmen mit dem Oberkommando der Wehrmacht habe ich zurDurchführung der mir vom Führer gegebenen Sonderbefehle undübertragenen Sondervollmachten für das Gebiet der siegbringendenWaffen die "Dienststelle Forst" vorgesehen. Für die Lösung dieser vor-rangigen Sonderaufgabe lege ich mit Zustimmung des OKW sowie desReichsmarschalls folgendes fest:1. Die Dienststelle Forst beginnt sofort unter Hintansetzung bestehenderPrioritäten mit der Entwicklung einer unseren Feinden furchtgebietendenWaffe. Diese Waffe soll bei minimaler Zerstörungskraft von Sachwerteneine maximale Feindvernichtung garantieren.2. Der Codename der Waffe wird festgelegt mit "Zeusstrahl".3. Die Dienststelle Forst bzw. Gruppenführer Holt erhält alle notwendigematerielle und personelle Unterstützung.Wolf H. HimmlerSS-Obergruppenführer Reichsführer SSChef des Stabes gez. H. HimmlerF. d. R. gez. Breibier F. d. R. d. A.SS-Hauptsturmführer gez. Laller Hptm.Verteiler:RFSS 1. AusfertigungOgrf. Dr. Kammler 2. AusfertigungGrf. Holt 3. Ausfertigung Drei Wochen später trug Krausinger dem Gruppenführer seine Idee vorund konnte auf entsprechende Grundlagen verweisen, an denen er in denWochen seit der Auftragserteilung intensiv gearbeitet hatte. 101
  • Holt berichtete dem Reichsführer und gab Krausinger danach grünesLicht für die weiteren Arbeiten. Der sorgte dafür, daß parallel von zweiForschergruppen an den beiden Hauptprojekten gearbeitet wurde, an dematomaren Sprengkopf und an der Trägerrakete. Er ließ es sich nichtnehmen, an beiden Projekten mitzuarbeiten. Es war für ihn eine wissen-schaftliche Herausforderung und er wollte persönlichen Anteil daranhaben, das Reich aus seiner bedrohten Situation zu retten und mit dieserWunderwaffe mitzuwirken am Endsieg. Aber dann kam der Tag, der allesveränderte und einen gravierenden Einschnitt in sein weiteres persönli-ches Schicksal brachte. Man schrieb den 17. Dezember 1944. Krausinger saß mit seinen eng- sten Mitarbeitern, Professor Danzmann und Sturmbannführer Dr. Schulze, im Offizierskasino bei gutem Wein. Sie sprachen über die Frontlage und über den enormen Beitrag für eine Wende, den sie bald mit den Ergebnissen ihrer Forschungs- und Entwicklungsarbeiten leisten würden. Zur gleichen Zeit wurde in einem Holzturm am Rande des zum Objektgehörenden Truppenübungsplatzes von einer kleinen Forschungsgruppemit einem Flugzeugerfassungsverfahren experimentiert. Bei diesenRadarerprobungen wurde auch ein praktischer Nutzen erzielt, da dienördlich des Schießplatzes stationierte Flakbatterie und ein auf einemFeldflugplatz in 30 km Entfernung stationiertes Jagdfliegergeschwadersofort alarmiert werden konnten, wenn Feindflieger im Anflug auf dasReichsterritorium ausgemacht wurden. Wie Krausinger erst am nächsten Tag erfuhr, hatten die Radarforscheram Abend zuvor, als er sich im Kasino mit Danzmann und Schulze unter-hielt, ein ihnen äußerst seltsam erscheinendes Objekt ausgemacht, dassich auf ungewöhnliche Weise über den Bildschirm bewegte. Es sei denBeobachtern als außergewöhnlich aufgefallen, weil es einfach in einerunvorstellbaren Geschwindigkeit seine Positionen verändert habe unddabei im Zickzack zu fliegen schien. Dann sei es plötzlich verschwunden.Sie hätten das ganze natürlich als eine Störung am Erprobungsgerätbetrachtet, hatte der Leiter der Gruppe ihm gemeldet. Erst die folgendenEreignisse, von denen sie dann gehört hatten, habe ihn veranlaßt, dasGanze nun mit anderen Augen zu sehen und zu melden. An diesem Abend allerdings wußte Krausinger von diesen Radarbeob-achtungen noch nichts. Es war gegen elf Uhr, als seine beiden Mitarbeiterund er gerade dabei waren, sich gegenseitig dabei zu überbieten, wielange es wohl noch dauern würde, bis nach dem Einsatz der neuen Waffe,an der sie arbeiteten, ganz Europa vom Feinde befreit sein werde.102
  • Da brachte eine Ordonnanz einen Telefonapparat, eine lange Schnur hin-ter sich her schleifend, zum Tisch, knallte die Hacken zusammen undmeldete: "Standartenführer, der Diensthabende Offizier!" Der Diensthabende klang sehr aufgeregt: "Standartenführer, die Flak-leute... die Flakleute haben im ... im Wald ein seltsames Objekt geborgen,das sie abgeschossen haben ... glaube ich? Sie haben die Besatzunggefangengenommen! Die sollen völlig ... völlig anders aussehen ... ausse-hen ... als, als..." Krausinger hatte sich gewundert, daß der Offizier so stotterte und warverärgert darüber, daß er wegen einer solchen Geschichte, die nicht inseinen Kompetenzbereich fiel, gestört wurde. Er herrschte ihn an: "Unter-sturmführer, ich verstehe nicht, was das mit unserer Dienststelle zu tunhaben sollte. Lassen Sie das doch die Flak machen!" Der Offizier vom Dienst ließ sich jedoch nicht abwimmeln: "Standar-tenführer ... es ... es ist aber sehr ungewöhnlich, was ich gerade von ...von einem Kradmelder erfahren habe ... Unsere ... unsere Leute sind auchschon dort..." Krausinger, der die Tragweite des Ganzen im Moment überhaupt nichthatte erfassen können und lediglich wünschte, nicht weiter gestört zuwerden, antwortete wütend über die penetrante Beharrlichkeit des Man-nes: "Herrgott, wenn wir da bereits involviert sind, ja dann kümmern Siesich doch drum, Untersturmführer! Ein abgeschossener Engländer, das istja wohl keine Sache der Forschung!" Professor Danzmann und Dr. Schulze, die Krausinger selten so erlebthatten, schauten gespannt zu ihm hin. Sie konnten nicht verstehen, wasder Anrufer sagte. Der Offizier am anderen Ende der Leitung ließ nicht locker: "Nein, nein,Standartenführer. Sie verstehen mich leider nicht. Das war ... das war kein... kein gewöhnliches Flugzeug. Das muß eine ... eine Wunderwaffe derEngländer sein! Der Kradmelder hat es selbst gesehen. Der Mann, sonstsehr zuverlässig, ist völlig fertig mit den Nerven. Ich denke, Sie müssensich das unbedingt einmal selbst ansehen!" Im Hintergrund warenStimmen zu hören. "Ich übergebe an Hauptsturmführer Schubert." "Schubert hier, Standartenführer. Ich bin auch gerade erst informiertworden. Ich fahre selbstverständlich mit raus." Krausinger zeigte seinen beiden Gesprächspartnern eine Geste desBedauerns und sagte in die Sprechmuschel des Apparates: "Gut, lassenSie einen Wagen vorfahren." Krausinger legte auf. Danzmann und Schul-ze sahen ihn erwartungsvoll an. "Meine Herren, tut mir leid, aber wir müssen raus in die Kälte! Die Flakscheint eine englische Wunderwaffe abgeschossen zu haben. Die sehen 103
  • wir uns einmal an. - Und wenn es stimmt und sie gut ist, dann können wirsie vielleicht nachbauen." Die drei Offiziere zogen ihre pelzgefütterten schwarzen Ledermäntelüber und verließen das Gebäude, vor dem bereits zwei Kübelwagen war-teten. In dem ersten saß Hauptsturmführer Schubert, der Stabschef. Krau-singer und seine Leute stiegen in den zweiten ein. Schubert fuhr voraus. Es ging mehrere Kilometer über den Truppen-übungsplatz, ein wüstes Gelände, das von Tümpeln, tiefen Panzerspuren,vereinzelten Sträuchern und Bäumen gekennzeichnet war. Am nordwest-lichen Rand gelangten sie auf einen Weg, der durch einen Kiefernwaldführte. Sie mochten auf diesem Waldweg etwa zwei Minuten gefahrensein, da trafen sie auf eine Streife, die zur Wachmannschaft gehörte. Siewurden nach links in einen abbiegenden Waldweg gewiesen. Nach wei-teren zwei, drei Fahrtminuten gelangten sie zu einer Schneise. Dorterwartete sie eine gespenstisch anmutende Szene. In der Schneise lag, rötlich glühend, eine Art überdimensionierte Dis-kusscheibe. Sie wies eine deutliche Schräglage auf, da sie an einem Randauf einem Baumstumpf auflag. Eine Art Dreibein, drei teleskopartige Stel-zen, schauten aus der Unterseite heraus. Krausinger schätzte den Durchmesser der Scheibe auf mindestenszehn Meter. Spätere Messungen ergaben etwas über zwölf Meter. Eswaren keine Geräusche zu vernehmen, aber die Scheibe vibrierte leicht.Was dort lag, ähnelte zwei gegeneinander gesetzten Suppentellern. Dersich in der Mitte ausstülpende Rand wies rot, blau und grün blinkendeLichter auf. Am Oberteil war eine geöffnete Tür zu sehen, von welchereine mehrstufige gebogene Treppe nach unten führte. Auf den erstenBlick waren keinerlei Beschädigungen zu erkennen. Auf der Lichtung befanden sich mehrere Fahrzeuge und alles in allemetwa zwanzig Personen. Ein Hauptscharführer warnte Krausinger undseine Begleiter davor, zu nahe an die Scheibe heranzutreten. Sie sei nochextrem heiß. Einer seiner Leute habe sich bereits eine Hand verbrannt, alser sie angefaßt habe. Krausinger und Danzmann sahen sich an. "Flügellos", meinte Danz-mann. "Die Luftwaffe arbeitet daran ...", bemerkte Krausinger, und setztehinzu: "Wenn das alles ist, dann ist aber das Wunder nicht sehr groß." Erärgerte sich schon wieder. Das hätte man ihm auch bei Tage zeigen kön-nen. Er schaute sich um. Etwa ein Dutzend junger Flakhelfer bestauntedas Fluggerät. Ein etwa sechzigjähriger invalider Hauptmann löste sichaus der Gruppe und kam auf ihn zu. Drei SS-Leute sicherten den Flugkör-per. Zwei Bauern wurden am Waldrand offensichtlich von einem Schutz-mann daran gehindert auf die Lichtung hinauszutreten. Ein weiterer104
  • Schutzpolizist stand mit einem Angehörigen der SS-Wachmannschaft beiirgendwelchen auf dem Boden Liegenden. Genaueres war aus der Entfer-nung und bei den Lichtverhältnissen nicht auszumachen. Der Haupt-scharführer, der Krausingers Blick folgte, sagte: "Der Feldscher der Flak-batterie kümmert sich um die beiden Piloten." "Standartenführer", meldete sich der Flakhauptmann, der inzwischenhinkend auf ihn und seine Gruppe zugekommen war, hob den ihm ver-bliebenen linken Arm und legte die Hand lässig zum militärischen Gruß anden Mützenschirm. "Heil Hitler" antworteten Krausinger und seine Begleitung betont undhoben den rechten Arm zum Deutschen Gruß. "Standartenführer, das war kein Treffer von uns. Leider. Wir hätten dieauch nicht erwischt, selbst wenn wir gewollt hätten. Unmögliche Flugbe-wegungen. War nichts zu machen. Kamen praktisch von selber runter." "Kamen von selber runter?" Dr. Schulze konnte seine Überraschungnicht verbergen. "Ja, ist abgestürzt, das Ding da", bestätigte der Hauptscharführer. "Wirwaren gerade auf Patroullienfahrt - Sicherungsraum C -, da sahen wir esrunterkommen. Haben erst gedacht, die Flak hätte es runtergepustet. Waraber kein Schuß zu hören gewesen." Konstruktionsfehler? Krausinger nickte gedankenversunken. "Nochnicht ausgereift... ", ließ sich Danzmann vernehmen. "Wenn wir das Gerät selber verbessern würden, hätten wir die Luftwaffebei der Entwicklung der Flügellosen überholt!" stellte Krausinger fest. AnSchubert gewandt, der das Fluggerät bestaunte, sagte er: "Hauptsturm-führer, Sie nehmen sich natürlich die Besatzung vor. Ich will alles wissen:Wieviel dieser Scheiben gibt es? Seit wann sind sie im Einsatz? Reichwei-te? Antrieb? Bewaffnung? Kurz sämtliche taktisch-technischen Daten!" "Ob die ihm antworten werden?" Der Flakhauptmann sprach zu Krau-singer und schaute Schubert skeptisch an. "Wieso? Wie meinen Sie das?" reagierte Schubert gereizt, da er Zweifelan seinen Verhörfähigkeiten herausgehört hatte. "Na sehen Sie sich die doch mal an", antwortete der Hauptmann viel-deutig und nickte mit schräg gelegtem Kopf in Richtung des Waldrandes,wo die Piloten auf dem Erdboden lagen. "Ja, sehen wir sie uns einmal an", entschied Krausinger und begab sich,gefolgt von seinen Offizieren, zum Waldrand. Was sie dann sahen, erstaunte sie über alle Maßen. Es verwunderte siepraktisch weit mehr, als die Scheibe selbst, die sie als flügellose Militär-maschine betrachteten, da sie diese einordneten in ihr Erfahrungssystem. Die Wachen, ein Schutzmann und ein SS-Mann, nahmen Haltung an.Der dritte Mann, der am Boden hockte und sich um die beiden Piloten105
  • kümmerte, drehte sich zunächst nicht um. Es war der Feldscher der Flak-batterie. Es war unglaublich, was sie da sahen. Da lagen in einer Art einteiligem,metallisch schimmerndem Anzug, der bis zum Hals geschlossen war undkeine erkennbare Öffnungen aufwies, zwei Wesen, gefesselt und offen-sichtlich ohnmächtig. "Was ist denn das?" entfuhr es Schulze. Er starrte auf die vor ihmliegenden Gefangenen. "Kinder?" staunte Danzmann, ungläubig den Kopfschüttelnd. "Also, wie die aussehen ... ", äußerte Schubert angewidert. "Sehen Sie, das meinte ich doch ...", sagte der Batteriechef. Auch Krausinger hatte so etwas noch nie in seinem Leben gesehen. Dalagen zwei Lebewesen, wohl menschenähnlich, aber eben ganz fremdar-tig aussehend. Sie mochten höchstens 1,20 Meter groß sein, hatten über-große Köpfe im Verhältnis zu ihren schmächtigen Körpern und zarteGliedmaßen, von denen die Arme extrem lang erschienen. Die Händewiesen sechs Finger auf. Die Gesichter waren charakterisiert durch über-große, schrägstehende Augen, die im Moment allerdings von großenAugenlidern verschlossen waren. Eine Nase war kaum erkennbar, eswaren eigentlich nur zwei Nasenlöcher unter einer leichten Erhöhung zusehen. Der Mund war lippenlos und mehr einem kurzen Strich ähnlich.Ohren waren nur als Löcher erkennbar. Eigentlich war bei Betrachtungdes gesamten Kopfes der Vergleich mit runden Babygesichterngerechtfertigt. Ihre Haut war hell. Kinder sind das sicher nicht, obwohl dasden Engländern zuzutrauen wäre, stellte er für sich fest. "Liliputaner?" fragte Dr. Schulze. "Ich glaube nicht", meinte der Feldscher, der langsam aufstand und sichdabei den Ankommenden zuwandte. "Buschneger! Könnten das Buschneger aus den englischen Koloniensein? Die sind doch zwergwüchsig!?" rief Danzmann. "Die Idee der Engländer ist gut ... ", sagte Krausinger, DanzmannsGedanken aufgreifend, und setzte fort: "... minimale Belastung des Flug-gerätes durch besonders kleine Besatzungsmitglieder. - Aber Buschneger,die sind doch nicht so hell!" "Ja und sechs Finger haben die sicher auch nicht", meinte Danzmannnachdenklich. "Vielleicht eine Züchtung?" fragte Dr. Schulze vorsichtig, dem die leichteAggressivität in der Stimme seines Chefs aufgefallen war. "Eine lebensunwerte Rasse!" meinte Hauptsturmführer Schubert ineinem Ton, als wolle er bereits im nächsten Moment ihre Vernichtungbefehlen.106
  • "Ja, es könnte sein, daß es sich um eine spezielle Züchtung handelt",sagte Krausinger. "Das beweist uns wiederum, daß die dekadente Plutokratie im Bündnismit dem Weltjudentum zu allem fähig ist", rief Schubert empört. "Was ist los mit denen - verletzt? Tot?" Krausinger wandte sich an denFeldscher, der lässig vor ihm stand. "Sind nur bewußtlos, Herr Oberst", antwortete der. "Standartenführer", korrigierte ihn Krausinger. Der Feldscher korrigierte sich nicht: "Sie scheinen unverletzt zu sein.Ihre Leute haben sie gefesselt. Glaube nicht, daß das nötig ist." "Das lassen Sie mal unsere Sache sein!" zischte Schubert. "Kommen Sie mal mit", sagte Krausinger und nickte seinen Offizierenzu. Er ging einige Meter auf die Lichtung hinaus, bis er sicher war, vonanderen nicht mehr gehört zu werden: "Das ganze scheint mir brisanter,als ich bisher vermutet habe. Als erstes müssen wir die Scheibe sicher-stellen. Die beiden Gefangenen sind, sobald vernehmungsfähig, zu ver-hören. - Hauptsturmführer, Sie übernehmen die Verantwortung für denAbtransport der Scheibe und die Einlieferung der Piloten in unseren Med.-Punkt, sowie deren Bewachung. Ich informiere Gruppenführer Holt. - Ach,eins noch: Sie sorgen auch für eine Verpflichtung aller Beteiligten zumSchweigen." Krausinger schaute sich noch einmal auf der Lichtung um, bestieg dannmit seiner Begleitung den Wagen und zurück ging es zum Objekt. Unter-wegs sprachen sie erregt über das gerade Erlebte. Im Objekt angekom-men verabschiedeten sie sich voneinander und suchten ihre Privaträumeauf. Keiner von ihnen schlief in dieser Nacht richtig. Am nächsten Morgen war Krausinger bereits um 07.00 Uhr in seinemArbeitszimmer und ließ sich von Schubert Bericht erstatten. Der hatte inder vergangenen Nacht befehlsgemäß alles Notwendige in die Wegegeleitet. Die Scheibe war mit Hilfe eines Autodrehkranes auf einen Sattel-schlepper geladen und dann in das Objekt gebracht worden. Dort wurdesie mit Tarnnetzen gegen Luftbeobachtung gesichert. Vorher waren aufdem Waldweg eine Reihe von Bäumen abgesägt worden, weil man sonstnicht durchgekommen wäre. Auch der Eingang zum "Forst-Objekt" mußtean einer Seite durch Einreißen des Zaunes erweitert werden. BeimAbtransport der Scheibe, die recht schnell abgekühlt war, hatte man fest-gestellt, daß sie silbrig metallisch glänzte und ziemlich leicht war. Schubertmeinte, zuerst hätten er und seine Leute gedacht, es könne sich viel- 107
  • leicht um eine Art Segelfluggleiter handeln, der von einer Transportma-schine über dem Reichsgebiet ausgeklinkt worden sei, um feindlicheSpione oder Einsatzgruppen geräuschlos an ihr Ziel gelangen zu lassen.Aber das Verhör der Flakhelfer habe sie alle eines Besseren belehrt. Die jungen Männer, sechzehn-, siebzehnjährig, hatten berichtet, was sieam Abend vorher erlebt hatten. In ihrer Flakstellung hockend, hatten siewie immer den Himmel nach feindlichen Flugzeugen abgesucht. Plötzlichsei ihnen etwas aufgefallen, was sie zuerst als einen hell leuchtendenStern angesehen hatten. Dieser sei lautlos, aber sehr schnell nähergekommen, sei dann abrupt unbeweglich stehen geblieben, habe seineFarbe von gelblichweiß auf rötlich verändert und sei dann überraschendschnell im rechten Winkel davongerast. Spätestens da sei ihnen klargewesen, daß es sich um keinen Stern gehandelt haben konnte. Es warauch keine Sternschnuppe, denn das fliegende Objekt habe seine Kontu-ren bewahrt und einer Sternschnuppe, von denen sie auch schon sehrviele gesehen hätten, nicht im geringsten geähnelt. Gleich darauf sei eswieder angeschossen gekommen und in etwa 100 Metern Höhe überihnen stehen geblieben. Sie hatten außer einem leichten Rauschen kei-nerlei Geräusche vernommen. Da sei es ihnen allen ein bißchen gruseliggeworden. Ihr Wachtmeister habe den Hauptmann geweckt. Gerade als der Batteriechef aus seinem Unterstand gekommen sei,habe sich das Flugobjekt in rasender Geschwindigkeit in Richtung "Forst-Objekt" entfernt. Dann hätten sie gesehen, wie es plötzlich in starkeSchlingerbewegungen geraten sei. Danach sei es langsamer geworden,stehen geblieben, habe stark geschwankt und sei schlingernd zurückge-kommen in Richtung ihrer Batterie, bevor es auf halbem Wege unter lau-tem Zischen in den Wald gestürzt sei. Daraufhin hätte ihr Batteriechef sievom Bereitschaftszug ablösen lassen und mit einem Mannschafts-transporter auf die Suche geschickt. Durch das Leuchten der Scheibegeleitet, hätten sie diese auf der Lichtung gefunden. Etwa zur gleichenZeit sei auch eine Streife vom "Forst-Objekt" eingetroffen. "Ich werde die Scheibe gleich inspizieren", sagte Krausinger, alsSchubert seinen Bericht beendet hatte. "Nach allem, was die Flakleutebeobachtet haben, scheint das tatsächlich kein Gleiter zu sein, sondernüber einen eigenen Antrieb zu verfügen. - Was haben denn andereZeugen ausgesagt?" "Unsere Außenpatrouille hat das praktisch alles bestätigt was die Jungsausgesagt haben. Die haben nicht alles so genau verfolgt, wie die von derFlak, aber den Absturz der Scheibe haben unsere Leute ebenfalls gese-hen. Und dann waren da ja noch die Bauern und die Schutzmänner." "Was haben Sie alles unternommen?"108
  • "Ich habe Verstärkung kommen lassen. Dann haben wir erst einmalgroßräumig die Zufahrtswege zu der Stelle abgeriegelt. Alle Anwesendenwurden zum Schweigen verpflichtet." "Wo sind die Leute jetzt?" fragte Krausinger. "Die Flakleute sind wieder in ihrer Stellung. Die Schutzleute schlafensicher, nach dieser Nacht." "Und die Bauern?" fragte Krausinger kurz. "Die Bauern? Ich denke, die werden auch schlafen." "Hören Sie, Hauptsturmführer, ich glaube, die Angelegenheit istbedeutsamer, als wir im Moment ahnen. Wenn es sich bei dem Gerät umeine Neuentwicklung der Briten handelt, dann dürfen die auf keinen Fallerfahren, daß wir ein solches Exemplar besitzen. Wir selbst - nicht hier -aber anderswo, experimentieren mit solch einem flügellosen Objekt.Vielleicht hilft die Analyse dieses Gerätes, unser eigenes serienreif zumachen und die deutsche Luftwaffe kann wieder die Lufthoheit gewinnen.Es wäre aber fatal, wenn der Feind erführe, wie weit wir sind und daß wirwissen, wie weit er ist. - Lassen Sie alle Beteiligten noch einmal vom SDverhören!" "Jawohl, Standartenführer", antwortete Schubert, sich erhebend. "Was ist mit der Besatzung?" "Die wurde bereits vom Doktor untersucht. Er sagte, sie seien unver-letzt. Vielleicht ein Schock, aber sonst nichts, meinte er. Sie sind aberimmer noch bewußtlos. Werden beide natürlich auf das schärfstebewacht." "Gut. Ich sehe mir Scheibe und Piloten an. Jetzt kann ich den Gruppen-führer ohnehin noch nicht aus dem Bett klingeln. Ich werde ihn später inBerlin anrufen. Informieren Sie den SD." Der Hauptsturmführer knallte die Hacken zusammen, hob den Arm zumDeutschen Gruß, sagte "Heil Hitler" und verließ nach einer Kehrtwendungden Raum. Krausinger hatte zurückgegrüßt. Dieser Schubert ist doch ein ganzbrauchbarer Mann, dachte er. Schubert war zwar als Stabschef ihm fastgleichgestellt, aber er hatte ihn von Anfang an so behandelt, daß er denDienstgradunterschied deutlich zu spüren bekam. Im Grunde sah er inSchubert nur den Leiter der Wache, den Mann fürs Grobe. Er verließ sein Dienstzimmer und begab sich hinüber zum Med.-Punkt,der in einer der Baracken untergebracht war. Sturmbannführer Dr. Knaus,der Leiter des medizinischen Personals, das die fast 600 Mann derDienststelle betreute, empfing ihn. "Tag Doktor", sagte Krausinger. Dr.Knaus war neben Professor Danzmann der einzige Angehörige derDienststelle, mit dem er recht zivil und bürgerlich umging. Er sah auch 109
  • ihn zwar bei weitem nicht als gleichwertig an, aber er wußte als Mann, derviele Jahre seines Lebens eher kränklich gewesen war, wie ohnmächtigund klein man sein konnte, wenn man als Kranker in den Händen derWeißbekittelten war, von denen man Hilfe erhoffte. Deshalb ging er stetshöflich mit Ärzten um. "Was kann ich für Sie tun, Standartenführer?" fragte Dr. Knaus freund-lich, und setzte gleich hinzu: "Sie wollen sicher unsere neuesten Patientensehen?" "Genau das, Doktor", antwortete Krausinger. "Wie geht es denen denn?Sind sie munter?" "Blutdruck und Puls sind nach unseren Maßstäben etwas niedrig - abervielleicht für die ganz ideal? Ich weiß es nicht. - Sie haben vor etwazwanzig Minuten die Augen geöffnet, sind nun also munter. Kommen Siebitte hier hinein, dort liegen sie." Dr. Knaus ging auf eine Tür zu, vor der zwei Posten mit Sturmgewehrenstanden, die Haltung annahmen. Dann drehte sich einer von ihnen zurTür, und klopfte. Die Tür wurde geöffnet. Ein weiterer Posten stand hinter der Innenseite,ebenfalls schwer bewaffnet, obwohl die Fenster des Zimmers vergittertwaren. Das hat der Schubert gut gemacht. Krausinger war zufrieden. Knaus wies mit dem Kopf zu den vergitterten Milchglasfenstern: "Habemeinen gesicherten Medikamentenraum geopfert für diese Beiden." Unddamit wies er auf die Krankenbetten, in denen die Gefangenen lagen, diemit großen dunklen und unergründlichen Augen zu den Eintretendenschauten. Krausinger trat an eines der Betten und dachte: Wirklich seltsam, dieseWesen. Er sah sie jetzt erstmals bei Tageslicht und er konnte ihre geöffne-ten Augen betrachten. Sie besaßen weder Pupillen, noch eine Iris. Siewaren einfach nur schwarz, tief und unergründlich. "Wissen Sie, wo Siesich befinden?" fragte er den im vorderen Bett Liegenden. Als dieser nichtantwortete, wandte er sich an den anderen Gefangenen und wiederholteseine Frage auf Englisch: "Do you know, where you are landing?" Wiederum erhielt er keine Antwort. Die beiden fremdartigen Fliegerblickten ihn unverwandt mit ihren großen, nicht nur seltsam, sondern auchunheimlich wirkenden Augen an, sprachen aber kein Wort. "Unverletzt sind sie also. Gesund scheinen sie auch zu sein. Sprechenwollen sie nicht mit uns. Dann brauchen sie auch nicht hier in diesenschönen weißen Betten zu liegen." Krausinger hatte wie zu sich selbstgesprochen. Jetzt sprach er direkt zu den Gefangenen: "Wenn Sie bisheute nachmittag nicht gesprochen haben, lasse ich Sie in die Arrestzelleverlegen. Dort wird es nicht so bequem sein, wie hier!"110
  • Die beiden Gefangenen schauten ihn weiter stumm und sichtlich unbe-wegt an. Krausinger drehte sich zu Dr. Knaus um und sagte: "Dann bekommenSie Ihr Medikamentenzimmer wieder frei, Doktor". Er verließ, gefolgt vondem Arzt das Zimmer. Der Posten salutierte erneut und schloß die Türhinter ihnen ab. "Haben die schon etwas zu sich genommen, Doktor?" fragte Krausingerdraußen. "Nein, Standartenführer, nichts zu fressen, nichts zu saufen. HatteHauptsturmführer Schubert angeordnet." Der spricht ja, als ginge es um die Fütterung von Tieren dachte Krausin-ger und bestätigte: "Ja, ist richtig so. Lassen wir sie mal ein Weilchen aufihr Frühstück warten. - Solange sie nicht kooperationsbereit sind, kriegendie nichts!" "Gut, wird gemacht. Die werden nicht gleich verhungern, scheinen ja,gesundheitlich soweit in Ordnung zu sein." "Wenn sich irgend etwas in ihrem Zustand verändern sollte, Doktor,dann informieren Sie mich bitte sofort." "Selbstverständlich, Standartenführer. - Ich habe übrigens bei derUntersuchung festgestellt, daß diese Kreaturen anatomisch doch rechtmerkwürdig aufgebaut sind. Sie haben eine ganz makellose gummiartigeHaut, scheinen keine Rippen und auch keine Gelenke zu besitzen. Undstellen Sie sich vor, das sind weder Männer noch Frauen - nach unserenMaßstäben. - Ich habe da übrigens noch einen Vorschlag. Ich möchtediese Kreaturen gern näher untersuchen. Ich meine ..., ich meine auchinnen, wie sie ..., wie sie aufgebaut sind und so weiter. - Sie verstehen?" "Bei lebendigem Leibe?" "Ja, warum nicht? Man könnte doch auch gleich testen, welcheSchmerzgrenzen die haben. - Ich meine, wenn deren Flugzeug eineGeheimwaffe ist, dann kommen die doch hier sowieso nicht mehr lebendraus... !?" "Hören Sie Doktor: Ich will nicht, daß denen irgend etwas geschieht,bevor wir fertig sind mit ihnen. Später werden wir weitersehen." Dr. Knaus hatte Krausinger bis zur Tür begleitet. Krausinger lief überden Platz zu der Stelle, an der unter einer Plane und einem darüber gezo-genen Tarnnetz, bewacht von mehreren Angehörigen der Wachmann-schaft, die Scheibe lag. Er wies an, daß das Tarnnetz und die Plane an einer dem Platz abge-wandten Stelle geöffnet wurde, so daß er die Scheibe sehen konnte.Danzmann gesellte sich zu ihm. Die Treppe, die sie in der Nacht auf derLichtung gesehen hatten, war verschwunden und es war auch keine Türzu sehen. Krausinger war überrascht: "Hauptscharführer! Wo ist die Tür?"111
  • "Standartenführer! Die Tür läßt sich hier öffnen und schließen. Das hateiner meiner Männer heute Nacht, als wir die Scheibe abtransportierten,durch Zufall entdeckt". Damit wies der Hauptscharführer auf eineunscheinbare kleine ovale Stelle, die leicht erhöht war. Sie befand sichüber Krausingers Kopf in dem Mittelwulst, der sich um die gesamte Schei-be zog und in dem auch die pulsierenden Lichter zu sehen waren. Krau-singer hätte sich auf Zehenspitzen stellen müssen, um diese Stelle zuerreichen. Deshalb wies er an: "Öffnen Sie!" Der wesentlich größere Hauptscharführer berührte die Stelle leicht mitdem Zeigefinger, worauf sich langsam und nur von einem kaum wahr-nehmbaren Zischen begleitet, oberhalb des Wulstes aus der Metallwandein Teil nach unten herausklappte, an dem ein Gestell befestigt war, dassich ebenfalls ausklappte und sich dadurch als Treppe erwies, die fast biszum Boden reichte. "Guck an", entfuhr es Danzmann. "Hatten Sie die Scheibe schon so auf-gestellt, daß die Tür hier hinten sein würde?" fragte er den Hauptschar-führer. "Nein, das ist ja auch so ein Ding! Die Tür ist immer dort, wo man ganznahe an dieses Flugzeug herangeht. Egal von welcher Seite man kommt." "Erstaunlich", entfuhr es Krausinger. Er betrat die Treppe und sagte anDanzmann gewandt, der ihm folgte: "Schauen wir mal." In der Scheibe gab es noch mehr zu wundern. In der Mitte des Innen-raumes befand sich eine Säule, an deren einer Seite ein Glaskasten etwain Bauchhöhe angebracht war, in dem sich etwas Pulsierendes befand. "Die Kraftstation?" meinte Danzmann, der Krausinger über die Schulterschaute, unsicher. "Ich weiß nicht ..." antwortete der, den Kasten nach Schaltern oderKnöpfen absuchend. Ringsum waren die Innenwände der Scheibe verkleidet mit einem flu-oreszierenden Material. Sie sahen sich um und suchten nach Tanks, fan-den aber keine. Offensichtlich besaß dieser Flugkörper weder einen Fest-stoff-, noch einen Flüssigtreibstoffantrieb. Da der umbaute Raum derScheibe beinahe identisch war mit dem Innenraum, konnte es kaum ver-deckte Tanks geben. Die unglaublichen Flugmanöver und die Geschwin-digkeit, mit der sich die Scheibe bewegt haben sollte, deuteten auf etwasanderes hin. Es war Danzmann, der es als erster aussprach: "Die werdendoch wohl nicht etwa einen Weg gefunden haben, die Schwerkraft aus-zuschalten?" Krausinger reagierte nicht darauf. Er schien in Gedanken versunken zusein. Ein Antigravitationsfeld, ja ein Antigravitationsfeld! Aber wie habendie das gelöst? Darüber muß man nachdenken. Er schaute sich weiterum.112
  • An der Wand über der Tür sahen sie seltsame Zeichen, die beiden wieägyptische Hyroglyphen anmuteten. In nach innen gerichteten Ausbuch-tungen war so etwas wie Armaturen untergebracht. Zwei kleine Piloten-sessel waren in entgegengesetzten Richtungen mit Blick zur Wand ange-bracht. Vor diesen, wie auch in regelmäßigen Abständen rings um dieWand, befanden sich Ausbuchtungen nach außen, die jedoch, wie manleicht von außerhalb der Scheibe sehen konnte, keine wirklichen Aus-buchtungen waren. Beide vermuteten, daß es sich dabei um Fenster han-delte, die aber auf irgendeine Weise erst aktiviert, das heißt durchsichtiggemacht werden mußten. Im Moment sahen sie farblich und vom Materialher aus, wie die übrige innere Wandverkleidung. Krausinger betrachtete Decke und Boden. Danzmann meinte "Sie den-ken sicher das Gleiche wie ich." "Nun, was meinen Sie", fragte Krausinger,seinen Kollegen prüfend anblickend. "Decke und Boden sind tiefer- bzw. höhergezogen. Da ist, wenn auchnicht besonders viel, aber doch etwas Stauraum." "Richtig. Das werden wir uns Stück für Stück vornehmen. Aber nichtjetzt." "Es ist ja doch sehr seltsam, daß es keinerlei Beschädigungen gibt",sagte Danzmann, den Kopf ungläubig schüttelnd. "Aber das ist ja doch gerade unser Glück. So können wir diese Maschi-ne doch besser analysieren und um so schneller nachbauen oder die Luft-waffe kann Verbesserungen in ihre eigene im Versuchsstadium befind-liche flügellose Maschine einbringen!" Die beiden verließen die Scheibe und ließen sie von der Wache wiederschließen. "Ich versuche jetzt den Gruppenführer zu erreichen. Zu Kammler soll erdann selbst Verbindung aufnehmen. Das soll nicht meine Aufgabe sein...", sagte Krausinger und entfernte sich in Richtung seinesArbeitszimmers. Danzmann begab sich in sein Labor. Krausinger erreichte tatsächlich mit seinem ersten Anruf seinen Vorge-setzten in Berlin. Er informierte ihn darüber, daß eine hochmoderne, bis-her gänzlich unbekannte Feindmaschine mit seltsamer Besatzung im Waldabgestürzt und geborgen worden sei. Die Maschine mit ihren vonAugenzeugen bekundeten außergewöhnlichen Flugeigenschaften sei sofortgeschritten in der Technologie, daß es erstaunlich sei, daß der Feindbereits über so etwas verfüge. Holt entschied sich, sofort das Ganze in Augenschein zu nehmen. Amfrühen Nachmittag traf er ein. Im seinem meist verwaisten Arbeitszimmerließ er sich von Krausinger Bericht erstatten. Dann begaben sie sich zuder Scheibe. 113
  • Holt, der nicht nur im Eingang, sondern auch im Inneren seinen Kopfeinziehen mußte, meinte: "Das ist also die britische Wunderwaffe. -Habenwir etwas Vergleichbares?" "Ich bin nicht eingeweiht in den neuesten Stand, Gruppenführer", ant-wortete Krausinger. Da müßten Sie zur Luftwaffe und zu den entspre-chenden Rüstungsbetrieben Verbindung aufnehmen bzw. Dr. Kammlerfragen. Ich weiß nur, daß an etwas Ähnlichem gearbeitet wird. Ich denkeda an die Projekte der Herren Kapitän Schriever und Dr. Miehte." "Und Sie sind sicher, daß das Ding, so ohne Flügel und Leitwerk, richtigfliegt?" "Ich habe es selbst nicht fliegen sehen, Gruppenführer, aber es gibtgenügend Zeugen dafür. Sie werden schon den ganzen Tag vom SDverhört." Holt betrachtete interessiert den Glaskasten mit dem Pulsator. "KönnenSie mir das erklären, diese Geräte hier?" "Leider nicht. Wir wissen auch noch nicht, was das alles zu bedeutenhat. Wir haben auch keine Zeit dafür übrig. Können uns nicht genügenddamit beschäftigen. Sie wissen doch, unsere Prioritäten liegen bei derRealisierung des Sonderauftrages Freimachung von Siedlungsgebieten." Holt überhörte Krausingers Rechtfertigungen: "Haben Sie sich dennnicht von den Piloten erklären lassen, wie diese Maschine geflogen wird?" Krausinger sah Holt konsterniert an: "Ich hatte Ihnen doch bereitsgesagt, die sind recht seltsam und sprechen nicht." Holt blickte von der Konsole auf, fixierte Krausinger und sagte in scharfwerdendem Ton: "Na, Standartenführer, jetzt tun Sie aber mal nicht so, alsob man hier in Waldheide nicht wüßte, wie man mit Gefangenen umgeht,die nicht sprechen wollen! Hat sich denn der Pluntke vom SD die nochnicht vorgenommen?" "Die liegen noch im Med.-Punkt. Ihre Verlegung in die Arrestzelle habeich für heute nachmittag angekündigt, falls sie bis dahin nicht geredethaben sollten." "Richtig. Anders gar nicht. Seit wann sind wir denn zimperlich, demFeind gegenüber?!" Holt drehte sich um: "Wo ist der Med.-Punkt? Ich willmir die Kerle ansehen." Als Krausinger und Holt in Begleitung von Dr. Knaus das Krankenzim-mer betraten, schauten die Gefangenen sie mit ihren großen dunklenAugen an, in denen ein stiller Vorwurf ausgedrückt zu sein schien. Holt blieb irritiert stehen, als er sah, was da auf den Feldbetten lag.Dann ging er etwas weiter nach vorn und trat an eines der Betten heran.Er beugte sich kurz über einen der Gefangenen und sagte dann, sich wie-der aufrichtend, angeekelt zu seinen Begleitern: "Das sind doch aber114
  • keine normalen Menschen! Die müssen doch völlig degeneriert sein! -Halten Sie solche Kreaturen etwa für lebenswert?" Krausinger antwortete nicht. Dr. Knaus pflichtete dem Gruppenführer sofort eifrig bei: UnwertesLeben, ja unwertes Leben. Ich habe dem Standartenführer bereits vorge-schlagen, daß ich sie zum Zwecke - äh der..." Knaus sah kurz in Krausin-gers Richtung, der die Stirn runzelte und ihn zum erstenmal, solange erihn kannte, drohend ansah, und setzte dann an Holt gewandt eilig fort: "...äh, zum Zwecke der Forsch ... äh der Forschung sezieren ...?" "Sezieren? Nein, Sturmbannführer", entschied Holt. Er schien kurznachzudenken, dann setzte er fort: "Erst werden die mal schön zum Spre-chen gebracht, vom SD. Dann werde ich sie dem Rassenamt übergeben.Wenn die sich nämlich tatsächlich züchten lassen, wie uns die Engländerja hier gezeigt haben, dann könnten wir doch ideale Besatzungen produ-zieren für Einmanntorpedos, Grabenpanzer und Mini-U-Boote und brau-chen kein kostbares arisches Blut mehr für diese Zwecke zu opfern." Nach einem letzten verächtlichen Blick auf die Gefesselten wandte sichHolt dem Ausgang zu. Krausinger und Knaus folgten ihm. In dem Moment vernahm Krausinger eine tiefe, beruhigende Stimme:"Fürchtet Euch nicht." Er drehte sich um. Holt, bereits an der Tür, wo der dort stehende Posten salutierte, fragteim Gehen etwas verhaltend über die Schulter: "Was meinten Sie, Standar-tenführer?" Doch der Angesprochene antwortete ihm nicht. Er starrte auf die beidenGefangenen. Holt drehte sich nun ebenfalls um. Ebenso Dr. Knaus. "Fürchtet Euch nicht. Wir bringen Frieden." Holt reagierte auf diese, wie er meinte, Unverfrorenheit der Gefangenen,indem er empört rief: "Na was denn - also sprechen diese Gnome dochDeutsch!?" Krausinger durchzuckte der Gedanke: "War das eine Art Waffenstill-standsmission? Waren das Emissäre der Briten?" Knaus allerdings hatte genau beobachtet, daß keiner seiner beiden son-derbaren Patienten, die er so gern mit dem Skalpell zu Nutz und Frommenseiner wissenschaftlich-medizinischen Karriere auseinandergeschnittenhätte, den Mund oder überhaupt nur die Lippen bewegt hatte. Die Stimme sprach weiter: "Gebt uns frei." Nun hatte auch Holt bemerkt, daß keiner der Gefangenen den schmalenStrichmund bewegt hatte. "Bauchredner, diese Clowns", rief er wütendaus. Krausinger begriff schlagartig, was vor sich ging: Telepathie war im 115
  • Spiel. Er merkte, daß nicht seine Ohren Schallwellen aufnahmen, sonderndaß die Stimme ganz einfach in seinem Kopf war. "Die sprechen in unserHirn", sagte er fast tonlos und völlig überrascht. Holt schrie: "Standartenführer, meinen Sie, die Engländer arbeiten mitschwarzer Magie?" Holt hatte davon gehört, daß Churchill die Engländerauf Anraten des Magiers AI lister Crowley angehalten hatte, dem Deut-schen Gruß das "Victory"-Zeichen entgegenzusetzen. Fast tonlos antwortete Krausinger: "Nein. Keine Magie. Telepathie. Siebeherrschen die Gedankenübertragung." "Das ist Teufelei! Erschießen, erschießen", schrie Holt und nestelte amVerschluß seiner Pistolentasche. Der Sturmmann entsicherte hörbar sein schußbereites Gewehr. Die bei-den Männer, die vor der Tür Posten bezogen hatten, stürmten herein. Die Stimme sprach wieder, wohl in die Köpfe aller Anwesenden, dennkeiner sagte mehr etwas, keiner bewegte sich mehr: "Die Erde brauchtFrieden. Wir bringen ihn Euch." Wie wollt Ihr uns Frieden bringen? Nur unser Sieg bringt uns Frieden.Krausinger hatte diese Gedanken gerade erst verächtlich gefaßt, da hörteer, als sei es eine Antwort auf eine gestellte Frage, die Stimme sagen:"Euer Sieg brächte der Erde keinen Frieden." Holt schrie mit wutverzerrtem Gesicht: "Lassen Sie mich los, Stan-dar...", dann erstarb seine Stimme. Krausinger blickte zur Seite, wo Holt stand. Fassungslos mußte er regi-strieren, daß dieser, eine Hand an seiner Pistolentasche, wie zu einerSalzsäule erstarrt, neben ihm stand. Ebenso die drei Wachtposten. NurDr. Knaus bewegte sich. Er schwankte und stürzte bewußtlos in vollerLänge, wie ein Brett, mit hartem Aufschlag zu Boden. Aschfahl im Gesicht und nervös die Lippen bewegend, ohne ein ver-nünftiges Wort herauszubringen, betrachtete Krausinger die Szene.Erneut ertönte die tiefe fremde Stimme in seinem Kopf: "Wer böse ist, wirdböse enden. Gebt uns frei." Plötzlich fiel es Krausinger wie Schuppen von den Augen: ja, das ist es.Keine englischen Agenten! Keine Buschneger! Die ganze Technologie, diebeobachtete unglaubliche Manövrierfähigkeit dieser Scheibe, diepsychischen Kräfte, über welche diese Wesen verfügten, all das ist jaschier unglaublich. Ja, die scheinen ..., die sind nicht von dieser... Bevorer zuende denken konnte, sagte die Stimme: "Wir wollen Euch helfen,Frieden zu finden. - Gebt uns frei." "Wir kön ... können Euch ... nicht frei ... geben", brachte er stammelndheraus. Solch einen Trumpf geben wir nicht aus der Hand, da läßt sichdoch etwas draus machen, dachte er. Ich muß mich stark machen, daß116
  • sich Knaus nicht durchsetzt und daß Holt sie nicht an das Rassenamt wei-tergibt. "Gebt uns frei", forderte die Stimme erneut. "Euch wird nichts geschehen", antwortete Krausinger, der sich wiedereinigermaßen gefaßt hatte. Verhören müssen wir sie aber ... eventuellauch scharf, setzte er in Gedanken hinzu. "Ihr werdet uns Schmerzen zufügen", kommentierte die Stimme seineGedanken. "Nein, das wird nicht geschehen, das garantiere ich Euch ... äh Ihnen ..."antwortete Krausinger laut. Aber ich kann es nicht garantieren. Holt hathier das Sagen, dachte er. "Du kannst uns nichts garantieren." Verdammt, hier ist ja kein Gedanke sicher. "Ich will meinen Einfluß gel-tend machen, beim Gruppenführer. Aber Sie müssen ihn freigeben."Gleich darauf bemerkte er Bewegung in seinem Rücken. Er wendete sichzur Seite und sah, wie Holt verdutzt auf die Gefangenen schaute. Auch dieWachtposten erwachten aus ihrer Starre. Knaus, der direkt auf seinGesicht gefallen war, kam ebenfalls wieder zu sich. Er blutete aus einerPlatzwunde an der Stirn und aus der Nase und stöhnte, offensichtlichhatte er sich das Nasenbein gebrochen. "Damit du siehst, Mensch, daß wir uns auf Eueren Verstand verlassen",sagte die Stimme in Krausingers Kopf. "Halt, Gruppenführer, nichtschießen!" Krausinger hatte bemerkt, daß Holt erneut zur Waffe griff. "Ichmuß Sie dringend unter vier Augen sprechen!" Holt zögerte einen Moment, warf einen vernichtenden Blick auf dieGefangenen und antwortete kurz: "Gut." "Keiner rührt die beiden an!" ordnete Krausinger an. Dann folgte er Holt,der bereits vorausging. "Begeben wir uns in Ihr Dienstzimmer?" fragte erseinen Vorgesetzten. "Ja", antwortete der knapp. Er war dabei, das soeben Erlebte zu verar-beiten. In seinem Dienstzimmer angekommen ließ er sich erschöpft in denSchreibtischsesse) fallen. Krausinger wahrte keine der üblichen Höflichkeitsregeln und nahmunaufgefordert auf dem Stuhl vor dem Schreibtisch Platz. "Ich hoffe,Gruppenführer, daß wir hier weit genug entfernt sind von den Gefange-nen, so daß sie nicht mitbekommen, was wir besprechen werden." "Diese verdammten Kreaturen. Ich werde Sie erschießen! Das war dochHexerei!" ereiferte sich Holt, der langsam wieder in den Vollbesitz seinerKräfte gelangte. Die hypnotische Lähmung hatte sich verflüchtigt. "Das war keine Hexerei, Gruppenführer", begann Krausinger vorsichtigund in ruhigem Ton. 117
  • "Ja was denn sonst?" brüllte Holt. "Was würden Sie davon halten, Gruppenführer, wenn Sie einem Men- schen begegneten, der im Dunkeln rennen könnte, ohne irgendwo anzu- stoßen?" Holt starrte seinen Untergebenen irritiert an. Krausinger redete sofort weiter, um ihm jede Chance eines Einwandeszu nehmen: "Dieser Mensch würde nichts wesentlich anderes zeigen, alseine Fledermaus, der aus Gründen, die allein die Vorsehung kennt, dieFähigkeit gegeben wurde, Infrarotsignale auszusenden. - Warum alsosollten Fähigkeiten, die wir Menschen nicht haben oder nicht mehr habenoder aber aufgrund des Standes unserer evolutionären Entwicklung nochnicht haben, nicht bei anderen Lebewesen vorhanden sein?" Holts Gesichtsausdruck erweckte den Eindruck, er rechne eine schwie- rige Mathematikaufgabe im Kopf aus. Krausinger schob schnell nach: "Und was das Erschießen betrifft. Auseben erwähnten Gründen glaube ich nicht, daß das vernünftig wäre,Gruppenführer." "Nicht vernünftig? Überlegen Sie gefälligst wen Sie vor sich haben,Standartenführer", rief Holt wutentbrannt und sprang hinter seinemSchreibtisch auf. Notgedrungen mußte sich auch Krausinger erheben."Entschuldigen Sie, Gruppenführer. Ich würde mir nie erlauben, Ihnen zunahe zu treten." Holt ließ sich wieder in seinem Sessel nieder. Sein Mund stand immernoch vor Erregung offen und sein Gesichtsausdruck war gezeichnet vonEmpörung. Krausinger nahm mit etwas Verzögerung ebenfalls wieder Platz. Duarrogantes Arschloch. Wer bist du denn? Was hast du denn geleistet?Gegen mich bist du doch ein Nichts. Krausinger ließ sich äußerlich nichtanmerken, was er von seinem Vorgesetzten hielt. Er redete weiter: "Wasich meinte, war dies: Dient es dem Führer, dem deutschen Volk, demReich, wenn wir die Gefangenen erschießen?" "Wozu sollten die sonst gut sein?" fragte Holt, bereits weniger erregt. "Gestatten Sie mir, daß ich ein klein wenig weiter aushole?" KrausingersFrage war rhetorisch gemeint und er fuhr, ohne Holts Zustimmung abzu-warten, fort: "Können Sie sich vorstellen, daß es außerhalb unserer Erdeintelligente Wesen gibt, die technisch und in der Entwicklung ihrer men-talen Kräfte bereits wesentlich weiter sind als wir?" Holt starrte Krausinger an, als habe er es mit jemandem zu tun, der dieUnverfrorenheit besaß, ihm, einem SS-General und Duzfreund desReichsführers SS mit Humbug zu kommen. "Das ist völlig undenkbar.Alles Quatsch. Und überhaupt: Der höchstentwickelte Teil der Mensch-118
  • heit ist die germanische Rasse. - Was wollen Sie mir da eigentlicherzählen?" Krausinger wunderte sich sehr, daß Holt so ablehnend auftrat, wo dochHimmlers Hang zum Esoterischen bekannt war und jeder, der im Reichein höheres Amt oder einen höheren Rang bekleidete, sein Bekenntnis zuHörbigers Welteislehre abgegeben haben mußte. Heuchelte Holt Himmlergegenüber? Er war auf jeden Fall ein Mann, der für nichtmaterialistischeGedanken und für Überlegungen, die nichts unmittelbar mit seinem Lebenund seinen Gelüsten zu tun hatten, keine Zeit verschwendete. Krausinger versuchte dennoch, ihm vorsichtig seine Idee von der Her-kunft der Gefangenen nahezubringen. Und er wollte ihm klarmachen, wieman einen Nutzen aus ihrer Anwesenheit im Reich ziehen könnte. "Dahaben Sie ohne Frage recht, Gruppenführer. Aber ich sprach ja auch nichtvon einer höheren Rasse. Wir sind die Herrenrasse, da gibt es doch nichtden allergeringsten Zweifel. - Dennoch existieren auf dieser Erde niedereVölker, die ebenfalls über Waffentechnik verfügen und die unserer tapferkämpfenden Truppe an der Front erheblichen Widerstand ent-gegenzusetzen vermögen." "Das werden sie nicht mehr lange! Der Endsieg steht kurz bevor!" erei-ferte sich Holt in völliger Ignoranz gegenüber den Realitäten an den Fron-ten. "Richtig. Und dabei können wir Hilfe gebrauchen." Holt starrte Krausinger verständnislos an. Bevor er etwas erwidernkonnte, redete Krausinger eilig weiter: "Gruppenführer, die beiden Gefan-genen sind, da bin ich ziemlich sicher, nicht von dieser Erde." "Was? Was heißt hier, nicht von dieser Erde? Meinen Sie etwa, dieseien vom Mars? Das ist doch Blödsinn! Sie reden ja Schwachsinn! SindSie etwa krank? Muß ich Sie etwa von Ihrem Posten als meinStellvertreter ablösen lassen?" "Ich bin so normal wie Sie, Gruppenführer." Du kannst mich nichtbeleidigen, dachte Krausinger, du nicht. Er fuhr fort: "Als Naturwissen-schaftler habe ich mir oft Gedanken gemacht, ob wir allein in diesem rie-sigen Universum sind. Ich halte es, wie übrigens viele meiner Kollegenauch, für durchaus denkbar, daß auch andere Planeten bewohnt sind.Nicht unbedingt in unserem Sonnensystem. Hier wohl eher nicht. Aberdort draußen. Irgendwo." Krausinger wies in Richtung Himmel, der mitBlick aus dem Fenster zu sehen war. "Aufgrund dessen und wegen derunvorstellbar hoch entwickelten Technik ihrer Flugmaschine glaube ich,daß unsere Gefangenen Fremde auf unserer Erde sind." "Wie kommen Sie denn darauf?" Holt, ruhiger geworden, fragte in sehrironischem und zugleich arrogantem Ton. 119
  • "Sie haben ja selbst bereits festgestellt: Die beiden Zwerge, ich möchtesie einmal so nennen, entsprechen nicht den nationalsozialistischen ras-senästhetischen Idealvorstellungen. Ganz eindeutig. Da gibt es gar keineFrage. - Sie sehen aus wie eine intelligente biologische Art, die sich nichtauf unserer Erde entwickelt hat. Es gibt schließlich keinerlei vergleichbareRasse auf unserem Planeten und ich glaube auch nicht, daß dieEngländer eine neue Rasse gezüchtet haben. Die sind dazu einfach intel-lektuell nicht in der Lage. Das wäre der erste Beweis. Der zweite Beweisbesteht in der Tatsache, daß es sich bei der Scheibe um ein unvergleich-lich leistungsfähiges Fluggerät handelt. Ihre Manöver wurden von einemguten Dutzend geschulter und erprobter Luftbeobachter verfolgt und unsgegenüber bestätigt. Unsere Feinde sind zu solchen großen Würfen in derWaffentechnik doch überhaupt nicht fähig! Und wir selbst sind leidereinfach noch nicht so weit, weil wir andere Prioritäten gesetzt haben. -Ichglaube, wir haben da draußen vor dem Gebäude eine, was heißt eine, dieneue Wunderwaffe stehen. - Gruppenführer, stellen Sie sich doch einmalvor, wir würden solche Scheiben in Serie herstellen. Damit wären unsereFlieger in wenigen Minuten über London und bald darauf sogar über NewYork! Wir hätten die beste aller Wunderwaffen, die wir uns vorstellenkönnen. Und vor allem, Gruppenführer: Wir - die SS - nicht dieWehrmacht, nicht die Luftwaffe und auch keines der Forschungsinstitute,die für Speers Rüstungsministerium arbeiten, hätte das geschafft." Krausinger starrte Holt mit seinen kleinen Augen durch die mittelstarkerandlose Brille hypnotisierend an und beobachtete die Wirkung seinerWorte. Er stellte zufrieden fest, daß Holt ihm atemlos und fasziniertzuhörte. Nun setzte er, seine Bürstenfrisur mit der rechten Hand strei-chend, noch eines drauf, da er sah, daß Holt Feuer gefangen hatte: "Ichglaube, Gruppenführer, dann würde es sich der Führer persönlich nichtnehmen lassen, Ihnen die Brillanten zum Ritterkreuz mit Eichenlaub undSchwertern anzustecken." Holt gefiel schon das, was Krausinger ihm vorher aufgezeichnet hatte.Das letzte ging ihm nun gar hinunter, wie Öl. Um den Eindruck vonGefaßtheit und Sachlichkeit bemüht, fragte er: "Nehmen wir einmal an,das stimmt, was Sie da über die Fähigkeit dieser Scheibe geäußert haben.Das könnte tatsächlich endlich die Wende im Krieg für uns bringen. -Standartenführer, wenn wir das schaffen, dann ... ! Also, wenn uns dasgelingt, diese Scheiben im Dutzend, ja was heißt im Dutzend, zu Hun-derten bereitzustellen, dann ... Betrachten Sie sich schon mal als Brigade-führer. Heinrich wird mich zum Obergruppenführer, wenn nicht gar zumOberstgruppenführer befördern. Und - der Führer persönlich wird unsdanken!" Damit hatte Holt zu guter letzt den Knochen aufgenommen, derihm zugeworfen worden war.120
  • Krausinger sah, daß er Holt überzeugt hatte. Schnell ging er weiter indie Offensive, denn es war ihm klar, daß man das Eisen schmiedenmußte, so lange es heiß war: "Obergruppenführer", Krausinger registriertebefriedigt, wie sich Holt bei seinem absichtlichen Versprecher kerzenge-rade im Sessel aufrichtete, "... äh, ich meine Gruppenführer, ich schlagedeshalb folgendes vor: Erstens, das Fluggerät wird in einem bombensi-cheren Versteck untergebracht und analysiert. Zweitens, die Gefangenenwerden von der Öffentlichkeit isoliert und gut behandelt. Ich übernehmepersönlich die Kommunikation mit diesen Zwergen, um Informationen zurBauweise der Scheibe, Funktionsweise und so weiter zu erhalten.Drittens: Festlegung der obersten Geheimhaltungsstufe für das Projekt, fürdas ich die Bezeichnung Marsschwert vorschlage, da ich mir dieseScheibe besser als unsere geplante A7 als Träger für den Zeusstrahl vor-stellen kann. Ich gehe sogar soweit, zu fordern, daß Einzelheiten des Pro-jektes unter uns bleiben müssen. Wir sollten nur von einer Wunderwaffesprechen, nicht woher sie kommt etc. Mehr würde nur verwirren. Außer-dem hört der Feind ja überall mit." Holt bestätigte Krausingers Vorschläge im Wesentlichen. Er hatte nichtvor, den Reichsführer und auch Kammler über die beiden Piloten zuinformieren. Er befürchtete, sich lächerlich zu machen. Umso mehr, als erselbst nicht recht glaubte, was ihm Krausinger als wahrscheinlicheHerkunft der Gefangenen dargelegt hatte. Er würde Himmler lediglichmitteilen, daß die "Dienststelle Forst" an einer neuen Wunderwaffe arbeite.Ein herbeigerufener Stenograph nahm Holts entsprechend formulierteBefehle auf, die anschließend im Schreibzimmer getippt wurden undwenig später bereits von Holt im Original unterschrieben werden konnten. Die Zeugen des Absturzes, die zur gleichen Zeit vom SD verhört wurdenund noch nichts von dem ihnen bevorstehenden Schicksal ahnten, wurdenam Ende ihres Verhörs bei Androhung der Todesstrafe zum Schweigenverpflichtet und verließen gegen Abend das Objekt in andere Richtungen,als in die, aus denen sie gekommen waren: Die Flakeinheit wurde in denRaum Berlin verlegt. Kein einziger Angehöriger dieser Einheit erhielt auchnur noch einen einzigen Tag Urlaub. Die Einheit wurde im Kampf umBerlin total dezimiert. Das hatte man auch gehofft. Ein der Einheit alsangeblicher Feldwebel beigegebener SD-Mann mit Sonderauftragliquidierte am 25. April 1945 befehlsgemäß die beiden überlebendenZeugen der Flakeinheit, einen sechzehnjährigen Flakhelfer und deninvaliden Hauptmann, bevor er selbst, um nicht den Russen in die Händezu fallen, Selbstmord verübte. Die beiden Dorfgendarmen wurden direktan die Ostfront versetzt und mit einem Stoßtrupp in einem russischen 121
  • Minenfeld verheizt. Die beiden Bauern kamen in ein Gestapogefängnis,mit der Maßgabe: "Auf unbestimmte Zeit. Dürfen nicht lebend entkom-men!" Auch sie überlebten das Ende des Krieges nicht. Die Angehörigender Wachmannschaft, welche die Scheibe auf der Waldlichtung gesichertund die Gefangenen gefesselt hatten - ein Hauptscharführer mit siebenMann - wurden zu Geheimnisträgern der höchsten Stufe erklärt und hattenfortan die Bewachung des Fluggerätes rund um die Uhr zu gewährleisten.Sie durften mit niemandem über all das zu reden. Ihre Feldpost wurdegeöffnet, kontrolliert und vernichtet. Holt entschied, dabei Krausingers Vorschläge akzeptierend, daß dieScheibe und die Gefangenen in einer schnellstens zu errichtenden neuen,vierten unterirdischen Etage untergebracht werden sollten. Das erfordertematerielle und personelle Potentiale, die in der angespannten Lage desReiches nur schwer würden verfügbar gemacht werden können. Der Kreisder eingeweihten Personen sollte so klein wie möglich sein. Es bestünde,so meinte Holt, kein Grund dafür, daß die an der Scheibe arbeitendenForscher überhaupt von der Existenz der Gefangenen wissen,geschweige denn, diese zu Gesicht bekommen mußten. Am späten Nachmittag verabschiedete sich Holt, nicht ohne Krausingeraufgefordert zu haben, ihn stets auf dem laufenden zu halten, was dieBefragung der Gefangenen betraf und die Fortschritte bei der Analyse derScheibe. Krausinger beauftragte sofort eine kleine, sorgfältig ausgewählte Grup-pe von fünf Spezialisten, mit der konkreten Untersuchung der Scheibe zubeginnen. Bereits drei Tage später traf in der "Dienststelle Forst" eine SS-Bauein-heit ein. Die Einheit bereitete die Arbeiten vor, während Bunkerarchitektender "Amtsgruppe Bau" ihr Architekturbüro im Stabsgebäude einrichteten,in der Tiefe des Komplexes Probebohrungen vornahmen, in ihrem BüroStatikberechnungen durchführten und an großen ZeichenbretternBauzeichnungen anfertigen ließen. Eine Woche später war es dann soweit. Die eigentlichen Bauarbeiten konnten beginnen. In Tages- undNachteinsätzen wurde von der dritten Tiefetage aus acht Meter tiefergehend gebohrt und gegraben. Die neue vierte Tiefetage würde nur zueinem kleineren Teil unter der dritten liegen. Ihr größerer Teil führte nachder Seite weg. Später trafen ununterbrochen Fahrzeuge mit Beton ein. Außerdem stan-den große Betonmischer, sorgfältig gegen Lufteinsicht getarnt, am ande-ren Ende des Übungsplatzes und produzierten aus zahlreichen vorherherantransportierten Haufen von Sand, Kies und Zement Beton, der in derBaustelle mit Stahl armiert wurde. 50000 Tonnen Stahlbeton wurden ver-arbeitet.122
  • Im "Forst-Objekt" wurde verbreitet, bei den Arbeiten handele es sich umeine Verstärkung der Wände wegen befürchteter Luftangriffe und wegender beabsichtigten Laborexperimente mit einer in Arbeit befindlichenWunderwaffe - Eingeweihte dachten sofort an die Strahlenwaffe. In derdritten Tiefetage wurden zur Bekräftigung dieser Version zusätzlicheStempel aus Stahlbeton eingezogen und in allen unterirdischen Stock-werken erhielten die Wände zur Täuschung eine schwache zusätzlicheBetonschicht aufgesetzt. Die Forscher und Techniker wurden während der Bauarbeiten in denoberirdischen Gebäuden beschäftigt. Die Angehörigen der Baueinheitwurden zu strengstem Stillschweigen verpflichtet. Sie glaubten, daß sie aneinem neuen Führerhauptquartier arbeiten würden. Fünf Wochen nachihrem Eintreffen verließ die Baueinheit das Objekt. Ihr Weg führte sie aufBefehl von ganz oben direkt an die Ostfront. Ihr Spezialauftrag lautetenun: Minenräumung unter feindlichem Sperrfeuer. Es kam niemandlebend zurück. Auch keiner der Offiziere. Dafür war gesorgt worden. Die fertige vierte Tiefetage bestand aus einem 30 x 20m großen Raum,in dem die Scheibe untergebracht werden sollte. Neben dieser, späterHangar genannten kleinen Halle, befand sich ein weiterer großer Raum, inwelchem ein Modell und ein Prototyp gebaut werden sollten. Mehrere kleinere Räume als Werkstätten und Materiallager, und einRaum, in welchem die Gefangenen untergebracht werden sollten sowieein Wachraum ergänzten die Tiefetage. Ein langer Gang verband alleRäume und den Vorraum mit dem Aufzug und dem Zugang zum gehei-men Treppenschacht. Letzterer war die Verlängerung eines bestehendenNottreppenschachtes. Dieser führte in einen neben dem Aufzug befindli-chen Raum im Erdgeschoß des Gebäudes und hatte bislang in der drittenTiefetage geendet. Die drei Zugänge in den Tiefetagen wurden zugemauert und unkennt-lich gemacht. Der oberirdische Zugang in dem Raum neben dem Aufzugwurde getarnt, indem eine Wand mit eingelassener Tapetentür vorgesetztwurde. Diesen Raum übernahm Krausinger als Dienstzimmer. Die vierteTiefetage erhielt ein eigenes Luftzirkulationssystem und ebenfalls einseparates Stromnetz. Nachdem man den Beton eine Mindestzeit lang hatte nachtrocknenlassen, wurde die neue, vierte Tiefetage, unter Einsatz nur der Kräfte, diebereits eingeweiht waren oder zukünftig mit dem "Projekt Marsschwert" zutun haben sollten, bezogen. 123
  • Es war Ende Januar 1945 geworden. In der Zwischenzeit war vielgeschehen. Von oben wurde gedrängt wegen der Strahlenwaffe "Zeus-strahl" und der neuen Wunderwaffe "Marsschwert". "Die Waffen hättengestern schon einsatzbereit sein sollen", sagte nach einem solchen AnrufHolts Krausinger verärgert zu Danzmann. "Wir konnten unter den Bedingungen des Baus nun mal nicht in demTempo vorankommen, wie das früher möglich war. Das müssen die dochbegreifen", meinte Danzmann. Problematisch war es gewesen, die Gefangenen aus dem Med.-Punkt ineine andere Umgebung zu bringen. Krausinger präzisierte gemeinsam mitSchubert die bereits mit Holt abgesprochene Taktik, wie man sie, ohnedaß sie mentalen Widerstand zu leisten in der Lage sein würden, von dortwegschaffen konnte. Hauptsturmführer Schubert hatte diese Taktikumzusetzen. Es wurden vier Mann von der Wachmannschaft und Dr.Knaus eingeweiht. Allen war befohlen worden, bei den einzelnen Stufender Aktion ganz gezielt an etwas Unverfängliches zu denken, sobald sie indie Nähe der Gefangenen kämen. Die Tätigkeiten, die sie auszuübenhatten, sollten sie sich gedanklich genau eingeprägt haben, so daß sie,ohne darüber nachzudenken, rein mechanisch die notwendigen Schrittedurchführen konnten und nicht durch ihre Gedanken ihre Absichten ver-rieten. Krausinger hoffte, daß die Fähigkeit der Gefangenen zum Gedan-kenlesen nur aktuell Gedachtes betraf und nicht den ganzen Gedan-kenspeicher der Menschen, die in ihre Nähe kamen. Beim ersten Schrittklappte alles. Der im Zimmer Postierte hatte die Tür des Raumes, in demdie Gefangenen lagen, kurz geöffnet und sofort an die duftende Weih-nachtsgans mit würzigem Rotkraut und rohen Thüringer Kartoffelklößengedacht, die er bei seiner Großmutter immer zum Fest zu essen bekom-men hatte. Vor der Tür standen die Wachtposten, von denen einer einen Fuchs-schwanz in der Hand hielt, während der andere durch den Türspalt diebeiden Gefangenen fixierte, seine Waffe fest umfaßt und vor seinem gei-stigen Auge eine Schachpartie ablaufen lassend. Er begann mit einemDamengambit und setzte die Partie, die eigenen und die gegnerischenZüge ausführend, fort. Der Mann mit der Säge sah seine Kinder vor sichund freute sich darauf, sie wiederzusehen. Er kniete sich schnell hin undsägte rasch ein kleines, aber ausreichendes Stück der Tür schräg weg.Der vierte Mann, der mit der Waffe im Anschlag das Vorgehen der beidenvor der Tür sicherte, dachte an einen früheren Urlaub in den Alpen. Dannnahmen alle vier Posten, sowohl der innen, als auch die Drei vor der Türihre übliche Position ein. Sie dachten weiter an das gewählte Thema undkamen allmählich wieder zu den Gedanken zurück, die sie sonst den Tag124
  • über bei ihren Wachdiensten bewegten. Es gab nur ein Tabu: Gedankenüber den Sinn dessen, was sie gerade getan hatten. Am Nachmittag begann Schritt zwei der Aktion. Es war die Zeit, zu derdie Gefangenen die Augen immer schlossen und vermutlich eine Art Mit-tagsschlaf hielten. Der innere Wachtposten schloß die Tür auf und kamheraus. Alle vier Mann dachten wieder intensiv an ihre Themen und zogenGasmasken über. Einer ging zum gegenüberliegenden Raum, aus dem ergemeinsam mit Dr. Knaus, der ebenfalls eine Gasmaske trug, eine großeGasflasche auf einem zweirädrigen Gestell herausrollte, an der sich einlängerer Schlauch befand. Dr. Knaus dachte konzentriert daran, wie er ander Uni Leipzig im Hörsaal des Medizinisch-Poliklinischen Institutes in derNähe des Petersteinweges Vorlesungen bei Professor Schweiners gehörthatte und wie er mit seinen Kommilitonen in der obersten Reihe sitzend,den Rausch des Kommers vom Vorabend in "Auerbachs Keller"ausgeschlafen hatte. Einer der Sturmmänner schob den Schlauch an der Stelle wo die Eckeder Tür abgesägt worden war soweit es ging in den Raum hinein, eifrigdarauf bedacht, daß die Schlauchöffnung zu den Gefangenen gerichtetblieb. Gleichzeitig dichteten die anderen beiden mit bereitgelegten DeckenTürspalte ab. Knaus drehte die Flasche auf und ließ das Distick-stoffmonoxid in den Raum. Krausinger hatte ihm eine mögliche Verset-zung an die Ostfront angedeutet, falls den Gefangenen bei der Aktionetwas passieren würde. Knaus hatte von Krausinger noch niemals eineDrohung gehört. Diese versteckte Drohung, nahm er ernst, da er wußte,daß die Aktion vom Gruppenführer persönlich angeordnet worden war. Erwußte nicht, wieviel von dem Lachgas die Wesen vertragen würden.Gleichzeitig mußte die Dosis aber so stark sein, daß sie bei ihrer Verle-gung keinen Widerstand leisten konnten. Er spürte den kalten Schweiß unter seiner Maske laufen. Er sah bereitsnichts mehr. Die Scheiben waren blind geworden, so aufgeregt war er.Das Gas rauschte und rauschte in den Raum. Das müßte reichen, dachteer und gab ein Zeichen für die Wachen, nachzusehen. Es hatte gereicht.Die beiden rührten sich nicht. Aber sie lebten. Rasch wurden sie auf Tra-gen gepackt und gefesselt, mit Decken getarnt und über den Platz zumGebäude Nr. 3, und dann hinunter in einen Raum der vierten Tiefetagegebracht. Das war Schritt drei der Aktion. Auch er verlief erfolgreich.Krausinger war zufrieden mit dem Ergebnis. Zur Bewachung der Gefangenen wurde eine ständige Wachmannschaftbestimmt, welche rund um die Uhr im Dienst sein mußte. Es handelte sichum die Patrouille, welche die Lichtung, auf der die Scheibe gefundenwurde, abgesichert hatte. Nur ein einziger Mann aus der Gruppe, 125
  • Unterscharführer Bergwald, hatte direkten Kontakt mit den Gefangenen.Bergwald bewachte und versorgte sie und schlief auch in einem Raum inihrer unmittelbaren Nähe. Er bewachte auch den Aufzugsschacht und dieTür zur Wendeltreppe. Je ein weiterer Posten bezogen Position oberir-disch am Aufzug und vor Krausingers Dienstzimmer in dem sich hinter derTapetentür der Zugang zur Wendeltreppe befand. Alle Posten warendurch Feldtelefone mit dem Hauptscharführer verbunden, der in einerWachstube im Erdgeschoß, rechts neben dem Hauseingang saß. AußerBergwald wurden die Posten alle paar Stunden abgelöst. So war der Zugang zur vierten Tiefetage auf das Schärfste gesichert.Die schwerbewaffneten Posten hatten den Befehl erhalten, jeden zuerschießen, der nicht zu einer namentlich benannten kleinen Gruppe vonForschern gehörte und ohne in Begleitung Holts oder Krausingers zu sein,in die vierte Tiefetage zu gelangen suchte. Selbst Hauptsturmführer Schu-bert war es nicht gestattet, diesen Bereich ohne Begleitung durch einenseiner beiden Vorgesetzten zu betreten. Krausinger versuchte mehrfach mit den Gefangenen in Kontakt zu tre-ten, als sie wieder ansprechbar waren, aber sie reagierten nicht. Er werte-te dieses Verhalten als eine dem menschlichen Beleidigtsein vergleichba-re Reaktion auf die Umlegung in die Tiefetage unter Anwendung desTricks mit dem Lachgas. Die Analyse der Scheibe zog sich ohne erkennbare Fortschritte hin. Diedamit Beauftragten stellten in den neun Wochen seit ihrer Sicherstellunglediglich fest, daß das Metall, welches die Außenhaut der sehr leichtenScheibe bildete, nicht dicker als Staniolpapier sein konnte und daß esnicht möglich war, Kerben oder Kratzer darauf zu hinterlassen. In einem sich wohl zufällig öffnenden Fach in der innenverkleidung fandman drei diskusförmige kleine Scheiben von etwa 30 cm Durchmesser. Dr.Schulze erinnerten diese Scheiben an eine Geschichte, die er von seinemBruder, einem Kampfflieger, gehört hatte. Der hatte ihm erzählt, daß ersolche kleinen Scheiben im Luftkampf über England zwischen denFlugzeugen umherschwirren sah. Die deutschen Flieger hielten das fürStörmanöver der Engländer. Die Scheiben kamen zwar bedrohlich nahe,griffen aber niemals wirklich an. Krausinger wurde durch diese Information daran erinnert, daß er bereitsdavon gehört hatte. Er wußte, daß die Luftwaffe die Angelegenheit unter-suchte. In einem "Projekt Uranus" wurde unter Leitung von ProfessorKamper versucht herauszubekommen, ob das eine neue Waffe sei. Daranerinnert, glaubte er nun zunächst, daß die Gefangenen vielleicht doch vonden Engländern gekommen seien. Jedoch verwarf er diesen Gedankenschnell wieder. Die kleinen Scheiben jedenfalls ließen sich nicht öff-126
  • nen und nicht zerstören. Als sie eine davon aufsprengen wollten, ver-nichtete sie sich selbst. Sie zerfiel zischend und hinterließ zum Erstaunenund Erschrecken aller Beteiligten nicht einmal Asche. Sichtbare Bewaffnung wurde in der Scheibe nicht entdeckt, auch keineverdeckte. Krausinger und seine Leute konnten nicht glauben, daß dieScheibe unbewaffnet sein sollte. Aber sie fanden nichts, das auf Bewaff-nung hingedeutet hätte. Was die unter der durchsichtigen kleinen Kuppel befindliche vermeint-liche Kraftstation betraf, so waren sie nicht klüger geworden, als siebereits vor Wochen waren, als Danzmann darauf getippt hatte, daß essich um einen Antigravitationsantrieb handeln könne. Eine Vermutungeben, mehr nicht. Krausinger versuchte jeden Tag erneut, mit den Gefangenen zu kom-munizieren. Er sprach sie direkt an oder formulierte gedanklich entspre-chende Fragen zu Antrieb, Bewaffnung und anderen Details. Sie aber ant-worteten nicht. Erst etwa zehn Tage nach der Lachgasaktion hörte er wie-der die tiefe, ruhige Stimme in seinem Kopf: "Unser Wissen geben wir nureiner friedlichen Menschheit. Gib uns frei." Sie antworten, sie antworten! Krausinger war erleichtert und frohlockte.Es ging endlich voran mit der Kommunikation. "Ich verstehe das. Aber dasDeutsche Reich spricht für die Völker der Welt", sagte er laut und setztefort: "Wir schaffen den Frieden der Welt. Ihr könnt dabei helfen. Vertrautuns Euer Wissen an!" "Ihr sprecht nicht für die Menschheit. Ihr seid nur einer ihrer Teile. Dasuniversale Wissen kann nur eine friedliche Menschheit empfangen - inihrer Gesamtheit." Alle Überredungsversuche waren umsonst. Sie antworteten nicht. Dannkam der Tag, als entdeckt wurde, daß sich die Scheibe wie eine Apfelsinein Segmente zerlegen ließ. Nun war es so weit, daß sie nach untentransportiert werden konnte. Als Anfang März noch immer kein durchgreifender Erfolg zu vermeldenwar, erschien Holt zu einem seiner seltenen Besuche. Er begab sich,geführt von Krausinger und gefolgt von Danzmann, Schubert und seinemAdjutanten nach unten. Dort erwartete sie Unterscharführer Bergwald, der sie zu den Gefange-nen begleitete. Sie betraten den Raum, in dem die Gefangenen an denHandgelenken gefesselt und an die Wand gekettet auf den Pritschen 127
  • lagen. Sie schauten den Ankömmlingen ohne sichtliche Regung entge-gen. Holt sprach sie an: "Ich bin Gruppenführer Holt, Leiter der DienststelleForst. Ich erwarte von Ihnen, daß Sie kooperativ sind und garantiereIhnen dafür eine faire Behandlung." Krausinger merkte, daß es Holt ungeheuer schwer fiel, mit diesen"Kreaturen", wie er sie gerade noch auf dem Weg nach unten bezeichnethatte, wie mit Verhandlungspartnern zu sprechen. Und Holt erwartete eineReaktion auf seine Worte. Das war auch klar. Jedoch es tat sich nichts. "Wenn Sie kooperativ sind und wir mit Ihrer Hilfe die Feinde des Rei-ches vernichten können, dann garantiere ich Ihnen ein Gespräch mitunserem ..." Die tiefe, ruhige Stimme vernahmen alle Anwesenden in ihren Köpfen:"Euer Führer ist nicht der Führer der Welt. Eine einige, friedliche Weltkann uns ihre Vertreter als Verhandlungspartner senden. Gebt uns frei." Holt wurde rot vor Zorn. Sie hatten seine Rede bereits gekannt, bevor erdie Worte ausgesprochen hatte und sie hielten den Führer für inkompe-tent! Wütend brüllte er: "Ich werde Euch Bastarde vernichten lassen, wennIhr nicht bald redet!" Plötzlich hörten die Anwesenden erneut die Stimme in ihren Köpfen:"Euere Absichten sind gefährlich und wahnsinnig. Ihr schadet Euch selbstund allen Menschen dieses Planeten. - Gebt uns frei." Wutschnaubend drohte Holt, die Gefangenen foltern zu lassen. Er waraußer sich. Es gelang Krausinger nur mit großer Mühe und viel Bered-samkeit, seinen Vorgesetzten zu beruhigen und ihn um weitere Zeit zubitten, um die Gefangenen zur Mitarbeit zu bewegen. Schließlich stimmteHolt zu und fuhr zurück nach Berlin. Krausinger war genauso wütend auf die Gefangenen, wie Holt. Daß ersich dafür eingesetzt hatte, ihr Leben und ihre Gesundheit zu schonen,hatte keinen humanitären Grund. Er hatte vielmehr drei Tage zuvor eineHolt gegenüber wohlweislich nicht erwähnte Entdeckung gemacht, die ihnhoffen ließ, daß er doch noch und zwar sehr bald an ihr Wissen her-ankommen würde. Folgendes war geschehen: Drei Tage zuvor war er,entgegen seiner Gewohnheit, nicht mit dem Aufzug gefahren, sondernüber die Wendeltreppe nach unten gestiegen, um die Gefangenen erneutzu befragen. Unten angekommen, durchquerte er den Vorraum und betratden Gang. Plötzlich hörte er in seinem Kopf, erst schwach, dann stärkerwerdend, diese Stimme, die er schon kannte. Als er kurz vor dem Raumangelangt war, in dem die Gefangenen auf ihren Pritschen an die Wandgekettet lagen, hörte er - nun deutlich -"... schaffen ein Kraftfeld an belie-biger Stelle unseres Raumgleiters und schalten es ab, wenn wir..."128
  • Krausinger war um die Ecke getreten und sah, da die Tür weit geöffnetwar, daß Bergwald auf einem Stuhl saß und die beiden Gefangenenanschaute. Gerade hatte er verstehend genickt. Die Stimme war in demMoment abgebrochen, als er um die Ecke trat. Mit dem sprecht Ihr also,dachte er empört. Bergwald, der gesehen hatte, daß die großen Augen der Gefangenenan ihm vorbei zur Tür blickten, wandte sich um. Er sprang auf. Völlig ver-dattert erstattete er Meldung: "Standa ... Standartenfüh ... Standartenfüh-rer, Unterscharführer Bergwald bei der, ... äh bei der Bewachung derGefangenen. Keine ... keine besonderen Vorkommnisse!" Krausinger herrschte Bergwald an: "Was haben Sie mit denen bespro-chen?" Er hätte sich aber im selben Moment auf die Zunge beißen kön-nen. Besser wäre es gewesen, sich nichts anmerken zu lassen, dachte er. Bergwald zuckte zusammen und stotterte: "Ni ... nichts, Standa ... Stan-dartenfüh ... hab sie nur beobachtet, wirklich nur beobachtet..." Du lügst. Krausinger ließ seinen Gedanken unausgesprochen. Jetzt fielihm auch ein, daß er Bergwald bereits zweimal in der Wachstube sitzensah, etwas in ein Heft schreibend, welches er aber jedesmal zugeklappthatte, als er ihn erblickte. Was mochte der da wohl notiert haben? Sollteder etwa das Gehörte niederschreiben? Plötzlich erinnerte er sich daran,daß die Gefangenen Gedanken lesen konnten. Rasch sagte er: "FolgenSie mir, ich habe mit Ihnen zu reden!" Sie fuhren mit dem Aufzug nach oben. Dort angekommen begab sichKrausinger, Bergwald im Gefolge, dem die Augen schmerzten, weil er seitWochen kein Tageslicht mehr erblickt hatte, in einen Beratungsraum imErdgeschoß. Von dort aus rief er Schubert an und hieß ihn zu kommen. Nachdem Schubert Platz genommen hatte, sagte Krausinger: "StellenSie sich vor, Hauptsturmführer, dieser Unterscharführer hat es geschafft,mit den Gefangenen zu kommunizieren." "Was? Sie haben Befehl, die zu bewachen, nicht mit ihnen zu reden!"herrschte Schubert Bergwald an. "Lassen Sie mal, Hauptsturmführer, ich finde das gar nicht so schlecht",sagte Krausinger scheinheilig. Er hatte einen Plan. "Ich gehe davon aus,daß Unterscharführer Bergwald durch seine ruhige, umgängliche Art, dasVertrauen der Gefangenen erworben hat. Deshalb sprechen, das heißt,kommunizieren sie mit ihm. - Stimmts?" Bergwald, der in Erwartung einer möglichen Bestrafung stramm stand,schien erleichtert: "Jawohl, Standartenführer. Sie mögen mich - irgend-wie..." Krausinger warf Schubert einen Blick zu, der besagen sollte: Halten Siesich jetzt raus. Dann wandte er sich wieder Bergwald zu und bemühte 129
  • sich um einen freundlichen Tonfall: "Nehmen Sie Platz, Unterscharführer.Worüber haben Sie denn mit den Beiden geredet?" "Ich spreche ja nicht mit ihnen. Aber die bedanken sich, daß ich sienicht schlage. Ich wäre ein guter Mensch, haben die gesagt - äh, dasheißt, habe ich gehört." "So so. - Ja, und wie fing das denn an? Wann haben die das erste malmit Ihnen gesprochen?" "Ja, die sprechen ja eigentlich auch nicht. Das höre ich ja alles in mei-nem Kopf. - Das ist jetzt wohl schon über eine Woche her, daß sie mit mirgeredet... äh ich meine, daß sie in meinen Kopf gesprochen haben. Dasheißt einer, ich glaube, einer von den beiden spricht immer nur." "Aha. Was haben die denn als erstes gesagt?" "Ja, ich glaube: Mensch, du bist gut. Andere sind böse." Schubert fuhr Bergwald empört an: "Was?! Und Sie haben es zugelas-sen, daß die Ihre Vorgesetzten beleidigen?" "Hauptsturmführer, lassen Sie mal", griff Krausinger ein, der seinen Planvon Schubert gefährdet sah. "Was haben die denn nun alles erzählt?" Ernickte Bergwald freundlich zu. "Eigentlich nichts Besonderes. Eben nur, daß sie frei sein möchten unddaß sie der Erde Frieden bringen wollen." Der hat mehr erfahren, aber er will offensichtlich nichts verraten, dachteKrausinger. Er schaute überdeutlich auf seine Uhr und sagte an Schubertgewandt: "Machen Sie mal weiter. Ich hatte ganz vergessen, daß ichetwas Wichtiges erledigen muß. Gruppenführer Holt erwartet einen Anrufvon mir. Bin gleich zurück." Krausinger eilte in sein Arbeitszimmer und lief über die Wendeltreppenach unten. Mit dem Aufzug zu fahren wäre fraglos bequemer undschneller gewesen. Der aber war im ganzen Haus zu hören. Bergwaldhätte dann vermuten können, daß er nach unten fuhr und das wollte ervermeiden. Unten angekommen lief er eiligst in die Wachstube, die fürBergwald auch Unterkunft war. Er sah sich um. Geradeaus stand ein kleiner Tisch, an dem Bergwaldessen mußte und an dem er ihn auch hatte schreiben sehen. An demTisch stand ein Stuhl. An der rechten Wand befand sich ein Militärspind.Links stand ein Feldbett. Zuerst untersuchte er das Feldbett. Und er hatte Glück. An dessenUnterseite fand er, zwischen die Stahlfedern geklemmt, ein Oktavheft,welches sich als ein Tagebuch erwies. Aufgeregt blätterte er darin. Es verschlug ihm fast die Sprache. Da stan-den tatsächlich die Geheimnisse, die er von den Gefangenen erfahrenwollte. Er schaute auf das Datum der ersten Eintragung. Es war der 9.Februar 1945. Offensichtlich hatte Bergwald bereits in den ersten Tagen130
  • seiner Stationierung in der untersten Etage begonnen, das Tagebuch zuschreiben. Krausinger las die erste Eintragung: "Seit Freitag bewache ich nun hierin der Tiefe allein diese seltsamen Kleinen. Sie tun mir sehr leid. Sie sinddoch so schmächtig und hilflos und wurden dennoch an die Wandgekettet.Eigentlich sollte ich Angst haben. So allein mit denen hier unten. Diehaben ja unglaubliche Macht. Selbst der Gruppenführer konnte sich nichtdagegen wehren, wie mir meine Kameraden gesagt haben. Und der ist jaimmerhin ein General. Aber sie flößen mir Ruhe ein. Und ich fühleüberhaupt keine Angst. Obwohl sie doch auch so ganz anders sind, alswir. Ich setze mich an den Eingang und schaue sie an. Ich muß es ein-fach tun. Ob sie es so wollen? Sie schauen wortlos mit ihren großenAugen zu mir.Sie sehen mit ihren großen Köpfen und ihren kleinen Mündern aus wieBabys. Wie seltsame Babys, aber eben wie Babys, die man streichelnmöchte. Aber sie sind eben doch keine kleinen Kinder. Sie sind soerwachsen wie ich. Vielleicht sind sie sogar wesentlich älter als ich es bin?Ich gehe auch keinen Schritt weiter hinein, wenn ich nicht muß. Manchmaldenke ich kurz daß ich vorsichtig sein muß. Gleich darauf habe ich dasGefühl unendlicher Gelassenheit. Sie beruhigen mich mit ihren großendunklen Augen. Einfach so. Ich erkenne keine Pupillen in ihren Augen, diesehr groß und sehr schräg gestellt sind. ja, sie beruhigen mich. Ichvergesse, wenn ich bei ihnen sitze, den sinnlosen Krieg dort oben.Vergesse, daß der Rest meiner ausgebombten Familie irgendwo imbrennenden Berlin in einem Keller sitzt, meine Frau, meine KinderPaulchen und Püppchen. Meine Eltern sind bereits umgekommen in einerdieser furchtbaren Bombennächte. Gebe Gott, daß ich meine Frau und dieKinder wiedersehe!Bisher haben die beiden Wesen noch nichts zu sich genommen. Ich habeihnen das Essen vorgesetzt, das aus der Mannschaftskantine gebrachtwurde. Sie haben es nicht angerührt. Vielleicht sind sie im Hungerstreik?Hoffentlich verhungern sie nicht. Ich bin verantwortlich für sie. Habe esgemeldet. Dr. Knaus hat sie sich angesehen. Er meinte, noch drei Tage,dann müßten sie zwangsernährt werden. Hoffentlich wird das nicht nötig.Es soll ihnen niemand weh tun." Krausinger überblätterte einige Seiten und las da und dort einige Zeilen.Er wollte sich schnellstens einen Überblick verschaffen. Bergwald könntemißtrauisch werden, wenn er zu lange weg bliebe. Sein Blick fiel auf dieWorte "... erklärten mir ..." Halt was war das? Es war die Aufzeichnungvom 12. Februar. 131
  • "Ich bringe den Beiden jetzt nur alle vier Tage etwas Wasser. Andereswollen sie nicht. Sie mögen zwar auch frischen Salat. Aber woher neh-men? Sie erklärten mir, daß sie einen im Unterschied zu uns Erdenmen-schen äußerst geringen Grundumsatz haben. Sie benötigen nur dreiKalorien am Tage, um die Funktionsabläufe ihrer Organe zu garantieren.Und um aktiv handeln zu können, benötigen sie ganze 10 Kalorien! UnterUmständen können sie sogar über längere Zeit hinweg von den kleinenFettdepots in ihren gewölbten Bäuchen zehren. Sie haben, so sagen sie,einen fast vollständig geschlossenen, nahezu perfekten Stoff-wechselkreislauf. Deshalb haben sie so lange Zeit nichts zu sich genom-men. Sie dürfen also auf keinen Fall zwangsweise ernährt werden. Daswürde ihnen sehr schaden. Sie könnten sterben. Ich werde dem Doktorsagen, sie würden jetzt essen. Ich muß dann eben alles selbst aufessen,damit es nicht auffällt." Schnell blätterte er weiter, gespannt darauf, etwas wirklich Wichtiges zuentdecken. Dann las er:"Heute erzählten sie mir von ihrem Heimatplaneten. Er liegt im SternbildEpsilon Eridanus. Ich weiß nicht, ob ich das richtig verstanden und richtiggeschrieben habe. Ich habe noch nie davon gehört. Sie sagten mir, ihrPlanet drehe sich mit anderen Planeten um ein Doppelgestirn. Sie habenalso zwei Sonnen, nicht wie wir nur eine. Deshalb sei es auch sehr heißbei ihnen, heißer als an unserem Äquator. Dort gibt es fast keineVegetation mehr. Daran sind ihre Vorfahren schuld. Die haben Kriegegeführt und Wälder gerodet, gewaltige Fabrikkomplexe errichtet undRiesenmengen Dünger in die Erde gebracht, so daß sie ihren Nach-kommen schon vor langer Zeit die Natur zerstört haben. Früher sei auchihr Planet grün gewesen. Heute sei er mit unseren Steppen und Wüstenvergleichbar. Sie leben dort unter der Erde. Sie haben die Raumfahrtentwickelt, um lebensfreundlichere Planeten zu suchen. Sie meinen, daßwir Menschen glücklich sein könnten, daß wir auf dem blauen Planetenleben. Unsere Erde sei wie eine fruchtbare Oase in den unendlichenWeiten des Alls. Es gebe dort zwar auch Planeten, auf denen hoch-entwickeltes Leben existiere, aber viele dieser Planeten ähnelten Nord-afrika und der arabischen Halbinsel." Er hatte eiligst zwei, drei Seiten umgeblättert und las dann erneut einenAbsatz:"Heute baten sie mich erneut, sie freizulassen. Sie sagten, sie wollten zuihren Brüdern und Schwestern. Ich solle ihnen helfen, zu fliehen. Ich sagteihnen, daß ich das nicht kann und nicht darf, weil ich sonst erschossenwerde. Sie antworteten, sie würden mich schützen und mitnehmen aufihren Planeten. Wie gern würde ich ihnen helfen. Aber ich132
  • habe Familie, die mich braucht. Ich sagte ihnen, ich könne nicht mit-kommen, denn ich würde an Heimweh sterben. Das Foto mit meiner Frauund den Kindern fanden sie schön." Ab und zu blieb sein Blick an der einen oder anderen Stelle hängen under las zwei, drei Sätze, um dann erneut weiterzublättern. Eine der Seitenhatte er bereits umgeblättert. Doch gleich darauf zuckte er wie elektrisiertzusammen. Was hatte da gestanden? Rasch blätterte er zurück:"Gravitationswandler". Tatsächlich, da stand: Gravitationswandler. Unterdem Datum vom 14. Februar 1945 las er: "Auf meine wiederholten Fragendanach, wie ihr Flugzeug ohne Flügel denn angetrieben werde, haben mirdie Kleinen geantwortet. Paulchen, wie ich den Größeren nach meinemSohn nenne, antwortete (ich vermute einfach, daß er es ist, dessenStimme ich immer in meinem Kopf hörte), mein Informationspool enthaltenur geringes Wissen physikalischer Art. Dabei war ich immer so stolz aufmeinen Zweier in Physik! Und woher er das wohl weiß? Eine hellereStimme, es konnte nur die des kleineren von den Beiden sein, den ich wiemeine kleine Tochter Püppchen nenne, antwortete mir, der Antrieberfolge über einen Gravitationswandler, der auf der Basis eines Elementesarbeite, das auf unserer Erde nicht existiere. Wie das genau funktioniert,davon habe ich keine Ahnung. Sie haben zwar versucht, mir das zuerklären, aber um es zu verstehen, müßte ich wahrscheinlich so einWissen haben, wie unsere Professoren, oben in der Forschung." Zutiefst verärgert, weil er sich genauere Angaben erhofft hatte und weiler wütend darüber war, daß die Gefangenen einem Laien, der sie sowiesonicht verstehen konnte, etwas erzählten, ihn als einen kompetentenGesprächspartner aber mieden, blätterte Krausinger weiter. Unter demDatum vom 1 7. Februar stand geschrieben:"Die Kleinen können im Vergleich zu uns Menschen sehr alt werden. Siesagten mir, sie würden etwa 700 Erdenjahre alt. Das erreichen siedadurch, daß sie längere Pausen einlegten und dabei ihre Körpertempe-ratur erheblich senken. Sie könnten Jahrzehnte hintereinander nurschlafen, um Energie zu sparen oder neue Kräfte zu sammeln. Sie erklär-ten mir, daß sei vergleichbar mit den Vegetationspausen der Pflanzen imWinter oder dem Winterschlaf mancher Tiere auf der Erde. Aber ebenunvergleichlich länger. So könnten sie bei Notwendigkeit bis zu einemhalben Jahrhundert schlafend überleben. Das sei auch von großem Vorteilbei längeren Raumreisen." Das Unglaubliche, was er da las, begann Krausinger an seinem Ver-stand zweifeln zu lassen. Er hatte solches zwar für möglich gehalten, abernun damit konfrontiert, immer noch die Möglichkeit einer britischen 133
  • Wunderwaffe und genetisch gezüchteter Piloten im Hinterkopf als irdischeErklärung des Phänomens, erregte ihn das Gelesene auf das Heftigste.Hastig blätterte er weiter. "25. Februar 1945:Paulchen und Püppchen haben mich erneut aufgefordert, ihnen die Kettenabzunehmen und sie fliehen zu lassen. Leider kann ich das nicht tun. Ichdenke mir aber, daß sie sicher wieder nach Hause fliegen dürfen, wennsie uns geholfen haben, solche runden Flugzeuge ohne Flügel zu bauen,wie das, mit dem sie abgestürzt sind. Sie glauben mir das aber nicht. Siesagen, ich sei ein guter Mensch. Meine Kameraden und Anführer seienkeine guten Menschen. Es sei gefährlich für die Menschheit, wenn ihrFluggerät von uns als Waffe eingesetzt werden würde." Er legte das Tagebuch in das Versteck zurück. Jetzt konnte er nicht wei-terlesen. Auf dem Weg nach oben versuchte er, aufgewühlt wie er inner-lich war, seine Fassung zurückzugewinnen, denn Bergwald sollte nichtsan ihm merken, was ihm eine Warnung hätte sein können. Oben ange-kommen begab er sich sofort wieder in den Raum in welchem er Schubertund Bergwald zurückgelassen hatte. In der Zwischenzeit hatte Schubert Bergwald weiter verhört. Bergwaldwar aber bei dem geblieben, was er vor Krausingers Weggehen bereitsgeäußert hatte. Schubert hatte ihm mit Bestrafung gedroht. Trotzdem warBergwald nicht dazu zu bewegen gewesen, mehr zu sagen. Als Krausinger das Zimmer betrat, sprang Bergwald auf und nahm Hal-tung an. Auch Schubert erhob sich. Krausinger winkte ab und sagte:"Danke, nehmen Sie Platz." Er sah auf seine Uhr und meinte, sich eben-falls setzend: "Das Gespräch mit dem Gruppenführer hat länger gedauert,als ich dachte. Wie weit sind Sie?" "Der Unterscharführer behauptet, daß die Gefangenen ihm nichts weitergesagt hätten, Standartenführer." Krausinger nickte und sah Bergwald an: "Schade. Ich hatte gedacht,Ihnen sei es wirklich gelungen, in eine tiefergehende Kommunikation zugelangen. Das hätte uns sehr helfen können. - Aber was nicht ist, kann jadurchaus noch werden. Ich erwarte von Ihnen, daß Sie gezielt die Kom-munikation ausbauen. Uns interessiert alles Technische im Zusammen-hang mit dieser Scheibe. Fragen Sie sie nach der Antriebsart, Bauweise,Materialzusammensetzung, Materialeigenschaften und so weiter. SolltenSie solches herausbekommen und mir berichten können, dann garantiereich Ihnen ein paar Tage Sonderurlaub und Beförderung. - Na, ist daswas?"Manches von dem weiß ich schon. Ich werde es Euch aber nichtsagen. Ich käme mir vor, wie ein Verräter. - Was denke ich da, schalt sich134
  • Bergwald plötzlich. Es sind doch Feinde des Reiches, die Kleinen. Washaben die mit mir gemacht? Ich schütze sie ja schon so, wie ich meineeigenen Kinder schützen würde! Als er Krausinger von Beförderung undUrlaub reden hörte, setzte sich das Wort Sonderurlaub in seinem Kopffest. Sonderurlaub. Wie lange habe ich meine Frau und die Kinder schonnicht mehr gesehen? Und wer weiß, was die Zukunft bringt, wie der Kriegausgeht und ob ich sie überhaupt noch einmal wiedersehen werde? Erwar schon drauf und dran zu bekennen, daß er bereits mehr wisse, auchüber technische Dinge, als er bisher zugegeben habe, denn der Sonder-urlaub reizte ihn sehr. Aber irgend etwas hielt ihn zurück. Er konnte esnicht sagen. So nickte er nur: "Jawohl, Standartenführer..., zu Befehl!" "Sie können gehen, Bergwald", sagte Krausinger "... und sobald Sieetwas erfahren haben, rufen Sie mich an!" "Zu Befehl!" Bergwald hatte sich erhoben, Haltung angenommen undverabschiedete sich: "Standartenführer, Hauptsturmführer, Heil Hitler!"Dann verließ er den Raum und begab sich mit dem Aufzug wieder ganznach unten. Als Bergwald draußen war, sagte Schubert: "Der Kerl lügt. Ich fresseeinen Besen, wenn der Kerl nicht lügt. Ich werde ihn mir vornehmen -oderbesser, ich werde ihn dem SD übergeben!" "Nichts da", fuhr ihn Krausinger sofort an: "Sie werden das gefälligst las-sen. Ich selbst werde mich um den Mann kümmern. Auf meine Art. Dannerfahre ich schon, was ich wissen will. Lassen Sie ihn also in Ruhe." Krausinger hatte nicht die Absicht, Schubert etwas von dem Tagebuchzu erzählen. Er brauchte Bergwald unversehrt dort unten und fleißigTagebuch führend. Er würde halt auf schriftlichem Wege erfahren, was eran Informationen brauchte. Er mußte nur einen Weg finden, wie er immerunbemerkt an das Tagebuch gelangen konnte. Das war also vor drei Tagen gewesen. Seither hatte sich Bergwald nichtbei ihm gemeldet. Die Arbeiten zur Entwicklung der Strahlenwaffe wurden fortgeführt. DieAnalyse der Scheibe hatte zwar einige Neuigkeiten gebracht, abernennenswerte Erfolge waren noch nicht erreicht worden. Fest stand nun,daß die Scheibe ausgestattet war mit einem integrierten optischen Weit-winkelsystem, einem kryptischen Navigationssystem und einem Kommu-nikationssystem mit Stimmensynthesizer. Was den Antrieb, die Ingangset-zung und das Manövrieren betraf, war der Erkenntnisstand der Gleiche,wie Wochen zuvor. Die Gefangenen redeten nicht mit Krausinger und 135
  • angeblich auch nicht mit Bergwald, denn der berichtete nichts undbehauptete bei einer erneuten Befragung, daß sich die Gefangenen nunvöllig verschlossen hätten und auch nicht mehr mit ihm kommunizierten. Krausinger hatte zweimal die Gelegenheit genutzt, in Bergwalds Tage-buch zu schauen. Er hatte Dr. Knaus angewiesen, sich vor seinen Besu-chen bei den Gefangenen stets bei ihm zu melden. So konnte er immerdann, wenn sich Bergwald mit dem Arzt im Raum der gefangenen Zwergebefand, heimlich schnell in dessen Wachstube gehen und das Tagebuchkontrollieren. Leider mußte er jedesmal feststellen, daß es offensichtlichnicht mehr geführt wurde. Bis auf eine Eintragung, die er beim erstenLesen des Tagebuches nach der Befragung Bergwalds, entdeckt hatte.Unter dem Datum "2. März 1945" stand dort: "Heute haben mir die Kleinenetwas geschenkt. Sie sagten, daß sie das nur Menschen schenkenwürden, denen sie vertrauen könnten und mit denen siezusammenarbeiten möchten, weil die Lebenszeit der Menschen imVerhältnis zu der ihrigen zu kurz sei. Das hätten sie seit ewigen Zeiten sogemacht mit ihren Freunden unter den Menschen. Schon Methusalem seidurch ihre Vorfahren in den Genuß gekommen. Eine reicht für ein halbesJahrhundert, sagten sie mir. Ich will sie aber noch nicht nehmen. Dasmöchte ich nur zusammen mit meiner Frau und den Kindern machen.Schade, daß ich meinen alten Eltern nicht mehr damit helfen kann." Da er in großer Eile gewesen war und da er fixiert darauf war, techni-sche Details zu lesen, hatte Krausinger die Tragweite des Gelesenen inkeiner Weise erfaßt. Jedenfalls waren weitere Eintragungen nicht erfolgt.Ob Bergwald wohl mitbekommen hatte, daß das Tagebuch hinter seinemRücken gelesen worden war? Krausinger hatte auch kaum Zeit und Gelegenheit, sich um das Tage-buch zu kümmern, da die anderen Arbeiten ihn voll in Anspruch nahmen.So kam es, daß sein Vorgesetzter eines Tages wieder seinen Besuchankündigte und er wußte, daß er ihm keinen entscheidenden Fortschrittpräsentieren konnte. Holt erschien am frühen Nachmittag des 12. März und Krausinger, derihn vor dem Stabsgebäude gemeinsam mit Schubert empfangen hatte,folgte ihm in sein Dienstzimmer. Holt hieß ihn Platz nehmen und machtees sich selbst in seinem Sessel bequem, nachdem er seinen schwerenschwarzen Ledermantel an den Kleiderständer gehängt und seine Uni-formmütze in einen Sessel geworfen hatte. Während er an dem Spiegelvorüber ging, der unweit der Garderobe an der Wand befestigt war, hatteer sein pomadisiertes und streng gescheiteltes blondes Haar zurechtge-strichen. Nun sitzend, sagte er in Stimme und Tonfall, als wolle er eine136
  • Siegesmeldung im Großdeutschen Rundfunk verkünden: "Standartenfüh-rer, der Führer persönlich hat gestern, am 11. März 1945, in Schloß Frei-enwalde an der Oder, vor Frontoffizieren den baldigen Einsatz neuer,kriegsentscheidender Waffen angekündigt. Er hat dort wörtlich gesagt:Jeder Tag und jede Stunde sind kostbar, um die fürchterlichen Waffen fer-tigzustellen, welche die Wende bringen." Holt machte eine Pause, um die Wirkung dieser Worte auf Krausingerzu beobachten. Der hatte bereits erfaßt, daß da weiterer Termindruckerzeugt werden sollte. Dann sprach Holt weiter: "Was der Führer daansprach, vor den Offizieren an der Front, die sehnlichst Hilfe erwarten,das war Ihre Waffe, Standartenführer! Er ist offensichtlich von den Ver-sprechungen ausgegangen, die ihm Heinrich Himmler gemacht hat, derwiederum sich auf uns verläßt. - Wir stehen also ganz extrem in der Ver-antwortung!" Er starrte Krausinger erwartungsvoll an. Da der den Ballnicht aufnahm, der ihm zugespielt worden war, forderte er ihn, die Verär-gerung kaum verbergend, auf, über den neuesten Stand der Dinge Berichtzu erstatten. Krausinger betonte die Fortschritte, die hinsichtlich der Strahlenwaffeerreicht worden waren. Holt drängte zur Eile, sie sollte unbedingtschnellstens einsatzbereit gemacht werden. Dann wollte er wissen, wieder Fortgang bei der Scheibe sei, die ja als Träger für die Strahlenwaffeausersehen worden war. Krausinger erläuterte ihm seine Vermutung, daß es sich bei dem Antriebum einen Antigravitationsantrieb handele, daß aber das dafür benötigteAntriebsmaterial wahrscheinlich auf der Erde nicht zu finden sei. Deshalbsei es notwendig, nach einem Substitut zu suchen. Ein solches als Substi-tut geeignetes chemisches Element werde aber mit Sicherheit eines sein,das sehr selten auf dieser Erde vorkomme. "Sagen Sie mir, um welchen Stoff es sich handelt. Wir werden ihnbesorgen. Und wenn er sich im letzten Winkel der Erde befindet. UnsereEinsatzgruppen sind bereit!" Holt wischte Krausingers Bedenken mit einerHandbewegung beiseite. Krausinger sah Holt zweifelnd an: "Wer soll denn das holen? Dabenötigt man auch Spezialisten dazu, ... Geologen und Ingenieure." "Wissen Sie, Standartenführer, unsere Leute haben den Duce befreit.Da werden die doch wohl ein paar Klumpen Erz besorgen können. - Wirsetzen Otto Skorzceny darauf an. Und Geologen, Ingenieure und solcheLeute, die ordnen wir seiner Einsatzgruppe zu." Krausinger ärgerte die Forschheit Holts, denn sie setzte ihn erneut unterDruck, da er ja das mögliche Substitut noch nicht bestimmen konnte: "Gut,wenn Sie meinen, daß das kein Problem darstellt, dann werden wir 137
  • diese Unterstützung durch eine Einsatzgruppe gern in Anspruch nehmen - sobald wir wissen, welches Metall wir brauchen." Holt stutzte, dann veränderte sich sein Gesichtsausdruck mehr und mehr in Richtung Wut. "Was? Sie wissen das noch nicht? Ja wieviel Zeit brauchen Sie denn noch, zum Teufel?!" Vor Empörung traten ihm die Augen aus den Höhlen. "Hören Sie Gruppenführer, Forschung braucht Zeit. Wir arbeiten aufHochtouren. Glauben Sie denn wir faulenzen hier? Ich komme ja höch-stens noch vier, fünf Stunden täglich ins Bett." Krausinger war ebenfallswütend und hielt sich nur mühsam im Zaum. Er dachte voller unterdrückterWut daran, wie Holt es sich wahrscheinlich in Berlin gut gehen ließ. Derhatte doch unter Bombenalarm kaum zu leiden. Sicher saß der in einemLuxusbunker voller Weiber und Champagner. "Wenn sich neues Wissenso leicht offenbaren würde, wie Sie es gern hätten, dann brauchten wirkeine Wissenschaft mehr." "Zum Teufel noch mal, aber auch! Sie müssen doch nicht alles neuerfinden, was bereits erfunden ist, Standartenführer! Befragen Sie docheinfach die Gefangenen, welches Element noch in Frage kommen würde,außer diesem dämlichen Element, das nicht von dieser Erde sein soll, wieSie sagen!" Holt war außer sich. "Wir arbeiten fieberhaft daran, Gruppenführer. Um Informationen vonden Gefangenen zu bekommen, sind wir auf deren Kooperationsbereit-schaft angewiesen. Aber leider haben wir sie noch nicht so weit." "Was?! Sie haben die noch nicht so weit? - Darauf können wir keineRücksicht nehmen. Wir ..." Holt brach ab, überlegte einen winzigenMoment lang und redete dann, sich zur Ruhe zwingend, weiter: "Ichglaube, ich muß Sie einweihen in etwas, was sie wissen sollten, um dieDringlichkeit des Problems noch deutlicher zu erkennen. Heinrich Himmlerhat Probleme. Er hat mich ins Vertrauen gezogen. Sie wissen ja, daß erals Oberbefehlshaber der Heeresgruppe Weichsel etwas glücklos war. Ander Ungarnfront haben die Verbände der Waffen-SS ihre Kampfmoraleingebüßt. Es wird das Gerücht verbreitet, hohe SS-Führer würden inItalien den Alliierten einen Waffenstillstand anbieten wollen. Es gibt Neiderund Feinde Heinrichs in Berlin, die ihn beim Führer auf jede Weisemiesmachen. Es geht ihm nun verständlicherweise gesundheitlich nichtsehr gut, zur Zeit. Deshalb hat er sein Hauptquartier im Lazarett inHohenlychen aufgeschlagen. Um seine Position beim Führer zu stärken,ist er Ende letzten Monats zu ihm gefahren und hat ihm in meinem Beiseinberichtet, daß wir dabei sind, eine Waffe zu entwickeln, gegen welche dieV1 und die V2 geradezu wie Kinderspielzeug wirken müssen." Holt hattezuletzt immer leiser gesprochen und machte nun eine Pause.138
  • Krausinger dabei anschauend, als sei dieser seine letzte Hoffnung, spracher langsam und leise weiter: "Heinrich versprach, daß diese Wunderwaffeam 20. April, als Geschenk der SS zum Führergeburtstag zum Feind-einsatz fliegen wird. - Verstehen Sie nun, wie ungeheuer wichtig dieBeschleunigung des Vorhabens ist?" Mit beschwörender Stimme hatteHolt die letzten Worte gesprochen und ihn ebenso angesehen. Beinahe tat er ihm leid, der Gruppenführer. "Wir wollen doch nichtsanderes als Sie und der Reichsführer, glauben Sie mir doch, Gruppenfüh-rer. Aber bis dahin werden wir nicht einmal einen Prototypen nachgebauthaben, geschweige denn ein Geschwader einsetzen können!" "Scheiß auf ein Geschwader! Es muß eine Waffe fliegen, am 20. April!Und wenn es nur diese eine Scheibe mit Ihrer Strahlenwaffe ist. Ist mirganz egal. Wir können unser Versprechen nicht brechen!" Holt war plötz-lich gar nicht mehr leise und hilfeheischend. "Pressen Sie alles aus denGefangenen heraus. Jetzt hilft nur noch blanke Gewalt. Ich habe Ihnendas bereits mehrfach gesagt! Ich glaube fast, daß Sie in dieser Frage IhrerAufgabe nicht gewachsen sind. Ich gebe Ihnen noch vier Wochen - nochganze vier Wochen Zeit, dann möchte ich Ergebnisse sehen. Sonst werdeich die Gefangenen abholen und von Spezialisten befragen lassen müs-sen!" Danach war Holt wieder davongefahren. Auch in den folgenden vier Wochen kam man in Waldheide nicht rechtvoran. Und die Gefangenen redeten nach wie vor nicht. Aber Krausingerwollte Zeit gewinnen. Deshalb informierte er Holt am 13. April 1945telefonisch über angeblich erzielte Fortschritte bei der Befragung derGefangenen. Er wisse jetzt, wo auf der Erde ein Substitut für das benötig-te Element zu finden sei, daß er Epsilonianum nannte. Es gebe dies nuran einer einzigen Stelle, hätten ihm die Gefangenen versichert, und zwarauf dem Boden der Antarktis, in einem eisfreien Gebirge an ihremnordöstlichen Rand. Er habe nach den Angaben der Gefangenen eineKarte gezeichnet. Holt ließ die Karte abholen und ordnete die Aufstellung einer Einsatz-gruppe mit dem Decknamen "Expedition Neuschwabenland II" an, welchedas Substitut aus der Antarktis holen sollte. Gleichzeitig erhielt Krausingerden Auftrag, dennoch verstärkt nach anderen Möglichkeiten zu suchen,die Scheibe flug- und kampfbereit zu machen, denn man habe eigentlichgar nicht mehr genügend Zeit, um auf das Resultat der Suche nach demErsatz für Epsilonianum zu warten. Krausinger bestätigte, daß dies unter Volldampf geschehe und er täglicheinen Durchbruch zu endgültigen Ergebnissen erwarte. 139
  • Der neunzehnte April 1945 war der Tag, an dem Krausinger der folgen-schwere Anruf Holts erreichte. Dieser Anruf leitete ein Blutbad ein. Es warNachmittag und er befand sich gerade im technischen Labor im erstenTiefgeschoß, als ihm einer seiner Offiziere den Hörer reichte. Mit derlinken Hand die Sprechmuschel zuhaltend und mit dem rechten Zei-gefinger auf den Telefonhörer deutend, flüsterte er: "Der Chef!" "Holt hier", sagte der Anrufer und unterstellte sofort: "Die Scheibe istflugbereit und trägt die einsatzbereite Strahlenwaffe!?" "Nein, leider nicht, Gruppenführer, äh das heißt Obergruppenführer",Holt war - im Vorgriff auf die erwartete Wunderwaffe - befördert worden,wie Krausinger erfahren hatte. "Ach, übrigens meinen herzlichen Glück-wunsch zur Beförderung", fügte er schnell hinzu. "Lenken Sie nicht ab. Was heißt leider nicht? Meine Geduld ist amEnde! Ich habe Sie gewähren lassen. Habe Ihre Schützlinge geschont.Alles umsonst. Jetzt gibt es keine Schonzeit mehr für diese Kreaturen!Obersturmführer Pluntke wurde gerade von mir angewiesen, die Gefan-genen einer Sonderbehandlung zu unterziehen." "Das können Sie doch nicht machen, Obergruppenführer", rief Krausin-ger erregt, denn er gedachte immer noch, irgendwann weitere Informa-tionen der Gefangenen auf die indirekte Art aus Bergwalds Tagebuch ent-nehmen zu können. "Überlegen Sie doch mal, für wen Sie sich da einsetzen, Standartenfüh-rer!" schrie Holt am anderen Ende der Leitung empört in die Sprechmu-schel. "Da sind schon andere Leute mit großen Verdiensten wegen ras-senfremder Kontakte bestraft worden. Bedenken Sie: Wir befinden uns imEndkampf mit den Feinden des Reiches! Da können wir kein Federlesensmehr machen. Wir brauchen diese Wunderwaffe! Pluntke wird denen dasGeheimnis entreißen! Da können Sie sicher sein, und wenn die Kreaturendabei drauf gehen!" Holt hatte den Hörer auf die Gabel geknallt. Krausinger eilte zum Aufzug. Das durfte nicht sein. Die Gefangenenwürden niemals etwas verraten, sie würden eher sterben, das war ihmklar. Aber sie mußten leben, denn nur wenn sie es selbst wollten, würdensie das Geheimnis des Antriebs lüften. Schließlich hatten sie ja Bergwaldschon eine Menge erzählt. Der Fahrstuhl kam gerade von oben und hielt. Die Tür öffnete sich:Obersturmführer Pluntke, der SD-Chef des "Forst-Objektes" und ein wei-terer SD-Mann, ein vierschrötiger Bulle, namens "Max", standen im Auf-zug. Pluntke trug eine schwere Nilpferdlederpeitsche in der rechten Hand.Beide waren bewaffnet. Sie grüßten: "Heil Hitler, Standartenführer."Pluntke setzte hinzu: "Zu Ihnen wollten wir gerade." "Was wollen Sie denn, Pluntke?"140
  • "Sonderbehandlung für die Gefangenen, Standartenführer. Befehl vomObergruppenführer. Sie führen uns hin, hat er gesagt", antwortete Plunt-ke, ein Mittdreißiger von etwa 1,80 Metern, verfettet und arrogant, miteiner Narbe quer über die Stirn. "Max", eher ein Riese, als ein Mensch,grinste, wohl aus Vorfreude auf das sadistische Vergnügen, das ihn erwar-tete. Krausinger war in den Fahrstuhl getreten, der sich hinter ihm schloß."Wie kommen Sie dazu? Sie werden die Gefangenen nicht anrühren. Ichbefehle es Ihnen!" Er legte seine ganze Autorität in diese Worte. Jetzt aber grinste auch Pluntke: "Sie können dem SD überhaupt nichtsbefehlen. Ich habe meine Anweisungen, wie gesagt, vom Obergruppen-führer persönlich." Sie waren im vierten Tiefgeschoß angekommen. Bergwald öffnete undmachte Meldung: "Unterscharführer Bergwald im Dienst. Keine besonde-ren Vorkommnisse." Krausinger nickte und wies ihn mit unterdrückter Stimme an: "Schnell,schließen Sie die Tür zu den Gefangenen!" Bergwald sah ihn verständnislos an, er erfaßte nicht, was da vor sichging. Pluntke und "Max" drängten sich schnell vorbei, bevor BergwaldKrausingers Weisung befolgen konnte. "Jetzt werden Sie gleich sehen, wie schnell die Vögelchen zwitschernund Ihnen helfen werden, die Wunderwaffe in Gang zu setzen,Standartenführer" rief Pluntke und rannte in den Gang. Er riß die Tür zurWachstube auf und warf einen Blick hinein. "Weiter" rief er seinemBegleiter zu und lief zur nächsten Tür. Ein Blick und er wußte, daß errichtig war. Schnell warf er eine Gasgranate hinein. OffensichtlichTränengas. Hastig zog er sich eine mitgebrachte Gasmaske über dasGesicht. "Max" tat desgleichen. Während er die Maske überzog, wiesPluntke an: "Brechen Sie dem dort die Knochen, Max. Ich nehme mir denanderen mit der Peitsche vor!" Krausinger und Bergwald waren schockiert und wie gelähmt. Krausingerrieb sich die Augen und hielt sich dann die Nase zu. Das Gas strömte ausdem Raum auch auf den Gang. Bergwald verschwand in der Wachstube. "Hören Sie auf. Ich befehle es Ihnen!" rief Krausinger, nun ebenfalls denGefangenenraum betretend und dabei nach Luft ringend. Pluntke machteeine wütende Armbewegung in Richtung Krausingers. "Max", der bulligeSD-Mann holte mit seinem rechten Bein, das einen schweren Stiefel trug,aus. Er zielte gegen das kleine Bein des rechts liegenden feingliedriggebauten Gefangenen, um es zu zerschmettern. Die beiden Gefangenen,denen sich die großen Augen bereits aufgrund der Wirkung des Gasesverdrehten, schauten an den beiden Angreifern vorbei in Richtung Tür. 141
  • Krausinger zitterte vor Erregung. Dieser Dreckskerl wollte ihn um seinebald erwarteten Resultate bringen. Er entsicherte seine Waffe und zielteauf Pluntke, während er sich mit der linken Hand die Nase zuhielt. Erwollte laut schreien: Schluß jetzt! Aber es kam nur ein Krächzen herausund er mußte verstärkt nach Luft ringen. Seine Augen tränten äußerststark. In dem Moment krachte ein Schuß. Der massige "Max" brach in dieKnie und kippte dann vornüber. Krausinger wandte den Oberkörper undsah Bergwald mit einer Gasmaske vorm Gesicht in der Tür stehen, diePistole, aus der er den Schuß abgegeben hatte, in der kraftlos nach untenhängenden Hand. Die Augengläser der Maske wurden blind. Hatte erTränen in den Augen? Im gleichen Moment hallten Schüsse durch den Raum. Krausingerwandte sich, noch immer die Nase zuhaltend und die Augen zusammen-kneifend, den Gefangenen und Pluntke zu, der das ganze Magazin aufBergwald abfeuerte. Er horte hinter sich Bergwald stöhnen und zusam-menbrechen, ohne selbst noch einmal zu schießen. Das erledigte er. EineKugel aus seiner Waffe traf Pluntke in die Brust. Der kippte, die Augen vorÜberraschung weit aufreißend, vornüber und rührte sich nicht mehr. Krausinger drehte sich um und beugte sich zu Bergwald hinunter, dertödlich getroffen worden war. Plötzlich hörte er hinter sich das röchelndeund gluckernde Geräusch, das entsteht, wenn jemand unter einer Gas-maske nach Luft ringt. Blitzschnell wandte er sich im Hocken um undrichtete die Waffe schräg nach oben. Drei Schritte von ihm entfernt stand "Max". Sein Anblick warerschreckend. Der bullige Kerl hatte, sich mühsam auf den Beinen hal-tend, die Arme ausgebreitet, wohl in der Absicht, ihn zu würgen. DieGasmaske verlieh ihm ein unheimliches Aussehen und die Gläser derMaske waren blutverschmiert. Max röchelte unter der Maske, machteeinen weiteren Schritt in Krausingers Richtung und öffnete und schloßdabei immer wieder seine stark behaarten mächtigen Pranken. Der Anblick war so grausig und die in wenigen Sekunden vor sich ge-gangene große Abschlachterei war so erschreckend gewesen, daß Krau-singer unfähig war, seinen Zeigefinger durchzudrücken und auf Max zuschießen. Er war einen Moment lang gelähmt vor Schreck. Würde er jetztsterben? Als "Max" im nächsten Moment zu fallen begann, fand er doch noch dieKraft, sich blitzschnell zur Seite zu rollen, um von dem Fleischberg nichterdrückt zu werden. Nur kurz verschnaufte er. Dann sah er sich um.Innerhalb nur weniger Minuten hatte hier ein Blutbad stattgefunden. DreiTote! Und wieder, wie schon einmal in seinem Leben hatte er, der vonsich meinte, ein friedlicher Mensch zu sein, einen Menschen getötet.142
  • Das Gas hatte bereits begonnen, sich zu verflüchtigen. Mühsam erhober sich, betrat den Gang und stellte das Luftzirkulationssystem auf diehöchste Stufe. Hinter sich hörte er die Ketten klirren. Die Gefangenenlebten also. Aber waren sie auch wirklich unverletzt? Er drehte sich umund sah, daß ihn beide mit ihren großen Augen betrachteten. Er brauchte sich jetzt nicht mehr die Nase zuzuhalten, konnte wiederatmen. Nur im Hals kratzte das widerliche Gas noch immer und die Augenschmerzten ihn. Er hob seine Brille auf, die auf den Fußboden gefallenwar. Sie war zum Glück unbeschädigt. Dann rieb er sich noch einmal dieAugen, setzte die Brille auf und trat näher an die Pritschen heran, aufdenen die Gefangenen lagen. Sie schienen tatsächlich unverletzt zu sein."Max" war ja auch durch Bergwalds Schuß nicht mehr dazu gekommen,zuzutreten. Krausingers Blick konnte sich den großen dunklen Augen nichtentziehen. Er vernahm die ihm bekannte dunkle Stimme in seinem Kopf:"Ihr seid Barbaren. Ihr seid noch nicht reif für unseren Besuch. Wirmüssen weiter warten. Bis Ihr gelernt habt, friedlich zu sein. - Langewarten. Wir werden jetzt schlafen. - Lange schlafen." Er wollte nicht glauben was er gerade gehört hatte. Aber als beideGefangenen ihre Augen schlossen, hatte er die größten Befürchtungen.Wollten die das etwa wahrmachen? Lange, sehr lange schlafen? Schnellwollte er sie noch überreden, ihnen Versprechungen machen, wollte siebitten, munter zu bleiben und mit ihm zusammenzuarbeiten, jetzt, da erihnen das Leben gerettet hatte. Aber ein Gedanke wurde immer stärker:Schlafen? Lange schlafen? Wie lange schlafen? Die Stimme antwortetebereits: "Fünfzig Erdenjahre." Sie klang bereits sehr müde und warschwächer geworden. Fünfzig Erdenjahre? Das ist ja Wahnsinn! Dann hat ja alles keinen Sinn!Dann würde er ja nie etwas von denen erfahren! Er rief: "Halt. Machen Sieso etwas nicht! Sie sollten ..." Seine Stimme erstarb. Er sah, daß eskeinen Zweck hatte, weiter zu reden. Die beiden Gefangenen hatten sichlang ausgestreckt, die Augen geschlossen und verfielen zusehends ineine Art Starre. Stumm und hilflos stand er vor ihren Pritschen und starrtesie an. Aus der Traum, von denen wichtige Informationen zu bekommen.Was hatten sie gesagt? Fünfzig Jahre? Dann würde er ja auch bereits vonden Würmern zerfressen sein. Immerhin war er ja jetzt bereits zweiund-vierzig Jahre alt. Es drehte sich in seinem Kopf. Er setzte sich auf die Kante einer derPritschen. Seine Schultern hingen kraftlos herab. Doch er registrierte dieherumliegenden Leichen und das viele Blut und wurde in die Realitätzurückgerufen. Ich muß einen klaren Kopf bekommen, sagte er sich. UmGottes Willen - wenn das hier jemand sieht! Wie soll ich denn dieses 143
  • Blutbad erklären? - Ich könnte behaupten, daß Bergwald die beidenanderen erschossen hat und ich dann Bergwald. Ja, das ginge. Aber waswäre, wenn die eine richtige Untersuchung durchführen würden? Wenndie Waffen untersucht werden würden, die Projektile in den Leichen undso weiter? Dann komme ich wohlmöglich vor ein Erschießungskommandodes SD! - Was ist zu tun? Wenn Holt erfährt, daß Pluntke tot ist, dannschickt der doch neue SD-Leute welche die Gefangenen munterprügelnsollen. - Aber was mache ich mir eigentlich noch Gedanken über dieGefangenen? Die können mir doch nun wirklich egal sein. Und ob dasReich überhaupt noch zu retten wäre, wenn wir die Scheibe einsatzbereithätten? Er glaubte es nicht, zumal die Strahlenwaffe noch nicht fertig war.Und selbst die geschönten Frontberichte besagten, daß der Feind täglichschneller voran kam. - Die Waffe in Serie herzustellen war kaum nochmachbar. Wo sollte das auch geschehen? Das Reichsterritorium wurdeimmer kleiner und mögliche Produktionsstandorte wurden immer weniger. Plötzlich wurde ihm klar, was zu machen war: Irgendwie hatte sich einGedanke vor sein geistiges Auge geschoben und war immer stärker unddeutlicher geworden, bis er wußte, was das bedeutete, dieses Wort"Methusalemkapsel", das er im Tagebuch Bergwalds gelesen hatte. Ersprang auf, lief zu Bergwalds Leiche und durchwühlte deren Taschen.Leichenfledderei! Auch das noch, ging es ihm durch den Kopf, während erfieberhaft weiter suchte. Dann fand er im blutigen ledernen Brustbeuteldes Toten die kleine flache Dose mit den Kapseln. Mit zitternden Händenöffnete er sie. Vor Aufregung fuhr er sich durch sein stoppliges Haar.Kalter Schweiß stand ihm auf der Stirn. Sechs kleine längliche Kapseln,rötlich schimmernd, lagen in der Dose. Eilig griff er nach einer von ihnenund hätte dabei beinahe den gesamten Inhalt der Dose ausgeschüttet.Eine der Kapseln fiel auf den Betonfußboden. Er hob sie auf, pustete denStaub ab, rieb sie zwischen den Fingern, um einigermaßen sicher zu sein,daß sie sauber war und versuchte mühsam, sie mit trockenem Mund zuschlucken. Die kleine Dose war ein Vermögen wert. Sie war ein Schatz, für denKönige die Hälfte ihres Reiches gegeben hätten. Wie hatte es in Berg-walds Tagebuch geheißen? Fünfzig Jahre würde eine solche Kapsel vor-halten. Feiung gegen Krankheiten und Alterungsprozesse. Jetzt stelltesich doch die Situation ganz anders dar! - Jetzt relativierte sich doch seinAlter. Nun gab es ja ganz neue Perspektiven! Er würde in vielen Jahrendie Gefangenen und deren Wissen für seine Zwecke nutzen können. Ineiner Zeit, zu der gewöhnliche Sterbliche, wie Holt schon längst nicht mehrunter den Lebenden weilen würden.144
  • Die Kapsel hatte er noch einen Moment in seiner Speiseröhre gefühlt.Es drückte etwas. Alle Versuche, mit Speichel nachzuspülen, hatten nichtsgenutzt. Sie war nicht weiter gerutscht. Dann war ihm eingefallen, daß inder Wachstube vielleicht etwas Trinkbares sein würde. Und tatsächlich. Erfand dort einen Rest kalten Tee in einem Blechbecher, den er raschaustrank. Die Kapsel rutschte in den Magen hinunter. Nun fing er an, sichbereits als nicht mehr zu den gewöhnlichen Sterblichen gehörend zuzählen. Er begann sich ein neues Lebensziel zu geben. Das war grobterminiert in fünfzig Jahren, wenn die Gefangenen ihren Dorn-röschenschlaf beendet haben würden. Ein Mann dessen Welt in Schuttund Asche zerfiel, dessen Werte Makulatur wurden, begann sich, um demWahnsinn zu entgehen, ein neues Ziel zu geben. Ich werde beinahe unsterblich sein! Ich besitze Kapseln für 300 JahreLebensverlängerung. Ich werde sie alle überleben. Alle! Vorausgesetztnatürlich, daß ich nicht getötet werde. - Ich muß vorsichtig sein, daß ichnicht noch falle, für den Führer. Was heißt Führer. Der hat doch Fehlergemacht, schwere Fehler. Fehler, die niemals hätten passieren dürfen! -Aber schließlich war er ja nur ein einfacher Mann. Von ihm hat man nichtmehr erwarten können. - Das mußte ja schiefgehen. Er grübelte weiter.Dabei galt doch der Führer immer als genial. Was heißt genial? Er wirdniemals so genial sein, wie ich es bin. Das heißt, ich bin es, der die Ziele,die er nicht erreichen konnte, erreichen wird. Was heißt überhaupt seineZiele? Meine Ziele werde ich verfolgen und erreichen mit Hilfe dieserKapseln und mit Hilfe dessen, was ich hier unten versteckt habe. Dagegenwerden die Ziele des Führers relativ unbedeutend sein. Und was hat erüberhaupt erreicht? Nichts. Der Feind steht auf deutschem Boden! - Ichjedenfalls werde die ganze Welt beherrschen! Er hielt sich nicht lange bei diesen Phantasien auf, sondern faßte rechtschnell klare Gedanken. Jetzt mußte er die Gefangenen schützen. Erwußte, daß er das was hier geschehen war, vertuschen mußte: Drei Tote,zwei Scheintote und er als einziger Überlebender! Holt durfte es nichterfahren. Auch kein anderer durfte es erfahren. Er mußte die Leichen ver-stecken, dafür sorgen, daß niemand nach unten kam und Zeit gewinnen.In wenigen Tagen könnte bei dem Tempo, mit dem der Feind vorrückte,die Front dieses Gebiet erreicht haben. Vorher mußte er dafür sorgen, daßdie Russen oder die westlichen Alliierten hier nichts mehr fanden. DieZugänge zum vierten Tiefgeschoß galt es zu tarnen. Als erstes mußte eraber die Spuren beseitigen, denn es könnte passieren, daß Holt selbstüberraschend nach Waldheide käme und die Gefangenen sehen wollte. Jetzt mußte er unbedingt sein Leben vor einem SS-Erschießungskom-mando schützen und er mußte die Kapseln, das Tagebuch und die Gefan- 145
  • genen, die ihm in einigen Jahrzehnten zu Diensten sein sollten, mit allihrem Wissen, sichern. Diese Schätze und die Gefangenen würdenGaranten seiner zukünftigen unumschränckten und weltumspannendenMacht sein. Das sollte die fixe Idee werden, die Krausingers gesamtesweiteres Leben bestimmen würde. Und er bildete sich ein, daß er denDank der Zwerge verdient habe, weil er ihnen, wie er meinte, das Lebengerettet habe. Er überlegte, ob es Zeugen dafür gab, daß er mit Pluntke und "Max"nach unten gefahren war. Der einzige Zeuge war Bergwald, und der warebenfalls tot. Mühsam räumte er die Leichen aus dem Raum, was ihm bei"Max" beinahe übermenschliche Anstrengung abforderte, viel Energiekostete und besonders lange dauerte. Er zerrte die Leichen in einen lee-ren Raum am Ende des Ganges, warf auch seinen blutigen Laborkittelund die Uniformmützen der Toten sowie ihre Waffen hinein und verschloßden Raum. Den Schlüssel versteckte er unter der Matratze von BergwaldsFeldbett. Das dort bis dahin ebenfalls versteckte Tagebuch nahm er ansich. Dann beseitigte er die Blutspuren in dem Raum, in dem dasGemetzel stattgefunden hatte, so gut es ging, sah noch einmal nach denGefangenen und schloß dann auch deren Zelle ab. Anschließendverschloß er die Hauptschleuse zur vierten Tiefetage. Er setzte den Auf-zug in Bewegung und fuhr bis ganz nach oben. Am Ausgang begegnete erzwei Forschern und einem Mannschaftsdienstgrad vom Hilfszug, die mitdem Aufzug nach unten fahren wollten, in eine der drei ersten unterirdi-schen Etagen. Sie würden glauben, daß er auch von dort kam. In seinem Arbeitszimmer angekommen sank er in erschöpft in den Ses-sel. Jetzt mußte er dafür sorgen, daß niemand mehr an die Gefangenenund an die Scheibe herankam und daß keiner die Leichen fand. Es warein Glück, daß das Ganze in der Mittagspause stattgefunden hatte. Sohatte niemand von denen, die sonst an der Scheibe arbeiteten, etwas mit-bekommen, denn sie befanden sich zu der Zeit alle oben im Speisesaal.Was war aber, wenn sie wieder nach unten fuhren? Sie würden zwar nichtmerken, was da vorgefallen war, denn die Leichen und die Gefangenenkonnten sie nicht sehen. Aber vielleicht würde ihnen auffallen, daßBergwald nicht mehr zu sehen war? Möglicherweise würden sie ihn baldvermissen und nach ihm fragen? Auch der Anführer der Wachmannschaftim Haus, war eine Gefahr, denn der würde sicher immer wiedertelefonisch die Verbindung zu Bergwald suchen. Was tun? Als erstes rief er den Hauptscharführer an und befahl ihm, keinen Kon-takt mehr zu Bergwald aufzunehmen, bis er persönlich diesen Befehl auf-hebe. Dann befahl er Schulze und Danzmann, die Arbeit an ihren For-schungsprojekten zu intensivieren. Er könne sich in der nächsten Zeit146
  • nicht daran beteiligen. So hatte er erst einmal den Rücken frei. Jetztmußte er Nachfragen nach Pluntke und "Max" abwehren, falls solchekommen sollten. Heimlich hörte er Radio London, um die Frontlage zuerkunden. Was er erfuhr, bestätigte ihm, daß er nicht mehr viel Zeit hattezu fliehen, wenn er nicht von den Alliierten gefangengenommen werdenwollte. Diese stießen gegen den Widerstand der Heeresgruppe Nordwestunter Generalfeldmarschall Busch auf Magdeburg und auf Schwerin vor.Von Osten her stießen russische Armeen durch die Fronten der Heeres-gruppe Weichsel und näherten sich der Linie Stralsund - Waren. Eine Ver-lagerung der "Dienststelle Forst" war nie ins Auge gefaßt worden. Wohinauch? Die Ereignisse überschlugen sich ja. Der Feind stieß überall mitwachsender Geschwindigkeit vor. Es war nichts mehr zu retten. Jetzt, wosich zeigte, daß auch die letzten Wunderwaffen nicht rechtzeitig einsatz-bereit sein würden, wurde das immer deutlicher. Krausinger formulierte gedanklich sein Ziel: Jetzt gilt es zu überlebenund das zu retten, was es hier an Außergewöhnlichem gibt. Wenn dasReich jetzt kapitulieren müßte, dann würde Deutschland mit ihm an derSpitze eines Tages Revanche nehmen. Und mit Hilfe der Scheibe und derStrahlenwaffe würde er die Weltherrschaft erlangen. Der Nachmittag und auch der Abend vergingen, ohne daß Holt ange-rufen oder jemand nach Pluntke gefragt hätte. Aber Krausinger verbrachtetrotzdem die folgende Nacht schlaflos. Am nächsten Vormittag, es war der 20. April 1945, rief gegen 11.00 UhrHolt an. "Standartenführer, hier Holt. Ich kriege den Pluntke nicht an denApparat! Wo ist der Kerl nur?" Krausinger erstarrte. Es war so weit. Jetzt würden die Nachforschungenbeginnen. Jetzt wurde die Zeit knapp für ihn. "Sie müssen die Scheibe flugbereit machen. Ich komme morgen mitFegelein. Der Führer will in Berlin ausharren, bis zum Endsieg." Krausinger hatte seinen Schock noch nicht ganz überwunden. "Hören Sie mich Standartenführer?" "Ich ... ich verstehe Sie kaum, Obergruppenführer", schrie Krausinger inden Apparat, "... die Verbindung ist so schlecht!" "Scheibe startbereit machen! Komme morgen mit Fegelein zu Ihnen!"schrie nun seinerseits Holt am anderen Ende der Leitung. "Ich verstehe Sie nicht - sprechen Sie lauter", brüllte Krausinger in sei-nen Hörer und legte ihn vor sich auf den Schreibtisch, ohne weiter aufHolts Schreien zu achten. Der mußte doch wahnsinnig geworden sein. 147
  • Der wußte doch ganz genau, daß die Scheibe nicht geflogen werdenkonnte. Oder glaubte der, daß es Pluntke mit Brachialgewalt gelungen sei,die Gefangenen zum Reden zu bringen? Und er will den Obergrup-penführer Fegelein, der so etwas wie der Schwager des Führers war, mit-bringen? Die allgemeine Absetzbewegung scheint ja in vollem Gange zusein! - Was muß ich jetzt tun? Schlagartig wurde er ruhig und begann systematisch sein weiteres Vor-gehen zu bedenken: Er hatte wieder Radio London gehört und wußte, wiedie Frontlage war. Eine Evakuierung des Objektes würde den andereneinleuchten. Er mußte die Führungsoffiziere zusammenrufen und dieschnelle Evakuierung, welche er als letzte Möglichkeit betrachtete, um ausder vertrackten Lage herauszukommen, ohne durch die eigenen Leuteden Hals zu verlieren, als Weisung von oben ausgeben. Darauf wartetedoch ohnehin schon jeder. Traute sich nur keiner das auszusprechen,denn Durchhalten so lautete ja überall die Parole. Die Wachmannschaftmußte das Objekt sprengen und zwar so, daß unten nichts gefährdetwurde und er selbst zu einem späteren Zeitpunkt wieder in die vierteTiefetage gelangen konnte. Kapseln und Tagebuch mußten natürlich aneinem anderen Ort versteckt werden, so daß er bei Bedarf leichtherankommen würde, sie dennoch sicher versteckt waren. Dann absetzenin Richtung Westen. Nur nicht den Russen in die Hände fallen! Und sohandelte er dann auch. Recht schnell waren alle von ihm Angerufenen erschienen, bis aufHauptsturmführer Schubert. Der Stabschef war nirgendwo zu finden.Krausinger legte in wenigen Sätzen dar, was er vorhatte: "Ich habe Siekommen lassen, weil in diesen schicksalsschweren Stunden für das deut-sche Volk auch für uns wichtige Entscheidungen gefällt werden müssen.Meine Herren, Kameraden, sprechen wir offen: Das Kriegsglück liegt imMoment auf der Seite unserer Feinde. Der Feind ist zu übermächtig. Wirmüssen für den Endsieg neue Kräfte sammeln und den entscheidendenVergeltungsschlag führen, wenn unsere Wunderwaffen fertig sind. Hierkönnen wir das nicht mehr vorbereiten, die Fronten nähern sich zu schnell.In weiser Voraussicht und in Zwiesprache mit der Vorsehung hat unservon uns allen geliebter Führer deshalb mit der Alpenfestung dieVoraussetzung für den endgültigen Sieg über die Feinde des Reichesgeschaffen." Erleichtertes Aufatmen derer, die siegessichere Durchhalteparolen undein Aushalten und Kämpfen bis zum letzten Blutstropfen in Waldheidebefürchtet hatten. "Den Russen dürfen wir auf gar keinen Fall in die Hände fallen", fuhrKrausinger fort. "Wir wenden uns nach Süden. Ziel ist die Alpenfestung.148
  • Das Objekt wird gesprengt, entsprechend dem Führerbefehl vom 19.März. Und meine Herren, egal was passiert, Projekt Marsschwert1 mußabsolut geheim bleiben. Das ist unsere Lebensversicherung. Sie verste-hen? - Das gilt natürlich gleichermaßen für das Projekt Zeusstrahl." AlleAnwesenden nickten zustimmend. "Lassen Sie die wichtigsten Dokumente aufladen", wandte sich Krausin-ger an Danzmann. "Sie sind dafür verantwortlich Obersturmbannführer."Er blickte wieder in die Runde: "Abmarsch in einer Stunde. Uhrenver-gleich: Es ist jetzt genau Einuhrfünfzig, Punkt Zweiuhrfünfzig verlassen wirdas Gelände." "Uniform oder Zivil?" fragte einer der Offiziere. "Wir gehen in Fliegeruniformen auf die Reise", antwortete ihm Krausin-ger und ergänzte "... die hat Schubert auf meine Anweisung hin bereitsbesorgen lassen. Sie erhalten alle Uniformen entsprechend Ihrer Dienst-grade." "Wie wird denn der SD darauf reagieren?" fragte unsicher ProfessorDanzmann. "Pluntke hat sich mit seinen Leuten bereits abgesetzt", antwortete Krau-singer. An alle gewandt sagte er abschließend: "Ihre neuen Uniformenholen Sie sich sofort in der Kammer. Packen Sie höchstens einen Koffermit persönlichen Sachen. Wir haben kaum noch Sprit für die Fahrzeuge,wenig Platz und keine Zeit. Alles muß sehr schnell gehen!" In der nächsten Stunde herrschte hektische Betriebsamkeit imgesamten Objekt. Die Fahrzeuge wurden beladen und die Leute kleidetensich als Flieger ein. Krausinger selbst hatte noch einiges zu erledigen. AusBergwalds Sturmgepäck hatte er sich den kleinen Feldspaten geholt. Ersteckte ihn unter seinem Uniformrock in den Hosenbund. Dann nahm ereine flache Stahlkassette aus seinem Schreibtisch, in der sich die Dosemit den Kapseln und das Tagebuch Bergwalds befanden. Er wollte aufkeinen Fall das Risiko eingehen, diese wertvollen Dinge auf der Flucht zuverlieren oder bei einer Gefangennahme abgenommen zu bekommen.Wenn er sein Ziel erreichen und den fernen Termin wahrnehmen wollte,dann brauchte er die Kapseln. Er war jetzt Zweiundvierzig. Das würde erdank der Kapsel, die er bereits zu sich genommen hatte, noch fünfJahrzehnte lang bleiben. Dann würde sich der normale Alterungsprozeßfortsetzen. Aber er wollte seine Macht, die er dann haben würde, nochlange ausleben und nicht nur ein paar Jahrzehnte. Nein. Das ihmbevorstehende beinahe endlose Warten sollte ihn dann aber auch sehrlange entschädigen! Er verließ sein Arbeitszimmer und begab sich auf dasGelände hinter dem Haus. Er lief auf dem schmalen Waldweg, den er oftmit Professor Danzmann entlanggeschlendert war. Sie hatten dieseSpaziergänge an frischer 149
  • Waldluft immer genossen, zumal sie oft in den Labors der Tiefetagen beinicht immer der frischesten Luft und bei künstlichem Licht arbeiten muß-ten. Diesmal ging er allein. Der Posten auf Wachturm B, von wo aus manden größeren Teil dieses Weges einsehen konnte, schaute nur kurz inseine Richtung, grüßte und drehte sich zur anderen Seite. Nach wenigenMinuten war Krausinger in den Bereich gelangt, der vom Turm aus nichteingesehen werden konnte. Der Weg verlief hier durch ein Stück Wald.Bald darauf war er an der alten Buche angelangt. Sie war ein sehr impo-santer Baum mit einer riesigen Krone aus einem dichten Astgewirr, dievon einem mächtigen Stamm getragen wurde. Danzmann und er hattengeschätzt, daß dieser Baum mindestens 500 Jahre auf dem Buckel hatte.Trotzdem war außer einem einst vermutlich von einem Blitz abgespalte-nen Seitenast, von dem nur noch der Ansatz zu sehen war, dieser Baumnoch voller Vitalität. Danzmann, der fast zwanzig Jahre älter war als er, hatte einmal gefragt,warum denn die Menschen nicht einmal hundert Jahre alt würden. Unddann hatte er bedauernd hinzugefügt. "Oft werden wir Menschen dochgerade auf dem Höhepunkt unserer Schaffenskraft hinweggerafft. Da soll-te doch einmal geforscht werden. Methusalem hat es doch auch geschafft,älter zu werden." Und er, Krausinger, hatte gelacht und geantwortet: "Ja,das täte mich auch interessieren, Forschungen zur Verlängerung desLebens. Aber wir sind keine Biologen. Schuster, bleib bei deinem Leisten.Wir haben unsere Forschungsgegenstände. Sollen sich die Herren vonder Biologischen Fakultät damit beschäftigen." Er stand nun vor der Bank, die er unter der Buche hatte aufstellenlassen und auf der er oft gemeinsam mit Danzmann gesessen hatte. Siehatten meist über ihr Hauptthema geredet, die waffentechnischeForschung. Dieser Baum hatte viel über Atomwaffen, über Raketen, überRadar und sogar über Infrarot gehört, alles Dinge, die theoretischeGegenstände ihrer Forschungen oder bereits im Erprobungsstadiumbefindlich waren. Von der Scheibe wurde unter seiner Krone allerdings niegeredet, denn seit dem Spätherbst hatten sie noch nicht wieder hiergesessen. Es war zu kalt dafür gewesen. Jetzt ging er um den Baum herum und suchte an dessen Fuße,zwischen den sich teilweise sehr deutlich oberirdisch entlangziehendenWurzeln, nach einem Versteck für seine Schätze. An verschiedenenStellen versuchte er, mit dem Feldspaten in die Erde zu kommen. Dasgelang ihm nicht. Der Boden war zu hart und total verwurzelt. Schnellverwischte er die Spuren. Dann schaute er sich um und betrachtete dieUmgebung. Schließlich glaubte er unter einem Strauch, wenige Meter vomBaum-150
  • stamm entfernt, den idealen Platz gefunden zu haben. Er vergrub die Kas-sette. Das war an dieser Stelle nicht besonders schwer. Es war Sandbo-den, ohne viel Wurzelwerk. Bald war er etwa achtzig Zentimeter tief in denBoden eingedrungen. Das hielt er für ausreichend. Er legte die Kassettehinein und füllte das Loch wieder. Zu guter letzt beseitigte er die Spuren,so gut es ging und tarnte die Stelle mit dem Laub des vergangenenJahres, das unter den kahlen Zweigen des Strauches lag. Danach prägteer sich die Lage des Verstecks noch einmal gut ein. Er merkte sich dieHimmelsrichtung, die Schrittentfernung vom Stamm und auf welcher Seitevon dem Versteck aus gesehen sich die Stelle des Baumes befand, anwelcher der große Ast einst gesessen hatte. Die ganze Aktion hatte etwa fünfzehn Minuten gedauert. Nach weiterenfünf Minuten hatte er sein Dienstzimmer wieder erreicht. Er setzte sichhinter seinen Schreibtisch, zog den Telefonapparat zu sich heran undwählte Schuberts Nummer. Auch diesmal meldete sich niemand. Dann riefer im Wachlokal an. Ein Untersturmführer Heise meldete sich. Krausingerhieß Heise sich sofort in seinem Dienstzimmer zu melden. Er informierteden Untersturmführer über den angeblichen Evakuierungsbefehl vonoben, ernannte ihn zum Führer der Nachhut, die als letzte das Objektverlassen sollte. Er befahl ihm, Schubert, falls dieser wieder auftauchenwerde, festzunehmen und wegen unerlaubter Entfernung von der Truppestandrechtlich zu erschießen. Dann legte er fest: "Ihre wichtigste Aufgabe,die Sie unverzüglich lösen: Sprengung des Objektes in x + 45 Minuten.Sie sprengen die Gebäude und garantieren, daß im Gebäude Nr. 3 derTurm des Aufzuges zerstört und der Zugang im Treppenhaus zu denTiefetagen verschüttet wird. In der ersten Tiefetage sprengen Sie dazudas Treppenhaus. Tiefer hinunter gehen Sie auf keinen Fall! Sofort nachder Sprengung begeben Sie sich mit der Wachmannschaft nach Wismarund melden sich zur Verteidigung der Stadt. Und denken Sie daran: Siesind Luftwaffenleutnant aus dem Fliegergenesungsheim Greventorf.Schärfen Sie auch Ihren Männern ein: Niemand gibt sich als SS-Mann zuerkennen. Niemand weiß etwas davon, was wir hier wirklich gemachthaben! Uhrenvergleich: 14.20 Uhr." "Zu Befehl. Heil Hitler, Standartenführer". Heise beeilte sich zu erledi-gen, was ihm befohlen worden war. Krausinger packte, als er wieder allein war, einen Koffer mit persönli-chen Sachen. Dann zog er die schwarze Jacke mit den vier Silberknöpfen,den drei parallelen geflochtenen Silberstreifen mit den zwei Sternen alsSchulterstücken und der rot-weiß-schwarzen Hakenkreuzbinde am linkenArm aus. 151
  • Da lag sie nun, die Uniformjacke, mit dem großen silbernen V, demZeichen der "alten Kämpfer" und der Armbinde mit der Aufschrift "FHA"was für "Führungshauptamt" stand, zu dem das geheime Rüstungsamtgehörte. Er zog auch die restlichen Uniformteile aus und ließ alles einfachauf den Boden fallen. Sein Bursche würde die Uniformteile auf den BergSS-Uniformen werfen, der vorn an der Wache verbrannt werden sollte.Innerhalb weniger Minuten hatte er eine Metamorphose vom SS-Standartenführer zum Oberst der Luftwaffe durchgemacht. Er schaute sichnoch einmal kurz um und verließ dann sein Dienstzimmer. Draußen gab erseinen Koffer dem Fahrer eines Kübelwagens, der ihn verstaute. Dannlöste er Danzmann, der ihn der Fliegeruniform wegen angrinste, bei derÜberwachung der Vorbereitungen zum Abmarsch ab und schickte ihn,seine Sachen zu packen. Zehn Minuten später ließ er aufsitzen. Der Gedanke, den Engländern möglicherweise die gesamten For-schungsergebnisse und das Personal übergeben zu müssen, war ihm einGraus. Es war ihm ziemlich klar, daß es ein vergebliches Bemühen seinwürde, die Alpenfestung zu erreichen. In seinem tiefsten Inneren war seinwirkliches Ziel, erst einmal weg von Waldheide und möglichst viele Spurenverwischen. Und wenn er auf dem Weg viel Personal verlieren würde, sokäme das seinen Zielen nur entgegen, so wenige Zeugen des WaldheiderGeheimnisses zu haben, wie überhaupt möglich war. Seinenversammelten Offizieren sagte er: "Es ist unwahrscheinlich, daß wir esunbeschadet schaffen werden, in einer großen Kolonne bis zur Alpenfe-stung zu gelangen. Der Weg dahin ist dafür zu weit und die Wahrschein-lichkeit feindlicher Luftangriffe zu groß. Deshalb werden wir in mehrerenkleinen Kolonnen vorstoßen." Er teilte die Kolonnen ein und benanntederen Führer. In einer vierten, kleineren Kolonne, faßte er alle die zusam-men, die mit ihm fahren würden. Das waren alle die Personen, die mehroder weniger gut Bescheid wußten über die Strahlenwaffe, über dieScheibe oder sogar über die Existenz der seltsamen Gefangenen. Weil zuwenige Fahrzeuge vorhanden waren, mußte ein Teil der Leute marschie-ren. Das medizinische Personal und die Wachmannschaften wurden auf-geteilt auf die Kolonnen. Die ersten drei Kolonnen verließen pünktlich das Objekt. Krausingerskleine Kolonne selbst würde dreißig Minuten später folgen. Dazu gehörtenProfessor Danzmann, Dr. Schulze, Dr. Graupe, der Arzt Dr. Knaus und derSanitäter, der die Gefangenen betreut hatte sowie Krausingers Bursche.Außerdem gehörten sämtliche Forscher und Techniker, die an den beidenneuen Geheimprojekten mitgearbeitet hatten dazu sowie dieWachmannschaft, welche die vierte Tiefetage abgesichert hatte und mitScheibe und Gefangenen in Kontakt gewesen war. Krausinger hatte dem152
  • Hauptscharführer Bergwalds Verschwinden damit erklärt, daß dieserzusammen mit den SD-Leuten und den beiden Gefangenen nach Berlinunterwegs sei. Die Wachmannschaft hatte die Sprengladungen scharf gemacht, diebereits seit Tagen entsprechend dem für das gesamte Reichsgebietgeltenden Führerbefehl "Verbrannte Erde", vorbereitet worden waren.Untersturmführer Heise hatte die Hände am Griff der Induktionsmaschine,bei der alle Kabel zusammenliefen. Jetzt schaute er noch einmal auf seineUhr, wartete einen Moment und drückte dann den Auslöser nieder. Einegewaltige Detonation erschütterte das Objekt. Krausinger hatte seine Kolonne vor das Tor fahren und auf dem Wald-weg halten lassen. Aus dieser sicheren Entfernung beobachtete er nun,wie das Gebäude mit dem Eingang in die Tiefgeschosse und dem Aufzugin sich zusammenfiel. Er nahm es mit Befriedigung zur Kenntnis. Erst jetzt,als er hundertprozentig sicher war, daß der Eingang zu dem Geheimnis inder Tiefe des Objektes verschüttet war, gab er den Befehl zum Aufbruch.Seine Kolonne setzte sich in Bewegung. An die Spitze hatte sich seinemBefehl gemäß ein Beiwagenkrad mit Maschinengewehr und zwei Männernder Wachmannschaft in Uniformen von Luftwaffengefreiten gesetzt. Ihnenfolgte der Kübelwagen, in dem Krausinger Platz genommen hatte. Außerihm, seinem Burschen und dem Fahrer saßen noch Danzmann und Dr.Knaus im Wagen. Das Gepäck aller Insassen war ebenfalls vom Fahrerverstaut worden. Es war eng und unbequem. Hinter ihnen folgte ein weiterer Kübel. Er wurde gesteuert von demFahrer des verschwundenen Stabschefs Schubert. In dem Wagen saßenDr. Schulze, der Strahlenforscher Dr. Schwades und Dr. Graupe. DiesemKübelwagen folgten zwei Lastkraftwagen, die beladen waren mit Kistenund Kartons voller Ordner und Mappen, in denen sich Forschungs-berichte, Laborprotokolle, Statistiken, Analysen, Berechnungen undanderes, der wichtigste Teil des Informationsfundus der "DienststelleForst", befanden. Die Kolonne wurde abgeschlossen durch einen Last-kraftwagen, auf dem dichtgedrängt etwa dreißig Mann saßen, Technikerund Forscher, die zum "Projekt Marsschwert" oder zum "Projekt Zeus-strahl" gehörten oder irgendwann einmal Kontakt dazu hatten. Diese Leutewollte Krausinger unbedingt unter Kontrolle behalten. Die Kolonne fuhr über die Chaussee in Richtung Süden. Unterwegsbegegneten ihnen Zivilisten, einzelne Soldaten und zwei Schützen-panzerwagen, die aus einer Seitenstraße kamen und vor ihnen, ebenfallsin Richtung Süden fuhren. Bald waren sie so weit aufgefahren, daß esschien, als gehörten diese Panzerwagen zu ihrer Kolonne. 153
  • Sie mochten etwa 45 Minuten lang unterwegs gewesen sein, da plötz-lich schauten alle nach oben und lauschten. Sie hatten es fast gleichzeitigvernommen: Flugzeuggeräusche! Dr. Knaus sah sie als erster. "Dort,dort", schrie er aufgeregt und wies mit ausgestreckter Hand nach oben. Der erste der nicht weit vor ihnen fahrenden Schützenpanzerwagengeriet plötzlich nach rechts von der Straße. Der Zweite erwischte ihn nochhinten links, schleuderte ihn herum, brachte ihn zum umkippen, blieb aberselbst stehen. Das Beiwagenkrad von Krausingers Kolonne wollteausweichen und raste in den Wald, gegen einen Baum. Sein MGknatterte. Der Schütze schien sich am Abzugshebel verkrampft zu haben,als er starb. Dann erst richteten die Bord-MGs der Tiefflieger ein Blutbadunter Krausingers "Fliegern" an. Der erste Lastkraftwagen stieß auf denvor ihm fahrenden zweiten Kübel und drückte ihn gegen den ersten, indem auch Krausinger saß. Sein Kübel wurde nach links aus der Spurgedrückt. Der zweite Kübel geriet gegen den hinterenSchützenpanzerwagen und explodierte. Alles war in Sekundenschnelle vor sich gegangen. Die Tiefflieger zogeneine Schleife und griffen erneut an. Krausingers Fahrer lag zusammengesunken über dem Lenkrad. Viel-leicht nur bewußtlos, vielleicht getroffen? Er hatte keine Zeit, sich um ihnzu kümmern. Danzmann schrie ganz fürchterlich neben ihm und hielt sichsein Bein, an dem aber nichts zu sehen war. Raus hier, nur raus und inden Wald, dachte er. Er zerrte Danzmann hoch und versuchte, sich mitihm aus dem Wagen fallen zu lassen. In dem Moment erwischte sie dienächste Salve aus einem Bord-MG. Er verspürte einen stechendenSchmerz in der linken Hüfte. Grell blitzte es vor seinen Augen auf. SeinKopf fühlte sich siedend heiß an. Dann verlor er das Bewußtsein. Nach einer Weile kam er wieder zu sich. Wie lange er da bewußtlosgelegen hatte, wußte er nicht. Die Feindflieger waren weg. Es waren keineFlugzeuggeräusche mehr zu hören. Aber er hörte Schreie, Stöhnen,Wimmern. Und er sah über sich den Himmel, zu dem schwarze Rauch-schwaden emporzogen. Er hob Kopf und Oberkörper etwas an und sah an sich herunter. Da warnoch alles dran, bis hinunter zu den Füßen. Er bewegte die Hände und dieArme, dann die Füße und Beine. Es schien auch alles funktionsfähig zusein. Glück gehabt. Aber dieser Schmerz in der Hüfte! Was war denn das?Er hatte sich wieder zurückfallen lassen und tastete mit der rechten Handan der linken Hüfte entlang. Er wagte es nicht hinzuschauen, denn erbefürchtete eine größere Wunde zu sehen. Er verspürte plötzlich einenstarken Schmerz. Er war mit der Hand in eine offene Wunde geraten. Jetztriß er sich zusammen und schaute nach. Verdammt! Die Uniformhose waraufgerissen und blutig. Und seine Hand war voller Blut.154
  • Nur eine Fleischwunde? Vielleicht ist der Knochen gebrochen? Ver-dammte Scheiße! Ein Hüftknochenbruch! Jetzt dämmerte es ihm, wasgeschehen war. Seine Pistolentasche, an der linken Seite über dem Hütt-knochen hängend, hatte einen Querschläger aufgehalten. Glück imUnglück! Aber die Waffe war mit Gewalt gegen den Hüftknochengeschlagen, hatte die Hüfte aufgerissen und den Knochen, vielleicht dasganze Gelenk lädiert. Ganz in seiner Nähe stöhnte jemand. Über sich sah er weiterhinRauchschwaden ziehen. Es roch verdammt brenzlig. So schnell es gingnahm er das Verbandspäckchen aus seiner Uniformjacke, riß es auf unddrückte es mit dem keimfreien Teil auf die Wunde. Er stöhnte vorSchmerz. Dann richtete er sich mühsam auf. Wo ist der Doktor, dachte er.Im nächsten Moment sah er ihn. Das heißt das, was einmal Dr. Knausgewesen war, lag mit von Kugeln zerfetztem Oberkörper auf dem Rück-sitz. Eine Maschinengewehrsalve mußte ihn voll erwischt haben. Rechts neben dem Kübelwagen lag Danzmann und bewegte sich. Derwar es also, der gestöhnt hatte. Krausinger beugte sich zum Sanikastenund entnahm ihm eine Mullbinde. Er nahm sein Koppel ab, öffnete unterSchmerzen seine Hose, ließ sie etwas herab und versorgte seine Wundemit einer neuen Kompresse. Dann wickelte er drei Verbandspäckchen umden Unterleib. Nachdem er mühsam die Hose wieder hochgezogen undsein Koppel gegürtet hatte, prüfte er, ob er würde gehen können. Es gingzwar nicht schmerzlos, aber es ging. Wahrscheinlich ist es kein Bruch,sondern nur eine starke Prellung, verbunden mit einer Fleischwunde,dachte er. Dann sah er sich um. Ein Bild des Grauens bot sich ihm. EineSchlachtfeldszene, wie sie die großdeutschen Heldenmaler immerdargestellt hatten, wobei aber die Opfer stets Uniformen des Feindesgetragen hatten. Überall Tote und Schwerverletzte. RauchendeFahrzeugtrümmer. Auch sein Offiziersbursche war tödlich getroffen wor-den. Vorn bei den Schützenpanzern bemerkte er Soldaten. Die gehörtennicht zu seiner Einheit. Er sah keinen Überlebenden aus den Kübelwagenund auch keinen von den Besatzungen der Lastwagen. Das erfüllte ihn miteiner gewissen Zufriedenheit: Die Zahl der Zeugen war bereits kleinergeworden. Er hinkte langsam an den beiden LKW vorbei, deren Ladung vor sichhin schmorte. Mit innerer Befriedigung sah er, daß die Tiefflieger bei derVernichtung der Forschungsberichte ganze Arbeit geleistet hatten. Erbrauchte sie nicht mehr. Er hatte ja schließlich seinen Kopf. Und siekonnten nun Unbefugten nicht mehr in die Hände fallen. Dann sah er denletzten Lastkraftwagen, auf dem die Forscher und Techniker gesessen 155
  • hatten. Auf der Ladefläche fand er nur noch einen blutenden Fleischberg vor. Er vernahm Stöhnen. Schnell wandte er sich ab. Er hatte kein Laza- rett. Um Verletzte konnte er sich nicht kümmern. Krausinger sah sich um. Nirgendwo sonst einer der überlebt hatte. Undwenn, dann waren die im Wald verschwunden. Verschwunden? Das warnicht gut! Er drehte sich wieder um und schaute auf die Ladefläche. Raschversuchte er die Leichen bzw. Schwerverletzten auf der Ladefläche zuzählen. Es waren mindestens zwanzig. Die im Führerhaus des Last-kraftwagens waren alle tot, wie er danach feststellte. Plötzlich hörte er inseinem Rücken rufen "Standartenführer!" Er drehte sich um. Aus demWald kamen zwei Mann auf ihn zu. Es waren zwei junge Männer, Feld-webel in Uniformen der Luftwaffe. Er kannte sie. Es waren Techniker, dievom Projekt Strahlenwaffe Kenntnis hatten. Sie schienen unverletzt zusein. "Oberst, nicht Standartenführer", schnauzte er sie mit unterdrückterStimme an, denn er wollte vermeiden, daß die fremden Landser vorne amSchützenpanzer etwas mitbekamen. "Jawohl, Stan ... Äh, Herr Oberst", stammelte der eine. Der anderestand stumm daneben. "Suchen Sie nach weiteren Überlebenden, schnell!" sagte Krausinger.Dann humpelte er mühsam wieder nach vorn zum Kübelwagen. Da lagDanzmann auf seinem Gesicht und stöhnte noch immer. Er beugte sichnieder und versuchte ihn umzudrehen. Seine Hüfte schmerzte, so sehrstrengte er sich an, aber es gelang ihm dennoch nicht, den Körper desdicken Danzmann zu wenden. Mit schmerzverzerrtem Gesicht richtete ersich mühsam auf und schaute sich um. Vorn an dem Schützenpanzer-wagen waren zwei Landser zu sehen, die einem Feldwebel das verletzteBein zu schienen versuchten. "Kommen Sie mal her", rief er,"... einer vonIhnen". Er richtete sich voll auf, damit die Panzergrenadiere die Insignienseines hohen Ranges erkennen konnten. Ein Gefreiter kam sofort zu ihm, stand stramm und meldete: "HerrOberst, Gefreiter Machtinnsonn zur Stelle." "Helfen Sie mir, den Oberstleutnant aufzurichten." Zuerst drehten sie Danzmann auf den Rücken. Der schien überhauptnicht verletzt zu sein. Eine Wunde war jedenfalls nicht zu sehen. Aber erlag völlig kraftlos da. Er blickte abwesend zum Himmel und wimmerte,stöhnte und versuchte etwas zu sagen. Er stammelte aber nur Unver-ständliches. Krausinger sprach ihn an. Auch der Gefreite sprach ihn an.Danzmann brachte kein vernünftiges Wort zustande, das als Antwortangesehen werden konnte. Man sah, daß Danzmann sich übergebenhatte und daß er sabberte.156
  • "Der hat einen Schlaganfall gehabt...", sagte eine Stimme hinter ihnen.Krausinger wandte sich halb zur Seite. Da stand ein Mann mittleren Altersin der Uniform eines Fliegerhauptmanns. Es war einer der Mitarbeiter am"Projekt Zeusstrahl". Hauptsturmführer Schramm gehörte zu den For-schern, die Krausinger nicht mochte. Schramm war in seinen Augen einBesserwisser, der darauf aus gewesen war, Karriere zu machen und ihneines Tages in der Führungsfunktion zu beerben. "Woher wollen Sie das wissen, Hauptmann? Sind Sie etwa Arzt?" fragteer bissig. "Nein, aber ich habe das erlebt, bei meinem Vater. Die gleichen Symp-tome", antwortete Schramm. Krausinger sprach Danzmann erneut an und schüttelte ihn an derSchulter. "Der hört Sie vielleicht. Aber der kann nicht mehr sprechen. Völligzwecklos", sagte Schramm unehrerbietig. Danzmann, du armes Schwein, dachte Krausinger. Sprechen kannst dunicht mehr ... In dem Moment wurde ihm klar, daß diese Tatsache soschlecht nicht war, im Gegenteil, das war sogar gut für seine eigeneSicherheit und für die Wahrung des Geheimnisses von Waldheide. Er warerleichtert. "Der Spähpanzer ist wieder flott ..." rief jemand. Erst jetzt bemerkteKrausinger, daß die Gruppe vor ihnen einen vierten Überlebenden hatte.Es war offensichtlich der Fahrer, der eine Reparatur vorgenommen hatte.Der am Bein verletzte Feldwebel kam humpelnd auf ihn zu: "Herr Oberst,fahren Sie mit uns. Wir haben Platz. Die Toten haben wir rausgeschafft.Wir müssen schnellstens weiter. Die Russen stehen schon bei Malchinund die ersten Stoßtrupps vom Iwan haben die ohnehin löchrige Frontdurchbrochen. Außerdem können wir vor weiteren Luftangriffen nichtsicher sein. Ich habe keine Lust, mich noch mal aufs Korn nehmen zulassen. Wenn Sie als Flieger ja wenigstens noch den Luftraum verteidigenkönnten." "Ach was", sagte Krausinger "... wir gehören nur zum Bodenpersonal.Ich wollte, ich könnte fliegen, denn dann hätten wir es denen heimge-zahlt!" Zwei Panzergrenadiere hievten Danzmann in den Spähpanzer. Siesetzten sich dazu. Krausinger stieg, das Angebot des Feldwebels, mitnach vorn zu kommen ausschlagend, ebenfalls dazu, denn er fühlte sichhinten sicherer. An Schramm gewandt wies er an: "Da sind noch zweiFeldwebel. Lassen Sie den letzten Lastwagen fahrbereit machen, werfenSie die Leichen runter und sammeln Sie die Reste der Truppe ein. Dannfolgen Sie uns." 157
  • "Wird gemacht", antwortete Schramm, der noch unsoldatischer war als alle anderen Forschungsoffiziere der "Dienststelle Forst". Der Spähpanzer fuhr los. Als er vorsichtig um den umgestürzten Späh-panzer herumgefahren war, beschleunigte er sein Tempo. Krausinger sahsich an, was da auf dem Boden des Schützenpanzers lag, in der Uniformeines Oberstleutnants der Flieger, unfähig zu sprechen, lallend und wim-mernd, wie ein Säugling oder ein Betrunkener. Das war nun vor ganz kur-zer Zeit noch der Obersturmbannführer der SS, Professor Dr. Hans-Her-mann Danzmann gewesen. Eine einst imposante Erscheinung. EineLeuchte der Wissenschaft. Eine der Hoffnungen des Reichsführers. Mit-konstrukteur einer der gefährlichsten Waffen der Welt. Danzmann, Danz-mann, statt als Held auf dem Felde der Ehre zu fallen, stirbst du wie einalter Sabbergreis. Krausinger duzte Danzmann in Gedanken, obwohl siestets per Sie gewesen waren. Der Panzerwagen fuhr verhältnismäßig schnell. Er mußte mehrfachstoppen. Krausinger schaute aus einer der Luken und sah, daß dieStraße, auf der sie seit einiger Zeit fuhren, voller Flüchtlinge war. Erdachte daran, wo sich wohl die anderen Kolonnen befanden. Aber es warnur ein flüchtiger Gedanke. Ihm war, spätestens nachdem seine eigeneKolonne bereits nach nicht einmal einer Stunde Fahrt vom Feind völligaufgerieben worden war, längst klar geworden, daß keiner seiner Leutedie Alpenfestung je erreichen würde. Er überlegte. Wer waren die überlebenden Zeugen der Projekte "Mars-schwert" und "Zeusstrahl"? Wer wußte nicht nur vom Hörensagen, alsogerüchteweise, sondern tatsächlich von diesen Waffen? Da warenzunächst einmal der Führer selbst, der von Himmler die Wunderwaffeversprochen bekommen hatte: Gefahr Nr. 1. Aber der wußte nichts Kon-kretes. Da war der Reichsführer SS, sein Vorgesetzter, der ja die Strahlen-waffe in Auftrag gegeben hatte und der von Holt wußte, daß an einer wei-teren Wunderwaffe gearbeitet wurde: Gefahr Nr. 2. Dann war da MartinBormann, Leiter der Reichskanzlei der NSDAP und Sekretär Hitlers, derwahrscheinlich dabei war, als Himmler und Holt den Führer über dieWunderwaffen informiert hatten: Gefahr Nr. 3. Dann war da Obergrup-penführer Fegelein, den Holt offensichtlich über die Scheibe informierthatte, denn er wollte ja mit ihm nach Waldheide kommen, um mit derScheibe zu fliehen: Gefahr Nr. 4. Dann war da Holt selbst: Gefahr Nr. 5.Wenn einer dieser Leute in Gefangenschaft geriete, wäre es denkbar, daßer über Waldheide und die Wunderwaffen reden würde. Vielleicht nurunter Zwang. Aber er konnte nicht sicher sein, daß sie alle schweigenwürden. Er konnte es nur hoffen. Wer war sonst noch von den Zeugen amLeben? Da war auch noch Hauptsturmführer Schubert, der Stabschef der158
  • "Dienststelle Forst" Gefahr Nr. 6. Dem, ja und besonders Holt, trauteKrausinger es zu, daß sie das Geheimnis von Waldheide verraten würden,um ihren Kopf aus der Schlinge zu ziehen. Die hatten ja auch keinerleiAbsichten mehr mit Waldheide. Sie hatten keine solch eminent wichtigeMission, kein solches Ziel, wie er. Keiner von denen hatte einen solchfernen aber sich mit Sicherheit lohnenden Termin wahrzunehmen, wie erselbst. Ja, dann waren da noch die Überlebenden seiner Kolonne. Der Haupt-sturmführer Schramm und die beiden Feldwebel, vielleicht noch ein paarLeute, die überlebt hatten und ihm mit dem LKW folgen würden. Das sindweitere Gefahrenpunkte. Hoffentlich überleben sie den Krieg nicht. Undschließlich ist da noch Danzmann. Sollte der überhaupt die nächsten Tageüberleben, dann würde der vermutlich nie wieder sprechen können. Aberkonnte man da sicher sein? Und selbst wenn, vielleicht würde der einfachalles aufschreiben? - Vielleicht ließ sich ja hier noch etwas Schicksalspielen? Der Panzerwagen kam jetzt nur noch langsam voran. Plötzlich hielt eran. "Alle Mann raus, Hindernisse wegräumen, wir kommen sonst nichtweiter!" ließ sich der Feldwebel hören. Die beiden Landser sprangen ausdem Fahrzeug und gingen nach vorn. Krausinger erhob sich mühsam undschloß die Ausstiegsluke, dann setzte er sich wieder auf die Bank, vor derDanzmann lag. Er hatte einen Entschluß gefaßt. Danzmann, Danzmann,wenn du redest, dachte er. Nein, das durfte nicht sein. Er beugte sich hin-unter. Es fiel ihm schwer und seine Hüftwunde schmerzte ihn. Er mußtesein linkes Bein steif nach der Seite Wegstrecken. Schnell öffnete erDanz-manns Uniformkragen. Der sah ihn mit getrübtem Blick an und lallteUnverständliches. Er umfaßte Danzmanns Kehle und drückte mit allerKraft zu. Dabei schaute er zur Ausstiegsluke des Panzerwagens, weil erDanzmanns Gesicht nicht sehen wollte und um rechtzeitig zu merken,wenn jemand die Luke öffnete. Danzmann röchelte und versuchte reflex-artig, Krausingers Hände wegzudrücken. Aber er war zu schwach. Nachkurzer Zeit erschlaffte sein Körper. jetzt sah Krausinger wieder hin. Danz-mann sah nicht gut aus, mit den aus den Höhlen getretenen Augen, deraus dem Mund hängenden Zunge und der bläulich-roten Haut. Er schloßeilig den Uniformkragen der Leiche, drückte die herausgetretenen Augenin ihre Höhlen, zog die Lider darüber und schob die Zunge in den Mundzurück. Schnell drückte er Danzmann die Kiefer zusammen. Dabei sagteer, wie um sich zu entschuldigen, leise zu Danzmanns Leiche: "So hättenSie doch auch nicht weiterleben wollen, Danzmann. - Es war meinePflicht, einem Kameraden gegenüber." Zufrieden und erleichtert blickte erauf die Leiche: Ein Hauptzeuge weniger. 159
  • Er hatte sich gerade wieder auf die Bank gesetzt, da kamen die Landser zurück. "Es geht weiter, Herr Oberst", sagte der eine. Der andere nickte in Richtung Danzmanns und fragte: "Wie geht es denn dem Oberstleutnant?" "Ich glaube, der will nicht mehr mit uns reisen, schaffen Sie ihn raus",antwortete Krausinger mit belegter Zunge. Die Landser vermuteten sofort:Der Oberstleutnant war seinen Verletzungen erlegen. Sie trugen dieschwere Leiche hinaus und legten sie neben der Straße ab. Krausingerhatte vorher Danzmanns Papiere und seine Erkennungsmarke an sichgenommen, die er später in einen Fluß warf. Die Fahrt ging weiter. Sie mochten noch zwei Stunden gefahren sein, als dem Schützenpan-zer der Sprit ausging. Es war kurz vor Schwerin. Krausinger übernachtete in einem Bauernhaus und ließ sich am näch-sten Tag auf einem Pferdefuhrwerk nach Schwerin bringen. Wo die Land-ser geblieben waren, interessierte ihn nicht. Es gelang ihm, mit einem Militärzug bis nach Brandenburg zu kommen.Hier schloß er sich einer Einheit an, die sich zur Verteidigung Berlins auf-machte, weil er vorhatte, in Berlin unterzutauchen. In diesem buntzusammengewürfelten Haufen bekam der "Fliegeroberst" Krausingereinen LKW voller Soldaten unterstellt, was er nicht vermeiden konnte. InPotsdam erhielt der Mannschaftswagen, in dessen Führerhaus er Platzgefunden hatte, einen Treffer. Die überlebenden Soldaten suchten in den Häusern an der StraßeSchutz. Sich verstärkender Artilleriebeschuß und russische Tieffliegerließen Krausinger, der seiner Verletzung wegen nicht so schnell gewesenwar, keine Zeit, eine der Ruinen zu erreichen. Er ließ sich in einen Bom-bentrichter gleich neben dem Transporter fallen. In dem Trichter lag die Leiche eines Luftwaffenunteroffiziers. Vermutlichein Granatsplitter hatte ihm den Hirnschädel aufgerissen. Es sah grausigaus dieses blutige Gesicht, über das Hirnteile hinuntergelaufen waren.Krausinger übergab sich. Aber er würgte nur die blanke grünlichgelbeGalle heraus. Sein Magen war leer. Er hatte schon zwei Tage lang keinenProviant mehr gehabt, außer Scho-Ka-Kola. Und die hatte sich im Darmfestgesetzt. Er konnte die Leiche nicht ansehen. Er rang mit sich.Überleben oder sterben, nur weil er sich nicht überwinden konnte? Nein!Er gab sich einen Ruck, drehte sich wieder zu dem Gefallenen um, stelltezufrieden fest, daß der etwa seine Statur hatte und begann ihm die Uni-form auszuziehen. Er entledigte sich seiner Offiziersunifom und zog diedes Unteroffiziers an. Sein SS-Soldbuch und das gefälschte Fliegersold-buch als Luftwaffenoberst warf er in ein Feuer, das neben dem Bomben-trichter loderte. Schließlich kroch er mühsam, die Schmerzen unter-160
  • drückend mit zusammengebissenen Zähnen aus dem Trichter heraus undsuchte im Eingang eines schwer beschädigten, aber noch nicht zusam-mengestürzten Hauses Unterschlupf. Dort blieb er den Rest des Tagesund in der folgenden Nacht, zitternd vor Kälte, erschöpft, hungrig unddurstig, hocken. Gleich ihm hatten Zivilisten und andere Landser in demHauseingang Deckung gesucht. Er erkannte unter ihnen keinen von denSoldaten, die auf seinem Lastkraftwagen gesessen hatten. Bei jedem Granateinschlag in der Nähe zuckten die Menschen zusam-men. Jeder befürchtete, daß das Haus einstürzen würde. Erst am Morgendes 30. April 1945, an dem Tag, an dem Hitler nachmittags um 15.30 Uhr,wie es in den Meldungen des Reichsrundfunks hieß: "... bis zum letztenAtemzug gegen den Bolschewismus kämpfend gefallen ..." sein sollte,unternahm Krausinger den Versuch, weiter in Richtung Berlin zu kommen. Auf seinem Weg kamen ihm zwei Feldgendarmen entgegen. Schlagar-tig fiel ihm ein, daß er ja keinerlei Papiere bei sich trug. Die könnten ihnglatt als Deserteur an die Wand stellen. Was tun? Er entschloß sich, in dieOffensive zu gehen. "Herr Feldwebel", sprach er den Dienstgradhöherenan und versuchte Haltung anzunehmen, "Unteroffizier Letticher, Trans-portgeschwader Germania. Komme gerade aus dem Lazarett." Bei denletzten Worten wies er auf seinen Verband um Hüfte und Bauch unter deroffenen Uniformjacke, sich auf einen kurz zuvor gefundenen Krückstockstützend. "Wo kann ich mich in die kämpfende Truppe einreihen?" fuhr erfort. Der Feldwebel und der Unteroffizier sahen ihn verdutzt von oben bisunten an: "Was wollen Sie denn noch kämpfen? Sie Häufchen Elend?"fragte der Feldwebel. Dann wies er in die Richtung aus der sie gekommenwaren: "Die Volkssturmkompanie am Kanal, braucht Verstärkung. Dortvorn gibt es schwere Verluste, Unteroffizier." "Jawohl Feldwebel. Heil Hitler", sagte Krausinger und versuchte dieHacken zusammenzuknallen. Die beiden Feldgendarmen sahen sichwortlos an, antworteten nicht und setzten ihren Weg in das Hinterland fort. Krausinger dagegen bewegte sich weiter in Richtung der Brücke. Wenner nicht befürchtete von den Feldgendarmen beobachtet zu werden, dannhätte er sich schon längst in eines der Häuser verdrückt. Aber er wolltenicht noch zu guter letzt an die Wand gestellt werden. Plötzlich kamen sie von der Seite auf ihn zu: Drei Russen mit Maschi-nenpistolen in dicken Wintermänteln. Zwei hatten Käppis auf den Köpfen,einer trug einen Stahlhelm. Ein dicker Russe, mit einer Zigarette imMundwinkel rief triumphierend: "Gittler kapputt! Gittler kapputt!" Ein 161
  • junger Soldat mit mongolischen Gesichtszügen schrie: "Ruki werch!" undhielt ihm den Lauf seiner Maschinenpistole entgegen. Krausinger hob dieHände über den Kopf. Was blieb ihm anderes übrig? Von vorn, aus Richtung der Brücke, kam jetzt eine große Gruppe vonVolkssturmleuten, alle mit erhobenen Händen und bewacht von wenigenRussen. Rechts und links der Straße verließen weitere Wehrmachtsan-gehörige, Volkssturmleute und Hitlerjungen die Ruinen und ergaben sich.Darunter war ein Mann in der Uniform eines Rottenführers der SS. Einerder Russen schlug ihm den Kolben der Maschinenpistole in das Genick.Er brach zusammen. Ein russischer Offizier trat an den Liegenden heranund jagte ihm aus kurzer Entfernung eine Kugel durch den Kopf. Einigeder anderen Gefangenen schauten weg. Der Offizier schrie in gebrochenem Deutsch: "Hinsehen! Das Faschist!Schlechtes Deutschmann. Gittler tottt!" Dann schoß er mehrmals in dieLuft, schob ein neues Magazin in die Waffe und entfernte sich. Krausinger hatte vor Schreck fast das Herz stillgestanden. Wenn dieschon mit Mannschaftsdienstgraden kurzen Prozeß machten, was würdedann erst ihm geschehen, wenn die mitbekämen, daß er ein hochrangigerSS-Führer war? Die ringsum mit erhobenen Händen stehenden und in ihr Schicksalergebenen Landser waren wie Krausinger ausgehungert, geschwächt undviele von ihnen auch verwundet. In den Augen stand ihnen die blankeAngst geschrieben, erschossen zu werden. Zugleich hofften sie, daß derKrieg für sie zu Ende sein würde und waren froh, überlebt zu haben. Krausinger verfluchte die Tatsache, daß er nach seinem langen Marschzu guter letzt doch noch in russische Gefangenschaft geraten war.162
  • Kapitel III Kassel, Mai 1995. Von Michael hatte ich erfahren, worin das wirklicheGeheimnis von Waldheide bestand. Es gab dort ein außerirdisches Flug-objekt. Unfaßbar und kaum zu glauben! Als ich in seiner Wohnung dasTagebuch gelesen, was heißt gelesen, im Schnelldurchgang überflogenhatte, war ich, weil ich das Ganze für rein esoterisch und nicht rationalhielt, ehrlich gesagt sehr ungerecht zu ihm gewesen. Ich hatte gedacht:Ein Spinner. Ich war äußerst skeptisch und wollte einfach nicht glauben,was er mir erzählte und mich lesen ließ. War es aus Selbstschutz, weil mirdie Dimension des Ganzen zu gewaltig erschien? Oder war es nur derunbewußte Versuch, zu vermeiden, daß ich schließlich noch selberirgendwann von Dritten als ein Spinner betrachtet werden würde? Um meine Zweifel zu zerstreuen, gab mir Michael die Kopie des Tage-buches mit, damit ich es noch einmal in Ruhe lesen konnte. Und das tatich dann auch, natürlich vorsichtshalber nicht in meiner, sondern in Mei-kes Wohnung. Ich schüttelte beim erneuten, nun sehr sorgfältigen Lesenvor Überraschung immer wieder den Kopf. Dann dachte ich lange überdas Gelesene nach. Es mußte etwas dran sein an diesem Tagebuch,denn Michael behauptete ja auch, mit eigenen Augen diese Scheibegesehen zu haben. Weshalb sollte er mich belügen? Was hätte er davon?Nun verstand ich auch die Aktivitäten von Quader und seinen Leuten, dieoffensichtlich darauf gerichtet waren, diese Angelegenheit unbedingtgeheimzuhalten. Ich wollte aber nicht lediglich glauben, sondern ich wollte wissen. Unddazu müßte ich das, was hinter dem Geheimnis von Waldheide steckte,mit eigenen Augen sehen und mit eigenen Händen anfassen können.Auch darüber wollte ich mit Michael sprechen. Und das geschah schonam Abend des folgenden Tages. Ich war wieder zu ihm nach Baunatalgefahren, und zwar auf Umwegen. Ich wollte unbedingt vermeiden, daßich in meinem Gefolge unbeabsichtigt Quaders Leute zu ihm führte, dieauch ihn suchten. "Na, was hältst du nun von dem Tagebuch, nachdem du es noch einmalin Ruhe gelesen hast? Bist du immer noch so skeptisch?" empfing michMichael. "Also ehrlich gesagt, wirklich glauben kann ich das nur, wenn ich es miteigenen Augen gesehen habe." Michael starrte mich irritiert an. "Mit eigenen Augen sehen? Wie stellstdu dir denn das vor? Ich bin froh, daß ich dort unbeschadet rausgekom-men bin! Und du hast mir doch auch selbst erzählt, daß du, als du vor 163
  • kurzem in Waldheide gewesen bist, im Wald schwerbewaffnete Russengesehen hast. Und außerdem: Die haben das dort so gesichert, daß dunicht nach unten gelangen kannst, wenn dir keiner von innen öffnet. -Unddas wird niemand für dich tun. Glaub mir das." "Ja, ja, das glaube ich dir schon. Aber ich muß das einfach selbstsehen, versteh doch nur! - Und Fotos brauche ich natürlich auch, wenn icheine große Story für eine Zeitschrift mache und vielleicht sogar einenFernsehbericht." "Die Medien?" Michael betrachtete mich, als hätte ich etwas ganzUnmögliches geäußert. "Schlag dir das besser aus dem Kopf. Wir solltenfroh sein, daß uns Quaders Leute noch nicht erwischt haben. Du weißt jajetzt, wie brisant das ist, was die vorhaben. Schließlich bin ich nicht ohneGrund untergetaucht, als ich dort ausgestiegen bin." Irgendwie hatte er recht, fand ich. Aber zugleich reizte es mich sehr, dasUnglaubliche selbst zu sehen. "Na gut, du hast vielleicht recht. Stellen wirdas erst mal zurück. Vielleicht kannst du mir ja noch ein paar Fragenbeantworten, die ich nach der Lektüre des Tagebuches habe. Du hastdoch sicher auch gelesen, daß da von Lebensverlängerungskapseln dieRede ist." "Ja, ... stimmt." "Du hattest mir den Krausinger als Mittvierziger beschrieben, meinSenior tat das in seinem Brief übrigens auch. Aber hast du in der Aktegelesen, wann der geboren sein soll?" "Nein, darauf habe ich ehrlich gesagt, nicht geachtet." "Na dann halt dich mal fest: 1903!" "1903?" Michael schien nachzurechnen. Er blickte mich ungläubig an."Dann wäre der ja, als ich ihn 1992 das letzte mal gesehen habe, bereits89 Jahre alt gewesen. Ein alter Mann! Das kann doch nicht... Nein, nein,niemals! - Ach, meinst du, der hat..., der hat diese Kapseln, von denen indem Tagebuch die Rede ist, an sich gebracht?" "Ja, anders kann es doch nicht sein." "Also das würde natürlich alles erklären" meinte Michael nachdenklichund starrte eine ganze Weile wortlos vor sich hin. Er mußte offensichtlichdiese Information erst einmal verarbeiten und ich konnte mir vorstellen,daß er im Moment das Gesicht dieses Mannes vor seinem inneren Augesah, eines Mannes, der doppelt so alt war, als er immer von ihm geglaubthatte. "Irgendwie unwirklich das Ganze, nicht?" Ich wurde mir wieder desPhantastischen bewußt, worüber wir uns unterhielten, das aber offen-sichtlich reale Hintergründe besaß. Ich hatte die Stille gestört und Michael wieder in die Realität zurückge-164
  • rufen. Er nickte: "Wenn ich das alles nicht selbst gesehen hätte und mei-netwegen du mir das lediglich erzählt hättest, ich würde, ehrlich gesagt,genauso zweifeln, wie du." Warenthin, März 1977. General Keter wußte, daß sein 65. Geburtstagim Jahre 1978 wegen seiner möglichen Versetzung in den Ruhestand eingroßes Problem mit sich bringen könnte. Was sollte dann mit Krausingerwerden? Bisher hatte er das Geheimnis von dessen wahrer Identität weit-gehend bewahrt. Es gab kaum Mitwisser. Die Legende, daß Krausingereinst ein Waffenforscher der Wehrmacht gewesen sei, kannten einige Ein-geweihte und glaubten sie auch. Die meisten Mitarbeiter wußten selbstdavon nichts, sie hielten ihn sicher für einen Mann, der schon aufgrundseines scheinbaren Alters erst zu DDR-Zeiten Forscher geworden war.Wie würde aber sein möglicher Nachfolger reagieren? Und wenn dieWeltöffentlichkeit auf irgend eine Weise erführe, daß im MfS lange Jahreein seit 1945 gesuchter hoher SS-Offizier tätig war, der an Nazi-"Wunder-waffen" mitgewirkt hatte, dann wäre doch der Teufel los! Er selbst hattediesen Mann dem "Großen Bruder" und den Westalliierten vorenthalten.Das könnte zu schweren Vorwürfen gegen die Regierung der DDR undgegen das MfS und damit zu sehr unangenehmen Konsequenzen für ihnführen. Zwar wäre er dann bereits im Ruhestand, aber gerade das mochteseinem Minister möglicherweise ein Grund sein, ihn als Bauernopfer hinterschwedische Gardinen zu schicken. Was sollte er tun? Er hatte über die Jahre zu Krausinger ein besonderes Verhältnis ent-wickelt. War es die Faszination, eine Größe der Naturwissenschaften amTisch zu haben? Es bestand, so meinte er, keinesfalls das Verhältniseines Mächtigen, der er ja war, gegenüber einem Ohnmächtigen, derKrausinger in seiner Quasi-Gefangenschaft immer bleiben mußte. Es warauch nicht unbedingt das Verhältnis eines Vorgesetzten gegenüberseinem Untergebenen. Seit seine Frau 1970 verstorben war, hatte er, derer kinderlos war, zunehmend seine freie Zeit mit Krausinger verbracht. Sohatte sich, wie er meinte, ein eher freundschaftliches Verhältnisseinerseits entwickelt, wenn Krausinger auch nach wie vor eine gewisseDistanziertheit nicht ablegte, was ihn ärgerte. Eines war aber klar: Esmußte etwas geschehen und zwar noch bevor er in den Ruhestand tretenwürde. Im Moment war der Professor jedenfalls ein großer Aktivposten in derWVA bei der Entwicklung von Waffen und Observationstechnik, die imInland, für den Einsatz an der unsichtbaren Front in der BRD, sowie fürden geheimen Waffenexport in das Ausland benötigt wurden. Und Krau-singers theoretische Arbeiten zur Raketentechnik, welche dieser mehrhobbymäßig betrieb, waren auch nicht ohne. 165
  • Keter hatte immer auch den Ehrgeiz gehabt, seine Forscher an Groß-waffen und Fluggeräte anzusetzen. Und das auch noch zu Zeiten, alsdurch das COMECON längst festgelegt worden war, daß im Zuge derArbeitsteilung zwischen den Mitgliedsländern die UdSSR allein fürGroßwaffen und Flugzeuge verantwortlich sein sollte. Allerdings hatte sichgezeigt, daß die Russen nicht "nein" sagten und gern die Hand aufhielten,wenn ihnen diese Gebiete betreffende Forschungsergebnisse überlassenwurden. Er war kein großer Freund der Russen. Das konnte ihm wahrhaftig kei-ner verübeln nach den bitteren Erfahrungen, die er in den Dreißiger Jah-ren während seiner Emigration in der Sowjetunion machen mußte, weil erOffizier im Stab des bei Stalin in Ungnade gefallenen Marschalls Tuch-atschewski gewesen war. Er zeigte das selbstverständlich nie offen. Wasihn aber ärgerte, das war die Tatsache, daß er nicht verhindern konnte,daß die Forschungsresultate seiner WVA nach Moskau weitergereichtwurden. Das geschah weiter oben, im Ministerium und nannte sich"Bündnisleistungen". Auf diese Weise fanden sicher auch eine Reihe vonErfindungen Krausingers Eingang in die sowjetische Raketentechnologie.Wenn in Baikonur eine Rakete startete, so war darin oft auch, davon warer überzeugt, der Schöpfergeist Krausingers geronnen. Er hielt es füreinen Treppenwitz der Geschichte, daß Krausinger, dem es erspartgeblieben war, zu den Russen zu müssen, um ihnen bei der Atombombeund bei anderen Projekten zu helfen, ihnen zuarbeitete, ohne es zuahnen. Sicher war es auch besser so. Vielleicht würde sich dieses Wissensonst negativ auf sein Engagement und seine Kreativität auswirken? Das war allerdings ein gewaltiger Irrtum. Krausinger war es durchausklar, daß seine Forschungsergebnisse nicht in Keters Schreibtisch verfau-len würden. Und er rechnete auch damit, daß die Russen Zugriff daraufhaben würden, schließlich baute man in der DDR keine Raketen. Was ihnbei seiner Vermutung über den Weg seiner Forschungsresultate allerdingsnicht wenig ärgerte, das war der Gedanke daran, daß seine For-schungsergebnisse irgendwelchen im Vergleich mit ihm zweit- oder dritt-rangigen Wissenschaftlern zugeschrieben wurden - und Russen nochdazu. Er war schon ehrgeizig, nach wie vor, das gestand er sich ein. DieserEhrgeiz war aber auch das einzige große Gefühl, das er sich leistete,unter den besonderen Bedingungen unter denen er lebte. ForscherischeBetätigung war für ihn auch zu einer erotischen Ersatzhandlung gewordenund forscherischer Erfolg zu einer Art geistigem Orgasmus. Er berauschtesich an seinen Erfolgen. Leider fehlte der letzte Kick. Die Öffentlichkeit, dieMedien, die ihn als Erfinder feierten, Interviews, viel-166
  • leicht gar der Nobelpreis? Er schwor es seinem Ego: Wenn er seinen Ter- min gehabt haben würde, dann würde er aller Welt seine Verdienste ver- künden. Krausinger dachte seinerseits über den General nach. Er wußte, daß erseine Ziele niemals völlig allein würde erreichen können. Freilich hatte ernicht vor, an der Macht, die ihm sein ferner Termin bringen würde, irgendjemanden wirklich zu beteiligen. Aber er würde auf Erfüllungsgehilfen nichtverzichten können. Und er brauchte auch charismatische Persön-lichkeiten, welche Teilverantwortung übernehmen konnten. Das mußtenMenschen sein, die selbst bereits eine gewisse Macht und Einfluß aufandere besaßen, denn ihm kam im Moment keines dieser Attribute zu.Keter schien ihm - auch mangels Auswahlmöglichkeiten - der geeigneteMann zu sein, der auch kraft Amtes die benötigten Hiwis stellen konnte. Erbrauchte also General Keter. Da sein nächstes Zwischenziel darinbestand, an den Ort des Geschehens Waldheide zu gelangen, und zwarganz offiziell, mußte er Keter wohl oder übel irgendwann einmal in seinGeheimnis einweihen. Gut, er hätte sicher auch fliehen und sich in der Nähe von Waldheideaufhalten können. Mit diesem Gedanken hatte er bereits gespielt. Aberdagegen sprachen, so meinte er, mehrere Gründe: Er kannte sich "dadraußen" nach all den Jahren der Isolation nicht mehr aus. Er hatte kei-nerlei Kontakte und Anlaufpunkte. Er konnte im Ernstfall nicht einmal mehrin den Westen verschwinden, weil es ja inzwischen in Berlin die Mauerund entlang der gesamten Westgrenze ausgebaute Stacheldraht-undMinengürtel gab. Sie würden ihn jagen und wenn sie ihn dann habenwürden wäre ihm Gefängnis sicher, vielleicht sogar die Übergabe an dieRussen und der Weg nach Sibirien. Schließlich brauchte er die erwähnten Hilfswilligen. Und das mußtenmöglichst Leute sein, die er kannte, die er selbst über Jahre beobachtethatte. Und dies ging nirgendwo besser als bei Keter. - Nein, mit einerFlucht war also nichts zu gewinnen, eher alles zu verlieren. Er hatte inKeters Versuchsanstalt günstige Bedingungen. In jeder Hinsicht. Erbrauchte sich nicht um sein leibliches Wohl zu kümmern. Dafür wargesorgt. Er würde die langen Jahre des Wartens auf seinen Terminbequem und ohne die beständige Furcht, entdeckt zu werden, verbringen.Er konnte langfristig seine zukünftigen Helfer aussuchen. Jahrelang hatte er die Psyche des Generals studiert, dessen Motive,Ziele und Probleme kennengelernt. Er glaubte, daß es ihm gelingenwerde, Keter zu seinem Helfer zu machen. Mehrmals wollte er ihn ein-weihen in einen Teil seines Geheimnisses, das er nun bereits dreißigJahre lang gewahrt hatte. Aber jedesmal ließ er die Gelegenheitenvorüberge- 167
  • hen und redete sich ein, er habe ja noch so viel Zeit. Dann allerdings kammit Keters Geburtstag im April 1977 der Tag, an dem ihm schlagartigbewußt wurde, daß "sein General", der ihm in fernen Tagen als Anführerseiner Helfer zur Seite stehen sollte, bereits den Vierundsechzigsten feier-te. Keter war über die Jahre ihres gemeinsamen Wirkens, deren es nunauch bereits über zwanzig waren, verdammt schnell älter geworden,meinte er im Stillen. Während er selbst jetzt kalendarisch ein gut Siebzig-jähriger, biologisch aber erst Anfang Vierzig war, war Keter kalendarisch,wie biologisch bereits Vierundsechzig. Keter war zwar ein äußerst agiler,körperlich wie geistig in guter Form befindlicher Mann, aber er brauchteihn zu seinem Termin in fast zwanzig Jahren in eben dieser Form undnicht als Tattergreis. Es wurde ihm klar, daß es nun an der Zeit für ihn war,Keter gegenüber Schicksal zu spielen. Schweren Herzens entschied ersich dafür, sich von einer seiner Kapseln zu trennen. Es mußte sein. An einem der nächsten gemeinsamen Abende, in diesem Falle turnus-mäßig in seinen Räumen, nutzte er Keters Gang zur Toilette, um eineKapsel in dem Wasser aufzulösen, das Keter immer zwischen dem Wodkazu sich nahm. Und der stürzte auch gleich, nachdem er sich wiedergesetzt hatte, die siebenten 100-Gramm Wodka in sich hinein und trankanschließend das Glas leer, in dem Krausinger das Lebenselixieraufgelöst hatte. Das mit Spannung beobachtend und ein Gefühl der Erleichterung ver-spürend, war sich Krausinger nun sicher, daß Keter auch in den kommen-den Jahren einigermaßen fit bleiben und zur Stelle sein würde, wenn erihn eines Tages brauchte. Einweihen könnte er ihn ja später. Das hat nochZeit, dachte er. Köstlich amüsierte er sich bei dem Gedanken, daß es wohleinmalig in der Weltgeschichte sein dürfte, daß ein Gefangener aus freienStücken und heimlich dafür sorgte, daß sein Kerkermeister möglichstlange lebte. In den folgenden Jahren beobachtete er voller Zufriedenheit, daß Keternicht weiter alterte, gerade so wie er es beabsichtigt hatte. Warenthin, Mai 1979. Der nach Keter mächtigste Mann der WVA, seinStellvertreter für politische Arbeit, Oberstleutnant Mel Hermann Quader,saß in seinem Dienstzimmer und las einen Bericht. Er war Ende Vierzig,etwa 1,70 m groß, damit kleiner als Keter und auch nicht ganz so kräftiggebaut, wie dieser. Er hatte bereits völlig graue Haare. Seine wäßrigenblaugrauen Augen huschten stets mißtrauisch umher. Ein nervöses Schul-terzucken konnte er nicht ablegen. Von den Genossen, mit denen er sich duzte, wurde er Hermanngenannt. Keiner konnte mit dem Namen Mel etwas anfangen. Es klang168
  • ihnen nicht wie ein Name. Quader aber war sein Leben lang stolz daraufgewesen, daß seine Eltern ihn so genannt hatten. Mel stand für dieAnfangsbuchstaben von Marx, Engels und Lenin. Eine Zeitlang, alsJugendlicher in der UdSSR, hatte er sich Mels genannt, um die Abkürzungfür Stalin auch in seinem Namen tragen zu können. Aber als er in die DDRgekommen war, hatte er darauf verzichtet. Über dem Schreibtisch, im Rücken Quaders, hing ein großes Bild desGeneralsekretärs des ZK der SED. Es war ein Druck, mit einer Glasschei-be davor und silberfarben gerahmt. In der rechten Ecke des Raumes stan-den in einem Fahnenständer, die rote Fahne der Arbeiterklasse, die blaueFahne der Freien Deutschen Jugend, die Fahne der DDR mit demEmblem aus Hammer, Zirkel und Ährenkranz sowie natürlich ein Bannerdes MfS und eine sowjetische Staatsflagge. An der rechten Wand befan-den sich halbhohe Anrichten, auf denen neben Büsten von Marx, Engelsund Lenin Stapel von Broschüren, Materialien zum Parteilehrjahr, lagen. Inder Mitte darüber hing das Bild des Mannes, der für die WVA der höchsteVorgesetzte war. Es war ein Bild des Ministers für Staatssicherheit. Vor dem Schreibtisch stand ein größerer Beratungstisch mit Stühlen zubeiden Seiten. An der linken Wand befanden sich Schränke und Vitrinenin denen Urkunden und Pokale zu sehen waren. Dort standen auch Rei-hen von Büchern in Kunstledereinbänden, braune und blaue, die "Klassi-ker" des Marxismus-Leninismus, Marx, Engels und Lenin hatten vielgeschrieben. Quader zuckte nervös mit den Schultern. Was sollte nun wieder dieseStörung? Das Telefon auf seinem Schreibtisch schrillte erneut. Er langtenach dem Hörer: "Quaderr!?" Er rollte das R ganz enorm. Daran hattensich die meisten Mitarbeiter bereits gewöhnt. Worüber sich aber vieleimmer wieder hinter seinem Rücken lustig machten, das war seinschlechtes Deutsch, von dem man nicht wußte, ob er es absichtlich bei-behielt, um sich interessant zu machen oder ob er einfach Probleme hatte,es richtig zu erlernen. Immerhin wußten einige, daß er bereits seitfünfundzwanzig Jahren in der DDR lebte. Zeit genug also, um vernünftigseine Muttersprache zu erlernen. Es war in der Tat so gewesen, daß er in den ersten Jahren Mühe hatte,richtig Deutsch zu lernen. Sogar seiner russischen Frau Ludmilla war esleichter gefallen. Quader vergaß die Pronomen oder sparte sie sich meist.Dann und wann vernachlässigte er auch den richtigen Satzbau. Ganzschlimm aber wurde es immer dann, wenn er erregt war. Dann zuckte ernicht mehr nur mit den Schultern, was ja bei ihm bereits permanentgeschah, sondern sprach auch ein Kauderwelsch, daß manchem seinerZuhörer die Ohren weh taten. 169
  • Wortlos hörte Quader zu. Sein Gesichtsausdruck war ernst. Er sagtekurz "danke" und legte auf. Dann schaute er still vor sich hin. Vor seinemgeistigen Auge sah er General Keter, seinen Vorgesetzten. Langsambegann sich seine Miene zu verändern. Immer mehr setzte sich ein tri-umphierendes Grinsen durch. Er zog den Apparat zu sich heran undwählte, mit den Schultern zuckend, die Nummer Keters. Am anderenEnde der Leitung wurde abgehoben. "Ich ganz drringend muß sprrechendich, Frritz ... Nein, die Zeit hat es sich keine. Ich ja sagte berreits, ganzdrringend." Er legte auf, griff nach seiner Uniformmütze, die er auf demSchreibtisch abgelegt hatte, und verließ den Raum. Keter hatte nach Quaders Anruf nachdenklich vor sich hin geschaut. Erfragte sich, was es wohl sei, daß Quader es so dringend machte. Quaderwar ein Mann, mit dem er aus der Sache heraus eng zusammenarbeitenmußte, den er aber nicht unbedingt mochte. Er war sein Politstellvertreterund damit zugleich der Parteisekretär der WVA. Als "Parteiarbeiter", wie ersich nannte, nahm er sich nach Keters Meinung sehr wichtig und glaubte,seine Nase überall und in alles hineinstecken zu müssen. Jetzt, ohnehinvon seiner augenblicklichen Arbeit abgelenkt und Quaders Kommenerwartend, dachte er über ihn nach. Als Quaders Eltern während desKrieges als kommunistische Kundschafter mit dem Partisanennamen Qua-der hinter den deutschen Linien eingesetzt waren, wuchs der Sohn ineinem Kinderheim der Kommunistischen Internationale bei Moskau auf. Inden Jahren 1948-1953 diente er als Politkommissar in der Sowjetarmee.Dann folgte er seinen Eltern, die nun ihren richtigen Namen Schubertsonwieder trugen, in die DDR. Er aber behielt den Namen Quader. Vielleicht,weil er sich daran gewöhnt hatte. Mel Hermann wurde Mitarbeiter im MfS.1978 war er dann als Oberstleutnant in die WVA gekommen. Alle hiernannten ihn offen oder hinter seinem Rücken, nur den "Kommissar".Quader hatte geweint, als Stalin 1953 gestorben war. Und er hatte denFehler gemacht, diese Tatsache Keter gegenüber bei einer feucht-fröhli-chen Wodkarunde zu erwähnen. Seitdem war ihm Quader suspekt. Keterdachte bei sich: Der Kerl mußte den Gulag nicht kennenlernen. Er, Keter,hatte jedenfalls bei Stalins Tod ein Gefühl der Befreiung und Genugtuungverspürt. Er hatte Quader schon nach wenigen Wochen im Verdachtgehabt, Offizier des KGB zu sein. Zwar wurden ohnehin alle wichtigenErgebnisse der WVA über die Zentrale in Berlin an das KGB weitergege-ben. Aber Quader schien den kürzeren und direkteren Weg zu wählen. Erhatte zwar keine Beweise dafür, aber ein untrügliches Gefühl. Leidermußte er mit dieser falschen Schlange, die man ihm da in das Nestgesetzt hatte, zusammenarbeiten. Einen Politstellvertreter bekam einKommandeur immer zugeordnet, er konnte ihn sich nicht aussuchen.170
  • Es klopfte. Bevor Keter reagieren konnte, trat der Kommissar ein. Erwartete nie auf eine Aufforderung zum Eintreten. Er machte es immer so.Er war praktisch der Erste Stellvertreter Keters, noch vor dem Stabschefund ebenfalls vor dem Forschungsleiter. Seine Bedeutung ergab sich kraftAmtes, weil die Partei nun einmal führte. Und das zeigte er auch stets undüberall. Keter erhob sich und bot Quader einen Sessel an. Es war zu spät. Qua-der saß bereits. Auch Keter nahm in einem der breiten und bequemenSessel Platz, die um den Couchtisch standen. "Was kann ich für dich tun,Hermann? Was ist denn so dringend? Soll ich wieder ein Referat im Par-teilehrjahr halten? - Es muß ja etwas außerordentlich Wichtiges sein."Keter hatte ziemlich ironisch gesprochen. Nun lachte er und zwinkerteQuader zu, um dem Spott die Schärfe zu nehmen. "Ich durrchaus errnstes Problem muß besprrechen mit dirr, Frritz", erwi-derte Quader völlig humorlos und ohne auf Keters Fragen zu antworten. Die Humorlosen hielt Keter schon immer für die Gefährlichsten. Jetztsah er Quader gespielt erwartungsvoll an. Was sollte es schon sein?Wahrscheinlich hatte wieder einmal einer von der Wachmannschaft imKartoffelkeller eine der Küchenfrauen gevögelt. Alles schon dagewesen.Und Quader machte doch bei jeder kleinen Verfehlung gleich einen Windmit seinem kurzen Hemd, als sei der Weltsozialismus gefährdet, in einemmoralischen Sumpf unterzugehen. War doch klar daß die Jungs von derWache mit ihren zwanzig oder fünfundzwanzig Jahren voll im Saftstanden. Und wenn die jungen Frauen in der Küche Gefallen daran fanden- warum nicht? War doch dann von beiden Seiten gewollt und tatniemandem weh. Keter hielt alle diese Dinge für unwesentlich genug, alsdaß man deswegen Aussprachen führen mußte. "Frritz, du Geheimnisse hast vorr Parrtei!" Achtung! Das kam ja aus einer ganz anderen Ecke, als er geglaubthatte. Blitzartig wurde Keter hellhörig und alle seine Sinne schärften sich.Hatte er das richtig verstanden? Seine Miene wurde gespannt. SeineAugen verengten sich. Er saß nun nicht mehr da, wie ein ganz Großer,dem Verfehlungen der Kleinen da unten zur Bewertung und Entscheidungvorgetragen werden. Nein, hier ging es jetzt offensichtlich um einen Angriffgegen ihn selbst! Er war im Visier und hatte sich zu rechtfertigen. Darauflief es doch wohl hinaus. Außer dem Kommissar würde sich so etwasniemand in seinem Machtbereich wagen. "Wie meinst du das, Hermann?"fragte er mit vor Wut unterdrückter Stimme. "So wie ich gesagt das. Du mich schon rrichtig verrstanden. Du nichtgenigend ehrrlich gegeniberr von Parrtei." 171
  • "Das ist ja wohl nun die Höhe! Das hat mir noch keiner gesagt. Ich solldie Partei belügen? So eine Unverschämtheit! Das verbitte ich mir. Selbstvon dir, brauche ich mir das nicht anzuhören!" Quader ließ sich nicht beirren. Er zuckte zwar nervös mit den Schultern.Aber er hatte sich in der Gewalt: "Frritz, aufrregen du dirr iberrhaupt nichtbrrauchst. Ich nurr sage: Doktorr Letticherr." Keter zuckte zusammen. "Dr. Letticher?? - Unser Professor? Ja, wassoll denn mit dem sein?" "Du mirr gesagt, als ich kam in WVA, dieserr Mann sich sei alterr Waf-fenexperrte von Wehrrmacht. Und nach Krrieg err warr sich als ein Phisi-kerr an Humboldt-Univerrsität..." "Ja. Richtig. Und?" "Ich nicht konnt..., wie sagt man, ... bestätigt finden das." "Ja, was denn? Du traust mir nicht? Du schnüffelst hinter meinemRücken herum? Das ist ja ... das ist ja ... eine Frechheit ohnegleichensowas!" Keter wurde vor Erregung immer lauter. Von diesem quasirussi-schen Stalinisten mußte er sich nun bespitzeln lassen. Verdammt nochmal. Immerhin war er hier der Kommandeur und nicht Quader. "Parrtei sich niemals nicht schniffelt, Towarrischtsch Keterr." Quaderwurde jetzt ganz offiziell. "Parrtei alles muß wissen. Parrtei fihrrt!" Quaders überheblicher und selbstgefälliger Ton, brachte Keter erst rechtin Rage. "Paß mal auf, mein lieber Hermann. Jetzt will ich dir mal etwassagen! Du identifizierst dich für meinen Geschmack etwas zu sehr mit derPartei!" Quader riß die Augen auf. Hatte er richtig gehört? Was hatte Ketergesagt? Saß da etwa ein der Partei Abtrünniger, ein Renegat? Keter redete weiter: "Du tust doch geradezu so, als seist du die Partei!Du versteigst dich, Hermann. Komm herunter von deiner Wolke derHerrlichkeit. Du bist genau nur ein kleiner Teil der Partei wie ich es bin.Nicht mehr! Wenn du also irgend etwas, was du glaubst wissen zu müs-sen, nicht weißt, dann heißt das noch lange nicht, daß es die Partei nichtweiß!" "Was sagen du da? Ich doch wohl hierr immerrhin das Parrteisekrretär.Ich verrtreten hierr Parrteifihrrung. Vergiß nicht das!" Quaders Erregungwar deutlich zu bemerken. Er zuckte verstärkt mit den Schultern undzwinkerte extrem nervös mit den Augen. Keter hatte sich bereits an Quaders Kauderwelsch gewöhnt. Er verstandihn, jedenfalls akustisch. "Hermann, nun tu mal nicht so unbedarft. Dukennst doch ganz genau unser ehernes Prinzip, das jeder, ich sage jederGenosse unseres Ministeriums genau so viel wissen darf, wie er zur Erfül-lung seiner Aufgaben benötigt. Das heißt im Klartext: Wenn du über172
  • irgend etwas bei uns in der Dienststelle nicht Bescheid weißt, dann ist dassicher etwas, worüber du nichts zu wissen brauchst!" Quader klappte der Unterkiefer herunter. Er war total perplex. Und dasihm, dem Parteisekretär. Er raffte sich zu einer Erwiderung auf: "Wieso?Ich habe doch hierr auch Verrantworrtung firr Kaderr. Mindest so sehrr wiedu!" Keter wollte einen Streit vermeiden. Quader würde sich vielleicht ganzoben beim Sekretär der Parteiorganisation des Ministeriums beschweren.Das aber könnte fatale Folgen haben, weil schlafende Hunde gewecktwerden würden. So dämpfte er seinen aggressiven Ton und erwiderte:"Hermann, es hat wirklich keinen Sinn, daß wir uns streiten. Der Kom-mandeur und sein Politstellvertreter müssen zusammenarbeiten. Deshalbbitte ich dich, sage mir, was ist dein Problem?" Quader ließ sich beruhigen, weil er Keters Einlenken als Sieg für sichverbuchte: "Dieserr Letticherr mirr kam nicht geheuer vorr. Ich nicht weißwarrum. Aberr warr es nu mal. Ist sich ja auch nicht Genosse in Parrtei!Habe nachprrifen lassen in Berrlin, ob dieserr Mann warr sich wirrklichWaffenexperrte von Wehrrmacht." Keter hörte mit erneut wachsender Wut, was Quader von sich gab.Seine Zornesader schwoll an. Sein Kopf wurde knallrot vor innerer Erre-gung. Quader sprach weiter. Er bemerkte nicht, was in Keter vor sich ging. Erwar zu sehr mit sich und seinem kleinen Triumph über seinen Vorgesetz-ten beschäftigt. "Und stell dirr vorr, Frritz: Wurrde findig man. SolcherMensch Doktorr Letticherr, es geben iberrhaupt nicht! Das wohl sehrrmerrkwirrdig - oderr? Und du nicht wissen solltest? Das ich dirr nichtglauben. Das heißen, du etwas hast vorr Parrt ... äh, ich meinen, vorr mirr,deine Parrteisekrretärr, verheimlicht!" "Nur gut für dich, daß du dich im letzten Moment korrigiert hast", polterteKeter los, als Quader geendet hatte. "Du als Parteisekretär weißt nichtüber die ganze Angelegenheit Letticher Bescheid. Das stimmt. Die Parteiaber schon! Unser Minister gehört ja, wie du weißt, dem Politbüro an. Undes war der Minister persönlich, der mir vor Jahren befohlen hat,niemanden weiter einzuweihen. - Das gilt noch heute!" Keter machte eine Pause, um seine Worte auf Quader wirken zu lassenund setzte dann, die Stimme senkend und dennoch mit Nachdruck spre-chend, fort: "Rühr also bitte nicht wieder an diesem Thema. Es könnte dirsonst auf die Füße fallen!" Keter fand im Stillen, daß er nicht einmal wirk-lich gelogen hatte. Er hatte nur von einem Befehl des Ministers gespro-chen. Daß das nicht der gegenwärtige Spitzenmann des Ministeriums war,wußte Quader ja nicht. Er setzte hinzu: "Und auch das KGB solltest dunicht deswegen ansprechen." 173
  • "Die KGB? Wie du kommen auf...?" "Ja, das KGB. Du brauchst mir nichts vorzumachen Hermann." Quaderfühlte sich wie ein ertappter Sünder, war aber nicht bereit, diese Verbin-dung zuzugeben. "Also Frritz! Jetzt du irrren aberr gewal..." Keter unterbrach ihn: "Wie auch immer. Ich sage dir. Der Minister hatdamals auch den Vorsitzenden des Komitet informiert. Wenn jetzt einervon einer unteren Ebene, wie du, käme und über die Sache mit dem KGBspräche, könnte derjenige ganz schön unangenehm auffallen. Und erkönnte zwischen die Zahnräder geraten. Meine Erfahrungen in der Lubl-janka und aus dem Gulag wünsche ich dir jedenfalls nicht!" Quader waren die aufgezeigten möglichen gefährlichen Folgen für seineNeugier sehr unangenehm. Deshalb beeilte er sich, Keter zu beruhigen:"Ich sprrech mit niemand darriberr, Frritz. Wenn dies Sach so weit oben istangebunden ... Du kannst verrlassen dich auf mirr. Weiß ja nun, daßParrtei inforrmierrt, wie sich gehörrt das. Das einzig Sorrge warr.Verstehst?" Du Blödmann, dachte Keter. Laut sagte er: "Sprich das Thema bittenicht wieder an. Wenn ich dich in dieser Sache brauchen sollte, werde ichmir vom Genossen Minister die Zustimmung holen, dich einweihen zudürfen." Quader schien ihm zu glauben. Angriff erfolgreich abgeschlagen, dachteKeter. Als der Kommissar den Raum verlassen hatte, setzte er sich auf-atmend hinter seinen Schreibtisch.Aktennotiz 24.08.1986K. hat mir eine geradezu phantastische Mitteilung gemacht. Ich hatterichtig vermutet, daß er mir die ganzen Jahre etwas sehr Wichtiges ausseiner Vergangenheit verheimlicht hat.Die von uns in seiner Biographie festgestellte und uns nicht erklärbareLücke nach seinem Verschwinden aus der Heeresversuchsanstalt Pee-nemünde, welche er mit einer angeblichen Leitungsfunktion imRüstungsamt der SS begründete, ist nun endgültig geklärt. K. forschte ineinem geheimen unterirdischen Waffenzentrum. Während dieser Zeit ist eran Technologie gelangt, die man als solche des 21. Jahrhundertsbezeichnen kann. Wir müssen alles unternehmen, um uns dieseTechnologie für den Sieg des Sozialismus in der ganzen Welt dienstbar zumachen. Keter174
  • Warenthin, Juli 1986. Es war im Juli 1986 als Keter ein Gespräch mitKrausinger auf das Thema Weltraumforschung brachte: "Sagen Sie, istdas nicht großartig, was da vor sich geht bei der Erforschung des Weltrau-mes?" "Ja, was soll denn daran so großartig sein? - Es geht doch nicht rechtvoran, habe ich den Eindruck." "Wieso nicht recht voran, Professor?" Keter konnte nicht verstehen, daßKrausinger so ablehnend reagierte und sich nicht genau so zu begeisternvermochte, wie er selbst. "Bedenken Sie doch einmal was in den letztengut drei Jahrzehnten auf diesem Gebiet alles geschehen ist! 1957 dererste Sputnik, 1959 die Mondlandung von "Luna 2", 1969 der ersteMensch auf dem Erdtrabanten, 1975 das erste gemeinsame Weltraumpro-gramm von UdSSR und USA, bei dem zwei Raumschiffe im Orbit anein-andergekoppelt wurden. In den siebziger Jahren beispielsweise die Mars-sonden. Dann laufend neue Rekorde bei der Erdumrundung und beimDaueraufenthalt im All und nun in den achtziger Jahren wiederverwend-bare Raumfähren! - Das ist doch eine ungeheure Entwicklung! Warummüssen Sie denn nur immer so negativ reagieren, Professor? - Ich vermu-te fast, Sie gönnen Ihren Forscherkollegen, deren Arbeiten dies möglichgemacht haben, den Erfolg nicht." "Also General, das ist doch wohl weit unter Ihrem Niveau! Das ist dochderart unqualifiziert, was Sie da reden. Ich hätte mehr Seriosität Ihrer Aus-sagen erwartet." Krausinger fuhr sich mit den gespreizten Fingern derrechten Hand verärgert durch sein Haar und rückte mit der Linken nervösseine Brille zurecht. "Na, Professor, seien Sie doch um Gottes Willen nur nicht immer sohumorlos! Das haben Sie doch gar nicht nötig. Sie gehören zu den geni-alsten Forschern, die ich kenne. Unter normalen Bedingungen wären Sienobelpreisverdächtig." Keter war bemüht, aus dem Fettnäpfchen, in das ergetreten war, herauszukommen. Ja, unter normalen Bedingungen, wenn er Grundlagenforschung betrei-ben könnte und an einem richtigen Universitätsinstitut tätig wäre, dannwäre er sicher ein Anwärter auf einen Nobelpreis. Selbstgefällig lächelteKrausinger bei dem Gedanken an mögliche hohe Ehrung vor sich hin. Keter redete weiter: "Sagen Sie doch bitte einmal konkret, Professor,was Sie eigentlich stört am erreichten Stand der Weltraumforschung. Ichmöchte Ihre mir unerklärliche Skepsis einfach zu verstehen versuchen." "Wissen Sie, General, alles was die da machen, Amerikaner wie Rus-sen, basiert doch nach wie vor auf der alten Raketentechnik mit den kon-ventionellen Antriebsarten, das heißt Flüssig- oder Festbrennstoffe. Selbstdiese neuartigen Raumfähren der Amis sind nicht in der Lage, selbständig 175
  • in den Weltraum zu fliegen. Sie können gerade mal von selbst landen, dasaber auch nur, wenn eine Landebahn vorhanden ist. Dabei gibt es dochschon lange ganz andere ..." Krausinger brach ab. Fast hätte er zuvielgesagt. Er hatte sich, wie er bei sich meinte, dummerweise hinreißenlassen. Und tatsächlich. Keter, hellhörig geworden, hakte sofort ein: "Was gibtes denn bereits für andere ...? Meinen Sie moderne Antriebssysteme?"Sein Gesicht zeigte den Ausdruck freudiger Erregung: "Professor, habenSie etwa eine Lösung ausgebrütet? Das wäre ja ein Sprung in der Ent-wicklung der Weltraumtechnologie um Meilen nach vorn!" Er begeistertesich: "Und, Professor, das wäre zeitlich ganz hervorragend abgepaßt vonIhnen. Wir könnten dem XI. Parteitag der SED ein Geschenk unseresInstitutes auf den Tisch legen!" "General, bleiben Sie mal auf dem Teppich. Sie haben mich mißver-standen. Wie kommen Sie denn nur auf solche Ideen? Weltraumtechno-logie? Sie wissen doch ganz genau, daß wir uns mit so etwas überhauptnicht beschäftigen." "Ja aber, Sie haben doch gesagt...?" "Entschuldigen Sie, General. Ich habe überhaupt nichts Derartigesgesagt. Da haben Sie etwas gehört, was Sie gerne hören wollten. Ichglaube Projektion nennen das die Psychologen. Da die Raketentechnikaber in keiner Weise unser Gegenstand ist, brauchen Sie sich nun wirklichkeine Illusionen zu machen." Keter ließ nicht locker: "Mein lieber Professor, Sie wissen, daß ich Siesehr schätze, alle Hochachtung vor Ihnen habe und Sie zu recht für einengenialen Forscher halte. Sehen Sie, von daher ist mein Gedanke voneben doch nur ein Lob für Ihre bisherigen Leistungen. - Und, im Übrigenglaube ich schon, daß Sie das vorhin nicht von ungefähr gesagt haben." Ja, läßt der denn überhaupt nicht davon ab zu insistieren, dachte Krau-singer. Laut meinte er: "Danke für die Blumen, General. Aber glauben Siemir bitte, es war ein Mißverständnis Ihrerseits. Ich meinte lediglich, daßdoch schon andere Möglichkeiten hätten gefunden werden müssen, alsdie herkömmlichen Raketenantriebe. Nach all den Jahren! Vielleicht, javielleicht habe ich mich auch falsch ausgedrückt. Entschuldigen Sie bitte." Keter vermied es, Krausinger weiter zu bedrängen. Aber er wähnte sichsicher, daß es kein Mißverständnis gewesen war. An diesem Tage gingensie auseinander, ohne noch einmal auf das Thema zurückgekommen zusein. In Keters Erinnerung verblaßte die Szene jedoch nicht völlig. Irgend-wann, bei Gelegenheit, wollte er darauf zurückkommen.176
  • Am gleichen Abend jedoch dachte Krausinger an das Gespräch zurück.Beinahe hätte er sich verraten. Auf der anderen Seite wiederum wurde esnun langsam Zeit, Keter endlich einzuweihen. Immerhin schrieb manbereits das Jahr 1986 und in weniger als zehn Jahren würden die Gefan-genen ihren Dauerschlaf beenden. - Er mußte zum Termin in Waldheidesein! Er hatte über die vielen Jahre seines Aufenthaltes bei Keter durchausmitbekommen, daß die Mühlen des MfS auch nicht immer schnell mahlten.Und immerhin war es ja notwendig, Waldheide in Besitz zu nehmen. Solchein Umzug und die notwendigen Bauarbeiten würden Zeit kosten. Je mehrer sich all das vor Augen führte, was noch zu erledigen war vor demTermin, um so mehr wurde er sich klar darüber, daß etwas geschehenmußte, und zwar bald. Einige Wochen später hielt er Zeit und Gelegenheit für reif. Es war EndeAugust. Der General hatte sich wieder auf eine Partie Schach angesagt.Auf dem Schachtisch waren die Figuren bereits aufgestellt, als Ketereintraf. Krausinger öffnete die erste Flasche "Rosenthaler Kadarka", um denWein atmen zu lassen. Dann setzte er sich Keter gegenüber. Der eröffnete das Spiel mit einem Königsgambit. Sie hatten einige Zügegemacht, als Keter in einem Anflug von Resignation feststellte: "Ich sehedoch schon wieder worauf das hinausläuft, Professor." "Wieso?" Krausinger zog die Augenbrauen hoch, strich sich mit derrechten Hand durch sein Stoppelhaar und tat so, als wundere er sich überKeters Worte. "Ich kann doch machen, was ich will, Professor. Egal wie ich eröffne, Siesitzen mir doch sofort bedrohlich im Nacken. Es ist ja sehr nobel vonIhnen, daß Sie mir immer die weißen Steine lassen. Aber ich kann einfachnichts daraus machen. Sie sind einfach zu stark!" "Aber General. Ich bitte Sie! Sie sind doch ein ganz passabler Schach-spieler. Was wollen Sie denn nur? Ich sehe auf dem Brett keinerleiGefährdung Ihrer Figuren. Und außerdem: Ein Spiel ist immer erst zuEnde und Sieger und Verlierer stehen erst fest, wenn es wirklich gespieltwurde. Wir sind doch aber im Moment noch bei der Eröffnung und nicht imEndspiel." "Sie haben aber schon wieder erkannt, wohin ich will. Sie werden mirwieder alle meine Pläne durchkreuzen. Sie werden mich vorführen, wieeinen Anfänger. Ich verliere ja nur noch gegen Sie!" Jetzt klang Keterbereits richtiggehend verärgert. Krausinger versuchte Keters Ärger zu zerstreuen: "So ist es aber dochnun wirklich nicht, General. Sie gewinnen doch auch hin und wieder undwie oft zwingen Sie mir ein Unentschieden ab!" 177
  • "Daß ich mal gewinne, Professor, das ist ja wohl eher selten. Früher, jafrüher, da habe ich viel öfter gewonnen als Sie. Haben Sie mich etwa zuAnfang öfter gewinnen lassen, als Sie bei uns anfingen? - Jetzt geht mirein Licht auf! Sie sind ja ein Fuchs! Je sicherer Sie sich bei uns fühlten, inall den Jahren, um so härter spielten Sie gegen mich!" Krausinger lächelte still in sich hinein. Völlig unrecht hatte der Generalnicht. "Ich habe viel von Ihnen gelernt, General. - Lassen Sie uns weiter-spielen. Ihr Stand ist doch gut. Ich sehe wirklich noch keinerlei Möglich-keiten für mich, Sie in Schwierigkeiten zu bringen." "Professor, ich denke, Sie haben nur immer so getan, als seien Sie eineher durchschnittlicher Spieler. Genau so, wie Sie ja auch andereGeheimnisse vor mir haben." Der letzte Satz war unüberhörbar vorwurfs-voll ausgesprochen worden. Krausinger zuckte zusammen. Gefahr im Verzug. Er strich sich nervösüber den Kopf und überlegte blitzschnell, was das nun heißen sollte. Dannfragte er: "Wie meinen Sie das, General? Was sollte ich für Geheimnissevor Ihnen haben? Sie wissen doch nun wirklich alles, aber auch alles übermich. Sie haben doch damals, bevor Sie mich haben festnehmen lassen,wirklich jede Einzelheit meines bis dahin gelebten Lebens durch IhreSpione Seite für Seite zu einem umfangreichen Dossier zusammentragenlassen. Und seit 1955 bin ich doch nun bereits unter ständigerBeobachtung hier bei Ihnen tätig. Ich weiß ja selbst bald weniger übermeine eigene Person, als Sie. Wo könnte ich denn da noch ein Geheimnisvor Ihnen hüten?" "In Ihrem Kopf, Professor, in Ihrem Kopf. Da können meine Spione, wieSie sie nennen, leider nicht hineinschauen. Und ich auch nicht. Und wennSie mich so fragen, welches Geheimnis ich meine, dann will ich es Ihnengern sagen. Sie erinnern sich doch sicher an unser Gespräch vor einigenWochen, über die Fortschritte der Raumfahrt? Sie hatten damals einegewisse Andeutung gemacht, wahrscheinlich ein unbedachtes Wort. Alsich mich interessiert zeigte, haben Sie von einem Mißverständnisgesprochen und zwar so nachdrücklich, daß dies allein mir schon rechtmerkwürdig vorkam. Allerdings hatte ich mich dann beinahe damit abge-funden. Aber ich bin sicher, Professor, Sie wissen etwas über modernsteRaketenantriebe, etwas, das Sie bisher verheimlicht haben. Sie habenwahrscheinlich selbst eine Revolution in der Raketentechnologie vorbe-reitet. - Ich könnte mir denken, daß Sie ganz nahe dran sind, aber ebennoch nicht völlig fertig. Und deshalb wollen Sie noch nicht darüber spre-chen. - Stimmt doch, hm? Ich habe doch recht, oder?" Krausinger war zwar überrascht, aber Keters Aufforderung zu reden,kam ihm auch recht, denn er hatte ja ohnehin vor, ihn einzuweihen.178
  • "Also Sie sind wirklich ein außergewöhnlich guter Beobachter und Zuhö-rer, General, das muß ich schon sagen. - Sie haben recht. Ich habe Ihnentatsächlich etwas verheimlicht. Ich wollte damals sagen, daß es schon seitlangem Besseres gibt." "Sehen Sie", dröhnte Keter zufrieden,"... ich habe es doch gewußt, Pro-fessor! Ich habe es gewußt. Sie haben etwas in der Schreibtischschubla-de. Es muß etwas Sensationelles sein. Sagen Sie doch endlich, was esist!" "Keine Angst. Ich werde Ihre Neugier befriedigen. Was ich Ihnen jetztanvertraue, muß aber unbedingt unter uns bleiben." Krausinger sah sichim Zimmer um, blickte zur Decke, strich sich nervös durchs Haar undrückte seine Brille zurecht. Dann beugte er sich über den Tisch, Keterentgegen. Was hat der denn für Vorstellungen? Ich weiß ja nicht genau, was es ist,wovon er sprechen wird. Aber möglicherweise muß ich andere Genosseneinweihen. Da kann ich ihm doch nicht versprechen, daß das absolutniemand erfährt. In Keters Kopf arbeitete es. Der Professor würde abernicht so geheimnisvoll tun, wenn er nicht wirklich etwas ganz Bedeutsa-mes zu sagen hätte. Und wenn er Diskretion zugesagt bekommen wollte,dann sollte er diese Zusage erst einmal erhalten. Was dann später wirklichgeschehen würde war etwas ganz anderes. "Gut, Professor. Wenn dieSache so diskret behandelt werden muß, dann sage ich Ihnen zu, daß ichmich an diesen Ihren Wunsch halten werde. - Sind Sie zufrieden?" "Wenn Sie erst wissen, worum es geht, werden Sie verstehen, daßmeine Forderung mehr als gerechtfertigt ist." Krausinger hatte zuletzt dieStimme gesenkt und beugte sich wieder über den Schachtisch, so daß dieEntfernung zu Keter geringer wurde. Keter kam ebenfalls mit dem Ober-körper näher. Nun schaute Krausinger noch einmal nervös im Raum umher und sagte:"Sind Sie auch sicher, daß hier keine Abhörgeräte installiert sind?" Keter sah Krausinger verdutzt an. Dann faßte er sich. "Wie kommen Siedenn auf die Idee, Professor? - Keine Angst. So etwas gibt es hier bei mirnicht." "Gut. Also, Sie wollten damals vor drei Jahrzehnten, als Sie mich hattenfestnehmen lassen, wissen, wohin ich gegangen war, als ich 1943 dieRaketenversuchsanstalt Peenemünde verlassen hatte. Ich hatte Ihnenerklärt, ich wäre in das Rüstungsamt der SS versetzt worden, wo ich fürdie Raketenforschung verantwortlich gewesen sei." "Sehen Sie, sehen Sie ich habe damals schon daran gezweifelt, andem, was Sie mir sagten, weil ich mir nicht vorstellen konnte, daß dieNazis eine solche Forscherkapazität mit Schreibtischarbeit zuschüttenwürden. Aber Ihre Erklärungen waren doch ziemlich überzeugend. Und wirhatten keinerlei gegenteilige Hinweise." 179
  • Krausinger sah sich wieder um, strich sich zum wiederholten Mal durchdas Haar, senkte seine Stimme noch etwas mehr und sagte: "Ja, also inWahrheit - in Wahrheit war ich in einem Geheimobjekt der SS verant-wortlich für die Entwicklung von möglicherweise kriegsentscheidendenWaffen." Keter starrte Krausinger an. "Wunderwaffen?" flüsterte er. Krausinger nickte: "Wenn Sie so wollen. Ja." "Ach, das ist ja außerordentlich interessant." Keter richtete sich auf, umsich gleich darauf wieder vorzubeugen, begierig darauf, Näheres zuerfahren. Krausinger machte erneut eine bedeutungsvolle Pause und fragte dann:"Haben Sie schon einmal ..., haben Sie schon einmal von der DienststelleForst gehört?" "Was sagten Sie? Forst? Dienststelle Forst?" fragte Keterverständnislos. "Was soll denn das gewesen sein?" "Kein Wunder, daß Sie das nicht wissen. Das war auch eines der best-gehüteten Geheimnisse im Dritten Reich! - Also, die Dienststelle Forstgenannte Institution stellte das geheime, meiner festen Überzeugung nachmindestens ebenbürtige Pendant zur Raketenforschung in Pee-nemündedar." Keter sah Krausinger gespannt an, obwohl er dessen Worte doch füretwas übertrieben hielt. "Wir haben", setzte Krausinger fort, "... dort eine Reihe von Waffen ent-wickelt, die aller Wahrscheinlichkeit nach im Kriegsverlauf eine deutlicheWende hervorgerufen hätten, wenn genügend Zeit gewesen wäre, sieeinsatzbereit zu machen und serienmäßig herzustellen. Aber das Kriegs-ende kam ihrer Erprobung und einer Serienproduktion zuvor." "Na zum Glück aber auch!" rief Keter aus, denn er hielt es für nicht aus-denkbar, wenn es den Nazis gelungen wäre, diese Waffen herzustellen.Dann dachte er über das Gehörte weiter nach. Das hatte er allerdingsnicht erwartet: Wunderwaffen. Aber ob so etwas heutzutage noch unterder Rubrik "Wunder" registriert werden könnte, schien ihm dann dochhöchst zweifelhaft. Mit Sicherheit handelte es sich um verstaubte Laden-hüter, die vielleicht noch geeignet waren, für eine Ausstellung im Museumfür Militärgeschichte in Potsdam. Aber immerhin. Wenn der Professor nunnoch sagen würde, wo diese Dinge versteckt waren, dann könnte er demMuseum ein Geschenk machen. Nun überschüttete er Krausinger mitFragen: "Was waren denn das für Waffen? Gibt es da noch funktions-fähige Prototypen? Wo ist denn das alles gewesen? Sagen Sie doch end-lich, wo Sie damals gearbeitet haben. Gibt es dort noch etwas zu holenund könnte man damit noch etwas anfangen?"180
  • "Das meiste davon ist natürlich inzwischen veraltet." räumte Krausingerein. Also doch, wie ich mir gedacht habe, registrierte Keter bei sich. "Einiges habe ich in den letzten Jahrzehnten bereits in meine Arbeit hierin der WVA mit eingebracht. Zum Beispiel das Infrarotzielsuchgerät, wieSie ja wissen. - Aber es gibt da etwas, das auch heute noch nicht überholtist. Das mußte ich immer wieder feststellen, wenn ich Berichte über dieWeltraumtechnologie gelesen, gehört oder im Fernsehen gesehen habe." "Dann hat das also doch etwas mit der Weltraumtechnologie zu tun, wieich vermutet hatte. Dann lag ich also doch nicht so falsch, Professor! -Aber was soll es denn nun sein? Etwas, das es bereits am Ende des Krie-ges gegeben haben soll und was immer noch besser sein soll, als alles,was es heute auf dem Gebiet gibt? Das kann ich mir einfach nicht vor-stellen!" "Doch doch, General, glauben Sie es mir nur. Das, was wir dort hatten,das war die Technologie des nächsten Jahrtausends auf dem Gebiete desFlugwesens." "War das etwa ein Senkrechtstarter? - Das gibt es doch aber bereits.Vielleicht ein unsichtbares Flugzeug? - Der Tarnkappenbomber, der istdoch aber auch schon da. Was war es dann aber? Sagen Sie doch end-lich, Professor!" "General, es handelte sich um ein flügelloses Fluggerät, eine fliegendeScheibe, mit unvorstellbaren Flugeigenschaften." Krausinger sah Ketererwartungsvoll an. Er wollte dessen Überraschung sehen. Und in der Tat. Keter war mehr als überrascht und er war sofort begei-stert: "Waaas? Das haben Sie entwickelt? Das ist ja unglaublich! MeinenSie damit so etwas, was gelegentlich als sogenanntes UFO dargestelltwird? - Ach, sagen Sie, halten Sie es für möglich, daß das einfach nurNaziflugzeuge sind, die da in aller Welt immer mal wieder als UFOsbeobachtet werden?" "Nein, nein, es ist eher umgekehrt. Wir selbst haben es nie geschafft, soetwas wirklich zu bauen. Es gab zwar Konstruktionspläne für etwas ähn-lich aussehendes, aber damit absolut nicht Vergleichbares. Aber wir hat-ten ein UFO, ein diskusförmiges, in unseren Besitz bekommen. Wir woll-ten es nachbauen, in Serie natürlich, kamen aber nicht mehr dazu." "Sie, Professor? Und hier in Deutschland ein UFO? Wie sind Sie denndaran gekommen?" "Also General, Sie werden es nicht glauben, aber die stürzten eines nachts auf unserem Gelände ab." Keter schaute Krausinger ergriffen an: "Die stürzten ab, sagen Sie. Ja,war diese Scheibe etwa bemannt?" 181
  • "Die Scheibe war erstaunlicherweise relativ leicht notgelandet. Wirkonnten die Besatzung, zwei Personen, gefangennehmen. Wir dachtenerst, es wären Engländer, aber dann haben wir gemerkt, daß sie zwarhumanoid waren, aber nicht von dieser Erde sein konnten." "Sind die erschossen worden?" "Nein nein, wenn ich Ihnen sage, daß sie sogar noch leben, werden Siees mir nicht glauben." Krausinger hätte sich im nächsten Moment bereitsdie Zunge abbeißen können, aber zu spät, es war nun heraus. Keter starrte ihn irritiert an und fragte nach einer Pause: "Wo sind diedenn? Leben die hier bei uns in der DDR?" In derselben Sekunde bereitshielt er diese Frage für unsinnig, fragte sich aber gleich danach selbst:Wieso eigentlich nicht, wenn sich der Krausinger solange versteckt hat..."Die leben noch, sagen Sie? Wo sind die denn - im Westen? Hat Wernhervon Braun die mit nach Amerika genommen?" "Nein, nein, damit hatte der verehrte Kollege und Kamerad von Braunnichts zu tun. Die leben hier in einem Keller. Und bevor Sie mich fragenwo und wovon: Die schlafen und brauchen praktisch keine Nahrung zusich zu nehmen." So jetzt war es endgültig ausgesprochen. Hatte ja nunkeinen Zweck mehr, hinter den Berg zu halten nach dem Versprechervorhin im Eifer des Gefechts. Keter glaubte seinen Ohren nicht trauen zu dürfen. Durch seinen Kopfschwirrte: Unsinn! Hochinteressant! Unglaublich! Aber die recht unge-wöhnlichen, wenn nicht gar unglaublich zu nennenden Informationen überdie außerirdischen Piloten verdrängte Keter zugunsten der sehrpragmatischen Nutzensorientierung: Was könnte man daraus machen? "Also Professor", sagte er, nachdem er sich etwas gefaßt hatte, ".... alsowenn Sie mir das nicht erzählt hätten, Sie, ein mir seit Jahrzehntenbekannter, äußerst seriöser und ernst zunehmender Mensch, eineKoryphäe als Naturwissenschaftler noch dazu, und wenn ich nicht bereitsgewisse Berichte aus Moskau über ähnliche Beobachtungen gelesenhätte, ich würde, also ich würde es nicht glauben!" Krausinger nickte verstehend. Keter redete weiter. Er sah möglichen Ruhm und Ehre auf seine WVAund sich selbst zukommen: "Das ist ja unvorstellbar. Technologie desnächsten Jahrtausends! Und wo ist das alles versteckt? Sagen Sie, wowar Ihr geheimes Objekt, Dienststelle Wald, oder wie Sie das nannten,etwa hier im Osten?" Begierig auf Krausingers Antwort war Keter nahedaran, diesen zu rütteln, damit er ja schneller sprach. Er mußte sich sehrzurückhalten. "Dienststelle Forst, General, Dienststelle Forst, hieß das damals. Aberich kann Sie beruhigen. Das Objekt lag in Mecklenburg, also in Ihrem182
  • Zugriffsbereich. Und als ich mir dieses Gelände, Jahre nachdem ich esverlassen hatte, wieder ansah, da schien noch alles beinahe so, wie esdamals zuletzt gewesen war. Ich stellte fest, daß dort eine Hundeschuleder Grenzpolizei untergebracht war. Das war beruhigend für mich. Diewußten doch überhaupt nicht, über was für einen Boden sie ihre Hundelaufen ließen." Krausinger erinnerte sich daran, wie er Anfang der fünfzi-ger Jahre seine Schätze unter der alten Buche geborgen hatte und wiemühsam und gefährlich das für ihn gewesen war, aber Keter unterbrachihn: "Wo ist das denn nun konkret?" "Sie werden es nicht glauben, aber das ist gar nicht so weit von hier. Ichschätze, in einer Stunde wäre man mit dem Auto dort. Sagt Ihnen derName Greventorf etwas?" "Greventorf, Greventorf, Moment mal, liegt das nicht in der Nähe vonSchwerin?" "Also eher in der Nähe von Wismar. Aber nördlich von Schwerin. Dasstimmt schon. Das Objekt befand sich in Greventorf-Waldheide. Dazugehörte ein ziemlich großes Versuchsgelände, das als Panzer- und Infan-terieschießplatz getarnt worden war. Wir konnten auf diese Weise Neu-gierige ziemlich fernhalten." "Ja aber, wenn da eine Hundeschule ist - meinen Sie nicht, daß IhreScheibe schon gefunden wurde?" Keter hielt das zwar für ziemlichunwahrscheinlich, weil er dann sicher irgendwann einmal davon gehörthätte, aber ein Rest von Zweifel veranlaßten ihn zu dieser Frage. "MeinenSie wirklich, daß die noch da sein könnte? Vielleicht haben ja doch andereLeute von Ihrem damaligen Verein sie bereits heimlich weggeschafft odervielleicht die Amerikaner, die sollen ja angeblich auch so etwas haben?" "Auf keinen Fall, General. Unser Objekt war teilweise mehrere Etagen indie Tiefe gebaut worden. In der untersten Etage hatten wir die Scheibeeingelagert. Als wir das Gelände geräumt haben, habe ich persönlich dieSprengung aller Zugänge veranlaßt und auch mit eigenen Augen beob-achtet. Da konnte keiner mehr ran." Keter nickte und schaute in Gedanken versunken vor sich hin. Krausinger sah die Notwendigkeit, ihm einen weiteren Anstoß zu geben:"Wenn ich die Möglichkeit hätte, wieder an die Scheibe heranzukommen,dann wäre es mir sicher möglich, das Geheimnis ihres Antriebs zu lüften.Wir könnten dann bald solche Scheiben serienreif machen. Spätestensaber, wenn die Piloten 1995 wieder munter sind und mit unszusammenarbeiten werden." "Die werden 1995 wieder munter? Woher wissen Sie das? Und wiesosind Sie so überzeugt davon, daß uns Ihre Gefangenen helfen werden?" 183
  • "Sie haben mir damals gesagt, daß sie erst 1995 wieder munter seinwerden. Und sie werden mir helfen, weil ich ihnen das Leben gerettethabe - ist doch wohl klar!" Keter mußte erst verarbeiten, was ihm Krausinger offenbart hatte. Daswar ja geradezu phantastisch. Das würde bedeuten, daß zukünftig dieneuesten wissenschaftlich-technischen Entwicklungen aus Warenthinkommen würden und nicht mehr aus Silicon Valley. Das Weltwissenwürde vermutlich eine Revolutionierung erfahren, die von der WVA, vonseiner WVA, ausgehen würde! Er rekelte seinen massigen Körper zufrie-den und voll innerer Begeisterung im Sessel. Er hörte vor seinem innerenOhr bereits die Klänge der "Internationale". Sein Gesicht hatte sich,während er sich die Konsequenzen ausmalte, vor Erregung gerötet. Viel-leicht würde ihm nun bald der langersehnte Sitz im Zentralkomiteezukommen - wenigstens als Kandidat? Er war sich klar darüber, daß es nicht leicht sein würde, das Objekt inGreventorf zu übernehmen, wieder aufzubauen und die gesamte Ver-suchsanstalt nach dort zu verlagern. Es bestand die Gefahr, daß bei einerso umfangreichen Aktion möglicherweise westliche Geheimdienste auf-merksam werden würden. Außerdem konnte es geschehen, daß der Mannan der Spitze seines Ministeriums, der nicht gerade sein Freund war,seine Nase in die Angelegenheit würde stecken wollen. Schließlich wardas alles nicht für einen Apfel und ein Ei zu haben. Das würde teuerwerden, sehr teuer. Geld war aber nicht mehr so leicht zu bekommen, wiein früheren Jahren. Nach einigem Überlegen kam er zu dem Schluß: Ichmuß den Generalsekretär darüber in Kenntnis setzen und seine Unter-stützung gewinnen. Und an Krausinger gewandt sagte er: "Mein lieberProfessor... ich muß zur Realisierung unseres Projektes die Parteiführunginformieren." Krausinger riß die Augen auf. "Ja, sind Sie denn jetzt ganz und gar ver-rückt? Hätte ich Sie doch nur nicht informiert! Das kann man doch nicht andie große Glocke hängen! - Diese Sache ist so brisant, daß ich sie nichtdadurch gefährden kann, daß Himmel und Volk davon erfahren."Krausinger sah wütend auf die Schachfiguren, machte einen Zug undsagte triumphierend: "Schach und Matt!" Keter, den das vor wenigen Minuten noch erregt hätte, da er ja geahnthatte, daß Krausinger auf dem Schachbrett eine solche Gemeinheit vor-bereitete, reagierte darauf nun überhaupt nicht. Er war aufgestanden undschaute auf Krausinger herab: "Seien Sie doch friedlich, Professor. Ichweiß überhaupt nicht, weshalb Sie sich so echauffieren. Wir brauchenfinanzielle Mittel, Baukapazitäten und vieles mehr. Glauben Sie, ichkönnte das einfach so nebenbei aus dem Ärmel zaubern? - Sie sind Wis-184
  • senschaftler. Sie interessieren sich nicht für die ganz alltäglichen Dinge.Die müssen aber alle geregelt sein, die tägliche Kleinarbeit muß gemachtwerden, damit Sie in Ruhe forschen können. Da halten Ihnen andere denRücken frei. Könnte es sein, daß Sie aufgrund dieser Tatsache im Elfen-beinturm leben, der Realität sehr weit entrückt?" Krausinger wollte etwas erwidern, aber Keter ließ ihn nicht zu Wortekommen. "Und bei diesem Projekt geht es nun um noch viel wichtigereDinge, als bei der üblichen Forschungsarbeit und ihrer materiell-techni-schen Absicherung. Hier geht es um größere Dimensionen. Und wermacht das wieder? Keter. Und Sie können forschen. Und Sie werden nachWaldheide an das Ziel Ihrer Wünsche kommen. Alles, weil ich esbewerkstelligen werde. Daß ich mir aber dabei als General, als Genosse,als sozialistischer Staatsbürger keine Privataktion leisten kann, das dürfteIhnen doch klar gewesen sein, als Sie mich informiert haben." Ketermachte eine kurze Pause. Es arbeitete in ihm. Er sah Krausinger an, dernichts erwiderte und sagte dann, heftig ausatmend: "Die Sache ist mir einpaar Nummern zu groß. Ich ... ich benötige ganz einfach die Rücken-deckung von ganz oben!" Krausinger schüttelte wortlos den Kopf. "Jetzt brauche ich aber unbedingt einen Wodka. Möchten Sie einenKognak, Professor?" Keter hatte sich wieder gefaßt und versuchte nun dieunangenehme Situation zu überspielen. Krausinger schüttelte energisch den Kopf: "Nein, danke." "Na gut", sagte Keter, wohl wissend, daß nicht alles gut war, setzte sichwieder, goß sich ein Glas voll Wodka, stürzte ihn in seine Kehle und sagtedann fast bittend: "Sie müssen mich doch auch verstehen, Professor!" Krausinger, der inzwischen begriffen hatte, daß es sich offensichtlichnicht anders machen ließ, unternahm nun einen taktischen Rückzug.Allein hätte er es ja ohnehin nie geschafft. Das war ihm klar. "General,entschuldigen Sie, daß ich mich so echauffiert habe. Ich bin sicher, daßSie das alles sehr umsichtig durchführen werden." Keter war erleichtert. "Keine Ursache, Professor. Ich glaube, es wirdbald eine Gelegenheit geben, alles in die Wege zu leiten. "Er dachte anseine ihm vorab bekannt gewordene Auszeichnung mit einem hohenOrden, die üblicherweise der Generalsekretär in seiner Funktion alsStaatsratsvorsitzender vornehmen würde. Wenige Tage danach hatte sich Keter bereits sachkundig gemacht, wiees um das Objekt bestellt war. Es war nach dem Kriege niemals wiedervöllig aufgebaut worden. Von den Gebäuden hatte man nur das ehemaligeStabsgebäude instandgesetzt. Die anderen waren als Ruinen belassen 185
  • worden, wegen der Kosten. Man hatte dafür mehrere Baracken aus Holzerrichtet. Außerdem gab es dort Hundezwinger, Garagen und ein Heiz-haus. Die Grenztruppen nutzten das Objekt immer noch als Hundeschuleund das einstige Versuchsgelände war ein Schießplatz geworden. Krausinger atmete auf, als ihn Keter darüber informierte. Das Gebäude,in dem sich der gesprengte Zugang zur untersten Tiefetage befand, warnoch immer eine Ruine. Nun konnte er relativ sicher sein, daß dasGeheimnis bis zu diesem Zeitpunkt noch nicht entdeckt worden war. Keterrief ihn zurück in die Realität: "Um möglichst wenige Personen ein-zubeziehen, wird Greventorf lediglich als Außenstelle geführt. Ich denke,daß dort höchstens fünfzig Personen arbeiten sollten. Krausinger nickte: "Das reicht. - Und was haben Sie an baulichen Maß-nahmen vorgesehen?" "Wir werden das bestehende Gebäude und die Baracken übernehmen.Das Gebäude mit dem Zugang zu den Tiefetagen werden wir wieder auf-bauen lassen. Wir müssen uns überraschen lassen, wieviel Ihre Spreng-kommandos Fünfundvierzig von den Tiefetagen übriggelassen haben.Hoffentlich ist nicht alles zerstört, sonst wären ja unsere gesamtenBemühungen umsonst. Das wäre allerdings äußerst fatal!" Krausinger beeilte sich, Keter zu beruhigen: "Nein, nein, keine Sorge,General. Ich habe damals dafür gesorgt, daß wirklich nur die Zugängezerstört wurden." "Gut. Also einschließlich der dritten Tiefetage können wir alles vomBaupionierbataillon unseres Wachregiments freimachen lassen. Was dievierte Tiefetage betrifft, da müßte dann das eingeweihte Personal, mögli-cherweise von Hand, alles wieder herrichten." Krausinger nickte zufrieden und zustimmend: "Ja, richtig. Je wenigerLeute von der Existenz einer vierten Tiefetage wissen, um so besser." Ostberlin, 06. Oktober 1986. Am Vorabend des 07. Oktober 1986, des37. Jahrestages der DDR, wurde Keter im Gebäude des Staatsrates mitdem Karl-Marx-Orden ausgezeichnet. Er kannte den Vorsitzenden, der die Auszeichnung vornahm, bereitsseit Jahrzehnten. Er hatte ihn kennengelernt, als dieser noch der Parteiju-gendorganisation vorstand. Anläßlich einer Freiwilligenwerbeaktion unterJugendlichen für die Aufstellung von Bereitschaften der KaserniertenVolkspolizei hatten sie gemeinsam 1955 in einer Kommission gearbeitet.Später hatte Keter immer wieder einmal Kontakt mit ihm gehabt. Dasergab sich aus der Tatsache, daß der Vorsitzende im ZentralkomiteeSekretär für Sicherheit geworden war. In den letzten zehn Jahren begeg-nete er ihm immer dann, wenn er einen hohen Orden bekam. Und als er186
  • zum Generalleutnant befördert wurde, da war es ebenfalls der Vorsitzen-de, dem er gegenüberstand. Der hatte ihn immer wiedererkannt. So wares auch diesmal. In der Reihe der Auszuzeichnenden bei ihm angekom-men, heftete ihm der Vorsitzende den Orden an die Brust. "Ich diene der Deutschen Demokratischen Republik, Genosse Vorsit-zender des Staatsrates", dankte Keter, der militärische Haltung eingenom-men hatte. Der Vorsitzende ging nicht sofort weiter zum Nächsten. Der praktischgleichaltrige Vorsitzende meinte: "Naa, Genosse General, Sie werdenaber auch nicht älter. Es ist ja erstaunlich, wie Sie sich gehalten haben." "Danke für das Kompliment, Genosse Vorsitzender des Staatsrates",antwortete Keter und setzte hinzu: "Ich bitte Sie, GenosseGeneralsekretär", er sprach ihn nun bewußt als Parteichef an, "... um einpersönliches Gespräch. Es würden mir zehn Minuten ausreichen." Erhatte absichtlich bei der benötigten Zeit tiefgestapelt, um einer Ausrede,von wegen übervoller Terminplan, zuvorzukommen. "Für Sie, Genosse Keter, nehme ich mir die Zeit. Lassen Sie sich vomSekretär des Nationalen Verteidigungsrates einen Termin geben." Mit die-sen Worten nickte der Vorsitzende ihm noch einmal zu und ging weiter zuseinem Nachbarn, einem General der Volkspolizei. Am nächsten Morgen holte sich Keter fernmündlich einen Termin beimNationalen Verteidigungsrat. Danach lehnte er sich in seiner elegantenLedercouch im Wohnzimmer seiner Berliner Wohnung am Leninplatzzurück. Der Termin sollte am nächsten Mittwoch um 10.00 Uhr sein. Jetztwar es Freitag. Er beschloß, solange in Berlin zu bleiben. Dann angelte er sich denTelefonapparat vom Tisch und wählte nach Warenthin durch. Er infor-mierte den Stabschef darüber, daß er erst in einigen Tagen zurückkom-men werde. Er ließ sich weiterverbinden zu Krausinger. Den Professorinformierte er über den Stand der Dinge. Von dem wiederum erfuhr er,daß die neue Panzerabwehrlenkrakete, die er konstruiert hatte, ihreErprobung auf dem Schießplatz erfolgreich bestanden hatte. Er gratulierteKrausinger: "Wenn ich Sie nicht hätte, Professor. Ich weiß wirklich nicht,wie weit wir dann vielleicht erst wären." Zu seiner Überraschung war diesmal von Krausingers sprichwörtlicherBescheidenheit kein Deut zu spüren. Der verwies nicht auf die Leistungdes Forschungskollektivs, was er sonst immer getan hatte, wenn er gelobtworden war, sondern er sagte: "Das sind doch Kleinigkeiten für mich, 187
  • General. Sie wissen doch, daß ich mir noch Projekte ganz andererGrößenordnung vorgenommen habe." Keter, der feine Sensoren für bestimmte kommunikative Signale, für dieAusstrahlungen der Psyche von Menschen und für zwischenmenschlicheBeziehungen besaß, registrierte dies als ein weiteres Zeichen in der Reihesich häufender Signale für eine Persönlichkeitsveränderung Krausingers,die ihm Sorgen zu bereiten begann. Krausinger machte seit einiger Zeit,ob nun bewußt oder unbewußt, immer deutlicher, daß er der genialeKönner und auch der Mann sei, der die Dinge im Griff habe und die Wegebestimme. Das verstimmte ihn. Immerhin war er der General undKrausinger sein Untergebener, ja sogar sein Gefangener! Aber er hattedas unangenehme Gefühl, daß Krausinger mit Hilfe des neuestenGeheimprojektes das Machtverhältnis zwischen ihnen beiden umkehrenwollte. Er konnte sich zwar überhaupt nicht vorstellen, wie der dasbewerkstelligen wollte, aber er mußte auf der Hut sein. Keter beendete das Gespräch freundlich und legte auf. Sobald ich wie-der oben in Warenthin bin, muß ich klarstellen, wo der Hase langläuft,dachte er. Aber im gleichen Moment fiel ihm ein, daß ihn Krausinger japraktisch in der Hand hatte. Der konnte ihn doch aufsitzen lassen, indemer weitere Forschungs- und Entwicklungsarbeit verweigerte. Der konnteihn auffliegen lassen, indem er in einer Art Kamikazeaktion die Öffent-lichkeit über sich selbst, über ihn, Keter, und über das gesamte Projektinformieren würde. Schließlich könnte Krausinger möglicherweise, sobaldder Zugang zu ihr freigeschaufelt war, einfach mit dieser Scheibeverschwinden. Ein Teufelskreis, dachte er. Angst vor Bestrafung habe ich keine. Ich bin73 Jahre alt und ich habe mein Leben gelebt, angenehm gelebt. Er sahsich in seinem Wohnzimmer um. Seine Haushälterin hatte mit seinemnicht wenigen Geld - ein Generalsgehalt stand monatlich zur Verfügung -die Wohnung, in der er selbst sich selten aufhielt, vortrefflich eingerichtet.In der Bar hatte immer, wie auch jetzt, ein französischer Kognakgestanden und seine guten dicken Havanna-Zigarren, hatte er stets inausreichender Anzahl zur Verfügung. Schön und gut. Aber soll das allesgewesen sein? - Und das wäre es, wenn man ihn jetzt auf sein Altenteilsetzen würde. Dann aber wurde er sich wieder der Tatsache bewußt, daßer ja Soldat war. Berufssoldat. Und ein solcher steht in den Stiefeln aufPosten, bis er einen neuen Befehl erhält oder tot umfällt. Er raffte sich auf.Sein Körper in der Generalsuniform streckte sich.188
  • Keter verbrachte die nächsten Tage damit, alte Bekannte zu besuchen.Und am darauf folgenden Montag fuhr er nach Westberlin. Er verzichtetedarauf, in der Grenzübergangsstelle Friedrichstraße durch die Stasi-schleuse zu gehen. Er vermutete stets, daß Angehörige westlicherGeheimdienste, die auf dem S-Bahnhof aufmerksam beobachteten, baldwissen würden, wer durch die Schleuse gekommen war. Seine Genossenhatten seine Bedenken zwar zerstreut, aber er traute dem Frieden nicht.Deshalb stellte er sich immer, wenn er einmal nach drüben mußte, natür-lich in Zivil und mit einem falschen DDR-Paß ausgestattet, in die Schlangeder Ausreisenden und wartete geduldig. So, glaubte er, würde er keinemSpion der westlichen Seite auffallen. Der Offizier des MfS in der Uniform eines Unterleutnants der Grenz-truppen in dem kleinen Schalterhäuschen im "Palast der Tränen", wie dieGrenzübergangsstelle im Volksmund hieß, musterte Keters Gesicht undverglich es mit dem Foto im Paß, den er, unsichtbar für Keter vor sich lie-gen hatte und ablichtete. Für ihn war Keter ein Rentner auf Verwandten-besuch. Keter begab sich auf den S-Bahnsteig und benutzte die nächste S-Bahnbis zur Station "Zoologischer Garten". Dort verließ er sie und begab sichhinunter auf die Straße. Zielsicher ging er hinüber zum Kurfürstendammund schlenderte die Straße entlang. Ab und zu sah er sich Auslagen inSchaufenstern an. Hin und wieder vergewisserte er sich, daß er auchwirklich nicht verfolgt wurde. Schließlich bog er in eine Seitenstraße einund erreichte nach etwa zweihundert Metern eine Bank, in der er vor Jah-ren ein Konto eingerichtet hatte. Er ließ sich zu seinem Schließfach führenund öffnete es mit seinem Schlüssel, nachdem der Bankangestellte zuvorebenfalls einen Schlüssel in eines der beiden Schlösser eingeführt hatte. Dann war er allein. Was er hier in der Blechbox seines Schließfachesdeponiert hatte, das war ein kleines Vermögen. Vor Jahren schon hatte erdafür gesorgt, daß er die Identität eines in der DDR verstorbenen west-deutschen Rentners ohne Angehörige annehmen konnte. So wurde des-sen Rente regelmäßig von der BfA auf sein Konto bei dieser Bank über-wiesen und er hatte immer über ausreichend Westgeld verfügt. Über dienäheren Einzelheiten wollte er heute nicht mehr nachdenken. Er prüfte den Inhalt seines Schließfaches. Da waren einige Bündel Gel-des, große Scheine zumeist. Da waren auch die Unterlagen zu einerEigentumswohnung, die er zehn Jahre zuvor in Westberlin erworben hatteund da waren einige andere Dinge, die er gern in diesem Schließfachwußte. Zufrieden betrachtete er seine Reichtümer. Er entnahm einigeHunderter, schob die Blechbox wieder in das Schließfach zurück undschloß es ab. 189
  • Dann verließ er den Tresorraum und wenig später auch die Bank. Erbegab sich zurück zum Kudamm und schlenderte gemächlich die Straßeentlang. Nachdem er einige hundert Meter weit gegangen war, betrat erein Restaurant. Er wählte sich einen Platz am Fenster zur Straße undbestellte ein Menü mit wohlklingender Beschreibung. Dazu trank er einentrockenen Chablis. Zum Nachtisch ließ er sich einen guten Kognakservieren und rauchte eine teure Zigarre. So schlemmte er an diesemTage, was seiner Gesundheit sicher nicht zuträglich war. Indem er dasdachte, kam er auf Krausinger, der damit keinerlei Probleme hatte. Eswurde ihm wieder bewußt, daß er sich mit diesem Mann in einer Schick-salsgemeinschaft befand. Er schüttelte den Kopf. Wenn ihm einer seiner Genossen zu der Zeit,als er in die Sowjetunion emigriert war, gesagt hätte, daß er Jahrzehntespäter mit einem Altnazi gemeinsame Sache machen würde und mitdiesem praktisch auf Gedeih und Verderb verbunden sein würde, er hätteihn für total verrückt erklärt. Nun war es aber tatsächlich so weitgekommen. Er blätterte in einer renommierten überregionalen Tageszeitung undschaute dann und wann aus dem Fenster, das rege Treiben auf demKudamm beobachtend. Schließlich verließ er das Restaurant und begabsich zurück zum Bahnhof Zoo. Am darauf folgenden Mittwoch hatte Keter das erbetene Gespräch beimVorsitzenden des Nationalen Verteidigungsrates. Dessen Sekretär teilteihm bei seinem Eintreffen mit, daß für ihn fünfzehn Minuten reserviertworden seien. Keter fühlte sich unangenehm unter Zeitdruck gesetzt. Aber es kamdoch anders. Es blieb nicht bei der angekündigten Viertelstunde. Er legtedem Vorsitzenden dar, daß er Informationen besitze, die darauf hinauslie-fen, daß sich in einer bislang unbekannt gebliebenen ehemaligen For-schungs- und Entwicklungsstelle des Dritten Reiches Entwicklungsergeb-nisse befänden, die bis zum gegenwärtigen Zeitpunkt den Höchststandauf dem Gebiet der Waffentechnik darstellten. Der Vorsitzende meinte, daß er sich frage, weshalb ihm der GenosseKeter, den er durchaus schätze, etwas von alten Waffen erzähle. Keter beeilte sich zu betonen, daß es sich nicht einfach um irgendwel-che alten Waffen handele. Damit hätte er sich selbstverständlich nichtgewagt, den Vorsitzenden zu behelligen. Was dort verborgen sei, dasseien die Produkte eines Genies. So wisse er, daß in dieser Forschungs-stelle gegen Ende des Krieges deutsche Spitzenwissenschaftlergearbeitet190
  • hätten, unter ihnen ein Mann, den man beinahe einen zweiten "Einstein"nennen könne. Auf die Frage des Vorsitzenden, wieso er denn von diesem Manne nieetwas gehört habe, antwortete er, dieser Mann habe den Krieg nicht über-lebt. Die sowjetischen Freunde, die nach ihm gesucht hätten, seien zudem Schluß gekommen, daß die Amerikaner ihn mitgenommen hättennach Los Alamos, wo sie ihre Atombomben bauten. Die Amerikaner wie-derum hätten geglaubt, er sei in einem geheimen sowjetischen For-schungslager in Sibirien verschwunden und dort verstorben. Deshalb habesich keine Seite mehr mit dem Schicksal dieses Mannes beschäftigt.Entscheidend sei ja aber nicht dieser Mann. Wichtig sei für die Republik,daß durch eine intensive Auswertung dessen, was man finden werde undeine schöpferische Umsetzung der Erkenntnisse wahrscheinlich ein Rie-sensprung nicht etwa nur auf dem Gebiet der Waffentechnik, sondernüberhaupt in der Entwicklung von Wissenschaft und Technik gemachtwerden könne. Und dieser für die gesamte Menschheit geltende Sprungwerde in der DDR vollzogen werden. Die DDR könne mit den Erkennt-nissen ihre gesamte Volkswirtschaft modernisieren. Das würde auch Aus-wirkungen in alle gesellschaftlichen Bereiche haben, da tausendfältigeNachnutzungen im zivilen Bereich möglich seien. Die NVA und dieanderen Schutz- und Sicherheitsorgane bekämen modernsteWaffensysteme um den Sozialismus noch zuverlässiger vorimperialistischen Angriffen schützen zu können. Schließlich würde sichauch die Devisenlage der DDR absolut zum Besseren wenden, denn eswürden nun bald eine Vielzahl von zu Spitzenpreisen exportierbarerProdukte entstehen, die auf dem Weltmarkt reißenden Absatz findenwürden. So könne die alte Losung von Anfang der siebziger Jahre"Überholen, ohne einzuholen" zu guter letzt doch noch mit Leben erfülltwerden. Der Vorsitzende hatte aufmerksam zugehört. Er zeigte sich angenehmüberrascht. Die von Keter vorgetragenen Argumente fielen bei ihm auffruchtbaren Boden. Die wirtschaftliche Lage war nicht die Beste. Das warselbst ihm, den Ministerrat und Politbürosekretäre über Vieles im Unklarenließen, bekannt. Devisen benötigte die DDR wie der Fisch das Wasser.Und moderne Waffentechnik für die NVA? Das war nicht von der Hand zuweisen. Schließlich schien ihm sein kleines Königreich permanent vomImperialismus bedroht zu sein. "Das und der Megachip" sagte er leise,aber für Keter dennoch hörbar und lächelte still vor sich hin. Dann fragteer Keter, was denn sein Minister dazu gesagt habe. Keter beeilte sich zu betonen, daß es ihm ganz wichtig gewesen sei, ihnals Vorsitzenden zuerst zu informieren, weil die Dimensionen dessen, waser ihm erläutert habe, so ungeheuer groß seien. Das gehe über den 191
  • Kompetenzrahmen des Ministers deutlich hinaus. Es seien Entscheidun-gen über sich bald auszahlende Investitionen zu treffen. Außerdembefürchte er, daß der Minister die Tragweite des Ganzen möglicherweisenicht verstehen werde. Deshalb habe er sich eingedenk der altenBekanntschaft zwischen ihnen, aufgrund seines überaus großen Vertrau-ens zu ihm als einer überragenden Persönlichkeit sowie wegen desRespektes, den er vor seiner strategischen Denkweise und staatsmänni-schen Weitsicht habe, direkt an ihn gewandt. Diese Worte überzeugten. Der Vorsitzende erkundigte sich, um welcheInvestitionen es gehe. Er zuckte zwar leicht mit den Augen, als Keter ihmdie Summe nannte. Aber offensichtlich war ihm dieser Strohhalm, der ihmda gereicht wurde, zu wichtig, als daß er auf ihn aus finanziellenErwägungen verzichten konnte, denn er gab der Angelegenheit seinenSegen. Keter hatte innerlich gespannt auf diese positive Entscheidung gewartet und war nun enorm erleichtert. Waldheide sollte "Sondergebiet des MfS" werden. Der Vorsitzendebeauftragte den Sekretär des Nationalen Verteidigungsrates Keter zuunterstützen. Keter bat darum, daß er seinen Minister selbst informieren dürfe. DerMinister durfte auf keinen Fall mitbekommen, daß er ihn die ganzen Jahreüber niemals über Krausingers Existenz informiert hatte. Und die Gefahr,daß die ans Tageslicht kam, bestand genau dann, wenn der Minister sicherst einmal im Detail für Waldheide interessieren würde. Und das würdeder, so wie er ihn kannte, garantiert tun, wenn er erst wüßte, wie wichtigdieser Ort war. Deshalb mußte er herausgehalten werden. Sein Wunschwurde akzeptiert. Niemand sonst werde mit dem Minister darübersprechen. Wiederum spürte Keter eine ungeheure Erleichterung. Er hattehoch gepokert und er schien gewonnen zu haben. Der Vorsitzende schlug zum Abschluß des Gespräches für das gesamteProjekt die Bezeichnung "Zukunft" vor, weil man sich ja so viel davonversprechen könne, wenn er den Genossen Keter richtig verstanden habeund sagte, sich die Hände dabei reibend: "Ja, das wäre es dann wohl. DenSozialismus in seinem Lauf hält weder Ochs noch Esel auf! Wie ich esimmer sage." Keter wußte, nun mußte er noch einen rhetorischen Verstärker verwen-den, damit der Gönner seines Projektes dies auch blieb. "Genosse Vorsit-zender des Staatsrates, Sie werden nicht enttäuscht werden. Das ProjektZukunft wird garantiert halten, was es verspricht." Der Vorsitzende nickte und sagte: "Ich weiß, daß ich mich bei Ihnendarauf verlassen kann, Genosse Keter."192
  • Keter verließ das Büro des Nationalen Verteidigungsrates. DasGespräch hatte eine volle Stunde gedauert. Er hatte alles erreicht, was ersich vorgenommen hatte. Und sein Minister würde nicht erfahren, was erwirklich in Waldheide vorhatte. Zufrieden ließ er sich zu seiner Wohnungfahren. Nachdem er es sich, dort angekommen, bequem gemacht hatte, las ernoch einmal den Brief an seinen Chef durch, den er bereits in Warenthinhatte schreiben lassen.Ministerrat der Deutschen Demokratischen RepublikMinisterium für StaatssicherheitWaffentechnische Versuchsanstalt (WVA)Der Leiter O. U., 04.10.86GenossenArmeegeneral Erich MielkeMinister für StaatssicherheitVerbesserung der materiell-technischen Rahmenbedingungen für For-schung und Entwicklung in der WVASehr geehrter Genosse Minister!Die Waffentechnische Versuchsanstalt Warenthin (WVA) des Ministeriumsfür Staatssicherheit hat im Verlaufe ihres Bestehens zahlreiche For-schungs- und Entwicklungsresultate hervorgebracht, die der Einsatzbe-reitschaft und dem Ansehen unseres Ministeriums gedient haben. UnserBeitrag für die Verbesserung des Schutzes und der Sicherheit von Staatund Volk der Deutschen Demokratischen Republik wurde wiederholt durchSie, verehrter Genosse Minister sowie durch die Partei- und Staatsführunganerkannt und gewürdigt.Diese Leistungen wären undenkbar gewesen ohne die richtungweisendenOrientierungen und die Unterstützung, die wir jahrzehntelang von Ihnenpersönlich erfahren durften.Wir wollen unsere Leistungen auch weiterhin auf dem hohen Niveauhalten, welches Partei und Regierung von uns gewöhnt sind. Darüberhinaus haben wir uns das Ziel gesetzt, zu Ehren des kommenden Partei-tages sowie des bevorstehenden 40. Jahrestages der Republik diese Lei-stungen ganz außerordentlich zu erhöhen. Dazu ist eine weitere Verbes-serung der materiell-technischen Basis der WVA erforderlich. Insbeson-dere benötigt meine Einrichtung ein größeres Erprobungsfeld für die 193
  • waffentechnischen Entwicklungen. Ein entsprechendes Gelände wurdebereits gefunden. Ich schlage Ihnen vor, dies als "Sondergebiet Waldhei-de" ausweisen zu lassen.Wegen der Übernahme des Geländes aus dem Bereich des Ministeriumsfür Nationale Verteidigung bitte ich Sie, den Leiter der RückwärtigenDienste zu beauftragen, mit mir zusammenzuarbeiten. Ich danke für IhrVerständnis und freue mich darauf, Ihnen bald neue Forschungsergeb-nisse vorlegen zu können. Mit kommunistischem GrußFritz Keter Generalleutnant Keter setzte seine Unterschrift darunter und verschloß den Brief. Zufrie-den lächelte er vor sich hin. Mit soviel Honig um den Bart würde der sichbestimmt nicht querlegen. Am nächsten Morgen gab er den Brief in der Zentralen Poststelle desMinisteriums ab. Zwei Stunden später war er bereits wieder in Warenthin. Zehn Tage danach erreichte Keter die Bestätigung des Ministers für das"Sondergebiet Waldheide" und die Bewilligung der notwendigen Mittel. Er informierte zuerst Krausinger darüber. Der war erleichtert, daß dieSache nun endlich ins Rollen kam. Dann bildete Keter aus wenigen Offi-zieren die "Arbeitsgruppe Waldheide", die von da an unter seiner Leitungfür die Vorbereitungen zur Eröffnung der Außenstelle verantwortlich war.Dazu gehörten auch Dr. Kaiser und Michael Rummel, der wenige Monatezuvor aus der Zentrale in Berlin als sein neuer Persönlicher Referent in dieWVA gekommen war. Keter informierte die Offiziere der Arbeitsgruppe darüber, daß er aufWeisung der Zentrale einen Teil der Forschung in eine neue Außenstellebei Greventorf verlegen werde. Der wichtigste Grund für diese Entschei-dung des Ministers sei die Tatsache, daß das dortige NVA-Objekt zum Teilunterirdisch angelegt sei, was günstig für die Fortführung der For-schungsarbeiten in eventuellen Krisensituationen wäre. Er machte deut-lich, daß die Außenstelle aus verschiedenen Gründen ein Geheimprojektsein müsse. Alle sollten das, was er ihnen mitgeteilt habe, streng vertrau-lich behandeln. Er informierte die Offiziere auch darüber, daß Dr. Letti-cher das Objekt sehr gut kenne, weil er dort im Kriege gearbeitet habe. Erwerde zu denen gehören, die in der Außenstelle arbeiten würden.194
  • Während jeder aus der Arbeitsgruppe, die sich von da an wöchentlichtraf, eine spezielle Aufgabe erhielt, behielt sich Keter die Gesamtkoordi-nation des "Projektes Zukunft" und die Verbindung zu den unterstützen-den Kräften der NVA und des Ministeriums vor. Sein Ziel war es, in sechsMonaten die Außenstelle Waldheide zu eröffnen. Er erreichte beim Chefder Grenztruppen, daß bereits wenige Wochen später das Objekt Wald-heide übernommen werden konnte. Im Ministerium für Nationale Vertei-digung erhielt er die Zusage, daß ein Pionierbataillon für vier Wochen inWaldheide zur Verfügung stehen werde, und zwar auf Kosten der NVA.Das Bataillon werde den Marschbefehl erhalten zu einer "Manöverübungunter realen Bedingungen". Die Manöveraufgabe werde lauten: "Wieder-aufbau einer vom Gegner zerstörten ober- wie unterirdischen verteidi-gungswirtschaftlichen Anlage". Keter konnte zufrieden mit sich sein. Innerhalb von nur wenigen Tagenhatte er wichtige Voraussetzungen für das Projekt geschaffen. Er ernannteDr. Schmidt, einen Forschungsgruppenleiter aus dem Bereich von OberstDr. Dr. Kaiser zum zukünftigen Leiter der Außenstelle. Schmidt war dreiJahre zuvor aus dem Sektor Wissenschaft und Technik der Hauptverwal-tung Aufklärung gekommen. Er war erst Mitte Dreißig und ein hoffnungs-voller Mann, der vermutlich einmal die Nachfolge von Kaiser antretenwürde. Schmidt war nicht größer als Krausinger, hatte pechschwarzesnoch volles Haar, das er kaum bändigen konnte, dunkelbraune Augen undein schmales Gesicht. Allerdings wirkte er immer etwas kränklich. Zu Krausinger sagte Keter, seine Personalentscheidung begründend:"Ich kann nicht immer dort sein und einer muß den Gesamtüberblickbewahren. Sie wissen, daß ich Sie nicht zum Leiter machen kann. - Wieich überhaupt meinem Parteisekretär gegenüber begründen soll, daß ichSie, einen Parteilosen, der auch nicht einmal dem MfS angehört, mitneh-me und in noch geheimere Forschungen einbeziehe, das muß ich mir erstnoch überlegen." Keter glaubte wohl, Krausinger würde diese Personalentscheidung nichtgefallen. Dem aber war es im Grunde genommen egal, wer die Forschungoffiziell leiten würde, denn der wirkliche Motor von Forschung undEntwicklung würde immer er sein, Krausinger. Jeder andere hatte für ihnnur Strohmannfunktion. Bereits zwei Wochen später kam Michael Rummel als Vertreter desAuftraggebers nach Waldheide. Mit ihm waren Krausinger und Haupt-mann Reddler, ein Mitarbeiter des Abwehrchefs der WVA, angereist.Hauptmann Reddler, ein Jahr älter als Michael, ein Hüne von fast zwei 195
  • Metern und 100 kg Lebendgewicht, hatte einen großen kantigen Kopf,einen Stiernacken und Pranken von Händen. Sein brutal wirkendesGesicht ließ ihn nicht besonders sympathisch erscheinen und Michael warer nie ganz geheuer. Aber wie sich später noch erweisen sollte, war derMann eine wertvolle Hilfe für Keter. Keter hatte Krausinger diesen Reddler als angeblichen Personenschutzfür ihn verkauft. Reddler wiederum war von ihm instruiert worden, esbestehe die Gefahr, daß "dieser wichtige Wissenschaftler von der anderenSeite gekidnappt werden könne". In Wahrheit traute Keter Krausingerauch jetzt noch nicht hundertprozentig und wollte einen eventuellenFluchtversuch verhindern. Am gleichen Tag rückte auch das Pionierbataillon mit schwerer Räum-technik an. An den folgenden Tagen wurden die Trümmer der Ruinenabtransportiert. Dann wurde im ehemaligen Gebäude Nr. 3 der Zugang zuden Tiefetagen freigelegt. Dazu war auch Keter angereist. Er, Krausingerund Michael stiegen über die mit Trümmern übersäte Treppe vorsichtignach unten. Reddler hatte oben dafür zu sorgen, daß keiner der Soldatenallzu neugierig wurde. Im Vorraum der ersten Tiefetage sahen sie als erstes die zum Teil zer-störte Flügeltür, von der nur noch eine Seite lose in einer Angel hing. Anihr vorbei, dort wo die andere Hälfte der Tür hingehörte, blickten sie in dasabsolute Dunkel. So schien es ihnen jedenfalls. Da die Elektroversor-gungder Tiefetagen noch nicht wieder intakt war, hatten sie voraus-schauenderweise Taschenlampen bei sich. Sie betraten den Gang undfolgten den breiten und starken Strahlen ihrer leistungsfähigen Lampen. Die Luft war schwer und stickig. Krausinger war sofort klar, daß diesdaran lag, daß durch die Sprengung 1945 auch die Luftzirkulationsanlagezerstört worden war. Überall lagen Betonbrocken herum und die andereHälfte der zweiflügligen Tür lag dazwischen. Linkerhand ging es in einen großen saalartigen Raum. In der Hallewaren Arbeitstische und Maschinen zu sehen. Auf den Tischen und anden Wänden sah man die verschiedensten Teile und Materialien, teilweisegestapelt. Krausinger erklärte den beiden, daß hier die Endmontagegewesen sei. Er fand, daß nach den vielen Jahren alles noch so sei, wieer es damals verlassen hatte. "Sagen Sie, Professor, gibt es hier irgendwelche Resultate derdamaligen Arbeiten, die man sofort nutzen könnte?" Keter hätte allzugerne gehört, daß dem so sei. "So genau weiß ich das nicht. Wenn hier unten das Licht wieder funk-tioniert, dann müssen wir eine Bestandsaufnahme machen. Dann werdenwir sehen, was hier noch verwendbar ist, General."196
  • "Gut. Ich glaube wir können im Moment nichts weiter machen. KommenSie wieder mit nach oben", sagte Keter etwas enttäuscht. Sie gingen zurück in das Treppenhaus und sahen sich den Weg nachunten an. Was dort noch auf der Treppe lag, die wenige Meter tiefer eineBiegung machte, das konnte auch ohne schwere Räumtechnik weg-geräumt werden. Und so hatten sie es ja auch geplant. Die NVA hatte diegrobe Arbeit zu leisten und den Zugang freizulegen. Tiefer hinein solltendie ja auch gar nicht gehen. Keter fuhr zurück nach Warenthin. In den folgenden Wochen wurden zwei der Ruinen im Rohbau wieder-errichtet. Im Gebäude Nr. 3 restaurierte man auch den integrierten undäußerlich nicht sichtbaren Fahrstuhlturm. Krausinger war es äußerstwichtig, daß beim Wiederaufbau dieser Ruine die Pioniere keinen Einblickin die Tiefetagen bekamen. Eine Woche später zog das Pionierbataillonder NVA ab und die Pioniereinheit des MfS-Wachregiments legte dieTreppe zur zweiten Tiefetage frei. Keter kam erneut nach Waldheide. Gemeinsam mit Krausinger undMichael stieg er hinunter in die zweite Tiefetage. Dort befanden sich dieverschiedensten Labors. Hier sahen sie Instrumente und Materialien aufverstaubten Tischen, als sei gerade noch daran gearbeitet worden. Krau-singer bemerkte dazu, das sei auch kein Wunder, denn der Aufbruchdamals sei beinahe blitzartig erfolgt. Sie sahen sich die Treppe nach unten in die dritte Tiefetage an undstellten fest, daß hier kaum noch Trümmer, höchstens kleinere Teilelagen. Krausinger war erneut froh darüber, daß er damals den Befehlerteilt hatte, nur die oberen Teile der Anlage zu sprengen und damitlediglich die Zugänge zu verschütten. Hätte er die einzelnen Etagensprengen lassen, dann wäre jetzt alles ungleich schwerer und vielleichterst im Laufe von Jahren zu bewältigen. Vorsichtig stiegen sie hinunter in die dritte Tiefetage. Als sie den unter-sten Treppenabsatz erreichten, fanden sie dort alles unbeschädigt vor.Links war die Tür des Lastenaufzuges. Rechts war ebenso eine Flügeltür,wie sie auch in den anderen Tiefetagen den größeren Bereich vom Vor-raum abtrennte. Diese Tür stand nicht offen, wie die in der Etage darüber. Krausingeröffnete sie. Keter und Michael leuchteten den dahinter befindlichen Gangaus, an dessen Seiten sich verschiedene Türen befanden. Sie drängtensich an Krausinger vorbei und öffneten nacheinander die einzelnen Türen,von denen keine verschlossen war. Hier waren einst physikalische undchemische Laboratorien. Überall auf den Tischen und Anrichten standendie verschiedensten Geräte und Versuchsanordnungen. VerstaubteBücher und einzelne, damals vergessene Ordner mit Forschungs- 197
  • dokumentationen lagen herum. In einem der Zimmer lag ein Laborkittelauf dem Tisch. In einem anderen Raum befanden sich Einzelteile von SS-Uniformen und Laborkittel auf dem Fußboden. Krausinger schloß schnelldie Tür. Er hoffte, daß Michael die SS-Uniformen nicht bemerkt hatte. Am Ende des Ganges war eine große schwere Tür, eine Panzertür, wieunschwer zu erkennen war, auf welcher sich ein Schild mit einem Toten-kopf und der Aufschrift "Gefahr - radioaktiv" befand. "Was befindet sich denn hinter der Tür?" fragte Keter. Auch Michaelschaute Krausinger fragend an. "Das war ein Strahlenlabor. Diese Tür sollten wir lieber geschlossen las-sen!" "Ein Strahlenlabor? Wozu haben Sie denn ein Strahlenlabor benötigt,damals?" Keter bedrängte Krausinger. "Na, sagen Sie schon." "Es hatte etwas mit unseren Radarforschungen zu tun, General." Krau-singer ging schnell weiter, ohne Keter anzusehen, der lediglich "Aha"sagte. Er schien offensichtlich befriedigt zu sein durch die Antwort.Michael jedoch hatte sofort gemerkt, daß diese Antwort, die ein Schülerder siebenten Klasse durchschaut hätte, von etwas ablenken sollte. Erregistrierte das zunächst einfach nur, vergaß es aber auch bald wieder,der neuen Eindrücke waren es in diesen Tagen einfach zu viele. Sie gingen zurück in den Vorraum. Krausinger prüfte die Tür desLastenaufzuges. Sie war in Ordnung. Aber sie ließ sich natürlich nicht öff-nen, da die Elektroanlage noch nicht wieder intakt war. Keter warf Krau-singer einen fragenden Blick zu und deutete mit dem Kopf in Richtung dervierten Tiefetage. Der sah flüchtig zu Michael, welcher, wie er erleichtertfeststellte, gerade in eine andere Richtung schaute, schüttelte den Kopfund sagte laut: "Dann können wir jetzt wieder nach oben gehen." Oben angekommen, beauftragte Keter Michael, die Elektroanlage in denTiefetagen wiederherzustellen zu lassen. Er habe zu gewährleisten, daßdie Elektriker aus dem Handwerkerzug nicht in den Räumen herum-stöberten. Dann begaben sich Keter und Krausinger in Keters Dienstzim-mer, das im Stabsgebäude provisorisch eingerichtet worden war. "Nunsagen Sie schon, Professor, wie kommt man denn nun in die unterste Tie-fetage?" bedrängte Keter Krausinger. "Da war ja nirgendwo ein Zugang zusehen!" "Aus der dritten Tiefetage kommt man überhaupt nicht weiter nachunten, General. Das Treppenhaus endet dort. Und das aus gutem Grund.Wir haben das damals so machen lassen, damit kein Unbefugter weiterhinunter konnte, als bis zur dritten Tiefetage. Es gibt aber zwei Wege nachganz unten. Einmal geht das mit dem Lastenaufzug. Der ist ja aber,198
  • wie Ihnen ja bekannt ist, noch nicht wieder in Betrieb. Außerdem ist auchdabei gesichert, daß Unbefugte nicht bis ganz nach unten gelangen kön-nen. Offiziell endet er in der dritten Tiefetage. Nur wer einen verdecktenSchalter in einer bestimmten Weise betätigt, kann noch weiter hinunterfahren. Der andere Weg führt über eine geheime Wendeltreppe, die sichneben dem Fahrstuhlschacht befindet. Vorige Woche, als die Trümmerbeiseite geräumt wurden, habe ich den verschütteten Eingang zur Wen-deltreppe erst einmal mit einer Stahlplatte sichern lassen. Die damitbeauftragten Soldaten haben den Eindruck vermittelt bekommen, daß diesein Zugang zu einem einfachen Keller sei. Später habe ich die Stahlplattedann verschlossen." "Spricht irgend etwas dagegen, daß wir uns jetzt die vierte Tiefetageansehen?" "Ja, leider. Ich muß erst die Wendeltreppe räumen lassen. Auf ihremoberen Abschnitt haben sich Trümmerstücke verkeilt. Ich denke frühe-stens übermorgen werden wir nach unten können. Glauben Sie mir, ichbin genauso ungeduldig wie Sie. Aber es geht nicht schneller." Keter fuhr zurück nach Warenthin. Er mußte sich halt gedulden. Am darauf folgenden Tag öffnete Krausinger die Stahlplatte. Unter sei-ner und Michaels Aufsicht begannen die Pioniere die Wendeltreppe frei-zuräumen und Beschädigtes instand zu setzen. Mit Hilfe eines Preßluft-hammers wurden die Hindernisse beseitigt. Ab der ersten Tiefetage wardie Treppe dann problemlos begehbar. Nach wenigen Stunden bereits war alles erledigt. Auch der Trümmer-schutt war weggeschafft worden. Krausinger verschloß die Einstiegsplatteund tarnte sie gemeinsam mit Michael und Reddler, denen er erklärt hatte,die Wendeltreppe führe zu den Notausgängen der drei Tiefetagen. Dannmußten andere Soldaten, die nicht ahnten, was sich unter demSchutthaufen befand, der den Einstieg tarnte, einen Meter davor einezweite Wand setzen. Als sie sich nach vollbrachter Arbeit entfernt hatten,schafften Michael und Reddler auch den restlichen Bauschutt nachdraußen und legten die Einstiegsluke wieder frei. Krausinger sah vor seinem geistigen Auge bereits den alten Zustandvon Ende des Krieges wiederhergestellt, bevor er den Befehl zurSprengung gegeben hatte. Die Tür, welche noch einzubauen war, würdewieder getarnt werden, alles wie gehabt. Noch am gleichen Abend schlich er über die Wendeltreppe nach unten.Er fühlte sich gerade so, wie fünfzig Jahre zuvor, als er schon öfter diesenWeg in die Tiefe gegangen war, zu seinen Gefangenen und zu derScheibe. 199
  • Er öffnete die schmale Tür, welche direkt in den Vorraum der viertenTiefetage führte. Ein seltsames Gefühl und eine bange Ahnung beschli-chen ihn. Er dachte an die toten SS-Leute. Würde es nach Leichen rie-chen? Sicher nicht, nach so langer Zeit. Die würden skelettiert sein. Leb-ten die Zwerge noch? Ja, waren sie überhaupt noch da? Er setzte einenFuß in den Vorraum, zögerte einen Moment, trat dann aber ein. Links vonihm war die Tür zum Lastenaufzug. Geradeaus befand sich eine großezweiflüglige Tür. Diese war noch breiter, als die entsprechenden Türen inden Etagen darüber. Und sie befand sich auf der entgegengesetztenSeite. Er klinkte sie auf. Gleich rechts befand sich der Wachraum. Daranging er vorüber. Auch an der zweiten Tür, der Zelle der Gefangenen, ginger vorbei. Im Moment war es ihm erst einmal wichtiger zu sehen, ob dieScheibe noch da war. Er öffnete die Tür zu dem ziemlich großen Raum. Der Lichtstrahl seinerTaschenlampe wurde vom Metall der Scheibe reflektiert. Sie war alsonoch da! Er war zutiefst erleichtert. Dann begab er sich zu seinen Gefan-genen. Als er den Raum betrat, begegnete ihm etwas, das in den letzten Jahr-zehnten sein Leben und seinen Willen zum Überleben bestimmt hatte unddas allein durch sein Vorhandensein alle seine geheimen Ziele in greifbareNähe rückte. Das Gefühl der Erleichterung wurde noch stärker, als er sah:Auch sie waren noch da. Aber lebten sie auch wirklich noch? BangeSekunden der Befürchtung, doch alles wieder zu verlieren, was er geradeals wiedergewonnen betrachtet hatte. Er beugte sich nach vorn. Aber erkonnte nicht feststellen, ob die beiden Zwerge lebten oder tot waren.Dafür, daß sie noch lebten, sprach, daß ihre Körper nicht zu Skelettengeworden waren, obwohl man sie nicht einbalsamiert hatte. Er befühlteihre Arme. Die waren eher kalt als warm. Er wußte aber aus BergwaldsTagebuch, daß sie ihre Körpertemperatur weit hinunterschraubenkonnten. Das hatte also nichts zu besagen. Dann stellte er seine grobeUntersuchung ein. Da war jetzt nichts zu machen. Da mußte erst richtigesLicht her. Am nächsten Tag informierte er Keter, daß die Treppe nun passierbarsei. Keter ließ sich sofort nach Waldheide fahren. Gemeinsam mit Krau-singer und Michael begab er sich zu der Einstiegsluke. Er wies Michaelan, niemanden nach unten zu lassen. Nachdem Krausinger die Bodenplatte geöffnet hatte, stiegen er undKeter hinab. Michael, der oben bleiben und Wache halten mußte,schluckte. Nur ein Notausgang? Und dann so geheimnisvoll?200
  • Krausinger eilte relativ leichtfüßig voran, während Keter ihm vorsichtigfolgte. Für Krausinger war der Weg über diese Wendeltreppe eine uralteGeschichte, vor beinahe fünfzig Jahren schon oft geübt und einen Tagzuvor war er diesen Weg ja auch wieder gegangen. Außerdem war ernicht so schwergewichtig wie Keter. Nach einigen Minuten waren sieunten angelangt. Keter drängte neugierig und erregt hinter ihm: "Wo sinddie denn nun, Professor?" "Weiter hinten. Das ist doch erst der Vorraum. Und nicht so laut, bitte!"Krausinger sprach mit unterdrückter Stimme, als habe er wirklich Angst,die Schlafenden zu wecken. Er betrat den großen Raum, in dem dieScheibe stand. Der Kegel seiner Taschenlampe erhellte ihn und traf aufdie silbrig glänzende Scheibe. Keter drängte nach. Ein "Oh" entfuhr sei-nem offenen Mund. Ein Ausdruck ehrfürchtigen Erstaunens, den Krausin-ger von Keter in all den Jahren noch nie gehört hatte. Dann erfüllte Stilleden Raum. Keter sah etwas vor sich, von dem er bisher zwar durch Krausingerschon viel hörte, an dessen wirklicher Existenz er aber bis zuletzt nochimmer Zweifel hatte. Und das war etwas, wovon er sich noch viel ver-sprach und von dem er "ganz oben" schon viel versprochen hatte. Sie gingen langsam weiter nach vorn, bis direkt vor die Scheibe. ImLicht der Taschenlampen erstrahlte sie. "Da ist ja überhaupt kein Staubdrauf", sagte Keter erstaunt. Krausinger fiel das auch erst jetzt auf. Tatsächlich, der General hatterecht. "Offensichtlich ist diese Legierung staubabweisend", meinte er.Dann drehte er sich um und ging in Richtung der Tür. "Kommen Sie,General, wir müssen weiter." Krausinger öffnete die gegenüber befindliche Tür und leuchtete in denRaum hinein. Keter tat das Gleiche. Aber der Raum war leer, total leer."Alles in Ordnung, General! Der ist noch so leer, wie damals." "Machen Sies doch nicht so spannend. Wenn Sie wissen, daß der leerist, weshalb leuchten Sie ihn dann überhaupt erst aus? Zeigen Sie mirdoch endlich Ihre Gefangenen!" "Leise, um Gottes Willen, leise! Hinter der übernächsten Tür liegen sie."Krausinger wollte eilig an der nächsten Tür vorübergehen. Er steuerte aufdie Tür zu, hinter der die Gefangenen ihren Dornröschenschlaf hielten.Keter folgte ihm. Die Tür davor schien ihm jetzt nicht interessant genug zusein. Er dachte an die Skelette, die dahinter lagen und war zufrieden, daßsein Trick geklappt hatte. Vorsichtig öffnete er die nächste Tür undleuchtete in Richtung der hinteren Wand. Dort lagen sie. Auch Keter richtete den Strahl seiner Lampe in diese Richtung. Er bliebwie erstarrt stehen. So etwas hatte er noch nie gesehen. An Krausingers 201
  • Schulter rüttelnd flüsterte er: "Sind sie das?" Stärker rüttelnd und Krausin-gers Versuch, sich dieser Hand auf seiner Schulter zu entziehen, mit derKraft seines Armes begegnend, zischte er ihm atemlos ins Ohr: "Sind siedas Professor?" "Pssst!" machte Krausinger empört, sich nicht bewußt darüber, wie schi-zophren sein Verhalten war, denn je eher die Zwerge munter wurden, umso eher könnte er doch seine Ziele erreichen. Er war einfach fixiert aufeinen Termin, der eben erst in 1995 liegen würde. "Ja, natürlich sind siedas!" Er trat vorsichtig an die Pritschen heran, auf denen zwei Wesen lagenwie sie Keter, der ihm gefolgt war, noch nie gesehen hatte. Allerdingshatte ihm Krausinger ja bereits vorher gesagt, was ihn erwarten würde.Dennoch war es etwas ganz anderes, wenn man es selbst sah, als wennman es nur erzählt bekam. "Leben sie? Leben sie?" fragte er mit unter-drückter Stimme. "Ich weiß es nicht, General. Das können wir jetzt nicht klären. Zuerstbrauchen wir elektrisches Licht und ... und vielleicht einen Arzt?" "Einen Arzt?" Keters Verwunderung war unüberhörbar: "Wollen Siewirklich, daß noch eine weitere Person mitbekommt, was Sie hier untenversteckt haben?" Das wollte Krausinger natürlich nicht. "Gut, sprechen wir oben darüber", sagte Keter, der mit einemmal dasungute Gefühl verspürte, daß die Gefangenen alles hörten. Sie verließenden Raum, begaben sich zurück zur Wendeltreppe und stiegen nachoben, wo Michael den Einstieg absicherte. Michael hatte erwartet, daß die beiden ihm erklären würden, was sie daunten gesehen hatten. Das aber geschah nicht. Krausinger verschloß den Zugang. "Folgen Sie uns, Michael", sagteKeter. Alle drei gingen in Keters Dienstzimmer. Dort angekommen legteKeter fest, daß Michael mit den Elektrikern am nächsten Tag die Elektro-anlage im Wendeltreppenbereich wieder instandzusetzen hatte. Dazu seies nicht nötig, daß sie bis hinunter gingen, weil die Kabel nur im oberenBereich, also höchstens bis auf Höhe der ersten Tiefetage beschädigtseien. Und außerdem dürfe niemand, auch er nicht, weiter hinunter gehen.Krausinger nickte bekräftigend. Und wieder schluckte Michael.202
  • Notiz aus den Aufzeichnungen des Seniors über ein seltsames Ereignis inWaldheideEin recht seltsames Erlebnis hatte ich, als ich mich am 15. März 1988gemeinsam mit den Genossen der Leitung der WVA in der AußenstelleWaldheide befand. Dort geschah am Abend etwas Unerklärliches. Wirsaßen im Dienstzimmer des Generals. Plötzlich war da ein seltsames Lichtzu sehen, das ein Loch in die Tapete brannte oder sogar zwei, wenn ichmich recht erinnere. Danach war es plötzlich weg. Und dann sahen wirdraußen über dem Objekt ein riesiges dunkles Dreieck in der Luft stehen.Es wurde Alarm ausgelöst. Aber es wurde noch seltsamer. Das Dreieckhat seine Form verändert. Es wurde zur Kugel. Oder vielmehr zu zweiKugeln. Die flogen ungeheuer schnell davon. Ich hätte gern einmal denAntrieb dieses unbekannten Flugobjektes analysiert. Aber leider war es javerschwunden.Quader hielt es damals gleich für ein Flugzeug des Klassenfeindes undwollte die Luftverteidigung alarmieren. Ich wußte nicht recht, was ichdavon halten sollte. Vielleicht hatten uns ja nur unsere Nerven einenStreich gespielt? Massenpsychose oder so etwas? Der Adjutant desGenerals hielt es jedenfalls für ein UFO. Der hatte wohl früher in derZentrale in Berlin an Informationen über so etwas gearbeitet. Und er-staunlicherweise wurde er in dieser Auffassung von unserem Chef unter-stützt. Und seltsamerweise schienen der General, wie auch Dr. Letticherirgendwie sofort zu wissen, daß dieser Besuch so etwas wie eine War-nung war. Je länger ich nun, nachdem ich die Akte gefunden habe, dar-über nachdenke, um so mehr wird mir klar, daß dieses ungewöhnlicheEreignis etwas zu tun gehabt haben muß mit dem, was ich als Geheimnisvon Waldheide bezeichnen möchte. Am 15. März 1987 war die Außenstelle Waldheide in Anwesenheit einesStellvertreters des Ministers feierlich eröffnet worden. Wie in der obenangeführten Notiz des Seniors festgestellt, war die Warenthiner WVA-Führung ein Jahr später zum ersten Jahrestag der Eröffnung angereist.Am Nachmittag hatte eine Feierstunde mit den etwa sechzig Angehörigender Außenstelle stattgefunden. Keter war voll des berechtigten Lobesgewesen für die "Waldheider", denn das erste Forschungsjahr hatte reicheFrüchte getragen. Nach dem gemeinsamen Abendessen saßen dieleitenden Offiziere sowie Krausinger und Michael im Dienstzimmer desGenerals in lockerer Runde. Noch an diesem Abend wollten alle, die vondort gekommen waren, zurück nach Warenthin fahren. 203
  • Michael hatte die Rolle der Ordonnanz übernommen und schenktegerade eine neue Runde guten Kognaks ein, da sahen es alle praktischgleichzeitig. Es war ein ungeheuer heller, gleißender Lichtschein, der amFenster vorübergezogen war. Das Gespräch erstarb im selben Moment.Keiner sagte etwas. Alle starrten zum Fenster. "Was war denn das?" rief Keter einen Moment später verwundert, ja fasterschrocken, wie Michael registrierte. "Vielleicht Autoscheinwerrferr?" meinte Quader, nach einer natürlichenErklärung suchend, aber mit durchaus unsicherer Stimme. "Der hätte nicht in diese Ecke scheinen können. Der Winkel ist zuungünstig", sagte Schmidt, der die Gegebenheiten am Ort bestens kannte.In diesem Moment war das Licht erneut zu sehen. Jetzt war es neblig dif-fus und pulsierte. Michael hatte beim ersten Auftauchen des Lichtes gedacht, daß es viel-leicht der bewegliche Scheinwerfer der Wache gewesen sein könnte. Aberdas verwarf er sogleich wieder, denn es schien ihm undenkbar, daß dieWache es sich wagen würde, das Dienstzimmer des Generals auszu-leuchten. Das war noch undenkbarer, da bekannt war, daß General Keteranwesend und dessen Dienstzimmer nicht etwa leer war. Das einzige,was dafür spräche, wäre, daß die Wache im Schwenk, aus Versehen, dasFenster gestreift hätte. Aber ein solches seltsames Licht besaßen dieScheinwerfer einfach nicht. Als das Licht in veränderter Form zurückkehrte, saß Michael wie erstarrtin seinem Sessel. Was da vor sich ging war unbegreiflich und er hatteplötzlich ein ganz seltsames, beklemmendes Gefühl. "Dieses Licht ist aber äußerst merkwürdig - so unwirklich", sagte OberstKnappschulte in die Stille hinein. Er sprach damit aus, was alle dachten. Plötzlich focussierte das Licht zu einem hellen, scharfen Punkt, der sichverbreiterte und ohne sichtbaren Rauch ein im Durchmesser etwa zehnZentimeter großes Loch in die Tapete oberhalb von Krausinger Kopfbrannte. Daraufhin nebelte der Lichtstrahl sich wieder ein, um gleich dar-auf erneut scharf zu werden, zu focussieren und ein zweites Loch vongleicher Größe neben das andere in die Tapete zu brennen. Danach zog er sich blitzschnell aus dem Zimmer zurück. Mit ihm ver-schwand der seltsame Lichtschein überhaupt. Alles war im Grunde inSekundenschnelle vor sich gegangen. Keiner der Anwesenden hatte sichbewegt oder bewegen können, als der Lichtstrahl in das Zimmer gedrun-gen war und das unheimliche Geschehen ablief. Keiner hatte überhauptzu atmen gewagt. Krausinger war bleich wie ein weißes Bettlaken. Jetzt aber waren alle wie aus einem Bann entlassen. Quader und TheoKaiser sprangen auf und rannten zum Fenster. Krausinger hielt das für204
  • äußerst unvorsichtig. Laser, das war doch Laser, dachte er. Da war eineWaffe im Einsatz gewesen. Und sie hatte vor allem ihn bedroht. Vorsichtwar geboten. Äußerste Vorsicht! Michael war ebenfalls aufgesprungen. Er griff gerade nach dem Tele-fonhörer, um die Wache anzurufen, da klingelte es bereits. Er konnte sichnicht einmal mehr melden, der Anrufer sprach offensichtlich sofort auf ihnein. Keter, Dr. Schmidt und Krausinger blickten gespannt zu ihm hin. "Was?" rief Michael in den Hörer. "Beobachten Sie weiter!" Er legte auf."Es war die Wache ..." Er wurde unterbrochen. Quader und Kaiser machten sich bemerkbar:"Nun seht Euch das an!" rief Oberst Kaiser. "Das ibles Spielchen von Klas-sengegnerr!" schrie der Kommissar. Keter war nun auch zum Fenstergegangen und schaute über den Schultern seiner beiden Stellvertreterhindurch. Er sagte kein Wort. Michael lief hinterher und versuchte, eben-falls etwas zu sehen. Keter fragte, ohne sich umzudrehen mit gepreßter Stimme: "Was sagtedie Wache?" "Genau das", antwortete Michael. In Berlin hatte er immer nur diegeheimen Berichte über so etwas gelesen. Jetzt sah er es zum ersten malpersönlich. Ein riesiges schwarzes Dreieck, mit drei Lichtern an derUnterfläche. Das Ganze in einer Höhe von etwa 100 Metern über demGelände und vielleicht eine Fläche von 600 Quadratmetern abdeckend.Das war ja unvorstellbar. Und es war bedrohlich, was da zu sehen war. "Alarmstufe 3", wies Keter an. Michael lief zum Telefon und gab den Befehl an die Wache weiter. DieAlarmsirene ertönte. Die Wachen wurden verstärkt. Alle Mitarbeiter liefenzur Waffenkammer. Nun war auch Krausinger vorsichtig zum Fenstergekommen. Was er da sah, erschreckte ihn noch mehr, denn ihm war jabereits klar, wem diese Präsenz galt. Plötzlich sah es so aus, als ob sich das Dreieck in zwei Hälften zerteilenwürde. Und es war auch so. Aber mit einem mal leuchteten die beidenHälften grell auf, schienen Kugelform anzunehmen, die sich auseinanderbewegten, also in verschiedene Richtungen langsam abdrifteten. Dochgleich darauf begannen die beiden Kugeln rot zu glühen und mit enormerGeschwindigkeit, aber ohne hörbares Geräusch, in Richtung Westen zuverschwinden. Sie wurden in Sekundenschnelle klein wie Punkte undwaren gleich darauf nicht mehr zu sehen. "Seht! Rrichtung West die hauen ab!" rief der Kommissar, dieerschreckende und unerklärliche Formveränderung des Objektes völligignorierend. "Ich ja habe gesagt - Klassenfeind! Frritz, laß Luftabwehrrgrreifen ein!" rief er Keter zu. 205
  • Krausinger und Keter, der ebenfalls ahnte, was da geschehen war,sahen sich wortlos an. "Ach Quatsch, Hermann, hast du nicht gesehen, wie schnell die wegwaren? Da brauchen unsere Jäger gar nicht erst aufzusteigen!" Nach-denklich fügte Kaiser hinzu: "Den Antrieb möchte ich analysieren." "Da hat er recht. Lassen wir die Genossen der Luftabwehr in Ruhe. Eshat jetzt keinen Sinn mehr, sie hochzujagen", meinte Keter an Quadergewandt. "Das war doch kein Flugzeug. Das war doch ein UFO, bzw. es warensogar zwei", sagte Michael. Krausinger und Keter sahen sich bedeutsaman. "Wie kommen nurr auf so was, Genosse Hauptmann?" sagte Quaderkopfschüttelnd. Auch Kaiser und Schmidt sahen Michael verständnislosan. "Ich habe in Berlin genügend Berichte und Dokumente über solcherartFlugobjekte auswerten müssen. Mit eigenen Augen hatte ich zwar bishernoch keines gesehen, aber alles deutet darauf hin, das dies eben eineswar. - Ja, ich glaube, daß das was wir gerade erlebt haben, eine Begeg-nung mit einem unidentifizierten Flugobjekt der Kategorie CE2 oder MA2nach Dr. Vallee war." Michael brachte sein Fachwissen aus der BerlinerTätigkeit ein. "Ach hörren auf mit solch Quatsch!" rief Quader empört. "Dr. Vallee, wersoll denn das sein?" fragte auch Knappschulte verwundert. "Dr. Jaques Vallee ist ein amerikanischer Astronom", antwortete Michael. "Amerrikanerr, dacht ich doch mirr, natirrlich!" ließ sich Quader abfällighören. "Was denn, beschäftigt sich unser Ministerium wirklich mit soetwas?" fragte nun auch Dr. Kaiser verwundert. jetzt mischte sich Keter ein: "Ja, Genossen. Die Erforschung unerklärli-cher Luftraumphänomene und unbekannter und unidentifizierbarer Flug-objekte ist eine nicht zu unterschätzende Aufgabe. Es gibt eigens dafür inder Zentralen Auswertung und soviel ich weiß auch im Sektor Wissen-schaft und Technik Referate, die in keiner Struktur erwähnt werden. UndGenosse Rummel hat in einem dieser Referate gearbeitet, bevor er zu unskam. - Ich darf Euch eines sagen, Genossen. Unsere sowjetischen Waf-fenbrüder wissen seit Jahren, was heißt seit Jahren, seit Jahrzehnten, daßdiese UFOs reale Phänomene sind. Natürlich fiel das bisher unter absolu-te Geheimhaltung. Bei uns ja auch. Aber hier haben wir vor wenigenMinuten selbst ein solches Objekt gesehen. Oder Hermann, hast du dasetwa wirklich für einen Starfighter der NATO gehalten?" "Also ich jetzt wirrklich nicht wissen ... Diese Ding ... rrecht seltsam ...das sich warr. So schnell warren weg wiederr! - Oderr Amis können schonso tief lassen fliegen ihrre Rraumgleiterr?"206
  • "Nein, das funktioniert nicht. Dafür sind sie nicht konstruiert, glaube ich.Und die sind ja auch nicht so groß. Und außerdem können die sich nichtteilen und in Kugeln verwandeln. Und das habt Ihr ja auch alle gesehen,oder?" Dr. Schmidt, dessen Spezialgebiet und Steckenpferd Flugzeugewaren, gab sein Urteil ab, das nun auch Quader überzeugte. "Ja, meint Ihr etwa, daß es sich bei diesen UFOs um Weltraumschiffehandelt, die nicht von dieser Erde sind?" "Ja, Genosse Oberst", antwortete Michael an den Fragesteller Dr.Kaiser gewandt: "... das ist eben der Punkt. Alles deutet darauf hin, daßwir hier auf der Erde von extraterrestrischen Intelligenzen besucht undbeobachtet werden. - Aber ein Raumschiff in dem Sinne war das wohlnicht, was wir da gesehen haben. Das war sicher kein Mutterschiff. Daswar ganz sicher nur ein Raumgleiter für den erdnahen Bereich." "Ja, und welche Konsequenzen könnte so etwas für uns haben", fragteKnappschulte, der sich während der ganzen Zeit recht ruhig verhaltenhatte, unsicher. Keter wandte sich ihm zu, faßte aber auch die anderen ins Auge: "ImGrunde genommen keine. Sie haben uns, das heißt die Menschheit, seitewigen Zeiten beobachtet, wie die sowjetischen Genossen auch in Aus-wertung internationaler Quellen meinen, aber sie haben niemals ernstlichin unsere Entwicklung eingegriffen, jedenfalls nicht in jüngerer Zeit. Siewerden es auch jetzt kaum tun. Und sie sind ja auch wieder weg, das habtIhr ja alle gesehen. Die haben sich einfach nur einmal gezeigt. - Ichschätze, man hat, wenn überhaupt, nur einmal im Leben die Gelegenheit,so etwas zu sehen." "Also ich finde, das sah nicht so aus, wie einfach nur mal zeigen wollen,erwiderte Knappschulte. "Die haben doch geschossen. Das war doch einaggressiver Akt. Seht Euch doch mal die Tapete an." "Da err hat sich rrecht. Und ich mich frage, weshalb die haben ...? Daswarr nicht Zufall, nitschewo!" Quader unterstützte Knappschulte, energischden Kopf schüttelnd. "Bitte beruhigen Sie sich, Genosse Knappschulte. Überlegen Sie dochmal: Wenn die wirklich gewollt hätten, dann wäre es ihnen sicher einLeichtes gewesen, mehr zu tun, als nur zwei Löcher in die Tapete zubrennen", sagte Keter. Und an Quader gewandt meinte er: "Ich denke, daswar nur eine kleine Demonstration dafür, was die alles können. Sie wollendie Menschheit anscheinend sukzessive und punktuell darüber infor-mieren, daß es sie gibt, und wozu sie in der Lage sind. Ja, dazu gehörtdas wohl. Aggressiv war das sicher nicht. Wenn die uns töten oderverletzen wollten, dann hätten die das durchaus tun können. Haben sieaber nicht. Oder ist jemand verletzt?" Keter schaute sich demonstrativ um."Und 207
  • großen Schaden haben sie ja nicht angerichtet." Mit einem Blick aufKrausinger fügte er hinzu: "Und außerdem war das mit Sicherheit Zufall,daß sie gerade hier ihr Spielchen getrieben haben. - Also, betrachtet das,was Ihr gerade erlebt habt, als eine sicher sehr interessante ErgänzungEuerer bisherigen Lebenserfahrungen." In die für einen Augenblick entstandene Stille hinein fragte Michael denGeneral: "Was ist mit dem Alarmzustand? Soll er bestehen bleiben?" "Lassen Sie ihn aufheben. Verstärkte Luftbeobachtung durch dieWache!" An alle Anwesenden gewandt sagte er: "Ich denke, wir solltenjetzt aufbrechen. Es ist spät geworden." "Gut, fahren wir", sagte Kaiser. Alle erhoben sich, erleichtert darüber,daß sie sich von diesem unheimlichen Ort entfernen konnten und verab-schiedeten sich von Krausinger und Dr. Schmidt, die ja in Waldheidebleiben würden. "Lassen Sie den Wagen vorfahren, Michael", sagte Keter. "Ich kommegleich nach." Alle verließen den Raum, bis auf Krausinger, dem Keter einZeichen gegeben hatte. Als sie allein waren, fragte Keter: "Das war dochwohl eine Warnung, Professor?" "Ja. - Ja, sie sind da und sie haben uns gewarnt. - Oder... oder habensie etwa die Zwerge weggeholt? ich muß sofort hinunter! Ich muß nach-schauen!" rief Krausinger aufgeregt. Er hatte sich die ganze Zeit überbeherrscht, als die anderen dabei gewesen waren. Jetzt aber äußerte sichseine ganze aufgestaute Erregung. "Ich komme mit." Vor dem Haus stand bereits Keters Fahrer mit dem Wagen. Der Wagenmit Knappschulte, Quader und Kaiser passierte gerade die Wache undentfernte sich. Michael und Dr. Schmidt standen vor der Tür und beob-achteten den Himmel. "Ich habe noch etwas mit dem Professor zu besprechen", sagte Keterim Vorübergehen zu Schmidt und Michael. "Es dauert vielleicht noch etwaeine halbe Stunde." Dann ging er mit Krausinger hinüber zum GebäudeNr. 3. Als sie sein Dienstzimmer betreten hatten, zog Krausinger die Fen-stervorhänge zu und verschloß die Tür von innen. Dann begab er sich zudem großen Schrank, der hinter seinem Schreibtischsessel die gesamteWand zum Lastenaufzug einnahm. Er öffnete eine der Türen, drehte dieFächer samt Akten heraus, trat hinein und öffnete dann die Tapetentür,die sich in der dahinter befindlichen Wand befand. Keter folgte ihm. Sie standen nun beide in einem engen, höchstens einen Meter breitenKorridor hinter der doppelten Wand. Krausinger bückte sich und entsi-cherte den verdeckten Verschlußmechanismus der runden Stahlplatte, diein den Boden eingelassen worden war. Keter hatte den Schrank von208
  • innen wieder geschlossen, ebenfalls die Tapetentür. Nun stiegen sie,Krausinger vorneweg, die enge Wendeltreppe hinunter. Krausinger hattedas Licht eingeschaltet. Sie bewegten sich, so schnell es ging, abwärts. Unten angekommen öffnete Krausinger vorsichtig den Zugang. Erschaltete das Licht ein. Im Vorraum konnte er nichts Auffälliges ent-decken. Er trat ein. Keter drängte nach. Links befand sich der Lastenauf-zug. Vor ihnen sahen sie die stählerne breite Hauptschleuse, eine sichereTresortür, die den Vorraum von der übrigen Etage trennte. Krausingerberührte eine Stelle an der Wand zum Lastenaufzug und langsam beganndie Schleuse sich zu öffnen. Als die Öffnung breit genug war, huschte er schnell durch den Spalt undlief zur großen Halle. Erleichtert stellte er fest, daß die Scheibe nochimmer dort stand, wo sie all die Jahre gestanden hatte. Keter, der ihmgefolgt war, nahm ebenfalls erleichtert zur Kenntnis, daß ihnen die Schei-be nicht entführt worden war. Nun schnell zu den Gefangenen. Diesmal war Keter eher da, weil erKrausinger nicht an sich vorbei ließ. Er griff nach der Klinke der Tür hinterwelcher die Gefangenen schliefen. Hoffentlich noch schliefen und nichtbereits weg waren, auf Nimmerwiedersehen. Keter wollte die Türaufreißen und Krausinger zuvorkommen. Er hatte nicht bedacht, daßKrausinger den Schlüssel bei sich trug. Als der aufgeschlossen hatte,schob er ihn beiseite und stand als erster in der geöffneten Tür.Krausinger versuchte an ihm vorbeizukommen. Aber Keter blieb wie ein Fels in der Brandung im Türrahmen stehen undgenoß den Anblick der Gefangenen, die nach wie vor auf ihren Pritschenlagen. Er sah Krausinger erleichtert an. Der nickte und sagte: "Alles inOrdnung. Gott sei Dank." Beide sahen sich noch einmal prüfend um. Dannverließen sie den Raum. Krausinger verschloß leise die Tür. Als sich die schwere Stahlschleusewieder geschlossen hatte, gingen sie die Wendeltreppe hinauf. "Wir werden sie also noch einige Jahre als Gäste bei uns haben", sagteKeter in die nur durch ihre Schritte unterbrochene Stille hinein. "Dem Himmel sei Dank, daß dem so ist", antwortete Krausinger, dernoch vor zehn Minuten alle seine Träume und Hoffnungen hatte schwin-den sehen. Oben angekommen verschloß er die Stahlplatte, die Tape-tentür und den Schrank. Die entsprechenden Schlüssel trug er, in einemBrustbeutel um den Hals, immer bei sich. Vor der Tür verabschiedeten sie sich. Keter stieg mit Michael in denDienstwagen. Er gab dem Fahrer ein Zeichen und der Volvo setzte sich inBewegung. Der Posten am Tor salutierte und schloß den Schlagbaum,nachdem der Wagen ihn passiert hatte und über den Zufahrtsweg inRichtung Landstraße rollte. 209
  • Krausinger hatte sich von Dr. Schmidt verabschiedet, sich in seine Pri-vaträume begeben und saß nun im Wohnzimmer in einem Sessel. Erhatte die Gardine vom Fenster weggezogen. Im Dunkeln sitzend, schauteer hinaus zum Sternenhimmel und dachte nach über das Geschehene.Sie haben sich also gezeigt. Nach so vielen Jahren haben sie sichgezeigt. Und sie haben mit ihrem Laserstrahl oder was auch immer dasgewesen war, deutlich gemacht, daß sie genau wissen, was hier unter derErde versteckt ist. Sie wollten ihre Leute wiederhaben, unversehrt. Aberihre ganze Aktion hat auch gezeigt, daß sie die Gefangenen nicht soeinfach mitnehmen konnten. Oder nicht wollten? Noch nicht wollten?Vielleicht können sie diese nur befreien, wenn sie munter sind, wenn sieselbst etwas zu ihrer Befreiung beitragen können? Ja, das wird es sein. -Sicher ist es so. Die Zwerge müssen selbst munter sein, damit eine Fluchtklappt. Das bedeutet also, daß sie noch einige Jahre hier im Keller bleibenwerden. - Ich muß unbedingt Gelegenheit haben, mit ihnen zu reden,wenn sie munter sind. Sie können nicht einfach abgeholt werden, ohnedaß ich das Wesentliche geklärt habe. Er grübelte weiter, während er angestrengt den Himmel beobachtete.Oder soll ich vielleicht direkten Kontakt mit ihren Befreiern aufnehmen?Jetzt schon? Das würde vielleicht viel Zeitgewinn bringen. - Ja, ich müßtesie kontaktieren. Aber wie? Was kann ich mit meinen bescheidenen Mit-teln unternehmen? Wann werden sie sich überhaupt wieder zeigen? -Wenn man 1944 als Ausgangspunkt nimmt, als wir die Zwerge gefundenhaben, und wenn deren Freunde wirklich erst jetzt, 1988, zum ersten malwieder in dieser Gegend waren, dann kann man nur von einer gegen Nullgehenden Wahrscheinlichkeit sprechen, daß die vor 1995 noch einmalzurückkommen. Aber vielleicht ist es ja jetzt anders, wo sie dochmitbekommen haben, wo ihr "Dornröschen" schläft? Er schalt sich. Das istdoch unlogisch! Woher sollen die jetzt erst erfahren haben, wo dieGefangenen sich befinden? Durch Zufall? Wahrscheinlich wissen die dasseit 1944! Ich muß einfach versuchen, Kontakt zu bekommen. Dazu mußich die Augen offenhalten. Schon rückte er den Sessel näher an das Fen-ster. Er beobachtete den Nachthimmel, bis er einschlief. Auch an den folgenden Abenden schaute er umsonst zu den Sternen.Der Wachmannschaft war ebenfalls eingeschärft worden, jedes verdäch-tige Flugobjekt, jede verdächtige Erscheinung am Himmel zu melden. Unddie Wache war nun einmal Tag und Nacht präsent. Aber auch sie konntenichts feststellen. Nach einigen Wochen dämpfte sich Krausingers Beobachtungseifer. Erlegte die Angelegenheit zu den Akten. So schnell war wohl doch nichtwieder mit den Besuchern zu rechnen, glaubte er.210
  • Waldheide, 1989. Es war der 01. Mai 1989. Und es schien, wenn manvon den Äußerlichkeiten der Festveranstaltung ausging, alles so zu sein,wie in jedem Jahr am "Kampftag der Internationalen Arbeiterklasse". ImVersammlungsraum der Außenstelle waren alle versammelt, die nichtverhindert waren. Der Parteisekretär hatte wie zu einem Staatsaktschmücken lassen. Aber es kriselte draußen im Lande. Und je mehr eskriselte, um so lauter wurden überall die Schönwetterparolen und um soaufwendiger wurde auf Äußerlichkeiten Wert gelegt, gerade so, als könneman das Bröseln dessen, was Sozialismus genannt wurde, mit roten Fah-nentüchern verdecken. Der General stand hinter dem Rednerpult und hielt die Festrede.Danach würden wieder Mitarbeiter befördert werden oder Orden an dieBrust geheftet bekommen und dann würde mit Sicherheit das bis zumnächsten Morgen dauernde Besäufnis folgen, dachte Krausinger. Er ver-suchte, sich auf Keters Rede zu konzentrieren, aber die Konzentration ließschnell nach, weil ihn die Beweihräucherung der DDR-Politik nichtinteressierte. Er war mit seinen eigenen Gedanken beschäftigt. Er meinte,daß es doch eigentlich nur eines gebe, das zähle, Macht und Einfluß überMenschen - egal, welche ideologische Tünche, welche verbale Ver-packung darum herum sei. Und Macht und Einfluß können immer nurwenige Auserwählte haben, niemals die Masse. Dummes Gerede also von"Volkes Macht". Ich zum Beispiel, Krausinger redete in Gedanken mit sichselbst, habe weder eine ökonomische, noch eine politische Basis fürMacht. Ich versuche nicht, die Massen durch ideologische oder religiöseHeilsverkündigungen hinter mich zu bringen. Ich trete auch nicht alspopulistischer Volkstribun auf, der dem Volke, dem "tumben Narren" nachdem Maule redet, um Gefolgsleute zu gewinnen. Ich brauche die Massennicht. Wie sagte der Philosoph? "Der Starke ist am Mächtigsten allein."Wie wahr. Nun gut, nicht ganz allein. Ich benötige einige Gehilfen. Abermehr nicht. Ich brauche die Massen nicht hinter mir. Sie werden unter mirsein, wenn ich oben stehe. So wie das bei allen rot, braun oder schwarzbemäntelten Führern bisher immer war. Ich aber werde im Unterschied zudiesen Führern dem Volke nichts weismachen müssen. Meine Macht wirdaus sich selbst heraus, kraft der Fakten wirken. Sie werden sieakzeptieren müssen, ob sie es wollen oder nicht. Denn sie wird allgewaltigsein. Gottähnlich! Krausinger berauschte sich an seinen wahnsinnigen, ihm jedoch nurvernünftig und logisch erscheinenden Gedanken. Er würde seine Machtnicht für jemanden anderen ausüben. Nicht für eine Religion, nicht für einesoziale Bewegung, nicht für ein Vaterland, nicht für einen wie auch immergenannten Führer. Er hatte seine eigenen Ziele. 211
  • Er war auch kein fanatischer Altnazi. Für ihn galt nicht mehr der Korps-geist "Unsere Ehre heißt Treue." Schon lange nicht mehr. Nie hatte ernach dem Kriege Verbindung zu den Hilfsorganisationen der SS, wie derODESSA, der SPINNE oder der HIAG gesucht, wie andere alte Kamera-den. Nie war es ihm in den Sinn gekommen, daß er sich auf Kamerad-schaftsabenden in der Erinnerung an Vergangenes berauschen könnte. Er fühlte sich zur Herrenrasse gehörig. Aber er glaubte nicht, daß alleehemaligen Kameraden dazu gehören würden, denn er verstand darunteretwas anderes, als er früher einmal gelernt hatte. Er konnte einfach demGedanken nichts abgewinnen, ein ganzes Volk von Durchschnittsmen-schen, also von Mittelmaß und darunter, wie er die Masse einschätzte, alsHerrenrasse zu bezeichnen. Sie hatten, wie er meinte, einfach nichts, wasdarauf hindeutete. Das Blut allein konnte es nicht sein. Im Blut saß nichtdas Edle. Blut war nun einmal nur Nährstoff- und Sauerstofftransporteur.Nein, Herrenrasse, das war für ihn jetzt jene menschliche Elite, die zurMacht geboren war, Macht anzog und Macht ausübte. Diese Menschenhatten natürliches Charisma und überdurchschnittliche Intelligenz. Dage-gen sah er die Masse der durchschnittlich intelligenten, unselbständigenund manipulierbaren Durchschnittsmenschen mit Sklavenseele, die nur anihr alltägliches Wohl dachten, als allein zum Dienen geboren an. Für ihnspielte es auch keine Rolle, welcher Konfession, sozialen Herkunft,politischen Anschauung, Nation oder Rasse die angehörten, die er alsherrenrassig betrachtete. Es gab sie überall auf der Welt. Für ihn versteck-te sich unter dem "roten Umhang" des Generals ein solcher Macht-mensch, ihm zwar keineswegs ebenbürtig, aber eben herrenrassig. Krausinger wurde aus seinen paranoiden Phantasien gerissen. Er hörteseinen Namen. Keter war mit seiner Rede an der Stelle angelangt, an derer Krausinger einen neuen Motivationsschub geben wollte. Er hatte gera-de geäußert: "Nur ein starker - auch militärisch starker - Sozialismus, istein guter Sozialismus. Wir tragen mit unseren waffentechnischen For-schungs- und Entwicklungsresultaten unseren Teil dazu bei. Einen beson-deren Beitrag zu den Erfolgen des Institutes hat aber fraglos unser verehr-ter Dr. Letticher geleistet." Krausinger wehrte kaum merklich ab. "Doch doch, Professor, seien Sie nicht so bescheiden. Ihrem forscheri-schen Wirken, Ihrer Tag- und Nachteinsatzbereitschaft und Ihrem Kollek-tivgeist verdanken wir sehr viel. Ich habe Sie dem Ministerrat für dieerneute Auszeichnung mit dem Vaterländischen Verdienstorden in Goldvorgeschlagen. Mein Vorschlag, natürlich unterstützt durch den GenossenMinister, wurde angenommen. Leider waren Sie gestern, zum Zeitpunktder Ordensverleihungen in Berlin, unpäßlich. Deshalb werden Sie diesenOrden nachgereicht bekommen."212
  • Ach, lüg doch nicht so unverfroren, General. Die ganze Show wird dochhier nur für die Nichteingeweihten abgezogen. Ich habe angeblich schonfünf solcher Orden bekommen, auf die ich so viel Wert lege, wie auf einemongolische Ziegenlederzieharmonika. Und die Auszeichnungen hastimmer du, General, hier oder in Warenthin, im "stillen Kämmerlein"vorgenommen, unter Ausschluß der Öffentlichkeit und ohne daß ich dieseOrden wirklich angeheftet bekam. Die bekommt man nur in Berlinverliehen und es wäre den Mitarbeitern schon sehr merkwürdig vorge-kommen, wenn das anders wäre. Die Orden seien für mich sicher aufbe-wahrt im Tresor, wurde mir immer gesagt. Jedenfalls wird es auch diesmalso sein. Ich darf ja das Objekt nicht verlassen - "zu meinem Schutz". Ichheiße nicht Dr. Letticher und ob der Minister weiß, daß es mich gibt, dasbezweifle ich auch. Am 25. Juni 1989 fand in der Außenstelle Waldheide in Vorbereitungdes 40. Jahrestages der DDR eine Versammlung des "Parteiaktivs" statt,zu der Keter mit seinem Stellvertreter für politische Arbeit, dem"Kommissar" Quader erschienen war. Nach der Veranstaltung weihte Keter Quader in das Geheimnis vonWaldheide ein. Er hatte lange mit sich gerungen. Am Abend zuvor hatte ersich dann aber doch dazu entschieden. Er mußte sich absichern. Er warzwar der Leiter der WVA, aber im Grunde ging nichts ohne den Par-teisekretär - nirgendwo in der DDR. Er hatte schon einige Zeit zuvorKrausinger davon überzeugt, daß das notwendig sei. Krausinger hattenach anfänglicher totaler Ablehnung resignierend - er hatte die schlech-teren Karten - zugestimmt. Allerdings hatte er dem General das Zuge-ständnis abgerungen, Quader nur die Scheibe zu zeigen, nicht aber dieGefangenen. Als Quader die Scheibe zu Gesicht bekam, kam er aus dem Staunennicht mehr heraus. Krausinger, der mit nach unten gekommen war,erklärte Quader, er sei dabei, das Geheimnis des Antriebs zu lösen. "Siewird wieder fliegen", sagte er im Brustton der Überzeugung. "Mit entsprechender Bewaffnung wäre das die überlegenste taktische,wenn nicht gar strategische Waffe, die es je gab", meinte Keter. Quader sah sich die Scheibe von innen und außen an, lief um sieherum, hörte Keters und Krausingers Worte und wurde euphorisch: "StelltEuch einmal vorr Genossen", er streifte Krausingers Blick und korrigiertesich "... stellen Sie sich doch nurr vorr: Wirr können diese Scheibe in Ser-rie herrstellen. Damit Warrschauer Verrtrrag diese NATO-Pakt wirrd sichsein meilenweit iberrlegen!" 213
  • Quaders Begeisterung ließ nicht nach. Er verließ, gemeinsam mit Keter,Waldheide, in dem Glauben, daß etwas ganz Großes in diesem Bereichder WVA geschehe, an dem er als Parteisekretär kraft Amtes maßgebli-chen Anteil haben werde. Keter hatte nicht vergessen, ihn zu verpflichten, mit niemandem überdie Scheibe zu sprechen, da nur der Minister selbst eingeweiht sei. Dasversprach Quader bei seinem, wie er sagte "Ehrenwort als Kommunist".214
  • Kapitel IV Warenthin, August 1989. Im August 1989 jagte in der WVA eine Ver-sammlung die andere. Hektik herrschte. Keter mußte oft nach Berlin. Erkam deshalb nicht mehr dazu, die Außenstelle zu besuchen. In dem Maße, wie sich der 40. Jahrestag der DDR näherte und dieUnzufriedenheit in der Bevölkerung wuchs, in dem Maße erhöhten sich dieAnstrengungen der "Firma", um den wachsenden Widerstand und dieFluchtbewegungen einzugrenzen und zu ersticken und Erosionserschei-nungen am eigenen Apparat zu verhindern. Die Montagsdemonstrationen in Leipzig zeigten bereits die Ohnmachtdes Ministeriums. Als der Generalsekretär am 18. Oktober 1989 gestürztwurde, hatte Keter ein Gefühl, als werde ihm der Boden unter den Füßenweggezogen. Als sich dann am 13. November sein Minister vor der Volkskammer mitden Worten "Ich liebe Euch doch alle - ich liebe doch alle Menschen"lächerlich machte, war ihm dieser Auftritt in höchstem Maße peinlich, denner ließ ja indirekt alle Stasigenerale, und damit auch ihn, als Blöd-männererscheinen. Am gleichen Tag stellte der neue Ministerpräsident seine Regierungs-mannschaft vor. Der Regierung gehörte kein Minister für Staatssicherheitmehr an. Aber es gab ein Amt für Nationale Sicherheit. Diese Umbenen-nung des MfS hielt Keter für einen geschickten Schachzug, um die"Firma" vor dem Volkszorn zu schützen. Er war allerdings schockiert, als der Generalstaatsanwalt am 05.Dezember ein Ermittlungsverfahren gegen den ehemaligen Minister ein-leitete. Den Minister verhaften und möglicherweise verurteilen? - Wo solltedas denn hinführen? Wer würden die Nächsten und Übernächsten sein? Er wurde mit den ständig neu eingehenden Informationen immer unru-higer. Die Ereignisse überschlugen sich. Sogenannte "Bürgerkomitees"besetzten die Bezirksverwaltungen und die Zentrale in Berlin. In diesenTagen wurde ihm der Alkohol zum genehmen Betäubungsmittel. Er kipptedamals mehr Wodka in sich hinein, als selbst er vertragen konnte. Viele seiner Offiziere soffen ebenso. Einige so exzessiv, bis sie unterden Tisch rutschten. Die Gelage erinnerten an ein bekanntes Gemälde,das die Tafelrunden im Führerbunker in den letzten Tagen des DrittenReiches darstellte. Michael beteiligte sich nicht daran. Er lernte Keter, den er immer alsstark, charismatisch, alles und jede Situation beherrschend, erfahren 215
  • hatte, nun zweifelnd, desolat, fast gebrochen, betrunken und resignierendkennen. Schließlich raffte sich der General aber doch wieder auf. Irgendwiewurde ihm in einem klaren Moment bewußt, daß er ja schließlich dieVerantwortung für viele Menschen hatte. Auf seine verzweifelten Anrufe inBerlin reagierte allerdings niemand mehr. Er solle sich selbst kümmern,das war der letzte Hinweis gewesen, den er erhalten hatte. So glaubte erbereits, daß man seine Institution völlig vergessen habe. Es wurde weiter-gearbeitet, als sei die WVA eine Welt für sich, die das alles, was sich dadraußen veränderte, im Grunde genommen nicht betraf. Auf die Losungen"Stasi in die Produktion" reagierten sie, indem sie meinten, in der WVAseien sie ja schon immer in der Produktion gewesen. Doch dann erhielt Keter am 15. Mai 1990 ein Schreiben aus Berlin. Eskam von einem der von der Regierung bestellten Auflöser. Man hatte siealso doch nicht vergessen. Irgendwie hatten die gemerkt, daß sich daoben, ganz im Norden noch einige hundert Mann befanden, für die fastalles noch so weiterlief, wie zu alten Zeiten. Das Schreiben war an den Leiter der Einrichtung Warenthin, HerrnKeter, adressiert. Auch angeredet wurde Keter in dem Brief ganz ohneDienstgrad. Er war empört. Aber dann meinte er, daß der Absender jaeigentlich recht habe. Das Ministerium gab es nicht mehr. So konnte auchkeiner mehr einer von dessen Generalen sein. Aber immerhin war er derletzte aktive General des MfS, er, Generalleutnant Fritz Keter. Das trösteteihn etwas. In dem Schreiben wurde er davon in Kenntnis gesetzt, daß die WVA mitWirkung zum 15. Juni 1990 aufzulösen sei. Der Leiter der Dienststelletrage die Verantwortung dafür, daß diese Abwicklung unproblematischund ohne Widerstand gegen das Unvermeidliche vor sich gehe. Keter schäumte vor Wut, als er den Inhalt zur Kenntnis genommenhatte. Er fluchte. Noch einmal kam sein ganzer Haß auf dieses Volk, denPöbel, wie er es nannte, der den Sozialismus nicht verdient habe, hoch. Am folgenden Tag sprach er mit niemandem über das Schreiben. Ersann Tag und Nacht darüber nach, wie es nun weitergehen sollte. Esschien ihm undenkbar, die WVA einfach zu schließen. Am zweiten Tagaber hatte er sich dazu durchgerungen, der Weisung zu folgen. Er hattestets gewußt, wann er die schlechteren Karten besaß. Da am nächstenTag ohnehin die routinemäßige Leitungssitzung stattfinden würde, wollteer diese Gelegenheit nutzen, als wichtigsten und unter diesen Bedingun-gen nun auch einzigen Tagesordnungspunkt die angeordnete Auflösungder Einrichtung zu behandeln.216
  • Er durchwachte unfreiwillig beinahe die gesamte folgende Nacht. Seitder "Wende", die für ihn ein konterrevolutionärer Umsturz war, konnte erohnehin nicht mehr richtig schlafen. Nun aber war eine neue Eskalation inder Krise erreicht worden. Wohin sollte das alles nur noch führen? Völligübernächtigt erwachte er am folgenden Morgen. Um 09.00 Uhr betrat er den Beratungsraum. An den großen Dienstbe-sprechungen nahmen nicht nur seine Stellvertreter teil, sondern alle lei-tenden Offiziere bis zur Ebene der Abteilungsleiter und Gleichgestellten.Er teilte den Versammelten mit, daß allein ein Schreiben aus Berlin unddie sich daraus ergebenden Konsequenzen Gegenstand der Dienstbe-sprechung sein würden. Alle sahen ihn an. Einige erwartungsvoll und auf Gutes hoffend. Aberdas waren nur wenige. Andere blickten gespannt und erregt. Wiederandere skeptisch, zweifelnd: Was sollte das schon sein, die Lage war sowie so beschissen. Nachdem Keter das Schreiben verlesen hatte, herrschte einen Augen-blick lang Ruhe. Die Gemütsbewegungen reichten, wie an den Gesichternabzulesen war, von Empörung und Wut bis zu Enttäuschung undHoffnungslosigkeit. "Scheiße, jetzt auch noch arbeitslos!" rief einer undbeendete die Stille. "Das können die doch nicht mit uns machen! Einfach auf die Straße set-zen ... ?" meinte ein anderer. Es wurde lamentiert und geklagt. "Schießen hätten wir sollen!" schrie plötzlich einer voller Haß. Dannwurde erster Widerstand gegen die Weisung laut. Major Pieter, der Küchenchef, meinte: "Abwickeln? Müssen wir dasdenn wirklich? Können die uns denn überhaupt noch etwas befehlen?" Dr. Schließpak, ein Abteilungsleiter aus der Forschung, rief selbstbe-wußt: "Was wir hier leisten, das ist doch etwas, das in vielen Ländern derErde für Militär und Nachrichtendienste interessant wäre. Sollten wir esnicht anbieten? Kommerziell, meine ich." Knappschulte, Keters Stellvertreter für Verwaltung, warf ein: "Keinschlechter Gedanke!" Ein anderer meinte: "Aber wenn, dann natürlich in erster Linie der Bun-desrepublik. Das sind wir unserem Vaterland schuldig!" Einige nicktenzustimmend: "Richtig! Sehr richtig!" Hört, hört die neuen Töne, und noch dazu von wem sie kommen, regi-strierte Keter. "Das glaubt Ihr doch wohl selbst nicht, daß die im Westen daran inter-essiert sein könnten! Was wir hier entwickeln, das haben die doch schonvorgestern wieder ausrangiert", meinte der Leiter der EDV, OberstleutnantDeckert, voller Ironie. 217
  • "Also dann vielleicht doch nur an Schwellen- oder Entwicklungsländerverkaufen? Für die ist das allemal gut!" rief ein anderer. Keter, der bisher nur ruhig beobachtet hatte, was da abging, dröhntenun in das Wortgetümmel hinein: "Wir werden uns an den Befehl halten,Genossen!" "Wer hat uns denn noch was zu befehlen?" rief einer. Andere unter-stützten ihn lautstark: "Richtig!" "Genau!" "Stimmt!" "Was ist denn hier los?" dröhnte Keters tiefe Stimme erneut. Es wurdeetwas ruhiger. Knappschulte, Keters Stellvertreter, der an dem langen Beratungstischneben ihm saß, meldete sich durch Erheben seiner rechten Hand zu Wortund drehte sich zu Keter: "Im Grunde genommen, kann man doch nie-mandem, der hier diese Fragen stellt, etwas übelnehmen. Wir müssenjetzt selber sehen, was wir tun können, um nicht unterzugehen. Denn jetztgeht es wirklich um das blanke Überleben, Genosse Keter!" "An unsere gemeinsame Sache, an unsere Ideale denkt wohl keinermehr?" versuchte Perle, der völlig irritierte stellvertretende PDS-Partei-sekretär, vorsichtig einzubringen. Aber damit lag er nun völlig verkehrt.Der Kommissar, die ihn hätte unterstützen können, war nicht anwesend,er betrat erst später den Raum und griff auch dann erstaunlicherweise undvon Keter unangenehm registriert nicht in die Diskussion ein. Und diemeisten Anwesenden hatten jetzt etwas anderes im Sinn. Major Grünling, Leiter der sicherstellenden Bereiche, ließ sich nun zumersten Mal vernehmen und brachte zum Ausdruck, was viele bewegte:"Was heißt denn hier Ideale und was heißt unsere Sache? Sache hin,Sache her. Ich habe Familie. Ich erwarte jetzt eine Lösung, die unseresozialen Bedürfnisse berücksichtigt, jetzt sind wir nämlich alle Bürger, wiejeder andere draußen im Land. Und wir sind in der Regel auch nicht mehrdie Jüngsten. Ob wir noch eine andere Arbeit finden, das ist doch noch diegroße Frage!" Ein anderer Offizier, angetrunken, wie zu merken war, fixierte den hilf-losen Perle und fuhr ihn, mit dem Zeigefinger in der Luft herumfuchtelnd,an: "Und die Partei, hmm, dihihie Partei hat uns nichts... nichts mehr zusagen. Die kann uns... kann uns ja doch nicht helfen." "Was soll denn das heißen? Wo sind wir denn hier? Vergeßt nicht, daßwir Offiziere des Ministeriums ..." Major Peters, der Abwehrchef wurdeunterbrochen. "Komm hör auf! Sieh dich doch mal um! Du lebst wohl nochvorgestern? Offiziere waren wir mal. Das ist lange her, fast schon eineEwigkeit, habe ich das Gefühl. Ein Ministerium gibt es nicht mehr. Und dieSED, der ich drei Jahrzehnte meines Lebens als Mitglied geopfert habeund an die ich geglaubt hatte, die hat versagt. Gründlich versagt!"218
  • Zwei, drei der Anwesenden versuchten den Redner davon abzubringen,auf die Partei zu schimpfen. Was sie auch erreichten. Dafür redete derAngetrunkene weiter: "Ja, ja die Partei, die immer... immer Recht hat! Wo,wo, ja wo ist die ... die denn? Die kann ... kann uns nicht mehr helfen.Nicht dieses... dieses klägliche Häuflein, das sich ... das sich jetzt äh P...PD ... PDS nennt! Jetzt ... jetzt heißt es doch wohl: Hilf dir... hilf dir selbst,dann ... dann wird dir geholfen!" "Genooossen!" rief Keter, der das Heft wieder in die Hand bekommenwollte, gedehnt und mit Nachdruck. "Was heißt hier Genossen? Sprechen Sie doch bitte etwas allgemeiner,Herr Keter", rief Dr. Schuhknecht, der nicht, wie die meisten in dieserRunde vom SED- zum PDS-Mitglied geworden war, und der als erster inder WVA niemanden mehr mit seinem Dienstgrad angesprochen hatte."Und überhaupt", setzte er hinzu, "Sie haben uns doch nichts mehr zusagen. Sie sind doch eine Altlast!" Keter schwoll die Zornesader, er wurde hochrot im Gesicht und dannwieder blaß. Er rang nach Luft. Das war ja Meuterei! Diese Bande war janicht mehr zu bändigen! "Genossen", rief der neue PDS-Parteisekretär Siele. Niemandkümmerte sich um ihn. "Geenoossen!" rief er deshalb gedehnt, um sichGehör zu verschaffen. "Wir sollten doch sachlich bleiben und GenossenKeter seine Ausführungen machen lassen. Immerhin ist er noch der Leiterder Einrichtung. Wir sind doch nicht die Matrosen von Kronstadt! Wir sinddoch kein Anarchistenhaufen! Wir haben Traditionen. Zu denen gehörtauch die preußische Disziplin! Bedenkt das bitte. Ich glaube, es führt keinWeg an der Abwicklung vorbei. Obwohl ..." Er wiederholte gegen die lautwerdenden Stimmen des Widerspruches:"... obwohl es natürlich auch mirlieber wäre, eine bessere Lösung zu finden." Wieder redeten alle durcheinander. Sieles Entlastungsangriff für Keterhatte nichts genützt. "Ich verlange einen Runden Tisch", rief Schuhknechtder Parteilose. "Ja, ein Runder Tisch, frei von Altlasten, sollte sich mitunserer Zukunft befassen", stimmte ihm jemand zu. Keter spürte Stiche im Herzbereich. "Runde Tische", die Vorstufen derAnarchie in seiner Einrichtung? Und "Altlasten", damit war ja wohl ergemeint - eine Unverschämtheit sowas! "Runder Tisch, Runder Tisch! Jetzt ist dieser Bazillus derStaatsfeindlichkeit auch schon bei uns angelangt. Das ist dochwidersinnig. Wir sind doch eine quasimilitärische Einrichtung. Hier gibt eskeinen Runden Tisch. Das werden wir nicht zulassen!" 219
  • Keter konnte nicht identifizieren, wessen Stimme das war. Er nahm einDröhnen in seinem Kopf wahr. Sein Herz schmerzte. Er fühlte sich ganzelend. Aber keiner beachtete ihn. "Dann nennen wir es eben Soldatenrat, wenn Ihr das Militärische so be-tont!" rief jemand. "Ja, auch ich halte eine demokratische Veränderung derFührungsstrukturen für unabdingbar", meinte eine andere Stimme. Keterwurde jetzt wieder etwas klarer im Kopf. Die wollen mich opfern, dachte erbitter. Na bitte, meinetwegen. Es ist ja sowieso Schluß mit der WVA. "Kollegen ...", begann Major Kretinak. "Kollegen? Das ist ja etwas ganz Neues", wurde er unterbrochen, "...jetzt sind wir also bei der Gewerkschaft gelandet?" "Ja, ich sage bewußt Kollegen, weil ich eine neutrale Anrede wählenmöchte. Unsere Dienstgrade können wir doch vergessen, egal wie dieSache ausgeht. Hier gibt es jetzt weder General noch Hauptmann. Wirsind nun alle gleich. Und Genosse ist in diesem Raum, wie Ihr wißt, auchnicht mehr jeder. Und auch von den Genossen legt mancher keinen Wertmehr auf diese Anrede." Es kam keinerlei Protest. "Was ich sagen wollte, Kollegen, ist folgendes: Wir sollten eine Kom-mission zur Abwicklung der WVA bilden. Diesen Auftrag bzw. Befehl, wieauch immer, müssen wir ausführen. Da beißt die Maus keinen Faden ab.Die Kommission ..." Er wurde erneut unterbrochen. "Unsinn, wir wickeln nicht ab", rief einer.Ein anderer warf in den Raum: "Es muß doch einen Ausweg geben?" Undein Dritter rief: "Also ich gehe gleich. Lange höre ich mir das nicht mehran!" "Die Kommission, Kollegen - laßt mich doch mal ausreden - sollte aberauch einen Weg suchen, der vermeidet, daß wir anschließend auf derStraße stehen. Und ich bin sicher, daß es da Auswege geben muß, ausdieser beschissenen Situation, in der wir uns im Moment befinden." Keter hatte sich zurückgelehnt und verfolgte, wie er überhört, übergan-gen und praktisch entmachtet wurde. Und das von den eigenen Genos-sen! Von den Genossen, die er zum Teil schon sehr lange kannte. Die ergefördert hatte. Die deshalb auch ihm persönlich, nicht nur der Partei, wieer im Stillen meinte, viel zu verdanken hatten. - Aber, was heißt, so ginges ihm durch den Sinn, verdanken? Wofür sollten sie ihm jetzt, wo dasalles nichts mehr wert war, noch dankbar sein? Er nahm wahr, daß nach langem Hin und Her eine "Abwicklungskom-mission" gebildet wurde. Ihr gehörten neben Major Kretinak, der ihre Bil-dung vorgeschlagen hatte, Oberst Knappschulte, Hauptmann Siele undDr. Kaiser an.220
  • Die Kommission verließ den Versammlungsraum und beriet sich ineinem Nebenraum. Als sie zurückkam, bat Knappschulte Keter, die Front-seite des Tisches freizumachen, was dieser notgedrungen tat. Stühle wur-den herangerückt und die neuen Herren der VVVA, so sah es Keter, nah-men vorn Platz. Er verfolgte ohnmächtig, genau wie die anderen Anwe-senden nur ein Zuschauer, von einem Platz an der Seite aus was Knapp-schulte im Namen der Kommission verlas. Knappschulte trug den "Beschluß Nr. 1 der Abwicklungskommission"vor. "Die Kommission zur Abwicklung der Waffentechnischen Versuchs-anstalt Warenthin hat soeben einstimmig beschlossen: 1. Generalleutnant Keter wird von seinen Pflichten als Leiter entbunden.Die Kommission dankt ihm für seine langjährige erfolgreiche Arbeit. 2. DieKommission übernimmt kommissarisch die Leitung der Einrichtung. 3. DieKommission wird auf einer Belegschaftsversammlung am 21.05.1990Maßnahmen zur Abwicklung bekanntgeben und Wege zur Erhaltung derArbeitsplätze vorschlagen." Stille herrschte. Dann wurden erste zustimmende Meinungen geäußert.Keter dagegen fühlte sich wie vor den Kopf geschlagen. "Meine Herren, die Kommission dankt Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.Informieren Sie Ihre Mitarbeiter über die bevorstehende Belegschaftsver-sammlung und setzen Sie Ihre übliche Arbeit fort, wie bisher. Wir alsKommission gehen in Klausur, um ein tragfähiges Konzept vorlegen zukönnen. Danke, meine Herren." Alle erhoben sich von ihren Plätzen. Nur Keter, der wie unter einemSchock stand, saß noch. In seinem Schädel drehte sich alles. Nach einerWeile wurde es besser. Er riß sich zusammen. Mühsam erhob auch ersich und verließ den Raum. Seine Offiziere mieden seinen Blick. Einige wandten ihm den Rückenzu, als sei er nicht da. Ein, zwei alte Genossen sahen ihn mit sorgenvollenBlicken an. "Ich halte das für eine Sauerei was sie mit dir gemacht haben",sagte einer. "Aber so ist das heute. Die alten verdienten Genossen läßtman fallen, wie heiße Kartoffeln." Keter antwortete nicht. Was sollte ihm das jetzt noch? Warum hatte sichkeiner stark gemacht für ihn? Jeder dachte doch jetzt nur an sein eigenesÜberleben. Selbst die alten Kampfgefährten schlugen sich heimlich auf dieSeite der Sieger vom Schlage Knappschultes. Zumindest verhielten siesich ruhig, um den neuen Herren nicht unangenehm aufzufallen. DerKönig ist tot - es lebe der König. Bald werden sie Knappschulte und Kon-sorten auf den Schultern tragen. Er wollte jetzt mit niemandem mehrsprechen. Schweren Schrittes und mit hängenden Schultern erreichte ersein Zimmer und ließ sich in seinen Sessel fallen. 221
  • Erst zirka zwanzig Minuten später begann er wieder klare Gedanken zufassen. Er war als Leiter abgesetzt worden. Diese Erkenntnis warschmerzlich. Immerhin war er 35 Jahre lang in dieser Einrichtung der Chefgewesen und er hatte seinen Abschied von dieser Position, der ohnehinbald auf der Tagesordnung gestanden hätte, anders erwartet - mehr imSinne eines feierlichen Aktes und mit der Versetzung in den Ruhestand inallen Ehren und vielleicht noch befördert zum Generaloberst a.D. So wärees angenehm gewesen. So wäre es auch gerecht gewesen, dachte er. General sagte auch keiner mehr. Er war jetzt einfach nur noch ein HerrKeter, wie ein x-beliebiger Herr Meier draußen in der Stadt. General zusein, war ein Lebensgefühl gewesen. Man war etwas Besonderes. Men-schen erfüllten Befehle widerspruchslos. Selbst solche, die einem geistigoder körperlich weit überlegen waren. - Und diese Uniform! Wie hatte ersie immer gern getragen. Sie hob einen heraus aus der grauen Masse. Erstrich zärtlich über das gute Tuch, betastete die schweren goldenen Rau-penschlepper der Schulterstücke und die zwei goldenen Sterne. Auch dierot und golden gehaltenen Arabesken an den Kragenspiegeln streichelteer mit den Fingerspitzen. Er wurde schwermütig. Nie wieder würde er diese Uniform tragen kön-nen. Er ging zurück zum Sessel und setzte sich wieder. Ja, es stimmteschon, was Gottfried Keller einst festgestellt hatte: Kleider machen Leute.- Sollte er nun immer in Zivil herumlaufen? Wie irgendein kleiner unbe-deutender Rentner im Lande? Wer würde ihn jetzt noch respektieren? Ja,was war er eigentlich noch wert? Er versuchte sich von seinen selbstbe-mitleidenden Gedanken zu befreien. Aber es gelang ihm nicht. Rausge-schmissen haben sie mich im Grunde genommen auch. Ich bin praktischarbeitslos. - Diesen Knappschulte, diesen Verbrecher, den hätte ich schonvor Jahren als Stellvertreter ablehnen sollen. Ich habe gleich, als er zu mirkam, mangelnde Sympathie verspürt. Aber ich habe den Kerl nicht zu fas-sen gekriegt. Der war immer aalglatt. Und seine Verwaltungsarbeit hat ernun einmal gut gemacht. Da kann man nichts sagen. Außerdem war derwohl mit Ernst Thälmann entfernt verwandt, hieß es mal. Da war nichtgegen anzukommen. Was will ich eigentlich hier noch? Ja, wieso gehe ich nicht wirklichgleich? - Nein, das wäre sicher dumm. So leicht will ich es denen nichtmachen. Ich muß bleiben und hören, was sie sich als Zukunftsperspektivefür die WVA ausgedacht haben. Habe ich so viele Jahre meines Lebens indie WVA investiert, dann kann ich auch noch bis morgen warten. Plötzlich kam ihm Waldheide in den Sinn. Sicher würde die Kommissionsich auch für die Außenstelle zuständig fühlen. Da gab es gar keineFrage. Aber es war zu erwarten, daß die Waldheide bald aufgeben wür-222
  • den, weil keiner von der Kommission von dessen wirklicher Bedeutungetwas wußte. Dann könnten er und der Professor in dem verlassenenObjekt bleiben und irgendwie ausharren bis zu dem Termin im Jahre1995. Dieser Termin, der ihnen helfen würde, die Uhren zurückzudrehen,würde alles verändern und ihn diese Niederlage hier verschmerzenlassen, tausendfach verschmerzen. Und alle die, die ihn jetzt verratenhatten, würden noch einmal zu ihm kommen als sei nichts gewesen undwürden ihn bitten, wieder seine Mitarbeiter werden zu dürfen. Ja, er mußteunbedingt nach Waldheide. Dort war jetzt seine Heimat. Es klopfte und im gleichen Moment trat Quader ein. Keter sah ihnwütend an. Er hatte von seinem Politstellvertreter Unterstützung erwartet,die ausgeblieben war. "Frritz, nimm nicht so schwerr. Warr sich abzusehen." "Daß es dich auch noch gibt! Ich habe von dir kein einziges Wort gehört,heute morgen, so ganz gegen deine Gewohnheit immer und überallReden zu schwingen! Schön ruhig sein und die eigene Haut retten. Wasist denn das für eine Haltung für einen Kommunisten?!" "Paß auf Frritz. Warr sich doch Taktik! Gemerrkt hast, wie brodelteHexenkiche. Als ehemaligerr Sekrretärr von SED und als Politstellverrtre-terr ich doch soforrt wärre gewesen auch in Schußlinie wie du!" Keter unterbrach ihn ärgerlich: "Ja, ja, der Keter kann ja draufgehen.Hauptsache ich, Quader, werde gerettet. Sicher. Gesunde Einstellungsowas!" "Siehst falsch das, Frritz. Mußt verstehn. Ich mirr nicht konnt leisten,auch werrden abgeschossen, wegen wichtiges Auftrrag, was habe!" Keter stutzte. "Von wem willst du denn einen Auftrag haben? Es ist dochalles zusammengebrochen!" "Frritz, du natirrlich rrecht hast. Alte Strrukturren brrechen sich weg.Warr sich abzusehen. Deshalb verantwortungsvolle Genossen begonnenhaben zu bauen neue Strrukturren berreits Ende von Dezembern AnRregierrung vorrbei! Grruppe von Offizierren aus zweite und dritte Fihr-rungsgarrniturr von Hauptabteilungen und Verrwaltungen, Codename DieObrristen, hat ibermommen die Spitze! Schätzen ein Lage so, daßwahrrscheinlich läuft sich hinaus alles auf einheitliches kapitalistischbeherrschtes Deutschland. Ob nun iberr Konföderration oderr ohne solchVorrstufe mit Charrakterr von Feigenblatt. Genossen in Berrlinfavorrisierren sich aus bestimmte Grrinde einheitliches Deutschlandgegeniberr von Konföderrationsgebilde. Dabei wirr sind, aus unserrewichtigste Institutionen und aus aufrechteste Genossen zukinftigesGesamtdeutschland durchziehendes Netz zu schaffen. Ziel soll sich sein:Untertauchen, leistungsfähige Strrukturren unterrhalten, legale, halble- 223
  • gale und illegale Möglichkeiten nutzen, um Gesellschaft zu durchsetzen.So werrden sein eines Tages wirr so weit, daß können Deutschlandiberrnehmen!" Keter sog gierig in sich ein, was er da exklusiv von Quader zu hörenbekam. Endlich einmal Kampfgeist, Mut, Widerstandswillen, wie er sie seitMonaten vermißt hatte. Das ist noch Tschekistengeist, dachte er, obwohler Quader noch nie hatte leiden können. So kann man sich in Menschentäuschen, dachte er angenehm berührt. Er war positiv überrascht. Quader redete weiter: "Frritz, zu diese wichtige Institutionen in Netzgehörrt sich dein U-Boot in Waldheide. Waldheide ist mächtigeTrrumpfkarrte, die wirr in entscheidende Moment werrden ziehen ausÄrrmel. Was habt in tiefste Keller, ist sich unserre wichtigste Flotille. Unddu Frritz bist Admirral, derr warrtet sich in U-Boot auf Einsatz." Keter richtete sich moralisch gestärkt in seinem Sessel auf, seine Brustschwoll vor Stolz und aufgrund des wiederhergestellten Selbstwertgefühls. "Frritz, und eines sollst wissen: Firr uns nicht gehörrst zum alten Eisen.Wirr dich brrauchen und zählen auf dich." Das ging Keter runter wie Öl. Das war ein Labsal für seine geschundeneSeele. Die Genossen haben mich doch nicht abgeschrieben. Sie brauchenmich. "Selbstverständlich Hermann. Ihr könnt immer auf mich zählen. Ichbin dabei." "Das wirr auch haben errwarrtet so. Werrde sein firr Euch zuständig.Dirrektorrium kennt natirrlich nicht alle Einzelheiten, weißt schon. Bin ichaber Inspekteurr firr Bewaffnung. Damit ist sich gewährrleistet ständigeKontakt zwischen uns." "Ich gratuliere dir zu deinem Amt", sagte Keter. Dann fiel ihm Waldheidewieder ein. "Sag mal, wie soll ich denn das alles machen, wenn die michhier entlassen werden und Waldheide unter Knappschultes Leitung steht?" "Da mach dirr nicht Sorgen. Waldheide abgeklemmt wirrd von GmbH,die wirrd sich gebildet aus WVA. Und du wirrst firr Dirrektorrium verr-walten Waldheide. Muß jetzt zu Kommission. Bleibst bis morrgen. Werrdinforrmierren dich." "Gut, ich bleibe", sagte Keter. Quader verabschiedete sich und ließ einen moralisch gestärkten,zuversichtlichen Keter zurück.224
  • Michael, der als der Persönliche Referent und Adjutant Keters stets anden Dienstbesprechungen der Leitung teilgenommen hatte, war diesmalnicht dabei gewesen, weil er als Operativer Diensthabender Vierund-zwanzigstundendienst gehabt hatte, eine Einrichtung, die man in der WVAvorsichtshalber beibehalten hatte. So erfuhr er erst aus zweiter Hand, wasgeschehen war. Er saß gerade beim General und erhielt die ihn erschreckenden Neuig-keiten bestätigt, als das Kommissionsmitglied Siele Keter im Auftrag derAbwicklungskommission für 14.00 Uhr in den Beratungsraum bat. Manhabe etwas mit ihm zu besprechen. Pünktlich betrat Keter den Beratungsraum, den die Kommission sich alsständiges Hauptquartier auserkoren zu haben schien. Außer den Mitglie-dern der neuen Leitung war auch Quader im Raum. Er saß an der Seiteund nickte Keter aufmunternd zu. Die Kommissionsmitglieder legten ihm einige Listen vor, die er unter-schreiben sollte. Es sei nicht nötig, daß er sich damit aufhalte, sie alle imDetail zu lesen. Es handele sich dabei um Entscheidungen, die getroffenworden wären, um die zukünftige GmbH leistungs- und konkurrenzfähigam Markt zu gestalten. So seien eine Personalstraffung und weitere Maß-nahmen notwendig. Keter sah sich die Listen an. Da war auch überall ein Datum. DasDatum lag zwei Tage zurück. Seltsam! Er sollte also der Buhmann sein,der die Leute feuerte? Nicht mit ihm. Und genau das sagte er auch. "Aber Genosse Keter", sagte Siele "... wie kommst du denn nur auf soetwas?" Theo Kaiser meinte: "Wir können das nicht einfach unterschrei-ben. Du bist nun einmal offiziell immer noch der Leiter der Einrichtung, biszum Termin der Auflösung, dem 30. Juni." "Seien Sie doch bitte so fair, Herr Keter...", sagte Knappschulte, "... underschweren Sie uns nicht unsere Arbeit. Wir haben doch das Vertrauender Genossen hier in Warenthin und auch in Berlin. Oder haben Sie auchnur einen gesehen, der darauf bestanden hätte, daß Sie die Einrichtungweiterhin leiten?" Das war ein Tiefschlag. Keter griff nach seinem Herzen. So eineGemeinheit! Mit dem Kopf auf Keters Hand am Herzen weisend, meinte Kretinak:"Immerhin, Herr Keter, gehören Sie ja mit Ihren bald achtzig Jahreneigentlich schon lange in den Ruhestand. Freuen Sie sich doch darauf,daß Ihnen diese große Verantwortung von den Schultern genommenwurde." Das war ein weiterer Hieb gewesen. Keter schluckte. 225
  • Jetzt sprang ihm Quader bei: "Genossen! Frritz bei weitem nicht so aus-sieht, wie Achtzigjährriger. Das wißt selbst. Und ist sich auch gesundheit-lich in Orrdnung. Aber so wie rredet mit ihm, da selbst mirr wirrde Herrztun weh, und ich doch viel jingerr als err!" Dann wandte er sich an Keter:"Frritz, denk drran, was hab dirr gesagt. Tu uns Gefallen, hierr ab-schließen deine Arrbeit. Hilfst unserre Sach." Alle nickten bekräftigend. Keter überlegte. Alte Genossen in Rente schicken und junge in dieArbeitslosigkeit? Alles Genossen, mit denen er jahrelang zusammengear-beitet hatte? Nein, den Preis wollte er nicht zahlen. "Ich werde nicht fürEuch die Genossen auf die Straße werfen. Das könnt Ihr von mir nichtverlangen!" Er pokerte hoch, aber er hoffte, daß die Entscheidung desDirektoriums bezüglich Waldheide und der Rolle, die er, Keter, spielensollte, schon ihre Wirkung auf diese subalternen Warenthiner Vasallenausgeübt haben würde. Die ließen jedoch nicht locker, was die Unterschriften betraf. Sie wolltensauber bleiben und sich nicht den Zorn der Entlassenen zuziehen. Alsoversuchten sie Keters Widerstand zu überwinden. "Genosse Keter", sagteSiele, "... glaube uns doch bitte. Wenn wir die Einrichtung ab Juli unter denneuen Bedingungen für unsere gemeinsame Sache erhalten wollen,müssen wir wettbewerbsfähig sein, uns weitgehend selbst tragen. Wirerhalten dann keine Gelder mehr aus dem Staatshaushalt. Dann sindauch unsere Reserven aufgebraucht, von denen wir im Moment nochzehren. Wir können dann nicht mehrere hundert Mann durchbringen." "Herr Keter", mischte sich nun wieder Kretinak ein: "... für die notwen-digerweise Ausscheidenden ist gesorgt. Sie werden eine Abfindung ausdem Staatssäckel erhalten. Die Rentner werden eine gute Altersversor-gung bekommen, dafür hat die Volkskammer bereits die gesetzlichenGrundlagen geschaffen. Und alle werden in Ehren entlassen. Sie erhaltenein unverfängliches Zeugnis von unserer angeblichen NVA-Dienststelle.Damit können sie sich überall bewerben, ohne daß auffällt, woher siewirklich kommen." "Kannst berruhigt unterrschrreiben. Niemand wirrd sich leiden", sagteQuader. Keters Widerstand brach. Seine moralischen Bedenken waren weitge-hend ertränkt worden. Und sein Ziel, in wenigen Jahren in Waldheidezusammen mit dem Professor den Termin wahrzunehmen, erhielt die Pri-orität. Er unterschrieb. Knappschulte dankte ihm im Namen der Geschäftsführer und übergabihm ein Abberufungsschreiben, unterschrieben von genau dem Mann, vondem er die Weisung zur Auflösung erhalten hatte. Es war datiert wie226
  • das Schreiben über die Auflösung der WVA und berief ihn zum 30. Juniab. Keter starrte auf das Papier. Wie waren die in den Besitz diesesSchreibens gekommen? Er war nahe daran, die Macht wieder an sich zureißen, die er ja offiziell noch besaß. Aber dann ließ er es. So wie es nunlief, war es vielleicht doch besser. Knappschulte forderte ihn auf, in den folgenden vierundzwanzig Stun-den alle Dokumente zu übergeben, sein Dienstzimmer zu räumen und dasObjekt zu verlassen. Keter war es recht. Er wollte nicht mehr warten biszur Belegschaftsversammlung. Er konnte seinen Leuten nun ohnehin nichtmehr in die Augen sehen. Quader begleitete ihn in sein Zimmer. "Frritz,wirrst fahrren morrgen nach Waldheide. Wirrd offiziell sich sein nurrJagdpacht mit kleine Verrwaltung. Unterrsteht dirrekt Dirrektorrium. Werrdsein Kontaktperrson firr Euch. Darrfst haben dorrt höchstens zehn Mannfirr Entwicklung von Scheibe und Wache und alles iberrhaupt." "So wenig Leute? Und wie sollen wir dann forschen? Was meinst dudenn, was der Professor sagen wird?" "Prrofessorr? Ist sich nicht Chef. Hat zu machen, was Auftrrag. Denkich, err sich ist so genial? Kann err sich doch auch ohne viele Helferr forr-schen." "Außerdem brauche ich Michael Rummel in Waldheide." "Rrummel ist sich nicht mehrr Adjutant. Außerrdem warr sich iberrhauptnicht politisch rreif nie." "Ich weiß, daß mir kein Adjutant mehr zusteht. Aber als einen der Mit-arbeiter, vielleicht für Wache und so, könnte ich ihn gebrauchen. Und duschätzt ihn politisch völlig falsch ein. Du kennst ihn halt nicht so gut, wieich." "Warr sich Rrummel in Parrteilehrrjahrr öfterr seltsam unklug. - Na, mußtselbst wissen. Gewisse Entscheidungen iberr Perrsonal stehen zu dirrauch selbst. Ich mich nicht noch kimmerr darrum." Keter brauchte Michael. Der hatte immer gut gearbeitet, er konnte sichauf ihn stets verlassen und er hatte sich an ihn gewöhnt. Er mußte einenPosten für ihn finden. Es würde keine Verwaltung in Waldheide geben,Schreibkram aber mit Sicherheit. Eine Wache würde benötigt, denn dieWachmannschaft würde verabschiedet werden müssen. Und er hatte kei-nen Fahrer mehr. Hier boten sich mehrere Tätigkeitsanteile, die Michaelwahrnehmen könnte. Am nächsten Tag erhielt Keter einen alten Lada, der, wie er meinte,schon lange hätte aus dem Fuhrpark ausrangiert werden müssen. Da seinFahrer zu den bereits entlassenen Zeitsoldaten gehörte, saß nun Michael 227
  • am Steuer des Wagens, als sie die WVA verließen. Während der Fahrtdachte Keter darüber nach, was in den letzten Tagen alles geschehenwar. Es war für ihn deprimierend gewesen, seine Entmachtung zuerleben. Zuletzt hatte er noch Dr. Kaiser, einem der neuenGeschäftsführer der Gmbh i.G. sein Dienstzimmer übergeben müssen. Als sich der Wagen dem Objekt Waldheide näherte, beschlich ihn einseltsames Gefühl. Bisher war er immer als König auf ein Vorwerk seinesReiches gefahren, wenn er hierher kam. Nun fuhr er als der Vogt einesneuen Königs in die ihm verbliebene Vogtei. Er war jetzt nur noch einVasall. Aber eigentlich hätte alles noch viel schlimmer kommen können,dachte er. Immerhin war der alte König nicht unter der Guillotine gelandet. Der Wagen bog von der Chaussee ab und in den Waldweg ein. "Nur fürForstfahrzeuge" stand auf einem Schild. Nach wenigen Minuten Fahrt,sahen sie den Schlagbaum vor sich. Der Schlagbaum blieb geschlossen,ganz im Gegensatz zu sonst, wenn Keter im Volvo eintraf. Der Posten, nicht mehr in der NVA-Uniform, sondern in einem buntge-fleckten Tarnanzug, ohne Rangabzeichen und ohne Kopfbedeckung, tratauf den Wagen zu. Als er Michael am Steuer des schäbigen Lada erkann-te und Keter in Zivil hinten sitzend, schaute er verdutzt und seine Handzuckte automatisch zum Gruß an die nicht vorhandene Uniformmütze.Dann öffnete er den Schlagbaum. Michael fuhr bis vor das Stabsgebäude und ließ Keter aussteigen. Derbegab sich in sein Dienstzimmer. Es war schon ziemlich spät gewordenund er hatte auch noch nicht die Kraft, irgend etwas zu bewegen oder mitirgend jemandem zu sprechen. Das mußte Zeit haben, bis zum nächstenTag. Als er am nächsten Morgen in den Frühstücksraum der Leitung kam,saßen der Professor und Dr. Schmidt, der bisherige Leiter der Außenstel-le, bereits am Tisch. Keiner von beiden sprach. Schmidt war von denEreignissen der Wende sehr betroffen. Er war seit Monaten still und in sichgekehrt und meinte einmal zu Krausinger: "Ich wollte doch nur das Beste..." Er hatte Keter bereits Ende 1989 um Ablösung als Leiter derAußenstelle gebeten. Krausinger dagegen sprach ohnehin meist nicht viel. So traf Keter die beiden an. Er äußerte noch nichts zu der neuen Lage,sondern ließ sich sein Frühstück servieren. "Genosse General, ich habe gehört, Sie seien in einem Lada gekommen- und ohne Fahrer?" Schmidt sprach leise und sah Keter fragend an. Nunblickte auch Krausinger überrascht hoch: "Was? "Hatten Sie einenUnfall?"228
  • Keter schüttelte den Kopf. "Nein, nein, kein Unfall. Ich muß Ihnen bei-den etwas sagen. Es hat bestimmte Veränderungen ..." "Was für Veränderungen?" Krausinger ahnte nichts Gutes. Auch Dr.Schmidt starrte Keter und Michael, der sich ebenfalls an den Tisch gesetzthatte, fragend an. "Ich werde Ihnen morgen - nein, heute nachmittag, Genaueres sagen.Lassen Sie mir noch etwas Zeit." Stille herrschte am Tisch. Schmidt und Krausinger schmeckte es offen-sichtlich nicht mehr. Irgend etwas Bedrohliches lag in der Luft. Das spür-ten beide. Keter sah keinen an und frühstückte weiter. Bald darauf erhober sich, nickte allen zu und sagte: "Ich werde Sie rufen lassen." Dannbegab er sich zurück in sein Dienstzimmer. Auch Michael erhob sich und verließ den Raum. "Was wird es denn sein?" fragte Schmidt, als Keter und Michael sichentfernt hatten. "Vielleicht müssen wir hier raus? Vielleicht gibt es dieWVA nicht mehr?" "Um Gottes Willen, Dr. Schmidt, malen Sie doch nur nicht den Teufel andie Wand!" Krausinger war ziemlich verunsichert. Mehr noch Schmidt. Sieerhoben sich und jeder begab sich dorthin, wo er nach dem Frühstückauch so hätte hingehen müssen, aber sie waren, jeder auf seine Weise inGedanken versunken und bedrückt. Keter ließ sich die Personal listen bringen und begann eine Aufstellungderjenigen Personen anzufertigen, die man in Waldheide entbehrenkonnte und die auch relativ unproblematisch verabschiedet werdenkonnten. Er beauftragte Michael, die Papiere für die zu Entlassenden vor-zubereiten. Dann begab er sich zu Krausinger und informierte ihn. "AlsoProfessor, die Lage ist die ... die WVA existiert nicht mehr." "Was? Das hat doch Schmidt schon ge ... Das kann doch nicht sein. Wirkönnen ..., wir können doch jetzt hier nicht weg!" rief Krausinger völligentgeistert. "... und General bin ich auch nicht mehr. - Und die Leitung haben jetztandere inne." Krausinger stutzte, blickte Keter an und fragte: "Wieso andere die Lei-tung? Sie sagten doch gerade, die WVA gibt es nicht mehr?" "Das stimmt auch Professor. Die WVA unter meiner Leitung hat aufge-hört zu existieren. Sie nennt sich jetzt SHT und wird eine GmbH.Geschäftsführer sind Knappschulte, Kaiser und ein paar andere. UndQuader spielt da auch eine Rolle." "Und Sie?" 229
  • "Ich habe es Quader zu verdanken, daß ich unsere ehemalige Aus-senstelle leiten darf. Wie gut, daß wir ihn damals eingeweiht haben, dennnur deshalb können wir hier bleiben und weitermachen. - Damit, Profes-sor, bleibt hier beinahe alles so, wie es war. Sie bleiben mein wichtigsterMitarbeiter, nach wie vor und es ändert sich für Sie persönlich nichts." Krausinger atmete erleichtert auf. "Wissen diese Geschäftsführer, waswir hier im Keller haben?" "Keine Sorge Professor. Das weiß nur Quader. Und der wird es denen nicht auf die Nase binden. Der arbeitet doch auf einer strategischen Ebene." Keter erläuterte Krausinger die neue Situation. Er sagte auch, daß dieZeiten, als das Geld aus dem Staatshaushalt geflossen sei, wie esgebraucht wurde, vorbei seien. Die neue Firma müsse wirtschaftlicharbeiten. Man müsse deshalb auch in Waldheide wesentlich kleinereBrötchen backen, als bisher. Das werde jedenfalls so bleiben, solange diepolitischen Verhältnisse die eigenen Kräfte zum Abtauchen zwängen."Wenn wir eines Tages alles wieder im Griff haben, dann kann es wiederganz anders aussehen", meinte er. "Darf ich fragen, was Sie damit meinen, General?" fragte Krausingerverwundert. "Glauben Sie denn wirklich, daß Ihr realer Sozialismus wie-der aufblühen wird?" Keter, der mit Wohlgefallen die Anrede General gehört hatte, antworte-te: "Professor, ich möchte jetzt keine politische Grundsatzrede halten. Ichweiß, wie verhaßt Ihnen diese sind. - Doch doch, ... doch ich habe dasimmer gemerkt. Ich kann Ihnen aber etwas anvertrauen, was ich fürdenkbar halte. Wenn diese konterrevolutionäre Regierung in Berlin unsereRepublik kampflos an die BRD übergibt, ja verschenkt, dann haben wirvielleicht sogar bessere Chancen, ein sozialistisches Gesamtdeutschlandzu bekommen, als jemals in den letzten fünfzig Jahren. Wir werden dasSystem unterwandern. Wir werden mit Sicherheit im Bundestag sitzen. Wirwerden zahlreiche nützliche Idioten der bürgerlichen Seite für unsarbeiten lassen. Wir werden zehntausend Bundesbürger, die wir zum Teilbereits vor Jahrzehnten angeworben und als Schläfer gehalten haben, fürunsere Sache aktivieren. Und schließlich werden die Krisen des westli-chen Systems über kurz oder lang in unsere Hände spielen. Dann über-nehmen wir unblutig, soweit es geht, die Bundesrepublik. Der Sieg dieserbürgerlichen Kräfte wird ein Pyrrhussieg sein. Im Grunde genommenholen sie sich doch nur ein Trojanisches Pferd hinein, wenn sie die DDRübernehmen sollten." "Na, ob das alles wirklich so kommt?" bezweifelte Krausinger KetersWorte. Er hatte ja seine eigenen Ziele und ihm war es völlig egal, ob in230
  • Bonn eine konservative, eine Grün-Rote, eine breite Volksfrontregierungoder eine rein kommunistische Regierung saß. "Versprechen kann ich das allerdings nicht", sagte Keter, die eigeneEuphorie etwas dämpfend, "... aber ich hoffe es und vieles spricht dafür,zumal ich davon überzeugt bin, daß die gesetzmäßige Entwicklung derGesellschaft zwar Rückschläge erleiden kann, aber auf Dauer gesehensich in einer Höherentwicklung vollziehen wird. - Der Kapitalismus hat nuneinmal abgewirtschaftet. Sein Fall ist gesetzmäßig." Im Juli ließ Keter die Restbelegschaft von Waldheide in den Beratungs-raum kommen. Es waren nun nur noch die anwesend, die bleiben solltenund auch wollten. Er sah sich um. Dieser Saal war immer voll gewesen, wenn er seineLeute zusammenrufen ließ. Jetzt saßen da lediglich noch der Professor,Dr. Schmidt, Hauptmann Michael Rummel, sein Adjutant, HauptmannPeiges, der ehemalige Parteisekretär der Außenstelle, OberleutnantFunke, ehemaliger Wachzugführer, Hauptmann Reddler, der einstigeSicherheitsbeauftragte und Abwehrmann, Oberleutnant Schulz, einDiplomingenieur, der als Techniker zur Forschungsgruppe gehörte, derPhysiker Dr. Thomas Schadeberg, der zweite Physiker in der Gruppe,Hauptmann Kapons und der Mathematiker Peter Rosenzweig. Also nichteinmal mehr ein Dutzend, stellte er wehmütig fest. Keter lobte die Anwesenden dafür, daß sie sich dafür entschieden hat-ten, weiter in Waldheide zu bleiben und eventuelle Konsequenzen auf sichzu nehmen. Dann sagte er: "Genossen, wir haben eine völlig neue, für unsungewohnte Situation. Wir sind nicht mehr Herren im eigenen Land. Wirmüssen vorübergehend in die Illegalität. Das heißt, wir müssenabtauchen, bis sich die Verhältnisse zu unseren Gunsten geändert haben.Wir können uns also nicht in der Öffentlichkeit zeigen, wenn wir unserProjekt nicht gefährden wollen." Alle sahen ihn gespannt, aber gefaßt an. "Deshalb lege ich fest: Erstens. Es verläßt keiner mehr das Objekt. Aus-nahmen genehmige ich. Zweitens. Wir müssen dafür sorgen, daß Frem-den der Eindruck vermittelt wird, als werde das Objekt nicht mehr genutzt.Drittens. Wir reden uns, wenn wir hier oben sind, nur noch mit denVornamen an. Ich heiße Fritz. Professor, ich hoffe, daß auch Sie dasakzeptieren. Es dient unserer Sicherheit. Wenn ein Fremder das Objekt betreten würde und hier die WorteGenosse, Hauptmann, General oder Professor hören würde, dann wären 231
  • wir doch verraten! - Diese besonderen Vorsichtsmaßnahmen sind unab-dingbar. - Aber das ist ja alles nicht völlig neu für Euch hier in Waldheide." Keter wies darauf hin, daß die Sicherheit des Objektes nun nicht mehrdurch eine Wacheinheit und durch motorisierte Streifen, welche dasgesamte Objekt einschließlich des ehemaligen Schießplatzes regelmäßigumfahren hatten, abgesichert sei. Die Wache müßten sie nun selbst stel-len. Hauptverantwortlich für die Bewachung des Objektes sei DieterReddler, der auch die beiden scharfen Rottweiler und die Hunde an denLaufseilen versorgen werde. Die Anwesenden nickten. Was sie gehört hatten, war für sie nicht über-raschend. Sie hatten damit gerechnet und sich darauf eingestellt. Ende September 1990 kam Quader erneut nach Waldheide. Er berich-tete, daß in der GmbH der Übergangsprozeß gelungen sei. Man verkaufebestimmte Prototypen an verschiedene Abnehmer in aller Welt und könnemit den erzielten Gewinnen die "Kriegskasse" des Direktoriums füllen. Wieweit denn nun die Ansätze zum Nachbau der Scheibe seien, wollte erwissen. Das erinnerte Krausinger auf unangenehme Weise an den Druck,den einstmals sein Vorgesetzter Gruppenführer Holt ebenfalls der Scheibewegen erzeugt hatte. Quader erschien in der Folge dieses Besuches immer wieder in unre-gelmäßigen Abständen in Waldheide, um den direkten Kontakt zu halten. Eines Tages klingelte das Telefon im Wachraum der vierten Tiefetage,den Keter und Krausinger gemeinsam bewohnten. "Ja bitte? - Ach du,Hermann?" Keter hörte sich wortlos an, was ihm Quader mitteilte.Schließlich sagte er: "Danke für die Information. Wieviel Vorsprung habenwir? Gut, wir bereiten alles vor." Krausinger starrte Keter fragend an. "Hermann hat einen Wink aus dem Landeskriminalamt bekommen.Morgen soll eine Überprüfung unseres Objektes erfolgen. Es lag eineAnzeige vor." "Eine Anzeige? Wer war das?" "Was wissen die von uns?" "Kann dasgefährlich werden?" Drei Männer bestürmten Keter gleichzeitig mit Fra-gen, da auch Michael und Reddler das Zimmer betreten und Keters Wortegehört hatten. "Von wem die Anzeige stammt, hat Hermann noch nicht erfahren. Aberdie Information bekommt er auch noch von seiner Quelle zugespielt. Ent-weder es war einer unserer ehemaligen Mitarbeiter oder sie stammt hieraus dem Ort. Vielleicht vermuten die Leute einfach irgend etwas hier232
  • draußen. In jedem Falle dürfte die ganze Wahrheit aber nicht bekanntsein. Wie auch immer und wer auch immer dahinter stecken mag, wirmüssen sofort Vorbereitungen für den Polizeibesuch treffen. Professor, wirbleiben mit den anderen hier. Michael und Dieter, Sie schließen dieSchleuse zur vierten Tiefetage. Danach verwischen Sie oben alle Spuren,die den Zugang verraten könnten. Morgen beobachtet Michael aus siche-rer Entfernung das Objekt und den Objektrand. Dieter wird sich denBesuchern zeigen und als Vertreter des Jagdpächters ausgeben. Dieter,Sie führen die, wohin sie wollen. Unsere Legende ist ja bekannt: PrivateJagdpacht Hermann Quader aus Berlin. Wenn alles wieder ruhig undsicher ist, holen Sie uns unten wieder raus." Michael und Reddler begannen im Gebäude auffällige Spuren zu besei-tigen, die auf die Anwesenheit von mehr als einem Mann hinwiesen. Am folgenden Vormittag - alle außer Michael und Reddler blieben wievereinbart abgetaucht - fuhren genau um 10.16 Uhr, Michael hatte auf dieUhr geschaut, als er sie kommen sah, zwei Streifenwagen der Polizei aufdas Gelände. Sie hielten am Eingang, dessen Schlagbaum geschlossenwar. Reddler kam aus dem alten Wachhäuschen heraus und ging auf denersten Wagen zu. "Tach, kann ich Ihnen helfen?" sagte er zu dem Fahrerdes ersten Fahrzeuges, der das Fenster herunter gelassen hatte. Der neben dem Fahrer sitzende Mann in der Uniform eines Polizei-hauptkommissars reichte Reddler einen Durchsuchungsbefehl. Derbetrachtete das Papier und tat völlig überrascht: "Was? Durchsuchungs-befehl? Weshalb denn? Und was wollen Sie denn hier durchsuchen? Hiergibts doch nichts!" "Lassen Sie das mal unsere Sache sein. Zeigen Sie uns die Gebäude.Wir beginnen mit dem ersten." Der Hauptkommissar ließ den Wagenanfahren und dann vor dem Stabsgebäude anhalten. Er stieg aus undwandte sich dem Gebäude zu. Aus den beiden Wagen stiegen weitereuniformierte Polizeibeamte. Reddler ging voran. Sie betraten das Stabsgebäude. Die Beamten ver-teilten sich auf den Etagen und liefen durch die Räume, die nach wie vormöbliert waren, aber verlassen aussahen. Der Hauptkommissar rief seineLeute zusammen und fragte Reddler: "Wo ist hier der Keller?" "Hier gibt es keinen Keller", antwortete der. Der Hauptkommissar ging, gefolgt von seinen Leuten, hinunter in dasErdgeschoß und suchte neben der Treppe nach einem Kellereingang. Eröffnete die zweiflüglige Tür. Solche Türen befanden sich auch in denübrigen Gebäuden. Außer im Gebäude Nr. 3 befand sich dahinter jedochnur ein kleiner Abstellraum. So auch in diesem Gebäude. Der Haupt-kommissar schloß die Tür und warf Reddler einen prüfenden Blick zu. 233
  • Reddler sagte, dem Blick standhaltend: "Hier gibt es keinen Keller. Daskönnen Sie mir glauben." "Zum nächsten Gebäude", wies der Hauptkommissar seine Leute an. ImGebäude Nr. 2 ging das gleiche Spiel wieder vor sich. Erneut wurde keinKeller gefunden. Der Eifer der Beamten, der ohnehin nicht sonderlich großschien, erlahmte zusehends. Nun teilte der Anführer seine Leute auf. Zweiliefen durch die Baracken, zwei stiegen im Gebäude Nr. 3 in die obereEtage. Er selbst und ein Polizeimeister, gefolgt von Reddler, liefen durchdie Zimmer im Erdgeschoß. In Krausingers Zimmer schaute derHauptkommissar nur kurz hinein, so als ob er nicht sehen wollte, was ermöglicherweise hätte sehen können. Er machte sich nicht die Mühe, dieTür im Erdgeschoß, neben dem Treppenaufgang, die in diesem Gebäudetatsächlich in den "Keller" führte, zu öffnen. Wollte er sich vor Reddlernicht lächerlich machen oder hatte er Anweisung dazu? Jedenfalls war Reddler erleichtert, als der Hauptkommissar seine Leutezusammenrief und zu ihm sagte: "Tut mir leid. Aber wir haben Anweisun-gen zu befolgen. Nichts für ungut." Dann bestiegen die Beamten ihreFahrzeuge, wendeten und verließen das Gelände. Michael beobachtete mit einem Feldstecher von einem Versteck amWaldrand aus, was geschah. Er hatte den Auftrag, abzuklären, ob dieBeamten auch tatsächlich wieder abgezogen waren oder ob sie irgendwovorn an der Straße warteten und sich erneut, vielleicht zu Fuß dem Objektnäherten. Er hielt das Richtmikrofon in Richtung Landstraße, hörte abernichts außer den Motorengeräuschen der sich entfernenden Polizei-fahrzeuge. Er bewegte sich durch den Wald bis nach vorn zur Straße. Vor-sichtig lugte er nach allen Seiten. Da war niemand mehr. Doch halt! EinPersonenwagen von rechts. Ein Opel Corsa. Hinter dem Steuer befandsich ein junges Mädel. Sie fuhr vorbei. Also doch alles in Ordnung. Erblieb noch volle zwanzig Minuten auf seinem Posten, um ganz sicher zusein, daß die Polizeifahrzeuge nicht zurückkamen. Dann nahm er Kontaktzu Reddler auf: "Forstmeister" sprach er in sein Funkgerät. "Hier Forstmeister", meldete sich Reddler. "Alle Bäume sind markiert." "Gut, dann fangt an zu sägen." Fünfzehn Minuten später waren sie in Krausingers Zimmer. "Alles inOrdnung?" fragte Michael vorsichtshalber noch einmal. "Alles okay", bestätigte ihm Reddler. Michael begab sich über die Wendeltreppe nach unten. Der Generalund der Professor sahen ihm gespannt entgegen, als er den Raum betrat."War der Verräter dabei?" fragte Keter.234
  • "Also das waren nur Polizisten. Da war keiner dabei, der mal bei unswar oder aus Waldheide gewesen sein könnte. Es ist alles in Ordnung. Ichglaube nicht, daß denen irgend etwas aufgefallen ist." "Dann geht also alles weiter, wie gehabt", sagte Keter. "Hermann wirduns informieren über den Bericht, den die abgeben müssen, die geradedort oben geschnüffelt haben." Waldheide, Freitag, 03. April 1992. Es war ein ziemlich grauer Tag. AmMorgen war es nicht richtig hell geworden und so blieb es bis zum Abend.Michael hatte Wache. Er saß am Fenster von Krausingers ehemaligemArbeitszimmer und beobachtete den von dort aus einsehbaren Bereichdes Objektes. Es wurde langsam dämmrig draußen. Die Sicht war alsonicht gerade gut und es war sehr anstrengend für die Augen. Er mußte, wie schon so oft in letzter Zeit, an Berlin denken. Er verspürteein wachsendes Bedürfnis, wieder draußen zu sein, unter Menschen under malte sich aus, wie es wohl jetzt sein würde in Berlin, wo jeder wieüberall in ganz Deutschland von Ost nach West gehen konnte, wann auchimmer es ihm beliebte, ja daß es Ost und West gar nicht mehr gab. Aberer verdrängte seine Wünsche immer wieder. Er konnte ja hier nicht weg.Er war schließlich Geheimnisträger. Ein Aussteigen könnte tödlich für ihnenden, wie für Rosenzweig. Eines Tages war Rosenzweig aus dem Objektverschwunden. Keter und auch Krausinger hatten sich furchtbar aufgeregt.Drei Wochen war dann nicht mehr darüber gesprochen worden. Dochdann hatte Keter alle zusammengerufen und mitgeteilt, daß Rosenzweigin Straßburg erwischt worden sei, als er mit einem Agenten des MossadVerbindung aufnehmen wollte. "Nun läuft ein Verräter weniger auf dieserErde herum!" hatte er gesagt, drohend in die Runde geschaut undhinzugesetzt: "Verrat endet tödlich. Ich denke das weiß hier jeder!" Halt. Hatte sich drüben am Waldrand etwas bewegt? Michael beugtesich nach vorn, kniff die Augen zusammen und versuchte etwas auszu-machen. Jede Faser seiner Muskeln war gespannt. Aber er vermochtedennoch nichts zu erkennen. Da war wohl doch nichts. Er entspannte sichwieder und nahm seine ursprüngliche Haltung ein. Seine Gedankenwurden wieder eingefangen von der Erinnerung an Berlin. - Moment! Hatteda eben einer der Hunde gebellt? Er zuckte zusammen und nahm sofort wieder seine angespannte Beob-achterhaltung ein. Verdammt duster jetzt schon dort draußen. Dabei wares doch noch gar nicht so spät. Die Augen zu schmalen Schlitzen zusam-menkneifend, spähte er nach draußen. Aber er konnte nichts Verdächtigeserkennen. Doch, da war doch etwas! Einer der Hunde am Laufseil, 235
  • das konnte er erkennen, stand mit gespitzten Ohren, gesträubtem Fell undstehender Rute und zerrte an seiner Kette. Er bellte wie wild und sprangam Zaun hoch. Es war einer der drei Hunde die Reddler aus demWachhundebestand ausgesucht hatte, weil sie, obwohl Kettenhunde, nochnicht verrückt waren und auch nicht zu zutraulich, so daß sie geeigneterschienen für die ihnen zugedachte Aufgabe. Die anderen hatte Reddlerbefehlsgemäß erschossen. Man könne sie nicht alle durchfüttern, hatteKeter gesagt. Der Hund führte sich immer noch wie wild auf. Verdammt. Wo liegt nurdas Nachtsichtgerät? Ich habe es doch mit nach oben gebracht? Michaeltastete auf dem Fußboden danach. Dann hatte er es gefunden. Schnell nahm er es hoch, setze das Infrarot-Spezialfernglas an dieAugen und suchte damit den Waldrand ab, dort wo der Hund hinzukom-men versuchte. Plötzlich bemerkte er etwas. Da war doch jemand! Ja,man sah ihn zwar kaum. Aber da stand eine dunkel gekleidete Person aneinen Baum gelehnt und beobachtete das Objekt. Schnell betätigte er denSignalknopf, der unter dem Fensterbrett angebracht war. Jetzt waren dieunten alarmiert. Er beobachtete weiter und sah, wie die Person am Zaunoffensichtlich bemüht war, einen Weg zu finden, auf welchem sie unbe-schadet an dem Hund vorbeikommen konnte. Er vermutete aufgrund der Bewegungsweise und der Figur, daß es sichmit hoher Wahrscheinlichkeit um einen Mann handelte. Der bewegte sichgerade eilig am Waldrand entlang. Er trug einen Rucksack über beideSchultern gezogen und hatte ein Tau bei sich. Was wollte der damit? DerHund folgte bellend auf der anderen Seite des Zaunes, konnte aber baldnicht weiter. Das Laufseil war zu Ende. Der Fremde hatte offensichtlichgenau diese Stelle erreichen wollen. Er ging in die Hocke unddurchtrennte den Stacheldraht. Dann rollte er sich unter dem Zaunhindurch. In Michaels Rücken wurde die Tapetentür aufgestoßen. Halblaut fragteReddler: "Was ist los?" Michael reichte ihm das Fernglas, deutete in Rich-tung der ehemaligen Schulungsbaracke, hinter welcher der Fremde gera-de verschwunden war, und sagte leise: "Eine Person, vermutlich männ-lich." "Son Mist aber auch, männlich", meinte Reddler scherzend - sie allehatten lange keine Frauen mehr gesehen. "Der ist jetzt hinter der Baracke", erklärte Michael und reichte Reddlerden Feldstecher. Er versuchte mit zusammengekniffenen Augen, etwas zuerkennen. "Hast du weitere Personen festgestellt?" fragte Reddler, der mit demFernglas den Waldrand absuchte.236
  • "Nein. Ich glaube, der ist allein." Hinter ihnen betrat Keter den Raum. Fast im gleichen Moment öffnetesich die Tür zum Flur und Dr. Schadeberg trat ein. Michael informiertebeide schnell über die Situation. "Was sollen wir tun? Ihn gewähren lassen? Vielleicht ist es ja nur einNeugieriger aus dem Dorf?" meinte Schadeberg. "Nein, das glaube ich nicht", entgegnete Reddler, "... der scheint sichganz professionell zu bewegen, wie Michael beobachtet hat. Da stecktmehr dahinter!" "Den holen wir uns", entschied Keter. "Ihr Zwei", er nickte Michael undReddler zu. Dann blickte er den schmächtigen und völlig unsoldatischenSchadeberg zweifelnd an und fragte: "Und Sie Thomas, trauen Sie sichdas zu?" Schadeberg, nervös die Brille zurechtrückend, antwortete zögernd:"Also eine Pistole halten, das kann ich schon." Keter hatte im Moment keine Wahl, er mußte auch Schadeberg los-schicken, obwohl er ihm nicht allzuviel zutraute. "Gut, ich beobachte vonhier aus. Sie bringen den Kerl in den Versammlungsraum." Michael und Schadeberg liefen geduckt hinüber zur Schulungsbaracke,wobei Michael den ungeübteren Schadeberg deutlich hinter sich ließ.Reddler lief in die entgegengesetzte Richtung. Er wollte in den Rückendes Eindringlings gelangen, so wie sie es beim Hinauslaufen schnell nochvereinbart hatten. Als Michael an der Baracke angelangt war verhielt er,auf Schadeberg wartend, einen Moment und bewegte sich vorsichtig zurBarackenecke. Als er sie erreicht hatte, stand plötzlich der Eindringling vor ihm. "Händehoch!" rief er. Der Eindringling jedoch riß sein rechtes Bein blitzschnell hoch und tratihn vor den Brustkorb. Er stürzte gegen die Barackenwand und verspürteeinen stechenden Schmerz an Brust, rechter Schulter und am Hinterkopf.Seine 9 mm Makarow-Armeepistole, einer bundesdeutschen PolizeiwaffeTyp Walther PPK fast baugleich, fiel ihm aus der Hand. Er sackte an derBarackenwand zusammen. Schadeberg, inzwischen am Ort des Geschehens angelangt, schoß ausnächster Nähe auf den Angreifer. Nachtblind, wie er war, allerdings dane-ben. Der Fremde stürzte sich auf ihn und würgte ihn. Schadeberg stram-pelte verzweifelt und schoß zwei Kugeln in die Erde. Er röchelte. In dem Moment erschien Reddler. Ein gezielter Tritt gegen den Körperdes Eindringlings, der sich blitzschnell zur Seite rollte, traf Schadeberg amKopf, der stöhnend zusammenbrach. Der Fremde packte gekonntReddlers Bein und brachte den noch in Schwung Befindlichen zu Fall. 237
  • Dann stürzte er sich auf ihn. Das war sein Fehler. Nun hatte er keine Chance mehr. Hauptmann Reddler, der früher einmal bei "Dynamo" trai- niert hatte und Deutscher Meister der DDR im Ringen gewesen war, hatte ihn schnell fest im Griff und machte ihn kampfunfähig. Michael, der allmählich zu sich kam, schüttelte sich und stand mühsam auf. Dann half er Reddler, den Eindringling zu fesseln. Schadeberg rieb sich abwechseln mit der rechten Hand den Hals und den von Reddler getroffenen Schädel und suchte mit der linken Hand am Boden nach seiner Brille und seiner Waffe. Reddler verpaßte dem Gefangenen mit seinem schmutzigen Taschen-tuch einen Knebel. Dann stieß er ihn vor sich her in den Versammlungs-raum, der den größten Teil der Schulungsbaracke einnahm. Die Fensterwaren von außen mit Brettern vernagelt. Innen hingen aber noch die altenGardinen und Vorhänge. Von draußen würde niemand etwas sehenkönnen. Sie setzten den Gefangenen auf einen der herumstehendenStühle und banden ihm nun auch die Beine an den Fußgelenkenzusammen. Als Keter eintraf, hatten sie bereits das Licht gelöscht und Reddler hieltdem Gefangenen eine Taschenlampe vor das Gesicht. Er sollte nieman-den der Anwesenden erkennen können und er sollte unsicher werden.Wie in einem schlechten Krimi, dachte Michael. Dann begann die Befragung. Reddler hatte dem Mann den Knebelabgenommen und fragte ihn, wer er sei und was er an diesem Ort wolle.Der antwortete nicht. Reddler trat ihm mit seinen schweren Springerstie-feln gegen das linke Schienbein. Der Mann schrie laut auf vor Schmerz. Der Lichtschein der Taschen-lampe auf seinem Gesicht bewegte sich zur Decke und wurde dann vonReddler wieder auf sein Gesicht gerichtet. "Rede endlich, dann tut dirauch nichts weh!" brüllte er ihn an. "Das ist Freiheitsberaubung!" ächzte der Gefangene. "Schnauze. Antworte gefälligst auf meine Fragen!" "Darf man denn hier nicht im Wald herumlaufen?" "Im Wald schon. Aber das hier ist nicht der Wald! Was hast du hiergesucht?" "Ich gehe gern im Wald wandern. Da habe ich diese Häuser hier gese-hen. Das hat mich neugierig gemacht." Im Hintergrund durchsuchte Keter den Rucksack des Gefangenen.Dabei fragte er, sich in das Verhör einklinkend: "Wie ist Ihr Name? Wer sind Sie?" "Ich heiße Meiser, Wolf Meiser. Ich wohne in Neubrandenburg. Binmomentan auf Urlaub hier und bin auf einem Spaziergang."238
  • "Sie lügen!" Keter hielt mit ausgestrecktem Arm den Rucksack in denLichtkreis und schüttelte ihn. Es klang metallisch. "Gehen Sie immer sospazieren, in völlig schwarzen Klamotten, das Gesicht schwarz angemalt,mit einem Klappmesser und all diesem Kram hier im Rucksack? BrauchenSie ein solches Tau und eine solche starke Lampe etwa zumSpazierengehen?!" Ein neuer Schmerzensschrei. Reddler hatte den Mann wieder gegen einSchienbein getreten. Diesmal gegen das rechte. Der Lichtkegel derTaschenlampe vollführte eine ähnliche Bewegung wie bei Reddlers letz-tem brutalen Tritt. "Wer sind Sie wirklich? Was wollen Sie hier?" fragte Keter. "Das wird Ihnen leid tun. Das ist Freiheitsberaubung und Körperverlet-zung." Der Mann stöhnte. "Reden Sie keinen Quatsch. Sie sind bei Nacht und Nebel in dieses Pri-vatgrundstück eingedrungen, in krimineller Absicht. Sie haben den Zaunbeschädigt. Sie haben Hausfriedensbruch begangen. Sie haben meineMitarbeiter angegriffen und schwere Körperverletzung gehört ebenfalls zudem, was auf Ihr Konto geht. Sie tragen Waffen und führen Einbre-cherwerkzeug mit sich. Ja, was glauben Sie denn, wer hier wen erfolgreichanzeigen wird?" "Das war doch Notwehr. Ich wollte doch niemanden verletzen. Wennman hier als harmloser Wanderer ... Aaahh! - Rufen ... rufen Sie dochendlich Ihren Gorilla zurück!" Reddler schlug dem Mann seine rechte Handkante ins Genick. "Gorilla"wollte er auf gar keinen Fall auf sich sitzen lassen. Michael hielt sich im Hintergrund. Schadeberg hielt vor der Tür Wache.Krausinger war leise eingetreten und hatte sich neben Michael gestellt. "Nun reden Sie! Was haben Sie uns zu sagen. Wer sind Sie wirklich?Was wollen Sie hier?" Keter wurde ungeduldig. "Gut. Also es stimmt. Ich bin nicht zufällig hier. Ich komme aus Berlin,bin Privatdetektiv und im Auftrag eines Klienten hier." "Was sollten Sie hier und wer ist Ihr Klient?" "Ich bin, wie Sie sich sicher denken können, zum Schweigen verpflich-tet. Ich kann Ihnen den Namen natürlich nicht..."Ein erneuter Schmerzensschrei. Er war länger anhaltend und wiederholtesich. Keter hatte Reddler ein Zeichen gegeben, Druck zu machen. "Ist... ist der denn verrückt? Der... der bringt mich doch um!" stöhnte derGefangene, nach Luft schnappend. Michael schlug das Herz im Hals. Ihm wurde übel. Er hielt sich Bauchund Mund und würgte wieder hinunter, was nach oben kommen wollte. 239
  • Solch eine Brutalität hatte er noch nie in seinem Leben erlebt. Und er hieltsie auch nicht für gut. "Muß denn das sein?" raunte er dem Professor zu. "Stellen Sie sich doch einmal vor, der hätte hier was entdeckt!" zischteder zurück. "Reden Sie endlich. Ich kann meinen Mitarbeiter sonst nicht mehrzurückhalten", sagte Keter. "Wie heißen Sie wirklich? Was wollen Siehier? Wo kommen Sie her? Reden Sie!" "Ich, ich heiße ... Kulpa ... Hans Kulpa. Ich wohne in Oranienburg undich bin Privatdetektiv, wie ich schon sagte." Bei der Namensnennung war Michael zusammengezuckt. Hans Kulpa.Das war doch ein Genosse aus Berlin. Kulpa war Anfang der achtzigerJahre wie er selbst Zugführer im Wachregiment "Feliks Dziershynski"gewesen. Kulpa war dann zur Fallschirmjägerkompanie des MfS nachEilenburg gegangen, um sich auf einen Spezialauftrag vorzubereiten.Hans Kulpa. Der hatte ihn natürlich im Dunkeln nicht erkannt. Er ihn jabisher auch nicht. Jetzt sah sich Michael den Mann genauer an, auf des-sen Gesicht inzwischen mehrere Taschenlampen gerichtet waren. Dickergeworden war Kulpa in den letzten Jahren. Aber er war es. Keine Frage.Was sollte das denn werden? Bekämpften sich jetzt schon die Brüder?Das muß ich unbedingt dem General sagen, dachte er. Aber Keter war vollauf mit dem Verhör beschäftigt. "Was wollten Sie mitdieser Ausrüstung hier auf dem Gelände? Wer hat Sie womit beauftragt?" "Ich sollte erkunden, ob hier ein unterirdisches Kanalsystem existiert.Mein Auftraggeber hatte sich mir als ein Autor vorgestellt, der ein Buchüber die geheimen Bauprojekte der Nazis Auf den Spuren von Todt undSpeer schreiben will. So sagte er mir jedenfalls. Er habe Informationen,nach denen die Nazis" - Krausinger zuckte im Dunkeln zusammen - "...hier einen unterirdischen U-Boot-Hafen angelegt haben sollen und eineMontagestätte für U-Boote. Die zerlegbaren Segmente der U-Boote sollenauf dem Landwege von den Produktionsstätten im Inland bis hierhergebracht worden sein. Dann wurden sie angeblich unter der Erde zusam-mengesetzt und sind dann über den unterirdischen Kanal bis zur Ostseegefahren, direkt zum Kampfeinsatz." "Das glauben Sie doch selbst nicht. Denken Sie sich doch mal etwasGlaubhafteres aus", ließ sich Keter ärgerlich vernehmen. Kulpa sagte hastig: "Ich kann Ihnen doch nur sagen, was mir mein Auf-traggeber erzählt hat. Mir kam es ja auch etwas komisch vor: Ein unterir-discher Kanal, zig Kilometer lang. So recht konnte ich das nicht glauben.Aber wissen Sie, ich werde zum Tagessatz bezahlt, nicht nach Erfolg. Obhier nun ein solcher Kanal ist, oder auch nicht, ich bekomme mein Geld."240
  • Keter nickte Krausinger zu. Sie verließen die Baracke. "Wissen Sieetwas von einer unterirdischen U-Boot-Fabrikation und von solch einemKanal, Professor?" "Nein. Darüber ist mir nichts bekannt. Und sollte es wirklich so etwasgegeben haben, dann wäre das ein Projekt der Marine gewesen. Damithatten wir nichts zu tun. Ich kann es mir aber auch beim besten Willennicht vorstellen, daß es hier eine so lange unterirdische Wasserstraßegegeben haben soll, bis zur Ostsee. Das wären ja etwa vierzig Kilometer!" "Dann ist das alles also doch nur eine Legende, die uns der Gefangeneerzählt hat, um von der Wahrheit abzulenken." "Das glaube ich auch. - Was haben Sie mit dem Mann vor, General?Der muß verschwinden - unbedingt und für immer! Da gibt es keine Frage!Wer steckt denn überhaupt dahinter? Wer kann denn dieser angeblicheSchriftsteller wirklich sein? Da muß doch irgend jemand etwas verratenhaben! Ob dieser Verräter Rosenzweig uns den geschickt hat?" "Professor! Beruhigen Sie sich. Rosenzweig lebt nicht mehr, dafürwurde gesorgt. Und sonst weiß draußen nur noch Quader von dem Pro-jekt. Das heißt, er kann natürlich andere Personen eingeweiht haben.Aber das ist für mich einfach undenkbar. Quader ist absolut zuverlässig."Keter glaubte selber nicht so recht an das, was er gerade gesagt hatte,aber er wollte den Professor erst einmal beruhigen. "Was wollen Sie nun tun?" "Erst müssen wir versuchen, mehr aus ihm herauszubekommen. Dannwerden wir dafür sorgen, daß er nicht mehr reden kann. - Kommen Sie,gehen wir wieder hinein." Keter setzte das Verhör Kulpas fort: "Hören Sie, Kulpa oder wie auchimmer Sie wirklich heißen. Es dürfte Ihnen ziemlich klar sein, daß dieGeschichte, die Sie uns da erzählt haben, viel zu phantastisch klingt, alsdaß wir sie Ihnen abkaufen würden. Wir sind überzeugt davon, daß Sieaus anderen Gründen hier herumschnüffeln. - Wir haben zwar nichts zuverbergen, aber wir mögen es einfach nicht, wenn jemand unsere Ruhestört. - Sie können sich sicher vorstellen, daß Sie keine Chance bekom-men werden, hier wieder herauszukommen, ohne daß Sie sich kooperativgezeigt hätten." "Ich sagte doch: Ich heiße Hans Kulpa, bin Privatdetektiv und ermittle im Auftrag eines Klienten." "Was ermitteln Sie?" "Ich soll erkunden, ob es hier einen unterirdischen U-Boot-Kanal ..." Keter unterbrach Kulpa: "Das haben wir doch alles schon gehört. SagenSie endlich die Wahrheit!" 241
  • "Ich sage Ihnen doch die ganze Zeit schon die Wahrheit. Das war meinAuftrag: Feststellen, ob es hier ein unterirdisches U-Boot-Tunnelsystemgibt oder nicht." Unterirdisches Tunnelsystem. Das haben wir ja praktisch. Und "U-Boot",das ist ja unsere Codebezeichnung dafür. Was weiß Kulpa? Michaelbegriff, daß dies wirklich kein zufälliger Besuch war. Aber für wen arbeiteteKulpa? "Sie lügen! Wer weiß alles von Ihrer Aktion?" herrschte Keter denGefangenen an. "Mein Klient. Ist ja logisch." "Wer sonst noch?" Kulpa rutschte, soweit seine Fesseln das zuließen, unruhig auf demStuhl hin und her. Er druckste herum: "Naja ... na da ist..." "Nun reden Sie endlich!" "Da ist ... noch jemand, der Bescheid weiß beziehungsweise baldBescheid wissen könnte. " "Wer ist das?" Jetzt kam es fast wie aus der Pistole geschossen: "Ich habevorsichtshalber etwas bei einem Notar hinterlegt." Keter hatte etwas gezögert, sagte dann aber: "Na und? Da liegt es dochgut." Er machte eine wegwerfende Handbewegung. Nach einer kurzenPause fragte er dann aber: "Weshalb haben Sie dort etwas hinterlegt?" "Ja, was glauben Sie denn? Als Lebensversicherung natürlich!" Kulpasetzte hinzu: "Wenn ich nicht bis morgen, 16.00 Uhr das Hinterlegte per-sönlich wieder abgeholt habe, dann wird spätestens übermorgen hier dieHölle los sein. Darauf können Sie sich aber verlassen!" Keter und Krausinger sahen sich wortlos an. Keter winkte allen zu, ihmzu folgen und wendete sich zur Tür. "Dieter, Sie bleiben hier vor der Tür", wies er an, als sie die Baracke ver-lassen hatten. Dann ging er, gefolgt von den anderen hinüber in Krausin-gers Arbeitszimmer. Dort saß Funke, der Michaels Posten eingenommenhatte. "Rainer, Sie gehen vor zum Waldrand, neben der Einfahrt. Sichern Siedort. Aber vorsichtig! Der Eindringling war vielleicht nicht allein." Michael betrat als letzter den Raum. "Wo bleiben Sie denn?" fragteKeter. "Ich hatte meine Taschenlampe abgelegt und habe sie im Dunkelnsuchen müssen." "Sie beobachten wieder von hier durch das Fenster, Michael. Thomas,Sie gehen erst mal schlafen. Sie müssen sich von dem Angriff erholen."242
  • Als Schadeberg den Raum verlassen hatte, gingen Keter undKrausinger über die Wendeltreppe ganz nach unten in die vierte Tiefetage.Sie wollten sicher sein, nicht abgehört zu werden. "Glauben Sie dem Mann, General?" fragte Krausinger, als sie unten imWachraum saßen. "Wo denken Sie hin, Professor. Das hat der doch eben erst erfunden,um sein Leben zu retten. Aber verraten hat er sich mit seiner Aussagenatürlich - ganz klar!" "Ja", sagte Krausinger nachdenklich, "... wer nur nach alten unterirdi-schen Kanälen forscht, braucht keinen Rettungsanker bei einem Notar zudeponieren! - Der Mann ist von irgend jemandem geschickt worden, derTeilinformationen hat über das, was es hier zu finden gibt. Bloß, wer solltedas sein?" Krausinger wurde das unangenehme Gefühl nicht los, daß dieserangebliche Auftraggeber jemand aus seiner Zeit 1944/45 sein könnte.Kammler vielleicht? Oder irgendein anderer Überlebender von den damalsEingeweihten. Jetzt, wo alles wieder ein Land war und keine Grenze einenalten Kameraden hindern konnte, da war das ja denkbar. Das ich da erstjetzt darauf komme, schalt er sich im Stillen. Aber wer auch immer es ist:Der Mann muß weg. Er wiederholte seine Forderung laut. "Ob das so klug ist? Stellen Sie sich einmal vor, es gibt tatsächlich einenAuftraggeber. Wenn sein Mann nicht zurückkommt, dann sieht der dasdoch sicher als Bestätigung an und weiß, daß hier jemand Neugierigeverschwinden läßt. Der schickt dann doch sicher gleich mehrere Spione."Keter war unsicher, wie er sich in dieser Situation verhalten sollte. "Wissen Sie vielleicht etwas Besseres? - Dann werden die eben auchverschwinden. Wir müssen Zeit gewinnen. Bis zum Termin sind es nochetwa drei Jahre. Tun Sie alles, was getan werden muß, damit wir bis dahinunser Geheimnis wahren können." Krausingers letzte Worte klangen wieein Befehl. Keter starrte noch einen Moment vor sich hin. Dann war er zu demSchluß gekommen, daß die Forderung des Professors richtig war. "Ichsorge dafür", sagte er und ging wieder nach oben. Dort erfuhr er vonMichael, der das Gelände beobachtete, daß alles ruhig sei. Er verließ dasGebäude und begab sich über den freien Platz hinüber zur Schulungsba-racke. "Ist alles in Ordnung?" fragt er Reddler, der wie befohlen den Eingangbewachte. "Selbstverständlich", antwortete der im Brustton der Überzeugung. Erhielt Keter die Tür auf. Dann folgte er ihm. 243
  • Keter leuchtete in die Mitte des Raumes, wo Kulpa gesessen hatte underblickte einen leeren Stuhl. "Was ist hier los?" rief er überrascht. Die Lichtkegel zweier Taschenlampen trafen sich an dem leeren Stuhl,neben dem zerschnittene Stricke lagen, mit denen Kulpa gefesselt war."Scheiße", sagte Reddler. Dann rief er: "Bleiben Sie stehen wo Sie sind.Heben Sie die Hände!" Er bewegte sich, Pistole und Taschenlampe inRichtung Raummitte haltend, vorsichtig rückwärts zur Tür. Keter flüsterteer zu: "Kommen Sie!" An der Tür angelangt, steckte er die nun ausge-schaltete Lampe in sein Unterarmhalfter und tastete mit der freien linkenHand nach dem Lichtschalter. Die Hand mit der Waffe bewegte sichgleichzeitig von rechts nach links und zurück, auch als er den Schaltergedrückt hatte. Beide suchten, wegen der plötzlichen Helligkeit mitzusammengekniffenen Augen, den Raum ab. Hatte sich der Gefangeneunter den Tischen versteckt? Keter bemerkte ein offenes Fenster. Das heißt, er sah nur, daß der Vor-hang sich bewegte, als ob das dahinter liegende Fenster offen sei. Unddas war es auch, wie sie gleich darauf feststellen konnten. "Der istgetürmt", rief er wütend. "Wie konnte das geschehen?" Im gleichenMoment ertönte außerhalb der Baracke ein Schuß. "Eine 7,65er. Das war Rainer am Tor!" rief Reddler. Beide wandten sich zum Ausgang. Keter wies hastig an: "Laufen Sievor! Ich schicke Ihnen Michael nach!" Reddler rannte nach vorn, während Keter zum Gebäude Nr. 3 hastete.Michael beobachtete dies vom Fenster aus und ihm war klar, daß dairgend etwas geschehen sein mußte. Auch er hatte den Schuß vernom-men. Er fragte sich, auf wen Funke vorn am Waldrand geschossen hatte.Etwa auf Kulpa ... ? "Michael sofort zum Objekteingang! Der Gefangene ist weg. Dort vornmuß was geschehen sein!" Keter ließ sich erschöpft auf dem am Fensterstehenden Stuhl nieder, von dem Michael aufgesprungen war. Michael griff nach der MPi und lief aus dem Raum. Hat es Kulpa alsogeschafft! Das Gefühl, das ihn bei diesem Gedanken ergriff, war eineMischung aus Erleichterung und Furcht vor Kommendem. Keter rief ihm nach: "Dieter ist schon nach vorn. Rainer hat geschossen.Dort können mehrere von diesen Banditen sein!" Als Michael den Schlagbaum erreicht hatte, nahm er links undeutlichBewegung wahr. Er warf sich auf die Erde und richtete die Kalaschnikowauf die Schatten am Waldrand. Dann sah er eine Taschenlampe rhyth-misch aufleuchten. "Alles in Ordnung", hieß das. Er stand auf und liefschnell zu der Stelle, von der das Licht kam.244
  • Er hörte Reddler rufen: "Kümmere dich um Rainer. Der Kerl hat ihngewürgt." An einen Baum gelehnt saß Funke. Er hielt sich den Hals, schnapptenach Luft und ächzte. Er wollte etwas sagen, brachte aber nur ein heise-res Krächzen heraus. Nur drei Meter weiter durchsuchte Reddler eine amBoden liegende Person. Über die Schulter sagte er zu Michael: "Das istdieser Kulpa. Er ist tot. Rainer hat ihn erwischt. Reine Notwehr." Michael half Funke aufzustehen. Er stützte ihn, als sie zum Gebäude Nr.3 liefen. Kulpa tat Michael leid. Immerhin war er ja mal ein Genossegewesen und er kannte ihn schon seit etwa zehn Jahren. Aber es warsicher besser, daß es so gekommen war, denn hätten die ihn erwischt undgefoltert, hätte er vielleicht verraten, wie es ihm gelungen war, aus derBaracke zu entkommen. - Besser so. War ja auch unüberlegt von mir, wasich da vorhin getan habe, schalt er sich. Keter Öffnete die Tür: "Kommt rein. Ist er schwer verletzt?" "I ... ch haaa ... eeeerwischt. Ich glaiiibe er iiis toiiit", krächzte Funke, derziemliche Halsschmerzen haben mußte. Michael antwortete auf KetersFrage: "Rainer will sagen, daß er ihn erwischt hat. Kulpa ist tot. Er hatteRainer gewürgt. Und Rainer mußte sich befreien von ihm." Funke nickte dankbar und bestätigend. "Bringen Sie ihn nach unten. Thomas soll sich um ihn kümmern." Dr. Schadeberg hatte vor Jahren sein Medizinstudium abgebrochen,weil ihn die Physik mehr gereizt hatte. Seine medizinischen Kenntnissehatten ihn aber zum Gelegenheitssanitäter im "U-Boot" werden lassen.Michael brachte Funke zu ihm. Zehn Minuten später konnte der wiedereinigermaßen verständlich sprechen und er schien auch das dringendeBedürfnis zu haben, das zu tun. Er mußte erst einmal verarbeiten, daß ereinen Menschen getötet hatte. Und er hatte wohl auch das Gefühl, daß ersich rechtfertigen mußte. "Ich ... ich habe ihn getötet. Und ... und ... ichkannte ihn doch gar nicht. Und, und ich habe doch noch nie auf einenMenschen geschossen! Aber... aber der kam plötzlich und ... und sprangmich ... mich von hinten an." "Wie hat der sich denn befreit?" fragte Schadeberg erstaunt. Oh Gott, beinahe wäre ich mitschuldig geworden am Tod von Funke,dachte Michael. "Den habe ich doch nicht erwartet". Funke sprach nun wieder einiger-maßen normal, wenngleich er nur langsam reden konnte und noch umjedes Wort rang. "In meinem Rücken waren doch unsere Leute! Ich hörteein Geräusch hinter mir und dachte, es käme Verstärkung. Da spürte ichschon die Hände um meinen Hals und wurde nach vorn geworfen.Irgendwie gelang es mir, mit dem Knauf der Waffe nach ihm zu schlagen. 245
  • Er ließ meinen Hals los und wollte mir die Waffe entwinden. Dabei konnteich mich auf die Seite drehen. Und plötzlich ging das Ding los ... Dersackte tot zusammen." "Das war doch Notwehr, Rainer", stellte Schmidt fest. "Du konntest gar nicht anders", beruhigte ihn auch Michael. Schadeberg sagte: "Komm, Rainer, du muß jetzt erst einmal schlafen.Ich gebe dir eine Beruhigungsspritze." Das Telefon klingelte. Schmidt nahm den Hörer ab und sagte: "Ich rich-te es aus." An Michael gewandt meinte er: "Fritz war es. Dieter entsorgtgerade die Leiche dieses Eindringlings. Das wird wohl ein paar Stundendauern, bis er wieder hier ist. Du sollst oben wieder die Wache überneh-men." "Gut. Wer löst mich ab?" "Das klären wir noch." Als Michael am Morgen, nachdem er sich die ganze Zeit über mit psy-chosomatischen Magenschmerzen herumgeplagt hatte, abgelöst wurdeund schlafen gehen durfte, bewegte ihn immer noch, wie schon die Stun-den zuvor, das Erlebte. Er mußte sich übergeben. Was er erlebt hatte,ging über das hinaus, was er ertragen und wegstecken konnte. Es dauerteTage, bis er sich auch innerlich einigermaßen beruhigt hatte. Waldheide, Juni 1992. "Sie wissen, Michael, ich habe immer sehr vielvon Ihnen gehalten, seit Sie Anfang 1986 aus der Zentrale zu mir nachWarenthin gekommen sind. Sie sind hier im U-Boot praktisch meinwichtigster Mann." Keter hatte halblaut gesprochen und Michael gönner-haft zugenickt. "Danke" antwortete der, wachsam und vorsichtig, denn er wunderte sichdoch sehr über das unerwartete Lob. "Sie werden staunen über das, was ich Ihnen jetzt sage, und ich sageIhnen auch, daß ich mit Ihnen darüber nur sprechen kann, Michael, weilich weiß, daß ich mich auf Sie hundertprozentig verlassen kann." Michael wurde noch mißtrauischer, nickte aber und fragte zurückhal-tend: "Worum geht es denn?" Keter sah sich um und sagte dann mit gesenkter Stimme: "Passen Sieauf. Der Professor macht insgeheim Aufzeichnungen, über die ich einfachBescheid wissen muß ... als Leiter, Sie verstehen. Nicht, daß ich ihmirgendwie mißtrauen würde. Warum sollte ich auch? Aber es ist für michaußerordentlich wichtig, zu wissen, wie weit er bei seinen Untersuchungenwirklich ist. Stellen Sie sich vor, er verheimlicht mir möglicherweise denwahren Stand seiner Forschungen, nur um mich dann überraschen underfreuen zu können! - Also, da ist unser Professor manchmal wirklich246
  • wie ein Kind. - Nun ich will ihm zwar seinen Spaß lassen, aber dennochmuß ich über den genauen Stand alles wissen. Also dachte ich mir, daßSie ..." Er schaute Michael zustimmungheischend an, "... daß Sie mir,ohne daß er etwas davon merkt, seine Aufzeichnungen kopieren." Michael stutzte einen Moment vor Überraschung über das Ansinnen desGenerals, dann aber nickte er, obwohl er skeptisch war und fragte: "Jaschon, aber was soll denn das sein? Wie sieht das aus und wo bewahrt eres auf?" Keter stellte zufrieden fest, daß sein Adjutant seinen als Wunsch formu-lierten Befehl akzeptierte. "Es handelt sich um ein graues Heft, DIN A5. Erhat es irgendwo versteckt, da unten in der Wachstube. Ich werde IhnenGelegenheit geben, dort zu sein, wenn er gerade darin liest oder schreibt.Sie beobachten ihn unbemerkt vom Gang aus. Unter einem Vorwandwerde ich ihn dann nach oben rufen. Sie werden beobachten, wo er dasHeft versteckt. Dann kopieren Sie es schnell und legen es wieder in seinVersteck zurück." Michael nickte zustimmend. Er hatte Befehle des Generals auszuführen.Aber seltsam kam ihm dessen Ansinnen doch vor. Keter fiel es nicht leicht, einen weiteren Mitarbeiter in das Geheimnisvon Waldheide einzuweihen. Einige Jahre zuvor, wenige Wochen nachder Eröffnung der Waldheider Außenstelle der WVA, waren fünf Forscherunter Leitung von Dr. Schmidt über die Existenz der vierten Tiefetageinformiert worden und die Scheibe war ihnen gezeigt worden, die dannbald ihr ständiger Arbeitsplatz wurde. Kein anderer sonst erfuhr davon,auch Michael und Reddler nicht. Diese beiden waren zwar auch schon mitdem Fahrstuhl nach unten gefahren und in der Wachstube, dem Quartiervon Keter und Krausinger, gewesen. Aber nie hatten sie die Scheibegesehen, geschweige denn die Gefangenen, deren Existenz allerdingsauch den Forschern unbekannt war. Da Keter nun aber unbedingt an das besagte Heft des Professorsgelangen wollte, aber auch vermutete, daß darin etwas über die Scheibeund ihre Piloten stehen könnte, was Michael möglicherweise lesen würde,entschied er sich, ihn vorher einzuweihen. Er legte nun mit väterlicherGeste seine Hand auf Michaels rechte Schulter und sah ihn verständnis-voll an. "Michael, ich weiß, daß das alles für einen jungen Mann nichteinfach ist. Sicher ist es leichter auf all die Annehmlichkeiten des Lebensda draußen zu verzichten, wenn man in einem Alter ist, wie ich es bin. -Aber, Sie werden später einmal froh sein, daß Sie dabei waren. GlaubenSie mir: Das, was wir hier tun, ist nicht irgend ein Sondereinsatz. Nein. Esgeht um viel mehr. Es ist etwas ganz Außergewöhnliches." Er sah Michaelmit Verschwörermine an und setzte nach einer bedeutungsvollen Pause 247
  • fort: "Ich werde Sie nun in etwas einweihen, dessen Informationsgehaltalle Geheimhaltungsstufen überschreitet, die Ihnen bisher bekanntwaren." Plötzlich wurde Keters Stimme drohend: "Sie bürgen mir mitIhrem Leben dafür, daß das geheim bleibt!" Michael beschlich ein äußerst unangenehmes Gefühl, das seine Neu-gier gewaltig dämpfte. Weshalb drohte ihm der General? Das hatte ernoch nie getan. Was mochte das denn Ungeheures sein, was er ihmoffenbaren wollte? Vielleicht sollte er sich das gar nicht anhören? Manch-mal ist es ja wirklich besser, wenn man nicht alles weiß, dachte er. Aber der General redete bereits weiter: "Sehen Sie, Michael, viele posi-tive Elemente in unserem Lande haben leider den Glauben an unsereSache verloren, als sie die kampflose Aufgabe unserer sozialistischenErrungenschaften und die Übergabe der Macht an unserenKlassengegner erleben mußten. Sie haben leider auch unser Organ -Schild und Schwert der Partei - ohnmächtig erleben müssen. Aber siehaben zu früh verzweifelt. Und unsere Klassengegner, Michael, die habenzu früh frohlockt! Abgerechnet wird noch immer erst zum Schluß. Wirwerden die Geschichte wieder richtigstellen!" Der General ereiferte sichzusehends. Michael wartete gespannt darauf, worin denn nun das Geheimnisbestehe, von dem hier die Rede war. "Wir haben sie, Michael. - Wir haben die größte und wirksamste Waffealler Zeiten. - Und wir werden sie einsetzen!" "Was für eine Waffe meinen Sie denn?" Keter sah Michael an mit einem Blick, als habe er eine die Welt bewe-gende Entdeckung zu verkünden, was ja aus seiner Sicht auch so war:"Es handelt sich um eine ganz außergewöhnliche Flugwaffe ..." Er brachab und setzte mit unterdrückter Stimme hinzu: "Michael, Sie sind dochselbst auf dem Gebiet in der Zentrale tätig gewesen. Sie haben doch soetwas ausgewertet!" Michael starrte den General ungläubig an. "Was denn, meinen Sieetwa...?" "Ja, genau. Sie erinnern sich noch daran, wie damals von diesem LichtLöcher in die Tapete meines Dienstzimmers gebrannt wurden? - Das warein UFO!" "Ja, das haben wir ja damals auch gleich vermutet." Michaels innereErregung stieg. War das möglich? Sollte das wahr sein? "So eines haben wir! Das heißt, Professor Krausinger hat es seit 1944." Michael starrte Keter fragend an: "Krausinger? - Wer ist denn das?" Keter stutzte, dann wurde ihm bewußt, daß er ja Krausingers wahreIdentität stets geheimgehalten hatte: "Ach so. Daran habe ich jetzt nicht248
  • gedacht, daß Sie ja nicht wissen können, daß Dr. Letticher in WirklichkeitKrausinger heißt. - Nun, jetzt wissen Sie es." Michael stutzte. Schon die Information, daß Dr. Letticher in Wahrheitanders hieß, irritierte ihn, aber die erwähnte Jahreszahl paßte gleich über-haupt nicht zu der Person des Professors, den er im Moment vor seinemgeistigen Auge sah. "Was denn? Und Dr. Letti ... ich meine ProfessorKrause ... oder wie heißt er gleich noch mal?" "Krausinger." "Krausinger? Und der Professor soll ... soll ein UFO besitzen, sagtenSie? Und seit 1944? Wieso seit 1944? Da gab es die doch noch garnicht?" "Doch, doch! Und der Professor..., beziehungsweise wir, haben hier inWaldheide ein solches Objekt!" "Aber woher ist das denn? Und wo soll das denn sein?" "Sprechen Sie nicht so laut", sagte Keter zu seiner Überraschung. "DerProfessor, darf uns doch nicht hören!" Michael überlegte, wo denn dieses angebliche UFO sein könne. Plötz-lich fiel es ihm wie Schuppen von den Augen. Sicher ganz unten! Deshalbdurfte außer wenigen eingeweihten Forschern, dem General und demProfessor niemand in der vierten unterirdischen Etage die anderen Räumebetreten! Hier ein UFO? Und er war die ganze Zeit nichtsahnend über denBoden gelaufen unter dem sich solches befand? Der General, Michaels ungläubigen Blick registrierend, sagte: "Sie kön-nen mir glauben. Wir haben hier seit vielen Jahren ein Flugobjekt nichtir-discher Herkunft." Michael glaubte noch immer, seinen Ohren nicht trauen zu dürfen. Daswar ja unfaßbar und einmalig. Dieses UFO mußte er einfach sehen. DieNeugier brach erneut aus ihm heraus und überwand seine Vorsicht: "Woist es? Wann kann ich es sehen?" Der General nahm Michaels Fragen nicht wahr. Er fuhr fort, ohne daraufeinzugehen: "Diese Scheibe hat ungeahnte Flugeigenschaften,Manövrierfähigkeiten, von denen die besten irdischen Jagdflugzeuge nurträumen können! Sie ist besser als alles, was Menschen bisher entwickelthaben. Mit Hilfe dieser Flugscheibe werden wir die jüngere GeschichteDeutschlands korrigieren. Alles wird wieder werden, wie es war, vor 1989.Was sage ich, besser als das wird es werden. Wir werden das ganzeDeutschland haben!" Das Gesicht des Generals glühte. Er erschienMichael plötzlich fremd und unwirklich. "Leider aber wird das noch einigeZeit dauern, bis alles so weit ist", sagte Keter. Und wie im Fieberwahnredete er weiter auf Michael ein: "Verstehen Sie jetzt, Michael!? VerstehenSie nun, daß wir hier unbedingt ausharren müssen?!" 249
  • Die Michael gerade noch beherrschende Neugier verdampfte raschwieder und Angst gewann die Oberhand: Welch ein Wahnsinn, dachte ernun, welch ein Wahnsinn! Die sind doch verrückt hier. Und der Generaloffensichtlich am meisten. Die Geschichte mit Waffengewalt umschreiben!Nein. Ich muß weg hier. Unbedingt weg! "Was wird eigentlich geschehen, Professor, wenn diese Wesen endlichwieder aufwachen?" "Wenn es zur Anabiose kommt, dann werde ich natürlich sofort mitihnen reden ...", begann Krausinger. Aber Keter unterbrach ihn, bevor er Näheres ausführen konnte. Erverfolgte die Absicht, den von ihm seit längerer Zeit argwöhnisch beob-achteten Versuchen Krausingers, die Machtverhältnisse zwischen ihnenbeiden zu seinen Gunsten zu verändern, zu begegnen und bereits jetzt zuklären, wer zum Termin das Sagen haben würde. Deshalb ging ersogleich in die Offensive: "Sie, Professor? Die kennen Sie doch aber. Diewissen doch, wer Sie sind! Meinen Sie, die hätten das vergessen? Diewerden Sie wiedererkennen, zumal Sie sich ja kaum verändert haben. Dawird Ihnen der Bart, den Sie sich zur Tarnung haben wachsen lassen,auch nicht helfen! - Die wollten doch nichts mehr mit Ihnen zu tun haben,sonst hätten die sich doch nicht in einen Dornröschenschlaf begeben!" Krausinger ließ sich durch diesen überraschenden verbalen Angriff ausder Ruhe bringen. "Momeeent, Momeeent", rief er, die Worte dehnend,aufgebracht. "Moment! Das sehen Sie falsch, General. Völlig falsch! Ichdarf Sie daran erinnern, daß ich diese Zwerge beschützt und ihnen dasLeben gerettet habe. Die wissen doch, daß sie mir vertrauen können. Diesind doch nur vor der brutalen Gewalt anderer Personen in den Schlafgeflohen." Keter reizte der Widerstand und der aggressive Ton Krausingers. Erreagierte nun ebenfalls mit verschärfter Stimmlage: "Die haben dasbraune Regime über gehabt. Die wollten aus ihrer Sklaverei fliehen,Professor. Und Sie waren Standartenführer der SS und gehörten zu ihrenSklavenhaltern!" "Hören Sie General, jetzt möchte ich doch gern einmal wissen, woherSie sich eigentlich das Recht nehmen, als Stasi-General ständig auf mei-ner SS-Zugehörigkeit herumzureiten? Die SS war doch im Grunde nichtsanderes als die Staatssicherheit. Wir waren Schild und Schwert derNSDAP, um in ihren Bildern zu reden. Und die Staatssicherheit der DDRwar, wie Sie selbst immer gesagt haben Schild und Schwert der SED."250
  • Keter unterbrach Krausinger wild aufheulend vor Empörung: "Waaas?!Es gibt überhaupt keine Gleichheit, nicht mal eine Ähnlichkeit. Ungeheu-erlich, was Sie da behaupten ..." "Ach hören Sie doch auf! Jedem, der die Alltagsgeschichte des DrittenReiches und der DDR miteinander vergleicht, fällt doch auf, daß die vonÄhnlichkeiten und Gleichheiten nur so strotzten. Ihr habt doch unsereLieder, unsere Fahnen, unsere Paraden und ... und ... und übernommen,weil Ihr zu Eigenem nicht fähig gewesen seid!" "Umgekehrt! Ihr habt unsere Arbeiterlieder und unsere rote Fahneumfunktioniert, und die Bezeichnung Arbeiterpartei, die habt Ihr auchbenutzt, alles um die Arbeiterklasse zu täuschen und Euch dienstbar zumachen, Standartenführer!" brüllte Keter. Er war außer sich. Was heißt denn hier Standartenführer!? Das ist doch fast fünfzig Jahreher, General Sie haben ..." Krausinger brach ab. Michael stand in der Tür.Dieser junge Mann kannte zwar inzwischen Vieles, aber eben nicht alles.Und schon gar nicht seine, Krausingers, wirkliche Vergangenheit. Und erhatte kein besonderes Interesse, daß weitere Personen über ihn restlosBescheid wußten. Michael hatte die letzten Sätze gehört. SS-Standartenführer? Das warder Professor? Ein hoher SS-Offizier als Mitarbeiter des MfS? Undenkbar!Antifaschistisch erzogen und in jedem SS-Mann einen KZ-Mörder zusehen gelernt, glaubte er, seinen Ohren nicht trauen zu können. Daß einso hoher SS-Offizier beim MfS tätig war, das konnte er einfach nichtglauben. Nun hatte auch Keter mitbekommen, daß Michael eingetreten war. Zwarhielt er es nun wirklich für kein so großes Unglück, daß der nun auch diebeinahe letzten Reste des Geheimnisses von Waldheide erfahren hatte,dennoch war es sicher besser, jetzt nicht weiter zu reden, denn einenStreit mußten er und der Professor ja nicht unbedingt coram publicoaustragen. Deshalb beendete er das Gespräch, indem er sagte: "Siehaben recht, Professor, wir sollten uns jetzt nicht nutzlosauseinandersetzen über Dinge, über die schon lange das Gras derGeschichte gewachsen ist." Krausinger erfaßte sofort, daß Keter die Kurve zu kriegen versuchte, umden unerwünschten Zeugen nicht weiter mit Informationen zu füttern. Erreagierte schnell und sagte: "Das sage ich doch die ganze Zeit", begabsich an dem verdutzt dreinschauenden Michael vorbei zur Tür und verließden Raum. Keter wandte sich, als sei nichts gewesen, Michael zu: "Wie sieht esoben aus? Alles in Ordnung?" "Ja, da war nichts. Dieter hat mich gerade abgelöst." "Gut, dann legen Sie sich hin Michael. Schlafen Sie ein paar Stunden,nach dieser Wache." 251
  • "Ja, ich wollte mich nur zurückmelden und mir von Thomas etwasgegen Kopfschmerzen geben lassen", antwortete Michael und begab sichzu der Scheibe, an der Schadeberg gerade arbeitete. Er durfte denunterirdischen "Hangar" seit einigen Tagen betreten. Nachdem Keter ihmdieses Geheimnis verraten hatte, hatte es keinen Grund mehr gegeben,ihn nicht die Scheibe auch mit eigenen Augen sehen zu lassen. Michael hatte ergriffen das fremdartige Fluggerät betrachtet und auchvon innen angesehen. Das alles war eine Bestätigung dessen, was erzwei Jahre lang bei der Analyse von UFO-Berichten in dem Sonderreferatder Zentrale in Berlin gelesen hatte. Niemals war er einem außerirdischenFlugobjekt nahe gewesen. Geschweige denn, daß er eine eigene Nahbe-gegnung gehabt hätte. Er hatte immer nur davon gelesen oder gehört.Kein Wunder also, daß er wirklich ergriffen gewesen war. "Na, da staunen Sie, was? Dafür lohnt es sich doch, hier durchzuhal-ten!" hatte Keter auf ihn eingeredet. Michael hatte genickt, aber er hatte in Wirklichkeit in eine ganz andereRichtung gedacht: Ich muß weg von hier! Nachdem er von Schadeberg ein schnellwirkendes Kopfschmerzmittelerhalten hatte, begab er sich wieder nach oben, um von dort aus in denSchlafraum in der dritten Tiefetage zu gelangen. Ein paar Tage später ergab sich eine Gelegenheit, das von Krausingerwie sein Augapfel gehütete Oktavheft zu kopieren. Keter hatte dafürgesorgt und Michael führte es aus, wie abgesprochen. Allerdings wich er in einem Punkt von der Absprache mit dem Generalab. Er kopierte das Heft, welches sich als das Tagebuch eines gewissenBergwald herausgestellt hatte, nicht nur für den General, sondern ebensoein Exemplar für sich selbst. Und er las es heimlich. Und was er da las,war wiederum einfach unglaublich. Er hatte zwar die Scheibe gesehenund war ergriffen gewesen. Aber immer noch hatte er Zweifel gehegt, obdas nicht doch ein Naziflugzeug sei, eine geheime deutsche Wunderwaffe.Nun aber war dieses Tagebuch für ihn eine Bestätigung der Worte desGenerals. Und in dem Tagebuch stand ja auch, daß es sogar einmalgefangene Außerirdische gegeben hatte. Der General, befürchtend, daß Michael beim Kopieren etwas über dieGefangenen gelesen hatte, wollte das Geschriebene als Unsinn hinstellen,um ihn nicht mit noch mehr Geheimwissen über Waldheide zu versorgen.Deshalb sagte er einen Tag später zu Michael: "Ich habe das gelesen,was Sie für mich kopiert haben. Alles wirres Zeug! Wirklich nur wir-252
  • res Zeug! Da hat wohl ein Soldat beim Wachdienst einen phantastischenRoman schreiben wollen. - Verstehe gar nicht, weshalb der Professor dasimmer versteckt... sicher aus sentimentaler Erinnerung an einen Kamera-den. Anders kann es nicht sein." Michael aber war das, was er gelesen hatte in Verbindung mit derScheibe, die er nun mit eigenen Augen gesehen hatte, eine erneuteBestätigung all seiner Arbeit im Referat "Unbekannte Luftraumphänome-ne" gewesen. Und es verstärkte seine Auffassung, daß es Wahnsinn war,was Keter vorhatte. "General, können Sie mir eigentlich garantieren, daß Ihr Michael nichtirgendwann einmal die Fronten wechselt?" "Wie meinen Sie das Professor?" Keter blickte Krausinger überrascht an. "Ich habe an ihm in den letzten Wochen, ja man kann schon sagen,Monaten, Zeichen der Resignation feststellen können. Und ich hörte, wieer Schmidt vor einigen Wochen gefragt hat, ob denn das alles überhauptnoch einen Sinn habe." "Ach, Professor", Keter verteidigte seinen Mann, "Resignation beiMichael? Ja, müde ist er vielleicht etwas geworden, das mag ja sein ... Istja aber auch nicht leicht, der viele Wachdienst. Ist ja überhaupt alles etwashart hier unten - für alle von uns. Ihn hat es eben besonders erwischt. Unddaß er etwas kritisch auftritt, das ist doch seiner Jugend zuzuschreiben.Die Jugend ist nun mal kritischer als wir Älteren. Aber er ist doch nach wievor Tschekist. Ich lege meine Hand für ihn ins Feuer." "Na, dann wirr wollen berreitlegen schon einmal Brrandsalbe", mischtesich Quader ein, der zwei Stunden zuvor eingetroffen war. Nach einerkurzen Pause, während der er Keters irritierten Gesichtsausdruck regi-strierte, setzte er fort: "Frritz, du alles dies zu sehrr unkrritisch siehst. Wasmeinst, wie schnell unterr extrreme Bedingungen, unter denen leben undkämpfen missen jetzt, jemand wirrd sich weich? Das drraußen im Landewirr leiderr haben rreihenweise. Rrummel mirr ibrrigens perrsönlich immerrschon errschienen politisch unrreif. Ich dirr gesagt aber schon vorr Jahrrewas err sich rredete in Parrteilehrrjahrr firr ein unqualifiziertes feindlichesQuatsch. Und was soll sich heißen nun, das wirrden sein Zeichen vonJugend? Weißt nicht, wie alt sich ist Rrummel? Wirrd sich doch dieserrbald Vierrzig! Nein, nein, es uns nichts hilft, wenn du entschuldigst ihm.Können wirr nicht leisten uns, daß einerr garr verrläßt Boot, wo sitzen allewirr drrinnen. Unterr keinen Umständen das darrf geschehen. Mußt dafirrsorrgen, daß sich Rrummel nicht kann werrden zu Verräterr!" 253
  • "General", unterstützte Krausinger Quader, "... führen Sie sich dochbitte einmal vor Augen, was passieren würde, wenn er bei Polizei oderMedien plauderte! Alles, wofür ich fünfzig Jahre gewirkt und gewartethabe und wofür auch Sie bereits seit Jahren tätig sind, wäre doch dannauf das Äußerste gefährdet! Bedenken Sie doch, was wir uns von demTermin erhoffen können. Sollen wir das alles gefährden lassen? Hier sindSentimentalitäten völlig fehl am Platz!" Jetzt griff Quader wieder ein: "Prrofessorr völlig rrecht, Frritz. Nicht unsleisten können solch Rrisikofaktorr unterr uns. Kann uns machen alleskaputt, derr. Ich gegeniberr Dirrektorrium verrantworrtlich. Verrat mußwerrden verrhinderrt - mit Hilfe von alle Mittel! Steht sich viel zu viel aufSpiel. Können nicht lassen sich kleine Rrisiko werrden zu grroße Rrisiko.- Frritz du hierr klarr in Verrantworrtung!" Keter hatte die ganze Zeit nachdenklich vor sich hin geschaut. Er wogeine jahrelange gute Zusammenarbeit mit Michael auf gegen die ihm auf-gezeichnete Gefahr, daß dieser möglicherweise durch Verrat all das zer-störte worauf er jetzt ebenso hoffte, wie der Professor. Schließlich hatte ereine Mission. Er würde dem Sozialismus in Deutschland eine neue Chan-ce geben! Was heißt eine Chance? Diesmal würde der Sozialismussiegen - und zwar in ganz Deutschland und unwiderruflich. Das würde fürMillionen Menschen gut sein. Was zählte da einer, wenn er denn auchMichael Rummel hieß? Er blickte nun auf und sagte langsam, aber gefaßt:"Ihr habt wahrscheinlich recht. Vielleicht ist er wirklich eine Gefahrgeworden. - Gefahren müssen beseitigt werden. Das sind wir unsererSache schuldig. - Gut. Ich sorge dafür." Michael überprüfte den Verpflegungsbestand, der zum Teil in der drittenTiefetage eingelagert war. Er war aber nicht bei der Sache und mußteimmer wieder von neuem anfangen, die einzelnen Lebensmittelgruppen,die meist in Konservenform oder in Kartons gestapelt waren, zu zählen. Ergrübelte über seine Situation nach und er kam immer wieder zu demeinzigen Schluß: Ja, er mußte sich endlich aus diesen unseligen Ver-strickungen befreien. Das einzige, was ihn noch hielt, das war das phan-tastische Geheimnis von Waldheide, an dem er teil hatte. Aber es würdevielleicht noch Jahre dauern, bis sich zeigen würde, ob die Scheibe über-haupt fliegen konnte. Das heißt, es würden "seine besten Mannesjahre"vergehen in einem sinnlosen "U-Boot-Dasein" mit machtbesessenen Ver-rückten. Andere hatten das ja offensichtlich genau so gesehen. Zuletzt254
  • war Funke verschwunden. Hatte sich abgesetzt, erst vor wenigenWochen. Er entschied sich: Ich muß unbedingt hier weg. Ich muß wieder unternormale Menschen! Doch plötzlich kamen wieder die Zweifel: Aber wie soll ich mein Brotverdienen? Wo soll ich wohnen? Kann ich in dieses normale Lebenzurück? Da kämen doch eine Menge von nicht überschaubaren Proble-men auf mich zu. - Wer gibt mir Arbeit, wenn er weiß, womit ich bishermeine Brötchen verdient habe? - Aber ich muß raus hier. Ich muß weg. Ichhabe die Fünfunddreißig lange hinter mir. Als erwachsener Mann aufeinem Abenteuerspielplatz die besten Jahre verrinnen lassen, währenddraußen das Leben weitergeht? Nein! Sein Entschluß wurde klarer undklarer und schließlich endgültig: Ich wage den Absprung! 255
  • Kapitel V Waldheide, Sommer 1992. Die Wechselsprechanlage machte sich miteinem unangenehmen krächzenden Geräusch bemerkbar, ein Lämpchenblinkte. Krausinger drückte den Knopf. "Ludwig", meldete er sich. "Dieter hier", antwortete Reddler, der sich oben auf Beobachtungspo-sten befand und meldete: "Hermann kommt." "Lassen Sie ihn herein." Etwa fünf Minuten später verließ Quader den Fahrstuhl. Er kam mit ern-stem Gesichtsausdruck auf die beiden Männer zu. "Tag Frritz, Tag Prro-fessorr". Sie reichten sich die Hände. "Wir haben heute überhaupt nicht mit dir gerechnet, Hermann", sagteKeter. "Gibt es einen besonderen Grund für Ihr Kommen?" fragte auchKrausinger, eine gewisse Bissigkeit in der Stimme nicht unterdrückend. Quader antwortete nicht sofort. Er öffnete einen Aktenkoffer und ent-nahm ihm ein Blatt Papier. Dann reichte er es Keter mit der Bemerkung:"Ist sich nurr Kopie." Keter nahm das maschinengeschriebene Blatt entgegen und überfloges wortlos. Dann sah er kurz Krausinger an, der ihn erwartungsvoll beob-achtet hatte, und las laut vor:An denBundesnachrichtendienst (BND) der Bundesrepublik Deutschland Pullachbei MünchenKomplott gegen die Sicherheit der BundesrepublikSehr geehrte Damen und Herren,Sie werden sicher glauben, daß der Urheber dieses Schreibens ein Spin-ner oder ein notorischer Wichtigtuer ist. Ich könnte Ihnen das auch nichtverdenken. Sie werden beabsichtigen, dieses Schreiben ad acta zu legenbzw. Ihrem Reißwolf anzuvertrauen. Davor warne ich Sie dringlichst! Ichbin ein Insider in der Angelegenheit, über die ich Sie informiere. Und Siesind Betroffene. Sie alle! So wie die gesamte Bundesrepublik und in derweiteren Folge auch die gesamte westliche Welt. Nehmen Sie folgendesernst, sehr ernst! In der Nähe von Waldheide in Mecklenburg, unter demehemaligen "NVA-Objekt" befindet sich ein gefährliches Waffenarsenal,das von der Staatssicherheit als Trumpf gegen die freiheitlich-demokratische Ordnung eingesetzt werden soll,256
  • um in der Bundesrepublik die Machtverhältnisse zu etablieren, die in derehemaligen DDR geherrscht haben. Es handelt sich bei diesen Waffenzum Teil um Technologie des 21. Jahrhunderts. Zu allem entschlosseneMänner halten sie zum Einsatz bereit.Aus eigener Erfahrung weiß ich, daß diese Kräfte auch in Ihrem ApparatIhre V-Leute haben. Deshalb gehen mit gleicher Post Schreiben gleichenWortlauts an das BKA, den Bundesverfassungsschutz sowie an zwei wei-tere, hier aus gutem Grund nicht zu nennende Institutionen. Kümmern Siesich unbedingt um die äußerst brisante von mir geschilderteAngelegenheit. Es eilt! Keter hatte den Brief fertig gelesen. Er war, so schien es, bleich gewor-den. Stille herrschte im Raum. "Eine Unterschritt fehlt!" unterbrach Keterdie Stille. Als er Krausingers vorwurfsvollen Blick bemerkte, räusperte ersich und wandte sich an Quader: "Funke?" "Nein Frritz. Funke ist sich tot. Tipp eher ich auf Rrummel." Quader sahKeter fast schadenfroh an. Schließlich hatte er mit seinen Warnungen vorRummel recht behalten. Wieso läuft der eigentlich noch frei herum?" mischte sich Krausinger ein."Ich dachte, Ihr Apparat existiere noch und sei leistungsfähig? So habenSie doch immer geprahlt! Sie hatten doch nun wirklich genügend Zeit, umden Kerl auszuschalten. Der ist vor fünf Monaten weg - vor mehr als fünfMonaten!" Er schüttelte wütend den Kopf. "Aberr hörr mal, Ludwig ..." "Nennen Sie mich nicht Ludwig!" Krausingers gereizte Stimme machte Quader unsicher. "Aberr habendoch verreinbarrt..." "Ach Quatsch. Hier unten besteht keine Gefahr, daß jemand zufälligunsere richtigen Namen hören könnte. - Für Sie bin ich Dr. Letticher! Der total irritierte Quader erwartete Unterstützung von Keter: "Wassagst dazu, Frritz?" "Ach Hermann, das sind doch jetzt Nebensächlichkeiten! Der Professorhat doch recht. Ihr habt versagt! Wenn das hier alles auffliegen sollte,dann bist auch du daran schuld! Ich glaube jetzt wirklich schon, daß esbesser gewesen wäre, wenn ich dich damals nicht eingeweiht hätte.Irgendwie hätten wir das sicher auch ohne dich durchziehen können." "Ihrr Zwei, seid doch nurr nicht aggrressiv so sehrr. Ja, gebe ich zu:Sache dumm gelaufen. Rrummell ist sich entkommen damals. Habennirrgendwo können aufspirren. Trrotz all unserre Verrbindungen, diehaben spielen lassen. Aberr glaube, brrauchen wirr uns wegen Schreibennicht Sorrge machen. Gewährrsmann in Pullach hat inforrmierrt uns 257
  • darriber, daß niemand dorrt gibt firr Brief auch nurr eine blanke Heller.Und, meinte err, auch bei anderre Adrressaten das mit Sicherrheit eben-so. Solch Zeug denen flatterrt alle Tag auf Tisch. Können außerdemgehen davon aus, daß bei diese Ämterr schon wichtigerre Informationensind eingegangen, ohne daß jemand hat iberrhaupt rreagierrt. Wenn malrreagieren, dann vielleicht errst Monate oder Jahrre später. Dafirr es gibtgenigend Beispiele. - Also, Gefahrr nicht in Verrzug!" "Glaubst du das wirklich?" "Ja, Frritz. Bin ich sicherr ziemlich." "Ihr Wort in Gottes Ohr, Herr Quader", meinte Krausinger mit höhni-schem Unterton. Die Zeiten waren schon lange vorbei, zu denen er vondiesen Leuten abhängig war und sie Macht über ihn hatten. Jetzt war siebald da - seine große Stunde. Dann würden diese Leute höchstens nochseine Steigbügelhalter sein. Mehr nicht. Quader ignorierte Krausinger und sprach nur noch zu Keter: "Werrdenhierr bei Euch stationierren Sonderrkommando. Wenn da wirrklich kom-men irrgendwelche BKA-Leute oderr welche von Bundesamt firr Verfas-sungsschutz, dann wirr werrden verschwinden lassen. Von denen keinerrwirrd liften Geheimnis. Ist sich Entscheidung von Direktorium!" Krausinger starrte Quader an. Keter fragte: "Was denn? Wieviel Leutesollen das denn sein? Und wo sollen sie denn untergebracht werden? -Was wissen die denn über unser U-Boot?" "Keine Angst, haben keinen Einblick. Kennen nurr Auftrag wo lautet:Niemand, aberr auch niemand lebend herreinlassen in Objekt, derr nichtkennt Parrole und also nicht gehörrt in dies wichtiges Stitzpunkt. WissenGenossen da drraußen also nurr, was missen wissen, damit können Auf-gabe gut errfillen. Bewährrtes Prrinzip! Werden sich sein sechs Mann.Spitzenleute! Alles Einzelkämpferr. Nehmen es auf mit zwanzig Mann vonLauseverrein BKA. Und frragst, wo werrden unterrgebrracht? Sind sichdrraußen in Wald. Haben Zelt! Ist sich kein Prroblem nicht." Man sah Krausinger an, daß er erleichtert war. Keter ging es ebenso. Ermeinte: "Nun gut. Mach das mal. Wir müssen hier, schätze ich, noch einvolles Jahr unbehelligt bleiben. Dann haben wir die Sache ganz ausge-brütet. Dann sind wir am Drücker. Dann wird alles nach unserer Pfeifetanzen müssen!" "Gut, dann ich muß jetzt wiederr fahrren. Muß ich soforrt nach Berrlin,orrganisierren ganze Sach. Hörrt von mir" Waldheide, Juli 1993. General, sagen Sie, ist Ihnen denn auch schonaufgefallen, daß sich Dr. Schmidt in letzter Zeit recht seltsam verhält?" Keter blickte auf, nickte und antwortete auf Krausingers Frage: "Ja,wenn Sie mich so fragen, Professor, etwas verändert erscheint er mir258
  • tatsächlich auch. Er spricht kaum noch. Ist so in sich gekehrt. Ob derdepressiv geworden ist?" "Ja, den Eindruck habe ich auch. Alles deutet auf Lagerkoller. Daskönnte gefährlich werden, General! Sie wissen ja, daß wir es uns nichtleisten können, einen weiteren Verlust oder gar noch einen Abspringer zuhaben. Und noch dazu Dr. Schmidt, der außer uns den größten Einblickhat!" "Na, Professor, hier unten kann man schon seltsam werden. Aber ichglaube nicht, daß Schmidt uns auch noch verraten wird wie Rosenzweig,Funke und Rummel, diese Lumpen! Wir müssen seine Entwicklung ein-fach beobachten. Vielleicht hat er im Moment ein Tief." Plötzlich vernahmen sie sich nähernde Schritte. Schnell wechselten siedas Thema. "Sie möchten mir also keine Revanche geben, für das letzteSpiel? fragte Keter laut. "Vielleicht heute abend. Im Moment bin ich nicht dazu aufgelegt." Die Tür wurde geöffnet, Kapons trat ein. Krausinger redete weiter: "Da würden Sie nämlich schnell gewinnen.Und das wäre doch sicher auch aus Ihrer Sicht ..." Er brach ab. AuchKeter starrte den sichtlich schockierten Kapons an. Kapons blickte von einem zum anderen und sagte dann, mit bebenderStimme: "Ich muß, muß ...leider eine ... eine betrübliche Mitteilungmachen." "Wie?" Krausinger starrte Kapons verständnislos an. "Ja, was ist dennlos ...?!" fragte Keter in deutlicher Erregung mit lauter Stimme. "Rolf... Rolf ist... tot." Kapons schien ziemlich fertig zu sein. "Was ist denn passiert? Herrgott, nun red doch schon!" wurde er vonKeter bedrängt. "Ich habe ihn ... gefunden ... oben, oben im Fahrstuhlschacht." "Im Fahrstuhlschacht? Ja, was macht er da ..., ich meine ... ja was hater denn dort gesucht?" Krausinger fragte gezielter als Keter: "Hatte er einen Unfall?" "Nein nein. Er, er... hing dort." "Was denn? Hat er sich etwa das Leben genommen?!" Keter starrteKapons ungläubig an, der wortlos nickte und sich die Schweißperlen vonder Stirn wischte. Nach einer Pause, alle Drei hatten vor sich hin gestarrt, sagte Keter ent-täuscht: "Also ehrlich gesagt. Das hätte ich nicht von ihm erwartet. RolfPeiges war doch schließlich einmal Parteisekretär hier in der Außenstelle.Und jetzt sowas!" Kapons schaute beschämt zu Boden, gerade so als ob er sich dafür ver-antwortlich fühle. Krausinger meinte: "Was haben Sie denn mit ihm gemacht? Hängt ernoch?" 259
  • Kapons beeilte sich zu antworten: "Nein, nein, ich habe ihn zusammenmit Dieter abgeschnitten und runtergenommen." "Gut. Habt Ihr die Leiche entsorgt?" fragte Keter. "Dazu sind wir noch nicht gekommen. Das war doch eben erst. Und wirwußten ja auch nicht, ob Sie ihn vielleicht noch einmal sehen ..." "Was denn? Bin ich etwa Leichenbeschauer? - Bringt die Leiche weg!" Krausinger sah Keter wortlos an, als Kapons den Raum verlassen hatte.Keter zuckte hilflos mit den Schultern, so als könne er das alles nicht ver-stehen, was da geschehen war. "Also, ich weiß nicht, General, Ihre vielgerühmte Truppe, Schild undSchwert der Partei, wie sie immer hieß, das sind ja überwiegendVersager!" Keter starrte Krausinger an, als müsse er erst einmal realisieren, wasder gesagt hatte und antwortete dann, als habe er es gerade erstverstanden: "Na, nun übertreiben Sie aber mal nicht, Professor!" "Was heißt hier Übertreibung? So viele Verräter und Selbstmörder, wiein Ihrem Verein, gab es aber damals bei uns nicht. Das kann ich Ihnenaber sagen!" Krausinger hatte zwar in gewisser Weise recht, denn außer Schulz, deran einer verschleppten Blinddarmentzündung gestorben war, waren dieweiteren Personalverluste auf Verrat zurückzuführen: Rosenzweig hattesich 1991 und Funke und Rummel hatten sich 1992 abgesetzt. Dennochregte ihn Krausingers Vorwurf auf: "Ach hören Sie jetzt aber auf mit IhrerSS! Solche Vergleiche! - Und hüten Sie Ihre Zunge ... sonst könnte ich fürIhre Sicherheit nicht mehr garantieren." Krausinger hielt diese Drohung für lächerlich: "Sicherheit... hä, hä, hä,Sicherheit sagen Sie!? Was habe ich denn hier noch für eine Sicherheit?Sie wollten mich und das Geheimnis von Waldheide schützen. Wie abersieht es jetzt aus? Draußen im Land, da herrschen jetzt andere. Sie dage-gen mußten sich in ein Rattenloch verkriechen! In diesem Objekt schiendie Sicherheit einigermaßen gewährleistet, durch eine Gruppe von Män-nern. Aber jetzt gibt es die nicht mehr. Das sind doch immer wenigergeworden. Ich befürchte, daß wir beiden Alten bald die einzigen seinwerden, die hier die Stellung halten müssen." Keter hatte sich sagen müssen, daß der Professor so unrecht nichthatte. Aber er fühlte, daß er ihn beruhigen mußte, denn Krausinger warnun einmal nach wie vor der Schlüssel zur Nutzung der Scheibe für seineeigenen weltrevolutionären Zwecke. Deshalb sprach er beruhigend auf ihnein: "Wir haben ja da draußen im Wald noch die Gruppe Sicherungskräfte,die Quader uns geschickt hat. Die sind zuverlässig. Glauben Sie mir. Allesbewährte Einzelkämpfer."260
  • Dr. Schmidt stieg die Treppe hinunter zur vierten Tiefetage. Er lief lang-sam. Er war bedrückt. Seine Depressivität wollte nicht weichen. Er fühltesich hilflos und verlassen. Er ahnte, ja wußte, daß er dieses Objekt nichtlebend verlassen würde. Seine Arbeit machte er seit Wochen mehrmechanisch, als mit Interesse und Kreativität, die bei der Erforschung derEigenschaften der Scheibe vonnöten gewesen wären. Unten angekommen betrat er schleppenden Schrittes den Gang. Als eran den verschlossenen Türen vorüberging, blieb er vor einer von ihnenstehen. Er starrte sie verständnislos an. Dann versuchte er sich zu kon-zentrieren. Was waren das eigentlich für Türen? So oft war er an ihnenvorbeigegangen. Nie hatte ihn interessiert, was sich wohl dahinter befän-de. Heute aber dachte er, für sich selbst überraschend: Warum eigentlichweiß ich nicht, was hinter diesen Türen ist? Warum sind die stets ver-schlossen? Er konnte sich nicht vorstellen, daß da irgend etwas Besonde-res sei, aber seltsamerweise drängte ihn pure Neugier, nachzuschauen.Er war froh, daß er sich wieder für etwas interessieren konnte und nutztediesen Moment, der ihm ein Zeichen für eine Besserung seiner depressi-ven Lethargie zu sein schien. Er besah sich das alte Schloß, griff in die Hosentasche und zog einTaschenmesser heraus. Dann bückte er sich vor und setzte das Messeran. Zwei Drehungen und das einfache Schloß war geöffnet. Er betrat denRaum, tastete an der linken Seite nach dem Lichtschalter und schaltetedas Licht ein. Als sein Blick auf menschliche Skelette und Reste von SS-Uniformen fiel, zuckte er zusammen. Doch dann stand er starr undschaute auf das, was er vor sich sah. Gedanken schossen ihm durch denKopf: Wie kann das sein? Was ist hier eigentlich los? Bisher hatte er nurgehört, daß sie sich in einem früheren Wehrmachtsobjekt befanden. Hierlagen aber SS-Uniformen! Weshalb hatte Keter nicht die Wahrheit gesagt?Hatte er sie nicht gekannt? Schmidt sah unter den Fetzen einer auf einem Skelett hängenden SS-Uniform etwas wie ein Buch hervorlugen. Rasch bückte er sich und zog eshervor. Auf dem Deckel des grauen Oktavheftes stand "Tagebuch"geschrieben und darunter war vermerkt "Teil II" und noch etwas weiterunten stand der Name des Tagebuchschreibers: "Bergwald". Er schlug das Tagebuch auf. Sein Blick fiel auf einen unter dem Datumdes 01. März 1945 stehenden, ihn zunehmend irritierenden Text: "Ichglaube, der Standartenführer Professor Dr. Krausinger hat mitbekommen,daß ich mit den Kleinen rede. Ich bin mir nicht sicher, aber er hat mich soprüfend angesehen, als ich gerade bei den Kleinen saß und sie mit mir perGedankenübertragung kommunizierten. Danach hat er mich nach oben insein Dienstzimmer befohlen. Sehr ungewöhnlich, da 261
  • ich eigentlich rund um die Uhr hier unten bleiben muß. Er und derHauptsturmführer Schubert führten dort ein Gespräch mit mir, das mir wieein Verhör vorkam.Von den beiden Forschungsleitern ist mir der gemütliche dicke Danz-mann eigentlich lieber. Obersturmbannführer Professor Dr. Danzmannscheint mir umgänglicher zu sein. Der schmächtige Krausinger mit seinerBrille und der kurzgeschnittenen Bürstenfrisur ist mir manchmal einbißchen unheimlich. Er ist zwar Wissenschaftler und kein Soldat. Aber ichglaube, der ist im Ernstfall zu allem fähig". Schmidt glaubte seinen Augen nicht trauen zu dürfen. Was hatte er dagerade gelesen? Schmächtig, Bürstenfrisur, Brille, Professor? Wie Dr. Let-ticher, dachte er. Nur, daß der einen Vollbart trägt. Das gibt es dochnicht...? Plötzlich kam ihm ein Gedanke. Professor Krausinger - Dr. Letti-cher? General Keter nannte den doch auch seit ewigen Zeiten Professor!?Deshalb vielleicht? Weil Letticher Professor Krausinger war? Und Militär-forscher soll der Letticher bei der Wehrmacht gewesen sein? Im Tagebuchsteht, daß Krausinger SS-Standartenführer und Wissenschaftler war. IstLetticher dieser Krausinger? - Nein, das konnte, das durfte nicht sein! Erschüttelte den Kopf. Unmöglich. Ich kenne ihn doch auch bereits seit Jah-ren. Ich arbeite doch schon so lange mit ihm zusammen ... Ja, aber wasweiß ich denn wirklich von ihm!? Und diese Ähnlichkeit der Beschreibungim Tagebuch mit unserem Dr. Letticher! Aber der müßte doch dannwesentlich, ja wesentlich älter sein ...? - Aber völlig undenkbar ist es janicht. Wehrmachtsoffizier? SS-Offizier? Waffenforscher? Das ist ver-dammt ähnlich, scheint nur verfremdet zu sein! Letticher könnte tatsäch-lich Krausinger sein. Professor Krausinger... Professor Letticher? Letticherist Krausinger! Und ... Keter weiß alles! In Schmidts Schädel drehte sich alles. Das konnte doch nicht wahr sein.Das durfte doch einfach nicht sein! Da hatte er seit Jahren mit einemOberst der SS zusammengearbeitet. Und das im Apparat des MfS und inder DDR, die den Antifaschismus zur Staatsdoktrin erhoben hatte!Unglaublich. Und Keter wußte alles! Aber der hatte das mit Sicherheitnicht allein verantwortet. Das muß doch ganz oben abgesichert wordensein. Das heißt ja ... Ja war denn auch der Antifaschismus nur Lug undTrug, nur eine Fassade? Für Schmidt, der schon seit längerem äußerst depressiv auf die gravie-renden Veränderungen seiner Umwelt reagiert hatte, brach endgültig eineWelt zusammen. Deshalb also hatten Keter und Letticher immer sovielWert darauf gelegt, daß diese Türen verschlossen blieben! Er zitterte vorzorniger Erregung. Wie in Trance verließ er den Raum. Seine Schrittelenkten ihn zu der nächsten Tür, die ebenfalls stets verschlossen war.262
  • Mechanisch öffnete er wieder mit dem Taschenmesser das einfacheSchloß. Er betrat den Raum in den Licht vom Flur fiel und tastete mit derHand nach dem Schalter. Die Lampe, in der Mitte des Raumes von derDecke hängend, leuchtete diesen aus, als er sie eingeschaltet hatte. Erstellte fest, daß der Raum bis auf zwei Pritschen leer war. Aber was wardenn das? Er trat näher heran. Waren das Kinder, was er da sah? Nein,das waren doch keine Kinder?! Schmidt trat noch näher heran und beugtesich über die Gefangenen, die auf den Pritschen im Tiefstschlaf lagen.Waren das etwa Mumien? Er begann zu zittern. Er fühlte sich, als habe er starkes Fieber. Es wurdeihm ganz seltsam zumute. Träume ich das alles nur, oder ist das die Rea-lität, dachte er. Das kann doch nicht wahr sein!? Er taumelte zurück vonden Pritschen, aus dem Raum hinaus und brach vor dessen Eingangzusammen. Er hatte seine Gesichtsnerven nicht mehr unter Kontrolle.Augenlider und Nerven an den Schläfen und mitten auf den Wangenzuckten unkontrolliert. Und plötzlich schrie er laut auf. Er schrie die ganzeExistenzangst, die sich bei ihm aufgestaut hatte und die ganze Wut, die eraufgrund der gerade gemachten Entdeckungen und der darausresultierenden Erkenntnis, all die Jahre von Keter, Letticher und denen daoben in Berlin hintergangen worden zu sein, aus sich heraus. Sein Magenbegann sich zusammenzukrampfen. Er erbrach sich. Dann streckte er sichwimmernd lang auf den Boden. Erst allmählich beruhigte er sich. EinBeobachter hatte geglaubt, nun sei alles wieder in Ordnung. Weit gefehlt.Zwanzig Minuten später richtete er sich langsam auf und wendete denKopf. Es war ein irres Funkeln, das seine Augen beherrschte. Mißtrauischsah er sich um. In dem Moment öffnete sich die Tür. Reddler betrat den Gang. Erbemerkte sofort die offenen Türen und sah Schmidt auf dem Boden lie-gen. "Was ist denn los, Hans?" fragte er im Vorübergehen. Er wartete dieAntwort nicht ab, sondern betrat den Raum, in dem das Licht nochbrannte. Was er da sah, verschlug auch ihm die Sprache. Aber er behieltdie Nerven, im Gegensatz zu Schmidt. Das konnten doch nur die Pilotender Scheibe sein. Wieso aber waren die nicht skelettiert? Die mußtendoch schon bald fünfzig Jahre lang hier unten liegen? Sind die vielleichteinbalsamiert worden? Über die Schulter gewandt fragte er Schmidt: "Sinddie mumifiziert?" Der reagierte mit schwacher Stimme ohne auf die Frage einzugehen:"Sie verfolgen mich. Schon immer. Überall sind sie. Überall." Reddler verließ den Raum, beugte sich über Schmidt und fragte ihn: "Istdir nicht gut, Hans?" 263
  • Der, nicht auf das achtend, was ihn Reddler fragte, schrie nun, wild umsich schlagend: "Aspergillus! Aspergillus! Aspergillus flavus!" "Was ist damit? Was meinst du damit? Denkst du, die Körper da drintragen das Mumiengift?" "Sie sind überall. Sie verfolgen mich." Schmidt hatte die Stimmegesenkt und blickte Reddler mit Verschwörermiene an. Seine Augen spie-gelten den Wahnsinn wider, der ihn ergriffen hatte. "Sie sind überall. Sieverfolgen mich. Ja, sie sind hinter mir her! Ich muß mich wehren, wehren!"Zuletzt war Schmidts Stimme immer lauter geworden. Plötzlich packte erReddler am Hals. Dieser schlug ihm blitzschnell Arm und Hand weg, dannversetzte er ihm einen Schlag gegen die Halsschlagader. Schmidt rutschtezur Seite und war sofort still. Reddler eilte zum Fahrstuhl, den bewußtlosen Schmidt auf dem Fußbo-den zurück lassend. Er fuhr nach oben und suchte Keter. "Der sitzt hinter dem Haus und macht ein Mittagsschläfchen in derSonne ...", sagte Krausinger, der im Erdgeschoß des Gebäudes in seinemalten Arbeitszimmer, des Tageslichtes wegen tat er das öfter einmal, übereiner physikalischen Formel brütete, Reddlers Frage nach Keter beant-wortend, ohne aufzublicken. "Sagen Sie Professor..., was ist denn das dort unten in diesem Raum inder vierten Tiefetage?" Jetzt wurde Krausinger hellwach. "In welchem Raum? Und was habenSie denn dort unten gesucht?!" "Ich habe Hans gesucht. Er ist dran mit der Wache." "Ach so", sagte Krausinger beruhigt und wandte seine Aufmerksamkeitwieder seinen Berechnungen zu. Aber Reddler ließ nicht locker: "Ja, wasist das denn nun dort unten?" Krausinger ließ sich ungern erneut aus seinen Berechnungen heraus-reißen, aber er wurde wieder hellhörig und stellte sich nun dumm: "MeinenSie die Scheibe?" "Nein. Das ist ja nichts Neues. Hans hat diese Tür geöffnet..." "Tür geöffnet? Welche Tür?" Krausinger war auf das höchste erregt.Was war da los? Hatten die etwa ...? "Die Tür, das heißt, die beiden Türen unten in der vierten Tiefetage,gleich vorne rechts, gegenüber der Halle mit der Scheibe." "Waaas?!" schrie Krausinger empört. "Da liegen so seltsame Kreaturen drin. Sind das die Piloten?" fragteReddler, der sich durch Krausingers Reaktion nicht beeindrucken ließ. Der antwortete nicht, nahm das Sprechfunkgerät vom Tisch und wähltehastig Keter an. Gleichzeitig fragte er: "Wo ist Schmidt jetzt?"264
  • "Der ist noch unten. Er scheint mir irgendwie wirr im Kopf zu sein. Bringtkeinen klaren Gedanken mehr zustande, faselt immer nur von Aspergillusflavus und hat mich angegriffen. Ich mußte ihn bewußtlos schlagen." "Kommen Sie sofort rein. Hier ist was Furchtbares passiert!" rief Krau-singer in die Sprechmuschel, als Keter sich meldete. Wenige Augenblicke später hastete Keter in den Raum. "Was ist dennlos?" rief er unwillig. "Die haben die Ruhe der Zwerge gestört!" brüllte Krausinger außer sichvor Wut zurück. "Wer hat die gestört? Was reden Sie da Professor?" Fragend schauteKeter Reddler an, der die beiden irritiert betrachtete, denn so erregt hatteer sie noch nie gesehen. Er verstand nicht, weshalb sie so völlig aus demHäuschen zu sein schienen. Kapons hatte von Keter den Befehl erhalten, Schmidt zu bewachen.Schmidts Wahnsinn schien voll ausgebrochen zu sein. Sie konnten essich aus naheliegenden Gründen nicht leisten, ihn zu einem Arzt zu brin-gen oder einen Arzt zu einem Hausbesuch zu bestellen. Das Problemmußte anders gelöst werden. Reddler hatte die Skelette aus dem Abstellraum entfernt. In die Tür, wieauch in die, hinter der die Zwerge schliefen, hatte er Sicherheitsschlössereingebaut. Kapons gegenüber durfte er nicht erwähnen, was er gesehenhatte. Dr. Schmidt wurde in dem Absteliraum untergebracht, in dem er dieSkelette entdeckt hatte. Die Tür wurde verschlossen. Schmidt wurde wieein Gefangener gehalten, allerdings ohne Fesseln. Er erhielt seine Mahl-zeiten regelmäßig und der Kübel, den man ihm hingestellt hatte, weil eskeine Toiletten gab, wurde ebenfalls regelmäßig geleert. Diesen Dienstverrichteten im Wechsel Reddler und Kapons, die beiden letzten Offiziere,die General Keter nach der Flucht von Funke und Rummel noch zurVerfügung standen, nachdem der schwer erkrankte Schadeberg wenigeMonate zuvor von Quader abgeholt worden war. Schmidts offensichtlicher Verfolgungswahn hatte sich nicht gelegt. Erwar nun bereits seit sechs Wochen gefangen gesetzt. Meist flüsterte er,auf dem kalten Betonfußboden hockend, vor sich hin. Oder aber er beob-achtete mißtrauisch und wortlos, was derjenige tat, der ihm Essen brachteoder den Kübel leeren kam. So war es auch diesmal, als Kapons ihm dieMittagsmahlzeit brachte. Kapons hatte die Tür aufgeschlossen und 265
  • den Raum betreten. Er stellte das Tablett mit dem Essen und einerFlasche Mineralwasser auf den kleinen Tisch. Dann beugte er sichhinunter zu Schmidt, um zu sehen, ob mit dem alles, den Umständenentsprechend in Ordnung sei. In dem Augenblick schnellte, begleitet von einem markerschütterndenSchrei Schmidts rechte Hand hoch. Stahl blitzte im Licht der Lampe. DasTaschenmesser drang in Kapons Hals. Der wollte schreien, aber schonschoß Blut im Strahl aus seinem Mund. Während er stöhnend zusam-menbrach, rannte Schmidt, sein Opfer nicht weiter beachtend, wahnsinnigschreiend durch die offene Tür in den Gang und zum Fahrstuhlvorraum.Die Tür des Fahrstuhles, den man mechanisch schließen mußte, standnoch offen. Er trat hinein und glotzte mit stierem Blick auf dieBedienungsknöpfe. Offensichtlich wußte er nicht mehr, wie man denFahrstuhl in Bewegung setzte. Er kam wieder heraus und rannte ziellos inder Etage herum. Kapons hatte mit allerletzter Kraft sein Sprechfunkgerät gezückt und aufSendung gestellt. Reddler meldete sich. Kapons wollte antworten. EinSchwall Blutes schoß ihm, verbunden mit einem gurgelnden Stöhnen ausdem Rachen und ergoß sich über die Sprechmuschel. Dann fiel ihm dasGerät aus der Hand. Sein Körper zuckte noch einmal und erschlafftedann. Leises Stöhnen war zu hören. Schmidt rannte weiter ziellos herum. Seine wahnsinnigen Schreie hall-ten durch die Tiefetage. Es klang schrecklich. Plötzlich öffnete sich die Türzur Wendeltreppe, die Schmidt bisher unbekannt gewesen war. Krau-singer trat, gefolgt von Reddler aus dem geheimen Treppenschacht. Schmidt bemerkte die Waffe in Reddlers Hand. Die eigenen Schrittebeschleunigend sprang er mit erhobenem rechtem Arm, das blutigeTaschenmesser mit der Hand umkrampfend, auf Reddler zu. Ein Pistolenknall, hier unten einer Detonation gleich, folgte. Krausingerhatte Schmidt durch die Brust geschossen. Reddler wandte sich um, sahKrausinger verwundert und anerkennend an. Dann beugte er sich hinun-ter, drückte zwei Finger an Schmidts Halsschlagader und sagte, sich auf-richtend: "Ich glaube, das war das Beste für ihn." Krausinger dagegen sah auf die Leiche Dr. Schmidts herunter, mit demer viele Jahre erfolgreich zusammengearbeitet hatte und dachte: Niemanddarf mein Projekt gefährden, niemand! Reddler war aufgestanden und hatte nach Kapons gesucht. "Professor",rief er. "Klaus liegt hier. Ich glaube, er lebt noch." Krausinger kam hastig gelaufen. Er sah auf Kapons herab. Das Blut tratnach wie vor aus der Wunde aus. "Wo wollen Sie hin?" fragte er Reddler,der aus dem Raum rannte.266
  • "Ich suche Verbandszeug! Wir müssen ihm doch die Wunde abbinden",rief Reddler über die Schulter. "Sind Sie denn töricht?" herrschte ihn Krausinger an. "Bleiben Sie hier!Der Mann überlebt das doch nicht." "Bis in ein Krankenhaus..." "Was? Sie wollen den in ein Krankenhaus bringen? Bis der dort wäre,wäre der doch bereits verblutet! Und wissen Sie, was das bedeutenwürde? Ein Mann mit einem Messer im Hals - hier aus Waldheide? WollenSie denn alles gefährden?!" Reddler starrte Krausinger entgeistert an: "Wir können doch aber nichteinen alten Gen ... , äh einen ... einen Kameraden einfach verbluten las-sen. Der ist doch vielleicht noch zu retten!" Krausinger rief über Sprechfunk nach Keter: "Kommen Sie schnell hierherunter!" Reddler drückte Kapons mit einem mehrfach gefalteten Stofftaschen-tuch die Halswunde zu. Krausinger von unten her anschauend sagte er:"Wir können ihn doch nicht verbluten lassen!" Kapons stöhnte schwach. Im Hintergrund hörte man Schritte. Mit vor Anstrengung hochrotem Kopfstürmte Keter in den Gang. "Was ist denn los, zum Teufel noch mal? Einermuß doch schließlich oben aufpassen!" "Klaus ist schwer verletzt. Wir müssen etwas unternehmen!" rief ihmReddler zu. Keter schaute auf Kapons hinunter. Er sah den Sitz der Wunde undhörte Krausinger eiskalt sagen: "Wir können ihm nicht mehr helfen. Las-sen Sie ihn sterben." Er betrachtete den am Boden liegenden Schwerver-letzten und schaute dann Reddler an. "Ja", bestätigte er schließlich fasttonlos Krausingers Worte. "Es hat keinen Sinn mehr. Er wird sterben." Reddler erwiderte erregt: "Dann muß ja jeder von uns, der mal verletztwird, damit rechnen, daß man ihn einfach krepieren läßt!" "Er ist einfach zu schwer verletzt. Er hat zuviel Blut verloren. Und er istzu schwach. Wir kriegen ihn in keinen OP-Saal mehr lebend rein, selbstwenn wir wollten." "Vielleicht ist er ja stärker, als wir jetzt glauben. Wir müssen ihm dochhelfen." Plötzlich meinte Krausinger, dem die Beharrlichkeit Reddlers mißfiel:"Ein Vorschlag: Vielleicht ist er ja wirklich noch kräftig genug für einenTransport und für eine Operation. Bis zum nächsten Krankenhaus brau-chen wir mindestens dreißig Minuten. Das heißt, wenn er die nächstendreißig Minuten nicht durchhält, dann würden wir dort nur eine Leicheabliefern - und um welchen Preis? Um den Preis unserer Sicherheit hier! 267
  • - Ich wäre allerdings bereit, das Risiko einzugehen, wenn er die nächstendreißig Minuten durchhält." Reddler sah Krausinger wortlos an. "Sie können ihn jetzt verbinden ...", sagte Krausinger an Reddlergewandt. "Nun holen Sie schon den Verbandskasten." Sich erhebend sagte Reddler zu Keter: "Drück bitte weiter auf dieWunde, Fritz." Keter übernahm Reddlers Aufgabe, der nach nebenan zur Wachstubelief. "Nehmen Sie die Hand von der Wunde, General!" flüsterte Krausinger,indem er sich zu Keters Ohr hinunter beugte. Der lockerte den Druck undschaute aus seiner hockenden Position, die ihn offensichtlich sehranstrengte, fragenden Blickes hoch zu Krausinger. "Sie wissen so gut, wie ich, daß wir Kapons nicht in ein Krankenhausbringen können. Wir können uns keine Sentimentalitäten leisten!" Krau-singer sprach leise, aber mit Nachdruck. Keter nickte und zog die Hand von der Wunde. Aber er sagte kein Wort.Jetzt quoll das Blut im Rhythmus des schwächer werdenden Pulses ausKapons Halswunde. "Der Reddler hat das leider nicht begriffen. - Wenn er wiederkommt,dann tun Sie am besten so, als ob Sie die ganze Zeit die Wunde zuge-preßt hätten." Keter nickte. In der ungewohnten Hockstellung, in der er sich mühsamhielt, schmerzte ihn sein Kreuz . "Ich bin sicher, Klaus hätte das sowiesonicht überlebt", sagte er, mehr zu sich selbst, um sein Gewissen zu beru-higen. Im Hintergrund hörte man Reddler im Eiltempo zurückkommen. Keterdrückte schnell wieder das blutige Taschentuch auf die Wunde. Reddler erschien, den Sanitätskasten in der Hand. "Schnell, hier ist diekeimfreie Kompresse", sagte er und hockte sich wieder neben Keter. "Laßmal kurz los. Ich drücke sie auf die Wunde." "Machen Sie den Verband nicht zu straff, damit er nicht erstickt", sagteKrausinger. Er gab sich Mühe, Besorgnis anklingen zu lassen. Der Verwundete hatte in den letzten Minuten mehrfach gurgelndgeröchelt. Das wiederholte sich. "Verdammt", sagte Reddler. "Ich glaube,der verschluckt sich an seinem eigenen Blut. Vielleicht kriegt er es auch indie Lunge. Wir müssen ihn aufrichten." Er hob Kapons Oberkörper an. Indem Moment gab Kapons noch einmal ein gurgelndes Stöhnen von sich.Er schien verzweifelt nach Luft zu schnappen. Blutiger Schaum trat ihmaus dem Mund. Dann sank er kraftlos in sich zusammen. Reddler legteden erschlafften Körper vorsichtig ab.268
  • "Ich glaube, er hat seinen Geist aufgegeben", sagte Keter. Reddler zog ein Augenlid Kapons nach oben. "Ja, es ist aus mit ihm." "Sehen Sie, wir hätten ihn nicht mehr rechtzeitig in ein Krankenhausbringen können. Wie ich Ihnen gesagt habe!" Krausingers Stimme klangeher triumphierend, als bedauernd. Er war froh, daß die Sache so ausge-gangen war. Reddler schien nicht auf Krausingers Worte gehört zu haben. Er standauf, blickte aber noch immer auf Kapons leblosen Körper hinab. Keter, der sich ebenfalls mühsam aufgerichtet hatte - ihn schmerztenKnie und Rücken - drehte sich um und ging langsamen, schleppendenSchrittes in Richtung Fahrstuhl. Er trat an die Leiche von Schmidt heran.Stumm blickte er auf sie herab. Plötzlich fühlte er sich sehr alt und furcht-bar einsam. Alle verließen sie ihn. Seine ganze Mannschaft. Offiziere, mitdenen er jahrelang zusammengearbeitet hatte. Alle waren weg: Geflohen,gestorben, verrückt geworden. Und alle waren sie junge Männer gewesen,im Vergleich mit ihm. Ein Wahnsinn! Krausinger trat hinter ihn und, als wisse er, was Keter gerade bewegte,sagte er: "Es kann nicht mehr lange dauern, General. Dann haben wirunser Ziel erreicht. All die langen Jahre, all die Mühen, all die Opfer wer-den nicht umsonst gewesen sein." Er sprach in einem beruhigenden Tonzu Keter und berührte ihn das erste Mal in all den Jahren, indem er ganzkurz und sacht seine Hand auf Keters Arm legte. Es war, als wollte einVater sein verstörtes Kind beruhigen. Keter drehte sich leicht zur Seite und nickte Krausinger zu. "Ja, Siehaben recht", sagte er mit leiser Stimme, dankbar dafür, daß erverstanden wurde. Krausingers Blick fiel plötzlich auf etwas Graues, das sich kaum vomGrau des Betonfußbodens der Halle abhob. Er bückte sich und hob esauf. Es war ein Oktavheft, wie er schon eines vor fast fünfzig Jahren indieser Etage gefunden hatte. Er drehte es um und bekam einen Schreck."Bergwald" stand darauf. Ja, das war ja das Tagebuch Bergwalds! Wiekam denn das hierher? In dem Moment las er, daß dort auch noch stand:"Teil II". Es war also nicht das Tagebuch, das er sorgfältig versteckt hielt,sondern ein anderes, ein Zweites, das er bisher nicht gekannt hatte.Schmidt mußte das gehabt haben. Aber wo hatte der das gefunden? Eilig blätterte er darin. Mit einem kurzen Blick erfaßte er, daß es vieleseiner Fragen beantworten konnte. Verdammt. Warum habe ich denzweiten Teil nicht bereits damals gefunden. Dann wäre ich doch sicherschon viel weiter! Schnell schob er das Heft unter sein Hemd. Er sah sichum. Keter schien nichts bemerkt zu haben. 269
  • Krausinger überzeugte sich davon, daß er allein war. Dann zog er dasTagebuch unter seinem Hemd hervor und schlug es auf. Er war gespanntdarauf, was er Neues lesen würde."06. April 1945Heute haben mir die beiden etwas zu erklären versucht, was ich sichernicht richtig verstanden habe, weil mir einfach die fachlichen Kenntnissefehlen. Auf meine Frage, wie denn ihr Fluggerät angetrieben werde, dieich nun bereits wiederholt gestellt hatte, sagten sie mir, daß der Antriebmit Hilfe des Transurans Element 115, erfolge. Es sei ein Minireaktor anBord, der elektrische Energie und eine Basisgravitationswelle liefere.Durch eine Interaktion zwischen Materie und Antimaterie werde einGravitationsfeld geschaffen. In einen Klumpen von E 115 werde einbeschleunigtes Proton hineingeschossen, wodurch Antiwas-serstoffentstehe. Die mit der Materie reagierende Antimaterie produziere Energie,überwiegend Hitzeenergie, die durch einem thermionischen Reaktor inelektrische Energie umgewandelt werde. Für mich sind das allesböhmische Dörfer. Dafür bin ich zu wenig gebildet. Aber interessant ist esschon. Und ich darf wohl auch stolz darauf sein, daß sie das gerade mir,einem völlig unbedeutenden Erdenbürger offenbarten." Krausinger ließ das Tagebuch sinken. Das war es also: Element 115!Das ist ein superschweres, aber ziemlich stabiles Element, dachte er. Esweist einen ungeheuren Energiegehalt auf. Ein Kilogramm davon könntedurchaus eine solche Energie entwickeln, wie 50 Wasserstoffbomben! -Aber es kommt doch auf unserer guten alten Erde überhaupt nicht innatürlicher Form vor. Und es läßt sich hier auch nicht herstellen. Man weißnur, daß es theoretisch existieren müßte und hat es deshalb in dasPeriodensystem aufgenommen. Aber das ist auch alles. Du großer Gott.An dieses Material kommen wir ja doch überhaupt nicht heran! Er blätterteweiter, merkte aber schnell, daß er die für ihn einzig bedeutsame Stellegerade gelesen hatte. Waldheide, Sommer 1994. Die Sonne verbreitete eine sengende Hitze.Keter deckte seine Augen mit der Hand ab und schaute nach oben. Erglaubte, das Loch in der Ozonschicht direkt über sich zu haben.Mißtrauisch besah er sich seine nackten Unterarme, auf denen sich, wieer zufrieden feststellte, die Altersflecken nicht vermehrt hatten in denletzten Jahren. War da irgendwo etwas Verdächtiges, Schwarzes, schnellWachsendes zu sehen? Nein, da war nichts. Zum Glück. Vorsichtig rollteer seine Hemdsärmel herunter, glättete sie und knöpfte sie zu. Trotz die-ser Vorsichtsmaßnahme, packte er wenig später den Stuhl, auf dem er270
  • gesessen hatte, und ging zurück in das Gebäude, an dessen Rückseite ersich gesonnt hatte. Es war ihm zu heiß geworden da draußen. Er begabsich wieder hinunter in die kühle Unterwelt des Objektes. Unten ange-kommen betrat er die Wachstube. Krausinger, sich von seiner Liege aufrichtend, warf dem Störenfriedeinen ärgerlichen Blick zu. "Wann wird es denn nun endlich so weit sein, Professor?" fragte Keter.Doch Krausinger, der sich wieder zurückgelehnt hatte, reagierte nicht. Dasärgerte ihn: "Professor, antworten Sie mir! Sie wissen, daß ich es auf denTod nicht ausstehen kann, wenn ich etwas frage und es antwortet mirkeiner. Ich rede doch wohl nicht etwa gegen eine Wand? Wann hat diesesWarten hier endlich ein Ende?" Nun richtete sich Krausinger ganz auf und setzte sich auf die Liege."Jetzt haben Sie es endlich geschafft, General. Sie haben mich völligmunter gemacht! Hoffentlich sind Sie jetzt zufrieden!" "Es ist doch hellichter Tag oben! Das ist ja wohl krankhaft, den ganzenTag nur zu schlafen. Sagen Sie mir endlich, wann es soweit sein wird!" Krausinger schnaubte wütend: "Wie oft habe ich es Ihnen bereits erklärt,General, daß der Termin 1995 sein wird. Früher wird nichts geschehen.Das können Sie mir glauben. So ungeduldig Sie auch sind. Es gehtdadurch auch nicht schneller." "Das heißt also, noch ein weiteres Jahr zu warten, zu warten, zu war-ten...?" "Ja. Genau das heißt es, General. Sie sind doch nicht etwa zu willens-schwach, um das durchzustehen? Sie sind doch nicht etwa zu alt für diesegroße Sache?!" "Ich? Ich bin gesund, wie ein Fisch im Wasser, Professor. Sie wissendoch, daß ich seit Jahren keinen Arzt mehr konsultieren mußte. Sie wis-sen, daß ich, wie man heutzutage wohl sagt, topfit bin. Wissen Sie, wie altich bin? - Ach, das wissen Sie ja. Aber wissen Sie, für wie alt mich vieleLeute halten würden? Für viel jünger! Und da sagen Sie, ich sei zu alt.Das ist... das ist ja eine Unverschämtheit!" "Passen Sie mal auf das auf, was ich Ihnen jetzt sage, General: Natür-lich sehen Sie jünger aus, als Sie sind, weitaus jünger. Natürlich sind Siekerngesund und brauchen keinen Arzt." Keter nickte triumphierend: "Sage ich doch!" Krausinger redete jedoch unbeirrt weiter: "Sie brauchen allerdings nichtzu denken, daß das Ihr Verdienst sei, General. Ich war es, der Ihnen vorfünfzehn Jahren bereits einen Schuß Unsterblichkeit in den Wodka gemixthat! Ohne den wären Sie doch jetzt ein alter, kranker Mann von achtzigJahren, der vielleicht so aussähe wie neunzig - so wie Sie immer saufen!" 271
  • Keters Gesichtsausdruck hatte sich bei Krausingers letzten Wortenmißtrauisch gewandelt. Jetzt sah er den Professor ungläubig an: "Washaben Sie da gesagt? Sie haben mir etwas in meinen Wodka gegossen? -Und wie meinen Sie das mit dem Schuß Unsterblichkeit?" "So wie ich es gesagt habe. Sie sind nur deshalb so gesund geblieben,so vital, weil ich dafür gesorgt habe." "Wie denn? Wieso Sie Professor?" "ja, glauben Sie denn, Sie seien so gesund und relativ jung geblieben,von nichts? Haben Sie nie darüber nachgedacht, daß das doch recht selt-sam ist?" "Nein, wie sollte ich?" "Wie alt schätzt man mich? Was glauben Sie, General?" "Jaaa, ich weiß ja, daß Sie noch wesentlich jünger aussehen, als ich, ...obwohl Sie ja älter sind ..." Keter brach ab und sah Krausinger plötzlichverstehend und voller Hoffnung an: "Heißt das etwa, daß Sie über Mög-lichkeiten verfügen, das Leben zu verlängern? Haben Sie da etwa ein Mit-tel aus der Scheibe?" Krausinger ärgerte sich, daß er sich durch Keters Verhalten hatte hin-reißen lassen, das letzte seiner Geheimnisse zu verraten. Es blieb ihmaber nichts anderes übrig. Er weihte Keter ein, der staunend zuhörte, alsKrausinger von den "Methusalem-Kapseln" sprach. Als Keter erfuhr, daß eine einzige Kapsel fünfzig Jahre wirke, war erbegeistert. Er fühlte sich jetzt zu den Unsterblichen gehörend. Kassel, Juni 1995. Wir hatten viel diskutiert und das Für und Widerberaten, bevor wir uns dazu entschieden hatten, Waldheide aufzusuchen.Unser Ziel war es festzustellen, ob sich dort überhaupt noch jemandbefand und was diese Leute trieben. Wir wollten Beobachtungsergebnissesammeln und alles für einen Bericht zusammentragen, den ich in meinemSender plazieren wollte. Am 24. Juni 1995 machten wir uns in aller Frühe mit einem Mietwagenauf den Weg. Natürlich hatten wir dafür gesorgt, daß die Beobachterunsere Abreise nicht mitbekamen. Da sie von Michaels Aufenthalt in Kas-sel nichts zu wissen schienen, hatte ich mich über Umwege mitten in derNacht zu ihm begeben. Von seiner Wohnung aus waren wir dann gestar-tet. Ich grinste, als ich Michael sah. Er hatte einen Dreitagebart und hattesich seine Haare schwarz gefärbt. Dazu trug er eine spiegelnde Sonnen-brille. Das war sein Versuch, dort wo wir hin wollten, nicht erkannt zuwerden. Wir hatten vereinbart, daß wir uns am Steuer abwechseln wollten. Ichfuhr als erster. Als wir auf der Autobahn waren, wurden meine Gedanken272
  • von dem uns bevorstehenden Abenteuer gefangen. Ich dachte darübernach, was uns wohl erwarten würde. Immerhin hatte ich damals in Wald-heide schwerbewaffnete Männer im Wald gesehen. "Du sag mal, Michael,waren die Russen damals, als du in dem Objekt warst, auch schon dort?" "Was für Russen?" "Na, ich hatte dir doch schon einmal gesagt, als ich mich vor wenigenWochen heranschlich, da habe ich im Wald zwischen der Landstraße unddem Objekt ein Zelt gesehen, vor dem mit Maschinenpistolen bewaffneteRussen saßen. Was sind denn das für Leute? Was glaubst du?" "Ach ja, ich erinnere mich. Stimmt. Hattest du mir gesagt. Aber als ichdort oben war, da haben wir selbst alles abgesichert. Ich hatte auch sehroft Wache. Da waren keine Russen da. Ich kann mir das nur so erklären,daß der Quader die Russen mitgebracht hat, vielleicht als zusätzlicheWache, nachdem ich abgehauen bin. - Oder, oder sollten die Russen dasObjekt übernommen haben?" "Meinst du? Wo wären denn dann die Leute, die damals mit dir untenwaren, vor allem der Krausinger und der General? Sind die vielleicht garnicht mehr da?" Michael zuckte die Schultern: "Ich kann es dir wirklich nicht sagen,Theo. Da ist alles möglich. Wir müssen einfach sehen, was sich dort getanhat, seitdem ich weg bin." "Wann bist du eigentlich genau weg? Und wie war das denn? War esleicht, da rauszukommen? Das hast du mir ja noch gar nicht erzählt. Jetzthaben wir doch Zeit. Erzähl mal." "Weißt du, ich habe damals lange hin und her überlegt. Ich wollteunbedingt weg von diesen Wahnsinnigen und wieder unter normaleMenschen. Aber mir war natürlich klar, daß die mich suchen würden unddaß es sehr gefährlich für mich werden würde, wenn ich mich dortabsetzte. Und ich muß dir ehrlich sagen, auch jetzt habe ich kein sehrgutes Gefühl, wo wir doch genau dort hin fahren." Er merkte wohl, daß ich ihn fragend anschaute, denn er sagte sofort:"Keine Angst, wir machen das, was wir uns vorgenommen haben. KeineFrage." Dann setzte er fort: "Also ich hatte mir die Entscheidung zu flie-hen, nicht leicht gemacht. Und meine Befürchtungen waren auchberechtigt. Um dir die Gefährlichkeit dieser Leute vor Augen zu führen,werde ich dir jetzt erzählen, wie sie hinter mir her waren, nach meinerFlucht, und wie die alten Stasiverbindungen noch funktionieren. Ich habeeine Nacht genutzt, in der ich Wache hatte, um unbemerkt das Objekt zuverlassen. Ich holte einen der Wagen aus der Garage und bin nach Berlingefahren. Ich dachte mir, daß ich in so einer großen Stadt am ehesten 273
  • untertauchen könnte und eventuell auch Hilfe von Freunden erhaltenwürde. In Lichtenberg suchte ich gleich am Morgen einen mir vertrauens-würdig erscheinenden Freund auf, der auch einmal bei der Firma gewe-sen war. Von ihm erhielt ich den Schlüssel für eine ehemals KonspirativeWohnung, in der ich erst einmal wohnen wollte. Noch bevor ich dortauftauchte, war es aber wahrscheinlich den Leuten von Quader schonbekannt, daß ich da übernachten wollte, und ich kann von Glück reden,daß ich da lebend wieder rausgekommen bin." "Was? Wieso lebend rausgekommen?" "Ja, also, als ich abends in der Wohnung war, da habe ich durch Zufallgemerkt, daß sie offensichtlich beobachtet wurde und das Haus wahr-scheinlich schon umstellt war. Schnell imitierte ich aus Decken und Kisseneinen Schlafenden auf einer Liege in einem der Zimmer. Ich wollte spät inder Nacht gerade die Wohnung verlassen, um unterzutauchen, da hörteich, wie die Tür von außen geöffnet wurde. Ich versteckte mich und mußtemit anhören, wie die zwei Personen, welche die Wohnung betreten hatten,auf den vermeintlich Schlafenden auf der Liege schossen. Da sievermuteten, daß sie mich erschossen hatten, war es mir möglich, sie totalzu überraschen und kampfunfähig zu machen. Ich verließ das Haus,schaffte es bis zu meinem Wagen und raste durch die nächtliche Stadt.Ich merkte, daß ich verfolgt wurde, es gelang mir aber, die Verfolgerabzuhängen." "Wie sind die denn darauf gekommen, daß du in dieser Wohnungwarst?" "Also genau darüber habe ich während der Flucht auch gegrübelt. Hat-ten die mich bis nach Berlin verfolgt? Oder kontrollierten die ihre K-Woh-nungen immer noch und hatten festgestellt, daß ein Unbefugter in dieserWohnung Unterschlupf gefunden hatte? Dann würden sie sicher auch baldwissen, daß ich es war, dachte ich. Oder aber sollte vielleicht mein Freundvon dem ich den Schlüssel hatte ...? Ja. Natürlich. Auf den konnten siedoch auch gekommen sein! Die wußten doch sicher auch, daß ich mit ihmbefreundet war. Die wußten doch alles in der Firma: Wer wen kannte, werwen besuchte, wer mit wem befreundet war, wer mit wessen Frau bumste.Die könnten ihn befragt haben und er hatte vermutlich geantwortet, ohnezu ahnen, daß sie mich jagten. - Was heißt ohne zu ahnen? Ich warbereits so weit, in Erwägung zu ziehen, daß er mich bewußt in diese Fallegeschickt haben könnte. Ich zweifelte bereits an den besten Freunden.Und das ist ein verdammt schlechtes Gefühl, sage ich dir." Ich nickte verstehend.274
  • Michael fuhr fort: Mir wurde erst da voll bewußt, daß ich mich in sehrgroßer Gefahr, ja in Lebensgefahr befand. Es ging ja nicht lediglich um dieBedrohung eines Abtrünnigen. Davon gab es viele. Es ging vielmehr umjemanden, der über eine so bedeutsame Angelegenheit Bescheid wußte,wie nur wenige andere auch. Es ging um jemanden, der ihnen alle ihrePläne durchkreuzen könnte. Sie würden mich liquidieren lassen, wenn siemich denn in die Hände bekämen. Keter, Quader und Krausinger wußten,was auf dem Spiel stand. Und die Verantwortlichen des Direktoriums inBerlin sicher ebenfalls. Es wurde mir ganz schön mulmig, das sage ich dir.Du wirst denken ich spinne, aber ich verspürte schon das kühle Eiseneines Schalldämpfers im Nacken. Ich muß untertauchen, dachte ich. Aberwohin? In Berlin konnte ich nicht bleiben. Nach Apolda zu meiner Mutterkonnte ich auch nicht. Dort würden sie sicher ebenfalls auftauchen. Ichmußte weg, weit weg, das war klar. Am besten wäre es sicher, gleich indie alten Bundesländer zu gehen. Im Osten hatte es keinen Sinn. Daexistierten die alten Strukturen der Firma sicher noch bis hinunter aufGemeindeebene. Zumindest könnten sie durch diejenigen, die daswollten, schnell mobilisiert werden. Nach einem Blick auf denKraftstoffanzeiger fuhr ich zügig aus Berlin heraus weiter nach Süden.Blicke in den Rückspiegel zeigten mir, daß ich nicht mehr verfolgt wurde.Ich hatte sie abgehängt." Michael schien die Erinnerung an diese Flucht ganz schön mitzuneh-men. Ich sah es ihm an und hörte es an seiner Stimme. Nach einem kur-zen Atemholen sprach er weiter: "Zwei Stunden später steuerte ich denBMW auf den Parkplatz am Hauptbahnhof von Halle in Sachsen-Anhalt.Ich bestieg dann einen Interregio, der nach Frankfurt (Main) fuhr." "Frankfurt? Und wie bist du denn dann nach Kassel gekommen?" "Ach weißt du, ich habe mich in verschiedenen Städten aufgehalten, nurum meine Spuren zu verwischen. Ich kenne München, ich kenne Stuttgart,ich kenne Heidelberg, Dortmund und Krefeld. Ich habe mich mitGelegenheitsarbeiten über Wasser gehalten. Ich bin nirgendwo längergeblieben als acht Wochen. Erst als ich nach Kassel kam und meinenjetzigen Arbeitsplatz fand, blieb ich länger. Und jetzt glaubte ich, einiger-maßen sicher zu sein. Und da tauchst du auf und die ganze Geschichtebeginnt von vorn. - Aber ich mache auch nur mit, weil ich hoffe, daß wirgemeinsam diesem ganzen Spuk endlich ein Ende bereiten können." Waldheide, 24. Juni 1995. Keter blickte auf die Uhr. Es war gegen elfUhr vormittags. Seit Wochen hatte ihn eine gespannte Unruhe ergriffen. Ererwartete das Ende des Dornröschenschlafes der Gefangenen. Waswürde geschehen, wenn es soweit sein würde? Würde es ihm tatsächlichgelingen, sie zu veranlassen, all seinen Befehlen zu gehorchen? 275
  • Er verspürte ein menschliches Bedürfnis. Er mußte dringend nach oben.Vier Stockwerke. Verdammt. Den Fahrstuhl konnte er nicht benutzen, dastaten sie seit einiger Zeit nicht mehr, wegen des Lärms, den der verur-sachte. Es fiel ihm allmählich immer schwerer, diese vielen Stufen hinaufzu steigen. Er war jetzt immerhin 83 Jahre alt geworden. Zwar war erdurch Krausingers Kapsel biologisch erst 65, aber auch mit 65 hat manschon so seine Probleme. Das hatte er in letzter Zeit immer deutlicherfeststellen müssen. Und außerdem war er in den letzten zwei Jahren kör-perlich ziemlich aus der Übung gekommen. Da sie sich oben nicht mehrsehen lassen konnten - aus Sicherheitsgründen - und da es im "U-Boot"kaum Möglichkeiten gab, um sich körperlich zu ertüchtigen, hatten seineMuskeln begonnen, zu erschlaffen. Er stieg weiter nach oben, indem er sich mit der rechten Hand an demeisernen Geländer hochzog. Jetzt hatte er schon etwa die Hälftegeschafft. Zu dumm aber auch, daß die Nazis damals keine Toiletten indie Tiefetagen eingebaut hatten. Aber er sel