   Gibt es ausserirdische Technologie nur in den    Hangars supergeheimer Luftwaffenlestgelände in    den USA?   Was ver...
Ich habe genügend Konstruktionsunterlagen und Produktionsplänegesehen, um sagen zu können, daß -wenn sie den Krieg noch fü...
Kapitel I   Kassel, Rostock, Berlin - März 1995. Der ICE verließ am frühen morgenden Bahnhof Kassel-Wilhelmshöhe in Richtu...
Was mir seitdem nicht aus dem Sinn ging, das waren die Worte, die sieschluchzend hinzugesetzt hatte:"... weil ihn dieser Q...
Die Durchsage, daß der Zug in wenigen Minuten im Hauptbahnhof vonHamburg einlaufen werde, riß mich aus meinen Gedanken.   ...
Da arbeitet man ein Leben lang und freut sich vielleicht auf ein paarschöne Jahre ohne den Berufsstreß - und dann wars das...
Was hatte Quader mit Vaters Tod zu tun? Vielleicht hing es mit derUmwandlung der WVA in diese GmbH zusammen? Ich mußte Mut...
Ich hatte mich umgesehen. Hier wurde kein Geächteter zu Grabegetragen. Die Trauerhalle war bis auf den letzten Platz beset...
Als sie den Namen Quader hörte, brach es dann doch aus ihr heraus.Unter Tränen rief sie, meine Hände ergreifend: "Sie habe...
chen gab, mit ihm die Wohnung zu verlassen. Im Hinausgehen hatte ergesagt: "Schlaganfall. Rrufen Arrzt, Frrau Kaiserr." Un...
Wortlos war Quader gegangen, als er feststellen mußte, daß sich in dem Schließfach keine Akte befand, allerdings nicht, oh...
Mein Schwager Bernhard war zu DDR-Zeiten als Major der Kriminal-polizei tätig gewesen, im Politischen Kommissariat, von de...
Laube ergab und natürlich jetzt, nach dem langen Winter, besonders intensiv war. Ich versuchte meine Augen an das Halbdunk...
Ministerrat der Deutschen Demokratischen RepublikStaatssekretariat für Sicherheit im MdlGeheime Verschlußsache (GVS) SfS i...
gesamte Akte verschaffen, selbst wenn ich bis spät in die Nacht hinein imGarten bleiben müßte. Um unangenehmen Überraschun...
Am Donnerstag, dem 23. Juni d.J. erschien der polnische StaatsbürgerJan Zbigniew Kalpuczky, welcher mit einer Delegation d...
Grund zu finden, den "Nazi" wegen eines kriminellen Straftatbestandes(Diebstahl o. ä.) belangen zu können.1.1.1. Informell...
Ich hatte bereits längere Zeit fast ohne Unterbrechung gelesen. Es waranstrengend bei dem Licht der kleinen Lampe, zumal i...
lich bekannt war, betraf. Dieser Mann hieß allerdings Dr. Letticher und warseit undenklichen Zeiten, länger jedenfalls als...
geworden und ich mußte mich auf den Heimweg machen. Sicher machtesich Mutter auch schon Gedanken darüber, wo ich so lange ...
Es mußte mir gelingen, an die Personalien Keters heranzukommen.Aber wie? Mir wurde klar, daß das, wenn überhaupt, dann nur...
Ich vermutete, daß ich möglicherweise wieder beobachtet und verfolgtwerden würde. Eventuelle Verfolger wollte ich täuschen...
Unterführung hinüber zu dem Bahnsteig, auf dem der Zug abfahrbereitstand. In normalem Tempo ging ich dann an dem Zug entla...
Nicht weit vom Bahnhof entfernt fand ich ein Hotel. Das Erste, was ichtat, als ich das Zimmer bezogen hatte, war ein Anruf...
Stellvertretung eine Abteilung des Presse- und Informationsamtes derLandesregierung.  In meinem Hotelzimmer angekommen, su...
bei der Behörde, die die Akten verwaltet. Ich soll drei Monate warten. Aberder Bericht muß in zwei Wochen bereits gesendet...
Mir wurde schlagartig klar, daß ich die Auswahl der Generale praktisch der Behörde überlassen hatte und einzig Keter namen...
Tür geklemmt zu haben, denn nun befürchtete ich einen nächtlichenÜberfall. Ich mußte nun mit allem rechnen. Ich hatte mir ...
sagen? Das glaube ich nicht. Entschuldigen Sie bitte, falls unsere Mitar-beiterin sich etwas unfreundlich verhalten haben ...
meinem Zimmer aus den Bahnhof an und erkundigte mich nach der gün-stigsten Zugverbindung nach Kassel für den folgenden Vor...
markierte Name lautete: Prof. Dr. Martin Ludwig Krausinger. Die Fahn-dung nach Krausinger würde er am folgenden Morgen ein...
Kognakschwenker. Er nickte seiner Sekretärin gönnerhaft zu: "Sie trinkendoch auch ein Gläschen?"   Parchim, 19. August 195...
Der Wagen verließ die Stadt und fuhr in Richtung Süden. Er fuhr zügigund ohne Halt. Dennoch wurde erst nach etwa zwei Stun...
sind nach dem Zufallsprinzip vorgegangen? Und er hatte das Pech? -Sicher würden sie bald merken, daß er sich in keiner Wei...
lich die gefährliche Meinung des Generals darstellte. Aber selbst wenndas ehrlich war, so konnte sich ein General vielleic...
"Keine Sorge, Genosse General. Der Untersuchungshäftling kann unsdurch dieses Glas nicht sehen, selbst wenn er genau in di...
Letticher hörte die Tür seiner Zelle quietschen. Er richtete sich auf derPritsche auf. Wie spät würde es wohl sein? Seine ...
die am Rande eines kleinen Ortes nördlich von Berlin lag. Sie stand ineinem parkähnlichen Grundstück an einem See.   Währe...
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  1. 1.  Gibt es ausserirdische Technologie nur in den Hangars supergeheimer Luftwaffenlestgelände in den USA? Was verbergen der ehemalige Stasigeneral und der Standartenführer der SS seit Jahrzehnten in der unterirdischen Anlage in Mecklenburg? Welche Ziele verfolgt ein KGB-Oberst mit dem dort Versteckten? Ist die Demokratie im vereinten Deutschland gegen jähe Änderungen der politischen Machtverhältnisse wirklich gewappnet? Ein Journalist aus Kassel begibt sich bei dem Versuch, ein unglaubliches Komplott aufzudecken in Lebensgefahr.
  2. 2. Ich habe genügend Konstruktionsunterlagen und Produktionsplänegesehen, um sagen zu können, daß -wenn sie den Krieg noch für einigeMonate hätten verlängern können - wir mit vollkommen neuartigen undtodbringenden Waffen konfrontiert worden wären.Aus dem Bericht des Leiters einer britischen Spezialistengruppe zurUntersuchung der deutschen "Wunderwaffen"Deutschland 1945
  3. 3. Kapitel I Kassel, Rostock, Berlin - März 1995. Der ICE verließ am frühen morgenden Bahnhof Kassel-Wilhelmshöhe in Richtung Norden. Ich saß in einemder Erste-Klasse-Großraumwaggons und schaute aus dem Fenster.Draußen war es noch dunkel und der Regen peitschte gegen die Schei-ben. Der Zug hatte relativ schnell beschleunigt und bald das Stadtgebiet ver-lassen. Einige Stunden Zugfahrt hatte ich nun vor mir, denn das Ziel mei-ner Reise war die Hafenstadt Rostock an der Ostsee. Ich fuhr zur Beiset-zung meines Vaters. Eine angenehme Reise war es also keinesfalls.Außerdem würde sie, was ich zu dem Zeitpunkt allerdings noch nichteinmal ahnte, viel Unruhe in mein Leben bringen. Ich bedauerte, daß ich diese Fahrt nicht schon drei Wochen vorherangetreten hatte, gleich nachdem mein Vater einen ersten Schlaganfallerlitten hatte. Da ich mich mit ihm nicht sehr gut verstand, hatte ich esunterlassen. Dies bereute ich jetzt natürlich sehr. Aber wie das so ist,wenn man etwas bereut, dann ist es in der Regel zu spät. Der Grund für die Diskrepanzen zwischen uns lag )ahre zurück. Vaterhatte mir nie verziehen, daß ich nicht seinem Wunsche entsprechendOffizier, sondern statt dessen Journalist geworden war. Offizier wollte ich nie werden, schon gar nicht, wie er, beim MfS. Nachmeinem Journalistikstudium hätte ich ihn aber durchaus noch versöhnlichstimmen können, wenn ich wenigstens bei einem sogenannten Par-teiorgan Redakteur geworden wäre und seinen geliebten Sozialismus inden höchsten Tönen besungen und in den schönsten Farben gemalthätte. Aber Kaisergeburtstagsdichter zu sein, widerstrebte mir ebenso. Ich ver-mochte es nicht, das DDR-Regime, dem ich kaum etwas abgewinnenkonnte, zu beweihräuchern. So verzichtete ich trotz eines glänzendenUniversitätsabschlusses auf eine mir vorausgesagte Karriere als Journalistund wurde ein schlecht bezahlter Mitarbeiter an einem unbedeutendenheimatgeschichtlichen Blatt, das vom Kreismuseum einer thüringischenKleinstadt herausgegeben wurde. Inzwischen arbeite ich allerdings seiteinigen jahren recht erfolgreich als Redakteur in einem nordhessischenRundfunkstudio und habe meine Zelte in Kassel aufgeschlagen. Nun war aber ein Fall eingetreten, mit dem ich nicht gerechnet hatte.Mein Vater war an den Folgen eines zweiten Schlaganfalls verstorben.Das hatte mir Mutter mühsam gefaßt mitgeteilt, als sie mich vor zweiTagen angerufen hatte. 5
  4. 4. Was mir seitdem nicht aus dem Sinn ging, das waren die Worte, die sieschluchzend hinzugesetzt hatte:"... weil ihn dieser Quader so sehr aufge-regt hat!" Was konnte sie damit nur gemeint haben? Den erwähnten Quader hatte ich im Wendejahr 1989 kennengelernt.Vater hatte mit Kollegen aus der Waffentechnischen Versuchsanstalt, kurzWVA genannt, seinen Sechzigsten gefeiert. Es war im Sommer, von derkommenden totalen politischen Wende ahnte noch niemand etwas. Ich baute gerade mit Bernhard, meinem Schwager, den Grill auf, dahörte man sie schon, sich dem Wochenendgrundstück nähern. Als Ersterstürmte Quader auf Vater zu, umarmte den etwas verdutzt dreinschauen-den Jubilar und gratulierte lautstark: "Genosse Kaiserr! Du um Forschungund Entwicklung in WVA verdient sich gemacht hast iberr viele Jahrre.Weiß sich Parrtei dies zu wirrdigen. Deshalb gehörrst zu Genossen, wosich Medaille 40 Jahrre DDR errhalten zum 7. Oktobern Kann sagen dirrals Parrteisekrretärr schon heute das. Weißt sicherr, daß sich gibt nurrkleines Kontingent fürr WVA!" Aufgrund seiner Aussprache und wegen des seltsamen Satzbauesglaubte ich zunächst, daß dieser Mann kein Deutscher sei. Quader mußdamals so um die Fünfzig gewesen sein. Er war nicht größer als 1,75 undsehr stämmig gebaut. Sein Kopf war fast kahl. An seine kalten grauen,stets nervös zuckenden Augen kann ich mich noch gut erinnern. DerMann war, wie ich später erfuhr, der Parteisekretär der WVA, Oberst Her-mann Quader, genannt der "Kommissar". Aber was sollte dieser Menschmit dem Tod meines Vaters zu tun gehabt haben? Der Zug hatte inzwischen Hannover erreicht. Ich schaute aus dem Fen-ster und beobachtete das rege Treiben auf dem belebten Bahnsteig. Alsder ICE wieder anfuhr schlug ich ein Wochenmagazin auf, das ich mir vorFahrtantritt in Kassel gekauft hatte. Unkonzentriert blätterte ich darinherum. Aber sehr schnell waren meine Gedanken wieder bei derGeburtstagsfeier. Gleich nach Quader war ein großer, kräftig gebauter älterer Mann anden Senior herangetreten und hatte ihm einen riesigen Blumenstrauß undeine feine Ledermappe überreicht: "Herzlichen Glückwunsch, GenosseKaiser, mögen alle Ihre Wünsche in Erfüllung gehen. Auf weitere guteZusammenarbeit." Das war General Keter, der Chef meines Vaters gewe-sen. An die weiteren Personen kann ich mich nicht mehr so genau erinnern,bis auf Michael Rummel, den Adjutanten des Generals. Er war der Jüng-ste in dieser Gruppe, etwa in meinem Alter, also um die Dreißig, und mirgleich wegen seiner relativ offenen, unkomplizierten Art sympathischgewesen.6
  5. 5. Die Durchsage, daß der Zug in wenigen Minuten im Hauptbahnhof vonHamburg einlaufen werde, riß mich aus meinen Gedanken. Zwanzig Minuten später saß ich dann im Interregio nach Rostock. Undschon wieder fielen mir die Worte meiner Mutter ein: "... weil ihn dieserQuader so sehr aufgeregt hat!" Ich konnte mir einfach keinen Reim darauf machen, denn das Verhältnismeines Vaters zu diesem Quader schien nicht schlecht gewesen zu sein.Ich sehe noch immer vor mir, wie Quader damals im Garten mit einem Teildes Eßbestecks an sein Glas schlug und zum wiederholten Male einenfreundschaftlichen Toast auf Vater ausbrachte. Ich muß gestehen, daß mir der Mann nicht sonderlich sympathischgewesen war, da er sich immer wieder in den Vordergrund drängte undweil er sich so überhaupt keine Mühe zu geben schien, klares Deutsch zusprechen. Michael Rummel, mit dem ich mich an diesem Abend unterhielt, deutetean, Quader wolle als Russe gelten, weil er sich so allen überlegen fühlenkonnte. Er wähne sich damit nicht nur auf der Seite der Stärkeren,sondern er vermeine selbst einer der Stärkeren zu sein. Wir machten, dawir uns nicht kannten, natürlich vorsichtig, unsere Witzchen über Quader.Michael meinte aber, der Mann sei eigentlich nicht zum Lachen, eher zumHeulen. Gerade diese letzte Aussage war von beinahe prophetischerBedeutung. Das konnten wir allerdings damals beide noch nicht wissen. jetzt aber konnte ich mir einfach nicht erklären, wieso dieser Menschmeinen Vater, der doch seit einiger Zeit beruflich nichts mehr mit ihm zutun hatte, so aufgeregt haben sollte. Ich nahm mir vor, Mutter noch einmaldanach zu fragen, und zwar dann, wenn sie sich nach der Beerdigungetwas beruhigt haben würde. Das erinnerte mich wieder an die bevorstehende Trauerfeier. Vater isttot, dachte ich. So früh. - Eigentlich hat er auch immer nur gearbeitet,sogar im Urlaub, solange ich zurückdenken kann. Ein Leben lang. Diemeiste Zeit jedoch in der WVA, wie die Waffentechnische Versuchsanstaltdes MfS genannt wurde. Die befand sich zu DDR-Zeiten in Warenthin imBezirk Rostock. Der Senior, in unserer Familie wurde mein Vater übrigens stets der"Senior" genannt und ich der "Junior", weil wir beide Theo heißen, derSenior also war seit 1972 Mitarbeiter dieser Einrichtung und in den acht-ziger Jahren als Oberst Leiter von Forschung und Entwicklung gewesen.Nach der Wende war er bis Anfang 1995 Mitglied der Geschäftsleitung deraus der WVA entstandenen "Special High Tech Warenthin GmbH (SHT)". 7
  6. 6. Da arbeitet man ein Leben lang und freut sich vielleicht auf ein paarschöne Jahre ohne den Berufsstreß - und dann wars das! Ich schüttelteden Kopf. Als ich mir darüber bewußt wurde, schaute ich mich im Abteilum, aber es hatte niemand meine Selbstgespräche bemerkt. Mit mir hatte Vater ja, ehrlich gesagt, auch keine große Freude. Zwarwaren wir nie richtig verfeindet gewesen, aber meine Besuche bei denEltern waren doch in all den Jahren recht selten gewesen. Ich dachtedaran, daß ich dagegen nach der Wende in recht kurzen Abständenmehrmals in Rostock gewesen war. Ich fragte mich, ob es mich wohldorthin getrieben hatte, um dem Senior deutlich zu zeigen, daß ich Rechtgehabt hatte mit meiner politischen Verweigerung, während er mit seinemEngagement so völlig falsch lag? Wie auch immer. Es zeigte sichjedenfalls, daß Vater nach wie vor der Meinung war, daß der Sozialismuseine gute Sache sei, die leider nicht richtig umgesetzt worden wäre. Erwar enttäuscht, aber er klammerte sich noch immer an den Gedanken,daß noch nicht alles verloren sei. Irgendwie schienen er und wohl auchseine Genossen in der SHT nach wie vor der Meinung zu sein, man könnedie verfahrene Geschichte immer noch zugunsten des Sozialismuskorrigieren. Eine Stimme schreckte mich aus meinen Gedanken auf: "IhrenFahrausweis bitte!" Irgendwo hatte ich doch ... Ich griff in verschiedeneTaschen. Aber ich fand die Fahrkarte nicht. Es wurde schon langsampeinlich. Ein Mädel, das mir schräg gegenüber saß, grinste bereitsbelustigt vor sich hin. Dann fiel mir plötzlich ein, daß ich den Fahrscheinim Mantel hatte. Ein Blick auf die Uhr bestätigte mir, daß es nicht mehr weit bis Rostocksein konnte. Ich dachte an Vaters letzte Arbeitsstelle. Womit sich diese Nachfolge-einrichtung der WVA, die SHT, für die er seit 1990 einer der Geschäfts-führer gewesen war, nun eigentlich beschäftigte, das hatte er mir niegesagt. Eines schien aber klar zu sein. Da hatten ein paar hohe Offiziereden Betrieb, der vorher eine Stasiinstitution gewesen war, per Eintragungals GmbH einfach zu ihrem Eigentum gemacht. So wie sich verschiedeneLPG-Vorsitzende und Betriebsdirektoren aller Art das ehemalige "Volksei-gentum" unter den Nagel gerissen hatten, dort wo keine Wessi-Unterneh-mer für den symbolischen Kaufpreis von einer Mark das Rennen gemachtund die Betriebe endgültig zugrunde gerichtet hatten. Moderne Raubritter,wie ich fand, sanktioniert und gefördert durch Unterlassungen oder direkteKumpanei sogenannter "Treuhänder". Ich legte das Magazin, das ich ungelesen in Händen hielt, wieder zurSeite, schaute aus dem Fenster auf die vorbeiziehende Landschaft ausFeldern, Wäldern und Ortschaften und versank bald erneut in Gedanken.8
  7. 7. Was hatte Quader mit Vaters Tod zu tun? Vielleicht hing es mit derUmwandlung der WVA in diese GmbH zusammen? Ich mußte Mutterunbedingt danach fragen. Dafür würde sich bestimmt Zeit finden, denn ichhatte vor, einige Tage zu bleiben. Inzwischen näherte sich der Zug mit Verspätung dem Hauptbahnhofvon Rostock. Ich hätte wohl doch besser den früheren Zug nehmen sollen. Der Platz vor der Trauerhalle war voller Menschen. Als ich das Taxi ver-ließ, dachte ich: Ob die wohl alle für den Senior...? - Aber sicher findenhier mehrere Trauerfeiern kurz hintereinander statt, sagte ich mir. Ichkonnte mir nicht vorstellen, daß so viele Leute zur Beerdigung eines Ver-treters des alten Regimes gekommen sein sollten. Meine Schwester und ihr Mann hatten Mutter stützen müssen. Sieschauten mich mißbilligend an. Dann machte Bernhard seinen Platz anMutters Seite für mich frei. Wir betraten die Trauerhalle und setzten uns indie erste Reihe. Vorn stand, praktisch vergraben unter zahllosen Kränzen und Gebinden,der Sarg. Alles war sehr feierlich. Ich konnte mich einer Träne nichterwehren, die ich versuchte durch gesenkten Kopf und zusammengeknif-fene Augen zu verhindern. Sie tropfte mir dennoch auf das Jackett. Mutterhatte es bemerkt. Sie drückte mir, ohne aufzublicken meine Hand, in derdie ihre lag und sagte leise zu mir, immerhin einem Mittdreißiger: "Guterjunge." Das hätte mich fast zu weiteren Tränen veranlaßt, die ich nur mitMühe verhindern konnte. Ich fühlte mich für einen Augenblick wirklich wieein kleiner Junge, der seinen Vater verloren hatte. Nachdem die letzten Töne des Largo von Händel verklungen waren,sprach der Trauerredner über den Verstorbenen, der ein guter Vater undEhemann gewesen sei und dessen ganze Hingabe der Naturwissenschaftgegolten habe, der er, Dr. Dr. Theodor Kaiser, auch beruflich gedienthabe. Kein Wort fiel über den Dienst, für den er dreißig Jahre seines Lebenstätig gewesen war - eben als Wissenschaftler - aber auch als Offizier. Eswar nicht angebracht. Und es war gut so. Es ersparte der Familie Peinlich-keiten. Obwohl ja kaum jemand anwesend war, der von dieser Tatsachekeine Kenntnis hatte - außer, ja vielleicht außer dem Trauerredner. Aberselbst das war nicht sicher, denn ich erkannte in ihm einen ehemaligenUniversitätsprofessor für Marxismus-Leninismus, der einmal ein Kollegemeiner Schwester gewesen war. Der mußte halt jetzt auch sein Geld aufandere Weise verdienen. Und reden hatten solche Leute ja schließlichgelernt. 9
  8. 8. Ich hatte mich umgesehen. Hier wurde kein Geächteter zu Grabegetragen. Die Trauerhalle war bis auf den letzten Platz besetzt. Verwand-te, Wohnungs- oder Gartennachbarn, alte Genossen waren gekommen.Von der letzten Gruppe waren mir einige bekannt. Und auch der ehemalige Oberst Quader war zu sehen, wie ich unan-genehm berührt feststellen mußte. Er saß mit zwei anderen, mir allerdingsunbekannten Männern slawischen Typs, in der letzten Reihe. Ich mußgestehen, daß mich ein ganz seltsames bedrückendes, fast Angst erzeu-gendes Gefühl ergriff, als ich ihn sah. Nach der Trauerrede ging es hinaus und es formierte sich ein Zug, wel-cher dem Sarg folgte. Über zunächst breite, durch Koniferen gesäumteund die Grabreihen trennende, dann enger werdende Wege ging es zudem Teil des Friedhofs, in dem die Grabstelle lag. Dort angekommen ließ der Trauerredner noch einige Satze über denSinn des Lebens und den natürlichen Gang alles Sterblichen hören. Mut-ter schluchzte auf. Bettina und ich stützten sie. Dann warfen wir jeder dreiHände voll Erde auf den Sarg. Ich wandte mich zur Seite und erblickte am rechten Rand der Trauer-gemeinde erneut diesen Quader und seine Begleiter. Fast schien es mir,als ob sie sich vergewissern wollten, daß Vater tatsächlich bestattetwurde. Als wir die Kondolenzen entgegennahmen, stellte ich fest, daßQuader nicht unter denen war, die zu uns kamen. Irgendwie war icherleichtert. Wir verließen den Friedhof und fuhren zu einem Restaurant, wo wir imgrößeren Familienkreis gemeinsam zu Mittag aßen. Bald rief ich aber,Mutters Wunsch entsprechend, ein Taxi und fuhr mit ihr nach Hause. Siewollte allein sein, was alle verstanden. Ich hatte die ganze Zeit über gemerkt, daß Mutter sehr bedrückt war,hatte es aber der natürlichen Reaktion auf ihr plötzliches Witwendaseinzugeschrieben. Dennoch beobachtete ich, daß sie, als wir den Friedhofverließen, ängstlich in Quaders Richtung geblickt hatte. Das erinnertemich wieder an ihre Worte am Telefon. Später, als wir in der elterlichenWohnung angekommen waren, fragte ich sie: "Mutter, du hast dochetwas. Was bedrückt dich denn? Es ist doch nicht allein Vaters Tod. Ichmerke doch, daß da noch etwas ist!" Sie wehrte ab. Es wäre nichts, wirklich nichts. Es sei einfach die Trauer,das sei doch wohl verständlich. Allerdings merkte ich an ihrer Stimme undan der Tatsache, daß sie es dabei vermied, mir in die Augen zu sehen,daß doch etwas nicht stimmte. Ich ließ nicht locker: "Mir kannst du dochnichts vormachen. Du hast doch Angst vor irgend etwas. - Und wieso hateigentlich dieser Quader Vater so sehr aufgeregt?"10
  9. 9. Als sie den Namen Quader hörte, brach es dann doch aus ihr heraus.Unter Tränen rief sie, meine Hände ergreifend: "Sie haben ihn umge-bracht!" "Wer hat ihn umgebracht?" fragte ich erschrocken. Ich hatte mit keinerSilbe damit gerechnet, daß es sich bei Vaters Tod um einen unnatürlichenVorgang gehandelt haben könnte. Tausend Gedanken schossen mir plötz-lich durch den Kopf, ob das wohl stimmte, was Mutter gesagt hatte, wasich wohl tun mußte, als Sohn und wie gefährlich das Ganze möglicher-weise für uns, die Überlebenden der Familie war. Es wurde mir wechsel-weise heiß und kalt und der kalte Schweiß trat mir vor Aufregung auf dieStirn. Ich sage es ehrlich: Es waren Angst und Wut, die in mir rangen, umdie Oberhand zu gewinnen. Im Moment war die Angst stärker, denn ichbrauchte mein Leben lang keine zu haben. Dieses Gefühl war für michalso absolut ungewohnt. Aber ich mußte mich zusammenreißen undMutter durfte nicht merken, wie es mir ging. Ich mußte den Starken spie-len, der die Situation überblickte und gekonnt damit umgehen konnte. Mutter hatte mir zum Glück meine momentane Schwäche und Ratlo-sigkeit nicht angesehen. Sie starrte vor sich hin und sagte dann, mir nunins Gesicht blickend, leise und mit angsterfüllter Stimme: "Die sind zuallem fähig. Ich habe Angst, daß sie auch dir etwas antun!" "Wer sind die? Und wieso sollten die mir etwas antun?" Sie antwortete nicht, hatte wieder den Kopf gesenkt und blickte erneutvor sich hin. Erst nach längerem Drängen meinerseits entschloß sie sichdann, mir doch zu sagen, was sich an dem Tag zugetragen hatte, alsVater den ersten Schlaganfall erlitt. Es war am Morgen etwa gegen neun Uhr, als drei Männer Vater auf-suchten. Einer dieser drei Besucher war Oberst Quader gewesen. Dieanderen beiden kannte sie nicht. Aber sie nahm an, daß es sich um Rus-sen handelte. Zunächst sprach Quader leise, dann wurde er immer lauter. Jedenfallshörte Mutter im Nebenzimmer, wie er mehrmals lautstark die Herausgabeeiner Akte forderte. Er bedrängte Vater immer aggressiver werdend.Daraufhin erregte sich auch Vater. Mutter hörte, wie er immer wiederbestritt, irgendeine Akte aus der WVA zu besitzen und sich die unver-schämte Unterstellung und Belästigung verbat. Plötzlich brach Vaters Stimme ab und sie hörte einen überrascht undzugleich verärgert klingenden Aufschrei Quaders. Sie hielt es nebenannicht mehr aus, denn sie war voller Angst um ihren Mann. In dem Moment,als sie das Wohnzimmer betrat, muß es wohl passiert sein. Sie erblickte als erstes Quader, der über den zusammengesunkenenSenior gebeugt stand, ihn betrachtete und dann seinen Begleitern ein Zei- 11
  10. 10. chen gab, mit ihm die Wohnung zu verlassen. Im Hinausgehen hatte ergesagt: "Schlaganfall. Rrufen Arrzt, Frrau Kaiserr." Und fast draußen, Mut-ter hatte bereits völlig erschrocken und hilflos vor Vater gekniet, da hatteQuader noch über die Schulter zurückgerufen: "Und kein Worrt zu irr-gendjemand, daß warren hierr!" Es hatte wie ein Befehl geklungen. Vater war mit einem Notarztwagen in ein Krankenhaus gebracht wor-den. Mutter erfuhr bald, daß er an den Beinen und im Gesicht Lähmungenerlitten hatte und daß sein Sprachzentrum gestört war. Die Ärzte machtenihr allerdings Hoffnungen. Das könne sich alles weitgehend normalisieren,wenn der Patient den nötigen Willen und die Energie aufbrächte, wiedergesund zu werden. Da hätten sie aber bei ihrem Mann keinerleiBedenken, und andere hätten das schließlich auch schon geschafft. Nach etwa vierzehn Tagen konnte Vater aus der Klinik entlassen wer-den. Wie bereits im Krankenhaus, verweigerte er aber auch nun jeglicheZusammenarbeit mit Logopäden, die ihm helfen wollten, seine Sprachewiederzuerlangen. Niemand hat das verstehen können. Bereits am zweiten Tag nachdem er aus dem Krankenhaus entlassenworden war, erschien Quader erneut mit seinen beiden Begleitern. - Als ermerkte, daß mein verängstigt wirkender Vater nicht mehr sprechenkonnte, wurde er noch wütender und nahm statt seiner, Mutter in dieMangel. Ihr Mann habe eine sehr wichtige Akte mitgenommen, als er ausder Geschäftsleitung der GmbH ausgeschieden sei. Bestimmt aus Verse-hen, er wolle ja nicht unterstellen, daß es Absicht gewesen sei. Sicherwisse sie, wo er die Akte habe. Als Mutter dies verneinte, bohrte er weiter, ob es spezielle Plätze gebe,wo Vater wichtige Dinge aufbewahre. Ob sie einen Safe oder vielleicht einSchließfach bei einer Bank oder etwas ähnliches besäßen und so weiter.Schließlich drohte er ihr mit äußerst unangenehmen Folgen, falls die Aktenicht wieder auftauche. Er könne die Staatsanwaltschaft veranlassen, eineHausdurchsuchung durchzuführen, es könne aber auch Schlimmerespassieren. Wenngleich sie von einem Staatsanwalt nichts zu befürchten hatte, warihr doch allein der Gedanke, die Polizei würde in die Wohnung kommen,schon wegen der Nachbarn unangenehm. Die andere Drohung, es könneauch "Schlimmeres" passieren, war ihr jedoch noch viel unheimlichergewesen. So allein mit einem völlig hilflosen Mann und den unan-genehmen Besuchern, die sie endlich loswerden wollte, willigte sieschließlich ein und ging mit Quader zu ihrer Bank, um ihm das Schließfachzu zeigen.12
  11. 11. Wortlos war Quader gegangen, als er feststellen mußte, daß sich in dem Schließfach keine Akte befand, allerdings nicht, ohne ihr mit dro- hendem Blick und Unterton gesagt zu haben: "Sehen wiederr uns!" Einige Tage später geschah es dann. Mutter war in die Stadt gefahren.Als sie zurückkam fand sie Vater mit einem zweiten Schlaganfall vor. Erwar aus dem Sessel gerutscht und lag stöhnend auf dem Teppich. DasWohnzimmer war in großer Unordnung. Sie hatte Vater im Notarztwagen zum Krankenhaus begleitet. Als sie eserreichten, lebte er aber bereits nicht mehr. Später, als sie mit meiner Schwester wieder die Wohnung betrat,erfaßte sie erst einmal das ganze Ausmaß der Unordnung. Die gesamteWohnung war, während sie einkaufte, von oberst zu unterst gekehrtworden. Es fehlten zwar auch Wertsachen und Geld. Aber sie vermutetesofort, daß dies nur eine falsche Fährte war, welche die Jäger nach derAkte gelegt haben mußten. Der Senior, der sich weder hatte wehren, noch um Hilfe rufen können,mußte offensichtlich hilflos mit ansehen, wie seine Wohnung durchwühltwurde. Infolge der großen Erregung hatte er dann wohl seinen zweitenSchlaganfall bekommen. Spuren von Gewaltanwendung waren jedenfallsbei der Obduktion nicht gefunden worden. Die Polizei fand auch keinerlei verwertbare Spuren der Einbrecher,Fingerabdrücke etc. Da waren Profis am Werk gewesen. Gegenüber derPolizei, aber auch gegenüber meiner Schwester hatte Mutter Quader unddie Akte jedenfalls nicht erwähnt. Ich hatte mich, während Mutter berichtete, wieder völlig gefaßt undKampfgeist aktiviert. Ich war empört und voller Wut auf Quader. Ich wollteihn unbedingt zur Rede stellen, ich wollte ihn anzeigen, ich wollte ihnvernichten. Ich hatte bis dahin nicht geahnt, zu welchen Haßgefühlen ichfähig war. Mutter bat mich jedoch inständig, eine Konfrontation zu ver-meiden. Nachdem ich mich etwas beruhigt hatte, fragte ich sie, ob sie denn Bernhard, ihren Schwiegersohn, über die Ereignisse informiert habe. Das habe sie nicht getan, antwortete sie mir und erklärte mir auch, wes-halb. Der Senior sei, als sie Bernhards Namen nach seinem erstenSchlaganfall erwähnt habe, sehr unruhig geworden und habe auf ein BlattPapier gekritzelt: "Kein Verlaß. Gehört dazu!" Mutter sagte mir auch, daß schon eine Woche zuvor ein Gespräch zwi-schen Vater und Bernhard stattgefunden habe, welches offensichtlich fürbeide Seiten nicht erfreulich gewesen sei, denn Bernhard habe sichmißmutig entfernt und Vater sei ebenso die Verärgerung anzusehengewesen, wenngleich er nichts gesagt habe. 13
  12. 12. Mein Schwager Bernhard war zu DDR-Zeiten als Major der Kriminal-polizei tätig gewesen, im Politischen Kommissariat, von dem es nach derWende hieß, daß es ein Ableger der Stasi gewesen sei. Der Senior warimmer stolz auf seinen Schwiegersohn und hatte ihn mir oft als Vorbildhingestellt. Seit der Wende war Bernhard nun Kriminaloberrat, ich glaubebeim LKA. Mutter gab mir einen Zettel, der unter der Sitzfläche eines Küchen-stuhles angebracht war. Als ich verwundert fragte, was das sei, sagte sienur: "Von Vater für dich." Ich erfuhr von ihr, daß der Senior, als er nach dem ersten Schlaganfallwieder aus dem Krankenhaus entlassen worden war, mühsam etwas aufdiesen Zettel gekritzelt hatte. Ich entzifferte die drei Worte: "Theo, Laube,Akte". Überrascht und befriedigt registrierte ich, daß er nicht seinem"Lieblings"-Schwiegersohn, sondern mir, dem "verlorenen Sohn" seineletzte Nachricht hinterlassen hatte. "Theo, Laube, Akte". Was hieß das?Die eigene Laube konnte er kaum gemeint haben. Aber plötzlich war mirklar, wo ich suchen mußte. Am nächsten Tag, gleich nach dem Mittagessen, war mein ZielGroßmutters alte Gartenlaube. Als ich mit dem Wagen des Seniors losfuhr, stellte ich fest, daß einBMW, besetzt mit vier mir unbekannten Männern, ebenfalls den Parkplatzverließ. Zunächst war das nichts Ungewöhnliches. Ich merkte aber bald,daß sie mir folgten. Deshalb beschloß ich, sie auf jeden Fall abzuhängen.So gut kannte ich Rostock noch, daß ich durch die Benutzung vonNebenstraßen und indem ich dreist eine Einbahnstraße in der falschenRichtung befuhr, entkam. Da die Verfolger solches von mir offensichtlichnicht erwartet hatten, fuhren sie glatt, genau wie ich gehofft hatte, in eineandere Straße. Ich sah jedenfalls nichts mehr von ihnen. In einer Seitenstraße stellte ich den Wagen ab und lief zur nächstenStraßenbahnhaltestelle. Dort stellte ich mich zwischen andere Wartendeund tat so, als ob ich mich für den Straßenbahnfahrplan und für die Wer-bung interessierte, damit ich mein Gesicht vor Blicken aus vorbeifahren-den Pkws verbergen konnte. Zum Glück traf die Bahn bereits zwei Minu-ten später ein. Drei Stationen weiter stieg ich dann schon wieder aus. Nunwar es nicht mehr weit bis zur Gartenkolonie. Ungesehen gelangte ich in den Garten. Den Schlüssel entnahm ich demmir bekannten Versteck. Als ich die Tür öffnete, schlug mir ein muffigerGeruch entgegen, der sich aus der Feuchtigkeit einer ungeheizten14
  13. 13. Laube ergab und natürlich jetzt, nach dem langen Winter, besonders intensiv war. Ich versuchte meine Augen an das Halbdunkel zu gewöh- nen. Hier hatte sich nichts verändert. Es schien alles in Ordnung zu sein. Nachdem ich mich noch einmal vergewissert hatte, daß sich niemanddem Garten näherte, begab ich mich zielgerichtet dorthin, wo ich das Ver-steck vermutete, auf das mich der Zettel des Seniors hingewiesen hatte.Ich ging in die kleine Küche, in der ein uralter eiserner Herd stand, aufdem Großmutter immer gekocht hatte. Die letzte Diele unter dem Herd,ganz hinten an der Wand, war in der Länge von etwa einem knappenMeter herausnehmbar. Dort hatte Großvater 1945 seine Pistole versteckt.Irgend jemand hatte ihn bei den Russen angezeigt. Da auf Waffenbesitzdie Todesstrafe stand, lernte ich meinen Großvater nicht mehr kennen. Ich legte mich auf die Seite und tastete mit der Hand desausgestreckten rechten Armes nach der Diele. Da der Herd ziemlich breitwar und unter ihm wenig Platz, mußte ich mich ganz an den kaltenFußboden pressen und extrem strecken. Aber es gelang mir,heranzukommen. Vorsichtig nahm ich das Brett heraus und griff in denHohlraum, der sich darunter befand. Tatsächlich - da war etwas. MeinHerz schlug mir bis zum Hals. Ich mußte den rechten Arm noch mehrstrecken. Stell dich nicht so an, sagte ich mir. Großvater und Vater habenes ja schließlich auch geschafft und die waren älter als du es jetzt bist. -Aber vielleicht war es ja leichter, etwas hineinzulegen, als etwasherauszuholen? Sicher, das mußte es sein. Ich zog den Arm zurück, stand auf, streckte mich und rieb mir meinschmerzendes rechtes Oberarmgelenk. Dann lief ich schnell in denWohnraum und spähte aus dem leicht geöffneten Türspalt in den Gartenund zum Weg. Aber draußen war alles ruhig. Es war von Vorteil für mich,daß man von der Laube aus jede sich nähernde Person bemerken konnte.Ich schloß die Tür ab und begab mich zurück in die Küche. Erneut ver-suchte ich es. Diesmal hatte ich mehr Glück. Ich bekam mit Daumen undZeigefinger etwas zu greifen und zog es heraus. Dickes braunes Packpa-pier umhüllte ein flaches Paket. Obwohl es noch nicht allzu lange dortgelegen haben konnte, war es voller Staub und Spinnweben. Ich fuhr mitder flachen Linken darüber und öffnete es sofort. Falls es mir meine Ver-folger auf dem Rückweg abjagen würden, wollte ich wenigstens wissen,worum es da eigentlich ging. Der Inhalt bestand, wie ich gleich darauffeststellen konnte, aus einem Ordner. Obenauf lag ein Blatt Papier, aufwelchem in der Schrift des Seniors geschrieben stand: "Mach was draus,Theo!" Als ich diese Worte las, war ich wieder ganz seltsam berührt. Wasda stand, das war praktisch eines Vaters letzter Auftrag an seinen Sohn,an mich. Würde ich ihn erfüllen können? Ich schlug den Ordner auf. Aufder ersten Seite befand sich folgender Text: 15
  14. 14. Ministerrat der Deutschen Demokratischen RepublikStaatssekretariat für Sicherheit im MdlGeheime Verschlußsache (GVS) SfS im Mdl Nr. 0003-211/55vom 20.05.1955Vorgang: Krausinger; Martin, Ludwig,geb. am 16.06.1903 in Rosenheim/BayernBegonnen: 20. Mai 1955 Abgeschlossen:Ich blätterte weiter. Die nächste Seite war ein maschinenschriftlichesRechercheergebnis.AktennotizSfS im Mdl Nr. 0003-211.1/55 v. 20.05.1955 Vorgang: Krausinger, Martin,Ludwig geb. 16.06.1903 in Rosenheim/BayernBlatt 1 Berlin, den 20.05.1955Laut Personalverzeichnis der Heeresversuchsanstalt Peenemünde hatbesagter K. am 24. März 1941 seine Tätigkeit in selbiger Anstalt aufge-nommen. Verzeichnet im Personalregister als Professor Dr. Martin LudwigKrausinger. Kein Hinweis auf eine SS-Zugehörigkeit. VormaligeArbeitsstelle: Universität unter den Linden, Reichshauptstadt Berlin. In denGehaltslisten letztmalig nachweisbar: Juli 1943. Taucht auch nicht auf inder Gefallenenliste des britischen Luftangriffes vom 17./18.08. 1943 aufPeenemünde. Desgleichen auch nicht als Verwundeter auszumachen. AbAugust 1943 wie vom Erdboden verschwunden. Schriebeis, Oberltn. imSfSAuf dem folgenden Blatt befand sich lediglich ein kurzer handschriftlicherVermerk:Zielperson befand sich nicht in alliierter Gefangenschaft und ist auch nichtzu finden auf Gefallenenlisten des Zweiten Weltkrieges. 02. Juni 1955Siebrecht, Major im SfS Ich war enttäuscht. Eine Akte aus 1955! Ich hatte eher angenommen,daß sich das, was Vater mir hinterlassen hatte, mit der Stasi, nicht abermit der Suche nach einem alten Nazi beschäftigen würde. Das war ja wohlSchnee von gestern. Was sollte ich daraus machen? Aber ich wollte nichtvorschnell abbrechen. Erst mußte ich mir einen Überblick über die16
  15. 15. gesamte Akte verschaffen, selbst wenn ich bis spät in die Nacht hinein imGarten bleiben müßte. Um unangenehmen Überraschungen vorzubeu-gen, schaute ich erst noch einmal nach, ob die Fensterläden wirklich dichtwaren. Dann vertiefte ich mich in das Material. Ich las einen Zei-tungsausschnitt, der säuberlich auf ein Blatt Papier geklebt worden war. Es handelte sich um einen Artikel aus dem "Wiesbadener Stadtblatt"vom August 1945.Alsoss sucht noch immerOberursel, Samstag, 18.08.1945, Bericht unseres Korrespondenten FranzSchulzObwohl der Krieg längst beendet ist, sucht die Amerikanische Militärre-gierung noch immer nach Spitzenkräften der deutschen Raketenfor-schung. Es wird vermutet, daß diese Forscher in die Vereinigten Staatenverbracht werden sollen. Etwa einhundert von ihnen sind in Oberursel, imsogenannten "Camp King" der amerikanischen Militärregierunguntergebracht und werden von Spezialisten verhört. Uns wurde bekannt,daß einige weitere führende Köpfe der deutschen Raketenforschung,darunter die Professoren Krausinger und Danzmann noch immer gesuchtwerden. Es wird vermutet, daß sie zum Troß des wahrscheinlich nachSüdamerika geflüchteten Reichsleiters Bormann gehören. Es bleibtabzuwarten, wann und wie die amerikanischen Operationen "Overcast"und "Paperclip" abgeschlossen werden. Wir berichten darüber. Im Unterschied zu den Amerikanern hatte die Stasi offensichtlich bei derSuche nach Krausinger Erfolg gehabt, wie ich auf den folgenden beidenSeiten feststellen konnte.Ministerrat der DDRMinisterium des Innern (Mdl), Staatssekretariat für SicherheitBezirksverwaltung Schwerin 27. Juni 1955Kreisdienststelle ParchimSachbearbeiter: PieperVorgangsübernahmeBetr.: Übernahme eines volkspolizeilichen Vorganges in Verantwortungdes SfSVom VPKA Parchim wurde uns mit heutigem Datum die Anzeige einesBürgers aus der Volksrepublik Polen zuständigkeitshalber übergeben. 17
  16. 16. Am Donnerstag, dem 23. Juni d.J. erschien der polnische StaatsbürgerJan Zbigniew Kalpuczky, welcher mit einer Delegation der Kommunisti-schen Partei Polens (PKP) das VEB (K) Bekleidungswerk Parchim-Beils-dorf besucht hatte, auf dem Volkspolizeikreisamt und erstattete Anzeige(s. Anlage) gegen einen Werktätigen aus dem besuchten Betrieb, in demer einen Raketenforscher der Nazis aus Peenemünde erkannt haben will.Die Ermittlungen der VP ergaben, daß ein Lagerist namens WalterLetticher, wh. in Parchim, Walter-Bleibtreu-Straße 97 gemeint war. Derpolnische Genosse hatte nach eigenen Angaben lediglich den Par-teisekretär des Betriebes erstaunt gefragt, warum denn dieser Mann nichtmehr in der Wissenschaft tätig sei. Er habe diesen Professor, wie er dieverdächtige Person nannte, in Peenemünde gesehen, als er selbst alsZwangsarbeiter dort eingesetzt gewesen sei. An den Namen konnte ersich nicht erinnern. Aber er habe ihn hundertprozentig wiedererkannt. DerGenosse Parteisekretär (einer unserer IM) habe ihn dann veranlaßt, eineAnzeige bei der Volkspolizei zu machen.Meldung an Bezirksverwaltung und an Staatssekretariat, wegen eventu-eller Nazistraftaten und wegen möglicher Übereinstimmung der PersonLetticher mit dem zur Fahndung ausgeschriebenen Krausinger, Martin,Ludwig, erfolgte bereits durch mich. Pieper, Oltn. Das zweite, als "Vertrauliche Verschlußsache" gekennzeichnete Doku-ment war ein sogenannter "Operativplan", das heißt der Plan zur Bespit-zelung dieses Krausinger. Es hatte den gleichen Dokumentenkopf wie dasvorherige Papier und wies das Datum vom 29. Juni 1955 auf.Operativer Vorgang "Nazi"1. Operativplan zum Operativen Vorgang "Nazi"Der OV "Nazi" gegen den Lageristen Letticher, Walter, geb. am16.06.1903 in Rosenheim/Bayern, wh. Parchim, Walter-Bleibtreu-Str. 97hat das Ziel, a) abzuklären, ob es sich bei dem zu Observierenden um denehemaligen SS-Führer M. L. Krausinger aus München handelt, welcheVerbindungen er pflegt, ob Kontakte, eventuell konspirativer Art, nachWestdeutschland bestehen sowie b) seine Verhaftung vorzubereiten.1.1. Einsatz Informeller MitarbeiterDer Einsatz der IM ist vorrangig darauf zu richten, den "Nazi" und seinUmfeld, sowie eventuelle Beziehungen in den westzonalen oder sonstigenimperialistischen Herrschaftsbereich aufzuklären sowie einen18
  17. 17. Grund zu finden, den "Nazi" wegen eines kriminellen Straftatbestandes(Diebstahl o. ä.) belangen zu können.1.1.1. Informeller Mitarbeiter "Fahrrad"Für den IM "Fahrrad" wird die Möglichkeit geschaffen, in den unmittel-baren Arbeitsbereich des "Nazi" zu gelangen. Seine Aufgabe wird vorallen Dingen darin bestehen, über den "Nazi" persönliche Informationenzu gewinnen, die Aufschluß über seine Person geben. Verantw. für dieInstruktion und die Führung des IM: Ltn. Drösel1.1.2. Informeller Mitarbeiter "Sigrid"Für die Mitarbeiterin "Sigrid" besteht die Möglichkeit, den "Nazi" zukontaktieren, da er Stammgast in der Stadtbibliothek ist. Ihre Aufgabebesteht darin, eine persönliche Beziehung zu ihm aufzubauen und Infor-mationen über Absichten, Ziele, Charaktereigenschaften und Schwächenzu schöpfen. Verantw. für die Instruktion und die Führung des IM: Ultn.Schmidt1.2. Koordinierung des Einsatzes der beiden IM Verantwortl.: Oltn. Pieper2. Koordinierung aller MaßnahmenKoordinierung aller Maßnahmen erfolgt durch Zentrale Ermittlergruppe"Nazistraftäter". Meldungen direkt an diese Gruppe; Durchschläge anGeneralmajor Keter, Dienststelle WVA3. Weitere operative MaßnahmenIm Moment keine.Vorlage erarbeitet: Pieper, Oberleutnant Dieser Krausinger oder Letticher war also im Zweiten Weltkrieg Rake-tenforscher gewesen. Das erklärte mir nun allerdings das große Interessealler Seiten an ihm. Was war das aber für ein Mensch? Diese Frage wurdemir durch den in der Akte befindlichen Lebenslauf beantwortet. Es han-delte sich bei dem Mann, wie ich dort lesen konnte, um einen Naturwis-senschaftler, der schon vor vielen Jahrzehnten als Forscher und Hoch-schullehrer tätig gewesen war. Aber er wäre inzwischen bereits über 90Jahre alt! Wieso bewahrten die eine Akte auf über jemanden, der entwe-der bereits nicht mehr lebte oder doch zumindest schon bald dreißig Jahrelang im Rentenalter war? - Oder sollte der auch als Ruheständler für diegearbeitet haben? Möglich wäre das schon. Aber inzwischen war er dochsicher längst nicht mehr aktiv. Oder? 19
  18. 18. Ich hatte bereits längere Zeit fast ohne Unterbrechung gelesen. Es waranstrengend bei dem Licht der kleinen Lampe, zumal ich gleichzeitigdarauf bedacht war, mein Gehör darauf zu konzentrieren, ob sich nichtdoch jemand an die Laube heranschlich. Ich blätterte weiter. Auf den fol-genden Seiten fand ich den Bericht über Krausingers Festnahme und jedeMenge Verhörprotokolle, die ich gespannt las. Plötzlich schreckte ich auf und starrte zur Tür. War da etwas? Ichsprang schnell auf. Die Akte fiel zu Boden. Nachdem ich das Lichtgelöscht hatte, tastete ich mich vorsichtig zum Fenster. Dort zog ich denVorhang zurück und spähte durch einen kleinen Spalt des außen ange-brachten Fensterladens. Draußen war es schon dämmrig. Aber es warnichts Verdächtiges festzustellen. Ich zog den Vorhang wieder zu, lausch-te an der Tür und tastete mich im Dunkeln vorsichtig zurück zur Couch.Dort knipste ich die kleine Lampe wieder an und nahm die Akte vomBoden. Überrascht hob ich einen darunter liegenden Brief auf, der aus ihrherausgefallen sein mußte. Auf dem gefalteten Briefbogen erkannte ichdie Handschrift meines Vaters. Es war ein seltsames Gefühl, das michergriff, denn praktisch erhielt ich in dem Moment eine weitere Botschaftvon einem Verstorbenen. Es dauerte sicher ein, zwei Minuten, bis ichsoweit war, daß ich den Brief lesen konnte.Lieber Theo,wir haben uns zwar über die Jahre entfernt voneinander, was ich immersehr bedauert habe, aber jetzt sind neue Zeiten angebrochen und derGrund unserer Meinungsverschiedenheiten ist beseitigt. Du bist meinSohn und Du bist Journalist. Ich glaube, daß das vorliegende Material fürDich so interessant sein wird, daß Du damit an die Öffentlichkeit gehenwirst.Vielleicht kann ich damit etwas zur Aufarbeitung der Vergangenheit bei-tragen und mache damit etwas gut von dem, was ich ja falsch gemacht zuhaben scheine.Als einer der Geschäftsführer der SHT Warenthin GmbH hatte ich voreinigen Jahren das ehemalige Dienstzimmer meines früheren Chefs, desGenerals Keter - Du kennst ihn - übernommen. Vor wenigen Monaten, alsich mein Dienstzimmer räumte, da ich in den Ruhestand ging, fand ich imuntersten Schreibtischfach, ganz nach hinten gerutscht, eine Akte, von derich glaubte, es sei eine meiner Akten. Allerdings ist es eine Akte, die derGeneral, als er das Dienstzimmer 1990 überstürzt räumen mußte,offensichtlich vergaß.Mir war der Name Krausinger, der darauf stand, unbekannt. Erst als ichden Inhalt las, bekam ich mit, daß sie einen Mitarbeiter, der mir persön-20
  19. 19. lich bekannt war, betraf. Dieser Mann hieß allerdings Dr. Letticher und warseit undenklichen Zeiten, länger jedenfalls als ich, in der WVA tätig. WennDu Dich mit der Akte beschäftigst, dann wirst Du bald merken, daß es mitund um diesen Mann herum Geheimnisse geben muß. Mir war das all dieJahre, die ich ihn kannte, nicht bewußt. Aber nun, wo ich diese Aktekenne, werden mir einige Ungereimtheiten klar. Ich habe die Aktemitgenommen. Keter schien sie nicht zu vermissen. Er arbeitete bereitsseit Jahren nicht mehr bei uns. Ich hielt sie für interessant. Inzwischenweiß ich, daß die Akte nicht lediglich interessant ist, sondern gefährlich.Ich habe nach meinem Ausscheiden aus der GmbH mehrere Anrufe er-halten, diese Akte betreffend, wo sie sei, nur ich könne sie haben und soweiter. Das hat meinen Verdacht, daß da etwas faul ist, nur noch ver-stärkt.Vor einer Woche, als ich einen Spaziergang gemacht habe, wurde ich vonzwei Männern angesprochen und bedroht - wegen der Akte! Ich habeMutter natürlich nichts davon gesagt. Sie regt sich immer gleich zu sehrauf, hat einfach Angst. Was man verstehen kann. Ich befürchte, daß dieseLeute nicht nachgeben werden, bis sie die Akte haben. Ich möchte, daßDu sie Dir ansiehst und recherchierst um möglicherweise Schlimmes zuverhindern.Eigentlich möchte ich Dir die Akte persönlich übergeben. Aber man weißja nie, was dazwischen kommt. Vorsichtshalber habe ich sie erst einmalversteckt.Dein VaterPS: Anbei einige Notizen, die meiner Kenntnis entsprechend, Dir helfenkönnen, einiges in der Akte besser zu verstehen. Ich hatte mich ziemlich gewundert, daß der Senior doch noch eineWende in seinen Ansichten vollzogen haben sollte. Ich glaube aber, eswar nicht ein Bruch mit seinen grundlegenden Überzeugungen, sondernmehr ein Bruch mit Extremisten unter seinen ehemaligen Genossen. Dieser Brief aber, der mir helfen sollte, die Akte zu verstehen, ließ be-dauerlicherweise weit mehr Fragen offen, als er beantwortet hatte. Of-fensichtlich wußte der Senior auch nichts Genaues, ahnte mehr, als erwußte. Wie sollte nun ich, der ich dieser Sache und diesen Leuten, um diees ging, doch unendlich ferner stand als er, klären, was dahinter steckte? Der Senior hatte auch Blätter mit Notizen über seine Zeit in der WVAund sein Wissen über Keter und diesen Krausinger alias Letticher beige-legt. Damit konnte ich mich aber nicht mehr befassen, denn es war spät 21
  20. 20. geworden und ich mußte mich auf den Heimweg machen. Sicher machtesich Mutter auch schon Gedanken darüber, wo ich so lange blieb. Aberwohin mit der Akte? Ich konnte sie ja nicht einfach mit zu ihr nehmen. Eswar schließlich gefährlich, sie zu besitzen. Dann hatte ich eine Idee. Sie mußte von einer Vertrauensperson aneine Adresse gesendet werden, die der anderen Seite nicht bekannt war.Schnell packte ich alles zusammen, schaute mich noch einmal um, lösch-te das Licht und schloß die Laube ab. Vorsichtig verließ ich den Garten.Es war bereits dunkel. Alles war still. Meine Verfolger schienen zu meinemGlück tatsächlich keine Ahnung von diesem Grundstück zu haben. Auf dem Weg zur Straßenbahnhaltestelle winkte ich ein Taxi und ließmich vor dem Haus meiner Tante absetzen. Es war etwa 20.00 Uhr, alsich bei ihr klingelte. Tante Traudchen freute sich über meinen Besuch.Bevor ich mich eine Stunde später von ihr verabschiedete, bat ich sie, amnächsten Tag ein Paket für mich aufzugeben. Ich schrieb ihr die Adressevon Meike, meiner Freundin, auf. Als Absender konnte sie ruhig ihreeigene Adresse angeben. Nun konnte ich einigermaßen sicher sein, daßdas Paket gut nach Kassel kommen würde. Ich rief auch gleich bei Meike an und bat sie, ein in den nächsten Tageneintreffendes Paket von einer Frau Waltraud Freudenberg ungeöffnet fürmich aufzubewahren. Mit einem Taxi gelangte ich dann zur Wohnung meiner Eltern. Ich wolltean diesem Abend natürlich auf keinen Fall zu dem in der Stadt abge-stellten Wagen, da ich befürchtete, daß er entdeckt worden war und mandort auf mich wartete. Später, als ich in Mutters Gästezimmer lag und nicht gleich einschlafenkonnte, ging mir die Geheimakte erneut durch den Kopf. Ich hatte ja daringelesen, daß dieser Krausinger erst viele Jahre nach dem Kriege von derStasi entdeckt und festgenommen worden war. Wo er sich all die Jahreaufgehalten hatte und wie es ihm gelungen war, in der DDR unerkannt zuleben, hoffte ich später noch zu lesen. Ich hatte aber auch geglaubtInformationen zu finden über General Keter, den Mann, der verantwortlichwar für die Akte und möglicherweise sogar für Vaters Tod. War er es, derihm diese Leute auf den Hals gehetzt hatte? War er es, der jetzt auchmich verfolgen und beobachten ließ? Weshalb war er nicht zurBeerdigung erschienen? Oder lebte er vielleicht auch nicht mehr? Im Gegensatz zu diesem Krausinger, der mir völlig unbekannt war,kannte ich den General persönlich von der erwähnten Geburtstagsfeier.Ich erinnerte mich an einen großen, kräftigen Mann mit militärisch kurzemHaarschnitt, einem ausdrucksvollen breiten Gesicht und einer dröhnendenStimme. Ein Mann mit durchaus charismatischer Ausstrahlung.22
  21. 21. Es mußte mir gelingen, an die Personalien Keters heranzukommen.Aber wie? Mir wurde klar, daß das, wenn überhaupt, dann nur in Berlingelingen könnte, denn die WVA unterstand zu DDR-Zeiten direkt einemder Stellvertreter des Ministers. So entschloß ich mich, auf dem Rückwegnach Kassel über Berlin zu fahren. Am nächsten Morgen erklärte ich Mutter, daß ich Vaters Erwartunggemäß etwas tun wolle: "Dieser Quader kommt mir nicht so einfachdavon!" Sie war erschrocken und versuchte mich erneut davon abzuhalten. "Dasbringt uns doch Vater auch nicht wieder und du begibst dich unnötig inGefahr", warnte sie mich eindringlich. Ich versicherte ihr, daß ich nicht als ein Robin Hood losziehen wolle,sondern das Ganze journalistisch zu lösen gedächte. Damit konnte ich sieetwas beruhigen. Sie war enttäuscht, als ich meine noch am selben Tagevorgesehene Abreise erwähnte. Ich versprach ihr aber, sie bald wieder zubesuchen, was ihr den Abschied etwas erleichterte. Nach dem Frühstückfuhr ich in die Innenstadt, wo ich den am Vorabend geparkten Wagenabholte und nach einem kurzen Besuch bei meiner Schwester wieder aufden Parkplatz vor Mutters Haus stellte. Als ich mich von meiner Schwester Bettina verabschiedete, hatte ichmeinen Schwager Bernhard angetroffen. Ich sagte ihm, daß ich verfolgtworden war. Überraschenderweise fragte er mich aber nicht etwa nachden Umständen der Verfolgung, sondern meinte sofort, kaum daß ichausgeredet hatte: "Ach, das bildest du dir doch bloß ein! - Und außerdem,wenn schon, die sind an der Akte interessiert, die sie vom Senior habenwollten. Ist doch klar. Die gehört schließlich ihnen. Ich weiß auch nicht,was sich dein Vater dabei gedacht hat!" Die letzten Worte klangenvorwurfsvoll und er hatte mißbilligend den Kopf geschüttelt. Er gab sichnicht die geringste Mühe, mich in dem Glauben zu lassen, er wisse nichtsvon einer Akte und ich staunte über die Dreistigkeit, mit der er, auf meineAntwort lauernd, fragte: "Äh, hast du vielleicht diese Akte gesehen?" Ich hatte mich aber nicht verraten und sofort Empörung geheuchelt:"Was denn nur für eine Akte? Von einer Akte weiß ich nichts. Also ehrlichich weiß überhaupt nicht, was die von mir wollen!" Bernhard harte mich mißtrauisch angesehen, aber nicht geantwortet.Dann war ich gegangen. Wieder in Mutters Wohnung, blieb mir nur nocheine halbe Stunde, bis ich endgültig gehen mußte. Mutter hatte meinenKoffer bereits gepackt, so wie in alten Zeiten, wenn ich zum Studienortfuhr. Bald war auch das Taxi da, welches mich zum Hauptbahnhof brach-te. 23
  22. 22. Ich vermutete, daß ich möglicherweise wieder beobachtet und verfolgtwerden würde. Eventuelle Verfolger wollte ich täuschen und abhängen.Pünktlich um 11.58 Uhr stieg ich deshalb in den Zug nach Hannover überLübeck, obwohl ich ja beabsichtigte, direkt nach Berlin zu fahren. Ich liefdurch zwei Waggons und verließ den Zug wieder auf der dem Bahnsteigabgewandten Seite, nachdem ich mich vergewissert hatte, daß mirniemand gefolgt war. Rasch lief ich über das Gleis zum Nachbar-bahnsteig. Dort setzte ich mich in den Personenzug nach Güstrow. Ichwußte aus dem Fahrplan, wann ich ihn wieder verlassen mußte. Durchdas Fenster sah ich den anderen Zug, den ich nur kurz betreten undschnell wieder verlassen hatte, Minuten später abfahren. Auf dem Bahnsteig, waren nur wenige, mir unverdächtig erscheinendePersonen zu sehen. Dennoch wartete ich in dem sich langsam füllendenZug. Wenige Minuten vor seiner offiziellen Abfahrzeit wechselte ich meineWendejacke schnell von gelb auf blau. Über den braunen Koffer zog icheine große gelbe Plastiktüte von Mutters letztem Bettenkauf. Schließlichsetzte ich eine Baskenmütze auf, die ich bis dahin in der Tasche gehabthatte. Derart verändert wagte ich mich auf den Bahnsteig. Da ich nochzwanzig Minuten auf den Zug nach Berlin würde warten müssen, wollteich nicht wie auf dem Präsentierteller stehen. Deshalb begab ich mich indie Herrentoilette und stellte mich samt Koffer in eine der Kabinen. Vorlauter Langeweile studierte ich die dummen, humorvollen oder perversenInschriften, die mit Bleistift, Kugelschreiber oder Messern an den Wändenvon den Vorbenutzern hinterlassen worden waren. Ein Blick auf die Uhr zeigte mir, daß ich noch zehn Minuten ausharrenmußte. Es ist ja kaum zu glauben, wie lang ein paar Minuten werden kön-nen! Plötzlich ging mir durch den Kopf: Was würden die machen, wenn diemich erwischten? Würden sie mir nur das Gepäck entreißen, glaubend,die Akte wäre darin? Oder würden sie mich zusammenschlagen -alsWarnung? Oder würden die gar so kaltblütig sein, mich ganz auszu-schalten? Könnte ich hier überhaupt Hilfe erwarten? Würde Polizei kom-men? Rechtzeitig? Ich wähnte mich in einer Falle sitzend. Ich versuchte die unangenehmenGedanken zu verdrängen, zu ignorieren. Doch sie kamen immer wieder.Aber ich mußte ausharren. Wenn sie mich wirklich verfolgten und wußtenim Moment nicht, wo ich war, so war ich hier noch am sichersten, dennwenn ich mich längere Zeit auf dem Bahnsteig aufhielte, würden sie michvielleicht erkennen. Dann war es endlich soweit. Der Zug nach Berlin würde in drei Minutenden Bahnhof verlassen. Daß er eingefahren war, hatte ich bereits über dieLautsprecheransage gehört. Ich verließ die Toilette und lief durch die24
  23. 23. Unterführung hinüber zu dem Bahnsteig, auf dem der Zug abfahrbereitstand. In normalem Tempo ging ich dann an dem Zug entlang, da ich nichtauffallen wollte. Ich bestieg den Intercity und suchte mir einen Platz ineinem leeren Sechserabteil. Ich hatte gerade mein Gepäck verstaut, dahörte ich bereits den Pfiff der Bahnsteigaufsicht und der Zug ruckte an.Wenige Minuten später war er bereits außerhalb des Bahnhofs in vollerFahrt und bewegte sich in Richtung Neubrandenburgs, seines nächstenZieles. Sicher konnte ich nicht sein, daß keine Verfolger im Zug waren.Aber ich hatte alles versucht, sie abzuhängen. Ich versuchte das Wochenmagazin zu lesen, welches ich mir schon inKassel gekauft hatte, denn ich wollte mich einmal völlig ablenken von derAkte. Aber es gelang mir nur schlecht. Immer wieder mußte ich an denInhalt dieser Akte denken. Es war mir unverständlich, weshalb meineEltern wegen dieses mir trotz der Aufschrift "Geheime Verschlußsache"nicht unbedingt brisant erscheinenden Materials unter Druck gesetztworden waren und weshalb man wahrscheinlich auch mich beobachtete. Eine Stunde später hatte der Zug Neubrandenburg erreicht. Unter denzahlreichen Menschen auf dem Bahnsteig fiel mir ein Mann besondersauf, der ein Foto in der Hand zu halten schien. Er schaute noch einmaldarauf und steckte es dann in die Manteltasche. Dann stieg er in dennächsten Waggon ein. Als der Zug sich in Bewegung gesetzt hatte, erschien der Mann wenigspäter und sah sich die männlichen Fahrgäste genau an, während er denGang entlangkam. Als er mich bemerkte, glaubte ich millisekundenlangein Erkennen in seinen Augen gesehen zu haben und einen befriedigtenGesichtsausdruck, der zu den Worten gepaßt hätte: "Hab ich dich also."Unbewegten Gesichtes ging er an meinem Platz vorbei in den nächstenWaggon. Waren es meine überreizten Nerven, oder war das tatsächlich ein Ver-folger? Ich sah den Mann später nicht wieder. Was allerdings nichtsheißen mußte. Der hatte mich vielleicht schon längst wieder an einenanderen Beschatter übergeben. Ich versuchte, nicht weiter daran zu den-ken, da mich das ziemlich verunsicherte. Als ich im Hauptbahnhof von Berlin den Zug verließ, fiel mir niemandauf, den ich als einen Verfolger eingestuft hätte. Ich war erleichtert, aberes war mir klar, daß ich nicht sicher sein konnte. 25
  24. 24. Nicht weit vom Bahnhof entfernt fand ich ein Hotel. Das Erste, was ichtat, als ich das Zimmer bezogen hatte, war ein Anruf in meiner KasselerRedaktion. Ich informierte den Chefredakteur, daß ich dringend einen Re-chercheauftrag mit Stempel und Unterschrift benötigte für eine interes-sante Geschichte, der ich auf der Spur sei. "Wie lange brauchst du dafür,Klaus? Ich möchte mir das Fax abrufen. Ich habe meine Gründe dafür."Mußte ja im Hotel nicht unbedingt bekannt werden, was ich vorhatte. Gut eineinhalb Stunden später, ich hatte inzwischen im Hotel zu Mittaggegessen und mich dann auf die Suche gemacht, fand ich eine Telefon-zelle mit Faxgerät. Mit dem Fax aus der Redaktion hielt ich nun etwasOffizielles in Händen, das mir meine Aufgabe leicht machen würde,glaubte ich. Ich machte mich sofort auf den Weg zu der Behörde, welchedie Akten der Stasi verwaltete. Bei der Anmeldung legte ich meinen Pres-seausweis vor und den Rechercheauftrag. Ich bekam ein Formular herü-bergereicht, das ich im Warteraum ausfüllte. Als ich den ausgefüllten Antrag vorlegte, sagte mir der Mitarbeiter derBehörde, daß ich in etwa drei Monaten damit rechnen könne, einen Ter-min für den Lesesaal zu bekommen. Ich dachte, ich hörte nicht richtig.Empört wies ich darauf hin, daß ich die Informationen schnellstens be-nötigte, weil wir den Bericht nicht erst nach dem Jahre 2000 senden woll-ten. Da könne er nichts machen, sagte der Mann, der die Anträge entgegen-nahm, das sei halt so und nur, wenn ich über eine Sondergenehmigungverfügte, könne ich auf einen früheren Termin hoffen, schließlich wartetenja Hunderttausende auf Einsicht in Ihre Akten und man sei ja in ersterLinie für die betroffenen Bürger da und nicht für die Medien. Verdammt, dachte ich. So schwer hatte ich es mir nicht vorgestellt. Ichverließ die Räume der Behörde und begab mich zurück zum Hotel.Unterwegs verfluchte ich die Umstände und suchte krampfhaft nach einerLösung. Das Wort "Sondergenehmigung" spukte in meinem Kopf. Wohernur nehmen? Dann fiel mir plötzlich ein, daß ich ja möglicherweise dochnoch einen Joker im Ärmel hatte. Ein Jahr zuvor hatte einAbsolvententreffen der Journalistischen Fakultät an der Leipziger Unistattgefunden. Mein Jahrgang hatte sich getroffen und dabei hatte ichauch Hansi Hecht wiedergesehen, mit dem ich zur Zeit meines Studiumsin einer Seminargruppe gewesen war und in einer Studentenbudegewohnt hatte. Hans-Joachim Hecht, der in der Redaktion des "Neuen Deutschland"sein Volontariat gemacht hatte und nach dem Studium Redakteur bei derArmeezeitung "Nationale Volksarmee" geworden war, hatte ganz großKarriere gemacht. Er war Sozialdemokrat geworden und leitete nun in26
  25. 25. Stellvertretung eine Abteilung des Presse- und Informationsamtes derLandesregierung. In meinem Hotelzimmer angekommen, suchte ich sofort seine Telefon-nummer heraus und rief ihn an. Ich hatte großes Glück, denn er war gleichselbst am Apparat. Wir verabredeten uns für den Folgetag. Hansi, recht dick geworden, wie ich still registrierte, schütteres dunkel-blondes Haar mit leicht angegrauten Schläfen, einen großen Kopf aufeinem kurzen Hals, hineingezwängt in ein etwas zu enges Sakko, das al-lerdings stoffmäßig vom Feinsten war, saß schon an einem der Tische, alsich am nächsten Tag das Restaurant betrat, in dem wir uns verabredethatten. Nach der freudigen Begrüßung, unterhielten wir uns zunächst überPrivates. Hansi fragte mich auch, ob ich eine Unterkunft hätte und ichnannte ihm das Hotel, in dem ich abgestiegen war. "Hättest sonst bei mirwohnen können", meinte er. Er war schon immer recht unkompliziert. "Vielen Dank, Hansi. Das ist sehr nett. - Übrigens bin ich nicht einfachauf der Durchreise in Berlin abgestiegen, sondern ich habe hier auchdienstlich zu tun. Ich recherchiere für einen Bericht." Hansi zeigte sich interessiert. Er war ja schließlich auch vom Fach."Worum gehts denn?" "Ich will über die Generale der Staatssicherheit schreiben, über ihreVergangenheit und was sie heute so tun." "Was, über die Stasigenerale?" Hansi riß, wie mir schien, betont über-rascht die Augen auf. "Theo! Wir haben 1995! Meinst du, daß diesesThema noch jemanden interessiert?" Er hatte zweifelnd die Augenbrauenhochgezogen, die Lippen vorgeschoben und schüttelte nun bedächtig denKopf. Hansi mußte ja nicht die ganze Wahrheit wissen. Die hatte er von mirschon zu DDR-Zeiten, als wir eine gemeinsame Studentenbude bewohn-ten, nicht immer erfahren. Ein guter Kumpel war er mir gegenüber stetsgewesen. Das mußte man ihm lassen. Aber er war im Gegensatz zu mirals Parteilosem stets auch ein eifriger Genosse. In unserer SektionJournalismus war er sogar Studentenvertreter in der Parteileitung. Icherinnere mich, wie er einmal einen Kommilitonen bei der Parteileitungwegen irgendeiner Verfehlung verpfiffen hatte und dies mir gegenüberlegitimieren wollte, indem er meinte: "Ich will ihm ja nichts Schlechtes,aber melden muß ich ihn, schon um ihm zu helfen." Mich daran erinnerndsagte ich: "Ach weißt du, mein Chefredakteur hat sich das vorgenommenund ich muß die Arbeit machen. Kennst das ja. Jetzt habe ich nun einProblem 27
  26. 26. bei der Behörde, die die Akten verwaltet. Ich soll drei Monate warten. Aberder Bericht muß in zwei Wochen bereits gesendet werden. Nur mitSondergenehmigung geht es angeblich schneller." Hansi sah mich nachdenklich an. Nach einer kurzen Pause meinte erdann aber: "Na gut, wenn Ihr das wirklich machen wollt." Er schien nunmeine Absicht zu akzeptieren und war sogar bereit, mir zu helfen. "Dahelfe ich dir. Das ist kein Problem für mich. - Interessieren dich da ganzbestimmte Generale?" Dabei betrachtete er mich, wie mir schien sehraufmerksam. Vorsicht, sagte mir, für mich überraschend, eine innere Stimme, Vor-sicht! In dieser Sache kann man keinem trauen! "Ach wo. Ich kenne dochkeinen von denen. Ist mir eigentlich egal, wessen Unterlagen die mir zei-gen. Aber ein paar brauche ich schon. Damit ich Substanz habe, für dieSendung. Du weißt schon!" Hansi schien zufrieden mit der Antwort. "Weißt du, komm einfach mit.Mein Amt ist nicht weit von hier. Mein Wagen steht vor der Tür. Ich lassedir die Genehmigung ausfertigen." Dreißig Minuten später hielt ich tatsächlich eine solche Sondergeneh-migung in Händen. Meinen Dank beantwortete Hansi: "Ja, wozu hat mandenn Freunde, Theo?" Und er setzte hinzu: "Um der guten alten Zeitenwillen!" Dabei lächelte er mir, die Aussage bestärkend, mit dem Kopfnickend zu. Noch am gleichen Nachmittag legte ich in der Behörde das neue Papierauf den Tisch. "Gut", sagte der Mitarbeiter und fügte hinzu: "In zweiWochen." Ich glaubte wiederum nicht recht gehört zu haben. Zwei Wochen? Icharbeitete mit allen Mitteln, ich bat, ich drohte, ich appellierte an die Ein-sicht, bis ich den Mann, der nun glaubte, in wenigen Tagen sei bereitsSendung über das Thema und wahrscheinlich einfach Mitleid für michempfand, dann doch so weit hatte, daß er sagte: "Gut. Kommen Sie über-morgen wieder. Ab neun Uhr liegt das Material für Sie bereit. - Eins noch:Es gab ja, wie Sie sicher wissen, eine Menge Generale bei der Stasi, wür-den Ihnen die Unterlagen von etwa zehn dieser Leute reichen? - Undhaben Sie spezielle Wünsche?" "ja, zehn reichen. Wissen Sie, welche das sind, das ist mir eigentlichegal, aber ich benötige unbedingt auch Material über den General Keter,Fritz Keter." Das war aber ein großer Fehler, wie ich später noch merkensollte. Der Mann sah mich mit einem mal mißtrauisch an. "Keter? Kenne ichnicht. Was haben Sie denn speziell mit dem vor?"28
  27. 27. Mir wurde schlagartig klar, daß ich die Auswahl der Generale praktisch der Behörde überlassen hatte und einzig Keter namentlich erwähnt hatte. Wie dumm von mir. Schnell erwiderte ich: "Ich habe den Namen mal gelesen. Ich glaube der war mehr so ein Techniker, kein operativer Gene- ral. Den brauche ich, damit die Sendung nicht so einseitig ausfällt, ver- stehen Sie?" Ich hatte den Eindruck, daß der Mann damit zufrieden war. Er notierte sich den Namen Keter und ich verließ das Gebäude. An diesem Tag nahm ich mir nichts weiter vor und begab mich zurück in das Hotel. Ich schaute mir eine TV-Sendung nach der anderen an, denn ich wollte mich gedanklich einmal überhaupt nicht mit der Akte beschäftigen. Nach dem Abendessen im Hotelrestaurant legte ich mich dann auch bald schlafen. Am nächsten Tag bummelte ich durch Berlin, denn ich hatte ja nun unfreiwillige Wartezeit. Als ich dann abends zum Hotel zurückkam und das Foyer betrat, bemerkte ich zwei Männer, die in einer Sitzgruppe gegenüber dem Empfang saßen und jeden, der das Hotel betrat, aufmerk- sam beobachteten, so auch mich. Ein Blick zum Portier zeigte mir, daß dieser gerade den beiden Männern unauffällig, wie er sicher glaubte, zunickte. Die warteten also auf mich. Da waren sie also wieder - die Verfolger. Ich ließ mir den Schlüssel geben, fragte, ob es für mich eine Nachrichtgebe oder ob jemand nach mir gefragt habe, was bezeichnenderweiseverneint wurde, und begab mich auf mein Zimmer. Sofort als ich denRaum betrat, sah ich, daß er durchwühlt worden war. Mein Koffer, dasBett, die Sachen, die im Schrank hingen, einfach alles, selbst meineBadetasche. Sie suchten nach der Akte. Das war offensichtlich. Wie konnte ich sonaiv sein, zu glauben, daß sie mir nicht mehr auf der Spur waren? Aberich hatte ja niemanden bemerkt, als ich vom Hauptbahnhof zu diesemHotel gelaufen war. Ich war mir da ziemlich sicher gewesen, daß mir nie-mand gefolgt sein konnte. Wie waren die dann aber auf meine Spur ge-kommen? Da wurde es mir schlagartig klar: Die Behörde! Ich hatte ja dortausdrücklich Keters Akte verlangt! Und dieser Name mußte eine Art Sig-nalwirkung haben! Irgend jemand dort hatte die Leute informiert, die michbeobachteten. Verdammt! Was sollte ich machen? Polizei? Nein. Dasbrächte ja auch nur Unannehmlichkeiten und würde mir nicht helfen. Ich suchte nach einer Wanze, die ich aber, falls überhaupt eine da war,ungeübt in solchen Dingen, nicht fand, und schaute mir dann, nachdemich aufgeräumt hatte, als sei nichts geschehen, einen Fernsehfilm an.Später legte ich mich angezogen auf das Bett, nicht ohne vorher einenStuhl mit der Lehne unter die Türklinke der bereits doppeltabgeschlossenen 29
  28. 28. Tür geklemmt zu haben, denn nun befürchtete ich einen nächtlichenÜberfall. Ich mußte nun mit allem rechnen. Ich hatte mir vorgenommen,nur zu ruhen, aber ich schlief ein. Aber es passierte zum Glück nichts. Am nächsten Tag stand ich um neun Uhr in der Behörde vor demSchreibtisch des für mein Anliegen Verantwortlichen. Bis zum Tor hattenmich in diskretem Abstand aber unübersehbar - sollte wohl eine Drohungsein - zwei Männer begleitet, die im Hotelfoyer bereits auf mich gewartethatten. Ich erhielt einen Platz in einem Leseraum zugewiesen und man brachtemir eine Art Teewagen voller Akten. Alles Akten von Generalen. Leiderwar aber ausgerechnet die von Keter nicht dabei, wie ich schnell feststell-te. Ich ging zur Aufsicht des Leseraumes und fragte nach der Akte Keter. "Keter harn wir nich", sagte die ältere Frau im blauen Kittel und drehtesich zur anderen Seite, Geschäftigkeit vortäuschend. "Hören Sie! Sie wollen mir doch wohl nicht etwa erzählen, Sie hätten dieUnterlagen von allen Generalen, nur von einem nicht?" Das fing ja schongut an. War diese Frau einfach zu faul nachzuschauen oder war dasAbsicht, mir diese Akte nicht geben zu wollen? "Harn wir nich", antwortete die Frau wie ein Roboter und blätterte, ohnemich eines Blickes zu würdigen weiter in irgendwelchen Unterlagen. Unddas sagte mir, daß sie gar nicht mit mir reden wollte. Die hatte einenAuftrag. Hielten die mich hier für dumm? Glaubten die, mich so leichtabwimmeln zu können? "Führen Sie mich bitte zu Ihrem Vorgesetzten." "Is nich da." Sie beachtete mich immer noch nicht und beschäftigte sichweiter mit dem Material, das sie auf einer Ablage liegen hatte. "Dann zum nächsthöheren Vorgesetzten." "Na, wenn Se det unbedingt wollen. Kommen Se." Die Frau ging ohnesichtliche Eile, den Kopf über so viel Penetranz meinerseits schüttelnd,voran und klopfte an einer Tür im nächsten Gang. "Der Bürger hier will Sesprechen", sagte sie zu dem Mann im mittleren Alter, der hinter einemSchreibtisch saß, indem sie auf mich zeigte. "Setzen Sie sich bitte", sagte der Mann, seinen Krawatten knotenfestziehend und sich von seinem Platz erhebend zu mir und wies auf denBesucherstuhl. "Was kann ich für Sie tun?" fragte er, sich dabei setzend,in freundlichem zu jeder Gefälligkeit bereit scheinendem Ton. "Ich habe eine Sondergenehmigung wegen eines journalistischen Pro-jektes über Generale des MfS. Die Unterlagen eines der Generale willman mir offensichtlich vorenthalten." "Vorenthalten?" Der Mann verzog, als könne er sich das nicht vorstellen,das Gesicht. "Wo Sie doch eine Sondergenehmigung haben, wie Sie30
  29. 29. sagen? Das glaube ich nicht. Entschuldigen Sie bitte, falls unsere Mitar-beiterin sich etwas unfreundlich verhalten haben sollte, sie ist sicherüberlastet. Der große Andrang im Haus. Sie verstehen?" Als er meinenregungslosen Gesichtsausdruck bemerkte, fragte er schnell: "Aber wes-halb sollte Ihnen gerade von einem einzigen General etwas vorenthaltenwerden? - Um wen handelt es sich denn bitte?" "Keter. General Keter." "Keter? Hm." Der Mann schien zu überlegen, brach aber schnell denoffensichtlichen Versuch ab, Keter als einen der Generale zu identifizie-ren, deren Namen ihm geläufig waren. "Wissen Sie, das MfS hatte zuletzt50 Generale gleichzeitig. Ich selbst kenne deren Namen natürlich nichtalle auswendig. - Aber ein besonders bekannter und in der Hierarchieoben angesiedelter scheint der ja nicht gewesen zu sein. - Weshalb beste-hen Sie denn eigentlich gerade auf den Unterlagen von diesem General ...wie hieß er gleich noch mal ... Peter?" "Keter". "Gut, dann eben Keter. - Wir können Ihnen jede Menge Akten geben.Warum aber gerade die von dem?" Er sah mich dabei, wie mir schien,lauernd an. Und ich glaubte trotz der freundlich gestellten Frage Tücke zuhören. "Haben Sie die Akte Keter nun für mich oder... oder muß ich erstvon journalistischen Mitteln Gebrauch machen?" Das saß. Der Mann, schlagartig bar jeden Lächelns, sah mich beleidigtan, griff nach dem Telefon und sagte nachdrücklich: "Die Akte Keter bitteauf den Arbeitstisch unseres Besuchers ... Wie war gleich Ihr Name? ...unseres Besuchers Herrn Kaiser." Er hatte aufgelegt und sah mich Dankheischend an. Vielleicht war ich ungerecht. Aber ich war wütend. Ich sagte nur: "Naalso, es geht doch. Warum dann das Theater?" Ohne Gruß verließ ich denRaum. Als ich an meinen Tisch zurückkam, wurde gerade von einer anderenMitarbeiterin der Behörde die Akte Keter gebracht. Ich machte mir Notizendaraus und zum Schein dann auch welche aus anderen Generalsakten.Da ich aber meine Zeit nicht vergeuden wollte und außerdem zu Rechtannehmen konnte, daß meine wahren Absichten längst bekannt waren,konzentrierte ich mich bald wieder auf Keters Akte. Am späten Nachmittag verließ ich mit umfangreichen Notizen dieBehörde und begab mich, gefolgt von zwei neuen unerwünschten Beglei-tern, zurück in mein Hotel. Ich hatte nicht vor, noch an diesem Tag weiter zu fahren. Ich mußte ersteinmal gedanklich verarbeiten, was ich über Keter erfahren hatte. Nach-dem ich im Hotelrestaurant zu Abend gegessen hatte, rief ich deshalb von 31
  30. 30. meinem Zimmer aus den Bahnhof an und erkundigte mich nach der gün-stigsten Zugverbindung nach Kassel für den folgenden Vormittag. Es warmir egal, ob das Telefon abgehört wurde oder nicht. Daß ich in Kasselwohnte und nach dort fahren würde, das wußten die sicher längst. Ichmußte dann nur am nächsten Tag in Kassel aufpassen, daß mir niemandfolgte, wenn ich zu Meike fahren würde, bei der sich ja inzwischen dieAkte befand. Ich las meine Aufzeichnungen noch einmal durch. Da waren Beurtei-lungen und verschiedene andere Papiere und da war der LebenslaufKeters. Ich hatte ihn mir auszugsweise abgeschrieben. Ich hatte gehofft,durch die Einsicht in Keters Akte neue Informationen über ihn zu erhalten,die mir helfen sollten, die Hintergründe besser zu verstehen. Leider wardas nicht so. Der Lebenslauf war nicht überraschend. Es war der Ent-wicklungsweg eines kommunistischen Funktionärs vom alten Schlage.Auch die Informationen über seine Tätigkeit als Chef der WVA brachtenleider nichts wesentlich Neues. Bevor ich mich auf das Bett legte, klemmte ich wieder die Lehne einesStuhles unter die Zimmertür. Ich verschloß die Fenster, und versuchtewach zu bleiben. Irgendwann in dieser Nacht schlief ich ein. Warenthin, Frühjahr/Sommer 1955. Im Dienstzimmer des Leiters der imApril 1955 gegründeten WVA Warenthin brannte auch an diesemMaiabend um 23.00 Uhr noch immer Licht. Ein kräftig gebauter Vierzigerin Uniform, mit den Schulterstücken eines Generalmajors und mitmilitärisch kurzem Haarschnitt, saß hinter einem schweren Schreibtisch.Vor ihm lagen Listen mit Namen von Wissenschaftlern und Technikernaus zivilen Bereichen der DDR, die er für die WVA gewinnen wollte. Erhatte aber außerdem vor, nach verschollenen Waffenforschern des DrittenReiches zu suchen. Er war sich ziemlich sicher, daß die Siegermächtenicht aller dieser für ihn möglicherweise interessanten Leute hattenhabhaft werden können. Mit solchen Experten, die beträchtliches Wissenund Erfahrung mitbringen würden, wollte er die Forschungsgruppenergänzen. Jetzt wandte er seine Aufmerksamkeit einer völlig anderen Liste zu. Erüberprüfte eine Aufstellung des wissenschaftlich-technischen Personalsder ehemaligen Raketenversuchsanstalt Peenemünde aus den vierzigerJahren. Neben den verschiedenen Namen waren unterschiedliche Zei-chen zu sehen. Er schaute auf ein anderes Blatt, das er vor sich liegenhatte und setzte hinter einen weiteren Namen ein Kreuz. Der Betreffendelebte also nicht mehr. Auf dem nächsten Blatt entdeckte er einen der ihninteressierenden Namen. Er nickte befriedigt und unterstrich ihn. Rechtsdaneben schrieb er ein großes "S", welches für "Suchen" stand. Der so32
  31. 31. markierte Name lautete: Prof. Dr. Martin Ludwig Krausinger. Die Fahn-dung nach Krausinger würde er am folgenden Morgen einleiten lassen. Keter griff nach der auf dem Aschenbecher vor sich hin glimmendenZigarre, lehnte sich zurück, nahm einen genießerischen Zug, betrachtetedie Glut und stieß dann den Rauch aus. Dabei dachte er an sein strategi-sches Entwicklungsziel für die Einrichtung, deren Leitung man ihm über-tragen hatte. Er wollte eines Tages eine Reihe hervorragenderwaffentechnischer Entwicklungen auf den Parteitagstisch legen "mit denbesten Empfehlungen - Generalmajor Keter". Der General riß sich von seinem Tagtraum los, in dem er sich bereitsvon der Staats- und Parteiführung beglückwünscht sah, und konzentriertesich wieder ganz auf seine Arbeit. Nun galt es, die konkreten nächstenSchritte ins Auge zu fassen. Etwa eine Stunde später drückte er, zufrieden mit sich, den Rest seinerZigarre im Ascher aus, nahm seine Uniformmütze vom Haken, löschte dasLicht und verließ den Raum. Es war genau ein Vierteljahr später, an einem sehr heißen Julitag. DieFenster von Keters Dienstzimmer in der WVA waren weit geöffnet. ZweiVentilatoren sollten die Luft im Raum erträglicher machen. Aber sieschafften es kaum. General Keter steckte sich gerade eine neue Zigarre an. An der Wand inseinem Rücken hing ein Porträt von Feliks Edmundowitsch Dzierzynski,dem Gründer der Tscheka, wie der sowjetische Geheimdienst in denersten Jahren nach der Oktoberrevolution hieß. Gegenüber dem Fensterbefanden sich die Porträts des Staatspräsidenten Wilhelm Pieck, desSED-Parteichefs Walter Ulbricht und des Ministerpräsidenten OttoGrotewohl. Keter diktierte gerade seiner Sekretärin ein Schreiben. EinKlopfen an der Tür unterbrach das Diktat. Er rief: "Herein!" Ein Offizier betrat den Raum. "Genosse General, die von Ihnengewünschte Akte." "Danke, Sie können wegtreten." Der Ordner, den Keter nun in der Hand hielt, war als "Geheime Ver-schlußsache" gekennzeichnet und enthielt den Vorgang Krausinger, derständig vom Abwehrchef der WVA aktualisiert wurde. Er öffnete denAktendeckel und las das oberste Blatt, welches das Datum 04. Juli 1955trug. Er lebt! Und sogar hier bei uns in der DDR. Ich habe es gewußt! DieAmerikaner haben ihn also nicht. - Das nenne ich Glück. Ein Lächeln veränderte seinen vorher gespannten Gesichtsausdruck.Seine Leute hatten den Gesuchten aufgespürt. Zufrieden nickte er undschlug die Asche seiner Havanna an einem schweren Messingascher ab.Dann griff er in ein Schreibtischfach, holte eine Flasche hervor und zwei 33
  32. 32. Kognakschwenker. Er nickte seiner Sekretärin gönnerhaft zu: "Sie trinkendoch auch ein Gläschen?" Parchim, 19. August 1955. Über dem Eingangstor des "VEB TextilmodeParchim-Beilsdorf (K)" hing in ehemals weißer, jetzt verstaubter Schrift aufverwittertem rotem Grund die Losung: "Der erste Fünfjahrplan wird vor-fristig erfüllt!" Die Fabriksirene heulte. Aus dem Tor des Betriebes strömtedie Belegschaft dem tristen sozialistischen Feierabend entgegen. Am Straßenrand parkte ein schwarzer BMW, Vorkriegsmodell, an demzwei junge Männer in Staubmänteln lehnten. Sie gaben sich betont lässigund beobachteten hinter ihren dunklen Brillen die Menschen, die denBetrieb verließen. Eine Hand wies aus dem rückwärtigen Fenster aufeinen Mann, der gerade aus dem Werkstor trat und eine Stimme sagte:"Das ist er. Festnehmen. - Aber unauffällig!" Als die Zielperson vor dem Wagen die Straße überqueren wollte, stelltesich ihr einer der Männer in den Weg, der andere postierte sich seitlichdaneben. "Herr Letticher?" Der so Angesprochene schien etwas über Vier-zig, war von eher schmächtiger Gestalt, aber von tadelloser Haltung, trugeine randlose Brille, einen gepflegten Vollbart und extrem kurz geschnit-tenes borstiges Haar. Er war mit einem abgetragenen, aber sauberen dun-kelblauen Anzug bekleidet. Trotz der abgeschabten Aktentasche und trotzseines eher ärmlichen Aussehens wäre einem Menschenkenner undguten Beobachter sofort aufgefallen, daß dieser Mann bereits bessereTage erlebt haben mußte. Der Angesprochene stutzte: "Ja. Was wollen Sie von mir?" Der vor ihmStehende sah ihn bedeutsam an und antwortete halblaut: "Kriminalpolizei.Wir haben ein paar Fragen an Sie. - Auf dem Revier. Steigen Sie bitteein." Der mit Letticher Angeredete reagierte ungehalten: "Wieso Revier? Wassoll das heißen?" Er versuchte an dem Mann vorbeizukommen, aber des-sen Begleiter stellte sich ihm in den Weg und sagte mit unterdrückter, aberscharfer Stimme: "Steigen Sie sofort ein, Bürger, sonst wird das sehrschwerwiegende Folgen für Sie haben!" Der so Angefahrene hielt weiteren Widerstand für zwecklos. Er setztesich auf den Rücksitz zwischen zwei dieser Leute. Der Wagen fuhr los undbog um die nächste Straßenecke. Schon bald merkte er, daß die Fahrtnicht wie behauptet zum Revier führte. Er fuhr sich durch sein stoppligesHaar. Gedanken jagten ihm durch den Kopf. Er überlegte fieberhaft, wasman wohl von ihm wolle und wie gefährlich diese Sache für ihn werdenkönnte. Ich muß jetzt stark sein, sehr stark sein, dachte er. Selbst wennsie mich brechen werden, alles darf ich verraten, nur nicht dieses einewirkliche Geheimnis, das ich seit zehn Jahren für mich bewahre.34
  33. 33. Der Wagen verließ die Stadt und fuhr in Richtung Süden. Er fuhr zügigund ohne Halt. Dennoch wurde erst nach etwa zwei Stunden das Zielerreicht. Es lag in Berlin-Lichtenberg. Die Fahrt, während der nichtgesprochen worden war, endete vor einem Gebäude, das seinen Gefäng-nischarakter nicht zu leugnen vermochte. Berlin-Lichtenberg, August 1955. Eine schmale Zelle. Einzelzelle. Einfür viele Insassen von Gefängnissen schwer zu ertragender Fall. Letticheraber registrierte diese Tatsache mit dem Gefühl der Erleichterung. Wenig-stens allein. Er wollte niemanden in seiner Nähe haben, denn er befürch-tete, daß das Spitzel sein würden. Er dachte daran, daß ihm vermutlichein solcher Spitzel erst wenige Wochen zuvor im Betrieb als Mitarbeiterzugeordnet worden war. Das war ein Mann, der ihn fast pausenlos aus-fragen wollte. Er lief, soweit der wenige Platz es zuließ, hin und her und registriertedabei die an die Wand geklappte Pritsche, auf der er würde schlafenmüssen. Auf einem dreibeinigen Holzschemel lagen zwei graue, schmut-zig aussehende Decken. Und dann war da noch ein kleiner Tisch. Und ineiner Ecke stand der Kübel für die Notdurft. Es roch unangenehm in derZelle. Hier mußte er möglicherweise für längere Zeit einsitzen? Er strich sich nervös mit der Hand durch sein Borstenhaar. Seine Schul-tern hingen kraftlos herab. Was würden die über ihn wissen? Weshalb warer hier? Bisher hatten sie auch nicht einmal andeutungsweise zu erkennengegeben, daß sie wüßten, wer er wirklich war. Er hatte sich auf denSchemel gesetzt, stand aber ganz kurze Zeit danach wieder auf und lieferneut ruhelos auf und ab. Zu sehr bewegte ihn die Ungewißheit darüber,wie groß die Gefahr für ihn war. Er kannte den Verhaftungsgrund nicht.Man hatte ihm keinen Haftbefehl vorgelegt. Er ahnte, bei welcherInstitution er sich tatsächlich in Haft befand. Er konnte also keinen Bei-stand durch einen Anwalt erwarten. All das war unüblich, wenn man ersteinmal denen von der Staatssicherheit in die Hände gefallen war. Er suchte weiter nach denkbaren Ursachen für seine Festnahme. Erhatte sich doch ganz bewußt rausgehalten, damals am 17. Juni. Es warimmer seine Devise gewesen, nicht aufzufallen. Seit 1945. Zehn Jahrelang hatte das geklappt. Was aber war jetzt? Er hatte sich doch nichtanders verhalten als all die Jahre vorher. - Oder diente diese Festnahmelediglich einer routinemäßigen Überprüfung? Hatten die sich vielleichtnach dem Volksaufstand von 1953, den sie faschistischen Putschversuchnannten, in ihrer Angst jeden Nichtkommunisten vorgenommen und nunwar auch er dran? - Aber das wären ja einfach zu viele. Er war nahedaran, den Gedanken völlig zu verwerfen. Vielleicht ist es aber doch so,aber sie 35
  34. 34. sind nach dem Zufallsprinzip vorgegangen? Und er hatte das Pech? -Sicher würden sie bald merken, daß er sich in keiner Weise beteiligt hatte.An diese Hoffnung klammerte er sich. Erleichtert beendete er sein rast-loses Hin- und Herlaufen. Dann erinnerte er sich der Zeit, als er - ebenfallswider Willen - wochenlang in einem Lager vegetieren mußte. Er fand, daßes in dieser Zelle, trotz allem, im Vergleich zu damals wesentlich bessersei. Hatte er das "Sonderlager Nr. 7" des KGB damals Fünfundvierzigüberlebt, dann würde er das jetzt erst recht überstehen. Warenthin, August 1955. Die Luft im Arbeitszimmer von GeneralmajorKeter war wie immer vom Qualm seiner dicken Havanna geschwängert.Der General besprach mit Major Sorge, seinem Stellvertreter für For-schung, die Aufstellung der Forschungskollektive. Es klopfte. Ein Uniformierter trat ein und meldete: "Genosse General,die Festnahme des Letticher ist erfolgt. Im Moment befindet er sich in derRummelsburger." Keter vernahm die Meldung sichtlich erfreut. "Danke, Genosse Ober-leutnant", antwortete er wohlgelaunt und ließ den Offizier wegtreten. Dannwandte er sich wieder seinem Gesprächspartner zu. "Diese Meldungkommt ja genau richtig. Was meinen Sie, wer uns da ins Netz gegangenist? Es ist einer der ganz Wenigen, die uns Riesenschritte voranbringenkönnen. - Die Amis haben Wernher von Braun und praktisch die meistenPeenemünder Raketenforscher. Unsere Genossen in Moskau haben bzw.hatten andere Experten auf dem Gebiet der Waffentechnik, wie Manfredvon Ardenne und Klaus Fuchs, aber auch eine Reihe anderer." Ketermachte eine bedeutungsvolle Pause und setzte dann fort: "Und wir haben- sie habens ja gerade gehört... Letticher!" Sein Gegenüber sah ihn fragend an, denn dieser Name sagte ihmnichts. Keter beugte sich etwas vor und sprach mit gesenkter Stimme, dabeiseine Rechte auf das linke Handgelenk des Majors legend: "Ich sageIhnen, Genosse Sorge, eigentlich müßten wir den Mann gleich nachMoskau weiterreichen, aber..." Keter zog seine Hand wieder zurück. Vonseiner Zigarre, die er wie immer mit der linken Hand hielt, war etwasAsche auf seinen Uniformrock gefallen. Er wischte sie mit der freien Handweg. Es schien so, als ob er kurz nachdenke, dann setzte er fort:"... wirmüssen jetzt auch einmal an uns denken. Proletarischer Internationa-lismus - schön und gut. - Aber das ist ein nationales Projekt!" Erwartungs-voll schaute er Sorge, wohl Zustimmung heischend, an. Major Sorge wußte nicht, ob diese nicht gerade sowjetfreundlicheThese, provozierend gemeint war, um ihn zu testen, oder ob sie tatsäch-36
  35. 35. lich die gefährliche Meinung des Generals darstellte. Aber selbst wenndas ehrlich war, so konnte sich ein General vielleicht solche Gedankenleisten. Ein kleiner Major jedenfalls mußte verdammt vorsichtig sein. Erreagierte nicht sofort. Dann sagte er schließlich: "Ich habe die ganze Zeitmein Hirn gemartert und versucht, den Namen Letticher einzuordnen.Aber ich muß Ihnen ehrlich gestehen, Genösse General, ich kenne einensolchen Forscher weder als Physiker oder Ingenieurwissenschaftler, nochals sonst einen für uns interessanten Naturwissenschaftler. - Nein, alsoLetticher..., Letticher? Dieser Name sagt mir gar nichts. Und Sie wissen,daß ich mich da auskenne." "Genosse Sorge, ich weiß, ich weiß." Keter legte Sorge beschwichti-gend die Hand auf den Arm. "Sie sind der Fachmann. Sie kennen natür-lich alle wichtigen Fachkollegen." Er zwinkerte Sorge verschwörerisch zu:"Letticher ist selbstverständlich nicht sein richtiger Name. Das ist nur derName unter welchem er seit dem Krieg gelebt hat. Halten Sie sich jetztfest! - Der richtige Name dieses Mannes lautet ... Martin LudwigKrausinger!" Keter schaute Sorge triumphierend und beifallheischend an. Sorge starrte seinen Vorgesetzten an und man sah, wie er im Geistenach der Person suchte, die zu dem Namen paßte. Dann machte sich einzweifelnder Ausdruck auf seinem Gesicht breit: "Krausinger? Meinen Sieetwa Professor Krausinger - den Bayern?" "Ich habe doch gewußt, daß Sie ihn kennen", bestätigte Keter. "ja, eshandelt sich um Professor Dr. Krausinger. Und er stammt ursprünglich ausBayern. Stimmt auch." Keters Gesicht spiegelte seinen Stolz über denguten Fang unübersehbar wider. "Genosse General, Sie werden es nicht glauben, aber ich kannte denProfessor vor dem Krieg sogar persönlich. Ich studierte bei ihm an derBerliner Universität. Allerdings wird er sich nicht an mich erinnern. Ich wareiner von hunderten Studenten, die seine interessanten Vorlesungenbesuchten. Er ist - zumindest aber war - in der Tat eine echte Koryphäeauf seinem Gebiet. Sie können zu recht stolz sein, daß Sie ihn gefundenhaben." "Ich sagte es Ihnen doch", erwiderte Keter und zog zufrieden an seinerZigarre. Berlin-Lichtenberg, September 1955. Keter stand vor einer großenGlasscheibe. Als der von ihm beobachtete Letticher alias Krausinger, derim Nebenraum zum wiederholten Male verhört wurde, für einen Moment inRichtung des großen Spiegels blickte, als welchen er diese Glasscheibevon seiner Seite aus wahrnahm, zuckte Keter zurück und sah den Haupt-mann fragend an, der neben ihm stand. 37
  36. 36. "Keine Sorge, Genosse General. Der Untersuchungshäftling kann unsdurch dieses Glas nicht sehen, selbst wenn er genau in diese Richtungschaut. Und er kann uns auch nicht hören." Keter nickte zufrieden. "Und wie kommen Sie voran?" "Wir haben ihn jetzt bereits seit drei Wochen in der Mangel. Er scheintverunsichert. Ich bin sicher, daß er etwas verheimlicht. Irgend etwas. Dassagt mir meine Erfahrung als Verhörleiter. Aber er ist eine harte Nuß. Undverschärfte Bedingungen sollen wir ja nicht schaffen. Einfaches Verhör, sowar die Anweisung." Der Hauptmann sah Keter fragend an: "Oder sollenwir jetzt einen Zahn zulegen?" "Nein, nein, das hat alles seine Richtigkeit. Ihr solltet ihn ja nur einbißchen weichkochen. Wir beschäftigen uns weiter mit ihm. Er wird mor-gen abgeholt. - Ich bekomme zwar die Protokolle der Verhöre, aber sagenSie mir, hat er irgend etwas Substantielles geäußert?Schuldbekenntnisse? Hat er sich in Widersprüche verstrickt?" "Widersprüche nicht. Er antwortet sehr überlegt. Entweder sagt er dieWahrheit oder, was ich eher glaube, er hat ein perfektes Lügengebäudeerrichtet. Er gibt zu, daß er 1947 zwei Anzüge - aus gutem Offizierstuchund als Reparationsleistungen gedacht für die Genossen in Moskau - inseinem Betrieb gestohlen und in Berlin auf dem Schwarzmarkt verscho-ben hat. Kleinbürgerliche kriminelle Gewinnsucht habe ich ihm vorge-worfen. Er bekennt sich zwar schuldig, verteidigt die Tat aber als aus derNot geboren. Als Kriegsfolge unterernährt, habe er dringend Fleisch undButter benötigt." Der Hauptmann blickte Keter Zustimmung heischend anund setzte empört hinzu: "Dann hätten wir ja alle klauen müssen!" AlsKeter nicht reagierte, fragte ihn der Offizier: "Wenn Sie ihn morgen abho-len lassen, dann können wir wohl das Verhör beenden?" "Ja, machen Sie Schluß. Wenn er in den letzten drei Wochen nichtwesentlich mehr erzählt hat, als das, was Sie mir gerade sagten, dannwird er auch in den nächsten Stunden kaum neue Aussagen machen.Außerdem wollen meine Leute ja auch noch etwas tun." Keter sah den Hauptmann bedeutsam an und sagte mit Nachdruck:"Also weiterhin verschärfte Beobachtung in der Zelle, rund um die Uhr. Ichwill nicht, daß der Mann in einer Kurzschlußreaktion noch dieSchnürsenkel nimmt." Er lachte kurz und trocken auf. "Die hat er zwarnicht mehr. Aber Sie wissen ja, was ich meine! Der Mann ist mir zu wich-tig. Wir brauchen ihn lebend und unversehrt!"38
  37. 37. Letticher hörte die Tür seiner Zelle quietschen. Er richtete sich auf derPritsche auf. Wie spät würde es wohl sein? Seine Uhr hatte man ihmabgenommen. In der Zelle war es vom ersten Tag seines Aufenthaltesvolle vierundzwanzig Stunden ununterbrochen hell gewesen. An derDeckenbeleuchtung konnte er sich also auch nicht orientieren. "Machen Sie sich fertig Untersuchungshäftling Letticher!" Sicher geht es wieder zum Verhör, dachte der Häftling. Bisher hatte ihmniemand Schmerzen zugefügt. Die redeten zwar mit scharfen Zungen,wurden auch beleidigend, aber seltsamerweise wurde er geschont. Wes-halb? Das mit den Anzügen schien sie ja nicht befriedigt zu haben. Den-noch hatten sie Geduld. Wenn dagegen aus den Nachbarzellen welchevom Verhör zurückgebracht wurden, dann hörte man oft Stöhnen. Er hatte sich eiligst frisch gemacht und angekleidet, da betrat der Wär-ter erneut die Zelle, um ihn zu holen. Er wurde den langen Gang mit denschweren, mehrfach verriegelten Zellentüren entlanggeführt. Er registrier-te aber, daß es diesmal nach links ging. Also nicht zum Verhör? - Würdeer etwa entlassen? Hoffnung wurde aber gleich von Skepsis verdrängt. -Nein. Die hatten doch immer wieder mit Bautzen und Waldheim gedroht!Sicher ging es jetzt in eines dieser berüchtigten Stasigefängnisse. Als erdann aber die Effektenkammer betrat, keimte erneut Hoffnung auf undwurde stärker und stärker. "Hier sind Ihre persönlichen Sachen. Überprüfen Sie!" Er nickte, die Vollständigkeit bestätigend und unterschrieb eine Quit-tung. "Bin ich frei?" Ein höhnisches Grinsen überzog das Gesicht des Wärters. "Das könnteIhnen so passen. Sie Volksfeind Sie! Man erwartet Sie bereits!" Also doch Bautzen. Letticher wurde aschgrau im Gesicht, hielt sich aberaufrecht. Er hörte, wie der Wärter sagte: "Genosse Major, ich übergebeIhnen den Untersuchungshäftling." "In Ordnung, Genosse." Letticher wurde prüfend betrachtet: "Geht esIhnen nicht gut, Herr Letticher?" "Es geht schon." Nur keine Schwäche zeigen! "Folgen Sie mir bitte" forderte ihn der ihm unbekannte Offizier auf. Mährenholz bei Berlin, Herbst 1955. Letticher sah sich um: Ein helles,freundliches Zimmer war es, in welches man ihn nach einer diesmal nichtso langen Autofahrt gebracht hatte. Es war ansprechend ausgestattet: EinBett, ein Tisch mit zwei Stühlen und sogar ein bequemer Sessel. Was fürein Unterschied zur Zelle. Und auch sehr viel besser, als er es bei sich zuHause hatte - wenn da nicht die Gitter vor den Fenstern wären. DasZimmer befand sich in einer weißen Villa aus den zwanziger Jahren, 39
  38. 38. die am Rande eines kleinen Ortes nördlich von Berlin lag. Sie stand ineinem parkähnlichen Grundstück an einem See. Während der ganzen Fahrt war kein Wort gesprochen worden. Ihn hat-ten Gedanken gequält. Einen Anzugdieb begleitet doch kein Stabsoffizier.Wenn ich nur wüßte, was sie mit mir vorhaben und was sie von mir wis-sen, hatte er gedacht. Jetzt aber begann er wieder ruhiger zu werden unddie Situation gelassener zu betrachten. Selbst wenn die irgend etwas wis-sen, sie können niemals die ganze Wahrheit kennen. Niemals. Das istabsolut unmöglich. Und sie werden sie auch niemals erfahren! Er begab sich zu dem Spiegel, der sich über dem Waschbecken befand,um sich zu betrachten. Er strich sich sein borstiges Haar zurecht und glät-tete seinen Bart. Dabei fiel ihm auf, daß der Spiegel fest in die Wand ein-gelassen war. Er würde also nie allein sein. Einen Intimbereich gab esauch hier nicht. Es klopfte. "Ihr Mittagessen." Ein junger Mann, Mitte der Zwanzig, inZivil setzte ein Tablett auf dem Tisch ab. Er staunte. Eine verführerisch duftende Rinderroulade, Rotkohl undSalzkartoffeln, Schokoladenpudding mit Vanillesauce und ein Glas Rot-wein. Das in einem Raum mit vergitterten Fenstern? Das für einen Unter-suchungshäftling? - Wollten die ihn kaufen? Die erwarteten jedenfallsmehr von ihm, als ein paar Anzugdiebgeständnisse. Das war klar. Er war gerade mit dem Essen fertig und hatte sich bequem in dem Ses-sel zurückgelehnt, da öffnete sich erneut die Tür. Er wurde in einen Raumam Ende eines Ganges gebracht. Hinter einem in der Mitte des ansonstenleeren Raumes stehenden Tisch saß ein älterer Mann in Uniform. "Setzen Sie sich bitte, Herr Letticher. Ich bin Oberstleutnant Pauser,Sonderverhörer des Staatssekretariats für Sicherheit. - Damit Sie wissen,wer Ihre Gastgeber sind und mit wem Sie es zu tun haben." Letticher setzte sich und sah den neuen Verhörer gespannt an. Derergänzte seine Vorstellung: "Ich bin zuständig für Nazistraftäter." Letticher zuckte zusammen, hatte sich aber in der Gewalt. Jetzt war esraus. Aus dieser Ecke wehte der Wind. Verdammt, das könnte ins Augegehen. - Aber erst einmal abwarten. "Herr Letticher, Sie waren Mitglied der Nazipartei und SS-Führer. Nen-nen Sie mir Ihren dienstlichen Werdegang. Und zwar so detailliert wiemöglich!" "Wie kommen Sie denn auf diese absurde Idee? Ich ein alter Nazi?" Let-ticher, der sich schnell gefaßt hatte, spielte den zu Unrecht Verdächtigten:"Ich war niemals in meinem Leben bei der SS! Gott bewahre! Mit denenhatte ich nichts zu tun! Wie kommen Sie nur auf so etwas?" Er wies aufseine linke Hüfte, wo er bei Kriegsende eine Verletzung erlitten hatte40

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