Die Kunst, mühelos zu leben

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  • 1. Ernie J. Zelinski Die Kunst, mühelos zu leben scanned by reiber corrected by abSelbstverwirklichung? Müssen wir uns tatsächlich ständig anstrengen,um erfolgreich und glücklich zu sein? Dieses Buch ermutigt, Raumfür persönliche »Auszeiten« zu schaffen und Muße als Quelle vonLebenskraft neu zu entdecken. Finden Sie mit Zelinskis Prinzip denWeg in die Mühelosigkeit, und tun Sie, was Sie wirklich wollen! DasLeben ist kurz. Genießen Sie es! ISBN: 3-423-36276-6 Original: The Joy of Not Working Aus dem Englischen von: Annette Wetzel Verlag: dtv Erscheinungsjahr: 2002 Umschlaggestaltung: Balk & Brumshagen Umschlagbild: Peter Menne, Potsdam Dieses E-Book ist nicht zum Verkauf bestimmt!!!
  • 2. BuchArbeit ist der Dreh- und Angelpunkt unseres Lebens. Wirhasten diszipliniert und zielbewusst durch unseren Alltag,die Freizeit wird sorgfältig dosiert und verplant. Dabeipassiert es allzu oft, dass wir unsere eigentlichenBedürfnisse und Lebensziele aus den Augen verlieren, unsgestresst und unzufrieden fühlen. Ernie J. Zelinski zeigt,dass es auch anders geht: Nicht ein prall gefüllterTerminkalender und ein ständig läutendes Handy sind derBeweis für ein gelungenes Leben, sondern die Kunst, zugenießen, was wir tun, unsere Talente auszuleben undjeden Teil unseres Lebens voll auszuschöpfen. Es gilt, sichwieder zu besinnen auf Werte von größerer Beständigkeitals den sicheren Job – eine Illusion – oder denGehaltsscheck, der verlorene Zeit nicht zurückbringt.Anhand von Übungen regt der Kreativitätstrainer an, neuePerspektiven für Arbeit und Freizeit zu gewinnen undindividuelle Lösungen für »Auszeiten« zu entwickeln. Erverführt zu mehr Spontaneität und Mühelosigkeit undermutigt dazu, eingefahrene Bahnen zu verlassen, um zueiner wirklich erfüllenden Lebensgestaltung zu finden –diesseits wie jenseits der Bürotür.
  • 3. AutorErnie J. Zelinski ist Kreativitätstrainer, Berater underfolgreicher Müßiggänger. Seit 14 Jahren ist er »kreativunbeschäftigt«. Er lebt in Edmonton, Kanada.
  • 4. Dieses Buch ist dem Leser gewidmet, in der Hoffnung, dass es ein Gewinn für ihn ist und die Welt liebenswerter macht.
  • 5. Inhalt Vorwort........................................................................................... 9 Berufswunsch: Müßiggänger...................................................... 14 Faulheit lohnt sich...................................................................... 15 Freizeit – das Gegenteil von Arbeit, aber nicht ganz ................. 17 Der Traum von Freizeit, Ruhestand und Lotteriegewinn........... 19 Die zwei Seiten des Müßiggangs............................................... 23 Müßiggänger – ein aufreibender Beruf...................................... 27 Das Geheimnis des Müßiggangs................................................ 29 Augen auf und durch! ................................................................. 31 Öfter mal was Neues.................................................................. 32 Was Hänschen nicht lernt … kann Hans immer noch lernen .... 33 Unter den Blinden ist der Einäugige König ............................... 36 Aufgepasst!................................................................................ 39 Der richtige Durchblick ............................................................. 41 Nur Narren und Tote ändern sich nicht...................................... 43 Die Wiederbelebung der Kreativität .......................................... 44 Die 17 Regeln der Kreativität .................................................... 45 Die Erde ist schon lange rund!................................................... 47 Arbeitsmoral ist Sklavenmoral................................................... 49 Arbeiten oder nicht? .................................................................. 50 Der schlechte Einfluss der protestantischen Arbeitsmoral......... 52 Gehört die Arbeit zum guten Ton? ............................................ 56 Das Gesetz des zunehmenden Schadens.................................... 59 Eine ganzes Volk spielt verrückt ............................................... 60 Mörderische Arbeitswut ............................................................ 62 Bart Simpson als Hoffnungsschimmer ...................................... 63 Müßiggänger in der Chefetage .................................................. 64 Warum Bettler einen gesellschaftlichen Beitrag leisten ............ 65 Vom fragwürdigen Erfolg der Yuppies ..................................... 67 Das Ding mit den Dingen .......................................................... 70 Das Märchen vom Bruttosozialprodukt ..................................... 71 Freizeit als Umweltschutz.......................................................... 73 Warum weniger Arbeit den Lebensstandard erhöht................... 75 Die wahren Dinge des Lebens ................................................... 77
  • 6. Arbeite weniger, lebe gesünder................................................... 79 Eine Mausefalle ohne Käse........................................................ 80 Wer bin ich?............................................................................... 82 Die Ignoranz hat Hochkonjunktur ............................................. 84 Kurhotel »Knast«....................................................................... 87 Verrückt oder nicht? .................................................................. 88 Muße ist in, Arbeitswut ist out................................................... 90 Arbeite weniger, entlaste den Arbeitsmarkt............................... 93 Mehr Freizeit, mehr Leistung .................................................... 95 Mehr Freizeit, mehr Spaß .......................................................... 99 Der Freizeitexperte .................................................................. 104 Rauswurf in Eigenregie ........................................................... 107 Die Berufung ruft..................................................................... 112 Der Traum vom sicheren Arbeitsplatz ..................................... 118 Die Kuh schlachten und gleichzeitig melken........................... 119Arbeitslosigkeit – der ultimative Persönlichkeitstest.............. 124 Endlich in vollen Zügen genießen ........................................... 125 Ein neuer Lebensplan .............................................................. 127 Die Wiederentdeckung des wahren Ichs.................................. 129 Ein neues Erfolgskonzept ........................................................ 132 Die drei Säulen der Freizeit ..................................................... 135 Die Freizeitkarriere.................................................................. 143Hausgemachte Langeweile ........................................................ 145 Eine sterbenslangweilige Krankheit ........................................ 146 Das Salz in der Suppe .............................................................. 149 Wie man sich bettet, so langweilt man sich ............................. 151 Die einfache Lebensregel......................................................... 153 Die Tretmühle färbt ab............................................................. 155 Auszeit zum Sonderpreis ......................................................... 156 Wie gut, dass es Probleme gibt!............................................... 157 Nur der Dumme fürchtet sich vor der Dummheit .................... 160 Der Mut zum kleinen Unterschied........................................... 162Brandstifter ................................................................................ 163 Schwing das Tanzbein!............................................................ 164 Ohne Fleiß kein Preis............................................................... 166 Von nichts kommt nichts ......................................................... 168 Maslows Hierarchie ................................................................. 172 Dichtung und Wahrheit über Herzenswünsche........................ 175 Träume auf dem Prüfstand....................................................... 178
  • 7. Der Ideenbaum......................................................................... 179 Erweiterter Ideenbaum............................................................. 184 Aktivitäten für den Ideenbaum ................................................ 187 Direkt ins Ziel .......................................................................... 195Auf die Dauer hilft nur Power .................................................. 197 Dynamische Untätigkeit .......................................................... 198 Der Sieg des Geistes über die Materie ..................................... 201 Fit wie ein Turnschuh .............................................................. 202 Dumme Frage, kluge Antwort ................................................. 208 Reisen ohne Tourismus............................................................ 211 Lese- und Schreibschwäche unerwünscht................................ 213 Es gibt nichts Gutes, außer man tut es ..................................... 215Jetzt oder nie!............................................................................. 218 Carpe diem............................................................................... 219 Der entscheidende Augenblick ................................................ 221 Eile mit Weile .......................................................................... 225 Sorge dich nicht, lebe! ............................................................. 227 Treibgut ................................................................................... 232 Spontan ohne Plan ................................................................... 234 Jeden Morgen geht die Sonne auf …....................................... 236 Humor ist eine todernste Sache ............................................... 238 Der Weg ist das Ziel ................................................................ 240Lieber allein als in schlechter Gesellschaft .............................. 242 Der Schlüssel zum Alleinsein steckt von innen ....................... 243 Allein aber oho! ....................................................................... 247 Hände weg von Pessimisten! ................................................... 249 Allein im Baumhaus ................................................................ 251 Die Kunst der Stille ................................................................. 254 Einsiedler mit Lebenserfahrung............................................... 257Geld regiert die Welt? ............................................................... 259 Geld ist nicht alles ................................................................... 260 Genug ist nicht genug .............................................................. 262 Mehr Geld, mehr Sorgen ......................................................... 265 Geld ist keine Lebensversicherung .......................................... 269 Macht Geld glücklich?............................................................. 271 Ein kleines Portemonnaie ist groß genug................................. 274 Eine Theorie für Beruf und Freizeit......................................... 276 Bescheidenheit macht reich ..................................................... 281 Wie man sich mit wenig Geld königlich amüsiert ................... 285
  • 8. Durchstarten bitte! .................................................................... 287 Erst am Schluss ist Schluss...................................................... 288 Kein Bedarf an Verjüngungskuren .......................................... 290 Die innere Orientierung ........................................................... 292 Reden ist Silber, Handeln ist Gold........................................... 294 Das Leben fängt in der Freizeit an........................................... 299Literatur ..................................................................................... 301
  • 9. VORWORTDieses Buch will Sie zum Gewinner machen. Es ist aberkeineswegs eine der üblichen Anleitungen, wie manberuflich erfolgreich wird oder wie man das große Geldmacht. Es handelt von dem persönlichen Gewinn, den esbedeuten kann, wenn man nicht arbeitet. Es geht nicht umeinen Wettkampf, doch trotzdem winkt eine ansehnlicheBelohnung. Man gehört zu den Gewinnern, wenn man Lust auf dasLeben hat, wenn man sich morgens beim Aufwachen aufden Tag freut, Man gehört zu den Gewinnern, wenn manFreude an dem hat, was man macht, und man gehört zuden Gewinnern, wenn man ziemlich genau weiß, was manmit dem Rest seines Lebens anfangen will. Für alles gibt es eine Gebrauchsanweisung, nur nicht für das Leben. Jean Paul SartreDas Buch möchte Ihnen ein nützlicher und zuverlässigerWegweiser sein, der Ihnen zeigt, wie Sie sich außerhalbder Arbeitswelt ein Paradies schaffen können – ob Sie nunim Ruhestand, arbeitslos oder berufstätig sind. Es schadetnicht, sich ab und zu daran erinnern zu lassen, was wichtigund was unwichtig ist, und ein praktischer Ratgeber, wieman mehr aus seiner Freizeit machen kann, ist in jedemFall von Nutzen. Dieses Buch ist das Ergebnis meines Bildungsweges,einer Bildung, die nichts mit den Lehrplänen an Schulen 9
  • 10. oder Universitäten zu tun hat. Meine persönlichenErfahrungen haben mich gebildet – nicht meine formaleAusbildung. Mit 29 Jahren ließ ich mich auf eine ganz neue»Karriere« ein. Nachdem ich meinen Job verloren hatte,beschloss ich, ein Jahr lang das Leben eines kreativenMüßiggängers zu führen. Obwohl meine neueLebensweise eigentlich nur vorübergehend sein sollte,habe ich mich noch immer nicht nach einer festenAnstellung umgesehen. In meinem letzten Job ließ ich mich von einem Systemeinsperren, das mir jeden Freiraum nahm. Sechs Jahre langhielt ich es als Angestellter in einem öffentlichenVersorgungsbetrieb aus, in dem ich von neun bis um fünfUhr arbeiten sollte. Tatsächlich arbeitete ich aber meistensvon acht bis sechs Uhr und häufig auch an denWochenenden, meistens ohne zusätzliche Bezahlung. Nachdem ich drei Jahre lang auf meinen Urlaubverzichtet hatte, wollte ich mir endlich im Sommer zehnWochen frei nehmen. Abgesehen davon, dass meineVorgesetzten damit nicht einverstanden waren, hielt ichdas für eine fabelhafte Idee. Ich genoss diese zehnWochen in vollen Zügen. Doch trotz meiner großartigenIdee endete die Sache damit, dass man mich vor die Türsetzte. Ich hatte mit meinem ausgedehnten Urlaubangeblich die Unternehmensmoral verletzt. Meinen Vorgesetzten hatte mein Abenteuer offenbarmissfallen. Ungeachtet meiner guten Arbeitsleistung undder langen Zeit ohne Urlaub lag nach meiner Rückkehr dieKündigung auf dem Tisch. Ich weiß nicht, ob meineEntlassung nur damit zu tun hatte, dass ich dieUnternehmensmoral verletzt hatte. Möglicherweisegönnten meine Vorgesetzten mir auch nicht, dass mir meinlanger Urlaub so viel Spaß gemacht hatte. Viele 10
  • 11. Vorgesetzte, vor allem im öffentlichen Dienst, haben nichtgerne mit Untergebenen zu tun, die es sich richtig gutgehen lassen. In den ersten Wochen war ich sauer, dass man michgefeuert hatte. War ich doch ein pflichtbewusster undeifriger Mitarbeiter gewesen, der zweifellos manchenwichtigen Beitrag für das Unternehmen geleistet hatte.Keine Frage – man hatte mir großes Unrecht getan. Aber eines Tages wendete sich das Blatt, als ich nämlicherkannte, dass meine Entlassung in Wirklichkeit ein Segenwar. Mir ging allmählich auf, dass ich nicht unersetzlichwar, und gleichzeitig verlor ich das Interesse an einemfesten Ganztagsjob. Ich wollte mir von nun an möglichstviel freie Zeit gönnen, besonders im Sommer. Einnormaler Job kam also nicht mehr in Frage; meineKarriere als Ingenieur war beendet. In den nächsten zwei Jahren arbeitete ich überhauptnicht und hielt mich auch von jeglicherBildungseinrichtung fern. Mein Ziel war, ohne Arbeitglücklich zu sein. Schließlich weinte ich meinem früherenJob als Ingenieur gerade so viel Tränen nach wie eineralten Ventures-Langspielplatte, die ich vor 15 Jahrenverloren hatte – nämlich so gut wie gar keine. Muße ist eine überaus verantwortungsvolle und schwierige Aufgabe. William RussellWas aber habe ich mit dieser Zeit angefangen? Obwohlich zeitweilig nur sehr wenig Geld hatte, lebte ich inmeinen Augen wie Gott in Frankreich. Ich ging so vielenschöpferischen und befriedigenden Beschäftigungen nach, 11
  • 12. dass ich sie hier gar nicht alle aufzählen kann. Kurz – ichfeierte das Leben. Ich wuchs über mich selbst hinaus, undmeine Wertvorstellungen änderten sich. Während dieserzwei Jahre erwarb ich gewissermaßen einen Doktortitelder Freizeit (den mir bisher noch keine Universitätverliehen hat). Nach zwei Jahren vollkommener Muße beschloss ich,nie wieder in den Monaten ohne »r« zu arbeiten. Mai,Juni, Juli und August scheinen mir wie geschaffen fürFreizeit und Müßiggang. Weil ich meine freie Zeit so sehrgenieße, habe ich es seit mehr als zehn Jahren erfolgreichvermieden, einen Ganztagsjob anzunehmen. Seit ich EndeZwanzig war, bin ich praktisch immer wieder imzeitweiligen Ruhestand oder Fast-Ruhestand. Im Lauf der Jahre bin ich oft gefragt worden, was ichmit so viel Freizeit anfange, ohne mich zu langweilen.Allmählich kam ich dahinter, dass es vielen Menschenschwer fällt, ihre freie Zeit befriedigend auszufüllen. Mirfiel auf, dass es noch kaum Literatur über den sinnvollenUmgang mit Freizeit gab. Damals entstand die Idee zudiesem Buch. Da ich glaube, dass jeder seine freie Zeit mitschöpferischen und anregenden Aktivitäten ausfüllenkann, schien mir eine Anleitung zum Genuss der Mußeeine nützliche Sache zu sein. Dieses Buch besteht zum Teil aus meinen eigenenGedanken und Erfahrungen. Um eine umfassenderePerspektive zu erhalten, greife ich aber auch aufGeschichten, Erfahrungen und Bemühungen andererzurück. In diesem Buch geht es darum, wie man einerfolgreicher Müßiggänger wird, wie es einem gelingt, einmüheloses Leben zu führen. Es wird Sie allerdingsüberraschen, dass dies zunächst ein wenig Mühe kostet.Eine sinnvolle Freizeitgestaltung fällt einem nicht einfach 12
  • 13. in den Schoß. Man muss bestimmte Prinzipienberücksichtigen, auf denen dieses Buch basiert. Erfolg ist Glückssache – verkrachte Existenzen können das bestätigen. Ein unbekannter kluger MenschWenn Sie diese Grundsätze beherzigen, werden sich neueWege auftun, und Sie werden wunderbare undbefriedigende Erfahrungen machen, die Ihnen Ihr Jobnicht bieten kann. Sie werden wie ich behaupten können,dass Sie auf mühelosere Weise glücklicher sind. Wenn Sie Ihre Lebensqualität verbessern und Ihr Lebeninteressanter gestalten wollen, wird dieses Buch einwertvoller Gewinn für Sie sein. Ich bin sicher, dass es eineunterhaltsame und anregende Lektüre sein wird, die Sie zueinem spannenden und lohnenden, (fast) mühelosen Lebenverführt. Ernie J. Zelinski 13
  • 14. BERUFSWUNSCH: MÜßIGGÄNGER 14
  • 15. Faulheit lohnt sichAm zweiten Tag seines Aufenthalts in einer großen Stadtbegegnete einmal ein wohlhabender und etwasexzentrischer Reisender einer Gruppe von sechs Bettlern,die er schon tags zuvor beim Geldschnorren beobachtethatte. Die Bettler hatten sich alle in der Sonneausgestreckt, offensichtlich um sich von ihrenBerufspflichten auszuruhen. Sie blickten auf, als derReisende sich ihnen näherte. Es klingt paradox, ist aber nichtsdestoweniger wahr: je näher der Mensch seinem Ziel kommt, ein Leben in Bequemlichkeit und Überfluss zu führen, umso mehr entzieht er einem sinnerfüllten Dasein den Boden. Franz AlexanderDieser wollte sich einen Spaß gönnen und versprachdemjenigen Bettler einen Tausenddollarschein, derbeweisen könne, dass er der Faulste sei. In der Hoffnung,das Geld zu gewinnen, sprangen fünf von ihnen auf, um andem Wettkampf teilzunehmen. Jeder gab sich nun diegrößte Mühe, auf die unterschiedlichste Weise – indem erzum Beispiel im Sitzen die Touristen anbettelte – zuzeigen, dass er noch fauler war als seine Kollegen. Eine Stunde lang sah der Reisende den Bettlern amüsiertzu, dann vergab er den Tausenddollarschein. Er entschiedsich für den sechsten Bettler, der nicht an demWettbewerb teilgenommen hatte und eindeutig der Faulstegewesen war. Er war auf dem Gras liegen geblieben, hatte 15
  • 16. weiter die Zeitung gelesen und sich die Sonne auf denBauch scheinen lassen. Und die Moral von der Geschichte? Wenn es dieUmstände erfordern, kann es lohnender sein, sich derMuße hinzugeben als zu arbeiten. In diesem Buch geht es um die vielfältigen Freuden, diees außerhalb der Arbeitswelt gibt. Einem Ruheständlerzeigt es, was er alles mit seiner vielen freien Zeit anfangenkann, einem Arbeitslosen, wie er die Zeit bis zumnächsten Job genießen kann, und einem Berufstätigen, wieer von seiner begrenzten Freizeit profitieren kann. In diesem Buch dreht sich mit anderen Worten alles umdie Frage, wie man, unabhängig von der jeweiligenSituation, der Freizeit mehr Befriedigung und Freudeabgewinnen kann. Herzlich willkommen in der Welt derFreizeit. 16
  • 17. Freizeit – das Gegenteil von Arbeit, aber nicht ganzWas versteht man eigentlich unter Freizeit? Eine interes-sante Frage, die gar nicht so einfach zu beantworten ist. Ineinem meiner Seminare kamen wir nach heftigen Diskus-sionen zu folgendem Schluss: »Freizeit ist die Zeit, dieübrig bleibt, wenn man das Lebensnotwendige getan hat.«Das führt natürlich gleich zur nächsten Frage: Wasversteht man unter »lebensnotwendig«? Essen ist zumBeispiel eine Notwendigkeit, aber ein gemütliches Abend-essen in einem Restaurant ist ein Vergnügen. Der Genussausgedehnter lukullischer Mahlzeiten gehört zu meinenLieblingsbeschäftigungen in der Freizeit. Für andere istessen dagegen eine notwendige und lästige Angelegenheit. Und was meint das Wörterbuch dazu? »Freizeit ist dieZeit, in der man nicht arbeitet, die der Erholung undUnterhaltung dient und in der man tun und lassen kann,was man will.« Wohin gehört also das Essen? Ist essenArbeit? Oder Freizeit? Oder etwas ganz anderes?Überlassen wir den Philosophen die Entscheidung, obessen Freizeit oder ob Freizeit essen ist, und wenden wiruns wieder diesem Buch zu, in dem es nicht um eineallgemein gültige Definition von Freizeit gehen soll,sondern darum, dass jeder für sich selbst entscheidenmuss, was Freizeit für ihn bedeutet – und das kann sehrunterschiedlich sein. Trotzdem könnte man ungefährFolgendes sagen: Freizeit ist die Zeit, die man nicht amArbeitsplatz verbringt und in der man macht, was manwill. Und auch das tut, was man sich vorgenommen hat!Das ist leichter gesagt als getan, denn Wollen und Tunsind zwei verschiedene Paar Stiefel. Es geht also um ein 17
  • 18. kurioses Paradox: Freizeit hat etwas damit zu tun, dassman nicht arbeitet; wenn sie befriedigend ausfallen soll,muss man aber hart daran arbeiten. Freizeit ist also nichtganz das Gegenteil von Arbeit, sondern nur fast. 18
  • 19. Der Traum von Freizeit, Ruhestand und LotteriegewinnOb wir wollen oder nicht, früher oder später steht jedervor der Frage, wie er seine Freizeit sinnvoll nutzen undgenießen kann. Und zweifellos wird unsere Lebensqualitätauch davon bestimmt, wie wir mit unserer freien Zeitumgehen. Da Freizeit einst sehr rar war, galt sie jahrhundertelangals Luxus. Erst seit kurzem gibt es sie in einem solchenÜberfluss, dass sich viele Menschen auf einenjahrzehntelangen Ruhestand einstellen können. Unbegrenzte Freizeit ist für viele der WunschtraumNummer eins. Jeder möchte sich ein möglichst großesStück vom Freizeitkuchen abschneiden. Manche träumensogar von der totalen Freizeit, um endlich nicht mehrarbeiten zu müssen. Sie sind häufig aber gar nicht in derLage, mit so viel freier Zeit umzugehen. AusgedehnteFreizeit belastet sie eher, obwohl sie gesund und finanziellabgesichert sind und an vielen Aktivitäten Freude habenkönnten. Ach, im Angesicht des Todes erkennen zu müssen, dass man gar nicht gelebt hat! Henry David ThoreauEs ist eine Illusion, zu glauben, dass die Freizeitgestaltungunproblematisch ist. Verschiedene Untersuchungenbelegen, dass es offenbar sehr vielen Menschen schwerfällt, mit freier Zeit sinnvoll umzugehen. Eine 19
  • 20. Untersuchung des amerikanischenWirtschaftsministeriums hat ergeben, dass nur 58 Prozentder Bevölkerung mit ihrer Freizeitgestaltung einigermaßenzufrieden sind. 42 Prozent könnten also Hilfe bei derAufwertung ihrer Freizeit gebrauchen. Auch wereinigermaßen zufrieden ist, freut sich vielleicht nicht sosehr über seine freie Zeit, wie er sich das eigentlichwünschen würde. Auch in solchen Fällen könnte einbisschen Nachhilfe nicht schaden. Im Allgemeinen verbringen wir den größten Teil unseresErwachsenenlebens mit Arbeit. Wenn man die Zeit miteinberechnet, die man braucht, um sich für die Arbeitfertig zu machen, sowie den Weg zur Arbeit, dieGespräche, die sich um den Job drehen, und die Sorgen,die man sich um den Arbeitsplatz macht, denkt manwährend seines Arbeitslebens mehr über die Arbeit nachals über alles andere. Wenn wir uns Gedanken über die Arbeit machen,träumen wir auch gerne davon, wie schön es mal ohneArbeit sein wird. Als ich noch als Ingenieur beschäftigtwar, fand ich es einigermaßen befremdlich, wenn sich diejungen Ingenieure und Techniker schon mit Ende Zwanzigausgiebig über die Rente und den Ruhestand unterhielten.Offen gesagt war ich mit Ende Zwanzig an anderenThemen interessiert. Die Gesellschaft will uns weismachen, dass Ruhestandund Glück ein und dasselbe sind. Den Ruhestand verstehtman als die endgültige Erlösung von den Belastungen, dieder Beruf mit sich bringt. Er soll ein mit lauterangenehmen und lohnenden Aktivitäten ausgefülltesLeben bringen. Bis vor ein paar Jahren ließ ich mich wie die meistenMenschen meiner Generation von dieser gesellschaft-lichen Programmierung leiten. Ich glaubte, dass mehr 20
  • 21. Freizeit das Ziel sei, das alle erwartungsvoll vor Augenhaben und mit Erreichen des Ruhestands auch genießen.Jetzt weiß ich, dass es häufig nicht so ist. Der Beginn desRuhestands kann nämlich eine Tragödie sein. VieleMenschen fühlen sich nutzlos und haben nichts mehr zutun. Tod oder Senilität sind in den ersten zwei Jahren desRuhestands nicht ungewöhnlich; auch Selbstmord ist nichtausgeschlossen. Tatsächlich ist die Suizidrateamerikanischer Männer während des Ruhestands viermalhöher als in allen anderen Lebensabschnitten. Auf dieser Erde gibt es nur zwei Tragödien: die unerfüllten Wünsche und die erfüllten Wünsche. Oscar WildeEin größerer Lotteriegewinn gilt allgemein als Ereignis,durch das sich das Leben auf ungeahnte Höhen schwingt.Als Millionär erhofft man sich endlich die Erfüllung allerTräume. Doch die Wirklichkeit scheint anders auszusehen.Ein Lotteriegewinner aus New York bereut es, seinen Jobaufgegeben zu haben: »Ich vermisse meinen Job alsFernfahrer. Am schlimmsten ist, dass mir niemand mehrsagt, was ich tun soll.« Diesen Fall schildern Jerry und Rena Dictor LeBlanc ineiner Studie über Menschen, die ganz plötzlich reichgeworden sind. Die LeBlancs stellten fest, dass manche Menschen mitunbegrenzter Freizeit durchaus nicht glücklich sind. Nacheiner jahrelangen, vom Arbeitgeber vorgegebenenRoutine, ist es für sie häufig problematisch, mit einemunstrukturierten Tagesablauf umzugehen. MancherLottogewinner bleibt berufstätig, auch wenn Kollegen undBekannte ihn aufziehen, weil er arbeitet, ohne auf das 21
  • 22. Geld angewiesen zu sein. Eine Untersuchung eines bekannten amerikanischenUnternehmens ergab, dass mehr als die Hälfte allerArbeitnehmer, die in eine Vorruhestandsregelungeingewilligt hatten, froh waren, als sie nach drei Monatenwieder an ihren Arbeitsplatz zurückkehren durften. DerRuhestand war doch nicht das, was sie sich davon erhoffthatten. Ein Leben, das nur noch aus Freizeit bestand,machte keinen großen Spaß. Trotz aller Nachteile war dieArbeit insgesamt doch nicht so übel gewesen. 22
  • 23. Die zwei Seiten des MüßiggangsVielen Menschen fällt es schwer, Dinge mit Muße zu tun.Unvorbereitet viel freie Zeit zu haben, kann Ängsteauslösen, wenn man nicht rechtzeitig gelernt hat, Freude inFreizeitaktivitäten zu haben. Wenn man bis zum Zeitpunktder Pensionierung keine Liebe zur Muße entwickelt hat,wird der Traum vom Müßiggang schnell zum Alptraumund endet mit einem bösen Erwachen Hier die häufigstenProbleme, die man mit der Freizeit haben kann: Man langweilt sich alleine und mit anderen. Die Freizeitaktivitäten füllen einen nicht richtig aus. Man fühlt sich einsam. Man hat Ärger mit der besseren Hälfte, weil man sich zu nah auf der Pelle sitzt. Man hat zu wenig zu tun. Man hat viel zu tun, aber keine Zeit. Man ist unschlüssig, was man machen soll. Die eigenen finanziellen Mittel sind bescheiden, aber man hat Ansprüche wie ein Millionär. Man verfügt über ausreichende finanzielle Mittel, traut sich aber nicht, das Geld auszugeben. Man hat Schuldgefühle, wenn man gute Laune hat und sich etwas gönnt. Man hat nur Spaß an Dingen, die verboten, unmoralisch oder unvernünftig sind. 23
  • 24. Wenn dem Menschen auch nur die Hälfte seiner Wünsche erfüllt würden, würden sich seine Sorgen verdoppeln. Benjamin FranklinDie anderen Aspekte, die viel Freizeit mit sich bringenkann, sind weitaus erfreulicher. Unbegrenzte freie Zeit zuhaben kann eine große Lebenschance sein. MancheMenschen schaffen es mühelos, sich an ein Leben vollerMuße zu gewöhnen und finden es sogar befriedigender,als sie es sich vorgestellt hatten. Sie sind aktiver als jezuvor; jeder Tag ist ein neues Abenteuer. Sie können sichschließlich nichts Schöneres mehr vorstellen als ein Lebenvoller Freizeit. Sinnvoll genutzte Freizeit trägt zu einemLeben bei, von dem manche Menschen auf dieser Erde nurträumen können. Mehr Freizeit kann Folgendes bedeuten: Eine höhere Lebensqualität Die Entfaltung der Persönlichkeit Bessere Gesundheit Mehr Selbstachtung Weniger Stress und mehr Entspannung Befriedigung durch anregende Aktivitäten Spannende Abenteuer Mehr Ausgeglichenheit für Berufstätige Mehr Selbstbewusstsein, auch wenn man arbeitslos ist Eine Verbesserung des FamilienklimasDer Unterschied zwischen Erfolg und Misserfolg istmanchmal nur gering. Nachdem wir uns nun mit den 24
  • 25. problematischen und den bereichernden Aspekten derFreizeit befasst haben, wollen wir einen Blick daraufwerfen, wie man ihr möglichst viel Positives abgewinnt. Die folgende Übung ist die erste einer Reihe vonÜbungen, denen Sie in diesem Buch begegnen werden.Wenn Sie sich Zeit für diese Übungen nehmen, wird derNutzeffekt dieses Buches für Sie umso größer sein. Womehrere Antworten zur Auswahl stehen, können Sieeigene Antworten einsetzen, wenn Ihnen die anderen nichtgefallen.Übung 1Welche der folgenden Dinge sind unverzichtbar, damitman seine Freizeit genießen kann? Eine ausgezeichnete Gesundheit Dass man in einer tollen Stadt wohnt Ein großer Bekanntenkreis Eine sympathische Persönlichkeit Ein Wohnmobil zu besitzen Reiselust Sportlichkeit Blendendes Aussehen Eine Superkondition Finanzielle Unabhängigkeit Ein mildes Klima Tolle Eltern Eine glückliche Ehe oder Partnerschaft Viele Hobbys 25
  • 26. Bevor wir uns nun damit befassen, was wirklichwesentlich ist, wenden wir uns zur Veranschaulichungzwei Menschen zu, die mit ihrer freien Zeit nichtzurechtkommen. 26
  • 27. Müßiggänger – ein aufreibender BerufNeulich unterhielt ich mich im Tennisclub mit meinemTennispartner Delton; er ist 67 Jahre alt und finanziellunabhängig. Delton hat gerne für seine Firma gearbeitet,aber es hat ihn immer gestört, dass der Ruhestand mit 65verbindlich war. Die Leute vergeuden mehr Zeit damit, auf jemanden zu warten, der ihr Leben in die Hand nimmt, als mit jeder anderen Beschäftigung. Gloria SteinernAls er dann Rentner wurde, wusste er nicht, was er mitseiner Zeit anfangen sollte. Nach zwei Jahren imRuhestand war Delton dann heilfroh, als er wiederhalbtags für seine Firma arbeiten durfte. Mit seinerFreizeit kann er nicht viel anfangen (außer, wenn er michim Tennis schlägt). Delton vertraute mir sogar an, dass ersich früher nie auf die Wochenenden freute, weil er nichtwusste, was er an diesen freien Tagen machen sollte. Rieh, auch ein Mitglied meines Tennisclubs, hatebenfalls Probleme mit der Freizeit. Im Unterschied zuDelton hat Rieh seine Pensionierung herbeigesehnt. Wieviele Einwohner von Edmonton träumte Rieh davon, andie Westküste zu ziehen und dort sein arbeitsfreies Lebenin vollen Zügen zu genießen. Rieh konnte seinen Traumschon mit 44 Jahren verwirklichen. Er hatte seit seinem19. Lebensjahr bei der Polizei gearbeitet, so dass er nachnur 25 Jahren mit einer anständigen Pension in den 27
  • 28. Ruhestand gehen konnte. Nachdem Rieh an die Westküste gezogen war, stellte erfest, dass er nicht viel Talent zum Müßiggang hatte. Erkam mit so viel Freizeit überhaupt nicht zurecht. Alsogründete er eine Firma. Als er bei dieser Unternehmungsein letztes Hemd verloren hatte (was zu verschmerzen ist,weil man an der Westküste kein Hemd braucht), versuchteer es mit diesem und jenem, einschließlich der zeit-weiligen Rückkehr in seinen Beruf. Rieh weiß immer nochnicht so recht, was er mit seinem Ruhestand anfangen soll.Schade, denn er ist in einer Situation, um die ihn vielebeneiden. 28
  • 29. Das Geheimnis des MüßiggangsAn seiner Freizeit kann man unabhängig von Alter,Geschlecht, Beruf oder Einkommen Freude haben. Ichkann das sagen, weil ich persönlich erfahren habe, dass ichohne Arbeit genauso glücklich, wenn nicht sogarglücklicher bin. Und was ich kann, können andere auch.Ich habe über die Hälfte meines Erwachsenenlebens ohneJob verbracht und weiß aus eigener Erfahrung, wie manohne Arbeit glänzend zurechtkommt. Mir gelingt esdeshalb so gut, weil ich mich auf das konzentriere, wasmir in meiner Freizeit wirklich Freude macht, und es dannauch wirklich tue. Ich bin nicht mit mehr Begabungen oder Talentengesegnet als andere auch. Jeder kann seine Freizeit invollen Zügen genießen, man muss seine Talente nurrichtig erkennen und sinnvoll einsetzen. Warum schaffen es nun die einen, den Müßiggang zugenießen, und die anderen nicht? Kommen wir noch einmal auf die Übung 1 auf Seite 23zurück. Wenn Sie auf der Liste irgendetwas angekreuzthaben, sind Sie noch nicht auf dem richtigen Weg. Nichtsvon dem, was ich in der Liste aufgeführt habe, istnotwendig, um ein Müßiggänger zu werden und ohneArbeit glücklich zu sein. Jeder Punkt kann ein zusätzlicherVorteil sein, aber keiner ist notwendig. Ich möchtebetonen, dass auch die finanzielle Unabhängigkeit nicht zuden Notwendigkeiten gehört. Delton und Rieh stehenbeide finanziell blendend da und sind doch unglücklichmit ihrer freien Zeit. In einem späteren Kapitel werden wiruns mit der Rolle, die das Geld in diesem Zusammenhangspielt, näher befassen. Der eine oder andere wird vielleicht 29
  • 30. der Meinung sein, dass eine gute Gesundheit unbedingtnötig ist. Gesund zu sein ist ein wichtiger Faktor, aber esgibt Menschen, die trotz angeschlagener Gesundheit ihreFreizeit und das Leben ganz allgemein genießen. Man ist in der Lage, etwas zu tun, weil man glaubt, dazu in der Lage zu sein. VergilWas ist also wirklich wichtig? Ein Müßiggänger hat ganzeinfach die richtige Lebenseinstellung. Ohne diesegesunde Einstellung gibt es weder Freude noch Erfolg imLeben, und wenn Sie sie noch nicht haben, müssen Siesich die Mühe machen und sie entwickeln. Dieses Buchbefasst sich vor allem damit, wie man diese gesundeEinstellung zum Leben und zur Muße bekommen und sichbewahren kann. 30
  • 31. AUGEN AUF UND DURCH! 31
  • 32. Öfter mal was NeuesEs entsteht ein ganz neues Lebensgefühl, wenn man denBlickwinkel, aus dem man seine Lebensumstände sieht,verändert. Zwei Menschen können mit der gleichenSituation konfrontiert sein, zum Beispiel mit einerEntlassung, und doch kann der eine sie als Segen und derandere als Fluch empfinden. Ob man den Blickwinkel, ausdem man eine Situation sieht, verändern kann, hängtdavon ab, wie weit man in der Lage ist, seine Einstellungzu hinterfragen und flexibel zu denken. Kaum jemand beschäftigt sich ernstlich mit der Frage,warum er so denkt, wie er denkt. Wenn wir unser Denkenhinterfragen, ebnen wir den Weg für neue Perspektivenund neue Werte, die veraltete Ansichten ersetzen. Werseine Ansichten über die Arbeit und ihre Vorteile in Fragestellt, ist besser in der Lage, eine gesunde Einstellung zurFreizeit zu entwickeln. Wer seine Ansichten nie in Fragestellt, muss mindestens zwei Dinge befürchten: Man entwickelt festgefahrene Denkstrukturen, die den Blick auf Alternativen verstellen. Man übernimmt vielleicht Wertmaßstäbe, die zu einer bestimmten Zeit sinnvoll waren. Doch die Zeiten ändern sich und mit ihr die Werte. Trotzdem legt man Maßstäbe an, die längst veraltet und nicht mehr angemessen sind. 32
  • 33. Was Hänschen nicht lernt … kann Hans immer noch lernenMalen Sie einen schwarzen Punkt (wie oben) auf eineweiße Tafel und fragen Sie eine Gruppe Erwachsener, wassie sehen. Die meisten werden sagen, sie sehen nichtsweiter als einen schwarzen Punkt. Zeigen Sie diesen Punkteiner Grundschulklasse, und Sie werden verblüffende undbezaubernde Antworten wie diese hören: Die Dunkelheit hinter einem runden Fenster Einen zusammengerollten schwarzen Bären Eine Radkappe Ein Pferdeauge Eine schwarze Murmel Das Innere einer Pfeife Einen SchokoladenkeksWir kommen alle mit einem ausgeprägten Vorstellungs-vermögen auf die Welt. Beim Kind sind Erfindungs-reichtum und Fantasie besonders gut entwickelt. Da einKind alles um sich herum wahrnimmt, verfügt es über eineunbegrenzte Lebensfreude. Irgendwann im Laufe der Kindheit gehen den meistenMenschen diese Fähigkeiten verloren. Die Gesellschaft, 33
  • 34. die Schule und unsere Eltern beeinflussen uns mit ihrerSichtweise. Wir werden darauf konditioniert, nachAnerkennung zu streben. Um gesellschaftlich akzeptiertzu werden, hören wir auf zu fragen. Wir sind geistig nichtmehr so flexibel, und unsere Wahrnehmungsfähigkeitnimmt ab. Die Folge ist, dass wir nur noch in bestimmen Bahnendenken. Wir ändern nur ungern unsere Anschauungen undÜberzeugungen, was eine falsche, unvollständige oderunzeitgemäße Sicht der Dinge fördert. Diese verzerrteWahrnehmung steht unserer Kreativität und unsererLebensfreude im Wege. Die meisten Menschen denken nur ein- oder zweimal im Jahr nach. Ich bin damit weltberühmt geworden, dass ich ein- oder zweimal in der Woche nachdenke. George Bernard ShawKreativität geht Hand in Hand mit einer positivenLebenseinstellung. In jedem Bereich sind kreativeMenschen langfristig gesehen am erfolgreichsten. Sieerkennen Chancen, wo andere nur unüberwindlicheProbleme sehen. Wissenschaftliche Untersuchungen haben ergeben, dassder Hauptunterschied zwischen kreativen und wenigerkreativen Menschen im Wesentlichen darin besteht, dasskreative Menschen sich selbst für kreativ halten. Dieweniger Kreativen denken in festgefahrenen Bahnen undtrauen sich Kreativität nicht zu. Eine positive Lebenseinstellung setzt die Erkenntnisvoraus, dass wir unsere Ansichten immer wieder hinter- 34
  • 35. fragen müssen,, um nicht der Selbsttäuschung zu erliegen.Wer sich nicht angewöhnt, die eigenen Überzeugungengenauer zu prüfen, läuft Gefahr, sich ein falsches Bild vonder Wirklichkeit zu machen. Das kann gravierende Folgenhaben, die von Enttäuschungen über Depressionen bis hinzu Psychosen reichen. Viele freunden sich nur ungern mit dem Gedanken an,dass ihr eigenes Verhalten und ihre Ansichten an ihremMisserfolg schuld sein könnten. Sie haben Angst, dass ihreAusreden, warum sie im Spiel des Lebens nicht zu denGewinnern gehören, nicht mehr gelten. Ich habe dieBeobachtung gemacht, dass die Menschen, die sich amheftigsten gegen Veränderungen und die Vorstellungwehren, dass ihre Auffassungen falsch sein könnten,besonders gut daran täten, eine kreative Denkweise zuentwickeln, um mehr Erfüllung in ihrem Leben zu finden. Hans kann immer noch lernen, was Hänschen nichtgelernt hat, wenn er nur lernen will. Keiner kann uns daranhindern, unser Verhalten zu ändern, außer wir selbst. Fürgewöhnlich wird das Alter vorgeschoben. Der uralteVorwand, man sei zu alt, um etwas zu ändern, wird immervon denen vorgeschoben, die schon in jungen Jahrenfestgefahren waren. Mit anderen Worten, die ablehnende Haltung gegenüberVeränderungen – nicht das Alter – gerät mit der Fähigkeitzur Veränderung in Konflikt. Das Alter ist für einenunvoreingenommenen und fantasievollen Erwachsenenkein Hinderungsgrund, neue Wertmaßstäbe undVerhaltensweisen zu entwickeln. 35
  • 36. Unter den Blinden ist der Einäugige KönigÜbung 2Ein erfolgreicher, aber unglücklicher amerikanischerUnternehmer hatte ein beträchtliches Vermögenangehäuft. Er beschloss, sich zur Ruhe zu setzen und dasLeben zu genießen; er merkte aber bald, dass ihn auch dasnicht glücklich machte. Weil sein Leben so leer war, machte er sich auf dieSuche nach einem Zen-Meister, der die dreientscheidenden Geheimnisse kannte, die zu einemerfüllten Leben führen. Er suchte fast zwei Jahre lang, biser diesen Meister schließlich auf einem entlegenenBerggipfel fand. Du sagst: »Das Leben ist ein Scherz!« Ist das etwa die ganze Erleuchtung? 36
  • 37. Der Zen-Meister enthüllte bereitwillig die dreiGeheimnisse, durch die ein glückliches und erfülltesLeben zu erlangen ist. Der Unternehmer war überrascht. Wie lauteten die drei Geheimnisse? 1.___________________________ 2.___________________________ 3.___________________________Der Schlüssel zu mehr Lebensfreude ist geistigeBeweglichkeit. »Unter den Blinden ist der EinäugigeKönig«, sagt ein altes Sprichwort. Wer flexibel ist, siehtDinge in der Welt, die andere nicht sehen. Doch zurück zu unserer Übung: Haben Sie die dreiGeheimnisse für ein erfülltes Leben herausgefunden? DemZen-Meister zufolge lauten sie: 1. Sei wach und aufmerksam! 2. Sei wach und aufmerksam! 3. Sei wach und aufmerksam! Das Verborgene entdecken wir irgendwann. Das vollkommen Selbstverständliche zu entdecken dauert länger. Edward R. MurrowKreative Menschen beobachten die Welt um sich herumsehr aufmerksam und entdecken immer wieder neueLebenschancen. 37
  • 38. Unkreative Menschen laufen mit Scheuklappen durchsLeben und erkennen ihre Chancen daher nicht. Also – Augen auf, wenn Sie sich nach einem erfülltenLeben sehnen! Der Weg zu einer positiven Lebensein-stellung führt über die Fähigkeit, die Aufmerksamkeit unddas Bewusstsein auf Neues zu konzentrieren und Alt-bekanntes aus einem neuen Blickwinkel zu betrachten. Fürunbewegliche Menschen ist es eine beträchtliche An-strengung, es erfordert Mut, festgefahrene Vorstellungenzu ändern und das Leben und die freie Zeit auf neue Art zuerleben. Jetzt werden Sie vielleicht sagen, dass einem doch schonder gesunde Menschenverstand sagt, wie man seineFreizeit genießen und sinnvoll gestalten kann. Da habenSie vollkommen Recht. Warum schreibe ich dann aber einganzes Buch darüber? Weil manche Menschen es sichgerne kompliziert machen, obwohl es auch einfach geht. 38
  • 39. Aufgepasst!Jeder ist bis zu einem gewissen Grad unaufmerksam.Unsere vorgefassten Meinungen beeinflussen unsereWahrnehmung, so dass uns vieles entgeht. Machen Sie die vier Übungen auf den folgenden Seiten,um Ihre Wahrnehmungsfähigkeit zu testen. Entgeht Ihnenwirklich nichts? Nehmen Sie sich für die Übungen einwenig Zeit.Übung 3Sehen Sie sich die folgenden beiden Kästen an und fahrenSie dann mit den anderen Übungen fort.Übung 4Finden Sie in diesem Vexierbild die Anzahl der Dreieckeheraus. 39
  • 40. Übung 5Die folgende Gleichung ist aus Streichhölzern gelegt. Sieist falsch. Verschieben Sie nur ein Streichholz, damit dieGleichung korrekt wird.Übung 6Obwohl ich eigentlich ein Elektroingenieur bin, wollte ichauch einmal etwas Mechanisches entwerfen. Dies hier istdie Skizze eines neuen Tandems, das ich erfunden habe,um meinen Mitmenschen die Freizeit zu verschönern.(Beeindruckend, nicht?) Prüfen Sie, welche Vorteile dieseneue Tandem-Konstruktion hat. 40
  • 41. Der richtige DurchblickWenn Sie sich die zwei Kästen bei der dritten Übunggenau angesehen haben, müssten Sie Folgendes gelesenhaben: Der Spatz in der der Hand ist besser als die Taube aufdem Dach. Wenn Sie das doppelte »der« nicht gesehen haben, zeigtdas, dass Sie nicht alles sehen, was zu sehen ist. Ebensokönnten Sie manche Lösung übersehen, wenn es um IhreLebensprobleme geht. Manche Menschen sehen die Dinge, wie sie sind, und fragen: »Warum?« Ich sehe die Dinge, wie sie niemals waren, und frage: »Warum nicht?« George Bernard ShawBei Übung 4 entdeckt kaum jemand mehr als 25 Dreiecke.Haben Sie alle gesehen? Es sind 35. Bei der fünften habenSie vielleicht ein oder zwei Lösungen gefunden? Wenn ja– großartig! Weniger großartig ist es allerdings, wenn Siees dabei bewenden ließen. Ich kenne über 20 Lösungen fürdiese Aufgabe, die jeder herausfinden kann, wenn er sichetwas Zeit dafür nimmt. Wenn Ihnen immer nur eineLösung für Ihre Probleme einfällt, lassen Sie sich dieChance entgehen, aufregendere oder bessere Lösungen zuentwickeln. Was halten Sie von meinem Fahrrad in Übung 6? WennIhr Urteil absolut negativ ausfällt, haben Sie meinenEntwurf nicht genau genug geprüft. Wenn Ihnen nichtwenigstens ein paar positive und ein paar negative Punkte 41
  • 42. eingefallen sind, haben Sie mein »ausgefallenes Design«vorschnell beurteilt und nicht lange genug darübernachgedacht. An positiven Aspekten hätte Ihnen einfallenkönnen, dass das hintere Rad als Ersatz dienen kann, wenndas vordere platt ist. Oder wie komfortabel es sich fährt,wenn man zwei Hinterreifen hat. Dieses Fahrrad istaußerdem einem konventionellen Modell überlegen, wennschwere Lasten transportiert werden müssen, und fürÜbergewichtige ist es geradezu ideal. Es könnte auch sein,dass die Leute es wegen seines neuen und andersartigenDesigns als Statussymbol haben wollen. In diesemEntwurf stecken also ungeahnte Möglichkeiten, die manalle in Erwägung ziehen muss, um zu einer richtigenBewertung zu kommen. Wer eigene Ideen oderVorschläge anderer bewertet, sollte immer erst alleVorteile und Nachteile abwägen, bevor er eineEntscheidung trifft. Eine genaue Wahrnehmung ist schon das halbe Leben:Was man nicht sieht, kann man auch nicht finden. Anhandder Übungen konnten Sie testen, wie aufmerksam Sie sind.Wenn Ihnen das eine oder andere entgangen ist, ist das fürSie vielleicht ein Anlass, in Zukunft mit offeneren Augendurchs Leben zu gehen. 42
  • 43. Nur Narren und Tote ändern sich nichtDie Welt verändert sich heute so schnell wie nie zuvor.Wer dabei mithalten will, muss aufpassen, dass seineAnsichten, Vorstellungen und Wertmaßstäbe nichtverkrusten Wer flexibel ist, macht es sich im Lebenentschieden leichter. Für ihn bedeutet dieses Fahrrad Freizeit, für mich Arbeit.Manche Menschen trauen sich nicht, ihre Ansichten zuändern, weil sie es für ein Zeichen von Schwäche halten.Im Gegenteil, wer sich verändern kann, ist stark und hatden Willen, sich weiter zu entwickeln. Also strengen Siesich an, denn »nur Narren und Tote verändern sich nicht«,wie ein altes englisches Sprichwort sagt. Wer über seine gegenwärtigen Ansichten undÜberzeugungen hinausblickt, eröffnet sich ganz neueDimensionen im Leben. Wachen Sie auf und stellen Siealles in Frage, was Sie bisher geglaubt haben! Werfen Siealles über Bord, was unbrauchbar ist. Und gewöhnen Siesich gleichzeitig an, neue Werte und Verhaltensweisenanzunehmen und zu prüfen, ob sie etwas taugen. 43
  • 44. Die Wiederbelebung der Kreativität Wenn wir gezwungen sind, entweder unsere Ansichten zu ändern oder zu beweisen, dass dies nicht nötig ist, machen sich die meisten sofort mit Feuereifer an den Beweis. John Kenneth CalbraithEinem Bericht der Zeitschrift ›Business Week‹ zufolgebesitzt ein Vierzigjähriger nur noch zwei Prozent derKreativität eines fünfjährigen Kindes. Offenbar erleidetunsere Fantasie unterwegs erheblich Schiffbruch, wennwir schon mit Vierzig über 90 Prozent unserer Kreativitäteingebüßt haben. Was ist passiert? Die größte Blockade für unsere Kreativität sind wirselbst – wenn wir uns von gesellschaftlichen Zwängenbeeinflussen und einengen lassen. Wir bauen auch vieleprivate Barrieren auf, die den Einsatz unserer Fantasieverhindern. Die Angst zu versagen bremst die Kreativitätebenso wie Bequemlichkeit und eine eingeschränkteWahrnehmung. Doch trotz aller dieser Hemmnisse hatjeder ein angeborenes kreatives Potenzial, das er nurwiederbeleben muss. 44
  • 45. Die 17 Regeln der KreativitätUm Ihre Kreativität neu zu entdecken, müssen Siezunächst einmal die 17 Regeln der Kreativität beherzigen.Wenn Sie diese Kreativitätsprinzipien beruflich und privatanwenden, wird sich Ihr Leben, egal wie alt Sie sind undwas Sie beruflich machen, grundlegend verändern. Sagen Sie Ja zur Kreativität! Geben Sie sich nicht mit einer Lösung zufrieden! Schreiben Sie Ihre Ideen auf! Analysieren Sie Ihre Ideen! Setzen Sie sich Ziele! Betrachten Sie Probleme als Herausforderungen! Suchen Sie nach dem Nächstliegenden! Keine Angst vor dem Risiko! Wagen Sie es, sich von der Masse abzuheben! Seien Sie unvernünftig! Seien Sie fröhlich, und schlagen Sie auch mal über die Stränge! Reagieren Sie spontan! Genießen Sie den Augenblick! Denken Sie gegen den Strich! Stellen Sie Regeln und Annahmen in Frage! Urteilen Sie nicht vorschnell! Geben Sie nicht auf!Ob Sie nun auf fantasievolle Weise schreiben, malen odertanzen, sich einen anderen Heimweg ausdenken oder 45
  • 46. andere Leute kennen lernen wollen – Sie brauchen dazukeine besondere Begabung, nur den Willen zur Fantasie. 46
  • 47. Die Erde ist schon lange rund!Ob man in die faszinierende Welt eines mühelosen Lebenseintauchen kann, hängt davon ab, wie erfolgreich mangegen den Strom gesellschaftlicher Konventionengeschwommen ist. Jede Gesellschaft versucht ihrenMitgliedern moralische Werte aufzudrängen. DieGeschichte lehrt uns aber, dass diese Werte nicht seltendem Einzelnen oder der Gesellschaft im Ganzen schaden.Beachten Sie bitte, dass ich gesagt habe, die Gesellschaftversucht es; sie ist aber nicht immer erfolgreich. Nichtjeder unterwirft sich den gesellschaftlichen Konventionen.Es gibt auch kritische Menschen, die sich nicht vongesellschaftlichen Wunschvorstellungen beeinflussenlassen, wenn diese ihnen suspekt erscheinen. Das sinddann diejenigen, die unsere gesellschaftliche Entwicklungvorantreiben. Noch vor ein paar Jahrhunderten glaubten die meistenMenschen, die Erde sei eine flache Scheibe, obwohl dasGegenteil schon längst bewiesen war. Sie konnten sichvon dieser Vorstellung lange nicht lösen. An veralteten Anschauungen festzuhalten ist heutzutagegenauso üblich wie vor einigen Jahrhunderten. Die Men-schen klammern sich an ihre gewohnten Vorstellungenund geben nur ungern zu, dass sie falsch waren; dadurchkönnte ja ihr Ego angekratzt werden. Anstatt eine neueund ungewohnte Sichtweise zu übernehmen, hält manlieber am Althergebrachten fest. Die heutige Gesellschaft hält sich, wie fast allebisherigen Gesellschaften, für äußerst fortschrittlich; eshat sich aber kaum etwas verändert, denn auch heute nochgibt es viele Menschen, die am liebsten an überholten 47
  • 48. Vorstellungen festhalten. Gerade was Beruf und Freizeitbetrifft, sind so manche gesellschaftlichen Werte nichtmehr zeitgemäß. Zukünftige Gesellschaften werden unsereheutigen Ansichten in Bezug auf Arbeit und Freizeitvielleicht als ebenso primitiv empfinden, wie wir dieVorstellung, die Welt sei eine Scheibe. 48
  • 49. ARBEITSMORAL IST SKLAVENMORAL 49
  • 50. Arbeiten oder nicht? Das Niveau einer Kultur lässt sich am besten an dem Niveau ihrer Freizeitkultur messen. Irwin EdmanWer mehr Freude an der Freizeit haben will, sollte sich alsErstes Gedanken über die Arbeit machen. Man muss sichdabei vor allem von ein paar veralteten Vorstellungen überdie Arbeit trennen. Unabhängig von der jeweiligenLebenssituation sollte man erkennen, dass sich dieLebensqualität durchaus verbessern kann, wenn man keineArbeit hat, sonst wird man an der zugewonnenen Freizeitkeine Freude haben.Übung 7Wie ich schon im vorigen Kapitel erwähnt habe, hängt eszum Teil davon ab, wie unvoreingenommen man ist, obman seine Freizeit genießen kann. Unterziehen Sie alsoIhre Ansichten über die Arbeit einer kritischen Prüfungund beantworten Sie folgende Fragen: Glauben Sie, dass harte Arbeit der Schlüssel zum Erfolg ist? Wenn ja, warum? Glauben Sie, dass eine Gesellschaft produktiv ist, wenn alle Menschen zwischen 16 und 65 Jahren, soweit sie dazu in der Lage sind, mindestens 40 Wochenstunden arbeiten? Sind Bettler eine Belastung für die Gesellschaft? 50
  • 51. Es gibt keine richtigen und falschen Antworten auf dieseFragen. Ich will Sie nur dazu anregen, über IhreWertvorstellungen in Bezug auf Arbeit und Freizeitnachzudenken. Ich hoffe, dass die nächsten Seiten IhrDenken in etwas andere Bahnen lenken. 51
  • 52. Der schlechte Einfluss der protestantischen ArbeitsmoralUnsere Arbeitsmoral ist kein alter traditioneller Wert. Diemeisten unserer Vorfahren hätten sie entschiedenabgelehnt. Wer ist also der Schuldige, der Arbeit undArbeitsmoral erfunden hat? Die Arbeitsmoral kam mit derindustriellen Revolution. Lange Arbeitszeiten entstandengleichzeitig mit den Fabriken. Von 1890 bis 1950reduzierte sich die wöchentliche Arbeitszeit von 60 auf 40Stunden. Seitdem ist sie relativ konstant geblieben. DieFolgen der Arbeitsmoral, die die industrielle Revolutionmit sich gebracht hat, wirken bis heute nach. Wer nur halbtags arbeitet, gilt nicht als vollwertigesMitglied der Gesellschaft. Obwohl es sich viele leistenkönnten, weniger zu arbeiten, nimmt kaum jemand dieseGelegenheit wahr, weil viele ein schlechtes Gewissenhaben, wenn sie weniger arbeiten. Werfen wir einen Blick zurück in die Geschichte, als dieArbeit noch in einem anderen Licht betrachtet wurde. Diealten Griechen empfanden es als vulgär, zu arbeiten.Arbeit um der Arbeit willen war etwas für Sklaven undverriet eine mangelnde Produktivität. Es gab nur einenGrund, zu arbeiten, nämlich um sich mehr Freizeit zuverschaffen. Sokrates behauptete, dass Menschen, diekörperlich arbeiten, schlechte Bürger und schlechteFreunde seien, denn sie hätten keine Zeit für den Dienst ander Gemeinschaft und für Freundschaften. Die altenGriechen und Römer überließen die körperliche Arbeitden unteren Klassen oder den Sklaven. Sie hatten nichteinmal ein Wort für das, was wir heute Arbeit nennen. Auch im übrigen Europa gab es lange keinen Begriff für 52
  • 53. die Arbeit, wie wir sie heute kennen. Obwohl die Bauernim Mittelalter arm und unterdrückt waren, kannten siekeine endlosen Arbeitsstunden. Sie legten für jeden nochso unbedeutenden Heiligen einen Feiertag ein, so dass sichnach und nach die Arbeitstage verringerten und dieFeiertage vermehrten. Eine Zeit lang gab es 115 Feiertageim Jahr. Mit dem Aufkommen der Arbeitsmoralverschwanden alle diese Feiertage. Für die alten Griechen war Freizeit nicht nur eineArbeitspause; sie war ein Wert an sich. In der Freizeit warman sogar am produktivsten, was ja auch der Sinn derSache ist. Man konnte diese Zeit zum Nachdenken, Lernenund zur Weiterentwicklung seiner Persönlichkeit nutzen.Wenn man der Meinung ist, dass es nichts Großartigeresgibt, als an sich zu arbeiten und sich selbst zuverwirklichen, für den ist die Auffassung der altenGriechen absolut stimmig. Aber dann tauchte die protestantische Arbeitsmoral aufund machte diese vernünftige Einstellung zur Arbeitzunichte. Aus unerfindlichen Gründen drehte sich dieGesellschaft in die verkehrte Richtung und machte sich dieneue Moral zu eigen. Dieser Wandel kehrte die Rollen vonFreizeit und Arbeit um. Die Arbeit wurde zurproduktivsten Beschäftigung. Die Freizeit diente nur nochzur Erholung, um danach umso besser arbeiten zu können. Diese »moderne« Anschauung basiert auf einem Gefühlder Schuld. Schuldgefühle machen auf perfide Weise jedeFreude zunichte. Für manche Menschen stehen solchenegativen Gefühle derart im Vordergrund, dass sie ihnensogar den Urlaub verderben. Sie lassen sich durch ihreSchuldgefühle ihre freie Zeit vermiesen und kommennegativ gestimmt wieder nach Hause. 53
  • 54. Kümmere dich nicht zu sehr um die Moral, du bringst dich sonst ums halbe Leben. Henry David ThoreauWir sind heute schon so weit, dass wir uns aus lauterRespekt vor der Arbeit damit brüsten, wie hart wirarbeiten, auch wenn der Job eintönig und langweilig undder finanzielle Gewinn bei Überstunden gleich Null ist.Viele Menschen sind zu Märtyrern geworden und habendie Chance zur Selbstverwirklichung gegen ein Sklaven-dasein eingetauscht. In erster Linie profitiert die Firmadavon, nicht sie selbst. Mit der Umkehrung der Rollen von Arbeit und Freizeitwurde die Arbeit zum einzigen Maßstab. In der modernenWelt hat die Freizeit einen viel geringeren Status als dieArbeit. Viele halten sie für Zeitverschwendung. OhneArbeit fühlen sich viele Menschen wertlos und verlierenihre Selbstachtung. Nicht selten beginnen sie zu trinkenoder werden ihrem Partner untreu. Die moderne Technologie in den westlichen Ländern hates ermöglicht, dass Freizeit nicht länger ein Privileg desAdels ist, sondern fast allen Menschen zur Verfügungsteht. Mit Sicherheit würden die fortschrittlichen Denkerdes alten Griechenlands die Welt nicht mehr verstehen,wenn sie wüssten, dass die Menschen heute mehr Freizeitdenn je haben, aber nicht wissen, was sie damit anfangensollen. Sie würden verständnislos den Kopfüber diejenigenschütteln, die unermüdlich arbeiten, ohne es finanziellnötig zu haben. Ich weiß nicht, was die Menschen dazu bewogen hat,den Wandel der Rollen von Arbeit und Freizeit und seineFolgen hinzunehmen. Aber so viel ist klar: Die altenGriechen wären nicht nur erstaunt, sondern entsetzt über 54
  • 55. diese Entwicklung. Sie würden einen Großteil dermodernen Gesellschaft für verrückt oder für masochistischhalten. 55
  • 56. Gehört die Arbeit zum guten Ton?Es ist vernünftig, einer unangenehmen Arbeit nachzu-gehen, wenn sie zum Überleben notwendig ist. Einerunangenehmen Arbeit nachzugehen, obwohl man genugGeld hat und es nicht tun müsste, ist dagegen irrational.Trotzdem plagen sich unendlich viele Leute mit einemlästigen Job, weil sie sich moralisch dazu verpflichtetfühlen. Den meisten ist dabei leider nicht klar, dass es vielenegative Konsequenzen haben kann, wenn man Arbeit füreine Tugend hält. Obwohl wir für unseren Lebensunterhaltarbeiten müssen, trägt die Arbeit weniger zu unseremWohlbefinden bei, als wir denken. Ich möchte gerne eins klarstellen: Ich sage nicht, dasswir uns auf die faule Haut legen sollen. Womöglichdenken Sie, ich leide an Ergophobie (Arbeitsscheu). Ganzim Gegenteil, meine selbstgewählte Arbeit befriedigt michaußerordentlich. Die Arbeit an diesem Buch ist nur einBeispiel dafür. Was ich sagen will, ist Folgendes: Arbeit nur um derArbeit willen ist unserem Glück und unserer Lebensfreudeabträglich. Das ist keineswegs etwas Neues. BertrandRussell hat schon 1932 behauptet, unsere Einstellung inBezug auf Arbeit und Freizeit sei nicht mehr zeitgemäßund trage zur gesellschaftlichen Misere bei. In seinemEssay ›Lob des Müßiggangs‹ schreibt er: »Arbeitsmoralist Sklavenmoral, und die moderne Welt hat keinen Bedarfan Sklaven.« Russells Essay ist heute noch genauso relevant wie vor60 Jahren. Obwohl sich die Welt dramatisch verändert hat,haben sich unsere Ansichten kaum gewandelt. Man trennt 56
  • 57. sich nicht leicht von alten Werten und Überzeugungen. Besser gefaulenzt und gefeuert als nie gefaulenzt. James ThurberLassen Sie mich an einem Beispiel verdeutlichen, welchegrotesken Folgen es haben kann, wenn man an demGlauben festhält, dass harte Arbeit eine Tugend ist.Nehmen wir einmal an, dass zu irgendeinem Zeitpunkteine Anzahl von X Büroklammern auf der Welt benötigtwerden. Mit der gängigen Technologie braucht man eineZahl von Y Arbeitern, um diese Büroklammern herzu-stellen. Sie alle arbeiten zehn Stunden täglich, und jederwünscht ihnen mehr Freizeit. Angenommen, jemanderfindet eine neue Maschine zur Herstellung von Büro-klammern, für die nur noch die Hälfte an Arbeitskräftenbenötigt wird, um dieselbe Menge von Büroklammern zuproduzieren. Ginge es in der Welt vernünftig zu, wurdendie Arbeiter nur noch halb so lange arbeiten. Sie hättendann erheblich mehr Freizeit. In der Welt geht es aber nicht vernünftig zu. Weil jederglaubt, er sei verpflichtet, weiterhin zehn Stunden täglichzu arbeiten, arbeiten alle diese zehn Stunden ab, bis es zueiner Überproduktion von Büroklammern kommt. Darauf-hin wird die Hälfte der Arbeiter entlassen, womit nieman-dem gedient ist. Die Entlassenen haben zu viel Freizeitund zu wenig Geld, die verbliebenen Arbeiter sindüberarbeitet und haben zu wenig Freizeit. Anstatt alleglücklich zu machen, verursacht die unvermeidlicheZunahme der Freizeit nur Verdruss. Die Arbeitsmoral hatschließlich nur dazu beigetragen, die Unzufriedenheit zuvergrößern. Nur wenn unsere Moralvorstellungen mit der 57
  • 58. Veränderung der Welt Schritt halten, können wir solchemisslichen Zustände vermeiden. 58
  • 59. Das Gesetz des zunehmenden SchadensIn den westlichen Industrienationen, vor allem in denUSA, gilt harte Arbeit als Schlüssel zum Erfolg. Entgegender allgemeinen Ansicht, entspricht das aber selten derWirklichkeit. Aus unerfindlichen Gründen übersehendiejenigen, die harte Arbeit für eine Tugend halten, dieTatsache, dass Millionen von Menschen ihr Leben langschuften, nur um am Ende völlig ausgelaugt dazustehen.Das kann kaum ihr Traum gewesen sein. Nur weil uns ein gewisses Maß an Arbeit gut tut, folgtdaraus nicht automatisch, dass doppelt so viel Arbeitdoppelt gut tut. Ab einem gewissen Punkt greift dasGesetz des abnehmenden Ertragszuwachses: zusätzlicheArbeitsstunden bringen immer weniger. Und es geht bergab. Wir kommen schließlich an einenPunkt, an dem, wie ich es nenne, das »Gesetz deszunehmenden Schadens« wirkt. Jede zusätzliche Arbeitvermindert nun die Lebensfreude und führt zu denunerfreulichen Begleiterscheinungen seelischer undkörperlicher Erschöpfung. 59
  • 60. Eine ganzes Volk spielt verrücktKönnen Sie sich das vorstellen? Ein ganzes Volk liebt dieArbeit über alles. Die Arbeitsmoral nimmt so Überhand,dass Fabrikarbeiter auf die ihnen zustehenden, ohnehinspärlichen sieben Tage Jahresurlaub zum Teil verzichtenund stattdessen bei ihren Maschinen bleiben und arbeiten. Die ganze Nation spielt verrückt. Geschäftsleutebestehen wie alle anderen darauf, sechs Tage in derWoche zu arbeiten. Obwohl ihnen 20 Tage Urlaubzustehen, nehmen sie nicht mehr als ein Fabrikarbeiter. ImUrlaub können sie sich dann nicht entspannen. Stattdessenhetzen sie von einem Ort zum anderen und verausgabensich bei der Jagd nach dem ultimativen Freizeitvergnügen.Sie haben die Arbeitsmoral so verinnerlicht, dass sie garnicht wissen, was Freizeit ist. Es kommt so weit, dass dieGesundheit der Bevölkerung gefährdet ist. Die Regierunggreift ein und entwickelt Programme, die den Leutenwieder den richtigen Umgang mit Freizeit beibringensollen. Anderen bei der Arbeit zuzusehen macht mich schon müde. Aber ihr beide schuftet ja schwerer als die Japaner. Ich brauche dringend meinen Mittagsschlaf. 60
  • 61. Diese Situation ist nicht erfunden; in Japan ist sieWirklichkeit. Die japanische Regierung plant auf lange Sicht eineVerbesserung der Lebensqualität durch eine Verlängerungder Freizeit. Mit Hilfe des Arbeitsministeriums hat dieRegierung eine Posterserie entwickelt, die für mehrFreizeit wirbt. Auf einem dieser Poster heißt es: »DieFünftagewoche muss zur gesellschaftlichen Wirklichkeitwerden.« Das Ministerium hat außerdem ein Handbuchunter dem Titel: ›Wege zur Entspannung. Eine Anleitungfür Arbeitnehmer‹ herausgegeben, das ArbeiternAnregungen für die Freizeitgestaltung gibt. Fast zwei Drittel aller Japaner machen laut einerUmfrage weniger als zehn Tage Urlaub im Jahr. Vielewürden aber gern mehr freie Tage haben. Raten Sie mal,was die meisten mit ihrer zusätzlichen freien Zeitanfangen wollten? Über 85 Prozent hatten den Wunsch,einfach mehr zu schlafen. Daraus könnte man entwederschließen, dass sie durch die viele Arbeit übermüdet sindoder dass die Arbeitsmoral sie zu fantasielosen Menschengemacht hat. Die Japaner tun sich offenbar besonders schwer mit derVorstellung, nicht zu arbeiten. Als mein Buch in Japanveröffentlicht werden sollte, bereitete es dem Verlag vielKopfzerbrechen, welchen Titel die japanische Ausgabehaben sollte, ohne die Leser, vor allem ältere, vor denKopf zu stoßen. Schließlich entschied man sich dafür, dasBuch ›Zelinskis Gesatz‹ zu nennen. 61
  • 62. Mörderische ArbeitswutViele Japaner sind nicht nur müde, sondern überarbeitetund erschöpft. Eine Umfrage einer japanischenLebensversicherung hat ergeben, dass nahezu die Hälftealler japanischen Arbeitnehmer befürchtet, dass ihr Job sievorzeitig ins Grab bringt. Ein Königreich für einen Augenblick Zeit! Queen Elisabeth I.Die japanische Arbeitsmoral ist so unerbittlich, dass sieschon eine eigene Krankheit hervorgebracht hat. Karoshiist der japanische Begriff für den plötzlichen Tod durchÜberarbeitung. Untersuchungen haben gezeigt, dass zehnProzent aller Todesfälle bei Männern darauf zurückzu-führen sind. Betroffene Familien haben bereits erfolgreichgegen Firmen geklagt, die sie für den Tod ihrer Liebenmitverantwortlich machen. 1996 wurde Dentsu, die größtejapanische Werbeagentur, dazu verurteilt, den Eltern einesMannes, der sich wegen chronischer Überarbeitung undSchlafmangel das Leben genommen hatte, umgerechnetüber eine Million Dollar Entschädigung zu zahlen. Ich persönlich finde, dass Menschen, die an Über-arbeitung sterben, ob in Japan, Amerika oder wo auchimmer, ganz allein selbst schuld sind. Wer dumm genugist, so viel zu arbeiten, wo es im Leben so viele wunder-bare Dinge zu tun gibt, für den hält sich mein Mitleid inGrenzen. Im Übrigen, die Japaner hätten gar keinen neuenAusdruck für ihre Krankheit erfinden müssen. Sie hattenschon einen: Hara-kiri wäre ebenso zutreffend gewesen. 62
  • 63. Bart Simpson als HoffnungsschimmerBei den jungen Erwachsenen in Japan zeichnet sich, wieauch unter den jüngeren Amerikanern, in Bezug auf dieArbeitsmoral eine Trendwende ab. Den Wandel bei den Wertvorstellungen kann man unteranderem gut an einer der erfolgreichsten japanischenCartoonsendungen der frühen neunziger Jahre ablesen:Chibi Marukochan, Japans Version von Bart Simpson, istein Mädchen, das Kinder und Erwachsene gleichermaßenbegeistert, anscheinend aber besonders Frauen zwischen20 und 25 Jahren. Fast die Hälfte aller Fernsehgerätelaufen am Sonntag heiß, wenn Chibi, eine höchstmittelmäßige Schülerin, die ständig mault und sich vor derArbeit drückt, wo sie nur kann, ihr Unwesen treibt. Die Arbeitsmoral gilt mittlerweile bei vielen jungenErwachsenen in Japan als großer Schwindel. Noch mehrals die jungen Amerikaner neigen sie dazu, die Arbeitswutin Frage zu stellen. Die junge Generation, die Shinjinrui,hat wenig Lust, sich wie ihre Eltern nur an eine Firma zubinden. Sie liebäugelt nicht nur mit einem vernünftigerenLebensstil, sondern fordert ihn lautstark. Im März 1996konnte die Zeitschrift ›Newsweek‹ vermelden, dass dermoderne japanische Geschäftsmann Urlaub nimmt. Ertrifft sich nach der Arbeit mit seinen Freunden statt mitseinem Chef. Er kommt sogar rechtzeitig nach Hause, umseine Kinder ins Bett zu bringen. 63
  • 64. Müßiggänger in der ChefetageViele berühmte und erfolgreiche Personen in derGeschichte der Menschheit waren nach den Maßstäbenihrer Zeit faul. Obwohl es wie ein Widerspruch klingt,verbrachten sie viel Zeit damit, die Arbeit zu meiden.Eigentlich waren sie gar keine Faulpelze, aber dieGesellschaft betrachtete sie als solche, vielleicht aus Neid. Sie waren kreative Müßiggänger, ruhten sich aus unddachten viel nach. Ein kreativer Müßiggänger bringtBedeutendes hervor, aber er übertreibt es nicht durchüberspannte Betriebsamkeit. Kreative Muße führt zuentspannter, aber produktiver Tätigkeit. Obwohl sie nichtso viel arbeiteten, vollbrachten diese genialen Menschengroße Leistungen, wenn sie an ihren schöpferischen undnutzbringenden Projekten arbeiteten. Weil sie sich die Zeitzur Muße nahmen, waren sie gelassener, glücklicher undgesünder, als wenn sie sich ständig überfordert hätten. 64
  • 65. Warum Bettler einen gesellschaftlichen Beitrag leisten Eigentlich wollte ich immer Bettler werden, aber ich hab das nicht ganz geschafft. Hab mir deshalb einen Bürojob besorgt.Ich erinnere mich an eine heftige Diskussion mit einerFreundin, in der es um das Betteln ging. Ich sagte ihr, dassich gerne für wohltätige Zwecke spende, aber Bettlernniemals Geld gebe, und ließ durchblicken, dass Bettler fürmich faule Gestalten sind, die nichts anderes zu tun haben,als mich zu belästigen, wenn ich gut gelaunt meinLieblingsbistro ansteuere. Aber meine Freundin verpasstemir auf der Stelle eine Lektion in meinem ureigenstenThema: dem flexiblen Denken. Sie erklärte mir, dass Bettler aufgrund ihrer Lebensweisewenig verbrauchen und die Umwelt nicht so stark belastenwie Erwerbstätige. Bettler stehlen ihr Geld nicht, sondernbitten darum und machen die Gebenden glücklich, indemsie ihnen die Gelegenheit geben zu helfen. In einer Welt,in der eine Vollbeschäftigung immer unwahrscheinlicherwird, ist jeder Bettler, der nicht arbeitet, ein Menschweniger auf dem Arbeitsmarkt. 65
  • 66. Wie viel Glück geht auf der Jagd nach dem Glück verloren! Ein unbekannter kluger MenschAls ich darüber nachdachte, ging mir allmählich auf, dassso manche meiner berufstätigen Bekannten derGesellschaft vielleicht nicht so viel nützen wie ein Bettler.Ich rege mich nicht mehr auf, wenn mir Bettler über denWeg laufen. Ich gebe ihnen gelegentlich sogar Geld. Oderich komme ihnen zuvor und bitte selber um Geld.Vielleicht werde ich auf diese Weise auch ein nützlichesMitglied der Gesellschaft. 66
  • 67. Vom fragwürdigen Erfolg der YuppiesEs gibt zwei Dinge, die ein noch größerer Schwindel alsein Dreißig-Euro-Schein sind: ein Baum voller Elefantenund ein erfolgreicher Yuppie. Yuppies sind die »YoungUrban Professionals«, die mit ihrer aufgesetzten Fröhlich-keit und ihrem geheuchelten Glück in den achtziger undden frühen neunziger Jahren das ganze Jahr langMaskerade spielten. Die Yuppies machten in ihrem Wahn die Arbeitsmoralsalonfähig und erhoben sie zum letzten Schrei. HarteArbeit galt als Schlüssel zu grenzenlosem Erfolg undWohlstand. Es kam nur noch darauf an, was man besaß,nicht mehr darauf, wer man war. Doch die schöne neue Yuppiewelt war nicht der Kick,den man sich erhofft hatte – und zum Teil immer nocherhofft. Auf Grund ihrer Konsumorientiertheit undchronischen Überarbeitung litten unzählige Yuppies anBluthochdruck, Magengeschwüren und Herzkrankheiten,unter Alkohol- und Drogenabhängigkeit. Viele begabensich in therapeutische Behandlung, und sei es nur, weil esgerade Mode war. Es gab Therapeuten für Anwälte, fürÄrzte und sogar spezielle Yuppie-Therapeuten.Was das Freizeitverhalten betrifft, waren die Yuppies inAmerika nicht besser dran als der Rest der Yuppiewelt.Trotz ihrer gigantischen Gehälter konnten sie sich kaumFreizeit leisten. Einer Studie zufolge ist die Freizeit derAmerikaner seit 1973 durchschnittlich um 37 Prozentgeschrumpft. Die Gruppe der Yuppies mit ihren langen 67
  • 68. Arbeitstagen büßte sogar noch mehr freie Zeit ein. DieFreizeit dieser Menschen wurde, wenn sie überhauptstattfand, planmäßig absolviert. Früher war ich ein erfolgreicher Yuppie, aber ich hab mich von meinen nervösenHarold, wir haben doch vor zehn Ticks, meinem ZahnpastalächelnJahren zusammen studiert. und meinem TherapeutenWarum fährst du denn um getrennt, und da war Schluss mitHimmels willen Taxi? der Karriere.Viele Kinder aus Yuppiefamilien wurden um ihreKindheit gebracht, weil ihre Eltern mit der Jagd nachGeld, materiellen Gütern und Ansehen beschäftigt waren.Manche Yuppies vereinbarten Termine mit ihren Kindern,wenn sie sie während der Woche sehen wollten. Anderebläuten ihren Kindern den eigenen Erfolgszwang schonvon klein auf ein. Der Terminkalender dieser Kinder warso mit Aktivitäten überfüllt, dass Muße und »Nichtstun«Fremdwörter für sie blieben. Angesichts dieser Problematik scheinen Menschen, dieein Leben im Yuppiestil führen und ohne Rücksicht aufVerluste daran festhalten, die Intelligenz nicht geradegepachtet zu haben. Pamela Ennis, eine Psychologin aus 68
  • 69. Kanada, wird in der Zeitschrift ›Report on Business‹zitiert: »Diese Generation ist nicht ganz bei Trost. Siekapiert nicht, dass die schicke Eigentumswohnung oderder BMW allein nicht glücklich, machen.« Der Erfolg, dem die Yuppies nachjagten, war inWahrheit ein hausgemachter Misserfolg. 69
  • 70. Das Ding mit den DingenSo lächerlich es scheint, aber in unserer Gesellschaft gehtes hauptsächlich darum, die finanziellen Flüchte derArbeit zu ernten und materielle Güter anzuhäufen. DieYuppies haben es uns bis zum Extrem vorgeführt, aber derRest der Welt ist auch nicht viel besser. Sollte das wirklichunser einziger Lebenszweck sein? Es gibt eine treffendeSatire von George Calin über den Konsum: Von klein aufwerden wir mit irgendwelchem Zeug überhäuft undlernen, uns darüber zu freuen. Wenn wir größer werden,wollen wir noch mehr haben. Wir bitten um mehrTaschengeld, um uns mehr Dinge zu kaufen. Wenn wirerwachsen sind, gehen wir arbeiten, um Dinge zu kaufen.Wir kaufen ein Haus, um unseren Kram unterzubringen.Dass wir ein Auto brauchen, um die Sachen zu befördern,versteht sich von selbst. Bald wird unser Haus für alles zuklein. Also kaufen wir ein größeres Haus. Jetzt haben wirfür dieses große Haus zu wenige Dinge, also kaufen wirnoch mehr. Dann brauchen wir ein neues Auto, weil dasalte bei der Beförderung von so viel Zeug den Geistaufgegeben hat. Und so weiter, und so weiter. Aber wirwerden nie genug haben. Das alles klingt vielleicht lustig, ist aber zugleicherschütternd. Es zeigt, wie unsere Arbeitssucht unsereKonsumsucht fördert, die Jagd nach Dingen, die wir zumgroßen Teil gar nicht brauchen. 70
  • 71. Das Märchen vom Bruttosozialprodukt Millionen von Menschen sehnen sich nach Unsterblichkeit und wissen doch nicht, was sie mit einem verregneten Sonntagnachmittag anfangen sollen. Susan ErtzWirtschaftswissenschaftler, Unternehmer und Politikerwollen uns weismachen, dass ein Land umso besserdasteht, je größer das Bruttosozialprodukt ist. Das Brutto-sozialprodukt ist die Summe aller Dienstleistungen undProdukte, die in einem Land pro Jahr verkauft werden. Esist das Maß, mit dem der Erfolg eines Staates gemessenwird. Ein weiteres Ziel der Wirtschaft ist die Beseitigung derArbeitslosigkeit. Die Schaffung neuer Arbeitsplätze hängtvom Wirtschaftswachstum ab. Ein gewisses Niveau desBruttosozialproduktes ist angeblich die Voraussetzung, umallen, die arbeiten können, einen Arbeitsplatz zurVerfügung zu stellen, ob sie wollen oder nicht. In meinen Wirtschaftskursen, die ich an verschiedenenUniversitäten gehalten habe, hatte ich immer ein Problemmit dem Bruttosozialprodukt als Maßstab des Wohlstands.Das Bruttosozialprodukt wird ja auch durch die Pro-duktion so zweifelhafter Dinge wie Zigaretten und Waffenvergrößert. Sogar eine erhebliche Zunahme von Autoun-fällen würde das Bruttosozialprodukt positiv beeinflussen,weil mehr Beerdigungen, Krankenhausaufenthalte, Auto-reparaturen und mehr Neuwagenkäufe die Folge wären. 71
  • 72. Das Wachstum des Bruttosozialprodukts nur um desWachstums willen ist also kein Spiegel gesellschaftlichenWohlergehens. Wachstum um des Wachstums willen istauch das Motto von Krebszellen. Kürzlich unterhielt ich mich mit einem weit gereistenEhepaar. Sie waren sogar dem König von Bhutanbegegnet. Bhutan ist ein ziemlich unterentwickeltes Land.Die Menschen sind arm, aber nicht bettelarm. Sie sind imGroßen und Ganzen mit ihrem Leben zufrieden. Als das Ehepaar den König auf das niedrige Brutto-sozialprodukt ansprach, erwiderte er: »Wir glauben nichtan das Bruttosozialprodukt, wir glauben an das Brutto-sozialglück.« Und wir? Sollten wir nicht auch lieber den Wohlstandeines Landes anhand des Bruttosozialglücks, anstattanhand des Bruttosozialprodukts messen? Vielleichtwürde unsere Welt dann besser funktionieren, aber dazumüssten wir wohl erst alle Wirtschaftsexperten zumTeufel jagen. 72
  • 73. Freizeit als UmweltschutzDie Sorge um die Umwelt ist zu einem Thema vonallergrößter Bedeutung geworden. Trotzdem gibt kaumjemand zu, dass seine eigenen wohlstandsorientiertenWertmeßstäbe und sein unbändiger Wille zum Erfolg zurUmweltverschmutzung beitragen Wenn die Leute nicht soehrgeizig wären und weniger arbeiten würden, wäre unserGlobus grüner. Das wiederum hängt mit der Nutzung der natürlichenRessourcen zusammen, denn jeder Verbrauch vonRessourcen trägt zur Verschmutzung der Umwelt bei. Diemeisten Faktoren, die das Bruttosozialprodukt steigern,gehen zulasten der Umwelt. Für einen grüneren Planeten müssen wir sparsamer mitden natürlichen Ressourcen umgehen. Man könnte wahr-scheinlich mit der Hälfte auskommen und immer nochrecht angenehm leben. Eine Veränderung unserer Wertewäre dabei eine Hilfe. Wir müssten die Produktion undden Konsum von nutzlosen Waren, all dem sinnlosenKrempel, der nach kürzester Zeit im Müll landet,unterbinden. Schon vor mehr als hundert Jahren prophezeite JohnStuart Mill, dass die Umwelt vernichtet wird, wenn daswirtschaftliche Wachstum anhält. Seine These war, dassder Wohlstand, wie ihn die westlichen Industriestaatendefinieren, auf der Zerstörung der Umwelt basiert. Siekann, was viele Menschen mittlerweile erkennen, denwachsenden Ansprüchen, die wir an sie stellen, nichtstandhalten. Wir müssen unsere übersteigerte Konsum-sucht bekämpfen. Für die Wirtschaft ist Freizeit imAllgemeinen nur dann etwas Positives, wenn man genug 73
  • 74. Geld hat, um sich Freizeitausrüstungen und -dienstleis-tungen leisten zu können. Aber Geld ist laut John KennethGalbraith, einem bekannten Wirtschaftsexperten, nichtalles. Er sieht Geld und Konsum in einem anderen Licht:»Was bringen ein paar Dollar mehr, wenn die Luft zuschmutzig zum Atmen und das Wasser zum Trinken zuverseucht ist, die Pendler keinen Weg mehr in die Stadtund wieder heraus finden, die Straßen schmutzig und dieSchulen so schlecht sind, dass die Jugendlichen erst garnicht hingehen, und Ganoven die Bürger um das Gelderleichtern, das diese bei der Steuer gespart haben.«Zur Rettung unseres Planeten bedarf es ein bisschen mehrals des Recycelns von Flaschen und Dosen. Es ist ziemlichwitzlos, unnützes Zeug zu produzieren, nur um die Leutebeschäftigt zu halten. Weniger Ehrgeiz, weniger Arbeitund weniger Konsum sind der beste Umweltschutz. 74
  • 75. Warum weniger Arbeit den Lebensstandard erhöhtDie Arbeitsmoral schadet uns mehr, als dass sie uns nützt.Wir müssen unsere arbeits- und wohlstandsorientierteHaltung ablegen und uns auf die Suche nach den wirklichwichtigen Dingen im Leben machen. Studs Terkel zufolgeist eine Reform der Arbeitsmoral, die die Menschen in denwestlichen Industrienationen zu Arbeitssklaven gemachthat, schon längst überfällig. Der Zweck der Arbeit ist der Gewinn an Mußezeit. AristotelesDie bescheidenen Ansprüche aus dem 18. Jahrhundertwären heute angemessener, als die heutigen, die unsereVorstellungen prägen. Wir haben das Gefühl für dasAngemessene in den achtziger Jahren verloren. Es gibtkaum jemanden, der in Amerika nicht von Donald TrumpsLebensstil beeinflusst war, und nach immer mehr Konsumgelechzt hat. Dem Beginn des neuen Jahrtausends würde das Ideal desGentlemans aus dem 18. Jahrhundert, der ein bescheidenesVermögen gemacht hat und sich dann zur Ruhe setzt, umangenehmeren Beschäftigungen nachzugehen, besser zuGesicht stehen. Die Entfaltung der Persönlichkeit, die dieäußere Welt des materiellen Wachstums ersetzt, würde zumehr Zufriedenheit und Wohlbefinden beitragen. Es ist durchaus legitim, der Arbeit und dem Konsum 75
  • 76. weniger Bedeutung beizumessen. Für seinen Lebens-unterhalt zu arbeiten ist notwendig, aber nicht in demMaß, wie die meisten glauben. Bescheidenere materielleAnsprüche würden für die Umwelt Wunder wirken unduns einen weniger hektischen Lebensstil bescheren. 76
  • 77. Die wahren Dinge des LebensIn den vorangehenden Kapiteln habe ich ein paarUnzulänglichkeiten unseres modernen, den westlichenIndustrienationen lieb gewordenen Wertesystemsaufgezeigt. Wenn Sie ihm bisher blind gefolgt sind, esjetzt aber infrage stellen und manches in einem anderenLicht sehen, sind Sie auf dem besten Wege, Ihr Leben zubereichern. Wer allerdings in dem Glauben beharrt, dassArbeit tugendhaft und Muße verwerflich ist, bringt sichselber um die Chance, mit Zeiten der Arbeitslosigkeit undmit dem Ruhestand fertig zu werden. Und Berufstätigewird dieses Wertesystem möglicherweise unbefriedigtlassen, weil ihr Leben nicht im Gleichgewicht ist. Wenn man ein bisschen offener ist und weniger Wert aufArbeitsmoral und Materialismus legt, hat man mehr vomLeben. Weniger Arbeit zahlt sich aus. Die Zeit, die man –aus welchen Gründen auch immer – nicht am Arbeitsplatzverbringt, eröffnet neue Perspektiven und fördert dieSelbstverwirklichung. Wer sehr viel arbeitet und vielunnötiges Zeug ansammelt, ist nicht besser als jemand, derweniger arbeitet und weniger besitzt. Die Sucht nachmateriellen Dingen entfremdet uns gegenüber denMitmenschen und der Umwelt. Der tiefere Sinn des Lebens liegt nicht in den Dingen,die uns umgeben – Autos, Häuser, Stereoanlagen oderJobs. Sie sind angenehme Zugaben, aber gewiss nicht dieQuelle unseres Glücks. Die Dinge, die wir besitzen, dieOrte, an denen wir leben, die Arbeit, die wir verrichten,sind zweitrangig. Unser Erfolg sollte nicht an demgemessen werden, was wir haben oder was wir für unserenLebensunterhalt tun. Das Wesentliche liegt auf einer 77
  • 78. höheren Ebene; was zählt, ist der Augenblick: was wirerleben, wie viel Freude wir haben und wie viel Liebe wirder Welt um uns herum entgegenbringen. Das sind diewahren »Dinge des Lebens«! 78
  • 79. ARBEITE WENIGER, LEBE GESÜNDER 79
  • 80. Eine Mausefalle ohne KäseLegt man bei einem Experiment mit einer Ratte immerwieder ein Stück Käse in den dritten von mehrerenTunnels, wird sie den Tunnel über kurz oder lang direktansteuern, ohne in die anderen hineinzugucken. Wennman dann den Käse in den sechsten Tunnel legt, wird siezunächst weiter im dritten suchen. Doch sobald sie kapierthat, dass dort kein Käse zu finden ist, fängt sie an, in denanderen zu suchen, bis sie den Käse im sechsten entdeckt;die Ratte wird nun immer gleich dorthin gehen, wo derKäse ist. Im Unterschied zur Ratte bleibt der Mensch in einemTunnel, auch wenn dort offensichtlich kein Käse zu findenist. Er verfängt sich in seiner selbst gebauten Falle undbleibt, wo er ist. Ist ja auch verdammt schwierig, an denKäse zu kommen, wenn man in einer Falle sitzt, in der garkein Käse mehr ist, oder wie so häufig, erst gar keiner war. Im Leben geht es um mehr als nur darum, sein Tempo zu erhöhen. Mohandas K. Gandhi»Käse« steht hier für Glück, Zufriedenheit und Erfüllung.Heutzutage herrscht, dem Psychologen Jan Halperzufolge, in Managerkreisen eher die Unzufriedenheit vor.Zehn Jahre lang nahm Halper die Karrieren und dasSeelenleben von mehr als 4000 leitenden Angestelltenunter die Lupe. Es zeigte sich, dass viele Männer inführender Stellung einen durchaus glücklichen Eindruckmachten, es in Wirklichkeit aber gar nicht waren. 58 80
  • 81. Prozent des mittleren Managements glaubten viele Jahreihres Lebens auf der Karriereleiter vergeudet zu haben. Siedachten mit Bitterkeit an die vielen Opfer, die sie in dieserZeit erbracht hatten. Während dieser ganzen Zeit hattensie nichts für ein ausgewogenes Leben getan. AndereUntersuchungen ergaben, dass bis zu 70 Prozent allerBüroangestellten in ihrem Beruf nicht glücklich sind,widersinnigerweise aber die meisten Überstunden machen. Sie können jetzt den Rest des Kapitels überschlagen,wenn Sie zu den Ratten oder zu den seelisch und finanziellgut gepolsterten Menschen gehören, die nicht arbeiten undes auch für den Rest ihres Lebens nicht beabsichtigen.Wenn Sie dagegen zur arbeitenden Bevölkerung gehörenoder arbeitslos sind und in absehbarer Zeit wieder in denBeruf einsteigen wollen, kann Ihnen dieses Kapitelweiterhelfen. Der Beruf bietet nicht immer dieunterschiedlichen Käsesorten, nach denen wir suchen.Engstirnigkeit und Ignoranz sind die beiden Hindernisse,die wir auf dem Weg zu einem befriedigenden underfüllten Leben überwinden müssen. Dieses Kapitel zeigt,wie man die Fallen umgehen kann, die in vielen Berufenlauern. Und es soll Ihnen zu einem ausgeglichenerenLeben verhelfen und Sie auf die Zeit des Ruhestandsvorbereiten. 81
  • 82. Wer bin ich?Hier ist eine einfache Übung, mit der Sie sich selbst bessereinschätzen können. Zudem können Sie prüfen, ob Siearbeitssüchtig sind.Übung 7Denken Sie einen Augenblick nach und beantworten Siedie folgende einfache Frage: Wer sind Sie? Fast alle berufstätigen Menschen werden jetzt angeben,womit sie ihren Lebensunterhalt verdienen, welcherNationalität und Religion sie angehören, ob sie verheiratetsind, wo sie wohnen und wie alt sie sind. Der Beruf stehtin der Regel im Mittelpunkt. Nur vereinzelt werdenInteressen außerhalb des Berufes als Identitätsmerkmalegenannt. Die meisten Menschen definieren sich also überihren Job. Die gegenwärtige Generation von Managern hat emotio-nal und finanziell viel in ihre Karriere investiert und leitetdeshalb ihre Identität aus ihren Fähigkeiten und Talentenab. Die Wirtschaftswelt will uns weismachen, dass sichunser Charakter durch Arbeit und eine produktive Tätig-keit formt, und wir haben brav gelernt, uns über unserenBeruf zu definieren. Das ist grundfalsch; wenn wir glau-ben, dass wir nur das sind, was wir beruflich tun, habenwir einen Großteil unserer Individualität bereits eingebüßt. Wie stark definieren Sie sich über ihren Job? AlsRechtsanwalt, der so sehr in seinem Beruf aufgeht, dass ersich völlig damit identifiziert, haben Sie vielleicht auf die 82
  • 83. Frage »Wer sind Sie?« mit »Ich bin Rechtsanwalt«geantwortet. Wenn Sie sich nur noch über den Berufdefinieren, schränken Sie Ihre Persönlichkeit ein. Der Jobsollte nur einen kleinen Teil Ihrer Persönlichkeitausmachen, es sei denn, Sie lieben Ihre Arbeit über alles. Wer sein ganzes Dasein dem Beruf opfert, muss sichnicht wundern, wenn von ihm selbst nicht mehr viel übrigbleibt. Der Beruf ist das, womit Sie Ihr Geld verdienen, istaber nicht Sie selbst. Ihr wahres Wesen setzt sich ausIhrem Charakter und Ihrer Individualität zusammen. DieseEigenschaften und Merkmale unterscheiden Sie von denanderen Menschen. Ein Nervenzusammenbruch kündigt sich unter anderem dadurch an, dass man seine eigene Arbeit für entsetzlich wichtig hält. Bertrand RussellPrüfen Sie, wer Sie sind, indem Sie in sich hineinschauenund auf Ihre eigenen Überzeugungen, Vorlieben undpersönlichen Interessen achten. Lassen Sie die Arbeit nichtzur Hauptsache werden. Gehen Sie Hobbys und Interessennach, die nichts mit dem Beruf zu tun haben und Ihnengenauso wichtig oder wichtiger sind als die Arbeit. IhrSelbstbild wird sich nicht mehr mit dem Beruf decken.Hören Sie auf die Stimme Ihres Gefühls, Ihrer Intuitionund nicht auf die logischen Argumente Ihrer Firma oderder Gesellschaft. Am besten kann man seine Einzigartig-keit im Privatleben ausleben. Wenn Sie gefragt werden,wer Sie sind, sollten Sie Ihre Identität von Ihrem Wesenableiten, das unter anderem in Ihren persönlichen Interes-sen, denen Sie in Ihrer Freizeit nachgehen, zum Ausdruckkommt. 83
  • 84. Die Ignoranz hat HochkonjunkturUnzeitgemäße Ansichten und Werte werden in denChefetagen vieler Unternehmen immer noch gefördert undtragen dazu bei, dass das Arbeitsklima weiterhin von einergesundheitsschädlichen Arbeitswut geprägt ist. DieIgnoranz hat Hochkonjunktur. Workaholics werden nichtnur geduldet, sondern genießen besonderes Ansehen. DaArbeitswut mit Gewinnstreben und Machtbedürfnisseneinhergeht, sind vielen Managern Workaholics durchauswillkommen. In Abteilungen, in denen es viele Arbeits-süchtige gibt, ist es »schick«, 60 bis 80 Stunden proWoche zu arbeiten. Man gibt sich geschäftig, ist immer inEile und mit Arbeit überhäuft, und sieht sich als Held,wenn man ständig einen übergroßen Einsatz bringt. Das kann ernste Folgen haben: Workaholics unter-scheiden sich nämlich nicht von anderen Süchtigen. WieAlkoholiker leugnen sie die Existenz des Problems, leidenaber trotzdem unter den gravierenden Folgen ihrer Abhän-gigkeit. Das Gleiche gilt für alle, die die Sucht unter-stützen; sie sind nicht besser als die Workaholics selbst. Warum unterstützen Unternehmen eine Sucht? AnneWilson Schaef geht sehr genau auf dieses Problem ein. Inihrem Buch ›Im Zeitalter der Sucht‹ geht es um daszunehmende Suchtverhalten der amerikanischenGesellschaft, und in ›Suchtsystem Arbeitsplatz‹ untersuchtsie mit ihrer Koautorin Diane Fassel die Gründe, warumspeziell die Geschäftswelt vom Suchtverhalten geprägt ist. Große Unternehmen fördern die Arbeitssucht in ihremeigenen Interesse. Unter dem Deckmantel der Qualität undLeistungsstärke stellt die Unternehmensphilosophie dieFirma über alles. Nur der Erfolg zählt, wen kümmert’s, 84
  • 85. wenn dabei die körperliche und seelische Gesundheit oderso manche Ehe auf der Strecke bleibt. Mit der Förderung der Arbeitsmoral und der Hast amArbeitsplatz will man die Produktivität fördern. Dieserweist sich häufig aber als Trugschluss. Wenn Angestell-te länger, härter und schneller arbeiten, bedeutet das nichtunbedingt, dass das Unternehmen erfolgreicher wird. ImGegenteil: auf lange Sicht kann der Erfolg sogar nachlas-sen, weil die Effektivität der Arbeit unter dem Stressständiger Überforderung leidet. Es ist interessant, dasswillensstarke Menschen eher zum Burnout-Syndromneigen als so genannte »Schwächlinge«, weil die Kraft derWillensstarken auf Verdrängung beruht. Angestellte, die keine Zeit mehr zum Nachdenken habenund Flüchtigkeitsfehler machen, können auf Dauer dieInnovationskraft und die Produktivität des Unternehmensschmälern. Entgegen der allgemeinen Ansicht ist ständigeEile keineswegs produktiv. Hektik verhindert dasNachdenken, ohne das Kreativität sich nicht entfaltenkann. Für eine produktive und erfolgreiche Arbeit benötigtman Zeit; man muss die Gesamtsituation betrachten undlangfristig planen können. Die Folgen einer solchen aus den Fugen geratenen Wirt-schaftswelt sind weitreichend. Angesichts des Arbeits-drucks und des täglichen Überlebenskampfes haben vieleMenschen ihre eigenen Träume und ihre Lebensfreudeverloren. Ein gestörtes Privatleben ist das Ergebnis vonÜberarbeitung und Stress. Wer ausgepowert ist, für den istdas Leben sinnlos und leer. 85
  • 86. Er schuftete bis zum Umfallen auf dem Land, um in der Stadt leben zu können, wo er bis zum Umfallen schuftete, um auf dem Land leben zu können. Don MarquisWerfen wir noch einmal einen Blick zurück auf die altenGriechen: Wenn man die arbeitssüchtigen Yuppies vonheute betrachtet, scheint es, als würde sich die Geschichte(und die Ignoranz) wiederholen, denn schon für Platowaren Menschen, die sich durch zu viel Arbeit um ihreFreizeit brachten, ignorant und dumm. Er warnte siedavor, sich in Luxus, dem Streben nach Macht, Ansehen,Einfluss und der Vergnügungssucht zu verstricken. DieArbeit sollte nicht im Mittelpunkt des Daseins stehen.Schon Plato wusste, dass man sich um wichtigere Dingeim Leben bringt, wenn man mehr arbeitet als für deneigenen Lebensunterhalt nötig ist. 86
  • 87. Kurhotel »Knast«Übermäßiger Stress im Beruf ist schädlicher als manglaubt. Er kann sogar den IQ verringern: Einewissenschaftliche Studie hat vor kurzem belegt, dass langanhaltender Stress die Gehirnzellen schneller altern lässtund die Lernfähigkeit sowie das Gedächtnis beeinträchtigt.Vor allem das Langzeitgedächtnis leidet unter der durchStress verursachten Schädigung der Gehirnzellen. Wer dem Stress der modernen Arbeitswelt entkommenund etwas für seine Gesundheit und ein langes Leben tunwill, braucht nur eine Bank auszurauben und dafür zusorgen, dass man ihn auf frischer Tat ertappt. DasGefängnis ist nämlich offensichtlich der ideale Ort, umdem Stress ein Ende zu machen. Wissenschaftler amInstitute Bustave Roussy in Villejuif in Frankreich habenherausgefunden, dass französische Gefangene eine höhereLebenserwartung und weniger Krankheiten, einschließlichKrebs und Herzleiden, haben als ihre übrigen Landsleute.Je länger sie im Gefängnis saßen, umso niedriger war ihreTodesrate. Wie das? Es hat sicherlich nichts mit Alkohol,Zigaretten und Drogen zu tun, die von den meistenInhaftierten konsumiert werden. Das Gefängnisleben isteinfach stressfreier. Gefangene haben mehr Muße alsNormalbürger. Man muss natürlich nicht unbedingt ins Gefängnis, esgibt auch andere Wege, um zu mehr freier Zeit im Lebenzu kommen. 87
  • 88. Verrückt oder nicht?Arbeit besteht meistens aus langweiliger Routine.Millionen von Amerikanern würden gerne aus ihrem Jobflüchten, wenn sie nur wüssten wie. Mein Freund CrazyGeorge weiß es: Er heißt bei uns »crazy«, weil er verrückt,einfach anders ist. George ist schon deshalb einParadiesvogel, weil er nicht fest angestellt sein will. Erfindet das erniedrigend. George verabscheut es, wenn manihm sagt, was er machen soll, wie er etwas machen sollund wann er zur Arbeit zu erscheinen hat. George lebt nur vom Nötigsten, arbeitet mal hier einbisschen, jobbt mal dort ein bisschen. Er ist selten in Eile.Er ist schon seit mehr als 14 Jahren ein Tischlerlehrling imdritten Lehrjahr und hält es nirgendwo länger als ein oderzwei Monate aus. Als freier Mitarbeiter hilft er manchmalim Karosseriebau aus. Sein Einkommen bewegt sich ander untersten Grenze; trotzdem hat er mehr Geld auf derBank als so mancher Festangestellte mit einemansehnlichen Jahreseinkommen, weil er nur für dasNötigste Geld ausgibt. Interessant ist, dass Crazy George schon über 50 Jahrealt ist und aussieht, als wäre er Ende 30. Ich kenne auch»erfolgreiche« Menschen, die erst Ende 30 sind und wie50 aussehen. George sieht viel jünger aus, als er ist, weiler gesund lebt. Wie die französischen Gefängnisinsassenmuss er sich nicht mit dem üblichen Stress herumplagen,dem die Massen unterworfen sind. Wenn er weiterhin soin Form bleibt, kann er noch mit 80 Jahren arbeiten, wennes sein muss. Und außerdem hat er es besser als diefranzösischen Gefängnisinsassen, denn er hat ja dazu nochseine Freiheit. Wenn man diese Faktoren berücksichtigt, 88
  • 89. möchte ich behaupten, dass Crazy George gar nichtverrückt ist; die Verrückten sind die anderen, die es mitder Arbeit übertreiben. 89
  • 90. Muße ist in, Arbeitswut ist outIn den achtziger Jahren machten Millionen vonAmerikanern die Arbeit zum Mittelpunkt ihres Daseins.Damit brachten sie ihr Leben und ihre Gefühlsweltdurcheinander. Der berufliche Erfolg hinterließ eine Leere,und die Träume von gestern wurden zu Alpträumen. VieleLeute merkten, dass sie Sklaven ihrer Arbeit und ihresBesitzes geworden waren. Sie verbrachten 50 bis 80Stunden in der Woche am Arbeitsplatz und verloren sichselbst aus den Augen. Die völlige Konzentration auf denBeruf zerstörte ihre eigene Persönlichkeit, der Stress unddie Überarbeitung untergruben darüber hinaus ihrekörperliche und seelische Gesundheit. Sie bezahlten einenhohen Preis für die freiwillige Sklaverei. Aber Gott sei Dank – die Zeiten ändern sich. Anfang derneunziger Jahre fing man langsam an, die Arbeit in einemanderen Licht zu sehen. Zum ersten Mal nach 15 Jahrenfanden die Arbeitnehmer ihre Freizeit wichtiger als dieArbeit. Einer Umfrage von 1990 zufolge sahen 41 Prozentaller Befragten ihre Freizeit und nur 36 Prozent die Arbeitals den wichtigsten Bestandteil ihres Lebens. 1985 hattensich dagegen noch 46 Prozent für die Arbeit entschieden;die Freizeit erreichte nur 33 Prozent. Wer brav seine acht Stunden täglich arbeitet, hat gute Aussichten, Chef zu werden und zwölf Stunden täglich zu arbeiten. Robert FrostUntersuchungen zufolge zeichnet sich ein zunehmendes 90
  • 91. Verlangen nach einem ruhigeren und weniger hektischenLeben ab. Die Leute wollen dem Stress und derÜberarbeitung entkommen und verlassen scharenweise dieUnternehmen. Viele Arbeitnehmer kündigen ganz odersuchen nach alternativen Arbeitsformen, bei denen sichArbeit und Freizeit in einem ausgewogeneren Verhältnisverbinden ließen. Mehrere Zeitungen berichteten, dass derWorkaholismus passé ist. Freizeit ist angesagt; sie ist zumgrößten Statussymbol der neunziger Jahre geworden. Sogar manche Unternehmen haben die Zeichen der Zeiterkannt: Wenn Angestellte eine sinnvolle und erfüllteFreizeit haben, trägt das zum Wohl des Unternehmens bei.In vielen Firmen wächst die Einsicht, dass gesundeAngestellte glücklicher und leistungsfähiger sind. Bedenktman, dass 80 Prozent aller Krankheiten auf eine falscheLebensweise zurückzuführen sind, verwundert es nicht,dass die Unternehmen an der Gesundheit und seelischenAusgeglichenheit ihrer Angestellten interessiert sind. Aufdie Firmen kann sich das überaus positiv auswirken: dieLeistungsfähigkeit, die Ausdauer und die Motivation derAngestellten sowie das Ansehen der Firma steigenGrößere Unternehmen sind schon dazu übergegangen,ihren Angestellten Wellnessprogramme und Seminare füreinen ausgeglicheneren Lebensstil anzubieten. In Zukunft wird den Firmen auch nichts anderes übrigbleiben, denn die Angestellten erwarten ein ausgewogenesVerhältnis von Arbeit und Freizeit. Anders als die »Baby-boomer-Generation« in den achtziger Jahren neigen dieheutigen Berufsanfänger nicht zum Workaholismus undlassen sich nicht mit Geld, Titeln und sicheren Karrierenködern. Sie haben eine andere Einstellung zum Leben undzur Arbeit. Mitte der neunziger Jahre berichteten verschie-dene Zeitschriften, dass für die jüngere Generation derArbeitnehmer die Lebensqualität im Mittelpunkt steht – 91
  • 92. Freude am Beruf statt Geld. Der Mehrzahl der Zwanzig-bis Dreißigjährigen sind Freizeit und Familie mindestensgenauso wichtig wie ihr Beruf. Ich begrüße diesenWertewandel; die gegenwärtige Generation hat vernünfti-gere Vorstellungen als die »Babyboomer-Generation«, fürdie der Beruf das Leben ist. 92
  • 93. Arbeite weniger, entlaste den ArbeitsmarktWenn immer mehr Menschen ihr Augenmerk aufLebensqualität und Freizeit richten, kommt das auf langeSicht nicht nur denen zugute, die mehr Freizeit habenwollen; es kommt auch denen zugute, die zu viel Freizeitund zu wenig Arbeit haben. 1996 ergab eine Studie vonRobert Half International, dass mehr Menschen bereitsind, Kürzungen der Arbeitszeit und des Gehaltshinzunehmen, um sich der Familie zu widmen, als noch1989. Fast zwei Drittel der Befragten würden Kürzungenakzeptieren – im Durchschnitt bis zu 21 Prozent. Eineähnliche Umfrage ergab 1989, dass die gleiche Anzahlvon Befragten nur zu Kürzungen bis zu 13 Prozent bereitwaren. Ich für meinen Teil habe nichts gegen Arbeit, besonders wenn sie still und leise von jemand anders verrichtet wird. Barbara EhrenreichWenn mehr Leute für weniger Geld weniger arbeiten,eröffnen sich für Arbeitslose ganz neue Perspektiven.Frank Reid, ein kanadischer Wirtschaftswissenschaftler,rechnet vor, dass in Kanada 500000 neue Arbeitsplätzegeschaffen werden könnten, wenn man diejenigen wenigerarbeiten lässt, die sich das wünschen, und die über-schüssige Arbeit den Arbeitslosen zur Verfügung stellt. Leider hemmen unternehmerischer und gesellschaft-licher Starrsinn neue Ideen zur Verbesserung der Arbeits- 93
  • 94. marktsituation. Hoffen wir nur, dass sich das in Zukunftändert, denn den Arbeitenden und den Arbeitslosen wäredamit gleichermaßen gedient. 94
  • 95. Mehr Freizeit, mehr LeistungEinen spannenden Roman lesen, im Garten arbeiten odereinfach in der Hängematte liegen und die Seele baumelnlassen, all das kann die Leistungsfähigkeit im Berufsteigern. Wer also bei der Arbeit in Höchstform sein will,sollte versuchen, weniger zu arbeiten und sich öfter zuentspannen. Ein großzügiges Maß an Freizeit macht reich– womit in erster Linie der seelische Reichtum gemeint ist.Auf lange Sicht wird sich aber auch der materielleReichtum vermehren, wenn man sich, mehr freie Zeitgönnt.* Hobbys und Freizeitinteressen, die nichts mit demBeruf zu tun haben, bringen viele Vorteile mit sich Manhat beispielsweise innovativere Ideen in der Arbeit.Während man in Ruhe und Muße einer Beschäftigungnachgeht, schaltet man von beruflichen Problemen ab undlenkt seine Aufmerksamkeit auf andere Dinge. Der Geistwird dadurch wieder beweglich, man kommt auf neueIdeen, die die Firma weiterbringen. Manchmal hat man diegrößten kreativen Schübe, wenn man seinen Gedankeneinfach freien Lauf lässt. Workaholic Arbeitender Mensch in Hochform • macht regelmäßig • macht in der Regel Überstunden. keine Überstunden. 95
  • 96. • hat kein bestimmtes • setzt sich feste Ziele – Ziel, arbeitet blindwütig. arbeitet auf ein übergeordnetes Ziel hin. • kann nicht delegieren. • delegiert so viel wie möglich. • hat keine Interessen • hat viele Interessen außerhalb der Arbeit. neben dem Beruf • lässt seinen Urlaub • nimmt seinen Urlaub verfallen. und genießt ihn. • hat nur oberflächliche • hat feste Freundschaften Freundschaften am außerhalb des Arbeitsplatzes. Arbeitsplatz. • redet ständig über • redet nur wenig über berufliche Dinge. seine Arbeit. • ist immer beschäftigt. • kann es genießen, dem Müßiggang zu frönen. • empfindet das Leben als • hält das Leben für ein schwierig. Fest.Das Leben der meisten arbeitenden Menschen ist nicht imGleichgewicht. Das gilt vor allem für Büroangestellte, diemehr als 40 Stunden in der Woche arbeiten. Werregelmäßig Überstunden macht, ist ein Workaholic.Perfektionismus und ein zwanghaftes Pflichtbewusstseinsind typische Eigenschaften eines Arbeitssüchtigen. Es istwichtig, sich darüber im Klaren zu sein, dass einWorkaholic keine Bestleistungen erbringt. Im Gegenteil.Oft ist seine Arbeitsleistung sogar schlecht. Die Tabelleauf Seite 71 zeigt, was ihn von einem Menschenunterscheidet, der in Hochform ist. Ein Workaholic ist davon abhängig, dass er unentwegtarbeitet und keine Zeit zur Muße findet. Viele Work-aholics investieren viel Zeit und Energie, erzielen damitletztlich aber nur spärliche Ergebnisse. Tatsächlich wirdvielen Arbeitssüchtigen gekündigt, und ihre Karriere istdamit beendet. Arbeitssucht ist eine ernst zu nehmendeKrankheit. Wenn sie nicht rechtzeitig behandelt wird, sind 96
  • 97. seelische und körperliche Probleme die Folge. Der AutorinBarbara Killinger zufolge sind Workaholics emotionaleKrüppel. Ihre Arbeitswut führt zu Magengeschwüren,Rückenproblemen, Schlaflosigkeit, Depressionen, Herz-anfällen und nicht selten zu einem frühzeitigen Tod. Wir bereiten uns ständig aufs Leben vor und verpassen dabei das Leben selbst. Ralph Waldo EmersonMenschen, die in der Arbeit in Hochform sind, bedeutetder Beruf und das Vergnügen gleich viel. Daher sind siedie Erfolgreicheren. Wenn es sein muss, können sie für einoder zwei Wochen unter Hochdruck arbeiten, sind aberauch in der Lage, selbstbewusst das Tempo zu drosseln,wenn sie Routinearbeiten erledigen.Für solche Menschen ist der Erfolg im Leben nicht auf dasBüro beschränkt. Ihr Leben ist im Gleichgewicht, der Jobist für sie da und nicht umgekehrt. Lebensberater plädierenfür einen ausgeglichenen Lebensstil, bei dem die Bedürf-nisse aus sechs Lebensbereichen befriedigt werden. Diesesechs Bereiche sind in der obigen Abbildung dargestellt. 97
  • 98. Da viele Arbeitgeber glauben, dass Angestellte lediglichdurch einen sicheren Arbeitsplatz, ein gutes Gehalt undvorteilhafte Ruhestandsregelungen motiviert werdenkönnen, wird der Job nur wenigen Bedürfnissen gerecht.Die anderen Bedürfnisse müssen außerhalb des Berufsbefriedigt werden. 98
  • 99. Mehr Freizeit, mehr SpaßWer über 40 Jahre lang gearbeitet hat, hofft, dass er noch15 bis 20 Jahre lang seine freie Zeit genießen kann, wenner den Bleistift endgültig fallen lässt. Wenn der Ruhestanddann vor der Tür steht, sind viele auf so viel Freizeit garnicht vorbereitet, weil sie sich während ihrerBerufstätigkeit nicht mit anderen Dingen außerhalb derArbeit beschäftigt haben. Die meisten Menschen ändernsich erst, wenn sie müssen. Sie warten den Ruhestand abund versuchen dann verzweifelt, mit den drastischveränderten Umständen klarzukommen. Man muss schondamit anfangen, sich für andere Dinge zu interessieren undseine Freizeit zu genießen, wenn man noch arbeitet. Nur wenige Frauen und noch weniger Männer haben genug Charakter für den Müßiggang. E. V. LucasViele Menschen widmen sich auch Freizeitbeschäf-tigungen, die kontraproduktiv sind. Statt sich nach einemhektischen Tag oder einer anstrengenden Woche etwas zusuchen, was Erholung bietet und einfach nur Spaß macht,stürzen sie sich in Aktivitäten, die den Stress vergrößernund nicht abbauen. Wer später mal ein kreativer Müßiggänger werden will,sollte außerhalb des Berufes vielen Interessen nachgehen.Muße und Freizeit sollte man sich nicht für den Ruhestandaufsparen, sie gehören zu einer ausgeglichenen Lebens-weise von Anfang an dazu. Wer unbedingt eine Suchtbraucht, sollte sich bitte die Freizeitsucht aussuchen – die 99
  • 100. ist bei weitem amüsanter als die Arbeitssucht, baut fürZeiten der Arbeitslosigkeit vor und garantiert einglücklicheres Berufsleben. Eigentlich sollte man sich spätestens mit 3 5 JahrenGedanken darüber machen, wie man seinen Ruhestandgestalten will. Interessen und Fähigkeiten müssen schonlange vor dem Ruhestand entwickelt werden, sonst machtman es sich später unnötig schwer. Helen Thomas, über 20 Jahre lang Pressechefin desWeißen Hauses, behauptet, dass von allen Präsidenten, diesie kennen gelernt hat – Johnson, Nixon, Carter undReagan – nur Jimmy Carter wirklich gerne in denRuhestand gegangen ist und ihn genossen hat. JimmyCarter ist deshalb am besten mit dem Ruhestandzurechtgekommen, weil er seine Identität nicht nur überseine Arbeit definiert hat. Er hatte immer viele andereInteressen – zum Beispiel das Schreiben und Schreinern –,denen er nach dem Ende seiner Präsidentschaft verstärktnachging. 100
  • 101. Die Abbildungen zeigen, wie es aussieht, wenn man ausdem Beruf ausscheidet und keine Interessen hat. Wennman nur den Job und seine Partnerschaft hat, bleibt einemnur die Partnerschaft, wenn der Job wegfällt. Anders siehtes aus, wenn man aus dem Beruf ausscheidet und schonvorher viele Interessen und Hobbys hatte. Man ist nichtnur auf die Partnerschaft beschränkt, sondern kann auchwoanders Erfüllung finden und sich in seiner Freizeit mitseinen Interessen beschäftigen. Wichtig ist, dass Sie Ihre Interessen breit fächern, sonstkann die Sache recht eintönig werden. Schon während derBerufstätigkeit sollten Sie sich verschiedenen Dingenwidmen. Golf alleine wird nicht ausreichen, um Ihre Tageauszufüllen. Schreiben Sie also Bücher, spielen Sie Golf,besuchen Sie Freunde, nehmen Sie an Kursen teil, dienichts mit dem Beruf zu tun haben. Wichtig ist zudem,dass es sinnvolle Beschäftigungen sind, bei denen man hinund wieder Erfolgserlebnisse hat. In der Freizeit sollten Sie sich mit Muße und mit ganzemHerzen einer Sache widmen, und zwar um ihrer selbstwillen, nicht aus beruflichen Gründen. Diese europäischeAuffassung von Freizeit unterscheidet sich in einemwichtigen Punkt von der amerikanischen: in den USAreicht der Arm der Unternehmensphilosophie bis in dieFreizeit der Mitarbeiter hinein. Weil man dort eher eineArbeits- als eine Freizeittradition hat, gilt die Freizeit inder Geschäftswelt als Zeit zum Erholen, zum Abschalten,zum Wiederaufladen der Batterien, damit man danachwieder fit für die Arbeit ist. In Europa sieht man dasanders. Freizeit ist um ihrer selbst willen und nicht um derArbeit willen da. Der Hauptzweck des Urlaubs ist dasVergnügen, nicht das Wiederauftanken. Das verdanken dieEuropäer einer jahrhundertealten Freizeittradition. 101
  • 102. Es schadet nicht, Geld und all die Dinge zu haben, die man damit kaufen kann, aber es schadet auch nicht, zuweilen nachzusehen, ob einem nicht die Dinge abhanden gekommen sind, die nicht für Geld zu haben sind. George Horace LorimerDamit man von der wenigen freien Zeit, die einem derBeruf übrig lässt, auch etwas hat, sollte man sichentspannende und keine leistungsorientierten Aktivitätensuchen. Sonst wird die Freizeit anstrengender als dieArbeit. In den USA ist es mittlerweile üblich, die Feriengenauso durchzuorganisieren wie eine Woche im Büro.Man verbringt die Zeit in einem Badeort oder in einemAshram, wo es kaum Gelegenheit zu spontanenUnternehmungen gibt. Im Skiurlaub in den RockyMountains oder in den Alpen ist der Tag so verplant, dassvon Entspannung keine Rede sein kann. Viele vergrößernden Stress noch dadurch, dass sie in ständigemtelefonischem Kontakt mit dem Büro bleiben. KeinWunder, dass die Leute die Urlaubszeit manchmal nochanstrengender finden als die Vorweihnachtszeit, die jaschon aufreibend genug ist. Man könnte den Urlaub auchviel ruhiger gestalten, indem man ein Buch liest, dieNachbarn näher kennen lernt und nur mal so zum Spaßeinen Roman schreibt. Entspannte Ferien sind eineausgezeichnete Vorbereitung für den Ruhestand. 102
  • 103. Ich freu mich aufs Büro, woNach zwei Wochen Urlaub ich allen erzählen kann, wie tolllächelst du endlich mal. es war.Ein Beispiel für leistungsbezogene Freizeit-beschäftigungen erlebe ich immer in meinem Tennisclub.Ich spiele Tennis, um in Form zu bleiben und weil es mirSpaß macht, aber viele sind auf dem Tennisplatz nochehrgeiziger und verbissener als am Arbeitsplatz. Mittodernster Miene, als handle es sich um eine Beerdigungoder einen Krieg, geht es nur ums Gewinnen: man nimmtnur die Besten als Partner, wählt schwächere Gegner oderschummelt. Wenn man verliert, verheimlicht man dasErgebnis. In meinen Augen genießen diese Menschen ihreFreizeit nicht, sondern sie haben ernsthafte Probleme. 103
  • 104. Der FreizeitexperteUmfragen zufolge sind berufstätige Menschen imAllgemeinen am Sonntag erschöpfter als am Freitag.Warum ist das so? Aufgrund der protestantischen Arbeitsmoral haben vieleMenschen ein schlechtes Gewissen, wenn sie sich einfachausruhen. Also sind sie lieber geschäftig. Die Wochen-enden müssen für alle möglichen Hausarbeiten und per-sönliche Erledigungen herhalten. Man verbringt die Zeitmit Reparaturen am Haus, mit Rasenmähen, man kümmertsich um die Kinder. Die Betriebsamkeit am Wochenendekommt zum Stress der Arbeitswoche dazu. Durch diesehausgemachten Pflichten bleibt für grundlegende Dingewie Schlafen und Essen nicht mehr genug Zeit. Kein Wun-der, dass die Leute am Sonntagabend fix und fertig sind. Man sollte eigentlich annehmen, dass die Freizeit-gestaltung am Wochenende und im Ruhestand keinProblem ist. Schön wär’s! Wir sind darauf konditioniert,fleißig zu arbeiten und ein schlechtes Gewissen zu haben,wenn wir es nicht tun. Wir fürchten uns geradezu vor derFreizeit oder wissen zumindest nicht, was wir damitanfangen sollen. Viele Menschen wollen angeblich garnicht mehr Freizeit haben, weil sie nur einen Sinn inemsiger Geschäftigkeit sehen. Für eine sinnvolle Freizeitgestaltung braucht manallerdings Disziplin und eine bestimmte Einstellung. EinKenner verweilt und atmet den Duft der Rose ein –genauso müssen Sie es als Freizeitexperte machen.Freizeit dient nicht nur zum Auftanken für die Arbeit. Sieist für alles da, was man selbst genießt – für einvertrauliches Gespräch, für Tennis, für Sex oder für die 104
  • 105. Betrachtung eines Sonnenuntergangs. Arbeit ist das Schönste überhaupt, deshalb sollte man sich auch immer etwas davon für morgen aufheben. Don HeroldWenn Ihnen bisher nichts eingefallen ist, was Ihnen in derFreizeit Freude machen könnte, arbeiten Sie zu viel undhaben sich noch zu wenig mit sich selbst beschäftigt. Esist nie zu spät, neue Interessen zu entwickeln, neueSportarten oder Fertigkeiten zu erlernen. Wenn Sie schonwährend Ihrer Berufstätigkeit dann und wann Gefallendaran finden, nicht zu arbeiten, ist das schon viel wert. Hier sind vier Gründe, warum es sich lohnt, einFreizeitexperte zu werden: Wenn Sie verzweifelt hinter einem Job her sind, wird man das beim Bewerbungsgespräch wahrscheinlich merken. Wer auch ohne den Job glücklich ist, hat eine ganz andere Ausstrahlung, und die Chancen, eingestellt zu werden, erhöhen sich. Die gegenwärtige hohe Arbeitslosenrate macht es wahrscheinlich, dass immer mehr Menschen immer länger arbeitslos sind. Es ist also sinnvoll, wenn man beizeiten lernt, auch ohne Job zurechtzukommen. Wenn Sie sich völlig mit Ihrer Arbeit identifizieren, verschwindet mit Ihrem Job auch Ihr Selbstwertgefühl. Wenn Sie Ihre Identität auch noch über andere Dingen definieren, sind Sie mit oder ohne Job Sie selbst. Wenn Sie gelernt haben, wie man auch ohne 105
  • 106. Arbeit glücklich sein kann, werden Sie das nächste Mal weniger Angst vor einer Kündigung haben, weil Sie darauf vertrauen, dass das Leben immer lebenswert bleibt.Schießen Sie nicht über das Ziel hinaus wie dieÜbereifrigen, die in ihrer freien Zeit genauso ehrgeizigsind wie am Arbeitsplatz und damit den ganzen Sinn undZweck der Freizeitgestaltung nicht erfasst haben. MachenSie Urlaub zu Hause, und verweigern Sie jeden Kontaktmit dem Büro. Gönnen Sie sich einfach mal einen freienTag, um ein bisschen Spontaneität in Ihr Leben zubringen. Wenn Sie zum Beispiel als Arbeitsloser bis zurnächsten Anstellung genug Zeit haben, fahren Sie für einpaar Wochen in Urlaub. Hauptsache, Sie entspannen sich.Sie werden viel gelassener wieder an die Arbeit gehen undbereiten sich gleichzeitig auf den Ruhestand vor. Viele Zukunftsforscher sagen voraus, dass es die Arbeit,wie wir sie seit der industriellen Revolution kennen, baldnicht mehr geben wird. Immer mehr Roboter undComputer ersetzen die menschliche Arbeit. Die Zukunftfordert also von Ihnen, dass Sie ein Freizeitexpertewerden. 106
  • 107. Rauswurf in EigenregieDer Beruf kann das Leben aus dem Gleichgewichtbringen. Es gibt Jobs, bei denen man ständig vollenEinsatz bringen muss, die ein ausgeglichenes Lebenunmöglich machen. Das Ergebnis sind nicht selten einunzufriedener Partner, ungezogene Kinder oderbrachliegende Freundschaften, und man selber isttodunglücklich. Im Folgenden sind ein paar Anzeichen aufgeführt, diedarauf hindeuten, dass Sie unausgeglichen sind undwahrscheinlich den falschen Job haben: Sie müssen sich überdurchschnittlich oft wegen Kopfschmerzen und anderer stressbedingter Beschwerden krankmelden. Es graut Ihnen jeden Morgen davor, zur Arbeit zu gehen. Sie machen an eiskalten Wintertagen Exkursionen, obwohl Sie einen Schreibtischjob haben. Es stört Sie, dass Ihre kreative Seite bei Ihrer jetzigen Arbeit nicht zum Tragen kommt. Sie machen Ihren Job nur deshalb weiter, weil Sie noch weitere 16 Jahre durchhalten müssen, um ein gute Rente zu kassieren. Ihr Arbeitstag beginnt damit, dass Sie eine Stunde lang die langweiligen Teile der Zeitung vom Vortag lesen. Sie sind mit Ihrem Beruf verheiratet; Sie kennen nur die Arbeit, aber kein Vergnügen. 107
  • 108. Sie können sich nicht erinnern, wann Sie Ihren Job zum letzten Mal spannend fanden. Es fällt Ihnen schwer, eine Begründung für Ihr Dasein zu finden. Ihr Beruf untergräbt Ihre Gesundheit, Sie leiden an Schlaflosigkeit und Überarbeitung und haben keine Zeit zum Ausspannen. Sie sind die Hälfte Ihrer Arbeitszeit mit Tagträumen beschäftigt. Sie versuchen sich und anderen vergeblich einzureden, dass Ihr Job anregend und interessant ist. Sie sind nicht mit ganzem Herzen bei der Sache. Sie haben Konzentrationsschwierigkeiten, und es fällt Ihnen nichts ein, was Ihre Projekte weiterbringen und die Probleme lösen könnte. Was Sie bisher hingenommen haben, bringt Sie jetzt auf die Palme. Sie haben alle Lust an Ihrem Beruf verloren. Am Sonntagnachmittag steigt Ihr Adrenalinspiegel dramatisch, weil Sie am Montag wieder zur Arbeit müssen. Sie lassen kein gutes Haar an Ihrer Firma, obwohl sie zu den Topunternehmen gehört.Wir sind nun einmal Gewohnheitstiere und lassen lieberalles beim Alten, auch wenn es uns schlecht geht. ImBerufsleben endet das damit, dass man sich mit eineraussichtslosen Stellung, einer ungeliebten Arbeit und einerFirma abfindet, die einen schlecht behandelt, oder in derman sich einfach grenzenlos langweilt. Eineamerikanische Umfrage hat ergeben, dass der Job für 40 108
  • 109. Prozent aller Berufstätigen eine öde Tretmühle ist, sie ausAngst vor einer ungewissen Zukunft eine Veränderungaber scheuen. Als ich noch als Ingenieur tätig war, ist esmir genauso gegangen. Statt selber zu gehen, habe ichgewartet, bis ich vor die Tür gesetzt wurde. Erst viel späterist mir klar geworden, dass ich meine Kündigung selbstprovoziert hatte. Die bitterste Niederlage in einem Menschenleben wird durch die Spanne gekennzeichnet zwischen dem, wozu er in der Lage gewesen wäre, und dem, was tatsächlich aus ihm geworden ist. Henry David ThoreauBei den ersten Anzeichen von Überdruss sollten Sie übereine Kündigung nachdenken. Setzen Sie sich selbst an dieLuft, bevor es Ihr Arbeitgeber tut. Auch wer imAllgemeinem an seinem Beruf nichts auszusetzen hat,sollte etwas unternehmen, wenn die Arbeit mehr als 50Stunden in der Woche beansprucht und keine Zeit mehrfür andere Dinge lässt. Wenn Sie für Ihre Frau einFremder geworden sind, Ihre Kinder Drogen nehmen undSie selbst ein Häufchen Elend sind, warum ändern Siedann nichts? Ich kann Ihnen nur raten – ändern Sie Ihregegenwärtige Situation, oder kündigen Sie! Kommen Sienicht mit Ausreden wie: ich kann nicht, weil ich Sicherheitbrauche, mein Haus abbezahlen muss und die Kinder aufdie Universität schicken will und so weiter. Warten Sienicht auf den richtigen Zeitpunkt für eine Veränderung,denn den gibt es nicht. Das Warten auf den richtigenZeitpunkt ist die übliche Ausrede von Zauderern. Ein noch so hohes Gehalt kann einen nie für die 40Stunden oder mehr entschädigen, die man in einem 109
  • 110. unbefriedigenden Job verbracht hat. Im Ruhestand kannman sich unmöglich die Freude zurückkaufen, auf die manin einem ungeliebten Beruf verzichten musste. Fragen Siesich doch selbst: »Was nützt mir mein Geld, wenn es michkrank macht?« Auch Reiche können sich ihre Gesundheit nichtzurückkaufen. Viele Arbeitnehmer bleiben bis zum Ruhestand beiderselben Firma – auch wenn es ihnen dort nicht gefällt –,weil sie nicht auf ihr ansehnliches Gehalt verzichtenwollen. Oder sie wollen, wie zwei Lehrer, die ich kenne,wegen der guten Pension nicht den Beruf wechseln,obwohl sie ihn hassen. Doch wer einen ungeliebten Berufnicht an den Nagel hängt, lebt nur auf Sparflamme.Außerdem ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass man nochvor dem Ruhestand so ausgebrannt ist, dass man vonseiner schönen Rente gar nichts hat. Man ist ein Gefangener des Systems, wenn man nur desGeldes wegen arbeitet, und lässt sich vom Sicherheits-denken der Gesellschaft das Leben vorschreiben. Manbringt sich um seine Lebensfreude – und erstaun-licherweise auch um bessere Verdienstmöglichkeiten.Verschiedene Untersuchungen haben gezeigt, dass manletztlich mehr verdient, wenn man mit dem Herzen bei derSache ist, als wenn man mit saurer Miene nur wegen desGeldes arbeitet. Es ist also wichtig, dass der BerufEntfaltungsmöglichkeiten bietet, die Arbeit Spaß machtund individuelle Begabungen zum Zuge kommen. Wieimmer kommt es auf die richtige Einstellung an, dann fällteinem das Geld fast von selbst in den Schoß. Es ist im Übrigen nicht unmöglich, einen Jobaufzugeben, es ist nur schwierig. Doch wo ein Wille ist, istauch ein Weg, auch wenn er steinig ist. Es kostet seinenPreis, aber auf lange Sicht lohnt es sich. 110
  • 111. Fragen Sie sich einfach: »Was ist das Schlimmste, wasmir bei einer Kündigung passieren kann?« Haben Sie dasSchlimmste ermittelt und geht es nicht um Kopf undKragen, sollten Sie sagen: »Was soll’s!« Die Welt gehtdavon nicht unter. Rücken Sie die Dinge ins rechte Licht,betrachten Sie eher die positiven als die negativen Seiten,und schon sieht das Leben ganz anders aus. Wenn Sie sichum Ihre Sicherheit Sorgen machen, bedenken Sie, dass essowieso keinen absolut sicheren Arbeitsplatz gibt. DieGewissheit, dass man genug Fähigkeiten und Fantasie hat,um sich immer über Wasser zu halten, ist die bestefinanzielle Absicherung. Natürlich bleibt immer ein gewisses Risiko, wenn manselber kündigt; aber fast alles, was sich lohnt, ist riskant.Außerdem könnten Sie auch so früher oder später ihrenJob verlieren. Bei dem anhaltenden wirtschaftlichenAbwärtstrend erhöht sich das Risiko, dass Sie entlassenwerden, ob Sie wollen oder nicht. Das größte Risiko liegt möglicherweise manchmal darin,den Beruf nicht aufzugeben. Die persönliche Würde unddas Selbstwertgefühl müssen Vorrang haben, und wenndie Freiheit auf dem Spiel steht, ist der Arbeitsplatzzweitrangig. Keine Arbeit ist es wert, dass man ihr dieLebensfreude opfert. 111
  • 112. Die Berufung ruft Ich war nie auf Leistung und Erfolg aus. Ich habe einfach das getan, was gerade anlag – und was mir am meisten Freude gemacht hat. Eleanor RooseveltFür erfolgreiche Menschen ist eine persönliche Aufgabeoder ein individuelles Lebensziel eine Hauptquelle ihresGlücks. Wenn es Ihnen morgens schwer fällt, aus demBett zu kommen, haben Sie Ihre persönliche Aufgabenoch nicht gefunden. Ein wichtiges Lebensziel belebt.Man springt morgens aus dem Bett und kann es gar nichterwarten loszulegen, egal ob es draußen regnet oderschneit oder die Sonne scheint. Die persönliche Aufgabeist eine Berufung, die aus der Seele kommt; sie ist Sinnund Zweck des Daseins und der Grund, warum manüberhaupt auf der Welt ist. Viele Menschen leiden heute unter einer Midlifecrisis.Das liegt daran, dass sie nie ihrer wahren Bestimmunggefolgt sind. Sie haben Jagd auf Karrieren und Jobsgemacht, die möglichst viel Geld abwerfen mussten, damitsie ihrem Yuppie-Lebensstil frönen konnten. Sie habenvielleicht ihr gewünschtes Karriereziel erreicht, sitzen aufdem Chefsessel und haben ein dickes Konto. Doch ihreEhe liegt in Scherben, die Kinder sind Chaoten, und sieselbst leiden unter extremem Stress und sind unzufrieden. Glück bedeutet, seine persönliche Aufgabe zu findenund sich ihr mit Hingabe zu widmen. Das ist besonderswichtig, wenn man seinem Leben einen übergeordnetenSinn verleihen möchte. Viele Menschen, die unglücklich 112
  • 113. sind, haben ihre Lebensaufgabe noch nicht gefunden.Entweder, weil sie nicht danach gesucht haben oder weilsie nicht wissen, wie man das macht. Es lohnt sich, Zeit und Kraft in die Suche nach derpersönlichen Aufgabe zu investieren und sich ihr dann mitBegeisterung zu widmen. Wer das versäumt, wirdunzufrieden. Wer seiner eigentlichen Bestimmung unddem, was ihm wirklich Freude macht, immer aus demWeg geht, setzt seine seelische und körperlicheGesundheit aufs Spiel. Die ständige Verdrängung eigenerInteressen und Wünsche führt leicht zur Abhängigkeit vonAlkohol, Drogen, Arbeit oder Fernsehen und ist ein ver-geblicher Versuch, den Schmerz und die Unzufriedenheitmit dem Leben zu lindern. Eine persönliche Aufgabe ist mehr als ein bloßes Ziel.Ein Ziel, wie zum Beispiel, Chef eines Unternehmens zuwerden, hinterlässt eine Leere, wenn es erreicht ist. Einepersönliche Aufgabe, wie zum Beispiel, die Weltlebenswerter zu machen, indem man sich für einegeringere Umweltverschmutzung einsetzt, ist eine höhereBerufung, der man sich ein Leben lang widmen kann. Wenn ich hier liege, denke ich manchmal über den Sinn meines Lebens nach, aber meistens male ich mir nur aus, was ich mache, wenn ich eine Million im Lotto gewinne.Jeder Mensch kann seine eigene Lebensaufgabe finden. 113
  • 114. Sie kann im Beruf oder in einer Beschäftigung Ausdruckfinden, muss aber nicht unbedingt an eine Arbeit geknüpftsein. Es kann sich auch um ein Ehrenamt, ein Hobby odereine andere Freizeitbeschäftigung handeln. Die wahreBerufung kann darüber hinaus im Zusammenspielverschiedener Facetten des Lebens zum Tragen kommen.Dazu gehören möglicherweise Ihre persönlichenInteressen, wichtige Beziehungen, Ihre Arbeit und IhreFreizeitaktivitäten. Vor kurzem fand ich einen Zeitungsbericht über eineNonne aus Vancouver, Schwester Beth Ann Dillon, dieihre Lebensaufgabe durch Basketball, ihren Lieblings-sport, zum Ausdruck bringt. Ich muss wohl kaum betonen,dass ihre Lebensaufgabe der Dienst an Gott durch denDienst am Mitmenschen ist. Sie lebt ein einfaches Leben,frei von materiellen Versuchungen, aber reich anLebensfreude. Das Basketballspiel erhöht ihreLebensfreude und hilft ihr, ihre Berufung zu erfüllen.Schwester Dillon liebt diesen Sport schon so lange, wie sieGott liebt. An einer Grundschule bringt sie im Rahmenihrer ehrenamtlichen Aufgaben Mädchen bei, Basketballzu spielen. Sie ist überzeugt davon, dass dieser Sport dieMenschen näher zu Gott bringt. In seinem Buch ›Die sieben geistigen Gesetze desErfolgs‹ nennt Deepak Chopra sieben Regeln, die müheloszum Erfolg führen. Das siebte Gesetz ist »Dharma«, wasso viel wie Pflicht, individuelle Talente und wichtigesLebensziel heißt. Wer seine Aufgabe gefunden hat, wirdkeinen Mangel an Lebensfreude haben. Diese Aufgabe,der man sein Leben wirklich widmen will, ergibt sich ausden persönlichen Anlagen und dem Wesen einesMenschen. 114
  • 115. Sinn und Zweck des Lebens ist nicht das persönliche Glück. Sinn des Lebens ist es, nützlich, aufrichtig und warmherzig zu sein und dafür zu sorgen, dass es von Bedeutung war, ob und wie man gelebt hat. Ralph Waldo EmersonEine Lebensaufgabe hat nichts mit Geldverdienen zu tun,sondern bedeutet nur, dass man individuelle Begabungennutzt, um der Menschheit einen Dienst zu erweisen. Manerweist sich damit gleichzeitig selber einen Dienst, manwird glücklicher und zufriedener – und ganz nebenbeikann auch viel Geld dabei herausspringen. Eine Lebensaufgabe ist eng mit den eigenenWertvorstellungen und Interessen verknüpft. Auchpersönliche Stärken und Schwächen haben einen Einflussdarauf. Wenn man einen Beruf nur des Geldes wegenwählt und einer Freizeitbeschäftigung nur nachgeht, umdie Zeit totzuschlagen, ist das keine Lebensaufgabe. EineLebensaufgabe ist etwas, das die Welt ein kleines bisschenverändert und der Menschheit von Nutzen ist, mag dieserNutzen auch noch so gering sein. Die Lebensaufgabe einesHausmeisters in einer Schule kann zum Beispiel darinbestehen, die Schule für die Lehrer und Schüler so sauberund ordentlich wie möglich zu halten. Hier sind nochweitere Beispiele für Lebensaufgaben: Zur Verschönerung der Welt beitragen, indem man die Umweltverschmutzung reduziert Für Bedürftige Geld sammeln Kinder bei der Entwicklung einer besonderen Begabung oder Fertigkeit fördern, zum Beispiel 115
  • 116. beim Klavierspielen Spannende Kinderbücher schreiben, damit Jungen und Mädchen die Wunder dieser Welt entdecken Touristen die Schönheit der Bergwelt näher bringen Eine feste Bindung eingehen und sie anregend und lebendig erhaltenDurch eine persönliche Lebensaufgabe stellt man eineenge Verbindung zu sich selbst und zur Umwelt her.Beantworten Sie die folgenden Fragen, vielleicht hilftIhnen das, die Lebensaufgabe zu entdecken, die zu Ihnenpasst: 1. Wofür können Sie sich wirklich begeistern? Sie müssen vor allem herausfinden, was Sie leidenschaftlich gerne machen; Begeisterung erzeugt Energie. Schreiben Sie alles auf, was Ihnen Freude macht. Das können so unterschiedliche Dinge sein wie Fischen, Reiten, anderen helfen, in der Bibliothek stöbern, Menschen zum Lachen bringen oder fremde Länder bereisen. Fragen Sie sich, was Sie ein paar Stunden vor Ihrer gewohnten Zeit aus dem Bett treiben würde. 2. Wo liegen Ihre Stärken? Wenn Sie über Ihre Starken nachdenken, erfahren Sie viel über sich selbst und wo Sie Ihre Kraft am besten einsetzen. Wenn Sie künstlerisch begabt sind, möchten Sie vielleicht malen, komponieren oder Skulpturen anfertigen. Talente wecken die Begeisterung. 116
  • 117. 3. Wer sind Ihre Vorbilder? Vorbilder können Menschen aus der Geschichte oder aus der Gegenwart sein, die man bewundert oder sogar verehrt. Es können berühmte oder auch unbekannte Menschen sein, die etwas Außergewöhnliches geleistet haben. Wenn Sie die Wahl hätten – mit welchen drei Vorbildern würden Sie gerne essen gehen? Warum bewundern sie diese Menschen? Wenn Sie den Charakter und die Taten Ihrer Vorbilder genauer unter die Lupe nehmen, gibt das wertvolle Hinweise auf Ihre eigenen Ideale und Ziele. 4. Was möchten Sie noch lernen oder erforschen? Was weckt Ihre Neugier? Mit welchem Thema oder Gebiet würden Sie sich gerne näher beschäftigen? Stellen Sie sich vor, ein reicher Verwandter würde aus dem Nichts auftauchen und Ihnen anbieten, zwei Jahre lang eine Ausbildung irgendwo auf der Welt zu finanzieren – was würden Sie wählen?Die Antworten auf diese Fragen könnten ein Hinweis aufIhre persönliche Lebensaufgabe sein. Wenn Sie Ihregeheimsten Wünsche erforschen, kommen Sie IhrerLebensaufgabe schon ganz nah. 117
  • 118. Der Traum vom sicheren ArbeitsplatzDer traditionelle Arbeitsplatz hat ausgedient und ist denWeg der Dinosaurier gegangen. Eine Anstellung von derWiege bis zur Bahre innerhalb einer Firma gehört schonlange der Vergangenheit an und wird so schnell nichtwiederkommen, wenn überhaupt. Die Vorstellung, dass ein Unternehmen ein sichererHafen ist, in dem man vor sich hindümpeln kann, ist nochimmer weit verbreitet. Entgegen der allgemeinenBefürchtung ist eine Welt ohne sichere Arbeitsplätze abernicht dem Untergang geweiht. Wir müssen damitzurechtkommen, ob wir wollen oder nicht und wenigstensunsere bisherigen Sicherheitserwartungen ändern. KeinArbeitgeber kann mehr wie bisher einen sicherenArbeitsplatz garantieren. Deshalb sollte die Loyalität sich selbst gegenüber anerster Stelle stehen. Das klingt vielleicht egoistisch, istaber nicht egoistischer, als wenn ein Arbeitgeber Loyalitätvon den Angestellten fordert. Wer nicht im Abseits landenwill, muss umdenken. Sicherheit lässt sich nur noch überdie Gewissheit definieren, dass man den Mut hat, mit jederSituation fertig zu werden. Sie müssen sich selbstSicherheit bieten, indem Sie sich aus eigener Kraft und mitviel Fantasie immer über Wasser halten. 118
  • 119. Die Kuh schlachten und gleichzeitig melkenWenn Sie eigentlich gerne Ihren jetzigen Job behaltenwollen, aber gleichzeitig mehr Freizeit haben möchten,gehören Sie zu den Menschen, die die Kuh schlachten undsie gleichzeitig melken wollen. Doch keine Sorge, Siekönnen die Kuh schlachten und trotzdem melken, ob sie esglauben oder nicht. Ganz einfach – Sie besorgen sich zweiKühe. Na bitte! Damit haben Sie schon all den Arbeits-und Karrieresüchtigen etwas voraus, die gar nicht aufdiese Idee gekommen wären. Obwohl es auf den Überholspuren der Unternehmen nurwenig Rastplätze gibt, auf denen man sich anständigerholen kann, können Sie einen finden, wenn Sie dierichtige Einstellung haben. Für einen ausgeglichenenLebensstil muss man zunächst einmal lernen, wie manKarriere macht, indem man seine Arbeitszeit verkürzt.Wie ich schon im vorigen Kapitel ausgeführt habe, warendie größten Köpfe in der Geschichte der Menschheitkreative Müßiggänger. Die Besten kommen vorwärts,indem sie abbremsen. Sie sind nicht ständig in Eile undlehnen sich auch mal zurück. Sie arbeiten nicht mehr,sondern effektiver. Wie man das am besten anstellt, würdeden Rahmen dieses Buches sprengen, aber es gibtausgezeichnete Bücher zu diesem Thema. Eine Untersuchung über die Freizeit, die demArbeitnehmer im Durchschnitt bleibt, lässt vermuten, dasseine stramme Karriere nicht ausreichend Gelegenheit zurEntspannung bietet. So ergab eine Umfrage von 1988,dass die Arbeitswoche in den USA von 1973 bis 1988 vondurchschnittlich weniger als 41 Stunden auf fast 47 119
  • 120. Stunden geschnellt war. Die Freizeit hatte sich um 37Prozent verringert. Man hatte also weniger Zeit fürHobbys und Urlaub zur Verfügung und weniger Zeit, dieSeele baumeln zu lassen. Andere Untersuchungen widersprechen diesenErgebnissen: die meisten Amerikaner haben zirka fünfStunden mehr Freizeit, weil sie weniger Kinder undweniger Hausarbeit haben. Probleme treten diesenUntersuchungen zufolge nicht aufgrund einer zu knappbemessenen Freizeit auf, sondern weil die Leute nichtsdamit anfangen können. Im Durchschnitt hat einAmerikaner ungefähr 40 Stunden Freizeit pro Woche, aberer vergeudet sie zum großen Teil. Annähernd 40 Prozentseiner Freizeit sitzt er vor dem Fernseher. Der Rest gehtfür Kochen, Putzen, Lebensmitteleinkäufe, Reparaturenam Haus, Bezahlen von Rechnungen und aus dem Büromitgebrachte Arbeit drauf. Das ist schlicht und einfach zuviel. Das Ergebnis ist, dass man am Sonntag noch fertigerist als am Freitag. Trotz der Studien bin ich fest davon überzeugt, dass mansehr wohl steuern kann, wie viel Freizeit man hat. Wer 120
  • 121. sich nicht mal Zeit zum Durchatmen nimmt – geschweigedenn den Duft einer Rose genießt –, hat selbst Schuld. Fastalles im Leben hängt von der eigenen Entscheidung ab.Ein Mangel an Freizeit ist meistens selbst verursacht; werzu wenig Zeit hat, hat sich eben zu viel vorgenommenoder sich mit zu viel Besitz belastet. Damit ein Gleichgewicht entsteht, muss man die Sacheunverkrampfter angehen und die Freizeit ganz obenanstellen. Eigentlich ganz einfach: Verlassen Sie das Büropünktlich um halb fünf oder um fünf. Dann haben Sienoch genug Energie, um Ihren anderen Interessennachzugehen. Auf diese Weise zeigen Sie, dass Sie einaufgeschlossener, intelligenter Mensch sind, einer derführenden Köpfe unserer Zeit. Nehmen Sie sich auch fürzu Hause weniger vor. Verbringen Sie weniger Zeit mitKochen, Einkaufen, Putzen und Reparaturen. In den siebziger und achtziger Jahren war einArbeitsvertrag selten so gestaltet, dass er Möglichkeitenfür eine befriedigende Freizeit- und Lebensgestaltung bot.Fortschrittliche Unternehmen haben aber erkannt, dass einharmonischer Lebensstil eine Mischung aus Muße undArbeit beinhaltet. Freizeit sollte dem Arbeitnehmerzustehen, wenn er sie braucht, und nicht nur amWochenende, im Urlaub oder im Ruhestand zurVerfügung stehen. Im Folgenden sind ein paarMaßnahmen zur Verbesserung der Lebensqualität vonAngestellten aufgeführt, die immer beliebter werden: So genannte Sabbaticals – bezahlte oder unbezahlte berufliche Auszeiten – für alle Altersteilzeit für eine schrittweise Verlängerung der Freizeit Telearbeit 121
  • 122. Gleitende Arbeitszeiten für eine flexible Freizeit und zur Zeiteinsparung für Pendler Gutgeschriebene Überstunden, die man durch Freizeit ausgleichen kann Halbe Stellen und Teilzeit Jobs zur Verkürzung der ArbeitszeitDiese alternativen Arbeitsbedingungen können dazubeitragen, dass die Freizeitgestaltung befriedigender wird.Es ist nicht einfach, Firmen zu finden, die solcheMaßnahmen anbieten, aber es tut sich was auf demArbeitsmarkt. Wenn Ihr derzeitiger Arbeitgeber keineAnstalten macht, diese neuen Ideen umzusetzen, wird esZeit, dass Sie sich nach einem anderen umsehen. Doch Siekönnen noch mehr tun, um Ihre Freizeit zu verlängern,zum Beispiel näher an den Arbeitsplatz ziehen, um sichdie Zeit im Berufsverkehr zu sparen. Ich würde meine Mußestunden nicht für alle Schätze der Welt eintauschen. Comte de Mirabeau 122
  • 123. Eine ausgewogene Lebensweise bedeutet, dass mindestensein Viertel der Zeit, in der man nicht schläft, unverplantist. Sonst kommt man auf keinen grünen Zweig. GönnenSie sich ausreichend Zeit für sich selbst, damit Sie sichkennen lernen und weiterentwickeln können. Es ist falsch,Sport, Reisen und andere Aktivitäten zu vernachlässigen,weil man einen Partner und Kinder sowie einen Beruf hatund weil man seinen Lebensunterhalt verdienen muss.Man kann immer noch eine sinnvolleFreizeitbeschäftigung unterbringen. Schon ausgesundheitlichen Gründen kann man es sich nicht leisten,die kreative Muße ganz aus seinem Leben zu streichen.Die Freude im Privatleben überträgt sich auf die Arbeit;und die Arbeit wird wieder mehr Spaß machen, weil manentspannter ist. Der wichtigste Punkt in diesem Kapitel ist, dass Siesofort damit anfangen sollten, Ihre Freizeitinteressen zuverfolgen. Vielleicht wird es schwierig, wenn Sie IhreKarriere, Ihre Schulden, Ihren Besitz und Ihre Kinderausbalancieren müssen, um ein ausgeglicheneres Leben zuführen. Wenn der Job das nicht zulässt, dann suchen Siesich eben einen anderen. Was auch zu tun ist, tun Sie esjetzt. Das Leben ist zu kurz, um sich freiwillig derSklaverei zu unterwerfen. Ein harmonisches Leben mit einem befriedigendenBeruf und vielen Beschäftigungen, die nichts mit derArbeit zu tun haben – damit können Sie die Kuhschlachten und gleichzeitig melken. Aber nur wenn Sie dieSache selbst in die Hand nehmen. 123
  • 124. ARBEITSLOSIGKEIT – DER ULTIMATIVE PERSÖNLICHKEITSTEST 124
  • 125. Endlich in vollen Zügen genießen Diese Zeit ist, wie jede andere auch, eine sehr gute Zeit, wenn wir nur wissen, was wir damit anfangen. Ralph Waldo EmersonIn diesem Kapitel gebe ich Ihnen ein paar Tipps, damit Sienicht unvorbereitet in die neu gewonnene Freizeit stolpern.Auf den Eintritt ins Berufsleben bereitet nun sichnormalerweise jahrelang vor, auf das Ausscheiden ausdem Arbeitsleben aber kaum oder gar nicht. Dabei kannder Ruhestand oder eine vorübergehende Arbeitslosigkeitder Höhepunkt im Leben werden. Ohne Arbeit tut sicheine Welt voller neuer Abenteuer auf, und man kann dasLeben ganz anders genießen als ein Berufstätiger. Wennman von einem Tag auf den anderen plötzlich unendlichviel Zeit hat, zeigt sich, wer man wirklich. ist. ZusätzlicheFreizeit kann ein Geschenk des Himmels sein, wenn mansich persönlich weiter entwickelt und sich nicht völlig mitseinem Beruf identifiziert hat. Wer die Arbeitslosigkeitgenießen will, muss in der Lage sein, mit sich selbstzurechtzukommen und nicht nur auf Forderungen undAnweisungen der Gesellschaft, der Arbeitswelt und derMedien zu reagieren. Auch für den Fall einervorübergehenden Arbeitslosigkeit sollte man den richtigenUmgang mit freier Zeit einüben. Man muss heute damitrechnen, mehrmals im Leben seine Karriere neu aufbauenzu müssen. Im Durchschnitt verbringt ein Arbeitnehmer inden USA nur noch gut dreieinhalb Jahre an einemArbeitsplatz. Man muss zunehmend darauf gefasst sein,zumindest vorübergehend entlassen zu werden; einen 125
  • 126. sicheren Arbeitsplatz gibt es nicht mehr. Die Zeitzwischen den Jobs sollte man gut nutzen. Die Einstellung sowie eine ausreichende Motivationentscheiden über den Erfolg der Bemühungen auf demmanchmal steinigen Weg in die Freizeit. Wenn manimmer nur gearbeitet hat und auf Geld und Ansehen auswar, kann man dabei leicht stolpern. Man hat immer nurgelernt, wie man hart arbeitet und wie man zu Geldkommt – das prägt. Und wenn man dann endlich dasLeben genießen könnte, fällt die Umstellung schwer. 126
  • 127. Ein neuer LebensplanDer Verlust des Arbeitsplatzes macht jeden zutiefstbetroffen. Wer das Gegenteil behauptet, ist dumm oderlügt. Für die meisten Menschen ist es anfangs schwierig,mit einer Kündigung oder dem Ruhestand umzugehen. Je mehr man sich mit seiner Arbeit identifiziert hat,umso schwerer fällt die Umorientierung. Wer völlig inseiner Arbeit aufgegangen ist, für den geht der Verlust desArbeitsplatzes häufig mit dem Verlust des Selbstwert-gefühls einher. Solche Menschen trauern ihrer Arbeitmeistens lange nach. Trotz Angst vor der Leere und Antriebslosigkeitgewöhnen sich die meisten früher oder später an ein Lebenohne Arbeit. Manche Menschen sind allerdings so starkvon puritanischen Prinzipien geprägt, dass sie deprimiertsind, wenn sie nicht arbeiten. Aufgrund ihrer unflexiblenHaltung leiden sie besonders unter dem Verlust ihrerSelbstachtung, wie die Selbstmordrate amerikanischerMänner beweist, die im Ruhestand viermal höher ist als inden übrigen Lebensabschnitten. Ich nehme an, dass Sie nicht zu den hoffnungslosenFällen gehören, denn dann würden Sie dieses Buch nichtlesen. Ich nehme auch an, dass Sie in der Lage sind, IhrenLebensplan umzuschreiben, so dass Ihnen der Eintritt indie Welt der Muße leichter fällt. Wenn Sie sich sehr starkmit Ihrem Beruf identifiziert haben, sollten Sie keineWunder erwarten. Lassen Sie sich Zeit, denn Sie ändernimmerhin Ihr Bild von sich selbst. Anfangs kommen Siesich vielleicht wie ein Versager vor, doch das vergeht,sobald Ihr Selbstbewusstsein wächst. Das Ziel, Geld zuverdienen, muss den mehr an der Muße orientierten Zielen 127
  • 128. weichen. Sorgen Sie dafür, dass Ihre Freizeit-beschäftigungen Ihnen Erfolgserlebnisse: bescheren. Dannwerden Sie sich bald nicht mehr als Versager, sondern alsGewinner sehen. 128
  • 129. Die Wiederentdeckung des wahren IchsMit dem Ende eines Jobs oder einer Karriere geht eineentscheidende Identifikationsmöglichkeit verloren. Wennkein neuer Job den alten ersetzt, muss die Freizeit dieBedürfnisse befriedigen, die vorher der Job erfüllt hat. Dieersten Tage und Wochen der Umstellung sind dieschwersten. Manche Menschen reagieren ängstlich oderpanisch, andere finden die neue Situation nur ungewohnt. Eine wichtige Rolle spielt dabei die Entdeckung deswahren Ichs. Wer völlig in seinem Beruf aufgegangen ist,hat von einem Freizeitleben wahrscheinlich weniggesehen. War es überhaupt ein richtiges Lehen? Die Karriere hat alle Bedürfnisse befriedigt, aber imLauf der Jahre die Persönlichkeit verändert. Das Wohl derFirma, nicht das eigene Wohl, stand im Vordergrund.Karrieren haben die hässliche Begleiterscheinung, diePersönlichkeit, das wahre Ich, zu unterminieren. Es gibt zwei Ziele im Leben: das zu erreichen, was man sich vorgenommen hat – und es dann zu genießen. Nur ein kleiner, sehr weiser Teil der Menschheit erreicht das zweite Ziel. LP. SmithEs wird vielleicht ein wenig dauern, bevor Sie Ihr wahresIch wiederentdecken. Sie müssen ein bisschen graben –vor allem in sich selbst – um herauszufinden, wer Sieeigentlich sind. Diese neue Aufgabe erfordert Ausdauer 129
  • 130. und den Willen zu wachsen und Fortschritte zu machen.Wenn Sie sich dann selbst wiedergefunden haben,brauchen Sie keinen Job mehr, um sich zu definieren.Morris M. Schnore, ehemaliger Professor für Psychologiean der University of Western Ontario, hat eine großangelegte Untersuchung über den Ruhestand durchgeführt.Seine Ergebnisse lassen darauf schließen, dass der Menschkeinen Job braucht, um glücklich und zufrieden zu sein.Es gibt nur wenige, die unter einer längeren Identitätskriseleiden. Laut Schnore haben nur zehn Prozent gravierendeAnpassungsprobleme, vor allem diejenigen, die einenegative Einstellung in Bezug auf den Ruhestand habenund die Arbeit in den Mittelpunkt ihres Lebens stellen. Schnore fand zudem heraus, dass ältere Menschen imAllgemeinen mit ihrem Leben zufriedener sind alsjüngere. Rentner sind allen Gerüchten zum Trotzglücklicher als Arbeitnehmer mittleren Alters. Fast dieHälfte aller Rentner – 43 Prozent – behauptet, dass esihnen gesundheitlich besser geht. Einige fanden amRuhestand sogar mehr Geschmack als sie erwartet hatten.Laut Schnore gibt es drei Faktoren, die die Anpassung anden Ruhestand erleichtern: Erreichbare Ziele anstreben Die Zufriedenheit mit dem, was man hat Das Vertrauen, mit eventuellen Problemen fertig zu werdenDer Eintritt in ein Leben voller Muße ist mit vielenVeränderungen verbunden. In der Übergangsphase kommtman nicht umhin, sich selbst neu zu definieren. Dann gibt 130
  • 131. es keinen Grund mehr, sich dumm und nutzlosvorzukommen, nur weil man keinen Job hat. Wer einmalbegriffen hat, wie wertvoll Freizeit ist, dem wird es nichtschwer fallen, neue Herausforderungen zu finden – alleineoder mit ein bisschen Nachhilfe. 131
  • 132. Ein neues ErfolgskonzeptHatten Sie auch schon immer ein schlechtes Gewissen,wenn Ihnen etwas Spaß gemacht hat, das nichts mit derArbeit zu tun hatte? Dann brauchen Sie dringend einenParadigmenwechsel, sonst wird Ihre Freizeit zurKatastrophe. Ein Paradigma ist eine Idee oder einKonzept, das eine Gruppe von Menschen verbindet. EinParadigmenwechsel setzt neue Denkweisen über alteProbleme in Gang. Normalerweise enthält das neueKonzept Grundlagen, die schon vorher da waren, aberbisher übersehen worden sind. Ihr neues Konzept muss vor allem eine Änderung derAnsichten über die Freizeit enthalten. Sie muss als ebensosinnvoll betrachtet werden wie alle bisherigen Jobs. EinLeben voller Muße muss nicht oberflächlich und ziellossein. Muße hat nichts mit einem einsamen Dasein vor demFernseher zu tun, obwohl es bei unmotivierten Menschen,die noch an ihren alten Vorstellungen festhalten, schnelldarauf hinauslaufen kann. Im Zauberreich der Freizeithaben auch Erfolgserlebnisse einen Platz. Das Gefühl, erfolgreich zu sein, kann sich mit oder ohneBeruf einstellen. Erfolg, wie ihn die Gesellschaft versteht,bedeutet, einen angesehenen Job, ein großes Haus und einteures Auto zu haben. Das ist aber nicht die einzigeMöglichkeit, Erfolg zu definieren. Mir gefällt Ralph Waldo Emersons Definition vonErfolg: Oft lachen und viel lieben Den Respekt kluger Menschen und die 132
  • 133. Zuneigung von Kindern erringen Die Zustimmung aufrichtiger Kritiker ernten und den Verrat falscher Freunde ertragen Sinn für Schönheit Im Mitmenschen das Gute sehen Geben, ohne selbst zu nehmen Die Welt besser verlassen, als man sie vorgefunden hat: durch ein gesundes Kind, eine gerettete Seele, ein Stückchen Garten oder bessere soziale Bedingungen Mit Begeisterung gespielt und gelacht und laut gesungen zu haben Zu wissen, dass wenigstens ein Mensch es leichter gehabt hat, weil man auf der Welt warDas heißt Erfolg. Erfolg ist, wenn man bekommt, was man will. Glück ist, wenn man will, was man bekommt. Ein unbekannter kluger MenschAlles, was Emerson zum Erfolg zählt, muss nichts mitdem Beruf zu tun haben. Arbeitslos zu sein heißt alsonicht, dass man ein unproduktiver Versager ist. Nur wersich selbst dafür hält, ist ein Versager. Wie ich im zweitenKapitel ausgeführt habe, ist mit der richtigen Perspektiveschon fast alles gewonnen. Ändern Sie also IhreEinstellung, wenn Sie sich ohne Job für unproduktivhalten. Man gehört nämlich zu den Gewinnern, zu denPrivilegierten, wenn man die Zeit hat, um sich selbst zuverwirklichen. 133
  • 134. Vergegenwärtigen Sie sich noch einmal, dass großePhilosophen, wie Plato und Aristoteles, schon die richtigeEinstellung zur Muße hatten: sie galt nicht als Faulheitoder als Zeitverschwendung. Muße führte zu eine tieferenSelbsterkenntnis, die das höchste Lebensziel war.Müßiggänger waren privilegierte Leute, da sie in der Lagewaren, sich selbst zu verwirklichen. Auch Sie sollten esals Privileg ansehen, wenn Sie die Gelegenheit haben, einLeben voller Muße zu führen 134
  • 135. Die drei Säulen der FreizeitEs ist nur die halbe Wahrheit, wenn jemand behauptet,seinen Beruf zu vermissen. Er vermisst nämlich nicht dieArbeit selbst, sondern ihre Begleiterscheinungen. Auchwenn es den meisten Menschen nicht klar ist – ein Berufist nicht nur zum Geldverdienen da. Er befriedigt auchnoch andere Bedürfnisse. Besonders wer eine leitendePosition hat, wird reich belohnt. Er erhält Selbst-bewusstsein, Status, Anerkennung, hat Erfolgserlebnisse,Entwicklungsmöglichkeiten und Macht. Mit dem Verlustdes Jobs geht auch all das verloren. Die Freizeit wird nurdann als befriedigend empfunden, wenn die Bedürfnisse,die bisher der Arbeitsplatz befriedigt hat, ausreichendaufgefangen werden können. Es gibt drei wichtige menschliche Bedürfnisse, denendie meisten Berufe automatisch entgegenkommen. DasBedürfnis nach Strukturen, nach Zielen und nachGemeinschaft. Fällt die Arbeit weg, muss die Freizeitdiese Bedürfnisse befriedigen. 135
  • 136. 1. Eine neue Struktur schaffenDie Gesellschaft gibt uns von der Kindheit bis zumRentenalter feste Strukturen vor. Problematisch wird es,wenn man plötzlich ohne Arbeit, aber mit ungeheuer vielFreizeit dasteht. Mit der Arbeit verschwinden dieStrukturen, die der Beruf vermittelt hat. Jetzt muss mansich selbst eine Struktur geben, was gar nicht so einfachist. Zunächst einmal hört es sich ganz gut an, vorgefertigteStrukturen und Abläufe hinter sich lassen zu können:endlich nicht mehr so früh aufstehen, endlich nicht mehrdas Frühstück herunterschlingen, keine Termine, keinBerufsverkehr mehr. Mit anderen Worten, die Uhrbestimmt nicht mehr das Dasein. Das Problem ist nur, dasseine gewisse Struktur und Routine uns ganz gut tut. AlsGewohnheitstiere sind wir von Strukturen abhängig.Routine ist bequem. Und wer hat es nicht gerne bequem? Der Verlust von Strukturen kann verheerend sein,besonders für disziplinierte und unflexible Menschen. DerTag muss ausgefüllt werden, ein Leerlauf kann sonst zurRegel werden statt die Ausnahme zu bleiben. Leerlaufendet in Langeweile und Freudlosigkeit. ÜberdisziplinierteMenschen ziehen sich manchmal völlig von derGesellschaft zurück und verzweifeln, weil sie es ablehnen,sich einem Leben anzupassen, das ihnen erlaubt, zu tun,was sie wollen. In extremen Fällen kann es zu einemvorzeitigen geistigen und körperlichen Verfall kommen. Ich versuche mein Leben so zu regeln, dass es auch ohne mich läuft. Ein unbekannter kluger Mensch 136
  • 137. Wer unabhängig, einfallsreich und motiviert ist, für denkann der Verlust von Strukturen ein Segen sein. Endlichist man frei und kann neue, eigene Lebensstrukturenentwerfen. Struktur kann auf die unterschiedlichste Weiseentstehen. Als ich zum Beispiel meinen Beruf mit seinenfestgelegten Abläufen aufgegeben hatte, musste ich selbstneue Strukturen entwickeln. Zweimal täglich sportlicheBetätigung zum Fitbleiben brachte Struktur in meinenTag. Morgens als Erstes 50 Minuten lang Gymnastik, amspäten Nachmittag noch mal eineinhalb Stunden Training– Radfahren, Joggen oder Tennis spielen. Neben allenmöglichen anderen Vorteilen verschafft mir das Trainingeine tägliche Routine. Außerdem strukturiere ich meinenTag durch regelmäßige Besuche in meinemLieblingsbistro, wo ich meinen Kaffee trinke, mit denStammkunden ein bisschen Smalltalk mache und dreiverschiedene Zeitungen lese. Außerdem setze ichregelmäßige Zeiten fest, in denen ich meine Bücherschreibe, und gebe meinem Tagesablauf dadurch nochmehr Struktur. Motivierte Menschen schaffen sich ihre eigenenStrukturen, die die Strukturen ihres Berufes ersetzen. EineVielzahl von Freizeitbeschäftigungen bietet dazuGelegenheit: Belegen Sie Kurse an der Volkshochschule oder der Universität. Werden Sie Mitglied in Ausschüssen von Wohltätigkeitsvereinen, die sich regelmäßig treffen. Spielen Sie Tennis, Golf, Hockey oder Fußball, oder üben Sie eine andere Sportart aus. Übernehmen Sie ein Ehrenamt. 137
  • 138. Wenn die alten Strukturen verloren gehen, müssen Siesich selbst neue aufbauen. Das kann Ihnen niemandabnehmen; ich schon gar nicht (es gibt zu viele Bistros,die auf mich warten). Es liegt ganz bei Ihnen, welcheStrukturen und Abläufe Sie sich ausdenken. Wenn Sie sichschon ein paar anregende Ziele im Leben gesetzt haben,dürfte Ihnen das bei Ihren vielen Interessen nicht schwerfallen.2. Sich neue Ziele setzenArbeitswütige Menschen kommen normalerweise bestensan ihrem Arbeitsplatz zurecht, fühlen sich aber völligverloren, wenn sie plötzlich mehr Freiraum haben. IhreZiele waren durch die Arbeit vorgegeben und lösen sichohne den Beruf in Nichts auf. Solche Menschen habensich nie die Zeit genommen, in sich selbsthineinzuhorchen und sich eigene, höhere Ziele zu stecken. Mach dir nichts draus, dass du arbeitslos bist, Dad. Ich bin schon mein ganzes Leben arbeitslos, und es macht richtig Spaß.Wenn man keine Arbeit hat, ist die Zielgebung einegeradezu lebenswichtige Angelegenheit: Statistiken 138
  • 139. zeigen, dass Rentner in den USA, die kein Lebenszielmehr haben, nicht gerade durch Langlebigkeit auffallen;sieben von zehn sterben innerhalb von zwei Jahren; Esscheint, dass diese Menschen mit ihrem Job auch jeglichesZiel im Leben verlieren. Würden sie sich neue Zielesetzen, die im Ruhestand zur treibenden Kraft werdenkönnten, würden ihnen wahrscheinlich noch ein paar Jahremehr bleiben. Ihr Beruf hatte vielleicht eine große Bedeutung für Sie,weil er ein Ventil für Ihre Kreativität war; doch auch dieFreizeit kann diese Funktion übernehmen: vieleBeschäftigungen eignen sich besonders gut als kreativesVentil. Ein Ziel muss nicht unbedingt durch die Arbeitvorgegeben sein. Das Gefühl, etwas zu leisten und zuerreichen, kann sich auch ohne Job einstellen. Das Geheimnis des Erfolgs ist die beharrliche Zielsetzung. Benjamin DisraeliAls mir vor über zehn Jahren gekündigt wurde, war meinZiel für die nächsten zwei Jahre, mein Leben ohne jeglicheArbeit oder Weiterbildung zu genießen. Ich wurde einpassionierter Müßiggänger und hatte am Ende das Gefühl,etwas erreicht zu haben, obwohl mancher vernünftige undintelligente Mensch bei einer solchen Lebensweiseverrückt geworden wäre. Ich kann von mir behaupten,dass ich zwei Jahre lang ohne Job so gut wie jede Minutegenossen habe. Da mich während dieser Zeit weder eineArbeit noch andere Dinge ablenkten, lernte ich mehr übermich und die Welt als je zuvor. Prüfen Sie genau, ob Sie ein Ziel haben oder nicht; es istdie tragende Säule Ihrer Kreativität. Ihre wichtigste 139
  • 140. Aufgabe besteht jetzt darin, in sich hineinzuschauen, einZiel zu entdecken und Ihr Leben danach auszurichtenFangen Sie am besten gleich damit an, indem Sie diesenSelbstfindungs-Test machen: Um die Welt zu verändern, würde ich_________ Es wäre toll, wenn ich_____________________ Ich bewundere _______, weil er/sie ein Lebensziel hat. Wenn ich 95 bin, möchte ich zurückblickend sagen können, dass ich Folgendes erreicht habe: __________________________________________ Mein Leben wäre erfüllt, wenn ich ________ könnte.Menschen, die erfolgreich sind, sei es im Beruf oder imPrivatleben, haben immer ein Lebensziel. Hier sind einpaar Beispiele für Ziele, die man sich für die Freizeitsetzen kann: Für einen anderen Menschen wichtig sein Einen Beitrag leisten – zum Beispiel in seiner Gemeinde Sich künstlerisch ausdrücken Sich auf abenteuerliche Reisen begeben Sich für den Umweltschutz einsetzen Anderen Menschen beibringen, wie man sein Leben genießt Eine anspruchsvolle Aufgabe bewältigen Sich um die eigene Gesundheit kümmern Für sein persönliches Lebensglück sorgen 140
  • 141. Es gibt tausend sinnvolle Freizeitbeschäftigungen. Siekönnen auch Hilfsaktionen ins Leben rufen oder andereWege finden, um sich selbst zu verwirklichen. Einübergreifendes Ziel verleiht ungeahnte Energien, deremotionale Stress lässt nach, und das Leben gerät wiederins Gleichgewicht. Der springende Punkt ist, ein Ziel zu finden, für das mansich begeistern kann; es wird zur treibenden Kraft undlässt keine Langeweile aufkommen. Ihr Leben bleibt aufdiese Weise spannend und interessant, und darüber hinausentwickeln Sie sich ständig weiter und lernen Neues. Miteinem Ziel vor Augen werden Sie in Ihrer Freizeit nieorientierungslos dahintreiben. Sie müssen allerdingsdarauf achten, dass Ihr Ziel Ihrem Wesen und IhrenTräumen entspricht. Dann wird Sie jede Aufgabe, jedeTat, jede neue Situation fesseln und Sie werden sich ihmgerne mit ganzem Herzen widmen.3. Ein Gemeinschaftsgefühl herstellenEin Büro ist nicht nur ein Ort, an dem gearbeitet wird, esist auch ein Ort, an dem eine Gemeinschaft entsteht.Anders als früher verdient man dort nicht nur seinenLebensunterhalt, man schließt auch Freundschaften,verabredet sich und trifft sich nach Büroschluss. JederMensch hat das Bedürfnis nach einer Gemeinschaft, zu derer etwas beitragen kann, und die Wertschätzung undAnteilnahme durch Kollegen ist ihm wichtig. Der Arbeitsplatz ist für viele der einzige Ort, an demsoziale Kontakte entstehen. Arbeitsgruppen, Teams, Aus-schüsse und Betriebsausflüge vermitteln ein Zusammen-gehörigkeitsgefühl. Die meisten Berufstätigen finden ihreFreunde am Arbeitsplatz. Wenn man dort 40 Stunden in 141
  • 142. der Woche, und das 35 oder 40 Jahre lang, seine sozialenBedürfnisse befriedigt hat, fällt es schwer, diese Kontakteaufzugeben. Mit dem Verlust des Jobs ist auch der Verlustvieler Freundschaften und Kontaktmöglichkeiten undnicht zuletzt der Verlust einer seelischen und psychischenStütze verbunden. Es ist dann natürlich zwecklos, zu warten, dass man ausdiesem Loch herausgeholt wird. Man muss sich selbstwieder in eine Gemeinschaft einbinden, indem man sichanderen Gruppen, Vereinen und Organisationenanschließt. Kollegen, Freunde, Nachbarn, die Familie,Wohltätigkeitsvereine und Gemeinden bieten sich dazu an. Ein großer Geist ist schon immer bei den mittelmäßigen auf heftigen Widerstand gestoßen. Albert EinsteinWelchen Gruppen man sich anschließt, hängt von denpersönlichen Interessen und Bedürfnissen ab. Man sollteaber mindestens zwei Abende in der Woche aus dem Hausgehen und sich mit Menschen treffen, die sich einbestimmtes Ziel gesetzt haben. Es kann politisch sein oderbeispielsweise mit der Kirche oder einem Hobby zu tunhaben. Auf diese Weise können neue soziale Kontakteaufgebaut werden, man hat gleichzeitig ein Ziel und dieGelegenheit, Anerkennung zu bekommen. Von anderen Menschen etwas zu lernen ist eine guteMöglichkeit, klug und weise zu werden. Suchen Sie dieGesellschaft von Menschen, denen es auch ohne Jobrichtig gut geht. Achten Sie darauf, wie sie ihre Freizeitgestalten und es schaffen, das Leben zu genießen. Siewerden sehen – es sind Menschen, die sich ein Zielgesteckt, ihrem Leben eine Struktur gegeben haben undsoziale Kontakte pflegen. 142
  • 143. Die FreizeitkarriereVon dem Moment an, in dem Sie in den Ruhestand gehenoder arbeitslos werden, sollten Sie die Freizeit als Ihreneue Karriere betrachten. Erfüllung, Selbstverwirklichungund die Bewältigung sinnvoller Aufgaben sind neue Ziele.Sie müssen sich nicht nutzlos vorkommen, nur weil Siekeine Arbeit haben. Im Gegenteil: Sie erweisen derGesellschaft einen großen Dienst, weil Sie in der Lagesind, ohne Job zurechtzukommen. Der Gedanke, dass man aus der Freizeit eine Karrieremachen kann, wird in Ihrem Freundes- undBekanntenkreis sicher nicht auf viel Verständnis stoßen.Lassen Sie sich nicht von abschätzigen Bemerkungenbeeindrucken, etwa, Sie würden ohne Arbeit keinengesellschaftlichen Beitrag leisten. Das ist nur die Meinungvon Kleingeistern, deren Ansichten für Sie und Ihr Lebenkeinerlei Bedeutung haben. Hartnäckigen Nörglern sollten Sie klar machen, dass eswesentlich mehr Mühe erfordert, so zu leben wie Sie, alseinfach arbeiten zu gehen. Man muss nicht sehreinfallsreich sein, um einen Job zu verrichten, dessenAbläufe und Ziele von anderen vorgegeben sind. EinLeben in völliger Muße, das man selbst strukturierenmuss, ist ungleich schwieriger. Man muss sehr viel mehrFantasie aufbringen, um sich sinnvoll zu beschäftigen, alswenn man nur etwas ausführt, was andere Leute sichausgedacht haben. Ich war oft und lange arbeitslos und bin immer wiedergefragt worden, wovon ich eigentlich lebe. »Ich bin zureich, um zu arbeiten. Momentan bin ich Freizeitexperte«,habe ich dann geantwortet. Wenn jemand dann unbedingt 143
  • 144. wissen wollte, ob ich finanziell absolut unabhängig sei,konnte ich meinen Trumpf aus dem Ärmel ziehen: »Ichhabe von geistigem, nicht von finanziellem Reichtumgesprochen. Wie schade, dass Ihnen dieser immaterielleWohlstand noch nicht zur Verfügung steht. Strengen Siesich an, es ist noch nicht zu spät!« Einigermaßen perplexgab mein Gegenüber dann meistens Ruhe. Geschiehtsolchen engstirnigen Zeitgenossen, die glauben, mankönne nur mit Arbeit und Geld Karriere machen, ganzrecht! Mehr Freizeit zu haben ist kein Grund zur Angst, son-dern ein Privileg. Es ist eine enorme Lebensbereicherung,wenn man ohne Job seine Persönlichkeit weiterentwickelt.Ohne die Zwänge der Arbeitswelt ist man freier: freier imDenken und Handeln, und es erwarten einen ungeahnteMöglichleiten. In der Arbeitslosigkeit erweist sich erst,wer man wirklich ist. Sie ist die Gelegenheit, der zuwerden, der man schon immer sein wollte. 144
  • 145. HAUSGEMACHTE LANGEWEILE 145
  • 146. Eine sterbenslangweilige KrankheitEin Amerikaner und ein Europäer, beide keine Verächtervon Freizeit, unterhielten sich einmal über die Freuden desLebens, als der Europäer beiläufig bemerkte, er kennehundert verschiedene Arten des Liebesspiels. DerAmerikaner antwortete etwas bedrückt, er kenne nur eine.Der Europäer fragte, welche das sei. Der Amerikanerbeschrieb die natürlichste und geläufigste Weise. DerEuropäer sagte daraufhin: »Interessant! Wäre ich nie draufgekommen! Besten Dank. Jetzt kenne ich hundertundeineArten.« Sind Sie der Amerikaner oder der Europäer? Sehen Sieauch immer nur einen Weg, oder halten Sie nach mehrerenAusschau? Wer Scheuklappen trägt und immer nur einenWeg nimmt, dazu noch den ausgetretensten, der ist füreine Krankheit anfällig, die in der folgenden Übungbeschrieben wird.Übung 8Unter dieser Krankheit leiden Millionen von Menschen.Man kriegt davon Kopf- oder Rückenschmerzen, schläftschlecht oder wird impotent. Manche Menschen verfallender Spielsucht, überfressen sich oder werdenhypochondrisch. Was ist das für ein Leiden?Wenn Sie gerade Kopfschmerzen haben, in diesem Buchlesen, weil sie nicht schlafen können, und ein heftigesVerlangen nach einem dicken Butterbrot haben, obwohlSie gerade eins gegessen haben, dann ist Ihnen 146
  • 147. wahrscheinlich langweilig. Das Leiden, das ich ebenbeschrieben habe, ist nichts anderes als Langeweile. Wenn man sich sicher fühlt, gedeiht auch die Langeweile. Sie ist geradezu ein Merkmal der Sorglosigkeit. Eugene IonescoLangeweile ist die Ursache vieler psychischer Problemeund körperlicher Beschwerden und zählt mittlerweile zuden gravierenden Gesundheitsproblemen. Gewöhnlichäußert sich Langeweile durch Symptome wie Kurzatmig-keit, Kopfschmerzen, einem übermäßigen Schlafbedürfnis,Hautausschläge, Schwindel, Menstruationsbeschwerdenund sexuelle Probleme. Langeweile untergräbt jegliche Lebensfreude und nimmteinem jeglichen Sinn im Leben. Man sollte meinen, dassdafür vor allem die Müßiggänger und Arbeitslosenanfällig sind, Berufstätige sind aber genauso betroffen. Auf Menschen, die ständig gelangweilt sind, trifft in derRegel Folgendes zu: Sie sehnen sich nach Sicherheit und Besitz. Sie reagieren empfindlich auf Kritik. Sie passen sich stets an. Sie machen sich ständig Sorgen. Sie haben kein Selbstvertrauen. Sie sind fantasielos.Ob im Beruf oder im Privatleben – Langeweile schleichtsich gern bei denen ein, die das Risiko scheuen und immer 147
  • 148. den sicheren Weg wählen. Weil sie nichts riskieren,erreichen sie auch nichts und sind unzufrieden. Menschen, die für anregende neue Dinge offen sind,werden selten von Langeweile befallen. Für kreativeMenschen, die sich für alles Mögliche und Unmöglicheinteressieren, ist das Leben ungeheuer aufregend undunterhaltsam. Fragen Sie den Europäer, derhundertundeine Arten des Liebesspiels kennt, wenn erIhnen zufällig über den Weg läuft. 148
  • 149. Das Salz in der SuppeLangweilige Menschen haben sich ihre Suppe selbereingebrockt. Leider muss jeder, der mit ihnen zu tun hat,diese fade Suppe mit auslöffeln. Wenn es zu denaufregendsten Dingen in Ihrem ganzen Leben gehört, dassSie jemanden kennen, der bei einer Signierstunde vonJohn Grisham dabei war, sind Sie möglicherweise einwenig langweilig. Wir haben uns schon irgendwo gesehen, aber verflixt – wer sind Finden Sie mich langweilig? Sie noch mal?Wenn Sie ständig über sich selbst jammern und nurBelanglosigkeiten von sich geben, wirken Sie auf anderesicherlich nicht gerade interessant oder inspirierend. Charismatische Menschen, die eine starke Ausstrahlunghaben, werden nicht mit ihrem Charisma geboren. Einebesondere Ausstrahlung, die andere Menschen wie einMagnet anzieht und auf sie überspringt, kann manerlernen. Man muss versuchen, eine innere Energie und 149
  • 150. Lebensfreude auszustrahlen, wenn man mit anderenMenschen zusammen ist. Charisma hat viel mit demeigenen Selbstwertgefühl zu tun. Wenn Sie eine positiveLebenseinstellung haben und energievoll und freudigdurchs Leben gehen, strahlen Sie das auch aus. 150
  • 151. Wie man sich bettet, so langweilt man sichBis zu einem gewissen Maß kennt jeder Langeweile.Paradoxerweise sind es manchmal gerade die Dinge,hinter denen wir besonders her sind, die uns am Endelangweilen. Ein neuer Job wird mit der Zeit uninteressant,eine aufregende Beziehung verflacht, die Freizeit, die manherbeigesehnt hat, wird zum öden Einerlei. Wenn wir uns langweilen, schieben wir die Schuld aufalles Mögliche: die Gesellschaft, die Freunde, dieVerwandten, das miese Fernsehprogramm, den uninteres-santen Wohnort, die schlechte Wirtschaftslage, den blödenHund vom Nachbarn, das trübe Wetter. Die Schuld denäußeren Umständen anzulasten ist immer am einfachsten;auf diese Weise muss man nicht selbst die Verantwortungübernehmen. Untersuchungen haben gezeigt, dass insbesonderefolgende Faktoren zur Langeweile beitragen: Unerfüllte Erwartungen Eine eintönige Arbeit Mangel an körperlicher Bewegung Passivität Wer unbeschwert und glücklich leben will, muss auf Langeweile verzichten. Das ist gar nicht so einfach. Richard Bach 151
  • 152. Wer ist schuld an der mangelnden Bewegung, an denunerfüllten Erwartungen, an dem öden Job, an derPassivität? Doch nur wir selbst. Wir haben zugelassen,dass sich diese Dinge eingestellt haben. Wir müssen unserLeben interessanter gestalten; andere Menschen oder dieUmstände für unsere Langeweile verantwortlich zumachen hilft wenig oder gar nichts. Wir müssen unsereProbleme selbst lösen und aktiv werden. Wird dieLangeweile schon im Keim erstickt, wird sie gar nicht erstzum Problem. Von Dylan Thomas stammt der Ausspruch:»Irgendjemand langweilt mich. Ich glaube, das bin ich!« Wenn Sie jemals Langeweile befällt, denken Sie daran,wer sie verursacht hat. Ganz allein Sie selbst. Wer sichlangweilt, ist selbst langweilig. 152
  • 153. Die einfache LebensregelMenschen, die unter Langeweile leiden, scheuen dasRisiko, weil es für sie am bequemsten ist. Wir alle neigendazu, den bequemsten Weg zu gehen. Das Problem dabeiist, dass der bequeme Weg langfristig sehr unangenehmwird. Das lässt sich am besten mit Hilfe meiner »einfachenLebensregel« erklären: Diese »einfache Lebensregel« besagt, dass sich dasLeben letztlich als schwierig und mühevoll erweist, wennman den leichten und bequemen Weg nimmt. Geht manden schwierigen und unbequemen Weg, macht dies dasLeben letztlich einfacher und müheloser. Nur zehn Prozentaller Menschen wählen diesen Weg, da man kurzfristigeUnannehmlichkeiten in Kauf nehmen muss. Aber die Bequemlichkeit hat schon manchen Erfolg 153
  • 154. verhindert, weil der einfache Weg aufs Abstellgleis führt. Die »einfache Lebensregel« ist ebenso gültig wie dasGesetz der Schwerkraft. Haben Sie sich schon mal mitdem Gesetz der Schwerkraft angelegt? Wenn man vomDach eines Gebäudes springt, macht man eine Bruch-landung. Dasselbe gilt für die »einfache Lebensregel«.Wenn man sich mit ihr anlegt und den einfachen Wegwählt, macht man ebenfalls eine Bruchlandung. Es istimmer das Gleiche. Alles im Leben hat seinen Preis. Eine Freizeitgestaltungder besonderen Art erfordert gewisse Herausforderungenund die Überwindung der Bequemlichkeit. Sonst hat manletztlich das Nachsehen und ist mit sich und seinem Lebenunzufrieden. 154
  • 155. Die Tretmühle färbt abWirklich glückliche Menschen gehen vollkommen in ihrerTätigkeit und ihrem Lebensziel auf. Das kann der Berufoder auch eine Freizeitbeschäftigung sein. Wer zumBeispiel seinen Beruf leidenschaftlich liebt, strahltLebensfreude aus. Die Arbeit ist für ihn da und nichtumgekehrt. Sie ist ein wichtiger Teil seiner Lebens-aufgabe, für die er seine Fantasie und seine Begabungeneinsetzt, um die Welt besser zu hinterlassen, als er sievorgefunden hat. Wenn die Arbeit aber zur langweiligen Routinegeworden ist, sollte man über eine berufliche Veränderungnachdenken. Bleibt man in seinem langweiligen Jobhängen, wird man letzten Endes selbst langweilig, blödeund monoton. Es ist nicht ganz einfach, einen unbefriedigenden Jobaufzugeben. Man ist vielleicht auf das Geld angewiesenund hat keine Zeit, sich nach einer anderen Stelleumzusehen. Doch wenn es irgendwie möglich ist, solltenSie einen langweiligen Job auf der Stelle aufgeben. WennSie zu viele Kompromisse machen, werden Sie auf dieDauer nur krank und unglücklich. 155
  • 156. Auszeit zum SonderpreisZwei oder drei Wochen Urlaub reichen zum Luftholen,aber nicht, um Überdruss und Überarbeitung vorzubeugen.Versuchen Sie zu vermeiden, in Ihrem Beruf einzurosten.Wenn Sie schon über drei Jahre praktisch immer dasGleiche tun, wird es höchste Zeit für eine beruflicheAuszeit, die Sie frischer und ausgeruhter als ein normalerUrlaub wieder in den Berufsalltag zurückkehren lässt.Nach einem ausgiebigen Tapetenwechsel sieht die Weltgleich ganz anders aus. In unserem hektischen Zeitalter sollte man sichwenigstens alle fünf bis zehn Jahre eine Auszeit gönnen.Eine Zeit, nach der Körper und Seele wie neugeboren sindund man wieder mit frischem Schwung an die Arbeit geht.Sechs Monate sind dabei das Minimum. Eine zwei- bisdreijährige Auszeit ermöglicht sogar eine Fortbildung,einen weiteren Abschluss oder sonstige Zusatz-qualifikationen. Um sich eine Auszeit leisten zu können, muss man nichtunbedingt wohlhabend sein. Obwohl ich im Lauf der Jahrekeine großen Reichtümer angehäuft habe, musste ich nurdie Hälfte meines Erwachsenenlebens arbeiten. Die andereHälfte habe ich auf der Universität verbracht oder mirimmer wieder Auszeiten gegönnt. Wer sich etwaseinfallen lässt, wie er mit wenig auskommt, kann es sichleisten, längere Zeit nicht zu arbeiten. Der neue Schwungwird ihn dann hinterher zu finanziellen Höhenflügenantreiben, die sonst gar nicht möglich gewesen wären. 156
  • 157. Wie gut, dass es Probleme gibt!Wer Problemen gerne aus dem Weg geht, fördert seineLangeweile. Kreative Menschen stürzen sich mit Wonneauf die schwierigsten Aufgaben, bieten sie dochGelegenheit, sich daran zu messen und zu wachsen.Probleme sollten immer willkommen sein, weil es unszufrieden macht, wenn es gelingt, sie zu bewältigen. Es gibt kein Problem, das nicht auch ein Geschenk birgt. Wir suchen Probleme, weil wir diese Geschenke brauchen. Richard BachBereiten Ihnen die täglichen Probleme auch Bauch-schmerzen, besonders die großen? Dazu besteht nicht dergeringste Grund, denn: je größer das Problem, umsogrößer die Herausforderung; je größer die Herausfor-derung, umso größer die Befriedigung, wenn sie gelöst ist. Wenn das nächste Mal ein großes Problem ansteht,sollten Sie auf Ihre Reaktion achten. Hebt sich Ihre Laune,weil Sie Ihr Selbstvertrauen und Ihre Kreativität auf dieProbe stellen können? Oder sind Sie verzagt? Falls das derFall ist, machen Sie sich bewusst, dass Sie so gut wie jederandere in der Lage sind, kreativ zu sein und Probleme zulösen, vielleicht sogar auf ganz neue Lösungen zukommen. Es ist schon viel zum Thema Problembewältigung gesagtund geschrieben worden. Hier noch ein paarGesichtspunkte (die sie genau wie ihre Probleme gut oderschlecht oder idiotisch finden können, ganz wie Sie 157
  • 158. wollen): Träumen Sie auch von einem völlig problemlosenLeben? Es wäre nicht lebenswert. Stellen Sie sich vor, Siewären an eine Maschine angeschlossen, die alle Problemefür sie löst. Es ist sehr unwahrscheinlich, dass Sie einsolches Leben reizvoll finden würden. Denken Sie daran,wenn Sie wieder einmal von einem problemlosen Lebenträumen. Wenn Sie ein Problem loswerden wollen, müssen Siesich nur ein noch größeres Problem besorgen. Angenom-men, Sie wissen nicht, was Sie mit dem Nachmittaganfangen sollen. Während Sie über dieses Problem nach-denken, taucht ein großer böser Grizzlybär auf und nimmtSie ins Visier. Das kleine Problem löst sich angesichts desgrößeren Problems mit dem Grizzly in Luft auf. Wenn Siealso wieder ein Problem haben, suchen Sie sich einfachein größeres; das kleinere verschwindet dann von selbst. Hat man ein Problem gelöst, taucht damit oft ein neuesauf. Zum Beispiel: jemand hat ein Problem damit, nichtverheiratet zu sein. Ist er dann verheiratet, kommt er inden Genuss von Eheproblemen. Oder: man hat zu wenigKleidung. Kaum ist dieses Problem gelöst, ist der Schrankzu klein und man weiß nicht, was man anziehen soll. Aber Spaß beiseite: Wirklich schwer wiegendeProbleme, die mit schmerzlichen Erfahrungen undpersönlichen Rückschlägen verbunden sind, können dasganze Leben verändern und kreative Prozesse in Gangsetzen. Eine Scheidung oder der finanzielle Ruin in LasVegas hat schon so manchen wachgerüttelt. Kränkungen – wenn man zum Beispiel bei einerBeförderung übergangen worden ist – können das kreativeDenken, das lange Zeit verschüttet war, wieder neubeleben. Viele behaupten sogar, dass die Kündigung das 158
  • 159. Beste war, was ihnen passieren konnte. Das kann ich auseigener Erfahrung bestätigen. Mein großes Problem, dassman mich vor die Tür gesetzt hatte, hat mir schließlichgeholfen, dahinter zu kommen, was ich wirklich mitmeinem Leben anfangen will. Probleme rütteln wach undbrechen eingefahrene Denkstrukturen auf. 159
  • 160. Nur der Dumme fürchtet sich vor der DummheitEinerseits sind die Menschen wie wild hinter dem Erfolgher, haben dabei aber Angst vor Misserfolgen. DieSehnsucht nach Erfolg und der Wunsch, einen Misserfolgzu vermeiden, widersprechen sich. Der Misserfolg ist einnotwendiger Schritt auf dem Weg zum Erfolg.Normalerweise stehen vor einem Erfolg viele Misserfolge.Der Weg zum Erfolg sieht ungefähr so aus: Misserfolg Misserfolg Misserfolg Misserfolg Erfolg Wer seine Erfolgsrate verdoppeln will, braucht nur seine Misserfolgsrate zu verdoppeln. Tom WatsonDer Weg zum Erfolg ist geradezu mit Misserfolgengepflastert. Trotzdem versuchen wir unter allenUmständen, einen Misserfolg zu vermeiden. Die Furchtvor Misserfolgen birgt noch andere Ängste: die Angst, alsder Dumme dazustehen, die Angst vor Kritik, die Angst,das Gesicht und die finanzielle Sicherheit zu verlieren.Doch wer dem Misserfolg ausweicht, verpasst den Erfolg. Wir scheuen das Risiko vor allem, weil wir um unserImage fürchten. Wir sind so versessen darauf, anderen zugefallen, dass wir alles meiden, was uns in den Augenanderer herabsetzen könnte. Feigheit wird zur Norm. Undjegliche Kreativität und Lebendigkeit bleibt dabei auf derStrecke. Man muss lernen, auch einmal als der Dumme 160
  • 161. dastehen zu können, wenn man kreativ bleiben und dasLeben beherzt leben will. Wenn Sie sich vor der Meinung anderer fürchten, kannich Sie beruhigen: Die meisten Leute haben so oder soetwas an Ihnen auszusetzen. Wenn man erfolgreich ist,wird man besonders scheel angesehen. Je erfolgreicherman ist, umso mehr Kritik muss man einstecken. Also –keine Angst vor dem Misserfolg. Die Leute ziehensowieso am liebsten über andere her – ob man erfolgreichist oder nicht. Lassen Sie sich also auf das Risiko ein.Dann stehen die Chancen gut, dass Sie nicht derLangeweile verfallen und eine große Wende in IhremLeben herbeiführen.Diese Abbildung soll deutlich machen, dass jemand, dersich fürchtet, der Dumme zu sein, noch unterhalb desDummkopfs selbst rangiert. Geniale und erfolgreicheMenschen haben im Beruf oder auch im Privatleben dieseAngst in den Griff gekriegt, weil sie erkannt haben, dassder Weg zum Erfolg nur über das Risiko führt – dasRisiko, immer wieder Misserfolge einzustecken und hinund wieder der Dumme zu sein. 161
  • 162. Der Mut zum kleinen UnterschiedWer seine Freizeit fantasievoll gestalten will, mussungewöhnliche Wege im Denken und Handeln gehen. Nurso kann Neues und Wertvolles entstehen. Dazu brauchtman Mut, denn wer aus der Menge herausragt, wirdkritisch beäugt. Mit einer gesunden inneren Einstellungsollte einem das nichts ausmachen. In der Welt etwas zu bewegen ist ein sicheres Mittelgegen Langeweile. Man kann allerdings nicht erwarten,etwas Großes zu bewegen, wenn man ständig mit derMenge konform geht. Haben Sie Mut zum kleinenUnterschied und scheren Sie sich nicht um die Meinungder anderen. Albert Einstein, Thomas Edison, Mutter Theresa,Mahatma Gandhi und John F. Kennedy haben in dieserWelt etwas bewegt. Sie hatten eins gemeinsam: Sie warenanders als der Durchschnitt, sie benutzten nicht dieausgetretenen Pfade der Gesellschaft. Diese großartigenPersönlichkeiten waren alle keine angepassten Menschen. Das Original ist immer besser als die Kopie. Es entgehteinem zu viel im Leben, wenn man immer nur versucht sozu sein wie die anderen. Das krankhafte Bedürfnis, sichständig anzupassen und von allen geschätzt zu werden,macht das Leben eintönig, und man selbst wird auchentsetzlich fade. Tun Sie etwas gegen die Langeweile! Setzen Sie Ihrekreativen Fähigkeiten ein und sorgen Sie selbst fürSpannung! 162
  • 163. BRANDSTIFTER 163
  • 164. Schwing das Tanzbein!Vor vielen Jahren nahm einmal ein junger Mann seinenganzen Mut zusammen und forderte eine junge Dame zumTanz auf. Nachdem sie eine Weile getanzt hatten,beschwerte sich die junge Dame, dass er ein miserablerTänzer und im Übrigen ein Trampeltier sei. Lernen heißt, das schon vorhandene Wissen zu entdecken. Handeln ist der Beweis für dieses Wissen. Richard BachDie meisten Menschen hätten nach einer solchen Abfuhrdas Tanzen für immer an den Nagel gehängt und sich aufsFernsehen oder Nichtstun beschränkt. Nicht aber unserUnglücksvogel: Er entwickelte eine Leidenschaft fürsTanzen und tanzte noch viele Jahre. Er gab das Tanzennicht auf, weil er selbstbewusst und motiviert warweiterzumachen. Er wurde einer der ganz großen Tänzerder Moderne. Als er im März 1991 starb, hinterließ er 500Tanzschulen. Er war elf Jahre lang im Fernsehen zu sehenund brachte sehr vielen Menschen das Tanzen bei –einschließlich den Trampeltieren. Es war der berühmte Tänzer Arthur Murray. Er wurdeein Meister seines Faches, weil er motiviert war unddarauf vertraute, dass er dazulernen und sich weiter-entwickeln konnte. Die Geschichte von Arthur Murray unterstreicht dieBedeutung der inneren Einstellung und der Motivation.Innere Einstellung und Motivation gehen Hand in Hand. 164
  • 165. Nur wer sich selbst motiviert, kann zum Ziel kommen.Schwingen Sie also das Tanzbein, und Ihre Freizeit wirdein Erfolg! 165
  • 166. Ohne Fleiß kein PreisSie lesen dieses Buch, weil Sie dafür motiviert waren. DieGründe dafür können ganz unterschiedlich sein: Sie habensich gelangweilt und hatten nichts Besseres zu tun; Sielesen gerne Bücher, die zum Nachdenken anregen; Siesind ein Masochist und lesen gerne Bücher, die Sie nichtmögen; oder Sie brauchen Bücher, wie dieses hier, zumEinschlafen. Aus welchem Grund auch immer – Siebenötigten einen Anlass, um dieses Buch in die Hand zunehmen und bis hierher zu lesen. Durch Motivation wird ein Anlass oder ein Anreizgeschaffen. Ohne Motivation entsteht keine Aktivität, und– das versteht sich eigentlich von selbst – ohne einMindestmaß an Aktivität kann man nichts erreichen. Die falsche Einstellung und der Mangel an Motivationsind zweifellos die größten Stolpersteine auf dem Wegzum Erfolg und zur Zufriedenheit. Obwohl Fertigkeitenund Kenntnisse natürlich wichtig sind, sind sie keineGarantie für Erfolg. Fertigkeiten und Kenntnisse machendabei nur 15 Prozent aus. Die restlichen 85 Prozentberuhen auf Motivation und der richtigen Einstellung. Laut David C. McClelland, der sich mit dem ThemaMotivation und Leistung befasst, sind die »Macher« dieserWelt stark motiviert, etwas zu erreichen. McClelland zufolge ist das deutlichste Anzeichen füreine ausgeprägte Leistungsmotivation die Neigung, sichfreiwillig an die Lösung besonders schwieriger Problemezu machen. Menschen mit einer großen Leistungsmoti-vation grübeln am liebsten über Problemlösungen nach,wenn sie sich ausruhen und nichts anderes zu tun haben. 166
  • 167. Der Unterschied zwischen leistungsstarken undleistungsschwachen Menschen liegt darin, dassleistungsstarke Menschen bewusst und aktiv nachdenken.Ihre Schaffenskraft basiert nicht nur auf physischerAktivität, sondern auch auf ihrer Fähigkeit, nachzudenken,abzuwägen und ihren Gedanken freien Lauf zu lassen. Erfolgreiche Menschen haben immer die Tat und dasZiel im Auge. Sie führen aus, was sie sich vorgenommenhaben; und das ist der springende Punkt. Sie wissen, dassman nur etwas bewegen kann – im privaten oderberuflichen Bereich –, wenn man selbst etwas in Gangbringt, wenn man das Feuer schürt und sich nicht nurdaran wärmt. 167
  • 168. Von nichts kommt nichtsMenschen, die genügend Antrieb haben, ihr Lebenbefriedigend zu gestalten, sind in der Minderheit, trotzdembehaupten einige Psychologen, dass man immer motiviertist. Was bedeutet das? Die Psychologen wollen damitsagen, dass alles, was wir tun, das Ergebnis irgendeinesMotivs ist. Und manche Leute haben eben die Motivation,wenig oder gar nichts zu tun! Ich bezeichne das alsnegative Motivation, weil sie der Spielverderber im Lebenist, der uns den Sieg vermasselt. Antriebslose, von Selbstzweifeln geplagte Menschen miteiner negativen Lebenseinstellung sind von Misserfolgenverfolgt und drehen sich im Kreis. Sie jammern nur,fangen alles Mögliche an und bringen nichts zu Ende. Siemachen immer wieder dieselben Fehler, nichts scheint zugelingen. Leider sind sie sich ihrer Negativität meistensnicht bewusst. Bequemlichkeit und mangelnde Risikobereitschaftsetzen die Motivation herab und führen zur Untätigkeit.Und obwohl Angst durchaus im positiven Sinn motivierenkann, löst sie meistens nur negative Reaktionen aus, dienicht weiterhelfen. Auch falsche Erwartungen sind negative Motivationen.Viele Menschen hängen beispielsweise ihren pubertärenWunschträumen nach, was vor allem bei unmotiviertenErwachsenen mit einem geringen Selbstbewusstseinhäufig der Fall ist. Diese Wunschträume können sehr unterschiedlich sein;hier nur eine kleine Auswahl: Wenn ich doch nur im Lottogewinnen würde – dann wäre ich endlich glücklich. Wennich doch nur einen neuen aufregenden Partner finden 168
  • 169. würde – dann wäre mir endlich nicht mehr langweilig.Wenn ich doch nur einen interessanten, besser bezahltenJob finden würde – dann würde das Leben erst richtiglosgehen. Menschen, die so denken, suchen den einfachenWeg zum Glück, den es so nicht gibt. Wer auf das großeLos wartet, scheut die Mühe, das Leben selbst in die Handzu nehmen. Mein Leben ist voll von Hindernissen. Das größte bin ich selber. Jack ParrEs gibt noch mehr Denkmuster, die signalisieren, dass esmit der eigenen Motivation nicht zum Besten steht: Wennirgendeine der folgenden Aussagen auf Sie zutrifft, sindSie negativ motiviert und werden in eine Sackgassegeraten: Meine Probleme sind absolut ungewöhnlich. Keinem geht es so schlecht wie mir. Ich will von allen geliebt werden. Wenn ich auf Ablehnung stoße, zweifle ich an mir selbst. Ich habe ein Recht auf die Erfüllung meiner Wünsche und will keine Enttäuschungen erleben. Die Welt ist ungerecht, besonders zu mir. Niemand kann es mir recht machen. Ich bin, wie ich bin, und denke nicht daran, mich zu ändern. Meine Kindheit hat mich für immer geprägt, weil ich Rabeneltern hatte, die an allem schuld sind. Der Staat tut für den Otto-Normal-Verbraucher 169
  • 170. wie mich nicht genug. Ich bin benachteiligt, weil ich nicht genug Geld habe, nicht schön bin und nicht die richtigen Beziehungen habe. Ich bin ein netter Mensch, der zu allen freundlich ist. Warum sind nur alle so böse zu mir?Wenn Sie regelmäßig solche Gedanken haben, sindEnttäuschungen so gut wie vorprogrammiert. Sie suchen,bewusst oder unbewusst, nach Entschuldigungen dafür,dass Sie Ihr Leben nicht selbst in die Hand nehmen, weilIhnen der Antrieb fehlt. Wer der Welt vorwirft, dass sie gemein ist, erreichtgarantiert, dass sie immer gemein zu ihm bleiben wird.Auch wenn das Licht am Ende des Tunnels schon zusehen ist, wird man meinen, dass es einentgegenkommender Zug ist, und schließlich nicht mehrdaran glauben, dass »nichts so schlecht ist, dass es nichtnoch schlechter werden könnte«, wie ein norwegischesSprichwort sagt. Die folgende Übung soll die Dinge wieder ins rechteLicht rücken und zeigen, wer dafür verantwortlich ist,wenn es einem schlecht geht.Übung 9Nehmen Sie sich für die Beantwortung dieser Fragen einbisschen Zeit: 1. Haben Sie sich fest vorgenommen, im Leben erfolgreich zu sein? 170
  • 171. 2. Möchten Sie zufrieden sein? 3. Woher soll Ihre Zufriedenheit kommen? 4. Wen machen Sie dafür verantwortlich, wenn Sie unzufrieden sind und das Leben nicht genießen? 5. Wem schreiben Sie es zu, wenn Sie erfolgreich und mit Ihrer Leistung zufrieden sind? 6. Falls die Zufriedenheit in Ihrem Leben ausbleibt – wer ist dafür verantwortlich?Der Sinn der Übung ist, dass Ihnen noch einmal klar wird,dass Sie ganz allein für die Zufriedenheit in Ihrem Lebenverantwortlich sind. Wer gerne anderen Menschen oderden Umständen die Schuld an seinem desolatenSeelenzustand in die Schuhe schiebt, liefert sich diesenanderen Menschen und den Umständen aus. Und glaubenSie ja nicht, dass sie besser klarkommen würden, wenndas Leben, nur ein bisschen einfacher wäre! Das Leben ist,wie es ist, und nicht, wie es sein sollte. Von nichts kommtnichts, und ohne Motivation erreichen Sie nichts. Siemüssen sich schon in Bewegung setzen, wenn Sie etwasändern wollen. Jeder wünscht sich manchmal insgeheim, dieVerantwortung an andere abgeben zu können. Leider siehtdas Leben anders aus: Von allein läuft nichts. Eine positive Einstellung fördert eine positiveMotivation, und wenn man die einmal hat, ist man aufdem richtigen Weg. 171
  • 172. Maslows HierarchieIm Lauf der Jahre sind verschiedene Motivationstheorienentwickelt worden. Die bekannteste ist vielleicht die vonAbraham Maslow. Seine Theorie von der Hierarchie dermenschlichen Bedürfnisse erklärt, was uns antreibt, unsereLebenspläne zu verwirklichen. Die Theorie von der Hierarchie der Bedürfnisse basiertauf drei Voraussetzungen: 1. Es gibt eine vorgegebene Rangordnung oder Hierarchie der Bedürfnisse, die das Verhalten bestimmt. 2. Die zentrale Voraussetzung ist, dass die höheren Bedürfnisse nicht entstehen, bevor die niedrigeren nicht hinreichend befriedigt sind. 3. Unbefriedigte Bedürfnisse motivieren.Es gibt fünf Grundbedürfnisse, nach deren Befriedigungder Mensch strebt. Es sind in aufsteigender Reihenfolge: Körperliche Bedürfnisse, die sich auf die Funktionen des Körpers beziehen und das Bedürfnis nach Wasser, Nahrung, Schlaf, Sex und Luft einschließen. Sicherheitsbedürfnisse, die sich auf das Bedürfnis beziehen, Schaden abzuwehren und den Schutz vor Gefahren, Raub, Bedrohung und Unsicherheit einschließen. Soziale Bedürfnisse, die die Sehnsucht nach 172
  • 173. Liebe, Geselligkeit und Freundschaft widerspiegeln, vor allem den Wunsch, akzeptiert zu werden. Das Bedürfnis nach Anerkennung, das zwei Aspekte hat: Das Selbstwertgefühl und die Anerkennung durch andere. Das Bedürfnis nach Selbstverwirklichung, das sich im Wunsch nach kreativer Betätigung und der maximalen Ausschöpfung unseres Potenzials ausdrückt.Alle diese Bedürfnisse sind nicht statisch, sie ändern sichständig. Laut Maslow entstehen neue Bedürfnisse sobalddie alten befriedigt sind, und das praktisch ein Leben lang.Wie erfreulich für die Werbung!Die Selbstverwirklichung ist der beste Garant für eininneres Gleichgewicht und Freude an der Freizeit. Aberselbst wenn wir uns in höchstem Maße verwirklichen,können wir unsere Selbstverwirklichung nicht alsabgeschlossen betrachten. Der Zustand vollkommenerZufriedenheit -würde uns nämlich zu Tode langweilen 173
  • 174. (und wäre natürlich der Alp träum der gesamtenWerbebranche). Ist die eine Sehnsucht gestillt, wartetschon die nächste. Das wahre Geheimnis des Erfolgs. ist die Begeisterung. Walter ChryslerUm unsere Bedürfnisse zu befriedigen, müssen wir sie ersteinmal richtig kennen lernen. Das ist leichter gesagt alsgetan. Laut Maslow sind uns unsere Grundbedürfnissenicht immer bewusst. Er vermutet, dass sie »imAllgemeinen eher im Unterbewusstsein liegen … obwohlman sie mit entsprechenden Verfahren und unterfachkundiger Anleitung bewusst machen kann.« Unsere Bedürfnisse bleiben uns selbst vielleicht einRätsel, nicht aber unserer Umgebung, der wir sie durchaussignalisieren. 174
  • 175. Dichtung und Wahrheit über HerzenswünscheWünsche kann man sich nur erfüllen, wenn man aktivwird. Doch Vorsicht! Ziellose Geschäftigkeit ist keinebefriedigende Freizeitgestaltung. Ob man das Lebenlebenswerter machen kann, hängt davon ab, inwieweitman in der Lage ist, seine wahren Bedürfnisse zu erkennenund zu lernen, wie man sie am besten befriedigt. Für diefolgende Übung müssen Sie nur eine schlichte Fragebeantworten:Übung 10Was möchten Sie wirklich? Ist das etwa Selbstverwirklichung?In seinem Buch ›Illusionen‹ schreibt Richard Bach: »Dieeinfachsten Fragen sind die mit dem größten Tiefgang.« Meine Frage ist eine einfache Frage mit Tiefgang, aberdie Antwort ist gar nicht so einfach. Die Entdeckung 175
  • 176. unserer ureigensten, unserer wahren Bedürfnisse gehört zuden schwierigsten Dingen im Leben. Meistens tappen wirnur deshalb im Dunkeln, weil wir uns nicht genügend Zeitnehmen, Klarheit zu schaffen. Stattdessen werden diepersönlichen Wünsche und Erfolge entsprechend denVorstellungen und Erwartungen anderer definiert.Gesellschaftliche Normen sind wichtiger geworden als dieeigenen individuellen Bedürfnisse.Nach zehn Jahren Fernreisen in exotische Länder ist mir endlich klar geworden, dass ich einfach nur in meinem Garten Urlaub machen will.Wir richten uns viel zu oft nach fremden Leitbildern:denen der Gesellschaft, der Werbung, der Familie, derFreunde, der Medien, der auf Profit bedachtenReiseveranstalter und so weiter und so weiter … Allewollen, dass wir irgendetwas wollen, so dass wir schongar nicht mehr wissen, was wir selbst wollen. Wünsche haben noch dazu die hässliche Angewohnheit,flatterhaft und unbeständig zu sein, was die Sache nichteinfacher macht. Wünsche werden von unerkanntenBedürfnissen geformt und von mysteriösen Kräften wiederumgeformt. Kaum ist ein Wunsch erfüllt, ist das Interessedaran schon wieder erloschen. Nur die genaue Kenntnis der eigenen Bedürfnisse kanneinen davor bewahren. Wie soll man auch ein Ziel 176
  • 177. erreichen, das man gar nicht kennt? Um ein bisschenSeelenforschung und Selbsterkenntnis kommen Sie alsonicht herum, bevor Sie entscheiden dürfen, was Ihrewahren Bedürfnisse und Wünsche sind. Nur so kommenSie auf Ihrem Weg zu einer befriedigendenFreizeitgestaltung voran. 177
  • 178. Träume auf dem PrüfstandWir haben häufig einfach keinen Draht mehr zu unserenLebensträumen. Wir haben das Kind in uns geopfert, dasnoch gewusst hat, was uns wirklich begeistert und unsFreude macht. Die eigenen Sehnsüchte und Wünsche sindin Vergessenheit geraten, weil uns das Leben gegen alleReize abgestumpft hat. Wer seine Träume schon so lange aufgegeben hat, dasser sie gar nicht mehr kennt, muss sich mit aller Kraftwieder auf sich selbst besinnen. Das kann man alleinebewerkstelligen – oder mit etwas Nachhilfe. Was die Mutter oder der beste Freund oder die Werbungdazu meint, kann einem aber völlig egal sein. SchreibenSie zunächst einmal Ihre Wünsche, oder was Sie für IhreWünsche halten, auf. Was man aufschreibt, sei es aufPapier, an einer Tafel oder am Computer, wird sichtbarund kann besser hinterfragt werden. Danach muss mansich über den Ursprung der Wünsche klar werden: Sind eswirklich die eigenen oder nur anerzogene und suggerierteWünsche? Sollte sich herausstellen, dass alle Bedürfnissefremdbestimmt sind, dürfen Sie nicht gleich die Suchenach Ihren wirklichen Bedürfnissen aufgeben. Sievergeuden sonst den Rest Ihres Lebens damit, sich nachanderen zu richten, was ganz sicher nicht zu einemerfüllten und glücklichen Leben beiträgt. Noch einmal: Schreiben Sie alle Wünsche, Bedürfnisse,Ziele auf; was Sie machen wollen, was Sie sein wollen.Dann kristallisiert sich allmählich heraus, was Sie wirklichreizt und anspornt. 178
  • 179. Der IdeenbaumDie Welt der Freizeit steckt voller Möglichkeiten.Abenteuer, Dinge, Menschen und Orte warten darauf,entdeckt zu werden – die ungeheure Vielfalt des Lebensbietet tausend Gelegenheiten, Freude und Befriedigung zuempfinden. Bevor Sie nun an die Auswahl der Freizeit-beschäftigungen gehen, sollten Sie sich überlegen, wasüberhaupt infrage kommt und was Sie reizt. Damit Sie IhrGedächtnis nicht zu sehr strapazieren, ist es wichtig, alleIdeen aufzuschreiben, bevor Sie sich entscheiden. Normalerweise fertigt man dazu eine Liste an. Listenhaben aber den Nachteil, dass man die Fülle der Ideennicht ausbreiten kann und sind deshalb für unseren Zwecknicht geeignet. Es gibt ein viel besseres Hilfsmittel, vorallem im Anfangsstadium eines Projekts, nämlich den»Ideenbaum« – ein Gedankengerüst, ein Schema, einSpeichendiagramm oder wie immer man es nennenmöchte. Der Ideenbaum ist einfach, aber wirkungsvoll.Umso erstaunlicher, dass uns in der Schule nichtbeigebracht wird, wie man ihn anwendet. Ich habe das erstvon einem Kellner in einem Restaurant gelernt. Das Leben führt von Verlangen zu Verlangen und nicht von Lust zu Lust. Samuel JohnsonEinen Ideenbaum beginnt man in der Mitte einer Seite.Dort notiert man den Zweck, das Ziel oder das Thema desIdeenbaums. In meinem Ideenbaum steht in der Mitte 179
  • 180. »Möglichkeiten für meine Freizeitgestaltung«.Wenn man das Thema oder das Ziel des Ideenbaumesaufgeschrieben hat, zieht man diagonale Linien von derMitte bis zum Rand des Papiers. Auf diese Äste werden 180
  • 181. alle übergeordneten Ideen geschrieben, die für das Themarelevant sind. Dabei sollten diese drei übergeordneten Ideen auf keinenFall fehlen: 1. Freizeitbeschäftigungen, die Sie jetzt reizen 2. Freizeitbeschäftigungen, die Sie in der Vergangenheit gereizt haben 3. Neue Freizeitbeschäftigungen, die Sie reizen könntenVon den Hauptästen lässt man dann untergeordnete Ästeabzweigen, die die verschiedenen, zu den jeweiligenübergeordneten Ideen gehörenden Beschäftigungendarstellen. In meinem Baum sind »Theaterspielen«,»Ehrenamtliche Tätigkeit in einem wohltätigen Verein«und »Abendkurse« unter dem Punkt »Neue Beschäf-tigungen, die mich reizen könnten« angeordnet. Von denuntergeordneten Ästen können wieder Linien abzweigen,die eine dritte Ebene darstellen. »Zen«, »Weinseminare«,»Schreibwerkstatt« und »Wirtschaftskurse« sind Beispielefür diese dritte Ebene, in der die Abendkurse näherbestimmt werden. Man könnte noch eine vierte Ebenehinzufügen, vielleicht »Marketing« und »Buchhaltung« (inder Abbildung nicht dargestellt), um die Wirtschaftskurseaufzufächern, die man belegen möchte. Zeichnen Sie jetzt Ihren eigenen Ideenbaum und be-nutzen Sie die Abbildung als Anleitung. Von den oben ge-nannten drei übergeordneten Ideen sollten mindestens 50Ideen für Dinge abzweigen, die Sie bisher gern gemachthaben oder schon immer machen wollten. Schreiben Siealles auf, was Ihnen einfällt, auch wenn es Ihnen noch soalbern vorkommt. Hier wird jetzt nicht bewertet. Es 181
  • 182. müssen mindestens 50 Einträge werden, auch wenn es Sieein paar Tage kostet, sie zu finden; 49 reichen nicht! Der Baum kann noch durch weitere übergeordnete Ideenergänzt werden, wenn man bestimmte Freizeitbereicheausbauen will. Vielleicht sind Sie besonders daraninteressiert, Ihre freie Zeit mit Fitnesssport oder Reisenauszufüllen. Dann können Sie, wie in der Abbildung, dieübergeordnete Idee »Beschäftigungen, die mich körperlichfit halten« auf einen und »Reisen« auf einen weiterenHauptast schreiben. Beachten Sie bitte, dass derIdeenbaum bei Platzmangel auf ein zweites Blatt Papierausgedehnt werden kann, wie in unserem Beispiel dieIdeen zum Thema »Reisen«. Es ist nicht verkehrt, wenn dieselbe Idee in mehrerenKategorien auftaucht. Das kann sogar ein Hinweis daraufsein, dass diese Freizeitbeschäftigung besonders wichtigist. In meiner Abbildung erscheint beispielsweise»Schwimmen« unter »Beschäftigungen, die mich in derVergangenheit gereizt haben« sowie unter »Beschäf-tigungen, die mich körperlich fit halten« und unter»Reisen«. Wäre das Ihr persönlicher Ideenbaum, solltenSie das Schwimmen unbedingt als Erstes in Betrachtziehen, wenn Sie sich für eine Freizeitbeschäftigungentscheiden. Es wird kein Wunsch in uns geweckt, wenn wir nicht gleichzeitig auch über die Kraft, ihn zu verwirklichen, verfügen. Aber anstrengen müssen wir uns schon selber. Richard BachHier noch einmal die Vorteile eines solchen Ideenbaumes:Erstens ist er kompakt; man kann auf einem Blatt Papier 182
  • 183. viel unterbringen, und der Baum kann bei Bedarf erweitertwerden. Zweitens werden die Ideen in Kategoriengebündelt und lassen sich so besser ordnen. Darüberhinaus kann man neben den schon vorhandenen Ideenviele neue entwickeln. Ein weiterer Vorteil ist, dass derIdeenbaum auch mal eine Zeit lang liegen bleiben kann,bis einem wieder etwas Neues einfällt. Er kann regelmäßigauf den neusten Stand gebracht werden, dann hat man zumSchluss eine Riesenauswahl an Freizeitbeschäftigungen. 183
  • 184. Erweiterter IdeenbaumEin Ideenbaum kann auch mit Farben und Bildernausgeschmückt werden, was der Kreativität und demGedächtnis gleichermaßen förderlich ist. Die obigeAbbildung zeigt einen solchen Ideenbaum fürFortgeschrittene. Sieht doch viel ansprechender und 184
  • 185. inspirierender aus als eine biedere Liste! Haben Sie Ihren Ideenbaum auf fünf oder sechs Seitenausgebreitet, ist es so weit: Jetzt dürfen Sie aus einerVielzahl verschiedener Freizeitaktivitäten auswählen.Wenn Lebensfreude kein Fremdwort für Sie ist, sollten Sieso viel zu Papier gebracht haben, dass Sie fünf Leben langdamit beschäftigt sind. Wenn Sie nicht wenigstens genugfür zwei Leben aufgeschrieben haben, dann haben Sie essich entschieden zu leicht gemacht. Versuchen Sie es nocheinmal! Wem zum Ideenbaum nichts mehr einfällt, schautin der Liste auf den nächsten Seiten nach. Der Ideenbaumsollte so voll sein, dass Sie sich nie wieder überUnterbeschäftigung beklagen müssen.Übung 11Welche Freizeitbeschäftigungen die richtigen für Sie sind,ist Ihre persönliche Entscheidung. Vielleicht haben Sie dieeine oder andere, der Sie früher einmal nachgegangensind, übersehen oder im Laufe der Zeit vergessen. Ichhabe über 150 Freizeitaktivitäten in einer Listezusammengestellt, die Sie nach folgendem Prinzipdurchgehen können: 1. Interessiert mich 2. Hat mich mal interessiert 3. Habe ich schon mal dran gedacht 4. Interessiert mich nichtDie Beschäftigungen unter 1,2, und 3 interessieren Sie undgehören an Ihren Ideenbaum. Dabei fallen Ihnen unterUmständen neue Ideen ein, mit denen Sie den Baum 185
  • 186. erweitern wollen. Im Handumdrehen haben Sie genugzusammen und sind für eine gute Weile beschäftigt.Vielleicht haben Sie dann so viel vor, dass sie nicht einmaldazu kommen, dieses Buch zu Ende zu lesen. Ist der Ideenbaum fertig, heißt es aktiv werden undeinige dieser Dinge in Angriff nehmen. Wenn man soviele Ideen gesammelt hat, dass man mehrere Leben damitausfüllen könnte, muss man Prioritäten setzen. Man kannnicht alles auf einmal machen. Stellen Sie sich vor, Siehätten nur noch eine begrenzte Zeit zu leben, dann fälltdas Prioritätensetzen leichter. 186
  • 187. Aktivitäten für den Ideenbaum Ein Instrument spielen Spazieren gehen Joggen Ehrenamtlich tätig sein Kochen Ein neues Rezept erfinden Alte Freunde besuchen Neue Freundschaften knüpfen Wandern Schlafen Meditieren Einen Ausflug machen Nachzählen, ob diese Liste wirklich über 150 Punkteenthält Reisen Ins Kino gehen Einen Film drehen Den Umgang mit dem Computer erlernen Ein Computerprogramm schreiben 187
  • 188. Tennis spielenDas Haus streichenGolf spielenAngelnBarfuß durch einen Fluss watenZeltenBergsteigenSich politisch betätigenFahrrad fahrenMotorrad fahrenFreunde einladenEin neues Spiel erfindenIn die Bücherei gehenDen Familienstammbaum erstellenMit Kindern spielenUmsonst arbeitenBillard spielenZur Entspannung alleine tanzenTanzstunden nehmenEin altes Auto wieder flott machenEin Möbelstück restaurierenDas Haus renovieren 188
  • 189. Das Haus putzen Freunde anrufen Ein Buch schreiben Tagebuch schreiben Bildergeschichten erfinden Eine Autobiographie schreiben Ein Kleid nähen, einen Hut machen etc. Ein ansprechendes Outfit für nur 50 Euro entwerfen Damit beginnen zu sammeln Sonnenbaden Schwimmen Sex haben In die Kirche gehen Tauchen Schnorcheln Den Pilotenschein machen Fotografieren Ein Fotoalbum anlegen Herausfinden, was ein Rebus ist und selber zehnausdenken Herausfinden, was alles am Tag Ihrer Geburt geschah Das Wohnzimmer umräumen Einen Flohmarkt veranstalten Theater spielen Ein Theaterstück schreiben Drachen steigen lassen Einen Garten anlegen Einen Rekord im Rückwärtslaufen aufstellen Singen lernen 189
  • 190. Reiten Ein Gedicht auswendig lernen Gedichte schreiben Berühmte Zitate auswendig lernen Einen Brief an einen Freund oder eine Freundinschreiben Ein Lied auswendig lernen Den Sternenhimmel betrachten Einen Sonnenuntergang tief in sich aufnehmen Den Mond anschauen Sich mit fremden Religionen befassen Ein Haus bauen Ein unkonventionelles Haus entwerfen Auswandern Segeln Hockey spielen Ein Boot bauen Interessante Gerichtsprozesse als Zuhörer verfolgen Sich näher mit dem Börsengeschäft befassen Einen Verein gründen Einen Schaufensterbummel machen Lernen, wie man ein Auto repariert 190
  • 191. Testen, wie viele Fremde einen grüßen Kleider kaufen Leute beobachten Rollschuh fahren Karten spielen Jemanden zum Candle-Light-Dinner einladen An einem Rhetorikseminar teilnehmen An einem Weinseminar teilnehmen An der Universität einen Abschluss nachholen Fallschirmspringen lernen Sich über Gesundheit und Fitness informieren Auf einer Plantage Obst pflücken Sehenswürdigkeiten in der Umgebung besichtigen Einem neuen Hobby nachgehen Ein Palindrom erfinden (ein Palindrom ist ein Wort oderein Satz, die vorwärts wie rückwärts gelesen Sinn ergeben, zumBeispiel Leben - Nebel) Sich im Umweltschutz engagieren 191
  • 192. Auf den Flohmarkt gehen Ein Nickerchen machen Beim Pferderennen zehn Euro verwetten Die Wildnis durchstreifen Kreuzworträtsel lösen Eine Pension eröffnen Einen Swimmingpool bauen Tagträumen Eine Sportveranstaltung besuchen Einen alten Lieblingsort wieder aufsuchen Eine Ballonfahrt machen Ins Lieblingsrestaurant gehen Ein neues Restaurant ausprobieren Zur Massage gehen Tennisstunden nehmen Dem Hund neue Kunststücke beibringen Ins Theater gehen Ins Konzert gehen In Klausur gehen und abschalten Mit dem Lieblingsrezept an einem Wettbewerbteilnehmen Ein neues Produkt erfinden Mit dem Haustier spielen Gedächtnistraining machen Für ein politisches Amt kandidieren In den Zoo gehen Wein machen Mehr Menschenkenntnis entwickeln 192
  • 193. Abends den Tag noch einmal überdenken Eine karitative Einrichtung gründen Die eigenen Erfolge auflisten Einem guten Freund einen Streich spielen Sich beim Essen doppelt so viel Zeit lassen Versuchen, gar nichts zu tun Ein Museum besuchen In einen Verein eintreten Seilhüpfen Am Strand liegen Sich über die Solartechnik informieren Ein Buch über die Freizeit schreiben Selbsthypnose erlernen Sich aus der Hand lesen lassen Französisch, Spanisch usw. lernen Sich um einen kranken Menschen kümmern Ein Philosoph werden Über die Politik schimpfen Mich übertrumpfen und diese Liste auf 500 Aktivitätenerweitern 193
  • 194. Übung 12Stellen Sie sich vor, Sie hätten nur noch ein halbes Jahr zuleben. Wählen Sie aus Ihrem Ideenbaum das aus, womitSie sich in diesen sechs Monaten unbedingt nochbeschäftigen wollen.Was Sie sich jetzt herausgesucht haben, bedeutet Ihnen ammeisten – und Sie sollten sofort damit anfangen, morgenoder nächste Woche könnte es schon zu spät sein. DasLeben dauert nicht ewig, und man kann nie wissen, obman überhaupt noch ein halbes Jahr Zeit hat.Konzentrieren Sie sich auf die Aktivitäten und Ziele, dieIhnen wirklich am Herzen liegen, dann wird das Gefühlder Begeisterung und Befriedigung nicht lange auf sichwarten lassen. 194
  • 195. Direkt ins ZielWenn man auf der Mauer des auf Seite 145 abgebildetenObjekts im Uhrzeigersinn herumgeht, scheint es so, als obman ständig nach oben geht:Man hat das Gefühl, höher zu steigen, aber merkt bald,dass man immer wieder auf das Niveau desAusgangspunktes zurückkommt. Alle Mühe ist vergeblich– der Aufstieg bleibt eine Illusion. Die zielloseWanderung führt zu nichts und ist eine einzigeEnttäuschung. Was ein Genie auszeichnet, ist vor allem die Kraft, sein Feuer selbst zu schüren. John FosterDas Gleiche gilt für alle Beschäftigungen ohne Ziele undIdeale. Viele Menschen glauben, dass ihre planlosenAktivitäten ihnen eine Richtung im Leben geben. Auchwenn man noch so viel Energie in solche Pseudo-Zielesteckt – man erreicht nichts. Man muss natürlich aktivwerden, wenn man etwas erreichen will, aber höher hinauf 195
  • 196. kommt man nur, wenn man den Gipfel vor Augen hat.Wer ein neues und lohnendes Ziel erreichen will, mussdieses Ziel erst einmal kennen. Erst dann geht die Reise indie richtige Richtung. Eindeutige Ziele motivieren zum Handeln, sie machenkreativ und fantasievoll. Ein Ziel ergibt sich aber nicht vonselbst, es will erarbeitet werden. Erst muss es festgelegtwerden, dann sind Disziplin und Durchhaltevermögengefragt, um es zu erreichen. Und damit nicht genug: DieZiele müssen immer wieder überprüft und gegebenenfallsdurch neue ersetzt werden. Dieser ganze Kraftakt istvielen Menschen zu aufwändig, und sie verzichtenüberhaupt auf alle Ziele und Pläne. Auch wenn Sie schon genau wissen, was Sie mit IhrerFreizeit anfangen wollen, werden sich Ihre Neigungen undVorlieben im Laufe der Zeit ändern. Manche Ziele werdenerreicht sein, manche Beschäftigungen langweilig werden.Dann muss die Liste der Aktivitäten überprüft werden.Am besten sollte man das einmal pro Monat tun. Es ist ganz allein Ihre Aufgabe, die Ihnen niemandabnehmen kann, zu erforschen, zu akzeptieren und sich zudem zu entwickeln, was Ihre persönliche Bestimmung ist.Geben Sie sich dabei keinen Illusionen hin; alles, was dasLeben lebenswert macht – Abenteuer, Gelassenheit, Liebe,seelische Erfüllung, Befriedigung, Glück – hat seinenPreis. Alles, was das Leben intensiviert, muss man sichmühsam erkämpfen. Aber ist es nicht besser, einen Berg zu bezwingen als aufdem Hosenboden herunterzurutschen? Nur wenn manselbst aktiv wird und nicht passiv abwartet, nur wenn manselbst etwas bewegt und nicht nur einfach mitläuft, wirddas Leben lebenswert. 196
  • 197. AUF DIE DAUER HILFT NUR POWER 197
  • 198. Dynamische UntätigkeitViel freie Zeit zu haben heißt noch lange nicht, dass mandamit auch etwas Vernünftiges anfangen kann. So wie derBesitz eines Autos noch lange keine Fahrtüchtigkeitgarantiert. Im Laufe der Zeit sind die Vergnügungen derStadtmenschen weitgehend passiv geworden: Videosangucken, Fußballspiele am Fernseher verfolgen, Radiohören. Früher hatte es durchaus einen Sinn, sich in derFreizeit auszuruhen: die meisten Menschen verrichtetenschwere körperliche Arbeit. Das gilt heute imAllgemeinen nicht mehr, außerdem wird körperlicheArbeit heute von Maschinen erleichtert. Handeln macht nicht immer glücklich, aber ohne Handeln gibt es kein Glück. Benjamin DisraeliWer in seiner Freizeit untätig ist, ist meistens nur zu trägeund versucht, möglichst bequem über die Runden zukommen. Sogar in den dreißiger Jahren, als es noch mehrkörperliche Arbeit gab, war man in der Freizeit aktiver alsheute. Die Menschen lasen, gingen ins Kino oder zumTanzen. Wir sind ein Volk von Zuschauern geworden. Eswird zehnmal mehr ferngesehen, als aktiv einerBeschäftigung nachgegangen. Auch wer das Haus verlässt,ist nicht unbedingt aktiver. Untersuchungen habenergeben, dass nach dem eigenen Zuhause und demArbeitsplatz die Einkaufszentren die beliebtestenTummelplätze für die Freizeit sind. Was ist an der Passivität so schlimm? Der Wert der 198
  • 199. Freizeit hängt davon ab, ob man etwas erreicht, ob mansich selbst verwirklichen kann, und das ist nur mit einerAufgabe und einem Ziel möglich. Passive Be-schäftigungen verhelfen selten, wenn überhaupt, zu denseelischen Höhenflügen, die Langeweile vertreiben. Siesind keine Herausforderung, verfolgen kein Ziel und sindmeistens monoton und abgegriffen. Passivität birgt keinRisiko, man kann sich ihr unbesorgt hingeben, aber siebefriedigt auch nicht. Wenn passive Beschäftigungen nichtdurch aktive ergänzt werden, ist die Freizeit nutzlosvergeudet. Passive Beschäftigungen sind beispielsweiseFernsehen, Geld ausgeben, Sportereignisse anschauen undGlücksspiele. Ich bin nicht grundsätzlich gegen jedepassive Beschäftigung. Zur richtigen Zeit und am richtigenOrt haben sie durchaus ihre Berechtigung. Es gibt nichtsSchöneres als gelegentlich ganz spontan die Seelebaumeln zu lassen. Gegen Passivität ist nichts zu sagen,wenn sie nicht zum Dauerzustand wird und durch aktiveBeschäftigungen ergänzt wird.Ich wollte mich in meiner Freizeit schon immer künstlerisch betätigen. Wenn ich jetzt nur noch wüsste, ob ich meine rechte oder meine linke Hirnhälfte benutzen muss. 199
  • 200. Aktivität ist der Schlüssel zu einem langen undglücklichen Leben. Geistig und körperlich aktiv zu sein,zum Beispiel zum Bowling zu gehen oder einen Roman zuschreiben, ist anregender und befriedigender als vor demFernseher zu sitzen. Sogar seinen Träumen nachzuhängen,zu meditieren, nachzudenken oder Luftschlösser zu bauenist aktiver. Analysen haben ergeben, dass Erwachsene, diein ihrer Freizeit aktiv sind, seelisch und körperlichgesünder bleiben. Zu den aktiven Beschäftigungen gehörtzum Beispiel: Schreiben Lesen Körperliches Training Spazieren gehen Malen Musizieren An einem Seminar teilnehmenDie Freizeit muss gehegt und gepflegt werden, dann lässtsie Raum für Spaß und Vergnügen, Entspannung,Erfüllung und Erfolg. Zufriedenheit im Leben stellt sichein, wenn wir unsere Talente und Fähigkeiten auf dieProbe stellen können. Beschäftigungen, die wenigstenseinen Hauch von Risiko und Energie erfordern, sindbefriedigender als allzu erprobte und ausgetretene Wege. 200
  • 201. Der Sieg des Geistes über die MaterieGesellschaftliche Normen können die Auswahl derpersönlichen Aktivitäten empfindlich stören. Wer alt undträge werden will, braucht sich nur danach zu richten, wasdie Gesellschaft für typisch alt hält und was die Mediendazu sagen: Älter werden heißt dort, die aktiverenBeschäftigungen allmählich aufzugeben. Schon Fünfzig-bis Sechzigjährige sollten demnach kürzer treten, obwohlsie in diesem Alter noch sehr aktiv sein können. Umfragenhaben ergeben, dass die meisten Leute davon ausgehen, imRuhestand verstärkt passiven Beschäftigungennachzugehen. Nur wenige wagen sich als Rentner nocheinmal an neue aktive Beschäftigungen. Das Ganze ist eine Frage, ob der Geist über die Materiesiegen kann. Wenn man körperlich noch fit ist, kann dasAlter keine Entschuldigung dafür sein, dass man dieHände in den Schoß legt. Damit kommen wir wieder zuunserem alten Thema: der richtigen Einstellung; sie alleinentscheidet darüber, ob man in seiner Freizeit einenaktiven Lebensstil bevorzugt. 201
  • 202. Fit wie ein TurnschuhFür gesunde Menschen ist die Auswahl an Aktivitätenriesengroß. Doch Gesundheit ist leider nicht selbst-verständlich. Durch regelmäßiges Training kann manallerdings viel dazu beitragen, dass sie einem (nebst einemakzeptablen Gewicht) erhalten bleibt. Das Ergebnis einerwissenschaftlichen Studie des Institute for Aerobics inDallas zeigt, dass Menschen, die körperlich fit sind, längerleben. Schon ein mäßiges Training verbessert entschiedendie Gesundheit. Im Vergleich zu Männern, dieausgesprochen fit waren, war das Risiko, frühzeitig zusterben, bei Männern, die körperlich nicht besonders fitwaren, dreimal so hoch. Bei den Frauen war es viermal sohoch. Er hat nichts Besonderes gemacht, aber das hat er richtig gut gemacht. W.S. GilbertDer ›Wellness Letter‹ der University of Californiaberichtete 1992, dass 18 Prozent aller Einwohner vonMontana und 52 Prozent im Bundesdistrikt Columbiaeingeräumt hatten, monatelang keinen Sport mehrgetrieben zu haben. Ich nehme es mir schon übel, wennich mich in meiner Freizeit zwei Tage lang nichtkörperlich betätigt habe. Früher war ich allerdings derMeinung, dass man ungestraft wie ein Scheunendrescheressen kann, ohne sich körperlich fit zu halten. Von wegen!Als mir die Post wegen meines Umfangs eine eigenePostleitzahl verpassen wollte, habe ich dann eingesehen, 202
  • 203. dass Futtern ohne körperliches Training mich eine neueGarderobe kosten würde, von solchen Neben-sächlichkeiten wie Gesundheit und Wohlbefinden ganz zuschweigen. Jeder kann sich durch regelmäßiges Training fit halten,aber wer macht das schon? Obwohl eindeutig belegt ist,dass Bewegung der Schlüssel zu einer guten Gesundheit,einem langen Leben und körperlicher Attraktivität ist,leiden in den USA mindestens 60 Prozent derErwachsenen an Bewegungsmangel. Nur 22 Prozenterfüllen die Mindestanforderung von einer halben Stundemaßvoller körperlicher Aktivität mehrmals in der Woche. Wenn man sich allerdings nur gelegentlich aufs Fahrradschwingt und gemächlich in die Pedale tritt oder sich eineViertelstunde beim Schaufensterbummel die Beine vertritt,wird man nicht fit. Eine Studie der Harvard Universityergab 1995, dass nur intensive Bewegung, die über einenlängeren Zeitraum durchgehalten wird, zum Erfolg führt.Körperliche Anstrengung und Ausdauer gehören alsozusammen. Eine gewöhnliche Runde Golf kann man daherkaum als Krafttraining bezeichnen. Und eine halbe StundeGartenarbeit ist natürlich besser als gar nichts, aber fitwird man davon auch nicht. Für optimale Fitness empfehlen Mediziner mindestensdreimal die Woche durchgehend 20 bis 60 Minutenintensive körperliche Bewegung. Was in Form bringt, istzum Beispiel ein zügiger dreiviertelstündiger Marsch, undzwar mehrmals in der Woche. Fitness versprechen nurAktivitäten, die Herz und Kreislauf in Schwung bringen.Eine halbe Stunde stramm marschieren, joggen,schwimmen, tanzen, wandern oder Rad fahren sollte dasMinimum sein. Wenn man mindestens 20 Minuten langgeschwitzt hat, war das Training effektiv. Menschen, die wenig oder gar keinen Sport treiben, 203
  • 204. haben stets eine Ausrede parat; die fünf beliebtestenAusreden sind: Zu wenig Zeit Mangelnde Selbstdisziplin Mir fällt nichts ein, was mir Spaß macht Keiner macht mit Ich kann mir die Ausrüstung nicht leistenDas sind »tausend Ausreden und kein einzigervernünftiger Grund«, um mit Mark Twain zu reden.Ausreden sind für Leute da, die keine Verantwortungübernehmen wollen. Sehen wir uns die Ausreden einmalnäher an: Zeitmangel ist meistens eine Frage der falschenZeiteinteilung. Das lässt sich beheben, indem man sichZeit schafft. Wenn man sich einmal klar macht, wie vielStunden man täglich vor dem Fernseher sitzt, dann ist dasein guter Anlass, sich stattdessen in dieser Zeit sportlichzu betätigen. Allerdings muss man dann wenigstens sodiszipliniert sein und sich aus dem Sessel erheben. Diezweite Ausrede, mangelnde Selbstdisziplin, zeugt schlichtund einfach von Faulheit. Trägheit und Disziplinlosigkeitzu überwinden ist anstrengend und verlangt Übung, aberSie müssen sich aufraffen, denn keiner kann Ihnen dasabnehmen. Große Geister haben Ziele, andere haben Wünsche. Washington Irving 204
  • 205. »Mir fällt nichts ein, was mir Spaß macht«, ist diedümmste Ausrede, die man sich denken kann. Setzen Sie,bitte schön, Ihre Fantasie in Gang. Es gibt tausendMöglichkeiten, sportlich aktiv zu werden. Wenn Ihnennichts einfällt, was sie interessiert, heißt das nicht, dassalles langweilig ist; langweilig sind in dem Fall nur Sieselbst. Die Ausrede »keiner macht mit« ist genauso seicht.Es gibt genügend Dinge, die man allein machen kann.Falls nichts davon in frage kommt, weil Sie sich vor demAlleinsein fürchten, hilft Ihnen vielleicht das Kapitel»Lieber allein als in schlechter Gesellschaft« weiter. Wenn ich gewusst hätte, dass ich so lange lebe, hätte ich gesünder gelebt.Wer die Ausrede »ich kann mir die Ausrüstung nichtleisten« gebraucht, ist offenbar etwas beschränkt. Auchwenn die Werbung das Gegenteil suggeriert – sportlicheBetätigung muss nicht teuer sein. Es gibt alle möglichenAktivitäten, die praktisch nichts kosten. Wer in einemrelativ rauen Klima wohnt wie ich, überlegt, was er ankalten Tagen zu Hause machen kann. Das neueste Outfitist nicht entscheidend, es sei denn, man möchte aus demJoggen oder Ballspielen im Park eine Modenschau 205
  • 206. machen. Wer glaubt, dass er beim Joggen die neuesteMode tragen muss, um sich ein passendes Image zu geben,braucht eher ein Seminar zur Stärkung seinesSelbstbewusstseins. Es gibt noch mehr Ausreden, um nichts für seine Fitnesstun zu müssen: Ich bin zu alt. Das Wetter ist zu schlecht. Ich bin 20 Jahre alt und habe es nicht nötig zu trainieren. Ich habe Angst vor Verletzungen.Wenn Sie diese Ausreden benutzen, machen Sie sichselbst etwas vor. Sie wollen sich nur nicht eingestehen,dass Sie faul sind. Also: Vergessen Sie alle Ausreden!Legen Sie einfach los – und die Ausreden erledigen sichvon selbst. Wenn Sie sich für sportliche Betätigungen ein bisschenzu alt vorkommen, weil Sie schon die Vierzig oderFünfzig überschritten haben, sollten Sie noch einmal gutnachdenken! Ich kenne jemanden, der an jedemGeburtstag die Anzahl der Kilometer läuft, die seinemAlter entspricht. Dieser Mann hat damit erst angefangen,als er bereits 52 Jahre alt war. Zu diesem Zeitpunkt war erübergewichtig und ein starker Raucher. Es ist also nie zuspät, um etwas für seine Fitness zu tun. Berufstätigen fällt vielleicht die Ausrede ein, dass sienach der Arbeit zu müde sind. Gewöhnlich handelt es sichaber um eine geistige Erschöpfung, der man am bestendurch Bewegung beikommt. Die ersten zehn Minutenkosten Überwindung, die übrige Zeit ist dann fast ein 206
  • 207. Kinderspiel. Nach zehn oder zwanzig Minuten kann mantatsächlich so in Fahrt kommen, dass man gar nicht mehraufhören möchte und viel länger trainiert als beabsichtigt. Und das hat seinen Grund: bei sportlicher Betätigungschüttet der Körper Endorphine, die so genannten Glücks-hormone aus. Die dadurch erzeugte Hochstimmungbeseitigt das Gefühl der Erschöpfung. Überraschender-weise bekämpft körperliche Aktivität auch die Langweile,die einem zunächst jede Lust auf sportliche Betätigunggenommen hat. Wenn der Fernseher, das Sofa und der Kühlschrankschon die besten Freunde geworden sind, ist es höchsteZeit zu handeln. Verordnen Sie sich ein Fitnessprogramm,und halten Sie sich daran. Das Training hält gesund undbei Laune, was wiederum Lust auf noch mehr Aktivitätenmacht. Gesunde Menschen tendieren zu einer aktivenFreizeitgestaltung, angeschlagene zu Passivität.Regelmäßiges Training und körperliche Fitness tragenzum seelischen Wohlbefinden bei, und die körperlicheLeistungsfähigkeit bleibt wesentlich länger erhalten. Esgeht also um alles oder nichts. Die sportliche Betätigungkann den Alterungsprozess zwar nicht aufhalten, aber sehrwohl verzögern. Das Wichtigste dabei ist, dass man sicheinen Tritt gibt und einfach anfängt. 207
  • 208. Dumme Frage, kluge AntwortEin Auto wird regelmäßig gewartet, ein Fahrradregelmäßig gepflegt, ein Haus regelmäßig inspiziert. VieleMenschen lassen sogar regelmäßig ihren Körperdurchchecken – aber die wenigsten ihren Grips. Dreierlei ist schwer: eine Ungerechtigkeit ertragen; ein Geheimnis hüten; und der rechte Gebrauch der Muße. VoltaireDabei wäre das genauso sinnvoll. Der Körper ist vielleichtfit, aber mit dem Verstand sieht es bei vielen Menschentraurig aus. Kritisches und kreatives Denken istMangelware. Was in unserer Gesellschaft als Denkendurchgeht, ist meistens nichts weiter als das Wiederkäuenabgestandener Weisheiten, die die Medien oder andereLeute vorgegeben haben. Ein Kind stellt viele dumme Fragen. Es ist nochneugierig, und die Welt erscheint ihm voller Wunder Auchals Erwachsener können wir unseren Geist auf Trabhalten, indem wir uns für neue, spannende Dingeinteressieren und jeden Tag mindestens eine »dummeFrage« stellen. Es gibt so viele unerforschte Geheimnisse,über die man ein Leben lang nachgrübeln könnte. Wirwissen noch längst nicht alles (auch wenn das manchmalbehauptet wird). In Wirklichkeit haben dumme Leute aufalles eine Antwort, während kluge Leute regelmäßigdumme Fragen stellen. Es gibt so viel Interessantes umuns herum, was unsere Neugier wecken kann, dass es 208
  • 209. keinen Grund gibt, den Verstand einrosten zu lassen.Wenn Ihnen im Moment nichts einfällt, worüber Sienachdenken könnten – hier sind fünf Fragen zum Einstieg: Was ist ein anderes Wort für Thesaurus? Warum sind die Zehen vorne am Fuß und nicht hinten? Warum hält eine Kuh still, wenn der Bauer an ihre Milch will? Warum ist diese Frage an sich schon dämlich?Auch Kurse, die an Universitäten oder Volkshochschulenangeboten werden, halten den Geist beweglich – undlohnen sich ungemein. Zum Beispiel ein Weinseminar: einetwas ungewöhnliches Intelligenztraining, aber das reineVergnügen. Man nippt an einem Glas Wein und wirddabei klüger. Es hat viele weitere Vorteile, wenn man einen Kursbelegt: Das Selbstwertgefühl wächst. Man lernt neue Leute kennen. Man erweitert sein Wissen. Die geistige Beweglichkeit wird trainiert. Man bereitet sich auf die Rückkehr in den Beruf vor. Man bleibt auf dem Laufenden.Ein kreativer Geist ist ein wacher Geist, und ein wacherGeist stellt viele Fragen. Nur aktives Fragen bringt unsweiter und eröffnet neue Horizonte. Es sollte normal sein, 209
  • 210. die eigenen Werte, Überzeugungen und Gewohnheitenimmer wieder zu hinterfragen. Sokrates, ein großartigerDenker seiner Zeit, ermunterte seine Studenten, alles inFrage zu stellen, einschließlich seiner Lehren. BenutzenSie bewusst Ihren Verstand, und lassen Sie ihn ebensowenig einrosten wie Ihren Körper! 210
  • 211. Reisen ohne TourismusReisen, wenn es denn richtig betrieben wird, erweitert denHorizont und bringt frischen Wind ins Leben. AndereMenschen, andere Sitten, eine andere Umgebung und eineandere Lebensweise bereichern. Aber nur, wenn man aktivreist. Es reicht nicht, wochenlang lustlos am Strand zuliegen, sich von der Sonne braten zu lassen und denanderen Urlaubern zuzusehen, wie sie sich ebensolangweilen.Eine Landpartie ist nicht gerade Diese aber doch. aufregend. Das Land heißt Mexiko.Von Pauschalreisen, bei denen man von einem Ort zumanderen gekarrt wird und an einen festen Zeitplangebunden ist, sollte man möglichst Abstand nehmen. Dasist passives Reisen. Reisen Sie lieber richtig, so wie meinFreund Jim. Er macht individuelle Reisen, bei denen ersich nicht von starren Reiseplänen abhängig macht. Ermuss auf niemanden Rücksicht nehmen, kann Land undLeute kennen lernen und tun, was ihm gefällt. Es bleibtRaum für Spontaneität und Überraschungen, und derUrlaub ist wesentlich interessanter. 211
  • 212. Wer gute Bücher nicht liest, steht nicht besser da als der, der sie nicht lesen kann. Mark TwainDavon abgesehen muss man nicht immer weit weg fahren.Erkunden Sie ruhig einmal Ihre eigene Umgebung etwasgenauer. Jeder Ort hat seinen unverwechselbaren Charme,den die Bewohner häufig nicht wahrnehmen oderunterschätzen Nehmen Sie sich Zeit, vielleicht schonBekanntes neu zu entdecken. Möglicherweise finden Siedas Paradies sogar im eigenen Garten. 212
  • 213. Lese- und Schreibschwäche unerwünschtZwei andere aktive Beschäftigungen können die Freizeitenorm bereichern: Lesen und Schreiben, auch wenn sienicht besonders populär sind. Ich will schnell erwachsen werden. Also mach ich es so wie alle Erwachsenen und lese nur noch ein Buch im Jahr.Eine große Buchhandlung ist eine wahre Schatzkiste.Auch jede öffentliche Bücherei ist eine literarischeGoldgrube. Lesen gehört zu den anregenden underfreulichen Dingen im Leben, die man sich nichtentgehen lassen sollte. Manchen ist es vielleicht zuanstrengend, ein Buch zu lesen. Diesen Menschen möchteich noch einmal meine »einfache Lebensregel« ans Herzlegen: Je unbequemer der Weg, desto müheloser dasLeben. Lesen ist der schnellste Weg, Erkenntnisse und Wissenüber die Welt zu sammeln. Die einfachste (und nebenbeibemerkt die billigste) Methode, um Zugang zu Weisheitund Wissen für den beruflichen und privaten Erfolg zu 213
  • 214. erhalten, ist die Lektüre der großen Philosophen. Das Schreiben erfordert etwas mehr Anstrengung als dasLesen. Um einen Brief oder ein Buch zu schreiben, mussman sich erst einmal Gedanken machen, sie ordnen unddann zu Papier bringen. Briefe zu schreiben kommt leiderimmer mehr außer Mode, aber wer gerne welchebekommt, sollte auch welche schreiben, weil er dannselbst mehr erhalten wird. Einen Brief zu schreiben kanneine sehr befriedigende Angelegenheit sein, wenn man einwenig Fantasie walten lässt; ein paar Zusätze, wie Zitateoder Zeichnungen, verleihen dem Brief einen besonderenTouch, und der Empfänger freut sich, dass er keinenAllerweltsbrief in den Händen hält. Ein Buch zu schreiben ist schon schwieriger. Aber harteNüsse sind zum Knacken da. Wollten Sie nicht auch schonimmer mal ein Buch schreiben? Bitte – fangen Sie an.Was ich kann, können Sie auch. Am besten fangen Sie miteiner Viertelstunde täglich an. Dieses Buch ist auch soentstanden. Sogar dieses Minimum an Zeitaufwand führtschließlich zum Erfolg. Wenn das Buch fertig ist und Sie damit zufrieden sind,verlegen Sie es ruhig selbst. Viele Bestseller wurdenzunächst auf diese Weise veröffentlicht. Sie sollten denErfolg Ihres Buches allerdings nicht daran messen, wie oftes sich verkauft. Wenn es auch nur einem anderenMenschen Freude macht, ist es ein Erfolg; alles wasdarüber hinausgeht, ist eine Zugabe. Ich denke, dass nur Analphabeten und Faulpelze keinenSpaß am Lesen und Schreiben haben. Aber vielleicht liegeich falsch. Vielleicht gehören Sie gar nicht zu diesenMenschen und trotzdem können Sie dem Lesen undSchreiben nichts abgewinnen. Dann versuchen Sie es ebenmit etwas anderem – es gibt genug Auswahl. 214
  • 215. Es gibt nichts Gutes, außer man tut es Mein Leben ist voll von Hindernissen. Das größte bin ich selber. Jack ParrDie innere Einstellung und ein gewisser Enthusiasmus, dasist so weit hoffentlich klar geworden, bestimmen den Wertder Freizeit. Damit ist der richtige Ansatz gefunden,Erlebnisse und Situationen herbeizuführen, die das Lebenbereichern und lebenswert machen. Ein handlungs-orientierter Mensch überwindet die Trägheit, die unshäufig daran hindert, unsere Worte in die Tat umzusetzen.Auf diese Weise wird man kreativ und lebendig und kannletztlich Depressionen, Ängste und Stress verbannen. Es gibt zwei Haltungen, die man dem Leben gegenübereinnehmen kann: entweder man ist Teilnehmer oderZuschauer. Der eine bringt die Dinge in Schwung, derandere steht daneben und sieht zu. Wenn man sich für dieRolle des Zuschauers entscheidet, wird das Lebenallerdings plötzlich vorbei sein, und man wird sich fragen,ob man überhaupt etwas erlebt hat. Bescheide dich und handle – und überlass das Reden den anderen. Balthasar GracianKörperliche und seelische Schlaffheit sind mit Sicherheitder Preis, den man bezahlt, wenn man die Freizeit, zum 215
  • 216. Beispiel durch endlosen Fernsehkonsum, teilnahmslos ansich vorüberziehen lässt. Wer ständig die Zeit totschlägt,befördert seinen eigenen Tod. Außerdem macht eineunausgewogene Freizeitgestaltung, bei der sich aktive undpassive Beschäftigungen nicht die Waage halten,unzufrieden. Das beste Mittel gegen die Langeweile sindfesselnde Beschäftigungen, für die man sich begeistert, dieein wenig Energie erfordern und ein Ziel haben. Am besten ist es, wenn man sich für mehrere Dingebegeistert. Vielleicht sind Sie ein passionierter Berg-steiger, Fallschirmspringer, Reiter oder Münzsammler.Entscheidend ist dabei, wirklich Feuer und Flamme zusein; nur so hat man die Energie, aktiv zu werden. WennSie etwas mit Leidenschaft tun, strahlen Sie diese Energieautomatisch aus und werden insgesamt ein interessantererMensch.Übung 12Nehmen Sie sich noch einmal ihren Ideenbaum oder IhreListe mit den Aktivitäten vor, die für Sie in frage kommen.Ordnen Sie diese Aktivitäten auf einer Begeisterungsskalavon eins (praktisch kein Interesse) bis fünf (brennendesInteresse).Jeden Eintrag, der vier oder fünf Punkte erreicht hat,sollten Sie besonders berücksichtigen. Alles andere fesseltSie zu wenig, und Sie werden schnell die Lust daranverlieren. Zu einer Beschäftigung, bei der die eigene Begeisterungder Motor ist, braucht man sich nicht zu zwingen. Manmüsste sich höchstens zwingen, die Finger davon zulassen. Begeisterung, Hingabe und Eifer motivieren 216
  • 217. automatisch zum Handeln. Ihre Lieblingsaktivitätenwerden Ihnen eine große Zufriedenheit und Erfüllungbescheren, und Sie werden sich als Mensch zwangsläufigpositiv weiterentwickeln. 217
  • 218. JETZT ODER NIE! 218
  • 219. Carpe diemBei einer Umfrage des ›World Tennis Magazine‹ zumThema Sex und Tennis gaben von 500 Befragten 54Prozent an, beim Tennisspielen an Sex zu denken. Wassoll man dazu sagen? Den Schlussfolgerungen sind keineGrenzen gesetzt: Möglicherweise finden die Leute Tennislangweilig. Oder sie haben einen überaus attraktivenTennispartner. Auch eine Freud’sche Erklärung wäre nichtganz abwegig: sie sind so auf Sex fixiert, dass sie an nichtsanderes denken – sei es beim Tennisspielen, beim Essen,beim Nähen oder beim Reiten. Irgendwann zwischen Sonnenaufgang und Sonnenuntergang gingen gestern zwei goldene Stunden verloren, jede mit sechzig kostbaren diamantenen Minuten besetzt. Eine Belohnung wird nicht ausgesetzt, denn sie sind für immer dahin. Horace MannMeine Erklärungsversuche sollen nur verdeutlichen, wieschwer es diesen Tennisspielern fällt, im gegenwärtigenMoment zu leben, den Augenblick wahrzunehmen und ihnzu genießen. Die Zeitschrift hat sich zwar leider nichtdanach erkundigt, aber ich könnte mir vorstellen, dassdieselben Leute ans Tennisspielen denken, wenn siegerade Sex haben. Es wäre auch interessant zu ermitteln,wie viele Musiker während eines Konzerts an Sex denken. Wie die Tennisspieler leben die meisten Menschen nichtim »Jetzt«, sondern im »Vorher« oder »Nachher«. Die 219
  • 220. kostbarsten Augenblicke im Leben gehen verloren, weilwir immerzu mit der Vergangenheit oder der Zukunftbeschäftigt sind. Wir gehen wie Schlafwandler durchsLeben und achten kaum auf das, was um uns herumvorgeht. Wir sind die meiste Zeit »bewusstlos«, wiemanche Philosophen behaupten. Wer zu den wenigenbewussten Menschen gehören will, sollte sich klarmachen, dass jetzt – und nur jetzt – das Jetzt ist. Dergegenwärtige Augenblick ist das Einzige, was mantatsächlich erleben kann. In der Gegenwart zu lebenbedeutet zu akzeptieren, dass man niemals vergangeneoder künftige Momente erleben kann. Ob man eswahrhaben will oder nicht – mehr als das Jetzt gibt dasLeben nicht her. 220
  • 221. Der entscheidende AugenblickIn manchen Kulturen kann ein Augenblick einen ganzenNachmittag lang dauern. Auch Anfang und Ende einerFreizeitbeschäftigung richten sich nicht nach der Uhr. EinGespräch muss nicht unbedingt auf eine viertel oder halbeStunde begrenzt sein; es beginnt, wenn es beginnt, undendet, wenn es endet. In der Gegenwart leben bedeutet, den Augenblick vollauszuschöpfen. Mein Freund Mij ist ein Meister in dieserKunst. Mit 43 Jahren gab er seine Stellung alsUniversitätsprofessor auf, um sich nur noch seinemSeelenleben und seiner persönlichen Entwicklung zuwidmen. Neugierig wie ich bin, wollte ich wissen, was ermit seiner vielen freien Zeit anfängt und was er fürZukunftspläne hat. Zu dieser Zeit war er schon seit zweiJahren arbeitslos. Mij gab mir eine typische Zen-Antwort,die bewies, dass er nicht die geringsten Probleme mitseinem arbeitsfreien Leben hat. Er sagte, er widme sichdem Augenblick. Sich dem Augenblick widmen – das ist wesentlich, wennman seine Freizeit (und das Leben ganz allgemein)genießen will. Der Wert der Freizeit hängt davon ab, obman in der Lage ist, sich einer Tätigkeit vollkommenhinzugeben, denn nur so ist sie befriedigend. Das giltimmer, ob man Schach spielt, einen Fluss durchwatet odereinen Sonnenuntergang betrachtet. Man ist offen für alleEindrücke und mit sich und der Welt zufrieden. In der Gegenwart, im Augenblick zu leben ist auch einAnliegen des Zen, einer fernöstlichen Lehre, deren Zieldie innere Erleuchtung ist. Die folgende Geschichteveranschaulicht, wie wichtig es ist, sich dem Moment 221
  • 222. hinzugeben: Ein Zen-Jünger fragte einmal seinen Lehrer: »Meister, was ist Zen?« Der Meister antwortete: »Zen heißt, dass du den Boden scheuerst, wenn du den Boden scheuerst, dass du isst, wenn du isst, und schläfst, wenn du schläfst.« Der Jünger erwiderte: »Meister, das klingt recht einfach.« »Natürlich«, meinte der Meister, »aber es beherzigen nur wenige.«Die Fähigkeit, sich auf den Augenblick und dieanstehenden Aufgaben zu konzentrieren, ist einwesentlicher Aspekt kreativer Prozesse. Man muss sich vor allem angewöhnen, eins nach demanderen zu machen und nicht zwei oder drei Dinge aufeinmal. Wer körperlich arbeitet, sollte nicht gleichzeitigüber etwas nachdenken, weil man sich sonst weder auf daseine noch das andere konzentrieren kann. Eine einmalgewählte Freizeitbeschäftigung sollte auch nicht gleichwieder abgebrochen werden. Entweder man macht eineSache richtig oder gar nicht. Kreative Menschen, die in ihren Projekten total aufgehenkönnen, lassen sich von nichts ablenken. Ihr Geheimnis?Sie widmen sich dem Augenblick und kümmern sich nichtum das, was danach kommt. Wer schon einmal von einer Sache gepackt undmitgerissen wurde, so dass der Alltag völlig in denHintergrund trat, weiß, was es heißt, »im Moment zuleben«. In der Regel erlebt man in solchen Augenblickenein Gefühl großer Zufriedenheit. Darüber hinaus werdenhäufig folgende Empfindungen beobachtet: 222
  • 223. Muss schön sein, so im Porsche Muss schön sein, so den rumzufahren Nachmittag zu verbummeln. Freiheitsgefühle vollständiges Aufgehen in der momentanen Beschäftigung Abstand von sich selbst erhöhte Wahrnehmungsfähigkeit Verlust des Zeitgefühls erhöhte körperliche und seelische Sensibilität Es gibt nichts Kostbareres und Wertvolleres als die Zeit. Französisches SprichwortDas Geheimnis einer geglückten Freizeitgestaltung liegtalso darin, möglichst oft Beschäftigungen nachzugehen, indie man sich völlig vertiefen kann. Das kann heißen, dassman einen ganzen Nachmittag ohne ein bestimmtes Ziel inden Regalen einer Bücherei stöbert oder einenhandgeschriebenen Brief verfasst, in dem man seinen 223
  • 224. Gedanken freien Lauf lässt. Wenn man sich dem Momentwidmet, ist man von einer Tätigkeit so fasziniert undbegeistert, dass man Zeit und Ort vergisst und. nichtsanderes mehr zählt. 224
  • 225. Eile mit WeileWenn Sie nicht innerhalb von 5 Minuten bedient werden, werden Sie in 8 oder 9 Minuten bedient … vielleicht auch in 12 Minuten Machen Sie es sich gemütlich! (auf der Speisekarte des Ritz Hotels in Edmonton)Manche Menschen sind unentwegt in fieberhafter Eile,wissen aber weder warum noch wohin sie eigentlichwollen. Vielleicht haben sie es deshalb so eilig, weil sieeher ankommen und länger warten wollen? Muss bei Ihnen auch immer alles ruck-zuck gehen?Wann haben Sie sich zuletzt Zeit für ein Gespräch mitFreunden genommen? Wann haben Sie Luft geholt undsich gefragt, warum Sie eigentlich so hetzen? Springen Sieetwa auch jedes Mal hastig zum Telefon? Sie können esruhig etwas länger klingeln lassen, davon geht die Weltnicht unter. Menschen, die unter chronischem Zeitmangel leiden,sind im wahrsten Sinne des Wortes nicht ganz gesund undsterben sogar auffallend oft an Herzkrankheiten. Charakte-ristische Symptome dieser »Keine-Zeit-Patienten« sindeine erhöhte Herzfrequenz, hoher Blutdruck, Magenbe-schwerden und Muskelverspannungen. Ständiger Zeit-druck macht krank und kann zu frühzeitigem Tod führen. Im Folgenden finden Sie ein paar Vorschläge, wie Siedas Tempo etwas drosseln und das Leben mehr genießenkönnen: 225
  • 226. Beschäftigen Sie sich nicht so viel mit der Zukunft. Sorgen Sie sich nicht um das, was Sie noch alles machen müssen und ob Sie noch genug Zeit dafür haben. Wenn die Zeit reicht, werden Sie fertig, wenn die Zeit nicht mehr reicht, werden Sie eben morgen fertig. Trinken Sie Ihre Tasse Kaffee mit Bedacht und so genüsslich, als stünde die ganze Welt andächtig still, damit Ihnen der Kaffee schmeckt. Rasen Sie beim Autofahren nicht so. Gehen Sie vom Gas, auch wenn Sie’s eilig haben. Reservieren Sie täglich ungefähr eine unverplante halbe Stunde für alles, was Ihnen spontan einfällt und wozu Sie sonst nicht kommen. Verbringen Sie jeden Tag eine Weile mit sich allein, und überlassen Sie das Telefon dem Anrufbeantworter. Betrachten Sie den Sonnenuntergang so lange, bis die Sonne ganz verschwunden ist. Unterhalten Sie sich ausgiebig mit Ihrem Nachbarn, ohne auf die Uhr zu schielen. Kosten Sie das morgendliche Duschen voll und ganz aus. Nehmen Sie sich so viel Zeit dafür, wie Sie benötigen.In einer Kultur, die dem Materialismus, der Arbeitswutund der Geschwindigkeit huldigt, lautet der Schlachtruf:»Zeit ist Geld.« Zum Teufel mit der Zeit, die nach Geldund Gold bemessen wird! Bemessen wir sie lieber nachdem Glück, das sie uns bringt. »Zeit ist Glück« statt »Zeitist Geld«: Unter diesem Motto ließe es sich weitausangenehmer und gesünder leben. 226
  • 227. Sorge dich nicht, lebe!Die ständige Sorge um alles Mögliche, um Wichtiges undUnwichtiges, verdirbt uns die Freude am Augenblick. DieSorgen haben so Überhand genommen, dass immer mehrMenschen unter ernsthaften seelischen Störungen leiden.Übung 13Es gibt zwei Tage in der Woche, über die man sich keineGedanken machen muss. Welche beiden Tage sind das?Hier noch eine Geschichte aus der Lehre des Zen zumThema sorgenvolles Denken: Zwei Mönche, Eanzan und Tekido, gingen einmal aufeiner schlammigen Straße entlang, als sie einerwunderschönen Frau begegneten, die die Straße nichtüberqueren konnte, ohne sich die seidenen Schuheschmutzig zu machen. Wortlos trug Eanzan die Frau aufdie andere Straßenseite und setzte sie dort ab. Die beidenMönche setzten schweigend ihren Weg fort. Als sie amAbend ihr Ziel erreicht hatten, sagte Tekido: »Du weißtdoch, dass Mönche den Kontakt mit Frauen meiden sollen.Warum hast du diese Frau heute Morgen über die Straßegetragen?« »Ich habe sie am Straßenrand wieder abgesetzt«antwortete Eanzan, »warum trägst du sie immer noch mitdir herum?«Diese Geschichte illustriert die Zen-Weisheit, dass man 227
  • 228. die Last vergangener Probleme abwerfen muss und nichtmit durchs Leben schleppen darf. Unsere Sorgenüberschatten unser gesamtes Denken, und wir sind schonso an unsere Sorgen gewöhnt, dass wir uns Sorgenmachen, wenn wir mal keine haben. Ich bin ein alter Mann, und keine Sorge ist mir fremd, aber das meiste, worum ich mich gesorgt habe, ist überhaupt nicht eingetreten. Mark TwainWer eigentlich zu den chronischen Sorgenkrämern gehört,im Moment aber keinen Anlass hat, sich Sorgen zumachen, möge sich aus der folgenden Liste bedienen. Ichhabe sie einmal zusammengestellt, als ich den hübschenEinfall hatte, in meinem Lieblingscafe Vorträge überZwangsvorstellungen zu organisieren. Wie bei allenmeinen wirklich phänomenalen Ideen hielt sich dieBegeisterung für diesen Vorschlag allerdings in Grenzen.Worüber man sich Sorgen machenkönnte: Was wird aus dieser Welt, wenn ich zu viel Motivation entwickle? Wer klaut dauernd meine Socken? Was soll ich anziehen, wenn ich im Fernsehen einmal als Gast in einer Talkshow auftrete? Wer hat Socken erfunden? Werde ich als anderer Mensch wiedergeboren? Wieso kennen mich alle diese seltsamen Leute in 228
  • 229. dem Café? Hat Nachbars Katze Funktionsstörungen? Warum hat Celine Dion nicht mich geheiratet? Welches Auto soll ich mir kaufen, wenn ich im Lotto gewinne? Warum bin ich der einzige Kunde in diesem Bistro? Wie viele Bilderrätsel gibt es? Bin ich ein Überflieger und vergeude meine Zeit, egal was ich tue? Mögen Legastheniker Palindrome? Ist es mein Lebenszweck, dass ich für andere ein abschreckendes Beispiel bin? Wer ist die hübsche Blondine da drüben? Stehe ich wirklich auf blond? Wenn ich eine Blondine heirate, werde ich dann am Ende brünette Frauen bevorzugen? Warum haben die Autos keinen Spritzschutz an den Kotflügeln mehr? Muss ein Perfektionist wie ich einen Paradigmenwechsel vollziehen? Bin ich etwa der Einzige, der noch keinen Paradigmen Wechsel hinter sich hat? Wird jemand diese Liste klauen und sie an anderer Stelle gewinnbringend ausschlachten? Komme ich wegen dieser Liste hinter Gitter?Angst, Furcht und Schuldgefühle sind die Folge, wennman sich bei der Arbeit oder bei anderen Beschäftigungenständig mit Sorgen belastet. Wie oft quält man sich mitdem, was gestern war und was morgen sein wird! Und 229
  • 230. damit sind wir schon bei der Antwort auf Übung 13: Diebeiden Tage, um die man sich keine Gedanken machensollte, sind gestern und morgen. Und wie sieht es bei Ihnen aus? Sorgen Sie sich auch umalles und jedes und verpassen über all dem das Heute? Können Sie sich auf das Hier und Jetzt konzentrieren?Die ständige Befürchtung, dass man etwas verlieren,versagen oder Fehler machen könnte, macht verkrampftund ängstlich. Stress, Kopfweh, Panikattacken,Magengeschwüre und andere Leiden sind häufig dieFolge. Die meisten Sorgen sind selbst gestrickt undüberflüssig. Die folgende Statistik gibt Ihnen vielleicht zudenken:Überflüssige Sorgen40 Prozent aller Sorgen drehen sich um Ereignisse, die nieeintreffen. 30 Prozent aller Sorgen drehen sich um Ereignisse, dieschon längst Vergangenheit sind. 22 Prozent aller Sorgen drehen sich um triviale Dinge. 4 Prozent aller Sorgen drehen sich um Dinge, die nichtzu ändern sind. 4 Prozent aller Sorgen drehen sich um Dinge, die manändern könnte. Die Welt kann man nur steuern, wenn man ihr ihren Lauf lässt, nicht, indem man ihren Gang stört. Laotse 230
  • 231. 96 Prozent aller Sorgen beziehen sich also auf Dinge, aufdie wir keinen Einfluss haben und sind damit reineZeitverschwendung. Noch viel überflüssiger ist es aber,sich Sorgen über Dinge zu machen, auf die man Einflusshat, gerade weil man etwas tun kann. Langer Rede kurzerSinn: 100 Prozent aller Sorgen sind überflüssig. Halten Sie sich als kreativer Mensch lieber an MurphysGesetz, demzufolge sowieso »schief geht, was schiefgehen kann«. Hindernisse sind im Leben so sicher wie dasAmen in der Kirche. Auch der kreativste Mensch kann sienicht alle beiseite räumen. Es werden immer wieder neueStolpersteine auftauchen, aber einfallsreiche Menschenlassen sich davon nicht abschrecken und überwinden sieauf die eine oder andere Weise praktisch alle. Wenn einHindernis auftaucht, versuchen sie es zu überwinden: gehtdas nicht, krabbeln sie eben unten durch. Wenn das nichtklappt, gehen sie außen herum oder probieren, durch dieMitte hindurchzubrechen. Dank dieser vielfältigen Aus-und Umwege brauchen Sie sich keinerlei Sorgen überHindernisse zu machen. Ist momentan keins in Sicht, gut.Wenn doch, auch gut, denn nun wartet eine neueHerausforderung, der man sich stellen kann. Die ewige Sorgenkrämerei kostet enorm viel – wennnicht gar alle – Energie, die besser für die Lösung derProbleme eingesetzt werden sollte. Es kommt, wie eskommt. Nach diesem Motto lebt es sich leichter, und dieSorgen erledigen sich fast von selbst. 231
  • 232. TreibgutManche Leute möchten ständig alles unter Kontrollehaben. Sonst werden sie nervös und fühlen sich hilflos.Aber dieses Bedürfnis nach Kontrolle kann sich negativauswirken. Gerade das Loslassenkönnen ist wichtig, wennman ein kreativer, flexibler und wacher Mensch sein will.Was natürlich allen gängigen Vorstellungen widerspricht. Es ist viel einfacher, ein Pferd in die Richtung zu lenken,die es sich selbst in den Kopf gesetzt hat. Entsprechendeinfach gestaltet sich das Leben, wenn man auch der Weltihren freien Lauf lässt und nicht immer bestimmen will,wohin die Reise geht. Wie wichtig das ist, zeigt derfolgende Vergleich: Stellen Sie sich vor, Sie treiben auf einem Floß einenschäumenden und gefährlichen Strom hinunter. Das Floßkentert, und Sie fallen ins reißende Wasser. Es bleibenIhnen nun zwei Möglichkeiten: Entweder Sie versuchenzu kämpfen und gegen den Strom zu schwimmen – dannlaufen Sie Gefahr, an einen Felsen geschleudert zu werdenund sich zu verletzen. Oder Sie geben jeglichenWiderstand auf – und haben in diesem Moment die Sacheunter Kontrolle: Sie treiben mit dem Strom, und dasWasser prallt nicht gegen die Felsen, sondern sucht sichseinen Weg außen herum. Hat man einen Elefanten am Hinterbein erwischt, und er will sich losreißen, dann lässt man ihn am besten laufen. Abraham Lincoln 232
  • 233. Das Leben ist ein wilder Fluss. Um es ohne allzu großeBlessuren zu überstehen, müssen wir lernen, mit demStrom zu schwimmen, das heißt, darauf verzichten, allesim Griff haben zu wollen und alles überschauen zukönnen. Man muss nicht immer wissen, wie eine Sacheausgeht. Das Schicksal hat man am besten im Griff, wennman es nicht kontrollieren will und sich keine Sorgendarüber macht, wohin wohl alles führen wird. Es spielenohnehin so viele unvorhersehbare Faktoren mit, die auchdie ausgefeiltesten Pläne zunichte machen können. Ein kreativer und wacher Geist sperrt sich nicht, sondernfolgt der Strömung, weil er weiß, wie wichtig jederAugenblick des Lebens ist. 233
  • 234. Spontan ohne PlanSpontaneität und die Fähigkeit, den Augenblick zugenießen, ist den meisten Erwachsenen abhandengekommen. Mark Twain sprach wohl über seinen Mangelan Spontaneität, als er einmal sagte: »Ich brauche immergut drei Wochen, bis ich eine vernünftige Rede aus demStegreif vorbereitet habe.« Der bekannte Psychologe Abraham Maslow behauptet,dass mit zunehmendem Alter die Spontaneität abnimmt:»Fast jedes Kind kann ein Lied, einen Tanz, ein Bild oderein Spiel aus dem Bauch heraus erfinden, ohne lange zuüberlegen.« Laut Maslow verliert sich diese Fähigkeit imLaufe der Zeit. Nur eine kleine Minderheit behält sie oderfindet sie später wieder. Es sind die Menschen, die sichselbst verwirklichen. Wer im siebten Kapitel nachschlägt,kann dort lesen, dass man ein inneres Gleichgewichterreicht, wenn man sich selbst verwirklicht. Maslow nenntdas den Zustand vollkommenen Menschseins. Er stelltefest, dass Menschen, die sich selbst verwirklichen, spontanund äußerst kreativ sind. Eigentlich hatte ich heute für drei Uhr was Spontanes eingeplant, aber ich ersticke in Arbeit. Ich muss das wohl auf morgen verlegen 234
  • 235. Spontaneität ist nur ein anderes Wort für ein lebendigesund unverkrampftes Handeln, in dem echte Gefühle ihrenAusdruck finden. Spontane Menschen können verspieltund unvernünftig sein wie Kinder. Sie können plötzlichihre Pläne über den Haufen werfen, wenn es derAugenblick verlangt. Und haben, wie ein Kind, keineProbleme mit Reden aus dem Stegreif. Und wie spontan sind Sie selbst? Klammern Sie sich anIhren Tagesplan und gehorchen immer derselben Routine?Blasen Sie manchmal eine Sache ab und machen etwasganz anderes? Ich stelle immer wieder fest, dassüberraschende und interessante Dinge passieren, wenn ichetwas Spontanes tue. Beobachten Sie Kinder und nehmen Sie sich ein Beispielan ihnen. Stellen Sie Ihre Pläne auf den Kopf, probierenSie etwas Neues aus, wenn es Ihnen gerade in den Sinnkommt. Machen Sie jeden Tag etwas, das Sie sich nichtvorgenommen haben. Das kann eine Kleinigkeit sein,vielleicht machen Sie einen Umweg, den Sie noch nichtkennen, probieren ein neues Restaurant aus oder gönnensich ein unbekanntes Vergnügen. Die Freizeit wirddadurch farbiger und interessanter. 235
  • 236. Jeden Morgen geht die Sonne auf …Vor kurzem sah ich morgens eine ziemlich abgerisseneGestalt aus einem schäbigen Vorstadthotel treten. DerMann war alleine und hatte mich nicht gesehen. Gutgelaunt begrüßte er den neuen Tag: »Guten Morgen, duschöne Welt«, und das strahlende Wetter entlockte ihm ein»Herrlich! Einfach herrlich!« Der Mann imponierte mir. Er hatte ganz offensichtlichnicht an den materiellen Segnungen unserer Gesellschaftteil und war doch glücklich und freute sich wie einSchneekönig seines Lebens. Abraham Lincoln hat einmal gesagt, dass die Menschenso glücklich sind, wie sie sich fühlen. Ich denke, dieärmliche Gestalt, die mir an jenem Morgen begegnet ist,hätte nicht widersprochen. Also bitte: Man ist soglücklich, wie man sein möchte! Seit Jahrhundertenpredigen große Denker und religiöse Führer derunterschiedlichsten Glaubensrichtungen im Grundedasselbe. Aber auch wenn die Spatzen es von den Dächernpfeifen würden, stieße es bei den meisten Menschen auftaube Ohren. Das Glück liegt in einem selbst und ist nichtirgendwo außerhalb zu finden. Glück und Freude haben etwas mit der Gegenwart, mitdem Augenblick zu tun. Das Glück selbst kann keinLebensziel sein, es ist nur ein Nebenprodukt, wenn manein Ziel erreicht hat. Auch das Ziel, im Leben möglichst viel Spaß zu haben,ist unbefriedigend. Ins Vergnügen stürzt man sich häufig,weil man Mühe und Anstrengung vermeiden will. Dabeikann Vergnügen am laufenden Band unsäglich langweiligwerden. Wenn das Leben nur aus Spaß und Vergnügen 236
  • 237. bestehen würde, gäbe es ja kein Glück. Glück hat etwasdamit zu tun, sich bei einer Sache zu engagieren. Das giltfür den beruflichen und den privaten Bereich. Es bedeutet,völlig in einer Aufgabe aufzugehen, eins nach demanderen zu tun und es jeweils vollends zu genießen. Wie heißt es doch im Zen? Wenn du nicht etwas dortfindest, wo du stehst, wirst du es auch nicht finden, wenndu woanders suchst. Die großen fernöstlichen Denkerhaben es schon immer gewusst: »Das Glück ist der Weg«,mit anderen Worten, das Glück ist kein Ziel. Man kann esnicht suchen, man muss es sich schaffen. Dem Glückbraucht man nicht hinterherzulaufen, es kommt einementgegen. 237
  • 238. Humor ist eine todernste SacheDie Fähigkeit zu lachen ist eine gute Voraussetzung dafür,das Leben voll auszuschöpfen. Die meisten Menschenhalten sich für humorvoll, aber leider merkt man nicht vieldavon. Es ist nicht zu fassen, wie verbissen manche Leutedurchs Leben rennen. Der richtige Zeitpunkt zum Entspannen ist dann, wenn man keine Zeit dazu hat. Sydney L. HarrisLachen ist nicht nur gesund, der Humor fördert auch dieKreativität. Man kann beobachten, dass sich verblüffendeLösungen oft aus einem humorvollen Gedanken oder einerspaßhaften Bemerkung entwickeln. Verbissenheit hemmtden kreativen Prozess. Gestressten Menschen, die untereinem großen Druck stehen, kann ich wärmstensempfehlen, sich eine Witzesammlung zu besorgen. Aucheine ausgelassene Runde netter Menschen wirkt Wunderund lässt die kreativen Ideen nur so sprudeln. Wer sich noch nie vor Lachen ausgeschüttet hat, hatetwas versäumt. Den Spruch »Das Leben ist zu wichtig,um es ernst zu nehmen«, kann man gar nicht ernst genugnehmen. Nehmen Sie sich genug Zeit zum Lachen, undseien Sie nicht immer so vernünftig. Sie legen IhrerKreativität nur Steine in den Weg. Griesgrame haben nurselten zündende Ideen. Spaß ist das Herzstück kreativer Lebenslust. Spaß undSpiel regen an, entspannen, machen gute Laune undmanchmal übermütig – alles Seelenzustände, die der 238
  • 239. Kreativität auf die Sprünge helfen. Haben Sie sich schon mal überlegt, warum Kinder sokreativ und fantasievoll sind? Kinder sind spontan, ver-spielt, wissen, was Spaß macht. Man braucht sich bloß andie eigene Kindheit zu erinnern. Wecken Sie wieder dasKind in sich und bewahren Sie sich ein bisschenVerrücktheit. Witz und Komik brechen alte Denkstrukturen auf.Lachen verändert die Gemütslage und damit diePerspektive. In einer entspannten Atmosphäre, in derKritik und Logik weniger gefragt sind, gedeiht dieKreativität am besten. Spaß ist erlaubt, ja sogar erwünscht,wenn es um unkonventionelle Lösungen geht. Dasentspricht leider nicht ganz den gängigen Vorstellungenund gilt häufig als »kindisch«. Aber werden Sie bloß nicht»erwachsen«, dann ist es aus mit der WeiterentwicklungIhrer Persönlichkeit. Und wer von Natur aus ehernachdenklich ist, sollte lernen, die Dinge etwas leichter zunehmen. Denn, wie es ein Freund von mir einmalformuliert hat: »Nichts ist so wichtig wie das Nicht-wichtig-Nehmen!« 239
  • 240. Der Weg ist das ZielDie Freizeit ist nicht automatisch ein Gewinn. Es gehörtschon eine gehörige Portion Mühe und Zielstrebigkeitdazu, wenn man davon profitieren möchte. Wer ein Torschießen will, muss den Ball erwischen, ihn ins Rollenbringen und dranbleiben. Das Glück hängt nicht von äußeren Umständen ab. Manmuss selbst aktiv werden und etwas bewegen. Wer etwasbewirken will, darf sich nicht planlos treiben lassen undwarten, was das Leben zu bieten hat. Er muss sich Zielesetzen und sie in Angriff nehmen. Dabei ist der mühevolleWeg zum Ziel wichtiger als das Ziel selbst. Leo Tolstoistellte einmal die folgenden drei Fragen (und lieferte dieAntworten gleich mit dazu): 1. Wann muss man besonders aufmerksam zu sein? Jetzt. 2. Vor welchem Menschen hat man die größte Achtung? Vor demjenigen, mit dem man gerade zusammen ist. 3. Welche Arbeit ist am vordringlichsten? Diejenige, die seinem Wohl dient.Tolstoi weist darauf hin, wie wichtig es ist, sich auf dieanstehende Aufgabe zu konzentrieren und nicht etwa aufdas Ergebnis. Wenn man sich auf die Aufgabekonzentriert, wird sowohl diese als auch das Ergebnis zueiner beglückenden Erfahrung. In der Gegenwart leben bedeutet, dass der Weg mehrFreude und Zufriedenheit schenkt als das Erreichte selbst. 240
  • 241. Robert Louis Stevenson hat einmal gesagt: »Eineerwartungsvolle Reise ist mehr wert als die Ankunft.« Wenn der Weg zum Ziel wird, sieht das Leben plötzlichganz anders aus: Die Kreativität kommt in Schwung,Misserfolge können als Erfolge gewertet werden, Verlustwird zum Gewinn, und die Reise wird das Ziel. Und soll es eine glückliche Reise werden, muss man dieWelt um sich herum genauer betrachten – Sonnen-untergänge, Musik und viele andere wunderbare Dinge.Nichts darf selbstverständlich sein – sonst ist der Zug desLebens abgefahren. Und wohlgemerkt: Jeder Sonnen-untergang ist anders, jede Schneeflocke hat ihre eigeneForm. Wachen Sie auf, und hören Sie die Vögelzwitschern, atmen Sie den Duft der Blumen ein, undspüren Sie, wie sich die Rinde der Bäume anfühlt. Jede Minute des Lebens ist kostbar. Suchen Sie immernach den positiven Seiten einer Sache. Füllen Sie IhrenTag mit einer Aufgabe und erinnern Sie sich immerwieder daran, dass Sie jeden Tag genießen wollen.Benutzen Sie Ihre fünf Sinne, und erleben Sie jedenAugenblick, als sei er der letzte. Es gibt nur dengegenwärtigen Augenblick; man kann nur von einemMoment zum anderen leben und ist letztlich selbst derAugenblick. 241
  • 242. LIEBER ALLEIN ALS INSCHLECHTER GESELLSCHAFT 242
  • 243. Der Schlüssel zum Alleinsein steckt von innenDas Alleinsein hat zwei Seiten: die schmerzliche ist dieEinsamkeit, die erfreuliche die Abgeschiedenheit. RuhigeAbgeschiedenheit ermöglicht viele reizvolle Aktivitäten,denen man nur alleine nachgehen kann. Leider finden nurwenige Menschen einen Zugang zu dieser angenehmenSeite des Alleinseins. Wer Zufriedenheit nicht in sich selbst findet, sucht sie woanders vergeblich. Francois Duc de La RochefoucauldDer Glaube, dass Alleinsein vor allem Einsamkeitbedeutet, ist weit verbreitet. Ich kenne viele Menschen, dienicht damit umgehen können, wenn sie auch nur zehnMinuten allein sein müssen; sie fühlen sich sofort einsam. Einsame Menschen machen gerne das Alleinsein dafürverantwortlich, dass sie in ihrer Freizeit nichts Schönesunternehmen. Ein Freund von mir wollte im Sommerunbedingt Fahrrad fahren. Nachdem er schließlich einFahrrad erstanden hatte, schwang er sich gerade ein-,zweimal in den Sattel und ließ es dann wieder bleiben,weil er niemanden hatte, der mitfahren wollte. Schade,weil ihm damit eine wunderbare Gelegenheit entging,seine Freizeit zu genießen. Ich fahre manchmal bewusstalleine Fahrrad oder gehe allein zum Joggen, weil ich dasbrauche. Gelegentlich ziehe ich das stille Vergnügen vor,mein eigener Begleiter zu sein. Manche Leute stürzen sofort zum Fernseher oder Radio,wenn sie alleine sind. Sie lassen sich lieber von 243
  • 244. langweiligen Serien und geschwätzigen Moderatorenberieseln, als die Ruhe zu genießen. Aus lauter Angst,allein zu sein, klammern sich viele auch an eine völligunbefriedigende Beziehung. Die psychologische Fachwelt hält mittlerweile dieEinsamkeit, vor allem in den westlichen Großstädten, fürein gravierendes Problem. Umfragen zufolge leidet bereitsein Viertel der Bevölkerung in den USA unter chronischerEinsamkeit. Manche können die Einsamkeit nicht mehrertragen und bringen sich um. Einige Gründe fürEinsamkeit sind: zu wenig Freunde zu haben nicht verheiratet zu sein keinen Partner zu haben ein Umzug in eine andere Stadt in einer Großstadt zu leben nur oberflächliche Freundschaften zu haben Wenn das Einsamkeit ist, will ich mehr davon. 244
  • 245. Das ist besonders tragisch, weil nichts davon zwangsläufigzu Einsamkeit führen muss. Es sind vielleicht ungünstigeUmstände, aber keine wahren Gründe. Die Menschen sindeinsam, weil sie sich gehen lassen. Einsamkeit ist einSpiegel der Langeweile. Im kreativen Umgang mit dem Alleinsein lässt sich dieseLangeweile vertreiben. Die meisten Menschen suchen dieGesellschaft anderer – selbst wenn sie alles andere alsinspirierend ist – aus Furcht vor der noch schrecklicherenÖde in sich selbst. Sie hoffen zwar, die Einsamkeitdadurch zu überlisten, aber unter Leuten kann man erstrecht einsam sein. Einsamkeit ist etwas anderes als Alleinsein. Diemangelnde Fähigkeit, allein zu sein, spiegelt eine innereLeere wider. Die einsamsten Menschen sind manchmaldiejenigen, die immer tausend Leute um sich scharen. Siekönnen außerordentlich charmant sein, wirken selbstsicherund haben ein gewandtes Auftreten. Doch kaum sind sieallein, überfällt sie die Einsamkeit. Ihnen fehlt die innereSicherheit, was sie pausenlos die Gesellschaft andererMenschen suchen lässt. Stadtleben: Millionen von Menschen, die gemeinsam einsam sind. Henry David ThoreauDoch wer beschäftigt sich schon mit seinem Innenleben?Da greift man lieber zu Drogen und zum Alkohol, ummithalten zu können. Oder man stellt den Fernseher anund dreht die Stereoanlage auf, um das Alleinsein mitGeräuschen zu übertönen und nicht nachdenken zu 245
  • 246. müssen. In der Sufi-Religion gibt es ein Gleichnis über dieDummheit der Menschen, die in der äußeren Welt nochetwas suchen, was sie nur in sich selbst finden können. Esgeht dabei um einen kleinen Mann namens Mullah: Eines Tages sucht Mullah auf Händen und Knien draußen auf der Straße vor seinem Haus nach etwas. Zufällig kommt ein Freund vorbei und fragt: »Mullah, was suchst du?« Mullah antwortet: »Ich habe meine Schlüssel verloren.« Der Freund bietet seine Hilfe an. Doch nach einer Weile wird ihm die Suche lästig, und er fragt Mullah: »Weißt du denn, wo du die Schlüssel verloren hast?« Mullah antwortet: »Ja, ich habe sie im Haus verloren.« Bestürzt hält der Freund inne: »Warum um alles in der Welt suchen wir dann hier draußen?« Mullah antwortet: »Weil es hier draußen viel heller ist.«Dieses Gleichnis ist auf den ersten Blick lustig, aber es hateinen ernsten Hintergrund. Um mit dem Alleinsein fertigzu werden, versuchen sich die meisten Menschen in derAußenwelt einzurichten, weil es dort heller ist. Aber wieMullah werden auch sie den Schlüssel zum richtigenUmgang mit dem Alleinsein dort nicht finden. DerSchlüssel zum Umgang mit dem Alleinsein steckt voninnen. Wenn man die Ursache für seine Einsamkeit einmalerkannt hat, wird das Alleinsein eine willkommeneGelegenheit für viele interessante und schöneErfahrungen, die nur ohne andere Menschen und in derStille möglich sind. 246
  • 247. Allein aber oho!Die Angst vor dem Alleinsein ist ein Zeichen mangelndenSelbstbewusstseins, was wiederum die Folge vonMinderwertigkeitsgefühlen ist. Das Leben kann sehrdesolat sein, wenn man ein geringes Selbstwertgefühl hat. Wer nur unter Menschen und nicht mit sich alleine klarkommt, kommt überhaupt nicht klar. Clark E. MoustakasManche Menschen sind ständig auf der Suche nachAnerkennung. Sie brauchen immer ein positives Feedback,das ihr Selbstbewusstsein dann aber auch nicht stärkt. DieAnerkennung von anderen und das eigeneSelbstwertgefühl sind nämlich zwei Paar Stiefel. Wie wiran Maslows Hierarchie der Bedürfnisse gesehen haben,braucht man beide Formen der Anerkennung, aber siebasieren auf unterschiedlichen Voraussetzungen. Es ist schwer, glücklich zu sein, wenn man ein geringesSelbstwertgefühl hat. Die Umwelt und andere Menschenkönnen es einem nicht vermitteln, man muss es sich selbsterarbeiten. Wenn Sie nicht gerne allein sind, ist das wahrscheinlichein Anzeichen dafür, dass Sie nicht viel von sich selbsthalten. Wer sich selbst nicht ausstehen kann, kann auchdas Alleinsein nicht ertragen. Übrigens: Wenn Sie sichselbst schon nicht nett finden, warum sollten andereMenschen Sie dann nett finden? In welchem Maße man sich selbst annehmen kann, lässtsich daran ablesen, wie sehr man von der Zustimmung 247
  • 248. anderer abhängig ist. Wenn man ständig befürchtet,abgelehnt zu werden, hat man ein geringesSelbstwertgefühl. Wer dagegen ein ausgeprägtesSelbstbewusstsein hat, dem ist es egal, ob andere ihnmögen oder nicht. Er knüpft wenige, aber guteFreundschaften. Wenn Sie ein geringes Selbstwertgefühl haben, müssenSie es stärken. Es hängt allein davon ab, ob Sie sich selbstannehmen können, unabhängig davon, was andere vonIhnen halten. Setzen Sie sich eigene Maßstäbe und lassenSie sich nicht von fremden Normen beeinflussen. Wer sich selbst und die Welt nicht liebt, kann der Weltnicht dienen. Ein starkes Selbstwertgefühl verhindert einAbrutschen in ausgefahrene Gleise und versetzt Sie in dieLage, mit dem Alleinsein nicht nur fertig zu werden,sondern in jeder Hinsicht davon zu profitieren. Erkennedich selbst, und du findest das Universum! 248
  • 249. Hände weg von Pessimisten!Ist das Selbstwertgefühl gestärkt und gefestigt, wird manbestimmten Leuten aus dem Weg gehen, auch wenn esbedeutet, allein zu sein. Wer sein Lebensfeuer entfachenwill, muss sich Menschen, die es wieder austreten wollen,vom Halse halten. Menschen mit einer negativen Lebenseinstellung sind inder Regel besonders humorlos. Sie haben sich die Ansichtzu Eigen gemacht, dass alles im Leben schlecht ist. Nichtswurmt die Nörgler und Pessimisten mehr, als wennjemand zuversichtlich und erfolgreich ist. Lebensfroheund begeisterungsfähige Menschen sind ihnen ein Dorn imAuge, und sie werden alles daransetzen, Optimisten auf ihrdeprimierendes Niveau herunterzuziehen. Um Menschen, die einem die Luft zum Atmen nehmen,sollte man sofort einen großen Bogen machen. Freundeoder Bekannte, die nur jammern und klagen, wieschrecklich die Welt ist, werden mit ihren negativenKräften Ihrer positiven Energie bald den Hahn abdrehen,vermeiden Sie also in Ihrem eigenen Interesse allzuhäufige Kontakte mit solchen Menschen, es sei denn, dieseleiden nur unter einer vorübergehenden Depression, dieernsthafte Ursachen hat. Pessimisten kosten Zeit und Kraft und bringen einen umdie Lebensfreude, wenn nicht gar um den Verstand. Imschlimmsten Falle vereiteln sie die erfolgreicheUmsetzung der eigenen Pläne. Sie sollten die Gesellschaft von Menschen suchen, diedem Leben positiv gegenüberstehen, die begeisterungs-fähig sind und eine mitreißende Lebenslust verbreiten.Ihre Ausstrahlung erzeugt ein Kraftfeld, dem sich niemand 249
  • 250. in ihrem Umkreis entziehen kann. Man kann einiges vonihnen lernen, denn sie haben viel im Leben begriffen.Schon der gesunde Menschenverstand sollte einem sagen,dass es besser ist, sich mit tatkräftigen Optimisten als mitkräfteverschleißenden Pessimisten zu umgeben. 250
  • 251. Allein im BaumhausSoll das Alleinsein Spaß machen, muss man mit sichselbst ins Reine kommen. Man muss die eigeneGesellschaft mögen. Wenn man allein ist, ist man mit sichselbst konfrontiert. Doch man erlebt dadurch die Welt undsich selbst in einer Weise, die im Beisein anderer nichtmöglich ist. Man macht einen Alleinflug, erreicht aberauch größere Höhen. Ab und zu muss man eine Pause machen und bei sich selbst einkehren. Audrey CiorgiWenn sich dann die ersten Einsamkeitsgefühle breitmachen, gibt es zwei Möglichkeiten: Entweder man lässtden Kopf hängen, legt die Hände in den Schoß, weint,bläst Trübsal, isst zu viel, schläft und bemitleidet sichselbst, was kaum ausbleiben wird, wenn man sich nichtrechtzeitig überlegt hat, wie man sich alleine beschäftigenkann, und in einer passiven Haltung verharrt. Oder man nutzt die Gelegenheit zum kreativenAlleinsein und tut Dinge, die man sich bereits vorherüberlegt hat. Man kann lesen, Briefe schreiben, lernen,Musik hören, einem Hobby nachgehen, ein Instrumentspielen – was auch immer. Der Einsatz lohnt sich: Siewerden selbstbewusster und selbstsicherer. 251
  • 252. Übung 14Nehmen Sie noch einmal Ihren Ideenbaum zur Hand, undfügen Sie einen Ast für alles an, was Sie alleine machenkönnen. Zur Anregung finden Sie im Folgenden einekleine Auswahl: Meditieren Bücher und Zeitschriften lesen, für die bisher die Zeit nicht gereicht hat Leute besuchen, mit denen man am liebsten allein ist sich künstlerisch oder kreativ betätigen eine ehrenamtliche Tätigkeit Träumen nachhängen ein neues Hobby ausprobieren Leute beobachten ins Café gehen und Leute kennen lernen Fahrrad fahren, Joggen oder Schwimmen ein neues Werkzeug oder einen anderen Gegenstand entwerfen das Auto reparieren das Haus umbauen im Park spazieren gehen im Regen spazieren gehen ein Nickerchen machen Briefe schreiben Musik hören Lernen im Garten arbeiten 252
  • 253. Natürlich gibt es zahllose weitere Möglichkeiten, sichalleine zu beschäftigen. Einsamkeit kann nur durchAktivität und Engagement überwunden werden. DasAlleinsein ist eine einmalige Chance, seine Persönlichkeitweiterzuentwickeln und die Freizeit anspruchsvoller zugestalten. Wer andere kennt, ist weise, wer sich selbst kennt, ist erleuchtet. LaotseEs ist ratsam, sich hin und wieder von anderen Menschen,von Zeitungen, von Radio und Fernseher abzukapseln.Auch wenn man in seiner gegenwärtigen Lebenssituationselten allein ist, sollte man es hin und wieder üben. Es gilthier das Gleiche wie für eine berufliche Auszeit. Wennman sich an das Alleinsein gewöhnt hat, ist man fürkünftige Zeiten unfreiwilligen Alleinseins besser gerüstet.Die Wechselfälle des Lebens verändern manchmalliebgewordene Beziehungen und gewohnte sozialeStrukturen. Der Ruhestand, ein Umzug in eine fremdeStadt oder der Tod eines nahe stehenden Menschen führenzwangsläufig dazu, dass man häufiger allein ist. Damit ausdem Alleinsein keine Einsamkeit wird, sollte man sichrechtzeitig darauf vorbereiten. 253
  • 254. Die Kunst der StilleRuhige Abgeschiedenheit ist für einen Künstler häufigeine Quelle der Inspiration, eine Möglichkeit, Abstand zufinden und nachzudenken. Maler, Bildhauer, Dichter,Schriftsteller und Komponisten arbeiten meistens alleine,weil sie kreativer sind und besser vorankommen. Treiben Sie Ihren Selbstfindungsprozess voran, indemSie den Künstler in sich wecken und einmal in der Wocheeinen »Tag der Kunst« – oder wie immer Sie es nennenwollen – einlegen, an dem die eigenen Gestaltungskräftezum Einsatz kommen. Dabei ist es völlig unerheblich, obman sich für talentiert hält oder nicht, denn mit derwöchentlichen Routine werden kreative Talente geweckt,von denen man bisher keine Ahnung hatte oder die nureine Zeit lang verschüttet waren. An diesem einen Tag in der Woche sollten Sie dafürsorgen, dass Sie allein sind und sich ungestört einerTätigkeit widmen können, die Sie schon immer gereizt hatoder die Sie zwischendurch vernachlässigt haben. Wenn die angeborenen kreativen Fähigkeiten derKindheit lange Zeit brachgelegen haben, muss man siewieder ausgraben. Denkbar wäre zum Beispiel, einenRoman oder eine tagebuchartige Darstellung des eigenenLebens zu schreiben. Wem das Schreiben nicht liegt, derkann es zum Beispiel mit Holzschnitzen versuchen, alteAutos wieder flott machen, malen oder fotografieren.Schreiben Sie 15 Dinge auf, die Sie gerne machen würden.Die folgende Liste soll Ihnen ein paar Anregungen geben: ein Buch schreiben 254
  • 255. Bilder malen zehn Filmkritiken schreiben alle Sehenswürdigkeiten der Umgebung besichtigen Lieder komponieren alle Vogelarten im Umkreis fotografieren in Konzerte, Opern und Theateraufführungen gehen und Kritiken schreiben ein Instrument erlernenWenn die Liste komplett ist, wählen Sie eineBeschäftigung aus, die Sie mindestens ein Vierteljahr langkonsequent verfolgen wollen. In dieser Zeit sind SieKünstler oder Autor. Ganz wichtig ist dabei, dass an demwöchentlichen »Tag der Kunst« der Entstehungsprozessund nicht das Ergebnis im Mittelpunkt steht. Ein Buchbeispielsweise muss nicht unbedingt veröffentlichtwerden. Der Vorgang des Schreibens ist dasEntscheidende, weil das Buch dann nicht nur eineGedankenspielerei bleibt, sondern tatsächlich zu Papiergebracht wird. Das Gespräch erweitert das Verständnis, aber die Einsamkeit ist die Schule des Genies. Jean de la BruyereFangen Sie einfach an zu schreiben oder zu malen, dannkommen Sie Ihrer Kreativität schon auf die Spur. Und dasAlleinsein werden Sie bald nicht mehr missen wollen. Der»Tag der Kunst« schafft einen Zugang zur verschüttetenKreativität, und Sie werden überrascht sein, welche 255
  • 256. künstlerischen Talente in Ihnen schlummern. Ist das Projekt dann zum Abschluss gekommen, sind eintiefes Gefühl der Befriedigung und eine hübsche PortionSelbstbewusstsein der Lohn. Dann darf das Ergebnis auchgebührend gefeiert werden. Zeigen Sie Ihre Werke ruhigIhren Freunden und Verwandten, kümmern sich aber nichtdie Bohne darum, wenn man Ihre Bilder potthässlichfindet. Die Meinung der anderen kann Ihnen vollkommenegal sein; im Gegenteil, Sie dürfen stolz darauf sein, dassSie die Sache zu Ende gebracht haben. Dass Sie sichregelmäßig Zeit genommen haben, um kreativ tätig zusein, wird Ihnen helfen, Ihr Selbstbewusstsein weiter zustärken, und Sie darin bestätigen, dass Alleinsein durchausglücklich machen kann. 256
  • 257. Einsiedler mit LebenserfahrungZu einem Leben ohne Arbeit gehört auch das Alleinsein,für das man im Lauf der Zeit eine gewisse Liebeentwickeln muss. Das Alleinsein ist nicht nur eine Chancefür die persönliche Entwicklung, es ist gleichzeitig eineGelegenheit, sich von der Hektik des Alltags abzukoppeln.Man muss sich zurückziehen können, um sich selbstkennen zu lernen. Einsamkeit deprimiert und machtunglücklich, ruhige Abgeschiedenheit dagegen zufrieden,manchmal sogar euphorisch. Der glückliche Einsiedler istder Inbegriff des Alleinseins. Selbstverwirklichte undlebenskluge Menschen wissen, was sie daran haben. Es istihnen gelungen, die höchste Stufe der persönlichenEntwicklung zu erreichen, und Sie haben keine Angstdavor, alleine zu sein, sondern sind sogar besonderserpicht darauf. Auch in ihrer Freizeit sind diese Menschenam leistungsfähigsten, wenn sie ungestört sind. Sie habenihr Zentrum gefunden und genügen sich selbst. Selbstverwirklichung hat nichts mit Eigenbrötelei zu tun.Eigenbrötler schließen sich niemandem an, sind neurotischund verschlossen. Selbstverwirklichte Menschen dagegenhaben ein gesundes Bedürfnis nach Geselligkeit. DerPsychologe Abraham Maslow bescheinigt ihnen ein hohesMaß an innerer Unabhängigkeit und zugleich ein großesInteresse an anderen Menschen. Sie wirken vielleichtmanchmal wie Eigenbrötler und sind ausgeprägteIndividualisten, trotzdem sind sie umgänglich,kameradschaftlich, freundlich und liebevoll. Sie kommenmit anderen genauso gut aus wie mit sich selbst, denn siemüssen anderen Leuten nichts vormachen und sind nichtauf deren Anerkennung angewiesen. 257
  • 258. Diese Lebenskünstler haben ihre Lektion gelernt. Siesind unabhängig und haben es nicht nötig, ihre Identitätdurch die Zugehörigkeit zu einer sozialen Gruppe zudokumentieren. Sie wissen selbst, was sie wollen, habenihre eigene Meinung und scheuen keine Auseinander-setzung. Selbstbewusste Menschen fühlen sich in Gegenwartanderer Leute wohl, aber sie brauchen sie nicht. Ehrentitel,Prestige und Auszeichnungen sind ihnen gleichgültig, weilsie nicht darauf angewiesen sind. Das Innenleben bestimmt die Qualität des nach außenorientierten Lebens. Die eigene Entwicklung und der Wegzur Selbstverwirklichung ist voller Wunder, geheimnisvollund faszinierend. Der immaterielle, der seelische Gewinnder Freizeit zeigt sich, sobald man anfängt, ausreichendZeit in das Abenteuer Alleinsein zu investieren. Ruhe gibtRaum zum Nachdenken, Meditieren und Wachsen, und imeigenen Inneren kann man das Nirwana finden. 258
  • 259. GELD REGIERT DIE WELT? 259
  • 260. Geld ist nicht allesIn diesem Kapitel geht es um das liebe Geld – und um dieRolle, die es bei einer sinnvollen und vergnüglichenFreizeitgestaltung spielen sollte. Geld spielt durchaus eineRolle, aber sie ist längst nicht so groß, wie allgemeinangenommen wird. Es gibt zwei Sorten von Menschen, deren Gedanken sichunentwegt ums Geld drehen: die, die zu viel davon haben,und die, die zu wenig davon haben. Wenn Geld im Spielist, geht der gesunde Menschenverstand meistens baden.Psychologen wissen, dass Geld weitaus mehr Problemebereitet als Sex. Ohne den täglichen Tanz ums goldeneKalb ginge es uns also wesentlich besser. Zu viele Menschen suchen die Sicherheit statt der Chance. Sie fürchten sich offenbar mehr vor dem Leben als vor dem Tod. James F. ByrnesAber leider müssen wir alle bis zu einem gewissen Grademittanzen. Das Essen, das Dach über dem Kopf, dieAusbildung, ein Fortbewegungsmittel, die Krankenkasse,die Kleidung – all das will bezahlt sein. DerLebensunterhalt kostet fast immer Zeit, Energie undMühe, und für die wirklich interessanten und erfreulichenDinge des Lebens bleibt nicht mehr viel übrig. In unserer westlichen Wohlstandsgesellschaft sollte dasGeld eigentlich nicht das Riesenproblem sein, zu dem esimmer gemacht wird. Der richtige Umgang mit Geld istnämlich gar nicht so schwierig, wenn man ein Geheimnis 260
  • 261. kennt – das ich hier aber noch nicht verrate. Nur so viel:Es geht um zwei wirkungsvolle Methoden, die demleidigen Geldproblem ein Ende bereiten. Sind die Grundbedürfnisse befriedigt, kann man weiterefinanzielle Sorgen vermeiden: Man muss nur seinVerhältnis zum Geld überdenken. Die meisten Menschenkönnen ihre Grundbedürfnisse befriedigen, und obwohl sieleine Zeit für andere Dinge haben, wollen Sie immermehr. Die Jagd nach Geld und Gut ist der missglückteVersuch, sich für das zu entschädigen, was einem imLeben fehlt. Dabei bleibt manches auf der Strecke, zumBeispiel zwischenmenschliche Beziehungen. Das Problemist, dass man sich über sein Geld und seinen Besitzdefiniert. Viel kostbare Freizeit geht verloren, wenn manimmer mehr arbeitet, um immer mehr kaufen zu können!Hinter der Jagd nach Geld und Gut verbirgt sich die Jagdnach etwas ganz anderem. 261
  • 262. Genug ist nicht genugUnter dem Deckmantel finanzieller Probleme stecken inWirklichkeit häufig seelische Probleme. Die Menschenleiden seelisch und körperlich unter dem Mangel anwertvollen menschlichen Beziehungen und dem Zeitdruck,der die Freude an bereits Erreichtem nicht aufkommenlässt. Viele Menschen, denen es eigentlich gut geht,nehmen bei der Jagd nach immer mehr Geld schweregesundheitliche Schäden – ja sogar den Tod – in Kauf.Der wirtschaftliche Erfolg hinterlässt eine Leere und dasGefühl, immer noch zu kurz gekommen zu sein. In der westlichen Welt befindet sich die Armutsgrenzemittlerweile auf einem Niveau, das in vielen Ländern derDritten Welt als Grenze zum Mittelstand oder zurOberschicht gilt. Es gab Zeiten, in denen einSchwarzweißfernseher für die Mittelklasse ein Luxus war.Später galt der Farbfernseher als Luxus, und heute gehörter schon zu den Lebensnotwendigkeiten, die jedemSozialhilfeempfänger zustehen. Heute gilt man noch nichteinmal als wohlhabend, wenn man zwei Farbfernsehersein eigen nennt. In den neunziger Jahren besaß undverkonsumierte ein Amerikaner im Durchschnitt doppeltso viel wie in den fünfziger Jahren. Er jammert aber auchdoppelt so viel. Das Ganze ist eine Frage der Gier und Unersättlichkeit;man will auf nichts verzichten: viel Geld, ein großes Haus,zwei oder besser drei Autos und immer exotischereUrlaube in der Karibik oder im Orient. Diese Raffke-Mentalität hat nur zu größerer Unzufriedenheit geführt,obwohl es uns heute so gut geht wie noch nie. Je höher der Komfort, hat man uns beigebracht, umso 262
  • 263. größer das Glück. In unserer westlichen Wohlstands-gesellschaft ist man mittlerweile vor extremer Armut undvor Hunger auf eine Weise geschützt, wie es sich frühereGenerationen nicht hätten träumen lassen. Trotzdem wirdsofort gejammert, wenn die Wirtschaft mal stagniert undes vorübergehend ein paar Arbeitslose gibt. Eine aufwändige Lebensweise aus Prestigegründen istuns keineswegs in die Wiege gelegt. Der unersättlicheSammeldrang nach materiellen Gütern ist ein angelerntesVerhalten, das erst mit dem Kapitalismus, der industriellenRevolution und der Arbeitsmoral aufgetaucht ist. DasFernsehen ist dabei nicht ganz unschuldig. Die Scheinweltder Werbung richtet erheblichen Schaden an: Man hat dasGefühl, zu kurz zu kommen und ein Versager zu sein,wenn man sich nicht die neuesten technischen Spielereienund allen möglichen modischen Firlefanz zulegt. Wirwerden mit Bildern bombardiert, die uns vorschreiben, mitwelchen Menschen wir uns zu umgeben haben, wie wiruns anziehen sollen, welche Geräte wir besitzen, welcheAutomarke wir fahren müssen und wie groß unser Haus zusein hat. Die kommerzielle Werbung verspricht alles –Selbstbewusstsein, Glück und Macht inklusive. Werdiesem Bild vom Erfolgsmenschen nicht entspricht, istverunsichert und fühlt sich minderwertig. Uns wäre schonviel geholfen, wenn man uns mit der Werbung verschonenwürde. Mein Reichtum besteht nicht in der Menge meines Besitzes, sondern in der Beschränkung meiner Bedürfnisse. I. BrotherionEin Körper, der nach wilden Rosen duftet, und die 263
  • 264. vollautomatische Klimaanlage im Auto sind sicherlichnicht der Weisheit letzter Schluss oder der ultimative Kickzum Glück. Der Konsumrausch lebt von einerpermanenten Unzufriedenheit. Wird die nächsteAnschaffung das erhoffte Glück endlich bringen? Wiekönnte sie! Wenn wir glücklich wären, würden wir dochnicht schon wieder etwas Neues haben wollen! DieBefriedigung, die der Kaufrausch uns verschafft, ist nurvon kurzer Dauer und macht den Appetit auf den nächstenHappen umso größer. Genug ist eben nicht genug. 264
  • 265. Mehr Geld, mehr SorgenIm April 1995 forderte der Bischof von Liverpool dieenglische Regierung auf, das Lotteriegesetz zu revidierenund wenigstens die Gewinne zu senken. Er reagierte damitauf den Selbstmord eines Mannes aus Liverpool, dergeglaubt hatte, dass ihm ein Lotteriegewinn von umge-rechnet 12 Millionen Euro durch die Lappen gegangen sei,weil er vergessen hatte, seinen Lotterieschein abzugeben.Der 51jährigeTimothy O’Brian, Vater von zwei Kindern,hatte sich erschossen, weil er meinte, die Chance seinesLebens verpasst zu haben. Dabei hätte sich nichtzwangsläufig alles zum Besseren gewendet, wenn er dasGeld gewonnen hätte. Schon viele Lotteriegewinner sindmit den Problemen nicht fertig geworden, die derplötzliche Reichtum ihnen beschert hat. Das große Glückhätte sich bei Timothy O’Brien wahrscheinlich nichteingestellt, da er sich wegen einer verpassten Chance dasLeben nahm. Wahrscheinlich hätte ihm das große Geldnichts als Ärger gebracht. Zufällig ergab sich bei dergerichtlichen Untersuchung des Falles, dass er mit seinerZahlenkombination nur knapp 100 Euro gewonnen hätte. Die falschen Erwartungen, die Timothy O’Brien mitdem Reichtum verband, warfen ihn letztlich aus der Bahn.Viele Menschen knüpfen ähnliche Erwartungen an denBesitz von viel Geld. Wie zum Beispiel folgende: Wenn ich viel Geld hätte, wäre ich glücklich. Wenn ich viel Geld hätte, könnte ich meine Freizeit genießen. Wenn ich viel Geld hätte, hätte ich ein größeres 265
  • 266. Selbstwertgefühl. Wenn ich viel Geld hätte, würde ich anderen besser gefallen und könnte endlich einen Ehepartner finden. Die wenigsten Reichen besitzen ihr Eigentum. Sie sind das Eigentum ihres Besitzes. Robert G. IngersollWem diese Überlegungen bekannt vorkommen, der ist einSklave des Geldes und lässt sich von Angst beherrschen.Nur ein gut gefülltes Bankkonto vermittelt ein Gefühl vonSicherheit. Leider ist das ein Trugschluss. Es gibt vieleMenschen, die mit ihren bescheidenen Mittelnaußerordentlich glücklich sind und sich nicht diegeringsten Sorgen machen. Wer befürchtet, dass er mitbescheidenen finanziellen Mitteln nicht auskommt, derwird auch nicht glücklich, wenn er sich eine goldene Naseverdient, weil er dann befürchten muss, dass sie ihmgestohlen wird. Je mehr Geld man besitzt, umso größer ist die Angst,dass es einem wieder abhanden kommen könnte. Eine ausführliche Studie, die 1993 am psychologischenInstitut der University of Illinois durchgeführt wurde,belegt, dass man sich mit mehr Geld, als für dieBefriedigung elementarer Bedürfnisse notwendig ist,weder Glück erkaufen noch Probleme lösen kann. Auf dieDauer führt mehr Geld zu mehr Sorgen. Wenn dieGrundbedürfnisse befriedigt sind, spielt eineGehaltserhöhung kaum mehr eine Rolle. Für kurze Zeitfreut man sich über die Aufstockung des Gehalts, aberkaum hat man sich daran gewöhnt, verlangt man schon 266
  • 267. nach mehr Geld, um die neu geweckten Wünsche erfüllenzu können. Ein größeres Haus, ein schickeres Auto undnoch exotischere Reisen. Doch eine dauerhafteZufriedenheit bleibt aus. Wenn Menschen mehr Geld haben, als sie zur Erfüllungvon elementaren Wünschen und Bedürfnissen benötigen,bringt das häufig Nachteile mit sich. Hier eine kleineAuswahl: Freundschaften und andere Beziehungen leiden. Es kostet mehr Zeit und Mühe, sich um die finanziellen Angelegenheiten zu kümmern. Das Leben wird insgesamt komplizierter. Je mehr Geld und Gut man hat, umso größer ist die Angst, bestohlen zu werden. Die Angst, Geld durch Fehlinvestitionen zu verlieren, wächst.Kluge Leute wussten schon immer, dass Geld nichtglücklich macht. Trotzdem ignorieren viele Menschendiese Erkenntnis und jagen dem Reichtum nach, egalwelche Opfer sie dafür bringen müssen. Der Glaube an das»Allheilmittel« Geld ist ungebrochen. Der Mythos Geldwird durch die vielen Menschen entzaubert, die zwar eingut gefülltes Konto, aber seelische Probleme haben. Siewissen weder, wie sie ihr Geld ausgeben und genießenkönnen, noch teilen sie es mit den Menschen, denen esnicht so gut geht. In den USA wird die Tugend derBarmherzigkeit eher von den Armen als von den Reichengepflegt. 267
  • 268. Nur weil 20% von uns 80% des Geldes haben, muss der Rest deshalb nicht sauer sein.Viele Menschen häufen große Geldsummen durch harteArbeit, durch eine Erbschaft, beim Glücksspiel oder aufillegalem Wege an. Doch die Enttäuschung folgt meistensauf dem Fuße und endet manchmal in Depressionen. DieseMenschen können sich zwar alle materiellen Wünscheerfüllen, gleichzeitig sind sie aber zutiefst verzweifelt. Siewerden von einer schmerzlichen Sehnsucht gequält, die sieahnen lässt, dass etwas fehlt: Sie spüren ein tiefes Loch,das aufgefüllt werden muss. Aber so viele Delikatessenund teuren Wein sie auch hineinschütten, mit welchemteuren Auto oder noch so großen Haus, mit welchen nochso exklusiven Designermöbeln sie auch versuchen, dasLoch zu stopfen, es wird immer größer. Und der Schmerzimmer unerträglicher. 268
  • 269. Geld ist keine LebensversicherungOb man Arbeit hat oder nicht, Geld braucht man zumÜberleben. Mit Geld kann man natürlich auch dasSpektrum seiner Freizeitbeschäftigungen erweitern. Geldsollte aber immer nur ein Mittel zum Zweck sein. Wer dasGeldverdienen zum Selbstzweck erhebt, öffnet maßloserEnttäuschung und Unzufriedenheit Tür und Tor.Übung 15Beantworten Sie offen und ehrlich diese beiden Fragen: Welche Absicherungen wünschen Sie sich für IhrLeben? Wie viel Geld oder welche materiellen Dinge brauchtman für ein glückliches und erfülltes Leben?Man hat uns dazu erzogen, durch die Anhäufungmaterieller Güter dafür zu sorgen, dass der Ruhestand undunvorhersehbare Ereignisse im Leben abgesichert sind.Wer glaubt, dass die Sicherheit alleine durch Geldgewährleistet werden kann, ist auf dem Holzweg. So wieman liebe und Freundschaft nicht kaufen kann, ist auchSicherheit letztlich nicht käuflich. Auch wenn dieFinanzexperten in der Lokalzeitung das anders sehen. Manchen Leuten beschert ihr Reichtum nichts außer der Sorge, ihn zu verlieren. Antoine de RivarolDie Sicherheit, die nur auf einem materiellen undfinanziellen Fundament steht, ist sehr begrenzt: Auch die 269
  • 270. Superreichen können tödlich verunglücken und sie sindgenauso anfällig für Krankheiten wie weniger Betuchte.Wenn ein Krieg ausbricht, sind Reiche und Arme gleich-ermaßen betroffen, und bei einer Wirtschaftskrise mussman nur um sein Geld fürchten, wenn man welches hat. Vollkommene Sicherheit durch materiellen Besitz istalso eine Illusion. Wer extrem auf Sicherheit aus ist, ist inWirklichkeit total verunsichert, während Menschen, diesich am wenigsten darum kümmern, meistens seelisch sehrgefestigt sind. Unsicherheit und die damit verbundenenunangenehmen Gefühle verdrängen viele, indem sie sichmit einem finanziellen Schutzwall umgeben, der Angriffeauf das Selbstwertgefühl abwehren soll. Um ein Gefühlder Sicherheit zu erhalten, stützen sie sich auf Äußerlich-keiten wie Geld, Ehepartner, Haus, Auto und Prestige.Wenn sie all das verlieren, verlieren diese Menschen auchsich selbst, denn dann bleibt nichts mehr von dem übrig,worauf die eigene Identität gegründet war. Ein echtes Gefühl der Sicherheit kann nur aus einerinneren Sicherheit entstehen. Wer gesund und in der Lage ist, für sich selbst zusorgen, benötigt nur diese innere Sicherheit. Sicherheit indiesem Sinne ist das Vertrauen in die eigenen Kreativitätund Fantasie – dass man sich zutraut, die täglichenProbleme, die das Leben einem beschert, in den Griff zukriegen. Ein sicherer Mensch hat gelernt, »sorglos« zuleben und sich nicht übermäßig mit seiner finanziellenSicherheit zu befassen. Kreativität und Fantasie sind diebeste Lebensversicherung. Das Wesentliche liegt in einem selbst und nicht imBesitz. Geht der Besitz verloren, hat man immer noch sichselbst; und damit kann man den Lebensweg beruhigtfortsetzen. 270
  • 271. Macht Geld glücklich? Wenn jemand behauptet, dass Geld alles bewirken kann, ist die Sache klar. Er hat keines. Ed HoweViele Leute wissen gar nicht so genau, was sie vom Lebenerwarten, aber eine Menge Geld – das meinen sie ganzgenau zu wissen – wird es ihnen ermöglichen. Die meistenAnnahmen in Bezug darauf, was Geld alles leisten kann,sind grundverkehrt, zum Beispiel, dass Geld glücklichmacht. Haben Geld und Glück überhaupt etwas miteinander zutun? Geld braucht man zum Überleben, aber wie viel manbraucht, um glücklich zu sein, ist eine ganz andere Frage. Ich mag das Geld wegen seines inneren Wertes Ich habe es zum Fressen gern!In Motivationsseminaren versucht man den Leuten immerwieder weiszumachen, dass Millionäre die Gewinner imSpiel des Lebens sind. Wir anderen sind also die Versagerund Verlierer? Ich hätte genug Argumente, warum vieleMenschen mit bescheideneren finanziellen Mitteln diewahren Gewinner im Leben sind. 271
  • 272. In unserer Gesellschaft steht Geld zwar für Macht,Ansehen und Sicherheit, doch als Glücksbringer taugt esschon von Natur aus nicht. Die folgende Übung kann Ihnen vielleicht einenEindruck von der wahren Natur des Geldes vermitteln:Übung 16Nehmen Sie etwas Geld in die Hand. Es fühlt sichziemlich kalt an, nicht wahr? Es könnte Sie nachts nichtwärmen. Sprechen Sie mit Ihrem Geld … Sehen Sie, esantwortet nicht. Und so sehr Sie das Geld auch lieben, eswird Ihre Liebe nicht erwidern.Geld ist nützlich, weiter nichts. In welchem Maße es dasLeben bereichert, hängt mehr von einem sinnvollenUmgang mit Geld als von der Menge ab. Michael Phillips,ein ehemaliger Vizedirektor einer Bank, zeigt in seinemBuch. ›Die sieben Gesetze des Geldes‹, dass zu vieleMenschen ihre Identität vom Geld abhängig machen, undstellt sieben interessante Thesen rund ums Geld vor: Wer wagt, gewinnt. Geld hat seine eigenen Regeln. Geld ist ein Traum. Geld ist ein Alptraum. Geld kann man nicht wirklich verschenken. Geld erhält man nie wirklich geschenkt. Es gibt Welten ohne Geld.Geld ist in vieler Hinsicht nützlich, und niemand wird die 272
  • 273. wichtige Rolle, die Geld in der Gesellschaft und für dieWirtschaft spielt, infrage stellen, aber der Mythos, dassGeld glücklich macht, muss hinterfragt werden. AuchBenjamin Franklin wusste: »Geld hat noch niemandenglücklich gemacht, und das wird auch so bleiben. Geld istvon Natur aus kein Glücksbringer. Je mehr der Menschhat, umso mehr will er haben. Statt ein Vakuum zu füllen,schafft es eins.« 273
  • 274. Ein kleines Portemonnaie ist groß genugMan muss nicht unbedingt auf einem Geldsack sitzen, umsich gelassen zurückzulehnen. Wie wir schon im erstenKapitel gesehen haben, kommt es auf die richtigeEinstellung an. Wer ein Müßiggänger sein will, der musszusehen, dass er finanziell unabhängig wird. Das ist garnicht so schwer, wie es scheint. Ein Millionär muss mandafür jedenfalls nicht werden. Viele Leute verachten das Geld, aber wissen nicht, wie man sich davon trennt. Francois, Duc de La RochefoucauldZunächst sollte man sich natürlich klar darüber werden,was unter finanzieller Unabhängigkeit zu verstehen ist.Manchmal bedarf es dafür keiner Gehaltserhöhung undkeines Vermögens. Man muss lediglich seine Vorstel-lungen von finanzieller Unabhängigkeit korrigieren. Eine aktuelle Umfrage hat ergeben, dass sich Menschenkurz vor der Pensionierung vorwiegend Sorgen um ihreFinanzen, die Gesundheit und darüber machen, ob sie imRuhestand einen Partner oder Freunde haben, die ihnenGesellschaft leisten – in dieser Reihenfolge. Interessanter-weise rückt kurz nach der Pensionierung die Gesundheitan die erste Stelle und die Finanzen auf Platz drei.Offenbar ändern sich die Vorstellungen bezüglich derfinanziellen Unabhängigkeit, denn das Einkommen bleibtja gleich. Das Ergebnis dieser Umfrage zeigt, dass man imRuhestand mit viel weniger zurechtkommen kann, als man 274
  • 275. zunächst gedacht hat. Der Buchautor Joseph Dominguez ist mit einemEinkommen finanziell unabhängig, das die meisten Leuteunterhalb der Armutsgrenze ansiedeln würden, und erbehauptet, dass ihm das jeder nachmachen kann.Finanzielle Unabhängigkeit hat nämlich nichts mitReichtum zu tun. Sie ist schon für 500 Euro im Monatoder auch weniger zu haben. Wie das? Man muss nurdafür sorgen, dass man mehr Geld einnimmt als ausgibt.Wenn man also 500 Euro monatlich zur Verfügung hatund 499 Euro ausgibt, ist man finanziell unabhängig. Genau das hat Dominguez jahrelang gemacht. 1969, imAlter von 29 Jahren, hat er sich als finanziell unabhängigerMann aus dem Beruf zurückgezogen. Als Börsenmakleran der Wall Street hatte er miterlebt, wie viele Menschen,die über sehr viel Geld verfügten, unglücklich waren, undwollte daher nicht länger in diesem Umfeld arbeiten. Alsoerstellte er ein persönliches Finanzkonzept, das auf einersehr bescheidenen Lebensführung basierte. Es geht ihmnicht schlecht, auch wenn er nur 6000 Dollar im Jahr zurVerfügung hat, die er aus der Anlage seiner Ersparnissebezieht. Weil seine Bedürfnisse so bescheiden sind,konnte er alles, was er seit 1980 mit seinen Seminarenüber den vernünftigen Umgang mit Geld verdient hat,gemeinnützigen Organisationen spenden. 275
  • 276. Eine Theorie für Beruf und FreizeitIm März 1994 erschien in der Zeitschrift ›BritishColumbia Business‹ ein Lifestyleartikel des bekanntenJournalisten Dominique LaCasse. Er schreibt, dass ihn dieLektüre dieses Buches (und vielleicht ein paar Drinks, dieer sich dabei genehmigte) dazu angeregt haben, seinenlukrativen, aber mörderischen Job bei einer großenZeitung an den Nagel zu hängen und gegen eineinfacheres, aber ungewisses Leben in British Columbia,dem kanadischen Mekka für alternative Aussteiger undüberarbeitete Großstadtmenschen, einzutauschen. Dominique LaCasse folgte damit dem Beispiel einerzunehmenden Zahl von »Downshiftern«, gestresstenBerufstätigen, die kürzer treten und – wie er schreibt –»ihrem Chef samt Terminkalender den Laufpass gebenund sich der Freiheit und der frischen Luft in die Armewerfen« wollen. Ein Haufen Geld verändert nichts, es ist nur ein Verstärker Dummköpfe werden noch dümmer, und nette Menschen werden noch netter. Ben Naras’mDas bedeutete für ihn und seine Familie eine drastischeUmstellung, die ihm eine größere Entscheidungsfreiheitüber seine Lebensweise bescherte, aber mit einemerheblichen Einkommensverlust und existenziellerUnsicherheit verbunden war. Doch der Verzicht auf mehrGeld zahlt sich in den meisten Fällen aus: das Leben ist 276
  • 277. entspannter und letztlich reicher. Die Bedingungen für ein erfülltes Berufsleben und eineerfüllte Freizeit sind im Wesentlichen dieselben. Glück und Erfüllung haben vor allem mit Zufriedenheitzu tun, und Zufriedenheit wiederum nicht das Geringstemit Geld. Befriedigung im Beruf und in der Freizeithängen davon ab, wie motiviert und erfolgreich ein Zielverfolgt wird. Von allen Versuchen, mir Anerkennung zu verschaffen, ist das der kreativste und verrückteste.Neben Maslows Theorie der Bedürfnishierarchie gibt eseine fast ebenso beliebte Motivationstheorie: Frederick Herzbergs »Zwei-Faktoren-Theorie«, die beiUntersuchungen Anwendung findet, welche sich mit derMotivation am Arbeitsplatz beschäftigen. Herzberg selbsthat nie daran gedacht, seine Theorie auch auf dasFreizeitverhalten anzuwenden, doch ich werde es hier fürihn tun, weil seine Prinzipien dafür bestens geeignet sind. Herzbergs umfangreiche Befragung von Arbeitern ausden verschiedensten Branchen ergab, dass die Faktoren amArbeitsplatz, die mit Unzufriedenheit in Verbindunggebracht wurden, sich von denen unterschieden, die für dieMotivation und Zufriedenheit am Arbeitsplatz 277
  • 278. verantwortlich waren. Wie die Abbildung auf der folgende Seite zeigt, gibt esin der Mitte der Skala einen neutralen Bereich, in demweder Zufriedenheit noch Unzufriedenheit zu verzeichnensind. Unzufriedenheit kann im Zusammenhang mit denArbeitsbedingungen auftreten. Häufig sind Menschenunzufrieden, wenn die folgenden Faktoren nicht gegebensind: ein angemessenes Gehalt, ein sicherer Arbeitsplatz,ein gutes Arbeitsumfeld, ein guter Status. Wenn dieseBedingungen stimmig sind, stellt sich aber nicht etwaautomatisch eine Zufriedenheit ein, sondern nur einneutraler Zustand – eben keine Unzufriedenheit. Will man wirklich zufriedene Mitarbeiter haben, müssenmotivierende Faktoren dazukommen: Anerkennung,Leistung, Entfaltung der Persönlichkeit, Verantwortung.Man nennt sie Motivatoren, weil sie mit der Arbeit, derTätigkeit selbst zu tun haben und deshalb eine Arbeits-zufriedenheit hervorrufen und die Leistungsfähigkeit undEffektivität steigern können. 278
  • 279. Kommen wir noch einmal zum Thema Geld zurück: ZumArbeitsleben gehört Geld selbstverständlich dazu, wennkeine Unzufriedenheit aufkommen soll. Für einenarbeitslosen Schreiner, der pleite ist und kein Dach überdem Kopf hat, ist Geld sogar überaus wichtig. Bekommter ein Gehalt, mit dem er sich wenigstens ein einfachesEinzimmer-Apartment leisten kann, sieht seine gesamteSituation schon viel besser aus. Alles, was aber überdieses Gehalt hinausgeht – auch wenn er sich einen Palastmit 117 Zimmern davon kaufen könnte –, wird nichts zuseiner Zufriedenheit und Freude in Bezug auf seineTätigkeit beitragen. Die Unzufriedenheit ist beseitigt undder neutrale Punkt erreicht. Nun müssen – unabhängig vonder Bezahlung – Motivatoren dazukommen, sonst wirdseine Arbeit ihn nicht glücklicher und zufriedener machen. Letztlich finde ich es mühsamer, auf das Geld aufzupassen, als es zu erwerben. Michel de MontaigneDiese Grundprinzipien von Herzbergs Theorie lassen sichauch auf die Freizeit übertragen. Das Geld kann dabei nurbestimmte Funktionen erfüllen. Selbst wenn manMillionen für die Freizeit zur Verfügung hätte, wäre ohneMotivatoren ein neutraler Gemütszustand das Höchste derGefühle. Wenn wir bei unseren Freizeitbeschäftigungenein Gefühl der Zufriedenheit und des Glücks erreichenwollen, benötigen wir mindestens zwei oder dreiMotivatoren. Anspruchsvolle Aufgaben sind dafür besonders geeignet.Je schwieriger eine Aufgabe, umso größer ist dieBefriedigung über einen Erfolg. So ist es beispielsweise 279
  • 280. extrem schwer, sich das Rauchen abzugewöhnen, aber weres geschafft hat, hält es für die Heldentat seines Lebensund ist rundum mit sich zufrieden. Meine große Herausforderung war mein erstes Buch, dasich erst einmal schreiben, aber dann auch selbst verlegenmusste. Man hatte mir dringend davon abgeraten, es selbstzu veröffentlichen, weil es angeblich keinen Markt dafürgab. Aber ich wagte das Abenteuer und verlegte das Buchschließlich selbst. Es wurde ein Riesenerfolg und gelangteunter die ersten zehn Prozent der meist verkauftenSachbücher in den USA. Weil ich das Risiko und denmühsamen Weg nicht gescheut hatte, ging es mir hinterherumso besser. In meine Aufgabe hatte ich Motivatoreneingebaut – Erfolg, Verantwortung, Entfaltung derPersönlichkeit und Anerkennung –, die mich angetriebenhaben. Aus diesem persönlichen Erfolg bezog ich einegroße Befriedigung. Machen Sie sich also auch Herzbergs Motivationstheoriefür die Freizeitgestaltung zunutze, und suchen Sie nachMotivation. Eine Tätigkeit, die kaum etwas kostet, wiezum Beispiel die ehrenamtliche Mitarbeit in einemWohltätigkeitsverein, verspricht größere Glücksgefühleals neue Kleider für 5000 Euro. Wer anderen hilft, leistetetwas, hat Verantwortung, fördert seine persönlicheEntwicklung und erwirbt Anerkennung, was letztlich mehrbefriedigt als alles Geld der Welt. 280
  • 281. Bescheidenheit macht reichGeld ist bei uns der Schlüssel zu materiellem Wohlstandund sozialer Anerkennung. Wem von klein auf eingebläutwird, dass das Leben umso schöner ist, je mehr Besitz mananhäufen kann, der geht möglicherweise leichtfertigfinanzielle Verpflichtungen ein, aus denen er dann kaumwieder herauskommt. Man klammert sich an einenüppigen Lebensstil, den man sich eigentlich nicht leistenkann. Dabei wäre mit etwas Maßhalten den finanziellenProblemen ganz schnell beizukommen. Es ist erstaunlich,wie wenig ein Mensch braucht, wenn er ein bisschenerfinderisch ist. Man muss sich also etwas einfallen lassen, wenn manwieder auf einen grünen Zweig kommen will. Wie beiallen anderen Problemen gilt auch hier, dass man sie ersteinmal aus der richtigen Perspektive betrachten muss.Wenn Sie beispielsweise auf einem Schuldenberg sitzen,brauchen Sie sich nicht von Inkassobüros einschüchtern zulassen, denn auch mit einem Berg Schulden kommt manzumindest hierzulande nicht gleich ins Gefängnis. Inmeinen finanziell besonders mageren Jahren war mireinmal ein Inkassobüro auf den Fersen, um einen Krediteinzutreiben. Ich konnte es mit kleinen Tricks in Schachhalten, von denen sich dieser als besonders wirkungsvollerwiesen hat: Wenn jemand von dem Büro anrief, sagteich kein Wort und knallte den Hörer so lange auf denTisch, bis der Anrufer auflegte. Das Inkassobüro musstetrotzdem nicht bis in alle Ewigkeit warten. Als es mirfinanziell wieder besser ging, zahlte ich nach meineneigenen Möglichkeiten, ohne mich mit aufdringlichenGeldeintreibern herumschlagen zu müssen. 281
  • 282. Jetzt soll aber endlich das Geheimnis gelüftet werden,wie man dem leidigen Geldproblem am besten beikommt.Es gibt zwei Methoden, die beide gleich effektiv sind.Entweder gibt man weniger aus, als man verdient, oder –falls das zu keinem Erfolg führt – man muss mehrverdienen, als man ausgibt. Das ist die ganze Kunst. Wereinen von diesen beiden großartigen Ratschlägenbeherzigt, hat das Geldproblem schon erfolgreich gelöst. Ein glückliches Herz ist besser als ein voller Geldbeutel. Italienisches SprichwortSollte sich der Geldmangel trotz immer höhererEinnahmen als chronisch erweisen, werfen Siewahrscheinlich zu viel Geld für Unnötiges aus demFenster und sollten sich fragen, warum Sie am Rande desRuins ein solch verschwenderisches Dasein führen. HabenSie Geduld, den richtigen Umgang mit Geld lernt mannicht so schnell. Doch Sie werden sehen, dass ein wenigeraufwändiger Lebensstil keineswegs unglücklich macht.Und Sie werden überrascht sein, wie wenig Sie eigentlichbrauchen. Das Gegenstück zum hemmungslosen Verschwender istder Geizkragen, der jeden Pfennig umdreht und sich anseinem Vermögen nicht freuen kann. Dumm genug, dennGeld ist schließlich einzig und allein zum Ausgeben da.Wozu braucht man Geld in Hülle und Fülle, wenn mannicht weiß wofür? Seinen Wohlstand sollte man vor allemgenießen können, wenn er Sinn und Zweck haben soll.Lassen Sie sich etwas Hübsches einfallen, das Ihnen Spaßmacht und wofür Sie einen Teil Ihres Geldes investierenwollen. Sollten Sie auch nach gehörigem Nachdenken auf 282
  • 283. gar nichts kommen, wenden Sie sich vertrauensvoll anmich. Ich hätte keine Probleme, Ihnen beim Geldausgebenzu helfen und Sie von Ihrem Elend zu erlösen. Mit Geld richtig umzugehen heißt vor allem, sich klar zumachen, dass mehr Geld kein größeres Glück bedeutet,und dass es auf lange Sicht unbefriedigend ist, seinWohlbefinden und Selbstwertgefühl über den Besitz unddas Bankkonto zu definieren. Eine Umfrage despsychologischen Instituts der University of Illinois ausdem Jahr 1996 hat ergeben, dass Lotteriegewinner ein Jahrnach dem unverhofften Geldsegen nicht glücklicher warenals vorher. Das Geldverdienen zum Hauptzweck seines Daseins zumachen ist nicht nur sinnlos, es ist auch ein Akt derVerzweiflung. Weder dem Glück noch dem Geld, auchwenn sie ganz oben auf der Wunschliste stehen, darf mannachjagen, denn auf diese Weise vertreibt man seine Beutemit ziemlicher Sicherheit. Noch einmal: Wer nicht mehrauf das Geldverdienen fixiert ist und stattdessen soarbeitet, dass es ihm Spaß macht, wird mit Befriedigungund Freude an der Arbeit reichlich belohnt.Erstaunlicherweise kann diese Belohnung sich auch als einHaufen Geld entpuppen, gerade weil man nicht aufsGeldverdienen fixiert war. Das Geld sollte die eigene Kreativität und die innereSicherheit widerspiegeln. Wenn man seine kreativenEnergien in einem verantwortungsvollen Job einsetzt, wirddas nötige Kleingeld für ein angenehmes Leben wie vonselbst hereinkommen. Wer viel wagt, gewinnt, und wermutig seiner inneren Berufung folgt, verdient langfristigmehr. Vielleicht brauchen Sie dann auch gar nicht mehr soviel, weil Sie schon damit zufrieden sind, Ihre persönlicheAufgabe gefunden zu haben. Wenn dabei viel Geld herausspringt, umso besser. Auch 283
  • 284. wenn Sie auf diesen Bonus nicht angewiesen sind – Siesollten ihn ausgiebig genießen, wenn er Ihnen schon inden Schoß gefallen ist. Also: lassen Sie die Kirche im Dorf und überbewertenSie das Geld nicht. Unzufriedenheit beeinträchtigt dieLebensfreude. Vielleicht geht es Ihnen ja schon gut, undSie wissen es nur nicht. Wenn die Grundbedürfnissebefriedigt sind, wenn man etwas zu essen, Kleidung undein Dach über dem Kopf hat, bringt mehr Geld auch nichtdas erhoffte Glück. Vergleichen Sie sich nicht immer mitdenen, die mehr haben, das macht nur unzufrieden. Und esgibt immer jemanden, der mehr hat. Kaum steht manbesser da als die Müllers, will man die Schulzesübertrumpfen, und das Spielchen nimmt kein Ende … 284
  • 285. Wie man sich mit wenig Geld königlich amüsiertDie irrige Meinung, dass Freizeit Geld kostet, ist leiderweit verbreitet. Die exklusiven Konsumtempel, die in derFreizeit locken, sind ein Fass ohne Boden, und ihreMacher hoffen, dass die Verkürzung der Arbeitszeithauptsächlich dem Konsum dient. Doch die Gier nachGeld und Besitz ist kein Allheilmittel. Was wirklich zählt,ist für Geld nicht zu haben; die besten Dinge im Lebengibt es sogar umsonst! Freizeitaktivitäten müssen den Geldbeutel und dieUmwelt nicht belasten. Was besonders umweltfreundlichist, ist sogar besonders billig. Ein Sonnenuntergang, einSpaziergang, Meditation, interessante Gespräche, einenFluss zu durchwaten oder im Park zu joggen kostet so gutwie nichts und schont die Umwelt. Man braucht keinKrösus zu sein, um sich königlich zu amüsieren. Freizeitvergnügen ist keineswegs das, was uns dieWerbung verkaufen will. Ein Urlaub zum Beispiel mussnicht unbedingt teuer sein, und zum Abschalten muss mannicht unbedingt zu den Bahamas fliegen. Bevor man dieWelt abgrast, sollte man sich erst mal in seiner näherenUmgebung umsehen. Ich will niemanden davon abhalten,die Welt kennen zu lernen. Ich sage nur, dass man nichtunbedingt weit weg fahren muss, damit das Reisen Spaßmacht. Der reichste Mensch ist der, dessen Vergnügungen am wenigsten kosten. Henry David Thoreau 285
  • 286. In unserer materialistischen Welt geraten die einfachenFreuden leicht in Vergessenheit. In teuren Hotels mit demGeld um sich zu werfen, exotische Länder zu bereisen undin exklusiven Boutiquen einzukaufen ist nicht dasNonplusultra der Freizeitgestaltung. Im Gegenteil: jeweniger man braucht, umso freier wird man. Ein einfacherLebensstil kann an sich schon ein Vergnügen sein. Reichwerden kann man auch, indem man sich bewusst macht,was man bereits hat. Bei den Buddhisten heißt es: »Wenndu haben willst, was du hast, bekommst du immer, was duwillst.« Wir wissen schon gar nicht mehr, wie reich wir imVergleich zu manchen Ländern in der Dritten Welt sind.Bücher, Musik, alte Freunde, vernachlässigte Hobbys undLieblingsbeschäftigungen wollen wieder entdeckt werden,man muss nur die Augen aufmachen. Freizeitvergnügen hängt also nicht vom Geld ab. Egalwie viel Geld Sie besitzen, Sie können Ihre Freizeit durchviel wichtigere Faktoren aufwerten: durch Ihr Talent, IhrWissen, Ihre Erfahrung und Ihre kreativen Fähigkeiten. 286
  • 287. DURCHSTARTEN BITTE! 287
  • 288. Erst am Schluss ist SchlussDieses letzte Kapitel ist vielleicht das Ende des Buches,aber es ist eigentlich erst der Anfang vom Ende. »Erst amSchluss ist Schluss« – dieses Lebensmotto sollten Siebeherzigen, egal wie alt Sie sind. Vielleicht sind Sie noch Teenager, möglicherweise sindSie auch schon über hundert Jahre alt. So oder so solltenSie nicht wie viele andere den Fehler begehen, so zuleben, als wäre das Leben schon vorbei. Wenn ich erwachsen bin, will ich ein kleiner Junge werden. Joseph HellerViele Vorurteile über das Altern halten sich hartnäckig,obwohl sie nichts mit der Realität zu tun haben. Einchinesisches Sprichwort lautet: »Der Mensch ist ein Narr!Er bittet um ein langes Leben und fürchtet das Alter!« Falsche Vorstellungen vom Alter können zuProphezeiungen werden, die sich schließlich selbsterfüllen. Wir leihen ihnen nur allzu gerne ein offenes Ohr,weil wir dann eine schöne Entschuldigung dafür haben,dass wir manchen Beschäftigungen aus dem Weg gehen,die man sich sehr wohl auch jenseits der Siebzig zutrauenkann. Das Alter wird nur dann zum Gespenst, wenn mansich aus dem Leben zurückzieht. Das Alter ist einNeuanfang, kein Rückzug. Es ist nie zu spät, noch etwasNeues zu lernen, noch etwas zu erreichen und damitZufriedenheit im Alter zu erlangen. Nicht nur die Jugend kann in der Welt etwas bewegen. 288
  • 289. Kreativität und Lebensenergie kann man auch noch haben,wenn man nicht mehr so jung ist. Im Folgenden sindeinige Menschen genannt, die in einem fortgeschrittenenAlter noch aktiv und lebendig waren: Betrand Russell hat sich noch mit 94 Jahren für den Weltfrieden eingesetzt. Mutter Teresa hat sich bis zu ihrem Tod für die Armen eingesetzt. Picasso malte noch mit 90 Jahren. Der zweifache Nobelpreisträger, Linus Pauling, hat noch mit 90 Jahren versucht den Nutzen hoher Vitamingaben nachzuweisen.Diese Menschen sind herausragende Persönlichkeiten,aber sie sind keine Ausnahme. Es gibt unzähligeMenschen, die noch mit 70, 80 oder 90 Jahren eineunglaubliche Lebensfreude ausstrahlen, geistig undkörperlich fit und begeisterungsfähig sind. VieleMenschen entwickeln gerade im Alter ungeahnte Energienund kommen in diesem Lebensabschnitt erst recht inFahrt. 289
  • 290. Kein Bedarf an VerjüngungskurenÜbung 18Führen Sie sich zwei bis drei Minuten lang Menschen vorAugen, die 60 Jahre oder älter sind und immer nochneugierig, aktiv und intensiv am Leben teilnehmen.Schreiben Sie auf, welche Eigenschaften diese Menschenhaben.Ältere Menschen, die sich ihre Lebensfreude bewahrthaben, können vor allem immer noch über das Wunder desLebens staunen, sich an jedem Regenbogen,Sonnenuntergang oder Vollmond aufs Neue freuen.Meinen Seminarteilnehmern sind noch weitere Dingeeingefallen, die solche Menschen auszeichnen: Kreativität Spontaneität Humor Verspieltheit Energie Aufgeschlossenheit Neugierde Heiterkeit Übermut Abenteuerlust Witz 290
  • 291. Anpassungsfähigkeit FröhlichkeitÜbung 19Welche Altersgruppe hat fast alle diese Eigenschaften?Richtig! Kinder natürlich. In vieler Hinsicht sind ältereMenschen, die sich ihren Lebensschwung erhalten haben,wie Kinder. Sie passen sich schnell verändertenBedingungen an, lassen sich als abenteuerlustigeOptimisten gerne auf Neues ein, lernen ein Instrument,versuchen sich im Tennisspielen oder Windsurfen. Sieinteressieren sich für alles, wollen nichts verpassen undkönnen sich wie Kinder vollkommen in eine Tätigkeitvertiefen. Sie können lachen, Unsinn machen, spontanhandeln und ihre Lebensfreude zum Ausdruck bringen.Wer auch im Alter aktiv und glücklich ist, braucht keineVerjüngungskur, weil er ein Kind geblieben ist. 291
  • 292. Die innere OrientierungObwohl es wichtig ist, sich kindliche Eigenschaften auchim Alter zu bewahren, geht es beim Älterwerden nicht inerster Linie darum, sich die Jugendlichkeit zu bewahren.Nach und nach werden die körperlichen Kräfte nachlassen,auch wenn man eisern versucht, sich fit zu halten. Dochder Geist hat noch Reserven und kann sich weiter-entwickeln. Das persönliche Wachstum trägt zu einemerfüllten Leben bei, da wir durch die Weisheit und dieTiefe, die wir erst im Alter erwerben, bereichert werden. Nur wer mit sich selbst leben kann, findet am Geschenk der Muße Gefallen. Henry CreberMit dem Eintritt ins Seniorenalter rückt zum ersten Malder Ruhestand ins Blickfeld. Das Wort Ruhestand dürfenSie aber keinesfalls wörtlich nehmen, sonst sitzen Sieschließlich lustlos auf dem Sofa und warten auf den Tod.Der Ruhestand sollte für eine Neuorientierung im Lebengenutzt werden. Das Ende der Berufstätigkeit sollte nichtRuhestand, sondern lieber Selbstverwirklichung heißen,denn es bedeutet einen Aufbruch zu neuen Ufern. Man sollte sich vor allem um die innere Orientierungbemühen, denn sie ist eine Voraussetzung dafür, dass sichdie Freizeit nicht nur auf äußere Ereignisse undBeschäftigungen beschränkt. Die innere Orientierung ist inder Jugend nicht das Thema Nummer eins, aber wenn manälter wird, ist sie entscheidend. Sie hat etwas mit demSeelenleben beziehungsweise der Spiritualität zu tun, dem 292
  • 293. Segment im »Lebensrad«, das in unserer materialistischorientierten Gesellschaft häufig übersehen undvernachlässigt wird. Den Zugang zu seinem spirituellenSelbst erreicht man über höhere Bewusstseinsstufen. Siewerden beim Sport, durch Unterhaltung oder die Arbeit inder Regel nicht greifbar. Wer sich seinem Innenleben und seiner inneren Stimmeöffnet, wird daraus eine Kraft und ein Vertrauen schöpfen,das die Außenwelt nicht bieten kann. Wer den Kontakt zuseinem höheren Selbst aber verliert, kann infortgeschrittenem Alter unter Verzweiflung undDepressionen leiden. Dei Ausweg aus Einsamkeit undVerzweiflung ist die Einstimmung auf eine geistig-seelische Welt, wodurch sich das wahre Ich erst richtigentfalten kann. Die persönliche Entwicklung ist etwasschwer Fassbares, ist aber zugleich wunderbar undfaszinierend. Wer sich selbst hinterfragt und in sichhineinhorcht, wird entschlossener und zielgerichteter underlangt daher eine große innere Freiheit. Die Entdeckungdes höheren Selbst wird Sie kreativer und dynamischermachen. Sie werden Ihr Leben lustvoller genießen, weil esso reich und schön ist. 293
  • 294. Reden ist Silber, Handeln ist GoldIn diesem Buch habe ich eine ganze Reihe von Prinzipienfür eine befriedigende Freizeitgestaltung vorgestellt. ImFolgenden sind die wichtigsten noch einmalzusammengefasst: Befragen Sie sich jeden Tag zu Ihrer Einstellung. Halten Sie Pessimisten auf Abstand! Konzentrieren Sie sich auf Ihre Bedürfnisse und Ziele. Fragen Sie sich selbst: »Bin ich wach und aufmerksam?« Befriedigen Sie die drei wichtigen Bedürfnisse: das Bedürfnis nach Struktur, nach einem Ziel und nach Gemeinschaft. Entwerfen Sie einen Ideenbaum. Halten Sie aktive und passive Beschäftigungen im Gleichgewicht. Vergessen Sie nicht, dass Geld weder glücklich noch unglücklich macht. Beherzigen Sie immer die »einfache Lebensregel«. Ihrem Ideenreichtum an Lebensentwürfen sind keine Grenzen gesetzt. Bemühen Sie sich um Ihre persönliche Entwicklung, um Anerkennung und Verantwortung, und versuchen Sie etwas zu erreichen. Wer sich langweilt, ist selbst schuld. 294
  • 295. Konzentrieren Sie sich auf den Augenblick, und widmen Sie sich ihm. Der Weg ist das Ziel. Handeln Sie spontan. Wagen Sie es, sich von der Masse abzuheben. Riskieren Sie etwas. Nur selbstsichere Menschen können gut allein sein. Lachen Sie, und seien Sie albern. Die besten Dinge im Leben sind kostenlos. Halten Sie sich körperlich fit. Widmen Sie sich ausgesuchten Beschäftigungen. Vermeiden Sie stundenlanges Fernsehen. Halten Sie sich geistig fit. Lassen Sie ab und zu die Seele baumeln. Entwickeln Sie Ihre innere Welt, Ihr spirituelles Wesen.Diese Tipps garantieren allerdings noch nicht, dass IhreFreizeitgestaltung auch wirklich befriedigend ist, genausowie der Besitz eines Pferdes noch keinen guten Reitermacht. Ich kann das von Tag zu Tag besser Vielleicht sollte ich anderen Unterricht im Faulenzen geben. 295
  • 296. Man muss sich immer wieder motivieren, das Notwendigezu tun, um ein Müßiggänger zu werden. Wie bei allemSchönen und Sinnvollen im Leben muss man sich auchum die Freizeit bemühen, die Freude daran fällt einemnicht von alleine in den Schoß. Es reicht nicht aus, eineLebenskrise zu erkennen und großartige Pläne zu machen,was man dagegen tun kann. So weit kommt fast jeder.Woran es meistens hapert, ist die Umsetzung in die Tat.Wenn man nichts tut, sind alle guten Vorsätze undfrommen Wünsche umsonst. Also: nicht immer nur von all den wunderbaren Dingenreden, die man im Leben verwirklichen will, sonderndamit anfangen! Reden ist Silber, Handeln ist Gold. Von mir ist nichts Glänzendes oder Außergewöhnliches zu berichten, außer vielleicht diesem einen: Ich tue das, was ich für notwendig halte … und wenn ich mich zu etwas entschlossen habe, handele ich auch. Theodore RooseveltBeim »goldenen Handeln« geht es um das persönlicheEngagement. Jeder bemüht sich angeblich um seinLebensglück. Doch die Realität sieht häufig ganz andersaus. Kaum stellt sich heraus, dass viel Zeit, Kraft undHingabe gefragt sind, verschwinden alle guten Vorsätze inder Versenkung. Sie können auf ganz einfache Weise feststellen, wie weites mit Ihrem Engagement in Bezug auf Ihre Ziele undIhren Lebensweg her ist: Halten Sie immer, was Sieversprochen haben? Erledigen Sie auch so scheinbarunwichtige Dinge wie ein angekündigtes Telefonat? Wennes schon im Kleinen nicht klappt, wie sollen dann größere 296
  • 297. Vorhaben gelingen? Ohne persönliches Engagement ist Erfolg auf Dauernicht zu haben, und nur Taten beweisen, dass Sie sichwirklich bemühen. Wenn Sie es ernst meinen und Ihr Zielum keinen Preis aus den Augen verlieren wollen, dürfenSie sich nicht von Hindernissen auf Ihrem Wegentmutigen lassen. Sie können über das Hindernis klettern,mitten hindurchbrechen oder unten durchkrabbeln, siekönnen es in die Luft sprengen, niederbrennen odereinfach beiseite räumen. Die Freizeit bietet unbegrenzte Möglichkeiten, sich zuentfalten und Befriedigung zu finden. Wenn man seinLebensglück wirklich finden will, gibt es keinen Grund,am Schluss mit leeren Händen dazustehen. Und wenn Siekeine Arbeit mehr haben, machen Sie sich einfach mitBegeisterung an das, was in Ihrem Leben als Nächstesansteht. Sollten Sie nach der Lektüre dieses Buches immer nochunterbeschäftigt sein, versuchen Sie es hiermit: Machen Sie Ihre Einkäufe zu Fuß statt mit dem Auto. Helfen Sie anderen, statt sich selbst helfen zu lassen. Lassen Sie eine Viertelstunde lang einen Sonnenuntergang auf sich wirken, statt nur einen Blick darauf zu werfen. Gewöhnen Sie sich an, hin und wieder ohne Gesellschaft auszukommen, um das Alleinsein genießen zu können. Lesen Sie ein Buch, statt vor dem Fernseher zu sitzen. 297
  • 298. Widmen Sie sich Aktivitäten, die eine Herausforderung für Sie sind. Suchen Sie sich anregende Gesprächspartner, die Ihre Ansichten auch einmal infrage stellen. Lassen Sie eine Party mit vielen interessanten Leuten steigen (vergessen Sie nicht, mich einzuladen).»Was du säst, wirst du ernten.« Mit anderen Worten: Was Sie selbst in die Welteinbringen, wird wieder auf Sie zurückkommen. Einerfülltes und zufriedenes Leben ergibt sich nicht vonselbst, man muss etwas dafür tun – sehr viel sogar. SetzenSie Ihre Pläne in die Tat um. Ihre Lebensfreude und einepositive Einstellung werden Ihnen dabei helfen. Undbeherzigen Sie die buddhistische Weisheit: »Wissen ohneHandeln ist noch kein Wissen.« 298
  • 299. Das Leben fängt in der Freizeit anIch wünsche mir, dass dieses Buch Ihnen hilft, an IhrerFreizeit so viel Freude zu haben wie ich beim Schreiben.Ich denke, dass die Aufwertung Ihrer Freizeit schon alleindadurch in Gang gekommen ist, dass Sie dieses Buchgelesen haben. Der erste Schritt ist schon getan. Jetzt müssen Sie Ihr Wissen nur noch anwenden. Siewerden einen langen Atem brauchen, damit Ihre Energieund innere Beweglichkeit nicht vorzeitig erlahmen. Manmuss die Welt lieben, wenn man ihr nützlich sein will. DerLernprozess und das persönliche Wachstum, nicht diePerfektion sollten dabei im Vordergrund stehen. DiePerspektive, aus der Sie die Dinge sehen, bestimmen Sieselbst, und ob Sie Freude an Ihren Freizeitbeschäftigungenfinden, hängt ebenfalls ganz allein von Ihnen ab. Es istIhre Aufgabe, Ihre freie Zeit auszufüllen, dann bleibt fürAngst, Langeweile und Depressionen gar keine Zeit. DasLeben ist so vielfältig, und es lohnt sich, durch weitgefächerte Interessen diese Vielfalt auszukosten. Was aber, wenn keine Lebensfreude aufkommt? Wennjegliche Begeisterung fehlt? Wenn Routine und das leidigeSicherheitsbedürfnis einen Käfig aus Langeweile undGleichgültigkeit errichtet haben? Dann heißt es eben, dieBegeisterungsfähigkeit wieder zum Leben zu erwecken,indem man sich bewusst etwas ganz Neues vornimmt undwieder frischen Wind und Spannung in die Sache bringt.Lassen Sie sich auf Überraschungen ein: Beleben SieIhren Alltag mit neuen Gesichtern und Erlebnissen.Scheuen Sie weder den Zufall noch das Risiko.Interessieren Sie sich für alles: für fremde Menschen,Kulturen und Orte, für ausgefallene Speisen oder 299
  • 300. ungewöhnliche Bücher. Dabei kommt es – das möchte ich noch einmal betonen –nicht auf spektakuläre Ereignisse oder einzigartigeAugenblicke an. Gerade die einfachen Dinge des Lebenskönnen große Freude machen. Eigentlich braucht man in der Freizeit dem Glück nichthinterherzulaufen: Wir müssen nur drei Gaben, mit denenwir schon auf die Welt gekommen sind, nutzen: dasGeschenk der Liebe, das Geschenk des Lachens und dasGeschenk des Lebens – und schon folgt uns das Glück aufSchritt und Tritt. Hätte ich doch mehr Champagner getrunken! Die letzten Worte von John Maynard KeynesEntscheidend ist auch die innere Haltung. Sie bestimmt,wie unser Leben aussieht. Niemand kann uns abnehmen,unser Leben selbst zu gestalten und die Begeisterung,Kraft und Motivation aufzubringen, es ganz auszukosten. Die Freizeit ist ein kostbares Geschenk, das man einLeben lang hegen und pflegen muss. Wer ihren Wert nochimmer nicht erkannt hat, sollte sich vielleicht vor Augenhalten, dass noch niemand auf dem Totenbett gesagt hat:»Ich wünschte, ich hätte mehr gearbeitet.« Wenn man überhaupt bedauert, im Leben etwasversäumt zu haben, wird es sich mit ziemlicher Sicherheitnicht auf die Arbeit, sondern auf die Freizeit beziehen.Und das hat seinen guten Grund: Wer die Kunst erlernt,mühelos zu leben, hat die größeren Chancen, sein Glückzu finden. Das Leben beginnt in der Freizeit … bon voyage! 300
  • 301. LITERATURRichard Bach: EinsSein. Eine kosmische Reise. München1991. ders.: Illusionen. Die Abenteuer eines Messias widerWillen. Berlin 1978 Richard Nelson Bolles: Durchstarten zum Traumjob.Das Bewerbungshandbuch für Ein-, Um- und Aufsteiger.Frankfurt am Mai 1999. Deepak Chopra: Die sieben geistigen Gesetze desErfolgs. München 1996. Diane Fassel. Wir arbeiten uns noch zu Tode. Die vierGesichter der Arbeits sucht. München 1991. Herbert J. Freudenberger: Ausgebrannt. Die Krise derErfolgreichen. München 1981. Erich Fromm: Haben oder Sein. Die seelischenGrundlagen einer neuen Gesellschaft. München 1998. Shakti Gawain u. Laurel King: Leben im Licht. Quelleund Weg zu einem neuen Bewusstsein. München 1998. Barbara Killinger: Ich habe leider keine Zeit. Woranman einen Workaholic erkennt und wie man ihm hilft.München 1994. John Naisbitt u. Patricia Aburdene: Megatrends 2000.Zehn Perspektiven für den Weg ins nächste Jahrtausend.Düsseldorf 1991. Tom Peters: Das Tom-Peters-Seminar II. Der Wow-Effekt. 200 Ideen für herausragende Erfolge. Frankfurt amMain 1995. Michael Phillips: Die sieben Gesetze des Geldes. 301
  • 302. Münsingen 1998. Faith Popcorn: Clicking. Der neue Popcornreport. Dieneuesten Trends für unsere Zukunft. München 1999. Jeremy Riflun: Das Ende der Arbeit und ihre Zukunft.Frankfurt am Main 1995. Antoine de Saint-Exupery: Der kleine Prinz. Düsseldorf1950. 302