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Statistik Austria / BMASK

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  • 1. Studie der Statistik Austria im Auftrag des BMASKARMUTS- UND AUSGRENZUNGSGEFÄHRDUNGIN ÖSTERREICHErgebnisse aus EU-SILC 2011EinkommenManifeste ArmutEinkommenslückeVerfestigteDeprivationZahlungsproblemeÜberbelagPrekäre WohnqualitätBelastende WohnumgebungSehr hoher WohnungsaufwandRegistrierte WohnungslosigkeitArbeitsmarktferneHaushaltseinkommen aus Erwerbsarbeitunter der ArmutsgefährdungsschwelleWorkingPoorLangzeitbeschäftigungslosigkeitBildungsaktivitätBildungsferneJugendlicheGesundheitseinschränkungenSoziale LebenserwartungsdifferenzenVorschulischeBildungLebensstandardWohnraum ErwerbslebenErwerbshindernisseBildungschancenGesundheitSehr niedrigeErwerbsintensitätMehrfach-AusgrenzungsgefährdeteErhebliche materielle DeprivationArmutsgefährdungSOZIALTELEFONBürgerservice des SozialministeriumsTel.: 0800 - 20 16 11Mo bis Fr 08:00 - 12:00 UhrDo 08:00 - 16:00 UhrPFLEGETELEFONTel.: 0800 - 20 16 22Mo bis Do 08:00 - 16:00 UhrFr 8:00 - 13:00 UhrFax: 0800 - 22 04 90pflegetelefon@bmask.gv.atBROSCHÜRENSERVICETel.: 0800 - 20 20 74broschuerenservice@bmask.gv.athttps://broschuerenservice.bmask.gv.atALLGEMEINE FRAGENpost@bmask.gv.atBUNDESMINISTERIUM FÜRARBEIT, SOZIALES UNDKONSUMENTENSCHUTZStubenring 1, 1010 WienTel.: +43 1 711 00 - 0www.bmask.gv.at
  • 2. IMPRESSUMMedieninhaber und Herausgeber: Bundesministerium für Arbeit, Soziales und Konsumenten-Redaktion: Nadja Lamei (Projektleitung EU-SILC), Matthias Till(Nationale Indikatoren für soziale Eingliederung), Marc Plate, Thomas Glaser, Richard Heuberger,Layout: Waltraud Unger (Sta-Lektorat: Verlags- und Herstellungsort: Druck: BMASK1. Auflage: ISBN 978-3-85010-318-3Alle Rechte vorbehalten:Zu beziehen bei BMASK-Bestellservice 0800/20 20 74 oder https://broschuerenservice.bmask.gv.atJede Verwertung (auch auszugsweise) ist ohne schriftliche Zustimmung des Medieninhabersunzulässig. Dies gilt insbesondere für jede Art der Vervielfältigung, der Übersetzung, derMikroverfilmung, der Wiedergabe in Fernsehen und Hörfunk, sowie der Verarbeitung undEinspeicherung in elektronische Medien, wie z. B. Internet oder CD-Rom.
  • 3. VORWORTVorwortDie vorliegende Studie dokumentiert die Einkommens- und Lebensbedingungen in Österreich auf Basis derEU-SILC-Daten, die jährlich in allen Mitgliedstaaten der Europäischen Union erhoben werden. Sie präsentiertneben der Einkommensarmut auch die Entwicklung der sozialen Ungleichheit, die Lebensbereiche Wohnen,Bildung und Gesundheit sowie die sozialen Teilhabechancen in Österreich.Die Ergebnisse zeigen, dass die Anzahl der armutsgefährdeten Menschen trotz Krise stabil blieb, vor allemwegen der Steuerreform 2008, der Lohnabschlüsse, der Einführung der Bedarfsorientierten Mindestsicherungund weiteren sozial- und beschäftigungspolitischen Maßnahmen. Gerade in wirtschaftlich schlechten Zeitenhaben die Sozialleistungen eine stabilisierende Funktion für die individuellen und gesellschaftlichen Lebens-bedingungen. Sie verringern die Armutsgefährdung deutlich und tragen zur Aufrechterhaltung des privatenKonsums und damit letztlich auch zur wirtschaftlichen Erholung bei. Jede Person profitiert in den einzelnenLebensabschnitten – als Kind, im Erwerbsalter und in der Pension – vom Sozialstaat.Wie bereits in den früheren Veröffentlichungen der EU-SILC-Daten in der Sozialpolitischen Studienreihe stellendie Indikatoren der Europa 2020-Strategie einen Schwerpunkt der Publikation dar. Mit dieser Strategie hatsich die EU das Ziel gesetzt, bis zum Jahr 2020 20 Millionen Menschen aus Armut und sozialer Ausgrenzungherauszuführen. Zur Umsetzung hat Österreich im Gegensatz zu anderen Mitgliedstaaten auch quantitativeZiele festgelegt: Die Zahl der von Armut oder Ausgrenzung bedrohten Menschen soll in diesem Zeitraum um235.000 Personen verringert werden. Aktuelle Daten zeigen, dass Österreich auf einem guten Weg ist, diesesZiel zu erreichen.Die im Jahr 2012 von Statistik Austria, der Österreichischen Armutsplattform und dem BMASK überarbeitetennationalen Eingliederungsindikatoren vertiefen und ergänzen die Analysen mit spezifischen Informationenzur Entwicklung der Lebenssituation in Österreich. Verbesserungen gab es in den Bereichen Bildung undGesundheit, in den anderen Bereichen Wohnraum, Erwerbsleben und Lebensstandard werden ambivalenteEntwicklungen aufgezeigt. Die steigenden Armutsgefährdungsschwellen und sinkenden Zahlen von Niedrig-lohnbezieherInnen zeigen Verbesserungen der Einkommenssituation auf, während die Anstiege bei verfestigterDeprivation und Langzeitbeschäftigungslosigkeit auf Verschlechterungen für bestimmte Personengruppenhindeuten. Auch die Anzahl der von hohen Wohnkosten betroffenen Personen nimmt stetig zu. Aktuelle Datenweisen auch auf eine Verringerung der manifesten Armut hin.BMASK
  • 4. VORWORTIm Fokus der vorliegenden Studie stehen die sogenannten „Working Poor“, die armutsgefährdeten erwerbs-tätigen Personen. Ihr Anteil hat sich in Österreich seit 2005 kontinuierlich verringert und liegt derzeit mit5,4% weit unter dem EU-27-Durchschnitt von 8,9%. Gründe für die positive Entwicklung sind die höhereBeschäftigungsquote von Frauen, der relativ geringe Anteil prekärer und gering entlohnter Beschäftigungs-formen und der hohe Anteil kollektivvertraglich geregelter Beschäftigungsverhältnisse. Mit Blickauf steigendeTeilzeitquoten bei Frauen und Männern sowie auf immer noch bestehende bildungs- und geschlechtsspezi-fische Lohnungleichheiten stellen die „Working Poor“ jedoch eine bedeutende Zielgruppe einer gerechtenArbeits- und Sozialpolitik dar.Als Arbeits- und Sozialminister ist es mir ein wichtiges Anliegen, die Arbeitsmarktintegration weiter zu er-höhen, und damit auch monetäre Armut von vornherein zu vermeiden. Dabei sollen alle Personen, die einespezielle Förderung zur Arbeitsmarktintegration benötigen, besonders unterstützt werden. Nur Erwerbsarbeit,die ausreichend bezahlt wird, kann die Spirale von Armut und sozialer Ausgrenzung verhindern. Gleichzeitigmuss der Sozialstaat gesichert werden, um eine Wahrung und Verbesserung des Lebensstandards für alleMenschen in Österreich auch in Zukunft zu gewährleisten.Bundesminister Rudolf Hundstorfer
  • 5. VORWORTVorwortDie vorliegende Publikation von Statistik Austria widmet sich Gefährdungslagen sozialer Ausgrenzung undsetzt damit die im Vorjahr begonnene Berichterstattung über die Sozialzielgruppe im Sinne der Europa2020-Strategie fort. Ihre Zusammensetzung und zahlenmäßige Entwicklung in Österreich wird vor demHintergrund der europäischen und nationalen Ziele zur Reduktion von Armuts- oder Ausgrenzungsgefähr-dung dargestellt. Im Fokus der Analyse stehen diesmal die sogenannten „Working Poor“ – Menschen, dietrotz regelmäßiger Erwerbstätigkeit armutsgefährdet sind. Ergänzend zu den europäisch vergleichbarenIndikatoren werden österreichspezifische Aspekte von sozialer Ausgrenzung im Monitoring des natio-nalen Indikatorensets zur sozialen Eingliederung präsentiert. Ziel des Berichts ist es somit, verschiedeneDimensionen von Ausgrenzungsgefährdung zu beschreiben und durch diese Gesamtschau an Indikatorenein zuverlässiges Bild über die Lage der Ausgrenzungsgefährdeten sowie über (multiple) Betroffenheit vonProblemlagen zu erhalten.Die EU-Strategie „Europa 2020“ für intelligentes, nachhaltiges und integratives Wachstum in Europa aus demJahr 2010 umfasst unter anderem Ziele zur Armutsbekämpfung. Die Mitgliedstaaten haben ihre Beiträge undZielsetzungen festzulegen: In Österreich wurde das Reduktionsziel hinsichtlich von Armut oder Ausgrenzungbedrohter Personen mit 235.000 Personen bis zum Jahr 2020 angegeben. Um den Fortschritt messen zukönnen, wird der europäisch verbindliche Indikator „Armuts- oder Ausgrenzungsgefährdung“ herangezogen.Er umfasst die drei Zielgruppen „Armutsgefährdung“, „erhebliche materielle Deprivation“ und „Personen inHaushalten mit keiner oder sehr niedriger Erwerbstätigkeit“. Der umfassenden statistischen Analyse dieserZielgruppen und einer zeitnahen Berichterstattung zu Problemlagen und Veränderungen kommt besondereBedeutung zu. Neben den Charakteristika der jeweiligen Gruppen für Österreich stehen auch immer zeitlicheEntwicklungen sowie Vergleiche auf europäischer Ebene im Mittelpunkt.Besonderes Augenmerk wird in der vorliegenden Studie der Schnittmenge zwischen Erwerbsarbeit und Ar-mutsgefährdung geschenkt. Trotz ihrer niedrigeren prozentuellen Betroffenheit stellen Erwerbstätige einegroße Gruppe der Armutsgefährdeten dar. Möglichen Gründen für das Phänomen der „Working Poor“ wirdnachgegangen. Die Berichterstattung zu den Europa 2020-Armutszielen wird um ein Kapitel zur Rolle derSozialleistungen für Umverteilung und Armutsreduktion ergänzt. Der im Auftrag des BMASK erstellte undjährlich aktualisierte Katalog zu nationalen Eingliederungsindikatoren erweitert die Befunde zu Armut undsozialer Eingliederung in Österreich.STAT/APA-Fotoservice/Preiss
  • 6. VORWORTGrundlage des vorliegenden Berichts sind Daten aus der EU-SILC Erhebung 2011 zu Einkommen, Armut undLebensbedingungen. Diese Erhebung wird seit 2003 jährlich von Statistik Austria im Auftrag des BMASKdurchgeführt und ist seit 2010 in einer nationalen Verordnung (BGBl. II Nr. 277/2010) geregelt.Methodische Details und Kohärenzvergleiche der Studie sowie ein umfassender Tabellenband sind auf denWebsites von Statistik Austria und des BMASK abrufbar.Dr. Konrad PesendorferFachstatistischer GeneraldirektorSTATISTIK AUSTRIA
  • 7. INHALTSVERZEICHNIS5INHALTSVERZEICHNIS1. AUFBAU UND ZUSAMMENFASSUNG DES BERICHTS 111.1 Aufbau des Berichts 111.2 Zusammenfassung 132. EUROPÄISCHE INDIKATOREN UND ZIELGRÖSSEN FÜR SOZIALE EINGLIEDERUNGIM RAHMEN DER STRATEGIE „EUROPA 2020“ 172.1 Aufbau der Strategie „Europa 2020“ 172.2 Definition der Europa 2020-Sozialzielgruppe: Armuts- oder Ausgrenzungs-gefährdete 192.3 Entwicklung und Struktur der Europa 2020-Sozialzielgruppe: Armuts- oderAusgrenzungsgefährdete 192.3.1 Teilgruppen der Armuts- oder Ausgrenzungsgefährdung 202.3.2 Sozialstruktur der armuts- oder ausgrenzungsgefährdeten Personen 243. ARMUTSGEFÄHRDUNG UND „WORKING POOR“ IN ÖSTERREICH 293.1 Armutsgefährdung 293.1.1 Ausmaß und Intensität der Armutsgefährdung 303.1.2 Soziale Zusammensetzung der betroffenen Bevölkerung 363.1.3 Dauerhafte Armutsgefährdung zwischen 2008 und 2011 383.2 Im Fokus: Armutsgefährdung trotz Erwerbsarbeit – „Working Poor“ 403.2.1 Armutsgefährdung von Personen im Erwerbsalter 403.2.2 „Working Poor“ in Österreich und der EU 423.2.3 Das Zusammenspiel zwischen individuellen Erwerbsfaktoren und demHaushaltskontext 453.2.4 „Working Poor“ in der Längsschnittbetrachtung 553.2.5 Schlussfolgerungen 594. ERHEBLICHE MATERIELLE DEPRIVATION (EU-DEFINITION) 614.1 Zusammensetzung der Zielgruppe 664.2 Armutsgefährdung und erhebliche materielle Deprivation 684.3 „Working Poor“ und erhebliche materielle Deprivation 705. PERSONEN IN HAUSHALTEN MIT KEINER ODER SEHR NIEDRIGERERWERBSINTENSITÄT 735.1 Zusammensetzung der Zielgruppe 745.2 Niedrige Erwerbsintensität und Armutsgefährdung 795.3 Spezifische Entstehungszusammenhänge niedriger Erwerbsintensität 79
  • 8. INHALTSVERZEICHNIS66. ÜBERSCHNEIDUNGEN IN DEN PROBLEMBEREICHEN SOZIALERARMUTS- ODER AUSGRENZUNGSGEFÄHRDUNG 816.1 Lebensstandard der Mehrfach-Ausgrenzungsgefährdeten 826.2 Risikofaktoren für mehrfache Ausgrenzungsgefährdung 837. UMVERTEILUNGSWIRKUNG DER SOZIALLEISTUNGEN 857.1 Anteil der Sozialleistungen und Pensionen am Haushaltseinkommen 857.2 Armutsgefährdung nach Haupteinkommensquelle 877.3 Armutsgefährdung vor und nach Sozialleistungen und Pensionen 887.4 Umverteilungswirkung der Sozialleistungen im europäischen Vergleich 918. ÖSTERREICHS INDIKATOREN FÜR SOZIALE EINGLIEDERUNG 938.1 20 Nationale Indikatoren 938.2 Kaufkraftgewinne und Erholung bei manifester Armut 968.3 Wohnen wird besser, aber auch teurer 1028.4 Erwerbsbeteiligung und Löhne steigen mäßig 1068.5 Steigende Bildungsaktivität 1098.6 Gesundheitsungleichheiten bleiben bestehen 1129. ANHANG 1159.1 Methodisches zu EU-SILC 1159.2 Literatur 116
  • 9. GRAFIKVERZEICHNIS7GRAFIKVERZEICHNISGrafik 1: Armuts- oder Ausgrenzungsgefährdung in den EU-27-Staaten 20Grafik 2: Überlappung von Problembereichen der Europa 2020-Zielgruppearmuts- oder ausgrenzungsgefährdeter Personen 21Grafik 3: Teilgruppen der Ausgrenzungsgefährdung im Zeitverlauf 24Grafik 4: Armutsgefährdung in den EU-27-Staaten 30Grafik 5: Äquivalisiertes Haushaltseinkommen: Einkommensverteilung 2010und 2011 31Grafik 6: Armutsgefährdungslücke der äquivalisierten Medianeinkommen 36Grafik 7: Armutsgefährdung von Erwerbspersonen in den EU-27-Staaten 43Grafik 8: Armutsgefährdung von Erwerbspersonen und Arbeitslosenquoten inden EU-27-Staaten 44Grafik 9: Zufriedenheit mit der Haupttätigkeit für „Working Poor“ und Personenin prekären Beschäftigungsformen 49Grafik 10: Erheblich materiell deprivierte Personen in den EU-27-Staaten – Quote 63Grafik 11: Prozentsatz der erheblich materiell deprivierten Personen und Personenin anderen Haushalten nach Anzahl der Deprivationsmerkmale 64Grafik 12: Ausgewählte Deprivationsmerkmale bei armutsgefährdeten Personen 69Grafik 13: Keine oder sehr niedrige Erwerbsintensität in den EU-27-Staaten 73Grafik 14: Personen in Haushalten mit keiner oder sehr niedriger Erwerbsintensitätnach Altersgruppen und Geschlecht 76Grafik 15: Verteilung der unter 60-Jährigen in Haushalten mit keiner oder sehrniedriger Erwerbsintensität auf Dezilgruppen des äquivalisiertenNettohaushaltseinkommens 78Grafik 16: Teilgruppen der Mehrfach-Ausgrenzungsgefährdeten 81Grafik 17: Lebensstandard der Mehrfach-Ausgrenzungsgefährdeten im Vergleich 83Grafik 18: Armutsgefährdungsquote nach Haupteinkommensquelle des Haushalts 88Grafik 19: Armutsgefährdung vor und nach Sozialleistungen und Pensionen derEU-27-Staaten 92Grafik 20: Median-Haushaltseinkommen (standardisiert und preisbereinigt) 97Grafik 21: Einkommenslücke 2004 bis 2011 98Grafik 22: Manifeste Armut 99Grafik 23: Verfestigte Deprivation 101Grafik 24: Überbelag 102Grafik 25: Prekäre Wohnqualität 103Grafik 26: Belastende Wohnumgebung 103Grafik 27: Sehr hoher Wohnkostenanteil 104Grafik 28: Arbeitsmarktfernenquote 106Grafik 29: Haushaltseinkommen aus Erwerbsarbeit unter Gefährdungsschwelle 107Grafik 30: Löhne unter 2/3 des Bruttomedianlohns 108
  • 10. GRAFIKVERZEICHNIS8Grafik 31: Erwerbshindernisse und Langzeitbeschäftigungslosigkeit 109Grafik 32: Bildungsaktivität 109Grafik 33: Bildungsferne Jugendliche 110Grafik 34: Besuch von vorschulischen Bildungseinrichtungen 111Grafik 35: Mehrfache Gesundheitseinschränkungen 112Grafik 36: Fernere Lebenserwartung mit 35 Jahren 1981/82 bis 2006/07 113
  • 11. ÜBERSICHTSTABELLEN9ÜBERSICHTSTABELLENÜbersicht 1: Teilgruppen der Armuts- oder Ausgrenzungsgefährdung 2004 und2008 bis 2011 23Übersicht 2: Soziale Zusammensetzung der Armuts- oder Ausgrenzungsgefährdeten 25Übersicht 3: Ausgewählte Haushaltsmerkmale der Armuts- oder Ausgrenzungs-gefährdeten 27Übersicht 4: Bestandteile des Haushaltseinkommens in EU-SILC 30Übersicht 5: Armutsgefährdungsschwelle bei 60% des Medians für unterschiedlicheHaushaltstypen 32Übersicht 6: Armutsgefährdungsschwelle und Armutsgefährdungsquote imZeitverlauf 33Übersicht 7: Einkommen und Lücke der Armutsgefährdeten bei unterschiedlichenSchwellen 35Übersicht 8: Armutsgefährdungsquote nach Geschlecht und Alter im Zeitverlauf 37Übersicht 9: Armutsgefährdungsquote nach Haushaltstyp im Zeitverlauf 37Übersicht 10: Häufigkeit des Auftretens von Armutsgefährdung 2008 bis 2011 39Übersicht 11: Armutsgefährdung von Personen im Erwerbsalter nach Haupttätigkeitim Vorjahr 41Übersicht 12: „Working Poor“ in Österreich 2004 und 2008 bis 2011 44Übersicht 13: Soziodemographisches Profil von Erwerbstätigen im Erwerbsalternach Armutsrisiko 47Übersicht 14: Armutsgefährdung in prekären Beschäftigungsformen und beiniedrigem Einkommen (weniger als 2/3 des Medianstundenlohns) 49Übersicht 15: „Working Poor“ nach Haushaltstyp 51Übersicht 16: Erwerbsintensität des Haushalts und Armutsgefährdung 52Übersicht 17: Erwerbstätigkeit der Frauen und Armutsgefährdung in Familien (in %) 53Übersicht 18: Personen in „Working Poor“ Haushalten nach Haushaltsmerkmalen 54Übersicht 19: Häufigkeit des Auftretens von „Working Poor“ 2008 bis 2011 55Übersicht 20: Änderungen im Erwerbsstatus im Vergleich zum Vorjahr 56Übersicht 21: Änderungen im Erwerbsstatus von 2010 auf 2011 für niedrige undhöhere Einkommen 58Übersicht 22: Bestimmungsmerkmale für erhebliche materielle Deprivation 63Übersicht 23: Betroffenheit der Gesamtbevölkerung in den Bestimmungsmerkmalenerheblicher materieller Deprivation im Zeitverlauf 66Übersicht 24: Erheblich materiell deprivierte Personen nach soziodemographischenMerkmalen 67Übersicht 25: Erheblich materiell deprivierte Personen nach Haushaltsmerkmalen 68Übersicht 26: Erhebliche materielle Deprivation und deren Bestimmungsmerkmalefür „Working Poor” und nicht armutsgefährdete Erwerbstätige 70Übersicht 27: Personen in Haushalten mit keiner oder sehr niedriger Erwerbsintensitätnach Alter, Geschlecht und Staatsbürgerschaft 75
  • 12. ÜBERSICHTSTABELLEN10Übersicht 28: Hauptaktivität der 18- bis 59-Jährigen nach Erwerbsintensität desHaushalts 77Übersicht 29: Ausgewählte Haushaltsmerkmale der unter 60-Jährigen nach Erwerbs-intensität 78Übersicht 30: Risiko von 18- bis 59-Jährigen, in einem Haushalt mit keiner oder sehrniedriger Erwerbsintensität zu leben 80Übersicht 31: Mehrfach-Ausgrenzungsgefährdete nach soziodemographischenMerkmalen 84Übersicht 32: Anteil der Sozialleistungen und Pensionen am verfügbaren Haushalts-einkommen 86Übersicht 33: Armutsgefährdung vor und nach Sozialleistungen und Pensionen nachHaushaltszusammensetzung 89Übersicht 34: Armutsgefährdung vor und nach Sozialleistungen und Pensionen inausgewählten Risikogruppen 91Übersicht 35: Österreichs Indikatoren für soziale Eingliederung 94Übersicht 36: Indikatoren für soziale Eingliederung (Armuts-/ Ausgrenzungsgefährdete) 95
  • 13. AUFBAU UND ZUSAMMENFASSUNG DES BERICHTS111. AUFBAU UND ZUSAMMENFASSUNG DES BERICHTSDie EU-Strategie „Europa 2020“ für intelligentes,nachhaltiges und integratives Wachstum in Europaaus dem Jahr 2010 umfasst Ziele in den BereichenBeschäftigung, Bildung, Energieverbrauch, Inno-vation und Armutsbekämpfung, die allesamt dazubeitragen sollen, die Auswirkungen der Finanzkrisein den nächsten zehn Jahren zu überwinden.1In denjährlichen Nationalen Reformprogrammen (NRP)2sind die Beiträge und Zielsetzungen der einzelnenStaaten zur Realisierung dieser Kernziele zu nennen.Im NRP Österreichs für das Jahr 2011 wurde das Zielhinsichtlich von Armut und/oder sozialer Ausgren-zung bedrohter Personen mit einer Reduktion um235.000 Personen bis zum Jahr 2020 angegeben.Für die Messung des Fortschritts wird der europä-isch verbindlich festgelegte Indikator „Armuts- oderAusgrenzungsgefährdung“ herangezogen. Er umfasstdie drei Zielgruppen Armutsgefährdung, erheblichematerielle Deprivation und Personen in Haushaltenmit keiner oder sehr niedriger Erwerbstätigkeit.1.1 Aufbau des BerichtsDer vorliegende Bericht beginnt mit einem Überblicküber die Europa 2020-Strategie (Kapitel 2.1) und setztmit der Definition der Sozialzielgruppe des fünftenEU-Kernziels der Europa 2020-Strategie, die Reduktionder „Armuts- oder Ausgrenzungsgefährdeten“ (Kapitel2.2) fort. Daraufhin erfolgt eine detaillierte Analyseder Struktur und Entwicklung dieser SozialzielgruppeArmuts- oder Ausgrenzungsgefährdete (Kapitel 2.3)sowie der drei Zielgruppen Armutsgefährdete (Kapi-tel 3), Personen in erheblich materiell depriviertenHaushalten (Kapitel 4) und Personen in Haushaltenmit keiner oder sehr niedriger Erwerbsintensität(Kapitel 5). Neben den Charakteristika der jeweiligenGruppen für Österreich stehen immer auch zeitlicheEntwicklungen sowie Vergleiche auf europäischerEbene im Mittelpunkt. Der Fokus für die Berichter-stattung über Armutsgefährdung liegt diesmal aufden Erwerbstätigen, die armutsgefährdet sind, densogenannten „Working Poor“, und ihren Haushalten(Kapitel 3.2). Ergänzend zu den Detailanalysen für dasJahr 2011 und Trendergebnissen seit 2004 werdenauch Längsschnittergebnisse zur Armutsgefährdungfür 2008 bis 2011 sowie zu armutsgefährdeten Er-werbstätigen präsentiert. Die Berichterstattung zuden Europa 2020-Armutszielen wird um eine Darstel-lung der Mehrfachbenachteiligungen innerhalb derArmuts- oder Ausgrenzungsgefährdeten (Kapitel 6)sowie einen Abschnitt zur Rolle der Sozialleistungenfür Umverteilung und Armutsreduktion (Kapitel 7) er-gänzt. Der im Auftrag des BMASK erstellte und jährlichaktualisierte Katalog zu nationalen Eingliederungs-indikatoren erweitert im abschließenden Kapitel 8die Befunde zu Armut und sozialer Eingliederung inÖsterreich. Informationen über die Datengrundlageund Methodik sind im Anhang des Berichts (Kapi-tel 9.1) zu finden.Der umfassende Tabellenband zu EU-SILC 2011 in-klusive der EU-Indikatoren zu Armut und sozialerEingliederung wird als separate Publikation auf der1 Die Datenbasis der Europa 2020-Indikatoren bilden EU-SILC 2008 bis 2018, deren endgültige Auswertungen im Jahr 2020 vorliegen werden.2008 als letztverfügbares Jahr zum Zeitpunkt der Beschlussfassung bildet daher das Basisjahr für die SILC-Auswertungen zur Armuts- oderAusgrenzungsgefährdung.2 Die Nationalen Reformprogramme der jeweiligen Jahre können über die Website des Bundeskanzleramts http://www.bka.gv.at/site/4892/default.aspx abgerufen werden.
  • 14. AUFBAU UND ZUSAMMENFASSUNG DES BERICHTS12Homepage von Statistik Austria und der des BMASKzur Verfügung gestellt:www.statistik.at > Statistiken > Soziales > Armut und so-ziale Eingliederung oder www.bmask.gv.at > Soziales> Allgemeine Sozialpolitik > ArmutDer online publizierte „Tabellenband zu EU-SILC 2011“umfasst folgende Themen:» Einkommensverteilung,» Ausstattung mit Konsumgütern und finanzielleEinschränkungen,» Wohnen,» Gesundheit,» Armutsgefährdung und soziale Ausgrenzunginkl. Tabellen zur Europa 2020-Zielgruppe unddauerhaften Armutsgefährdung,» Lebenszufriedenheit,» Bildung,» Kinderbetreuung,» Arbeit,» Risikogruppen in Bezug auf Armutsgefährdung,» Verteilung von Bestandteilen des Jahresein-kommens,» Intergenerationale Übertragung von Benachtei-ligungen (EU-SILC Modul 2011),3» EU-Indikatoren zur sozialen Eingliederung ausEU-SILC 2011 und Vergleichswerte 2010,Des Weiteren enthält der Tabellenband zu EU-SILC2011 das Kapitel „Erläuterungen und Definitionen“,welches die verwendeten Definitionen und Hinweisezur Berechnung der dargestellten Indikatoren undGliederungsmerkmale sowie eine Übersicht über diewesentlichsten Änderungen im Vergleich zum Berichtzu EU-SILC 2010 enthält.Die anonymisierten Mikrodaten, die diesem Berichtzugrunde liegen, sind seit Anfang 2013 verfügbar.3 Analysen dazu sind als Artikel „Intergenerationelle soziale Mobilität“ in den Statistischen Nachrichten veröffentlicht (Altzinger et al 2013).
  • 15. AUFBAU UND ZUSAMMENFASSUNG DES BERICHTS131.2 ZusammenfassungIm Jahr 2011 umfasst die Europa 2020-Sozialziel-gruppe 1,4 Millionen Armuts- oder Ausgrenzungs-gefährdete in Österreich. Davon sind 1,05 MillionenMenschen armutsgefährdet. Der Schwellenwert fürArmutsgefährdung liegt bei 1.066 Euro verfügbaresHaushaltseinkommen pro Monat für Alleinlebende(Jahreswert mal 12 bzw. 914 Euro mal 14) plus320 Euro pro Monat (bzw. 274 mal 14) für jedes Kindund 533 Euro pro Monat (bzw. 456 mal 14) für jedenweiteren Erwachsenen. Die Sozialzielgruppe Armuts-oder Ausgrenzungsgefährdete schließt zusätzlich350.000 Personen mit Einkommen über der Armuts-gefährdungsschwelle ein. Sie sind erheblich materielldepriviert oder leben in Haushalten mit keiner odersehr niedriger Erwerbsintensität.1,4 Millionen Armuts- oder Ausgrenzungs-gefährdete in ÖsterreichDie Zahl der Armuts- oder Ausgrenzungsgefährdetenwird in EU-SILC 2011 insgesamt um 34.000 Personenhöher geschätzt als im Vorjahr, eine Veränderung,die innerhalb der statistischen Zufallsschwankungliegt. Verglichen mit 2008, dem Basisjahr der Euro-pa 2020-Strategie, konnte die Zahl der insgesamtAusgrenzungsgefährdeten dennoch bedeutsam,nämlich um 125.000, reduziert werden. Betrachtetman die Armuts- oder Ausgrenzungsgefährdung imgesamten EU-SILC Zeitverlauf von 2004 bis 2011, sozeigen sich Zahl und Quote der Ausgrenzungsgefähr-dung relativ unverändert.28% der Ausgrenzungsgefährdeten in mehr-fachen BenachteiligungenVerglichen mit dem Jahr 2004 haben sich jedoch dieÜberschneidungen in den Problembereichen der Ar-muts- oder Ausgrenzungsgefährdeten verändert: Soist die Gruppe jener Personen, die von mindestenszwei der drei Problembereichen – Armutsgefährdung,erhebliche materielle Deprivation und Haushalt mitkeiner oder sehr niedriger Erwerbsintensität – betroffensind, seit 2004 um 106.000 auf 388.000 Personengewachsen. Ihr Anteil unter den Ausgrenzungsge-fährdeten stieg somit von 19% auf 28%. Verglichenmit dem Basisjahr der Europa 2020-Strategie, 2008,blieben die Mehrfach-Ausgrenzungsgefährdeten inihrer Größe aber relativ unverändert und machenweiterhin 5% der Gesamtbevölkerung aus. DerLebensstandard dieses Personenkreises ist im Ver-gleich zu dem nicht ausgrenzungsgefährdeten Teilder Bevölkerung als äußerst prekär einzustufen: 43%der Mehrfach-Ausgrenzungsgefährdeten haben einEinkommen unter der Bedarfsorientierten Mindestsi-cherung (9.035 Euro jährlich) zur Verfügung, 70% sindper nationaler Definition finanziell depriviert, 23%mehrfach gesundheitlich beeinträchtigt, und 20%wohnen in einer Umgebung, die von mindestens zweider drei Belastungen Lärm, Umweltverschmutzungund/oder Kriminalität geprägt ist. Hinsichtlich derWohnausstattung ist die Wohnqualität jedoch beinur 10% als prekär einzustufen.Haushaltseinkommen steigen unterschied-lich starkDasmittlereäquivalisierteHaushaltseinkommenbeträgt2011 21.319 Euro jährlich. Damit hat ein Einpersonen-haushalt mit mittlerem Lebensstandard im Medianein um 3,4% höheres Einkommen zur Verfügung alsim Vorjahr. Im Mittel sind die HaushaltseinkommendemnachstärkergestiegenalsdieInflation.Jedochfälltder Anstieg für die verschiedenen sozialen Gruppenunterschiedlich stark aus: Während der Median desäquivalisierten Haushaltseinkommens der unteren30% der Einkommensbeziehenden einen unter-durchschnittlichen Anstieg um 1,3% erfuhr und dieobersten 15% der Einkommensbeziehenden in ihremMedianeinkommen nahezu konstant(-0,5%) blieben,stieg der Median des Haushaltseinkommens für die
  • 16. AUFBAU UND ZUSAMMENFASSUNG DES BERICHTS14Einkommensgruppe des30 bis85 Perzentils– die mitt-leren Einkommen – gegenüber demVorjahr um 4,1%.Einkommenssituation der Ausgrenzungsge-fährdeten verbessert sich nur schwachDer ungleich starke Anstieg der Einkommen hat zurFolge, dass sich der Unterschied in der Einkommenssi-tuation der Armuts- oder Ausgrenzungsgefährdeten undjener des restlichen Teils der Bevölkerung vergrößert.Dies wird erstens anhand des nationalen IndikatorsKaufkraft, bei dem das äquivalisierte Haushaltsein-kommen um die Inflation preisbereinigt wird, deutlich:Während die Kaufkraft der Ausgrenzungsgefährde-ten im Vergleich zu 2008 um nur 1,3% stieg, ist derAnstieg der Kaufkraft der Gesamtbevölkerung um6,2% ungleich höher ausgefallen. Zweitens kommtdie Einkommensungleichheit auch in der Armutsge-fährdungslücke, die sich auf das mittlere Einkommender Armutsgefährdeten bezieht, zum Ausdruck. DieArmutsgefährdungslücke ist seit 2008 von 15% auf19% angestiegen. Demnach liegt 2011 das jährlicheHaushaltseinkommen der Armutsgefährdeten imMittel 2.429 Euro unter der Armutsgefährdungs-schwelle. In Summe bedürfte es 2,6 Mrd. Euro, umdas Einkommen aller armutsgefährdeten Personenüber die Armutsgefährdungsschwelle zu heben, dasentspricht 0,86% des Bruttoinlandsprodukts.Sinkende Erwerbsbeteiligung der Ausgren-zungsgefährdetenWie auch im Vorjahr bleibt der Anteil an Personen inHaushalten mit keiner oder sehr niedriger Erwerbsin-tensität auf dem Niveau von 2008: 8% bzw. 519.000der in Österreich lebenden Menschen befinden sichin solchen Haushalten. Ihr Anteil an den Ausgren-zungsgefährdeten unter 60 Jahren stieg jedoch imselben Zeitraum von 41% auf 47% (bzw. bezogen aufdie Gesamtgruppe der Ausgrenzungsgefährdeten von33% auf 37%) an. Dieser Personenkreis ist besondersvon Armut gefährdet, da sein Einkommen nahezugänzlich von der Höhe der erhaltenen Sozialleis-tungen abhängt: Während ohne Sozialleistungen indieser Gruppe 96% armutsgefährdet wären, sind esmit Sozialleistungen deutlich weniger, wenngleichimmer noch mehr als die Hälfte (54%). Diese Gruppeder von Armutsgefährdung Betroffenen in Haushaltenmit keiner oder sehr niedriger Erwerbsbeteiligungwuchs in den vergangenen Jahren stetig – wenngleichvon Jahr zu Jahr schwach – an und erreicht 2011 denhistorischen Höchstwert von 281.000 Personen.Während insgesamt also der Anteil an Personen inHaushalten, deren Haushaltsmitglieder in Summeweniger als 20% der potenziellen Erwerbsintensitätdes Haushalts erwerbstätig sind, über die Jahrekonstant bleibt, zeichnet sich für die Ausgrenzungs-gefährdeten ein Rückgang der Erwerbsbeteiligungauf individueller Ebene ab. Dies wird im nationalenIndikator Arbeitsmarktfernenquote sichtbar: Währendsich die Arbeitsmarktfernenquote für die Gesamtbe-völkerung im Vergleich zu 2008 kaum verändert hat,ist sie für die Ausgrenzungsgefährdeten von 48,2%auf 56,6% gestiegen.Mehr Arbeitseinkommen unter der Armuts-gefährdungsschwelle bei gleichbleibenderZahl armutsgefährdeter ErwerbstätigerIm selben Zeitraum (2008 bis 2011) wächst auch dieAnzahl an Haushalten, deren Arbeitseinkommenunter der Armutsgefährdungsschwelle liegen. Davonsind im Jahr 2011 20% der gesamten Bevölkerung inErwerbshaushalten und 88% der Ausgrenzungsge-fährdeten in Erwerbshaushalten betroffen.Wird nicht nur das Einkommen aus Erwerbstätigkeit,sondern das gesamte Haushaltseinkommen inklusivestaatlicher und privater Transferleistungen betrach-tet, bleibt die Gruppengröße armutsgefährdeterErwerbstätiger im Zeitraum von 2008 bis 2011 relativ
  • 17. AUFBAU UND ZUSAMMENFASSUNG DES BERICHTS15unverändert: 5,4% aller regelmäßig Erwerbstätigenhaben 2011 ein Haushaltseinkommen unter der Ar-mutsgefährdungsschwelle. Die Zahl dieser „WorkingPoor“ beträgt 198.000 Personen. Zählt man Angehörigedazu, leben 471.000 Personen in Haushalten, diemindestens ein erwerbstätiges Mitglied haben undarmutsgefährdet sind.Ein Anstieg der Armutsgefährdung ausArbeitseinkom-menbeigleichzeitigkonstanterZahlarmutsgefährdeterErwerbstätiger bei Berücksichtigung des gesamtenHaushaltseinkommenslässtsichdadurcherklären,dassTransferleistungen für die Reduktion der Armutsgefähr-dungvon Erwerbstätigen an Bedeutungzunehmen.SoführtenSozialleistungen und Pensionen im Jahr 2008nochzu einer Reduktion der Armutsgefährdungsquoteder Erwerbstätigen um 63,2%, während sie 2011 dieArmutsgefährdungsquote um 70,1% reduzierten.Fortgesetzte Entspannung in der Leistbar-keit von GrundbedürfnissenHinsichtlich der Einkommenssituation undder Erwerbs-beteiligung spitzt sich die Lage der Ausgrenzungs-gefährdeten im Vergleich zur Gesamtbevölkerung zu.Sie entspannt sich aber hinsichtlich der Leistbarkeitvon Grundbedürfnissen. So leben 2011 wieder etwasweniger Menschen in deprivierten Haushalten als imJahr zuvor und deutlich weniger als noch 2008. Zudiesem Ergebnis kommen sowohl der EU-Indikatorfür erhebliche materielle Deprivation, demzufolgesich die Gruppe von 6,4% auf 3,9% verringerte, alsauch der österreichische Indikator für finanzielleDeprivation, demzufolge sich die Gruppe von 20,1%auf 15,0% verringerte.Rückgang der manifesten Armut und verfes-tigten DeprivationAuch der Personenkreis jener Menschen, die gleichzei-tig von monetärer Armutsgefährdung und finanziellerDeprivation (nationale Definition) betroffen sind, dersogenannten manifesten Armut, ist 2011 rückläufig.Der bedeutsame Rückgang um 80.000 Personenverglichen mit dem Vorjahr führt dazu, dass dasNiveau der manifesten Armut erstmals wieder unterjenes von 2008 sinkt: 2011 betrifft manifeste Armut5,2% der Bevölkerung, d.h. 431.000 Personen. Auchder Kreis jener Menschen, die seit mindestens zweiJahren mit finanzieller Deprivation konfrontiert sind,wie es im nationalen Indikator verfestigte Deprivationzum Ausdruck kommt, verringert sich wie bereits imJahr zuvor auch 2011 weiter. 9,7% der in Österreichlebenden Personen, 781.000 Menschen, sind ausfinanziellen Gründen in der Erfüllung ihrer Grund-bedürfnisse in den letzten beiden Jahren erheblicheingeschränkt.Steigende Wohnqualität und Bildungsbetei-ligung der AusgrenzungsgefährdetenWohnenwirdbesser,aberauchteurer.Diesgiltsowohlfürdie Gesamtbevölkerung alsauch für die Ausgrenzungs-gefährdeten: Wenngleich die Wohnüberbelagsquotemit 11,7% (gesamt: 5,3%) und die Quote für prekäreWohnungsqualitität mit 5,4% (gesamt: 2,8%) für dieAusgrenzungsgefährdeten noch immer doppelt sohoch sindwie für die Gesamtbevölkerung,verzeichnensie in den letzten Jahren einen stärkeren Rückgangals insgesamt. Auch die Mehrfachbelastung in derWohnumgebung ist 2011 erstmals wieder zurückge-gangen, in etwa auf das Niveau von 2008 (13,1%).Demgegenüber stehen jedoch steigendeWohnkosten.Der Anteil der Personen, derenWohnungsaufwand einVierteldesjährlichverfügbaren Haushaltseinkommensübersteigt, befindet sich 2011 auf einem historischenHöchstwert. Insbesondere für die Gruppe der Ausgren-zungsgefährdeten ist er im Vergleich zu 2008 sehrstark gestiegen (von 43,2% auf 53,7%).Auch die non-formale und informelle Bildungsak-tivität ist seit 2008 im Steigen begriffen, für die
  • 18. AUFBAU UND ZUSAMMENFASSUNG DES BERICHTS16Ausgrenzungsgefährdeten sogar stärker als für dieGesamtbevölkerung. Inzwischen beteiligen sich 30%der Ausgrenzungsgefährdeten an Bildungsaktivitäten(gesamt: 38%).Soziodemographische Risikogruppen17% aller in Österreich lebenden Personen sind vonArmuts- oder Ausgrenzungsgefährdung betroffen.Bei der Gesamtbetrachtung der Indikatoren zurEuropa 2020-Strategie zeichnen sich bestimmtesoziodemographische Gruppen mit erhöhtem Aus-grenzungsgefährdungsrisiko ab. Kinder unter 16Jahren sind mit einer Ausgrenzungsgefährdungsquotevon 20% überdurchschnittlich stark betroffen. AuchUnterschiede zwischen den Geschlechtern bestehen,die überwiegend auf Ungleichheit in höherem Alterzurückzuführen sind: So haben Frauen ab 65 Jahrenein Ausgrenzungsgefährdungsrisiko von 21%, wäh-rend das Risiko von Männern in dieser Altersgruppe12% beträgt. Des Weiteren weisen Personen, die übermaximal einen Pflichtschulabschluss verfügen, undPersonen mit nicht österreichischerStaatsbürgerschaftdeutlich erhöhte Ausgrenzungsgefährdungsrisiken(27% bzw. 34%) auf.In Haushalten ohne Pension gilt: Unabhängig vomGeschlecht sind alleinlebende Menschen deutlichstärker von Ausgrenzungsgefährdung betroffen alsder Durchschnitt. In Haushalten mit Pension bestehenbei den Alleinlebenden jedoch starke Geschlechter-unterschiede: 16% der alleinlebenden Männer mitPensionsbezug sind ausgrenzungsgefährdet, währendes bei den pensionsbeziehenden alleinlebendenFrauen 32% sind.Des Weiteren zeigt die Kinderanzahl in Mehrperso-nenhaushalten keinen linearen Zusammenhang mitAusgrenzungsgefährdung: Mehrpersonenhaushalteohne Kind, mit einem Kind und mitzwei Kindern habendurchwegs unterdurchschnittliche Gefährdungsrisiken;in einigen Indikatoren sind Mehrpersonenhaushaltemit einem Kind sogar weniger stark gefährdet alsMehrpersonenhaushalte ohne Kinder. Ein deutlicherhöhtes Risiko haben jedoch Alleinerziehende(36%) und Mehrpersonenhaushalte mit drei odermehr Kindern (29%).
  • 19. EUROPÄISCHE INDIKATOREN UND ZIELGRÖSSEN FÜR SOZIALE EINGLIEDERUNG IM RAHMEN DER STRATEGIE „EUROPA 2020“172. EUROPÄISCHE INDIKATOREN UND ZIELGRÖSSEN FÜR SOZIALE EIN-GLIEDERUNG IM RAHMEN DER STRATEGIE „EUROPA 2020“Im Jahr 2010 haben sich die europäischen Regierungenauf eine Strategie des intelligenten, nachhaltigen undintegrativen Wachstums bis zum Jahr 2020 geeinigt.Diese „Europa 2020“ Strategie ist unter anderemdarauf ausgerichtet, die Beschäftigung, Bildung undTeilhabe am gesellschaftlichen Leben zu verbessern.Erstmals wird darin eine quantitative Vorgabe für dieVerringerung von Armut und sozialer Ausgrenzungauf europäischer Ebene genannt. Dieser Abschnittgibt einen Überblick über die Strategie „Europa2020“. Im zweiten Teil wird die Sozialzielgruppe„Armuts- oder Ausgrenzungsgefährdete“, die imFokus des fünften Kernziels der Strategie „Europa2020“ steht, bestimmt.2.1 Aufbau der Strategie „Europa 2020“Ausgehend von der Mitteilung der Europäischen Kom-mission „Europa 2020-Strategie für ein intelligentes,nachhaltiges und integratives Wachstum“ (2010)wurden fünf messbare Kernziele für die EU-Ebenebeschlossen:1. Beschäftigung: Unter den 20- bis 64-Jährigenwird eine Beschäftigungsquote von 75% angestrebt,unter anderem durch die vermehrte Einbeziehungvon Jugendlichen, älteren ArbeitnehmerInnen,Geringqualifizierten sowie Personen mit Migra-tionshintergrund.2. Innovation: Das öffentliche und private Investi-tionsvolumen für Forschung und Entwicklung sollinsgesamt 3% des BIP erreichen.3. Klimaschutz: Treibhausgasemissionen sollen um20% gegenüber dem Niveau des Jahres 1990 verrin-gert werden, der Anteil der erneuerbaren Energienam Gesamtenergieverbrauch soll auf 20% steigen,und es wird eine Erhöhung der Energieeffizienz um20% angestrebt.4. Bildung: Der Anteil der frühen SchulabgängerInnensoll auf unter 10% gesenkt werden, und der Anteilder 30- bis 34-Jährigen, die ein Hochschulstudiumabgeschlossen haben oder über einen gleichwerti-gen Abschluss verfügen, soll auf mindestens 40%ansteigen.5. Armut und soziale Ausgrenzung: Die soziale Ein-gliederung soll insbesondere durch die Verminderungder Armut gefördert werden, wobei angestrebt wird,mindestens 20 Millionen Menschen aus Gefähr-dungslagen herauszubringen. Dies entspricht einerReduktion um zwei Millionen pro Jahr. Derzeit sind120 Millionen Menschen in der EU armuts- und/oderausgrenzungsgefährdet. Die angestrebte Reduktionentspricht somit rund 1,5% (pro Jahr).Diese fünf EU-Kernziele sollen durch nationale Ziel-setzungen der Mitgliedstaaten umgesetzt werden.Zur Förderung des intelligenten, nachhaltigen undintegrativen Wachstums wurden außerdem siebenLeitinitiativen formuliert. Für soziale Eingliederung istdas vor allem die sogenannte Plattform gegen Armut,welche die beteiligten AkteureInnen sowohl auf nati-onaler wie auch auf europäischer Ebene koordiniert.Die Europäische Kommission überprüft die Situationjährlich mit Hilfe von Indikatoren (s. Kapitel 2.3 zuden Europa 2020-Indikatoren zur Armuts- oder Aus-grenzungsgefährdung).
  • 20. EUROPÄISCHE INDIKATOREN UND ZIELGRÖSSEN FÜR SOZIALE EINGLIEDERUNG IM RAHMEN DER STRATEGIE „EUROPA 2020“18In den jährlichen Nationalen Reformprogrammen derMitgliedstaaten sind die konkreten Ziele, Maßnahmenund Budgetansätze enthalten, um die europäischenKernziele zu realisieren. Diese bilden eine Grundlagefür den jährlichen Wachstumsbericht der EuropäischenKommission.Die Ziele werden auf europäischer Ebene im Rahmensogenannter Leitinitiativen verfolgt. Die Umsetzungvon Zielen bleibt aber eine weitgehend nationaleAngelegenheit. In bestimmten Bereichen oder Regi-onen werden die Mitgliedstaaten dabei etwa durchden Sozialfonds oder den Informationsaustausch imRahmen der Offenen Methode der Koordinierung fürSozialschutz und soziale Eingliederung unterstützt.Die ersten Reformpläne zeigen, dass Ziele in manchenLändern deutlich ehrgeiziger formuliert werden als inanderen. Die im Wachstumsbericht vom Dezember2011 angegebenen nationalen Ziele lagen deutlichunter dem angestrebten Gesamtziel.4Dies ist unteranderem damit begründet, dass nicht alle Mitglied-staaten quantifizierbare Zielgrößen anstreben odersich nur auf bestimmte Teilgruppen konzentrieren.Im Nationalen Reformprogramm 2011 wird für Ös-terreich das Ziel formuliert, bis zum Jahr 2020 dieZahl der von Armut und/oder sozialer Ausgrenzungbetroffenen Personen um 235.000 zu reduzieren. Dasnationale Ziel entspricht damit einer Reduktion um23.500 Personen pro Jahr bzw. etwa 1,5% der heuteAusgrenzungsgefährdeten. Das Erreichen dieses Zielssteht dabei in enger Verbindung mit dem Beschäfti-gungsziel, wobei Österreich eine Beschäftigungsquotevon 77 bis 78% im Jahr 2020 erreichen will.Das Nationale Reformprogramm 2012 (BKA 2012)setzt folgende Schwerpunkte der Maßnahmen undVorhaben:» Erhöhung der Arbeitsmarktbeteiligung vonÄlteren, Jugendlichen, Frauen, Niedrigqualifi-zierten und Menschen mit Migrationshinter-grund,» Bekämpfung von Langzeitarbeitslosigkeit,» Gesundheitsprävention und Arbeitsmarkt(re)-integration von Menschen mit Behinderungenund gesundheitlichen Einschränkungen,» Verbesserung der Qualität der Arbeit,» Abbau der Diskriminierung von Frauen beiEinkommen und Erwerbseinbindung,» Förderung von Vereinbarkeit von Familie undBeruf,» Bekämpfung von Kinderarmut und der Verer-bung von Armut.In Österreich wird die Zahl der Ausgrenzungsgefährde-ten auf Basis von EU-SILC 2011 auf etwa 1,4 MillionenMenschen (rund 17% der Bevölkerung) geschätzt.5Gegenüber dem Jahr 2010 bedeutet dies einen leich-ten Anstieg, der jedoch innerhalb der statistischenSchwankungsbreite liegt. Seit 2008 ist die Zahl derPersonen jedoch um 125.000 Personen bzw. dieQuote um 1,7 Prozentpunkte gesunken.Auf europäischer Ebene konnten bisher noch keineFortschritte bei der Reduktion der Zahl der von Armutund/oder sozialen Ausgrenzung gefährdeten Personenfestgestellt werden. Kam es EU-weit zwischen 2008und 2009 zu einer leichten Reduktion um 1,4 Mio.Personen, so stieg die Zahl der Betroffenen 2010wieder an und liegt nun um rund 550.000 Personenüber dem Ausgangswert 2008 (23% der gesamtenBevölkerung). Für 2011 ist erneut ein Anstieg zuverzeichnen, derzeit liegt die Zahl der Ausgrenzungs-gefährdeten in der EU bei 120 Millionen Personen(24% der Gesamtbevölkerung) und damit um rund4,4 Millionen über dem Wert von 2008.4 http://ec.europa.eu/europe2020/pdf/targets_en.pdf5 Diese Zahl ist mit 95%iger Wahrscheinlichkeit in einem Bereich zwischen 1,3 und 1,5 Millionen bzw. zwischen 16% und 18% der Bevöl-kerung anzunehmen.
  • 21. EUROPÄISCHE INDIKATOREN UND ZIELGRÖSSEN FÜR SOZIALE EINGLIEDERUNG IM RAHMEN DER STRATEGIE „EUROPA 2020“19Die Größenordnung der Zielgruppe macht deutlich,dass der Europa 2020-Indikator „Armuts- oderAusgrenzungsgefährdung“ keineswegs auf einekleine Minderheit abzielt, sondern breite Bevöl-kerungsschichten einschließt, die teilweise auchvon mehreren Problemlagen betroffen sind, diein den drei Indikatoren abgebildet werden (sieheKapitel 2.3).2.2 Definition der Europa 2020-Sozialzielgruppe: Armuts- oder Ausgren-zungsgefährdete2.3 Entwicklung und Struktur der Europa 2020-Sozialzielgruppe: Armuts-oder AusgrenzungsgefährdeteDie Europäische Kommission hat sich in der Europa2020-Strategie6zum Ziel genommen, bis zum Jahr2020 die Anzahl der von Armuts- oder Ausgren-zungsgefährdung betroffenen Menschen EU-weitum 20 Millionen zu reduzieren.7Die Ausgangsbasisbildet das Jahr 2008, in welchem rund 115 Millionen6 Vgl. Europäische Kommission (2010).7 Vgl. dazu auch die Abschnitte 2.1. und 2.2.ARMUTS- ODER AUSGRENZUNGSGEFÄHRDUNG:Als von Armut und sozialer Ausgrenzung bedroht gelten Personen, die mindestens eines der drei folgenden Kri-terien erfüllen:1. Personen, deren Haushalt über ein Einkommen verfügt, das geringer ist als 60% des nationalen äquivalisiertenMedianeinkommens (Armutsgefährdung).2. Personen, deren Haushalt vier oder mehr der folgenden neun auf EU-Ebene festgelegten Merkmale für erheblichematerielle Deprivation aufweist:» Es bestehen Zahlungsrückstände bei Miete, Betriebskosten oder Krediten.» Es ist finanziell nicht möglich, unerwartete Ausgaben zu tätigen.» Es ist finanziell nicht möglich, einmal im Jahr auf Urlaub zu fahren.» Es ist finanziell nicht möglich, die Wohnung angemessen warm zu halten.» Es ist finanziell nicht möglich, jeden zweiten Tag Fleisch, Fisch oder eine vergleichbare vegetarische Speisezu essen.» Ein PKW ist finanziell nicht leistbar.» Eine Waschmaschine ist finanziell nicht leistbar.» Ein Farbfernsehgerät ist finanziell nicht leistbar.» Ein Telefon oder Handy ist finanziell nicht leistbar.3. Personen, die jünger sind als 60 Jahre und in einem Haushalt mit keiner oder sehr niedriger Erwerbsintensitätleben. Dazu zählen jene Haushalte, in denen Personen im Erwerbsalter (hier: 18- bis 59-jährige Personen, aus-genommen Studierende) nicht oder nur in geringem Ausmaß erwerbstätig sind (im Laufe eines Jahres insgesamtweniger als 20% ihres Erwerbspotenzials).
  • 22. EUROPÄISCHE INDIKATOREN UND ZIELGRÖSSEN FÜR SOZIALE EINGLIEDERUNG IM RAHMEN DER STRATEGIE „EUROPA 2020“20Ausgrenzungsgefährdete in der EU lebten. Im Jahr2011 ist die Zahl der Ausgrenzungsgefährdeten imVergleich zu dieser Ausgangsbasis leicht gestiegen:120 Millionen EU-BewohnerInnen werden zuletzt alsausgrenzungsgefährdet ausgewiesen. Der Anteilder Ausgrenzungsgefährdeten an der gesamtenEU-Bevölkerung bleibt mit 24% gegenüber 2008unverändert.:Österreich hat (gemeinsam mit Luxemburg) die viert-niedrigste Ausgrenzungsgefährdungsquote innerhalbder EU: Rund 17% der österreichischen Bevölkerungsind von Ausgrenzungsgefährdung betroffen (mit95% Vertrauenswahrscheinlichkeit zwischen 15,7%und 18,3%). Die Quote der Ausgrenzungsgefährdetenist mit rund 15% in Tschechien und den Niederlan-den am niedrigsten, gefolgt von Schweden (16%).Am höchsten ist sie in Bulgarien, dort befindet sichdie Hälfte der Bevölkerung in einer ausgrenzungs-gefährdeten Lebenslage.2.3.1 Teilgruppen der Armuts- oder Aus-grenzungsgefährdungFür Österreich ist von insgesamt rund 1,4 Millionenausgrenzungsgefährdeten Menschen auszugehen (mit95% Vertrauenswahrscheinlichkeit zwischen 1,3 und1,5 Millionen). Die Zielgruppe der Ausgrenzungsge-fährdeten besteht aus insgesamt sieben Teilgruppen,die sich aus der Kombination der ProblembereicheEinkommen, Deprivation undErwerbsintensitätergeben.Eine ausgrenzungsgefährdete Person gehört demnachimmer genau einer der folgenden Teilgruppen an:» A Armutsgefährdung (ohne erhebliche ma-terielle Deprivation und nicht in Haushalten mitkeiner oder sehr niedriger Erwerbsintensitätlebend; 2011: 690.000, +/- 78.000 Personen),» D Erhebliche materielle Deprivation (ohneArmutsgefährdung und nicht in Haushalten mitkeiner oder sehr niedriger Erwerbsintensitätlebend; 2011: 118.000, +/- 33.000 Personen),» E In Haushalten mit keiner oder sehr niedri-ger Erwerbsintensität (ohne Armutsgefährdungund ohne erhebliche materielle Deprivation;Grafik 1: Armuts- oder Ausgrenzungsgefährdung in den EU-27-Staaten05101520253035404550TschechienNiederlandeSchwedenLuxemburgÖsterreichFinnlandDänemarkFrankreichSlowenienDeutschlandSlowakeiBelgienMaltaGroßbritannienEstlandZypernPortugalSpanienPolenItalienIrland*GriechenlandUngarnLitauenLettlandRumänienBulgarienEU-27**Ausgrenzungsgefährdungin%derGesamtbevölkerungQ: Eurostat 2012, EU-SILC 2010 und 2011. Datenbank zum Stand 11.01.2013, eigene Darstellung.* Aktuellste Zahlen stammen aus 2010.** Eurostat Schätzung
  • 23. EUROPÄISCHE INDIKATOREN UND ZIELGRÖSSEN FÜR SOZIALE EINGLIEDERUNG IM RAHMEN DER STRATEGIE „EUROPA 2020“212011: 211.000, +/- 37.000 Personen unter 60Jahren),» AE Armutsgefährdung UND in Haushalten mitkeiner oder sehr niedriger Erwerbsintensitätlebend (ohne erhebliche materielle Deprivati-on; 2011: 181.000, +/- 41.000 Personen unter60 Jahren),» AD Armutsgefährdung UND erhebliche ma-terielle Deprivation (nicht in Haushalten mitkeiner oder sehr niedriger Erwerbsintensitätlebend ; 2011: 80.000, +/- 30.000 Personen),» ED In Haushalten mit keiner oder sehr nied-riger Erwerbsintensität lebend UND erheblichematerielle Deprivation (ohne Armutsgefähr-dung; 2011: 26.000, +/- 11.000 Personen unter60 Jahren),» ADE Armutsgefährdung UND erhebliche mate-rielle Deprivation UND in einem Haushalt mitkeiner oder sehr niedriger Erwerbsintensitätlebend (2010: 100.000, +/- 37.000 Personenunter 60 Jahren).Die Personen in Teilgruppen A, AE, AD und ADE lebenallesamt unter der Armutsgefährdungsschwelle undgehören daherzurZielgruppe der rund1 Million Armuts-gefährdeten, die in Kapitel 3.1 dargestellt wird. Für dieEuropa 2020-Zielgruppe der Ausgrenzungsgefährdetenwird dieser Personenkreis um die Teilgruppen E, Dund ED mit gemeinsam 356.000 Menschen, die zwarüber der Armutsgefährdungsschwelle leben, aber vonmindestens einem der beiden anderen Problembe-reiche8betroffen sind, ergänzt. Zur Verdeutlichungder jeweiligen Überlappungen der Problembereichesei auf Grafik 2 verwiesen.Fast drei Viertel (72%) der Ausgrenzungsgefährdetensind ausschließlich von einem der drei Problem-bereiche betroffen. Die größte Teilgruppe (A) umfasst8 Erhebliche materielle Deprivation, siehe Kapitel 4; Haushalt mit keiner oder sehr niedriger Erwerbsintensität, siehe Kapitel 5.Grafik 2: Überlappung von Problembereichen der Europa 2020-Zielgruppe armuts- oderausgrenzungsgefährdeter PersonenAD 6%D 8%ADE 7%ED 2%1.051.000ArmutsgefährdeteAE 13%519.000in Haushalten mitkeiner/sehr niedrigerErwerbsintensitätE 15%A 49%325.000 erheblichmateriell DeprivierteQ: Statistik Austria, EU-SILC 2011.Die Größenverhältnisse der Flächen entsprechen nicht exakt den Populationsgrößen.
  • 24. EUROPÄISCHE INDIKATOREN UND ZIELGRÖSSEN FÜR SOZIALE EINGLIEDERUNG IM RAHMEN DER STRATEGIE „EUROPA 2020“22knapp die Hälfte (49%) der gesamten Zielgruppe undbesteht aus Personen, die armutsgefährdet sind, aberweniger alsvier Deprivationsmerkmale aufweisen undnicht in einem Haushalt mit keiner oder sehr niedrigerErwerbsintensität leben. Die zweitgrößte Teilgruppe(E) besteht aus Personen, die in Haushalten mitkeiner oder sehr niedriger Erwerbsintensität leben,aber von keinen weiteren Problembereichen betroffensind. Sie machen 15% der Ausgrenzungsgefährdetenaus. Weitere 8% der Ausgrenzungsgefährdeten ge-hören zum Kreis der erheblich materiell depriviertenPersonen (D), die weder armutsgefährdet sind nochin einem Haushalt mit keiner oder sehr niedrigerErwerbsintensität leben.Die übrigen 28% der Ausgrenzungsgefährdeten be-finden sich in besonders prekären Lebenslagen, dasie von mindestens zwei Problembereichen gleich-zeitig betroffen sind. Das betrifft in Summe 388.000Menschen und entspricht einem Anteil von rund 5%der gesamten Bevölkerung in Österreich. Darunterbefindet sich auch jener Personenkreis (ADE), dersich in allen drei Gefährdungslagen befindet – alsoin einem armutsgefährdeten, erheblich materielldeprivierten Haushalt mit keiner oder sehr niedri-ger Erwerbsintensität lebt. Diese am stärksten vonsozialer Ausgrenzung bedrohte Teilgruppe macht 7%der Ausgrenzungsgefährdeten und 1,2% der Gesamt-bevölkerung aus – absolut betrachtet sind es um die100.000 Personen. Die häufigste Überschneidungvon Problembereichen besteht zwischen Armuts-gefährdung und keiner oder sehr niedriger Erwerbs-intensität (AE) mit 13% der Ausgrenzungsgefährdeten.Weitere 6% der Ausgrenzungsgefährdeten entfallenauf die Teilgruppe AD, jener Personenkreis also, dergleichzeitig von Armutsgefährdung und erheblichermaterieller Deprivation betroffen ist, aber nicht ineinem Haushalt mit keiner oder sehr niedriger Er-werbsintensität lebt. Lediglich 2% der Zielgruppesind nicht armutsgefährdet, aber von keiner odersehr niedriger Erwerbsintensität und erheblichermaterieller Deprivation (ED) betroffen.Zeitliche Entwicklung von Armuts- oderAusgrenzungsgefährdung und deren Teil-gruppenDie Zahl der Armuts- oder Ausgrenzungsgefährdetenwird in EU-SILC 2011 insgesamt um 34.000 Personenhöher geschätzt als im Vorjahr. Der Zuwachs ist maß-geblich auf den Anstieg der ausschließlich Armuts-gefährdeten (A) um 50.000 zurückzuführen, der nichtzur Gänze durch die Reduktion der ausschließlicherheblich materiell Deprivierten (D) um 20.000 Per-sonen ausgeglichen wurde. Verglichen mit 2008, demBasisjahr der Europa 2020-Strategie, konnte damitdie Zahl der insgesamt Ausgrenzungsgefährdetendennoch um 125.000 reduziert werden. Betrachtetman die Ausgrenzungsgefährdung im gesamtenEU-SILC-Zeitverlauf von 2004 bis 2011, so zeigensich Zahl und Quote der Ausgrenzungsgefährdungjedoch unverändert.Im längerfristigen Vergleich mit dem Jahr 2004hat sich die Zahl der Armutsgefährdeten ohneweitere Problemlagen (A) um 97.000 auf nunmehr690.000 Personen verringert. In Anbetracht derZahlen aus dem Jahr 2008 ist diese Gruppe seit denletzten drei Jahren jedoch nicht weiter gesunken.Die Veränderung von 2008 auf 2011 um 27.000 mehrausschließlich Armutsgefährdete deutet vielmehreinen Zuwachs an, der jedoch aufgrund der sta-tistischen Schwankungsbreite als nicht gesichertgilt. Sehr deutlich hat sich dagegen die Zahl derausschließlich erheblich materiell Deprivierten(D) vom Jahr 2008 auf nunmehr 118.000 Personenverringert. Für Personen in Haushalten mit keineroder sehr niedriger Erwerbsintensität, die ansons-ten von keinem anderen Problembereich betroffensind (E), bleibt die Gruppengröße im Zeitverlaufunverändert.Für mehrfache Benachteiligung zeichnet sich imZeitverlauf ein eindeutiges Bild. So ist die Gruppejener Personen, die in mindestens zwei Problembe-
  • 25. EUROPÄISCHE INDIKATOREN UND ZIELGRÖSSEN FÜR SOZIALE EINGLIEDERUNG IM RAHMEN DER STRATEGIE „EUROPA 2020“23Übersicht1:TeilgruppenderArmuts-oderAusgrenzungsgefährdung2004und2008bis201120042008200920102011in1.000AnteilQuotein1.000AnteilQuotein1.000AnteilQuotein1.000AnteilQuotein1.000+/-in1.000*AnteilQuotein%in%in%in%in%Ausgrenzungsgefährdunginsgesamt1.448100181.532100191.406100171.373100171.40710810017TeilgruppenderAusgrenzungsgefährdungA(ArmutsgefährdungohneD,E)787541066343866848864147869078498D(erheblichematerielleDeprivation,ohneA,E)1531122631731701221381021183381E(inHHmitkeiner/sehrniedrigerErwerbsintensität,ohneA,D)22716320914322216321115321137153MehrfachbenachteiligteTeilgruppenZusammen**28219339726534525438328538863285AE12692136921219116612218141132AD816110371106819771803061ED2210423121102010261120ADE5341116819771100711003771Q:STATISTIKAUSTRIA,EU-SILC2004;2008bis2011.A:ArmutsgefährdungOHNEEoderD.E:HaushaltmitkeinerodersehrniedrigerErwerbsintensitätOHNEAoderD.D:ErheblichematerielleDeprivationOHNEAoderE.AE:AundEundnichtD.AD:AundDundnichtE.ED:EundDundnichtA.ADE:AundDundE.*StatistischeSchwankungsbreitebei95%-Vertrauenswahrscheinlichkeit.**RundungsbedingtkanndieSummederTeilgruppenum+/-1.000PersonenabweichenLesebeispiel:ImJahr2011gabes181.000armutsgefährdeteMenschen,dieineinemHaushaltmitkeinerodersehrniedrigerErwerbsintensitätlebten(AE).DiePersonenderTeilgruppeAEstellensomit13%derSozialzielgruppe„Armuts-oderAusgrenzungsgefährdete“bzw.2%derGesamtbevölkerungdar.
  • 26. EUROPÄISCHE INDIKATOREN UND ZIELGRÖSSEN FÜR SOZIALE EINGLIEDERUNG IM RAHMEN DER STRATEGIE „EUROPA 2020“24reichen betroffen sind,9im Vergleich zu 2004 deutlichgrößer: 2011 befinden sich 106.000 mehr Menschenin mehrfachen Gefährdungslagen als 2004. Ihr An-teil unter den Ausgrenzungsgefährdeten stieg von19% auf 28% an. Besonders deutlich entwickeltesich die Gruppe jener Menschen, die in allen dreiGefährdungslagen gleichzeitig betroffen sind: Trotzeines leichten – statistisch nicht signifikanten –Absinkens der armutsgefährdeten und erheblichmateriell deprivierten Personen in Haushalten mitkeiner oder sehr niedriger Erwerbsintensität (ADE)von 2008 auf 2011 hat sich ihre Anzahl im Vergleichzum Jahr 2004 verdoppelt.Für die Entwicklung der Ausgrenzungsgefährdungin Österreich im Zeitraum 2004 bis 2011 legen dieBefunde somit die folgende Schlussfolgerung nahe:Trotz Wirtschaftskrise blieb die Zahl der Menschen,die von Ausgrenzungsgefährdung betroffen sind,unverändert bei rund 1,4 Millionen. Innerhalb derAusgrenzungsgefährdeten verschärfen sich jedochÜberlappungen in den Problembereichen, sodassheute 388.000 Personen von mindestens zwei Ge-fährdungslagen betroffen sind.2.3.2 Sozialstruktur der armuts- oder aus-grenzungsgefährdeten PersonenIn Österreich sind insgesamt 331.000 Kinder, Ju-gendliche und junge Erwachsene unter 20 Jahrensowie 622.000 Frauen und 455.000 Männer ab 20Jahren von Ausgrenzungsgefährdung betroffen (sie-he Übersicht 2). Auffällig an der Altersstruktur derAusgrenzungsgefährdeten ist, dass die Jüngeren(unter 20 Jahre) mit einem Anteil von 24% leichtüberproportional vertreten sind (gegenüber 21% bei9 Die mehrfach Benachteiligten setzen sich aus Personen der Teilgruppe AE + AD + ED + ADE zusammen.Grafik 3: Teilgruppen der Ausgrenzungsgefährdung im Zeitverlauf0100200300400500600700800900A D E AE AD ED ADE6901182111818026100663263209136103421167871532271268122532004 2008 2011TeilgruppenderAusgrenzungsgefährdetenin1.000Q: STATISTIK AUSTRIA, EU-SILC 2004, 2008 und 2011.A: Armutsgefährdung OHNE E oder D.E: Haushalt mit keiner oder sehr niedriger Erwerbsintensität OHNE A oder D.D: Erhebliche materielle Deprivation OHNE A oder E.AE: A und E und nicht D.AD: A und D und nicht E.ED: E und D und nicht A.ADE: A und D und E.
  • 27. EUROPÄISCHE INDIKATOREN UND ZIELGRÖSSEN FÜR SOZIALE EINGLIEDERUNG IM RAHMEN DER STRATEGIE „EUROPA 2020“25den Nicht-Ausgrenzungsgefährdeten). Betrachtetman diese Alterskohorte im Detail, so zeigt sich, dassKinder unter 16 Jahren ein erhöhtes Risiko haben, ineinem ausgrenzungsgefährdeten Haushalt zu leben:Für sie beträgt die Ausgrenzungsgefährdungsquoterund 20%, während sie für Personen ab 16 Jahrenrund 16% beträgt. Auch nach Geschlecht zeigen sichUnterschiede: Frauen sind mit einer Quote von 18%häufiger von Ausgrenzungsgefährdung betroffen alsMänner (14%). Sie befinden sich etwas öfter in denTeilgruppen der ausschließlich Armutsgefährdeten(A) und den Personen in Haushalten mit keiner odersehr niedriger Erwerbsintensität (E).10Einen überproportionalen Anteil unter den Aus-grenzungsgefährdeten stellen Personen mit nicht10 Unterschiede in Personenmerkmalen beispielsweise Geschlechterunterschiede, sind bei Indikatoren wie Ausgrenzungsgefährdung, die imHaushaltszusammenhang berechnet werden, eingeschränkt erkennbar und auf Unterschiede in Einpersonenhaushalten zurückzuführen.Anmerkungen dazu siehe auch im Kapitel 3.1.2.Übersicht 2: Soziale Zusammensetzung der Armuts- oder AusgrenzungsgefährdetenMerkmaleAusgrenzungsgefährdete Nicht-Ausgrenzungsgefährdetein 1.000 Anteil in % Quote in % in 1.000 Anteil in %Insgesamt 1.407 100 17 6.909 100AlterBis 19 Jahre 331 24 19 1.445 2120 bis 39 Jahre 364 26 18 1.700 2540 bis 64 Jahre 470 33 15 2.587 3765 Jahre und älter 242 17 17 1.177 17Männer (ab 20 Jahren)Zusammen 455 32 14 2.694 3920 bis 39 Jahre 172 12 17 856 1240 bis 64 Jahre 210 15 14 1.305 1965 Jahre und älter 73 5 12 533 8Frauen (ab 20 Jahren)Zusammen** 622 44 18 2.770 4020 bis 39 Jahre 192 14 19 844 1240 bis 64 Jahre 260 18 17 1.282 1965 Jahre und älter 169 12 21 644 9StaatsbürgerschaftÖsterreich 1.096 78 15 6.298 91darunter eingebürgert (Nicht EU/EFTA) 85 6 30 203 3Nicht Österreich 311 22 34 610 9davon EU/EFTA 96 7 27 264 4davon sonstiges Ausland 216 15 38 346 5Höchster Bildungsabschluss*Max. Pflichtschule 480 34 27 1.289 19Lehre/mittlere Schule 433 31 13 2.857 41Matura 170 12 14 1.033 15Universität 60 4 8 676 10Q: STATISTIK AUSTRIA, EU-SILC 2011.* Kinder (0- bis 15-Jährige) sind in der Kategorie „Höchster Bildungsabschluss“ ausgeschlossen.** Rundungsbedingt kann die Summe der Teilgruppen um +/- 1.000 Personen abweichen.
  • 28. EUROPÄISCHE INDIKATOREN UND ZIELGRÖSSEN FÜR SOZIALE EINGLIEDERUNG IM RAHMEN DER STRATEGIE „EUROPA 2020“26österreichischer Staatsbürgerschaft (22%; unter denNicht-Ausgrenzungsgefährdeten: 9%). Auch in dieserGruppe sind es Kinder unter 16 Jahren, die ein noch-mals erhöhtes Risiko der Ausgrenzungsgefährdunghaben, jedoch ist ihr Risiko ungleich höher als das derKinder mit österreichischer Staatsbürgerschaft: 45%der Kinder unter 16 Jahren mit nicht österreichischerStaatsbürgerschaft leben in einem Haushalt, der vonAusgrenzungsgefährdung betroffen ist. ZumVergleich:16% der Kinder mit österreichischerStaatsbürgerschaftleben in ausgrenzungsgefährdeten Haushalten.Rund ein Drittel der Ausgrenzungsgefährdeten(480.000 Menschen) verfügt maximal über einenPflichtschulabschluss. Dass Bildung vor sozialerAusgrenzung schützen kann, zeigt sich in der Aus-grenzungsgefährdungsquote nach Bildungsniveau:So sind Personen mit maximal einem Pflichtschul-abschluss zu 27% ausgrenzungsgefährdet, währendPersonen mit Universitätsabschluss nur zu 8% vonAusgrenzungsgefährdung betroffen sind.Übersicht 3 stellt ausgewählte Haushaltsmerkmale derAusgrenzungsgefährdeten dar. Hierbei zeigt sich einstarker Zusammenhang von Ausgrenzungsgefährdungund Urbanität: Mit einem Drittel der Ausgrenzungs-gefährdeten leben überdurchschnittlich viele vonihnen in Wien. Zwar lebt die Mehrheit der Ausgren-zungsgefährdeten, das sind 589.000 Menschen, inGemeinden mit weniger als 10.000 EinwohnerInnen,jedoch ist dieser Anteil mit 42% deutlich geringerals in nicht ausgrenzungsgefährdeten Haushalten(59%). Der Unterschied zeigt sich auch hinsichtlichmehrfacher Benachteiligungen, die inWien überdurch-schnittlich stark ausgeprägt sind: Rund 40% der inWien lebenden Ausgrenzungsgefährdeten sind vonmindestens zwei der Gefährdungslagen betroffen.Hinsichtlich der Haushaltskonstellationen zeigt sich:Personen in Haushalten mit Pension sind unter denAusgrenzungsgefährdeten leicht überproportionalvertreten (21% im Vergleich zu 18%). Ein überdurch-schnittliches Ausgrenzungsrisiko in Haushalten mitPension betrifft jedoch einzig alleinlebende Frauen,von denen jede Dritte ausgrenzungsgefährdet ist.Alleinlebende Männer oder Mehrpersonenhaushaltemit Pension haben hier kein erhöhtes Risiko.Für Haushalte ohne Pension gilt: Lebt eine Personalleine, so steigt die Ausgrenzungsgefährdungs-quote stark an – für Männer auf 30%, für Frauenauf 34%. So stellen Alleinlebende ohne Pensionmit 284.000 Personen auch einen beträchtlichenAnteil unter den Ausgrenzungsgefährdeten dar(20%). Leben Kinder im Haushalt, so führt das nurfür bestimmte Haushaltskonstellationen zu einemerhöhten Ausgrenzungsrisiko. Es befinden sich unterden Ausgrenzungsgefährdeten zwar vergleichsweisewenige Mehrpersonenhaushalte ohne Kinder (15%im Vergleich zu 25%), noch seltener sind aber Mehr-personenhaushalte mit einem Kind vertreten (8%zu 19%). Auch Mehrpersonenhaushalte mit zweiKindern haben ein unterdurchschnittliches Aus-grenzungsrisiko und stellen in der Zielgruppe einenAnteil von 14% dar. Umgekehrt verhält es sich mitEin-Eltern-Haushalten und Mehrpersonenhaushaltenmit mindestens drei Kindern; sie finden sich unterden ausgrenzungsgefährdeten Haushalten mehr alsdoppelt so oft wie in anderen Haushalten.Mehr als eine halbe Million Ausgrenzungsgefährdeteleben in Haushalten, deren Einkommen haupt-sächlich aus Sozialleistungen bestehen. Haushaltemit Haupteinkommensquelle Sozialleistungen habendamit eine Ausgrenzungsgefährdungsquote von 68%.Das niedrigste Ausgrenzungsrisiko (8%) weisen Perso-nen in Haushalten mit Haupteinkommensquelle ausunselbständiger Arbeit auf. Nichtsdestotrotz beträgtihr Anteil unter den Ausgrenzungsgefährdeten knapp30%, das entspricht 388.000 Personen.
  • 29. EUROPÄISCHE INDIKATOREN UND ZIELGRÖSSEN FÜR SOZIALE EINGLIEDERUNG IM RAHMEN DER STRATEGIE „EUROPA 2020“27Übersicht 3: Ausgewählte Haushaltsmerkmale der Armuts- oder Ausgrenzungs-gefährdetenAusgrenzungsgefährdete Nicht-Ausgrenzungsgefährdetein 1.000 Anteil in % Quote in % in 1.000 Anteil in %Insgesamt 1.407 100 17 6.909 100GemeindegrößenklasseWien 467 33 28 1.231 18Andere Gemeinden > 100.000 Einw. 141 10 20 566 8Gemeinden >10.000 und <=100.000 Einw. 210 15 16 1.063 15Gemeinden <=10.000 Einw. 589 42 13 4.048 59Haushalte mit PensionZusammen 289 21 19 1.241 18Alleinlebende Männer 20 1 16 108 2Alleinlebende Frauen 96 7 32 209 3Mehrpersonenhaushalt 173 12 16 924 13Haushalte ohne PensionZusammen 1.118 79 16 5.668 82Alleinlebende Männer 128 9 30 304 4Alleinlebende Frauen 156 11 34 303 4Mehrpersonenhaushalt ohne Kinder 215 15 11 1.748 25Haushalte mit Kindern 619 44 16 3.312 48Ein-Eltern-Haushalt 97 7 36 170 2Mehrpersonenhaushalt + 1 Kind 117 8 8 1.323 19Mehrpersonenhaushalt + 2 Kinder 193 14 13 1.305 19Mehrpersonenhaushalt + mind. 3 Kinder 213 15 29 514 7HaupteinkommensquelleUnselbständige Arbeit 388 28 8 4.649 67Selbständige Arbeit 92 7 13 594 9Sozialleistungen 559 40 68 262 4Pensionen 302 21 18 1.330 19Private Einkommen 67 5 48 73 1Q: STATISTIK AUSTRIA, EU-SILC 2011.
  • 30. 28
  • 31. ARMUTSGEFÄHRDUNG UND „WORKING POOR“ IN ÖSTERREICH293. ARMUTSGEFÄHRDUNG UND „WORKING POOR“ IN ÖSTERREICHIn diesem Kapitel erfolgt eine detaillierte DarstellungderArmutsgefährdunginÖsterreich.Dabeistehtsowohldie soziodemographischeStruktur alsauch diezeitlicheEntwicklung desarmutsgefährdeten Bevölkerungsteilsim Fokus der Analyse. Der zweite Abschnitt untersuchtjene Personen, die trotz Erwerbstätigkeit von Armuts-gefährdung betroffen sind. Neben der Präsentationaktueller Zahlen für diese Gruppe der „Working Poor“in Österreich soll auch den Gründen des Phänomens„Working Poor“ nachgegangen werden.3.1 ArmutsgefährdungIm Rahmen der Europa 2020-Strategie stellt die „Ar-mutsgefährdungsquote bei 60% des Medians“ einender drei zentralen Indikatoren zum Monitoring desLeitziels „Teilhabemöglichkeiten“ dar. Auch davorwar sie im Set der sogenannten Laeken-Indikatorenseit dem Jahr 2001 eine der wichtigsten Kenngrößenfür soziale Eingliederung.EU-weit liegt die Armutsgefährdungsquote für dasJahr 2011 bei 16%. Österreich liegt, wie im Vorjahr,auch 2011 mit 13% Armutsgefährdung innerhalbder EU an drittniedrigster Stelle, die niedrigste Ar-mutsgefährdungsquote hat Tschechien mit 10%. Amhöchsten ist der Prozentsatz der Armutsgefährdetenin Rumänien und Bulgarien, 2011 lebten dort rund22% der Gesamtbevölkerung unter der jeweiligennationalen Armutsgefährdungsschwelle.Der folgende Abschnitt informiert über das Ausmaßder Armutsgefährdung in Österreich 2011 und im Zeit-verlauf seit 2004. Alle dargestellten Ergebnisse geltenfür Privathaushalte in Österreich. Anstaltshaushaltesind nicht Teil der Stichprobe, somit werden etwa Ar-mutslagen von Wohnungslosen, Menschen in Alten-,Pflege- oder Kinderheimen oder Asylwerbenden nichterfasst. Andere Bevölkerungsgruppen wie MigrantIn-nen, Kranke oder Sozialhilfebeziehende sind in derEU-DEFINITION DER ARMUTSGEFÄHRDUNG:Die Armutsgefährdungsquote bei 60% des Medians weist den Anteil jener Personen an der Gesamtbevölkerungaus, deren äquivalisiertes Haushaltseinkommen einen bestimmten Schwellenwert unterschreitet. Zur Berechnungdes Haushaltseinkommens wird die Summe aller Bruttoerwerbseinkommen im Haushalt zuzüglich Kapitalerträgeund Pensionen sowie allfälliger Sozialtransfers gebildet. Nach Abzug von Steuern errechnet sich das Haushalts-nettoeinkommen. Das verfügbare Haushaltseinkommen ergibt sich dann nach Abzug und Hinzurechnung von Un-terhaltsleistungen und sonstigen Privattransfers zwischen den Haushalten. Die Äquivalisierung erfolgt anhand derinternational etablierten EU-Skala, welche die erste erwachsene Person im Haushalt mit einem Konsumäquivalentvon 1, jeden weiteren Erwachsenen mit 0,5 und jedes Kind (bis 13 Jahre) mit 0,3 gewichtet. Dadurch wird jeder Personim Haushalt das gleiche Einkommen als Äquivalent für einen bestimmten Lebensstandard im Vergleich zu einemEinpersonenhaushalt zugerechnet. Der Eurostat Definition folgend wird die sogenannte Armutsgefährdungsschwelleauf Basis von 60% des Medians berechnet und an die jeweilige Haushaltszusammensetzung angepasst. So könnenHaushalte unterschiedlicher Zusammensetzung und Größe miteinander verglichen und Bevölkerungsgruppen mitniedrigem Lebensstandard identifiziert werden.
  • 32. ARMUTSGEFÄHRDUNG UND „WORKING POOR“ IN ÖSTERREICH30Erhebung aus Gründen erschwerter Erreichbarkeitunterrepräsentiert, was jedoch in der Hochrechnungberücksichtigt wird und so weitgehend ausgegli-chen werden kann. Die aus den Stichprobendatenhochgerechneten Ergebnisse sind Schätzungen fürVerteilungen in der Grundgesamtheit und unterliegeneiner Zufallsschwankung. Unterschiede zwischenUntergruppen und im Jahresvergleich müssen dahermit Rücksicht auf die Schwankungsbreiten interpre-tiert werden.3.1.1 Ausmaß und Intensität der Armutsge-fährdungZusammensetzung und Entwicklung deräquivalisierten HaushaltseinkommenDas hier verwendete Konzept der Armutsgefährdungorientiert sich zur Abbildung des materiellen Lebens-standards am Haushaltseinkommen von Personenin privaten Haushalten. Dieses setzt sich aus denfolgenden Einkommensbestandteilen zusammen(siehe Übersicht 4):Grafik 4: Armutsgefährdung in den EU-27-Staaten0510152025TschechienNiederlandeÖsterreichDänemarkSlowakeiLuxemburgSlowenienFinnlandUngarnFrankreichSchwedenZypernBelgienMaltaDeutschlandIrland*GroßbritannienEstlandPolenPortugalLettlandItalienLitauenGriechenlandSpanienRumänienBulgarienArmutsgefährdungin%derGesamtbevölkerungEU-27**Q: Eurostat 2012, EU-SILC 2010 und 2011. Datenbank zum Stand 11.01.2013, eigene Darstellung.* Aktuellste Zahlen stammen aus 2010.** Eurostat SchätzungÜbersicht 4: Bestandteile des Haushalts-einkommens in EU-SILCNettoeinkommen auf Personenebene*Unselbständigen Einkommen+ Selbständigen Einkommen+ Altersleistungen+ Arbeitslosenleistungen+ Hinterbliebenenleistungen+ Krankenleistungen+ Invaliditätsleistungen+ Ausbildungsleistungen+ Renten aus privaten SystemenNettoeinkommen auf Haushaltsebene*+ Einkommen aus Vermietung und Verpachtung+ Familienleistungen+ Sonstige Leistungen gegen soziale Ausgrenzung+ Wohnungsbeihilfen+ Erhaltene Transfers zwischen privaten Haushalten+ Zinsen, Dividenden+ Einkommen von Personen unter 16 JahrenAbzüge- Geleistete Transfers zwischen privaten Haushalten- Einkommensteuernachzahlungen/-erstattungen= HaushaltseinkommenQ: STATISTIK AUSTRIA, EU-SILC 2011.* Nach Steuern und SV-Beiträgen.
  • 33. ARMUTSGEFÄHRDUNG UND „WORKING POOR“ IN ÖSTERREICH31Werden die Einkommensbestandteile mit Hilfe der imobigen Abschnitt beschriebenen EU-Skala nach Anzahlder Haushaltsmitglieder gewichtet, so erhält manäquivalisierte Einkommensbestandteile.Sie erreichenin EU-SILC 2011 (bezogen auf das Einkommensjahr2010) die folgenden Höhen:11Das äquivalisierte Ein-kommen aus Arbeit, Kapital und Grundbesitz12– dassogenannte Brutto-Markteinkommen – beträgt imMedian 22.258 Euro. Zuzüglich der Pensionen13beläuftsich das sogenannte Primäreinkommen (äquivalisiert)in Österreich im Median auf 24.845 Euro. Zieht mandavon Steuern und Abgaben ab und berücksichtigterhaltene Sozialleistungen14, ergibt sich im Medianein äquivalisiertes Sekundäreinkommen von 21.120Euro. Durch das Abziehen bzw. Hinzurechnen privaterTransferzahlungen wird das verfügbare äquivalisierteHaushaltseinkommen – auf dem die Armutsgefähr-dung basiert – berechnet; dieses beträgt im Median21.319 Euro.Der Median desäquivalisiertenverfügbaren Haushalts-einkommensliegtderBerechnungderArmutsgefährdungzugrundeundkannalsdasHaushaltseinkommeneinesEinpersonenhaushalts mit mittlerem Lebensstandard11 Für eine Verteilung des Haushaltseinkommens vor Äquivalisierung siehe Tabellenband zu EU-SILC 2011 (Statistik Austria 2012b): Tab. 1.1.und Tab. 11.1a-c.12 Summe aus den folgenden Brutto-Einkommensbestandteilen: (Un)Selbständigen Einkommen, Zinsen und Dividenden, Vermietung undVerpachtung, Private Renten sowie Einkommen von Personen unter 16 Jahren.13 Summe aus den folgenden Brutto-Einkommensbestandteilen: Altersleistungen und ab Erreichen des Pensionsalters Invaliditätspensionen.14 Summe aus den folgenden Einkommensbestandteilen: Hinterbliebenenleistungen, Krankenleistungen, Invaliditätsleistungen, Ausbil-dungsleistungen, Familienleistungen, Arbeitslosenleistungen, sonstige Leistungen gegen soziale Ausgrenzung sowie Wohnungsbeihilfen.Grafik 5: Äquivalisiertes Haushaltseinkommen: Einkommensverteilung 2010 und 20116810121416182022242628303234363840424446480 5 10 15 20 25 30 35 40 45 50 55 60 65 70 75 80 85 90 95 1002010 2011ÄquivalisiertesNettohaushaltseinkommen(in1.000EuroproJahr)% der BevölkerungArmutsgefährdungsschwellen der jeweiligen JahreQ: STATISITK AUSTRIA, EU-SILC 2010-2011.Lesebeispiel: 50% der Bevölkerung im Jahr 2011 haben ein äquivalisiertes Haushaltseinkommen von höchstens 21.319 Euro zur Verfügung.
  • 34. ARMUTSGEFÄHRDUNG UND „WORKING POOR“ IN ÖSTERREICH32interpretiert werden. Mit einer Höhe von 21.319 Europro Jahr hat demnach ein Einpersonenhaushalt 2011pro Jahr im Mittel rund 700 Euro mehr zur Verfügungals im Jahr zuvor. Das entspricht einer Erhöhung um3,4%. Doch zeigt sich mit Blick auf die gesamte Ein-kommensverteilung (siehe Grafik5), dass der Anstiegfür bestimmte Einkommensgruppen unterschiedlichhoch ausfällt:Währendder Median desäquivalisiertenHaushaltseinkommens der unteren 30% der Einkom-mensbeziehenden einen unterdurchschnittlichenAnstieg um 1,3% erfuhr und die obersten 15% Ein-kommensbeziehenden in ihrem Medianeinkommennahezu konstant (-0,5%) blieben, stieg der MediandesHaushaltseinkommensfür die Einkommensgruppedes 30 bis 85 Perzentils – die mittleren Einkommen –gegenüber dem Vorjahr um 4,1%.Bei einer Inflation von 1,9% im Jahr 2010 (auf welchessich die EU-SILC 2011 Einkommensdaten beziehen)bedeutet dies: Die preisbereinigten Einkommender unteren 30% Einkommensbeziehenden sinken.Dieses Sinken fällt zwar schwächer als für die obers-ten 15%, eine Steigerung in den preisbereinigtenEinkommen erfahren aber besonders die mittlerenEinkommensgruppen (das 30 bis 85 Perzentil), diesedafür überdurchschnittlich stark.Der schwächere Anstieg der unteren Einkommenkönnte zur Folge haben, dass 2011 mehr Menschenvon Armutsgefährdung betroffen sind als im Jahr zuvoroder dass sich die Einkommenslage der Armutsge-fährdeten gegenüber demVorjahr verringert. Inwiefernsich diese Entwicklung tatsächlich vollzogen hat,lässt sich mithilfe von Armutsgefährdungsschwelle,-quote und -lücke zeigen.ArmutsgefährdungsschwelleDer Wertvon 60% des Medianäquivalenzeinkommensbestimmt die Höhe der Armutsgefährdungsschwelle.Die Armutsgefährdungsschwelle aus EU-SILC2011 liegtfür einen Einpersonenhaushalt bei 12.791 Euro pro Jahr.Dieser Betrag umfasst die Summe der Jahreseinkünfteaus Erwerbsarbeit, Sozialtransfers, Einkommen ausUnterhaltszahlungen und anderen Privateinkommen.Gehälter und Pensionen werden in Österreich meist14-mal undSozialleistungen meist 12-mal ausbezahlt.Daher werden zur besseren Lesbarkeit auch Monats-werte der Armutsgefährdungsschwelle ermittelt: EinZwölftel des Jahresschwellenwerts beträgt 1.066 Euro.Ein Vierzehntel desSchwellenwerts liegt bei 914 Euro.Ein Einpersonenhaushalt mit einem monatlichenErwerbseinkommen von weniger als 914 Euro ohnezusätzliche Einkünfte aus anderen Zahlungen wieWohnbeihilfe, Zusatzverdienste, Prämien oder privateTransfers läge mit seinem Haushaltseinkommen unterdem Schwellenwert und würde als armutsgefährdetgelten.Übersicht 5: Armutsgefährdungsschwelle bei 60% des Medians für unterschiedliche Haus-haltstypenHaushaltstypGewichtungsfaktornach EU-SkalaJahreswert(in Euro)Monatswert 1/12(in Euro)1/14(in Euro)Einpersonenhaushalt 1 12.791 1.066 9141 Erwachsener + 1 Kind 1,3 16.628 1.386 1.1882 Erwachsene 1,5 19.187 1.599 1.3702 Erwachsene + 1 Kind 1,8 23.024 1.919 1.6452 Erwachsene + 2 Kinder 2,1 26.861 2.238 1.9192 Erwachsene + 3 Kinder 2,4 30.699 2.558 2.193Q: STATISTIK AUSTRIA, EU-SILC 2011.
  • 35. ARMUTSGEFÄHRDUNG UND „WORKING POOR“ IN ÖSTERREICH33Im Folgenden wird der Monatswert immer als Jahres-zwölftel mit 1.066 Euro dargestellt. Verglichen mitdem in der Berichterstattung 2010 publizierten Wertvon monatlich 1.031 Euro hat sich die Armutsgefähr-dungsschwelle um 3,4% erhöht; die Steigerung istimmer relativ zu der des medianen Einkommens imJahresvergleich zu sehen (siehe Seite 31).Die Anpassung der Armutsgefährdungsschwelle fürMehrpersonenhaushalte erfolgt mittels Gewichtunganhand der international etablierten EU-Skala. Da-durch erhöht sie sich für jede weitere erwachsenePerson im Haushalt um 533 Euro (Faktor 0,5) undfür jedes Kind (unter 14 Jahren) um 320 Euro (Fak-tor 0,3) pro Monat. Übersicht 5 zeigt beispielhaftArmutsgefährdungsschwellen für unterschiedlicheHaushaltstypen.ArmutsgefährdungsquoteLaut EU-SILC 2011 sind in Österreich 12,6% derBevölkerung armutsgefährdet (bzw. mit 95%Vertrauenswahrscheinlichkeit zwischen 11,5% und13,8%). Hochgerechnet auf die rund 8,32 MillionenPersonen umfassende Gesamtbevölkerung liegtdie Zahl der armutsgefährdeten Personen zwischen957.000 und 1.146.000 Personen.15Der Unterschiedin den Armutsgefährdungsquoten aus EU-SILC 2010und EU-SILC 2011 (2010: 12,1%; 2011: 12,6%) liegtim Bereich der statistischen Schwankungsbreite(Überschneidung der 95%-Konfidenzintervalle) undkann nicht von zufallsbedingten Veränderungenunterschieden werden.16In Zeitreihenanalysen zeigtdie Armutsgefährdungsquote über den gesamtenBerichtszeitraum relative Konstanz. Dies gilt fürPersonen in Privathaushalten bei gleich bleibenderDefinition von Armutsgefährdung. Armutsgefährdungals einkommensbasierte Maßzahl berücksichtigtkeine Veränderungen bei Kosten oder Bedarf wieetwa steigenden Lebenshaltungskosten.Übersicht 6 zeigt die Entwicklung der Armutsgefähr-dungsquoten und -schwellen seit 2004 und stelltzusätzlich dieSchwankungsbreiten der Ergebnisse dar.15 Rundungsbedingt kann es je nach Berechnungsmethode zu kleineren Abweichungen kommen.16 Die zugrunde liegende Fehlerrechnung ist eine im Normalfall hinreichende Annäherung an den tatsächlichen Wert. Aufgrund der teilwei-se verbundenen Stichproben ist der Vergleich zwischen den Erhebungswellen besser abgesichert, als wenn unabhängige Querschnitteverglichen würden. Für Differenzen zwischen zwei Jahren gelten daher etwa dieselben Schwankungsbreiten wie bei Vergleichen innerhalbderselben Querschnittstichprobe (vgl. Verma 2001, Statistik Austria 2012a).Übersicht 6: Armutsgefährdungsschwelle und Armutsgefährdungsquote im ZeitverlaufJahrArmutsgefährdungs-schwellein EuroArmutsgefährdung Konfidenzintervall 95%in % in 1.000untere Grenzein 1.000obere Grenzein 1.0002004 10.119 13,0 1.047 954 1.1392008 11.406 12,4 1.018 939 1.0982009 11.931 12,0 993 903 1.0832010 12.371 12,1 1.004 912 1.0962011 12.791 12,6 1.051 957 1.146Q: STATISTIK AUSTRIA, EU-SILC 2004; 2008 bis 2011.Armutsgefährdungsschwelle: Jahreswert bei 60% des Medians.Da für die Jahre 2004 bis 2008 rückwirkend Privatpensionen als Bestandteil des Haushaltseinkommens berücksichtigt wurden, weichendie ausgewiesenen Werte von den jeweiligen Jahrespublikationen ab.
  • 36. ARMUTSGEFÄHRDUNG UND „WORKING POOR“ IN ÖSTERREICH34Alternative ArmutsgefährdungsschwellenFür eine EU-weite und vergleichbare Berichterstattungzu Armutsgefährdung wurde in der politischen Diskus-sion 60% des Medians des Äquivalenzeinkommensals kritischer Wert festgelegt.17Dieser Festlegung liegtkeine Bedarfsmessung zugrunde, daher können zurBeobachtung von Einkommensarmut auch andereSchwellenwerte definiert werden18(siehe Übersicht 7):Bei Anwendung einer sehr niedrigenSchwelle von 40%des Medians des Äquvalenzeinkommens (entspricht711 Euro pro Monat für einen Einpersonenhaushalt)liegt laut EU-SILC 2011 das Äquivalenzeinkommenvon 3% der Bevölkerung darunter. Wird die Schwellebei 50% des Medians festgelegt (888 Euro), haben7,1% ein äquivalisiertes Haushaltseinkommen unterdiesem Wert. 1.244 Euro entsprechen der Schwellebei 70% des Medians – hier haben 21% der Bevölke-rung weniger zur Verfügung. Auch diese alternativenArmutsgefährdungsschwellen zeigen im Zeitverlauf2004 bis 2011 relative Konstanz.Eine weitere Alternative bietetdiezeitlicheVerankerungdes Armutsgefährdungsschwellenwerts: Hierbei wirddie Armutsgefährdungsschwelle auseinem Referenzjahrmit der Inflationsrate fortgeschrieben. Bei zeitlicherVerankerung der Armutsgefährdungsschwelle desJahres 2008 liegt der Schwellenwert 2011 bei 1.006Euro monatlich – hier haben 10,6% der Bevölkerungein geringeres Haushaltseinkommen zur Verfügung.Zudem bieten sich politisch festgelegte Schwellen-werte als Alternative zu konventionellen statistischenArmutsgefährdungsschwellen an. Ein solcher lässtsich beispielsweise auf Basis des Ausgleichszulagen-richtsatzes für Pensionen berechnen. Dieser beträgt2011 793 Euro brutto 14-mal im Jahr, abzüglich derKrankenversicherung für Pensionsbeziehende (2011:5,1%). Netto entspricht das 10.541 Euro pro Jahr oder(dividiert durch 12) 878 Euro pro Monat. 561.000Personen bzw. 6,7% der Bevölkerung haben einÄquivalenzeinkommen unter dem Schwellenwert inHöhe der Ausgleichszulage.Auch die Bedarfsorientierte Mindestsicherung19(BMS)lässt sich als politischer Schwellenwert zur Bestim-mung niedrigen Einkommens heranziehen. Für einenEinpersonenhaushalt beträgt die BedarfsorientierteMindestsicherung im Jahr 2011 753 Euro pro Monat,darin inkludiert ist ein Wohnkostenanteil. Nicht be-17 Beschluss des Europäischen Rates von Laeken, Dezember 2001.18 Ein bedarfsgerechter Wert kann aus wissenschaftlicher Sicht weder durch einen einzigen Schwellenwert noch vergleichbar für verschie-dene Länder festgelegt werden. Die EU empfiehlt daher, mehrere Schwellenwerte als Richtwert zu niedrigem Einkommen darzustellen.19 Die Bedarfsorientierte Mindestsicherung trat im September 2010 zunächst in Wien, Niederösterreich und Salzburg in Kraft, Oberösterreichführte sie als letztes Bundesland am 1. 10. 2011 ein. In den Bundesländern existieren teilweise unterschiedlich detaillierte Regelungen,was z.B. Richtsätze für Kinder oder Wohnkostenanteile betrifft. Siehe BMASK (2012, S 148ff).ARMUTSGEFÄHRDUNG IM ZEITVERLAUF:Um die zeitliche Entwicklung der Armutsgefährdung abzubilden, werden die Querschnittergebnisse aus EU-SILC 2004bis 2011 ausgewiesen. Aufgrund von Zufallsschwankungen sind kleinere Veränderungen meist nicht interpretierbar.Erst wenn Ergebnisse über mehrere Jahre einen Trend verzeichnen, kann von einer realen Veränderung gesprochenwerden. Aufgrund des Stichprobenfehlers und der damit verbundenen Schwankungsbreite der Schätzwerte wirdim Folgenden auf die Darstellung von Nachkommastellen verzichtet. Geringe jährliche Veränderungen (etwa +/-1Prozentpunkt bei der Armutsgefährdungsquote) sind nicht signifikant (95%-Signifikanzniveau) und daher nichtinterpretierbar. Zwischen 2004 und 2005 sowie 2007 und 2008 hat ein Wechsel des Erhebungsinstituts statt-gefunden, Unterschiede sind damit z.T. erhebungsbedingt.
  • 37. ARMUTSGEFÄHRDUNG UND „WORKING POOR“ IN ÖSTERREICH35rücksichtigt sind in diesem Wert allfällige Ansprücheauf Miet- oder Wohnbeihilfe, auf Pflegegeld und fürHaushalte mit Kindern auf Familienbeihilfe und denKinderabsetzbetrag. Die BMS wird 12-mal im Jahrausgezahlt, somit ergibt sich ein Jahreswert von9.035 Euro für einen Einpersonenhaushalt. 364.000Personen oder 4,4% der Bevölkerung hätten lautEU-SILC 2011 weniger äquivalisiertes Einkommen alsdiesen fiktiven Armutsgefährdungsschwellenwertzur Verfügung.ArmutsgefährdungslückeWie Grafik 6 zeigt, ist laut EU-SILC 2011 das Median-einkommen armutsgefährdeter20Haushalte im Mittelum 19% geringer als die Armutsgefährdungsschwelle.Für Einpersonenhaushalte liegt die Armutsgefähr-dungslücke demnach bei 2.429 Euro pro Jahr; dividiertdurch zwölf ergibt sich ein Monatswert von 202 Euro.Für 2010 betrug der Wert der Armutsgefährdungslücke17%. Der Anstieg um zwei Prozentpunkte liegt inner-halb der statistischen Schwankungsbreite und istdaher mitVorsicht zu interpretieren. Nichtsdestotrotzliefert der Befund einen Hinweis darauf, dass sich dieLebenslage der Armutsgefährdeten hinsichtlich ihrer20 Armutsgefährdung bei 60% des Medians als Armutsgefährdungsschwelle.ARMUTSGEFÄHRDUNGSLÜCKE:Die Armutsgefährdungslücke bildet die Intensität der Armutsgefährdung ab. Als Maß für die Streuung der Niedrig-einkommen um die Armutsgefährdungsschwelle drückt sie den Median der individuellen Abweichungen derÄquivalenzeinkommen (der Armutsgefährdeten) von der Armutsgefährdungsschwelle in Prozent dieser Schwelleaus. Sie misst so, ob die äquivalisierten Haushaltseinkommen der Armutsgefährdeten deutlich unter der Schwelleliegen oder nahe am Schwellenwert.Übersicht 7: Einkommen und Lücke der Armutsgefährdeten bei unterschiedlichenSchwellenArmutsgefährdungArmutsgefährdungs-schwelleArmutsgefährdungMedian-einkom-men derArmutsge-fährdetenin EuroArmutsgefährdungs-lückeJahres-wertMonats-wert*in % in 1.000 in %Jahreswertin Euroin Eurobei 40% des Medians 8.527 711 3,0 252 6.025 29 2.505bei 50% des Medians 10.659 888 7,1 594 8.832 17 1.827bei 60% des Medians 12.791 1.066 12,6 1.051 10.363 19 2.429bei 70% des Medians 14.923 1.244 20,6 1.713 12.000 20 2.923Schwelle auf Jahr 2008 verankert 12.066 1.006 10,6 879 9.727 19 2.339Ausgleichszulage**2011 netto 10.541 878 6,7 561 8.760 17 1.781Bedarfsorientierte Mindestsicherung***2011 9.035 753 4,4 364 7.596 16 1.437Q: STATISTIK AUSTRIA, EU-SILC 2011.* Monatswert entspricht 1/12 des Jahreswertes.** Ohne zusätzliche Zahlungen wie Einmalzahlung und Energiekostenzuschuss.*** Inkl. Wohnkostenanteil, ohne eventuelle Ansprüche auf Wohnbeihilfe, Familienbeihilfe, Kinderabsetzbetrag etc.
  • 38. ARMUTSGEFÄHRDUNG UND „WORKING POOR“ IN ÖSTERREICH36Haushaltseinkommen sehr wahrscheinlich nicht zumBesseren gewendet hat.21Zu diesem Schluss kommtauch die Betrachtung der Einkommenssituation derGesamtbevölkerung.22Um den monetären Aufwand für Maßnahmen gegenArmut und soziale Ausgrenzung zu beziffern, kanndie Armutsgefährdungslücke auch als Prozentsatzdes Bruttoinlandsprodukts (BIP) ausgedrückt werden.Demnach wären 2,57 Milliarden Euro oder 0,9% desBIP 2011 notwendig, um den materiellen Lebensstan-dard aller Armutsgefährdeten dem Schwellenwert von60% des Medianeinkommens anzugleichen.23AllenArmutsgefährdeten dieses „Mindest“-Einkommen inder Höhe der Armutsgefährdungsschwelle zu ermögli-chen, würde bedeuten, die Armutsgefährdungslückezu schließen. Allerdings ist diese Berechnung statisch,etwaige Verhaltensänderungen, die durch derartigeTransfers ausgelöst würden, werden nicht berück-sichtigt. Das Äquivalenzeinkommen ist lediglichein indirektes Maß zur Bestimmung des materiellenLebensstandards. Bei gleichem Einkommen sindabhängig von Teilhabechancen und Kostenstrukturenganz unterschiedliche Lebensführungen möglich.3.1.2 Soziale Zusammensetzung der betrof-fenen Bevölkerung13% der Bevölkerung in Privathaushalten sind in Ös-terreich laut EU-SILC 2011 armutsgefährdet. Dies istein Durchschnittswert für die gesamte Bevölkerung– bestimmte Gruppen tragen ein deutlich höheresArmutsrisiko, während andere relativ gut abgesichertsind. Aufgrund der Konzeption von Armutsgefähr-dung als Haushaltsmerkmal ist die Identifikationindividueller soziodemographischer Merkmale alsRisikofaktoren nur eingeschränkt möglich.21 Vgl. hierzu Kapitel 2.3 Strukturmerkmale und Entwicklung der Europa 2020-Zielgruppe.22 Siehe Kapitel 3.1.1; Abschnitt „Zusammensetzung und Entwicklung der äquivalisierten Haushaltseinkommen“.23 Siehe Kapitel 8.1.ARMUTSGEFÄHRDUNG NACH PERSONENMERKMALEN:Armutsgefährdung ist ein Haushaltsmerkmal – mit einem äquivalisierten Haushaltseinkommen unter der Armutsge-fährdungsschwelle gelten alle Haushaltsmitglieder als armutsgefährdet. Auf die Einkommensverteilung innerhalbdes Haushalts und die tatsächliche Verfügungsmöglichkeit über finanzielle Ressourcen können keine Rückschlüssegezogen werden. Daher ist das Armutsrisiko von Personen nach individuellen Merkmalen wie dem Geschlecht nureingeschränkt vergleichbar. Zur Messung von Geschlechterdisparitäten im Lebensstandard bietet sich alternativder Vergleich von Einpersonenhaushalten an. Zu einer Analyse der Intrahaushaltsverteilung von Einkommen seiauf Mader, K. et al. 2012 verwiesen.Grafik 6: Armutsgefährdungslücke deräquivalisierten Medianeinkommen05.00010.00015.00020.00025.000MedianeinkommenGesamtbevölkerungMedianeinkommenArmutsgefährdete21.31910.363MedianinEuroArmutsgefährdungsschwelle12.791 EURArmutsgefähr-dungslücke (19%)}Q: STATISTIK AUSTRIA, EU-SILC 2011.Eurobeträge sind Jahreswerte.
  • 39. ARMUTSGEFÄHRDUNG UND „WORKING POOR“ IN ÖSTERREICH37Die Gruppe der Armutsgefährdeten besteht aus268.000 Kindern und Jugendlichen, 341.000 Män-nern und 443.000 Frauen im Alter von 20 und mehrJahren.24Frauen haben gegenüber den Männern einum zwei Prozentpunkte erhöhtes Armutsgefährdungs-risiko (13% zu 11%). Hierbei sind es insbesonderealleinlebende Frauen ab 65 Jahren, die mit einerArmutsgefährdungsquote von 30% als Risikogruppezu bezeichnen sind. Insgesamt sind 109.000 allein-lebende Frauen im Pensionsalter armutsgefährdet.Diese Gruppe trägt auch maßgeblich zum Phänomender Altersarmut bei.Personen über 65 Jahre haben insgesamt eine Ar-mutsgefährdungsquote von 16%. Während Männerdieser Altersgruppe jedoch ein unterdurchschnitt-liches Armutsgefährdungsrisiko (11%) haben, sindFrauen mit einem Armutsgefährdungsrisiko von19% im Alter deutlich überdurchschnittlich oftbetroffen. Vergleichsweise stark von Armutsgefähr-dung betroffen sind auch Kinder und Jugendliche:16% der Kinder im Alter von 0 bis 15 Jahren lebenin einem armutsgefährdeten Haushalt.250- bis15-Jährige, die in einem Ein-Eltern- Haushalt odereinem Mehrpersonenhaushalt mit mindestens dreiKindern leben, haben mit 31% bzw. 27% ein starkerhöhtes Armutsgefährdungsrisiko. Dieses fällt für0- bis 15-Jährige in einem Mehrpersonenhaushaltmit einem Kind vergleichsweise gering (6%), ineinem Mehrpersonenhaushalt mit zwei Kinderndurchschnittlich (12%) aus.24 Vgl. Statistik Austria (2012b, Tab 5.1a).25 Vgl. Statistik Austria (2012b, Tab. 8.2).Übersicht 9: Armutsgefährdungsquotenach Haushaltstyp im ZeitverlaufArmutsgefährdungsquote in %2004 2008 2009 2010 2011Gesamt 13 12 12 12 13Haushalt mit PensionZusammen 15 16 16 15 13Alleinlebende Männer (6) 16 11 13 13Alleinlebende Frauen 24 24 28 26 26Mehrpersonenhaus-halt12 13 12 11 10Haushalt ohne PensionZusammen 13 12 11 11 12Alleinlebende Männer 21 16 17 19 23Alleinlebende Frauen 26 20 18 24 26Mehrpersonenhaus-halt ohne Kinder9 6 7 6 7Haushalt mit KindernZusammen 13 13 11 12 12Ein-Eltern-Haushalt 25 29 30 28 24Mehrpersonenhaus-halt + 1 Kind8 9 7 7 5Mehrpersonenhaus-halt + 2 Kinder9 10 7 11 10Mehrpersonenhaus-halt + mind. 3 Kinder23 20 20 18 26Q: STATISTIK AUSTRIA, EU-SILC 2004; 2008 bis 2011.Personen in Privathaushalten.Übersicht 8: Armutsgefährdungsquotenach Geschlecht und Alter im ZeitverlaufArmutsgefährdungsquote in %2004 2008 2009 2010 2011Gesamt 13 12 12 12 13AlterBis 19 Jahre 15 15 13 14 1520 bis 39 Jahre 12 11 12 12 1340 bis 64 Jahre 11 11 10 9 1065 Jahre und älter 17 15 15 15 16Männer (ab 20 Jahren) 11 10 10 10 1120 bis 39 Jahre 11 9 12 11 1240 bis 64 Jahre 11 10 9 9 1065 Jahre und älter 13 12 11 10 11Frauen (ab 20 Jahren) 14 13 13 13 1320 bis 39 Jahre 13 12 13 13 1340 bis 64 Jahre 11 11 10 10 1065 Jahre und älter 19 17 18 19 19Q: STATISTIK AUSTRIA, EU-SILC 2004; 2008 bis 2011.
  • 40. ARMUTSGEFÄHRDUNG UND „WORKING POOR“ IN ÖSTERREICH38Nach Bildungsabschluss und Staatsbürgerschaftzeigt sich: Je höher der Bildungsabschluss, destoniedriger ist das Armutsgefährdungsrisiko. Wäh-rend Personen mit einem universitären Abschlusseine Armutsgefährdungsquote von 6% haben, sindPersonen, die über maximal einen Pflichtschulab-schluss verfügen, zu 21% armutsgefährdet. Unterden Armutsgefährdeten stellt diese Gruppe formalniedrig Gebildeter mit 369.000 Betroffenen einenbedeutsamen Anteil dar. Ein noch stärkeres Ar-mutsgefährdungsrisiko haben Personen mit nichtösterreichischer Staatsbürgerschaft. Von ihnensind 29% armutsgefährdet, das sind 265.000Betroffene.26Personen mit nicht österreichischerStaatsbürgerschaft haben auch unter Berücksich-tigung des Bildungsniveaus eine höhere Armuts-gefährdung als österreichische StaatsbürgerInnen:Personen mit maximal Pflichtschulabschluss undnicht österreichischer Staatsbürgerschaft sind miteiner Armutsgefährdungsquote von 37% doppeltso stark von Armut betroffen wie Personen mit ma-ximal Pflichtschulabschluss und österreichischerStaatsbürgerschaft (18%).3.1.3 Dauerhafte Armutsgefährdung zwi-schen 2008 und 2011Seit 2007 kann auf Basis der Längsschnittkomponentevon EU-SILC der Lebensstandard für ein jeweils vier-jähriges Panel dargestellt werden. So ist es möglich,das Armutsrisiko bestimmter Bevölkerungsgruppenüber einen längeren Zeitraum zu analysieren. ImFolgenden wird Armutsgefährdung im Längsschnittfür das Panel 2008 bis 2011 dargestellt.27Einkommen und Lebensstandard weisen vor allemdann einen deutlichen Zusammenhang auf, wenndas Einkommen über einen längeren Zeitraum gleichbleibt (vgl. BMASK/ Statistik Austria 2009, S. 108ff).Daher empfiehlt sich bei Verwendung des Äquiva-lenzeinkommens als Annäherung an den wahrenLebensstandard eine längerfristige Beobachtung. DerLebensstandard eines Haushalts, dessen Einkommen26 Vgl. Statistik Austria (2012b, Tab.5.1a).27 Ab EU-SILC 2011 können erstmals auch im Längsschnitt Ergebnisse für den Zeitraum bis zum aktuellen Berichtsjahr (2008 bis 2011) dar-gestellt werden. Längsschnittergebnisse erfolgten bisher um ein Jahr zeitversetzt.LÄNGSSCHNITTANALYSEN:Für die Analyse relevant sind all jene Personen, die vier Jahre in Folge befragt wurden und für die in jedem Erhe-bungsjahr Daten zur Armutsgefährdung vorliegen. Dies trifft im Vier-Jahres-Panel der Erhebungen EU-SILC 2008 bis2011 auf 2.453 Personen zu. Diese stammen aus 1.164 Haushalten, die am Ende des Panels im Datensatz verfügbarsind. Hochgerechnet entspricht das vierjährige Panel 7.825.000 Personen (in 3,583 Mio. privaten Haushalten)oder rund 94% der Querschnittbevölkerung. Die Differenz zur Gesamtbevölkerung in Privathaushalten 2011 liegtbei 491.000 Personen. Diese Personengruppe ist im Panel nicht erfasst, da sie im Zeitraum zwischen 2008 und2011 geboren wurde oder starb bzw. zugezogen ist oder Österreich verlassen hat oder in einen Anstaltshaushaltübersiedelt ist. Die Bevölkerungsstruktur des Längsschnitts wurde mittels Gewichtung so weit wie möglich an dieQuerschnittbevölkerung 2011 angepasst. Geringe Abweichungen der Längsschnittergebnisse zu den Querschnitt-ergebnissen können sich aufgrund der oben beschriebenen strukturellen Unterschiede zwischen Querschnitt- undLängsschnittbevölkerung dennoch ergeben. Die Haushaltsmerkmale eines Längsschnitthaushalts (zum BeispielEinkommen und Haushaltszusammensetzung) werden auf Basis des gesamten Querschnitthaushalts im letztenPaneljahr (hier 2011) ermittelt.
  • 41. ARMUTSGEFÄHRDUNG UND „WORKING POOR“ IN ÖSTERREICH39unter die Armutsgefährdungsschwelle sinkt, fällterst allmählich, da Einkommenseinbußen kurzfristigabgefedert werden können: Das Aufbrauchen vonSparguthaben und Rücklagen oder das Verschiebenvon Anschaffungen usw. können niedrige laufendeEinkommen eine Zeit lang ausgleichen. Demgegenübermacht sich eine verbesserte finanzielle Situation ofterst bei längerfristigem Verbleib auf einem höherenEinkommensniveau in einem höheren Lebensstan-dard bemerkbar, da größere Anschaffungen verzögertgetätigt werden und möglicherweise auch Schuldenzurückzuzahlen sind. Ein kurzfristiges Verweilen un-ter der Armutsgefährdungsschwelle hat also andereImplikationen für den Lebensstandard als niedrigesEinkommen über einen längeren Zeitraum. Sowohldie Häufigkeit als auch die Dauer der Armutsgefähr-dung sollen daher im Rahmen der Möglichkeiten desVier-Jahres-Panels 2008 bis 2011 untersucht werden.In den vier Jahren zwischen 2008 und 2011 warenrund drei Viertel der Längsschnittbevölkerung nievon Armutsgefährdung betroffen, das verbleibendeViertel war mindestens in einem Jahr armutsgefährdet(Übersicht 10). 4% der Bevölkerung hatten in allenvier Jahren ein äquivalisiertes Haushaltseinkommenunter der jeweiligen Armutsgefährdungsschwelle, 13%in nur einem einzigen der vier betrachteten Jahre. 6%der Längsschnittpopulation waren in zwei und 2% indrei aus vier Jahren armutsgefährdet, wobei es sichhierbei nicht um unmittelbar aufeinanderfolgendeJahre gehandelt haben muss. In der kumuliertenBetrachtung28waren 13% in mindestens zwei Jahrenund 7% in mindestens drei Jahren seit dem Jahr 2008armutsgefährdet.Im Beobachtungszeitraum 2008 bis 2011 lag dasÄquivalenzeinkommen jeder vierten Person zumindesteinmal unter der Armutsgefährdungsschwelle. BeiArmutsgefährdungsquoten zwischen 12% und 13%in den einzelnen Jahren bedeutet das, dass jährlichrund die Hälfte der Armutsgefährdeten neu hinzuge-kommen ist bzw. die Gruppe der Armutsgefährdetenverlassen hat, Einkommensarmut somit einer starkenDynamik unterliegt.2928 Z.B. diejenigen, die drei Jahre armutsgefährdet waren, sind auch „zumindest ein Jahr“ und „zumindest zwei Jahre“ armutsgefährdet.29 Vgl. BMASK/ Statistik Austria (2009 S.125ff).DAUERHAFTE ARMUTSGEFÄHRDUNG:Der EU-Eingliederungsindikator „dauerhafte Armutsgefährdung“ beobachtet Veränderungen im Lebensstandardlängerfristig und weist dauerhafte Armutsphasen aus. Als dauerhaft armutsgefährdet wird jener ProzentsatzÜbersicht 10: Häufigkeit des Auftretens von Armutsgefährdung 2008 bis 2011Häufigkeit Prozent Kumuliert ProzentNie 5.815 74 nie 74In einem Jahr 1.014 13 zumindest 1 Jahr 26In zwei Jahren 483 6 zumindest 2 Jahre 13In drei Jahren 183 2 zumindest 3 Jahre 7In vier Jahren 330 4 in vier Jahren 4Insgesamt 7.825 100Q: STATISTIK AUSTRIA, EU-SILC 2008 bis 2011.Nur Personen, die in allen vier Jahren im Panel waren.
  • 42. ARMUTSGEFÄHRDUNG UND „WORKING POOR“ IN ÖSTERREICH403.2 Im Fokus: Armutsgefährdung trotz Erwerbsarbeit – „Working Poor“Erwerbstätigkeit wurde bereits in zahlreichen Publi-kationen, u.a. auch in den Ergebnissen zu EU-SILC,als wirksamer Schutz vor Armutsgefährdung nach-gewiesen (vgl. z.B. BMASK/Statistik Austria 2011).Nach allgemeinem gesellschaftlichen Konsens sollendie aus Erwerbsarbeit erzielten Einkommen einen Le-bensstandard über der Armutsschwelle ermöglichenkönnen. In der in Lissabon im Jahr 2000 beschlosse-nen Strategie für Europa gab es eine Verknüpfung derZiele der Arbeitsmarktintegration und des sozialenZusammenhalts, indem Qualität und Quantität vonArbeitsplätzen undsozialerZusammenhaltmiteinanderin Zusammenhang gesetzt wurden (vgl. EuropäischerRat2000). Eine hohe Beschäftigungsquote undsozialerZusammenhalt werden auch als Kernziele der Europa2020-Strategie auf dem Weg zu einem intelligenten,nachhaltigen und integrativen Wachstum angeführt(vgl. Europäische Kommission 2010).Längst bezeichnet jedoch auch der aus den USAkommende Begriff „Working Poor“ (Armut trotzArbeit), der ab Mitte der 1990er-Jahre Eingang indie europäische Armutsberichterstattung gefun-den hat, eine nicht zu vernachlässigende Realität.Diese Schnittmenge zwischen Armutsgefährdungund Erwerbstätigkeit steht im folgenden Abschnittim Mittelpunkt. Ebenfalls gebräuchlich, um dieProblemlage der Armutsgefährdung trotz Erwerbs-arbeit zu beschreiben, ist der englische Terminus„in-work-poverty“. In den folgenden Darstellungenwerden diese Begriffe sowie „Armutsgefährdungtrotz Erwerbsarbeit“ synonym verwendet. Neben derPräsentation aktueller Zahlen zu „Working Poor“ fürÖsterreich und im EU-Vergleich sollen die unterschied-lichen Entstehungsebenen beleuchtet werden: dieindividuelle Ebene der Qualität der Erwerbstätigkeitund ihrer Prädiktoren wie Bildung sowie die Ebeneder Haushalte, in denen sich die Kombination vonErwerbstätigkeit und Nicht-Erwerbstätigkeit ihrerMitglieder im Lebensstandard niederschlägt. Weiterswird der Versuch unternommen, anhand der EU-SILCDaten die Dynamik und Persistenz von Erwerbstätig-keit zu untersuchen.3.2.1 Armutsgefährdung von Personen imErwerbsalterZunächst soll der Zusammenhang zwischen Armutsge-fährdung und der (Nicht-)Teilnahme am Erwerbslebenempirisch belegt werden. Um diesen einordnen zukönnen, müssen allgemeine Daten zur Arbeitsmarkt-lage berücksichtigt werden.der Bevölkerung bezeichnet, der in Haushalten lebt, die am Ende des Beobachtungszeitraums, das heißt imaktuellsten Jahr und in mindestens zwei von drei vorhergehenden Jahren, ein Äquivalenzeinkommen unter derArmutsgefährdungsschwelle des jeweiligen Jahres hatten. Die jährlichen Armutsgefährdungsschwellen werdenunverändert aus den Querschnittdaten übernommen. Dauerhaft armutsgefährdet für den Zeitraum 2008 bis 2011sind gemäß dieser Definition nicht diejenigen, die in den ersten drei Jahren (2008-2010) armutsgefährdet warenund es nur im letzten Jahr (2011) nicht sind; sie wären aber für den Zeitraum 2007-2010 dauerhaft armutsgefähr-det. Ebenso wären auch jene, die 2010 und 2011 armutsgefährdet waren und dies auch 2012, also nach Ende desaktuellen Betrachtungszeitraums, sein werden, nicht dauerhaft armutsgefährdet für den Zeitraum 2008 bis 2011.6% der hochgerechneten Längsschnittbevölkerung sind nach dieser EU-Definition dauerhaft armutsgefährdet. Dasentspricht hochgerechnet 453.000 Personen.
  • 43. ARMUTSGEFÄHRDUNG UND „WORKING POOR“ IN ÖSTERREICH41In der Altersgruppe der 20- bis 64-Jährigen machenEinkommen aus unselbständiger und selbständigerArbeit mit rund 75% Anteil am Gesamteinkommendie wichtigste Einkommensquelle aus. Dement-sprechend wird der Lebensstandard durch dieHöhe und die Kontinuität des Erwerbseinkommensbestimmt. Übersicht 11 zeigt den Zusammenhangzwischen Armutsgefährdung und Haupttätigkeit fürdie Bevölkerung zwischen 20 und 64 Jahren.Ganzjährig Vollzeitbeschäftigte sind unter den Perso-nen im Erwerbsalter (20 bis 64 Jahre) diejenigen mitder geringsten Armutsgefährdung. Mit einer Armuts-gefährdungsquote von 4% tragen sie ein wesentlichgeringeres Armutsrisiko als alle anderen Gruppen.Selbst ganzjährig Teilzeitbeschäftigte haben mit 8%eine unterdurchschnittliche Armutsgefährdung. FürPersonen, die nicht ganzjährig einer Erwerbstätigkeitnachgehen, spiegelt sich die Diskontinuität in derDER ARBEITSMARKT 2010 IN FOLGE DES KRISENJAHRES 2009:Die in EU-SILC 2011 erfassten Einkommen beziehen sich auf das Jahr 2010, also das zweite Jahr mit Auswirkungen derweltweiten Finanz- und Wirtschaftskrise für die österreichische Realwirtschaft. Laut Ergebnissen der Mikrozensus-Arbeitskräfteerhebung 2010 waren jedoch die Folgen für den Arbeitsmarkt in Österreich weniger starkals noch 2009,wo deutliche Rückgänge in der Beschäftigung und ein Anstieg der Arbeitslosigkeit gegenüber 2008 festzustellenwaren. Die Zahl der Erwerbstätigen stieg im Jahresdurchschnitt 2010 leicht an (+19.000 Personen im Vergleichzu 2009), was vor allem auf einen Anstieg in selbständigen Arbeitsverhältnissen und bei den Unselbständigenin Teilzeitjobs zurückzuführen war, während Unselbständige in Vollzeitbeschäftigung zurückgingen. Die Zahl derArbeitslosen sank im Vergleich zu 2009 um 16.000 Personen. Vom Rückgang der Arbeitslosenquote profitiertenMänner wie Frauen in gleichem Maß, bei beiden Geschlechtern verringerte sich die Arbeitslosenquote 2010 um0,4 Prozentpunkte gegenüber 2009 (vgl. Statistik Austria 2011, S. 23).Übersicht 11: Armutsgefährdung von Personen im Erwerbsalter nach Haupttätigkeit imVorjahrGesamtin 1.000Armutsgefährdungin 1.000 Anteil in % Quote in %Insgesamt 5.122 558 100 11Ganzjährig erwerbstätig4.091.000Erwerbsaktive3.154 139 25 4davon Vollzeit 2.545 92 16 4davon Teilzeit 609 47 8 8Nicht ganzjährig erwerbstätig 604 73 13 12Arbeitslos (>= 6 Monate) 333 137 25 41Ganzjährig nicht erwerbsaktiv 1.030 208 37 20davon in Pension1.030.000nicht Erwerbsaktive494 70 13 14davon in Ausbildung 297 63 11 21davon im Haushalt 170 46 8 27davon aus gesundheitlichen od. sonsti-gen Gründen nicht erwerbstätig69 29 5 42Q: STATISTIK AUSTRIA, EU-SILC 2011.Personen im Erwerbsalter (20-64 Jahre).Ganzjährig erwerbstätig: zwölf Monate erwerbstätig.Nicht ganzjährig erwerbstätig: weniger als zwölf Monate erwerbstätig und nicht sechs Monate oder mehr arbeitslos.
  • 44. ARMUTSGEFÄHRDUNG UND „WORKING POOR“ IN ÖSTERREICH42Erwerbsbeteiligung im Lebensstandard – etwa 12%und damit drei Mal so viele wie bei den dauerhaftVollzeiterwerbstätigen sind armutsgefährdet. Demhöchsten Armutsrisiko sind Langzeitarbeitslose (min-destens sechs Monate arbeitslos) ausgesetzt (41%).Über ein Drittel der Armutsgefährdeten zwischen 20und 64 Jahren sind das gesamte Jahr 2010 über kei-ner Erwerbstätigkeit nachgegangen und waren auchnicht arbeitslos, der Großteil davon sind Personenin Ausbildung und Personen mit Pensionsbezug imErwerbsalter. Bis auf Letztere sind nicht erwerbsaktivePersonen im Erwerbsalter überdurchschnittlich häufigvon Armutsgefährdung betroffen. Erwerbstätige habenalso ein geringeresArmutsrisiko alsNicht-Erwerbstätige,aber: 213.000 Personen, die 2010 erwerbstätig undweniger als sechs Monate arbeitslos waren, bildenmit 38% die größte Gruppe der Armutsgefährdetenim Erwerbsalter – darunter sind 139.000 oder knappzwei Drittel ganzjährig in Beschäftigung.3.2.2 „Working Poor“ in Österreich undder EUErwerbstätige Personen, deren Einkommen im Haus-halt – das heißt aus der Erwerbstätigkeit und ausanderen Einnahmequellen wie Sozialleistungen überalle Personen gerechnet und äquivalisiert – unter-halb der Armutsgefährdungsschwelle liegt, werdenals „Working Poor“ bezeichnet. Um nur diejenigenPersonen zu erfassen, die trotz regelmäßiger Er-werbstätigkeit von Armut gefährdet sind, wird in denfolgenden Analysen die Gruppe der Erwerbstätigenauf jene eingeschränkt, die im Vorjahr mindestenssechs Monate erwerbstätig waren – dies sind 68%der 18- bis 64-Jährigen.30In der EU beträgt die Quote der „Working Poor“ anallen Erwerbstätigen zwischen 18 und 64 Jahren 20119%. Österreich liegt deutlich unter diesem Durch-schnittswert (5%). Die Anordnung der Länder nachder Höhe ihrer „Working Poor“-Quote ergibt eine mitdem Ländervergleich für die gesamte Armutsgefähr-dungsquote weitgehend konsistente Reihung.31Auf-fällig ist jedoch die höhere relative Spanne zwischendem niedrigsten und dem höchsten Wert in der EU:Rumänien hat als das Land mit der bei Weitem höchs-ten Armutsgefährdungsquote von Erwerbspersonen(19%) einen um mehr als vier Mal so hohen Wert wie30 Im Folgenden werden, wenn nicht anders angeführt, die Erwerbstätigen zwischen 18 und 64 Jahren betrachtet. Diese Anpassung ge-genüber den Vorjahren bei der Altersgrenze (jetzt: 18 bis 64 Jahre; früher: 20 bis 64 Jahre) und der Dauer der Erwerbstätigkeit (jetzt: imVorjahr mindestens sechs Monate erwerbstätig; früher: im Vorjahr mindestens einen Monat erwerbstätig und weniger als sechs Monatearbeitslos) erfolgt, um eine mit Eurostat einheitliche „Working Poor“-Definition auszuweisen. Die bisherige Definition des Erwerbsaltersmit der Untergrenze bei 20 Jahren wird im Tabellenband (Statistik Austria 2012b) fortgeführt.31 Vgl. Kap. 3.1.1„WORKING POOR“:Personen, denen trotz Erwerbstätigkeit kein äquivalisiertes Haushaltseinkommen über der Armutsgefährdungs-schwelle zur Verfügung steht, werden als „Working Poor“ bezeichnet. In EU-SILC sind jene armutsgefährdetenPersonen im Erwerbsalter (18-64 Jahre) als „Working Poor“ definiert, die im Verlauf des Referenzjahres sechsMonate oder länger Vollzeit oder Teilzeit erwerbstätig waren. Demnach sind laut EU-SILC 2011 insgesamt 5% derErwerbstätigen im Erwerbsalter „Working Poor“, das entspricht 198.000 Personen, davon 121.000 Männer (6%) und77.000 Frauen (5%) (Übersicht 12). Ursachen für Armut trotz Erwerbstätigkeit können geringe Wochenarbeitszeit,nicht ganzjährige oder gering entlohnte Tätigkeit oder auch die Haushaltssituation sein, d.h. dass beispielweisemit einem Einkommen mehrere Personen erhalten werden müssen.
  • 45. ARMUTSGEFÄHRDUNG UND „WORKING POOR“ IN ÖSTERREICH43das Land mit der niedrigsten „Working Poor“-Quote(Finnland: 4%). Für die Armutsgefährdungsquoteder Gesamtbevölkerung beträgt der Faktor zwischenniedrigstem (Tschechien: 10%) und höchstem Wert(Bulgarien: 22%) nur etwas mehr als das Zweifache.Das Armutsrisiko für die Erwerbsbevölkerung ist alsoinnerhalb der europäischen Staaten weit ungleicherverteilt als für die Gesamtbevölkerung.Übersicht 12 zeigt die Entwicklung des Armutsrisi-kos von Erwerbstätigen in Österreich vom EU-SILCStartjahr 2004 und den letzten vier Jahren (2008bis 2011). Betrug die Armutsgefährdungsquoteder Erwerbstätigen zu Beginn des Beobachtungs-zeitraums rund 7%, so lag sie 2008 und 2009 bei6%. 2010 war der bisherige Tiefststand von Armuts-gefährdung trotz Erwerbsarbeit zu verzeichnen,181.000 oder 5% der Erwerbstätigen zwischen 18und 64 Jahren waren „Working Poor“. Insgesamtist von 2009 auf 2010 die Zahl der „Working Poor“aufgrund der Übertritte eines Teils der „WorkingPoor“ in die Arbeitslosigkeit um 38.000 Personengesunken.32Der Anteil der Armutsgefährdeten un-ter Langzeitarbeitslosen (sechs und mehr Monatearbeitslos) hatte sich im Jahresvergleich 2009 bis2010 um drei Prozentpunkte erhöht. Verglichen mitEU-SILC 2010 liegen 2011 sowohl die absolute An-zahl als auch die Quote der „Working Poor“ wiederetwas höher, die Steigerung um 17.000 Personenoder 0,4 Prozentpunkte entspricht jedoch keinersignifikanten Änderung. Nun ist die Zahl der Lang-zeitarbeitslosen geringer als 2010 und damit wiederauf dem gleichen Niveau wie 2009.32 Diese Abnahme ist statistisch signifikant.Grafik 7: Armutsgefährdung von Erwerbspersonen in den EU-27-Staaten05101520FinnlandTschechienBelgienÖsterreichNiederlandeMaltaSlowenienUngarnSlowakeiDänemarkSchwedenZypernIrland*FrankreichDeutschlandEstlandGroßbritannienBulgarienLettlandLuxemburgLitauenPortugalItalienPolenGriechenlandSpanienRumänien„WorkingPoor”in%der18-bis64-jährigenErwerbspersonenEU-27**Q: Eurostat 2012, EU-SILC 2010 und 2011. Datenbank zum Stand 11.01.2013, eigene Darstellung.* Aktuellste Zahlen stammen aus 2010.** Eurostat Schätzung.„Working Poor“: Personen zwischen 18 und 64 Jahren, die mehr als die Hälfte des Referenzjahres (2010) erwerbstätig waren und armutsge-fährdet sind.
  • 46. ARMUTSGEFÄHRDUNG UND „WORKING POOR“ IN ÖSTERREICH44Zur Einschätzung der Auswirkungen des Phänomens„Working Poor“ scheint der Zusammenhang mit Ar-beitslosigkeit bedeutsam. Da für Österreich zwischenden „Working Poor“ und den Arbeitslosen für 2009 bis2011 offenbar zumindest in der Aggregatbetrachtungein Abtausch stattfand, soll auch im europäischenVergleich untersucht werden, inwiefern hohe „WorkingPoor“-Quoten eventuell durch geringere Arbeitslosig-keit in einem Land ausgeglichen werden können undumgekehrt oder ob sich nachteilige Arbeitsmarktlageneher kumulieren.33Stellt man die Quote der armutsgefährdeten Erwerbs-personen und die Arbeitslosenquote für die EU-Staatennebeneinander34, zeigt sich, dass für die drei Ländermit den niedrigsten „Working Poor“-Quoten – Finnland,33 Individuelle Übertritte von Arbeitslosen bzw. von „Working Poor“ werden im Abschnitt 3.2.4 untersucht.34 Per definitionem ist es in EU-SILC nicht möglich, in einem Jahr als „Working Poor“ und hauptsächlich arbeitslos gezählt zu werden. Ar-beitslosenquoten werden hier aufgrund der größeren Stichprobe und daher höheren Genauigkeit dem Europäischen Labour Force Survey(entspricht in Österreich der Mikrozensus-Arbeitskräfteerhebung) entnommen, die Jahresdaten 2010 entsprechen dem Einkommensbe-zugszeitraum für EU-SILC 2011.Grafik 8: Armutsgefährdung von Erwerbspersonen und Arbeitslosenquoten in denEU-27-Staaten0510152025FinnlandTschechienBelgienÖsterreichNiederlandeSlowenienMaltaUngarnSlowakeiDänemarkSchwedenZypernFrankreichIrland*DeutschlandBulgarienGroßbritannienEstlandLettlandLuxemburgLitauenPortugalItalienPolenGriechenlandSpanienRumänien„Working Poor”Arbeitslosenquotein%EU-27 DurchschnittQ: Eurostat 2012, EU-SILC 2010 und 2011, Labour Force Survey Jahresdurchschnitt 2010. Datenbank zum Stand 19.12.2012, eigene Darstellung.* Aktuellste Zahlen für „Working Poor“ stammen aus 2010.Übersicht 12: „Working Poor“ in Österreich 2004 und 2008 bis 20112004 2008 2009 2010 2011in 1.000 in % in 1.000 in % in 1.000 in % in 1.000 in % in 1.000 in %Insgesamt 253 7,3 227 6,4 219 6,0 181 5,0 198 5,4Männer 149 7,5 128 6,3 123 6,0 102 5,1 121 6,0Frauen 104 7,0 99 6,4 97 5,9 79 4,8 77 4,7Q: STATISTIK AUSTRIA, EU-SILC 2004; 2008 bis 2011.„Working Poor“: Personen zwischen 18 und 64 Jahren, die mehr als die Hälfte des Referenzjahres (2010) erwerbstätig waren und armuts-gefährdet sind.
  • 47. ARMUTSGEFÄHRDUNG UND „WORKING POOR“ IN ÖSTERREICH45Tschechien und Belgien – sich diese zu einem Teilmit etwas höheren (aber dennoch unterdurchschnitt-lichen) Arbeitslosenquoten abtauschen. Österreichhat mit einer Arbeitslosenquote von 4,4% für 2010und einer „Working Poor“-Quote von 5% in beidenBereichen verglichen mit dem EU-Durchschnitt sehrniedrige Werte. Während für viele Länder die Quotender „Working Poor“ und jene für Arbeitslosigkeit etwagleich hoch liegen, ist in einigen – darunter nebenden bereits genannten in Ungarn, der Slowakei,Irland, Estland, Lettland, Litauen und Spanien – dieArbeitslosigkeit prozentuell ein größeres Problem als„Working Poor“. In nur wenigen Staaten Europas ist esumgekehrt: In Rumänien, dem Land mit der höchsten„Working Poor“-Quote, wird eine deutlich unter demEU-Durchschnitt liegende Arbeitslosenquote berichtet.Ebenso verhält es sich in Luxemburg, wenngleich aufniedrigerem Niveau: Eine geringe Arbeitslosenquotesteht einem rund doppelt so hohen Prozentsatz von„Working Poor“ entgegen. Bei unterschiedlichen Kom-binationsmustern in den EU-27-Staaten lässt sich alsoinsgesamt festhalten, dass für die Beurteilung vonQualität und Quantität der Arbeitsmarkteinbindungeine gleichzeitige Betrachtung beider Indikatoren –zu Arbeitslosigkeit und zu Armutsgefährdung trotzErwerbstätigkeit – anzuraten ist.3.2.3 Das Zusammenspiel zwischen indi-viduellen Erwerbsfaktoren und demHaushaltskontextDer Lebensstandard und mit ihm das Armutsrisikosind neben dem persönlichen Einkommen auch vomjeweiligen Haushaltskontext – insbesondere derErwerbsintensität innerhalb des Haushalts – undschließlich von den staatlichen Rahmenbedingungenwie den auf die Erwerbseinkommen entfallendenSteuern und Sozialversicherungsabgaben und denerhaltenen Sozialleistungen abhängig (Guger et al.2009, Bock-Schappelwein et al. 2009, BMASK/Sta-tistik Austria 2011). Im folgenden Abschnitt sollenzunächst Fragen der individuellen Ausgestaltungder Arbeitsverhältnisse behandelt werden: Handeltes sich um dauerhafte Vollzeitarbeitsverhältnis-se oder um mit höheren Armutsrisiken behafteteNiedriglohnbeschäftigung, diskontinuierliche oderTeilzeitbeschäftigung? Wie hoch sind die „WorkingPoor“-Anteile unter diesen unterschiedlichen Bedin-gungen? Danach werden die im Haushalt kumuliertenErwerbseinkommen, dasVerhältnis erwerbstätigen zunicht erwerbstätigen Personen sowie die Bedeutungder Erwerbstätigkeit von Frauen im Hinblick auf dasArmutsrisiko von Erwerbstätigen und ihren Familienuntersucht.35Individuelle Faktoren: Ausmaß und Qualitätder Erwerbstätigkeit, prekäre Beschäfti-gungsformenDie folgende Übersicht stellt „Working Poor“ undnicht von Armutsrisiko betroffene Erwerbstätigenach Geschlecht, Alter, Bildung, Erwerbssituationund Staatsbürgerschaft gegenüber und zeichnet soein soziodemographisch vergleichendes Bild dieserbeiden Gruppen.Nach dem Alter lässt sich eine leichte Benachteiligungder jüngeren Erwerbstätigen erkennen. Von den „Wor-king Poor“ sind etwas mehr als die Hälfte zwischen18 und 39 Jahre alt (54% bei den Männern, 51% beiden Frauen), unter den nicht armutsgefährdetenErwerbstätigen macht diese Altersgruppe nur etwa40% aus. Die geringere „Working Poor“-Betroffenheitder Personen im mittleren bis höheren Erwerbsalterist unter anderem durch das Senioritätsprinzip (vorallem für Männer),36aber auch durch die geringere35 Sozialabgaben bleiben hier ausgeklammert; vgl. dazu beispielsweise die Publikation zu EU-SILC 2007 (Statistik Austria 2009, S. 36). DieReduktion des Armutsrisikos durch Sozialleistungen wird in Kapitel 4 behandelt.36 Das Senioritätsprinzip – steigende Einkommen mit steigendem Alter – lässt sich durch einen Vergleich der Medianeinkommen in EU-SILC(vgl. Statistik Austria 2012b, Tab. 9.3) und beispielsweise im Allgemeinen Einkommensbericht nachweisen (vgl. Rechnungshof 2012).
  • 48. ARMUTSGEFÄHRDUNG UND „WORKING POOR“ IN ÖSTERREICH46Erwerbsbeteiligung Älterer37erklärbar. Die höhereArbeitslosigkeit in der Gruppe der jungen Erwerbstä-tigen (2011 7,6% für 20- bis 24- und 4,9% für 25- bis29-Jährige gegenüber 4% im Durchschnitt–vgl.StatistikAustria 2012c, S. 239) wie auch die höhere „WorkingPoor“-Quote veranschaulicht die Schwierigkeit, fürBerufseinsteigerInnen adäquat bezahlte Jobs zufinden. Eine detailliertere Gliederung – zum Beispieleine Analyse der „Working Poor“ bei Berufseinstei-gerInnen mit Rücksichtnahme auf die Qualifikation– lässt sich aufgrund der geringen Stichprobengrößein EU-SILC nicht leisten.Mit steigender Qualifikation nimmt die Wahrschein-lichkeit eines relativ höheren Einkommens zu unddas Armutsrisiko ab. Der Schlüssel für qualifizierteBerufstätigkeit ist die Bildung. Unter den „WorkingPoor“ hat ein Fünftel Matura oder einen Universi-tätsabschluss, unter den nicht armutsgefährdetenErwerbstätigen machtdieser Anteil34% aus. Personenmit niedrigeren Bildungsabschlüssen und in geringqualifizierten Berufen sindhingegen bei den „WorkingPoor“ überrepräsentiert. HilfsarbeiterInnen sindmehralsdoppeltso häufigvon Armutsgefährdung betroffenwie FacharbeiterInnen, die wiederum eine doppelt sohoheArmutsgefährdungsquoteaufweisenwieErwerbs-tätige mit mittlererTätigkeit. Unter Erwerbstätigen mithochqualifizierterTätigkeittrittArmutsgefährdung sehrselten auf. Selbständige machen rund ein Viertel der„Working Poor“ aus, ihr Armutsrisiko beträgt 11% undist damit höher als das für Unselbständige.Vollzeiterwerbstätigkeit minimiert das Armutsrisikoebenfalls. Die „Working Poor“-Quote ist bei ganzjäh-rig Teilzeiterwerbstätigen mit 8% doppelt so hochwie bei ganzjährig Vollzeiterwerbstätigen (4%), fürnicht ganzjährig Erwerbstätige beträgt sie sogar dasDreifache (12%). Der Anteil der ohne Unterbrechun-gen Vollzeitbeschäftigten an den „Working Poor“ istdennoch hoch, er beträgt 46 %.Mehr als ein Viertel der armutsgefährdeten Erwerbs-tätigen haben keine österreichische Staatsbürger-schaft, von den nicht Armutsgefährdeten hingegenlediglich ein Zehntel.Männer sind 2011 wie auch in allen anderen betrach-teten Jahren von den Absolutzahlen her gesehenöfter „Working Poor“ als Frauen. Der Anteil der vonArmutsgefährdung betroffenen erwerbstätigen Frauen(das sind 77.000) an den „Working Poor“ (insge-samt 198.000 Personen) macht 2011 39% aus (vgl.Übersicht 12 und Übersicht 13). Frauen erscheinenanhand dieses Indikators gegenüber Männern alsonicht benachteiligt, obwohl sie häufiger Niedriglöhnebeziehen. Dies ist nur scheinbar paradox und ergibtsich aus der Berechnungsweise der „Working Poor“-Quote: Zum einen sind erwerbstätige Frauen häufignicht die einzigen Lohn- und GehaltsempfängerInneneines Haushalts, und ihr Verdienst – auch wenn essich um einen Niedriglohn handelt – reicht oft aus,um das Haushaltseinkommen insgesamt über dieArmutsschwelle zu heben. Zum anderen ist zu beach-ten, dass die Erwerbsquote von Frauen geringer istals die von Männern und nicht erwerbstätige Frauenhier nicht berücksichtigt sind.Dass niedrige Einkommen einer der Gründe von„Working Poor“ sind, lässt sich an folgendemVergleich der Stundenlöhne erkennen: Im Mittelbeträgt der Brutto-Stundenlohn (inklusive anteiligeingerechneter Sonderzahlungen) bei den „WorkingPoor“ 9,06 Euro, bei nicht armutsgefährdeten Er-werbstätigen 12,95 Euro. Für Frauen liegt der Median37 So beträgt etwa die Erwerbsquote für die 55- bis 64-jährigen Frauen nur mehr 33%, für Männer 51%. (http://www.statistik.at/web_de/statistiken/arbeitsmarkt/erwerbstaetige/index.html, 30.11.2012).
  • 49. ARMUTSGEFÄHRDUNG UND „WORKING POOR“ IN ÖSTERREICH47der Stundenlöhne bei 7,75 Euro für „Working Poor“gegenüber 11,80 bei nicht armutsgefährdeten Er-werbstätigen. Bei Männern ist er in beiden Gruppenhöher, und der prozentuelle Unterschied zwischenden Stundenlöhnen für „Working Poor“ (9,42 Euro)und Nicht-„Working Poor“ (13,86) etwas geringer.Übersicht 13: Soziodemographisches Profil von Erwerbstätigen im Erwerbsalter nachArmutsrisikoErwerbstätige im Erwerbsalter *Gesamt in1.000Nicht armutsgefährdet Armutsgefährdet „Working Poor“in 1.000 Anteil in % in 1.000 Anteil in % Quote in %Insgesamt 3.667 3.470 100 198 100 5Männer 2.025 1.904 100 121 100 618-39 Jahre 873 807 42 65 54 740-64 Jahre 1.152 1.097 58 55 46 5Frauen 1.642 1.565 100 77 100 518-39 Jahre 664 624 40 39 51 640-64 Jahre 979 941 60 38 49 4BildungMax. Pflichtschule 504 450 13 53 27 11Lehre/mittlere Schule 1.963 1.859 54 104 53 5Matura 671 644 19 26 13 4Universität 529 516 15 14 7 3Erwerbsstatus 2010Ganzjährig Vollzeit erwerbstätig 2.538 2.446 71 92 46 4Ganzjährig Teilzeit erwerbstätig 608 562 16 47 24 8Nicht ganzjährig erwerbstätig 413 361 10 52 26 12Berufliche Stellung 2011Unselbständig erwerbstätig 2.917 2.798 100 119 100 4Hilfsarbeit 648 580 17 68 34 10Facharbeit 724 696 20 28 14 4Mittlere Tätigkeit, Meister 665 651 19 14 7 2Höhere/hochqualifizierte Tätigkeit 880 871 25 (10) (5) (1)Selbständig 452 403 12 49 25 11Aktuell nicht erwerbstätig 190 168 5 22 11 12StaatsbürgerschaftÖsterreich 3.252 3.106 90 146 74 4davon seit Geburt 3.083 2.961 85 122 62 4davon eingebürgert 169 145 4 24 12 14Nicht Österreich 415 363 10 52 26 13davon EU/EFTA 191 170 5 20 10 11davon sonstiges Ausland 225 193 6 32 16 14Q: STATISTIK AUSTRIA, EU-SILC 2011.* Personen zwischen 18 und 64 Jahren, die mehr als die Hälfte des Referenzjahres (2010) erwerbstätig waren.Erwerbsstatus 2010: Ausmaß der Erwerbstätigkeit 2010.Berufliche Stellung 2011: Berufliche Stellung zum Befragungszeitpunkt 2011.Zahlen in Klammern beruhen auf geringen Fallzahlen. Sind in der Randverteilung weniger als 50 oder in der Zelle weniger als 20 Fälle vor-handen, wird geklammert.
  • 50. ARMUTSGEFÄHRDUNG UND „WORKING POOR“ IN ÖSTERREICH48Übersicht 14 stellt Erwerbstätige zwischen 18 und64 Jahren in derartigen prekären Beschäftigungs-verhältnissen dar. Personen mit niedrigem Einkom-men (unter zwei Drittel des Medianstundenlohns;diese sind hier aufgrund der relativ weiten Definitionnicht als „prekär“ subsummiert) sind zum Vergleichdargestellt. Eszeigen sich durchwegs erhöhte Armuts-gefährdungsquoten, wenn auch die Fallzahlen indiesem Bereich sehr klein sind.Rund ein Viertel der als „Working Poor“ bezeich-neten Personen befinden sich laut EU-SILC 2011 ineiner prekären Beschäftigungsform: Selbst wenn jenach Haushaltszusammensetzung die MöglichkeitNIEDRIGE LÖHNE, ATYPISCHE BESCHÄFTIGUNG, PREKÄRE BESCHÄFTIGUNG:Niedrige Löhne werden in diesem Bericht über zwei Zugänge operationalisiert: als „Niedriglohn“ und als „niedrigesEinkommen“. Für „Niedriglohn“ wird analog zu den Vorjahren die Grenze von unter 1.000 EUR brutto im Monat fürVollzeitbeschäftigung festgelegt, die von den Sozialpartnern als Zielwert definiert wurde. Das Entspricht einemStundenlohn von unter 5,77 Euro brutto. In SILC betrifft „Niedriglohn“ 1% bzw. 64.000 Personen zwischen 18 und64 Jahren. Lehrlinge und Personen mit einer Arbeitszeit unter 12 Wochenstunden sind nicht einbezogen.Als „ niedrige Einkommen“ gelten nach Vorschlägen der Europäischen Kommission, OECD und ILO Löhne unter derGrenze von 2/3 des Medianlohnes (dieser liegt bei 12,54 Euro brutto pro Stunde, Sonderzahlungen sind anteiligeingerechnet). Damit sind laut EU-SILC 2011 435.000 Personen bzw. eingeschränkt auf 18- bis 64-Jährige 429.000Personen oder 8% konfrontiert (vgl. auch Kapitel 8).Aus Daten der Verdienststrukturerhebung – erfasst sind unselbständig Beschäftigte in Unternehmen mit zehn undmehr Beschäftigten im Produktions- und Dienstleistungsbereich ohne Lehrlinge – lassen sich auch eindeutigeGeschlechterunterschiede erkennen (vgl. Geisberger/Knittler 2010, S. 455): Bei Frauen ist ein Erwerbseinkommenunter zwei Drittel des Medianlohnes ein weitaus häufigeres Phänomen als bei Männern. 24,2% der erwerbstä-tigen Frauen, aber nur 7,4% der Männer haben nach dieser Definition niedrige Einkommen. Betrachtet man nurNormalarbeitsverhältnisse, haben 18,2% der Frauen und 5,1% der Männer niedrige Einkommen. Frauen sind häu-figer atypisch beschäftigt als Männer (vgl. ebd., S. 452). Unter „atypische Beschäftigung“ fallen hier befristeteDienstverhältnisse (ohne Lehre), geringfügige Beschäftigung sowie Leih- und Zeitarbeit. 70% oder knapp 2,5 Mio.Beschäftigte sind in einem typischen oder Normalarbeitsverhältnis, 18% oder 637.000 Beschäftigte sind teilzeiter-werbstätig, aber nicht atypisch nach obiger Definition, und 12% oder 407.000 Personen sind atypisch beschäftigt.14% der unselbständig erwerbstätigen Frauen und neun Prozent der Männer gelten als atypisch beschäftigt. Vonden atypisch Beschäftigten sind 29,7% der Frauen und 20,7% der Männer Beschäftigte mit niedrigen Einkommen.Als „prekär beschäftigt“ gelten in den vorliegenden Analysen Beschäftigungsverhältnisse, die durch eines der dreifolgenden Merkmale gekennzeichnet sind: Sie sind unregelmäßig, das heißt im vergangenen Jahr wurde wenigerals zehn Monate Vollzeit oder Teilzeit gearbeitet bzw. es lag eine Beschäftigung als Werk-/DienstvertragsnehmerInvor. Oder es handelt sich um eine Teilzeitbeschäftigung von weniger als 12 Wochenstunden. Oder es liegt Niedrig-lohnbeschäftigung nach oben genannter Definition (Stundenlohn unter 5,77 Euro brutto bzw. hochgerechnet aufVollzeitbeschäftigung Monatslohn weniger als 1.000 Euro) vor.Der Terminus „prekäre Beschäftigung“ stellt nicht per se auf die Art des Beschäftigungsverhältnisses („typisch“oder „atypisch“) als vielmehr auf damit einhergehende finanzielle Nachteile ab. Dennoch ist offenkundig, dassprekäre und das Armutsrisiko erhöhende Beschäftigungen vielfach jene sind, die mit mangelnder arbeitsrecht-licher Absicherung, geringen Arbeitszeiten, unsicheren Arbeitsverhältnissen und sehr geringen Stundenlöhnenverbunden sind.
  • 51. ARMUTSGEFÄHRDUNG UND „WORKING POOR“ IN ÖSTERREICH49Übersicht 14: Armutsgefährdung in prekären Beschäftigungsformen und bei niedrigemEinkommen (weniger als 2/3 des Medianstundenlohns)Gesamtin 1.000Armutsgefährdungin 1.000 Quote in %Insgesamt 5.372 591 11Prekäre BeschäftigungUnregelmäßig beschäftigt 603 96 16Teilzeit <12h 122 18 15Niedriglohnbeschäftigung(unter Mindestlohn von 1000 Euro/Monat bzw. 5,77 Euro/Stunde brutto)64 (10) (16)Niedriges Einkommen(unter 2/3 des Medianstundenlohns, d.h. unter 8,36 Euro/Stunde brutto)429 59 14Q: STATISTIK AUSTRIA, EU-SILC 2011.Personen zwischen 18 und 64 Jahren.Unregelmäßig beschäftigt: Im vergangenen Jahr weniger als 10 Monate Vollzeit oder Teilzeit beschäftigt oder Werk-/Dienstvertragsneh-merIn. - Teilzeit < 12h: Aktuell weniger als zwölf Stunden beschäftigt - Niedriglohnbeschäftigung: Der Stundenlohn beträgt weniger als 5,77Euro. Hochgerechnet auf Vollzeitbeschäftigung beträgt der Monatslohn weniger als 1.000 Euro. - Niedrige Einkommen: Der Stundenlohn fürUnselbständige ohne Lehrlinge beträgt weniger als 2/3 des Medianstundenlohns (das sind in EU-SILC 2011 12,54 Euro, 2/3 davon sind 8,36Euro). ). - „Working Poor“ ist überlappend mit den drei Kategorien prekärer Beschäftigung (unregelmäßig, Teilzeit < 12h, Niedriglohnbeschäf-tigung), die sich aber ihrerseits nicht überschneiden.Zahlen in Klammern beruhen auf geringen Fallzahlen. Sind in der Randverteilung weniger als 50 oder in der Zelle weniger als 20 Fälle vor-handen, wird geklammert.0 10 20 30 40 50 60 70 80 90 100Alle Erwerbstätigen (18-64 Jahre)„Working Poor”Unregelmäßig beschäftigtTeilzeit <12hNiedriglohnbeschäftigung6 6 21 678 12 28 5211 7 21 613 2 22 732 7 23 68sehr/ziemlich unzufrieden eher unzufrieden eher zufrieden sehr/ziemlich zufriedenin %Q: STATISTIK AUSTRIA, EU-SILC 2011.Personen zwischen 18 bis 64 Jahren.* Wie zufrieden sind Sie gegenwärtig, alles in allem, mit Ihrer Hauptbeschäftigung? Sind Sie sehr zufrieden, ziemlich zufrieden, eher zufrie-den, eher unzufrieden, ziemlich unzufrieden, sehr unzufrieden?„Working Poor“: Personen zwischen 18 und 64 Jahren, die mehr als die Hälfte des Referenzjahres (2010) erwerbstätig waren und armutsge-fährdet sind. - Unregelmäßig beschäftigt: Im vergangenen Jahr weniger als zehn Monate Vollzeit oder Teilzeit beschäftigt oder Werk-/Dienst-vertragsnehmerIn. - Teilzeit < 12h: Aktuell weniger als zwölf Stunden beschäftigt - Niedriglohnbeschäftigung: Der Stundenlohn beträgt wenigerals 5,77 Euro. Hochgerechnet auf Vollzeitbeschäftigung beträgt der Monatslohn weniger als 1.000 Euro. „Working Poor“ ist überlappend mitden drei Kategorien prekärer Beschäftigung (unregelmäßig, Teilzeit < 12h, Niedriglohnbeschäftigung), die sich aber ihrerseits nicht über-schneiden.Grafik 9: Zufriedenheit mit der Haupttätigkeit* für „Working Poor“ und Personen in prekä-ren Beschäftigungsformen
  • 52. ARMUTSGEFÄHRDUNG UND „WORKING POOR“ IN ÖSTERREICH50besteht, dass die Einkommen anderer Haushaltsmit-glieder Einkommen aus prekären Beschäftigungsver-hältnissen ausgleichen, ist die überdurchschnittlichhohe Armutsgefährdung der Betroffenen ersichtlich.Von den nicht armutsgefährdeten Erwerbstätigen istmit 9% nur ein kleinerer Teil prekär beschäftigt. Einniedriges Einkommen (von unter zwei Drittel desMedianstundenlohns) haben rund 22% der „Wor-king Poor“ und 10% der nicht armutsgefährdetenErwerbstätigen.Da Stundenlöhne aus EU-SILC nur für Unselbständigeberechnet werden können, ist die Situation der selb-ständig Erwerbstätigen hier untererfasst. Es konntejedoch bereits nachgewiesen werden, dass sie mit11% ein erhöhtes „Working Poor“-Risiko haben (vgl.Übersicht 13).Die Vermutung, dass schlecht bezahlte oder prekäreArbeitsverhältnisse mit persönlicher Unzufriedenheiteinhergehen, bestätigt sich nur zum Teil. Wie Grafik 9zeigt, stellt sich die subjektive Zufriedenheit mit derHaupttätigkeit für „Working Poor“ schlechter dar alsfür alle Beschäftigten im Durchschnitt. Etwa die Hälftegibt dennoch an, sehr oder ziemlich zufrieden mitihrer Beschäftigung zu sein, insgesamt sind es zweiDrittel. Die größte Unzufriedenheit mit ihrer Situationäußern unregelmäßig Beschäftigte: 11% sind ziemlichbis sehr unzufrieden. Überdurchschnittlich zufriedenscheinen Personen in Beschäftigungsverhältnissenvon weniger als zwölf Stunden zu sein – da jedochnach der Zufriedenheit mit der Haupttätigkeit gefragtwurde, ist bei ihnen zweifelhaft, ob es sich angesichtsihrer geringen Arbeitsstunden überhaupt um eineBeurteilung der Erwerbstätigkeit handelt. Überra-schend ist festzustellen, dass Personen in Niedrig-lohnbeschäftigung nicht unzufriedener sind als alleBeschäftigten unabhängig von ihrem Einkommen.Erwerbsintensität, Frauenerwerbsbeteili-gung und Erwerbshindernisse aus der Haus-haltsperspektiveAls Entstehungszusammenhang von Armutsge-fährdung relevant ist neben dem individuellenEinkommen die Zusammensetzung des Haushalts.Einerseits beeinflusst sie die Möglichkeiten einzelnerMitglieder, sich am Erwerbsleben zu beteiligen undzum gemeinsamen Haushaltseinkommen beizutra-gen, andererseits können niedrige oder fehlendeindividuelle Einkommen durch die Einkünfte an-derer Haushaltsmitglieder ausgeglichen werden.In Mehrpersonenhaushalten können außerdemaufgrund der gemeinsamen Haushaltsführung etwabeim Wohnen oder beim Kauf von NahrungsmittelnKosten gespart werden.38Weil in Einpersonenhaus-halten keine Einsparungspotenziale aufgrund dergemeinsamen Haushaltsführung gegeben sind,verzeichnen alleinlebende Personen mit Ausnahmealleinlebender männlicher Pensionisten generellein überdurchschnittlich hohes Armutsrisiko. An-ders als in Mehrpersonenhaushalten wirken sichEinkommensnachteile und soziale Risiken in Einper-sonenhaushalten unmittelbar auf den Lebensstan-dard aus. Gleichzeitig ist festzustellen, dass sicharmutsgefährdete Erwerbstätige überproportionaloft in Mehrpersonenhaushalten mit mindestens dreiKindern sowie in Ein-Eltern-Familien finden; geringerist ihr Anteil in Mehrpersonenhaushalten ohne Kin-der bzw. mit bis zu einem Kind (vgl. Übersicht 15).Eine höhere Erwerbsbeteiligung – wie es einem Kern-ziel der Europa 2020-Strategie entspricht – kann sichpositiv auf den Lebensstandard auswirken. Dahergreift ein nur auf das individuelle Erwerbseinkommengerichteter Blick zu kurz. Selbst ein „Niedriglohn“kann je nach Haushaltskontext Unterschiedliches38 Dieser Annahme wird in der den Berechnungen zugrunde liegenden Äquivalenzskala (EU-Skala) Rechnung getragen.
  • 53. ARMUTSGEFÄHRDUNG UND „WORKING POOR“ IN ÖSTERREICH51bewirken: In einem Einpersonenhaushalt geht er, wennkein Ausgleich durch Sozialleistungen oder andereEinkommen wie Privattransfers erfolgt, mit erhöhtemArmutsrisiko einher. Ist er hingegen Zuverdienst ineinem Haushalt mit einem anderen Haupteinkommen,kann das den entscheidenden Unterschied machen,um ein Leben jenseits der Armutsgefährdung zuermöglichen. Teilzeit- und Niedriglohnjobs sinddaher nicht per se „Armutsfallen“ – können es aberin bestimmten Haushaltskonstellationen sein: füralleinlebende Menschen, Alleinerziehende und ge-nerell in Haushalten, die sich auf diese Einkommenals Haupteinkommen stützen müssen (vgl. Lamei/Skina-Tabue 2011, S. 134ff). Des weiteren solltein diesem Zusammenhang bedacht werden, dasssich der positive Effekt derartiger Zuverdienste inMehrpersonenhaushalten sehr schnell ins Gegenteildes „Working Poor“ verkehren kann. Dann nämlich,wenn die Haushaltskonstellation sich ändert – zumBeispiel, wenn im Fall einer Trennung eine weiblicheZuverdienerin zu einer Alleinerzieherin wird.Generell gilt in Mehrpersonenhaushalten: Je mehrHaushaltsmitglieder im Erwerbsalter einer Erwerbstä-tigkeit nachgehen, desto mehr finanzielle Ressourcenstehen dem Haushalt zur Verfügung. Zunächst giltes, die Erwerbsintensität der Haushalte insgesamtzu betrachten, danach wird dem Faktor weiblicheErwerbsbeteiligung im Speziellen nachgegangen.In Haushalten mit Personen im Erwerbsalter, in de-nen eine hohe Erwerbsintensität (mindestens 85%der möglichen Erwerbszeit) erreicht wird, liegt dasArmutsrisiko für Mehrpersonenhaushalte bei nur 3%.8% der Einpersonenhaushalte mit voller Erwerbsin-tensität sind armutsgefährdet. Bei mittlerer Erwerbs-intensität (mehr als 20% und weniger als 85%) liegtdas Armutsrisiko bei Mehrpersonenhaushalten – runddie Hälfte der Personen fällt in diese Kategorie – mit12% im Durchschnitt, bei Einpersonenhaushaltenist bereits eine mittlere Erwerbsintensität mit einemdoppelt so hohen Armutsrisiko (25%) behaftet. Mitkeiner oder sehr niedriger Erwerbsintensität (biszu maximal 20%; entspricht dem Indikator, derfür Ausgrenzungsgefährdung verwendet wird) sindannähernd zwei von drei alleinlebenden Personenim Erwerbsalter armutsgefährdet, in Mehrpersonen-haushalten sind es 51%.Übersicht 15: „Working Poor“ nach HaushaltstypErwerbstätige im Erwerbsalter *Gesamtin 1.000Nicht armutsgefährdet Armutsgefährdet „Working Poor“in 1.000 Anteil in % in 1.000 Anteil in % Quote in %Insgesamt 3.667 3.470 100 198 100 5Alleinlebende Männer 317 291 8 (27) (14) (8)Alleinlebende Frauen 252 233 7 (19) (10) (8)Mehrpersonenhaushalte ohne Kinder 1.381 1.340 39 41 21 3Ein-Eltern-Haushalte 89 77 2 11 6 13Mehrpersonenhaushalt + 1 Kind 781 753 22 28 14 4Mehrpersonenhaushalt + 2 Kinder 584 546 16 37 19 6Mehrpersonenhaushalt + mind. 3 Kinder 191 162 5 30 15 15Haushalte mit Pension 72 68 2 (5) (3) (6)Q: STATISTIK AUSTRIA, EU-SILC 2011.„Working Poor“: Personen zwischen 18 und 64 Jahren, die mehr als die Hälfte des Referenzjahres (2010) erwerbstätig waren und armuts-gefährdet sind.* Personen zwischen 18 bis 64 Jahren, die mehr als die Hälfte des Referenzjahres (2010) erwerbstätig waren.Zahlen in Klammern beruhen auf geringen Fallzahlen. Sind in der Randverteilung weniger als 50 oder in der Zelle weniger als 20 Fälle vor-handen, wird geklammert.
  • 54. ARMUTSGEFÄHRDUNG UND „WORKING POOR“ IN ÖSTERREICH52Bei der Armutsreduktion in Familien kommt vor allemder Erwerbsbeteiligung von Frauen große Bedeutungzu. Sie tragen immer häufiger zum Haushaltsein-kommen bei, Betreuungs- und Versorgungspflichtensowie ein fehlendes Angebot an familienkompatiblenArbeitsplätzen sind jedoch Gründe dafür, warum dieErwerbsbiographien vieler Frauen nach wie vor durchTeilzeitbeschäftigung charakterisiert sind. Übersicht17 zeigt, wie sich Alter und Zahl der Kinder auf dieErwerbstätigkeit von Frauen auswirken: Liegt dieErwerbsquote von Frauen in Haushalten ohne Kinderbei 72%, sind in Haushalten mit mindestens drei Kin-dern nur 40% der Frauen erwerbstätig. Der Anteil derVollzeit arbeitenden Frauen steigt mit zunehmendenAlter der Kinder: Ist das jüngste Kind sechs Jahre altoder jünger, arbeiten nur 12% der Frauen Vollzeit,während in Haushalten mit dem jüngsten Kind imSchulalter (älter als sechs Jahre) ein Drittel der Fraueneiner Vollzeitbeschäftigung nachgeht.Auch wenn in Mehrpersonenhaushalten potenziell dieMöglichkeit besteht, niedrige oder fehlende Erwerbs-einkommen eines Haushaltsmitglieds (bzw. mehrererHaushaltsmitglieder) durch Erwerbseinkommen andererPersonen und Einkünfte aus Sozialleistungen oderPrivattransferszu ergänzen, ist dies oft nicht im selbenMaß möglich, und die geringe Erwerbsbeteiligungeines Mitglieds kann sich nachteilig auf den Lebens-standard auswirken. In Mehrpersonenhaushalten ohneKinder liegt das Armutsrisiko ohne Erwerbsbeteiligungder Frau bei 18%. Ist die Frau erwerbstätig, sindunterdurchschnittliche 3% der Personen in solchenERWERBSINTENSITÄT DES HAUSHALTS:Um für Haushalte mit mehreren Personen im Erwerbsalter ein Äquivalent zur individuellen Arbeitszeit auszudrückenund gleichzeitig die Zahl der Erwerbsmonate im vergangenen Kalenderjahr einzubeziehen, wird ein Prozentsatzfür die geleistete Erwerbstätigkeit an der maximal möglichen Erwerbszeit im Haushalt berechnet. Einbezogen sindnur Haushalte mit Personen im Erwerbsalter (hier entsprechend dem EU-Indikator: 18-59 Jahre, ohne Studierende).Teilzeiterwerbstätigkeit wird entsprechend dem aktuellen Stundenausmaß anteilsmäßig berücksichtigt. Keineoder sehr niedrige Erwerbsintensität: <=20%; mittlere Erwerbsintensität: >20% und <85% ; hohe Erwerbsintensität:>=85% jeweils an der maximal möglichen Erwerbszeit im Haushalt.Übersicht 16: Erwerbsintensität des Haushalts und ArmutsgefährdungPersonen in …Gesamtbevölkerung Armutsgefährdetein 1.000 Anteil in % in 1.000 Anteil in % Quote in %... EinpersonenhaushaltenKeine oder sehr niedrige Erwerbsintensität 150 20 93 58 62Mittlere Erwerbsintensität 106 14 27 17 25Hohe Erwerbsintensität 480 65 41 25 8... MehrpersonenhaushaltenKeine oder sehr niedrige Erwerbsintensität 369 6 188 31 51Mittlere Erwerbsintensität 3.069 54 360 58 12Hohe Erwerbsintensität 2.277 40 68 11 3Q: STATISTIK AUSTRIA, EU-SILC 2011.Personen in Haushalten mit mindestens einer Person zwischen 18 und 59 Jahren.Erwerbsintensität des Haushalts (nur Personen bis 59 Jahre): Anteil der Erwerbsmonate aller Personen im Erwerbsalter (hier: 18-59 Jahre,ohne Studierende) an der maximal möglichen Erwerbszeit im Haushalt im Referenzjahr. Teilzeiterwerbstätigkeit wird entsprechend demaktuellen Stundenausmaß anteilsmäßig berücksichtigt.Keine oder sehr niedrige Erwerbsintensität: <=20%; Mittlere Erwerbsintensität: >20% und <85% ; Hohe Erwerbsintensität: >=85%.
  • 55. ARMUTSGEFÄHRDUNG UND „WORKING POOR“ IN ÖSTERREICH53Mehrpersonenhaushalten armutsgefährdet. Bis aufEin-Eltern-Haushalte und Haushalte mit drei odermehr Kindern liegt das Armutsrisiko in Haushaltenmit Kindern bei Erwerbstätigkeit der Frauen unterdem Durchschnitt. Den größten Effekt zeigt die Er-werbsbeteiligung von Frauen in Haushalten, wo esnur eine Verdienerin geben kann: Wenn Frauen inEin-Eltern-Haushalten nicht erwerbstätig sind, liegtdie Armutsgefährdungsquote bei 57%. Aber auchErwerbseinkommen garantieren in solchen Fällen oftkein Äquivalenzeinkommen über der Armutsgefähr-dungsschwelle, bei Erwerbsbeteiligung der Muttersind Kinder und ihre alleinerziehenden Mütter zu18% armutsgefährdet.Ist ein Haushaltsmitglied erwerbslos oder sind voneinem Erwerbseinkommen mehrere Angehörige imHaushalt zu erhalten, erhöht sich die Wahrschein-lichkeit, dass trotz Erwerbstätigkeit eines Haushalts-mitglieds der gesamte Haushalt als „Working Poor“ausgewiesen wird.Die 198.000 „Working Poor“ und ihre Angehörigenverteilen sich auf 163.000 Haushalte, in knapp einemFünftel aller Fälle leben zwei oder mehr Erwerbstätigein einem armutsgefährdeten Haushalt. Insgesamtleben 471.000 Personen in armutsgefährdeten Haus-halten – trotz Erwerbstätigkeit eines oder mehrererHaushaltsmitglieder. 171.000 Kinder und 101.000erwachsene Angehörige sind mitbetroffen (vgl.Übersicht 18). Von den erwachsenen Angehörigen in„Working Poor“ Haushalten, die nicht selbst „WorkingPoor“ sind, sind rund die Hälfte im Haushalt tätig(54%), 14% sind in Pension, 12% arbeitslos, und 5%befinden sich in Ausbildung. Etwa 17% sind aktuellerwerbstätig, waren es aber im Referenzzeitraumnicht oder nur bis zu einem halben Jahr, weshalbsie selbst nicht als „Working Poor“ gezählt werden.Erzwungene Erwerbslosigkeit bei einem oder meh-reren Haushaltsmitgliedern stellt in Mehrpersonen-haushalten eine der Hauptursachen für „WorkingPoor“-Betroffenheit des Haushalts dar. Ein großer Teilder „Working Poor“ Haushalte besteht neben mindes-tens einem Erwerbstätigen auch aus arbeitslosen bzw.Übersicht 17: Erwerbstätigkeit der Frauen und Armutsgefährdung in Familien (in %)Erwerbstätigkeit der Frau Armutsgefährdungsquotegesamt Vollzeit Teilzeit gesamtbeiErwerbs-tätigkeit derFrauohneErwerbs-tätigkeit derFrauHaushaltstypMehrpersonenhaushalt ohne Kinder 72 50 22 10 3 18Mehrpersonenhaushalt + 1 Kind 65 30 35 5 4 14Mehrpersonenhaushalt + 2 Kinder 53 20 33 10 6 21Mehrpersonenhaushalt + mind. 3 Kinder 40 13 27 26 18 39Ein-Eltern-Haushalt 66 35 31 25 18 57Alter des jüngsten KindesBis 6 Jahre 43 12 31 17 10 27Über 6 Jahre 67 33 34 9 6 23Q: STATISTIK AUSTRIA, EU-SILC 2011.Personen in Mehrpersonenhaushalten ohne Pension, in denen mind. eine Frau zwischen 18 und 64 Jahren lebt. Erwerbstätigkeit: Voll- oderTeilzeiterwerbstätigkeit.Erwerbsbeteiligung: Anteil aktuell hauptsächlich erwerbstätiger (ohne Arbeitslose) an Frauen zwischen 18 und 64 Jahren in Haushaltenohne Pension.Teilzeit: Erwerbstätigkeit von weniger als 35 Stunden pro Woche.
  • 56. ARMUTSGEFÄHRDUNG UND „WORKING POOR“ IN ÖSTERREICH5439 118.000 Personen leben mit mindestens einer kurzzeitig (weniger als sechs Monate) arbeitslosen Person, 111.000 mit mindestens einerlangzeitig (sechs Monate und mehr) arbeitslosen Person, wobei hier bei 30.000 Personen sowohl Kurz- als auch Langzeitarbeitslosigkeitim Haushalt vorkommt. 39.000 Personen leben in „Working Poor“ Haushalten mit gleichzeitig mindestens einer erwerbsfernen und einerlangzeitarbeitslosen Person.aufgrund von Behinderung oder Betreuungspflichtennicht am Erwerbsleben teilhabenden Personen. DieSchwierigkeit, die Betreuung von Kindern und ande-ren Angehörigen mit einer (Vollzeit-)Erwerbstätigkeitzu vereinbaren, zeigt sich in einer Überrepräsentanzder Familien mit Kindern unter den „Working Poor“:348.000 Personen – 74% der „Working Poor“ – lebenin einem Haushalt mit Kindern. Insgesamt leben 47%der Bevölkerung in Familien mit Kindern. 207.000oder 44% der Personen in „Working Poor“ Haushaltenleben in Familien mit mindestens einem Kind im Alterbis sechs Jahren.Da „Working Poor“ als Haushaltsmerkmal definiert ist,lebt ein überproportional großer Anteil der „WorkingPoor“ in großen Haushalten.199.000 Personen in „Working Poor“ Haushalten lebenmit mindestens einer arbeitslosen Person zusammenund 220.000 Personen mit mindestens einer ganzjäh-rig nicht erwerbsaktiven Person. 62% der Personenin „Working Poor“ Haushalten (292.000 Personen)haben diesen Status, da es – neben mindestens ei-ner erwerbstätigen Person – auch erwerbsferne oderlangzeitarbeitslose Haushaltsmitglieder gibt.39Unterdiesen durch eine Erwerbstätigkeit und gleichzeitigeine Arbeitsmarktexklusion eines anderen Haus-haltsmitglieds gekennzeichneten Haushalten findensich überdurchschnittlich oft Personen in Familienmit Kindern (85%).123.000 Personen leben ohne Kinder in „Working Poor“Haushalten. 25.000 Personen in diesen Haushaltenbzw. 20% sind vom Auftreten einer Behinderungeines Haushaltsmitglieds (mit)betroffen (gegenüber13% unter Haushalten mit Personen im Erwerbsalterund unter „Working Poor“ insgesamt).Übersicht 18: Personen in „Working Poor“Haushalten nach HaushaltsmerkmalenHaushaltsmerkmaleGesamt(=100%)in 1.000Anteilin %Personen in "Working Poor" Haushalten 471 100Person ist selbst "Working Poor" 198 42Angehörige Person in "Working Poor"Haushalt272 58davon Kinder 171 36davon Erwachsene 101 21HaushaltstypHaushalte ohne Kinder 123 26Alleinlebende Männer (27) (6)Alleinlebende Frauen (19) (4)Mehrpersonenhaushalt ohne Kinder 68 14Haushalt mit Pension (9) (2)Haushalte mit Kindern 348 74Ein-Eltern-Haushalt 31 7Mehrpersonenhaushalt + 1 Kind 63 13Mehrpersonenhaushalt + 2 Kinder 137 29Mehrpersonenhaushalt + mind. 3 Kinder 117 25Mindestens eine Person im Haushalt ist…kurzzeitarbeitslos (<6 Monate) 118 25langzeitarbeitslos (>=6 Monate) 111 24ganzjährig nicht erwerbsaktiv 220 47stark beeinträchtigt durch Behinderung 59 13ein Kind bis 6 Jahre 207 44Q: STATISTIK AUSTRIA, EU-SILC 2011.Personen in Haushalten mit „Working Poor“: Haushalt ist armuts-gefährdet, und in ihm befindet sich mindestens eine Person zwi-schen 18 und 64 Jahren, die mehr als die Hälfte des Referenzjah-res (2010) erwerbstätig war.Ganzjährig nicht erwerbsaktiv: im vergangenen Kalenderjahr inkeinem Monat erwerbstätig oder arbeitslos.118.000 Personen leben mit mindestens einer kurzzeitig (wenigerals sechs Monate) arbeitslosen Person, 111.000 mit mind. einerlangzeitig (sechs Monate und mehr) arbeitslosen Person, wobeidavon bei 30.000 Personen sowohl Kurz- als auch Langzeitar-beitslosigkeit im Haushalt vorkommt. 39.000 Personen leben in„Working Poor“ Haushalten, mit gleichzeitig mindestens einer er-werbsfernen und einer langzeitarbeitslosen Person.Zahlen in Klammern beruhen auf geringen Fallzahlen: Sind in derRandverteilung weniger als 50 oder in der Zelle weniger als 20Fälle vorhanden, wird geklammert.
  • 57. ARMUTSGEFÄHRDUNG UND „WORKING POOR“ IN ÖSTERREICH553.2.4 „Working Poor“ in der Längsschnitt-betrachtungIn diesem Abschnitt soll den Fragen nachgegangenwerden, ob Armutsgefährdung bei gleichzeitigerErwerbstätigkeit für die Betroffenen nur kurzfristigund einmalig auftritt oder länger andauert bzw. öftervorkommt (Häufigkeit und Persistenz von „WorkingPoor“-Episoden) und welche Ein- und Ausstiegs-szenarien wahrscheinlich sind (Übertritte). WährendArmutsgefährdung bei Erwerbspersonen sowohl ausder persönlichen Arbeitsmarktsituation als auch ausder Haushaltsperspektive untersucht wurde, sind dieempirischen Analysen zum individuellen Verlauf von„Working Poor“- Karrieren hier schwerpunktmäßig aufdie individuelle Perspektive der Erwerbstätigkeit mitgeringem Einkommen bezogen.Häufigkeit und Persistenz von „WorkingPoor“Wie in Übersicht 19 ersichtlich, waren 662.000 Per-sonen im Zeitraum 2008 bis 2011 mindestens einmal„working poor“. Näherungsweise prozentuiert aufdie 2011 erwerbstätigen Personen im Erwerbsalterentspricht das einer Quote von 18%. Die Quote der„Working Poor“ ist also in der Betrachtung über denVierjahreszeitraum mehr als drei Mal so groß wie imQuerschnitt, was auf eine hohe Fluktuation der „Wor-king Poor“-Betroffenen hindeutet. Die überwiegendeMehrheit von ihnen (70%) war in einem Jahr „workingpoor“, 22% waren in zwei Jahren (wobei das keineFolgejahre sein müssen) „working poor“, und etwa8% der jemals in dem Zeitraum als „working poor“Klassifizierten waren es drei oder vier Jahre lang.40Die Persistenz von „Working Poor“ ist relativ gering: Inden zwei letzten aufeinanderfolgenden Jahren armuts-gefährdet trotz Arbeit waren im Betrachtungszeitraum44.000 Personen oder 1% aller Erwerbspersonen.40 Methodische Ungenauigkeiten ergeben sich neben den Einschränkungen durch den Panelausfall auch dadurch, dass sich die Bezugsgruppefür „Working Poor“ – die erwerbstätigen Personen im Erwerbsalter – über die vier Jahre verändert. 10% der Panelpersonen sind wenigerals vier Jahre lang in der relevanten Altersgruppe (18 bis 64 Jahre) und haben daher gar nicht die theoretische Chance, für vier Jahre langals „Working Poor“ klassifiziert zu werden. Daher stellen die präsentierten Zahlen lediglich einen größenordnungsmäßigen Überblick dar.Übersicht 19: Häufigkeit des Auftretens von „Working Poor“ 2008 bis 2011HäufigkeitHäufigkeitin 1.000Anteil in %an Erwerbspersonen imErwerbsalter 2011an jemals „Working Poor“2008 bis 2011Jemals „Working Poor“ 2008 bis 2011 * 662 18 100In einem Jahr 466 13 70In zwei Jahren 143 4 22In drei Jahren (34) 1 (5)In vier Jahren (18) 1 (3)2010 und 2011 „Working Poor“ ** 44 1 -Erwerbspersonen zwischen 18 und 64 Jahren 2011 3.667 100 -Personen im Panel 2008 bis 2011 gesamt 7.801Q: STATISTIK AUSTRIA, EU-SILC 2008 bis 2011.* Nur Personen, die in allen vier Jahren im Panel waren.** Nur Personen, die 2010 und 2011 im Panel waren. Erwerbspersonen = Personen zwischen 18 und 64 Jahren, die mehr als die Hälfte desReferenzjahres (2010) erwerbstätig waren.„Working Poor“: Personen zwischen 18 und 64 Jahren, die mehr als die Hälfte des Referenzjahres (2010) erwerbstätig waren und armuts-gefährdet sind.
  • 58. ARMUTSGEFÄHRDUNG UND „WORKING POOR“ IN ÖSTERREICH56Änderungen im Erwerbsstatus und Über-gänge aus Erwerbstätigkeiten mit niedrigenEinkommenAusstiege aus und Einstiege in Armutsgefährdungtrotz Erwerbstätigkeit können sich durch verändertepersönliche Erwerbsfaktoren (zum Beispiel andereArbeitsstunden, höheres/niedrigeres Einkommenim selben oder anderen Job, Ausscheiden aus demErwerbsleben etc.), eine geänderte Zusammensetzungdes Haushalts oder die geänderte Beschäftigungs-und Einkommenssituation von anderen Haushalts-angehörigen ergeben. Aufgrund dieser Verknüpfungvon Lebensstandard des Haushalts und individuellerErwerbstätigkeit eignet sich das Konzept „WorkingPoor“ nicht dazu, über individuelle Veränderungenerklärt zu werden. Daher wird hier die Analyse nur aufPersonen mit niedrigem Einkommen und damit aus-schließlich die individuelle Ebene bezogen. Gemeintsind Personen mit Erwerbseinkommen unter 2/3 desMedianlohns(vgl.zu den Querschnittergebnissen Über-sicht 14). Zunächst sollen individuelle Veränderungenim Erwerbsstatus zwischen 2008 und 2011 allgemeinund dann bezogen auf die Erwerbsbevölkerung mitniedrigen Einkommen dargestellt werden.Veränderungen auf dem Arbeitsmarkt können überrein statische Variablen nur unzureichend abgebildetwerden. Eine Möglichkeit, die Dynamikin der Analyseanzunähern, istüber die BetrachtungvonVeränderungenfür Individuen zwischen zwei Zeitpunkten gegeben.In der folgenden Darstellung werden Änderungen derHauptaktivität (Erwerbstätigkeit – Vollzeit, Teilzeit;Arbeitslosigkeit; Nicht-Erwerbsaktivität) quantifiziert.Dabei wird ersichtlich, wie viel Prozent der Personenvon einem aufs nächste Jahr ihren Erwerbsstatus nichtändern und wie viele ihn ändern. Von jenen die ihnändern wird auch ersichtlich in welchen Erwerbsstatussie übertreten. Übersicht 20 zeigt die individuellenVeränderungen im Erwerbsstatus zwischen jeweilszwei Jahren für den Zeitraum 2008 bis 2011 in Prozentder Hauptaktivität des Ausgangsjahres.Übersicht 20: Änderungen im Erwerbsstatus im Vergleich zum VorjahrAusgangsjahrJ-1FolgejahrJ2008 2009 2010 2011Übergänge in %Von: Erwerbstätigkeit In: Erwerbstätigkeit 92 90 91 92Vollzeit Teilzeit 5 4 6 4Teilzeit Vollzeit 17 14 14 18Nicht-Erwerbsaktivität 6 6 6 5Arbeitslosigkeit 3 4 3 3Von: Nicht-Erwerbsaktivität In: Nicht-Erwerbsaktivität 85 83 86 85Erwerbstätigkeit 13 13 12 12Arbeitslosigkeit 2 4 3 4Von: Arbeitslosigkeit In: Arbeitslosigkeit 40 52 43 49Erwerbstätigkeit 36 29 39 35Vollzeit 26 17 28 27Teilzeit 11 12 10 9Nicht-Erwerbsaktivität 24 19 19 16Q: Eurostat, EU-SILC 2007-2011.Personen zwischen 16 und 64 Jahren, die in jeweils zwei aufeinanderfolgenden Jahren befragt wurden.Änderung der aktuellen Hauptaktivität der 16- bis 64-Jährigen von Jahr J-1 auf Jahr J als Prozent der Hauptaktivität in J-1, für alle Personen imjeweiligen zwei Jahreslängsschnitt. Hauptaktivität = Aktivität, die im Vorjahr mehr als die Hälfte der Monate ausgeübt wurde.Lesebeispiel: Von den im Vorjahr (2007) Erwerbstätigen waren 92% auch 2008 erwerbstätig. Von den 2007 Vollzeit Erwerbstätigen wech-selten 5% in eine Teilzeiterwerbstätigkeit.
  • 59. ARMUTSGEFÄHRDUNG UND „WORKING POOR“ IN ÖSTERREICH57Nahezu unverändert beträgt der Anteil der im Vorjahrerwerbstätigen Bevölkerung41, die auch im nächstenJahr erwerbstätig ist, über 90%. Lediglich von 2008auf 2009 ist die Erwerbsstabilität etwas geringer.Von den Teilzeiterwerbstätigen wechselten 2008und 2011 17% bzw. 18% in Vollzeitbeschäftigung, inden Jahren 2009 und 2010 konnten demgegenübernur weniger Menschen ihre Arbeitszeit von Teilzeitauf Vollzeit erhöhen (14%). Die Übertrittsrate vonErwerbstätigkeit in Arbeitslosigkeit war von 2008 auf2009 leicht erhöht und lag bei 4%. Eine angespannteArbeitsmarktsituation im Jahr 2009 zeigt sich auchin der im Zeitvergleich geringsten Übertrittsrate vonArbeitslosen in Beschäftigung: Konnten 2009 nur29% eine Beschäftigung aufnehmen, lag der Anteilderjenigen, die von Arbeitslosigkeit in Beschäftigungwechselten, in den anderen Jahren bei über einemDrittel. Die Chance aus Arbeitslosigkeit in Vollzeit-beschäftigung zu wechseln lag sogar nur bei 17%.Die Zahlen spiegeln die größere Instabilität der ös-terreichischen Wirtschaft und des Arbeitsmarktes imZuge der weltweiten Finanz- und Wirtschaftskrise vorallem 2009 wider. Die Chancen auf einen ausreichen-den Lebensstandard hängen, wie gezeigt, eng mitden Erwerbsmöglichkeiten zusammen. Daher sinderzwungene Übergänge in Teilzeit- oder Kurzarbeitund in Arbeitslosigkeit oft mit sozialem Stress undökonomischen Konsequenzen verbunden. Auch hiergilt, dass prinzipiell ein Ausgleich auf Haushalts-ebene hergestellt werden kann. Wie aber bereitsdie Ergebnisse aus EU-SILC 2010 nahelegen, istgenerell die Überlappung der ProblembereicheErwerbslosigkeit oder geringe Erwerbsteilnahme,Armutsgefährdung und Deprivation in den letztenJahren gestiegen (vgl. BMASK/ Statistik Austria2011, S. 101ff).Übertritte in undausgering entlohnten Beschäftigungenkönnen prinzipiell nach dem gleichen Muster wie inobiger Darstellung analysiert werden. Diejenigen, diesich in einem Jahr in gering entlohnten Beschäftigun-gen befinden, können diesen Zustand beibehalten,in höher entlohnte Positionen aufsteigen oder ausder Erwerbstätigkeit ausscheiden. Umgekehrt könnenPersonen aus all diesen Erwerbsstati in ein geringentlohntes Beschäftigungsverhältnis wechseln. Über-sicht 21 zeigt beispielhaft, wie sich der Erwerbsstatusin Kombination mit der Einkommenshöhe von 2010auf 2011 geändert hat. Als „niedriges Einkommen“wird hier – um Aussagen trotz der geringen Stich-probengröße treffen zu können – eine relativ breiteGruppe festgelegt: all jene mit Einkommen unter 2/3des Medianstundenlohns.42Von den Erwerbstätigen mit niedrigem Einkommen2010 sind 94% im Folgejahr noch erwerbstätig. DieHälfte verbleibt bei den niedrigen Einkommen, dieandere Hälfte scheint nicht mehr in dieser Gruppeauf, hat also bei den Stundenlöhnen aufgeholt. Vondenjenigen mit höheren Einkommen verbleiben 92%in Erwerbstätigkeit, die allermeisten auch in dieserEinkommenskategorie. Individuelle Abstiegevon einerfinanziell abgesicherten Ausgangsposition sind alsoselten. Vom Ausgangspunkt niedriger Einkommengelingt zwischen 2010 und 2011 rund der Hälfte einAufstieg über die hier als Schwellenwert definierteStundenlohngrenze von 2/3 des Medianlohns. Dieslässtaufgrundrelativkonstanter Querschnittzahlen umdie 400.000 bis 460.000 Menschen mit derart niedri-gen Einkommen in den vergangenen vier Jahren denSchlusszu, dass pro Jahr rund die Hälfte der Personenaus Nicht-Erwerbstätigkeit (Arbeitslosigkeit, Nicht-Erwerbsaktivität) in niedrige Einkommen wechseln.Für Detailanalysen der individuellen Übergänge aus41 Anders als in den übrigen Analysen wird hier der Berechnung Eurostats folgend 16 Jahre als Altersuntergrenze herangezogen.42 Bei den 18- bis 64-Jährigen sind das 2011 429.000 Personen, die Fallzahl verringert sich durch die Einschränkung auf Personen, die inden beiden Jahren 2010 und 2011 im Datensatz vorkommen, noch etwas.
  • 60. ARMUTSGEFÄHRDUNG UND „WORKING POOR“ IN ÖSTERREICH58der Gruppe der Arbeitslosen undNicht-Erwerbsaktiveneignet sich die Stichprobenerhebung EU-SILC jedochfallzahlbedingtnicht.DieFrage,obnungeringentlohnteBeschäftigung eher einSprungbrettin besser bezahlteJobs darstellt oder ein Pendeln zwischen Arbeitslosig-keit und gering entlohnten Jobs stattfindet und sichdamit eine schlechte Position auf dem Arbeitsmarktverfestigt, kann hier nicht zuverlässig beantwortetwerden. Es können aber aus einer längerfristig undvon der Datenbasis größer angelegten Studie mitdem Fokus auf derartige individuelle Übertritte fürÖsterreich folgende Schlüsse gezogen werden (vgl.eine Studie des WIFO von Lutz/ Mahringer 201043):» Persistenz im jeweiligen Erwerbszustand zeigtsich vor allem für Männer und in höher ent-lohnter Beschäftigung eher als bei Niedriglohn-verdienenden.» Die geringere Verbleibrate der Niedriglohnver-dienenden in ihrem Anfangsstatus ist jedochnicht auf (vergleichsweise selten vorkommen-de) Übertritte in höher entlohnte Beschäftigun-gen als vielmehr auf eine höhere Wahrschein-lichkeit, im Folgejahr arbeitslos zu werden,zurückzuführen (no-pay-low-pay Kreislauf).» Für Frauen ist die Persistenz in Niedriglohnbe-schäftigung höher als für Männer.» Aus der Arbeitslosigkeit heraus finden Frauenwesentlich häufiger nur Niedriglohnarbeitsplät-ze als Männer. Männer haben aber insgesamtgrößere Probleme, die Arbeitslosigkeit wiederzu verlassen.43 Darin wurden anonymisierte Individualdaten des Hauptverbandes der österreichischen Sozialversicherungsträger für den Zeitraum 1998bis 2006 in Kombination mit Daten des AMS, des Mikrozensus und der Volkszählung verwendet. Die Aussagen betreffen im WesentlichenVollzeitbeschäftigte im Alter von 25 bis 54 Jahren (ohne öffentlichen Sektor). Niedriglohn ist wie in der in EU-SILC verwendeten Definitionvon „niedrigen Einkommen“ als 2/3 des Medianlohns festgelegt.Übersicht 21: Änderungen im Erwerbsstatus von 2010 auf 2011 für niedrige und höhereEinkommenAusgangsjahr2010Folgejahr20112011Übergänge in %Von:Erwerbstätigkeit und niedriges Einkommen(unter 2/3 des Medianstundenlohns)In: Erwerbstätigkeit 94auch niedriges Einkommen 47höheres Einkommen 47Nicht-Erwerbsaktivität (4)Arbeitslosigkeit (1)Von: Erwerbstätigkeit und höheres Einkommen In: Erwerbstätigkeit 92niedriges Einkommen 4auch höheres Einkommen 88Nicht-Erwerbsaktivität 5Arbeitslosigkeit 2Q: STATISTIK AUSTRIA, EU-SILC 2007-2011.Personen zwischen 18 und 64 Jahren, die in jeweils 2 aufeinanderfolgenden Jahren befragt wurden.Änderung der aktuellen Hauptaktivität der 18- bis 64-Jährigen von 2010 auf 2011 als Prozent der Hauptaktivität 2010, für Personen imjeweiligen zwei Jahreslängsschnitt. Hauptaktivität = Aktivität, die im Vorjahr mehr als die Hälfte der Monate ausgeübt wurde. - NiedrigesEinkommen: Der Stundenlohn für Unselbständige ohne Lehrlinge beträgt weniger als 2/3 des Medianstundenlohns (das sind in EU-SILC2011 12,54 Euro). - Höhere Einkommen: Einkommen über den als niedrig definierten Einkommen.Zahlen in Klammern beruhen auf geringen Fallzahlen. Sind in der Randverteilung weniger als 50 oder in der Zelle weniger als 20 Fälle vor-handen, wird geklammert.Lesebeispiel: Von den 2010 Erwerbstätigen mit niedrigem Einkommen waren 94% auch 2011 erwerbstätig - 47% hatten auch im Folgejahrein niedriges Einkommen, 47% ein höheres; 4% bzw. 1% wechselten in Nicht-Erwerbsaktivität bzw. Arbeitslosigkeit.
  • 61. ARMUTSGEFÄHRDUNG UND „WORKING POOR“ IN ÖSTERREICH59» Die Persistenz von Arbeitslosigkeit wie auchvon Niedriglohnbeschäftigung nimmt mit demAlter zu.» Ausländische Staatsangehörige haben über-proportional hohe Anteile an Niedriglohn-arbeitsplätzen, Übergänge sowohl in höherentlohnte Beschäftigung wie auch in Arbeitslo-sigkeit sind seltener als für ÖsterreicherInnen.» Je höher die Bildung, desto geringer sind dieAnteile von Personen in Niedriglohnbeschäf-tigung. Für Niedriglohnbeschäftigte, sinkt dasRisiko in Folge arbeitslos zu werden mit stei-gendem Bildungsniveau.Der Beitrag folgert, dass Niedriglohnbeschäftigungam ehesten für Jüngere und höher Qualifizierte alsSprungbrett in dauerhafte, besser bezahlte Tätigkeitendient. Merkmale nachteiliger Erwerbschancen wiegeringe Qualifikation, Betreuungspflichten, nichtösterreichische Staatsbürgerschaft usw. sind auch füreinen längerenVerbleib in Niedriglohnbeschäftigungenoder ein Pendeln zwischen Niedriglohnbeschäftigungund Arbeitslosigkeit ausschlaggebend.Als zusammenfassendes Ergebnis aus den SILC Da-ten lässt sich zu den Übergängen 2010 auf 2011 vonErwerbstätigen nach Einkommenshöhe feststellen:Von den Erwerbstätigen mit niedrigem Einkommen–ihr Einkommen beträgt weniger als 2/3 des Median-stundenlohns – verbleibt rund die Hälfte in diesemStatus.44Die andere Hälfte hat im Folgejahr höhereEinkommen, es gelingt ihr ein Aufstieg über die hierals Schwellenwert definierte Stundenlohngrenzevon 2/3 des Medianlohns. Da jedoch die Zahl vonMenschen mit niedrigen Einkommen jährlich in etwagleich bleibt, muss es also eine Gruppe geben, diediese individuellen Aufstiege ausgleicht und in denStatus der Erwerbstätigkeit mit niedrigen Einkommenübertritt. Diese Übertritte aus der Vorjahrespositionder Nicht-Erwerbstätigkeit (Arbeitslosigkeit, Nicht-Erwerbsaktivität) machen rund die Hälfte der aktuellErwerbstätigen mit niedrigem Einkommen aus. Einno-pay-low-pay Kreislauf ist hingegen im Gegensetzzur oben zitierten Studie, die über einen längerenZeitraum erfolgt ist, anhand einer Betrachtung überzwei Folgejahre für SILC nicht nachweisbar.3.2.5 SchlussfolgerungenIn einer abschließenden Betrachtung lassen sich fol-gende Gründe als am wichtigsten für die Entstehungvon „Working Poor“ ausmachen:» Niedrige Erwerbseinkommen: Diese betreffen22% der „Working Poor“, wenn der IndikatorStundenlöhne unter 2/3 des Medianstunden-lohns herangezogen wird.» Niedrige persönliche Erwerbsintensität: wie imFall von Teilzeit oder nicht ganzjähriger Be-schäftigung; 49% aller „Working Poor“ fallendarunter.» Niedrige Erwerbsintensität in Mehrpersonen-haushalten: etwa wenn sich im gleichen Haus-halt arbeitslose oder aus anderen Gründennicht erwerbstätige Personen im Erwerbsalterbefinden und das Erwerbspotenzial nicht vollausgeschöpft wird – dies ist für 59% der „Wor-king Poor“ ein zutreffender Grund.45Insgesamt treffen auf 82% der „Working Poor“ eineroder mehrere dieser drei Gründe zu.46Weiters hat die Haushaltszusammensetzung einenbedeutenden Einfluss auf den Status „Working44 Es handelt es sich jedoch nicht um die über Haushaltseinkommen definierten „Working Poor“, eine noch kleinere Gruppe, die auf Grundder geringen Fallzahlen nur unzureichend im Längsschnitt darstellbar ist; eine ähnliche Beweglichkeit ist jedoch auch für sie anzunehmen.45 Mehrpersonenhaushalte, die weniger als 85% des Erwerbspotenzials ausschöpfen.46 Auf 6% treffen alle drei Gründe, auf 36% zwei Gründe und auf 40% trifft ein Grund zu.
  • 62. ARMUTSGEFÄHRDUNG UND „WORKING POOR“ IN ÖSTERREICH60Poor“: Für 11% dieser Gruppe ist die Anzahl derNicht-Erwerbspersonen (Kinder und andere Ange-hörige) ausschlaggebend für die Armutsgefährdungtrotz Erwerbstätigkeit.„Working Poor“ ist ein Phänomen, das nicht mono-kausal erklärt werden kann. Es wird vielmehr durchein Zusammenspiel von Arbeitsmarkt- und sozial-politischen Faktoren, Haushaltszusammensetzungund individuellen Erwerbschancen bestimmt. Nichtnur die Analyse des Problems, auch Maßnahmenzu dessen Reduktion müssen daher auf all diesenEbenen ansetzen: Qualifizierte Erwerbstätigkeit gehtmit geringerem Risiko für Niedriglöhne und in derFolge „Working Poor“ auf Haushaltsebene einherund kann über entsprechende Bildungsmaßnah-men erhöht werden. Bildung wird bereits als einesder fünf Kernziele der Strategie „Europa 2020“angeführt, konkrete Ziele wie das Senken der Zahlfrüher SchulabgängerInnen haben unmittelbareAuswirkungen im Kernziel „Teilhabemöglichkeiten“.Mit Maßnahmen auf dem Arbeitsmarkt kann Nied-riglöhnen und prekarisierten Arbeitsbedingungenbegegnet werden. Der Lebensstandard von Famili-en, bei denen insbesondere Alleinerziehende undkinderreiche Familien „working poor“-gefährdetsind, kann über eine höhere Erwerbseinbindungvon Frauen gesichert werden. Dies wiederum wirddurch eine Verbesserung des Betreuungsangebotsfür Kinder erleichtert.Weitere Längsschnittanalysen von „Working Poor“-Be-troffenen wären wünschenswert, über eine Kenntnislängerfristiger Verläufe während des Erwerbslebenskönnte die dahinterliegende Dynamik besser ver-ständlich gemacht werden.
  • 63. ERHEBLICHE MATERIELLE DEPRIVATION614. ERHEBLICHE MATERIELLE DEPRIVATION (EU-DEFINITION47)Neben der Definition von Armutsgefährdung überniedriges Einkommen relativ zu einem mittlerenLebensstandard kann Armut auch direkt über absoluteIndikatoren einer benachteiligten Lebenslage erfasstwerden. Hierfür hat sich der Begriff der Deprivationetabliert.48Der einkommenszentrierte Ansatz unter-stellt gleiche Wirkung des gleichen Einkommens – wasfaktisch nicht gegeben ist. Denn Menschen haben jenach Lebenslage verschiedene Bedürfnisse und auchunterschiedliche Möglichkeiten zu wirtschaften. BeiDeprivation steht im Gegensatz zum einkommensba-sierten Ansatz vielmehr die tatsächliche Wirkung derRessourcen im Vordergrund. Die jeweiligen Ansätzebetonen also andere Aspekte.Die Armutsgefährdungsschwelle wird in jedem Landrelativ zum mittleren Lebensstandard berechnetund fällt in den verschiedenen EU-Staaten, beson-ders nach den Erweiterungen 2004 und 2007, sehrunterschiedlich aus. Ein direkter Vergleich des Le-bensstandards ist auch nach Kaufkraftbereinigungnicht zulässig. Generell bleiben die spezifischenLebenshaltungskosten der Haushalte bei dieserDefinition unberücksichtigt. Armutsgefährdungkann, muss aber nicht zwangsläufig mit Deprivationeinhergehen und umgekehrt. Armutslagen könnenzum Beispiel auch bei Haushaltseinkommen überdem Median auftreten, wenn die monatlichen Aus-gaben eines Haushalts (etwa für Wohnen, Heizung,Medikamente oder Kreditrückzahlungen) zu hochsind. So macht es einen großen Unterschied, obman abbezahltes Wohnungseigentum besitzt oderMiete für eine Wohnung bezahlen muss. Beim in-ternationalen Vergleich spielt auch die Versorgungmit öffentlichen Gütern und Dienstleistungen einegroße Rolle. Wer für Gesundheitsdienste, Bildungoder Kinderbetreuung extra bezahlen muss, hathöhere Ausgaben als jemand, dem diese Leistungenkostenfrei zugänglich sind. Eine Armutsdefinitionbasierend auf einer relativen Einkommensschwellekann die relativen Teilhabechancen innerhalb einerGesellschaft erfassen. Ein Vergleich zwischen unter-schiedlichen Ländern ausschließlich auf der Basisdes monetären Einkommens kann aber irreführendsein, da die Wohlstandsniveaus der einzelnen Ländersehr unterschiedlich sind.Indikatoren zur Leistbarkeit von Grundbedürfnissenund zu den Einschränkungen in der täglichen Le-bensführung aufgrund mangelnder Ressourcen sinddaher ebenso wichtig wie die Einkommensseite. DieeuropäischenStaats- und RegierungschefInnen habenim Sommer 2010 beschlossen, die Strategie für Eu-ropa bis ins Jahr 2020 auch auf die Verringerung dersogenannten materiellen Deprivation auszurichten(vgl. Europäische Kommission 2010).ERHEBLICHE MATERIELLE DEPRIVATION:Der Indikator bedeutet nach EU-Definition, dass ein Haushalt sich mindestens vier von neun festgelegten Grund-bedürfnissen aus finanziellen Gründen nicht leisten kann. Für die in EU-SILC befragten Haushalte wird dies anhandvon Fragen nach der Einschätzung zur Leistbarkeit von Grundbedürfnissen ermittelt. Eine Person gilt damit alserheblich materiell depriviert, wenn sie in einem Haushalt lebt, in dem zumindest vier dieser Merkmale zutreffen:» Zahlungsrückstände (bei Miete, Betriebskosten oder Krediten),47 Dieses Kapitel behandelt detailliert erhebliche materielle Deprivation nach der EU-Definition. Die bisher in Österreich übliche Definitionfür „finanzielle Deprivation“ wird weiterhin als nationaler Eingliederungsindikator verwendet (Kapitel 5).48 Vgl. z.B. Lamei, N./Till-Tentschert, U. 2005.
  • 64. ERHEBLICHE MATERIELLE DEPRIVATION62Erhebliche materielle Deprivationsquote inÖsterreich und der EUIm Vergleich mit den 27 EU-Staaten hat Österreich2011 die sechstniedrigste erhebliche materielle Depri-vationsquote: 4% der Bevölkerung sind in Österreichnach EU-Definition erheblich materiell depriviert (mit95% Vertrauenswahrscheinlichkeit zwischen 3,2%und 4,6%). In Luxemburg ist der Anteil der erheblichmateriell Deprivierten mit rund 1% am niedrigsten,am höchsten ist er in Bulgarien, wo mehr als 40%der Bevölkerung betroffen sind. EU-weit liegt dieDeprivationsquote bei rund 8% – damit leben inder EU 42 Mio. Menschen, die sich eine Vielzahl anGrundbedürfnissen aus finanziellen Gründen nichtleisten können (Grafik 10). Im Zeitverlauf sind daszehn Mio. weniger Personen als im Jahr 2005, jedochstagniert die EU-weite erhebliche Deprivationsquoteseit dem Jahr 2008.Wie Übersicht 22 zeigt, sind in Österreich 325.000Personen49mit erheblicher materieller Deprivationkonfrontiert. Darunter ist praktisch niemand, der un-erwartete Ausgaben in Höhe von 950 Euro – etwa füreine Reparatur oder eine Zahnbehandlung – bezahlenoder auf Urlaub fahren könnte. Von den erheblich» unerwartete Ausgaben in Höhe von 950 Euro nicht leistbar,» einmal im Jahr Urlaub (eine Woche für alle) nicht leistbar,» Wohnung angemessen warm halten nicht leistbar,» regelmäßig Fleisch, Fisch oder vergleichbare vegetarische Speise essen nicht leistbar,» PKW nicht leistbar,» Farbfernsehgerät nicht leistbar,» Waschmaschine nicht leistbar,» weder Telefon noch Handy leistbar.Die Auswahl der Merkmale gilt alsvorläufig und basiert auf den zurzeitverfügbaren Informationen für alle europäischenLänder in EU-SILC. 2009 wurde ein vertiefendes Modul über materielle Deprivation in EU-SILC durchgeführt, mit demZiel, weitere Merkmale für materielle Deprivation empirisch zu testen. Angestrebt wird eine Liste aus Merkmalenmit größtmöglicher Vergleichbarkeit zwischen den EU-Mitgliedstaaten und zusätzlich kinderspezifische Merkmalefür materielle Deprivation. Für 2015 ist geplant, die Kernelemente der Indikatoren zu materieller Deprivation vonEU-SILC im Kontext der mittelfristigen Revision der Europa 2020-Strategie zu überarbeiten (vgl. Gordon et al 2012).Der Indikator nach EU-Definition unterscheidet sich von dem bisher in Österreich etablierten Indikator zur Defini-tion von finanzieller Deprivation. Statistik Austria berücksichtigt gegenüber der EU-Definition eine für Österreichrelevante Liste von sieben Merkmalen und nimmt Deprivation bereits bei zwei oder mehr Einschränkungen an. DieNichtleistbarkeit von Fernseher, Waschmaschine und Telefon wird wegen der hohen Verfügbarkeit in Österreichnicht als Deprivationsmerkmal verwendet. Ebenso wurde Urlaub in der nationalen Definition nicht berücksichtigt,da sich gezeigt hat, dass hier die Notwendigkeit im ländlichen Raum deutlich geringer eingeschätzt wird (vgl. Till-Tentschert/ Weiss 2008). Umgekehrt wird im urbanen Raum nur eine geringe Notwendigkeit für den Besitz einesPKWs angegeben. Dafür wurde in die nationale Definition auch die Leistbarkeit von Arztbesuchen und Einladungenvon Freunden aufgenommen.49 Mit 95% Vertrauenswahrscheinlichkeit zwischen 268.000 und 382.000 Personen.
  • 65. ERHEBLICHE MATERIELLE DEPRIVATION63materiell deprivierten Personen sind 195.000 (60%) inden letzten Monaten zumindest einmal in Zahlungs-verzug bei Miete, Strom, Gas, Krediten etc. geraten.Mehr als ein Drittel können es sich nicht leisten,regelmäßig Fleisch, Fisch oder eine vergleichbarevegetarische Speise zu essen.Grafik 10: Erheblich materiell deprivierte Personen in den EU-27-Staaten – Quote051015202530354045LuxemburgSchwedenNiederlandeDänemarkFinnlandSpanienÖsterreichGroßbritannienFrankreichDeutschlandBelgienTschechienSlowenienMaltaIrland*PortugalEstlandSlowakeiZypernItalienPolenGriechenlandLitauenUngarnRumänienLettlandBulgarienErheblichematerielleDeprivationin%derGesamtbevölkerungEU-27**Q: Eurostat 2012, EU-SILC 2010 und 2011. Datenbank zum Stand 11.01.2013, eigene Darstellung.* Aktuellste Zahlen stammen aus 2010.** Eurostat Schätzung.Übersicht 22: Bestimmungsmerkmale für erhebliche materielle DeprivationPersonen in …erheblich materiell depriviertenHaushaltenanderen Haushaltenin 1.000 Anteil in % in 1.000 Anteil in %Insgesamt 325 100 7.991 100Unerwartete Ausgaben nicht bezahlen können 321 99 1.573 20Nicht auf Urlaub fahren können 322 99 1.478 18Nicht regelmäßig Fleisch essen können * 226 70 376 5Zahlungsrückstände ** 195 60 416 5Kein Auto leisten können 211 65 253 3Wohnung nicht warm halten können 133 41 86 1Kein Farbfernsehgerät leisten können 21 6 21 0Keine Waschmaschine leisten können (17) (5) (14) (0)Kein Telefon oder Handy leisten können (4) (1) (6) (0)Q: STATISTIK AUSTRIA, EU-SILC 2011.Personen in Privathaushalten.* Fleisch, Fisch oder vergleichbare vegetarische Speisen.** Zahlungsrückstände bei Miete, Gas, Strom oder Kreditkarten.Zahlen in Klammern beruhen auf geringen Fallzahlen: Sind in der Randverteilung weniger als 50 oder in der Zelle weniger als 20 Fälle vor-handen, wird geklammert. Zahlen, die auf Randverteilungen <20 beruhen, werden nicht ausgewiesen.
  • 66. ERHEBLICHE MATERIELLE DEPRIVATION64Nach Schwere der Deprivation (vgl. Grafik 11) zeigtsich, dass die große Mehrheit der erheblich materiellDeprivierten von maximal fünf Deprivationslagen be-troffen ist: 65% sind gleichzeitig in vier, 26% in fünfBedürfnislagen depriviert. Deprivation in einzelnenDimensionen trifft auch viele Menschen, die nichtzumKreis der erheblich materiell Deprivierten zählen. Rundein Drittel von ihnen ist in einem bis drei Merkmalenmit finanziellen Einschränkungen konfrontiert. Vonjenen, die weniger als vier Deprivationsmerkmaleaufweisen und daher nach dieser Definition nochnicht als erheblich materiell depriviert gelten, habenbeispielsweise rund 1,5 Millionen Menschen Proble-me, unerwartete Ausgaben in der Höhe von 950 Eurobezahlen zu können, aber darunter sind auch knapp580.000 Personen, die angeben, sich zumindesteine Woche Urlaub pro Jahr leisten zu können.50DieMehrfachbelastung macht daher den entscheidendenUnterschied. So sind Personen in erheblich materielldeprivierten Haushalten durchschnittlich in 4,5, andereHaushalte dagegen in durchschnittlich 0,5 Problem-lagen belastet. Während 70% der erheblich materiellDeprivierten bei ihrer Ernährung sparen müssen und60% mindestens einmal im Jahr ihre Rechnungennicht termingerecht begleichen können, ist die Be-völkerung in anderen Haushalten wesentlich geringer– zu je 5% – mit diesen Problemlagen konfrontiert.Auch geraten 41% der deprivierten Haushalte in dieLage, aus Kostengründen ihre Wohnung nicht mehrangemessen warm halten zu können, wohingegennur 1% der anderen Haushalte mit dieser Situationkonfrontiert sind.Die Merkmale zur Leistbarkeit eines Farbfernsehge-rätes, einer Waschmaschine oder einesTelefons sindzwar in den ärmeren EU-Staaten durchaus relevant, inÖsterreich haben die erheblich materiell depriviertenPersonen jedoch vergleichsweise selten ein Problem,sich diese Dinge leisten zu können.Die Leistbarkeit eines PKW ist vor allem unter Berück-sichtigung des Wohnortes für Deprivation relevantoder eben nicht. Wer in einer entlegenen Gegendwohnt, ist dabei stärker auf ein Auto angewiesenals in der Stadt. So haben in kleinen Gemeindenunter 10.000 EinwohnerInnen 93% ein Auto, inWien sind es 66%. Unter den Deprivierten habenin Wien 16% ein Auto, während rund die Hälfte derDeprivierten in kleinen Gemeinden ein Auto hat. Inanderen Haushalten haben rund 72% in Wien und94% in den kleinen Gemeinden ein Auto. DiesesMerkmal ist für Deprivation nicht nur wegen derunterschiedlichen Bedeutung je nach Wohngegendumstritten, sondern auch wegen der gleichzeitigmit den sozialen Zielen formulierten europäischenKlimaschutzziele. Zusätzlich zu jenen, die sich einAuto nicht leisten können, verzichten viele auch ausanderen Gründen darauf.Grafik 11: Prozentsatz der erheblich mate-riell deprivierten Personen und Personen inanderen Haushalten nach Anzahl der Depri-vationsmerkmale0 10 20 30 40 50 60 70 80 90 100in %erheblich materiell depriviertin anderen HaushaltenIn keinem Deprivationsmerkmalbetroffenin 1 in 2 in 3in 5 in 6 in 7in 4 DeprivationsmerkmalenbetroffenQ: STATISTIK AUSTRIA, EU-SILC 2011.50 Würde man bei der Definition von Deprivation die Schwelle bei drei oder mehr aus neun Einschränkungen legen, wären in Österreich793.000 Personen depriviert, wenn zwei oder mehr aus den neun Einschränkungen berücksichtigt würden, sogar 1.570.000.
  • 67. ERHEBLICHE MATERIELLE DEPRIVATION65Entwicklung der erheblichen materiellenDeprivation 2004 und 2008-2011Im Jahr 2004 waren mit erheblicher materiellerDeprivation noch 308.000 Personen konfrontiert,das entspricht 3,8% der Bevölkerung (mit einerstatistischen Schwankungsbreite von +/- 54.000Personen bzw. 0,7 Prozentpunkten). Bis zum Jahr2008, also noch vor der Wirtschaftskrise, ist dieZahl der erheblich materiell Deprivierten auf dasDoppelte angestiegen, ihr Anteil erreichte 6,4% ander Bevölkerung. Seither ist die erhebliche Depri-vationsquote wieder rückläufig und befindet sichinzwischen wieder nahezu auf dem Niveau von2004. Diese Abweichung liegt jedoch innerhalbder statistischen Schwankungsbreite. Signifikanthingegen waren der Anstieg 2007-2008 und derRückgang 2008-2009.51Zahlungsrückstände waren das wichtigste Elementfür den Anstieg der erheblichen Deprivationsquoteim Jahr 2008. Es ist davon auszugehen, dass dafürauch eine Änderung der Erfassung mitverantwortlichist. Der Indikator für Zahlungsrückstände beruhte bis2007 auf fünf Fragen zu Rückständen in den letztenzwölf Monaten bei Miete, Wohnungs- bzw. Hauskre-diten, Wohnnebenkosten und sonstigen Zahlungen.Ab 2008 wurde die Antwortmöglichkeit von „ja/nein“erweitert, indem bei allen Fragen zwischen einmaligenund mehrmaligen Rückständen in den letzten zwölfMonaten unterschieden wurde. Es ist denkbar, dassdadurch Zahlungsrückstände besser erfasst wurden,da es weniger schwer fällt, bei dieser Methode Rück-stände zuzugeben als nach den dichotomisiertenFragen.52Die Zahl der Personen mit Zahlungsrück-ständen hat sich im Jahr 2008 verdoppelt. In dieserGrößenordnung sind Einflüsse der Frageformulierungfür Zahlungsrückstände auf die erhebliche materi-elle Deprivation jedenfalls auszuschließen. Auchalle anderen Merkmale zeigen im Jahr 2008 einensprunghaften Anstieg der Deprivation.53Zahlungsrückstände sind das einzige Deprivations-merkmal mit einem expliziten Referenzzeitraum inder Vergangenheit. Bei der Leistbarkeit von Nah-rungsmitteln oder eines PKWs ist der Bezugspunktder Zeitpunkt der Befragung, bei Urlauben oder demWarmhalten der Wohnung müssen sich die Befragtenhingegen auf einen längeren Zeitraum beziehen. Fürden Deprivationsindikator werden also Informationenaus unterschiedlichen Zeiträumen kombiniert, auchdieser Aspekt ist bei der Interpretation von Verände-rungen zu beachten.Nach 2008 ist die Quote bei allen Deprivationsmerk-malen – ausgenommen bei Zahlungsrückständen– wieder deutlich zurückgegangen.54Dieser Trendsetzt sich auch 2011 weiter fort. Dabei ist von 201051 95% Konfidenzintervall, geschätzt mit der SAS-Prozedur Survey Frequencies unter Berücksichtigung des Stichprobendesigns (Schichtungnach Bundesländern sowie Klumpung für Haushalte) und der Gewichtung. Um die Signifikanz des Unterschieds zwischen zwei Ergeb-nissen näherungsweise zu beurteilen, kann überprüft werden, ob sich die Konfidenzintervalle überlappen oder nicht. Bei Vergleichenunterschiedlicher Erhebungsjahre, wo der zeitliche Abstand vier oder weniger Jahre beträgt, müsste aufgrund des Rotationsdesigns derVerbundenheit der Stichproben Rechnung getragen werden. Das bedeutet, dass aufgrund kleinerer Standardfehler Veränderungen eherals signifikant beurteilt werden könnten, als es bei unabhängigen Stichproben der Fall ist.52 Vgl. Statistik Austria 2009, S. 17f.53 Warum Deprivation ausgerechnet vor dem Krisenjahr 2009 so deutlich angestiegen und im Krisenjahr wieder zurückgegangen ist, kannallenfalls durch eine eingehendere Untersuchung der EU-SILC Längsschnittdaten beantwortet werden. Die Querschnittdaten spiegelnjedenfalls auch einige relevante Entwicklungen der gesamtwirtschaftlichen Rahmenbedingungen wider. Anzunehmen ist, dass mehrereFaktoren wie die Entwicklung des Einkommens, der Schuldenbelastung und der Inflation relevant waren. Näheres hierzu siehe BMASK/Statistik Austria (2011, S. 86,113ff).54 Im Jahr 2008 wurde die gesamte Feldarbeit erstmals durch Statistik Austria übernommen. Die Vollständigkeit der Angaben und dieTeilnahmebereitschaft der Befragten konnten deutlich gesteigert werden. Aus Kostengründen wurden verstärkt telefonische Interviews(CATI) durchgeführt. Der Anstieg der Deprivationsquote für die im Panel telefonisch befragten Haushalte fällt geringer aus als bei Erstbe-fragungshaushalten. Der Anstieg der Deprivation im Jahr 2008 kann durch diese methodischen Effekte eventuell verstärkt worden sein,der Rückgang im Jahr 2009 ist dadurch aber nicht erklärbar.
  • 68. ERHEBLICHE MATERIELLE DEPRIVATION66auf 2011 ein signifikanter Rückgang in den folgendenbeiden Deprivationsmerkmalen zu verzeichnen: 2011können es sich wieder etwas mehr Menschen in derGesamtbevölkerung leisten, unerwartete Ausgabenzu tätigen oder regelmäßig Fleisch, Fisch oder einevergleichbare vegetarische Speise zu essen. Auchhinsichtlich der Leistbarkeit, in den Urlaub zu fahren,gibt es Hinweise auf Besserung. Zwar befindet sich dieÄnderung am Anteil jener Menschen, die sich keinenUrlaub leisten können, innerhalb der statistischenSchwankungsbreite; dieses Deprivationsmerkmalerreicht 2011 aber seinen historischen Tiefststand,wenngleich auf immer noch relativ hohem Niveau.Für den Zeitraum 2008 bis 2011 zeichnet sich aller-dings im Vergleich der Haushalte, die mit erheblichermaterieller Deprivation konfrontiert sind, und jenen,die es nicht sind, bei zwei der Deprivationsmerkmaleeine unterschiedliche Entwicklung ab: Während dieLeistbarkeit eines PKWs wie auch jene, die Wohnungangemessen warm zu halten, für die erheblich mate-riell Deprivierten tendenziell schwieriger zu werdenscheint (Anstieg von 56% auf 65% bzw. von 37%auf 41%), bleiben diese Bereiche für die anderenHaushalte relativ konstant.4.1 Zusammensetzung der ZielgruppeIn Österreich leben derzeit 131.000 Frauen und96.000 Männer ab 20 Jahren sowie 98.000 Kinderund Jugendliche (unter 20 Jahren) in Haushalten miterheblicher materieller Deprivation. Im Vergleich zursozialen Zusammensetzung in anderen Haushaltenwird deutlich: Jüngere Menschen sind stärker vonerheblicher materieller Deprivation betroffen alsÄltere und Frauen häufiger als Männer. So befindensich unter den erheblich materiell Deprivierten 30%Kinder und Jugendliche (unter 20 Jahren), währendin anderen Haushalten 21% Personen in diesemAlter leben. Umgekehrt lebt in erheblich materielldeprivierten Haushalten ein deutlich kleinerer Anteil(9%) an Personen im Alter von 65 oder mehr Jahrenals in anderen Haushalten; dort sind es 17%. UnterBerücksichtigung des Geschlechts zeigt sich, dassÜbersicht 23: Betroffenheit der Gesamtbevölkerung in den Bestimmungsmerkmalenerheblicher materieller Deprivation im Zeitverlauf2004 2008 2009 2010 2011in % in % +/- ***Erhebliche materielle Deprivation 3,8 6,4 4,8 4,3 3,9 0,7Unerwartete Ausgaben 21,5 29,5 24,8 25,0 22,8 1,4Nicht auf Urlaub fahren 26,5 28,3 24,6 22,4 21,6 1,4Fleisch essen* 9,8 13,4 10,1 8,7 7,2 0,9Zahlungsrückstände ** 3,5 7,3 7,4 7,0 7,4 1,0Auto 5,6 7,1 5,3 5,9 5,6 0,7Wohnung warm halten 2,3 4,0 2,9 3,8 2,6 0,6Farbfernsehgerät 0,4 0,5 0,4 0,4 0,5 0,2Waschmaschine 1,0 0,7 0,4 0,4 0,4 0,2Telefon/Handy 0,7 0,5 0,2 0,1 0,1 0,1Q: STATISTIK AUSTRIA, EU-SILC 2004, 2008-2011.* Fleisch, Fisch oder vergleichbare vegetarische Speisen.** Zahlungsrückstände bei Miete, Gas, Strom oder Kreditkarten.*** Statistische Schwankungsbreite bei 95%-Vertrauenswahrscheinlichkeit.
  • 69. ERHEBLICHE MATERIELLE DEPRIVATION67vor allem die Frauen in der Altersgruppe der 20- bis39-Jährigen überdurchschnittlich starkmit erheblichermaterieller Deprivation konfrontiert sind. DesWeiterenist auffällig, dass knapp ein Drittel der erheblich ma-teriell Deprivierten – 100.000 Menschen – Personenmit nicht österreichischer Staatsbürgerschaft sind.Unter den erheblich materiell Deprivierten lebt diegroße Mehrheit (57%) in Wien, nur 17% kommen ausGemeinden mit weniger als 10.000 EinwohnerInnen.Im Vergleich zu anderen Haushalten zeigt sich somitder Zusammenhang von Urbanität und erheblichermaterieller Deprivation. Mit Blick auf die Haushalts-konstellationen fällt der vergleichsweise geringeAnteil (10%) an Haushalten mit Pensionen auf. Vonden 292.000 Personen in Haushalten ohne Pension,die von Deprivation betroffen sind, stammt die mit165.000 Menschen zahlenmäßig größte Gruppe ausHaushalten mit Kindern. Jedoch fällt die Deprivati-onsquote je nach Kinderzahl unterschiedlich hochaus: Während Alleinerziehende und Personen inMehrpersonenhaushalten mit drei oder mehr Kin-dern vergleichsweise deutlich stärker betroffen sind,geraten Mitglieder von Mehrpersonenhaushaltenmit einem Kind oder zwei Kindern seltener in eineerhebliche materielle Deprivationslage. Des Weite-ren zeigt sich: Unter der Gruppe der mit erheblichermaterieller Deprivation Konfrontierten lebt die Hälftein einem Haushalt, dessen Haupteinkommensquelleaus Sozialleistungen besteht.Übersicht 24: Erheblich materiell deprivierte Personen nach soziodemographischenMerkmalenerheblich materiell depriviert in anderen Haushaltenin 1.000 Anteil in % in 1.000 Anteil in %Insgesamt 325 100 7.991 100AlterBis 19 Jahre 98 30 1.678 2120 bis 39 Jahre 91 28 1.973 2540 bis 64 Jahre 107 33 2.949 3765 Jahre und älter 28 9 1.390 17Männer (ab 20 Jahren)Zusammen 96 30 3.052 3820 bis 39 Jahre 38 12 990 1240 bis 64 Jahre 50 16 1.465 1865 Jahre und älter (8) (2) 597 7Frauen (ab 20 Jahren)Zusammen 131 40 3.261 4120 bis 39 Jahre 53 16 983 1240 bis 64 Jahre 57 18 1.485 1965 Jahre und älter 20 6 793 10StaatsbürgerschaftÖsterreich 225 69 7.170 90darunter eingebürgert (Nicht EU/EFTA) 25 8 264 3Nicht Österreich 100 31 821 10davon EU/EFTA 18 5 342 4davon sonstiges Ausland 83 26 479 6Q: STATISTIK AUSTRIA, EU-SILC 2011.Sind in der Randverteilung weniger als 50 oder in der Zelle weniger als 20 Fälle vorhanden, wird geklammert. Zahlen, die auf Randverteilun-gen <20 beruhen, werden nicht ausgewiesen.
  • 70. ERHEBLICHE MATERIELLE DEPRIVATION684.2 Armutsgefährdung und erhebliche materielle DeprivationZwischen Armutsgefährdung und Deprivation bestehtein enger Zusammenhang. Mit einem Anteil von 17%sind deutlich mehr Personen in armutsgefährdetenHaushalten mit erheblicher materieller Deprivationkonfrontiert als Personen in anderen Haushalten(2%). Demnach sind in Österreich 180.000 Personengleichzeitig armutsgefährdet und erheblich materielldepriviert. DerZusammenhangzeigtsich auch aufEbe-ne der einzelnen Deprivationsmerkmale:Wie in Grafik12 zu sehen ist, können sich Armutsgefährdete alleGrundbedürfnisse,diezurBestimmungvonDeprivationherangezogen werden, wesentlich seltener leisten alsPersonen in nicht armutsgefährdeten Haushalten.Sokönnen es sich beispielsweise mehr als die Hälfte derArmutsgefährdetennichtleisten,unerwarteteAusgabenzu tätigen oder in den Urlaub zu fahren. Nichtsdesto-Übersicht 25: Erheblich materiell deprivierte Personen nach Haushaltsmerkmalenerheblich materiell depriviert in anderen Haushaltenin 1.000 Anteil in % in 1.000 Anteil in %Insgesamt 325 100 7.991 100GemeindegrößenklasseWien 184 57 1.515 19Andere Gemeinden > 100.000 Einw. 27 8 681 9Gemeinden >10.000 und <=100.000 Einw. 59 18 1.214 15Gemeinden <=10.000 Einw. 55 17 4.582 57Haushalte mit PensionZusammen 33 10 1.497 19Alleinlebende Männer (5) (1) 124 2Alleinlebende Frauen 16 5 288 4Mehrpersonenhaushalt 12 4 1.085 14Haushalte ohne PensionZusammen 292 90 6.494 81Alleinlebende Männer 38 12 395 5Alleinlebende Frauen 39 12 421 5Mehrpersonenhaushalt ohne Kinder 51 16 1.912 24Haushalte mit Kindern 165 51 3.766 47Ein-Eltern-Haushalt 41 13 226 3Mehrpersonenhaushalt + 1 Kind 16 5 1.424 18Mehrpersonenhaushalt + 2 Kinder 39 12 1.459 18Mehrpersonenhaushalt + mind. 3 Kinder 70 22 657 8HaupteinkommensquelleUnselbständige Arbeit 120 37 4.916 62Selbständige Arbeit (6) (2) 681 9Sozialleistungen 162 50 659 8Pensionen 33 10 1.599 20Private Einkommen (4) (1) 136 2Q: STATISTIK AUSTRIA, EU-SILC 2011.Zahlen in Klammern beruhen auf geringen Fallzahlen: Sind in der Randverteilung weniger als 50 oder in der Zelle weniger als 20 Fälle vor-handen, wird geklammert. Zahlen, die auf Randverteilungen <20 beruhen, werden nicht ausgewiesen.
  • 71. ERHEBLICHE MATERIELLE DEPRIVATION69trotz treten Deprivation und Armutsgefährdung nichtnotwendigerweise gemeinsam auf. Das wird zuerstdarin deutlich, dass mit der Definition für erheblichematerielle Deprivation ein wesentlich kleinerer Kreis(325.000 Personen) zu den Betroffenen gezählt wirdalsmitder Definition für Armutsgefährdung (rundeineMillion). Es zeigt sich aber insbesondere dann, wenndie Zusammensetzung der Haushalte mit erheblichermaterieller Deprivation hinsichtlich ihrer Armuts-gefährdung betrachtet wird: 2011 leben etwa 145.000deprivierte Personen miteinem Haushaltseinkommenüber der Armutsgefährdungsschwelle. Damitistknappdie Hälfte (45%) der mit Deprivation konfrontiertenHaushalte nicht armutsgefährdet.Es gibt zahlreiche Gründe, warum Deprivation ohneArmutsgefährdungmöglichist.DieanerkanntesteTheselautet, dass der Lebensstandard erst eingeschränktwird, wenn Ersparnisse aufgebraucht sind und damitDeprivationzeitverzögertin Erscheinung tritt(vgl. Gor-don et al. 2000). Sie kann nach einer längeren Phasemit geringem Einkommen auch fortdauern, bis durchhöheresEinkommenwiedergenügendReservenvorhan-den sind. Andererseits sind aber auch konzeptionelleAnnahmen des verwendeten Einkommenskonzeptsbeispielsweise bei der Festsetzung des Schwellen-werts für Armutsgefährdung zu berücksichtigen. Dieaktuelle Methode basiert auf dem Medianwert derEinkommensverteilung, wobei nur laufende Einkom-men, aber keine Vermögen berücksichtigt werden,ohne einen Bezug zu den Kosten der Lebensführungherzustellen. Diese relative Bezugsgröße istabhängigvondendurchdieÄquivalenzskala55implizitgetroffenenAnnahmen über die z.B. durch Kinder entstehendenMehrkosten. Die Einkommenssituation liefert daherein verzerrtes Bild, wenn entweder die Bedürfnissedurch die Festsetzung der Gefährdungsschwelle nichtausreichend berücksichtigt werden, oder Vorteile,die durch den Besitz von Vermögen oder durch nichtmonetäre Sozialleistungen entstehen, ausgeblendetwerden.BMASK/StatistikAustria(2011,S.80ff)konntenGrafik 12: Ausgewählte Deprivationsmerkmale bei armutsgefährdeten Personen0 10 20 30 40 50 60Erhebliche materielle Deprivation% können sich nicht leisten…Wohnung warm haltenRechnungen zahlen(Miete, Strom, Gas, Kredite etc.)Fleisch oder Fisch* essenAuto besitzenUnerwartete Ausgaben** tätigenAuf Urlaub fahren1791920235758226531816in anderen Haushaltenarmutsgefährdetin %Q: STATISTIK AUSTRIA, EU-SILC 2011.* oder eine vergleichbare vegetarische Speise** in Höhe von 950 Euro55 EU-Skala – siehe dazu im Detail Abschnitt 3.1.
  • 72. ERHEBLICHE MATERIELLE DEPRIVATION70beispielsweise zeigen, dass Personen auch in nichtarmutsgefährdeten Haushalten häufiger erheblichmateriell depriviert sind, wenn sie über kein oder nursehrniedrigesKapitaleinkommenbzw.keinWohnungs-eigentumverfügen, relativzum HaushaltseinkommenhoheKostenbelastungen(fürKinderbetreuung,Wohnen,Kreditrückzahlungen etc.) zu tragen haben oder sichin schlechtem Gesundheitszustand befinden.4.3 „Working Poor“ und erhebliche materielle DeprivationIm Folgenden sollen die in Kapitel 3.2 im Detailanalysierten „Working Poor“ hinsichtlich erheblichermaterieller Deprivation und deren Bestimmungsmerk-male dargestellt werden.Während insgesamt 4% der Bevölkerung erheblichmateriell depriviert sind, stellt sich die Situation fürdie Erwerbstätigen56wie folgt dar: Insgesamt waren2% erheblich materiell depriviert – diejenigen,die nicht armutsgefährdet waren, zu 1%, „WorkingPoor“ zu 13%. Verglichen mit den 17% insgesamtArmutsgefährdeten und gleichzeitig von erheb-licher materieller Deprivation Betroffenen sind dieErwerbstätigen also zwar etwas seltener gleichzeitigin diesen beiden Bereichen benachteiligt, abererhebliche materielle Deprivation ist dennoch fürinsgesamt 26.000 „Working Poor“ Teil ihrer Lebens-Übersicht 26: Erhebliche materielle Deprivation und deren Bestimmungsmerkmale für„Working Poor” und nicht armutsgefährdete Erwerbstätigeerwerbstätig und nichtarmutsgefährdet„Working Poor“in 1.000 Anteil in % in 1.000 Anteil in %Insgesamt 3.470 100 198 100Erhebliche materielle Deprivation 50 1 26 13Unerwartete Ausgaben nicht bezahlen können 564 16 101 51Nicht auf Urlaub fahren können 489 14 91 46Nicht regelmäßig Fleisch essen können* 139 4 29 15Zahlungsrückstände** 181 5 33 17Kein Auto leisten können 88 3 34 17Wohnung nicht warm halten können 41 1 17 9Kein Farbfernsehgerät leisten können (6) (0) (3) (2)Keine Waschmaschine leisten können (6) (0) (4) (2)Kein Telefon oder Handy leisten können (3) (0) - -Q: STATISTIK AUSTRIA, EU-SILC 2011.„Working Poor“: Personen zwischen 18 und 64 Jahren, die mehr als die Hälfte des Referenzjahres (2010) erwerbstätig waren und armuts-gefährdet sind.* Fleisch, Fisch oder vergleichbare vegetarische Speisen.** Zahlungsrückstände bei Miete, Gas, Strom oder Kreditkarten.Zahlen in Klammern beruhen auf geringen Fallzahlen: Sind in der Randverteilung weniger als 50 oder in der Zelle weniger als 20 Fälle vor-handen, wird geklammert. Zahlen, die auf Randverteilungen <20 beruhen, werden nicht ausgewiesen.56 Zwischen 18 und 64 Jahren und im vergangenen Jahr hauptsächlich, das heißt mehr als sechs Monate erwerbstätig.
  • 73. ERHEBLICHE MATERIELLE DEPRIVATION71realität. Zählt man deren Angehörige dazu, erhöhtsich die Zahl auf 53.000.Wie auch für die Bevölkerung insgesamt ist das Unver-mögen, unerwartete Ausgaben zu begleichen sowieauf Urlaub zu fahren, bei den „Working Poor“ – jeweilsrund die Hälfte ist betroffen – die am häufigstengenannte Einschränkung. Die übrigen Merkmale füreinen eingeschränkten Lebensstil zeigen für die ar-mutsgefährdeten Erwerbstätigen in etwa das gleicheMuster wie für die Armutsgefährdeten insgesamt,sind jedoch zumeist etwas seltener.
  • 74. 72
  • 75. PERSONEN IN HAUSHALTEN MIT KEINER ODER SEHR NIEDRIGER ERWERBSINTENSITÄT735. PERSONEN IN HAUSHALTEN MIT KEINER ODER SEHR NIEDRIGERERWERBSINTENSITÄTDie Relevanzvon Beschäftigung für die Armutsreduktionwurde bereitsin den Abschnitten 3.1 und3.2. ausführlichdargestellt. Wie gezeigt wurde, ist eine ausreichendeErwerbsintensität im Haushalt eines der wichtigstenMittel, um den Lebensstandard sicherzustellen. Esgenügt nicht, die Beschäftigungszahl insgesamt zuerhöhen. Denn obwohl sich die Beschäftigtenquoteder EU-15-Staaten zwischen 1998 und 2011 um rundfünf Prozentpunkte auf zuletzt 65,4% (für 15- bis64-Jährige) erhöht hat, ist gleichzeitig die Armuts-gefährdungsquote unverändert bei 16,5% geblieben.Um messbare Fortschritte bei der Eingliederung zuerzielen, müssen neben der Quantität der Beschäfti-gung auch deren Qualität und die in den Arbeitsmarktintegrierten bzw. noch nicht ausreichend integriertenGruppen berücksichtigt werden. Welche Folgen sichaus fehlender Erwerbsbeteiligung ergeben, hängtvon der Erwerbsbeteiligung der anderen Haushalts-mitglieder ab. In der prekärsten Position befindensich zweifellos jene arbeitsmarktfernen Personen,bei denen auch sonst niemand im Haushalt einerErwerbsarbeit nachgeht. In der Europa 2020-Stra-tegie haben die Staats- und RegierungschefInnendaher vereinbart, besonderes Augenmerk auf ar-beitsmarktferne Bevölkerungsgruppen zu legen unddie Zahl der Personen in Haushalten mit keiner odersehr niedriger Erwerbsintensität zu verringern. Auchim österreichischen Reformprogramm werden alswichtigste Maßnahme zur Erreichung des Ziels derArmutsreduktion spezifische Beschäftigungszielegenannt: die Erhöhung der Arbeitsmarktbeteiligungvon älteren ArbeitnehmerInnen, von Frauen, Jugend-lichen, Personen mit Migrationshintergrund und vonNiedrigqualifizierten sowie die Verbesserung derQualität der Arbeit (vgl. Europäische Kommission2011, S. 12).In Österreich ist die Quote der unter 60-Jährigen,die in Haushalten mit keiner oder sehr niedrigerErwerbsintensität leben, 2011 mit 8% (bzw. mit 95%Grafik 13: Keine oder sehr niedrige Erwerbsintensität in den EU-27-Staaten0510152025ZypernLuxemburgTschechienRumänienSchwedenPolenSlowenienSlowakeiÖsterreichPortugalMaltaNiederlandeFrankreichFinnlandEstlandItalienBulgarienDeutschlandDänemarkGroßbritannienGriechenlandUngarnSpanienLettlandLitauenBelgienIrland*Unter60-JährigeinHaushaltenmitkeinerodersehrniedrigerErwerbsintensitätin%derGesamtbevölkerungEU-27**Q: Eurostat 2012, EU-SILC 2010 und 2011. Datenbank zum Stand 11.01.2013, eigene Darstellung.* Aktuellste Zahlen stammen aus 2010.** Eurostat Schätzung.
  • 76. PERSONEN IN HAUSHALTEN MIT KEINER ODER SEHR NIEDRIGER ERWERBSINTENSITÄT74Vertrauenswahrscheinlichkeit zwischen 7% und 9%)vergleichsweise gering. Am niedrigsten ist sie in derSchweiz mit 4%. Die EU-Staaten mit der niedrigstenQuote von Personen in Haushalten ohne oder mitgeringer Erwerbstätigkeit sind Zypern (5%) und Lu-xemburg (6%). Am höchsten ist sie in Irland (23%).Bezogen auf den gesamten EU-27-Raum leben 201110% der unter 60-Jährigen, d.h. rund 38 Mio. Men-schen, in Haushalten mit keiner oder sehr niedrigerErwerbsintensität. Damiterreichtder EU-27-Durchschnittwieder den Wert von 2005, nachdem er sich bis 2009im Sinken befunden hatte.5.1 Zusammensetzung der ZielgruppeIn Österreich leben rund eine halbe Million Personen57unter 60 Jahren in einem Haushalt mit keiner odersehr geringer Erwerbsintensität. Damit ist die Größedieses Personenkreises seit 2006 nahezu unverändert,HAUSHALTE MIT KEINER ODER SEHR NIEDRIGER ERWERBSINTENSITÄT:Zum EU-Indikator zählen alle unter 60-jährigen Personen, die in Haushalten mit geringer Erwerbsintensität leben.Geringe Erwerbsintensität wird angenommen, wenn die 18- bis 59-jährigen Haushaltsmitglieder (ohne Studierende,inkl. PensionistInnen unter 59) zusammen maximal 20% des Vollzeit-Erwerbspotenzials ausschöpfen.Die Befragten geben für jeden Monat des vergangenen Kalenderjahres (für SILC 2011 also 2010) ihre jeweiligeHaupttätigkeit nach eigener Zuordnung an. Dabei kann es vorkommen, dass beispielsweise Studierende ihre Aus-bildung als Haupttätigkeit werten, obwohl sie gleichzeitig einer Erwerbstätigkeit nachgehen. Für die Berechnungder Erwerbsintensität werden unter 18-Jährige und Studierende unter 24 Jahren nicht berücksichtigt. Gezählt wird,wie viele Monate eine Person selbständig oder unselbständig erwerbstätig war. Diese Zahl wird für alle Personenim gemeinsamen Haushalt summiert.Monate, in denen nur eine Teilzeittätigkeit ausgeübt wurde, werden anteilig berücksichtigt. Ist die Person auch zumErhebungszeitpunkt erwerbstätig, dann wird dazu die aktuelle Zahl der Wochenstunden durch 40 dividiert und mitder Anzahl der Teilzeitmonate multipliziert. Für Personen, die zum Erhebungszeitpunkt nicht (mehr) erwerbstätigsind, ist die Zahl der Wochenstunden nicht verfügbar, und der Durchschnittswert fürTeilzeitbeschäftigte nach Alterund Geschlecht wird berücksichtigt.Das Erwerbspotenzial ergibt sich aus Multiplikation der Zahl der Personen im Alter zwischen 18 und 59 Jahren mit12. Die Erwerbsintensität ergibt sich durch Division der Erwerbsmonate durch das Erwerbspotenzial. Liegt dasErgebnis unter 0,2, dann gilt der Haushalt als (nahezu) erwerbslos (typischerweise bei weniger als drei Erwerbs-monaten). Zur Zielgruppe zählen dann alle in diesem Haushalt lebenden Haushaltsmitglieder unter 60 Jahren,also auch Kinder und Studierende.Berechnungsbeispiel für einen Haushalt mit drei Personen zwischen 18 und 59 Jahren: Person 1 war das gesamteJahr über Vollzeit erwerbstätig (= 12 Monate), Person 2 war 6 Monate Vollzeit erwerbstätig (= 6 Monate), und Per-son 3 war 2010 ganzjährig Teilzeit erwerbstätig, aktuell arbeitet sie 24 Wochenstunden (24/40*12=7,2 Monate).Das Erwerbspotenzial beträgt insgesamt 36 Monate (12*3), tatsächlich wurden insgesamt 25,2 Monate gearbeitet(12+6+7,2). Die Erwerbsintensität des Haushalts beträgt somit 0,7.57 Mit einer 95%-Vertrauenswahrscheinlichkeit zwischen 454.000 und 583.000 Personen.
  • 77. PERSONEN IN HAUSHALTEN MIT KEINER ODER SEHR NIEDRIGER ERWERBSINTENSITÄT75sieht man von einem Tiefststand im Jahr 2009 ab. Ver-glichen mit 2004 leben 2011 allerdings 92.000 mehrunter 60-Jährige in Haushalten mit keiner oder sehrniedriger Erwerbsintensität, anteilmäßig entsprichtdies einem Anstieg um 1,3 Prozentpunkte (vgl. hierzuauch Kapitel 2.3).Von den Personen in einem Haushalt mit keineroder sehr niedriger Erwerbsintensität sind 113.000unter 20 Jahre alt sowie 229.000 Frauen und 176.000Männer zwischen 20 und 59 Jahre alt (vgl. Übersicht27 und Grafik 14). Zusätzlich leben etwa 104.000Haushaltsangehörige über 59 Jahre in Haushaltenmit keiner oder sehr niedriger Erwerbsintensität, siewerden jedoch nicht zur Zielgruppe gezählt.20% der Zielgruppe, das sind 105.000 Menschen,haben eine nicht österreichische Staatsbürgerschaft.Damit hat dieser Personenkreis im Vergleich zu jenenPersonen mit österreichischerStaatsbürgerschaftzwarein erhöhtes Risiko, in einem Haushalt mit keiner odersehr niedriger Erwerbsintensität zu leben. Jedoch istder Anteil der Personen mit nicht österreichischerStaatsbürgerschaft an dieser Zielgruppe kleiner alsan den anderen beiden Zielgruppen, den Armuts-gefährdeten und den erheblich materiell Deprivierten.58Übersicht 27: Personen in Haushalten mit keiner oder sehr niedriger Erwerbsintensitätnach Alter, Geschlecht und Staatsbürgerschaftin Haushalten mit keiner oder sehr niedrigerErwerbsintensitätin anderen Haushaltenin 1.000 Anteil in % in 1.000 Anteil in %Insgesamt 519 100 5.932 100AlterBis 19 Jahre 113 22 1.663 2820-39 Jahre 137 26 1.928 3240-59 Jahre 269 52 2.342 39Männer (ab 20 Jahre)Zusammen 176 34 2.154 3620-39 Jahre 68 13 961 1640-59 Jahre 109 21 1.194 20Frauen (ab 20 Jahre)Zusammen 229 44 2.115 3620-39 Jahre 70 13 967 1640-59 Jahre 160 31 1.148 19StaatsbürgerschaftÖsterreich 414 80 5.193 88darunter eingebürgert (Nicht EU/EFTA) 26 5 219 4Nicht Österreich 105 20 739 12davon EU/EFTA 18 3 301 5davon sonstiges Ausland 87 17 437 7Q: STATISTIK AUSTRIA, EU-SILC 2011.58 Dies zeigt sich sehr anschaulich in den Odds-Ratios: Das Risiko, armutsgefährdet (bzw. erheblich materiell depriviert) zu sein, ist unterPersonen mit nicht österreichischer Staatsbürgerschaft 3,4 (bzw. 4) mal so hoch wie unter Personen mit österreichischer Staatsbürger-schaft. Demgegenüber ist das Risiko, in einem Haushalt mit keiner oder sehr niedriger Erwerbsintensität zu leben, unter Personen mitnicht österreichischer Staatsbürgerschaft „nur“ 2,2 mal so hoch wie unter Personen mit österreichischer Staatsbürgerschaft.
  • 78. PERSONEN IN HAUSHALTEN MIT KEINER ODER SEHR NIEDRIGER ERWERBSINTENSITÄT76Dieser Befund liefert einen Hinweis darauf, dass Per-sonen mit nicht österreichischer Staatsbürgerschaftbei gleicher Erwerbsintensität stärker von niedrigenLebensstandards betroffen sind als Personen mitösterreichischer Staatsbürgerschaft.Nach Alter fällt auf, dass rund die Hälfte der Zielgruppeim Alter zwischen 40 und 59 Jahre ist. Grafik 14 stelltdie Quote von Personen in Haushalten mit keiner odersehr geringer Erwerbsintensität nach verschiedenenAltersgruppen dar. Dabei wird zweierlei deutlich: Ers-tens sinkt mit dem Alter die Quote derjenigen, die inHaushalten mit keiner oder sehr niedriger Erwerbsin-tensität leben, für Personen im Alter zwischen 50 und59 Jahren ist sie jedoch stark erhöht. 17% der 50- bis59-Jährigen leben in Haushalten mit keiner oder sehrniedriger Erwerbsintensität. Dies ist hauptsächlichdurch die bereits hohe Zahl der PensionistInnen indieser Altersgruppe zu erklären.59Würde man denIndikator nur anhand der Erwerbsbeteiligung der 18-bis 49-Jährigen berechnen, läge er statt bei 8% beirund 6%. Zweitens gibt es einen Geschlechterunter-schied, der insbesondere in dieser Altersgruppe der50- bis 59-Jährigen sehr deutlich ausfällt. Während13% der 50- bis 59-jährigen Männer in Haushalten mitkeiner oder sehr niedriger Erwerbsintensität leben,befinden sich 21% der 50- bis 59-jährigen Frauen inderartigen Haushalten. Interessanterweise bestehtder Geschlechterunterschied auch weiterhin, wennder Pensionsbezug berücksichtigt wird.60Die Festlegung des Indikators auf die Erwerbs-beteiligung der 18- bis unter 60-Jährigen stehtder Tatsache eines faktisch niedrigeren Pensions-antrittsalters in Österreich gegenüber. Dieses lag2011 durchschnittlich bei 59,2 Jahren für Männerund bei 57,3 Jahren für Frauen, was vor allem aufGrafik 14: Personen in Haushalten mit keiner oder sehr niedriger Erwerbsintensität nachAltersgruppen und Geschlecht024681012141618202224<= 19 20 - 29 30 - 39 40 - 49 50 - 59GesamtFrauenMännerPersoneninHaushaltenmitkeinerodersehrniedrigerErwerbsintensität(in%)Alter in JahresgruppenQ: Eurostat, EU-SILC 2010 und 2011.59 Von den Personen in einem Haushalt mit keiner oder niedriger Erwerbsintensität, die zwischen 50 und 59 Jahre alt sind, geben 43% alsHauptaktivität Pension an – davon sind etwa zwei Drittel Frauen.60 Von den Frauen im Alter zwischen 50 und 59 Jahren, deren Hauptaktivität im Referenzjahr 2010 Pension war, leben 69% in Haushaltenmit keiner oder sehr niedriger Erwerbsintensität. Demgegenüber stehen 45% der Männer in diesem Alter mit Hauptaktivität Pension, diein derartigen Haushalten leben.
  • 79. PERSONEN IN HAUSHALTEN MIT KEINER ODER SEHR NIEDRIGER ERWERBSINTENSITÄT77die niedrigen durchschnittlichen Antrittsalter beiden Invaliditätspensionen – rund 23% aller 2011neu zuerkannten Pensionen fielen in diese Kate-gorie – zurückzuführen ist, die bei 53,7 Jahren fürMänner bzw. 50,1 Jahren für Frauen liegen (vgl.BMASK 2012, S. 89). Daher ist die Aussagekraft desIndikators „keine oder niedrige Erwerbsintensität“in Österreich für diese Altersgruppe eingeschränkt.Vor dem Hintergrund der Bestrebungen zur Hebungdes effektiven Pensionsantrittsalters, dürfte er aberin den nächsten Jahren zunehmende Relevanz auchfür ältere Erwerbstätige erlangen.Der Zusammenhang von niedriger individueller Er-werbstätigkeit und mangelnder Erwerbsbeteiligungdes Haushalts wird in Übersicht 28 deutlich. Von den18- bis 59-Jährigen in Haushalten mit keiner odersehr niedriger Erwerbsintensität waren im Lauf desReferenzjahres 2010 143.000 Personen für mindestenssechs Monate arbeitslos und 233.000 in Pensionoder nicht erwerbsaktiv. Lediglich 41.000 Personenwaren zumindest teilzeitbeschäftigt.Übersicht 29 zeigt weitere Strukturmerkmale für Per-sonen in Haushalten mit keiner oder sehr niedrigerErwerbsintensität. Regional ist der Personenkreismit einem Anteil von 42% überwiegend auf Wienkonzentriert. Wenngleich ein Drittel in Gemeindenmit weniger als 10.000 Einwohnern wohnt, ist dasRisiko keiner oder sehr niedriger Erwerbsintensitätdort wesentlich geringer. Dass Erwerbslosigkeit vorallem im späten Erwerbsalter (50- bis 59-Jährige) imZusammenhang mit frühzeitiger Pensionierung auftritt,zeigt sich auch in der Haushaltszusammensetzung:Bei 60% der Betroffenen leben keine Kinder (mehr)im Haushalt. Knapp die Hälfte davon lebt allein.Definitionsgemäß stammt das Haushaltseinkommendieser Personen nur in den seltensten Fällen ausErwerbstätigkeit. Folglich leben knapp 90% haupt-sächlich von Sozialleistungen oder Pensionen. Dabeispielt auch das Einkommen der nicht zur Zielgruppegerechneten Haushaltsangehörigen über 59 Jahreneine wichtige Rolle.Die Einkommensverteilung in Grafik 15 zeigt, dassPersonen in Haushalten mit keiner oder sehr niedrigerErwerbsintensität in der Regel nur einen sehr einge-schränktenLebensstandardhaben.Dezilgruppenteilendie nach ihrem standardisierten Haushaltseinkommengereihte Gesamtbevölkerung in zehn gleich großeGruppen. Die unterste Dezilgruppe mitdem niedrigstenLebensstandard umfasst in der Gesamtbevölkerunggenau 10%. In Haushalten mit keiner oder sehr nied-riger Erwerbsintensität fällt dagegen fast die Hälfte(47%) der unter 60-Jährigen in diese Gruppe.Übersicht 28: Hauptaktivität der 18- bis 59-Jährigen nach Erwerbsintensität des Haushaltsin Haushalten mit keiner oder sehr niedrigerErwerbsintensitätin anderen Haushaltenin 1.000 Anteil in % in 1.000 Anteil in %18- bis 59-Jährige insgesamt 417 100 4.509 100Hauptaktivität im Referenzjahr 2010*Erwerbstätig 41 10 3.777 84Arbeitslos 143 34 203 4Pension 108 26 72 2Sonstige 125 30 457 10Q: STATISTIK AUSTRIA, EU-SILC 2011.* Erwerbstätig ist, wer mindestens einen Monat hauptsächlich in Beschäftigung und höchstens fünf Monate hauptsächlich arbeitslos war.Die Gruppe der Arbeitslosen enthält keine Erwerbstätigen, ebenso sind bei Personen in Pension weder Arbeitslose noch Erwerbstätigeenthalten.
  • 80. PERSONEN IN HAUSHALTEN MIT KEINER ODER SEHR NIEDRIGER ERWERBSINTENSITÄT78Übersicht 29: Ausgewählte Haushaltsmerkmale der unter 60-Jährigen nach Erwerbs-intensitätin Haushalten mit keiner oder sehr niedrigerErwerbsintensitätin anderen Haushaltenin 1.000 Anteil in % in 1.000 Anteil in %Insgesamt 519 100 5.932 100GemeindegrößenklassenWien 219 42 1.120 19Andere Gemeinden > 100.000 Einw. 36 7 528 9Gemeinden >10.000 und <=100.000 Einw. 83 16 920 16Gemeinden <=10.000 181 35 3.365 57HaushaltstypAlleinlebende Männer 74 14 327 6Alleinlebende Frauen 75 15 260 4Mehrpersonenhaushalt ohne Kinder 157 30 1.688 28Ein-Eltern-Haushalt 52 10 216 4Mehrpersonenhaushalt + 1 Kind 47 9 1.370 23Mehrpersonenhaushalt + 2 Kinder 40 8 1.429 24Mehrpersonenhaushalt + mind. 3 Kinder 74 14 642 11HaupteinkommensquelleUnselbständige Arbeit 32 6 4.797 81Selbständige Arbeit 13 2 609 10Sozialleistungen 350 68 300 5Pensionen 97 19 156 3Private Einkommen 26 5 70 1Q: STATISTIK AUSTRIA, EU-SILC 2011.Grafik 15: Verteilung der unter 60-Jährigen in Haushalten mit keiner oder sehr niedrigerErwerbsintensität auf Dezilgruppen des äquivalisierten NettohaushaltseinkommensEinkommensgruppederGesamtbevölkerung% der Personen in Haushalten mit keiner oder sehr niedriger Erwerbsintensität0 5 10 15 20 25 30 35 40 45 50höchsteDezilgruppe98765432niedrigsteDezilgruppe123327981847(1)(2)Q: STATISITK AUSTRIA, EU-SILC 2011.Zahlen in Klammern beruhen auf einer Fallzahl von weniger als 20 und sind daher nur eingeschränkt interpretierbar.
  • 81. PERSONEN IN HAUSHALTEN MIT KEINER ODER SEHR NIEDRIGER ERWERBSINTENSITÄT795.2 Niedrige Erwerbsintensität und ArmutsgefährdungDie Armutsgefährdung von Personen in Haushaltenmit keiner oder sehr niedriger Erwerbsintensität hängtbeinahe ausschließlich von der Höhe der erhaltenenSozialleistungen ab:61Während ohneSozialleistungenin dieser Gruppe 96% armutsgefährdet wären, sindes mitSozialleistungen deutlich weniger, wenngleichimmer noch mehr als die Hälfte (54%). Im Vergleichzu anderen Haushalten, die nach Sozialleistungenzu 8% armutsgefährdet sind, zeigt sich für Perso-nen in Haushalten mit keiner oder sehr niedrigerErwerbsintensität letztlich dennoch ein deutlichhöheres Armutsrisiko.Der jeweilige Wirkungsgrad von Maßnahmen zur Ver-ringerung der Zahl der Ausgrenzungsgefährdeten hängtvom Zusammenhang zwischen Armutsgefährdung undErwerbslosigkeit ab. Würden beispielsweise die Sozi-alleistungen für die 282.000 Personen in Haushaltenmit keiner oder sehr niedriger Erwerbsintensität aufdas Niveau der Armutsgefährdungsschwelle ange-glichen, wäre damit die Armutsgefährdungsquoteum rund ein Viertel gesenkt. Sofern dabei aber keineAktivierung auf dem Arbeitsmarkt erfolgt, trägt diesnicht zur Verringerung des insgesamt zur Zielgruppezählenden Personenkreises bei.5.3 Spezifische Entstehungszusammenhänge niedriger ErwerbsintensitätBezogen auf die rund 6,5 Mio. Menschen im Altervon weniger als 60 Jahren beträgt die Risikoquote,in einem Haushalt mit keiner oder sehr niedrigerErwerbsintensität zu leben, für Personen in dieserAltersgruppe 8%. Dieser Wert ist für die mitbetrof-fenen Kinder und Erwachsene annähernd gleich. ImGegensatz zur Armutsgefährdung, wo das Einkommenauf die Haushaltsgröße bezogen wird, fließt die Zahlder Personen im Haushalt nicht in die Definition die-ses Indikators ein. Trotzdem können beispielsweisedie Zahl der Kinder und damit zusammenhängendeBetreuungspflichten indirekt eine zentrale Rolle fürdie Erwerbsintensität spielen. Um die spezifischenEntstehungszusammenhänge bei Erwachsenen bessersichtbar zu machen, werden in Übersicht 30 Risiko-quoten für die Altersgruppe der 18- bis 59-Jährigendargestellt.Hinsichtlich des Haushaltstypszeigt sich ein ähnlichesBild wie schon bei der Armutsgefährdung und Depri-vation: Alleinlebende und Alleinerziehende habenein überdurchschnittlich hohes Risiko, in Haushaltenmit keiner oder sehr niedriger Erwerbsintensität zuleben; dieses Risiko ist bei alleinlebenden Frauen,von denen knapp ein Viertel in solchen Haushaltenwohnt, am höchsten. Auffällig ist, dass der Zusam-menhang hinsichtlich der Kinderzahl von Mehrperso-nenhaushalten nicht mehr so linear ausfällt wie beiden anderen beiden Zielgruppen. Zwar haben auchhier Mehrpersonenhaushalte mit einem Kind einesehr geringe Risikoquote; dasselbe gilt aber auch fürMehrpersonenhaushalte mit zwei Kindern und auchfür Mehrpersonenhaushalte mit mindestens dreiKindern ist das Risiko, in einem Haushalt mit keineroder niedriger Erwerbsintensität zu leben, immerhinnicht überdurchschnittlich hoch. Es konnte jedoch inKapitel 3.2 gezeigt werden, dass die Erwerbsintensitätin Haushalten mit drei und mehr Kindern vor allemaufgrund der Teilzeiterwerbstätigkeit der Frauen sehrwohl eingeschränkt ist. Es liegt daher an der sehr61 Siehe Statistik Austria (2012b, Tab. 5.1b).
  • 82. PERSONEN IN HAUSHALTEN MIT KEINER ODER SEHR NIEDRIGER ERWERBSINTENSITÄT80geringen Grenze von 20% der Erwerbsintensität, dassbei diesem Indikator nicht mehr Personen diesesHaushaltstyps darunterfallen.Die Grundlage für die spätere Erwerbslosigkeit wirdin vielen Fällen bereits mit dem frühzeitigen Endeeiner Bildungskarriere gelegt. Bei Personen, derenhöchste abgeschlossene Schulbildung ein Pflicht-schulabschluss ist, erreicht die Risikoquote mit 17%einen etwa viermal so hohen Wert wie bei Personenmit Hochschulabschluss (4%). Über den formalenBildungsabschluss hinaus wird Erwerbslosigkeit vonder beruflichen Qualifikation und Erfahrung bestimmt.Wer im letzten Beruf HilfsarbeiterIn (22%) oder nochnie erwerbstätig war (17%), hat ein mindestens vier-mal höheres Risiko, in einem Haushalt mit keineroder sehr niedriger Erwerbsintensität zu leben, alsjemand, der als Angestellter (4%) tätig war.Des Weiteren ist ein außerordentlich starkausgepräg-ter Zusammenhang mit dem Gesundheitszustand zuerkennen. Wer einen sehr schlechten Gesundheitszu-stand hat, trägt ein mehr als zehnmal höheres Risiko,in einem Haushalt mit keiner oder sehr niedrigerErwerbsintensität zu leben, wie jemand mit sehrgutem Gesundheitszustand.Übersicht 30: Risiko von 18- bis 59-Jäh-rigen, in einem Haushalt mit keiner odersehr niedriger Erwerbsintensität zu lebenIn Haushalten mit keineroder sehr niedrigerErwerbsintensitätin 1.000 Quote in %Insgesamt 417 8HaushaltstypAlleinlebende Männer 74 19Alleinlebende Frauen 75 23Mehrpersonenhaushalt ohne Kinder 156 9Ein-Eltern-Haushalt 21 15Mehrpersonenhaushalt + 1 Kind 34 3Mehrpersonenhaushalt + 2 Kinder 27 3Mehrpersonenhaushalt + mind.3 Kinder29 9Derzeitige Hauptaktivität 2011Erwerbstätig 42 1Ausbildung 44 13PensionistIn 114 52Haushalt 45 20Arbeitslos 123 36Aus gesundheitlichen Gründen nichterwerbstätig34 64Aus anderen Gründen nicht erwerbs-tätig16 8Letzte berufliche FunktionNie erwerbstätig 60 17HilfsarbeiterInnen 79 22FacharbeiterInnen 96 9Angestellte 116 6Vertragsbedienstete 11 4BeamtInnen 17 6Selbständig* 36 7Allgemeiner GesundheitszustandSehr gut 83 4Gut 103 5Mittelmäßig 120 15Schlecht 82 37Sehr schlecht 28 50Q: STATISTIK AUSTRIA, EU-SILC 2011.* Selbständig inkludiert hier freie DienstnehmerInnen und land-wirtschaftlich Tätige.Lesebeispiel: Von allen 18- bis 59-jährigen alleinlebenden Män-nern in österreichischen Privathaushalten leben 19% in einemHaushalt mit keiner oder sehr niedriger Erwerbsintensität.
  • 83. ÜBERSCHNEIDUNGEN IN DEN PROBLEMBEREICHEN SOZIALER ARMUTS- ODER AUSGRENZUNGSGEFÄHRDUNG816. ÜBERSCHNEIDUNGEN IN DEN PROBLEMBEREICHEN SOZIALERARMUTS- ODER AUSGRENZUNGSGEFÄHRDUNGInnerhalb derSozialzielgruppe „Armuts- oder Ausgren-zungsgefährdete“ gibt es Personen, die gleichzeitigvon mindestens zwei der drei Problembereiche – Ar-mutsgefährdung, erhebliche materielle Deprivationund keine/ sehr niedrige Erwerbsintensität – betrof-fen sind. Da sich diese Ausgrenzungsgefährdeten inmultiplen Gefährdungslagen befinden, werden sieim Folgenden als Mehrfach-Ausgrenzungsgefährdetebezeichnet. Wie in Kapitel 2.3.1 deutlich wurde, istdie Gruppe der Mehrfach-Ausgrenzungsgefährdetenim Vergleich zu 2004 starkerhöht, sodass sich heute388.000 Personen in mindestens zwei Problemberei-chen sozialer Armuts- oder Ausgrenzungsgefährdungbefinden. Das entspricht einem Anteil von rund 5%der österreichischen Gesamtbevölkerung bzw. 28%der Armuts- oder Ausgrenzungsgefährdeten. Auchim Vergleich zum Vorjahr 2010 ist kein Rückgang dermultiplen Ausgrenzungsgefährdung zu beobachten.Daher soll die Gruppe der Mehrfach-Ausgrenzungsge-fährdeten in diesem Abschnitt in den Fokus gerücktund ihr Lebensstandard im Detail beschrieben werden.Nahezu die Hälfte aller Mehrfach-Ausgrenzungsgefähr-deten – 181.000 Personen bzw. 2,2% der Gesamtbe-völkerung – leben in einem Haushalt, der gleichzeitigvon Armutsgefährdung und keiner oder sehr niedrigerErwerbsintensität betroffen ist. Die zweitgrößte Über-schneidungsgruppe sind Personen, die von allen dreiProblembereichen betroffen sindundderen Lage daherals besonders prekär zu bezeichnen ist: Auch hierhandelt es sich um Menschen in Haushalten, die vonArmutsgefährdung undvon keiner oder sehr niedrigerErwerbsintensität betroffen sind; hinzu kommt, dasssie erheblich materiell depriviert sind, d.h. in ihremLebensstandard aufgrund finanzieller Schwierigkei-ten stark eingeschränkt sind. Die Gleichzeitigkeitvon Armutsgefährdung und erheblicher materiellerDeprivation (ohne mangelnde Erwerbseinbindungdes Haushalts) tritt vergleichsweise etwas seltenerauf und betrifft 80.000 Menschen in Österreich.62Deutlich seltener tritt keine oder sehr niedrige Er-werbsintensitätgemeinsam miterheblicher materiellerDeprivation ohne gleichzeitige Armutsgefährdungauf: 26.000 Personen in Österreich befinden sich ineiner solchen Lage.Grafik 16: Teilgruppen der Mehrfach-Aus-grenzungsgefährdetenADE26%100.000ED7%26.000AD20%80.000AE47%181.000Q: STATISTIK AUSTRIA, EU-SILC 2011.Mehrfach-Ausgrenzungsgefährdete: Ausgrenzungsgefährdete Per-sonen, die gleichzeitig von mindestens zwei der drei Problemberei-che „Armutsgefährdung“, „erhebliche materielle Deprivation“ und„keine/ sehr niedrige Erwerbsintensität“ betroffen sind.AE = Armutsgefährdet (A) und in einem Haushalt mit keiner/sehrniedriger Erwerbsintensität (E) lebend; AD = Armutsgefährdet underheblich materiell depriviert (D); ED = Erheblich materiell depri-viert und in einem Haushalt mit keiner/sehr niedriger Erwerbsinten-sität lebend; ADE = Von allen drei Ausgrenzungsgefährdungslagenbetroffen.62 Zu beachten ist jedoch, dass der Indikator „keine oder sehr niedrige Erwerbsintensität“ nur für Personen unter 60 Jahren definiert ist.
  • 84. ÜBERSCHNEIDUNGEN IN DEN PROBLEMBEREICHEN SOZIALER ARMUTS- ODER AUSGRENZUNGSGEFÄHRDUNG826.1 Lebensstandard der Mehrfach-AusgrenzungsgefährdetenGrafik17 zeigt den Lebensstandard der Mehrfach-Aus-grenzungsgefährdeten entlang ausgewählter nationalerEingliederungsindikatoren imVergleich zu den Einfach-und Nicht-Ausgrenzungsgefährdeten. Es zeigt sich,dass Personen in multipler Ausgrenzungsgefährdungdurchwegs höhere Betroffenheitsquoten aufweisenals jener Personenkreis, der von ausschließlich einemProblembereich betroffen ist. Im Vergleich zu demnicht ausgrenzungsgefährdeten Teil der Bevölkerungist die Betroffenheit von prekären Lebensstandardswesentlich – bis zu sieben Mal – höher. Die Gruppeder Mehrfach-Ausgrenzungsgefährdeten ist somit imVergleich zur Restbevölkerung in ihrem Lebensstan-dard derart häufig von Einschränkungen betroffen,dass anzunehmen ist, dass sie auch in ihrer sozialenTeilhabe bereits stark eingeschränkt ist.Das äquivalisierte Haushaltseinkommen der Mehr-fach-Ausgrenzungsgefährdeten beträgt im Median9.705 Euro im Jahr. Ihre Armutsgefährdungslückeliegt somit bei 26%, während sie bei den Einfach-Ausgrenzungsgefährdeten bei 17% liegt. Zieht maneinen anderen Schwellenwert als Grenze für einenakzeptablen Lebensstandard heran, so bietet sichals politisch definierte Grenze etwa die Bedarfso-rientierte Mindestsicherung an (siehe Kapitel 3.1).Sie definiert für einen Ein-Personenhaushalt dasMindesteinkommen mit 9.035 Euro jährlich. 43% derMehrfach-Ausgrenzungsgefährdeten müssen jedochihren Lebensunterhalt mit weniger bestreiten. Dies istmit ein Grund, weshalb sich 70% der von multiplerAusgrenzungsgefährdung Betroffenen mindestenszwei Grundbedürfnisse für einen angemessenen Le-bensstandard in Österreich nicht leisten können, wiees der nationale Indikator „Finanzielle Deprivation“63zum Ausdruckbringt. Im Durchschnitt fehlt es diesenPersonen an drei Grundbedürfnissen; fast alle sindfinanziell nicht in der Lage, unerwartete Ausgabenin Höhe von 950 Euro zu tätigen (95%), viele könnenes sich nicht leisten, einmal im Monat Freunde oderVerwandte zum Essen einzuladen (69%) und jedenzweiten Tag Fleisch, Fisch oder eine vergleichbarevegetarische Speise zu essen (62%) oder sich beiBedarf neue Kleider zu kaufen (58%).Anhand des nationalen Indikators „Mehrfache ge-sundheitliche Einschränkungen“64wird zudem derenge Zusammenhang von Gesundheit und (multipler)Ausgrenzungsgefährdung deutlich: Während 7% derNicht-Ausgrenzungsgefährdeten ab 16 Jahren und 15%der Einfach-Ausgrenzungsgefährdeten gesundheitlichbeeinträchtigt sind, trifft dies auf 23% der Mehrfach-Ausgrenzungsgefährdeten zu. Damit trifft bei ca.jeder vierten von multipler Ausgrenzung betroffenenPerson eine gesundheitliche Beeinträchtigung inmindestens zwei der drei Merkmale „sehr schlechterallgemeiner Gesundheitszustand in der subjektivenEinschätzung“, „chronische Krankheit“, „starke Ein-schränkung bei der Verrichtung alltäglicher Arbeitendurch eine gesundheitliche Beeinträchtigung seitmindestens einem halben Jahr“ zu. Es bleibt jedochungeklärt, in welchem Ausmaß die gesundheitlichenEinschränkungen zu Ausgrenzungsgefährdung oderumgekehrt der niedrige Lebensstandard zu gesund-heitlichen Problemen führen.Der Lebensstandard wird letztlich auch durch dieWohnqualität und die Wohnumgebung bestimmt.Benachteiligungen hierin werden in den Indikatoren„PrekäreWohnqualität“ und„Belastung der Wohnum-63 Zur Definition und einer Analyse der zeitlichen Entwicklung des Indikators „Finanzielle Deprivation“ für die Gesamtbevölkerung sieheKapitel 8.1.64 Zur Definition und einer Analyse der zeitlichen Entwicklung des Indikators „Mehrfache gesundheitliche Einschränkungen“ für die Ge-samtbevölkerung siehe Kapitel 8.5.
  • 85. ÜBERSCHNEIDUNGEN IN DEN PROBLEMBEREICHEN SOZIALER ARMUTS- ODER AUSGRENZUNGSGEFÄHRDUNG83gebung“deutlich.65WenngleichauchhierdieMehrfach-Ausgrenzungsgefährdeten eine höhere Betroffenheitzeigen alsdie beidenVergleichsgruppen, istder AnteilanBetroffenenaufniedrigeremNiveau.DieWohnqualitätist für 10% der Mehrfach-Ausgrenzungsgefährdetenalsprekär einzustufen, und20% erfahren mindestenszwei Belastungen wie Lärm, Umweltverschmutzungoder Kriminalität in ihrer Wohnumgebung.6.2 Risikofaktoren für mehrfache AusgrenzungsgefährdungObwohl die Haushaltseinkommen der Mehrfach-Ausgrenzungsgefährdeten fast immer (93%) unterder Armutsgefährdungsschwelle liegen, haben ar-mutsgefährdete Personen im Vergleich zu erheblichmateriell Deprivierten und Personen in Haushaltenmit keiner oder sehr niedriger Erwerbsintensität dasgeringste Risiko, in mehrfache Benachteiligung zugeraten: 34% der Armutsgefährdeten befinden sichGrafik 17: Lebensstandard der Mehrfach-Ausgrenzungsgefährdeten im VergleichPrekäre WohnqualtitätNicht-AusgrenzungsgefährdetEinfach-AusgrenzungsgefährdetMehrfach-AusgrenzungsgefährdetFinanzielle DeprivationBelastung durch Wohnumgebung Mehrfache gesundheitliche Einschränkungen*Haushaltseinkommen unter derMindestsicherung70%80%60%50%40%30%20%10%0%Q: STATISITK AUSTRIA, EU-SILC 2011.Anteil Betroffenheit in Prozent der jeweiligen Ausgrenzungsgefährdungsgruppen.Einfach-Ausgrenzungsgefährdete: Ausschließlich von einem der drei Problembereiche „Armutsgefährdung“, „erhebliche materielle Depriva-tion“ und „keine/ sehr niedrige Erwerbsintensität“ betroffen; Mehrfach-Ausgrenzungsgefährdete: Von mindestens zwei der drei Problembe-reiche betroffen; Definitionen der jeweiligen Indikatoren des Lebensstandards siehe Kapitel 8.* Nur Personen ab 16 Jahren.Lesebeispiel: 70% aller mehrfach ausgrenzungsgefährdeten Personen sind von finanzieller Deprivation betroffen, während 9% der Nicht-Aus-grenzungsgefährdeten von finanzieller Deprivation betroffen sind.65 Zur Definition und einer Analyse der zeitlichen Entwicklung der nationalen Indikatoren zum Thema Wohnen für die Gesamtbevölkerungsiehe Kapitel 8.3.
  • 86. ÜBERSCHNEIDUNGEN IN DEN PROBLEMBEREICHEN SOZIALER ARMUTS- ODER AUSGRENZUNGSGEFÄHRDUNG84in multipler Ausgrenzungsgefährdung, währenddies bei rund 64% bzw. 60% der beiden anderenZielgruppen der Fall ist. Dies weist darauf hin, dassein Haushaltseinkommen unter der Armutsgefähr-dungsschwelle nicht unmittelbar zu einer prekärenLebenslage mit multiplen Problemlagen führt, und esstellt sich die Frage, welche Faktoren zusätzlich zurArmutsgefährdung das Risiko erhöhen.Anhand der in Übersicht 31 abgebildeten Quotewird das Risiko der verschiedenen soziodemogra-phischen Untergruppen deutlich, in mehrfacheAusgrenzungsgefährdung zu geraten. Hierbei zeigtsich zwischen Männern und Frauen kein Unterschied.Eine statistisch gesicherte Aussage für das Mehrfach-Ausgrenzungsgefährdungsrisiko nach Altersgruppenzu treffen, ist aufgrund der geringen Fallzahlen derüber 64-Jährigen erschwert. Die Befunde deuten aberdarauf hin, dass Personen im Alter von 65 und mehrJahren eher seltener von multipler Ausgrenzungs-gefährdung betroffen sind als Jüngere. Dabei ist zuberücksichtigen, dass über 60-jährige Personen perDefinition eine geringere Wahrscheinlichkeitaufweisen,in Ausgrenzungsgefährdung zu geraten, da für sie derIndikator “keine/ sehr niedrige Erwerbsintensität”nicht berechnet wird.Nach Haushaltstyp zeigt sich, dass alleinlebendeMenschen, Ein-Eltern-Haushalte und Mehrpersonen-haushalte mit mindestens drei Kindern ein deutlichhöheres Mehrfach-Ausgrenzungsgefährdungsrisikohaben als andere Haushaltsformen. Mit einer Quotevon 16% sind Ein-Eltern-Haushalte am stärksten vonmultipler Ausgrenzung gefährdet.Personen, die maximalüber einen Pflichtschulabschlussverfügen, sind eher mehrfach ausgrenzungsgefähr-det als Personen mit höheren Bildungsabschlüssen.Auch nach Staatsbürgerschaft zeigen sich deutlicheUnterschiede: Personen mit nicht österreichischerStaatsbürgerschaft haben ein drei Mal so hohes Ri-siko (12%), in multiple Ausgrenzungsgefährdung zugeraten, als österreichische StaatsbürgerInnen (4%).Übersicht 31: Mehrfach-Ausgrenzungs-gefährdete nach soziodemographischenMerkmalenMehrfach-Ausgren-zungsgefährdetin1.000Anteilin %Quotein %Insgesamt 388 100 5Männer ab 20 JahrenZusammen 128 33 420-39 Jahre 52 13 540-64 Jahre 72 19 565 Jahre und älter (5) (1) (1)Frauen ab 20 JahrenZusammen 151 39 420-39 Jahre 57 15 540-64 Jahre 87 22 665 Jahre und älter (8) (2) (1)HaushaltstypAlleinlebende Männer 65 17 12Alleinlebende Frauen 68 18 9Mehrpersonenhaushalt ohne Kinder 71 18 2Ein-Eltern-Haushalt 44 11 16Mehrpersonenhaushalt + 1 Kind 19 5 1Mehrpersonenhaushalt + 2 Kinder 35 9 2Mehrpersonenhaushalt + mind.3 Kinder84 22 12Höchster BildungsabschlussMax. Pflichtschule 134 34 8Lehre/mittlere Schule 108 28 3Matura 49 13 4Universität 13 3 2StaatsbürgerschaftÖsterreich 273 70 4Nicht Österreich 115 30 12Q: STATISITK AUSTRIA, EU-SILC 2011.Zahlen in Klammern beruhen auf geringen Fallzahlen. Sind in derRandverteilung weniger als 50 oder in der Zelle weniger als 20Fälle vorhanden, wird geklammert.
  • 87. UMVERTEILUNGSWIRKUNG DER SOZIALLEISTUNGEN857. UMVERTEILUNGSWIRKUNG DER SOZIALLEISTUNGENDas folgende Kapitel untersucht die Wirkung vonSozialleistungen auf die Haushaltseinkommen undstellt dar, wie die Armutsgefährdung von Sozial-leistungen beeinflusst wird. Geldleistungen der öf-fentlichen Hand können bewusst zur Armutsreduktioneingesetzt werden, wie etwa Mindestsicherung oderAusgleichszulage, oder sie stellen Ersatzleistungendar (Pensionen, Arbeitslosenleistungen etc.), dieindirekt das Armutsrisiko senken. Zum Teil könnendurch Sozialleistungen zudem hohe Kosten ausge-glichen werden, die mit bestimmten Lebenssitua-tionen einhergehen, wie etwa Ausgaben für Kinderoder der Aufwand für Versorgung bei Krankheit oderBehinderung. Für Haushalte mit niedrigem Haushalts-einkommen stellen Sozialleistungen einen wichtigenEinkommensbestandteil dar. Auch wenn der Lebens-standard gemessen am Haushaltseinkommen trotzder Sozialleistungen oft unterdurchschnittlich bleibt,bewahren diese eine große Bevölkerungsgruppe voreinem noch stärkeren Absinken ihres Lebensstan-dards. Auch Sachleistungen desSozialsystems tragenzur Versorgung mit Gütern und Dienstleistungenbei. In Österreich machen Sachleistungen 26% derAusgaben der öffentlichen Hand für Sozialschutzaus.66Diese Leistungen werden in den folgendenAnalysen nicht berücksichtigt.7.1 Anteil der Sozialleistungen und Pensionen am HaushaltseinkommenSozialleistungen machen 17% des verfügbarenHaushaltseinkommens67der Privathaushalte inÖsterreich aus (Übersicht 32). Pensionen bildenim Durchschnitt 19% des Haushaltseinkommens,sodass insgesamt 36% des verfügbaren Haushalts-einkommens aus Leistungen der öffentlichen Handstammen. Laut EU-SILC 2011 machen die Pensionenin Summe 35,0 Mrd. Euro des Nettoeinkommensder privaten Haushalte aus, Sozialleistungen 17,4Mrd. Euro.68SOZIALLEISTUNGEN:Berücksichtigt werden alle Sozialleistungen und Pensionen der öffentlichen Hand: Familienleistungen (Famili-enbeihilfe, Wochengeld, Kinderbetreuungsgeld, staatliche Unterhaltsvorschüsse), Arbeitslosenleistungen (Ar-beitslosengeld, Notstandshilfe, Leistungen zur Deckung des Lebensunterhalts, vorzeitige Alterspension wegenArbeitslosigkeit vor Erreichen des gesetzlichen Pensionsalters), Gesundheitsleistungen (Krankengeld; Unfallrente,Pflegegeld, Invaliditätspension vor Erreichen des gesetzlichen Pensionsalters; sonstige Unfall- und Krankenleis-tungen), Bildungsleistungen (Stipendien und Studienbeihilfen, sonstige Bildungsleistungen), Wohnbeihilfen undBedarfsorientierte Mindestsicherung/Sozialhilfe. Als Pensionen gelten Unfallrenten, Invaliditätspensionen, vor-zeitige Alterspension wegen Arbeitslosigkeit und Pflegegeld für Personen im Pensionsalter (Frauen ab 60, Männerab 65 Jahre), Eigenpensionen sowie Hinterbliebenenpensionen.66 Vgl. http://www.statistik.at/web_de/statistiken/soziales/sozialschutz_nach_eu_konzept/sozialausgaben/020177.html (30.11.2012)67 Der relative Anteil wird nicht vom äquivalisierten Haushaltseinkommen auf Personenebene, sondern vom verfügbaren Haushaltseinkom-men auf Haushaltsebene berechnet.68 Ohne Sachleistungen. Vgl. Tabelle 11.1b im Tabellenband zu EU-SILC 2011 (Statistik Austria 2012).
  • 88. UMVERTEILUNGSWIRKUNG DER SOZIALLEISTUNGEN86Übersicht 32: Anteil der Sozialleistungen und Pensionen am verfügbaren Haushalts-einkommenHaushaltstypAnzahlPersonenin 1.000Median desverfügbarenHaushaltsein-kommens proJahr in EuroRelativer Anteil am verfügbaren Haushalts-einkommenSozial-leistungenPensionenSozial-leistungen plusPensionenin %Insgesamt 8.316 31.759 17 19 36Haushalte mit Pension 1.530 25.927 5 88 93Davon nicht armutsgefährdet 1.326 28.277 5 87 92Davon armutsgefährdet 204 11.681 7 90 97Alleinlebende Männer 128 20.433 2 95 97Alleinlebende Frauen 304 17.858 12 86 98Mehrpersonenhaushalte 1.097 33.060 4 87 91Haushalte ohne Pension 6.786 34.844 20 3 23Davon nicht armutsgefährdet 5.938 39.392 15 4 19Davon armutsgefährdet 847 11.700 50 2 52Alleinlebende Männer 432 21.000 22 0 22Alleinlebende Frauen 459 17.550 33 7 40Mehrpersonenhaushalt ohne Kinder 1.963 43.695 12 6 18Haushalte mit Kindern 3.931 44.480 22 2 24Ein-Eltern-Haushalt 267 25.487 34 0 34Mehrpersonenhaushalt + 1 Kind 1.440 46.351 15 3 18Mehrpersonenhaushalt + 2 Kinder 1.498 47.143 21 2 23Mehrpersonenhaushalt + mind. 3 Kinder 727 46.281 32 2 34Haushalt mit jüngstem Kind…Bis 3 Jahre 1.125 40.122 31 2 334 bis 6 Jahre 618 39.819 24 1 25Über 6 Jahre 2.242 48.166 16 4 20Haushalte mit …Behinderung (im Erwerbsalter) 707 29.761 34 15 49Kurzzeit -Arbeitslosigkeit <6 Monate 937 33.380 23 3 26Langzeit -Arbeitslosigkeit >= 12 Monate 624 25.540 46 7 53Ausl. Mitglied (Nicht EU/EFTA) 914 31.203 30 4 34Eingebürgerten (ohne ausländ. Mitglied) 348 29.828 28 12 40Q: STATISTIK AUSTRIA, EU-SILC 2011.Personen in Haushalten.Behinderung: Subjektiv wahrgenommene starke Einschränkung bei Tätigkeiten des normalen Alltagslebens seit mindestens sechs Monaten.Arbeitslosigkeit: Insgesamt gibt es 716.000 Personen, die 2010 mindestens 1 Monat Hauptaktivität „Arbeitslos“ angaben. In diesen Haus-halten leben 1,74 Mio. Menschen. Für die Übersicht wurden nur die Extreme ausgewählt, das heißt, jene Haushalte sind nicht enthalten, indenen nur Arbeitslose leben, die 7 bis 11 Monate arbeitslos waren. 19.000 Personen leben in Haushalten, in denen Kurz- und Langzeitar-beitslose nach den in der Übersicht ausgewiesenen Kategorien zusammenleben.Haushalte mit ausländischen Mitgliedern und Haushalte mit Eingebürgerten sind nicht überschneidend: Haushalte mit Eingebürgerten(aus Nicht-EU/EFTA) enthalten per Definition keine AusländerInnen.Sozialleistungen umfassen Familien-, Bildungs-, Arbeitslosen-, Gesundheitsleistungen, Sozialhilfe/Mindestsicherung und Wohnbeihilfensowie Hinterbliebenenleistungen und Pensionen von Personen im Erwerbsalter.
  • 89. UMVERTEILUNGSWIRKUNG DER SOZIALLEISTUNGEN87Je nach Haushaltstyp schwanken die Anteile der Pen-sionen undSozialleistungen am Haushaltseinkommenbeträchtlich. In Haushalten, deren Haupteinkom-mensquelle Pensionen darstellen, machen diese88% des verfügbaren Haushaltseinkommens aus.Zusammen mit Sozialleistungen werden insgesamt93% aus sozialstaatlichen Leistungen abgedeckt.Bei alleinlebenden Frauen mit Pension ist der Anteilaus Sozialleistungen mit 12% wesentlich höher alsbei alleinlebenden Männern mit Pension (2%) oderbei Mehrpersonenhaushalten mit Pension (4%), dasie seltener über eine eigene Alterspension verfügen.Besonders hoch ist der Anteil von Sozialtransfersund Pensionen bei alleinlebenden Personen undArmutsgefährdeten (97% bzw. 98%). Personen miteinem äquivalisierten Haushaltseinkommen über derArmutsgefährdungsschwelle oder in Mehrpersonen-haushalten lebende Personen mit Pension beziehenneben ihren Pensionen undSozialleistungen noch 8%bzw. 9% ihres Haushaltseinkommens aus anderenQuellen.In den übrigen Haushaltstypen machen Pensionen mit3% nur einen geringen Anteil am Haushaltseinkommenaus, ein Fünftel des verfügbaren Haushaltseinkom-mens kommt jedoch ausSozialleistungen. In armuts-gefährdeten Haushalten machen Sozialleistungen50% des Haushaltseinkommens aus. Insbesonderealleinlebende Frauen, Ein-Eltern-Haushalte undMehrpersonenhaushalte mit mindestens drei Kindernbeziehen über 30% ihres Haushaltseinkommens ausSozialleistungen. Unterdurchschnittliche Anteile anSozialleistungen beziehen Mehrpersonenhaushalteohne oder mit einem Kind (12% bzw. 15%). In Haushal-ten mit Kindern nimmt der Anteil der Sozialleistungenmit dem Alter des jüngsten Kindes ab: Ist das jüngsteKind drei Jahre oder jünger, erhalten die Haushalte31% ihres Einkommens aus Sozialleistungen, beiüber Sechsjährigen nur noch 16%.Haushalte, dieSozialleistungen als Einkommensersatzbei Behinderung oder Arbeitslosigkeit beziehen, sinddurch verringerte Erwerbsmöglichkeiten zu einemhohen Grad von diesen Bezügen abhängig. Sozi-alleistungen und Pensionen machen für Haushaltemit behinderten Mitgliedern im Erwerbsalter knappdie Hälfte des Haushaltseinkommens aus, für Haus-halte mit Langzeitarbeitslosen 53%. Bei kurzzeitigerArbeitslosigkeit eines Haushaltsmitglieds wird rundein Viertel des Haushaltseinkommens durch Sozial-leistungen und Pensionen getragen.In Haushalten mit ausländischen Mitgliedern spielenPensionen mit einem Anteil von 4% nur eine geringeRolle für das gesamte Haushaltseinkommen. Gibt eseingebürgerte Personen im Haushalt, kommt mit 12%ein etwas größerer Anteil des HaushaltseinkommensausPensionen.Sozialleistungen machen in Haushaltenmit ausländischen oder eingebürgerten Mitgliedern30% bzw. 28% des Haushaltseinkommens aus.7.2 Armutsgefährdung nach HaupteinkommensquelleWenn ein Haushalt aufSozialleistungen als Hauptein-kommensquelle angewiesen ist, werden meist nurniedrige Haushaltseinkommen erzielt. Dement-sprechend hoch ist für diese Gruppe mit 51% dieArmutsgefährdungsquote (Grafik 18). Kommt dasHaushaltseinkommen zum Großteil aus Pensionenoder selbständigem Erwerbseinkommen, liegt dasArmutsrisiko im Durchschnitt bei 13% bzw. 12%, beiunselbständigem Einkommen sogar deutlich niedriger(6%). Ein erhöhtes Armutsrisiko haben hingegen Per-sonen, deren Haushalt vor allem private Einkommenwie Unterhaltszahlungen, Kapitaleinkommen oderPrivatpensionen bezieht (40%).
  • 90. UMVERTEILUNGSWIRKUNG DER SOZIALLEISTUNGEN887.3 Armutsgefährdung vor und nach Sozialleistungen und PensionenEntsprechend ihrem Anteil am Haushaltseinkommenund der Höhe der ausbezahlten Beträge könnenSozialleistungen und Pensionen das Einkommeneines Haushalts über die Armutsgefährdungsschwel-le anheben. Um diesen Effekt abzubilden, wird die„Armutsgefährdungsquote vor Sozialleistungen undPensionen“ mit einem Haushaltseinkommen ohneSozialleistungen und Pensionen berechnet, wobeidie gleiche Schwelle von 1.066 Euro für einen Ein-personenhaushalt angewendet wird. Im Haushalts-einkommen werden demnach nur Einkünfte ausArbeit und Vermögen (Faktoreinkommen) und ausprivaten Zahlungen berücksichtigt. Ebenso könnendie Auswirkungen einzelner Gruppen von Sozial-leistungen getrennt betrachtet werden, indem sieeinzeln vom Haushaltseinkommen abgezogen werden(Übersicht 33). Vor Sozialleistungen und Pensionenliegt die Armutsgefährdungsquote insgesamt bei44%, nach Sozialleistungen und Pensionen bei 13%.Das entspricht einer Verringerung des Armutsrisikosum rund 70%. In absoluten Zahlen hätten 2,5 Mio.Menschen ohne Pensionen undSozialleistungen einEinkommen unter der Armutsgefährdungsschwelle.ARMUTSGEFÄHRDUNG VOR SOZIALLEISTUNGEN UND PENSIONEN:Armutsgefährdung nach Abzug von Sozialtransfers und Pensionen vom Haushaltseinkommen, unter Beibehaltungder Armutsgefährdungsschwelle inklusive Sozialleistungen und Pensionen bei 60% des Medians. Die Armutsge-fährdung beträgt in der Gesamtbevölkerung laut EU-SILC 2011 13%. Würde man bei gleichbleibender Schwelle dieArmutsgefährdung anhand des Einkommens ohne Sozialleistungen und Pensionen berechnen, würde sie 44%betragen (nur ohne Pensionen und Hinterbliebenenleistungen 32% bzw. nur ohne Sozialleistungen 25%). OhneFamilien- und Bildungsleistungen, aber mit allen anderen Leistungen würde die Armutsgefährdung 20% betragen,Grafik 18: Armutsgefährdungsquote nach Haupteinkommensquelle des Haushalts0102030405060Gesamt UnselbständigeArbeitSelbstständigeArbeitSozial-leistungenPensionen PrivateEinkommen13612511340Armutsgefährdungsquotein%HaupteinkommensquelleArmutsgefährdete1.051 287 80 417 212 55Personen in 1.000Q: STATISTIK AUSTRIA, EU-SILC 2011.
  • 91. UMVERTEILUNGSWIRKUNG DER SOZIALLEISTUNGEN89ohne Arbeitslosenleistungen 16% usw. Es handelt sich um eine rein fiktive Berechnung, da sich bei Wegfall derSozialleistungen auch der Median des Haushaltseinkommens ändern würde. Unter der Annahme einer gleich-bleibenden Schwelle kann der Einfluss von Sozialleistungen für unterschiedliche Gruppen und Lebensphasendargestellt werden (vgl. Übersicht 33).Übersicht 33: Armutsgefährdung vor und nach Sozialleistungen und Pensionen nach Haus-haltszusammensetzungAnzahlPersonenin 1.000ArmutsgefährdungsquotenachSozial-leistun-gen undPensio-nenin %vor …Pensio-nen u.Sozial-leistun-genPensio-nen u.Hinter-bliebe-nenleis-tungenSozial-leistun-genFamili-en-/Bil-dungs-leistun-genArbeitslo-senleis-tungenGesund-heitsleis-tungenSozialhil-fe/Wohn-beihilfein %Insgesamt 8.316 13 44 32 25 20 16 15 13Haushalte mit Pension 1.530 13 96 95 16 14 15 15 14Alleinlebende Männer 128 13 97 97 13 13 13 13 13Alleinlebende Frauen 304 26 99 99 28 26 27 26 28Mehrpersonenhaushalt 1.097 10 95 94 13 10 12 12 10Haushalte ohne Pension 6.786 12 32 17 27 21 16 15 13Alleinlebende Männer 432 23 33 23 33 23 28 26 24Alleinlebende Frauen 459 26 51 45 34 27 30 29 29Mehrpersonenhaushaltohne Kinder1.963 7 22 12 16 8 11 12 8Haushalte mit Kindern 3.931 12 34 16 31 26 16 13 13Ein-Eltern-Haushalt 267 24 53 26 50 43 30 25 30Mehrpersonenhaushalt+ 1 Kind1.440 5 22 9 18 13 9 7 6Mehrpersonenhaushalt+ 2 Kinder1.498 10 34 14 30 25 13 11 11Mehrpersonenhaushalt+ mind. 3 Kinder727 26 53 29 50 49 28 27 27Haushalte mit dem jüngsten KindBis 3 Jahre 1.125 15 48 18 45 43 19 15 164 bis 6 Jahre 618 21 43 24 40 37 24 22 22Über 6 Jahre 2.242 8 27 14 20 15 12 10 9Q: STATISTIK AUSTRIA, EU-SILC 2011.Personen in Haushalten.Pensionen: Alters- und Hinterbliebenenleistungen. - Familienleistungen: Familienbeihilfe, Wochengeld, Kinderbetreuungsgeld, staatl.Unterhaltsvorschüsse. - Bildungsleistungen: Stipendien und Studienbeihilfen, sonstige Bildungsleistungen. - Arbeitslosenleistungen: Ar-beitslosengeld, Notstandshilfe, Altersteilzeit (Betrag vom AMS), Leistung zur Deckung des Lebensunterhalts, vorzeitige Alterspension we-gen Arbeitslosigkeit, andere Arbeitslosenleistungen. - Gesundheitsleistungen: Krankengeld, Unfallrente, Pflegegeld, Invaliditätspensionvon Personen unterhalb des Pensionsalters, sonstige Unfall- und Krankenleistungen. - Sozialhilfe: Einmalzahlungen und Dauerleistungen,Bedarfsorientierte Mindestsicherung.Lesehilfe: Die Armutsgefährdung beträgt in der Gesamtbevölkerung laut EU-SILC 2011 13%. Würde man bei gleichbleibender Schwelle dieArmutsgefährdung anhand des Einkommens ohne Sozialtransfers und Pensionen berechnen, würde sie 44% betragen (nur ohne Pensionenund Hinterbliebenenleistungen 32% bzw. nur ohne Sozialtransfers 25%). Ohne Familien- und Bildungsleistungen, aber mit allen anderenLeistungen würde die Armutsgefährdung 20% betragen, ohne Arbeitslosenleistungen 16% usw.
  • 92. UMVERTEILUNGSWIRKUNG DER SOZIALLEISTUNGEN90In Haushalten mit der Haupteinkommensquelle ausPensionen besteht das Haushaltseinkommen fastvollständig aus Pensionen, und es stehen nur ingeringem Ausmaß andere Einkommensquellen zurVerfügung (vgl. Übersicht 32). Dementsprechend istdiese Gruppe vor Pensionen und Hinterbliebenen-leistungen fast zur Gänze armutsgefährdet (96%),während die anderen Sozialleistungen deutlichweniger Einfluss auf die Armutsgefährdungsquotedieser Haushalte haben. Für andere Haushalte ohneKinder tragen vor allem Arbeitslosen- und Gesund-heitsleistungen zu einem geringeren Armutsrisikobei, für alleinlebende Frauen auch Hinterbliebe-nenleistungen. Leben Kinder im Haushalt, sindFamilien- und Bildungsleistungen wesentlicheEinkommensbestandteile, die das Haushaltseinkom-men über die Armutsgefährdungsschwelle heben.So beträgt das Armutsrisiko nach Sozialleistungenund Pensionen für Haushalte mit Kindern 12%, vorFamilien- und Bildungsleistungen 26%. Rechnetman alle Sozialleistungen und Pensionen heraus,ergibt sich ein Armutsrisiko von 34%.Besondere Bedeutung haben Sozialleistungen fürEin-Eltern-Haushalte und Mehrpersonenhaushaltemit mindestens drei Kindern, die vor Sozialleistungenzu 50% armutsgefährdet sind. Sie verzeichnen aberauch nach Sozialleistungen und Pensionen nocheine Armutsgefährdungsquote von 24% bzw. 26%.Neben Familienleistungen sind für diese Gruppe auchBedarfsorientierte Mindestsicherung bzw. Sozial-hilfe, Wohnbeihilfe und Arbeitslosenleistungen fürdie Aufrechterhaltung eines Lebensstandards überder Armutsgefährdungsschwelle von besondererBedeutung.Für Personen mit Behinderung stellen Sozialleistun-gen wie etwa das Pflegegeld, Invaliditätspensionoder erhöhte Familienbeihilfe einen Ausgleich fürzusätzliche Ausgaben aufgrund der Behinderungund die verringerte oder gänzlich unmögliche Er-werbsbeteiligung dar. Dementsprechend groß ist dieVerringerung des Armutsrisikos durch diese Leistun-gen, das vor Sozialleistungen und Pensionen 62%beträgt (Übersicht 34). Ganz ausgeglichen werdendiese Belastungen durch Sozialleistungen jedochnicht, die Armutsgefährdungsquote ist auch nachSozialleistungen und Pensionen mit 20% überdurch-schnittlich hoch.Vor Sozialleistungen und Pensionen sind 74% derPersonen in Haushalten mit Arbeitslosigkeit vonmindestens zwölf Monaten armutsgefährdet. Arbeits-losenleistungen als Einkommensersatz für fehlendesErwerbseinkommen sind für diese Haushalte wesent-licher Bestandteil des Haushaltseinkommens. Ohnediese Leistungen wären bei Langzeitarbeitslosigkeitim Haushalt 58% der Personen armutsgefährdet, imVergleich zu 39% nach Sozialleistungen und Pensio-nen. Ohne Familien- und Bildungsleistungen wären49% dieser Haushaltsmitglieder armutsgefährdet,aber auch Sozialhilfe und Gesundheitsleistungenspielen in diesen Haushalten eine stärkere Rollefür die Reduktion des Armutsrisikos. Bei Kurzzeitar-beitslosigkeit eines Mitglieds sind die Haushalte indeutlich geringerem Ausmaß von Sozialleistungenabhängig als bei Langzeitarbeitslosigkeit. Vor Ar-beitslosenleistungen sind etwa 22% der Personenin diesen Haushalten armutsgefährdet, vor Familien-und Bildungsleistungen 25%. Nach Sozialleistungenund Pensionen liegt die Armutsgefährdungsquoteder Haushalte mit Kurzzeitarbeitslosigkeit mit 13%hingegen im Durchschnitt.Haushalte mit ausländischen oder (aus Nicht-EU/EFTA-Staaten) eingebürgerten Mitgliedern sind vorSozialleistungen und Pensionen zu 60% armuts-gefährdet. Besonders hoch ist ihr Armutsrisiko vorFamilienleistungen (48% bzw. 37%) und vor Arbeits-losenleistungen (36 %). Die staatlichen Transferleis-tungen verringern ihr Armutsrisiko auf immer nochüberdurchschnittliche 28% bzw. 25%.
  • 93. UMVERTEILUNGSWIRKUNG DER SOZIALLEISTUNGEN917.4 Umverteilungswirkung der Sozialleistungen im europäischenVergleichSozialleistungen und Pensionen tragen im gesamteneuropäischen Raum deutlich zur Verringerung desArmutsrisikosbei, wie der Ländervergleich in Grafik19zeigt. MitAusnahmevon Bulgarien wirddie Armutsge-fährdungsquote durch Pensionen undSozialleistungeninallendargestelltenLändernummindestensdieHälftereduziert, der EU-Schnitt liegt bei einer Reduktion um62%.IndenLändernmitderstärkstenVerringerungwirddie Armutsgefährdungsquote um biszu 75% gesenkt,wenn auch von sehr unterschiedlichen Niveaus aus-gehend: in Ungarn etwavon 52% auf14%, imVergleichzu Niederlande von 37% auf 11%. In Österreich ist beieiner Reduktion um 71% dieSituationvergleichbar mitden Niederlanden oder Luxemburg. Pensionen gebendabei in den meisten Ländern den größten AusschlagzurVerringerung desArmutsrisikos. Ausnahmen IrlandÜbersicht 34: Armutsgefährdung vor und nach Sozialleistungen und Pensionen in ausge-wählten RisikogruppenAnzahlPersonenin 1.000ArmutsgefährdungsquotenachSozial-leistungenund Pensi-onenin %vor …Pensionenu. Sozial-leistungenPensio-nen u.Hinterblie-benenleis-tungenSozial-leistungenFamilien/Bildungs-leistungenArbeits-losen-leistungenGesund-heitsleis-tungenSozialhil-fe/Wohn-beihilfein %Insgesamt 8.316 13 44 32 25 20 16 15 13Haushalt mit …Behinderung(im Erwerbsalter)707 20 62 34 50 28 31 32 21ArbeitslosigkeitKurzzeit <6 Monate 937 13 43 19 36 25 22 16 14Langzeit >= 12 M. 624 39 74 49 67 49 58 42 43ausl. Mitglied(Nicht EU/EFTA)914 28 60 33 56 48 36 30 30Eingebürgerten(ohne ausl. Staatsb.)348 25 60 36 48 37 36 27 28Q: STATISTIK AUSTRIA, EU-SILC 2011.Personen in Haushalten, in denen mindestens eine Person mit dem angeführten Merkmal lebt.Behinderung: Subjektiv wahrgenommene starke Einschränkung bei Tätigkeiten des normalen Alltagslebens seit mindestens sechs Monaten.Arbeitslosigkeit: Insgesamt gibt es 716.000 Personen, die 2010 mindestens 1 Monat Hauptaktivität Arbeitslos angaben. In diesen Haus-halten leben 1,74 Mio. Menschen. Für die Übersicht wurden nur die Extreme ausgewählt, das heißt, jene Haushalte sind nicht enthalten, indenen nur Arbeitslose leben, die 7 bis 11 Monate arbeitslos waren. 19.000 Personen leben in Haushalten, in denen Kurz- und Langzeitar-beitslose nach den in der Übersicht ausgewiesenen Kategorien zusammenleben.Haushalte mit ausländischen Mitgliedern und Haushalte mit Eingebürgerten sind nicht überschneidend: Haushalte mit Eingebürgerten(aus Nicht-EU/EFTA) enthalten per Definition keine AusländerInnen.Pensionen: Alters- und Hinterbliebenenleistungen. Familienleistungen: Familienbeihilfe, Wochengeld, Kinderbetreuungsgeld, staatl. Un-terhaltsvorschüsse. - Bildungsleistungen: Stipendien und Studienbeihilfen, Studiengebührenrückerstattung, sonstige Bildungsleistungen.- Arbeitslosenleistungen: Arbeitslosengeld, Notstandshilfe, Altersteilzeit (Betrag vom AMS), Leistungen zur Deckung des Lebensunterhalts,vorzeitige Alterspension wegen Arbeitslosigkeit, andere Arbeitslosenleistungen. - Gesundheitsleistungen: Krankengeld, Unfallrente, Pfle-gegeld, Invaliditätspension von Personen unterhalb des Pensionsalters, sonstige Unfall- und Krankenleistungen. Sozialhilfe: Einmalzah-lungen und Dauerleistungen.
  • 94. UMVERTEILUNGSWIRKUNG DER SOZIALLEISTUNGEN92und Großbritannien, woSozialleistungen die Armuts-gefährdung stärker beeinflussen.Zwischen den Ländern gibt es in der Armutsgefähr-dungsquote vor Sozialleistungen und Pensionengrößere Unterschiede in der Quote als nach Sozial-leistungen und Pensionen. ZumTeil werden auch sehrhohe Quoten vor Sozialleistungen und Pensionen aufdurchschnittliche Werte reduziert, wie in Ungarn, Irlandund Deutschland. In Portugal, Estland und Bulgarienist hingegen die Armutsgefährdungsquote vor Sozi-alleistungen und Pensionen unterdurchschnittlich,liegt aber nach Berücksichtigung dieser Leistungenüber dem EU-Schnitt.Grafik 19: Armutsgefährdung vor und nach Sozialleistungen und Pensionen derEU-27-Staaten01020304050607080TschechienUngarnÖsterreichNiederlandeLuxemburgIrland*FrankreichDänemarkSchwedenFinnlandSlovenienSlowakeiDeutschlandBelgienGroßbritannienLitauenPolenLettlandMaltaPortugalEstlandZypernItalienRumänienGriechenlandSpanienBulgarienArmutsgefährdungsquote nachSozialleistungen und Pensionennur vor Sozialleistungen armutsgefährdetnur vor Pensionen armutsgefährdetVerringerung der Armutsgefährdungsquotedurch Sozialleistungen und Pensionen in %inProzentEU-27Q: Eurostat, EU-SILC 2010 und 2011. Datenbank zum Stand 19.12.2012, eigene Darstellung.Reihung von der höchsten zur geringsten prozentuellen Verringerung der Armutsgefährdungsquote durch Sozialleistungen und Pensionen.* Aktuellste Zahlen stammen aus 2010.
  • 95. ÖSTERREICHS INDIKATOREN FÜR SOZIALE EINGLIEDERUNG938. ÖSTERREICHS INDIKATOREN FÜR SOZIALE EINGLIEDERUNGDas Ziel der Bundesregierung zur Verringerungvon Armut bezieht sich heute auf eine Kennzahl:den Leitindikator der Europa 2020-Strategie fürArmuts- oder Ausgrenzungsgefährdung. Nach dengemeinsamen EU-Kriterien sind rund 1,4 MillionenMenschen betroffen. Das für Österreich im Nationa-len Reformprogramm (BKA 2012) festgeschriebeneZiel ist eine Reduktion dieser Zahl um mindestens235.000 Personen innerhalb von zehn Jahren. Bezogenauf das Jahr 2008 entspricht das einer Reduktionum 15,3% bzw. 1,5% pro Jahr. Armut ist eine nor-mative Frage, die immer die Wertmaßstäbe einerGesellschaft spiegelt. Der gemeinsame Beschlussder europäischen Staats- und Regierungschefs ausdem Jahr 2010 hat es den Mitgliedstaaten deshalbgrundsätzlich freigestellt, alternative Kriterien fürnationale Zielsetzungen heranzuziehen. DieseMöglichkeit wurde von Österreich bisher nicht inAnspruch genommen. Ergänzend zur EU-Definitionhat Statistik Austria im Auftrag des BMASK aber einenKatalog von 20 Indikatoren für fünf Lebensbereicheentwickelt, die im Juni 2012 von der NationalenPlattform gegen Armut angenommen wurden. Dafürwurden die bereits seit dem Jahr 2008 bestehendenEingliederungsindikatoren überarbeitet und ergänzt(BMASK 2012).8.1 20 Nationale IndikatorenDie nachfolgende Tabelle bietet eine Übersicht desgesamten Indikatorenkatalogs. Dargestellt sind diejeweiligen Absolutzahlen bzw. Anteilswerte für jedenIndikator. Selbstverständlich hängt es immer davonab, wie ein Indikator definiert ist, wie viele Menschenals benachteiligt oder sogar arm angesehen werden.Über manche Definitionen wurde sogar über Jahrzehn-te diskutiert, bevor auf EU-Ebene ein Kompromissgefunden werden konnte und auch den nationalenIndikatoren ging ein aufwendiger Konsultations- undEntscheidungsprozess voraus. Dabei ist die Frage,welche Kriterien das „richtige“ Ergebnis liefern vorallem von ideologischem Interesse. Wenn man sicheinmal auf eine Definition geeinigt hat, sind nurVergleiche wirklich sinnvoll. Das gilt natürlich insbe-sondere für internationale Vergleiche. Für nationaleIndikatoren sind besonders Vergleiche über die Zeitinteressant. Im Jahr 2011 hat sich die Zahl der Perso-nen, die von monetärer Armutsgefährdung betroffenwaren, nicht signifikant gegenüber dem Jahr 2008verändert. Diese Aussage gilt auch bei alternativenSchwellenwerten für monetäre Armutsgefährdung.69Sie gilt aber nicht für den zentralen EU-Indikator derArmuts- oder Ausgrenzungsgefährdung, der nebendem Einkommen auch Konsumeinschränkungen (De-privation) und die Erwerbsintensität berücksichtigt.Es gibt demnach Bereiche, die sich besser entwickelthaben als andere. Genau solche Unterschiede nä-her herauszuarbeiten, ist Aufgabe der nationalenEingliederungsindikatoren.Die folgende Übersicht zeigt die EU-Leitindikatorensowie alle nationalen Indikatoren für die Gesamtbe-völkerung in den Jahren 2008 bis 2011. Diese Zahlenbilden die Grundlage für die Detailanalysen undIndexdarstellungen zu den einzelnen Indikatoren.69 Im Jahr 2011 stiegt die Armutsgefährdungsquote von 12,4 auf 12,6%. Sowohl Eurostat als auch Statistik Austria (vgl. Kap 3.1) publizierenauch Ergebnisse für Schwellenwerte von 40%, 50% oder 70% des Medianeinkommens. Nach diesen Schwellenwerten wären im Jahr 2011anstatt 12,6% jeweils 3,0%, 7,1% oder 20,6% der Gesamtbevölkerung armutsgefährdet. Alle dieseWerte sind höher als die Vergleichswertefür 2008 2,4% 5,8%, 12,4% bzw. 20,1%. Dabei ist die Zunahme umso stärker je strenger die Definition des Schwellenwertes ist. Bei derniedrigsten Schwelle lag der Zuwachs bei 25% während bei der 70%-Schwelle nur um 2,5% Personen mehr betroffen waren als im Jahr 2008.
  • 96. ÖSTERREICHS INDIKATOREN FÜR SOZIALE EINGLIEDERUNG94Übersicht 35: Österreichs Indikatoren für soziale Eingliederung2008 2009 2010 2011in % in 1.000 in % in 1.000 in % in 1.000 in % in 1.000Nationale IndikatorenLebensstandard1) Manifeste Armut 6,0 492 5,9 488 6,2 511 5,2 4312) Standard. preisber. Medianeinkommen(Steigerung zum Vorjahr/Euro)2,4* 19.010* 1,4* 19.272* 3,2* 19.889* 1,6* 20.189*3) Einkommenslücke (Prozent vom BIP/Mio.) 0,6 1.752 0,7 2.048 0,7 2.004 0,9 2.5704) Verfestigte Deprivation 9,0 713 11,9 957 10,6 855 9,7 7815) Massive Zahlungsprobleme n.v. n.v. n.v. 145* n.v. 151* n.v. 155*Wohnraum6) Überbelag in Mehrpersonenhaushalten 7,1 583 6,9 567 5,5 453 5,3 4447) Sehr hoher Wohnungsaufwand 16,8* 1.387* 16,0* 1.325* 17,6* 1.460* 18,2* 1.511*8) Prekäre Wohnqualität 3,6 294 3,5 292 3,3 273 2,8 2299) Belastung durch Wohnumgebung 9,3 768 10,4* 859* 10,2 842 9,5* 790*10) Registrierte Wohnungslosigkeit(in Prozent/Gesamtzahl)0,1* 11.399* 0,2* 12.309* 0,2* 12.266* n.v. n.v.Erwerbsleben11) Arbeitsmarktfernenquote 17,2* 750* 15,3* 665* 16,9* 747* 16,9* 751*12) Haushaltseinkommen aus Erwerbsarbeitunter Armutsgefährdungsschwelle 1)17,7* 1.086* 17,1* 1.056* 18,2* 1.126* 20,0* 1.243*13) Löhne unter 2/3 des Bruttomedianlohns 15,2* 462* 14,9* 446* 13,7* 417* 14,3* 435*14) Erwerbshindernisse durch Betreuungspflichten 1,9 78 2,0 85 2,0 82 1,8* 77*15) Langzeitbeschäftigungslose n.V. 54* n.v. 58* n.V. 74* n.v. 74*Bildungschancen16) Bildungsaktivität 34,2* 2.347* 35,3* 2.438* 36,3* 2.520* 37,6* 2.632*17) Besuch vorschulischer Bildungseinrichtungen 42,0* 167* 44,4* 175* 45,7* 179* 46,9* 184*18) Bildungsferne Jugendliche(Prozent des Jahrgangs/Gesamtzahl)7,4* 7.251* 7,6* 7.410* 7,2* 6.926* 6,8* 6.320*Gesundheit19) Mehrfache gesundheitliche Einschränkung 9,9* 677* 9,1* 631* 9,1* 630* 8,8* 618*20)Soziale Lebenserwartungsdifferenzen(Männer und Frauen gesamt)4,2 Jahre *EU-IndikatorenArmuts- oder Ausgrenzungsgefährdung 18,6* 1.532* 17,0* 1.406* 16,6* 1.373* 16,9* 1.407*Armutsgefährdung 12,4* 1.018* 12,0* 993* 12,1* 1.004* 12,6* 1.051*Haushalte mit keiner/niedriger Erwerbsintensität 2) 7,8 503 7,2 461 7,8 497 8,1 519Erhebliche materielle Deprivation 6,4 524 4,8 395 4,3 356 3,9 325Q: STATISTIK AUSTRIA, EU-SILC, Volkswirtschaftliche Gesamtrechnungen, Kreditschutzverband von 1860, Statistik des Bevölkerungsstan-des, Mikrozensus-Arbeitskräfteerhebung, Arbeitsmarktservice, Kindertagesheimstatistik, Schulstatistik, Verknüpfung von Volkszählun-gen/Proberegisterzählung 2006 mit Todesursachenstatistik.* Präzise Schätzungen: Schwankungsbreite nicht größer als 10% des Schätzwerts oder Wert basierend auf Gesamtzählungsdaten.Keine Hervorhebung: Schwankungsbreite liegt zwischen 10% und 20% des Schätzwerts.1) Anteil bezieht sich auf Personen in Erwerbshaushalten.2) Anteil bezieht sich auf Personen im Alter von 0 bis 59 Jahren.
  • 97. ÖSTERREICHS INDIKATOREN FÜR SOZIALE EINGLIEDERUNG95Indikatoren für die Europa 2020-ZielgruppeVorrangige Aufgabe der nationalen Indikatorenist es auch, die reale Lebenssituation der Betrof-fenen und die Intensität von Armutslagen bessereinschätzen zu können, als dies ausschließlich aufBasis von gemeinsamen EU-Kriterien möglich ist.Tatsächlich können sich die Lebensbedingungenfür Armutsbetroffene auch dann entscheidend ver-ändern, wenn sich die Größe der Zielgruppe nichtverändert. Zum Beispiel liegt das Leistungsniveauder Mindestsicherung derzeit deutlich unterhalbder Armutsgefährdungsschwelle und kann dahernicht unmittelbar zu einer Verringerung von Armuts-oder Ausgrenzungsgefährdung beitragen. Auch dieöffentliche Gesundheitsversorgung, Kinderbetreuungoder die Entwicklung der Lebens- und vor allemWohnkosten spiegeln sich nicht automatisch in derZahl der Gefährdeten, können aber große Bedeutungfür die Betroffenen haben.Übersicht 36: Indikatoren für soziale Eingliederung (Armuts-/ Ausgrenzungsgefährdete)2008 2009 2010 2011in % in 1.000 in % in 1.000 in % in 1.000 in % in 1.000Nationale IndikatorenLebensstandard1) Manifeste Armut 32,1 492 34,7 488 37,2 511 30,7 4312) Standard. preisber. Medianeinkommen(Steigerung zum Vorjahr/Euro)5,0* 10.480* -2,1* 10.260* 2,3* 10.498* 1,1* 10.611*3) Einkommenslücke (Prozent vom BIP/Mio.) 0,6 1.752 0,7 2.049 0,7 2.004 0,9 2.5704) Verfestigte Deprivation 32,6 469 41,0 580 40,5 542 33,7 455Wohnraum6) Überbelag in Mehrpersonenhaushalten 18,6 285 16,1 226 13,4 184 11,7 1657) Sehr hoher Wohnungsaufwand 43,2* 661* 45,3* 638* 49,2* 675* 53,7* 755*8) Prekäre Wohnqualität 7,7 118 8,5 120 7,1 98 5,4 769) Belastung durch Wohnumgebung 12,6 193 14,1 198 15,1 207 13,1 184Erwerbsleben11) Arbeitsmarktfernenquote 48,2* 354* 49,0* 314* 54,0* 344* 56,6* 363*12) Haushaltseinkommen aus Erwerbsarbeitunter Armutsgefährdungsschwelle 1)76,7* 624* 80,3* 604* 81,9* 589* 88,3* 639*13) Löhne unter 2/3 des Bruttomedianlohns 41,7 125 37,7 86 39,9 86 39,0 78Bildungschancen16) Bildungsaktivität 25,7 323 26,0 303 29,1 324 29,5 336Gesundheit19) Mehrfache gesundheitliche Einschränkung 18,5 233 18,7 218 15,6 174 16,8* 192*EU-IndikatorenArmuts- oder Ausgrenzungsgefährdung 100,0* 1.532* 100,0* 1.406* 100,0* 1.373* 100,0* 1.407*Armutsgefährdung 66,5* 1.018* 70,6* 993* 73,1* 1.004* 74,7* 1.051*Haushalte mit keiner/niedriger Erwerbsintensität 2) 40,9 503 42,4 461 46,2 497 47,8 519Erhebliche materielle Deprivation 34,2 524 28,1 395 25,9 356 23,1 325Q: STATISTIK AUSTRIA, EU-SILC, die Indikatoren 5,10,14,15,17,18,20 basieren nicht auf EU-SILC und können daher nicht separat für die Grup-pe der Armuts- oder Ausgrenzungsgefährdeten ausgewiesen werden.* Präzise Schätzungen: Schwankungsbreite nicht größer als 10% des Schätzwerts oder Wert basierend auf Gesamtzählungsdaten.1) Anteil bezieht sich auf Personen in ausgrenzungsgefährdeten Erwerbshaushalten.2) Anteil bezieht sich auf Ausgrenzungsgefährdete im Alter von 0 bis 59 Jahren.Keine Hervorhebung: Schwankungsbreite liegt zwischen 10% und 20% des Schätzwerts.Lesebeispiel: Im Jahr 2011 waren 30,7% bzw. 431.000 Armuts- oder Ausgrenzungsgefährdete von manifester Armut betroffen.
  • 98. ÖSTERREICHS INDIKATOREN FÜR SOZIALE EINGLIEDERUNG96In diesem Kapitel wird die Entwicklung von allen20 nationalen Eingliederungsindikatoren präsentiert,im Mittelpunkt steht aber die Aktualisierung jener13 Kennzahlen, die auf Basis von EU-SILC berechnetwerden können. Da diese Indikatoren separat für dieGruppe der Armuts- oder Ausgrenzungsgefährdetenberechnet werden können, lässt sich an ihnen dieVeränderung der Intensität von Benachteiligungeninnerhalb der Zielgruppe ablesen. WeiterführendeAnalysen zu den jeweiligen sozialen Differenzierun-gen bzw. Risikogruppen sind möglich und werdenin einem separaten Bericht veröffentlicht (StatistikAustria 2013).Indexwerte als Kennzahlen für VeränderungUm die zeitliche Entwicklung hervorzuheben, werdenin den folgenden Grafiken Indexzahlen dargestellt.Der Indexzeigt dann jeweils die relative Veränderungim Vergleich zum Jahr 2008, dem Ausgangspunkt fürdas Europa 2020-Ziel. Die Indexierung erleichtertauch die Gegenüberstellung von Entwicklungenbei Indikatoren, die sich auf völlig unterschiedlicheGrößenordnungen beziehen. Eine Veränderung derZahl der derzeit rund 1,4 Millionen Armuts- oderAusgrenzungsgefährdeten um 10.000 Personen ent-spricht einer Verschiebung um weniger als 1% undwäre kaum als statistisch signifikante Veränderung zuwerten. Würde sich aber beispielsweise die Zahl derregistrierten Wohnungslosen unerwartet um 10.000erhöhen, dann hätte sich die Zahl der Betroffenenbereits nahezu verdoppelt, und Handlungsbedarfwäre offenkundig.Ein Indexwertvon 110 besagt nun beispielsweise, dassder Wert des jeweiligen Indikators im Vergleich zumJahr 2008 um 10% angestiegen ist. Um zu entschei-den, ob ein Indikator auffällig oder problematisch ist,empfiehlt es sich, diese Indexzahl jeweils in Hinblickauf die Zielsetzung der Bundesregierung zu interpre-tieren, wonach der EU-Leitindikator innerhalb vonzehn Jahren um mindestens 15% verringert werdensoll. Die Personen in der Europa 2020-Zielgruppeschneiden auch bei den nationalen Eingliederungs-indikatoren durchwegs wesentlich schlechter ab alsnicht armuts- oder ausgrenzungsgefährdete Personen.In den Verlaufsdarstellungen wird dieser Unterschiedaber ausgeblendet. Der Fokus liegt demnach darauf,ob sich die Entwicklung der Armuts- oder Ausgren-zungsgefährdeten von jener der Gesamtbevölkerungunterscheidet. Wenn eine Annäherung stattfindensoll, müssen die Verbesserungen in der Zielgruppeüberdurchschnittlich stark sein.8.2 Kaufkraftgewinne und Erholung bei manifester ArmutDer Kreis der Armuts- oder Ausgrenzungsgefähr-deten nach EU-Definition ist in den letzten Jahrenkleiner geworden. Auch die mittlere Kaufkraft einesPrivathaushalts hat in Österreich seit dem Jahr 2004kontinuierlich zugenommen. Die Einkommenslückefür Armutsgefährdete ist hingegen seit 2008 deutlichangewachsen. Eine kontinuierliche VerschlechterungdesLebensstandardsvon armutsgefährdeten Menschenbis zum Jahr 2010 zeigt der Indikator für manifesteArmut, und die Quote der verfestigten Deprivation hatsich in diesem Zeitraum sogar verdoppelt. Allerdingsgab es im letzten Jahr bei diesen beiden Indikatorenwieder eine deutliche Erholung.Median-HaushaltseinkommenLaut EU-SILC 2011 lag die Steigerungsrate der mittle-ren Einkommen (standardisiert und preisbereinigt)gegenüber dem Vorjahr bei 1,5%. Gegenüber demJahr 2008 sind die mittleren Einkommen damit real
  • 99. ÖSTERREICHS INDIKATOREN FÜR SOZIALE EINGLIEDERUNG97um insgesamt 6,2% angestiegen (nominell 12,1%).Auch die Einkommen der Armuts- oder Ausgrenzungs-gefährdeten sind in diesem Zeitraum angestiegen,ihr Kaufkraftgewinn fiel aber deutlich hinter denGesamtdurchschnitt zurück. Gegenüber dem Vorjahrlag der preisbereinigte Einkommenszuwachs bei1,1% und gegenüber dem Jahr 2008 bei insgesamtnur 1,3%.MEDIAN-HAUSHALTSEINKOMMEN (PREISBEREINIGT UND STANDARDISIERT):Das Haushaltseinkommen wird aus sämtlichen Einkünften aller Personen im Haushalt im Laufe des vergangenenKalenderjahres unter Abzug von Sozialbeiträgen, Steuern und allfälligen geleisteten Transferzahlungen an andereHaushalte (z.B. Alimente) berechnet. Berücksichtigt werden insbesondere Erwerbseinkommen, Kapitaleinkom-men, Pensionen und alle anderen Transferleistungen. Das Haushaltseinkommen von Mehrpersonenhaushaltenwird dann standardisiert auf einen Einpersonenhaushalt. Für jede erwachsene Person wird nach der EU-Skala einKonsumäquivalent von 0,5 und für Kinder unter 14 Jahren ein Bedarf von 0,3 Einpersonenhaushalten angenommen.Das mittlere Einkommen (Median) wird aus der Verteilung von Personen in Privathaushalten berechnet, so dassjeweils die Hälfte der jeweiligen Bevölkerungsgruppe ein Einkommen unter dem Medianwert hat. Die nominellenBeträge lassen ohne Beachtung der Inflation keine Beurteilung der realen Kaufkraft zu. Deshalb wird der Betrag zukonstanten Preisen (Basis 2007) ausgedrückt. Das preisbereinigte Einkommen für EU-SILC 2011 ergibt sich aus VPI2007 x (EU-SILC 2011/VPI 2010). Verkettet wird mit dem VPI 2005. Das nominelle standardisierte Medianeinkommenaus EU-SILC 2011 beträgt 21.318 Euro. Das preisbereinigte Einkommen von 20.189 Euro ergibt sich aus der Divisiondes nominellen Wertes 21.318/109,5 (Indexwert 2010 = Referenzperiode der EU-SILC Einkommensmessung 2011)multipliziert mit 103,7 (Indexwert des Jahres 2007 = Referenzjahr EU-SILC 2008). Angenommen wird hier dieselbePreisentwicklung für alle Einkommensschichten. Unberücksichtigt bleibt beispielsweise die deutlich größereBedeutung von Preissteigerungen bei Wohnen und Energie für ärmere Haushalte; sowie die Möglichkeit der Sub-stitution durch Billigprodukte bei ärmeren und Preisersparnisse durch Vorratskäufe bei reicheren Haushalten.Diese Methode erlaubt zwar nur eine grobe Annäherung an die reale Kaufkraftentwicklung (z.B. ist der Verbrau-Grafik 20: Median-Haushaltseinkommen(standardisiert und preisbereinigt)607080901001101201301402004 2005 2006 2007 2008 2009 2010 2011InsgesamtArmuts- oderAusgrenzungsgefährdeteIndex,Basisjahr2008=100Basisjahr2008106,2101,3Q: STATISTIK AUSTRIA, EU-SILC. VPI 2005.Im Jahr 2008 lag das mediane Haushaltseinkommen (standardisiertund preisbereinigt) der Gesamtbevölkerung bei 19.010 Euro, undbei Armuts- oder Ausgrenzungsgefährdeten lag der Medianwert bei10.480 Euro (=100).
  • 100. ÖSTERREICHS INDIKATOREN FÜR SOZIALE EINGLIEDERUNG98EinkommenslückeDie monetäre Armutsgefährdungsquote (vgl. Kapitel3.1) zeigt im Berichtszeitraum keine signifikantenVeränderungen und liegt zwischen 12% und 13%der Bevölkerung. Ein Anstieg von Armutsgefährdungin Folge der Krise war bisher nicht erkennbar.70Eindifferenzierteres Bild zeigt der nationale Indikator zurabsoluten Einkommenslücke. Er fasst das Ausmaßund die Intensität der Armutsgefährdung in einerKennzahlzusammen. Biszur EU-SILCErhebung im Jahr2008 (Einkommen 2007) hat sich – bei etwa gleich-bleibender Armutsgefährdungsquote – die Intensitätder monetären Armutsgefährdung kontinuierlichverringert, seither steigt sie jedoch an. In der EU-SILCErhebung im Jahr 2011 (Einkommen 2010) hat sichdiese Kennzahl um 566 Millionen auf 2,6 MilliardenEuro bzw. 0,86% des Bruttoinlandsproduktes (BIP)deutlich erhöht. Die Armutslücke ist also angestiegen,obwohl der Lebensstandard bzw. die Einkommenzugenommen haben und der Anteil der Armutsge-fährdeten zuletzt nur geringfügig zugenommen hat,Dies weist auf eine wachsende Polarisierung zwischenArmutsgefährdeten und Nicht-Gefährdeten hin (wieauch die unterschiedlichen Steigerungsraten in denEinkommensdezilen). Trotz des Konjunktureinbruchsblieb die Einkommenslücke relativ zum BIP allerdingsnoch immer unter dem Niveau des Jahres 2004 (Ein-kommen 2003).cherpreisindex aufgrund der höheren Sparquote bei den oberen Einkommensschichten nur bedingt anwendbar),insbesondere bei jährlich stark schwankenden Inflationsraten ist dadurch aber eine realistischere Einschätzungder Einkommensentwicklung gewährleistet als bei den nominellen Beträgen.EINKOMMENSLÜCKE:Die Einkommens- oder auch Armutsgefährdungslücke entspricht dem zusätzlichen Einkommen, das ein armuts-gefährdeter Haushalt benötigen würde, um ein Einkommen über der Armutsgefährdungsschwelle zu erzielen.Zählt man die Einkommenslücken aller Haushalte zusammen, dann ergibt sich ein Gesamtmaß für Intensität undAusmaß von Armutsgefährdung. Dieser Indikator ist umso höher, je mehr Menschen betroffen sind und je größerihr Abstand zur Armutsgefährdungsschwelle ist. Die Zahl wird auch als Anteil am Bruttoinlandsprodukt im Jahrder Erhebung ausgewiesen. Dann verringert sich die relative Lücke auch durch größere Wirtschaftsleistung. Die70 Aufgrund der Einkommenserfassung für das jeweilige Kalenderjahr vor der Erhebung wird die Situation des Krisenjahres 2009 erst inEU-SILC 2010 berücksichtigt.Grafik 21: Einkommenslücke 2004 bis 20114050607080901001101201301402004 2005 2006 2007 2008 2009 2010 2011Lücke in % des BIP (indexiert)Lücke in Mrd. (indexiert)Index,Basisjahr2008Basisjahr2008143128120112100120113138Q: STATISTIK AUSTRIA. EU-SILC, Volkswirtschaftliche Gesamtrech-nungen.Im Jahr 2008 betrug die Einkommenslücke 1,8 Mrd. Euro bzw. 0,6%des Bruttoinlandsproduktes (=100).
  • 101. ÖSTERREICHS INDIKATOREN FÜR SOZIALE EINGLIEDERUNG99Manifeste ArmutIndikatoren, die auf das Einkommen abzielen, lassennur indirekte Schlüsse auf den Lebensstandard zu.Ergänzend erhebt die EU-SILC Befragung auch direktdie Lebensbedingungen, und zwar – im Unterschiedzur Armutsgefährdung – zum Zeitpunkt der Erhebung.Konkret werden die Haushalte gefragt, ob sie finanzi-ell in der Lage sind, ausgewählte Grundbedürfnissezu erfüllen. Die Antworten der Haushalte bilden dieGrundlage für die Definition von Deprivation (Ent-behrung). Anhand dieser Kriterien sieht man, dasssich nicht nur die Einkommenslücke vergrößert hat,sondern sich auch der Lebensstandard innerhalb derGruppe der Armutsgefährdeten bis zum Jahr 2010laufend verschlechtert hat. Von 2004 bis 2010 stiegdie Zahl jener Armutsgefährdeten an, die auch vonfinanzieller Deprivation (zumindest zwei von siebennationalen Merkmalen) betroffen sind. Der Höhepunktwurde im Jahr 2010 mit 511.000 Betroffenen bzw.6,2% der Gesamtbevölkerung in manifester Armuterreicht. Im Jahr 2011 gab es wieder eine deutlicheEntspannung, die Zahl der Betroffenen beträgt nun431.000 bzw. 5,2% der Bevölkerung.71Kontinuierlich angestiegen ist manifeste Armut beson-ders innerhalb der Europa 2020-Zielgruppe. Im Jahr2004 war nur etwa ein Viertel der Zielgruppe (25,2%)gleichzeitig von Armutsgefährdung und finanziellerDeprivation betroffen, im Jahr 2010 waren es bereitsmehr als ein Drittel (37,2%). Im Jahr 2011 (30,7%)fiel manifeste Armut aber auch für die Gruppe derArmuts- oder Ausgrenzungsgefährdeten unter dasNiveau des Jahres 2008 (32,3%).Der zuletzt deutliche Rückgang manifester Armut(und auch der verfestigten Deprivation) ist ohneweiterführende Analyse nicht erklärbar.Entwicklung von Einkommensveränderungen wird in EU-SILC jedoch immer zeitverzögert für das Vorjahr erfasst.Die Lücke für das Jahr 2011 spiegelt somit die Verhältnisse im Jahr 2010. Ein ähnlicher Indikator ist auf EU-Ebenedefiniert als Medianwert der Einkommenslücke der Armutsgefährdeten in Prozent der Armutsgefährdungsschwelle(vgl. Kap 3.1.1).71 Der Anstieg von Deprivation bei Armutsgefährdeten bis zum Jahr 2010 bestätigt sich auch dann, wenn aus Armutsgefährdung und dengemeinsamen EU-Kriterien ein Indikator analog zur nationalen Definition für manifeste Armut gebildet wird. Die Zahl der Armutsgefähr-deten, die zusätzlich nach EU-Definition „materiell depriviert“ sind (drei aus neun Merkmalen) stieg von 136.000 (1,7%) im Jahr 2004auf 197.000 (2,4%), bei der ebenfalls verwendeten Definition für „erhebliche materielle Deprivation“ (vier aus neun Merkmalen), gab esunter den Armutsgefährdeten einen Anstieg von 268.000 (3,3%) auf 407.000 (4,9%) im Jahr 2010. Beide Indikatoren bestätigen auch,dass sich im Jahr 2011 die Situation der Armutsgefährdeten wieder verbessert hat.Grafik 22: Manifeste Armut4050607080901001101201301402004 2005 2006 2007 2008 2009 2010 2011InsgesamtArmuts- oderAusgrenzungsgefährdeteIndex,Basisjahr2008=100Basisjahr20089687Q: STATISTIK AUSTRIA, EU-SILC.Anmerkung: 2008 waren 6,0% der Gesamtbevölkerung bzw. 32,3%der Armuts- oder Ausgrenzungsgefährdeten betroffen (=100).
  • 102. ÖSTERREICHS INDIKATOREN FÜR SOZIALE EINGLIEDERUNG100Verfestigte DeprivationEntscheidend ist die zeitliche Perspektive für dieBetroffenen, also ob eine Benachteiligung chronischoder vorrübergehend ist. Ein Indikator dafür ist dieQuote für verfestigte Deprivation. Im Jahr 2011 lagdiese Quote bei 9,7% bzw. 781.000 Menschen.Aufgrund der unterschiedlichen Definition von De-MANIFESTE ARMUT:Armutsgefährdung bedeutet nicht zwangsläufig eine akute Armutslage, zum Beispiel wenn Ersparnisse oderWohnungseigentum vorhanden sind oder die Lebenshaltungskosten sehr gering gehalten werden können (z.B.aufgrund einer sehr günstigen Miete). Erst wenn ein Haushalt nicht nur von monetärer Armutsgefährdung, sondernauch noch von finanzieller Deprivation betroffen ist, spricht man von manifester Armut. Wie viele Menschen unterdiese Definition fallen, hängt davon ab, welche Kriterien und welche Grenzwerte festgelegt werden. In Österreichwird eine Liste von sieben Grundbedürfnissen verwendet, von denen sich ein Haushalt mindestens zwei finanziellnicht leisten kann. Diese Kriterien sind etwas anders als jene, die auf EU-Ebene ausgewählt wurden. Merkmale,die sowohl bei der EU-Definition als auch der österreichischen Definition vorkommen, sind:» Die Wohnung angemessen warm zu halten,» Unerwartete Ausgaben zu finanzieren,» Jeden zweiten Tag Fleisch oder Fisch (oder vegetarische Speisen) zu essen,» Zahlungen (z.B. Miete) in den letzten zwölf Monaten rechtzeitig zu begleichen.Nur in der nationalen Definition berücksichtigt werden:» Notwendige Arzt- oder Zahnarztbesuche,» Neue Kleidung zu kaufen,» Freunde oder Verwandte einmal im Monat zum Essen einzuladen.Die österreichische Definition berücksichtigt nur Grundbedürfnisse, die von der Mehrheit der Bevölkerung sowie vonFachleuten und Armutsbetroffenen als „absolut notwendig“ für einen angemessenen Lebensstandard in Österreichbewertet wurden. Vor allem ältere Menschen schätzen die Notwendigkeit von manchen Merkmalen weit geringerein als Familien (vgl. Till-Tentschert/Weiss 2008). Urlaub und PKW sind deshalb nicht in der nationalen Definitionenthalten. Auch die in Österreich sehr weit verbreiteten Konsumgüter wie Telefon, Fernseher und Waschmaschinewerden im nationalen Indikator nicht berücksichtigt.Um eine Fehleinschätzung auf Basis eines einzelnen Merkmals zu vermeiden, müssen für die Definition vonfinanzieller Deprivation immer mehrere Merkmale gleichzeitig zutreffen. Für Österreich wurde eine Grenze vonmindestens zwei der oben angeführten sieben Merkmale festgelegt. Diese Festlegung wurde im Frühjahr 2008 ineinem Beirat, an dem u.a. alle Sozialpartnerorganisationen beteiligt waren, getroffen. Erst ein Jahr später gab esauf EU-Ebene eine Einigung für gemeinsame Deprivationsmerkmale, wobei zunächst eine Grenze von mindestensdrei Merkmalen aus einer Liste von neun Merkmalen beschlossen wurde. Als im Jahr 2010 die Staats- und Regie-rungschefInnen die gemeinsame Europa 2020-Strategie beschlossen haben, wurde eine weitere EU-Definition fürerhebliche materielle Deprivation mit einem strengeren Schwellenwert (vier aus neun Merkmalen) eingeführt. Dieverschiedenen Definitionen für Deprivation sind nicht zu verwechseln mit dem Begriff der manifesten Armut. Dieserbezieht stets (monetäre) Armutsgefährdung und Deprivation gemeinsam ein und ist neben Österreich zum Beispielauch in Irland („consistent poverty“) seit vielen Jahren etabliert. Auf EU-Ebene gibt es derzeit keine Definition fürmanifeste Armut.
  • 103. ÖSTERREICHS INDIKATOREN FÜR SOZIALE EINGLIEDERUNG101privation zählen nicht alle Personen mit verfestigterDeprivation automatisch auch zur EU-Zielgruppe. DerAnteil der Armuts- oder Ausgrenzungsgefährdeten mitverfestigter Deprivation ist aber mit 33,7% mehr alsdreimal so hoch wie im Bevölkerungsdurchschnitt.Zwischen 2005 und 2009 hat sich der Anteil jener, diesich in zumindest zwei aufeinanderfolgenden Jahrenbei Grundbedürfnissen einschränken mussten, von5,1% auf 11,9% mehr als verdoppelt. Der seit 2010wieder rückläufige Trend hat sich auch im Jahr 2011fortgesetzt. Gegenüber dem Jahr 2008 bleibt die Quoteder finanziellen Deprivation allerdings noch immerum 8% statistisch signifikant erhöht. Auch wenn ein-zelne Merkmale, wie beispielsweise die Leistbarkeitvon Arztbesuchen sich etwas deutlicher verbesserthaben als andere, kann der Rückgang nicht auf eineinzelnes Merkmal zurückgeführt werden. Durch dieKombination mehrerer Merkmale zu einem robustenDeprivationsindex werden auch allfällige Effekte derFragestellung minimiert (vgl. Kapitel 4).Für die Gruppe der Armuts- oder Ausgrenzungsgefähr-deten entwickelte sich der Indikator nahezu parallelzum Gesamtdurchschnitt. Im Jahr 2005 waren 16,7%der Armuts- oder Ausgrenzungsgefährdeten auchvon verfestigter Deprivation betroffen, diese Quotestieg bis 2009 auf 41,0% und erreichte zuletzt wiederannähernd das Niveau des Jahres 2008.ZahlungsproblemeEin weiterer Indikator zum Lebensstandard beziehtsich auf die Zahl der Personen mit massiven Zahlungs-problemen. Dieser Indikator wird nicht aus EU-SILCberechnet und kann daher für die Europe 2020Sozial-zielgruppen nicht gesondert dargestellt werden. LautKleinkreditevidenz des Kreditschutzverbandes (vgl.BMASK 2012, S. 321) waren im August 2011 155.165Personen mit Klagen, Fälligstellungen von KreditenVERFESTIGTE DEPRIVATION:Anteil der Bevölkerung, die seit mindestens zwei Jahren mit finanzieller Deprivation konfrontiert ist. Als finanzielldepriviert gelten Personen, die Probleme bei mindestens zwei aus einer Liste von sieben Kriterien für den in Österreichabsolut notwendigen Mindestlebensstandard haben (siehe Definition manifeste Armut). Für diesen Längsschnitt-indikator können nur jene Personen berücksichtigt werden, die in diesen zwei Jahren auch in Österreich ansässigwaren. Personen, die in diesem Zeitraum geboren wurden oder zugewandert sind, werden nicht berücksichtigt.Der Indikator kann erstmalig für das Jahr 2005 berechnet werden. Die mit EU-SILC erhobenen Verlaufsdaten gehenweit über die bis Anfang der 1990er-Jahre übliche, rein statische Betrachtung von Armutslagen hinaus. Insbeson-dere ist es möglich, chronische Armuts- oder Ausgrenzungsprozesse von vorübergehenden Problemlagen (z.B. beiStudierenden) zu unterscheiden.Grafik 23: Verfestigte Deprivation4050607080901001101201301402004 2005 2006 2007 2008 2009 2010 2011InsgesamtArmuts- undAusgrenzungsgefährdeteIndex,Basisjahr2008=100Basisjahr2008108103Q: Statistik Austria, EU-SILC.Anmerkung: 2008 waren 9,0% der Gesamtbevölkerung bzw. 32,6%der Armuts- oder Ausgrenzungsgefährdeten betroffen (=100).
  • 104. ÖSTERREICHS INDIKATOREN FÜR SOZIALE EINGLIEDERUNG102etc. konfrontiert. Die Zahl der Personen mit massivenZahlungsproblemen ist von 2009 bis 2011 leicht an-gestiegen (+7%). Aufgrund veränderter Löschfristensind die Daten von 2008 nicht mit späteren Datenvergleichbar und werden daher nicht für die nationa-len Indikatoren herangezogen. Überschuldung ist einhäufiger Grund für Deprivation bei Personen, derenEinkommen über der Armutsgefährdungsschwelle liegt.8.3 Wohnen wird besser, aber auch teurerIndikatoren zur Wohnraumversorgung zeigen ei-nerseits eine qualitative Verbesserung und damitverbunden eine deutlich erhöhte Kostenbelastungder privaten Haushalte, die sich durch die Ent-wicklung der Immobilien- und Energiepreise weiterverstärken kann. Bei den Indikatoren für Überbelag,Wohnkostenanteil und Qualität waren Armuts- oderAusgrenzungsgefährdete mit einem zwei bis dreiMal über dem Durchschnitt liegenden Anteil be-troffenen. Längerfristige Polarisierungstendenzenin der Wohnumgebung haben sich zuletzt etwasabgeschwächt.ÜberbelagInsgesamt lebten laut EU-SILC2011 5,3% der Personenin Mehrpersonenhaushalten bzw. 444.000 Menschenin einer überbelegten Wohnung. Die Quote war beiArmuts- oder Ausgrenzungsgefährdeten mit 11,7%mehr als doppelt so hoch. Die Überbelagsquote istweiterhin rückläufig. Vor allem bei den Armuts- oderAusgrenzungsgefährdeten ist seit 2008 (18,6%) einedeutliche Verbesserung zu bemerken.ÜBERBELAG:Der Indikator berücksichtigtnur Haushalte mitmindestenszwei Personen undorientiertsich am Kriterium der GemeindeWien bei der Vergabe von Gemeindewohnungen. Als überbelegt zählt ein Haushalt, wenn die Wohnfläche wenigerals 16m² beträgt, im Mittel weniger als 8m² pro Wohnraum zur Verfügung stehen oder die Anzahl der Wohnräume imVerhältnis zur Zahl der Personen im Haushalt zu gering ist: ein Raum für zwei Personen, weniger als drei Räume fürdrei oder vier Personen, weniger als vier Räume für fünf oder sechs Personen, weniger als fünf Räume für sieben oderacht Personen, weniger als sechs Räume für mehr als acht Personen. Küchen werden nicht als Wohnräume gezählt.Grafik 24: Überbelag4050607080901001101201301402004 2005 2006 2007 2008 2009 2010 2011InsgesamtArmuts- oderAusgrenzungsgefährdeteIndex,Basisjahr2008=100Basisjahr20087563Q: STATISTIK AUSTRIA, EU-SILC.Anmerkung: Im Jahr 2008 betrug die Überbelagsquote für Mehr-personenhaushalte insgesamt 7,1% und für Armuts- oder Ausgren-zungsgefährdete 18,6% (=100).
  • 105. ÖSTERREICHS INDIKATOREN FÜR SOZIALE EINGLIEDERUNG103Prekäre WohnqualitätIm Jahr 2011 lebten 2,8% der Bevölkerung bzw.229.000 Menschen in einer prekären Wohnsituation.Für Armuts- oder Ausgrenzungsgefährdete war dieseQuote mit 5,4% nahezu doppelt so hoch. Die Qualitätdes Wohnraums spiegelt dabei teilweise das Angebotbzw. den Bestand an Substandardwohnungen widerund ist vor allem im urbanen Bereich eher länger-fristigen Entwicklungen bei Wohnungsanierung und-neubau unterworfen. Besonders für Armuts- oderAusgrenzungsgefährdete hat sich die Situation abdem Jahr 2009 zügig verbessert und erreichte im Jahr2011 den besten Wert der gesamten Periode.Belastende WohnumgebungIm Jahr 2011 waren 9,5% der Bevölkerung bzw. 790.000Menschen von Kriminalität, Lärm oder Umweltbelas-tungen in der Wohnumgebung betroffen. Die Quotewar mit 13,1% für Armuts- oder Ausgrenzungsgefähr-dete deutlich über dem Durchschnitt. In den Jahrenvor 2010 ist diese Zahl vor allem für Armuts- oderAusgrenzungsgefährdete stetig angestiegen. Im Jahr2010 lag die Quote der Betroffenen bei Armuts- oderAusgrenzungsgefährdeten bereits bei 15,1% gegenüber10,2% im Bevölkerungsdurchschnitt. Im Jahr 2004 warhingegen praktisch kein signifikanter Unterschied inden Wohngegenden erkennbar. Aus den EU-SILCDaten2011 war jedoch wieder ein Rückgang – in etwa aufdas Niveau des Jahres 2008 – abzulesen, gegenüberdem Jahr 2005 (10,3%) bleibt der aktuelle Wert ins-besondere für Armuts- oder Ausgrenzungsgefährdetejedoch deutlich erhöht.PREKÄRE WOHNQUALITÄT:Anteil von Personen, die von zwei oder mehr derfolgenden Wohnprobleme betroffen sind:» kein WC oder Badezimmer in der Wohnung,» Feuchtigkeit, Schimmelbildung,» dunkle Wohnräume,» weder Waschmaschine noch Waschküchevorhanden.Grafik 25: Prekäre Wohnqualität4050607080901001101201301402004 2005 2006 2007 2008 2009 2010 2011InsgesamtArmuts- oderAusgrenzungsgefährdeteIndex,Basisjahr2008=100Basisjahr20087870Q: STATISTIK AUSTRIA, EU-SILC.Anmerkung: Im Jahr 2008 betrug die Quote für prekäre Wohnquali-tät insgesamt 3,6% und für Armuts- oder Ausgrenzungsgefährdete7,7% (= 100).Grafik 26: Belastende Wohnumgebung4050607080901001101201301402004 2005 2006 2007 2008 2009 2010 2011InsgesamtArmuts- oderAusgrenzungsgefährdeteIndex,Basisjahr2008=100Basisjahr2008104102Q: STATISTIK AUSTRIA, EU-SILC.Anmerkung: Im Jahr 2008 betrug die Quote für Wohnumgebungsbe-lastungen insgesamt 9,3% und für Armuts- oder Ausgrenzungsge-fährdete 12,6% (=100).
  • 106. ÖSTERREICHS INDIKATOREN FÜR SOZIALE EINGLIEDERUNG104Sehr hoher WohnungsaufwandDie deutlichen Verbesserungen beim Wohnungsbelagund teilweise auch der Wohnungsausstattung warenmit erheblich gestiegenen Wohnungskosten verbun-den. Mit 18,2% der Gesamtbevölkerung in Haushaltenmit einem sehr hohen Wohnungsaufwand ist dieserIndikator im Jahr 2011 auf einen neuen Höchstwertangestiegen. Insbesondere Armuts- oder Ausgrenzungs-gefährdete waren von steigenden Energiekosten undMietpreisen in den letzten Jahren überdurchschnittlichbetroffen. Die Quote der Belasteten stieg von 43,2%im Jahr 2008 auf 53,7%.Die isolierte Betrachtung von Belagssituation, Wohn-qualität und -umgebung einerseits und Wohnkostenandererseits ist problematisch. Eine Verbesserungder Wohnungsqualität hat in der Regel zunehmendeKostenbelastungen zur Folge.Somit kann jeder Aspektfür sich genommen unzureichend für eine gesamthafteBeurteilung der Wohnsituation sein. Ein möglicherAnsatz besteht daher darin, die Zahl jener Menschenzu ermitteln, die in mindestens einem dieser Bereichevon Benachteiligungen betroffen sind. Für das Jahr2011 waren insgesamt 30,3% der Gesamtbevölkerungvon einem der vier Wohnprobleme betroffen. DieserAnteil blieb seit 2004 (30,5%) praktisch unverändert.72BELASTUNG DURCH WOHNUMGEBUNG:Anteil von Personen, die sich durch mindestens zwei der folgenden Probleme in der Wohnumgebung belastet fühlen:» Kriminalität,» Lärm,» Umweltverschmutzung.Die Berücksichtigung von Problemen in der Wohnumgebung unterstützt das Monitoring der sozialen Eingliederungin Bezug auf räumliche Ungleichheiten und Segregationstendenzen. Die Datenlage ist hinsichtlich der Infrastruk-turversorgung aber eher ungünstig.72 Ein solcher Überblicksindikator für Wohnintegration (vgl. Till 2005) ist derzeit noch nicht in dem von der Österreichischen Plattform gegenArmut verabschiedeten Indikatorenkatalog enthalten.SEHR HOHER WOHNKOSTENANTEIL:Anteil der Personen, deren Wohnungsaufwand ein Viertel des jährlich verfügbaren Haushaltseinkommens übersteigt.Wohn- oder Mietbeihilfen werden vom Wohnungsaufwand abgezogen und auch beim Haushaltseinkommen nichtberücksichtigt. Einbezogen werden alle Ausgaben für Miete, Betriebskosten, Heizung, Energie und InstandhaltungGrafik 27: Sehr hoher Wohnkostenanteil4050607080901001101201301402004 2005 2006 2007 2008 2009 2010 2011InsgesamtArmuts- oderAusgrenzungsgefährdeteIndex,Basisjahr2008=100Basisjahr2008124108Q: STATISTIK AUSTRIA, EU-SILC.Anmerkung. Im Jahr 2008 betrug der Anteil der Personen mit sehrhohem Wohnungsaufwand insgesamt 16,8% und für Armuts- oderAusgrenzungsgefährdete 43,2% (=100).
  • 107. ÖSTERREICHS INDIKATOREN FÜR SOZIALE EINGLIEDERUNG105Registrierte WohnungslosigkeitDie EU-SILC Berichterstattung kann ausschließlichjene Bevölkerungsgruppen repräsentieren, die inPrivathaushalten gut erreichbar sind. Die in derArmutsplattform vertretenen Organisationen habendeshalb im Rahmen der Nationalen Plattform gegenArmut eine Ergänzung von Indikatoren zur Wohnungs-losigkeit eingefordert. Ein solcher Indikator wurde imSozialbericht 2012 (BMASK 2012) erstmals veröffent-licht. Demnach gab es im Jahr 2010 12.266 registrierteWohnungslose. Das sind um 8% (bzw. 867 Personen)mehr als im Basisjahr 2008, wo 11.399 Personen alswohnungslos erfasst waren. Diese Menschen verfüg-ten entweder über eine Hauptwohnsitzbestätigungals obdachlos oder waren in einer Einrichtung fürWohnungslose gemeldet.DievorliegendenDatenbelegeneineerheblicheDynamikvonWohnungslosigkeit. Personen, die imVorjahr keineMeldung alsobdachlosoder eine Hauptwohnsitzbestä-tigung an einer Einrichtung für Wohnungslose hatten,können als Neuzugänge aufgefasst werden. Auf Basisder Daten 2008 bis 2010 waren im Jahr 2009 5.666und im Jahr 2010 5.534 Neuzugänge identifizierbar.Da die Gesamtzahl nur in geringem Maß angestiegenist, kann davon ausgegangen werden, dass jedesJahr annähernd die Hälfte aller Wohnungslosen ihreSituation verbessern kann, aber zumindest ebensoviele Personen in Wohnungslosigkeit geraten.REGISTRIERTE WOHNUNGSLOSIGKEIT:Der Indikator „Registrierte Wohnungslosigkeit“ berücksichtigt nur die derzeit statistisch erfassten und gesichertenFälle von Wohnungslosigkeit und markiert die Untergrenze der im Lauf eines Jahres betroffenen Personen. ExaktereErgebnisse wird die im Jahr 2013 vorliegende Registerzählung für den Stichtag 31.10.2011 liefern. In jedem Fall istaber von einer deutlich größeren „Dunkelziffer“ versteckter Wohnungslosigkeit bei temporären Unterbringungenin Pensionen, bei Bekannten o.Ä. auszugehen.Für den Indikator wurden Personen mit einer Hauptwohnsitzbestätigung als obdachlos (Meldung mit „O“ im Zentra-len Melderegister) und Personen, die in einer von 58 Einrichtungen für Wohnungslose mit Hauptwohnsitz gemeldetsind, zusammengezählt. Jede Person wird dabei jeweils nur einmal gezählt.Die Daten der Meldungen stammen für jedes Jahr aus vier stichtagbezogenen Abzügen der aus dem Zentralen Melde-register für die Wanderungsstatistikerstellten Statistikdes Bevölkerungsstandes. Doppelmeldungen von Personen,die während eines Jahres zu mehreren Stichtagen gemeldet waren, wurden aufgrund ihrer bereichsspezifischenPersonenkennzahl ausgeschlossen. Pro Stichtag (Quartal) sind jeweils ungefähr 5.000 Personen obdachlos und3.000 Personen in den hier berücksichtigten Einrichtungen für Wohnungslose gemeldet. Die Jahresgesamtzahlbeläuft sich im Jahr 2010 hingegen auf 8.909 Obdachlose und 5.052 Personen in Einrichtungen für Wohnungs-lose. Von den 12.266 Wohnungslosen waren demnach rund 41% zumindest zu einem der vier Stichtage in einerEinrichtung für Wohnungslose untergebracht. Die genannten Zahlen stellen eine Untergrenze dar, da Meldefällezwischen den Stichtagen nicht berücksichtigt werden.(abzüglich allfälliger Wohn- oder Mietbeihilfen) sowie Zinszahlungen für Kredite zur Schaffung oder Sanierung vonWohnraum. Der Indikator berücksichtigt explizit die Entwicklung der Lebenshaltungskosten, die bei der Messungvon Armutsgefährdung sonst keine Rolle spielen. Energie- und Instandhaltungskosten werden aus der Konsumer-hebung getrennt nach Rechtsverhältnis geschätzt. Unterschiede bei Energieverbrauch und -effizienz oder Tarifenkönnen daher in diesem Indikator nicht berücksichtigt werden.
  • 108. ÖSTERREICHS INDIKATOREN FÜR SOZIALE EINGLIEDERUNG1068.4 Erwerbsbeteiligung und Löhne steigen mäßigDie Folgen der Wirtschaftskrise für die Beteiligung amErwerbsleben waren in Österreich bisher moderaterals in anderen EU-Staaten. Der Kreis der Armuts- oderAusgrenzungsgefährdeten hat sich verkleinert, dieIndikatoren für den Arbeitsmarkt sind aber ambi-valent. Keiner der nationalen Indikatoren weist aufeine deutliche Verbesserung hin. Vor allem die ausErwerbsarbeit lukrierten Einkommen können ofterst durch zusätzliche Transferleistungen über dieArmutsgefährdungsschwelle gebracht werden.ArbeitsmarktferneInsgesamt waren im Jahr 2011 16,9% bzw. 751.00018- bis 59-Jährige (ohne Pensionsbeziehende undStudierende) arbeitsmarktfern. Bei den Armuts- oderAusgrenzungsgefährdeten in dieser Altersgruppe wardie Quote mit 56,6% mehr als dreimal so hoch wie imDurchschnitt. In den letzten drei Jahren hat sich dieQuote der Arbeitsmarktfernen, besonders innerhalbder Europa 2020-Zielgruppe, eher erhöht.ARBEITSMARKTFERNENQUOTE:Diese Quote bezeichnet jenen Anteil von Personen von 18 bis 59 Jahren, die maximal 20% des Jahres vollzeiter-werbstätig sind. Personen in Mutterschutz oder Elternkarenz, Studierende und PensionistInnen werden bei derBerechnung nicht einbezogen. Die Definition folgt weitgehend jener für die entsprechende Europa 2020-Zielgruppe,Die Anstalten für Wohnungslose wurden aus einer vorläufigen Anstaltsliste der Registerzählung 2011 (Stand Mai2012) entnommen, welche die Objektnummern der jeweiligen Anstalten enthält. Diese Liste umfasst insgesamt 132Anstalten für Wohnungslose, darunter befinden sich zehn Anstalten für Betreutes Wohnen (z.B. für alte Menschen,Flüchtlinge, Obdachlose), 52 Anstalten, in denen Frauen bzw. Kinder gemeldet sind (d.h. vor allem Frauenhäuser),und 70 Anstalten, die eindeutig für Wohnungslose bestimmt sind. Von diesen 70 Anstalten wurden nur jene 58Anstalten für die Analyse herangezogen, deren Gebäude ausschließlich als Einrichtung für Wohnungslose genutztwerden. Es ist zu beachten, dass die Anzahl der in Einrichtungen registrierten Wohnungslosen durch die Kapazi-tät gesteuert wird. Gibt es mehr Startwohnungen, so können mehr Übergangswohnplätze an Personen vergebenwerden, die sonst auf temporäre Unterbringung in Notschlafstellen angewiesen waren.Grafik 28: Arbeitsmarktfernenquote4050607080901001101201301402004 2005 2006 2007 2008 2009 2010 2011InsgesamtArmuts- oderAusgrenzungsgefährdeteIndex,Basisjahr2008=100Basisjahr200811798Q: STATISTIK AUSTRIA, EU-SILC.Nur Personen im Alter von 18 bis 59 Jahren, ohne Studierende undPensionsbeziehende.Anmerkung: Im Jahr 2008 waren insgesamt 15,5%, bei Armuts- oderAusgrenzungsgefährdeten 44,8% betroffen (=100).
  • 109. ÖSTERREICHS INDIKATOREN FÜR SOZIALE EINGLIEDERUNG107Haushaltseinkommen aus Erwerbsarbeitunter der ArmutsgefährdungsschwelleDie Arbeitseinkommen einer wachsenden Zahl vonHaushaltenbleibenunterderArmutsgefährdungsschwel-le. Dabei handelt es sich nicht um die individuellenErwerbseinkommen, sondern um das im Haushaltinsgesamtverfügbare Einkommen einschließlich Fami-lienleistungen. Diese Personen sind zu unterscheidenvon den „Working Poor“, da das Gesamteinkommendieser Haushalte aufgrund andererTransferleistungen(z.B. Arbeitslosenunterstützungen) oder Pensionenletztlich über der Armutsgefährdungsschwelle bleibt.Im Jahr 2011 waren insgesamt 20% der Bevölkerungin Erwerbshaushalten bzw. 1,2 Millionen Menschenbetroffen. Unter den Armuts- oder Ausgrenzungs-gefährdeten liegt die Quote der Personen ohnearmutsfestes Erwerbseinkommen bei 88,3%. DieserAnteil ist gegenüber dem Jahr 2008 um insgesamt13% und für Armuts- oder Ausgrenzungsgefährdeteum 15% angestiegen.HAUSHALTSEINKOMMEN AUS ERWERBSARBEIT UNTER DER ARMUTSGEFÄHRDUNGSSCHWELLE:Der Indikator „Haushaltseinkommen aus Erwerbsarbeit unter der Armutsgefährdungsschwelle“ bezieht sichauf den Anteil der Personen in Erwerbshaushalten, in denen die Summe der Netto-Erwerbseinkommen plusFamilienleistungen im Haushalt geringer ist als die Armutsgefährdungsschwelle. Familienleistungen (Kinderbe-treuungs- und Wochengeld sowie Familienbeihilfen und Kinderabsetzbetrag) werden zum Erwerbseinkommenhinzugerechnet. Erwerbshaushalte sind Haushalte mit Einkommen aus selbständiger oder unselbständigerTätigkeit. Ausgenommen sind jene Haushalte, die mehr als 50% des Einkommens aus Pensionen beziehen,sowie Studierendenhaushalte (alle 18- bis 64-Jährigen im Haushalt befinden sich in Ausbildung). Der Indikatoridentifiziert Haushalte mit geringem Erwerbseinkommen bzw. geringen Familienleistungen. Das verfügbareEinkommen einschließlich sozialer Transferzahlungen und anderer Einkünfte liegt aber in vielen Fällen überder Armutsgefährdungsschwelle. Diese Gruppe ist daher größer als jene die in Kapitel 3.2 als „Working Poor“bezeichnet wird.allerdings wird die Erwerbsbeteiligung anderer Haushaltsmitglieder (und PensionistInnen im Erwerbsalter) nichtberücksichtigt. So werden insbesondere auch Frauen in die Berechnung einbezogen, die mit einem Alleinverdie-ner zusammenleben. Der Indikator ergänzt damit den EU-Indikator zu Haushalten ohne oder mit sehr geringerErwerbsintensität sowie die Erwerbs- und Erwerbstätigenquote.Grafik 29: Haushaltseinkommen aus Er-werbsarbeit unter Gefährdungsschwelle4050607080901001101201301402004 2005 2006 2007 2008 2009 2010 2011InsgesamtArmuts- oderAusgrenzungsgefährdeteIndex,Basisjahr2008=100Basisjahr2008115113Q: STATISTIK AUSTRIA, EU-SILC.Anmerkung: Die Quote im Jahr 2008 lag insgesamt bei 17,7% derPersonen in Erwerbshaushalten bzw. bei 76,7% in der Gruppe derArmuts- oder Ausgrenzungsgefährdeten (=100).
  • 110. ÖSTERREICHS INDIKATOREN FÜR SOZIALE EINGLIEDERUNG108Stundenlöhne unter 2/3 des MedianlohnsLaut EU-SILC 2011 und der ILO Schwelle für niedrigeErwerbseinkommen hatten insgesamt 14,3% derBeschäftigten in Österreich bzw. 435.000 Personeneinen Bruttostundenlohn von weniger als 8,25 Euro(zwei Drittel des Medianwertes). Bei den Armuts- oderAusgrenzungsgefährdeten ist dieser Anteil mit 39%annähernd dreimal so hoch. Nach Vereinbarung derSozialpartner sollten spätestens ab dem Jahr 2009alle Kollektivverträge den Mindestlohn von 1.000 Eurobei Vollzeitbeschäftigung garantieren. Dies entsprichtden jährlichen Steigerungen des Medianlohns nurbedingt. In den Jahren bis 2008 gab es sogar eineleichte Zunahme des Anteils von Löhnen unter 2/3des Medianwertes. Erst seit dem Jahr 2009 hat sichdieser Anteil wieder etwas verringert und zwar fürArmuts- oder Ausgrenzungsgefährdete in demselbenAusmaß wie für die Beschäftigten insgesamt.Erwerbshindernisse und Langzeitbeschäfti-gungslosigkeitDie hier präsentierten EU-SILC Indikatoren zur Er-werbssituation werden ergänzt durch spezifischeKennzahlen des Arbeitsmarktservice zur Langzeit-beschäftigungslosigkeit sowie durch Ergebnisse derMikrozensus-Arbeitskräfteerhebung zur Zahl derPersonen mit Erwerbshindernissen. Laut Arbeitsmarkt-service hat die Zahl der Langzeitbeschäftigungslosenvon 54.416 im Jahr 2008 auf 73.629 im Jahr 2011deutlich zugenommen. Dieselbe Größenordnung,nämlich 77.000 Personen (darunter 75.000 Frauen),sehen sich durch Betreuungspflichten gegenüberERWERBSHINDERNISSE:Anteil der Personen von 18 bis 59 Jahren, die nurteilzeitbeschäftigt oder nicht erwerbstätig sind, weilkeine geeignete Betreuungseinrichtung für Kinderoder pflegebedürftige Erwachsene zur Verfügungsteht. Studierende und Personen in Pension werden– wie in der Definition für Arbeitsmarktferne – nichtberücksichtigt.LÖHNE UNTER 2/3 DES BRUTTOMEDIANLOHNS:Anteil der Personen mit Erwerbseinkommen, die unter dem jeweiligen Schwellenwert von 2/3 des Bruttomedianlohnsliegen. Die Berechnung erfolgt auf Vollzeitbasis einschließlich Sonderzahlungen und bezahlter Urlaubszeiten. DerSchwellenwert lag 2011 bei 8,25 Euro pro Stunde. Bei 40 Stunden Vollzeitbeschäftigung entspricht das einem Mo-natslohn von 1.429 Euro brutto monatlich, 14 x pro Jahr. In die Berechnung gehen nur unselbständig Erwerbstätigeohne Lehrlinge mit einer Normalarbeitszeit von mindestens zwölf Wochenstunden ein.Grafik 30: Löhne unter 2/3 des Brutto-medianlohns4050607080901001101201301402004 2005 2006 2007 2008 2009 2010 2011InsgesamtArmuts- oderAusgrenzungsgefährdeteIndex,Basisjahr2008=100Basisjahr200894Q: STATISTIK AUSTRIA, EU-SILC.In % der unselbständig Erwerbstätigen, mindestens 12h, ohne Lehr-linge. Anmerkung: Im Jahr 2008 waren 15,2% der Beschäftigteninsgesamt und 41,7% der Armuts- oder Ausgrenzungsgefährdetenbetroffen (=100).
  • 111. ÖSTERREICHS INDIKATOREN FÜR SOZIALE EINGLIEDERUNG109Kindern oder pflegebedürftigen Angehörigen an derTeilnahme am Erwerbsleben gehindert. Diese Zahlhat sich gegenüber dem Jahr 2005 nicht verändert.8.5 Steigende BildungsaktivitätAlle drei nachstehend vorgestellten Bildungsindi-katoren zeigen Verbesserungen an. Die allgemeineBildungsaktivität ist besonders bei der Gruppe derArmuts- oder Ausgrenzungsgefährdeten überdurch-schnittlich angestiegen. Die Quote der jugendlichenSchulabgängerInnen ist besonders bei Personen mitnicht deutscher Umgangssprache spürbar zurückge-gangen. Gleichzeitig ist die Quote der 0- bis 4-Jährigenin vorschulischen Bildungseinrichtungen besondersbei Kindern ohne österreichische Staatsbürgerschaftweiter angestiegen.BildungsaktivitätDer österreichische EU-SILCFragebogen wurde im Jahr2008 um zusätzliche Fragen zur Bildungsaktivität imvorangegangenen Kalenderjahr ergänzt und erlaubtnun die Berechnung von Indikatoren. BerücksichtigtLANGZEITBESCHÄFTIGUNGSLOSE:Personen, bei denen die Dauer der registrierten Arbeits-losigkeit, Lehrstellensuche undSchulungsteilnahme365 Tage überschreitet. Eine Unterbrechung von 62Tagen beendet die Langzeitarbeitslosigkeit (längereKrankheit oder Arbeitsaufnahme, AMS-Schulungenzählen nicht als Unterbrechung).Grafik 31: Erwerbshindernisse und Lang-zeitbeschäftigungslosigkeit4050607080901001101201301402004 2005 2006 2007 2008 2009 2010 2011ErwerbshindernisseLangzeitbeschäftigungsloseIndex,Basisjahr2008=100Basisjahr200895135Q: Statistik Austria, Mikrozensus-Arbeitskräfteerhebung, AMS.Anmerkung: Im Jahr 2008 waren 1,9% der 18- bis 59-Jährigen vonErwerbshindernissen betroffen und 54.416 Personen langzeitbe-schäftigungslos (=100).Grafik 32: Bildungsaktivität4050607080901001101201301402004 2005 2006 2007 2008 2009 2010 2011InsgesamtArmuts- oderAusgrenzungsgefährdeteIndex,Basisjahr2008=100Basisjahr2008110115Q: STATISTIK AUSTRIA, EU-SILC.Anmerkung: Im Jahr 2008 waren 34,2% der Personen ab 16 Jahrenbildungsaktiv bzw. 25,7% unter den Armuts- oder Ausgrenzungsge-fährdeten (=100).
  • 112. ÖSTERREICHS INDIKATOREN FÜR SOZIALE EINGLIEDERUNG110manalleformalenundinformellenBildungsaktivitäten,so waren laut EU-SILC 2011 2,6 Millionen Menschenbzw. 37,6% der über 15-Jährigen bildungsaktiv. Beiden Armuts- oder Ausgrenzungsgefährdeten war die-ser Anteil bedeutend geringer und lag bei 29,5%. DieBildungsaktivitätistseitdem Jahr 2008 kontinuierlichangestiegen. Dabei konnten Armuts- oder Ausgren-zungsgefährdetedeutlichaufholen.HeuteistderAnteilder Menschen mit Bildungsaktivitäten in der Europa2020-Zielgruppe um 15% höher alsnoch im Jahr 2008.Bildungsferne JugendlicheDer Anteil der Personen mit Bildungsaktivität istbei Menschen mit Matura mindestens doppelt sohoch wie bei Personen, die keinen weiterführendenSchulabschluss besitzen. Demnach kann ein früherAbbruch einer Bildungskarriere nachhaltige Beein-trächtigungen bis ins Erwachsenenalter zur Folgehaben. Auf Basis der Schulstatistik können dieseProzesse sehr genau erfasst werden. Im Schuljahr2011 waren 6.320 14-jährige SchülerInnen des Schul-jahres 2009/10 ohne weitere Ausbildung 2010/11.Das entspricht 6,8% des gesamten Jahrgangs von92.507 Jugendlichen. Von den 16.273 SchülerInnendieses Jahrgangs mit nicht deutscher Umgangssprachehaben 2.104 oder 12,9% im Folgejahr keine Schulemehr besucht. Der Anteil der bildungsfernen Jugend-lichen hat sich seit dem Jahr 2008 besonders beiSchülerInnen mit nicht deutscher Umgangssprachedeutlich verringert.BILDUNGSAKTIVITÄT:Im Fokus des Indikators „Bildungsaktivität“ steht der Anteil der Personen ab 16 Jahren, die sich im Verlauf desVorjahrs der Befragung in schulischer oder beruflicher Aus- oder Weiterbildung befanden oder an freizeitbezogenenKursen teilnahmen. Der Indikator setzt sich aus drei unterschiedlichen Variablen in EU-SILC zusammen:» Formale Bildungsaktivitäten im Vorjahr: darunter fallen Schule, Berufsschule, Universität oder Fachhoch-schule;» Berufsbezogene Aus- oder Weiterbildung im Vorjahr: gefragt wird nach berufsbezogener Aus- oder Weiterbil-dung, Teilzeitkursen, Kurzseminaren und Praktika;» Freizeitaktivitäten und -kurse: gefragt wird nach Kursen, Lehrgängen oder Workshops, deren Inhalte sichauf Freizeitaktivitäten oder Hobbys bezogen haben. Darunter fallen zum Beispiel Sprachkurse, Musikunter-richt, Tenniskurse, Fahrschule usw. Bildungsaktivität wird somit weit gefasst und berücksichtigt neben derVermittlung von Qualifikation dezidiert auch soziale Aspekte der Bildungsbeteiligung.Grafik 33: Bildungsferne Jugendliche4050607080901001101201301402004 2005 2006 2007 2008 2009 2010 2011Insgesamtmit nicht deutscher UmgangsspracheIndex,Basisjahr2008=100Basisjahr20088692Q: STATISTIK AUSTRIA, Schulstatistik.Amerkung: Im Schuljahr (2007/)2008 haben insgesamt 7,4% der14-jährigen Schülerinnen und Schüler des Schuljahres (2006/)2007keine weitere Ausbildung mehr besucht, bei Jugendlichen mit nichtdeutscher Umgangssprache waren es 15,0% (=100).
  • 113. ÖSTERREICHS INDIKATOREN FÜR SOZIALE EINGLIEDERUNG111Besuch vorschulischer Bildungs-einrichtungenDeutlich erhöht haben sich die Besuchsquoten vor-schulischer Bildungseinrichtungen. In der Gruppe der0- bis4-Jährigen waren 2010 184.431 Kinder bzw. 46,9%in Einrichtungen dieser Art. Die Vorschulbildungsquo-te lag im Jahr 2006 noch bei 38,4%. VergleichbareZahlen nach Staatsbürgerschaft für ganz Österreichliegen nur für die Jahre 2010 und 2011 vor. In diesemZeitraum ist die Besuchsquote bei ausländischenKindern besonders deutlich angestiegen und liegtnun bei 44,1% der 0- bis 4-Jährigen.BILDUNGSFERNE JUGENDLICHE:Für den Indikator der bildungsfernen Jugendlichen wird die Gruppe jener Jugendlichen herangezogen, die nachVollendung der Schulpflicht keine weitere Ausbildung in Anspruch nehmen. Konkret wird im Berichtsjahr der Anteiljener Jugendlichen, die sich nicht in Ausbildung befinden und im vorangegangenen Jahr 14 Jahre alt waren, ausge-geben. Im Indikator sind somit sowohl jene Personen abgebildet, welche die Sekundarstufe I erreicht haben, alsauch jene, die sie nicht erreicht haben. Im Schuljahr 2010/11 umfasste der Jahrgang der 14-Jährigen des Vorjahres92.507 Personen. 1,5% der Gesamtgruppe erreichten nicht den Abschluss der Sekundarstufe I, 5,4% erzieltendiesen Abschluss, blieben aber dennoch weiteren Bildungsaktivitäten fern.BESUCH VORSCHULISCHER BILDUNGS-EINRICHTUNGEN:Der Indikator bildet den Anteil der Kinder bis vierJahre, die einen Kindergarten, eine Kinderkrippeoder alterserweiterte Betreuungseinrichtung besu-chen, an allen Kindern dieser Altersgruppe ab. DerBesuch einer vorschulischen Bildungseinrichtungbegünstigt den individuellen Bildungserfolg. Dies giltspeziell für Kinder mit nicht deutscher Mutterspracheund kann hier auch besonders zur Entlastung derweiterführenden Bildungseinrichtungen beitragen.Da das Merkmal der Muttersprache in der Kinderta-gesheimstatistik nicht erfasst ist, wird der Indikatornach der Staatsbürgerschaft der Kinder ausgewiesen.Bei der Interpretation zu beachten ist, dass die für dieChancen am Arbeitsmarkt insbesondere von jungenMüttern erforderliche Betreuung von Kindern auchaußerhalb der hier berücksichtigten Betreuungs-einrichtungen (z.B. durch Verwandte, Tagesmütter,Babysitter) erfolgt.Grafik 34: Besuch von vorschulischenBildungseinrichtungen4050607080901001101201301402004 2005 2006 2007 2008 2009 2010 2011Zusammennicht österreichischeStaatsbürgerschaftIndex,Basisjahr2008=100Basisjahr2008111119Q: STATISTIK AUSTRIA, Kindertagesheimstatistik.Anmerkung: Im Jahr 2008 lag die Besuchsquote für vorschulischeBildungseinrichtungen bei insgesamt 42,0% (=100). Erst seit demJahr 2010 liegen erstmals Staatsbürgerschaftsdaten für alle Bun-desländer vor, erst ab diesem Zeitpunkt wird die Reihe für Auslände-rInnen dazuverkettet. Im Jahr 2010 lag die Besuchsquote für Auslän-derInnen bei 40,2% gegenüber dem Gesamtwert von 45,7% (=109).
  • 114. ÖSTERREICHS INDIKATOREN FÜR SOZIALE EINGLIEDERUNG1128.6 Gesundheitsungleichheiten bleiben bestehenDie beiden Indikatoren zum Thema Gesundheit imSet der nationalen Eingliederungsindikatoren bele-gen, dass Gesundheit und sogar die Lebensdauerin Österreich weiterhin sehr stark von der sozialenLage abhängig sind.Mehrfache GesundheitseinschränkungenDer erste Indikator umfasst drei Informationen zumGesundheitszustand, u.a. auch eine Bewertung zursubjektiven Wahrnehmung der eigenen Gesundheit.Über die Jahre bleibt dieser Indikator konstant.Spezielldie großen Ungleichheiten fallen hier ins Gewicht.2011 waren insgesamt 8,8% der Bevölkerung ab 16Jahren mehrfach gesundheitlich beeinträchtigt. Ar-muts- oder Ausgrenzungsgefährdete (2011: 16,8%)waren im gesamten Beobachtungszeitraum wesentlichhäufiger betroffen.MEHRFACHE GESUNDHEITSEINSCHRÄNKUNGEN:Als mehrfach gesundheitlich beeinträchtigt gelten Personen, auf die mindestens zwei der drei Merkmale „sehrschlechter allgemeiner Gesundheitszustand in der subjektiven Einschätzung“, „chronische Krankheit“, „starke Ein-schränkung bei der Verrichtung alltäglicher Arbeiten durch eine gesundheitliche Beeinträchtigung seit mindestenseinem halben Jahr“ zutreffen. Diese Fragen sind Teil der EU-SILC Befragung, und es liegen jährliche Daten ab 2004vor. Im Jahr 2008 ist jedoch ein Zeitreihenbruch zu verzeichnen: In der österreichischen Erhebung von EU-SILC 2008wurden die Fragestellungen zum Bereich „Gesundheit“ an die österreichische Gesundheitsbefragung (AT-HIS)angepasst. Das Ziel der Harmonisierung der Erfassung des Gesundheitszustands war neben der Angleichung derMessung in den verschiedenen Ländern auch die Angleichung an die europäische Gesundheitsbefragung (EHIS).Durch die Änderungen der Fragestellung muss bei der Interpretation der Daten und den Vergleichen zwischen denJahren eine mögliche Veränderung des Antwortverhaltens der Befragten und damit ein Einfluss auf die Messungvon Deprivation beachtet werden. Die größten Veränderungen zwischen den Jahren weisen die Ergebnisse zurchronischen Krankheit auf. Die genauere Erläuterung von chronischer Krankheit im Fragetext könnte um etwa dieHälfte mehr 20- bis 64-jährige Befragte dazu bewogen haben, sich als chronisch krank einzustufen. In der Alters-gruppe ab 65 Jahren haben sich 2008 rund ein Viertel mehr Personen als dauerhaft krank eingestuft als im Jahr2007 (vgl. Statistik Austria 2010, S. 19).Grafik 35: Mehrfache Gesundheitsein-schränkungen4050607080901001101201301402004 2005 2006 2007 2008 2009 2010 2011InsgesamtArmuts- oderAusgrenzungsgefährdeteIndex,Basisjahr2008=100Basisjahr20088991Q: STATISTIK AUSTRIA, EU-SILC.Anmerkung: Im Jahr 2008 lag der Anteil der Personen ab 16 Jahren,die von mehrfachen Gesundheitseinschränkungen betroffen waren,bei 9,9%, bei Armuts- oder Ausgrenzungsgefährdeten waren es18,5% (=100).
  • 115. ÖSTERREICHS INDIKATOREN FÜR SOZIALE EINGLIEDERUNG113Soziale LebenserwartungsdifferenzenDie fernere Lebenserwartung ist seit den 1980er-Jahrensowohl für höhere als auch für niedrige Bildungs-schichten deutlich gestiegen. Allerdings bestehenweiterhin klare Unterschiede zwischen den Bil-dungsschichten. Für Männer ist die Differenz nacherreichtem Bildungsniveau deutlich größer als fürFrauen. Die fernere Lebenserwartung für Männermit Hochschulbildung ist um 6,0 Jahre höher als fürMänner mit Pflichtschulbildung, für Frauen beträgtder Unterschied 2,3 Jahre.LEBENSERWARTUNGSDIFFERENZEN:Abstand (in Jahren) zwischen der noch zu erwartendenLebensdauer von Personen mit Hochschulbildungund der noch zu erwartenden Lebensdauer von Per-sonen mit Pflichtschulbildung (gerechnet ab dem35. Geburtstag). Die Berechnung erfolgt auf Basisvon Periodensterbetafeln, getrennt nach Geschlecht.Unterschiede in der ferneren Lebenserwartung zwi-schen verschiedenen Bildungsniveaus können nurin größeren Zeitabständen berechnet werden (vgl.Klotz 2007).Grafik 36: Fernere Lebenserwartung mit 35 Jahren 1981/82 bis 2006/0701020304050601981/82 1991/92 2001/02 2006/07 1981/82 1991/92 2001/02 2006/0736384042 434547 48424446484648 49 50Hochschulbildung PflichtschulbildungJahreMänner FrauenQ: STATISTIK AUSTRIA, Volkszählungen, Proberegisterzählung 2006, Todesursachenstatistik.
  • 116. 114
  • 117. ANHANG1159. ANHANG9.1 Methodisches zu EU-SILCDie zentrale Datengrundlage desvorliegenden Berichtsist EU-SILC (European CommunityStatistics on Incomeand Living Conditions), eine jährliche Statistik überEinkommen und Lebensbedingungen von Privathaus-halten in Europa, die eine wichtige Grundlage für dieEuropäische Sozialstatistik bildet. Zentrale Themensind Einkommen, Beschäftigung und Wohnen sowiesubjektive Fragen zu Gesundheit und finanzieller Lage,die es ermöglichen, die Lebenssituation von Menschenin Privathaushalten abzubilden. EU-SILC ist auch diezentrale Quelle zur Erhebung der vom EuropäischenRat verabschiedeten Indikatoren zur Messung vonArmut und sozialer Eingliederung (vormals bekanntals Laeken-Indikatoren). EU-Verordnungen und einenationaleVerordnung des BMASKbilden die rechtlicheGrundlage für die Erhebung, die seit 2008 zu 100%vom BMASK finanziert wird.73In Österreich wurde EU-SILC erstmals 2003 als ein-malige Querschnitterhebung von Statistik Austriadurchgeführt. Ergebnisse werden seitdem jährlich inForm eines Berichts sowie als Artikel zu Schwerpunkt-themen in den Statistischen Nachrichten publiziert.Zudem werden die anonymisierten Mikrodaten aninteressierte ForscherInnen weitergegeben, seit2008 sind sie für Forschung und Lehre kostenfreizu beziehen.Im Jahr 2004 begann EU-SILC als integrierte Längs-und Querschnitterhebung. Das heißt, jeweils runddrei Viertel der Haushalte werden auch im Folgejahrwieder befragt, ein Viertel der Stichprobe kommtjährlich neu hinzu. Im Jahr 2007 wurde die integrierteQuer- und Längsschnitterhebung erstmals voll im-plementiert, sodass mit dem Datensatz 2004-2007erstmals ein vierjähriger Längsschnitt auswertbarwar. Im Jahr 2011 wurde das Rotationsdesign wiegehabt fortgesetzt.Auswahlrahmen für EU-SILC ist das Zentrale Melde-register (ZMR). Stichtag für die Ziehung der Erstbe-fragungsstichprobe 2011 war der 30.09.2010. DieErstbefragungsstichprobe wurde auf Basis einereinstufigen, geschichteten Wahrscheinlichkeitsaus-wahl mit disproportionaler Allokation gezogen. DieStichprobe der Folgebefragung ergibt sich aus denerfolgreich befragten Haushalten im Jahr 2010.Die Stichprobe von EU-SILC 2011 umfasst brutto 8.106Adressen, 2.949 davon für die Erstbefragung, 5.157für die Folgebefragung. Die um qualitätsneutraleAusfälle (leer stehende Wohnungen oder Haushalte,deren Haushaltsmitglieder ins Ausland verzogen sindbzw. nicht mehr in einem Privat-Haushalt wohnen)bereinigte Bruttostichprobe besteht insgesamt aus7.936 Adressen. Davon konnte in 6.204 Haushaltendie Befragung erfolgreich abgeschlossen werden.In 17 Fällen mussten die erhobenen Daten aufgrundvon Qualitätsmängeln ausgeschlossen werden, fürdie Analyse verbleiben somit 6.187 Haushalte. DieAusschöpfung liegt in EU-SILC 2011 in der Erstbe-fragung bei rund 62%, in der Folgebefragung beirund 86%.Die Datenerhebung durch Erhebungspersonen vonStatistik Austria fand von März bis August 2011statt. 3.548 Haushalte wurden face-to-face (CAPI)befragt, in 2.639 Haushalten wurde die Befragung73 Die Verordnungen können über die Website der StatistikAustria http://www.statistik.at/web_de/frageboegen/private_haushalte/eu_silc/index.html#index2 abgerufen werden.
  • 118. ANHANG1169.2 LiteraturAltzinger, W./ Lamei, N./ Rumplmaier, B. /Schneebaum, A. (2013): Intergenerationelle soziale Mobilität. In:Statistische Nachrichten 01/2013, S. 48-62. Wien.BKA (2012): Nationales Reformprogramm Österreich 2012. Abrufbar unter: http://www.bka.gv.at/DocView.axd?CobId=47619 (29.11.2012).BMASK/ StatistikAustria (2009): Armutsgefährdung in Österreich: EU-SILC 2008 – Eingliederungsindikatoren.In: Sozialpolitische Studienreihe des Bundesministeriums für Arbeit, Soziales und Konsumentenschutz.Band 2. Wien.BMASK/ Statistik Austria (2011): Armuts- und Ausgrenzungsgefährdung in Österreich. Ergebnisse aus EU-SILC2010. In: Sozialpolitische Studienreihe des Bundesministeriums für Arbeit, Soziales und Konsumentenschutz.Band 8. Wien.BMASK (2012): Sozialbericht 2011-2012. Wien.telefonisch durchgeführt (CATI). Für 11.408 Perso-nen, die mindestens 16 Jahre alt waren, wurde einPersonenfragebogen ausgefüllt. Davon wurden 1.236Personenfragebögen mittels Proxy Interview (durchFremdauskünfte) erhoben. 67 Interviews musstenvollständig imputiert werden. In 75 Haushalten wurdedas Interview in einer Fremdsprache geführt, davonkamen in 38 Fällen übersetzte Fragebögen (Türkischoder Bosnisch, Kroatisch, Serbisch) zum Einsatz.Die zur Auswertung zur Verfügung stehenden Datenwerden umfangreichen Plausibilitätskontrollen un-terzogen. Bereits in der Erhebungssituation werdendurch Checks und Warnungen Erfassungsfehler undunplausible Antworten minimiert. In der Datenauf-bereitung werden die Daten auf Vollständigkeit undKonsistenzgeprüftundplausibilisiert. In der Mikroplauswerden die Datensätze auf unplausible, inkonsistenteund fehlende Antworten geprüft. Die Makroplausumfasst Häufigkeitsauszählungen zur Prüfung derVerteilungen, Kontrollen von Extremwerten und denVergleich von Aggregaten mit den Ergebnissen derVorjahre und externen Datenquellen. Das mehrstufigeGewichtungsverfahren folgte in den Grundzügen derbereits seit EU-SILC 2006 angewendeten Methodik.Die Stichprobe wurde getrennt nach den vier Rotati-onen gewichtet.EU-SILC ist eine Stichprobenerhebung mit für Öster-reich repräsentativen Ergebnissen – je kleiner dieuntersuchten Gruppen, desto ungenauer sind die aufdie Grundgesamtheit hochgerechneten Werte. Auf diegebotene Vorsicht bei der Interpretation, auch beiJahresvergleichen, muss ausdrücklich hingewiesenwerden. Mitunter sehr deutliche Unterschiede zumVorjahr können in Hinblick auf die statistischeSchwankungsbreite nicht signifikant sein.Detaillierte methodische Informationen zur Erhebungbietet dieStandarddokumentation zu EU-SILC2011, dieauf der Homepage der Statistik Austria abrufbar ist.Die anonymisierten Mikrodaten, die diesem Berichtzugrunde liegen, sind seit Anfang 2013 verfügbar.
  • 119. ANHANG117Bock-Schappelwein, J./ Mühlberger, U. (2008): Beschäftigungsformen in Österreich: Rechtliche und quantitativeAspekte. In: WIFO-Monatsbericht 12/2008, S. 941-951. Wien.Europäische Kommission (2010): Europa 2020 – Eine Strategie für intelligentes, nachhaltiges und integrativesWachstum. KOM (2010) 2020, Brüssel.Europäische Kommission (2011): Europa 2020 – Österreichisches Reformprogramm 2011. Abrufbar unter :http://ec.europa.eu/europe2020/pdf/nrp/nrp_austria_de.pdf (27.11.2012).Europäischer Rat (2000): Schlussfolgerungen desVorsitzes Europäischer Rat, Lissabon, 23. und 24. März 2000.Fusco, A./ Guio, A./ Marlier, E. (2010): Income poverty and material deprivation in European countries. EurostatMethodologies and Workingpapers. Abrufbar unter: http://epp.eurostat.ec.europa.eu/cache/ITY_OFFPUB/KS-RA-10-030/EN/KS-RA-10-030-EN.PDF (26.11.2012).Geisberger, T./ Knittler, K. (2010): Niedriglöhne und atypische Beschäftigung in Österreich. In: StatistischeNachrichten 06/2010, S. 448-461. Wien.Gordon, D. et al (2000): Poverty and Social Exclusion in Britain. Joseph Rowntree Foundation. York.Gordon, D./ Guio, A./ Marlier, E. (2012): Measuring Material Deprivation in the EU. Indicators for the wholepopulation and child-specific indicators. Eurostat. Luxemburg. Abrufbar unter: http://epp.eurostat.ec.europa.eu/cache/ITY_OFFPUB/KS-RA-12-018/EN/KS-RA-12-018-EN.PDF (20.11.2012).Guger, A./ Agwi, M./ Buxbaum, A./ Festl, E./ Knittler, K./ Halsmayer, V./ Pitlik, H./ Sturn, S./ Wüger, M. (2009):Umverteilung durch den Staat in Österreich. WIFO-Monografie, Juli 2009.Klotz, J. (2007): Soziale Unterschiede in der Sterblichkeit. Bildungsspezifische Sterbetafeln 2001/2002. In:Statistische Nachrichten 4/2007, S. 296-311. Wien.Lamei, N./ Till-Tentschert, U. (2005): Messung von Armutsgefährdung und Deprivation. In: StatistischeNachrichten 04/2005, S. 349-359. Wien.Lamei, N./ Skina-Tabue M. (2011): Armut und Gender. Eine aktuelle Analyse ökonomischer Ungleichheitenzwischen den Geschlechtern. In: Verwiebe, R. (Hrsg.), Armut in Österreich. Bestandsaufnahme, Trends,Risikogruppen, S. 125-148. Wien.Lutz, H./ Mahringer, H. (2010): Niedriglohnbeschäftigung – Brücke in dauerhafte Beschäftigung oderNiedriglohnfalle? WIFO, Februar 2010. Abrufbar unter: http://www.wifo.ac.at/wwa/jsp/index.jsp?fid=23923&id=38901&typeid=8&display_mode=2 (14.11.2012).
  • 120. ANHANG118Mader, K./ Schneebaum, A./ Skina-Tabue, M./ Till-Tentschert, U. (2012, im Erscheinen): Intrahaushaltsverteilungvon Ressourcen. Geschlechterspezifische Verteilungen von Einkommen und Entscheidungsmacht. In:Statistische Nachrichten 12/2012, S. 983-994. Wien.Rechnungshof (2012): Allgemeiner Einkommensbericht 2012. Wien.Statistik Austria (2009): Einkommen, Armut und Lebensbedingungen. Ergebnisse aus EU-SILC 2007. Wien.Statistik Austria (2010): Methoden und Vergleiche zu EU-SILC 2008. Wien.Statistik Austria (2011): Arbeitskräfteerhebung. Ergebnisse des Mikrozensus 2010. Wien.Statistik Austria (2012a, im Erscheinen): Standard-Dokumentation Metainformationen. Definitionen,Erläuterungen, Methoden, Qualität. Abrufbar unter: http://www.statistik.at/web_de/dokumentationen/Soziales/index.htmlStatistik Austria (2012b): Tabellenband EU-SILC 2011. Einkommen, Armut und Lebensbedingungen. Wien.Statistik Austria (2012c): Arbeitskräfteerhebung. Ergebnisse des Mikrozensus 2011. Wien.Till, M.(2005): Assessing the housing dimension of social inclusion on six European countries, Innovation,V 18/2, P 153-181.Till-Tentschert, U./ Weiss, H. (2008): Armutslagen und Chancen für Eingliederung in Österreich. Arbeitspapier 1.Merkmale deprivierter Lebensführung in Österreich. WienVerma, V. (2001): EU-SILC Sampling Guidelines. EU-SILC doc 51/01. Eurostat. Luxemburg.
  • 121. Studie der Statistik Austria im Auftrag des BMASKARMUTS- UND AUSGRENZUNGSGEFÄHRDUNGIN ÖSTERREICHErgebnisse aus EU-SILC 2011EinkommenManifeste ArmutEinkommenslückeVerfestigteDeprivationZahlungsproblemeÜberbelagPrekäre WohnqualitätBelastende WohnumgebungSehr hoher WohnungsaufwandRegistrierte WohnungslosigkeitArbeitsmarktferneHaushaltseinkommen aus Erwerbsarbeitunter der ArmutsgefährdungsschwelleWorkingPoorLangzeitbeschäftigungslosigkeitBildungsaktivitätBildungsferneJugendlicheGesundheitseinschränkungenSoziale LebenserwartungsdifferenzenVorschulischeBildungLebensstandardWohnraum ErwerbslebenErwerbshindernisseBildungschancenGesundheitSehr niedrigeErwerbsintensitätMehrfach-AusgrenzungsgefährdeteErhebliche materielle DeprivationArmutsgefährdungSOZIALTELEFONBürgerservice des SozialministeriumsTel.: 0800 - 20 16 11Mo bis Fr 08:00 - 12:00 UhrDo 08:00 - 16:00 UhrPFLEGETELEFONTel.: 0800 - 20 16 22Mo bis Do 08:00 - 16:00 UhrFr 8:00 - 13:00 UhrFax: 0800 - 22 04 90pflegetelefon@bmask.gv.atBROSCHÜRENSERVICETel.: 0800 - 20 20 74broschuerenservice@bmask.gv.athttps://broschuerenservice.bmask.gv.atALLGEMEINE FRAGENpost@bmask.gv.atBUNDESMINISTERIUM FÜRARBEIT, SOZIALES UNDKONSUMENTENSCHUTZStubenring 1, 1010 WienTel.: +43 1 711 00 - 0www.bmask.gv.at