Nearshoring 2.0: Innovationstreiber oder Gift für die Schweizer Softwareentwicklung?
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Nearshoring 2.0: Innovationstreiber oder Gift für die Schweizer Softwareentwicklung?

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Vor allem für Start-ups oder Unternehmen mit einer innovativen Businessidee bietet sich Osteuropa mehr und mehr als kostengünstiges Umsetzungslabor an. Teamsourcing heisst das Gebot der Stunde. ...

Vor allem für Start-ups oder Unternehmen mit einer innovativen Businessidee bietet sich Osteuropa mehr und mehr als kostengünstiges Umsetzungslabor an. Teamsourcing heisst das Gebot der Stunde. Während die Skandinavier bereits auf den Zug aufgesprungen sind, üben sich Schweizer Softwareunternehmen noch eher in Zurückhaltung.

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Nearshoring 2.0: Innovationstreiber oder Gift für die Schweizer Softwareentwicklung? Document Transcript

  • 1. TITELSTORY Bildquelle: FotoliaNearshoring 2.0: Innovationstreiber oder Giftfür die Schweizer Softwareentwicklung?Vor allem für Start-ups oder Unternehmen mit einer innovativen Businessidee bietet sich Osteuropa mehr und mehr alskostengünstiges Umsetzungslabor an. Teamsourcing heisst das Gebot der Stunde. Während die Skandinavier bereits aufden Zug aufgesprungen sind, üben sich Schweizer Softwareunternehmen noch eher in Zurückhaltung. Thomas BrenzikoferDie Zahlen sind beeindruckend. Mit seinen des Nearshore-Spezialisten. Die fachliche ungleich kleinerem Feuer. Mit 75 Mitarbeiten-knapp 45 Millionen Einwohnern bringt die Mitarbeiterführung und die Projektverant- den für rund ein Dutzend Kunden will man sichUkraine jährlich 14 000 IT-Spezialisten mit wortung überlässt man ganz bewusst dem derzeit jedoch auch vermehrt im gesamtenMasterabschluss hervor. Weitere 16 000 schaf- Kunden. Der Gründer von Ciklum, der Däne europäischen Markt bemerkbar machen. Bis infen es bis zum Bachelor. Schaut man indes Torben Majgaard (siehe Artikel Seiten 19/20), fünf Jahren rechnet Zoppi mit 200 Mitarbeiten-etwas näher hin, relativiert sich die Sache beansprucht für sich mit diesem Ansatz, den. Für seine Expansionspläne steht zwar einwieder. Tatsache ist, dass begabte junge Men- auch Teamsourcing genannt, das Thema deutlich kleinerer Arbeitsmarkt zur Verfügung:schen in Kiew, Odessa oder Donetsk nach Nearshoring neu lanciert zu haben. Mit 800 Serbiens Universitäten produzieren rund 1000dem Schulabschluss kaum Aussichten auf Mitarbeitenden und über 100 Kundenteams IT-Spezialisten mit Masterabschluss pro Jahr.Arbeit haben. Und da Ausbildung, eine der hat man sich mittlerweile etabliert. Dafür ist der War for Talents noch nicht derartMeriten aus sozialistischen Zeiten, weiterhin Haben in der ersten Off- und Nearshore- entfesselt wie bei den Kollegen in der Ukraine.zur Verfügung steht, wird studiert. Und nicht Welle Ende der 90er-Jahre viele westeuropä- Gemäss Youngcultures HR-Chefin Mirjanawenige decken sich danach mit den einschlä- ische IT-Unternehmen meist wenig erfolg- Parpura Djordjevic gelingt die Rekrutierunggigen Handbüchern ein und bringen sich reich versucht, das günstige, aber qualitativ noch weitgehend ohne Headhunting.das Programmieren selbst bei. Reif für den hochstehende IT-Know-how Osteuropas über Doch der Nearshore-Markt brummt. Auf-Nearshoring-Arbeitsmarkt sind sie damit aber eine lokale Partnerfirma anzuzapfen, setzt grund der Erhebungen der Central and Eas-noch lange nicht. sich Teamsourcing mehr und mehr durch. In tern Europe Outsourcing Association lässt Marina Vyshegorodskikh, HR-Chefin bei Betracht gezogen wird es vor allem von klei- sich im ehemaligen Ostblock (ohne Russland)Ciklum und selbst studierte Mathematikerin neren Firmen, deren Nearshoring-Anteil nicht für 2008 ein Marktvolumen von über vierund Psychologin, muss die Leute schon gezielt die notwendige Grösse erreicht, um selbst Milliarden US-Dollar errechnen. Inna Sergiy-bei den über 850 ukrainischen Outsourcing- eine Niederlassung zu gründen, aber dennoch chuk, COO der «Ukrainian Hi-Tech Initiative»,Anbietern abwerben. Anders bekommt sie einen kontinuierlichen Bedarf an Kapazitäten schätzt das Wachstum im vergangenen Jahrdie Spezialisten für die Kunden ihres Arbeit- benötigen. je nach Land auf zwischen 5 und 20 Prozentgebers nicht zusammen. Dafür steht ihr mitt- ein. Angeführt wird das Länderranking vonlerweile ein Team von 30 Mitarbeitenden zur Kein Jobkiller der Ukraine mit einem Marktvolumen von 650Verfügung. Für westeuropäische Kunden IT- Ebenfalls schon sehr früh auf den Nearshoring- Millionen US-Dollar im Jahr 2009. GegenüberFachkräfte anzustellen, ihnen einen adäqua- Zug aufgesprungen ist der Zürcher Marco dem Vorjahr entspricht dies einer Zunahmeten Arbeitsplatz zur Verfügung zu stellen und Zoppi mit Youngculture. Allerdings kocht man von rund 20 Prozent. Noch stärker zugelegt,dafür zu sorgen, dass sie zufrieden ihre Arbeit in der 2004 in Belgrad etablierten Niederlas- nämlich von 410 auf 550 Millionen Dollar, hatverrichten, ist denn auch die Kernkompetenz sung entsprechend dem serbischen Markt auf die Nummer zwei Rumänien. Ebenfalls deut- 14/2010 © netzmedien ag 18
  • 2. TITELSTORYlich gewachsen ist Weissrussland und hat miteinem Marktvolumen von 400 Millionen Dol- Wie kommt ein Däne in den Wilden Osten?lar (im Vorjahr waren es noch 310 MillionenDollar) Ungarn vom dritten Rang verdrängt. Auch über einen grösseren Zeitraumbetrachtet, konnte das Nearshore-Geschäft inden osteuropäischen Staaten weit über demWachstum des globalen IT-Markts zulegen. 2002 in einer 50-Quadratmeter-Wohnung gegründet, besetzt Ciklum heuteAllein in der Ukraine hat sich das IT-Outsour- mit über 800 Mitarbeitern und rund 100 Kunden die obersten vier Etagencing-Geschäft zwischen 2003 und 2007 von eines Büroturms in Kiew. Thomas Brenzikofer100 auf 600 Millionen versechsfacht. Dieswürde eigentlich die Vermutung nahelegen,dass doch bedeutende Auftragsvolumina aus Wie kommt ein Däne nach Kiew und bautWesteuropa abgezogen wurden. Konsultiert dort ein Unternehmen mit bald 1000 Mit-man hingegen die jüngsten Zahlen vom Bun- arbeitern auf? Für den historikversessenendesamt für Statistik, so trifft dies zumindest Torben Majgaard ist das gar nicht abwegig.für die Schweiz nicht zu. So konnte in den Schon die Wikinger gingen den Dnepr hinun-vergangenen drei Jahren gerade das Segment ter bis ans Schwarze Meer. Über das Baltikumder Schweizer IT-Dienstleister, das zu einem führte auch Majgaards Weg. In den 90er-Jah-grossen Teil in der Entwicklung von Individu- ren baute er dort ein einigermassen florieren-alsoftware tätig ist, seinen Mitarbeiterbestand des Geschäft mit gebrauchter Hardware auf.um 15 Prozent deutlich vergrössern. Von Stel- Auf die Idee brachte ihn ein Passant, der eineslenvernichtung kann also nicht die Rede sein. Tages in seinem Computershop in Dänemark auftauchte.Viel verbrannte Erde Doch was trieb Majgaard in den Osten?Auch unter den Schweizer Softwareunterneh- Eine Frauengeschichte war es nicht (nur):men, die sich dem Label «Swiss Made Software» «Mitte der 90er-Jahre gab es noch sehr wenigeangeschlossen haben, ist gemäss Umfrage der Regeln in den Staaten der ehemaligen Sow-Netzwoche nur eine Minderheit der Meinung, jetunion. Anders als in Westeuropa konntedass Near- oder Offshoring den ICT-Werkplatz man die Sachen noch formen und mitgestal-Schweiz gefährde. Eine Mehrheit sieht darin gar ten. Das faszinierte mich.» Die Inspirationeine Chance. Und über ein Drittel der 25 Unter- zu Ciklum gab ihm jedoch eine ganz anderenehmen, die den Fragebogen ausgefüllt haben, Meldung. 2001 hatte er irgendwo gelesen,betreibt sogar selbst Near- oder Offshoring. dass von den weltweit sieben Millionen Mil-Allerdings macht sich auch eine starke Front lionären die meisten im Softwarebusinessvon Ablehnern bemerkbar. So findet eine deut- zu ihrem Vermögen gekommen sind. Und soliche Mehrheit, dass sich Off- oder Nearshoring kam ihm die Idee, statt Hardware von Westenpartout nicht mit dem Label vertrage, obwohl in den Osten zu verschieben, Brainware vomgemäss dem Initiator von «Swiss Made Soft- Osten in den Westen zu vermitteln. Torben Majgaard, Gründer und CEO vonware», Luc Haldimann von Anycase, bei einem Ciklum:schweizerischen Wertschöpfungsgrad von 60 Jedem Kunden sein KabäuschenProzent die Auflagen eigentlich erfüllt wären Dass Majgaard selbst nicht vom Fach war, «Mitte der 90er-Jahre gab es noch(siehe Interview auf Seiten 20/21). begünstigte eher das heute erfolgreiche sehr wenige Regeln in den Staa- Geradezu vernichtend eindeutig ist die Geschäftsmodell. Statt ganze Projekte abzu- ten der ehemaligen Sowjetunion.Antwort der Off-/Nearshore-Abstinenzler auf wickeln, konzentrierte sich Ciklum von Anbe- Anders als in Westeuropa konntedie Frage, ob man in absehbarer Zeit seine ginn an auf die Anstellung von FachkräftenFühler in Richtung Billiglohnland auszustre- und die Einrichtung der Arbeitplätze. Unter- man die Sachen noch formencken gedenke: Nur gerade einer von dreizehn nehmerisch geführt werden Ciklums Mitar- und mitgestalten. Das fasziniertebejaht dies. Umso kategorischer erscheint beitende von den Kunden selbst. Die Teams mich.»diese Ablehnung vor der Tatsache, dass jeder arbeiten meist in eigenen, abgeschlossenenZweite bereits eine Near- oder Offshore-Erfah- Kabäuschen, die nach Belieben der Corpo-rung hinter sich hat. Dabei wurde offensicht- rate Identity des Kunden angepasst werden zu 20-köpfige Nearshore-Entwicklerteamslich einiges an verbrannter Erde hinterlassen: können. Dabei ist man absolut transparent: auf einer der vier obersten Etagen in einem«Aus Ressourcenmangel haben wir vor zwei Der Ciklum-Service wird einfach auf den 20-stöckigen Kiewer Büroturm. Und es istJahren einen Versuch mit Offshoring in Asien Grundlohn draufgeschlagen und schlägt mit wohl nur eine Frage der Zeit, bis die unterenunternommen. Resultat: Wir haben sehr viel rund 1450 US-Dollar pro Monat und Mitar- Etagen ebenfalls aufgefüllt werden: «AlleinGeld und ein Jahr verloren. Die schlimmsten beiter zu Buche. mit den Wachstumsplänen unserer bishe-Befürchtungen wurden Realität. Wir mussten Teamsourcing wird dieser Ansatz heute rigen Kunden sprengen wir dieses Jahr die genannt. Rund hundert Kunden, vornehm- Tausendergrenze», ist Majgaard zuversicht-Fortsetzung auf Seite 21 lich aus Skandinavien, «hosten» derzeit bis lich. 4 14/2010 © netzmedien ag 19
  • 3. TITELSTORY4Und natürlich sollen es noch mehr werden. Denn auch in Westeuropa hat man expan- «Kein Missbrauch zu Marke- tingzwecken» diert, vor allem im Verkauf. Seit diesem Jahr ist man in sämtlichen reiferen europäischen Märkten mit einem Country Manager vor Ort unterwegs. In der Schweiz verkündet seit Anfang des Jahres der Mitgründer und ehe- malige CTO von Collanos, Franco Dal Molin, Nicht wenige bei «Swiss Made Software» angeschlossenen Schweizer ICT- die frohe Ciklum-Botschaft von günstigen, Anbieter betreiben Near- oder Offshoring. Die Netzwoche wollte vom Initiator topqualifizierten ukrainischen Programmie- des Labels wissen, warum dies kein Widerspruch ist. Interview: Thomas Brenzikofer rern, die binnen zweier Monate arbeitsfähig gemacht werden können. Dal Molin zeigt sich sehr zuversichtlich: «Das Interesse ist gross, Herr Haldimann, die Mehrheit der von uns be- vor allem in der Start-up-Szene, aber zuneh- fragten Firmen finden, dass sich Nearshoring mend auch bei grösseren IT-Dienstleistern.» und das Label «Swiss Made Software» nicht Acht Schweizer Teams beherbergt Ciklum vertragen. Sind Sie auch dieser Meinung? bereits. Ich sehe keinen absoluten Widerspruch. Aber Neben der Internationalisierung inves- natürlich kann man das Konfliktpotenzial tiert Majgaard derzeit noch in ein weiteres nicht negieren. Es gilt, sich Klarheit darüber zu Geschäftsfeld. Neben dem Start-up-Service verschaffen, welche Formen des Nearshorings und dem kontinuierlichen Monitoring der mit dem «Swiss Made Software»-Label kom- Mitarbeitenden will man den bestehenden patibel sind und welche nicht. In der Uhren- Kunden vor allem auch Beratungen anbieten. branche beträgt der Schweizer Anteil an der Christian Aaen, Leiter von Ciklum Services & gesamten Wertschöpfung rund 80 Prozent. Consulting: «Aus den rund 100 Teams wollen Für unsere Softwarebranche würde ich die- wir in Form von Best Practices die Erfahrung sen Anteil etwas tiefer, mindestens aber bei 60 gezielt an unsere Kunden weitergeben.» Basis Prozent ansetzen. dafür sind quantitative Auswertungen, die Wenn also 60 Prozent der Wertschöpfung dem Kunden zeigen, wo sein Team steht und eines Projekts oder eines Produkts in der wie er sich verbessern kann. Dabei will man Schweiz erfolgt, darf man sich weiterhin sich insbesondere auch als Spezialist für Agile «Swiss Made» nennen? Methoden der Softwareentwicklung positio- Ja, wenn zusätzlich der wichtigste Fabrikati- nieren, wie sie von drei Viertel aller Ciklum- onsprozess in der Schweiz stattgefunden hat. Kunden praktiziert wird. So will es das Gesetz. Nicht wenige Unter- nehmen, die bei «Swiss Made Software» Luc Haldimann, Gründer und CEO von Anycase Als nächstes Pakistan angeschlossen sind, betreiben heute schon sowie Initiator des Labels Swiss Made Software: Von der 50-Quadratmeter-Wohnung, wo Near- oder Offshoring und dürfen das Label «Es ist nun mal eine Tatsache, Ciklum einst mit vier Entwicklern angefangen trotzdem führen. Wir haben klar gesagt, hat, bis zu Scrum war es ein langer Weg. Und dass der Hauptteil der Wertschöpfung in der dass die lokale Nähe zum Kunden eines ist für Majgaard klar: «Wegen der Unter- Schweiz zu erfolgen hat. Dies wird übrigens eine ganz andere Art der Soft- stützung der hiesigen Behörden sind wird auch im Rahmen der von «Swiss Made Soft- wareentwicklung möglich macht.» nicht hiergeblieben.» In einem Land, das von ware» unterstützten ISO-Norm 25001 veri- rund einem Dutzend Oligarchen beherrscht fiziert. Zudem sind wir zusammen mit der wird, bleibt denn auch vieles auf Sand gebaut. Simsa derzeit daran, das Thema nochmals Kunden, arbeiten muss. Aber wie gesagt, wir Von Investitionssicherheit und stabilen Rah- genauer zu prüfen. Es ist uns ein Anliegen, werden das Thema noch vertieft aufgreifen menbedingung kann man nicht ausgehen. dass «Swiss Made Software» nicht zu Marke- und klar definierte Leitplanken aufstellen Über Nacht können sich die Mieten verdop- tingzwecken missbraucht wird. müssen, damit die Hersteller sicher sein kön- peln, ungerechtfertigte Steuernachzahlungen Die Programmierung macht ja heute in ei- nen, dass das Label zu Recht geführt wird. ins Haus flattern oder der Strom ausbleiben. nem Projekt meist weit weniger als 50 Pro- Ein gewisser Graubereich wird sich aber Doch letztlich sind gerade diese Unan- zent aus. Wenn ich also über eine Partnerfir- wohl auch in Zukunft nicht vermeiden las- nehmlichkeiten der Kern von Majgaards ma die Programmierung in Indien ausführen sen. Meiner Einschätzung nach ist ja auch in Businessmodell: Sonst könnte ja jeder seine lasse, aber in der Schweiz spezifiziere, ist der Uhrenbranche nicht alles schwarzweiss. Zelte im Wilden Osten aufschlagen und von das in Ordnung? Es fragt sich ja auch, wo die Wertschöpfung den günstigeren IT-Fachkräften profitieren. Nein, das wäre zu einfach. Es ist ganz wich- anfängt und wo sie aufhört. Und wenn es jemals so weit kommt, dass tig, dass Kernprozesse wie Qualitätssicherung Diese Frage stellt sich insbesondere dann, sich die Ukraine westeuropäischen Standards und Architektur, also der technische Lead in wenn auf existierenden Plattformen ent- anpasst, wird man eben weiter ostwärts wan- der Schweiz angesiedelt ist. Dies ist ja auch wickelt wird, oder beim Einsatz von Open- dern müssen. Über eine Akquisition hat man notwendig, weil vermehrt mit agilen Metho- Source-Software. Es ist im Einzelnen sehr auch schon seine Fühler nach Pakistan ausge- den entwickelt wird, weshalb ein Teil des schwierig abzuschätzen, wie gross der Anteil streckt. < Teams immer auch hierzulande, nahe beim dessen ist, was man gewissermassen als Roh- 14/2010 © netzmedien ag 20
  • 4. TITELSTORYstoff übernehmen kann, und wo die Eigenleis- Fortsetzung von Seite 19 komplette Webapplikation inklusive Front-tung beginnt. end, Backend, Schnittstellenanbindung undOff- und Nearshoring ist jedoch auch eine alle Komponenten selbst komplett neu bauen. I-Phone-Applikation entstanden. «Dies alles ingrosse Chance für die Schweizer ICT-Indus- Für uns ist das Thema Offshoring damit ein für der Schweiz zu entwickeln, hätte unsere finan-trie, gerade für Start-ups, die so wesentlich alle Mal abgeschlossen», meint Maya Reinsha- ziellen Möglichkeiten bei weitem überschrit-günstiger produzieren können. gen, CEO von Mayoris. ten», meint Müller. «Wir konnten in Kiew drei-Dagegen ist auch nichts einzuwenden. Eine Die Gründe für die ablehnende Haltung sind mal günstiger entwickeln.» So wurde dann eineErstimplementierung an einer Nearshore- denn auch eindeutig. Während man die Projekt- erste Version der Anwendung ohne FremdgeldDestination zu entwickeln, finde ich völlig risiken, die Datensicherheit sowie die Quali- zur Funktionsreife gebracht, was nun die Suchelegitim. So erhält man für einen tieferen Preis tätsanforderung noch eher im Griff zu haben nach Investoren für die weltweite Vermarktungganz klar mehr Funktionalität. Aber natürlich wähnt, scheut man vor allem den Imageverlust und Weiterentwicklung wesentlich erleichtert.müssen wir irgendwo die Grenzen ziehen und bei den Kunden. Gleichzeitig gibt man sich vom «Die Entwickler hier sind so gut, dass ichsolchen Unternehmen in letzter Konsequenz Preis-Leistungs-Verhältnis nur wenig über- mich ernsthaft um unseren Berufsstand in derdas Label «Swiss Made Software» verweigern. zeugt. «Near-/Offshoring spart unter dem Strich Schweiz Sorgen mache», meint Müller. Aller-Wenn hingegen die Qualitätssicherung und keine Kosten, strapaziert interne und externe dings gibt er auch zu, dass seine Projektideedie Führung der Leute vor Ort, etwa über eine Geschäftsbeziehungen und reduziert die Leis- anders als bei komplexen Geschäftsprozesseneigene Niederlassung, gewährleistet sind, tungsqualität», bringt etwa Oliver Bliggenber- etwa im Versicherungsbereich, einfach nach-mag dies wieder ganz anders aussehen. ger, bei Brainware Solutions für Marketing und vollziehbar sei. Zudem könne man als Start-Sind Schweizer Programmierer denn auch den Verkauf verantwortlich, die Problematik auf up immer auf der grünen Wiese anfangen, waswirklich besser als serbische, ukrainische den Punkt. Ähnlich klingt es bei Adcubum: «Der bei Kundenprojekten eben höchst selten deroder vietnamesische Softwareingenieure? Tagessatz ist nicht das allein seligmachende Kri- Fall sei.Das Label «Swiss Made Software» positio- terium, oder umgekehrt: wenn man ihn überge- Wandelt man durch die Räumlichkeitenniert sich nicht als Bollwerk gegen Off- oder wichtet, kann er in die Hölle führen», gibt CEO von Ciklum in Kiew, ist an den KundenlogosNearshoring. Ich persönlich sehe dies sehr Richard Heinzer zu Protokoll. unschwer zu erkennen, dass in den skandi-entspannt. Unsere Aussage ist nicht, dass Das bis zu Faktor drei tiefere Lohnniveau navischen Ländern Nearshoring vor allemanderswo nicht gute Software geschrieben ist auch nur für eine Minderheit der befrag- von Start-ups oder für innovative Projekte imwird, genauso wie man auch ausserhalb der ten Firmen das treibende Element für das Web oder Mobilebereich entdeckt wurde. DerSchweiz schöne Uhren bauen kann. Es ist aber Nearshoring. Weit stärker ins Gewicht fallen Wilde Osten als Experimentierlabor für findigenun mal eine Tatsache, dass die lokale Nähe die knappen Ressourcen auf dem Schweizer Unternehmen könnte auch hierzulande Schulezum Kunden eine ganz andere Art der Soft- Arbeitsmarkt. «Für kleine Firmen ist es nicht machen und Europa als Softwarestandort ins-wareentwicklung möglich macht. Um genau einfach, qualifizierte Fachkräfte zu finden. Die gesamt stärken. Doch wird man sich auch beei-diese Qualität geht es bei «Swiss Made Soft- kleine Menge an Leuten wird zum grossen Teil len müssen. Denn ewig steht das Tor zum Ent-ware» letztlich. Das heisst, wenn man Near- von den Big Playern aufgesogen», klagt Patrick wicklerparadies im Wilden Osten nicht offen.oder Offshoring praktiziert, dann muss man Walgis, Geschäftsleiter der Chili Solutions. Das geben die Zahlen unmissverständlich zueben auch einen gewissen Aufwand betreiben Diese Erfahrung machte man auch bei der verstehen: Konnte man 2005 einen Entwicklerund einiges ins Management und in die Qua- Delta Energy Solution in Basel. Deshalb ging in der Ukraine noch für 900 Franken im Monatlitätssicherung investieren, um den gleichen man mit der Umsetzung eines komplexeren anheuern, hat sich das Lohnniveau bereits fünfQualitätsstandard zu erreichen wie bei einer Portalprojekts zu Youngculture nach Serbien Jahre später mehr als verdoppelt. <Onshore-Entwicklung. Damit relativieren sich und führt dort ein fünfköpfiges Java-Team.aber die Kostenvorteile wiederum doch deut-lich. Businessmodell für Start-upsKosten sind ja das eine. Die meisten Firmen Noch pointierter bringt es Christoph Mül-betreiben Off- oder Nearshoring aus Ressour- ler auf den Punkt: «Ohne Nearshoring hät-cenmangel. ten wir unser Projekt gar nicht erst in AngriffDas Fehlen von IT-Fachkräften ist tatsäch- genommen.» Zusammen mit ein paar Kollegenlich ein Faktor. Ich kenne viele «Swiss Made hatte er die Idee zu einer viel versprechendenSoftware»-Unternehmen, die derzeit Projekte Social-Media-Anwendung. Dank Nearshoringablehnen müssen, weil sie die Ressourcen bot sich die Chance, bei Ciklum in Wien einnicht haben. So gesehen ist es verständlich, fünfköpfiges Projektteam anzuheuern unddass man nach neuen Lösungen sucht. das Vorhaben neben seinem Hauptberuf alsIn extremis würde dies ja bedeuten, dass Systemarchitekt und Geschäftsleitungsmit-dann gewisse Firmen gezwungenermassen glied von Peaches Industries weiterverfolgen.das Label «Swiss Made Software» wieder Müller setzt das Projekt streng nach der agi-abgeben müssten? len Methode Scrum um. Einmal in der WocheIch glaube nicht, dass es so weit kommen gibt es eine Telefonkonferenz und nach jedemwird. Aber wir haben derzeit tatsächlich einen erfolgten Sprint reist er für einen Workshop-Fall, der in der Beurteilung der Simsa das Tag zu seinem Team in die Ukraine.Label «Swiss Made Software» vermutlich zu Vier Monate nachdem Müller seinen Jahresansätze für IT-Spezialisten in Osteuropa imUnrecht trägt. Hier sind wir gerade dabei zu ukrainischen Entwickler auf einem Flipboard Überblick.evaluieren, was zu tun ist. < erstmals die Idee aufgezeichnet hatte, ist eine Quelle: Central & Eastern Europe IT Outsourcing Review 2008 14/2010 © netzmedien ag 21